<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Peter</first-name><last-name>Tremayne</last-name></author><book-title>Und die H�lle folgte ihm nach</book-title><annotation><p><strong>Kurzbeschreibung</strong></p><p>Fidelma ermittelt in Norditalien.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Eigentlich wollte Fidelma in der Abtei Bobium bei Genua ihren alten Lehrer aus Kindertagen besuchen. Schon der Weg dorthin ist gef�hrlich, denn in der Gegend herrschen gro�e Spannungen zwischen den Anh�ngern verschiedener christlicher Glaubensrichtungen. Fidelmas alter Lehrer hat seine Auffassung in aller �ffentlichkeit gepredigt und wurde daf�r zusammengeschlagen. Fidelma kann gerade noch mit ihm reden, dann stirbt er. In der Abtei regiert die Angst, Ger�chte von einem sagenumwobenen Goldschatz gehen um. Man r�t Fidelma immer wieder, so schnell wie m�glich abzureisen. In einem fremden Land und ohne Kenntnis der Sprache dort gelingt es ihr, ein d�steres Geheimnis aufzudecken. </p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>�Das beste an diesem Buch ist Schwester Fidelma - eine kluge, emanzipierte, mutige Frau, die ihre Widersacher in Grund und Boden argumentiert.� S�dwestrundfunk </p><empty-line/><p><strong>�ber den Autor</strong></p><p>Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen l�st Schwester Fidelma, eine irische Nonne von k�niglichem Gebl�t und gleichzeitig Anw�ltin bei Gericht, auf kluge und selbstbewusste Art die schwierigsten F�lle. Wegen des gro�en internationalen Erfolgs seiner Serie um Schwester Fidelma wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt. 2007 erhielt er den Preis f�r die beste Krimiserie des franz�sischen Verlags Univers Poche. Im Aufbau Taschenbuch erschienen bisher Die Tote im Klosterbrunnen (2000), Tod im Skriptorium (2001), Der Tote am Steinkreuz (2001), Tod in der K�nigsburg (2002), Tod auf dem Pilgerschiff (2002), Nur der Tod bringt Vergebung (2002), Ein Totenhemd f�r den Erzbischof (2003), Vor dem Tod sind alle gleich (2003), Das Kloster der toten Seelen (2004), Verneig dich vor dem Tod (2005), Tod bei Vollmond (2005), Tod im Tal der Heiden (2006), Der Tod soll auf euch kommen (2006), Ein Gebet f�r die Verdammten (2007), Tod vor der Morgenmesse (2007), Das Fl�stern der verlorenen Seelen (2007), Tod den alten G�ttern (2008), Das Konzil der Verdammten (2008), Der falsche Apostel (2009), Eine Taube bringt den Tod (2010), Der Blutkelch (2011), Die Todesfee (2011), Und die H�lle folgte ihm nach (2012), Die Pforten des Todes (2012) und Tod auf dem Pilgerschiff (2013).</p><empty-line/><empty-line/><p>Irmhild und Otto Brandst�dter, Jahrgang 1933 bzw. 1927, haben Anglistik an der Humboldt-Universit�t zu Berlin studiert, waren im Sprachunterricht bzw. im Verlagswesen und kulturpolitischen Bereich t�tig. Sie �bertrugen Werke von Sean O�Casey, Jack London, John Hersey, Masuji Ibuse, Louisa May Alcott, Charles M. Doughty, John Keane, Joseph Caldwell sowie Historio-Krimis von Amy Myers, Ingrid Parker und Peter Tremayne ins Deutsche. </p><empty-line/><p>Die Originalausgabe unter dem Titel <emphasis>Behold a Pale Horse </emphasis>erschien 2011 bei Headline Book Publishing, London.</p></annotation><keywords>Belletristik/Historische Kriminalromane</keywords><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Schwester Fidelma ermittelt" number="20"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-10-01">1.10.2013</date><id>D3813428-8F36-4254-AE60-6003C9751410</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info><publish-info><year>2012</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><emphasis>Meinen wunderbaren,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>f�r Schwester Fidelma begeisterten Lesern,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>denen ich in der Abtei Bobbio begegnete</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>und die mir vorschlugen,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>sie einmal dorthin reisen zu lassen.</emphasis></p><p><emphasis>Bobbio in noir, perch� no?</emphasis></p></section><section><empty-line/><p><emphasis>Et vidi: Et ecce equus pallidus; et, qui sedebat desuper,</emphasis></p><p><emphasis>nomen illi Mors, et Infernus sequebatur eum �</emphasis></p><p>Vulgata, latein. �bersetzung des Hieronymus, 4. Jahrh.</p><p><emphasis>Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd; und der darauf sa�,</emphasis></p><p><emphasis>des Name hie� Tod, und die H�lle folgte ihm nach �</emphasis></p><p>Offenbarung des Johannes 6,8</p></section><section><empty-line/><subtitle>HAUPTPERSONEN</subtitle><p><emphasis>Schwester Fidelma</emphasis> von Cashel, eine <emphasis>d�laigh</emphasis> oder Anw�ltin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts IN GENUA IM K�NIGREICH DER LANGOBARDEN</p><p><emphasis>Magister Ado</emphasis> von der Abtei Bobium <emphasis>Bruder Faro</emphasis></p><p><emphasis>Schwester Gisa</emphasis></p><p>IM TREBBIA-TAL</p><p><emphasis>Radoald,</emphasis> Seigneur von Trebbia <emphasis>Wulfoald,</emphasis> Hauptmann der Krieger Radoalds <emphasis>Suidur der Weise,</emphasis> Leibarzt Radoalds <emphasis>Aistulf,</emphasis> Einsiedler IN DER ABTEI BOBIUM</p><p><emphasis>Abt Servillius</emphasis></p><p><emphasis>der Ehrw�rdige Ionas,</emphasis> ein Gelehrter <emphasis>Bruder Wulfila,</emphasis> Verwalter der Abtei <emphasis>Bruder Hnikar,</emphasis> Arzt und Apotheker <emphasis>Bruder Ruad�n,</emphasis> ein irischer M�nch, von Inis Celtra stammend <emphasis>Bruder Lon�n,</emphasis> ein Kr�uterkundiger <emphasis>Bruder Eolann,</emphasis> scriptor oder Bibliothekar <emphasis>Bruder Waldipert,</emphasis> Koch <emphasis>Bruder Bladulf,</emphasis> T�rh�ter <emphasis>Romuald von Benevento,</emphasis> Prinz der Langobarden <emphasis>Freifrau Gunora,</emphasis> seine Amme <emphasis>Bischof Britmund von Placentia,</emphasis> Anf�hrer der Arianer <emphasis>Bruder Godomar,</emphasis> sein Verwalter AUF DEM BERG P�NAS</p><p><emphasis>Wamba,</emphasis> ein Ziegenhirt <emphasis>Hawisa,</emphasis> Wambas Mutter <emphasis>Odo,</emphasis> ihr Neffe, ein Ziegenhirt <emphasis>Ratchis,</emphasis> ein Kaufherr IN VARS</p><p><emphasis>Grasulf,</emphasis> Sohn Gisulfs, des Seigneurs von Vars <emphasis>Kakko,</emphasis> sein Verwalter</p></section><section><title><p>VORBEMERKUNG DES AUTORS</p></title><p>Im Mai 2008 befand ich mich in Norditalien auf einer Werbetour f�r die Kriminalgeschichten um Schwester Fidelma. Eine sehr eindrucksvolle Veranstaltung war die in der ber�hmten Abtei Bobbio. Man hatte mich eingeladen, in den uralten Klostermauern vor einer gr��eren Zuh�rerschaft zu sprechen. Die Abtei Bobbio hatte ich immer schon einmal besuchen wollen, doch hatte sich bis dato keine Gelegenheit dazu ergeben.</p><p>Bobbio oder Bobium, wie es urspr�nglich hie�, war im Jahre 612 von dem ber�hmten irischen Heiligen und Missionar Columbanus (540�615) gegr�ndet worden. Er stammte aus Leinster, war Abt von Bangor in der Grafschaft Down gewesen und hatte sich dann zu Pilgerfahrten auf dem Kontinent aufgemacht. Die altirische Form seines Namens lautet Colm B�n, das bedeutet �Wei�e Taube�. Oft wird er mit seinem Namensvetter Colm Cille (�Taube der Kirche�) aus Donegal verwechselt, bekannter als Columba, der von 521 bis 597 lebte. Seine ber�hmteste Gr�ndung war die auf Iona, einer winzigen Insel vor der Westk�ste Schottlands. Der Ruf von Bobbio verbreitete sich in ganz Europa, da es sich ebenso einer gro�en Bibliothek und vieler Gelehrter r�hmen konnte wie Iona.</p><p>Ich empfand es als besondere Ehre, in dem altehrw�rdigen Kloster Bobbio �ber Schwester Fidelma sprechen zu d�rfen. Einer meiner Zuh�rer fragte mich, ob ich nicht Fidelma nach Bobbio reisen lassen k�nnte, um einen geheimnisvollen Fall in dem gro�en Kloster irischen Ursprungs im Val de Trebbia in den Apenninen zu l�sen.</p><p>In <emphasis>Ein Totenhemd f�r den Erzbischof</emphasis> hatte Fidelma bereits Rom kennengelernt und dort das Geheimnis um den Tod Wigharts, des designierten Erzbischofs von Canterbury, gel�ftet, der im Jahre 664 ermordet wurde. Der Fall war historisch belegt, und ich hatte ihn zum Hintergrund meines Romans gew�hlt. Auf die mir gestellte Frage antwortete ich einfach �Warum nicht?�, woraufhin die gro�e norditalienische Tageszeitung <emphasis>Libert�</emphasis> ihren Bericht �ber die Veranstaltung mit <emphasis>Bobbio in noir, perch� no?</emphasis> �berschrieb. Die Geschichte hat mich zwei Jahre lang besch�ftigt, bis sie in der vorliegenden Form erscheinen konnte; w�hrend dieser Zeit bin ich mehrfach im Tal der Trebbia unterwegs gewesen.</p><p>Abgesehen von zwei Erz�hlungsb�nden folgen die Kriminalromane um Schwester Fidelma einer strengen chronologischen Ordnung analog zu ihrem Erscheinungsdatum. So spielt der erste Roman <emphasis>Nur der Tod bringt Vergebung</emphasis> im Monat Mai des Jahres 664. Die dann folgenden Romane sind in der Zeitspanne bis zum Jahr 670 angesiedelt, das den zeitlichen Rahmen f�r das Geschehen in <emphasis>Der Blutkelch</emphasis> bildet (erschienen 2010). Der Band <emphasis>Und die H�lle folgte ihm nach</emphasis> stellt eine Ausnahme dar. Diese Geschichte schlie�t sich den Ereignissen in <emphasis>Ein Totenhemd f�r den Erzbischof</emphasis> an, die sich im Sommer 664 in Rom zutrugen. Meine Leser werden sich erinnern, dass Fidelma ihren neugewonnenen Freund, Bruder Eadulf von Seaxmund�s Ham, in der Ewigen Stadt zur�cklie�, w�hrend sie nach Irland zur�ckkehrte. Sie bestieg ein Schiff in Ostia, dem Hafen an der M�ndung des Tiber, wollte in Massilia (Marseilles) an Land gehen und von dort der Pilgerroute quer durchs Frankenreich folgen.</p><p><emphasis>Peter Tremayne</emphasis></p></section><section><title><p>KAPITEL 1</p></title><p>Allem Anschein nach war der alte Mann ein Geistlicher. Er trug die <emphasis>corona spina,</emphasis> die Tonsur des heiligen Petrus, einen grob gesponnenen, langen braunen Wollumhang, darunter ein Gewand aus �hnlichem Material, und an den F��en Ledersandalen. Ein einfaches Mitglied seiner Bruderschaft war er nicht, denn er hatte einen Hirtenstab bei sich, am oberen Ende mit einer kleinen silbernen Kr�mme, so, wie er f�r Bisch�fe �blich war.</p><p>Ohne Fidelma auch nur einen Blick zu schenken, eilte er an ihr vor�ber, wobei die Sandalen seine Schritte auf den Pflastersteinen der engen Stra�e widerhallen lie�en. Fidelma hatte unter dem Strohdach eines kleinen Hauses in dem dicht bebauten Teil des alten Seehafens Schutz gesucht, wo sie auch Unterkunft bezogen hatte. Sie hatte von dem Vor�bereilenden kaum Notiz genommen, hatte seine Erscheinung nur im Unterbewusstsein registriert. G�nzlich gegen ihren Willen war sie zum Nichtstun verurteilt, und sie suchte fortw�hrend nach einer M�glichkeit, wie sie die Zeit sinnvoll nutzen konnte. Schon seit etlichen Tagen sa� sie in dieser tristen Hafenstadt fest.</p><p>Es schien ihr eine Ewigkeit her, dass sie Rom verlassen hatte, um auf dem Tiber zun�chst den Hafen Ostia zu erreichen und von dort auf dem Seeweg weiter nach Massilia zu gelangen. Zuerst verlief auch alles ohne Komplikationen. Das Schiff fuhr unter g�nstigem Wind aus S�dost, und der Kapit�n war voller Zuversicht auf eine reibungslose Fahrt. Doch noch hatte der Tag sich nicht geneigt, als die Dinge eine andere Wendung nahmen. Der Wind hatte pl�tzlich gedreht, wie aus dem Nichts war ein Sturm aufgekommen, hatte ein Segel zerfetzt, ein Rundholz zersplittert und das Schiff gegen Felsen geschleudert, wo durch den Aufprall Planken am Kiel barsten. Dem Kapit�n war nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil, er hatte es zuwege gebracht, das besch�digte Schiff in den Naturhafen von Genua zu man�vrieren, und so allen Passagieren und der Mannschaft das Leben gerettet. Die Seeleute hielten das f�r einen Segen der alten G�tter. Fidelma hatte sie gefragt, warum sie das so sahen, und erfuhr, dass Genua nach dem zweik�pfigen Gott Giano benannt worden sei, der als der Besch�tzer der Schiffe galt. Die abergl�ubischen Seeleute waren �berzeugt, dass besagter Gott sich ihrer angenommen h�tte.</p><p>Es stellte sich heraus, dass das Schiff nicht sobald wieder seet�chtig gemacht werden konnte. Man beteuerte Fidelma, Genua w�re ein wichtiger Handelshafen, und sie w�rde keine Schwierigkeiten haben, eine andere �berfahrt nach Massilia zu finden. Doch derlei Vertr�stungen erwiesen sich als falsch. Im Hafen lagen nur wenige Schiffe, und keins von ihnen hatte Masssilia oder einen in der N�he liegenden Ort zum Ziel. Au�erdem gab es Ger�chte, dass eine fr�nkische Flotte Genua ansteuerte, auch war von einem m�glichen Krieg die Rede, aber Fidelma nahm das nicht weiter ernst. Sie hatte sich in den Gassen um den Hafen herum umgetan und eine kleine Herberge entdeckt, die christlichen Pilgern Obdach bot. Nicht, dass sie �ber mangelnde Gastfreundschaft h�tte klagen k�nnen, aber die Tage verstrichen nur langsam, und immer noch lief kein Schiff ein, auf dem sie ihre Reise h�tte fortsetzen k�nnen.</p><p>Genua und seine Umgebung vermochten sie nicht zu fesseln. Die alte Herbergswirtin hatte ihr in einem kurzen Gespr�ch seine Geschichte erl�utert. In den zur�ckliegenden Jahrzehnten hatten verschiedene Eroberer aus strategischen Gr�nden den Seehafen eingenommen; die damals noch herrschenden Byzantiner hatten hier mit ihren Schiffen vor Anker gelegen und von hier aus versucht, die vordringenden germanischen St�mme, die Langobarden, aufzuhalten. Letztere beherrschten jetzt das Land und hatten in diesem regen Handelszentrum Spuren ihrer Kultur hinterlassen. Alboin und seine Langobarden waren im vergangenen Jahrhundert �ber die gesamte italienische Halbinsel hinweggezogen und hatten sie mit Ausnahme einiger weniger Gebiete, die unmittelbar um Rom herum lagen und an ihrer Unabh�ngigkeit festhielten, unter ihre Herrschaft gebracht. Jetzt hatten unter dem K�nig sechsunddrei�ig m�chtige Herz�ge das Sagen.</p><p>Im Hafengebiet h�rte man die Sprachen verschiedener Herren L�nder, und Fidelma lernte rasch die groben Gutturallaute der Sprache der Langobarden zu unterscheiden. Doch war sie froh, dass Latein immer noch die allgemeine Verkehrssprache war, denn so konnte sie sich wenigstens verst�ndlich machen.</p><p>Ihr waren die historischen Fakten durch den Kopf gegangen, als der alte M�nch an ihr vorbeigeeilt war. Vermutlich h�tte sie ihn aus ihrem Unterbewusstsein schon gleich gestrichen, w�ren ihm da nicht zwei M�nner gefolgt, die mehr oder weniger ungewollt ihre Aufmerksamkeit erregten. �ber die K�pfe hatten sie Kapuzen gestreift, lange dunkle Umh�nge verbargen ihre K�rper, und sie gingen leicht nach vorn gebeugt, als verfolgten sie ein bestimmtes Ziel; einer von ihnen hielt in der rechten Hand einen Kn�ppel. Der Kn�ppel war es, der Fidelma stutzig machte. Nur einen kurzen Moment war der Umhang durch den raschen Schritt des Mannes zur�ckgeschlagen, so dass sie die Waffe hatte sehen k�nnen. Beide waren sorgsam auf ihre Fu�tritte bedacht, um auf den Pflastersteinen ja nicht das gleiche Ger�usch wie der Mann vor ihnen zu verursachen.</p><p>�ber m�gliche Folgen dachte Fidelma nicht nach. Sollte es sich hier um ein Schurkenst�ck handeln, dann gebot ihr ihre Berufung als <emphasis>d�laigh</emphasis> � Anw�ltin bei Gericht in ihrem Land und von ihrer Aufgabe durchdrungen � automatisch zu handeln. Leise folgte sie den beiden M�nnern, die in der schmalen Gasse dem alten M�nch auf den Fersen waren. Ihnen entgegen kamen nur zwei, drei Leute, und die nahmen keinerlei Notiz von ihnen. Doch gleich darauf erreichten sie ein St�ck Stra�e, das menschenleer war. Schon beschleunigte einer der M�nner seinen Schritt, und rein instinktiv tauchte Fidelma in den Schutz einer Nische zwischen den Geb�uden, um sicherzugehen, dass sie niemand beobachtete. Als sie vorsichtig aus ihrem Versteck lugte, sah sie, dass beide M�nner sich eilends dem Alten n�herten. Er schien sie nicht zu bemerken. Der eine Verfolger holte bereits mit dem Kn�ppel zum Schlag aus.</p><p>Fidelma dachte nicht daran, Vorsicht walten zu lassen, und rannte ihnen hinterher.</p><p><emphasis>�Cave! Cave!�</emphasis>, schrie sie laut auf Latein.</p><p>Bei ihrem Aufschrei drehte sich der Geistliche um und parierte den ihn bedrohenden Schlag des Kn�ppels mit einer geschickten Bewegung seines Hirtenstabes.</p><p>Im gleichen Moment drehte sich der zweite Angreifer zu Fidelma um, auch er war mit einem Kn�ppel bewaffnet. Er schwang ihn in der Luft und kam auf sie zu gerannt. Was dann geschah, war eine Frage von Sekunden. Noch im Lauf duckte sie sich pl�tzlich und blieb unbeweglich in der Hocke. Ihr Gegner vermochte nicht, sein Tempo abzubremsen, flog �ber ihren zusammengekauerten K�rper und landete mit einem heftigen Sturz auf dem Stra�enpflaster, wobei ihm der Kn�ppel aus der Hand glitt. Fidelma reagierte sofort und stie�, w�hrend er noch zusammengekr�mmt auf der Erde lag, die Waffe ein St�ck von ihm weg.</p><p>Nur wenige Male zuvor hatte sie den Kunstkniff der <emphasis>troidsciathagid</emphasis> angewandt. Einmal war das in Rom gewesen, als sie angegriffen wurde. Es war eine traditionelle Technik ihrer Landsleute, bekannt unter dem Begriff �Offensive durch Verteidigung�, �berliefert aus alten Zeiten von weisen Lehrern, die es f�r falsch hielten, zum eigenen Schutz Waffen mit sich zu f�hren. In jenen gewaltt�tigen Tagen wurden einsam dahinziehende Missionare oft �berfallen, ausgeraubt und zuweilen auch get�tet. Jetzt lernten viele Missionare, die auf ihrer <emphasis>peregrinatio pro Christo</emphasis> in fremde L�nder zogen, wie man sich dank dieser Technik auch ohne Waffen verteidigen konnte.</p><p>Fidelma ging auf Abwehrposition, darauf gefasst, sich ihrem Angreifer erneut stellen zu m�ssen. Sein Umhang war aufgeschlagen, und sie wurde auf seiner rechten Schulter eines merkw�rdigen gestickten Symbols gewahr � ein flammendes Schwert, umgeben von einem Lorbeerkranz. Sie versuchte, sich das Bild einzupr�gen, als von hinten jemand etwas rief. Unmittelbar darauf st�rmte der erste Angreifer an ihr vorbei und die Stra�e hinunter. Ihr unmittelbarer Gegner rollte sich zusammen, kam auf die F��e und rannte ihm hinterher. Im Nu waren beide in einer Seitenstra�e verschwunden. Fidelma war noch leicht verwirrt, als eine Stimme auf Latein sie warnte: �Lass sie laufen, Schwester. Wir sollten nichts riskieren.�</p><p>Sie drehte sich zu dem alten Mann um, der, auf seinen Stab gest�tzt, dastand. Er hatte eine Sch�rfwunde an der Stirn, die leicht blutete.</p><p>�Bist du verletzt?�, fragte sie und ging auf ihn zu.</p><p>Der Alte l�chelte. �Es h�tte schlimmer sein k�nnen, Schwester. Dank deines Eingreifens konnte ich den Schlag rechtzeitig abwehren. Ich hoffe, dir ist nichts geschehen. Und was ist mit dir? Ich habe den Trick fr�her einmal bei einem Bruder aus Hibernia gesehen. Kommst du etwa auch von dort?�</p><p>�Ja�, best�tigte sie. �Ich bin Fidelma aus Hibernia.�</p><p>�Freut mich, dich kennenzulernen, Schwester Fidelma. Ich bin Ado von Bobium.�</p><p>Sie blickte auf die silberne Kr�mmung des Hirtenstabes. �Abt Ado?�, fragte sie.</p><p>Er lachte kopfsch�ttelnd. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sah er gut aus. Er hatte blaue Augen, das gepflegte wei�e Haar reichte ihm fast auf die Schultern. Er machte den Eindruck eines intelligenten und kr�ftigen Mannes, und die Art und Weise, auf die er seinen Angreifer abgewehrt hatte, bewies nicht nur St�rke, sondern auch Geschick.</p><p>�Abt? Nein, selbst wenn mich manche aus Ehrfurcht vor meinem Alter und meiner Gelehrsamkeit mit Magister Ado ansprechen.� Er sah sich pr�fend um. �Wir sollten hier nicht unn�tz lange verweilen, unsere Freunde k�nnten leicht wiederkommen. Bis dort, wo ich hin will, ist es nicht mehr weit. Ich w�rde dir gern meine Gastfreundschaft erweisen und dir so f�r deinen Beistand danken, den du mir gegen die � hm � R�uber geleistet hast.�</p><p>Fidelma hatte das Gef�hl, dem alten Mann hatte ein anderes Wort f�r die Angreifer auf der Zunge gelegen, aber sie drang nicht weiter in ihn. Eine Ablenkung von der Tatenlosigkeit, die sie eben noch bedr�ckt hatte, kam ihr gelegen. So wanderten sie gemeinsam auf der schmalen Stra�e, ihr neuer Gef�hrte stellte ihr einige Fragen, und sie erkl�rte bereitwillig, durch welche Umst�nde sie in Genua gelandet war.</p><p>Schlie�lich blieb Magister Ado vor einer T�r stehen.</p><p>�Da w�ren wir�, sagte er, hob seinen Stab und klopfte in bestimmten Abst�nden � offensichtlich ein vereinbarter Code � gegen die T�r. Sie wurde sogleich ge�ffnet, und ein junger Mann mit dunklem, h�bschem Gesicht schaute argw�hnisch heraus. Auch er war in ein M�nchsgewand gekleidet, machte aber einen �u�erst wendigen und kr�ftigen Eindruck, so dass man ihn eher f�r einen Krieger als f�r ein Mitglied der Bruderschaft h�tte halten k�nnen. Er schaute besorgt drein, als er auf der Stirn des Alten Blutspuren bemerkte.</p><p>�Magister Ado! Bist du verletzt?�</p><p>Auch jetzt sch�ttelte der M�nch l�chelnd den Kopf.</p><p>�Nichts Ernsthaftes. Aber ein Becher Wein t�te meiner Gef�hrtin und mir gut, Bruder Faro.�</p><p>Neugierig blickte der junge Mann von Magister Ado zu Fidelma und zwang sich zu einem freundlichen Gesichtsausdruck.</p><p>�Entschuldigt mein Z�gern. Tretet ein, kommt rasch herein.�</p><p>Er zog die T�r weit auf. Fidelma entging nicht, dass er nach ihrem Betreten des Hauses hinaus auf die Stra�e trat und nach beiden Richtungen Ausschau hielt, wie um sich zu vergewissern, dass sie niemand beobachtet hatte.</p><p>Magister Ado wartete, bis der junge Mann die T�r geschlossen hatte und sie durch einen stickigen Raum auf einen kleinen Innenhof f�hrte. Ein pl�tschernder Brunnen brachte etwas K�hlung in die noch warme Luft. Kurz darauf erschien in einem anderen T�rbogen eine junge Frau.</p><p>�Ah, Schwester Gisa�, begr��te sie Magister Ado. �Was meine Gef�hrtin und ich brauchen, ist ein Becher Wein. Darf ich vorstellen? Schwester Fidelma aus Hibernia.�</p><p>Die junge Frau � den M�dchenschuhen kaum entwachsen � betrachtete ihn besorgt. �Du hast Blut auf der Stirn, Magister ��, begann sie.</p><p>�Alles in bester Ordnung. Kein Grund zur Beunruhigung.� Er wandte sich an Fidelma. �Das sind gute Freunde von mir � Schwester Gisa und Bruder Faro. Sie sind immer �bertrieben besorgt um mich. Hol uns Wein, Schwester Gisa.�</p><p>Mit einem fl�chtigen Kopfnicken hie� das M�dchen Fidelma willkommen, ging zu einem Seitentisch und nahm einen Krug und zwei Tonbecher zur Hand. Bruder Faros beunruhigter Gesichtsausdruck wollte nicht weichen. �Was ist passiert?�</p><p>�Versuch eines Raub�berfalls, nichts weiter. Zum Gl�ck war Schwester Fidelma in der N�he, ohne ihr Eingreifen h�tte es schlimmer ausgehen k�nnen.�</p><p>�Glaubst du, sie haben mitbekommen, dass ihr hier seid?�</p><p>Stirnrunzelnd betrachtete der Alte den jungen Mann, machte aber gleich wieder ein entspanntes Gesicht. �Rasch, bring den Wein, mein Kind. Ich muss den Staub der Stra�e aus der Kehle sp�len.�</p><p>Schwester Gisa schenkte Wein ein und blickte dabei Fidelma verstohlen an. Sie hatte dunkle Augen, wie Fidelma auffiel, �hnlich dunkel wie ihr Haar, soweit es die Haube erkennen lie�. Die Gesichtsfarbe war olivbraun, doch stammte die T�nung nicht von der Sonneneinwirkung wie sonst bei S�dl�ndern.</p><p>�Was hat es m�glich gemacht, dass du hast eingreifen k�nnen, Schwester?�, fragte das M�dchen. Alle sprachen in einem einwandfreien Latein, keiner benutzte die landes�bliche Sprache.</p><p>�Ich sah, wie zwei M�nner Magister Ado hinterherschlichen�, meinte Fidelma achselzuckend, �ich rief und konnte ihn warnen. Das ist alles.�</p><p>Magister Ado sch�ttelte den Kopf. Er hatte immer noch ein L�cheln auf dem Gesicht, so als k�nnte er gar nicht anders.</p><p>�Von wegen alles. Sie hat weit mehr getan, meine Freunde. Einer der Kerle wollte �ber sie herfallen, und sie hat den Mann einfach zu Boden gezwungen. Ich habe den Trick bisher nur einmal gesehen, und das war bei einem der Br�der aus Hibernia.�</p><p>Bruder Faro �u�erte geradezu �bertriebene Dankbarkeit.</p><p>�Du hast unserem Meister das Leben gerettet. Vielen Dank, Schwester.�</p><p>�Ich war sein Lehrer�, erkl�rte Magister Ado. �Und bin es immer noch, sofern die Jugend auf das Alter h�rt.�</p><p>Das mit der Jugend war relativ zu sehen, fand Fidelma, denn sie sch�tzte Bruder Faro Mitte zwanzig.</p><p>�Was ich gern gewusst h�tte, ist, warum sie es auf dich abgesehen hatten�, fragte Fidelma und nippte an ihrem Wein. �Meines Erachtens waren es nicht nur einfache Stra�enr�uber.�</p><p>�Du hast eine scharfe Beobachtungsgabe, Schwester�, meinte Magister Ado ernst, und sie glaubte in seiner Stimme so etwas wie Argwohn herauszuh�ren.</p><p>�Es ist meine Natur. Ich habe in meinem Land die Ausbildung zu einer Anw�ltin bei Gericht erfahren.�</p><p>�Schwester Fidelma?� Schwester Gisa war hellh�rig geworden. �Bist du gerade erst von Rom gekommen?� Und ehe Fidelma das best�tigen konnte, erkl�rte die junge Schwester Magister Ado aufgeregt: �Vor einer Woche, kurz bevor wir die Abtei verlie�en, um zu unserem Treffpunkt hier zu kommen, kehrte ein Bruder aus Rom zur�ck. Er wusste von einer Schwester Fidelma zu berichten aus einem Ort Cashel in Hibernia. Sie h�tte das Geheimnis um den Mord eines angels�chsischen Bischofs, der sich dort ereignet hatte, aufgekl�rt. Selbst der Heilige Vater h�tte sie in hohen T�nen gelobt. Bist du die besagte Fidelma von Hibernia?�, fragte sie schlie�lich an Fidelma gewandt.</p><p>Fidelma machte ein verdutztes Gesicht. �Ich kann es nicht leugnen. Mein Vater war Failbe Flann, K�nig von Muman, dessen Hauptstadt Cashel in Hibernia liegt. Mein Bruder ist der gesetzliche Erbe auf das K�nigtum. Ich aber bin nur Rechtsanw�ltin, wie ich schon gesagt habe, und war im Auftrag der Bisch�fe meines Landes auf einer Mission in Rom.�</p><p>Schwester Gisa klatschte vor Vergn�gen fast in die H�nde. �Kennst du Bruder Ruad�n von Eenish Keltrah?�</p><p>Fidelma brauchte einen Moment, ehe sie begriff, dass das junge M�dchen <emphasis>Inis Celtra</emphasis> meinte, dann aber machte sie gro�e Augen vor Verwunderung. Erinnerungen aus der Kindheit an der Schule, die Bruder Ruad�n geleitet hatte, stiegen in ihr auf.</p><p>�Bruder Ruad�n von Inis Celtra war mein Lehrmeister, bis ich das Alter der Wahl erreichte. Wie kommst du auf ihn?�</p><p>�Bruder Ruad�n dient in unserer Abtei�, verk�ndete Schwester Gisa strahlend. �Als der Bruder aus Rom deinen Namen nannte, sagte er, er w�rde dich kennen.�</p><p>Fidelma war bem�ht, ihre �berraschung zu verbergen. �Bruder Ruad�n muss aber sehr alt sein. Du sagst, er lebt in einer Abtei irgendwo hier in der N�he?�</p><p>�In der N�he w�re �bertrieben�, mischte sich Bruder Faro ein. �Hochbetagt ist er tats�chlich. Als wir vor einer Woche aus der Abtei abreisten, konnte er seine Zelle nicht verlassen und wurde von Sch�ttelfrost geplagt.�</p><p>�Aber wo genau ist er? In welcher Abtei?�</p><p>�In der Abtei Bobium�, erwiderte Schwester Gisa. �Er sprach von dir mit gro�er Zuneigung und erz�hlte, er habe einst die junge Tochter seines K�nigs unterrichtet. Er war sich ganz sicher, dass diese Schwester Fidelma, von der in Rom die Rede war, die Person gewesen sein muss, die er einst kannte.�</p><p>Magister Ado betrachtete sie aufmerksam. �Ist es wahr? Bist du eben die Person, die im Lateranpalast vom Heiligen Vater selbst so hoch gelobt wurde?�</p><p>Fidelma war es unangenehm, ein solches Aufsehen zu erregen, und sie wiederholte: �Ich bin Fidelma von Cashel. Doch wo befindet sich diese Abtei Bobium? Ich w�rde Bruder Ruad�n gern wiedersehen.�</p><p>�Sie liegt oben in den Bergen, Schwester. Ein Dreitagesritt, und es braucht ein gutes Pferd.� Die Auskunft kam von Bruder Faro.</p><p>Auf Fidelmas Gesicht machte sich Entt�uschung breit. Drei Tage zu Pferd, au�erdem w�rde sie in dem ihr unbekannten Gebiet einen F�hrer ben�tigen. Zeit genug w�rde sie zwar haben, da wenig Aussicht bestand, so bald ein Schiff nach Massilia zu bekommen, aber wie sollte sie sich Pferd und F�hrer beschaffen? Und bis nach Hause stand ihr noch einiges bevor.</p><p>�Zeit und Mittel verbieten eine Reise zu ihm�, sagte sie. �Verzeih, Magister Ado. Ich habe gef�hlsm��ig reagiert, ohne die Dinge zu durchdenken.�</p><p>Schwester Gisa f�llte die Becher auf. �Du sagtest vorhin, du glaubst nicht, dass es nur Stra�enr�uber waren, die den Magister �berfallen wollten.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�, fragte nun auch der Magister.</p><p>�Zuallererst durch dein Verhalten�, sagte Fidelma. �Du hast gez�gert, die Angreifer zu beschreiben. Dann die Art und Weise, wie besorgt dich Bruder Faro empfing, auch die Worte, die ihr wechseltet. Und als wir ins Haus traten, wartete er eine Weile und vergewisserte sich, ob uns auch niemand beobachtet h�tte. All das deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen zuf�lligen Raub�berfall handelte. Dabei habe ich noch kein Wort zu Aussehen und Verhalten der Angreifer gesagt.�</p><p>Magister Ado gab sich am�siert. �Dir scheint wirklich nichts zu entgehen, Fidelma von Cashel.�</p><p>�Und doch fehlt es an einer Erkl�rung f�r das Geschehene.�</p><p>Es herrschte einen Moment Stille, bevor Magister Ado ihrem Dr�ngen nachgab.</p><p>�Du sagst, du h�ttest dich nur eingemischt, weil du sahst, dass ich, ein M�nch, Gefahr lief, �berfallen zu werden. Du hast mich wirklich erst auf der Stra�e und nicht schon zuvor gesehen?�</p><p>�Ich bin hier fremd. Woher sollte ich dich kennen?�</p><p>�Wie viel wei�t du �ber dieses Land, Schwester? �ber das Land der Langobarden?�</p><p>�Sehr wenig�, gab sie zu, begriff aber nicht, worauf er hinauswollte.</p><p>�Ist dir bekannt, dass es ein gro�er Lehrer aus deinem Land namens Columbanus war, der unsere Abtei Bobium gegr�ndet hat?�</p><p>�Colm B�n?� Sie �bertrug den Namen automatisch in die irische Form. �Ich habe von ihm und seinen Werken geh�rt. Aber ich dachte immer, sein missionarisches Wirken lag haupts�chlich bei den Franken im Norden. Und meines Wissens ist er bereits vor vielen Jahren gestorben.�</p><p>�Er starb tats�chlich vor vielen Jahren, denn schon vor �ber f�nfzig Jahren kam er �ber die gro�en Berge und begr�ndete unsere Abtei. Ich trat als junger Mann dort ein, um mich in der reich best�ckten Bibliothek, die er uns hinterlie�, meinen Studien zu widmen.�</p><p>�Magister Ado ist bei uns ein hochger�hmter Gelehrter�, f�gte Bruder Faro stolz hinzu. �Er hat die gro�e <emphasis>Vita Cummiani</emphasis> geschrieben.�</p><p>�Lass das �groߋ weg, mein Sohn�, tadelte ihn der Alte. �Ich war jung damals. Eine gro�artige Leistung war das nicht. Ist dir Cummianus ein Begriff, Schwester?�</p><p>�Ich wei� nur, dass Cuimm�ne bei uns ein g�ngiger Name ist.�</p><p>�Der Mann, den ich meine, war ein Bischof aus deinem Land und kam als �lterer Mann nach Bobium, wo er viele Jahre bei uns lebte. Er war ein wahrhaft frommer Mensch und h�tte einen besseren Autor als mich verdient, sein Leben und Wirken zu beschreiben.�</p><p>�Mein Magister ist allzu bescheiden�, versicherte der junge M�nch. �Er hat mehrere Schriften verfasst und ist im ganzen Land der Langobarden als gro�er Gelehrter geachtet.�</p><p>�Aber das erkl�rt noch immer nicht, weshalb man dich zusammenschlagen wollte�, stellte Fidelma fest.</p><p>�Das ist richtig�, pflichtete ihr der Alte bei. �Wie umfassend ist deine Bildung, Fidelma aus Hibernia?�</p><p>�Das kommt darauf an, wie man es sieht.�</p><p>�Wie soll ich das verstehen?�, fragte er �berrascht.</p><p>�Es kommt darauf an, um welches Wissensgebiet es sich handelt. Hei�t es nicht, ein jeder wei� nur von den Dingen nichts, die er noch zu lernen hat?�</p><p>Magister Ado lachte. �Ich merke, du nimmst es mit den Formulierungen sehr genau.�</p><p>�Das hat man mich als Anw�ltin gelehrt.�</p><p>�Also gut. Es gibt, wie soll ich sagen, Unstimmigkeiten unter den Menschen hier. Interne Streitigkeiten, Gerede von B�rgerkrieg und Intrigen. Und das nicht nur im �ffentlichen Umgang miteinander, sondern auch unter den Glaubensbr�dern und -schwestern.�</p><p>�Und wie erkl�rt sich der �berfall auf dich?�</p><p>�Bobium hat immer �ber all diesen Streitigkeiten gestanden, erkennt die Autorit�t des Heiligen Vaters in Rom an und steht zu dem Glaubensbekenntnis, wie es in Nic�a formuliert wurde. Doch manch einer ist der Auffassung, eine solche Haltung kann nur mit dem Tod geahndet werden.�</p><p>Fidelma war entsetzt. �Das kann ich nicht nachvollziehen.�</p><p>�Wir, die wir uns zu dem Glauben bekennen, wie er auf dem Ersten Konzil zu Nic�a verk�ndet wurde, haben uns zusammengeschlossen, um uns in diesem Land besser zu sch�tzen.�</p><p>�Zu sch�tzen? Gegen wen?�</p><p>Magister Ado z�gerte mit einer Antwort. �Die Mehrheit der Menschen hier h�lt es entweder mit den alten G�ttern ihrer Vorfahren oder glaubt an die Lehre des Arius.� Er senkte die Stimme. �Das Vorgehen ihrer Anf�hrer ist von mutwilliger Zerst�rung und Aufruhr gekennzeichnet, und ihre kriegerischen Banden sch�nden das Land.�</p><p>Fidelma versuchte, sich an das wenige, was sie �ber Arius wusste, zu erinnern. Er war auf dem Ersten Konzil zu Nic�a zum Ketzer erkl�rt worden, aber die Gr�nde daf�r h�tte sie nicht nennen k�nnen.</p><p>�Ich w�re dir dankbar, wenn du mir etwas auf die Spr�nge helfen k�nntest, Magister Ado�, sagte sie schlie�lich.</p><p>�Arius stammte aus Alexandria, wo er vor dreihundert Jahren das Christentum verbreitete. W�hrend wir an dem Gedanken der Heiligen Dreifaltigkeit festhalten, vertrat er die Auffassung, dass es nur einen wahren Gott g�be. W�hrend Gottvater au�erhalb der Welt existiere, gelte das nicht f�r den Sohn Gottes, geboren als Jesus, erschaffen durch den Willen Gottes und folglich ihm nicht ebenb�rtig. Er behauptete sogar, Christus habe es nicht immer gegeben.�</p><p>�Bei uns gilt doch aber die Lehre von der Dreieinigkeit, die Wesenseinheit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist.�</p><p>�So ist es�, stimmte ihr Magister Ado ernst zu. �Arius und seine Anh�nger aber erkl�ren, es g�be nur einen Gott, den Sch�pfer der Welt, und das schon jenseits aller Zeitvorstellung. Gottvater habe den Sohn erschaffen, der dem Vater untergeordnet ist, der Sohn wiederum habe den Heiligen Geist erschaffen, der in �hnlicher Weise dem Sohn untergeordnet ist.�</p><p>Fidelma konnte sich einer gewissen Logik des Gedankengangs, der ihr neu war, nicht entziehen und beschloss im Stillen, sich zuk�nftig mit diesen Lehren n�her zu befassen.</p><p>�Ich verstehe einfach nicht, warum derartige Unterschiede in Glaubensauffassungen zu Blutvergie�en f�hren sollen�, sagte sie.</p><p>�Es ist bereits geschehen�, stellte Bruder Faro fest und sch�ttelte traurig den Kopf. �Vor kurzem hat ein Edelmann Bobium aufgesucht, ein Anh�nger des Arius. Als einer unserer Br�der sich weigerte, seine Auffassungen zu bejahen, war er so erbost, dass er sein Schwert zog und ihn niederstach.�</p><p>Schwester Gisa f�hlte sich zu einer Erg�nzung bem��igt. �Du musst schon entschuldigen, Schwester Fidelma, als Bruder Faro sagte, Bruder Ruad�n l�ge mit Sch�ttelfrost danieder, wollte er dich nicht weiter beunruhigen. In Wahrheit ist er ans Bett gefesselt, weil ihn Arianer zusammengeschlagen haben. Es geschah einen Tag, bevor wir von dort nach Genua aufbrachen.�</p><p>Fidelma erschrak, und Magister Ado schalt Bruder Faro: �Warum hast du mir das verschwiegen?�</p><p>�Es ist so, wie Schwester Gisa gesagt hat, es geschah erst einen Tag vor unserer Abreise. Ich h�tte es dir fr�her erz�hlt, aber die Sorge um deine wohlbehaltene Ankunft hat mich alles andere vergessen lassen.�</p><p>�Und was im Einzelnen ist passiert?�</p><p>�Bruder Ruad�n wurde fr�h morgens vor den Toren der Abtei gefunden. An sein blutbeflecktes Gewand hatte man einen Streifen Papyrus geheftet, auf dem das Wort �Ketzer� gekritzelt war.�</p><p>Fidelma war fassungslos. �Er ist verletzt und liegt zu Bett? Wie schlimm steht es um ihn?�</p><p>Schwester Gisa presste die Lippen zusammen. �Es sieht nicht gut aus, Schwester. Unser Arzt hat uns nicht viel Hoffnung gemacht. Du wei�t ja, er ist hochbetagt, und viel Widerstandskraft hat er nicht.�</p><p>�Glaubst du, dass die M�nner, die dich angegriffen haben, auch Anh�nger des Arius waren?�, fragte Fidelma Magister Ado. �Dass sie dich zusammenschlagen wollten, weil sie wussten, du geh�rst zum Kloster Bobium?�</p><p>�Die Br�der von Bobium sind f�r ihre kritische Haltung zu Arius bekannt.� Bruder Faro hatte die Antwort schneller parat als der Alte. �Aus anderen Gr�nden ist niemand Bobium feindlich gesinnt.�</p><p>�Das sehe ich auch so�, bekr�ftigte Magister Ado. �Einzig und allein diejenigen, die sich gegen das Glaubensbekenntnis von Nic�a wenden, bek�mpfen die Bruderschaft von Bobium. Woher aber diese Arianer wussten, dass ich in Genua war, ist mir ein R�tsel. Ich bin erst heute fr�h hier an Land gegangen.�</p><p>Schwester Gisa nickte ernst. �Das stimmt. Magister Ado ist eben erst aus Aquitania zur�ckgekehrt. Und wir sind hierher gekommen, um ihn nach Bobium zur�ckzubegleiten.�</p><p>Fidelma hatte den Eindruck, dass Magister Ado der jungen Schwester einen vorwurfsvollen und zugleich warnenden Blick zuwarf. �Man sagte mir, ein Schiff aus Massilia h�tte heute hier angelegt, und ich hatte gehofft, mit ihm dorthin zur�ckfahren zu k�nnen�, erkl�rte sie. �Der Kapit�n er�ffnete mir jedoch, er w�re auf dem Weg nach Ostia. Es erhebt sich wirklich die Frage, woher diese M�nner gewusst haben k�nnen, dass du hier warst und dir so auflauern konnten.�</p><p>Magister Ado zuckte mit den Schultern. �Unsere arianischen Feinde sind bestens informiert. Bischof Britmund von Placentia ist einer unserer erbittertsten Feinde. M�glicherweise ist ihm zu Ohren gekommen, dass Bruder Faro und Schwester Gisa sich aufgemacht hatten, um mich hier zu treffen.�</p><p>Bruder Faro wurde rot. �Wir haben alle Vorsichtsma�nahmen walten lassen, dass �ber Sinn und Zweck unserer Reise nichts nach au�en drang.�</p><p>�Ich mache dir keine Vorw�rfe, junger Freund. Aber es gibt Situationen, da ein aufmerksamer Feind logische Schlussfolgerungen ziehen kann.�</p><p>�Und da wir das nicht ausschlie�en k�nnen, sollten wir uns nicht l�nger als unbedingt n�tig hier aufhalten�, meinte Schwester Gisa nerv�s.</p><p>�Demnach gedenkt ihr m�glichst rasch zum Kloster Bobium aufzubrechen?�, fragte Fidelma.</p><p>�Gleich morgen bei Tagesanbruch�, best�tigte Bruder Faro.</p><p>Fidelma z�gerte. �Wenn es um Bruder Ruad�n so schlecht steht, m�chte ich ihn sehen, ehe er � ehe er ��</p><p>Sie mochte den Gedanken nicht zu Ende denken. Bruder Ruad�n nahm in ihrem Herzen einen besonderen Platz ein. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben, und ihr Vater, K�nig Failbe Flann, starb, als sie und ihr Bruder Colg� noch Kinder waren. Als die Zeit kam, da Fidelma Unterricht erhalten sollte, schickte man sie in die kleine Gemeinschaft zu Bruder Ruad�n auf Inis Celtra. Von ihrem siebenten Lebensjahr an bis zum <emphasis>aimsir togu,</emphasis> dem Alter der Wahl f�r M�dchen, hatte sich Bruder Ruad�n um ihre Ausbildung gek�mmert. Er war f�r sie so etwas wie eine Vaterfigur geworden. All ihre kindlichen Sorgen und N�te hatte sie ihm anvertraut, bis sie sp�ter zum weiteren Studium auf die Hohe Schule f�r Rechtskunde zu Brehon Morann von Tara ging. Es war also nicht nur ein Pflichtgef�hl, sondern ein inneres Verlangen, das sie trieb, ihn zu sehen.</p><p>�Komm doch mit uns, Schwester�, schlug Schwester Gisa eifrig vor.</p><p>Bruder Faro war weniger begeistert. �Es ist ein langer Ritt durch die Berge�, gab er zu bedenken.</p><p>�Das w�re nicht das Problem, aber ich brauche ein Pferd und habe nicht die Mittel, mir eins zu beschaffen.�</p><p>Magister Ado �berlegte und hatte pl�tzlich eine Idee. �Habt ihr einen Maulesel f�r das Gep�ck mitgef�hrt?�, fragte er Bruder Faro.</p><p>Der sah ihn �berrascht an und nickte z�gernd. �Ja. Einen Maulesel haben wir hier.�</p><p>�Vielleicht ��</p><p>Schwester Gisa fiel ihm ins Wort. �Viel Gep�ck haben wir nicht, und ich kann auf dem Muli reiten.�</p><p>�Verstehst du dich aufs Reiten?�, fragte Magister Ado Fidelma.</p><p>�Nichts leichter als das�, antwortete sie ohne Z�gern. Sie hatte auf Pferden gesessen, ehe sie laufen konnte.</p><p>�Es ist ein langer und m�hsamer Ritt, das Gel�nde k�nnte sich f�r dich als schwierig erweisen�, warnte Bruder Faro.</p><p>�Gebirgiges Gel�nde habe ich oft genug durchquert�, versicherte sie ihm.</p><p>�Mich beeindruckt, dass Schwester Fidelma von Anfang an durchschaut hat, dass es sich bei meinen Angreifern nicht einfach um Stra�enr�uber handelte�, sagte Magister Ado zu dem jungen Mann. �Sie k�nnte uns von Nutzen sein.�</p><p>Fidelma kam nicht dazu, ihn zu fragen, wie er das meinte, denn Schwester Gisa rief begeistert: �Also ist das beschlossene Sache. Es kann nur gut sein, dich auf unserer Reise zur Gef�hrtin zu haben.�</p><p>Bruder Faro seufzte und schien sich in das Unvermeidliche zu f�gen. �Dann solltest du die Sachen zusammenpacken, die du f�r die Reise brauchst. Aber nimm nur das Allernotwendigste mit, und sage niemandem mehr als unbedingt n�tig. Achte auf deinem Weg hierher, dass dir niemand folgt. Bei Tagesanbruch brechen wir auf.�</p><p>�Ich will versuchen, euch nicht zur Last zu fallen�, entgegnete sie ihm ernst; dass heiterer Spott in ihrer Stimme mitschwang, merkte er nicht.</p><p>�Nach dem �berfall auf Magister Ado muss ich wohl nicht nachdr�cklich darauf hinweisen, dass Wachsamkeit geboten ist.�</p><p>�Mach dir keine Sorgen, Bruder Faro. Ich werde meine Vorkehrungen treffen. Was ich nicht brauche, lasse ich in der Herberge, und vor Sonnenaufgang bin ich hier. Die Dunkelheit wird mich vor argw�hnischen Blicken sch�tzen.�</p><p>Sie erhob sich, und Magister Ado tat desgleichen.</p><p>�Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn du in der Herberge kein Wort dar�ber verlierst, dass du nach Bobium reist�, riet er ihr. �Es ist durchaus m�glich, dass die beiden, die mich �berfallen wollten, durch die Herbergen am Hafen ziehen, um etwas �ber dich und folglich auch �ber mich in Erfahrung zu bringen.�</p><p>Fidelma blieb gelassen, staunte aber, dass die neugewonnenen Gef�hrten jeden Schritt erwogen wie Verschw�rer</p><p>�Vor Tagesanbruch bin ich zur�ck. Ich freue mich auf unsere Reise nach Bobium.�</p><p>�Es ist eine �u�erst schwierige Strecke durch die Berge, Fidelma�, versuchte es Bruder Faro, immer noch skeptisch, erneut. �An die drei Tage im Sattel. Ich kann nur hoffen, dass du eine wirklich t�chtige Reiterin bist.�</p><p>�Ich werde dich nicht entt�uschen.� Es �rgerte sie ein wenig, dass man ihren F�higkeiten nicht traute.</p><p>�Dann werden wir gewiss gut vorankommen und Bobium ohne Schwierigkeiten erreichen�, meinte Magister Ado zuversichtlich.</p></section><section><title><p>KAPITEL 2</p></title><p>Die Sonne stand bereits tief. Sie schwebte noch eine Weile auf den schwarzen K�mmen der Berge und versank dann rasch dahinter. Vom Hafen in Genua war es ein langsamer und anstrengender Ritt gewesen. In vielen Windungen zog sich der Saumpfad die Berge hinauf, war aber ziemlich breit und viel begangen. Immer wieder kamen ihnen kleine Trupps von H�ndlern entgegen, die ihre bepackten Maultiere am Z�gel f�hrten. Man gr��te sich freundlich im Vorbeiziehen. Derart vielen Leuten auf dieser Bergstrecke zu begegnen, hatte Fidelma nicht erwartet.</p><p>�Wir befinden uns auf der alten Salzstra�e�, erkl�rte ihr Magister Ado, der neben ihr ritt. Hinter ihnen kamen Schwester Gisa auf dem Packmuli und Bruder Faro auf einem fahlgrauen lebhaften Pferd. Fidelma, die sich vorz�glich auf Pferde verstand, war sofort aufgefallen, dass es sich bei dem Ross, auf dem er sa�, um eine besondere Z�chtung handelte: hoher Widerrist, gedrungene R�ckenpartie, schmale Kruppe und tiefh�ngender Schweif.</p><p>�Salzstra�e?�, fragte sie stirnrunzelnd. Sie hatte sich gerade nach der ihr unbekannten Pferderasse erkundigen wollen, als Magister Ados Bemerkung sie davon abbrachte.</p><p>�Diese Stra�e f�hrt nach Ticinum Papia, einer Stadt weiter im Norden, jenseits der H�henz�ge hier. Die H�ndler schaffen Waren wie Wolle, Wein und Oliven zum Hafen an der See. Auf dem R�ckweg bringen sie Salz nach Ticinum Papia. Deshalb nennen wir sie Salzstra�e.�</p><p>�Und wollen auch wir nach diesem Ticinum Papia?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Wir werden die Nacht in einer kleinen Ortschaft verbringen, bei der die Salzstra�e geradenwegs durch die Berge nach Norden abzweigt. Unser Weg hingegen f�hrt durch ein Tal, das Tal der Trebbia hei�t es, und bringt uns direkt zur Abtei Bobium.�</p><p>Fidelma hatte die Landschaft, durch die sie ritten, mit lebhaftem Interesse wahrgenommen. In mancher Hinsicht erinnerte sie sie an ihre Heimat. Die Berge waren keine hochaufragenden Felszacken, ihre K�mme zogen sich in sanften Kurven dahin und erhoben sich zu H�hen, die ihr vertraut waren. Die unteren H�nge waren mit dichten W�ldern bestanden. Sie erkannte Buche, Eberesche und Mehlbeerbaum. Auch die Farnkr�uter und Adlerfarne riefen Erinnerungen wach. Mit etwas Phantasie konnte sie sich einbilden, sie w�re zu Hause. Und doch war der Gesamteindruck irgendwie anders � wahrscheinlich lag es an der fetten, r�tlich-braunen Erde.</p><p>Ab und an machte sie Turmfalken und Sperber aus, die hoch oben am Himmel kreisten. Aus den dichten Waldungen h�rte sie Vogelgezwitscher, mal hier, mal da, das sie aber keinem Vogel zuordnen konnte. Vielleicht sp�rte sie gerade dadurch, dass sie sich in der Fremde befand. Dann fiel ihre eine Eiche auf, eine Eiche war es, ja, doch die Bl�tter waren anders geformt.</p><p>Ihre Begleiter Magister Ado, Schwester Gisa und auch Bruder Faro hatten ein offenes Ohr f�r ihre Fragen �ber die Beschaffenheit der Berge, der Pflanzen-und Tierwelt und antworteten freundlich und geduldig. Schlie�lich wies Bruder Faro auf einen Berg, der sich links von ihnen in einiger Entfernung �ber alle anderen erhob.</p><p>�Das ist der Monte Antola. Heute Abend werden wir noch diesseits von ihm rasten, dann verlassen wir die Salzstra�e und ziehen morgen weiter ins Tal der Trebbia nach S�den. Unsere Abtei liegt hoch oben auf dem Steilufer der Trebbia.�</p><p>�Die Trebbia entspringt dort hinten bei dem Monte Perla�, erg�nzte Magister Ado, �und flie�t dann die ganze Strecke bis zu dem riesigen Strom, den wir den Padanus nennen. Aber das ist noch ein ganzes St�ck weiter n�rdlich von Bobium.�</p><p>Je weiter sie ritten, desto mehr gewann Fidelma den Eindruck, dass die Berge doch betr�chtlich h�her aufragten, als sie es von Irland gew�hnt war.</p><p>�M�ssen wir bis �ber die Berge?�, fragte sie besorgt angesichts der schroffen H�henz�ge.</p><p>�Es gibt einen Pass�, versicherte ihr Bruder Faro, �und haben wir erst mal den erreicht, bleiben wir dort auch �ber Nacht.�</p><p>Tats�chlich fanden sie auf der Passh�he eine kleine Herberge, die Unterkunft f�r Durchreisende bot. Sie waren nicht die Einzigen; auch einige Kaufleute, die s�dw�rts zogen, rasteten dort. In einer warmen Ecke machten sie es sich gem�tlich und tauschten sich �ber ihre Heimatl�nder aus. Magister Ado konnte gar nicht genug erfahren �ber das Land, aus dem Columbanus gekommen war, und Fidelma erfuhr manches �ber die Herkunft ihrer Weggef�hrten.</p><p>Schwester Gisa geh�rte zu den Langobarden, sie war im Trebbia-Tal aufgewachsen. Wie Fidelma bereits bemerkt hatte, war die Schwester nicht nur ausgesprochen h�bsch, sondern auch klug. Wann immer sie sich zu einer Frage �u�erte, tat sie das wohl�berlegt. Fidelma sch�tzte sie nicht �lter als einundzwanzig oder zweiundzwanzig. Sie war nach Bobium gekommen, um unter Magister Ado die Rechenkunst zu erlernen. Bruder Faro war erst seit zwei Jahren in der Abtei, aber abgesehen davon, dass er von irgendwo im Norden stammte, erfuhr Fidelma wenig �ber ihn.</p><p>�Ist Bobium ein <emphasis>conhospitae</emphasis> � ein gemischtes Haus?� Fidelma erkundigte sich danach, weil sie geh�rt hatte, dass immer noch fromme Br�der und Schwestern aus ihrer Heimat kamen, um in der Abtei zu leben.</p><p>�Nein�, erwiderte Magister Ado ohne Umschweife. �Ist es auch nie gewesen. Bis vor zwanzig Jahren wurde unsere Abtei nach der Regel gef�hrt, die unser Gr�nder Columbanus festgesetzt hatte. Dann entschied sich Abt Bobolen mit Zustimmung der ganzen Bruderschaft, die <emphasis>Regula Benedicti</emphasis> zu �bernehmen.�</p><p>�Die Benediktinerregel?� Fidelma wusste genug von den Zwistigkeiten, die diese Regel zwischen den Abteien in ihrem Heimatland verursachte. �Ihr habt die Regel eures Gr�ndervaters aufgegeben?�</p><p>�Wir m�ssen mit der Zeit gehen�, entgegnete Magister Ado. �Die Regel des Columbanus war sehr harsch, es war unumg�nglich, sich auf Kompromisse einlassen.� Er bemerkte, wie verwirrt sie dreinschaute. �Das scheint dich zu verwundern. Es war aber so, dass sich viele nicht mit der strengen Disziplin und den harten Strafen abfinden wollten, die Columbanus eingef�hrt hatte. Wenn zum Beispiel ein Mitglied der Abtei fr�hmorgens nicht die Zeit fand, sich zu rasieren, und unrasiert zur Messe erschien, wurde er mit sechs Gei�elhieben bestraft.�</p><p>�Aber das ist nicht die Art, nach der kl�sterliche Gemeinschaften in Irland leben�, protestierte Fidelma. �Wie konnte dergleichen zur Regel von Colm B�n geh�ren?�</p><p>�Wie auch immer, wir haben sie zugunsten der des Benedikt aufgegeben.� Er sah sie nachdenklich an und f�gte hinzu: �Einige der Br�der, die aus Hibernia zu uns gekommen sind, waren ebenfalls sehr erstaunt, als sie h�rten, mit welcher H�rte die Regel des Columbanus durchgesetzt wurde.�</p><p>�Das kann ich mir gut vorstellen. Diese Regel hat nichts mit den Grunds�tzen zu tun, die in unseren Abteien gelten. Das klingt eher nach den Bu�gesetzen, die einige nun auch unserem Land aufzwingen wollen. Meinst du, Colm B�n war bestrebt, die r�mischen P�nitenzvorschriften einzuf�hren?�</p><p>Schwester Gisa versuchte die Dinge zu erkl�ren. �Ich habe geh�rt, Columbanus stand vor dem Problem, Zucht und Ordnung unter seinen Anh�ngern herzustellen, die aus den L�ndern der Franken und Langobarden stammten. Dazu war eine starke Hand n�tig, und deshalb hat er wohl strengere Regeln aufgestellt, als sie in seinem Land �blich waren.�</p><p>�Wenn die Abtei sich nun nach der <emphasis>Regula Benedicti</emphasis> richtet, wie du sagst, bedeutet das, dass in der Abtei die Geschlechter voneinander getrennt sind?�</p><p>Magister Ado best�tigte ihre Frage mit einem Kopfnicken. �Es gibt ein Haus f�r die Frauen au�erhalb der Hauptgeb�ude der Abtei. Aber w�hrend der Arbeit und zum Gottesdienst bestehen wir nicht auf der strikten Trennung von Br�dern und Schwestern. Auch kommen die Nonnen vor der Andacht regelm��ig zu uns zur Abendmahlzeit. Nicht wenige meinen, wir sollten ein <emphasis>conhospitae</emphasis> sein, also ein gemischtes Haus, wie es in deinem Land �blich ist.�</p><p>�Unterst�tzt euer gegenw�rtiger Abt die Trennung der Geschlechter?�</p><p>�Er geh�rt zu den Asketen, die sich dem Z�libat verschrieben haben�, warf Schwester Gisa ein, presste aber sofort die Lippen zusammen, als h�tte sie es lieber nicht sagen sollen.</p><p>�Abt Servillius und ich sind seit langem Freunde �, stellte Magister Ado klar und warf der jungen Schwester einen tadelnden Blick zu. �Wir haben uns kennengelernt, als wir noch junge M�nner waren. Er entstammt einer alten Patrizierfamilie Roms und ist sehr stolz darauf. Er ist ein standhafter Verteidiger des Z�libats und erinnert uns oft daran, dass es diesen alten Brauch schon bei den Priestern des Bacchus in Rom gab. Ihn zu befolgen, hie�e, sicherer zur Erf�llung unserer Glaubensgrunds�tze zu gelangen.�</p><p>�Eine Auffassung, die in Rom immer st�rker um sich greift�, best�tigte Fidelma. �F�hrt das in Bobium zu Spannungen?�</p><p>�Nein, nicht innerhalb der Abtei, denn alle Br�der sind darin eines Sinnes�, erwiderte Magister Ado rasch. �Anl�sse zu Spannungen werden meist von drau�en hereingetragen.�</p><p>�Spielst du auf die Anh�nger des Arius an?� Fidelma bemerkte die beklommenen Blicke, die Bruder Faro und Schwester Gisa wechselten.</p><p>�Grund zur Besorgnis gibt es deswegen keinen�, erwiderte Magister Ado. �Aber falls du denkst, der �berfall auf mich h�tte etwas mit ihnen zu tun, nun ja, vielleicht war es ein Akt der Vergeltung, weil ich gegen die lasterhaften Bisch�fe und Adligen hier gewettert habe. Die geben vor, sie seien Anh�nger des Arius. Sie nutzen das Banner des Arius und rechtfertigen damit ihre �bergriffe auf die kl�sterlichen Gemeinschaften.�</p><p>�Und das soll kein Grund zur Besorgnis sein? Wie du mir erz�hlt hast, warst du in Genua kaum an Land gegangen, als du �berfallen wurdest. Wie lange bist du unterwegs gewesen?�</p><p>Er schaute sie forschend an. �Du bist beharrlich mit deinen Fragen, Fidelma.�</p><p>�Das liegt an meiner Ausbildung. Ich bitte um Verzeihung, wenn meine Frage irgendwie ungeh�rig war.�</p><p>Der betagte Geistliche schien sich zu entspannen und l�chelte. �Schon gut. Ich war blo� ein paar Wochen fort, habe die Reise nur unternommen, um eine alte Handschrift aus dem <emphasis>scriptorium</emphasis> der Abtei Tolosa zu erwerben. Doch jetzt sind wir beinahe zu Hause. Morgen reiten wir ins Trebbia-Tal hinein, und dort haben wir nichts zu bef�rchten.�</p><p>Es erstaunte Fidelma, dass ein Mann, dem man eben erst aufgelauert hatte, so voller Selbstvertrauen war und jede Furcht vor weiteren Gefahren von sich wies.</p><p>Am n�chsten Morgen verlie�en sie die Landstra�e und folgten einem schmaleren Weg �ber die H�gel des Vorgebirges. Bald stiegen sie in ein sich in vielen Windungen hinziehendes Tal hinab, durch das ein wasserreicher Fluss munter dahinstr�mte.</p><p>�Das ist die Trebbia�, erkl�rte Bruder Faro, der nun neben Fidelma ritt. Magister Ado und Schwester Gisa waren ein St�ck vor ihnen. �Der Fluss flie�t auch an Bobium vorbei. Noch eine �bernachtung am Monte L�sima, und am Morgen danach liegt dann der geheiligte Ort vor uns, an dem sich Columbanus mit seinen Anh�ngern niedergelassen hat.�</p><p>Das Tal erinnerte Fidelma wieder stark an die saftig gr�nen T�ler aus ihrer Heimat. Kein Wunder, dass Colm B�n sich gerade f�r diese Umgebung entschieden hatte, als er die Heimstatt f�r seine Gemeinschaft gr�ndete. Vielleicht hatte er sich hier �hnlich zu Hause gef�hlt wie in seinen heimatlichen Gefilden. Auf den sanften H�ngen zu beiden Seiten des Flusses standen Buchen mit ihren leuchtend gr�nen Bl�ttern in vollem Laub, dazwischen erhoben sich massive Erlen mit weitverzweigten Kronen, unter denen wenig wuchs. Ihr dichtes Blattwerk bildete im Sommer einen Schirm, der kaum Licht durchlie�, auf das niedrige Str�ucher angewiesen waren. W�hrend die Buchen meist die h�her gelegenen H�nge bevorzugten, standen unten die robust wirkenden Mehlbeerb�ume. Fuhr eine Brise durch die Bl�tter, zeigten sie oft ihre silbrig-wei�e filzige Unterseite. Wo immer die B�ume weniger dicht standen, wuchsen Adlerfarne und andere Farnkr�uter. Um manche B�ume schlangen sich auch die kr�ftigen St�mme der wilden Klematis. Ihren wei�en und gr�nlichen Bl�ten entstr�mte angenehmer Vanilleduft.</p><p>Bruder Faro sp�rte, mit welchem Interesse Fidelma die ihr neue Umgebung in sich aufnahm. In solchen Momenten gab er seine Zur�ckhaltung auf und suchte das Gespr�ch. �Du erinnerst dich gewiss an das Mahl, das wir gestern Abend vorgesetzt bekamen.� Er wies auf eine Gruppe stattlicher B�ume in Ufern�he. �Das sind Esskastanien. Wir haben von ihren Fr�chten gegessen.�</p><p>Fidelma kannte derartige Baumriesen von ihrer Reise durch die angels�chsischen K�nigreiche. Ein alter weiser Mann hatte ihr erz�hlt, dass die R�mer vor langer, langer Zeit den Baum dort heimisch gemacht hatten.</p><p>�Die sind den B�umen �hnlich, die ich im Lande der Angelsachsen gesehen habe, aber die Fr�chte werden dort nicht reif, man kann sie nicht essen wie hier.�</p><p>Magister Ado und Schwester Gisa hatten haltgemacht und warteten auf sie. Schwester Gisa, die die letzten S�tze ihrer Unterhaltung geh�rt hatte, erg�nzte: �Die N�sse dieser B�ume sind fettreich und sehr schmackhaft. Wir verwenden sie in verschiedenen Gerichten. Man braucht die stachlige Fruchth�lle nur aufzuschlitzen, um an den Kern zu kommen.�</p><p>Magister Ado lie� sich nun zur�ckfallen und ritt neben Bruder Faro, damit die beiden Frauen sich weiter �ber die landes�bliche K�che unterhalten konnten. Schwester Gisa und Bruder Faro ritten auf der Flussseite des Wegs, w�hrend Fidelma und Magister Ado sich auf der Bergseite hielten.</p><p>Vor ihnen bemerkte Fidelma einen Vogel mit spitzen Fl�geln und langem Schwanz; er hatte am Fluss links neben ihnen gestanden und flog pl�tzlich auf. Dabei stie� er kurze, scharfe Schreie aus, ein Turmfalke, wie Fidelma wusste. Wenig sp�ter drangen schrille Rufe aus dem Wald, zwei gro�e dunkle V�gel mit breiten gerundeten Schwingen und kurzen H�lsen stiegen steil aus den Baumkronen auf. M�usebussarde. Das Vogelgeschrei steigerte sich. Die Unruhe unter den V�geln bedeutete Gefahr. Wachsam suchte Fidelma mit den Blicken den dunklen Waldsaum ab. Sie sah einen Schatten neben einem Baum, drehte sich um und rief eine Warnung.</p><p>Offenbar hatte auch Magister Ado den Schatten bemerkt, denn schon hatte er sich tief �ber den Hals des Pferdes gebeugt. Ein Pfeifger�usch zischte an ihnen vorbei, Bruder Faro schrie auf, rutschte vom Pferd und blieb r�cklings liegen. Ein Pfeilschaft ragte aus seiner Schulter, und Blut quoll aus der Wunde. Fidelma erfasste das Geschehen sofort. Magister Ado sa� wieder aufrecht. Er musste wohl gesehen haben, wie der Sch�tze den Bogen spannte, und hatte sich rasch geduckt. Der Pfeil war �ber ihn hinweggeflogen und hatte Bruder Faro getroffen. Schwester Gisa kreischte gellend auf.</p><p>Fidelma sp�hte zum Waldsaum hin�ber. Zwei M�nner mit gespanntem Bogen l�sten sich aus der Deckung und kamen dreist auf sie zu. Was sollte man tun? Wenn sie flohen, mussten sie den Verwundeten den Feinden auf Gedeih und Verderb �berlassen. Abzusteigen und den Bewusstlosen auf das Pferd zu hieven, blieb ihnen keine Zeit. Sich aber nicht vom Fleck r�hren, bedeutete gewiss ihrer aller Tod, unbewaffnet wie sie waren.</p><p>Magister Ado schien seine eigene Rettung im Auge zu haben. Er preschte mit seinem Pferd vor, hatte sie schon �berholt, blieb aber unversehens stehen, denn von vorn erklang der schmetternde Ton eines Jagdhorns. Weitere warnende Hornst��e folgten. Fidelma begriff kaum, was um sie herum geschah, zu schnell ging alles vor sich, und blieb unentschlossen auf ihrem Ross sitzen. Hinter einer Biegung des Talwegs kam in vollem Galopp etwa ein halbes Dutzend Bewaffneter heran. Sie sah eben noch, wie die beiden Bogensch�tzen die Flucht ergriffen und im Dickicht verschwanden.</p><p>Der Anf�hrer des Trupps gab einige Befehle, drei seiner Reiter sa�en ab und st�rmten in das Waldesdickicht, den fliehenden Angreifern hinterher.</p><p>Schwester Gisa war von ihrem Maultier abgestiegen und kniete neben dem auf der Erde liegenden Bruder Faro. Fidelma eilte ihr zu Hilfe. Der Verwundete lag mit offenen Augen und st�hnte leise. Der Pfeil war ins Fettgewebe unter der Haut gedrungen, hatte aber wesentliche Muskeln verfehlt. Trotzdem musste er sofort entfernt und die Wunde versorgt werden. Die Gefahr einer Blutvergiftung, die leicht zum Tod f�hren konnte, war gro�.</p><p>�Halt ihn fest�, wies Fidelma Schwester Gisa an, und Bruder Faro redete sie gut zu: �Es tut mir leid, aber es wird ein bisschen weh tun.�</p><p>Zum Sprechen hatte er nicht die Kraft, er nickte nur. Sie besah sich den Pfeil genau. Der war, ohne von Knochen oder Sehnen gehindert zu werden, ins Fleisch gedrungen und guckte auf der anderen Seite heraus. Die Pfeilspitze war, Gott sei Dank, glatt und ohne Widerhaken. Sie griff zu, brach das befiederte Ende so dicht wie m�glich an der Wunde ab, packte dann die Spitze und zog den Rest des Schafts mit einem Ruck heraus. Bruder Faro schrie auf und wurde ohnm�chtig.</p><p>�Schnell, Schwester, hol Wasser, wir m�ssen die Wunde reinigen.�</p><p>Schwester Gisa holte Wasser aus dem Fluss und brachte etwas aus ihrer Satteltasche mit. Fidelma wusch vorsichtig die Wunde aus, und Schwester Gisa erkl�rte: �Ich habe hier eine Paste aus gesto�enem Knoblauch. Mein Vater hat sie oft verwendet. Wir bestreichen damit die offene Stelle, das hilft bei der Heilung und beugt Entz�ndungen vor.�</p><p>Schweigend nickte Fidelma und lie� ihre Helferin gew�hren und die Verletzung mit Leinwandstreifen verbinden. Bruder Faro kam wieder zu sich. Sie richteten ihn auf, lehnten ihn gegen einen Baumstamm und reichten ihm einen Becher mit Wein, den Schwester Gisa aus ihrem Vorrat hervorzauberte.</p><p>Fidelma lie� die beiden allein und ging zu Magister Ado hin�ber, der angelegentlich mit dem Anf�hrer des Reitertrupps sprach. Es war ein gro�gewachsener schlanker Krieger mit langem blondem Haar und leuchtend blauen Augen, die fast ins Violette changierten.</p><p>Magister Ado machte sie miteinander bekannt. �Das ist Schwester Fidelma aus Hibernia, die mit uns nach Bobium will.�</p><p>�Ich bin Wulfoald, Schwester. Ich stehe bei Radoald, Billos Sohn, dem Seigneur von Trebbia in Diensten. Ich hei�e dich in unserem Land willkommen.� Sein Latein war fehlerlos.</p><p>�Ich habe nicht den Eindruck, dass einen jeder hier willkommen hei�t�, meinte sie sp�ttisch.</p><p>Wulfoald zog die Brauen ver�chtlich hoch und wies auf den Wald, in dem die Angreifer verschwunden waren. �Banditen, Schwester. Wir werden sie zu fassen kriegen und abstrafen.�</p><p>Sie wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, doch Magister Ado wusste das zu verhindern. �Wir k�nnen von Gl�ck sagen, Wulfoald, dass du mit deinen Mannen gerade hier vorbeigekommen bist.�</p><p>Der junge Krieger zuckte die Achseln. �Wir sind unterwegs, um an der Kreuzung zur Salzstra�e von Kaufleuten Waren f�r meinen Seigneur zu �bernehmen. Wir h�rten die Warnrufe der V�gel und einen Aufschrei. Ich lie� meinen J�ger ins Horn blasen, ein Signal f�r jeden, dass Radoalds Krieger im Anmarsch sind. Wie geht es deinem Gef�hrten da?�</p><p>�Bruder Faro?� Magister Ado schien jetzt erst zu bemerken, dass sein junger Begleiter verwundet worden war. Er drehte sich um und stellte beruhigt fest, dass Bruder Faro aufrecht sa� und von Schwester Gisa umsorgt wurde.</p><p>Von der Hangseite ert�nte ein Ruf, die drei Krieger, die den R�ubern hinterhergejagt waren, kamen zur�ck, allerdings ohne Erfolg.</p><p>�Sie sind uns entkommen, Wulfoald�, berichtete einer von ihnen. Sie hatten weiter oben Pferde und waren auf und davon, ehe wir sie umzingeln konnten.�</p><p>�Habt ihr erkennen k�nnen, wer sie waren?�, fragte Wulfoald.</p><p>�Nein. Sie haben schwarze Umh�nge und Kapuzen getragen, die ihre Gesichter verbargen.�</p><p>Schwester Fidelma sah Magister Ado an. �Schwarze Umh�nge und Kapuzen?� Ihre Bemerkung klang wie eine Frage.</p><p>Der Geistliche bewegte kaum merklich den Kopf, aber der Blick war Warnung genug.</p><p>�Banditen, wie gesagt.� Wulfoald wiederholte es mit Nachdruck. �Sei unbesorgt, Schwester. Die verziehen sich und wissen, dass der Arm von Seigneur Radoald lang ist und seine Rache �berraschend schnell sein kann. Die kommen nicht zur�ck. Zur Sicherheit werde ich zwei meiner Leute anweisen, euch bis zu den Mauern von Bobium zu begleiten. Noch besser w�re, ihr nehmt f�r heute Nacht die Gastfreundschaft meines Herrn, Seigneur Radoald, auf seiner Festung an. Unser Arzt, Suidur der Weise, wird sich bestimmt gern um den jungen Klosterbruder k�mmern.�</p><p>Magister Ado dankte ihm �berschw�nglich. Wulfoald erteilte seinen Leuten die entsprechenden Befehle, und Fidelma ging hin�ber zu Bruder Faro. Der junge Mann l�chelte beklommen.</p><p>�Ich sp�re noch einen stechenden Schmerz, aber es ist ertr�glich�, sagte er, als sie nach seinem Befinden fragte. �Ich habe schon Schlimmeres ausgehalten.�</p><p>�Wirst du bis zu Radoalds Festung mitreiten k�nnen?�, erkundigte sich Magister Ado.</p><p>�Ich denke, schon.�</p><p>�Dann sollten wir die Gastfreundschaft von Seigneur Radoald in Anspruch nehmen.� Magister Ado schaute sich gewissenhaft nach allen Richtungen um, als wollte er sich davon �berzeugen, dass die Angreifer tats�chlich verschwunden waren. �Sobald du dich kr�ftig genug f�hlst, setzen wir uns in Trab.�</p><p>�Schwarze Umh�nge und Kapuzen?�, �berlegte Fidelma noch einmal leise. �Meinst du nicht, dass die Kerle, die dich in Genua angegriffen haben, genau die sind, die dich soeben ermorden wollten?�</p><p>�Aus ihrem �u�eren muss man das nicht zwangsl�ufig. folgern�, wehrte Magister Ado ab. �Viele Leute tragen hier schwarze Umh�nge und Kapuzen.�</p><p>�Aber doch wohl nicht im Sommer�, bemerkte Fidelma knapp und schaute hoch zum wolkenlosen blauen Himmel.</p><p>�Die N�chte jedenfalls sind ziemlich kalt�, erwiderte er sarkastisch und wandte sich Wulfoald zu, der mit seinen Kriegern auf sie wartete.</p><p>�Ich habe zwei meiner Leute angewiesen, euch bis zur Festung von Radoald zu begleiten�, rief er ihnen zu und zeigte auf die beiden M�nner. �Wir m�ssen jetzt weiterziehen, wir d�rfen die Kaufleute an der Salzstra�e nicht verfehlen.�</p><p>�Dann bleibt uns nichts weiter zu tun, als euch nochmals f�r eure rechtzeitige Hilfe zu danken. Nehmt unseren Dank und unseren Segen.�</p><p>Wulfoald schwang sich auf sein Pferd. Einen Moment lang dachte Fidelma, er h�tte die Pferde verwechselt, denn sein fahler Grauer sah Bruder Faros Ross zum Verwechseln �hnlich. Er gab ein Handzeichen, und bald war der Kriegertrupp ihren Blicken entschwunden.</p><p>Unterst�tzt von der besorgt dreinschauenden Schwester Gisa kam Bruder Faro auf die Beine. �Ich bin bereit, Magister, sag, wann es losgehen soll.�</p><p>Sobald alle wieder im Sattel sa�en, gesellte sich Fidelma zu Magister Ado, w�hrend Schwester Gisa an Bruder Faros Seite blieb. Hinter ihnen ritten die beiden schweigsamen Krieger. Sie schienen sich auf ihren Beruf zu verstehen, sooft sich Fidelma auch nach ihnen umdrehte, immer suchten sie mit wachsamen Augen die n�here und weitere Umgebung nach m�glichen Gefahren ab.</p><p>Magister Ado mochte �ber den �berfall nicht weiter reden, und Fidelma wagte es nur noch einmal, darauf anzuspielen, ob die Schurken vom Vortag und jetzt nicht doch identisch sein k�nnten.</p><p>�Du musst diese Anh�nger des Arius bis ins Mark getroffen haben, wenn sie wiederholt Anschl�ge auf dein Leben ver�ben.�</p><p>�Du scheinst sicher zu sein, dass der �berfall vorhin von denselben Kerlen ver�bt wurde wie in Genua�, erwiderte er steif. �Im Lande gibt es genug Banditen, besonders in der N�he der Handelsstra�en, da w�rde ich mit solchen Anschuldigungen sehr vorsichtig sein.�</p><p>Sie merkte, es war nutzlos, ihn weiter zu bedr�ngen. Aus irgendeinem Grund war er nicht bereit anzunehmen, was sich ihr als logische Schlussfolgerung bot. Daher versuchte sie, sich dem Problem auf andere Weise zu n�hern.</p><p>�Wie kommt es, dass die Leute hier so unersch�tterlich f�r die Lehren des Arius einstehen?�</p><p>Magister Ado schaute sie misstrauisch an und zuckte dann die Achseln. �Als die Auffassungen des Arius in Konstantinopel Fu� zu fassen begannen, ist ein Gote namens Ulfilas, der mit den Ansichten des Arius zum Christentum bekehrt wurde, als Missionar unter den germanischen V�lkerschaften umhergezogen. Seine Lehren verbreiteten sich unter den Goten, Vandalen, Westgoten, Burgunden und Langobarden. Die meisten �bernahmen diese Form des Glaubens und bek�mpften diejenigen, die, wie wir, sich ans Nic�nische Glaubensbekenntnis hielten.�</p><p>�Und sie sind bei der Auffassung des Arius geblieben, trotz aller Versuche, sie eines anderen zu belehren?�</p><p>Magister Ado seufzte tief und schmerzlich. �Mein Volk, die Langobarden, ist jahrhundertelang den Deutungen von Arius gefolgt.� Er hielt inne. �Lass es mich dir erkl�ren. Vor �ber drei Jahrhunderten wurde Arius in Alexandria wegen seiner Lehre angeklagt. Kaiser Konstantin berief ein Konzil nach Nic�a ein, um die anstehende Frage zu er�rtern. Arius vertrat die Ansicht, Christus sei zwar g�ttlicher Natur, wurde aber zur Errettung der Menschheit in die Welt gesandt. Denn Er und der Heilige Geist seien nicht wesensgleich mit Gottvater, der sie erschaffen haben muss, denn Gott hat alles erschaffen. Die Auseinandersetzungen in Nic�a waren heftig und zogen sich hin. Am Ende wurde Arius mitsamt seiner Lehre verdammt. Die Versammlung der Bisch�fe einigte sich auf ein Glaubensbekenntnis, das fortan als verbindlich galt. Der Zentralgedanke war: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind eines Wesens; sie sind eine Einheit, sind eine Dreifaltigkeit. Christus ist nicht weniger als Gott.�</p><p>�Nachdem sich das Konzil zu Nic�a darauf geeinigt hatte, was geschah dann?�</p><p>�Konstantin, der Kaiser, verbannte alle diejenigen, die sich weigerten, sich an die getroffene Entscheidung zu halten, und auch alle diejenigen, die es ablehnten, Arius und seine Anh�nger zu verdammen. Er befahl, s�mtliche Abschriften der <emphasis>Thalia</emphasis> zu verbrennen.�</p><p>�<emphasis>Thalia</emphasis> � was ist darunter zu verstehen?�</p><p>�Das ist das Buch, in dem Arius seine Lehrmeinung dargelegt hatte. Das Wort bedeutet nichts weiter als �Festlichkeit�.�</p><p>�Damit h�tte der Streit beendet sein m�ssen.�</p><p>�So war es aber nicht. Ein anderer Kaiser, Constantius, der zweite seines Namens, wurde ein Anh�nger des Arius und nutzte seine Macht, die nic�nischen Bisch�fe zu vertreiben, er verbannte sogar Papst Liberius und setzte statt seiner den Arianer Felix auf den Heiligen Stuhl.</p><p>Als Constantius starb, wandte sich Kaiser Julian Apostata wieder der heidnischen G�tterverehrung zu. Er erkl�rte, jedermann habe das Recht zu glauben, was er will. Demnach war es den verschiedenen Sekten freigestellt, ihren eigenen Vorstellungen zu folgen. Dann schlie�lich kamen nach einigen Jahrzehnten Kaiser Theodosius und seine Gattin Flacilla an die Macht. Beide entschieden sich f�r das Nic�nische Glaubensbekenntnis. Sie vertrieben alle arianischen Bisch�fe und gaben ein Edikt heraus, demzufolge jeder Untertan des R�mischen Reichs sich zum Nic�nischen Glaubensbekenntnis der Bisch�fe von Rom und Alexandrien zu bekennen und Treue zu schw�ren hatte. Wer sich dem verweigerte, wurde harter Bestrafung unterworfen.�</p><p>Fidelma war entsetzt. �Das klingt ja, als h�tte sich der Neue Glaube zu einem Instrument politischer Macht entwickelt, anstatt geistliches Bed�rfnis, moralisches Verhalten und verstandesgem��es Denken der Menschen zu bef�rdern.�</p><p>Magister Ado schnaufte ver�chtlich. �Mitunter m�ssen die Menschen auf den rechten Weg gebracht werden.�</p><p>�Aber doch wohl nicht mit Gewalt?�</p><p>�Ach, komm.� Magister Ado lachte auf. �Du bist doch Anw�ltin in deinem Land. Schreiben die Gesetze nicht jedermann vor, wie er sich zu benehmen hat? Und wer sich nicht f�gt, wird der nicht bestraft? Bedeutet das etwa nicht, dass man die Menschen zwingt, sich moralischen Vorstellungen unterzuordnen? Was n�tzt es, Menschen zu Spiritualit�t und Moral zu ermahnen, wenn sie sich in ihrer Raffgier �ber alles hinwegsetzen?�</p><p>Unrecht hatte der alte Gelehrte nicht, musste Fidelma zugeben, und doch war f�r sie ein solcher Standpunkt moralisch durchaus bedenklich. Sie hielt es f�r kl�ger, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Schlie�lich war der Mann zweimal �berfallen worden � allem Anschein nach, weil er seine Glaubensvorstellungen unbeugsam verfocht. In theologische Streitfragen sollte sie sich besser nicht einmischen, war sie doch eine Fremde in einem fremden Land. Ihr vorrangiges Anliegen war, ihren ehemaligen Mentor, Bruder Ruad�n, zu besuchen und ihm Trost auf seinem Krankenlager zu spenden.</p><p>Insgeheim glaubte sie schon zu verstehen, warum Arius die Ansicht vertrat, es g�be nur einen von Ewigkeit zu Ewigkeit waltenden Gott, und dass Christus, der eingeborene Sohn, von Gott erschaffen sein musste. Und sagte nicht Christus im Evangelium des Johannes, sein Vater sei gr��er als er? Sie war hin und her gerissen. In ihrer eigenen Kultur waren die alten G�tter und G�ttinnen stets als dreieinige Gottheiten angesehen worden, jedes g�ttliche Wesen hatte drei Verk�rperungen und drei leibliche Erscheinungsformen. Das Nic�nische Glaubensbekenntnis war leichter mit den theologischen Ansichten ihres Volkes in �bereinstimmung zu bringen als der Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott. Sie w�rde sich nach einer Abschrift des Werks des Arius, der <emphasis>Thalia,</emphasis> umtun m�ssen, um seine philosophische Haltung besser zu verstehen. In solche Gedanken versponnen, ritt sie eine Weile schweigend dahin.</p><p>Ohne weitere Zwischenf�lle folgten sie dem Weg am Fluss entlang durch das sch�ne Tal. Ab und an machten sie Rast, um die Pferde und den Maulesel zu tr�nken und selber von dem glasklaren Wasser zu trinken oder von den Beeren zu kosten, die Schwester Gisa pfl�ckte. Hin und wieder sah sie auch nach Bruder Faros Wunde. Zwar war es nur eine Fleischwunde, doch eine von einem Pfeil verursachte Verletzung konnte gef�hrlich werden.</p><p>Die beiden sie begleitenden Krieger waren nicht gerade redselig, auch sprachen sie nur in der harschen Mundart der Langobarden, ihr Latein war d�rftig. Die bange Sorge, bedroht zu sein, hatte sich im hellen Sonnenschein verfl�chtigt. Bei dem beruhigenden Pl�tschern des rastlos dahinstr�menden Flusses und begleitet von den sanften Vogelrufen aus der herrlich gr�nen Umgebung glaubte Fidelma, sich in idyllischer Landschaft zu befinden.</p><p>Kurz nach Mittag gebot Magister Ado allen Halt. Den beiden Kriegern gelang es mit erstaunlicher Geschicklichkeit, Fische zu fangen. Rasch war ein Feuer entfacht, und die Fische wurden �ber der Glut gegart. Inzwischen hatte Schwester Gisa Fr�chte von B�schen und B�umen gesammelt. Man lagerte sich zum Imbiss an der Uferb�schung, und w�hrend sich Fidelma im Sonnenschein ausruhte, �berkam sie das Gef�hl, hunderte Meilen von jeder menschlichen Siedlung entfernt zu sein und erst recht von jeder Gefahr. Sie versp�rte Lust, in erholsamen Schlaf zu sinken.</p><p>Hundegebell schreckte sie auf. Ein kastenf�rmig gestaltetes Tier mit Drahthaarfell brach aus dem Unterholz. Sein Gesichtsausdruck war fast komisch, buschige Brauen �berschatteten die Augen, und der Schnauzbart verdeckte fast die kr�ftigen Kiefer. Es blieb stehen, schaute sich um und trottete dann, Schwanz wedelnd, zu Schwester Gisa hin. Nerv�s fuhr Bruder Faro hoch.</p><p>�Vorsicht, das ist ein Jagdhund�, warnte er.</p><p>Das M�dchen t�tschelte dem Tier den Kopf, es schien von Natur aus gutm�tig zu sein.</p><p>Die beiden Krieger waren aufgesprungen, mit der Hand sofort am Schwertgriff. Der kleine Hund lie� sich von Gisa noch eine Weile streicheln, japste freundlich, schnaubte und trottete davon.</p><p>Fidelma schien die Einzige zu sein, die begriff, weshalb der Hund Bruder Faro und die beiden Krieger beunruhigte.</p><p>�Glaubst du, hier ist eine Jagdgesellschaft ist in der N�he?�, fragte sie Bruder Faro.</p><p>Noch ehe er antworten konnte, h�rte sie Pferdegetrappel und Rufe aus M�nnerkehlen. Unmittelbar darauf tauchten die ersten Reiter zwischen den B�umen auf und blieben wie angewurzelt stehen, als sie die am Ufer rastende Gruppe erblickten. Sie f�hrten ein Maultier am Zaum, dem ein erlegter Rothirsch aufgeladen war, allem Anschein nach die Jagdbeute des Tages.</p><p>Einer von Wulfoalds Kriegern ging ihnen entgegen und rief sie in seiner Sprache an. Ein kurzer Wortwechsel, und Fidelmas Gef�hrten entspannten sich sichtlich. Ein junger Mann in reich bestickter Jagdkleidung und einem kurzen Umhang glitt von seinem wei�en Hengst. Er hatte angenehme Gesichtsz�ge, war glatt rasiert und trug sein korngelbes Haar sorgsam geschnitten. Die Augen waren hellblau. Freudig l�chelnd ging er mit ausgestreckten H�nden auf Magister Ado zu.</p><p>�Ich hei�e dich willkommen, Magister Ado. Du bist von langer Reise zur�ck. Wie sch�n, dich wieder in unserem friedlichen Tal zu begr��en.�</p><p>Er bediente sich eines umgangssprachlichen Lateins, �u�erte sich aber sicher und gewandt, wie jemand, der gebildet und zu befehlen gewohnt ist.</p><p>�Das ist sehr freundlich von dir, Seigneur Radoald�, erwiderte der �ltliche Geistliche.</p><p>Ein Blick aus den hellblauen Augen streifte Bruder Faro und Schwester Gisa. �Ah, wen sehe ich da � Schwester Gisa und Bruder Faro? Seid beide herzlich willkommen.� Der junge Mann runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass Bruder Faros Arm und Schulter bandagiert waren. �Irgendetwas stimmt nicht mit euch. Was f�r ein Unheil ist dir zugesto�en, mein Freund?�</p><p>Magister Ado erkl�rte, was vorgefallen war.</p><p>�Dass Banditen ihr Unwesen in diesem Tal treiben, ist ungew�hnlich�, sagte der junge Seigneur nachdenklich. �In der Regel �berfallen sie wohlhabende Kaufleute auf der alten Salzstra�e. Ins Trebbia-Tal kommen sie eigentlich nie, denn Kaufleute, auf die sie es abgesehen haben, ziehen kaum hier entlang, au�erdem h�tten sie meine Krieger zu f�rchten.�</p><p>Bruder Faro versicherte ihm, die Wunde sei nur oberfl�chlich und w�rde bald heilen. Fidelma wartete, ob Magister Ado weitere Einzelheiten schildern oder erw�hnen w�rde, dass man ihn bereits in Genua �berfallen hatte. Doch er schien gewillt, die Sache auf sich beruhen zu lassen. �Wir hatten Gl�ck, dass Wulfoald und seine Leute gerade in dem Augenblick dazukamen, als wir angegriffen wurden. Er hat diese beiden Bewaffneten beauftragt, uns bis zu deiner Festung zu geleiten, und hat gemeint, wir sollten f�r eine Nacht um deine Gastfreundschaft bitten.�</p><p>�Gastfreundschaft? Selbstverst�ndlich.� Sein Blick ruhte auf Fidelma. �Haben wir einen Neuank�mmling in unserem Tal zu begr��en?�, fragte er.</p><p>�Das ist Schwester Fidelma aus Hibernia�, stellte Magister Ado sie vor. �Und das ist Radoald, Seigneur von Trebbia.�</p><p>�Fidelma aus Hibernia?� Der junge Mann betrachtete sie aufmerksam. �Feuerrotes Haar, helle Haut und seltsam gr�ne Augen hast du, all das habe ich auch bei anderen bemerkt, die aus Hibernia kamen. Aus deiner Heimat haben sich viele der Abtei hier angeschlossen. Gedenkst du, bei uns in unserem kleinen Tal zu bleiben?�</p><p>�Ich komme nur zu Besuch�, antwortete ihm Fidelma.</p><p>�Fidelma ist eine Prinzessin in Hibernia�, tat Schwester Gisa eilfertig kund. �Und nicht nur das, sie ist eine ber�hmte Pers�nlichkeit.�</p><p>Der junge Seigneur wandte sich Schwester Gisa zu und fragte l�chelnd: �Eine Prinzessin? Und ber�hmt au�erdem? Ber�hmt � weswegen?�</p><p>�Schwester Gisa �bertreibt�, warf Fidelma ein.</p><p>�Nein, das tue ich gar nicht. Schwester Fidelma ist in ihrem Heimatland Anw�ltin und ist erst vor kurzem vom Heiligen Vater und seinem <emphasis>nomenclator</emphasis> hoch gelobt worden. Sie hat einen geheimnisvollen Mord an einem fremdl�ndischen Erzbischof aufgekl�rt, der sich im Lateranpalast ereignete.�</p><p>Radoald hob anerkennend die Augenbrauen und richtete seine n�chste Frage an Fidelma. �Ist dem so? Ist dir das tats�chlich gelungen?�</p><p>Fidelma zuckte mit den Achseln, ihr war es peinlich, von der jungen Schwester so ger�hmt zu werden. �Dass ich in der Angelegenheit n�tzlich sein konnte, will ich gern gestehen.�</p><p>�Siehe da, und so bescheiden.� Der junge Mann tauschte bedeutungsvolle Blicke mit Schwester Gisa, der sehr viel daran lag, den Seigneur von Trebbia wissen zu lassen, wer der neue Gast war. Fidelma glaubte zu sp�ren, dass es zwischen den beiden ein geheimes Einverst�ndnis gab. Vielleicht war sie aber auch zu empfindsam. Wo immer sie konnte, vermied sie es, �ber ihre bisherigen Erfolge als <emphasis>d�laigh,</emphasis> Anw�ltin bei den Gerichten ihres Landes, oder ihren Rang als K�nigstochter zu sprechen. Sie hatte ihre Ausbildung mit dem Grad eines <emphasis>anruth</emphasis> abgeschlossen, der zweith�chsten Auszeichnung, die die Hohen Schulen verleihen konnten. Gutgelaunt fuhr der junge Seigneur fort: �Nur haben wir hier keine geheimnisvollen Morde, um deren Aufkl�rung ich dich bitten m�sste. Doch gestatte mir, eine Prinzessin aus Hibernia in meinem bescheidenen Tal willkommen zu hei�en.�</p><p>�Es ist mir ein Vergn�gen, hier sein zu d�rfen�, erwiderte Fidelma, wie es die Sitte erforderte.</p><p>Radoald wandte sich allen zu und breitete die Arme aus. �Seid mir willkommen, meine Freunde, mein Dach soll heute Nacht auch euer Dach sein.�</p><p>Seine Begleiter waren bereits abgestiegen und hatten ihre Pferde zur Tr�nke an den Fluss gef�hrt. �Wir waren auf der Pirsch, um den Braten f�r unser Festgelage heute Abend zu erjagen. Ein pr�chtiger Hirsch ist unsere Beute. Bevor wir nach Hause zur�ckkehren, wollten wir Abk�hlung am Fluss suchen. Zieht jetzt mit uns, betrachtet meine Festung f�r diese Nacht als euer Heim.�</p></section><section><title><p>KAPITEL 3</p></title><p>�Erz�hl uns von deiner Reise nach Tolosa, Magister Ado�, forderte ihn Radoald auf, nachdem er seinen Durst aus einem Schlauch aus Ziegenleder gestillt hatte, den ihm einer seiner Krieger im Fluss mit Wasser gef�llt hatte.</p><p>Fidelma, die neben ihm stand, sah Argwohn in den Augen des alten Mannes aufblitzen. �Woher wei�t du, dass ich in Tolosa war?�, fragte er entgegen seiner sonstigen Art auffallend scharf.</p><p>Radoald st�rte sich nicht an seinem Ton. �Bei den wenigen Menschen in unserem Tal machen Neuigkeiten rasch die Runde.�</p><p>Magister Ado zog die Stirn in Falten. �Dann ist dir gewiss auch bekannt, dass ich im Kloster des heiligen M�rtyrers Saturnin war, um nach einem Manuskript Ausschau zu halten. Es war eine ereignislose Reise, doch <emphasis>Deo gratias</emphasis> eine kurze.�</p><p>�Ja, ich habe mich schon �ber deinen kurzen Aufenthalt dort gewundert. Ein langer Weg, um sich so rasch wieder auf den Heimweg zu machen. Du kannst kaum l�nger als ein paar Tage fort gewesen sein.�</p><p>�Du bist gut informiert, Seigneur Radoald.�</p><p>�Man tut, was man kann, besonders in dieser unruhigen Zeit. Ist dir unterwegs etwas Ungew�hnliches aufgefallen?�</p><p>Fidelma verfolgte das Gespr�ch mit spitzen Ohren, war aber bem�ht, gleichg�ltig zu wirken.</p><p>�Ungew�hnliches?�</p><p>�Es gehen Ger�chte um, dass die Franken etwas gegen uns im Schilde f�hren. Auch h�rt man, dass ihre Heeresmacht, die zu Perctarit h�lt, in unser Land einzur�cken gedenkt.�</p><p>�Mir ist nichts dergleichen aufgefallen.�</p><p>�Dabei hei�t es, Tolosa sei eine heimgesuchte Stadt, leide unter der Pest, seine Bewohner w�rden fluchtartig den Ort verlassen, und selbst die gro�e Basilika drohe zu verfallen.�</p><p>�Davon kann keine Rede sein. Ich habe mich mehrere Tage dort aufgehalten und konnte sogar des Buches, um das es mir ging, habhaft werden, <emphasis>Das Leben des heiligen M�rtyrers Saturnin,</emphasis> das ich nun unserer ehrw�rdigen Bibliothek in Bobium �berbringe.�</p><p>�Das nenne ich eine gute Nachricht.� Radoald blickte in die Runde und vergewisserte sich, ob seine Leute die Pferde getr�nkt hatten, tat so, als h�tte er die Fragen mehr beil�ufig gestellt. Fidelma jedoch hatte den Eindruck, dass es mit seinen Erkundungen eine besondere Bewandtnis hatte.</p><p>�Wer ist Perctarit?�, fragte sie deshalb.</p><p>�Er war einst K�nig der Langobarden, ein grausamer und despotischer Herrscher, der schlie�lich gest�rzt wurde und Zuflucht im Land der Franken fand.� Radoald hatte sich zu ihr umgedreht und sprach mit ernster Stimme, k�mpfte mit aufwallendem Zorn, wirkte aber bald wieder entspannt. �Ich denke, wir sollten aufbrechen.�</p><p>�Ist deine Festung weit von hier?�, fragte sie.</p><p>�Wir d�rften sie vor Sonnenuntergang erreichen.�</p><p>�Und Bobium? Liegt das in der N�he?�</p><p>�Etwa einen halben Tagesritt entfernt, viel l�nger d�rfte es nicht dauern. Bobium ist bei uns in den Bergen hier ein Pfeiler des wahren Glaubens. Ich kann mir gut vorstellen, dass dich viele Fragen �ber dieses Land bewegen, Fidelma von Hibernia, aber lass uns erst weiterziehen. Auf meiner Burg k�nnen wir die Fr�chte unserer Jagd genie�en, uns an unserem Wein delektieren und unser Gespr�ch fortf�hren. Je fr�her wir dort sind, desto eher kann sich auch mein Arzt um Bruder Faro k�mmern, wenngleich ich glaube, die kleine Gisa ist f�rsorglich um ihn bedacht.�</p><p>Fidelma folgte seinem Blick. Schwester Gisa sa� neben Bruder Faro, beide im Gespr�ch vertieft. So, wie er von ihr sprach, schien er Gisa gut zu kennen. Lag es daran, dass in diesem kleinen Tal keiner dem anderen fremd war?</p><p>Der junge Seigneur von Trebbia klatschte in die H�nde und rief zum Aufbruch. Nicht lange, und jedermann war aufgesessen, und der Trupp setzte sich in Bewegung. Radoald forderte Fidelma auf, neben ihm zu reiten. Sie begriff rasch, dass ihm daran lag, ihr Fragen stellen zu k�nnen, ohne weitere Mith�rer zu haben.</p><p>�Kennst du Magister Ado schon lange?�, wollte er als Erstes wissen.</p><p>�Seit unserer gemeinsamen Reise, also kaum ein paar Tage, von Kennen kann da keine Rede sein. Wir sind uns in Genua begegnet.�</p><p>Sie sp�rte, dass der junge Lord sie kurz anblickte. �Du hattest aber schon vorher von ihm geh�rt, oder?�</p><p>�Ich bin hier fremd�, erwiderte sie gleichm�tig. �Es ist, wie Schwester Gisa gesagt hat, ich war auf dem Heimweg von Rom, als wir Schiffbruch erlitten. Ich verbrachte notgedrungen ein paar Tage in Genua auf der Suche nach einer anderen Schiffspassage, und da lernte ich zuf�llig Magister Ado kennen.� Sie unterlie� es, die n�heren Umst�nde ihrer Begegnung zu nennen. �Er erz�hlte mir von der Abtei Bobium und erw�hnte, dass Bruder Ruad�n ein Mitglied der dortigen Gemeinschaft sei. Bruder Ruad�n war einst mein Lehrer und Mentor bei uns zu Hause. Und da ich ihn gern ein letztes Mal sehen wollte, nahm ich das Angebot an, Magister Ado und seine Gef�hrten nach Bobium zu begleiten.�</p><p>�Bruder Ruad�n?� Radoald horchte auf. �Du warst eine Sch�lerin von ihm?�</p><p>�Ja. Ich war sehr jung damals und nahm dann ein Studium im Rechtswesen auf.�</p><p>�Bruder Ruad�n hat sich sehr unverbl�mt gegen einige Bisch�fe im Osten unseres Tals ge�u�ert.�</p><p>�In welcher Hinsicht?�</p><p>�Er kritisiert ihre Glaubensauffassung, dass sie das lasterhafte Leben der Adligen unterst�tzen, ihr Trinken, ihren Umgang mit Frauen � ihre ganze Lebensweise hat er angeprangert, und das wird ihm keine Freunde einbringen.�</p><p>�Vielleicht glaubt er ohne diese Art Freunde auskommen zu k�nnen�, meinte Fidelma trocken.</p><p>�Hat man dir gesagt, dass Bruder Ruad�n �berfallen und grob zusammengeschlagen wurde?�</p><p>�Ja, genau deswegen habe ich mich entschieden, Genua zu verlassen und mit nach Bobium zu reiten. Wei�t du Neueres �ber sein Ergehen?�</p><p>�Er ist noch am Leben, aber sein Zustand ist �u�erst ernst.�</p><p>�Ist dir N�heres bekannt, wie er in diese Situation geraten ist?�</p><p>�Soviel ich wei�, reiste er immer nach Placentia, einer Stadt n�rdlich von hier, und predigte dort in der Antoninus-Basilika. Ich f�rchte, Bruder Ruad�n hat mit seinen �u�erungen Unruhen gesch�rt. Er hat den Bischof von Placentia, Bischof Britmund, einen Esel genannt.�</p><p>Fidelma zog eine Augenbraue hoch. �Einen Esel?�</p><p>�Er erkl�rte, ein des Lesens und Schreibens unkundiger Bischof w�re nur ein Esel mit einer Mitra. Einen Geistlichen, so sagte er, d�rfe man nicht um seiner selbst willen bewundern, er m�sse �ber Tugend und Wissen verf�gen.