<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_classic</genre><author><first-name>J.</first-name><middle-name>J.</middle-name><last-name>Preyer</last-name></author><book-title>Butler Parker - Der Butler setzt auf Sieg!</book-title><annotation><p>Amanda Marbely, eine steinreiche Lady aus London, beerbt ihren �berraschend fr�h verstorbenen Cousin aus K�nigstein im Taunus. Um das gigantische, jedoch sehr bedeckt gehaltene Firmenimperium des geliebten Verwandten aus Deutschland, in Augenschein zu nehmen, �bersiedelt die schrullige Lady ins Siegerland. Zu ihrer Unterst�tzung engagiert sie einen vornehmen Butler, der neben zahlreichen Spezialausbildungen offenbar auch hochkar�tige Geheimnisse verinnerlicht hat.Als Lady Marbely mit ihren neuen Gesch�ftsf�hrern ein marodes Fabrikgel�nde in Siegen begutachten m�chte, trachtet man ihr nach dem Leben. Ihr Butler ist jedoch bestens vorbereitet und l�uft ad hoc zur H�chstform auf.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Wie einige andere Titel aus dem BLITZ-Verlag ist auch dieser Roman eine Originalver�ffentlichung in einer exklusiven Sammler-Edition, dies und die Tatsache, dass der kurze Krimi sehr unpr�tenti�s ist und ganz offensichtlich von J. J. Preyer mit sehr viel Vergn�gen geschrieben wurde, macht ihn zu einer kurzweiligen Lekt�re, die ihr Geld wert ist. </emphasis>Gunda Plewe in Buchhandlung-Lesenswert-Duisburg</p><empty-line/><p><emphasis>Fl�ssig, spannend und temporeich erz�hlt � ein gelungener Auftaktband! </emphasis>Alisha Bionda in LITERRA</p><empty-line/><p><strong>Der Autor</strong></p><empty-line/><p>J. J. PREYER, geboren 1948 in Steyr, �sterreich. Ab dem 14. Lebensjahr literarische Ver�ffentlichungen. Studium Deutsch, Englisch in Wien. Lehrt�tigkeit in der Jugend-und Erwachsenenbildung. 1976 Auslandsjahr in Swansea in Wales. 1982 Initiator des Marlen-Haushofer-Gedenkabends, der durch die Teilnahme des Wiener Kulturjournalisten Hans Weigel den Ansto� zur Wiederentdeckung der Autorin gab. Mitarbeit an der Kinderzeitschrift KLEX von Peter Michael Lingens. 1996 gr�ndete J. J. Preyer den Oerindur Verlag, einen Verlag f�r lesbare Literatur und Krimis. Der Autor schreibt seit Jahresbeginn 2010 f�r die Romanserie JERRY COTTON im Bastei Verlag.</p><empty-line/><empty-line/></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="DER BUTLER" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name>J.</first-name><middle-name>J.</middle-name><last-name>Preyer</last-name></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-10-09">9.10.2013</date><id>95207fce-8984-4867-9e26-15da025241d0</id><version>1.0</version><history><p>�1.0</p></history></document-info><publish-info><publisher>BLITZ-Verlag</publisher><year>2012</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>1.</strong></p></title><p>Das Vibrieren des Lenkrads irritierte den Chauffeur. Dazu kam noch ein lautes H�mmern und Zischen, das f�r die Nobelkarosse untypisch war.</p><p><emphasis>Ob der in Deutschland erh�ltliche Treibstoff die Ursache f�r die Probleme war?</emphasis>, fragte sich der Chauffeur. Er hatte den Maybach 62 S vor einer halben Stunde in Arnsberg aufgetankt und war nun in s�dlicher Richtung nach Siegen unterwegs. Der Navigator verriet ihm, dass er sich im Bereich des Rothaargebirges befand, einer h�geligen Landschaft mit Fichtenw�ldern und Buchen, die so fr�h im Jahr noch keine Bl�tter trugen.</p><p>Dichter Hochnebel verd�sterte die verlassen wirkende Gegend, in der kaum jemand unterwegs war. Dabei war es der Zeitangabe des Maybachs nach erst vier Uhr dreiundzwanzig. Die hellblau leuchtende digitale Uhr hatte sich automatisch von westeurop�ischer auf mitteleurop�ische Zeit umgestellt. Das bedeutete Anfang M�rz minus eine Stunde zu England. Der Chauffeur machte sich keine Sorgen, denn auf den Maybach war Verlass. Abgesehen von den seltsamen Ger�uschen, dem Vibrieren des Lenkrads und dem Schlingern des Fahrzeugs. Arthur steuerte die schwarze Limousine konzentriert �ber die kurvenreiche Stra�e.</p><p>Um sich abzulenken, startete er den CD-Player mit Lady Marbelys Lieblingsmusik, Tschaikowskis <emphasis>Dornr�schen</emphasis>. Zu den Kl�ngen der Ballettmusik setzte nun Nieselregen ein. Die Wischer des Maybachs nahmen von selbst ihren Dienst auf. Ein starker Wind r�ttelte kaum merklich an dem 6.300 Pfund schweren Luxuswagen.</p><p>Der Wind entwickelte sich rasch zu einem ausgelassenen Sturm. Der Chauffeur bemerkte es an umherwirbelnden �sten und Laub, das vom Winter schwarz und klumpig geworden war. Dazu passte Tschaikowskis Musik, die sich in Tempo und Lautst�rke steigerte. Doch da war noch etwas. Auch das Fahrger�usch war st�rker geworden, der Maybach lie� sich kaum mehr lenken. Des Chauffeurs rechter Fu� presste das Bremspedal in die Gummimulde, gleichzeitig entwickelte der �ber sechs Meter lange Wagen ein unkontrollierbares Eigenleben. Der Chauffeur musste hilflos mit ansehen, wie die Landschaft, die eben noch seitlich neben ihm sichtbar gewesen war, nun an der Frontscheibe entlangflog. Sekundenbruchteile sp�ter lag die Stra�e, die er hinter sich gelassen hatte, vor ihm. Die Gegend ver�nderte sich aber nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen. Der Hochnebel lag unten, die Fahrbahn verlief entlang des Autodaches.</p><p>Eine verwirrende Situation, die zwar der Begleitmusik entsprach, doch dem Chauffeur unerkl�rlich schien.</p><p>Dann h�rte er einen Knall und versp�rte einen m�rderischen Schlag gegen den Oberk�rper. Er f�rchtete, erschossen worden zu sein, w�hrend die durch den Unfall ausgel�sten Airbags ihm Atem und Bewusstsein nahmen.</p><p><strong>*</strong></p><p>Der athletische Mann in der Montur eines Butlers nahm die Treppe in die 7. Etage des Best Western Park Hotels zu Fu�, zwei Stufen auf einmal. Er musste in Form bleiben. Die Aufgabe, die er im Auftrag von SSI zu erf�llen hatte, w�rde nicht einfach werden.</p><p><emphasis>Sie werden Lady Marbely Tag und Nacht zur Seite stehen,</emphasis> hatte Mister Prince gesagt. <emphasis>Es darf ihr nichts zusto�en, schon gar nicht auf deutschem Boden. Die Lady kommt im Maybach, mit Chauffeur, ohne ihren Butler. Dessen Part �bernehmen Sie, und zwar so, dass Lady Marbely ihren eigenen Butler in keiner Weise vermisst.</emphasis></p><p><emphasis>Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, die Lady zufriedenzustellen</emphasis>, hatte er vollmundig erwidert und sich auf die Mission vorbereitet.</p><p>Er wurde zum perfekten Butler. �ber der dunklen Hose und dem dezent gestreiften Frackrock trug er einen schwarzen Kamelhaarmantel. Am linken Unterarm balancierte er einen Regenschirm, auf dem Kopf sa� die Melone. Wenn der Frack nicht aus schusssicherem Material gewesen w�re, w�re er, nun als der Butler, noch leichtf��iger unterwegs gewesen. Wobei schnellere Bewegungen ohnehin nicht der W�rde seines neuen Berufs entsprochen h�tten.</p><p>Bevor er an die T�r zur Suite der Lady klopfte, versicherte er sich des tadellosen Sitzes seiner Kleidung, wischte einige Staubk�rner vom Revers und r�usperte sich, um pl�tzlich erschrocken innezuhalten. Er hatte vergessen, die wei�en Handschuhe anzuziehen und holte dies umgehend nach.</p><p>Er war gespannt auf die Lady. Er wusste nur, dass sie sehr nobel und sehr reich war, nicht mehr die J�ngste, doch voll Abenteuerlust und unkonventionellen Ideen.</p><p>Er klopfte an die T�r und vernahm ein <emphasis>Come in</emphasis>, das ihn zum Eintreten aufforderte.</p><p>Ach ja, gepflegtes Englisch sollte er auch beherrschen. Eine knifflige Aufgabe, all diese Details unter einen Hut zu bringen, auch wenn dieser, wie in seinem Fall, eine Spezialanfertigung aus Stahl war.</p><p>�Oh my God, Sie sehen ja tats�chlich wie ein richtiger Butler aus�, begr��te ihn Lady Marbely in beinahe akzentfreiem Deutsch.</p><p>Der Butler verneigte sich leicht. �Immer zu Ihren Diensten, Milady.�</p><p>Vor dem Butler stand eine jugendlich wirkende Einundsiebzigj�hrige, die ihm die rechte Hand zum Gru� entgegenstreckte.</p><p>Er fragte sich, ob er den Handschuh ausziehen sollte.</p><p>�Anlassen�, sagte die Lady und l�chelte ihn aus ihren wasserblauen Augen freundlich an. �Ein Butler l�sst die Handschuhe stets an. Und er sch�ttelt der Dame nicht die Hand, sondern deutet einen Handkuss an. Etwa so.� Mit diesen Worten beugte sich Lady Marbely �ber die Hand ihres neuen Butlers und demonstrierte, was sie meinte.</p><p>�Ich war um eine m�glichst perfekte Vorbereitung bem�ht�, sagte der Butler, �bin aber auf Ihr freundliches Wohlwollen angewiesen. Kleinere Unzul�nglichkeiten bitte ich h�flichst zu verzeihen.�</p><p>�Wie hei�t es so sch�n am Ende von <emphasis>Some Like It Hot</emphasis>? Nobody is perfect. Nicht einmal Henry, mein Butler in <emphasis>Marbely House,</emphasis> kann und wei� alles.� Die kleine Frau mit dem grau-r�tlichen Haar, deren dezente Kleidung die durchaus vorhandenen Rundungen elegant kaschierte, strahlte ihr Gegen�ber entwaffnend an.</p><p>�Ich danke f�r Ihren Gro�mut, Milady, in der Hoffnung, diesen nicht allzu sehr beanspruchen zu m�ssen.�</p><p>�Also, ich bin Milady, und Sie sind ��</p><p>�Nennen Sie mich James!�</p><p>�Kein deutscher Name?�</p><p>Er �berging die Frage. �Sie erlauben mir das Kompliment: Ihr Deutsch ist fehlerlos, nahezu perfekt.�</p><p>�Auch ein Butler sollte bei der Wahrheit bleiben. Meine Deutschkenntnisse sind eingerostet. Aber ich hoffe, sie im Siegerland aufpolieren zu k�nnen. Man spricht doch Deutsch hier?� Sie lachte dezent. �Was ich am Flughafen h�rte, klang nicht danach. Ich w�hnte mich in Amerika.�</p><p>�Die Leute sprechen den lokalen Dialekt, das Siegerl�nder Platt�, erkl�rte der Butler. �Die Phonetik ist Ihrer Sprache sehr �hnlich.�</p><p>�Ach, James, wenn Sie mir ein Beispiel davon geben k�nnten!�</p><p>Der Butler konzentrierte sich, dann begann er: �Komm, L�di, mr wonn Platt schw�tze, dat rummt beasser!�</p><p>�Und das hei�t, lieber James? Sie �bersetzen es mir doch!�</p><p>�Das hat keine besondere Bedeutung. Es dr�ckt aus, dass die Mundart das gem�tlichere Sprachmedium ist. Wenn Milady so belieben.�</p><p>�Ach, wie liebe ich die Sprache und die Kultur dieses Landes! Die Musik, die M�rchen, die Lieder!�</p><p>�Die Politik wohl weniger. Wenn ich mir diesen Einwurf gestatten darf.�</p><p>�Bleiben wir auf sicherem Terrain, �h ��</p><p>�James.�</p><p>�Richtig, James. Bleiben wir bei den alten Werten Deutschlands.�</p><p>�Sie befehlen, Milady, ich werde bestrebt sein, Ihren W�nschen nachzukommen.�</p><p>�Gut, dann bereiten Sie uns Tee, und wir planen die n�chsten Schritte.�</p><p>Der Butler atmete auf. Das �rgste schien �berwunden. Er wusste, wie man perfekten englischen Tee machte und begab sich in die K�che der Suite.</p><p>Lady Marbely war ins Siegerland gereist, weil sie an den Begr�bnisfeierlichkeiten ihres unter mysteri�sen Umst�nden verstorbenen Cousins teilnehmen wollte, der sie als Alleinerbin eingesetzt hatte. Die Aufgabe des Spezial-Butlers war es, die Lady dabei zu unterst�tzen und zu besch�tzen. Die Erkl�rungen, die ihm Mister Prince dazu telefonisch gegeben hatte, waren mehr als beunruhigend gewesen, auch f�r einen Spitzenmann des SSI.</p><p>SSI konzentrierte sich auf besonders heikle F�lle. Dem <emphasis>Special Service International</emphasis> standen Topleute der Verbrechensbek�mpfung in den Bereichen Polizei, BKA, BND zur Verf�gung. International kooperierte SSI mit FBI und PSA. Der Butler war einer der Mitarbeiter. Und er wusste, dass der Schutz der Lady und die L�sung der vielf�ltigen Probleme rund um den Tod ihres Cousins und dessen berufliche T�tigkeit nicht leicht w�rden.</p><p>Umso wichtiger war es, dass Lady Marbely sich w�hrend ihres Aufenthaltes in Deutschland einigerma�en wohlf�hlte. Dazu geh�rte das richtige Ambiente.</p><p>Das Viersternehotel war zweckm��ig eingerichtet. Die Suite im obersten Stockwerk bot einiges an Komfort, doch fehlte das spezielle Flair f�r eine an Luxus gew�hnte Dame.</p><p>Das Teegeschirr, mit dem der Butler soeben hantierte, wirkte bescheiden, wie die gesamte Einrichtung der Suite. Der Blick auf das im Augenblick von der Sonne beschienene Siegen war sch�n, bot aber nichts Au�ergew�hnliches.</p><p>Der Butler entschied sich, Lady Marbely vorzuschlagen, so rasch wie m�glich das Anwesen des Verstorbenen in K�nigstein im Taunus aufzusuchen und es als Unterkunft zu nutzen, wenn es sich als geeignet herausstellte.</p><p>Als er der Lady starken hei�en Tee mit gew�rmter Milch und Sandwiches servierte, bat sie ihn, Platz zu nehmen und sich ebenfalls zu bedienen.</p><p>�Es st�rt Sie doch nicht, wenn ich rauche?�, fragte Lady Marbely nach dem ersten Schluck Tee.</p><p>�Nat�rlich nicht, Milady.� Er gab ihr Feuer.</p><p>Lady Marbely sog mehrmals an einem Zigarillo und blies den Rauch in den Raum, bevor sie sich den Sandwiches zuwandte.</p><p>�Ich muss Sie loben, James. Der Tee ist vorz�glich, die Sandwiches k�nnten etwas Salz in der Butter vertragen.�</p><p>�Ich notiere den Wunsch, Milady.�</p><p>�Also, was schlagen Sie weiter vor?�</p><p>�Ich w�re Ihnen gerne behilflich, einen Terminplan f�r die n�chsten Tage zu erstellen.�</p><p>Mit diesen Worten startete der Butler seinen iPad und �ffnete den noch leeren Terminkalender.</p><p>�Ich rate Milady, folgende Termine einzuplanen: Begr�bnisfeierlichkeiten Jakob Aufhauser, morgen elf Uhr, in K�nigstein. Fahrzeit Siegen � K�nigstein eineinhalb Stunden. Also Abfahrt vom Hotel neun Uhr f�nfzehn.�</p><p>�Der neue Maybach trifft erst im Laufe des morgigen Tages ein�, erkl�rte die Lady. �Wir m�ssen Ihren Wagen nehmen.�</p><p>�Gern, Milady.�</p><p>�Und wir m�ssen meinen Chauffeur unbedingt im Krankenhaus besuchen.�</p><p>�Ich merke diesen Punkt vor, Milady.� Der Butler tippte Buchstaben und Zahlen in den Tablet-PC. �Das Anwesen Ihres Herrn Cousins in K�nigstein k�nnte sich als angemessenere Unterkunft als das Parkhotel erweisen. Au�erdem sollten wir uns ein Bild davon machen, wie Ihr Vetter gelebt hat.�</p><p>�Sie kannten ihn?�, fragte die Lady.</p><p>�Wie darf ich Ihre Frage verstehen, Milady?�</p><p>�Sie erw�hnten die Leibesf�lle Jakobs, also vermute ich, dass Sie ein Bild oder ihn selbst gesehen haben. Soweit ich wei�, war er nicht besonders dick.�</p><p>Der Butler dachte kurz nach. �Mir ist nicht bewusst, eine Bemerkung �ber das Aussehen Jakob Aufhausers gemacht zu haben, wenn Milady gestatten.�</p><p>�Sie nannten ihn <emphasis>Fetter</emphasis>, und das hei�t doch ��</p><p>Der Butler l�chelte. �Ein Missverst�ndnis, Milady. Leicht aufzukl�ren. Vetter mit V ist ein Synonym, ein anderes Wort f�r Cousin.�</p><p>�Ach herrje. Ich verstehe. Sie k�nnen fortfahren, James. Ich meine mit dem Erstellen des Terminplans.�</p><p>�Sehr wohl, Milady. Da w�ren noch um f�nfzehn Uhr die Testamentser�ffnung im Amtsgericht K�nigstein unterzubringen und sp�ter eine Besichtigung der Firma Ihres Cousins hier in Siegen.�</p><p>�Und der Besuch meines Chauffeurs im Spital.�</p><p>�Nat�rlich. Darf ich also folgende Reihenfolge der morgigen Termine vorschlagen: Fahrt nach K�nigstein, Teilnahme an den Trauerfeierlichkeiten, Testamentser�ffnung, R�ckfahrt nach Siegen, Besuch Ihres Chauffeurs im Krankenhaus. Eine Besichtigung der Fabrik des Verstorbenen und seines Anwesens in K�nigstein m�ssen wir auf �bermorgen verschieben. Ich ersuche Milady um Verst�ndnis, dass Sie bis dahin weiterhin mit dem Park Hotel vorlieb nehmen m�ssen.�</p><p>�Ich bin voll und ganz zufrieden, James. Es ist ein ruhiges, sauberes Haus mit einem sch�nen Blick auf die Stadt. Kein Problem.�</p><p>�Und ich bitte weiter um Verst�ndnis, wenn ich die n�chsten Stunden Milady nicht zur Verf�gung stehen kann.�</p><p>�Was haben Sie vor, James?�</p><p>�Eine Fahrt nach K�nigstein.�</p><p>�Noch heute?�</p><p>�Es ist die letzte Gelegenheit, Ihren Verwandten zu sehen, bevor er in die Erde versenkt wird. Ich m�chte mir ein Bild machen, woran er tats�chlich gestorben ist.�</p><p>�Ich komme selbstverst�ndlich mit�, schlug Lady Marbely resolut vor.</p><p>�Ich muss Sie bitten, davon Abstand zu nehmen, Milady. Es sind gewisse Manipulationen am K�rper des Herrn Cousins notwendig, die nicht f�r die Augen einer Lady bestimmt sind. Au�erdem bedeutet das Eindringen in den K�hlbereich des Bestattungsinstituts einen Gesetzesversto�, der einer Dame Ihres Ranges schwerlich zuzumuten ist.�</p><p>�Dann werde ich fernsehen und Gin-Tonic trinken.�</p><p>�Und die wei�en M�use in Empfang nehmen, die im Laufe des Abends geliefert werden.�</p><p>Die Lady hob die Augenbrauen, und der Butler erkannte eine weitere Verst�ndigungsschwierigkeit. �Die Laborm�use ben�tige ich f�r eine medizinische Untersuchung.�</p><p>Milady lachte befreit auf, wurde aber sofort wieder ernst. �Sofern die armen Tiere nicht leiden m�ssen ��</p><p>�Das, Milady, kann ich leider nicht versprechen. Es h�ngt davon ab, ob Ihr gesch�tzter Verwandter eines nat�rlichen Todes gestorben oder ermordet worden ist.�</p><p>Lady Marbely nickte nachdenklich. �Ich verstehe.�</p><p>Der Butler startete seinen silbergrauen Mercedes GLK 220 und fuhr vom Hotelparkplatz zur A45, Richtung Frankfurt am Main. Bei Nieder-M�rlen verlie� er die Autobahn, um den Verkehrsstaus in der Stadtregion Frankfurt zu entgehen. Er fuhr am ehemaligen F�hrerhauptquartier in Butzbach vorbei, dessen mit Efeu bewachsener und einer Schiefermauer getarnter Luftschutzbunker noch zu sehen war. Die sanften H�gel des Naturparks Hochtaunus, in dem K�nigstein lag, waren dicht mit Laubb�umen bewachsen, deren dunkle Zweige einen ersten Hauch von Gr�n erkennen lie�en.</p><p>Der Luftkurort K�nigstein war von �berdurchschnittlich vielen Wohlhabenden bis Reichen bewohnt. Die vielen G�rten und Villen und die an den Stra�en parkenden Autos vermittelten einen ersten Eindruck der Kaufkraft seiner Bewohner. Es war kurz nach achtzehn Uhr. Die Sonne versank als rotorangefarbener Ball hinter der im Westen gelegenen Schlossruine. Am Fu�e des Hanges, auf der die Festung stand, lag der Friedhof. Der Butler fuhr in die Limburger Stra�e zum Bestattungsinstitut <emphasis>Piet�t Bertram,</emphasis> das in einer Gr�nderzeitvilla mit T�rmchen und Erkern untergebracht war, und pr�fte die Zug�nge zu dem d�ster wirkenden Geb�ude.</p><p>Der Butler entschloss sich, f�r sein heikles Vorhaben den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Er gab die Adresse des verstorbenen Cousins von Lady Marbely in das Navigationsger�t ein und fuhr ein St�ck weiter in die Theresenstra�e, von der aus die Villa Andreae auf dem Gaisberg gut zu erkennen war. Das kleine Schloss leuchtete wei� durch die dichte Vegetation des Parks. Im Sommer, wenn die B�sche und B�ume Bl�tter trugen, w�rde man keine Sicht mehr auf das Geb�ude haben, das auf den Butler mehr als vielversprechend wirkte. Wenn das Innere des Schlosses ebenso ansprechend war, b�te es das ideale Ambiente f�r Lady Marbelys Aufenthalt.</p><p>Gegen einundzwanzig Uhr war es so weit. Der Butler betrat den Vorgarten des Bestattungsunternehmens und bewegte sich gemessenen Schrittes hinter die Villa, wo er sich ungest�rt Zutritt zu den R�umlichkeiten verschaffen konnte. Er kontrollierte die Fenster und T�ren nach Anzeichen einer Alarmanlage, wurde aber nicht f�ndig. Dennoch war er zum schnellen R�ckzug bereit, sollte er ein Signal ausl�sen.</p><p>Die schwarze T�r aus massivem Holz lie� sich innerhalb weniger Minuten �ffnen. Er lie� sie angelehnt, um, wenn n�tig, rasch fliehen zu k�nnen. Im Inneren des Geb�udes orientierte er sich mithilfe seiner leistungsstarken Kryptonlampe, die er immer wieder abschaltete, um nicht von der Stra�e aus bemerkt zu werden.</p><p>Der Butler vermutete den K�hlraum der Bestattung im Erdgeschoss, das w�rde den An-und Abtransport der Toten erleichtern. Nach zwei Fehlversuchen fand er den fensterlosen Raum mit den silbrig schimmernden Leichenk�hlzellen aus Edelstahl. Er entriegelte die T�r und bet�tigte den Lichtschalter. Zwei Reihen von Neonlampen tauchten die Halle in kaltes Licht. Den Butler fr�stelte, als er die K�hlzellen der Reihe nach �ffnete und die an den linken gro�en Zehen angebrachten Namensschilder der Verstorbenen las.</p><p>In der vierten unteren Zelle lag Lady Marbelys Cousin. Ein Mann Ende f�nfzig, mit einem mageren, unsportlichen K�rper. Seine Augen waren geschlossen, der Unterkiefer war mit einer wei�en Mullbinde fixiert worden. Der Butler schob die Mulde, so weit es ging, aus dem Metallschrank und begann den K�rper nach Einstichspuren zu untersuchen. Auf der Vorderseite des Toten konnte er in der Linse seiner Leuchtlupe nichts entdecken, also musste er den Toten umdrehen.</p><p>Bevor er jedoch die Untersuchung des Verstorbenen fortsetzen konnte, h�rte er den ged�mpften Sirenenton einer Alarmanlage. Der Butler lauschte. Das Ger�usch des Alarms kam nicht vom Haus, die Quelle war weiter entfernt. Au�erdem klang die Sirene verd�chtig nach der Alarmanlage seines Mercedes. Er w�rde das Fahrzeug exakt kontrollieren, bevor er es in Betrieb nahm. Es konnte aber auch sein, dass eine Katze, die etwas heftig auf den Wagen gesprungen war, den Sirenenton ausgel�st hatte.</p><p>Der Butler wandte sich erneut dem bleichen K�rper zu, der in der Leichenmulde vor ihm lag und erkannte einen Einstich in der Haut am linken Schulterblatt. Das sah nach einer letalen Injektion aus. Mit seinem Leatherman schnitt der Butler etwas Gewebe aus dem Toten und schob es in ein Reagenzglas, in dem sich eine Mischung aus Benzylalkohol, absolutem Ethanol, Propylenglycol und Essigs�ure befand. Der Butler �berlegte, ob der Tote nicht doch eine Botschaft, seinen M�rder betreffend, hinterlassen hatte. Wo w�rde er selbst in einer solchen Situation einen Hinweis verbergen? Es boten sich nicht allzu viele M�glichkeiten. Er w�rde sich einen Zettel in den Mund stecken und hoffentlich die innere Ruhe haben, ihn nicht in den Rachenraum hinter die Z�hne zu schieben, denn dort konnte er sp�ter nicht entdeckt werden. Ein Mensch, der etwas Zeit hatte zu �berlegen, w�rde eine schriftliche Botschaft zwischen Lippen und Wangen verbergen.</p><p>Der Butler zog Latexhandschuhe an, begann den �u�eren Mundraum abzutasten und sp�rte tats�chlich einen Gegenstand an der linken Wange. Bingo! Es war ein St�ck Pappe, auf dem elf Ziffern standen: 89124118139. Er legte den Zettel in einen Polyethylensack und hielt die Zahl in seinem iPad fest.</p><p>Beim Verlassen des Bestattungsinstituts verschloss er die T�r und begab sich zu seinem in einiger Entfernung geparkten Wagen, dem er eine Wolldecke entnahm, die er auf dem Asphalt ausbreitete und sich mit dem R�cken darauf legte. Dann leuchtete er unter das Fahrzeug, wo er nichts Au�erordentliches entdecken konnte. Als N�chstes entfernte er die Radkappen aller vier Reifen und erkannte, dass die Muttern am linken Vorderrad gelockert worden waren. Mit dem Radkreuz aus dem Kofferraum befestigte er diese wieder. Dann trat er die R�ckreise nach Siegen an.</p><p>Der Butler vermutete, dass man ihn mit derselben Methode, die man schon bei Lady Marbelys Maybach angewandt hatte, buchst�blich aus dem Verkehr ziehen wollte. Demnach war der mysteri�se Attent�ter also auch auf ihn aufmerksam geworden.</p><p><strong>*</strong></p><p>Um genau dreiundzwanzig Uhr siebzehn stoppte der Butler seinen Gel�ndewagen auf dem Parkplatz des Siegener Hotels. Oben im Apartment k�mmerte sich Lady Marbely gerade liebevoll um vier wei�e M�use, die in einem K�fig hin und her huschten. �Sie d�rfen sie nicht alle t�ten, James! Gen�gt es nicht, das Experiment nur bei einem der Tiere durchzuf�hren?�</p><p>�Ich schlage Milady folgenden Kompromiss vor. Wenn einer der M�use nichts geschieht, wenn also die Substanz, die ich dem K�rper des Verstorbenen entnommen habe, nicht toxisch ist, wiederhole ich den Vorgang bei den weiteren Tieren. Wenn allerdings die erste Maus stirbt, verschone ich die restlichen.�</p><p>�Wenn es unbedingt sein muss�, seufzte die Lady. �Aber welche nehmen wir?�</p><p>�Diejenige, die sich am leichtesten fangen l�sst.�</p><p>�Sie entschuldigen mich einen Augenblick, James. Ich m�chte nicht anwesend sein, wenn Sie �ber Leben und Tod dieser zauberhaften Wesen entscheiden.�</p><p>�Es geschieht nichts mit ihnen, das nicht auch Ihrem Herrn Vetter geschah, Milady.�</p><p>�Das macht es nicht besser, James.� Lady Marbely verlie� den Raum, ein Glas Gin in der Hand.</p><p>Der Butler verd�nnte die L�sung im Reagenzglas, das die Gewebeprobe aus dem R�cken des Toten enthielt, mit einem Milliliter Wasser, das er einer braunen Ampulle entnahm. Dann zog er die Fl�ssigkeit in eine Spritze, indem er deren Kolben bet�tigte. Anschlie�end injizierte er einer der M�use die Fl�ssigkeit und beobachtete das Tier. Die Maus lief aufgeregt im K�fig hin und her, ihre Artgenossen beschn�ffelten sie, dann sank sie zur Seite, die rosaroten Pfoten zitterten. Schlie�lich erstarrte der kleine K�rper. Der Butler erhob sich und klopfte an die T�r zu Lady Marbelys Schlafgemach. �Ist es vorbei?�, fragte die Lady. �Eine der M�use ist bedauerlicherweise verstorben�, best�tigte der Butler. �God �! Und das hei�t f�r unseren Fall?� �Das hei�t, dass man Ihrem Verwandten eine t�dliche Substanz injiziert hat. Ich tippe auf Insulin, das bei dem nicht zuckerkranken Jakob Aufhauser Hypoglyk�mie, also Unterzuckerung, ausgel�st hat. Mit t�dlicher Folge in beiden F�llen.�</p><p>�Was haben Sie vor mit Philip?�, fragte die Lady streng. �Philip? Sie entschuldigen meine geistige Schwerf�lligkeit, Milady, aber ich �� �Die tote Maus, James. Was haben Sie mit ihr vor?� �Ich dachte � Master Philip in der Toilette zu entsorgen.� Milady bl�hte sich auf. �Unterstehen Sie sich!� �Selbstverst�ndlich! Das geht nat�rlich nicht! Wie lautet Ihr Vorschlag, Milady?� �Ein Begr�bnis im Hotelgarten.� �Es ist schon sehr sp�t, und wir m�ssen morgen �� �Dann mache ich es allein.� �Auf keinen Fall, Milady!� Lady Marbely reichte dem Butler ein bl�tenwei�es Spitzentaschentuch, in das er Maus Philip h�llte. Daraufhin folgte er der Lady, die den Lift nach unten nahm, dem verschlafen wirkenden Portier w�rdevoll zunickte und den Park des Hotels durch den Hinterausgang betrat.</p><p>Der Butler stach mit dem Leatherman einen quadratischen Rasenziegel aus dem Boden und hob eine kleine Mulde aus. Lady Marbely legte die tote Maus liebevoll hinein und lie� Erde auf das schneewei�e Tier rieseln. Der Butler verschloss das Grab und wollte wieder nach oben eilen, doch Lady Marbely beliebte es, noch einige Minuten in stillem Gedenken zu verweilen. So musste auch der Butler an ihrer Seite ausharren, bis sie sich endlich von der Grabst�tte l�sen konnte.</p><p>Der Butler nahm an jenem Abend eine Schlaftablette, um nach kurzem Schlaf am n�chsten Tag voll einsatzf�hig zu sein. So schwer hatte er sich seinen neuen Job nicht vorgestellt.</p><p><strong>*</strong></p><p>Die Fahrt von Siegen nach K�nigstein verlief programmgem��, beg�nstigt durch den Fr�hlingssonnenschein, der die h�gelige Landschaft zum Funkeln und Strahlen brachte. Die get�nten Scheiben des GLK 220 sch�tzten gegen die Blendung, die von Fl�ssen, B�chen und Fensterscheiben ausging.</p><p>Vor der Verabschiedungshalle des Friedhofs stand schon eine Gruppe von Menschen, die auf Einlass warteten. Als ein Mann vom Bestattungsunternehmen die T�r �ffnete, geleitete der Butler Lady Marbely in die erste Sitzreihe. Er selbst blieb stehen, um einen besseren �berblick zu haben.</p><p>Sanfte Orgelkl�nge drangen von der Empore; der Saal f�llte sich mit dunkel gekleideten Menschen, die alle ehrf�rchtig auf den metallbeschlagenen Sarg blickten, auf dem geradezu unheimlich wirkende blaue Rosen lagen.</p><p>Rechts neben Lady Marbely nahmen, nachdem sie die Lady begr��t hatten, eine schlanke, attraktive Frau und ein d�ster wirkender Mann Platz. Es handelte sich um Hans Obermann, einen der Gesch�ftsf�hrer des Verstorbenen, mit seiner Frau Angela. Der Mann, den eine tiefe Narbe im Gesicht verunstaltete, �hnelte einem b�sen Hund. Das Wortspiel Obermann-Dobermann dr�ngte sich geradezu auf, fand der Butler.</p><p>Zur Linken der Lady sa� ein gro�er blonder Mann, dessen Haarf�lle unnat�rlich wirkte. Der Butler vermutete, dass er eine Per�cke trug. Und noch etwas wirkte unecht an Alexander Henschel, dem zweiten Gesch�ftsf�hrer. Er l�chelte trotz des ernsten Anlasses unaufh�rlich, auch w�hrend seiner Trauerrede, in der er des <emphasis>teuren Verstorbenen</emphasis> gedachte, dessen Leben er von Kindheitstagen bis zum achtundf�nfzigsten Lebensjahr w�rdigte. Henschel verwies auf das gro�e technische K�nnen Jakob Aufhausers, sowie auf sein gesch�ftliches Talent, das ein Viermannunternehmen zu einem f�hrenden Betrieb der Region Siegen hatte aufbl�hen lassen.</p><p>�Jakob Aufhausers ganze Leidenschaft galt der Firma, f�r Beziehungen und Vergn�gungen blieb wenig Zeit, nachdem er auf tragische Weise seine Familie verloren hatte�, bemerkte der unerm�dlich l�chelnde Mann. �Jakob � unser Jakob � war in den Jahren nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes mit dem Betrieb verheiratet. Und wir, seine Ersatzkinder, werden uns bem�hen, sein Werk w�rdig fortzusetzen.�</p><p>Der evangelische Pfarrer rief zum Gebet, segnete die Trauergemeinde, das Licht wurde ged�mpft und erlosch unter den Kl�ngen der Orgel. Menschen husteten und schn�uzten sich. Der Sarg wurde von vier Tr�gern nach drau�en gebracht und auf einen schwarzen vierr�drigen Wagen gehoben. Die Trauernden folgten betend dem Gef�hrt in den an diesem Tag heiter wirkenden Friedhof, dessen Gr�ber mit gelben und wei�en Narzissen, fr�hen Tulpen und sp�ten Schneerosen geschm�ckt waren.</p><p>Der Butler ging zur Linken der Lady. Ihnen folgte der Rest des Kondukts, der an einer Gruft, die an den Arkaden des Friedhofs lag, zum Stillstand kam. Der Pfarrer segnete erneut Sarg und Trauernde, dann wurde der Sarg auf eine Plattform gehoben, die sich, mechanisch betrieben, langsam in die Gruft senkte.</p><p>�Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub�, sagte der Pfarrer und beendete die Verabschiedung mit dem feierlichen Ruf: �Ruhe in Frieden.�</p><p>Die Trauerg�ste stellten sich in einer langen Reihe an, um der Lady und den Gesch�ftsf�hrern ihr Beileid auszusprechen.</p><p>Der Butler war in Gedanken an fr�here Begr�bnisse in seiner eigenen Familie versunken, als ihn etwas blendete. Er trug keine Sonnenbrille und sp�rte das grelle Licht schmerzhaft in den Augen. Er erkannte sofort, dass es sich um das Objektiv eines Zielfernrohrs handeln musste, das, von den Strahlen der Fr�hlingssonne getroffen, hell aufleuchtete. Ohne nachzudenken hechtete er vor Lady Marbely, sodass sein R�cken die klein gewachsene Frau gegen die Schussrichtung abschirmte. Fast gleichzeitig empfing er einen so heftigen Schlag, dass er mit Milady zu Boden ging. Dort lag er einen Moment nach Luft ringend, bis er wieder reden konnte. �Ein Attentat!�</p><p>�Sind Sie verletzt, James?�</p><p>�Ich trage schusssichere Kleidung, Milady, die vor dem Eindringen eines Projektils sch�tzt, nicht jedoch vor dessen Wucht beim Aufprall.� Fl�sternd f�gte er hinzu: �Aber wir wollen kein Aufsehen erregen. Ich bin gestolpert.�</p><p>Die Lady entschuldigte sich bei den verschreckten Umstehenden f�r das Missgeschick ihres Butlers.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Worauf soll ich beim Totenmahl achten?�, fragte Lady Marbely ihren Begleiter, als sie sich zum Kurhaus von K�nigstein begaben.</p><p>Der Butler beugte sich zu ihr hinab, um nicht allzu laut sprechen zu m�ssen. �Ich habe mir vorgenommen, Antworten auf einige Widerspr�chlichkeiten zu finden.�</p><p>�Erz�hlen Sie, James! Lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus dem Mund ziehen, oder wie das hei�t.�</p><p>�Aus der Nase, Milady. Ein seltsames Sprichwort, das auf die Quacksalber vergangener Jahrhunderte zur�ckgeht, die vorgaben, Menschen zu heilen, indem sie ihnen W�rmer aus der Nase zogen. W�rmer, die angeblich im Kopf zu seelischen und geistigen Schwierigkeiten f�hrten.�</p><p>�Sie sind offenbar ein wandelndes Lexikon, James.�</p><p>�Aber wir wollen nicht vom Thema abweichen, Milady. Mich besch�ftigt die Frage, warum der Verstorbene eineinhalb Autostunden entfernt von seiner Firma wohnte. Das bedeutet, wenn ich nicht irre, eine t�gliche Fahrzeit von drei Stunden.