<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_history</genre><author><first-name>Tom</first-name><last-name>Finnek</last-name></author><book-title>Vor dem Abgrund</book-title><annotation><p>Im Herbst 1888 kommen zwei junge Menschen ins Londoner East End, die unterschiedlicher nicht sein k�nnten. Die verarmte Celia Brooks versucht verzweifelt, ihren Vater zu finden. Der Hotelierssohn Rupert Ingram will hingegen seine Pflichten im s�ndigen Treiben vergessen. Doch im East End hat alles seinen Preis, Antworten ebenso wie das Vergessen. Und w�hrend die Huren ihre Dienste feilbieten und ein M�rder namens Jack the Ripper in den Schatten lauert, sto�en Celia und Rupert auf Geheimnisse, die ihr Leben f�r immer ver�ndern ...</p><empty-line/><p><strong>�ber den Autor</strong></p><p>Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor besch�ftigt er sich schon l�nger mit historischen Stoffen. F�r ihn ist gerade London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte besonders faszinierend, und dem tr�gt er in seinen Romanen UNTER DER ASCHE, GEGEN ALLE ZEIT und VOR DEM ABGRUND Rechnung: Sie spielen alle in London, aber in unterschiedlichen Jahrhunderten. Tom Finnek ist verheiratet und stolzer Vater von zwei S�hnen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2014-02-16">16.2.2014</date><id>6351A63B-A184-4433-9794-D1E5CD62D7D0</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Bastei L�bbe (L�bbe Hardcover)</publisher><year>2013</year></publish-info></description><body><section><title><p>DIE HANDELNDEN PERSONEN</p></title><p>Celia Brooks, ein M�dchen aus Essex</p><p>Ned Brooks, Seemann, Celias verschollener Vater </p><p>Mary Brooks, ihre verstorbene Mutter</p><empty-line/><p>Rupert Ingram, Hoteliersohn</p><p>Harvey Ingram, sein Vater, Hotelier und Witwer </p><p>Mortimer &amp; William Ingram, Ruperts �ltere Br�der </p><p>Meredith Wright Barclay, Ruperts Verlobte aus Bury Hill, Dorking </p><p>Robert Barclay, Bierbrauer (Barclay, Perkins &amp; Co.), Merediths Onkel </p><p>Graham Maggott, genannt Gray, Laufbursche im Crown Hotel </p><p>Simeon Solomon, Maler und Ruperts Freund</p><empty-line/><p>Eva Booth, Captain der Heilsarmee, Tochter von William Booth, dem Gr�nder und 1. General der Heilsarmee </p><p>Florence Soper Booth, Evas Schw�gerin, Leiterin des Frauenasyls </p><p>Adam Bedford, ein Heilsarmist</p><empty-line/><p>Heather, Obdachlose und Gelegenheitshure </p><p>Maureen Watson, genannt Sheila, die Schlangenfrau, B�hnendarstellerin </p><p>Mary Jane Kelly, genannt Ginger, Prostituierte </p><p>Joseph Barnett, Fischtr�ger, ihr Lebensgef�hrte </p><p>Elizabeth Stride, genannt Long Liz, Prostituierte und Mordopfer </p><p>Michael Kidney, Hafenarbeiter, ihr Lebensgef�hrte </p><p>Rod(ney) Webster, Wirt des George Inn</p><empty-line/><p>Tom Dudley, Kapit�n der Mignonette</p><p>Edwin Stephens, Maat auf der Mignonette</p><p>Richard Parker, genannt Dick, Kabinenjunge</p><empty-line/></section><section><title><p>ERSTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>CELIA BROOKS</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�O, where shall I go to, or what can I do?</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>I�ve no one to tell me what course to pursue;</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>I�m weary and foot sore, I�m hungry and weak,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>I know not what shelter to-night I may seek.�</emphasis></p><p>(�Oh, wo soll ich hingehen, oder was kann ich tun?</p><empty-line/><p>Ich habe niemanden, der mir sagt, welchen Weg ich einschlagen soll;</p><empty-line/><p>Ich bin m�de, meine F��e sind wund, ich bin hungrig und schwach,</p><empty-line/><p>Ich wei� nicht, welchen Schutz ich heute Nacht suchen kann.�) William S. Hays, Driven from home, 1868</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>DONNERSTAG, 18. OKTOBER 1888</p><p>1</p><p>Celia war noch nie zuvor in London gewesen, und trotz der zahlreichen und ausf�hrlichen Erz�hlungen ihrer Mutter war sie nicht auf das gefasst, was sie in der Hauptstadt erwartete. Als sie aus dem �berf�llten Abteil der dritten Klasse auf den Bahnsteig des Bahnhofs Waterloo stieg, da war es ihr, als betr�te sie eine fremde Welt. Die Gr��e und Un�bersichtlichkeit dieses verschachtelt gebauten Bahnhofs sch�chterten Celia ein, und die Menschenmassen und das aggressive Gedr�nge auf dem Bahnsteig nahmen ihr im wahrsten Sinn des Wortes die Luft. Es war, als h�tten die Leute die Absicht, sich gegenseitig von der Plattform zu sto�en. �London ist wie zwei Bienenv�lker in einem Bienenschlag�, hatte ihre Mutter oft gesagt, und jetzt begriff Celia, was sie damit gemeint hatte.</p><p>Koffertr�ger und Kutscher bedr�ngten die Passagiere der London and South Western Railway* und wollten sie zu ihren Wagen locken, aufdringliche H�ndler boten Essen und Getr�nke an, M�nner mit umgeh�ngten Pappschildern machten Werbung f�r umliegende Hotels oder Gasth�user, und Zeitungsjungen hielten Gazetten in die Luft und posaunten die Schlagzeilen des Tages heraus: �Neuer Brief des Rippers! Polizei tappt weiter im Dunkeln! B�rgerwehr fordert Belohnung! Jack the Ripper schickt Brief! Lesen Sie alles dar�ber!�</p><p>Kaum hatten Celias F��e das Pflaster des Bahnsteigs ber�hrt, schon wurde sie vom Strom der Menschen mitgerissen, in Richtung der Ausg�nge, die sich auf der Nordseite des Kopfbahnhofs befanden. Die Waterloo Station schien aus vielen kleineren Bahnh�fen zu bestehen, die wie ein Strau� Blumen von unterschiedlicher L�nge und Gr��e geb�ndelt waren. Da es keine zentrale Empfangshalle gab und der eine Bahnsteig oft nur zu einer weiteren, h�her oder tiefer gelegenen Plattform f�hrte, mussten sich die Passagiere den Weg zu den Ausg�ngen durch unterirdische Tunnel oder �ber Fu�br�cken erk�mpfen; verfolgt von den l�rmenden Heerscharen, die schon auf dem Bahnsteig auf sie einst�rmten.</p><p>W�hrend Celia an den braunen Waggons und der erbsengr�nen Lokomotive vorbeigeschoben wurde und aufpassen musste, nicht zwischen die Wagen aufs Gleisbett zu geraten, w�nschte sie sich zur�ck nach Southampton, wo am Morgen ihre Reise begonnen hatte. Oder besser gleich nach Brightlingsea in Essex, wo sie bis vor wenigen Tagen zu Hause gewesen war. Wie gern h�tte sie in diesem Moment an der M�ndung des Fl�sschens Colne gesessen, den Dockarbeitern und Fischern am Hafen zugeschaut oder ihre Angelrute in den Brightlingsea Creek gehalten, wie sie es als Kind oft an den Wochenenden getan hatte. Damals, als ihre arme Mutter noch gelebt hatte und ihre �lteren Br�der Peter und John noch nicht den Atlantik zwischen Liverpool und New York befahren hatten. Als Celias Vater noch eine verblassende Erinnerung und nicht ihr letzter verzweifelter Hoffnungsanker gewesen war.</p><p>�Pass doch auf, verdammt!�, schimpfte eine Frau.</p><p>Celia war ihr vor der schmalen Treppe zu einer Fu�g�ngerbr�cke versehentlich auf den Rocksaum getreten. ��tschuldigung, Ma�am�, murmelte sie erschrocken und h�tte um ein Haar den braunen Lederkoffer fallen gelassen, in dem sich ihr gesamtes Hab und Gut befand. Sie klammerte sich an den Koffer wie an einen Rettungsring und lie� sich von der Menge �ber die Br�cke zu einem der beiden Ausg�nge treiben. Als sie schlie�lich einen kleinen �berdachten Vorplatz erreichte, an dem zahlreiche Droschken, Mietkutschen und Lastkarren auf Kundschaft warteten, wandte sie sich an einen der schwarz uniformierten Kutscher, der ihr eilfertig die vordere Klappe des zweir�drigen Hansom Cabs aufhielt.</p><p>�Steigen Sie nur ein, Miss!�, rief er und l�pfte den fettfleckigen Bowler. �Wo soll die Reise hingehen?�</p><p>�K�nnen Sie mir sagen, wie ich ins East End komme?�, fragte Celia und l�chelte sch�chtern. �Ich muss zur Whitechapel Road.�</p><p>�Whitechapel?� Der Kutscher machte ein �berraschtes Gesicht. �Keine Gegend f�r �ne h�bsche junge Miss, gerade in dieser Zeit.� Er hob bedeutungsvoll die Brauen und deutete auf einen Zeitungsjungen, der kr�chzend seine Gazette anpries. Als Celia nicht darauf reagierte, zuckte er mit den Schultern und wies mit der Hand auf sein Cabriolet. �Bitte einzusteigen.�</p><p>�Ich habe kein Geld�, erwiderte Celia. Jedenfalls nicht f�r eine Kutschfahrt, setzte sie in Gedanken hinzu. �K�nnten Sie mir die Richtung zeigen?�</p><p>Die Miene des Kutschers nahm schlagartig einen s�uerlichen Ausdruck an. Vermutlich weil er seine Zeit vergeudet und andere Kunden unbehelligt vorbeigelassen hatte. Sofort wandte er sich an einen jungen Gentleman, der sich eilends von hinten n�herte, Celia grob zur Seite stie� und sie dabei achtlos mit seinem Reisekoffer streifte.</p><p>�Bitte einzusteigen, Sir�, sagte der Kutscher, nahm dem jungen Mann den Koffer ab und fragte: �Wo soll es hingehen?�</p><p>�Piccadilly, Ecke Dover Street�, antwortete der Mann, nahm den eleganten Zylinder vom Kopf, sch�ttelte sein langes, in der Mitte gescheiteltes Haar und stieg in das vorne offene Hansom Cab ein. �Zum Hatchett�s Hotel, aber etwas pl�tzlich, mein Guter!� Er strich seinen Gehrock glatt, klappte den vorderen Beinschutz herunter und fuhr sich geziert �ber den blonden Schnauzbart, der noch sehr an kindlichen Flaum erinnerte.</p><p>Celia betrachtete den Gentleman neugierig, nicht nur weil er ein ebenso h�bscher wie hochn�sig wirkender Mann war, sondern vor allem wegen eines auff�lligen Muttermals auf seiner rechten Wange, das nur leidlich von einem d�nnen Backenbart verdeckt war. Das Mal hatte die Gr��e einer Half-Crown-M�nze und die Form eines Herzens.</p><p>�Was gibt�s da zu starren, M�dchen?�, fuhr der Mann sie an und warf ihr durch das seitliche Fenster einen b�sen Blick zu. �Schleich dich!�</p><p>�Hast du nicht geh�rt, was der Gentleman gesagt hat?�, knurrte der Kutscher, verschn�rte den Koffer auf der Ablage und stieg auf den erh�hten Sitz hinter dem Verdeck. �Verzieh dich gef�lligst!�</p><p>�In welche Richtung soll ich mich verziehen, Sir?�, fragte Celia und hielt ihren Koffer vor der Brust, als k�nnte er sie wie eine R�stung sch�tzen.</p><p>�Wo soll das East End schon sein? Im Osten nat�rlich�, maulte der Kutscher, nahm die Z�gel in die linke Hand und griff mit der rechten nach der Peitsche. Er hielt sie bereits in die Luft, um das Pferd anzutreiben, als er pl�tzlich innehielt und sich zu Celia umwandte. �Siehst du die Gleise da vorne?� Er wies auf eine Bahntrasse, die in der N�he an der Waterloo Station vorbeif�hrte. �Folge ihnen, dann kommst du automatisch zur London Bridge Station. Dort musst du �ber die Themse und am Tower vorbei nach Nordosten. Ist aber �n weiter Weg nach Whitechapel. Wirst in die Dunkelheit kommen.�</p><p>�Das macht mir nichts�, antwortete Celia.</p><p>�Keine Gegend f�r �ne h�bsche junge Miss�, wiederholte der Kutscher und tippte sich an den Bowler. �Schon gar nicht im Dunkeln.�</p><p>�Danke, Sir! Ich komme schon zurecht.�</p><p>Der blonde Gentleman in der Kutsche hatte das kurze Gespr�ch zun�chst absch�tzig und ungeduldig verfolgt, doch als er das Wort Whitechapel vernahm, hatte er sich pl�tzlich vorgebeugt und neugierig aus dem Fenster geschaut. Offenbar hatte die Tatsache, dass Celia ins East End wollte, sein Interesse geweckt. Er betrachtete sie eingehend, wobei sich sein Gesichtsausdruck merklich wandelte. Beinahe schien es ihr, als w�re er �berrascht oder verwundert.</p><p>Der Gentleman sch�ttelte den Kopf und fragte: �Wie alt bist du, M�dchen?�</p><p>�Sechzehn, Sir.�</p><p>�Sechzehn�, wiederholte der Mann und sch�ttelte erneut den Kopf. Dann �ffnete er den Mund, als wollte er noch etwas sagen, doch im n�chsten Augenblick setzte sich das Hansom Cab in Bewegung und verschwand auf der im Halbkreis f�hrenden Zufahrtsstra�e im Abendverkehr.</p><p>Celia tat, wie ihr der Kutscher geraten hatte, und folgte den Bahngleisen nach Osten. Die Sonne stand nur noch eine Handbreit �ber dem Bahnhof Waterloo, und als Celia wenig sp�ter auf die viel befahrene Blackfriars Road stie�, h�rte sie hinter sich das h�bsche Glockenspiel der Turmuhr von Big Ben, das sie von einer Spieldose ihrer Mutter kannte. Anschlie�end erklangen sechs tiefere Glockenschl�ge.</p><p>Der Kutscher hatte recht. Es war Mitte Oktober, und die Sonne w�rde untergegangen sein, bevor Celia den Tower, geschweige denn Whitechapel erreicht h�tte. Doch was blieb ihr anderes �brig, als unbeirrt weiterzugehen? Sie kannte niemanden in London, sie hatte nur noch wenige M�nzen in der Geldb�rse, und das Einzige, was sie au�er ihren Kleidern und einigen wenigen Erinnerungsst�cken an ihre Mutter besa�, war die zerknitterte Ansichtskarte eines Kuriosit�tenkabinetts mit einer Adresse im East End: The Silver King, 123 Whitechapel Road, London E.</p><p>F�r einen kurzen Augenblick war sie versucht, auf einen der zahlreichen Pferdeomnibusse aufzuspringen, die auf der Blackfriars Road �ber die Themse fuhren, doch dann besann sie sich, schulterte ihren Koffer und ging keuchend weiter. Das wenige Geld, das sie noch besa�, durfte sie nicht verschleudern, nur weil ihr die F��e und der R�cken von der langen Zugfahrt schmerzten, die sie weitestgehend im Stehen hatte verbringen m�ssen. Oder weil die Gassen, durch die sie ging, zusehends schmaler, dunkler und dreckiger wurden.</p><p>Links und rechts der Bahntrasse stie�en die backsteinernen und ru�geschw�rzten H�user nun regelrecht an die �ber Stahlkonstruktionen f�hrenden Gleise. Hier staute sich der Verkehr wie vor einem Nadel�hr. Celia stieg ein so bei�ender Geruch in die Nase, dass ihr die Tr�nen in die Augen stiegen. Sie sah sich um und las auf einem rostigen Schild �ber einer Hofeinfahrt: �Potts� Vinegar Works�. Auf der anderen Stra�enseite befand sich die Brauerei Barclay, Perkins &amp; Co., die ihr Bier bis nach Essex lieferte � Celia kannte das Zeichen der Firma von den Pubs in ihrer Heimat. Direkt neben der Brauerei standen die bauf�lligen H�tten und windschiefen Hallen einer F�rberei.</p><p>Es roch nach Brausud, Hopfen, Essig, Teer und Kohle. �berall ragten Fabrikschlote in den Himmel und stie�en schwarzen Qualm in die k�hle Oktoberluft. Celia wurde �bel von dem Gestank, deshalb hielt sie sich das bestickte Leinentaschentuch ihrer Mutter vor die Nase. Weil das Tuch seit vielen Jahren unbenutzt in der Kommode gelegen hatte, war es nach dem Typhustod der Mutter nicht wie der Rest der Kleidung verbrannt worden. Das kleine Textil war einst das Verlobungsgeschenk von Celias Vater gewesen. In einer Ecke hatte er Mutters Namen mit rotem Faden einsticken lassen: Mary.</p><p>Au�er dem Taschentuch und einigen wertlosen Gegenst�nden wie einer emaillierten Blechdose und einem vergilbten Familienfoto war ihr nichts von der Mutter geblieben. Was nicht aus Angst vor Ansteckung verbrannt worden war, hatte Celia zum Pfandleiher gebracht, um die �rzte zu bezahlen und f�r die Beerdigung aufzukommen. Immerhin hatte Celia auf diese Weise daf�r gesorgt, dass Mary Brooks nicht in einem namenlosen Grab auf dem Armenfriedhof von All Saints bestattet wurde. Alle Schulden waren getilgt, alle Rechnungen beglichen, auch die Miete war bis auf den letzten Penny gezahlt. Und das von ihrem letzten Geld. Da Celia sich in den letzten Wochen ausschlie�lich um ihre sterbenskranke Mutter gek�mmert hatte und kaum dazu gekommen war, ihrer Arbeit als N�herin und Schneidergehilfin nachzukommen, stand sie nun fast v�llig ohne Mittel da.</p><p>�Vorsicht, Miss!�, schrie eine M�nnerstimme. �Aus dem Weg!�</p><p>Celia fuhr auf und wich hastig einen Schritt zur�ck. Im gleichen Augenblick donnerte ein zweisp�nniger Lastwagen um Haaresbreite an ihr vorbei. �Verdammt noch mal! Hast du keine Augen im Kopf?� Der Fluch des Fuhrmanns verhallte im Wind, der k�hl und heftig aus n�rdlicher Richtung blies.</p><p>Celia sah sich mit wild klopfendem Herzen um und erkannte, dass sie die High Street von Southwark erreicht hatte. Dies war die Stra�e, in der ihre Mutter vor vielen Jahren gelebt hatte. In einem der zahlreichen Gasth�fe, die die breite Hauptstra�e s�umten, hatte sie eine Zeit lang als Dienstmagd gearbeitet, bevor das Schicksal sie nach Essex verschlug, wo sie den Seemann Ned Brooks geheiratet hatte. Celia suchte nach einem Schild oder Zeichen, das auf das George Inn hinwies, doch in der Stra�e wimmelte es von L�den, Gasth�usern und einfachen Gin-Sch�nken, sodass ihr bald der Kopf brummte. Und was h�tte sie auch davon gehabt, das Gasthaus zu entdecken? Ihre Mutter hatte wenig Gutes �ber die Sch�nke und ihren Besitzer zu berichten gewusst. Und es war sicherlich kein Zufall gewesen, dass sie sich ausgerechnet in einem verschlafenen Nest wie Brightlingsea niedergelassen hatte. �London laugt einen aus�, hatte die Mutter immer wieder gesagt, und doch hatte Wehmut in ihren Worten mitgeklungen. Als trauerte sie einer vertanen Chance nach.</p><p>Celia passierte eine sehr alte Kirche zur Linken und einen unansehnlichen Bahnhof zur Rechten und ging mit immer schneller werdenden Schritten zur nahen London Bridge, auf der sich der Verkehr staute, weil ein Lastkarren umgest�rzt war und die Kisten und K�rbe auf der Fahrbahn lagen. Als Celia den Scheitelpunkt der Br�cke erreicht hatte, bot sich ihr ein beeindruckendes Panorama: Die Sonne ging gerade unter und tauchte London in ein warmes orangefarbenes Licht. Auf der Themse, die gen Westen von mehreren Br�cken �berbaut war, dr�ngelten sich schwere Dampfk�hne, kleinere Segelschiffe und Ruderboote sowie elegante Passagierdampfer, deren seitliche Antriebsr�der bunt verkleidet waren. Am Nordufer thronte die Kathedrale von St. Paul. Mit ihrem auff�lligen Kuppeldach schien sie �ber die unz�hligen kleineren Kirchen zu wachen, deren T�rme im Wettstreit mit den zahlreichen Fabrikschloten in den Himmel ragten. Im Vordergrund sah Celia einen weiteren Bahnhof, dessen riesiges Gew�lbe aus Stahl und Glas von zwei steinernen T�rmen flankiert war.</p><p>Auch auf der Ostseite war der Anblick atemberaubend. Unweit des Towers, den Celia zum ersten Mal sah, dessen Aussehen ihr jedoch von Bildern und Postkarten vertraut war, wurde eine weitere Br�cke gebaut, die sich jedoch merklich von den �brigen unterschied. Es handelte sich, soweit sich das trotz der Bauger�ste und h�lzernen Verkleidungen sagen lie�, um eine mehrst�ckige Zugbr�cke, deren untere Fahrbahn in der Mitte hochgeklappt werden konnte, um den gr��eren Schiffen die Durchfahrt zu den westlich gelegenen Hafenanlagen zu erm�glichen.</p><p>Beim vertrauten Anblick der Frachter und Handelsschiffe, die an den Kais vert�ut waren und deren Schlote, Masten und Takelagen in Celia ein unerwartetes Heimatgef�hl weckten, dachte sie pl�tzlich an ihren Vater, dem sie wom�glich noch an diesem Abend gegen�berstehen w�rde. In Gedanken versunken schlenderte sie weiter.</p><p>Celia war acht Jahre alt gewesen, als Ned Brooks seine Familie verlassen und jeden Kontakt zu seiner Frau und den drei Kindern abgebrochen hatte. Er war nach Southampton gegangen, wie Celia inzwischen wusste, und hatte von dort die Welt umsegelt, w�hrend sich seine Familie in Essex mehr schlecht als recht �ber Wasser gehalten hatte. Celia besa� nur eine vage Erinnerung an ihren Vater, zu dessen Verschwinden ihre Mutter hartn�ckig jeden Kommentar verweigert hatte. Wenn die Kinder nach ihm gefragt hatten, hatte sie lediglich geantwortet: �Mr. Brooks ist nicht mehr euer Vater. Findet euch damit ab! Es gibt ihn nicht mehr. Und damit Ende!�</p><p>Irgendwann hatten die Kinder aufgeh�rt, nach dem Vater zu fragen. Sie waren wahrlich nicht die einzigen vaterlosen Spr�sslinge in Brightlingsea. Nur drei Jahre nach Neds Verschwinden war beinahe die H�lfte der Fischereiflotte des Ortes in einem gewaltigen Sturm vor der Nordseeinsel Terschelling zugrunde gegangen. �ber zwanzig Seeleute hatten in nur einer Nacht ihr Leben gelassen. Ob ihr Vater nun wie die anderen M�nner beim Austernfang ertrunken oder aus unerfindlichen Gr�nden das Weite gesucht hatte, das machte f�r die Kinder letzten Endes keinen Unterschied. Es gab den Vater nicht mehr und damit Ende!</p><p>Mit der Zeit war das Bild, das Celia von Ned Brooks gehabt oder sich zurechtgelegt hatte, verblasst. Sie erinnerte sich an seine stattliche Figur, an den �ppigen Rauschebart, die hohe Stirn und die dunklen Haare, die ihm in Locken bis auf die Schultern fielen, doch wenn der Vater ihr in diesem Augenblick entgegengekommen w�re, h�tte Celia ihn vermutlich nicht erkannt. Es gab kein Portr�t von ihm; das vergilbte Familienfoto, das Celia im Koffer mit sich herumtrug, war erst einige Jahre nach Neds Verschwinden aufgenommen worden. Manchmal kam es Celia so vor, als h�tte sie niemals einen Vater besessen. Er hatte keine sonstigen Verwandten in Brightlingsea zur�ckgelassen, und enge Freunde schien er auch nicht gehabt zu haben. Nie redete jemand �ber ihn oder nannte ihn auch nur beim Namen. Gerade so, als br�chte es Ungl�ck, ihn zu erw�hnen. Und wenn die Mutter aus irgendwelchen Gr�nden gezwungen war, den Kindern gegen�ber von ihm zu sprechen, so nannte sie ihn nicht �Ned� oder �euer Vater�, sondern immer �Mr. Brooks�. Wie einen v�llig Fremden.</p><p>Deshalb war Celia so �berrascht, als die Mutter ihr auf dem Sterbebett pl�tzlich ins Ohr fl�sterte: �H�te dich vor deinem Vater, mein Kind!�</p><p>�Wie soll ich mich vor ihm h�ten�, antwortete Celia erschrocken, �wenn ich gar nicht wei�, wo er steckt? Und ob er �berhaupt noch lebt.�</p><p>�Wo soll er schon stecken?�, rief die Mutter im Fieber und starrte Celia mit gl�henden Augen an. �Vermutlich hockt er in irgendeiner Kaschemme in Southampton, mit einer Hure auf dem Scho� und einer Flasche Brandy in der Hand!�</p><p>Mary Brooks hatte die letzten Tage vor ihrem Tod fast durchg�ngig im Delirium gelegen. Durch das hohe Fieber war sie die meiste Zeit kaum bei Bewusstsein, und wenn sie zwischendurch pl�tzlich die Augen ge�ffnet und zusammenhangsloses Zeug gebrabbelt hatte, hatte niemand mit Bestimmtheit sagen k�nnen, ob sie tats�chlich bei Verstand war oder irre redete.</p><p>�Southampton?�, fragte Celia, ohne den Worten der Mutter allzu viel Bedeutung beizumessen. �Woher willst du das wissen?�</p><p>�County Tavern�, antwortete die Mutter und lachte ein be�ngstigendes Lachen. �Dein Vater ist ein Verbrecher! Ein verdammter Teufel! H�te dich vor ihm, Celia!� Damit schloss sie die Augen, stie� einen letzten Seufzer aus und verstummte.</p><p>Celia war so entsetzt von diesen Worten, dass sie erst nach einem Moment begriff, dass ihre Mutter gerade gestorben war. Seit Tagen wartete sie darauf, dass die Qualen der Mutter ein Ende fanden und sie von ihrem Leiden erl�st wurde, doch als es nun so weit war, verga� Celia, der Mutter die beiden Pennys, die sie auf dem Nachttisch bereitgelegt hatte, auf die geschlossenen Augen zu legen.</p><p><emphasis>H�te dich vor ihm, Celia!</emphasis> Was f�r ein seltsames und zugleich bedr�ckendes Verm�chtnis. Und eine Anklage obendrein.</p><p>Vermutlich h�tte Celia wenig auf die im Fieberwahn gesprochenen Worte der sterbenden Mutter gegeben, wenn sie nicht wenige Tage sp�ter � die Mutter war gerade beerdigt und ihre Kleidung und Bettw�sche verbrannt � beim Aufr�umen der Wohnung auf die unscheinbare Emailledose in einem Schubfach des K�chenschranks gesto�en w�re. Neben dem bestickten Taschentuch, von dem Celia zwar geh�rt, das sie aber noch nie zu Gesicht bekommen hatte, hatte sie in der Blechdose auch die handtellergro�e Fotografie gefunden, auf der Celia, ihre Mutter und ihre beiden Br�der Peter und John vor einer auf Leinwand gemalten Heidelandschaft posierten. Au�erdem befanden sich mehrere Zeitungsausschnitte, einige lose Zettel, ein kleines London-Handbuch und wertloser Nippes wie schimmernde Fischk�der aus Perlmutt oder bunte Glasperlen darin. Celia �berflog hastig die Papiere und hielt pl�tzlich den Atem an, als sie auf zwei geschriebene Worte stie�, die sie unl�ngst aus dem Mund der Mutter geh�rt hatte: �County Tavern�.</p><p>Sie hielt einen Brief in der Hand, der von ihrem ehemaligen Nachbarn Mr. Hutchinson stammte und vor etwas mehr als vier Jahren, im M�rz 1884, geschrieben worden war. In krakeliger Handschrift hatte der alte Walf�nger, der im vergangenen Jahr vor Gr�nland aus der Takelage in den Tod gest�rzt war, folgende Worte zu Papier gebracht:</p><p>Libe Mary,</p><p>dachte es w�rd dich intressiern, das dein Ned noch lebt.</p><p>Hab ihn gestern in Southampton gesehn in der County Tavern in Northam. Da wont er auch, bei den Egertons, wenn er nich grade auf See ist.</p><p>Er wollte nich, das ichs dir verrate, weil er von Brigtlingsea nix mehr wissen will, sagt er. Aber ich dachte, wo wir doch immer gute Nachbarn warn und all das, sag ichs trotsdem. Ned ist immer noch der alte, s�uft vil und redet wenig. Aber wem sag ich das.</p><p>Also machs gut und gr�s Betty von mir.</p><p>Bis zum Sommer, wenn ich wider in Brigtlingsea bin. Dann mehr.</p><p>Bart Hutchinson</p><p>Southampton also, dachte Celia, nachdem sich der erste Schrecken gelegt hatte. Sie schob den Brief zur�ck in die Dose. Vier Jahre waren eine lange Zeit, ging es ihr durch den Kopf, und wer konnte schon wissen, ob der Vater immer noch in der County Tavern logierte. Vielleicht hatte er sich inzwischen zu Tode gesoffen oder er war auf hoher See umgekommen. Das tat auch gar nichts zur Sache, schalt sie sich im selben Augenblick, denn es �nderte nichts daran, dass er sie feige im Stich gelassen hatte und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte. Und niemals w�re Celia auf die abenteuerliche Idee gekommen, nach Southampton zu fahren, wenn nicht pl�tzlich Dr. Arthur, Mutters behandelnder Arzt, mit einem Mitglied des Gemeinderats vor der T�r gestanden h�tte. Er sagte etwas von beh�rdlichen Ma�nahmen und zwangsweiser Quarant�ne und �berbrachte ein amtliches Schreiben aus Colchester, das ihr f�r mehrere Wochen und unter Androhung von Strafe bei Nichtbefolgung den Umgang mit allen Menschen und das Verlassen der Wohnung untersagte.</p><p>Celia verstand nicht, was die M�nner von ihr wollten. Schlie�lich hatte sie seit Mutters Tod schon oft das Haus verlassen und sich um die Beerdigung und die Begleichung der Schulden gek�mmert. Ihre Mutter war seit Wochen krank gewesen, und in der ganzen Zeit hatte niemand von Quarant�ne gesprochen.</p><p>�Das Schreiben kommt aus Colchester�, sagte Dr. Arthur und deutete auf den amtlichen Stempel, als w�re das ein schlagkr�ftiges und nicht zu debattierendes Argument. Mit Typhus sei nun mal nicht zu spa�en, meinte der Arzt in mahnendem Ton und versprach, regelm��ig nach dem Rechten zu sehen. Da Celia sich bislang nicht angesteckt habe, sei nicht davon auszugehen, dass sie noch erkranken werde. Und der Mann vom Gemeinderat, der zuvor immer nur genickt und geschwiegen hatte, f�gte v�terlich hinzu, dass Celia in der betreffenden Zeit nat�rlich mit allem N�tigen versorgt w�rde. Daf�r komme die Gemeinde von All Saints selbstredend aus Spendenmitteln auf. Sie �berreichten ihr das Schreiben und verabschiedeten sich.</p><p>Celia nickte versch�chtert, schloss hinter ihnen die T�r und h�rte, wie drau�en etwas an die Wohnungst�r genagelt wurde. Vermutlich eine amtliche Verlautbarung oder etwas in der Art. F�r einen kurzen Augenblick bef�rchtete sie, man werde die ganze T�r vernageln, als w�re die Pest im Haus. Doch dann h�rte sie die Schritte der M�nner auf der Treppe und das Schlagen der Haust�r, und im selben Moment traf sie eine Entscheidung. Sie wollte sich nicht so ohne Weiteres wegsperren lassen, denn sie hatte nichts verbrochen. Und auf die Almosen der Gemeinde konnte sie erst recht verzichten. Pl�tzlich erschien ihr der Gedanke, nach Southampton zu fahren und ihren Vater zu suchen, gar nicht mehr so abwegig. Jedenfalls nicht abwegiger, als in Brightlingsea zu bleiben, wo sie weder Familie noch Arbeit hatte und man sie nun auch noch wie eine Gefangene behandelte.</p><p>Celia wusste, dass in den fr�hen Morgenstunden des kommenden Tages eine Segeljacht, die in den Docks �berholt worden war, nach Southampton �berf�hrt werden sollte. Ein Freund der Familie hatte als Schiffszimmermann bei der Reparatur geholfen und Celia davon erz�hlt, dass er die Gelegenheit nutzen wolle, an der S�dk�ste entlang nach Southampton zu gelangen, um dort auf einem gro�en Segler anzuheuern und nach Amerika auszuwandern. Es kam ihr vor wie ein Wink des Schicksals. Nichts sprach dagegen, dass Celia ihn auf dem ersten Teil seiner Reise begleitete. Es musste ja niemand erfahren, was die wahren Gr�nde daf�r waren. Sie w�rde lediglich behaupten, sie m�sse dringend in einer Familiensache nach Southampton. Da ihre Mutter gerade gestorben war, w�rde niemand an Bord peinliche Fragen stellen oder ihr die Mitfahrt verweigern.</p><p>Kurz vor Sonnenaufgang stand sie mit ihrem Lederkoffer an den Docks. Und ehe jemand im Ort von ihrem Vorhaben erfuhr, war sie schon auf dem Weg zur S�dk�ste Englands. Heimlich und ohne sich zu verabschieden. Genau wie ihr Vater vor acht Jahren.</p><p>Jemand rief: �Whitechapel Road und Mile End!�</p><p>Celia wachte wie aus einem Traum auf und schaute sich verwirrt um. Sie war so in ihren Erinnerungen versunken gewesen, dass sie kaum auf ihre Schritte oder die Umgebung geachtet hatte. Sie hatte lediglich die Anweisungen des Droschkenkutschers befolgt, war an der Themse entlang zum Tower und von dort weiter in nord�stlicher Richtung gelaufen. Inzwischen war die Sonne untergegangen, und die schmalen und eng bebauten Stra�en wurden von den sp�rlichen Gaslaternen nur notd�rftig beleuchtet. Auch der beinahe volle Mond stand so tief �ber den D�chern, dass sein Licht nicht bis auf den Boden fiel. Celia stand an einer viel befahrenen Stra�enkreuzung und las auf einem Metallschild an einer Hauswand: �Fenchurch Street�. Wieder rief jemand: �Whitechapel Road und Mile End!� Und eine Glocke wurde geschlagen.</p><p>Celia schaute in Richtung der Glocke und sah etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatte: einen Wagen, der auf in das Stra�enpflaster eingelassenen Schienen fuhr und von Pferden gezogen wurde. Eine Pferde-Eisenbahn. Auf einen derart seltsamen Einfall konnte man nur in einer Stadt wie London kommen, dachte Celia. Und vielleicht war es gerade die Absonderlichkeit des Gef�hrts, die Celia auf die Kreuzung laufen und dem uniformierten Mann auf dem F�hrerstand zuwinken lie�.</p><p>�123 Whitechapel Road?�, fragte sie.</p><p>�Macht �nen Penny die Meile.�</p><p>Celia �ffnete ihre Geldb�rse und z�gerte beim Anblick der wenigen M�nzen, die noch darin waren. Sie sch�ttelte kaum merklich den Kopf.</p><p>�Ha�penny tut�s auch�, sagte der Bahnkutscher und zwinkerte ihr zu. �Weil�s schon so sp�t ist, Miss.�</p><p>Celia l�chelte dankbar, gab dem Mann die Bronzem�nze und stieg in den Waggon der Stra�enbahn.</p><empty-line/><p>* Anmerkungen und �bersetzungen im Anhang</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Das Haus mit der Nummer 123 war ein unscheinbares zweist�ckiges Backsteingeb�ude mit rotem Spitzdach und einem weit vorstehenden Erker im ersten Stock. Wie bei den meisten H�usern in der Umgebung fiel der Putz von den W�nden, die h�lzernen St�tzbalken und Fensterl�den waren verwittert. Je weiter die Pferdebahn nach Osten gefahren war, desto �rmlicher waren die Behausungen geworden. Mit bangem Blick hatte Celia vom Wagen aus verfolgt, was sich ihr im Halbdunkel der relativ breiten Hauptstra�e und im Gewirr der kleineren Nebengassen und H�fe pr�sentierte. Sie sah betrunkene M�nner, die durch die Gossen wankten oder an Mauern gelehnt ihren Rausch ausschliefen, aber auch schamlos gekleidete Frauen, die sich in aller Offenheit vor den zahlreichen Pubs den Freiern anboten, und zerlumpte Kinder, die neben der Stra�enbahn herliefen, um die Passagiere anzubetteln oder zu beschimpfen, wenn sie kein Geld herausr�cken wollten. Ganze Familien sammelten sich unter den Gaslaternen, um dort auf einer Sitzbank die Nacht zu verbringen. Obwohl die Sonne vor mehr als einer Stunde untergegangen war, tummelten sich die Menschen auf den Stra�en, als h�tten die meisten von ihnen kein Zuhause. Als Celia im Vorbeifahren auf der linken Stra�enseite das Geb�ude mit der Hausnummer 123 erkannte, stie� sie einen leisen Schrei aus, fasste sich an die Brust und hatte beinahe Angst, an der n�chsten Haltestelle die Stra�enbahn zu verlassen.</p><p>Es waren nicht das vernachl�ssigte Aussehen der Fassade oder die Erb�rmlichkeit der Nachbarschaft gewesen, die Celia einen solchen Schrecken eingejagt hatten, sondern das vollst�ndige Fehlen eines Schildes oder Schaufensters. Wieder starrte sie auf die Ansichtskarte in ihrer Hand und verglich sie mit dem darauf abgelichteten Original. Wo auf dem Papier ein Holzschild mit der Aufschrift �The Silver King� �ber dem Eingang prangte, da befand sich nun ein dunkles Loch im Mauerwerk. Und wo auf dem Bild ein Schaufenster mit Plakaten und Bildern auf vermeintlich sehenswerte Kuriosit�ten und absonderliche Gestalten aufmerksam machte, da sah Celia nur eine mit Brettern verschlagene und glaslose Nische. Das Kuriosit�tenkabinett des sogenannten �Silberk�nigs� war verschwunden, die gesamte Ladenwohnung verwaist und vernagelt.</p><p>Celia drehte die Postkarte um, und obwohl es zu dunkel war, um irgendetwas zu entziffern, las sie in Gedanken die Worte, die sie l�ngst auswendig kannte:</p><p>An Mr. Sydney Egerton, County Tavern,</p><p>118 Millbank Street, Northam, Southampton.</p><p>Lieber Mr. Egerton.</p><p>Bin in London angekommen. In dringenden (!) F�llen � Nachricht an Tom Norman, The Silver King, 123 Whitechapel Road, London E.</p><p>Beste Gr��e</p><p>Ned Brooks</p><p>Beim Blick auf die leer stehende Ladenwohnung dachte Celia an das, was Mr. Egerton, der Wirt der County Tavern, ihr prophezeit hatte. Noch am Morgen hatte er sie gewarnt: �Du wirst deinen Vater nicht finden. Nicht in London und auch sonst nirgendwo. Weil er n�mlich nicht gefunden werden will. Lass es bleiben, Kind, und fahr nach Hause!�</p><p>�Ich hab kein Zuhause mehr.�</p><p>�Dann such dir ein neues�, hatte Mr. Egerton achselzuckend geantwortet. �Aber nicht bei Ned Brooks. Das w�rdest du nur bereuen. Vergiss deinen Vater, das ist mein Rat. Er ist es nicht wert.�</p><p>Als Celia am Abend zuvor nach der mehr als zweit�gigen �berfahrt von Brightlingsea in Southampton angekommen war, hatte der befreundete Schiffszimmermann sie in einem bescheidenen, aber respektablen Gasthof in der N�he des Jachthafens unterbringen wollen, doch Celia hatte sich lediglich bei den Seeleuten f�r die Unterst�tzung bedankt und sich gleich zum Stadtteil Northam aufgemacht, um nach der County Tavern Ausschau zu halten. Das freundliche Angebot des Zimmermanns, sie zur Millbank Street zu begleiten, hatte sie dankend und mit dem Hinweis auf die �Familienangelegenheit� ausgeschlagen.</p><p>Celia hatte nicht lange suchen m�ssen. Die County Tavern war eine d�stere und heruntergekommene Seefahrersch�nke nur einen Steinwurf von den Northam Docks entfernt. Das Innere der Sch�nke war ebenso trostlos wie die �u�ere Erscheinung. B�rtige M�nner sa�en schweigend an grob gezimmerten Tischen und starrten missmutig auf ihr Bier, das in riesigen Humpen vor ihnen stand. Niemand schaute auf, als sie die Sch�nke betrat, und obwohl sie das einzige weibliche Wesen in dem verr�ucherten und sp�rlich beleuchteten Raum war, schien auch der Wirt kaum Notiz von ihr zu nehmen. Celia kam sich beinahe vor, als h�tte sie ein Wachsfigurenkabinett betreten. Auf ihre Frage, ob er einen Seemann namens Ned Brooks kenne, zuckte der Wirt lediglich achtlos mit den Schultern.</p><p>�Er hat hier gewohnt, vor vier Jahren�, sagte sie, reichte ihm den Brief ihres ehemaligen Nachbarn Mr. Hutchinson und fragte: �Sind Sie Mr. Egerton?�</p><p>�Der bin ich�, antwortete der Wirt, ein hagerer Mann mit abstehenden Ohren und dichtem Backenbart. Er las den Brief, schaute �berrascht zu Celia, dann verfinsterte sich sein Blick, und er gab ihr das Papier zur�ck. �Wer bist du?�, wollte er wissen. �Und was willst du von ihm?�</p><p>�Mein Name ist Celia Brooks. Ich bin seine Tochter.�</p><p>�Ned Brooks hatte keine Tochter. Er hatte nicht mal �ne Frau.�</p><p><emphasis>�Hatte?�</emphasis>, rief Celia erschrocken. �Soll das hei�en, dass er ��</p><p>�Dass er nicht mehr hier ist�, antwortete Mr. Egerton m�rrisch und wischte sich die H�nde an einem fleckigen Tuch ab. �Schon lange nicht mehr. Hab ihn seit Jahren nicht gesehen. Und vermissen tu ich ihn auch nicht.�</p><p>�K�nnen Sie mir sagen, wo ich ihn finde?�</p><p>�Was willst du von ihm?�, wiederholte der Wirt seine Frage.</p><p>�Ich bin seine Tochter�, wiederholte auch Celia ihre Worte.</p><p>�Sieht Ned das auch so?�</p><p>Celia schaute Mr. Egerton verwirrt an. Dann begriff sie, was der Wirt mit seinen Worten gemeint hatte, und sch�ttelte den Kopf. �Er hat uns vor acht Jahren verlassen.�</p><p>�Acht Jahre sind eine lange Zeit�, sagte Mr. Egerton nickend. �Und seitdem hast du nichts von ihm geh�rt, stimmt�s? Du wei�t gar nichts von Ned Brooks.�</p><p>�Nur das, was in dem Brief steht. Mutter hat nie von ihm gesprochen.�</p><p>�Kann ich ihr nicht verdenken.� Der Wirt schnaufte laut und rieb sich das unrasierte Kinn. �So ist das also�, murmelte er leise und r�usperte sich.</p><p>�So ist was?�</p><p>�Nichts.� Wieder ein R�uspern, dann sagte der Wirt: �Ned Brooks war schon lange nicht mehr in Southampton. Jedenfalls soweit ich wei�.�</p><p>�Und wissen Sie vielleicht, wohin er gegangen ist?�</p><p>�Vergiss deinen Vater!� Er deutete auf den Brief in Celias Hand. �Du hast doch gelesen, was dieser Mr. Sowieso geschrieben hat. Ned wollte offensichtlich mit euch nichts mehr zu tun haben. Und wenn du mich fragst, kannst du froh dr�ber sein. Ned Brooks hat nichts getaugt. Da kannst du fragen, wen du willst. Das sehen alle in Southampton so.�</p><p>�Ned Brooks?�, mischte sich ein alter Seeb�r ein, der an den Tresen gekommen war, um seinen Bierhumpen nachf�llen zu lassen. �Ein verdammter Judas Ischariot, wenn du mich fragst! Ein feiger Verr�ter.�</p><p>�Halt�s Maul, Jim!�, schnauzte der Wirt und hielt den Humpen unter den Zapfhahn, ohne den Hebel zu bet�tigen. �Sonst kriegst du nichts mehr.�</p><p>�Meine Meinung, Syd�, brummte der Alte beleidigt und fuhr sich �ber das wettergegerbte Gesicht. �Nur meine Meinung.�</p><p>�Die will hier keiner h�ren�, antwortete Mr. Egerton, f�llte den Bierkrug und hielt ihn dem Seemann vor die Nase. �Und jetzt hock dich in die Ecke.�</p><p>�Ay, Sir!�, knurrte der Alte, griff nach dem Bier und tat, wie ihm befohlen.</p><p>Celia hatte das Wortgefecht der beiden M�nner verst�rt verfolgt. Weder begriff sie, warum der Seemann ihren Vater einen Judas und Verr�ter genannt hatte, noch verstand sie, was der Wirt mit seinen Worten gemeint hatte: �Das sehen alle in Southampton so.� Gerade so, als w�rde die ganze Stadt ihren Vater kennen. Was Celia jedoch begriff, war die Tatsache, dass sie die lange Reise von Brightlingsea bis an die S�dk�ste umsonst unternommen hatte. Ihr Vater war nicht mehr in Southampton, vielleicht war er auf hoher See, wom�glich wohnte er mittlerweile in irgendeinem anderen Teil des Landes oder war l�ngst gestorben. Celia wusste nur, dass der Brief von Mr. Hutchinson sie in eine Sackgasse gef�hrt hatte. Und dass sie unverrichteter Dinge wieder gehen m�sste.</p><p>�Wo willst du jetzt hin?�, fragte der Wirt, als h�tte er Celias Gedanken gelesen. �Es ist schon sp�t. So ein h�bsches M�dchen sollte um diese Zeit nicht mehr allein unterwegs sein.�</p><p>Celia zuckte mit den Schultern.</p><p>�Kannst du kochen?�</p><p>Sie verstand nicht.</p><p>�Die Missis ist bei ihrer Familie und kommt erst morgen Mittag aus Lyndhurst zur�ck�, sagte Mr. Egerton und zupfte sich am Backenbart. �Und das Dienstm�dchen hat letzte Woche ihre Stellung aufgegeben.�</p><p>�Aha�, sagte Celia. Sie verstand noch immer nicht.</p><p>�Wenn du mir morgen beim Fr�hst�ck hilfst und dich an den Herd stellst, kannst du heute Nacht in der Kammer unterm Dach schlafen.� Der Wirt l�chelte schief und f�gte augenzwinkernd hinzu: �Kostet dich nichts.�</p><p>�Danke, Sir�, antwortete Celia, �berlegte kurz und nickte dann z�gerlich.</p><p>�Man ist ja kein Unmensch�, meinte Mr. Egerton, legte seine Hand auf ihre Schulter, nahm ihr mit der anderen den Koffer ab und f�hrte sie nach oben.</p><p>Es wurde eine unruhige und schlaflose Nacht, und das lag nicht allein daran, dass ein heftiger Sturm aufzog und der Regen beinahe ununterbrochen auf das Dach und gegen das winzige Giebelfenster prasselte. Im ganzen Haus pfiff und jaulte es, als feierten die Gespenster einen Ball. Gleichzeitig surrten Celia die Gedanken wie ein M�ckenschwarm durch den Kopf, t�nzelnd und scheinbar ohne jede Ordnung. Dabei aber bei�end und schmerzhaft. Immer wieder schalt sie sich f�r ihr �berhastetes und unbedachtes Handeln und w�nschte sich nach Brightlingsea zur�ck, wo sie in aller Ruhe und versorgt von der Gemeinde die Quarant�ne h�tte absitzen k�nnen. Was um alles in der Welt hatte sie sich dabei gedacht, wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend zu flattern? Warum hatte sie das Ganze nicht einfach auf sich beruhen lassen? Was war nur in sie gefahren? Wieso war sie nur immer so ungeduldig und brach die Dinge �bers Knie, auch wenn dazu gar keine Notwendigkeit bestand? �Celias Vorwitz�, so hatte ihre Mutter das immer genannt. �Mit dem Mund und den F��en schneller, als der Kopf hinterherkommt.�</p><p>Es war bereits nach Mitternacht, als das Stimmengewirr aus dem Schankraum abebbte und die Sch�nke geschlossen wurde. Kurz darauf h�rte Celia die schlurfenden Schritte des Wirts auf der Treppe, dann das Knarren einer Bohle direkt vor ihrer T�r, kurz darauf wurde der eiserne T�rknauf mit einem quietschenden Ger�usch gedreht. Celia war froh, dass sie den Stuhl unter den Griff geschoben und schr�g gegen das Holz verkantet hatte, sodass die T�r von au�en nicht zu �ffnen war. Das seltsame L�cheln im Gesicht des Wirts, als er �Kostet dich nichts� gesagt hatte, hatte ihr nicht gefallen. Nun wusste sie, dass sie sein schiefes Grinsen richtig gedeutet hatte.</p><p>Erneut drehte sich der T�rknauf, es quietschte, dann ruckelte es an der T�r, zun�chst sachte, schlie�lich immer heftiger. Doch der angelehnte Stuhl blieb in Position. Nach einiger Zeit gab der Wirt, der die ganze Zeit keinen Ton von sich gegeben hatte, auf und schlurfte �rgerlich knurrend zu seiner Kammer im unteren Stockwerk. Celia atmete tief durch, als sie die leiser werdenden Schritte auf der Treppe h�rte, doch an einen festen oder gar erholsamen Schlaf war anschlie�end nat�rlich kaum noch zu denken.</p><p>Am n�chsten Morgen wurde Celia durch ein R�tteln und Klopfen an der T�r geweckt. Kurz vor Sonnenaufgang waren ihr die Augen vor Ersch�pfung zugefallen, und als sie jetzt das abermalige Pochen an der T�r h�rte, fuhr sie in die H�he und stie� sich dabei den Kopf an der Dachschr�ge. Die Sonne schien bereits durchs Dachfenster.</p><p>�Brauchst dich nicht l�nger zu verbarrikadieren�, meldete sich eine Frauenstimme von drau�en. �Kannst rauskommen, Kleines. Dir passiert nichts.�</p><p>�Was soll ihr auch passieren?�, h�rte Celia die Stimme von Mr. Egerton.</p><p>�Du bist still, Syd!�, befahl die Frau. Celia vermutete, dass �die Missis� etwas fr�her als geplant aus Lyndhurst zur�ckgekommen und wom�glich nicht sehr erbaut von dem weiblichen Besuch in der Dachkammer war.</p><p>�Keine Bange, kleine Miss Brooks, ich bei�e nicht�, sagte Mrs. Egerton. �Und meinen Mann halte ich an der Kandare.�</p><p>�Danke, Ma�am�, antwortete Celia und stieg aus dem Bett, um sich anzukleiden.</p><p>�Wir sind unten�, sagte Mrs. Egerton und lachte, ohne dass es besonders erfreut geklungen h�tte. �Komm fr�hst�cken. Ich hab was f�r dich.�</p><p>Als Celia nur wenige Minuten sp�ter im Schankraum erschien, l�chelte der Wirt sie freundlich an, als w�re gar nichts vorgefallen. �Hast du gut geschlafen?�, fragte er und wies auf einen Tisch neben dem Eingang, auf dem ein Teller mit Bohnen, Speck und R�hrei f�r sie bereitstand. �Hast Angst gehabt, was? Kein Wunder, bei dem Sturm letzte Nacht. Das ganze Haus hat gewackelt, dass man dachte, es w�rde einem an der T�r ger�ttelt. Da kann man�s schon mal mit der Angst zu tun bekommen und sich verkriechen.�</p><p>�Red nicht!�, wurde Mr. Egerton durch seine Frau unterbrochen, die mit einem gef�llten Tablett aus der K�che kam. �Und lass das M�dchen in Ruhe!�</p><p>�Man wird ja wohl noch fragen d�rfen, wie die Nacht war�, maulte der Wirt, zog sich aber schleunigst hinter den Schanktisch zur�ck, als Mrs. Egerton ihn mit einem b�sen Blick bedachte. Sie versorgte die G�ste, die zu dieser fr�hen Stunde bereits zahlreich anwesend waren, mit Ei, Brot und Porridge und setzte sich anschlie�end zu Celia an den Tisch.</p><p>�Iss das, und dann verschwinde!�, sagte sie leise und deutete auf den Teller. Sie war eine gro�e, grobe und st�mmige Frau mit bleicher Hautfarbe, die von riesigen Sommersprossen �bers�t war. Obwohl sie sich durchaus hilfsbereit gab, war ihr Blick finster und ausgesprochen unfreundlich.</p><p>�Ich habe nichts Unrechtes getan�, verteidigte sich Celia.</p><p>�Darum geht es nicht�, sagte die Wirtsfrau. �Verschwinde einfach!�</p><p>�Sie k�nnte doch als Dienstm�dchen bei uns arbeiten�, schlug Mr. Egerton vor, w�hrend er D�nnbier einschenkte und auf den Tresen stellte.</p><p>�Willst du das?�, wandte sich die Missis mit hochgezogenen Augenbrauen an Celia. �W�rst du gern unser Dienstm�dchen?�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Gut�, sagte die Frau und erhob sich. �Und jetzt iss!�</p><p>�Ma�am?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Warum nennt man meinen Vater einen Judas?�</p><p>�Warum?� Mrs. Egerton dachte eine Weile nach, dann hob sie die Achseln und meinte: �Das ist eine Frage, die nur dein unseliger Vater beantworten kann.�</p><p>�Aber wo steckt er?�</p><p>Die Wirtin tauschte einen Blick mit ihrem Mann, der hinter dem Schanktisch stand und heftig den Kopf sch�ttelte. Schlie�lich griff sie in die Tasche ihrer Sch�rze und zog eine Postkarte hervor, die sie vor Celia auf den Tisch legte. �Ich hab ja gesagt, dass ich noch was f�r dich habe�, fl�sterte die Wirtin.</p><p>�Was soll das, Weib?�, rief Mr. Egerton erbost. �Du wei�t, dass sie ihn dort nicht finden wird. Der verdammte Kerl kann sonst wo stecken.�</p><p>�Und wenn schon�, antwortete seine Frau. �Antworten gibt�s nicht umsonst. Wenn das M�dchen ihn finden will, dann soll sie ihn gef�lligst suchen. Geht uns nichts an. Und dich schon gar nicht, Sydney!�</p><p>Celia betrachtete die Ansichtskarte, und als sie die Londoner Adresse auf der R�ckseite las, ahnte sie, dass Mrs. Egerton ihr die Postkarte nicht aus Hilfsbereitschaft gegeben hatte, sondern um sie aus dem Weg zu haben. Was Celia letztendlich egal sein konnte. Sie nickte und sagte artig: �Danke, Ma�am.�</p><p>�Brauchst gar nicht so zu tun!� Mrs. Egerton funkelte sie an und schnaufte ver�chtlich, dann beugte sie sich vor und fl�sterte Celia ins Ohr: �Du bist eine von denen, die verheirateten M�nnern den Kopf verdrehen. Die alles durcheinanderbringen, mit ihren gro�en Augen und dem niedlichen Gesicht. So eine bist du.�</p><p>�Ma�am?�, fragte Celia verst�ndnislos.</p><p>�Du hast geh�rt, was ich gesagt habe!� Damit wandte sie sich ab und verschwand in der K�che.</p><p>W�hrend Celia v�llig verwirrt und mit rotem Kopf auf die Karte in ihrer Hand starrte, h�rte sie Mr. Egerton sagen: �Du wirst es bereuen und wom�glich teuer bezahlen.�</p><p>�Antworten gibt�s nicht umsonst�, murmelte sie in Gedanken versunken.