�</p><p>Fidelma lachte. �Der arme Ruad�n. Er hat lediglich eine alte Spruchweisheit von uns verk�ndet. Der Gedanke birgt nichts Umst�rzlerisches.�</p><p>Radoald brummte entr�stet. �Seine Ansichten haben ihm �rger eingebracht. Einen Bischof von Placentia als ungebildet zu beschimpfen und einen Esel zu nennen, hei�t, mit dem Tod zu spielen. Wir haben zwischen den Bruderschaften ohnehin gen�gend Spannungen hier.�</p><p>�Ich habe von den Streitigkeiten um die Auslegung der Glaubenslehren geh�rt, die einen halten sich an das Glaubensbekenntnis von Nic�a und die anderen hei�en die Ansichten des Arius gut.�</p><p>�Lass dich warnen, Fidelma von Hibernia. Bruder Ruad�n ist zwar aus Placentia zur�ckgekehrt, hat es aber fast mit dem Leben geb��t. Betrachte Bobium als eine Insel, die von m�chtigen Adligen umringt ist, die die Lehren des Arius verteidigen. Es ist derzeit h�chst unvern�nftig, seine Ansichten lauthals kundzutun. Jedermann wei�, die Tinte eines Gelehrten ist langlebiger als das Blut eines M�rtyrers.�</p><p>Fidelma versuchte die Worte des jungen Mannes zu verstehen. �Ich wei� deinen Rat an eine Fremde aus einem fremden Land zu sch�tzen, Radoald. Doch gestatte mir die Frage, bist du als Seigneur �ber dieses Tal einer der Adligen, von denen du eben gesprochen hast?�</p><p>Radoald lachte und sch�ttelte den Kopf. �So m�chtig bin ich nun wieder nicht, Fidelma von Hibernia. Nat�rlich bin ich bem�ht, dieses Tal zu sch�tzen � und Bobium geh�rt dazu. Es ist ein kleines Tal mit nur wenigen Bewohnern. Der Einfluss des Klosters von Bobium ist gewaltig, und wir leben in Eintracht miteinander. Jenseits des Tales sieht es anders aus. Du kennst doch gewiss eine der hier geltenden Lebensweisheiten � <emphasis>cuius regio, eius religio</emphasis>?�</p><p>Fidelma l�chelte und neigte best�tigend den Kopf. Die �bersetzung barg keine Schwierigkeiten � wer das Land regiert, bestimmt die Religion der Einwohner.</p><p>�Ich weise noch einmal darauf hin, au�erhalb des gesch�tzten Tals ist Umsicht geboten. Bruder Ruad�n h�tte sich diplomatischer verhalten m�ssen. Ich habe ohnehin von den wenigen Leuten aus Hibernia, denen ich begegnet bin, den Eindruck gewonnen, dass ihr Menschen von Rang und W�rde nicht mit der geh�rigen Ehrfurcht gegen�bertretet, wie es Langobarden gewohnt sind.�</p><p>�Bei uns hei�t es �Niemand ist etwas Besseres als ich, und auch ich bin nichts Besseres als jemand anders��, entgegnete Fidelma. �Mit anderen Worten: Einem jeden geb�hrt der gleiche Respekt.�</p><p>Radoald grinste. �Einem jeden geb�hrt der Respekt, der seiner Stellung im irdischen Leben entspricht. Schlie�lich weist der Sch�pfer jedem seinen Platz zu, und es k�me einer Gottesl�sterung gleich, w�re man mit seinem Los unzufrieden.�</p><p>�Das ist eine merkw�rdige Philosophie�, fand Fidelma.</p><p>�Nicht f�r uns�, entgegnete Radoald. ��berlege doch mal, was f�r ein Chaos es g�be, wenn es anders w�re. Zum Beispiel k�nnte Wulfoald, der Hauptmann meiner Garde, eines Tages zu der Auffassung gelangen, er w�re mir ebenb�rtig. Mit seinem Los unzufrieden, w�rde er dann versuchen, mich zu st�rzen und meinen Platz einzunehmen. Ich bin aber dank meiner Geburt dazu auserkoren, �ber die Schwachen zu regieren und sie zu f�hren, wenn sie meine Hilfe brauchen.�</p><p>�In meinem Land sagt man, das Volk ist st�rker als sein Herrscher, denn es ist das Volk, das seinen Anf�hrer bestimmt und nicht umgekehrt.�</p><p>�Wie kann man dem Volk gestatten, seinen Herrscher zu w�hlen?� Der junge Mann konnte sich nicht genug wundern. �Es ist der Sch�pfer, der den Herrscher erw�hlt, ihn mit der Macht versieht zu regieren.�</p><p>�Bei uns wird der F�higste aus dem Clan, der Intelligenteste und St�rkste von seinem Sippenverband und seinem Volk zum Herrscher gew�hlt. Ich wei�, bei euch ist es immer nur der Erstgeborene, egal ob er ein Dummkopf oder gro�er Philosoph ist. Wie kannst du da sagen, es w�re der Sch�pfer, der ihn auserw�hlt hat?�</p><p>Radoald lachte verschmitzt. �Wenn sich der Herrscher als ein Dummkopf erweist, w�re es mit dem Herrschen rasch vorbei.�</p><p>�Ihr w�rdet ihn beiseiteschaffen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Und das geschieht oft mit Gewalt, entweder seitens der eigenen Familie oder seitens des Volkes?�</p><p>Radoald erkannte den Punkt, auf den sie hinauswollte, und zuckte nur mit den Achseln, was sie als Best�tigung verstand.</p><p>�W�re es nicht besser, ihn auf die Weise zu w�hlen, wie wir es tun? Warum sollte man erst der Natur � ich meine der nat�rlichen Erbfolge � ihren Lauf lassen und dann die Natur korrigieren?�</p><p>�Wenn man dem Volk die Wahl l�sst � Wenn das Volk seinen Herrscher w�hlen darf, denkt es doch, es darf in allen Dingen w�hlen, was es will.�</p><p>�Und warum sollte es das nicht tun d�rfen? Schlie�lich leben wir alle unter einem Dach und sind auf einander angewiesen.�</p><p>Radoald brauchte einen Moment, um das zu verinnerlichen. Dann lachte er kurz auf.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir in dieser Frage zu einer gemeinsamen Auffassung kommen, Fidelma von Hibernia. Doch zumindest begreife ich langsam, wieso eure Leute in meinem Land in ihrer Haltung zu den Oberen als starrk�pfig und respektlos gelten. Sei aber vorsichtig, was du sagst und zu wem du es sagst, wir leben in schwierigen Zeiten, und es kostet mich gro�e Anstrengung, zwischen unserem Tal und seinen Nachbarn Frieden zu bewahren.�</p><p>Fidelma nickte. �Ich werde deinen Rat befolgen, Radoald von Trebbia. Und doch hei�t es bei uns �Es kann der Fr�mmste nicht in Frieden leben, wenn es dem b�sen Nachbarn nicht gef�llt�.�</p><p>�Du bist wahrlich die Tochter eines K�nigs, Fidelma von Hibernia�, gab Radoald widerstrebend zu. �Jedenfalls haben sich bislang die Adligen aus den benachbarten Gebieten gegen�ber den Bewohnern dieses Tals zur�ckhaltend gezeigt, und das, seit Grimoald K�nig ist.�</p><p>�Ist er der Nachfolger von Perctarit, von dem du gesprochen hast?�</p><p>�Ja, und seit er regiert, herrscht Frieden im Tal.�</p><p>�Dann ist es eher ungew�hnlich, dass es hier im Tal zu �berf�llen kommt?�</p><p>Er schwieg einige Augenblicke und betrachtete sie nachdenklich. �Willst du damit sagen, dass an dem �berfall etwas ungew�hnlich war?�</p><p>�Ob besonders ungew�hnlich oder nicht, dar�ber kann ich mir kein Urteil erlauben, ich bin fremd hier. Ich kann die Dinge nur beobachten. Magister Ado wollte mich zuerst glauben machen, dass uns R�uber �berfallen h�tten, was auch Wulfoald sogleich best�tigte, und dann schriebst auch du den �berfall R�ubern zu. Gleichzeitig aber hast du darauf hingewiesen, dass normalerweise R�uber ihr Unwesen nicht in diesem Tal treiben, wenn keine reichen Kaufleute hier unterwegs sind. Ich nenne nur Tatsachen. Etwas hineindeuten will ich nicht.�</p><p>�Dir ist ein scharfer Verstand gegeben, edle Dame.� F�r den Rest der Reise schwieg der junge Landesherr und schien in Gedanken versunken.</p><p>Radoalds Festung thronte hoch �ber dem Fluss, strategisch durchdacht am S�dufer angelegt, wo er in einem spitzen Winkel eine Biegung machte. Am n�rdlichen Ufer str�mte das Wasser von einem kleineren Nebenfluss hinzu. Dahinter erhob sich aus dem Felsmassiv, in das das Tal eingebettet war, eine gewaltige Bergspitze. Weder �ber die Berge noch unten entlang des Tals h�tte ein Heer in voller St�rke vorsto�en k�nnen, ohne zuvor die Burg einzunehmen. Wie Fidelma sp�ter belehrt wurde, war die Festung urspr�nglich von den R�mern erbaut worden, als sie mit ihren Legionen ins cisalpinische Gallien eindrangen. Sie wirkte auf den ersten Blick d�ster und bedrohlich, ein dr�uender Geb�udekomplex. Die niedrigeren W�lle waren mit moos�hnlichen Kletterpflanzen �berwuchert, die Fidelma fremd waren. Au�erhalb der Festungsmauern gab es zwei oder drei Bauerngeh�fte, die Burg aber �berragte alles. Als sie sich ihr n�herten, f�hrte einer von Radoalds M�nnern ein Jagdhorn an die Lippen und lie� es mehrfach erschallen. Fidelma machte auf den Mauern etliche Krieger aus, man hatte ihre Ankunft bereits wahrgenommen.</p><p>�F�r ein friedliches Tal scheinen deine Krieger gut ger�stet�, konnte sie nicht umhin zu bemerken.</p><p>Radoald grinste. �<emphasis>Si vis pacem, para bellum</emphasis>.� Willst du Frieden, sei f�r den Krieg ger�stet. �Ich halte es mit Vegetius, einem alten r�mischen Milit�rphilosophen, aus dessen <emphasis>Epitoma Rei Militaris</emphasis> ich viel gelernt habe.�</p><p>Sie betraten einen Innenhof, und sofort kamen Bedienstete herbeigeeilt, um die Pferde und Schwester Gisas Maulesel in die St�lle zu f�hren, das erlegte Wild abzuladen und in die K�chen zu schaffen.</p><p>Beim Absitzen rief Radoald Schwester Gisa zu: �Bring Bruder Faro zu Suidur in die Apotheke, damit er nach ihm schaut.� Ganz offensichtlich kannte sie sich auf dem Burggel�nde aus, sie nahm ihren Gef�hrten am Arm und half ihm �ber den gepflasterten Hof.</p><p>Radoald f�hrte Magister Ado und Fidelma zum Hauptgeb�ude und in eine gro�e Halle. An deren beiden Enden loderten Feuer, riesige Wandteppiche schm�ckten die hohen W�nde. Bei ihrem Eintreten erhoben sich einige M�nner und Frauen ehrfurchtsvoll. Ein �lterer Mann, der sich als Radoalds Verwalter erwies, trat vor und verbeugte sich. Der junge Seigneur �bersch�ttete ihn mit Anweisungen und drehte sich dann l�chelnd wieder zu seinen G�sten.</p><p>�Ich habe veranlasst, dass f�r euch Zimmer hergerichtet werden. Auch f�r ein erfrischendes Bad wird gesorgt, und heute Abend werden wir gemeinsam speisen und uns entspannen. Morgen k�nnt ihr dann in aller Ruhe weiter nach Bobium ziehen.� Er wandte sich den in der Halle Versammelten zu und verk�ndete: �Magister Ado ist zur�ckgekehrt und wird bei uns weilen, und das ist Fidelma von Hibernia, eine Prinzessin ihres Landes, die nach Bobium reist.�</p><p>Die Namen seiner Familie und seiner Gefolgschaft schwirrten �ber Fidelma hinweg. Einige sprachen ein simples Latein, aber haupts�chlich schien man sich in der gutturalen Sprache der Langobarden zu verst�ndigen. Mit h�flichen, belanglosen Worten wurde sie von einer Gruppe zur anderen gereicht, als sie pl�tzlich vor einem prunkvoll geschnitzten, auf einem Podium erh�hten Stuhl stand. Vermutlich war es Radoalds Amtsstuhl. Aber nicht der Stuhl als solcher erregte ihre Aufmerksamkeit. �ber ihm hing ein Schild, auf dem ein flammendes Schwert, umgeben von einem Lorbeerkranz, auf schwarzem Grund gemalt war.</p><p>Eine Hand zerrte sie am �rmel, und eine hohe Stimme fragte: �Isst du Menschenfleisch?�</p><p>Entgeistert drehte sie sich um und blickte in das greisenhafte Gesicht einer grauhaarigen Frau, die sich, vorn�ber geb�ckt, auf einen Stock st�tzte.</p><p>�Wie sollte ich?�, erwiderte sie und bef�rchtete schon, am Abend ein f�r das Tal typisches, aber scheu�liches Mahl aufgetischt zu bekommen.</p><p>�Nat�rlich tust du das�, erkl�rte die alte Frau giftig. �Die Leute aus Hibernia sind Kannibalen. Ich habe den heiligen Hieronymus gelesen, und der war sehr wohl ein Verk�nder der Christenlehre. In <emphasis>Adversus Iovinianum</emphasis> schreibt er, er h�tte als junger Mann selbst gesehen, wie die Iren den Schafhirten und ihren Frauen die Pobacken herausschneiden und essen.�</p><p>�Meines Wissens ist der heilige Hieronymus nie in Hibernia gewesen�, entgegnete Fidelma und hatte M�he, nicht zornig zu werden. �Folglich kann man so einer schwachsinnigen, b�swilligen und unwahren Behauptung keinen Glauben schenken.�</p><p>�Er hat es aber geschrieben.�</p><p>�Die Menschen schreiben vielerlei Dinge, und nicht alles ist wahr.�</p><p>�Er hat es aber geschrieben�, wiederholte die Alte, als w�re es ein Mantra.</p><p>Radoald tauchte neben Fidelma auf und nahm sie am Arm. Er redete grob auf die Alte in der f�r sie g�ngigen Sprache ein und zog Fidelma mit sich fort. �Ich m�chte dir einige Sch�tze auf meiner Burg hier zeigen�, und als sie au�er H�rweite der alten Frau waren, f�gte er hinzu: �Sie war die Amme meiner Mutter. Ich habe sie in der Dienerschaft behalten, denn sie hat nirgendwo sonst eine Bleibe.�</p><p>Fidelma wollte etwas sagen, aber er lie� sie nicht zu Worte kommen. �Sie liest die ganze Zeit. Nur das Traurige an der Sache ist, dass sie alles Geschriebene f�r wahr h�lt. Es hat keinen Zweck, mit ihr dar�ber zu streiten.�</p><p>�Sie d�rfte in Schwierigkeiten geraten, wenn sie auf zwei Abhandlungen mit einander widersprechendem Inhalt st��t�, merkte Fidelma mit eisigem L�cheln an.</p><p>�Eine interessante Feststellung. Leider ist ihr das bisher noch nicht vorgekommen.�</p><p>�Ich betrachtete gerade deinen Stuhl, als sie mich ansprach. Ist es dein Amtsstuhl?�</p><p>Er nickte best�tigend.</p><p>�Mir fiel das Motiv auf dem Schild dar�ber auf. Ist das dein Wappen?�</p><p>�Es ist das Wappen, mit dem sich viele langobardische Adlige schm�cken, denn es sind die Insignien des Erzengels Michael, der unser Patron ist. Es hei�t, er erschien vor drei Jahren unseren Truppen bei Sipontum, als wir die Heerscharen der Byzantiner zur�ckschlugen. Seitdem ist sein Name unser Schlachtruf, denn er ist der Anf�hrer der Schlacht und Verteidiger des Himmels.�</p><p>�Tragen demnach alle deine Leute dieses Wappen?�</p><p>�Nur die Krieger unseres K�nigs Grimoald. Ich selbst schwinge das Schwert f�r Grimoald. Weshalb fragst du?�</p><p>�Erz�hl mir etwas �ber diesen Grimoald�, forderte ihn Fidelma auf und �berging seine Frage. �Wann wurde er euer K�nig?�</p><p>�Als er K�nig Godepert entthronte und dessen Schwester Theodata heiratete. Das war vor vier Jahren.�</p><p>�Hattest du nicht gesagt, er w�re Perctarit auf den Thron gefolgt?�</p><p>�Dein Ged�chtnis ist bemerkenswert. Perctarit war gemeinsam mit seinem Bruder Godepert K�nig. Aber die beiden Br�der bekriegten einander. Einer war genauso schlimm wie der andere. Damals war Grimoald Herzog von Benevento. Er ermordete Godepert und trieb schlie�lich Perctarit ins Exil. Grimoald feiert Michael als den Besch�tzer unserer Krieger. Wir ben�tigen einen solchen Schutz, denn wir haben viele Feinde. Gegenw�rtig zum Beispiel k�mpft Grimoald gegen die Byzantiner im S�den. W�hrend seiner Abwesenheit ist Lupus der Wolf, Herzog von Friuli, unser Regent. Friuli ist eine Stadt weit im Osten.�</p><p>�Das klingt, als durchlebtet ihr unruhige Zeiten.�</p><p>�Unser Volk kennt offenbar keine ruhigen Zeiten�, meinte er grimmig. �Vor Jahrhunderten wurden wir aus unserem angestammten Land weit im Norden vertrieben, und jedes Mal, wenn wir versuchten, sesshaft zu werden, trieben uns die, die nach uns kamen, weiter nach S�den und Westen. Wir waren st�ndig gezwungen, uns neue Gebiete, neue Heimst�tten mit dem Schwert zu erk�mpfen.�</p><p>�Und dennoch befehdet ihr euch untereinander wegen des Anspruchs auf den Thron.� Im Grunde genommen wollte sie ihre Feststellung als Frage verstanden wissen.</p><p>�St�rke ist das A und O eines Herrschers.�</p><p>�Habt ihr kein Gesetz, das die Thronfolge regelt? Gesetze, die den Richtern die M�glichkeit geben, einen ungerechten Herrscher abzusetzen?�</p><p>Radoald sah sie �berrascht an und sch�ttelte dann am�siert den Kopf.</p><p>�Du willst mir doch nicht im Ernst erz�hlen, dass ihr solche Gesetze habt?�</p><p>�Ein K�nig hat sich dem Gesetz ebenso unterzuordnen wie ein Kuhhirt�, er�ffnete ihm Fidelma mit gro�er Selbstverst�ndlichkeit.</p><p>�Bei uns gilt: Der Gesetzgeber ist der K�nig. Ein jeder hat sich <emphasis>seinem</emphasis> Gesetz unterzuordnen.�</p><p>Dann machte Radoald mit Fidelma einen Rundgang durch seine Festung, und sie nahm erstaunt die F�lle an Wandteppichen und Gem�lden zur Kenntnis, Sch�tze, die, wie sie erfuhr, aus Byzanz stammten. Es gab Statuetten aus dem alten Rom und viele andere Ziergegenst�nde. Sie gewann den Eindruck, dass der junge Mann es darauf angelegt hatte, sie zu beeindrucken und ihr zu beweisen, dass er ein kultivierter und kunstverst�ndiger Mann war. Nach einer Weile bekannte er: �Als wir, die Langobarden, vor etwa hundert Jahren in dieses Land kamen, waren wir Heiden, hatten noch nichts von Christus und seiner Lehre geh�rt. F�r uns gab es nur eins � erobern und herrschen mit dem Schwert. Dankenswerterweise haben sich die Zeiten ge�ndert.�</p><p>Ihre Unterhaltung wurde von einem hoch aufgeschossenen Mann von angenehmem �u�eren unterbrochen, der auf sie zukam. Schwer zu sagen, wie alt er war, denn trotz seines schneewei�en Haares wirkte er jung. Die Augen waren so dunkel, dass sich kaum Pupillen erkennen lie�en, die Lippen d�nn und auffallend rot, die Nase hervorstehend und schmal. Er war von Kopf bis Fu� in Schwarz gekleidet, die �rmel seines Gewands waren so weit und lang, dass die H�nde darin verschwanden. Keinerlei Schmuck erhellte das d�stere Schwarz.</p><p>�Suidur, das ist Schwester Fidelma von Hibernia, nicht nur Nonne, sondern eine Prinzessin ihres Landes�, stellte Radoald sie vor. �Und das ist Suidur, mein Arzt.�</p><p>Die dunklen Augen ruhten regungslos auf Fidelma. Dann f�hrte der Arzt die linke Hand zum Herzen und verbeugte sich kurz.</p><p>�Hibernia? Willkommen in unserem Tal, edle Dame. Gisa hat mir von eurer Begegnung und eurer gemeinsamen Reise hierher berichtet.� Er sprach mit trockener, emotionsloser Stimme. �Du w�rest einst Sch�lerin vom alten Bruder Ruad�n in Bobium gewesen, erz�hlte sie.�</p><p>�Ja, das stimmt. Darf ich davon ausgehen, dass es Bruder Faro besser geht?�</p><p>�Faro geht es gut�, best�tigte der Arzt. �Zum Gl�ck war die Wunde nicht verschmutzt, und es droht keine Entz�ndung. Gisa hat ihn bestens versorgt. Ich habe die Wunde mit Kr�utern behandelt und einen Verband angelegt. Nat�rlich hat er Wundschmerz, das ist aber auch alles. Von meiner Warte aus kann er die Reise nach Bobium morgen fortsetzen und d�rfte sich rasch erholen. Nat�rlich darf er sich nicht �beranstrengen.�</p><p>�Dann ist die Sache ja noch mal gut ausgegangen�, bemerkte Radoald befriedigt.</p><p>Der Arzt schaute sich suchend in der Halle um. �Ich dachte, Magister Ado ist auch hier, ich sehe ihn aber nirgends.�</p><p>�Magister Ado hat darum gebeten, ihn zu entschuldigen, die Reise hat ihn ersch�pft�, erkl�rte Radoald. �Er m�chte das Abendessen in seiner Kammer einnehmen.�</p><p>Suidur der Weise richtete die dunklen Augen wieder auf Fidelma. �Kennst du ihn schon lange?�</p><p>Sie war �berrascht, von Suidur die gleiche Frage gestellt zu bekommen wie zuvor von Radoald.</p><p>�Ich bin ihm in Genua begegnet. Er erz�hlte mir von Bobium und erw�hnte einen Bruder Ruad�n dort. Ich konnte nicht aus eurem Land abreisen, ohne meinen alten Mentor gesehen zu haben, umso mehr, da ich erfuhr, dass es ihm nicht gut geht.�</p><p>�Du hast vor eurer Begegnung in Genua Magister Ado nicht gekannt?� Suidur starrte sie nachdenklich an.</p><p>Sie wollte gerade antworten, als der junge Adelsmann ihr zuvorkam. �Augenscheinlich hatte sie weder vom Magister noch von Bobium etwas geh�rt, erfuhr erst von ihnen durch die zuf�llige Begegnung im Seehafen. Sie ist auf der R�ckreise von Rom nach Hibernia. Du musst schon entschuldigen, edle Dame, aber in unserer kleinen Gemeinschaft sind wir bei Besuchern immer sehr hellh�rig.� Ein Horn wurde geblasen, und Radoald schien erleichtert. �Das Mahl ist bereitet. Kommt, lasst uns speisen.�</p><p>Der Einzige, der beim Essen fehlte, war Magister Ado. Schwester Gisa und Bruder Faro erschienen gemeinsam. Fidelma wurde der Platz zwischen Radoald und Suidur gewiesen. Im Gespr�ch ging es sowohl um Hibernia als auch um das Trebbia-Tal und die Abtei von Bobium. Radoald war darauf bedacht, bei harmlosen Themen zu bleiben, wie die unterschiedlichen Sitten und Gebr�uche beider L�nder, Speisen und Getr�nke und dergleichen. Fidelma war nicht b�se, als sie sich endlich zur Nacht zur�ckziehen konnte. Radoald wies einen seiner Diener an, sie zu ihrer G�stekammer zu geleiten.</p><p>Im Lichte einer �llampe f�hrte er sie �ber den mit Steinen gepflasterten Haupthof. Einige Menschen waren dort noch besch�ftigt, man nahm sie mit einem Kopfnicken oder den �blichen Begr��ungsfloskeln zur Kenntnis. Sie gelangten in ein gedrungenes, mehrst�ckiges Geb�ude und stiegen die Treppen hoch. Das Zimmer, das man ihr zugedacht hatte, war klein und hatte ein Fenster, das auf einen Balkon hinausging, von dem man den vom zunehmenden Mond erleuchteten Innenhof �berblicken konnte. Der Raum war mit einem Bett und einem Tisch ausgestattet, auf dem in Kerzenhaltern Talglichte standen, eines war bereits angez�ndet. In einer Ecke stand ein weiterer Tisch mit einer Sch�ssel Wasser zum Waschen, daneben lag ein Leinentuch. Auch f�r einen Krug mit Trinkwasser und einen Becher war gesorgt. Ihr Begleiter verlie� sie, Fidelma g�hnte vor M�digkeit und trat zum Fenster. Der Mond h�llte das Trebbia-Tal in ein unheimliches Zwielicht, und in den B�umen und Str�uchern raschelte ein frischer Wind. Nahezu erleichtert lie� sich Fidelma ins Bett fallen und schloss die Augen.</p><p>Sie lag wach. Trotz aller Ersch�pfung fand sie keine Ruhe. Die Ereignisse der vergangenen Tage gingen ihr durch den Kopf, und sie fragte sich, ob ihr Entschluss, Magister Ado und seine Gef�hrten nach Bobium zu begleiten, eine richtige Entscheidung gewesen war. Vielleicht h�tte sie besser im Hafen von Genua bleiben und auf ein Schiff zur Fortsetzung der Heimfahrt warten sollen, anstatt sich auf die Reise in ein fremdes Land zu begeben.</p><p>Schon in Rom hatte sie sich nach Cashel zur�ckgesehnt, nach den saftigen gr�nen Ebenen, den Bergen, den dichten gr�nen W�ldern ihrer Heimat. Jetzt aber sp�rte sie noch ein anderes Verlangen. Mit einem Gef�hl der Traurigkeit hatte sie sich von dem angels�chsischen M�nch Eadulf verabschiedet, der ihr Gef�hrte und Helfer beim L�sen der geheimnisvollen Vorg�nge in der Abtei Hilda gewesen war und sp�ter auch im Lateranpalast in Rom. Sie w�nschte, er w�re jetzt bei ihr. Sie brauchte jemand, dem sie vertrauen konnte, mit dem sie ihre Gedanken �ber das, was sie erlebt hatte, teilen konnte.</p><p>All das besch�ftigte sie und lie� sie keinen Schlaf finden. Unruhig drehte sie sich von einer Seite auf die andere. Nur die Aussicht, den guten alten Bruder Ruad�n wiederzusehen, lie� sie an ihrem Vorhaben festhalten. Wie vereinsamt musste der sich erst vorkommen, alt und fern von der Heimat, wie er war? Sie f�hlte sich ihrem Mentor und Lehrer verpflichtet. Vielleicht konnte sie mit Erinnerungen an sein Herkunftsland und an Freunde daheim etwas Freude in seinen Lebensabend bringen.</p><p>Von ferne drangen fl�sternde Stimmen an ihr Ohr, dr�ngten sich in ihren Gedankenwirrwarr. Ver�rgert setzte sie sich auf. Die St�rung kam von drau�en, von jenseits des offenen Fensters und Balkons, unten vom Hof. Ein dicker Vorhang schirmte den Raum vom Balkon ab, er sollte die umherschwirrenden Insekten abhalten, vor allen Dingen kleine Fliegen, die einen in den schw�len N�chten bel�stigten und Krankheiten �bertrugen.</p><p>Fidelma schwang sich aus dem Bett, trat zum Fenster und lauschte. Genaues konnte sie nicht verstehen, und im Grunde genommen ging sie das ja auch gar nichts an, trotzdem fragte sie sich, weshalb zu n�chtlicher Stunde Menschen dort unten standen und fl�sternd miteinander redeten.</p><p>Vorsichtig schob sie den Vorhang zur Seite und trat auf den Balkon. Es war dunkle Nacht, denn Wolken waren aufgezogen und verdeckten den Mond. Sie schaute hinunter. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gew�hnen, ehe sie eine Gruppe von f�nf Gestalten auf dem Hof ausmachen konnte. Drei von ihnen waren gro�, die eine hatte wei�es Haar, die beiden anderen waren kleiner. Eine der kleineren, vermutlich eine Frau, wirkte zierlicher als die andere Person, die etwas �lter schien und offensichtlich ein Mann war, ebenfalls wei�haarig, wie im gespenstischen Zwielicht zu erkennen war. Sie tuschelten miteinander in der Sprache der Langobarden, wie Fidelma herauszuh�ren glaubte. Ihre Stimmen klangen erregt, der kleine wei�haarige Mann schien die anderen zu tadeln, was der eine von den beiden Gr��eren nicht einfach hinnahm.</p><p>Wie auch immer, es ging Fidelma nichts an. Sie wollte sich schon wieder zur�ckziehen und erneut zur Ruhe legen, als an einer Stelle die Wolken aufrissen und der helle Mond zum Vorschein kam. Nur ein kurzer Moment, und Fidelma erkannte Suidur, den Arzt. Der kleine �ltere Mann und die Frau blieben ins Dunkel geh�llt. Auch konnte sie nicht die Gesichter der anderen sehen, doch kamen ihr die langen schwarzen Gew�nder irgendwie bekannt vor. Unversehens drehte die Frau den Kopf, so dass ihr Gesicht f�r einen Augenblick ins Mondlicht getaucht war. Ihre Stimme klang jetzt klar, auch wechselte sie pl�tzlich ins Latein.</p><p>�Das Gold muss schon hier sein. Also geschieht es bald.�</p><p>Der kleine �ltere Mann r�gte sie heftig.</p><p>Fidelma stie� einen erschrockenen Laut aus und verbarg sich hinter deem Vorhang. Ob es ihre unvorsichtige Reaktion war oder es an dem unerwarteten kurzen Moment des hellen Mondscheins lag, ist schwer zu sagen, aber die Unterhaltung verstummte. Fidelma wagte kaum zu atmen und verhielt sich hinter dem Vorhang mucksm�uschenstill, bis sie h�rte, dass das Gespr�ch unten seinen Fortgang nahm.</p><p>Eine andere Stimme fiel gebieterisch ein. Man sprach wieder langobardisch. Fidelma wartete, bis das Gefl�ster verstummte. Die Stimme, die sie erkannt hatte, war die von Schwester Gisa gewesen. Wer der kleine �ltere Mann war, wusste sie nicht, aber sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass zu der kleinen Gruppe auf dem Hof au�er Suidur die beiden M�nner geh�rten, die Magister Ado in Genua �berfallen hatten. Bildete sie sich das nur ein? Waren es dann tats�chlich dieselben Krieger, die auch sie �berfallen und Bruder Faro verletzt hatten, als sie in das Tal ritten?</p></section><section><title><p>KAPITEL 4</p></title><p>Die Sonne war bereits aufgegangen, als sich Fidelma mit ihren Reisegef�hrten in der Halle der Festung zur ersten Mahlzeit des Tages traf. Sie war nach der Aufregung der Nacht in einen unruhigen Schlaf gesunken und f�hlte sich beim Erwachen m�de und gereizt. Suidur konnte sie nirgends erblicken. Radoald hatte den Ehrenplatz am Tisch eingenommen und unterhielt sich zwanglos mit Magister Ado. Schwester Gisa sa� neben Bruder Faro. Er trug den Arm noch in einer Schlinge, doch sein allgemeines Befinden schien nicht gelitten zu haben. Fidelma �berlegte, ob sie Magister Ado von ihrem n�chtlichen Erlebnis etwas sagen sollte, schlie�lich war er das Ziel der Anschl�ge gewesen. Aber vielleicht wartete sie besser auf eine g�nstigere Gelegenheit. Falls Suidur und Schwester Gisa an einem Komplott gegen ihn beteiligt waren, musste er auf jeden Fall ins Bild gesetzt werden. Doch schon kamen ihr Zweifel. Worin bestand eigentlich das Komplott gegen ihn? Wer nahm daran teil und warum? Sie musste mehr �ber die sonderbaren Vorg�nge wissen, bevor sie sich einmischte � M�glicherweise konnte sie von Bruder Ruad�n Erhellendes erfahren.</p><p>�Auf dem Rest unserer Reise werden wir Gesellschaft haben�, fl�sterte ihr Schwester Gisa gegen Ende der Mahlzeit zu.</p><p>�Nanu?�</p><p>�Zwei Bauern sind mit ihren Waren auf dem Weg zur Abtei und wollen sie dort verkaufen.�</p><p>�Die Bergbauern aus der Umgebung schaffen oft ihre Sachen zur Abtei�, erg�nzte Radoald, der ihr Gespr�ch zuf�llig mitgeh�rt hatte. �Ihr seid zu einem g�nstigen Zeitpunkt hier. Die H�ndler sind aufbruchbereit. Aber nach dem, was euch gestern widerfahren ist, schicke ich zwei meiner eigenen Leute als Begleitschutz mit.�</p><p>Fidelma war pl�tzlich hellwach. W�re ja f�r die M�rder mehr als bequem, wenn sie gleich mitreisten. St�ndig hatte sie den Personenkreis, den sie in der vergangenen Nacht beobachtet hatte, vor Augen. Wiederum, wenn sie in das junge, freudige Gesicht von Schwester Gisa blickte, mochte sie sich nicht vorstellen, dass dieses M�dchen in ein Mordkomplott verstrickt sein k�nnte.</p><p>�F�hlst du dich kr�ftig genug, wieder auf Reisen zu gehen, Bruder Faro?�, fragte sie. Ihr war der Gedanke gekommen, seinen Zustand als Entschuldigung f�r eine Verz�gerung zu nutzen, um derweil mehr �ber die Vorg�nge in Erfahrung zu bringen. Doch der junge Mann nickte eifrig.</p><p>�Die Wunde heilt gut. Ich sp�re sie kaum noch. Je fr�her wir nach Bobium gelangen, um so besser.�</p><p>�Ich habe bereits Anweisung gegeben, eure Pferde zu satteln�, sagte Radoald, �leider warten auf mich andere Aufgaben, sonst w�rde ich euch gern begleiten.�</p><p>Magister Ado war es zufrieden. �Von nun an sind wir auf sicherem Boden, Fidelma. Bobium ist nicht mehr weit. Wir d�rften es schon vor der Mittagszeit erreichen.�</p><p>Fidelma folgte den anderen auf den Innenhof und musterte die kleine Gruppe, mit der sie f�r den Rest der Reise reiten w�rde. Neu hinzugekommen waren zwei M�nner mit ihren Packeseln und die beiden Krieger. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass keiner von ihnen den Angreifern vom Vortag glich. Die Bauern mit den Packeseln waren gedrungene, rundliche M�nner, die genau so aussahen, wie sie sich Leute vom Land vorstellte. Die Krieger waren von mittlerer Gr��e. Radoald hatte auch f�r Schwester Gisa ein Pferd aufz�umen lassen, die dennoch darauf bestand, ihr Muli am Z�gel mitzuf�hren. Suidur blieb verschwunden, und so verabschiedeten sie sich allein von dem jungen Seigneur von Trebbia.</p><p>Die kleine Karawane machte sich ohne viel Aufhebens auf den Weg. Ein Krieger ritt vornweg, ihm folgten Magister Ado und Fidelma, dann kamen Bruder Faro und Schwester Gisa mit ihrem Muli und hinter ihnen die beiden H�ndler mit ihren Lasttieren. Der zweite Krieger bildete den Schluss.</p><p>Schweigend ritt Fidelma dahin, sp�hte jedoch wachsam in die Landschaft.</p><p>�Dir liegt etwas auf der Seele, Schwester�, sprach Magister Ado sie schlie�lich an, nachdem sie l�ngere Zeit stumm nebeneinander geritten waren.</p><p>�Da wir einmal �berfallen wurden, sollten wir auf der Hut sein�, sagte sie fast entschuldigend.</p><p>Magister Ado verzog das Gesicht. �Glaubst du im Ernst, diese Banditen wagen es noch einmal, uns aufzulauern?�</p><p>�F�r so unm�glich halte ich das nicht.� �ber das, was sie in der Nacht beobachtet hatte, verlor sie allerdings kein Wort.</p><p>Der Gelehrte sch�ttelte den Kopf. �Wir befinden uns im Herrschaftsbereich von Seigneur Radoald und damit au�erhalb jeder Gefahr, auch ist Bobium nicht mehr weit.�</p><p>�Deine Zuversicht in Ehren, Magister Ado�, erwiderte sie. �Aber du kennst ja auch die gute alte Redensart <emphasis>semper paratus!</emphasis>�</p><p>Magister Ado musste lachen. �Immer bereit sein? Ein vern�nftiger Grundsatz, gewiss. Doch um Mittag oder bald danach wirst du die hohen Mauern der Abtei Bobium erblicken, und deine Bef�rchtungen werden sich als unbegr�ndet erwiesen haben.�</p><p>Mit einem leichten Kopfneigen bekundete sie ihr Einverst�ndnis. �Es f�llt mir schwer hinzunehmen, dass es Leute gibt, die bereit sind, andere zu verst�mmeln oder zu t�ten, blo� weil sie einer Form des christlichen Glaubens anh�ngen, die von der ihrigen abweicht.�</p><p>So herausfordernd, wie es klang, hatte es Fidelma nicht sagen wollen, aber Magister Ado lachte nur gutm�tig. �Du glaubst bestimmt, da steckt mehr dahinter. Ein dunkles Geheimnis, das ich dir verschweige? Warte nur, bis du dich mit Bruder Ruad�n unterhalten hast, dann wirst du begreifen, dass die Zwistigkeit �ber den Glauben au�erordentlich tief in unserem Volk sitzt. Viel Blut ist dar�ber vergossen worden. Soviel ich von unserem jungen Freund hinter uns erfahren habe� � er blickte sich kurz nach Schwester Gisa und Bruder Faro um �, �hat Bruder Ruad�n weit mehr als ich erleiden m�ssen � erleiden m�ssen, weil er dem Nic�nischen Glaubensbekenntnis anh�ngt.�</p><p>Sie wollte den alten Geistlichen nicht mit weiteren Fragen bedr�ngen. Immer wieder glitten ihre wachsamen Blicke �ber die dicht stehenden B�ume, die sich den Berg hinauf zogen. Links bildete die starke Str�mung der Trebbia eine Barriere, �ber die man sie nur schwerlich angreifen konnte. Ab und an schaute sie auch auf die Bauern, die hinter ihnen hertrotteten.</p><p>Pl�tzlich nahm sie eine Bewegung auf dem Berg zu ihrer Rechten wahr. Auf einem vorspringenden Felsen stand ein Mann, war aber von den B�umen der Umgebung fast verdeckt.</p><p>�Jemand beobachtet uns�, fl�sterte sie eindringlich, aber darauf bedacht, es Magister Ado m�glichst unauff�llig mitzuteilen �Rechts neben den hohen B�umen auf dem Felsvorsprung. Eine Waffe scheint er nicht zu haben.�</p><p>Aufgeschreckt schaute Magister Ado nach oben, gab sich jedoch sogleich wieder ganz gelassen, hob sogar die Hand und winkte der Gestalt hoch �ber ihm zu.</p><p>�Das ist der alte Aistulf�, erkl�rte er ihr. �Aistulf, der Einsiedler.�</p><p>Die Gestalt �ber ihnen kehrte ihnen pl�tzlich den R�cken und verschwand eilig zwischen den B�umen. Sie sah eben noch, dass sie gekr�mmt ging und langes wei�es Haar hatte.</p><p>�Sehr freundlich ist er nicht gerade �, meinte sie trocken.</p><p>Magister Ado lachte vor sich hin. �Das ist nun mal das Naturell eines Einsiedlers. Der alte Aistulf lebt allein in einer H�hle irgendwo am Berg dort oben. Es ist erst ein paar Jahre her, dass er bei uns im Tal aufgetaucht ist. Das war am Ende der K�mpfe, die Grimoald zum K�nig machten. Ich habe ihn noch nie aus der N�he gesehen, wahrscheinlich auch sonst niemand, au�er Abt Servillius, mit dem er gut Freund ist, und ich glaube, Schwester Gisa, die steigt mitunter da hinauf und besucht ihn. Aistulf wandert in den Bergen umher. Eigentlich wei� ich nur, dass er niemandem etwas B�ses will.�</p><p>�Er ist bestimmt schon betagt, da reicht es nicht, dass jemand nur ab und an nach dem Rechten sieht. In Hibernia haben wir strenge Gesetze �ber die F�rsorge f�r die Alten.�</p><p>�Schwester Gisa besucht ihn ziemlich oft. Es hei�t auch, Aistulf geh�re zu ihrer Familie. Sie selbst ist ja hier im Tal zur Welt gekommen�.</p><p>Fidelma drehte sich nach Schwester Gisa um, doch die unterhielt sich angeregt mit Bruder Faro und hatte den Alten oben auf dem Berg wohl gar nicht gesehen.</p><p>�Erz�hl mir von Tolosa. Was ist das f�r ein Ort, wie sieht es dort aus?�, fragte sie. Vielleicht war das ein Thema, �ber das man sich unterhalten konnte, jedenfalls besser, als gar nicht miteinander zu reden.</p><p>Es war nicht das erste Mal, dass sie ihr Begleiter misstrauisch ansah.</p><p>�Wie kommst du ausgerechnet darauf?�</p><p>�Bei uns sagt man, nur wer Fragen stellt, erwirbt Wissen. Ich bin noch nie in Tolosa gewesen und h�tte gern etwas dar�ber erfahren.�</p><p>Magister Ado �berlegte einen Moment und berichtete dann: �Die Stadt liegt in Ruinen, wie Radoald angemerkt hat, ist aber nicht so ver�det, wie er glaubt. Die gro�e Basilika und die Abtei mit der Bibliothek stehen noch. H�tte es nicht den Wunsch gegeben, unsere Bibliothek um ein Kleinod zu bereichern, h�tte mich niemand �berreden k�nnen, die Reise dorthin zu unternehmen.�</p><p>�Das verstehe ich nicht ganz.�</p><p>�Unser <emphasis>scriptor</emphasis> Bruder Eolann hatte erfahren, dass die Abtei Tolosa eine Abschrift vom <emphasis>Leben des heiligen M�rtyrers Saturnin</emphasis> besitzt, der die Abtei gegr�ndet hat. Er �berredete mich, mit einer Abschrift vom <emphasis>Leben des Columbanus</emphasis> dort hinzuziehen und sie gegen die Handschrift zu tauschen. Bobium hat eine der gr��ten Bibliotheken in der Christenheit und ist nat�rlich stolz darauf; unser Reichtum besteht in unseren B�chern.�</p><p>�Wussten deine Gegner unter Umst�nden, dass du nach Tolosa unterwegs warst, um diesen Tausch der Handschriften zu vollziehen? W�re eine solche Handschrift f�r sie ebenso wertvoll, wie sie es f�r deine Abtei ist?�</p><p>�Ich muss schon sagen, du bist eine rastlose junge Dame. Du l�sst nicht locker mit deinen Fragen.�</p><p>�Fragen sind ein Weg zum Wissen.�</p><p>�Mitunter kann Wissen auch gef�hrlich sein. Besonders wenn man von Leuten umgeben ist, die B�ses im Schilde f�hren.�</p><p>�Vom B�sen zu wissen, ist besser, als dem B�sen ausgesetzt zu sein, ohne etwas zu wissen.�</p><p>Magister Ado wollte schon �rgerlich werden, lachte dann aber unversehens schallend los.</p><p>�Kaum bin ich eine Weile weg aus Bobium, habe ich vergessen, wie meine Glaubensbr�der aus Hibernia ein Streitgespr�ch f�hren. Lernt ihr das wirklich so in deinem Heimatland?�</p><p>�Du meinst das mit den Fragen und Antworten?�</p><p>�Ja, man erh�lt eine Antwort und formuliert daraus sofort eine weitere Frage.�</p><p>�Eine Antwort f�hrt immer zu einer weiteren Frage. Es gibt keine endg�ltige Antwort; w�re dem so, k�nnte es keinen Fortschritt geben.�</p><p>Magister Ado gab sich mit einem h�rbaren Seufzer geschlagen, stellte aber leicht gereizt fest: �Alle in Hibernia Geborenen m�ssen die reinsten Philosophen sein.�</p><p>�Nicht jeder von uns ist das�, erwiderte Fidelma unger�hrt, �obwohl sich alle daf�r halten.�</p><p>Schweigend zogen sie eine Weile dahin. Hinter ihnen sprachen Bruder Faro und Schwester Gisa leise miteinander, w�hrend die beiden Bauern wortlos ihre bepackten Maulesel am Z�gel f�hrten. Die ganze Zeit ritten sie im Schatten der hohen B�ume, die in Ufern�he standen, am rauschenden Fluss entlang. Ein paarmal sahen sie M�nner, die ihre Angeln auswarfen und sie mit erhobener Hand gr��ten.</p><p>�Die Leute aus der Umgebung haben das Recht, in der Trebbia zu fischen�, erl�uterte Magister Ado. �Es gibt hier erstaunlich viele Fische, besonders die Schmerlen sind pr�chtig.�</p><p>Abgesehen von den Fischern begegneten sie niemandem auf dem Weg, der allen Windungen des Stroms folgte.</p><p>�Dort hinter den B�umen siehst du schon den Gipfel des Monte P�nas.� Magister Ado wies mit ausgestreckter Hand in die Richtung. �In unserer Gegend ist das der h�chste Berg, und Bobium liegt an seinem Fu�.�</p><p>Die Berge, die Fidelma jetzt vor sich hatte, erschienen ihr nun viel h�her als die zuvor. Bei der n�chsten Biegung des Flusses kam eine weite felsige, offene Fl�che in Sicht. Stattliche B�che, die in den Bergen entsprangen und in die Trebbia flossen, bildeten eine breite Landzunge. Viele kleinere H�user deuteten auf eine Siedlung hin. Etwas h�her hinauf befand sich ein ausgedehnter Geb�udekomplex, den ein Turm kr�nte und den hohe Mauern umgaben.</p><p>�Bobium!�, rief Magister Ado erleichtert aus. Strahlend erkl�rte er Fidelma: �Das ist Bobium. Es steht an der Stelle, an der sich dein Landmann Columbanus mit seinen Anh�ngern niedergelassen und ein kl�sterliches Refugium geschaffen hat.�</p><p>Bewundernd schaute Fidelma auf die vor ihr liegende Landschaft. Wo die Str�me zusammenflossen, hatte sich fast ein See gebildet, dahinter ragten die Berge mit dem herrlich gr�nen Wald empor. Es leuchtete ihr sofort ein, warum sich Columbanus gerade f�r diesen Fleck entschieden hatte. Irgendwie erinnerte manches an �ireann, an das vertraute Inselreich, und doch war es anders und fremd.</p><p>�Wie gelangen wir auf die gegen�berliegende Seite?�, fragte sie. Die Trebbia, die sie von der Abtei trennte, hatte eine beachtliche Breite, und das Wasser schoss sch�umend �ber das steinige Flussbett. Ihr Begleiter l�chelte nur und deutete auf eine lange Steinbr�cke weiter vorn, die ein Ufer mit dem anderen verband. Es war eine h�chst sonderbare Konstruktion. Sie bestand aus mehreren gemauerten B�gen, doch �ber jedem Bogen erhob sich ein Buckel.</p><p>�Und die soll sicher sein?�, fragte sie mehr sich selbst.</p><p>Magister Ado lachte stillvergn�gt. �Teufelsbr�cke wird sie genannt. Der Name geht auf eine Legende zur�ck. Als Columbanus sich m�hte, eine Br�cke aus Stein zu errichten, erschien ihm der Teufel. Er erbot sich, die Br�cke in einer einzigen Nacht zu bauen unter der Bedingung, dass ihm die lebende Seele, die als Erste die Br�cke �berquert, geh�ren sollte. Damit war Columbanus einverstanden. Am n�chsten Morgen war die Br�cke fertig; da aber der Teufel viele �berm�tige Geister und Kobolde herangezogen hatte, baute jeder, wie er Lust hatte, und so entstanden all die Buckel.�</p><p>�Und hat der Teufel seine Seele bekommen?�</p><p>�Es hei�t, Columbanus habe einen kleinen Hund �ber die Br�cke laufen lassen. Der Teufel musste sich damit zufriedengeben, obwohl er eigentlich eine christliche Seele erwartet hatte.�</p><p>Fidelma �berlegte. �Die Geschichte ist schwerlich zu glauben. Zum einen, wie konnte ein so heiliger Mann wie Colm B�n einen Pakt mit dem Teufel schlie�en, nur um so etwas Weltliches wie eine Br�cke zu errichten? Zum anderen, h�tte er wirklich ein armes unschuldiges Tier hinterh�ltig ins Verderben rennen lassen? Und schlie�lich, warum sollte sich der Teufel damit abfinden, nur die Seele eines Hundes zu erhalten, wo doch der Neue Glaube uns lehrt, dass nur der Mensch eine Seele besitzt, aber kein Tier?�</p><p>Magister Ado schien am�siert. �Du bist wirklich scharfsinnig, Fidelma, und denkst sehr praktisch. Das hat nicht nur etwas mit deinem Heimatland zu tun, sondern auch mit deiner Ausbildung als Rechtsgelehrte. Sicher wird dir besser gefallen, was unsere Chronisten berichten. Bei denen hei�t es n�mlich, die Br�cke wurde von den r�mischen Legionen gebaut, als sie dieses Land eroberten. Lassen wir also die Legende beiseite, die sich die Leute erz�hlen, und nehmen an, die Br�cke bestand schon lange vor Columbanus. Auf alle F�lle ist sie sicher genug, um dar�berzugehen, ob wir nun an den Teufel glauben oder nicht.�</p><p>Die steinerne Br�cke war schmal, zwei Reiter nebeneinander konnten sie nur mit M�he �berqueren. Die Gruppe erreichte wohlbehalten das andere Ufer und befand sich nun auf den Ausl�ufern des Bergs, die in sanften Wellen anstiegen. Der Gipfel war nicht mehr auszumachen, schien mit den umliegenden Bergen verschmolzen. Auf halber H�he prangte die aus Ziegelsteinen erbaute Abtei, die Mauern waren mit ockerfarbenem Stuck �berzogen. Etwas weiter unterhalb standen zahlreiche kleinere Geb�ude. Um diese Ansiedlung lagen Felder, auf denen Ackerbau betrieben wurde. Als sie n�her kamen, bemerkte Fidelma, dass von den hohen Mauern, die die Hauptgeb�ude umschlossen, an einigen Stellen der Putz abgefallen war, so dass der grob bearbeitete Stein sichtbar wurde. �ber den Mauern, dicht am Haupttor, erhob sich ein Glockenturm. Jemand musste sie bereits gesichtet haben, denn die Glocke schlug langsam viermal an. Die Torfl�gel des hohen Portals aus dunklem Holz, das Fidelma f�r Eiche hielt, schwangen auf.</p><p>Vor dem Tor verzweigte sich der Weg. Nach kurzer Verst�ndigung mit Magister Ado und einem Abschiedsgru� wandten sich die Krieger dem St�dtchen zu, wohin die Bauern mit ihren Packtieren bereits losgezogen waren. Magister Ado ritt mit seinen verbleibenden Gef�hrten die kurze Steigung zum Portal hinauf. Kaum hatten sie den Hof erreicht, kam ihnen einer der Br�der entgegen. Verwunderung malte sich auf seinen Z�gen, als er Magister Ado erkannte.</p><p>�Magister Ado! Sehe ich richtig? Bist du es?�</p><p>�Wenn nicht ich es bin, dann ist es mein Schatten�, entgegnete der Geistliche und stieg vom Pferd. �Ja, Bruder Wulfila, ich bin von der Reise zur�ck.�</p><p>�Der Abt muss sofort erfahren, dass du sicher heimgekehrt bist.� Sein Blick streifte Bruder Faro, und entsetzt rief er: �Um Himmels willen, du bist ja verwundet ��</p><p>�Mach nicht so ein Gewese�, erwiderte der schroff, besann sich jedoch sogleich, dass er sich dem Verwalter gegen�ber im Ton vergriffen hatte. Er sa� ab und meinte vers�hnlich: �Verzeih, Bruder Wulfila, mitunter schmerzt es noch, und dann bin ich ungehalten. <emphasis>Mea culpa</emphasis>.�</p><p>Der Verwalter �berh�rte die Entschuldigung fast und riet ihm dringend: �Du musst sofort den Apotheker aufsuchen.�</p><p>�Ich k�nnte ihn dorthin begleiten�, bot Schwester Gisa an. �Wir haben die Wunde gereinigt und verbunden, sie muss aber weiter behandelt werden.�</p><p>Bruder Wulfila z�gerte. �Ohne Genehmigung des Abts darfst du nicht in der Abtei umherwandern. Ich bin gehalten, streng darauf zu achten, dass nicht gegen die Regel versto�en wird, die die Trennung der Geschlechter vorschreibt.� Er winkte den Mann heran, der das Tor ge�ffnet hatte. �Bruder Bladulf, bringe Bruder Faro zum Apotheker, der soll ihn sich ansehen.� Dann wandte er sich besorgt Magister Ado zu. �Ist er vom Pferd gest�rzt?�</p><p>Der Magister sch�ttelte den Kopf. �Ein Pfeil von einem Banditen war�s.� Bruder Wulfila gen�gte die Auskunft nicht, er wollte N�heres �ber den �berfall wissen, doch Magister Ado �berging sein Dr�ngen und stellte ihm Fidelma vor. �Schwester Fidelma, das ist Bruder Wulfila, der Verwalter der Abtei. Schwester Fidelmas alter Mentor ist Bruder Ruad�n, ihn will sie besuchen und hat seinetwegen die Reise nicht gescheut.�</p><p>Bruder Wulfila machte ein ernstes Gesicht. �Da bist du gerade noch rechtzeitig gekommen. Bruder Ruad�n liegt seit einer Woche schwer danieder, wir bef�rchten das Schlimmste. Er ist im Kopf schon nicht mehr klar.�</p><p>�Aber er lebt noch?�, fragte sie erregt.</p><p>�Er wurde f�rchterlich zusammengeschlagen und ist gerade noch lebend davongekommen. Bei seinem Alter wird er sich schwerlich erholen. Viele Tage werden ihm wohl nicht mehr verg�nnt sein.�</p><p>�Dann m�chte ich sofort zu ihm.�</p><p>�Wir sind kein <emphasis>conhospitae,</emphasis> Schwester�, erkl�rte Bruder Wulfila emp�rt. �Frauen d�rfen sich nur mit ausdr�cklicher Genehmigung des Abts in der Abtei aufhalten. Deshalb durfte ich auch Schwester Gisa nicht erlauben, Bruder Faro zum Apotheker zu begleiten. Das Frauenhaus ist unten in der Siedlung. Frauen d�rfen nur zum Gottesdienst in die Kapelle kommen und vor der Andacht mit uns die Abendmahlzeit einnehmen.�</p><p>Magister Ado legte Bruder Wulfila beschwichtigend eine Hand auf den Arm. �Dann sollten wir unsere Ankunft zuallererst dem Abt vermelden. Das geh�rt sich so. Fidelma ist nicht irgendeine Besucherin. Sie kommt geradewegs aus Rom und ist die Tochter eines K�nigs in Hibernia.�</p><p>Fidelma musste einsehen, dass sie nicht unverz�glich ans Krankenlager von Bruder Ruad�n eilen konnte. Es w�re ungeh�rig gewesen, sich gegen die hier herrschenden Sitten zu stellen und gegen die Regeln der Abtei zu versto�en.</p><p>�Ich bringe euch zu ihm�, sagte der Verwalter und fertigte Schwester Gisa br�sk ab. �Du brauchst hier nicht l�nger zu verweilen.�</p><p>Einen Moment schien Schwester Gisa dagegen aufbegehren zu wollen, dass sie derart schroff fortgeschickt wurde, sagte dann aber nur zu Fidelma: �Wir sehen uns also sp�testens bei der Abendmahlzeit.� Sie sa� auf und ritt durch das Tor hinaus. Bruder Wulfila winkte zwei andere Br�der heran. Einer �bernahm die Pferde und den Packesel, der andere brachte einen Eimer, eine Sch�pfkelle und ein Tuch. Fidelma hatte fast das Ritual vergessen, bei dem Neuank�mmlingen H�nde und F��e gewaschen wurden, wenn sie zum ersten Mal eine Abtei betraten.</p><p>Danach f�hrte sie Bruder Wulfila �ber den gro�en, mit Steinplatten ausgelegten Innenhof zum Hauptgeb�ude. Die Nachricht von der R�ckkehr des Gelehrten, der in der Abtei gro�es Ansehen genoss, hatte sich rasch verbreitet. Die Klosterbr�der str�mten auf den Hof, ihn zu begr��en. Auf der obersten Stufe einer kurzen Treppenflucht, die zum Haupteingang f�hrte, stand ein gro�gewachsener br�netter Mann, etwa gleichen Alters wie Magister Ado. Er hatte dunkles Haar und ebenso dunkle Augen. Dichter blau-schwarzer Bartwuchs, der wohl zweimal t�glich rasiert werden musste, zeichnete sich auf Kinn und Wangen ab. Seine Gesichtsz�ge waren nicht unangenehm. Kleidung und Amtssymbole wiesen ihn als Abt aus. Als Magister Ado sich ihm mit Fidelma n�herte, kam er die Stufen herunter und begr��te den Magister mit einer f�rmlichen Umarmung. Seinen Gesichtsausdruck wusste Fidelma nicht recht zu deuten.</p><p>�Sei mir willkommen, alter Freund. Seit du dich auf die Reise begeben hattest, um unser <emphasis>scriptorium</emphasis> zu bereichern, habe ich um deine Sicherheit gebangt.� Der Abt sprach Lateinisch, woraus Fidelma entnahm, dass Latein die Umgangssprache in der Abtei war. �Wurde deine Wanderfahrt von Erfolg gekr�nt?�</p><p>�In der Tat. Unser <emphasis>scriptorium</emphasis> besitzt nun eine herrliche Abschrift vom <emphasis>Leben des heiligen M�rtyrers Saturnin</emphasis>.�</p><p>Der Abt schaute fragend zu Fidelma, und Magister Ado stellte ihm seine Begleiterin vor.</p><p>�Das ist Fidelma von Hibernia, Abt Servillius. Sie ist von Genua an unsere Reisegef�hrtin gewesen.�</p><p>�Fidelma von Hibernia?� Der Abt runzelte die Stirn, schien in seinem Ged�chtnis zu kramen. Er streckte die Hand aus, damit sie seinen Ring k�sste, wie es bei der r�mischen Geistlichkeit �blich war. Fidelma aber ber�hrte lediglich seine Hand und neigte den Kopf, entsprechend der Sitte bei ihren Landsleuten.</p><p>�Sie ist die Tochter eines K�nigs in ihrer Heimat�, erl�uterte Magister Ado.</p><p>�Fidelma?�, �berlegte der Abt. Den Namen habe ich doch neulich erst geh�rt � Ah ja! Du bist jetzt von Rom gekommen, nicht wahr?�</p><p>�Ja, das stimmt�, best�tigte Fidelma, die schon wusste, was folgen w�rde.</p><p>�Ah, jetzt habe ich es. Einer unserer Br�der, der vor kurzem in Rom war, hat von einer jungen Nonne aus Hibernia erz�hlt, die selbst den Heiligen Vater in Erstaunen versetzt h�tte, weil sie geheimnisvolle Vorg�nge um einen angels�chsischen Erzbischof gekl�rt hat, der im Lateranpalast ermordet wurde. Und die hie� Fidelma.�</p><p>�Und genau diese Person hast du nun vor dir, Vater Abt�, versicherte Magister Ado frohgemut.</p><p>Fidelma zuckte nur kurz mit den Achseln. �Einen gewissen Anteil hatte ich schon an der Aufkl�rung des Geheimnisses�, r�umte sie ein.</p><p>�Dann darf ich dich um so herzlicher begr��en. So bedeutende Besucher kommen nicht oft in unser abgelegenes Tal, wenngleich �� � er z�gerte und warf Magister Ado einen Blick zu �, �� wenngleich gerade in dieser Woche Ausgezeichnete und Adlige unsere Gemeinschaft mit ihrem Besuch beehren. Aber tretet ein.� Der Abt entlie� Bruder Wulfila, f�hrte sie in sein Arbeitsgemach und bat sie, sich zu setzen. Der Raum war klein und dunkel, und die Eichenpaneele machten ihn noch dunkler. Ein kleines Fenster lie� gerade so viel Licht herein, dass man auch ohne Lampen auskam.</p><p>�Deiner Andeutung entnehme ich, dass du noch andere bedeutende Besucher unter deinem Dach beherbergst �, bemerkte Magister Ado und nahm Platz.</p><p>�So ist es. Bei uns weilt gerade der junge Prinz Romuald, Sohn unseres gn�digen K�nigs Grimoald, der zur Zeit im S�den in K�mpfe verwickelt ist.�</p><p>�Prinz Romuald?�, rief Magister Ado erstaunt aus.</p><p>Die Frage bedurfte keiner Antwort, und so wandte sich der Abt an Fidelma. �Nun, Fidelma von Hibernia, lass mich wissen, warum du ausgerechnet unsere bescheidene Abtei mit deiner Anwesenheit beehrst. Ich vermute, es ist wegen der Geschichte, die unsere Abtei mit deinem Land verbindet.�</p><p>Noch ehe sich Fidelma �u�ern konnte, ergriff Magister Ado das Wort. �Wegen Bruder Ruad�n ist sie gekommen. Er war in ihrer Kindheit und Jugend ihr Mentor und Lehrer. Als sie h�rte, dass er in unserer Abtei lebt, stand f�r sie fest, ihn aufzusuchen, bevor sie ihre Heimreise nach Hibernia fortsetzt.�</p><p>�ber das freundliche Gesicht von Abt Servillius glitt ein Schatten, und mitf�hlend schaute er Fidelma an. �Eine ehemalige Sch�lerin unseres lieben Bruder Ruad�n bist du also. Dann ist es Gottes Wille, der deine Schritte in unser Tal zu diesem geheiligten Ort gelenkt hat. Erfahren hast du wohl bereits, dass es schlimm um ihn steht? Nat�rlich sollst du ihn am Krankenbett aufsuchen. Nur muss ich dich leider warnen, sein Zustand hat sich in den letzten Tagen arg verschlechtert.�</p><p>�Kannst du mir Genaueres sagen, was ihm zugesto�en ist?�, erkundigte sich Fidelma.</p><p>�Ich wei� nur wenig. Man fand ihn eines Morgens vor den Toren der Abtei, jemand hatte ihm einen Pergamentstreifen mit der Aufschrift �Ketzer� an die Kutte geheftet. Wir wissen, dass er oft vor Anh�ngern des Arius gepredigt hat, um sie von ihren irrigen Auffassungen abzubringen. Vermutlich hat er einige sehr ver�rgert, und sie haben ihn ihre Wut sp�ren lassen. Vor drei Wochen ist er aus Placentia von einer Predigtfahrt heimgekehrt. Man hatte ihn dort so �bel zugerichtet, dass er nur mit M�he zur�ckkam. Doch er lie� sich nicht abschrecken. Er verlie� erneut die Abtei, um in Travo zu predigen, weiter unten im Tal. Danach haben wir ihn schwer verwundet vor den Toren der Abtei aufgefunden. Er wurde zu Bett gebracht und liegt seitdem fest. Aber vielleicht wird der Anblick einer jungen Freundin seinen Geist wieder beleben. Eine solche unerwartete Verbindung mit seinem Heimatland mag wie ein St�rkungsmittel wirken, wie Balsam f�r seine Seele.�</p><p>�Er wird doch gewiss von einem guten Arzt versorgt?�, fragte Fidelma.</p><p>�Bruder Hnikar ist der beste Apotheker weit und breit in unserem Tal. Er k�mmert sich t�glich um ihn. Doch wenn das Fleisch alt und schwach ist �� Der Abt hob hilflos die Schultern, um anzudeuten, mit dem Schicksal kann man nicht rechten. �Ich muss dich darauf hinweisen, wir sind keine gemischte kl�sterliche Gemeinschaft, deshalb sind deine M�glichkeiten, dich in der Abtei zu bewegen, begrenzt. Du solltest darauf achten, stets einen Bruder an der Seite zu haben, der dich begleitet.� Er beugte sich vor und klingelte mit einer kleinen Handglocke. Sofort erschien Bruder Wulfila in der T�r.</p><p>�Die Schwester hier ��, er hielt inne, sch�ttelte den Kopf und begann erneut: �Begleite die Edle Fidelma von Hibernia zu Bruder Hnikar. Ihr ist ohne jede Einschr�nkung gestattet, ihren Landsmann, Bruder Ruad�n, zu besuchen und sich mit ihm zu unterhalten.�</p><p>Der Verwalter unterdr�ckte seine �berraschung und verneigte sich vor seinem Vorgesetzten. Wortlos forderte er Fidelma auf, ihm zu folgen.</p><p>�Komm nachher bitte zu uns zur�ck, wir legen dann fest, wo du untergebracht wirst und unter welchen Bedingungen du dich bei uns aufhalten kannst�, rief der Abt ihr nach.</p><p>Der Apotheker, mit dem sie bekannt gemacht wurde, war ein Mann von gedrungener, rundlicher Statur. Sein Gesicht gl�nzte rosig, wie das eines Kleinkinds. Die Augen waren so hellblau, dass sie beinahe farblos wirkten. Fidelma war sich nicht sicher, ob seine kahle Kopfmitte naturgegeben war oder ob er eine Tonsur trug. Rundherum umgab sie langes, nicht sehr ordentlich geschnittenes Silberhaar. Er begr��te sie wie ein g�tiger Alter.</p><p>�Du wirst den armen Bruder Ruad�n in einem beklagenswerten Zustand finden�, sagte er. �Wie du wei�t, kann zunehmendes Alter unsch�ne Folgen haben, doch diese letzten Tage haben ihn �ber die Ma�en geschw�cht.�</p><p>�Hat er schlimme Verletzungen?�</p><p>Bruder Hnikar presste die Lippen zusammen. �Die sichtbaren Verletzungen sind nicht so schwerwiegend; bei seinem Alter war es mehr der Schock, derartiger Gewalt ausgeliefert zu sein. Stichwunden, Beulen und Br�che wei� ich zu heilen, aber wenn die Verwundung tief in Geist und Seele dringt �� Er verzog das Gesicht. �Lass Vorsicht walten, wenn du mit ihm sprichst. Er ist wirr im Kopf und bildet sich die unm�glichsten Dinge ein. Komm, ich f�hre dich zu ihm.�</p><p>Der Raum, in dem Bruder Ruad�n lag, war klein, hatte aber eine weite Fenster�ffnung, die so in die Mauer eingef�gt war, dass viel Licht hereinfiel, wenn sich die Sonne �ber den H�henz�gen im Westen neigte. Au�er der Bettstatt war kaum etwas anderes in der Zelle. Der betagte M�nch ruhte auf einem Strohsack und war mit einer d�nnen Wolldecke zugedeckt. Ein einfaches Holzkreuz hing an einer Wand. Ein Tischchen mit einem Wasserkrug und einem Becher sowie eine h�lzerne Truhe f�r pers�nliche Dinge und Kleidungsst�cke bildeten das ganze Mobiliar.</p><p>Bruder Hnikar lie� sie eintreten und fl�sterte ihr zu: �Denk dran, �beranstrenge ihn nicht. Er wird von Tag zu Tag schw�cher.�</p><p>Ohne ihm zu antworten, ging Fidelma auf das Bett zu. Bruder Ruad�n lag auf dem R�cken, als ruhte er, hatte die H�nde vor sich gefaltet, die Augen geschlossen; der Atem ging leicht rasselnd.</p><p>�Bruder Ruad�n, kannst du mich h�ren?�, sprach Fidelma ihn leise in ihrer Sprache an.</p><p>Die regelm��igen Atemz�ge kamen z�gerlicher, die Augenlider zuckten und �ffneten sich. Zun�chst konnten sich die Augen nicht auf einen Fleck konzentrieren.</p><p>�Bruder Ruad�n, h�rst du mich?�, wiederholte Fidelma.</p><p>�Wer � wer redet da?�, keuchte der Alte in seiner Muttersprache.</p><p>�Ich bin es, Fidelma von Cashel.�</p><p>Ein schwaches L�cheln trat auf die Lippen des Greises.</p><p>�Fidelma von Cashel? Die ist meilenweit weg von hier.�</p><p>Fidelma neigte sich dichter �ber ihn. �Versuch genau hinzusehen, Bruder Ruad�n. Ich bin jetzt hier, bei dir.�</p><p>Seine Augen wanderten hin und her, bevor er sie in seinem Blickfeld hatte.</p><p>�Erinnere dich an die Zeit, die wir auf Inis Celtra miteinander verbracht haben. Du hast einmal zu mir gesagt, ich sei deine schlimmste Sch�lerin, weil ich immer so viele Fragen zum Neuen Glauben hatte. Du hast mich gelehrt, ich soll einfach glauben und nicht alles in Frage stellen.�</p><p>�ber das Gesicht des Alten glitt ein unsicheres Erkennen. �Ich habe einmal eine Prinzessin von Cashel gekannt�, murmelte er, �die hat sogar die Allmacht Gottes angezweifelt.�</p><p>�Ich habe damals gesagt, wenn Gott allm�chtig ist und Adam erschaffen hat, denn h�tte Er doch wissen m�ssen, dass Adam ungehorsam sein w�rde.�</p><p>�Gott ist allm�chtig, aber Er hat dem Menschen einen freien Willen gegeben�, antwortete der M�nch mit der in seinem Ged�chtnis verankerten Formel.</p><p>�Wenn aber Gott allm�chtig war, wie konnte es dann sein, dass Adams Wille st�rker war als der seines Sch�pfers?�, trieb Fidelma die Fragen weiter.</p><p>�Gott erlaubte Adam, seine freie Wahl zu treffen.�</p><p>�Nach unserem Gesetz gilt eine Person, die von einem vors�tzlichen Verbrechen wei� und es nicht verhindert, obwohl sie es k�nnte, als mitschuldig und wird als Mitt�ter verurteilt.�</p><p>Es sah beinahe aus, als w�rde er zustimmend nicken. er sperrte die w�ssrigen Augen auf und griff nach Fidelmas Hand.</p><p>�Fidelma von Cashel � So hat sie mit mir gestritten, als sie ein heranwachsendes M�dchen war. Dann ist sie fortgezogen, um unter Brehon Morann Rechtskunde zu studieren.�</p><p>�Jetzt bin ich hier � hier in Bobium, du, mein alter Lehrer. Ich war auf der Heimreise von Rom nach Cashel und habe zuf�llig erfahren, dass du nun hier bist. Wie konnte ich weiterreisen, ohne dich aufgesucht zu haben?�</p><p>�Fidelma von Cashel?� Der Alte gab einen langen Seufzer von sich und schien noch tiefer in sein Kissen zu sinken. �Bist du es wirklich?�</p><p>�Ja, ich bin es, bin Fidelma von Cashel.�</p><p>�Verzeih, ich bin alt geworden, und meine Augen werden schw�cher. Ich glaube nicht, dass ich noch lange auf Erden wandle.�</p><p>�Unsinn�, widersprach ihm Fidelma mit Verve. �Du wirst uns noch alle �berleben.�</p><p>Er l�chelte gequ�lt. �Du warst immer so voller Optimismus, Fidelma von Cashel. Ich h�tte gedacht, Brehon Morann h�tte dich gelehrt, nicht zu optimistisch zu sein. Du bist in Rom gewesen?�</p><p>�Ja, ich war dort.�</p><p>Pl�tzlich sah der Alte ganz verst�rt aus. Seine schwache Hand umklammerte Fidelmas Arm, er m�hte sich, sich im Bett aufzurichten.</p><p>�Bleib ganz ruhig, Ruad�n�, redete Fidelma sanft auf ihn ein.</p><p>�Sei auf der Hut, Fidelma von Cashel. Was aus seinem nassen Grab geholt wurde, muss dorthin zur�ck. Ein Fluch liegt darauf!�</p><p>Der Kranke schaute sie seltsam durchdringend an, als qu�lte ihn eine furchtbare Angst.</p><p>�Ich verstehe dich nicht, Bruder Ruad�n, reg dich nicht auf�, suchte sie ihn zu beschwichtigen.</p><p>Mit beiden H�nden griff er ihre Arme, packte sie fest und zog sich daran hoch. ��bles geht hier vor, Fidelma von Cashel. �bles! Verlass diesen Ort � verlass ihn sofort, du bist hier nicht sicher. Geh fort ��</p><p>Keuchend atmete er aus und fiel ersch�pft zur�ck.</p><p>Verwirrt blickte Fidelma zu ihm hinunter, wusste nicht, was sie davon halten sollte. Dann wurde sie gewahr, dass Bruder Hnikar an der T�r stand. Er kam rasch zum Bett und legte eine Hand auf Bruder Ruad�ns Stirn.</p><p>�Seine K�rperkr�fte lassen nach, habe ich dir ja erkl�rt. Er hat sich �bernommen und sinkt nun wieder in Schlaf. Verlass ihn jetzt. Er braucht so viel Ruhe wie nur m�glich.�</p><p>Fidelma z�gerte, schaute noch einmal lange auf den Geistlichen und trennte sich widerstrebend von ihm. Der Apotheker dr�ngte sie zur T�r.</p><p>�Du brauchst dir keine Sorgen zu machen�, versicherte er ihr. �Er muss jetzt einfach ruhen. Wenn er �berreizt ist, bekommt er Halluzinationen. Ich k�mmere mich um ihn. Miss dem, was er gesagt hat, keine Bedeutung bei. Sein Verstand ist durcheinander.�</p><p>Und schon befand sie sich auf dem Gang, an dem die Zellen lagen. Die T�r wurde fest hinter ihr zugezogen. Doch h�rte sie auch von drau�en Bruder Ruad�n mit schwacher Stimme mehrfach rufen: �Sag ihr, sie soll abreisen � soll die Abtei sogleich verlassen! Viel B�ses geht hier um!�</p></section><section><title><p>KAPITEL 5</p></title><p>Bruder Wulfila wartete im Gang, um Fidelma zur�ck zur Stube des Abts zu f�hren.</p><p>�Ich habe ihn rufen h�ren�, erkl�rte er ungehalten. �Sein Geist irrt in der Wahnvorstellung, seine Widersacher k�nnten ihm immer noch etwas anhaben, selbst hier in der Abtei. Wir tun alles f�r ihn, was in unserer Macht steht. Bruder Ruad�n genie�t hier gro�e Anerkennung. Leider ist sein Zustand besorgniserregend.�</p><p>�Ja�, erwiderte Fidelma einsilbig.</p><p>�Hat er dich erkannt?�</p><p>�Ja, das war aber auch fast alles.�</p><p>Der Verwalter schien noch etwas sagen zu wollen, �berlegte es sich jedoch anders und ging ihr voran.</p><p>Abt Servillius und Magister Ado waren immer noch im Gespr�ch vertieft. Ein dritter Mann hatte sich hinzugesellt. Er war �lter als die beiden anderen, hatte silbergraues Haar, wirkte schlank, aber nicht hager, die Haut von frischer Br�une, alles in allem eine gutaussehende Erscheinung. Er hielt sich gerade und aufrecht, wie es nur J�ngere tun. Erst bei genauerem Hinsehen verrieten seine Z�ge, dass er jenseits der siebzig war. Als Fidelma den Raum betrat, blickten alle drei auf.</p><p>�Ah, Schwester Fidelma�, begr��te sie der Abt. �Ich darf dir den Ehrw�rdigen Ionas vorstellen, unseren gr��ten Gelehrten.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas verzog peinlich ber�hrt das Gesicht, doch sie sp�rte sofort, wie seine dunklen, durchdringenden Augen sie pr�fend musterten. �<emphasis>Pax tecum,</emphasis> Schwester. Ich bin nur einer von vielen Gelehrten in unserer Gemeinschaft. Magister Ado geb�hrt eine ebenso gro�e Anerkennung.�</p><p>�Der Ehrw�rdige Ionas hat ein vielger�hmtes Werk �ber das Leben unseres Gr�ndervaters geschrieben�, erl�uterte Abt Servillius.</p><p>Fidelma gab sich alle M�he, unbek�mmert zu wirken, doch dem Ehrw�rdigen Ionas entging nicht, dass sie mit den Gedanken woanders war. �Dich bedr�ckt doch etwas?�, fragte er.</p><p>�Ich komme gerade von Bruder Ruad�n. Er war mein Lehrer, als ich noch Kind war.�</p><p>�Ich habe dich vorgewarnt�, versuchte der Abt sich zu verteidigen.</p><p>�Nach den Worten von Bruder Hnikar zu urteilen, wird unser armer Bruder Ruad�n nicht mehr lange unter uns weilen.� Der der Ehrw�rdige Ionas seufzte. �In welchem Zustand hast du ihn vorgefunden?�</p><p>�In einem denkbar schlechten�, erwiderte sie und lie� sich auf einen Stuhl sinken, den ihr der Abt wies.</p><p>�Ich werde nachher bei ihm vorbeischauen�, sagte Magister Ado. �Ich m�chte ihn noch einmal sehen, ehe es zu sp�t ist.�</p><p>In Fidelma b�umte sich alles auf, jeder hier schien den bevorstehenden Tod von Bruder Ruad�n als gegeben hinzunehmen. �Vielleicht sollten wir nicht so tun, als st�nden wir schon an seinem Grab�, sagte sie.</p><p>�Nichts liegt uns ferner als das�, entgegnete der Abt rasch. �Aber wir d�rfen die Augen nicht vor den Tatsachen verschlie�en.�</p><p>�Vor welchen Tatsachen?�, fragte Fidelma.</p><p>�Au�erhalb der Klostermauern braut sich einiges zusammen�, gab der Abt zur Antwort. �Deshalb haben wir im Augenblick den jungen Prinzen Romuald hier zu Gast.�</p><p>Magister Ado war verbl�fft. �Du wolltest uns gerade N�heres zu seiner Ankunft berichten.�</p><p>�Man hat ihn zu seiner Sicherheit hergebracht. Von Tag zu Tag verdichten sich die Ger�chte, dass Perctarit aus dem Exil zur�ckgekehrt sei und sich die Abwesenheit des K�nigs zunutze macht.� Abt Servillius l�chelte Fidelma entschuldigend an. �Unser K�nig Grimoald hat Perctarit in die Verbannung getrieben und ��</p><p>�Ich bin �ber den Machtwechsel in eurem K�nigtum unterrichtet�, fiel sie ihm ins Wort.</p><p>�Grimoald h�lt sich im S�den auf. F�r die Dauer seiner Abwesenheit hat er Herzog Lupus von Friuli zum Regenten hier im Norden bestimmt. Romuald, der Sohn des K�nigs, wurde in die Obhut einer Amme gegeben und unter den Schutz von Lupus gestellt.�</p><p>�Und weshalb ist er nun hier?�, dr�ngte Magister Ado.</p><p>�Der Freifrau Gunora, der Amme des Knaben, sind wohl an der treuen Ergebenheit von Lupus Zweifel gekommen. Sie nahm den Jungen und verlie� im Schutze der Nacht die Festung von Lupus und eilte hierher, wo sie wusste, dass die Bruderschaft Prinz Romuald Zuflucht gew�hren w�rde. Auf den Schultern des Knaben lastet eine schwere B�rde.�</p><p>�Dann ist Perctarit offenbar aus dem Exil zur�ckgekehrt, weil sich der K�nig gerade im S�den des Landes aufh�lt?�, �berlegte Magister Ado laut.</p><p>�Ich w�rde das auch so sehen�, best�tigte Abt Servillius.</p><p>Magister Ado runzelte die Stirn. �Wenn es an dem ist, befindet sich dann nicht die Abtei in Gefahr, Vater Abt? Wenn der Junge in Gefahr ist, ist es doch gewiss auch die Abtei?�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas beugte sich auf seinem Stuhl vor. Ernst blickte er den Abt an. �Magister Ado trifft die Feststellung zu Recht, mein alter Freund. Wer wei� au�erhalb der Klostermauern, dass Prinz Romuald sich hier aufh�lt?�</p><p>Der Abt brauchte einen Moment, ehe er antwortete. �Au�er Seigneur Radoald niemand sonst, denn der Knabe erreichte die Abtei mit seiner Begleiterin erst vor zwei N�chten. Und da der Lord von Trebbia unser Freund und Besch�tzer ist, musste man ihn in Kenntnis setzen.�</p><p>�Die Sache ist schwerlich geheim zu halten�, gab Magister Ado zu bedenken. �Hast du dir Gedanken gemacht, wie wir uns verhalten sollen, falls Lupus von Friuli �ber die Abtei herf�llt?�</p><p>Abt Servillius sch�ttelte den Kopf. �Wir sind ein Gotteshaus und keine kriegerische Festung�, entgegnete er. V�llig unvermutet f�r die anderen erhob er sich, denn ihm war aufgegangen, dass Fidelma unter ihnen sa� und Zeugin ihres Gespr�chs geworden war. �Wie konnte ich unsere guten Sitten vergessen? Ich habe unserer Freundin hier, Fidelma von Hibernia, noch nicht die geb�hrende Gastfreundschaft erwiesen. Ich werde Bruder Wulfila, unseren Verwalter, anweisen, eine Kammer f�r dich im G�stehaus herrichten zu lassen, auch ausreihend Wasser f�r deine Waschungen soll er dir bereitstellen. Das G�stehaus besteht aus einer Reihe von Zimmern, die sich �ber der Apotheke und der Krankenstube befinden. Du warst ja bei Bruder Ruad�n, die G�ster�ume liegen im Stockwerk dar�ber. Du hast von dort einen Blick auf unser <emphasis>herbarium,</emphasis> unseren Kr�utergarten, auf den wir mit Recht stolz sind und in dem du gern lustwandeln kannst. Da wir dich als Ehrengast betrachten, setze ich gewisse Regeln au�er Kraft; du wirst also in der Abtei bleiben und musst nicht in das Haus f�r die Nonnen in den Ort hinuntergehen. Die gleiche Ausnahmeregelung habe ich f�r Freifrau Gunora verf�gt, denn sie darf nicht von Prinz Romuald getrennt werden. Dennoch muss ich dich bitten, dich an unsere Regeln zu halten, die vorschreiben, dass die Br�der keinen Kontakt zu den G�sten haben. Begib dich also nicht ohne Erlaubnis oder ohne die Begleitung eines eigens dir zugeteilten Bruders weiter fort. Ich bin sicher, du wirst diese Vorgaben achten.�</p><p>Abt Servillius griff nach der Schelle und l�utete. Sofort ging die T�r auf, und der Verwalter erschien. Schweigend nahm Bruder Wulfila die Anweisungen zur Kenntnis, begl�ckt war er �ber die getroffenen Entscheidungen nicht. Dann wandte sich der Abt Fidelma zu.</p><p>�Geh, mach dich frisch und ruhe dich aus. Wenn es Zeit zum Abendessen ist, l�utet eine Glocke. Am Eingang zum G�stehaus wird dich jemand erwarten, um dich zum <emphasis>refectorium</emphasis> zu begleiten.�</p><p>Fidelma blieb keine andere Wahl, als hinzunehmen, dass man sie fortschickte. Sie konnte sich nicht des Gedankens erwehren, dass die Sorge um eine Ruhepause f�r sie nach der anstrengenden Reise nur ein Vorwand war, um sie nicht l�nger bei der Er�rterung der politischen Situation dabeizuhaben.</p><p>Sie folgte Bruder Wulfila, der sie jetzt einen anderen Weg durch die dunklen Korridore f�hrte und schlie�lich vor einer T�r stehen blieb. Der Geruch verriet ihr sofort, was sich dahinter verbarg, der Verwalter h�tte sich den stummen Hinweis auf das Schild in Latein sparen k�nnen. <emphasis>Cloaca</emphasis> las sie und wusste, dass sich das Wort von <emphasis>cluo</emphasis> � ich reinige mich � ableitete. Jeder Kommentar er�brigte sich, der Verwalter stieg nun eine Treppenflucht zum oberen Stockwerk empor, wo er erneut vor einer T�r stehen blieb, sich b�ckte und sie �ffnete. Er trat zur Seite, und sie ging hinein.</p><p>Das Fenster gew�hrte einen Blick auf die im h�geligen Gel�nde angelegten G�rten. Au�er der Bettstatt bestand das Mobiliar aus einem Stuhl, einer Truhe und etlichen Kleiderhaken. In einer Ecke befand sich ein Bottich f�r Wasser, allerdings leer, daneben lagen wei�e Leinent�cher zum Abtrocknen.</p><p>�Ich lasse sogleich dein Gep�ck herschaffen und auch hei�es Wasser zum Waschen�, verk�ndete Bruder Wulfila. F�r eine Antwort blieb ihr keine Zeit, denn er hatte bereits die T�r hinter sich zugezogen. Sie schaute sich einen Augenblick in ihrer neuen Bleibe um und setzte sich dann auf die Bettkante. B�ses ginge in der Abtei um, hatte Bruder Ruad�n verst�rt gerufen. Sie gestand sich ein, dass sie seit dem Moment, da sie Zeugin des feigen �berfalls auf Magister Ado geworden war und das Trebbia-Tal betreten hatte, ein ungutes Gef�hl nicht mehr loswurde. Religi�se Spannungen waren ihr nicht fremd. Schlie�lich war sie schon bei dem gro�en Konzil von Streonshalh in der Abtei Hilda dabei gewesen, als die Angeln beschlossen hatten, sich von den kirchlichen Auffassungen ihres eigenen Landes loszusagen, um fortan den neuen Regeln aus Rom zu folgen. Aber der Konflikt hier zwischen der Auffassung des Arius und den Festlegungen auf dem Ersten Konzil von Nic�a war mehr als ein Streit und drohte in Blutvergie�en zu enden. �ber dem Tal lag eine dunkle Wolke. Aber war es das, was Bruder Ruad�n mit dem B�sen gemeint hatte und wovor er sie warnen wollte � oder steckte noch etwas anderes dahinter?</p><p>Es blieb ihr nicht viel Zeit. Fidelma hatte sich gerade frisch gemacht und war in saubere Kleidung geschl�pft, da l�utete auch schon die Glocke, was sie als Aufforderung zum Abendessen deutete. Sie wartete nur kurz und entschied, sich einigen M�nchen anzuschlie�en, die an ihrer Kammer vorbeigingen. Aus den wenigen wurden viele, alle hasteten schweigend die Treppe hinunter auf den Haupthof. Dort erblickte Fidelma etwa ein Dutzend Nonnen, die dem Hauptgeb�ude zustrebten. Sie erkannte Schwester Gisa unter ihnen und ging auf sie zu.</p><p>�Hast du Bruder Faro gesehen?�, war deren erste Frage. �Ich hoffe, er ist vorsichtig und pflegt seine Wunde.�</p><p>Das M�dchen tat Fidelma leid, denn ihre Gef�hle f�r den jungen Mann waren offenkundig. Sie wusste sehr wohl, dass die Gruppe von Asketen, die Rom bedr�ngte, ein Edikt zugunsten des Z�libats zu erlassen, sich zunehmend Geh�r verschaffte, auch wenn das noch nicht allzu lautstark geschah. Selbst Abt Servillius schien ihren Argumenten erlegen. Noch hatte der Heilige Vater nichts Verbindliches verf�gt, noch blieb es offensichtlich den einzelnen �bten �berlassen, wie sie die Sache handhabten.</p><p>Wiederum hatte Papst Siricius, nachdem er in Rom auf den Heiligen Stuhl berufen worden war, seine Frau und seine Kinder versto�en. Er schien durchsetzen zu wollen, dass Priester und andere Geistliche nicht l�nger mit ihren Ehefrauen das Bett teilten. Schon ein Jahrhundert zuvor hatte auf dem Konzil zu Tours der gleiche Gedanke zur Debatte gestanden, auch da hatte man sich f�r eine Regelung ausgesprochen, dass Priestern, die zusammen mit ihren Frauen schliefen, nicht erlaubt sein sollte, Gottesdienste abzuhalten. Der Vorschlag hatte sich damals nicht durchsetzen k�nnen.</p><p>�Du und Bruder Faro, seid ihr �?� Fidelma hielt mitten im Satz inne, denn das M�dchen war hochrot geworden.</p><p>�Wir sind Freunde�, sagte sie bestimmt, doch die Err�tung strafte sie L�gen. �Das hier ist kein gemischtes Haus, wie es offensichtlich anderswo der Fall ist. Abt Servillius h�lt es mit denen, die unter den frommen Br�dern und Schwestern das Z�libat predigen. Aber M�nche und Nonnen nehmen bei uns gemeinsam die Speisen ein, und auch die Andachten in der Kapelle finden f�r alle gemeinsam statt.�</p><p>Sie gelangten an eine gro�e Fl�gelt�r aus gl�nzendem Kastanienholz, in der die M�nche verschwanden. Neben ihr stand Bruder Wulfila, der Fidelma ver�rgert erwartete.</p><p>�Ich habe jemand zu deiner Kammer geschickt, er sollte dich abholen und herbringen�, empfing er sie in vorwurfsvollem Ton. �Du wurdest ausdr�cklich gebeten, nicht ohne Begleitung in der Abtei umherzuwandern.� Ohne eine Antwort abzuwarten, forderte er sie auf, ihr zu folgen. Schwester Gisa schwenkte mit den anderen Nonnen zur einen Seite der Halle, wo ihnen in einer Ecke ein gesonderter Tisch abseits von den M�nchen zugedacht war. Bei ihrem Gang durch den Saal kam Fidelma an einem Tisch vorbei, an dem Bruder Faro sa�, und an einem anderen erkannte sie Bruder Hnikar. Etliche M�nche starrten sie teils �berrascht, teils neugierig an. Am Ende der Halle, den Tischreihen zugewandt, stand ein auffallend langer Tisch, an dem Abt Servillius Platz genommen hatte, links und rechts von ihm Magister Ado und der Ehrw�rdige Ionas. Links neben Magister Ado sa� ein Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, und neben ihm eine etwas matronenhaft wirkende Frau.</p><p>Der Abt erhob sich, als er Bruder Wulfila erblickte, und winkte Fidelma mit einer kleinen Handbewegung zu sich heran.</p><p>�Ich darf dich einem besonderen Gast vorstellen � Prinz Romuald der Langobarden.� Dann wandte er sich an den Jungen. �Eure Hoheit, das ist Fidelma von Hibernia, die Tochter eines K�nigs ihres Landes.�</p><p>Der Knabe stand auf und machte eine tiefe Verbeugung. Fidelma musste sich eines L�chelns erwehren, weil sein Verhalten so wenig kindgem�� war.</p><p>�Ich hei�e dich in unserem Land willkommen, edle Dame. Mein Volk und meine Familie sch�tzen von jeher deine Landsleute wegen ihres Wissens und ihrer Lehren. Gedenkst du in dieser Abtei zu bleiben?�</p><p>�Ich weile hier, um meinen alten Mentor zu besuchen, der die Abtei zu seiner Heimstatt gemacht hat. Sobald wie m�glich begebe ich mich auf die R�ckreise in mein Land�, erwiderte sie h�flich.</p><p>Der Abt stellte ihr die neben dem Jungen sitzende Frau als Freifrau Gunora vor, die Begleiterin des Prinzen. Die Frau l�chelte zur�ckhaltend und neigte leicht den Kopf.</p><p>Nach den Begr��ungsformalit�ten setzte man sich. Fidelma wurde ein Platz neben dem Ehrw�rdigen Ionas zugewiesen, w�hrend Bruder Wulfila sich auf der anderen Seite von ihr niederlie�. Eine Glocke l�utete, woraufhin der Abt aufstand und ein Dankgebet anstimmte. Kaum hatte er wieder seinen Platz eingenommen, erklang abermals eine Glocke, und die im <emphasis>refectorium</emphasis> Versammelten durften mit dem Essen beginnen. Fidelma war nicht wenig erstaunt ob des munteren Stimmengewirrs im Saal. In den vorangegangenen Wochen in Rom, wo sie auch gemeinsam mit Mitgliedern der Bruderschaft die Mahlzeiten eingenommen hatte, war es w�hrend des Essens meist schweigsam zugegangen. In manchen Abteien las ein M�nch, ein <emphasis>recitator,</emphasis> laut aus dem Neuen Testament oder den Psalmen vor, w�hrend die anderen a�en.</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas riss sie aus ihren Betrachtungen; er hatte sie angesprochen.</p><p>�Verzeihung, was hast du gesagt?�, fragte sie.</p><p>�Ich hatte eine Frage zu Columbanus gestellt�, wiederholte er verlegen. �Sowie jemand aus Hibernia kommt, frage ich nach ihm, k�nnte ja sein, ich erfahre Neues und k�nnte es erg�nzend in mein Werk �ber unseren Begr�nder einf�gen.�</p><p>�Ich f�rchte, ich kann nur wenig dazu beitragen. Er stammte aus dem K�nigreich Laighin und ging zur Ausbildung in den Norden�, erwiderte Fidelma. �Das K�nigreich, aus dem ich komme, ist Muman, und das liegt im S�dwesten von Hibernia.�</p><p>�Hibernia besteht demnach nicht aus nur einem K�nigreich?�</p><p>�Wir haben f�nf K�nigreiche, das f�nfte hei�t Midhe, was soviel wie das mittlere K�nigreich hei�t, und dort lebt der Hochk�nig. Er gebietet �ber alle K�nigreiche. Er wird aus einer der f�hrenden Sippen gew�hlt. Derzeit sind es die Ui N�ill aus dem Norden, die die Thronfolge entscheiden.�</p><p>�So etwas �hnliches habe ich schon von anderen deiner Landsleute erfahren, aber so recht verstehe ich das nicht�, meinte der Ehrw�rdige Ionas ungl�ubig. �Wie auch immer, was kannst du mir �ber Columbanus erz�hlen?�</p><p>�In unserer Sprache lautet sein Name Colm B�n, und das bedeutet �wei�e Taube�. Ich wei� nur, dass er Abt von Beannchar wurde, einer ber�hmten Abtei im Norden von Hibernia. Dann soll er die Abtei verlassen haben, um jenseits der Meere unter den Franken und Burgunden Glaubenszentren zu begr�nden. Das ist alles. Von der Abtei hier wusste ich nichts.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas nickte bed�chtig, ein zaghaftes L�cheln umspielte die Lippen.</p><p>�Es war so, wie du sagst, meine Tochter. Er machte sich viele Feinde unter den fr�nkischen Adligen, und es kam der Tag, da sie anordneten, Columbanus mitsamt seinen M�nchen aus Hibernia in ihr Heimatland zur�ckzuschaffen. Doch statt nach Hibernia zur�ckzukehren, kam Columbanus hierher in den S�den, �berwand die Bergp�sse und brachte seine Getreuen ins Land der Langobarden. Agilulf, der damalige K�nig, gab ihm das St�ck Land hier. So begr�ndete er Bobium und unsere Bruderschaft. Bald konnte er die M�nche aus vielen L�ndern f�r sich gewinnen. Er blieb seinen alten Grunds�tzen aus Hibernia treu und legte sich sogar mit dem Heiligen Vater, Gregor dem Gro�en, an, denn er beharrte darauf, dass es die Hibernianer waren, die sich an das wahre Datum des Osterfestes hielten. Er war ein wahrhaft gro�er Mann, ein bedeutender Lehrer.�</p><p>�Hast du ihn gekannt?�</p><p>�Ich kam als junger Mann her, da war er schon drei Jahre tot�, erwiderte der alte Gelehrte mit bedauerndem Kopfsch�tteln. �Aber ich hatte mit vielen zu tun, die ihn noch gekannt hatten und mir bei meiner Arbeit �ber sein Leben und Wirken sehr helfen konnten. Als die Zeit nahte, da ich mich f�r einen Namen als M�nch entscheiden musste, w�hlte ich die griechische Form des hebr�ischen Namens Jona, was auch Taube bedeutet.�</p><p>Drau�en vor dem <emphasis>refectorium</emphasis> war es pl�tzlich laut geworden, fast im gleichen Moment wurden die T�ren aufgerissen. Alle Blicke wanderten in die eine Richtung, und ein erschrockenes Raunen ging durch den Saal. Ein M�nch kam durch den Mittelgang zum Tisch des Abts gehastet, und der reagierte gleicherma�en aufgeschreckt und ver�rgert. Atemlos und mit hochrotem Gesicht blieb der junge Bruder vor ihm stehen.</p><p>�Vater Abt �, ich vermochte sie nicht aufzuhalten, Vater Abt ��</p><p>�Du vergisst dich, Bruder Bladulf�, donnerte der Abt los. �Bist du nicht lange genug Torh�ter und kennst deine Pflichten und die Regeln unserer Abtei? W�hrend des Abendessens ��</p><p>Verzweifelt blickte der junge Mann �ber die Schulter hinter sich. Zwei M�nner hatten soeben das <emphasis>refectorium</emphasis> betreten und schritten schnurstracks und erhobenen Hauptes durch die Reihen der erstaunt, wenn auch schweigend dasitzenden Br�der auf den Tisch an der Stirnseite zu. Gespannt verfolgte Fidelma das Geschehen. Dem Habit und dem Krummstab nach war die vorangehende Person ein Bischof. Der Mann hinter ihm, gleichfalls in religi�ser Gewandung, schien nicht von h�herem Rang.</p><p>Beim Anblick der Eindringlinge hatte sich Abt Servillius entsetzt zur�ckgelehnt.</p><p><emphasis>�Pax vobiscum�</emphasis>, gr��te der Bischof, blieb vor dem Tisch stehen und musterte feindselig die versteinerten Gesichter vor ihm.</p><p>Abt Servillius brachte den traditionellen Willkommensgru� nicht �ber die Lippen und stie� nur den Namen �Britmund� hervor.</p><p>Peinliche Stille.</p><p>Der Bischof war klein und st�mmig, rotwangig, mit grauem Haar und dunklen Augenbrauen, er hatte Augen wie gl�nzende, schwarze Murmeln. Die schmalen, blutleeren Lippen waren zu einem boshaften L�cheln verzerrt. Als er neben dem Abt Magister Ado erkannte, verengten sich die Augen, ehe sein Blick weiter zu dem Knaben an dessen Seite wanderte.</p><p>�Also ist es wahr.� Er machte eine Andeutung von Verbeugung zu dem Prinzen. �Meine Gr��e und Segensw�nsche, Prinz Romuald. Deine Freunde von der Festung Friuli vermissen dich.�</p><p>Freifrau Gunora entfuhr ein leises Schniefen; mit besch�tzender Geste zog sie den Jungen an sich.</p><p>�Seine Freunde sind <emphasis>hier</emphasis>�, betonte sie.</p><p>Bischof Britmund l�chelte gereizt.</p><p>�Ich f�rchte, das ist nicht der Fall.� Er bemerkte Fidelma. �Es ist ungemein aufschlussreich, sehen zu m�ssen, dass in dieser Ketzerabtei nun sogar Weibern gestattet wird, gemeinsam mit dem Abt zu speisen�, h�hnte er. �Schlimm genug, dass du Nonnen erlaubst, ihre Mahlzeiten in ein und derselben Halle mit den M�nchen einzunehmen.�</p><p>Abt Servillius beugte sich vor und erkl�rte in einem Ton, dem seine innere Emp�rung anzumerken war: �Schwester Fidelma ist unser Gast, sie kommt aus Hibernia und ist Tochter eines K�nigs in eben dem Lande.�</p><p>�Schade, dass du nicht all deinen G�sten den n�tigen Respekt erweist�, lautete die sp�ttische Antwort. �Bruder Godomar und ich haben mehrere Tagesreisen gebraucht, um zur Abtei hier zu gelangen. Aber die Art, wie man uns willkommen hei�t, entspricht schwerlich den Gepflogenheiten der Gastfreundschaft.�</p><p>�Es ist eher schade, dass <emphasis>dein</emphasis> Verhalten nicht den Gepflogenheiten eines Besuchers entspricht�, erwiderte Abt Servillius, �und du dem Torh�ter nicht die M�glichkeit gabst, dich in meine Amtsstube zu geleiten, wo ich dich willkommen gehei�en h�tte, wie es der Brauch verlangt. Wenn du es vorziehst, unangek�ndigt in das <emphasis>refectorium</emphasis> einzudringen und in feindseligem Ton daherzureden, darf es dich nicht verwundern, wenn wir etwas Zeit brauchen, uns an unsere guten Sitten zu erinnern.�</p><p>�Weshalb sollte ich warten, wo ich doch wusste, dass es die Stunde eures abendlichen Mahls ist, und mein Gef�hrte und ich nach der beschwerlichen Reise geradezu ausgehungert sind?�</p><p>�Wenn das die Gastfreundschaft ist, die du erwartest, Britmund von Placentia, dann sind wir nicht so ketzerisch, sie dir zu verweigern. Am Tisch dort dr�ben ist Platz f�r euch.� Der Abt wies auf einen Tisch rechts in der Halle. �Setzt euch. Einer der Br�der wird dich und deinen Gef�hrten mit Speis und Trank versorgen.�</p><p>Herausfordernd blieb Bischof Britmund noch einen Moment vor dem Abt stehen. Nat�rlich hatte er erwartet, einen Platz an dem Tisch des Abts angeboten zu bekommen. Aber der Klosterherr hatte sich bislang weder erhoben noch dem Eindringling einen f�rmlichen Gru� entboten, wie er einem Geistlichen von Rang und W�rden zugekommen w�re, was Fidelma verwundert zur Kenntnis nahm. Ganz offensichtlich hegten der Abt und der Bischof keinerlei Sympathie f�reinander.</p><p>�Oder geht es dir um etwas anderes, Britmund?�, fragte der Abt gelassen. �K�nnte es sein, du wolltest dich nach dem Befinden von Bruder Ruad�n erkundigen?�</p><p>�Der alte Tor!�, schimpfte der Bischof. �Lebt er tats�chlich noch?�</p><p>Fidelma glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Wie konnte ein Bischof so etwas sagen! Sie verkrampfte die H�nde unter dem Tisch und sp�rte, wie ihr Zornesr�te in die Wangen stieg.</p><p>Doch noch ehe sie sich verga�, nahm der Abt das Wort. �<emphasis>Deo favente,</emphasis> er lebt � allen Umst�nden zum Trotz. Denen, die du mit deinem fanatischen Eifer aufgehetzt hast, �ber ihn herzufallen, hat er das nicht zu verdanken.� Er klang beherrscht und ruhig, dennoch zeugte seine Wortwahl von seinem Zorn.</p><p>�Ich nenne die Dinge beim Namen�, entgegnete der Bischof gleichm�tig. �Der alte Starrkopf hat mit seinem Predigen den �berfall selbst provoziert. Warum muss er sich des Langen und Breiten �ber Vorstellungen �u�ern, die uns in Plancentia mit Abscheu erf�llen und die wir verwerfen? Er h�tte sich unserer Stadt fernhalten sollen.�</p><p>�Wenn du sein Predigen so abscheulich findest, Britmund, warum betrittst du dann �berhaupt diese Abtei, die in deinen Augen so ketzerisch ist?�</p><p>�Nur widerwillig bin ich hier, und das auf Einladung von Seigneur Radoald.�</p><p>Alle in der Halle hielten �berrascht die Luft an.</p><p>�Auf Einladung von Seigneur Radoald von Trebbia?�, fragte Magister Ado unvermittelt.</p><p>Bischof Britmund bedachte ihn mit einem h�hnischen L�cheln. �Ich kenne nur diesen einen Seigneur hier im Tal � bisher jedenfalls.�</p><p>�Und warum sollte Seigneur Radoald dich bitten herzukommen?�, wollte der Abt wissen.</p><p>Noch ehe der Bischof antworten konnte, erkl�rte Magister Ado: �Wir haben erst heute Morgen seine Festung verlassen, haben f�r die Nacht seine Gastfreundschaft genossen. Er hat mir gegen�ber nichts von einer solchen Einladung gesagt.�</p><p>�Ich bin nicht in der Lage, Seigneur Radoalds Gedanken zu lesen, und kenne die Beweggr�nde nicht, die ihn veranlassten, dir nichts davon zu sagen. Ado�, erwiderte Bischof Britmund. �Vielleicht wei� er, wie bestrebt du bist, keine M�glichkeit ungenutzt zu lassen, Anh�nger meines Glaubens zu attackieren. Aber als Herrscher dieses Tales betont er immer wieder, dass es ihm um den Frieden zwischen den Menschen beider Glaubensrichtungen geht. Er hat mich hierher gebeten, damit du, Servillius, und ich uns unter ihm als Mittler auf einen gemeinsamen Nenner einigen. Meines Wissens will er morgen bei Tagesanbruch hier sein, damit die n�tigen Gespr�che zustande kommen.�</p><p>�Er h�tte uns von deiner bevorstehenden Ankunft und dem Anliegen in Kenntnis setzen sollen�, murmelte Abt Servillius.</p><p>Nur kurz verzog Bischof Britmund triumphierend das Gesicht. �Vielleicht bef�rchtete er, du k�nntest dich bei einer entsprechenden Vorwarnung einem solchen Gespr�ch entziehen?�</p><p>Abt Servillius biss die Z�hne zusammen. �Einer Debatte �ber den wahren Glauben w�rde ich mich nie entziehen�, erwiderte er entr�stet.</p><p>�Dann d�rfen ich und mein Gef�hrte f�r die Dauer der Gespr�che der Gastfreundschaft deiner Abtei gewiss sein.�</p><p>Abt Servillius sah zu Bruder Wulfila, der neben Fidelma sa�, ehe er dem Bischof antwortete. �Wir sind gerade beim Essen. Selbstverst�ndlich kannst du daran teilhaben. Nach dem Mahl k�nnen wir alles �brige veranlassen.