�</p><p>�Sie irren nicht, James. Und weiter?�</p><p>�Warum hat die sch�ne Frau Obermann den zumindest �u�erlich eindeutig weniger attraktiven Herrn Obermann geheiratet?�</p><p>�So sch�n ist sie gar nicht�, wehrte Lady Marbely ab. �Sie hat etwas Nonnenhaftes an sich.�</p><p>�Es gibt auch sch�ne Nonnen. Wenn Milady diesen Einwurf gestatten. Sie erinnert mich an eine Politikerin in der Ukraine.�</p><p>�Julia Timoschenko. Und die sitzt im Gef�ngnis�, bemerkte Lady Marbely trocken. �Welche Fragen liegen Ihnen noch auf der Zunge, James?�</p><p>�Hatte Ihr gesch�tzter Herr Cousin eine Freundin? Zum Beispiel. Und wie verh�lt es sich mit den Beziehungen des Herrn Henschel?�</p><p>�Sie meinen den zweiten Gesch�ftsf�hrer?�</p><p>�Erster oder zweiter wird sich noch herausstellen, wenn Milady erlauben�, bemerkte der Butler. �Warum tr�gt Henschel eine Per�cke, warum l�chelt er st�ndig? Au�erdem verstehe ich noch nicht, warum der Verstorbene sein Verm�gen ausgerechnet seiner englischen Cousine hinterl�sst, zu der er kaum Kontakt hatte.�</p><p>�Das ist allerdings bemerkenswert, James. Dar�ber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht.�</p><p>�Die Antwort, Milady, w�re hilfreich.�</p><p>�Sicherlich. Sonst noch was?�</p><p>�Ich hoffe, ich habe nicht den Eindruck erweckt, Milady Auftr�ge erteilen zu wollen. Das w�re nicht mit meiner Rolle � �h, meiner Position in Ihren Diensten vereinbar. Es handelt sich bei den erw�hnten Unklarheiten um Fragen, die ich mir selbst stelle und die ich versuchen werde, zu beantworten.�</p><p>�Und ich helfe Ihnen selbstverst�ndlich dabei.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>2.</strong></p></title><p>Die Villa Borgnis, in der das Trauermahl ausgerichtet wurde, befand sich im Kurpark. Der Butler musste beim Anblick des Geb�udes unwillk�rlich g�hnen und f�hrte diesen Umstand einerseits auf die kurze Nachtruhe, andererseits aber auch auf die Atmosph�re zur�ck, die das Kurhaus der Stadt K�nigstein ausstrahlte. Dem Anlass entsprechend, ewige Ruhe. Die Menschen, die sich hier zum sogenannten Reuessen versammelt hatten, wagten kaum zu sprechen. Sie fl�sterten miteinander. Der Butler brach den Bann, indem er sich mit Lady Marbely in normaler Lautst�rke unterhielt.</p><p>Die Lady, als engste Angeh�rige des Verstorbenen, sa� an der Stirnseite der wei� gedeckten Tafel. An den L�ngsseiten nahmen die beiden Gesch�ftsf�hrer Platz. Der d�stere Hans Obermann mit seiner sch�nen Frau Angela. Ihnen gegen�ber sa� Alexander Henschel, der sich vergeblich bem�hte, sein L�cheln zu d�mpfen. Die restliche Trauergemeinde bestand zum Gro�teil aus M�nnern, die, wie der Butler vermutete, aus Jakob Aufhausers Firma stammten.</p><p>�Wir m�ssen herausfinden, wer das Essen organisiert hat�, wandte sich Lady Marbely an den an ihrer linken Seite positionierten Butler.</p><p>Dieser erhob sich und begab sich zu Angela Obermann, besprach sich mit ihr und kehrte an seinen Platz zur�ck. �Die Obermanns haben das gemacht.�</p><p>�Das muss ich regeln. Die Kosten werde ich �bernehmen�, stellte Lady Marbely fest und begab sich, freundlich l�chelnd, zu den Obermanns, bei denen sie so lange blieb, bis die Speisen aufgetragen wurden. Zum Reuessen wurde Tafelspitz mit Frankfurter Gr�ner So�e serviert. Lady Marbely fand den Geschmack der So�e interessant und erkundigte sich bei ihrem Butler, woraus diese bestand.</p><p>�Verschiedene Kr�uter�, gab der Butler zur Antwort. �Zu dieser Zeit des Jahres aus Glash�usern stammend, Milady.�</p><p>�Und Sie als Mann wissen nat�rlich nicht, um welche Kr�uter es sich handelt.�</p><p>�Um Ihre Frage so exakt wie m�glich zu beantworten: Es ist mir bekannt, liegt aber f�r gew�hnlich nicht im Bereich meiner pers�nlichen Interessen. Der Umstand, dass Milady sich mit dieser Frage besch�ftigt, �ndert nat�rlich die Situation.� Bei diesen Worten erhob sich der Butler kurz von dem gepolsterten Stuhl und deutete eine Verbeugung an.</p><p>��bertreiben Sie nicht, James! Ich bin mir bei Ihnen nicht sicher, ob Sie mich nicht auslachen.�</p><p>�Das liegt mir fern, Milady.�</p><p>�Und die Kr�uter in der So�e?�</p><p>�Schnittlauch, Petersilie, Sauerampfer, Borretsch, Kerbel, manchmal auch Dill. Die Pimpinelle nicht zu vergessen.�</p><p>�Die Pimpi� was?�</p><p>�Pimpinelle oder Kleiner Wiesenknopf, eine wild wachsende Pflanze.�</p><p>�Ich verstehe. Und das alles wird ged�nstet und gemixt.�</p><p>�Wie Milady belieben.�</p><p>�Das hei�t, ich irre mich in meiner Vermutung, die Zubereitung betreffend.�</p><p>�Milady irren nie.�</p><p>�Wie w�rden Sie die Gr�ne So�e bereiten, wenn ich Sie darum b�te, James?�</p><p>�Ich w�rde in diesem Fall die Kr�uter fein hacken und mit saurer Sahne sowie mit Eigelb vermengen.�</p><p>�Und nicht kochen?�</p><p>�Es ist eine kalte So�e�, stellte der Butler fest und war froh, dass Hans Obermann das Gespr�ch unterbrach, indem er mit einer Gabel an ein Weinglas schlug, sich erhob und an den Verstorbenen erinnerte, zu dessen Ehren man sich hier versammelt hatte.</p><p>Obermann bedankte sich auch bei Lady Marbely f�r die Einladung zu diesem Essen, worauf diese, leicht verlegen, nickte. Er schloss mit den Worten: �Jakob Aufhauser, unser gesch�tzter Chef, lebte ausschlie�lich f�r den Beruf. Er opferte vieles in seinem Leben uns und unserem Betrieb. Angela und ich wollen ihm ein letztes Mal daf�r danken.�</p><p>Mit dem Essen und dem Dornfelder, einem trockenen Wei�wein aus Wachenheim in Rheinland-Pfalz, lockerte sich allm�hlich die Stimmung im Saal, und nach dem Dessert, das aus Espresso und Schokoladenmuffins auf Pfefferkirschen, gef�llt mit Mandelmilch-Kirscheis, bestand, wie den Men�karten zu entnehmen war, kamen die Gespr�che in Fahrt.</p><p>Lady Marbely widmete sich besonders intensiv der Konversation mit Alexander Henschel, der fast unversch�mt mit ihr flirtete. Ihre Wangen nahmen dabei einen leicht rosigen Schimmer an. Der Butler wiederum, der die Lady nicht aus den Augen lie�, fand sein Gespr�ch mit Frau Obermann sehr aufschlussreich. Die sch�ne Frau verriet ihm, dass Jakob Aufhauser praktisch bei ihnen gewohnt hatte.</p><p>�Ganz wenige Wochenenden verbrachte er hier, in seiner Villa, in K�nigstein�, erkl�rte sie. �Und da ist es auch passiert. Er war nie krank gewesen. Ich kann es mir nicht erkl�ren. W�re er bei uns gewesen, h�tten wir ihn retten k�nnen.�</p><p>Der Butler, der wissen wollte, welche Art Beziehung zwischen Frau Aufhauser und dem Verstorbenen bestanden hatte, fragte wie beil�ufig: �Die Leute von <emphasis>Piet�t Bertram</emphasis> berichteten Lady Marbely von einer seltsamen T�towierung Jakob Aufhausers, irgendwo im R�ckenbereich. Leider hatten wir keine Chance mehr, dieser Frage nachzugehen.�</p><p>�Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Auch mein Mann nicht. Wir waren eng befreundet, respektierten aber die Grenzen des anderen. Nur so konnte es all die Jahre gut gehen.�</p><p>Die sch�ne Angela sprach entweder die Wahrheit, oder sie war nur vorsichtig. Der Butler nahm sich vor, dies m�glichst rasch herauszufinden. Diese Gelegenheit ergab sich beim n�chsten Termin, im Amtsgericht K�nigstein, Burgweg 9.</p><p><strong>*</strong></p><p>Als die Lady das Autofenster herunterlassen wollte, um die frische Fr�hlingsluft zu genie�en, bat der Butler sie, dies besser zu unterlassen. Er werde die Klimaanlage entsprechend justieren.</p><p>�Sie haben Angst um mein Leben�, sagte die Lady geradeheraus.</p><p>�Sollte es jemanden geben, der nicht damit einverstanden ist, dass Sie das Verm�gen Jakob Aufhausers erben, wird er noch vor der Testamentser�ffnung zuschlagen. Und er hat es ja bereits zweimal getan.�</p><p>Und wie zum Beweis wurden die Worte des Butlers durch einen Knall unterbrochen. Eine Gewehrkugel schrammte das vordere rechte Seitenfenster entlang, an dem Lady Marbely sa�.</p><p>�Dreimal!�, korrigierte sich der Butler trocken. �Der Wagen ist gl�cklicherweise schusssicher, Milady.�</p><p>�Ob ich die Erbschaft ablehnen sollte?�, rief die Lady.</p><p>Der Butler blieb so ruhig, als h�tte lediglich ein Ast den Wagen gestreift. �Davon rate ich ab. Ihnen wird auf jede erdenkliche Weise Schutz geboten. Genau dazu bin ich bei Ihnen!�</p><p>�Aber Ihr Auto ist jetzt zerkratzt�, bedauerte die Lady.</p><p>�Es hat den Anschein.�</p><p>Milady bewahrte Contenance. �Was haben Sie beim Reuessen in Erfahrung bringen k�nnen, James?�</p><p>�Das Gespr�ch dar�ber, Milady, m�ssen wir leider bis nach der Testamentser�ffnung verschieben. Die Zeit dr�ngt.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Im Amtsgericht K�nigstein hatten sich auch das Ehepaar Obermann sowie Aufhausers Rechtsanwalt Dr. Gundolf Siedler eingefunden. Der etwa F�nfzigj�hrige mit dem schon sch�tteren Haar wirkte nerv�s. Er musterte die Ankommenden durch die dicken Gl�ser seiner randlosen Brille, die er immer wieder zurechtr�ckte.</p><p>�Eine �berfunktion der Schilddr�se�, stellte Lady Marbely fl�sternd fest. �Sehen Sie nur diese Glotzaugen!�</p><p>�Oder Stress, Milady. Angst. Der Mann hat etwas zu verbergen.�</p><p>�Darf ich mich vorstellen: Doktor Siedler. In meine H�nde hat der Verstorbene die Vollstreckung seines Testaments gelegt, nach der Er�ffnung des Dokumentes durch den Amtsrichter.� Der Rechtsanwalt sch�ttelte Milady die Hand. Der Butler, der von ihm ignoriert wurde, betrachtete den nerv�sen Menschen, der elegant gekleidet war und an seiner Rechten einen Ehering trug. Die linke Hand schm�ckte ein silberner Ring mit einem schwarzen Schmuckstein.</p><p>Nach wenigen Minuten bat der Richter die Anwesenden in die Amtsstube, forderte sie auf, Platz zu nehmen und setzte sich selbst an einen ausladenden Schreibtisch. Der Reihe nach lie� er die Geladenen vortreten und �berpr�fte anhand einer Liste ihre Personalien. Dann war es so weit. Er griff nach einem Brief�ffner und brach das Siegel �ber einem Schriftst�ck. Dabei fiel dem Butler auf, dass auch der Richter einen schwarzen Ring trug. Und noch jemand hatte bei der Verabschiedung einen solchen Ring getragen. Der Butler fand es �rgerlich, dass er zu wenig darauf geachtet hatte und nun nicht mehr wusste, um wen es sich gehandelt hatte.</p><p>Der Richter r�usperte sich, dann verlas er Jakob Aufhausers Letzten Willen. Er stockte dabei mehrere Male, weil er offenbar Probleme mit der Handschrift des Verstorbenen hatte. �Ich, Jakob Aufhauser, vererbe die Villa Andreae meiner Cousine Amanda Marbely. Ebenso gehen alle meine Firmen, laut beiliegender Liste, an Lady Marbely, sowie mein Barverm�gen von zweiunddrei�ig Millionen Euro, das sich in Form von Sparb�chern, Aktien und Bargeld in meinem Depot in der Deutschen Bank in K�nigstein befindet. Meiner Cousine vertraue ich das k�nftige Geschick meiner Firmen und damit der darin Besch�ftigten an, weil sie zu den wenigen geh�rt, die all das optimal verwalten k�nnen. Die Firmen sollen, nach n�tiger Kl�rung und Sanierung, weiter betrieben werden. In meinem Interesse, im Interesse der Arbeiter, aber auch im wirtschaftlichen Interesse der Region. Weiterhin: Das Ehepaar Obermann, dem ich zu gro�em Dank verpflichtet bin, erbt ein Barverm�gen von f�nfhunderttausend Euro, das ihnen hoffentlich hilft, sich von den m�hevollen Aufgaben rund um die Firma zur�ckzuziehen.� Der Amtsrichter legte eine kurze Pause ein. �Dann folgen Datum und Unterschrift. Eine Beilage, wie im Testament angef�hrt, liegt nicht vor. Die Anwesenden k�nnen Einsicht in das Dokument nehmen und es kopieren lassen. Und Sie, Lady Marbely, Frau und Herr Obermann, m�ssen schriftlich best�tigen, dass Sie die Erbschaft antreten, beziehungsweise ablehnen. Die n�chsten Schritte sind dem Testamentsvollstrecker, Rechtsanwalt Gundolf Siedler, vorbehalten, sofern er diesen Auftrag annimmt.�</p><p>�Ich erkl�re mich dazu bereit�, sagte der Mann feierlich und unterschrieb ein Dokument, das ihm der Richter vorlegte. Lady Marbely und die Obermanns best�tigten ebenfalls schriftlich, dass sie willens waren, die Erbschaft anzutreten.</p><p>�Die Erben m�gen Kontakt mit dem Vollstrecker aufnehmen. Er wird Ihnen alles N�tige mitteilen. Ich danke Ihnen f�r Ihr Kommen.�</p><p>Dr. Siedler schlug Lady Marbely und den Obermanns vor, ihm in seine Rechtsanwaltskanzlei zu folgen. �Das schaffen wir zu Fu�. Die Parkplatzsituation ist hier leider etwas problematisch�, erkl�rte er.</p><p>Der Butler jedoch bestand darauf, Lady Marbely zu fahren. Die hakte sich bei ihm unter. �Ich wei� genau, warum Sie den Wagen nehmen wollten. Langsam durchschaue ich Sie, James.�</p><p>�Sehr wohl, Milady.�</p><p>�Sie wollen die Gelegenheit nutzen, mir mitzuteilen, was ich den Rechtsanwalt fragen soll.�</p><p>�Das ist ein guter Vorschlag, Milady.� Der Butler nickte, hatte jedoch vorrangig die Sicherheit der Lady im Sinn.</p><p>�Den wir gleich in die Tat umsetzen werden, James. Ich werde also fragen, wie das im Testament erw�hnte Beiblatt verschwinden konnte.�</p><p>�Mein Kompliment, Milady, das ist tats�chlich der Kern des Problems, auf den wir, wenn Milady gestatten, nur auf Umwegen zusteuern sollten. Ich schlage vor, Sie fragen nach den Umst�nden, unter denen das Testament zum Vollstrecker gelangt ist, und wer es gefunden hat.�</p><p>�Sie verd�chtigen Doktor Siedler?�</p><p>�Ich denke, wir sollten weiterhin sehr vorsichtig sein.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Die Anwaltskanzlei lag an der Hauptstra�e im ersten Geschoss eines Hauses aus den F�nfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, �ber einem Blumengesch�ft. Lady Marbely, der Butler, Angela und Hans Obermann nahmen an einem runden Tisch Platz, auf dem die Sekret�rin Kaffee, alkoholfreie Getr�nke und Kuchenst�cke vorbereitet hatte.</p><p>�Es wird einen Augenblick dauern, bevor meine Mitarbeiter alle Schriftst�cke erstellt haben, die es Ihnen erm�glichen, die Erbschaft anzutreten�, erkl�rte der nerv�se Rechtsanwalt.</p><p>�Wer hat das Testament gefunden?�, fragte Lady Marbely. �Wie kam es in Ihre H�nde?�</p><p>�Es wurde mir nach dem Tod des Erblassers von Frau Obermann �berbracht, ich reichte es unge�ffnet an das Amtsgericht weiter.�</p><p>�Und das im Testament erw�hnte Beiblatt, das fehlt?�, fragte Lady Marbely weiter.</p><p>�Offenbar war es nicht im Kuvert.�</p><p>Der Anwalt machte eine resignierende Handbewegung.</p><p>Lady Marbely schien f�rs Erste zufrieden und bat anschlie�end das Ehepaar Obermann zu einem Gespr�ch in die Konditorei Kreiner, in unmittelbarer N�he zur Anwaltskanzlei, ebenfalls in der Fu�g�ngerzone der Kurstadt gelegen.</p><p>�Wie ein Wiener Kaffeehaus�, sagte Lady Marbely bewundernd, als sie das Lokal mit seinen dunklen Holzvert�felungen betraten. Die Polsterungen der Sitzm�bel und die Vorh�nge waren aus rotem Samt gefertigt. Nur eine Wand sowie der Plafond des Saales waren wei� gestrichen und verliehen durch ihre Helligkeit dem Raum eine angenehm leichte Atmosph�re.</p><p>Lady Marbely wollte eine Taunus-Apfel-Torte probieren, der Butler w�hlte Mohnstreuselkuchen. Frau Obermann bestellte Zitronensorbet, ihr Mann nahm W�rstchen in Bl�tterteig. Dazu tranken sie Kaffee in allen Variationen von Espresso �ber Milchkaffee bis zum rumhaltigen Pharis�er.</p><p>�Mir ist es ein R�tsel�, begann Lady Marbely nachdenklich, �warum Jakob mich zur Haupterbin bestimmt hat. Ich hoffe, das kr�nkt Sie nicht�, f�gte sie, an das Ehepaar Obermann gewandt, hinzu.</p><p>�Wir sind mehr als zufrieden mit dem, was wir bekommen. Das war sehr gro�z�gig von Jakob�, erwiderte Angela Obermann.</p><p>Nun meldete sich auch ihr Mann zu Wort. �Der Grund, warum Jakob die Firma, sein Schloss hier in K�nigstein und sein Verm�gen Ihnen vermacht, liegt in seinem Verantwortungsgef�hl den Arbeitern und dem Siegerland gegen�ber. W�rde der Betrieb in falsche H�nde geraten, w�re das fatal f�r die Region. Jakob hoffte, wie er im Testament schreibt, dass Sie aus Ihrer Erfahrung heraus f�hig w�ren, die schwierige Erbschaft anzutreten.�</p><p>�Schwierig, Herr Obermann?�</p><p>�Sagte ich schwierig? Nein, das ist vielleicht das falsche Wort. Ich meinte, dass es sich als heikel ��</p><p>Seine Frau unterbrach ihn. �Jakob Aufhauser war Tag und Nacht f�r den Betrieb da. Er hatte kein Privatleben mehr, war sehr einsam und suchte bei uns Anschluss, den wir ihm gerne gew�hrten. Er war f�r uns eine Bereicherung.�</p><p>�Er wohnte praktisch bei uns�, erg�nzte ihr Mann.</p><p>�Seit wann?�, fragte Lady Marbely.</p><p>�Seit sieben, acht Jahren. Nur den Urlaub und manche Wochenenden verbrachte er weiterhin in seinem Schloss hier in K�nigstein.�</p><p>Der Butler betrachtete die Obermanns genau. Angela Obermann war h�bsch und sehr gepflegt. Ihr schmales Gesicht lie� sie jedoch ehrgeizig erscheinen. Ihr d�ster dreinblickender Mann hingegen, dem die Narbe im Gesicht einen beinahe b�sen Ausdruck verlieh, wirkte unsicher und verlegen. Er verbarg eindeutig etwas vor Lady Marbely und m�glicherweise auch vor seiner Frau.</p><p>Der Mann trug keinen schwarzen Ring. Auch das fand der Butler bemerkenswert.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Wir sollten noch Orangen besorgen, bevor die L�den schlie�en�, bemerkte Lady Marbely auf der R�ckfahrt nach Siegen.</p><p>�Milady haben Appetit auf Orangen?�, fragte der Butler.</p><p>�Man kann keinen Krankenbesuch machen, ohne Orangen mitzubringen.�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Wie konnte ich das nur vergessen!�, gab sich der Butler zerknirscht.</p><p>��bertreiben Sie nicht, James. Ich wei�, dass sie mich ziemlich schrullig finden und ��</p><p>�Ihr Verh�r der Obermanns war erste detektivische Klasse und kein bisschen schrullig.�</p><p>�Sie ahnen gar nicht, wie mich Ihre Bemerkung freut, James. Sie m�ssen wissen, dass meine heimliche Leidenschaft dem L�sen von R�tseln geh�rt, besonders wenn es sich um Verbrechen oder gar Morde handelt.�</p><p>�Milady haben in dieser Hinsicht schon Erfahrungen gesammelt?�, erkundigte sich der Butler.</p><p>�In der Welt der Finanzen, in der man sich notgedrungenerweise bewegt, wenn man einigen Firmen vorsteht, gibt es mehr Haie, als man annehmen sollte�, antwortete die Lady. �Soll ich Ihnen einen Beweis meiner detektivischen Tauglichkeit liefern, James?�</p><p>�Den haben Sie bereits mehr als erbracht, Milady. Dennoch muss ich gestehen, macht mich Ihre Ank�ndigung so neugierig, dass ich gerne darum bitte.�</p><p>�Um den Beweis?�</p><p>�Um eine weitere Beobachtung Ihrerseits.�</p><p>�Gut. Drei M�nner tragen gleiche Ringe.�</p><p>�Ein Umstand, der auch mir nicht entgangen ist�, bemerkte der Butler. �Zwei davon haben mit meiner Erbschaft zu tun.� �Der Richter und der Anwalt.� �Und beim dritten wurde ich f�ndig.� �Inwiefern, Milady?� �Sie haben doch sicher bemerkt, James, wie intensiv ich mich dem blonden Herrn Henschel gewidmet habe.�</p><p>In diesem Moment wurde dem Butler klar, dass Aufhausers Gesch�ftsf�hrer den dritten schwarzen Ring getragen hatte.</p><p>�Beim innigen H�ndedruck�, fuhr Lady Marbely fort, �konnte ich den Ring eingehender betrachten. In den schwarzen Stein war das Zeichen f�r Unendlichkeit eingelassen. Wenn ich mich richtig erinnere, in zweifacher Ausf�hrung.�</p><p>�Zwei liegende Achten �bereinander?�</p><p>�So habe ich das wahrgenommen.�</p><p>�Ich bewundere Ihren Scharfblick, Milady.�</p><p>�Ich trage nicht umsonst Multifokallinsen.�</p><p>�Die Ihren Augen jene einzigartige Farbe verleihen, die so sehr an Gletscherseen erinnert.� �Ich muss Sie zurechtweisen, James. Derartige Schmeicheleien haben zu unterbleiben, wenn sie auch, zugegebenerma�en, Schamesr�te auf die Wangen einer alten Frau � �h ��</p><p>�Zaubern?�</p><p>�Schluss jetzt, James. Die Linsen verleihen meinen naturblauen Augen Sch�rfe, sonst nichts.�</p><p>�Nat�rlich. Milady m�gen mir meine Unversch�mtheit verzeihen. Weiterhin muss ich dringend telefonieren. W�re es m�glich, dass Sie die Orangen f�r den Chauffeur allein besorgen?�</p><p>�Ich werde ganz gew�hnliche Apfelsinen kaufen. Blutorangen k�nnten unter den gegebenen Umst�nden die angeschlagene Psyche meines Chauffeurs beleidigen. Wie denken Sie dar�ber, James?�</p><p>�Ich teile wie immer Ihre gesch�tzte Meinung, Milady.�</p><p>Kaum war Lady Marbely im Laden verschwunden, setzte der Butler sein abh�rsicheres Handy in Betrieb, um Kontakt zu Mister Prince aufzunehmen. Mit den Worten: �Zwei liegende Achten, knapp �bereinander�, beendete der Butler das Gespr�ch, gerade als Lady Marbely mit einer T�te Orangen auf dem Beifahrersitz Platz nahm.</p><p>Sie hatte die letzten Worte des Telefonats mitbekommen. �Ich liebe hintergr�ndige M�nner, doch m�chte ich nicht verhehlen, dass mich die Neugier qu�lt. Sie wurden mir vom MI6 empfohlen, mehr wei� ich nicht �ber Sie.�</p><p>�Viel mehr ist auch nicht zu sagen�, wehrte der Butler behutsam ab.</p><p>�Aber Sie sind doch kein Mitglied des Secret Intelligence Service.�</p><p>�Das kann ich best�tigen.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Ein leichtes Umgruppieren der Buchstaben l�st das R�tsel.�</p><p>�SIS. Secret Intelligence Service k�nnte zu ISS oder SSI werden�, �berlegte Lady Marbely und spitzte dabei die Lippen.</p><p>�Die zweite Variante trifft zu. Special Service International. Eine Gruppierung mit zahlreichen Verbindungen, die rasch und effizient handeln kann.�</p><p>�Mehr verraten Sie mir nicht?�</p><p>�Das w�re zum derzeitigen Stand unserer Zusammenarbeit nicht zweckm��ig.�</p><p>�Und es macht alles nur noch aufregender, James. Wunderbar!�</p><p><strong>*</strong></p><p>Mister Prince trank seinen Tee, wie er ihn am liebsten mochte: schwarz, ohne Milch, ohne Zucker, mild-aromatischen China Golden Pi Lo Chun. Nach einer Weile griff er zum Telefon. �Prince hier. Ich brauche deine Hilfe, Professor!�</p><p>�Das h�r ich gern�, antwortete der Angerufene. �Soll ich zu dir kommen, oder willst du dich herbem�hen?�</p><p>�Ich suche dich auf, wir ben�tigen vermutlich die Hilfe deiner schlauen B�cher.�</p><p>�Auf welches Thema soll ich mich vorbereiten?�</p><p>�Lemniskaten�, lautete die Antwort.</p><p>Wenig sp�ter lie� sich Mister Prince im Rolls-Royce Phantom in die Euston Road fahren. Er bedauerte, dass die National Library vom British Museum in diese kulturlose Backsteinscheune in St Pancras verbannt worden war.</p><p>Professor Ronald Hameed sah das anders. Er war der Ansicht, dass sich auch Bibliotheken der modernen Zeit anpassen mussten, mit einem Business-und IP-Center, einem Tonarchiv und digitalisiertem Textmaterial, das weltweit online abrufbar war. Professor Hameeds Office war in einem voll klimatisierten fensterlosen Raum untergebracht. Er begr��te seinen seltenen Gast mit den Worten: �Du bist doch nicht selbst gefahren?�</p><p>�In der Hoffnung, dass die Beantwortung dieser Frage dazu f�hrt, mir deinen vorz�glichen Sherry anzubieten, verneine ich�, erwiderte Mister Prince.</p><p>Professor Hameed entkorkte einen drei�ig Jahre alten Garvey, schenkte ein und prostete seinem Gast zu. �Die Lemniskate f�hrt dich also zu mir.�</p><p>�Zwei Zeichen f�r Unendlichkeit, in geringem Abstand �bereinander. So hat es unser Mann in Deutschland beschrieben.�</p><p>�Das ist nichts Erfreuliches.� Der Professor verzog das Gesicht.</p><p>�So zart besaitet, neuerdings, Professor?�</p><p>�Ein Fall, mit dem ihr zu tun habt?�, erkundigte sich Hameed.</p><p>�Ein Toter in Deutschland ��</p><p>�In Deutschland sterben wie �berall viele Menschen. Ich muss dich daran erinnern, dass wir alle irgendwann abtreten m�ssen. Was ist das Besondere daran?�</p><p>�Ein Verwandter der Lady.�</p><p>�Du meinst doch nicht ��</p><p>�Doch. Ich meine Amanda Marbely und das bereitet mir Sorgen.�</p><p>�Ich teile diese Einsch�tzung voll und ganz. Noch ein Glas?�</p><p>�Das l�st das Problem nicht.�</p><p>�Aber es erleichtert es wom�glich.�</p><p>Eine gute Stunde sp�ter, auf der R�ckfahrt in die Residenz, nahm Mister Prince Kontakt zu Tom Rother vom BND auf und erkl�rte ihm den Fall, an dem einer seiner Leute arbeitete.</p><p>�Wir werden ihm zur Seite stehen�, gab Rother zur Antwort.</p><p>�Er wird es als Zeichen mangelnden Vertrauens auffassen.�</p><p>�Also verdeckt.�</p><p>�Wie es sich f�r einen Geheimdienst geh�rt�, best�tigte Mister Prince.</p><p><strong>*</strong></p><p>Lady Marbelys Chauffeur konnte keine Orangen essen. Sein gebrochener Unterkiefer war mit Schrauben fixiert worden. Die Nahrungsaufnahme beschr�nkte sich auf Fl�ssiges und P�riertes.</p><p>�Sie sollten die Orangen pressen, James�, schlug die Lady vor. �Die Vitamine werden ihm guttun.� Dann wandte sie sich an den bleich wirkenden Mann und �bersetzte: �James is going to prepare fresh orange juice for you, dearest.�</p><p>Der Butler verlie� das Zweibettzimmer auf der Unfallchirurgischen Abteilung des Kreisklinikums und begab sich in einen nahe gelegenen Markt, in dem er eine Flasche Orangensaft, Plastikbecher und Trinkhalm sowie hochprozentigen Rum erwarb. Die Orangen verschenkte er an ein Rentnerehepaar, die den vornehm gekleideten Butler dabei verdutzt, aber dankbar anl�chelten. Noch vor dem Krankenzimmer vermischte er Orangensaft und Rum.</p><p>�Thank you so much�, nuschelte der Chauffeur nach den ersten Schlucken aus dem wei�en Becher m�hsam. �I think, we�ll be friends.�</p><p>Lady Marbely musterte den Butler misstrauisch, doch dieser wandte sich direkt an den Chauffeur und fragte ihn, wie er den Ablauf des Unfalls erlebt hatte. Der Mann erkl�rte auf Englisch, dass er einen Umweg �ber das landschaftlich sch�ne Rothaargebirge gemacht hatte und dass es dort passiert war. Dabei entschuldigte er sich mehrmals bei Lady Marbely f�r die Besch�digung des Maybachs.</p><p>�Es war ohnehin an der Zeit, auf ein neueres Modell umzusteigen�, meinte die Lady.</p><p>�Wo k�nnten die Radmuttern gelockert worden sein?�, erkundigte sich der Butler bei dem Chauffeur, der zufrieden am Orangensaft nippte.</p><p>�Ich legte eine l�ngere Rast in Schmallenberg ein, wo ich ein Caf� mit dem bemerkenswerten Namen <emphasis>Knasperhouse</emphasis> aufsuchte.�</p><p>�Das hei�t Knusperhaus�, korrigierte ihn Lady Marbely. �Sie sollten endlich etwas Deutsch lernen, mein Bester.�</p><p>�Sehr wohl, Milady�, erwiderte der Chauffeur, selig vor sich hin l�chelnd. �Und da muss es passiert sein.�</p><p>�Und die Attent�ter meinten, Lady Marbely befinde sich im Wagen?�, erkundigte sich der Butler.</p><p>�Der Eindruck mag wohl entstanden sein. Ich sa� am Tisch mit einer Einheimischen etwa des gleichen Alters wie �� Der Chauffeur verbesserte sich sofort. �Mit einer eleganten Dame, deren Jugendlichkeit ��</p><p>Als Lady Marbely mit dem Butler das Kreisklinikum verlie�, fragte sie: �Was haben Sie dem armen Mann zu trinken gegeben?�</p><p>�Vitamine und ein Tonikum.�</p><p>�Das dem Geruch nach Rum war. Sie sind ein ganz und gar durchtriebener Mensch, James. Ich traue Ihnen keinen Schritt �ber den Weg.�</p><p>�Sehr wohl, Milady. Ich hoffe, Sie meinen das als Kompliment, ansonsten m�sste ich mich sehr um Besserung bem�hen.�</p><p>�Schon gut, James. Was machen wir jetzt?�</p><p>�Wir begeben uns ins Hotel und zur Ruhe.�</p><p>�Was sind Sie doch f�r ein alter Mann! Wir sollten noch eine Fahrt im neuen Maybach unternehmen.�</p><p>�Wie Milady w�nschen. Aber entschuldigen Sie, ich muss noch einmal rasch zur�ck ins Spital. Dummerweise habe ich meine Melone im Krankenzimmer liegen gelassen.�</p><p>�Wenn das nicht wieder einer Ihrer Tricks ist�, murmelte die Lady, aber da eilte der Butler schon zum Haupteingang.</p><p>Der Chauffeur l�chelte dem Butler freundlich entgegen, als er das Zimmer betrat. �I thank you so much. You�ve helped me a lot.�</p><p>Der Butler setzte die Konversation ebenfalls auf Englisch fort: �Gern geschehen. Aber Ihre Geschichte stimmt nicht ganz.�</p><p>�Sie werden der Lady berichten?�</p><p>�Das habe ich nicht vor. Also, wie war es wirklich? Ab wann ist Ihnen ein Wagen gefolgt?�</p><p>�Ich �bernachtete auf halber Strecke in Leuven, in einem reizenden kleinen Hotel. An der Bar kam ich ins Gespr�ch mit einer charmanten Dame, der ich erz�hlte, dass ich nach Siegen in Deutschland unterwegs war. Die junge Frau erz�hlte von ihrer Mutter, die im Rothaargebirge eine Schwester habe und dass sie diese gerne wieder einmal besuchen wolle. Und eine Fahrt in einem Maybach w�re f�r sie wohl ein Erlebnis, das sie nie vergessen w�rde. Also verletzte ich meine Dienstpflicht und nahm die nette alte Dame mit nach Schmallenberg, wo ich eine l�ngere Rast einlegte.�</p><p>�Und Sie wurden nicht verfolgt?�</p><p>�Ab Aachen etwa bemerkte ich einen schwarzen Mercedes. Aber das kann Zufall gewesen sein.�</p><p>�Die Nummer haben Sie nicht notiert?�</p><p>�Ich sah keinen Grund daf�r.�</p><p>�Dann danke ich Ihnen. Jetzt verstehe ich die Sache schon ein St�ck besser.�</p><p>�And you won�t tell Lady Marbely, that I ��</p><p>�My lips are sealed.�</p><p><strong>*</strong></p><p>�Wohin soll die Fahrt gehen, Milady?�, erkundigte sich der Butler, als er mit Lady Marbely in dem neuen Maybach sa�.</p><p>Milady schien bester Laune zu sein. �Sehen Sie mich an, dann wissen Sie es, James.� Nach einigem Z�gern f�gte die Lady noch hinzu: �Wenn Sie mich in die Altstadt bringen, sind Sie allerdings gefeuert.�</p><p>�W�ren Milady mit Engelsh�uschen oder Lindenberg zufrieden?�</p><p>�Klingt nicht schlecht. Ich dachte aber an etwas, das mit meinem Aussehen zu tun hat. Ich bin gespannt, ob Sie das R�tsel l�sen k�nnen.�</p><p>�Milady wollen offenbar nach Freudenberg�, vermutete der Butler und verschwieg, dass es in Freudenberg einen Ortsteil namens <emphasis>Alte Heide</emphasis> gab.</p><p>�Wenn Sie meinen�, gab sich Lady Marbely entt�uscht. �Ich h�tte Ihnen mehr detektivisches Gesp�r zugetraut.�</p><p>�Wie konnte ich nur so absolut blind sein! Ich bedaure meinen Irrtum, Milady. Wir werden durch das Rothaargebirge fahren.�</p><p>�Warum nicht gleich, James?�</p><p>Der Butler l�chelte und machte sich daran, seinen Pflichten nachzukommen.</p><p>Der dunkelblaue Maybach Guard war mit speziellen Sicherheitsmerkmalen ausgestattet. Die gepanzerte Karosserie sch�tzte die Insassen sogar vor gro�kalibrigen Revolvergeschossen. Die Highend-Luxuslimousine erf�llte alle Bedingungen des sogenannten Hochschutzes, die in der europ�ischen Widerstandsklasse B4 festgelegt waren. Dies best�tigte das staatliche Beschussamt in Ulm mit einem amtlichen Zertifikat. Der Wagen war zus�tzlich mit einem gesch�tzten Tank, einer Notlaufbereifung und einem Alarmsystem ausgestattet, das alle T�ren verriegelte und �ber eine Gegensprechanlage die Kommunikation nach au�en gew�hrleistete. Die Farbe der Lederpolsterung im Inneren wurde laut Prospekt des Maybach Centers of Excellence in Sindelfingen als Vesuvius Black beschrieben. Im K�hlschrank im hinteren Teil des Fahrzeuges befand sich eine Champagnerflasche, eine kleine Aufmerksamkeit des Herstellers.</p><p>Der Butler entfernte die Radkappen, um den sicheren Sitz der Radmuttern zu �berpr�fen, dann gab er gr�nes Licht. Die erste Fahrt mit dem neuen Wagen konnte beginnen. Die 612 PS machten sich bemerkbar. Der Maybach glitt durch die einsetzende D�mmerung Richtung Nordosten. Bei Netphen wurden die Stra�en enger und f�hrten bergauf durch waldreiches Gebiet. An einer Lichtung, von der aus man auf die Lichter der Stadt blicken konnte, hielt der Butler und �ffnete die Champagnerflasche. Lady Marbely, sichtlich zufrieden, lud ihn ein, ebenfalls ein Glas zu trinken. �Man f�hlt sich so allein, wenn man niemandem zuprosten kann.�</p><p>Der Butler deutete einen Schluck nur an. Er war sich der Verantwortung bewusst, die er als Fahrer hatte.</p><p>Lady Marbely sprach einen Toast aus. �Ich trinke auf unseren Sieg, den wir anstreben � hier im Siegerland.� Dann zertr�mmerte sie zum Erstaunen des Butlers die noch halb volle Champagnerflasche an einer der rechten Seitent�ren. �Wozu kauft man f�r teures Geld einen gepanzerten Wagen?� Sie lachte vergn�gt. �Mich qu�lt eine Frage, James. Warum hei�t das Siegerland Siegerland? Der Name hat doch hoffentlich nichts mit der Zeit des Nationalsozialismus zu tun. Sie wissen schon: Sieg Heil und so.�</p><p>�Da kann ich Sie beruhigen, Milady. Die Stadt Siegen und das Siegerland leiten ihren Namen vom Fluss Sieg her, der hier in der N�he entspringt.�</p><p>�Wo? Das interessiert mich jetzt.