</p><p>�Tu, was du nicht lassen kannst!�, antwortete Mr. Egerton achselzuckend.</p><p>Statt auf die mahnenden Worte des Wirtes zu h�ren oder wenigstens in aller Ruhe nachzudenken, was nun zu tun sei, war Celia direkt nach dem Fr�hst�ck zum Bahnhof geeilt und hatte einen Fahrschein dritter Klasse nach London gekauft. Wie sie inzwischen wusste, hatte sie das Ticket lediglich von einer Sackgasse in die n�chste gef�hrt. Mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass sie nun noch weniger Geld in der B�rse hatte.</p><p><emphasis>The Silver King</emphasis> existierte nicht mehr. Das Kuriosit�tenkabinett des Mr. Norman war weitergezogen oder hatte sich in Luft aufgel�st. Und beim Anblick der verrammelten Ladenwohnung gingen Celia all die Fragen durch den Kopf, die sie in Southampton h�tte stellen m�ssen: Wen hatte ihr Vater verraten? Wieso hielt ihn ganz Southampton f�r einen Judas? Hatte die Mutter ihn aus dem gleichen Grund einen Verbrecher und Teufel genannt? Und was hatte der Seemann Ned Brooks mit einem billigen Tingeltangel zu schaffen, in dem man b�rtige Frauen, knochenlose Schlangenmenschen und �hnliche Monstrosit�ten zur Schau stellte? Im Stadtteil Northam, wo ihr Vater gewohnt hatte und wo man ihn immer noch kannte � und offenkundig verabscheute �, h�tte sie wom�glich Antworten auf diese Fragen gefunden. Nicht unbedingt in der County Tavern, aber anderswo in Southampton. �Da kannst du fragen, wen du willst�, hatte Mr. Egerton gesagt.</p><p>Ja, h�tte sie das nur getan! Doch wieder einmal war Celia Hals �ber Kopf losmarschiert, ohne ein zweites Mal und in Ruhe nachzudenken. Erneut waren ihre Beine schneller als ihr Verstand gewesen und hatten sie keinen Schritt vorw�rtsgebracht. Es war zum Haareraufen!</p><p>Celia stand reglos auf dem Gehweg und wurde immer wieder von Passanten angerempelt und mit �rgerlichen Kommentaren bedacht. Hinter ihr ratterte eine Pferde-Stra�enbahn vorbei, die Metallbeschl�ge der R�der quietschten laut in den Gleisen. Ein unbeschreiblicher Gestank umgab sie. Er unterschied sich deutlich von dem bei�enden Geruch der Fabriken in Southwark. Hier roch es nach den Ausd�nstungen und Ausscheidungen von Mensch und Tier. Kuhfladen, Schweinedung und Pferde�pfel lagen auf dem Pflaster. Celia vermutete, dass auf der Whitechapel Road die Viehherden aus den �stlichen D�rfern in die Stadt getrieben wurden, um dort auf den M�rkten verkauft zu werden.</p><p>Auf der gegen�berliegenden Stra�enseite befand sich ein monumentales Geb�ude mit einer riesigen Uhr im Giebel, und �ber dem Eingang stand in gro�en Lettern: �The London Hospital�, wie Celia im Licht des Mondes erkennen konnte. Doch immer wieder ging ihr Blick zu dem verwaisten Kuriosit�tenkabinett, als hoffte sie, der deprimierende Anblick k�nnte sich auf wundersame Weise �ndern.</p><p>Eine alte Frau stellte sich neben sie, schaute ebenfalls zur Fassade des leer stehenden Hauses und sprach in einer ihr unbekannten Sprache auf sie ein. Als die Alte die Hand aufhielt und ihr entgegenstreckte, sch�ttelte Celia bedauernd den Kopf. Die Alte brummte irgendetwas und verschwand.</p><p>Schlie�lich steckte Celia die Postkarte ein und betrat einen schmalen, nach F�kalien und Unrat stinkenden Durchgang neben dem Haus mit der Nummer 123, der zu einem r�ckw�rtigen, ringsum bebauten Yard f�hrte. Dort befand sich neben einem sch�bigen Wirtshaus und einem h�lzernen Viehstall auch eine Pfandleihe, deren Schaufenster mit einem schweren Metallgitter gesichert war. Genau in dem Augenblick, als Celia den mit Gaslicht beleuchteten Hof betrat, kam ein Mann im schwarzen Mantel aus dem Laden und schloss die Eingangst�r von au�en ab. Der Pfandleiher hatte einen langen Rauschebart und trug einen seltsamen Hut auf dem Kopf, der an einen platt gedr�ckten Zylinder erinnerte.</p><p>�Verzeihung, kennen Sie zuf�llig den �Silver King�?�, wandte sich Celia an den Mann, der bei der Anrede vor Schreck herumfuhr, als f�rchtete er, gemeuchelt zu werden.</p><p>�Gott im Himmel!�, entfuhr es ihm, doch bei Celias Anblick beruhigte er sich und fragte: �Welchen K�nig?�</p><p>�Den Silberk�nig�, antwortete Celia. �Ein Kuriosit�tenkabinett. Es war fr�her mal in dem Haus an der Stra�e.� Sie wies zur Whitechapel Road.</p><p>�Das Haus steht leer�, antwortete der Pfandleiher und z�ndete sich eine Pfeife an. �Seit Jahren schon. Keine Ahnung, wer da vorher drin war. Hab meinen Laden noch nicht so lange. Tut mir leid.�</p><p>�Danke�, sagte Celia und senkte den Kopf.</p><p>�Frag doch dr�ben im Cloak and Dagger!� Der Mann deutete auf die Sch�nke im hinteren Teil des Hofs und l�chelte aufmunternd. �Der Wirt hei�t Boyle, er f�hrt das Haus schon seit vielen Jahren. Gut m�glich, dass er was von deinem K�nig wei�.�</p><p>Wieder sagte Celia Danke. Doch auch als der Mann sich verabschiedet und den Hof verlassen hatte, r�hrte sie sich nicht vom Fleck. Das Gasthaus mit dem seltsamen Namen machte auf sie einen wenig einladenden Eindruck. Wie alles in dieser Gegend war es alt, verwittert, verwahrlost und bauf�llig. Zwei betrunkene schnauzb�rtige Gestalten hockten aneinandergelehnt auf einer Bank vor dem Eingang und schienen ihren Rausch auszuschlafen. Ein weiterer Mann stand an einem Durchlass zwischen Sch�nke und Viehstall und pinkelte an die Mauer.</p><p>Schlie�lich gab Celia sich einen Ruck, umklammerte ihren Koffer und ging in Richtung der Sch�nke. Als sie die T�r �ffnete, schlug ihr ein unbeschreiblicher Gestank entgegen, es roch nach Schwei� und Erbrochenem, nach Tabakrauch und feuchtem Moder. Offenkundig war der Schankraum seit Wochen nicht gel�ftet, geschweige denn gereinigt worden. Celia hielt sich das Taschentuch ihrer Mutter vor die Nase und ging zur Theke, an der ein etwa drei�igj�hriger Mann und eine j�ngere, aber verlebt aussehende Frau sich gerade lautstark stritten, w�hrend der Wirt ihnen zusah. Davon abgesehen war die Sch�nke leer, jedenfalls soweit Celia das erkennen konnte, denn der Raum war d�ster wie eine Gruft.</p><p>�Sind Sie Mr. Boyle?�, wandte sich Celia an den st�mmigen und gro� gewachsenen Wirt, der sie daraufhin argw�hnisch be�ugte.</p><p>�Kommt drauf an�, knurrte er.</p><p>Celia reichte ihm die Ansichtskarte �ber den Schanktisch und fragte: �Kennen Sie den Laden vom Silver King?�</p><p>�Das Penny Gaff?�, fragte der Wirt erstaunt. �Gibt�s schon lange nicht mehr.�</p><p>�Penny Gaff?�, wunderte sich Celia.</p><p>�Zahlst �nen Penny, und daf�r bekommst du was zu gaffen.� Mr. Boyle lachte und wandte sich an die Frau, die ihren Streit mit dem Mann unterbrochen hatte und neugierig die Postkarte betrachtete. �Wei�te noch, Ginger? Da haben sie damals den Elefantenmenschen gezeigt.�</p><p>�Pfui Teufel!�, rief die Frau, fuhr sich mit der Hand durch ihr lockiges rotblondes Haar und machte ein angewidertes Gesicht. �Was f�r eine h�ssliche Kreatur. Ich muss heut noch w�rgen, wenn ich nur dran denke.� Sie sprach mit einem seltsamen Akzent, f�r Celia klang es wie eine Mischung aus Irisch und Walisisch.</p><p>�Was ist aus dem Monster eigentlich geworden?�, fragte ihr Begleiter, der sauert�pfisch dreinschaute und begann, den Dreck unter seinen Fingern�geln hervorzupulen.</p><p>�Ich glaub, den haben sich die Doktoren dr�ben aus dem London Hospital geholt�, meinte der Wirt und lachte dr�hnend. �Wahrscheinlich haben sie ihn ausgestopft und in eine Vitrine gestellt.�</p><p>Die Frau namens Ginger rief abermals: �Pfui Teufel!� Dann drohte sie dem Wirt scherzhaft mit dem Finger und f�gte hinzu: �Du bist ein Schandmaul, Joe!�</p><p>�Und der Besitzer des Ladens?�, hakte Celia nach. �Wissen Sie, was aus Mr. Norman geworden ist?�</p><p>�Vermutlich ist er im Gef�ngnis gelandet�, sagte Mr. Boyle und schob die Unterlippe vor. �Jedenfalls hat die Polizei ihm die Bude dichtgemacht. Das ist allerdings schon Jahre her. Wei� gar nicht genau, wann das war.�</p><p>�Ende �84�, warf der Mann am Tresen ein.</p><p>�Bist du sicher, Joseph?�, fragte der Wirt �berrascht.</p><p>�Klar�, antwortete er. �Das war kurz bevor Jane mich verlassen hat. Ich wollte ihr den Elefantenmenschen zeigen, aber da war der Laden schon zu. Und wenig sp�ter war Jane auch weg.�</p><p>�Vermutlich aus gutem Grund, du Schuft�, knurrte Ginger. �Wahrscheinlich hast du sie auch gepr�gelt. Mich bist du auch bald los!�</p><p>�Fang nicht schon wieder an!�, fauchte der Mann namens Joseph.</p><p>�Ist doch wahr!�</p><p>�Kennen Sie Ned Brooks?�, unterbrach Celia den sich neu entflammenden Streit. �Er soll damals in dem Kuriosit�tenkabinett gewohnt haben.�</p><p>�Gewohnt?�, lachte der Wirt. �Die armen Kreaturen, die bei Tom Norman gehaust haben, hatten keine Namen. Die hie�en �der Elefantenmensch� oder �die Schlangenlady� oder �der Mann ohne Hals�!�</p><p>�Vermutlich hat er f�r Mr. Norman gearbeitet�, sagte Celia. Sie hoffte es zumindest. �Ich glaube nicht, dass er auf der B�hne gestanden hat. Er war nicht � kurios oder missgebildet.�</p><p>�Nein, ein Ned Brooks ist mir nicht untergekommen�, antwortete der Wirt kopfsch�ttelnd. �Euch vielleicht?�</p><p>Ginger und Joseph sch�ttelten ebenfalls die K�pfe.</p><p>�Nichts zu machen�, meinte der Wirt und f�llte Ginger das Bierglas auf, ohne dass sie ihn darum gebeten h�tte. Dann gab er Celia die Postkarte zur�ck und fragte ungeduldig: �Kann ich sonst noch was f�r dich tun?�</p><p>�Nein danke, Sir�, antwortete sie, steckte die Karte ein und wandte sich zum Gehen. Als sie das Cloak and Dagger verlassen wollte, stie� sie in der T�r mit zwei M�nnern zusammen, die im gleichen Augenblick den Schankraum betraten. Den schnauzb�rtigen Gesichtern nach zu urteilen, waren es die beiden Kerle, die vor der Sch�nke auf der Bank ged�st hatten.</p><p>�Hoppla, Miss!�, rief der eine und griff Celia um die Taille. �Nicht so st�rmisch, meine H�bsche!�</p><p>�Bist �ne Draufg�ngerin, was?�, fragte der andere und fasste sie an der Schulter. �Soll mir recht sein, auf so was steh ich.� Er lachte dreckig und stie� seinen Saufkumpan mit dem Ellbogen an. �Was, Stanley, stehen wir doch drauf, oder?�</p><p>Er blies Celia seine Alkoholfahne ins Gesicht, die kaum den Gestank seiner fauligen Z�hne �berdeckte. �Lassen Sie mich!�, rief sie und riss sich los. Sie wich einige Schritte zur�ck und hielt ihren Koffer wie einen Schutzschild vor sich.</p><p>Die beiden M�nner kamen n�her und bauten sich direkt vor ihr auf.</p><p>�Mr. Boyle�, wandte Celia sich an den Wirt. �Bitte!�</p><p>�Kennst du die, Joe?�, fragte der Mann namens Stanley und fuhr Celia wie beil�ufig mit der Handfl�che �ber die Wange.</p><p>Der Wirt zuckte mit den Schultern und wandte sich demonstrativ ab.</p><p>�Schn�ffelt hier die ganze Zeit rum�, meinte Ginger und leerte ihr Glas.</p><p>�Ich schn�ffele �berhaupt nicht�, sagte Celia und wich erneut zur�ck, bis sie direkt mit dem R�cken am Tresen stand.</p><p>�Willst du mal an mir schn�ffeln?�, fragte Stanley, griente und griff sich in den Schritt. �Hab ich nichts gegen.�</p><p>�Kommst nicht von hier, was? Du sprichst so komisch�, meinte der andere und dr�ngte sich an sie, bis nur noch der Koffer zwischen ihnen war. �Landeier kann ich gut leiden. Sollen ja angeblich am besten schmecken.�</p><p>�Lasst es gut sein, Jungs�, mischte sich Joseph ein. �Die ist doch noch �n halbes Kind.�</p><p>�K�mmer du dich um dein eigenes Weibsbild, Joseph!�, schnauzte Stanley und stie� den Zeigefinger in Gingers Richtung. �Wir k�mmern uns um unsers.�</p><p>�Ich bin nicht Ihr Weibsbild�, rief Celia, die nun das Knie des anderen Mannes an der Innenseite ihres Schenkels sp�rte. Die Tr�nen stiegen ihr in die Augen. �Bitte lassen Sie mich gehen!�</p><p>�Bist nicht unser Weibsbild, was?�, h�hnte Stanley. �Wem geh�rste dann?�</p><p>�Das M�dchen geh�rt zu mir�, erklang in diesem Augenblick eine helle M�nnerstimme von der T�r. �Sie ist meine Schwester.�</p><p>�berrascht wandten sich die beiden M�nner um und starrten zum Eingang. Im gleichen Augenblick prusteten sie schallend los.</p><p>Weil die M�nner ein wenig zur Seite getreten waren, hatte auch Celia einen freien Blick auf die T�r. Dort stand ein junger Mann in einer staubigen und fleckigen Uniform, die milit�risch wirkte und dennoch nicht recht zu einem Soldaten passte. Jedenfalls hatte Celia eine �hnliche Uniform noch nirgends gesehen. Sie war schlicht und dunkelblau, mit einer dichten Reihe Metallkn�pfe auf der Brust und hohem Stehkragen, auf dem ein wei�es �S� eingestickt war. Auf dem Kopf trug der Mann eine ebenfalls dunkelblaue Kappe mit einem schmalen Hutband, auf dem zu lesen war: �The Salvation Army�.</p><p>�Deine Schwester?�, rief Stanley. Er schien der Wortf�hrer der beiden M�nner zu sein. �Wer�s glaubt, wird selig!� Wieder lachten die M�nner, und auch Ginger stimmte kichernd mit ein.</p><p>Der Uniformierte nickte Celia kaum merklich zu und hob die Augenbrauen. Dann sagte er: �Ja, sie ist meine Schwester, weil sie wie ich ein Kind Gottes ist.�</p><p>Stanley bog sich vor Lachen. �Ein Kind Gottes!�, kreischte er und schlug seinem Kumpel auf den Oberarm. �Das ist gut! Den Witz muss ich mir merken.�</p><p>Wieder machte der Heilsarmist ein Zeichen mit dem Kopf in Celias Richtung und winkte gleichzeitig mit einem Stapel Papiere, den er in der Hand hielt. �Ja, ein Kind Gottes! Und wenn ihr morgen zur Church Street kommt und unserer Schwester Eva zuh�rt, werdet auch ihr unsere Br�der werden. Das verspreche ich euch.�</p><p>�Ich hab schon zwei Br�der�, sagte Stanleys Kumpel. �Die reichen mir. Kann sie nicht ausstehen.�</p><p>Dennoch hielt der Uniformierte ihm einen Handzettel hin und rief �bertrieben laut: �Der Herr Jesus wird dir den Weg zu uns weisen! Er ist dir ein Freund und f�hrt dich ins Licht!� Wieder nickte er Celia dabei seltsam zu.</p><p>Endlich begriff sie. Sie presste den Koffer an ihre Brust, sprang zwischen den beiden M�nnern hindurch nach vorn und rannte zur T�r. Als Stanley nach ihr fassen wollte, zuckte sie zur Seite, und im selben Moment warf der Mann in der Uniform ihm die Handzettel ins Gesicht mit den Worten: �Der Herr sei mit euch!�</p><p>�Teufel auch!�, fauchte Stanley und sprang ihr hinterher, doch er rutschte auf einem der Zettel aus und landete mit dem Hinterteil auf den Dielen.</p><p>Celia stie� die T�r auf und st�rmte hinaus, nur eine Sekunde sp�ter folgte ihr der Heilsarmist. �Da lang!� Er deutete auf die dunkle Nische zwischen Sch�nke und Viehstall.</p><p>Im gleichen Augenblick wurde die T�r zur Sch�nke erneut aufgesto�en.</p><p>Celia und ihr Besch�tzer rannten zu der Nische, die sich als schmaler Durchlass entpuppte und anscheinend zu einer Parallelstra�e der Whitechapel Road f�hrte. Kaum hatten sie die schmale Gasse erreicht und waren nach links abgebogen, schon schlug der Uniformierte erneut einen Haken und bugsierte Celia in einen engen Yard, der wiederum zur Hauptstra�e zu f�hren schien. Wenn Celia nicht in der Dunkelheit v�llig die Orientierung verloren hatte, waren sie im Halbkreis gelaufen.</p><p>In der Gasse hinter ihnen erklangen eilende Fu�schritte, die schnell n�her kamen, sich dann aber ebenso schnell wieder entfernten. Stanley und sein Kumpel waren an dem unscheinbaren Eingang zum Yard vorbeigerannt.</p><p>�Das war knapp�, keuchte Celia und fasste sich an die Brust. �Danke!�</p><p>�Gern geschehen�, sagte der junge Heilsarmist und reichte ihr die Hand. �Mein Name ist Adam. Adam Bedford. Soldat des Heils.�</p><p>�Celia�, antwortete sie. �Celia Brooks.�</p><p>�Freut mich�, sagte Adam und dr�ckte kr�ftig ihre Hand.</p><p>�Wir sollten schleunigst verschwinden�, meinte Celia und entzog ihm ihre Finger. �Bevor die beiden Kerle zur�ckkommen.�</p><p>�Ich hab noch was vergessen�, antwortete Adam und deutete auf eine h�lzerne Latrine, die sich am Rand des Hofs befand, gleich neben einem bauf�lligen Geb�ude, dessen schiefe Fassade mit Holzbalken gest�tzt war.</p><p>�Oh�, machte Celia verlegen.</p><p>Adam lachte. �Ich meine nicht den Abort, sondern die kleine T�r dahinter. Warte hier! Ich bin gleich wieder da.� Bevor sie etwas erwidern konnte, war er zu dem bauf�lligen Haus gelaufen und durch die T�r verschwunden. Celia folgte ihm, �ffnete die T�r einen Spaltbreit und lugte hinein. Der ekelige Gestank, der ihr entgegenschlug, kam ihr bekannt vor. Sie waren auf der R�ckseite der Sch�nke Cloak and Dagger gelandet. Die Latrine im Hinterhof geh�rte anscheinend zum Wirtshaus.</p><p>Celia h�rte Schritte aus dem Inneren, und im n�chsten Augenblick stand Adam Bedford vor ihr und hielt triumphierend den Packen Handzettel in der Hand, den er nur kurz zuvor dem betrunkenen Stanley ins Gesicht geschleudert hatte.</p><p>�W�re schade drum gewesen�, sagte er und lachte. �Komm!�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Es ist schon sp�t.�</p><p>Die gleichen Worte hatte auch der Wirt in Southampton am gestrigen Abend benutzt. Celia zuckte unwillk�rlich zur�ck und blieb stehen.</p><p>�M�chtest du, dass ich gehe und dich allein lasse?�, fragte Adam und zeigte ihr die Innenfl�chen seiner H�nde. �Du musst es nur sagen. Ich werde dich nicht bedr�ngen. Ich will nur helfen.�</p><p>�Ich wei� nicht mehr weiter�, antwortete Celia und hatte M�he, die Tr�nen zur�ckzuhalten. �Ich habe mich verrannt.�</p><p>�Du kannst mir vertrauen�, sagte er und reichte ihr eines der Flugbl�tter. �Ich bin ein Soldat der Heilsarmee und werde dich zu Freunden bringen.�</p><p>Es war inzwischen viel zu dunkel, um noch irgendetwas auf dem Papier zu lesen. Celia steckte es ein und sagte: �Ich habe keine Freunde.�</p><p>�Das ist nicht wahr�, antwortete Adam l�chelnd, �du hast sie nur noch nicht kennengelernt.�</p><empty-line/></section><section><p>3</p><p>Niemals h�tte Celia gedacht, dass schlafende Menschen so laute Ger�usche und derart �ble Ger�che von sich geben konnten. W�hrend sie reglos auf ihrem harten Bett lag und zu den schr�gen Bohlen des Dachstuhls hinaufstarrte, die sie in der Finsternis an ein Spinnennetz erinnerten, machten die Frauen, die mit Celia im Schlafraum lagen, einen L�rm, als w�ren sie wach und wollten sich gegenseitig am Einschlafen hindern. Einige redeten im Schlaf oder stie�en in unregelm��igen Abst�nden wirre Rufe aus, andere w�lzten sich so oft hin und her, dass die Betten knarrten und quietschten, und nicht wenige schnarchten so laut, dass man sich am liebsten die Ohren h�tte zuhalten m�gen. Und doch war Celia froh, hier zu sein und in einem Bett zu liegen, auf einer leidlich sauberen Matratze aus Seetang, in eine d�nne Decke geh�llt und mit einem Lumpenkissen unter dem Kopf. Auch wenn das h�lzerne Geviert des Bettes an einen schmucklosen Sarg erinnerte.</p><p>Zwanzig dieser gezimmerten K�sten gab es in dem Dachraum, weitere Schlafs�le befanden sich im ersten Stock und im Erdgeschoss des Hauses. In der Dachstube standen sich jeweils zehn Holzkisten in Reih und Glied gegen�ber, mit einem schmalen Mittelgang dazwischen, wie Soldaten beim Appell. Celia lag, vom Eingang aus gesehen, im hintersten und dunkelsten Winkel, direkt an der unverputzten Wand, unter dem Spruch �Bist du bereit zu sterben?�, der in Kopfh�he in roten Lettern auf einem Schild zu lesen war. Celia erschien der Spruch seltsam unpassend, denn das Nachtasyl f�r Frauen in der Hanbury Street hatte es sich ja gerade zur Aufgabe gemacht, die mittellosen Frauen, die hier Unterschlupf fanden, nicht umkommen zu lassen.</p><p>Auf dem kurzen Weg von Whitechapel zum benachbarten Spitalfields hatte Adam Bedford nur wenige Worte dar�ber verloren, wohin er Celia f�hren wollte, aber sie war ihm dennoch bereitwillig durch die �rmliche Brick Lane nach Norden gefolgt, wie ein G�nsek�ken der Mutter. Der junge Soldat der Heilsarmee strahlte eine derartige Gelassenheit und Zuversicht aus, dass Celia tats�chlich zu glauben anfing, sie h�tte Freunde in London, von denen sie bislang nichts gewusst hatte. <emphasis>Freundinnen</emphasis>, wie sie Adams sp�rlichen Erkl�rungen entnahm, denn M�nnern war das Betreten des Frauenheims untersagt. Das galt sogar f�r Heilsarmisten.</p><p>Als sie nach etwa einer Viertelstunde vor einem dreist�ckigen Backsteinhaus anhielten und Celia die ru�geschw�rzte Fassade im Licht einer Gaslaterne in Augenschein nahm, war sie zun�chst entt�uscht. Das Geb�ude mit der Hausnummer 194 war �u�erlich ebenso verwahrlost und bauf�llig wie die meisten H�user in der Gegend. Die Hanbury Street war vielleicht nicht so stark befahren und von so vielen verlotterten Gestalten bev�lkert wie die Whitechapel Road, wirkte aber ebenso heruntergekommen und schmutzig. Kein Platz zum Verweilen und Wohlf�hlen.</p><p>�Schlie�e nicht vom �u�eren aufs Innere�, sagte Adam, als k�nnte er ihre Gedanken vom Gesicht ablesen. �Das gilt �brigens f�r Menschen wie f�r H�user. Schau nicht mit den Augen, Celia, sondern mit dem Herzen.� Er deutete auf das Nachtasyl mit seinem br�ckelnden Putz, den vernagelten Fenstern und dem windschiefen Dach und setzte l�chelnd hinzu: �Es sieht zwar nicht so aus, aber es wird dir ein Heim und eine Burg sein. Daf�r sorgt Captain Soper Booth.�</p><p>�Captain?�, wunderte sich Celia. �Also gibt es doch einen Mann im Heim?�</p><p>�Captain <emphasis>Florence</emphasis> Soper Booth�, setzte Adam hinzu. �Sie ist die Schwiegertochter des Generals.�</p><p>�In eurer Armee gibt es Frauen als Offiziere?� Celia lachte unwillk�rlich auf und sch�ttelte den Kopf. �Da k�nnt ihr vermutlich froh sein, dass ihr keinen wirklichen Krieg f�hren m�sst.�</p><p>�Und ob das ein wirklicher Krieg ist�, entgegnete Adam und machte eine finstere Miene. Es war offensichtlich, dass Celias Worte ihn verletzt hatten. �Ein Krieg gegen einen �berm�chtigen und hinterh�ltigen Feind, gegen die S�nde selbst. Einigen ihrer Anh�nger bist du gerade erst in die Arme gelaufen. Und das waren nur ein paar gro�m�ulige Trinker!�</p><p>�Entschuldige!�, sagte Celia kleinlaut, blickte besch�mt zu Boden und folgte Adam die Stufen zum Eingang des Nachtasyls hinauf. �Tut mir leid.�</p><p>�Und wie kommst du �berhaupt darauf, dass Frauen keine Armee f�hren k�nnen?�, fragte Adam, w�hrend er den T�rklopfer auf das Holz h�mmern lie�. �H�ltst du dich selbst f�r so viel schlechter als einen Mann?�</p><p>�Ich wei� nicht�, erwiderte Celia achselzuckend. �Kommt mir nur irgendwie komisch vor.�</p><p>�Wenn du Captain Florence gesehen hast, wirst du anders dar�ber denken�, sagte Adam, klopfte erneut und legte Celia kurz eine Hand auf die Schulter zum Zeichen, dass er ihr nicht b�se war. �Und Captain Eva erst! Du wirst dich wundern.�</p><p>�Ist das die Eva, die morgen in der Church Street spricht?�</p><p>Adam nickte �berrascht und sagte: �H�tte nicht gedacht, dass du vorhin zugeh�rt hast. Es w�rde mich freuen, wenn wir uns dort sehen. Es steht alles auf dem Handzettel, den ich dir gegeben hab. Es wird einen Fackelzug mit Musik geben, und anschlie�end spricht Schwester Eva vor der H�hle des L�wen, wenn du so willst.�</p><p>Celia nickte, obwohl sie nicht begriff, was Adam damit meinte. Sie fasste in die Manteltasche, in der sie das Flugblatt verstaut hatte. Im selben Augenblick wurde die T�r ge�ffnet, und eine alte Frau erschien auf der Schwelle, mit s�uerlicher Miene und einer Petroleumlampe in der Hand.</p><p>�Gott zum Gru�, Schwester�, sagte Adam und streckte seine Hand in die H�he, wobei er mit dem Zeigefinger zum Himmel wies. �Ist Schwester Florence da?�</p><p>Die Alte, die ebenfalls eine Art Uniform oder Schwesterntracht aus dunkelblauem Stoff trug, hob wie Adam die rechte Hand und deutete mit dem Zeigefinger nach oben. Dann sch�ttelte sie den Kopf, der unter einer �bergro�en schwarzen Strohhaube nahezu verschwand, und sagte: �Der Captain ist schon weg. Nur die Nachtschicht ist noch da, aber die anderen schlafen schon. Eigentlich ist um diese Zeit kein Einlass mehr.�</p><p>�Eine Freundin braucht unsere Hilfe�, sagte Adam und wies auf Celia.</p><p>�Es sind noch ein paar Betten frei�, knurrte die Frau nicht eben freundlich und hielt die Lampe direkt vor Celias Gesicht. �Komm rein, Kind! Drinnen ist es w�rmer.�</p><p>Celia z�gerte und blieb auf dem Treppenabsatz stehen.</p><p>�Kostet dich nichts und verpflichtet dich zu nichts�, versicherte Adam, der immer noch den Zeigefinger gen Himmel streckte, was etwas ulkig aussah. �Schlaf erst einmal! Morgen sehen wir weiter, ja?�</p><p>�Danke�, sagte Celia nickend und folgte der alten Frau ins Haus.</p><p>�Bis morgen�, h�rte sie Adam drau�en sagen, dann fiel die T�r ins Schloss.</p><p>�Willst du Suppe?�, meinte die Alte und ging weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. �Oder Tee? Ist noch was vom Abend �brig.�</p><p>Celia nickte, folgte ihr durch die schmale Eingangshalle und bestaunte ein Spruchband, das �ber einer T�r angebracht war. �Suppe, Seife, Seelenheil�, stand darauf geschrieben, was Celia wider Willen erneut zum Lachen brachte.</p><p>�Was gibt�s da zu kichern?�, knurrte die Alte. �So ist es nun einmal. Ein hungriger Mensch hat anderes im Sinn, als seine Seele zu retten. Also f�ttern wir ihn. Ein dreckiger Mensch ist voller Scham und deshalb nicht f�r die Frohe Botschaft zug�nglich. Also waschen wir ihn. Erst danach kann das Wort Gottes wirken. Setz dich!� Sie war durch die T�r in die K�che getreten und deutete nun auf einen langen Tisch, an dem mindestens ein Dutzend Menschen Platz finden konnte.</p><p>W�hrend sich die Schwester am Herd zu schaffen machte, auf dem ein riesiger gusseiserner Kessel stand, schaute Celia sich um. Ein weiterer langer Tisch stand an der gegen�berliegenden Wand, in einem Bottich in der Ecke erblickte sie die dreckige Lauge vom letzten Abwasch.</p><p>Celia wunderte sich, dass die Frau, die sich als Esther vorstellte, �berhaupt nichts �ber sie wissen wollte. Sie erkundigte sich nach Celias Namen und Alter, doch davon abgesehen stellte sie keine Fragen, sondern k�mmerte sich schweigend um das Feuer im Ofen und stellte schlie�lich einen Teller dampfende Kartoffelsuppe und eine Tasse Tee vor Celias Nase. �Hier ist schon mal die Suppe�, sagte sie und lachte schnarrend. �Um deine Seele k�mmern wir uns sp�ter.�</p><p>Als Celia sich nach den Hausregeln erkundigte, zuckte Esther mit den Schultern und meinte: �Es reicht, wenn du dich an die Zehn Gebote h�ltst. Ach ja, und keine M�nner, keinen Tabak und keinen Alkohol! Ansonsten fordern wir nichts, was du nicht freiwillig geben willst.�</p><p>�Ich muss tats�chlich nichts bezahlen?�, wunderte sich Celia.</p><p>��ber Spenden freuen wir uns nat�rlich, aber das ist keine Pflicht�, antwortete Esther. �Wenn du f�r unser Asyl arbeiten oder Soldatin des Heils werden willst, w�rde uns das ebenfalls gl�cklich machen. Wenn nicht, wirst du deswegen aber nicht geringer geachtet. Dies ist kein Arbeitshaus. Und falls es dir bei uns nicht gef�llt, steht es dir jederzeit frei zu gehen. So hat es Schwester Florence bestimmt, und daran halten wir uns.�</p><p>�Ist sie nun deine Schwester oder dein Captain?�, fragte Celia, w�hrend sie die Kartoffelsuppe mit Hei�hunger verschlang und sich gleichzeitig M�he gab, dabei nicht zu gierig zu wirken.</p><p>�Warum muss das ein Gegensatz sein?� Esther zog die Augenbrauen zusammen und deutete durch die T�r zum Treppenhaus. �Unterm Dach ist noch Platz. Komm hoch, wenn du fertig bist. Ich zeig dir dann deine Bettstelle.�</p><p>In diesem Bett lag Celia nun und konnte kaum begreifen, dass seit ihrer Ankunft in London gerade einmal sechs oder sieben Stunden vergangen waren. Durch eine kleine Luke in der Dachschr�ge sah sie den beinahe vollen Mond, und ein d�nner Lichtstreifen fiel auf den Sinnspruch �ber ihrem Kopf: �Bist du bereit zu sterben?�. Celia hatte Esther gefragt, was es mit dieser seltsamen Frage auf sich habe, und die alte Frau hatte geantwortet: �Sei bereit, wenn dein Herr dich ruft! Und lebe immer so, als w�re der heutige Tag dein letzter und als m�sstest du dich im n�chsten Augenblick vor Gottes Gericht verantworten. Wenn du bereit bist, kann dir nichts geschehen.�</p><p>Celia hoffte inst�ndig, dass heute nicht der letzte Tag in ihrem Leben w�re. Noch nie hatte sie sich so einsam und elend gef�hlt, noch nie hatte sie so viel Angst und Verzweiflung gesp�rt, noch nie war sie sich so verloren vorgekommen.</p><p>�Raus da!�, h�rte sie im n�chsten Augenblick eine heisere Frauenstimme direkt �ber sich. �Das ist mein Bett!�</p><p>Als Celia die Augen aufschlug, sah sie einen Schatten �ber sich, und sie sp�rte, wie eine Hand an ihrer Schulter zerrte.</p><p>�Was ist denn?�, fragte Celia. �Was ist los?�</p><p>�Du liegst in meiner Koje�, keifte eine Frau, deren Atem nach Alkohol und Galle roch. Sie kam Celia im n�chsten Moment so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe ber�hrten, nur um gleich darauf wieder zur�ckzuschwanken.</p><p>�Leg dich doch dorthin�, schlug Celia vor und deutete auf das freie Nachbarbett. �Kommt doch aufs Gleiche raus.�</p><p>�Ich lieg immer an der Wand�, rief die Frau und schleuderte Celia beim Sprechen Spucketr�pfchen ins Gesicht. �Immer!�</p><p>�Ruhe da dr�ben! Was soll �n der L�rm? H�rt auf zu keifen!�, protestierten einige Frauen, die von dem Geschrei geweckt worden waren.</p><p>�Leckt mich!�, schnauzte die betrunkene Frau zur�ck.</p><p>�Das h�ttest du wohl gern, Heather�, lachte jemand. �Und jetzt halt die Klappe!�</p><p>Celia hatte in der Zwischenzeit rasch ihr Bettzeug und den Koffer genommen und sich in das leere Bett gelegt. Sie wollte keinen Aufruhr verursachen, und letztlich war es ihr egal, wo sie schlief. Solange sie ein Bett hatte. Auch wenn sie es bedauerte, die angew�rmte Matratze verlassen zu m�ssen.</p><p>�Na, geht doch�, meinte Heather triumphierend und setzte sich auf die Kante des eroberten Bettes. �Und lass dich nicht von den Bettwanzen bei�en.�</p><empty-line/></section><section><p>FREITAG, 19. OKTOBER 1888</p><p>4</p><p>Am n�chsten Morgen bekam Celia Schwester Florence zum ersten Mal zu Gesicht und war �berrascht, wie jung der weibliche Captain war. Celia sch�tzte sie auf vielleicht f�nfundzwanzig Jahre. Wie alle anderen Soldatinnen des Heils, die sich selbst Salutistinnen nannten, trug auch Florence Soper Booth eine schlichte dunkelblaue Uniform und eine schwarze Haube aus Strohgeflecht. Dass sie als Captain den anderen Mitgliedern der Heilsarmee vorstand, war lediglich an den zwei Sternen auf ihrem Kragen zu erkennen. Captain Florence trat w�hrend des Fr�hst�cks, das aus Brot, Milch und Porridge bestand, an Celia heran und begr��te sie herzlich. Sie wiederholte im Grunde das, was Esther in der Nacht bereits gesagt hatte, wies jedoch mit blumigen Worten darauf hin, dass viele der anwesenden Frauen tags�ber mit Handarbeiten und Hausdiensten besch�ftigt seien und Celia eingeladen sei, ihnen zur Hand zu gehen. Captain Florence erkl�rte ihr, dass die Frauen Lumpen, Stoffreste und abgelegte Kleidung sammelten und die schadhaften Sachen anschlie�end ausbesserten oder zu neuen Kleidern verarbeiteten, um sie entweder an die Bed�rftigen im East End weiterzugeben oder auf dem nahen Petticoat Lane Market zu verkaufen; mit diesen Einnahmen sicherten sie den Unterhalt des Frauenasyls. Als Celia erw�hnte, dass sie in Essex als Schneiderin und N�herin gearbeitet habe, und sich bereit erkl�rte, im Asyl zu helfen, bedankte sich Captain Florence geradezu �berschw�nglich, als h�tte Celia ihr einen unfassbaren Gefallen getan. Sie griff sich theatralisch an die Brust und seufzte tief, bevor sie Celia einen Kuss auf die Wange gab, guten Appetit w�nschte und sich abwandte.</p><p>Celia schaute dem Captain etwas irritiert hinterher und ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie gerade einem einge�bten Schauspiel beigewohnt hatte.</p><p>�Wunder dich nicht!�, sagte eine etwa zwanzigj�hrige Frau auf der anderen Seite des Tisches. �Die ist immer so.�</p><p>Celia erkannte die heisere Stimme und fragte: �Du bist Heather, stimmt�s?�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�Du hast mich letzte Nacht aus dem Bett verjagt.�</p><p>�So, hab ich das?� Die junge Frau lachte und fuhr sich durch die langen dunkelblonden Haare, die ihr in fettigen Str�hnen auf den R�cken fielen. �Kann mich nicht erinnern. Hab ein wenig �ber den Durst getrunken. Die alte Esther wollte mich erst gar nicht ins Haus lassen. Alte Zimtzicke!�</p><p>�Ich dachte, Alkohol ist im Heim verboten.�</p><p>�Hab ja nicht hier drinnen gesoffen�, rief Heather fr�hlich, schnalzte mit der Zunge und reichte Celia die Hand. �Du willst hoffentlich keine von den �berkandidelten werden?�</p><p>Celia sch�ttelte die Hand und fragte: �Wen meinst du?�</p><p>�Na, die Betschwestern hier.� Sie deutete auf die Handvoll Salutistinnen, die zwischen den vollbesetzten Tischen hin und her liefen oder am Herd den Haferbrei und die warme Milch austeilten. �Haben sie dich schon gek�dert? Pass blo� auf! Ehe du dich versiehst, bist du eine von ihnen, schl�gst die Trommel und singst fromme Kriegslieder, w�hrend du durch die Stra�en marschierst.�</p><p>Celia hob die Achseln und fragte: �Warum bist du hier, wenn�s dir nicht gef�llt?�</p><p>�Ist immer noch besser, als auf der Stra�e zu schlafen�, antwortete Heather und schob die Unterlippe vor. �Aber in die bescheuerte Heilsarmee kriegen mich keine zehn Pferde. Da k�nnen sie Suppe ausschenken, so viel sie wollen.�</p><p>�Jetzt tu mal nicht so dicke�, mischte sich eine �ltere Frau neben ihr ein. Sie wandte sich an Celia, wies dabei aber mit dem L�ffel auf Heather. �Unsere feine Heather hier hat fr�her die Beine breit gemacht, nur um irgendwo schlafen zu k�nnen oder ein St�ck Brot zu bekommen, und jetzt sitzt sie auf�m hohen Ross und r�mpft die Nase, als w�r sie was Besseres!�</p><p>�Wer sagt denn, dass ich�s nicht immer noch mache?�</p><p>�Was?�, fragte die Frau.</p><p>�Die Beine breit�, rief Heather und lachte anz�glich. �Wenn�s juckt, soll man sich kratzen. Oder kratzen lassen.�</p><p>�Du solltest dich sch�men!�, sagte die Frau, nahm ihre leere Sch�ssel, stand auf und ging fort.</p><p>�Bl�de Kuh!�, schimpfte Heather leise und zog eine Grimasse. Dann wandte sie sich an Celia und fragte: �Was machst du hier? Bist nicht aus London, oder?�</p><p>�Du etwa?�, antwortete Celia mit einer Gegenfrage. Der Aussprache nach zu urteilen, kam Heather aus dem Norden Englands. Celia war �berhaupt aufgefallen, dass im East End lauter Einwanderer und Zugezogene zu wohnen schienen. Auch in dieser K�che, in der etwa drei�ig Frauen fr�hst�ckten und sich schmatzend unterhielten, war eine Vielzahl von englischen Dialekten, ausl�ndischen Akzenten und ungew�hnlichen Sprachf�rbungen zu h�ren. Vor allem Irinnen waren zahlreich vertreten.</p><p>�Suchst du Arbeit?�, wollte Heather wissen und hob das Kinn. �Kannste vergessen. Von dem Hungerlohn, der hier gezahlt wird, kann kein Mensch leben. Au�er man macht zus�tzlich die Beine breit.�</p><p>�Ich suche meinen Vater�, antwortete Celia und starrte auf ihren Teller.</p><p>�Ach, wie niedlich�, mokierte sich Heather. �Papas Liebling, was?�</p><p>Celia zuckte wie unter einem Nadelstich zusammen. Sie wollte etwas erwidern, doch dann wurde ihr klar, dass Heather es nur darauf abgesehen hatte, sie zu provozieren oder l�cherlich zu machen. Darum hielt sie den Mund, schlug die Augen nieder und machte es der �lteren Frau nach: Sie stand auf und verlie� gru�los den Tisch.</p><p>�Wunder Punkt!�, frohlockte Heather. �Wusste ich�s doch: Papas Liebling!�</p><p>�Dumme Kuh!�, murmelte Celia und ging hinaus.</p><p>Celia f�hlte sich fremd in der ungewohnten Umgebung und war doch froh, etwas zu tun zu haben und das Frauenasyl vorerst nicht verlassen zu m�ssen. Wohin sollte sie auch gehen, an wen sollte sie sich wenden? Sie kannte niemanden in London und versp�rte nicht die geringste Lust, sich wie eine M��igg�ngerin die Sehensw�rdigkeiten der Hauptstadt anzuschauen. Das w�re ihr ungeh�rig erschienen, auch wenn es sie ja keinen Penny gekostet h�tte, sich jene ber�hmten Geb�ude und Denkm�ler aus der Ferne anzusehen, von denen ihre Mutter so oft erz�hlt hatte. Nein, solange sie nicht wusste, was sie tun sollte und wohin ihr Weg sie f�hren w�rde, war es ihr nur recht, mit den anderen Frauen im Arbeitsraum im Erdgeschoss zu sitzen und Kleider zu n�hen. Au�erdem bekamen alle Frauen, die den Heilsarmistinnen tags�ber zur Hand gingen, neben dem Fr�hst�ck und Abendessen, das allen bed�rftigen G�sten des Hauses zustand, eine warme Mittagsmahlzeit. Der d�nne Linseneintopf, der heute ausgeschenkt wurde, schmeckte zwar fad und muffig, mundete Celia aber dennoch, weil sie daf�r gearbeitet und ihn nicht als Almosen erhalten hatte.</p><p>Celia war eine gute Schneiderin und mochte diese Art von Arbeit, die ihr die M�glichkeit bot, vor sich hin zu tr�umen. W�ren die Probleme im wirklichen Leben doch nur ebenso einfach zu beheben wie ein durchgescheuerter �rmel oder eine gesprengte Naht. K�nnte man seinem Schicksal oder seinem Lebensweg blo� mit Nadel, Fingerhut und Faden beikommen!</p><p>W�hrend sie mit geschickten und flinken Fingern den Stoff bearbeitete und nach Vorgabe der Heilsarmistinnen flickte, stopfte und ausbesserte, �berlegte sie, wie sie nun weiter vorgehen sollte. Denn dass ihre �berst�rzte Reise nach Southampton und die ebenso un�berlegte Weiterfahrt nach London eine Dummheit gewesen waren, lag auf der Hand und war ihr l�ngst klar geworden. Es fragte sich nur, ob eine R�ckkehr nach Brightlingsea sinnvoll und erstrebenswert war. Auch an der K�ste von Essex wartete niemand auf sie. Sie hatte kein Zuhause mehr. �Dann such dir ein neues�, hatte Mr. Egerton, der Wirt in Southhampton, gesagt.</p><p>Die Suche nach dem verschollenen Vater war jedenfalls zwecklos. Das hatte sie bereits am gestrigen Abend erkannt, auch wenn sie Heather gegen�ber heute Morgen etwas anderes behauptet hatte. Ned Brooks war eine Fantasievorstellung gewesen, ein Trugbild, wie eine dieser seltsamen Fata Morganas, von denen sie in dem langen Zeitungsartikel gelesen hatte, den ihre Mutter ebenfalls in der Emailledose aufbewahrt hatte.</p><p>Anfangs hatte Celia sich gewundert, als sie in der Dose neben dem bestickten Taschentuch, der Postkarte aus Southampton und dem Familienfoto auch eine Titelseite der <emphasis>Illustrated London News</emphasis> aus dem Dezember 1884 entdeckt hatte. Auf der gesamten Vorderseite und einem Gro�teil der R�ckseite war von der sogenannten Gordon Relief Expedition die Rede, die auf dem Nil von �gypten bis zum Sudan f�hren sollte, um einen britischen Gouverneur oder General zu befreien, der dort von einheimischen Aufst�ndischen belagert worden war. Zun�chst hatte Celia vermutet, ihr Vater oder ein anderer Verwandter habe wom�glich an dieser kriegerischen Expedition teilgenommen, doch weder in dem reich mit Zeichnungen bebilderten Hauptartikel noch in den kleineren Meldungen, die diesen umrahmten, war sie auf irgendeinen bekannten Namen gesto�en.</p><p>Warum also hatte sich ihre Mutter derart f�r das Schicksal des belagerten Generals Gordon interessiert, der im Januar 1885 � kurz vor dem Eintreffen der britischen Rettungsexpedition � von den Angreifern in der Stadt Khartum get�tet worden war? Celia wusste keine Antwort auf diese Frage. Mary Brooks hatte den Namen Charles Gordon nie in den Mund genommen, und von einer Nil-Expedition hatte Celia die Mutter ebenfalls niemals reden h�ren. Andererseits war es vermutlich kein Zufall, dass sowohl der Zeitungsartikel als auch die Postkarte, die �ber Ned Brooks Verbleib berichtete, aus dem Jahr 1884 stammten.</p><p>W�hrend sie das Futter einer Haube ausbesserte, trat Captain Florence an sie heran, lobte unter wohligen Seufzern und mit ausladenden Gesten Celias formidable N�hkunst und teilte ihr anschlie�end milde l�chelnd mit, ein Bruder warte drau�en auf der Stra�e auf sie und bitte um ein kurzes Gespr�ch.</p><p>Bei diesem Bruder konnte es sich nur um Adam Bedford handeln. Als Celia den jungen Mann vor der T�r stehen sah, freute sie sich, als w�re er ein alter Freund, den sie ihr Leben lang und nicht erst seit der letzten Nacht kannte.</p><p>�Wie gef�llt sie dir?�, fragte Adam, nachdem er sich zur Begr��ung verbeugt und ihr den Arm zum Geleit gereicht hatte. Wie einer vornehmen Dame.</p><p>�Wer?�, fragte Celia und hakte sich bei Adam unter, der wie gestern seine Uniform trug, die heute jedoch nicht so staubig und fleckig war und frisch geb�rstet wirkte. Sogar die Metallkn�pfe leuchteten, als w�ren sie poliert worden. Celia fragte: �Meinst du die Unterkunft?�</p><p>�Nein, ich meine Captain Florence.� Adam f�hrte Celia in Richtung einer breiten Durchgangsstra�e. Bald kam eine neu gebaute Halle aus rotem Backstein in Sicht, die sich auffallend von den heruntergekommenen oder unscheinbaren H�usern der Nachbarschaft unterschied. �Ist sie nicht ein Engel?�, fragte er. �Und nebenbei hat sie auch noch drei kleine Kinder zu versorgen und andere Dinge der Heilsarmee zu organisieren. Erstaunlich, nicht wahr?�</p><p>�Die Schwestern sind alle sehr nett�, antwortete Celia ausweichend und hatte zugleich Angst, es k�nnte ein wenig undankbar klingen. Daher f�gte sie hinzu: �Captain Florence hat meine N�herei gelobt. Sie ist sehr zufrieden mit mir.� Sie entdeckte ein Schild �ber dem Eingang der Backsteinhalle, auf dem �Spitalfields Market� stand. Der Inschrift darunter war zu entnehmen, dass die Markthallen erst im vergangenen Jahr, aus Anlass des Thronjubil�ums von K�nigin Victoria, eingeweiht worden waren.</p><p>�Ein Engel, ganz recht�, schw�rmte Adam und nickte, als h�tte Celia genau seine Worte best�tigt. Er bog nach links ab, deutete auf eine nahe gelegene Kirche aus wei�em Stein mit riesigem S�ulenportal und unglaublich hohem Turm, dessen Spitze an den Wolken zu kratzen schien, und sagte: �Das ist die Christ Church.�</p><p>�Du willst in die Kirche?�, fragte Celia �berrascht.</p><p>�Nein�, antwortete Adam, �ich gehe in kein Geb�ude der Kirche von England. Nicht mehr.� Er r�usperte sich verlegen und setzte hinzu: �Ich m�chte dir zeigen, wo Schwester Eva heute Abend reden wird.�</p><p>�In dieser Kirche?�, wunderte sich Celia. �Ist das die �H�hle des L�wen�, von der du gestern gesprochen hast?�</p><p>Adam lachte und sch�ttelte den Kopf. �So gottlos sind die Anglikaner nun auch wieder nicht.� Er wies mit der Hand auf die gegen�berliegende Stra�enseite, wo sich eine Sch�nke mit dem klangvollen Namen The Ten Bells befand. �Hier erschallen die Glocken des Lasters und der S�nde, Schwester Eva wird deshalb genau an diesem Ort die Frohe Botschaft verk�nden und die armen S�nder zur Umkehr bewegen.�</p><p>�Warum ausgerechnet hier?�, fragte Celia und schaute zum Eingang der Sch�nke, vor dem sich bereits zu dieser fr�hen Nachmittagsstunde etliche M�nner l�rmend, trinkend und rauchend versammelt hatten. �Das Lokal sieht nicht gerade nach einem Treffpunkt f�r eifrige Kirchg�nger aus.�</p><p>�Das ist es ja eben!�, rief Adam frohlockend. �Der General hat uns aufgetragen, die Frohe Botschaft Jesu genau dorthin zu tragen, wo sie am bittersten ben�tigt wird. Nicht in die feinen und reichen H�user, nicht in die frommen Betkreise, nicht in die Kirchen und Gemeindes�le, sondern zu den Trinkern, Huren und Bettlern. In die Kneipen und Bordelle. Zu den Leuten, die aus jeder Kirche gewiesen w�rden, weil sie in ihrem Elend angeblich dem Herrn nicht zur Ehre gereichen.�</p><p>Celia zog die Augenbrauen zusammen. Wirklich �berzeugend h�rte sich das in ihren Ohren nicht an.</p><p>Adam schien ihre Skepsis zu bemerken und fuhr wie ein Prediger fort: �Schwester Eva hat einmal gesagt: �Geht mit der vollen Gie�kanne nicht zur Regentonne, sondern zum ausgemergelten Boden, damit alles sprie�e und gedeihe!� Verstehst du, was sie damit gemeint hat?�</p><p>Nat�rlich verstand Celia, aber zugleich dachte sie an den wei�en D�nensand am S�dufer des Brightlingsea Creek, den man so viel w�ssern konnte, wie man mochte, und der dennoch immer unfruchtbar bleiben w�rde. Diese M�nner vor dem Ten Bells, die sich bereits am helllichten Tag betranken und Celia hinterherpfiffen, obwohl sie in Begleitung eines Mannes die Sch�nke passierte, waren wie dieser D�nensand. Und eine blo�e Predigt w�rde sie nicht von ihrem unmoralischen Tun abhalten.</p><p>�Verstehst du?�, wiederholte Adam.</p><p>�Sicher�, antwortete Celia zaghaft. Und um Adam eine Freude zu machen, fragte sie: �Wann geht�s los? Ich w�rde Schwester Eva gern reden h�ren.�</p><p>�Heute Abend um sechs�, antwortete er strahlend und f�hrte sie durch eine schmiedeeiserne Gittert�r auf den neben der Kirche gelegenen Friedhof von Christ Church. �Soll ich dich in der Hanbury Street abholen?�</p><p>Celia nickte und wollte dann fragen, warum er sie ausgerechnet auf einen Totenacker f�hrte, doch als sie den umfriedeten Hof betrat, verschlug es ihr beinahe den Atem. Der Friedhof erinnerte an einen verwunschenen Garten und wirkte inmitten des L�rms, des Schmutzes und der Betriebsamkeit der Nachbarschaft wie eine friedliche Oase. Die hohen Mauern hielten die Ger�usche der angrenzenden Hauptstra�e fern, �berall wucherten Efeu und andere Rankenpflanzen, Moose und Farne bedeckten den Boden. Die uralten und windschiefen B�ume wirkten inmitten der verwitterten Grabsteine und Denkm�ler wie Zauberwesen.</p><p>Sie setzten sich auf eine Bank, die ein wenig feucht und gr�n angelaufen war. Adam wollte ein Taschentuch �ber die h�lzernen Leisten legen, damit Celia sich nicht schmutzig machte, doch sie winkte dankend ab. Es w�re ihr unangenehm gewesen. Nach dem Austausch einiger belangloser H�flichkeiten erz�hlte Celia ihrem Begleiter, was sie in den letzten Tagen und Wochen erlebt und warum es sie von Essex nach London verschlagen hatte. Adam nickte mitf�hlend oder sch�ttelte ergriffen den Kopf, als sie von ihren Erlebnissen in Southampton berichtete. Bei der Erw�hnung des Kuriosit�tenkabinetts <emphasis>The Silver King</emphasis> und des Namens Tom Norman hob er bedauernd die Schultern. Er habe diese Namen noch nie geh�rt, sagte er, allerdings habe er vor vier Jahren auch noch ein v�llig anderes Leben als heute gef�hrt. Irgendetwas Seltsames schwang in diesen Worten mit; Celia glaubte f�r einen Moment, ein nerv�ses Zucken in seinen Mundwinkeln zu sehen. Sie wechselte das Thema und berichtete, dass sie dringend Geld verdienen musste, um nach Hause fahren zu k�nnen. Als sie Heathers Bemerkung �ber die Hungerl�hne in London wiederholte, nickte Adam nachdenklich und griff nach Celias Hand.</p><p>�Da hat sie leider recht�, sagte er und t�tschelte ihre Finger wie die eines kleinen Kindes. �Du magst noch so geschickt sein, gegen die N�h-und Webmaschinen in den Fabriken kannst du nicht anarbeiten.�</p><p>�Ich kann auch mit der Maschine n�hen�, wandte Celia ein.</p><p>�Das glaube ich dir sofort�, antwortete er. �Aber genau diese Maschinen diktieren die Preise, und weil sich so viele arbeitslose Frauen um die wenigen freien Pl�tze in den Fabriken streiten, ist die Arbeit der N�herinnen nichts mehr wert. Jedenfalls nicht, wenn man es mit den Augen der Fabrikbesitzer sieht.�</p><p>�Was soll ich nur tun?�, entfuhr es ihr. �Ich habe nichts anderes gelernt.�</p><p>�Bei den Schwestern im Heim wird deine Arbeit offensichtlich gesch�tzt�, antwortete Adam und versuchte sich an einem aufmunternden L�cheln, das etwas gezwungen ausfiel. �In der Hanbury Street hast du immer ein Bett und eine warme Mahlzeit. Und vielleicht findet sich mit der Zeit ja etwas anderes. Ist ja nur f�r den �bergang. Wir k�mmern uns um dich, darauf hast du mein Wort.� Er legte die Hand auf sein Herz und wiederholte: �Ich k�mmere mich um dich.� Dann sprang er pl�tzlich auf die Beine, zog Celia hoch und sagte: �Komm! Ich m�chte dir jemanden vorstellen.