�</p><p>Bischof Britmund machte eine leicht sp�ttische Verbeugung zum Abt hin und tat, als h�tte er das Wortgefecht genossen. Dann begab er sich mit Bruder Godomar zu den ihm zugewiesenen leeren Pl�tzen. Fidelma bemerkte, dass Schwester Gisa aufgestanden war und die Aufmerksamkeit des Verwalters auf sich zu lenken versuchte. Er kam zu ihr, und sie reichte ihm ein Papier. Der Verwalter las es, r�gte sie barsch und ging zum Abt. Der warf einen Blick darauf, und sein Gesicht verfinsterte sich. Mit einer heftigen Handbewegung bedeutete Bruder Wulfila dem M�dchen, sich wieder zu setzen.</p><p>W�hrend der Abt angelegentlich mit Magister Ado fl�sterte, nutzte Fidelma die Gelegenheit, sich an den Ehrw�rdigen Ionas zu wenden. �Wer ist dieser Bischof Britmund?� Zwar hatte sie den Namen schon zuvor geh�rt, wusste aber nicht mehr, in welchem Zusammenhang.</p><p>�Er ist Arianer, ein Anh�nger des Arius, und ein Feind unserer Abtei�, erl�uterte der Gelehrte; er machte einen sichtlich besorgten Eindruck. �Er ist Bischof von Placentia, einer Stadt jenseits des Tales am gro�en Fluss Padus. Er und unser Abt sind geradezu eingeschworene Feinde. Viele unserer Br�der hat man �berfallen, als sie versuchten, in Placentia zu predigen.�</p><p>�Auch Bruder Ruad�n?�</p><p>�Auch Bruder Ruad�n.�</p><p>Jetzt wandte sich Abt Servillius an den Ehrw�rdigen Ionas, wechselte hastig und ernst einige Worte mit ihm, erhob sich dann, ging zu Freifrau Gunora und raunte auch ihr einiges zu. Als N�chstes kam er zu Bruder Wulfila, der sich ehrf�rchtig erhob. Fidelma konnte hinter ihrem R�cken ihr Getuschel h�ren.</p><p>�Sieh zu, dass du f�r den Bischof und seine Begleitung eine Unterkunft findest. Egal wo, aber nicht im G�stehaus.�</p><p>�Nicht im G�stehaus?�</p><p>�Es scheint geraten, den Bischof und seinen Begleiter so weit wie m�glich von Freifrau Gunora und ihrem Sch�tzling entfernt zu halten.�</p><p>�In Ordnung, Vater Abt. Ich werde sie im Westturm unterbringen.� Der Verwalter lie� sein Essen stehen und eilte unverz�glich aus dem <emphasis>refectorium,</emphasis> um seiner Aufgabe nachzukommen. Bischof Britmund hatte den Abt nicht aus dem Auge gelassen und seine Absprachen aus der Entfernung nicht ohne Hohn verfolgt. Fidelma beugte sich zum Ehrw�rdigen Ionas.</p><p>�Hat dieser Bischof Britmund bei den Verletzungen, die Bruder Ruad�n erlitten hat, seine Hand mit im Spiele gehabt?�</p><p>�Nicht direkt. Britmund ist ein Mann, der vor allem mit Wortgewalt gegen die zu Felde zieht, die sich an das Glaubensbekenntnis von Nic�a halten. Damit sch�rt er das Feuer in den K�pfen und �berl�sst anderen den Rest.�</p><p>�Der Abt bef�rchtet offensichtlich, er k�nnte dem jungen Prinzen Schaden zuf�gen.�</p><p>�Das k�nnte durchaus sein�, gab der Ehrw�rdige Ionas z�gernd zu.</p><p>�Der Junge ist doch aber der Sohn auch seines K�nigs!� Fidelma hielt die Vorstellung f�r absurd.</p><p>�Es geht das Ger�cht um, Bischof Britmund w�rde Perctarit, Grimoalds Feind, unterst�tzen.�</p><p>�Dann glaubst du also, er ist in Wirklichkeit nicht hier, um Fragen des Glaubens zu er�rtern?�</p><p>Der Gelehrte l�chelte traurig. �Genau das bef�rchte ich. Ich glaube, er wollte nur in Erfahrung bringen, ob der Prinz hier tats�chlich Schutz und Zuflucht gefunden hat.�</p><p>�Daraus w�rde sich aber ergeben, dass Seigneur Radoald da irgendwie mit drinsteckt.� Fidelma dachte an die Begegnung, deren Zeuge sie in der Nacht auf Radoalds Festung geworden war. �Es ist doch seltsam, dass man den Abt nicht zuvor von diesem Treffen verst�ndigt hat, zu dem Bischof Britmund eigens geladen wurde.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas nickte. �Er h�tte davon erfahren m�ssen. Augenscheinlich hatte Seigneur Radoald ihm eine diesbez�gliche Notiz geschrieben, die er Schwester Gisa anvertraut hatte mit dem Auftrag, sie ihm zu �bergeben. Leider hat sie vers�umt, das zu tun, erst Britmunds Eintreffen hier hat sie wieder daran erinnert. Eine Unterlassungss�nde, die nicht ungestraft bleiben wird. Auf Radoald ist Verlass. Seine Familie hat stets Grimoald und unsere Abtei nach Kr�ften unterst�tzt. Radoald selbst ist erst seit einigen Jahren Seigneur von Trebbia. In Grimoalds Kriegen zog er gemeinsam mit seinem Vater, Seigneur Billo, aus, um zu k�mpfen. Sein Vater kehrte nicht mehr zur�ck, und so wurde Radoald hier der Landesherr. Billo zu verlieren, war f�r uns ein herber Schicksalsschlag. Er war ein �u�erst kultivierter Mann, belesen und musikalisch. Wie auch immer, der junge Radoald ist bestrebt, dem Tal ein ebenso guter Herrscher wie sein Vater zu sein.�</p><p>Fidelma �berlegte kurz. �Der Bischof hat mit einer merkw�rdigen Genugtuung die Anwesenheit von Magister Ado in der Abtei wahrgenommen,� bemerkte sie dann.</p><p>�Magister Ado z�hlt nicht gerade zu seinen Freunden�, entgegnete der Ehrw�rdige Ionas. �Grund genug f�r uns und die Klostergemeinde, vor dem Wolf im Bischofsgewand auf der Hut zu sein.�</p><p>Abt Servillius hatte den letzten Teil ihrer Unterhaltung mitgeh�rt und mischte sich mit ernstem L�cheln ein. �Es gibt viele Dinge, die ich Britmund zutrauen w�rde. Er ist ein Fanatiker. Wiederum sch�rt er nur mit Worten Hass und Gewalt � nie w�rde er sich zu t�tlicher Gewalt hinrei�en lassen. Zumindest sind wir vorgewarnt und werden die unliebsamen G�ste nicht aus den Augen lassen.�</p><p>Fidelma schaute zu Bischof Britmund und seinem Begleiter hin�ber, die ungeachtet der Unruhe, die sie verbreitet hatten, mit herzhaftem Appetit dem Essen zusprachen. Auch sie machte sich daran, ihr Mahl zu beenden. Als sie so weit war, tauchte Bruder Wulfila wieder auf. Er ging zum Abt, und sie h�rte ihn leise sagen: �Es ist alles erledigt, Vater Abt. F�r den Bischof wurde ein Gemach hergerichtet, und sein Begleiter kann sich im Hauptschlafsaal zur Ruhe betten.�</p><p>�Und �?� Der Abt sah ihn erwartungsvoll an.</p><p>�Ich habe daf�r Sorge getragen, dass der Bischof und seine Begleitung weit genug von Freifrau Gunora und dem Prinzen untergebracht sind. Dar�ber hinaus werden Bruder Bladulf und ich die Nacht �ber vor ihrem Zimmer abwechselnd Wache halten.�</p><p>�Gut. Gottes Segen sei mit dir�, murmelte der Abt.</p><p>Bruder Wulfila eilte fort, und Fidelma blickte ihm mit sorgenvollem Gesicht hinterher. Der Ehrw�rdige Ionas war bem�ht, ihre Bedenken zu zerstreuen. �Bruder Wulfila ist ein guter Mann, auch wenn er erst seit kurzem bei uns ist. Er hat fr�her im Heer gedient und kann sich immer noch nicht von der soldatischen Denkweise l�sen, aber vielleicht kommt ihm die sogar in seinem Amt als Verwalter der Abtei zugute.�</p><p>�Es klingt bedrohlich�, meinte Fidelma.</p><p>�Du bist fremd hier, Prinzessin, und mit den hiesigen Gegebenheiten nicht vertraut. Abt Servillius ist gegen�ber dem K�nig, dem Vater des Prinzen, f�r die Sicherheit des Knaben verantwortlich.�</p><p>�Ihr nehmt also die Bedrohung sehr ernst?�, hakte sie nach.</p><p>�Wir m�ssen auf alles gefasst sein�, erwiderte der Gelehrte.</p><p>Ohne jede Zeremonie stand der Abt auf und erhob die Hand. Die M�nche verstummten. Abt Servillius erkl�rte das Mahl f�r beendet, ein zweimaliges L�uten der Glocke bekr�ftigte seine Worte.</p><p>An sich erwartete man von Fidelma, dass sie die frommen Br�der in die Kapelle zur Abendandacht begleitete. Sie z�gerte ein wenig, weil es vielleicht der ideale Zeitpunkt gewesen w�re, Bruder Ruad�n ein weiteres Mal aufzusuchen und mit ihm ungest�rt ohne die Anwesenheit von Bruder Hnikar zu sprechen. Zu gern h�tte sie herausgefunden, was er mit seiner Warnung vor dem B�sen gemeint und warum er sie inst�ndig gebeten hatte, die Abtei so rasch wie m�glich zu verlassen. Aber man w�rde ihr Fehlen sofort bemerken und sich dar�ber Gedanken machen. Zudem gesellte sich Schwester Gisa zu ihr und wollte sie unbedingt zu dem Teil der Kapelle f�hren, der den Schwestern der Gemeinschaft zugewiesen war. Das M�dchen war sichtlich bedr�ckt, dass ihr ihre Vergesslichkeit einen so b�sen Streich gespielt hatte.</p><p>�Ich hatte den Zettel in meinem <emphasis>marsupium</emphasis>�, jammerte sie, �und ich wollte ihn auch unverz�glich �bergeben, aber Bruder Wulfila hat mich v�llig durcheinandergebracht, als er mich gleich am Einlasstor entlie�, und da ist mir die Sache entfallen � bis vorhin eben.�</p><p>Fidelma war bem�ht, sie mit Fragen �ber die Kapelle etwas abzulenken. Als sie dann Platz genommen hatte, fiel ihr auf, dass Freifrau Gunora und ihr Sch�tzling nicht anwesend waren. Hingegen sah sie Bischof Britmund, der sich gleichfalls angelegentlich umschaute, als versuchte er, die beiden ausfindig zu machen.</p><p>Der eigentliche Ablauf der Andacht war f�r Fidelma befremdlich. Sie hatte geglaubt, in der ber�hmten Abtei einige der Riten und Gepflogenheiten, mit denen sie von Haus aus vertraut war, zu erleben. Schlie�lich war es Columbanus gewesen, der die Abtei begr�ndet hatte, und sie war davon ausgegangen, dass er sich an die Gepflogenheiten gehalten hatte, die ihm von den F�nf K�nigreichen her vertraut waren. Doch schon bald wurde sie daran erinnert, dass er es mehr mit dem Bu�sakrament hielt. Von den Regeln und Vorschriften ihres eigenen Landes war keine Spur. Au�erdem hatte ja Magister Ado davon gesprochen, dass die Abtei sich den Benediktinischen Regeln angeschlossen hatte.</p><p>Auch andere Unterschiede wurden deutlich. So stand der Abt beim Zelebrieren des Gottesdienstes vor dem Altar und nicht dahinter, und die Liturgie wurde in dem zu der Zeit gel�ufigen Latein abgehalten und nicht in Griechisch, der urspr�nglichen Sprache der Evangelien. Weiterhin war auff�llig, dass der Abt eine Mitra aufhatte, einen zeremoniellen Kopfschmuck, dessen Name sich aus dem Griechischen herleitete und den man in den Kirchen in Hibernia nicht trug. Dort setzten sich �bte und Bisch�fe Kronen auf, wenngleich auch sie einen Hirtenstab, die <emphasis>cambutta,</emphasis> trugen. Sp�ter erfuhr sie von Schwester Gisa, dass Papst Theodor vor vielen Jahren die �bte von Bobium als Bisch�fe anerkannt und ihnen so unter den Kirchenf�hrern zu Macht verholfen hatte. Kein Wunder also, dass Abt Servillius f�r das selbstherrliche Auftreten von Bischof Britmund nur Verachtung zeigte.</p><p>In den meisten Kirchen und Abteien Hibernias wurde die Messe nicht t�glich gelesen, im Allgemeinen nur sonntags, und auch dann eher zum Tagesanbruch als zu einer anderen Zeit. All diese Dinge gingen Fidelma durch den Kopf, und je mehr sie dar�ber nachdachte, desto fremder f�hlte sie sich � eine Fremde in einem fremden Land. Sie vermisste jegliche Zugeh�rigkeit; noch nie war sie sich so verloren vorgekommen, selbst im K�nigreich der Angeln nicht oder in der Zeit, als sie in Rom war. Nat�rlich empfand man immer ein gewisses Heimweh, aber das hier war etwas anderes, es versetzte sie in eine d�stere Stimmung, und sie w�nschte sich fort von hier.</p><p>�berrascht gestand sie sich ein, dass ihr Bruder Eadulf, der angels�chsische M�nch, fehlte, sein Sinn f�r Humor und seine stets sachdienlichen Kommentare. Mit einem leisen L�cheln dachte sie daran, wie er sich gegen das �angels�chsisch� wehren w�rde; er hielt sich f�r einen aus dem Stamm der Angeln und nicht der Sachsen, kam er doch aus dem Land des S�dvolks aus Seaxmund�s Ham. In ihren Augen waren beide, die Angeln und die Sachsen, <emphasis>Sasanach,</emphasis> eben Sachsen. F�r Eadulf hingegen war es ein Unterschied, und er wies immer darauf hin, dass die verschiedenen K�nigreiche, die auf der britannischen Insel entstanden waren, just von diesen Unterschieden gepr�gt waren und dass Angeln und Sachsen sich oft genug kriegerisch gegen�berstanden.</p><p>Fidelma wollte es nicht gelingen, das befremdliche Gef�hl des Isoliertseins abzusch�tteln. Erst die Worte des Abts <emphasis>�Ite, missa est�</emphasis>, die das Ende der abendlichen Andacht verk�ndeten, rissen sie aus ihren Tr�umereien.</p><p>Zusammen mit Schwester Gisa verlie� sie die Kapelle. Sie kamen an Bischof Britmund und Bruder Godomar, seinem Gef�hrten, vorbei. Die schwarzen Murmelaugen des Bischofs hefteten sich auf sie, doch wie sie merkte, galt der strenge Blick mehr Schwester Gisa als ihr. Das M�dchen fing auch gleich an zu zittern und sagte nur rasch: �Verzeih, Schwester Fidelma, aber auf mich warten noch Pflichten. Ich w�nsche dir eine gute Nacht.� Und schon drehte sie sich um, eilte �ber den Hof und verschwand durch die Tore der Abtei. Der Bischof aber hatte bereits den Ehrw�rdigen Ionas abgefangen, und man h�rte sie nicht gerade freundlich miteinander reden. Aus dem ungehaltenen Ton schlussfolgerte Fidelma, dass das Streitgespr�ch seinen Fortgang nahm.</p><p>Langsam wurde ihr klar, dass mit dem Moment, da sie die Abtei betreten hatte, immer die unterschwellige Drohung von Unheil gegenw�rtig war, ohne dass sie sie auf irgendetwas Konkretes h�tte zur�ckf�hren k�nnen. In ihrer T�tigkeit als <emphasis>d�laigh,</emphasis> Anw�ltin bei den Gerichten der F�nf K�nigreiche, war sie oft genug B�sem begegnet, nie aber hatte sich ihrer ein so banges Gef�hl bem�chtigt wie hier. Durch beharrliches Wirken in der Rechtspflege hatte sie den Titel eines <emphasis>anruth</emphasis> erworben, den zweith�chsten Grad, den weltliche und geistliche Hohe Schulen in Irland vergeben konnten, und hatte es in dieser Eigenschaft mit bizarren Morden und Verbrechen zu tun gehabt, die sie immer hatte aufkl�ren k�nnen, wenn auch manchmal unter lebensbedrohlichen Umst�nden. Acht Jahre lang hatte sie in Tara an der Schule von Brehon Morann studiert, und nichts hatte sie mehr begl�ckt, als mit der Kl�rung mysteri�ser Vorg�nge betraut zu werden. Aber jetzt � jetzt war sie sich unsicher, wo das Unheilvolle lauerte und zu suchen war. Drohte aus der blo�en Existenz zweier Lager, die sich nicht einigen konnten, ob Gott als Wesenseinheit oder Dreieinigkeit zu verstehen sei, tats�chlich Gewalt?</p><p>Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, so bewegte sie die Frage als solche nicht gerade leidenschaftlich, wie es ihr auch �hnlich mit ihrer Haltung zur Religion ging. Wirkliche Leidenschaft hegte Fidelma f�r Recht und Gesetz, f�r die Prinzipien der Gerechtigkeit. Weshalb war sie dann �berhaupt Nonne geworden? Sie h�tte einfach die Tochter von Failbe Flann, K�nig von Muman, sein k�nnen, doch ihr Vater starb, als sie noch ein kleines Kind war, und die K�nigsw�rde war ihrem Vetter zugesprochen worden. In ihrem Land ergab sich das K�nigtum sowohl aus der Wahl als auch aus der Blutsverwandtschaft des vorangegangenen K�nigs. Das erkl�rte, warum Colg�, ihr Bruder, zun�chst gesetzlicher Thronnachfolger und nicht K�nig war. Deshalb hatte sie sich entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen und ihre Begabungen dem Rechtswesen zu widmen; ein Amt von ihrem Vetter zu erbitten, war f�r sie nicht in Frage gekommen.</p><p>Ein �lterer Vetter, Laisran, Abt von Dar�, hatte ihr nahegelegt, in die Abtei Cill Dara, die Abtei der heiligen Brigit, einzutreten, wie es viele, die h�here Bildung genossen hatten, damals taten. Die Gemeinschaft dort brauchte einen Rechtskundigen. Sie war dem Rat gefolgt und hatte es gar bald bereut. Nicht lange, und sie verlie� die Abtei und �bernahm Auftr�ge f�r die Kirchenoberen der F�nf K�nigreiche, die sich gern ihrer Talente bedienten. Der letzte Auftrag hatte sie nach Rom gef�hrt, wo sie f�r eine Abteiregel die Zustimmung des Heiligen Vaters einholen sollte. Von dort hatte es sie hierher nach Bobium verschlagen. Bei ihren Reisen hatte sie vor allem auf dem Konzil der Angeln in Streonshalh erlebt, mit welcher Erbitterung in Glaubensdingen gestritten wurde. Dort hatte es zwischen Anh�ngern der Regeln von Rom und denen, die die Regel von Colm Cille beibehalten wollten, eine heftige Debatte gegeben. Dort war sie auch zum ersten Mal Eadulf begegnet.</p><p>Sie presste die Lippen zusammen. Warum kam ihr eigentlich immer wieder Eadulf in den Sinn? Er bekannte sich zu den Regeln von Rom. Im Grunde genommen st�rte sie das nicht, auch wenn sie in einem anderen Glauben aufgewachsen war. Doch irgendwie lie� ihr die Sache keine Ruhe. Wer in dem Glaubensstreit nun recht hatte oder nicht, ber�hrte sie weniger. Die einen glaubten halt an den alleinigen Gott, der den Sohn und den Heiligen Geist erschuf, und die anderen glaubten an die Dreieinigkeit Gottes. Bittesch�n, warum nicht? Wegen unterschiedlicher Auffassungen musste man sich nicht gegenseitig umbringen.</p><p>Sie fing pl�tzlich an zu frieren. Es war sp�t geworden, und sie hatte, v�llig in Gedanken versunken, im Hof auf einer Steinbank gesessen. Fast ein wenig schuldbewusst schaute sie sich um. Man hatte etliche Fackeln angez�ndet, um den Hof zu erhellen, aber der war menschenleer. Sie hatte doch eigentlich Bruder Ruad�n aufsuchen wollen. W�rde sie den Weg zu seinem Krankenlager wiederfinden? Wahrscheinlich nur von ihrer eigenen Kammer aus.</p><p>Kurz entschlossen eilte sie durch die G�nge und die Stufen hinauf, die zu den R�umen im G�stehaus f�hrten, blieb vor ihrer eigenen T�r stehen, atmete tief durch und ging weiter. Sie hatte etwa die H�lfte des dunklen Ganges hinter sich gebracht, als sich rechts neben ihr eine T�r �ffnete. Ein Verbergen war unm�glich, denn das Licht aus dem Zimmer fiel unmittelbar auf sie.</p><p>Fast gleichzeitig h�rte sie von weiter vorn im Gang jemand rufen: �Wer ist da? Ist alles in Ordnung?�</p><p>Sie erkannte Bruder Wulfila, der mit einer Lampe in der Hand aus dem Dunkel auftauchte. Sie hatte v�llig vergessen, dass er und der Torh�ter vor dem Zimmerr von Freifrau Gunora Wache halten wollten.</p><p>�Ja. Kein Grund zur Beunruhigung�, hallte die Stimme der Adligen Gunora unmittelbar �ber Fidelmas Kopf hinweg. Der Verwalter wandte sich wieder ab und kehrte an seinen Posten am Ende des Ganges zur�ck. Erleichtert atmete Fidelma auf, denn w�re sie bis nach vorn gegangen, w�re sie in Erkl�rungsn�te geraten.</p><p>�Schwester Fidelma � oder sollte ich besser Prinzessin Fidelma sagen? Ich m�chte mit dir sprechen.� Im T�rrahmen hinter ihr stand Freifrau Gunora.</p><p>Fidelma verneigte sich andeutungsweise vor der langobardischen Adligen. �Fidelma gen�gt�, erkl�rte sie freundlich l�chelnd.</p><p>Die Frau warf einen pr�fenden Blick nach beiden Seiten des Ganges. �Komm einen Moment herein, damit wir Bruder Wulfila nicht wieder aufscheuchen. Der Abt h�lt gro�e St�cke auf ihn. Er geh�rte zu den Kriegern im Kampf gegen Perctarit und nimmt seine Aufgabe als W�chter sehr ernst.�</p><p>Fidelma blieb nichts anderes �brig, als in das Gemach einzutreten. In einem Bett in einer Ecke lag der junge Prinz Romuald und schlief fest. In einer anderen Ecke stand ein weiteres Bett, vermutlich das f�r Gunora, war aber noch v�llig unber�hrt.</p><p>�Kann ich dir irgendwie helfen, edle Dame?� fragte Fidelma leise.</p><p>Die Angeredete antwortete nicht sogleich, als m�sse sie erst �berlegen, wie sie das, was sie auf dem Herzen hatte, am besten zum Ausdruck brachte. �Ich wollte dich nur warnen, Fidelma. Du bist die Tochter eines K�nigs, und wir aus adligem Gebl�t sind einander verpflichtet.�</p><p>Fidelma schaute sie �berrascht an. �Mich warnen?�</p><p>�Du geh�rst nicht zu denen hier, Prinzessin. Du solltest das Tal so rasch wie m�glich verlassen.�</p><p>�Ich verstehe nicht recht. Was die Zugeh�rigkeit betrifft, so haben meine Landsleute diese Abtei gegr�ndet. Ich bin in erster Linie wegen meines guten Freundes und Mentors, Bruder Ruad�n, hier. Er ist hochbetagt und wird, wie man mir sagte, nicht mehr lange auf dieser Welt weilen. Ich werde abreisen, wenn ich es f�r richtig halte.�</p><p>Freifrau Gunora faltete die H�nde und versicherte ihr betr�bt: �Ich wollte dich nicht verletzen. Aber ich f�rchte den heraufziehenden Sturm, der alles hinwegfegen k�nnte � diese Abtei, das Tal � einfach alles.�</p><p>�Ich verstehe immer noch nicht.�</p><p>�Es hat in den letzten Jahren in den Bergen und T�lern hier viel Blutvergie�en gegeben. Sein Vater� � sie nickte zum schlafenden Romuald hin�ber �, �ist kein schlechter K�nig, aber auf seinem Weg zur Macht ist viel Blut geflossen. Gegenw�rtig h�lt er sich im S�den des Landes auf, um unsere Feinde dort zu b�ndigen. Wie wir h�ren, ist der fr�here Mitk�nig Perctarit aus dem Frankenreich �ber die gro�en Berge zur�ckgekehrt und sinnt auf Rache.�</p><p>�Magister Ado und andere haben mir davon berichtet�, best�tigte Fidelma.</p><p>Freifrau Gunora l�chelte kurz. �Magister Ado? Viel Gutes wird �ber ihn gesagt. Aber traue niemandem. Nicht dem Abt, nicht Ado, auch nicht Ionas. �berall lauert hier B�ses, Prinzessin. Und davor wollte ich dich warnen, dich inst�ndig bitten, umgehend abzureisen.�</p><p>Fidelma schwieg einen Moment. Was die Frau ihr offenbarte, war mehr oder weniger das, was auch der arme Bruder Ruad�n gesagt hatte. Sie musste dahinterkommen, was hier wirklich vor sich ging.</p><p>�Kennst du Bruder Ruad�n?�, fragte sie unvermittelt.</p><p>Gunora nickte. �Die meisten von hier und bis Placentia kennen ihn, denn trotz seines Alters ist er viel umhergewandert, um den wahren Glauben zu verk�nden.�</p><p>�Du bist also keine Anh�ngerin des Arius?�</p><p>�Du wei�t von dieser Zwietracht?� Wieder blickte sie zu dem schlafenden Knaben. �Sein Vater, Grimoald, glaubt an die Lehre, die Arius aus Alexandria vertritt. Er hat aber eine Frau geheiratet, die zu dem Glaubensbekenntnis von Nic�a und zu der Autorit�t des Heiligen Vaters in Rom steht. Grimoald regiert mit liberaler Hand. Unter seiner Regentschaft bleibt es jedem Einzelnen �berlassen, welchem Glauben er folgt. Es w�re f�r den Jungen gut, wenn er nicht in die H�nde von Perctarit f�llt.�</p><p>�Du bef�rchtest, dass die Arianer, wenn sie des Knaben habhaft werden, ihn Perctarit ausliefern? Was hat das f�r einen Sinn, wenn sein Vater selbst ein Anh�nger ihres Glaubens ist.�</p><p>�Ich wei�, Prinzessin. Aber Religion hat damit nichts zu tun. Es geht hier nur um Macht. Britmund und sein Lakai Godomar sind zu allem imstande, wenn sie nur Perctarit gef�llig sein k�nnen und so seine Gunst erwerben. Grimoald hat bereits erkl�rt, er werde weder die eine noch die andere Seite in diesem theologischen Streit unterst�tzen. H�te dich vor Bischof Britmund. Er ist von Ehrgeiz besessen.�</p><p>�Aber er ist doch ein Mann des Glaubens und hat geschworen, Christus zu folgen, das hei�t, Frieden zu halten.�</p><p>Gunora lachte b�se auf, und Fidelma erschrak.</p><p>�Frieden? Ich frage mich oft, wieso wir nichts mehr von den alten G�ttern und G�ttinnen wissen wollen. Hat nicht Christus, wie es bei Matth�us hei�t, selbst gesagt: �Ihr sollt nicht w�hnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die Schwiegertochter wider ihre Schwiegermutter. � Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert.� Frieden? Sind das die Worte eines Friedensstifters? Das sind Worte, die M�nner wie Britmund in die Welt schreien und damit Menschen aufhetzen, gegeneinander zu k�mpfen.�</p><p>Fidelma z�gerte. Diese Bibelstelle war ihr bislang nicht bewusst gewesen, und sie nahm sich vor, den Text bei Gelegenheit zu �berpr�fen.</p><p>�F�hlst du dich hier nicht sicher?�, fragte sie</p><p>�Ich f�rchte um den Prinzen. Seine Mutter hat ihn mir �berantwortet, als sie ihn zur�cklie�, um Grimoald im S�den beizustehen. Ich f�rchte um seine Sicherheit, denn ich f�hle den blutr�nstigen Sturm nahen. Ich wollte dich wirklich nur warnen, Fidelma aus Hibernia, verlasse diesen Ort, so rasch du kannst.�</p><p>Arg verstimmt fand sich Fidelma drau�en im Gang wieder. Sie hatte das Gef�hl, dass sie jedermann warnen wollte. Doch sie war aus gutem Grund hier, vielleicht w�rde das Anliegen, das sie verfolgte, der Schl�ssel zu ihren Fragen sein. Sie sp�hte in den Gang. An seinem Ende sa� Bruder Wulfila auf einem Schemel, die flackernde Laterne zu seinen F��en. Er hatte die H�nde vor dem Bauch gefaltet, der Kopf sackte schl�frig herab. Selbst wenn er fest schlief, w�rde sie nicht unbemerkt an ihm vorbeikommen. Ver�rgert presste sie die Lippen zusammen und �berlegte. Ihr Vorhaben lie� sich jetzt nicht verwirklichen. Sie w�rde bis zum Morgengrauen warten m�ssen in der Hoffnung, dass Bruder Wulfila seinen Wachposten einigerma�en zeitig aufgab.</p></section><section><title><p>KAPITEL 6</p></title><p>Noch ehe es hell wurde, war Fidelma aufgestanden, hatte sich gewaschen und angezogen. Leise verlie� sie ihre Kammer, blieb stehen und blickte den Gang entlang. Sie hoffte, dass Bruder Wulfila es mit der heraufziehenden Morgend�mmerung nicht l�nger f�r n�tig gehalten hatte, auf dem Korridor vor der Kammer von Freifrau Gunora Wache zu halten. Tats�chlich war niemand zu sehen. Sie streifte die Sandalen ab, damit das Ger�usch der Ledersohlen sie nicht verriet. Sie schreckte zur�ck, als die blo�en F��e die kalten Steinplatten ber�hrten. Schwach drangen die ersten Ger�usche der zum neuen Tag erwachenden Abtei an ihr Ohr. Vorsichtig schlich sie den Gang entlang, hielt die Sandalen in der Hand.</p><p>Sie gelangte an die Kammer, in der sie am Abend zuvor mit Freifrau Gunora gesprochen hatte, und blieb verwundert stehen. Die T�r war angelehnt, drinnen war es v�llig still. Sie stie� die T�r auf und blickte in den Raum. Er war leer, alles deutete darauf hin, dass die G�ste �bereilt abgereist waren. Ein Stuhl war umgekippt, Decken und Kissen lagen verstreut auf dem Boden. Nichts an pers�nlichen Gegenst�nden, Beuteln oder Taschen stand mehr da, keine der Sachen, die sie gesehen hatte, als Gunora sie hereingebeten hatte.</p><p>Sorgsam schaute sich Fidelma um. Freifrau Gunora und der junge Prinz mussten den Raum in gro�er Hast verlassen haben. Doch jetzt war nicht die Zeit, sich um einen weiteren r�tselhaften Vorgang zu k�mmern, sie hatte Wichtigeres vor. Fidelma lie� die T�r, wie sie sie vorgefunden hatte, und ging behutsam bis ans Ende des Ganges. Von Bruder Wulfila keine Spur. Auch die dort abzweigenden Korridore waren menschenleer. Niemand begegnete ihr auf dem Weg zu Bruder Ruad�ns Zelle.</p><p>Von keinem bemerkt, trat Fidelma ein. Der Raum war jetzt ins sanfte Licht des fr�hen Morgens getaucht. Eingefallen und reglos lag Bruder Ruad�n auf dem Bett, sein Atem ging schwach und asthmatisch.</p><p>�Bruder Ruad�n�, fl�sterte sie, so laut sie sich traute.</p><p>Der Atem stockte � ein Zeichen, dass Bruder Ruad�n wach war und sie wahrgenommen hatte. Das Gesicht auf dem Kissen wandte sich ihr zu. Sie ging n�her heran.</p><p>�Ich bin es, Fidelma.�</p><p>�Du bist zur�ckgekommen?� Nur m�hsam wurden die Worte herausgepresst. �Ich � ich dachte, ich h�tte getr�umt, dass du gestern hier warst.�</p><p>Sie setzte sich auf die Bettkante und nahm seine kalte, wie mit Pergament �berzogene Hand in ihre H�nde. �Ich bin auch heute hier. Mein Besuch gestern hatte dich erregt.�</p><p>�Ist au�er dir noch jemand da? Ich sehe alles nur verschwommen.� Wie gehetzt flitzten die fahlen Augen hin und her.</p><p>�Wir sind v�llig allein�, versicherte sie ihm. �Was macht dir solche Angst?�</p><p>�Was treibt dich hierher � hierher nach Bobium?�</p><p>�Ich war auf dem Wege nach Massilia, doch mein Schiff geriet in einen Sturm und wurde leck geschlagen. So bin ich in Genua gestrandet. Per Zufall traf ich Magister Ado und erfuhr, dass du in dieser Abtei lebst, da bin ich einfach hergekommen, um dich zu besuchen. Es tut mir sehr leid, dass du so krank daniederliegst.�</p><p>Dem alten Mann entrang sich ein keuchendes St�hnen. �Schlimm genug, dass du mich ausfindig gemacht hast. Meine Zeit hat sich bald erf�llt. B�ses geht hier um, und ich f�rchte, uns droht gro�e Gefahr. H�re auf mich, kehre nach Genua zur�ck, so schnell wie m�glich, setze deine Heimreise fort und vergiss diese St�tte.�</p><p>�Ich soll dich hilflos all dem �bel �berlassen? Komm, erz�hl mir, was sich hier abspielt, vielleicht finde ich einen Weg, dir zu helfen.�</p><p>�Mir ist nicht mehr zu helfen�, fl�sterte der Kranke. �Ich gehe bald ein in die ewige Ruhe. Nur um eines m�chte ich dich bitten ��</p><p>�Was immer ich f�r meinen alten Lehrer tun kann, das will ich tun�, erwiderte Fidelma mit fester Stimme.</p><p>�Wenn du heimkehrst, entz�nde eine Kerze in der kleinen Kapelle auf Inis Celtra und bete f�r meinen Seelenfrieden.�</p><p>�Noch bist du nicht tot�, wandte sie entschieden ein und k�mpfte gegen die Tr�nen, die ihr kamen.</p><p>�Ich werde es aber sein, noch ehe du in Genua bist.�</p><p>Vom Korridor her war das Klatschen von Ledersandalen auf Stein zu vernehmen; einer der Br�der ging vor�ber. Fidelma sp�rte, wie der Druck seiner Finger in ihrer Hand pl�tzlich kr�ftiger wurde.</p><p>�Du musst mir glauben, Fidelma�, fl�sterte er heiser. �Um der Liebe willen, die ich f�r deinen verstorbenen Vater, K�nig Failbe Flann, stets gehegt habe, glaube mir. Ich f�rchte, du ger�tst bald in gro�e Gefahr. Sie wollten mich t�ten, und den Jungen haben sie bereits umgebracht, um ihn mundtot zu machen. Sie werden auch keinen Augenblick z�gern, dich zu ermorden. Sie wissen, ich habe das Gold gesehen. Sie wissen, dass ich sie im Verdacht habe � deshalb werde ich bald tot sein.�</p><p>�Welchen Jungen?�, fragte Fidelma erschrocken. �Meinst du Prinz Romuald?�</p><p>Der Alte sch�ttelte den Kopf derart heftig, wie es Fidelma ihm nie zugetraut h�tte. �Nein, nein, nein. Den Ziegenhirt meine ich.�</p><p>�Den Ziegenhirt?�, fragte sie vollends verwirrt �Wer sind �sie�, und warum hatten sie es auf einen Ziegenhirten abgesehen? Erz�hl mir, was du wei�t.�</p><p>Der Sieche atmete pfeifend. �Ich bin ersch�pft, ich kann nicht mehr. Um mich dreht sich alles. Je weniger du wei�t, desto besser f�r dich. Verlass die Abtei, so schnell du nur kannst.�</p><p>�Hei�t das, du rechnest damit, dass man dich umbringt?�, drang sie in ihn.</p><p>�Umbringt�, murmelte Bruder Ruad�n wie geistesabwesend. �Der Junge � der kleine Wamba. Er h�tte nicht sterben d�rfen, blo� weil er die M�nzen hatte. Tot. Altes Gold � Ich hab�s gesehen. Man mag nicht glauben, wie viel B�ses ein Mausoleum bergen kann.�</p><p>�Ich versteh nicht, was du meinst.�</p><p>Wieder wurde es lebhaft auf dem Korridor, sie h�rte Bruder Hnikar mit jemandem laut reden. Der Apotheker durfte sie nicht in Bruder Ruad�ns Zelle �berraschen. Sie neigte sich �ber ihren alten Lehrer.</p><p>�Ich komme sp�ter wieder, wenn abzusehen ist, dass wir nicht gest�rt werden. Wir m�ssen weiter miteinander reden, Bruder Ruad�n�, hauchte sie ihm ins Ohr. Sie legte ihm die Hand an die Seite, ging lautlos zur T�r und lauschte, ohne sie zu �ffnen.</p><p>Bruder Hnikars Stimme war leiser geworden, aber immer noch zu h�ren, und das gar nicht weit entfernt. Mit aller Vorsicht �ffnete sie die T�r einen Spalt und sp�hte hinaus. Von ihrem Blickwinkel aus sah sie niemand, also �ffnete sie die T�r ganz und schaute sich um. Etwas weiter im Gang stand eine T�r offen, und von dort kam die Stimme des Apothekers. Sie glitt in den Korridor, zog sacht die T�r hinter sich zu und huschte dorthin, wo ein anderer Gang im rechten Winkel abzweigte. Erst als sie um die Ecke gebogen und sicher war, von Bruder Hnikar nicht gesehen zu werden, falls er auf den Hauptgang hinaustrat, atmete sie auf und blieb stehen.</p><p>Sie �berlegte. Was sie hatte ergr�nden wollen, hatte sie keineswegs erfahren, im Gegenteil, neue Fragen dr�ngten sich auf, denen sie hilflos gegen�berstand. Eine Glocke erklang, und Mitglieder der Bruderschaft wandelten durch die G�nge. Zwei gingen an ihr vorbei, schauten auf ihre F��e und schienen belustigt. Da erst bemerkte sie, dass sie ihre Sandalen immer noch in der Hand hielt und barfu� war. Besch�mt schl�pfte sie in das Schuhwerk und begriff, dass die Glocke zur ersten Mahlzeit des Tages rief. Sie folgte den Br�dern, die zweifelsohne zum <emphasis>refectorium</emphasis> strebten.</p><p>Bruder Bladulf, der Torh�ter, kam auf sie zu und begr��te sie mit einem achtungsvollen Neigen des Kopfes. �Ich wollte dir gerade den Weg zeigen, Schwester.� Er drehte sich um und ging ihr in den Saal voran. Sie wurde an den Tisch des Abts gef�hrt, an dem jedoch einzig und allein der Ehrw�rdige Ionas sa�. Rasch wanderte ihr Blick durchs <emphasis>refectorium.</emphasis> Schwester Gisa war mit ihren Mitschwestern in ihrer Ecke, auch Bruder Faro hockte auf seinem Platz. Von Bischof Britmund und seinem Begleiter fehlte jede Spur. Sie begr��te den Ehrw�rdigen Ionas und setzte sich. Der alte Gelehrte erhob sich, und da der Abt nicht anwesend war, stimmte er das <emphasis>gratias,</emphasis> das Tischgebet, an. Dann lie� er sich nieder, und ein Glockenschlag verk�ndete den Beginn der Mahlzeit.</p><p>�Ist es nicht gegen die Gepflogenheiten, dass so viele der h�heren Geistlichen beim ersten Mahl des Tages fehlen?�, fragte sie.</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas l�chelte. �Es ist in der Tat ungew�hnlich�, best�tigte er. �Ein Reiter �berbrachte die Nachricht, dass Seigneur Radoald in K�rze zu erwarten ist, und Abt Servillius trifft die Vorbereitungen f�r die Begegnung. Ich glaube nicht, dass es bei der Unterredung zu einem befriedigenden Ergebnis kommt.�</p><p>Fidelma versp�rte wenig Lust, mehr �ber den Streit zwischen den Glaubensgemeinschaften zu h�ren, und lie� sich lieber ihr Fr�hst�ck schmecken. Sie wollte gerade die Halle verlassen, als Trompetenst��e erklangen. Neugierig blieb sie oben auf den Stufen stehen, die zum Innenhof hinunterf�hrten. Bruder Wulfila eilte ans Portal der Abtei, und wenige Augenblicke sp�ter erschienen Abt Servillius und der Ehrw�rdige Ionas neben ihr auf der Treppe.</p><p>Durch das weit ge�ffnete Tor trabten vier Reiter und hielten in der Mitte des Hofs. Ihr Anf�hrer war unschwer als Radoald, Seigneur von Trebbia zu erkennen, und hinter ihm auf fahlgrauem Ross der Krieger Wulfoald. Alle sa�en ab. Die Pferde wurden von den zwei anderen Reitern weggef�hrt, und Lord Radoald und Wulfoald schritten auf die Treppe zu. Der Abt eilte ihnen entgegen und hie� sie willkommen. Fidelma verharrte auf ihrer Stelle und beobachtete das Geschehen. Bischof Britmund und sein Begleiter hatten sich ebenfalls zur Begr��ung eingefunden. Der Abt f�hrte seine G�ste ins Hauptgeb�ude. Als der junge Landesherr Fidelma erblickte, hob er gr��end die Hand, ging aber vor�ber, ohne sie anzusprechen; auch Wulfoald nickte ihr nur von weitem zu.</p><p>Unschl�ssig blieb sie stehen. Doch schon kam Bruder Faro, der sich mit einem anderen Bruder unterhalten hatte, auf sie zu. Er trug den Arm immer noch in der Schlinge.</p><p>�Was macht deine Wunde?�, fragte Fidelma l�chelnd.</p><p>�Gott sei gelobt, Schwester, sie ist schon sehr viel besser. Schmerzt manchmal noch ein bisschen, heilt aber gut, wie Bruder Hnikar vorausgesagt hat.�</p><p>�Das freut mich zu h�ren.�</p><p>Magister Ado n�herte sich ihnen, woraufhin Bruder Faro sich nerv�s entschuldigte: �Ich bitte um Verst�ndnis, aber ich habe noch was zu tun � bin mit jemandem verabredet.�</p><p>Verwundert schaute ihm Fidelma nach, doch Magister Ado gesellte sich zu ihr und gluckste vergn�gt.</p><p>�Der Bursche ist verliebt bis �ber beide Ohren�, tuschelte er.</p><p>�Schwester Gisa?�</p><p>�Ganz offensichtlich. Es ist zwar nicht verboten, miteinander zu verkehren, doch Abt Servillius geh�rt, wie du wei�t, zu denen, die f�r die �Trennung der Geschlechter� im Leben der M�nche eintreten. Die beiden, Gisa und Faro, geben sich alle M�he, ihr Geheimnis zu wahren. Zum Gl�ck ist Abt Servillius auf dem Auge ziemlich blind.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Magister Ado schaute hoch zum strahlend blauen Himmel und wechselte das Thema. �Der Tag heute ist wirklich sch�n. Ich <emphasis>k�nnte</emphasis> mir vorstellen, dass du die Gelegenheit nutzen m�chtest, um einen Blick in unser <emphasis>herbarium</emphasis> zu werfen. Auf unseren Kr�utergarten sind wir richtig stolz. �brigens wird er von einem der Br�der aus Hibernia, Bruder Lon�n, betreut. An einem Tag wie diesem sich drau�en aufzuhalten, ist doch besser, als drinnen im D�stern zu hocken.�</p><p>�Sich gerade jetzt in den Garten zu begeben, ist vielleicht nicht angebracht�, gab Fidelma zur Antwort. �Aber du hast eine M�glichkeitsform benutzt. Du <emphasis>k�nntest</emphasis> dir vorstellen, hast du gesagt. Hat das einen Grund?�</p><p>�Du h�rst wirklich sehr genau hin�, meinte Magister Ado belustigt. �Ich f�rchte, man wird mich auffordern, an dieser Beratung teilzunehmen, dabei ist sie die reinste Zeitverschwendung.�</p><p>�Du scheinst dir dessen ziemlich sicher zu sein. Ich meine, was die Zeitverschwendung angeht.�</p><p>�Da bin ich mir v�llig sicher. Mit Britmund Frieden schlie�en zu wollen, kommt dem Versuch gleich, einen Aal mit blo�en H�nden zu fangen.�</p><p>Just in dem Augenblick erschien Bruder Wulfila im Hauptportal, schaute sich suchend um und hastete zu den beiden hin�ber. �Magister Ado, die Beratung soll gleich beginnen, und der Abt bittet dich, dich sofort in die Amtsstube zu begeben�, sagte er ganz au�er Atem. Und zu Fidelma gewandt: �Der Abt bittet auch ausdr�cklich dich um deine Anwesenheit, Schwester Fidelma.�</p><p>�Du wirst sehen, nichts als Zeitverschwendung, aber Seigneur Radoald zuliebe m�ssen wir uns dreinf�gen�, murmelte Magister Ado, als sie dem vor ihnen hereilenden Bruder Wulfila folgten.</p><p>Der f�hrte sie in die Abtstube, in der sie auch den Bischof vorfanden. Verwundert stellte Fidelma fest, dass Abt Servillius seinen Lehnsessel Radoald �berlassen und somit dem Gebietsherren den Mittelpunkt im Raum einger�umt hatte. Hinter ihm stand der junge Krieger Wulfoald. Zur Linken hatte Bischof Britmund Platz genommen und hinter ihm sein Begleiter, Bruder Godomar. Ihnen gegen�ber sa�en zur rechten Seite des Seigneurs der Abt und der Ehrw�rdige Ionas. Magister Ado wurde vom Abt bedeutet, sich neben ihn zu setzen. Bruder Wulfila f�hrte Fidelma zu einem Platz am anderen Ende des Raumes und lie� sich neben ihr nieder. Bischof Britmund sah fl�chtig zu ihr hin�ber und runzelte missbilligend die Brauen.</p><p>Nach einem kurzen Blick in die Runde er�ffnete Seigneur Radoald die Zusammenkunft. �Wie euch bekannt, hat sich Bischof Britmund auf meine Aufforderung hierherbegeben. Wir wollen ausloten, ob wir �ber die unterschiedlichen Auslegungen unsers Glaubens, wenn schon nicht Einigkeit erzielen, so doch wenigstens zu einem Konsens kommen k�nnen, mit dem sich die in unserem Tal h�ufenden Zwistigkeiten beilegen lassen. Ein <emphasis>modus vivendi</emphasis> also, bei dem man in Frieden leben kann. Ich sitze hier als euer weltlicher Gebietsherr, der darauf eingeschworen ist, den Frieden in diesem Tal zu bewahren. Es ist nun an dir, Abt Servillius, und an dir, Bischof Britmund, sich einverstanden zu erkl�ren, dass wir so verfahren.�</p><p>Mit versteinerter Miene fragte der Bischof gereizt: �Was sucht das Weib aus Hibernia hier?�</p><p>Tats�chlich stellte sich Fidelma diese Frage auch.</p><p>�Um die Anwesenheit von Prinzessin Fidelma aus Hibernia habe ich pers�nlich ersucht�, sagte Seigneur Radoald leichthin. �Abt Servillius hat mir darin zugestimmt.�</p><p>�ber diese Antwort war selbst Fidelma erstaunt.</p><p>�Ersucht?� Britmund steigerte sich in seiner Ver�rgerung. �Wie erkl�rt sich das? Ich habe bislang gedacht, Abt Servillius ist strikt dagegen, dass Frauen in der Kirche ein Amt bekleiden, und dass er zudem f�r die Trennung der Geschlechter eintritt. Welche Hinterlist hat ihn dazu verleitet? Hat dieses Weib dich behext?�</p><p>Fidelma hatte den Bischof von Anfang an nicht gemocht, jetzt aber stieg in ihr ein Groll gegen ihn auf. Sie wollte schon etwas erwidern, doch Radoald griff ein.</p><p>�Fidelma von Hibernia ist die Tochter eines K�nigs in ihrem Land. Von einem der Br�der dieser Abtei, der eben erst aus Rom zur�ckgekehrt ist, haben wir erfahren, dass sie selbst beim Heiligen Vater in hohem Ansehen steht. Er wusste auch zu berichten, dass sie im Rechtswesen ihres Landes ausgebildet ist und auf dem Konzil von Streonshalh im Lande der Angeln eine wesentliche Rolle gespielt hat, als dort �ber die Auslegung unseres Glaubens gestritten wurde. Allein wegen ihrer dort gewonnenen Erfahrung kann es uns nur zustattenkommen, dass sie unserer Debatte beiwohnt und uns m�glicherweise mit ihrem Ratschlag dient. Bist du nicht auch dieser Meinung, Vater Abt?�</p><p>�Ja, durchaus�, best�tigte der Abt.</p><p>�Dar�ber hinaus ist Fidelma von Hibernia eine Anw�ltin bei den hohen Gerichten ihres K�nigreichs und wird daf�r ger�hmt, dass ihre Darlegungen sich aus logischem Denken herleiten.�</p><p>�Ein Anwalt gem�� unseren Gesetzen ist sie nicht�, fauchte Bischof Britmund. �Ich lege Widerspruch ein!�</p><p>�Ist das der einzige Grund f�r deinen Widerspruch?�, fragte Radoald. �Ich habe mich des L�ngeren mit Lady Fidelma unterhalten und gefunden, dass sie in h�chst bemerkenswerter Weise an strittige Fragen herangeht. Ich lege Wert darauf, dass sie bei uns bleibt, und wenn sie uns helfen kann, unsere Probleme zu l�sen, dann hat keine der beiden Seiten etwas zu verlieren.�</p><p>Bischof Britmund musste einsehen, dass es ihm nicht gelang, Fidelma zu vertreiben, und murmelte nur: �Meinen Widerspruch habe ich mit aller Deutlichkeit vorgebracht und begr�ndet.�</p><p>�Und ich habe ihn zur Kenntnis genommen und f�r unwesentlich befunden�, erwiderte Radoald l�chelnd. �Prinzessin Fidelma, hast du etwas dagegen einzuwenden, an unserer Beratung teilzunehmen und auf Grund deiner Erfahrungen aus vorangegangenen Debatten deine Meinung darzulegen?�</p><p>Fidelma �berlegte kurz, ob sie sich der Aufforderung entziehen konnte oder nicht, und sagte: �Wenn ich in irgendeiner Weise behilflich sein kann, will ich das gern tun.�</p><p>Sie r�ckte sich in ihrem Armsessel neben Bruder Wulfila zurecht, bereit, den Gang der Verhandlung zu verfolgen, und war es zufrieden, dass alle Latein sprachen.</p><p>�Als Seigneur von Trebbia bek�mmert es mich, dass Glaubensbr�der meines Landes miteinander im Streit liegen�, begann Radoald. �Die Geistlichen k�nnen sich mit Worten bek�mpfen, doch oft greifen die einfachen Leute, die durch eben diese Worte angestachelt werden, zu Waffen, die ihre vermeintlichen Gegner verwunden und ihnen Schmerz bereiten. Wir sind hier zusammengekommen, um nach einer L�sung der verworrenen Situation zu suchen, auf dass mein Volk in Eintracht leben kann. Das ist der Zweck dieser Zusammenkunft. Stimmst du dem zu, Abt Servillius?�</p><p>Der Abt neigte das Haupt vor Radoald. �Ich stimme dem zu.�</p><p>�Und du, Bischof Britmund, stimmst du dem zu?�</p><p>Der halsstarrige Bischof verneigte sich zwar ebenfalls andeutungsweise, �u�erte aber streits�chtig: �Aus dem Grunde habe ich zugestimmt, in dieses Haus der Ketzerei zu kommen.�</p><p>Emp�rt zischte der Abt, doch der Ehrw�rdige Ionas packte ihn am Arm und hinderte ihn daran, sich zu einer Erwiderung zu erheben.</p><p>�Wir sollten unsere Debatte in vers�hnlichem Ton f�hren�, tadelte Radoald den Bischof.</p><p>�Bevor wir mit der Debatte beginnen, m�ssen die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns klar herausgestellt werden�, verlangte der Bischof barsch. Es zeigte sich bald, dass er die entnervende Gewohnheit hatte, niemandem zu gestatten, seinen Redefluss zu unterbrechen. Mit tiefer, dr�hnender Stimme �bert�nte er jeden, bis er zu Ende gebracht hatte, was er gerade sagen wollte.</p><p>�Unsere Meinungsverschiedenheiten sind doch hinl�nglich bekannt�, wandte Abt Servillius ein. �Wir verstehen die Heilige Dreieinigkeit als Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist. Die Lehren des Arius von Alexandria sind als Ketzereien verworfen worden.�</p><p>�Er wurde auf dem Konzil von Tyrus freigesprochen�, erwiderte der Bischof.</p><p>�Und auf dem Konzil von Konstantinopel abermals als Ketzer verdammt�, hielt ihm der Abt entgegen.</p><p>Radoald hob die Hand. �Meine Freunde, eine Aufz�hlung der Beschl�sse von Konzilen in den verschiedenen Teilen der Welt d�rfte kaum zu unserem Verst�ndnis der gegenw�rtigen Lage beitragen.�</p><p>�Dennoch m�ssen wir uns dar�ber im Klaren sein�, fuhr Bischof Britmund fort, �es gibt nur einen Gott, der alles erschaffen hat. Er war ewig, hat von aller Ewigkeit an bestanden. Doch Jesus war der eingeborene Sohn Gottes und kann nicht vor aller Ewigkeit dagewesen sein, wurde nicht geboren vor dem Beginn aller Zeit und bevor Gott alle Dinge erschuf. Da er der Sohn Gottes ist, muss auch er von Gott erschaffen worden sein. Sagt nicht der heilige Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther: �Wir haben nur einen Gott, den Vater, von welchem alle Dinge sind�? Hat nicht der heilige Johannes darauf hingewiesen, dass Jesus selbst gesagt hat, �denn der Vater ist gr��er als ich�?�</p><p>�Wir sind nicht hier, um �ber Fragen der Auslegung der Bibel zu streiten�, entgegnete der Abt ungehalten. �Unser Glaube wurde auf dem Konzil von Nic�a verk�ndet, auf dem das Werk des Arius als ketzerisch verurteilt wurde. Wir glauben an die Gottgegebenheit der Heiligen Dreieinigkeit. Gott als Drei in Einem. Von Nic�a stammt unser Glaubensbekenntnis, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist wesensgleich sind <emphasis>� homoousios �</emphasis> das hei�t eines Wesens sind.�</p><p>�Es gibt gen�gend Beweise f�r unsere Ansicht in den Evangelien und der Apostelgeschichte des Lukas�, erwiderte der Bischof nicht weniger beharrlich. �Wir glauben an einen Gott. Wir glauben, dass Christus, da er der Sohn Gottes ist, Gott, seinem Vater, in allen Dingen untergeordnet und ihm gehorsam ist. Wir glauben, der Heilige Geist ist Jesu und Seinem Vater in allen Dingen untergeordnet und gehorsam. Der Sohn und der Heilige Geist wurden von Gott erschaffen. Gott ist ewig und nicht erschaffen worden, hat immer existiert.�</p><p>Fidelma war verbl�fft. Auf ihr logisches Denken hielt sie sich einiges zugute, und sie empfand die Beweisf�hrung von Bischof Britmund verst�ndlich und nachvollziehbar.</p><p>Radoald hob abermals die Hand, um Ruhe zu gebieten. �Ihr habt die Auffassungen in der Auslegung der Heiligen Schrift benannt, die unvers�hnlich zwischen euch bestehen. Und wir sind uns dessen sehr wohl bewusst. Doch der Zweck dieser Zusammenkunft besteht darin, in unserem Tal zu einer praktischen Toleranz dieser beiden Ansichten zu gelangen, auf dass sich niemand f�rchten muss vor dem, der anderer Meinung ist.�</p><p>�Wir wollen unserem Glauben und unserem Bekenntnis nicht abschw�ren, denn beides hat der Heilige Vater in Rom gebilligt�, erkl�rte Abt Servillius standhaft.</p><p>�Noch wollen wir der Wahrheit abschw�ren�, wehrte sich Bischof Britmund ebenso entschlossen.</p><p>Der Landesherr st�hnte ungehalten auf. �Niemand verlangt von euch, einer Auffassung abzuschw�ren oder sie gutzuhei�en. Es geht lediglich darum, einen Weg zu finden, auf dem ihr euch in gegenseitiger Duldung und nicht voller Hass begegnet.�</p><p>�Dann sollen, bitte sch�n, die Mitglieder dieser Abtei damit beginnen�, forderte der Bischof. �Sollen sie doch aufh�ren, in Placentia gegen uns zu predigen, aufh�ren, zu den umliegenden Ortschaften und Kirchen zu pilgern und unser Glaubensbekenntnis als Ketzerei anzuprangern.�</p><p>�Ebenso gut m�ssen die Pr�laten und Verk�nder eurer Ketzerei damit aufh�ren, den Leuten vorzugaukeln, sie w�rden Gottes Segen empfangen, wenn sie sich gegen uns erheben und uns und die Abtei vernichten�, rief Abt Servillius.</p><p>Bischof Britmund schwieg einen Moment, ehe er warnend die Stimme erhob. �Was soll diese Beschuldigung, Servillius?�</p><p>�Willst du etwa leugnen, dass ein solches Kriegsgeschrei von euren Kanzeln ert�nt?�, h�hnte der Abt. �Es dringt sogar bis hinter die ehrw�rdigen Mauern hier.�</p><p>Hochrot im Gesicht wandte sich Bischof Britmund an Seigneur Radoald. �Ich bin nicht hierhergekommen, um mich f�lschlich beschuldigen zu lassen.�</p><p>Alle warteten schweigend, dann schaute Radoald hin�ber zu Fidelma. Ein L�cheln lag auf seinen Lippen. �Was h�ltst du von dem Ganzen, edle Dame? Ist es auf dem Konzil, dem du in Streonshalh beigewohnt hast, auch zu derart entgegengesetzten Ansichten gekommen?�</p><p>Fidelma �berlegte kurz und erwiderte: �Dort prallten gewiss auch Meinungen aufeinander, doch trug man sie mit etwas geringerer Heftigkeit vor. Ich dachte, hier wollte man eine <emphasis>via media aurea,</emphasis> einen Mittelweg, finden, gewisserma�en den goldenen Pfad, auf dem sich beide Seiten begegnen k�nnten.�</p><p>�Eben das war meine Absicht�, stimmte ihr Radoald ernst zu. �Doch bislang scheint ein solcher Pfad in weiter Ferne.�</p><p>�Ich habe den Eindruck, wir sind auf der <emphasis>via militaris</emphasis> stecken geblieben. Hei�t es nicht immer, die Wahrheit findet man auf dem Mittelweg?�</p><p>�Es gibt keinen Mittelweg�, fuhr der Bischof sie an. �Es gibt nur die Wahrheit oder die Unwahrheit. Die Wahrheit kennt keinen Kompromiss.� Er stand unvermittelt auf, und sein Gef�hrte erhob sich gleichfalls. �Ich bin der Aufforderung von Seigneur Radoald gefolgt. Ich hatte gehofft, in ihm einem ebenso gro�en Landesherrn, wie sein Vater einer war, zu begegnen, stattdessen muss ich feststellen, er hat sich von dieser Abtei und der hier waltenden h�retischen Sicht der Dinge bet�ren lassen.�</p><p>Wulfoald packte mit drohender Geb�rde den Griff seines Schwertes, doch Radoald fasste seinen Krieger am Arm und hielt ihn zur�ck. Am Sprechen aber konnte er ihn nicht hindern.</p><p>�Nimm dich in Acht, Bischof, beleidige nicht den Seigneur von Trebbia�, stie� Wulfoald warnend hervor. �Noch haben die Krieger Perctarits nicht den m�chtigen Padus �berquert, um dich zu sch�tzen.�</p><p>Auch Bruder Godomar hatte sich vorgebeugt und zog den Bischof eindringlich am �rmel seiner Soutane. Britmunds Augen blitzten w�tend, doch besann er sich und erkl�rte nachgiebig: �Ich habe niemand beleidigen wollen, Seigneur Radoald. Verzeih meine ungeschickte Art, mein Missvergn�gen zum Ausdruck zu bringen. Ich sehe keine M�glichkeit, unsere Meinungsverschiedenheiten hier friedfertig beizulegen. Wir stehen ebenso fest zu unserem Glauben, wie die Gemeinschaft dieser Abtei zu ihrer Ketzerei. Beide m�ssen wir hinnehmen, dass unser Mittelweg nur der sein kann: Werden wir angegriffen, schlagen wir zur�ck. <emphasis>Oculum pro oculo, dentem pro dente, manum pro manu, pedem pro pede.</emphasis>�</p><p>�Ich dachte, unser Glaube, wie immer du ihn auslegst, gr�ndet sich auf die Worte und die Lehren von Christus�, bemerkte Fidelma leise, doch un�berh�rbar.</p><p>W�tend drehte sich Bischof Britmund zu ihr um. �Willst du mich etwa �ber unseren Glauben belehren, Weib aus Hibernia?�</p><p>�Ich wollte dich nur daran erinnern, dass Christus in der Bergpredigt tats�chlich gesagt hat, es hei�t Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber Er hat die Gl�ubigen ermahnt, diese Lehre zu missachten. Weiterhin hat Er gelehrt, �so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar�.�</p><p>Dem f�gte Abt Servillius freudig hinzu: �So steht es im Evangelium des Matth�us. Bischof Britmund wird doch nicht so weit gehen und die Lehren Christi leugnen, selbst wenn er das Glaubensbekenntnis von Nic�a ablehnt.�</p><p>Der Bischof war sichtlich ver�rgert. �Ich ben�tige deine Zusicherung, dass ich unbehelligt nach Placentia zur�ckkehren kann�, verlangte er von Seigneur Radoald.</p><p>Radoald zog die Augenbrauen hoch. �Wieso das? Hat man dich auf dem Wege hierher bedroht?�</p><p>�Wie f�r jedermann ersichtlich, stehe ich unversehrt vor euch; auf meinem Weg hierher war ich keiner Gefahr ausgesetzt.�</p><p>�Dann wirst du auch unbehelligt heimkehren. Niemand unter uns oder sonst jemand, der unserem Glauben anh�ngt, hat die Absicht, dir k�rperliche Gewalt anzutun, Britmund.�</p><p>Der Bischof z�gerte, schien noch etwas sagen zu wollen, fegte dann aber raschen Schrittes aus dem Raum, gefolgt von seinem stummen Begleiter. Bruder Wulfila, dem es als Verwalter zukam, sie aus dem Bereich der Abtei zu geleiten, eilte ihnen hinterher.</p><p>Sobald sie gegangen waren, lie� sich Abt Servillius mit einem lauten Sto�seufzer in seinen Armsessel zur�cksinken. �Als der Sch�pfer Barmherzigkeit austeilte, muss Er vers�umt haben, Britmund damit zu bedenken.�</p><p>Radoald war v�llig niedergeschlagen. �Es ist mir nicht gelungen. Ich habe versucht, den Friedensstifter zu spielen, stets hatte ich vor Augen, was dem armen Bruder Ruad�n zugesto�en ist. Ich will, dass solche �berf�lle aufh�ren.�</p><p>Fidelma war �u�erst unwohl zumute, sie sah Bruder Ruad�n auf seiner Bettstatt liegen, einen armen Alten, den man angefallen und schwer verletzt hatte, weil ein angeblicher Gottesf�rchtiger wie Bischof Britmund es in seiner Herrschsucht so wollte.</p><p>�Weit mehr bereitet uns Sorge, Radoald, dass solche Pr�laten wie Britmund eine Machtstellung erlangen, wenn die Ger�chte um Perctarits R�ckkehr sich bewahrheiten�, ergriff Abt Servillius das Wort.</p><p>�Bisher sind nur Ger�chte zu uns gedrungen, dass er zur�ckkommt. Wir wissen nichts Genaues, haben keine verl�ssliche Nachricht�, warf Wulfoald ein. Freim�tig legte der Krieger seine Ansicht vor seinem Landesherren und den oberen Geistlichen der Abtei dar. �Es gibt keinen Grund, in Angst und Schrecken zu verfallen, ehe wir Gewissheit haben.�</p><p>�Wir hier in Bobium verfallen nicht in Angst und Schrecken, m�ssen uns aber wohl auf das Schlimmste gefasst machen�, entgegnete ihm der Abt gereizt.</p><p>�Wir beschuldigen dich nicht, dass du Angst verbreitest, Abt Servillius�, beschwichtigte ihn Radoald. �Doch k�nnen wir erst etwas unternehmen, wenn wir glaubw�rdige Kunde haben.�</p><p>�Und wie sollen wir die erlangen?�, fragte der Abt verdrie�lich. �Erst wenn wir sehen, wie Perctarits Heerscharen das Trebbia-Tal heraufmarschieren?�</p><p>Radoalds Antwort kam im Brustton der �berzeugung: �Ich werde meine Leute an die entscheidenden Stellen schicken; sie sollen sich dort umhorchen, wahrheitsgem��e Nachrichten sammeln und mich rechtzeitig vor drohenden Gefahren warnen. Wenn Perctarit wirklich hier einf�llt, wird er Rache nehmen wollen. Wir d�rfen nicht vergessen, dass mein Vater, als er Seigneur von Trebbia war, Grimoald geholfen hat, Godepert zu t�ten und seinen Bruder Perctarit au�er Landes zu treiben. Und was mich betrifft, habe ich nicht auf meines Vaters Seite gestanden?�</p><p>Der Abt senkte den Blick. �Du tust recht daran, mich zurechtzuweisen. Ich habe nur ans Wohlergehen unserer Abtei und das der Br�der gedacht.�</p><p>�Und das steht dir durchaus zu, Vater Abt. Ein Vater muss ans Wohlergehen seiner Kinder denken�, bes�nftigte ihn Radoald.</p><p>Beide schwiegen, bis Magister Ado das Gespr�ch wieder aufnahm. �Seigneur Radoalds Bef�rchtung ist nicht unbegr�ndet. Doch hier im Tal sind wir verh�ltnism��ig gesch�tzt, weil wir nicht an einem Hauptweg liegen, den Perctarit einschlagen m�sste, kehrte er wirklich zur�ck, um den K�nig zu st�rzen. Das Tal hat f�r ihn keine strategische Bedeutung.�</p><p>�Da muss ich Magister Ado widersprechen, wenn er glaubt, das Trebbia-Tal sei ein Nebenweg, den Perctarit ignorieren w�rde�, wandte Wulfoald ein. �Historiker, der er ist, scheint er vergessen zu haben, wie wichtig dieses Tal in fr�heren Zeiten war.�</p><p>�Ich habe mir nie angema�t, ein Historiker zu sein�, wehrte der Geistliche sofort ab. �Ich habe nur die Lebenswege der gro�en Begr�nder unseres Glaubens beschrieben, mehr nicht.�</p><p>�Dann bitte ich um Verzeihung�, erwiderte Wulfoald vers�hnlich. �Aber ich habe den Griechen Polybius gelesen und die lateinischen Werke des Livius, der in dem Gebiet hier aufgewachsen ist. Beide haben die Schlacht an der Trebbia ausf�hrlich geschildert.�</p><p>Jetzt griff der Ehrw�rdige Ionas in die Unterhaltung ein. �Die meisten von uns wissen, worauf du anspielst, mein junger kriegerischer Freund.� An Fidelma gewandt fuhr er fort: �In diesem schmalen, friedlichen Tal lebte einst ein Stamm der Gallier. Das war in den weit zur�ckliegenden Tagen der r�mischen Republik. Die R�mer mussten dieses Gebiet erobern, wollten sie ihren Herrschaftsbereich ausdehnen. Die K�mpfe zogen sich lange hin und waren verlustreich. Viele Konsuln und ihre Legionen kamen ums Leben bei ihren Versuchen, die Boii zu unterwerfen, die hier siedelten. Einem der Konsuln, einem Flaminius, gelang es, an der K�ste nordw�rts zu ziehen, Genua zu erreichen und einen St�tzpunkt zu errichten. Von dort aus zogen die Legion�re bei ihren Eroberungsvorst��en durch dieses Tal. Sp�ter erfochten die Karthager unter Hannibal ihren ersten bedeutenden Sieg �ber die R�mer an der M�ndung ebendieses Flusses; daher spricht man noch immer von der Schlacht an der Trebbia.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas hatte sich in Rage geredet, doch als er sp�rte, dass aller Augen auf ihn gerichtet waren, stockte er und sagte achselzuckend: �Verzeiht. Manchmal geht meine Begeisterung f�r Geschichte mit mir durch, besonders wenn es sich um die Gegend hier handelt.�</p><p>�Darf ich eine Frage stellen?�</p><p>Alle Anwesenden wandten ihre Blicke Fidelma zu.</p><p>�Bitte sehr, frage nur!�, forderte Abt Servillius sie auf.</p><p>�Nachdem, was ich bisher geh�rt habe, ist eurer K�nig Grimoald ein Anh�nger des Arianischen Glaubensbekenntnisses. Der fr�here K�nig, dieser Perctarit, h�ngt dem Nic�nischen Bekenntnis an. Stimmt das so, sehe ich das richtig?�</p><p>�Ja, so verh�lt es sich�, best�tigte der Abt.</p><p>�Das verwirrt mich. Warum w�rden die Arianer, wie Bischof Britmund zum Beispiel, Perctarit, der doch ein Nic�aner ist, unterst�tzen, sollte er den Thron wiedererringen, von dem er vertrieben wurde? Das ist doch nicht logisch.�</p><p>Abt Servillius �berlie� es Radoald, zu antworten. �Religion spielt bei diesen K�mpfen um die K�nigsw�rde keine Rolle. Du hast schon recht mit deiner Ansicht, nur ist zu bedenken, dass Grimoald ein sehr freisinniger K�nig ist, der den Leuten gestattet, ihren eigenen Glaubensrichtungen zu folgen, ganz gleich, zu welcher christlichen Gemeinschaft sie sich hingezogen f�hlen; selbst wenn sie bei ihren alten G�ttern und G�ttinnen bleiben wollten, w�rde er es dulden. Perctarit hingegen wird alles versprechen und tun, was dazu dient, seine Macht wiederzuerlangen � Er w�rde sogar Britmund erlauben, in seinem Herrschaftsbereich alle diejenigen zu vernichten, die sich zum Nic�nischen Glauben bekennen. Ger�chte sind bereits im Umlauf, dass Perctarit Verhandlungen in diesem Sinne f�hrt, um sich Unterst�tzung f�r seine Pl�ne zu sichern.�</p><p>Wulfoald vergewisserte sich mit einem Blick zu Radoald und f�hrte den Gedanken weiter. �Wie dem auch sei, falls Perctarit den Padus �berschreiten wollte, m�sste er ostw�rts ziehen und w�rde Grimoalds Regent, Lupus von Friuli, gegen�berstehen, der dort ein betr�chtliches Heer unterh�lt. Perctarit k�nnte dieses Heer nicht unbehelligt umgehen, wollte er Grimoald von S�den angreifen. Er m�sste Lupus bestechen oder vernichtend schlagen, bevor er seine Anh�ngerschaft auf Grimoald und die Abteien und Kirchen loslassen k�nnte, die dem Bekenntnis von Nic�a folgen.�</p><p>Fidelma schwieg. Die politischen Konstellationen schienen ihr reichlich verwickelt; sich in diese fremdl�ndischen Angelegenheiten einzumischen, war nicht ihre Sache.</p><p>Unvermittelt erhob sich Radoald, und die anderen folgten ihm.</p><p>�Uns bleibt nichts anderes �brig, als wachsam zu sein und zu hoffen, dass unsere Bef�rchtungen unbegr�ndet sind.� Er sah Fidelma wie um Verst�ndnis bittend an. �Ich bedauere, dass du Zeuge dieser heftigen Gegnerschaft wurdest. Ich hatte auf deiner Anwesenheit bestanden, weil du bei dem Glaubensstreit in der Abtei Streonhalh zugegen warst, und ich erhoffte mir von dir n�tzlichen Rat. �</p><p>Fidelma konnte nur mit den Schultern zucken. �Mir tut es leid, dass die Gegner derart unvers�hnlich waren, dass sich jeder Rat er�brigte.�</p><p>�Warst du bei Bruder Ruad�n?�, schwenkte der junge Landesherr um. �Wie geht es ihm? Ich wollte auch zu ihm, hoffte, mit ihm reden zu k�nnen, doch Bruder Hnikar sagt, er sei zu schwach.�</p><p>�Ich war gestern Abend bei ihm�, antwortete Fidelma wahrheitsgem��, ohne ihren Besuch am Morgen zu erw�hnen. �Er ist in der Tat sehr geschw�cht.�</p><p>�Aber noch klar im Kopf?�</p><p>�F�r meine Begriffe, ja. Freilich haben wir in unserer Sprache geredet, das strengt ihn vielleicht weniger an, als sich in einer anderen Sprache auszudr�cken. Jedenfalls will ich nachher wieder zu ihm.�</p><p>�Bruder Hnikar, unser Apotheker, rechnet mit dem Schlimmsten�, �u�erte der Verwalter, der eben zur�ckgekommen war, um sich um die Belange der verbliebenen G�ste zu k�mmern.</p><p>Sorgenvoll wiegte Radoald das Haupt. �Lass mich wissen, wie es um ihn steht, ich w�rde gern mit ihm sprechen. Ein Verbrechen wurde begangen, und der Schuldige muss gefunden und bestraft werden. Sollte ich vielleicht meinen Leibarzt Suidur herkommen lassen, damit er eurem Bruder Hnikar zur Seite stehen kann �?�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, erwiderte Abt Servillius abweisend. �Bruder Hnikar hat unser volles Vertrauen. Wir m�ssen einfach abwarten, ob sich eine Besserung einstellt. Bruder Hnikar konnte auch Schwester Fidelma nur einen kurzen Besuch gestatten, weil Bruder Ruad�n v�llig entkr�ftet ist.�</p><p>�Nichts liegt mir ferner, als die Kenntnisse eures Apothekers anzuzweifeln�, beteuerte Radoald. �Ich dachte nur, dass mitunter zwei K�pfe kl�ger sind als einer. Selbstverst�ndlich halte ich mich an Bruder Hnikars Weisung.�</p><p>�Nicht, dass ich Suidur seine Bef�higung absprechen wollte�, meinte der Abt. �Aber nach allem, was ich h�re, kann selbst der beste Apotheker Bruder Ruad�n nicht mehr helfen. Wir k�nnen nur warten und beten.�</p><p>Am liebsten h�tte Fidelma etwas dazu gesagt, unterlie� es jedoch. Sie f�hlte sich seltsam fremd in dieser Umgebung, wie jemand, der durch ein Moor wankt und f�rchten muss, bei jedem Schritt, den er macht, im Morast zu versinken.</p><p>�Wir bleiben heute im Umfeld von Bobium�, sagte Radoald. �Sollte ich etwas Genaueres �ber das Vorr�cken von Perctarit h�ren, schicke ich einen meiner M�nner, um euch zu warnen.�</p><p>Man verabschiedete sich im Innenhof, und Fidelma schaute zu, wie Radoald und Wulfoald sich mit ihren beiden Begleitern verst�ndigten, aufsa�en und durch das gro�e Portal davonritten. Abt Servillius war mit Magister Ado und dem Ehrw�rdigen Ionas bereits in seine Amtsstube zur�ckgekehrt. Zu ihrem Erstaunen bemerkte Fidelma, dass auch jetzt wieder Bruder Faro neben ihr stand.</p><p>�Wie ich h�re, hat man sich da drin fast gepr�gelt�, sp�ttelte er und grinste. �Dir muss das alles h�chst sonderbar vorkommen.�</p><p>�Ich habe mich daran gew�hnt, dass Kirchenobere sich oft wegen der Bedeutung einzelner Worte in den Haaren liegen�, erwiderte Fidelma. �Allerdings gebe ich zu, dass mir Hass mit solcher Heftigkeit, wie heute fr�h, bislang nicht begegnet ist. Allm�hlich verstehe ich, warum Magister Ado die Angriffe auf seine Person auf die unterschiedlichen Auffassungen in theologischen Dingen zur�ckf�hrt.�</p><p>Bruder Faro �u�erte sich dazu nicht und erkl�rte nur: �Hier befindest du dich jedenfalls unter Freunden. Aber du musst mich schon entschuldigen, ich habe dringend mit dem Verwalter zu reden.�</p><p>Fidelma hielt ihn noch einen Moment fest. Nach der stickigen Atmosph�re in der Abtstube war es ihr ein Bed�rfnis, frische Luft zu schnappen. �Magister Ado wollte mir gerade den Kr�utergarten zeigen, als man uns aufforderte, Zeuge zu sein, wie schlecht sich Bischof Britmund benahm. Er scheint es jetzt vergessen zu haben. Vielleicht kannst du mir sagen, wie ich dorthin komme.�</p><p>�Wenn du durch den Torbogen dahinten gehst� � und dabei wies er quer �ber den Hof der Abtei �, �und dem Pfad weiter folgst, kommst du in den Kr�utergarten. Einer deiner Landsleute, Bruder Lon�n, pflegt die Beete. Er kann dir die Kr�uter bestimmt besser erkl�ren als ich.�</p><p>Mit seinem harmlosen Hinweis hatte Bruder Faro sie daran erinnert, dass die Abtei eine irische Gr�ndung war. Nat�rlich lebten au�er Bruder Ruad�n auch andere M�nche aus den F�nf K�nigreichen hier. Bruder Faro eilte davon, um sich mit Bruder Wulfila zu treffen, und Fidelma bot die Aussicht, einem weiteren Landsmann zu begegnen, willkommene Entspannung. Der Gedanke nahm sie so gefangen, dass sie dar�ber v�llig verga�, dass Freifrau Gunora und ihr Pflegebefohlener, Prinz Romuald, verschwunden waren.</p></section><section><title><p>KAPITEL 7</p></title><p>Bruder Lon�n erwies sich als eine Entt�uschung. Er war ein leicht erregbarer Mensch, dessen Interesse einzig und allein seinen Kr�utern galt, die im r�ckw�rtigen Teil der Abtei in einem von Mauern umgebenen Garten wuchsen. Mit wohldosierten Fragen bekam Fidelma aus ihm heraus, dass er urspr�nglich in Cluain Eidnech studiert hatte, bekannt unter dem Namen Efeuwiese, einem Gebiet, dessen Stammesf�rsten offiziell dem K�nig von Muman die Treue hielten; doch bedingt durch seine Lage an der Ostgrenze unmittelbar neben dem K�nigreich von Laighin war es mit dem Treuebekenntnis nicht weit her, und man h�ngte gern sein F�hnchen nach dem Winde.</p><p>�Wie viele der Br�der hier stammen aus Hibernia?�, fragte Fidelma, w�hrend sie sich angelegentlich ein paar Str�ucher ansah, die sie nicht kannte.</p><p>�Zur Zeit sind wir zw�lf�, erwiderte er fast nebenbei. �Ich glaube, ich bin von allen am l�ngsten hier. Die eigentlichen Begr�nder sind ja schon seit langem verschieden.�</p><p>�Kommen viele von unseren Leuten hier vorbei, wenn sie nach Rom oder irgendwohin anders nach S�den unterwegs sind? Man hat mir gesagt, viele unserer M�nche, die sich auf die <emphasis>peregrinatio pro Christo</emphasis> begeben, h�tten sich in diesem Land niedergelassen.�</p><p>Ihre Frage wurde nur mit einem Achselzucken beantwortet; wie das zu deuten war, blieb ihr �berlassen. Auch bei allen weiteren Erkundungen zum Leben in der Abtei oder zu einzelnen Pers�nlichkeiten verhielt sich Lon�n �hnlich gleichg�ltig; ganz anders, wenn sie auf Kr�uter und Pflanzen zu sprechen kam, da wurde er munter und erging sich in umst�ndlichen Erkl�rungen. L�nger als eine halbe Stunde vermochte Fidelma ihm nicht zuzuh�ren. Danach fand sie es an der Zeit, sich zur�ckzuziehen.</p><p>Sie �berlegte noch, wie sie das am gescheitesten anstellen sollte, als ein anderes Mitglied der Klostergemeinschaft an ihnen vorbeischlenderte und Bruder Lon�n in dessen Sprache gr��te. Es war ein junger M�nch von blassem �u�eren mit hellblauen Augen und flammend rotem Haar, �hnlich dem ihren.</p><p>�Der Klang deiner Sprache kommt mir vertraut vor, Bruder�, redete sie ihn an. �Du stammst aus Muman.�</p><p>Der M�nch blieb stehen; augenscheinlich wusste er, wen er vor sich hatte.</p><p>�Ich bin Bruder Eolann, Lady�, stellte er sich vor. �Ich bin der <emphasis>scriptor</emphasis> hier. Und du bist Schwester Fidelma, ich habe dich im <emphasis>refectorium</emphasis> gesehen. Es hei�t, du w�rest die Tochter des K�nigs von Cashel.�</p><p>�Mein Vater war Failbe Flann; er starb, als ich noch ein kleines Kind war. Mein Bruder Colg� wird Nachfolger auf dem F�rstenthron, den jetzt mein Vetter innehat.�</p><p>�Was bringst du an Neuigkeiten aus meinem heimatlichen Muman?�</p><p>�Da muss ich dich entt�uschen, Bruder Eolann, ich bin schon seit vielen Monaten fort von dort.�</p><p>�Ich hingegen habe Muman vor vielen Jahren verlassen. Erz�hl, was immer du zu erz�hlen wei�t, auch wenn die Dinge l�ngst �berholt sind; f�r mich ist alles neu. Komm, begleite mich auf meinem t�glichen Spaziergang und berichte mir, was ich von zu Hause wissen sollte.�</p><p>Dankbar nahm Fidelma den Vorschlag an. Sie erhoffte sich von dem Bibliothekar der Abtei einen interessanteren Gespr�chspartner als Bruder Lon�n. Der hatte sich schon wieder mit einer Schippe in der Hand getrollt und ging seinen g�rtnerischen Aufgaben nach. �Woher genau stammst du, Bruder Eolann?�, fragte sie den jungen M�nch.</p><p>�Von Inis Faithleann � kennst du die Insel?�, antwortete er, w�hrend sie gemeinsam loszogen.</p><p>�Wie sollte ich nicht! Eine kleine bewaldete Insel im Loch L�in. Schlie�lich ist mein Vetter Congal von den E�ghanacht dein Stammesf�rst. Da bist du aber ganz sch�n weit weg von zu Hause, �hnlich wie ich. Wie bist du ausgerechnet hier gelandet?�</p><p>�Das ist eine einfache Geschichte, Lady. Ich war Scholar in der Abtei auf Inis Faithleann, der Insel des heiligen Faithleann, und bekam den Auftrag, der Bibliothek des Klosters St. Gallen etliche Handschriften zu �berbringen.�</p><p>�Gallen?�</p><p>�Er war ein Sch�ler von Colm B�n, den sie hier Columbanus nennen. Gallen ist auch unter dem Namen Gallus bekannt. Der ging seinerzeit nicht mit Colm B�n mit nach Bobium, sondern beschloss, mit einigen Gef�hrten an einem Ort weiter im Norden zu bleiben. Am Lacus Brigantius, einem gro�en See, begr�ndeten sie eine Abtei.�</p><p>�Brigantius?�, wiederholte Fidelma. �Der Name klingt mir irgendwie vertraut.�</p><p>�Das war gallisches Gebiet, und eine Stadt dort hie� Brigantium, ein weitverbreiteter Name, auch in Britannien zu r�mischen Zeiten. Heutzutage geh�rt das Territorium den Alemannen, denen Colm B�n und Gallus eine Zeitlang ebenfalls predigten. Wie Bobium hat auch die Gemeinschaft jenseits der hohen Berge es zu etwas gebracht. Ich bin dort eine Weile geblieben, ehe ich weiter nach S�den zog, die Sprache der Langobarden erlernte und letztlich in Bobium sesshaft wurde. Das war vor gut zwei Jahren. Und anstatt heimzukehren, wurde ich hier zum <emphasis>scriptor</emphasis> ernannt. Von Muman bin ich nun schon �ber vier Jahre fort.�</p><p>�Dann bist du in der Tat l�nger von dort weg als ich�, gab Fidelma zu. �Trotzdem kann ich dir nicht viel Neues berichten, nur dass inzwischen so manch einer verstorben ist.�</p><p>�Hierzulande hat die Gelbe Pest gew�tet, vermutlich hat sie auch vor den f�nf K�nigreichen nicht haltgemacht.�</p><p>�Genau so ist es. Die Liste derer, die sie dahingerafft hat, ist unerbittlich lang, und bis jetzt ist das �bel nicht ausgestanden. Viele Gemeinden sind betroffen, und auch die geistlichen W�rdentr�ger hat sie nicht verschont. Abt S�g�ne, einer der Nachfolger von Colm B�n in der Abtei Beannchar, verstarb vergangenes Jahr. Wahrscheinlich ist dir Colm�n ein Begriff, der an Finnbarrs Hoher Schule in Corcaigh als f�hrender Gelehrter wirkte. Kurz bevor ich zu meiner Reise aufbrach, hie� es, dass er mit f�nfzig seiner Sch�ler auf eine der westlichen Inseln geflohen sei, um der Pest zu entkommen.�</p><p>Bruder Eolann machte ein trauriges Gesicht. �Bevor ich nach Inis Faithleann ging, habe ich bei Colm�n studiert. Dein Vetter Congal war damals gerade Lord von Locha L�in geworden, aber K�nig von Muman war noch M�enach mac Fingin.�</p><p>�Vor zwei Jahren wurde Cathal C�-cen-maithir sein Nachfolger, und gleichzeitig wurde auch mein Bruder Colg� sein <emphasis>t�naiste,</emphasis> sein rechtm��iger Thronerbe�, erkl�rte ihm Fidelma.</p><p>�Gibt es sonst noch Ver�nderungen?�</p><p>�Unter den S�hnen von Aedo Sl�ine herrscht zwischen den f�nf K�nigreichen relativer Frieden.�</p><p>Die beiden S�hne von Aedo Sl�ine hatten zehn Jahre zuvor gemeinsam den Thron als Hochk�nige bestiegen und konnten auf eine friedliche Periode ihrer Herrschaft zur�ckblicken.</p><p>�Zuweilen dr�ngt es mich, meinen privilegierten Posten hier aufzugeben, um noch einmal das ruhige blaue Wasser des Loch L�in sehen zu d�rfen�, gestand der junge Mann.</p><p>Sie hatten den Garten umrundet.</p><p>�W�re es zu viel verlangt, Eolann von Inis Faithleann, wenn ich dich bitte, mir das <emphasis>scriptorium</emphasis> zu zeigen?�, fragte Fidelma. �B�cher und Bibliotheken gehen mir �ber alles. Und au�erdem w�rde ich mir gern den Text des Evangeliums des Matth�us etwas n�her anschauen.�</p><p>�Nichts t�te ich lieber als das, Lady�, lautete die Antwort. Bruder Eolann unterlie� es nicht, die f�rmliche Anrede zu benutzen, die ihr als Tochter eines K�nigs seines Landes zukam. �Komm. Wir verf�gen �ber eine herrliche Abschrift der �bersetzung des heiligen Eusebius von eben dem Evangelium ins Lateinische.� Sie verlie�en das <emphasis>herbarium</emphasis> und �berquerten den Hof zur�ck zu den Hauptgeb�uden der Abtei.</p><p>�Wie ich h�re, hat sich hier eine Reihe guter Gelehrter versammelt�, nahm Fidelma das Gespr�ch wieder auf, �zum Beispiel der Ehrw�rdige Ionas und Magister Ado. Du musst ein kluger Kopf sein, wenn man dich zum <emphasis>scriptor</emphasis> erw�hlt hat.�</p><p>�Zwischen der Begabung eines Bibliothekars und eines Gelehrten gibt es durchaus Unterschiede�, wehrte er ab. �Meine Aufgabe besteht darin, mich um die B�cher zu k�mmern, nicht, sie zu schreiben. Ich hatte einfach Gl�ck. Als ich hier ankam, kr�nkelte der <emphasis>scriptor,</emphasis> und man brauchte einen Gehilfen. Dann starb er, und so wurde mir die Aufgabe �bertragen.�</p><p>�Man hat mir von einer gro�artigen Sammlung von Handschriften berichtet, die du verwaltest.�</p><p>Sie ber�hrte mit ihrer Bemerkung ein Thema, f�r das sich Bruder Eolann sofort erw�rmte. �Wir haben eine der gr��ten Sammlungen in der gesamten Christenheit von Abhandlungen zum Glauben. Schon bald nach meiner Ankunft habe ich eine Gruppe von Kopisten an die Arbeit gesetzt, damit sie �ber die Jahre hinweg Abschriften anfertigen, mit denen wir auch andere Bibliotheken versorgen k�nnen.�</p><p>Bruder Eolann f�hrte Fidelma durch die Haupttore, vorbei am <emphasis>refectorium,</emphasis> nach links durch einen kurzen dunklen Gang und weiter �ber einen kleinen Hof mit einem Brunnen in der Mitte, in dem zwei steinerne Putten Wasser spien. Am anderen Ende des Hofes f�hrte eine T�r in das Innere eines Turms mit einer Wendeltreppe. Auf deren mittlerer H�he ging eine schwere Eichent�r in einen gro�en viereckigen Raum ab, dessen W�nde mit B�chern und Manuskripten best�ckt waren. Die eine Wand war von mehreren hohen, schmalen Fenstern unterbrochen, w�hrend sich am hinteren Ende des Raums eine weitere gro�e Eichent�r befand. Trotz der Fenster war es dunkel; soweit Fidelma etwas erkennen konnte, war der Raum menschenleer. Bruder Eolann murmelte eine Entschuldigung, denn es gelang ihm nicht gleich, eine �llampe anzuz�nden, mit der er dann zu einem Pult ging. Fidelma lie� derweil ihren Blick �ber die B�cherreihen gleiten und versuchte zu �berschlagen, wie viele es waren. Es war durchaus eine beeindruckende Sammlung, wiederum nicht so beeindruckend, wie sie es erwartet hatte.</p><p>�Die Kopisten haben ihren Arbeitsplatz im n�chsten Raum�, erl�uterte der <emphasis>scriptor,</emphasis> als h�tte er ihre Gedanken erraten. �Auch der gr��te Teil der Bibliothek befindet sich dort. Wir verf�gen �ber viele ber�hmte und seltene B�cher, angefangen von den Gedichten, die Colm B�n geschrieben hat, bis zu den gro�en Geschichtsbetrachtungen von R�mern, Griechen oder der alexandrinischen Schule � Es ist mir eine gro�e Ehre, hier in Frieden und Sicherheit wirken zu d�rfen.�</p><p>�Das kann ich gut nachempfinden�, erwiderte Fidelma ernst. �Und doch sagst du, es gibt Zeiten, da w�rdest du die Arbeit hier aufgeben wollen, um dein Heimatland wiederzusehen?�</p><p>Sie hatte ihn verlegen gemacht. �Ich muss Gottes Pfad folgen, wie Er ihn f�r mich vorgesehen hat�, murmelte er. �Du darfst nicht denken, ich sei mit meiner Berufung ungl�cklich.�</p><p>�Nichts liegt mir ferner als das, Bruder Eolann. Doch scheint es mir nat�rlich, wenn man sich nach den vertrauten H�geln, Feldern und St�tten seiner Kindheit sehnt.�</p><p><emphasis>�Das ist nur allzu wahr. Nicht umsonst gibt es die alte Spruchweisheit � nil aon tint�in mar do thinte�n f�in.�</emphasis></p><p>�Ein eigener Herd ist Goldes wert�, wiederholte Fidelma mit einem wehm�tigen L�cheln. �Dem kann ich nur zustimmen. Es verlangt schon innere Kraft und St�rke, sich an einem fremden Ort niederzulassen, der von Konflikten und Spannung umgeben ist.�</p><p>�Du meinst den Konflikt zwischen den Arianern und den Anh�ngern des Glaubensbekenntnisses von Nic�a? Soviel ich wei�, hast du das Streitgespr�ch zwischen unserem Abt und Bischof Britmund mit angeh�rt.�</p><p>�Eigentlich ging es mir mehr um die Regeln, denen man sich hier in der Abtei beugen muss. Sie sind so g�nzlich anders als die Vorschriften, die wir von unseren Abteien kennen.�</p><p>�Einer, der ein <emphasis>peregrinus pro amore Christi</emphasis> ist, empfindet sie nicht als H�rte.�</p><p>�Leider bin ich das nicht�, gab Fidelma zu. �Ich bin nur eine Botin, eine Ratgeberin in Gesetzesfragen und niemand, der ausgezogen ist, Heiden und Barbaren zum Glauben zu bekehren. Doch habe ich von Magister Ado erfahren, dass die Regel von Colm B�n sogar strenger als die von Benedikt war. Wie ist so etwas m�glich? Wo doch die Abteien bei uns daheim, zumeist gemischte H�user, diese Art auferlegter Bu�vorschriften ablehnen.�</p><p>�Du darfst nicht vergessen, Lady, dass Colm B�n viele Jahre unter den ungeb�rdigen Franken und Burgunden verbracht hat, bevor er zu den Langobarden kam.�</p><p>�Stimmt, Schwester Gisa hat �hnliches gesagt. Du nimmst es also als gegeben hin, dass sich daraus seine Auffassungen erkl�ren?�</p><p>�Das Leben in der Gesellschaft erweist sich als grausam und barbarisch. Gewaltt�tige Verbrechen werden hart bestraft. M�glicherweise hat Colm B�n versucht, Kl�ster nach dem Vorbild von daheim zu gr�nden, musste aber erkennen, dass viele, die sich zu ihm bekannten, eine straffe Hand brauchten. Ich kenne einige der Gesetze aus den St�tten, an denen er geweilt hat � die sogenannten <emphasis>wergelds</emphasis>. Dass Verfehlungen mit k�rperlicher Z�chtigung geahndet wurden, war nichts Ungew�hnliches. Colm B�ns Regel bestand zur H�lfte aus Strafma�nahmen f�r die Gemeinde.�</p><p>Ungl�ubig sch�ttelte Fidelma den Kopf. �Wie sahen die Strafen aus?�</p><p>�Sie reichten vom Fasten �ber Einzelhaft in der Zelle und zus�tzlichem Gebet bis hin zu k�rperlicher Z�chtigung mit der Gei�el. Ich habe was von zweihundert Hieben f�r einige Vergehen gelesen, die jeweils zu f�nfundzwanzig Streichen auf einmal zu verabreichen waren. Beichten hatten �ffentlich vor dem Abt und der ganzen Bruderschaft zu erfolgen.�</p><p>�Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der aus unserem Land kommt, Urheber derartiger Bu�vorschriften ist.�</p><p>�Und doch ist es wahr. Die Regel erkl�rte auch das Z�libat zum allerh�chsten Ziel � ein Ziel, das man zu verinnerlichen hat, will man den K�rper zu einem Tempel der Tugendhaftigkeit machen. Er hatte einen Verhaltenskodex festgelegt, ein Leben in Askese und strenger Entsagung. Ein jeder sollte dem Geist der Entsagung folgen, nur strikter Gehorsam w�rde in den Augen Gottes Gnade finden. So und nicht anders sah das erstrebenswerte Ziel im Leben eines frommen Bruders aus.�</p><p>�Es ist erstaunlich. Ich h�tte immer gedacht, unsere Leute sind so durchdrungen von dem Wesen unserer Gesetzgebung, dass sie nie auf die Idee kommen w�rden, sich auf eine so fragw�rdige Lebensauffassung einzulassen. Wie konnte Colm B�n nur glauben, sich die Zuneigung und Treue seiner Anh�nger auf diese Weise zu erzwingen?�</p><p>�Es ist ihm auch nicht gelungen. Viele haben der Abtei zu der Zeit, als seine Regeln dominierten, den R�cken gekehrt. Nach seinem Tod hielten sich seine Regeln nur noch zehn Jahre, dann entschied sich die Brudergemeinde f�r eine mildere Form der F�hrung, wie sie Benedikt vorschreibt. F�r mein Daf�rhalten ist es mehr der Mythos um Colm B�n als das tats�chliche Geschehen, auf den sich Ergebenheit und Treue im Haus gr�nden.�</p><p>Das Bild, wie es ihr Bruder Eolann von der Situation beschrieben hatte, schmerzte Fidelma. Sie gab sich innerlich einen Ruck. �Und dieser Arianismus? Wie wirkt sich der auf das Leben in der Abtei aus?�</p><p>�Wir versuchen, ihn zu ignorieren.�</p><p>�Vielleicht ihr, andere doch aber nicht.�</p><p>Bruder Eolann seufzte betroffen. �Es tut gut, jemanden von zu Hause hier zu haben. Es gibt zwar in unserer Gemeinschaft noch einige aus den f�nf K�nigreichen, aber vern�nftig unterhalten kann man sich mit kaum einem.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Ich vermisse kluge Gespr�che. Nicht, dass ich anderen etwas nachsagen will, aber � Du hast ja Bruder Lon�n selbst erlebt. Du kannst mit ihm nur �ber Pflanzen und Kr�uter reden. Das mag lobenswert sein, und ich bewundere seine Kenntnisse auf diesem Gebiet, aber das ist auch das Einzige, was ihn bewegt. Von den Gedichten unseres gro�en Poeten Dall�n Forgaill hat er keine Ahnung, auch die von Colm B�n sagen ihm nichts, und bei Werken von Sophokles oder des Geschichtsschreibers Polybius ist es ganz aus.�</p><p>Fidelma musste ein L�cheln unterdr�cken. �Literatur ist nur ein Teil menschlichen Wissens�, mahnte sie.</p><p>�Und doch bieten einem all die B�cher hier Zugang zu jeder Form des Wissens.� Er wies auf die Regale im Raum.</p><p>�Das hei�t, du unterh�ltst dich lieber mit belesenen Menschen als mit G�rtnern?�</p><p>�Ist das falsch?�</p><p>�Man kann von beiden viel lernen, es kommt darauf an, was man wissen m�chte.�</p><p>�Ich habe geh�rt, du h�ttest gestern Abend mit Bruder Ruad�n gesprochen.�</p><p>�Er ist der eigentliche Anlass meines Kommens. Ich wollte ihn sehen. Er war in meiner Jugend mein Lehrer.� Fidelma wunderte sich �ber den pl�tzlichen Themenwechsel.</p><p>�Man hat hoffentlich nichts dagegen, dass du ihn aufsuchst�, sagte Bruder Eolann nachdenklich.</p><p>�Weshalb sollten sie es verhindern wollen?�, fragte Fidelma �berrascht.</p><p>�Bruder Hnikar l�sst niemanden zu ihm. Selbst mir w�rden sie es versagen, obwohl ich ihm bestimmt n�herstehe als irgendein anderer hier in der Abtei.�</p><p>Fidelma sah ihn neugierig an. �Willst du behaupten, man h�tte dir ausdr�cklich verboten, bei ihm vorbeizuschauen?�</p><p>�Man hat mir erkl�rt, es ginge ihm zu schlecht. Ein Jammer, dass man ihm in seinem Alter so brutal zusetzt, blo�, weil er den wahren Glauben predigt.�</p><p>�Hat es Zeugen von dem �berfall gegeben?�</p><p>�Niemand hat etwas gesehen. Eines Morgens fr�h hat man Bruder Ruad�n vor den Toren der Abtei gefunden. Soviel ich wei�, hatte er in Travo gepredigt, das liegt weiter unten im Tal. Ich kann nur das wiedergeben, was hier die Runde gemacht hat, und das ist, man h�tte ihn zusammengeschlagen vor dem Tor gefunden, und an seine blutige Kutte w�re ein Pergamentstreifen geheftet gewesen mit der Aufschrift <emphasis>haereticus</emphasis>.�</p><p>�Ja, das mit dem �Ketzer� habe ich auch geh�rt�, best�tigte Fidelma.</p><p>�Die dem arianischen Glauben anh�ngen, beschimpfen uns als Ketzer, so wie wir auch sie beschimpfen. Armer Bruder Ruad�n, er wird es kaum bis zu den Toren der Abtei geschafft haben, wo er dann zusammengebrochen ist. M�ge Gott ihm die n�tige Kraft verleihen. Er ist ein alter Mann, hat bis hierher �berlebt.�</p><p>�Es hat tats�chlich niemand den �berfall beobachtet, und man kann folglich auch niemanden zur Verantwortung ziehen?�</p><p>�Bischof Britmund erteilt jedem Absolution, der einen Ketzer, wie er uns nennt, �berf�llt. Wie will man da einen T�ter zur Verantwortung ziehen k�nnen?�, sagte Bruder Eolann verbittert. �Das Gesetz der Langobarden ist nicht mit unserem zu vergleichen, Lady. Au�erhalb dieser Mauern gilt nur der Wille ihrer Seigneurs und der arianischen Bisch�fe, nichts anderes.�</p><p>�Was den Konflikt in dem Tal hier betrifft � was h�ltst du von Radoald? Kann man ihm trauen?�</p><p>�Seigneur Radoald von Trebbia? Ich traue keinem dieser Langobarden. Radoald ist ein umg�nglicher Mensch. Er unterst�tzt K�nig Grimoald, der, wie du wei�t, ein Anh�nger des Arius ist, sich aber liberal verh�lt und jedermann gestattet, seinen eigenen Weg zu gehen. Radoald hat der Abtei Freundschaft gelobt wenn aber der Druck auf ihn zu stark wird, k�nnte seine Begeisterung f�r uns ins Wanken geraten.�</p><p>Fidelma schwieg einen Augenblick. Von dem Bibliothekar konnte man eine Menge erfahren. �Du vermutest hinter dem �berfall auf Ruad�n kein anderes Motiv, tats�chlich nur diesen Streit �ber unterschiedliche Auffassungen des Glaubens?�</p><p>�Nichts anderes als das, was sonst sollte es sein?� Bruder Eolann war sichtlich verbl�fft �ber ihre Frage. �Bruder Ruad�n hatte niemand anders zum Feind, einzig und allein diese elenden, von Bischof Britmund in die Irre gef�hrten Kerle.�</p><p>�Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern, nichts weiter�, suchte Fidelma ihn zu beruhigen. �Es f�llt mir einfach schwer zu glauben, dass unterschiedliche Ansichten dar�ber, ob etwas erschaffen oder gezeugt wurde, Menschen dazu bringen kann, �bereinander herzufallen.�</p><p>�Das ist leider die Natur des Menschen, Lady�, entgegnete der Bibliothekar bedr�ckt. Unversehens stand er auf und tastete mit den Augen eine B�cherreihe ab. Er fand, was er suchte, und legte es vor ihr auf den Tisch. �Das war es doch, was du sehen wolltest, nicht wahr? Der Text des Matth�usevangeliums. Lass dir Zeit beim Lesen. Ich muss mich ohnehin um meine Kopisten k�mmern.�</p><p>Sie griff nach der Papyrusrolle und entfaltete sie. Die Handschrift war gut leserlich, und dem Lateinischen konnte sie m�helos folgen. Allerdings brauchte sie eine Weile, bis sie die Stelle fand, die sie suchte. Die Passagen, die Freifrau Gunora in der Nacht zuvor zitiert hatte, hatten sie so schockiert, dass sie entschlossen war, sie im Original zu �berpr�fen. Erschrocken musste sie feststellen, dass Gunora sie nahezu einwandfrei wiedergegeben hatte.</p><p><emphasis>Nolite arbitrari quia venerim mittere pacem in terram; non veni pacem mittere sed gladium �</emphasis></p><p>Stets hatte man sie gelehrt, dass die Botschaft Christi Frieden war, nicht Krieg. Nun musste sie erkennen, dass Christus selbst eingestand, auf die Erde gekommen zu sein, nicht um Frieden zu predigen, sondern Krieg. Das Schwert zu bringen. Am meisten erschreckte sie die Aussage, dass seine Anh�nger ihre V�ter und M�tter, ihre T�chter und S�hne nicht mehr als Ihn lieben sollten � denn t�ten sie das, w�rden sie Seiner nicht w�rdig sein. Das stand v�llig im Gegensatz zu den Gesetzen und der Lebensanschauung ihres Volkes, wo oberster Grundsatz allen Seins die Liebe zu und die Ehrfurcht vor den Eltern und Kindern war. Das zu leugnen, lief auf die Zerst�rung einer jeden Gesellschaft hinaus, erst recht der ihres Volkes, die auf der Familie beruhte. Nicht umsonst wurde <emphasis>fingal</emphasis> � Mord an einem Verwandten � als das gr��te Verbrechen betrachtet, das ein Mensch begehen konnte. Ein solches Vergehen ersch�tterte die Grundfesten des gesellschaftlichen Miteinanders. Die Gesetzgebung, die Fidelma vertrat, sah schwerste Strafen gegen T�ter vor, die einen Verwandten get�tet hatten.</p><p>Sie lehnte sich zur�ck und lie� sich von ihren Gedanken treiben. Dann fiel ihr das Verschwinden der Freifrau Gunora und des jungen Prinzen ein. �ber den Stellen aus dem Evangelium, die Gunora emp�rt zitiert hatte, war alles andere in Vergessenheit geraten.</p><p>Bruder Eolann kam zur�ck und riss sie aus ihrem Gr�beln.</p><p>�Hast du gefunden, was du suchtest?�</p><p>�Ja.� Selbstvergessen l�ste sie die Hand von dem Schriftst�ck, das sich sogleich wieder zusammenrollte. �Das ist eine gro�artige Bibliothek, die ihr hier habt�, wich sie aus.</p><p>Bruder Eolann genoss die anerkennende Bemerkung und betrachtete voller Genugtuung die gef�llten Regale. �Ich habe ja gesagt, unser B�cherschatz macht mich stolz. Wir hatten eine gl�ckliche Hand bei unseren Sammlungen.� Er wies auf ein bestimmtes Regal. �Einer der fr�heren Bibliothekare stammte aus der Gegend hier und hat sich auf das Sammeln alter Werke von Schriftstellern aus der Umgebung spezialisiert � Paetus, der stoische Philosoph aus Patavium, Dichter und Essayisten wie Varus, Catull, Catius, Pomponius � In fr�heren Zeiten lebten auch hier hochgebildete M�nner. Und es waren beleibe nicht nur R�mer.�</p><p>�Du meinst, auch Langobarden waren darunter?