�</p><p>�Dazu m�ssten wir ein St�ck weit wandern, Milady.�</p><p>�Ich bin bereit.�</p><p>Nach einem kurzen Fu�marsch erreichten sie die ummauerte Quelle der Sieg. Lady Marbely trank von dem Wasser, das aus dem Berg herausrann. �Dennoch muss ich weiter fragen, James�, sagte die Lady dann.</p><p>�Allerdings kann ich nicht garantieren, immer die Antwort zu wissen.�</p><p>�Ich versuche es. Warum hei�t die Sieg Sieg?�</p><p>�Ein Wort keltischen Ursprungs, f�r den schnellen Fluss, hei�t es.�</p><p>�Ich verstehe. Ein erhebendes Gef�hl, am Ursprung eines Flusses zu stehen! Ich genie�e das. Es gibt mir Kraft und Zuversicht. Und das habe ich Ihnen zu verdanken, James. Ich danke Ihnen daf�r.�</p><p>�Sehr gerne! Ich tue, was ich kann, Milady.�</p><p>�Sehen Sie, das haben wir gemeinsam. Wir gehen den Dingen auf den Grund. Also, auf unseren Sieg im Siegerland!�</p><p>�Wir setzen auf Sieg�, erwiderte der Butler ernst. �Und wir werden ihn erringen, wenn es uns gelingt, den Dingen auf den Grund zu gehen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>3.</strong></p></title><p>�Und was erwartet uns heute?�, fragte Lady Marbely, als sie auf dem Hotelparkplatz hielten. �Was sagt Ihr kleines schlaues Buch dazu?�</p><p>Der Butler z�ckte sein iPad. �Besichtigung der Fabrik in Siegen, mit den beiden Gesch�ftsf�hrern, zehn Uhr Vormittag.�</p><p>�Das ist alles? Wie langweilig�, beklagte sich die Lady und deutete ein G�hnen an.</p><p>�Um etwas zur Ruhe zu kommen, w�rde ich von weiteren Schritten Abstand nehmen, wie etwa dem Besuch der Villa Andreae in K�nigstein.�</p><p>�Dann machen wir es, James. Am Nachmittag besichtigen wir die Villa.�</p><p>Der Butler seufzte.</p><p>Eine Stunde sp�ter hatten sie das alte Fabrikgeb�ude erreicht. Die Hallen in der Oberen Kaiserstra�e wirkten desolat. Der Butler fragte sich, ob sie hier richtig waren, als zwei M�nner auf den Maybach zukamen. Der d�stere Herr Obermann und der stetig l�chelnde Herr Henschel.</p><p>�Ich ersuche die Herren um einen �berblick�, sagte Lady Marbely nach der Begr��ung. �Ich w�rde gerne einen ersten Eindruck gewinnen.�</p><p>�Konkrete Fragen, Misses Marbely, w�rden den Vorgang erleichtern�, reagierte Hans Obermann etwas unpassend auf den Wunsch der Lady.</p><p>�Gut. Dann erkundige ich mich nach den Produkten, die hier hergestellt werden, nach der Zahl der Arbeiter, der j�hrlichen Leistung des Unternehmens, dem Erl�s aus verkauften Fertigprodukten plus betrieblichem Ertrag aus Punkt eins.�</p><p>Alexander Henschel holte tief Luft, trat an die linke Seite der Lady und erkl�rte ihr, dass <emphasis>Aufhauser Metalltechnik</emphasis> sich auf die Herstellung und Verarbeitung von Edelstahl-Langprodukten konzentriere. Dazu z�hlten Leistungen im Bereich des Anlagen-und Maschinenbaus f�r die Automobilindustrie, aber auch f�r die Luft-und Raumfahrt. �Die exakten Daten werden wir Ihnen im B�ro ausdrucken lassen�, beendete Henschel seinen Vortrag. �Wenn Sie uns bitte folgen wollen, Milady.�</p><p>Die beiden Gesch�ftsf�hrer f�hrten Lady Marbely und ihren Begleiter �ber den unordentlich wirkenden Hof, auf dem rostiges Metallzeug lagerte. Ein Arbeiter mit gelbem Schutzhelm eilte auf die beiden zu und gestikulierte wild mit den Armen.</p><p>Alexander Henschel entschuldigte sich bei der Lady: �Wir haben ein Problem, um das wir uns k�mmern m�ssen. Wenn Sie bitte vorausgehen, zu der ge�ffneten T�r im Geb�ude vor uns. Wir sind sofort wieder bei Ihnen.�</p><p>Als sie zum B�rogeb�ude kamen, das ebenfalls sehr verfallen wirkte, sp�rte der Butler Gefahr. Er war beunruhigt, weil er sie nicht exakt lokalisieren konnte. Die n�chsten Sekunden brachten Klarheit. Ein schwerer Gegenstand hatte sich vom Fabrikdach gel�st, genau �ber ihm und Lady Marbely. Der Butler st�rzte sich auf die Lady, umfasste ihren Oberk�rper mit beiden Armen, riss sie zu Boden und w�lzte sich mit ihr auf die Seite. Nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt schlug eine Seilwinde aus massivem Eisen in den Hof ein. Der Butler l�ste sich von Lady Marbely, erhob sich und entdeckte, dass er bei dem Man�ver seine Stahlmelone verloren hatte. Seine Kopfbedeckung lag platt gedr�ckt unter der Seilwinde. Der Butler klopfte Staub aus seiner Montur und half der Lady auf die Beine.</p><p>Lady Marbely schien vom Geschehen unber�hrt. �Das sollten wir �fter machen, James�, sagte sie mit einem verf�hrerischen Augenaufschlag.</p><p>�Sehr wohl, Milady�, lautete die knappe Antwort ihres Butlers, die aber etwas gezwungen klang.</p><p>Auch Lady Marbely s�uberte sich, unterst�tzt von ihrem Butler, dann schritt sie w�rdevoll voran, auf das B�rogeb�ude zu. Wenig sp�ter stie�en die beiden Gesch�ftsf�hrer zu ihnen, die offenbar von dem Geschehen auf dem Hof nichts mitbekommen hatten.</p><p>Henschel l�chelte wie immer, zeigte sich aber zerknirscht. �Die Daten lassen sich im Moment nicht abrufen. Der Computer streikt. Wir werden Ihnen das Material umgehend zukommen lassen. Sie logieren doch noch im Park Hotel, Milady?�</p><p>�Ich m�chte einen Blick in die Produktionshalle werfen�, forderte Lady Marbely mit fester Stimme.</p><p>�Da tut sich nicht viel, im Moment. Wir haben den Aussto� zur�ckgefahren, seitdem unser Chef auf so tragische Weise von uns gegangen ist. Im Augenblick l�uft hier alles quer.�</p><p>�Dennoch!�</p><p>�Dann folgen Sie mir bitte, Misses Marbely.� Der Tonfall von Hans Obermann war m�rrisch. Als er den Hof betrat, betrachtete er erstaunt den Einschlag der Seilwinde im Boden und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. Alexander Henschel blieb zur�ck.</p><p>�Das Ding kam von oben!�, beschwerte sich Lady Marbely.</p><p>Die beiden Gesch�ftsf�hrer sahen den Butler und Milady nacheinander an und schienen nicht recht zu verstehen. Lady Marbely winkte ab. Gemeinsam betraten sie eine kleine Halle, in der drei Arbeiter zwei modern wirkende Maschinen �berwachten.</p><p>�Die Laserschwei�apparate und Stanzmaschinen�, erkl�rte Obermann knapp. �Sie bearbeiten alle Arten von Walzblech.�</p><p>�Und was wird aus diesem Blech gemacht?�</p><p>�Das Ausgangsmaterial wird geschnitten und auf vielf�ltige Weise bearbeitet.�</p><p>�Mit welchem Ergebnis?� Die Lady lie� nicht locker.</p><p>�Wir erzeugen verschiedenste Elemente, die anderswo weiterverarbeitet werden.�</p><p>Mehr war dem Mann nicht zu entlocken, und Lady Marbely wirkte ver�rgert, als sie wieder im Maybach sa�. �Ein mehr als unbefriedigender Besuch�, bemerkte sie. �Letztlich kann man nicht vor mir verbergen, was es mit dieser kl�glichen Produktionsst�tte auf sich hat.�</p><p>�Doch genau das will man wohl verhindern�, bemerkte der Butler.</p><p>�Durch die Anschl�ge auf mich?�</p><p>Der Butler nickte. �Inzwischen sind es vier.�</p><p>�Die Fabrik ist ein Potemkinsches Dorf�, stellte Lady Marbely fest.</p><p>�Eine Kulisse, wenn auch wenig beeindruckend.�</p><p>�Eine Geisterfabrik?�</p><p>�Und wenn wir all dies in Verbindung setzen zu der riesigen Erbschaft, die ��</p><p>�Dann stimmt etwas nicht. Sie haben recht, James. Was man uns hier zeigt, ist die Spitze des Eisbergs, von dem der Gro�teil im Verborgenen liegt.�</p><p>�Schlecht verborgen, denn die T�uschung ist offensichtlich�, sagte der Butler.</p><p>�Man hat wohl nicht damit gerechnet, dass Jakob seinen Besitz an mich weitergeben wird�, vermutete die Lady.</p><p>�Der Gedanke liegt nahe.�</p><p>�Henschel trug den schwarzen Ring nicht mehr�, bemerkte Lady Marbely.</p><p>�Das ist Ihnen aufgefallen, trotz des dramatischen Geschehens auf dem Hof?�</p><p>�Der Zwischenfall hat mich nicht erblinden lassen, James.�</p><p>�Alle Achtung, Milady. Ich denke, man darf Sie nicht untersch�tzen.�</p><p>�Ich werde mich im Hotel etwas in Form bringen, und dann k�nnten wir die n�chste Besichtigung vornehmen.�</p><p>�Die uns wohin f�hren soll?�</p><p>�Nach K�nigstein. Ich m�chte das Schloss sehen, das mir Jakob vererbt hat.�</p><p>�Sehr wohl, Milady. Eine blendende Idee.�</p><p>�Habe ich mich eigentlich schon f�r die Rettung meines Lebens bedankt, James? Ohne Sie w�re ich platt gedr�ckt wie ��</p><p>�Wie meine Melone, Milady.�</p><p>�Oh, nat�rlich. Ich werde f�r Ersatz sorgen.�</p><p>�Kein Problem, Milady. Ein Anruf von mir gen�gt ��</p><p>Als Lady Marbely und ihr Butler Siegen in Richtung K�nigstein verlie�en, trug James bereits eine neue Stahlmelone.</p><p><strong>*</strong></p><p>Die Ende des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil erbaute Villa Andreae stand auf dem Gaisberg, von dem man die Stadt K�nigstein ideal �berblicken konnte. Der Butler fand, dass das schlossartige Geb�ude eine gro�e �hnlichkeit mit dem Frankfurter Rententurm hatte.</p><p>Das Tor zum Park stand offen. Der Butler fuhr bis zum Eingang des verlassen wirkenden Schlosses. Er bat Lady Marbely, im sicheren Wagen zu bleiben, w�hrend er auf den Eingang der Villa zuschritt und einen Knopf auf der Gegensprechanlage dr�ckte.</p><p>�Wen darf ich melden?�, fragte die elektronisch verzerrte Stimme einer Frau.</p><p>�<emphasis>Wem</emphasis> wollen Sie etwas melden?�, lautete die Gegenfrage des Butlers. �Die neue Besitzerin m�chte sich einen �berblick verschaffen.�</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter wurde die Eichent�r ge�ffnet. Eine junge Frau mit kurzem blondem Haar, in einen grauen Hosenanzug gekleidet, begr��te den Butler mit festem H�ndedruck. �Ich �berwache den Putztrupp einer Reinigungsfirma. Das Haus war in den letzten Jahren wenig bewohnt.�</p><p>�Mit wem habe ich die Ehre?�</p><p>�Entschuldigen Sie! Marion Metz, ehemals Jakob Aufhausers Haush�lterin. Ich versuche, eine geordnete �bergabe des Hauses an die Erbin vorzubereiten.�</p><p>�Trefflich, denn Lady Marbely m�chte ihren Besitz gerne kennenlernen.�</p><p>�Nat�rlich. Ich f�hre Sie durch das Geb�ude.�</p><p>Der Butler wollte zum Maybach zur�ck, doch die Lady kam ihm schon entgegen, begr��te die junge Frau, die die Lady und ihren Butler danach sogleich durch die neunundzwanzig Zimmer des Fachwerkgeb�udes f�hrte. Die Villa befand sich in tadellosem Zustand. Die blitzblanken Fenster gew�hrten einen Ausblick auf die gegen�ber liegende Burg K�nigstein.</p><p>Marion Metz bat die Lady und den Butler in die Bibliothek, wo sie sich anbot, f�r einen Imbiss zu sorgen. Bei feinem Tee und Sandwiches erfuhr Lady Marbely, dass die Villa urspr�nglich Jakob Aufhausers Frau Mathilde, einer geborenen Andreae, geh�rt hatte.</p><p>�Ihr Gro�vater, Albert Andreae de Neufville, ein Frankfurter Bankier, lie� das Schloss als Sommersitz erbauen. Ich wurde erst angestellt, als eigentlich niemand mehr hier wohnte.�</p><p>�Was ist aus der Frau meines Cousins und aus seinem Vater geworden?�</p><p>��ber den Vater wei� ich leider wenig. Ich habe geh�rt, dass Herrn Aufhausers Frau und das Kind hier zu Tode gekommen sind. Eine schreckliche Geschichte. Der Junge starb im Teich, den sein Vater nach diesem Unfall zusch�tten lie�.�</p><p>�Und Frau Aufhauser?�</p><p>�Sie st�rzte sich kurz danach aus einem der Fenster in den Tod. So sagt man. Ab diesem Zeitpunkt wollte der Herr hier nicht mehr bleiben. Er verbrachte nur mehr wenige Wochenenden im Jahr in der Villa.�</p><p>�In welchen Bereichen des Geb�udes hielt er sich dann auf?�, fragte der Butler.</p><p>�Sein Arbeitszimmer liegt im Erdgeschoss, links von der Eingangshalle.�</p><p>�Ich h�tte gerne einen Blick hineingeworfen.�</p><p>�In diesem Raum arbeitet gerade der Putztrupp�, erkl�rte die Haush�lterin. �Jemand muss in letzter Zeit eingedrungen sein. Ein Fenster wurde zerbrochen, am Safe gibt es Brandspuren, als ob ihn jemand gewaltsam �ffnen wollte.�</p><p>�Dem sollten Lady Marbely und ich dringend nachgehen.�</p><p>Die Haush�lterin bat die drei Frauen vom Reinigungsdienst, einstweilen in der Halle weiterzumachen und lie� Lady Marbely und den Butler eintreten.</p><p>�Wurde die Polizei informiert?�, fragte der Butler und bedauerte, dass im Raum bereits geputzt worden war. So waren wichtige Spuren beseitigt worden.</p><p>�Leider nein�, gab Marion Metz kleinlaut zu.</p><p>Lady Marbely nahm am Schreibtisch Platz, auf dem ein PC stand. Der Raum wirkte durch seine au�ergew�hnliche H�he gr��er. Es war k�hl, da die Fenster nach Norden zeigten und Wind durch das zerbrochene Glas hereinblies. Der Butler zog den Brokatvorhang vor die �ffnung und startete seinen Tablet-Computer, um nach der Zahl zu suchen, die er im Mundraum des get�teten Jakob Aufhauser gefunden hatte. <emphasis>891241 18139</emphasis> lautete der Code, den er in das Bedienfeld des elektronischen Schlosses tippte. Daraufhin �ffnete sich die schwere Stahlt�r tats�chlich. Das Innere war bis auf einen kleinen schwarzen Gegenstand, einen USB-Stick, leer. Der Butler gab in sein iPad Buchstaben und Zahlen ein. Schlie�lich war auf dem Bildschirm das Wort <emphasis>Hildarmi</emphasis> zu lesen.</p><p>�Wie hie�en die verstorbene Frau und der Sohn Jakob Aufhausers?�, fragte der Butler die Haush�lterin.</p><p>�Sie hie� Hilde, der Name des Jungen war Armin.�</p><p>Der Butler bedankte sich und begab sich zum PC, den Lady Marbely inzwischen in Gang gesetzt hatte. Er tippte eine Reihe von Buchstaben in die Eingabemaske und konnte so zur Benutzeroberfl�che gelangen.</p><p>�Sie sind ein Magier, James�, sagte Lady Marbely bewundernd.</p><p>�Die Buchstaben entsprechen den Zahlen, mit denen sich der Safe �ffnen lie�. Hildarmi. H, der achte Buchstabe im Alphabet, I der neunte und so weiter. Die Vornamen seiner Frau und des Sohnes. Zusammengezogen und auf acht Zeichen reduziert. Und jetzt lassen wir uns �berraschen, welche Geheimnisse sich auf dem Stick verbergen. Herr Aufhauser wird einen Grund gehabt haben, warum er den Datenspeicher im Tresor gesichert hat.�</p><p>�Ich denke, ich lasse Sie jetzt am besten allein�, schlug die Haush�lterin vor. �Sie melden sich bitte, wenn Sie etwas brauchen.�</p><p>Der Butler wartete, bis die Frau die T�r hinter sich geschlossen hatte, dann verband er den USB-Stick mit dem PC und erkannte auf dem Bildschirm eine Word-Datei, die den Namen TEUFELSPAKT trug.</p><p>�Ist das aufregend, James!� Lady Marbely stand direkt hinter ihm.</p><p>�Nehmen Sie doch Platz, Milady! Ich hole mir einen Stuhl.�</p><p>�Ich stehe gut hier. Lassen Sie sich bitte nicht st�ren!�</p><p>Der Butler klickte die Datei an. Auf dem Monitor erschien folgender Text:</p><p><emphasis>Wie jeder TEUFELSPAKT wird auch dieser mit dem Triumph der Teufel �ber denjenigen, der sich mit ihnen eingelassen hat, enden. Ich h�tte den Pakt aufk�ndigen, die Teufel vor Gericht bringen, die t�dlichen Gesch�fte in Kirchhundem beenden m�ssen. Ich tat es nicht, um die Firma nicht zu gef�hrden. So verlor ich alles, bis auf das Ziel, die Teufel vor Gericht zu bringen, den Pakt zu beenden, auch wenn das meinen Tod bedeutet und ich nur hoffen kann, dass jemand die Spur findet und sie zur Rechenschaft zieht. 18 88.</emphasis></p><p>Der Butler �berlegte. Die vier Ziffern bestanden aus zwei stehenden Lemniskaten und der Zahl achtzehn, die auch im Code f�r den Tresor vorkam. Sie k�nnte f�r die Buchstaben AH stehen. AH wie Alexander Henschel. Was wollte Jakob Aufhauser mit den Lemniskaten, den Zeichen f�r Unendlichkeit, andeuten?</p><p>Die liegende Acht war ein Symbol der Freimaurer, das f�r die weltweite Bruderkette stand. Ein Hinweis, der in der Villa Andreae von besonderer Bedeutung war, denn die Familie stammte aus einem Geschlecht der Rosenkreuzer, einer religi�sen Bruderschaft mit Verbindungen zu Freimaurern und Illuminaten.</p><p>Die erste Karte der Gro�en Arkana im Tarot zeigt einen Magier, �ber dessen Kopf, einem Heiligenschein �hnlich, die Lemniskate schwebt. Die liegende Acht taucht auch auf Karte VIII auf, die die Kraft symbolisiert. Ewigkeit als unendliche Zeit und Unendlichkeit als unbegrenzte Weite. <emphasis>Zwei Ph�nomene, die sich dem Denken der Menschen nur schwer erschlie�en,</emphasis> dachte der Butler, fand aber, dass dies m��ige Gedanken waren, die nichts zur L�sung des Falles beitrugen. Die Hinweise, die Mister Prince ihm gegeben hatte, deuteten in eine andere, sehr gef�hrliche Richtung. Er tippte die gefundenen Daten in sein iPad, dann widmete er sich den �brigen Dateien auf dem PC, fand jedoch nichts Au�ergew�hnliches. Zur Sicherheit �berspielte er das gesamte System auf den Server von SSI.</p><p>T�dliche Gesch�fte in Kirchhundem. Das war ein Thema, das gekl�rt werden musste. Er sandte eine entsprechende Anfrage an Mister Prince.</p><p><strong>*</strong></p><p>Auf der R�ckfahrt zum Hotel nach Siegen fragte der Butler, ob Lady Marbely in der Villa Andreae wohnen werde. �Das Ambiente des Schlosses entspr�che Ihrem Format, Milady�, meinte er.</p><p>�Sie wollen doch nur mehr �ber Jakob herausfinden, und ich bin das Trojanische Pferd, das Ihnen den Weg ebnen soll.�</p><p>�Eine Vermutung, die nicht im Entferntesten meinen Absichten entspricht�, protestierte der Butler und setzte schnell nach: �Und k�nnten Sie sich das vorstellen?�</p><p>�Nat�rlich. Obwohl mir die Villa Angst macht.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich sp�re kein Leben in dem Geb�ude, nur Tod und Gefahr. Jakob hatte recht, als er hier nicht mehr wohnen wollte.�</p><p>�Wenn Sie das so empfinden, Milady, sollten Sie nicht in diese Villa ziehen.�</p><p>Doch die Lady wehrte den Einwand entschieden ab. �Eine echte Marbely kneift nicht. Sie packt den Teufel bei den H�rnern.�</p><p>�Es freut mich, f�r eine derart mutige Dame arbeiten zu d�rfen.�</p><p>Ein Telefonanruf unterbrach das Gespr�ch der beiden. Der Butler griff zum Headset. Mister Prince teilte ihm in knappen Worten mit, dass Alexander Henschel, einer der Gesch�ftsf�hrer von <emphasis>Aufhauser Metalltechnik</emphasis>, auf der A45 t�dlich verungl�ckt sei.</p><p>�Die Meldung kam soeben von der nordrhein-westf�lischen Polizei. Das Fahrzeug, ein BMW X5, ist aus ungekl�rter Ursache ins Schleudern geraten und von einer Autobahnbr�cke in den Landeskroner Weiher gest�rzt. Der Wagen wurde bereits gefunden, der Fahrer noch nicht. Er war offenbar nicht angegurtet und ist durch den Aufprall herausgeschleudert und weggeschwemmt worden.�</p><p>�Das hei�t, er muss noch, bevor die Airbags sich �ffneten, durch ein geborstenes Fenster aus dem Wagen gelangt sein.�</p><p>�Machen Sie sich selbst ein Bild! Der Landeskroner Weiher liegt in der N�he von Siegen. Und noch etwas�, sagte Mister Prince. �Zu Ihrer Mail. Unser Mann vom BND best�tigt, dass sich in Kirchhundem eine weitere Fabrik befindet. Auch dieser Besitzer hei�t Jakob Aufhauser. Es handelt sich laut unseren Unterlagen um die Firma <emphasis>GFF</emphasis>, eine Gesellschaft f�r Feinmechanik.�</p><p>Bevor der Butler etwas erwidern konnte, wurde das Gespr�ch von seinem Gegen�ber beendet. Als er die Kopfh�rer abgenommen hatte, erkundigte sich Lady Marbely, was passiert sei.</p><p>�Ein weiterer Autounfall, der dem Ihres Chauffeurs �hnelt. Ein BMW kam ins Schleudern und st�rzte �ber eine Br�cke in eine Art Teich.�</p><p>�Und wer sa� in dem Wagen?�</p><p>�Einer der Gesch�ftsf�hrer Ihres Cousins.�</p><p>�Nur Mut, James! Machen Sie endlich den Mund auf! Wir sind ein Team. Sie und ich werden diesen Fall gemeinsam aufkl�ren oder untergehen.�</p><p>�Ich setze, wie gesagt, auf Sieg, Milady.�</p><p>�Also, wer ist der Tote? Doch nicht etwa der uns bekannte Alexander Henschel?�</p><p>�Exakt um ihn handelt es sich, Milady.�</p><p>�Die Fakten, James!�</p><p>�Ganz knapp berichtet: Der Wagen liegt in einem Weiher bei Wilden, unweit von Siegen. Der Fahrer wurde noch nicht gefunden. Ich werde mir die �rtlichkeit ansehen, nachdem ich Sie ins Hotel gebracht habe.�</p><p>�Ich komme mit. Sonst noch etwas von Belang?�</p><p>�Sie erben eine weitere Fabrik, Milady. Sie befindet sich in Kirchhundem und sollte offenbar vor Ihnen verheimlicht werden. Vom Rechtsanwalt und dem Richter, die beide schwarze Ringe mit Lemniskaten trugen.�</p><p>Lady Marbely machte gro�e Augen. �Demnach ist der dritte Mann tot, der zumindest anf�nglich einen ebensolchen Ring besa�. Wenn ich mir all das durch den Kopf gehen lasse, dann deutet doch vieles auf den zweiten Gesch�ftsf�hrer Hans Obermann hin.�</p><p>�Der Schein kann tr�gen, Milady. Doch wir werden dem d�steren Herrn Obermann auf den Zahn f�hlen und uns dann den beiden anderen Ringtr�gern widmen.�</p><p>�Und ich suche mir einen neuen Rechtsanwalt, der das kl�ren soll�, entschied Lady Marbely. �Weiterhin werde ich mich nicht mit diesem Riff Raff abgeben.�</p><p>�So sehe ich das auch, Milady. Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, was Riff Raff bedeutet.�</p><p>�Riff Raff steht f�r Hoipolloi.�</p><p>Der Butler lenkte den Maybach schweigend �ber die A45.</p><p>�Gesindel, Abschaum. Das Allerletzte�, erkl�rte Milady.</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Gut. Aber was ist das f�r ein Turm?�, fragte die Lady, die ihre Aufmerksamkeit nun wieder der am Maybach vorbeiziehenden Landschaft zugewandt hatte. �Er sieht so aus wie die Villa Andreae.�</p><p>�Es handelt sich um den Dillenburger Wilhelmsturm, einem ebenso unheimlichen Ort wie besagte Villa.�</p><p>�Unheimlich inwiefern?�</p><p>�Zu F��en dieses Turms, wenn Sie mir dieses gewagte sprachliche Bild erlauben, Milady, befinden sich die Kasematten des alten Schlosses.�</p><p>�Und was ist eine Kasematte?�</p><p>�Milady m�gen entschuldigen. Ich h�tte das erkl�ren m�ssen. Unter einer Kasematte versteht man unterirdische Gew�lbe.�</p><p>Lady Marbely nickte interessiert. �Das St�dtchen m�chte ich mir gerne einmal n�her ansehen.�</p><p>Als sie zehn Minuten sp�ter die Talbr�cke �ber dem Landeskroner Weiher passierten, sahen sie einen Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht und Beamte mit Warnwesten, die das durchbrochene Br�ckengel�nder absicherten.</p><p>Der Butler nahm die n�chste Ausfahrt und fuhr zur�ck zum Stausee, dessen smaragdgr�nes Wasser sauber und kalt wirkte. Auf dem Weiher ankerte ein Motorboot, in dem ein Taucher im Neoprenanzug stand. Der Butler winkte einen Mann, der von seinem Ruderboot aus angelte, zum Ufer und bat ihn, ihm das Boot einige Zeit zu �berlassen. Dabei wedelte er mit einem Hunderteuroschein. Der Mann musterte das ungleiche Paar, nahm aber dankend an, setzte sich ans Ufer und warf von dort die Angelschnur in den See, w�hrend der Butler mit Lady Marbely, die unbedingt dabei sein wollte, zum Motorboot ruderte.</p><p>�Halten Sie Ausschau nach einer gelben Per�cke�, bat der Butler. �K�nstliche Haarteile sind leichter als Wasser.�</p><p>Doch weder er noch die Lady wurden f�ndig.</p><p>Am Motorboot angelangt z�ckte der Butler einen Europol-Ausweis und erkundigte sich, wo der BMW denn l�ge.</p><p>�In achtzehn Metern Tiefe, direkt unter uns�, antwortete der Taucher. �Ich war schon unten. Jetzt ist mein Kollege dran.�</p><p>Der Butler fragte weiter nach dem Zustand des Fahrzeugs und erfuhr, dass die linke Seite, auf der der Fahrer gesessen haben musste, stark besch�digt war. Das Seitenfenster fehlte.</p><p>�Und die Airbags?�, fragte der Butler.</p><p>�Die haben sich ge�ffnet.�</p><p>�Gibt es Spuren einer Manipulation am Fahrzeug?�</p><p>�Das k�nnen wir noch nicht sagen. Dazu m�ssen wir den Wagen heben, und das kann noch dauern, bis wir ein Schiff mit einem Kran hierherbekommen.�</p><p>�Sie verst�ndigen mich, sobald das der Fall ist und wenn die Leiche des Fahrers gefunden wird�, bat der Butler und reichte dem Mann seine Visitenkarte.</p><p>�Das Wasser des Weihers ist zwar klar, aber doch sehr tief. Ich denke, wir m�ssen warten, bis der Tote von selbst an die Oberfl�che kommt�, erkl�rte der Taucher.</p><p>Der Butler �berlegte, einen Blick in die Tiefe zu tun, doch der leichte Regen, der Lady Marbely im Boot fr�steln lie�, hielt ihn davon ab, und er entschloss sich, zum Ufer zur�ckzukehren.</p><p>�Lassen Sie mich rudern, James! Mir ist kalt. Etwas Bewegung wird mir guttun�, sagte die Lady in entschiedenem Ton, der keinen Widerspruch duldete.</p><p>Der Butler �ffnete seinen Schirm und sch�tzte Lady Marbely gegen den nun st�rker werdenden Regen.</p><p>Nur wenig sp�ter zuckte er zusammen, als die Lady einen f�rchterlichen Schrei ausstie�.</p><p>Der Butler nahm an, sie habe den Leichnam des Gesch�ftsf�hrers im k�hlen Gew�sser des Landeskroner Weihers entdeckt, doch die Lady kl�rte ihn auf, dass sie ihren Ehering verloren habe. Ein letztes und ihr sehr wertvolles Andenken an ihren verstorbenen Graham. Dicke Tr�nen kullerten �ber das von der K�lte rosige Gesicht der Lady.</p><p>�Ich werde selbstverst�ndlich alles unternehmen, den Ring zu finden. Wir sind zum Gl�ck nahe beim Ufer. Man sieht hier bis zum Grund. Warten Sie, ich sto�e ein Ruder in den Schotter, damit ich die Stelle wiederfinde.�</p><p>�Aber Sie werden doch nicht � Nein, James, das kann ich nicht zulassen.�</p><p>Der Butler, der mit dem Ruder m�hsam ans Ufer gelangt war, brachte Lady Marbely zum Wagen, watete dann in voller Montur, den Schirm als Regenschutz verwendend, zu der bezeichneten Stelle am Ufer. Doch sosehr er sich bem�hte, der Ring war nicht zu finden. Den Schirm in der einen, das Ruder in der anderen Hand, schritt er w�rdevoll zur�ck ans Ufer, wo er dem Kofferraum des Maybachs eine trockene Ersatzmontur entnahm. Wieder perfekt gekleidet, setzte er sich ans Lenkrad, wo er bedauernd zugeben musste, dass die Mission der Rettung des Eherings leider nicht von Erfolg gekr�nt gewesen war.</p><p>�Vergessen Sie den Ring, James! Das interessante Schauspiel, das Sie eben boten und das ich im R�ckspiegel verfolgen durfte, hat mich voll und ganz entsch�digt. Wollen Sie nicht zu den Chippendales gehen?�</p><p>�Daf�r ist es zu sp�t, Milady. Ein Mann mittleren Alters hat dort nichts verloren.�</p><p>�Aber Sie sind doch h�chstens ��</p><p>�Neunundvierzig Jahre alt.�</p><p>�Sage ich ja. Nicht einmal f�nfzig.�</p><p>�Sch�nheit des Leibs wird viel beacht� und ist dahin doch �ber Nacht.�</p><p>�Sehr sch�n! Von Ihnen?�</p><p>�Nein, Milady. Sebastian Brandt, <emphasis>Das Narrenschiff</emphasis>.�</p><p>�Wie wahr�, sagte Lady Marbely und begann ihre vollen Lippen zu schminken.</p><p><strong>*</strong></p><p>�So geht das nicht! Euer Unverm�gen gef�hrdet den Ausbau unserer Bewegung. Und das lasse ich nicht zu!� Die Stimme des <emphasis>F�hrers</emphasis> klang entschlossen. Er schrie die beiden M�nner an, die vor seinem breiten Schreibtisch standen.</p><p>�Wir sind keine Killer�, sagte der Richter.</p><p>�Wir haben im Rahmen unserer beruflichen M�glichkeiten getan, was wir konnten. Die Engl�nderin erfuhr nichts von der Fabrik in Kirchhundem�, verteidigte sich der Rechtsanwalt.</p><p>�Und wie erkl�rt ihr euch, dass eben diese Frau jetzt auf der Suche nach eben dieser Fabrik ist?�, fragte der <emphasis>F�hrer</emphasis> mit schneidender Stimme.</p><p>�Der verdammte Butler. Er hat Verdacht gesch�pft und ��</p><p>Der <emphasis>F�hrer</emphasis> unterbrach den Richter: �Jeder Mensch mit Verstand wei�, dass das verluderte Siegener Werk nicht so viel Geld abwerfen kann. Und damit genug! Wir wenden uns jetzt der Zukunft zu. Wenn ihr auf eine solche Wert legt, dann korrigiert eure Fehler.�</p><p>�Ich wiederhole: Wir sind keine Killer�, sagte der Richter mit fester Stimme. �Wir sind als Juristen in die Bewegung eingetreten und bleiben Juristen.�</p><p>�Ich m�chte nicht drohen, meine Herren. Aber ihr m�sst verstehen, dass wir uns Widerstand und Unf�higkeit in den eigenen Reihen nicht leisten k�nnen.�</p><p>�Schon gut. Was verlangen Sie von uns?�, fragte der Rechtsanwalt.</p><p>�Wiedergutmachung. Die Lady muss entweder weg oder zur�ck nach England, und dieser seltsame Butler wird in jedem Fall liquidiert.�</p><p>�Wir werden uns beraten und einen Weg finden�, lenkte der Rechtsanwalt ein.</p><p>�<emphasis>GFF</emphasis> darf nicht an die Engl�nderin fallen. Das zerst�rt die finanzielle Basis unserer Bewegung.�</p><p>�Und bringt Sie ins Gef�ngnis�, warf der Richter mit einem hintergr�ndigen L�cheln ein. �Sie wissen schon: verbotene Weiterverbreitung von Kriegswaffen und Geldw�sche.�</p><p>Der <emphasis>F�hrer</emphasis> schwieg und deutete mit einer Bewegung seiner linken Hand an, dass sich die beiden M�nner entfernen sollten. Auf dem Ringfinger trug er einen schwarzen Siegelring mit zwei Lemniskaten.</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Rechtsanwalt, der Dr. Gundolf Siedler abl�ste, war eine Frau. Dr. Sarah Rombach. Jung, dynamisch, mit ihrem kurzen Haar beinahe m�nnlich wirkend.</p><p>�Ich hab dem Amtsrichter eingeheizt�, sagte sie. �Die �bernahme von <emphasis>GFF</emphasis> in Kirchhundem l�uft glatt.�</p><p>�Man wollte mich reinlegen�, stellte Lady Marbely fest.</p><p>�Das wird schwer nachzuweisen sein. Ich schlage vor, wir belassen die Angelegenheit, wie sie ist. Alles Weitere wird sich ergeben�, erkl�rte die Rechtsanw�ltin in ihrem hellen B�ro in der Siegener Friedrichstra�e.</p><p>�Wir werden uns einen �berblick verschaffen�, entgegnete Lady Marbely.</p><p>�Wenn Sie durch Ihre Unterschrift best�tigen, dass Sie auch das neu aufgetauchte Erbe antreten, k�nnen Sie �ber den gesamten Besitz unbeschr�nkt verf�gen.�</p><p>�Keine verborgenen Schulden oder andere Unannehmlichkeiten?�, fragte die Lady, ihren Waterman-F�ller in der Rechten haltend.</p><p>In diesem Moment schaltete sich der Butler in das Gespr�ch ein. �Die Erbschaft ist so hoch, dass kein finanzielles Risiko besteht, sollten verborgene Lasten zum Vorschein kommen. Unsere bisherigen Ermittlungen f�rderten keine dramatischen Erkenntnisse zutage, Milady, mit Ausnahme der Fabrik in Kirchhundem, der eigentlichen Grundlage des Verm�gens Ihres verstorbenen Cousins. Hier sind weitere Recherchen n�tig. Aber wir raten Ihnen, auch diesen Teil der Erbschaft zu akzeptieren, im Interesse der in der Firma Besch�ftigten, sowie der Region.�</p><p>Lady Marbely setzte schwungvoll ihre Signatur unter das Dokument. �Und jetzt �bersiedeln wir von Siegen nach K�nigstein.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Marion Metz, die t�chtige Haush�lterin Jakob Aufhausers, empfing die Lady am Tor zur Villa Andreae und half dem Butler, die Koffer aus dem Maybach ins Haus zu bef�rdern. Auch der K�fig mit den drei noch lebenden M�usen befand sich im umfangreichen Gep�ck.</p><p>�Sie bleiben nat�rlich�, sagte die Lady zu der jungen Frau. �Und wir ben�tigen weiteres Personal. Ich denke an eine st�ndige Reinigungstruppe. Ob Frauen oder M�nner ist nicht von Belang. Oft erweisen sich in dieser Hinsicht sogar M�nner als geschickter. Und eine G�rtnerin oder einen G�rtner brauchen wir auch. Wir wollen doch wissen, wer der T�ter ist, sollte ich ermordet werden. Nicht wahr, James?�</p><p>�An so etwas wollen wir gar nicht denken, Milady. Wir haben auf Sieg gesetzt.�</p><p>�Sie haben in Siegen auf Sieg gesetzt. Wer wei�, ob das auch f�r K�nigstein gilt?�</p><p>�Da kann ich Milady beruhigen. Unser Siegeswille erfasst ganz Deutschland.�</p><p>�Und morgen die ganze Welt�, rief Lady Marbely �berm�tig aus.</p><p>Der Butler sah sie �berrascht an.</p><p>�Da habe ich wohl im �berschwang was Falsches gesagt�, meinte die Lady kleinlaut. �Deutschland reicht ja auch erst mal.� Sie kicherte. �Und gegen Siegeswillen ist doch eigentlich nichts einzuwenden oder, James?�</p><p>�Es steht mir nicht zu, Sie zu belehren. Dennoch zitierten Sie gerade eben aus einem Kampflied der SA. <emphasis>Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem gro�en Krieg. Wir haben den Schrecken gebrochen, f�r uns war�s ein gro�er Sieg. Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben f�llt, denn heute geh�rt uns Deutschland</emphasis> � <emphasis>und morgen die ganze Welt.�</emphasis></p><p>�Auweia!� Lady Marbely wirkte betroffen. �Ich verstehe. Der Wille zu siegen darf nicht zerst�rerisch sein.�</p><p>�Sie bringen es perfekt auf den Punkt, Milady.�</p><p>�Und doch, mein guter deutscher James. Diese Zeiten sind l�ngst �berwunden. Deutschland ist heute ein demokratisches Land, die Vergangenheit ein b�ser Spuk, der nicht mehr bis in die Gegenwart reicht.�</p><p>Der Butler schwieg und begann einen Koffer der Lady auszupacken.</p><p>�Und wir Frauen k�mmern uns um das Einstandsessen�, wandte sich Lady Marbely an die Haush�lterin.