� Ohne auf eine Erwiderung zu warten, f�hrte er Celia quer �ber den Friedhof zum hinteren Ende des Gel�ndes, wo die Gr�ber schlichter und die Kreuze enger gesetzt und nicht aus Stein, sondern aus Holz waren. Vor einem solchen schmucklosen Grab blieb er stehen, nahm die M�tze vom Kopf, blickte zu Boden und sagte: �Liebe Emma, ich m�chte dir Celia vorstellen.� Dann wandte er sich um und sagte: �Celia, das ist Emma, meine Frau.�</p><p>Celia war wie vor den Kopf geschlagen, sie brachte keinen Ton heraus und starrte auf das schlichte Holzkreuz, das nicht so aussah, als st�nde es schon lange hier. In das Holz waren zwei Namen und eine Jahreszahl eingeritzt: �Emma &amp; James 1886�.</p><p>�Deine Frau?�</p><p>Adam nickte und l�chelte traurig.</p><p>�Und wer ist James?�</p><p>�Unser Sohn�, antwortete er und presste die Lippen aufeinander, als m�sste er erst Kraft f�r die n�chsten Worte sammeln. Schlie�lich fl�sterte er: �Er starb bei der Geburt. Und meine liebe Emma mit ihm.�</p><p>�Oh mein Gott!�, entfuhr es Celia. Sie schlug die H�nde vor den Mund und murmelte: �Wie entsetzlich!�</p><p>�Ja, so habe ich auch gedacht�, sagte Adam und seufzte schwer. �Ich habe Gott verflucht, weil er so etwas Grausames zulassen konnte. Weil er ein unschuldiges Kind t�ten konnte und eine junge Frau, die fest an ihn geglaubt hat. Ja, ich habe meinen Gott gehasst. Und ich habe mich selbst verflucht und mir selbst Vorw�rfe gemacht.�</p><p>�Warum?�, wunderte sich Celia.</p><p>�Weil ich �� Wieder bemerkte Celia das nerv�se Zucken in seinen Mundwinkeln, doch dann sch�ttelte er den Kopf und fuhr nach einer Pause fort: �Es war mein Kind, das sie in ihrem Bauch trug und bei dessen Geburt sie gestorben ist.� Er r�usperte sich und rieb sich die Schl�fen, als wollte er die Gedanken daran aus seinem Kopf verscheuchen. �Ich habe meinen Schmerz in Bier und Branntwein ertr�nkt, bis man mir Arbeit und Wohnung nahm und ich wie ein K�ter in der Gosse landete.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann kam Schwester Eva und hat mich zu neuem Leben erweckt. Sie hat mir die Hand gereicht, als alle anderen sich l�ngst angewidert abgewandt hatten, und sie hat mir klargemacht, dass es gar keinen Grund zu trauern gibt.�</p><p>�Keinen Grund zu trauern?�, wunderte sich Celia. �Wie kann sie so etwas sagen?�</p><p>�Weil es die Wahrheit ist�, sagte Adam und l�chelte. �Weil Emma und James in die Herrlichkeit bef�rdert wurden. Eva hat mich daran erinnert, dass Jesus f�r uns am Kreuz gestorben ist. Dass das Heil der Menschen durch das S�hneopfer Christi gewiss ist. Und dass es nun an mir sei, mich zum Sterben bereit zu machen. Dadurch wurde ich gerettet.�</p><p>Celia konnte Adam nicht ins Gesicht schauen und starrte stattdessen auf das Holzkreuz, als w�re in der Inschrift irgendein Geheimnis verborgen, das es zu entr�tseln gelte. Schlie�lich sagte sie: �Das Kreuz sieht neu aus.�</p><p>�Ja�, erwiderte Adam. �Ich habe es erst aufgestellt, als ich mir sicher war, dass ich nicht mehr trauern muss.� Er l�chelte seltsam und f�gte hinzu: �Ich freue mich f�r Emma und James.�</p><p>�Wie kannst du dich freuen?!� Sie sch�ttelte fassungslos den Kopf.</p><p>�Ihnen geht es gut�, sagte Adam und nickte bestimmt.</p><p>Celia glaubte zu begreifen, was er damit sagen wollte, doch die Worte klangen in ihren Ohren dennoch unangebracht und gek�nstelt. Sie nahm Adam einfach nicht ab, dass er nicht mehr um seine Frau und seinen Sohn trauerte. Dass er den Schmerz nicht mehr sp�rte. Und sie hielt es f�r Unrecht, so etwas von einem Menschen zu verlangen, der gerade seine Liebsten verloren hatte. Trauer musste sein, fand Celia, ob der Verstorbene nun in die Herrlichkeit bef�rdert worden war oder nicht.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte Adam, w�hrend er wieder nach ihrer Hand zu greifen versuchte.</p><p>�Lass uns gehen!�, antwortete Celia knapp und wandte sich br�sk ab. �Mir ist kalt.� Sie lief hastig voran zu der Gittert�r, durch die sie den Friedhof betreten hatten, und schaute sich nicht zu Adam um, der M�he hatte, ihr zu folgen.</p><p>Als Celia auf den Gehweg vor der Kirche trat, war es ihr, als h�tte sie sich Wattepfropfen aus den Ohren genommen. Der schlagartig aufbrausende L�rm der Fuhrwerke und das Geschrei der Stra�enh�ndler wirkten nun noch lauter als zuvor. Direkt vor Celia baute sich ein Zeitungsjunge auf und schrie ihr ins Gesicht: �Trag�die oder Scherz? Jack the Ripper schickt Niere des Opfers. Makaberer Brief an den Vorsitzenden der B�rgerwehr. Lesen Sie den <emphasis>Star!</emphasis>�</p><p>Celia fuhr wie unter einem Stromschlag zusammen, stie� den verdutzten Jungen zur Seite und lief mit schnellen Schritten in Richtung Hanbury Street. Hinter sich h�rte sie Adams Schritte und seine verwunderten Rufe. Als er sie schlie�lich vor den Markthallen eingeholt hatte und an der Schulter festhielt, da riss sie sich los und fuhr ihn an: �Lass mich!�</p><p>�Was hab ich dir getan?�, fragte er.</p><p>�Nichts!�, fauchte sie. �Lass mich einfach!� Sie wusste, dass sie ihm unrecht tat, aber sie konnte nicht anders. Es f�hlte sich an, als m�sste sie sonst vor Wut und Ohnmacht schreien. Dass sie so au�er sich war, hatte �berhaupt nichts mit Adam zu tun. Es hing auch nicht mit den blutr�nstigen Nachrichten �ber den Ripper zusammen, �ber den sie schon in Brightlingsea widerliche Ger�chte geh�rt hatte. Nein, der L�rm, die Stadt, ihr Leben, alles wuchs ihr �ber den Kopf, alles lief aus dem Ruder. Celia wusste nicht mehr ein noch aus und h�tte sich am liebsten irgendwo verkrochen. Sie wollte allein sein. Weg sein. Unauffindbar.</p><p>�Bleibt es bei heute Abend?�, rief Adam ihr mit banger Stimme hinterher, als sie �ber die Stra�e und in Richtung Frauenheim rannte. �Um sechs?�</p><p>Celia hielt einen Augenblick inne, nickte ruckartig zu ihm hin�ber und sprang dann die Stufen zum Heim hinauf, als w�re sie auf der Flucht. Es dauerte eine Weile, bis auf ihr Klopfen hin ge�ffnet wurde, und als sie endlich ins Haus st�rmte, standen ihr Tr�nen der Erleichterung in den Augen. Als w�re sie im letzten Augenblick einer gro�en Gefahr entkommen.</p><p>Dummes G�r!, schimpfte sie sich in Gedanken. Rei� dich gef�lligst zusammen!</p><p>Doch sie konnte die Tr�nen nicht zur�ckhalten. Sie lie� die verwundert und besorgt dreinschauende Schwester Florence ohne Erkl�rung in der offenen T�r stehen und rannte die Treppe hinauf zur Dachkammer. Sie kroch ins Bett und zog sich die Decke �ber den Kopf. Sie wollte nichts mehr sehen oder h�ren!</p><empty-line/></section><section><p>5</p><p>Celia konnte sich nur an wenige Erlebnisse mit ihrem Vater erinnern. Und das lag nicht daran, dass Celia sie vergessen oder verdr�ngt hatte. Es gab sie schlichtweg nicht. Auch als Ned Brooks noch bei seiner Familie in Brightlingsea gewohnt hatte, hatte er nicht wirklich mit ihnen �zusammengelebt�. Oft war er wochen-oder monatelang zur See gefahren, und in den Zeiten an Land, zwischen den Regatten und Schiffspassagen, war er meist von einer Sch�nke zur n�chsten gewankt, als f�rchtete er sich vor den Menschen, die zu Hause auf ihn warteten. Mit den Kindern hatte er kaum ein Wort gewechselt und mit der Mutter h�ufig nur lauthals gestritten. Die �brige Zeit hatte er schnarchend auf dem Sofa gelegen und seinen Rausch ausgeschlafen.</p><p>Die sch�nste Erinnerung an ihren Vater war ein Moment, in dem Celia ihn lediglich aus der Ferne als winzige Figur auf einer Rennjacht gesehen hatte. Es war an einem Sonntag gewesen, nur wenige Tage vor Neds Verschwinden. Mary Brooks hatte ihre Tochter und die beiden Jungs mitgenommen, um an der Steilk�ste von Clacton den vorbeisegelnden Jachten zuzuwinken. Ihr Vater hatte damals als Vollmatrose auf der Rennjacht von Kapit�n O�Neill angeheuert, einem erfolgreichen und weithin bekannten Jachtensegler, der schon unz�hlige Preisrennen gewonnen hatte. Diese Regatten standen bei den Reichen und Adeligen hoch im Kurs, und es geh�rte f�r die Wohlbetuchten zum guten Ton, sich eine Jacht zu leisten und allerorts an Segelrennen teilzunehmen. Celia hatte nie begriffen, warum man einen derartigen Aufwand betrieb und so viel Geld zum Fenster hinauswarf, nur um sich mit Gleichgesinnten zu messen, doch solange es dem Vater eine Stellung verschaffte, konnte es ihr nur recht sein.</p><p>Bei strahlendem Sonnenschein und in bestem Sonntagsstaat standen sie an diesem Festtag auf den Clacton Cliffs und warteten mit zahlreichen anderen Zuschauern auf das Erscheinen der Segel am Horizont. Als schlie�lich die ersten wei�en Punkte hinter der Halbinsel von Walton auftauchten und ein Mann vom �rtlichen Jachtclub durch sein Fernrohr schaute und mit feierlicher Stimme verk�ndete, die <emphasis>Solent Star</emphasis> von Kapit�n O�Neill liege mit mehreren Schiffsl�ngen in F�hrung, fielen sich die drei Brooks-Kinder kreischend in die Arme, hielten sich an den H�nden und tanzten lachend um ihre Mutter herum. Ob ihr Vater die K�stenregatta tats�chlich gewonnen hatte, daran konnte Celia sich nicht entsinnen, aber der Anblick der Segel am Horizont und die Erinnerung an den Ringelreigen auf den Klippen von Clacton hatten sich ihr bis heute wie ein Feuerzeichen ins Hirn eingebrannt. Vielleicht auch deshalb, weil Celia ihren Vater danach nie wiedergesehen hatte. Das Winken auf den Klippen war ihr Abschied von ihm gewesen.</p><p>Als Celia ein heiseres Kichern neben sich h�rte, fuhr sie erschrocken zusammen. Pl�tzlich wurde ihr klar, dass sie unter ihrer Bettdecke eingeschlafen sein musste. Sie warf das Laken beiseite, schaute zu Heathers Koje und stie� einen spitzen Schrei aus.</p><p>�Na, ausgeschlafen?�, fragte Heather am�siert.</p><p>�Was, zum Teufel, machst du da?�, rief Celia entr�stet. Sie konnte kaum glauben, was sie sah. Ihr offener Koffer lag auf dem Nachbarbett, der Inhalt war auf der Decke verteilt, w�hrend Heather im Schneidersitz davorhockte, mit einer Postkarte in der Hand und einem belustigten Grinsen im Gesicht.</p><p>�Lesen�, antwortete Heather. �Siehst du doch.�</p><p>�Wer hat dir erlaubt, in meinem Koffer zu kramen?� Celia riss ihr die Ansichtskarte des <emphasis>Silver King</emphasis> aus der Hand.</p><p>�Wollte dich nicht wecken�, meinte Heather gleichg�ltig.</p><p>Celia raffte ihre Sachen zusammen, warf sie in den Koffer und klappte ihn zu. Nur die Karte des Kuriosit�tenkabinetts behielt sie in der Hand. �Wie kommst du dazu, meine Briefe zu lesen?�</p><p>�Es war blo� �ne Postkarte, Sch�tzchen�, antwortete Heather lachend und r�mpfte die Nase. �Was stellst du auch den Koffer vors Bett und schlie�t ihn nicht ab? Konnte ja nicht ahnen, dass du was zu verbergen hast.�</p><p>�Ich hab �berhaupt nichts zu verbergen�, emp�rte sich Celia und �rgerte sich zugleich, dass sie den Koffer nicht verschlossen oder versteckt hatte.</p><p>�Warum regst du dich dann so auf?�, meinte Heather achselzuckend, legte sich hin, verschr�nkte die Arme hinter dem Kopf und starrte zur Dachschr�ge. �Ned Brooks�, murmelte sie leise, �hei�t er so?�</p><p>�Wer?�</p><p>�Dein Vater. Ist die Karte von ihm?�</p><p>�Das geht dich gar nichts an.�</p><p>�Und wer ist Mr. Egerton? Warst du vorher in Southampton?�</p><p>�K�mmer dich um deinen eigenen Kram!�</p><p>�H�tt� ja sein k�nnen, dass ich Sachen wei�, die dich interessieren�, meinte Heather scheinbar unber�hrt. �Ich dachte, du suchst deinen Vater.�</p><p>�Na und?�, sagte Celia unsicher und schaute zu Heather, die unverwandt zur Decke starrte. �Was willst du eigentlich von mir? Wovon redest du?�</p><p>�Kennst du die Schlangenfrau von Shoreditch?�, antwortete Heather mit einer Gegenfrage.</p><p>Celia sch�ttelte langsam den Kopf.</p><p>�Ich aber�, sagte Heather und l�chelte sp�ttisch. �Schon lange. Wir kommen n�mlich beide aus Blackburn. Haben zusammen in den Baumwollspinnereien gearbeitet. Will sie aber heute nichts mehr von wissen. Eigentlich hei�t sie Maureen Watson, aber inzwischen nennt sie sich Sheila, die Schlangenfrau von Shoreditch.� Sie lachte und setzte hinzu: �Bl�der K�nstlername, findste nicht?�</p><p>�Warum erz�hlst du mir das?� fragte Celia m�glichst ruhig, doch ihr Herz raste, und die Innenfl�chen ihrer H�nde wurden feucht.</p><p>�Fr�her hie� sie Sheila, die Schlangenfrau von Southwark, und davor Vicky, die weibliche Viper von Whitechapel. Kommt immer drauf an, wo sie gerade auftritt und ihre Gr�ten verbiegt. Solltest du dir mal anschauen, Kindchen. Sieht wirklich be�ngstigend aus, wenn sie sich die Beine verknotet und von hinten um den Hals legt, dass sie vorne an ihrem dicken Zeh nuckeln kann. Man k�nnt fast meinen, sie h�tte keine Knochen im K�rper.�</p><p>�Diese Schlangenfrau?�, fl�sterte Celia und kam Heather ganz nah, als h�tte sie Angst, man k�nnte sie belauschen. �Ist sie auch im <emphasis>Silver King</emphasis> in der Whitechapel Road aufgetreten?�</p><p>�Interessiert dich also doch�, frohlockte Heather. �Hab ich mir doch gedacht.�</p><p>�Jetzt sag schon!�</p><p>�Sie hat mal so was erw�hnt�, erwiderte Heather achselzuckend. �Ob�s das Penny Gaff in der Whitechapel Road war, wei� ich nicht. Gesehen hab ich sie dort nie, aber ich kann mich erinnern, dass sie mal was mit dem da hatte.� Sie deutete auf die Postkarte, die Celia immer noch in der schwei�nassen Hand hielt und die inzwischen von der Feuchtigkeit gewellt war.</p><p>�Mit meinem Vater?�, rief Celia entsetzt.</p><p>�Dummerchen!�, lachte Heather und t�tschelte Celias Wange. �Mit diesem Tom Norman nat�rlich. Der Silberk�nig scheint auch privat Gefallen an seiner Schlangenfrau gefunden zu haben.� Sie lachte anz�glich und streckte die Beine in die H�he, sodass ihre bestrumpften Schenkel unter dem Unterrock zu sehen waren, und machte seltsame Verrenkungen in der Luft. Dann f�gte sie augenzwinkernd hinzu: �Wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>Celia schluckte und fragte. �Sind die beiden immer noch � zusammen?�</p><p>Heather lie� die Beine sinken und strich sich den Rock glatt. �Keine Ahnung�, sagte sie und zuckte mit den Achseln. �Hab Maureen lange nicht mehr gesehen.�</p><p>�Wei�t du, wo ich sie finden kann?�</p><p>�Shoreditch, hab ich doch gesagt.� Heather fuhr pl�tzlich hoch, sodass sie beinahe mit Celia zusammenstie�. �Wenn du willst, k�nnen wir nachher zusammen hingehen.�</p><p>�Ich dachte, du hast sie lange nicht gesehen.�</p><p>�Hab ich auch nicht�, antwortete Heather geheimnisvoll. Dann lachte sie und setzte hinzu: �Bin letztens �ber ein Plakat gestolpert, da stand�s drauf. Sie tritt an f�nf Tagen in der Woche auf. Heute ist Freitag, da ist immer Doppelvorstellung. Um sechs und um acht. Ich wollte eh hin. Aber du zahlst.�</p><p>�Heute Abend?� Celia r�usperte sich und sch�ttelte den Kopf. �Heute kann ich nicht. Ich geh zum Fackelzug der Heilsarmee.�</p><p>�Haben dich schon gek�dert, was?�, rief Heather und lachte ver�chtlich. �Suppe, Seife, Seelenheil. Und schon l�ufst du mit bescheuerten Fackeln durch die Gegend und l�sst dich mit faulem Gem�se bewerfen.�</p><p>�Gem�se?�, wunderte sich Celia.</p><p>�Wirst schon sehen!� Heather hob vielsagend die Augenbrauen, sch�ttelte missf�llig den Kopf und stand auf. �Sag Bescheid, wenn du es dir anders �berlegst. Wir sehen uns.� Damit verschwand sie aus dem Schlafraum.</p><p>Celia brauchte einen Moment, um das Geh�rte zu verarbeiten. Dann sprang sie auf die F��e und rannte Heather hinterher. Doch sie konnte sie nirgends finden, weder in den anderen Schlafs�len noch im Speisesaal oder im Arbeitsraum im Erdgeschoss, wo Captain Florence sie mit einem herzlichen Lachen begr��te.</p><p>�Celia�, rief sie und breitete die Arme aus, als wollte sie Celia umarmen. �Gut, dass du kommst! Wir brauchen deine Hilfe. Kennst du dich damit aus?� Florence deutete auf einen N�htisch, auf dem eine seltsam geformte N�hmaschine stand, die von mehreren staunenden Frauen umringt wurde.</p><p>Celia betrachtete das Ger�t, nickte schlie�lich und sagte: �Das ist eine Willcox und Gibbs. In der N�herei in Brightlingsea gab�s so eine Maschine. Meine Mutter hat eine Zeit lang daran gearbeitet.�</p><p>�Die Spende eines G�nners�, sagte Florence stolz. �Sie wurde gerade geliefert. Aber die Maschine ist ungew�hnlich. Was genau macht man damit?�</p><p>�Kettenstiche�, antwortete Celia. �Es ist ein Strohhutbinder.�</p><p>�Strohh�te?�, staunte Captain Florence und machte eine auffordernde Geste in Richtung N�hmaschine. �Kannst du uns zeigen, wie es geht?�</p><p>Celia nickte und l�chelte. �Ich denke schon�, sagte sie artig und dachte heimlich bei sich: Wenn doch alles nur so einfach w�re wie ein Kettenstich.</p><empty-line/></section><section><p>6</p><p>Die Ebenezer Hall stand in der Fieldgate Street, nur einen Steinwurf von der l�rmenden Whitechapel Road entfernt. Hier begann der Fackelzug, wie Celia von Adam erfuhr. Trotz der Bezeichnung �Halle� war das Geb�ude niedrig und so schmal, dass neben der Eingangst�r nur Platz f�r ein winziges Fenster war. Gleich nebenan sah Celia einen Wein-und Spirituosenh�ndler, dessen Fassade etwa dreimal so breit und doppelt so hoch war. Beinahe schien es ihr, als duckte sich die Ebenezer Hall vor dem �berm�chtigen Gegner. �ber dem Fenster im ersten Stock hing ein Metallschild mit der Aufschrift <emphasis>The War Cry</emphasis>. Adam erkl�rte, dass <emphasis>Der Kriegsruf</emphasis>, die Zeitung der Heilsarmee, fr�her einmal in diesem unscheinbaren Haus gedruckt worden war. Heute beherbergte die Ebenezer Hall nur noch einige B�ros der Zeitung, sonst diente sie als Versammlungsraum. Auf dem Weg vom Frauenasyl hierher hatte Adam ihr bereits von anderen Geb�uden und Pers�nlichkeiten der Heilsarmee erz�hlt, doch Celia hatte das meiste davon wieder vergessen. Sie war lediglich froh dar�ber, dass Adam nicht mehr b�se auf sie war. Seit ihrem dummen und ungeh�rigen Ausfall am Nachmittag war sie von einem schlechten Gewissen geplagt worden. Deshalb hatte sie sich bei dem sichtlich erleichterten Adam f�r ihr Betragen sofort entschuldigt, als er vor der T�r des Heims erschienen war.</p><p>Adam selbst schien aufgeregt zu sein, doch das hatte nicht in erster Linie mit Celia oder ihrem seltsamen Verhalten zu tun, wie er sogleich beteuerte, sondern mit der Tatsache, dass er von Schwester Eva auserkoren worden war, am heutigen Abend das einstimmende �Zeugnis� abzulegen. Auf Celias fragenden Blick erteilte Adam auch hier bereitwillig Auskunft. Die M�rsche und Versammlungen der Heilsarmee wurden stets durch eine sogenannte Erweckungserfahrung eingeleitet. Dabei schilderte ein Mitglied der Armee den Zuh�rern in eigenen Worten, wie er zu Gott gefunden hatte oder von den Glaubensbr�dern erweckt worden war. Dieses Er�ffnungsritual diente dem Zweck, den anderen ein Beispiel zu geben, ihnen vielleicht sogar als Vorbild zu dienen, wie Adam stolz verk�ndete. Und heute durfte er den Br�dern und Schwestern erz�hlen, auf welche Weise Schwester Eva ihn aus seinem Elend gerettet hatte.</p><p>Celia und Adam waren relativ fr�h an der Ebenezer Hall. Nach und nach f�llte sich die Stra�e vor dem bescheidenen Geb�ude. Celia war �berrascht, wie viele Menschen dem Aufruf der Heilsarmee folgten, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob es sich bei allen Teilnehmern um Gleichgesinnte oder Unterst�tzer handelte. Bald standen wohl mehrere hundert M�nner und Frauen nebst einigen Kindern dicht gedr�ngt auf der Stra�e. Viele von ihnen schwenkten pechgetr�nkte Fackeln, ru�ende Petroleumlampen oder Windlichter, als Adam auf die Treppenstufen vor dem Eingang der Ebenezer Hall trat und begann, von seiner verstorbenen Frau Emma und dem totgeborenen Kind zu erz�hlen. Manche der Zuh�rer trugen die schlichte Uniform der Heilsarmee, die Frauen hatte ihre dunklen Strohhauben auf dem Kopf, die M�nner Schirmm�tzen oder flache H�te, und einige der Versammelten trugen Schilder, auf denen Parolen wie �Jesus ist der Retter� oder �Glaube erl�st dich� zu lesen waren.</p><p>Um die versammelten Gl�ubigen hatten sich auch Neugierige und Gaffer geschart, die den Aufmarsch teils abf�llig, teils belustigt be�ugten und Adams Bericht nun mit Zwischenrufen st�rten. Auch aus den Fenstern der umliegenden H�user waren einige unfl�tige Bemerkungen zu h�ren.</p><p>Adam lie� sich davon nicht beirren. Er war in dem Bericht seiner Erweckung inzwischen bei seiner Trunksucht und der daraus folgenden Obdachlosigkeit angelangt und beschrieb in schlichten, aber dennoch eindringlichen Worten, wie er jeden Halt im Leben verloren hatte und der Verrohung, der S�nde und dem Tod anheimgefallen war.</p><p>�Ich st�nde heute nicht vor euch, liebe Br�der und Schwestern�, rief er und legte die Hand aufs Herz, �sondern l�ge auf dem Friedhof von Christ Church begraben, wenn mich Schwester Eva nicht gerettet und zu Gott gef�hrt h�tte. Denn sie hat mich erweckt und daran erinnert, dass es nicht meine Aufgabe ist, mich selbst zu hassen, sondern Gott zu lieben, wie er mich liebt.� Er streckte die Hand aus und deutete mit seiner Fackel auf eine junge rothaarige Frau, die neben ihm und Schwester Florence auf den Stufen stand und verlegen l�chelnd zu Boden schaute. �Sie hat mir den Weg zum Heil gewiesen!�, rief Adam.</p><p>Celia war erstaunt, als ihr klar wurde, dass die rothaarige Frau Eva Booth sein musste. Nach Adams Erz�hlungen hatte sie eine selbstbewusste und resolute Frau erwartet und nicht ein beinahe versch�chtert wirkendes M�dchen mit versch�mtem Blick und bescheidenem L�cheln. Schwester Eva war eine sehr h�bsche junge Frau, die Celia so gar nicht wie eine eifernde Predigerin und bekehrende Missionarin vorkam. Eher machte sie den Eindruck, als ben�tigte sie selbst Hilfe und Beistand. Diese Frau war also die unerschrockene Offizierin des Heils, die mittellosen S�ndern, verruchten Dirnen und gottlosen Verbrechern das Evangelium nahebrachte? Celia mochte es kaum glauben.</p><p>Adam beendete sein �Zeugnis�. Einige Menschen spendeten Beifall, andere lachten abf�llig, dann erschallte eine donnernde Fanfare wie aus dem Nichts. Eine Blaskapelle, die Celia zuvor nicht bemerkt hatte, schmetterte eine blecherne Melodie. Die Trommeln schlugen den Takt oder versuchten es zumindest, und der Zug setzte sich schwerf�llig in Bewegung. Florence und Eva Booth begannen in der ersten Reihe zu singen: <emphasis>�O have you not heard of a beautiful stream.�</emphasis></p><p>Celia wusste nicht recht, was sie von all diesen Geschehnissen halten sollte, und wollte sich schon aus dem �sch�nen Strom� zur�ckziehen, doch ehe sie auch nur einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung machen konnte, wurde sie von der euphorisch singenden Menge mitgerissen. Inmitten des Zuges wurde sie unnachgiebig in Richtung Brick Lane geschoben. W�hrend sie darauf achtete, niemandem in die Hacken zu treten und den tropfenden Fackeln oder hei�en �llampen nicht zu nahe zu kommen, schaute sie sich Hilfe suchend nach Adam um, doch der marschierte mit den Offizieren der Heilsarmee an vorderster Front und h�tte, selbst wenn er es gewollt h�tte, keine M�glichkeit gehabt, sich bis zu ihr durchzuschlagen. Ihr Blick glitt zu den T�ren und erleuchteten Fenster der H�user, die sie passierten, und nun begriff sie, was Heather mit dem �faulen Gem�se� gemeint hatte. Immer wieder wurde der singende Fackelzug aus den oberen Stockwerken mit Unrat und Dreck beworfen. Tomaten und Kohlk�pfe flogen, Eier landeten auf den blauen Uniformen, einige Anwohner machten sich sogar einen Scherz daraus, unter lautem Gr�len und Pfeifen ihre Nachtt�pfe aus dem Fenster zu leeren. Die Marschierenden antworteten mit umso lauterem Gesang: <emphasis>�Come to the Savior, make no delay!�</emphasis></p><p>Panik stieg in Celia auf, vor allem weil sich die Brick Lane nach Norden hin verj�ngte und die Menschenmenge regelrecht zwischen den dunklen H�userzeilen eingezw�ngt wurde. Warum hatte Adam sie nicht vorgewarnt? Warum hatte er nicht gesagt, was sie erwartete? Hatte er sich so sehr daran gew�hnt, mit Gem�se und Kot beworfen zu werden, dass er es nicht mehr der Rede wert befand? Celia wollte nur noch weg, raus aus diesem Irrsinn, doch es gab keinen Weg, den sie h�tte einschlagen k�nnen. Sie musste sich treiben lassen und hoffen, dass sie, abgesehen von dem faulen Gem�se, das sie abbekommen hatte, unbeschadet am Ziel angelangen w�rde.</p><p>Als der Marsch nach etwa einer Viertelstunde in die noch schmalere und kaum von Stra�enlaternen beleuchtete Church Street einbog, an deren Ende sich der Ten Bells Pub befand, hatte Celia das Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen. Der stechende Geruch von Pech und Petroleum mischte sich mit dem Gestank der faulen Eier und der kotbeschmierten M�ntel. Celia hoffte, an der Stra�enecke dem Zug entkommen zu k�nnen, deshalb dr�ngte sie sich an emp�rt und missbilligend dreinschauenden Menschen vorbei, denen sie versehentlich auf die F��e trat oder mit dem Ellbogen in den Bauch oder R�cken stie�.</p><p>Sie gelangte so bis an den Rand des Umzugs und fand sich in einer Gruppe von schwarz gekleideten M�nnern wieder, die sich von den �brigen Marschierenden merklich unterschieden. Keiner von ihnen trug die Uniform der Heilsarmee, daf�r hatten die meisten von ihnen die Gesichter verdeckt; entweder durch schwarze Schals, die sie sich um die Ohren gebunden hatten, oder durch breite Schlapph�te, die so tief ins Gesicht gezogen waren, dass lediglich die Nasenspitze und das Kinn hervorschauten. Einige dieser M�nner trugen seltsame Koffer oder K�rbe mit sich, die sie mit Sacktuch verh�ngt hatten. Als Celia einen dieser K�rbe ein wenig aus dem Weg schob, um sich vorbeizuzw�ngen, schrie sie pl�tzlich laut auf, sprang zur Seite und riss die Hand hoch. Irgendetwas hatte sie in den Finger gebissen oder gestochen.</p><p>Bei ihrer pl�tzlichen Bewegung hatte sie den Tr�ger des Korbes angerempelt, wodurch dieser die Balance verlor und zur Seite wankte. Beinahe h�tte er sich an der Petroleumlampe seines finster dreinschauenden Nachbarn das Gesicht verbrannt, doch im letzten Moment fand der Mann sein Gleichgewicht wieder. Dabei rutschte ihm der Schal, den er sich um das Gesicht gewickelt hatte, herunter.</p><p>�Verdammt, hast du keine Augen im Kopf?�, fauchte er Celia an.</p><p>�Entschuldigung�, murmelte sie, schaute in das h�bsche Gesicht des jungen Mannes und erstarrte. Obwohl sich der Mann den Schal in Windeseile wieder umgelegt hatte, erkannte Celia das auff�llige Muttermal auf seiner rechten Wange. Es hatte die Gr��e einer Half-Crown-M�nze und die Form eines Herzens.</p><p>�Was gibt�s da zu starren, M�dchen?�, fauchte der Mann. Er funkelte Celia b�se an, hielt dann aber, nun seinerseits erstaunt, pl�tzlich inne.</p><p>Celia erinnerte sich, dass er die gleichen Worte auch am gestrigen Abend am Bahnhof Waterloo benutzt hatte. Sie fragte: �Soll ich mich wieder schleichen, Sir?�</p><p>Im n�chsten Augenblick wurde sie an der Hand gegriffen und zur Seite gezerrt. Und ehe Celia wusste, wie ihr geschah, war sie dem Zug entkommen. Adam hatte sie hinausgezogen. Der schwarz gekleidete Mann schaute sich noch einmal zu ihr um, bevor er samt Korb in der Menge verschwand, die sich wie eine Lawine weiter nach Westen w�lzte.</p><p>�Ist das immer so bei euren M�rschen?�, fragte sie Adam. Sie wartete seine Antwort nicht ab, wischte sich ein klebriges Salatblatt von der Schulter und beeilte sich, von der Stra�enecke und dem unseligen Marsch der Heilsarmee fortzukommen.</p><p>Adam hielt ihre Hand fest und folgte ihr. �Tut mir leid�, antwortete er schuldbewusst. �Ich kann mir auch nicht erkl�ren, warum die Leute so feindselig sind. Glaub mir, ich wusste nicht, dass es so schlimm wird. Normalerweise belassen sie es bei Spottges�ngen. Ich wollte zu dir, aber in dem Gedr�nge war das nicht m�glich. Geht�s wieder?�</p><p>Celia nickte, atmete tief durch und blieb stehen. Sie blickte dem Fackelzug hinterher, dessen letzte Teilnehmer gerade in die Church Street einbogen. Einige Kinder nahmen das liegen gebliebene Gem�se von der Stra�e und machten sich einen Spa� daraus, es den unverdrossen Singenden und Marschierenden hinterherzuwerfen. Ein St�ck Sacktuch, das auf dem Pflaster lag, erinnerte Celia an den vermummten Mann mit dem verh�ngten Korb. Ihr Zeigefinger blutete ein wenig an der Kuppe, und die Wunde brannte.</p><p>In diesem Moment bemerkte auch Adam die Blessur. �Was ist passiert?�, fragte er und hob ihren Finger ins Licht der Stra�enlaterne. �Du blutest ja. Hast du dich verletzt?�</p><p>�Es ist nichts�, antwortete Celia geistesabwesend und entwand ihm ihre Hand. Der Mann mit dem Muttermal auf der Wange wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Gestern war er wie ein Gentleman gekleidet gewesen, mit Biberfell-Zylinder und edlem Gehrock, und hatte den Droschkenkutscher angewiesen, zur vornehmen Piccadilly in Westminster zu fahren. Heute hingegen lief er im �rmlichen East End in einer Tracht aus einfachem Manchester-Stoff herum, die an grobe Zimmermanns-oder Seemannskleidung erinnerte. H�tte Celia nicht das Muttermal gesehen und das Erkennen im Blick des Fremden, so h�tte sie vermutlich gedacht, zwei verschiedene M�nner getroffen zu haben. Doch es konnte kein Zweifel bestehen: Der Gentleman und der Schwarzgekleidete waren ein und dieselbe Person. Celia f�hlte sich an die Schauernovelle von Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert, die ihre Mutter vor einiger Zeit aus der Pfarrb�cherei entliehen hatte und in der es um eine �hnliche Wandlung eines vornehmen Gentlemans gegangen war. Die Geschichte hatte ihrer ohnehin geschw�chten Mutter n�chtelang den Schlaf geraubt.</p><p>�Komm!�, riss Adam sie aus ihren Gedanken und deutete nach Norden, zur Hanbury Street. �Ich bringe dich zur�ck ins Heim.�</p><p>�Gibt es von hier aus keinen anderen Weg zum Ten Bells Pub?�, erwiderte sie und r�hrte sich nicht vom Fleck.</p><p>�Doch, den gibt es�, antwortete er �berrascht. �Wir k�nnten den Umweg �ber die Hanbury Street gehen oder den direkten Weg �ber den Friedhof von Christ Church. Der reicht n�mlich bis zur Brick Lane. Gleich da vorne befindet sich der Hintereingang. Wieso fragst du?�</p><p>�Begleitest du mich?�</p><p>��ber den Friedhof?�</p><p>�Macht es dir etwas aus?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, sagte er und wies auf eine unscheinbare Eisenpforte zwischen zwei backsteinernen H�usern, die nur einen Steinwurf von der Stra�enecke entfernt war. �Ich verstehe blo� nicht.�</p><p>�Ich auch nicht�, entgegnete Celia und lachte unwillk�rlich. Vielleicht weil sie sich selbst nicht eingestehen wollte, dass der junge Mann mit dem Muttermal der eigentliche Grund ihres seltsamen Handelns war.</p><p>Adam sah sie verwirrt an und schien einen erneuten Ausbruch zu bef�rchten, doch dann zuckte er mit den Schultern und meinte: �Es freut mich, dass du so erpicht darauf bist, Schwester Eva reden zu h�ren. Du wirst es nicht bereuen. Komm mit!�</p><p>Celia verschwieg, dass es nicht die Redekunst der Heilsarmistin war, deretwegen sie zum Ten Bells Pub wollte. Sie war sich auch nicht sicher, ob sie ihre Entscheidung nicht in K�rze bereuen w�rde. Dennoch folgte sie Adam �ber die Stra�e und zum Hintereingang des Kirchhofs.</p><p>Direkt hinter der Eisenpforte begann eine kopfsteingepflasterte Passage, die zwischen zwei hohen Mauern zum r�ckw�rtigen Teil des Friedhofs f�hrte. Zwischen den H�usern war es stockdunkel, doch als sie den Totenacker betraten, erkannte Celia im milchigen Licht des Vollmondes, dass dies der �rmere Teil des Gel�ndes war, in dem auch Adams Frau und sein Kind begraben lagen. Hastig liefen sie �ber den menschenleeren Friedhof, und erneut fiel Celia auf, wie unwirklich und seltsam verwunschen er wirkte. Bei Nacht noch mehr als am Tage.</p><p>Als die beiden um die Kirche herumgelaufen und zum Vordereingang hinausgetreten waren, wurden sie auf dem Platz vor dem Kirchenportal von einem ohrenbet�ubenden Konzert aus schiefer Blasmusik, inbr�nstigem Gesang, missf�lligem Pfeifen, belustigtem Gr�len sowie lautstark skandierten Parolen empfangen. Der Fackelzug war am Ten Bells angekommen, und es war f�r Celia offenkundig, dass sich dort vor der Sch�nke etwas zusammenbraute. Je lauter die Gaffer herump�belten, desto eifriger sangen die Anh�nger der Heilsarmee: <emphasis>�Joyful, joyful will the meeting be!�</emphasis> Je gellender das Pfeifen und Krakeelen wurde, desto schriller t�nten die Bl�ser und desto heftiger h�mmerten die Trommeln. Es war ein einziger, immer lauter werdender Missklang.</p><p>Adam f�hrte Celia �ber einige Steinstufen zum h�her gelegenen S�ulenportal der Kirche, wo sich bereits andere Neugierige eingefunden hatten, um das zu erwartende Spektakel aus sicherer Entfernung verfolgen zu k�nnen. Celia und Adam dr�ngten sich zwischen die Zuschauer, die auf einer breiten Mauer zwischen den Sockeln der S�ulen standen und von ihrem Standpunkt aus sowohl den Fackelzug wie auch das Ten Bells im Blick hatten.</p><p>W�hrend Celia und Adam sich ihren Platz suchten, beendete die Kapelle ihr musikalisches Get�se. Nun war es an Schwester Eva, ihre Predigt zu beginnen. Die Heilsarmistin stand auf einem kleinen h�lzernen Podest mitten auf der Stra�e. Die zierlichen H�nde zum Himmel gestreckt, als wollte sie den Herrn um Hilfe ansuchen, rief sie gegen den L�rm der Menge an: �Oft werde ich gefragt: �Eva, warum predigst du auf der Stra�e vor den Elenden und �rmsten, vor den S�ndern und Trinkern, die dich obendrein mit Spott und H�me �bersch�tten?��</p><p>Vereinzelt lie� sich h�hnisches Gel�chter vernehmen. Doch Eva lie� sich nicht beirren, schwenkte ihre Fackel wie ein Feuerschwert und fuhr fort: �Ich kann ihnen nur antworten, was ich auch euch zurufen m�chte: Gott ist f�r ausnahmslos alle Menschen da, nicht nur f�r die Reichen und Gl�cklichen, sondern erst recht f�r die Armen und Ausgesto�enen. Wir Soldaten des Heils wollen uns nicht in Kirchen verschlie�en und hinter sogenannten Sakramenten verstecken, die zum blo�en Ritual verkommen sind, sondern wir wollen dorthin gehen und k�mpfen, wo wir ben�tigt werden. Um uns den Menschen zu widmen, die uns wirklich brauchen.�</p><p>�Hier braucht euch niemand!�, schrie jemand aus einem Fenster im ersten Stockwerk des Ten Bells.</p><p>�Bist du da so sicher, Bruder?�, rief Eva und strahlte, als h�tte sie nur auf diesen Einwand gewartet. �Mich braucht ihr vielleicht nicht, wohl aber den Herrn im Himmel. Denn Jesus Christus ist unser Retter. Er ist f�r uns gestorben, durch seinen Tod am Kreuz hat er uns allen die Erl�sung gebracht.� Sie lachte pl�tzlich wie ein Kind und rief: �Nun, wenn das keine gute Nachricht ist! Eine bessere kenne ich jedenfalls nicht.�</p><p>W�hrend Adam neben ihr in das Lachen einstimmte, als h�tte Eva einen Witz erz�hlt, und dabei aufgeregt Celias Hand so fest dr�ckte, dass es sie beinahe schmerzte, hielt Celia unauff�llig Ausschau nach den schwarz gekleideten M�nnern mit den K�rben. Doch trotz des hellen Mondlichts war kaum etwas zu erkennen. Auch der Gentleman von der Waterloo Station war nirgends zu sehen.</p><p>�Es geht nicht darum, was ihr auf Erden an Leistungen erbringt oder wie viel Geld und Verm�gen ihr zusammenrafft�, fuhr Eva derweil in ihrer Predigt fort. �Euer Geld wird an der Himmelspforte nichts mehr wert sein. Entscheidend ist, ob ihr an den Erl�ser glaubt. Denn alle, die an ihn glauben, werden gerettet.� Sie beugte sich vor, wandte sich direkt an diejenigen, die dem Podest am n�chsten standen, und rief triumphierend: �Ich wiederhole es noch einmal: <emphasis>Alle</emphasis> werden gerettet, egal welchen Rang oder welches Geschlecht sie haben. Wichtig ist allein der Glaube. Ihr werdet alle gerettet werden.�</p><p>�Wenn das so ist, warum gehst du dann nicht nach Hause, Sch�tzchen?�, br�llte ein schwarz gekleideter Mann. �Wenn wir ohnehin gerettet sind, ist ja alles in Butter.�</p><p>Einige der Umstehenden lachten und klatschten belustigt in die H�nde.</p><p>�Dummer Kerl!�, schimpfte Adam.</p><p>F�r einen kurzen Augenblick glaubte Celia, der Schwarzgekleidete k�nnte der Mann mit dem Herz auf der Wange sein, doch seine Stimme hatte viel tiefer geklungen, und er war mindestens einen Kopf kleiner als der geheimnisvolle Fremde aus der Droschke. Allerdings trug auch dieser Mann einen mit Tuch verh�ngten Korb in der Hand.</p><p>�Ihr m�sst nat�rlich den Glauben zur Tat werden lassen�, fuhr Eva energisch fort und drehte sich auf dem Podest einmal im Kreis. �Wenn ihr an den Erl�ser glaubt, k�nnt und werdet ihr nicht l�nger den G�tzen dienen. Nicht dem Alkohol und nicht der Hurerei. Nicht der Prasserei, der Unzucht und nicht dem Verbrechen. Wenn ihr an Jesus, den Erl�ser, glaubt, werdet ihr anders handeln und bessere Menschen sein, und das Himmelreich wird euch offenstehen. Allein durch euren Glauben. Weil euch dann das Heil sicher ist.�</p><p>�Das verstehe ich nicht�, rief ein Mann mit Schlapphut, der direkt an der schmalen Stiege stand, die zum Podest hinauff�hrte. �Wie kann der Glaube irgendetwas ver�ndern? Wenn ich glaube, dass es morgen regnet, bedeutet das noch lange nicht, dass es tats�chlich regnet. Wie kann der Glaube Berge versetzen? Das klingt zwar tr�stlich, aber es will mir nicht in den Kopf.�</p><p>�Dann benutze stattdessen dein Herz!�, erwiderte Eva, ging zu dem Mann und legte ihre Hand auf seine Schulter. �Der Glaube ist keine Sache des Kopfes, sondern des Herzens. Du musst ihn f�hlen, mein Bruder!�</p><p>Celia hielt den Atem an. Sie hatte die Stimme des Mannes mit dem Schlapphut erkannt. Und sie sah weitere schwarz gekleidete M�nner, die sich dem Podest gen�hert hatten und einen Ring darum bildeten.</p><p>Der Mann mit dem Schlapphut schien nach Evas Hand greifen zu wollen, doch im n�chsten Augenblick wich er zur�ck, nahm den Hut vom Kopf und zog sich den Schal aus dem Gesicht.</p><p>Eva l�chelte, als h�tte sie einen Sieg errungen, und hielt ihre Fackel vor sein Gesicht. Doch im n�chsten Moment fuhr sie erschrocken zur�ck. Sie starrte den Mann an, als h�tte sie den Leibhaftigen vor sich stehen.</p><p>�Hat�s dir die Stimme verschlagen?�, erscholl es aus der Sch�nke.</p><p>�Willst du uns nicht sagen, was wir tun sollen?�, rief jemand auf der Stra�e.</p><p>Eva hatte sichtlich M�he, ihre Fassung wiederzufinden und den Blick von dem jungen Mann abzuwenden, der seinerseits wie verhext dastand. Schlie�lich schaute sie zum Himmel und rief: �Ich bin kein hochm�tiger Theologe, ich will euch nicht befehlen, was ihr zu denken habt. Das �berlasse ich den Besserwissern dort dr�ben.� Sie deutete zur Christ Church und setzte hinzu: �Glaubt an den Erl�ser, und ihr werdet unweigerlich gerettet!�</p><p>�Und den Glauben sollen wir zur Tat werden lassen?�, kam von irgendwoher eine schneidende M�nnerstimme.</p><p>�Jawohl, den Glauben zur Tat werden lassen!�, best�tigte Eva und schaute sich suchend um. �So ist es! Nicht das Wort z�hlt, sondern die Tat.�</p><p>�Dann genug der Worte! Schreitet zur Tat, M�nner!� Der Befehl schien direkt aus dem Himmel zu kommen. Als Celia den Kopf hob, sah sie mehrere Schatten auf dem Dach der Sch�nke, und im n�chsten Augenblick brach ringsum die H�lle los.</p><p>Die Menge schrie auf, als mehrere M�nner Banner und Fahnen entrollten und an langen St�ben in die Luft hielten. Auf einem dieser Banner waren ein Totenkopf und zwei gekreuzte Gebeine zu sehen, auf einem anderen erkannte Celia zwei S�rge und dar�ber die Worte: �Blut und Donner�.</p><p>�Die Skeletons!�, rief Adam neben ihr.</p><p>�Wer?�, fragte Celia.</p><p>�Die Skeleton Army!�, antwortete Adam. �Bezahlte Schl�ger und R�pel, die nichts anderes als Gewalt und Chaos im Sinn haben.�</p><p>�Wer bezahlt sie denn daf�r?�, wunderte sich Celia.</p><p>�Die Wirte und Bordellbesitzer!�, rief Adam aufgebracht. �Wer sonst?�</p><p>Pl�tzlich flogen Lumpen und Stofffetzen vom Dach des Ten Bells und landeten mit seltsam klatschendem Ger�usch auf den Teilnehmern des Fackelzugs. An den hellen Flecken auf den Kleidern konnte Celia erkennen, dass sie mit wei�er Farbe oder L�schkalk getr�nkt waren. Bewegung kam in die l�rmende Menge, doch die Heilsarmisten waren zwischen Kirche und Sch�nke wie eingezw�ngt. Und am Ende der Stra�e standen schwarz gekleidete M�nner, die mit Kn�ppeln und langen St�ben daf�r sorgten, dass niemand auf die Hauptstra�e entkam.</p><p>Direkt neben dem Podest, auf dem Eva noch immer wie vom Blitz getroffen verharrte, entstand pl�tzlich ein noch gr��erer Tumult. Die Schwarzgekleideten, die dort einen Ring gebildet hatten, waren inzwischen ebenfalls zur Tat geschritten und hatten das, was sich in den K�rben befunden hatte, freigelassen. Mit einem Mal wurden entsetzte Aufschreie laut: �Ratten! Pfui Teufel, wo kommen die vielen Ratten her! Weg da! Igitt!� Das Schreien der Menschen mischte sich mit dem Fiepen und Quieken der panischen Tiere, die umherrannten und in ihrer Not um sich bissen oder an den Beinen der Leute hochsprangen, was den allgemeinen Tumult noch verst�rkte. Menschen prallten gegeneinander; manche von ihnen st�rzten, andere trampelten und stolperten �ber die Gestrauchelten hinweg.</p><p>Inmitten des Durcheinanders und Geschreis verharrten zwei Menschen regungslos, als h�tten sie Wurzeln geschlagen. Schwester Eva verharrte reglos wie eine Statue auf ihrem Podest. Ihr gegen�ber, am Fu� der Stiege, stand der Mann mit dem Herz auf der Wange und schaute unverwandt zu ihr hinauf. Celia sah, dass der Korb in seiner Hand immer noch mit einem Sacktuch verh�ngt war.</p><p>Selbst als Lehmklumpen und Steine vom Dach der Sch�nke flogen und die Leute ihren Kopf einzogen und in Deckung gingen, stand Eva Booth noch wie ein Fels in der sch�umenden Brandung und schaute um sich, als k�nnte sie nicht begreifen, was vor sich ging. Doch pl�tzlich wurde sie von einem Stein an der Stirn getroffen. Die Predigerin wankte, lie� die Fackel fallen, und f�r einen Augenblick sah es so aus, als w�rde sie vom Podest st�rzen.</p><p>Adam stie� einen Schrei aus. Als Celia ihn anschaute, bekam sie einen nicht geringen Schreck. In seine Augen war ein bedrohliches Funkeln getreten, das so gar nicht zu dem besonnenen und gutm�tigen Mann passte, als den sie Adam bislang kennengelernt hatte. Der Ausdruck in seinem Gesicht erinnerte sie an die Raserei ihres Vaters, wenn er sich volltrunken und vor Wut schnaubend auf ihre Mutter gest�rzt hatte.</p><p>Adam war v�llig au�er sich. Noch bevor Celia ihn zur�ckhalten konnte, sprang er kurzerhand von der Mauer ins Get�mmel, obwohl es f�r ihn kaum eine M�glichkeit gab, sich bis zum Podest durchzuk�mpfen.</p><p>Dabei schien es gar keine Notwendigkeit f�r sein Eingreifen zu geben. Der Mann mit dem Korb war bereits die Stufen hinaufgesprungen, um Eva aufzufangen. Doch dann geschah etwas Seltsames: Die Heilsarmistin, der das Blut �bers Gesicht lief, fand das Gleichgewicht wieder, sch�ttelte sich, als w�re sie aus einem Traum aufgewacht, und verpasste dem Mann, der ihr zu Hilfe kommen wollte, eine schallende Ohrfeige, sodass dieser r�cklings vom Podest fiel und auf dem eigenen Korb landete. Das Weidenholz splitterte, die Ratten sprangen heraus und st�rzten sich auf den Mann, als wollten sie ihn auffressen. Celia h�rte ihn schreien.</p><p>Im n�chsten Augenblick sp�rte Celia eine Hand auf ihrer Schulter. Als sie erschrocken herumfuhr, schaute sie in das grinsende Gesicht von Heather.</p><p>�Was f�r ein Spektakel!�, sagte Heather. �Hab nicht zu viel versprochen, oder?� Ihre Wangen waren ger�tet, der Blick war glasig, und ihr Atem roch nach Alkohol. �Aber jetzt lass uns verschwinden, Kindchen! Bevor die Ratten kommen. Hab keine Lust auf die Mistviecher!�</p><p>�Wo willst du hin?�, fragte Celia.</p><p>�Nach Shoreditch.�</p><p>�Jetzt?�</p><p>�Warum nicht?� Heather zuckte mit den Schultern. �Es ist ja nicht weit. Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch rechtzeitig zur zweiten Vorstellung. Aber du zahlst.�</p><p>Celia z�gerte, doch Heather hatte sie bereits an der Hand gefasst und zog sie hinter sich her, die Stufen hinunter.</p><p>�Nun zier dich nicht so!�, rief Heather. �Kostet ja nur �nen Penny.�</p><p>Celia nickte und f�gte sich in ihr Schicksal.</p><empty-line/></section><section><title><p>ZWEITER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>RUPERT INGRAM</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�In real life, how many men and women fall in love?</emphasis></p><p><emphasis>Not one in every ten thousand, I am convinced. Not one married pair in ten thousand have felt for each other as two or three couples do in every novel. There is the sexual instinct, of course, but that is quite a different thing; the novelists daren�t talk about that.�</emphasis></p><p>(�Wie viele M�nner und Frauen verlieben sich im wirklichen Leben? Nicht einer von zehntausend, davon bin ich �berzeugt. Nicht eines von zehntausend Ehepaaren hat jemals f�reinander empfunden, was zwei oder drei Paare in jedem Roman f�reinander empfinden. Es gibt nat�rlich den sexuellen Trieb, aber das ist etwas v�llig anderes; dar�ber wagen die Romanschriftsteller nicht zu reden.�) George Gissing, �The Odd Women�, 1892</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>DONNERSTAG, 18. OKTOBER 1888</p><p>1</p><p>Wie immer, wenn ich von Dorking nach London zur�ckkehrte, hatte ich f�rchterlich schlechte Laune. Die Donnerstage in Bury Hill waren mir ein Graus, und obwohl Meredith nichts Besonderes getan hatte, um meinen Unwillen zu erregen, machte ich sie dennoch f�r meine �ble Stimmung verantwortlich. Einfach weil es sie gab und ich gezwungen war, mich mit ihr zu befassen. Das war h�chst ungerecht, dessen war ich mir durchaus bewusst, aber ich konnte es nicht �ndern. Manchmal w�nschte ich mir fast, es w�re bereits Dezember und ich mit Meredith verheiratet, und sei es nur, um nicht l�nger vorgeben zu m�ssen, mich f�r sie zu interessieren. Als Mann und Frau w�rden wir zwar unter einem Dach leben, uns aber dennoch gegenseitig aus dem Weg gehen k�nnen � zumindest hatten es meine Eltern in dieser Disziplin zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Als Verlobten wurde uns dieses eheliche Vorrecht jedoch nicht zugebilligt. Noch galt es, den Schein zu wahren und das holde und gl�ckselige Paar zu mimen, obwohl allen bewusst war, dass die Ehe nur zustande kam, weil unsere Eltern es aus gesch�ftlichen Gr�nden f�r opportun befunden hatten.</p><p>Meredith war ein nettes und durchaus h�bsches M�dchen, und ganz sicher war sie nicht d�mmer als andere Backfische ihres Alters. Wom�glich war sie mir sogar in echter Zuneigung zugetan, aber leider war sie genauso langweilig und erm�dend wie die obligatorische Partie Krocket, die ich bei jedem Besuch spielen musste. Mitunter w�nschte ich mir, wenn ich mich auf den Weg zu dem herrschaftlichen Anwesen in Dorking machte, dass es den ganzen Tag wie aus K�beln regnen m�ge. Auf diese Weise w�rde ich wenigstens um das vermaledeite Rasenspiel herumkommen.</p><p>An diesem Donnerstag hatte es mich besonders hart getroffen. Nicht nur hatte ich Meredith, um ihr eine Freude zu machen, wie �blich beim Krocket gewinnen lassen, zu allem �berfluss war ich nach dem Lunch auch noch von ihrem Onkel, Robert Barclay, in die Bibliothek gebeten worden, um bei einer Zigarre und einem Glas Sherry �ber Southwarker Bier zu sprechen. Ich hatte durchaus nichts gegen Bier einzuwenden. Anders als manche meiner Freunde war ich mir keineswegs zu fein f�r Porter, Stout und Ale, und viele der zahlreichen Sorten, die von Barclay, Perkins &amp; Co. in Southwark gebraut wurden, schmeckten mir durchaus. Allerdings bevorzugte ich es, Bier zu <emphasis>trinken</emphasis> und nicht dar�ber zu <emphasis>reden</emphasis>. Mich interessierte es nicht, ob Biere ober-oder unterg�rig waren, wie viel Hopfen und Malz sie enthielten, wie ihr Export nach Russland verlief und ob das Flaschenbier dem Fassbier vorzuziehen sei.