�, fragte Fidelma, obwohl es sie kaum interessierte.</p><p>�Die Langobarden haben sich hier erst vor einem Jahrhundert angesiedelt. Die urspr�nglichen Bewohner waren Gallier. Dann eroberten r�mische Legionen das Gebiet, und das wiederum geschah hundert Jahre vor Christi Geburt. Doch von den Galliern findet sich hin und wieder ein Beleg ihrer Sprache.�</p><p>�Du meinst, sie schrieben in ihrer eigenen Sprache?�</p><p>�Es muss von der Lehre der Priester, der Druiden, verboten gewesen sein, sich �ber ihr geheimes Wissen schriftliche Aufzeichnungen in der eigenen Sprache zu machen. Deshalb schrieben sie meist in Latein, und wir haben viel �ber sie erfahren, aber es gibt noch einige Originalinschriften und Namen von Orten, die ihre Muttersprache verraten.�</p><p>Fidelma fand, es war Zeit zu gehen, schlie�lich war sie noch weiteren R�tseln auf der Spur. Das Verschwinden der Freifrau Gunora und des jungen Prinzen lie� ihr keine Ruhe. Auch wollte sie Bruder Ruad�n noch einmal aufsuchen, vielleicht konnte sie von dem alten gebrechlichen Mann doch noch das eine oder andere erfahren. Sie erhob sich also, dankte dem Bibliothekar f�r das anregende Gespr�ch und verlie� ihn. Den Weg zur�ck durch den Turm �ber den kleinen Hof, dann den dunklen Gang entlang zur Haupthalle fand sie ohne Schwierigkeiten. Ein-oder zweimal bedachten sie fromme Br�der mit scharfen Blicken und erinnerten sie daran, dass sie sich nicht in einem gemischten Haus befand und dass es Frauen untersagt war, sich ohne Begleitung in den Gem�uern zu bewegen. Sie setzte sich dar�ber hinweg und ignorierte auch das Getuschel hinter ihr.</p><p>Sie gelangte zum G�stehaus und stand schon bald vor der T�r ihrer Kammer. Gerade wollte sie hineingehen, als sie auf dem Gang Bewegung vernahm. Es war Bruder Wulfila, der aus dem Raum kam, den man urspr�nglich Freifrau Gunora und ihrem k�niglichen Sch�tzling zugewiesen hatte. Sie hielt es f�r das Gescheiteste, Ahnungslosigkeit vorzut�uschen und ihn mit einer unschuldigen Bemerkung zu konfrontieren.</p><p>�Ich habe Freifrau Gunora heute noch gar nicht gesehen. Ich hoffe doch, sie ist wohlauf?�</p><p>Ein leicht beunruhigter Ausdruck huschte �ber das Gesicht des Verwalters. �Kein Grund zur Sorge, Schwester.�</p><p>�Dann ist sie wohl in ihrer Kammer? Gro�artig, ich m�chte ihr einen Besuch abstatten.�</p><p>Z�gernd schob sich Bruder Wulfila vor die T�r, als wollte er ihr den Zugang versperren, entschied sich aber gleich darauf anders. �Sie ist nicht hier�, teilte er ihr mit.</p><p>Fidelma erwiderte nichts. Sie hatte den Eindruck, er �berlegte, ob er dem noch etwas hinzuf�gen sollte. �Ich glaube, sie und der junge Prinz haben die Abtei verlassen�, r�ckte er schlie�lich mit der Sprache heraus.</p><p>Fidelma zog die Augenbrauen hoch. �Die Abtei verlassen? Hie� es nicht, au�erhalb der Mauern drohe ihnen Gefahr?�</p><p>�Ich bin sicher, der Vater Abt wei�, was er tut�, murmelte der Verwalter.</p><p>�Das hei�t, sie sind mit Zustimmung von Abt Servillius gegangen?�</p><p>�Mich dar�ber zu �u�ern, steht mir nicht zu.� Bruder Wulfila war deutlich erregt. Er drehte sich um und hastete davon.</p><p>Fidelma starrte ihm nach. Wenn einer wusste, warum und wie Freifrau Gunora und der Junge die Abtei verlassen hatten, dann h�tte just er es sein m�ssen, der sich ja die ganze Nacht �ber im Gang aufgehalten hatte.</p><p>Sie ging in ihr Zimmer und machte sich frisch. Eine Glocke begann zu l�uten, doch es konnte unm�glich sein, dass sie die Br�der zum Essen rief. Fidelma schaute hinaus und erfuhr von einem der vorbeieilenden M�nche, dass es zur Mittagsandacht l�utete. Rasch war Ruhe eingezogen, und sie dachte, dies w�re die ideale Zeit, Bruder Ruad�n aufzusuchen. Vielleicht war er ja in der Lage, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie machte sich auf den Weg, doch kaum bog sie um die Ecke zu seiner Kammer, stand pl�tzlich der Apotheker vor ihr.</p><p>�Ah, Schwester Fidelma�, begr��te sie der korpulente Mann unwirsch und hinderte sie am Weitergehen.</p><p>�Bruder Hnikar, ich wollte gerade bei Bruder Ruad�n vorbeischauen. Es geht ihm doch heute so weit gut, und man darf ihn besuchen?� Sie konnte nur hoffen, der Apotheker hatte keinen Verdacht gesch�pft, dass sie schon fr�her am Morgen bei ihrem alten Mentor gewesen war.</p><p>Der Gesichtsausdruck des Apothekers verd�sterte sich. Er schwieg kurz, r�usperte sich dann und schob die Unterlippe vor wie ein Kind, das gleich losweinen w�rde.</p><p>�Das wird nicht m�glich sein.�</p><p>�Nicht m�glich sein?� Fidelma konnte sich nur schwer beherrschen. �Wieso nicht?�</p><p>Jede Antwort h�tte sie erwartet, aber nicht diese: �Bruder Ruad�n ist leider tot. Er ist des Nachts entschlafen.�</p></section><section><title><p>KAPITEL 8</p></title><p>Im n�chsten Moment dr�ngte sich Fidelma beh�nde an dem st�mmigen Apotheker vorbei und riss die T�r zu Bruder Ruad�ns Kammer auf. Die erregten Protestrufe von Bruder Hnikar hinter ihr beeindruckten sie kaum, trotzdem hielt sie z�gernd auf der Schwelle inne. Bruder Ruad�n lag auf seiner Bettstatt. Entschlossen trat sie zu ihm und blieb sinnend vor dem Toten stehen.</p><p>Der alte M�nch lag friedlich da. Man hatte den Leichnam bereits gewaschen und f�r die Aufbahrung vorbereitet, die �blicherweise der Bestattung voranging. Die H�nde ruhten sorgsam gefaltet auf der Brust. Bei n�herem Hinschauen bemerkte sie an den Fingern�geln Risse, sie wirkten spr�de und ungepflegt, zeigten Reste von getrocknetem Blut an den Nagelkuppen. So hatte die Hand, die sie am Morgen gehalten hatte, nicht ausgesehen. Hand-und Nagelpflege spielte bei den Menschen in ihrem Land eine besondere Rolle. In adligen und gebildeten Kreisen legte man gro�en Wert auf gepflegte H�nde und sorgf�ltig geschnittene N�gel. Jemandem das Wort <emphasis>cr�cht-ingnech,</emphasis> was so viel wie dreckige Fingern�gel hie�, an den Kopf zu schleudern, war die gr��te Beleidigung, die man sich denken konnte. In der Zeitspanne zwischen ihrem Besuch am fr�hen Morgen und seiner Todesstunde musste der alte Mann sich mit seinen H�nden gegen etwas, gegen jemand vehement gewehrt haben, wobei er sich Fingern�gel abgebrochen und den Gegner offenbar blutig gekratzt hatte.</p><p>Mit unbewegter Miene betrachtete sie ihren fr�heren Lehrer. Krank mochte er gewesen sein, aber so viel stand fest: Hier hatte jemand nachgeholfen. Man hatte ihn ermordet.</p><p>Noch einmal pr�fte sie das Gesicht, die leicht bl�ulich schimmernde Haut, die Lippen �ber den gelblichen Z�hnen, die Augen, die man ihm nach dem Eintreten des Todes nicht richtig verschlossen hatte. An den Nasenl�chern waren Sprenkel getrockneten Blutes zu erkennen. Schlagartig ging ihr auf, dass der M�rder wahrscheinlich ein Kissen auf Bruder Ruad�ns Gesicht gepresst und ihn niedergedr�ckt hatte. Bruder Ruad�n hatte seinerseits bei dem verzweifelten Versuch, sich zu befreien, sich an die Arme des Gegners geklammert und sie zerkratzt. Das zumindest w�rde den erb�rmlichen Zustand der H�nde des Toten erkl�ren.</p><p>Fidelma sah auf. Der Apotheker, der immer noch wegen ihres Verhaltens grollte, war ihr ins Zimmer gefolgt. Sie lie� ihn nicht zu Wort kommen.</p><p>�Wann ist es geschehen?�</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, mir wurde berichtet, er w�re in der Nacht gestorben. Wirklich, Schwester, du nimmst dir entschieden zu viel heraus, hier ohne Zustimmung einfach einzudringen ��</p><p>�Er ist bereits gewaschen und f�r die Bestattung vorbereitet. Warum hat man mich nicht rechtzeitig von seinem Tod in Kenntnis gesetzt?�</p><p>Bruder Hnikar zuckte bei ihrem scharfen Ton zusammen.</p><p>�Ich habe Ruad�n seit meiner fr�hen Kindheit gekannt. Ich habe ein Recht, zu erfahren, wann was mit ihm passiert ist.�</p><p>�Du hast aber kein Recht, dich ohne Erlaubnis des Abts hier aufzuhalten.�</p><p>�Dann wende ich mich eben mit meinen Fragen an den Abt�, erwiderte sie k�hl.</p><p>�Was f�r Fragen?� Das klang erschrocken.</p><p>Fidelma schwieg, warf einen letzten Blick auf den Leichnam, drehte sich um und verlie� den Raum.</p><p>Sie betrat die Amtsstube des Abts, ehe er auf ihr Klopfen hatte reagieren k�nnen. Er war im Gespr�ch mit Magister Ado und Bruder Faro.</p><p>�Hast du von Bruder Ruad�ns Tod erfahren?�, fragte sie ohne Umschweife.</p><p>Ihr scharfer Ton schien Abt Servillius zu �berraschen.</p><p>�Ja, meine Tochter, und ich m�chte dir mein Beileid zum Hinscheiden deines alten Freundes und Lehrers aussprechen. Die Abtei hat mit ihm einen guten Menschen verloren.�</p><p>�Man hat den Leichnam bereits gewaschen und f�r die Bestattung vorbereitet. Weshalb hat man mich nicht fr�her von seinem Tod in Kenntnis gesetzt?�</p><p>Der Abt krauste die Stirn. �Wie denn fr�her, meine Tochter. Sowie ich es von Bruder Hnikar erfuhr, habe ich Bruder Faro losgeschickt, um dich zu suchen.�</p><p>�Ich vermutete dich im <emphasis>herbarium</emphasis>�, erkl�rte Bruder Faro. �Aber dort warst du nicht, und Bruder Lon�n konnte mir nicht sagen, wohin du gegangen warst.�</p><p>Fidelma schluckte. Es stimmte. Sie hatte sich lange in der Bibliothek aufgehalten, und au�er Bruder Eolann wusste niemand, dass sie dort gewesen war. Vielleicht war es tats�chlich ihr eigenes Verschulden, dass man sie nicht hatte fr�her informieren k�nnen.</p><p>�Wann ist es passiert? Seit wann wei� man von seinem Tod?�</p><p>�Man teilte Bruder Hnikar mit, dass etwas nicht stimmte, und er ging sofort zu ihm.�</p><p>�Wer hat ihn benachrichtigt?�</p><p>�Wahrscheinlich der Verwalter, es geh�rt ja zu seinen t�glichen Aufgaben, zu �berpr�fen, ob alles seine Ordnung hat. Der Apotheker hat mich gleich aufgesucht, wir waren jedoch mitten in der Debatte mit Britmund. Er hielt es f�r besser, nicht zu st�ren, und wartete, bis ich allein war. Dann hie� es, du w�rest zum Kr�utergarten gegangen. Deshalb schickten wir Bruder Faro dorthin. Ich habe vollstes Verst�ndnis daf�r, dass dich die Sache erregt. So eine lange Reise, um deinen alten Mentor zu sehen, und nun ist er tot.� Er hielt inne, r�usperte sich und entlie� Bruder Faro.</p><p>Als er gegangen war, forderte Abt Servillius Fidelma auf, sich zu setzen. �Wir sollten nicht vergessen, dass Schwester Fidelma in ihrem Land Anw�ltin ist�, merkte Magister Ado an. �In dieser Eigenschaft kennt sie es nicht anders, als dass ihr Todesf�lle unverz�glich mitgeteilt werden. Wir sollten also Verst�ndnis f�r ihre Erregung aufbringen, als Letzte von dem traurigen Geschehen zu erfahren.�</p><p>Der Abt nahm einen Krug vom Tisch und f�llte drei Becher.</p><p><emphasis>�Schon im ersten Brief an den heiligen Timotheus hei�t es: Noli adhuc aquam bibere, sed vino modico utere propter stomachum et frequentes tuas infirmitates.�</emphasis></p><p>Fidelma war der Spruch nicht unbekannt: Lass das Wassertrinken und tu deinem Magen und deiner Gesundheit etwas Gutes mit ein wenig Wein. Ein Schluck Wein k�nnte jetzt nicht schaden, sagte sie sich, denn sie konnte den Schock �ber den Mord an Bruder Ruad�n nur schwer verwinden. Au�erdem wusste sie nicht, wem sie ihre Gedanken anvertrauen durfte.</p><p>�Bruder Ruad�n mochte den Rotwein aus unserer Gegend hier sehr�, meinte der Abt und reichte ihr den Becher. �Um Mitternacht werden wir ihn in unserer Nekropole bestatten. Sie liegt auf der H�gelseite hinter der Abtei. Ich glaube, die Zeremonie unterscheidet sich kaum von der, die bei solchen Anl�ssen in Hibernia �blich ist.�</p><p>Schmerzlich ber�hrt, nippte Fidelma an ihrem Wein und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. �Gibt es etwas von ihm, eine Reliquie vielleicht, die ich zu seiner Abtei auf Inis Celtra mit zur�cknehmen k�nnte? Von dort kam er, dort hat er studiert, und dort habe ich ihn kennengelernt.�</p><p>�Selbstverst�ndlich findet sich da etwas�, sagte der Abt sofort. �Ist es bei euch nicht auch Sitte, dass jemand, der den Verstorbenen gut kannte, am Grab ein paar Worte spricht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich selbst werde ein paar Worte �ber sein Wirken hier in der Abtei sagen, aber �ber sein Leben, ehe er sein Land verlie� und zu uns kam, wissen wir nichts. Wahrscheinlich hat Gott deine Schritte hierher gelenkt, damit du ehrende Worte �ber den achtbaren Diener des Herrn sprichst. W�rst du dazu bereit?�</p><p>Sie stimmte ohne jegliches Z�gern zu.</p><p>�Der Tod ereilt uns immer unerwartet�, fuhr der Abt fort, �selbst wenn man darauf vorbereitet ist. Der einzige Fehler, den Bruder Ruad�n hatte, war sein Eifer, denjenigen, die durch ketzerische Lehren in die Irre geleitet worden waren, den wahren Glauben zu verk�nden. Sie f�rchteten seine Stimmgewalt und die Wahrheit seiner Rede, doch seinen gebrechlichen K�rper missachteten sie und fielen �ber ihn her.�</p><p>In Fidelmas Kopf arbeitete es; wie konnte sie dem vermeintlichen M�rder ihres Mentors auf die Spur kommen? �Seid ihr �berzeugt, dass sich in eurer Abtei kein Arius-Anh�nger aufh�lt?�</p><p>Die Frage �berraschte sowohl den Abt als auch Magister Ado.</p><p>�Bei uns sucht man Zuflucht vor solchen Ketzern�, erwiderte der Abt. �Wie kannst du nur so etwas denken? Wir sind ein Eiland des wahren Glaubens. Warum sollte Ketzern etwas daran liegen, einen der Ihren bei uns einzunisten?�</p><p>�Ach, nur, weil er so etwas gesagt hat.� Sie machte die Bemerkung ohne rot zu werden. �Wir Anw�lte sind wissbegierige Leute, schon die leiseste Anspielung, die wir nicht verstehen, macht uns hellh�rig und besch�ftigt uns.�</p><p>Magister Ado betrachtete sie argw�hnisch. �Etwas, was Bruder Ruad�n gesagt hat? Ich dachte, du hast ihn nur einmal, gleich nach deiner Ankunft gesehen, als er reichlich durcheinander war.�</p><p>Sie merkte, sie musste vorsichtiger bei ihrer Wahrheitssuche sein. Und doch war sie sich inzwischen sicher, dass Bruder Ruad�n nicht im Fieberwahn geredet hatte, als er sie vor dem B�sen warnte, das in der Abtei umginge. Man hatte ihn ermordet. Daran war nicht zu r�tteln. Sie musste herausfinden, wer ihn auf seinem Krankenlager erstickt hatte � und warum.</p><p>Sie erhob sich und stellte den geleerten Weinbecher auf dem Tisch ab. �Es war einfach dies, dass mir die, die �ber ihn hergefallen sind, keine Ruhe lassen. Jemanden zusammenschlagen, nur, weil er gegen die Glaubensauffassung des Arius predigt. Verzeiht. Ich gehe ins G�stehaus und lege mich ein wenig hin.�</p><p>Sie war schon an der T�r, als Abt Servillius sie zur�ckhielt. �Mein Verwalter, Bruder Wulfila, sagte mir, du w�rest betroffen gewesen, dass Freifrau Gunora und Prinz Romuald die Abtei verlassen haben. Freifrau Gunora war um die Sicherheit des Jungen besorgt und hat mich gestern Abend aufgesucht. Sie teilte mir ihre Absicht mit, die Abtei vor Sonnenaufgang zu verlassen, sie wollte zur Festung von Seigneur Radoald, wo sie sich sicherer glaubte.�</p><p>�Nach alldem, was ich inzwischen geh�rt habe, scheint mir das eine wenig kluge Entscheidung�, befand Fidelma. �Bei der Unruhe, die das Land hier offensichtlich ergriffen hat, w�re sie in den Mauern der Abtei besser aufgehoben.�</p><p>Der Abt sah sie sp�ttisch an. �Freifrau Gunora und du, ihr habt etwas gemeinsam�, stellte er fest. �Ihr legt die gleiche Entschlossenheit an den Tag, die keinen Widerspruch duldet. Als ich ihr darlegte, dass ihr Vorhaben nicht gerade weise w�re, genau so, wie du es eben gesagt hast, entgegnete sie mir, ich sei ein alter Narr, sie w�rde die Abtei verlassen, ob es andere f�r klug hielten oder nicht.�</p><p>Fidelma err�tete. �Ich weise nur auf Dinge hin, die der Logik entbehren.�</p><p>�Und das trifft im Falle von Freifrau Gunora leider zu�, erwiderte der Abt. �G�nn dir etwas Ruhe, Fidelma. Man wird Bruder Ruad�ns Leichnam zur Kapelle bringen, wo die Br�der und Schwestern die Gelegenheit haben, ihm im Gebet die letzte Ehre zu erweisen. Zur Mitternacht erfolgt traditionsgem�� die Bestattung.�</p><p>�Ich werde zugegen sein.� Fidelma nickte beiden M�nnern h�flich zu und ging.</p><p>Ein endlos langer, einsamer Nachmittag lag vor ihr. Merkw�rdigerweise zog es sie nicht in die Kapelle, um an der Bahre ihres alten Lehrers Wache zu halten. Drau�en war es hei�, der Himmel war blau und die Sonne immer noch stechend. Die Tageszeit lud zum Verweilen im Freien ein, drau�en, wo Leben war. Dem Tod sollte eher die Nacht geh�ren, fand Fidelma. Nacht und Tod gingen Hand in Hand. Zu blauem Himmel und warmem Sonnenschein passte er nicht. In der Abendd�mmerung w�rde sie bei dem Toten wachen, aber nicht jetzt am helllichten Tag, der f�r das Leben strahlte.</p><p>Bruder Ruad�n war tot � doch <emphasis>warum</emphasis>? Alle Welt behauptete, man w�re �ber ihn hergefallen, weil er unerbittlich gegen den arianischen Glauben zu Felde zog und das Glaubensbekenntnis von Nic�a verteidigte. Aber ermordet hatte ihn jemand, der Zugang zur Abtei hatte. Gab es noch ein anderes Tatmotiv? Hatte man ihn ermordet, weil jemand bef�rchtete, er k�nnte etwas verlauten lassen? Was hatte er gesagt? Irgendetwas mit M�nzen, Goldm�nzen � Angestrengt versuchte sie, sich zu erinnern.</p><p>Mit sich und ihren Gedanken besch�ftigt, wanderte sie langsam durch die Abtei, fast von allein trugen sie die F��e wieder ins <emphasis>herbarium</emphasis>. Mit gesenktem Kopf schlenderte sie �ber die schmalen Wege durch die Beete. Ab und an stand ein M�nch herum und murmelte <emphasis>Laus Deo</emphasis> oder <emphasis>Deus misereatur</emphasis> oder �hnliches. Es blieb nicht aus, dass es sie zu der einen Person zog, in deren Gesellschaft sie sich unbefangen f�hlte, und schon bald kletterte sie den Turm hinauf zum <emphasis>scriptorium</emphasis> von Bruder Eolann. Etwas verwirrt stand er von seinem Pult auf, als sie den Raum betrat.</p><p>�Bruder Ruad�n ist f�r immer von uns gegangen, ich wei�. Es tut mir au�erordentlich leid, Lady. Ich empfinde sein Dahinscheiden als einen herben Verlust, wir waren sehr vertraut miteinander. Er war ein gro�artiger Lehrer und Gelehrter, au�erdem einer der Unsrigen. Man wird ihn vermissen.�</p><p>�Danke, Bruder Eolann. Er war in der Tat ein bemerkenswerter Lehrer�, erwiderte sie ernst.</p><p>�Er hatte einen wachen Verstand.�</p><p>�Einen wachen Verstand�, wiederholte sie mehr f�r sich. �Hat er dir gegen�ber irgendwann einmal M�nzen erw�hnt? Goldm�nzen?�</p><p>Schweigend sah er sie eine Weile an. �M�nzen? In welchem Zusammenhang?�</p><p>�Vielleicht weniger M�nzen, mehr einen verschwundenen Schatz.�</p><p>Der <emphasis>scriptor</emphasis> sch�ttelte entschieden den Kopf. �Mir gegen�ber hat er nie etwas dergleichen gesagt. Sein Interesse galt vielen Dingen, du wei�t es ja selbst, aber eine Anspielung auf M�nzen hat er nie gemacht. Weshalb fragst du?�</p><p>Sie antwortete mit einer Gegenfrage. �Er ist nie hierher gekommen, weil ihn eben das Thema besch�ftigte? Hat sich nie andeutungsweise �ber M�nzen oder irgendeinen Schatz ge�u�ert?�</p><p>�Nein, nie.�</p><p>�Ist es vorstellbar, dass er in die Bibliothek kam und ein Buch zu dem Thema gefunden hat, ohne dass du es bemerkt hast?�</p><p>Bruder Eolann verzog das Gesicht zu einem schmerzlichen L�cheln. �Eine solche M�glichkeit besteht immer. Zwar sind wir darauf bedacht, dass wir jeden Benutzer der Bibliothek kennen. Und doch m�ssen wir feststellen, dass nicht jeder Besucher den Wert der B�cher zu sch�tzen wei� und nicht so mit ihnen umgeht, wie es sich geziemt. Ab und an werden sie regelrecht verunstaltet. In meinen Augen ist das ein Verbrechen.�</p><p>�Wie kann man mit B�chern r�cksichtslos umgehen?� Er hatte Fidelma mit seiner Bemerkung abgelenkt.</p><p>�Wir hatten tadellose Kopien von Polybius und Livius, ihren Geschichtsdarstellungen. Ich habe neulich erst feststellen m�ssen, dass sie Schaden genommen haben.�</p><p>�Wie das?�</p><p>�Ich wollte eine Bezugnahme auf Polybius �berpr�fen und merkte beim Bl�ttern, dass jemand etliche Seiten herausgetrennt hatte.�</p><p>�Sich an einem Buch derart zu vergehen, ist f�rwahr ein Sakrileg�, stimmte ihm Fidelma zu.</p><p>�Viel schlimmer ist, dass das Gleiche mit dem Geschichtswerk des Livius passiert ist � es fehlen Bl�tter, sie wurden mit einem scharfen Messer s�uberlich herausgeschnitten. Es kostete meine Kopisten mehrere Tage, um zu �berpr�fen, ob nicht noch weitere Exemplare betroffen sind.�</p><p>Er ging zu einem Regal und zog ein Buch heraus. Es war Livius� <emphasis>Ab urbe condita libri,</emphasis> Geschichte seit der Gr�ndung der Stadt Rom. Er schlug eine bestimmte Seite auf und zeigte ihr die Stelle.</p><p>�Da siehst du es. Das Blatt hier ist herausgetrennt.�</p><p>�Das muss doch einen Grund haben.� Sie �berflog die Seite davor, es ging um einen Marcus, der im Festgewand den Senat betrat. �Du sagst, es ist neulich erst passiert? Was gedenkst du zu tun?�</p><p>�Ich werde dem Abt von dem Vorkommnis berichten. Ich f�rchte, er kann auch nicht viel machen, h�chstens in seiner Predigt der Gemeinde ins Gewissen reden und mit Gottes Strafe drohen, wenn die T�ter sich nicht zur Tat bekennen.�</p><p>�L�sst sich der Schaden wiedergutmachen?�</p><p>�Nur wenn wir ein vollst�ndiges Exemplar ausfindig machen k�nnen. Ich habe einen Boten zur Gemeinschaft des heiligen Fridian in Lucca gesandt. Sie verf�gen dort �ber Abschriften dieser Werke. Ich hoffe, wir k�nnen sie kopieren oder vielleicht auch k�uflich erwerben. Es ist eine Schande f�r meinen Ruf als <emphasis>scriptor,</emphasis> dass in meinem <emphasis>scriptorium</emphasis> so etwas passieren konnte.�</p><p>�Schwer vorstellbar, wie sich ein Mensch so an B�chern vergehen kann. K�nnte es jemand gewesen sein, der nicht zur Bruderschaft hier geh�rt?�</p><p>�Daran habe ich auch schon gedacht, Lady. Aber wer au�erhalb unserer Gemeinschaft w�rde sich so einfach das entsprechende Buch greifen k�nnen? Eins ist doch klar, derjenige, der die Seiten herausgetrennt hat, wusste, um welche B�cher und genau um welche Seiten es ihm ging. H�tte er nur ein paar St�cke Pergament gewollt, h�tte er die auch von den erstbesten B�nden haben k�nnen.� Er zeigte auf die am n�chsten stehenden Regale. �An die B�cher hier w�re er doch viel leichter herangekommen als an die anderen zwei, die auf v�llig anderen Regalen stehen.�</p><p>�Wenn man w�sste, was auf den Seiten stand und worauf es sich bezog, k�nnte das vielleicht darauf hinweisen, worum es dem T�ter ging. Es w�re dann leichter, dem Verbrecher auf die Spur zu kommen.�</p><p>Bruder Eolann versuchte ihren Gedanken nachzuvollziehen und wurde gleich ganz eifrig. �Du hast vollkommen recht, Lady. Hoffentlich k�nnen wir schon bald die n�tigen B�nde beschaffen. Ich kann es kaum abwarten.�</p><p>�Du hast keine Vorstellung, worum es auf den fehlenden Seiten gehen k�nnte?�</p><p>�Leider nicht.�</p><p>�Vergiss das mit den M�nzen. Ich wollte dich damit nicht unn�tig behelligen. Die Sache ist nicht so wichtig.�</p><p>Die Glocke begann zu l�uten und rief die Br�der zum abendlichen Mahl. Fidelma verabschiedete sich von dem Bibliothekar und folgte auch ihrerseits dem Ruf in den Speisesaal. Das Gespr�ch �ber vors�tzlich besch�digte Handschriften hatte ihr gutgetan, es hatte sie von Bruder Ruad�n und seinem Dahinscheiden abgelenkt. Trotzdem, sie musste sich mit seinem Tod besch�ftigen, musste dem r�tselhaften Geschehen nachgehen. Es galt, einen M�rder zu fassen.</p><p>In Fidelmas Kulturkreisen war es Sitte, bei einem Leichnam eine Nacht und einen Tag lang Totenwache zu halten. Hier war der Brauch leicht anders, der Grundgedanke aber der gleiche. Man hatte den ganzen Nachmittag und Abend Totenwache in der Kapelle gehalten. Nach dem Abendessen versammelten sich die Br�der und Schwestern � und mit ihnen Fidelma � in der Kapelle zum Gebet; man sa� unmittelbar vor der Bahre. Alle ranghohen Geistlichen waren anwesend, es fehlte keiner, vom Abt bis hinunter zu Bruder Lon�n, dem G�rtner. Nach einer Weile betrat auch Seigneur Radoald in Begleitung seines Kriegers Wulfoald die Kapelle und nahm neben Fidelma Platz.</p><p>�Bruder Ruad�n war ein guter Mensch und wurde in dem Tal hier sehr geachtet�, fl�sterte ihr der junge Herrscher von Trebbia zu. �Es tut mir aufrichtig leid, gerade auch f�r dich, nachdem du eigens hierhergereist bist, um ihn zu sehen. Und nun findest du ihn tot vor.�</p><p>�Doch, ich habe ihn gesehen ��, begann Fidelma, bemerkte aber, dass Bruder Hnikar, der vor ihr sa�, sich zur�cklehnte; seine Haltung wirkte zwar ganz zwanglos, gab ihm aber die Gelegenheit, das Gespr�ch mit anzuh�ren. �Ich habe ihn gesehen�, fing sie erneut an, �gleich nach meiner Ankunft, aber er war wirr im Kopf; das wenige, das er sagte, ergab keinen Sinn.�</p><p>�Betr�blich. Ich nehme an, du wirst nun ziemlich rasch deine Heimreise antreten?�</p><p>Fidelma runzelte die Stirn, musste sie seine Worte als ein verstecktes Dr�ngen auffassen? War ihm daran gelegen, sie loszuwerden?�</p><p>�Ich werde mich recht bald auf den Weg nach Genua machen.�</p><p>�Wenn du aufzubrechen gedenkst, lass es mich wissen. Ich w�rde dir bis Genua gern eine Begleitung mitschicken, um Unannehmlichkeiten, wie du sie auf dem Herweg erlebt hast, zu vermeiden.�</p><p>�Ich kann dir versichern, dass ich auf eine Wiederholung derartiger Erlebnisse gut und gerne verzichten kann�, erwiderte sie ernst. �Du h�rst von mir, wenn ich so weit bin.�</p><p>Der junge Seigneur erhob sich, mit ihm auch Wulfoald, schritt zum Altar und der Bahre, auf der Bruder Ruad�n ruhte, und erwies dem Toten huldvoll seine Ehrerbietung.</p><p>So wie es auch in ihrem Land Sitte war, wurde die Bahre mit dem Leichnam um Mitternacht aus der Kapelle und der Abtei getragen. Bis zur Nekropole war es nicht weit. Sie lag hinter der Abtei an einem Hang, war von einer kleinen Mauer umgeben und bot Zutritt durch einen aus Stein gemauerten Torbogen.</p><p>Drei M�nche f�hrten den Trauerzug an, der in der Mitte trug ein an einem Stab befestigtes Kreuz, die beiden anderen links und rechts von ihm brennende Fackeln. Hinter ihnen schritten sechs Br�der mit der Bahre, gefolgt von Abt Servillius, dem Ehrw�rdigen Ionas und Magister Ado, in der Reihe danach Schwester Fidelma mit Bruder Eolann. Auch die anderen M�nche fehlten nicht, unter ihnen Bruder Lon�n, Bruder Faro und Bruder Wulfila, und Mitglieder der Schwesternschaft einschlie�lich Schwester Gisa hatten sich dem Zug ebenfalls angeschlossen. Selbst von au�erhalb der Tore der Abtei waren Trauerg�ste gekommen. Zu ihnen geh�rten Seigneur Radoald und Wulfoald sowie Bewohner aus den umliegenden Orten. Ganz offensichtlich hatte man f�r Ruad�n gro�e Achtung gehegt. Die Schar dr�ngte sich durch das Tor in die Totenstadt und bewegte sich langsam h�gelan, wo Fidelma weiter hinten brennende Fackeln erkennen konnte.</p><p>In dem flackernden Licht glaubte sie verschiedene Grabstellen auszumachen, ganz oben aber auf dem Hang, der noch zur Nekropole geh�rte, standen drei kleine H�user in einer Bauart, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte. Genau beschreiben lie�en sie sich in der Dunkelheit nicht.</p><p>Mit dem Betreten des Friedhofsgel�ndes hatten die M�nche einen Gesang auf Latein angestimmt, der Fidelma unbekannt war.</p><p><emphasis>�Dominus pascit me, nihil mihi deerit �� � der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.</emphasis></p><p>Als sie sich der Stelle n�herten, wo man das Grab ausgehoben hatte, ordnete man sich zu einer langen Reihe.</p><p>�<emphasis>Sed et si ambulavero in valle mortis, non timebo malum, quoniam tu mecum es; virga tua et baculus tuus ipsa consolabuntur me</emphasis> �� � Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, f�rchte ich kein Ungl�ck, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tr�sten mich �</p><p>An dem frisch ausgehobenen Grab erwarteten sie bereits etliche M�nche. Man senkte den Leichnam hinab, es folgten Gebete, und dann gab Abt Servillius Fidelma das Zeichen vorzutreten.</p><p>Am liebsten h�tte sie sich umgewandt und einen aus der Menge des Mordes an ihrem Mentor bezichtigt. Sie hatte das Bed�rfnis, die Anklage laut hinauszuschreien, dass er nicht an den Folgen der Verletzungen, die er ein oder zwei Wochen zuvor erlitten hatte, gestorben war, sondern dass man ihn erst heute Morgen, kurz, nachdem sie bei ihm gewesen war, ermordet h�tte. Dass er versucht h�tte, sie zu dr�ngen, diesen vom B�sen heimgesuchten Ort zu verlassen. Doch es gelang ihr, sich selbst in die Schranken zu weisen und sich zu beruhigen.</p><p>�Bruder Ruad�n stammte aus dem K�nigreich von Muman, aus einem der f�nf K�nigreiche, die ihr das Land Hibernia nennt. Er wurde nach einem Heiligen benannt, der in meiner Heimat als einer der zw�lf Apostel Hibernias gilt. Besagter Ruad�n wurde der erste Abt von Lothra, nicht weit von dem Ort gelegen, wo unser Bruder Ruad�n aufwuchs, ein junger Bursche voller Wissensdurst und Hingabe zur Fr�mmigkeit. Er trat in die Abtei von Inis Celtra ein, einer kleinen Insel inmitten eines gro�en Sees, wo er sich in seine B�cher vertiefte und danach strebte, sein Wissen zu vervollkommnen. Ich selbst habe, wie so viele andere auch, bei ihm gelernt und studiert und verdanke seiner Lehre und seinen profunden Kenntnissen eine unsch�tzbare Bereicherung meines eigenen Wissens. Sein Leben war einer der wenigen leuchtenden Leitsterne in unserer dunklen Welt.�</p><p>Sie nahm eine Handvoll Erde und warf sie ins Grab.</p><p>Abt Servillius bedachte sie mit einem anerkennenden Blick und trat seinerseits vor.</p><p>�Hibernias Verlust war ein Gewinn f�r uns und unsere Abtei. Gewiss war es f�r Hibernia ein trauriger Tag, als Bruder Ruad�n von seinen Ufern Abschied nahm und ein <emphasis>peregrinus pro amore Christi</emphasis> wurde. F�r uns aber war es eine gro�e Freude, als er an die Tore unserer Gemeinschaft pochte. Er wurde einer unserer gr��ten Prediger, ging hinaus zu den Heiden und war bem�ht, sie auf den Pfad der Wahrheit zu bringen. Er musste f�r die Wahrheit b��en. Wir d�rfen ihn als einen wahren M�rtyrer bezeichnen, denn er starb an den Schl�gen derer, die auf ihn einhieben, die sich der Ketzerei verschrieben haben und nichts von dem wahren Glauben halten. Seine Seele wird zu Gott auffahren, und der Himmel wird ihn mit Freuden empfangen.�</p><p>Auch der Abt nahm eine Handvoll Erde und warf sie ins Grab. Einer nach dem anderen aus dem Trauerzug trat vor und tat das Gleiche. Jeder verharrte einen Moment im Gedenken an den Verstorbenen, ehe er weiterging.</p><p>Als Fidelma und die anderen sich von dem Grab entfernten, durchdrangen unheimliche, klagende T�ne die Nacht. Sie hatten etwas Gespenstisches und doch Melodi�ses an sich, und Fidelma erkannte sie als eine Weise, die auf einem Dudelsack gespielt wurde. Es klang �hnlich, wie sie es von zu Hause her kannte, aber irgendwie d�nner, wie eine Sackpfeife mit Rohrblatt. Die klagende Tonfolge hallte in den Bergen wider, erinnerte an den Aufschrei einer gequ�lten Seele. Fidelma sah verschreckt zum Ehrw�rdigen Ionas, der neben ihr stand.</p><p>�Hab keine Angst, meine Tochter�, beruhigte er sie. �Es ist nur der alte Aistulf, der auf der Muse spielt � ein Klagelied f�r den Verstorbenen.�</p><p>�Aistulf der Einsiedler? Und was ist eine Muse?�</p><p>�Eine Sackpfeife, wie sie die Bergbewohner hier spielen. Manchmal des Nachts, wenn die Ger�usche im Tal leichter zu vernehmen sind, kann man den alten Aistulf spielen h�ren. Das darf dich nicht weiter beunruhigen.�</p><p>Die Trauergemeinde verlie� die Nekropole. Einer der Fackeltr�ger blieb zur�ck, um Fidelma und die anderen zu begleiten. Sie folgten dem Weg, der von Grabsteinen und Holzkreuzen ges�umt war, als sie ein ungew�hnlich grobes Holzkreuz mit einem Namen darauf bemerkte. Unter all den kunstvoll gearbeiteten Gedenksteinen fiel es aus dem Rahmen, auch sah sie, dass der Name nicht eingeschnitzt, sondern in das Holz eingebrannt war, wie man es mit einem hei�en Eisen machen konnte. Sie waren schon weitergegangen, und da erst registrierte ihr Gehirn den Namen, den sie gelesen hatte. <emphasis>Wamba</emphasis>. Wo hatte sie den schon geh�rt? Blitzartig ging es ihr auf. Es war der Name, den Bruder Ruad�n genannt hatte.</p><p><emphasis>�Der Junge � der kleine Wamba. Er h�tte nicht sterben d�rfen, blo� weil er die M�nzen hatte.�</emphasis></p><p>Das waren die Worte, die er noch am Morgen gesagt hatte. Was f�r M�nzen? Warum die M�nzen? Wie war Wamba zu Tode gekommen? Wen konnte sie fragen? Wem konnte sie trauen?</p><p>Alle m�glichen Fragen gingen ihr durch den Kopf, und als sie in ihrer Kammer im G�stehaus angelangt war, wusste sie nicht, wie sie unter diesen Umst�nden Schlaf finden sollte. Doch die Ersch�pfung �bermannte sie, und erst das fr�he Morgenlicht weckte sie.</p></section><section><title><p>KAPITEL 9</p></title><p>Zur ersten Mahlzeit des Tages begr��te Abt Servillius sie auffallend freundlich. �Hast du gut geruht, Schwester?�</p><p>�Ja, das habe ich.�</p><p>�Ausgezeichnet. Gesunder Schlaf ist die beste Medizin f�r K�mmernisse.� Er schien ungew�hnlich besorgt um sie.</p><p>Wie immer k�ndigten die Gebete und der eine Glockenton das Mahl an, das diesmal in freiwillig auferlegtem Schweigen eingenommen wurde. Selbst Magister Ado und der Ehrw�rdige Ionas waren in sich gekehrt. Nach Beendigung des Mahls hielt Abt Servillius sie zur�ck. Er griff in sein <emphasis>marsupium,</emphasis> nahm etwas, das in ein St�ck Stoff gewickelt war, heraus und �berreichte es ihr.</p><p>�Hier hast du, wie versprochen, die Reliquie, die du zu Bruder Ruad�ns Abtei mitnehmen sollst, von der aus er seine Pilgerschaft zu uns unternahm. M�ge sie als Zeichen der Zuneigung gelten, die wir zu ihm empfunden haben.�</p><p>Vorsichtig �ffnete Fidelma das kleine B�ndel. Zum Vorschein kam ein silbernes Kreuz, das Bruder Ruad�n an einem Kettchen um den Hals getragen hatte. Von Kindheit an, als er sie unterrichtete, kannte sie es. Tief bewegt umh�llte sie es wieder und steckte es in ihr <emphasis>marsupium</emphasis>.</p><p>�Die Br�der auf Inis Celtra werden das Kleinod zu sch�tzen wissen. Hab Dank f�r diese wohlwollende Geste.�</p><p>Gro�m�tig winkte der Abt ab. �Ich vermute, du wirst nun Pl�ne machen, in deine Heimat zur�ckzukehren. Der Herbst zieht herauf. Ich an deiner Stelle w�rde mit einem Aufbruch nicht lange z�gern, gew�hnlich wird die Stra�e zwischen uns und Genua zu der Jahreszeit sehr schlecht. Die Trebbia tritt �ber die Ufer und macht die Wege unpassierbar.�</p><p>Fidelma wollte ihm antworten, doch der Abt hatte offenbar am anderen Ende des Refektoriums jemanden entdeckt, entschuldigte sich und eilte davon. Daf�r stand Magister Ado pl�tzlich neben ihr.</p><p>�Ich bin schuld, ich habe dir zugeredet, den Ritt hierher zu unternehmen, und nun ist alles vergebens gewesen�, h�rte sie ihn sagen. �Du k�nntest den Ozean schon halb �berquert haben.�</p><p>�Mir lag daran, Bruder Ruad�n zu besuchen�, berichtigte sie ihn. �Immerhin habe ich mit ihm noch kurz vor seinem Tod sprechen k�nnen und kann nun seinen Br�dern auf Inis Celtra berichten, wie ihn Gott zu sich genommen hat, nachdem er dieser Abtei lange gedient hat. Der Abt hat mir ein Erinnerungsst�ck an ihn anvertraut, das ich ihnen �berbringen werde.�</p><p>Magister Ado war verlegen. �Ich habe mich ungeschickt ausgedr�ckt, sieh es mir nach. Wenn du Hilfe ben�tigst, um nach Genua zu gelangen, stehe ich dir gern zur Verf�gung. Hast du dir schon �berlegt, wann du die Reise antreten willst?�</p><p>Fidelma wunderte sich, warum ihr pl�tzlich so viele Leute anboten, ihr behilflich zu sein, die Abtei zu verlassen und nach Genua zur�ckzukehren: Radoald, Abt Servillius und nun auch Magister Ado.</p><p>�Noch habe ich mich nicht festgelegt. Ich hoffe, mir bleibt noch ein wenig Zeit, mich in der Abtei und der Umgebung hier umzuschauen, ehe ich mich auf den R�ckweg mache.�</p><p>Magister Ado blickte sie erstaunt an. �Warum denn das?� Es klang fast wie eine Drohung.</p><p>�Damit ich den Gelehrten in Hibernia berichten kann, warum der heilige Colm B�n gerade diesen Fleck f�r seine letzten Jahre erw�hlt hatte�, erwiderte sie leichthin. �Bislang habe ich mir kaum etwas ansehen k�nnen. Ich werde abreisen, sobald ich gen�gend in mir aufgenommen habe, um die vielen Fragen der Gelehrten daheim zu befriedigen, und du, der du selbst ein Gelehrter bist, wirst das gewiss verstehen.�</p><p>Sie verlie� das <emphasis>refectorium</emphasis> und ging auf das Hauptportal der Abtei zu. Sie wollte zur Nekropole und das Grabkreuz, das ihr in der Nacht zuvor aufgefallen war, genauer betrachten. Am Tor stie� sie auf Schwester Gisa.</p><p>�Wie geht es dir nach dem gestrigen Tag, Schwester Fidelma?�, begr��te sie das junge M�dchen besorgt.</p><p>�So gut es einem eben gehen kann.� Merkw�rdig, jedermann schien auf ihr Wohlergehen bedacht.</p><p>�Ist gewiss traurig f�r dich, die weite Reise hierher unternommen zu haben und dann nur zu sehen, wie dein alter Lehrer stirbt.�</p><p>�Wenigstens kann ich sagen, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, bevor er starb�, antwortete Fidelma und lenkte von dem leidigen Thema ab. �Du wartest wohl auf Bruder Faro?� Die junge Nonne wurde rot.</p><p>�Warum sollte ich auf ihn warten?�, erwiderte sie bissig.</p><p>�Ihr beide seid einander zugetan. Das l�sst sich nicht leugnen.�</p><p>�Oh, ich � �, stammelte das M�dchen aufgeschreckt.</p><p>�Hab keine Angst. Was sollte schon verkehrt daran sein?�</p><p>Die Wangen des M�dchens gl�hten. �Gegen die Regeln der Abtei habe ich jedenfalls nicht versto�en.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, beschwichtigte sie Fidelma. �Verzeih; wenn das etwas ist, wor�ber du nicht reden m�chtest, auch gut.�</p><p>�Bitte, bitte, sprich mit niemandem dar�ber. Abt Servillius achtet sehr streng auf die Regeln der Trennung und des Z�libats.�</p><p>�Warum zieht ihr nicht fort und sucht euch ein gemischtes Haus, in dem Glaubensbr�der und -schwestern als Ehepaare leben k�nnen? Wenn es euch mit euren Gef�hlen f�r einander ernst ist, d�rfte es nicht schwierig sein, eine solche Zufluchtsst�tte zu finden. Noch sind diejenigen unter den Ordensleuten, die das Z�libat fordern, in der Minderheit � diese Asketen glauben sich auf dem Weg zu einem erf�llten Leben, wenn sie das Leben verleugnen.�</p><p>Schwester Gisa musste l�cheln, wenn auch etwas verzagt. �Du hast ein feines Gesp�r, Schwester. Ich hoffe, niemand hier durchschaut die Dinge so wie du.�</p><p>�Ich glaube, Magister Ado wei� um eure Gef�hle f�reinander.�</p><p>Erneutes Erschrecken �berzog die Z�ge des M�dchens. �Er wei� davon?�</p><p>�Ich bin sicher, er w�rde euch nicht verraten, sondern euren Entschluss davonzuziehen segnen, um ein Kloster zu finden, das euren Gef�hlen freundlicher gesonnen ist.�</p><p>�Aber Faro ist sein Sch�ler � er hat ihn im Glauben unterwiesen. Und Faro will Bobium nicht verlassen.�</p><p>�Du hast also mit ihm dar�ber gesprochen?�</p><p>Schwester Gisa seufzte. �Ja. Er will seine Studien hier zum Abschluss bringen, bevor er daran denkt fortzugehen. Er ist erst vor zwei Jahren in die Abtei gekommen und meint, er m�sse sich noch mehr Wissen aneignen, ehe er woanders hink�nne.� Dann gab sie dem Gespr�ch eine andere Wendung. �Wohin wolltest du gerade gehen?�</p><p>�Ich will zur Nekropole und eine Blume auf Ruad�ns Grab legen, wie es in meiner Heimat Sitte ist.�</p><p>Schwester Gisa schloss sich ihr an. �Ich m�chte dich begleiten.� Einen Moment schwieg sie und erkundigte sich dann: �Wann wirst du nach Genua aufbrechen und dort nach einem Schiff f�r deine Heimreise suchen?�</p><p>Fidelma schluckte. Wie oft w�rde man ihr diese Frage noch stellen? �In ein paar Tagen. In einer Woche vielleicht. Ich m�chte noch mehr von der Abtei sehen und vom Land ringsum.�</p><p>Die junge Nonne fragte nicht weiter. Pl�tzlich wies sie auf ein paar Str�ucher nicht weit von ihnen. �Da bl�ht was, die wei�en Blumen da. Die w�ren doch passend, nicht wahr?�</p><p>Beide gingen sie zu den B�schen hin�ber und pfl�ckten von den wei�en, wie Lilien aussehenden Blumen. Sie blieben die einzigen Besucher der Begr�bnisst�tte, als sie den H�gel hinanstiegen. Wieder gingen Fidelmas Blicke zu den drei sonderbaren Bauten am oberen Ende der Nekropole. Jetzt bei Tage erkannte sie sie als Grabm�ler, Grabkammern, die winzigen Pal�sten �hnelten. Es waren reichverzierte Gebilde aus wei�em Stein, die an Bauwerke im alten Rom erinnerten.</p><p>�Wem sind diese Denkm�ler gewidmet?�</p><p>�Das sind die Grabkammern der �bte.�</p><p>�Aber ich z�hle nur drei.�</p><p>�Die Klostergemeinde hat sie erst j�ngst errichtet. Das Grab des Gr�nders der Abtei, Columbanus, befindet sich unter dem Hochaltar in der Abteikapelle. Die anderen �bte hat man hier oben bestattet. Dort seitlich ruht Attala, er war der Nachfolger von Columbanus. Das n�chste Grabmal ist das f�r Bertulf. Er zog nach Rom und unterstellte die Abtei dem Papst. Und das dritte da ist die Ruhest�tte von Abt Bobolen. Er hat die Regula des Benedikt �bernommen und die Bischofsmitra aus den H�nden von Papst Theodor erhalten, das ist etwa zwanzig Jahre her.�</p><p>�Am Grabmal f�r Bobolen wird wohl noch gearbeitet?�</p><p>Schwester Gisa sch�ttelte den Kopf. �Dort werden nur ein paar Kleinigkeiten nachgebessert. Der Schrein war fertiggestellt und versiegelt, noch bevor Faro und ich nach Genua ritten, um Magister Ado abzuholen. Es ist n�mlich Faros Aufgabe, die Arbeiten zu beaufsichtigen, und er muss Abt Servillius berichten, wie es vorangeht. Auch f�r die k�nftigen �bte sollen Mausoleen gebaut werden.�</p><p>�Diese Grabm�ler sind in der Tat eindrucksvoll�, best�tigte Fidelma. �Ist Faro Baumeister oder Architekt?�</p><p>�Nein, aber er versteht sich aufs Organisieren von solchen Sachen. Bobolens Grabmal hat er selbst entworfen und hat Maurer und Steinmetze aus Placentia daf�r gewonnen, es f�r Gotteslohn zu bauen. Und da steckt wirklich eine Menge Arbeit drin. Ich habe aufgeh�rt zu z�hlen, wie viele Wagenladungen Steine durchs Tal herangeschafft wurden.�</p><p>�Steine?�</p><p>�Ein besonderer Stein ist das � Marmor. Den gibt es im Tal nicht.�</p><p>Vor dem neu verf�llten Grab von Bruder Ruad�n blieben sie stehen. Fidelma legte ihre Blumen auf den eben aufgesch�tteten und verfestigten Erdh�gel und verharrte eine Weile mit gesenktem Kopf davor.</p><p>Schwester Gisa schaute gedankenverloren �ber die Bergh�nge und fragte unvermutet: �Hast du dich gestern Nacht ge�ngstigt, als die Muse erklang?�</p><p>�Die Muse? Ach, du meinst den Dudelsack. Nein, ge�ngstigt habe ich mich nicht, aber �berrascht war ich schon. Wir haben solche Instrumente auch in Hibernia, und einen Moment lang dachte ich, einer der Br�der aus Hibernia spielt. Doch irgendwie klang es nicht so recht � ich meine, es klang nicht so wie die Sackpfeifen aus Hibernia.�</p><p>�Das mag sein. Deine Landsleute haben das ebenso empfunden. Unsere Sackpfeifen sind �hnlich, aber doch ein klein wenig anders.�</p><p>�Wie anders?�</p><p>�Sie haben das Mundst�ck, eine Bordunpfeife und eine Spielpfeife. Die Luft wird in einem Sack aus Ziegenhaut gehalten. Manchmal nennen die Leute sie auch Apenninpfeife, nach dem Gebirgszug hier.�</p><p>�Man hat mir erz�hlt, es sei ein betagter Einsiedler, der sie spielt.�</p><p>�Aistulf? Er spielt die Muse meisterhaft.�</p><p>�Du kennst ihn?�</p><p>�Ja. Er ist ein g�tiger Alter. Ich besuche ihn oft, schaue nach seinem Wohlbefinden.�</p><p>�Er spielt wirklich gut, aber er muss schon die Abgeschiedenheit lieben, wenn er so ganz allein in dieser Bergwelt lebt.�</p><p>�So allein ist er gar nicht. Blo� jetzt wird er einsamer sein als zuvor.� Auf Fidelmas fragenden Blick hin f�gte sie hinzu: �Er ist ein Meister auf seinem Instrument, und hin und wieder hat er auch andere im Spiel auf der Muse unterrichtet, damit diese Kunstfertigkeit nicht verlorengeht.� Schwester Gisa wandte sich um und zeigte auf das h�lzerne Kreuz, dessentwegen Fidelma den Friedhof aufgesucht hatte. �Er hat auch den kleinen Wamba gelehrt, auf der Muse zu spielen.�</p><p>�Wamba?�, fragte sie und tat, als bemerkte sie das Grabkreuz erst jetzt. �Das ist aber merkw�rdig.�</p><p>Schwester Gisa runzelte die Stirn. �Merkw�rdig? Was ist daran merkw�rdig?�</p><p>�Auf allen anderen Grabsteinen steht <emphasis>Frater</emphasis> vor dem Namen. Und hier steht nur der Name.�</p><p>�Er war ja kein Mitglied der Bruderschaft.�</p><p>�Als was ist er dann in der Abtei t�tig gewesen?�</p><p>�Wamba? Der hat �berhaupt nicht in der Abtei gearbeitet. Er war nur ein Ziegenhirt. Er hat hier oben in den Bergen mit seiner Mutter gelebt. Zur Abtei ist er immer gekommen und hat Ziegenmilch verkauft. Er hat auch auf einer kleinen Muse gespielt, wie die meisten Jungen, die Schafe oder Ziegen auf den Bergh�ngen h�ten. Das hat er so gut gemacht, dass Aistulf ihm zuredete, das Spiel auf der Muse richtig zu erlernen.�</p><p>�Deinen Worten nach war er noch sehr jung, als er starb.�</p><p>�Gott sei ihm gn�dig, er war kaum elf Jahre alt.�</p><p>�Und er ist erst vor kurzem gestorben?�</p><p>�Kurz bevor Faro und ich uns nach Genua aufmachten. Einen Tag, nachdem Bruder Ruad�n zusammengeschlagen vor den Toren der Abtei lag.�</p><p>�Wei�t du, wie der Junge ums Leben gekommen ist?�</p><p>�Es hei�t, der Leichnam wurde unten an einer Felswand entdeckt. Er muss abgest�rzt sein und sich das Genick gebrochen haben. Jemand hat den Toten gefunden und in die Abtei geschafft.�</p><p>�Ist das nicht ungew�hnlich, dass ein Ziegenhirt auf dem Friedhof einer Abtei bestattet wird?�</p><p>�Der Abt hat eine Sondergenehmigung erteilt, ihn hier zu begraben, weil er der Abtei kleine Dienste leistete. Weshalb interessiert dich das alles so, Schwester Fidelma?�</p><p>�Ich bin einfach von Natur aus neugierig, will immer alles genau wissen.�</p><p>�Bruder Waldipert hatte weit mehr mit ihm zu tun als die meisten von uns. Der ist f�r die Abteik�che zust�ndig und hat immer die Ziegenmilch von Wamba gekauft.�</p><p>�Die Abtei hat doch gewiss selber Ziegen und K�he, die gemolken werden k�nnen?�, fragte Fidelma verwundert. In allen Abteien, die sie kennengelernt hatte, galt es, sich mit dem Lebensnotwendigen selbst zu versorgen.</p><p>�Nat�rlich. Doch seit den Tagen des Columbanus ist es guter Brauch, die Leute aus der Umgebung zu unterst�tzen. Jeder nach seinen M�glichkeiten und jedem nach seinen Bed�rfnissen ist ein guter Grundsatz f�r das Leben in einer Gemeinschaft.�</p><p>Fidelma musste sich mit weiteren Fragen zur�ckhalten, um nicht unn�tig Argwohn zu erwecken, und so meinte sie lediglich, als sie vom Grab weggingen: �Ist schon traurig, dass Wamba so jung sterben musste, wo er doch so begabt war.�</p><p>Ihre Gedanken aber kreisten um Bruder Ruad�ns letzte Worte. Man hatte den Jungen wegen M�nzen umgebracht. Und nun sagte Schwester Gisa, er w�re von einer Felswand gest�rzt und h�tte sich das Genick gebrochen. F�r einen Ziegenhirten in den Bergen ein ungew�hnlicher Tod. Sie musste ihre Begleiterin irgendwie loswerden und Bruder Waldipert ausfindig machen. Ihr erstes Problem l�ste sich gleich, denn vorn am Gr�berfeld tauchte Bruder Faro auf. Strahlend ging ihm Schwester Gisa entgegen. Fidelma bem�hte sich, ein L�cheln zu unterdr�cken. Wie konnte der Abt nur so blind sein und nicht bemerken, was die beiden verband?</p><p>�Was macht deine Wunde, Bruder Faro, heilt sie gut?�, begr��te ihn Fidelma.</p><p>Der junge Mann warf Schwester Gisa einen pr�fenden Blick zu, bevor er Fidelmas Frage beantwortete. �Alles ist wieder beinahe normal. Gott sei Dank. Ich kann den Arm ohne Schwierigkeiten bewegen.�</p><p>�Dazu hat bestimmt auch Schwester Gisas gute Pflege beigetragen�, sagte Fidelma ernst. �Deinen Verband mit dem zerdr�ckten Knoblauch werde ich mir merken�, versicherte sie dem M�dchen.</p><p>�Das habe ich von meinem Vater. Er ist � war ein guter Arzt.�</p><p>�Ich hatte schon schlimmere Wunden�, warf Bruder Faro ein, schwieg sofort und wurde rot.</p><p>�Du bist schon fr�her mal verwundet worden?�</p><p>�Aber nicht von einem Pfeil. Das war, bevor ich hierher kam.�</p><p>�In einer anderen Abtei?�</p><p>�Damals war ich noch kein Ordensbruder.�</p><p>�Dachte ich mir fast. Du siehst mehr wie ein Krieger als wie ein M�nch aus.�</p><p>Bruder Faro stutzte und schien verlegen. �Das war ich auch, aber dann habe ich die Sinnlosigkeit von Kriegen begriffen und bin hierhergekommen auf der Suche nach Frieden und Abgeschiedenheit.�</p><p>Fidelma schaute sich um in der friedvollen Umgebung des Tals und der Berge, nickte bed�chtig und sagte: �Das kann ich gut verstehen.� Sie verabschiedete sich und ging zur�ck zur Abtei. Bruder Faro und Schwester Gisa waren nicht b�se, allein gelassen zu werden.</p><p>Die T�r der Abteik�che �ffnete sich zum <emphasis>herbarium,</emphasis> wie Fidelma herausfand. Das erleichterte ihr, sich der K�che zu n�hern, ohne dass sich jemand wunderte, warum sie gerade dorthin wollte. Sie ging also in den Kr�utergarten und dankte dem lieben Herrgott, dass Bruder Lon�n nirgends zu sehen war. Beherzt eilte sie auf die T�r zu, aus der es angenehm duftete.</p><p>Sie war noch gar nicht richtig auf der Schwelle, da herrschte sie jemand mit grober Stimme an. Ein gro�gewachsener Mann mit einer Sch�rze �ber der Kutte stand �ber einen Tisch gebeugt und war dabei, einen Fisch auszunehmen. Er warf ihn in einen Kessel auf dem Herd, blickte hoch und wiederholte seine Frage in Latein. �Wer bist du? Was suchst du hier?�</p><p>�Ich bin Fidelma von Hibernia. Ich suche Bruder Waldipert.�</p><p>Der Mann schniefte und machte sich wieder an seine Arbeit. �Den hast du vor dir. Du bist der Gast des Abts. Bist gekommen, um Bruder Ruad�n zu besuchen, stimmt�s? Ein Jammer, dass er gestorben ist. Er war ein guter Mensch.�</p><p>�Ich wollte mich bei dir nach einem anderen Toten erkundigen. Dem kleinen Jungen Wamba.�</p><p>Bruder Waldipert schaute sie erstaunt an. �Nach Wamba, dem Ziegenhirten? Warum fragst du gerade nach dem?�</p><p>�Mir ist der Name auf dem Grabkreuz aufgefallen, und ich habe mich gewundert, warum er auf dem Totenacker der Abtei bestattet wurde. Er war doch kein Mitglied der Bruderschaft.�</p><p>Das dickliche Gesicht des M�nchs sah mit einem Mal ernst und traurig aus. �Nach allem was recht ist, er geh�rte zu uns und unserer Gemeinschaft. Der kleine Teufel. Jeden Tag kam er her und hat uns frische Milch verkauft. Auch auf der Muse war er richtig gut.�</p><p>�Ich habe bereits Schwester Gisa gefragt, warum jemand, der so jung war, auf dem Totenacker der Abtei beerdigt wurde. Sie hat mir einiges erz�hlt, doch das war nicht viel. Kannst du mir mehr �ber ihn sagen?�</p><p>Bruder Waldipert seufzte. �Er war etwa elf, oder so. Ein fr�hlicher Bursche war er, jeden Tag kam er zur Abtei, wie ich schon sagte, und brachte uns Milch von seinen Ziegen. Wir gaben ihm daf�r Gem�se und Kr�uter, die wir hier anbauen.�</p><p>�War er nicht reichlich jung, um schon eine eigene Herde Ziegen zu besitzen?�</p><p>�Um Himmels willen, nein, das waren nicht seine Ziegen, die geh�rten Hawisa, seiner Mutter. Er hat sie oben auf den H�ngen vom P�nas geh�tet, dem Berg dort hinter uns.� Er wies mit der Hand auf das Fenster, aus dem man die Berge sah, die sich hinter der Abtei erhoben.</p><p>�Er soll von einer Felswand gest�rzt und so zu Tode gekommen sein, ist das wahr?�</p><p>�Ja. Man hat ihn unterhalb der Felsen gefunden�, best�tigte der Koch.</p><p>�Gibt es irgendwelche Erkl�rungen, warum er abst�rzte und sich das Genick brach? Dass gerade einem Ziegenhirt, der tagaus tagein in den Bergen herumklettert, so etwas passiert, ist doch merkw�rdig.�</p><p>Bruder Waldipert musterte sie einen Augenblick argw�hnisch. �Er war allein in den Bergen, leider. Wer will da wissen, wie es passiert ist? Unf�lle kommen immer mal vor. Wieso interessierst du dich so daf�r?�</p><p>�Einfach, weil ich das sonderbar finde. Ziegenhirten sind doch meist genauso sicher auf den Beinen wie ihre Ziegen.�</p><p>Der Koch zuckte die Achseln. �Stimmt schon. Wamba ist oben in den Bergen aufgewachsen. Vielleicht war er zu waghalsig. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, und das war ein paar Tage, bevor man ihn gefunden hat, da war er ganz �berm�tig. Richtig fr�hlich war er, brachte nicht nur die Milch, sondern erz�hlte mir auch, dass er irgendeine alte M�nze gefunden h�tte, die w�rde seine Mutter ordentlich reich machen.�</p><p>So harmlos wie m�glich fragte Fidelma: �<emphasis>Eine</emphasis> M�nze hatte er gefunden? Eine einzige nur?�</p><p>�Ja. Er hat sie mir sogar gegeben. Er war ganz stolz auf seinen Fund und prahlte damit. Wenn er noch mehr finden w�rde, hat er gesagt, k�nnte ihm das ganze Tal geh�ren. Ich h�tte ihm beinahe eins hinter die L�ffel gegeben. <emphasis>Vanitas vanitatum, omnia vanitas!</emphasis>�, rezitierte der Koch. �Stell dir mal vor, ein einfacher Ziegenhirt, und bildet sich ein, er k�nnte ebenso gut herrschen wie der Seigneur von Trebbia!�</p><p>�Selbst ein Ziegenhirt kann vom Gl�ck tr�umen�, erwiderte ihm Fidelma und meinte es in allem Ernst. �Hat er dir erz�hlt, wo er die M�nze gefunden hat?�</p><p>�Ich glaube, er hat nur gesagt, er hat sie gefunden. Dann wollte er noch wissen, ob ich ihm daf�r was von unseren Sachen geben k�nnte, so wie f�r die Milch.�</p><p>�Und hast du das gemacht?�</p><p>Die feisten Wangen des Kochs wabbelten, so heftig sch�ttelte er den Kopf. �Nein, mir war klar, die M�nze war etwas wert, schon allein wegen des Goldgehalts. Was f�r eine M�nze genau das war, wei� ich nicht. Eine uralte jedenfalls. Ich habe ihm gesagt, ich w�rde sie dem Abt zeigen und mich weiter darum k�mmern. Der Junge hat mir vertraut und zog zufrieden los, in der Hoffnung, ich w�rde was G�nstiges f�r ihn erreichen. Ein paar Tage sp�ter erfuhr ich dann, man habe ihn tot aufgefunden.�</p><p>�Wie hast du das erfahren?�, fragte Fidelma.</p><p>�Von dem Krieger, der ihn entdeckt hat, von Wulfoald.�</p><p>�Wo bist du ihm begegnet?�</p><p>�Er war auf dem Berg unterwegs und ist dabei auf die Leiche des Jungen gesto�en. Ich glaube, er hat sie sofort zusammen mit Hilfe des Abtes hierhergeschafft, und der hat erkl�rt, wir k�nnten ihn in der Nekropole beerdigen.�</p><p>�Eine ungew�hnliche Entscheidung.�</p><p>�Der Abt war der Meinung, es w�re angebracht.�</p><p>�Hast du die M�nze dem Abt gegeben?�</p><p>�Ich hatte es dem Jungen versprochen, und das Versprechen habe ich gehalten.�</p><p>�Und was hat der Abt damit gemacht?�</p><p>�Er hat Hawisa einiges daf�r angeboten. Die M�nze war alt, aber nicht allzu wertvoll. Hawisa war es zufrieden, wenigstens etwas zu bekommen, wo sie schon ihren einzigen Sohn verloren hatte. Ihre Ziegen hat sie einem Neffen anvertraut, der auch Ziegenhirt ist und uns jetzt so wie Wamba beliefert. Unsagbar traurig ist das alles. Ich verstehe blo� nicht, warum du so viele Fragen wegen des Jungen stellst.�</p><p>Fidelma m�hte sich um ein vertrauenerweckendes L�cheln. �Wenn du willst, kannst du es Wissbegier nennen. Mich interessieren einfach die n�heren Umst�nde.�</p><p>Unaufh�rlich schwirrten ihr Bruder Ruad�ns Worte durch den Kopf. �Er h�tte nicht sterben d�rfen, blo� weil er die M�nzen gefunden hatte.� <emphasis>Die</emphasis> M�nzen? Warum nicht <emphasis>eine</emphasis> M�nze? Sie wurde unsicher. Bruder Ruad�n hatte wohl nur gesagt: �Weil er die M�nzen hatte�, nicht �weil er die M�nzen gefunden hatte.� Vielleicht aber war Bruder Ruad�n nicht mehr klar im Kopf gewesen. Selbst wenn sich die Aussagen ein wenig voneinander unterschieden, war das wirklich so wesentlich? Las sie vielleicht zu viel in die einfachen Worte hinein?</p><p>Sie bedankte sich bei Bruder Waldipert und ging hinaus ins <emphasis>herbarium</emphasis>. Bruder Lon�n lie� sich immer noch nicht blicken. und so setzte sie sich in einer stillen Ecke auf eine Holzbank und �berdachte, was ihr an Tatsachen bislang bekannt war.</p><p>Dass Bruder Ruad�n vors�tzlich ermordet wurde, bezweifelte sie keinen Augenblick � man hatte ihn erstickt, h�chstwahrscheinlich, um ihn daran zu hindern, ihr noch etwas mitzuteilen. Doch niemand hatte davon gewusst, dass sie ihn am Morgen, bevor er starb, ein zweites Mal besucht hatte. Niemand wusste, dass er die M�nzen oder den Jungen erw�hnt hatte. Schwester Gisa zufolge wurde der Junge etwa zur selben Zeit umgebracht, als Bruder Ruad�n so entsetzlich zusammengeschlagen wurde. Wo war der Zusammenhang? Es musste einen geben. Wenn der Junge wegen der vermeintlich wertvollen M�nze sein Leben hatte lassen m�ssen, dann kam auch der Abt ins Spiel, der sie ja erhalten hatte. Er hatte der Mutter des Jungen einen Gegenwert daf�r geboten. H�tte er das getan, wenn er selbst in die Sache verstrickt war? Fidelma wusste nicht einmal, um welche Sache es sich handelte, lediglich, dass Bruder Ruad�n von ��blem und B�sem� gesprochen hatte. Zum Abt konnte sie wohl kaum gehen, um mehr zu erfahren. Was sollte sie ihm sagen? Mit welcher Ausrede sollte sie kommen, ohne zu verraten, was sie von Bruder Ruad�n wusste?</p><p>Hier waltete ein Geheimnis, bei dem sich alles um den Tod des kleinen Wamba und eine alte M�nze drehte. Wie konnte sie es l�ften, ohne ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?</p></section><section><title><p>KAPITEL 10</p></title><p>Was w�rde ihr Brehon Morann raten, in dessen Hoher Schule sie Rechtswesen studiert hatte? <emphasis>Befrage alle Zeugen!</emphasis> Aber wer waren die Zeugen? Wulfoald hatte den Leichnam des Jungen gefunden. Die M�nze hatte Abt Servillius erhalten. Sonst noch jemand? Wie hie� doch die Mutter des Jungen? Hawisa? Mit ihr zu reden, k�nnte sich vielleicht lohnen. Nur brachte das zwei Probleme mit sich. Erstens wusste Fidelma nicht, wo in den Bergen die Frau lebte. Zweitens fehlte ihr jede Kenntnis der Sprache der Langobarden, denn dass die Mutter eines Ziegenhirten Latein sprach, schien h�chst unwahrscheinlich. Ohne einen Dolmetscher, dem sie vertrauen konnte, war nichts zu machen.</p><p>Sie �berdachte die geringen M�glichkeiten, die sich ihr boten. Bruder Eolann war einer der wenigen in der Abtei, mit dem sie sich ohne weiteres hatte verst�ndigen k�nnen. Au�erdem stammte er aus dem irischen K�nigreich Muman. Jemanden zu treffen, der aus der eigenen Heimat kam, schuf eine unmittelbare Bindung. Auch konnte man dem <emphasis>scriptor</emphasis> einen beschwerlichen Aufstieg auf den Berg zumuten, denn er war jung und in guter k�rperlicher Verfassung. Kurz entschlossen verlie� sie den Kr�utergarten und lenkte ihre Schritte zum <emphasis>scriptorium</emphasis>. Sie blieb bis zur Eichent�r im Turm unbehelligt. Bruder Eolann sa� an seinem Pult.</p><p>�Kennst du Hawisa, die Mutter des Ziegenhirten Wamba, den man vor einer Woche tot aufgefunden hat?�, fragte sie ohne jede �berleitung.</p><p>�Ich habe von ihr geh�rt�, antwortete er zur�ckhaltend. �Bruder Waldipert wird dir mehr sagen k�nnen als ich. Wamba hat immer die Abtei mit Ziegenmilch versorgt. Ich wei� nur, Hawisa lebt auf halber H�he des Berges hinter uns.�</p><p>�Mit Bruder Waldipert habe ich bereits gesprochen, doch ich brauche konkrete Hilfe. Auch liegt mir daran, dass niemand hellh�rig wird, wie sehr mich die Sache interessiert.� Fidelma sprach leise, weihte sie ihn doch in ihre Pl�ne ein. �Ich m�chte Hawisa aufsuchen und mit ihr �ber ihren Sohn reden. Es ist zu bef�rchten, dass sie nur die hier �bliche Sprache beherrscht; ohne Dolmetscher kann ich nichts ausrichten.�</p><p>Bruder Eolann war mehr als verwundert. �Schl�gst du mir etwa vor, ich soll dich zu ihrer H�tte f�hren und f�r dich �bersetzen?�</p><p>�Genau das ist es, worum ich dich bitte.�</p><p>�Das d�rfte schwierig werden.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich muss Erlaubnis einholen, die Abtei zu verlassen. Abgesehen davon, dass das eine in der Bruderschaft g�ltige Regel ist, d�rfte der Abt wenig geneigt sein, mir das zu gestatten, nach dem, was Bruder Ruad�n zugesto�en ist, und bei den Ger�chten �ber Aufst�nde, die im Lande kursieren.�</p><p>Fidelma �berlegte. �Glaubst du wirklich, er w�rde es dir abschlagen?�</p><p>Bruder Eolann lachte auf. �Da bin ich mir so gut wie sicher.�</p><p>�Vorausgesetzt, er gibt seine Einwilligung, w�rst du bereit, mich zu begleiten?�</p><p>�Bei aller dir schuldigen Ehrerbietung, ehe ich mich dazu entschlie�e, m�sste ich schon mehr wissen. Welchem Zweck soll das alles dienen? Was liegt dir an Hawisa? Warum wendest du dich von all den Br�dern hier ausgerechnet an mich?�</p><p>�Weil du aus Muman stammst. Du wei�t, welche Aufgabe eine <emphasis>d�laigh</emphasis> hat, und bist mit den Regeln vertraut, die ihrem Wirken zugrunde liegen. Bevor ich deine Fragen beantworte und dir er�ffne, worum es mir geht, muss ich dich unter Eid stellen, dir ein <emphasis>g�is</emphasis> auferlegen.</p><p>�Mir ein <emphasis>g�is</emphasis> auferlegen�, wiederholte der junge M�nch aufs h�chste erstaunt.</p><p>Jeder aus Hibernia wusste, welche Bedeutung einem solchen Eid zukam. Es war ein seit Urzeiten geheiligter Brauch; wurde jemand unter dieses Gebot gestellt, musste er sich unter allen Umst�nden daran halten. Wer ein <emphasis>g�is</emphasis> �bertrat oder wissentlich nicht beachtete, brachte Schande �ber sich und wurde aus der Gemeinschaft ausgesto�en.</p><p>�Ich verlange es nicht ohne schwerwiegenden Grund�, versicherte ihm Fidelma.</p><p>Bruder Eolann schwieg eine Weile, nickte dann aber. Die Worte der Schwurformel wurden leise und mit heiligem Ernst gesprochen.</p><p>Fidelma zog einen Schemel heran und setzte sich dem Bibliothekar gegen�ber hin. �Nun sollst du, Eolann von der Insel Faithleannn, erfahren, warum mich Wambas Tod so besch�ftigt. Ich bin davon �berzeugt, dass Bruder Ruad�n ermordet wurde ��</p><p>Der junge Mann erschrak, doch Fidelma fuhr unbeirrt fort, schilderte ihm, was sich ihr von der Begegnung mit Bruder Ruad�n eingepr�gt hatte und von welcher Beobachtung sie ableitete, er sei nicht eines nat�rlichen Todes gestorben.</p><p>�Ich erz�hle dir das, weil ich dir voll vertraue. Du k�nntest nat�rlich einwenden, dass das <emphasis>g�is</emphasis> im Reich der Langobarden nicht gilt, denn ich bin hier lediglich eine Fremde.�</p><p>Bruder Eolann blieb stumm, deutete dann aber mit einer K�rperbewegung sein Einverst�ndnis an. �Ich achte das mir auferlegte Gebot bei meiner Ehre und in voller Aufrichtigkeit. Wenn Morde in dieser Abtei geschehen, ist dem Einhalt zu gebieten.�</p><p>�Ich muss diese Hawisa aufsuchen und ihr ein paar Fragen stellen. Du kannst mir helfen, indem du mir Mund und Ohren leihst bei dem, was ich sie frage und sie mir antwortet.�</p><p>Die T�r ging auf, und Bruder Wulfila trat ein, blieb stehen und wollte sich, peinlich ber�hrt, zur�ckziehen. �Tut mir leid�, murmelte der Verwalter, �ich will nur ein Buch f�r den Abt abholen ��</p><p>Eilfertig erhob sich Bruder Eolann. �Der Band liegt in der Schreibwerkstatt, Bruder Wulfila�, sagte er. �Entschuldige, Schwester, ich muss das erst erledigen.�</p><p>Er verschwand durch die Seitent�r, und der Verwalter folgte ihm. Nach kurzer Zeit erschien Bruder Wulfila mit einem gewichtigen Buch, verneigte sich knapp vor Fidelma und verlie� die beiden.</p><p>Bruder Eolann setzte sich wieder. �Wir brauchen einen Vorwand, in die Berge zu steigen, sonst k�nnen wir die Erlaubnis des Abts, das Kloster zu verlassen, nicht erwirken.� Er dachte einige Augenblicke nach, dann �berzog ein breites L�cheln sein Gesicht. �Einen Vorwand zu finden, ist leichter, als ich glaubte.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Du kannst dem Abt erz�hlen, du h�ttest von dem Heiligtum geh�rt, das Colm B�n auf dem Gipfel dieses Berges errichtet hat. Sag ihm, du h�ttest den dringenden Wunsch, diese St�tte zu sehen, damit du den Br�dern und Schwestern in der Heimat dar�ber berichten k�nntest. Du kannst ihm ja auch sagen, dass ich mich erboten h�tte, dich zu begleiten. Auf dem Weg dorthin kommen wir an Hawisas H�tte vorbei.�</p><p>Fidelma ging zum Fenster und betrachtete kritisch die steilen H�nge. �Ist der Berg sehr hoch?�, fragte sie.</p><p>�Hoch ist er, aber der Aufstieg ist nicht so schwierig.�</p><p>�Und was f�r ein Heiligtum ist das?�</p><p>�Urspr�nglich war es ein heidnischer Tempel, den die Gallier erbaut hatten, und zwar der Stamm der Boii, die fr�her hier siedelten. Colm B�n hatte der Langobarden-K�nigin Theodolinda zugesichert, er w�rde ein der Jungfrau Maria gewidmetes Heiligtum errichten, in dem man sie auf immer und ewig verehren k�nnte. Als der fromme Mann hier die Abtei zu bauen begann, zog er mit einigen seiner Anh�nger auf den Gipfel des Berges � P�nas wird er genannt � und weihte den Tempel dort zu einer Kapelle des Neuen Glaubens um und widmete sie Maria, der Mutter Christi.�</p><p>�Wer war K�nigin Theodolinda?�</p><p>�Sie war die Gattin des Agilulfo, der Colm B�n dieses Land schenkte, damit er seine Abtei darauf gr�ndete.�</p><p>�Die heilige St�tte ist gewiss ein Ort, den es sich lohnt aufzusuchen. Ein ausgezeichneter Vorwand, um die Zustimmung des Abts zu erreichen. Wie lange m�ssten wir f�r ein solches Vorhaben von der Abtei wegbleiben?�</p><p>Bruder Eolann schaute nach dem Sonnenstand. �Wenn wir nur Hawisa aufsuchen, w�rde ein Tag gen�gen. Wollen wir aber weiter bis zum Heiligtum gehen, m�ssen wir auf dem Berg �bernachten. Wenn wir sofort aufbrechen, k�nnten wir morgen Nachmittag zur�ck sein. Falls der Abt seine Einwilligung gibt, h�tten wir eine glaubhafte Entschuldigung, �ber Nacht fortzubleiben.�</p><p>�Ich gehe sofort zum Abt. K�nnten wir gleich losziehen, falls ich seinen Segen dazu erhalte?�</p><p>Ihr Eifer am�sierte Bruder Eolann. �Ja, Hauptsache, der Abt hat keine Einw�nde. Du wirst ein paar derbe Schuhe brauchen. An manchen Stellen geht der Weg sehr steil hoch und ist voller scharfkantiger Steine. Auch ein Mantelsack und eine wollene Decke w�ren ratsam. Auf dem Gipfel kann es ziemlich kalt werden.�</p><p>�Und wir haben gen�gend Zeit f�r beides, k�nnen mit Hawisa sprechen und dennoch das Heiligtum erreichen?�</p><p>�Aber ja, ich habe den Berg schon mehrfach bestiegen.�</p><p>Abt Servillius schaute leicht verwundert von seinem Pult auf, als Fidelma ihm ihre Absicht darlegte. �Ich habe doch bereits meinen Wunsch ge�u�ert, ein, zwei Stellen in der Umgebung zu sehen, die in Verbindung mit Colm B�n stehen, damit ich den Menschen in seinem Heimatland einen m�glichst vollst�ndigen Eindruck von der Abtei hier geben kann. Da ich die weite Reise hierher unternommen habe, kann ich nicht nach Hibernia zur�ckkehren, ohne auch noch dieses Heiligtum aufgesucht zu haben.�</p><p>Der Abt war von dem Gedanken wenig angetan. �Ich verstehe durchaus, dass du St�tten sehen m�chtest, die an unseren heiligen Gr�nder, deinen ber�hmten Landsmann, erinnern. Doch zum gegenw�rtigen Zeitpunkt ist es nicht geraten, in den Bergen umherzuwandern.�</p><p>�Aber mir bleibt keine andere Zeit, Vater Abt.� Sie verzog das Gesicht zu tiefbetr�btem Schmollen. �Bald werde ich euch verlassen m�ssen und h�tte dann das kleine Heiligtum, von dem Bruder Eolann so viel erz�hlt hat, nicht gesehen, das w�re eine Schande. Vielleicht h�ttest auch du es mir gegen�ber schon fr�her erw�hnen sollen.� Sie hoffte, ein wenig versteckte Kritik k�nnte ihrem Anliegen nur f�rderlich sein.</p><p>Abt Servillius blinzelte dann auch betroffen. �Ich h�tte davon reden k�nnen�, gab er zu. �Allj�hrlich besteigt eine Gruppe unserer Br�der den Berg, um so das Osterfest zu begehen und des M�rtyrertodes Christi zu gedenken. Es ist der heilige Ort, an dem Columbanus w�hrend einer seiner in Zur�ckgezogenheit vollbrachten Andachten starb.�</p><p>Seine ablehnende Haltung wurde merklich schw�cher, und Fidelma verlegte sich darauf, noch mehr Druck auszu�ben. �Dein <emphasis>scriptor,</emphasis> Bruder Eolann, hat mir auch beschrieben, wo sich dieses Heiligtum befindet. Er hat sich erboten, mich dorthin zu f�hren, falls wir deine Einwilligung erhalten. Er stammt aus dem K�nigreich meines Vaters und w�nscht sehnlich, dass ich daheim seinen Glaubensbr�dern eindrucksvoll von den Gegebenheiten dieser Abtei berichten kann.�</p><p>�Dass unser <emphasis>scriptor</emphasis> aus Hibernia zu uns gekommen ist, wei� ich wohl�, best�tigte der Abt und lie� damit durchblicken, dass er sich geschlagen gab. �Er ist gewiss der Geeignetste, um dich zu dem Heiligtum zu f�hren. Also gut, Schwester Fidelma, ich gebe dir meine Einwilligung. Tags�ber ist es ja noch warm, doch ich rate dir, nimm ausreichend Kleidung mit, auf der H�he kann das Wetter rasch umschlagen. Ich muss dich auch vor Banden bewaffneter Fremder warnen. H�chste Wachsamkeit ist geboten, denn die Ger�chte, dass Perctarit hierher zieht, k�nnten sich bewahrheiten.� Mit einem Achselzucken beendete er die Unterredung. �Schicke Bruder Eolann zu mir, ich werde ihm die n�tigen Weisungen erteilen.�</p><p>Bald danach stiegen Fidelma und Bruder Eolann in der Mittagssonne den geebneten Weg bergan und blickten hinunter auf die Abtei. Bruder Eolann hatte vorgeschlagen, die Wanderung zu Fu� zu unternehmen, obwohl sie auch bis zu Hawisas H�tte h�tten reiten k�nnen, doch von dort bis zur Bergkapelle w�rde es zu Pferde nicht weitergehen. Wie er ihr geraten hatte, trug Fidelma ihre derbsten Ledersandalen. �ber den R�cken hatte sie den Mantelsack geschlungen, in dem eine Decke, das Notwendigste zur K�rperpflege und etwas Essbares eingepackt waren.</p><p>Die Bergh�nge waren dicht bewaldet und voller Felsvorspr�nge. In nat�rlich entstandenen Mulden hatte sich Wasser gesammelt und kleine Teiche gebildet. Gelegentlich begegnete ihnen ein Sch�fer oder Ziegenhirt, und man gr��te sich im Vorbeigehen. Hawisas Heim war gar nicht einmal sehr weit entfernt. Die kleine H�tte stand unter gro�en B�umen, daneben pl�tscherte ein Bach talw�rts. Sobald sie sich ihr n�herten, fing ein Hund an zu bellen. Eine st�mmige Frau mit dichtem schwarzem Haar und wettergebr�untem Gesicht trat heraus und begr��te sie.</p><p>Sie redete die Besucher in der kehligen Sprache der Langobarden an, die Fidelma mittlerweile erkennen, aber keineswegs verstehen konnte. Bruder Eolann erwiderte, und Fidelma h�rte den Namen Hawisa heraus. Die Frau nickte und schaute sie fragend an. Fidelma wandte sich ihrem Dolmetscher zu. �Sage ihr bitte, ich m�chte ihr ein paar Fragen zu ihrem Sohn Wamba stellen.�</p><p>Misstrauisch kniff die Frau die Augen zusammen und erkl�rte knapp: �Der ist tot.�</p><p>Mit Hilfe des Bibliothekars versuchte Fidelma mit ihr ins Gespr�ch zu kommen. �Das ist uns bekannt, und wir betrauern mit dir deinen Verlust. Man hat mir erz�hlt, er w�re beim Ziegenh�ten von der Felswand gest�rzt.�</p><p>Hawisa schnaubte ver�chtlich. �Wamba war kein Tolpatsch, der irgendwo abst�rzt. Frage Wulfoald, was wirklich war.�</p><p>�Den Krieger? Es hei�t doch, er war es, der Wamba gefunden und den Leichnam zur Abtei geschafft hat.�</p><p>Bruder Eolann suchte nach den rechten Worten.</p><p>�Und warum hat Wulfoald den Leichnam nicht zu mir nach Hause gebracht?�, fragte die Frau erregt.</p><p>�Hat er denn gewusst, wo Wamba zu Hause war?�</p><p>�Ha!�, lachte sie auf, und es klang wie trockenes Bellen. �Als man mir schlie�lich die Nachricht brachte, mein Sohn ist tot, bin ich hinunter in die Abtei gegangen, und da hatte man ihn bereits begraben. Ich durfte ihn nicht mehr sehen. Wie kann ich wissen, welche Verletzungen er hatte? Und erst recht nicht, woher sie kamen?�</p><p>�Bezweifelst du aus gutem Grund, dass die Dinge sich nicht so zugetragen haben, wie man dir erz�hlt hat?�</p><p>�Sprich mit deinem Abt, und lass mich in Ruhe � Ich behalte meine Vermutungen f�r mich.�</p><p>Fidelma sch�rzte die Lippen. �Welche Vermutungen, Hawisa?�</p><p>�Dazu sage ich nichts, aber ein paar Fragen gibt es schon, auf die ich gern Antwort h�tte, und zwar von Abt Servillius und Wulfoald. Er hat sehr wohl gewusst, wo meine H�tte steht. Warum ist er denn sofort zur Abtei geritten?�</p><p>�Welchen Grund sollte er gehabt haben, dir den Tod deines Sohnes bis nach der Beerdigung zu verschweigen?�</p><p>Die Frau schlug die Arme �bereinander und presste die Lippen zusammen. Was sie zu sagen bereit war, hatte sie gesagt, mehr war ihr nicht zu entlocken.</p><p>�Ich hatte dich noch fragen wollen, ob Wamba je von einem Bruder Ruad�n gesprochen hat, einem alten Bruder aus Hibernia�, begann Fidelma von neuem.</p><p>Die Frau sch�ttelte langsam den Kopf. �Wamba hat unsere Milch immer an Bruder Waldipert in der Abteik�che verkauft�, erkl�rte sie Fidelma �ber Bruder Eolann. �Jetzt hat mein Neffe Odo meine Ziegen �bernommen und schafft die Milch zur Abtei. Au�er Bruder Waldipert hat mein Junge keinen von den frommen Br�dern gekannt.�</p><p>Fidelma war entt�uscht, dass sich nicht unmittelbar eine Verbindung zwischen Bruder Ruad�n und Wamba herstellen lie�. �Ich habe geh�rt, Wamba h�tte ein paar Tage vor seinem Tod am Berg etwas gefunden.�</p><p>Die Frau blinzelte argw�hnisch und erkl�rte schroff: �Hier ist es Brauch, wenn einer etwas auf dem Berg findet und sich nicht sofort jemand meldet, der es verloren hat, dann geh�rt es dem Finder und kann sp�ter nicht mehr zur�ckgefordert werden.�</p><p>�Sei unbesorgt�, versicherte ihr Fidelma. �Ich bin nicht hier, um etwas zur�ckzufordern. Ich m�chte nur wissen, wie es zu dem Fund kam und was weiter damit geschehen ist.�</p><p>Die Frau schaute von ihr zu Bruder Eolann, bis der gedolmetscht hatte, und wieder zu Fidelma. �Setzt euch�, sagte sie dann und zeigte auf eine Holzbank zwischen den B�umen. �Ich hole euch Cider. Es ist ziemlich warm heute � Wenn ich auch keine gro�e Freundin eures Abts bin, sollt ihr doch nicht an seiner statt leiden.�</p><p>Fidelma war aufgefallen, dass beim �bersetzen wiederholt lange Pausen entstanden und fragte deshalb Bruder Eolann, ob er Schwierigkeiten bei der Verst�ndigung h�tte.</p><p>�Die Frau redet in der Mundart der Bauern hier. Mitunter ist sie kaum zu verstehen.�</p><p>Bald erschien Hawisa wieder mit einem Tonkrug, der im Bach gestanden hatte, und einigen Bechern. Sie f�llte sie mit einer wie sattes Gold gl�nzenden Fl�ssigkeit. Dankbar schl�rften sie das k�hle Getr�nk. Hawisa setzte sich neben sie auf die Erde und blickte gedankenverloren in ihren Becher. Traurig vor sich hin sinnend fing sie an zu sprechen und hielt immer mal wieder ein, damit Bruder Eolann f�r die Nonne dolmetschen konnte.</p><p>�Wamba kam eines Tages vom Ziegenh�ten zur�ck und sagte mir, wir w�rden bald reich sein.� Schmerzlich verzog sie das Gesicht. �Er erz�hlte mir, er h�tte eine kleine Goldm�nze gefunden. Den Wert kannte er nat�rlich nicht, und reich sind wir davon nicht geworden. Aber der Abt gab mir im Tausch daf�r einen Korb voll Lebensmittel, mit denen kam ich eine Weile hin.�</p><p>�Entschuldige, aber das verstehe ich nicht.� Fragend sah Fidelma Bruder Eolann an, ob er vielleicht etwas falsch �bersetzt hatte. �Soviel ich geh�rt habe, hat der Junge die M�nze Bruder Waldipert gezeigt, und der versprach ihm, er w�rde den Wert sch�tzen lassen. Wamba starb aber, bevor er mit der Abtei handelseinig werden konnte.�</p><p>Bruder Eolann besprach sich eine Weile mit der Frau. �Sie best�tigt, was du gesagt hast�, meinte er schlie�lich. �Sie hat Abt Servillius aufgesucht, der hat ihr erkl�rt, die M�nze sei alt, doch nicht besonders wertvoll. Er hat veranlasst, dass sie einige Sachen als Gegenwert erhielt. Sie meint, es war ein schlechter Tausch. Wamba hatte gehofft, eine Ziege oder gar zwei kaufen zu k�nnen, um ihre kleine Herde zu vergr��ern.�</p><p>Fidelma wandte sich wieder an Hawisa. �Viel Wert war sie also nicht. Was f�r eine M�nze war es �berhaupt?�</p><p>Die Mutter des Jungen zuckte die Achseln. �M�nzen sind hierzulande selten. Doch Gold habe ich auch vorher schon gesehen.�</p><p>�Der Abt hat also die M�nze behalten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und du bist sicher, es war eine alte M�nze?�</p><p>Die Frau nickte und stellte ihren leeren Becher neben sich ab. �All meine Lieben hat man mir genommen. Erst wurde mein guter Mann geholt, er musste in Grimoalds Heer dienen. Das war vor drei Jahren. Er kam nie zur�ck, und ich habe nur erfahren, er sei in der Schlacht gefallen. Jetzt ist mein einziges Kind tot. Ich habe nichts weiter zu verlieren, daher ist mir egal, was ihr eurem Abt berichtet. Wamba wurde ermordet, weil er ein Goldst�ck fand. Sie haben ihn in aller Hast beerdigt, damit ich die Wunden nicht sehe.�</p><p>Pl�tzlich beugte sie sich vor und tippte Fidelma mit beiden Zeigefingern beschw�rend an die Brust. Dabei wiederholte sie dreimal einen kurzen Satz, von dem Fidelma nur das Wort <emphasis>Odo</emphasis> verstand. Sie fragte Bruder Eolann: �Was sagt sie �ber Odo � das ist doch der Neffe, stimmt�s?�</p><p>�Sie sagt, Odo kann alles best�tigen, was sie uns erz�hlt hat�, erkl�rte der junge M�nch. �Aber das ist ja nicht n�tig. Ich habe alles �bersetzt, was sie mitteilen wollte.�</p><p>�Ihren Bericht m�ssen wir hinnehmen, wie er ist. Und doch ist da etwas irgendwie unlogisch�, gr�belte Fidelma. �Selbst wenn es eine Goldm�nze war, so kann sie nicht so wertvoll gewesen sein, dass gleich mehrere dabei mitgemacht haben, den Jungen zu t�ten. Einen gro�en Gewinn h�tte es keinem gebracht.�</p><p>Bruder Eolann schaute sie verunsichert an. �Wie meinst du das?�</p><p>�Zuerst w�re da Bruder Waldipert, den wir in Betracht ziehen m�ssen. Als N�chsten Abt Servillius, er hat den Wert der M�nze gesch�tzt. Ferner w�re an den Krieger Wulfoald zu denken, der k�nnte sogar im Verdacht stehen, den Jungen umgebracht zu haben. Er war es, der den Toten fand und zur Abtei schaffte. Auch Bruder Hnikar d�rfen wir nicht au�er Acht lassen, denn als Apotheker und Heilkundiger oblag es ihm, den Leichnam zu waschen und f�r die Bestattung herzurichten. Dabei h�tten ihm Anzeichen auffallen k�nnen, die darauf hinwiesen, dass der Junge eines unnat�rlichen Todes gestorben war. Wenn ich richtig verstanden habe, sagt Hawisa aus, der Junge wurde begraben, noch bevor sie seine Leiche h�tte sehen k�nnen, man h�tte vertuschen wollen, dass er ermordet wurde.�</p><p>Bruder Eolann zuckte die Achseln. �Mir fehlen deine Wortgewandtheit und die Gabe, so zu denken wie du.�</p><p>Hawisa hatte sie die ganze Zeit beobachtet und fing erneut an, sehr laut zu reden.</p><p>�Sie sagt, sie wei� eben nur, dass sie die Goldm�nze gesehen hat. Wamba hat sie zur Abtei mitgenommen, und am Tag darauf war er tot. Jetzt ist er auf dem Friedhof der Abtei begraben, wo sie nicht jeden Tag f�r ihn beten kann. Der Weg dorthin ist zu beschwerlich. Sie muss sich damit begn�gen, ihr Gebet an der Stelle zu verrichten, wo man ihn tot aufgefunden hat.�</p><p>Aufgebracht schleuderte die Frau ihnen ein paar Wortfetzen entgegen. �Ihr k�nnt mich bei eurem Abt anschw�rzen. Ich f�rchte mich nicht�, �bersetzte Bruder Eolann.</p><p>�Du hast auch nichts zu bef�rchten�, versicherte ihr Fidelma. �Wir sind nicht hier, um dich bei Abt Servillius anzuschw�rzen. Er wei� nicht einmal, dass wir hier sind. Im Gegenteil, uns w�re lieb, wenn du niemandem etwas von unserem Besuch sagst. �</p><p>Hawisa blickte verwundert auf.</p><p>�Mach ihr klar, ich sei eine Besucherin aus Hibernia, und ich sei zu ihr gekommen, weil ich mit der unstillbaren Neugier gestraft bin, alles immer genau wissen zu wollen. Ich habe von der Geschichte mit Wamba erfahren, und die hat mich tief ber�hrt.�</p><p>Man sah Hawisa an, dass sie noch ihre Zweifel hatte, doch schien ihr die Erkl�rung einzuleuchten. Und wieder begann Bruder Eolann zu �bersetzen. �Der Begr�nder der Abtei kam aus Hibernia. Ich habe geh�rt, Landsleute von dir besuchen immer mal die Abtei, um seiner zu gedenken.�</p><p>�Genau so ist es.� Fidelma schwieg eine Weile und erkl�rte dann: �Bevor wir weiterziehen, m�chten wir an der Stelle, an der Wamba abst�rzte, ein Gebet verrichten, an der Stelle, zu der du immer gehst, um f�r ihn zu beten. W�rdest du uns bitte beschreiben, wie wir dort hinkommen?�</p><p>Wieder betrachtete Hawisa Fidelma argw�hnisch. �Warum willst du sehen, wo mein Sohn zu Tode st�rzte?�.</p><p>�Es geht mir nicht darum, zu sehen, wo es war, sondern nur darum, dort ein Gebet f�r seinen Seelenfrieden zu sprechen.� Fidelma war bewusst, dass sie log und hoffte, Bruder Eolann w�rde ihre Worte mit gr��erer Aufrichtigkeit �bersetzen k�nnen. Die L�ge w�rde ihr wohl vergeben werden, weil sie dazu diente, die Wahrheit herauszufinden.</p><p>Hawisa antwortete nicht gleich, sie �berlegte sich die Sache lange und sorgf�ltig. �Folgt dem Pfad da� � dabei wies sie auf einen Trampelpfad zwischen den B�umen dicht neben ihrer H�tte �, �geht immer in Richtung Nordost, bis ihr an zwei riesige Felsbrocken kommt, bei denen sich der Weg teilt. Nehmt nicht den Pfad nach unten, sondern bleibt auf gleicher H�he, dann gelangt ihr an eine hohe Felswand. Unten am Fu� der Felsen ist ein kleiner Steinhaufen, den ich zu seinem Gedenken zusammengetragen habe. Man hat mir gesagt, das war die Stelle, von der er abgest�rzt ist.�</p><p>Mitf�hlend ber�hrte Fidelma den Arm der Frau. �Wir sind dir sehr dankbar f�r deine Ausk�nfte, Hawisa.�</p><p>�Bitte zerst�rt nicht das kleine Grabmal. Als ich heute fr�h dort war, um zu beten, fand ich es verw�stet vor. Jemand muss das gestern oder in der Nacht getan haben.�</p><p>�Wir werden es nicht anr�hren�, versprach Fidelma, runzelte dann die Stirn und fragte: �Wie war es zerst�rt?�</p><p>�Die Steine lagen �berall verstreut herum.�</p><p>�K�nnte das nicht auch ein Tier gewesen sein?�</p><p>�So macht das kein Tier. Ich hatte die Steine um eine kleine Holzkiste geschichtet, in der Wamba ein paar Dinge aufbewahrte, die ihm lieb und teuer waren. Bunte Murmeln, gl�nzende Steine und seine geliebte Fl�te.�</p><p>�Seine Fl�te?�, fragte Fidelma nach.</p><p>�Fast alle Jungen auf dem Berg haben die bei sich. Das sind einfache Dinger. Das Kistchen war grob zusammengezimmert, aber er hatte es selbst gebaut. Jemand hat es gestohlen, verflucht sei seine Seele. Eine Schande ist das, dass einer so was macht, der eine Kutte tr�gt.�</p><p>Verst�ndnislos schaute Fidelma die Frau an. �� eine Kutte? Wie kommst du darauf?�</p><p>Bruder Eolann schien mit der �bersetzung Schwierigkeiten zu haben. �Ein Nachbar hat gesehen, wie jemand in einer M�nchskutte das Kistchen genommen hat und damit den Abhang hinunter gestiegen ist zu seinem Pferd.�</p><p>�Ein M�nch soll es genommen haben?�</p><p>�Jedenfalls jemand, der wie ein M�nch aussah�, verbesserte sich Bruder Eolann rasch.</p><p>�Hat dieser Nachbar den Mann oder das Pferd genauer beschrieben?� Ungeduldig wartete Fidelma, bis die Frage gestellt war und eine Antwort kam.</p><p>�Der Nachbar hat nichts weiter erkennen k�nnen, sagt sie. Ich habe sie gefragt, wer dieser Nachbar sei; aber sie behauptet, der w�re zum Markt nach Travo gegangen und wird ein paar Tage weg sein.�</p><p>Fidelma �berlegte einen Moment und stand langsam auf. �Sei unbesorgt, wir werden dein Steinmal nicht zerst�ren.�</p><p>�Ich w�re euch dankbar, wenn ihr mir euren Segen erteilt und ein paar Gebete sprecht, bevor ihr mich verlasst. Verzeiht einer trauernden Mutter, dass sie so grob zu euch war.�</p><p>Bruder Eolann intonierte die Gebete in der f�r sie g�ngigen Sprache, dann sagten sie der Bewohnerin der H�tte Lebewohl und folgten dem Weg, den sie ihnen gewiesen hatte.</p><p>Zwar waren sie schon ziemlich hoch in den Bergen, bewegten sich aber immer noch unterhalb der Baumgrenze. Hohe Buchen und Ebereschen bestimmten das Bild. Hier und da wuchsen auch andere B�ume, die Fidelma an Eichen erinnerten, aber doch anders aussahen. Sie war ihnen schon fr�her begegnet. Auf ihre Frage hin erfuhr sie von Bruder Eolann, dass es eine in der Gegend verbreitete Baumart w�re, Zerr-Eichen nannte man sie. V�gel schwirrten von Ast zu Ast; und ab und an ersp�hte sie auch Sperber und Bachstelzen mit wei�er oder gelber Unterseite.</p><p>Bruder Eolann blickte zum Himmel und warnte: �Wenn wir das Heiligtum auf dem Gipfel erreichen wollen, m�ssen wir uns beeilen. Bis zur Abendd�mmerung bleibt uns nicht mehr viel Zeit.�</p><p>�Gibt es in den Bergen hier Raubtiere, die uns gef�hrlich werden k�nnten, wenn wir es nicht bis ganz hinauf schaffen und unterwegs �bernachten m�ssen?�</p><p>�An gr��eren Tieren sind mir bisher nur F�chse und W�lfe begegnet. Vor einem Tier aber, das es in unserer Heimat nicht gibt, habe ich besonderen Respekt.�</p><p>�Und was ist das?�</p><p>�Eine Schlange, <emphasis>vipera</emphasis> wird sie genannt; sie hat Giftz�hne, und ihr Biss kann gef�hrlich sein.�</p><p>Schaudernd suchte Fidelma sofort den Boden um ihre F��e herum ab. �Geh�rt habe ich schon davon, doch begegnet bin ich noch nie einer.�</p><p>�Ich habe nur einmal eine gesehen. Bruder Lon�n fand eine im vergangenen Herbst im <emphasis>herbarium</emphasis>. Sie hatte sich zusammengeringelt und sonnte sich. Er hielt sie f�r eine Blindschleiche und wollte sie aufnehmen, doch sie biss ihn, und er hatte tagelang heftige Schmerzen. Gl�cklicherweise kannte Bruder Hnikar einen Heiltrank dagegen, auch verordnete er Lon�n strenge Bettruhe. Er sollte jede Anstrengung vermeiden, denn schon die geringste Bewegung w�rde das Gift durch den K�rper treiben. Der G�rtner genas, doch es dauerte lange.�</p><p>�Du musst mich rechtzeitig warnen, wenn du so eine Kreatur erblickst�, bat Fidelma eindringlich. �Vor W�lfen und F�chsen habe ich keine Angst, doch vor Schlangen �� Sie sch�ttelte sich.</p><p>Sie verlie�en den schattigen Pfad und zogen im offenen Gel�nde an einer Bergwand entlang. Links bedeckten Felsbrocken und dunkelgraues Ger�ll die H�nge, zur Rechten fiel der Berg steil ab.</p><p>�Ah, dort!�, rief Fidelma und wies auf einen kleinen Haufen aufgeschichteter Steine vor ihnen. �Das muss Hawisas Gedenkst�tte sein.�</p><p>An dem Steinh�gel, den Hawisa ihrem Sohn zum Gedenken zusammengetragen hatte, war nichts Auff�lliges.</p><p>Fidelma schaute sich aufmerksam um und blickte ein wenig weiter in die Tiefe. An die sechzig Fu� unter ihr verlief ein breiter, ausgetretener Weg.</p><p>�Was f�r ein Weg ist das da?�</p><p>�Er f�hrt vom Norden �ber die Berge und hinunter ins Tal genau zur Abtei. Eine vielbegangene Strecke ist das.�</p><p>Fidelma beugte sich weit vor. �Ziemlich steil ist der Abhang ja, doch hinunterzuklettern d�rfte nicht schwer sein. Das ist bestimmt die Stelle, an der der Dieb, der die kleine Kiste gestohlen hat, vom Pferd abgesessen ist. Er ist hochgeklettert und mit der Beute im Arm wieder runter.�</p><p>�Von hier muss auch der Junge abgest�rzt sein, den Wulfoald dann unten gefunden hat, als er vorbeiritt.�</p><p>�Wie sollte ein wendiger, trittsicherer Bursche, der jahrelang auf diesen Bergh�ngen Ziegen geh�tet hat, ausgerechnet hier abst�rzen? Die Bruchkante ist mehr als deutlich zu erkennen, und welche Gefahr da lauert, sieht doch jeder.�</p><p>�Vielleicht ist eine der Ziegen zu dicht an den Abgrund geraten, und er hat versucht, sie zur�ckzuholen, und ist dabei ausgerutscht�, gab Bruder Eolann zu erw�gen. �Es w�re jedenfalls eine m�gliche Erkl�rung.�</p><p>�Vielleicht war es so�, r�umte Fidelma widerstrebend ein. �Aber blo�e Mutma�ungen helfen uns nicht weiter. Ich werde hinunterklettern.�</p><p>Bruder Eolann protestierte heftig, doch sie schob seine Bedenken beiseite. �In den Bergen von Muman gibt es schwierigere Abstiege.�</p><p>�Aber was willst du da finden?�</p><p>�Das werde ich erst wissen, wenn ich unten bin�, erwiderte sie, machte einen Schritt zum Rand des Pfades und tastete mit den Blicken die Felswand ab.</p><p>�Sei vorsichtig!�, rief Bruder Eolann ihr aufgeregt zu.</p><p>�Wenn du weiter so schreist, werde ich mich erschrecken und fallen�, mahnte ihn Fidelma. �Ah, so m�sste es gehen.