</p><p>�Ich schlage eine lokale Spezialit�t vor�, gab sich Frau Metz begeistert. �Taunus-Wildschweinr�ckenmedaillons mit Thymian und Knoblauch und Sp�tzle.�</p><p>�Was verstehen Sie unter Sp�tzle, Frau Metz?�, erkundigte sich die Lady.</p><p>�Eine deutsche Spezialit�t, die aus Mehl, Eiern und Wasser besteht�, erkl�rte Marion Metz. �Kleine � wie soll ich sagen � kleine, l�ngliche Kn�del.�</p><p>�Also Egg Dumplings.�</p><p>�Ich k�mmere mich um den Wein�, unterbrach der Butler das Gespr�ch der Frauen und lie� sich den Schl�ssel zum Weinkeller aush�ndigen.</p><p>�Ich begleite Sie�, sagte Marion Metz, und Lady Marbely machte Anstalten, sich anzuschlie�en. Zur gro�en �berraschung der Haush�lterin war die Metallt�r zum Weinkeller unverschlossen. �Das verstehe ich nicht. Das letzte Mal, als ich dort unten war, habe ich abgesperrt. Das war vor zwei Wochen, als Herr Aufhauser einige Tage in der Villa verbringen wollte und dann so tragisch ums Leben kam.�</p><p>Der Butler bat die beiden Frauen, zur�ckzubleiben, w�hrend er das dunkle Gew�lbe betrat.</p><p>�Der Lichtschalter befindet sich rechts vom Eingang�, erkl�rte Frau Metz noch, dann stie� sie einen Schreckensschrei aus, als im Aufflackern der Neonr�hren ein lebloser K�rper auf dem Steinboden erkennbar wurde. Der Mann lag auf dem R�cken, Arme und Beine von sich gestreckt, irgendwie an ein aufgespie�tes Insekt aus einer K�fersammlung erinnernd.</p><p>Dieser Eindruck verst�rkte sich, als der Butler die Schwertspitze sah, die aus dem Brustkorb des Mannes ragte. Schlie�lich stellte er fest: �Der Amtsrichter. Doktor Arnold.�</p><p>�Doch nicht etwa der Mann, der mit meines Cousins Testament zu tun hatte?�, fragte Lady Marbely atemlos.</p><p>�Ebendieser�, stellte der Butler fest.</p><p>�Aber was macht er in meinem Keller?�</p><p>�Und warum wurde er get�tet?�, nahm der Butler den Faden auf. �Er tr�gt �brigens wieder den Ring.�</p><p>�Tats�chlich! Den schwarzen Ring mit den Zeichen der Unendlichkeit.�</p><p>�Soll ich die Polizei verst�ndigen?�, fragte Marion Metz.</p><p>�Das �bernehme ich!�, rief der Butler hastig. �Wenn die Damen inzwischen einen Wein ausw�hlen und mit der Zubereitung des Essens beginnen, k�mmere ich mich derweil um den Toten.�</p><p>�Mir ist jetzt weder nach Essen noch Trinken zumute�, protestierte Lady Marbely. �Er hat vielleicht sein b�ses Schicksal verdient�, stellte der Butler trocken fest, um sich sogleich rasch zu verbessern: �Wenn Milady erlauben ��</p><p>Der Butler setzte nach dem Abgang der Damen, die eine Flasche Syra Edition gew�hlt hatten, die Untersuchung des Toten fort. Dann begab er sich nach oben, um telefonisch Kontakt zu Mister Prince aufzunehmen. Dieser sagte ihm umgehende Unterst�tzung zu, in Form einer diskreten Untersuchung durch einen Beamten des hessischen Landeskriminalamtes.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>4.</strong></p></title><p>Gegen achtzehn Uhr drei�ig servierte die Haush�lterin die Medaillons. Lady Marbely hatte eine Flasche Wei�wein im K�hlschrank entdeckt und bat den Butler, diese zu �ffnen.</p><p>�Gern, Milady, wenn auch der Rotwein gewiss besser mit dem Wild harmonieren d�rfte.�</p><p>�Er erinnert mich an den toten Richter und verdirbt mir den Appetit.�</p><p>�Sehr wohl, Milady.� Der Butler lehnte dankend ab, als die Lady auch ihm ein Glas anbot. �Ich muss einsatzf�hig bleiben�, bedauerte er.</p><p>Auch Marion Metz entschuldigte sich. �Ich k�mmere mich noch um das Geschirr, dann muss ich heim zu meiner Familie.�</p><p>�Sie haben Familie. Wie sch�n. Sie k�nnen nat�rlich sofort gehen. Den Abwasch �bernehmen James und ich. Nicht wahr, James?�</p><p>�Mit Vergn�gen, Milady.� Der Butler nickte Marion Metz zum Abschied zu.</p><p>�Das Wildschwein ist vorz�glich. Und erst die Sp�tzle. Wie hei�t es doch so sch�n im Deutschen � Doch ich sollte vorsichtig mit Sprichw�rtern sein. Damit habe ich mich schon einmal ins Nest gesetzt.�</p><p>�Nesseln, Milady. Man setzt sich in Nesseln.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Milady wollten auf ein Sprichwort hinweisen ��</p><p>�Ach ja: Besser die Sp�tzle auf dem Teller als die Taube auf dem Dach.�</p><p>�Sehr wohl, Milady!�</p><p>Lady Marbely deutete den zerknitterten Gesichtsausdruck ihres Butlers richtig. �War wohl wieder nichts, hm? Ich sollte die H�nde davon lassen, aber sicher nicht vom Wein � Einfach k�stlich.�</p><p>Sie leerte das Kristallglas, der Butler schenkte nach und stellte eine Karaffe mit frischem Leitungswasser auf die wei� gedeckte Tafel.</p><p>Der Rest des Essens verlief �berraschend ruhig. Lady Marbely wurde immer langsamer in ihren Bewegungen und glitt schlie�lich vom Stuhl. Der besorgte Butler pr�fte ihren Puls, fand, dass dieser in Ordnung war, wenn auch etwas schnell in der Frequenz. Vermutlich war die Lady stark �berm�det, nach all den Ereignissen der vergangenen Tage. Die J�ngste war sie schlie�lich auch nicht mehr. Er ging in die Knie, schob seine H�nde unter Schultern und Kniekehlen der Frau, erhob sich und trug sie in das Schlafgemach, wo er sie vorsichtig auf das Himmelbett legte.</p><p>Auf Zehenspitzen entfernte er sich aus dem Raum.</p><p><strong>*</strong></p><p>Lady Marbely sp�rte die Ber�hrungen des kr�ftigen Mannes als Schmerz an ihrem K�rper. Die Schultern und die Kniekehlen brannten, als ob sie verbr�ht worden w�ren. Der Wein war zu hei� gewesen, eindeutig zu hei�, obwohl er aus dem K�hlschrank kam. All das hatte mit dem Teufel zu tun, der den Richter geholt hatte. Ein Teufelsbraten als Festessen. Dem Teufel geh�rte Schloss Andreae, und morgen die ganze � Aber nein. So etwas durfte man nicht einmal denken!</p><p>Dabei fiel ihr das Denken leichter als sonst. So klar war ihr die Welt eigentlich noch nie erschienen, obwohl sich alles im Kreis bewegte. Dann sah sie den Ring vor sich, den ihr Graham bei ihrer Verm�hlung an den Finger gesteckt hatte. Ach ja! Hatte Graham nicht eine frappante �hnlichkeit mit James? Dasselbe L�cheln, dieselbe Noblesse. Und die Figur! Und auf dem Ring sa� ein schwarzer Stein, der sich bewegte. Eine Spinne, die auf sie zukam und �</p><p>In Lady Marbelys Kopf blitzte es, grell und schmerzhaft. Etwas Kaltes griff nach ihrem Herzen. Sie musste atmen; sie wusste, dass sie atmen musste, um nicht am eigenen Speichel zu ersticken. Sie konnte nicht mehr schlucken. Aber was machte das schon aus, nachdem sie ihre Arme und Beine verloren hatte! Sie fand sich auf den Zustand einer Schmetterlingspuppe reduziert.</p><p>Eine rot gl�hende Gestalt bewegte sich auf sie zu. Behaart, obsz�n in ihrer unverh�llten M�nnlichkeit. Sie strahlte Hitze und K�lte zugleich aus. Lady Marbely f�hlte etwas in sich, was ihr nicht unbekannt war, das beinahe in Vergessenheit geraten war. Sie musste Widerstand leisten, durfte sich nicht gehen lassen. Das war sie ihrer W�rde, ihrer gesellschaftlichen Stellung, schuldig. Doch sie konnte und wollte sich nicht bewegen. Immerhin fehlten ihr die �u�eren Gliedma�en. Sie war reduziert auf ihren hei�en Leib. In dem Moment, in dem Lady Marbely wusste, wer vor ihr stand, sp�rte sie einen Stich, wo ihr linker Arm gewesen war. Phantom Limb nannte man so etwas. Wie das auf Deutsch hie�, wusste sie nicht. Warum eigentlich dachte sie nicht in ihrer Muttersprache, warum dachte sie in Deutsch? Ein R�tsel, das sich nicht l�sen lie�, wie alle Fragen um diese vermaledeite Erbschaft, die sie nie h�tte antreten d�rfen. <emphasis>Nie, nie, nie.</emphasis></p><p>Eine blaue Rose rankte sich ihren Arm entlang. Die Stiche der Dornen schmerzten. Dann lie� die Hitze nach. Eine unheimliche Ruhe kam �ber sie. Sie konnte wieder atmen, sp�rte Arme und Beine. War das die Euphorie, die dem Sterben vorausging? Egal. Wenigstens der Teufel war verschwunden. Der Teufel, der sie um ein Haar geholt h�tte.</p><p><strong>*</strong></p><p>In seiner Besorgnis rief der Butler wieder bei Mister Prince an und bat ihn, der Lady einen diskreten Arzt zu vermitteln. �Lady Marbely befindet sich in einem Zustand h�chster Erregung�, berichtete er. �Sie ist ohne Bewusstsein. Ihr Puls rast, sie hat unvermittelt hohes Fieber bekommen.�</p><p>Keine zehn Minuten sp�ter l�utete es am Haupttor zur Villa. Ein relativ junger Mann mit Arztkoffer stand drau�en und wies sich mit seinem F�hrerschein, um den ihn der Butler bat, als Dr. Heiner Landau aus, seines Zeichens Allgemeinmediziner, mit einer Praxis in K�nigstein. Der Arzt untersuchte die Lady und best�tigte die Vermutung des Butlers, dass sie unter dem Einfluss einer starken Droge stand. Er tippte auf LSD oder Ecstasy oder eine Mischung beider Substanzen.</p><p>�Ich werde der Frau eine Blutprobe entnehmen und den Wein untersuchen. Sie h�ren von mir, sobald ich N�heres wei�. Aber jetzt holen wir die Dame langsam zur�ck in unsere Welt, indem wir sie mit einer Spritze beruhigen. Sie wird in einen sanften Schlaf gleiten und irgendwann in dieser Nacht hoffentlich erholt erwachen. Es w�re gut, wenn man sie in dieser Zeit nicht allein lie�e.�</p><p>Der Butler bedankte sich und bat den Arzt um seine Telefonnummer. �Falls es zu Komplikationen kommt.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Gegen vier Uhr fr�h streckte sich Lady Marbely und g�hnte laut. Dann sprang sie erschrocken vom Bett auf.</p><p>�Ich bleibe in diesem Haus des Teufels keine Minute l�nger. Ich fahre zur�ck nach England und ��</p><p>�Beruhigen Sie sich, Milady! Bitte berichten Sie, was Sie so sehr, �h � Sie gestatten den Ausdruck � verst�rt hat.�</p><p>�Ich bin nicht verst�rt, ich bin <emphasis>zerst�rt</emphasis>�, korrigierte ihn Lady Marbely, warf sich in ihren eisblauen Morgenmantel und lief aus dem Raum.</p><p>Als sie aus dem Badezimmer zur�ckkam, komplimentierte sie den Butler aus dem Schlafgemach. Dieser ging nur widerstrebend.</p><p>�Ich muss mit Ihnen reden, Milady�, erkl�rte er. �Sie hatten ein ernstes medizinisches Problem und m�ssen sich schonen.�</p><p>�Ich bin in einer Viertelstunde bei Ihnen. Wir treffen uns in der K�che, dem einzigen Ort in diesem Haus, an dem ich mich sicher f�hle. Und bereiten Sie Tee und etwas Toast, damit ich gest�rkt abreisen kann.�</p><p>Als die Lady in der K�che erschien, hatte sie ihr Haar in Ordnung gebracht und etwas Schminke aufgelegt. �Ich sehe schrecklich aus. Dabei habe ich kaum etwas getrunken�, klagte sie. �Egal. Ich reise ab. So bald wie m�glich. Ich telefoniere nach Hause. Sie bringen mich nach Siegen, zum Flughafen. Dann sind Sie mich los und k�nnen wieder Ihr normales Leben f�hren.�</p><p>�Sie gestatten, Milady, dass ich auch meine Sicht der Dinge darlege?�</p><p>�Nat�rlich k�nnen Sie das. Die Zeit der Leibeigenschaft ist vor�ber. Doch ich m�chte Ihnen auch noch etwas sagen. Wer beginnt?�</p><p>�Ich lausche Ihrem Wort mit Interesse�, erwiderte der Butler und bestrich eine Scheibe hei�en Toast mit gesalzener Butter, wartete jedoch mit dem Hineinbei�en, um Lady Marbely nicht den Eindruck von Desinteresse zu vermitteln.</p><p>�Dies ist kein gutes Haus�, begann Lady Marbely ihre Ausf�hrungen. �Wir wissen, dass mindestens vier Personen hier zu Tode kamen. Der Richter, Jakob, sein Sohn und seine Frau. Er wollte hier nicht leben. Und man kann hier nicht leben. Ich habe den Teufel gesehen, heute Nacht. Hier, in diesem Geb�ude. Und ich habe mich noch nie so, wie soll ich sagen, aufgew�hlt gef�hlt, wie in den vergangenen Stunden. Mit mir ist etwas geschehen, das mich sehr beunruhigt, und ich wei�, dass ich nicht l�nger bleibe. Auch nicht in diesem Land. W�ren Sie nicht gewesen, w�re ich tot. Man trachtet mir nach dem Leben. Und ich bezweifle allm�hlich, dass dieser Jemand aus Fleisch und Blut ist. Nun gut, das Wesentliche ist gesagt. Versuchen Sie mich nicht zu �berreden, hierzubleiben. Mein Entschluss steht fest. Unab�nderlich.�</p><p>Der Butler schwieg.</p><p>�Jetzt bei�en Sie doch endlich in Ihren Toast, James!�</p><p>Der Butler lie� noch etwas Orangenmarmelade auf den gebutterten Toast gleiten, probierte davon und fand ihn k�stlich. Er nahm noch einen Schluck starken Tee, bevor er sich an die Lady wandte. �Ihre Entscheidung muss ich nat�rlich akzeptieren, Milady, sosehr ich sie auch bedaure. Dennoch erlaube ich mir, den Verlauf des gestrigen Abends und der heutigen Nacht aus meiner Sicht zu schildern. Die unangenehmen Vorkommnisse begannen mit dem toten Richter im Weinkeller. Sie entschieden daraufhin, von einem gek�hlten Wei�wein zu trinken und verloren noch an der Tafel das Bewusstsein. Zugleich schien sich Ihr K�rper, Milady, in einem Zustand h�chster Agitation zu befinden. Ihr Puls raste, Sie hatten Fieber. Der Arzt, den ich rief, vermutete, Sie h�tten eine Droge genommen. Nat�rlich, ohne es zu wissen. Er wird den restlichen Wein untersuchen. Und ich wage es auch noch, Ihnen mitzuteilen, warum ich Ihren Entschluss, aus Deutschland abzureisen und mich zu feuern, sehr, sehr bedaure.�</p><p>�Aber ich entlasse Sie doch nicht! Sie sind ja nicht wirklich mein Butler. Das ist nur Ihre Rolle. Sie sind � Na, so genau wei� ich es eigentlich gar nicht!�</p><p>�Eine Rolle, in die ich immer st�rker hineinwachse. Ich bedaure Ihren Entschluss, Milady, aus pers�nlichen, aber auch aus beruflichen Gr�nden. Sie wurden mir, als ich den Auftrag �bernahm, als beinahe furchtlose, unkonventionelle Frau beschrieben, mit deren Hilfe ich den schwierigen Fall l�sen k�nnte. Ich wei� nicht, ob ich das allein schaffe.�</p><p>Lady Marbely schwieg. Tr�nen gl�nzten in ihren hellblauen Augen. Sie nahm einen Schluck Tee, r�usperte sich und sagte: �Geben Sie mir eine Stunde Zeit! Ich muss mit mir ins Reine kommen. Ich wei� selbst nicht, was ich will. Und das, das versichere ich Ihnen, ist nicht oft der Fall bei mir.�</p><p>�Ich warte mit Interesse auf Ihre Mitteilung, Milady.�</p><p>�Und ruhen Sie sich etwas aus, James! Sie haben sicher die ganze Nacht nicht geschlafen. F�r Ihre au�erordentliche F�rsorge bedanke ich mich bei Ihnen.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Butler war am K�chentisch eingenickt, als ihn das L�uten und Vibrieren seines Handys im Frackrock weckte.</p><p>�Landau hat mich verst�ndigt�, meldete sich Mister Prince. �Er hat im Blut der Lady Marbely und im untersuchten Wein eine ziemlich hohe Konzentration von Lysergs�urediethylamid entdeckt.� <emphasis>LSD</emphasis>. Wie es der Butler vermutet hatte.</p><p>Mister Prince erkundigte sich nach dem Befinden der Lady und reagierte etwas geschockt, als er von deren Absicht h�rte, vorzeitig nach England zur�ckzukehren.</p><p>�Sie hasst dieses Haus und glaubt, den Teufel gesehen zu haben.�</p><p>�Den Teufel. Soso. Wir m�ssen nat�rlich ihren Wunsch akzeptieren�, meinte Mister Prince. �Doch zuf�lligerweise kann ich Ihnen einen au�ergew�hnlichen Vorschlag unterbreiten. Ich wei�, dass sich ein Top-Agent der PSA in Deutschland aufh�lt. Er arbeitet an einem Fall ganz in Ihrer N�he. Er k�nnte der Lady diesen � unn�tzen Teufel sicher austreiben.�</p><p>�Es ist doch nicht etwa ��</p><p>�Larry Brent von der PSA. Ich werde ihn verst�ndigen. Er wird, wenn ich ihn dazu �berreden kann, von sich aus den Kontakt zu Ihnen suchen.� Es klickte. Mister Prince hatte das Gespr�ch beendet.</p><p>Der Butler nickte zufrieden. Diese Schwesterorganisation PSA war eine patente Truppe. Es f�gte sich gut, endlich mal einen dieser Spezialagenten kennenzulernen. Mit fachlichen Argumenten konnte Lady Marbely vielleicht zur Einsicht gebracht werden. Sofern sich dieser Larry Brent melden w�rde.</p><p>Kurz nach f�nf kam Lady Marbely, vollst�ndig angekleidet, in die K�che und verk�ndete: �Ich mache weiter. Allerdings unter bestimmten Bedingungen.�</p><p>�Eine sehr erfreuliche Mitteilung, Milady. Jeder Wunsch wird Ihnen erf�llt.�</p><p>�Also�, begann die Lady und f�llte frisches Wasser in den automatischen Kocher. Dem Butler, der aufgesprungen war, ihr diese Arbeit abzunehmen, winkte sie entschieden ab. �Das geh�rt bereits zu meinen Bedingungen. Ich entschuldige mich f�r die Schwierigkeiten, die ich Ihnen seit meinem Eintreffen bereite. Sie werden den Eindruck haben, es mit einer selbsts�chtigen, hysterischen Alten zu tun zu haben, �hnlich jener schrecklichen Person, die sich Herzogin von Alba nennt. Eine peinliche Frau, die nach einer kosmetischen Operation wie die Figur aus einem Comicheft aussieht.�</p><p>�Die Simpsons, wenn Milady erlauben.�</p><p>�Von der ausgepr�gten Oberlippe her, denke ich eher an Daisy Duck. Oder Oma Duck, was das Alter betrifft. Jedenfalls komme ich mir, seitdem ich Ihre Dienste in Anspruch nehme, immer mehr wie eine komische Alte vor, die eine merkw�rdige Rolle in einer Schmierenkom�die �bernommen hat. Sie sind ein perfekter Butler, aber was bin ich? Ich f�hle mich kaum als Mensch neben Ihnen.� Wieder sammelten sich Tr�nen in Lady Marbelys Augen.</p><p>�Das sind die Nachwirkungen vom LSD, das sich in dem Wein befunden hat, Milady, und der Injektion, die Ihnen der Arzt verabreicht hat. Alles schwere Psychopharmaka.�</p><p>�Mag sein. Aber es liegt auch viel Wahrheit in dieser bitteren Erkenntnis�, wehrte die Lady ab. �Und deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Zauber zu beenden. Sie treten als Agent, oder was immer Sie sind, neben mir auf. Und ich versuche, eine m�glichst brauchbare Assistentin zu sein.�</p><p>�Der Wunsch, weiter mit mir zu arbeiten, Milady, freut und ehrt mich. Ich weise aber darauf hin, dass die Konstellation Herrin und Butler viele Vorteile bei der L�sung dieses Falles bietet. Ich w�rde ungern darauf verzichten.�</p><p>�Einverstanden. Aber unter einer Bedingung.�</p><p>�Und die lautet?�</p><p>�Wir wechseln die Rollen f�r diesen Tag. Von Stund an bis um null Uhr.�</p><p>�Das hei�t, Sie wollen die Rolle des Agenten �bernehmen, w�hrend ich in die zweite Reihe zur�cktrete. Das ist kein Problem, Milady. Dazu bin ich selbstverst�ndlich bereit.�</p><p>�Sie missverstehen mich. Sie m�ssen die Rolle des Herrn �bernehmen, w�hrend ich Ihre Gesellschaftsdame spiele. Und fragen Sie mich bitte nicht nach dem Grund dieses Wunsches!�</p><p>Der Butler zog ein langes Gesicht. �Gerade diese Frage, Milady, besch�ftigt mich soeben sehr heftig.�</p><p>�Gut. Dann bem�he ich mich um eine Antwort. Ich m�chte Ihnen die M�glichkeit geben, wenigstens f�r neunzehn Stunden zu sehen, dass auch die Rolle des Herrn ihre schweren Seiten hat, und ich m�chte Ihre Sicht der Dinge �bernehmen, um nicht in der Rolle einer eisernen Lady zu versteinern.�</p><p>�Oh. Ich wei� nicht ��</p><p>�Es ist die entscheidende Bedingung, weiter mit Ihnen zu arbeiten.�</p><p>�Einverstanden, Mil��</p><p>�Ich bin Amanda, Ihre Gesellschaftsdame, Sir. Welche W�nsche haben Sie? Darf ich Ihnen ein englisches Fr�hst�ck vorschlagen? Mit W�rstchen, Tomaten, Spiegelei.�</p><p>Etwas verlegen f�gte sich der Butler in seine Rolle und bem�hte sich, die Geduld aufzubringen, ruhig dazusitzen, w�hrend jemand anderer f�r ihn kochte. <emphasis>Eine langweilige Rolle</emphasis>, �berlegte er, <emphasis>als ob man keine H�nde und F��e h�tte.</emphasis> �Sie sprachen von einer Teufelserscheinung, Mil� Amanda.�</p><p>�Amanda. Jawohl, Sir. Gut, heute Nacht sah ich den Teufel, m�chte in der Beschreibung aber nicht ins Detail gehen. Das w�re mir, einem noblen Menschen wie Ihnen gegen�ber, peinlich. Das Furchtbarste an diesem Erleben, das so gar nichts von einem Traum hatte, waren die k�rperlichen Empfindungen. Ich hatte keine Arme und keine Beine mehr.�</p><p><emphasis>Ach!</emphasis>, dachte der Butler am�siert. �Schrecklich. Das macht Ihre heftige Reaktion nat�rlich verst�ndlich. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, scheint auf dem Herd etwas zu hei� zu werden.�</p><p>�Oh mein Gott! Ich sollte mich auf die Arbeit konzentrieren und nicht so viel reden. Ich hoffe, wir haben noch Eier.�</p><p>Trotz dieses kleinen Zwischenfalls mundete das von Lady Marbely, alias Amanda, bereitete Fr�hst�ck k�stlich, und der Butler, alias Sir James, f�hlte sich allen m�glichen Schwierigkeiten des folgenden Tages gewachsen, zu denen ein Besuch bei Hans Obermann und seiner Frau in Siegen z�hlen sollte.</p><p>�Ich schlage vor, wir ��</p><p>Lady Marbely unterbrach den Butler: �Sie schlagen mir nichts vor, Sir, Sie <emphasis>befehlen</emphasis>, wenn ich mir diesen Einwand in aller H�flichkeit erlauben darf.�</p><p>�Ich befehle also meiner treuen Amanda, bei den Obermanns auf die vor�bergehende Umkehr unserer Rollen zu verzichten. Es k�nnte die armen Leute ��</p><p>�Die vielleicht gar nicht so arm sind ��</p><p>�Oh, Amanda, Sie haben soeben Ihren Herrn etwas unh�flich in seinen Ausf�hrungen unterbrochen.�</p><p>�Ich wei� nicht, was in mich gefahren ist, Sir. Bitte um Verzeihung.�</p><p>�Ohne Zweifel der Teufel � Also, wir verzichten auf den Rollentausch, wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die uns schon kennen.�</p><p>�Das, Sir, kann ich schwer akzeptieren, schlage daher einen Kompromiss vor. In den beschriebenen F�llen treten wir als zwei sozial gleichwertige Menschen auf. Also ganz normal.�</p><p>�Ein guter Vorschlag, den ich gern akzeptiere.�</p><p>�Ich f�hle mich erleichtert, Sir. Ahne aber jetzt schon, wie schwer es wird, als Ihre Gesellschaftsdame einigerma�en zu ��</p><p>�Re�ssieren?�</p><p>�Bestehen.�</p><p>�Und nun ein Angebot von meiner Seite. Ich kenne einen absoluten Spezialisten auf dem Gebiet paranormaler Ph�nomene. Er wird, so hoffe ich, die Villa m�glichst rasch kontrollieren und je nach dem Ergebnis der Untersuchungen zu einer Abreise raten oder die Unbedenklichkeit des Aufenthaltes best�tigen.�</p><p>Die Lady dankte dem Butler und eilte zur Sp�le, um den Abwasch zu erledigen.</p><p><emphasis>Bloody hell!</emphasis> Sie musste einen Geschirrsp�ler f�r die Villa anschaffen. Das hei�e Wasser und das �bel riechende Sp�lmittel schadeten ihren H�nden. Wieder fiel ihr Blick auf den leeren Ringfinger, und sie dachte mit Wehmut an ihren Mann, mit dem sie ein entspanntes, ja, beinahe normales Leben gef�hrt hatte. Andererseits waren es zu ruhige Jahre gewesen, die sie an Geist, Seele und K�rper altern lie�en. Jung f�hlte sie sich erst, seitdem sie sich um das Firmengeflecht k�mmern musste, das ihr Mann weltweit zur�ckgelassen hatte. Und jetzt diese neue Herausforderung! Sie w�rde auch dieses Abenteuer in Deutschland bestehen. Sie war ja nicht allein.</p><p><strong>*</strong></p><p>Lady Marbely bestand in ihrer vor�bergehenden Rolle darauf, den Maybach nach Siegen zu chauffieren. Der Butler bem�hte sich, auf dem Beifahrersitz m�glichst entspannt zu wirken, trotz der, gelinde gesagt, extravaganten Fahrweise der Lady.</p><p>�Es ist nicht ganz leicht, einen rechtsgesteuerten Wagen �ber Deutschlands Stra�en zu lenken�, entschuldigte sie sich bei ihrem Passagier, der auch bei den heftigsten Man�vern Haltung bewahrte. �Aber das wissen Sie ja, Sir, aus eigener Erfahrung. Wie konnte ich nur so gedankenlos sein, ein solches Modell zu ordern! Wir h�tten einen Leihwagen nehmen k�nnen, mit kontinentaler Steuerung.� Dann f�gte sie noch hinzu: �Ich f�rchte, Sie werden mich bald entlassen.�</p><p>�Erst um Mitternacht. So lautet unser Pakt.�</p><p>�Geben Sie zu, Sir, dass Sie soeben auch an einen Teufelspakt gedacht haben.�</p><p>�Nichts l�ge mir ferner als das.� Der Butler unterdr�ckte ein L�cheln.</p><p>�Aber ich falle st�ndig aus meiner Rolle, Sir. Eine Gesellschaftsdame hat zu schweigen, solange sich ihr Herr nicht an Sie wendet.�</p><p>�Dem habe ich nichts hinzuzuf�gen.� Der Butler schloss die Augen und schien tats�chlich zu schlafen, bis der Maybach vor dem Haus der Obermanns in der Siegener Am-Schwarzen-Barth-Stra�e hielt.</p><p>Das Haus wirkte mit seinem Efeubewuchs d�ster und unfreundlich auf die Lady. Wie sein Besitzer, Hans Obermann, der von der Firma nach Hause geeilt war, um den Besuch zu begr��en. Der Butler hatte sich jedoch vorgenommen, dem Ehepaar Obermann ohne vorgefasste Meinung zu begegnen. Immerhin hatte ihnen Jakob Aufhauser eine betr�chtliche Summe Geld hinterlassen und in ihrem Haus gelebt.</p><p>�Jakob wohnte im ersten Stock�, erkl�rte Angela Obermann mit einem strahlenden L�cheln, bei dem sie ihre makellosen Z�hne entbl��te. Sie h�tte gut zu dem verungl�ckten Alexander Henschel gepasst, fand der Butler, aber dann w�re sie jetzt Witwe.</p><p>�Wir haben genug Platz, seitdem unser Sohn studiert�, fuhr sie fort.</p><p>Ihr Mann hielt sich schweigend im Hintergrund.</p><p>Der Butler sprach ihn direkt an, als Frau Obermann in der K�che verschwand, um einen vormitt�glichen Imbiss zu bereiten. �Wir haben von einer weiteren Firma geh�rt, die dem Cousin Lady Marbelys geh�rte. Ein Betrieb in Kirchhundem.�</p><p>�Die <emphasis>Gesellschaft f�r Feinmechanik</emphasis>, vermute ich�, erwiderte Herr Obermann.</p><p>Lady Marbely, der Butler und Hans Obermann nahmen auf dunkelbraunen Ledersitzm�beln Platz, die beim ersten Kontakt mit dem K�rper ein peinliches Ger�usch von sich gaben. Lady Marbely probierte es gleich mehrmals hintereinander und nahm so der Situation die Spitze.</p><p>Hans Obermanns Gesicht hatte sich jedoch weiter verdunkelt. Er schwieg.</p><p>�Das hei�t, Sie wussten von dieser Firma?�</p><p>�Ich kenne sie, weil wir sie beliefern�, lautete die knappe Antwort.</p><p>�Aber Herr Aufhauser muss Ihnen gegen�ber doch etwas erw�hnt haben. Schlie�lich haben Sie hier mit ihm zeitweise zusammengelebt.�</p><p>�Ich kommentiere private Gespr�che nicht. Es war mir stets wichtig, die dienstliche Seite von der privaten zu trennen, m�chte aber nicht verhehlen, dass Jakob Aufhauser f�r mich ein lieber Freund geworden ist, eine Art wohlmeinender gro�er Bruder, von dem ich menschlich viel gelernt habe. Vor allem habe ich mich unter seinem Einfluss von einer Gruppe von Menschen befreien k�nnen, die f�r meine innere Entwicklung nicht gut waren.�</p><p>Der Butler, der �berrascht war von der emotionalen Art, in der Herr Obermann von seinem Arbeitgeber gesprochen hatte, erkundigte sich nach der Gruppe, die sein Gegen�ber erw�hnt hatte.</p><p>�Eine Gruppierung, der ich seit dem Studium angeh�rte. Konservativ, alten Werten anh�ngend. Meine Narbe geht auf diese Zeit zur�ck.�</p><p>�Eine schlagende Verbindung?�, mutma�te der Butler.</p><p>Hans Obermann nickte. �Aber ohne Bedeutung f�r mein jetziges Leben.�</p><p>Frau Obermann, die geduldig gewartet hatte, bis dieser Teil des Gespr�ches abgeschlossen war, stellte Schnittchen, Kaffee und Mineralwasser auf den Couchtisch. �Hans ist ein sehr ehrlicher Mensch. Er kennt keine L�gen. Das macht den Umgang mit ihm manches Mal etwas schwer, wenn man ihn nicht so gut kennt wie ich. Oder wie das bei Jakob Aufhauser der Fall war. Er mochte meinen Mann.�</p><p>�Sie gestatten mir dieselbe Offenheit�, setzte der Butler das Gespr�ch fort. �Lady Marbely sind berechtigte Zweifel gekommen, dass die sicherlich gut gef�hrte Fabrik in Siegen Quelle des immensen Verm�gens sein kann, das sie geerbt hat.�</p><p>�Dieser Gedanke dr�ngt sich auf�, r�umte Hans Obermann ein. �Jakob Aufhauser war gerade damit besch�ftigt, all das zu kl�ren, als man ihn beseitigte.�</p><p>Der Butler horchte auf. �Sie glauben also auch an Mord?�</p><p>�Ich bin �berzeugt davon, dass man ihn get�tet hat�, antwortete Hans Obermann.</p><p>�Sie wissen, wer oder was dahintersteckt?�</p><p>�Ich �� Ein Klirren und ein dumpfer Schlag unterbrachen das Gespr�ch. Auf Hans Obermanns Stirn zeichnete sich ein kreisrunder roter Fleck ab. Er kippte nach vorn.</p><p>Seine Frau eilte auf ihn zu. Der Butler sprang auf, stie� sie mit der linken Hand zu Boden, mit der Rechten dr�ckte er Milady unter den Tisch. �Nicht bewegen!�</p><p>�Aber ich kann doch meinen Mann nicht im Stich lassen!�, schrie Frau Obermann.</p><p>Der Butler hockte kampfbereit hinter einem der Sessel. �Ihr Mann ist tot.�</p><p><strong>*</strong></p><p>�Sie bleiben im Wagen, Amanda!�, gab sich der Butler streng, indem er die neue Rolle, die Lady Marbely ihm aufgedr�ngt hatte, nun f�r seine Interessen nutzte. �Unsere Gegner entwickeln eine derart massive kriminelle Energie, dass wir mehr auf Sicherheit bedacht sein m�ssen.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Aber was?�</p><p>�Aber, Sir.�</p><p>�Kein Aber, Amanda. Ich wage mich allein in die H�hle des L�wen namens <emphasis>GFF</emphasis>, w�re jedoch froh, eine Vollmacht zu erhalten, die mir einen Einblick in die Gesch�ftsunterlagen der Firma erlaubt, die sich nun rechtlich in Ihrem Besitz befindet.�</p><p>�Abgelehnt, Sir. Ich komme mit.�</p><p>�Gut, dann folgen Sie mir. Auf eigene Gefahr, auf eigenes Risiko, aber etwas flott, wenn ich bitten darf.�</p><p>Den Mord an Hans Obermann hatte der Butler bereits Minuten nach dem �berfall an seine Leitstelle gemeldet. Kaum eine Viertelstunde sp�ter war ein Hubschrauber des LKA eingetroffen. F�r die geschockte Frau Obermann wurde gesorgt. Jetzt galt es, keine unn�tige Zeit zu verlieren.</p><p>Die Fahrstrecke von Siegen nach Kirchhundem w�re landschaftlich sch�n gewesen, h�tte es nicht derart stark geregnet. Den Laubb�umen mag dieser Segen von oben in diesen ersten trockenen Fr�hlingstagen gutgetan haben. Den Einfluss des tr�ben Wetters auf Lady Marbely, deren seelisches Gleichgewicht nach dem unfreiwilligen LSD-Trip noch nicht ganz wiederhergestellt war, musste man jedoch als bedr�ckend bezeichnen. Die sonst so gespr�chige Dame schwieg w�hrend der Fahrt, schaute stur geradeaus, fuhr viel langsamer, als es erlaubt gewesen w�re.</p><p><emphasis>Ein schlechtes Zeichen</emphasis>, dachte der Butler gerade, als die Lady den Wagen in eine Parkbucht lenkte und anhielt. Sie blieb weiterhin stumm. Der Butler bemerkte die Tr�nen, die aus Lady Marbelys Augen �ber ihre vollen Wangen liefen.</p><p>�Ist Ihnen nicht gut, Amanda?�, fragte der Butler besorgt. �Soll ich �bernehmen?�</p><p>�Entschuldigen Sie, Sir�, kam die Antwort. �Es ist alles ein bisschen viel auf einmal. Die n�chtliche Konfrontation mit dem Teufel, und jetzt auch noch der Tod Hans Obermanns. Ich war dabei, den Mann, wenn schon nicht sympathisch, so doch ehrlich und authentisch zu finden, da liegt er tot neben uns. Und die arme Frau. Wir h�tten uns um sie k�mmern m�ssen.�</p><p>�Sie wird von Spezialisten versorgt.�</p><p>�Ich werde mich telefonisch bei ihr melden. Wenn Sie keine Einw�nde haben.�</p><p>Die Regenwolken wirkten mit einem Mal geradezu freundlich auf den Butler, als die Atmosph�re im Maybach erneut einen D�mpfer erhielt. Lady Marbely, die die Telefonnummer der Obermanns gew�hlt hatte, erreichte nicht Angela Obermann, sondern den durch den Tod seines Vaters mitgenommenen Sohn.</p><p>Nach nur wenigen Worten trennte Lady Marbely die Verbindung. �Der Sohn der Obermanns. V�llig aus dem H�uschen. Er blamiert den Tod seines Vaters auf uns.� Die Lady war aufgew�hlt, ihr Deutsch f�r den Moment desolat.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter st�rkten sie sich bei Eierlik�rtorte und Milchkaffee im Stadtcaf� Hilchenbach, einem pr�chtigen Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert. Sie verweilten nicht lange und steuerten nach dieser kreativen Pause Kirchhundem und das Gel�nde der <emphasis>Gesellschaft f�r Feinmechanik</emphasis> an. Diese Betriebsst�tte wirkte sauber und modern, obwohl die Geb�ude schon einige Jahrzehnte alt sein mussten. Der Parkplatz stand voller Autos. Der Butler sch�tzte, dass dort an die hundert Fahrzeuge abgestellt waren.</p><p>Am Glas der Eingangst�r zum B�rogeb�ude war ein Hinweis auf eine Betriebsversammlung um vierzehn Uhr angebracht. In allen B�ros brannte Licht. Dennoch war niemand anzutreffen. Als sie am Ende eines Ganges eine Frau mittleren Alters von einer T�r in die n�chste huschen sah, machte sich Lady Marbely durch lautes Rufen bemerkbar.</p><p>Die Frau, vermutlich eine Sekret�rin, reagierte und schritt den Gang entlang auf die Lady und den Butler zu. �Guten Tag. Was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>Lady Marbely wies sich als die neue Eigent�merin der Firma aus. Ein Umstand, der die sorgenvolle Miene von Frau Belinda Semmelrogge, so stellte sie sich vor, mit einem Schlag aufhellte. �Ich verst�ndige den Gesch�ftsf�hrer, Herrn Habermann. Ich f�hre Sie in sein B�ro.�</p><p>Der Raum wirkte hell, obwohl die Fenster auf eine Betonwand blickten. Von einem Computermonitor leuchtete der Terminkalender des Herrn Siegbert Habermann, randvoll von morgens um halb neun bis abends um neunzehn Uhr. Ein Blick auf seine Uhr zeigte dem Butler, dass es kurz vor zw�lf war.