</p><p>Mr. Barclay war ungemein stolz auf seine Brauerei, und das konnte ich ihm nicht einmal verdenken, schlie�lich geh�rte sie zu den gr��ten und umsatzst�rksten in England, wenn nicht der ganzen Welt. Doch die st�ndigen Lobhudeleien, die von mir erwartet wurden, erm�deten mich beinahe ebenso wie das st�mperhafte Krockieren, das ich mir angew�hnt hatte, um Meredith den Spa� am Gewinnen nicht zu nehmen. Die Familie Barclay, obwohl seit Generationen eine der reichsten im Lande, schien der st�ndigen Best�tigung zu bed�rfen und sich nicht darum zu scheren, ob das Lob von Herzen kam. Und vielleicht bestand der eigentliche Grund f�r meine schlechte Laune in der Tatsache, dass ich diese Schmierenkom�die immer wieder mitspielte und den Barclays wie ein Speichellecker nach dem Mund redete. Und alles nur, um meinem Vater einen Gefallen zu tun. Beziehungsweise, um ihm zu gehorchen.</p><p>Was war ich doch f�r ein erb�rmlicher Feigling! Dieser qu�lende Gedanke ging mir zum wiederholten Mal durch den Kopf, als der Zug aus Dorking in den Bahnhof Waterloo einfuhr. Ich verlie� eilenden Schrittes die Gleise und bestieg auf dem Vorplatz eine Kutsche. Dabei stie� ich ein �rmlich gekleidetes M�dchen ziemlich r�pelhaft zur Seite. F�r einen kurzen Moment tat mir meine Grobheit leid, doch in meiner tr�ben Stimmung hielt dieser Gedanke nicht lange an. Was stand das M�dchen auch so ungeschickt mit seinem billigen Koffer in der Gegend herum und versperrte mir den Weg? Zum Teufel mit ihm! Darum knurrte ich das M�dchen an, es solle sich schleichen, nannte dem Kutscher das Ziel der Fahrt, bestieg das Hansom Cab und warf mich in den Polstersitz.</p><p>�Ist aber �n weiter Weg nach Whitechapel�, h�rte ich den Kutscher sagen. �Keine Gegend f�r �ne h�bsche junge Miss. Schon gar nicht im Dunkeln.�</p><p>Erstaunt lehnte ich mich nach vorn und schaute aus dem Fenster.</p><p>�Danke, Sir! Ich komme schon zurecht�, entgegnete sie.</p><p>Ich betrachtete das M�dchen und konnte mir nicht recht erkl�ren, warum ich mich f�r das auf den ersten Blick unscheinbare Ding pl�tzlich interessierte. Allein die Erw�hnung des Stadtteils Whitechapel konnte es kaum sein, auch wenn meine Beziehung zum Londoner East End eine zugegebenerma�en sehr spezielle war. Und ihr Aussehen war es bestimmt nicht. Das M�dchen wirkte wie eine Dienstmagd oder Fabrikarbeiterin. Mit ihren braunen Kleidern und der mausgrauen Haube erinnerte sie mich an ein Aschenputtel. Allerdings hatte sie ein auffallend h�bsches Gesicht, zwar allzu blass und schm�chtig, aber durchaus anziehend. Vor allem ihre gro�en dunklen Augen fielen mir auf. Ich ertappte mich bei dem albernen Gedanken, wie das M�dchen wohl in einem Ballkleid und goldenen Pantoffeln aussehen w�rde.</p><p>�Wie alt bist du, M�dchen?�, fragte ich, w�hrend ich irritiert aus dem Fenster starrte.</p><p>�Sechzehn, Sir.�</p><p>�Sechzehn�, wiederholte ich, w�hrend sich die Kutsche in Bewegung setzte und ich das M�dchen aus den Augen verlor.</p><p>Zum Teufel mit ihr!, schimpfte ich innerlich mit mir. Im n�chsten Augenblick hatte ich das Aschenputtel vergessen.</p><p>Etwa zwanzig Minuten sp�ter hatte sich die Kutsche durch den stockenden und chaotischen Feierabendverkehr bis zur Piccadilly durchgek�mpft, und ich betrat im Laufschritt das Hotel meines Vaters, ohne dass sich meine Laune merklich gebessert h�tte.</p><p>Das Hatchett�s Hotel, das seit Generationen im Besitz meiner Familie war, aber aus Gr�nden der Tradition und der demonstrativ zur Schau gestellten Bescheidenheit nicht Ingram�s hie�, sondern immer noch den Namen des einstigen Gr�nders, Abraham Hatchett, trug, war eigentlich ein durchaus erbaulicher Anblick. Das f�nfst�ckige Haus war erst vor wenigen Jahren von Grund auf renoviert und innen wie au�en herausgeputzt worden. Die Fassade war ringsum mit allerlei Ornamenten, verzierten Erkern und barock wirkenden Schweifgiebeln versehen, und auch im Inneren hatte das Hotel neben dem �blichen luxuri�sen Interieur alles zu bieten, was der gehobene Gast von einer feinen Adresse im West End erwarten durfte: elektrisches Licht auf allen Zimmern, Telefonanschluss im Salon und in der Lobby sowie ein elektrischer Aufzug, auf den mein Vater besonders stolz war, weil er �ber automatisch schlie�ende Sicherheitst�ren verf�gte. Die meisten der Suiten verf�gten seit dem Umbau sogar �ber einen eigenen Wasseranschluss im Bad. Und dennoch hatte ich stets ein mulmiges und unbehagliches Gef�hl, wenn ich das Geb�ude betrat. Ich hatte meine Kindheit und Jugend in diesem Hotel verbracht, in dem ich mir immer wie ein notgedrungen geduldeter, nicht zahlender Gast vorgekommen war. �berhaupt hatte ich nie begriffen, warum Vater stets darauf bestanden hatte, in seinem Hotel zu wohnen. Von der Miete, die er f�r die privat benutzten Suiten bekommen h�tte, h�tte er sich ein eigenes Haus in der N�he halten k�nnen. Doch Vater war mit dem Hotel wie verwachsen, f�r ihn war das Hatchett�s der Lebensmittelpunkt. Sein Ein und Alles.</p><p>�Guten Abend, Sir�, wurde ich von Bellamy, dem alten Hauptportier, in der Lobby begr��t. �Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.� Er verneigte sich und nahm mir Mantel und Zylinder ab. �Ihr Herr Vater wartet bereits auf Sie.�</p><p>Ich nickte zum Gru�, stellte den Koffer ab und fragte: �Ist er in seinem B�ro?�</p><p>�In der Beletage. Jawohl, Sir! Soll ich den Koffer hochbringen lassen?�</p><p>�Nicht n�tig, ich bleibe nur kurz�, wehrte ich ab und schmunzelte. Beletage! Das war typisch f�r den alten Portier. Mit dem Aufzug gelangte man ohne Probleme bis ins Dachgeschoss, das zudem das hellste aller Stockwerke war, doch f�r Bellamy war das erste Stockwerk immer noch �die sch�ne Etage� der Herrschaft.</p><p>W�hrend Bellamy die Sachen zur Garderobe im Salon brachte, beeilte ich mich, auf leisen Sohlen an der Rezeption vorbeizuschleichen, an der sich mein �ltester Bruder Mortimer gerade mit dem Empfangschef unterhielt. Als ich die breite Treppe, die am Ende der Halle in einem gro�en Bogen nach oben f�hrte, bereits erreicht hatte, entdeckte er mich doch noch. �Na, du Sch�rzenj�ger, wie war Bury Hill?�, rief er mir nach.</p><p>�Ich hab im Krocket verloren�, antwortete ich mit einem schiefen Grinsen.</p><p>�Mach dir nichts daraus, man gew�hnt sich daran�, sagte er und hob die Augenbrauen. Es war offenkundig, dass er nicht nur das Krocket meinte. Mortimer hatte � ebenso wie unser gemeinsamer Bruder William � bereits hinter sich gebracht, was mir als j�ngstem Ingram-Sohn noch bevorstand: Er war von unserem Vater mit Deborah, der Tochter eines Kaffeegro�h�ndlers aus Chelsea, verheiratet worden. Nun f�hrte Mortimer gemeinsam mit Vater das Hatchett�s, was nichts anderes bedeutete, als dass er kommentarlos abnickte, was der �Herr Vater� beschloss. Er lebte mit Frau und Kindern im ersten Stock, T�r an T�r mit dem Patriarchen. In der Beletage!</p><p>�Hast du Mr. Barclay die Pl�ne vorgelegt?� Mortimer strich sich �ber den Schnurrbart, der direkt unter der Nase eine seltsame L�cke aufwies, als w�re er beim Rasieren mit der Klinge abgerutscht.</p><p>�F�r das Kaffeehaus?�, fragte ich und nickte im selben Augenblick. �Er will es sich �berlegen, aber er schien nicht begeistert von der Vorstellung, seinem Anchor Pub an der Themse selbst Konkurrenz zu machen.�</p><p>�Es w�re keine Konkurrenz�, erwiderte Mortimer beleidigt. �Ein Kaffeehaus ist keine Kneipe. Ich hoffe, du hast ihm das erkl�rt, Rupert!�</p><p>�Ja, das hab ich�, versicherte ich ihm. Es ist vor allem keine gute Idee, setzte ich in Gedanken hinzu. Schon gar nicht in Southwark, wo haupts�chlich Fabrikarbeiter und Seeleute wohnten. Mortimers Welt schien immer noch die des 18. Jahrhunderts zu sein, als gediegene Kaffeeh�user en vogue gewesen waren und unser Urahn Jeremiah Ingram mit einem solchen Coffee House an der Piccadilly den Reichtum der Familie Ingram begr�ndet hatte. Heutzutage entstanden �berall in der Stadt l�rmende Vergn�gungspal�ste und mehrst�ckige Music Halls, in denen sich sowohl die Gutbetuchten als auch einfache Leute unter einem Dach tummelten � wenn auch auf verschiedenen Etagen. Doch f�r Mortimer lag die Zukunft nach wie vor im distinguierten Kaffeeplausch, als w�re London niemals aus dem vorindustriellen Dornr�schenschlaf erwacht. Vielleicht hatte ihn aber auch sein Schwiegervater, der Kaffeeh�ndler, in dieser Hinsicht bearbeitet.</p><p>�Er l�sst es sich durch den Kopf gehen�, wiederholte ich, obwohl ich wusste, dass Mr. Barclay die Pl�ne l�ngst als altmodischen Unfug abgetan hatte.</p><p>Mortimer machte ein m�rrisches Gesicht und knurrte: �Vater wartet ��</p><p>�� bereits auf mich�, setzte ich den Satz fort und nickte. �Ich wei�.�</p><p>Ich lief die breite Treppe hinauf und wurde vom Etagendiener mit einem B�ckling begr��t. Bereits als ich mich dem B�ro am Ende des Flurs n�herte, h�rte ich die Stimme meines Vaters durch die von innen mit dickem Stoff beschlagene Fl�gelt�r. Wenn Harvey Ingram derart br�llte, dass man ihn im ganzen Hotel h�rte, konnte das nur eines bedeuten: Er telefonierte!</p><p>�So kann das mit dem Jungen nicht weitergehen!�, h�rte ich meinen Vater poltern. �Wir m�ssen ihn endlich zur Vernunft bringen! � Mag sein, aber das �ndert doch nichts, oder hattest du bisher den Eindruck? Er f�hrt sich auf wie ein Halbw�chsiger! � Hoffen wir�s! � Ich wei� mir einfach keinen Rat mehr! Wenn eure Mutter doch nur noch leben w�rde!� Dann folgten ein bitteres Lachen und ein Sto�seufzer: �Sonst m�ssen es die Barclays eben richten!�</p><p>Ich schluckte und �berlegte, ob ich noch l�nger horchen oder mich schleunigst verdr�cken sollte, doch dann klopfte ich zweimal fest an die T�r und trat im selben Augenblick ein.</p><p>�Oh, Rupert!�, rief mein Vater �berrascht, fuhr hinter seinem Schreibtisch in die H�he und r�usperte sich. �Gut, dass du da bist, mein Junge. Ich sprach gerade mit William �ber dich.� Er h�ngte den H�rer an den Haken, ohne sich zuvor von meinem Bruder verabschiedet zu haben.</p><p>�Das war nicht zu �berh�ren. Deine Stimme schallt �ber den gesamten Flur.� Ich deutete auf den klobigen Tischapparat, der beinahe die H�lfte des Schreibtisches einnahm, und setzte grienend hinzu: �Das ist ein Telefon, Vater, und keine Sprachtrompete. Wenn du in dieser Lautst�rke schreist, kann William dich in der Dover Street auch ohne elektrischen Transmitter h�ren.�</p><p>�Sicher, mein Junge, sicher.� Er fuhr sich nachdenklich mit der rechten Hand durch seinen imposanten grauen Vollbart. �War�s sch�n in Dorking? Wie geht�s Meredith? Sind alle wohlauf in Bury Hill? Hast du mit Mr. Barclay gesprochen?�</p><p>Da ich nicht wusste, auf welche der hastig vorgetragenen Fragen ich antworten sollte, nickte ich lediglich und harrte der Dinge. Ich warf einen fl�chtigen Blick auf das gro�formatige Gem�lde, das mein Vater vor einigen Jahren, kurz nach dem Tod unserer Mutter, direkt �ber seinem Schreibtisch hatte anbringen lassen. Das allzu s��lich geratene Bildnis eines Hirtenm�dchens war von uns IngramS�hnen �Die Frau in Wei߫ getauft worden � nach einem Lieblingsroman unserer Mutter und weil die wei� gekleidete junge Frau, die darauf vertr�umt zwischen Ziegen und Schafen auf einer Weide hockte, an die ber�hmte Titelfigur des Romans erinnerte. Ich konnte dieses sentimentale und abgeschmackte Gem�lde niemals anschauen, ohne mich innerlich vor Widerwillen zu winden. Und ich hatte nie herausgefunden, was unseren Vater veranlasst hatte, es zu kaufen oder in Auftrag zu geben. Er behauptete, das Bild erinnere ihn an unsere Mutter, doch von einer auch nur angedeuteten �hnlichkeit konnte �berhaupt keine Rede sein.</p><p>�Ihr habt also gesprochen, das ist gut.� Mein Vater schob sich die Brille auf die Nasenwurzel und starrte in den schwarzen Sprachtrichter, als schaute er in den Schlund eines Raubtiers. �Und wor�ber?�</p><p>�Wor�ber <emphasis>was?</emphasis>� Ich nahm eine Zigarette aus dem silbernen Etui, das ich aus der Innentasche meines Gehrocks geholt hatte.</p><p>�Wor�ber habt ihr gesprochen?�</p><p>�Du meinst, Mr. Barclay und ich?�, fragte ich verwirrt, z�ndete mir die Zigarette mit einem Streichholz an und sagte dann: ��ber Bier.�</p><p>�Das ist gut�, wiederholte er und l�chelte seltsam. �Bier ist gut.� Er wirkte beinahe erleichtert oder �berrascht.</p><p>�Ich dachte, du magst kein Bier�, wunderte ich mich und stie� eine Rauchwolke aus. �Du bekommst davon Sodbrennen.�</p><p>�Das stimmt allerdings, f�rchterliches Gebr�u�, brummte er und schaute mich verwirrt an. �Aber dass ihr dar�ber gesprochen habt, das finde ich gut. Wurde ja auch Zeit. Du hast also keine Einw�nde?�</p><p>�Gegen Bier?� Ich verstand nicht recht. Was in Gespr�chen mit meinem Vater allerdings sehr h�ufig vorkam. So klar und bestimmt Harvey Ingram als Gesch�ftsmann und Hotelier auftreten konnte, so wirr und unverst�ndlich verhielt er sich oft als Vater und Familienhaupt.</p><p>�Warum sollte ich etwas gegen Bier haben?�, fragte ich. �Ich bin doch kein Snob.�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Das ist wunderbar! So schlimm ist Southwark auch gar nicht.� Er klopfte sich mit der rechten Hand auf den Oberschenkel und nickte zufrieden. �Das w�re also gekl�rt.�</p><p>�Southwark?�, wunderte ich mich. �Was ist damit?�</p><p>�Ich meine die Brauerei. Barclay und Perkins. Du wei�t schon.�</p><p>Ich wusste nicht, nickte aber dennoch.</p><p>�Sehr gut, jawohl!�, rief er erleichtert. �Das freut mich ungemein, dass ihr euch einig geworden seid. William hat auch nichts dagegen einzuwenden.� Dann setzte er pl�tzlich eine gequ�lte Miene auf, deutete auf die Zigarette in meiner Hand und fragte: �Musst du immer dieses gr�ssliche Kraut rauchen? Ich hab dir doch zu deinem Geburtstag eine Kiste Habanos geschenkt. Diese stinkenden �gyptischen Papierst�ngel sind was f�r Soldaten und Sozialisten.�</p><p>�Mir schmecken sie.� Ich wartete auf Weiteres, doch er schien meine Anwesenheit bereits wieder vergessen zu haben und beugte sich �ber irgendwelche Papiere auf seinem Schreibtisch. Es sah aus wie das Londoner Telefonbuch. Ich wandte mich zur T�r und fragte: �Gibt es sonst noch was? Ich bin m�de und w�rde mich gern hinlegen.�</p><p>Mein Vater fuhr aus seinen Gedanken hoch, schaute verwirrt drein und hob abwehrend die H�nde. �Wir reden morgen weiter. Ruh dich erst einmal aus, mein Junge.� Er machte ein Gesicht, als w�re er sehr zufrieden mit sich. �Wir reden morgen.�</p><p>Stirnrunzelnd verlie� ich das B�ro und schloss die T�r. Von drau�en h�rte ich die laute Stimme meines Vaters: �Ja, hallo! Geben Sie mir bitte Mayfair 369!�</p><p>�Einig geworden�, gingen mir seine Worte durch den Kopf. Was hatte er blo� damit gemeint? Und wogegen hatte William nichts einzuwenden?</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Obwohl nur einen Steinwurf vom Hatchett�s Hotel entfernt, unterschied sich das Crown Hotel in der Dover Street doch merklich vom Etablissement an der Piccadilly. W�hrend sich das Hatchett�s �ber die Jahrhunderte aus einer alten Postkutschenstation und Sch�nke zu einer feinen Adresse entwickelt hatte und gerade nach der Renovierung beinahe aufdringlich als luxuri�ses Hotel mit gro�em Empfangsbereich erscheinen wollte, war das Crown ein etwas fadenscheinig umgebautes Wohnhaus, das von au�en mit seiner dunklen Backsteinfassade recht unscheinbar und im Inneren allzu un�bersichtlich wirkte. Zwar gab es auch hier eine Rezeption und einen Salon samt Speisesaal, doch das Hotel machte einen improvisierten und unfertigen Eindruck. Eben wie ein Wohnhaus, das vor einigen Jahren notd�rftig und ohne gro�en baulichen Aufwand den neuen Aufgaben angepasst worden war.</p><p>Offiziell f�hrte ich gemeinsam mit meinem zweit�ltesten Bruder William das Hotel, doch in Wirklichkeit �berlie� ich William nur zu gern und bereitwillig Leitung und Verantwortung und beschr�nkte meine T�tigkeit aufs Repr�sentieren und Parlieren. William war ohne jeden Zweifel der begabtere Gesch�ftsmann und geschicktere Organisator von uns beiden und hatte mich quasi vom Vater aufs Auge gedr�ckt bekommen, um mir eine sinnvolle und charakterbildende Besch�ftigung zu verschaffen. William hatte sich auf diesen Kuhhandel vermutlich nur deshalb eingelassen, weil er selbst � wie er sehr wohl wusste � auf andere Menschen einen eher spr�den und wenig gewinnenden Eindruck machte und sich lieber um die B�cher und Finanzen als um die Klientel und das gesellschaftliche Leben w�hrend der l�rmenden Londoner Saison k�mmerte. In gewisser Weise waren wir Br�der, so grundverschieden wie wir waren, eine Symbiose eingegangen, zum gegenseitigen Nutzen und Vorteil. William, der enorm flei�ig war und dem die t�gliche K�rrnerarbeit nichts auszumachen schien, war die Seele und das Hirn des Hotels, ich fungierte gewisserma�en als Aush�ngeschild und Visitenkarte.</p><p>F�r mich hatte die nicht gerade zeitraubende T�tigkeit im Crown Hotel den Vorteil, dass ich eine eigene, wenn auch recht schlichte Wohnung unter dem Dach besa�, die ich �ber einen getrennten Zugang zum unbewohnten Dachboden des Hinterhauses betreten konnte, ohne dem Empfangsbereich des Hotels zu nahe zu kommen. Die von William angebotenen Zimmer im ersten Stock hatte ich dankend abgelehnt. Die Mansarde reiche mir vollends, hatte ich mit betonter Bescheidenheit behauptet. Ruhe und Ungest�rtheit seien mir wichtiger als eine vorzeigbare Suite oder ein Telefonanschluss. Auch auf elektrisches Licht und flie�endes Wasser k�nne ich gut verzichten. Dass mir die N�he zu den Dienstm�dchen, die, nur durch eine Schiebewand von mir getrennt, im selben Stockwerk wohnten, nicht ganz ungelegen kam und f�r allerlei Abwechslung zu sorgen versprach, hatte ich tunlichst verschwiegen.</p><p>William, selbst ein eher biederer B�rger und Ehemann, schien mich f�r einen verhinderten K�nstler und verkappten Dandy zu halten. Er betrachtete das Wohnen unterm Dach als eine der vielen Marotten seines kleinen Bruders und hinterfragte diese seltsamen Schrullen nicht. Ihm war alles recht, solange ich ihm beim Tagesgesch�ft nicht ins Handwerk pfuschte und stattdessen bei den obligatorischen Diners und Empf�ngen eine gute Figur abgab und das Crown Hotel als junges, aufstrebendes, aber nicht zu kostspieliges Hotel f�r Gesch�ftsleute und Familien im Gespr�ch hielt.</p><p>Als ich die winzige Lobby des Hotels betrat, kam mir Gray, einer der beiden Laufburschen, entgegen und begr��te mich freudig: ��n Abend, Boss.�</p><p>�Guten Abend, Sir�, verbesserte ich und schlug dem Jungen mit meinen wei�en Handschuhen spielerisch auf den Kopf. �Wann lernst du das endlich, Gray? Du musst auf deinen Mund aufpassen!�</p><p>��tschuldigung, Boss�, antwortete Gray. �Werd�s mir merken. Ist aber nicht so einfach. Mein Mund macht n�mlich nicht immer, was ich will, Boss � �h � Sir!�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und war froh, dass William nicht Zeuge der Begr��ung gewesen war. Auch der kleine Gray war, wenn man so wollte, eine meiner eigenwilligen Marotten. Ich hatte den f�nfzehnj�hrigen Jungen, der eigentlich Graham Maggott hie�, vor einigen Monaten in einer Sch�nke in Spitalfields aufgelesen und aus einer Laune heraus als Laufburschen und Handlanger f�rs Crown Hotel rekrutiert, obwohl er als ungehobelter Schankjunge nicht die geringste Eignung f�r eine T�tigkeit in einem Hotel im West End besa�. Ich wusste selbst nicht genau, wieso mir der Junge auf Anhieb so ans Herz gewachsen war. Vielleicht war es die unbek�mmerte und offenherzige Art des Bengels gewesen, die mich ebenso erstaunt wie erheitert hatte. Wom�glich hatte ich aber auch nur Mitleid mit dem Kleinen gehabt, denn Gray war durch ein riesiges, bl�ulich schimmerndes Muttermal entstellt, das fast seine gesamte linke Gesichtsh�lfte �berzog. Schlie�lich wusste ich, was es bedeutete, mit einem auff�lligen Leberfleck bestraft zu sein. Auch wenn mein Wangenherz nicht ann�hernd so verunstaltend war wie Grays blaue Gesichtsh�lfte.</p><p>Als mein Bruder den Jungen zum ersten Mal gesehen hatte, war er vor Zorn beinahe explodiert und hatte �die h�ssliche Fratze�, wie er ihn nannte, aus dem Haus werfen wollen. Doch ich hatte darauf bestanden, dem Jungen eine Chance zu geben, und meinen Bruder schlie�lich mit dem Argument gek�dert, einem Burschen wie Gray nur die H�lfte des �blichen Lohns zahlen zu m�ssen. Gray hatte seine Chance bekommen und sie wider Erwarten genutzt, denn was ihm an Bildung, Manieren und H�flichkeit abging, das machte er mit Eifer und unbedingter Ergebenheit wett. Und der halbe Lohn war immer noch um einiges h�her als das Hungergeld, das er zuvor im Ten Bells Pub verdient hatte.</p><p>�Wo ist mein Bruder?�, wandte ich mich an den Laufburschen.</p><p>�In der K�che�, antwortete Gray. �Er streitet mit dem Metzger �ber die Rechnung. Der Boss sagt, dass Mr. Morrison ihn �bern Tisch gezogen hat, und Mr. Morrison sagt, dass der Boss ihn �bern Tisch ziehen will.� Er zwinkerte mir verschw�rerisch zu und meinte: �Ich glaube, der Metzger hat recht und der Boss wird �nen ordentlichen Rabatt raushandeln.�</p><p>�S�he ihm �hnlich�, best�tigte ich l�chelnd und wurde im n�chsten Moment ernst. �Warum bist du �berhaupt hier vorne, Gray? Du wei�t doch, dass du dich nicht ungefragt in der Lobby blicken lassen sollst.� Ich schaute zur Rezeption, die jedoch in diesem Augenblick nicht besetzt war, und befahl: �Scher dich ins Dienstbotenzimmer, bevor dich jemand sieht!�</p><p>Gray schaute zu Boden, als wollte er sein Gesicht verstecken. �Ich hab Sie kommen sehen und wollte nur Bescheid geben, dass der Verr�ckte wieder da war und nach Ihnen gefragt hat.�</p><p>�Welcher Verr�ckte?�</p><p>�Der Verr�ckte von St. Giles. Der b�rtige Glatzkopf mit den komischen Augen und den bunten Fingern.� Er blickte kurz auf und gleich wieder nach unten. �Er hat gesagt, er hat was f�r Sie. Und Sie sollen�s sich gleich anschauen. Er ist heut Abend am �blichen Ort, hat er gemeint.�</p><p>�War er n�chtern?�</p><p>�Gezittert hat er wie Espenlaub�, sagte Gray. �Scheint lange nichts getrunken zu haben. Hat gesagt, es w�r eilig. Und es w�rd sich f�r Sie lohnen.�</p><p>�Danke, Gray�, erwiderte ich und sch�ttelte abwehrend den Kopf, als er mir Mantel und Hut abnehmen wollte. �Das bleibt unter uns. Verstanden?�</p><p>�Jawohl, Boss! Wie immer.�</p><p>Auf Grays Loyalit�t und Diskretion konnte ich mich verlassen. Nicht zum ersten Mal begl�ckw�nschte ich mich zu dem Einfall, den sonderlichen Jungen ins Crown zu holen. Obwohl ich so gut wie nichts �ber ihn und seine Herkunft wusste, war Gray Maggott mir in gewisser Weise ein Vertrauter geworden, jedenfalls in Angelegenheiten, die das Tageslicht scheuten und von denen meine Familie nichts wissen durfte. Der verr�ckte Simeon geh�rte eindeutig zu dieser Art von Angelegenheiten, auch wenn er nicht halb so verr�ckt war, wie Gray offensichtlich glaubte.</p><p>�Und jetzt schleich dich!�</p><p>Der Junge verschwand mit einem B�ckling in Richtung Dienstbotenzimmer, das sich direkt neben der verwaisten Rezeption befand, und auch ich hatte es eilig, hinauf in meine Mansarde zu gehen, mich frisch zu machen und umzuziehen. Mit Zylinder, Weste und Gehrock konnte ich mich unm�glich in den Kneipen von St. Giles blicken lassen.</p><p>Als ich die unbequeme Kleidung abgelegt hatte und in Hemd und Unterhose in meinem Arbeitszimmer stand, das nur unwesentlich ger�umiger war als die winzige, spitz zulaufende Schlafkammer nebenan, fiel mein Blick auf das Buchregal neben dem Schreibtisch, und erneut �berfiel mich die schlechte Laune, die mich schon auf der R�ckfahrt von Dorking gequ�lt hatte. Zwar waren die F�cher im Regal leidlich mit gebundenen B�chern und einigen preiswerten Yellow Backs gef�llt, doch der Gedanke an den Schatz, den ich heute Nachmittag in den H�nden gehalten hatte und der nun weiterhin in der Bibliothek von Bury Hill verstaubte, verg�llte mir beinahe die Freude an der Literatur. Als ich mit Mr. Barclay rauchend in der Bibliothek gestanden und mich �ber Bier, Southwark und Mortimers alberne Kaffeehaus-Pl�ne unterhalten hatte, war mir ein mit goldenem Bl�tenmuster verziertes Buch im Regal aufgefallen, das sich merklich von den �brigen Groschenromanen und g�ngigen Klassiker-Nachdrucken unterschied, die sich im B�cherschrank der Barclays sonst so tummelten. W�hrend Mr. Barclay von seinen Gesch�ftsideen, seiner florierenden Brauerei, seinem noch minderj�hrigen Sohn und irgendwelchen Umbauten auf dem Werksgel�nde in Southwark faselte und ich eifrig dazu nickte, obwohl ich gar nicht richtig zuh�rte, griff ich wie beil�ufig nach dem Buch und starrte es an, als hielte ich den Heiligen Gral in der Hand.</p><p>Es handelte sich um eine Originalausgabe von Oscar Wildes Erstlingswerk �Poems�, mit glasiertem und golden emailliertem Pergamenteinband und handgesch�pftem Papier. Nur sehr wenige Exemplare dieser aufw�ndig und liebevoll gestalteten Gedichtsammlung waren vor etwa sieben Jahren gedruckt und vom Autor h�chstpers�nlich an ausgew�hlte Personen �bergeben worden. Wie Mr. Barclay in den Besitz dieses Werkes gelangt war, konnte ich mir nicht erkl�ren, aber als ich das Buch aufklappte, sah ich, dass der Schriftsteller es auf der ersten Seite signiert hatte. Wie ich aus einem fr�heren Gespr�ch wusste, hielt Merediths Onkel die Literatur und �berhaupt jede Art von Kunst f�r nichtigen Tand, der allenfalls dazu diente, das Einschlafen zu beschleunigen oder, falls es sich um ein Gem�lde handelte, etwas Abwechslung ins Tapetenmuster zu bringen.</p><p>Perlen vor die S�ue!, schoss es mir erneut durch den Kopf. Vielleicht hatte ich auch deshalb so wenig auf den Inhalt des Gespr�chs mit Mr. Barclay geachtet, weil ich die ganze Zeit mit dem Gedanken besch�ftigt war, ob ich das Buch nicht einfach einstecken und unbemerkt in meinen Besitz bringen sollte. Der Verlust w�re Mr. Barclay vermutlich gar nicht aufgefallen, ja, wahrscheinlich hatte er nicht einmal die leiseste Ahnung, welch ein kostbares Kleinod sich in seiner achtlos zusammengestellten Bibliothek befand. Doch ich hatte mich nicht getraut, das Buch vor seiner Nase zu entwenden, und als ich nun in meiner Mansarde stand und an die vertane Chance dachte, �rgerte ich mich ma�los �ber meine Feigheit.</p><p>Ich schleuderte die Manschettenkn�pfe und die Krawatte auf den Schreibtisch, ging nach nebenan, warf mich aufs Bett und starrte missmutig L�cher in die Luft. Wie so oft in den letzten Jahren schalt ich mich f�r meine eigene R�ckgratlosigkeit und meinen fehlenden Mut, Dinge zu tun und Chancen zu ergreifen, die Vergn�gen oder Befriedigung versprachen. Stattdessen war ich auf dem besten Weg, ein M�dchen zu heiraten, das mich nicht interessierte, ich f�hrte ein Hotel, das mir herzlich gleichg�ltig war, und versuchte meinem Vater zu gefallen, obwohl er seit Jahren beharrlich die Tatsache ignorierte, dass ich f�r ein Leben, wie er es sich vorstellte, einfach nicht geschaffen war.</p><p>Doch was genau wollte ich? Was sollte ich mit meinem Leben anfangen? Auch dar�ber war ich mir nicht im Klaren. Ich wollte etwas anderes, das war das Einzige, was ich wusste. Und wie ein kleines Kind machte ich alberne Pl�ne f�r die Zukunft. Mal wollte ich ein Schriftsteller sein und die Welt mit Gedichten und Geschichten in Erstaunen versetzen. Dann wieder glaubte ich, es stecke ein Maler oder Zeichner in mir, dessen Bilder sichtbar machen konnten, was dem Auge sonst verborgen blieb. Oder ich hielt mich f�r einen potenziell begabten Schauspieler, dessen einziges Manko es war, noch keine Theaterb�hne betreten zu haben.</p><p>Wie aber sollte ich ein solcher K�nstler werden, wenn ich nichts zu erz�hlen, abzubilden oder darzustellen hatte? Ich hatte in meinen dreiundzwanzig Jahren noch nichts erlebt oder am eigenen K�rper erfahren, das sich k�nstlerisch aufzuarbeiten lohnte. Wor�ber also sollte ich mich auslassen? Was hatte ich schon mitzuteilen? Nichts! Mal ganz abgesehen davon, dass ich gar nicht wusste, ob ich irgendeine Art von Talent besa�.</p><p>Vielleicht war das Grund f�r meine n�chtlichen Fluchten nach Southwark oder ins East End. Um mir ein fremdes Leben anzueignen, das meinem eigenen widersprach und wenigstens den Anschein erweckte, aufregend zu sein. Ich wusste sehr wohl, dass es eine Art Kost�mierung war, ein Mummenschanz, der dazu diente, mich mit Menschen und M�glichkeiten in Verbindung zu bringen, die mir im wirklichen Leben verschlossen blieben. Nicht nur die Kleidung wechselte ich, auch meine Sprache konnte ich mittlerweile dem derben Cockney-Slang so anpassen, dass niemand das Schauspiel bemerkte. Niemand au�er mir.</p><p>Doch wenn ich mich in den Kneipen an der Bankside, den Hurenh�usern von Whitechapel oder den Opiumkellern von Limehouse herumtrieb, dann machte ich mir keine Gedanken �ber diesen Selbstbetrug, sondern lie� mich wie willenlos treiben und mitrei�en. Es war wie ein erregender Schwindel, der mich erfasste und taumeln lie�. Als st�nde ich vor einem Abgrund und schaute fasziniert, wenn auch mit zittrigen Knien, in die Tiefe. Ein prickelndes und elektrisierendes Gef�hl. Auch wenn das Aufwachen am n�chsten Morgen oft mit Ekel oder Schamgef�hl verbunden war. Und mit einem b�sen Kater obendrein.</p><p>Simeon hatte einmal gesagt, ich m�sse kein Schauspieler mehr werden, weil ich l�ngst einer sei. Ein ziemlich �berzeugender sogar. Und die Huren, der P�bel und die Gauner in den Slums seien mein unwissendes Publikum. Auch er sei einmal ein solcher Schwindler und eitler Narr gewesen, doch dummerweise geh�re er nun tats�chlich auf die andere Seite und m�sse nicht l�nger nur so tun, als sei er ein Teil des Londoner Abschaums.</p><p>Der Gedanke an Simeon lie� mich zusammenfahren. Rasch zog ich die schwarze Zimmermannskleidung an, die ich in einem Weidenkoffer unter dem Bett versteckt hatte, verlie� meine Wohnung �ber den Dachbodenausgang und trat, den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, in den unbeleuchteten Hof, von dem aus mehrere gemauerte und �berdachte Passagen in unterschiedliche Richtungen f�hrten. Einer dieser schmalen Durchl�sse f�hrte zur kleinen Kapelle von St. George, und von dort zweigte ein weiterer Schleichweg zur viel befahrenen Bond Street ab, wo ich einen Omnibus in Richtung Holborn bestieg. Dass auf dem Oberdeck des Busses f�r eine neue Bierkreation meines zuk�nftigen Schwiegeronkels geworben wurde, kam mir wie ein schlechter Scherz vor.</p><empty-line/></section><section><p>3</p><p>The Rookery Inn war eine ebenso unbedeutende wie unscheinbare Kneipe am n�rdlichen Ende der Drury Lane. Nicht so heruntergekommen und sch�big wie manch anderer Pub in St. Giles, aber auch nicht gerade vornehm oder respektabel zu nennen. Ihren seltsamen Namen hatte die Kneipe nach der Bezeichnung des ber�chtigten Armen-und Gaunerviertels, das bis vor wenigen Jahrzehnten rund um die Kirche von St. Giles-in-the-Fields bestanden hatte. Die Rookery war zum Synonym f�r Hurerei, Alkohol, Gl�ckspiel und Verbrechen aller Art geworden, und auch wenn man einen Gro�teil des Slums abgerissen hatte, um die New Oxford Street zu errichten und die Gegend auf diese Weise aufzuwerten, hatte St. Giles seinen zwielichtigen Ruf damit keineswegs verloren. Es wimmelte immer noch von Kneipen und Bordellen, und statt der obsz�nen Kellertheater und verruchten Wetth�hlen von einst gab es nun das Arbeitshaus in unmittelbarer Nachbarschaft.</p><p>Die N�he zum Arbeitshaus war der Grund, warum Simeon sich mit Vorliebe im Rookery Inn verabredete, denn in dem Armenhaus der Gemeinde wohnte er als einer der vielen Besitz-und Obdachlosen, die sich keine eigene Wohnung leisten konnten. An diesem Ort erhielten all jene, die einer geregelten T�tigkeit nachgingen, ein Bett in einem der riesigen Schlafs�le und zwei d�nne Mahlzeiten pro Tag. Das Arbeitshaus bot Simeon die M�glichkeit, weitgehend unbehelligt als K�nstler zu arbeiten, denn ob er nun Bilder und Zeichnungen anfertigte oder sonstige T�tigkeiten wie Wergzupfen oder Steineklopfen verrichtete, war den Leitern und Aufsehern des Hauses herzlich egal. Ihnen ging es nur darum, die �rmsten der Armen von der Stra�e fernzuhalten und irgendwie zu besch�ftigen, damit sie nicht auf dumme oder gar umst�rzlerische Gedanken kamen. Dass Simeon einst ein gefeierter und weithin bekannter Maler gewesen war, war den Aufsehern vermutlich nicht einmal bekannt. Sie sahen in ihm, was alle in ihm sahen: einen Trinker und Nichtsnutz. F�r harte k�rperliche, m�glicherweise sogar gewinnbringende Arbeit taugte er in ihren Augen nicht, also lie�en sie ihn mit seinen Bildern gew�hren und waren froh, wenn er ihnen keinen �rger bereitete.</p><p>Das Rookery Inn war an diesem Donnerstag nur m��ig gef�llt. Einige Arbeiter aus den vielen sch�bigen Hinterhoffabriken und Handwerksbetrieben, die sich im verwinkelten St. Giles regelrecht vor dem grellen Tageslicht verschanzten, hockten an der Theke und beachteten mich kaum, als ich mit gesenktem Kopf die Kneipe betrat. Simeon war noch nicht anwesend, und so setzte ich mich in eine dunkle Ecke des Schankraums, bestellte beim Wirt ein Pint Porter und wartete. Wie so oft betrachtete ich die kleine Kreidezeichnung, die hinter dem Tresen an der Wand hing und das Rookery Inn darstellte. Oder besser gesagt, ein idealisiertes und fast heimelig wirkendes Abbild der Kneipe, das zugleich etwas Ironisches oder Augenzwinkerndes ausstrahlte. Simeon hatte das Bild gezeichnet, um damit einen Teil seiner Trinkschulden beim Wirt zu bezahlen. Und eine realistische Darstellung des Hauses h�tte ihm wom�glich weniger Schuldenerlass eingebracht.</p><p>Was f�r ein schreiender Unterschied bestand zwischen dieser hingeworfenen Skizze und dem �lgem�lde, das ich vor etwa drei Jahren im Haus eines Bekannten in Mayfair bewundert hatte und durch das ich zum ersten Mal mit dem Namen Simeon Solomon in Kontakt gekommen war. Mein Bekannter, ein eitler Wichtigtuer und Banause, der sich f�r einen Kunstkenner zu halten schien und den ich aus dem Club kannte, hatte mir das Gem�lde mit gro�er Geste pr�sentiert und im Kennerton verraten, es handele sich um einen echten Solomon und er h�tte es f�r ein geradezu l�cherliches Taschengeld ersteigert. Dabei hatte er die Augenbrauen gehoben, als m�sste ich schon allein bei der namentlichen Nennung des K�nstlers vor Neid erblassen. �Du wei�t schon�, hatte er fl�sternd hinzugesetzt, �Simeon Solomon.� Und dann hatte er selbstgef�llig gegrinst �ber seinen gro�en Coup.</p><p>Der Name sagte mir nichts, doch das Bild beeindruckte mich umso mehr. Es zeigte einen gefallenen Engel und war im Stil der Pr�raffaeliten gehalten: �berfrachtet, detailversessen, mythologisch �berh�ht und sehr brillant in den Farben. Es erinnerte mich an Freskenmalerei in alten Kirchen. Und doch unterschied es sich merklich von vergleichbaren Werken, die ich bislang gesehen und oft als gek�nstelt abgetan hatte. Dieses Gem�lde stellte kein Pathos zur Schau, sondern zeigte echten, unverstellten Schmerz. Die Sattheit der Farben und die fast �berzeichnete Sch�nheit der Formen und Figuren standen in seltsamem Widerspruch zu der stillen Verzweiflung und tiefen Melancholie, die dem Werk innewohnten. Es schien mir beinahe so, als wollten Form und Inhalt nicht recht zusammenpassen. Und es kam mir gleichzeitig so vor, als w�re dieser Widerspruch bewusst so gestaltet. Als ich meinem Freund diese Eindr�cke schilderte, lachte er mich aus. Damals sei Solomon ja noch nicht verzweifelt gewesen, meinte er. Das Bild sei etliche Jahre vor dem gro�en Skandal entstanden.</p><p>�Woran denkst du, Rupert?�, wurde ich pl�tzlich von einer knarzigen Stimme aus meinen Gedanken gerissen. �Hoffentlich nichts L�sternes.�</p><p>Ich lachte, sch�ttelte den Kopf und deutete zur Theke. �Ich betrachte nur dein Meisterwerk dort dr�ben�, sagte ich und dr�ckte die mir entgegengestreckte Hand. Als ich in Simeons faltiges und von einem wild wuchernden Vollbart gerahmtes Gesicht sah, war ich wie so h�ufig erstaunt, wie alt mein seltsamer Freund aussah. Simeon war noch keine f�nfzig Jahre alt, doch seinem Aussehen nach h�tte man ihn f�r einen Greis halten k�nnen. Das Haupthaar war ihm fast g�nzlich ausgefallen, die Haut war knittrig wie Pergament, seine Z�hne, die er bei jedem L�cheln bleckte, ragten schief, braun und unvollz�hlig aus seinem Kiefer, und seine gro�e Nase war rot und runzlig. Vermutlich war Simeon nie ein besonders sch�ner Mann gewesen, doch in seiner derzeitigen Verfassung wirkte er wie die Karikatur eines feisten Trinkers aus dem Punch-Magazin.</p><p>�L�dst du mich ein?�, fragte Simeon und winkte dem Wirt, ohne auf eine Antwort zu warten. �Gin!�, rief er und deutete mit Daumen und Zeigefinger die �ppige Portion an, die ihm vorschwebte.</p><p>Ich sah das Zittern der Finger und musste an Grays Bemerkung von dem Espenlaub denken. Ich fragte: �Du hast was f�r mich?�</p><p>Er nickte, wartete jedoch, bis der Wirt den Gin gebracht hatte und wieder verschwunden war, und sagte dann: �Kein Wort, verstanden?� Er kippte die H�lfte des Branntweins hinunter und f�gte wohlig grunzend hinzu: �Wenn die rauskriegen, dass ich heimlich was verkaufe, muss ich das Geld rausr�cken, und wom�glich werfen sie mich hochkant auf die Stra�e.�</p><p>�Versteht sich von selbst�, antwortete ich, nickte und wunderte mich zugleich, dass Simeon stets dieselben mahnenden Worte voranschickte, obwohl er mir doch schon etliche Zeichnungen verkauft hatte und wusste, dass er sich auf mich verlassen konnte. Eigentlich h�tte er jeden Penny, den er mit seiner Kunst verdiente, dem Arbeitshaus f�r Kost und Unterkunft �bergeben m�ssen, doch was n�tzten ihm das n�chtliche Bett und der t�gliche Haferschleim, wenn er keinen Gin bekam, um sich in den Schlaf zu wiegen. Und Alkohol stand leider nicht auf dem Speiseplan der Anstalt.</p><p>�Hier!� Er holte eine abgegriffene Kladde unter seinem fadenscheinigen Mantel hervor und schob sie �ber den Tisch. �Es hei�t: �Verwundete Liebe�. Was sagst du?�</p><p>Ich zog ein Papier von der Gr��e eines Viertelbogens aus der Kladde und betrachtete die Kohle-und Bleistiftzeichnung, die ganz in Braun-und Graut�nen gehalten war. F�r �l-oder Wasserfarben hatte Simeon kein Geld. Das Bild zeigte einen nackten jungen Mann, der mit gesenktem Haupt auf einem Steinblock hockte und sich mit der rechten Hand an einem Felsen abst�tzte. Zwei hoch aufragende Fl�gel wuchsen ihm aus dem R�cken, und eine leuchtende Gloriole umrahmte seinen Kopf, von dem das lange Haar in wirren Str�hnen auf die Schultern fiel. Unter dem Herzen hatte der nackte J�ngling eine offene Wunde, aus der das Blut auf den K�rper und zu Boden tropfte.</p><p>�Nun?�, fragte Simeon und leerte sein Glas.</p><p>Ich betrachtete nachdenklich das Gesicht des Mannes, der die verwundete Liebe symbolisieren sollte. Die gebogene Nase, das markante Kinn und die wulstigen Lippen kamen mir sehr bekannt vor. Auf beinahe jedem Bild von Simeon gab es ein solches M�nnergesicht, das entweder seinem Ideal von Sch�nheit oder einer bestimmten Erinnerung zu entsprechen schien. Dass ihm ein derart h�bscher Knabe im Arbeitshaus Modell gestanden hatte, war kaum anzunehmen.</p><p>�Es ist wundersch�n�, sagte ich schlie�lich und schob das Bild rasch wieder in die Kladde. �Aber zugleich sehr gewagt und verwirrend. Es jagt einem einen Schauer �ber den R�cken.�</p><p>Er grinste und nickte zufrieden.</p><p>�Warum hast du seine Scham nicht bedeckt?�, wollte ich wissen.</p><p>�Die Liebe muss sich nicht sch�men!� Er gab sich emp�rt, deutete aber zugleich bittend auf sein Glas.</p><p>Ich nickte und fragte: �Was willst du daf�r?�</p><p>�F�nf Pfund�, antwortete er und winkte dem Wirt.</p><p>�F�nf Pfund?� Ich verschluckte mich beinahe an dem Porter und sch�ttelte den Kopf. �F�r ein Bild, das ich nirgendwo aufh�ngen und niemandem zeigen kann? Vergiss es!� Ich holte meine Brieftasche aus der Jacke, wartete, bis der Wirt eingeschenkt hatte, und legte zwei Pfundnoten auf den Tisch.</p><p>�Das ist Halsabschneiderei!�, fluchte Simeon und kippte sich den gesamten Gin mit einem Schwung hinter die Binde. �Du bist ein Banause! Dass du�s nur wei�t!�</p><p>�Friss oder stirb!�, sagte ich und l�chelte, weil ich wusste, dass ihm diese zwei Pfund f�r einige Zeit �ber die Runden helfen w�rden. Und dass niemand sonst so viel Geld f�r seine Zeichnungen ausgeben w�rde. Vor allem nicht f�r diese Art von Bildern.</p><p>�Ich hab in der Royal Academy of Arts ausgestellt�, emp�rte sich Simeon, nippte erneute an dem bereits geleerten Glas und steckte schlie�lich das Geld ein. Seine H�nde zitterten nicht mehr, und seine Nase leuchtete r�tlich.</p><p>Ich lachte, weil auch der Verweis auf die K�nigliche Kunstakademie zum festen Bestandteil eines jeden Verkaufsgespr�chs im Rookery Inn z�hlte. Und wie die anf�ngliche Mahnung an die Verschwiegenheit war der abschlie�ende Vorwurf der Halsabschneiderei nur eine Floskel, die Simeon lediglich verwendete, weil es sich eben so zwischen uns eingeb�rgert hatte.</p><p>�Ich muss los�, sagte er, �sonst lassen sie mich nicht mehr rein.�</p><p>�Es wundert mich, dass sie dich �berhaupt nach Toresschluss rauslassen.�</p><p>�Ich zeichne den W�rtern versaute Bilder�, antwortete er, klopfte sich auf die Brust und r�lpste. �F�r ein paar nackte Weiber dr�cken sie gern ein Auge zu. Und der Pf�rtner steht noch auf ein paar andere Sachen, die lieber geheim bleiben.� Er zwinkerte mir zu, schaute dann sehns�chtig auf sein leeres Glas und fragte: �Einen f�r den Weg?�</p><p>�Wie immer�, antwortete ich und hob die Hand.</p><p>�Kommst du morgen ins Ten Bells?�, wollte Simeon wissen, w�hrend wir auf den Wirt warteten. �K�nnte spa�ig werden.�</p><p>�Wei� nicht�, sagte ich und z�ndete mir eine Zigarette an. �Die armen frommen Seelen tun mir fast ein bisschen leid. Sie wehren sich ja nicht einmal. Kommt mir irgendwie wie ein ungleicher Kampf vor.�</p><p>�Warum bist du dann ein Skeleton geworden?�</p><p>Eine gute Frage, die ich mir schon oft gestellt und auf die ich keine befriedigende Antwort gefunden hatte. �Aus Langeweile?�, antwortete ich schlie�lich, lie� es aber wie eine Frage klingen. �Und du?�</p><p>�Das wei�t du doch�, entgegnete er und deutete auf das Glas, das in diesem Moment vom Wirt gef�llt wurde. �Weil�s sich auszahlt. Es gibt freien Schnaps f�r alle Skelette. Wie immer. Um sechs geht�s los.�</p><p>�Mal sehen�, sagte ich und zuckte mit den Schultern. �Sechs Uhr passt mir eigentlich nicht, so fr�h komme ich nicht unbemerkt aus dem Hotel weg.�</p><p>��berleg�s dir�, meinte Simeon und prostete mir zu. �Angeblich hat sich Mr. Waldron diesmal was besonders Lustiges f�r die Heilsarmisten ausgedacht.�</p><p>Die Erw�hnung von Mr. Waldron, dem Wirt des Ten Bells Pub, erinnerte mich an meine erste Begegnung mit Simeon Solomon. Es war vor etwa einem Jahr gewesen. Ich hatte den Abend in einem chinesischen Opiumkeller nahe den Docks von Wapping verbracht und wollte, weil mir das Rauchen die Kehle ausged�rrt hatte, ein letztes Bier im Ten Bells trinken, bevor ich mich auf den Heimweg nach Mayfair begab. Der Pub in Spitalfields hatte sich in den letzten Monaten, die ich mich nun schon n�chtens im East End herumtrieb, zu einer meiner Lieblingskneipen entwickelt, weil die Kundschaft dort aus einer ebenso illustren wie lustigen Mischung unterschiedlichster Gestalten bestand. Die Prostituierten warben ganz ungeniert vor dem Eingang um Freier, ihre Zuh�lter behielten sie aus dem Kneipeninneren im Auge, Dock-und Fabrikarbeiter beiderlei Geschlechts tranken im Ten Bells ihr Feierabendbier, Gauner und Bettler mischten sich unter das bunte, betrunkene Volk, und immer wieder kamen Schausteller, Musiker und Kleink�nstler zur T�r herein, die auf ihre Auftritte hinwiesen oder gleich an Ort und Stelle ihr K�nnen demonstrierten.</p><p>In diesem Gewimmel fiel ich nicht weiter auf, niemand erkannte den wohlhabenden B�rgersohn unter dem schwarzen Cord-Anzug. Ich hatte in meiner Verkleidung, die ich inzwischen schon als zweite Haut betrachtete, bereits einige interessante Menschen kennengelernt und h�chst unterhaltsame Gespr�che gef�hrt. Und nicht selten hatten mich solche Begegnungen anschlie�end in das �rmliche Bett einer h�bschen Arbeiterin oder einer jungen Prostituierten gef�hrt.</p><p>Als an jenem Abend vor einem Jahr wieder einmal ein Hausierer zur T�r des Ten Bells hereinwankte und sich dem Tresen zuwandte, rief Mr. Waldron pl�tzlich hinter dem Schanktisch erfreut: �Simeon, alter Sodomit, was macht die Kunst?�</p><p>Seltsamerweise reagierte der Angesprochene auf diese derbe Beleidigung nicht emp�rt, sondern lachte mit dem Wirt und antwortete einsilbig: �Mehr Inhalt, weniger Kunst!�</p><p>Mr. Waldron verstand offenkundig nicht so recht, was damit gemeint war, setzte aber sein gesch�ftsm��iges L�cheln auf und wandte sich wieder seinem Zapfhahn zu.</p><p>Ich betrachtete den sonderbaren Kauz mit dem verfilzten Rauschebart und dem stechenden Blick, der an einer unhandlichen Kladde herumfingerte, und fragte: �Hamlet?�</p><p>Der B�rtige schaute �berrascht, be�ugte mich mit seinen Habichtaugen, grinste dann aber und sagte: �Nein, mein Name ist Solomon.�</p><p>�Ich meinte das Hamlet-Zitat�, begann ich und stockte pl�tzlich. Einen kurzen Moment lang �rgerte ich mich, dass ich mich mit meiner unbedachten �u�erung als Literaturliebhaber oder Theaterg�nger zu erkennen gegeben hatte. Doch dann f�gte ich den Vornamen, den der Wirt benutzt hatte, mit dem Nachnamen, den der B�rtige mir genannt hatte, zusammen und fragte: �Simeon Solomon?�</p><p>�Kennen wir uns?�, wunderte er sich.</p><p>�Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Oder zumindest eines Ihrer Bilder.�</p><p>�Ich hab neue dabei�, sagte er bereitwillig und klappte seine Kladde auf. �Jedes Bild f�r Sixpence. Drei f�r �nen Shilling.�</p><p>Ich betrachtete die Bilder in Miniaturgr��e und sch�ttelte entt�uscht den Kopf. Es handelte sich um eine Handvoll Postkartenansichten ber�hmter Londoner Geb�ude und Denkm�ler sowie biblische Motive in liebloser Bleistiftzeichnung. L�ppischer Schund!</p><p>�Nein�, sagte ich, �ich meinte eines Ihrer fr�heren Bilder. Ein �lgem�lde.�</p><p>Simeon runzelte die Stirn und starrte mich finster an, als w�re es ihm unangenehm, auf seine alten Gem�lde angesprochen zu werden.</p><p>�Ja�, mischte sich der Wirt wieder ein. �Unser Simeon war mal �n richtiger Maler. Kunstakademie und so, stimmt�s, mein j�discher Freund?� Er grinste schief, dann beugte er sich zu mir hin�ber und setzte augenzwinkernd hinzu: �Bis sie ihn auf einer �ffentlichen Toilette mit einem anderen Kerl erwischt haben. Auf frischer Tat.� Er lachte dreckig und klopfte Simeon auf die Schulter. �Da war�s dann Essig mit der Karriere. Heute verh�kert er seine Kunst in den Kneipen.� Mr. Waldron deutete auf die Bilder, die immer noch ausgebreitet auf dem Tresen lagen, betrachtete interessiert eine Ansicht des Towers und sagte: �Das hier finde ich allerdings ganz h�bsch. Was willst �n daf�r haben?�</p><p>�Sixpence�, murmelte Simeon und schaute zu Boden.</p><p>�Tr�um weiter�, lachte der Wirt, nahm das Bild an sich und sagte: �Geb dir �n halbes Pint daf�r.�</p><p>�Ein ganzes � bitte?�, bettelte Simeon. �Porter, wenn�s recht ist.