� Sie kletterte �ber die Kante und hangelte sich an Felsvorspr�ngen nach unten. Als Kind war sie oft genug mit ihrem Bruder Colg� zwischen den H�henz�gen Cnoc an Stanna und Sliabh Eibhlinne herumgestreift. Klettertouren machten ihr nichts aus. Beh�nde wie eine von Wambas Ziegen stieg sie hinab und stand bald unten auf dem steinigen Weg.</p><p>�Bleib oben!�, rief sie hoch, �wenn es hier etwas zu sehen gibt, finde ich es schon allein.�</p><p>Sie ging am Fu� der Felswand entlang, schaute angestrengt auf den Boden, entdeckte aber nichts, was hier nicht hergeh�rte. Eigentlich hatte sie auch nicht erwartet, etwas Auff�lliges zu bemerken oder Spuren zu finden. Daf�r war es schon zu lange her, dass der Junge ermordet worden oder zu Tode gest�rzt war. W�hrend sie hin und her lief und unter jeden Felsbrocken schaute, fiel ihr schlie�lich ein kurzes abgebrochenes Astst�ck auf, das zwischen farbigen Tonscherben und bunten Glasmurmeln lag. Der Zweig sah irgendwie sonderbar aus. Sie nahm ihn auf, drehte ihn hin und her und kam pl�tzlich darauf, was es war. Er war kaum einen Finger lang, hatte auch die St�rke eines Fingers, war an beiden Enden zerdr�ckt, innen aber hohl. In der Mitte waren zwei sauber herausgeschnittne L�cher, an einem Ende sah es aus, als h�tte es dort urspr�nglich einen Aufsatz gegeben. Ein Mundst�ck?</p><p>�Ist mit dir alles in Ordnung?�, schallte Bruder Eolanns besorgter Ruf von oben, der sie wegen des �berhangs nicht sehen konnte.</p><p>�Alles ist in bester Ordnung�, rief sie, trat ein paar Schritte von der Felswand zur�ck, so dass sie ihren Begleiter zu Gesicht bekam, und versicherte ihm: �Es dauert nicht mehr lange.�</p><p>�Hast du schon etwas entdeckt?�</p><p>�Noch nicht.� Sie ging zur�ck, wo sie die Sachen gefunden hatte, schaute noch einmal pr�fend umher und lie� den Blick nach oben schweifen. Fast genau �ber ihr in Kopfh�he war ein abgeflachter Felsvorsprung. Sie ertastete hilfreiche Vorspr�nge und kletterte hoch.</p><p>Dort oben lag ein kleiner Holzkasten mit offenem Deckel, nicht mehr als zwei Handspannen lang und eine breit, auch ziemlich flach. Fidelma nahm ihn vorsichtig an sich und bem�hte sich, die wenigen darin noch befindlichen Dinge beim Absteigen nicht zu versch�tten. Das Kistchen war wirklich nur schlecht und recht zusammengezimmert; die beiden Metallscharniere stammten eindeutig aus geschickterer Hand. Auf der Unterseite des Deckels waren, vermutlich mit der gl�henden Spitze eines Sch�rhakens, Buchstaben ungelenk eingebrannt: WAMBA.</p><p>Es war offenbar das aus dem Steinhaufen gestohlene K�stchen. Der Dieb musste es fallengelassen haben, als er in aller Hast zu seinem Pferd hinunterkraxelte, weil er beobachtet wurde und unerkannt fliehen wollte. Der Beobachter wiederum hatte wohl nicht sehen k�nnen, dass das Kistchen auf dem Felsvorsprung liegen blieb. Der Inhalt bot ein unbedeutendes Sammelsurium: das Mundst�ck, das zu der Fl�te geh�rte, und einige billige Schmucksachen und Fig�rchen aus gebranntem Ton.</p><p>Warum hatte der Dieb die kleine Gedenkst�tte entweiht? Sorgf�ltig betrachte Fidelma ihr Fundst�ck, kippte den Inhalt aus und sch�ttelte das K�stchen. Dabei rasselte etwas. Pr�fend bef�hlte sie innen den Boden, das Bodenbrett war nicht genau eingepasst und lie� sich anheben. Darunter lag etwas Rundes. Mit Daumen und Zeigefinger konnte sie es fassen. Es war eine Goldm�nze.</p><p>Sie f�gte den Scheinboden wieder ein und legte die anderen Sachen zur�ck, steckte die M�nze aber in ihr <emphasis>marsupium</emphasis>.</p><p>�Was gibt es?�, h�rte sie Bruder Eolann rufen.</p><p>�Ich habe Wambas Kiste gefunden. Ich komme jetzt hoch. Kannst du mir dein Zingulum zuwerfen?�</p><p>�Was willst du damit?�, fragte er verwundert. In ihrer gemeinsamen Sprache hatte sie das Wort <emphasis>cri�s</emphasis> gerufen, damit meinte sie das Zingulum, den kordelartigen Leibgurt, den die M�nche um ihre Kutte schlangen.</p><p>�Wirf es runter, ich brauche es, um das K�stchen festzubinden.� Das war rasch getan, und sie rief ihm zu: �Jetzt komme ich wirklich.�</p><p>Sorgsam jede Felsnase nutzend, kletterte sie hoch, lehnte k�hn Bruder Eolanns Hand ab, der ihr �ber die Felskante helfen wollte.</p><p>�Ich habe mir vielleicht Sorgen gemacht deinetwegen. Wenn ich mir vorstelle, du w�rest abgest�rzt. Wie h�tte ich das dem Abt beibringen sollen?�</p><p>Gleichg�ltig sch�rzte Fidelma die Lippen. �Wieso h�tte ich abst�rzen sollen? Und das mit dem Abt w�re dann sowieso nicht meine Sache gewesen.� Sie schaute zu dem kleinen Steinhaufen, band das Kistchen los und reichte ihrem Begleiter sein Zingulum.</p><p>�Wenigstens k�nnen wir jetzt den kleinen Kasten wieder in die Gedenkstelle einsetzen. Der Dieb muss ihn fallengelassen haben.�</p><p>�War denn etwas Gescheites darin?�, erkundigte sich Bruder Eolann.</p><p>Sie griff in ihr <emphasis>marsupium</emphasis> und zeigte ihm die M�nze.</p><p>�Aber Wamba hat das Goldst�ck doch Bruder Waldipert gegeben�, �u�erte sich ihr Begleiter verwirrt. �Und der dann dem Abt, oder?�</p><p>�Bestimmt ist das eine sehr alte Goldm�nze, mir ist dergleichen noch nie vor Augen gekommen�, sagte Fidelma und drehte die M�nze um und um. Ihr fielen Bruder Ruad�ns Worte ein. Er hatte von �M�nzen� in der Mehrzahl gesprochen. �Mich wundert nur ��</p><p>�Was wundert dich?�, fragte der junge M�nch erwartungsvoll.</p><p>�Vielleicht hatte Wamba zwei M�nzen gefunden und beschlossen, eine zu verbergen, bis feststand, wie viel die andere wert war. Kann ja sein, er bef�rchtete, man w�rde sie ihm wegnehmen, wenn er beide vorzeigte. Seine Mutter wird nichts davon gewusst haben, sonst h�tte sie die M�nze doch aus dem K�stchen genommen, bevor sie es in den Steinhaufen setzte.�</p><p>�Eine �berlegung, die einleuchtet�, pflichtete ihr Bruder Eolann bei.</p><p>�Ob der vermeintliche Dieb von der M�nze darin gewusst hat?�</p><p>Fidelma betrachtete das St�ck noch einmal eingehend. Klein, aber aus solidem Gold; das war keine Legierung mit geringwertigem Metall. Darauf gepr�gt war ein Streitwagen, den zwei Pferde zogen, und der Wagenlenker. Die winzigen Symbole drum herum stellten wahrscheinlich die Sterne am Himmel dar.</p><p>�Mir ist so, als h�tte ich �hnliche M�nzen doch schon einmal gesehen�, �berlegte sie laut.</p><p>�Der Ehrw�rdige Ionas kennt sich aus mit solchen M�nzen.�</p><p>�Fragt sich, ob Abt Servillius den Ehrw�rdigen Ionas zu Rate gezogen hat wegen der M�nze, die Wamba zur Abtei brachte. Da gibt es noch manch R�tselhaftes�, stellte Fidelma fest und dachte an die letzten Worte, die Bruder Ruad�n mit stockendem Atem hervorgebracht hatte.</p><p>�M�ssten wir das Kleinod nicht Hawisa �bergeben?�, gab der <emphasis>scriptor</emphasis> zu bedenken.</p><p>�Das wird am Ende auch geschehen. Wenn Bruder Ruad�n damit recht hatte, dass der Junge wegen der ersten Goldm�nze ermordet wurde, wird man Wulfoald und dem Abt ein paar unliebsame Fragen stellen m�ssen.�</p><p>Doch schon w�hrend sie das sagte, wurde ihr klar, dass sie keinerlei Handhabe hatte, die beiden zu befragen. Eine Anw�ltin im Rechtswesen ihres Landes mochte sie ja sein, auch war sie von K�nig Oswiu von Northumbria erm�chtigt worden, die Morde auf dem Konzil von Streonshalh aufzukl�ren, und vom Ehrw�rdigen Gelasius, das Verbrechen im Lateranpalast zu enth�llen � doch hier � wer war sie denn? Nichts als eine durchreisende Fremde ohne jeden hier anerkannten Rang. Eine Ausl�nderin ohne jeden R�ckhalt. Seigneur Radoald war der Einzige, der Machtbefugnisse im Lande hatte, und der w�rde sie wohl kaum mit Vollmachten ausstatten, in dieser Angelegenheit Untersuchungen anzustellen.</p><p>Vorsichtig steckte sie die Goldm�nze wieder in ihr <emphasis>marsupium</emphasis>. �Sehr ermutigend ist das alles nicht, wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet.�</p><p>�Wie hat Bruder Ruad�n �berhaupt etwas von dieser M�nze wissen k�nnen?�, fragte der Bibliothekar. �Mir ist das Ganze ein einziges R�tsel.�</p><p>�Ich suche selbst noch die Antworten darauf. Nur sieht es so aus, als w�rde ich sie nicht finden. Vor einer leeren Wand zu stehen, ist immer �rgerlich.� Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, viel Zeit blieb ihnen nicht, bald w�rde sie die sich von Osten ausbreitende Dunkelheit umh�llen. �Wir sollten besser zu dem Heiligtum weiterziehen.�</p><p>�Wenn wir zu Hawisas H�tte zur�ckgehen und von dort unseren Aufstieg fortsetzen, verlieren wir viel Zeit; es w�re aber leichter und sicherer�, erkl�rte der <emphasis>scriptor</emphasis>.</p><p>�Hast du einen anderen Vorschlag?�</p><p>Nach kurzem �berlegen meinte er: �Ich w�sste einen Fu�weg von hier, wenn du keine H�henangst hast, aber der ist so schmal, dass man nur hintereinander laufen kann. Mitunter geht es sehr steil aufw�rts. Doch hinter einem Felsvorsprung trifft der Pfad auf den Hauptweg, und von da an gelangt man z�gig zum Gipfel. So k�nnten wir eine Menge Zeit sparen. Du hast ja eben bewiesen, wie sicher du dich in schwierigem Gel�nde bewegst. Da wirst du auch das St�ck Weg mit Leichtigkeit bew�ltigen.�</p><p>�Dann lass es uns mit dieser Abk�rzung versuchen.�</p><p>Er ging voran, auf einem Pfad, den wohl Ziegen zuvor ausgetreten hatten. Er war von Gras �berwuchert, kaum wahrnehmbar, und stieg rasch an.</p><p>�Du scheinst die Gebirgspfade hier gut zu kennen, dabei stammst du gar nicht von hier und bist B�cherverwahrer und Schreiber.� Das war ihr einfach so herausgerutscht, und beim Nachdenken �ber das Gesagte, machte es sie in der Tat stutzig, wie sich die beiden Tatsachen vereinen lie�en. Aber da blieb Bruder Eolann auch schon stehen und wandte sich nach ihr um.</p><p>�Du hast vorhin zu Hawisa gesagt, du w�rest mit unstillbarer Neugier gestraft. Mit geht es so wie dir�, erkl�rte er allen Ernstes. �Wer in einer Bibliothek t�tig ist, hat wenig k�rperliche Bewegung, man ist keine Anstrengung mehr gewohnt und wird beh�big. Daher hole ich mir ab und an vom Abt die Erlaubnis, auf die Berge zu steigen, um mich in Schuss zu halten. In den <emphasis>Satiren</emphasis> des Juvenal lesen wir <emphasis>�mens sana in corpore sano�</emphasis> � In einem gesunden K�rper wohnt ein gesunder Geist. Ich glaube, um den Geist gesund zu erhalten, muss man auch den K�rper kr�ftigen. In den zwei Jahren, die ich jetzt hier bin, habe ich schon so manchen Wanderpfad und Nebenweg erkundet.�</p><p>�Da kann ich mich gl�cklich sch�tzen, dass du dich hier so gr�ndlich auskennst�, lobte ihn Fidelma.</p><p>Sie stiegen weiter nach oben. Mitunter musste Fidelma stehen bleiben und die Augen schlie�en, wenn sie bei den Steilh�ngen ein Schwindelgef�hl �berkam. Schlie�lich gelangten sie an den gewaltigen Felsvorsprung, von dem Bruder Eolann gesprochen hatte. Die Felsnase versperrte ihnen den Weg, und daneben g�hnte der Abgrund. Ihr Bergf�hrer l�chelte sie ermunternd an.</p><p>�Jetzt kommt der wirklich schwierige Teil. Die Felswand hat kleine Ausbuchtungen, da finden die Finger Halt. Du musst dich fast ganz zur�cklehnen, dich mit ausgestreckten Armen auf die Kraft deiner H�nde verlassen und vorsichtig weiterhangeln. Wird das gehen?�</p><p>Fidelma blickte nach unten, ein Schauder �berlief sie bei dem Gedanken, wie unendlich tief sie abst�rzen k�nnte. Sie nickte und murmelte: �Bringen wir es hinter uns.� Es war besser, rasch �ber diese Stelle zu gelangen, als ewig dr�ber zu reden.</p><p>�Ich gehe voran und zeige dir, wie man es macht. Binde dir den Mantelsack fest auf den R�cken und versuche, das Gleichgewicht zu halten.�</p><p>Er zurrte den Mantelsack fest und wartete, bis sie auch so weit war. Dann b�ckte er sich unter den �berhang und schob sich vorw�rts. Wo seine F��e Halt fanden, konnte sie nicht sehen, bestimmt hatte er irgendwelche Ausbuchtungen gefunden und sich mit den H�nden festgekrallt � Dann war er hinter dem Felsen verschwunden.</p><p>�H�rst du mich?�, rief sie beklommen.</p><p>Es dauerte einen Moment, dann kam die Antwort. �Entschuldige, ich musste erst wieder zu Atem kommen.� Es h�rte sich an, als sei er ganz nahe. �Hast du genau gesehen, wie ich mich unter den �berhang gezw�ngt habe?�</p><p>�Ich denke, schon.�</p><p>Fidelma holte tief Luft und schob sich langsam vorw�rts, kroch fast unter den �berhang, fand auch ziemlich sofort die kleinen Vorspr�nge, an denen sie sich halten konnte. Hand �ber Hand arbeitete sie sich voran. Nur nicht daran denken, was hinter ihr war, an die g�hnende Leere und den m�glichen Sturz auf die Felszacken tief unter ihr. Der schlimmste Moment kam, als sie sich an der gr�sslichen Abbruchkante zur�cklehnte und nur die sich in den Stein krallenden H�nde sie vor dem Fall bewahrten.</p><p>�Gleich hast du es geschafft�, rief ihr Bruder Eolann ermutigend zu.</p><p>Sie streckte sich nach dem n�chsten Halt, verfehlte ihn und schwebte in der Luft. Das ganze Gewicht ihres K�rpers hing an einer Hand, mit der anderen griff sie ins Nichts.</p><p>�Hilf mir�, schrie sie in heller Panik.</p><p>Es dauerte eine Ewigkeit, bis eine kr�ftige Hand sie am Handgelenk packte und zur�ckriss. Einen Lidschlag lang hing sie im leeren Raum, mit der einen Hand klammerte sie sich verzweifelt an den Felsvorsprung, und ums Handgelenk der anderen schlossen sich Bruder Eolanns Finger. Einen sonderbaren Moment waren ihre Gesichter ganz dicht beieinander, ihre blitzenden gr�nen Augen starrten in seine hellblauen. Die Zeit schien still zu stehen, und das Einzige, was sie wahrnahm, war die Leere unter ihr. Dann lag sie auf dem schr�gen Boden und rang nach Luft. Sie befand sich auf der anderen Seite des Fels�berhangs. Bruder Eolann hielt sie noch immer am Handgelenk.</p><p>�Bist du verletzt?�, fragte er besorgt.</p><p>Fidelma sch�ttelte den Kopf. Der Griff ums Handgelenk lockerte sich, und unbewusst fing sie an, es mit der anderen Hand zu massieren.</p><p>�Du hast mich im entscheidenden Augenblick zu fassen bekommen�, stellte sie unn�tigerweise fest.</p><p>Der junge M�nch war immer noch beunruhigt. �Ich hoffe, ich habe dir nicht weh getan.�</p><p>�Du hast mir das Leben gerettet�, sagte sie ernst. �Da kann ich wohl einen blauen Fleck ertragen.�</p><p>�Ich hatte dir ja gesagt, dass wir eine heikle Stelle �berqueren m�ssen. Aber schau � Jetzt sind wir kurz vor dem Hauptweg zum Gipfel, wir h�tten es nicht vor Einbruch der Dunkelheit geschafft, h�tten wir die bequemere Strecke genommen.�</p><p>�Dann lass uns weitergehen; je schneller wir von hier wegkommen, umso besser.�</p><p>Er stand auf und ging wieder voran. Der Rest ihrer Wanderung verlief ohne jeden Zwischenfall. Doch lag der Gipfel bereits in der Abendd�mmerung, als sie dort hinaufgelangten. In einer Nische in der Bergflanke stand eine kleine H�tte. Genaueres konnte sie im D�mmerlicht nicht ausmachen. Der Himmel war bedeckt, kein Mondenschein erhellte die Gegend. Dennoch fand sich Bruder Eolann sofort zurecht, mit Feuerstein und Zunder entz�ndete er eine Fackel und entfachte vor der H�tte ein Lagerfeuer. Fidelma fand es ein wenig �bertrieben, einen so gro�en Holzsto� in Flammen zu setzen, dessen Widerschein in weitem Umkreis zu sehen sein musste. Er fand es nicht lustig, als sie scherzend meinte, sie wollte sich nur am Feuer w�rmen, aber nicht gleich ger�stet werden.</p><p>�Es wird hier oben sehr kalt, Lady. Nachts kann es selbst im Sommer richtig frostig werden. Au�erdem � Na ja, es gibt allerlei Tiere, die in der Nacht �ber die H�nge streifen. Das Feuer wird sie fernhalten.�</p><p>In der H�tte fand sich sogar eine �llampe. Auch eine Wasserstelle musste in der N�he sein, denn er f�llte einen Krug mit frischem Quellwasser. Bald sa�en sie am Feuer, a�en schweigend ihr frugales Mahl und sahen den dunklen Wolken nach, die niedrig �ber die Berge zogen und feucht-kalte Nebel hinterlie�en. Es dauerte nicht lange, und sternenlose Dunkelheit umfing sie. Fidelma hatte die unerwartete Anstrengung derart erm�det, dass sie sich nur unklar erinnerte, wie sie in die H�tte gekrochen war.</p><p>Die Sonne schien hell, als sie am n�chsten Morgen erwachte und als Erstes die Jagdschreie von Bussarden vernahm. Aus dem Lagerfeuer stieg noch eine Rauchs�ule auf, und Bruder Eolann war bereits dabei, die Flammen erneut zu entfachen. Er hatte etwas zu essen hingestellt und zeigte ihr eine Quelle hinter der H�tte, an der sie sich ungest�rt waschen konnte.</p><p>Der Blick �ber die Berggipfel, die sie umgaben, war berauschend sch�n. �Wir befinden uns auf dem h�chsten Punkt der Bergkette�, erkl�rte ihr Begleiter, als er sah, mit welcher Freude sie die Aussicht genoss. Es war ein warmer, angenehmer Tag, die Wolken, die den Mond verdunkelt hatten, waren verschwunden und hellem Sonnenschein gewichen.</p><p>Die H�tte stand in einer gesch�tzten Mulde auf der Bergesh�he. Warum Colm B�n gerade hier sein Heiligtum errichtet hatte, konnte sie gut verstehen. Nur wenige Schritte entfernt erblickte sie auf der kahlen Bergkuppe ein halbfertiges Bauwerk. Das davor errichtete gro�e Kreuz wies es nachdr�cklich als St�tte des Neuen Glaubens aus. Der junge M�nch begleitete Fidelma dorthin, und beide verharrten eine Weile and�chtig im Dunkel der kleinen Kapelle.</p><p>�Ich werde mich nur ungern von diesem eindrucksvollen Ort trennen�, gestand Fidelma, als sie wieder in den Sonnenschein hinaustraten. �Sind das H�hlen, da dr�ben hinter der H�tte?�</p><p>�Ja, das sind H�hlen�, best�tigte ihr Bruder Eolann. �Gro� sind sie nicht, doch es hei�t, in eine davon zog sich Colm B�n am liebsten zur�ck, um in aller Stille zu beten, und eben dort soll der gro�artige Mann in die Arme Christi gesunken sein.�</p><p>�Aber bestattet wurde er doch in der Abtei.�</p><p>�Die Br�der haben den Leichnam hinunter in die Abtei getragen und unter dem Hochaltar der Kapelle eine Krypta f�r ihn erbaut.�</p><p>�Auch dort an den H�hlen sollte ich des Heiligen gedenken, bevor wir uns auf den R�ckweg machen.�</p><p>Die H�hlen waren wirklich bescheiden. In der gr��eren war kaum Platz, dass zwei Leute geb�ckt hineingehen konnten, sie erweckte jedoch den Anschein, als h�tte sich dort vor kurzem jemand aufgehalten. Die andere war v�llig nichtssagend.</p><p>Fidelma lie� die H�hlen hinter sich, schaute sich um und nahm die Landschaft in sich auf. Knapp unter ihnen wuchs ein Dickicht von Farnkr�utern, und tiefer auf dem S�dhang hatten sich Koniferen und Buchen angesiedelt. Das waren die Vorboten der dichten W�lder zwischen den Bergmassiven. Noch einmal erg�tzte sie sich an dem herrlichen Blick in die Natur. Als sie sich der H�tte zuwandte, fiel ihr etwas im Gestr�pp auf.</p><p>�Was ist denn das da?� Sie wies auf etwas Farbiges, das ganz und gar nicht in die Umgebung passte und wie ein Fetzen bunter Stoff aussah.</p><p>Rasch ging sie darauf zu, Bruder Eolann folgte ihr, hatte es aber weniger eilig. Sie drang schon in das Unterholz ein, als er warnend rief: �Sei vorsichtig, Lady. In einem Geb�sch wie diesem kann die <emphasis>vipera,</emphasis> die Giftschlange, liegen. Lass mich lieber vor.� Sie blieb stehen, er nahm einen kr�ftigen Zweig auf und schlug ihn beim Gehen ger�uschvoll auf den Boden.</p><p>�Die <emphasis>vipera</emphasis> greift einen nur an, wenn sie sich bedroht f�hlt. Sowie sie einen kommen h�rt, gleitet sie in einen Unterschlupf. Aber wenn du dich ihr lautlos n�herst und unerwartet vor ihr stehst, schl�gt sie zu.�</p><p>Fidelma war es zufrieden, dass er ihnen einen Weg zu der Stelle bahnte, wo sie einen durch den Wind festgeklemmten Stofffetzen zu sehen glaubte. Doch es war nicht einfach ein Streifen Stoff, der sich an einem Busch verfangen hatte. Es war eine Leiche � die Leiche einer Frau. Sie musste dort schon einige Zeit gelegen haben, denn der �ble Verwesungsgeruch hatte bereits allerlei Fliegen und andere Insekten angelockt. Die Kleidung kam Fidelma sonderbar bekannt vor. Mit der Hand bedeckte sie Mund und Nase, kauerte sich nieder und betrachtete das Gesicht. Sie erkannte es sofort.</p><p>�Freifrau Gunora�, keuchte sie.</p></section><section><title><p>KAPITEL 11</p></title><p>Man hatte den Kopf der Frau mit mehreren Hieben eines scharfen Gegenstandes, vermutlich eines Schwertes, so gut wie vom K�rper getrennt.</p><p>Fidelma st�lpte sich fast der Magen um beim Anblick der verst�mmelten Gestalt, und sie brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Bruder Eolann neben ihr stammelte mit zitternder Stimme ein Gebet.</p><p>Als Fidelma sich wieder in der Gewalt hatte, tastete sie mit den Augen aufmerksam die n�here Umgebung ab.</p><p>�Was suchst du�, fragte Bruder Eolann. �Glaubst du, die M�rder haben sich hier irgendwo verborgen?�</p><p>�Sie ist bereits einen Tag tot�, erwiderte Fidelma. �So lange w�rden die hier nicht bleiben. Aber sie hat den jungen Prinzen Romuald bei sich gehabt, als sie gestern in aller Fr�he die Abtei verlie�. Liegt der wom�glich hier auch irgendwo?�</p><p>Immer noch leichenblass, nahm Bruder Eolann mit ihr die Suche auf. Sie durchk�mmten das Unterholz, fanden aber keinerlei Anzeichen, die auf einen zweiten Mord hindeuteten. Folglich galt Fidelmas Aufmerksamkeit erneut der Toten. Zwar r�mpfte sie angewidert die Nase, b�ckte sich aber und tastete sorgf�ltig die Kleidung nach pers�nlichen Dingen ab. Zu ihrer �berraschung entdeckte sie nichts. Augenscheinlich hatte Freifrau Gunora nicht einmal den kleinen Beutel mit Toilettenartikeln bei sich gehabt, wie ihn die meisten Frauen ihres Ranges um die Taille geg�rtet trugen. Oder hatte man sie schon nach pers�nlicher Habe durchsucht und alles mitgenommen?</p><p>�Ob Perctarit und seine Leute dahinterstecken?�, gr�belte Bruder Eolann und betrachtete nachdenklich die Leiche. �Vielleicht haben sie nur Freifrau Gunora umgebracht und den Prinzen mit fortgeschleppt.�</p><p>�F�r Mutma�ungen ist es zu fr�h. Und hier l�nger zu verweilen, bringt uns auch nicht weiter. Ob sich hier in der H�tte eine Decke findet, die wir nehmen k�nnten?�</p><p>�Ich glaube schon�, entgegnete Bruder Eolann und war etwas ratlos, worauf sie hinauswollte.</p><p>�Da wir hier sonst nichts ausrichten k�nnen, sollten wir wenigstens eine Decke nehmen und darauf die Leiche zur Kapelle schaffen. Dort ist sie vor denen da oben und vor anderen wilden Tieren sicher.� Sie wies auf die Bussarde, die bereits �ber ihnen kreisten.</p><p>Gl�cklich war der <emphasis>scriptor</emphasis> �ber ihren Vorschlag nicht, machte aber keine Einw�nde. Sie brauchten eine Weile, um die Tote zur Kapelle zu schleppen. Behutsam legten sie sie drinnen ab und deckten sie zu.</p><p>Was war das f�r ein warmer, sch�ner Tag gewesen, als Fidelma erwachte und das herrliche Panorama der Berge vor Augen hatte. Und nun, wenige Stunden sp�ter, kam ihr der Tag kalt und unfreundlich vor.</p><p>�Es ist wohl an der Zeit, dass wir uns an den Abstieg machen�, meinte sie.</p><p>�Uns treibt nichts�, erwiderte Bruder Eolann. �Ich w�rde gern noch warten, bis das Feuer niedergebrannt ist, damit nichts passiert, wenn wir gehen.�</p><p>�Du hast die Zweige zu hoch geschichtet heute fr�h�, gab sie zur Antwort und ging in die H�tte, um sich etwas herzurichten. Als sie fertig war, packte sie ihren Mantelsack, warf ihn sich �ber den R�cken und trat wieder hinaus in die Sonne.</p><p>Vor ihr standen drei Krieger mit gezogenem Schwert, drohend glitzerten die Klingen im glei�enden Licht. Ein vierter Mann hatte sich vor Bruder Eolann postiert und ber�hrte mit seiner Schwertspitze gebieterisch die Brust des Bibliothekars.</p><p>Alle schwiegen und verharrten reglos. Schlie�lich war es Fidelma, die die Stille unterbrach. �Wer sind die M�nner?�</p><p>Bruder Eolann r�usperte sich und sprach die Krieger in der f�r die Region gel�ufigen Sprache an. Einer von ihnen brach in schallendes Gel�chter aus, ehe er ihm antwortete.</p><p>�Er sagt, wir w�rden schon bald merken, wer sie sind. Jedenfalls w�ren wir ihre Gefangenen und m�ssten mit ihnen gehen.�</p><p>�Mach ihnen doch klar, dass wir einfache Mitglieder der Gemeinschaft in der Abtei Bobium sind.�</p><p>Bruder Eolann verzog das Gesicht. �Ich f�rchte, das wei� er l�ngst, Lady.�</p><p>�Glaubst du etwa, das sind ��</p><p>Der Krieger, der eben noch die Antwort gegeben hatte, br�llte sie an. Sie verstand auch ohne �bersetzung, was er meinte, hatte das Bild der erschlagenen Gunora vor Augen und schwieg.</p><p>Der Anf�hrer sagte nichts weiter, drehte sich um und zog los. Sofort umringten die anderen Fidelma und Bruder Eolann, dr�ckten ihnen die Schwertspitzen zwischen die Schulterbl�tter und trieben sie auf diese Weise voran. Der Weg, den sie nahmen, f�hrte genau die entgegengesetzte Seite des Berges hinab, weg von Bobium. Sie warf einen Blick zu Bruder Eolann, aber der sch�ttelte nur vorsichtig den Kopf, als wollte er sie warnen, noch einmal den Mund aufzumachen. Mit den Kriegern, egal wer sie waren, war nicht zu spa�en.</p><p>Die Landschaft auf der nord�stlichen Seite des Berges machte einen ebenso spektakul�ren Eindruck wie die im Trebbia-Tal. Eher einen noch spektakul�reren. Unten schl�ngelten sich Fl�sse wie blaue B�nder, allenthalben umringt von Bergesh�hen. In der Ferne erhoben sich kahle graue Felsmassive, ausgewaschen durch Wasser und Erosion. Trotz der inneren Unruhe, dass sie Gefangene von Kriegern waren, die sich herzlich wenig um ihr Leben scherten, nahm Fidelma die Umgebung wachen Sinnes wahr, immer in der Hoffnung, es k�nnte sich eine Fluchtm�glichkeit ergeben. Diesseits der Berge war die Wetterseite, schutzlos war das Gestein der Erosion ausgesetzt. H�ufig wechselten harter Fels und br�cklige Oberfl�che mit weichem Lehm und Kalkstein.</p><p>Schweigend marschierten sie voran, stiegen schlie�lich bis unter die Baumgrenze ab und wanderten weiter durch dichten Wald, in dem viele Tiere heimisch waren. Unz�hlige Vogelstimmen wetteiferten miteinander, F�chse bellten, und auch gelegentliches Wolfsgeheul drang an Fidelmas Ohren. Es schien ihr eine Ewigkeit, wie sie so dahintrotteten. Langsam wurde das Gef�lle sanfter, und ab und an begegneten sie Buben oder auch alten M�nnern mit Ziegen-und Schafherden. Immer noch verlor keiner ein Wort. Das konnte Fidelma auf die Dauer nicht ertragen. �Frag ihn, wie lange er uns so in Trab zu halten gedenkt�, wandte sie sich an Bruder Eolann.</p><p>Sofort sp�rte sie den drohenden Druck einer Schwertspitze zwischen den Schulterbl�ttern. Bruder Eolann wagte nicht, ihrer Forderung nachzukommen.</p><p>Fidelma ignorierte ihren Wachmann, rief den Anf�hrer in ihrem Schullatein an und wiederholte ihre Frage.</p><p>Der Krieger blieb stehen und drehte sich unwirsch um. In barschem Ton fragte er Bruder Eolann etwas, der ihm z�gernd antwortete. Der Mann gluckste vor sich hin, freundlich klang es nicht. Wieder sagte er etwas zu Bruder Eolann, und der �bersetzte: �Er sagt, du w�rest ein impertinentes Weibsbild, Lady. �ber kurz oder lang w�rdest du schon merken, was Sache ist.� Und dann f�gte er besorgt hinzu: �Verschweige am besten Herkunft und Rang, Lady. Die Leute hier halten solche mit Rang und Namen gern gegen L�segeld fest.�</p><p>Der Anf�hrer donnerte einen Befehl. Sie deutete ihn als erneute Warnung, den Mund zu halten.</p><p>Und weiter ging�s. Es dauerte nicht lange, und sie kamen an eine Lichtung, wo ein halbes Dutzend Pferde angebunden stand, bei ihnen zwei Krieger. Erregt rief man sich etwas zu, Wortfetzen flogen hin und her, und neugierig nahmen die beiden Krieger die Gefangenen unter die Lupe.</p><p>Fidelma und Bruder Eolann wurden zu den Pferden geschubst. Zwei Krieger steckten die Schwerter in die Scheide und schwangen sich flugs in den Sattel. Ehe sie es sich versah, wurde Fidelma von starken H�nden gepackt und ohne Umschweife auf das Pferd hinter einen der Krieger gehievt. Es war nicht n�tig, die grob hingeworfenen W�rter im Einzelnen zu verstehen, sie wusste auch so, dass es darum ging, sich festzuhalten. Gleich darauf ritt er los; sie konnte sich nur noch mit einem raschen Seitenblick vergewissern, dass man mit Bruder Eolann in der gleichen Weise verfuhr.</p><p>Es wurde ein endloser Ritt. Fidelma verlor jede Vorstellung von Zeit und Ort. So viel bekam sie immerhin mit, dass es sp�ter Nachmittag war, auch dass der Trupp auf einem verh�ltnism��ig ausgetretenen Weg an einem Hang entlangtrabte. Unter ihnen lag ein Tal, das von einem breiten Fluss durchquert wurde. Es ging weiter bergab, bis sie unterhalb eines steilen Felsmassivs eine kleine Siedlung erreichten. Auf dessen oberster Spitze mit guter Sicht auf die Siedlung erhob sich eine aus Bruchsteinen gemauerte Festung mit einem m�chtigen viereckigen Turm. Dort hinaufzugelangen, hielt Fidelma zun�chst f�r unm�glich, aber schon bald arbeiteten sie sich auf einem Zickzackpfad nach oben. Was immer f�r ein Geb�ude es auch sein mochte, es war eindeutig, dass die Krieger mit ihren Gefangenen just dorthin wollten.</p><p>Oben angelangt, standen sie vor hohen Mauern, in die zwei gro�e dunkle Torfl�gel aus Eichenholz eingelassen waren, die genug Raum boten, um M�nnern zu Pferde Zugang zu gew�hren. Von den Mauern sp�hten Krieger herab. Einer aus Fidelmas Trupp zog ein Jagdhorn hervor und lie� zwei kurze T�ne, gefolgt von einem langen, erschallen. Sofort �ffneten sich die Tore, man ritt hinein und blieb auf einem kleinen Hof stehen.</p><p>H�nde griffen zu und zerrten Fidelma vom Pferd. Um sich herum nur raue M�nnergesichter, einige grinsend, andere, die sie anschrien, ohne dass sie ein Wort verstand. Dann befahl jemand etwas, und gleich darauf zerrte man ihr brutal den Mantelsack vom R�cken, das <emphasis>marsupium</emphasis> am G�rtel aber lie� man ihr. Einer der Krieger, die sie gefangen genommen hatten, kam heran, griff sie am Arm und schob sie durch die gaffende Menge zu den Geb�uden, die sich an die Mauern lehnten. Fidelma gelang es, einen Blick nach oben zu einem Balkon zu werfen, der in den Innenhof ragte. Zwei M�nner standen dort und verfolgten das Geschehen. Zwei gro�e M�nner in langen schwarzen Umh�ngen. Allem Anschein nach Krieger. Einer der beiden hatte die linke Seite des Umhangs hochgeschlagen, so dass ein Abzeichen auf seiner Schulter sichtbar wurde. Trotz der Entfernung war sich Fidelma sicher, das flammende Schwert mit dem Lorbeerkranz zu erkennen. Sie stolperte und kam fast zu Fall, als ihr mit Schrecken aufging, dass sie den M�nnern, die Magister Ado in Genua �berfallen hatten, verdammt �hnlich sahen, denselben, die ihnen auch aufgelauert hatten, als sie ins Tal der Trebbia einritten. Und eben die hatte sie auch geglaubt, auf Radoalds Festung im Mondlicht gesehen zu haben.</p><p>Sie schaute sich kurz um und konnte sich vergewissern, dass Bruder Eolann unmittelbar hinter ihr war. Also schien man sie wenigstens nicht zu trennen. Und so war es auch, eine T�r ging auf, und sie wurde ohne Umschweife in einen Raum gesto�en. Bruder Eolann prallte gegen ihren R�cken, so dass er fast auf sie fiel. Die T�r wurde zugeschlagen, und sie h�rten nur noch, wie man von au�en knirschend einen Holzriegel vorschob, um sie in sicherem Gewahrsam zu wissen.</p><p>Ein einziges Fenster ziemlich weit oben, ein betr�chtliches St�ck �ber Kopfh�he, gab dem Raum etwas Licht. Vergittert war es nicht. Das Mobiliar bestand aus zwei einfachen Bettgestellen, einem Stuhl und einem Tisch. Bruder Eolann sank ersch�pft auf eins der Betten, Fidelma aber griff sich den Stuhl, ging zum Fenster, stellte ihn darunter ab und kletterte hinauf, um hinaussehen zu k�nnen. Zuweilen erwies es sich als hilfreich, dass sie verh�ltnism��ig gro� war. Dass das Fenster nicht vergittert war, hatte einen einfachen Grund. Es h�tte wenig gebracht, es als Fluchtweg nutzen zu wollen � unten g�hnte ein tiefer Abgrund. Sie kletterte wieder hinunter und setzte sich verzagt hin. Nicht einmal eine �llampe hatte das Verlie�.</p><p>�Hast du irgendeine Idee, bei wem wir hier gelandet sind?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Bruder Eolann zuckte mit den Schultern. �Dass sie vor frommen Br�dern und Schwestern nicht Halt machen, ist klar. �ber die T�ler diesseits der Berge wei� ich wenig, ich vermute aber, wir befinden uns auf dem Territorium des Seigneur von Vars.�</p><p>�H�lt er diesem K�nig Grimoald die Treue?� Sie musste an die beiden M�nner mit dem Symbol des Erzengels Michael auf den Umh�ngen denken. Die Geschichte Bruder Eolann erkl�ren zu wollen, hatte keinen Zweck.</p><p>�Ganz bestimmt nicht. Soviel ich wei�, stehen sich Trebbia und Vars feindselig gegen�ber.�</p><p>�Hast du nicht gesagt, du w�rdest auf den Bergen hier ziemlich regelm��ig herumklettern und w�rdest dich deshalb so gut auf den Pfaden des � wie hie� er doch gleich � des Monte P�nas auskennen? Wieso bist du da v�llig hilflos bei der Frage, wo wir uns jetzt befinden?�</p><p>�Ich habe die Berge sehr wohl erklommen, aber ich habe mich immer auf der Seite gehalten, die auf das Tal der Trebbia blickt. Man hat mich stets ermahnt, vorsichtig zu sein, immer hie� es, dass im Norden und Osten die L�nder liegen, die urspr�nglich Perctarit den Treueeid geleistet hatten. Selbst wenn sie Grimoald nicht hassen sollten, sind schlie�lich auch sie Anh�nger des Arius und haben folglich nichts mit den Br�dern von Bobium im Sinn.�</p><p>�Und zu welcher Seite neigen sie?�</p><p>�Zu der einen oder anderen oder auch beiden, einen Unterschied macht das nicht.�</p><p>�Und du hast keinerlei Ahnung, wo wir hier sind?�</p><p>�Ich w�rde denken, der Fluss ist die Staffel, jedenfalls hei�t er so im Langobardischen, auf Latein ist es die Iria. Wir m�ssten oberhalb der alten Salzstra�e nach Genua sein.�</p><p>�Solange wir nicht wissen, mit wem wir es hier zu tun haben und was man von uns will, k�nnen wir nichts weiter unternehmen. Raus kommt man hier wohl nur durch die T�r.�</p><p>Bruder Eolann st�hnte. �Hoffentlich bringen sie uns bald was zu essen und trinken. Wir sind fast den ganzen Tag unterwegs gewesen und seit heute fr�h ohne jeden Bissen geblieben.�</p><p>Fidelma fiel ein, dass die Verpflegung, die sie mitgenommen hatten, in ihren Umh�ngetaschen steckte. �Haben sie dir auch den Mantelsack weggerissen?�, fragte sie.</p><p>�Ja. Da war noch Zwieback, K�se und Obst drin. Nun sitzen wir ohne alles da.�</p><p>Sie l�chelte matt. Wenigstens das <emphasis>marsupium</emphasis> hatte sie noch, wenn da auch nichts zu essen drin war. Daf�r aber der <emphasis>ciorr bholg,</emphasis> die Kammtasche, ein kleines T�schchen, das alle Frauen von Rang in Hibernia stets bei sich trugen. Im Allgemeinen befanden sich darin ein <emphasis>scath�n,</emphasis> ein kleiner Spiegel, eine <emphasis>deimess,</emphasis> eine Schere, ein St�ck Seife, und Fidelma hatte auch ein Fl�schchen mit Gei�blattduft darin verstaut. Die meisten Frauen in Hibernia hatten sogar ein Fl�schchen mit Beerensaft bei sich, um die Lippen rot anzumalen oder die Augenbrauen nachzudunkeln, wie es dort der Brauch war. Fidelma verzichtete auf dergleichen.</p><p>Jetzt ging es ihr aber nicht um ihre Toilettenartikel, sondern um die Goldm�nze, die sie klugerweise eben da verborgen hatte. Im gleichen Moment kam ihr ein schrecklicher Gedanke. �K�nnten es die Krieger, die uns hierher verschleppt haben, gewesen sein, die Freifrau Gunora ermordet haben?� Bruder Eolann horchte alarmiert auf. �Was f�r einen Grund sollten sie sonst gehabt haben, ausgerechnet dort herumzulungern?�</p><p>Ihr Gef�hrte war deutlich beunruhigt. �So etwas wie heute habe ich noch nie erlebt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer diese M�nner sind und was sie im Schilde f�hren. Die Festung, auf der wir uns befinden, muss einem Kriegsherrn geh�ren. Aber wie gesagt, die Gegend hier ist mir fremd. Wie sollen wir uns jetzt verhalten?�</p><p>�Wir k�nnen nur warten, bis unsere Widersacher den n�chsten Zug machen.�</p><p>�Wir k�nnen doch nicht einfach herumsitzen und hoffen, dass sie uns etwas zu essen bringen�, sagte Bruder Eolann verzweifelt.</p><p>Fidelma sah ihn mitleidig an. �Hat man dich nie <emphasis>dercad</emphasis> gelehrt?�</p><p><emphasis>Dercad</emphasis> war eine alte Form der Meditation, die etliche Kirchenf�hrer ablehnten, weil sie zu Zeiten praktiziert wurde, ehe der christliche Glaube die Ufer der f�nf K�nigreiche in �ireann erreichte. Es war eine Methode, den Geist zur Ruhe zu bringen, ruhig wie das Wasser in einem dunklen Gebirgssee, sich von dem Durcheinander von Gef�hlen und Furcht, der schlimmsten aller Gef�hle, zu befreien.</p><p>�Nat�rlich hat man es mich gelehrt. Aber was soll uns das jetzt bringen?�</p><p>�Das einzig Sinnvolle, das wir jetzt tun k�nnen, ist, unseren Geist von nutzlosen Spekulationen und Angst zu befreien.�</p><p>Fidelma setzte sich im Schneidersitz auf das andere Bett, die H�nde faltete sie im Scho�. Dann schloss sie die Augen und begann langsam und tief ein-und auszuatmen.</p><p>Bruder Eolann schmollte eine Weile, zuckte dann die Achseln und tat es ihr gleich.</p><p>Wie viel Zeit dar�ber hinging, ist schwer zu sagen. Aber es war dunkel geworden. Von ferne vernahmen sie Ger�usche, Gel�chter, Rufe und Stimmen. Dann h�rten sie pl�tzlich, wie drau�en der Riegel zur�ckgeschoben wurde. Jemand stie� die T�r auf. Im Nu �ffnete Fidelma die Augen und ver�nderte ihre Position. Auch Bruder Eolann regte sich und blickte schl�frig umher � �ber dem Meditieren war er tats�chlich eingeschlafen.</p><p>Ein Mann kam herein, setzte stumm eine brennende �llampe auf dem Tisch ab und verschwand wieder. Gleich darauf erschien ein zweiter Mann mit einem Krug und irdenen Bechern, auch die wurden schweigend auf den Tisch gestellt. Dann tauchte der Erste wieder auf, diesmal mit Holztellern, auf denen Brot, kaltes Fleisch, K�se und Obst lagen. Er wollte sogleich wieder verschwinden, aber Fidelma hielt ihn zur�ck.</p><p>�Warte! Wer bist du? Was habt ihr mit uns vor?�</p><p>Sie hatte ihre Fragen auf Latein gestellt und wollte Bruder Eolann gerade bitten, ihre Worte zu �bersetzen, als ihr eine tiefe Stimme antwortete.</p><p>�Sch�n ruhig, kleine Schwester. Zu gegebener Zeit wirst du alles erfahren.�</p><p>In der T�r stand ein Riese von Mann, seine st�mmige Figur f�llte fast den ganzen T�rrahmen aus. Man h�tte ihn als fettleibig bezeichnen k�nnen, aber beim n�heren Hinsehen wurde man eines Besseren belehrt � er war ein einziges Muskelpaket. Er hatte dichtes schwarzes, krauses Haar und dunkle Augen, die im Widerschein des Lampenlichts unstet zuckten.</p><p>�Wer bist du?�, wiederholte Fidelma ihre Frage.</p><p>�Ich bin Kakko, kleine Schwester.�</p><p>�Und ist das hier deine Festung?�</p><p>Der Riese warf den Kopf zur�ck und brach in schallendes Gel�chter aus, als h�tte sie etwas ausgesprochen Komisches gesagt. Bruder Eolann starrte derweil verlangend auf den Tisch mit Essen und Trinken und vermochte sich nur mit M�he zur�ckhalten. Fidelma konnte auf ihn keine R�cksicht nehmen, sie musste die Gelegenheit nutzen, etwas �ber ihre prek�re Lage in Erfahrung zu bringen.</p><p>�Was habe ich L�cherliches gesagt?�, fragte sie k�hl.</p><p>�Ich bin nur der Verwalter hier, kleine Schwester.�</p><p>�Wem also geh�rt die Festung?�</p><p>�Festung und Territorium entlang des Tals geh�ren meinem Herrn.�</p><p>Fidelma unterdr�ckte ein ungeduldiges St�hnen. �Und wer ist dein Herr?�</p><p>�Seigneur Grasulf, Sohn von Seigneur Gisulf.�</p><p>Sie schaute fragend zu Bruder Eolann, der aber sch�ttelte nur den Kopf und gab ihr so zu verstehen, dass ihm der Name nichts sagte.</p><p>�Und wer genau ist Grasulf?�</p><p>Kakkos dunkle Augen weiteten sich erschrocken. �Du wei�t nicht, wer der Seigneur von Vars ist?�</p><p>�Wir sind fremd hier.�</p><p>�Fremd?�</p><p>�Wir sind aus Hibernia. Ich bin erst seit ein paar Tagen in diesem Land, und deine Krieger haben mich und meinen Gef�hrten entf�hrt.�</p><p>Der Dicke blickte nachdenklich von Fidelma zu Bruder Eolann und wieder zu ihr. �Wer seid ihr?�</p><p>�Ich bin Fidelma und er ist Bruder Eolann, der <emphasis>scriptor</emphasis> in Bobium.�</p><p>Jetzt blieb sein Blick an Bruder Eolann haften. �Schau mal einer an, aus Hibernia? Von der Sorte gibt es viele hier. Vielleicht zu viele. Genau die haben ja urspr�nglich Bobium begr�ndet.�</p><p>�Ich betone noch einmal: Ich bin erst seit wenigen Tagen in eurem Land und gedenke nicht lange zu bleiben. Ich wei� nicht, weshalb man mich gefangen genommen hat, verlange aber meine Freilassung.�</p><p>Wieder machte der Verwalter gro�e Augen und betrachtete sie mit breitem Grinsen. Er schien leicht zu Sp��en aufgelegt.</p><p>�Du verlangst? Lustig, ich werde es Seigneur Grasulf bei seiner R�ckkehr ausrichten.�</p><p>�Bei seiner R�ckkehr? R�ckkehr von wo?�</p><p>�Mein Herr ist auf Wildschweinjagd. Wir erwarten ihn nicht vor morgen zur�ck.�</p><p>�Auf wessen Gehei� habt ihr uns dann entf�hrt?�</p><p>�Jeder Fremde, der unser Territorium betritt, wird festgehalten und verh�rt�, erkl�rte ihr Kakko.</p><p>Endlich f�hlte sich Bruder Eolann bem��igt, einzuhaken. �Seit wann geh�rt das Tal von Trebbia zum Territorium deines Herrn? Seigneur Radoald von Trebbia ist der Herrscher hier.�</p><p>�Ihr habt euch auf dem Monte P�nas bewegt�, betonte der Verwalter.</p><p>�Aber auf der anderen Seite des Bergs, zur Trebbia hin. Wir haben das Heiligtum des Colm B�n besucht, als eure Krieger uns gefangen nahmen�, versuchte er richtigzustellen.</p><p>Den Verwalter r�hrte sein Protest wenig. �Du kannst deine Beschwerde Seigneur Grasulf pers�nlich vortragen, wenn er wieder da ist.�</p><p>�Was bef�rchtet eigentlich dieser Seigneur Grasulf?�, fragte Fidelma.</p><p>Kakko runzelte die Stirn. �Wer sagt, mein Herr w�rde etwas bef�rchten?�, zischte er.</p><p>�Irgendetwas muss er doch bef�rchten, sonst w�rde er ja nicht anordnen, Fremde gefangen zu nehmen und zum Verh�r herzubringen, selbst wenn sie sich nicht auf seinem Herrschaftsgebiet aufhalten.�</p><p>�Du bist eine hartn�ckige Person, kleine Schwester�, stellte Kakko fest und blieb gutgelaunt. Er zeigte auf das Essen auf dem Tisch. �Ihr habt noch nichts gegessen. Ihr seid G�ste meines Herrn, und er w�re sehr ungehalten, wenn wir euch nicht anst�ndig behandeln.�</p><p>�Dann wird dein Herr entt�uscht sein, denn anst�ndig behandelt worden sind wir mitnichten. Angefangen hat es mit der Gefangennahme und dem Verschlepptwerden, dann hat man uns die Mantels�cke weggenommen. Ich bestehe darauf, dass man sie uns wieder aush�ndigt, wenn wir hier die Nacht verbringen m�ssen.�</p><p>Kakko machte eine Handbewegung, die man fast als Resignation h�tte deuten k�nnen.</p><p>�Ich werde daf�r sorgen, dass ihr sie wiederbekommt. Wir mussten uns vergewissern, dass ihr weder Waffen noch Geheimbotschaften bei euch trugt.� Fidelmas emp�rtes Gesicht brachte ihn zum Schweigen.</p><p>�Sowie dein Herr zur�ckkehrt, w�nsche ich ihn zu sprechen � ist das klar?�</p><p>Kopfsch�ttelnd machte Kakko Anstalten zu gehen. �Du bist mehr als nur eine Nonne, Schwester�, sagte er ruhig. �Dein Auftreten verr�t dich.� Dann war er fort und schloss von au�en die T�r. Wieder wurde der Holzriegel an seinen Platz ger�ckt.</p><p>�Ich glaube nicht, dass du dich sehr klug verhalten hast, Lady�, murmelte Bruder Eolann mit vollem Mund. �Ich hatte dich gewarnt, du solltest Rang und W�rden verschweigen.�</p><p>�Hab ich auch getan�, verteidigte sie sich.</p><p>�Es ist, wie es der Mann gesagt hat. Dein Auftreten hat dich verraten. Eine einfache Glaubensschwester w�rde sich nie so durchzusetzen versuchen.�</p><p>�Hattest du nicht behauptet, du h�ttest nie etwas von diesem Grasulf geh�rt?�</p><p>�Das stimmt auch, aber von dem Seigneur von Vars wusste ich. Ich habe ja gesagt, dass ich den Verdacht hegte, wir bef�nden uns auf seinem Territorium.�</p><p>�Hast du irgendeine Ahnung, was f�r ein Mensch er ist?�</p><p>�Ich wei� nur so viel, dass er und der Seigneur von Trebbia verfeindet sind.�</p><p>�Glaubst du, dass die Geschichte mit dem Aussp�hen und Verh�ren von Verdachtspersonen wahr ist?�</p><p>�Ich kann nur wiederholen, dass es in dem Land gro�e Spannungen gibt. Nicht umsonst hat Freifrau Gunora mit dem jungen Prinzen Zuflucht in der Abtei gesucht, sie glaubte nicht, dass man Grimoalds Regenten, Lupus von Friuli, trauen konnte. All das passt ins Bild. Angst geht um im Land.�</p><p>�Den Eindruck habe ich auch. Was aber, wenn es diese Leute hier sind, die Freifrau Gunora umgebracht haben? Und wenn ja, was haben sie mit dem Jungen gemacht?�</p><p>�Wir k�nnen nur beten, dass wir morgen mehr erfahren�, erwiderte Bruder Eolann.</p><p>�Morgen?�</p><p>�Wenn du auf Grasulf triffst. Das hei�t, falls der Seigneur von Vars deinem Wunsch entspricht, ihm unverz�glich nach seiner R�ckkehr von der Wildschweinjagd vorgef�hrt zu werden.� Er l�chelte m�de.</p></section><section><title><p>KAPITEL 12</p></title><p>Gegen Mittag wurde der Holzriegel abermals aus der Halterung geschoben. Kakko, der Verwalter, erschien. Sein massiger K�rper versperrte den Eingang und lie� das helle Sonnenlicht hinter ihm im Hof nur ahnen.</p><p>�Du kommst gef�lligst mit, kleiner Bruder�, dr�hnte er und mit einem Blick zu Fidelma, �und du bleibst sch�n hier.�</p><p>Nur z�gernd stand Bruder Eolann auf und begab sich zur T�r.</p><p>�Wieso er und nicht ich?�, wollte Fidelma wissen.</p><p>Kakkos Grinsen wurde breiter. �Schon wieder eine Frage? St�ndig diese Fragerei! Mein Herr nimmt sich vielleicht sp�ter die Zeit, dich zu empfangen. Im Augenblick w�nscht er nur den hier zu sehen.� Er wies mit dem Kopf zu Bruder Eolann.</p><p>Fidelma w�re es lieber gewesen, man h�tte sie gemeinsam zu Grasulf vorgelassen, aber sie konnte an der Entscheidung nichts �ndern. Die Zeit verging, frustriert wanderte sie in dem kleinen Raum auf und ab. Endlich kam der Verwalter wieder � ohne Bruder Eolann.</p><p>�Und jetzt, kleine Schwester, bist du dran�, verk�ndete er.</p><p>�Wo ist Bruder Eolann?�</p><p>�Er ist vergn�gt und munter. Auf geht�s, kleine Schwester. Hier lang.�</p><p>Sie musste sich mit seinen kargen Ausk�nften begn�gen und war bem�ht, alle Bef�rchtungen zur�ckzudr�ngen. Stumm folgte sie ihm. In ihrem Verlie� war es empfindlich k�hl gewesen, umso mehr �berraschte sie die W�rme drau�en, zumal die hochstehende Sonne den kleinen Innenhof aufheizte. Kakko ging ihr in einem f�r sein Gewicht erstaunlichen Geschwindschritt voran �ber den gepflasterten Hof. Fidelma konnte sich sein Tempo nur damit erkl�ren, dass der Riese gut durchtrainiert war.</p><p>Weiter hinten f�hrte ein Durchgang in einen anderen Hof, an dessen einem Ende zwei T�rfl�gel, die halb offen standen, von Kriegern bewacht wurden. Neugierig starrten sie Fidelma an, als sie und Kakko an ihnen vorbei und hineingingen. Der Raum, den sie betraten, erwies sich als eine Art Vorzimmer, denn von dort gelangten sie in eine gro�e Halle. Derartige R�umlichkeiten waren Fidelma nicht fremd, sie dienten Herrschern und Stammesf�rsten meist als St�tte traditioneller Festgelage. Sie f�hlte sich auch sogleich in ihrer Annahme best�tigt, denn an einer Seite stand leicht erh�ht ein kunstvoll gearbeiteter Stuhl. Zu beiden Seiten der R�ckenlehne sa�en zwei gro�e geschnitzte V�gel, bei genauerem Hinsehen erkannte sie sie als Raben. In ihrem eigenen Land galten Raben als b�ses Omen, symbolisierten dort die G�ttin �ber Tod und m�rderische Schlachten. In unmittelbarer N�he waren ein Tisch und kleinere St�hle gruppiert. Wandteppiche zeigten in farbigen Darstellungen kriegerische Szenen, und an den aus Ziegeln gemauerten W�nden hingen verschiedene Waffen. Fidelma war schon vorher aufgefallen, dass die meisten Geb�ude hierzulande aus r�tlichen Backsteinen bestanden, sie schienen das bevorzugte Baumaterial der R�mer gewesen zu sein. Das machte einen v�llig anderen Eindruck als die Bauten aus Steinbl�cken und Holz bei ihr zu Hause. Die Halle bekam gen�gend Licht durch eine Reihe hoher Fenster, es war aber drinnen im Gegensatz zu der Hitze drau�en verh�ltnism��ig k�hl.</p><p>Auf den ersten Blick schien der Saal leer. Dann jedoch vernahm sie ein leises Knurren und bemerkte links und rechts von dem thronartigen Stuhl zwei Jagdhunde. Sie lagen mit erhobenem Kopf und ausgesteckten Vorderpfoten und beobachteten wachsam die beiden Besucher. Kakko machte noch einen Schritt in das Rauminnere und blieb dann stehen.</p><p>Aus einem offenen Durchgang betrat ein Mann den Saal, ging zu dem Prunksessel und lie� sich hineinfallen. Er war von beachtlicher Leibesf�lle, doch wie der Verwalter sehr muskul�s, was darauf hindeutete, dass er mehr ein Krieger als ein Mensch gen�sslicher Lebensf�hrung war. Gro� war er nicht, eigentlich nur von durchschnittlicher Gr��e, und ein gutaussehender Mann war er auch nicht, zumindest nicht in Fidelmas Augen. Er hatte einen Vollbart und trug das blonde Haar lang. Soweit sie es �berhaupt feststellen konnte, hatte er helle Augen und sah frisch und gesund aus. Sie sch�tzte ihn auf einen Mann in mittleren Jahren. Einen freundlichen Eindruck machte er auf sie nicht. Das bewies auch seine barsche Handbewegung, mit der er sie und den Verwalter unwillig heranwinkte.</p><p>Kakko kam der Aufforderung nach, blieb kurz vor dem Podest stehen, verbeugte sich und vergewisserte sich mit einem Seitenblick, ob Fidelma seinem Beispiel folgte. Sie tat es nicht. Sie blieb zwar neben ihm stehen, sah aber den Seigneur nur herausfordernd an.</p><p>�Das ist die Person, die sich Fidelma nennt, mein Lord�, erkl�rte Kakko.</p><p>Die blassen Augen ruhten auf Fidelma.</p><p>�Man sagt mir, du seiest eine fromme Schwester aus Hibernia�, fing der Mann auf Latein an und sprach es flie�end, als w�re es seine Muttersprache.</p><p>�Und du bist �?�, gab sie k�hn zur�ck. Seine anma�ende Art brachte sie auf.</p><p>Kakko hielt vor Schreck den Atem an � wie konnte sie sich erdreisten, seinem Herrn nicht die n�tige Demut zu zeigen? Dessen Augen weiteten sich etwas, dann hob er tr�ge die Hand und gab seinem Verwalter zu verstehen, er solle f�r ihn antworten.</p><p>�Du stehst vor Grasulf, dem Sohn des Gisulf, Seigneur von Vars�, verk�ndete er lautstark. �Es kommt einer Beleidigung gleich, sich nicht vor ihm zu verbeugen, selbst wenn du eine Fremde bist.�</p><p>�Seigneur von Vars?�, wiederholte Fidelma, als m�sse sie sich �ber Rang und Titel klarenwerden, um gleich darauf k�hl und mit Nachdruck zu erkl�ren: �Dann sollst du, Grasulf, Sohn des Gisulf, wissen, ich bin Fidelma von Cashel, gelegen im Land Hibernia, Tochter des K�nigs Failbe Flann von Muman.�</p><p>Nur kurz starrte Kakko sie an und meinte dann mit b�sem Grinsen: �Dachte ich mir doch gleich, so, wie sie auftritt, ist sie nicht nur eine Nonne.�</p><p>�Ist es der Tochter eines K�nigs verboten, Mitglied einer Schwesternschaft zu sein?�, gab sie kurz angebunden zur�ck und versuchte, eine �bersetzung f�r den Titel eines <emphasis>d�laigh</emphasis> zu finden. �Dar�ber hinaus wirke ich in meinem Land als <emphasis>procurator</emphasis>.�</p><p>Grasulf beugte sich vor und betrachte sie � neugierig geworden � unter zusammengezogenen Augenbrauen. �Prinzessin, Nonne und Rechtspflegerin, alles in einem? Das soll m�glich sein?� Seine Stimme klang ironisch.</p><p>�Sehr wohl, alles in einem�, erwiderte sie kalt.</p><p>�Bring einen Stuhl f�r Fidelma aus Hibernia�, wies der Seigneur von Vars seinen Verwalter an. �Und dann hol Wein.�</p><p>Kakko eilte durch den Raum und schaffte den Stuhl herbei.</p><p>�Mein Verwalter hatte recht, in dir eine Person von Rang und Namen zu vermuten�, sagte Grasulf. �Weshalb hast du ihm das verschwiegen?�</p><p>�Das, was er wissen musste, habe ich ihm gesagt, dass ich nur als Gast in eurem Land bin und ein paar Tage hier verbringe, um in der Abtei Bobium meinen alten Mentor zu besuchen.�</p><p>�Du meinst den Mann, mit dem du unterwegs bist, den <emphasis>scriptor</emphasis> von Bobium?�</p><p>�Nein, Bruder Eolann meine ich nicht. Er hat mir nur oben auf dem Monte P�nas die heilige Zufluchtst�tte von Colm B�n gezeigt, wo uns deine M�nner dann verschleppt haben.�</p><p>Kakko hatte den Stuhl neben ihr abgestellt, und sie machte es sich bequem. Dann ging der Verwalter zu einem Seitentisch und holte von dort zwei irdene Becher und eine gro�e glasierte Karaffe mit Rotwein.</p><p>�Colm B�n?�, fragte Grasulf, denn er wusste mit dem Namen nichts anzufangen.</p><p>�Ihr nennt ihn hier Columbanus. Er hat die Abtei von Bobium gegr�ndet.�</p><p>�Ach so, der. Von dem habe ich geh�rt, der ist schon lange tot. Und wen, wenn nicht den <emphasis>scriptor,</emphasis> hast du in Bobium besucht?�</p><p>�Bruder Ruad�n, er ist erst vor kurzem gestorben.�</p><p>Kakko f�hlte sich zu Erl�uterungen verpflichtet. �Ich bin diesem Bruder Ruad�n einmal begegnet, mein Herr. Er war schon ziemlich alt. Wanderte bis nach Placentia und predigte �berall gegen den christlichen Glauben der Arianer.�</p><p>Lord Grasulf lie� sich von Kakko einen Becher Wein reichen und trank begierig, ehe er das Gespr�ch fortf�hrte.</p><p>�Er ist tot, sagst du?�</p><p>�Ja�, best�tigte Fidelma. �Und jetzt verlange ich, dass man mich und meinen Gef�hrten, Bruder Eolann, freil�sst, damit wir nach Bobium zur�ckkehren k�nnen und ich meine Reise in mein Heimatland fortsetzen kann.�</p><p>�Freilassen?� Grasulf lehnte sich zur�ck und sah sie verdrossen an. �So einfach geht das nicht, edle Dame. Wir leben in unruhigen Zeiten, und die Menschen sprechen nicht immer die Wahrheit. Wer will da schon wissen, was dich und deinen Gef�hrten tats�chlich auf den P�nas getrieben hat, von wo man das Tal bestens �berblickt? Vielleicht habt ihr herumspioniert?�</p><p>Trotzig reckte Fidelma das Kinn. �Ich habe dir die Wahrheit gesagt. Es verh�lt sich so und nicht anders.�</p><p>�Wir werden ja sehen.�</p><p>�Ich verwahre mich ��</p><p>�Wogegen, edle Dame? Ich bin der Seigneur von Vars, und du hast niemanden hier, der dich vertreten kann, weder aus angeborenem Recht noch vom Gesetz oder deiner Religion her.�</p><p>�Nicht von meiner Religion her? Darf ich das so verstehen, dass ihr hier alle Anh�nger des Arius seid?�</p><p>Zum ersten Mal verzog sich Grasulfs Gesicht zu einem breiten Grinsen, w�hrend Kakko wieder sein br�llendes Gel�chter loslie�. Ehe Grasulf sich zu einer Antwort anschickte, nahm er einen weiteren gewaltigen Schluck Wein, woraus Fidelma schloss, dass er dem Trinken nicht abgeneigt war.</p><p>�Edle Dame, wir sind echte Langobarden und haben unseren eigenen Glauben. Wir verehren Godan, den Vater aller G�tter, K�nig von Asgard, Herrscher der Asen, Herr �ber Krieg, Tod und Wissen. Er ist unser wahrer Gott und Besch�tzer.�</p><p>Ohne dass sie es wollte, hielt Fidelma erschrocken den Atem an. �Dann seid ihr also Heiden?�</p><p>�Wir haben nur einen anderen Gott als ihr.�</p><p>Es dauerte einen Augenblick, bis sie die Auskunft in sich aufnahm.</p><p>�Wie lange gedenkst du uns hier gefangen zu halten?�, fragte sie dann. �Und wo ist Bruder Eolann? Ich hoffe, ihm ist nichts geschehen.�</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, erkl�rte Kakko fr�hlich. �Mein Herr hat ein kleines <emphasis>scriptorium,</emphasis> und just dort befindet sich auch dein Gef�hrte. Der <emphasis>scriptor</emphasis> meines Herrn ist vor einigen Monaten gestorben, und seitdem hat sich niemand mehr um die B�cher gek�mmert.�</p><p>�Demnach habt ihr die Absicht, uns auf unbestimmte Zeit festzuhalten?�</p><p>�Bis ich mich vergewissert habe, dass ihr keine Bedrohung darstellt.�</p><p>�Bedrohung f�r wen?�</p><p>�Eine Bedrohung f�r den Frieden und das Wohlergehen meiner Leute.�</p><p>�Wen f�rchtest du, Grasulf, doch wohl nicht eine harmlos umherwandernde Frau und einen <emphasis>scriptor</emphasis>?�, h�hnte sie. �Eher k�nnte es dieser Perctarit oder auch Grimoald sein, die wegen des K�nigtums hier in Streit liegen.�</p><p>�Ich habe keinen Grund, weder den einen noch den anderen zu f�rchten�, erwiderte er gleichm�tig. �Ich halte zu dem, der gut zahlt.� Er g�nnte sich einen weiteren Schluck, merkte aber gleichzeitig, dass Fidelmas Becher noch so gut wie unber�hrt war. �Du trinkst ja gar nicht, edle Dame. Magst du den k�stlichen Traubensaft nicht?�</p><p>�Ich mag die Freiheit weit mehr. Wenn man mich und meinen Gef�hrten hier l�nger als Gefangene h�lt, appelliere ich an deine Ritterlichkeit, uns fortan nicht in das muffige Verlie� zu schlie�en.�</p><p>Jetzt war auch Grasulf versucht zu lachen. �Was schwebt dir vor? Dass ich euch au�erhalb der Mauern meiner Burg frei herumlaufen lasse?�</p><p>�Wir werden die Grenzen deiner Burg respektieren. Wir brauchen aber einen Ort, wo Geist und K�rper Ruhe haben � ein <emphasis>herbarium,</emphasis> ein gr�nes Pl�tzchen, wo wir entspannen k�nnen und der Geist Anregung findet. G�nn uns ein wenig Freiheit au�erhalb von Zellen und Bibliotheken. Ich bitte darum als Tochter eines K�nigs in meinem Land, denn gewiss gilt auch bei euch der Grundsatz, solange ein K�nig in seinem eigenen K�nigreich stark und unangefochten ist, sollte er anderen seinen Respekt zollen. Du hast vorhin selbst gesagt, dass du in deinem Territorium stark und unangefochten bist, folglich erwarte ich, dass du entsprechend handelst.�</p><p>�Bei uns gilt der Grundsatz, nicht erst warten, bis die K�ken geschl�pft sind, lieber die Eier festhalten, mit anderen Worten, �bertriebene Vorsicht schadet nichts.� Er drehte sich zu Kakko, redete in der Sprache der Langobarden hastig auf ihn ein, wedelte ihn mit einer fl�chtigen Handbewegung fort und f�llte sich erneut den leeren Becher.</p><p>Fidelma war sich unsicher � sollte sie nach Freifrau Gunora fragen, ob seine M�nner sie get�tet hatten und ob der junge Prinz hier auf der Festung gefangen gehalten wurde? Doch sie lie� davon ab, sie musste erst mehr in Erfahrung bringen. Wenn der Seigneur von Vars die Freifrau Gunora tats�chlich ermordet und den Knaben entf�hrt hatte, w�rde er auch keine Gewissensbisse haben, sie und Bruder Eolann umzubringen. Auch besch�ftigte sie der Gedanke an die beiden M�nner, die das Symbol eines flammenden Schwerts im Lorbeerkranz trugen und die sie tags zuvor gesehen hatte. Wenn es die gleichen waren, die Magister Ado �berfallen hatten, was suchten sie dann in einer Festung von Heiden? Das und vieles mehr ging ihr durch den Kopf.</p><p>Kakko f�hrte sie nicht in das Verlie� zur�ck, sondern nahm einen anderen Weg. Beim �berqueren des kleinen Innenhofes gluckste er immer noch vergn�gt vor sich hin.</p><p>�Du hast meinen Herrn beeindruckt, kleine Schwester. Morgens wirst du deine Zelle verlassen d�rfen und erst abends dorthin zur�ckkehren. Den Tag �ber wirst du in der Bibliothek verbringen. Gleich daneben gibt es ein kleines Freigel�nde, wo du dich ein wenig bewegen kannst. An dessen hinterem Ende findest du eine T�r, da geht es zum <emphasis>necessarium</emphasis>.� Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. �Gib dich nicht falschen Hoffnungen hin, kleine Schwester. Auf drei Seiten ist das Gel�nde von Festungsmauern umgeben, und die vierte Seite � na ja, wenn du Fl�gel h�ttest wie Huginn und Muninn, dann k�nntest du wegfliegen.�</p><p>�Fl�gel wie wer?�</p><p>�Hast du nicht die geschnitzten Raben auf dem Stuhl meines Herrn gesehen? Das sind Huginn und Muninn, die Raben, die unseren gro�en Gott Godan bewachen.�</p><p>Fidelma ersparte sich eine Antwort. Schon arbeitete in ihr der Gedanke, dass es vielleicht doch eine Chance zur Flucht gab, wenn man sie nicht l�nger in dem kleinen Raum festhielt, in dem man Platzangst bekam. Sie gingen �ber den gro�en Hof, den sie schon kannte, aber in eine andere Richtung.</p><p>�Du hattest versprochen, uns die Mantels�cke zur�ckzugeben. Da sind pers�nliche Dinge drin, die wir gerne h�tten, um uns den Aufenthalt hier etwas angenehmer zu gestalten. Man wei� ja nicht, wie lange sich der hinziehen wird.�</p><p>Kakko grinste. �Kein Problem. Ihr bekommt sie zur�ck.�</p><p>Er �ffnete eine T�r in einem Eckturm. Gleich dahinter bogen sie nach links ab, und dort f�hrten T�ren aus dunklem Holz in einen gro�en Raum, in dessen Mitte ein langer Tisch stand. Ringsum an den W�nden waren Regale, vollgepfropft mit Buchrollen und B�nden. Fidelma schaute sich um. Von zu Hause war sie weit gr��ere Bibliotheken gewohnt, in denen die Handschriften in Buchtaschen an Haken hingen und nicht in Regale gezw�ngt waren. Am Tisch sa� Bruder Eolann, in eine Schriftrolle vertieft. Er blickte auf und war mit sich und der Welt sichtlich zufrieden.</p><p>�Es ist f�rwahr erstaunlich, Lady�, begr��te er sie, blieb sitzen und tippte auf die dicke Schriftrolle.</p><p>�Erstaunlich nenne ich etwas anderes�, erwiderte sie. Ihre Augen wanderten zu den hohen Fenstern, die etwas Tageslicht hereinlie�en; aber um dabei lesen zu k�nnen, reichte es nicht. Es gab Kerzen und auch eine �llampe, und �berall lagen Schreibutensilien herum. Am hinteren Ende hatte die Bibliothek noch eine zweite T�r.</p><p>�Wenn du dort hinten hinausgehst, findest du eine ziemlich gro�e Fl�che, die oft f�r sportliche �bungen genutzt wird�, erkl�rte ihr Kakko. �Nur m�chte ich dich warnen, nicht zu nahe an den Rand zu gehen, denn bis ins Tal hinunter ist es ganz sch�n tief.� Er grinste, ging und sperrte hinter sich die T�r mit einem Schl�ssel zu.</p><p>�Mit �erstaunlich� habe ich das hier gemeint, Lady.� Bruder Eolann zeigte erneut auf die Schrift, die ihn fesselte, Kakkos Bemerkung war ihm entgangen.</p><p>Fidelma war damit besch�ftigt, die quasi Haftbedingungen der Bibliothek eingehender zu betrachten, und fragte mehr nebenbei: �Was hast du denn da Besonderes entdeckt?�</p><p><emphasis>�Origo gentis Longobardorum.�</emphasis></p><p>�Der Ursprung der Langobarden?�</p><p>�Genau. Der Titel war mir nicht unbekannt, aber das Werk als solches habe ich noch nie in H�nden gehabt. Man erf�hrt daraus, wie die G�tter Godan und Freda die Langobarden von ihren unr�hmlichen Herrschern befreit haben, so dass sie gen S�den ziehen und sich das Land hier zu eigen machen konnten.�</p><p>�Ein ziemlich altes Buch also.� Sie war immer noch mehr auf die neue Umgebung fixiert.</p><p>��lter als zwanzig Jahre wohl nicht. K�nig Rothari soll die Sagen zusammengetragen haben, der Gro�vater von Godepert und Perctarit.�</p><p>�Schon wieder dieser Perctarit?�</p><p>�Ja. Ebender, der alles daransetzt, den Thron zur�ckzuerobern. Rothari starb vor zw�lf Jahren und hat darauf gedrungen, dass das Buch zustande kommt ebenso wie das <emphasis>Edictum Rothari,</emphasis> die erste Niederschrift der Gesetze der Langobarden.�</p><p>Fidelma st�hnte ungehalten. �Ganz ehrlich, Bruder Eolann, all die fremden, kaum auszusprechenden Namen machen mich vollkommen wirr. Ich sehne mich nach dem Wohllaut unserer Sprache in Muman. Doch zur�ck zu den entscheidenden Dingen. Wie ist man dir begegnet? Hat man dich bei der Befragung in irgendeiner Weise grob behandelt?�</p><p>�Grob behandelt? Ach, du meinst Grasulf. Nein, er hat mir nichts getan. Er stellte allerlei Fragen, wollte wissen, was wir im Einzelnen gemacht haben. Und dann hat er mich hierher geschickt.� Er blickte auf die Schriftrolle vor sich. �Das erstbeste Buch, das mir vor Augen kam, war das hier. Und ich muss gestehen, sofort habe ich mich gefragt, haben wir es in unserer Bibliothek in der Abtei oder nicht?�</p><p>Fidelma wanderte forschend durch den Raum. �Wir sollten uns besser von Ausma� und Grenzen unseres Gef�ngnisses ein Bild machen�, schlug sie vor und ging zur T�r, auf die Kakko verwiesen hatte. Hast du dich schon mal drau�en umgeschaut?�</p><p>Betroffen sch�ttelte Bruder Eolann den Kopf. Sie �ffnete die T�r und trat ins Freie auf eine Terrasse. Auf drei Seiten ragten Burgmauern empor, die vierte hingegen gab den Blick frei auf Berge und Himmel in der Ferne. Eine niedrige, gemauerte Einfassung verhinderte einen versehentlichen Absturz in die Tiefe. Vereinzelt standen Pflanzen in K�beln herum und verliehen dem graugepflasterten Boden ein wenig Farbe.</p><p>Au�er der T�r, durch die sie aus der Bibliothek nach drau�en gelangt waren, gab es noch eine weitere, die aber, von der Terrasse aus gesehen, keine Klinke hatte. Fidelma steuerte auf sie zu und stemmte sich dagegen. Sie war genauso stabil gebaut wie die Mauer und von innen zugesperrt und verriegelt. Pr�fend schaute sie in die H�he. Es gab zwar ein paar hohe Fenster, aber selbst von dort oben h�tte man nicht mehr sehen k�nnen. So viel stand fest � sie waren von allen Seiten umzingelt.</p><p>Fidelma ging noch einmal zur Br�stung, Bruder Eolann tat es ihr nach. Ein Blick in die Tiefe belehrte sie, dass die Felswand steil nach unten ins Tal ging. An sich waren Berge und H�henunterschiede nichts Ungew�hnliches f�r sie, aber das hier machte sie schwindlig. Sie holte tief Atem und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Es sind sch�tzungsweise f�nfhundert Fu� bis zum Talgrund�, vernahm sie hinter sich eine bekannte Stimme, die das in Latein sagte.</p><p>J�h drehte sie sich um. Grasulf, Seigneur von Vars, stand in der f�r sie eben noch geheimnisvollen T�r.</p><p>�Eine beeindruckende Aussicht�, gab sie zu.</p><p>�Als Ausgang aus der Festung ist die Stelle dort nicht unbedingt zu empfehlen�, sagte Grasulf ernst. �Zumindest ist er nicht f�r unsere G�ste gedacht. Die niedrige Br�stung dient anderen Zwecken. F�r alle, die versuchen, uns an der Nase herumzuf�hren oder Verbrechen zu ver�ben, die gegen uns gerichtet sind, will sagen Diebe und M�rder, ist es der direkte Weg, den Ormet zu �berqueren und unmittelbar in den Armen der G�ttin Hel zu landen.�</p><p>Fidelma verstand nicht recht. �Gewisserma�en eine Hinrichtungsst�tte�, erl�uterte Bruder Eolann. �Die G�ttin Hel regiert �ber Helheim, ihre Unterwelt.�</p><p>�Dein Wissen imponiert mir, Bruder Eolann�, schmeichelte ihm der Seigneur von Vars. �Genau das habe ich gemeint. Ormet ist der Fluss, der Leben und Tod voneinander trennt. Aber wie gef�llt euch meine kleine Bibliothek? Die ganze Zeit, seit mein <emphasis>scriptor</emphasis> gestorben ist, habe ich jemand gesucht, der B�cher sch�tzt und mit ihnen umzugehen versteht. Fast habe ich den Eindruck, die Schicksalsm�chte haben euch zu mir gef�hrt.�</p><p>�Wenn du mit Schicksalsm�chten die Krieger meinst, die uns hierher verschleppt haben, k�nnte das so sein�, entgegnete Fidelma trocken. �Nur bezweifle ich, dass ich lange genug hier bin, um mich in deine B�cher zu vertiefen, Grasulf.�</p><p>Der Seigneur von Vars nickte befriedigt. �Ich habe es ewig nicht mehr mit einem geistreichen Menschen zu tun gehabt. Du wirst heute Abend mit mir speisen, ja, auch Bruder Eolann. Ihr k�nnt mir beim Mahl �ber das Leben jenseits dieser T�ler berichten. Ich schicke euch Kakko, der wird euch zu mir bringen. Bis dahin �berlasse ich euch meinen B�chern.�</p><p>Er wandte sich um und verlie� sie auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Sie h�rten, wie die T�r von der anderen Seite verriegelt wurde.</p><p>Fidelma ging noch einmal zur Br�stung.</p><p>�Was hast du vor?�, fragte Bruder Eolann besorgt.</p><p>�Will nur mal sehen, wie der Weg in den H�llenschlund tats�chlich aussieht�, gab sie zur�ck.</p><p>Sie blieb etliche Minuten dort stehen und tastete mit den Augen den schwindelerregenden Abfall zum Talgrund ab. Danach begab auch sie sich in die Bibliothek, wo Bruder Eolann schon wieder �ber die Schriftrolle gebeugt sa�, die es ihm so angetan hatte. Missbilligend sah sie ihn an, waren doch ihre Gedanken mehr auf etwaige Fluchtm�glichkeiten konzentriert. Dann aber fielen ihr die merkw�rdigen Geschehnisse in der Bibliothek von Bobium ein, und sie ging zu den Regalen.</p><p>�Hattest du mir nicht von irgendwelchen B�chern aus deiner Bibliothek erz�hlt, die man mutwillig besch�digt hat?�</p><p>�Ja. Wie kommst du darauf?�</p><p>�Kannst du dich an die Titel erinnern?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich habe dir doch erz�hlt, dass ich nach anderen Bibliotheken gesandt habe, um nach Kopien zu forschen, mit denen wir die besch�digten Exemplare ersetzen k�nnten.�</p><p>Fidelma war mit einem blendenden Ged�chtnis gesegnet. Zum Teil hatte sie es ihrer Ausbildung zur <emphasis>d�laigh</emphasis> zu verdanken. �Wenn ich mich recht erinnere, war das eine das Geschichtswerk des Livius <emphasis>Ab urbe condita libri</emphasis>.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Hier steht eine Abschrift.� Fidelma zeigte auf einen Buchr�cken. �K�nnte ja sein, du w�sstest gern, was auf den entfernten Seiten gestanden hat.�</p><p>Bruder Eolann nahm das Buch aus dem Regal und legte es auf den Tisch. �Das sieht nach einer exakten Kopie aus. Ich kann mich noch erinnern, wie es oben auf der Seite nach den herausgerissenen weiterging.�</p><p>�Aber welche Seiten genau fehlen, wei�t du sicher nicht.�</p><p>�Ich bilde mir durchaus etwas auf meine Berufsehre ein, Lady. Ich w�re ein schlechter Bibliothekar, wenn ich nicht w�sste, was in meiner Bibliothek Schaden genommen hat.� Bruder Eolann bl�tterte die Seiten aus festem Pergament um. Bei einer hielt er pr�fend inne und las dann laut: �<emphasis>Marcus triumphali veste in senatum venit</emphasis> � Das ist die Seite, die der herausgeschnittenen folgt.�</p><p>�Marcus betrat den Senat im Festgewand�, �bersetzte Fidelma. �Und was steht nun auf der Seite, die man entfernt hat?�</p><p>Er bl�tterte zur�ck. �Ah, hier beginnt�s. <emphasis>Caepionis, cuius temeritate clades accepta erat, damnati bona publicata sunt</emphasis>. Caepio, der durch sein unbesonnenes Vorgehen schuld an der Niederlage war, wurde verurteilt, und seine Besitzt�mer wurden konfisziert.�</p><p>�Das klingt, als handele es sich um einen Bericht von einer Schlacht und um die Rolle, die ein gewisser Caepio dabei gespielt hat.� Fidelma �berlegte. �Warum mag jemand eines solchen Berichts wegen bereit sein, Seiten aus einem Buch zu rei�en?�</p><p>Bruder Eolann zuckte mit den Schultern. �L�ngst vergangene Schlachten k�mmern mich wenig, Lady.�</p><p>Sie zog das Buch an sich und �berflog den Text. Auch f�r sie waren die Zeilen uninteressant. �Hier steht zu lesen, dass ein r�mischer Prokonsul namens Caepio in einer Schlacht, die bei Aurasio stattfand, einige Legionen befehligte. Der gr��ere Teil des Heeres unterstand dem Feldherrn Gnaeus Mallius Maximus. Caepio war offensichtlich ein Patrizier, und da Mallius Maximus kein Aristokrat war, weigerte er sich, sich ihm unterzuordnen und versagte seinem Vorgesetzten den Gehorsam. Er hielt es schlichtweg f�r unter seiner W�rde.</p><p>Als es dem Feldherrn gelang, mit dem feindlichen Heer einen Frieden auszuhandeln, hei�t es hier weiter, griff Caepio auf eigene Faust an. Im Ergebnis dessen wurden seine Legionen geschlagen und vernichtet, und nach dem Vertragsbruch fiel der Feind auch �ber die Heerscharen des Mallius her und vernichtete sie ebenfalls. An die einhundertundzwanzigtausend M�nner wurden abgeschlachtet. Caepio gelang es zu fliehen und nach Rom zu entkommen, doch in Rom war man au�er sich ob des Ausgangs der Schlacht. Man stellte Caepio vor Gericht und verurteilte ihn wegen seines Fehlverhaltens. Nur seiner aristokratischen Stellung war es zu verdanken, dass er mit dem Leben davonkam; man schickte ihn jedoch ins Exil, und all sein Hab und Gut wurde konfisziert.� Fragend blickte Fidelma den <emphasis>scriptor</emphasis> an. �Wann mag das Ganze geschehen sein? Kannst du das dem Text entnehmen?�</p><p>Bruder Eolann beugte sich �ber ihre Schulter und wies auf winzige Buchstaben und Ziffern am Seitenrand. �Hier steht <emphasis>Anno urbis conditae</emphasis> sechshundertachtundvierzig�, las er mit einiger M�he vor, �das w�re nach unserer Rechnung ungef�hr hundert Jahre vor Christi Geburt.�</p><p>�Viel weiter hilft uns das nicht; hinter den Grund, weshalb man ausgerechnet dieses Textst�ck herausgeschnitten hat, kommen wir damit nicht.� �rgerlich verzog Fidelma das Gesicht. �Vielleicht sollten wir nach dem Polybius suchen und sehen, ob in dem Werk auf die gleiche Schlacht und diesen Caepio Bezug genommen wird. Ob das so entscheidend ist, fragt sich jedoch. Kann ja auch sein, es war nur vors�tzlicher Vandalismus.�</p><p>Im T�rschloss drehte sich ein Schl�ssel, und Kakko erschien.</p><p>�Seigneur Grasulf hat mir gesagt, er h�tte euch eingeladen, mit ihm zu speisen. Ich habe mir die Freiheit genommen, ein Bad f�r euch vorzubereiten und Kleidung zum Wechseln hinzulegen, denn ich habe geh�rt, dass die Hibernianer t�glich ein Bad nehmen m�ssen.�</p><p>Fidelma hatte sich die ganze Zeit verschwitzt und unwohl in der Hitze gef�hlt. Nun aber, da die Rede davon war, wurde ihr bewusst, dass sie, seit sie Bobium verlassen hatte, keine Gelegenheit zum Baden gehabt hatte.</p><p>�Das ist sch�n�, sagte sie nur.</p><p>�Der Seigneur von Vars ist peinlich genau bei der Wahl seiner G�ste und deren Reinlichkeit�, stichelte Kakko grinsend</p><p>�Die mangelnde K�rperpflege haben wir seinen Kriegern zu verdanken, die uns gegen unseren Willen hierher verschleppt haben�, gab Fidelma scharf zur�ck. �Und auch unserem Eingesperrtsein in einem Verlie� ohne ��</p><p>�Eure Mantels�cke sind bereits da, wo ihr sie haben wolltet�, schnitt ihr Kakko das Wort ab, der einsah, dass er ihr verbal nicht das Wasser reichen konnte. �Vielleicht macht euch das euer Hiersein ertr�glicher. Ich lasse mich bald wieder blicken und zeige euch, wo ihr ein Bad nehmen und euch umkleiden k�nnt.�</p><p>�Es w�rde unser Hiersein ertr�glicher machen, wenn du f�r getrennte Zellen sorgen k�nntest, es ist um des Anstands willen. Wir sind nicht Mann und Frau, als dass man uns zusammensperren k�nnte. Zu manchen Stunden ist eine Trennung angebracht. Oder geht eure F�rsorge um Reinlichkeit nicht so weit?�</p><p>Der wuchtige Mann blickte sie verdrie�lich an, hielt es f�r besser, nichts zu sagen, und ging, nicht ohne die T�r ger�uschvoll hinter sich abzuschlie�en.</p><p>�Mir tut das alles sehr leid, Lady�, gestand Bruder Eolann kleinlaut.</p><p>�Wieso? Was tut dir leid?�</p><p>�Ich h�tte nicht vorschlagen d�rfen, an dem Heiligtum l�nger zu verweilen.�</p><p>�Wenn ich mich recht entsinne, war ich diejenige, welche es unbedingt sehen wollte. Und was unser l�ngeres Verweilen dort betrifft, so hatte das etwas mit Freifrau Gunora zu tun. Wir sollten �brigens dar�ber, dass wir die Leiche gefunden haben, Stillschweigen wahren. K�nnte sein, ihr M�rder ist dieser Seigneur von Vars. Es kann nur zu unserem Nutzen sein, wenn er sich in dem Glauben wiegt, wir w�ren ahnungslos.�</p><p>Unversehens erhob sie sich und ging zur T�r, die auf die Terrasse f�hrte, denn pl�tzlich war ihr ein anderer Gedanke gekommen.</p><p>�Wohin willst du?�, fragte Bruder Eolann.</p><p>�Keine Sorge, ich will nur noch mal einen Blick auf die Felswand werfen. Such du inzwischen nach dem Polybius. Vielleicht findest du heraus, ob auch dort das fehlende Textst�ck von diesem � wie hie� er doch � ach ja, Caepio, handelt.�</p><p>Nur halbherzig machte sich der <emphasis>scriptor</emphasis> an die Arbeit und durchforstete die Regale.</p><p>Als Fidelma zur�ckkehrte, schimmerte es unternehmungslustig in ihren Augen. �Bist du f�ndig geworden?�</p><p>�F�ndig?�, murmelte er, v�llig in seine Aufgabe vertieft.</p><p>�F�ndig mit Polybius.�</p><p>�Bisher nicht.� Er blickte auf und bemerkte ihre Erregung. �Was gibt es?�</p><p>�Mir ist da ein Gedanke gekommen ��, begann sie.</p><p>Sie kam nicht dazu, sich weiter auszulassen, denn wieder drehte sich der Schl�ssel im Schloss, und Kakko erschien.</p><p>�Das Bad ist bereitet�, verk�ndete er.</p><p>Eine m�rrisch dreinblickende Frau stand hinter ihm, um Fidelma zu dem Raum zu begleiten, in dem das Bad f�r sie gerichtet war. Zu ihrer Erleichterung ging Kakko mit Bruder Eolann zu einer anderen Zelle. Wohlig lie� sie sich ins warme Wasser in den Holzzuber gleiten, entspannte bei den angenehmen D�ften und �len und nahm sich Zeit, derweil ihre unfreundliche Begleiterin, die sich leider nur in der Sprache der Langobarden auszudr�cken verstand, ungeduldig wartete, dass sie fertig wurde. Es dauerte lange, bis Fidelma so weit war und erfrischt und mit sauberer Kleidung angetan der Frau zur�ck �ber den Hof folgte.</p><p>Pl�tzlich ert�nten Rufe, und die Burgtore wurden aufgerissen. Ein Reiter sprengte in den Hof und zerrte sein Pferd so gewaltsam an den Z�geln, dass es sich aufb�umte und mit den Vorderhufen wild in die Luft schlug. Der Reiter schwang sich vom Sattel, warf die Z�gel einem Bediensteten zu und eilte im Laufschritt auf die Haupthalle zu.</p><p>Fidelma blickte ihm nach, doch ihre Begleiterin schubste sie vorw�rts.</p><p>Bruder Eolann erwartete sie bereits in ihrem Verlie�.</p><p>�Wir sollen getrennte Zellen f�r die Nacht bekommen, hat man mir gesagt�, teilte er ihr etwas verlegen mit. �Man sei dabei, sie herzurichten.�</p><p>�Das ist ja wenigstens etwas�, meinte Fidelma mehr oder weniger teilnahmslos.</p><p>Nicht lange, und Kakko erschien und bedeutete ihnen, ihm zur gro�en Halle zu folgen. Dort war inzwischen ein Tisch gedeckt worden, und der Verwalter �bernahm nun die Rolle, die Dienerschaft umherzuscheuchen, die die Speisen aufzutragen und den Wein auszuschenken hatten.</p><p>�Es geschieht nicht oft, dass ich Reisende aus Hibernia in diesem Tal empfangen kann�, begr��te sie Grasulf und forderte sie auf, Platz zu nehmen. Offensichtlich w�rden sie das Mahl nur zu dritt einnehmen.</p><p>�Wie oft verschleppt ihr denn Reisende?�, fragte Fidelma trocken.</p><p>Vergn�gt nahm Grasulf ihre scharfe Erwiderung hin. �Ich glaube, in eurem Fall haben meine Leute gute Arbeit geleistet � sie haben mir Anregung f�r meinen Geist verschafft�, entgegnete er ernst. �Ich empfinde deine Antworten als �u�erst stimulierend. �brigens das Wildschwein hier� � er zeigte auf die Fleischplatte, die gerade auf den Tisch gestellt wurde �, �habe ich gestern erlegt.�</p><p>Er kommentierte die weiteren Gerichte, die aufgetischt wurden, und auch den Wein, den man reichte. Bruder Eolann war es zufrieden, dass sich die Unterhaltung zwischen Grasulf und Fidelma abspielte, und war vollauf damit besch�ftigt, Speis und Trank zuzusprechen. Der Seigneur von Vars hielt sich in erster Linie an seinen Weinbecher, den Kakko st�ndig nachf�llte. Er nahm nicht nur ab und an einen Schluck, sondern trank in vollen Z�gen wie ein Mann, dessen Durst nicht zu l�schen war.</p><p>�Vor Zeiten kamen Prediger von eurer Abtei in das Tal hier, um meine Leute zu bekehren�, sagte er sinnend. �Aber es gibt immer noch viele echte Langobarden, auch wenn wir weniger werden. Wir glauben an Godan und an die Kraft unserer Schwerter. �ber die Streitigkeiten unter euch Christen sind wir erhaben. Ob es um das Glaubensbekenntnis von Nic�a geht oder das des Arius � uns ist es gleich. Ebenso wie es keinen Unterschied macht, ob man durch das Schwert oder den Degen stirbt.�</p><p>�Du siehst den Glauben als einen Weg zum Tod?�, fragte Fidelma wissbegierig.</p><p>�Steht zu eurem Christus, wie ihr wollt. Er ist euer Gott, nicht meiner.� Grasulf versp�rte keine Lust, das Thema weiter zu er�rtern. �Wie habt ihr die Zeit in meinem kleinen <emphasis>scriptorium</emphasis> verbracht? Wie findet ihr meine Sammlung?�</p><p>�Wo es um Wissen geht, ist es immer interessant�, erwiderte Fidelma.</p><p>�Und was, zum Beispiel, hat dich besonders gefesselt?�</p><p>�Die Geschichte Roms.� Sie sagte es, ohne recht zu �berlegen, denn im Grunde genommen ber�hrte sie das Thema herzlich wenig.</p><p>�Ach, du meinst sicher den Livius.�</p><p>�Hast du sein Geschichtswerk gelesen?� Sie war �berrascht, merkte dann aber selbst, dass sie es zu unrecht war.</p><p>�Selbstverst�ndlich. Livius stammte aus Patavium, kein Wunder also, dass ich mich gerade mit Werken besch�ftige, die Schriftsteller aus dem Umfeld hier verfasst haben. Welche von ihm beschriebene Periode hatte es dir besonders angetan?�</p><p>�Es war ein Textst�ck �ber einen gewissen Caepio.�</p><p>Sie hatte nicht geahnt, welche Wirkung die Nennung des Namens hervorrief. Argw�hnisch blickte Grasulf sie an, dann warf er den Kopf zur�ck und gab ein gek�nsteltes Lachen von sich.</p><p>�Caepio? Du glaubst doch nicht etwa diese t�richte Geschichte �ber ihn? Mit was f�r Geschichten behelligst du da deine Gef�hrtin, Bruder Eolann?�</p><p>Fidelma drehte sich zu ihm um. Bruder Eolann war vor Verlegenheit rot geworden. �Mit was f�r Geschichten hast du mich behelligt?�, wiederholte sie leise die Frage in der Sprache ihrer beider Heimat.</p><p>Der <emphasis>scriptor</emphasis> reagierte geradezu heftig. �Was soll ich dazu sagen, Lady. Ehrlich, ich verstehe nicht, was er �berhaupt meint.�</p><p>Fidelma wandte sich wieder Grasulf zu. �Ich habe die Seite rein zuf�llig aufgeschlagen�, wich sie vorsichtig aus. �Bei welcher Geschichte h�tte ich aufmerken sollen?�</p><p>�Rein zuf�llig? Dabei ist der Kern der Geschichte sogar zu einer sprichw�rtlichen Redensart geworden.�</p><p>�Ich wei� immer noch nicht, worauf du anspielst.�</p><p>�Was sagt man, wenn es jemand unrechtm��ig zu Reichtum gebracht hat � Reichtum, der einen Fluch nach sich zieht?�</p><p>Umgangssprachliches Latein war Fidelma nicht gel�ufig. Sie erhoffte sich von Bruder Eolann Hilfe, aber der sch�ttelte nur den Kopf. Es blieb ihr nichts �brig, als Grasulf um Aufkl�rung zu bitten.</p><p>�Man spricht von einer Person, die das Gold von Tolosa hat � <emphasis>Aurum Tolosanum habet</emphasis>�, erl�uterte der Seigneur von Vars.</p><p>�Und was hat das mit diesem Caepio zu tun?�</p><p>�Er war in fr�heren Zeiten der Statthalter des Gebiets hier und marschierte mit seinen Legionen in Gallien ein. Es hei�t, in der Stadt Tolosa h�tte er sich eines sagenhaften Schatzes bem�chtigt. Dann soll er den Goldschatz in seine Heimatstadt nach Placentia geschafft haben, wo er ihn sicher glaubte. Aber er verschwand. Manche reden sogar heute davon, er h�tte das Gold hier irgendwo in den Bergen versteckt. Und es gibt auch Narren, die ab und zu behaupten, sie h�tten Gold aus Caepios Schatz gefunden.�</p><p>�In dem Textst�ck, das ich bei Livius gelesen habe, ist aber nur die Rede davon, dass durch sein unbesonnenes Vorgehen ganze r�mische Legionen vernichtet wurden.�</p><p>�In der Geschichte hei�t es weiter, dass seine Legionen vor der eigentlichen Schlacht Tolosa gepl�ndert und sechsundvierzig Wagen mit Gold und anderen Sch�tzen fortgeschleppt und hier irgendwo sichergestellt h�tten.�</p><p>�Und die sind allesamt verschwunden?�</p><p>�Einfach weg�, best�tigte Grasulf. �Doch es geht uns nicht um mythisches Gold, oder, Bruder Eolann? F�r einen Beutel Frankengold w�ren in den T�lern hier nur allzu viele Herrscher bereit, ihre M�nner wie W�lfe loszuhetzen und �ber Grimoald und seine Getreuen herzufallen.�</p><p>Auf Bruder Eolanns Gesicht breitete sich Unbehagen aus. �Ich wei� dazu nichts zu sagen�, murmelte er.</p><p>�Die Geschichte von dem Gold ist in aller Leute Munde�, meinte Grasulf und griff erneut zu seinem Becher Wein. Damit war das Thema f�r ihn beendet.</p><p>Fidelma wartete einige Augenblicke, ehe sie eine andere Frage stellte, von der sie sich Kl�rung versprach.</p><p>�Ich habe vorhin einen Reiter in die Festung st�rmen sehen, der ganz offensichtlich einen beschwerlichen und schnellen Ritt hinter sich hatte. Ich vermute, er hat wichtige Nachricht �ber die Unruhen gebracht, die im Land herrschen?�</p><p>Der Seigneur von Vars betrachtete sie nachdenklich �ber den Becherrand. �Du hast eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe, Lady.� Schwang da ein gef�hrlicher Unterton in seiner Stimme mit?</p><p>�Dinge wahrzunehmen, geh�rt zu meinem Beruf.�</p><p>�Die �bermittelte Nachricht l�sst in der Tat aufhorchen. Lupus von Friuli, Grimoalds Regent in den n�rdlichen Gebieten hier, hat mit seinem Heer eine Niederlage erlitten.�</p><p>�Hatte sich Lupus nicht gegen Grimoald gewandt?�</p><p>�Das stimmt. Du hast ein waches Ohr und ein gutes Ged�chtnis.�</p><p>�Ich kann nur wiederholen, zu meiner Ausbildung geh�rt es, sehen zu lernen und Dinge zu behalten.�</p><p>�Wie wurde er geschlagen?�, fragte Bruder Eolann. Er schien besorgt.</p><p>�Lupus, wie du wei�t, hatte sich entschlossen, gegen Grimoald aufzustehen und sich f�r Perctarit entschieden. Grimoald schloss ein Abkommen mit Khagan, dem Khan Kubrat ��</p><p>�Die Namen sagen mir gar nichts�, unterbrach ihn Fidelma gereizt.</p><p>�Khagan herrscht �ber die Awaren, die n�rdlich und �stlich von uns angesiedelt sind, in den Gebieten, die fr�her unter dem Namen Illyria bekannt waren. Sie sind in unsere Gebiete eingefallen und wollten Lupus bezwingen. Der Reiter, den du gesehen hast, �berbrachte die Nachricht, Lupus h�tte sich mit seinen K�mpfern vier Tage lang in Friuli gegen die Awaren gehalten. Er erlag ihnen, ist tot, und seine Truppen sind vernichtet beziehungsweise in alle Winde verstreut.�</p><p>�Das ist doch dann aber ein gutes Zeichen f�r Grimoald, oder?�, schlussfolgerte Fidelma.</p><p>�Nur, wenn der Khan das Abkommen respektiert. Im Augenblick ist das gesamte Tal des Padus gegen einen Vormarsch der Awaren ungesch�tzt. In der Hinsicht k�nnte Grimoald einen Fehler gemacht haben. Grimoald war Richtung S�den gezogen, um gegen die Byzantiner zu k�mpfen. Also bewegt er sich jetzt auf dem R�ckzug nach Norden. Es hei�t aber, Perctarit steht mit seinen fr�nkischen Verb�ndeten bereits n�rdlich von Mailand, und das ist nicht weit von hier. Blut, Feuergewalt und Pl�ndereien �berziehen das Land. Wir m�ssen auf der Hut sein. Das ist der Grund, weshalb Fremde angehalten und befragt werden.�</p><p>�Das alles hat aber nichts mit mir zu tun und gibt keinen Anlass, mich und meinen Landsmann auf deiner Festung gefangen zu halten. Du solltest uns in Frieden und sicheren Weges nach Bobium zur�ckkehren lassen.�</p><p>�Du bestehst hartn�ckig auf deinem Anliegen, edle Dame. Aber ich habe mich noch nicht davon �berzeugen k�nnen, dass ihr nicht eine Bedrohung f�r mich oder meine Leute darstellt.�</p><p>Kakko erschien mit zwei Bediensteten, die unter seiner Aufsicht begannen, den Tisch abzur�umen.</p><p>Grasulf erhob sich und erkl�rte mit einem halbherzigen L�cheln: �Ich hoffe, wir haben noch mehrfach die Gelegenheit zu einem anregenden Gedankenaustausch.�</p><p>�Ich wiederum hoffe, es bleibt bei dieser einmaligen Gelegenheit�, erwiderte Fidelma und stand ebenfalls auf.</p><p>Er lachte sarkastisch. �Du wiegst dich vergeblich in solch einer Hoffnung. Doch deine K�hnheit ist herzerfrischend, edle Dame. Bei uns gibt es die Redensart, Frauen haben eine spitze Zunge. Ich denke aber, ich kann mich da mit dir messen.�</p><p>�Auch wir haben eine Redensart: Ein K�ter bellt da laut, wo er sich sicher f�hlt.�</p><p>Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich zusehends, und zu Kakko gewandt, erkl�rte er: �Geleite unsere G�ste zu ihren Unterk�nften.�</p><p>Der kraftstrotzende Verwalter ging auf sie zu und f�hrte sie zu den T�ren, die er vehement �ffnete.</p><p>Ein gro�gewachsener Mann, angetan mit einem langen schwarzen Gewand, war im Begriff, die Halle zu betreten. Er hatte schlohwei�es Haar, eine vorstehende Nase und d�nne, blutleere Lippen. In seinen dunklen Augen erkannte man so gut wie gar keine Pupillen.</p><p>Er zuckte zusammen, als er Fidelma sah, und trat �berrascht einen Schritt zur�ck.</p><p>Auch sie erkannte ihn.</p><p>Kakko war der Moment des gegenseitigen Erkennens entgangen, obwohl er sich umdrehte, um Bruder Eolann zum Weitergehen zu dr�ngen. Fidelma und der <emphasis>scriptor</emphasis> leisteten ihm Folge, keiner verlor ein Wort gegen�ber dem Neuank�mmling, und auch er sagte nichts.</p><p>Es war Suidur der Weise, der Arzt Radoalds, des Seigneurs von Trebbia, an dem sie schweigend vorbeigingen.</p></section><section><title><p>KAPITEL 13</p></title><p>Drau�en befahl Kakko einem verdrie�lich dreinschauenden Krieger, sie zur�ck in ihr Verlie� zu bringen. Fidelma nutzte die Gelegenheit, Eolann in ihrer Sprache zu fragen: �Hast du gesehen, wer das war?�</p><p>�Ich habe den Mann nicht erkannt. Weshalb fragst du?�</p><p>�Es war der Arzt von Radoald, dem Seigneur von Trebbia.