</p><p>Herr Habermann wirkte �berdreht. Er redete unaufh�rlich ab dem Zeitpunkt, an dem er seine G�ste begr��t und sie gebeten hatte, auf olivgr�nen Polsterm�beln Platz zu nehmen. �Ich freue mich sehr, Sie pers�nlich kennenzulernen, Lady Marbely. Die Tatsache, dass Sie das Erbe unseres Chefs antreten, �berrascht mich zwar, aber Herr Henschel war immer f�r �berraschungen gut. Ja, Herr Henschel war Chef und Eigent�mer des Betriebs. Nein, von einem Herrn Aufhauser haben wir nie etwas geh�rt. Oh doch, nat�rlich. Wir bezogen Produkte von <emphasis>Aufhauser Metalltechnik</emphasis> in Siegen. Sie k�nnen sich vorstellen, dass der pl�tzliche Tod des Eigent�mers zu Unruhe in der Belegschaft f�hrt. Wir haben um vierzehn Uhr eine Betriebsversammlung, bei der wir versuchen werden, die Arbeiter und Angestellten etwas zu beruhigen. Dreihundertsiebenundsechzig Arbeiter, achtundf�nfzig Angestellte, mich eingeschlossen. Ja, die Art der Produkte. Sehr global gesehen handelt es sich um feinmechanische Ger�te, die zur Herstellung vielf�ltiger Teile dienen. Richtig gesehen zur Herstellung metallischer Gegenst�nde.�</p><p>Lady Marbely gedachte den Redefluss des Mannes zu unterbrechen. �Also eine illegale Waffenfabrik?�</p><p>Der Gesch�ftsf�hrer zog sein Gesicht in die L�nge. �Wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Instinkt, Herr Habermann. In meinem geliebten Heimatland gibt es �hnliche Feinmechanik. Ger�te, die zur Herstellung anderer Ger�te dienen. Das sind meist Kanonenrohre, Haubitzen, und der Teufel wei�, was sonst noch.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Schweigen Sie, Habermann! Jetzt rede ich!� Lady Marbely wurde br�sk. �Sie begegnen mir entweder mit r�ckhaltloser Offenheit, was die Firma betrifft, oder ich spreche eine sofortige K�ndigung aus und leite eine kriminalistische Untersuchung der Vorg�nge rund um das Werk Kirchhundem ein.�</p><p>�Ich erbitte Bedenkzeit. Da gibt es ziemlich viel zu ber�cksichtigen.�</p><p>�Sie haben bis dreizehn Uhr Zeit. Wir werden inzwischen etwas essen. Sie haben doch eine Kantine?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Nur entspricht sie im Standard nicht dem, was man einem Gast wie Ihnen ��</p><p>�Ich bin kein Gast. Die Fabrik geh�rt mir�, stellte die Lady klar. �Zeigen Sie mir bitte den Weg!�</p><p>Wenig sp�ter verstummten die Stimmen der M�nner und Frauen im Speisesaal, als der Gesch�ftsf�hrer die Lady und den Butler an einen freien Tisch geleitete. �Ich hoffe im Interesse der Belegschaft, dass <emphasis>GFF</emphasis> �berleben wird�, verabschiedete sich Habermann. �Es sind sehr schwere Stunden, die viel von uns allen fordern.�</p><p>Lady Marbely und der Butler stellten sich brav an der Essensausgabe an und w�hlten Men� Nummer zwei, das aus Pfannkuchensuppe mit Gem�seeinlage, Schweinekotelett mit Leipziger Allerlei und Kartoffelp�ree sowie Nussecken bestand. Dazu tranken sie Apfelschorle.</p><p>�Ich werde mich bei der Versammlung um vierzehn Uhr an die Arbeiter wenden. Sie sollen wissen, was sie erwartet�, sagte die Lady.</p><p>�Es w�re wichtig, die Situation zu kl�ren und dann das Werk weiterzuf�hren�, riet der Butler. �Ich kann die Unterst�tzung aller wichtigen Beh�rden garantieren.�</p><p>�Zur Kl�rung der Situation, von der Sie sprechen, werde ich meinen gesch�ftlichen Berater Sam Hamilton nach Deutschland beordern. Er soll die Gesch�ftspraktiken von <emphasis>GFF</emphasis> analysieren und eine Bereinigung der Situation vorbereiten. Dass hier etwas faul ist, scheint wohl klar zu sein.�</p><p>Nach dem Mittagessen zogen sich Lady Marbely und der Butler in den Maybach zur�ck, wo sie einige Telefonate t�tigten und Lady Marbely eine Rede entwarf, die sie vor den Mitarbeitern halten wollte.</p><p>Als sie gegen vierzehn Uhr die Werkshalle A betraten, hatten sich bereits Hunderte Arbeiter eingefunden. Die Stimmung war angespannt, alle redeten durcheinander. Lady Marbely wartete auf das Erscheinen des Gesch�ftsf�hrers. Als dieser auch f�nf Minuten nach zwei Uhr noch nicht eingetroffen war, erklomm sie das Podium, auf dem ein Rednerpult stand. Sie vergewisserte sich, dass das Mikrofon eingeschaltet war und hielt die vorbereitete Rede, wobei sie frei sprach und nur hin und wieder den Text zu Hilfe nahm. Der Butler bewunderte die ruhige Professionalit�t der Lady, die erst in diesem Umfeld zur Geltung kam. Er verstand nun, warum sie und ihre Unternehmen so erfolgreich waren.</p><p>�Wir werden darauf achten�, beendete Lady Marbely ihre Ansprache, �dass jeder Einzelne von Ihnen weiter besch�ftigt werden kann, m�ssen daf�r jedoch die �u�eren Umst�nde kl�ren. Ich schicke Sie vorl�ufig in einen auf vierzehn Tage bemessenen bezahlten Urlaub. Am 26. M�rz, acht Uhr fr�h, findet die n�chste Versammlung statt, bei der wir Ihnen N�heres, die Zukunft betreffend, mitteilen werden. Ich danke f�r Ihre Aufmerksamkeit und stehe f�r Fragen zur Verf�gung.�</p><p>�Entschuldigen Sie mich, Lady Marbely�, rief die aufgeregte Stimme von Frau Semmelrogge vom Eingang her. �Sie werden dringend ben�tigt. Es handelt sich um einen Notfall.� Mehr sagte die Sekret�rin nicht, doch ihr verzweifelter Blick, ihr wirres Haar und die unkoordinierten Bewegungen der H�nde lie�en auf einen dramatischen Vorfall schlie�en. Lady Marbely und der Butler eilten zum Ausgang und folgten ihr ins B�rogeb�ude. Der Butler vermutete, dass die Hektik etwas mit dem Gesch�ftsf�hrer zu tun hatte, der nicht zu der Versammlung gekommen war.</p><p>Im B�ro von Siegbert Habermann standen zwei Sanit�ter. Der Notarzt best�tigte soeben seinen Tod. �Vermutlich die �berdosis einer Droge�, sagte er.</p><p>�Die Toilette war versperrt. Ich lie� sie vom Hausmeister �ffnen�, erkl�rte die verwirrte Sekret�rin. �Was f�r ein Elend! Das ist nicht zu fassen.�</p><p>Lady Marbely wirkte konsterniert. Sie stand den sich �berschlagenden Ereignissen fassungslos gegen�ber. Der Butler empfand Mitleid. Kaum hatte sie ihren Fu� auf deutschen Boden gesetzt, da wurde sie von grauenhaften Ereignissen nur so �berrollt. Der Butler nahm sie in den Arm; sie legte ihren Kopf an seine Schulter und weinte.</p><p>�H�tten wir nicht unsere Rollen getauscht, Milady, d�rfte ich nicht wagen ��</p><p>�Es ist gut so, James!� Lady Marbely zwang sich zur Contenance. �Es hilft mir sehr, einen Mann wie Sie an meiner Seite zu wissen.�</p><p>Dann musste der Butler erneut seine Kommandozentrale unterrichten, und wieder wimmelten zahlreiche Einsatzkr�fte durch das sonst so beschauliche Siegerland. Als man die wichtigsten Formalit�ten erledigt hatte, verlie�en der Butler und Lady Marbely im Maybach das Fabrikgel�nde.</p><p><emphasis>Merkw�rdig!</emphasis>, �berlegte der Butler. <emphasis>Egal wohin wir gehen, wir hinterlassen eine Spur des Grauens �</emphasis></p><p>Und nur wenige Kilometer sp�ter fiel dem Butler auf, dass ihnen ein silbergrauer VW Polo mit Siegener Kennzeichen folgte. Der Lady gegen�ber, die vor Ersch�pfung eingeschlafen war, erw�hnte er nichts. In dem gepanzerten Wagen mit den schusssicheren Scheiben befanden sie sich in Sicherheit. Zudem lenkte der Anruf eines Mannes mit amerikanischem Akzent seine Gedanken auf ein anderes Thema. Larry Brent, die Nummer drei der PSA, schlug ein Treffen in Siegen vor. �Bevor ich mich eingehender mit dieser Villa besch�ftige, die Mister Prince erw�hnt hat, m�chte ich einige Punkte kl�ren.�</p><p>�Wir k�nnen in einer halben Stunde bei Ihnen sein.�</p><p>�Das hei�t, Sie sind irgendwo in der N�he unterwegs?�</p><p>Der Butler best�tigte dies und schlug als Treffpunkt den Siegener Bahnhof vor. �Unser Maybach ist nicht zu �bersehen, Mister Brent.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>5.</strong></p></title><p>Der Butler servierte Lady Marbely das Fr�hst�ck am n�chsten Tag in K�nigstein erst um zehn Uhr. Er hatte sich von den Speisen anregen lassen, die ihm die Lady am Vortag bereitet hatte und erntete mit seinem Men� besonders viel Lob und Anerkennung.</p><p>�Fein. Und was machen wir mit dem heutigen Tag? Sie haben gewiss Vorschl�ge.�</p><p>�Wir sollten im Geschehen innehalten, das Vorhandene betrachten, analysieren und uns dabei der genialen Methode bedienen, die Sie, Milady, gestern in so unvergleichlicher Weise ��</p><p>�Kommen Sie zum Punkt, James. Von welcher Methode sprechen Sie?�</p><p>�Dem Hineinschl�pfen in die Haut des anderen, wenn Milady gestatten.�</p><p>�In welche Haut wollen Sie heute schl�pfen?�</p><p>�In die der Person hinter all den Untaten, mit denen wir anl�sslich Ihres gesch�tzten Besuches hier in Deutschland konfrontiert wurden.�</p><p>�Einverstanden. Soll ich oder Sie?�</p><p>�Worauf beziehen Milady diese Frage?�</p><p>�Soll ich schl�pfen oder Sie? Wollen Sie der Unhold sein oder ich?�</p><p>�Ich schlage vor, ich �bernehme diese Rolle. Sie sind meine Komplizin.�</p><p>�Gut, dann verwandeln wir uns.�</p><p>�Wer beginnt?�</p><p>�Sie, James. Ich bin nur die Komplizin.�</p><p>�Ich halte alle wichtigen Punkte auf einem Bogen Papier fest.� Der Butler begann zu schreiben.</p><p><emphasis>Tod Jakob Aufhausers durch Injektion von Insulin. Maybach, gelockerte Radmuttern, verletzter Chauffeur. Gelockerte Radmuttern am Mercedes des Butlers.</emphasis></p><p><emphasis>Offenbar Mordversuch an Lady Marbely mittels Seilwinde. Fabrikhof Siegen.</emphasis></p><p><emphasis>Schussattentat auf Lady Marbely. Friedhof K�nigstein.</emphasis></p><p><emphasis>Schussattentat auf Mercedes.</emphasis></p><p><emphasis>Verschwinden Alexander Henschels im Landeskroner Weiher.</emphasis></p><p><emphasis>Ermordung des Amtsrichters im Weinkeller der Villa Andreae.</emphasis></p><p><emphasis>LSD-Attentat auf Lady Marbely. Villa Andreae.</emphasis></p><p><emphasis>Schussattentat auf Hans Obermann.</emphasis></p><p><emphasis>Selbstmord des Gesch�ftsf�hrers Habermann in Kirchhundem mit LSD.</emphasis></p><p><emphasis>Schwarze Ringe. Lemniskaten.</emphasis></p><p><emphasis>Waffenschmuggel. Geldw�sche.</emphasis></p><p>Danach wandte sich der Butler nachdenklich an Lady Marbely. �Unglaublich, was in der kurzen Zeit alles passiert ist. M�chten Milady etwas erg�nzen?�</p><p>�Ich h�tte gern ein Fragezeichen hinter Habermanns Selbstmord.�</p><p>�Schon geschehen.� Der Butler fixierte weiter sein Geschriebenes. �Wir, Milady, sind die teilweisen Urheber dieses verbrecherischen Geschehens. Beginnen wir mit dem <emphasis>Warum</emphasis> und denken wir wie unser Widerpart.�</p><p>�Warum also haben wir so viele Leute auf dem Gewissen und andere immer wieder attackiert?�, fragte Lady Marbely mehr sich selbst als ihren Butler.</p><p>�Wir haben einen gewichtigen Grund daf�r, ansonsten w�rden wir uns dieser Sache, oder nennen wir es Projekt, nicht mit dieser Energie widmen.�</p><p>�Wir hatten einen Plan, der durch eine schrullige Engl�nderin gest�rt wurde, die pl�tzlich auftauchte und alles durcheinanderbrachte. <emphasis>Sie</emphasis> ist der Grund daf�r, dass aus einem sauberen Plan, der wie ein chirurgischer Eingriff ablaufen sollte, ein Blutbad wurde.� Lady Marbely betrachtete mit gro�em Wohlgefallen die Schokoladenkekse, die der Butler als gelungene Abrundung des Fr�hst�cks servierte, hielt einen davon in ihre Teetasse und wartete, bis er sich vollgesogen hatte, dann lie� sie ihn genie�erisch in ihrem Mund verschwinden.</p><p>Der Butler fuhr derweil in seinen �berlegungen fort: �Ich brauche sehr viel Geld, um meine Pl�ne umzusetzen. Dazu sollte mir die Erbschaft des Jakob Aufhauser dienen.�</p><p>�Sie setzen zu sp�t ein. Das alles begann viel fr�her, mit der Firma in Kirchhundem. Sie machte Jakob zu einem reichen Mann.�</p><p>�Richtig. <emphasis>GFF</emphasis> in Kirchhundem hat sich auf die unerlaubte Ausfuhr von Ger�teteilen spezialisiert, die, am Zielort zusammengesetzt, zur Herstellung von Haubitzen dienen.�</p><p>�Und der Zielort ist ein Krieg f�hrendes Land�, warf Lady Marbely ein.</p><p>�Womit gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz versto�en wird und viel Geld zu verdienen ist.�</p><p>�Dieses Geld�, fuhr Lady Marbely fort, �wird in der anderen Fabrik in Siegen reingewaschen, sodass es offiziell verwendet werden kann. Man kauft Rohstoffe �ber konzerneigene Zulieferfirmen zu eklatant �berh�hten Preisen, und schon ist das schmutzige Geld sauber. Und das ist nur <emphasis>eine</emphasis> Methode, wie man Geld waschen kann, ganz abgesehen von Offshorebanken und Scheinfirmen.�</p><p>�Milady haben sich eingehend mit diesem Thema besch�ftigt.�</p><p>�Um zu wissen, wovon ich in meinem Firmenimperium besser die H�nde lasse, James. Weiter im Text. Wir haben uns im vorliegenden Falle eines Strohmannes bedient, dem wir die Rettung seines maroden Unternehmens in Aussicht stellten, den wir, ohne dass er es am Anfang bemerkte, immer tiefer in die kriminellen Machenschaften verwickelten.�</p><p>�Bis es eines Tages zu sp�t war, um einfach auszusteigen�, meinte der Butler. �Als der Mann, entgegen unseren Erwartungen, doch alles platzen lassen wollte, als er drohte, mit seinem Wissen an die �ffentlichkeit zu gehen, musste er sterben.�</p><p>�Und wir wollten erben�, erg�nzte Lady Marbely und schob ein weiteres mit Tee getr�nktes Schokoladenpl�tzchen in den Mund.</p><p>�Doch dieser Plan ging nicht auf. Nicht die Person, von der wir es erwartet hatten, erbte, sondern eine entfernte Verwandte namens Lady Marbely. Also musste dieses Hindernis beiseitegeschafft werden. Als dies nicht gelang, versuchte man es �ber Richter und Rechtsanwalt, die irgendeiner geheimen Gruppe angeh�ren, �ber die man Macht hat.�</p><p>�Bitte um Details, James!�</p><p>�Denken Sie an die schwarzen Ringe mit den Lemniskaten.�</p><p>�Das ist eine gewagte Vermutung, aber nicht ganz vom Finger zu weisen.� Der Butler �berlegte, ob Milady diesmal nur einen gelungenen Wortwitz kreiert hatte. �Wir beseitigen alle Menschen, die unseren Plan gef�hrden k�nnen�, fuhr die vielfache Million�rin fort.</p><p>�Aber wir erreichen unser Ziel nicht, solange die Lady am Leben ist.�</p><p>Die beiden legten eine Pause ein und h�llten sich in nachdenkliches Schweigen.</p><p>�Wir kennen nun die Motive des T�ters�, nahm Lady Marbely den Faden wieder auf.</p><p>�Oder der T�ter.�</p><p>�Aber wir wissen nicht, wer sie sind. Es w�re doch hilfreich, wenn uns das bekannt w�re. Wir k�nnten uns besser sch�tzen.�</p><p>�Oder sie aktiv bek�mpfen.�</p><p>�Das hei�t ��</p><p>�Das hei�t�, stellte der Butler fest, �dass unser Hauptziel in einer Identifizierung des T�ters liegt.�</p><p>�Sch�n, aber � alle Verd�chtigen sind bereits tot.�</p><p>�Ein Ansatzpunkt in diesem Fall sind die Strohm�nner, hinter denen der eigentliche T�ter steckt.�</p><p>�Jakob schrieb �ber einen Teufelspakt. Ein Vertrag zwischen Faust und Mephisto.�</p><p>�Das ist ein interessanter Gedanke, den wir unbedingt weiterverfolgen sollten.�</p><p>�Ein Pakt mit dem Teufel, der kurzzeitig Vorteile, letzten Endes aber den Untergang bringt.�</p><p>�Nur der Teufel selbst steigt dabei unversehrt aus. Damit w�ren wir bei unserem zweiten Hauptthema angelangt.�</p><p>Lady Marbely hatte verstanden. �Vielleicht kann uns der Amerikaner in dieser Hinsicht weiterhelfen. Er kommt doch heute Abend?�</p><p>�Das hat er uns gestern in Siegen versprochen. Ein Mann wie Larry Brent h�lt sein Wort.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Agent tauchte wie aus dem Nichts aus dem Hintergrund auf. Der Butler bemerkte den Schatten und ging sofort in Angriffsstellung, um sich sogleich wieder zu entspannen. �Mister Brent!�</p><p>�Guten Abend, die Herrschaften!� Der durchtrainierte Amerikaner mit dem blonden Haar l�chelte kurz. �Dieses Haus birgt in der Tat einige Geheimnisse. Es hat sich mir jedoch ein wenig ge�ffnet.�</p><p>Larry Brent sprach ausgezeichnet Deutsch; bereits gestern hatte er von seiner deutschst�mmigen Mutter erz�hlt. Dabei waren seine rauchgrauen Augen auff�llig hart geblieben. Der Butler wurde das Gef�hl nicht los, dass der Spezialagent der PSA hier in Siegen aus privaten Gr�nden weilte. Irgendetwas, das in der Vergangenheit lag. Der Butler hatte nicht nachgefragt.</p><p>�Sie sind geschmeidig wie eine Katze, Mister Brent.� Lady Marbely hatte sich bereits von ihrer �berraschung erholt. �M�chten Sie N�heres �ber die Geschichte der Villa Andreae h�ren?�</p><p>Larry Brent winkte ab. �Sie haben recht mit Ihrer Vermutung, Milady. Hier existiert ein Teufelspakt. Der Fall, in den Sie verwickelt wurden, hat mit dem politischen Geschehen des letzten Jahrhunderts zu tun.�</p><p>Lady Marbely sah den Agenten der PSA fragend an. �Woher wissen Sie?�</p><p>�Die Stunde hier im Haus hat mir einiges bekannt gegeben.�</p><p>Der Butler sog h�rbar Luft ein.</p><p>�Kein Grund zur Besorgnis�, beruhigte Larry Brent. �Manchmal nehme ich mir gewisse Freiheiten. Letztendlich bin ich hier, um zu helfen.�</p><p>�Dann darf ich weiter mutma�en?�, fragte Lady Marbely. �Sie sprechen von der Zeit des Nationalsozialismus?�</p><p>Larry Brent nickte.</p><p>�Wie konnten Sie das erkennen?�, erkundigte sich die Lady aufgeregt.</p><p>�Die Schatten k�rzlich Verstorbener irren ziellos umher. Sie sind noch nicht zur Ruhe gekommen. Sie wollen eingreifen, wissen jedoch nicht wie.�</p><p>�Diese Aufgabe haben wir �bernommen�, meldete sich der Butler zu Wort.</p><p>�Wenn Sie erfolgreich sind, kommen die Schatten zur Ruhe.�</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte Lady Marbely.</p><p>�Dann werden Sie selbst zu ruhelosen Schatten.�</p><p>Lady Marbely machte gro�e Augen. �Und der Teufelspakt? Was meinen Sie damit?� �Der gilt noch. Er wurde zwischen zwei Wesen geschlossen, die keine Schatten sind.� �Sie haben erkennen k�nnen, wer das ist?�, insistierte die Lady. Larry Brent schwieg und der Butler lud ihn und die Lady zum Abendmahl in den Speiseraum.</p><p><strong>*</strong></p><p>Als sich der PSA-Agent, den der Butler auch unter der Bezeichnung X-RAY-3 kannte, nach Mitternacht verabschiedete, bat er James, ihn zum Auto zu begleiten. Lady Marbely ersuchte er um Verst�ndnis, dass er mit seinem Kollegen, wie er sich ausdr�ckte, unter vier Augen sprechen wollte. Milady f�gte sich und wartete ungeduldig auf die R�ckkehr des Butlers, der sehr ernst wirkte.</p><p>�Was hat er gesagt?�, fragte sie sofort.</p><p>�Er hat das best�tigt, was wir in unserem Rollenspiel vermutet haben.�</p><p>�Und wer ist nun Mephisto und wer sein Faust?�</p><p>�Das herauszufinden, ist unsere Aufgabe. Mister Brent hat zumindest best�tigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.�</p><p>�Und hat diesen merkw�rdigen Hinweis auf den Nationalsozialismus gegeben. Was halten Sie davon?�</p><p>�Ich nehme Herrn Brent und seine Aussagen sehr ernst.�</p><p>�Das hei�t, es wird gef�hrlich.�</p><p>�Das ist es l�ngst.�</p><p>�Dann wird es noch gef�hrlicher?�</p><p>�Ich f�rchte, ja.�</p><p>�Aber warum hat er nur Sie ins Vertrauen gezogen? Wir arbeiten doch als Team.�</p><p>�Er hat mich gewarnt, dass der Teufel Zwietracht s�t.�</p><p>�Doch nicht unter uns!�</p><p>Seit dem Gespr�ch mit Larry Brent wirkte der Butler bedr�ckt. �Ich hoffe nicht.�</p><p><strong>*</strong></p><p>In der folgenden Nacht konnte Lady Marbely nicht einschlafen. Ihre Gedanken bewegten sich im Kreis. Worauf hatte sie sich mit dieser Erbschaft nur eingelassen! War der Butler tats�chlich der hilfreiche Begleiter, als der er ihr am Anfang erschienen war? Er war ihr �ber Sam Hamilton, ihren gesch�ftlichen Berater, empfohlen worden. Hamilton vertraute sie vorbehaltlos. War es m�glich, dass auch er get�uscht worden war? Unsinn! Der Butler hatte ihr mehrmals das Leben gerettet. Er war ein h�chst sympathischer Mensch, mit Verstand und Muskelkraft. Er konnte nicht der Teufel sein, der hinter allem steckte. Dennoch: Er geh�rte einer geheimen Organisation an, �ber die sie nichts wusste. Wollte er an ihr Geld herankommen, um diese mysteri�se Gruppe zu finanzieren? Nein, sicher nicht! Sie w�rde dem Butler weiter vertrauen, aber nicht mehr blind. Sie musste, jedoch ohne sein Wissen, versuchen herauszufinden, wer er tats�chlich war. Sie kannte nicht einmal seinen tats�chlichen Vornamen, vom Familiennamen ganz zu schweigen.</p><p>Lady Marbely beschloss spontan, den F�hrerschein des Butlers zu kontrollieren. Dort musste sein Name eingetragen sein. Und Hamilton w�rde sie fragen, wie er auf den Butler gesto�en war. Sie stieg aus dem Bett, h�llte sich in ihren Morgenmantel und verzichtete darauf, Hausschuhe anzuziehen. Sie wollte m�glichst leise und unbemerkt in das Zimmer des Butlers gelangen. Der Gang, der von ihrem Zimmer zu dem des Butlers f�hrte, wurde vom beinahe vollen Mond fahl beleuchtet. Lady Marbelys Haut wirkte in diesem Licht wie die einer Toten.</p><p>Von drau�en drang Hundebellen in das Schloss. Sonst war es ruhig. Lady Marbely sp�rte die K�lte der Steinfliesen auf den Fu�sohlen und fr�stelte. Dann sah sie Licht, das durch drei Fenster im Parterre ins Freie drang. Jemand befand sich in der Bibliothek, aller Wahrscheinlichkeit nach der Butler. Demnach bedeutete die unbemerkte Kontrolle des F�hrerscheins kein Problem. Sie betrat das Schlafzimmer ihres Butlers und fand nichts. Der Mann hatte ja seine Montur noch an, wenn er in der Bibliothek arbeitete. Wie dumm von ihr, das nicht bedacht zu haben. Sie musste warten, bis er zu Bett ging und dann erst �</p><p><emphasis>Ob der Butler ihren Wein mit LSD versetzt hatte?</emphasis> Egal, sie w�rde nun ihm einen Schlaftrunk bereiten, um sich ungest�rt auf die Suche nach seiner Identit�t begeben zu k�nnen. Sie ergriff die Wasserflasche, die auf dem Nachttisch des Butlers stand und eilte zur�ck in ihr Zimmer. Dort schob sie vier Schlaftabletten in die Flasche und sch�ttelte sie, damit sie sich aufl�sten. F�r den R�ckweg zog sie ihre Pantoffeln an. Da der Butler sich immer noch in der Bibliothek aufhielt, konnte sie auf �bertriebene Vorsichtsma�nahmen verzichten. Nun hie� es warten, bis der Mann endlich zu Bett ging.</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Butler sa� an Jakob Aufhausers Schreibtisch und studierte ein medizinisches Fachbuch, das sich mit psychischen Problemen besch�ftigte. Er konzentrierte sich auf den Begriff APS, der antisozialen Pers�nlichkeitsst�rung, die durch eine niedere Frustrationstoleranzschwelle und hoch aggressives, sozial unangepasstes Verhalten gekennzeichnet war. Der Butler hatte eine ganz bestimmte Person vor Augen und verglich seine Beobachtungen mit den wissenschaftlichen Ausf�hrungen.</p><p>Besonders der Punkt <emphasis>Instrumentell-dissoziales Verhalten</emphasis> traf ziemlich genau auf die Person zu, an die der Butler dachte. Diese Abweichung von der sogenannten psychischen Norm war durch eine Konzentration auf Besitz und materielle Werte gekennzeichnet, durch allzu gro�es Selbstvertrauen und durch den Drang zur Machtaus�bung. Diese Menschen hintergingen andere oft durch ihren aufgesetzten Charme und durch vorget�uschte Emotionen, versp�rten jedoch selbst kaum Angst oder Liebe oder andere tiefer gehende Gef�hlsregungen. Sie waren kalt, konnten aber perfekt die Anforderungen einer F�hrungsposition erf�llen. Sie waren nicht therapierbar und begingen meist auch kriminelle Handlungen.</p><p>Das alles entsprach ziemlich genau dem Bild, das sich der Butler von der Person gemacht hatte, die er im Auge hatte. Es galt, sehr vorsichtig zu sein.</p><p>Als der Butler in sein Zimmer zur�ckkehrte, bemerkte er, dass der Klebestreifen, den er zwischen T�r und T�rstock angebracht hatte, gel�st worden war. Jemand war in sein Zimmer eingedrungen. Er unterzog den Raum einer systematischen Kontrolle, von den Vorh�ngen bis zum Bett. Er untersuchte auch den Bereich unter seinem Bett und setzte einen Hochfrequenzscanner ein, um eventuell platzierte Abh�rger�te aufzusp�ren. Ein Blick auf seinen Nachttisch zeigte ihm, dass die Flasche Evian bewegt worden war. Er betrachtete das stille Wasser in der durchsichtigen PET-Flasche genauer und erkannte einen Bodensatz, der vermutlich von einem Medikament herr�hrte. Er stellte die Flasche beiseite, um sie eventuell einer n�heren �berpr�fung zu unterziehen oder nach Fingerabdr�cken zu suchen.</p><p>Doch es erschien ihm einfacher abzuwarten, wer ihn au�er Gefecht setzen wollte. Er hatte auch schon eine Idee, um wen es sich handeln k�nnte. Als sich nach l�ngerer Zeit tats�chlich die T�rklinke nach unten bewegte und die vom Mondlicht beschienene Gestalt der Lady Marbely in sein Zimmer schlich, t�uschte er regelm��iges Atmen, unterbrochen von leichten Schnarchger�uschen, vor und sah durch die leicht ge�ffneten Wimpern, wie die Lady seine �ber einen Stuhl gefaltete Butlermontur durchsuchte, den F�hrerschein entnahm und darin las. Der Butler beschloss, seine Rolle des durch ein Medikament au�er Gefecht gesetzten Mannes durchzuhalten, was immer geschehen w�rde.</p><p>Durch die wieder geschlossene T�r war ein Rumoren zu vernehmen, das den Schluss zulie�, die Lady w�rde eilig packen und eine Abfahrt vorbereiten. Das Motorenger�usch des Maybachs, das einige Zeit sp�ter erklang, best�tigte dies. Die Lady war unterwegs. Wohin, das w�rde ihm der mit einem Abh�rger�t versehene Z�ndschl�ssel verraten, �ber den er auch Gespr�che, die im Auto gef�hrt wurden, mitverfolgen konnte.</p><p><strong>*</strong></p><p><emphasis>Weg!</emphasis> Nichts wie weg von dieser Villa, die ihr von Anfang an unheimlich gewesen war. Sie w�rde genau das machen, was ihr der Butler nach dem Tod des Gesch�ftsf�hrers in Kirchhundem empfohlen hatte: Sie w�rde sich in aller Ruhe, sofern sie diese irgendwann wieder fand, in alle ungekl�rten Fragen vertiefen und ihre Gef�hle, die sie oft vorschnell beiseiteschob, zulassen. Sie wollte herausfinden, wer der Butler war, ob er ein gef�hrlicher Teufel oder ihr Schutzengel war, denn sie hatte keine Ahnung, was von beiden zutraf.</p><p>Lady Marbely fuhr Richtung Norden. Als sie den Ort Feldberg passiert hatte, hielt sie am Stra�enrand und setzte ihr Galaxy Pad in Betrieb. Im F�hrerschein des Butlers stand der Name Curd von Cornelius, geboren am 13. November 1962.</p><p>Sie suchte im Internet nach dem Stichwort <emphasis>Cornelius</emphasis> und wurde bei Wikipedia f�ndig. Dort wurde ein deutscher Maler dieses Namens, der zur Zeit Goethes gelebt hatte, erw�hnt. Bemerkenswert fand die Lady, dass jener Cornelius Goethes Faust illustriert hatte.</p><p>Der Teufelspakt! Faust und Mephisto. War Cornelius der Teufel? Wer war sie in diesem Spiel, wenn es ein solches gab? Zumindest erkl�rte die adelige Abstammung des Mannes seine perfekten Manieren und sein K�nnen und Wissen als Butler.</p><p>Sie suchte weiter, indem sie die Namen <emphasis>von Cornelius</emphasis> und <emphasis>Cornelius</emphasis> googelte und schlie�lich auf <emphasis>Google Images</emphasis> ging. Neben einem �sterreichischen Pops�nger dieses Namens und einem Schimpansen namens Cornelius aus dem Film <emphasis>Planet der Affen</emphasis> tauchte ein Foto auf, das eindeutig �hnlichkeit mit dem Butler aufwies, ihn allerdings wesentlich j�nger, mit extremem Kurzhaarschnitt, zeigte.</p><p>Lady Marbely ging auf die Seite, in die dieses Bild eingebettet war. Es handelte sich um die Internetpr�senz des Zweiten Fallschirmj�ger-Fremdenregiments in Calvi, auf Korsika. Der Butler, dem ein Kamerad den Arm um die Schulter gelegt hatte, l�chelte neben vier anderen Soldaten selbstbewusst in die Kamera. Unter dem Bild standen die Worte<emphasis>: Die Fremdenlegion�re im Einsatz gegen den internationalen Terrorismus, im Sold des franz�sischen Staates. Sie f�rchten weder Gott noch Teufel.</emphasis></p><p>Lady Marbely rekapitulierte: Der Butler hie� m�glicherweise Curd von Cornelius, war adeligen Ursprungs, ausgebildeter Soldat, in j�ngeren Jahren in den Diensten der L�gion �trang�re der franz�sischen Armee. S�mtliche Klischees, die die �ffentlichkeit mit der Fremdenlegion verband, fielen Lady Marbely ein, von Verbrechern, die untertauchen wollten, um eine neue Identit�t zu bekommen, sollten sie �berleben, �ber todesmutige K�mpfer, die weder sich noch andere schonten, bis zu ehemaligen SS-M�nnern, die sich nach dem Krieg der Legion angeschlossen hatten. Von Alkoholismus und anderen Exzessen ganz zu schweigen. All das passte nicht zum Butler, der ihr als ein kraftvoller und ruhiger, in vieler Hinsicht weiser Mensch erschienen war. Kein Haudegen, sondern ein kulturell interessierter Mann.</p><p>Lady Marbely begann ihre Flucht zu bedauern, dennoch war sie notwendig gewesen. Sie musste sich unbedingt Klarheit verschaffen. Ein Satz dr�ngte sich in Lady Marbelys Gedanken: <emphasis>Sie f�rchten weder Gott noch Teufel.</emphasis> Genau das war es, was den Butler kennzeichnete, und sie wusste nicht, ob dies gut oder schlecht war. Es konnte ein Hinweis auf besondere charakterliche Souver�nit�t sein, aber auch einen Menschen beschreiben, der sich f�r Gott hielt und ein Teufel war.</p><p>Lady Marbely startete den Maybach und fuhr weiter. Sie wollte das Auto irgendwo abstellen und einen Mietwagen organisieren, um nicht allzu sehr aufzufallen. Dann w�rde sie sich in einem versteckten Winkel des Rothaargebirges einquartieren und die weiteren Schritte planen. Dazu geh�rte auf jeden Fall die Kontaktnahme zu Sam Hamilton, ihrem gesch�ftlichen Berater, der am n�chsten � nein, es war schon gegen Mitternacht, der an diesem Tag im Siegerland eintreffen w�rde. Er hatte ihr den Butler vermittelt. War auch Hamilton nicht zu trauen? War auch er Teil der Verschw�rung gegen sie? Lady Marbely fuhr sich durch das grau-r�tliche Haar. Himmel, das grenzte bereits an Paranoia! Sie musste geduldig, ohne jede Hektik, Licht ins Dunkel bringen, und das ohne fremde Hilfe. Sie beschloss, auf einen Kontakt zu Sam Hamilton f�rs Erste zu verzichten.</p><p>Die Stra�e wand sich in unz�hligen Kurven durch dicht bewaldetes Gebiet bergan. Au�er ihr war nur ein weiteres Fahrzeug unterwegs, das ihr, seitdem sie angehalten hatte, folgte. Ein kleiner VW mit Siegener Kennzeichen. Hatte der Butler bereits ihre Spur aufgenommen? Diesen Gedanken verwarf Lady Marbely, indem sie an das Schlafmittel in dessen Mineralwasser dachte und dabei sogar den Anflug eines schlechten Gewissens versp�rte. W�rde der Butler, falls er tats�chlich unschuldig war, sie nicht f�r eine reichlich schreckhafte, wenn nicht gar verr�ckte Person halten? Wenn es nicht der Butler war, der ihr folgte, wer war es dann? Ein Mensch, der zuf�llig dieselbe Route fuhr wie sie?</p><p>Als sie den n�chsten gr��eren Ort, Oberreifenberg, erreichte, entschloss sie sich, eine Bleibe zu suchen. Hinweisschilder f�hrten sie zu einem Waldhotel. Als sie vor dem schmucklosen Geb�ude in der Tannenbaumstra�e hielt, wurde ihr bewusst, dass sie mit dem Maybach auf dem Hotelparkplatz Aufsehen erregen w�rde. Sie entschloss sich, das Auto auf einem nahen Waldweg abzustellen, am n�chsten Vormittag nach einem Mietwagen zu suchen und dann erst ein Zimmer zu nehmen.</p><p>Der Maybach Guard bot absolute Sicherheit. Also konnte sie versuchen, einige Stunden zu schlafen. Sie machte es sich auf den weichen Ledersitzen bequem. Minuten sp�ter klopfte jemand ans Fenster. Ein junger Mann starrte mit gro�en Augen gegen die verspiegelte Scheibe. Er stand auf der falschen Seite, weil er den Fahrer links vermutete. Lady Marbely rutschte auf den Beifahrersitz, �ffnete die Scheibe einen winzigen Spaltbreit und fragte: �Sie w�nschen?�</p><p>�Ich bin Stefan, der Sohn von Hans Obermann. Ich m�chte mein Verhalten bei unserem Telefonat entschuldigen. Der Tod meines Vaters hatte mich so geschockt, dass ich nicht die richtigen Worte fand. K�nnen wir uns unterhalten?�</p><p>Lady Marbely war �ber diese unerwartete Begegnung mehr als nur verbl�fft, erkannte jedoch eine entfernte �hnlichkeit mit dem Ermordeten. Der Sohn wirkte vielleicht noch d�sterer. Ansonsten war er ein typischer Student, mit blondem, etwas zu langem Haar und einer billigen Brille auf der Nase. Sofort regte sich in Lady Marbely der Mutterinstinkt, den sie leider nie hatte entfalten k�nnen. Wie sehr hatte sie sich mit ihrem Gatten Graham ein Kind gew�nscht! Also warf sie alle Vorsicht �ber Bord, ins Meer seiner traurig blickenden Augen, �ffnete die Beifahrert�r und bat den jungen Mann, einzusteigen. Dieser dr�ckte der Lady h�flich die Hand, bedankte und entschuldigte sich nochmals f�r die unfreundlichen Worte am Telefon.