�</p><p>�Na, will mal nicht so sein�, knurrte Mr. Waldron g�nnerhaft. �Soll schlie�lich keiner sagen, im Ten Bells w�rden Englands K�nstler schlecht behandelt. Selbst wenn sie j�dische Sodomiten sind.�</p><p>Ich wusste nicht genau, was ich besch�mender fand: die Andeutungen des Wirts wegen des Vorfalls in der �ffentlichen Toilette, seine abf�lligen Bemerkungen zu Simeons Religion oder das Feilschen des K�nstlers um ein paar Schlucke Bier. Mir war es nicht m�glich, Simeon Solomon direkt anzuschauen, deshalb war ich erleichtert, als er schlie�lich sein Glas nahm und sich mit den Bildern unterm Arm den anderen G�sten zuwandte, um seine Miniaturen anzupreisen.</p><p>Beim Verlassen des Pubs stie� ich erneut mit Simeon zusammen, der sich mit seinen Bildern unmittelbar vor dem Ausgang positioniert hatte, und ich musste mich regelrecht zwingen, die Frage zu stellen, die mir die ganze Zeit auf den Lippen gelegen hatte. �Ist das alles, wozu Sie noch in der Lage sind, Mr. Solomon?�, sagte ich und wies auf den Umschlag mit den Zeichnungen.</p><p>�Es ist das Einzige, was ich noch verkaufen kann�, antwortete er.</p><p>�Danach habe ich nicht gefragt.�</p><p>�Ich bin ein j�discher Sodomit, das haben Sie doch geh�rt.�</p><p>�Mag sein. Aber sind Sie immer noch ein K�nstler, Mr. Solomon?� Ich schaute ihm in die unangenehm stechenden Augen und setzte hinzu: �Oder haben Sie auch Ihre Kunst auf dieser �ffentlichen Toilette verloren?�</p><p>Simeon lachte �berrascht, t�tschelte dann meine Wange und sagte: �Hast du den Mut, es herauszufinden, mein Junge?�</p><p>Seit jenem ersten Zusammentreffen im Ten Bells musste ich jedes Mal an diese Frage denken, wenn ich mit Simeon zusammensa�, �ber die Kunst oder das Leben diskutierte und ihm die Zeichnungen abnahm, die er unter seinem wirklichen Namen keinem ernsthaft Kunstinteressierten zum Kauf anbieten konnte. Inzwischen betrachtete ich Simeon beinahe als meinen Freund, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob das auch andersherum galt oder ob er mich lediglich als seinen Goldesel betrachtete, doch immer noch �berkam mich mitunter das Unbehagen, das ich vor einem Jahr am Tresen des Ten Bells empfunden hatte. Dabei ging es nicht darum, dass ich bef�rchtet h�tte, Simeon k�nnte sich mir auf irgendeine Weise unsittlich n�hern, sondern um ein viel vageres Gef�hl der Beklemmung. Auch jetzt, im Rookery Inn, w�hrend er seinen �Schnaps f�r den Weg� kippte, f�hlte ich die Scham in mir hochsteigen. Ich sch�mte mich f�r Simeon, weil er sein Elend und seine Schande in Alkohol zu ertr�nken versuchte, und ich sch�mte mich f�r mich selbst, weil ich diese Schande durch die Pfundnoten, die ich ihm auf den Tisch legte, noch vergr��erte oder zumindest verl�ngerte. Und sei es unter dem Deckmantel der Freundschaft. Oder der Liebe zur Kunst.</p><p>�Bis morgen�, verabschiedete sich Simeon, klopfte auf den Tisch und stand �chzend auf. �Um sechs in der Church Street.�</p><p>�Rechne nicht mit mir!�, rief ich ihm hinterher und dr�ckte meine Zigarette im Aschenbecher aus.</p><p>�W�rde ich niemals tun�, antwortete er lachend und verschwand.</p><p>Ich �berlegte kurz, ob ich auch nach Hause gehen sollte. Der Tag war lang und erm�dend gewesen, die Reise nach Dorking hatte mir nicht nur die Laune verdorben, sondern mich auch ausgelaugt. Doch der Gedanke an Bury Hill und die Barclays lie� mich meine Meinung �ndern. Ich blieb am Tisch sitzen und machte dem Wirt ein Zeichen. Ein Schnaps f�r den Weg konnte niemals schaden.</p><empty-line/></section><section><p>FREITAG, 19. OKTOBER 1888</p><p>4</p><p>Am n�chsten Morgen wurde ich durch ein lautes Klopfen an der T�r geweckt. �Mr. Ingram, Sir, der Boss will Sie sprechen�, h�rte ich Grays Stimme aus dem Arbeitszimmer. �Sie haben verschlafen, Sir!�</p><p>Schwerf�llig schlug ich die Augen auf und wurde durch das grelle Licht geblendet, das durch die Dachluke direkt auf mein Bett fiel. Ich lag in meiner Zimmermannskleidung auf der Bettdecke und hatte es in der vergangenen Nacht offensichtlich nicht mehr geschafft, mich zu entkleiden. Sogar die Schuhe hatte ich noch an den F��en. Ich hatte keine Ahnung, wie und wann ich nach Hause gekommen war, und erst als ich Simeons �Verwundete Liebe� auf dem Nachttisch liegen sah, kam die Erinnerung an den letzten Abend zur�ck. Dem letzten Schnaps waren weitere gefolgt, und weil der Gin allein nicht schmeckte, hatte ich ihn mit Bier und Wein hinuntergesp�lt.</p><p>�Sag William, dass ich in einer halben Stunde unten bin�, kr�chzte ich und erschrak �ber meine eigene Stimme.</p><p>�Nicht <emphasis>der</emphasis> Boss�, antwortete Gray, �sondern der Boss vom Boss. Er wartet im Hatchett�s auf Sie.�</p><p>�Mein Vater?�, wunderte ich mich und qu�lte mich aus dem Bett. Ich konnte mich nicht erinnern, dass wir verabredet gewesen w�ren. �Worum geht�s? Und komm endlich rein, Gray, ich hab keine Lust, durch die T�r zu br�llen!� Da Gray von meinen n�chtlichen Ausfl�gen ins East End wusste, musste ich vor ihm in dieser Hinsicht nichts geheim halten. Ich schaute auf meine Taschenuhr und erschrak. Es war bereits nach Mittag. �Warum hast du mich nicht fr�her geweckt?�, schnauzte ich den Jungen an, als dieser das Schlafzimmer betrat und ver�chtlich die Nase r�mpfte.</p><p>�Das hab ich versucht, Sir�, antwortete Gray und �ffnete die Dachluke. �Zweimal sogar, aber Sie sind immer wieder eingeschlafen. War �ne lange Nacht, was? Kann man sehen. Und riechen. Soll ich Kaffee machen?�</p><p>Ich nickte, zog mich aus, warf die nach Rauch und Alkohol stinkenden Sachen in den Weidenkoffer und fragte Gray, bevor er das Zimmer verlie�: �Hast du zuf�llig geh�rt, was mein Vater mit mir besprechen will?�</p><p>�Ihre Br�der sind auch dabei, glaub ich.�</p><p>�Familienrat?�, staunte ich und fuhr mir �ber das stoppelige Kinn. �Wieso?�</p><p>�Nicht, dass ich gehorcht h�tte�, murmelte er und legte den Kopf schief.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, sagte ich und machte eine zugleich beschwichtigende und auffordernde Geste mit der Hand. �Also, worum geht�s?�</p><p>�Na, um Ihren Umzug nach Southwark.�</p><p>�Umzug?� Ich glaubte, mich verh�rt zu haben. �Nach Southwark?�</p><p>Gray hob die Achseln und sagte: �Ich mach mal Kaffee. Sch�n stark und mit viel Zucker. Kann, glaub ich, nicht schaden.�</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter st�rmte ich wutentbrannt ins Hatchett�s und an Bellamy vorbei die Treppe hinauf. Der alte Portier war so �berrascht, dass er sogar verga� zu gr��en. Ich hastete in den ersten Stock, stie� auf der obersten Stufe beinahe mit einem alten General in Ausgehuniform zusammen und rannte zu den Gem�chern meines Vaters. Als ich die T�r zum Salon aufstie�, sa�en die drei �brigen Ingrams am Rauchertisch und lie�en sich die Zigarren schmecken.</p><p>�Ah, da bist du ja, mein Junge�, freute sich mein Vater, doch schon im selben Augenblick nahm sein Gesicht einen ver�rgerten Ausdruck an. �Du siehst ja f�rchterlich aus! H�ttest dich wenigstens rasieren k�nnen. Mein Gott, wann wirst du endlich vern�nftig? Man kann ja Angst vor dir bekommen.�</p><p>Mortimer sch�ttelte lediglich missbilligend den Kopf, w�hrend William grinsend fragte: �Feierst du jetzt jeden Abend deinen Junggesellenabschied?�</p><p>�Was hat das zu bedeuten?�, wollte ich wissen.</p><p>�Was hat <emphasis>was</emphasis> zu bedeuten?�, antwortete mein Vater und r�ckte sich die Brille zurecht. �Setz dich doch!�</p><p>�Das hier!�, fauchte ich, deutete zum Tisch und blieb an der T�r stehen. �Der Familienrat!�</p><p>�Ich verstehe nicht�, sagte Mortimer immer noch kopfsch�ttelnd. �Wir m�ssen doch das weitere Prozedere besprechen. Es wird sich in Zukunft einiges �ndern, das kann man doch nicht so einfach �bers Knie brechen.�</p><p>�Gar nichts wird sich �ndern�, sagte ich und merkte selbst, dass ich mich wie ein bockiges kleines Kind anh�rte. �Gar nichts, versteht ihr?�</p><p>�Nein, wir verstehen nicht�, sagte mein Vater und schaute mich verwirrt an.</p><p>�Was ist los, Rup?�, wunderte sich William. Er stand auf und trat langsam auf mich zu. �Du hast doch alles mit Mr. Barclay besprochen und ihm in allen Punkten zugestimmt. Das hast du selbst gesagt, und auch Mr. Barclay hat heute ein Telegramm geschickt und best�tigt, dass ihr eine �bereinkunft getroffen habt.� Er wollte mir die Hand auf die Schulter legen, doch ich zuckte unwillk�rlich zur�ck, obwohl ich ahnte, dass er recht hatte. H�tte ich gestern doch nur besser auf das erm�dende Gerede von Mr. Barclay geachtet. Aber wie h�tte ich auch ahnen sollen, dass es um etwas wirklich Wichtiges ging.</p><p>William fuhr bes�nftigend fort: �Es ist ja auch viel praktischer, in unmittelbarer N�he der Firma zu wohnen, wenn du in der Brauerei arbeitest. Ich wei�, Southwark ist nicht Mayfair, aber ihr werdet in Anchor Terrace direkt an der Themse wohnen. Mit Blick auf die Kathedrale.�</p><p>�Zum Teufel mit der Kathedrale!�, zischte ich und stand weiterhin unentschlossen auf halbem Weg zwischen T�r und Tisch. �Ich ziehe nicht nach Southwark.�</p><p>�Aber du kannst nicht in Bury Hill wohnen�, wandte Mortimer ein. �Mr. Barclay braucht dich in Southwark als seine rechte Hand, solange sein �ltester Sohn noch ein Kind ist. Das st�ndige Hin und Her zwischen Surrey und London ist f�r Mr. Barclay zu umst�ndlich und m�hsam. Das ist doch der eigentliche Grund f�r die Vereinbarung. Bis der kleine Robert erwachsen ist, wirst du dich in die Gesch�fte eingearbeitet und unersetzlich gemacht haben. Wer wei�, vielleicht hei�t die Firma bald Barclay, Perkins &amp; Ingram.� Mortimer nickte zufrieden und setzte achselzuckend hinzu: �Du siehst, es ist ganz unabdingbar, dass du nach Southwark ziehst.�</p><p>�Ich werde nicht nach Southwark und erst recht nicht nach Bury Hill ziehen!�, beharrte ich und verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Kommt gar nicht in Frage!�</p><p>�Willst du mit Meredith in deiner Dachkammer wohnen?�, sagte William, fuhr sich �ber den Schnauzbart und lachte �ber seinen Scherz. �Werd erwachsen, Rup! Im Crown ist nicht genug Platz f�r uns alle, und was ist, wenn ihr erst mal Kinder habt? Du scheinst es immer noch nicht zu begreifen, aber du wirst in K�rze heiraten, Bruderherz. Dinge �ndern sich.�</p><p>�Dann heirate ich eben nicht!�, entfuhr es mir.</p><p>Nun platzte meinem Vater der Kragen. Er sprang auf, schlug mit der Faust auf den Tisch, dass seine Zigarre aus dem Aschenbecher fiel, und schrie: �Schluss mit dem Unsinn! Du h�rst auf der Stelle mit diesem Unfug auf! Es ist alles geregelt und besiegelt. Das Faulenzen und Herumtreiben hat ein Ende, hast du mich verstanden, ein f�r alle Mal! Du heiratest dieses M�dchen, diese ��</p><p>�Meredith�, sprang ihm Mortimer bei.</p><p>�Wei� ich doch!�, wehrte Vater ab und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich. �Du ziehst nach Southwark, du arbeitest bei Barclay, Perkins &amp; Company, und du h�rst auf, dich wie ein dummer Schuljunge zu benehmen!�</p><p>�Oder?�, fragte ich.</p><p>Mein Vater stemmte die Arme in die Seite und sagte mit ruhiger, aber bedrohlich klingender Stimme: �Oder du bist nicht l�nger mein Sohn! Dann bist du die l�ngste Zeit ein Ingram gewesen. Das schw�re ich beim Grab deiner Mutter.�</p><p>Ich schluckte und schwieg.</p><p>�Hast du das verstanden?�</p><p>Ich verharrte stumm und regungslos.</p><p>�Ob du das verstanden hast, verdammt noch mal?�</p><p>�Jawohl, Sir.� Und zerknirscht setzte ich hinzu: �Zu Befehl.�</p><p>�Na also!� Vater brummte zufrieden, setzte sich wieder und wies auf den freien Stuhl am Tisch. �Und jetzt hock dich hin, damit wir reden k�nnen.�</p><p>Doch ich tat nichts dergleichen. Ich setzte meinen Hut auf, wandte mich um und verlie� kommentarlos den Raum.</p><p>�Rupert!�, rief Mortimer mir nach. �Komm sofort zur�ck!�</p><p>�Lass ihn!�, wandte William ein. �Ich glaube, er hat�s begriffen.�</p><p>�Dein Wort in Gottes Ohr�, brummte mein Vater. �H�chste Zeit, dass der Junge endlich Vernunft annimmt!�</p><p>Dann fiel die T�r ins Schloss. Und ich erbrach mich in einen Blumenk�bel.</p><empty-line/></section><section><p>5</p><p>Warum war ich nur ein so verdammter Tagtr�umer? Wieso war es mir nicht m�glich, mich auf Dinge zu konzentrieren, die mich nicht interessierten? Weshalb trieben meine Gedanken unweigerlich in alle erdenklichen Richtungen ab, sobald ich mich langweilte? Und warum, zum Teufel, war mein Blick auf das vermaledeite Oscar-Wilde-Buch im B�cherschrank gefallen? Ich verfluchte mich, weil ich gestern nur mit halbem Ohr bei der Sache gewesen war, als Mr. Barclay von den Zukunftspl�nen f�r seine Brauerei gesprochen hatte. Das prahlerische Gerede von den Umbauten auf dem Firmengel�nde in Southwark, die erm�denden Ausf�hrungen �ber den bald anstehenden achten Geburtstag des kleinen Robert junior, die selbstgef�lligen Monologe �ber Bier, Familie und Tradition und dar�ber, dass ihm das halbw�chige Hin und Her zwischen Southwark und Bury Hill auf Dauer zu anstrengend sei � das alles hatte ich l�chelnd �ber mich ergehen lassen. Ich war mir inzwischen sicher, dass Mr. Barclay auf seine ausschweifende Art auch sehr detailliert dargelegt hatte, was ihm f�r seine Nichte Meredith vorschwebte und welche Rolle er dabei seinem k�nftigen �Schwiegerneffen� zudachte. Doch ich Esel hatte nicht hingeh�rt, sondern mich stattdessen in den Anblick eines reich verzierten Buches verliebt. Statt �ber meine Zukunft als stellvertretender Brauer nachzudenken, hatte ich mir lieber ausgemalt, wie ich Mr. Barclay einen wertvollen Gedichtband stehlen k�nnte.</p><p>Doch andererseits: Was h�tte meine Aufmerksamkeit an den Pl�nen ge�ndert? H�tte ich etwas dagegen einwenden k�nnen? W�re ich Manns genug gewesen, mich zu weigern und Mr. Barclay die Stirn zu bieten? Was h�tte ich als Alternative f�r mich und Meredith anf�hren k�nnen? Ein nichtsnutziges Leben in einer Dachkammer? Mit n�chtlichen Fluchten in die Gesellschaft von Huren, Gaunern, Trunkenbolden und gerichtlich verurteilten Sodomiten? Offensichtlich war die gesamte Angelegenheit seit Langem zwischen Harvey Ingram und Robert Barclay senior abgemacht. �Geregelt und besiegelt�, wie mein Vater gesagt hatte. Mit der Einwilligung in die Ehe hatte ich mich auch in alles andere gef�gt, das aus dieser Hochzeit folgte. Inklusive Umzug nach Southwark und Arbeit in einer Brauerei. Es war naiv oder fahrl�ssig gewesen, mir das nicht von vornherein klarzumachen.</p><p>W�hrend ich auf dem Victoria Embankment an der Themse entlangschlenderte und den m�chtigen �gyptischen Obelisken passierte, der im Herzen Londons so seltsam deplatziert wirkte, wanderte mein Blick auf die andere Seite des Flusses, wo die qualmenden Fabrikschornsteine in den Himmel ragten und das s�dliche Themseufer mit seinen Dockanlagen, Lagerh�usern und Anlegetreppen wie zerkl�ftet wirkte. Welch ein Unterschied zu dem breiten und gepflasterten Boulevard auf der Nordseite mit seinen uralten G�rten und herrschaftlichen Stadtvillen. Ich hatte mich schon oft in Southwark und an der Bankside herumgetrieben und kannte viele Kneipen und Gasth�user in dieser Gegend, darunter befand sich auch der Anchor Pub der Familie Barclay. Doch dort zu wohnen, eingezw�ngt zwischen Fabriken und Lagerhallen, inmitten des Gestanks nach Brausud, Bleichmitteln und Essigessenz, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich war im vornehmen Mayfair aufgewachsen, und auch wenn ich z�gerte, das West End mein Zuhause zu nennen, so wusste ich doch sehr genau, wohin ich <emphasis>nicht</emphasis> geh�rte. Meine n�chtlichen Ausfl�ge in die Arbeiter-und Elendsviertel waren eben Ausfl�ge und nur deshalb so spannend, weil ich anschlie�end nach Westminster zur�ckkehren und bei Tageslicht ein sorgenfreies Leben unter meinesgleichen f�hren konnte.</p><p>Ich hatte inzwischen die Blackfriars Bridge erreicht, blieb pl�tzlich stehen und schaute zur�ck nach Westen, wo der Uhrturm von Big Ben majest�tisch �ber dem Parlamentsgeb�ude thronte. Mit einem Mal durchfuhr mich ein Gedanke, der mir noch vor wenigen Stunden undenkbar und absurd vorgekommen w�re: Lag wom�glich genau darin mein Problem? Dass ich mir immer eine Hintert�r offengehalten und nie etwas riskiert hatte? Dass ich das Abenteuer gesucht, aber die Gefahr gescheut hatte? Der Alkohol und das Opium lie�en mich die Leere und Nichtigkeit meines Lebens vergessen, aber sie f�llten es nicht mit etwas Sinn-oder Gehaltvollem aus. Das Gleiche galt f�r die Frauen und die Liebe. In den letzten Monaten hatte ich mit vielen Frauen geschlafen, gegen Bezahlung oder aus oberfl�chlicher Sympathie, doch au�er der k�rperlichen hatte ich noch keine Liebe kennengelernt. Nichts Echtes, Ernstes oder Dauerhaftes. Und das Einzige, was mitunter von diesen fl�chtigen Liebschaften �brig geblieben war, war ein leichtes Brennen beim Wasserlassen.</p><p>�Trag�die oder Scherz?�, rief ein Zeitungsjunge auf der Br�cke und hielt eine Ausgabe des <emphasis>Star</emphasis> in die Luft. �Jack the Ripper schickt Niere des Opfers!�</p><p>W�hrend ich auf den Jungen starrte, kehrte ich wie aus einem Traum in die Realit�t zur�ck.</p><p>�Den <emphasis>London Star</emphasis>, Sir?�, fragte er hoffnungsvoll und hielt mir die Zeitung direkt vor die Nase. �Makaberer Brief vom Ripper, Sir!�</p><p>Ich winkte ab und fragte wie im Selbstgespr�ch: �Trag�die oder Scherz?�</p><p>�Ganz recht, Sir!�, sagte der Junge. �Kostet �nen Halfpenny.�</p><p>Pl�tzlich stieg eine seltsam unb�ndige Wut in mir auf. Warum glaubten eigentlich alle, nach Gutd�nken mit mir umspringen zu k�nnen? Warum konnten sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Besonders auf William, dem ich mich von allen Familienangeh�rigen am n�chsten f�hlte, war ich w�tend. Vermutlich hatte er seit Wochen gewusst, was der Vater und Mr. Barclay ausgeheckt hatten, doch kein warnendes Wort war �ber seine Lippen gekommen. Er hatte mich einfach in mein Ungl�ck rennen lassen!</p><p>Ich tat mir selbst leid und verachtete mich zugleich daf�r. Doch andererseits: Warum sollte ich kein Selbstmitleid empfinden? Sonst hatte ja niemand Mitgef�hl mit mir! Alle verlangten von mir, ein Leben zu f�hren wie sie, selbst wenn ich es gar nicht wollte. Zum Teufel mit ihnen allen!</p><p>�Zum Teufel, Sir?�, maulte der Zeitungsjunge. �Ich verkauf blo� Zeitungen. Kein Grund, gleich zu fluchen.�</p><p>Ich schaute den Jungen verwirrt an, dr�ckte ihm eine M�nze in die Hand und nahm eine Zeitung. Und aus einer pl�tzlichen Laune heraus und mit finsterer Miene winkte ich ein Hansom Cab heran, sprang hinein und rief dem Kutscher zu: �Dover Street. Zum Crown Hotel!� Dort w�rde ich mich schnell umziehen und anschlie�end ins East End fahren.</p><p>�K�nnte spa�ig werden�, hatte Simeon gestern gesagt. Und genau diesen Spa� hatte ich nun bitter n�tig. Auch wenn es ein Vergn�gen auf Kosten anderer war. Irgendjemand musste daf�r b��en, dass ich mich so elend und ungerecht behandelt f�hlte. Dieser Gedanke verschaffte mir zumindest eine kurzzeitige Erleichterung.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter hatte ich mich in der Mansarde umgezogen, in aller Eile rasiert und die Brieftasche mit Pfundnoten und M�nzen gef�llt. Anschlie�end entfernte ich mich unbemerkt �ber den separaten Ausgang und ging auf Schleichpfaden zur Piccadilly und von dort durch den St. James Park bis zur U-Bahn-Station. Ich kaufte ein Ticket, bestieg die Bahn und fuhr in �stlicher Richtung bis zur Station Aldgate.</p><p>Als ich um kurz nach f�nf das Bahnhofsgeb�ude verlie�, schlug mir der penetrante Gestank von Blut und Kadavern entgegen. Rund um das Aldgate wimmelte es von offenen Schlachth�usern und Abdeckern, die ihre Abf�lle oft tagelang im Freien verrotten lie�en und das Blut und die Innereien der Tiere nicht selten einfach in die Gosse kippten. Am Bretterzaun eines Schlachthofs standen einige Jungen und beobachteten, wie eine Kuh mit einem Bolzenschlag zwischen die Augen niedergestreckt und wie ihr anschlie�end die Kehle durchgeschnitten wurde. Die Burschen begleiteten die Schlachtung mit lautem Beifall und Gr�len.</p><p>Ich hielt mir den Schal vor die Nase, wich einer bimmelnden Stra�enbahn aus und betrat die Aldgate High Street. Von hier war es nur noch ein Katzensprung bis zum Ten Bells Pub.</p><empty-line/></section><section><p>6</p><p>Als ich Simeon gesagt hatte, ich sei der Skeleton Army lediglich aus Langeweile beigetreten, war das bestenfalls die halbe Wahrheit gewesen. Und auch die Aussicht auf ein paar kostenlose Drinks im Ten Bells h�tten mich wohl kaum dazu bewogen, mich den Krawallmachern und Randalierern der �Skelettarmee� anzuschlie�en. Als Mr. Waldron mich vor einigen Monaten gefragt hatte, ob ich nicht Lust h�tte, bei den Skeletons mitzumachen und die Versammlungen der Heilsarmee aufzumischen, da wusste ich sehr wohl, dass allein der schiere Eigennutz den Besitzer des Ten Bells antrieb. Die Heilsarmee war den Wirten, Schnapsh�ndlern und Bordellbetreibern im East End nicht l�nger nur ein l�stiger Dorn im Auge, vielmehr hatte sie sich zu einer regelrechten Gefahr f�r den Umsatz gemausert. Der erstaunlich gro�e Erfolg der gottesf�rchtigen Abstinenzler war es, der die Gegenseite dazu veranlasst hatte, eine eigene Armee aufzustellen, um verloren gegangenes Territorium zur�ckzuerobern. Es ging ihnen nicht, wie sie behaupteten, um die Verteidigung des allgemeinen Rechts auf Alkohol oder Vergn�gungen, sondern um den finanziellen Gewinn, der daraus zu erzielen war, die Leute betrunken und l�stern zu halten. Ich war gewiss nicht dumm genug, die fadenscheinige Argumentation der Wirte f�r voll zu nehmen, und dennoch hatte ich mich nach kurzem Z�gern entschlossen, mich in die Rekrutierungslisten der Skeleton Army einzutragen.</p><p>Wenn ich ehrlich war, lag es vor allem daran, dass mir die Heilsarmisten unheimlich und fremd waren. Nicht nur, weil sie an einen g�tigen und nachsichtigen Gott glaubten, den ich f�r ein Hirngespinst hielt, und weil sie allem abgeschworen hatten, was mir Freude oder zumindest Ablenkung verschaffte, sondern vor allem, weil sie dabei so selbstgef�llig und zufrieden wirkten. Obwohl ich die Ansichten und Lebensweisen der Heilsarmisten nicht im Geringsten teilen konnte und f�r abstrus hielt, beneidete ich sie in gewisser Weise um die Wirkung, die diese Lebens-und Denkweisen auf ihren Gem�tszustand hatten. Sie schienen regelrecht in sich zu ruhen, mit sich selbst im Reinen und �ber jeden Zweifel erhaben zu sein. Nicht nur ihre simple Botschaft, sondern auch die im wahrsten Sinne soldatische Vehemenz und bedingungslose �berzeugung, mit der sie diese Botschaft nach au�en vertraten, machten sie so erfolgreich und f�r die Gegenseite gef�hrlich.</p><p>Ich war mir durchaus bewusst, dass meine Abneigung im Grunde genommen widersinnig war, denn um nichts in der Welt h�tte ich mit den Heilsarmisten tauschen wollen, doch dass sie stets mit einem wie eingemei�elten L�cheln durch die Welt wandelten und mit Inbrunst ihren fr�mmlerischen Unfug verbreiteten, nahm ich ihnen beinahe pers�nlich �bel. Das Dumme war nur, dass die Aktionen der Skeletons mir ebenso wenig Befriedigung verschafften. Das �Soldatenspielen� erschien mir kindisch und albern und diente mir lediglich dazu, Dampf abzulassen. Was mir allerdings an diesem Freitagabend als Vorwand vollends gen�gte.</p><p>Mr. Waldron hatte sich f�r diesen Tag tats�chlich etwas Besonderes einfallen lassen. Als ich in meinem Cord-Anzug das Hinterzimmer des Ten Bells betrat, empfing mich neben einer ganzen Hundertschaft von Skeletten auch ein seltsames Fiepen und Kratzen, das von einem guten Dutzend K�rben herr�hrte, in denen sich zahlreiche Ratten befanden, die in den letzten Tagen in den Gossen, Kellern und Kan�len der Gegend gefangen und seitdem nicht gef�ttert worden waren.</p><p>Die Anf�hrer der Skeleton Army hatten sich etwas wirklich Perfides ausgedacht. Da die Heilsarmee ihre Kundgebung direkt vor dem Ten Bells abhalten wollte, dem �Zentrum des teuflischen Lasters�, wie sie es nannten, beabsichtigte die Gegenseite, die Church Street zu einer Sackgasse und Falle zu machen. Ein Trupp sollte am Kopfende den Zugang zur Commercial Street versperren, ein zweiter am hinteren Ende des Umzugs die R�ckzugsm�glichkeit zur Brick Lane unterbinden, eine dritte Gruppe sollte auf dem Dach des Ten Bells verharren und im gegebenen Moment die Versammlung mit Teer-und Kalklappen sowie faustgro�en Steinen bewerfen, und eine vierte Abteilung war dazu auserkoren, mit dem Zug zu marschieren, sich so dicht wie m�glich an das Rednerpodest heranzuarbeiten und dort die ausgehungerten und bissw�tigen Nager freizulassen. Eine beinahe generalstabsm��ig organisierte Aktion, die mir zumindest originell erschien. Und weil es mich in meiner streits�chtigen und destruktiven Laune nach der Unmittelbarkeit der Konfrontation d�rstete, meldete ich mich als Freiwilliger f�r die Ratten-Truppe. Auch auf die Gefahr hin, vom Dach aus von den eigenen Leuten beworfen und von den widerlichen Viechern in ihren verh�ngten K�figen gebissen zu werden.</p><p>Gemeinsam mit Simeon, der sich ebenfalls � allerdings ohne Rattenkiste � f�r den zentralen St�rtrupp gemeldet hatte, begab ich mich zum s�dlichen Ende der Brick Lane und wartete in der Dunkelheit auf das Eintreffen des Fackelzugs. Als die Heilsarmisten schlie�lich mit scheppernder Blasmusik und feierlichem Gesang die Whitechapel Road �berquerten, reihten wir uns in den Zug ein und stellten schadenfroh fest, dass die Fr�mmler auch von anderen, nicht-organisierten Anwohnern und Gaffern mit faulem Gem�se und bei�enden Spottges�ngen bedacht wurden. Ein Wettstreit der Stimmen und Ch�re begann, aus dem sich die Skeletons jedoch wohlweislich heraushielten. Mr. Waldron hatte der Rattenfraktion dringend aufgetragen, sich unter keinen Umst�nden zu erkennen zu geben und im w�rtlichen Sinne bedeckt zu halten, bis der Zug das Ten Bells erreicht hatte und das Signal zum Angriff gegeben worden war. So zogen wir in geschlossenen Reihen inmitten der Heilsarmisten und ihrer Anh�nger in Richtung Church Street und achteten lediglich darauf, den Kopf des Zuges nicht aus den Augen zu verlieren.</p><p>Als der Fackelzug die Stelle erreicht hatte, an der die Church Street linker Hand von der Brick Lane abbog, gab es ein f�rchterliches Gedr�nge und Geschiebe, auch weil die Skeletons niemanden durch ihre Reihen lassen wollten und es daraufhin zu pl�tzlichen Engp�ssen und Stockungen kam. Ich achtete so sehr darauf, mich direkt neben Simeon zu halten, ohne mich an dessen Petroleumlampe zu versengen, dass ich gar nicht bemerkte, wie sich pl�tzlich ein junges M�dchen panisch an mir vorbeidr�ngte. Mit einem Mal schrie das M�dchen auf und sprang erschrocken zur Seite, wobei es mich beinahe zu Boden stie�. Im letzten Moment konnte ich ausweichen, doch der Schal, den ich mir um das Gesicht gewickelt hatte, rutschte herunter, wodurch ich f�r einen kurzen Moment dem M�dchen Auge in Auge gegen�berstand. Es schaute mich verwundert an und sagte etwas, das ich wegen des L�rms nicht verstand.</p><p>�Was gibt�s da zu starren?�, fauchte ich ver�rgert, bevor ich mit einem Mal erkannte, wer da vor mir stand. Es war dasselbe M�dchen, das ich gestern am Bahnhof Waterloo angerempelt und das sich beim Kutscher nach dem Weg ins East End erkundigt hatte.</p><p>�Soll ich mich wieder schleichen, Sir?�, fragte es, war aber im n�chsten Augenblick verschwunden. Als ich es im Gedr�nge endlich wieder erblickte, stand das M�dchen am Rand des Zuges und redete eindringlich auf einen jungen Heilsarmisten ein, der mit abwehrender Hand und in geduckter Haltung vor ihr stand.</p><p>�Wer war das?�, wollte Simeon wissen, der sich ebenfalls umschaute, w�hrend wir gleichzeitig vom Strom mitgerissen wurden.</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete ich und zog mir den Schal vors Gesicht.</p><p>�Irgendwo hab ich das Gesicht schon mal gesehen�, sagte Simeon, der weder Schal noch Tuch trug, weil sein dichter Rauschebart und der in die Stirn gezogene Hut Vermummung genug boten. �Bist du sicher, dass du sie nicht kennst?�</p><p>�Es ist niemand�, brummte ich und wunderte mich erst jetzt �ber seine Bemerkung. �Wo hast du das Gesicht schon mal gesehen?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern und deutete mit der Lampe nach vorne, wo der Kopf des Zuges vor dem Ten Bells Pub angekommen war. �Es geht los�, sagte er. �Bist du bereit?�</p><p>�Bereit zu sterben�, zitierte ich ein Motto der Heilsarmisten und lachte.</p><p>Nach und nach versammelte sich der Fackelzug vor dem Ten Bells, und da von hinten immer mehr Menschen nachdr�ngten, entstand ein dichtes Gew�hl, das auch dadurch verst�rkt wurde, dass die Skeletons den Zugang zur Commercial Street wie geplant mit einem Kordon blockierten. Mit einem kurzen Blick nach oben vergewisserte ich mich, dass auch die Dreck-und Steinewerfer auf dem Dach der Sch�nke in Position waren. Alles wartete nur noch auf das Signal zum Angriff.</p><p>Im selben Augenblick kam es mir vor, als wachte ich aus einem absurden Traum oder benebelnden Rausch auf. Und wie bei einem solchen Erwachen wusste ich nicht, was Trugbild oder Realit�t war. Was, um alles in der Welt, machte ich hier? Was sollte dieser Unsinn? Und pl�tzlich h�rte ich meinen Bruder William wieder sagen: �Werd erwachsen, Rup!� Das alles war so dumm und unn�tz, so unausgegoren und abstrus! Die besch�mende und ern�chternde Erkenntnis durchfuhr mich wie ein Blitzschlag.</p><p>�Ich muss hier raus!�, rief ich Simeon gegen den L�rm zu. �Sofort!�</p><p>�Vergiss es!�, war alles, was er darauf antwortete.</p><p>Simeon hatte recht. An ein Fortkommen war gar nicht zu denken, denn ich war umringt von mehreren hundert Menschen. Zudem befand sich auf der einen Seite der Stra�e das Ten Bells und auf der anderen die Kirche von Christ Church, und die Church Street war in beiden Richtungen abgeriegelt. Ich sa� mit in der Falle, die eigentlich f�r die Heilsarmisten gedacht war. Direkt vor mir befand sich das h�lzerne Podest, auf dem sich nun eine uniformierte Rednerin f�r ihren Auftritt wappnete. Die kl�gliche Blasmusik verstummte, die Ch�re ebbten ab, sogar die Spottges�nge legten eine Pause ein.</p><p>Ich schaute zur B�hne und war pl�tzlich wie gebannt. Der Anblick der jungen Frau, die auf dem Podest die Arme zum Himmel streckte und mit gl�hendem Eifer von Gottes Liebe zu den Armen und Ausgesto�enen predigte, lie� mich erstarren. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich mich pl�tzlich wie verhext f�hlte. Gewiss, die Frau war ausgesprochen h�bsch, und ihre roten Locken leuchteten im Fackelschein wie Feuer, doch in der plumpen Uniform der Heilsarmee kamen ihre weiblichen Reize kaum zur Geltung. Dennoch hatte diese Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, eine enorme und kaum zu erkl�rende Wirkung auf mich. Es war nicht allein ihr Aussehen und erst recht nicht das selbstgerechte Gerede von Rettung und Erl�sung, das mich so faszinierte, es war etwas in ihrem Blick und ihrer Haltung, das mir Respekt einfl��te. Einerseits erkannte ich das �bliche selige Narrenl�cheln in ihrem Gesicht, aber zugleich fand ich darin eine Entschlossenheit, die selbst f�r Heilsarmisten erstaunlich war und ansteckend wirkte. Und es kam mir so vor, als verst�rkte dieses wilde Temperament noch ihre naturgegebene Sch�nheit.</p><p>�Wer ist diese Frau?�, wandte ich mich an Simeon.</p><p>�Du kennst sie nicht?�, wunderte er sich und ging in Deckung, weil von irgendwo ein Ei geflogen kam. �Das ist Eva Booth. Die Tochter des Generals.�</p><p>Wieder schaute ich zum Podest und verfolgte die Predigt mit zunehmend ernster Miene. Ich hatte schon viel �ber Eva Booth geh�rt und so manches gelesen, auch Mr. Waldron hatte die Generalstochter oft erw�hnt und schien sie f�r eine Inkarnation seines �rgsten Feindes zu halten. Als ich sie nun auf der B�hne erlebte, begriff ich, warum der Wirt sie derart verfluchte. Eva Booth war schlichtweg bezaubernd, und sie schien sich ihrer Wirkung � als Predigerin wie als Frau � durchaus bewusst zu sein.</p><p>�Ihr m�sst den Glauben zur Tat werden lassen�, rief sie freudig und drehte sich wie ein Kreisel um die eigene Achse. �Wenn ihr an den Erl�ser glaubt, werdet ihr nicht l�nger den G�tzen dienen k�nnen. Nicht dem Alkohol und nicht der Hurerei. Nicht der Unzucht und nicht dem Verbrechen. Wenn ihr an Jesus glaubt, werdet ihr bessere Menschen sein, und das Himmelreich wird euch ohne Wenn und Aber offenstehen. Allein durch euren Glauben.�</p><p>�Das begreife ich nicht!�, entfuhr es mir wider Willen. Ich hatte aufmerksam und wie paralysiert zugeh�rt und mich dabei der schmalen Stiege gen�hert, die zum Podest hinauff�hrte. �Wie kann der blo�e Glaube irgendetwas ver�ndern? Wenn ich glaube, dass es morgen regnet, bedeutet das noch lange nicht, dass es tats�chlich regnet. Wie kann der Glaube Berge versetzen? Das klingt zwar tr�stlich, aber es will mir nicht in den Kopf.�</p><p>�Dann benutze dein Herz!�, erwiderte Eva Booth, kam mir ganz nahe und legte ihre Hand auf meine Schulter. �Der Glaube ist keine Sache des Kopfes, sondern des Herzens. Du musst ihn f�hlen, mein Bruder!�</p><p>Bei der Ber�hrung durchzuckte es mich, und f�r einen kurzen Moment hatte ich das Bed�rfnis, ihre Hand zu ergreifen, doch dann wich ich unsicher zur�ck, nahm den Schlapphut vom Kopf und zog mir den Schal aus dem Gesicht.</p><p>Eva Booth strahlte, hielt mir ihre Fackel vors Gesicht und erstarrte im n�chsten Augenblick. �Satan!�, zischte sie leise und schnellte in die H�he.</p><p>Ich verstand nicht, was oder wen sie damit gemeint hatte, und schaute mich um, doch direkt hinter mir standen nur die vermummten Skeletons, die auf den Befehl des Losschlagens warteten.</p><p>Eva Booth fuhr scheinbar unbeirrt in ihrer Predigt fort, doch sie mied meinen Blick und richtete ihre Augen zum Himmel, als w�sste sie, dass in K�rze der Sturm losbrechen w�rde.</p><p>�Zur Tat, M�nner!�, erklang nun eine laute Stimme vom Dach des Ten Bells. Und im selben Moment brachen alle D�mme. Steine flogen, Farbbeutel und Kalklappen landeten klatschend auf den Leuten, Banner und Totenkopf-Fahnen wurden entrollt, und die Ratten sprangen fiepend und wild um sich bei�end aus ihren ge�ffneten K�figen. Die Menschen schrien vor Schmerz oder Wut und versuchten, dem Tumult zu entkommen, doch es gab kein Entrinnen. Binnen weniger Sekunden verwandelte sich die Versammlung in ein w�stes Chaos, in dem sich die eine Seite von vornherein auf verlorenem Posten befand.</p><p>Nur ich stand wie angewurzelt da und bewegte mich nicht. Die Ratten in meinem K�fig hatte ich nicht freigelassen, und als mich die kalkgetr�nkten Lumpen an der Schulter trafen, sp�rte ich es kaum. Ich blickte hinauf zum Podest, wo Eva Booth ebenso regungslos auf das Tohuwabohu schaute. Steine und Farbbeutel flogen, doch sie duckte sich nicht und machte keine Anstalten, sich von ihrem gef�hrlichen Podestplatz fortzubewegen. Es hatte beinahe den Anschein, als wollte sie sich und den Umstehenden etwas beweisen.</p><p>Doch dann traf sie ein Stein an der Stirn. Sie schwankte hin und her, ging einen Schritt auf die Leiter zu und lie� die Fackel fallen. Ich sprang aufs Podest, um ihren Sturz abzufangen, doch im n�chsten Augenblick hatte sie das Gleichgewicht wiedergefunden und fuhr sich verwirrt mit der Hand �ber das blutverschmierte Gesicht.</p><p>�Kommen Sie!�, rief ich und reichte ihr die Hand.</p><p>Doch statt meine Hand zu ergreifen, starrte sie mich � wie vorhin schon einmal � wutentbrannt und beinahe angewidert an und schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht, sodass ich nach hinten fiel und r�cklings vom Rand des Podests aufs Pflaster st�rzte. Dummerweise hatte ich den Rattenk�fig direkt vor der Stiege auf der Stra�e stehen lassen, und als ich nun auf dem Weidenkorb landete, brach der K�fig, und die bissigen Ratten st�rzten sich auf mich. Sie bissen mir ins Gesicht und in die H�nde, ein besonders aggressives Biest kroch mir in das linke Hosenbein und verbiss sich in meiner Wade. Doch der Schmerz, den ich deswegen versp�rte, war gering im Vergleich zu dem Schmerz, der mir bei der Ohrfeige durch die Glieder geschossen war. W�hrend ich mich der Ratten zu entledigen versuchte, wobei Simeon mir nach Leibeskr�ften half, schaute ich zum Podest hinauf. Doch die B�hne war verwaist, die Heilsarmisten hatten ihre verwundete Predigerin in Sicherheit gebracht.</p><p>�Hast heute kein Gl�ck bei den Frauen, mein Junge�, lachte Simeon und trat mit dem Fu� nach einer Ratte, die �ber meinen Bauch huschte.</p><p>�Nein, heute ist nicht mein Gl�ckstag�, knurrte ich und rappelte mich schwerf�llig auf, w�hrend um mich herum das Hauen und Treten und Bei�en weiterging. Mein Gesicht und meine H�nde waren zerkratzt und von blutigen Striemen �bers�t. Vor allem mein Muttermal auf der rechten Wange brannte f�rchterlich, eine der Ratten hatte offenbar gen�sslich hineingebissen.</p><p>�Lass uns verschwinden, bis sich die Lage beruhigt hat�, sagte ich und zog Simeon mit mir fort. �Und bevor die Polizei kommt.�</p><p>�Und der Schnaps?�, emp�rte er sich. �Bin ja schlie�lich nicht zu meinem Vergn�gen hier.�</p><p>�Sei mein Gast�, antwortete ich lachend und deutete auf den Britannia Pub auf der gegen�berliegenden Seite der Stra�e. Von dort kamen weitere M�nner angerannt, die ihren Beitrag zu den gewaltt�tigen Vergn�gungen leisten wollten. Irgendwo in der Ferne war das kl�gliche Pfeifen eines Polizisten zu h�ren.</p><empty-line/></section><section><p>7</p><p>�Was ist �n da los?�, wurden wir vor dem Britannia von einer betrunkenen Frau mit rotblonden Locken begr��t. Lallend und mit starkem irischen Akzent setzte sie hinzu: �Ist die Revolution ausgebrochen?�</p><p>�Nee�, antwortete Simeon kichernd, �nur ein paar bissige Ratten.�</p><p>Die Rothaarige, vermutlich eine Prostituierte, starrte in mein verkratztes und blutendes Gesicht und zog die Augenbrauen zusammen. �Dachte schon, sie h�tten endlich den verdammten Ripper gefangen. Wird Zeit, dass das Monstrum geschnappt wird. Wenn schon die Polizei nichts macht, sollte wenigstens die B�rgerwehr handeln. Man ist ja als Frau seines Lebens nicht mehr sicher. Jetzt verschickt der Irre schon Leichenteile mit der Post.�</p><p>�Wer sagt, dass die Polizei nichts unternimmt?�, fragte ich achselzuckend. �Angeblich sollen sogar Sp�rhunde eingesetzt werden.�</p><p>�Und was sollen die, verdammt noch mal, aufsp�ren?�, h�hnte die Frau, die noch nicht sehr alt sein konnte, fr�her wom�glich sogar h�bsch gewesen war, inzwischen aber heruntergekommen und verlebt aussah. �Wie riecht denn der Ripper, h�?�, rief sie und schleuderte mir dabei die Spucke ihrer feuchten Aussprache ins Gesicht. �Woher sollen die Schei�k�ter das wissen?�</p><p>�Auch wieder wahr�, gab ich zu, wischte mir mit dem �rmel �ber die Wange und �ffnete die Kneipent�r. �Darf ich dich einladen? Ich geb einen aus.�</p><p>�Geburtstag?�</p><p>�So was �hnliches.�</p><p>�Geht leider nicht�, antwortete sie und sch�ttelte den Kopf, dass die roten Locken flogen. �Sonst wird Joseph sauer. Er hat grad erst wieder get�nt, ich sollte langsam mal was ranschaffen, anstatt ihm immer nur auf der Tasche zu liegen.� Sie deutete durch die T�r zu einem Tisch, an dem zwei M�nner sa�en. Der j�ngere der beiden trug einen Schnauzbart, der �ltere einen Vollbart, und beiden gemein war die m�rrische Miene. �Also wie sieht�s aus, Jungs?�, wandte sich die Frau an uns. �Habt ihr Interesse? Von mir aus auch zu dritt. Kostet aber extra.�</p><p>�Andermal�, sagte Simeon und zuckte mit den Schultern.</p><p>�Andermal�, wiederholte die Prostituierte und streckte dem Schnauzbart, der drohend den Finger hob, die Zunge heraus.</p><p>�Scher dich raus, Ginger!�, rief der Mann mit dem Schnauzer.</p><p>�Kannst mich mal�, knurrte die Frau, ging aber wie befohlen hinaus.</p><p>Simeon und ich betraten das Britannia, setzten uns an den Ecktisch gleich neben dem Eingang und bestellten eine Karaffe Bier und eine Flasche Gin. Und dann fragte Simeon: �Warum hat sie dich geschlagen?�</p><p>Genau diese Frage hatte ich mir in den letzten Minuten auch unentwegt gestellt und keine Antwort darauf gefunden. Daher sagte ich: �Ich wei� es nicht.�</p><p>�Aber es muss doch einen Grund geben, warum Eva Booth dir eine Ohrfeige gegeben hat!�, erwiderte Simeon und stopfte seine Pfeife. �Immerhin ist sie sonst eine von der Beide-Wangen-hinhalten-Fraktion!�</p><p>�Welcher Fraktion?�</p><p>�Wie in der Bergpredigt�, erkl�rte er, z�ndete die Pfeife an und setzte paffend hinzu: �Wer dir auf die eine Wange schl�gt, dem halte auch die andere hin. Evangelium nach Matth�us. Die Heilsarmisten sind nicht gerade bekannt daf�r, gewaltt�tig zu werden.�</p><p>Ich nickte und konnte dennoch nur meine Antwort wiederholen: �Ich wei� es wirklich nicht. Vielleicht hat sie mich mit jemandem verwechselt?�</p><p>�Das sah aber nicht so aus�, meinte er, griff nach dem Gin, den der Wirt auf den Tisch gestellt hatte, und goss sich ein. �Sie hat dich wie einen Geist angestarrt. Als h�tte sie eine Erscheinung gehabt.�</p><p>�Sie hat mich einen Satan genannt�, sagte ich und z�ndete mir eine Zigarette an der Kerze an. �Dabei bin ich ihr noch nie begegnet. Wirklich nicht! Daran k�nnte ich mich bestimmt erinnern.�</p><p>�Du meinst, weil sie so sch�n ist?�, lachte Simeon und t�tschelte meinen Unterarm. �Oder weil sie dich mit ihren tr�stenden Worten bekehrt hat? Sei vorsichtig, mein Freund, der Glaube kann wie eine ansteckende Krankheit sein.�</p><p>Ich schnaufte abf�llig und sch�ttelte den Kopf. �Mach dir keine Sorgen! Ich passe schon auf meine geistige Gesundheit auf.� Ich sp�lte den Gedanken mit einem Schluck Bier hinunter und f�gte nachdenklich hinzu: �Aber bezaubernd ist sie, nicht wahr?�</p><p>�Eine Heilige und eine Hexe�, sagte er und stie� eine Rauchwolke aus. �Wenn ich die heilige Johanna malen wollte, k�nnte ich mir Eva Booth als Modell vorstellen. In silberner R�stung und mit Flammenschwert. Sie ist eine wahre Kriegerin f�r ihre seltsame Sache.�</p><p>Wieder nickte ich und schaute wie gebannt auf die Tischplatte.</p><p>Irgendetwas in meinem Blick schien Simeon zu erheitern, denn pl�tzlich lachte er laut und rief: �So schlimm, Rupert?! Dich hat�s ja m�chtig erwischt.�</p><p>�Unsinn!�, antwortete ich, doch es klang vermutlich etwas halbherzig.</p><p>�Schlag�s dir lieber gleich aus dem Kopf! Nicht nur wegen der Ohrfeige.� Simeon l�chelte verschmitzt, hob die Augenbrauen und setzte fl�sternd hinzu: �Hab geh�rt, dass sie ihrem Vater versprochen hat, niemals zu heiraten.�</p><p>Wieder rief ich: �Unsinn!�</p><p>�Ich sag nur, was ich geh�rt habe�, antwortete er und hob entschuldigend die Schultern. �Der General hat seiner Tochter angeblich aufgetragen, ihr Leben lang eine Jungfer zu bleiben. Und wie man h�rt, hat sie�s ihm hoch und heilig geschworen. Das hat mir ein abtr�nniger Offizier der Heilsarmee erz�hlt. Der General und seine sch�ne Tochter scheinen sich sehr zugetan zu sein. Pech und Schwefel sind ein Dreck dagegen.�</p><p>�Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter�, emp�rte ich mich, goss mir einen Schnaps ein und kippte ihn hinunter, ohne mit der Wimper zu zucken. �Die Zeiten, in denen die Eltern dar�ber bestimmen konnten, wen die Kinder heiraten oder nicht, sind vorbei!�</p><p>�Ach ja?�, lachte Simeon und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Das sagt ja genau der Richtige.� Grinsend setzte er hinzu: �Wie geht�s eigentlich Meredith Wie-war-doch-gleich-ihr-Name? Heldin deiner Tr�ume. Liebe deines Lebens!�</p><p>�Damit hat�s jetzt ein Ende!�, entfuhr es mir. �Ein f�r alle Mal!�</p><p>Er schaute mich �berrascht an und verschluckte sich an seinem Pfeifenrauch.</p><p>�Ich hab mich entschieden, Simeon�, sagte ich und zog so heftig an meiner Zigarette, dass ich mir beinahe die Finger versengte. �Ab sofort ist Schluss mit der Heuchelei und dem scheinheiligen Getue. Ich mach nicht mehr mit.�</p><p>�Aha?�, wunderte er sich und kippte den n�chsten Gin. �Und was sagt dein Vater dazu? Hast du seinen Segen?�</p><p>�Er hat gedroht, mich zu enterben.�</p><p>Simeon nickte, als h�tte er daf�r allergr��tes Verst�ndnis, und fragte: �Was hast du vor?�</p><p>�So genau wei� ich das noch nicht�, musste ich zugeben und tunkte mein Taschentuch in den Gin, um damit meine Kratzer und Wunden zu betupfen. �Ich such mir eine billige Wohnung. Vielleicht hier irgendwo in der N�he. Und dann werde ich arbeiten und eigenes Geld verdienen. Keine Almosen von William oder meinem Vater, kein Gnadenbrot von Mr. Barclay, ich will selbst und ehrlich schuften.�</p><p>�Entschuldige, dass ich lache�, antwortete Simeon, ohne auch nur ansatzweise am�siert zu wirken. �Aber welche Arbeit schwebt dir vor? Kohlenschleppen im Hafen? Oder Wergzupfen und Steineklopfen wie im Arbeitshaus?�</p><p>Die beiden B�rtigen am Nachbartisch horchten auf und schauten neugierig zu uns her�ber. Der Schnauzbart namens Joseph lachte leise vor sich hin.</p><p>�Ich werde schreiben�, sprach ich aus, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging. �Das kann ich. Oder ich werde es lernen.�</p><p>�Willst Dichter werden, he?�, mokierte sich Simeon.</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Dann mach dich auf ein Leben in Armut gefasst�, erwiderte er kopfsch�ttelnd und wandte sich im n�chsten Moment an die Lauscher am Nebentisch: �Was gibt�s da zu glotzen?�</p><p>Die beiden hoben abwehrend die H�nde und starrten auf ihre leeren Bierkr�ge.</p><p>�Und wenn schon!�, beharrte ich und betupfte mein Muttermal auf der Wange. Es brannte f�rchterlich, doch irgendwie f�hlte es sich gut an. Wie eine verdiente Strafe.</p><p>�Und wenn schon?�, echote Simeon und griff eisern nach meiner Hand, dass mir der Schmerz bis in die Schulter fuhr. �Glaubst du, das ist ein Spiel? So eine Art Zeitvertreib f�r gelangweilte Bengel? Du bist hier nicht in deinem Gentlemen�s Club, wo sich jeder Lackaffe f�r einen Dichterf�rsten h�lt! Denkst du wirklich, es macht Spa�, Hunger zu haben und nicht zu wissen, wie man den n�chsten Tag �berstehen soll? Glaub mir, Armut ist zum Kotzen!� Er klopfte seine Pfeife aus und verstaute sie in der Jackentasche. �Kunst muss man sich leisten k�nnen, mein Lieber. Oder man muss sie erleiden k�nnen. Dazwischen gibt es nichts.�</p><p>�Wer redet von Kunst?�, erwiderte ich, obwohl ich mir insgeheim eingestehen musste, dass ich genau davon geredet hatte. �Dann schreib ich eben f�r eine Zeitung. Gibt ja mehr als genug davon. Was die St�mper da jeden Tag zusammenkritzeln, krieg ich allemal aufs Papier.�</p><p>Simeon lehnte sich wieder zur�ck und presste missbilligend die Lippen aufeinander. Es hatte beinahe den Anschein, als h�tte ich ihn mit meinen unausgegorenen Pl�nen zutiefst beleidigt. Oder hatte er wom�glich blo� Angst, einen potenten Geldgeber zu verlieren?</p><p>�Ich muss gehen�, sagte er, setzte sich zum Abschied die Flasche Gin an den Mund und nahm einen gro�en Schluck. �Melde dich, wenn du wieder zur Vernunft gekommen bist.�</p><p>�Jetzt sei nicht eingeschnappt!�</p><p>�Das bin ich nicht�, antwortete er und stand auf. �Aber erwarte bitte nicht, dass ich dir auch noch auf die Schulter klopfe, wenn du gerade dabei bist, dein Leben zu ruinieren.�</p><p>�Da gibt es nichts mehr zu ruinieren.�</p><p>�Hast du eine Ahnung, Rupert! Du wei�t ja gar nicht, wovon du sprichst.� Er fuhr sich �ber den verfilzten Vollbart, hob die Hand zum Gru� und wandte sich zur T�r. �Mach�s gut, mein Freund!�</p><p>�Eine Frage noch�, hielt ich ihn zur�ck.</p><p>�Ja?�</p><p>�Woher kanntest du es?