�</p><p>�Mir ist nichts an ihm aufgefallen. Ich bin ihm nie begegnet, habe ihn nur einmal aus der Entfernung gesehen.� Dennoch schien Bruder Eolann �berrascht zu sein. �Was sucht ausgerechnet er hier? Ich h�tte nie gedacht, dass Radoald etwas mit diesem Grasulf gemein hat.�</p><p>Fidelma musste an die Gruppe im Hof von Radoalds Festung denken, die sie beobachtet hatte, und daran, wie Suidur mit den beiden gro�en M�nnern in schwarzen Umh�ngen gesprochen hatte, die m�glicherweise die gewesen waren, die Magister Ado �berfallen hatten. Und nun tauchte dieser Suidur auf der Festung des Seigneurs von Vars auf. Hatte das eine mit dem anderen zu tun, und wenn ja, wie?</p><p>�Ich habe eine Idee ��, begann sie, aber da waren sie schon an der T�r zu ihrer Gef�ngniszelle. Der W�chter wies nur auf Fidelma, bedeutete ihr, hineinzugehen, und verriegelte hinter ihr die T�r. Drinnen hatte man bereits eine Lampe f�r sie angez�ndet. Sie h�rte, wie der W�chter Bruder Eolann anherrschte, und gleich darauf fiel ger�uschvoll eine T�r zu. Was sie hatte sagen wollen, w�rde nun also bis zum n�chsten Morgen warten m�ssen, wenn man sie und Bruder Eolann wieder in Grasulfs <emphasis>scriptorium</emphasis> lie�, wo sie frei w�rden reden k�nnen.</p><p>Sie machte die wenigen Schritte zum Bett, als sie deutlich und ganz aus der N�he Eolanns Stimme vernahm. �Kannst du mich h�ren, Lady?�</p><p>Flugs schaute sie sich um, konnte aber nichts ausmachen.</p><p>�Ich h�re dich, ja. Wo bist du?�</p><p>�In der Wand hier ist ein Gitter. Ich vermute, ich stecke direkt nebenan.�</p><p>Die Stimme kam tats�chlich irgendwie aus der Wand. Jetzt erkannte auch sie unmittelbar �ber dem Kopf ein kleines Gitter.</p><p>�Ich sehe das Gitter, ja.�</p><p>�Gut. Man hat uns zwar getrennt, aber wir k�nnen wenigstens miteinander sprechen.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Du sagtest vorhin, du h�ttest eine Idee�, fing Bruder Eolann an.</p><p>�Was f�r eine, willst du wissen?� Fidelma ging dicht an die Wand. �Wie wir fl�chten nat�rlich.�</p><p>Kurzes Schweigen auf der anderen Seite. Dann: �Du musst schon entschuldigen, Lady, einen �hnlichen Gedanken hatte ich, als man uns am Monte P�nas gefangen nahm. Von hier aber ist kein Entrinnen m�glich, und wenn du eine Flucht vom <emphasis>scriptorium</emphasis> aus erw�gst, dann m�ssten wir tats�chlich fliegen k�nnen, wie der Verwalter sp�ttisch meinte.�</p><p>�Oder aber wir klettern�, gab Fidelma unbeirrt zur�ck.</p><p>Bruder Eolann hielt den Atem an. �Wie stellst du dir das vor? Klettern? Wo denn?�</p><p>�Du bist doch ein guter Kletterer, nicht wahr? Ich habe mich selbst davon �berzeugen k�nnen, als wir uns unter dem gef�hrlichen Vorsprung am Monte P�nas weiterhangelten.�</p><p>�Das ist nicht mit der senkrechten Felswand hier zu vergleichen. Da hinunterzuklettern, kannst du vergessen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Erstens sind wir hier eingesperrt. In die Bibiliothek l�sst man uns nur tags�ber; selbst wenn wir so tollk�hn w�ren und den Abstieg wagten, w�rde man uns im Hellen sofort entdecken. Au�erdem brauchten wir zur Flucht ein wenig mehr als das, was wir auf dem Leib haben, erst recht, wenn wir es tats�chlich bis hinunter ins Tal schaffen w�rden. Wie willst du Kakko davon �berzeugen, dass wir in der Bibliothek unsere Mantels�cke ben�tigen? Und was, wenn wir wie durch ein Wunder die Talsohle erreichen? Dort unten ist eine kleine Siedlung, und wenn uns da nicht ohnehin schon Krieger erwarten, so gibt es gen�gend andere, denen wir auffallen d�rften.�</p><p>Fidelma lie� sich seine Bedenken durch den Kopf gehen. �Deine Einw�nde sind berechtigt. Und doch ist es besser, die Gelegenheit zu nutzen und nichts unversucht zu lassen. Meiner Meinung nach ist der Abstieg machbar. Von der Mitte der Terrasse aus gesehen erscheint es einem als unm�glich, da ist blo�er Abgrund. Darum werfen sie ihre zum Tode verurteilten Gefangenen auch just von der Stelle hinunter. Aber ich habe mir die Ecken angeschaut, besonders die, wo man den Eindruck hat, ein St�ck von der Bibliothekswand w�rde �ber den Abgrund ragen. Tut sie aber nicht. Ein Felsmassiv st�tzt sie ab � und ich denke, man k�nnte sich verh�ltnism��ig leicht bis dorthin vorarbeiten. Sind wir erst mal so weit, bietet die Felswand kleine Vorspr�nge und Aush�hlungen zum Festhalten und f�llt nicht gar so steil ab.�</p><p>Schweigen auf der anderen Seite. Dann ein Fl�stern. �Eins muss ich dir zugestehen, Lady, in dir flie�t wirklich das Blut einer E�ghanacht. Bist eine echte K�mpfernatur. Das �ndert aber nichts an der Sache. Was dir da vorschwebt, ist einfach t�richt. Du kannst von der Terrasse unm�glich �berblicken, wie es sich mit der Felswand weiter unten verh�lt. Wir k�nnten leicht auf halber Strecke festsitzen.�</p><p>�Ich werde morgen versuchen, die Sache etwas genauer zu erforschen. Wenn ich den Eindruck gewinne, es ist machbar, dann bin ich entschlossen, es zu wagen, egal, ob es t�richt ist oder nicht�, erwiderte sie entschieden.</p><p>�Und was ist mit den anderen Problemen? Wie sollen wir die Mantels�cke in die Bibliothek bekommen, wie Verpflegung beschaffen, wie die Route festlegen, um unbeachtet bis zum P�nas zu gelangen, geschweige denn ihn zu erklimmen und auf der anderen Seite wieder runter nach Bobium zu gelangen � Schwierigkeiten ohne Ende. Nein, das mit der Flucht m�ssen wir uns aus dem Kopf schlagen.�</p><p>�Schade um den Mann, der im Gewittersturm ertrinkt, denn dem Regen folgt Sonne�, konterte Fidelma und spielte auf eine alte Redewendung aus ihrem Heimatland an, mit der man die schalt, die sich scheuten zu handeln. �Ich bleibe bei meinem Vorhaben. Das Meer wartet nicht, bis das Schiff seine Fracht geladen hat. Es ist das Schiff, das die Gezeiten abpassen muss.�</p><p>Bruder Eolann erwiderte nichts.</p><p>Fidelma brauchte eine Weile, ehe ihr die Augen zufielen und sie einschlief.</p><p>Das schabende Ger�usch des h�lzernen Riegels an der T�r zu ihrem Verlie� weckte sie. Sie schreckte hoch. Durch den einfallenden Mondschein war der Raum merkw�rdig hell.</p><p>Im T�rrahmen stand eine hochgewachsene Gestalt, die eine Hand abdunkelnd vor die Flamme einer Lampe hielt.</p><p>�Suidur!�, entfuhr es Fidelma erschrocken, denn sie hatte ihn sofort erkannt. �Was hast du vor?�</p><p>�Bleib ganz ruhig!�, zischelte er. �Kleide dich an und pack deine Sachen zusammen, und zwar schnell.�</p><p>�Was f�hrst du im Schilde? Wenn du mir etwas antun willst, r�hre ich mich nicht vom Fleck.�</p><p>�Dir wird nichts geschehen, edle Dame. Es geht darum, dir zur Flucht aus der Festung hier zu verhelfen, du musst dich schon auf mich verlassen. Jedes Z�gern birgt die Gefahr, dass man uns entdeckt.�</p><p>Fidelma blinzelte ungl�ubig. �Wo aber �?�</p><p>�Grasulf und Kakko schlafen ihren Rausch aus�, fl�sterte er. �Nat�rlich habe ich ein wenig nachgeholfen und ihre Vorliebe zu starkem Gebr�u genutzt. Aber viel Zeit bleibt uns nicht. Hast du etwas, um deinen Kopf zu verh�llen?�</p><p>Sie z�gerte einen Moment. Durfte sie ihm wirklich trauen? Wie hatte ihr doch einmal der gute alte Brehon Morann geraten? <emphasis>Pack das Schwein am Hinterfu� und lass es nicht laufen</emphasis>.</p><p>Sie entschloss sich zu handeln. �Gut. Gilt das auch f�r Bruder Eolann?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Lady. Er ist schon drau�en und wartet.�</p><p>�In Ordnung. Ich werde tun, was du verlangst.�</p><p>Suidur wandte sich um, blieb aber in der T�r stehen, als m�sse er den Hof �berwachen. Nur wenige Augenblicke, und Fidelma stand drau�en neben Bruder Eolann, der bereits den Mantelsack auf dem R�cken hatte. Suidur, immer noch mit der Lampe in der Hand, fl�sterte: �Haltet euch dicht hinter mir.� Dann f�hrte er warnend den Finger an die Lippen.</p><p>Obwohl es Fidelma etwas bang ums Herz war und ihr viele Fragen auf der Zunge lagen, folgte sie schweigend dem wei�haarigen Arzt �ber den Hof, beruhigt durch die Gewissheit, dass Bruder Eolann unmittelbar neben ihr war. Die Tore waren verschlossen. Suidur n�herte sich unbek�mmert einem auf der Erde sitzenden W�chter, dem vor M�digkeit der Kopf weggesackt war. Besch�mt rappelte er sich auf, als er Suidur gewahr wurde.</p><p>�K�nnte dir schlecht bekommen, wenn dich Grasulf hier schlafend erwischt�, sagte Suidur streng.</p><p>�ngstlich blickte der W�chter in die Runde, als f�rchtete er, der Seigneur von Vars k�nnte tats�chlich auftauchen.</p><p>�Ich habe nicht wirklich geschlafen, Herr. Du sagst doch hoffentlich nichts �?�</p><p>�Nur, wenn du dich jetzt bewegst und das Tor f�r meine Gef�hrten und mich aufsperrst. Wir sind schon sp�t dran und m�ssen uns eilen, jemandem eine Botschaft deines Herrn zu �berbringen.�</p><p>Zu Fidelmas Erstaunen kam der Torw�rter der Aufforderung ohne jedes �berlegen nach, ja, verbeugte sich fast, als sie schweigend an ihm vorbeischritten und die Burg verlie�en.</p><p>Drau�en f�hrte der Pfad, wie sie sich erinnerte, steil und sich windend nach unten, �ber ihnen die Festung, die f�rmlich an der Felswand klebte. Suidur hatte seine Lampe gel�scht, denn der Vollmond leuchtete hell genug, und ging schweigend beh�nde bergab. Sie gaben sich alle M�he, mit ihm Schritt zu halten.</p><p>Schlie�lich erreichten sie die etwas tieferen Gefilde, wo es wieder Baumbestand gab. Aus dem Schatten der B�ume l�ste sich die Gestalt eines Kriegers und stellte sich ihnen in den Weg. Suidur blieb keineswegs erschrocken stehen, sagte nur leise etwas, woraufhin der Mann nickte und ins Dunkle winkte. Ein zweiter Mann tauchte auf, er f�hrte drei Pferde. Suidur drehte sich zu Fidelma und Bruder Eolann um. �Es tut mir leid, ihr werdet jeweils hinter einem meiner Leute sitzen m�ssen�, erkl�rte er ihnen. �Zus�tzliche Pferde kann ich jetzt nicht beschaffen, aber wir m�ssen sehen, dass wir vor Tagesanbruch ein gut St�ck von hier wegkommen.�</p><p>�Darf ich fragen, warum du all das f�r uns tust?�, fragte Fidelma.</p><p>Seine Mimik konnten sie im Dunkeln nicht ausmachen, aber seine Antwort klang ironisch. �Hat es euch beim Seigneur von Vars so gut gefallen, dass ihr gern l�nger seine G�ste bleiben wolltet?�</p><p>�Nat�rlich nicht, aber ��</p><p>�Dann spare dir deine Fragen auf, bis wir diesen Ort weit hinter uns gelassen und den Schutz der Berge erreicht haben.�</p><p>Die beiden Krieger schwangen sich auf die Pferde und halfen Fidelma und Bruder Eolann, hinter ihnen aufzusitzen. Suidur sa� bereits im Sattel, und fast lautlos ritten sie durch den Wald, wobei sie vorsichtig die baumlosen Stellen umgingen, die einen Blick auf die Siedlung unterhalb der Festung des Seigneur von Vars freigaben. F�r einen Arzt bewies Suidur erstaunliches Geschick, sich einen Weg durch das Walddickicht zu bahnen. Fidelma gewann den Eindruck, dass er urspr�nglich Soldat gewesen sein musste, ehe er Arzt wurde.</p><p>Sie klammerte sich an den vor ihr sitzenden Reiter und versuchte, sich einen Reim auf die Vorg�nge zu machen. Waren das hier dieselben M�nner, die sie im Gespr�ch mit Suidur auf der Burg von Radoald beobachtet hatte? Die gleichen M�nner, die Zeuge gewesen waren, als man sie und Bruder Eolann als Gefangene auf die Festung des Seigneurs von Vars gebracht hatte? Als Suidur auf der Burg von Grasulf auftauchte, wurde er ganz offensichtlich willkommen gehei�en. Wieso rettete er dann sie und Bruder Eolann? Es passte irgendwie nicht zusammen.</p><p>Vielerlei Fragen gingen ihr durch den Kopf, w�hrend sie im gleichm��igen Trott dahinritten. Bald lag die Siedlung weit hinter ihnen. Sie erreichten einen nicht von B�umen ges�umten Weg, der neben einem rauschenden Fluss verlief. Die sch�umende Str�mung verriet Fidelma, dass es jetzt flussaufw�rts in die Berge ging. Wenn sie sich nicht irrte, hatten sie den Monte P�nas links hinter sich gelassen. Doch ganz sicher war sie sich nicht; zwar hatten sie wolkenlosen Himmel, und der Mond stand hoch und schien hell, aber bis Tagesanbruch war es noch lang.</p><p>Jetzt hob Suidur die Hand und wies nach vorn. Die Pferde wurden schneller, fielen bald in einen Trab und schlie�lich in einen Galopp. Fidelma hatte schon zu Pferd gesessen, fast ehe sie laufen konnte, und war eine erfahrene Reiterin. Das Pferd, auf dem sie sa�, war gewiss nicht f�r Feldarbeit oder als Zugtier gez�chtet worden. Sie sp�rte die gestrafften Muskeln und wie das Tier mit kraftvollen Bewegungen vorw�rtsstrebte. Ganz eindeutig hielt es der Reiter im Zaum, damit es nicht in einen ungez�gelten Galopp fiel. Es war ein Kriegspferd, eigens f�r Krieger gez�chtet. So genau konnte sie es im Dunkeln nicht erkennen, vermutete aber, es war von derselben Rasse, die sie zuvor im Tal gesehen hatte.</p><p>Sie kamen an einen Punkt, wo ein steiler Aufstieg begann, der sie zu einem langsameren Tempo zwang. Im Osten schimmerte ein erstes Licht und verk�ndete die nahende Morgend�mmerung. Wiederholt hatten sie Wasserl�ufe �berquert, so viel wusste Fidelma, aber waren es immer die gleichen gewesen, an einer Stelle hin, an einer anderen Biegung zur�ck, um m�gliche Verfolger mit Sp�rhunden abzusch�tteln?</p><p>Als hinter den fernen H�geln im Osten die Morgensonne aufging, wurde Fidelma klar, welche beachtliche H�he sie erklommen hatten. Suidur wies auf die H�tte eines Hirten, die ein gutes St�ck weit vor ihnen lag. Zumindest hielt sie es f�r das Obdach eines Hirten, wer sonst schon mochte so hoch in den Bergen leben wollen? Suidur h�llte sich in Schweigen. Erst als sie die H�tte erreicht hatten, hielt er an und erkl�rte: �Hier g�nnen wir uns eine Ruhepause.�</p><p>Fidelma stieg ab. Trotz des wenigen Schlafs, den sie gehabt hatte, f�hlte sie sich erstaunlich frisch. Bruder Eolann streckte und reckte sich nach dem langen Ritt, w�hrend die beiden Krieger die Pferde zu einer kleinen Koppel hinter der H�tte f�hrten, wo sie sie abrieben und mit Futter versorgten. Fidelma blickte pr�fend auf die Bergspitzen, von denen sie umgeben waren, und meinte: �Augenscheinlich ist keine der Erhebungen der P�nas.�</p><p>�Das siehst du vollkommen richtig, edle Dame�, best�tigte der Arzt l�chelnd. �Wir sind mehr nach S�den geritten, sind dem Fluss Staffel gefolgt. Er entspringt auf der Bergh�he dort vor uns. Der Karthager Hannibal soll sie erstiegen haben, w�hrend seine Heerscharen weiter unten im Trebbia-Tal ihr Lager aufschlugen.�</p><p>�Dann ist es also nicht mehr weit bis Bobium?�</p><p>�Stimmt. Wir werden aber die Berge weiter s�dlich, fast gegen�ber Radoalds Festung, �berqueren. Damit d�rften wir Grasulf in die Irre f�hren, der vermutlich davon ausgeht, dass ihr den direkten Weg nach Bobium w�hlt, und seine Leute in eben die Richtung schickt, um euch einzuholen, ehe ihr den P�nas erklimmt. Ich schlage vor, dass du und dein Gef�hrte jetzt ein wenig schlaft. Wir haben erst ein Drittel unserer Reise hinter uns, und sowohl der Aufstieg diesseits als auch der Abstieg hinunter ins Trebbia-Tal sind schwierig und wollen gemeistert werden. Der Berg ist der h�chste im ganzen Gebirgszug, wir werden den Gipfel umgehen und uns unterhalb halten, wo wir dann auf einen Pfad sto�en, der uns im Zickzack ins Tal f�hrt.�</p><p>Bruder Eolann, der sehr m�de wirkte, hatte das Bed�rfnis, sich zu bedanken. �<emphasis>Gratias tibi ago</emphasis>. Ich habe dich bisher nur einmal von weitem gesehen und kenne dich nicht weiter. Aber Bruder Hnikar lobt dich und dein Wissen in hohen T�nen. Vielen Dank f�r dein Eingreifen im rechten Moment.�</p><p><emphasis>�Non est tanti�</emphasis>, erwiderte Suidur. Er w�hlte die traditionelle Redensart, die besagte, es sei nichts Besonderes gewesen, um die Dankesbezeugung bescheiden abzuwehren.</p><p>F�r Fidelma aber waren viele Fragen offen; je eher sie sie stellte, desto besser. Wenigstens hatte sie bei Tageslicht sehen k�nnen, dass die beiden Krieger, mit denen sie unterwegs waren, <emphasis>nicht</emphasis> die M�nner waren, die Magister Ado zweimal �berfallen hatten, wenn sie auch die gleichen Umh�nge mit dem Schwertemblem trugen.</p><p>�Warum?�, fragte sie unvermittelt.</p><p>�Warum?�, wiederholte Suidur.</p><p>�Ich verstehe nicht, weshalb du dich selbst in Gefahr begibst, um uns zu retten. Du kamst zum Seigneur von Vars und wurdest ganz offensichtlich als Freund willkommen gehei�en. Du sagst, du h�ttest mit ihm und seinem Verwalter getrunken, ja, h�ttest sogar irgendein Schlafmittel in ihr Getr�nk gemischt, und dann hilfst du uns, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Da darf ich doch wohl die Frage stellen, warum du das tust.�</p><p>Suidur sah sie nachdenklich an. �W�re es nicht besser, erst etwas zu ruhen und dann, wenn wir gegessen haben, die Sache zu besprechen?�</p><p>Fidelma sch�ttelte energisch den Kopf. �Ungekl�rte Fragen lassen mir keine Ruhe, an Schlaf ist da nicht zu denken.�</p><p>�Also gut.� Suidur betrat die H�tte und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Zu ihrer �berraschung glimmte noch Glut in der Feuerstelle mitten im Raum. Im Nu hatte der Arzt neue Scheite aufgelegt und das Feuer wieder angefacht. �Das hier ist einer von Seigneur Radoalds Wachposten, von denen aus er seine Grenzen im Westen im Auge beh�lt.�</p><p>Er forderte sie auf, sich zu setzen. Es gab gen�gend Teppichst�cke und Decken, mit denen sie sich um das Feuer gruppierten.</p><p>�Tja, wieso war ich auf Grasulfs Festung? Ich besuchte gestern Abend ��, er stockte, �� oder sollte ich deutlicher sagen: Ich, ein Seigneur Radoald ergebener Diener � O ja, wir haben Spione hier. Ihr habt vielleicht gemerkt, dass Grasulf ein Mann von festen �berzeugungen und Vorstellungen ist. Dazu geh�rt zum Beispiel sein Glaube an Gold. Wir haben in Erfahrung gebracht, dass Perctarit, der entthronte K�nig, Grasulf Gold geboten hat, wenn er sich zu ihm loyal verh�lt. In dem Moment, wenn Grasolf das Gold in H�nden hat, wird er seine Leute auf die eigenen Nachbarn hetzen.�</p><p>�Das erkl�rt noch nicht, zu welchem Behufe du auf der Festung warst�, dr�ngte ihn Fidelma.</p><p>�Alles zu seiner Zeit, edle Dame. Meine M�nner� � er wies auf die beiden Krieger drau�en �, �halten sich oft dort auf und geben sich als Freunde aus. Vielleicht habt ihr sie sogar gesehen, denn sie waren auf der Festung, als ihr dort als Gefangene hereingef�hrt wurdet. Sie alarmierten mich, als ich kam, um mich mit meinem � meinem Spion zu verst�ndigen.�</p><p>�Ja, ich habe sie gesehen�, best�tigte Fidelma.</p><p>�Sie hatten Bruder Eolann erkannt und beschrieben dich. F�r mich stand fest, dass Seigneur Radoald dich nicht in Grasulfs H�nden h�tte wissen wollen, denn man wei�, dass er schon Frauen an Sklavenh�ndler verkauft hat. Ich lie� also meine M�nner mit den Pferden unten am Fu�e des Berges, stieg zur Festung hoch und bat um Einlass. Es ist nicht das erste Mal, dass ich zwischen Radoald und Grasulf als Gesandter fungiere, und folglich kannte man mich dort.</p><p>Du hast richtig bemerkt, dass Grasulf mich freundschaftlich begr��te, war er doch im Glauben, ich w�re in der �blichen Rolle erschienen, und nat�rlich gab ich vor, ich w�re mit Gegenvorschl�gen gekommen, um f�r seine Treue und Gefolgschaft zu zahlen. Ich schlug vor, derlei Verhandlungen besser bei einem guten Trunk zu f�hren. Grasulf ging sofort darauf ein, er hatte dem Wein schon gen�gend zugesprochen, so dass es ein Leichtes war, ihm etwas in seinen Becher zu mischen. Auch Kakko bedachte ich mit der n�tigen Dosis. Durch meine Gew�hrsm�nner wusste ich, wo man euch eingesperrt hatte, und der Rest war einfach.�</p><p>Es klang in der Tat einfach. Vielleicht zu einfach, dachte Fidelma. Schon schwirrten ihr die n�chsten Fragen durch den Kopf.</p><p>�Da du mich nach meiner Geschichte gefragt hast, darf ich vielleicht nun fragen, was sich zugetragen hat, dass ihr als Gefangene auf Grasulfs Festung gelandet seid.� Forschend sah Suidur sie an.</p><p>Rasch schickte sie einen warnenden Blick zu Bruder Eolann, damit er Stillschweigen �ber ihr Auffinden der Leiche von Freifrau Gunora bewahrte. Solange sie nicht wusste, wie oder ob �berhaupt die Geschehnisse etwas miteinander zu tun hatten, wollte sie sich lieber bedeckt halten. Doch ihre Sorge war umsonst, Bruder Eolann war zur�ckgesunken und schlief tief und friedlich. Suidur war ihrem Blick gefolgt und meinte: �Unser Freund schl�ft bereits, du solltest dich auch hinlegen.�</p><p>�Erst noch meine Geschichte, Suidur. Bruder Eolann hatte mir angeboten, mich zum Heiligtum des Colm B�n oben auf dem P�nas zu bringen. Abt Servillius wusste davon und hatte sein Einverst�ndnis gegeben. Wenn ich nach Hibernia zur�ckkehre, wollen nat�rlich meine Leute daheim alles �ber die Abtei und ihr Umfeld h�ren. Wir haben also den Berg erklommen und haben die Nacht in der kleinen Bergkapelle verbracht. Just als wir am n�chsten Morgen aufbrechen wollten, um wieder zur Abtei hinabzuklettern, tauchten Grasulfs M�nner auf, nahmen uns gefangen und verschleppten uns auf seine Festung.�</p><p>�Du bist fremd in diesem Land, Fidelma von Hibernia�, sagte Suidur ernst. �Es geschieht hier vieles, was f�r einen Au�enstehenden ungew�hnlich, wenn nicht gar unverst�ndlich ist. Wenn ich dir einen Rat geben darf, begib dich so bald wie m�glich auf die Heimreise. In den Bergen hier bahnt sich B�ses an.� Er stand auf. �Ich bitte dich noch einmal, g�nn dir etwas Ruhe. Um die Mittagsstunde reiten wir weiter. Radoalds Festung erreichen wir nicht vor morgen, wir werden also �ber Nacht noch in den Bergen sein.�</p><p>Es war Mittag, als Fidelma erwachte. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel. Auch Bruder Eolann regte sich, doch Suidur war nicht bei ihnen, wenngleich drau�en vor der H�tte einiges in Bewegung war. Sie erhob sich und schaute hinaus. Suidur redete mit den beiden Kriegern, sie h�rte ihn die rasch aufeinanderfolgenden Gutturallaute der f�r die drei gel�ufigen Sprache aussto�en. Fidelma drehte sich wieder um und fl�sterte dem <emphasis>scriptor,</emphasis> der sich aufgesetzt hatte und verschlafen blinzelte, eindringlich zu: �Nur dir zur Warnung. Kein Wort dar�ber, dass wir die Leiche von Freifrau Gunora gefunden haben, auch absolutes Stillschweigen �ber die M�nzen von Wamba.�</p><p>�Auch nichts �ber den fehlenden Prinzen?�, fragte er und runzelte die Stirn.</p><p>�Genau. Wir m�ssen Vorsicht walten lassen.�</p><p>�Ah, ihr seid beide wach.� Hinter Fidelma war Suidurs Schatten aufgetaucht. �Das ist gut. Wir m�ssen bald aufbrechen.�</p><p>�Eine M�glichkeit zum Waschen und etwas zu essen w�ren gut, ehe es weitergeht. L�sst sich das machen?�, fragte Fidelma.</p><p>�Gleich hinter der H�tte gibt es einen Flusslauf und einen kleinen Wasserfall�, erwiderte Suidur. �Und nat�rlich gibt es etwas zu essen, ehe wir losziehen.�</p><p>Fidelma nahm ihr <emphasis>ciorr bholg,</emphasis> ihre Kammtasche mit den n�tigsten Toilettensachen, und begab sich zu dem abgeschirmten kleinen Waschplatz hinter der H�tte. Das kalte Wasser, das vom Berg herabst�rzte, bot eine ausgezeichnete Badestelle und tat gut. Sie beeilte sich, damit auch Bruder Eolann sich frisch machen konnte. Suidur und seine M�nner hatten sich vermutlich schon gewaschen. Dass sie die ganze Nacht hindurch geritten waren, sah man ihnen nicht an. Die Mahlzeit bestand aus Ziegenk�se und Obst, die sie mit dem kristallklaren Wasser aus dem Gebirgsfluss hinuntersp�lten.</p><p>Die beiden Krieger sprachen kein Latein. Zwar versuchte Bruder Eolann, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, aber sie versp�rten eindeutig keine Lust, darauf einzugehen. So blieb Suidur der alleinige Gespr�chspartner.</p><p>�Radoald erw�hnte, glaube ich, dass es f�r seine Familie wenig erfreulich w�re, wenn Perctarit als K�nig zur�ckk�me�, bemerkte Fidelma, als sie zu essen begannen. �Ist das der Grund, weshalb er Grasulf nicht recht traut?�</p><p>Suidur nickte. �Radoalds Vater hat Grimoald geholfen, Perctarit zu st�rzen und ihn ins Exil ins Land der Franken getrieben. Radoald k�mpfte an der Seite seines Vaters, Lord Billo. Sein Vater kehrte nicht nach Trebbia zur�ck, und so wurde Radoald der Landesherr. Ich habe da meine Bedenken, ob Perctarit, falls er hier wieder an die Macht kommt, freundschaftliche Gef�hle f�r Radoald hegt.�</p><p>�Als wir auf Grasulfs Festung waren, �berbrachte ein Reiter die Botschaft, dass Lupus sich gegen Grimoald erhoben habe, doch sei sein Heer nach viert�gigem Kampf irgendwo geschlagen worden. Ist das eine schlechte Nachricht?�</p><p>Der Arzt betrachtete sie sichtlich beeindruckt.</p><p>�F�r eine Fremde hast du erstaunlich viel mitbekommen, edle Dame. Auch wir haben davon geh�rt. Um deine Frage zu beantworten: Es k�nnte schlecht f�r uns sein; es h�ngt davon ab, wie sich Khagan verh�lt.�</p><p>�Ist das der, der Lupus besiegt hat?�</p><p>�Ebender. Augenscheinlich hat Grimoald, da er nicht schnell genug nordw�rts zu ziehen vermochte, um Lupus zur Entscheidung zu zwingen, dem Anf�hrer der Awaren ein B�ndnis angeboten. Die Awaren warfen sich gegen Lupus in die Schlacht und schlugen ihn. Was wird nun aber Khagan von Grimoald als Gegenleistung verlangen? Werden die Awaren �ber uns herfallen? Wenn ja, dann kann ein jeder von uns nur auf Gott hoffen. F�r die Awaren sind wir allesamt Schafe, die man scheren muss.�</p><p>�Sehe ich das richtig, dass die Awaren nicht Anh�nger unseres Glaubens sind?�</p><p>�Soviel ich wei�, halten sie es mit jedem Glauben, der ihnen n�tzlich erscheint � das kann ihr Hauptgott Ts�ob sein, genauso gut wie alle m�glichen Formen unseres christlichen Glaubens. Aber sie gieren nach Land und Macht. Wenn ich ehrlich bin, so ist die Tatsache, dass Grimoald mit ihnen ein B�ndnis eingegangen ist, nicht gut f�r unser Volk.�</p><p>�Glaubst du, dem Land droht unmittelbare Gefahr?�, fragte Eolann.</p><p>�Sie wiegeln den einen gegen den anderen auf, Bruder gegen Bruder, Nachbarn gegen Nachbarn. �ber kurz oder lang wird das fahle Pferd durch die T�ler jagen und wird niemanden verschonen.�</p><p>�Das fahle Pferd?� Fidelma verlangte es nach einer Erkl�rung.</p><p>�Sein Reiter ist niemand anders als der Tod�, erwiderte Suidur. �Deshalb mein Rat � verlasse dieses Land, ehe es zu sp�t ist.�</p><p>Traurig lie� Fidelma den Blick �ber die Berge schweifen, die im Norden und Osten vor ihr lagen. �Dabei sieht alles so sch�n und friedlich aus.�</p><p>�Seit uralten Zeiten ist viel Blut in den T�lern hier geflossen. Die Ligurer, die Gallier, die R�mer, die Karthager, und wieder die R�mer und schlie�lich meine eigenen Leute, die Langobarden � sie alle haben diese herrlichen T�ler mit ihrem Blut getr�nkt. Und es wird wieder so kommen.� Suidur erhob sich und schien seiner eigenen Prophezeiung einen Moment nachzuh�ngen, ehe er sich den beiden Kriegern zuwandte und ihnen kurz etwas befahl. Sie begannen zu packen und die Pferde aufzuz�umen.</p><p>Jetzt bei Tageslicht best�tigte sich Fidelmas Vermutung vom n�chtlichen Ritt: Suidurs Ross war genau die Rasse, die ihr schon zuvor im Tal wiederholt aufgefallen war, hatte die gleiche F�rbung, das gleiche Blassgrau. Wulfoald und Bruder Faro hatten Pferde von ebendieser Rasse geritten � gedrungener R�cken, schmale Kruppe und langer Schweif. Mit ihrem feurigen Temperament waren diese Pferde gewiss z�h und ausdauernd und nahmen es an Schnelligkeit mit allen anderen auf. Zweifelsohne zuverl�ssige Kriegspferde.</p><p>�Ist das Wulfoalds Hengst?�, fragte sie Suidur, denn sie fand, das Tier sah dem von Wulfoald zum Verwechseln �hnlich.</p><p>Der Arzt reagierte verdutzt. �Was bringt dich auf eine solche Idee?� Doch sogleich fand er selbst die Erkl�rung. �Ach so, weil es dieselbe Rasse ist. Es ist noch keine zehn Jahre, dass wir sie hier im Tal haben, aber mit guten Zuchterfolgen.�</p><p>�Ich habe die Rasse hier zum ersten Mal gesehen. Es sind leichtf��ige und kr�ftige Tiere.�</p><p>�Du scheinst auch was von Pferden zu verstehen. Seigneur Billo, der Herr von Trebbia damals, hatte ein halbes Dutzend von einem byzantinischen Kaufmann in Genua gekauft und sie dann gez�chtet. Woher sie wirklich stammen, wissen wir nicht genau, nur, dass der Kaufmann sie aus dem Osten gebracht hat.� Unversehens hielt er inne und sp�hte argw�hnisch in Richtung Norden.</p><p>�Was ist? Gibt es etwas Besonderes?�, fragte Fidelma, der seine innere Spannung aufgefallen war.</p><p>�Leider ja. Grasulf ist offensichtlich ziemlich rasch wieder zu sich gekommen und hat Alarm geschlagen.�</p><p>Fidelma folgte seinem Blick �ber das Tal und war bem�ht, etwas Genaueres auszumachen. �Was kannst du erkennen?�</p><p>�Etwa f�nfundzwanzig Reiter sind hinter uns her. Keine Bange, es droht keine unmittelbare Gefahr.�</p><p>Auch Bruder Eolann �ugte angestrengt in die Ferne. �Wie weit entfernt sind sie?�</p><p>�Oh, bis die es hierher nach oben geschafft haben, vergeht etliche Zeit�, beruhigte ihn Suidur.</p><p>Jetzt sah auch Fidelma ganz hinten im Tal eine Reihe kleiner Punkte, einer hinter dem anderen, wie Ameisen in steter Vorw�rtsbewegung.</p><p>�Du hast gute Augen, Suidur�, meinte sie. �Als Reiter h�tte ich die nicht erkannt. Ist es Grasulf?�</p><p>�Niemand anders ist so schnell zu Pferde wie er. Du wirst sie nicht im Einzelnen erkennen k�nnen, aber ich f�rchte, ich irre mich nicht. Wir sollten gen�gend Abstand zwischen ihnen und uns wahren.�</p><p>Gemeinsam mit seinen M�nnern �berpr�fte er, ob sie aufbruchbereit waren. Fidelma und Bruder Eolann warfen sich abermals ihre Mantels�cke �ber und schwangen sich auf die Pferde. Ihr Platz war wie zuvor jeweils hinter den Reitern. Im gem�chlichen Schritt zogen sie los und folgten einem Pfad, der steil und im Zickzack durch die Berge f�hrte.</p><p>�Keine Bange�, rief ihnen Suidur zu. �Wenn wir erst mal ein gutes St�ck in Radoalds Gebiet vorgedrungen sind, d�rfte es auch ein Grasulf aufgeben und kehrtmachen.�</p><p>Obwohl sie stetig enorme Steigungen bew�ltigten, �berquerten sie die Berge nicht auf h�chster H�he, sondern bahnten sich einen Weg unterhalb der Gipfel. Oft genug war der Weg derart schmal, dass sie nur hintereinander reiten konnten, und es kam auch vor, dass es so steil bergan ging, dass sie absitzen und die Pferde f�hren mussten. Es war selbst f�r Fidelma ein ungeheures Erlebnis. Die Situation lie� kaum ein Gespr�ch zu. Ohne Pause ritten sie den ganzen hei�en Nachmittag durch, und Fidelma konnte nicht umhin, ab und an einen besorgten Blick nach hinten zu werfen. Aber sie waren in so vielen Windungen durch die Bergwelt geritten, dass es gar keine M�glichkeit gab, irgendwelche Verfolger zu sichten. Nur ein einziges Mal hielten sie an, um die Pferde zu tr�nken und sich selbst etwas zu erfrischen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten sie ein kleines bewaldetes Tal, das geradezu unnat�rlich zwischen die Berge gequetscht war. Bei genauerem Hinsehen erwies es sich jedoch als ein nat�rliches und gesch�tztes Fleckchen Erde, das mit �berh�ngenden Str�uchern und B�schen Zuflucht bot.</p><p>�Hier machen wir eine letzte Rast�, erkl�rte Suidur. �Morgen beginnen wir den Abstieg ins Trebbia-Tal.�</p><p>�Ist es vern�nftig, hier zu verweilen?�, fragte Bruder Eolann nerv�s.</p><p>�Trotz aller heidnischen Glaubensvorstellungen hat Grasulf keine Fl�gel wie seine Raben�, erwiderte Suidur mit einem schelmischen L�cheln. �Ich bin sicher, er hat die Verfolgung l�ngst aufgegeben.�</p><p>Nicht lange, und ein Lagerfeuer brannte, und Essen wurde verteilt. In Decken geh�llt, sa�en sie beieinander. So bequem wie die Hirtenh�tte war die Zufluchtsst�tte hier nicht, auch gab es keine sprudelnde Quelle zum Baden. Doch aus einer Stelle sickerte Wasser, es reichte zum Trinken und um sich Gesicht und H�nde zu waschen.</p><p>Fidelma hatte kein Verlangen nach Unterhaltung und war im Nu eingeschlafen.</p><p>Als sie ein Fl�stern vernahm, hielt sie es zun�chst f�r einen Traum. Ohne die Augen zu �ffnen oder sich zu bewegen, zwang sie sich, das Geschehen um sie herum zu sortieren. Zu ihrem Erstaunen wisperten die Stimmen auf Latein, eine erkannte sie als die von Suidur, die andere vermochte sie nicht einzuordnen.</p><p>�� steter Tropfen h�hlt den Stein�, h�rte sie Suidur sagen. �Grimoald handelt zu ungest�m und trifft �berst�rzte Entscheidungen. Er h�tte warten sollen.�</p><p>�Jetzt ist der Magister hellh�rig geworden, und wir werden es nie finden.�</p><p>�Noch ist nicht aller Tage Abend, mein Seigneur. Grasulf wird nichts unternehmen, ehe er nicht das Gold in H�nden hat, so viel ist sicher. Meine M�nner und ich waren auf seiner Festung und machten zum Schein ein Gegenangebot. Noch hat ihm niemand etwas gezahlt.�</p><p>�Und was ist mit der Fremden und dem <emphasis>scriptor</emphasis>? Inwieweit haben die mit der Sache zu tun?�</p><p>�Die sind v�llig ahnungslos. Man musste sie einfach retten. Schade, wenn ich l�nger geblieben w�re, h�tte ich mehr herausbekommen, aber du kennst ja Grasulf. Von Moral h�lt er wenig, er h�tte das M�dchen missbraucht oder sie an Sklavenh�ndler verkauft. Man musste sie vor Vars bewahren.�</p><p>�Und du bist sicher, dass er Freifrau Gunora nicht auf seiner Festung gefangen h�lt?�</p><p>�Wenn es so abgelaufen ist, wie der Junge berichtet hat, dann ist Freifrau Gunora tot.�</p><p>Fidelma �berlief es kalt bei dem, was sie h�rte.</p><p>�Wenn Perctarit mit seinen Hauptkr�ften vor Mailand steht, wird sein Gew�hrsmann rasch handeln m�ssen�, sagte die fremde Stimme. �Hat man Grasulf erst mal f�r seine Dienste bezahlt, wird er gegen Radoald losziehen, und sobald Radoald geschlagen ist, sind die Wege nach Genua frei. W�hrend Perctarit die gesamte Ebene am Padus besetzt h�lt, k�nnen seine fr�nkischen Verb�ndeten per Schiff in Genua landen und mit Nachschub und Truppenverst�rkung zu ihm gelangen.�</p><p>�Stimmt. Wenn irgendetwas geschehen soll, muss es in den n�chsten ein, zwei Tagen geschehen. Dem Geheimnis, wo das Gold liegt oder wer sein �berbringer ist, sind wir kein St�ck n�her gekommen. Vielleicht lagen wir mit dem Magister v�llig schief.�</p><p>�Finde ich dich in den Bergen?�</p><p>�Ich suche erst meinen Sohn auf, um ihn �ber die neueste Lage ins Bild zu setzen.�</p><p>Fidelma h�rte, wie sich Schritte entfernten, und schlug die Augen auf, aber von ihrem Lager aus konnte sie nichts sehen. Nebenan raschelte etwas. Sie schloss die Lider. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander, doch der Schlaf �berw�ltigte sie.</p><p>Der Tagesanbruch konnte sch�ner nicht sein. Die leuchtenden Farben der aufgehenden Sonne standen am Firmament und h�llten die Bergspitzen in einen m�rchenhaften Glanz. Die Luft war klar und rein. Als Fidelma sich frisch machen wollte, zogen sich die M�nner diskret zur�ck, und als sie zur�ckkam, war das Essen bereitet.</p><p>�Wir haben eine lange Strecke vor uns, bis wir die Trebbia erreichen, obwohl sie direkt unter uns flie�t�, begr��te sie Suidur. �Es ist ein steiler Abstieg diesseits der Berge, aber immer noch besser als ein steiler Aufstieg.�</p><p>�Und keinerlei Anzeichen, dass Grasulf uns folgt?�</p><p>�Nicht die geringsten. Ich habe doch gesagt, er hat l�ngst aufgegeben.�</p><p>�Hoffentlich hast du recht.�</p><p>�Bist du immer noch besorgt?�</p><p>�Der Seigneur von Vars hat mir gegen�ber ge�u�ert, �bertriebene Vorsicht k�nne nicht schaden. Und es w�re doch wirklich t�richt, wollte man nicht Vorsicht walten lassen. Ich k�nnte mir vorstellen, dass Grasulf davon ausgeht, wir w�rden in jedem Fall nach Bobium streben. Warum sollte er da nicht die Berge n�rdlich von hier �berqueren und irgendwo zwischen Radoalds Festung und Bobium auf der Lauer liegen?�</p><p>�Selbst im strategischen Denken bist du ge�bt, edle Dame.�</p><p>�Die Tochter eines K�nigs in Hibernia wird in vielen Dingen unterwiesen, sie k�nnte ihr Volk sogar in einem Krieg anf�hren.�</p><p>Suidur nickte, als �berraschte ihn das wenig. �Selbst wenn er von dort, wo wir ihn und seine M�nner gesichtet haben, umgekehrt ist und eine andere Route eingeschlagen hat, m�sste er eine betr�chtliche Strecke durch die Berge zur�cklegen, um schlie�lich unseren Weg zu kreuzen. Ich schw�re, es gibt keinen Grund zur Sorge. Du bist bei uns sicher.�</p><p>Schon bald begannen sie den Abstieg, und er erwies sich in der Tat steiler als der hinter ihnen liegende Aufstieg. Tief unter ihnen konnten sie das blaue Band des Flusses sehen, den sie f�r die Trebbia hielt und der sich durch das von Felsen umgebene Tal schl�ngelte. Ab und an sahen sie Geh�fte und auch angepflanzte Baumgruppen. Wie sie erfuhr, waren das Olivenb�ume; wieder andere Kulturen erkannte sie als Weinh�nge. Es verlangte sie danach, all die neuen Eindr�cke � Ausblicke, Ger�usche und Ger�che � in sich aufzunehmen, aber ihre Gedanken kreisten um das mysteri�se Geschehen, das das Tal, die Abtei und die Menschen bedr�ngte.</p><p>Der Ritt verlief gem�chlicher als am Vortag, und als sie die unteren Gefilde erreichten, zun�chst die Baumgrenze und dann die gro�en W�lder nahe dem Fluss, dessen sanftes Rauschen sich deutlich von den anderen Ger�uschen wie das Rascheln des Laubes, das gelegentliche Bellen eines Fuchses oder das Gekreisch von V�geln abhob, da endlich fiel alle Spannung von ihr ab, die sie in den letzten Tagen belastet hatte.</p><p>Schlie�lich kamen sie an eine gro�e Lichtung am Fluss. Sie hatten ein stattliches Geh�ft mit Nebengeb�uden vor sich, dahinter Olivenb�ume und Rebst�cke. Ein Hund schlug an, woraufhin ein Mann aus dem Haus trat. Fidelma erkannte ihn sofort. Es war Wulfoald, Radoalds Krieger, der Suidur freundschaftlich zuwinkte. Die beiden verst�ndigten sich in raschem Wortwechsel, in dem mehrfach der Name Grasulf fiel. Dann, als Fidelma absa� und ihre Glieder reckte, begr��te Wulfoald auch sie.</p><p>�Ich f�rchte, edle Dame, wir haben allen Grund, uns bei dir zu entschuldigen.�</p><p>�Zu entschuldigen?�</p><p>�Vor wenigen Tagen, du hattest kaum unser Tal betreten, da wurdet ihr, du und deine Gef�hrten, �berfallen. Und nun h�re ich, dass euch Grasulf entf�hrt hat, ein �bler Kerl, f�rwahr.� Er begr��te auch Bruder Eolann und sprach dann weiter. �Wir m�ssen die mangelnde Gastfreundschaft unserer Nachbarn schleunigst wettmachen.�</p><p>Wulfoald gab sich warmherzig und freundlich. Fidelma aber musste an den kleinen Wamba denken und dass er ihn gefunden hatte, an Hawisa und ihre Beschuldigungen gegen ihn, und auch ihr eigener Verdacht lie� ihr keine Ruhe. Lieber w�re ihr gewesen, die offenen Fragen w�ren ihr nicht wie ein Bienenschwarm im Kopf herumgeschwirrt. Sie w�rde sich zwingen m�ssen, einfach einmal Gedanken Gedanken sein zu lassen.</p><p>�Ich war gerade im Begriff, mit meinen Leuten nach Bobium aufzubrechen. Wir brauchen nicht alle Pferde, also k�nnten wir euch bis zu den Toren der Abtei Geleit geben und daf�r Sorge tragen, dass ihr heil und sicher dort ankommt. Es sei denn, ihr wollt ein wenig hier verweilen und euch erfrischen. Wir m�ssen ja nicht unbedingt auf Radoalds Festung Rast machen und k�nnten am fr�hen Nachmittag in Bobium sein.�</p><p>Fidelma �berlegte. Im Grunde genommen war es ihr sehr recht, so rasch wie m�glich nach Bobium zur�ckzukehren, und als sie Bruder Eolann befragte, war er sofort daf�r. Wulfoald verst�ndigte sich mit seinen M�nnern, und im Nu standen zwei zus�tzliche Pferde bereit.</p><p>Es war ein eigenartiges Gef�hl, von Suidur und seinen schweigenden Kriegern Abschied zu nehmen. Schon wahr, er hatte sie und Bruder Eolann gerettet, aber die ungekl�rten Fragen �berschatteten alles. War sie nicht eine <emphasis>d�laigh</emphasis> geworden, weil sich ihr Inneres gegen r�tselhafte Vorkommnisse aufb�umte? Solange sie ein Problem nicht zu l�sen vermochte, nagte es an ihr wie ein b�ser Zahnschmerz. Doch sie begriff, dass ihr im Moment nichts anderes �brigblieb, als so zu tun, als w�re alles in bester Ordnung; alle Verdachtsmomente und Zweifel mussten unterdr�ckt werden. Also dankte sie Suidur f�r sein Eingreifen so warmherzig, wie sie nur konnte, und bat ihn, ihren Dank auch seinen Gef�hrten zu �bermitteln. Bruder Eolann brachte seinen Dank weitaus bewegter und �berschw�nglicher als sie zum Ausdruck. Schlie�lich sa�en sie auf und ritten zusammen mit Wulfoald und zwei Kriegern den Fluss entlang auf einem Pfad, der geradewegs nach Bobium f�hrte.</p></section><section><title><p>KAPITEL 14</p></title><p>Fidelma und Bruder Eolann ahnten nicht, mit welcher Ungeduld sie in der Abtei Bobium erwartet wurden. Bruder Bladulf, der Torh�ter, h�pfte vor augenscheinlicher Freude von einem Bein auf das andere, als sie die Tore erreichten. Wulfoald und seine Gef�hrten hatten sie kurz vor der Abtei allein weiterreiten lassen und gedachten, die Nacht in der Siedlung zu verbringen. Bei ihrer R�ckkehr zu Seigneur Radoalds Festung wollten sie dann die Pferde abholen. Das Problem Wamba und Wulfoald hatte Fidelma tunlichst auf sich beruhen lassen; um das zu kl�ren, bedurfte es besonderer Achtsamkeit.</p><p>Bruder Wulfila, der Verwalter, bahnte sich einen Weg durch die neugierig herumstehenden Br�der, die sie begr��en wollten. H�nde streckten sich ihnen entgegen, um ihnen von den Pferden zu helfen. Die beiden ignorierten die auf sie einst�rzenden Fragen und baten den Verwalter, sie unmittelbar zu Abt Servillius zu bringen.</p><p>Der Abt empfing sie in seiner Amtsstube. Er war nicht allein, der Ehrw�rdige Ionas war auch da, hingegen fehlte Magister Ado. Bruder Wulfila blieb im Zimmer und schloss die T�r hinter sich.</p><p>�Meine erste Frage gilt eurem Befinden. Seid ihr wohlauf? Braucht ihr in irgendeiner Weise Bruder Hnikar?�, er�ffnete der Abt das Gespr�ch.</p><p>�Wir sind beide wohlauf, <emphasis>Deo gratias</emphasis>�, erwiderte Bruder Eolann.</p><p><emphasis>�Deo optimo maximo�</emphasis>, pflichtete ihm der Ehrw�rdige Ionas ernst bei.</p><p>�Und nun haltet uns nicht l�nger im Ungewissen�, forderte der Abt sie auf. �Berichtet uns von eurem Abenteuer, das die gesamte Bruderschaft in Unruhe versetzt hat.�</p><p>Bereits auf ihrem Ritt durch das Tal hatten Fidelma und Bruder Eolann in ihrer Muttersprache abgesprochen, was und wie viel sie erz�hlen w�rden. Den Tod von Freifrau Gunora und das Verschwinden von Prinz Romuald w�rden sie nicht verschweigen, wohl aber, was sie �ber den Jungen Wamba, die Goldm�nzen und seine Mutter Hawisa in Erfahrung gebracht hatten. Gewisse Auslassungen waren noch lange keine L�ge, sagte sich Fidelma und beruhigte ihr Gewissen mit einem entsprechenden Lehrsatz des Brehon Morann. Wenn man sich in einem wirklichen Dilemma befand, sollte man Gut und B�se abw�gen und sich stets zugunsten des Guten entscheiden, selbst wenn man daf�r in Kauf nehmen musste, etwas Unrechtes zu tun. Bis auf diese Auslassungen aber wollten sie wahrheitsgem�� berichten.</p><p>Bruder Eolann stellte die wesentlichen Fakten ihrer Gefangennahme und Entf�hrung dar und wie man sie auf der Festung als Gefangene gehalten hatte, dann schilderte er die Einzelheiten ihrer Rettung und Flucht. Fidelma �bernahm den Teil mit Freifrau Gunora und dem Auffinden ihrer Leiche.</p><p>Der Abt konnte es nicht fassen und wurde bleich vor Entsetzen. �Das kann nicht wahr sein�, stammelte er.</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas legte ihm eine Hand auf den Arm und redete beruhigend auf ihn ein. �Wenn es so geschehen ist, mein Freund, sollten wir dem Ungemach so rasch wie m�glich auf den Grund gehen.�</p><p>Doch Abt Servillius konnte sich nur schwer beherrschen und �berh�ufte Fidelma mit Fragen, so dass der Ehrw�rdige Ionas schlie�lich eingreifen musste und ihn energisch aufforderte, Fidelma ihre Geschichte zu Ende bringen zu lassen, anstatt voreilig Schlussfolgerungen zu ziehen. F�r den Abt stand fest, dass der Seigneur von Vars f�r den Tod der Freifrau Gunora verantwortlich zu machen war, auch glaubte er, man hielte den junge Prinzen Romuald auf der Festung Vars gefangen.</p><p>Als Fidelma mit ihrem Bericht fertig war, legte ihr der Ehrw�rdige Ionas in aller Ruhe seine Ansicht dar. �Grasulf ist schon seit langem ein Feind der Abtei hier, und wie du selbst herausgefunden hast, ist er auch ein Feind unseres Glaubens. Er h�lt sich an die alten G�tter der Langobarden.�</p><p>�Daf�r, dass der Junge auf der Festung sein k�nnte, haben wir jedenfalls keinerlei Anzeichen gefunden.� Fidelma hielt es f�r wichtig, das klarzustellen.</p><p>Abt Servillius wollte etwas entgegnen, wurde aber vom Ehrw�rdigen Jonas h�flich unterbrochen. �Gewiss ist Grasulf ein Abenteurer, der Freifrau Gunora und den Prinzen entf�hren lassen w�rde, wie es auch mit Schwester Fidelma und Bruder Eolann geschehen ist. Aber er w�rde sie nie ermordet haben. Daf�r waren sie lebend viel zu wertvoll. Sie dem h�chsten Bieter verkaufen, ja, dazu w�re er imstande. Er ist ein Mann ohne jede Moral. H�tte ihm Perctarit einen guten Preis geboten, h�tte er ihm ohne weiteres den Prinzen und die Freifrau ausgeh�ndigt. Ebenso wenn Grimoald seinen Sohn zur�ckverlangte und ihm einen entsprechenden Preis b�te, er w�rde den Jungen an ihn verkaufen. Eine Leiche aber bringt kein L�segeld.�</p><p>�Es k�nnte doch sein, dass der Junge auf Vars gefangen gehalten wird, und Freifrau Gunora wurde bei ihrem Versuch, seine Entf�hrung zu verhindern, get�tet.� Der Abt blieb hartn�ckig.</p><p>�Die eigentliche Frage ist doch aber, was Freifrau Gunora mit dem Jungen oben auf dem Berg suchte?�, gab Fidelma zu bedenken. �Du hast gesagt, sie h�tte die Abtei verlassen, weil sie glaubte, auf der Burg von Seigneur Radoald besseren Schutz f�r sich und den Jungen zu finden. Warum hat sie dann die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen und ist den Berg hinaufgestiegen?�</p><p>Der Abt und der Ehrw�rdige Ionas tauschten einen nerv�sen Blick, ehe Abt Servillius das Wort ergriff. �Es war, wie ich gesagt habe. Freifrau Gunora wurde von Unruhe erfasst, als Bischof Britmund hier auftauchte und sah, dass sie und der junge Prinz sich bei uns aufhielten. Sie erkl�rte, sich bei uns nicht sicher zu f�hlen und lieber fortzuwollen. Sie bat darum, dar�ber Schweigen zu bewahren, und verlie� noch vor Tagesanbruch mit dem Prinzen die Abtei.�</p><p>Bruder Wulfila machte mit einem H�steln auf sich aufmerksam. �Selbst mir, als dem Verwalter der Abtei, hat man kein Wort gesagt. Ganz bestimmt h�tte ich ihr von ihrem Vorhaben abgeraten. In der Dunkelheit loszuziehen, war eine Torheit.�</p><p>�Ich entsinne mich, dass du nach ihr gesucht hast�, best�tigte Fidelma. �Und sie hat keinem sonst gesagt, dass sie gehen w�rde?�</p><p>�Mir schon�, gab der Abt zu. �Ich vertraute mein Wissen dem Ehrw�rdigen Ionas an und nat�rlich auch Bruder Bladulf, dem Torh�ter, denn er musste ja ihr Pferd holen und das Tor �ffnen. Aber ich schwor ihn auf Geheimhaltung ein und versprach ihm jede Absolution, falls er sich in eine L�ge verstricken m�sste, um die Abmachung zu wahren. Folglich gab es nur uns drei, die wussten, dass Freifrau Gunora und der Junge die Abtei verlie�en.�</p><p>�Bruder Bladulf musste das Pferd f�r sie satteln, sagst du. Hei�t das, Freifrau Gunora und der Junge ritten auf nur einem Pferd los?�</p><p>�Auf nur einem Pferd, ja�, best�tigte der Abt. �Der Junge sa� hinter ihr.�</p><p>Fidelma �berlegte. �Fakt bleibt, dass ihr Leichnam in v�llig entgegengesetzter Richtung gefunden wurde. Wenn sie und der Junge im Widerspruch zu ihrem angeblichen Ziel, der Zuflucht bei Seigneur Radoald, �ber den P�nas wollten, k�me da noch ein anderer Ort in Frage, der ihr vorgeschwebt haben k�nnte?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste.� Der Abt unterstrich seine Antwort mit einem vehementen Kopfsch�tteln.</p><p>�Ich glaube, wir haben allen Grund zu handeln�, versuchte der Ehrw�rdige Ionas das Gespr�ch auf praktische �berlegungen zu lenken. �Du sagst, ihr h�ttet den Leichnam in eine der H�hlen hinter dem Heiligtum des Columbanus geschafft. Wir m�ssen also ein paar Br�der losschicken, die Leiche zu bergen. Es geht nicht an, dass Freifrau Gunora unbestattet auf dem Berg dort oben liegt. Auch sollten wir Seigneur Radoald in Kenntnis setzen.�</p><p>�Wulfoald und seine M�nner haben uns hierher begleitet�, sagte Fidelma. �Er wollte �ber Nacht in der Siedlung bleiben. Er w�rde sicher f�r Geleitschutz sorgen, wenn die Br�der sich aufmachen, den Leichnam der Freifrau zu bergen.�</p><p>�Geleitschutz?� Der Abt schien entsetzt. �Glaubst du etwa, Grasulf k�nnte �ber die Br�der herfallen?�</p><p>�M�glich w�re es.�</p><p>�Heute k�nnen wir nur noch wenig bewerkstelligen�, befand der Ehrw�rdige Ionas. �Wenn ich etwas vorschlagen darf, Vater Abt, so sollten wir Schwester Fidelma und unseren guten <emphasis>scriptor</emphasis> entlassen, damit sie sich frisch machen und ihr abendliches Bad nehmen k�nnen, wie es in Hibernia �blich ist. Ein wenig Ruhe danach t�te ihnen gut, und dann k�nnen sie mit uns gemeinsam zu Abend essen.� Er machte eine Pause und vergewisserte sich mit einem raschen Blick bei Fidelma. �Wir werden Wulfoald bitten dazuzukommen und ihm dabei unser Anliegen vortragen, Bruder Bladulf und einigen Br�dern Geleitschutz zu geben, um den Leichnam heimzuholen.�</p><p>Fidelma z�gerte. �Wulfoald wei� nicht, dass wir die Leiche gefunden haben.�</p><p>�Warum, um Himmels willen, nicht?�, fragte der Ehrw�rdige Ionas erstaunt.</p><p>Rasches �berlegen war geboten, denn noch wollte Fidelma nichts von ihren Verdachtsmomenten in Bezug auf Wulfoald kundtun. �Bei unseren Abenteuern auf der Flucht von Grasulfs Festung kam eine solche Frage gar nicht auf�, erwiderte sie ausweichend. �Meine Gedanken waren nur auf eine sichere R�ckkehr zur Abtei gerichtet.�</p><p>�Das ist allzu verst�ndlich�, meinte der Abt. �Doch jetzt m�ssen es Wulfoald und Seigneur Radoald ohne weiteren Zeitverzug erfahren. Bruder Wulfila wird zur Siedlung gehen und Wulfoald zum Abendessen einladen. Dann k�nnen wir ihm die n�heren Umst�nde des tragischen Vorfalls schildern.�</p><p>Fidelma war schon im Gehen, als sie noch eine Frage stellte. �Wo ist eigentlich Magister Ado? Ich habe ihn nirgends gesehen. Ich hoffe doch, er ist wohlauf?�</p><p>�Magister Ado? Der ist nach Travo gegangen�, erfuhr sie vom Abt. �Er verlie� die Abtei, kurz nachdem ihr euch auf den Weg zum Heiligtum auf dem P�nas aufgemacht hattet.�</p><p>�Und wo liegt Travo?� Sie glaubte, den Namen schon einmal geh�rt zu haben.</p><p>�Es liegt weiter unten im Tal, mehr nach Placentia hin. Der heilige Antonino hat dort unter Diokletian den M�rtyrertod erlitten. Magister Ado verlangte es, eine Opfergabe zu entrichten, denn die Kirche dort hat sich als eine der Ersten in unserem Tal zum Glauben bekannt. Er m�sste in ein oder zwei Tagen wieder zur�ck sein. Deine wohlbehaltene R�ckkehr wird ihn freuen.�</p><p>Nachdem Fidelma gebadet und die Kleidung gewechselt hatte, f�hlte sie sich trotz all der Strapazen ungew�hnlich frisch. Hellwach betrat sie das <emphasis>refectorium</emphasis>. Statt der fr�her eher argw�hnischen Blicke hatten die M�nche heute ein L�cheln f�r sie �brig. Auch die kleine Gruppe Nonnen war wieder da, aber Schwester Gisa konnte sie nirgends entdecken. Bruder Faro fehlte ebenfalls. Sie steuerte auf Wulfoald zu, der beim Abt und dem Ehrw�rdigen Ionas stand.</p><p>Wulfoald war nicht gerade erbaut, sie zu sehen. �Dass ihr den Leichnam von Freifrau Gunora gefunden habt, h�ttet ihr mir sofort mitteilen m�ssen. Seigneur Radoald hat das ganze Tal nach ihr absuchen lassen.�</p><p>Fidelma wollte ihm darauf antworten, doch Abt Servillius pl�dierte daf�r, erst nach dem Essen dar�ber zu sprechen. Als alle die Pl�tze eingenommen hatten, zelebrierte er einen l�ngeren Lobpreis auf Gott, der Fidelmas und Bruder Eolanns Schritte durch alle Gefahren zum guten Ende gelenkt hatte. Er konnte es nicht unterlassen, dem einige herbe Worte �ber Grasulfs heidnische G�tzenverehrung hinzuzuf�gen.</p><p>Nach dem abendlichen Mahl lud Abt Servillius Wulfoald, Fidelma, den Ehrw�rdigen Ionas und Bruder Eolann in sein Gemach. Fidelma erl�uterte Wulfoald, wo sie die Leiche Gunoras gefunden und wohin sie sie gebettet hatten.</p><p>�H�tten wir das fr�her gewusst, h�tte Radoald seinen Wachposten das sinnlose Suchunternehmen ersparen k�nnen�, brummte der Krieger. �Wie dem auch sei, wir liegen wohl richtig in der Annahme, dass die unmittelbare Gefahr von Vars kommt.� Er wandte sich an Fidelma: �Weitere Gefangene sind euch w�hrend eurer Kerkerhaft auf der Festung nicht aufgefallen?�</p><p>�Nein. Wir haben keine anderen Gefangenen gesehen.�</p><p>�Das will nicht hei�en, dass Prinz Romuald nicht doch dort war�, bemerkte Abt Servillius.</p><p>�Das ist richtig�, meinte Fidelma. �Ihr glaubt also, dass h�chstwahrscheinlich Grasulf f�r den Tod von Freifrau Gunora und das Verschwinden des Prinzen verantwortlich ist?�</p><p>�Er ist zweifelsfrei die einzige Person, die in Frage kommt. Er stellt f�r die Sicherheit unserer T�ler eine Gefahr dar.� Wulfoalds Stimme klang entschieden.</p><p>�Was mich besch�ftigt, ist Folgendes: Wenn Freifrau Gunora von hier aufbrach, um Schutz auf Seigneur Radoalds Festung zu suchen, weshalb haben wir ihre Leiche dann in genau entgegengesetzter Richtung oben auf dem P�nas gefunden?� Die gleiche Frage hatte Fidelma schon einmal aufgeworfen, aber keine Antwort darauf bekommen.</p><p>�Das k�nnte mehrere Gr�nde haben�, erwiderte Wulfoald achselzuckend. �Vielleicht hat man sie gefangen genommen, dort hingebracht und dann erst get�tet.�</p><p>Zugegebenerma�en war das eine logische Erkl�rung, sie beeindruckte Fidelma aber wenig.</p><p>�Ich werde noch heute Abend einen meiner M�nner losschicken, damit er Seigneur Radoald in Kenntnis setzt�, fuhr Wulfoald fort. �Die Ger�chte nehmen zu und klingen bedrohlich. Sollte Perctarit mit einer fr�nkischen Armee schon tats�chlich n�rdlich von Mailand stehen, ist �u�erste Wachsamkeit geboten. Dann ist er nicht mehr fern.�</p><p>Abt Servillius war immer noch mit der f�r ihn wichtigen Mission besch�ftigt. �Was wird mit der Leiche der Freifrau?�</p><p>�Bruder Bladulf sollte sich, wie du selbst vorgeschlagen hast, morgen fr�h mit ein paar Br�dern zum Heiligtum begeben, um sie zu bergen. Ich werde ihm zwei meiner Krieger zum Geleitschutz schicken und einen weiteren zu Seigneur Radoald, um ihm entsprechenden Bericht zu erstatten.�</p><p>�Die Spur, der wir nach oben folgten, f�hrte an der H�tte eines Ziegenhirten vorbei, in der eine alte Frau namens Hawisa haust�, erw�hnte Fidelma.</p><p>�Hawisas H�tte ist mir bekannt�, beteuerte Wulfoald leichthin. Dass Fidelma erstaunt aufblickte, bemerkte er nicht.</p><p>Abt Servillius schaute in die Runde. �Wir sind nun hinl�nglich �ber die Sachlage informiert und sollten Fidelma, unserem Gast, nach den aufregenden Erlebnissen etwas Ruhe g�nnen. Ebenso Bruder Eolann. Wulfoald wird das, was er f�r n�tig h�lt, in die Wege leiten.�</p><p>Fidelma war die Letzte, die ging. Sie stand schon an der T�r, drehte sich aber noch einmal um und er�ffnete dem Abt: �Fast h�tte ich es vergessen: Bevor wir neulich aufbrachen, hatte ich ein Gespr�ch mit Bruder Waldipert.�</p><p>�Mit Bruder Waldipert, dem Koch?�, fragte der Abt zur�ck, ohne recht bei der Sache zu sein.</p><p>�Ja, es hat nicht unbedingt etwas mit den anderen ernsteren Dingen zu tun. Es ist mir nur gerade eingefallen, verzeih, wenn ich erst jetzt die Sprache darauf bringe. Ich hatte einmal beil�ufig erw�hnt, dass ich ein Interesse f�r alte M�nzen hege. Bruder Waldipert sagte, ihm sei vor einiger Zeit eine solche untergekommen, und er h�tte sie dir �bergeben. Er h�tte sie nicht richtig zuordnen und auch ihren Wert nicht einsch�tzen k�nnen.�</p><p>�So? Mir gegeben? Das kann nicht sein � Oder doch, ja, das ist schon etliche Wochen her.�</p><p>�Er glaubte, man h�tte sie hier irgendwo gefunden, sie war auf alle F�lle sehr alt. Ob ich sie mal sehen k�nnte? Wie gesagt, alte M�nzen faszinieren mich.�</p><p>Der Abt sah sie gro� an und machte eine ablehnende Handbewegung: �Das ist nicht m�glich, Schwester Fidelma.�</p><p>�Ach nein?�</p><p>�Ich gedachte sie sicher aufzubewahren, doch dann war sie pl�tzlich spurlos verschwunden. Wir haben das Oberste zuunterst gekehrt, haben sie aber nicht finden k�nnen. Man m�chte ja keinen unserer Br�der verd�chtigen, doch ich finde keine andere Erkl�rung, jemand muss sie mit Vorsatz entwendet haben. Wiederum war es nur eine kleine M�nze, zwar aus Gold, aber nicht sonderlich wertvoll. Der Verlust war zu verschmerzen.�</p><p>Seinem Tonfall war zu entnehmen, dass er das Gespr�ch f�r beendet hielt, also neigte Fidelma den Kopf und ging.</p><p>Kaum hatte sie die T�r hinter sich geschlossen, eilte sie durch den menschenleeren Gang auf den Hof. Es war dunkel drau�en, nur ein paar Fackeln brannten und warfen unruhige Schatten. Sie erkannte Wulfoald, der noch mit dem Ehrw�rdigen Ionas zusammenstand; sie waren gerade im Begriff, sich zu trennen, und Wulfoald schritt bereits zum Tor.</p><p>�Wulfoald, einen Moment noch, bitte!�</p><p>Er drehte sich um. �Schwester Fidelma. Kann ich irgendwie helfen?�</p><p>Sie ging auf ihn zu. �Ich muss dir ein paar Fragen stellen.�</p><p>�Fragen, Fidelma? Worum geht es?�</p><p>�Du hast die Leiche des Jungen Wamba gefunden, stimmt�s?�</p><p>Er kniff leicht die Augen zusammen. Obwohl sie im Halbdunkeln standen, sah sie es genau.</p><p>�Wamba?�, wiederholte er. �Was wei�t du von Wamba?�</p><p>�Er war ein junger Ziegenhirt und liegt jetzt in der Totenstadt der Abtei begraben.�</p><p>�Ungef�hr eine Woche, bevor du nach Bobium kamst, wurde er dort beerdigt. Wieso besch�ftigt dich das?�</p><p>�Es w�re einfacher, wenn du erst meine Fragen beantworten w�rdest, dann wei� ich, ob das alles einen Sinn ergibt, oder ob ich nur Gespenster sehe.�</p><p>Wulfoald zuckte gleichg�ltig mit den Schultern. �Also bitte sch�n, was willst du wissen?�</p><p>�Du best�tigst, seinen Leichnam gefunden zu haben?�</p><p>�Ja. M�chtest du die Einzelheiten h�ren? Ich ritt �ber die Berge, folgte dem Weg �ber den P�nas zur Abtei hier. Unterhalb der Felswand neben der F�hrte entdeckte ich zuf�llig die Leiche des Jungen. Offensichtlich war er herabgest�rzt und hatte sich das Genick gebrochen.�</p><p>�Was geschah, nachdem du den Leichnam entdeckt hattest?�</p><p>�Ich kannte den Jungen. Er war Ziegenhirt und lebte bei seiner Mutter Hawisa. Von dort, wo ich ihn gefunden hatte, war es nicht weit bis zu ihrer H�tte. Du hast ja selbst gesagt, dass ihr auf dem Weg zur Bergkapelle bei ihr vorbeigekommen seid.�</p><p>Fidelma bewahrte die Fassung und zeigte keinerlei �berraschung. �Du kennst sie, sagst du?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. In dem Tal hier kennt jeder jeden.�</p><p>�Was hast du gemacht? Mit der Leiche von Wamba, meine ich.�</p><p>�Ich habe ihn heimgeschafft.�</p><p>�Heimgeschafft?�</p><p>�Zu seiner Mutter Hawisa.�</p><p>�Du hast ihn zu ihr in die H�tte geschafft?�, vergewisserte sich Fidelma noch einmal.</p><p>�Wohin h�tte ich ihn denn sonst bringen sollen?�, fragte der Krieger ver�rgert.</p><p>Fidelma entschloss sich, ihm das, was sie aus Hawisas Schilderung wusste, nicht l�nger vorzuenthalten.</p><p>�Und wenn ich dir jetzt erz�hle, dass Hawisa gesagt hat, du h�ttest den Leichnam unmittelbar zur Abtei gebracht, und dass, als sie hier ankam, der Junge bereits bestattet worden war?�</p><p>Wulfoald sah sie erstaunt an. �Dann kann ich nur feststellen, dass einer von uns dir nicht die Wahrheit gesagt hat�, erwiderte er langsam.</p><p>�Warum sollte die alte Frau gelogen haben?�</p><p>�Warum sollte <emphasis>ich</emphasis> gelogen haben?�, gab der Krieger scharf zur�ck.</p><p>�Der Gr�nde g�be es viele.�</p><p>�Frag doch Abt Servillius, wenn du meine Worte anzweifelst.�</p><p>�Abt Servillius? Was hat der damit zu schaffen?�</p><p>�Er war in Hawisas H�tte, als ich ihr den toten Jungen brachte.�</p><p>Jetzt war sie es, die ihn erstaunt ansah. �Was hat <emphasis>der</emphasis> denn dort gemacht?�</p><p>�Er hatte Wamba oder Hawisa aufsuchen wollen, um ihnen Auskunft �ber den Wert einer M�nze zu geben, die der Junge gefunden und zur Abtei gebracht hatte. Es muss sich um eine kleine und nicht sehr wertvolle M�nze gehandelt haben, die der Junge aber f�r wertvoll hielt. Gemeinsam haben wir mit Hawisa festgelegt, dass der Junge seine letzte Ruhest�tte auf dem Friedhof der Abtei erhalten sollte. Noch am gleichen Abend kamen wir hierher, um ihn zu bestatten. Hawisa blieb unten in der Siedlung bei einem Verwandten.�</p><p>Fidelma stand wie versteinert, sie konnte es nicht fassen, mit welcher Selbstverst�ndlichkeit der Mann die Dinge darlegte. �Ich frage noch einmal�, sagte sie schlie�lich, �weshalb sollte die alte Frau gelogen haben?�</p><p>Jetzt begehrte Wulfoald ernstlich auf. �Daf�r wei� ich keine Erkl�rung. Aber es gibt eine M�glichkeit, deine Frage zu beantworten.�</p><p>�N�mlich welche?�</p><p>�Sie der Person zu stellen, die sie als Einzige beantworten kann.�</p><p>�Hawisa?�</p><p>�Genau. Wenn meine M�nner morgen zu dem Heiligtum aufbrechen, werde ich sie bis zu Hawisas H�tte begleiten. Sie k�nnen dann weiterziehen, ich werde jedoch Hawisa zur Rede stellen.�</p><p>�Du hast doch nichts dagegen, wenn ich mitkomme?�</p><p>�Ich habe nichts anderes erwartet. Aber bist du sicher, dass du dort wieder hinaufwillst, nachdem man dich schon einmal oben entf�hrt hat? H�ltst du das f�r klug?�</p><p>�Ob klug oder nicht, ich denke, wir sollten beide die Antwort h�ren, die Hawisa zu geben hat, da wir beide v�llig entgegengesetzte Aussagen �ber den Tod ihres Jungen haben.�</p><p>�Einverstanden. Du hast recht. Wir treffen uns also hier bei Tagesanbruch.�</p><p>�In Ordnung. Da w�re nur noch eins, Wulfoald.�</p><p>�Wirklich nur noch eins?� Er l�chelte schwach.</p><p>�Ist dir irgendetwas Verd�chtiges aufgefallen, als du Wamba tot aufgefunden hast?�</p><p>�Etwas Verd�chtiges?� Er blickte sie forschend an, trat einen Schritt n�her und versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen. �Was willst du damit sagen?�</p><p>�Es hei�t, Wamba habe irgendwie danebengetreten, den Halt verloren, sei hinabgest�rzt und habe sich das Genick gebrochen.�</p><p>�Was sonst h�tte passiert sein sollen?�</p><p>�Ja, was sonst?�, wiederholte sie leise, lie� die Frage aber unbeantwortet.</p><p>�Ich wei� nicht, was dir im Kopf herumgeht. Was ich wei�, habe ich dir gesagt. Morgen werden wir versuchen herauszufinden, warum man dir eine Geschichte aufgetischt hat, die v�llig im Gegensatz zu dem steht, was sich wirklich zutrug.�</p><p>Er drehte sich um und ging raschen Schritts auf die Tore der Abtei zu. Ein Schatten l�ste sich � sie erkannte Bruder Bladulf �, ein Torfl�gel schwang auf, und Wulfoald passierte. Fidelma stand noch einen Augenblick da und schaute ihm nachdenklich hinterher. Dann kehrte sie kurz entschlossen zu den R�umen des Abtes zur�ck, vor denen Bruder Wulfila, der Verwalter, Wache hielt.</p><p>�Ich w�nsche den Abt zu sprechen�, erkl�rte sie ihm.</p><p>�Er hat sich zur Nacht zur�ckgezogen und ausdr�cklich verlangt, nicht gest�rt zu werden. Es wundert mich, dass du nach all den Strapazen immer noch auf bist, Prinzessin.�</p><p>�Der Abt steht sicherlich fr�h auf, oder?�</p><p>�Im Allgemeinen ja.�</p><p>�Dann muss es bis morgen warten.�</p><p>Der Verwalter neigte den Kopf. �<emphasis>Vade in pace</emphasis>.�</p><p>Drau�en warf Fidelma einen raschen Blick nach oben zu den Fenstern des <emphasis>scriptorium</emphasis>. Ein Licht flackerte hinter der einen Scheibe. Zielstrebig ging sie durch die Halle, bog nach links in den kleinen abgeschiedenen Raum und eilte von dort die Stufen zum Turm hoch.</p><p>Die T�r zum <emphasis>scriptorium</emphasis> war nicht verschlossen. Sie trat ein und fand Bruder Eolann an seinem Pult, auf der ein Talglicht brannte. M�de schaute er auf.</p><p>�Du sitzt noch sp�t �ber den B�chern, Bruder Eolann�, sagte sie. �Dabei solltest du nach den Abenteuern, die wir hinter uns haben, l�ngst schlafen.�</p><p>�Es gibt viel zu tun, Lady, ich muss die verlorene Zeit wieder wettmachen.�</p><p>�Wir haben beide ein wenig Ruhe verdient�, meinte sie.</p><p>Bruder Eolann sah sie erwartungsvoll an. �Irgendetwas treibt dich um, Lady. Was ist es?�</p><p>�Du entsinnst dich doch noch unserer Unterhaltung mit Hawisa, der Mutter vom kleinen Wamba?�</p><p>�Nat�rlich. Wieso?�, fragte er verwundert.</p><p>�Glaubst du, dass sie uns die Wahrheit gesagt hat?�</p><p>�Meines Erachtens ja. Weshalb fragst du?�</p><p>�Ich wollte herausfinden, warum Wulfoald den Leichnam des Jungen unmittelbar hierher in die Abtei zur Bestattung gebracht hat und nicht erst zu ihr in die H�tte. So und nicht anders hat sie es uns doch erz�hlt, oder?�</p><p>Der Bibliothekar schaute sie verwirrt an. �Ich wei� noch ganz genau, was sie gesagt hat.�</p><p>�Nichts liegt mir ferner, als deine Kenntnisse des Langobardischen oder dein �bersetzungsgeschick in Frage zu stellen, doch bist du wirklich davon �berzeugt, dass sie uns die Wahrheit erz�hlt hat?�</p><p>�Ich kann nur wiederholen, dass ich keinerlei Zweifel an der Ehrlichkeit ihrer Schilderung hatte.�</p><p>�Ich habe vorhin Wulfoald befragt, und er sagt etwas ganz anderes. Er behauptet, den Leichnam des Knaben zu ihrer H�tte geschafft zu haben, aber nicht nur das, er erkl�rt weiterhin, er h�tte dort zu eben dem Zeitpunkt Servillius bei Hawisa angetroffen.�</p><p>�Abt Servillius w�re dort gewesen? Das h�re ich zum ersten Mal, davon hat sie kein Wort gesagt.� Selbst in dem fahlen Kerzenlicht sah Fidelma, dass Bruder Eolann bleich geworden war. Er sch�ttelte energisch den Kopf. �Das kann nicht sein, Lady. Einer von beiden l�gt, und ich w�rde sagen, es ist Wulfoald. Die alte Frau hat klar und ohne Umschweife gesprochen. Ich kann da nichts missverstanden haben.�</p><p>�Ich dachte es mir.� Ihr Sto�seufzer war nicht zu �berh�ren.</p><p>�Wie dem auch sei, es gibt eine M�glichkeit, hinter die Wahrheit zu kommen�, fuhr Bruder Eolann fort. �Frag Abt Servillius, ob er dort war.�</p><p>�Er hat sich bereits zur Nachtruhe zur�ckgezogen. Ich werde ihn morgen fr�h fragen. Aber ich muss herausbekommen, warum Hawisa uns belogen hat.�</p><p>�Wie willst du das aber ��</p><p>�Ich habe mit Wulfoald vereinbart, dass wir bei Tagesanbruch zu ihrer H�tte reiten und noch einmal mit ihr sprechen�, fiel sie ihm ins Wort.</p><p>�Ist das eine vern�nftige Idee? Wenn es nicht Hawisa ist, die gelogen hat, dann war es Wulfoald, und wenn er es getan hat, dann aus gutem Grund � und den wird er wohl f�r sich behalten wollen.�</p><p>�Das ist mir auch schon durch den Kopf gegangen, und genau deshalb musst du mit dabei sein. Ich baue auf dich. Du wirst deine Ohren spitzen und beim �bersetzen sorgsam auf deine Wortwahl achten, damit ich exakt von dem unterrichtet werde, was Hawisa zu Wulfoald sagt.�</p><p>Das begeisterte ihn offenbar wenig. �Ist das unbedingt n�tig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wenn du meinst, dann komme ich mit.�</p><p>�Gro�artig. Dann also bei Tagesanbruch auf dem Hof.�</p><p>Als Fidelma durch das Gew�lbe ging, das auf den Hof f�hrte, h�rte sie Pferdegetrappel. Im Schatten des Kreuzgangs blieb sie stehen und beobachtete, wie zwei Reiter die Abtei verlie�en. Obwohl sie sie nur von hinten und im schwachen Licht der Fackeln sah, erkannte sie doch, dass es ein Mann und eine Frau waren. Rasch verschwanden sie in der Dunkelheit. Neugierig geworden, n�herte sie sich Bruder Bladulf, der die Tore schloss.</p><p>�Wer hat da eben die Abtei verlassen?�, fragte sie ihn.</p><p>�berrascht drehte sich Bruder Bladulf um. �Ach, du bist es, Schwester �, hm, edle Dame. Das war der Abt.�</p><p>Sie sah ihn erstaunt an. �Der Abt hatte sich doch aber zur Nachtruhe zur�ckgezogen und strikte Anweisung gegeben, nicht gest�rt zu werden. Und wer war die Frau, die mit ihm ritt?�</p><p>�Schwester Gisa. Sie kam, um den Abt zu holen. Ein Notfall�, wie sie sagte.</p><p>�Ein Notfall?�</p><p>�Der alte Aistulf. Ihm geht es nicht gut, und da wollte Schwester Gisa den Abt holen.�</p><p>�Aistulf?�</p><p>�Du hast von ihm geh�rt? Er muss schon fr�her ein Freund von Abt Servillius gewesen sein, tauchte aber erst vor zwei Jahren in dem Tal hier auf. Er ist Einsiedler, spielt die Muse und scheut jedweden Kontakt mit anderen. Er zieht es vor, in einer H�hle zu schlafen und durch die W�lder zu streifen.�</p><p>�Dann muss mit Aistulf etwas Au�ergew�hnliches passiert sein. Geschieht es oft, dass der Abt mitten in der Nacht aufsteht und unverz�glich seinem Ruf Folge leistet?�</p><p>�Nicht oft. Aber es ist schon vorgekommen, dass er eine Nachricht geschickt und der Abt darauf reagiert hat. Diesmal aber war Schwester Gisa in heller Panik, vielleicht ist etwas Ernstliches mit Aistulf�</p><p>�Weshalb holt man dann nicht Bruder Hnikar?�</p><p>�Bruder Hnikar?� Der Torh�ter verzog das Gesicht. �Nicht, dass du mich falsch verstehst. Er ist ein guter Arzt. Aber wenn ich im Sterben l�ge und Zuspruch brauchte, w�re er der Letzte, nach dem ich schicken w�rde, von dem w�rde ich nur eine Predigt zu h�ren bekommen, was f�r ein g�nzlich anderes Leben ich h�tte f�hren m�ssen; wenn das letzte St�ndlein geschlagen hat, ist sowieso nichts mehr zu �ndern.�</p><p>�Geht er wirklich so grob mit seinen Kranken um?�</p><p>�Wenn ich Einsiedler w�re, ein Leben im Einklang mit der Natur f�hrte, w�rde ich nicht nach ihm schicken. Aber das tut ja jetzt nichts zur Sache. Die Einzigen, denen Aistulf traut, sind Abt Servillius und Schwester Gisa. Es hei�t, Schwester Gisa kenne sich in der Kunst eines Apothekers gut aus.�</p><p>�Ist es weit bis zu ihm?�</p><p>�Eine gute Frage, edle Dame, nur habe ich keine Antwort darauf. Irgendwo oben in den Bergen jenseits des Flusses.� Er wies in die gegen�berliegende Richtung zu den H�ngen des Monte P�nas. �Allein der Abt und Schwester Gisa wissen, wo er sich aufh�lt. Doch es ist schon sp�t, und ich muss fr�h raus, soll die Br�der zum Heiligtum f�hren, um den Leichnam von Freifrau Gunora von dort in die Abtei zu schaffen.�</p><p>Fidelma verstand den Wink und machte sich auf den Weg zum G�stehaus. Auch sie sp�rte, wie m�de sie war. Kaum hatte sie sich ausgestreckt, da war sie auch schon eingeschlafen, kein Aufruhr der Gedanken konnte ihr noch etwas anhaben.</p><p>Jemand r�ttelte sie an der Schulter. Sie blinzelte, versuchte zu sich zu kommen und schoss hoch. Bruder Wulfila, der Verwalter, stand mit einer Kerze vor ihrem Bett.</p><p>�Venus, der Morgenstern, steht klar am �stlichen Himmel. Der Morgen graut. Ich soll dich wecken. Bruder Bladulf ist mit einigen Br�dern schon zur kleinen Bergkapelle losgezogen.�</p><p>�Schon Morgengrauen?� Sie versuchte, den Kopf klar zu bekommen.</p><p>�Wulfoald steht auf dem Hof bereit und hat veranlasst, dass ein Pferd f�r dich gesattelt wird.�</p><p>�Wulfoald?� Jetzt war sie hellwach. �Es tut mir leid, Bruder Wulfila. Ich war gestern Abend v�llig ersch�pft und bin noch etwas durcheinander. Verzeih. Sag Wulfoald, dass ich sogleich unten bin.�</p><p>Er lie� die Kerze f�r sie da und ging zur T�r, als sie ihm nachrief: �Ist Bruder Eolann auch schon auf dem Hof?�</p><p>Bruder Wulfila runzelte die Stirn. �Bruder Eolann, der <emphasis>scriptor,</emphasis> edle Dame?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein, der ist nicht dort.�</p><p>�Vielleicht hat er wie ich verschlafen. K�nntest du dich darum k�mmern, dass er geweckt wird? Er kommt mit Wulfoald und mir mit, wird sich also beeilen m�ssen.�</p><p>Der Verwalter sah sie erstaunt an. �Du magst kommen und gehen, wie du willst, der <emphasis>scriptor</emphasis> aber braucht die Erlaubnis vom Abt.�</p><p>Fidelma st�hnte ungeduldig auf. �Ist denn Abt Servillius schon zur�ck? Er ist am sp�ten Abend noch ausgeritten, weil Aistulf, der Einsiedler, nach ihm verlangt hatte.�</p><p>Bruder Wulfila sch�ttelte den Kopf. �Er ist noch nicht zur�ck.�</p><p>�Na gut. Wenn er unbedingt eine Erlaubnis braucht, dann versuch sie bitte vom Ehrw�rdigen Ionas zu bekommen und trage daf�r Sorge, dass Bruder Eolann rechtzeitig zur Stelle ist. Er wird dringend ben�tigt.�</p><p>�Geht in Ordnung. Im Augenblick ist noch nicht viel Leben in der Abtei, die meisten waren ja auf, um das Feuer zu sehen.�</p><p>�Feuer? Was f�r ein Feuer?�</p><p>�Im Gebirge oben, auf dem P�nas, hat es ein gro�es Feuer gegeben. Die Flammen loderten hell in der Dunkelheit. Viele der Br�der waren wach geworden und sind hinausgegangen, um es zu beobachten. Es hat lange gebrannt. Etwas Au�ergew�hnliches ist das nicht. Wenn es sehr hei� ist, kommt es da oben hin und wieder zu einem Waldbrand.�</p></section><section><title><p>KAPITEL 15</p></title><p>Als Fidelma in den Innenhof kam, wartete Wulfoald bereits geduldig neben seinem fahlgrauen Pferd. Er hielt ein weiteres Ross am Z�gel, das vermutlich f�r sie bestimmt war. Zwar zog die Morgend�mmerung herauf, doch es war noch zu dunkel, um die Berge klar zu sehen. Auch von der Feuersbrunst, von der Bruder Wulfila gesprochen hatte, sah sie nichts. Sie schaute sich um, aber Bruder Eolann war nirgends zu entdecken.</p><p>�Bruder Eolann wird uns begleiten�, sagte sie unumwunden, �wir brauchen also noch ein Pferd.�</p><p>Wulfoald war verdutzt. �Warum soll der <emphasis>scriptor</emphasis> mitkommen?�</p><p>�Weil er mein Zeuge ist bei dem, was die Alte gesagt hat, und das klang so v�llig anders als das, was du mir erz�hlt hast.�</p><p>Der Krieger biss sich auf die Lippen. �Das h�lt uns jetzt unn�tz auf. Bruder Bladulf und seine Mitstreiter sind schon auf dem Aufstieg zum Heiligtum, und zwei meiner M�nner geben ihnen Begleitschutz.�</p><p>Noch ehe sie antworten konnte, kam Bruder Wulfila in aller Eile und �u�erst erregt �ber den Hof.</p><p>�Wo ist Bruder Eolann?�, fragte ihn Fidelma und lie� ihn kaum Luft holen.</p><p>�Schwester � �h, edle Dame, am besten du kommst gleich mit. Er ist im <emphasis>scriptorium</emphasis>.�</p><p>�Ja, und? Was ist mit ihm?�, herrschte sie ihn an.</p><p>Der Verwalter sch�ttelte jedoch nur den Kopf und winkte ihr, ihm zu folgen.</p><p>Sie murmelte zu Wulfoald eine Entschuldigung und lief dem Verwalter durch den Kreuzgang zur Treppe hinterher, die im Turm zur Bibliothek f�hrte. Bruder Eolann sa� auf einem Stuhl, Bruder Hnikar stand mit einem feuchten Tuch in der Hand �ber ihn gebeugt und betupfte eine Wunde an der Stirn. Der junge M�nch sah sehr blass aus, seine Kutte war blutbeschmiert.</p><p>�Was ist denn mit dir passiert?�, fragte Fidelma erschrocken.</p><p>Bruder Hnikar antwortete als Erster: �Wahrscheinlich ein Sturz von der Treppe, und dann ist er ohnm�chtig geworden.�</p><p>�War dem so?�, vergewisserte sie sich bei dem Bibliothekar, der nickte und zuckte vor Schmerz zusammen.</p><p>�Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht, Lady�, sagte er und verfiel in die ihnen gemeinsame keltische Sprache. �Ich habe bis sp�t in die Nacht gearbeitet. Als ich fertig war, habe ich die Lampe gel�scht, ich bin es gewohnt, mich im Zwielicht zurechtzufinden. Ich muss dann gestolpert sein und mir die Stirn aufgeschlagen haben.� Er hob den Kopf, und sie sah die Bescherung � Absch�rfungen und eine Schwellung.</p><p>Zu Bruder Hnikars Missvergn�gen betrachtete sich Fidelma die Wunde sehr eingehend. �Und du <emphasis>glaubst,</emphasis> du bist gestolpert?�, fragte sie betont.</p><p>�Sicher war es so. Aber ich bin noch etwas wirr im Kopf. Daran erinnern kann ich mich nicht so richtig.�</p><p>Jetzt mischte sich Bruder Wulfila ein. �Als du mich geschickt hast, den <emphasis>scriptor</emphasis> zu suchen, habe ich erst in seine Zelle geschaut, bin dann in die Schreibwerkstatt gegangen und fand ihn halb bewusstlos in einer Blutlache auf dem Boden. Ich habe sofort unseren Apotheker holen lassen und bin zu dir geeilt.�</p><p>�Ich bin erst zu mir gekommen, als mir Bruder Wulfila mit einem nassen Lappen den Kopf betupfte�, best�tigte der junge M�nch. �Er hat mich auf den Stuhl gesetzt und ging, den Apotheker zu holen.�</p><p>Fast vorwurfsvoll wandte sich Bruder Hnikar an Fidelma. �Weitere Fragen kann ich nicht zulassen. Sobald ich die Salbe aufgetragen und die Wunde verbunden habe, muss sich der <emphasis>scriptor</emphasis> unbedingt hinlegen.�</p><p>Bruder Eolann schaute sie ungl�cklich an. �Es tut mir sehr leid, Lady. Bruder Hnikar wird mir nicht erlauben, dich heute fr�h zu begleiten, um Hawisa aufzusuchen.�</p><p>�Ist schon klar�, erwiderte Fidelma vergr�tzt. Ohne jemand, dem sie vertrauen konnte, dass er ihr Hawisas Worte genau �bersetzte, war es v�llig unsinnig, sich zu der Alten zu begeben.</p><p>�Pass gut auf dich auf�, sagte sie in ihrer Sprache. �Ich werde schon einen anderen Dolmetscher finden.�</p><p>Sofort wurde sie aufgebracht von Bruder Hnikar zurechtgewiesen. �Die Regel in dieser Abtei, Schwester Fidelma, ist, dass alle Gespr�che in der allen gemeinsamen Sprache gef�hrt werden � und das ist Latein. Wir, die wir unter Gottes besonderem Schutz stehen, verbergen nichts vor Ihm und sollten daher auch voreinander nichts verbergen.�</p><p>Fidelma neigte den Kopf, mehr um nicht ihre Ver�rgerung zu zeigen, als anzudeuten, dass sie sich ihm unterordnete.</p><p>�Schwester Fidelma hat mir nur rasche Genesung gew�nscht�, beeilte sich Bruder Eolann auf Latein zu erkl�ren.</p><p>�Ja, die w�nsche ich dir von Herzen�, f�gte sie auf Latein hinzu.</p><p>�Es tut mir sehr leid, Schwester Fidelma�, brachte Bruder Eolann z�gernd heraus. �Es tut mir <emphasis>wirklich alles</emphasis> sehr leid.�</p><p>Im Hinausgehen runzelte sie nachdenklich die Stirn. Merkw�rdig, wieso hatte er das mit solchem Nachdruck gesagt? Bruder Wulfila kam ihr eilends hinterher.</p><p>�Ist Abt Servillius schon zur�ckgekehrt?�, fragte sie, w�hrend sie die Stufen im Turm hinabstiegen.</p><p>�Weder er noch Schwester Gisa sind zur�ck.�</p><p>�Und Bruder Faro?�</p><p>�Bruder Faro ist gestern losgeritten, um Almosen zu den Armen in der Siedlung weiter unten im Tal zu bringen. Er ist noch nicht wieder hier.�</p><p>Fidelmas Gedanken wirbelten durcheinander, als sie auf den Hof gelangte. Es war nun taghell. Wulfoald wartete immer noch bei den Pferden, wenn auch sichtlich ungeduldig. Auf dem Hof dr�ngten sich die M�nche, Alle starrten nach oben auf den Berg, so dass auch Fidelma in die H�he blickte. Von einer Stelle auf den Bergh�ngen stieg eine S�ule grauschwarzen Rauchs langsam in den Himmel. Eine d�stere Vorahnung beschlich sie.</p><p>�Was bedeutet der Rauch da?�, erkundigte sie sich bei Bruder Wulfila, der ebenfalls nach oben schaute.</p><p>�In der Nacht ist dort auf den H�ngen ein Waldbrand ausgebrochen. Dass es lichterloh gebrannt hat, hatte ich dir ja schon gesagt.�</p><p>�Wo genau kann das gewesen sein?�</p><p>�Das l�sst sich schwer sagen. Irgendwo an dem Wanderweg zur Bergkapelle, aber wohl nicht, <emphasis>Deo favente,</emphasis> in der N�he der Gedenkst�tte f�r den heiligen Columbanus.�</p><p>Wulfoald hatte ihr Gespr�ch mit angeh�rt. �Wenn du dir Sorgen machst wegen unseres Ritts in die Berge, brauchst du nur etwas genauer dorthin zu sehen. Da schweben noch die Reste von Regenwolken �ber den Gipfeln. Weiter oben muss es heftig gegossen haben, und das d�rfte das Feuer gel�scht haben, so dass wir nichts bef�rchten m�ssen. Aber wo bleibt Bruder Eolann?�</p><p>�Er wird nicht mitkommen�, erwiderte sie knapp, �er hat einen Unfall gehabt.�</p><p>Wulfoald riss die Augen auf. �Das trifft sich sehr schlecht. Ist er arg mitgenommen?�</p><p>�Besonders schlimm ist es nicht, doch es reicht, dass er nicht mit uns den Ritt hinauf unternehmen kann.�</p><p>�Aber wie willst du ��, fing Wulfoald an.</p><p>�� will ich dann verstehen, was Hawisa sagt? Es wird mir nichts weiter �brigbleiben, als mich auf dich als meinen Dolmetscher zu verlassen.� Sie l�chelte gequ�lt.</p><p>�Das ist wirklich b�s.� Sie drehten sich um und sahen den Ehrw�rdigen Ionas hinter sich. Einen Augenblick war Fidelma unsicher, worauf sich sein Einwurf bezog. Doch gleich bemerkte sie, auch er starrte auf die schwarze Rauchwolke �ber dem Berg. Dann fiel ihm auf, dass Wulfoald mit gesattelten Pferden dort stand. �Wohin willst du denn so fr�h?�</p><p>Wulfoald zeigte auf den Berg. �Ich wollte mit Schwester Fidelma da hinauf. Vielleicht hat sie es sich inzwischen anders �berlegt.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas konnte sich keinen Reim darauf machen. �Wolltest du nicht deine Krieger mit Bruder Bladulf zur Bergkapelle schicken? Oder soll euch Schwester Fidelma etwa den Weg zeigen?�</p><p>�Bladulf und meine M�nner sind l�ngst unterwegs, Schwester Fidelma und ich haben etwas anderes vor. Wir wollten Hawisa in ihrer H�tte aufsuchen zusammen mit Bruder Eolann, denn sie braucht ja jemand, der f�r sie dolmetscht. Blo� Bruder Eolann hatte gerade einen Unfall und kann nicht mitkommen.�</p><p>�Ich brauche jemand, der sowohl Langobardisch spricht als auch Latein�, fing sie an zu erkl�ren, schalt sich aber sogleich eine N�rrin, weil die Bemerkung v�llig �berfl�ssig war.</p><p>�Aber Wulfoald spricht doch ��</p><p>�Leider bin ich f�r Schwester Fidelma nicht der rechte Partner�, meinte Wulfoald leicht ironisch. �Sie ben�tigt Stimme und Ohr eines anderen.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas schaute ihn verst�ndnislos an, winkte jedoch einen rundlichen kleinen Mann heran, der in einer Hofecke gerade dabei war, einem Maultier einen Sack aufzubinden. Der Mann hatte eine schwarze, mit Silberf�den durchzogene M�hne, einen zottigen Bart und schlechte Z�hne.</p><p>�Ratchis hei�t er�, erkl�rte der Gelehrte Fidelma, als der Mann etwas au�er Atem angewatschelt kam. �Wenn du auf einem anderen Dolmetscher bestehst, Schwester, dann kommt der Mann hier gerade zur rechten Zeit. Es ist ein gl�cklicher Zufall, dass er sich heute morgen eben auf den Weg �ber die Berge machen will.�</p><p>Der Mann blieb vor ihnen stehen, verzog den Mund zu einem schiefen L�cheln und begr��te sie alle in Latein.</p><p>�Ratchis, bist du auch als Dolmetscher gut�?, fragte ihn der Ehrw�rdige Ionas. �Kannst du unsere Langobardensprache ins Lateinische �bersetzen?�</p><p>Der beleibte H�ndler schaute bei der Frage verwundert auf. �Mein ganzes Leben lang treibe ich Handel in diesen Bergen, du wei�t doch, dass ich das kann, Ehrw�rdiger Ionas.�</p><p>�W�rdest du Schwester Fidelma den Berg hinaufbegleiten und f�r sie �bersetzen, wenn sie dich braucht?�</p><p>Sehr erbaut war der H�ndler davon nicht. �Lange aufhalten kann ich mich damit aber nicht. Ich bin auf dem Weg nach Ticinum Papia.�</p><p>�Du kommst dort ohnehin vorbei, wo wir hinwollen�, vermittelte Wulfoald. �Es wird nicht lange dauern. Wir machen nur kurz Halt, und dann kannst du weiterziehen, sogar mit dem Segen der Abtei.�</p><p>Der Kaufmann warf dem Krieger einen erstaunten Blick zu. �Du kommst auch mit? Du sprichst doch beide ��</p><p>�Halten wir uns nicht lange auf mit der Fragerei�, fertigte ihn der Waffentr�ger gereizt ab. �Je eher wir aufbrechen, umso schneller bist du auf deinem Weg nach Ticinum Papia.�</p><p>Fidelma dankte dem H�ndler f�r seine Bereitwilligkeit und stieg aufs Pferd, das Wulfoald f�r sie festhielt. Er schwang sich ge�bt in den Sattel, w�hrend der H�ndler sich auf sein Maultier hievte.</p><p>�Bis zur Bergkapelle k�nnen wir mit den Pferden nicht hochreiten�, erl�uterte ihr Wulfoald, �doch bis kurz unterhalb von Hawisas H�tte ist der Weg einigerma�en geebnet. Dort zweigt auch der Hauptweg ab, der zwischen den Bergen bis nach Ticinum Papia geht und der unseren t�chtigen Handelsmann an sein Ziel bringen wird. Das ist die Strecke, an der ich Wamba gefunden habe. Reiten wir also los, wir haben schon viel Zeit verloren.�</p><p>Fidelma erwiderte nichts. Sie gr�belte immer noch, warum Wulfoald sich seiner Sache so sicher schien.</p><p>Da Bruder Bladulf nicht da war, �ffnete ihnen Bruder Wulfila das gro�e Tor, und die drei Reiter trotteten hinaus und an der Umfriedung der Abtei entlang zu dem Pfad, der sich an den Bergflanken bis zum Gipfel hinaufwand. Eine ganze Weile ritten sie schweigend dahin, dann lie� sich Ratchis vernehmen, der auf seinem Muli dicht hinter ihnen blieb. Er war es offenbar gewohnt, Bergpfade zu erklimmen.</p><p>�Habe ich recht geh�rt, ihr wollt hoch zu Hawisas H�tte?�</p><p>Wulfoald rief ihm �ber die Schulter zu: �Du kennst sie wohl?�</p><p>�In den Bergen hier kenne ich fast jeden�, best�tigte ihm der kleine Mann. �Ich wei� sogar, dass du einer von Seigneur Radoalds Kriegern bist. Warum wollt ihr gerade die gute Alte besuchen?�</p><p>�Wir wollen ihr ein paar Fragen stellen, die mit dem Tod ihres Sohnes zu tun haben�, erwiderte Fidelma.</p><p>�Wamba ist doch von der Felswand gest�rzt und so zu Tode gekommen. Dar�ber reden hier alle. Das ist schon ein paar Wochen her. Ist er nicht sogar neben der Abtei begraben worden?�</p><p>�Warst du vielleicht in der Abtei, als das passierte?�, fragte Fidelma.</p><p>�Tags�ber war ich in Travo gewesen. Zum Begr�bnis in der Nacht kam ich gerade rechtzeitig. Du warst doch auch dabei, Wulfoald.�</p><p>�Von wo kommst du eigentlich, Ratchis?�, erkundigte sich Fidelma.</p><p>�Aus Genua.�</p><p>�Erstaunlich, dass du da nicht mit einer gr��eren Ladung deiner Waren durchs Land ziehst.�</p><p>Ratchis lachte auf. �Das liegt daran, dass ich mich zuerst nach Kundschaft umtue. Wenn ich gen�gend Auftr�ge beisammen habe, suche ich mir Fuhrleute und Mulis, die die Waren bef�rdern. Leider kann man heutzutage in eurem Trebbia-Tal kaum ein gutes Gesch�ft machen. Da liegt viel zu viel Spannung in der Luft. Deshalb bin ich unterwegs nach Ticinum Papia und werde auf der Alten Salzstra�e durch das Gebiet von Vars zur�ckkehren.�</p><p>�Ich bezweifele, dass du da weniger Spannung sp�rst�, grummelte Wulfoald.</p><p>�Wieso?�, fragte der H�ndler und gab sich ganz unbek�mmert.</p><p>�Na komm, Ratchis, du wei�t genausogut wie ich, was im Busch ist�, erwiderte Wulfoald unnachgiebig. �Gegenw�rtig beherrscht Grasulf, der Seigneur von Vars, die Alte Salzstra�e von Genua bis hinauf nach Ticinum Papia und sogar weiter bis Mailand. Und Mailand hat immer Perctarit die Treue gehalten. Gelingt es Grasulf, �ber das Trebbia-Tal die Oberhand zu gewinnen, dann k�nnte er beide Routen von Genua beherrschen, sowohl die entlang der Trebbia nach Placentia als auch die Alte Salzstra�e nach Mailand. Auf beiden Wegen k�nnten Truppen und Ausr�stungen, die �bers Meer kommen, in Genua ausgeladen und dann �ber Land zur Verst�rkung von Perctarit geschafft werden, wenn der sein Lager bei Mailand aufschl�gt.�</p><p>�Du redest richtig wie ein Krieger�, sagte der Kaufmann lachend. �Strategie nennt man so was wohl. Schade, dass du alles immer nur aus dem Blickwinkel des Strategen siehst.�</p><p>�In Zeiten wie diesen kann man die Dinge gar nicht anders sehen�, erwiderte Wulfoald unbeeindruckt.</p><p>�Ich bin Kaufmann und betrachte alles unter dem Aspekt von Handel und Gewinn. Wenn ich an Kriegsherren wie Grasulf oder Radoald zahlen muss, dann bleibt einem nichts anderes �brig, als die Unkosten auf den Preis aufzuschlagen.�</p><p>�Hast du gar keine Angst, dass diese Kriegsherren eines Tages auch dich umbringen k�nnten?�, fragte Wulfoald.</p><p>Ratchis lachte stillvergn�gt. �Und wer w�rde sie dann mit dem N�tigen beliefern?�</p><p>Fidelma hatte der Unterhaltung schweigend zugeh�rt. Derweil waren sie bereits ein betr�chtliches St�ck bergauf geritten. Wulfoald schlug schlie�lich vor, dort abzusteigen, wo der Hauptweg abzweigte. Fidelma erinnerte sich, dass sie also nicht weit von Hawisas H�tte waren. Leises Wiehern drang an ihr Ohr. Schon hatte Wulfoald sein Schwert gezogen und war vom Pferd geglitten. Warnend hielt er den Finger an die Lippen. Umsichtig stieg er den Pfad hoch, an dem sie stehen geblieben waren. Sie sa�en und warteten. Es dauerte nicht lange, da kam er zur�ck, sein Schwert steckte bereits wieder in der Scheide.