</p><p>�Ach, das habe ich schon vergessen.�</p><p>Dann entschuldigte sich Stefan Obermann noch f�r seine Aufdringlichkeit. �Aber ich wusste keinen anderen Weg. Ich <emphasis>muss</emphasis> mit Ihnen reden. Es war Zufall, dass ich Ihren Wagen gesehen habe.� Vom schwarzen Rollkragenpulli und den Jeans des jungen Mannes ging der Geruch von Zigaretten aus, der Lady Marbely dazu anregte, einen Zigarillo anzustecken. Sie bot Stefan Obermann ebenfalls einen an und gab ihm Feuer.</p><p>Der junge Mann sog schweigend den Rauch in seine Lunge und wirkte allm�hlich etwas entspannter. �Ich habe mir vorgenommen, den Tod meines Vaters aufzukl�ren und m�chte wissen, was Sie damit zu tun haben.�</p><p>Lady Marbely sah ihn entsetzt an.</p><p>�Nat�rlich m�chte ich damit nicht andeuten, dass Sie Schuld daran sind�, fuhr der junge Obermann rasch fort, �aber etwas merkw�rdig ist es schon, dass zuerst Onkel Jakob ums Leben kommt, Sie mit Ihrem Bodyguard auftauchen, fast alles erben und dann auch noch mein Vater stirbt.�</p><p>Sie nickte. �Das kann ich verstehen. Alles muss Ihnen sonderbar erscheinen. Ich kann Ihnen jedoch noch keine L�sung dieses R�tsels anbieten, nur die Bereitschaft, gemeinsam mit Ihnen danach zu suchen.�</p><p>�Danke! Das habe ich gehofft.�</p><p>�Und der <emphasis>worst case</emphasis>, wie sah der f�r Sie aus?�</p><p>�Dass Sie mich von Ihrem Bodyguard beiseiter�umen lassen.� Stefan Obermann senkte seinen Kopf. �Entschuldigen Sie meine unbedachten Worte, Frau ��</p><p>�Nennen Sie mich Amanda. Bitte, erz�hlen Sie von sich, von Ihrer Familie. Sie sind Student. Was studieren Sie?�</p><p>�Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich begann mit Psychologie, wollte die Laufbahn eines Therapeuten einschlagen. Das war leider eine Fehlentscheidung. Jetzt studiere ich Technische Physik in Frankfurt. Ich wollte in die Firma meines Vaters � also, in Ihre Firma, einsteigen.�</p><p>�Und privat? Ich meine Hobbys, Freundinnen und so weiter.�</p><p>Als der junge Obermann schwieg, entschuldigte sich die Lady f�r ihre Neugier. �Ich erz�hle Ihnen von mir, und Sie entscheiden, was Sie mir anvertrauen wollen.�</p><p>Keine zehn Kilometer von Oberreifenberg entfernt, belauschte der Butler das Gespr�ch zwischen der Lady und dem jungen Mann, das �ber den Z�ndschl�ssel an sein Smartphone �bertragen wurde. Er war gespannt, was die Lady �ber sich verraten w�rde.</p><p>�Ich bin einundsiebzig Jahre alt, verwitwet, noch immer als Unternehmerin t�tig, nicht arm zu nennen, wuchs im S�den Englands auf, habe leider keine Kinder.�</p><p>�Von dem Auto her, das Sie fahren, m�ssen Sie sehr reich sein.�</p><p>�Mag sein. Ich sp�re das, was Sie reich nennen, eher als Verantwortung, manches Mal als B�rde. Mein Leben w�re in den letzten Tagen bedeutend ruhiger und ungef�hrlicher verlaufen, h�tte ich auf die Erbschaft Jakob Aufhausers verzichtet. Man ist aber an mich mit der Bitte herangetreten, Jakobs Betriebe zu �bernehmen, die etwas verworrene Situation zu kl�ren und die Fabriken weiterzuf�hren. Unter anderem, um Arbeitspl�tze zu sichern.�</p><p>�Sie sprachen von <emphasis>man</emphasis>. Man sei an Sie herangetreten. Wie ist das zu verstehen?�</p><p>�Sie fragen aus einem bestimmten Grund?�, erkundigte sich die Lady.</p><p>�Mein Vater hat von einer Nazitruppe gesprochen, die den Betrieb zu unterwandern drohte.�</p><p>�Eine Nazitruppe?�, fragte Lady Marbely erstaunt.</p><p>�Eine rechtsgerichtete Gruppierung. Wobei ich gestehen muss, selbst dem CC, dem Coburger Convent, angeh�rt zu haben.�</p><p>�Eine verbotene Gemeinschaft?�, fragte Lady Marbely.</p><p>�Nein, nicht verboten, auch keine Nazitruppe, aber doch sehr konservativ, mit Pflichtmensuren. Das hei�t ��</p><p>�Dass Sie Duelle ausfechten mussten, bei denen Sie auch verletzt werden konnten.�</p><p>�Wie mein Vater. Die Narbe in seinem Gesicht ��</p><p>�� stammte von einem solchen Wettkampf.�</p><p>Stefan Obermann nickte. �Ich stieg nach einem Jahr aus und bin jetzt froh, dass ich mich so klar entschieden habe. Die Verbindung ist Vergangenheit. Ich m�chte eine andere Zukunft haben.�</p><p>�Sie denken an eine <emphasis>gemeinsame</emphasis> Zukunft?�, fragte Lady Marbely direkt.</p><p>�Ja, mit Ruth. Ruth Henschel.�</p><p>�Henschel?� Sie horchte auf. �Eine Tochter des verungl�ckten Gesch�ftsf�hrers?�</p><p>Stefan Obermann nickte. �Wir haben beide unsere V�ter verloren und uns geschworen, die Hintergr�nde aufzudecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.�</p><p>�Das wird nicht einfach�, bemerkte die Lady. �Aber wenn Sie nichts dagegen haben, m�chte ich Sie und Ihre Freundin dabei unterst�tzen. Ihre Ziele sind auch meine. Um auf Ihre Frage von vorhin zur�ckzukommen ��</p><p>�Tut mir leid. Ich wei� nicht mehr � Irgendwie kann ich nicht mehr richtig denken. Es ist alles so verworren.�</p><p>�Sie fragten mich, wer mir gegen�ber den Wunsch ge�u�ert hat, die Erbschaft Jakob Aufhausers anzutreten, um Klarheit zu schaffen. Das geschah �ber meinen gesch�ftlichen Berater, an den sich wiederum eine internationale Gruppe gewandt hat, deren Zusammensetzung mir nicht bekannt ist. Kriminelle Organisationen m�chte ich eigentlich ausschlie�en, muss aber gestehen, dass mein Wissen ziemlich vage ist und dass mir gerade in den letzten Stunden Zweifel gekommen sind.�</p><p>�Wir k�nnten es wirklich gemeinsam versuchen.�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>�Ich m�chte aber, dass Ruth mitmacht.�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Wo schlagen wir unser Hauptquartier auf?�, fragte Lady Marbely unternehmungslustig.</p><p>�Ruths Vater, Alexander Henschel, hat eine Jagdh�tte im Hochtaunus.�</p><p>�Keine schlechte Idee. Sie fahren voraus, ich folge Ihnen.�</p><p>�Es ist nicht weit. Eine halbe Stunde. H�chstens.�</p><p>Gesagt, getan. Sie machten sich gemeinsam mit dem Maybach auf den Weg.</p><p>Am Ziel angekommen war Lady Marbely begeistert. �Herrlich!�, rief sie aus, als sie den Wagen verlie� und die frische Luft einatmete, die �ber dem h�geligen Land mit seinen Mischw�ldern und Wiesen lag.</p><p>Stefan Obermann hatte seine Freundin per Handy auf seine und Lady Marbelys Ankunft vorbereitet. Freundlich l�chelnd stand Ruth Henschel in der ge�ffneten T�r zum Blockhaus und umarmte zuerst ihren Freund, dann begr��te sie die Lady mit einem H�ndedruck. �Ich habe etwas zu essen vorbereitet�, sagte die junge Frau.</p><p>Kurze Zeit danach stand Linseneintopf mit Lammfleisch auf dem Tisch, pikant gew�rzt, k�stlich duftend.</p><p>�Lamb Stew�, freute sich Milady. �Das habe ich lange nicht mehr gegessen.�</p><p>�Amanda ��, begann Stefan Obermann umst�ndlich. �Amanda wird bei uns wohnen, wenn es ihr hier gef�llt. Wir haben ein kleines G�stezimmer.�</p><p>�Ich nehme das Angebot dankend an�, sagte die Lady. �Und ich verspreche, pflegeleicht zu sein. Ich bin froh, hier untertauchen zu k�nnen, um Verschiedenes zu kl�ren.� Die Lady und der junge Obermann lieferten Ruth Henschel eine Zusammenfassung des Gespr�ches, das sie im Auto gef�hrt hatten. Dabei bemerkte sie, wie selbstbewusst der vorher so scheue junge Mann in Gegenwart seiner Freundin wirkte. Die junge Frau �hnelte ihrem st�ndig l�chelnden Vater �berhaupt nicht, fand die Lady. Sie war nicht besonders h�bsch, aber voll Energie, die sich �ber ihre strahlenden dunklen Augen bemerkbar machte.</p><p>Ruth Henschel �ffnete eine Flasche Wei�wein und f�llte die Gl�ser. �Die ist noch von meinem Vater�, erkl�rte sie.</p><p>�Mein Beileid, Ruth, zu Ihrem gro�en Verlust�, sagte die Lady. Seit dem Unfall waren nur ein paar Tage vergangen.</p><p>Ruth nickte dankbar. �Mein Vater war die einzig verbliebene Bezugsperson. Meine Mutter starb, als ich f�nfzehn war. Auch bei einem Autounfall.�</p><p>�Fast zeitgleich mit meiner Mutter�, sagte Stefan Obermann. �Wir erfuhren im Internat davon, und ��</p><p>�Unsere Freundschaft und Liebe geht auf diese Zeit zur�ck�, erg�nzte Ruth.</p><p>�Sie waren im selben Internat?�</p><p>Die beiden nickten.</p><p>�Dann ist also Frau Obermann nicht Ihre Mutter, Stefan?�, fragte Lady Marbely.</p><p>�Nein. Ich mag sie auch nicht sonderlich. Aber man ist wohl Stiefm�ttern gegen�ber immer etwas ungerecht.�</p><p>Lady Marbely betrachtete nachdenklich die mit Holz verkleidete Zimmerdecke. �In den deutschen M�rchen, die ich sosehr liebe, sind es wirklich immer b�se Frauen.�</p><p>�Mir ist, ehrlich gesagt, die Angelegenheit v�llig unklar�, �berlegte Stefan weiter. �Wir dachten, in Ihnen und Ihrem Butler die Ursache f�r alle Probleme gefunden zu haben. Das war ein Irrtum, zumindest, was Sie betrifft, �h � Amanda. Ich bin froh, dass Sie zu uns �bergelaufen sind.�</p><p>�Was meinen Butler betrifft, so zweifele ich. Entweder ist er Teufel oder ��</p><p>�Oder?�</p><p>�Oder Schutzengel, dem sein Sch�tzling entwischt ist. Ich hoffe, letzteres trifft zu. Wir werden sehen. Er hat mir mehrere Male das Leben gerettet. Sein Bem�hen um Aufkl�rung der dunklen Vorg�nge um Jakob Aufhausers Erbe wirkte authentisch.� Lady Marbely schien in Gedanken versunken. �James, meinem Butler, und mir sind die Ringe aufgefallen, die der Richter im Nachlassverfahren, der Rechtsanwalt und � ach ja � und Herr Henschel, also Ihr Vater, trugen. Silberne Ringe mit schwarzem Schmuckstein, auf dem sich zwei liegende Zeichen f�r <emphasis>unendlich</emphasis> befanden. Mein Butler befasste sich eingehend mit diesem Symbol. Allerdings, und das f�llt mir erst jetzt auf, verriet er mir das Ergebnis seiner Recherchen nicht.�</p><p>�Es ist ein ziemlich heikles Thema, das eine Engl�nderin vielleicht nicht verstehen wird�, meinte Stefan Obermann.</p><p>�Versuchen Sie es! Vielleicht hilft uns ein Glas Wein.� Lady Marbely l�chelte dem jungen Paar aufmunternd zu.</p><p>Ruth Henschel entschuldigte sich, dass sie nicht daran gedacht hatte, nachzuschenken. �Ich hatte mich zu sehr auf unser Gespr�ch konzentriert.�</p><p>�Ich habe einen Mund, um mich zu Wort zu melden. Morgen werde ich f�r Nachschub sorgen. Sie m�ssen keine Angst haben, dass Sie mich durchf�ttern m�ssen�, erkl�rte die Lady lachend. �Kochen und abwaschen kann ich auch. Wenn ich auch durch mein privilegiertes Leben etwas aus der �bung gekommen bin. Also, was hat es mit den Ringen auf sich?�</p><p>�Ich erinnere mich, dass mein Vater einen schwarzen Ring trug�, antwortete Ruth Henschel, �kann aber nicht sagen, welche Bedeutung er f�r ihn hatte.�</p><p>�Mein Vater bef�rchtete, eine rechtsgerichtete Gruppierung versuche Einfluss auf Aufhausers Betriebe zu nehmen�, erg�nzte Stefan Obermann.</p><p>�Und Sie glauben�, fragte Lady Marbely, �dass die Ringe damit in Zusammenhang stehen?�</p><p>�Die zwei Lemniskaten auf dem Schmuckstein�, erkl�rte der junge Obermann, �liegen nur, wenn man sie aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet. Dreht man sie um neunzig Grad, werden sie zu zwei Achten.�</p><p>�Und das bedeutet?� Lady Marbely machte erwartungsvoll gro�e Augen.</p><p>�88. Ein Zeichen f�r Neonazis. Der achte Buchstabe im Alphabet. HH. Heil Hitler. Dreht man das Alphabet um und z�hlt von hinten, kommt man auf SS.�</p><p>�Du meinst, dass Vater ��, wandte sich Ruth Henschel an ihren Freund.</p><p>�Ich f�rchte, ja. Jedenfalls hatte mein Vater einer solchen Gruppierung angeh�rt, bis er sich eines Tages davon lossagte und das mit mir besprach. Er wirkte so ehrlich, so �berzeugend, dass auch ich sofort danach die Studentenverbindung verlie�. Mein Vater erkannte den gro�en Irrtum in seinem Leben, den er korrigieren wollte. Das sei alles Vergangenheit. Die Zukunft liege anderswo. Sie sei in Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit und im Verzicht auf Gewalt zu finden.�</p><p>�Ich verstehe!� Lady Marbely nickte eifrig.</p><p>Die Stimmung im Blockhaus hatte etwas Feierliches angenommen, erinnerte an eine religi�se Zeremonie. Es war Lady Marbely, die schlie�lich die Stille brach. �Mein � der Butler fand in Jakobs Computer die Zahlen 88 und 18, in einer Art Verm�chtnis meines Cousins, in dem er die Aufk�ndigung eines Teufelspaktes erw�hnt. Damit konnte er nur eine solche Gruppierung gemeint haben.�</p><p>�88 scheint klar zu sein. 18 kann Adolf Hitler oder Adlerhorst bedeuten�, sagte der junge Obermann.</p><p>�Adlerhorst?�, fragte Lady Marbely. �Was bedeutet das?�</p><p>�Das ehemalige F�hrerhauptquartier, in der N�he von K�nigstein, in dem Hitler Weihnachten und Silvester 1944/45 verbrachte. Noch heute eine Pilgerst�tte einschl�giger Kreise.�</p><p>Ruth war erbleicht. �A. H. Mein Vater � Das sind auch seine Initialen.�</p><p>�Aufhausers geheime Firma in Kirchhundem, in der Kriegsger�t hergestellt wurde�, erkl�rte Lady Marbely. �Ihr Vater leitete diese Fabrik. Sie war Grundlage des enormen Reichtums meines Cousins.�</p><p>�Und sollte der Finanzierung dieser rechten Gruppe dienen�, vermutete Stefan Obermann. �Die Neonazis sollten so aus ihrem finanziellen Tief geholt werden.�</p><p>�Und weil ich dazwischen kam�, f�hrte Lady Marbely den Gedankengang fort, �mussten so viele Menschen sterben. Insofern hatten Sie wohl recht, als Sie mich anfangs verd�chtigten.�</p><p>�Und die Rolle des Butlers?�, fragte Ruth Henschel.</p><p>�Entweder Engel oder Teufel. Aber das hatten wir schon�, meinte Stefan. �Ich bin gespannt, wie es weitergeht.�</p><p>�Ich ahne nichts Gutes�, bef�rchtete Lady Marbely. �Die Angelegenheit mit dem Butler werde ich morgen kl�ren. Ich fahre nach Siegen, um mich mit einem meiner Berater zu treffen. Er hat mir den Butler empfohlen. Wenn Sie mir bitte dazu Ihren Wagen leihen. Der Maybach ist zu auff�llig. Sie k�nnen ihn inzwischen benutzen.�</p><p>Stefan Obermann stimmte begeistert zu.</p><p>�Und dieses Auto ist absolut sicher�, f�gte Lady Marbely noch hinzu.</p><p>Als sie wenig sp�ter ihren Koffer aus dem Maybach holte, vernahm sie einen leisen Pfiff. <emphasis>James!</emphasis>, durchfuhr es die alte Lady. Ohne zu z�gern sprang sie ins Dickicht, und tats�chlich stand ihr Butler, perfekt gekleidet wie immer, im Mondlicht und verbeugte sich h�flich.</p><p>�Wir m�ssen reden�, sagten beide gleichzeitig.</p><p>�Sie haben den Vortritt, James.�</p><p>�Gut, dann rasch zum Kern der Sache.� Der Butler schaute ernst drein. �Es gibt drei M�glichkeiten, wie es weitergehen kann: Sie misstrauen mir weiterhin. Das w�rde bedeuten, wir gehen getrennte Wege. F�r immer.�</p><p>�Oder?�</p><p>�Oder Sie trauen mir wieder, was ich sehr hoffe. Dann k�nnten wir wie zuvor gemeinsam weiter ermitteln.�</p><p>�Und die dritte M�glichkeit?�</p><p>�Sie vertrauen mir wieder, mit Vorbehalt, wir bleiben in Kontakt, arbeiten jedoch getrennt weiter.�</p><p>�Das ist schwer, James.�</p><p>�Das Vertrauen zu mir, Milady? Ich hoffe, ich trage daran keine Schuld.�</p><p>�Man kann Vertrauen nicht wie eine Lampe ein-und ausschalten. Das braucht Zeit. Und: Nein, Sie k�nnen nichts daf�r. Es sind die vertrackten Umst�nde, die alles so kompliziert gemacht haben.�</p><p>�Mephisto, der Zwietracht s�t. Wie PSA-Agent Larry Brent bef�rchtet hat.�</p><p>�Und wer ist dieser Mephisto? Sie haben doch eine Ahnung, James.�</p><p>�Noch liegt dieser Fall bedauerlicherweise im Dunkeln.�</p><p>�Welche der drei M�glichkeiten w�rden Sie w�hlen, wenn Sie in meiner Haut steckten?�</p><p>�Das ist schwer zu sagen. Ich hoffe nat�rlich nicht, dass Ihr Misstrauen so gro� ist, dass Sie nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wollen. Von den verbliebenen zwei M�glichkeiten hat jede ihre Vor-und Nachteile.�</p><p>�Die w�ren, James?�</p><p>�Die gemeinsame Weiterarbeit bietet die gr��te Sicherheit f�r Sie, bremst jedoch das Tempo.�</p><p>�Also bleibt die getrennte Zusammenarbeit, auch wenn das sprachlich einen Widerspruch bedeutet?�</p><p>�Der Vorteil best�nde in einer T�uschung des T�ters. Zugleich w�re es sehr riskant f�r Sie. Sie w�ren, sozusagen, der K�der, mit dem man die Verbrecher fangen k�nnte, mit allen damit verbundenen Risiken.�</p><p>�Sie machen das sehr geschickt, James. Sie wollen mich dazu �berreden, indem Sie an meinen Mut und meinen Ehrgeiz appellieren.�</p><p>�Nichts liegt mir ferner, Milady.�</p><p>�Und es ist Ihnen gelungen. Ich w�hle die dritte M�glichkeit, lasse mich von den T�tern schnappen und locke sie damit aus der Reserve. Und Sie, mein lieber James, retten mich.�</p><p>�Ein bestechender Plan, der, wie gesagt, den Nachteil hat, dass er riskant ist und Ihr Leben in Gefahr bringt.�</p><p>Lady Marbely sah ihn vertrauensvoll an. �Um das zu verhindern, sind Sie da.�</p><p>�Sehr wohl, Milady, ich werde mein M�glichstes tun. Und dazu geh�rt dies hier.� Mit diesen Worten steckte er einen Ring an Lady Marbelys Ringfinger der linken Hand, denn nur die Deutschen und die �sterreicher tragen den Ehering rechts.</p><p>�Mein Gott, James! Das ist ja mein Ring. Was f�r eine sch�ne �berraschung!�</p><p>�Es ist Ihr Ehering, Milady, leicht modifiziert. Er enth�lt nun einen Peilsender, der es mir erm�glicht, Ihren Spuren zu folgen, wohin auch immer diese f�hren. Dieser Knopf auf der Unterseite ist f�r den �u�ersten Notfall bestimmt. Damit k�nnen Sie ein SOS-Signal abgeben.�</p><p>�Das ich hoffentlich nie ben�tige. Und nun ��</p><p>�Nun tauche ich unter und w�nsche Ihnen und mir gutes Gelingen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>6.</strong></p></title><p>Am n�chsten Morgen nahm Lady Marbely Stefan Obermanns VW, um nach Siegen zu gelangen. Das Fahrgef�hl war interessant. Man sp�rte, dass man in einem Auto sa�, h�rte sogar den Motor und musste sich an die neue Position des Lenkrades gew�hnen. Au�erdem war es entweder zu kalt oder zu warm, je nachdem, ob man die Heizung einschaltete oder nicht. Lady Marbely verzichtete schlie�lich ganz auf diese Einrichtung, da die Sonne zu w�rmen begann. Sie hielt an der n�chsten Tankstelle, f�llte den Benzintank und erwarb eine Stra�enkarte. Von der Frau an der Kasse lie� sie sich den Weg nach Siegen erkl�ren. Dabei fiel ihr der von Stefan Obermann erw�hnte Ort namens Adlerhorst ein, wo sich angeblich die Leute mit den schwarzen Ringen trafen. Die junge Frau konnte dazu nichts sagen und verwies die Lady an zwei �ltere M�nner, die sich an einem Buffettisch zu einem morgendlichen Kaffee getroffen hatten. Die beiden Einheimischen erkl�rten sich bereit, auf die h�flichen Fragen der Engl�nderin zu antworten. Die Stra�enkarte wurde auf einem Nebentisch ausgebreitet und Milady erkl�rte, dass sie auf ihrer Fahrt nach Siegen gerne das ehemalige F�hrerhauptquartier Adlerhorst besichtigen wolle. Sie habe in einem englischen Roman dar�ber gelesen.</p><p>�Sie sind Engl�nderin?�, fragte der zweite Einheimische. Er fiel aufgrund seiner ausgesprochenen Hagerkeit auf. �Das merkt man kaum.�</p><p>�Es ist nichts mehr davon zu sehen. Wurde alles dem Erdboden gleichgemacht, von den Feinden, nach dem Krieg�, beantwortete der Wei�haarige die Frage der Lady.</p><p>�Wo liegt dieser Ort, meine Herren?�</p><p>�Nehmen Sie uns mit! Wir zeigen Ihnen das Areal�, schlug der Hagere vor. �Doch Sie werden entt�uscht sein.�</p><p>�Macht nichts. Wenn es nicht allzu weit ist, m�chte ich es sehen.� Lady Marbely entschuldigte sich telefonisch bei ihrem Mitarbeiter Sam Hamilton in Siegen. �Ich werde mich etwas versp�ten. Wir treffen uns zur Mittagszeit.�</p><p>Als sie nach einer Viertelstunde in Ziegenberg ankamen, erkl�rte der Wei�haarige: �Das Schloss und die Bunker darunter geh�rten zum F�hrerhauptquartier, ebenso wie eine zweite Stollenanlage in Wiesenberg und das Schloss Kransberg. Ich war ein kleiner Junge damals, am Ende des Zweiten Weltkriegs, kann mich aber noch gut erinnern. Es war immerhin ein Ereignis f�r die Gegend, den F�hrer pers�nlich auf Besuch zu haben. Nat�rlich sah man nichts von ihm.� Der Wei�haarige kam Lady Marbelys Frage zuvor: �Das Schloss wurde durch amerikanische Bomben v�llig zerst�rt. Nur die Au�enmauern blieben stehen. Stellen Sie den Wagen hier ab. Ins Schloss gehen wir zu Fu�.�</p><p>�Im M�rz 1945 wurde Schloss Ziegenberg zu Kransberg, und der Bergfried zum alten Turm�, erg�nzte der Hagere.</p><p>Lady Marbely betrachtete den steinernen Turm, auf den dornenbest�ckte Rosenranken kletterten, die jetzt noch keine Bl�tter trugen.</p><p>�Ein Industrieller hat das Schloss wieder aufbauen lassen�, erkl�rte der Wei�haarige weiter.</p><p>�Sie wissen nicht zuf�llig, um wen es sich da handelt?�, fragte die Lady.</p><p>Die M�nner sch�ttelten unisono ihre K�pfe.</p><p>�Im Moment scheint niemand hier zu sein�, bemerkte die Lady mit einem Blick auf die geschlossenen Fenster.</p><p>�Sie kommen nur an bestimmten Tagen�, antwortete der Hagere. �Schloss Ziegenberg stellte das Zentrum des F�hrerhauptquartiers Adlerhorst dar. Es eignete sich wegen des noblen Herrenhauses und der Wirtschaftsgeb�ude ganz besonders daf�r. Die Autobahn war nicht weit entfernt, und bei Hasselborn, keine zwanzig Kilometer entfernt, gab es einen Eisenbahntunnel, in dem man Z�ge vor den Bombenangriffen der Feinde sch�tzen konnte.�</p><p>�Der Ort hat etwas Unheimliches an sich�, meinte Lady Marbely, obwohl sie f�rchtete, von ihren Begleitern verlacht zu werden.</p><p>�Ein Ort, den auch Hitler nicht besonders mochte�, erkl�rte der Wei�haarige zustimmend und steckte sich eine Zigarette an. �Aber er war hier. Vermutlich, weil die ausgedehnten Bunkeranlagen hohe Sicherheit versprachen. Am Ende des Jahres 1944 und in den ersten Wochen 1945. Wenn man sich einigerma�en hier auskennt, kann man noch die Reste der Stollenanlagen um das Schloss herum erkennen. Zwei der Bunker sowie ein Verbindungsgang wurden einige Jahre nach dem Krieg gesprengt. Angeblich gibt es noch einen Bunker, den Bunker Nummer f�nf. Aber das kann auch ein Ger�cht sein. Wie so vieles, was den Adlerhorst betrifft.�</p><p>�Erz�hlen Sie, bitte�, ermunterte Lady Marbely den Mann.</p><p>�Diejenigen, die sich nach alten Zeiten zur�cksehnen, schwafeln von einer Auferstehung des sogenannten Tausendj�hrigen Reiches.�</p><p>�Einer Fortsetzung�, korrigierte ihn der Hagere; er hatte sich ebenfalls eine Zigarette in den Mundwinkel gesteckt.</p><p>�Das hei�t, die alten Nationalsozialisten sind nur untergetaucht und arbeiten politisch weiter�, versuchte Lady Marbely Klarheit in die Andeutungen der beiden M�nner zu bekommen.</p><p>�Bunkerleute, Maulw�rfe�, sagte der eine.</p><p>�Nicht nur die Alten. Sie haben neue Anh�nger�, erg�nzte der andere eifrig.</p><p>�Aber alles nur Ger�chte, die wir vor einer Fremden � Sie entschuldigen doch diesen Ausdruck? Also, das ist alles nur ein Latrinenger�cht, um in der Sprache dieser Zeit zu bleiben�, schloss der Wei�haarige das Gespr�ch und hatte es pl�tzlich sehr eilig, die R�ckfahrt anzutreten. �Ich muss jetzt leider wieder nach Hause.� Er strebte auf den vor dem Schloss abgestellten VW Polo zu. Lady Marbely und der Hagere folgten ihm.</p><p>Nachdem sie eine Weile gefahren waren, stoppten sie aufgrund merkw�rdiger Fahrger�usche. Gemeinsam verlie�en sie den Wagen. Die M�nner entfernten die aufgesteckten Radkappen. Mit einem Drehschl�ssel kontrollierten sie die Radmuttern, fanden heraus, dass die hinteren R�der in Ordnung waren, die beiden vorderen jedoch lose an den Naben hingen.</p><p>�Das h�tte ins Auge gehen k�nnen�, sagte der Wei�haarige und zog die Radmuttern nach. �Gut, dass wir es rechtzeitig bemerkt haben.�</p><p>�Jemand muss das Fahrzeug manipuliert haben, w�hrend wir im Schlosshof waren�, vermutete Lady Marbely.</p><p>Die M�nner rauchten nachdenklich neue Zigaretten und stiegen danach wieder ein. W�hrend der gesamten R�ckfahrt zur Tankstelle herrschte betretenes Schweigen. W�hrend der Wei�haarige wortlos den VW verlie�, meinte der Hagere mit ged�mpfter Stimme: �Sie haben gef�hrliche Gegner. Passen Sie auf sich auf!�</p><p>Lady Marbely fuhr rasch weiter Richtung Siegen und f�hlte sich wie der Held in Franz Kafkas Roman <emphasis>Das Schloss</emphasis>. Alles um sie herum hatte sich verd�stert. Sie hatte ihren treuen Begleiter, wenn nicht gar Freund, den Butler James verd�chtigt, an der Spitze der Feinde zu stehen, war nun v�llig allein unterwegs, wieder einmal knapp dem Tod entronnen und keinen Schritt weitergekommen in den Ermittlungen gegen die T�ter. Nun, das stimmte nicht ganz. Sie ahnte, dass die Morde und Mordversuche vom Schloss ausgingen, dem ehemaligen F�hrerhauptquartier Adlerhorst. Und da das Schloss an sich nicht b�se sein konnte, musste es Menschen geben, die f�r die Angriffe auf sie und andere verantwortlich waren. Offenbar, um an die Erbschaft Jakob Aufhausers heranzukommen, mit der man dunkle Pl�ne finanzieren wollte. Pl�ne, die irgendwie mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten.</p><p>An der Spitze dieser Bewegung musste jemand stehen, der eine Verbindung zu Jakob Aufhausers Firmen hatte. Jemand, der erhofft hatte, dessen Besitz zu erben. Und dieser Jemand kannte Lady Marbely sehr gut.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Die Zeit der Schonung der Engl�nderin ist vorbei�, sagte der <emphasis>F�hrer</emphasis> in scharfem Ton. �Sie wei� anscheinend mehr, als uns lieb sein darf. Sie h�tte uns sonst nicht bis hierher verfolgt. Ein Autounfall hat, wie ich vorausgesagt habe, erneut nicht funktioniert. Wir k�nnen es uns nicht erlauben, immer wieder auf die gleiche Weise zu scheitern. Ihr schnappt sie euch, und zwar sofort, und bringt sie hierher. Sie wird uns verraten, was sie wei�, und wir werden versuchen, sie f�r unsere Sache zu gewinnen. Und wenn uns das nicht gelingt, wird sie sterben � nachdem sie ein Testament unterzeichnet hat.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Lady Marbelys Anspannung l�ste sich, als sie auf die idyllische Stadt Butzbach zusteuerte. Sie blinzelte, als sie eine Bewegung vor sich sah. Zwei junge M�nner hatten eine Autopanne und gaben ihr durch Handzeichen zu erkennen, dass sie anhalten sollte. Sie war sich durchaus bewusst, dass dies ein Hinterhalt sein konnte. Doch Lady Marbely war bereit, die Rolle des Lockvogels weiter todesmutig zu �bernehmen. Lachend kamen die beiden M�nner auf sie zu, sie �ffnete das linke Seitenfenster und � einer der M�nner spr�hte ihr eine kalte Fl�ssigkeit aus einer Spraydose ins Gesicht. Unmittelbar darauf verlor sie das Bewusstsein.</p><p>Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie in einem fast dunklen, nur von einer schwachen Lichtquelle erhellten Raum erwachte. Und als sie sich bewegte, erfasste sie eine heftige �belkeit, die erst wich, als sie bem�ht ruhig r�cklings auf einer Art Pritsche liegen blieb. Sie versuchte aus dieser Position, den Raum mit ihren Blicken zu erkunden. Von der Steindecke her zu schlie�en, befand sie sich in einem quadratischen Kellergew�lbe, sch�tzungsweise vier mal vier Meter, fensterlos. Das karge Licht drang durch eine mit Metall abgeschlossene �ffnung, die auch zur Bel�ftung des Verlieses diente. An der gegen�berliegenden Seite befand sich eine Stahlt�r. Sie selbst lag in eine Decke geh�llt auf einem harten Bett. Vor ihr, auf einem Schemel, standen ein Krug Wasser und ein Glas, etwas entfernt davon ein K�bel, der wohl als Toilette dienen sollte. Sie erinnerte sich an ihre Zeit im Internat in Harrogate. Genau davon hatte sie eben getr�umt, bevor sie aufgewacht war. Allm�hlich wurde ihr klar, was passiert war �</p><p>In ihrer Ohnmacht hatte sie von Schloss Ziegenberg getr�umt. Es hatte gef�hrlicher denn je auf sie gewirkt, und doch irgendwie bekannt. Als ob sie dort schon �fter gewesen w�re, vor ihrem Besuch mit den beiden M�nnern von der Tankstelle. Das Schloss hatte ein Gesicht gehabt, ein menschliches Gesicht, oder eigentlich zwei Gesichter �bereinander. Die Gesichter zweier Menschen, die sie kannte. Das Schloss hatte zu ihr gesprochen, und sie hatte genickt, immer nur genickt. Offenbar war das, was das Schloss ihr mitgeteilt hatte, nachvollziehbar gewesen. Nachvollziehbar, aber nicht angenehm. Es hatte mit Leben oder Tod zu tun. Nein, mit Leben <emphasis>und</emphasis> Tod.</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Butler verfolgte w�hrenddessen die Gespr�che der jungen Leute im Maybach �ber Funk. Stefan Obermann und Ruth Henschel genossen die Fahrt in dem komfortablen Fahrzeug und unterhielten sich �ber die schrullige Engl�nderin. �Aber wie soll es weitergehen? Wir wissen doch, in welcher Gefahr sie sich befindet�, fragte Stefan gerade.</p><p>�Wir haben eine Vermutung. Dennoch ��</p><p>�Ich glaube, dass auch wir im Visier der T�ter stehen.�</p><p>�Die M�nner, die auch unsere V�ter get�tet haben?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Stefan Obermann. �Irgendetwas stimmt nicht an der Sache. Da ist jemand, der die F�den zieht.�</p><p>�Den wir kennen.�</p><p>�Ja, jemand, den wir kennen�, best�tigte die Stimme des jungen Obermann.</p><p>Der Butler wurde von seinem Mobiltelefon abgelenkt. �Hier Hamilton. Ich habe Ihre Nummer von Mister Prince�, meldete sich ein Mann mit stark englischem Akzent. Seine Stimme klang aufgebracht. �Die Lady ist nicht zur vereinbarten Zeit in Siegen eingetroffen. Ich f�rchte, dass ihr etwas zugesto�en ist.�</p><p>�Milady haben sich entschlossen, eigene Wege zu beschreiten. Daher ��</p><p>�H�ren Sie mit dem Gestelze auf! Reden Sie normal! Ich mache mir Sorgen.�</p><p>�Gut, dann ganz knapp�, antwortete der Butler. �Ich wei�, wo Lady Marbely gefangen gehalten wird. Ein Peilsender verr�t mir ihre jeweilige Position.�</p><p>�Was gedenken Sie zu unternehmen? Sie sind f�r Milady verantwortlich!�</p><p>�Wir beobachten die Situation, um mehr �ber ihre Entf�hrer herauszufinden. Ein zu fr�hes Einschreiten gef�hrdet den entscheidenden Schlag gegen die Waffenmafia.�</p><p>�Das hei�t, dass Sie die Lady als K�der f�r Ihre l�cherliche Verbrecherjagd verwenden, Sie � Sie ��</p><p>�Was ist bei Ihren bisherigen Untersuchungen der Firmen Aufhausers herausgekommen?�, versuchte der Butler das Gespr�ch zu versachlichen.</p><p>�Das geht Sie einen feuchten Dreck an, Sie �!�</p><p>Der Butler entfernte das iPhone von seinem Ohr, um die Vielfalt unfl�tiger Ausdr�cke nicht h�ren zu m�ssen. Als die Schimpfkanonade nicht enden wollte, beendete er das Gespr�ch. Doch der Engl�nder hatte nat�rlich recht. Er musste handeln. Jetzt sofort! Zuallererst wollte der Butler Kontakt zu den beiden jungen Leuten suchen, in deren Blockhaus sich die Lady gefl�chtet hatte. H�nsel und Gretel, einsam im Wald. Und wer war die Hexe? War es Angela Obermann? Liefen bei ihr die F�den zusammen? Immerhin h�tte sie gute Aussichten gehabt, das gesamte Verm�gen zu erben, w�re ihr nicht die Lady in die Quere gekommen. Eine sehr sch�ne, aber hart wirkende Frau, die wusste, was sie wollte, indem sie den Chef ihres Mannes in ihr Haus und in ihre Familie lockte. Wenn sie der Teufel war, stellte sich die Frage, welche Verbindung sie zu dieser Neonazitruppe hatte. Benutzte sie diese nur als Mordwerkzeug, um ans Ziel zu kommen? Und was war ihr Ziel? Macht? Geld?</p><p>Der Besuch im Blockhaus musste warten, entschied der Butler, ebenso wie die Befreiung der Lady. Auch wenn es riskant war. Doch die L�sung des Falles erforderte einen k�hlen Kopf und ein ebensolches Herz. Auch wenn es dem Butler schwerfiel. Er musste noch einmal Angela Obermann treffen und ihre Pers�nlichkeit auf sich wirken lassen, um zu verstehen, was sie plante.</p><p><strong>*</strong></p><p>Die Terrassent�r, durch die man Herrn Obermann erschossen hatte, war inzwischen repariert. Und Frau Obermann war sch�n wie immer. Sie wirkte von den Ereignissen unber�hrt. Der Butler deutete nur an, von dem Kaffee zu trinken, und das Schnittchen lie� er in einem Taschentuch verschwinden, w�hrend Angela Obermann auf seine Bitte hin eine Flasche Mineralwasser aus der K�che holte.</p><p>�Lady Marbely ist heute nicht mitgekommen?�, fragte Angela Obermann.</p><p>�Sie ist unp�sslich�, log der Butler. �Die Aufregung der letzten Tage. Und die J�ngste ist sie auch nicht mehr.�</p><p>�Aber eine sehr sympathische Person. Lassen Sie sie gr��en! Ich w�nsche baldige Besserung. Aber nun zum eigentlichen Grund Ihres Besuches, Herr ��</p><p>�James.�</p><p>�Also, James, was f�hrt Sie zu mir?�</p><p>�Die Hoffnung, etwas mehr �ber die Beteiligten aus der Sicht einer intelligenten Frau zu erfahren.