�</p><p>�Woher kannte ich <emphasis>was?</emphasis>�</p><p>�Das M�dchen�, antwortete ich und dr�ckte meine Zigarette aus. �Vorhin beim Fackelzug. Das M�dchen, das mich in der Brick Lane umgesto�en hat. Du hast gesagt, du h�ttest das Gesicht schon mal gesehen.�</p><p>Simeon nickte nachdenklich.</p><p>�Also?�, fragte ich. �Woher?�</p><p>�Ich habe es gemalt.�</p><p>�Das M�dchen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Das Gesicht.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Vor acht Jahren vielleicht.�</p><p>�Aber da war das M�dchen ja noch ein kleines Kind.�</p><p>�Eben�, antwortete er und hob erneut die Hand zum Gru�. �Bis bald, Rupert! Und danke f�r den Gin.� Mit diesen Worten verlie� er das Britannia.</p><p>Unschl�ssig und verwirrt blieb ich am Tisch sitzen. Ich schaute aus dem Fenster und sah Simeon die Stra�e �berqueren, in Richtung Ten Bells, wo sich die Lage sichtlich entspannt hatte. Vermutlich spekulierte er auf einen weiteren Gratis-Schnaps. Einen, der ihm nicht die Laune verdarb.</p><p>Ich leerte meinen Bierkrug und dachte �ber das nach, was Simeon gesagt hatte. �ber Eva Booth und das unbekannte M�dchen. Vor allem die Tochter des Generals wollte mir nicht aus dem Kopf, immer wieder sah ich ihren beinahe angewiderten Blick, sp�rte die Ohrfeige auf meiner Wange und h�rte sie sagen: �Satan!� Doch sosehr ich auch gr�belte und mir das Hirn zermarterte, mir wollte einfach nicht einfallen, wo ich ihr schon einmal begegnet sein k�nnte. Wom�glich hatte sie mich irgendwo gesehen oder erlebt, ohne dass ich sie wahrgenommen hatte. Doch was hatte ich angestellt, das ihr seltsames Verhalten rechtfertigte? Was glaubte sie �ber mich zu wissen, das mir selbst unbekannt war?</p><p>Dass sie mich in betrunkenem oder berauschtem Zustand in irgendeiner Kneipe oder Opiumh�hle gesehen hatte, war durchaus denkbar. Schlie�lich predigten die Heilsarmisten gern in zwielichtigen Kaschemmen, um die verlorenen Seelen auf den Pfad der Tugend zur�ckzubringen. Aber konnte das allein ein Grund sein, mich einen Satan zu nennen? W�re es nicht viel eher ein Anlass gewesen, mich bekehren und zu einem besseren Menschen machen zu wollen, wie sie es in ihrer Rede behauptet hatte?</p><p>Es war zum Verr�cktwerden, und je l�nger ich dar�ber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass mir ihre heftige Abneigung einen Stich ins Herz versetzte und dass ich den eigentlich belanglosen Vorfall vor dem Ten Bells nicht als lustige oder nichtige Episode abtun konnte. So fremd und unbekannt mir Eva Booth auch war, so albern und selbstgerecht ich ihre Botschaft und ihr Auftreten fand, es war mir dennoch aus unerfindlichen Gr�nden wichtig, dass sie keine schlechte Meinung von mir hatte. Und ich musste an Simeons scherzhafte Worte denken: �Dich hat�s ja m�chtig erwischt.�</p><p>Gleichzeitig jedoch stieg Wut in mir hoch. Wie am Nachmittag auf der Blackfriars Bridge f�hlte ich mich mit einem Mal wieder ungerecht behandelt. Was bildete diese Frau sich ein, mich ohne Grund zu beschimpfen und zu ohrfeigen? Wie kam sie dazu, mich einen Satan zu nennen? Das war nicht akzeptabel, und es entbehrte jeder Grundlage! Auch gegen Simeon sp�rte ich einen pl�tzlichen Groll. Wieso sprach er mir die F�higkeit ab, f�r mich selbst zu sorgen, ohne mir wenigstens die Gelegenheit zu geben, das Gegenteil zu beweisen? Wie gering sch�tzte er mich, dass er mich einen gelangweilten Bengel nannte? Wie kam er � ausgerechnet er! � dazu, mich von oben herab zu behandeln und wie einen dummen Schuljungen zu belehren? Ich w�rde ihnen schon noch beweisen, dass sie sich in mir t�uschten. Ihm und ihr. Allen! Sie w�rden sich noch wundern.</p><p>�Entschuldigung?�, h�rte ich eine tiefe M�nnerstimme neben mir.</p><p>Ich fuhr aus meinen Gedanken auf, wandte mich zur Seite und schaute in ein b�rtiges Gesicht.</p><p>�Ja?�, fragte ich.</p><p>�Ich hab vorhin zuf�llig dein Gespr�ch mit deinem Kumpel mit angeh�rt�, sagte der Mann. Es war der vollb�rtige Kerl vom Nachbartisch. Sein Freund Joseph, der Zuh�lter der Hure Ginger, schien den Pub inzwischen verlassen zu haben. Und auch der Vollbart hatte seine Seemannsjacke angezogen und die Schieberm�tze auf dem Kopf.</p><p>Wieder sagte ich: �Ja?�</p><p>�Du suchst �ne Bleibe?�</p><p>�Kann sein.�</p><p>�Nur f�r die Nacht oder l�nger?�</p><p>�Kommt drauf an.�</p><p>�Hab vielleicht was f�r dich. Gleich um die Ecke, in der Dorset Street.� Er r�usperte sich, wartete auf eine Antwort, die ich ihm aber nicht gab, und setzte dann hinzu: �Ich hab �n freies Zimmer. Nach hinten raus.�</p><p>�Zur Untermiete?�, fragte ich und sch�ttelte bedauernd den Kopf. �Danke, aber ich such eigentlich was Eigenes.�</p><p>�Das Zimmer hat �nen eigenen Eingang, hinten raus zum Hof�, sagte er und trat unruhig auf der Stelle, als m�sste er dringend aufs Klo. �Und es kostet dich fast nichts. Vier Shilling die Woche.�</p><p>�Gleich um die Ecke?�, fragte ich. Eigentlich hatte ich mir �berlegt, in einem der vielen Logish�user im East End oder in einer billigen Pension zu �bernachten, denn in meine Mansarde in Mayfair zur�ckzukehren, kam f�r mich nicht in Frage. Aber ein Zimmer in unmittelbarer N�he war auch nicht zu verachten.</p><p>�Kannst es dir ja mal anschauen�, sagte er und wich meinem Blick aus, w�hrend er mir gleichzeitig seine Hand entgegenstreckte. �Mein Name ist Edmund.�</p><p>Statt seine Hand zu nehmen, stand ich auf, steckte die beinahe leere Ginflasche in die Jackentasche und sagte: �Anschauen kostet ja nichts.�</p><p>�Genau�, meinte er und r�usperte sich. �Wie bei den Huren.�</p><p>�Was?�</p><p>�Anschauen�, sagte er und hielt mir die T�r auf. �Kostet nichts.�</p><empty-line/></section><section><p>8</p><p>Vermutlich w�re ich niemals auf die Idee gekommen, dem Kerl zu folgen, wenn ich nicht so aufgebracht und zugleich verwirrt gewesen w�re. Doch der Gedanke an Simeons abf�llige Worte und Eva Booths unerkl�rliche Ohrfeige lie�en mich dem Mann namens Edmund unbedacht hinterhertapsen wie ein trotziges Kind auf der Suche nach Abenteuern. Dass er mich ausrauben wollte, schien mir nicht sehr wahrscheinlich, denn selbst wenn er mir einen falschen Namen genannt hatte, kannte ich die Namen seines Freundes Joseph und der Hure Ginger. Wenn er also an mein Geld wollte, musste er mich schon umbringen, um nicht anschlie�end �berf�hrt zu werden. Was allerdings auch nicht gerade ein beruhigender Gedanke war.</p><p>Die Dorset Street, die direkt neben dem Britannia Pub von der Commercial Street weg in westliche Richtung f�hrte, war eine ebenso schmale wie d�stere Gasse. Links und rechts wurde sie von dreist�ckigen, meist reichlich verwahrlosten Backsteinh�usern ges�umt, in denen sich verschiedene Armenunterk�nfte und billige Absteigen befanden. Die Stra�e war kaum beleuchtet und so eng bebaut, dass das Licht des Vollmonds nur die oberen Stockwerke streifte, dennoch erkannte ich, dass eine Gro�zahl der Fenster im Erdgeschoss mit Brettern verbarrikadiert oder mit Tuch verhangen war. Bereits nach wenigen Schritten blieb mein seltsamer Begleiter stehen und deutete auf einen winzigen Torbogen auf der rechten Seite. Der Name des dahinterliegenden Yards war �ber dem Durchgang in die Mauer eingelassen, doch es war so dunkel, dass ich ihn nicht lesen konnte.</p><p>�Hier ist Miller�s Court�, sagte Edmund und r�usperte sich mehrmals. Dieses R�uspern schien eine Marotte von ihm zu sein. �Bitte einzutreten.�</p><p>Der schmale und niedrige Torbogen f�hrte durch das Backsteingeb�ude an der Dorset Street zu einem rechtwinkligen Hof, der von einer flackernden Gaslaterne auf der linken Seite beschienen wurde. Ich lie� Edmund vorangehen und folgte ihm in geh�rigem Abstand, wobei ich immer wieder nach hinten schaute, in st�ndiger Erwartung eines Angriffs. Wenn sie mich �berfallen wollten, bot der rabenschwarze Durchgang die beste Gelegenheit dazu.</p><p>�Keine Bange�, sagte Edmund, als er unter der Gaslaterne stand und mit einer Kopfbewegung auf den verwinkelten Yard deutete, �ich bin nicht der Ripper.�</p><p>�Und ich bin keine Frau�, sagte ich und zwang mich zu einem Lachen.</p><p>�Stimmt genau!� Er r�usperte sich und starrte zu Boden, als w�re ihm mein Anblick unangenehm. Wie ein Hund vermied er den direkten Augenkontakt und schien sich wie ertappt zu f�hlen, wenn sich unsere Blicke dennoch kreuzten. Ich sch�tzte ihn auf mindestens vierzig Jahre, doch in seinem unsicheren und fahrigen Verhalten erinnerte er mich an ein Kind.</p><p>�Keine Frau�, wiederholte er und wies nach links auf ein zweist�ckiges Geb�ude, von dem mehrere T�ren zum Hof gingen. �Dahinten wohn ich. Letzte T�r. Nummer f�nf im Erdgeschoss. Gleich dahinter ist der Abtritt. Die Pumpe ist hier vorne. Wasser gibt�s morgens und abends.� Er deutete nach rechts, wo der Hof wie bei einem Wurmfortsatz eine Sackgasse bildete und an der Wand des Nachbarhauses endete. �Und dort wohnen Joseph und Mary Jane�, setzte er hinzu und schaute zu einer Wohnung gleich neben der Pumpe.</p><p>�Mary Jane?�, wunderte ich mich.</p><p>�Die Leute nennen sie Ginger, wegen ihrer rotblonden Haare.� Wieder r�usperte er sich, dann ging er geradeaus zur Nummer f�nf, schloss die T�r auf und verschwand. Nur wenig sp�ter kam er mit einer brennenden Kerze wieder heraus und deutete zum Ende des Yards, wo sich der Abort befand. �Der Eingang ist um die Ecke�, sagte er und ging voraus.</p><p>Wieder schaute ich zur�ck und wartete auf einen Hinterhalt, doch nichts geschah, kein Ton war zu h�ren, niemand erschien. Edmund hatte inzwischen eine kleine T�r auf der r�ckw�rtigen Seite des Geb�udes ge�ffnet, die vom Hof aus gar nicht zu sehen war. Mit der Kerze leuchtete er hinein, und als ich ihm �ber die Schulter schaute, erkannte ich, dass es sich um eine Art Verschlag oder Lagerraum handelte.</p><p>�Das Zimmer hat kein Fenster�, sagte ich verwundert.</p><p>�Wozu auch?�, antwortete Edmund und betrat die Kammer. �Oder brauchst du �nen Ausblick aufs Schei�haus?�</p><p>�Und keinen Kamin�, f�gte ich hinzu und schaute mich ratlos in dem winzigen Kabuff um. Lediglich ein Bett stand an der hinteren Wand und ein kleiner Tisch neben der T�r. Ein Hocker diente gleichzeitig als Stuhl und Nachttisch. Mehr M�bel h�tten auch gar nicht hineingepasst.</p><p>�Der Kamin ist auf meiner Seite�, sagte er, stellte die Kerze auf dem Tisch ab und bef�hlte die hintere Backsteinmauer, an der das Bett stand. Es war die einzige Steinwand in diesem Anbau, die restlichen W�nde waren aus Holz gezimmert, und der Boden bestand aus gestampfter Erde. �Die Wand ist so warm, dass du gar nicht heizen musst�, f�gte Edmund hinzu und klopfte auf die Backsteine. �Spart Geld.�</p><p>�Das ist kein Zimmer, sondern ein Bretterverschlag�, meinte ich und sch�ttelte den Kopf. �Was war das fr�her? Der Brennholzschuppen?�</p><p>�Meinetwegen�, sagte Edmund und verdrehte die Augen. �Sagen wir drei Shilling Sixpence.�</p><p>Ich verharrte stumm und regungslos.</p><p>�Na gut! Drei Shilling. Und du kriegst noch �ne Waschsch�ssel und eine Decke f�rs Bett�, setzte er hinzu und kam einen Schritt n�her. �Die Matratze ist wie neu.�</p><p>�Wer hat hier vorher gewohnt?�, wollte ich wissen.</p><p>�Long Liz ist hier oft untergekommen, wenn sie betrunken war oder wenn Michael sie mal wieder verdroschen hat�, sagte Edmund und schaute zu Boden. �Oder wenn sie �nen Freier hatte, der�s nicht im Freien mit ihr treiben wollte.�</p><p>�Long Liz ist eine Hure?�, fragte ich.</p><p>�Sie war eine�, knurrte Edmund und sch�ttelte den Kopf, als h�tte ich etwas Dummes gesagt. �Sie ist n�mlich tot. Liest du keine Zeitung?�</p><p>�Du meinst �?�, setzte ich an, brachte die Frage aber nicht �ber die Lippen.</p><p>�Keine Bange�, sagte er und hielt mir den Schl�ssel hin. �Das war unten in der Berner Street in Whitechapel. Vor drei Wochen. Und verst�mmelt wurde sie auch nicht.� Er fuhr sich mit dem Zeigefinger �ber den Hals. �Nur die Gurgel durchgeschnitten. Aber nichts mitgenommen. Ich meine, nichts von der Leiche. Trotzdem sagen alle, es war der Ripper. Was wissen die schon! Also, was sagst du?�</p><p>Ich stand wie gel�hmt da und starrte ihn an. Das Zimmer war eine Zumutung, und die Tatsache, dass eines der Mordopfer hier geschlafen hatte, machte es nicht verlockender. Dennoch war ich nicht in der Lage, den Kopf zu sch�tteln oder einfach hinauszugehen.</p><p>�Na dann�, sagte Edmund, der mein Schweigen und meine Starre als Einverst�ndnis zu verstehen schien. Er nickte, legte den Schl�ssel auf den Tisch und ging zur T�r. �Ich bring dir die Decke und die Sch�ssel. Aber die Miete br�uchte ich f�r einen Monat im Voraus.� Er r�usperte sich ein letztes Mal und setzte, mit Blick auf den Boden, hinzu: �Willkommen im Miller�s Court!�</p><p>Vermutlich war ich der einzige Mensch in London, der sich bislang kaum f�r den sogenannten Ripper und seine bestialischen Morde interessiert hatte. Und das, obwohl ich mich mit Vorliebe in genau jener Gegend herumtrieb, in der auch der Frauenm�rder seine Opfer gesucht und so grausam get�tet hatte. Wom�glich war ich, ohne es zu wissen, dem Ripper bei meinen n�chtlichen Ausfl�gen nach Whitechapel und Spitalfields sogar schon einmal begegnet. Noch wahrscheinlicher war es, dass ich mit einem seiner Opfer geredet, getrunken oder sogar geschlafen hatte, und dennoch hielt sich mein Interesse f�r die spektakul�re und ganz London in Atem haltende Mordserie in Grenzen. Zu meiner eigenen Verwunderung, wie ich gestehen musste!</p><p>Nat�rlich war ich vage �ber die Ereignisse und Spekulationen auf dem Laufenden. Das lie� sich kaum vermeiden, da jedermann, nicht nur im East End, geradezu zwanghaft und mit einer seltsamen Lust am Grauen von den Untaten sprach. �berall hingen die Aufrufe und Flugbl�tter der Polizei. Aber auch die Zeitungen, nicht nur die billigen Schundbl�tter, berichteten t�glich �ber das mordende Phantom, obwohl es nur wenig Neues oder gar Stichhaltiges zu vermelden gab. Nicht einmal �ber die Anzahl der bisherigen Opfer war man sich einig. Viele der unz�hligen Journalisten schienen wie die ermittelnden Polizisten orientierungslos im Londoner Nebel zu stochern und sich einfach ihren w�sten Fantasien zu �berlassen. Eine B�rgerwehr, das Whitechapel Vigilance Committee, hatte sich gebildet, forderte von der Regierung und der Polizeif�hrung ein hohes Kopfgeld f�r die Ergreifung des Rippers und patrouillierte nachts, mit Kn�ppeln und Messern bewaffnet, durch die Stra�en. Wie man munkelte, schlenderten nach Einbruch der Dunkelheit als Frauen verkleidete Polizisten durch Whitechapel, um den M�rder auf sich aufmerksam zu machen und auf frischer Tat zu stellen. Doch weder diese Finten noch die unn�tzen Bluthunde hatten bislang irgendwelche verwertbaren Hinweise auf den T�ter erbracht, sondern allenfalls Hinweise auf die Hilflosigkeit und Unf�higkeit der Polizei. Und das versetzte die Menschen derart in Unruhe, dass sie sich zusammenrotteten und immer wieder Unschuldige auf die Polizeistationen schleppten, nur weil sie als Ausl�nder oder Juden einer Randgruppe angeh�rten oder in irgendeiner Weise ungew�hnlich wirkten.</p><p>Diese Erregung der Massen st�rkte in mir den Unwillen, mich genauer mit der Sache zu befassen. Der marodierende Mob und die brodelnden Ger�chte, die ihn befeuerten und immer wildere Bl�ten trieben, waren mir zuwider. Ich war entschlossen, mich nicht vom allgemeinen Fieberwahn anstecken zu lassen. Als Mann hatte ich vom Ripper ohnehin nichts zu bef�rchten, und solange ich mich vom aufgepeitschten Lynchmob fernhielt, konnte mir wenig passieren.</p><p>Dachte ich zumindest.</p><p>Doch nun war ich ausgerechnet in einem Zimmer gelandet, in dem eines der Mordopfer zeitweilig gewohnt hatte. Ich sollte in einem Bett schlafen, in dem die ermordete Hure ihre Freier empfangen hatte. Und es war nicht ausgeschlossen, dass der Ripper, den sie Jack nannten, sie genau hier aufgest�bert hatte. Das Seltsame war jedoch, dass genau das, was mich h�tte abschrecken sollen, meine Neugier kitzelte und in mir ein brennendes Kribbeln erzeugte.</p><p>Nachdem Edmund mir die Sch�ssel und eine muffige Wolldecke gebracht hatte, gab ich ihm die zw�lf Shilling f�r den Monat, verriegelte die T�r hinter ihm, verkantete den Stuhl unter der Klinke und legte mich in Jacke und Hose aufs Bett. Die Kerze stellte ich auf den Boden und lie� sie brennen.</p><p>Ich wei� nicht genau, wie lange ich wach lag, auf die leisesten Ger�usche achtete und zur Bohlendecke starrte, die sich im flackernden Kerzenlicht zu bewegen schien. Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, die seltsamen Ereignisse des Tages zogen wie in einer Narrenparade an mir vorbei, doch nachdem ich meine Unruhe und Aufregung mit einigen gro�en Schlucken aus der Ginflasche ged�mpft hatte, fielen mir schlie�lich die Augen zu.</p><p>Irgendwann in der Nacht wurde ich durch eine laute Stimme geweckt. Auf der anderen Seite der Steinwand rief Edmund: �Nein, ich bin unschuldig! Ich war�s nicht. Ich war dagegen! Nein!� Auch er schien eine unruhige Nacht zu verbringen.</p><p>Dann war alles wieder still.</p><empty-line/></section><section><p>SAMSTAG, 20. OKTOBER 1888</p><p>9</p><p>Am n�chsten Morgen riss mich ein lautes Lachen aus dem Schlaf. Ich fuhr hoch, doch weil das Zimmer kein Fenster hatte und die Kerze l�ngst niedergebrannt war, war es stockfinster im Raum. Ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, wo ich mich befand und wie ich hergekommen war. Wieder lachte jemand schallend. Es h�rte sich beinahe so an, als st�nde derjenige direkt neben meinem Bett.</p><p>�Hast die Bruchbude also tats�chlich untergebracht?�, rief der Lachende.</p><p>�Nicht so laut, Michael�, mahnte eine tiefe Stimme, die ich sofort als die meines b�rtigen Vermieters erkannte. �Der Kerl kann uns doch h�ren. Die Bretterwand ist sehr d�nn.�</p><p>�Wem sagst du das!�, am�sierte sich der andere. �Der wird sich noch den Arsch abfrieren, wenn�s erst mal richtig kalt wird. Sei froh, dass es heute Nacht nicht geregnet hat, sonst w�rst du das feuchte Loch nie losgeworden. Wie hei�t �n der Bursche?�</p><p>�Keine Ahnung�, sagte Edmund. �Hat mir seinen Namen nicht gesagt.�</p><p>�Komisch, oder?�</p><p>�Kann mir egal sein, hat ja f�r �nen Monat im Voraus bezahlt.�</p><p>�Einen Monat im Voraus?� Das Lachen des anderen Mannes nahm einen h�mischen Unterton an. �Was ist denn das f�r �n Schwachkopf?�</p><p>�Psst�, machte Edmund, konnte sich das Lachen aber ebenfalls nicht verkneifen. Es folgte eine kurze Stille, dann sagte er: �Ah, da ist Joseph.�</p><p>�Morgen, du Schlafm�tze!�, rief der Mann namens Michael. �Wurde auch Zeit. Du wirst es nicht glauben, aber ihr habt �nen neuen Nachbar.�</p><p>�Macht nicht so �nen L�rm�, sagte eine kr�chzende und verkatert klingende M�nnerstimme. �Ginger schl�ft noch.�</p><p>�Eintr�gliche Nacht?�, fragte Edmund.</p><p>�Will ich hoffen�, antwortete Joseph m�rrisch. �Hauptsache, sie hat nicht wieder alles versoffen. W�r nicht das erste Mal.�</p><p>Ich hatte mich inzwischen aufgerappelt und zum Eingang vorgetastet. Nachdem ich den Stuhl beiseitegestellt hatte, �ffnete ich die T�r und trat hinaus. Der Morgen d�mmerte bereits, der Himmel leuchtete gelblich vom Rauch der Schlote, aber in dem engen Hof war es trotzdem noch immer so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Als ich um die Ecke schaute, sah ich die drei M�nner vor Edmunds T�r stehen. Die Gaslaterne war noch an und warf lange, zitternde Schatten auf die Erde.</p><p>�Na, gut geschlafen?�, fragte Edmund und zog sich die Schieberm�tze tief in die Stirn, als h�tte er Angst, ich k�nnte ihm ins Gesicht schauen.</p><p>�Erstaunlicherweise ja�, antwortete ich und stapfte zur Wasserpumpe.</p><p>�Die Matratze ist wie neu�, sagte Edmund stolz. �Hab ich ja gesagt.�</p><p>W�hrend ich an den M�nnern vorbeiging, betrachtete ich fl�chtig den einzigen mir unbekannten Mann in der Runde. Er wirkte untersetzt, trug einen sch�bigen Bowler, seine Jacke war an den Ellbogen zerschlissen und die Hose an den Knien mit gro�en Lederflicken besetzt. In seinem aufgedunsenen Gesicht wucherte ein buschiger Schnauzbart unter der Nase, und seine wulstigen Lippen bogen sich zu einem absch�tzigen Grinsen. Als sich unsere Blicke kreuzten, verfinsterte sich seine Miene pl�tzlich und seine hohe Stirn wurde von tiefen Falten zerfurcht. Er sah mich lauernd an, als erwartete er eine Attacke oder als w�re er vor irgendetwas auf der Hut.</p><p>�Du bist Michael, nicht wahr?�, fragte ich, w�hrend ich ihnen den R�cken zuwandte und den Pumpenschwengel bewegte.</p><p>�Kennen wir uns?�, antwortete er, lie� es aber nicht wie eine Frage klingen.</p><p>�Nicht dass ich w�sste�, sagte ich, obwohl mir sein Gesicht irgendwie bekannt vorkam, ohne dass ich jedoch eine Ahnung hatte, wo es mir schon einmal begegnet war. Deshalb setzte ich hinzu: �Aber die Bretterwand ist sehr d�nn. Und Edmund hat dich gestern erw�hnt.�</p><p>�Hat er das?�, knurrte Michael. Dennoch klang er beinahe erleichtert.</p><p>Edmund starrte auf seine Finger und murmelte: �Wegen Liz.�</p><p>�Was ist mit der?�, schnauzte Michael.</p><p>�Nichts�, sagte Edmund ver�ngstigt und r�usperte sich. �Was soll sein?�</p><p>�Was ist mit der Pumpe?�, fragte ich, weil kein Wasser aus dem Rohr kam, und r�ttelte an dem Schwengel, der lose in der Halterung sa�. �Ist die kaputt?�</p><p>�Wasser ist rationiert�, antwortete Edmund. �Halbe Stunde bei Sonnenaufgang, halbe Stunde bei Sonnenuntergang. Wei�te das nicht?�</p><p>�Doch�, log ich. �Dachte, es w�r noch nicht so sp�t.�</p><p>Joseph zog den Rotz hoch und fragte: �Du warst gestern im Britannia, oder? Du und der alte Zottel.�</p><p>Die Bezeichnung Zottel gefiel mir, und ich musste lachen. Was jedoch wegen der Wunde an meinem Muttermal sehr schmerzhaft war.</p><p>�Schluss mit dem albernen Geplauder!�, rief Michael und deutete mit einer Kopfbewegung zur Stra�e. �Wir m�ssen los.�</p><p>�Zu den Docks�, erkl�rte Edmund in meine Richtung, wobei er sich jedoch eher mit meinen F��en unterhielt, und fuhr sich �ber den Vollbart. �Unten am Hafen.�</p><p>�Arbeitet ihr drei dort?�</p><p>�Was denn sonst?�, bellte Michael. �Glaubst du, wir sitzen am Kai, lassen die Beine baumeln und schauen uns die verdammten Dampfer an?� Zischend setzte er hinzu: �Schwachkopf!�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern, betastete den Blutschorf an meinem Muttermal und schaute ihnen nach. Als die drei den dunklen Durchgang betraten, sah sich Michael ein letztes Mal zu mir um. Sein finsterer Blick versprach nichts Gutes. Er wirkte beinahe wie eine Drohung. Offenbar hatte ich mir einen Feind gemacht, ohne im Mindesten zu wissen, wieso und womit.</p><p>�Nimm�s nicht pers�nlich!�, h�rte ich in diesem Augenblick eine irisch klingende Frauenstimme hinter mir. Ginger stand im Eingang ihrer Wohnung, die sich direkt neben der Passage zur Dorset Street befand. �Michael ist immer so�, setzte sie abf�llig schnaufend hinzu. �Ein verdammter W�terich. Geh ihm am besten aus dem Weg!�</p><p>�Morgen, Ginger�, sagte ich und wandte den Blick ab, weil sie im weit ge�ffneten Unterkleid vor mir stand. �Wohnt dieser Michael auch im Hof?�</p><p>�Nee�, antwortete sie. �Vorne in der Dorset Street. Nur ein paar H�user weiter.� Pl�tzlich lachte sie, sch�ttelte ihre rote M�hne, kn�pfte kokett ihren Ausschnitt zu und rief: �Kannst ruhig hingucken, S��er. Gucken kostet nichts.�</p><p>�L�sst du Edmund auch immer gucken?�, entschl�pfte es mir. �Umsonst?�</p><p>�Was meinst �n damit?�, rief sie mit finsterer Miene. �Hat er das behauptet? Edmund ist ein armer Tropf. Solltest ihm nicht alles glauben!�</p><p>Es war offenkundig, dass ich mit meiner Vermutung ins Schwarze getroffen hatte. �Ich hab nur laut gedacht�, sagte ich und lachte. �Denken kostet auch nichts.�</p><p>��berlass das Denken den Pferden�, antwortete sie und drohte spielerisch mit dem Zeigefinger. �Die haben �nen gr��eren Kopf.�</p><p>Ich nickte, ging einen Schritt auf sie zu und reichte ihr die Hand. �Ich hei�e �brigens Rupert. Ich wohne jetzt in der Bretterbude beim Schei�haus.�</p><p>�Rupert?�, wunderte sie sich und sch�ttelte meine Hand. �Komischer Name.�</p><p>�Kommt aus dem Deutschen, glaube ich.�</p><p>�Bist du ein Jude?�</p><p>�W�r das schlimm?�</p><p>Sie hob die Achseln, dachte kurz nach und sch�ttelte dann den Kopf. �Ist mir egal, solange mich keiner bekehren will. Und nackig sehen sie eh alle gleich aus. Obwohl, bei den Juden �� Sie machte eine Scherenbewegung mit Zeige-und Mittelfinger und setzte grinsend hinzu: �Schnipp, schnapp!�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was sie damit meinte. Dann nickte ich erneut, r�usperte mich und wandte mich ab. �Bis dann�, sagte ich und ging in Richtung meines Verschlags. Das Stichwort �bekehren� hatte mich auf eine Idee gebracht.</p><empty-line/></section><section><p>10</p><p>Die Queen Victoria Street f�hrte vom Mansion House des Lord B�rgermeisters in s�dwestlicher Richtung zum neu errichteten Bahnhof St. Paul�s, gleich neben der Blackfriars Bridge. Die gro�z�gig und breit angelegte Stra�e war erst vor wenigen Jahrzehnten gebaut worden, um den Verkehr zum Bankendistrikt in der City zu b�ndeln und den Stra�enl�rm von der nahe gelegenen Kathedrale fernzuhalten. Dass das Hauptquartier der Heilsarmee ausgerechnet an dieser prominenten Stra�e, sozusagen in Reichweite der anglikanischen Kathedrale und unweit des Londoner Finanzzentrums stand, erschien mir einerseits erstaunlich und unpassend, zeugte aber andererseits vom enormen Selbstbewusstsein der einstigen Splittergruppe, die sich inzwischen zu einer weltweit operierenden Organisation gemausert hatte. Dieses stolze Selbstgef�hl dr�ckte sich auch in den riesigen gelben Lettern aus, die an der gesamten Fassade der Nummer 101 prangten: THE SALVATION ARMY INTERNATIONAL HEADQUARTERS. Das vierst�ckige Geb�ude war ein einziges Spruchband und schrie regelrecht hinaus, wer hier das Zepter schwang.</p><p>Vor wenigen Jahren noch hatte das unscheinbare Domizil der Heilsarmee an der Whitechapel Road im East End gelegen. Doch inzwischen galten die Tugenden der Bescheidenheit und M��igung offenbar nur noch f�r die Soldaten und Anh�nger, nicht aber f�r die Organisation selbst. In Kriegszeiten, in denen sie sich zu befinden glaubte, war es scheinbar wichtig, mit lauter Stimme zu sprechen und Flagge zu zeigen. Deshalb hie� ihre Zeitung <emphasis>The War Cry</emphasis>, und deshalb unterhielten sie kein B�ro, sondern ein Hauptquartier mitten im Reich des Feindes.</p><p>Der Eingangsbereich war, gerade im Vergleich mit der schreienden Fassade, auff�llig unscheinbar eingerichtet. In gewisser Weise erinnerte er mich an das improvisierte Foyer unseres Hotels in der Dover Street. Auch hier gab es eine winzige Lobby mit wenigen Sitzgelegenheiten und einen brusthohen Empfangstisch, hinter dem ein uniformierter Mitarbeiter sa�, der alle Ankommenden mit einem pflichtbewussten L�cheln empfing. Allerdings w�re ich in der derben, mit Kalk und Kot beschmutzten Kleidung, die ich an diesem Morgen trug, im Crown Hotel nicht ganz so zuvorkommend behandelt worden wie bei den Salutisten der Heilsarmee.</p><p>�Kann ich helfen, Sir?�, fragte der Mann hinter der Theke und l�chelte, als w�re es tats�chlich sein einziger Lebenssinn, anderen Menschen beizustehen.</p><p>�Ich m�chte zu Captain Eva Booth�, sagte ich und l�pfte den Schlapphut.</p><p>�Aha�, sagte er, und sein L�cheln wurde etwas kritischer. �Und in welcher Angelegenheit, wenn ich fragen darf? Oder haben Sie einen Termin?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und sagte: �Es geht um eine Ohrfeige.�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung?�, erwiderte der Heilssoldat, neigte den Kopf und schaute mich �ber den Rand seiner Eisenbrille misstrauisch an.</p><p>�Das m�chte ich gern unter vier Augen mit dem Captain besprechen.�</p><p>�Captain Eva ist sehr besch�ftigt. Daf�r haben Sie sicherlich Verst�ndnis.�</p><p>�Sie ist also im Haus?�, folgerte ich aus seinen Worten.</p><p>Er nickte und wiederholte: �Aber sie ist wirklich sehr besch�ftigt, Sir. Vielleicht kann <emphasis>ich</emphasis> Ihnen helfen?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie k�nnten mir eine Nachricht f�r sie hinterlassen�, erwiderte er l�chelnd. �Ich w�rde pers�nlich daf�r Sorge tragen, dass sie dem Captain bei n�chster Gelegenheit zugestellt wird.� Er machte eine m�glichst verbindliche Miene und schob sich die Brille auf der Nase zurecht, obwohl sie gar nicht verrutscht war.</p><p>F�r einen kurzen Augenblick �berlegte ich, ob ich einfach am Empfangstisch vorbeigehen und durch den angrenzenden Flur und die Schwingt�r das Hauptquartier betreten sollte, doch das Geb�ude war riesig, und �berdies wimmelte es von uniformierten Menschen. Es war undenkbar, Eva Booth zu finden oder auch nur in ihre N�he zu gelangen, ohne vorher von Heilssoldaten umstellt und auf die Stra�e gesetzt zu werden. Daher nickte ich schlie�lich und bat um ein Blatt Papier und einen Stift.</p><p>Ich �berlegte kurz und schrieb: �Werter Captain! Wenn Sie mir eine weitere Ohrfeige geben wollen, werde ich gern meine andere Wange hinhalten. Satan.� Das sollte reichen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Anschlie�end faltete ich das Papier und notierte au�en: �F�r Captain Eva Booth. Pers�nlich.�</p><p>�Wollen Sie auf eine Antwort warten?�, fragte der Heilsarmist, nahm die Nachricht in Empfang und deutete auf die St�hle, die vor den Fenstern zur Stra�e standen. �Es kann allerdings eine Weile dauern. Vielleicht notieren Sie besser Ihre Anschrift auf dem Zettel?�</p><p>Ich sch�ttelte erneut den Kopf und sagte: �Ich warte drau�en auf der Stra�e.� Das war zwar nicht so bequem, aber es erschien mir sinnvoll, Eva Booth nicht auf ihrem eigenen Terrain, sondern quasi auf neutralem Boden zu begegnen.</p><p>�Es kann allerdings eine Weile dauern�, wiederholte er und hob bedauernd die Achseln. �Captain Eva ist ��</p><p>�Sehr besch�ftigt, ich wei�.� Ich l�chelte ihn aufmunternd an und sagte: �Ich habe Zeit und werde warten. Vielen Dank!� Damit verlie� ich das Hauptquartier und trat hinaus auf die Queen Victoria Street, auf der sich die Kutschen, Handkarren und sonstigen Fuhrwerke in mehreren Spuren dr�ngten und den Fu�g�ngern das �berqueren der Stra�e beinahe unm�glich machten.</p><p>Vom Eingang des Hauptquartiers hatte man einen direkten Blick zur m�chtigen Kathedrale von St. Paul, deren riesige Kuppel mit dem darunterliegenden S�ulengang im Morgenlicht strahlte. Ich setzte mich in unmittelbarer N�he auf den Gehweg, lehnte mich an eine Gaslaterne und z�ndete mir eine Zigarette an. Das Rauchen beruhigte mich und meinen knurrenden Magen, der au�er einem Schluck Wasser noch nichts beinhaltete. Ich schob mir den Hut in den Nacken und schaute dem Treiben auf der Stra�e und dem Gewimmel auf dem Gehsteig zu.</p><p>Zwischen den ratternden Droschken, mehrsp�nnigen Lastkutschen und �berladenen Handkarren der fliegenden H�ndler sah ich ein einzelnes Hochrad, das auf dem holprigen Pflaster bedrohlich hin und her schwankte. Immer wieder h�rte man von Unf�llen, bei denen Radfahrer unter die Pferdehufe oder Kutschr�der gerieten und dabei schwer verletzt wurden. Es gab nicht wenige Stimmen, die sich daf�r aussprachen, die gef�hrlichen Unget�me g�nzlich aus der Stadt zu verbannen und nur noch bei Wettrennen zuzulassen. Mein Bruder Mortimer war ein passionierter Radfahrer, der schon manches Rennen im Westminster Aquarium bestritten hatte. F�r ihn war sein geliebtes Hochrad allerdings ausschlie�lich ein Sportger�t, und niemals w�re er auf die absurde Idee gekommen, es auf einer befahrenen Stra�e zu benutzen.</p><p>Der Gedanke an Mortimer erinnerte mich schlagartig daran, dass ich sehr bald meiner Familie gegen�bertreten und ihr meine Entscheidung mitteilen musste. Denn an dieser folgenschweren Entscheidung hatte sich seit der vergangenen Nacht nichts ge�ndert. Die Tatsache, dass ich inzwischen eine Unterkunft � so �rmlich sie auch sein mochte � in Spitalfields gefunden hatte, befl�gelte mich regelrecht und lie� in mir die �berzeugung wachsen, dass ich auch eine mir genehme und zu bew�ltigende Arbeit finden w�rde. Ich konnte mir lebhaft ausmalen, wie meine Familie reagieren w�rde: William w�rde mir ins Gewissen reden, Mortimer mich f�r verr�ckt erkl�ren und Vater einen Tobsuchtsanfall bekommen. Sie w�rden mir die vermeintlichen Flausen auf ganz unterschiedliche, aber sehr bestimmte Weise auszutreiben versuchen. Doch das konnte mich nicht schrecken. Nicht einmal der Verlust der Erbschaft und meines Namens taugte als Menetekel an der Wand. Das redete ich mir zumindest ein.</p><p>Seitdem ich beschlossen hatte, Tabula rasa zu machen und meinen N�chsten reinen Wein einzuschenken, f�hlte ich mich erstaunlich beschwingt und voller Tatendrang. Die allgemeine Lustlosigkeit, die ich so lange mit mir herumgeschleppt hatte, war einer Euphorie gewichen, die ich mir selbst nicht erkl�ren konnte. Nat�rlich sah ich meine Zukunft nicht in einem Elendsviertel im East End. Meine Gegenwart war mehr als ungewiss, aber dass ich mit meiner Vergangenheit als Hotelerbe und angehender Br�utigam abgeschlossen hatte, begl�ckte mich geradezu. Denn als solche betrachtete ich mein bisheriges Leben: als Vergangenheit!</p><p>�He, du da!�, wurde ich durch einen Tritt gegen meinen Unterschenkel aus meinen Gedanken gerissen. �Aufstehen! Aber ein bisschen pl�tzlich!�</p><p>�ber mir stand ein Polizist in seiner dunklen Uniform, den schmalen Schlagstock in der Hand und den runden Bobby-Hut tief in die Stirn gezogen. Wieder gab er mir einen Tritt mit dem Stiefel.</p><p>�Seit wann ist es verboten, auf dem Bordstein zu sitzen?�</p><p>�Seit ich das sage�, antwortete der Police Constable m�rrisch und klopfte sich mit dem Schlagstock auf den Oberschenkel. �Scher dich weg! Wir wollen hier kein Gesindel auf der Stra�e. Geh dahin, wo du hergekommen bist!�</p><p>�Vielleicht bin ich ja von hier?�, antwortete ich und rappelte mich auf.</p><p>�So siehst du aus, Bursche!�, h�hnte der Polizist, der inzwischen von einigen interessierten Passanten umgeben war.</p><p>�Ich warte auf jemanden�, antwortete ich und verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>�Aber nicht hier! Nicht in meiner Stra�e.�</p><p>�Die Queen Victoria Street ist <emphasis>Ihre</emphasis> Stra�e?�</p><p>Er nickte bedeutsam, zupfte sich am Schnurrbart, dessen gedrillte Enden nach oben zeigten, und sagte: �Lumpenpack und Bettler dulde ich hier nicht.�</p><p>�Ich bin kein Bettler.�</p><p>�Wenn du kein Bettler bist, bin ich kein Polizist�, lachte er und wandte sich Beifall heischend an die Umstehenden, die unser Wortgefecht belustigt verfolgten.</p><p>�Wenn Sie das sagen, Sir�, erwiderte ich und warf ihm meine Zigarette vor die F��e. �Dann wird�s wohl stimmen.�</p><p>Das selbstgef�llige L�cheln verschwand aus seinem Gesicht, seine Mundwinkel zuckten, der Schlagstock schnellte in die H�he, doch bevor er auf mich niedersausen konnte, h�rte ich eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund: �Das wird nicht n�tig sein, Constable!� Captain Booth dr�ngte sich von hinten durch die Menge, legte dem Schutzmann die Hand auf den ausgefahrenen Arm und sagte: �Danke, Officer! Ich k�mmere mich um den Mann.�</p><p>�Sind Sie sicher, Ma�am?�</p><p>�Das bin ich.� Sie nickte dem Constable zu, schenkte ihm ein freundliches und verbindliches L�cheln und wandte sich dann mit abf�lliger Miene an mich: �Sie lieben es, Unruhe zu stiften, nicht wahr?� Eva Booth trug die gleiche Uniform wie am Vorabend, doch unter ihrer Haube schaute ein wei�er Verband hervor, der die gesamte Stirn bedeckte. Ihr sch�nes rotbraunes Haar hatte sie unter der unf�rmigen Haube verborgen, und auch ihr Blick war nicht so gewinnend und bezaubernd wie bei der gestrigen Veranstaltung.</p><p>�Kommen Sie!�, rief sie und deutete auf die Nummer 101.</p><p>�Nicht im Hauptquartier�, antwortete ich und wies in die entgegengesetzte Richtung. �Begleiten Sie mich zum Fluss?�</p><p>�F�rchten Sie sich vor Zeugen?�, fragte sie und hob die Augenbrauen.</p><p>�Alles in Ordnung, Ma�am?�, erkundigte sich der Constable misstrauisch.</p><p>�Alles in Ordnung, Sir�, sagte ich und hob abwehrend die Hand.</p><p>�Ma�am?�, beharrte der Polizist und trat n�her an uns heran.</p><p>�Alles in Ordnung, Officer�, best�tigte sie und ging voraus in Richtung Blackfriars Bridge. Ungeduldig winkte sie mir zu und befahl: �Nun machen Sie schon! Ich habe nicht viel Zeit.�</p><p>Auf dem kurzen Weg zur Themse hatte ich M�he, mit ihr Schritt zu halten, und als ich sie schlie�lich kurz vor dem Bahnhof St. Paul�s eingeholt hatte, fuhr sie pl�tzlich herum, sah mich mit bohrendem Blick an und rief: �Was wollen Sie von mir?�</p><p>�Eine Erkl�rung�, sagte ich schnaufend, doch meine Worte gingen in dem L�rm einer ratternden Lokomotive unter, die direkt �ber unseren K�pfen pfeifend in den Bahnhof einfuhr. �Ich m�chte mich bei Ihnen f�r gestern entschuldigen�, sagte ich, als der Krach nachgelassen hat, und setzte hinzu: �Und ich bitte gleichzeitig um eine Erkl�rung.�</p><p>�Eine Erkl�rung?�, rief sie und starrte mich verwundert an. �Ausgerechnet Sie w�nschen eine Erkl�rung von mir? Die bin ich Ihnen nicht schuldig.�</p><p>�Sie haben mich geohrfeigt und einen Satan genannt.�</p><p>�Sie nennen sich selbst einen Satan und unterschreiben mit seinem Namen�, erwiderte sie und hielt mir den Zettel mit der Nachricht vor die Nase.</p><p>�Mein Name ist Rupert�, sagte ich. �Rupert Ingram.�</p><p>�Sie sind ein Soldat der gottlosen Skelettarmee. Ein brutaler R�pel und Krawallmacher.� Dabei tippte sie sich mit der anderen Hand an die verbundene Stirn. �Es macht Ihnen Spa�, andere zu verletzen.�</p><p>�Nicht l�nger�, sagte ich kopfsch�ttelnd. �Das ist vorbei!�</p><p>�Gut f�r Sie�, gab sie sich unbeeindruckt, doch f�r einen kurzen Augenblick wirkte sie �berrascht und auch ein wenig erleichtert, gerade so, als h�tte sie tats�chlich bef�rchtet, ich k�nnte ihr etwas antun. Dann wandte sie sich von mir ab und blickte zum Fluss, auf dem die Segelboote und Dampfer die niedrige Eisenbahnbr�cke passierten und wegen der landeinw�rts str�menden Flut mit den Schornsteinen und Masten beinahe an die geschwungene Eisenkonstruktion stie�en. �Also?�, fragte sie, ohne mich anzuschauen. �Was kann ich f�r Sie tun, Mr. Ingram? Was wollen Sie?�</p><p>�Woher kennen Sie mich?�, fragte ich und stellte mich neben sie an das eiserne Gel�nder, das den Gehweg von der Uferb�schung trennte. �Was ist es, das Sie mir vorwerfen? Denn als sie mich einen Satan genannt haben, wussten Sie noch nicht, dass ich zu den Skeletons geh�rte. Was habe ich Ihnen getan?�</p><p>Sie sah mich stirnrunzelnd von der Seite an und fragte: �Ist das Ihr Ernst?�</p><p>Ich nickte und blickte ihr direkt ins Gesicht.</p><p>Eva Booth war offenkundig verwirrt. Sie schien mir einerseits zu glauben, war aber zugleich noch nicht bereit, ihr Misstrauen abzulegen. Es hatte fast den Anschein, als suchte sie in meinem Gesicht nach einer Antwort. Dann deutete sie pl�tzlich auf das Muttermal auf meiner rechten Wange und sagte: �Sie sollten damit zu einem Arzt gehen. Die Wunde eitert und hat sich entz�ndet.�</p><p>�Es ist nichts�, wiegelte ich ab. �Nur ein Rattenbiss.�</p><p>�Daran habe ich Sie erkannt.�</p><p>�Woran?�</p><p>�An Ihrem Kainsmal.�</p><p>�Kainsmal?�, entfuhr es mir, und wider Willen musste ich lachen. �Aber ich habe niemanden ermordet! Schon gar nicht meinen Bruder.�</p><p>�Doch, das haben Sie!�, erwiderte sie, und ihr Blick verh�rtete sich. �Wir sind alle Br�der und Schwestern, denn Gott ist unser gemeinsamer Vater. Und Sie haben eine unserer Schwestern auf dem Gewissen.�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon Sie sprechen.�</p><p>�Ich rede von Elizabeth Gustafsdotter�, erwiderte sie und deutete mit dem behandschuhten Finger auf meine Nase. �Ohne Sie und Ihren brutalen Freund w�re sie wom�glich noch am Leben. Ganz bestimmt w�re sie das sogar.�</p><p>�Elizabeth <emphasis>wer?</emphasis>�</p><p>�Gustafsdotter. Sie stammte aus Schweden.� Sie wandte sich erneut ab, seufzte tief und schaute auf die andere Seite des Flusses, zur Bankside, wo der Anchor Pub der Familie Barclay verschlafen in der Morgensonne d�ste. �In den Zeitungen nannte man sie sp�ter Elizabeth Stride. Sie war seit Jahren Witwe, und vermutlich war Stride der Name ihres verstorbenen Mannes. Uns hat sie sich mit ihrem M�dchennamen vorgestellt. Deshalb haben wir auch lange nicht begriffen, dass es sich um ein und dieselbe Frau handelte.�</p><p>�Ich h�re zum ersten Mal von dieser Frau�, beteuerte ich und legte meine Hand auf ihren Unterarm. �Das m�ssen Sie mir glauben, Eva!�</p><p>�So, muss ich das?�, sagte sie und zog ihren Arm weg. �Und nennen Sie mich gef�lligst nicht beim Vornamen! Das steht Ihnen nicht zu, Sir!�</p><p>�Was ist denn �berhaupt passiert? Ich begreife das alles nicht.� Die Situation erschien mir so unwirklich und absurd. Offensichtlich wurde mir ein Fehlverhalten vorgeworfen, das einer Frau das Leben gekostet hatte, doch mir waren weder die Frau noch mein Vergehen bekannt. Trotzdem schien Eva Booth nun von mir zu erwarten, dass ich irgendeine Schuld eingestand oder Reue f�r meine Verfehlung zeigte. Ich flehte sie regelrecht an: �Beschimpfen Sie mich, ohrfeigen Sie mich, das soll mir alles recht sein, aber bitte verraten Sie mir, was ich getan haben soll!�</p><p>�Elizabeth war eine gefallene Frau�, sagte sie und hob abwehrend die Hand, als ich nachhaken wollte. �Und sie war eine bemitleidenswerte Trinkerin. Beides h�ngt nat�rlich zusammen, denn der Satan kennt viele Wege, die Menschen ins Verderben zu f�hren. Doch die Ungl�ckliche wollte auf den Pfad der Tugend zur�ckkehren, dem Alkohol abschw�ren und sich nicht l�nger an die M�nner verkaufen. Vor allem aber wollte sie sich von ihrem Freund trennen, der ein Trunkenbold und �bler Schl�ger war und sie ein ums andere Mal wie einen K�ter verdroschen hat. Deshalb hat sie sich an die Heilsarmee gewandt. Sie hat uns um Hilfe gebeten, und nat�rlich haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um sie in ihrem Entschluss zu best�rken.�</p><p>�Dieser Freund, von dem Sie sprechen, kennen Sie seinen Namen?�, unterbrach ich sie und kramte hektisch nach meinen Zigaretten. Ein seltsamer und unbehaglicher Verdacht stieg in mir auf, und ich brauchte etwas, um meine Nerven zu beruhigen.</p><p>�Sie nannte ihn Mika, aber ich glaube nicht, dass er ebenfalls Schwede war�, antwortete Eva Booth und machte pl�tzlich eine angewiderte Miene. �W�rden Sie bitte in meiner Gegenwart das Rauchen unterlassen, Mr. Ingram? Das ist ein gottloses Laster, das ich in meinem Beisein nicht dulden kann. Andernfalls m�sste ich unser Gespr�ch auf der Stelle beenden.�</p><p>�Entschuldigung�, murmelte ich und warf die Zigarette, die ich gerade angez�ndet hatte, in die Themse. Der schroffe und k�hle Tonfall, in dem Eva Booth mit mir redete, und der eisige Blick, mit dem sie mich bedachte, taten mir im Innersten weh. Zugleich aber hatte ich inzwischen eine Ahnung, in welche Richtung dieses Gespr�ch f�hrte, und bei dem Gedanken daran wurde mir ganz schlecht. Dennoch sagte ich: �Bitte erz�hlen Sie weiter!�</p><p>�Nachdem dieser Mika sie wieder einmal geschlagen hatte, kam Elizabeth zu uns ins Frauenasyl und bat die Schwestern um Schutz.�</p><p>�Das Asyl in der Hanbury Street?�, fragte ich und schluckte. Ein verschwommenes Bild des Hauses tauchte vor meinem inneren Auge auf, und irgendetwas tief in mir beschwor mich dringend, auf der Stelle das Weite zu suchen. Ich schaute �ber meine Schulter in Richtung Queen Victoria Street, dort standen zwei Uniformierte dicht beieinander und blickten zum Fluss. Der eine trug einen Polizeihelm und einen Schlagstock, der andere ein K�ppi der Heilsarmee.</p><p>Eva Booth nickte und fuhr fort: �Sie hatte Striemen am ganzen K�rper und hat kein vern�nftiges Wort herausgebracht, weil sie zun�chst versucht hatte, ihren Schmerz mit Alkohol zu bet�uben. Schwester Florence, meine Schw�gerin, hat sich gemeinsam mit den anderen Schwestern um sie gek�mmert. Ich habe Elizabeth einige Male in der Hanbury Street gesehen und konnte feststellen, dass es ihr nach wenigen Tagen bereits besser ging. Sie war wieder frohen Mutes und fest entschlossen, ihr Leben zu �ndern. Auch wenn sie am ganzen K�rper schlotterte, weil ihr der Branntwein fehlte. Fr�her einmal war sie ein sehr gl�ubiger Mensch gewesen, wie sie sagte, und nun hatte sie endlich zu Gott zur�ckgefunden. Ihr armer K�rper war zerschunden und missbraucht, aber ihre Seele war noch zu retten. Gott im Himmel hat sich ihrer in seiner unendlichen Gnade angenommen.�</p><p>�Bis der Teufel auftauchte?�, fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte.</p><p>Die Erinnerung �berschwappte mich wie eine Flutwelle. Es war nur ein sehr verschwommenes und dunkles Bild, kaum mehr als ein wirrer Traum, aber pl�tzlich glaubte ich zu wissen, warum Eva Booth mich einen Satan genannt hatte. Ich hatte ihrem Gott im Himmel ins Handwerk gepfuscht. Mit irdischem Geld und teuflischem Schnaps.</p><p>�Bis Sie und dieser Mika auftauchten und Elizabeth aus dem Haus lockten�, best�tigte sie nickend und wandte sich zu mir um. �Sie haben die arme Frau ins Verderben gest�rzt.�</p><p>�Sein Name ist Michael�, sagte ich. �Er arbeitet am Hafen.�</p><p>�Mag sein.�</p><p>�Und Elizabeth wurde Long Liz genannt. Jedenfalls von ihren Freiern.�</p><p>�Sie erinnern sich also?�</p><p>Ich nickte und zuckte zugleich mit den Schultern. Ich erinnerte mich l�ckenhaft an einen f�rchterlichen Absturz in einer chinesischen Opiumh�hle in Mile End. An zu viel Laudanum und Absinth. An w�ste Halluzinationen und noch mehr Opium. Und an einige anschlie�ende Schn�pse im Cloak and Dagger, einer Hinterhofkaschemme an der Whitechapel Road, die vor allem von Hafenarbeitern, Tagel�hnern und Huren besucht wurde. Der Rest der Nacht war wie ein Fieberwahn, ein Trugbild. Ein Mann am Tresen fluchte �ber seine Freundin und dass er sie an die Gottesnarren verloren habe. Wir tranken und rauchten und steigerten uns in eine unb�ndige Wut hinein, die der Wirt mit immer mehr Schnaps befeuerte. Der Mann wollte die Frau irgendwo rausholen, notfalls mit Gewalt. Sie sei seine Freundin, seine Hure, sein Besitz, und das werde sie bleiben, auch wenn sie eine verdammte S�uferin und �berhaupt ein elendiges Mistst�ck sei. Sie geh�re ihm! Das werde er den missratenen Weibern in der Hanbury Street schon zeigen.</p><p>Ich hatte das alles tats�chlich vergessen und verdr�ngt. Vielleicht hatte ich auch innerlich dagegen angek�mpft. Vor wenigen Stunden, als Michael vor mir gestanden und mich lauernd angestarrt hatte, da war mir sein Gesicht zwar vage bekannt vorgekommen, doch auf seine Frage, ob wir uns kannten, hatte ich wahrheitsgem�� geantwortet: �Nicht dass ich w�sste.� Die betreffende Nacht war wie ein undurchsichtiger Schleier gewesen. Doch jetzt lichtete sich der Nebel und brachte Bruchst�cke einer h�sslichen Szene zum Vorschein: zwei l�rmende Gestalten vor dem Frauenheim in der Hanbury Street. Erboste Nachbarn, die sich beschwerten und mit der Polizei drohten. Heilsarmistinnen in Uniformen, mit Bibeln und frommen Spr�chen bewaffnet. Eine verschlafene Frau, die schlie�lich herauskam, um die Krawallmacher zum Schweigen und ihren Ex-Freund zur Vernunft zu bringen. Und ein verf�hrerisches Angebot, das sie schlechterdings nicht ablehnen konnte.</p><p>�Sie haben Elizabeth in die Falle gelockt�, sagte Eva Booth.