</p><p>�Das sind die Pferde und das Maultier von Bruder Bladulf und seinen Leuten. Sie haben sie da oben in einer kleinen Lichtung angebunden und sind zu Fu� zum Heiligtum hochgegangen, um den Leichnam heimzuholen. Wir lassen unsere Tiere auch dort, der Pfad wird zu steil f�r sie.�</p><p>So wurden Pferde und Muli zwischen den B�umen angebunden. Der Fleck konnte den Tieren behagen, ein Bach pl�tscherte vorbei, und ringsum wuchs saftiges Grass. Erst ein ziemliches St�ck oberhalb begann das Gebiet, in dem das Feuer gew�tet hatte.</p><p>�Wenn ich mich nicht irre, steht Hawisas H�tte gleich �ber der Steigung da.� Fidelma wies nach oben.</p><p>�Das stimmt�, erwiderte Wulfoald. Sein Gesicht wirkte auffallend angespannt.</p><p>Schon von weitem nahm Fidelma den bei�enden Geruch von eben verbranntem Holz wahr. Der auf-und abschwellende Wind hatte begonnen, puderfeine Asche aufzuwirbeln. Auch Wulfoald hatte das bemerkt und eilte mit gro�en Schritten die Steigung hinauf.</p><p>�Ich will erst mal sehen, wie weit sich das Feuer in den Wald gefressen hat�, rief er ihr �ber die Schulter zu. Wieder beschlich Fidelma die Vorahnung, die ihr schon gekommen war, als sie noch auf dem Hof der Abtei gestanden und die Rauchs�ule am Berg gesehen hatte. War der Waldbrand von selbst entstanden oder hatten ihn Grasulf und seine Leute gelegt? Vielleicht lauerten sie noch irgendwo im Hinterhalt.</p><p>�Wir sollten uns jetzt mit aller Vorsicht bewegen�, riet sie.</p><p>�Warum denn?� Die Stimme des H�ndlers klang schrill vor Erregung. Eine Antwort erhielt er nicht.</p><p>Als sie an die Stelle kamen, wo das Feuer gew�tet hatte, f�hlte sich Fidelma ausgesprochen unwohl. Wenn ihre Vermutung stimmte, dass Hawisa die Wahrheit gesagt hatte, als sie behauptete, Wamba sei sofort zur Abtei geschafft worden, Wulfoald aber gelogen hatte, dann h�tte er Grund, ihr etwas anzutun. Sie war froh, dass der Ehrw�rdige Ionas den H�ndler �berredet hatte, sie zu begleiten. Dessen Hilfe war immerhin besser als gar keine. Wenn nur nicht alles so verwirrend gewesen w�re. Wulfoald war sich seiner Sache offenbar v�llig sicher. Oder irrte sie sich da? Und wenn dem so war, warum hatte Hawisa gelogen? Hatte das etwas mit der Entsch�digung f�r die M�nze zu tun, hing es mit dem Gold zusammen?</p><p>Die Gegend kam Fidelma vertraut vor, als sie den Hauptweg verlie�en und in das Waldst�ck hineingingen. Die Vorahnung, die sie schon geplagt hatte, �berfiel sie mit voller Wucht. Die heftigen Regenschauer hatten die Flammen gel�scht, doch der alles durchdringende Geruch von Rauch und angebranntem Holz war geblieben � und lag da noch etwas in der Luft? Es roch merkw�rdig, als h�tte man ein Schwein am Spie� gebraten. Dann sah sie die Tr�mmer der H�tte. Die Lage an dem herabschie�enden Gebirgsbach war das einzige Erkennungszeichen in der schwarz verkohlten Umgebung. Dort, wo einmal die T�r zu der H�tte gewesen war, vor der sie noch vor wenigen Tagen gesessen hatte, lagen die �berreste einer Leiche, zu verkohlt und verkr�mmt, als dass man den Toten sofort erkannt h�tte.</p><p>Fidelma erstarrte. Ohne jede Warnung drang ein Schrei zu ihr, ein Schrei, schrill wie von einem Tier. Eine Gestalt kam auf sie zugerannt, in der hocherhobenen Hand die blitzende Klinge eines Messers. Fidelma war unf�hig, sich zu r�hren beim Anblick des Wesens, das da zwischen den geschw�rzten Baumst�mmen hervorbrach, bekam aber mit, wie Wulfoald sich blitzschnell vor sie stellte und den Angreifer beiseite schleuderte. Der lie� das Messer fallen und w�lzte sich auf dem mit Asche bedeckten Boden. Wulfoald stand mit gezogenem Schwert �ber dem Gest�rzten, der einfach dalag und dessen Schultern sich seltsam hoben und senkten. Nur einen Augenblick dauerte es, dann begriff sie, er schluchzte hemmungslos.</p><p>Im gleichen Moment h�rte sie den H�ndler Ratchis einen Schreckensschrei aussto�en und sah, wie er den Berg hinab zu der Lichtung rannte, auf der sie ihre Reittiere gelassen hatten. Sie rief ihm hinterher, wusste aber sogleich, wie sinnlos das war, und wagte sich ein paar Schritte zu Wulfoald vor.</p><p>Der Krieger b�ckte sich, packte den Angreifer am Kragen und zog ihn hoch. Es war ein junger Mann, wohl keine zwanzig Jahre alt. Sein Haar war zerzaust, das Gesicht mit Ru� beschmiert und tr�nen�berstr�mt. Gekleidet war er wie alle Ziegenhirten in der Gegend.</p><p>Wulfoald sch�ttelte die Ungl�cksgestalt, wie ein Wolf seine Beute sch�ttelt, und zwang ihn derb, seine Fragen zu beantworten. Dann drehte er sich zu Fidelma und �bersetzte.</p><p>�Der Bursche hat geglaubt, wir seien diejenigen, die das Unheil hier angerichtet haben.� Er wies mit dem Kopf zu den niedergebrannten Tr�mmern. �Hawisa ist tot, und auch ein paar ihrer Tiere sind umgekommen. Deshalb hat er sich auf uns gest�rzt.� Forschend betrachtete Wulfoald den Jungen von oben bis unten. �Das ist der Neffe von Hawisa. Odo hei�t er. Ich erkenne ihn trotz Ru� und Ascheschlamm.�</p><p>Zu Fidelmas �berraschung machte der junge Mann pl�tzlich den Mund auf und erkl�rte in d�rftigem, aber verst�ndlichem Latein: �Ja, Hawisa war meine Tante. Euch kenne ich nicht.�</p><p>�Ich stehe bei Seigneur Radoald in Diensten�, erkl�rte ihm der Krieger. �Das ist Fidelma aus Hibernia.�</p><p>�Du hei�t also Odo?�, fragte ihn Fidelma. �Und du bist der Ziegenhirt, der die Herde �bernahm, als Wamba starb?�</p><p>�Du bist doch eine Fremde hier, woher wei�t du das alles?�</p><p>�Deine Tante hat es mir erz�hlt. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit ihr unterhalten.�</p><p>�Sie konnte doch aber kein Latein.�</p><p>�Das wusste ich. Ich hatte einen Dolmetscher bei mir. Wie kommt es, dass <emphasis>du</emphasis> Latein sprichst?�</p><p>Der junge Bursche streckte sich. �Die frommen Br�der haben mich unterrichtet, und wann immer ich kann, rede ich mit Aistulf.�</p><p>�Mit Aistulf, dem Einsiedler? Der scheint mir ein ganz au�ergew�hnlicher Eremit zu sein. Er soll ja auch deinen Vetter Wamba das Spielen auf der Muse gelehrt haben.�</p><p>�Das hat dir wohl Hawisa erz�hlt. Wamba war sehr gescheit. Er w�re ein guter Spieler auf der Muse geworden ��</p><p>�� wenn er l�nger gelebt h�tte�, beendete Wulfoald den Satz.</p><p>Fidelma �berging den Einwurf. �Wegen Wamba war ich vor ein paar Tagen hier und habe mit deiner Tante gesprochen, heute wollte ich noch ein paar Dinge mit ihr kl�ren. Doch nun ist alles, ihre H�tte und �� Sie sprach nicht weiter, sondern nickte nur stumm zu den verkohlten Resten hin�ber. �Suchen wir uns eine bessere Stelle, wo wir miteinander reden k�nnen.�</p><p>Sie gingen ein St�ck bergab. Odo hob noch eine Decke auf, die er auf einem Felsbrocken abgelegt hatte. Auf ihren erstaunten Blick hin erkl�rte er ihnen: �Die hatte ich hergebracht, um meine Tante zu bedecken und ihre Leiche vielleicht dahin zu schaffen, wo sie ordentlich begraben werden kann.� Sie warteten, bis er die Decke �ber den verkohlten Leichnam gebreitet hatte, und gingen dann zu dritt zu der vom Feuer verschonten Lichtung, auf der ihre Pferde standen. Die Rosse grasten friedlich neben dem rauschenden Bach, doch Ratchis� Muli war verschwunden.</p><p>Suchend schaute sich Wulfoald um. �Ich nehme an, unser tapferer Handelsmann ist uns untreu geworden. H�ttest du ihn �berhaupt noch gebraucht?�</p><p>Fidelma sch�ttelte den Kopf und hockte sich auf den Stamm eines umgest�rzten Baums. Mit einer Handbewegung lud sie Odo ein, sich neben sie zu setzen. �Du meinst also, das war kein von selbst entstandener Waldbrand?�</p><p>�Ja � erz�hl uns, wie du das Feuer erlebt hast�, forderte ihn Wulfoald auf und lehnte sich an einen Baum. �Du hast gewusst, dass jemand absichtlich Feuer gelegt hat, sonst h�ttest du dich nicht auf uns st�rzen wollen.�</p><p>Niedergeschlagen schaute Odo zu ihm hoch, w�hrend er versuchte, seine Gedanken zu ordnen.</p><p>�Irgendetwas hat mich in der Nacht wach gemacht. Die Tiere waren unruhig, und V�gel kreischten, das Feuer muss sie alle aufgeschreckt haben. Ich wohne nicht weit weg von hier, hinter der Kuppe von dem H�gel da. Aber ich konnte von dort nicht gleich sehen, weshalb die Tiere aus dem Waldst�ck flohen. Dann h�rte ich das Knacken und Zischen des Feuers, noch ehe ich die Flammen sah, und wusste, aus welcher Richtung sie hochschlugen. Was sollte ich tun? Das Feuer loderte so heftig, dass ich da hindurch unm�glich zur H�tte meiner Tante gelangen konnte. Ich musste die Tiere und mich selbst in Sicherheit bringen. Auf dem H�gel ist �berall felsiger Boden, und dann ist da noch ein Teich, fast so gro� wie ein See. Deshalb habe ich die Herde dorthin getrieben, habe gehofft, der steinige Untergrund und das Wasser w�rden dem Feuer eine Schranke setzen.�</p><p>Er schwieg, musste heftig schlucken und redete weiter. �Das Feuer hat lange richtig gew�tet. Ich bin bis zum Morgen dort geblieben, bis ich glaubte, die kr�ftigen Regenschauer m�ssten alle Flammen gel�scht haben, so dass sie nicht wieder aufleben konnten. Erst dann dachte ich, jetzt bin ich sicher und kann die Herde zur�cktreiben. Als ich endlich dorthin gelangte, wo der Wald gebrannt hatte, war es zu sp�t. Meine Tante �� Der junge Bursche fing wieder an zu schluchzen. Beruhigend legte ihm Fidelma eine Hand auf die Schulter.</p><p>�Wie es aussieht, hat es nur unmittelbar um die H�tte hier gebrannt�, �berlegte Wulfoald laut. �K�nnte es sein, dass deiner Tante ein Missgeschick passiert ist, dass das Feuer auf der Herdstelle pl�tzlich hochgeschlagen ist?�</p><p>�Du bist aber der Auffassung, es ist mit Vorsatz geschehen�, ging Fidelma dazwischen. �Wer kann das Feuer gelegt haben? Oder besser gefragt, warum glaubst du, es war Brandstiftung?�</p><p>�Als ich loszog, um meine Herde in Sicherheit zu bringen, habe ich noch mal hochgeschaut zur H�tte meiner Tante�, erz�hlte ihr Odo. �Viel konnte ich nicht erkennen bei dem Qualm und Hochz�ngeln der Flammen, aber ich habe gerade noch gesehen, wie ein Reiter von dort wegritt.�</p><p>�Ich denke, man kann die H�tte nur zu Fu� erreichen?�</p><p>�Ein ge�bter Reiter und ein gutes Pferd schaffen das schon�, best�tigte Wulfoald.</p><p>�Ich habe ihn wirklich gesehen�, beharrte Odo, �er ist den Berg hinuntergeritten und in dem Rauch verschwunden. Das war der Mann, der das gemacht hat, da bin ich sicher.�</p><p>�Kannst du ihn beschreiben?�, fragte Fidelma und lehnte sich vor, damit ihr kein Wort entging.</p><p>Odo verneinte. �Er war ja nichts weiter als eine Gestalt im Dunkeln. Ich kann mich nur erinnern, dass sein Pferd fahl war, irgendwas zwischen wei� und grau.� Er warf einen Seitenblick auf Wulfoalds Pferd und runzelte die Stirn. �Es sah ziemlich genauso aus wie das da.�</p><p>�Mit Absicht also wurde das Feuer gelegt ��, sagte der Krieger nachdenklich. �Ein Gl�ck, dass es nicht weiter um sich gegriffen hat.�</p><p>�Es hat kr�ftig geregnet um den Gipfel herum. Auch andere Leute, die am Berg wohnen, sind gekommen und haben nach den Brandschneisen gesehen, waren sich nicht sicher, ob der Wind das Feuer wieder entfacht. Jetzt sind alle nach Hause gezogen und sind froh, dass ihren Herden nichts passiert ist. Als ich losgehen wollte, fielen mir Leute auf, die zur Bergkapelle hochwanderten.�</p><p>�Das muss Bruder Bladulf mit seinen Mitbr�dern gewesen sein�, meinte Wulfoald.</p><p>�Sie waren zu Fu� auf der Bergstra�e unterwegs. Ich wollte erst warten und sehen, ob sie zur�ckkommen, doch dann tauchtet ihr pl�tzlich auf, und als ich merkte, ihr geht auf Hawisas H�tte zu, da habe ich gedacht, ihr habt das alles angerichtet.�</p><p>�Wenn wirklich einer das Feuer gelegt und den Tod der alten Frau verursacht hat, dann wirft das eine Menge Fragen auf�, gr�belte Fidelma. �Hat deine Tante eigentlich an dem Tag, als Wamba tot aufgefunden wurde, mit dir �ber ihn gesprochen,?�</p><p>�Seit der Beerdigung hat sie von nichts anderem geredet�, beteuerte der Ziegenhirt. �Mein Vetter war ihr einziges Kind. Warum fragst du danach?�</p><p>�Was hat sie gesagt? Wie hat sie dir die Umst�nde geschildert?�</p><p>�An dem Tag ist sie zu meiner H�tte gekommen, die weiter unten am Berg steht, wie ich ja schon sagte. Sie hat mir erz�hlt, ein Krieger hat Wamba da gefunden, wo er vermutlich von der Felswand gest�rzt ist. Er war schon tot. Sie bat mich, ihre Ziegen zu versorgen, weil sie zur Abtei hinunter musste, wohin die Leiche zur Bestattung gebracht werden sollte.�</p><p>�Woher wusste sie, dass ein Krieger ihren Jungen gefunden hatte?�</p><p>Odo schaute sie verwundert an. �Weil der Krieger ihr das so erz�hlt hat.�</p><p>�Dann war sie also noch nicht zur Abtei gegangen, als sie mit dir gesprochen hat. Wann hat der Krieger ihr gesagt, wie und wo er den Jungen gefunden hat?�</p><p>Der junge Mann war nun vollends verwirrt. �Ich verstehe nicht, was du willst. Er hat ihr das nat�rlich erz�hlt, als er den Toten zu ihrer H�tte brachte.�</p><p>Fidelma �berh�rte Wulfoalds befriedigtes Grunzen.</p><p>�Hat sie dir gesagt, wer der Krieger war? Wie er hie�?�</p><p>�Nur, dass er zur Truppe von Seigneur Radoald geh�rte, mehr wei� ich nicht. Seltsam war das schon. Abt Servillius war auch gerade bei ihr gewesen. Er war gekommen, um Wamba einen Gegenwert f�r eine alte M�nze zu bringen, die Wamba von irgendwem erhalten hatte. Soviel ich wei�, hatte er das Geldst�ck zur Abtei gebracht.�</p><p>�Zu Wambas Bestattung bist du wohl nicht gegangen?�</p><p>�Ich konnte nicht. Hawisa hatte mich gebeten, mich um die Ziegen zu k�mmern. Sie war ohne mich dort.�</p><p>Fidelma lehnte sich zur�ck, ihre Gedanken �berschlugen sich. Das war das Gegenteil von dem, was Hawisa ihr bei ihrem Besuch erz�hlt hatte. Odos Aussagen best�tigten Wulfoalds Darstellung der Vorg�nge voll und ganz. Wie war das m�glich?</p><p>Wulfoald l�chelte beinahe triumphierend. �Da hast du es; was ich dir erz�hlt habe, stimmt also.�</p><p>�Noch etwas, Odo. Hast du gewusst, dass deine Tante ein K�stchen, das Wamba geh�rte, in den Steinhaufen gestellt hat, den sie ihm zum Gedenken aufgeschichtet hatte?�</p><p>Der Bursche nickte traurig. �Es wurde beinahe gleich danach gestohlen. Einer der Hirten hat sogar gesehen, wie es entwendet wurde. Er hat gesehen, wie ein Mann in einer M�nchskutte von der Gedenkstelle heruntergeklettert ist und das K�stchen in der Hand hatte. Er wollte ihm den Weg abschneiden, ist heruntergekraxelt, doch als er unten ankam, war der Dieb auf seinem Pferd schon weg. Noch merkw�rdiger ist, dass meine Tante gestern fr�h das Kistchen wiederfand, zwar ein bisschen besch�digt, aber ordentlich in den Steinhaufen zur�ckgestellt.�</p><p>Fidelma hielt es nicht f�r n�tig, ihm den Sachverhalt zu erkl�ren, wollte aber wissen: �Hat der Hirt vielleicht die Farbe von dem Pferd erw�hnt?�</p><p>Odo �berlegte einen Moment und begriff dann, weshalb sie fragte. �Es war ebenfalls fahlgrau.�</p><p>�Wo k�nnte dieser Zeuge jetzt sein?�</p><p>�Er ist nicht hier, Schwester. Er ist nach Travo gegangen, bald nachdem der Gedenksteinhaufen zerst�rt war, und ist noch nicht zur�ck.�</p><p>Fidelma blieb unschl�ssig sitzen. Nachdenklich schaute sie auf das strudelnde Wasser des Gebirgsbachs. Oft schon hatte sie erlebt, dass Fragen wie eine Kaskade auf sie einst�rzten. Warum hatte Hawisa ihr und Bruder Eolann eine Geschichte aufgetischt, die so v�llig anders klang? Warum hatte sie so unversch�mt gelogen? Pl�tzlich ging ihr auf, dass sie die Frage falsch stellte. Das hatte sie sich vorher nie richtig klargemacht. Woher wusste sie eigentlich, was Hawisa erz�hlt hatte? Nur �ber die �bersetzung hatte sie erfahren, was die Alte sagte. Fidelma hatte sich voll und ganz auf ihren Dolmetscher verlassen, und das war Bruder Eolann. Aber warum sollte der junge M�nch falsch wiedergegeben haben, was er geh�rt hatte? Falls Hawisa nicht gelogen hatte, warum sollte der <emphasis>scriptor</emphasis> ihre Worte vors�tzlich verdreht haben? Auch andere Fragen standen im Raum. Warum war Abt Servillius den ganzen beschwerlichen Weg bis zu Hawisas H�tte hinaufgestiegen, um sie f�r eine M�nze zu entsch�digen, die nicht einmal viel wert war? Und warum hatte Bruder Ruad�n behauptet, Wamba sei get�tet worden, nur weil er die M�nzen hatte?</p><p>Fidelma stand auf, wendete die Antworten hin und her, die ebenso viele neue Fragen aufwarfen. Dabei kam ihr ein n�chster Gedanke.</p><p>�Odo, du hast vorhin gesagt, Abt Servillius h�tte an jenem Tag Hawisa in ihrer H�tte aufgesucht, um Wamba f�r irgendwelche M�nzen zu entsch�digen, die er zur Abtei gebracht hatte.�</p><p>�Ja, das stimmt.�</p><p>��berleg noch mal genau, hatte Wamba die M�nzen gefunden, oder hatte er sie von jemandem bekommen?�</p><p>�Wamba hat mir erz�hlt, dass man ihm zwei M�nzen gegeben hat, einfach gefunden hat er sie nicht. Er war der Meinung, sie waren aus Gold und richtig alt. Gezeigt hat er mir sie nicht. Seiner Mutter hat er aber nur von einer M�nze erz�hlt.�</p><p>�Ich wiederhole, um sicherzugehen, dass ich keinen Fehler mache: Wamba hat die M�nzen von jemandem erhalten.�</p><p>�Jedenfalls hat er es mir so erz�hlt, und seiner Mutter ebenso.�</p><p>�Wer kann ihm die M�nzen gegeben haben?�</p><p>�Ein alter M�nch, einer von den M�nnern aus Hibernia unten in der Abtei.�</p><p>�An den Namen kannst du dich wohl nicht erinnern?�</p><p>�Genau nicht. Der Name klang so wie das Wort f�r ein dickes Tau.�</p><p>Das lateinische Wort, das er benutzte, war <emphasis>rudens</emphasis>. �ber Fidelma Gesicht glitt ein befriedigtes L�cheln.</p><p>�Bruder Ruad�n?�, fragte sie.</p><p>Odo z�gerte nicht einen Moment. �Ja, das war der Name.�</p><p>Bruder Ruad�n also war es gewesen, der Wamba die M�nzen gegeben hatte, M�nzen, deretwegen, wie der Alte vermutete, Wamba hatte sterben m�ssen.</p><p>�Pass gut auf dich auf, Odo�, riet sie ihm. �Auf diesem Berg geschehen merkw�rdige Dinge. Wenn wir losgeritten sind, solltest du besser deine Ziegen auf einen anderen Weidegrund treiben, wo du dich wenigstens f�r die n�chste Zeit sicher f�hlen kannst.�</p><p>Wulfoald richtete bereits Z�gel und Geschirr der Pferde und murmelte missmutig: �Ich hatte gehofft, wir k�nnten das Maultier von unserem H�ndler nutzen, um die Leiche der alten Frau zur Abtei zu schaffen. W�re doch nur recht und billig, wenn sie neben ihrem Sohn bestattet wird.�</p><p>Fidelma war beeindruckt. �Nimm einfach mein Pferd. Ich sitze hinter dir auf.�</p><p>�Vielen Dank, Schwester, sagte Odo. �Ich helfe euch mit der Leiche.�</p><p>Sie machten sich an ihre grausige Aufgabe. Es dauerte nicht lange, bis sie den Leichnam in Odos Decke eingeschlagen hatten. Der junge Mann versicherte, er wolle seiner Tante die letzte Ehre erweisen und werde noch vor Mitternacht zur Abtei kommen, wo um die Zeit die Beisetzung stattfinden w�rde.</p><p>�Hier k�nnen wir nichts weiter ausrichten�, stellte Wulfoald abschlie�end fest. �Ich verstehe das alles nicht. Wenn das Feuer vors�tzlich gelegt wurde, wovon wir ja ausgehen, m�ssen wir dann in Grasulf und seinen Leuten die Schuldigen sehen?�</p><p>�Wulfoald, nach allem was wir gesehen und geh�rt haben, bin ich genauso ratlos wie du.�</p><p>Beinahe belustigt verzog der Krieger das Gesicht. �Die Sache ist wohl nicht so ausgegangen, wie du es dir vorgestellt hast? Jedenfalls m�ssen wir so schnell wie m�glich zur Abtei zur�ck und mit dem Bibliothekar, mit Bruder Eolann, ein W�rtchen reden. Der m�sste uns reinen Wein einschenken k�nnen, was Hawisa dir wirklich gesagt hat und warum das alles so und nicht anders geschehen ist.�</p><p>�Du hast v�llig recht, Wulfoald, tut mir leid. Ich h�tte l�ngst begreifen m�ssen, dass du die Wahrheit gesagt hast.�</p><p>�Wie kommst du erst jetzt darauf?�, fragte Wulfoald sichtlich am�siert.</p><p>�Als Bruder Waldipert, der Koch, mir erz�hlte, dass du Wambas Leichnam zur Abtei gebracht hast, hat er ganz deutlich gesagt, dass du den Leichnam <emphasis>mit</emphasis> dem Abt gebracht hast und nicht <emphasis>zum</emphasis> Abt. Das hie� doch, ihr beide, du und der Abt, habt den Leichnam zur Abtei begleitet. Ich war dumm, nicht darauf geachtet zu haben.�</p><p>Wulfoald wurde nachdenklich. �Ein W�rtchen nur, ein kleines Verh�ltniswort. Leicht zu �berh�ren. <emphasis>Grammatici certant, et adhuc sub iudice lis est.</emphasis>�</p><p>Fidelma konnte nur m�de l�cheln. �Die Grammatiker streiten sich, und der Fall liegt immer noch vor Gericht�, wiederholte sie. �Doch eins d�rfen wir nicht vergessen, aus einem blo�en sprachlichen Missverst�ndnis entstehen selbst Kriege.�</p><p>�Wollen hoffen, dass aus dem r�tselhaften Geschehen hier kein Krieg erw�chst�, erwiderte er, band die Rosse los und schwang sich in den Sattel. Er streckte einen Arm aus und war Fidelma behilflich, hinter ihm aufzusteigen. Dann ergriff er die Z�gel des Pferds, das mit dem Leichnam von Hawisa beladen war, und ritt mit aller Vorsicht auf dem Bergpfad hinunter zur Abtei.</p><p>Fidelma war reichlich durcheinander, als sie so hinter dem Krieger sa� und sich an ihn klammerte. Etwas stimmte nicht, und sie beschlich die bange Ahnung, dass die Antworten auf all die mysteri�sen Vorg�nge in der Abtei selbst lagen.</p></section><section><title><p>KAPITEL 16</p></title><p>Fidelma und Wulfoald lie�en ihre gr�ssliche Last am Eingang zur Nekropole bei einem der Br�der. Er w�rde Weisungen f�r das Begr�bnis erhalten. Bruder Wulfila stie� die Torfl�gel auf, um sie hereinzulassen, und schien ziemlich erregt. Gleich beim Absteigen hatte Fidelma den Eindruck einer gespannten Atmosph�re. Einer der Br�der f�hrte die Pferde in die Stallungen.</p><p>�Ist alles so verlaufen, wie ihr gehofft hattet?�, fragte sie der Verwalter. �Habt ihr herausgefunden, wie das Feuer entstanden ist?�</p><p>�Es wurde absichtlich gelegt�, erwiderte Wulfoald. �Hawisas H�tte ist niedergebrannt, sie selbst ist in den Flammen umgekommen.�</p><p>�Absichtlich gelegt?� Der Verwalter gab sich erschrocken.</p><p>�Ich muss dich als Verwalter davon in Kenntnis setzen, dass wir Hawisas Leichnam hergebracht und am Gottesacker abgelegt haben. Wir meinen, es w�re angemessen, die alte Frau neben ihrem Sohn zu bestatten.�</p><p>�Dann w�re es doch das Beste, den Leichnam �ber Nacht in der Kapelle aufzubahren.�</p><p>�Wir haben beschlossen, die Tote vor der Nekropole zu lassen�, erkl�rte Schwester Fidelma. �Ich f�rchte, der Verwesungsgeruch w�rde den Br�dern sehr unangenehm sein, wenn wir sie in die Abtei schafften.�</p><p>Bruder Wulfila wusste nicht recht, was er davon halten sollte. �Aber der Leichnam muss doch ausgesegnet werden vor dem Begr�bnis. Er geh�rt zum Trauergottesdienst in die Kapelle ��</p><p>�Ich meine, die Aussegnung kann auch am offenen Grab geschehen�, bemerkte Wulfoald trocken. �Tod unter solchen Umst�nden riecht eben nicht lieblich.�</p><p>Der Verwalter stutzte zun�chst, begriff dann aber. �Nat�rlich, ja nat�rlich�, murmelte er und schaute dabei �ngstlich um sich, als suche er jemand.</p><p>�Stimmt etwas nicht?�, fragte Fidelma. �Du bist doch mit den Gedanken ganz woanders.�</p><p>�Tut mir leid. Ich muss mich noch um eine Sache k�mmern�, gab er ihr zur Antwort und eilte davon.</p><p>Der Krieger warf Fidelma einen Blick zu, zuckte die Achseln und sprach Bruder Hnikar an, der gerade vorbeikam.</p><p>�Ist Abt Servillius in seiner Amtsstube?�</p><p>Der Apotheker blieb stehen. �Er ist zur�ck, darf aber von niemandem gest�rt werden.�</p><p>�Darf nicht gest�rt werden?�, fragte Wulfoald verwundert.</p><p>�Abt Servillius ist vor kurzem zur�ckgekehrt. Er schien sehr ersch�pft und hat sich sofort in seine R�ume begeben. Ich habe ihn noch nie so aufgew�hlt gesehen. Er hat dem Verwalter ausdr�cklich aufgetragen, dass er bis zum L�uten zur Abendmahlzeit nicht gest�rt zu werden w�nscht.�</p><p>�Und Schwester Gisa � Wo ist sie?�, fragte Fidelma, die sich erinnerte, dass beide am Abend zuvor zusammen fortgeritten waren.</p><p>�Abt Servillius sagt, Schwester Gisa ist bei Aistulf geblieben. Merkw�rdig ist das schon.�</p><p>Wulfoald l�chelte aufmunternd. �Ich bin sicher, der Abt wird es uns erkl�ren, wenn er sich ausgeruht hat und wieder ansprechbar ist. Sicher ist er �berm�det, nachdem er die ganze Nacht unterwegs war. Wenn Schwester Gisa bei Aistulf ist, dann ist ihr bestimmt nichts zugesto�en. Inzwischen sollten wir wenigstens Bruder Eolann aufsuchen.�</p><p>Fidelma war sofort einverstanden. �Hat er sich von seinem � �h � Sturz erholt?�, fragte sie den Heilkundigen.</p><p>�Ja, doch. Er f�hlt sich ganz wohl, sagt auch, es tut ihm nichts mehr weh, nat�rlich ist noch die Absch�rfung da und die Beule am Kopf. Er wollte vorhin gerade ins <emphasis>scriptorium</emphasis>.�</p><p>Fidelma ging auf dem Weg zur Bibliothek voran, erst durch den kleineren Innenhof, dann die Turmtreppe hoch. Der Raum, in dem man Bruder Eolann meist antraf, war leer und wirkte d�ster. Jedes Mal, wenn sie dort gewesen war, hatte eine Lampe oder ein Talglicht gebrannt. Das fehlte jetzt. Ratlos blickte sie Wulfoald an und �ffnete die T�r zur Schreibwerkstatt. Hier verbreiteten Lampen strahlende Helle, etwa ein Dutzend Br�der sa�en an ihren Pulten, st�tzten das Handgelenk mit ihrem Malstock und kopierten mit dem G�nsekiel Texte auf Pergament aus Ziegen-oder Schafsh�uten. Das Kratzen der Federkiele war un�berh�rbar, w�hrend die Schreiber sich mit gr��ter Sorgfalt ihren Aufgaben widmeten.</p><p>Einer schaute zu den beiden in der T�r Stehenden auf. Er erhob sich von seinem Schemel und kam ihnen entgegen. �Ich suche den <emphasis>scriptor</emphasis>�, sagte Fidelma zu ihm.</p><p>�Wir haben ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, Schwester�, erkl�rte ihr der M�nch. �Wir dachten schon, er hat die Abtei erneut verlassen.�</p><p>�Was hei�t <emphasis>erneut</emphasis> verlassen?�</p><p>�Er war doch fast vier N�chte mit dir fort, Schwester�, erinnerte er sie arglos.</p><p>Die Bemerkung traf Fidelma. �Er war aber heute fr�h hier und hatte einen � einen Unfall. War gest�rzt. Und keiner von euch hat ihn heute gesehen?�</p><p>�Doch � irgendwann heute hat er vorbeigeschaut�, meinte einer der Kopisten.</p><p>�Vielleicht ist er beim Ehrw�rdigen Ionas�, schlug noch ein anderer vor. �Er ber�t sich h�ufig mit ihm. Der Ehrw�rdige Ionas hat einen eigenen Raum gleich nebenan.� Er zeigte auf eine Seitent�r.</p><p>Fidelma bedankte sich und ging durch die ihr eben gewiesene T�r. Sie und Wulfoald gelangten in einen schmalen Durchgang. Bevor sie noch die Kammer des Ehrw�rdigen Ionas gefunden hatten, kam ihnen der Gelehrte auf eben dem Gang entgegen, als ob er gerade zur Werkstatt der Kopisten wollte. Sobald er erfuhr, wen sie suchten, machte er ein besorgtes Gesicht.</p><p>�Ich bin selbst auf der Suche nach Bruder Eolann. Kurz nachdem Abt Servillius zur�ckgekehrt war, bin ich ihm begegnet. Er sagte mir, er gehe zum Abt zur Beichte, seither aber ist er nicht mehr im <emphasis>scriptorium</emphasis> gewesen. Er soll heute fr�h b�s gest�rzt sein, vielleicht hat er den Schreck noch nicht �berwunden.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas beschrieb ihnen, wie sie zu Bruder Eolanns Zelle gelangen k�nnten, doch auch dort hatten sie kein Gl�ck. Der Bibliothekar schien ein sehr asketisches Leben zu f�hren, denn in dem kleinen Raum befand sich nichts, was man als pers�nliche Gegenst�nde h�tte bezeichnen k�nnen; da waren nur ein Paar Sandalen, einige Kleidungsst�cke und wenige Sachen zur K�rperpflege. Nicht ein Buch war vorhanden, auch kein Satz Schreibutensilien, wie man bei einem <emphasis>scriptor</emphasis> h�tte erwarten k�nnen.</p><p>Resigniert blickte Fidelma ihren Begleiter an. �Solange wir nicht herausfinden, wo sich Bruder Eolann aufh�lt, sind uns die H�nde gebunden.�</p><p>�Dem ist wohl so, aber irgendwie ist das alles beunruhigend. Leider kann ich mich hier nicht l�nger aufhalten, ich bin f�r die Belange im Tal und die Sicherheit dort zust�ndig. Ich muss zu Radoalds Festung zur�ck und die Lage mit ihm besprechen.�</p><p>�Siehst du ernsthaft die Gefahr eines Kriegszugs?�</p><p>�Davon m�ssen wir ausgehen. Und sicher ist auch, dass Grasulf von Vars mit dabei sein wird. Er wird auf der Seite mitmachen, die ihn am besten bezahlt. Deswegen war ja Suidur bei ihm, er wollte herausbekommen, was Perctarit zu zahlen gewillt ist.�</p><p>Sie gingen zum Innenhof zur�ck, und Wulfoald lie� sich sein Pferd bringen.</p><p>Fidelma wusste nicht recht, was sie jetzt tun sollte, entschied sich dann aber, ein Bad nach ihrem langen Ausritt zu nehmen. Danach zog sie sich in ihre Kammer zur�ck, legte sich hin und schlief ein. Es wurde schon dunkel, als sie wieder die Augen �ffnete. Das ungute Gef�hl war nicht gewichen. Ihr Gespr�ch mit dem Abt duldete keinen Aufschub, sie musste ihn nach seinem Besuch bei Hawisa befragen. Sie ging hinunter in die Eingangshalle und traf dort Bruder Wulfila, der ihr mitteilte, der Abt sei weiterhin nicht zu sprechen. Er h�tte angewiesen, vor dem L�uten zur Abendmahlzeit d�rfe ihn niemand st�ren.</p><p>Als sie sich nach Bruder Eolann erkundigte, erkl�rte ihr der Verwalter, er habe ihn seit Mittag nicht mehr gesehen. Auch von Schwester Gisa habe man nichts Neues erfahren, doch Bruder Faro sei zur�ckgekehrt. Allerdings habe er darauf bestanden, die Abtei sofort zu verlassen, als er h�rte, Schwester Gisa sei nicht da. Er wollte nach dem Verbleib der Schwester forschen. Der Verwalter war emp�rt, dass sich keiner mehr an die Regeln der Abtei hielt.</p><p>Es �rgerte Fidelma, so nutzlos die Zeit verstreichen lassen zu m�ssen. Wenigstens den Ehrw�rdigen Ionas k�nnte sie noch einmal aufsuchen. Vielleicht konnte er mit seinem umfangreichen Wissen Dinge erhellen, die sie besch�ftigten. Sie fand ihn auch wirklich in seiner Studierstube. Kaum hatte sie angeklopft, bat sie der Gelehrte einzutreten. Er sa� an seinem Pult, hatte eine Handschrift vor sich aufgeschlagen und hielt einen Federkiel in der Hand.</p><p>�Darf ich dich einen Augenblick st�ren, Ehrw�rdiger Ionas?�</p><p>Der alte Geistliche r�ckte von seinem Pult ab, runzelte die Stirn und legte den Federkiel beiseite. �Falls du immer noch nach Bruder Eolann suchst: Bislang ist er nicht gesichtet worden. Das ist recht fatal.�</p><p>�Genau das Gleiche habe ich eben von Bruder Wulfila geh�rt�, erwiderte sie, trat ein und schloss die T�r hinter sich. �Ich komme wegen einer anderen Sache, in der ich dich um Rat bitten m�chte.�</p><p>�Gern, wenn ich dir in irgendeiner Weise helfen kann, Schwester Fidelma.�</p><p>�Ich habe geh�rt, dass du einiges �ber M�nzen wei�t.�</p><p>�Ein bisschen schon. Beim Studium der Geschichte erweisen sich M�nzen mitunter als hilfreich.�</p><p>�Kannst du mir sagen, was das hier f�r eine ist?� Sie hatte die Goldm�nze aus ihrem <emphasis>ciorr bholg,</emphasis> dem Kammbeutel, genommen, ihm in die Hand gelegt und sich dann neben dem Pult auf einen Schemel gesetzt.</p><p>Kurzsichtig wie er war, blickte der Ehrw�rdige Ionas angestrengt auf die M�nze, drehte sie in seinen abgemagerten H�nden hin und her und nickte dann bed�chtig. �Ein Goldst�ck aus dem alten Gallien. Es sieht wirklich sehr alt aus. Wo hast du das gefunden?�</p><p>�Oh, jemand hat es mir gegeben�, sagte sie leichthin und verschwieg die wahre Herkunft. �Du bist ganz sicher, dass die M�nze aus Gallien stammt, nicht von irgendwo aus dieser Gegend?�</p><p>�Sieh mal den Wagenlenker darauf und die Rosse mit den Sternen dar�ber.� Der betagte Gelehrte hielt die M�nze ans Licht seiner Lampe. �Und dann die Buchstaben auf der Bildseite. Das ist eine Goldm�nze des Volks der Tektosagen in Gallien. Ihr Hauptort war Tolosa.�</p><p>Fidelma gab nicht zu erkennen, dass Tolosa ihr etwas sagte. Sie wollte sich bereits verabschieden, als ihr noch eine Idee kam.</p><p>�Du lebst hier doch bereits seit vielen Jahren, Ehrw�rdiger Ionas.� Es war mehr eine Frage als eine Feststellung.</p><p>�Ich kam wenige Jahre nach dem Dahinscheiden unseres hochverehrten Columbanus hierher und habe mit denen zu tun gehabt, die ihn noch kannten. Damals nahm ich gleich meine Lebensbeschreibung unseres Gr�ndervaters in Angriff. Sp�ter bin ich durch viele Gebiete der Christenheit gewandert, war selbst bei den Franken unterwegs und gelangte schlie�lich nach Rom. Aus der Zeit stammt mein Wissen �ber die M�nzen der Gallier, und deshalb kann ich auch diese hier zuordnen.�</p><p>�Bruder Eolann hat mir erz�hlt, dass du dich darin auskennst.�</p><p>�Er ist ein t�chtiger <emphasis>scriptor</emphasis>.�</p><p>�Wei�t du mehr �ber ihn?�</p><p>Die Frage erstaunte den Alten. �Ich d�chte, er kommt aus eben dem Teil der Welt, aus dem auch du kommst.�</p><p>�Ja, das schon�, beeilte sich Fidelma zu best�tigen. �Ich meine, seit er hier in der Abtei ist.�</p><p>�Ah so, er ist erst seit zwei oder drei Jahren hier. Soviel ich wei�, war er zuerst im Kloster St. Gallen, das auch von einem Wanderm�nch aus Hibernia gegr�ndet wurde; Gallus nennt ihr ihn wohl. Dann hat er die gewaltigen Berge �berstiegen und einige Zeit in Mailand verbracht. Damals herrschte dort Perctarit, der sp�ter gest�rzt und ins Exil getrieben wurde. Bruder Eolann hat sich dann hierher begeben, weil er Frieden und Einsamkeit suchte. Wir erkannten bald sein Talent als Schreiber, und so ergab es sich, dass er zum <emphasis>scriptor</emphasis> der Abtei aufstieg.�</p><p>�Er war sehr betroffen, weil einige der ihm anvertrauten Handschriften mutwillig besch�digt worden waren. Etliche Seiten fehlten, waren einfach herausgeschnitten worden.�</p><p>�Das h�re ich zum ersten Mal. Mir hat niemand etwas davon gesagt, und dabei benutze ich die Bibliothek t�glich.�</p><p>�Ich verstehe.� Sie machte ein nachdenkliches Gesicht.</p><p>�Es ist wahrlich ein Verbrechen, B�cher zu besch�digen oder zu vernichten�, fuhr er fort.</p><p>�Es betraf Werke des Livius und Plinius. Bruder Eolann und ich haben herausgefunden, was auf den im Livius fehlenden Seiten stand. Das war ein Bericht �ber den r�mischen Prokonsul Caepio, dessen Legionen von den Galliern vernichtend geschlagen wurden.�</p><p>Das Interesse des Ehrw�rdigen Ionas war geweckt.</p><p>�Caepio? Ja, richtig, in den Tagen des alten Imperiums war er Prokonsul und Statthalter der ganzen Gegend hier. Er war der Urgro�vater von Marcus Brutus, einem der M�rder des Feldherrn Julius Caesar.�</p><p>�Der Name Julius Caesar sagt mir etwas. Aber die Geschichte muss sich in weit zur�ckliegenden Zeiten zugetragen haben. Ich hatte den Eindruck, dass Caepio unmittelbarer mit der Provinz hier verbunden war � h�ngt sein Name mit irgendeiner Hinterlassenschaft zusammen?�</p><p>�Caepio?� Der alte Gelehrte sch�ttelte den Kopf. �Nein, der hat lange vor Julius Caesar gelebt � viele, viele Jahre sogar vor der Geburt Christi. Caepio und sein Erbe wurden im ganzen r�mischen Reich geschm�ht. Die Ansicht besteht fort, er habe keine W�rdigung seines Lebens verdient, und das aus gutem Grund. Seine �berheblichkeit war daran schuld, dass zwei r�mische Heere vernichtet wurden; Zehntausende Soldaten kamen um, doch er rettete seine Haut. Ihm wurde der Prozess vor dem r�mischen Senat gemacht, er wurde f�r schuldig befunden, seine Legionen leichtfertig aufs Spiel gesetzt und gro�e Mengen Geldes unterschlagen zu haben. Da er ein Patrizier war, wurde ihm das B�rgerrecht aberkannt, und er musste au�er Landes gehen. Niemand durfte ihm gestatten, sich an einem Feuer zu w�rmen, oder ihm Wasser reichen, und das im Umkreis des Senatsgeb�udes von achthundert r�mischen Meilen. Ihm wurde eine Strafe von f�nfzehntausend Goldtalenten auferlegt. Von der Urteilsverk�ndung an war ihm nicht erlaubt, mit Freunden oder Familienangeh�rigen zu sprechen. Die Geschichte wei� noch zu berichten, dass es ihm gelang, eine griechische Stadt im Osten zu erreichen, und dass er dort verstarb.�</p><p>Fidelma schwieg. Was sie soeben geh�rt hatte, machte die wenigen S�tze verst�ndlich, die sie in der Handschrift in der Bibliothek von Vars gelesen hatte.</p><p>�Blo� warum sind Seiten, die von Caepio handeln, aus B�chern der Abteibibliothek herausgetrennt worden?�, �berlegte der Ehrw�rdige Ionas laut.</p><p>�Mir ist da eine Legende zu Ohren gekommen, in der es um das Gold von Tolosa geht.�</p><p>Er schaute auf die M�nze und nickte versonnen. �Der alte Traum vom <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis>.�</p><p>�Du kennst die Sage?�, fragte Fidelma rasch.</p><p>�Die Leute in den T�lern reden oft von dem Schatz. Mehr oder weniger ist das Katzengold oder Narrengold, kein echtes Gold. Ein M�rchen also, den Goldschatz gibt es nicht.�</p><p>�Bitte, erz�hl mir trotzdem davon.�</p><p>�Vor der Schlacht, in der die Streitmacht der R�mer vernichtet wurde, hatte Caepio mit seinen Legionen die Stadt Tolosa �berfallen und gepl�ndert und eine riesige Menge Gold und Silber fortgeschleppt. Es hei�t weiter, die Tolosaner h�tten ihr Gold in einem gro�en, dunklen See verborgen gehalten, trotzdem sei es Caepio gelungen, seiner habhaft zu werden ��</p><p>�Was aus seinem nassen Grab geholt wurde, muss dorthin zur�ck�, murmelte Fidelma.</p><p>�Was sagst du da?�, fragte der alte Gelehrte aufhorchend.</p><p>�Verzeih, ich habe nur eben an einen Spruch gedacht, den ich von jemand geh�rt habe. Bitte, erz�hl weiter.�</p><p>�Also die Angaben dar�ber schwanken, doch meist liest man, die Legion�re h�tten sechsundvierzig Wagenladungen mit dem Gold und Silber gef�llt. Caepio hat sie dann in seine Villa in Placentia schaffen lassen. Als ihn sp�ter der Senat befragte, wo das Gold geblieben sei, hat er behauptet, die Wagen h�tten nie Placentia erreicht, sie seien unterwegs von Banditen aufgehalten und ausgeraubt worden. Das glaubten ihm die Senatoren nicht, sie nahmen vielmehr an, er h�tte sich das Gold angeeignet und irgendwo in den Bergen hier vergraben � deshalb wurde er so harsch verurteilt. Der Schatz blieb jedoch verschwunden, und �ber die Jahrhunderte haben sich Mythen darum gerankt. � Warum interessiert dich die Sache so?� Er hielt die M�nze ans Licht und betrachtete sie noch einmal. �Eine Goldm�nze aus Tolosa � eine M�nze der Tectosagen.� Ein L�cheln huschte �ber sein Gesicht. �Wolltest du mir etwa erz�hlen, jemand will dir weismachen, dass dies eine M�nze aus dem verloren geglaubten Goldschatz von Tolosa ist?�</p><p>Fidelma err�tete leicht. �Nein, das nicht�, versicherte sie. �Ich wollte vor allem wissen, warum jemand die Seiten �ber Caepio aus dem Buch getrennt hat. Bruder Eolann war sehr ungl�cklich deswegen.�</p><p>�Dass die Besch�digung eines Buches ihn sehr gekr�nkt hat, kann ich durchaus verstehen. Er h�tte es gleich melden m�ssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Inhalt an sich f�r den T�ter von Bedeutung war. Ein weit ausf�hrlicherer Bericht �ber Caepio findet sich in einem anderen Buch, das ich erst k�rzlich benutzt habe. Im <emphasis>scriptorium</emphasis> gibt es eine kleine Handschrift mit einer Lebensbeschreibung des Prokonsuls. Bruder Eolann war richtig stolz darauf, denn das ist eine sehr seltene Kopie. Offenbar wurde das Buch im alten Rom von den <emphasis>curules aediles</emphasis> in Acht und Bann getan.�</p><p>�Von wem, bitte sehr?�</p><p>�<emphasis>Curules aediles?</emphasis> Magistrate, Beamte im alten Rom. Seltsamerweise besitzen wir eine der Abschriften, die der Vernichtung entgingen. Sie ist vielleicht deshalb erhalten geblieben, weil ein Gallier aus Narbona � Pompeius Trogus � sie verfasst hat.�</p><p>�Warum mag man die Lebensbeschreibung des Caepio verboten haben? Lag es an dem Thema oder an dem Autor des Werks?�</p><p>�Ich k�nnte mir denken, das geschah, weil Prokonsul Caepio keineswegs eine Zierde der Servilius-Sippe war.�</p><p>Fidelma wollte schon gehen, doch bei dem Namen stutzte sie. �Hast du eben Servillius-Sippe gesagt?�</p><p>�Servilius war ein Vaters-oder Geschlechtername, ein Patronymikon. Der volle Namen des Prokonsuls lautete Quintus Servilius Caepio. <emphasis>Vita Quinti Servilii Caepionis</emphasis> hei�t der Band, solltest du danach suchen. Der Servilius-Clan war eine alteingesessene Patrizierfamilie, schon w�hrend der Republik und auch im Kaiserreich stellten sie des �fteren die Konsuln. Sie sind tats�chlich �ber sehr viele Jahrhunderte von Einfluss gewesen.�</p><p>Fidelma nahm die M�nze an sich. �Danke Ehrw�rdiger Ionas, dein Schatz an Weisheit war ein Gewinn f�r mich.� Sie wandte sich zum Gehen.</p><p>�Ich w�rde meinen, die Geschichte, wie sie Trogus erz�hlt, passt recht gut in die Mythologie der alten Welt�, gab er ihr mit auf den Weg. �Er schreibt sogar, das Gold von Tolosa wurde urspr�nglich aus dem heiligen griechischen Tempel von Delphi geraubt. Die Tektosagen waren einer der gallischen St�mme, die gleich nach dem Tod von Alexander dem Gro�en in Griechenland einfielen. Sie pl�nderten den Tempel des Orakels und nahmen mit, was ihnen an Gold und Wertgegenst�nden in die H�nde fiel. Je �fter die Geschichte erz�hlt wurde, desto mehr wurde sie ausgeschm�ckt. Trogus selbst war ein Gallier und ein guter Geschichtenerz�hler. Er kannte viele der �rtlichen Sagen, die um die Feldz�ge gegen die Gallier entstanden waren. Vielleicht wird dir aus seinem Bericht manches klarer.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas beugte sich wieder �ber seine Handschrift. Drau�en vor seiner Studierstube steckte Fidelma die Goldm�nze sorgsam in ihren Kammbeutel. Das Patronymikon des Caepio besch�ftigte sie weiter. Eine alte Patrizierfamilie, die viele Jahrhunderte �berdauert hatte � Es zog sie erneut ins <emphasis>scriptorium</emphasis>. Sie glaubte langsam zu verstehen, wie die Vorf�lle zusammenhingen. Bruder Eolann war immer noch nicht da, aber auf seinem Pult brannte eine Lampe, und daneben lag aufgeschlagen ein Buch. Es war das Werk des Pompeius Trogus. Auf dem Titelblatt stand: <emphasis>Vita Quinti Servilii Caepionis</emphasis>.</p><p>Verbl�fft drehte sie sich um und schaute misstrauisch in die d�steren Ecken der Bibliothek. Wollte sie jemand an der Nase herumf�hren? Das Buch war doch nicht von selbst und gerade, als sie danach suchen wollte, auf das Pult geraten. Beunruhigt betrachtete sie die Handschrift und begann die Bl�tter umzuwenden. Pl�tzlich stockte sie; was sie sah, verschlug ihr fast den Atem.</p><p>Der Band war ohnehin nicht umfangreich, doch warum er so schmal war, fiel ihr erst jetzt ins Auge. Einige Bl�tter waren herausgetrennt worden.</p><p>Das sehen und wissen, wen sie zur Rede stellen musste, war eins, doch das konnte sie nicht allein tun. Also wanderte sie zur�ck zur Studierstube des Ehrw�rdigen Ionas. Der blickte erstaunt auf, als sie, ohne anzuklopfen, eintrat und sich hinsetzte. Sie hielt ihm die Handschrift entgegen. Er erkannte sofort die Stelle, an der man Bl�tter herausgeschnitten hatte, und schaute Fidelma fragend an.</p><p>�Mich d�nkt, es ist an der Zeit, mit Abt Servillius zu reden.� Sie legte allen Nachdruck auf den Namen des Klosterherrn.</p><p>�Abt Servillius?�, fragte der Ehrw�rdige Ionas. �Warum denn das?�</p><p>�Du hast mir berichtet, Servilius ist ein <emphasis>nomen,</emphasis> ein Geschlechtername. <emphasis>Quintus Servilius Caepio</emphasis>�. Jetzt betonte sie den mittleren Namen.</p><p>Der alte Gelehrte schmunzelte. �Ich wei� nicht, was in deinem Kopf vorgeht, meine Tochter. Du bei�t dich an der Gleichheit der Namen fest.�</p><p>�Wie es der Zufall wollte, bin ich an verschiedene Dinge geraten, die einen Bezug zu diesem sagenhaften Goldschatz des Quintus Servilius Caepio haben. Ich glaube, der kleine Ziegenhirt Wamba wurde ermordet, weil er auf den Fundort stie� oder auf den Zugang dazu. Beides wollte der M�rder geheim halten. Man bekam Wind davon, dass Wamba zu jemandem in der Abtei dar�ber gesprochen hatte und dass der in der Lage sein k�nnte, das ganze Drumherum zu entr�tseln. Deshalb beschloss der M�rder, soweit es ging, alle Hinweise auszul�schen. Dazu geh�rte auch, Bl�tter aus Handschriften herauszuschneiden, auf denen etwas �ber die Geschichte des sagenumwobenen Goldschatzes stand.�</p><p>�Du meinst die Hinweise auf die Taten des Caepio. Seine Pl�nderung Tolosas, das Aufsp�ren der Mengen an Gold und Silber und wie er den Schatz in sein Land verbringen lie�, in dem er Prokonsul und Statthalter war. Dass es ihm gelang, es irgendwo zu verstecken, bevor er in Rom in Ungnade fiel und ge�chtet wurde.� Der Ehrw�rdige Ionas musste geradezu lachen. �Das alles ist doch ziemlich weit hergeholt.�</p><p>�Der M�rder ist bestrebt gewesen, jede nur denkbare Spur zu tilgen, die zu Caepios Gold � zum Gold des <emphasis>Servilius</emphasis> f�hrte.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas lehnte sich zur�ck und lachte immer noch vergn�gt vor sich hin. �Deine Erkl�rungen gr�nden sich darauf, dass die Abstammung unseres Abts sich auf den Servilius-Clan zur�ckf�hren l�sst. Das d�rfte sogar zutreffen. Servillius ist ja stolz darauf, dass er einer alten Patrizierfamilie entstammt, die hier lange ans�ssig war. Gehst du aber so weit, zu behaupten, er w�sste um den Fundort des Caepio-Goldes und versuchte jeden davon abzuhalten, dahinterzukommen?�</p><p>�Oder er, vielleicht auch jemand anders, hat das Versteck entdeckt, dann ist Wamba zuf�llig dar�ber gestolpert und ��.</p><p>Der alte M�nch riss erschrocken die Augen auf. �Behauptest du allen Ernstes, Abt Servillius h�tte Wamba ermordet, um das Geheimnis zu bewahren, wo sich das sagenhafte <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis> befindet? Eine unm�gliche Vorstellung! Selbst wenn es existieren sollte, meinem alten Freund Servillius zu unterstellen ��</p><p>�� dass er ihn hat ermorden lassen oder ihn selbst get�tet hat�, sagte Fidelma unnachgiebig.</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas schwieg eine Weile, aufmerksam erforschte er ihre Gesichtsz�ge.</p><p>�Ich habe l�ngst begriffen, dass du eine sehr kluge Frau bist, Schwester�, sagte er schlie�lich wie ein Vater, dem es leid tut, ein irregeleitetes Kind strafen zu m�ssen. �Im Rechtswesen deines Landes bist du ausgebildet, ich wei� auch, dass der verehrungsw�rdige Gelasius im Lateranpalast gro�e St�cke auf dich h�lt, wie auch der Heilige Vater selbst, weil du den M�rder von Erzbischof Wighard dingfest gemacht hast. Aber was du da dem armen Servillius zur Last legst, ist einfach nicht hinzunehmen. Ich kenne ihn seit dem Tag, an dem er in die Abtei kam.�</p><p>�Ich erhebe Beschuldigungen gegen jemand nie leichtfertig�, erwiderte sie.</p><p>�Dann erz�hle mir deine Geschichte von Anfang an und benenne die Beweise f�r deine Behauptung, danach �berlegen wir weiter.�</p><p>�Die Geschichte ist ziemlich lang, und sie beginnt mit der Ermordung unseres Bruders Ruad�n.�</p><p>Noch einmal wurden die Augen des ehrw�rdigen Gelehrten ganz gro�. �Ermordung?�, brachte er ungl�ubig heraus.</p><p>Langsam und bedacht trug Fidelma ihre Geschichte vor. Allm�hlich schwanden die Zweifel auf dem Gesicht des Alten und wichen gespannter Aufmerksamkeit. Nicht ein einziges Mal unterbrach er sie. Als sie endete, sa� er mit gesenktem Haupt da und schwieg. Dann atmete er tief durch.</p><p>�Und all das ist dir widerfahren, du armes Kind, seit du hier in unserer Abtei Bobium bist? Du h�ttest schon l�ngst zu mir kommen sollen.�</p><p>�Wie h�tte ich dir vertrauen k�nnen?�, wandte Fidelma ein. �Nicht einmal jetzt bin ich sicher, ob ich dir vertrauen kann. Ich wei� nur, dass ich in �u�erster Not bin und mich einfach jemandem anvertrauen muss.�</p><p>Der alte Klosterbruder schenkte ihr ein freundliches L�cheln. �Mir kannst du vertrauen, meine Tochter. Wir gehen jetzt gemeinsam hin�ber und legen Abt Servillius all diese Fragen unmittelbar vor.�</p><p>�Er k�nnte sie von sich weisen�, gab Fidelma zu bedenken.</p><p>�Das mag wohl sein. Aber aus dem, wie er einige Aspekte der Vorg�nge erkl�rt, lassen sich Schl�sse ziehen, die zur Aufdeckung der Wahrheit f�hren.�</p><p>�Freilich habe ich keinerlei Berechtigung, einen Abt zu befragen.�</p><p>�Das ist mir bewusst. Seit ich das Leben des Columbanus geschrieben und mich oft mit deinen Landsleuten aus Hibernia unterhalten habe, ist mir die Rolle der Brehons in deiner Heimat verst�ndlich. Der Ehrw�rdige Gelasius, <emphasis>nomenclator</emphasis> des Heiligen Vaters, hatte dich beauftragt, Ermittlungen zum Tod von Erzbischof Wighard von Canterbury anzustellen. Soviel ich wei�, geschah das �ber die K�pfe der f�r Recht und Ordnung im Lateran zust�ndigen Beamten, sogar �ber den Kopf des <emphasis>superista</emphasis> der Lateran-Wache hinweg.�</p><p>�Das hatte seine politischen Gr�nde�, erkl�rte Fidelma, �denn der Erzbischof geh�rte einem fremdl�ndischen Volksstamm an, und auch der mutma�liche M�rder kam aus einem anderen Land � er war einer der frommen Br�der aus Hibernia. Zudem geschah es sehr wohl mit Wissen und Billigung des <emphasis>superista</emphasis> Marinus, des Obersten Befehlshabers der Schutztruppe im Lateran, nicht �ber seinen Kopf hinweg, wie du eben meintest.�</p><p>�Du bist gr�ndlich bis aufs i-T�pfelchen, wie es sich in deinem Beruf geh�rt. Und Gr�ndlichkeit ist, was wir hier brauchen. Doch vor allem wollte ich sagen, was der Ehrw�rdige Gelasius und der Heilige Vater f�r gut erachtet haben, sollte auch f�r uns in der Abtei hier gut genug sein.�</p><p>�Du bist sehr freundlich. Aber der Einzige, der in der Abtei wesentliche Entscheidungen treffen kann, ist Abt Servillius selbst. Seine Autorit�t darf nicht angezweifelt werden, und schon gar nicht, seit ihr die <emphasis>Regula</emphasis> des Benedikt eingef�hrt habt. Glaubst du, du k�nntest das Wunder bewirken, dass er mir gestattet, ihm Fragen zu stellen, wenn ich ihn doch beschuldige, eine Zentralfigur bei ver�bten Morden gewesen zu sein? Ich m�sste ihn wegen eines Verbrechens befragen, bei dem er der einzige Tatverd�chtige ist.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas lehnte sich zur�ck und gluckste erneut vergn�gt. �So habe ich das nicht gemeint, Fidelma.�</p><p>�Wie dann? Die Benediktinerregel verlangt, den eigenen Willen v�llig zu unterdr�cken, und ermahnt jedes Mitglied der Bruderschaft, sich unverz�glich, ohne Widerspruch dem Vorgesetzten, in diesem Falle dem Abt, zur G�nze unterzuordnen, denn nur bedingungsloser Gehorsam sei der erste Schritt zur christlichen Demut.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas sch�ttelte belustigt den Kopf. �Ich wei�, was die Br�der aus Hibernia von unbedingtem Gehorsam halten, doch deine Br�der sagen auch, brich dir nicht das Schienbein an einem Schemel, der gar nicht im Wege steht.�</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Ist doch ganz einfach. Der heilige Columbanus hat immer gesagt, es gibt zwei Arten von Narren, die einen, die nicht gehorchen wollen, und die anderen, die gehorchen, ohne auch nur eine Frage zu stellen. Er hat durchaus bedacht, dass es dazu kommen k�nnte, dass die Abtei sich von seinen Regeln l�st. Er hat n�mlich eine Weisung f�r die Leitung des Klosters bei ungew�hnlichen Umst�nden hinterlassen, die unsere �bte nie ge�ndert haben. Die besteht darin, dass die beiden rangh�chsten Geistlichen den Abt zur Rechenschaft ziehen d�rfen, wenn er eine fragw�rdige Entscheidung getroffen hat.�</p><p>�Und diese beiden sind jetzt du und Magister Ado?�</p><p>�Gegenw�rtig sind wir die beiden rangh�chsten Geistlichen.�</p><p>�Das hei�t, ihr k�nntet den Abt zwingen, meine Fragen zu beantworten?�</p><p>�K�nnten wir. Wir werden nun gehen und mit Abt Servillius reden. Ich werde dich zu meinem Gespr�chsf�hrer ernennen. Wenn er nicht gewillt ist, deine Fragen zu beantworten, werden wir warten, bis Magister Ado zur�ck ist � dann muss er antworten.�</p><p>�Ob das gutgeht?�</p><p>�Wirst du klare, eindeutige Fragen stellen k�nnen?� Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern bekr�ftigte: �Nat�rlich, da bin ich ganz sicher.�</p><p>Sie verlie�en die Studierstube, gingen vorbei am Durchgang zum <emphasis>scriptorium,</emphasis> dann die Treppe hinunter und quer durch die Haupthalle zur Amtsstube des Abts. In der ge�ffneten T�r versperrte ein M�nch den Zugang. Als sie herankamen, drehte er sich zu ihnen um. Es war der rundliche Koch, Bruder Waldipert. Mit schreckgeweiteten Augen starrte er sie an, er sah kreidebleich aus. Er machte einen Schritt auf sie zu, fast schien es, er w�rde vor ihren F��en zusammenbrechen. Doch er hielt sich schwankend, der Mund stand offen, hilflos bewegten sich die Lippen, brachten jedoch keinen Ton heraus.</p><p>�Was hast du, Bruder Waldipert?�, fragte ihn der Ehrw�rdige Ionas.</p><p>Immer noch war der Mann nicht f�hig, sich zu �u�ern, starrte nur an ihnen vorbei ins Leere.</p><p>�rgerlich brummte der Geistliche etwas, schob ihn zur Seite und trat auf die Schwelle zur Abtstube. Weiter kam auch er nicht, blieb wie angewurzelt stehen. Sehr langsam drehte er sich zu dem dicken Koch um. Der zitterte immer noch an allen Gliedern. Einige Br�der gingen eben durch die Haupthalle, einem von ihnen rief der Gelehrte zu: �Lauf und hole Bruder Hnikar, er soll sofort zur Abtstube kommen, jemand � jemand ist verletzt.�</p><p>Eilfertig hastete der M�nch davon.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Fidelma.</p><p>�Abt Servillius ist tot�, sagte der Ehrw�rdige Ionas mit bitterem Ernst.</p><p>Fidelma dr�ngte sich an ihm vorbei, obwohl er versuchte, sie zur�ckzuhalten. Doch auch sie verharrte auf der Schwelle, allzu ersichtlich war, warum der der Ehrw�rdige Ionas nicht weiter hineingegangen war. Abt Servillius lag unmittelbar vor der T�r hingestreckt auf dem Boden. Der Sch�del war ein blutiges Etwas, zertr�mmert mit einem schweren Gegenstand. Nur seine Gew�nder und das Kruzifix an der Silberkette machten ihn kenntlich. Neben dem Leichnam lag ein gro�er bronzener Leuchter. Viel Scharfsinn brauchte man nicht, allein die Blutspuren darauf verrieten das Mordwerkzeug. Kein Unfall, ein Mord war geschehen.</p></section><section><title><p>KAPITEL 17</p></title><p>�Was ist hier vor sich gegangen? Nun sag doch was!�, beschwor Fidelma den Koch.</p><p>Der hatte sich noch nicht wieder gefasst, starrte wie gebannt immer auf denselben Fleck und rang nach Worten. F�r Fidelma v�llig unerwartet machte der Ehrw�rdige Ionas einen Schritt auf ihn zu und versetzte ihm einen Backenstreich. Der Koch wusste nicht, wie ihm geschah, stolperte zur�ck und fuhr sich mit einer Hand �ber die rot werdende Wange.</p><p>�<emphasis>Ignosce mihi</emphasis> � verzeih, Bruder Waldipert�, sagte der alte M�nch. �Ich sah keine andere M�glichkeit, dich ins Hier und Jetzt zu versetzen, und jeder Moment z�hlt.�</p><p>Bruder Waldipert stand und rieb sich die Wange und sah den Ehrw�rdigen Ionas mit leerem Blick an.</p><p>�Was hat dich hierher getrieben?�, fragte der Ehrw�rdige Ionas beharrlich.</p><p>�Ich � ich wollte dem Vater Abt ein paar Rechnungen zur Best�tigung vorlegen�, stammelte der Koch.</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Ich bin eben erst gekommen. Ich habe angeklopft, die T�r aufgemacht und sah � sah � Ich wei� nicht, was geschehen ist. Du hast mich geschlagen, mir ins Gesicht geschlagen.�</p><p>�Du hast die T�r ge�ffnet, Bruder Waldipert, und sahst den Abt auf dem Fu�boden liegen�, mischte sich Fidelma ein. �Hast du irgendwen im Raum gesehen, jemand, der anders als durch die T�r hinauswollte, durch das Fenster vielleicht?�</p><p>Der Koch sch�ttelte den Kopf. �Man kann hier nur durch die T�r hinaus. Das Fenster ist viel zu klein.�</p><p>Im Flur h�rte man Schritte, und Bruder Hnikar tauchte auf. Er streifte sie nur mit einem Blick, ging in die Abtstube, kniete sich neben den Toten und untersuchte ihn fl�chtig.</p><p>�Tot. Man hat ihm den Sch�del eingeschlagen.�</p><p>Es war f�r alle offensichtlich und h�tte der Feststellung nicht bedurft. Fidelma verbiss sich eine sarkastische Bemerkung und wies auf den Kerzenst�nder. �Vermutlich war der Kerzenhalter aus Messing da die Waffe.�</p><p>Bruder Hnikar folgte ihrer Handbewegung. �Das kann durchaus sein.�</p><p>�Wann ist das passiert?�</p><p>�Schwer zu sagen�, erwiderte der Apotheker. �Das Blut ist bereits getrocknet, die Leichenstarre ist eingetreten. Es kann schon vor einem halben Tag gewesen sein.�</p><p>�Vor einem halben Tag? Bist du dir sicher?�</p><p>Der Apotheker �berging ihre Frage und wollte stattdessen wissen: �Wer hat ihn gefunden? Du?�</p><p>�Bruder Waldipert hat die Leiche entdeckt.�</p><p>Mit einem raschen Blick auf den Koch erhob sich der Heilkundige.</p><p>�Das ist eine traurige Sache�, meinte er, an den Ehrw�rdigen Ionas gewandt.</p><p>�Nur allzu wahr�, best�tigte der Gelehrte. �Ich betrachte das Weitere als meine Aufgabe.�</p><p>�Wir m�ssen doch aber die R�ckkehr von Magister Ado abwarten, ohne ihn d�rfen wir keinen neuen Abt ernennen�, erkl�rte Bruder Hnikar widerstrebend.</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass ich das Amt des Abts �bernehme�, machte der Ehrw�rdige Ionas nachdr�cklich klar. �Ich �bernehme lediglich die Verantwortung, bis Magister Ado wieder da ist, und dann befinden wir �ber die Abtei betreffende Dinge.�</p><p>�Als Erstes m�ssen wir in Erfahrung bringen, wann man den Abt das letzte Mal lebend gesehen hat�, mahnte Fidelma an.</p><p>Bruder Hnikar verwahrte sich gegen ihr Eingreifen. �Ich darf dich daran erinnern, dass du in der Abtei nur Gast bist. Ein angesehener Gast zwar, wie es hei�t, aber dennoch nur ein Gast.�</p><p>Sich r�uspernd griff der Ehrw�rdige Ionas ein. �Lieber Bruder Hnikar, unser angesehener Gast hat mit Recht auf das N�chstliegende verwiesen. Wir k�nnen nicht sitzen und abwarten. Schon allein die Sitte verlangt, dass wir unseren gro�en Freund und fr�heren Abt noch heute Nacht zur letzten Ruhe betten. Auch schulden wir es ihm, seinen M�rder ausfindig zu machen.�</p><p>�Ich nehme zur�ck, was ich gesagt habe, Ehrw�rdiger Ionas�, erkl�rte der Apotheker verschnupft. �Was den Mord betrifft, so war es gewiss der Versuch eines barbarischen Raub�berfalls. Die Person, die das Verbrechen ver�bt hat, d�rfte l�ngst in den W�ldern das Weite gesucht haben. Wir sollten Kontakt zu Wulfoald aufnehmen und ihn bitten, dass er seine Krieger auf den T�ter ansetzt.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass der T�ter ein R�uber war�, �u�erte Fidelma, vielleicht etwas voreilig, hielt aber sofort den Mund, weil Bruder Hnikar ungehalten das Gesicht verzog. Der Ehrw�rdige Ionas lie� ihm jedoch keine Chance zu einer unfreundlichen Entgegnung.</p><p>�Die Zeit vergeht, jede Minute z�hlt, Bruder. Wir m�ssen handeln. Schwester Fidelma ist ein angesehener Gast, wie du selbst gesagt hast. Bei sich daheim ist sie Rechtsanw�ltin und Richterin, und als solche wurde sie vom Heiligen Vater, seinem Ratgeber und dem Hauptmann seiner Schutztruppe damit betraut, die mysteri�sen Umst�nde des Mordes an einem Erzbischof im Lateranpalast aufzudecken.�</p><p>�Das ist mir nicht neu, ich habe davon geh�rt.� Bruder Hnikar winkte ab.</p><p>�Als zeitweiliger Vorsteher unserer Gemeinde erkl�re ich Folgendes: Ich beauftrage sie hiermit, Erkundungen �ber den Vorfall einzuziehen. Ich gebe ihr die Vollmacht, zu kommen und zu gehen, wohin und wie es ihr beliebt, und jeden nach eigenem Gutd�nken zu befragen.�</p><p>Bruder Hnikar sah ihn erschrocken an. �Aber die Regel ��</p><p>�Die Regel als solche bleibt unangetastet, darf aber in keiner Weise ihre Eigenm�chtigkeit oder die Vollmachten, die sie von mir hat, beeintr�chtigen.�</p><p>Der Apotheker war versucht, erneut aufzubegehren, besann sich aber eines Besseren und verbeugte sich vor Fidelma.</p><p>�Gibt es etwas dagegen einzuwenden, Schwester Fidelma, wenn ich den Leichnam fortschaffe, um ihn � da wir nun die Todesursache festgestellt haben � zur Bestattung vorzubereiten?� Leichter Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit.</p><p>�Ich m�chte zuvor noch den Raum untersuchen, dann magst du den Toten fortbringen. Wir wissen zwar, wie der Abt zu Tode gekommen ist, aber wir m�ssen herausfinden, warum und durch wen.� Sie wandte sich dem Ehrw�rdigen Ionas zu und dankte ihm mit einem Kopfnicken. �Ich glaube, im Moment kann uns Bruder Hnikar nicht weiterhelfen, und mit Bruder Waldipert werden wir uns sp�ter noch einmal unterhalten.�</p><p>Ihre Worte waren eindeutig genug, und beide M�nner verlie�en die St�tte des Grauens, der eine missmutig, der andere erleichtert. Der Ehrw�rdige Ionas und Fidelma blieben allein zur�ck.</p><p>�Viel Zeit haben wir nicht�, meinte der Geistliche mit einem leichten Seufzer. �Bruder Hnikar ist von meiner Entscheidung nicht erbaut und gewiss schon auf dem Weg zu Bruder Wulfila, um sich von ihm Unterst�tzung zu holen. Und wenn Magister Ado zur�ckkehrt �� Er zuckte mit den Achseln. �Vielleicht ist es wirklich das Vern�nftigste, einige von Wulfoalds Kriegern loszuschicken, wie Bruder Hnikar vorgeschlagen hat, um die Umgebung abzusuchen. Zu Fu� kann der M�rder nicht weit gekommen sein, und zu Pferde w�re er schon am Tor aufgehalten worden.�</p><p>�Falls der M�rder �berhaupt die Abtei verlassen hat, ist das ein richtiger Gedanke. Nur ist Wulfoald nicht mehr hier. Auch halte ich es f�r Zeitverschwendung, den M�rder jenseits der Abteimauern suchen zu wollen.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas sah sie mit vor Schreck geweiteten Augen an. �Soll ich das so verstehen, dass du glaubst, der M�rder h�lt sich in der Abtei verborgen?�</p><p>�Sich verborgen halten scheint mir nicht der rechte Ausdruck�, erwiderte sie bitter. �Ich glaube, er ist der Gemeinschaft wohlbekannt. Ich f�rchte, man hat mich auf eine falsche Spur gesetzt, und zwar wissentlich, um mich abzulenken.�</p><p>�Wie das?�</p><p>�Mit dem Tod von Abt Servillius.�</p><p>�Tut mir leid. Ich kann dir nicht folgen.�</p><p>�Ich bin zu eifrig den Hinweisen nachgegangen, die mich zum Abt f�hrten. Wer auch immer mich auf die F�hrte lockte, wusste, dass ich fr�her oder sp�ter den Namen Quintus Servilius Caepio mit Abt Servillius in Verbindung bringen w�rde. Eins plus eins macht zwar zwei, aber manchmal sollte man sicherstellen, dass die beiden Zahlen, die einem als erste mitgeteilt werden, auch wirklich stimmen.�</p><p>Dem Ehrw�rdigen Ionas stand die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. �Ich kann deiner Logik immer noch nicht folgen, Schwester Fidelma, aber will sie erst einmal als gegeben hinnehmen. War all das, was du mir gerade erst in meiner Studierstube er�ffnet hast, falsch?�</p><p>�Nicht unbedingt falsch. Es waren die Erkenntnisse, mit denen man mich sorgf�ltig gespeist hat. Hinweise, die jemand umsichtig gestreut und so gewitzt als F�hrte ausgelegt hatte, dass ich glauben sollte, ich selbst w�re dem Ganzen auf die Spur gekommen. Man hatte mit meiner Neugierde gerechnet. Es ging nicht darum, dass ich die Seiten, die irgendjemand aus den B�chern in der Bibliothek entfernt hatte, nicht lesen sollte, nein, im Gegenteil, man wusste, dass ich, von Neugier getrieben, darauf aus sein w�rde, zu erfahren, was auf ihnen geschrieben stand.�</p><p>�Aber abgesehen von der Geschichte mit Caepio und seinem verschwundenen Gold gab es doch nicht viel anderes auf den Seiten zu lesen.�</p><p>�Dem Gold von Quintus <emphasis>Servilius</emphasis> Caepio�, verbesserte ihn Fidelma. �<emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis>.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>�Das letzte Stichwort hast du mir gegeben � du hast mir erz�hlt, dass Servilius ein Geschlechtername w�re, und hast weiterhin gesagt, dass der Abt stolz auf seine alten patrizischen Wurzeln in dem Gebiet hier sei.�</p><p>Nachdenklich krauste der Ehrw�rdige Ionas die Stirn. �Ich h�tte dir das entscheidende Stichwort gegeben? Ja, ich erinnere mich, ich habe �ber den Namen gesprochen �� Er blickte sie argw�hnisch an. �Willst du mir zu verstehen geben, dass <emphasis>ich</emphasis> dich auf eine falsche F�hrte gelockt h�tte?�</p><p>�Die Sache ist viel komplizierter�, erwiderte Fidelma. �Die Person, die hinter dem Ganzen steckt, g�be einen fabelhaften <emphasis>fidchell</emphasis> Spieler ab.�</p><p>�Einen was?�</p><p>�Es ist ein Brettspiel, das man in unserem Land spielt, sein Name bedeutet soviel wie �Ausgekl�gelte Spuren auf dem Brett�. Die Spielweise hat manches gemeinsam mit dem <emphasis>ludus latrunculorum,</emphasis> einem Brettspiel zur �bung in milit�rischen Taktiken, wie ihr es hier kennt.�</p><p>�Du machst es mir trotzdem schwer.�</p><p>�Wir haben es mit einem Meisterspieler zu tun, einem Strategen, der die F�den zieht. Er hat fein s�uberlich die einzelnen Schritte vorgegeben und mich in eine Sackgasse gef�hrt. Allerdings hat er damit gerechnet, dass ich l�nger brauchen w�rde, mich in dem Irrgarten zurechtzufinden. Als er bemerkte, dass ich �ber kurz oder lang den Abt zur Rede stellen w�rde, bef�rchtete er, dass das f�r seine Pl�ne zu fr�h geschehen k�nnte, und so musste, wie ich schlussfolgere, Abt Servillius sterben. Ich vermute, man hat ihn gestern kurz nach seiner R�ckkehr in die Abtei umgebracht.�</p><p>�Das klingt, als w�sstest du, wer dieser Stratege, wie du ihn nennst, ist.�</p><p>�Bei uns gibt es die Redensart �Wehe dem, dessen Verr�ter mit ihm an einem Tisch sitzt�.�</p><p>Von drau�en h�rte man erregte Stimmen, und gleich darauf kam Magister Ado hereingest�rzt, gefolgt von Bruder Faro.</p><p>�Ist es wahr?�, fragte er und blickte besorgt den Ehrw�rdigen Ionas an. �Ich bin gerade von Travo zur�ck und erfahre, Abt Servillius sei tot � w�re ermordet worden.�</p><p>�Nachrichten verbreiten sich �berraschend schnell�, konnte Fidelma nicht umhin zu bemerken.</p><p>Magister Ado reagierte mit ungewohnter Sch�rfe. �Nicht �ber die Tore der Abtei hinaus. Ich habe es von Bruder Wulfila. Auf dem ganzen Weg hierher, auf dem ich auch Bruder Faro getroffen habe, ist uns nichts zu Ohren gekommen. Erst hier erschreckte man uns mit der Nachricht. Es ist also wahr?�</p><p>�Leider ja, Bruder�, best�tigte der Ehrw�rdige Ionas. �Der Abt wurde erschlagen, man hat ihm den Sch�del zertr�mmert.�</p><p>Magister Ado bekreuzigte sich. �<emphasis>Deus adiuvet nos</emphasis>�, murmelte er fromm. �Hat man den T�ter gefasst?�</p><p>�Bislang nicht.�</p><p>�Wei� man, wer die Tat begangen hat?�</p><p>�Ich denke, schon�, erwiderte Fidelma. �Und ich f�rchte, wir m�ssen ihm mehrere Tote zuschreiben.�</p><p>�Mehrere Tote?�</p><p>�Ich glaube, unsere Schwester aus Hibernia spielt unter anderem auf den Tod von Freifrau Gunora an�, kl�rte ihn der Ehrw�rdige Ionas auf.</p><p>�Wir durchleben eine b�se Zeit, Fidelma�, stellte Magister Ado fest. �Zwischen Grimoald und Perctarit und ihren ehrgeizigen Pl�nen geben wir den blo�en Spielball ab. Abt Servillius hat Prinz Romuald Zuflucht gew�hrt, und in dem Moment, da Bischof Britmund dahintergekommen war, d�rften es auch die erfahren haben, die den Prinzen nutzen wollten, um seinen Vater zu bekriegen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man Abt Servillius umgebracht hat, weil er den Knaben unter seinen Schutz gestellt hat.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, widersprach ihm Fidelma mit ruhiger Stimme.</p><p>Die beiden Geistlichen sahen sie erwartungsvoll an.</p><p>�Du hast gesagt, du w�sstest, wer der T�ter ist und dass er sich in der Abtei aufhielte�, sagte der Ehrw�rdige Ionas. �Also sprich.�</p><p>Drau�en auf dem Hof ert�nte ein Wehklagen, zun�chst schwach, dann immer lauter, und bald mischten sich andere Schreie darunter, so dass das Ganze einen Chor menschlicher Bedr�ngnis und Angst ergab. Sie gingen zur T�r, als einer der Br�der, v�llig zerzaust und verschmutzt, zu ihnen hineindr�ngte.</p><p>�Der Satan treibt sein Unwesen in der Abtei�, schrie er. �Zu Hilfe! Herr, erl�se uns von dem �bel!�</p><p>Die verzweifelten Rufe wurden in Fidelmas Sprache ausgesto�en, und sie erkannte in dem Getriebenen Bruder Lon�n, den G�rtner und Kr�utersammler. Sie packte ihn am Kragen und r�ttelte ihn.</p><p>�Komm zu dir, Bruder! Hier gibt es nichts B�ses, das dich umtreibt, und wenn, dann ist es von Menschenhand. Was macht dir solche Angst? Sprich. Und sprich in der Sprache des Glaubens, so dass dich alle hier verstehen.�</p><p>Der Mann zuckte zusammen, da er so grob und in der ihm vertrauten Sprache angefahren wurde. Er starrte Fidelma an. �Der Tod schleicht durch die Abtei, Schwester. B�ses geht um. Der Ort ist verflucht, wir m�ssen fliehen.� Zittern und Weinen �berw�ltigten ihn.</p><p>�Worum geht es?�, drang der Ehrw�rdige Ionas in ihn und befahl Bruder Wulfila, der dem G�rtner gefolgt war: �Geh hinaus auf den Hof und sorge daf�r, dass die Br�der ihr Wehklagen einstellen.�</p><p>Fidelma betrachtete den schluchzenden Mann mit Widerwillen und versuchte dann, ihn aufzur�tteln. Das tat sie immer noch in der Sprache ihrer gemeinsamen Heimat. �Nimm dich zusammen, ich sage es ein letztes Mal. Die Regel des Benedikt, die hier gilt, sieht f�r diejenigen, die sie nicht befolgen, Strafen vor, wenn du nicht auf der Stelle sprichst.�</p><p>Bruder Lon�n schreckte zur�ck und sah sie entsetzt an.</p><p>�Besinn dich also�, fuhr sie fort. �Denke daran, wo du bist. Sprich in der Sprache deiner Klostergemeinschaft und berichte, was geschehen ist.�</p><p>Er schluckte nerv�s. �Ich � ich war im <emphasis>herbarium</emphasis>�, begann er.</p><p>�Es ist bereits dunkel�, unterbrach ihn Magister Ado. �Was hattest du um diese Stunde dort zu suchen?�</p><p>�An warmen Sommerabenden gehe ich immer ein wenig im Garten umher. Der Duft der Kr�uter und Blumen, die abendliche Stimmung � die haben es mir angetan.�</p><p>Magister Ado wehrte ver�chtlich ab. �Es geht uns hier nicht um pers�nliche Vorlieben, Bruder Lon�n, sondern ��</p><p>�Es scheint mir sinnvoller zu erfahren, was ihn in einen solchen Zustand versetzt hat, als ihn zu belehren, was richtig oder unrichtig ist�, mischte sich der Ehrw�rdige Ionas tadelnd ein.</p><p>Der G�rtner f�hlte sich ermutigt und redete weiter. �Der Mond steht rund am Himmel und scheint schon hell. Ich ging den Weg bei den Olivenb�umen entlang, als ich etwas knurren h�rte � das Knurren eines Wolfes.�</p><p>�W�lfe kommen �fter hier ins Tal, wenn sie auf Futtersuche sind�, stellte Magister Ado fest. �Das ist nichts Ungew�hnliches und noch lange kein Grund, sich zu f�rchten und wie ein ver�ngstigtes Kind herumzujammern.�</p><p>�In der Nacht herumstreifende W�lfe �ngstigen mich nicht, Ehrenwerter Ado�, verteidigte sich Bruder Lon�n. �Ich wei�, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich ihnen begegne. Ich habe mit Steinen geworfen und wunderte mich, dass sich das Tier nicht wie sonst verzog. Es schien mich herausfordern zu wollen. Ich zielte mit ein paar gr��eren Steinen nach ihm und schrie es an, erst dann trollte es sich.�</p><p>�Und weiter?�, half Fidelma ein, da Bruder Lon�n schwieg.</p><p>�Der Wolf hatte sich zwischen den B�umen zu schaffen gemacht. Ich ging n�her. Es war dunkel, und alles lag im Schatten. Doch pl�tzlich kam der Mond hervor, und sein Licht fiel zwischen die Zweige und beleuchtete die Stelle, wo der Wolf gegraben hatte. Aus der Erde lugte etwas Blasses und Wei�es hervor und starrte mich an � Gott stehe mir bei!�</p><p>Zutiefst erschrocken rang Magister Ado nach Atem.</p><p>�Sag schon, was war es?�, dr�ngte ihn Fidelma.</p><p>�Es war das Gesicht von Bruder Eolann.�</p><p>Ein wenig sp�ter begaben sie sich gemeinsam in den Kr�utergarten � es war eine gr��ere Gruppe: der Ehrw�rdige Ionas, Magister Ado, Fidelma, Bruder Hnikar, Bruder Wulfila und Bruder Faro, letztere trugen Lampen und Spaten. Allen voran ging Bruder Lon�n. Er f�hrte sie an das hintere Ende des Gartens zu einer Gruppe von Olivenb�umen. Dort blieb der G�rtner stehen und hielt sich zur�ck, w�hrend die anderen der Stelle zustrebten, auf die er wies. Durch die W�hlerei des Wolfes war die Leiche zum Teil freigelegt. Der Lampenschein der M�nner tanzte auf dem bleichen Gesicht des Bibliothekars.</p><p>Der Apotheker beugte sich nieder und untersuchte den Kopf.</p><p>�Lange ist er hier noch nicht vergraben. Auch ist die Erde nicht tief ausgehoben, man hat sich des Toten offensichtlich in aller Eile entledigen wollen. Kein Wunder, dass der Wolf ihn ausbuddeln konnte. Aus dem Zustand der Leiche w�rde ich schlie�en, dass Bruder Eolann wie der Abt bereits eine Weile tot ist.�</p><p>�Hast du schon eine Vorstellung, wie er zu Tode gekommen ist?�, fragte Fidelma.</p><p>Bruder Hnikar stand auf, und im flackernden Lampenschein gewann sie den fl�chtigen Eindruck, dass er h�hnisch grinste.</p><p>�Jedenfalls nicht als Folge der Verletzung von heute fr�h�, sagte er. �Ich muss den Leichnam erst gr�ndlicher untersuchen. Bruder Wulfila und Bruder Lon�n, grabt ihn aus und schafft ihn zu mir in die Apotheke.� Er wandte sich an den Ehrw�rdigen Ionas und Magister Ado. �Wir m�ssen hier nicht l�nger herumstehen. Wir sollten in die Apotheke gehen und dort warten, bis sie den Toten bringen. Dort werde ich dann feststellen, ob der Satan durch die Abtei schleicht und f�r welche Todesart er eine Vorliebe hat.� Die letzten bissigen Worte galten dem immer noch zitternden Bruder Lon�n.</p><p>Lange mussten sie in der nach Heilkr�utern und Mixturen duftenden Apotheke nicht warten. Bruder Hnikar mochte kein liebenswerter Mensch sein, aber er war ein sachkundiger Apotheker und Arzt. Schon bald stellte er fest: �Er ist an der Wunde da unter dem Herzen gestorben. Man hat sie ihm mit einer Waffe mit breiter Klinge beigebracht, k�nnte ein Schwert, so etwas wie ein <emphasis>gladius</emphasis> gewesen sein.�</p><p>�Ein <emphasis>gladius</emphasis>?�, wiederholte Fidelma.</p><p>�Das ist eine kurze Hieb-und Stichwaffe, wie sie die r�mischen Legionen benutzt haben�, erkl�rte er. �Einige unserer Krieger schw�ren auch noch heute auf sie. Wulfoald zum Beispiel hat so eine.�</p><p>�Hei�t das, dass es eine allgemein �bliche Waffe ist?�</p><p>�So �blich heute wiederum nicht.� Es war Magister Ado, der ihr antwortete. �Ich glaube, Krieger zu Pferde bevorzugen lange, den Gegner aufschlitzende Schwerter. Die kurzen Schwerter bew�hren sich im Nahkampf, aber wenn der Angreifer eine Lanze oder ein langes Schwert hat, ist man mit einem <emphasis>gladius</emphasis> im Nachteil.�</p><p>�Du kannst nicht sagen, ob man ihn heute Morgen oder heute Abend umgebracht hat?�, fragte Fidelma den Apotheker.</p><p>Er lachte herausfordernd. �Wenn ein Arzt eines Tages in der Lage sein sollte, �ber den genauen Zeitpunkt Auskunft zu geben, wann jemand starb, dann wird es auch ein Leichtes sein, alle Morde aufzukl�ren. Dann brauchen wir als Anhaltspunkt nur noch, wann der Betreffende starb, und schnappen uns einfach den, der da gerade bei ihm oder in seiner N�he war. Doch das ist eine Wunschvorstellung. Als du in die Abtei zur�ckkehrtest, hatte ich ihn noch kurz zuvor gesehen�, lenkte er ein. �Ich hatte dir das auch gesagt.�</p><p>�Demnach muss er bald danach ermordet worden sein�, sagte Fidelma.</p><p>Bruder Hnikar zuckte mit den Achseln. �Eingebuddelt hat man ihn erst nach Einbruch der Dunkelheit, so viel kann ich sagen, denn die Erde haftet noch nicht an seiner Kleidung oder Haut.�</p><p>�Dann muss er noch in der Abtei gewesen sein, als ich nach ihm suchte�, meinte der Ehrw�rdige Ionas. �Aber wo mag er gesteckt haben?�</p><p>�Oder versteckt worden sein�, erg�nzte Fidelma. Sie hatte eine Weile geschwiegen, weil ihr ein Gedanke keine Ruhe gelassen hatte. Und pl�tzlich stellte sie Magister Ado die Frage: �War es Bruder Eolanns Vorschlag, dass du dich auf die Reise nach Tolosa begabst, um wegen dieses Buches zu verhandeln � wie hie� es doch? � <emphasis>Das Leben des heiligen M�rtyrers Saturnin</emphasis>.�</p><p>Magister Ado staunte �ber ihr gutes Ged�chtnis. �Ja. Wieso?�</p><p>�H�ttest du dich auch von allein auf den Weg gemacht?�</p><p>�Sicher nicht. Der <emphasis>scriptor</emphasis> bestand darauf, dass wir den Band in unserer Bibliothek haben m�ssten, es w�rde dem Ruf unserer Abtei als gro�em Zentrum der Gelehrsamkeit �u�erst dienlich sein. Und da ich schon zuvor in Tolosa gewesen war, hatte ich das Gef�hl, dass ich die am ehesten geeignete Person w�re, die Sache in die Hand zu nehmen. Aber inwiefern tangiert das den Mord am Abt? Was sollten die beiden Todesf�lle miteinander zu tun haben?�</p><p>�Es handelt sich um sechs Tote�, korrigierte Fidelma ihn behutsam.</p><p>�Wie bitte?� Magister Ado war schockiert.</p><p>�Sechs Tote�, wiederholte sie, �plus ein Anschlag auf dein Leben und die Verwundung von Bruder Faro. Alle Vorf�lle haben miteinander zu tun. Wir k�nnen nur hoffen, dass es nicht noch mehr Tote gibt.�</p><p>Bruder Wulfila dr�ngte sie zu den vordringlichen Aufgaben. �Ich muss euch daran erinnern, dass es in unserer Abtei Brauch ist, einen Toten zur Mitternacht zu bestatten. Wir m�ssen Abt Servillius, Hawisa und Bruder Eolann zur letzten Ruhe betten.�</p><p>�Richtig�, stimmte ihm der Ehrw�rdige Ionas zu. �Falls es keine wesentlichen Einw�nde gibt, sollten wir unsere Betrachtungen auf sp�ter verschieben und Vorbereitungen f�r die Bestattung unserer Toten treffen.� Er blickte, Einverst�ndnis heischend, zu Magister Ado, und der neigte den Kopf.</p><p>�Ich pflichte dir bei, Ehrw�rdiger Ionas. Du bist der �lteste hier. Die Bruderschaft wird uns auffordern, einen neuen Abt und Bischof zu w�hlen, wie es der Brauch verlangt. Lass mich bei dieser Gelegenheit klarstellen, dass ich dich nominieren werde.�</p><p>Wohl f�hlte sich der Ehrw�rdige Ionas bei dieser Er�ffnung nicht. �Ich danke dir f�r das Vertrauen, das du in mich setzt, Magister, doch die Wahl muss den Br�dern �berlassen bleiben. Wie auch immer, zun�chst gilt es, die Toten zu bestatten. Es ist f�rwahr ein schrecklicher Tag f�r die Abtei.�</p><p>Sie gingen zur�ck �ber den Hof, auf dem die Fackeln brannten. Fidelma sah deutlich, dass es in dem Ehrw�rdigen Ionas arbeitete. Ganz offensichtlich wollte er ihr eine Frage stellen. Als sich die Gruppe aufl�ste, blieb sie abwartend stehen. Auch er hielt inne und drehte sich zu ihr um.</p><p>�Du sagst, es h�tte sechs Morde gegeben. Ich z�hle nur drei, und die sind schon schlimm genug. Wer sind die anderen?�</p><p>�Ich z�hle Wamba dazu.�</p><p>�Wegen der M�nze? Wer noch?�</p><p>�Hawisa, seine Mutter. Das Feuer wurde mit Vorsatz gelegt.�</p><p>�Und der dritte? Ah, Bruder Ruad�n. Bruder Ruad�n ist aber an den Verletzungen gestorben, die ihm emp�rte Anh�nger des Arius beigebracht hatten. Er starb �ber eine Woche sp�ter in seinem Bett � du hast ihn ja gesehen.�</p><p>Fidelma sch�ttelte langsam den Kopf. �Man hat ihn in seinem Bett erstickt, und zwar hat es derselbe getan, der die anderen Morde ver�bt hat.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>Sie l�chelte gequ�lt. �<emphasis>Cui bono?</emphasis>�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�War das nicht die Frage, die Cicero einem r�mischen Richter stellte? <emphasis>Wem n�tzt es</emphasis>? Wenn wir herausfinden, wer von all den Morden profitiert, dann wissen wir auch, wer der M�rder ist.�</p><p>Gedankenversunken sa� Fidelma in ihrer Kammer. Was f�r eine N�rrin war sie doch gewesen! Oder war es vielleicht noch immer. Warum reiste sie nicht einfach zur�ck nach Genua und fand ein Schiff nach Massilia, bevor in dem Tal ein Krieg tobte, der unweigerlich bevorstand? Mit den Ambitionen des ins Exil getriebenen K�nigs Perctarit oder denen von Grimoald hatte sie nicht das Geringste zu tun. Was aus denen wurde, interessierte sie �berhaupt nicht. Sie sehnte sich danach, wieder daheim zu sein, unter Menschen ihres Landes. Sie war nur hierhergekommen, um ihren alten Lehrer, Bruder Ruad�n, zu sehen, und als sie jetzt an ihn dachte, wusste sie, warum sie blieb. Sie schuldete es ihm, seinen M�rder ausfindig zu machen.</p><p>Und Bruder Eolann? Wie hie� doch das Sprichwort? <emphasis>Superbum sequitur humilitas</emphasis> � Hochmut kommt vor dem Fall. Nur durch ihren Hochmut und Stolz war sie auf die falsche F�hrte nach dem <emphasis>Aurum Tolosanumnum</emphasis> geraten � Narretei das Ganze! Sie gab einen Sto�seufzer von sich und fragte sich ein weiteres Mal, ob es nicht dumm war, l�nger hierzubleiben, ob es nicht Hochmut und Eitelkeit waren, die sie glauben machten, sie k�nne das R�tsel l�sen. Hatte Paulus nicht die Philipper ermahnt, nie etwas aus Eigenliebe oder Eitelkeit zu tun, sondern stets Bescheidenheit an den Tag zu legen?</p><p>Bescheidenheit. Was hatte sie tats�chlich an Fakten an der Hand? Bruder Ruad�n hatte dem kleinen Wamba zwei alte M�nzen gegeben. Aus welchem Beweggrund? Der Junge hatte eine davon zur Abtei gebracht und war am n�chsten Tag tot, angeblich von einer Felswand gest�rzt. Kurz darauf wurde Bruder Ruad�n zusammengeschlagen vor den Toren der Abtei gefunden. Bruder Ruad�n, bereits auf dem Totenlager, war �berzeugt, man habe Wamba wegen der M�nzen umgebracht. Ihr alter Mentor drohte ohnehin seinen Verwundungen zu erliegen, doch es gab jemanden, der sichergehen wollte, dass er nicht noch vor seinem Tode mit ihr sprach. H�tte sie sich nicht zu einer Zeit, da alles noch schlief, heimlich in seine Kammer zu ihm gestohlen, h�tte sie nie etwas von den M�nzen oder Wamba, dem Jungen, erfahren. Ihr Wissen hatte sie dann Bruder Eolann anvertraut.</p><p>Von dem Moment an, da sie die Sache mit den M�nzen und Wamba Bruder Eolann erz�hlt hatte, wurde sie in die Wahnvorstellung von einem alten Schatz hineingezogen. <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis>. War es wirklich eine Wahnvorstellung? Der Name Servilius hatte sie in eine falsche Richtung gelenkt. Und jetzt war Bruder Eolann tot. Sie hatte ihn f�r den T�ter gehalten. Aber irgendetwas �bersah sie, wenn sie nur w�sste, was. Sie kam nicht weiter, war jetzt einfach zu m�de. Sie hatte einen langen Tag hinter sich, auch wollte das Leichenbeg�ngnis noch durchgestanden werden.</p><p>Sie gab es auf, die Gedanken sortieren zu wollen, und machte sich f�r die mittern�chtliche Zeremonie fertig. In der Kapelle fand sie die Br�der bereits versammelt vor, die dem Abt und dem <emphasis>scriptor</emphasis> ihre letzte Ehre erweisen wollten.</p><p>Bruder Faro schien sie erwartet zu haben und �berfiel sie mit den Worten: �Ich habe Schwester Gisa nicht finden k�nnen. Hast du vielleicht eine Ahnung, wo sie sein k�nnte?�</p><p>�Nicht im Geringsten.� Seine Frage und auch die Dringlichkeit in seiner Stimme �berraschten sie. �Mir hatte man gesagt, du w�rest losgegangen, um sie zu suchen.�</p><p>�Ich glaubte eine ungef�hre Vorstellung zu haben, wo die H�hlen liegen, in denen sich Aistulf, der Eremit, aufh�lt.�</p><p>�Und hast sie nicht entdeckt?�</p><p>�Weder sie noch den Eremiten. Auf dem R�ckweg traf ich unterwegs Magister Ado. Und hier ein Toter nach dem anderen. Der Ehrw�rdige Ionas meint, du w�rdest die Morde aufkl�ren k�nnen. Dabei sprichst du doch nicht einmal die Sprache der Langobarden. Bei aller Hochachtung � und ich wei�, dass der Ehrw�rdige Ionas und mein eigener Meister Magister Ado gro�e St�cke auf dich halten �, ich w�rde dir raten, noch morgen deine R�ckreise anzutreten und nach Genua aufzubrechen. Hier droht �berall Gefahr.�</p><p>Fidelma sah den sich ereifernden jungen Mann nachdenklich an.</p><p>�Was hat es mit dieser Gefahr auf sich, Bruder Faro? Weshalb bist du so besorgt, ich k�nnte l�nger bleiben?�</p><p>�Ich wei� nicht, worauf du hinauswillst.�</p><p>�Ich bin fremd hier, richtig. Aber im Grunde genommen bist du es nicht weniger. Du hast mir selbst erz�hlt, du w�rest erst vor zwei Jahren auf der Suche nach einem friedlichen Zufluchtsort hier gelandet. Weshalb dr�ngst du mich zur Abreise, bleibst aber selbst hier?�</p><p>Er schien peinlich ber�hrt. �Ich glaube, du wei�t, was mich hier h�lt.�</p><p>�Dann wirst du morgen deine Suche nach Schwester Gisa fortsetzen?�</p><p>Er nickte rasch. �Sowie es hell wird. Solltest du sie aber schon vorher zu Gesicht bekommen, bitte ich euch beide inst�ndig, das Tal zu verlassen, denn ich f�rchte, ein Sturm zieht herauf.�</p><p>�Sag mir ein paar Worte �ber Gisa. Kennt sie sich in dem Gebiet hier gut aus? Oder k�nnte sie in dem Tal leicht die Orientierung verlieren?�</p><p>�Sie ist hier gro� geworden und f�r viele ein vertrautes Gesicht.�</p><p>�Hat sie dich mit ihren Familienangeh�rigen bekannt gemacht?�</p><p>��ber ihre Familie hat sie nie gesprochen. Manche sagen, sie sei mit Aistulf, dem Eremiten, verwandt. Ihr Vater, hat sie mal gesagt, w�re Arzt gewesen, und sie selbst kennt sich bestens mit Kr�utern und Heilpflanzen aus. Das ist aber auch alles, was ich wei�.�</p><p>�Dein Rat war nicht umsonst, Bruder Faro, ich werde ihn �berdenken. Wenn du dich morgen fr�h erneut auf die Suche begibst, schlie�t sich dir gewiss noch der eine oder andere an.�</p><p>Er sah sie gr�belnd an. �Du bleibst?�</p><p>�Ich bleibe. Ich t�te meinem alten Mentor Bruder Ruad�n und auch den anderen Unrecht, wenn ich dem Tal einfach den R�cken kehren w�rde, ohne die Vorkommnisse aufzukl�ren.�</p><p>�Hoffentlich wirst du deine Entscheidung nicht bereuen. Wenn du mich fragst, ist der Sturm nicht mehr aufzuhalten.�</p><p>Gegen Mitternacht zog eine Fackeln tragende Prozession von den Toren der Abtei hinauf zur Totenst�tte. Sie war nicht mit der von vor einigen Tagen zu vergleichen, die Bruder Ruad�n zu Grabe getragen hatte. Den Br�dern waren die Furcht und die Anspannung, die sich ihrer bem�chtigt hatten, anzusehen. Nur wenige waren dem Ruf des Ehrw�rdigen Ionas gefolgt, und das waren vor allem die Sargtr�ger. Der Einzige, der nicht zur Gemeinschaft der Br�der geh�rte, war der junge Bursche Odo. Hawisa hatte man bereits, in Laken geh�llt, neben das ge�ffnete Grab von Wamba gelegt, das andere zuvor ausgehoben hatten. Angst und Schrecken schwebte �ber dem Trauerzug, gepaart mit Nervosit�t; bei dem geringsten harmlosen Ger�usch fuhr ein jeder zusammen.</p><p>Unmittelbar hinter den Bahren mit dem Abt und dem <emphasis>scriptor</emphasis> schritten der Ehrw�rdige Ionas und Magister Ado, gefolgt von dem Verwalter und dem Apotheker, hinter ihnen Fidelma und Bruder Faro. Zuerst senkte man Hawisas Leichnam mit einem kurzen Segensspruch in das Grab ihres Sohnes. Dann begrub man Bruder Eolann, und Fidelma wurde gebeten, vorzutreten und ein paar Worte �ber ihren Landsmann zu sagen. Sie hatte ihre Schwierigkeiten damit, wusste sie doch, dass er dabei mitgewirkt hatte, sie auf eine falsche F�hrte zu locken. Sie brachte nur wenige Worte zustande.</p><p>�Bruder Eolann kam aus meines Vaters K�nigreich Muman�, begann sie. Sie benutzte die Formulierung, obwohl ihr Vater schon gestorben war, als sie noch Kind war. Es w�re zu umst�ndlich gewesen, jetzt zu erkl�ren, dass es in ihrem Land keine erbliche Folge auf dem K�nigsthron gab, die K�nige aber dennoch aus dem Verwandtenkreis gew�hlt wurden. So war ihr Vetter Cathal der gegenw�rtige K�nig von Muman und ihr Bruder Colg� der Thronanw�rter. �Man hatte ihn in die Abtei auf Inis Faithleann, der Insel des heiligen Faithleann, aufgenommen, der einer der gro�en Verk�nder des Neuen Glaubens in unserem Land war.</p><p>Der Ort �hnelt durchaus dem hiesigen, wenngleich er auf einer Insel mitten in einem See liegt, umgeben von Bergen, die in �ppiges Gr�n getaucht sind � B�ume und immergr�ne Pflanzen wie Stechpalmen, Ebereschen und Arbutus. Es mag merkw�rdig erscheinen, dass er, auf eine Mission nach St. Gallen geschickt, letztlich �� Sie stockte, denn ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der sie ablenkte und den sie nicht vergessen durfte, �� letztlich aber in Mailand landete, von wo es ihn hierher ins Trebbia-Tal und zu eurer Abtei zog, die Colm B�n vor vielen Jahren gegr�ndet hatte. Es hei�t, er war ein guter <emphasis>scriptor,</emphasis> aber er machte einen Fehler. Er hatte einen Eid geleistet, bei uns zu Hause spricht man von einem <emphasis>g�is,</emphasis> und er h�tte wissen m�ssen, dass man den nicht ungestraft brechen kann. H�lt man sich nicht daran, schl�gt das Schicksal unerbittlich zur�ck. Er hat es mit dem Leben b��en m�ssen ��</p><p>Stammelnd kam sie zum Ende, denn ihr fiel nichts Positives mehr ein, was sie h�tte sagen k�nnen. Der Ehrw�rdige Ionas trat vor und erg�nzte ihre Rede. �Und dennoch gibt es einen, der alles wei�, der den S�nder sieht, und selbst, wenn wir armen Sterblichen ihn hier auf Erden nicht stellen k�nnen, so wird man ihn in seinem anderen Leben finden und zur Rechenschaft ziehen.