�</p><p>�Komplimente sind nicht n�tig. Was wollen Sie wissen?�</p><p>�Was f�r ein Mensch war Jakob Aufhauser?�</p><p>�Jakob wurde immer sensibler durch das Leid, das er erfahren hatte�, antwortete die Frau nachdenklich. �Er wirkte auf mich wie manche Schwerkranke, die kurz vor dem Tod ein melancholisches Wesen entwickeln. Er hat mich fasziniert. Ich kenne das von meinem Vater, der an Krebs starb und sich in den Monaten, in denen er sich einer Chemotherapie unterzog, v�llig verwandelte. Von einem hektischen Manager zu einem ruhigen und liebenswerten Menschen. Bei Jakob war das, wie gesagt, auf den Verlust seines Sohnes und seiner Frau zur�ckzuf�hren. Er begann sein bisheriges Leben und seine berufliche T�tigkeit zu hinterfragen.�</p><p>�Mit dem Effekt, dass er reinen Tisch machen wollte, was die illegale Waffenproduktion betraf?�, hakte der Butler nach.</p><p>�Davon wusste ich nichts. Doch es kann so gewesen sein�, sagte Frau Obermann.</p><p>�Aber Ihr Mann ��</p><p>�Hans war Jakob treu ergeben, als Mitarbeiter und als Freund. Er w�re mit ihm durchs Feuer gegangen.�</p><p>�Und Alexander Henschel? Welche Rolle spielte er?�</p><p>�Ich mochte ihn nicht. Er war nicht ehrlich, wirkte auf mich verschlagen.�</p><p>�Und Henschels Tochter?�</p><p>�Ein Teufel in Menschengestalt. Sie versucht sich an unseren Stefan heranzumachen, aus welchen Gr�nden auch immer. Ich habe ihn vor ihr gewarnt, aber, wie es scheint, vergeblich. Das ist etwas, das mir Sorgen macht.�</p><p>�Was konkret ist der jungen Frau vorzuwerfen?�</p><p>�Sie ist ein durch und durch schlechter Mensch. Hochintelligent. Doch n�tzt sie diese Gabe nur negativ, um Menschen und Tieren zu schaden. Ich wei� Dinge, �ber die ich nicht sprechen m�chte. Ich hoffe, Stefan kommt zur Vernunft. Sie haben Ihren Kaffee nicht getrunken, Herr James.�</p><p>�Oh, ich leide zurzeit an Sodbrennen und m�chte meinen Magen schonen.�</p><p>�M�chten Sie einen Tee oder Kakao?�</p><p>Der Butler lehnte h�flich ab und verabschiedete sich.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Sie sind das!�, rief Lady Marbely erstaunt, als der Mann die Zelle betrat. Er trug eine milit�rische Uniform mit einer doppelten Acht am linken �rmel seiner Jacke.</p><p>�Jawohl, ich bin der zweite <emphasis>F�hrer</emphasis>, der das so schm�hlich unterbrochene Werk seines Vorg�ngers fortsetzen und zur Vollendung bringen wird. Deutschland wird wiederauferstehen aus der Schmach und den Dem�tigungen des vergangenen Jahrhunderts.�</p><p>�Und daf�r ben�tigen Sie das Geld einer alten Engl�nderin?�</p><p>�Falsch. Das Geld eines Deutschen, das durch widrige Umst�nde an eine Engl�nderin gefallen ist. Nat�rlich nur vor�bergehend.�</p><p>�Also muss diese alte Engl�nderin sterben, wie so viele in diesem Fall.�</p><p>�Pers�nliche Interessen m�ssen dem gro�en Ganzen untergeordnet werden.�</p><p>�Sie m�ssen mich also t�ten, um an meine Erbschaft zu kommen.�</p><p>�Nicht unbedingt. Vielleicht lassen Sie sich f�r unsere Ziele begeistern.�</p><p>�Ach herrje. Und wenn nicht?�</p><p>�Dann wird uns letzten Endes nichts anderes �brig bleiben, als ��</p><p>�Und vorher?�</p><p>�Vorher sind die Schritte zu setzen, die den legalen �bergang der Erbschaft von Ihnen auf uns erm�glichen.�</p><p>�Also ein neues Testament?�</p><p>�Ein Testament�, sagte der Mann schlie�lich, �das uns das n�tige Geld sichert, das sonst im Ausland verschw�nde. Bei unserem Erzfeind.�</p><p>�Auf der Insel.�</p><p>�Richtig. Ich habe Papier und Kugelschreiber mitgebracht.�</p><p>�Und Sie glauben, ich bin so dumm, mein eigenes Todesurteil zu unterschreiben?�</p><p>Dieses Mal schwieg ihr Gegen�ber.</p><p>�Sie wollen, dass ich mein gesamtes Verm�gen dem <emphasis>Bund 88</emphasis> hinterlasse. Oder soll ich schreiben <emphasis>meinen lieben M�rdern</emphasis>?� Miladys Stimme zitterte.</p><p>�Der Stiftung Aufhauser, die von einem Gremium anerkannter Pers�nlichkeiten vertreten wird. Ich habe einen Mustertext aufgesetzt. Sie m�ssen nur abschreiben.�</p><p>�Ich nehme mir Bedenkzeit.�</p><p>�Die bekommen Sie. Allerdings ist unsere Geduld beschr�nkt. In vier Stunden sehen wir uns wieder. Dann haben Sie entweder unterschrieben ��</p><p>�Oder nicht.�</p><p>�Von dieser M�glichkeit rate ich allerdings dringend ab. Wir haben Mittel und Wege, Sie zum Schreiben zu bringen.�</p><p>�Folter?�</p><p>Der <emphasis>F�hrer</emphasis> h�stelte dezent.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Was ist mit unserer Lady passiert?�, fragte Stefan Obermann. �Sie h�tte doch am Abend zur�ckkommen sollen.�</p><p>�Sie wird in Siegen geblieben sein�, versuchte Ruth ihn zu beruhigen.</p><p>�Kennt die Lady eigentlich unsere Telefonnummern?�</p><p>�Nein. Und wir kennen die ihre nicht. Sie wird schon wieder kommen. Vielleicht streikt der Wagen. Und ich muss leider noch mal weg.�</p><p>�Wohin?�, fragte Stefan.</p><p>�Ich muss mich um meine Klienten k�mmern. Du k�nntest dich hier n�tzlich machen. Am Nachmittag bin ich wieder da.�</p><p>�N�tzlich in welcher Weise?�</p><p>�Holz hacken, Essen machen. Dir wird schon etwas einfallen.�</p><p>�Okay. Zuerst fr�hst�cken wir aber.�</p><p>Die junge Frau l�chelte. �Nat�rlich. Ich mache das Fr�hst�ck, du w�schst ab.�</p><p>Nachdem Ruth weggefahren war, f�hlte sich Stefan derart tr�ge, dass er sich wenigstens ein paar Minuten ausruhen wollte, bevor er sich dem Alltag im Blockhaus stellen konnte. Kaum lag er auf dem weichen Bett, da war er schon in einen tiefen Schlaf gefallen.</p><p>Zur gleichen Zeit fuhr Ruth Henschel in ihre Praxis f�r Systemische Therapie in die Siegener Leimbachstra�e. Drei Klienten warteten an diesem Vormittag auf sie. Wobei man nie wusste, ob sie tats�chlich kamen. Das war bei psychisch Kranken nicht immer vorauszusehen. Das Sitzen und Warten geh�rte zu den T�tigkeiten, die Ruth am meisten hasste. Da war es schon spannender, wenn jemand eine akute Krise hatte oder aggressiv wurde. Damit konnte sie umgehen. Ausreichend Erfahrung hatte sie in den drei Jahren ihrer T�tigkeit gesammelt. Sie hatte in der Therapie, die sie in der Ausbildung selbst mitmachen musste, herausgefunden, dass sie aufgrund ihrer eigenen, nicht unproblematischen Geschichte eine nat�rliche Begabung f�r das Aufsp�ren menschlicher Schw�chen oder Schw�chen in Systemen wie B�ros oder Arbeitsgruppen hatte. Die Konstellation in ihrer eigenen Familie war ziemlich verworren gewesen. Der Vater wollte die Familie f�hren, war aber tats�chlich nichts anderes als ein ewiges Kind geblieben. Ein Peter Pan, der einen Captain Hook als Gegner ben�tigte, oder zumindest ein Krokodil, um sich als Mann zu sp�ren. Ein Kasperl im Kampf gegen Hexen und Krokodile, der mit einer Frau wenig anzufangen wusste. Und schon gar nichts mit einer Tochter. Wobei man von Gl�ck sagen konnte, dass Ruth kein Junge war. Der w�re sicher im ewigen Konkurrenzkampf mit dem Vater untergegangen.</p><p>Die Mutter hatte eine komplexere Pers�nlichkeit gehabt. Musste sie wohl, sonst h�tte sie einen Mann wie Ruths Vater nicht zum Partner genommen. Sie war scheinbar ruhig und zur�ckhaltend, auf das Haus konzentriert, das sie perfekt in Ordnung hielt, wie Frauen aus dem Orient, die tats�chlich die absoluten Herrscherinnen in den Familien waren. So war es auch bei ihnen gewesen. Der Vater verdiente, die Mutter lenkte die Geschicke. Nur Ruth hatte, sobald sie dazu f�hig gewesen war, eine Gegenstrategie entworfen, der die Mutter nichts entgegensetzen konnte. Sie hatte sich zum absoluten Liebling des Vaters entwickelt. Auch zur Mutter war sie reizend und zuvorkommend, nur tat sie nicht, was diese ihr auftrug. Sie fand immer eine Ausrede, und die Mutter lie� sie gew�hren. Als Ruth f�nfzehn war, �nderte ein �u�eres Ereignis die Situation radikal. Der Vater, der die Familie vom Blockhaus im Hochtaunus nach Hause fuhr, schlief f�r einen kurzen Augenblick am Steuer des Wagens ein und raste gegen einen Baum am Stra�enrand. Die Mutter wurde bei diesem Unfall get�tet, der Vater regelrecht skalpiert und im Gesicht verletzt. Seither l�chelte er st�ndig. Ruth trug eine Sch�delverletzung davon und lag monatelang im Koma. Sie litt noch immer unter Kopfschmerzen, wenn das Wetter umschlug. Als sie ins Internat zur�ckkehrte, war sie nicht mehr dieselbe. Sie sah ihre Umwelt mit anderen Augen und versuchte, allein zu sein. Sie beschr�nkte sich auf die Bekanntschaft zu einem versch�chterten Jungen namens Stefan Obermann.</p><p>Ruth begann in dem Therapieheft ihres n�chsten Klienten zu bl�ttern, eines Gymnasiallehrers mit Schlafst�rungen. Der sch�chterne Mann hatte den falschen Beruf gew�hlt. Er litt eindeutig an einer schizoiden Pers�nlichkeitsst�rung, f�hrte ein einsames Leben und wurde jeden Tag mit dem unkontrollierbaren Wesen seiner Sch�ler konfrontiert. Bibliothekar w�re das Richtige f�r diesen faden Menschen, der ohnehin nichts an sich und seinem Leben �ndern wollte, der Woche f�r Woche in ihre Praxis kam, um gegen Geld eine sichere, geregelte Beziehung geboten zu bekommen. Eine Beziehung zu ihr, seiner Therapeutin. Ihre Strategie war es, eben diesem Wunsch nicht zu entsprechen und ihn zum Reagieren zu zwingen. Sie verhielt sich k�hl, sprach nur wenig, sa� nur da und blickte den Mann an, dessen angstvoll geweitete Augen um W�rme und menschliche N�he flehten. Er erinnerte sie an Stefan in den ersten Jahren im Internat. Der Junge schien st�ndig zu frieren, bis sie ihm die W�rme gab, nach der er sich so sehnte. Seither hing er an ihr wie eine Klette. Er hatte wie sie Psychologie studieren wollen, musste aber erkennen, dass ihm das nicht lag. Er wollte, wie er sagte, nicht dauernd von nervenden Menschen umgeben sein. Also sattelte er um auf Technische Physik. Wie sein Vater. Stefan brauchte Vorbilder auf seinem Weg durchs Leben. Und Ruth unterst�tzte ihn finanziell; sie verdiente gut, obwohl sie erst Psychotherapeutin in Ausbildung war. Auch die Frage des Geldes war ein Punkt, den sie ihren Klientinnen und Klienten klar zu machen versuchte. Geld war nichts Schlechtes, sondern ein Mittel, Tr�ume Wirklichkeit werden zu lassen und das Leben nach eigenen W�nschen zu gestalten. Vom Sklaven zum Herrn zu werden.</p><p>Und Ruth selbst hatte noch einiges vor in ihrem Leben.</p><p><strong>*</strong></p><p>Stefan Obermann h�rte ein seltsames Ger�usch. Das Klirren von zerbrechendem Glas, dann ein Krachen. Es roch nach Benzin und brennendem Holz. Doch er war zu schlaff, zu ausgebrannt, um sich darum zu k�mmern. Hatte Ruth ihm nicht auch geraten, sich von der �ffentlichkeit fernzuhalten? Die Leute sollten nicht sehen, wie �berarbeitet er war. Sein schwacher, zitternder K�rper sei niemandem zuzumuten.</p><p>Doch er war nicht schwach, und er zitterte nicht. Wie war Ruth nur darauf gekommen? Aber nein, sie hatte das nie gesagt. Es war ein Traum gewesen. Er h�tte Holz hacken sollen und lag im Bett und schlief und tr�umte, w�hrend das Haus brannte.</p><p>Ja, das Blockhaus brannte. Eindeutig. Doch was hatte das mit ihm zu tun?</p><p>Nichts, absolut nichts.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Was ist los mit Ihnen?�, fragte der sonst so stille Lehrer.</p><p>Ruth blickte ihn ernst an und schlug ihm vor, frei zu phantasieren, was mit ihr los sein k�nnte.</p><p>�Sie sind nicht bei der Sache�, begann der Mann. �Ihre Gedanken sind anderswo. Sie sehen unser Treffen nur als Pflicht, die Sie diszipliniert hinter sich bringen wollen, um zum Eigentlichen zur�ckzukehren, das, was Ihnen wichtig ist.�</p><p>�Gut so. Machen Sie weiter�, ermunterte ihn Ruth. �Was k�nnte das sein, das Sie als das Eigentliche, das Wesentliche, bezeichnen?� In diesem Moment meldete sich ihr Mobiltelefon. Sie ignorierte es.</p><p>�Da sehen Sie. Ein Anruf�, sagte der Mann.</p><p>�Ein Anruf f�r mich, nicht <emphasis>von</emphasis> mir. Machen Sie weiter! Was ist das Wesentliche?�</p><p>�Ein Mensch, ein geliebter Mann�, sinnierte der Klient und sch�ttelte den Kopf. �Nein. Menschen sind f�r Sie nicht wirklich interessant. F�r Sie z�hlen Ideen und Materielles.�</p><p>�Wie kommen Sie auf Materielles?�</p><p>�Sie betonen doch immer die Bedeutung von Besitz, von Geld, als Mittel, die Welt gestalten zu k�nnen.�</p><p>�Ich verstehe. Sie meinen also, f�r mich z�hlen nicht Menschen, sondern irgendwelche Ideen, die ich mithilfe von materiellem Besitz verwirklichen will.�</p><p>�Nicht ganz�, verbesserte der Mann. �Es geht Ihnen um Macht, um die M�glichkeit, andere Menschen zu manipulieren, sie zu beherrschen. Aber entschuldigen Sie, das sind harte Worte. Oder?�</p><p>�Die im Rahmen einer Therapie durchaus ihre Berechtigung haben�, versicherte Ruth dem Mann und fragte, ob er sonst noch etwas zum Thema vorbringen wolle.</p><p>�Nein. Das ist alles, was ich sagen kann.�</p><p>�Und wie geht es Ihnen jetzt, nachdem Sie den Mut aufgebracht haben, mir ��</p><p>Ruths Handy klingelte erneut. Der Klient blickte Ruth triumphierend an. Er f�hlte sich in seinem Verdacht best�tigt, dass sie sich nicht auf ihre Arbeit konzentrierte, doch sie reagierte wieder nicht auf den Anruf und bat den Mann mit ruhiger Stimme: �Und jetzt machen wir einen Versuch, das Gesagte zu vertiefen. Nehmen Sie all das, was Sie meinen, in mir gesehen zu haben und testen Sie, ob es nicht eher auf Sie selbst zutrifft! Unverbindlich, versuchsweise.�</p><p>�Sie meinen ��</p><p>�Wenn Sie das Wort <emphasis>Sie</emphasis>, also des Gegen�bers, durch <emphasis>ich</emphasis> ersetzen.�</p><p>Der Mann begann z�gerlich: �Ich bin nicht bei der Sache. Mit dem Kopf ganz woanders, weil mir Menschen nichts bedeuten. Ich habe keine Lebensziele, will nur Geld und Macht, um andere zu beherrschen � Nein, das trifft auf mich nicht zu. Hoffe ich.� Der Mann schaute Ruth erschrocken an.</p><p>�Das ist nat�rlich �berspitzt. Aber k�nnte es nicht sein, dass es im Kern stimmt?�</p><p>Der Mann nickte stumm, er hatte Tr�nen in den Augen. �Mir fehlt der Sinn in meinem Leben�, sagte er mit tonloser Stimme.</p><p>Sie diskutierten bis zum Ende der Stunde. Ruth schaffte es, sehr intensiv auf den Mann einzuwirken. �Lassen Sie sich die heutige Stunde in Ruhe durch den Kopf gehen�, sagte sie noch. �Finden Sie heraus, was auf Sie zutrifft und womit Sie tats�chlich mich meinen. Wir k�nnen uns das n�chste Mal damit besch�ftigen.�</p><p>Als der Mann die T�r hinter sich geschlossen hatte, rief Ruth ihren Freund an. Sie hatte nat�rlich gesehen, dass die Anrufe von ihm kamen.</p><p>Stefan meldete sich aufgeregt: �Es ist etwas Furchtbares passiert. Das Blockhaus ist abgebrannt. Es tut mir so leid. Ich kann nichts daf�r � glaube ich.�</p><p>�Ist dir etwas passiert?�, fragte sie atemlos.</p><p>�Nein, au�er ein paar angesengten Haaren. Ich war pl�tzlich so m�de und muss eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, brannte alles um mich herum.�</p><p>�Ich bin gleich bei dir!� Sie lie� alles stehen und liegen und fuhr, so schnell es ging, zu ihrem Freund. Sie fand ihn, nur sp�rlich bekleidet vor der Ruine des Blockhauses ihres Vaters. Das Geb�ude war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der Schornstein ragte als schwarzer Finger in den nebelgrauen Himmel. Es roch widerlich.</p><p>�Alles ist weg! Unsere Kleidung, mein Notebook, das Haus �� Stefan weinte fast.</p><p>�Mach dir keine Sorgen!� Ruth umarmte Stefan. �Wichtig ist, dass dir nichts passiert ist.�</p><p>�Die Feuerwehr spricht von Brandstiftung.� Es sprudelte nur so aus Stefan heraus. �Molotowcocktail. Die Polizei hat mich intensiv befragt � Irgendwie habe ich den Eindruck, sie verd�chtigen mich ��</p><p>�Beruhige dich, Stefan! Aber vielleicht ��</p><p>�Hast du einen Verdacht, Ruth?�</p><p>�Wer f�llt dir ein, Stefan?�</p><p>Der junge Mann schwieg und starrte auf seine schmutzigen Schuhe.</p><p>Ruth ergriff seinen Arm. �Komm in den Wagen! Da ist es sch�n warm.� Sie zog ihn mit sich. �Wir k�nnen uns nicht von den Ereignissen treiben lassen, wir m�ssen die Initiative ergreifen. Was sollen wir deiner Meinung nach tun?�</p><p>�Ich kann kaum klar denken. Au�erdem habe ich wahnsinnige Kopfschmerzen.�</p><p>�Was man zur�ckh�lt, verursacht Verkrampfungen. Verkrampfungen l�sen Schmerzen aus.�</p><p>Stefan sah seine Freundin an. Er nickte tapfer. �Gut, ich sage, was mich bewegt. Ich habe an meine � Stiefmutter � an Angela gedacht. Sie k�nnte � nein. Sie ist kein m�rderischer Teufel. Es tut mir leid. Vergiss es! Das w�rde bedeuten, dass sie unsere V�ter ermordet hat.�</p><p>�Oder ermorden lie�.� Ruth nickte nachdenklich. �Sie selbst wird kaum die R�der eines Autos manipuliert haben oder geschossen haben.�</p><p>�Eben. Die Taten sind untypisch f�r eine Frau.�</p><p>�Und wenn doch?�, fragte Ruth. �Wenn sie hinter dem Autounfall steckt, der meinen Vater in den Landeskroner Weiher bef�rderte, wo er noch heute liegt? Oder hinter dem Mord an deinem Vater? Sie war auch dabei, als auf ihn geschossen wurde.�</p><p>�W�rdest du ihr diese Mordauftr�ge zutrauen?�</p><p>�Sie erbt nur einen Teil von Aufhausers Verm�gen. Vielleicht ist ihr das zu wenig. Immerhin hat sie viel in diesen Mann investiert.�</p><p>�Du meinst doch nicht etwa � sie hatten ein Verh�ltnis?�, fragte Stefan verwirrt.</p><p>�Ich schlie�e es jedenfalls nicht aus.�</p><p>�Was sagst du als Therapeutin zu Angelas Charakterbild?�</p><p>�Sie k�nnte eine schwere psychische St�rung haben, die sie ihr Leben lang geschickt verborgen hat.�</p><p>�Du meinst, sie ist schizophren?�, fragte Stefan entsetzt.</p><p>Ruth zuckte die Schultern. �Sie k�nnte an einer antisozialen Pers�nlichkeitsst�rung leiden. Eine psychische Erkrankung, bei der die Frustrationstoleranz extrem niedrig ist. Menschen, die an dieser seelischen Krankheit leiden, neigen sehr schnell zu aggressiven Handlungen gegen das pers�nliche Umfeld. Sie versuchen andere in ihrem Sinn zu manipulieren. Nicht die menschliche Beziehung steht im Vordergrund, sondern der Zweck, das Ziel, dem sie dienen kann.�</p><p>�Ich kann mit dieser Beschreibung wenig anfangen�, gestand Stefan Obermann. �Sie trifft auf alles und jeden zu, oder auch wieder nicht. Nat�rlich hat Angela einige dieser Eigenschaften. Aber l�sst sich das nicht auf jeden von uns anwenden? Wer ist schon frei von allen Merkw�rdigkeiten und ��</p><p>�APS ist eine schwere Krankheit. Die Menschen, die daran leiden, sind meist hochgradig gef�hrlich.�</p><p>�Aber dass sie mich t�ten will ��</p><p>�T�ten <emphasis>lassen will</emphasis>. Das ist schon etwas anderes�, unterbrach ihn Ruth. �Menschen mit dieser Pers�nlichkeitsst�rung sp�ren selbst kaum etwas. Diese K�lte, die sie gut kaschieren, macht sie zu perfekten Verbrechern.�</p><p>�Das w�rde bedeuten, dass Angela an der Spitze einer verbrecherischen Organisation steht. Welche Ziele sollte die haben?�</p><p>�Ich bin nicht allwissend, Stefan. Das wird sich herausstellen, wenn sie von der Polizei verh�rt wird. Ich denke, es ist eine Gruppe mit einem politischen Ziel.�</p><p>�Aber Angela ist kein politisch interessierter Mensch.�</p><p>�Siehst du, Stefan, jetzt n�hern wir uns dem wichtigen Punkt. Nat�rlich ist sie das nicht. Ihr Ziel ist die Macht. Sie ist frei von Ideologien und kann die politische Gruppe in ihrem Sinn manipulieren und nutzen. Der Teufel und Faust.�</p><p>�Wenn sie der Teufel ist, wer ist dann Faust?�</p><p>�Eine wichtige Frage, die wir kl�ren sollten�, erwiderte Ruth.</p><p>�Du l�chelst wie dein Vater.� Stefan Obermann k�sste Ruth auf den Mund.</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Mann in der Uniform, der sich selbst als zweiter <emphasis>F�hrer</emphasis> bezeichnet hatte, sagte in schneidendem Ton zu Lady Marbely: �Es ist an der Zeit ��</p><p>Lady Marbely �berlegte, wie sie ihre Exekution hinausz�gern konnte. Sie hatte den Notruf an ihrem manipulierten Ehering noch nicht bet�tigt, glaubte immer noch, sich selbst aus dieser Situation retten zu k�nnen. �Ich muss gestehen, Herr Henschel, es hat mich �berrascht, Sie hier zu sehen. Wir vermuteten Sie auf dem Grund des Landeskroner Weihers.�</p><p>�Jemand, der f�r tot gehalten wird, kann ungest�rter seinen Gesch�ften nachgehen.�</p><p>�Und die w�ren in Ihrem Fall?�</p><p>�Die Interessen des <emphasis>Bundes 88</emphasis>. Diese noble Vereinigung wird dem geschundenen Deutschland mit seiner �berfremdung, der Auspl�nderung durch die Schurken der EU endlich wieder seine wahre Bestimmung und Identit�t zur�ckgeben.�</p><p>Lady Marbely spitzte die Lippen. �Ich verstehe.�</p><p>�Sie verstehen gar nichts, Gn�digste. Sie sind eine Angeh�rige eines fremden Volkes. Sie sind der Feind!�</p><p>�Ich verstehe, was Sie mit Auspl�nderung meinen. Die Politiker meines Landes waren vorsichtig genug, wenigstens nicht den Euro einzuf�hren.�</p><p>�Hexe!�, zischte Alexander Henschel.</p><p><emphasis>Idiot!</emphasis>, dachte Milady.</p><p>�Sie schreiben jetzt entweder Ihr Testament, oder Sie sterben.�</p><p>�Wenn Sie <emphasis>Oder</emphasis> durch <emphasis>Und</emphasis> ersetzen, trifft es vermutlich eher den Kern der Sache.�</p><p>�Geschw�tz. Deine Rede sei ja, ja, nein, nein.�</p><p>�Das ist kein Zitat Ihres gro�en, des ersten F�hrers � falls Sie das glauben sollten. Das sind die Worte Jesu bei der Bergpredigt, die �brigens ein beachtlich modernes Programm f�r uns alle bietet. Das Gebot Jesu, dass wir den Mitmenschen gegen�ber �u�erst liberal auftreten, zu uns selbst aber beinahe unbarmherzig streng sein sollen, ist moderner als vieles andere, was ��</p><p>�Schreiben Sie, oder Sie sterben!� Alexander Henschel wirkte hochgradig genervt.</p><p>�Lassen Sie mich f�nf Minuten allein, dann k�nnen Sie Ihr Schriftst�ck abholen.�</p><p>Der Mann verdrehte seine Augen und verlie� wortlos die Kerkerzelle.</p><p>Lady Marbely hatte derweil einen konkreten Plan entwickelt, wie sie Bewegung in diese verfahrene Situation bringen konnte. Sie entschloss sich, ihr Testament tats�chlich zu verfassen, ihr Verm�gen jedoch nicht irgendeiner suspekten Gruppe zu hinterlassen, sondern der Tochter des sogenannten F�hrers und ihrem Freund. Ruth Henschel und Stefan Obermann waren die Zukunft dieses Landes. Bei ihnen w�re zur Not der immense Besitz Lady Marbelys in Deutschland, aber auch in ihrem Heimatland, in einigerma�en guten H�nden. So glaubte sie und schrieb ihren letzten Willen auf Deutsch. Als Alexander Henschel wenig sp�ter das Schriftst�ck las, l�chelte er st�rker, faltete das Blatt sorgsam und wollte gehen.</p><p>Diese Reaktion, oder besser gesagt, das Ausbleiben einer solchen �berraschte die Lady. �Was passiert jetzt mit mir?�</p><p>�Wir werden uns beraten.� Der Mann verlie� den Kerkerraum, �bergl�cklich, wie es schien.</p><p>Lady Marbely war alarmiert. Das merkw�rdige Verhalten Henschels verhie� nichts Gutes. Er hatte, entgegen ihrer Annahme, das Testament akzeptiert. Sie hatte damit gerechnet, dass er toben und ihr eine weitere Frist setzen w�rde. Er wollte sich beraten. Gab es jemanden, der in der Hierarchie �ber Henschel stand? Konnte das bedeuten, dass sie durch ihren vermeintlichen Schachzug nicht nur sich selbst, sondern auch die beiden jungen Leute in Gefahr gebracht hatte?</p><p>Lady Marbely l�ste den Ehering vom Finger und bet�tigte den Notruf.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Ich werde meine Stiefmutter mit dem Verdacht konfrontieren�, sagte Stefan.</p><p>�Aber sei vorsichtig! Warte! Ich habe eine Waffe, die meinem Vater geh�rte. Nimm sie zur Sicherheit.� Mit diesen Worten reichte Ruth ihrem Freund eine Pistole. �Eine Glock 39. Sie ist geladen. Steig aus!�</p><p>Ruth verlie� den Maybach, ihr Freund folgte nur sehr z�gerlich. �Ich habe noch nie geschossen. Keine Ahnung, wie das geht.�</p><p>�Ich zeig es dir.� Ruth nahm die Waffe zur�ck und schoss mehrmals gegen einen Baumstamm. Danach reinigte sie die Pistole gr�ndlich mit einem Tuch. �Auch du darfst nicht vergessen, deine Fingerabdr�cke zu entfernen, nachdem du geschossen hast.�</p><p>�Ich habe nicht vor, Angela zu erschie�en!� Stefan schien entsetzt.</p><p>�Die Waffe soll dich doch nur sch�tzen, sonst nichts. Probier es! Los!�</p><p>Stefan schoss, traf den Baum jedoch nicht ein einziges Mal.</p><p>�Vielleicht gen�gt es, wenn du in die Luft schie�t�, meinte Ruth. �Schon der Knall kann jemanden abschrecken. Fahr jetzt bitte!�</p><p>�Das alles hat mich so aufgew�hlt, ich kann jetzt nicht fahren�, wehrte Stefan ab.</p><p>�In Ordnung. Ich bring dich zum Haus deiner Stiefmutter, dann fahre ich weiter.�</p><p>�Wann sehen wir uns wieder?�</p><p>�Ich muss noch einiges erledigen. Noch ist mein Vater nicht gefunden. Der Nachlass h�ngt in der Schwebe. Ich melde mich so bald wie m�glich.�</p><p>�Aber meine Stiefmutter. Wenn sie tats�chlich ��</p><p>�Du kl�rst das in Ruhe, Stefan. Ich melde mich. Okay?�</p><p>�Soll ich dich nicht sofort verst�ndigen, wenn ��</p><p>�Ich stelle mein Handy ab und bin fr�hestens abends wieder erreichbar�, sagte Ruth entschieden, f�gte dann aber vers�hnlicher hinzu: �Hast du schon den Espresso probiert? Er ist absolut k�stlich. Nimm einen Schluck zur St�rkung.� Sie schaltete die Nespresso-Maschine im Maybach ein.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>7.</strong></p></title><p>Stefan stand vor dem Haus, in dem seine Stiefmutter Angela Obermann wohnte. Es war nicht das Haus seiner Kindheit, auch nicht seiner Jugend. Noch vor seiner Internatszeit hatten alle bei den Eltern seines Vaters gewohnt, in einem Haus an der Sieg, das er als hell und sonnenbestrahlt in Erinnerung hatte. Gro�vater Heinrich war ein �hnlich ernster Mann wie sein Vater gewesen, doch die Gro�mutter war lebensfroh, etwas rundlich und immer voll guter Laune. Ziemlich �hnlich der englischen Lady, die ihm vom ersten Moment an sympathisch gewesen war. Doch was war nur mit ihr geschehen? Sie meldete sich nicht mehr!</p><p>Alles um ihn herum begann chaotisch zu werden. Nichts ergab mehr einen Sinn. Nur Ruth schien einen klaren Kopf zu behalten und wollte offenbar, dass er selbst die Spur aufnahm, da er nicht glauben wollte, was sie vermutete. Und er mochte es immer noch nicht wahrhaben. Angela war zwar immer sehr distanziert zu ihm gewesen, aber keineswegs feindselig. Sie hatte niemals Aggressionen gezeigt, weder ihm noch seinem Vater gegen�ber. Und Jakob Aufhauser h�tte ihr kein Geld hinterlassen, wenn er einen b�sen Verdacht gehabt h�tte. Stefan wollte mit ihr reden, in aller Ruhe. Er musste herausfinden, wie Angela die Lage sah. Ohne Beschuldigungen und ohne Ruths Verdacht zu erw�hnen. Andererseits war seine Freundin eine erfahrene Menschenkennerin �</p><p>Einerseits, andererseits �</p><p>Stefan Obermann gab sich einen Ruck und l�utete an der T�r zum Haus seiner Eltern, obwohl er einen Schl�ssel besa�. Noch gab es das Mansardenzimmer, das er ab seinem sechzehnten Lebensjahr in den Schulferien bewohnt hatte.</p><p>Als niemand sich meldete, schloss er auf und stand im Flur. Er f�hlte sich unbehaglich. Eine schwere Wolke schien �ber seinem Kopf � nein, <emphasis>in</emphasis> seinem Kopf zu h�ngen. Und diese Wolke dr�ckte ihn nieder. Er konnte kaum aufrecht gehen, musste sich an den Seitenw�nden abst�tzen. Er wankte, sah kaum etwas. Die Gegenst�nde im Haus ver�nderten sich, wurden unscharf, dann wieder leuchteten sie so grell, dass es schmerzte. Der sirenenartige Ton in seinen Ohren wurde unertr�glich. Er wollte sich sch�tzen, indem er beide H�nde auf die Ohren legte. Dabei verlor er das Gleichgewicht und st�rzte zu Boden. Sofort versp�rte er Erleichterung. Auf dem Boden liegend schienen die Turbulenzen in seinem Kopf wie weggeblasen, auch das Kreischen verebbte. Er konnte durchatmen, rollte sich zusammen und schlief. Bis er die Stimmen von M�nnern h�rte. Kr�ftige, laute Stimmen. Jemand hatte ihn an den Schultern gepackt und sch�ttelte ihn.</p><p>�Er muss vor der Tat Drogen genommen haben�, sagte jemand.</p><p><emphasis>Drogen? Vor welcher Tat?</emphasis>, �berlegte Stefan, dann bat er um ein Glas Wasser.</p><p>�Warte, bis der Arzt kommt�, sagte ein Mann. Es war ein Polizist.</p><p>Irgendwann kontrollierte jemand seine Atmung, den Herzschlag und den Puls. Der Mann leuchtete ihm mit einer grellen Lampe in die Augen und in den Mund, dann entbl��te er seinen linken Arm und entnahm ihm eine Blutprobe. Stefan versuchte aufzustehen. Er schwitzte, keuchte vor Anstrengung.</p><p>�Sitzen bleiben! Lehnen Sie sich an die Wand!� Die Worte des Arztes waren streng.</p><p>�Was ist passiert? Warum sind Sie hier?�, fragte Stefan Obermann.</p><p>�Wir stellen die Fragen! Also, warum sind <emphasis>Sie</emphasis> hier?�</p><p>�Ich � ich geh�re hierher. Meine Eltern � Angela wohnt hier.�</p><p>�Warum haben Sie sie erschossen?�, fragte der Polizist.</p><p>�Erschossen? Ich? Warum sollte ich das tun?�</p><p>�Das ist die Frage.�</p><p>�Angela ist tot?� Stefan wollte schreien, doch er h�rte sich nur kr�chzen.</p><p>�Die Frau wurde erschossen. Vermutlich mit Ihrer Waffe. Wir wurden gewarnt. Anonym. Jemand wusste, dass Sie die Frau t�ten wollten, vermutlich, um an ihre Erbschaft heranzukommen. Leider kamen wir zu sp�t. Und h�tten Sie die Drogen nicht genommen, w�re Ihnen die Flucht gelungen.�</p><p>�Ich habe � noch nie in meinem Leben � irgendwelche Drogen ��</p><p>�Sie k�nnen weder stehen noch gehen.�</p><p>�Lassen Sie mich nachdenken�, bat Stefan weinerlich. �Ich wollte mit Angela � mit meiner Stiefmutter reden, sie um eine Erkl�rung bitten.�</p><p>�Warum hatten Sie die Pistole bei sich?�</p><p>�Ich � kann nicht schie�en.�</p><p>�Es w�re von Nutzen, wenn Sie die Fragen beantworten, die ich Ihnen stelle.�</p><p>�Ich muss nachdenken. Ich bin v�llig verwirrt �� Stefan Obermann verstummte. Er schloss seine Augen, knetete die Finger und murmelte vor sich hin.</p><p>Der Arzt spritzte ihm ein Beruhigungsmittel. �Schockzustand. Vermutlich durch die Droge, die er eingenommen hat. Ich tippe auf LSD, gemischt mit irgendetwas. Ein Verh�r wird erst m�glich, wenn die Wirkung der Substanzen nachl�sst.�</p><p>�Die Situation ist an sich klar�, stellte der Polizeibeamte sachlich fest.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Das Testament wird akzeptiert, Frau Marbely�, sagte der <emphasis>F�hrer</emphasis> und entbl��te dabei seine Z�hne. �Und damit Sie erkennen, welchem Zweck Ihr Verm�gen dient, lade ich Sie zu einer Sitzung des <emphasis>Bundes 88</emphasis> ein. Wir bereiten uns auf eine verantwortungsvolle �bernahme in diesem abgewirtschafteten Land vor.� Alexander Henschel rollte die R-Laute wie sein Vorbild aus vergangenen Tagen. Nur war es Lady Marbely nicht ganz klar, ob er Adolf Hitler imitierte oder nur falsch in den ausgepr�gten Siegener Dialekt verfallen war. Doch vor ihr stand kein aufrechter Siegerl�nder, sondern nur ein j�mmerlicher Mensch.</p><p>�Folgen Sie mir!�, forderte Henschel Milady auf und schritt voraus durch einen dunklen Gang. �Sie d�rfen zur Feier des Tages mit uns tafeln.�</p><p>�Eine Henkersmahlzeit?�, seufzte Lady Marbely.</p><p>�Sie werden nicht gehenkt.�</p><p>W�hrend Milady seufzend Henschel auf der engen Steintreppe nach oben folgte, verst�rkte sich ihr Verdacht, dass der sogenannte <emphasis>F�hrer</emphasis> in Wahrheit von jemand anderem gef�hrt wurde. Der Mann schien selbst gar nicht in der Lage, Pl�ne zu entwickeln und diese konsequent umzusetzen.</p><p>�Von der Loge aus, die wir nun betreten, sehen Sie in unsere Festhalle, unser Walhall, das sie als Frau nat�rlich nicht betreten d�rfen�, verk�ndete Henschel stolz, als er eine wei�e Holzt�r aufschloss.</p><p>In dem dahinterliegenden kleinen Raum stand ein Tisch mit zwei St�hlen. Durch eine Glasscheibe konnte die Lady in einen Saal blicken, in dem an drei Reihen von Holztischen sch�tzungsweise f�nfzig M�nner bei Schweinebraten und Bier sa�en. Fast alle rauchten. Insgesamt wirkte die Versammlung auf Lady Marbely eher wie eine Veranstaltung in einer Londoner Bingo-Halle, in der sich in ihren Jugendjahren Leute aus der Unterschicht zu harmlosen Vergn�gungen eingefunden hatten, als eine politische Versammlung. Doch man durfte diese Leute in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit nicht untersch�tzen. Eine Reihe von zum Teil grausamen Morden ging auf ihr Konto. Lady Marbely fr�stelte, als ihr in diesem Moment die aufgespie�te Leiche des Amtsrichters im Keller von Schloss Andreae einfiel. An der gegen�berliegenden Schmalseite des Festsaales stand eine Trib�ne mit einem Rednerpult, �ber der ein Transparent mit der Zahl 88 befestigt war. Schwarze Ziffern in wei�em Kreis, rot umrandet.