</p><p>�Nein�, antwortete ich. �Ich <emphasis>war</emphasis> die Falle.�</p><p>Es war meine Idee gewesen, die entlaufene Hure mit einer Pfundnote und die trockene Trinkerin mit einer Flasche Malzwhisky zu k�dern. Wie h�tte sie da Nein sagen k�nnen? Ja, wir hatten ihr eine Falle gestellt. Ich selbst war der Anwalt des Teufels gewesen und hatte saubere Arbeit geleistet.</p><p>Es war keineswegs so, dass mir der geifernde und vor Wut sch�umende Kerl an meiner Seite in jener Nacht besonders sympathisch gewesen w�re, im Gegenteil. Doch der Gedanke, den Hirten der Heilsarmee ein Sch�flein aus ihrer Herde zu stehlen, hatte mir ein fast kindliches Vergn�gen bereitet. Ich hatte keine Ahnung, ob ich es anschlie�end mit Long Liz in irgendeiner Seitengasse getrieben hatte und was aus dem Geld und dem Whisky geworden war. Das war auch gar nicht wichtig. Das Ganze war aus meiner Sicht ein guter Streich gewesen, ein lustiger Spa�, mehr nicht.</p><p>�Wann war das?�, wollte ich von Eva Booth wissen.</p><p>�Vor etwa drei Wochen, Ende September�, antwortete sie und fixierte mich mit ihrem eisigen Blick. �Genau einen Tag, bevor sie ermordet wurde.�</p><p>Ich senkte den Blick und w�re am liebsten vor Scham und Ekel �ber mich selbst im Boden versunken. Dann jedoch kam mir ein anderer Gedanke, der mich wie unter Schmerzen zusammenfahren lie�. �Sie glauben doch nicht, dass ich sie ermordet habe�, rief ich und griff nach ihrem Arm. Da sie erschrocken zur�ckwich, lie� ich sie los und bat um Verzeihung. �Ich bin kein M�rder!�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah ich zwei dunkle Gestalten rasch n�her kommen.</p><p>�Ich k�nnte einer Frau niemals etwas antun�, f�gte ich flehentlich hinzu.</p><p>�Woher wollen Sie das wissen?�, fauchte sie mich an. �Sie haben sich offensichtlich nicht im Griff und keine Ahnung, wozu Sie in der Lage sind, Mr. Ingram! Wie k�nnen Sie sich also sicher sein?�</p><p>�Nein!�, rief ich entsetzt und hob abwehrend die H�nde. �Ich bin nicht der Ripper. Das m�ssen Sie mir glauben, Miss Booth.�</p><p>�Es mag sein, dass Sie ihr nicht die Kehle durchgeschnitten haben, aber ohne Sie w�rde Elizabeth jetzt noch leben�, antwortete sie, und ihre Worte waren so kalt und ungn�dig wie ihr Blick. �Sie haben die Frau auf dem Gewissen!�</p><p>Dem war kaum etwas entgegenzusetzen. Eva Booth hatte recht. Wenn ich nicht geholfen h�tte, Elizabeth Stride aus dem Frauenasyl zu locken, h�tte der Ripper in der folgenden Nacht nicht die M�glichkeit gehabt, sie in einer dunklen Gasse zu ermorden. Wom�glich h�tte es eine andere Prostituierte getroffen, doch das war mir kein Trost. Vermutlich w�re Long Liz sp�ter ohnehin zu ihrem pr�gelnden Freund zur�ckgekehrt, aus Trunksucht oder weil sie Geld brauchte. Doch es w�re nicht in dieser Nacht gewesen. Nicht mit diesen fatalen Folgen!</p><p>Ja, Eva Booth hatte recht. Ich hatte die Frau auf dem Gewissen.</p><p>Beinahe w�nschte ich mir, ich w�re noch so unwissend wie vor nicht einmal einer Stunde, als ich mich ungerecht behandelt gef�hlt und selbstgef�llig nach einer Erkl�rung verlangt hatte. Doch die Zeit war leider nicht zur�ckzudrehen, die Worte waren nicht ungesprochen zu machen, ich konnte das Wissen nicht aus meinem Hirn radieren.</p><p>�Oh Gott!�, entfuhr es mir. Und in einer unbeholfenen und unbeherrschten Geste stie� ich meine Hand zum Himmel, als wollte ich den z�rnenden Gott, an den ich gar nicht glaubte, f�r all das verantwortlich machen.</p><p>�Nehmen Sie Ihren Arm herunter, Sir!�</p><p>Ich schaute verwirrt zur Seite und sah eine dunkle Polizeiuniform und einen erhobenen Schlagstock.</p><p>�Sofort!�</p><p>Statt dem Befehl des Polizisten Folge zu leisten, fuhr ich auf dem Absatz herum und merkte gar nicht, dass ich meine Hand zur Faust ballte.</p><p>�Seien Sie doch vern�nftig!�, sagte der Heilsarmist neben dem Polizisten und streckte mir seine H�nde entgegen, als wollte er mich umarmen. �Gewalt ist niemals eine L�sung.�</p><p>Ich starrte ihn an und erkannte den Mann vom Empfangstresen im Hauptquartier. Gegen meinen Willen musste ich laut lachen. Es war alles so absurd. Wie in einem Fiebertraum!</p><p>�Ich hatte Sie gewarnt!�</p><p>Im selben Moment landete der Kn�ppel krachend auf meinem Sch�del. Der Schmerz schoss explosionsartig durch meinen K�rper. Meine Knie knickten ein. Der Boden kam n�her. Die Ger�usche verstummten. Wie dumm, dachte ich noch. Dann wurde mir schwarz vor Augen.</p><empty-line/></section><section><title><p>DRITTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>CELIA BROOKS</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�You could indeed exhibit anything in those days (�)</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>It was not the show, it was the tale that you told.�</emphasis></p><p>(�Man konnte damals tats�chlich alles ausstellen (�)</p><empty-line/><p>Es ging nicht um die Vorf�hrung, es ging um die Geschichte,</p><empty-line/><p>die man erz�hlte.�)</p><p>The Penny-Showman: Memoirs of Tom Norman, �Silver King�</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>FREITAG, 19. OKTOBER 1888</p><empty-line/><p>(AM TAG ZUVOR)</p><p>1</p><p>Die Curtain Tavern unterschied sich kaum von den umliegenden Kneipen in Shoreditch. Celia w�re niemals auf die Idee gekommen, dass sich im Hinterzimmer der etwas heruntergekommenen Sch�nke kuriose Gestalten und missgebildete Menschen dem gaffenden Publikum pr�sentierten. Nur ein winziges Plakat im Fenster wies auf die seltsamen Attraktionen hin, und ein unscheinbares Holzschild neben dem Eingang an der Stra�e bedeutete dem zuf�lligen Passanten, dass sich hier ein Penny Gaff namens The Sensation befand. Vermutlich ging die Kunde von Mund zu Mund, oder dem Inhaber der Kneipe war es schlichtweg egal, ob irgendjemand der Monstrosit�tenShow beiwohnte. Denkbar aber auch, dass es in diesem unwirtlichen Teil der Stadt einfach zu wenig zuf�llige Passanten gab, um einen gr��eren Aufwand zu rechtfertigen.</p><p>Der Pub befand sich n�rdlich des Bahnhofs Liverpool Street, in der Curtain Road, von der er auch seinen Namen erhalten hatte. Heather verriet Celia, dass sich vor hunderten von Jahren ein ber�hmtes Theater dieses Namens in der N�he befunden habe. Von der Christ Church in Spitalfields war es nur ein kurzer Fu�weg nach Shoreditch gewesen, doch die Gegend auf der R�ckseite des Kopfbahnhofs war durch das Gewimmel der Gleise, die unz�hligen �ber-und Unterf�hrungen und die vielen Nebengeb�ude, Stellwerke und Lokschuppen derart zerkl�ftet und un�bersichtlich, dass sich Celia wie in einem Labyrinth vorgekommen war und vermutlich ohne Heathers Hilfe nicht mehr hinausgefunden h�tte.</p><p>�Wahrscheinlich hat�s schon angefangen�, sagte Heather, als sie schlie�lich das Curtain betraten und drinnen von dichten Rauchschwaden und lautem Gr�len empfangen wurden. �Vielleicht kriegen wir Nachlass.�</p><p>Celia wurde von Heather an der Hand durch den gut gef�llten Schankraum zu einer schmalen T�r neben dem Tresen gef�hrt, auf der ein fleckiges Pappschild mit der Aufschrift �Sensation Gaff� angebracht war. Heather nickte Celia verschw�rerisch zu und �ffnete die T�r. Doch als sie sich unbemerkt in den Hinterraum stehlen wollten, wurden sie vom Wirt entdeckt und angeschnauzt: �Oi, ihr zwei H�bschen, macht �nen Penny pro Nase!�</p><p>Celia fuhr erschrocken zusammen, doch Heather schielte durch die halb ge�ffnete T�r und antwortete: �Hat ja schon angefangen.�</p><p>�Dann �nen Penny f�r zwei Nasen�, lie� sich der Wirt erweichen, t�tschelte Celias Wange und streckte die offene Hand aus. �Will mal nicht so sein.�</p><p>Celia zahlte rasch und folgte Heather durch die T�r in einen abgedunkelten Raum, an dessen hinterem Ende eine niedrige B�hne von bunten Gaslichtern beleuchtet war. In einer Ecke stand ein Klavier, das aber im Augenblick nicht benutzt wurde. Auf der B�hne wurde eine Art Schauerst�ck aufgef�hrt, bei dem sich zwei maskierte M�nner mit gez�ckten Messern auf eine leicht bekleidete Frau st�rzten und wie im Blutrausch auf sie einstachen.</p><p>�Jack the Ripper�, vermutete Heather und setzte sich in die hinterste von sieben Stuhlreihen, die etwa zu zwei Dritteln gef�llt waren.</p><p>�Zwei Jacks?�, wunderte sich Celia und setzte sich neben sie.</p><p>Heather zuckte mit den Achseln und starrte fasziniert zur B�hne, wo der eine der M�nner die Beine der am Boden liegenden Frau gewaltsam spreizte und so tat, als w�rde er sich ger�uschvoll an ihr vergehen, w�hrend der andere unabl�ssig mit dem Messer auf ihren Oberk�rper einstach, bis das Blut in Str�men von der Klinge lief. Anscheinend hatte sie Beutel mit Tierblut in der Bluse versteckt. Celia wandte angewidert ihren Blick ab und betrachtete verschreckt das Publikum, das aus M�nnern, Frauen und sogar einigen Kindern bestand, die das blutr�nstige Geschehen auf der B�hne lautstark kommentierten und beklatschten.</p><p>Gl�cklicherweise war die martialische Auff�hrung mit der fast vollst�ndigen Entkleidung und dem dramatischen Tod der Frau bald beendet. Die Schauspieler verneigten sich und sammelten ihre schauerlichen Requisiten ein. Daraufhin betrat ein Mann im sch�bigen Anzug und mit knittrigem Zylinder die B�hne und k�ndigte die n�chste Sensation an.</p><p>�Werte Damen und Herren, begr��en Sie mit mir eine Frau, deren R�ckgrat aus Kautschuk besteht und die mit ihren zierlichen Gliedma�en die Gesetze der Natur widerlegt. Sie ist halb Frau, halb Schlange. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, aber mit Knochen aus vulkanisiertem Gummi. Aus dem fernen �gypten, wo sie wie eine Pharaonin verehrt wird, heute bei uns zu Gast: Sheila, die Schlangenfrau von Shoreditch!�</p><p>�Das ist sie�, sagte Heather und stie� Celia mit dem Ellbogen an, w�hrend sie mit der anderen Hand einen Flachmann aus dem Mieder zog, den sie gekonnt mit einer Hand entkorkte und sich umgehend an den Mund setzte. �Gleich wirst du staunen! Maureen ist �ne Wucht.� Sie steckte die Flasche wieder ein und klatschte begeistert, wobei sie Celia erneut auffordernd anstupste.</p><p>Der Mann mit dem Zylinder hatte sich inzwischen ans Klavier gesetzt, wo er seltsame Tonfolgen spielte, die wom�glich orientalisch klingen sollten. Auf die B�hne trat eine junge, sehr schm�chtige Frau, die au�er einem knapp bemessenen und fast durchsichtigen Trikot nur einen wei�en Schleier vor dem Gesicht trug. Ihr dunkelbraunes Haar hatte sie unter einer Art Turban verstaut. Sie setzte sich unter merkw�rdigen Verrenkungen der Arme im Schneidersitz auf einen Tisch, den ein zwergenhafter Helfer im Clownskost�m zuvor hereingetragen hatte. Dann griff sie mit der linken Hand nach ihrem rechten Fu� und legte ihn sich in den Nacken, anschlie�end fasste sie mit der rechten Hand ihren linken Fu� und tat es mit ihm genauso, zu guter Letzt stemmte sie sich auf ihren Handfl�chen in die H�he, drehte sich auf dem Tisch im Kreis und klatschte mit den nackten Fu�sohlen hinter ihrem Kopf.</p><p>Celia starrte wie gebannt zur B�hne und glaubte kaum, was sie dort sah. Heather hatte nicht �bertrieben, Maureen war tats�chlich eine Wucht. Was sie mit ihren Armen, Beinen und vor allem ihrem R�cken veranstaltete, spottete jeder Beschreibung. Sie konnte ihr R�ckgrat derart nach hinten verbiegen, dass sie mit den Fingerspitzen ihre Fersen zu ber�hren vermochte. Anschlie�end stellte sie sich auf die H�nde und lie� die F��e wie ein Katapult nach oben schnellen, um gleich darauf im Spagat auf dem Tisch zu landen. Celias Knochen taten allein beim Zuschauen weh, doch die Schlangenfrau schien �berhaupt keine Knochen zu besitzen. Sie l�chelte, w�hrend sie sich verbog und spreizte und verknotete, dass den Zuschauern das H�ren und Sehen verging.</p><p>Dass einige der Kunstst�cke und Posen h�chst obsz�n und vor allem f�r das geifernde m�nnliche Publikum gedacht waren, bemerkte Celia durchaus. Sie sch�mte sich fast f�r die l�sternen Kerle, die der Frau so ungeniert zwischen die Beine und auf die halb entbl��ten Br�ste starrten, doch f�r Maureen alias Sheila empfand sie nichts als Bewunderung, und als die Darbietung nach etwa einer Viertelstunde beendet war, klatschte sie so heftig, bis ihr die H�nde weh taten und Heather sie darauf aufmerksam machte, dass nun eine zehnmin�tige Pause folgen w�rde.</p><p>�Komm mit!�, sagte Heather und deutete zur B�hne, auf der der kleine Clown den Tisch beiseiter�umte und die Utensilien f�r die n�chste Nummer heranschaffte. �Wir wollen Maureen Guten Tag sagen.�</p><p>�Wir k�nnen doch nicht einfach ��, meinte Celia sch�chtern.</p><p>�Klar k�nnen wir�, erwiderte Heather und zog sie schon hinter sich her.</p><p>Neben der B�hne f�hrte ein schmaler Durchlass zu einem weiteren Hinterzimmer, doch als Heather den Vorhang beiseiteschob, mit dem die provisorische Umkleidekabine vom B�hnenraum getrennt war, stellte sich ihr der Mann mit dem Zylinder in den Weg und sagte: �Postkarten gibt�s erst nach der Vorstellung. Musst dich noch etwas gedulden.�</p><p>�Wir wollen zu Maureen�, sagte Heather und zw�ngte sich an dem Mann vorbei.</p><p>�Hier gibt�s keine Maureen�, antwortete der Zeremonienmeister und wollte Heather am Kragen packen.</p><p>�Wei� Maureen, dass es sie nicht gibt?�, lachte Heather, schlug dem Mann auf die Finger und deutete zu einem Stuhl, auf dem die Schlangenfrau von Shoreditch sa� und ihr Trikot auszog. �Hallo, Liebes! Noch alle Gr�ten heil?�</p><p>�Heather, du alte Vogelscheuche!�, rief Maureen und warf sich ihrer Freundin in die Arme. �Wo kommst du denn her? Hab dich ja Ewigkeiten nicht gesehen. Wo hast du gesteckt?�</p><p>�Hier und da�, antwortete Heather ausweichend und hob vielsagend die Augenbrauen. �Man schl�gt sich so durch.�</p><p>Maureen nickte wissend und klopfte Heather aufmunternd auf den Oberarm.</p><p>Der Mann mit dem Zylinder deutete auf Celia und fragte: �Geh�rt die Kleine dazu?� Auf Heathers Nicken hin bugsierte er Celia ins Hinterzimmer und schloss den Vorhang hinter ihr.</p><p>Celia schaute sich in dem winzigen Raum um und starrte fasziniert auf die sonderlichen Gestalten, die sich hier auf ihren Auftritt vorbereiteten oder sich nach getaner Arbeit ihrer Kost�me und Schminke entledigten. Die drei Schauspieler, die vorhin den Ripper-Mord nachgestellt hatten, trugen inzwischen andere Kleidung und reinigten die blutigen Mordwerkzeuge, die offenkundig f�r die n�chste Vorf�hrung erneut gebraucht wurden. In einer Ecke des fensterlosen Kabuffs sa� eine �ltere Frau vor einem Spiegel und bepinselte ihren �ppigen Damenvollbart mit schwarzer Farbe, damit er noch besser zur Geltung kam. Direkt neben ihr stand ein unglaublich gro�er, spindeld�rrer Kerl, der sich noch riesiger machte, indem er hochhackige Stiefel anzog und einen �berdimensionalen Bowler aufsetzte. Der Riese hatte ein ausgemergeltes Gesicht, dessen harte Konturen durch schwarze und wei�e Schminke betont wurden. Er wirkte vielleicht auch deshalb so gro�, weil direkt neben ihm ein Zwerg hockte, der aber nicht als Clown, sondern als missgebildetes Monstrum verkleidet war. Der winzige Mann trug eine schaurige Maske und schob sich gerade ein kleines Kissen hinten unter die Jacke, das ihn zu einem Buckligen machte.</p><p>�Na, Kindchen, kannst den Mund wieder zumachen�, rief Maureen und reichte Celia die Hand. �Bist du eine Freundin von Heather?�</p><p>Da Celia nicht wusste, was sie darauf antworten sollte, l�chelte sie nur stumm.</p><p>�Klar ist sie das�, sagte Heather und legte ihren Arm um Celias Schultern. �Ich helf der Kleinen ein bisschen auf die Spr�nge und zeig ihr, wo�s langgeht.�</p><p>�Als wenn du davon auch nur die leiseste Ahnung h�ttest�, spottete Maureen und zog sich das Trikot aus. Dass sie nun barbusig und im Unterrock vor dem Zeremonienmeister und allen anderen Anwesenden stand, schien ihr nichts auszumachen. �Seid ihr zuf�llig hier?�</p><p>�Nein. Ich hab deinen Schlangennamen auf �nem Plakat gelesen und Celia extra hergebracht�, sagte Heather und stie� Celia auffordernd an. �Sie sucht n�mlich jemanden und will dich was fragen. Vielleicht kannst du ihr helfen.�</p><p>�Aber nicht hier drinnen�, mischte sich der Mann mit dem Zylinder ein und hielt Maureen ein Kost�m hin, das vage einer Schlangenhaut nachempfunden war. �Und nicht jetzt! In ein paar Minuten bist du wieder dran, S��e. Plaudern kannst du, wenn du Feierabend hast.�</p><p>Maureen hob bedauernd die Schultern und sagte: �Schaut euch doch den Rest der Show an. Danach k�nnen wir reden. Ich wohne gleich um die Ecke. In der Luke Street.�</p><p>�Einverstanden�, meinte Heather und ging mit Celia zur�ck in den B�hnenraum, wo das Publikum h�rbar ungeduldig auf die Fortsetzung wartete.</p><p>�Was f�r eine sch�ne Frau�, murmelte Celia, als sie sich setzte.</p><p>�Findest du?�, antwortete Heather und zuckte ver�chtlich mit den Schultern. �Fr�her vielleicht. Ganz sch�n mager geworden, die Gute! Und blass im Gesicht.�</p><p>�Das war die Schminke�, vermutete Celia.</p><p>�Wenn schon�, meinte Heather. Als der Zuschauerraum abgedunkelt wurde, nahm sie einen weiteren Schluck aus ihrem Flachmann.</p><p>Sheilas Schlangennummer, die vom Zeremonienmeister erneut mit hochtrabenden Worten angek�ndigt wurde, bildete den Auftakt zur zweiten H�lfte des Programms. Doch diesmal turnte und verbog sie sich nicht auf einem Tisch, sondern kroch schlangenartig und zischelnd aus einem gro�en Bastkorb und schl�ngelte sich �ber den Boden, ohne dabei die H�nde oder F��e zu benutzen. Oder sie tat das so geschickt, dass man es nicht bemerkte. Maureen ringelte sich, bog wie eine Schlange ihren Kopf und Oberk�rper senkrecht in die H�he, w�hrend sie mit ihrem Becken den Boden ber�hrte, sodass Celia fast Angst um ihr R�ckgrat bekam. Mit gro�en Augen und offen stehendem Mund verfolgte sie das Geschehen auf der B�hne, und in unregelm��igen Abst�nden entfuhren ihr kleine Seufzer des Staunens. Auch die M�nner im Publikum seufzten gelegentlich, doch das hatte vermutlich andere Gr�nde. Schlie�lich wurde die Schlangenfrau vom Zeremonienmeister mittels einer Rassel wieder in den Bastkorb gelockt, an dessen Au�enwand sie emporkroch, als h�tte sie wie ein Krake Saugn�pfe an ihrem K�rper. Nachdem sie im Korb eingesperrt war, wurde sie unter dem Beifall der Zuschauer von dem erstaunlich kr�ftigen Zwergenclown von der B�hne geschoben.</p><p>Celia war fasziniert und h�tte am liebsten nach einer Zugabe gerufen, doch schon betrat der Zeremonienmeister wieder die B�hne, schwenkte seinen Zylinder und k�ndigte eine weitere schockierende und blutr�nstige Darstellung der Whitechapel-Morde an, was von den Zuschauern frenetisch bejubelt wurde. Sie skandierten: �Jack, Jack, Jack!�</p><p>Als die drei Schauspieler hinter dem Vorhang hervortraten und bereits nach kurzer Zeit ersichtlich war, worauf die Darbietung abermals hinauslaufen w�rde, entschuldigte sich Celia bei Heather und sagte, sie wolle lieber auf der Stra�e warten, als dem Gemetzel zuzuschauen.</p><p>�Aber wir haben bezahlt�, emp�rte sich Heather.</p><p>�<emphasis>Ich</emphasis> habe bezahlt�, korrigierte Celia und stand auf. �Du kannst gerne bleiben, wenn du willst. Wir sehen uns nach der Vorstellung auf der Stra�e.�</p><p>�Du verpasst was�, meinte Heather und deutete zur B�hne, wo einer der beiden M�nner gerade den hinl�nglich bekannten Dolch aus dem Hosenbund zog.</p><p>�Und wenn schon�, erwiderte Celia und ging.</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Kaum hatte Celia den Pub verlassen und die Curtain Road betreten, schon bereute sie ihren �bereilten und unbedachten Entschluss. Im Penny Gaff h�tte sie zwar noch einmal die Imitation eines Ripper-Mordes ertragen m�ssen, doch hier allein vor der T�r bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie hatte immer noch die erste Darstellung des Mordes und der Vergewaltigung vor Augen und machte sich insgeheim darauf gefasst, tats�chlich vom Ripper �berw�ltigt und in einen finsteren Durchlass gezerrt zu werden. Der Vollmond sorgte zwar daf�r, dass die Umgebung nicht in v�lliger Finsternis versank, au�erdem lag die Curtain Road, streng genommen, nicht im East End, doch die Stra�e und die umliegenden H�fe waren um diese Uhrzeit so verlassen und menschenleer, wie es sich ein M�rder nur w�nschen konnte. Reum�tig in das Kuriosit�tenkabinett zur�ckzukehren, kam f�r Celia nicht in Frage; das sp�ttische Grinsen von Heather h�tte sie nicht ertragen. Und allein in der Sch�nke auf Heather und Maureen zu warten, erschien ihr auch nicht sehr ratsam. Zu frisch war die Erinnerung an die gestrigen Ereignisse im Cloak and Dagger. Und nicht jedes Mal w�rde sie ein mutiger Heilsarmist aus den Klauen der Betrunkenen retten. Also blieb sie vor der T�r der Curtain Tavern, als wollte sie nur mal kurz Luft schnappen. W�hrend sie sich an die Mauer lehnte und in den Nachthimmel blickte, wanderten ihre Gedanken zur�ck zu den sonderlichen und verwirrenden Geschehnissen des Tages.</p><p>Seitdem Heather sie von der Christ Church fort-und hinter sich her in Richtung Shoreditch gezerrt hatte, war es Celia kaum m�glich gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Auf der einen Seite war sie begierig, mit der Frau zu sprechen, die den omin�sen �Silver King� Tom Norman kannte und ihr wom�glich Hinweise geben konnte, wo sie ihren Vater finden w�rde. Auf der anderen Seite brummte Celia der Sch�del von den seltsamen Vorkommnissen der vergangenen Stunden. Dabei ging es nicht nur um Adam Bedford und dessen Frau und Kind, die auf dem Friedhof von Christ Church begraben waren, um ihre Aufnahme im Frauenasyl oder um die beiden weiblichen Captains der Heilsarmee, die auf Celia einen ebenso starken wie verwirrenden Eindruck gemacht hatten. Nein, es ging vor allem um das zuf�llige Zusammentreffen mit dem jungen Gentleman, dem sie schon am Bahnhof Waterloo begegnet war und den sie in der Brick Lane in derber Arbeiterkleidung wiedergesehen hatte. Der Mann mit dem Herz auf der Wange trat ihr pl�tzlich so plastisch vor Augen, als st�nde er ihr leibhaftig gegen�ber. Seine Z�ge hatten sich ihr regelrecht eingebrannt, nicht nur wegen des auff�lligen Muttermals. Es lag etwas Widerspr�chliches in diesem Gesicht, das einerseits so einnehmend wirkte, zugleich aber einem Mann geh�rte, der in seltsamer Verkleidung p�belnd durch die Stra�en zog, um anderen Menschen k�rperlich oder seelisch weh zu tun. Wie vor einigen Stunden kam ihr erneut die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde in den Sinn. Welche verwunschene Tinktur mochte bei dem Gentleman diese seltsame Wandlung hervorgerufen haben?</p><p>Doch es gab noch ein zweites Gesicht, das ihr jetzt, da sie in Ruhe dar�ber nachdachte, in den Sinn kam. Ein h�ssliches, b�rtiges Gesicht, mit runzliger S�ufernase und unangenehm stechenden Augen. Das Gesicht geh�rte dem �lteren Mann, an dessen Petroleumlampe sich der junge Gentleman beinahe verbrannt h�tte. Es war der seltsame Blick dieses h�sslichen Vogels, der Celia pl�tzlich ins Ged�chtnis kam und ihr einen regelrechten Schauer �ber den R�cken jagte. Der Mann hatte sie nur kurz angeschaut, doch seine Augen hatten sich gewisserma�en in sie verbohrt, als w�rde er sie wiedererkennen und als w�re er �berrascht, sie hier an diesem Ort zu sehen. Dabei war Celia diesem Mann noch nie unter die Raubvogelaugen getreten. An solch eine unansehnliche Visage h�tte sie sich bestimmt erinnert.</p><p>Zwei v�llig unterschiedliche M�nner, der eine h�bsch und jung, der andere garstig und verlebt, und doch hatten sie beide Celia auf eine ganz seltsame und verst�rende Art angeschaut. Celia suchte nach dem Wort, das diesen Blick beschrieb, und fand es schlie�lich: vertraut!</p><p>Sie sch�ttelte sich bei dem Gedanken und zwang sich, an etwas anderes und Angenehmeres zu denken. Doch ihr wollte nichts einfallen, und so ging sie rastlos vor dem Pub auf und ab und wartete. Erst als ein sp�ter Kneipenbesucher sie grinsend von der Seite anschaute und anz�glich die Augenbrauen hob, wurde ihr bewusst, dass man ihr unn�tzes Herumschlendern auch anders deuten konnte, n�mlich als Warten auf Kundschaft. Und so zog sie sich rasch in eine dunkle Passage auf der gegen�berliegenden Stra�enseite zur�ck, wo sie sich auf eine Holzkiste setzte und den Eingang der Curtain Tavern im Auge behielt.</p><p>Celia wusste nicht genau, wie viel Zeit verstrichen war, bis Heather und Maureen endlich erschienen, doch als sie gefolgt von der b�rtigen Frau und dem riesigen Schlaks den Pub verlie�en, war Celia beinahe eingeschlafen und hielt sich nur noch wankend auf der Holzkiste.</p><p>�H�ttest bleiben sollen, Kleine�, wurde sie von Heather begr��t. �Es ging noch richtig zur Sache.�</p><p>�Das kann ich mir denken�, antwortete Celia und g�hnte.</p><p>�Komm, Sch�tzchen!�, sagte Maureen und winkte Celia zu sich. Sie schulterte eine gro�e Reisetasche aus Leder und setzte hinzu: �Es ist nicht weit.�</p><p>Bereits nach wenigen Minuten hatten sie die Luke Street erreicht. Dabei handelte es sich um eine kleine, dunkle Seitengasse, die vor allem von backsteinernen Lagerh�usern und �rmlichen Kontorgeb�uden ges�umt wurde. Auch das Haus, vor dem Maureen nun Halt machte, war ein solches Lagerhaus, wie die vergitterten Fenster im Erdgeschoss, die Seilwinden im Dachgiebel und die gro�en Ladeluken auf jedem der vier Stockwerke bewiesen.</p><p>�Hier wohnst du?�, fragte Heather und runzelte skeptisch die Stirn.</p><p>Celia wunderte sich �ber Heathers absch�tzigen Tonfall, denn immerhin wohnte sie selbst in einem Frauenasyl der Heilsarmee und verbrachte ihre N�chte in einer sarg�hnlichen Holzkiste.</p><p>�Hier wohnen <emphasis>wir</emphasis>�, antwortete Maureen und deutete auf die b�rtige Frau und den Riesen. �Luisa und Carlos sind ebenfalls hier untergebracht. Wie die meisten Darsteller aus dem Curtain. Aber meine Tage in der Luke Street sind gez�hlt. N�chste Woche bin ich weg. Dann habt ihr die Bude f�r euch allein.�</p><p>�Was sagen?�, fragte die b�rtige Luisa und wandte sich dann an den Riesen: �Qu� hace?�</p><p>�No s�, sagte Carlos achselzuckend.</p><p>�Das erz�hl ich euch oben�, erwiderte Maureen und schloss die schwere Eisent�r auf, die zu einem kargen und unbeleuchteten Treppenhaus f�hrte. �Es gibt was zu feiern.� Und mit Blick auf Heather und Celia setzte sie hinzu: �Ihr seid nat�rlich herzlich eingeladen.�</p><p>Die �Wohnung� der drei B�hnendarsteller befand sich im vierten Stock des Lagerhauses, direkt unter dem Dach. Im Grunde war sie nichts anderes als ein zugiger Verschlag, der mit groben Leinent�chern vom Rest des mit St�tzbalken und Halbw�nden versehenen Dachbodens abgetrennt war. Es gab noch weitere dieser Wohnwinkel auf dem Stockwerk, doch keiner von ihnen verf�gte auch nur �ber eine Eingangst�r.</p><p>Maureen schob das bis zum Boden reichende Laken zur Seite und sagte: �Willkommen in unserem Zeltlager!�</p><p>In einer Ecke des Verschlags lag eine Doppelmatratze auf dem Boden, in einer anderen Ecke eine einzelne Matte. Au�er diesen Bettstellen gab es nur eine kleine Kommode, einen Waschzuber, zwei St�hle und einen winzigen Tisch, auf dem eine Petroleumlampe stand. Der Eisenofen in der Ecke hatte eine Kochplatte, aber kein Abzugsrohr.</p><p>�Gem�tlich�, sagte Celia h�flich, da ihr nichts Besseres einfiel.</p><p>�Brauchst dich meinetwegen nicht bem�hen�, lachte Maureen. Sie entz�ndete die Lampe, stellte die Ledertasche, in der sie ihre Kost�me und Requisiten verstaut hatte, auf den Tisch und zog mit gro�er Geste eine Flasche Gin hervor.</p><p>�Oho!�, jubelte Heather. �Was sehen meine entz�ndeten Augen?�</p><p>Luisa und Carlos sahen sich verst�ndnislos an, lie�en sich aber ebenso wie die anderen einschenken. Da es nur drei Gl�ser gab, tranken Maureen und Heather aus gro�en Blechtassen, die bis oben hin gef�llt waren.</p><p>�Und was gibt es zu feiern?�, wollte Celia wissen, nachdem sie an dem Schnaps genippt und die Miene verzogen hatte.</p><p>�Eine neue Arbeit�, sagte Maureen und lie� sich auf ihre Matratze fallen. �Auf der Gro�en B�hne im People�s Palace. F�r nur einen Auftritt am Abend, bei dreifacher Gage. N�chste Woche geht�s los.�</p><p>�People�s Palace?�, wunderte sich Luisa und kraulte ihren Bart. �Du arbeiten?�</p><p>�Im Mile End?�, setzte Carlos ehrf�rchtig staunend hinzu. Selbst im Sitzen war er gr��er als Celia, die neben dem Tisch stand.</p><p>�Si�, antwortete Maureen grinsend und hob ihren Becher. �Und darauf trinken wir. Salud!�</p><p>�Seit wann gibt es im Volkspalast ein Kuriosit�tenkabinett?�, meinte Heather skeptisch und kippte den Gin hinunter, als w�re es Wasser. �Und wie willst du dich da nennen? Milly, die Mamba von Mile End?� Sie lachte sp�ttisch.</p><p>�Sehr witzig�, sagte Maureen s�uerlich.</p><p>�Was ist dieser People�s Palace �berhaupt?�, wollte Celia wissen. Sie hielt ihr Glas prostend in die H�he, nippte aber nur vorsichtig an dem Gin.</p><p>�So �ne schnieke Bude f�r feine Pinkel, die sich f�r was Besseres halten�, sagte Heather und zog einen Flunsch. �Dabei steht der Palast mitten im East End, an der Mile End Road, gleich vorm Regent�s Canal. Drumherum wimmelt�s von Armenh�usern, billigen Matrosenkaschemmen und verkommenen Dockanlagen.�</p><p>Celia wunderte sich, dass Heather alles madig zu machen versuchte, was mit Maureen zu tun hatte. Solange Celia die Schlangenfrau von Shoreditch noch nicht pers�nlich kennengelernt hatte, hatte Heather mit der Freundin und ihren erstaunlichen F�higkeiten regelrecht geprahlt, doch seit sie bemerkt hatte, dass Celia Gefallen an Maureen und ihren K�nsten gefunden hatte, schien es Heather ein wahres Bed�rfnis zu sein, alles schlechtzureden und mieszumachen. Als w�ren die beiden Konkurrentinnen und nicht alte Freundinnen.</p><p>�Der Palast wurde erst vor Kurzem gebaut und von der K�nigin eingeweiht�, begann Maureen, wurde aber prompt von Heather unterbrochen.</p><p>�Das ist immer noch �ne Baustelle�, warf sie unfreundlich ein und hielt Maureen ihre Tasse hin.</p><p>�Mag sein�, antwortete diese achselzuckend, schenkte nach und l�chelte dann Celia zu. �Aber der gro�e Festsaal und die Bibliothek sind schon fertig. Ein riesiges und stattliches Geb�ude ist das, wie ein richtiger K�nigspalast, �berall S�ulen und Statuen und Gem�lde und bunte Fenster. Dort finden seit einiger Zeit Tanz-und Kulturveranstaltungen statt. B�lle, Konzerte, Theaterauff�hrungen, Lesungen, Vortr�ge und so was in der Art.�</p><p>�Aber keine Monstrosit�tenshows�, h�hnte Heather.</p><p>�Wir nicht monstruos�, emp�rte sich Luisa.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, lachte Heather heiser und zupfte sich am Kinn, als wollte sie sich den Bart kraulen. �H�tte ich kein Rasiermesser, w�rde ich auch so aussehen wie du! Und das lange Elend neben dir ist auch ganz normal.�</p><p>�Schnauze da dr�ben!�, meldete sich eine M�nnerstimme aus einem der Nachbarverschl�ge. �Wenn ihr l�rmen wollt, dann geht in den Pub!�</p><p>Heather unterdr�ckte ein weiteres Lachen und wedelte mit der Hand.</p><p>�Jetzt lass gut sein!�, zischte Maureen und legte den Zeigefinger auf die Lippen.</p><p>Luisa und Carlos stellten beleidigt ihre Gl�ser ab, nickten Maureen und Celia zu, ignorierten Heather und begaben sich zur ihrer Doppelmatratze, die sie durch einen weiteren Schiebevorhang vom �brigen Wohnwinkel trennen konnten.</p><p>�Was ist denn mit denen los?�, fragte Heather ver�chtlich. �Laus �ber die Leber gelaufen? Oder sollte ich sagen: Laus �ber den Bart?�</p><p>Maureen verdrehte die Augen und schwieg.</p><p>�Und du?�, fragte Celia und sch�ttelte den Kopf, als Maureen ihr nachschenken wollte. �Du wirst mit deiner Show im Festsaal auftreten?�</p><p>�So sieht�s aus�, antwortete Maureen stolz. �Auf einer riesigen B�hne vor tausenden von Zuschauern. Ich war gestern da und hab�s mir angeschaut. So was Schickes habe ich lange nicht gesehen.�</p><p>�Da passt du mit deinem durchsichtigen Trikot ja wunderbar hin�, knurrte Heather. �K�nnen dir gleich tausende zwischen die Schenkel glotzen.�</p><p>�Wenigstens glotzen sie nur und stecken nichts rein!�, fauchte Maureen.</p><p>�Was soll �n das jetzt hei�en?�, rief Heather.</p><p>�Ruhe, verdammt!�, schrie der Nachbar von nebenan. �Sonst komm ich r�ber und steck euch auch was rein, n�mlich in die Schnauze!�</p><p>Eine peinliche Stille entstand. Celia starrte verlegen auf ihre H�nde, Heather schenkte sich unterdessen selbst was nach, da sie offensichtlich keine Lust hatte, Maureen darum zu bitten.</p><p>�Maureen?�, fl�sterte Celia scheu und beugte sich dabei ein wenig vor.</p><p>�Hm?�</p><p>�Kann ich dich was fragen?�</p><p>�Sicher.� Sie schien sich zu erinnern und fragte: �Du suchst jemanden, oder?�</p><p>�Es geht um meinen Vater.�</p><p>Maureen schaute einen Moment �berrascht, nickte ihr dann aber auffordernd zu.</p><p>�Du bist doch mal beim Silver King aufgetreten, nicht wahr?�</p><p>Wieder ein Nicken, etwas z�gerlicher und vorsichtiger, dann setzte sie hinzu: �Ist aber schon etwas l�nger her. Wieso?�</p><p>�1884?�, fragte Celia.</p><p>�So lange nun auch wieder nicht. �84 war ich noch in Blackburn.�</p><p>�Kennst du einen Ned Brooks? Hast du den Namen schon mal geh�rt? Er hat f�r Tom Norman in der Whitechapel Road gearbeitet. Oder dort gewohnt.�</p><p>�Dein Vater?�, fragte Maureen und sch�ttelte den Kopf, als Celia nickte. �Der Name sagt mir nichts. Als was ist er denn aufgetreten?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Celia und starrte auf ihre Finger, als w�rde ihr Blick wie von einem Magneten angezogen. �Er war eigentlich kein Schausteller, jedenfalls konnte er nichts Besonderes. Er war Seemann. Einfacher Matrose. Auf Rennjachten und so.�</p><p>�Kenn keinen Matrosen mit dem Namen�, antwortete Maureen, beugte sich vor und legte ihre Hand auf Celias Knie. �Und Tom Norman hab ich erst vor zwei Jahren kennengelernt. Da hat kein Seemann f�r ihn gearbeitet. Oder bei ihm gewohnt. Tut mir leid.�</p><p>�H�tte ja sein k�nnen�, murmelte Celia entt�uscht.</p><p>Hinter dem Bettvorhang tuschelten Luisa und Carlos auf Spanisch miteinander.</p><p>�Genug geplaudert�, mischte sich Heather ein. Sie hatte ihren Becher ausgetrunken, stand auf und klatschte laut in die H�nde. �Wir m�ssen los, Kindchen, sonst lassen sie uns nicht mehr rein.�</p><p>�Wo rein?�, wunderte sich Maureen.</p><p>�Hanbury Street�, antwortete Heather ausweichend. �Da wohnen wir.�</p><p>�Im Frauenasyl�, setzte Celia hinzu und erntete einen b�sen Blick.</p><p>�Verstehe�, sagte Maureen. Sie war nicht Schauspielerin genug, um ihre Genugtuung zu verbergen. �Dann beeilt euch, damit ihr nicht auf der Stra�e �bernachten m�sst. Aber wir sehen uns bestimmt bald wieder.�</p><p>�Bestimmt�, antwortete Heather, aber es klang wie: �Lieber will ich sterben!�</p><p>�Can�bal del mar�, sagte Luisa in diesem Augenblick hinter ihrem Vorhang, allerdings so laut, dass die Worte unm�glich f�r Carlos bestimmt sein konnten.</p><p>�Was hei�t das?�, wollte Maureen wissen.</p><p>�Kannibale von Meer�, erkl�rte Luisa und schaute hinter dem Vorhang hervor. �War Matrose bei Silver King. Hab ich gearbeit auch f�r Norman dann.�</p><p>�In der Whitechapel Road?�, fragte Celia mit bangem Herzen.</p><p>�Da und anders�, antwortete Luisa. �War ich nicht lange in Engeland und k�nnen ich nicht gut Sprache.�</p><p>�Ein Gl�ck, dass du die Sprache in der Zwischenzeit beherrschst�, lachte Heather und bekam von Maureen einen Tritt gegen das Schienbein.</p><p>�Warum Kannibale des Meeres?�, fragte Celia.</p><p>�Menschenfressen�, sagte Luisa und fuhr sich �ber den Bart.</p><p>�Ich wei�, was ein Kannibale ist�, sagte Celia mit zittriger Stimme und n�herte sich dem Bettvorhang. �Hie� dieser Matrose Ned Brooks?�</p><p>�No s�, antwortete Luisa, �war Name nur Kannibale von Meer. Fressen Menschen. Essen rotes Fleisch auf B�hne. Und viel trinken Alkohol. Immer betrunken vor Auftritt. Mehr wei� nicht. Perd�n!� Damit verschwand ihr Gesicht wieder hinter dem Vorhang.</p><p>Celia schaute Hilfe suchend zu Maureen, doch die hob lediglich bedauernd die Schultern und schob die Unterlippe vor. �Von dem Kannibalen hab ich nie geh�rt. Wenn du was �ber deinen Vater wissen willst, solltest du mit Tom Norman sprechen. Er wird dir mehr sagen k�nnen.�</p><p>�Wei�t du, wo er ist?�</p><p>Wieder schob Maureen die Unterlippe vor. �Wir haben keinen Kontakt mehr�, sagte sie und l�chelte gequ�lt. �Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte er ein gutes Dutzend Penny Gaffs in ganz England. Keine Ahnung, wo der sich gerade herumtreibt.�</p><p>Celia nickte, hob die Hand zum Gru� und folgte Heather hinaus.</p><p>�Brauchst du eigentlich Arbeit, Heather?�, fragte Maureen, w�hrend sie das Laken zur Seite hielt. �Ich k�nnte dir was beschaffen.�</p><p>�Soll ich auch meine Gr�ten verbiegen?�, antwortete Heather schnippisch. �Oder mir �nen Bart wachsen lassen?�</p><p>�Ich br�uchte eine Assistentin, wenn ich im People�s Palace auftrete�, sagte Maureen und schaute drein, als w�sste sie genau, wie Heather reagieren w�rde. Als h�tte sie diese Frage nur aus diesem einen Grund gestellt. �Ich k�nnte zwar nicht viel zahlen�, setzte sie achselzuckend hinzu, �aber f�r �ne vern�nftige Bleibe w�rde es allemal reichen. Was sagst du?�</p><p>�Deine Assistentin?�, entfuhr es Heather, w�hrend sie auf dem Absatz herumfuhr und zum Treppenhaus stapfte. �Soll ich dir beim Anziehen und Pudern helfen? Oder willst du auch noch den Hintern abgewischt bekommen? Assistentin! So weit kommt�s noch!�</p><p>�War nur �ne Frage�, meinte Maureen grinsend und lie� den Vorhang fallen.</p><p>Nein, das war keine Frage, dachte Celia und schloss die T�r hinter sich. Es war eine Retourkutsche.</p><empty-line/></section><section><p>SAMSTAG, 20. OKTOBER 1888</p><p>3</p><p>Beim Fr�hst�ck in der K�che des Frauenheims gab es nur ein beherrschendes Thema: den gestrigen Angriff der Skelettarmee auf die Versammlung vor dem Ten Bells Pub. Einige der uniformierten Heilsarmistinnen und manche der �brigen Frauen hatten Kratzer und Schrammen im Gesicht, die alte Esther trug ihren rechten Arm in einer Schlinge. Auf Heathers sp�ttische Frage, ob sie sich beim Rasentennis verletzt habe, antwortete Esther mit einem donnernden: �Der Zorn Gottes wird �ber die Gottlosen kommen!� Es war nicht klar, ob ihre Worte auf Heather oder die Soldaten der Skelettarmee abzielten.</p><p>W�hrend um sie herum kopfsch�ttelnd gemunkelt und gemutma�t wurde, wer wohl hinter dem feigen Anschlag und dem gemeinen Einfall mit den Ratten stecken mochte, starrte Celia wie versteinert auf den Tisch, l�ffelte lustlos ihren Haferbrei und war in ihrem Kopf meilenweit und Jahre entfernt.</p><p>�Und?�, wurde sie von der neben ihr sitzenden Heather aus ihren Gedanken gerissen. �Glaubst du, dass er�s war?�</p><p>Celia hob den Blick und schaute in Heathers grienendes Gesicht, das dem ihren so nahe war, dass sie Heathers schlechten Atem riechen konnte. �Wovon redest du?�, fragte sie, obwohl sie es genau wusste.</p><p>�Von deinem Vater. Glaubst du, dass er ein Menschenfresser ist?�</p><p>Celia nahm einen L�ffel Porridge und sch�ttelte �rgerlich den Kopf.</p><p>�Ich meine, k�nnte doch sein, oder?�, beharrte Heather und wischte sich mit dem �rmel �ber den Mund. �Kannibale des Meeres! W�rde zu ihm passen. Immerhin war dein Vater Matrose.�</p><p>Celia warf den L�ffel in die Sch�ssel, dass der Brei spritzte, und rief: �Unfug!�</p><p>Das Dumme war nur, dass sie selbst diesen Unfug f�r gar nicht so abwegig hielt. Seit dem gestrigen Abend hatte Celia an nichts anderes denken k�nnen, und auch in den Alptr�umen, die sie in der Nacht gequ�lt hatten, war es nur um diese Frage gegangen: War ihr Vater jener st�ndig betrunkene �can�bal del mar�, von dem die b�rtige Luisa gesprochen hatte? War das der Grund, warum die Leute in Southampton ihn einen Judas und feigen Verr�ter schimpften?</p><p>Nein, dass ihr Vater ein Kannibale war, konnte und wollte Celia nicht glauben. Au�erdem war so ein Penny Gaff nur schauriger Firlefanz, den man nicht ernst nehmen konnte. Dann jedoch erinnerte sich Celia, was ihre Mutter auf dem Sterbebett gesagt hatte: �Dein Vater ist ein Verbrecher! Ein verdammter Teufel! H�te dich vor ihm, Celia!�</p><p>Und mit einem Mal kam ihr eine Begebenheit in den Sinn, an die sie schon lange nicht mehr gedacht und die sie beinahe vergessen hatte. Es war nur ein nichtiger und eigentlich belangloser Vorfall, der ihr jetzt aber in einem anderen Licht erschien. Es war in Brightlingsea gewesen, in jenem Jahr 1884, kurz vor Weihnachten. Celia hatte nur eine vage Erinnerung daran, doch je l�nger sie dar�ber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien es ihr, dass sie damals unwissentlich Zeugin eines Gespr�chs �ber ihren Vater geworden war.</p><p>Es war eine st�rmische Winternacht gewesen, wie so h�ufig an der K�ste von Essex. Der Wind hatte geheult und durch die Ritzen gepfiffen, dass es wie Katzenjammer klang. Celia hatte in ihrem Bett gelegen und neben sich das leise Schnarchen ihrer �lteren Br�der John und Peter geh�rt, die fr�h am n�chsten Morgen zu ihrem ersten Austernfang auslaufen sollten. Bart Hutchinson wollte sie auf einem Segelkutter in den Umgang mit Scharrnetzen und Streicheisen einweisen. Der alte Walf�nger bevorzugte es, in den unwirtlichen Herbst-und Wintermonaten in den heimischen Gew�ssern und Flussm�ndungen zu fischen, statt im eisigen Nordatlantik auf Walfang zu gehen.</p><p>Seit Stunden lag Celia wach und horchte hinaus in den Sturm. Sie machte sich Sorgen um ihre Br�der, auch wenn die meisten Austernb�nke nicht weit drau�en vor der Colne-M�ndung lagen und Mr. Hutchinson ein erfahrener Seemann war. Vielleicht war Celia auch deshalb so unruhig, weil sie begriff, dass mit dem morgigen Tag ein neuer Abschnitt im Leben von John und Peter beginnen w�rde. Sie w�rden nicht l�nger mit Celia zur Pfarrschule von All Saints gehen, nicht l�nger die �brige Zeit bei der Familie oder im Umkreis der kleinen Wohnung verbringen, sondern sich von nun an als Erwachsene f�hlen und benehmen. Zwar hatten sie auch vorher schon beim Fischfang oder beim Flicken der Netze und dem Kalfatern der Boote geholfen, doch das war etwas anderes gewesen. Kinderkram, wie John und Peter es geringsch�tzig nannten.</p><p>Dass die beiden wie ihr Vater und die meisten anderen M�nner aus dem Dorf zur See fahren w�rden, stand seit Langem fest und war nie wirklich hinterfragt worden. Die Arbeit im Schiffsbau, am Hafen oder in den Docks kam f�r die Jungs nicht in Frage, sie wollten hinaus aufs Meer. Doch ob sie sich eher f�r den Austernfang, die Hochseefischerei, die �berseeschifffahrt oder wom�glich f�r Jachtregatten eigneten, das sollten die n�chsten Monate und Jahre zeigen. Celia hatte das Gef�hl, es st�nde ihr ein bedeutsamer Abschied bevor, und diese beklemmende Vorstellung lie� sie keinen Schlaf finden.</p><p>Ein Klopfen an der Wohnungst�r riss sie aus ihren d�steren Gedanken. Als sie wenig sp�ter die knarrende Stimme von Mr. Hutchinson h�rte, schlich sich Celia aus dem Bett und lugte durch einen T�rspalt in den winzigen Flur. Sie sah gerade noch, wie ihre Mutter mit dem Nachbarn in der K�chenstube verschwand, und huschte aus dem Schlafzimmer, in dem die ganze Familie Brooks schlief. Alle au�er dem Vater, versteht sich.</p><p>Celia wunderte sich, dass Bart Hutchinson mitten in der Nacht bei Mary Brooks erschien, obwohl er doch in wenigen Stunden bereits wieder auftauchen w�rde, um die Jungs abzuholen. Es musste also etwas Dringendes sein, das er mit der Mutter zu besprechen hatte. Oder etwas, von dem die Kinder nichts erfahren durften. Celia lugte durch das Schl�sselloch, doch da sie au�er Schemen nichts erkennen konnte, legte sie behutsam ihr Ohr an die T�r.</p><p>Was die Mutter sagte, konnte Celia nicht verstehen, doch der alte Mr. Hutchinson, der selbst ein wenig schwerh�rig war, redete sehr laut und f�r Celia vernehmlich. �Bist du sicher, dass du�s lesen willst, Mary?� Es folgte eine unverst�ndliche Antwort. Und wenig sp�ter sagte Mr. Hutchinson: �Sie wurden inzwischen begnadigt. Wenigstens das! Sechs Monate Holloway.� Wieder antwortete die Mutter, und wieder war kein Wort davon zu verstehen. Schlie�lich h�rte Celia Mr. Hutchinson sagen: �Die Leute von Tollesbury wollen eine Petition an den Innenminister schicken.�</p><p>�Die muss ich unterschreiben!� Die Mutter hatte ihre Antwort so laut und heftig hervorgesto�en, dass Celia unwillk�rlich zusammenzuckte und mit dem Ellbogen gegen den T�rrahmen stie�. Im n�chsten Augenblick wurde die T�r aufgerissen, und die Mutter stand vor ihr. Bevor Celia etwas sagen konnte, landete eine schallende Ohrfeige in ihrem Gesicht.</p><p>�Ab mit dir ins Bett!�, rief die Mutter und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger zur Schlafzimmert�r. �Sonst f�ngst du dir noch eine.�</p><p>�Ja, Ma�am!� Celia nickte, duckte sich und fl�chtete in ihr Bett, wo sie den Kopf unter die Bettdecke steckte und die Augen schloss. Das Bild der w�tenden Mutter wurde sie dennoch nicht los. Mary Brooks hatte ein bedrucktes Blatt Papier in der Hand gehalten, und �ber ihre roten Wangen waren Tr�nen gelaufen.</p><p>W�hrend drau�en Mr. Hutchinson zur Wohnungst�r ging und von der Mutter leise verabschiedet wurde, versuchte Celia zu begreifen, was sie soeben geh�rt hatte. Welche �Leute von Tollesbury� hatte Mr. Hutchinson gemeint? Tollesbury war ein kleiner Ort an der M�ndung des Flusses Blackwater, nur etwa drei Meilen von Brightlingsea entfernt. Doch dort kannten sie niemanden, jedenfalls hatte Celia bislang nie etwas davon geh�rt. Und noch einen zweiten Begriff hatte der Walf�nger benutzt, mit dem sie nichts anzufangen gewusst hatte.</p><p>Celia kehrte pl�tzlich aus ihren Erinnerungen in die Gegenwart zur�ck und wandte sich unvermittelt an Heather: �Was ist Holloway?�</p><p>�Jesses!�, entfuhr es Heather, die vor Schreck fast ihren L�ffel mit Porridge fallen lie�. �Du kannst einen vielleicht erschrecken.�</p><p>Celia wiederholte ihre Frage.</p><p>�Das liegt oben in Islington�, antwortete die alte Esther, die gerade mit einer Kanne Milch von Tisch zu Tisch ging.</p><p>�Und was ist in Holloway?�, wollte Celia wissen.</p><p>�Nicht viel eigentlich�, antwortete Esther und schenkte Celia nach. �Jedenfalls nichts Wichtiges. Au�er dem Castle nat�rlich.�</p><p>�Castle?�, fragte Celia.</p><p>�So nennen sie das Gef�ngnis dort�, mischte sich Heather ein. �Holloway Castle. Weil�s aussieht wie eine Burg. Will nur keiner freiwillig drin wohnen.�</p><p>�Das Gef�ngnis�, sagte Celia leise. �Verstehe.� Sie bedankte sich bei Esther und starrte auf ihre Sch�ssel, um Heathers fragendem Blick auszuweichen.</p><p>Sechs Monate Holloway! Die Mutter mit einem Blatt Papier in der Hand. Und die Tr�nen auf ihren Wangen. Celia hatte das unbestimmte Gef�hl, irgendetwas nicht bedacht, etwas �bersehen zu haben, obwohl es direkt vor ihrer Nase lag. Pl�tzlich sprang sie auf und rief: �Die Papiere!�</p><p>�Welche Papiere?�, wunderte sich Heather.</p><p>Doch Celia antwortete nicht, lief stattdessen aus der K�che, eilte die Treppe hinauf und rannte zu ihrem Bett in der Ecke. �Mach dich bereit zu sterben�, mahnte der Sinnspruch an der Wand. Vorher werde ich aber erst noch herausfinden, was mit meinem Vater ist, dachte sie bei sich, als sie den Lederkoffer unter ihrem Bett hervorzog.</p><p>�Was ist denn in dich gefahren?�, fragte Heather, die ihr gefolgt war und nun laut schnaufend neben ihr stand. �Verr�ckt geworden oder was?�</p><p>Ohne zu antworten, �ffnete Celia den Koffer, nahm ihre Kleider heraus und kippte den restlichen Inhalt auf ihr Bett. Zum Vorschein kamen Zeitungsausschnitte, Postkarten, einige B�cher und Brosch�ren, wertlose Erinnerungsst�cke, Krimskrams. �Die Papiere�, wiederholte Celia. �Die Antwort ist irgendwo darin verborgen!