�</p><p>Dann wurden die sterblichen Reste von Abt Servillius in die Erde gelassen, und der Ehrw�rdige Ionas �bernahm die W�rdigung. In Fidelmas Heimat w�re das die <emphasis>�cnaire</emphasis> gewesen, die F�rsprache f�r die Seele, die Bitte um Ruhe f�r sie. Die endete mit einem Segensspruch.</p><p>�Abt Servillius entstammte einer r�mischen Patrizierfamilie in Placentia. Seine Vorfahren dienten unserem Land in langer und ehrenvoller Tradition. Er stand dieser Abtei nicht nur als Abt vor, sondern auch als Bischof. Ich selbst war hier, als Servillius das erste Mal durch die Tore unserer Abtei schritt. Das war vor vierzig Jahren, als es noch Br�der gab, die unseren gesegneten Gr�nder Columbanus gekannt hatten. Ich habe ihnen viel zu verdanken, waren sie es doch, die mich inspirierten, eine Biografie �ber den gro�en Mann zu schreiben.</p><p>Auch Servillius war in vielerlei Hinsicht ein gesegneter Mann. Als er Abt wurde, machte er sich den Wunsch unseres Gr�nders zu eigen, unsere Abtei nicht nur als St�tte des Glaubens zu pflegen, sondern auch zu einem Zentrum des Lernens, der Forschung und des Fortschritts zu entwickeln. Er war bem�ht, die Abtei nicht in die H�nde der Anh�nger des Arius fallen zu lassen. Dank meines Amtes konnte ich in Rom vorstellig werden und bewirken, dass man unsere treue Ergebenheit gegen�ber dem Heiligen Vater anerkannte und uns die Mitra f�r unseren Abt als Bischof zugestand. Zuvor hatte ich die gleiche Ehrung f�r Abt Bobolen erwirken k�nnen. Gemeinsam wehrten wir die b�sen Absichten der Anh�nger des Arianischen Glaubens ab ��</p><p>Unversehens hielt er inne und schaute zu Magister Ado. Fidelma entging sein Blick nicht, sie fand ohnehin, dass der gute Mann in seinen Betrachtungen, die doch eigentlich eine W�rdigung von Abt Servillius h�tten sein sollen, ein wenig zu selbstgef�llig geworden war.</p><p>�In dem Ringen um den wahren Glauben fanden wir Unterst�tzung durch Magister Ado, der sp�ter zu uns stie� und einer der angesehensten Gelehrten unserer Abtei wurde. Ich � wir werden nicht zulassen, dass unser Abt umsonst sein Leben hingab; wir werden weiterhin alles daransetzen, dass unsere Abtei zu einem Zentrum wird, das man in der gesamten Christenheit wegen seiner Fr�mmigkeit und Gelehrsamkeit r�hmt.�</p><p>Als der Leichnam des Abts ins Grab gesenkt wurde, h�rten es alle � das Echo widerhallte im ganzen Tal � durchdringende, helle T�ne einer Muse, den wehklagenden Aufschrei einer gequ�lten Seele.</p><p>Best�rzung griff um sich. Etliche Br�der hasteten zur�ck zur Abtei. Trotz der unruhigen Schatten des Laternenlichts konnte Fidelma die blassen, gespenstischen Gesichter von Bruder Hnikar und Bruder Wulfila erkennen. Selbst Bruder Faro starrte erschrocken auf die dunklen Umrisse der Bergesh�hen. Der Einzige, der mit einem vagen L�cheln auf den Lippen dastand, war Odo.</p><p>Magister Ado machte den Br�dern, die nur z�gernd am Grab ausharrten, sanfte Vorhaltungen. �Habt ihr noch nie zuvor die <emphasis>Muse</emphasis> geh�rt? Habt ihr noch nie, wenn wir eine Beerdigung hatten, die Sackpfeife spielen geh�rt?�</p><p>Fidelma wandte sich Bruder Faro zu, der mit leicht geneigtem Kopf neben ihr stand und dem traurigen Klang lauschte. Auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck.</p><p>�Allem Anschein nach hat sich Bruder Wulfila geirrt, wenn er glaubte, Abt Servillius und Schwester Gisa h�tten sich auf den Weg zum alten Einsiedler gemacht, weil er krank war�, stellte sie in aller Ruhe fest. Dann aber galt ihre Aufmerksamkeit Odo, der sich in ihrer N�he hielt. �Ich verstehe herzlich wenig von eurem Sackpfeifenspiel. Wer, glaubst du, spielt das Klagelied?�</p><p>Ohne auch nur �berlegen zu m�ssen, erwiderte der junge Mann: �Es ist die Trauerweise des Einsiedlers. Niemand anders als Aistulf kann die <emphasis>Muse</emphasis> so spielen.�</p></section><section><title><p>KAPITEL 18</p></title><p>Zum ersten Mal in ihrem Leben schob Fidelma, so lautlos es nur ging, einige schwere Gegenst�nde vor ihre Kammert�r. Dann legte sie sich zu Bett und verfiel in einen unruhigen, von Tr�umen beschwerten Schlaf. Mitten in der Nacht erwachte sie und setzte sich im Dunkeln auf. Die Stirn war schwei�nass, der Nacken kalt. �Nat�rlich�, murmelte sie, als sich ihre Gedanken ordneten. �Nat�rlich! Wie konnte ich nur so dumm sein? Aber auch so was von dumm!� Irgendwie gelang es ihr, erneut einzuschlummern, doch am Morgen f�hlte sie sich wie zerschlagen.</p><p>Sie stand auf, wusch sich und �berwand ihre Ermattung. Wie gewohnt ging sie, das erste Mahl des Tages mit den Br�dern im <emphasis>refectorium</emphasis> einzunehmen, doch sich auf das Essen zu konzentrieren, wollte ihr nicht recht gelingen. Der Ehrw�rdige Ionas sprach die Gebete, Magister Ado sa� gedankenverloren neben ihm und stocherte lustlos in seinem Essen. Fidelma schaute sich um, Bruder Faro war nirgends zu sehen. Als sie aus dem Saal ging, fragte sie Bruder Wulfila, wo er sei.</p><p>�Er hat die Abtei schon wieder verlassen, er will weiter nach Schwester Gisa suchen�, sagte ihr der Verwalter m�rrisch, er schien Faros Abwesenheit zu missbilligen.</p><p>Die Glocke ert�nte, und jeder begab sich an die ihm zugeteilte Arbeit. Fidelma eilte dem Ehrw�rdigen Ionas hinterher.</p><p>�Ich muss dringend mit dir sprechen�, begann sie ohne jede Vorrede. �Es handelt sich um eine Sache, die, im Augenblick jedenfalls, strikt unter uns bleiben muss.�</p><p>�Bei uns herrscht der Brauch, keine Geheimnisse voreinander zu haben�, tadelte sie der Geistliche.</p><p>�Gewisse Mitglieder der Bruderschaft haben diesen Brauch bereits gebrochen. Geheimhaltung ist mehr als angeraten, denn die Abtei schwebt in unmittelbarer Gefahr.�</p><p>Er sah sie tiefbesorgt an. �Nach den Todesf�llen, die sich hier ereignet haben, f�rchte ich das auch. Gestern Abend habe ich den Vorschlag unterbreitet und unterst�tzt, dass du die Ermittlungen aufnimmst. Darf ich annehmen, du bist bereits zu einem Ergebnis gekommen?�</p><p>�Noch nicht ganz�, gab sie zu, �doch ehe der heutige Tag zu Ende geht, werde ich die meisten Antworten, wenn nicht sogar alle, beisammenhaben.�</p><p>�Worin besteht das Geheimnis, das du mit mir teilen willst?�</p><p>Sie standen auf den Stufen zur Haupthalle, der Innenhof lag vor ihnen. Wachsam lie� Fidelma ihre Blicke umherwandern. �Gibt es einen Weg, auf dem wir in die Nekropole gelangen k�nnen, ohne gesehen zu werden?�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas runzelte die Stirn. �Was sollen wir dort suchen oder finden?�</p><p>�Ich bin mir gewiss, es dir dort zeigen zu k�nnen. Doch wir d�rfen von niemandem beobachtet werden.�</p><p>�Etwas Genaueres kannst du mir nicht sagen?�</p><p>�Nur so viel: Kurz vor seinem Tod hat Bruder Ruad�n einen wundersamen Satz gesagt. Ich nahm an, er redet schon irre. Erst jetzt habe ich begriffen, was er meinte. Seine Worte waren: �Man mag nicht glauben, wie viel B�ses ein Mausoleum bergen kann.� Ich habe lange gebraucht, bis ich es verstand, weil ich einer falschen F�hrte aufgesessen bin.�</p><p>Der betagte M�nch bedeutete ihr, mit ihm zu gehen. Sie schritten durch die Haupthalle und durch einen Gang, der neben der K�che verlief. Auch den Kr�utergarten mussten sie nicht betreten. Sie gelangten in eine Art Lagerraum, den man l�ngst nicht mehr nutzte. Der Ehrw�rdige Ionas machte sich daran, in einer Ecke einige Kisten beiseitezur�umen, und schlie�lich kam der eiserne Griff einer Fallt�r zutage.</p><p>Der Klosterherr verzog die Lippen zu einem gequ�lten L�cheln. �Als ich in jungen Jahren in die Abtei kam, wurde mir dieser Weg nach drau�en gezeigt, den j�ngere M�nche nutzten, wenn sie den unerbittlichen Blicken des Torh�ters entkommen wollten. Der war viel strenger als Bruder Bladulf, und die Regeln waren damals au�erordentlich strikt. Mitunter musste man einfach mal raus in die Berge und in der Stille bei lauem Wind und Sonnenschein umherwandern.�</p><p>Er zog die Fallt�r auf und stieg einige Steinstufen hinab in einen kurzen Durchlass, der gerade einmal drei Schritte lang war. Ranken von Kletterpflanzen, die vor der �ffnung drau�en hingen, gaben dem D�mmerlicht einen gr�nlichen Schimmer. Fidelma folgte ihm.</p><p>Pl�tzlich standen sie au�erhalb der Abtei in einer Waldung. Zielsicher ging der Ehrw�rdige Ionas h�gelan durch die B�ume und dann �ber ein ebenes Gel�nde, bis sie zu Fidelmas Erstaunen am oberen Ende des Gottesackers anlangten. Sie befanden sich unmittelbar hinter den sonderbar aussehenden Mausoleumsbauten.</p><p>�Und nun?�, fragte er.</p><p>�Ich vermute, wir finden das, was ich suche, im dritten Mausoleum.�</p><p>�In Abt Bobolens Mausoleum? Du willst doch nicht etwa, dass wir es �ffnen? Das w�re ein Sakrileg. Erst vor kurzem ist es fertiggestellt und versiegelt worden.�</p><p>�Die geheiligte St�tte ist bereits entweiht worden, wenn mich nicht alles t�uscht, und um Gewissheit zu erlangen, m�ssen wir pr�fen, was drin ist.�</p><p>Dem Ehrw�rdigen Ionas war sehr unwohl zumute, w�hrend sie sich mit gr��ter Vorsicht dem kleinen Marmorbau n�herten. Niemand schien in der Nekropole zu sein, auch nicht auf den umliegenden H�ngen. Sie waren unbeobachtet. Fidelma blieb vor dem Portal des Grabmals stehen. Die Torfl�gel waren ungemein breit, f�gten sich glatt in das solide gemauerte Bauwerk ein und waren sogar aus Eisen. Der Klosterherr betrachtete die Schlie�vorrichtung und verzog absch�tzig den Mund.</p><p>�Sehr merkw�rdig. Haltbar sieht das nicht aus, wirkt mehr wie ein Provisorium. So ein Schloss m�sste bei einem Portal wie diesem doch viel kompakter sein.�</p><p>�Umso wichtiger ist es, einen Blick hineinzuwerfen�, versicherte ihm Fidelma. �Wir m�ssen da hinein und zwar sofort.�</p><p>�Aber warum, in aller Welt?�</p><p>�In diesem Mausoleum liegt die Erkl�rung f�r alle bisherigen Todesf�lle und f�r die, die noch folgen werden. Ich bitte dich, mir zu vertrauen.�</p><p>Verbl�fft starrte er sie an, sp�rte aber, wie �berzeugt sie von ihrer Sache war. Er z�gerte noch einen Moment und sagte dann, er sei einverstanden. �Also gut. Zum Gl�ck l�sst sich so ein lachhaftes Schloss leicht wieder zusammensetzen.� Er b�ckte sich, nahm einen Stein auf und schlug damit gegen das eiserne T�rschloss. Drei kr�ftige Schl�ge gen�gten, und es fiel zu Boden. Gemeinsam zogen sie einen der schweren Torfl�gel auf. Was immer der Ehrw�rdige Ionas drinnen erwartet haben mochte, einen mit Lederbeuteln vollgestapelten Wagen jedenfalls nicht. Der nahm fast den ganzen Raum ein, der Sarkophag fehlte.</p><p>Mit unbewegter Miene ging Fidelma zu dem Gef�hrt, kn�pfte einen der Beutel auf und lie� ihren Begleiter hineinblicken. Der Sack war bis zum Rand gef�llt mit Goldm�nzen.</p><p>�Doch nicht das <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis>?�, keuchte der alte Gelehrte. �Gibt es das wirklich?�</p><p>Fidelma sch�ttelte den Kopf. �Aus Tolosa mag es sein, aber das legend�re Gold des Caepio ist es nicht.�</p><p>�Was denn sonst?�</p><p>�Damit soll der Seigneur von Vars f�r seine Dienste entlohnt werden, und ich f�rchte, er wird sich seinen Lohn sehr bald holen. Versuchen wir, das Schloss wieder vorzuh�ngen, und gehen wir zur�ck in deine Kammer. Dort m�ssen wir �berlegen, was weiter zu tun ist.�</p><p>Schweigend sa�en sie eine Weile in der Studierstube beisammen. �Seit wann wei�t du davon?�, fragte der Ehrw�rdige Ionas schlie�lich.</p><p>�Erst seit gestern Nacht. W�re ich nicht so lange dem legend�ren Goldschatz hinterhergejagt, w�re ich fr�her auf diese L�sung gekommen.�</p><p>�Du meinst das <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis>?�, fragte der Ehrw�rdige Ionas vollends verwirrt. �Woher stammt denn nun dieses Gold? Du sagst, es ist der Lohn f�r den Seigneur von Vars � aber wof�r und warum?�</p><p>�Es stammt von Perctarit, damit soll Grasulf gek�dert werden, sich ihm anzuschlie�en, wenn er gegen Grimoald zu Felde zieht. W�hrend ich auf Vars festgehalten wurde, habe ich erfahren, dass Grasulf einen derartigen Lohn erwartet. Im entscheidenden Moment, wenn Perctarit mit seinen Vorbereitungen fertig ist, wird er Grasulf durch seinen Mittelsmann wissen lassen, wo das Gold lagert.�</p><p>�Seinen Mittelmann? Das m�sste ja dann der sein, der das Gold in das Mausoleum f�r Bobolen geschafft hat.�</p><p>�Ich glaube, ich wei� bereits, wer das ist, muss aber noch ein oder zwei Sachen kl�ren. Die Wagenladung Gold ist schon vor einiger Zeit dort versteckt worden, dessen bin ich sicher. Wie das vor sich gegangen ist, wei� ich nicht, ich vermute aber, unser armer Bruder Ruad�n hatte das Geheimnis entdeckt. Er hatte einige M�nzen gefunden und zwei davon Wamba als barmherzige Gabe gegeben.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas konnte es nicht fassen. �Ich begreife das immer noch nicht. Hatte Bruder Eolann damit etwas zu tun?�</p><p>�Ja, darin verwickelt war er schon, doch er war nicht die Hauptperson.�</p><p>�So viele offene Fragen.�</p><p>�Wohl wahr, und deshalb kann ich noch nicht preisgeben, wen ich f�r die treibende Kraft hinter all diesen Vorg�ngen halte.� Sie stand auf und versicherte: �Schon bald werden sich die Dinge zuspitzen, und dann platzt der Knoten. Ich verlasse dich jetzt f�r eine Weile.�</p><p>�Wo willst du hin?�</p><p>�Seigneur Radoald aufsuchen. Ich glaube, er kann einiges beisteuern zur Entr�tselung des seltsamen Geschehens.�</p><p>�Du musst Vorsicht walten lassen�, beschwor sie der Geistliche. �Wenn es ruchbar wird, dass du das Gold hier entdeckt hast, wird dich nichts sch�tzen, weder dass du eine Frau bist, noch eine Prinzessin aus Hibernia.�</p><p>Fidelma l�chelte fl�chtig. �Ich mache mir da nichts vor.� Dann fragte sie: �Gibt es in der Abtei ein paar richtig kr�ftige M�nner? Wie den Hufschmied etwa und seine Gehilfen?�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas dachte einen Moment nach. �Drei oder vier w�rden mir da schon einfallen.�</p><p>�Es m�ssen Leute sein, denen du absolut vertrauen kannst. Nur du darfst ihnen die Aufgabe stellen, auf die es jetzt ankommt. Du musst sie einen heiligen Eid schw�ren lassen, v�lliges Stillschweigen gegen jedermann zu bewahren. Nicht ein Wort von dem, worum ich dich bitte, darf in der Abtei verlautbart werden. Auch du darfst zu niemandem davon reden, nicht einmal denen gegen�ber, denen du vertraust, wie Magister Ado, Bruder Bladulf oder Bruder Wulfila, selbst ein Bruder Lon�n darf nichts davon erfahren.�</p><p>�Ich verstehe das zwar alles nicht, doch <emphasis>dir</emphasis> vertraue ich, Fidelma. Ich werde die M�nner den Eid schw�ren lassen und sie zu strengstem Stillschweigen verpflichten.�</p><p>Sie legte ihm dar, was getan werden musste. �Das Ganze muss in aller Stille und im Geheimen geschehen. Damit werden wir wenigstens etwas Zeit gewinnen. Ich hoffe, noch ehe der Tag sich neigt, in die Abtei zur�ckzukehren, bis dahin wird sich auch alles gekl�rt haben.�</p><p>�Ich bete zu Gott, dass alles so kommt � nicht einmal denen soll ich trauen, die meine engsten Gef�hrten sind � nicht einmal den Freunden.�</p><p>�Leg den Br�dern auch nahe, sich heute nur innerhalb der Mauern der Abtei aufzuhalten.�</p><p>�Bist du eine Wahrsagerin, dass du eine aufziehende Gefahr kommen siehst?�, fragte er und f�gte sich ins Unvermeidliche.</p><p>�H�tte ich Augen, um in die Zukunft zu schauen, h�tte ich mich nie vom Hafen in Genua fortbegeben.�</p><p>�Schritte, die man einmal im Leben getan hat, lassen sich nicht ungeschehen machen, meine Tochter. Sind die W�rfel gefallen, m�ssen wir uns mit dem Ergebnis abfinden und uns bem�hen, das Beste daraus zu machen.�</p><p>Fidelma blieb an der T�r stehen. �Du hast v�llig recht, Ehrw�rdiger Ionas. Mitunter neige ich dazu, mich kl�ger zu d�nken als andere, wof�r ich mich sch�men muss. Der Fehler, den ich begangen habe, mich so v�llig auf Bruder Eolann zu verlassen, wird mir eine Lehre sein.�</p><p>�Gott hat dich so erschaffen wie du bist, Fidelma, und daf�r ist diese Abtei dankbar. Halte dich wacker, und komm zu uns zur�ck, sobald du nur kannst.�</p><p>Kurz darauf verlie� sie die Abtei. Nur der Ehrw�rdige Ionas sah, dass sie ein Pferd aus den Stallungen f�hrte. Er hatte die Br�der, die sonst auf dem Hof zu tun hatten, mit verschiedenen Auftr�gen fortgeschickt und �ffnete ihr eigenh�ndig das Tor. Besorgt schaute er ihr nach, w�hrend sie sich auf ihr Ross schwang und hinunter zum Fluss trabte.</p><p>Radoalds Festung war leicht zu finden, Fidelma hatte sich den Weg dorthin eingepr�gt. Sie �berquerte die Buckelbr�cke und hielt sich an die sprudelnden Wasser der Trebbia, ritt flussaufw�rts auf dem von dichtem Wald bestandenen Uferstreifen. Es war noch fr�h am Tag, und die Sonne lachte vom blauen Himmel. Die vielf�ltigen Ger�usche aus dem Forst waren so beruhigend, dass es ihr schwerfiel zu begreifen, wie in dieser harmonischen Landschaft so entsetzliche Morde ver�bt werden konnten. Dass Kriegsz�ge das friedliche Tal bald verw�sten sollten, wollte sie nicht hinnehmen.</p><p>Sie war so mit sich und ihren Gedanken besch�ftigt, dass sie aufschreckte, als pl�tzliche Rufe an ihr Ohr drangen. Zwei M�nner in schwarzen Umh�ngen preschten zwischen den Baumst�mmen hervor. Noch ehe sie reagieren konnte, waren sie neben ihr, bedrohten sie aber nicht mit Waffen. Einer griff in die Z�gel ihres Pferds, und ohne anzuhalten, ging es im Galopp am Fluss entlang. Der andere folgte dicht auf.</p><p>Sie war ihnen ausgesetzt und �rgerte sich, dass sie in ihrer Tagtr�umerei nicht bemerkt hatte, wie man ihr auflauerte. Ihre Ver�rgerung wuchs, als sie dann noch die beiden erkannte. Das flammende Schwert im Lorbeerkranz auf ihrem Wams sagte ihr genug. Sie glaubte, in ihnen den M�nnern ausgeliefert zu sein, die in Genua �ber Magister Ado hergefallen waren und die sp�ter im Tal der Trebbia mit Pfeil und Bogen auf den ehrw�rdigen Geistlichen zielten und dabei versehentlich Bruder Faro trafen.</p><p>Sie blieben stumm. Einer beugte sich leicht vor und hielt die Z�gel ihres Pferds so fest, dass sie es nicht lenken konnte, der andere ritt unmittelbar hinter ihr. Sie hatte alle M�he, sich bei dem scharfen Trab im Sattel zu halten.</p><p>Doch merkte sie, der Ritt ging weiter stromaufw�rts, und es �berraschte sie auch nicht sonderlich, als sie von der Trebbia abbogen und einen H�gel hinauf Radoalds Festung zustrebten. Genau das war ja ihr Ziel.</p><p>Die Tore der Festung taten sich auf, und ihre Begleiter sprengten mit ihr auf den Burghof. Sie w�rde sich auf Unerwartetes einstellen m�ssen. Eine Reihe noch ungel�ster Fragen bedr�ngte sie, aber sie war zuversichtlich; in groben Z�gen wusste sie, wie sie dem R�tsel beikam.</p><p>Noch immer sprach niemand mit ihr, auch selbst, als sich der Staub, den sie aufgewirbelt hatten, allm�hlich legte, bewegte sich keiner. Aus dem Hauptportal der Gro�en Halle trat eine Gestalt mit wallendem wei�en Haar � hoch aufgerichtet, l�chelnd. Es war der Arzt, Suidur der Weise.</p><p>�Willkommen, Schwester Fidelma � oder sollte ich dich die Edle Fidelma nennen? Ich bin mir nie sicher, wie man eine Prinzessin anredet, die Nonne geworden ist.� Er machte eine kleine sp�ttische Verbeugung. �Jedenfalls bist du uns hochwillkommen. Steig ab und tritt ein. Ein erfrischender Trunk steht bereit, der Staub der Stra�e wird dir die Kehle ausged�rrt haben.�</p></section><section><title><p>KAPITEL 19</p></title><p>�Fragt sich, ob ich wirklich willkommen bin�, entgegnete Fidelma und glitt von ihrem Pferd. �Der Empfang, der mir bereitet wurde, war ziemlich absonderlich.� Ihr Blick auf die Geiselnehmer sagte alles.</p><p>�Das sind Wulfoalds Krieger� erkl�rte Suidur. �Ich bef�rchte, manchmal gehen sie ein bisschen �bereifrig zu Werke, und daf�r entschuldige ich mich.�</p><p>�Ihren �bereifer kenne ich zur Gen�ge, zum ersten Mal habe ich ihn in Genua erlebt, und dann wieder, als ich in dieses Tal einritt.�</p><p>Suidur wechselte mit den Kriegern ein paar Worte in der Landessprache. Sie machten die Ehrenbezeigung und zogen mit den Pferden ab. Er schaute sie vergn�gt an und winkte ihr, ihm zu folgen. �Dass du Dinge durchschaust, edle Dame, ist mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen.�</p><p>In der Gro�en Halle sa� Seigneur Radoald mit einem �lteren, in grobem Wollzeug gekleideten Mann. Er hatte langes graues Haar und hielt sich gebeugt. Beide standen auf, als sie, von Suidur begleitet, hereinkam. In der Art, wie sich der �ltere der beiden erhob, erkannte Fidelma sofort, dass die geb�ckte Haltung nur vorget�uscht war. Sie schaute ihm ins Gesicht, und ein zufriedenes L�cheln umspielte ihre Lippen.</p><p>�Wie du siehst, Fidelma, haben wir dich erwartet�, begr��te sie der junge Seigneur von Trebbia.</p><p>�Mich erwartet? Eher glaube ich, deine Spione haben erkundet, dass ich die Abtei verlie� und den Weg hierher einschlug. Haben deine Krieger mir deshalb aufgelauert?�</p><p>Der Mann in der Kutte aus schlichtem selbstgewebtem Tuch beantwortete ihre Frage. �Wir befinden uns in einem Konflikt mit Gegnern, die bislang unfassbar wie Schatten sind. Ein Risiko einzugehen, k�nnen wir uns nicht erlauben.�</p><p>Radoald wollte den Mann vorstellen, der eben gesprochen hatte: �Das ist ��</p><p>�Aistulf�, sagte Fidelma lachend. �Du brauchst mir nicht den gebeugten, �lteren Eremiten vorzuspielen. Du bist f�rwahr ein sonderbarer Eremit, Aistulf. Spielst auf der Muse, sprichst Latein und befehligst Krieger. Warum verbirgst du dich in den Bergen und l�sst deinen Sohn an deiner Stelle als Seigneur von Trebbia regieren?�</p><p>Er war es, der das erstaunte Schweigen nach ihrer Frage brach. �Wir haben dich untersch�tzt, Fidelma von Hibernia�, sagte er leise. �Wie bist du darauf gekommen? Du bist doch fremd hier. Abgesehen von Servillius und Gisa habe ich mich keinem aus der N�he gezeigt, um nicht als der ehemalige Seigneur von Trebbia erkannt zu werden. Die Mitglieder meines Haushalts sind auf Verschwiegenheit verpflichtet. Wie bin ich verraten worden?�</p><p>�Du bist nicht verraten worden, Seigneur Billo. Jedenfalls nicht von mir. Ich bin durch eine logische Schlussfolgerung darauf gekommen. Als Suidur uns ins Trebbia-Tal geleitete, habe ich euch dort oben zuf�llig belauscht. Ihr dachtet, ich schliefe. Als du in dem Gespr�ch sagtest, du w�rdest nicht gleich in die Berge zur�ckgehen, sondern erst noch mit deinem Sohn sprechen, war mir die Verbindung klar. Es ist allgemein bekannt, dass Seigneur Billo und sein Sohn Radoald f�r Grimoald in den Kampf zogen. Radoald kehrte vom Kriegszug heim und wurde zum Seigneur von Trebbia ausgerufen. Zur gleichen Zeit lie� sich ein Einsiedler, n�mlich der Eremit Aistulf, in den Bergen nieder. Da war es doch leicht, gewisse Schl�sse zu ziehen.�</p><p>�Nach den Feldz�gen gegen Perctarit wollte ich in Frieden leben, wusste aber, dass mich vielerlei daran hindern w�rde. Daher habe ich meine Herrschaft meinem Sohn Radoald �bertragen, habe meinen Namen ge�ndert und mich in den Frieden dieses Tals zur�ckgezogen. Meine Tage wollte ich in Beschaulichkeit enden, nie wieder M�nner, Frauen oder Kinder blut�berstr�mt sehen, nie wieder die Schreie der Verwundeten und Sterbenden h�ren. Ich wollte so und nicht anders leben. Mein Sohn ist jetzt Seigneur von Trebbia. Aber unseligerweise ist mir der Tod in dieses Tal gefolgt, und nun muss ich helfen, ihn zu vertreiben. Mein Sohn wird auch weiterhin Seigneur von Trebbia sein. Sobald wir die Geschichte hier zu einem gl�cklichen Ende gebracht haben, ziehe ich mich wieder ins Einsiedlerleben zur�ck. Ich bleibe Aistulf der Eremit.�</p><p>Radoald winkte einem Bediensteten, der ihnen eine bauchige Flasche und Becher brachte. �Setz dich�, lud er Fidelma ein, �und g�nn dir eine Erfrischung.�</p><p>Sie hatte sich l�ngst die Lebensweisheit zu eigen gemacht, wenn dir keine andere Wahl bleibt, f�ge dich in das Unvermeidliche. So folgte sie der Aufforderung und nahm den Becher, bat aber um kaltes Wasser aus einer Bergquelle, denn f�r sie gab es nichts Erfrischenderes als das.</p><p>�Warum habt ihr mich erwartet?�, wollte sie von Aistulf wissen.</p><p>�Wir haben dich erwartet, weil mein lieber Freund Servillius gesagt hat, er w�rde dich zu uns schicken. Hat er dir nicht erkl�rt, dass er meinte, du k�nntest hier von Nutzen sein?�</p><p>�Abt Servillius wurde gestern Nacht ermordet�, gab sie ihm unumwunden zu verstehen.</p><p>Ihre Mitteilung wurde mit bleiernem Schweigen aufgenommen, tiefes Luftholen deutete an, wie jeder mit sich um Fassung rang. Fidelma bemerkte Schwester Gisa in der T�r und f�hlte sich f�r einen Augenblick in ihrer Vermutung best�tigt. Sie hatte zu Recht erwartet, das M�dchen in Radoalds Festung vorzufinden. Die junge Nonne lief zu Suidur, der sie in die Arme nahm und tr�stete.</p><p>�Ich hatte davon Kenntnis bekommen, dass du Freifrau Gunora tot aufgefunden hast�, nahm Aistulf das Gespr�ch wieder auf. �Als ich die Totenklage f�r sie spielte, ahnte ich nicht, dass sie auch meinem armen Freund galt.�</p><p>�Da hatte Bruder Bladulf ihren Leichnam noch nicht vom Berge zu Tal geschafft. Du hast die Totenklage nicht nur f�r Servillius, sondern auch f�r Hawisa und Bruder Eolann erklingen lassen.�</p><p>Aistulf erschrak. �So oft hat der Tod zugeschlagen?�</p><p>�Wie Hawisa starb, haben wir von Wulfoald erfahren, aber ��, begann Radoald.</p><p>Doch der Eremit fiel ihm ins Wort: �Mir scheint vern�nftiger, die Edle Fidelma schildert uns erst einmal, was sich inzwischen alles zugetragen hat.�</p><p>Sie erz�hlte ihnen, was sie wusste.</p><p>�Lass mich einiges wiederholen, um nichts durcheinanderzubringen�, sagte Aistulf, als sie geendet hatte. �Wulfoald hat ohne dich die Abtei verlassen, nachdem ihr erfahren hattet, Servillius w�re heimgekehrt, h�tte aber strikte Order erlassen, ihn nicht zu st�ren. Sp�ter seid ihr dann, der Ehrw�rdige Ionas und du, zu Servillius gegangen, habt ihn aber tot vorgefunden.�</p><p>�Im Wesentlichen stimmt das so.�</p><p>�Du hast Servillius nicht mehr gesehen, und er hat dir nie erkl�rt, warum du hierherkommen solltest?�</p><p>�Was h�tte er mir denn erkl�ren sollen?�, war ihre Gegenfrage.</p><p>�Er sollte dir nahelegen, mit Wulfoald hierherzukommen, wie wir mit ihm verabredet hatten. Wulfoald hat uns nur berichtet, dass er Servillius nicht zu Gesicht bekam und demzufolge keinerlei Botschaft von ihm erhielt.�</p><p>Fidelma biss sich auf die Lippen. �Er hatte ja keine Gelegenheit, ihn zu sprechen. Ich war versessen darauf, der falschen F�hrte zu folgen, die Bruder Eolann gelegt hatte. Kaum war ich wieder in der Abtei, habe ich den Ehrw�rdigen Ionas aufgesucht und ihm die Vorg�nge aus meiner Sicht dargelegt. Wie eine N�rrin habe ich mich irreleiten lassen, und so wurde viel Zeit vertan. Als der Ehrw�rdige Ionas und ich zum Abt gingen, stellten wir fest, dass er wahrscheinlich gleich nach seiner R�ckkehr in die Abtei ermordet worden war.�</p><p>�Wenn dich also nicht die Nachricht erreicht hat, die dir Servillius �bermitteln sollte, was hat dich veranlasst, heute fr�h hierherzukommen?�, fragte Suidur barsch.</p><p>Fidelma �berging die Frage und �u�erte die Vermutung: �Ich darf wohl annehmen, Prinz Romuald befindet sich hier in Sicherheit.�</p><p>Radoald war vollends �berrascht und w�re fast aufgesprungen. �Wie hast du wissen k�nnen, dass er hier ist?�</p><p>�Recht einfach. Abt Servillius hatte mir gesagt, Freifrau Gunora und der Prinz h�tten noch vor der Morgend�mmerung die Abtei verlassen und sich auf den Weg zu deiner Festung aufgemacht. Ich habe Gunoras Leichnam gefunden. Der Junge fehlte. Als ich jedoch Wulfoald berichtete, dass Freifrau Gunora tot aufgefunden wurde, hat er nicht nach dem Prinzen gefragt. Er hat mich nur getadelt, ich h�tte ihn schon fr�her davon in Kenntnis setzen m�ssen.�</p><p>�Was hast du daraus geschlussfolgert?�, wollte Aistulf wissen.</p><p>�Man war nur besorgt, dass Freifrau Gunora fehlte. Das bedeutete doch, Prinz Romuald war hier in Sicherheit. Und du, Aistulf, hast das selbst best�tigt.�</p><p>�Ich h�tte das best�tigt?�</p><p>�In den Bergen habe ich dich sagen h�ren: �Wenn die Schilderung des Jungen stimmt, dann muss Freifrau Gunora tot sein.� Was hat der Junge euch denn erz�hlt?�</p><p>Statt einer Antwort kam Radoalds Gegenfrage. �Was hat sich deiner Ansicht nach zugetragen?�</p><p>�Freifrau Gunora und der Junge wurden beobachtet, als sie auf nur einem Pferd aus der Abtei ritten. Ich vermute, man ist ihnen bald gefolgt. Gunora d�rfte das bemerkt haben, sie hat dem Jungen gesagt, er soll absteigen und sich irgendwo verstecken. Sie w�rde versuchen, die Verfolger abzulenken. Das gelang ihr auch, soweit es den Jungen betraf. Sie jedoch hat man eingeholt und erschlagen.�</p><p>Aistulf nickte bek�mmert. �Du hast recht, soweit es den Jungen betrifft. Wulfoald fand ihn fr�h am Morgen jenes Tages am Fluss. Der Prinz erz�hlte ihm, Freifrau Gunora wollte zur Abtei zur�ckreiten und h�tte ihm befohlen, sich zwischen Geb�sch und Felsen zu verstecken. Falls sie nicht bald zur�ckk�me, sollte er zur Festung meines Sohnes Radoald gehen, aber auf keinen Fall zur�ck in die Abtei.�</p><p>�Freifrau Gunora muss also versucht haben, die Verfolger in die falsche Richtung �ber den Monte P�nas zu lenken�, �berlegte Fidelma laut. �Die arme Gunora. Sie hat sich aufgeopfert. Ist der Junge nun wirklich sicher geborgen?�</p><p>�So, wie du vermutest�, versicherte ihr Suidur.</p><p>�Eines d�rfte dich noch besonders interessieren�, f�gte Aistulf hinzu. �Der Prinz hat aus seinem Versteck die Verfolger zu Gesicht bekommen. Das hei�t, nur einen. Seine Beschreibung passt genau zu dem Reiter, wie ihn Odo Wulfoald und dir geschildert hatte. Und ebenso zu der Gestalt, die der Hirt w�hrend des Waldbrands von Hawisas H�tte hate fortreiten sehen.�</p><p>�Ein Mann auf einem fahlen Pferd?�</p><p>�Der Prinz behauptet auch steif und fest, dass der Reiter auf dem fahlen Pferd ein Krieger war.�</p><p>Fidelma schwieg eine Weile. �Nun erz�hlt mir, warum ihr mich hier haben wolltet.�</p><p>�Mein Freund Abt Servillius war �berzeugt, dass man dir vertrauen k�nnte�, antwortete Aistulf. Pr�fend schaute er in die Runde. �Es wird dich nicht �berraschen, dass wir K�nig Grimoald unterst�tzen.� Da Fidelma nichts dazu sagte, fuhr er fort: �Wir nehmen an, dass dich das F�r und Wider des Krieges, der nun auszubrechen droht, weniger interessiert. Dieser Krieg aber beunruhigt uns ungemein � Perctarit will mit Hilfe seiner Anh�nger und seiner Verb�ndeten aus dem Frankenreich den Thron der Langobarden zur�ckerobern.�</p><p>�Es ist, wie du sagt, mit diesen Vorg�ngen in der hohen Politik habe ich nichts zu schaffen, denn es ist euer Land und nicht meins.�</p><p>�Das ist wohl einzusehen, doch warum bist du hinzugesprungen, um Magister Ado zu verteidigen, als die Krieger K�nig Grimoalds ihn gefangen nehmen wollten?�</p><p>�Das war der reine Zufall. Ich sah, dass zwei M�nner einen �lteren Geistlichen in einer Seitengasse �berfallen wollten. Als wir sp�ter in dieses Tal einritten, versuchten eben diese M�nner, ihn aus dem Hinterhalt zu ermorden.�</p><p>�H�ttest du nicht den Warnschrei ausgesto�en�, sagte Schwester Gisa grollend, �dann h�tten sie ihr Ziel nicht verfehlt. Statt dessen trafen sie Bruder Faro.�</p><p>�Das ist ein Vorfall, den ihr mir erkl�ren m�sst. Die mutma�lichen M�rder waren gekleidet wie die Gewappneten eures K�nigs und waren demzufolge eure Verb�ndeten. Ist es denkbar, dass ihr die Ermordung eines �lteren Geistlichen von so herausragender Gelehrsamkeit wie Magister Ado guthei�t � blo� weil es eurer Sache dienlich ist?�</p><p>�Wir hielten ihn f�r einen Geheimagenten Perctarits�, erkl�rte Schwester Gisa und schob trotzig das Kinn vor. �F�r einen Feind K�nig Grimoalds. Du hast ihn davor bewahrt, von den beiden gefangen genommen zu werden, die Grimoald entsandt hatte. Er sollte einer Befragung unterzogen werden.� Aistulf fuhr fort. �Leider waren die beiden keine besonders hellen Kerle, wie du auch herausgefunden hast. Da es ihnen nicht gelang, ihn festzunehmen, redeten sie sich ein, das Beste w�re, ihn zu ermorden.�</p><p>�Statt dessen haben sie Bruder Faro verwundet�, wiederholte Schwester Gisa.</p><p>�Nachdem der Mordversuch fehlgeschlagen war, sind die beiden Krieger in die Festung gekommen, um Bericht zu erstatten. Ich habe dich, Suidur, und Gisa gesehen, wie ihr sie gescholten habt.�</p><p>�Wie hast du denn das bewerkstelligt?�, rief Radoald.</p><p>�Burgh�fe sind nicht der geeignetste Platz, um Dinge zu besprechen, auch nicht im Dunkel der Nacht, und bei Vollmond schon gar nicht.�</p><p>�Aber du sprichst doch nicht die Langobardensprache�, wandte Suidur ein. �Wie hast du wissen k�nnen, was da vor sich ging?�</p><p>�Vielleicht erinnerst du dich, dass du Schwester Gisa getadelt hast, weil sie ins Latein verfiel.�</p><p>Nach einer Pause r�umte Suidur ein: �Das war wohl so. Grimoalds Kriegern wurde klargemacht, dass sie Magister Ado hinfort in Ruhe lassen sollten. Er sollte sich frei bewegen k�nnen und uns so auf die Spur des Goldes bringen.�</p><p>�Lass den Strick locker, an dem er sich am Ende selbst erh�ngt, hei�t doch die Redensart�, erg�nzte Aistulf.</p><p>�Und was, wenn er nicht Perctarits Mittelsmann ist?� Fidelma seufzte. �Ich wundere mich, Suidur, dass du deiner Tochter nicht beigebracht hast, dass Bemerkungen <emphasis>coram iudice</emphasis> als schwerwiegende Beweise gelten k�nnen.�</p><p>Schwester Gisa schaute erstaunt hoch, aber der Arzt lachte sogar. �Edle Dame, du besitzt einen Scharfsinn sondersgleichen.�</p><p>�Dass sie deine Tochter ist, habe ich daraus geschlossen, dass sie in der Heilkunde gut beschlagen ist, es hie� auch, ihr Vater sei Arzt gewesen, und au�erdem ist sie in diesem Tal aufgewachsen.�</p><p>�Servillius hatte uns geraten, bevor er von hier wegging, dich in keiner Weise zu behindern, du w�rdest ohne uns herausfinden, wer die Verschw�rer sind�, warf Radoald ein. �Das hat er doch gesagt, nicht wahr, Vater?�</p><p>Der alte Herrscher der Festung schmunzelte. �Er hat sogar gesagt <emphasis>alis volat propriis:</emphasis> Sie fliegt auf ihren eigenen Schwingen.� Fidelma war der Spruch gel�ufig. Er bedeutete so viel wie: Sie war frei von Vorurteilen und ging die Dinge an, wie sie es f�r richtig hielt.</p><p>Radoald neigte sich zu ihr. �Lass dir erkl�ren, warum wir Magister Ado verd�chtigt haben. Sein Ruf als hervorragender Gelehrter der Abtei Bobium ist unumstritten. Er vertritt standhaft das Nic�nische Glaubensbekenntnis ��</p><p>�Die ganze Abtei hat sich dem verpflichtet�, betonte Fidelma.</p><p>�Doch Bobium ist es auch zufrieden, unter der Herrschaft von K�nig Grimoald zu stehen, obwohl der ein Anh�nger des Arius ist. Immerhin hat er freigeistige Ansichten und gestattet seinen Untertanen, selbst zu w�hlen, welchen zu Christus f�hrenden Weg sie gehen wollen.�</p><p>�Das wei� ich�, warf Fidelma ungeduldig ein. �Perctarit hingegen neigt zum Nic�nischen Bekenntnis. Habe ich alles schon geh�rt.�</p><p>�Als nun Magister Ado die Reise nach Tolosa unternahm, vermuteten wir, er sei ein Geheimagent Perctarits und w�re aufgebrochen, die Ladung Gold zu beschaffen, mit der Grasulf bestochen werden sollte.�</p><p>�H�ttet ihr Magister Ado gefragt, dann h�ttet ihr erfahren, dass er auf Dr�ngen von Bruder Eolann nach Tolosa reiste, der wirklich zu den Verschw�rern geh�rte. Die hatten an Magister Ados Ehrgeiz als Gelehrter und seine Kenntnis Tolosas appelliert und damit gelockt, eine kostbare Handschrift von der dortigen Abtei f�r die Bibliothek in Bobium zu erwerben. Ich vermute, Bruder Eolann oder sonst jemand hatte es so eingef�delt, dass es schien, der Magister habe die Reise aus eigenem Antrieb unternommen.�</p><p>Schwester Gisa war blass geworden.</p><p>�Vielleicht hatte man auch das Ger�cht ausgestreut, Perctarit sei in Tolosa�, fuhr Fidelma fort, ohne die Reaktion des M�dchens zu beachten. �So legte man eine weitere falsche F�hrte, um von den Verschw�rern abzulenken. In Bobium gibt es drei davon, doch Magister Ado ist keiner von ihnen. W�hrend ihr den Gelehrten in Genua beschattet habt, lagerte das Gold l�ngst in diesem Tal. Es war auch schon in der Abtei, bevor Bruder Faro und Schwester Gisa sich aufmachten, Magister Ado aus der Hafenstadt abzuholen.�</p><p>�Aber � wie?�, entfuhr es Radoald voller Erstaunen.</p><p>�Bevor ich weiterrede, h�tte ich gern gewusst, warum es so entscheidend ist, Grasulf, den Seigneur von Vars, davon abzubringen, seine Kriegerscharen zusammenzuziehen und dieses Tal zu besetzen? Das Gold ist f�r ihn bestimmt, er hat ein Gem�t wie ein S�ldner, erst wenn seine Beute ihm sicher ist, wird er in den Kampf ziehen. Doch warum gerade hier? Ich glaube, ich kenne schon die Antwort, w�re euch aber dankbar, wenn ich zur Best�tigung auch eure Ansicht h�ren k�nnte.�</p><p>Radoald �bernahm es, ihr die strategischen �berlegungen zu erl�utern. �Die Antwort ist so einfach, wie du vermutest. Du wei�t sicher, dass die Stra�en, die von Genua durch die Berge hier f�hren, schon immer lebenswichtig waren. Da ist einmal die Alte Salzstra�e von Genua nach Ticinum Pavia. Sie verl�uft durch das Tal der Tridone, und die Festung des Seigneurs von Vars thront dar�ber. Die andere Stra�e geht durch dieses Tal und f�hrt nach Placentia. Sie wird von dieser Burg �berwacht.�</p><p>�So viel ist mir auch von anderer Seite berichtet worden�, sagte Fidelma und nickte.</p><p>�Bestens, fahren wir also fort: Diese Stra�en sind f�r Perctarit von entscheidender Bedeutung, wenn er seine Heerscharen von Mailand aus in Marsch setzen will. Von Mailand ist es nicht weit bis Ticinum Pavia, und auch nach Placentia ist es nur ein kurzer Weg. Wenn er also gegen Grimoald zu Felde zieht, muss er nur seine Flanken sichern und kann �ber ebendiese P�sse von Genua Nachschub und Verst�rkung f�r die Truppen heranholen. Durch diese T�ler und �ber diese P�sse sind schon die Legionen der R�mer gezogen, als sie die St�mme der Ligurer beiseitefegten, die Boii besiegten und �ber den gewaltigen Padus vordrangen. Jenseits des Stroms haben sie die Kampfscharen der Tauriner, der Insubrer und der Cenomanen geschlagen. Alle diese Gebiete hie�en dann Gallia Cisalpina und waren Teil des R�mischen Reichs. Placentia wurde sogar zur ersten r�mischen <emphasis>Colonia</emphasis> ausgebaut. Mal dir nur aus � was geschieht, wenn Perctarit diese P�sse unter seine Kontrolle bringt.�</p><p>�Das Ergebnis w�re ziemlich eindeutig�, r�umte Fidelma ein.</p><p>Aistulf war es dann, der eine v�llig unerwartete Frage stellte: �Ist dir bekannt, dass der Karthager Hannibal mit seinen Elefanten hier umhergezogen sein soll? Es wird berichtet, er habe seine Mannen im Trebbia-Tal ein Lager errichten lassen, w�hrend er in die Berge auf der anderen Seite des Flusses gestiegen sei, um �bersicht auf das ganze Gebiet zu gewinnen.�</p><p>�Von Hannibal habe ich schon geh�rt�, best�tigte Fidelma und wunderte sich, warum pl�tzlich ein g�nzlich anderes Thema angeschnitten wurde.</p><p>�Hast du auch von einem Gesch�pf geh�rt, das Elefant genannt wird?�</p><p>�Von dem sonderbaren Tier habe ich sehr wohl geh�rt. Einer der C�saren hat sie nach Britannia gebracht, dem n�chsten Nachbarn meiner Heimat. Er hat damit die Menschen in Angst und Schrecken versetzen und ihr Land erobern wollen.�</p><p>�Lass mich dazu noch eine Geschichte erz�hlen. Als Hannibal am Vorabend der Schlacht an der Trebbia � seines ersten Siegs �ber die r�mischen Legionen � hier sein Lager hatte, sind drei M�nner aus dem Dorf gekommen, um die seltsamen Tiere zu untersuchen, weil sie sich von dem, was die Nachbarn erz�hlten, kein rechtes Bild machen konnten. Aber diese drei waren blind. Einer tastete an einem der Kolosse ein Bein ab. Der Elefant ist wie ein Baumstamm, erkl�rte er den anderen. Der N�chste bef�hlte den R�ssel des Tieres und meinte, der Elefant �hnele einer fremdartigen Schlange. Der Dritte schlie�lich bekam ein Ohr zu fassen, und verk�ndete, der Elefant sei ein riesiges Gesch�pf mit Fl�geln.�</p><p>Fidelma wartete schweigend ab, was sich aus der Fabel ergeben sollte.</p><p>�Nun?�, fragte Aistulf und l�chelte verschmitzt, �was kannst du daraus lernen?�</p><p>�Sie hatten alle unrecht.�</p><p>�Nat�rlich. Und warum?�</p><p>�Weil sie nicht das ganze Gesch�pf sehen konnten.�</p><p>�Prachtvoll�, freute sich Radoald.</p><p>�Wollt ihr mir damit sagen, wir kennen immer nur einzelne Teile der Geschichte? Wenn wir sie zusammensetzten, w�rden wir das Ganze sehen? Also gut. Tragen wir zusammen, was wir wissen. Der fr�here K�nig Perctarit ist bestrebt, euren K�nig Grimoald zu st�rzen. Er ist bereits mit seinen Heerscharen in euer Gebiet eingefallen und wird von den Franken unterst�tzt. Um sich dem Heer eures K�nigs zum Kampf zu stellen, ben�tigt er Nachschub und Truppenverst�rkung. Die ist am leichtesten �ber den Hafen von Genua heranzuholen. Von der Hafenstadt gibt es zwei Wege durch die T�ler zum bisherigen Lager seiner Streitmacht. Ihr �berwacht einen dieser Wege und Grasulf von Vars den anderen. Grasulf ist von Natur aus ein S�ldner. Perctarit braucht nichts weiter zu tun, als ihm den vereinbarten Lohn auszuh�ndigen, dann wird er mit seinen Kriegern beide Talstra�en besetzen.</p><p>Ich habe allerdings den Eindruck, dass Perctarit dem umworbenen Grasulf nicht traut, deshalb hat er durch seine Mittelsm�nner das Gold hier ins Tal bringen lassen. Es soll ihm erst �berreicht werden, wenn Perctarit seine Kriegsvorbereitungen abgeschlossen hat und die Sicherung der Nachschubwege ben�tigt.�</p><p>�Das ist v�llig logisch�, pflichtete Radoald ihr bei.</p><p>Fidelma l�chelte fl�chtig. �Und nun sage ich euch Folgendes: Das Gold, mit dem Grasulf bezahlt werden soll, ist in der Abtei und hat bereits einigen das Leben gekostet.�</p><p>�Woher willst du wissen, dass das Gold dort ist?�, forderte Radoald mit Nachdruck.</p><p>�Weil der Ehrw�rdige Ionas und ich es heute in aller Fr�h gesehen haben, und deshalb bin ich hergekommen. Ich glaube, der Hauptverschw�rer ist schon bei Grasulf, dem Seigneur von Vars, und setzt ihn ins Bild. Es kann nur noch wenige Stunden dauern, bis die Abtei angegriffen wird.�</p><p>�Und du wei�t, wer dieser Hauptverschw�rer ist?�, fragte Aistulf.</p><p>�Ich wei� es.�</p><p>�Hast du nicht auch gesagt, Bruder Eolann steckte da mit drin?�, hakte Suidur nach.</p><p>�Ich habe nur gesagt, dass er nicht der Kopf der Verschw�rung war. Der Mittelpunkt dieses Komplotts ist ein weit st�rkerer Charakter.�</p><p>Pl�tzlich flog die T�r auf, und Wulfoald kam hereingest�rmt. Sein Blick glitt �ber die Anwesenden, Radoald aber erwies er die Ehrenbezeigung. Man sah ihm an, er hatte Wichtiges zu vermelden.</p><p>�Der Seigneur von Vars ist im Anmarsch. Wir m�ssen unsere Leute darauf vorbereiten. Wie weit entfernt ist er noch?�</p><p>�Er k�nnte uns erreichen, noch ehe der Tag zu Ende ist.�</p><p>�Lasst uns erst h�ren, was Schwester Fidelma herausgefunden hat. Sie wollte uns eben sagen, wer die Verschw�rer sind.�</p><p>�Die r�tselhaften Vorg�nge haben ihren Ursprung in der Geschichte vom <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis>�, begann sie.</p><p>�Wir haben jetzt keine Zeit f�r alte Sagen�, brummte Radoald.</p><p>�Das ist doch nur noch eine Geschichte, die sich Greise abends am Herdfeuer erz�hlen�, h�hnte Wulfoald.</p><p>�H�ren wir ihr erst einmal zu�, r�gte Aistulf seinen Sohn.</p><p>�Wie ihr wisst, bin ich hergekommen, um meinen alten Mentor, Bruder Ruad�n, zu besuchen. Er sei schwer verletzt, erfuhr ich schon unterwegs, weil er von einigen, die ihm seine Lehrmeinung ver�belten, niedergeschlagen wurde. Wir brauchen uns nicht in Einzelheiten zu verlieren, die alle nur irref�hren sollten. Ich glaube, er wurde �berfallen und fast zu Tode gepr�gelt, weil er herausgefunden hatte, wo das Gold f�r Grasulf verborgen war. Ein Wagen, angef�llt mit Gold. Er wusste nicht, was es damit auf sich hatte. Nach dem, was er auf seinem Sterbebett sagte, muss er geglaubt haben, er sei auf das sagenhafte Gold von Tolosa gesto�en. �Was aus einem nassen Grab geholt wurde, muss dorthin zur�ck.� Ich wusste nicht, was das bedeutete, doch der Ehrw�rdige Ionas konnte mir erkl�ren, woher diese Anspielung kam. Das <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis> war aus einem See geholt worden. Bruder Ruad�n nahm ein paar herumliegende M�nzen auf, m�glicherweise wollte er den Ehrw�rdigen Ionas um Rat fragen. Auf seinem R�ckweg in die Abtei begegnete er dem kleinen Wamba, dem er in einer Anwandlung unkluger Gro�herzigkeit zwei der M�nzen gab.</p><p>Wamba brachte eine der M�nzen in die Abtei in der Absicht, daf�r etwas f�r seine Mutter einzutauschen. Von da an nahmen die Dinge ihren verh�ngnisvollen Lauf. Man erkannte, dass die M�nze aus dem Goldschatz herr�hrte. Am n�chsten Tag machte sich jemand aus der Abtei auf die Suche nach Wamba und erfuhr von ihm, wer ihm die M�nze gegeben hatte. Der Junge wurde umgebracht, und als man au�erhalb der Mauern der Abtei auf Bruder Ruad�n stie�, pr�gelte man ihn zu Tode, jedenfalls glaubte man das. Der alte Geistliche war jedoch noch kr�ftig genug, sich an die Tore der Abtei zu schleppen, und wurde zu Bett gebracht. Als der M�rder erfuhr, dass sein Opfer �berlebt hatte, erkundigte er sich bei Bruder Hnikar, wie es um den Alten st�nde. Der Apotheker war �berzeugt, der Patient w�rde bald sterben, was den T�ter beruhigte. Der alte Mann rede wirres Zeug, glaubte der Heilkundige, und w�rde bald tot sein. Der M�rder wiegte sich in dem Glauben, die Sache w�rde sich von allein erledigen und er brauche nicht unn�tigen Verdacht auf sich zu lenken � doch dann kam ich in die Abtei.�</p><p>�Und weiter? Was hattest du denn damit zu tun?�, wollte Radoald wissen.</p><p>�Weil ich nun da war, musste Bruder Ruad�ns Tod beschleunigt werden. Man musste ihn umbringen, noch bevor er mit mir reden konnte. Also wurde er erstickt. Damals habe ich meinen ersten Fehler begangen. Anstatt das, was ich ahnte, f�r mich zu behalten, vertraute ich es dem <emphasis>scriptor</emphasis> Bruder Eolann an, da er aus meinem K�nigreich stammte und meine Sprache sprach. Das war ein dummer, �berheblicher Fehler. Ich erw�hnte, dass Bruder Ruad�n von M�nzen gesprochen hatte. Bruder Eolann war ein kluger Bursche, und da er zur Gruppe der Verschw�rer geh�rte, ersann er f�r mich eine falsche F�hrte, um mich von der wahren Spur abzulenken. Er versorgte mich mit Hinweisen auf das <emphasis>Aurum Tolosanum</emphasis> � das Gold des <emphasis>Servilius</emphasis> Caepio. Er hatte seine Mitverschworenen �berzeugt, dass er mich damit besch�ftigen k�nnte, Schatten hinterherzujagen, bis ich mich zur Abreise entschlie�en w�rde. Vielleicht tue ich ihm unrecht. M�glicherweise hat er das getan, um seine Partner davon abzubringen, auch mich zu ermorden.�</p><p>�Doch abgereist bist du ja nicht�, warf Radoald ein.</p><p>�Es kam noch schlimmer. Schlau, wie ich mich d�nkte, bat ich Bruder Eolann, mein Dolmetscher zu sein, als ich Hawisa aufsuchen wollte, Wambas Mutter. Damit brachte ich den Bibliothekar in eine schwierige Lage. Aber sein Anf�hrer schlug ihm vor, sich einer raffinierten List zu bedienen. Er riet ihm, mich zu begleiten und Hawisas Worte so zu �bersetzen, dass mein Verdacht gegen�ber Wulfoald und dem Abt zus�tzliche Nahrung erhielt.�</p><p>�Aber er konnte sich doch denken, dass am Ende herauskommen w�rde, wie er dich get�uscht hatte�, wandte Aistulf ein.</p><p>�Vielleicht nahm er an, bis dahin w�rde die Verschw�rung ihr Ziel erreicht haben. Oder man hatte ihm geraten, er solle sich meiner auf der Wanderung zum Berggipfel entledigen. Wenn ich es mir recht �berlege, k�nnte er ernsthaft vorgehabt haben, mich an eine gef�hrliche Stelle zu f�hren, an der ich unweigerlich abst�rzen musste. Immerhin hat er das nicht �bers Herz gebracht und mich sogar vor dem Absturz gerettet. Alles in allem war Bruder Eolann vielleicht doch kein so schlechter Kerl.�</p><p>�Aber er hat es �bers Herz gebracht, den kleinen Jungen Wamba und den alten Bruder Ruad�n umzubringen�, rief Wulfoald aufgebracht.</p><p>�Ich glaube nicht, dass Bruder Eolann das zur Last zu legen ist � die Mordtaten haben seine Mitverschworenen begangen. Schnelle Entschl�sse konnte er jedoch fassen. Da er mich nicht hatte zu Tode st�rzen lassen, kam ihm eine andere Idee. Wir mussten die Nacht bei dem Heiligtum auf dem Monte P�nas verbringen. Ich habe mich damals gewundert, warum er ein so riesiges Lagerfeuer aufschichtete und entz�ndete. Er erkl�rte es damit, dass es sehr kalt werden w�rde. Wurde es aber nicht. Doch das Feuer machte Krieger des Seigneurs von Vars auf uns aufmerksam, wie er wohl gehofft hatte. Denn am n�chsten Morgen nahm man uns gefangen.</p><p>Sein Plan war, mich als Gefangene bei Grasulf zu lassen. Nur konnte er den Burgherrn erst am Morgen darauf sprechen, als der endlich von einer Wildschweinjagd zur�ckkam. Er wird ihm wohl gesteckt haben, was er vorhatte. W�hrend wir beide noch Gefangene waren, sp�rte ich, dass sich Bruder Eolanns Benehmen �nderte. Er hatte jedes Interesse an den B�chern verloren, durch die er mich in die Irre gef�hrt hatte. Von dem einen, aus dem Seiten herausgetrennt worden waren, fand ich eine Abschrift. Und genau diese Seiten waren in der Handschrift dort vorhanden. Doch das bewegte ihn nicht sonderlich. Daher kam ein Verdacht in mir auf. Womit der <emphasis>scriptor</emphasis> gewiss nicht gerechnet hatte, war, dass wir von Suidur gerettet wurden.�</p><p>�Bruder Eolann war also einer der Verschw�rer, wie du sagst � blo� warum?�, fragte Aistulf. �Er war fremd hier, kam von Hibernia wie du selbst.�</p><p>�Deshalb war ich ja so arglos. Er erz�hlte mir, er sei von unserem Heimatland zun�chst zum Kloster St. Gallen gewandert. Dann sei er nach Mailand gelangt und w�re dort an die zwei Jahre geblieben. Mir fiel da nicht auf, dass es die Stadt war, in der Perctarit regierte. Als der Herrscher gezwungen wurde zu fliehen, kam Bruder Eolann mit zwei anderen Verschw�rern nach Bobium, offenbar entschlossen, Vorbedingungen f�r Perctarits R�ckkehr in sein K�nigreich zu schaffen.�</p><p>�Aber was f�r ein Motiv hatte Eolann?�</p><p>�Das gleiche, das ihr f�lschlicherweise Magister Ado zugeschrieben habt. Eolann war ein standhafter Verteidiger des Glaubensbekenntnisses von Nic�a. Wie eben auch Perctarit � und das war f�r Bruder Eolann m�glicherweise Grund genug, f�r Perctarit gegen den Arianer Grimoald Partei zu ergreifen.�</p><p>�Warum aber wurde Bruder Eolann ermordet, wenn er doch einer der Mitverschworenen war?� Suidur fand das schwer zu begreifen.</p><p>�Ich nahm an, Wulfoald h�tte mich belogen, und hatte ihn deswegen zur Rede gestellt. Mit ihm wollte ich noch einmal Hawisa aufsuchen und pr�fen, ob Eolann mir ihre Ausk�nfte richtig �bermittelt hatte. Deshalb bat ich den Bibliothekar, mich als Zeuge zu begleiten. Bruder Eolann beriet sich mit den Mitverschworenen. Die legten ihm nahe, einen Sturz mit einer harmlosen Verletzung vorzut�uschen, so dass er mich nicht begleiten und als L�gner blo�gestellt werden konnte. Zur gleichen Zeit, um sicherzugehen, dass die Wahrheit nicht herauskam, ritt jemand in der Nacht hinauf zu Hawisas H�tte, t�tete die alte Frau und steckte ihr H�uschen in Brand.�</p><p>�Wieder der Reiter auf dem fahlen Pferd?�, fragte Wulfoald gespannt.</p><p>�In der Tat, so war�s. Er sa� auf einem fahlen Pferd, das deinem Ross sehr �hnlich ist. Als Bruder Eolann davon erfuhr, machte er einen verh�ngnisvollen Fehler. Er sprach damit das Todesurteil f�r Abt Servillius.�</p><p>�Wie denn das?�, rief Wulfoald. �Es stimmt, der Abt hatte sich an jenem Tag zu Hawisa begeben, um ihr einige Sachen zum Austausch f�r die M�nze anzubieten, die Wamba zur Abtei gebracht hatte. Doch der Abt ahnte ja nichts von der Verschw�rung, selbst wenn er erfahren h�tte, dass Bruder Eolann vors�tzlich falsch �bersetzt hatte.�</p><p>�Auch er habe schon nach Bruder Eolann gesucht, erkl�rte mir der Ehrw�rdige Ionas, als wir nach ihm fragten. W�rtlich sagte er: �Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er mir im Vor�bergehen zurief, er ginge zum Abt, um seine Beichte abzulegen.� Da der Ehrw�rdige Ionas nicht wusste, was sich inzwischen ereignet hatte, nahm er an, es handele sich um die �bliche Beichte, wie es hier Sitte ist. Doch die Beichte des Bibliothekars betraf wohl eher seine Mitwirkung an der Verschw�rung, denn die Stimme seines Gewissens lie� sich nicht damit beschwichtigen, er habe nur seines Glaubens wegen mitgemacht. Es sei dahingestellt, ob er mit seinem Mitverschworenen �ber sein Vorhaben gesprochen hatte oder ob der ihn bei der Beichte belauschte, jedenfalls waren von da an beide M�nner verdammt zu sterben.�</p><p>�Abt Servillius und Bruder Eolann sind demnach von ein und demselben ermordet worden?�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt, ja�, bekr�ftigte Fidelma. �Wulfoald hat uns soeben berichtet, dass kriegerische Heerscharen heranr�cken. Ich vermute, Perctarits Mittelsm�nner sind drauf und dran, Grasulf das Gold auszuh�ndigen, folglich wird er mit seinen Leuten in dieses Tal einbrechen.�</p><p>�Meine Sp�her haben bereits berichtet, Grasulfs Truppen sind bewaffnet und jetzt am Fluss im Staffel-Tal�, best�tigte Wulfoald.</p><p>�Demnach ist Perctarit bereit, von Mailand aus gegen Grimoald in die Schlacht zu ziehen�, stellte Aistulf mit finsterer Miene fest.</p><p>�Das hei�t f�r uns, wir m�ssen darauf gefasst sein, dass Grasulf in unser Tal marschiert�, schlussfolgerte Wulfoald.</p><p>�Genau so ist es�, best�tigte Fidelma ernst. �Zudem liegt das Gold in der Abtei, wo die Drahtzieher Perctarits es verborgen haben. Der Ehrw�rdige Ionas und ich haben es in dem Versteck entdeckt.�</p><p>�In der Abtei? Bist du dir dessen ganz sicher?� Die Frage kam von Aistulf.</p><p>�Man hat es in der Nekropole verborgen im neuen Mausoleum, das f�r Abt Bobolen errichtet worden ist.�</p><p>Schwester Gisa wurde leichenblass und starrte Fidelma mit ihren hellen Augen fassungslos an.</p><p>�Unser armer Bruder Ruad�n wollte mir erz�hlen, wo er das Gold gefunden hatte�, sprach Fidelma weiter. �Er redete davon, wie viel B�ses ein Mausoleum bergen kann. Ich dachte, er spiele damit auf einen dort bestatteten Leichnam an. In Wirklichkeit meinte er den Ort, an dem er die Goldm�nzen gefunden hatte. Wahrscheinlich waren ein paar herausgefallen, als der Karren in das Grabmal geschoben wurde. Irgendetwas muss ihn veranlasst haben, sich im Inneren zu vergewissern. Vermutlich hatte man den Wagen zusammen mit den anderen, die mit Marmorbl�cken beladen waren, w�hrend der Bauarbeiten herangeschafft.�</p><p>�Hat denn niemand bemerkt, was dort abgestellt wurde?�, fragte Radoald. �Die Handwerker m�ssen das doch gesehen haben.�</p><p>�Zweifelsohne waren das alles von Perctarit ausgesuchte Leute.�</p><p>�Die Oberaufsicht aber hatte ein Mitglied von der Bruderschaft�, bemerkte Wulfoald trocken. �Und das war nicht Bruder Eolann.�</p><p>�Und der f�r den Bau Verantwortliche war das Haupt der f�r Perctarit t�tigen Gruppe. Der Oberaufseher f�r die Arbeiten an den Mausoleen f�r die �bte war ��</p></section><section><title><p>KAPITEL 20</p></title><p>�Faro!� Schwester Gisa schrie den Namen heraus. �Nie und nimmer er!�</p><p>Wulfoald blieb als Einziger k�hl und gelassen. �Dass er f�r den Bau der Grabm�ler verantwortlich war, wusste doch jeder. War die Grabkammer f�r Abt Bobolen nicht gerade erst unter seiner Aufsicht fertig geworden, als ihr nach Genua aufgebrochen seid, um Magister Ado abzuholen?�</p><p>�Trotzdem. Es ist nicht wahr. Ich weigere mich, es zu glauben und <emphasis>werde</emphasis> es nicht glauben�, schluchzte das M�dchen.</p><p>�Er hat uns doch selbst berichtet, dass er im Krieg zwischen Perctarit und Grimoald Krieger war�, erinnerte Fidelma sie einf�hlsam. �W�re man dem nachgegangen, h�tte sich sogar erwiesen, dass er in Perctarits Heer gedient hat. Vor zwei Jahren, nachdem man Perctarit ins Exil gezwungen hatte, tauchte er in Bobium auf, ungef�hr zur gleichen Zeit mit Bruder Eolann, der aus Mailand hierherkam. Er f�hrte nicht nur die Oberaufsicht �ber den Bau der Mausoleen. Du selbst hast mir erz�hlt, dass er die Baupl�ne f�r den Bau der Grabst�tte von Abt Bobolen entworfen und die Arbeiter daf�r herangeholt hat.�</p><p>�Es war ein Werk der N�chstenliebe ��, versuchte Schwester Gisa ihn zu verteidigen.</p><p>�Nicht so ganz. Seine Arbeiter waren von Perctarit ausgesuchte Leute, und unter dem Deckmantel der Baut�tigkeit wurde das Gold dorthin geschafft. Es wird dort verborgen gehalten, und man wartet darauf, dass Perctarit zum entscheidenden Schlag ausholt. Nicht nur das. Faro ist auch der Reiter auf dem fahlen Pferd, der Freifrau Gunora verfolgt und ermordet hat und mit Prinz Romuald ebenso verfahren w�re. Er war die Person im Klostergewand, die � wie man beobachtet hat � Wambas K�stchen stahl, das Hawisa unter einen eigens errichteten Steinh�gel gestellt hatte. Beim Hinunterklettern merkte er, dass man ihn gesehen hatte, und lie� das K�stchen fallen, das ich sp�ter fand. Sein Pferd hatte er weiter unten stehenlassen. Es war von der gleichen Rasse und Farbe, wie es mir zuvor bei Faro aufgefallen war. Von der Person, die ihn beobachtet hat, fehlt seither jede Spur. Wir k�nnen nur hoffen, dass er nicht noch einen weiteren Toten auf dem Gewissen hat.�</p><p>�Du behauptest, er h�tte auch Hawisa get�tet und ihre H�tte in Brand gesteckt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Deiner Meinung nach hat Faro den Jungen Wamba, Bruder Eolann und Abt Servillius umgebracht?�, fragte Aistulf.</p><p>Fidelma sch�ttelte den Kopf. �Wamba wahrscheinlich ja � da bin ich ziemlich sicher. Aber ich glaube, zu den Verschw�rern geh�rt noch ein dritter Mitspieler. Ich habe zwar einen Verdacht, wage aber noch nicht, ihn zu �u�ern. Wenn ich wieder in der Abtei bin, wird sich die Wahrheit erweisen. Am vordringlichsten ist jetzt, die Abtei und das Gold vor Grasulf zu retten.�</p><p>Schwester Gisa schluchzte noch immer leise vor sich hin.</p><p>�Du wirst dich mit den Tatsachen abfinden m�ssen, liebe Tochter�, sagte Suidur beschwichtigend und legte ihr einen Arm um die Schulter.</p><p>�Ich werde es nicht eher glauben, als bis Faro es mir selbst sagt�, begehrte sie unter Tr�nen auf.</p><p>Fidelma sah sie mitleidig an. �Wenn es dich tr�stet � ich glaube, du liegst ihm wirklich am Herzen. Gestern Abend noch hat er mich gewarnt, ich solle das Tal verlassen, und er bat mich, dich ebenfalls zu warnen, falls ich dich sehen w�rde. Er sprach von einem Sturm, der aufzieht.�</p><p>�Der Sturm d�rfte fr�her losbrechen, als man glaubt�, merkte Wulfoald sachlich an.</p><p>�Das f�rchte ich auch�, stimmte ihm Fidelma zu. �Grasulf wird entweder noch heute oder morgen angreifen.�</p><p>�Dann m�ssen wir uns sofort ans Werk machen, es gilt, die Abtei zu sch�tzen und das Gold zu bergen�, entschied Radoald und stand auf.</p><p>Die anderen folgten seinem Beispiel, und Fidelma brachte den Entschluss auf den Punkt: �Grasulf d�rfte inzwischen erfahren haben, dass das Gold in der Abtei ist. Sein Sinnen und Trachten ist folglich darauf gerichtet, es sich zu holen. Er wird bereits unterwegs sein. Wir m�ssen schnellstens zur�ck und die Br�der warnen.�</p><p>�Ich brauche etwas Zeit, um gen�gend Krieger zusammenzurufen�, gab Radoald zu bedenken.</p><p>�Wir haben die beiden Krieger von Grimoald und vier von meinen Leuten, die gute Bogensch�tzen sind. Ich k�nnte die nehmen und Fidelma begleiten�, schlug Wulfoald vor. �Die Abtei lie�e sich verteidigen. Wir k�nnten jeden Versuch, sich des Goldes zu bem�chtigen, abwehren, bis du mit deinen M�nnern zur Verst�rkung da bist.�</p><p>�Ich komme mit�, erkl�rte Aistulf, von dem Plan begeistert. �<emphasis>Fortes fortuna iuvat</emphasis>.� Den K�hnen steht das Gl�ck zur Seite.</p><p>�Hattest du nicht dem Kriegshandwerk abgeschworen?�, fragte Radoald seinen Vater.</p><p>�Manchmal verbietet es sich, gleichg�ltig abseitszustehen. Es ist genauso gut mein Tal, und es sind meine Leute, �ber die Grasulf herf�llt. Keine Sorge, mein Sohn, den Seigneur von Trebbia mache ich dir nicht streitig. Ich bleibe Eremit, aber wie jeder andere habe ich das Recht, f�r den Frieden in unserem Tal zu k�mpfen.�</p><p>Trotz aller Verzweiflung bestand auch Schwester Gisa darauf, mitzugehen. Wulfoald f�hrte die kleine Gruppe mit den beiden schwarzbemantelten Kriegern an, Fidelma und Schwester Gisa ritten hinter ihm, und den Schluss bildete Aistulf mit vier weiteren Kriegern. Ohne miteinander zu reden, strebten sie ihrem Ziel zu. Fidelma war mit sich und ihren Gedanken besch�ftigt. Immer wieder ging sie alles durch, was sie an Beweismaterial hatte; zwar bestand f�r sie kein Zweifel an Faros Schuld, auch nicht an Bruder Eolanns Mitt�terschaft, aber die mangelnde Gewissheit �ber den dritten T�ter lie� ihr keine Ruhe. Sie hatte einen Verdacht, aber eben nur einen Verdacht. In der Beweiskette gab es eine L�cke.</p><p>Am sp�ten Nachmittag erreichten sie endlich die gew�lbte Br�cke. Aus Richtung Travo war ein anderer von Wulfoalds Kriegern auf sie zugeritten, man traf auf der Br�cke zusammen. Der Wortwechsel war rasch und kurz.</p><p>�Grasulf hat mit seinen Kriegern unten im Tal den Fluss �berquert und st�rmt in unsere Richtung�, rief Wulfoald Fidelma zu. �Es bleibt uns wenig Zeit, die Abtei und die Siedlung zu alarmieren.�</p><p>Sie hasteten �ber die Br�cke und galoppierten bergan zu den Toren der Abtei. Bruder Bladulf war offensichtlich vom Monte P�nas zur�ck, denn er war es, der ihnen die Tore �ffnete. Der Ehrw�rdige Ionas und Magister Ado waren bereits auf dem Hof und kamen ihnen entgegengeeilt.</p><p>�Grasulf ist mit seinen Mannen hierher unterwegs und d�rfte binnen kurzem im Auftrag Perctarits die Abtei st�rmen wollen�, rief Wulfoald und schwang sich vom Pferd. �Holt so viele Leute wie m�glich zu ihrer Sicherheit in die Abtei, schlie�t dann die Tore und wartet ab.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas wollte eine Frage stellen, als er Aistulfs ansichtig wurde. Er konnte es kaum fassen.</p><p>�Mein Seigneur Billo�, stammelte er. �Was �?�</p><p>Aistulf winkte ab. �Erkl�rungen gibt es sp�ter. Uns bleibt keine Zeit. Grasulf steht gleich vor den Mauern der Abtei.�</p><p>�Es ist tats�chlich so�, best�tigte Fidelma. �Und hinter der Verschw�rung steckt Bruder Faro. Ist er hier?�</p><p>�Er ist seit heute fr�h noch nicht wieder zur�ck�, erkl�rte Magister Ado erschrocken. �Ich kann es nicht glauben.�</p><p>�F�r Debatten ist jetzt nicht die Zeit�, rief Fidelma kurz angebunden, �wir m�ssen uns wappnen.�</p><p>Wulfoald befahl bereits seinen Kriegern, auf den Mauern �ber den Toren der Abtei Position zu beziehen.</p><p>�Wir k�nnen unm�glich gegen Grasulf k�mpfen�, wehrte sich Magister Ado heftig. �Das hier ist ein Gotteshaus, ein Haus des Friedens. Unsere Br�der sind auf ein friedliches Miteinander eingeschworen.�</p><p>�Das K�mpfen �bernehmen wir f�r dich�, meinte Wulfoald sarkastisch. �Du kannst f�r uns beten.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas hatte andere Bedenken. �Wie wollen wir uns mit diesen paar Kriegern verteidigen?�</p><p>�Seigneur Radoald kommt mit Verst�rkung�, versicherte ihm Wulfoald. �Sie m�ssten bald hier sein. L�ute jetzt die Alarmglocke der Abtei, ehe es zu sp�t ist.�</p><p>Bruder Bladulf stand aufgeregt in der N�he, aber sowie er den Auftrag bekam, eilte er zum Wachturm, l�ste das Seil und lie� die Glocke schwingen. Im Nu schw�rmten die Mitglieder der Bruderschaft auf den Hof und rannten ziellos hin und her. Schwester Gisa war in die Siedlung zum Frauenhaus geritten, um die Schwestern zu warnen, die alsbald zusammen mit anderen den Abteitoren zustrebten, wobei einige sogar noch versuchten, ihr Vieh zusammenzutreiben. Die Panik allenthalben lie� Magister Ado nicht l�nger zaudern. Er versuchte, sich Geh�r zu verschaffen, schrie Anweisungen, gab Erkl�rungen und war bem�ht, in das allgemeine Durcheinander Ordnung zu bringen. Fidelma dr�ngte es, sich bei dem Ehrw�rdigen Ionas zu vergewissern, der bleich und besorgt dem Treiben zusah.</p><p>�Hast du es so erledigen k�nnen, wie ich sagte?�</p><p>Er war mit den Gedanken woanders, und sie musste ein zweites Mal fragen, bevor er es ihr best�tigte.</p><p>�Ist alles fortgeschafft und das Schloss wieder an Ort und Stelle?�</p><p>�Deine Anweisungen wurden exakt befolgt.�</p><p>�Und niemand anders hat etwas davon erfahren?�</p><p>�Niemand hat uns gesehen, und ich habe die Helfer zum Schweigen verpflichtet, genau, wie du es gesagt hast.�</p><p>Erregte Menschen, unter ihnen auch die Nonnen, dr�ngten durch die Tore in die Abtei. �ber allem L�rm schallten aus dem Tal die Jagdh�rner der anr�ckenden Belagerer herauf.</p><p>�Sie kommen!�, rief der Ehrw�rdige Ionas. �Wir sind verloren!�</p><p>�Das sind wir nicht!�, schrie Wulfoald energisch dazwischen.�Wir m�ssen hier die Stellung halten, bis Radoald eintrifft. Lass sofort die Tore schlie�en!�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas starrte ihn an. An den Toren rang ein Kn�uel von Menschen um Einlass, einige mit gackernden H�hnern auf dem Arm, andere zerrten Ziegen oder sich str�ubende Schweine hinter sich her. Fidelma glaubte schon, der Geistliche w�rde den Befehl verweigern, aber er schien zu begreifen, dass ihm keine andere Wahl blieb. Mit verbissenem Gesicht griff er einen der gerade vorbeigehenden Br�der. Es war Waldipert, der beleibte Koch.</p><p>�Schlie� die Tore. Geh, nimm dir andere zur Hilfe und unterst�tzt Bruder Bladulf. Sag denen, die nicht mehr in die Abtei gelangen k�nnen, sie sollen fortlaufen und sich verbergen, so gut sie k�nnen. Wir bringen einfach nicht mehr unter. Wir m�ssen die Tore jetzt zumachen. �Der Koch rannte los, um den Auftrag zu erledigen, und rief anderen Br�dern zu, ihm zum Tor zu folgen. Der Ehrw�rdige Ionas aber ging hin�ber zu Magister Ado; gemeinsam bewegten sie die Br�der dazu, die Pferde in die Stallungen zu bringen.</p><p>Fidelma folgte Wulfoald, der eine kurze steinerne Treppenflucht hinaufgegangen war, von der aus man auf einen Wehrgang oberhalb der Tore gelangte. Aistulf hatte bereits daf�r gesorgt, dass die Krieger mit gespannten Bogen verteidigungsbereit standen. Lange w�rden die wenigen Bogensch�tzen einem ernsthaften Angriff nicht standhalten k�nnen, das war auch Fidelma klar.</p><p>Inzwischen hatten Bruder Bladulf und Bruder Waldipert mit Unterst�tzung etlicher Br�der gegen den Druck der verzweifelten Menschen drau�en die Tore schlie�en k�nnen. Jammernd und schreiend zerstreute sich die Menge in alle Richtungen. Die anderen, die auf dem Hof Zuflucht gefunden hatten, erh�hten nur noch die Panik, die ohnehin unter den M�nchen herrschte. Mit Erleichterung entdeckte Fidelma Schwester Gisa in dem Gew�hle. Sie hatte es also heil zur�ck geschafft. Sie tat ihr leid, es musste schwer f�r das arme M�dchen sein, sich mit der gr�sslichen Wahrheit �ber den Mann, den sie liebte, abzufinden. Doch schon wenige Minuten sp�ter war sie zusammen mit Magister Ado und dem Ehrw�rdigen Ionas zu den Verteidigern nach oben gekommen, von wo sie �ber die Tore hinweg in die Weite schauen konnten.</p><p>Angstvoll sp�hten sie in das Trebbia-Tal, erneut h�rten sie die H�rner blasen, nur klang es diesmal bedrohlich nahe. Schon bald vernahmen sie das Stampfen von Pferden, ihre Hufe donnerten �ber den steinigen Untergrund, und wo sie durch seichtes Wasser galoppierten, platschte es laut. Und dann war sie da � eine kriegerische Meute mit wehenden Fahnen kam z�gig heraufgeritten und machte vor den Toren der Abtei halt. Die Menschen aus der Siedlung, die nicht mehr Einlass gefunden hatten, hatten sich ins Waldesdickicht retten k�nnen und waren wie durch ein Wunder verschwunden.</p><p>�Es sind weniger, als ich bef�rchtet habe�, brummte Wulfoald zufrieden.</p><p>�Sie sind zahlreich genug, um sich Zugang zur Abtei zu verschaffen und uns zu vernichten�, entgegnete der Ehrw�rdige Ionas skeptisch.</p><p>Fidelma blickte pr�fend auf die gegnerischen Krieger hinunter. Sie hatten vor den Toren Stellung bezogen und warteten auf die Befehle ihrer Anf�hrer. Den schwarzb�rtigen Seigneur von Vars hatte sie bereits erkannt, und neben ihm entdeckte sie Kakko, den massigen Verwalter, der ein Kriegsbeil schwang, als w�re es eine Haselrute.</p><p>�Oh, seht nur! Seht nur dort!�, rief Schwester Gisa.</p><p>Ein junger Krieger hatte sich von Grasulfs Seite gel�st und kam weiter vorgeritten. Trotz seiner kriegerischen Aufmachung mit gl�nzendem Brustharnisch, Helm und allem, was zu einer R�stung geh�rte, waren ihnen seine Bewegungen vertraut. Er brachte sein fahles Ross zum Stehen, nahm den Helm ab und sah ver�chtlich nach oben.</p><p>�Bruder Faro!�, st�hnte Magister Ado mit zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>Fidelma nickte traurig. �Da haben wir den Anf�hrer der Verschw�rung, die so viele Tote gefordert hat. �Siehe, ein fahles Pferd; und der darauf sa�, des Name hie� Tod, und die H�lle folgte ihm nach�, hei�t es in der Offenbarung des Johannes.�</p><p>Fassungslos murmelte Magister Ado: �Bruder Faro war doch mein Sch�ler. Wie konnte er sich auf Verrat und Schreckenstaten einlassen?�</p><p>Bruder Faro hatte die Gestalten oben ersp�ht und brachte sein Pferd noch etwas n�her heran.</p><p>�Wir sind gekommen, um etwas zu holen, das Grasulf, dem Seigneur von Vars, geh�rt, und der bald auch Seigneur von Trebbia sein wird�, verk�ndete er mit triumphalem L�cheln. Er drehte sich um und wies auf die Nekropole. Zwei von Grasulfs Kriegern verlie�en den Rest und ritten geschwind in die Totenstadt. Unger�hrt lenkten sie die Pferde �ber die Gr�ber zu den Mausoleen der �bte. Alles wartete schweigend, selbst, als man Stein auf hartes Metall schlagen h�rte. Faro gab sich auf seinem Pferd gelassen, blickte aber unbewegt zu ihnen nach oben.</p><p>�Ich empfehle euch, �ffnet die Tore. Wir w�rden die Abtei lieber friedlich einnehmen, als mit Waffen und Feuer gegen euch vorzugehen.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas schaute nerv�s zu Wulfoald, der ihm standfest zu bleiben gebot. �Nicht wankelm�tig werden! Radoald r�ckt bald an. Er kommt bestimmt.� Der Gelehrte nickte und rief voller Verachtung zu Bruder Faro hinunter: �Du wei�t, dass du dich gegen ein Gotteshaus wendest, Bruder Faro. Was ist aus deinem Gel�bde geworden, dass du uns verr�tst und deinen eigenen Br�dern mit Waffengewalt drohst?�</p><p>�Ich habe ein weitaus strengeres Gel�bde vor meinem K�nig abgelegt, und das war lange, bevor ich mir zum Schein die grobe wollene Kutte �berzog�, bekam er zur Antwort. �Ich bin Faro, Seigneur von Turbigo.� Der junge Mann entdeckte unter den Obenstehenden Schwester Gisa, und seine Gesichtsz�ge wurden weicher. �Gisa, es tut mir leid, dass du erst jetzt und unter leidigen Umst�nden mit dem wahren Sachverhalt konfrontiert wirst. Glaube mir, was zwischen uns gewesen ist, war nicht gespielt, war aufrichtig. Ich biete dir auch jetzt meinen Schutz an und meine Hand, meine Liebe. Lass ab von deinen frommen Schwestern und komm mit mir.�</p><p>Sie hatte, am ganzen Leib zitternd, dagestanden. Doch pl�tzlich ging ein Ruck durch sie, da sie die volle Wahrheit begriff, und emp�rt schrie sie zu ihm hinab: �Deine Hand und deine Liebe?� Tr�nen schossen ihr in die Augen. �Die Hand eines M�rders?�</p><p>�Die Hand des Seigneurs von Turbigo, Befehlshabers im Heere Perctarits, des rechtm��igen K�nigs der Langobarden�, entgegnete er.</p><p>Von der Nekropole schallte ein w�tender Ruf her�ber. Einer der M�nner kam im Galopp zur�ck. Was er Faro mitzuteilen hatte, konnte die kleine Gruppe auf der Mauer nicht verstehen. Faro schaute hoch.</p><p>�So, ihr habt also genommen, was rechtm��ig Grasulf geh�rt! Ich befehle euch, uns den Fund umgehend auszuh�ndigen.�</p><p>Grasulf hatte den Wortwechsel mitbekommen und sich mit seinem Ross nach vorn an Faros Seite gedr�ngt.</p><p>�Das Gold habt ihr gestohlen?�, fragte er laut und voller Hohn. �Egal, wir brennen euch nieder und schlagen euch so oder so zusammen!� Dann bemerkte er Fidelma. �Sieh mal einer an, da haben wir ja alle V�gelchen beieinander, und sogar die Prinzessin aus Hibernia. Kannst dich schon freuen, sollten wir deiner lebend habhaft werden � eine Prinzessin bringt ein sch�nes L�sgeld, besonders bei Sklavenh�ndlern.� Und mit einem Blick zu Faro fuhr er fort: �Los, Faro, wir sollten uns weitere Worte sparen. Sie haben unser Ultimatum. Die Tore sind auf der Stelle zu �ffnen, oder wir beginnen mit dem Angriff und legen hier alles in Schutt und Asche, wenn sie sich nicht ergeben.�</p><p>Faro lehnte sich im Sattel zur�ck. �Ihr habt geh�rt, was der Seigneur von Vars bestimmt�, rief er. �Ihr habt die Wahl. Macht die Tore auf, oder wir schie�en Brandpfeile in eure D�cher.�</p><p>��ffnet die Tore! �ffnet die Tore!�, ert�nte pl�tzlich eine Stimme auf dem Hof. Es war Bruder Wulfila, der Verwalter, der zum Portal st�rmte. Bruder Bladulf, daran gew�hnt, vom Verwalter Befehle zu erhalten, machte sich bereits am Tor zu schaffen und schob den Riegel zur�ck.</p><p>�Unser dritter Verschw�rer!�, rief Fidelma. �Ich h�tte euch warnen sollen. Gebietet ihm Einhalt!� Aber das Stimmengewirr im Hof schwoll zusehends an, so dass sie niemand h�rte. Sie beschwor den Ehrw�rdigen Ionas. �Du musst ihm Einhalt gebieten. Wulfila ist Perctarits Mann.�</p><p>Der Ehrw�rdige Ionas war vollends verwirrt und handlungsunf�hig, Wulfoald jedoch sprang von der Mauer, st�rzte auf die Tore zu und versuchte den Verwalter zur�ckzurei�en. Der aber hatte bereits eine der schweren Holzstangen gel�st, wandte sich um und holte wie ein ge�bter Krieger damit aus. Der Schlag traf Wulfoald seitlich am Kopf und brachte ihn zu Fall. Wulfila st�rzte durch das entsicherte Tor nach drau�en.</p><p>Inmitten des Tumults und L�rms erklangen H�rner, lange und eindringliche Kriegssignale. Eine gr��ere Gruppe Berittener galoppierte �ber den Fluss, Banner wehten und n�herten sich eilends Grasulfs raubgieriger Meute. Faro erkannte die drohende Gefahr, setzte den Helm auf und zog das Schwert. Grasulf brach in ein fluchendes Gebr�ll aus.</p><p>�Radoald!�, rief Aistulf triumphierend.</p><p>Fidelma, die kein Auge von Bruder Wulfila lie�, sah, wie er durch das offene Tor nach drau�en rannte und der durcheinandergeratenen Truppe von Grasulf entgegenst�rzte. Mit ausgestreckter Hand rief er: �Haltet ein! Ich bin es, Wulfila, so wartet doch! Ich � ich ��</p><p>Einer von Grasulfs M�nnern drehte sich mit gespanntem Bogen um � sein Pfeil durchbohrte Wulfilas Kehle. Ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, sank der ehemalige Verwalter der Abtei zu Boden.</p><p>Es blieb keine Zeit, weitere Gedanken auf ihn zu verschwenden, denn Radoalds Krieger preschten in die von den Ereignissen �berw�ltigte feindliche Reiterschar. Der Kampf dauerte nicht lange, wenngleich er Fidelma eine Ewigkeit schien. Schon bald jagten die Unterlegenen fliehend ins Tal und lie�en Tote und Verwundete zur�ck. Zu den Toten geh�rte auch der Seigneur von Vars.</p><p>Schwester Gisa stand tr�nen�berstr�mt neben Fidelma und starrte auf die dahingestreckten Leiber. �Er ist entkommen�, stellte sie fest, �ist mit den anderen geflohen.�</p><p>Eine Woche sp�ter wartete Fidelma am Kai im Hafen von Genua auf das Auslaufen ihres Schiffes. Die Besatzung traf die letzten Vorbereitungen. Schwester Gisa und Wulfoald hatten sie begleitet, und so standen sie zu dritt unten am Laufsteg.</p><p>�Ich kann nicht gerade behaupten, dass es mir leid tut, abreisen zu m�ssen�, erkl�rte Fidelma.</p><p>�Und doch f�hlst du dich mit uns verbunden�, meinte Schwester Gisa zaghaft, �wir werden dich vermissen.�</p><p>�Alles hat einen guten Ausgang gefunden, und daf�r sind wir dir sehr dankbar�, f�gte Wulfoald hinzu. �Grimoald hat Perctarit und seine Rebellen ins Land der Franken zur�ckgedr�ngt. Die Verschw�rung, um Grasulf mit Gold zu bezahlen, dass er sich der wichtigen Verkehrswege des Tals bem�chtigt, konnte vereitelt werden, der Seigneur von Vars ist erschlagen, seine Macht gebrochen.�</p><p>Fidelma nickte. �Und die Abtei ist durch Perctarits Gold reicher geworden. Aber k�nnen wir wirklich sagen �Ende gut, alles gut�? So viele Tote. Bruder Ruad�n, der kleine Wamba, seine Mutter Hawisa, Freifrau Gunora, Abt Servillius � sie alle haben sterben m�ssen � und wof�r?�</p><p>Wulfoald fuhr mit einer Hand an die Stirn � die Stelle, wo der Verwalter ihn mit dem Torriegel getroffen hatte, war verschorft.</p><p>�Wulfila � Das ist einer, um den es mir nicht leid tut. Den Hieb, den er mir versetzt hat, sp�re ich immer noch. Sag, wusstest du, dass er der Dritte in der Verschw�rerbande war, ehe er sich selbst verriet?�</p><p>�Ich hatte ihn im Verdacht und habe es t�richterweise nicht rechtzeitig genug gesagt. Eine Tatsache f�gte sich an die andere. Ich h�tte ihn zur Rede stellen m�ssen, konnte aber meine Beschuldigung nicht in Gegenwart des Ehrw�rdigen Ionas und des Magisters �u�ern. Als ich das erste Mal in die Abtei kam, wurde ich Zeuge einer Szene zwischen Bruder Faro und Wulfila, und die spielte sich nicht so ab, wie es zwischen dem Verwalter einer Abtei und einem Mitglied der Bruderschaft �blich ist. Als Wulfila sah, dass Bruder Faro verwundet war, rannte er wie ein untert�niger Diener auf ihn zu und wurde von Faro scharf ger�gt. Ich erfuhr sp�ter, dass beide vor zwei Jahren in die Abtei gekommen waren, und das war, nachdem man Perctarit ins Exil geschickt hatte. Beide waren zuvor Krieger gewesen.�</p><p>�Faro hat daraus keinen Hehl gemacht�, best�tigte Wulfoald.</p><p>�Aber niemand wusste, dass Wulfila unter Faro gedient hatte, denn der war einer von Perctarits Befehlshabern. Aistulf hat mir sp�ter N�heres �ber den Seigneur von Turbigo berichtet; w�hrend der kriegerischen Auseinandersetzungen damals hatte er geh�rt, dass Faro ein brillanter Truppenf�hrer und blendender Stratege war. Faro und Wulfila haben sich in Mailand mit Eolann zusammengetan und kamen nach Bobium, um Perctarits R�ckkehr vorzubereiten und gegen Grimoald vorzugehen.�</p><p>�Dann hat also Wulfila den armen Bruder Ruad�n umgebracht?�, fragte Schwester Gisa.</p><p>�Ja. Wulfila h�rte mich sagen, dass ich Bruder Ruad�n bei klarem Verstand vorgefunden h�tte und dass ich ein weiteres Mal zu ihm gehen w�rde. Von seiner Warte aus gesehen durfte das nicht geschehen, und so erstickte er ihn mit einem Kissen. Es war ihm jedoch entgangen, dass ich kurz zuvor noch einmal mit Bruder Ruad�n gesprochen hatte. Bruder Hnikar erkl�rte dann, Wulfila h�tte ihm mitgeteilt, Bruder Ruad�n w�re in der Nacht entschlafen. Ich wusste, dass das nicht stimmen konnte. Wulfila hatte auch vor dem Zimmer von Freifrau Gunora Wache halten sollen, er muss also gesehen haben, wie sie mit dem Prinzen die Abtei verlie�. Er steckte es Faro, seinem Herrn, der ihr nachjagte und sie t�tete. Und schlie�lich hat Wulfila mich belogen, als er behauptete, Abt Servillius w�re in seinem Zimmer und w�nschte niemanden zu sehen. Er hatte ihn zu dem Zeitpunkt bereits ermordet.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>�Er riet Eolan, eine Verwundung vorzut�uschen, damit er mich nicht zu Hawisa begleiten konnte, wo herausgekommen w�re, dass er mir etwas �bersetzt hatte, was sie nie gesagt hatte. Es war eine Vorsichtsma�nahme, falls Faro die alte Frau nicht rechtzeitig genug umbringen konnte, denn das musste geschehen, ehe wir ihre H�tte erreichten. Der Schwachpunkt in der Verschw�rung war Eolann. Er war Gelehrter und in �bereinstimmung mit seinem Glauben bereit, gegen die vorzugehen, die er als Anh�nger des Arius betrachtete. Ein kaltbl�tiger M�rder wie seine im Kriegswesen ge�bten Mitverschw�rer war er jedoch nicht. Die Tatsache, dass er mich am P�nas nicht in den Abgrund st�rzen lie�, beweist, dass er noch so etwas wie Skrupel hatte. Dass so viele sterben mussten, lie� ihm keine Ruhe. Er konnte es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, und so trieb es ihn zu Abt Servillius, um seine S�nden zu beichten. Wie Wulfila davon erfuhr, wird uns verborgen bleiben, vielleicht hat ihm Eolann sogar selbst gesagt, was er vorhatte. Jedenfalls war das der Punkt, da Wulfila entschied, dass beide � Eolann und Abt Servillius � sterben m�ssten. Faro und die Verschw�rung mussten geheim gehalten werden, bis die Zeit reif war.�</p><p>�Gro�artig, wie du das alles aufgedeckt hat�, sagte Schwester Gisa bewundernd.</p><p>Fidelma zog gereizt die Stirn in Falten. �Eigentlich nicht ich. Durch pure �berheblichkeit habe ich mich von Eolann auf eine falsche F�hrte locken lassen. Das mit Wulfila h�tte ich schon viel fr�her wissen m�ssen. Ich bin besch�mt. Bei all meiner Erfahrung und meinen F�higkeiten h�tte mir das nicht passieren d�rfen.�</p><p>�Du gehst mit dir zu hart ins Gericht�, murmelte Gisa. �Eine Fremde in einem fremden Land. Du hast herausgefunden, wo das Gold versteckt war, und hast daf�r gesorgt, dass es sicher in die Abtei geschafft wurde. Das hat Grasulf aufgehalten, und Radoald ist mit seinen M�nnern im richtigen Moment erschienen.�</p><p>�Man kann es drehen und wenden, wie man will�, meinte Wulfoald nachdenklich, �es kommt immer wieder auf die gleiche alte Geschichte hinaus: das Streben der K�nige nach Macht und all das Blutvergie�en, das damit einhergeht. Ich f�rchte, diese Gier nach Macht wird uns bis zum J�ngsten Gericht begleiten.�</p><p>�In dir steckt ein Philosoph, Wulfoald�, sagte Fidelma anerkennend.</p><p>Er grinste. �So hoch will ich nicht hinaus, edle Dame. Ich bin Krieger und als solcher auch Teil dieser Gier nach Macht.�</p><p>�Vergiss dabei aber nie, mein Freund, dass eine Gewalttat, die keinem guten Zweck dient, sich gegen einen selbst kehrt.�</p><p>Wulfoald lachte. �Auch ich habe Horaz gelesen. <emphasis>Vis consilii expers mole ruit sua</emphasis>. Es ist eine Lektion, die Perctarit inzwischen gelernt haben m�sste.�</p><p>�Du glaubst also, deine Leute brauchen sich nicht mehr vor Perctarit zu f�rchten?�</p><p>�So weit w�rde ich nicht gehen. Solange Perctarit lebt, wird er versuchen, das zur�ckzuerobern, was er als rechtm��ig f�r das Seine h�lt. K�nnte sein, es passiert eines Tages. Bis dahin aber regiert uns Grimoald gut und weise, unter ihm k�nnen alle, wenn auch nicht in Eintracht, so doch in Frieden miteinander leben, ganz gleich, ob sie dem Glaubensbekenntnis des Arius oder dem von Nic�a anh�ngen. Vielleicht findet Perctarit auch seinen Frieden im Frankenreich oder in Burgund und l�sst unser K�nigreich in Ruhe. Wer wei�? Ich bin ein Zyniker und halte es mit Epikur. <emphasis>Dum vivimus, vivamus</emphasis>.�</p><p>�Solange wir leben, soll man uns leben lassen�, wiederholte Fidelma. �Wollen hoffen, dass auch Perctarit und seine Anh�nger diese Maxime beherzigen.�</p><p>Schwester Gisa hatte die ganze Zeit geschwiegen. �F�r mich ist das Leben ohne Faro �de und leer�, sagte sie jetzt bek�mmert. �Ich hasse ihn f�r das, was er getan hat, und dennoch � Es hat alles keinen Sinn mehr. Ich wei� nicht ein noch aus.�</p><p>Fidelma hatte Mitleid mit dem M�dchen. �Das geht dir nur jetzt so. Die Zeit heilt alle Wunden.�</p><p>�Er hat die gro�e Schlacht gegen Grimoald �berlebt, ist Perctarit ins Land der Franken gefolgt, und mich � mich hat er get�uscht, hat uns alle get�uscht�, jammerte sie. �Dabei war er ��</p><p>Tr�stend legte ihr Fidelma eine Hand auf den Arm. �Ovid hat in seiner Schrift <emphasis>Remedia amoris</emphasis> einen sch�nen Satz gepr�gt: �<emphasis>res age: tutus eris</emphasis>�. Die beste Medizin gegen die Liebe: Sei t�tig, und du wirst sicher sein vor der Liebe.�</p><p>�Es ist ja sch�n und gut, dass du mir einen solchen Rat gibst�, sagte Schwester Gisa bitter. �Du wei�t doch gar nicht, wie sehr verratene Liebe schmerzen kann!�</p><p>F�r einen kurzen Moment ver�nderte sich Fidelmas Gesichtsausdruck, und ihre Augen gl�nzten. Sie dachte an Cian, einen jungen Krieger, in den sie sich verliebt hatte, als sie an der Hohen Schule bei Brehon Morann Rechtskunde studierte. Sie war damals erst achtzehn gewesen, Cian ein paar Jahre �lter � gro�, kastanienbraunes Haar, Krieger in der Leibgarde des Hochk�nigs. Sie hatte ihn aufrichtig geliebt, er aber hatte nur mit ihr gespielt, sie benutzt, bis er an einer anderen Gefallen gefunden hatte. Es war eine bittere Pille gewesen, die sie hatte schlucken m�ssen. Wahrscheinlich war es auch der Hauptgrund gewesen, dass sie dem Rat ihres Vetters, Abt Laisran von Dar�, folgte, sich dem Kloster von Cill Dara anzuschlie�en und sich nicht nur verstandesm��ig mit dem Glauben zu besch�ftigen.</p><p>�Ich wei� sehr wohl, wie verratene Liebe schmerzen kann�, erwiderte sie, und noch beim Sprechen stieg ein anderes Bild in ihr auf. Es war nicht mehr Cian, sondern der angels�chsische M�nch, den sie j�ngst kennengelernt hatte und der ihr behilflich gewesen war, die Morde in der Synode von Streohnshalh und dann auch im Lateranpalast aufzukl�ren. Bruder Eadulf aus Saxmund�s Ham � er war in Rom geblieben, und sie w�rde ihn wohl nie wiedersehen. Weshalb musste sie jetzt an ihn denken? W�re er hier bei ihr gewesen, mit seiner ruhigen Art nachzufragen, w�re sie vielleicht nicht in die Sackgasse geraten, h�tte nicht immer nur das <emphasis>Aurum Tolosanum,</emphasis> das mythische Gold und die Verbindung zu Abt Servillius vor Augen gehabt. Magister Ado hatte einmal ganz richtig ihre Schw�che genannt: zu starkes Selbstbewusstsein, das leicht zur �berheblichkeit f�hrte.</p><p>Ein Seemann stand pl�tzlich neben ihr, f�hrte eine Hand an die Stirn und sprach sie an. �Verzeihung, edle Dame. Der Kapit�n sagt, die Ebbe setzt ein. Wir m�ssen auslaufen. Ich soll dich bitten, an Bord zu kommen.�</p><p>Fidelma nickte ihm zu und wandte sich an ihre Gef�hrten.</p><p>�Ich hoffe, eurem Tal bleibt der Frieden erhalten, den es gerade erlangt hat. M�ge Bobium bl�hen und gedeihen, auf dass Colm Bans Gr�ndung seinem Namen Ehre macht und in der gesitteten Welt als w�rdige St�tte ger�hmt wird.� Sie l�chelte beiden zum Abschied zu.</p><p>�Gute Heimreise, Prinzessin�, w�nschte Wulfoald. �Wir sind dir zu gro�em Dank verpflichtet.�</p><p>Schwester Gisa nickte zustimmend und rang sich unter Tr�nen ein L�cheln ab. Aus einer inneren Regung heraus ging Fidelma einen Schritt auf sie zu und nahm das M�dchen in die Arme. Dann lief sie die Planke hinauf. Oben drehte sie sich noch einmal zu ihnen um. Die Mannschaft zog bereits das Laufbrett ein, sie h�rte nackte F��e �ber das Deck eilen und das Knattern der Segel, die losgemacht wurden. Die Schiffsw�nde st�hnten wie zur Gegenwehr, als das Schiff sich vom Kai l�ste. Langsam gewann es Fahrt. Die Umrisse von Schwester Gisa und Wulfoald wurden kleiner. Sie winkte ihnen zu, das Schiff drehte mit dem Wind, und sie sah sie nicht mehr. Fast �berkam sie ein Gef�hl der Einsamkeit, vermisste sie die beiden, doch die salzige Luft biss in die Wangen und lenkte sie ab. Sie atmete tief ein und streckte das Gesicht der Sonne entgegen.</p><p>Endlich ging es nach Hause. Zur�ck in die Heimat. Heim nach Muman. Heim nach Cashel. Wie hie� doch das alte Sprichwort? Eigener Herd ist Goldes Wert.</p></section></body><binary id="cover" 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