</p><p>�Ich muss mich jetzt auf meine Rede konzentrieren und Sie eine Weile allein lassen. Sie haben zu essen und zu trinken. Und wenn Sie sonst etwas brauchen, dr�cken Sie diesen Knopf. Unser Personal wird sich um Sie k�mmern.�</p><p>Lady Marbely nickte stumm und wartete, bis er sich entfernt hatte, dann untersuchte sie den schmalen Raum und wurde rasch f�ndig. Dort, wo die rot tapezierte Zimmerdecke in die Hinterwand �berging, war ein lupenf�rmiger Gegenstand angebracht. Offenbar eine Webcam, die sie wohl �berwachen sollte. <emphasis>Webcam</emphasis>, dachte Lady Marbely am�siert, war ein so undeutsches Wort, dass der <emphasis>Bund 88</emphasis> mit Sicherheit eine andere Bezeichnung daf�r hatte. Netzauge, vielleicht. Und das Internet, wie mochten sie dieses nennen? Weltnetz? Und E-Mail war vermutlich die Computerpost. Obwohl Computer auch kein deutsches Wort war �</p><p>Da hatten Henschels Leute noch viel Arbeit vor sich, wenn sie alle englischen Ausdr�cke aus ihrem Wortschatz verbannen wollten.</p><p>Lady Marbely suchte nach einem Kleidungsst�ck, mit dem sie die Kamera verh�ngen konnte und entschloss sich, daf�r ihr Taschentuch zu verwenden. Dann sch�ttete sie ihr Getr�nk auf den dunklen Teppichboden und lie� den Schweinebraten in einer Ecke der Loge verschwinden. Man sollte glauben, sie h�tte davon gegessen. Lady Marbely war �berzeugt, dass diese sogenannte Henkersmahlzeit vergiftet war.</p><p>Gebannt verfolgte die Lady das skurrile Geschehen im Saal. Eine Gruppe kahl geschorener junger M�nner in braunen Uniformen mit der doppelten Acht am linken Oberarm r�umte die leeren Teller ab. W�hrenddessen ert�nte Marschmusik aus einer Lautsprecheranlage.</p><p><emphasis>Heute wollen wir marschier�n,</emphasis></p><p><emphasis>Einen neuen Marsch probier�n.</emphasis></p><p><emphasis>In dem sch�nen Westerwald,</emphasis></p><p><emphasis>Ja da pfeift der Wind so kalt.</emphasis></p><p><emphasis>O du sch�ner Westerwald,</emphasis></p><p><emphasis>�ber deine H�hen pfeift der Wind so kalt.</emphasis></p><p><emphasis>Jedoch der kleinste Sonnenschein</emphasis></p><p><emphasis>Dringt tief ins Herz hinein.</emphasis></p><p>Zum Schluss hie� es dann noch:</p><p><emphasis>Echte Menschen der Natur</emphasis></p><p><emphasis>Von Falschheit keine Spur.</emphasis></p><p>Was f�r eine Farce, von der Sch�nheit der Natur und der Ehrlichkeit der Menschen dieser Landschaft im Marschrhythmus zu singen. Und doch hatte das Lied etwas, das auch der Lady gefiel. In seinem Text und in seiner Melodie sp�rte sie eine tiefe Melancholie, wie bei so manchem hier in Deutschland, insbesondere in den M�rchen, die sich im Gegensatz zum Nationalsozialismus �ber die gesamte Welt verbreitet hatten. Pl�tzlich musste Milady an ein ganz bestimmtes M�rchen denken, als das Geschehen im Saal eine v�llig unerwartete Richtung einschlug.</p><p>Die Musik im Festsaal war verstummt. Alexander Henschel betrat strahlend die B�hne, ein dickes Paket von Papieren in der Hand. Offenbar seine vorbereitete Rede. �Volksgenossen! Bevor ich den Neubeginn des Gro�en Reiches verk�nde, sollen eure Gl�ser gef�llt werden. M�nner, bringt das Bier!�</p><p>Unter Applaus und Gejohle rollten junge M�nner zwei F�sser in den Saal und stellten sie auf. Henschel schlug mit ge�bter Hand Zapfh�hne in die Holzf�sser und trank selbst gierig von der sch�umenden Fl�ssigkeit. Erst als jeder der Festg�ste mit Bier versorgt war, begab sich Henschel merkw�rdig schwankend zur Trib�ne.</p><p>Lady Marbely beobachtete die Vorg�nge im Saal mit wachsendem Interesse. Das Geschehen nahm eine unerwartete Wende. Es war, als ob sich alles verlangsamte, als ob die Bewegungen der M�nner gefroren. Die Zeitlupe, in die pl�tzlich alles m�ndete, endete in einem v�lligen Stillstand.</p><p>�Volks� Volks��, lallte der <emphasis>F�hrer</emphasis> ins Mikrofon, dann sank er zu Boden.</p><p>Im Saal schienen alle Menschen wie erstarrt. Lady Marbely dachte an die Geschichte von Dornr�schen, die sie in ihrer Kindheit als Erz�hlung von der <emphasis>Sleeping Beauty</emphasis> kennengelernt hatte.</p><p><emphasis>In dem Augenblick aber, wo die K�nigstochter den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich �ber das ganze Schloss: Der K�nig und die K�nigin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herd flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten h�rte auf zu brutzeln, und der Koch, der den K�chenjungen, weil er etwas versch�ttet hatte, an den Haaren ziehen wollte, lie� ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den B�umen vor dem Schloss regte sich kein Bl�ttchen mehr.</emphasis></p><p>Verzaubert von der Erinnerung, verfolgte Lady Marbely das Geschehen im Saal. Sie wartete auf den Prinzen, der hinter den r�tselhaften Ereignissen stehen musste. Inzwischen war ihr klar, um wen es sich dabei nur handeln konnte. Um James, ihren Butler, dem es offenbar gelungen war, den gesamten <emphasis>Bund 88</emphasis> durch ein Schlafmittel im Bier stillzulegen. Und tats�chlich betrat ein Mann mit Schirm, Charme und Melone den Festsaal. Untadelig gekleidet wie immer. Um ihn herum bewegten sich an die zwanzig M�nner im olivgr�nen Outfit, Handfeuerwaffen im Anschlag. Diese Szene wiederum erinnerte Lady Marbely an ein Ballett. Nur die Musik fehlte. Engelbert Humperdincks M�rchenoper Dornr�schen w�re jetzt passend.</p><p>Der Butler, der sein iPhone gez�ckt hatte, war offenbar auf der Suche nach ihr. Die Lady versuchte durch heftiges Klopfen gegen die Glasscheibe zur Halle auf sich aufmerksam zu machen. Als der Butler jedoch direkt vor dem Fenster stand und sie nicht sah, wurde ihr bewusst, dass das Glas au�en beschichtet war. Sie schlug heftig gegen die Scheibe.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis der Butler in ihre Richtung nickte. Er schien direkt in ihre Augen zu blicken. Kurze Zeit sp�ter �ffnete er die T�r zur Loge. Lady Marbely betrachtete den athletischen Mann mit seinem ernsten, doch stets freundlichen Gesicht und den leuchtend blauen Augen mit Wohlgefallen. Sie streckte ihre Hand zum Gru� aus, dann zog sie ihn an sich heran, umarmte ihn und dr�ckte ihm einen Kuss auf die rechte Wange. �Sie d�rfen die Freundschaftsbeweise gerne erwidern, James�, sagte sie g�nnerhaft.</p><p>Und James lie� sich nicht lange bitten, gab der Lady jeweils einen Kuss auf beide Wangen. �Willkommen zur�ck im Team�, sagte er.</p><p>�Es tut mir ja so leid�, seufzte die Lady.</p><p>�Die Trennung war tats�chlich schmerzhaft. Andererseits hat diese Tatsache es uns erst erm�glicht, Ihren gesch�tzten Spuren folgend, diese sonderbare Truppe von Schlafm�tzen ausfindig zu machen.�</p><p>�Oh, Ihr Bart kratzt, James.� Die Lady strich sich �ber ihre Wange.</p><p>�Daf�r muss ich mich entschuldigen, Milady. Die Umst�nde erlaubten im Augenblick keine gr�ndliche Rasur. Das Wichtigste: Wie geht es Ihnen, Milady?�</p><p>�Ausgezeichnet. Vor allem wohl, weil ich mein Essen nicht anger�hrt habe.�</p><p>�Gibt es sonst dringende W�nsche?�, erkundigte sich der Butler.</p><p>�Ich bewundere die geschmeidigen Bewegungen der Herren im Saal. Ein wunderbar m�nnliches Ballett, wie man es am Theater nicht zu sehen bekommt. Sie wissen schon: wei�e Strumpfhosen und so.�</p><p>�Ich m�chte es mir detailliert nicht gerne vorstellen, wenn Milady gestatten.�</p><p>�Dennoch ein wahrer Kunstgenuss�, sagte die Lady, w�hrend sie die elastischen Bewegungen der M�nner im Saal beobachtete. �Von wo kommen diese Herren?�</p><p>�GSG 9, Bundespolizei, eine Antiterrortruppe.�</p><p>�Sie haben beste Beziehungen, James.�</p><p>�Danke sehr, Milady. Nun muss ich mich um Henschel k�mmern.�</p><p>�Er hat seinen Tod nur vorget�uscht�, sagte die Lady.</p><p>�Um seine verbrecherischen Ideen weiter ungest�rt umsetzen zu k�nnen�, vollendete der Butler.</p><p>�Der Mann des immerw�hrenden L�chelns.�</p><p>�Eine Maske.�</p><p>�Eine Marionette!�</p><p>Der Butler blickte sie �berrascht an. �Sie haben den Verdacht, dass es hinter diesem <emphasis>F�hrer</emphasis> noch jemanden gibt?�</p><p>�� der ihn, was den Verstand angeht, bei Weitem �bertrifft.�</p><p>�K�nnten Sie Ihre Vermutung m�glicherweise pr�zisieren, Milady?�</p><p>�Dieser <emphasis>Bund 88</emphasis> ist das Bindeglied zu der Lemniskate. Unendliche Unf�higkeit, unendliche Dummheit, unendliche moralische Verworfenheit zeichnet ihn aus. Ich bin mir sicher, dass diese Leute samt ihrem dauerl�chelnden <emphasis>F�hrer</emphasis> nicht imstande sind, selbstst�ndig zu denken. Henschel musste immer wieder jemanden fragen, wie es weitergehen sollte, auch als ich das Testament zugunsten seiner Tochter und deren Freund verfasst hatte. Und die Rede, die er halten wollte, stammte nicht von ihm. Er musste sich den Text erst schreiben lassen.�</p><p>�Das Manuskript wird sofort gepr�ft. Es liegt vermutlich neben ihm.�</p><p>�Er hat es fallen lassen, als er zu Boden ging. �brigens eine grandiose Idee, die M�nner mit Bier einzuschl�fern.�</p><p>�Sie sind nur bet�ubt.�</p><p>��h � ja, genau das wollte ich damit sagen.�</p><p>�Ihre Beobachtungen, Milady, sind von unsch�tzbarem Wert. Ich werde in dieser Richtung weiter ermitteln.�</p><p>�Und ich wieder an Ihrer Seite.�</p><p>�Sie sollten sich vielleicht etwas ausruhen, nach den Strapazen.�</p><p>�Sie sagten eben noch: <emphasis>Willkommen zur�ck im Team</emphasis>. Ich komme jedenfalls mit.�</p><p>�Sehr wohl, Milady. Die Herren der GSG 9 bef�rdern die Herren vom <emphasis>Bund 88</emphasis> in Autobussen nach Frankfurt, wo sie eine Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt I antreten und getrennt verh�rt werden, um die kriminelle Spreu vom Weizen zu trennen, wenn Sie mir dieses sprachliche Bild gestatten, Milady. Ein logistisch ziemlich komplexer Vorgang, mit Kronzeugenregelung und allem Drum und Dran.�</p><p>�Was geschieht mit Henschel?�</p><p>�Ja, was geschieht mit Lazarus Henschel?�, wiederholte der Butler versonnen.</p><p>�Ich verstehe Ihre Anspielung. Im Neuen Testament � Der verstorbene Lazarus verl�sst wie durch ein Wunder die Grabesh�hle, in der er bestattet worden war.�</p><p>�L�chelnd ��</p><p>�Genau. Und, was haben Sie nun mit ihm vor?�</p><p>�Wir werden ihn mithilfe einer belebenden Spritze aus seinen b�sen Tr�umen wecken und gleich hier verh�ren. Wo waren Sie eigentlich in den letzten Tagen untergebracht, Milady?�</p><p>�In einer Kerkerzelle irgendwo in den Bunkern dieser schrecklichen Anlage.�</p><p>�Des F�hrerhauptquartiers Adlerhorst, vulgo Schloss Ziegenberg. Genau dorthin werden wir den Mann verfrachten, noch vor seiner Erweckung. Und dann soll er uns alles verraten, was wir wissen wollen. Bis es so weit ist, k�nnen Sie sich etwas frisch machen, Milady, und vielleicht eine St�rkung zu sich nehmen. Ich werde Ihnen etwas bringen lassen, das Sie unbesorgt genie�en k�nnen.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Lady Marbely und der Butler warteten vergeblich auf das L�cheln in Henschels Gesicht. Sein Grinsen war endg�ltig zur Grimasse geworden. Die sonst so strahlend blauen Augen blieben auf den Steinboden der Kerkerzelle geheftet.</p><p>Der Butler las den Beginn der Rede vor, die der sogenannte <emphasis>F�hrer</emphasis> vor den M�nnern des <emphasis>Bundes 88</emphasis> hatte halten wollen: �Volksgenossen! Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Goldenen Zeitalter, der Fortsetzung des Tausendj�hrigen Reiches, dessen ruhmreiches Wirken durch hinterh�ltige Feinde einige Zeit unterbrochen worden ist. Mit dem heutigen Tag jedoch kann ich als euer <emphasis>F�hrer</emphasis> ein Wiederaufbl�hen der alten Gr��e verk�nden, einen triumphalen Neubeginn, der alles in den Schatten stellen wird, was wir bisher erlebten. Wir haben die finanzielle Grundlage, unsere Pl�ne in die Tat umzusetzen, um diesem geschundenen Land die W�rde zur�ckzugeben, die es verdient �� Der Butler hielt in seiner bewusst zur�ckhaltenden Lesung inne, dann fragte er den auf der Holzpritsche Liegenden: �Und wer hat das f�r Sie geschrieben?�</p><p>Alexander Henschel schwieg.</p><p>�Wir wissen, Herr Henschel, dass es einen Mastermind im Hintergrund gibt und Sie nur Befehle ausf�hrten. Ein Umstand, der vor Gericht zu Ihren Gunsten ausgelegt werden kann. Jedoch nur, wenn Sie uns verraten, wer die Drahtzieher sind.�</p><p>�Ich bin der <emphasis>F�hrer</emphasis>�, st�hnte Henschel mit belegter Stimme. �Ich �bernehme die Verantwortung f�r alle Worte und Taten, die in Zusammenhang mit unserer gro�en Idee stehen, die �brigens auch durch Ihr bedauerliches Eingreifen nicht zum Stillstand kommen wird.�</p><p>�Da bin ich anderer Meinung�, widersprach der Butler. �Die finanzielle Unterst�tzung Ihrer Gruppierung, von der hier die Rede ist, wird es nicht geben. Lady Marbely wird weiterleben, und all ihr Besitz und der des verstorbenen Jakob Aufhauser bleibt in ihrer Hand.�</p><p>�Mein Testament�, schaltete sich die Lady in das Gespr�ch ein, �zugunsten von Stefan Obermann und Ihrer Tochter Ruth ist hinf�llig. Erstens, weil ich lebe, und zweitens, weil Sie nicht auf die Idee kommen sollen, auch noch die beiden zu t�ten, nur um an das Geld heranzukommen.�</p><p>�Ich hatte nie vor, meine Tochter zu t�ten�, protestierte Henschel heftig.</p><p>Im selben Moment meldete sich das iPhone des Butlers, der sofort f�r einen Augenblick die Zelle verlie�. Nach Beendigung des Gespr�chs kam er zur�ck und sagte: �Wenn Sie uns sonst nichts mitzuteilen haben, werden Sie nach Frankfurt gebracht. Oder gibt es noch etwas, das Sie loswerden m�chten?�</p><p>�Nein. Meiner Tochter w�re nichts geschehen, doch alles andere musste leider sein, um an unser Ziel zu gelangen.�</p><p>�Der Mann hat kein Gewissen.� Der Butler kniff seine Lippen zusammen. �F�r sein Ziel ist er �ber Leichen gegangen.�</p><p>Milady nickte seufzend.</p><p>Der Butler f�hrte die Lady zu seinem Wagen. �Ich schlage vor, wir statten dem jungen Obermann einen Besuch ab. Auch er wurde in die Justizvollzugsanstalt Frankfurt I gebracht.�</p><p>�Als Mastermind hinter all den perfiden Pl�nen dieser Verr�ckten kann ich mir den scheuen jungen Mann wirklich nicht vorstellen�, gab die Lady zu bedenken. �Er war sehr reizend zu mir, im Blockhaus. Nicht umsonst �nderte ich mein Testament zugunsten dieser jungen Leute. Auch wenn es nicht ganz ernst gemeint war.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Verkehr wurde dichter, als sie sich ihrem Ziel, der Justizvollzugsanstalt I, im Frankfurter Stadtteil Preungesheim n�herten. Der moderne, in unfreundlichem Grau gehaltene Gef�ngniskomplex bestand aus eng aneinandergebauten drei-bis f�nfst�ckigen Bauteilen, mit ein oder zwei Untergeschossen. Ein Justizbeamter erkl�rte stolz die Vorz�ge der erst 2010 er�ffneten Anstalt f�r Untersuchungsh�ftlinge. Sie erm�glichte humane Haftbedingungen und entsprach, seinen Worten zufolge, modernen Sicherheitsstandards. Dabei f�hrte der Mann den Butler und seine Begleiterin in die Besuchsabteilung, die in Geb�ude F untergebracht war. Sie nahmen an einer der f�nfzehn Sitzgruppen, die aus schmucklosen Tischen und Sesseln bestanden, Platz und warteten auf Stefan Obermann, der wenig sp�ter von zwei Beamten in den Saal geleitet wurde. Sie befanden sich allein in der Halle, da sie au�erhalb der vorgesehenen Besuchszeiten gekommen waren.</p><p>Der junge Mann l�chelte, als er Milady erkannte, und dr�ckte ihre Hand. Den Butler be�ugte er misstrauisch. �Es freut mich, dass Sie mich besuchen, Milady ��</p><p>�Ich bin und bleibe Amanda f�r Sie.� Lady Marbely nickte ihm aufmunternd zu. �Erz�hlen Sie bitte, was passiert ist, Stefan!�</p><p>�Die Welt ist in den letzten Tagen eine andere geworden. Das Blockhaus wurde niedergebrannt, meine Stiefmutter erschossen, und ich werde des Mordes verd�chtigt, weil ��</p><p>�Weil�, unterbrach ihn der Butler, �auf der Waffe, mit der Ihre Stiefmutter get�tet wurde, Ihre Fingerabdr�cke gefunden wurden.�</p><p>�Das ist richtig.�</p><p>�Und wie erkl�ren Sie sich das?�, fragte der Butler streng.</p><p>�Ich habe daf�r leider keine Erkl�rung�, entgegnete der junge Mann. �So sehr ich dar�ber nachdenke, so wenig verstehe ich das Geschehen.�</p><p>�Es macht nur Sinn�, fuhr der Butler fort, �wenn Sie der Kopf, das Gehirn, dieses <emphasis>Bundes 88</emphasis> w�ren, der aus Machtgier letztlich die eigenen Leute hinters Licht f�hren wollte ��</p><p>�Unsinn�, unterbrach ihn die Lady. �Dann s��e er nicht hier, sondern h�tte sich l�ngst in Sicherheit gebracht. Auch ihm wurde �bel mitgespielt.�</p><p>Stefan Obermann starrte stumm auf die matt gl�nzende Tischplatte.</p><p>�Haben Sie einen Verdacht?�, fragte der Butler.</p><p>�Nein!� Der junge Mann sch�ttelte heftig den Kopf.</p><p>Etwas zu heftig, wie der Butler fand. �Ich schlage vor, Sie helfen uns, alle betreffenden Ereignisse zu rekonstruieren. Sie wollen doch freikommen, oder?�</p><p>�Nat�rlich. Ich bin unschuldig. Das Verh�ltnis zu meiner Stiefmutter war nicht gerade herzlich, doch ich hatte keinerlei Grund, sie zu t�ten. Ich habe �berhaupt niemanden get�tet und werde es auch nie tun.�</p><p>�Und Sie wollen, dass der wahre T�ter gefunden und zur Verantwortung gezogen wird?�, fuhr der Butler fort.</p><p>Stefan Obermann st�hnte auf und schwieg. Lady Marbely nahm seine zitternden H�nde in ihre und bat ihn, sich zu erinnern. Und schlie�lich begann der junge Mann zu erz�hlen. Zuerst langsam, dann schneller, beinahe atemlos. Nur, als er von seiner Fahrt zum Haus der Mutter berichtete, geriet er ins Stocken.</p><p>�Sie verschweigen uns etwas, Stefan�, dr�ngte Milady. �Sie wissen viel mehr, als Sie zugeben. Sie haben vom ehemaligen F�hrerhauptquartier gewusst, Sie ��</p><p>�Ich m�chte nichts mehr sagen�, gab sich Stefan Obermann entschlossen.</p><p>�Ist auch nicht n�tig. Sie haben uns bereits genug verraten!� Der Butler erhob sich.</p><p>Lady Marbely blickte nachdenklich in die traurigen Augen des jungen Mannes. Als sie sp�ter mit James gemeinsam wieder im Auto sa�, meinte sie: �Er hat Angst um seine Freundin. Sie befindet sich in gro�er Gefahr.�</p><p>�Das sehe ich ebenso, Milady�, stimmte ihr der Butler zu.</p><p>�Also, was machen wir?�</p><p>�Wir suchen Ruth Henschel.�</p><p>Lady Marbely sah den Butler von der Seite an. �Was verbergen Sie vor mir?�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, Milady, ob Sie das wirklich wissen wollen.�</p><p>�Nur Mut, James!�</p><p>�An einem anderen Ort. Ich f�hle mich hier nicht besonders wohl.�</p><p>�Was schlagen Sie vor?�</p><p>�Ihr Interesse hier in Deutschland gilt doch den M�rchen und Liedern. Ich schlage Ihnen vor, einen Menschen aufzusuchen, der sich damit intensiv besch�ftigt.�</p><p>�Und wer ist das?�</p><p>�Doktor Helga Winter, eine Psychotherapeutin.�</p><p>�Und was hat das mit unserem Fall zu tun?�</p><p>�Sie ist Ruth Henschels Ausbilderin.�</p><p>�Das hei�t, sie kann uns helfen, Ruth zu finden.�</p><p>�Ich denke schon. Ein Besuch kann jedenfalls nicht schaden.�</p><p><strong>*</strong></p><p>�Sie kann nur k�rperlich Gesunde therapieren�, stellte Lady Marbely fest, als sie an der Seite des Butlers die Treppe in das zweite Geschoss des Gr�nderzeithauses erklomm. �Lassen Sie sich doch Zeit, James! Ich bin ja v�llig au�er Atem.�</p><p>Die T�r zur Praxis von <emphasis>Doktor Helga Winter, lic. Phil. (Dipl.) Psychologin, Klinische Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin</emphasis>, wie das blank polierte Messingschild verhie�, stand einen Spaltbreit offen.</p><p>Ein angenehmer Duft von Bienenhonig empfing Lady Marbely und den Butler. Die hohen R�ume und die edle Einrichtung des Warteraums vermittelten einen beabsichtigt seri�sen Eindruck. Auf einem runden Tischchen, neben einigen Fachzeitschriften, stand eine Jugendstilvase mit gr�n knospenden Zweigen.</p><p>Die gepolsterte T�r zum Behandlungsraum �ffnete sich, eine dunkelhaarige schlanke Frau, Mitte sechzig, kam der Lady und dem Butler entgegen. Freundlich sch�ttelte sie ihnen die H�nde. �Sch�n, dass Sie zu mir gefunden haben.�</p><p>Der Butler bedankte sich bei der Psychotherapeutin, dass sie sich so kurzfristig Zeit f�r ein Gespr�ch nahm.</p><p>�Es ist mir ein Vergn�gen, �ber M�rchen zu sprechen. Ausk�nfte �ber Klienten oder Kollegen kann ich allerdings nicht geben.� Die Frau steckte sofort klar den Rahmen des Gespr�chs ab.</p><p><strong>*</strong></p><p>�Noch ist nichts verloren, wenn wir entschlossen handeln. Die finanzielle Grundlage befindet sich durch das Testament in Reichweite, allerdings m�ssen die n�tigen Operationen ohne jede Verz�gerung anlaufen. Dazu geh�rt die sofortige Beseitigung der englischen Frau und ihres Begleiters, sowie des Doktors!�</p><p>�Jawohl!�, rief der Anf�hrer der Gruppe junger M�nner. �Wir werden unser Ziel ohne Skrupel und umgehend ansteuern. Wo befindet sich der Einsatzort?�</p><p>�L�hrstra�e 40, zweites Geschoss. Die Praxis von Doktor Helga Winter.�</p><p>Die M�nner st�rmten nach drau�en und sprangen in einen wei�en Kastenwagen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>8.</strong></p></title><p>�Wir sind lediglich therapeutische Laien, die sich f�r die Bedeutung von M�rchen im Zusammenhang mit mehreren Mordf�llen interessieren�, begann der Butler. �Lady Marbely und ich bilden ein Ermittlerteam.�</p><p>Die Therapeutin nickte bed�chtig. �Welches M�rchen wollen Sie mit mir analysieren?�</p><p>�Die Erz�hlung von <emphasis>Sleeping Beauty</emphasis>�, rief Lady Marbely fast freudig aus.</p><p>�Das M�rchen von Dornr�schen�, glaubte der Butler erg�nzen zu m�ssen.</p><p>�Hm �� Die Therapeutin griff nach einem alten Buch auf ihrem Schreibtisch. �Ich schlage vor, wir nehmen uns die Geschichte Schritt f�r Schritt vor.� Sie klemmte sich eine Brille auf die Nase und studierte kurz das ge�ffnete Buch. �Die Prinzessin war ein von den Eltern herbeigesehntes Einzelkind, das bis zum f�nfzehnten Lebensjahr verw�hnt und verh�tschelt wurde. Dann geschah etwas, das das Leben der jungen Frau dramatisch ver�nderte. Die bl�hende und duftende Rose wurde zum t�dlichen Dornbusch, und zwar durch einen Stich. Sie stach sich an einer Spindel und fiel in einen todes�hnlichen Schlaf, hundert Jahre, also drei bis vier Generationen lang.�</p><p>�Und mit ihr erstarrte die gesamte menschliche Umgebung�, f�gte Lady Marbely hinzu.</p><p>�Der Todesschlaf befiel auch Tiere und Gegenst�nde, sowie die Natur im Umkreis des Schlosses. Doch um das Schloss herum tat sich Erstaunliches. Eine Rosenhecke breitete sich aus, die ein Eindringen in das Geb�ude, zur schlafenden Frau, verhinderte. Viele Prinzen versuchten diese Barriere zu durchdringen.� Frau Doktor zitierte: �Es war ihnen aber nicht m�glich, denn die Dornen, als h�tten sie H�nde, hielten fest zusammen, und die J�nglinge blieben darin h�ngen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines j�mmerlichen Todes.� Die �rztin blickte auf. �Bis der Richtige kommt und die Prinzessin sowie den gesamten Hofstaat erweckt.�</p><p>�Mit einem Kuss�, sagte Lady Marbely schw�rmerisch.</p><p>�Ein f�rwahr merkw�rdiges Geschehen�, betonte die Therapeutin. �Dornr�schen als lebende Tote, die durch eine Art Therapeuten geheilt wird.�</p><p>�Nachdem viele andere an ihr gescheitert waren�, erg�nzte der Butler.</p><p>�Ich glaube�, erkl�rte Dr. Winter, �dass in diesem Todesschlaf der Kern der Geschichte liegt. Ein Kind, das durch ein dramatisches Geschehen seine Seele verliert, als es gerade zur Frau wird. Ein von diesem Moment an unmenschlich gewordenes Wesen, das einerseits verf�hrerisch wirkt, andererseits allen, die sich ihr n�hern, den Tod bringt.�</p><p>�Die Spinne im Netz�, warf Lady Marbely ein.</p><p>�Die Prinzessin im Dornendickicht�, erg�nzte die Therapeutin. �Die Frage ist nun, was die Verwandlung eines harmlosen M�dchens in diese seelisch kranke Frau bewirkt, was mit dem Stich gemeint sein kann, der diesen Menschen zerst�rt.�</p><p>�Im M�rchen ist es der Fluch einer weisen Frau�, meinte der Butler. �Es kann sich um ein dramatisches Geschehen psychischer Natur handeln, das einen jungen Menschen ver�ndert, oder ein Angriff auf seinen K�rper. Wenn er �berlebt, wenn er aus irgendeinem Grund aus dem Koma erwacht, ist er ein v�llig anderer.�</p><p>Milady hatte feuerrote Wangen bekommen. �Im Falle von Dornr�schen ein gef�hrliches, blutr�nstiges Wesen, dem nur ein einziger Prinz ��</p><p>�Therapeut�, meldete sich Dr. Winter zu Wort.</p><p>�� gewachsen ist�, vollendete der Butler den Satz.</p><p>�Und das nur im M�rchen�, betonte die Therapeutin.</p><p>�Sehen Sie, Frau Doktor�, sagte der Butler. �Und ebendieser Umstand gibt Anlass zur Sorge. Dornr�schen wird seinen Weg weitergehen, gnadenlos. Und auch vor seiner Therapeutin nicht haltmachen.� Der Butler hatte sich bei diesen Worten erhoben, war zum Fenster gegangen und blickte auf die Stra�e, wo genau in diesem Moment acht M�nner in braunen Uniformen aus einem wei�en Kastenwagen sprangen. �Wir m�ssen weg von hier! Folgen Sie mir!�</p><p>�Was ist?� Die Therapeutin z�gerte. �Sollte Gefahr durch das Treppenhaus kommen, so k�nnen wir nicht fliehen. Es gibt keinen anderen Weg.�</p><p>�Doch, den gibt es�, widersprach ihr der Butler. �Ich habe mir erlaubt, vorab den Bauplan dieses Geb�udes zu studieren. Rasch, mir nach! �ber den Dachboden zum n�chsten Treppenhaus. Schnell, aber lautlos.�</p><p>Als sie die Stiege zum Speicher hocheilten, h�rten sie schwere Tritte im Treppenhaus. Es folgte das Ger�usch von splitterndem Holz. Die T�r zur Praxis!</p><p>Der Butler verst�ndigte die M�nner der Antiterrorgruppe. �Wir warten hier ab, bis die Aktion abgeschlossen ist. Alles andere w�re zu gef�hrlich.�</p><p>Die beiden Frauen nahmen leicht verst�rt auf den Steinstufen Platz.</p><p>�Dornr�schens letzter und verzweifelter Versuch, an Geld und Macht zu kommen�, bemerkte der Butler.</p><p>�Eine traurige Entwicklung�, st�hnte die Therapeutin. �Ich glaubte lange Zeit daran, dass eine Behandlung erfolgreich sein k�nnte.�</p><p>�Es gibt Prinzessinnen, denen kein Prinz helfen kann�, warf der Butler ein.</p><p>�Ich denke, dass ein Mann, ein m�nnlicher Therapeut, der ihr gewachsen w�re, vielleicht Erfolg gehabt h�tte. Ich h�tte rechtzeitig abbrechen m�ssen.�</p><p>�Sie sprechen in R�tseln! Sie beide!�, unterbrach Lady Marbely emp�rt das Gespr�ch zwischen der Psychotherapeutin und dem Butler. �Wer versteckt sich hinter Dornr�schen?�</p><p>�Die M�rderbande im Nebeneingang wurde von einer Frau geschickt�, erkl�rte der Butler. �Einer Frau, in deren jungen Jahren etwas Dramatisches passierte. Etwas, das sie zu einem machthungrigen, mordbereiten Monster werden lie�.�</p><p>�Ein schwerer Autounfall�, schaltete sich die Therapeutin ein. Sie zuckte kurz zusammen, als von der Stra�e her Gewehrfeuer zu h�ren war. �Als das M�dchen, oder die junge Frau, f�nfzehn war, verungl�ckte ihr Vater mit dem Auto. Bei dem Unfall wurde die Mutter, die auf dem Beifahrersitz sa�, get�tet, der Vater regelrecht skalpiert. Er war von diesem Tag an durch eine Nervenverletzung in seinem Gesicht zu immerw�hrendem L�cheln verdammt, auch wenn ihm selten danach war. Der Mann litt unter der Schuld, die er auf sich geladen hatte. Er war alkoholisiert, als er den Wagen gegen einen Baum steuerte.�</p><p>Lady Marbely begriff die Zusammenh�nge.</p><p>�Sie hatte im Fond des Autos gesessen und eine traumatische Gehirnverletzung erlitten�, fuhr Dr. Winter fort. �Nach mehr als drei Monaten im Koma wachte sie auf, konnte sprechen, verstand, was man ihr sagte. Die junge Frau schien intellektuell nicht beeintr�chtigt zu sein. Sie ging zur�ck in ihr Internat.�</p><p>�Nach hundert Tagen Schlaf�, sagte Lady Marbely. �Und das ungl�ckliche M�dchen ist Ruth Henschel.�</p><p>Die Therapeutin nickte. �Sie war durch diesen Unfall und durch den Verlust der Mutter zutiefst verletzt worden, sie h�tte damals nicht nur medizinische, sondern auch psychologische Hilfe ben�tigt. Stattdessen musste sie zur�ck in die Schule, in der sie aber ihren einzigen wahren Freund fand, den jungen Stefan Obermann. Der bemerkte nat�rlich, dass Ruth ein v�llig anderer Mensch geworden war, dennoch hielt er treu zu ihr.�</p><p>�Ein b�ses, modernes M�rchen�, sagte Lady Marbely.</p><p>�Ein <emphasis>sehr</emphasis> b�ses M�rchen. Ich erhielt in der Lehrtherapie Einblick in die Gedankenwelt Ruth Henschels, und glauben Sie mir, das war keine m�rchenhafte Welt. Sie entdeckte die Macht, die sie �ber andere Menschen hatte. Zuerst �ber den schuldbewussten Vater, den sie als Marionette f�r ihre Ziele benutzte. Ein durch und durch dummer Mann, dessen moralische Qualit�ten � h�flich gesagt, ziemlich zweifelhaft waren. Sie erkannte irgendwann seine Bereitschaft zu skrupellosen Taten, um seine idiotischen Ziele voranzubringen. Sie benutzte ihn und die Gruppe, der er vorstand, als Mordwaffe. Durch ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin vervollst�ndigte sie ihr Wissen �ber die Seelen anderer Menschen. Ich h�tte es besser wissen m�ssen, glaubte aber an die heilende Wirkung meiner Arbeit.�</p><p>�Wo ist sie?�, fragte Lady Marbely.</p><p>�Im Maybach. Sie f�hrt Ihren Wagen, Milady. Er bietet ihr optimalen Schutz vor der feindlichen Umwelt.�</p><p>�Ein Glassarg�, seufzte die Lady.</p><p>�Wenn Sie mir diesen Einwurf gestatten, Milady. Das ist ein anderes M�rchen �� �Schon gut, James. Wie k�nnen wir sie finden?�</p><p>�Mithilfe des Startschl�ssels. In ihm befindet sich ein Sender, der sich orten l�sst.�</p><p>�Das haben Sie wunderbar eingerichtet�, gab sich Lady Marbely vorwurfsvoll.</p><p>Der Butler l�chelte wie ein Junge. �Was tut man nicht alles, um nicht v�llig die Kontrolle �ber das menschliche Umfeld zu verlieren.�</p><p><strong>*</strong></p><p>Der Maybach stand am Ufer der Sieg. Durch die verspiegelten Scheiben konnte man nicht in das Innere blicken, doch vernahm der Butler �ber das Abh�rger�t im Startschl�ssel Atemger�usche. �Dieser Maybach ist uneinnehmbar. Wir k�nnen nur sicherstellen, dass sie von hier nicht entkommt�, erkl�rte er der Lady und lie� die Zufahrt von Einsatzfahrzeugen der GSG 9 blockieren, dann griff er zu seinem iPhone und f�hrte ein l�ngeres Gespr�ch.</p><p>Eineinhalb Stunden sp�ter kam ein Polizeiwagen mit Frankfurter Kennzeichen, in dem sich Stefan Obermann befand. Der Butler begr��te ihn mit einem herzlichen H�ndedruck. �Ihre Haftzeit ist beendet. Ich konnte den Untersuchungsrichter von Ihrer Unschuld �berzeugen, muss Sie allerdings im Gegenzug bitten, uns zu helfen. Bitte versuchen Sie mit Ihrer Freundin zu sprechen.�</p><p>Der junge Obermann zuckte m�de mit den Schultern. �Wenn sie nicht reden will, hat man keine Chance.�</p><p>�Sie kennen ihre Handynummer. Bitte nehmen Sie meins und rufen Sie sie an. Sie stellen sich bitte neben den Wagen, damit sie sieht, wer mit ihr sprechen will.�</p><p>Stefan Obermann ging vor, tippte gehorsam auf dem Handy des Butlers herum und nach kurzer Wartezeit begann er zu sprechen. Wenige Minuten sp�ter kam Stefan Obermann zur�ck und reichte dem Butler das iPhone. Er hatte Tr�nen in den Augen. �Ruth hat den Wagen jetzt ge�ffnet. Aber � Aber sie hat etwas eingenommen. Sie hat etwas von einem Teufelspakt gesagt, den sie beenden wolle. Sie � sie ist � ich glaube, sie ist � tot.�</p><p><strong>*</strong></p><p>�Ich werde dem jungen Obermann eine Stelle in der Firma anbieten�, sagte Lady Marbely zu ihrem Butler im Fond des Maybachs, der von ihrem Chauffeur zum Siegener Flugplatz gesteuert wurde. Die Lady wollte m�glichst rasch zur�ck auf die Insel. Zumindest f�r ein paar Tage. Die ganze Geschichte war ihr sehr nahe gegangen. �Bitte laufen Sie nicht weg�, verabschiedete sich die Lady von ihrem Butler. �Ich brauche Sie an meiner Seite. Nicht, um die Welt besser, sondern sie um ein winziges St�ck weniger schlecht zu machen.�</p><p>�Das haben Milady, wenn Sie mir dieses Lob gestatten, perfekt formuliert.�</p><p>Zum ersten Mal schafften es beide, gemeinsam zu lachen.</p><p>Keine Viertelstunde sp�ter dr�hnte der Learjet von Lady Marbely durch die Wolken des Siegerlandes.�</p></section></body><binary id="cover" 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