�</p><p>Heather schob die Unterlippe vor und runzelte die Stirn, setzte sich aber und griff im selben Augenblick nach einem der B�cher. Diesmal lie� Celia es geschehen. Vielleicht w�rde Heathers unvoreingenommener Blick etwas entdecken, das Celia bislang entgangen war.</p><p>�Murray�s Modern London 1860�, las Heather den Titel des Buches. �Nicht gerade auf dem neuesten Stand.�</p><p>�Das Buch geh�rte meiner Mutter�, sagte Celia achselzuckend. �Sie hat fr�her in London gearbeitet. Ist lange her.�</p><p>Heather nickte, legte das Handbuch beiseite und griff nach einer Postkarte.</p><p>W�hrenddessen schaute Celia auf die Fotografie der Familie und strich mit dem Zeigefinger �ber die Gesichter ihrer Br�der, die inzwischen als Leichtmatrosen f�r die Cunard Line zwischen Liverpool, Queenstown und New York fuhren, allerdings auf unterschiedlichen Dampfschiffen. John, der �ltere der beiden, hatte auf der <emphasis>Etruria</emphasis> angeheuert, und Peter, gerade erst achtzehn Jahre alt geworden, fuhr auf der <emphasis>Aurania</emphasis> �ber den Atlantik. Sie waren seit anderthalb Jahren nicht in Brightlingsea gewesen. Nach dem Tod der Mutter hatte Celia der Cunard Reederei in Southampton und dem Heimathafen der Dampfer in Liverpool ein Telegramm geschickt, doch sie wusste nicht, ob ihre Br�der die Nachricht inzwischen erhalten hatten.</p><p>�Meine G�te!�, rief Heather �rgerlich, �dieser Mr. Hutchinson hat ja �ne f�rchterliche Klaue!� Sie las die Postkarte aus Southampton, indem sie die krakelig geschriebenen Worte laut buchstabierte, und setzte schlie�lich hinzu: �In der County Tavern warst du vermutlich schon, oder?�</p><p>Celia nickte, legte die Fotografie beiseite und sagte: �Von den Egertons hab ich die Adresse in Whitechapel.�</p><p>�Du meinst die Ansichtskarte vom Silver King�, sagte Heather wissend und fragte: �Von dem Menschenfresser haben die in Southampton nichts erz�hlt?�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf, faltete den Ausschnitt der <emphasis>Illustrated London News</emphasis> auseinander und starrte zum vermutlich hundertsten Mal auf die herausgeschnittene Seite. Heather schaute ihr �ber die Schulter und las laut: �Expedition zum Nil � �gypten � Sudan � General Gordon.� Es entstand eine Pause, und schlie�lich fragte Heather: �War dein Vater in Afrika?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Celia. �In dem Artikel wird er jedenfalls nicht erw�hnt. Ich wei� nicht, warum Mutter den Zeitungsausschnitt aufbewahrt hat.�</p><p>�Na, schlag mich tot!�, entfuhr es Heather.</p><p>�Was hast du?�</p><p>Heather deutete auf die Zeitung und sagte: �Todesurteil gegen den Kannibalenkapit�n.�</p><p>Celia erstarrte und schaute ungl�ubig auf die Zeilen. Der Artikel, dessen Schlagzeile Heather vorgelesen hatte, befand sich am unteren Rand der Seite und bestand lediglich aus einer einzigen Spalte, die im Vergleich zum reich bebilderten Hauptartikel �ber die Gordon Relief Expedition geradezu winzig erschien. Als sie die Zeitung zum ersten Mal in der Hand gehabt hatte, war ihr der Artikel zwar aufgefallen, aber von einem Kannibalen hatte sie damals noch nichts geh�rt, erst recht hatte sie das Wort noch nicht mit ihrem Vater in Verbindung gebracht. Der Text berichtete in knappen und sehr steif klingenden Formulierungen von dem Urteilsspruch eines Londoner Gerichts (�wir berichteten�, wie die Zeitung in Klammern schrieb) gegen zwei des Mordes �berf�hrte Seeleute:</p><p>�Die Schiffbr�chigen Thomas Dudley, zweiunddrei�ig Jahre alt, und Edwin Stephens, siebenunddrei�ig Jahre, t�teten am f�nfundzwanzigsten Tag im Juli des Jahres 1884 auf hoher See innerhalb der Jurisdiktion der Admiralit�t von England auf verbrecherische Weise, absichtlich und mit Mordvorsatz einen gewissen Richard Parker, Kabinenjunge an Bord der Segeljacht Mignonette, um dessen Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken. Trotz der unbestrittenen Notsituation, in der sich Kapit�n Dudley und sein Maat Stephens nach dem Untergang ihres Schiffes befanden, wurden die beiden Angeklagten f�r das Verbrechen des vors�tzlichen Mordes schuldig gesprochen. Deshalb lautet das Urteil des Gerichts, unter Vorsitz von Lord Coleridge, dass sie an einem noch festzulegenden Tag zur Richtst�tte gef�hrt und am Halse aufgeh�ngt werden, bis ihre K�rper tot sind.�</p><p>�Das ist ja �n Ding�, lautete Heathers Kommentar.</p><p>Celia war nach der Lekt�re des Textes beinahe noch verwirrter als zuvor, denn von einem Ned Brooks war auch in diesem Artikel nicht die Rede. Sonst w�re sie bereits beim ersten Lesen �ber ihn gestolpert. Trotzdem war sie sich inzwischen sicher, dass ihre Mutter die Zeitungsseite nicht wegen der Nil-Expedition, sondern wegen des Urteils im Kannibalenprozess aufgehoben hatte. Und es war bestimmt kein Zufall, dass Luisa den �Kannibalen des Meeres� als eine der fr�heren Attraktionen des Silver Kings bezeichnet hatte. Jenes Penny Gaffs, mit dem auch Celias Vater in irgendeiner Weise verbunden gewesen war. Im Jahr 1884, dem Jahr des Kannibalenprozesses. Wie hatte Mr. Hutchinson in der Sturmnacht gesagt? �Sie wurden inzwischen begnadigt. Sechs Monate Holloway.�</p><p>Es war zum Verr�cktwerden! Wie hing das alles zusammen? Und welche Rolle spielte Celias Vater, den man in Southampton einen Verr�ter und Judas nannte, in diesem Durcheinander? Celia war nicht wirklich kl�ger als zuvor. Eines jedoch schien dieser Artikel zu belegen: Ned Brooks war <emphasis>nicht</emphasis> der Kannibale des Meeres. Die Menschenfresser hie�en Thomas Dudley und Edwin Stephens.</p><p>�War dein Vater Matrose auf dieser <emphasis>Mignonette?</emphasis>�, fragte Heather, der offenkundig die gleichen Fragen durch den Kopf gingen. �Hat er auch Schiffbruch erlitten? Sagen dir die Namen der M�nner was?�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.</p><p>�Dein Vater hei�t Ned, nicht wahr?�, bohrte Heather weiter.</p><p>Celia nickte.</p><p>�Steht die Abk�rzung vielleicht f�r Edwin?�</p><p>�Nein, f�r Edmund�, antwortete Celia. �Aber so hat ihn nie jemand genannt. Au�erdem hei�t mein Vater nicht Stephens, sondern Brooks.�</p><p>�K�nnte ja sein, dass er sich umbenannt hat.�</p><p>�Warum?�, entfuhr es Celia.</p><p>�Damit Leute wie du oder deine Mutter ihn nicht finden�, erkl�rte Heather mit vor Aufregung roten Wangen. �Er hat euch sitzen lassen, stimmt�s? Da w�r�s doch nur konsequent, wenn er sich �nen anderen Namen zulegt. Um sich zu tarnen.�</p><p>�Aber das war ein Mordprozess vor einem k�niglichen Gericht�, sagte Celia, deutete auf die Zeitung und sch�ttelte entschieden den Kopf. �Meinst du, so ein Lord Coleridge l�sst sich so einfach an der Nase rumf�hren? Oder die Zeitungen, die dar�ber berichten? Das w�re doch rausgekommen. Und in Southampton hat mein Vater auch noch unter seinem richtigen Namen gelebt. Im selben Jahr!�</p><p>Heather legte den Kopf schr�g, zuckte mit den Schultern und sagte: �Dann wei� ich auch nicht.�</p><p>�Wir berichteten ��, meinte Celia nachdenklich.</p><p>�Hm?�, machte Heather.</p><p>�Die Zeitung! Die haben vorher schon dar�ber geschrieben. Und andere Zeitungen wahrscheinlich auch.�</p><p>�Ja�, knurrte Heather abf�llig. �Vor vier Jahren! In die Zeitungen von damals sind nicht mal mehr Fische eingewickelt. Wo willst �n die heute noch lesen?�</p><p>Celia legte die Papiere und B�cher zur�ck in den Koffer, stand auf und sagte: �In einer Bibliothek.�</p><empty-line/></section><section><p>4</p><p>Den Rest des Vormittages verbrachte Celia an der N�hmaschine. Captain Florence Booth hatte den G�nner, der am Vortag den fu�betriebenen Strohhutbinder gespendet hatte, um etwas Material zur Herstellung von Strohh�ten gebeten und war kurz darauf mit einem Sack voll gespaltener Strohhalme und einigen Drahtgeflechten zur�ckgekehrt. Auf Bitten des Captains zeigte Celia den anderen Frauen, wie man den Kettenstich, den sie gestern bereits an gew�hnlichem Stoff demonstriert hatte, bei der Hutherstellung anwendete. Strohh�te wurden direkt �ber den Passformen aus Draht gen�ht, wobei man am Rand begann und sich ringsum der Mitte n�herte.</p><p>Celia war froh, eine Besch�ftigung zu haben, mit der sie sich f�r einige Zeit von ihren Gr�beleien ablenken konnte. Denn wenn sie zu lange den eigenen Gedanken nachhing, sah sie pl�tzlich in Seenot geratene und bis auf die Knochen abgemagerte M�nner vor sich, die das Blut eines Kabinenjungen tranken und seine Eingeweide a�en. Sie fragte sich, wie sie selbst handeln w�rde, wenn sie in eine solche Notsituation geriete. Und die Antwort darauf machte ihr Angst.</p><p>Es war f�r sie eine Herausforderung, die ge�bten Handgriffe so zu erkl�ren, dass es auch f�r Anf�ngerinnen verst�ndlich war. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie ungeduldig wurde, weil eine der Frauen eine vermeintliche Selbstverst�ndlichkeit nicht auf Anhieb begriff oder einen einfachen Handgriff nicht sofort wiederholen konnte. Aber nach einer Weile war sie so von ihrem Tun gefangen, dass sie kaum bemerkte, wie die Zeit verflog. Erst als Captain Florence ihr auf die Schulter tippte und sie fragte, ob sie nicht auch zu Mittag essen wolle, wurde Celia bewusst, dass sie stundenlang gen�ht und inzwischen unz�hlige Strohh�te hergestellt hatte, sodass sich der Vorrat an Strohschnitt langsam dem Ende zuneigte.</p><p>Auf dem Weg zur K�che berichtete Captain Florence, dass der Bruder, der gestern bereits nach ihr gefragt hatte, am Morgen erneut vorgesprochen und sich nach Celia erkundigt habe. Dabei schaute ihr die Heilsarmistin seltsam forschend ins Gesicht und setzte, da Celia lediglich mit einem Kopfnicken antwortete, hinzu: �Wenn dir Bruder Adam zu forsch oder aufdringlich ist, kannst du das ruhigen Gewissens sagen. Dies ist ein Asyl f�r Frauen, und alle Br�der der Heilsarmee werden das unter allen Umst�nden respektieren.� Wieder fasste sie sich in ihrer etwas aufgesetzten Art ans Herz und f�gte hinzu: �Dieses Heim ist tats�chlich eine Burg. Eine Trutzburg des Herrn! �Der Herr ist mein Schutz�, sagt die Schrift, �mein Gott ist der Fels meiner Zuflucht.��</p><p>�Adam ist nicht aufdringlich, er will nur helfen�, antwortete Celia l�chelnd. �Und ich bin ihm sehr dankbar daf�r.�</p><p>�Das ist sch�n.� Florence Booth presste die Lippen aufeinander, nickte dann bed�chtig und sagte: �Bruder Adam hat sehr unter dem Verlust seiner Frau und seines Kindes gelitten. Es hat ihm beinahe den Verstand geraubt.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Celia, der es irgendwie unpassend erschien, ausgerechnet mit der von Adam so gesch�tzten Florence �ber ihn zu sprechen. �Er hat es mir erz�hlt.�</p><p>�Tats�chlich?�, wunderte sich Captain Booth.</p><p>�Ja�, antwortete Celia, die nun ihrerseits stutzte. �Seine Frau ist bei der Geburt des Sohnes gestorben, und er hat sich dem Alkohol hingegeben. Adam macht daraus kein Geheimnis. Ganz im Gegenteil.�</p><p>�Der Schmerz und die Schuld sind manchmal �berw�ltigend und k�nnen den Menschen �berfordern�, sagte der Captain geheimnisvoll.</p><p>Celia erinnerte sich, dass auch Adam von Schuld und Selbstvorw�rfen gesprochen hatte. Als f�hlte er sich selbst f�r den Tod seiner Familie verantwortlich. Doch so ganz wollte ihr das nicht einleuchten.</p><p>�Das alles hat tiefe Wunden bei Adam hinterlassen�, fuhr Florence Booth fort. �Und Narben, die immer wieder aufbrechen k�nnen.�</p><p>�Er scheint seinen Frieden gefunden zu haben und hat dem Alkohol entsagt�, erwiderte Celia, als m�sste sie Adam gegen irgendetwas verteidigen. �Auch dank der Br�der und Schwestern der Heilsarmee. Das hat er gestern bei der Versammlung sehr anschaulich und anr�hrend beschrieben.�</p><p>�Ich wei�, und daf�r danke ich Gott�, sagte Florence und l�chelte wieder ihr maskenhaftes L�cheln. �Ich wollte nur, dass du wei�t, dass du hier sicher bist. Wir werden nicht noch einmal zulassen, dass uns eine Schutzbefohlene abhandenkommt. Die Armee des Heils wird dir beistehen.�</p><p>�Danke�, sagte Celia, begriff aber nicht, was der Captain damit sagen wollte. Auf welche Weise sollte sie denn �abhandenkommen�? Und wieso �noch einmal zulassen�?</p><p>�Bruder Adam will am Nachmittag erneut vorbeischauen�, beeilte sich Florence Booth hinzuzusetzen. �Auf dem R�ckweg nach Limehouse.�</p><p>�Limehouse?�, wollte Celia wissen. �Was ist da?�</p><p>�Das Wohnheim f�r M�nner�, antwortete Florence. �Er arbeitet dort in der Essensausgabe.� Bevor sie sich von Celia verabschiedete, fragte sie wie beil�ufig: �Wirst du heute Abend zum Gottesdienst kommen? Wir versammeln uns nach dem Abendessen im gro�en Saal.�</p><p>�Mal sehen�, antwortete Celia ausweichend.</p><p>�Es ist immer sehr besinnlich und nicht so trist und deprimierend, wie du es vielleicht aus anderen Kirchen kennst�, sagte der Captain mit strahlendem Gesicht. �Wir machen Musik, singen unsere Lieder und danken dem Herrn im Himmel, dass er uns beisteht und rettet. Wir werden auch f�r die Generalin beten.�</p><p>�Welche Generalin?�</p><p>�Meine liebe Schwiegermutter�, erkl�rte Captain Booth und fasste sich abermals an die Brust. �Catherine Booth, die Frau des Generals, aber wir nennen sie nur die Mutter der Armee. Eine wundervolle und tapfere Frau. Sie hat Krebs und ist unheilbar krank. Wir wissen es seit einigen Monaten.�</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Celia.</p><p>�Das muss es nicht�, erwiderte Florence und l�chelte, als w�re dies tats�chlich eine frohe Nachricht. �Sie wird bald zur Herrlichkeit bef�rdert und im Himmel �ber uns wachen. Und daf�r wollen wir Gott danken. Ich hoffe, du wirst dabei sein.�</p><p>Celia nickte unverbindlich und setzte sich an den Tisch. Sie hatte Angst, ihr Schweigen k�nnte unh�flich oder undankbar wirken, doch im n�chsten Moment hatte sich Florence Booth bereits abgewandt und verschwand leise vor sich hin summend aus dem Raum.</p><p>W�hrend Celia ihren Sauerkohl a� und die Frauen neben ihr laut schmatzend Klatsch und Tratsch austauschten, wurde ihr erneut bewusst, wie fremd und verloren sie sich im Augenblick f�hlte. Das lag nicht allein daran, dass sie niemanden kannte und die meisten der Frauen viel �lter waren als sie, sondern es hatte auch damit zu tun, dass ihr eigener Blick auf die Welt und die Menschen sich so grunds�tzlich von dem der Heilsarmee unterschied. Nat�rlich glaubte auch Celia an Gott und hoffte, dass sie einst im Himmel f�r die M�hsal auf Erden belohnt w�rde, doch die Soldaten der Heilsarmee schienen sich regelrecht darauf zu freuen, bald sterben zu d�rfen. Das hatte sie bemerkt, als Adam Bedford von seiner toten Frau Emma und seinem Sohn James gesprochen und sich f�r sie gefreut hatte, als h�tten sie ihm etwas unvergleichlich Sch�nes voraus. Und das hatte sie erneut gesp�rt, als Captain Booth von ihrer sterbenden Schwiegermutter erz�hlt hatte, als w�rde sie die Generalin um ihr Schicksal beneiden.</p><p>Celia fand den Tod einfach nur schrecklich, ungerecht und gemein. Sie hatte ihre Mutter viel zu fr�h und qualvoll sterben sehen, und sie konnte dem nichts Erbauliches oder Tr�stendes abgewinnen. Zwar hoffte sie, dass ihre Mutter nun Frieden hatte und im Himmel war, aber niemals w�re sie auf die Idee gekommen, ihr Sterben als �Bef�rderung zur Herrlichkeit� zu bezeichnen.</p><p>Die Heilsarmisten waren keineswegs dumm oder naiv. Sie ignorierten und �bersahen das B�se, H�ssliche und Verwerfliche nicht. Im Gegenteil, sie k�mpften sogar mutig dagegen an und versuchten, es zu �ndern. Doch ihre Fixierung auf das Jenseits und die Rettung durch den Tod konnte Celia nicht teilen. Sie wollte gern glauben, dass sie allein durch den Glauben an Gott gerettet w�rde, wie Eva Booth es gestern vor dem Ten Bells Pub mit Leidenschaft verk�ndet hatte, aber es war ihr unm�glich, aus der Tatsache des Todes irgendeine Art von Trost zu sch�pfen. Und ein Grund zur Freude war er schon gar nicht. Jedenfalls nicht hier auf Erden.</p><empty-line/></section><section><p>5</p><p>Adam Bedford erschien um vier Uhr am Nachmittag und lie� �ber Schwester Esther ausrichten, er warte mit seinem Fuhrwerk auf der Stra�e und falls Celia Lust habe, k�nne sie ihn auf dem Weg nach Limehouse begleiten und beim Einsammeln der Essensspenden behilflich sein. Es w�re ihm eine Freude, Celia durch die Stadt zu kutschieren, wie Esther abf�llig schnaubend hinzuf�gte, wobei sie die Augen verdrehte. �Sei auf der Hut!�, gab sie Celia mit auf den Weg, als diese aus der Haust�r trat.</p><p>�Vor Bruder Adam?�, fragte Celia und erinnerte sich an die seltsamen Andeutungen, die Captain Booth am Mittag gemacht hatte.</p><p>�Vor den M�nnern�, antwortete Esther mit finsterer Miene und schloss die T�r.</p><p>Celia freute sich, Adam wiederzusehen, auch weil sie am gestrigen Abend w�hrend des Tumults so pl�tzlich und ohne Verabschiedung getrennt worden waren. Doch als sie ihn vor dem Haus auf seinem Einsp�nner entdeckte, stie� sie vor Schreck einen Schrei aus. Adams linke Gesichtsh�lfte war blutunterlaufen und so angeschwollen, dass sein Auge kaum auszumachen war. Als er zaghaft l�chelte und dabei die Lippen �ffnete, erkannte Celia, dass man ihm einen der oberen Schneidez�hne ausgeschlagen hatte. Auch fehlten an seiner Uniform einige Kn�pfe, und der rechte �rmel war an der Schulternaht aufgerissen.</p><p>�Oh mein Gott�, rief sie, als sie von Adam auf den Kutschbock gezogen wurde.</p><p>�Halb so schlimm�, sagte er, doch es klang nuschelnd, weil er den Mund nicht richtig �ffnen konnte und seine Zahnl�cke zischelnde Ger�usche verursachte. �Es tut kaum noch weh. Und die Uniform lasse ich n�hen.� Er betrachtete Celia eingehend und fragte: �Dir ist hoffentlich nichts passiert?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und deutete zur offenen Ladefl�che, auf der einige S�cke, Kisten, Bottiche und Korbflaschen verstaut waren. �Sind das alles Spenden?�, fragte sie und wich Adams forschendem Blick aus. Sie war froh, rechts von ihm zu sitzen und nicht st�ndig auf seine verunstaltete linke Gesichtsh�lfte schauen zu m�ssen.</p><p>�Die Leute geben gern, wenn sie wissen, wo die milden Gaben hingehen�, antwortete er nickend und schlug mit den Z�geln auf die Kruppe des Pferdes. �Und bei der Heilsarmee k�nnen sie sicher sein, dass die Spenden bei den Bed�rftigen ankommen. Wir sind schlie�lich die Armee der Armen und Benachteiligten. Uns kann man vertrauen.�</p><p>Celia nickte und l�chelte gezwungen. Sie war immer etwas irritiert, wenn Adam so sprach, als m�sste er sich rechtfertigen oder Werbung in eigener Sache machen.</p><p>�Ich muss noch nach Southwark, um Essen einzusammeln�, sagte Adam, w�hrend er mitten auf der engen Stra�e wendete und dabei einen Stau in beide Richtungen verursachte. �Eines der Gasth�user im Borough spendet die �berreste des Mittagessens, wenn wir die K�bel rechtzeitig abholen und die leeren Gef��e am Abend zur�ckbringen. Auf dem Weg dorthin kann ich dir ein bisschen was von der Stadt zeigen.� Mit Stolz in der Stimme f�gte er hinzu: �Wir fahren n�mlich durch die City von London.�</p><p>Celia verschwieg, dass sie diesen Weg bereits vorgestern nach ihrer Ankunft am Bahnhof Waterloo zu Fu� gegangen war, und sagte: �Das w�re sehr sch�n.�</p><p>Der Wagen fuhr am Markt von Spitalfields entlang in westlicher Richtung und bog dann linker Hand in eine mehrspurige Hauptstra�e ein, auf der es von Kutschen, Lastwagen, Handkarren und Stra�enbahnen nur so wimmelte. Gleich gegen�ber befand sich der Bahnhof Liverpool Street, und als sie auf der rechten Seite den Bahnhofsvorplatz passierten, der so gesch�ftig wie ein Ameisenhaufen und so l�rmend wie ein Wasserfall war, sagte Adam mit einem schiefen Grinsen in seinem angeschwollenen Gesicht: �Genau hier hat fr�her mal ein ber�hmtes Irrenhaus gestanden. Kommt mir manchmal so vor, als w�ren die Geister der Irren einfach an Ort und Stelle geblieben.�</p><p>W�hrend sie auf der absch�ssigen Bishopsgate Street nach S�den fuhren und sich dem riesigen Monument und der London Bridge n�herten, erkl�rte Adam mit unverkennbarem Stolz, welche Sehensw�rdigkeiten und Denkm�ler am Wegesrand oder in Sichtweite standen und was er �ber ihre Bedeutung und Geschichte wusste. Doch Celia h�rte nur mit halbem Ohr auf das, was Adam �ber das Gro�e Feuer von London oder die �lteste Br�cke der Stadt zu berichten hatte. Sie kannte das meiste aus den Erz�hlungen ihrer Mutter, die ganze Abende damit verbracht hatte, die Hauptstadt des K�nigreichs zu beschreiben. Als sie auf der London Bridge im dichten Verkehr feststeckten und kaum noch vorw�rtskamen, fragte Celia: �Zu welchem Gasthaus fahren wir eigentlich?�</p><p>�Zum George Inn�, antwortete Adam etwas pikiert, weil er gerade angesetzt hatte, �ber die �stlich gelegene Baustelle der Tower Bridge und die eigenwillige Konstruktion dieser Klappbr�cke zu berichten.</p><p>�Meine Mutter hat dort gearbeitet!�, rief Celia �berrascht.</p><p>�Im George Inn? Das ist ja interessant�, sagte Adam, w�hrend er einen H�ndler umkurvte, der mitten auf der Br�cke Obst von seinem Handkarren verkaufte. �Das George ist eines der �ltesten Gasth�user in Southwark. Wusstest du �?�</p><p>Jenseits der Br�cke l�ste sich die Verkehrsstockung langsam auf. W�hrend Adam den Wagen auf der S�dseite der Themse unter einer Eisenbahnbr�cke hindurchkutschierte und dabei von alten Postkutschenstationen und noch �lteren Theaterauff�hrungen in Hinterh�fen erz�hlte, wunderte sich Celia, dass ihr der Gedanke an die Sch�nke solch ein Unbehagen bereitete. Statt sich darauf zu freuen, den Ort zu sehen, an dem ihre Mutter vor ihrer Ehe als Dienstmagd gearbeitet hatte, f�rchtete sie sich regelrecht davor und konnte sich diese Furcht zugleich nicht erkl�ren. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie so wenig �ber das George Inn wusste.</p><p>W�hrend ihre Mutter mit Eifer und Ausdauer von London, seinen pr�chtigen Bauten und dem atemberaubenden Trubel auf den Stra�en und Pl�tzen berichtet hatte, war sie im Hinblick auf den Ort, an dem sie jahrelang gewohnt und gearbeitet hatte, immer sehr wortkarg geblieben. Celia glaubte alles �ber die Londoner Kirchen, die monumentalen Bahnh�fe, die gro�en Parks und die k�niglichen Pal�ste zu wissen, doch das George Inn erschien ihr wie ein Buch mit sieben Siegeln.</p><p>Sie konnte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, wann ihre Mutter dort gearbeitet hatte. Irgendwann in den sechziger Jahren, denn im Jahr 1868 hatte sie Ned Brooks in Brightlingsea geheiratet. Celia hatte aus den wenigen Andeutungen der Mutter herausgeh�rt, dass der Wirt des George Inn, ein Mann namens Rodney Webster, kein besonders netter Mensch gewesen war, doch warum es Mary Tremain, wie sie damals noch hie�, von London ausgerechnet nach Brightlingsea verschlagen hatte, dar�ber hatte die Mutter nie gesprochen. London war in ihrem Herzen geblieben. Southwark allerdings schien darin keinen Platz zu haben. Und das George Inn hatte sie anscheinend aus ihren Erinnerungen getilgt.</p><p>�So, da w�ren wir�, sagte Adam und deutete auf einen schmalen Durchlass zwischen zwei H�usern, �ber dem an einem eisernen Bogen die verrosteten Lettern �The George� angebracht waren. Von der Stra�e aus war das eigentliche Gasthaus gar nicht zu sehen. Erst als Adam den Pferdewagen durch die Einfahrt in den Hof lenkte, begriff Celia, was er vorhin mit den Postkutschenstationen gemeint hatte. Das George Inn hatte einstmals als Verpflegungsstation und Unterkunft gedient, f�r Mensch und Tier. Das Anwesen war in U-Form um den Hof herumgebaut, wobei auf der linken Seite die Pferdest�lle und Stellpl�tze untergebracht waren und auf der rechten Seite die Sch�nke und die Herberge f�r die Reisenden. Am Kopfende des Hofes befanden sich der Schweinestall, ein H�hnerstall und die Zimmer f�r das Gesinde. W�hrend die ehemaligen Remisen und Wagenschuppen nicht mehr benutzt wurden und zusehends verfielen, waren die Sch�nke und das Gasthaus noch leidlich intakt. Celia fielen die offenen Galerien vor den G�stezimmern im vorderen Teil des Hauses auf, die vom Hof aus betrachtet tats�chlich an Theaterr�nge erinnerten. Diese mit Gel�ndern versehenen Laufg�nge waren �ber die Jahrhunderte an einigen Stellen verbogen oder abgesackt, wodurch die Galerien beinahe eine Wellenform hatten.</p><p>Adam sprang vom Wagen und half Celia hinunter, die am liebsten auf dem Kutschbock sitzen geblieben w�re, aber nicht kindisch oder verstockt wirken wollte. Daher folgte sie Adam zu einer niedrigen Holzt�r im hinteren Geb�udeteil, �ber der ein Metallschild mit dem Bildnis des heiligen Georg angebracht war. Es zeigte den M�rtyrer mit erhobenem blutigen Schwert und dem get�teten Drachen zu seinen F��en.</p><p>�Du kommst sp�t, Kumpel�, wurde Adam von einem jungen Mann begr��t, der in diesem Moment aus der T�r trat, doch augenblicklich wie unter einem Peitschenschlag zusammenfuhr. �Ach du meine G�te!�, rief er und verzog sein Gesicht zu einer Leidensmiene. �Bist du unter einen Tramwagen geraten?�</p><p>�Nein, zwischen die Skeletons�, antwortete Adam s�uerlich und reichte dem anderen die Hand. �Sie haben uns angegriffen.�</p><p>�Und du hast nat�rlich wieder deine Wange hingehalten�, erwiderte der Mann halb scherzhaft, w�hrend er gleichzeitig dem Heilsarmisten mitf�hlend die Hand auf die Schulter legte. Er deutete auf Adams Zahnl�cke und f�gte grinsend hinzu: �Ich hoffe, du hast es ihnen wenigstens Zahn um Zahn heimgezahlt.�</p><p>�Das Wort Gottes ist sch�rfer als jedes zweischneidige Schwert�, antwortete Adam mit ernster Miene.</p><p>�Aber offensichtlich eignet es sich nicht so gut f�r den schlichten Faustkampf�, entgegnete der andere lachend und wandte sich dann an Celia, die sich regelrecht hinter Adam versteckt hatte. �Und wer ist diese h�bsche Miss, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Das ist Celia Brooks�, antwortete Adam, fasste Celia an der Schulter und schob sie sachte nach vorne. �Celia, das ist Rod Webster, der Wirt des George, ein alter Freund.�</p><p>�Na, so alt nun auch wieder nicht�, widersprach der Angesprochene lachend und verneigte sich wie ein Schauspieler auf der Theaterb�hne. �Allerdings kenne ich den guten Adam noch aus der Zeit, als er kein Abstinenzler und einer unserer besten Kunden war. Freut mich sehr, Ma�am.�</p><p>�Rodney Webster?�, war alles, was Celia herausbrachte.</p><p>�So hie� mein Vater�, antwortete der Wirt und hob verwundert die Augenbrauen. �Er ist vor zwei Jahren gestorben. Ich hab zwar den gleichen Vornamen, bevorzuge aber die Kurzform. Klingt nicht so hochtrabend. Wieso fragst du? Kanntest du meinen Vater?�</p><p>�Ihre Mutter hat hier im George gearbeitet�, sprang Adam ein, weil Celia keinen Ton herausbrachte und den jungen Mann anstarrte, als w�re er eine Schlange und sie das sprichw�rtliche Kaninchen.</p><p>�Tats�chlich?�, fragte Webster und hakte seine Daumen in die �rmelausschnitte seiner Weste. �Wann war das?�</p><p>Celia zuckte mit den Schultern und stammelte: �Fr�her.�</p><p>Webster sch�ttelte belustigt den Kopf. �So, so, fr�her�, �ffte er Celia nach, wandte sich pl�tzlich um und hielt ihnen die T�r zur Sch�nke auf. �Na, dann kommt rein. Ihr seid sp�t dran. Ich wollte die Reste schon den Schweinen geben.�</p><p>Celia �rgerte sich �ber sich selbst und ihr unsicheres Auftreten. Doch sie konnte nicht anders, dieser Rod Webster sch�chterte sie ein. Dabei war er nicht gerade das, was man einen beeindruckenden oder gar Furcht einfl��enden Mann nennen konnte. Er war alles andere als h�bsch und auch nicht besonders kr�ftig oder gro�, ein d�rrer Kerl mit fusseligem Backenbart und gro�en Ohren, die ann�hernd rechtwinklig vom Kopf abstanden. Seine Bewegungen wirkten ein wenig linkisch, und mit seinem Strubbelkopf und der fleckigen Kleidung, die an den Ellbogen und Knien abgewetzt war, erinnerte er fast an einen harmlosen Lausejungen. Dennoch strahlte der junge Mann, der kaum �lter als zwei-oder dreiundzwanzig Jahre sein konnte, etwas Durchtriebenes oder Hinterh�ltiges aus, das Celia sofort auf Abstand gehen lie�. Er wirkte wie ein listiger Schelm, wenn man es vorteilhaft ausdr�cken wollte, oder wie ein gemeiner Strolch, wenn man die Sache etwas drastischer beim Namen nennen wollte.</p><p>�Passt auf eure K�pfe auf!�, sagte Webster und deutete zu den schwarz angelaufenen St�tzbalken an der Decke, die tats�chlich sehr niedrig hingen und den d�steren Schankraum, den sie nun betraten, in unregelm��igen Abst�nden durchzogen. Nur wenige G�ste sa�en an den Tischen, die von unterschiedlichster Form und Gr��e waren und den Eindruck best�rkten, den Celia von dem Gasthaus hatte. Das George Inn mochte traditionsreich sein und eine sehr lange Geschichte besitzen, im Moment wirkte es vor allem ein wenig verwahrlost und zurechtgezimmert. Die kleinen Butzenscheiben in den Fenstern zum Hof waren von unterschiedlicher Farbe und Beschaffenheit, was aber erst auf den zweiten Blick zu sehen war, weil man sie seit Ewigkeiten nicht geputzt hatte. Auch im Inneren der Sch�nke dominierte die Flickschusterei. Manches in dem Raum war vermutlich so alt wie das Haus selbst, doch vieles war in den Jahrhunderten ausgetauscht oder ausgebessert worden, ohne immer darauf zu achten, ob die Reparatur oder der Ersatz zum urspr�nglichen Zustand passten. Das George Inn hatte seinen Besitzern offenbar niemals gro�e Reicht�mer beschert, dachte Celia bei sich, als sie sich neugierig umblickte.</p><p>�Die Suppe steht in der K�che�, wandte sich Webster an Adam und wies zu einer Schwingt�r am hinteren Ende des Schankraums. �Kennst dich ja aus.�</p><p>Einige b�se oder belustigte Kommentare der Kneipeng�ste begleiteten Adam auf dem Weg zur K�che. Doch er l�chelte nur, tippte sich an die M�tze und rief ihnen zu: �Gott sei mit euch, Br�der!�</p><p>Celia wollte Adam folgen, doch Webster stellte sich ihr in den Weg und fragte: �Wieso so �ngstlich? Ich bei�e nicht.�</p><p>Sagte die Katze zur Maus, dachte Celia und wich einen Schritt zur�ck.</p><p>Webster kramte eine angerauchte Pfeife aus der Seitentasche seiner Weste, entz�ndete sie an einer Kerze und fragte: �Wie hei�t deine Mutter? Vielleicht kenne ich sie ja.�</p><p>�Sie ist tot�, antwortete Celia und schaute Hilfe suchend zur K�chent�r.</p><p>�Das tut mir leid�, behauptete Webster, ohne dass sich jedoch das Schelmengrinsen in seinem Gesicht ver�nderte. �Und wie hie� sie?�</p><p>�Mary�, sagte Celia. �Mary Tremain.�</p><p>�Mary hei�en viele�, sagte Webster achselzuckend und paffte an seiner Pfeife.</p><p>�Der Topf auf dem Ofen?�, fragte Adam aus der K�che.</p><p>�Genau der�, antwortete Webster, ohne den Blick von Celia abzuwenden oder den Weg freizugeben. Er fasste sie mit Daumen und Zeigefinger am Kinn und meinte: �Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Warst du schon mal hier?�</p><p>�Bin das erste Mal und erst seit Kurzem in London.�</p><p>�Ich k�nnte schw�ren, dass ich dich von irgendwoher kenne.�</p><p>Celia sch�ttelte heftig den Kopf, auch um Websters nach Tabak stinkende Finger von ihrem Kinn abzusch�tteln.</p><p>�Sonst noch was?�, kam Adams Stimme aus dem Nachbarraum.</p><p>�Da ist noch Porridge auf der Anrichte neben dem Herd�, rief Webster, w�hrend seine Finger von Celias Kinn zur Schulter wanderten und dort wie beil�ufig mit ihren Haaren spielten.</p><p>�Kommst du mal, Celia?�, bat Adam. �Allein schaff ich es nicht.�</p><p>Celia straffte sich erleichtert, schl�pfte an Webster vorbei und lief zur K�chent�r, vor der sie um ein Haar mit Adam zusammenprallte, der in diesem Augenblick mit einem gro�en Emailletopf durch die Schwingt�r trat.</p><p>�Nimmst du bitte das Porridge?�, fragte Adam, der M�he hatte, die Balance zu halten. Er schaute �berrascht und auch ein wenig misstrauisch zwischen Celia und Webster hin und her und wies dann mit einer Kopfbewegung in die K�che, aus der ein s�uerlicher und wenig appetitlicher Geruch in den Schankraum drang.</p><p>Celia schnappte sich die Sch�ssel mit Haferbrei und beeilte sich, Adam durch den Schankraum nach drau�en zu folgen. Wieder begleiteten ihn die h�hnischen Kommentare der G�ste. Ein Schankm�dchen zwinkerte ihm zu und rief: �Na, das nenn ich mal �nen richtigen Soldaten. In welchem Krieg hast du denn gek�mpft?�</p><p>Webster erwartete Adam und Celia bereits am Ausgang und hielt ihnen erneut die T�r auf.</p><p>�Danke, Rod�, sagte Adam und ging hinaus.</p><p>�Gern geschehen�, erwiderte Webster und lie� es sich nicht nehmen, Celia beim Hinausgehen mit der Hand �ber den Nacken und den R�cken zu streichen. �Bis bald, h�bsche Celia!�, fl�sterte er ihr ins Ohr.</p><p>Am liebsten h�tte sie ihm den Haferbrei ins Gesicht gesch�ttet, doch stattdessen ging sie schnurstracks und stocksteif zum Pferdewagen und verstaute das Porridge auf der Ladefl�che. Dann stieg sie auf den Kutschbock und starrte angestrengt auf ihre F��e. Auf keinen Fall wollte sie Rod Webster anschauen, der immer noch in der T�r stand und darauf zu warten schien, dass sich ihre Blicke begegneten. Es kam Celia wie ein seltsames Spiel vor, wie ein kindisches Kr�ftemessen. Und das w�rde sie unter keinen Umst�nden verlieren!</p><p>�Ist was mit dir?�, fragte Adam neben ihr. Seine Frage hatte einen seltsamen Unterton und klang nicht so freundlich, wie er sonst mit Celia sprach.</p><p>�Lass uns fahren!�, bat sie, ohne den Blick zu heben. �Mir ist nicht wohl.�</p><p>�Aha!� Es klang nicht sehr mitf�hlend.</p><p>�Nat�rlich! Wie dumm von mir!�, entfuhr es Webster in diesem Augenblick. �Jetzt hab ich�s!� Er wedelte mit den Armen und rief: �Halt! Wartet noch!�</p><p>Adam, der bereits den Wagen gewendet hatte, hielt inne und fragte: �Was hast du, Rod? Wo willst du hin?�</p><p>Doch Webster war bereits im Haus verschwunden. Nur wenige Sekunden sp�ter erschien er wieder im Hof, schwenkte irgendetwas mit der Hand und rief triumphierend: �Hab ich doch gewusst, dass ich dein Gesicht kenne!� Er lief zum Wagen, reichte Celia ein gerahmtes Bild und fragte: �Ist das deine Mutter?�</p><p>Celia schaute erschrocken auf, nahm das Bild, und als sie es betrachtete, stockte ihr der Atem und raste ihr Herz. Bei dem Bild handelte es sich um ein vergilbtes fotografisches Portr�t. Es zeigte eine sehr junge Frau im wei�en Kleid, mit einer ebenfalls wei�en Haube auf dem Kopf und einem Sonnenschirm in der Hand. Das Bild war in einem Studio aufgenommen, wie man an dem bemalten Leinwandhintergrund und dem unnat�rlich schattenlosen Lichteinfall erkennen konnte. Die Fotografie war auf einen rot ger�nderten Karton geklebt, es handelte sich um eine sogenannte Kabinettkarte, war also sehr viel gr��er als die handtellergro�en Visitenkartenfotos, die man in Alben sammelte. Was Celia aber vor allem verbl�ffte, war das Gesicht der Frau. Es war beinahe so, als schaute Celia in einen Spiegel. Die h�chstens zwanzigj�hrige Frau auf dem Foto h�tte ihre Zwillingsschwester sein k�nnen.</p><p>�Ist das Mary Tremain?�, fragte Webster und legte wie beil�ufig seine Hand auf Celias Knie. �Sie sieht dir zum Verwechseln �hnlich.�</p><p>�Woher hast du das Bild?�, antwortete Celia mit einer Gegenfrage und r�ckte auf dem Kutschbock n�her an Adam heran.</p><p>�Es hing seit ewigen Zeiten im Treppenhaus vor den Gastzimmern�, antwortete er und war sichtlich stolz, einen solchen Eindruck mit seiner Entdeckung gemacht zu haben. �Ich hab mich immer gefragt, wer wohl das h�bsche M�dchen auf dem Foto ist. Dachte immer, es w�re irgendeine entfernte Verwandte. Vater habe ich mal danach gefragt, aber der hat nur wie �blich unverst�ndlich rumgegrummelt. Und Mutter ist schon lange tot, die konnte ich also nicht fragen. Jetzt endlich wei� ich es. Es ist Mary Tremain, die h�bsche Mutter einer noch h�bscheren Tochter.�</p><p>Celia achtete nicht auf das S��holzraspeln des Wirts, sondern starrte unverwandt auf die Fotografie. Was sie geradezu schockierte, war der frappierende Unterschied zwischen diesem Portr�t und dem Familienfoto, das vor einigen Jahren in Brightlingsea aufgenommen worden war. Nicht einmal zwanzig Jahre lagen zwischen den beiden Bildern, doch es kam Celia so vor, als w�ren zwei v�llig verschiedene Frauen darauf abgebildet. Die h�bsche und keck dreinschauende Mary Tremain in ihrem wei�en Sonntagskleid hatte nichts gemein mit der verh�rmten Mary Brooks, die ihre drei halbw�chsigen Kinder wie Orgelpfeifen vor sich aufgestellt hatte. Nie w�re Celia auf die Idee gekommen, dass sie ihrer Mutter �u�erlich �hnelte und quasi ein exaktes Abbild darstellte, und im gleichen Moment begriff sie, was die Ehe mit Ned Brooks, das Gro�ziehen der Kinder und das harte Leben an der K�ste von Essex aus Mary gemacht hatten. Ihre Mutter war gerade einmal zweiundvierzig Jahre alt geworden, doch sie war im K�rper einer Greisin gestorben.</p><p>�Willst du�s haben?�, fragte Webster.</p><p>�Das Foto?�, staunte Celia. �Du schenkst es mir?�</p><p>�Den Rahmen behalte ich�, antwortete er und griente. �Da kommt ein anderes Bild rein, sonst sieht man den hellen Fleck an der Wand. Aber das Foto deiner Mutter darfst du behalten. Mit besten Gr��en von Rod Webster.�</p><p>�Danke�, murmelte Celia, ohne ihn dabei anzuschauen, und �ffnete den Rahmen. Als sie die Kabinettkarte herauszog, sah sie auf der R�ckseite des Kartons einen verschn�rkelten Firmenstempel mit der Inschrift: �Fotografiert von C. T. Newcombe, 135 Fenchurch St.�.</p><p>�Welche Stellung hatte deine Mutter im Gasthof?�, fragte Webster, als er den Holzrahmen in Empfang nahm und dabei mit dem Finger ganz unauff�llig �ber Celias Handr�cken strich. �Als was hat sie gearbeitet?�</p><p>�Sie war Dienstmagd oder Schankm�dchen, soviel ich wei߫, antwortete Celia und zuckte unter der Ber�hrung zusammen. �Wieso willst du das wissen?�</p><p>Webster sch�ttelte ungl�ubig den Kopf und entgegnete: �Warum sollte mein Vater das Foto einer Dienstmagd im Sonntagsstaat ins Treppenhaus h�ngen?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Celia. �Vielleicht aus Dankbarkeit?�</p><p>�Wir m�ssen los�, ging Adam m�rrisch dazwischen.</p><p>�Dankbarkeit?� Webster lachte laut und trat beiseite, als Adam das Pferd mit einem Z�gelschlag antrieb. �Mein Vater war nicht gerade f�r seine Dankbarkeit oder gar Herzensg�te bekannt�, rief er ihnen nach. �W�re mir jedenfalls neu.�</p><p>�Bis morgen, Rod!�, rief Adam knurrig und lie� die Z�gel knallen.</p><p>�Bis bald, h�bsche Celia�, antwortete Webster. Diesmal fl�sterte er nicht.</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht�, wiederholte Celia in Gedanken versunken und beinahe flehentlich, als sie in die Hauptstra�e von Southwark einbogen. Erneut starrte sie auf das Portr�t ihrer Mutter, die den Fotografen und damit den Betrachter herausfordernd, ja beinahe neckisch anschaute. Schnell verstaute sie das Foto in der Innentasche ihres Mantels.</p><empty-line/></section><section><p>6</p><p>W�hrend der Wagen den Weg zur Themse zur�ckfuhr, die Eisenbahnbr�cke unterquerte und sich vor der London Bridge in den Stau einreihte, starrte Adam missmutig und unverwandt nach vorne und brachte keinen Ton �ber seine Lippen. Das war vor allem bemerkenswert deshalb, weil er auf dem Hinweg nach Southwark unentwegt geplaudert hatte und sichtlich dar�ber erfreut gewesen war, Celia neben sich zu wissen. Nun aber gingen seine Mundwinkel nach unten, sein Kiefer mahlte unentwegt, und er starrte wie behext auf die schwei�nasse Kruppe des Pferdes, die er immer wieder mit den Z�geln traktierte, obwohl das arme Tier wahrlich nichts daf�r konnte, dass sie auf der Br�cke feststeckten.</p><p>Celia, die anfangs ihren eigenen Gedanken nachgehangen und deshalb kaum etwas um sie herum wahrgenommen hatte, wunderte sich nach einer Weile �ber Adams seltsame Stimmung und sein griesgr�miges Gesicht. Als der Wagen die Br�cke passiert hatte und von der Bishopsgate Street rechter Hand in die Fenchurch Street einbog, fragte sie ihren Begleiter: �Hast du schlechte Laune?�</p><p>�Warum sollte ich?�, war seine knappe Antwort.</p><p>�Hab ich dir irgendetwas getan?�, hakte Celia nach und versuchte, seinen Blick zu erhaschen. �Oder etwas Dummes gesagt?�</p><p>�Wenn du das selbst nicht wei�t�, knurrte er, ohne sie dabei anzuschauen.</p><p>Celia begriff nicht, was in ihn gefahren war oder womit sie ihn wom�glich ver�rgert hatte, doch in diesem Augenblick wurde ihre Aufmerksamkeit durch eine Hausnummer auf der linken Seite abgelenkt: 135 Fenchurch Street!</p><p>Dies war die Adresse des Fotografen, der das Kabinettportr�t ihrer Mutter aufgenommen hatte. Tats�chlich hing an der Fassade des dreist�ckigen Backsteinhauses ein emailliertes Metallschild. Ein altert�mlicher Fotoapparat mit dreibeinigem Stativ war darauf zu erkennen.</p><p>�K�nntest du kurz anhalten?�, bat sie Adam.</p><p>�Wir sind sp�t dran�, maulte er und lie� das Pferd in unvermindertem Tempo weitergehen. �Wir wollen die Hungrigen und Bed�rftigen nicht unn�tig warten lassen.�</p><p>�Bitte, nur einen kurzen Moment�, sagte Celia, �ich m�chte gern etwas nachschauen. Es dauert auch nicht lange.�</p><p>Doch Adam tat so, als h�tte er nichts geh�rt, und schaute stur geradeaus, wo die Fenchurch Street am gleichnamigen Bahnhof vorbeif�hrte und in die Aldgate High Street �berging.</p><p>Celia blickte �ber ihre Schulter zur�ck. Das Haus mit der Nr. 135 war ein Eckhaus, und der Eingang zu dem Fotostudio befand sich in der Querstra�e. �ber einem winzigen Schaufenster sah Celia einen Schriftzug: �A. &amp; G. Taylor�. Und darunter stand in schn�rkeligen Buchstaben: �Fotografen Ihrer Majest�t der K�nigin�. Ein C. T. Newcombe wurde nicht genannt. Jedenfalls nicht in so gro�en Buchstaben, dass Celia es aus der Entfernung h�tte entziffern k�nnen. Dann war das Haus aus ihrem Blickfeld verschwunden.</p><p>Adams Laune besserte sich in der Folgezeit nicht, auch seine Redseligkeit kehrte keineswegs zur�ck. Er blieb stumm wie ein Fisch und m�rrisch wie ein Maulesel. Celia versuchte einige Male, irgendein Gespr�ch anzufangen � �ber das Wohnheim in Limehouse, �ber die Arbeit in der Essensausgabe, �ber den gestrigen Fackelzug und die Rede von Eva Booth, schlie�lich sogar �ber das kalte und regnerische Wetter in London �, doch au�er knappen und nichtigen Kommentaren war Adam nichts zu entlocken. Celia beschloss, nicht weiter in ihn zu dringen und ebenfalls den Mund zu halten. Was auch immer ihn ver�rgert hatte, sie w�rde seine Verdrossenheit mit Missachtung strafen. Was blieb ihr anderes �brig?</p><p>Sie hatten Aldgate l�ngst hinter sich gelassen und n�herten sich nun den Docks und Hafenanlagen von Wapping und Limehouse. Es wimmelte in dieser Gegend von Fabriken mit riesigen Schloten, gro�en Lagerhallen und fensterlosen Speichern sowie unz�hligen Hafenbecken, Kaimauern, Schleusen und kleineren Kan�len, die nach S�den hin mit der Themse verbunden waren. Eine Eisenbahnlinie fuhr parallel zur Durchgangsstra�e auf einem gemauerten Damm. Au�erdem fielen Celia die vielen st�hlernen Gasbeh�lter auf, die an �berdimensionierte Blaseb�lge erinnerten und die Stra�enlaternen Londons mit Gas versorgten.</p><p>Die Docks unterschieden sich merklich von den Wohngebieten im nahe gelegenen Whitechapel oder Spitalfields. Sie wirkten auf Celia wie eine Stadt in der Stadt. Die H�user erschienen ihr gr��er, unf�rmiger und dunkler, die Stra�en viel breiter, aber auch trostlos und armselig. Statt der Iren und Juden, die im n�rdlichen East End das Stadtbild pr�gten, waren es in Limehouse die Chinesen, die Opium rauchend oder Reiswein trinkend vor ihren Sch�nken sa�en oder Trockenfisch von Handkarren verkauften. �berall sah man chinesische Tierornamente und Schriftzeichen, die auf Suppenk�chen und Teeh�user hinwiesen, wie unschwer an dem s��lich w�rzigen Geruch zu erkennen war.</p><p>�Ganz sch�n viele Chinesen�, sprach Celia aus, was offensichtlich war.</p><p>�Chinatown�, knurrte Adam einsilbig.</p><p>�Hm�, machte Celia. Wieder war ein Gespr�chsversuch ins Leere gelaufen.</p><p>Inzwischen stand die Sonne, die ohnehin die meiste Zeit hinter dichten Regenwolken verborgen war, nur noch eine Handbreit �ber der westlichen Silhouette der Stadt, �ber der Themse war bereits die blasse Scheibe des Vollmonds am Himmel zu sehen. Celias Magen knurrte, vor allem wenn sie an die Speisen dachte, die sie auf der Ladefl�che transportierten. Deshalb fragte sie: �Ist es noch weit?�</p><p>�Willst wohl wieder zur�ck zu ihm�, entfuhr es Adam, als h�tte er seit Beginn der Fahrt nur auf diese Gelegenheit gewartet. Er schnaufte abf�llig und setzte hinzu: �H�tte ich mir ja denken k�nnen. Kannst es ruhig zugeben.�</p><p>�Zur�ck zu wem?�, fragte Celia.</p><p>�Zu Rod nat�rlich.�</p><p>�Rod Webster?� Celia war zun�chst zu verbl�fft, um zu reagieren, doch dann konnte sie nicht anders und musste schallend lachen. �Ist das dein Ernst? Wie kommst du darauf?�</p><p>�Brauchst gar nicht so zu tun!�, blaffte Adam sie an. Es schien so, als habe sich etwas in seinem Inneren angestaut, das nun mit Macht aus ihm herausbrach. �Es war ja nicht zu �bersehen, wie du dich ihm an den Hals geworfen hast.�</p><p>�An den Hals geworfen?� Celia verschlug es beinahe die Sprache. �Wie kannst du so etwas behaupten? Was ist denn blo� in dich gefahren?�</p><p>�Ich hab ja Augen im Kopf�, antwortete er und schaute sie zum ersten Mal w�hrend der ganzen Fahrt an. Was Celia in seinem Blick wahrnahm, machte ihr Angst. Sie erinnerte sich an Adams funkelnde Augen, kurz bevor er sich am gestrigen Abend in das Scharm�tzel mit den Skeletons gest�rzt hatte. Auch jetzt schien er, im wahrsten Sinn der Worte, au�er sich zu sein.</p><p>�Wovon redest du �berhaupt?�, erwiderte Celia und rutschte an den Rand des Kutschbocks. �Ich versteh dich nicht.�</p><p>�Glaubst du, ich merke so was nicht? H�ltst du mich f�r dumm, oder was?� Adam zog eine Grimasse, die in seinem verunstalteten Gesicht ebenso furchterregend wie grotesk aussah. �H�bsche Celia hier, h�bsche Celia da! Und st�ndig das Get�tschel! Ich musste mich ja sch�men.�</p><p>�Dann sch�m dich f�r deinen widerlichen Freund Rod!�, rief Celia erbost und verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Was kann ich daf�r, dass er um mich herumscharwenzelt, seine stinkenden Finger nicht von mir lassen kann und mir Honig um den Mund schmiert? Ich hab ihn gewiss nicht dazu aufgefordert.�</p><p>�Von nichts kommt nichts�, fauchte Adam und lenkte den Wagen �ber eine Kanalbr�cke, die rechter Hand von der Durchgangsstra�e abbog und gleichzeitig unter der Eisenbahnlinie hindurchf�hrte. Sie fuhren nun an einem riesigen Wasserbecken vorbei, auf dem gro�e und kleinere Schiffe mit Kr�nen beladen wurden oder deren Fracht auf bereitstehende Barken umgeladen wurde.</p><p>�Das ist ja wohl die H�he!�, entgegnete Celia entr�stet. �Jetzt soll ich auch noch daf�r verantwortlich sein, dass dein Kumpel ein verdammter Schweren�ter ist. Was f�llt dir ein, Adam Bedford!�</p><p>�Es scheint dir nicht missfallen zu haben�, entgegnete er trotzig.</p><p>Celia platzte nun endg�ltig der Kragen. �Und selbst wenn!�, fauchte sie und redete sich nun ihrerseits in Rage. �Selbst wenn ich mich deinem feinen Freund an den Hals geworfen h�tte. Was geht das dich an? Was k�mmert dich das?�</p><p>�Ich bin f�r dich verantwortlich.�</p><p>�Seit wann?�</p><p>�Seitdem ich versprochen habe, mich um dich zu k�mmern.�</p><p>�Wenn du das K�mmern nennst, dann kann ich gerne darauf verzichten�, rief Celia und sch�ttelte unwirsch den Kopf. �Ich bin doch kein kleines Kind mehr!�</p><p>�Ich habe es versprochen�, beharrte er. �Und ich erf�lle meine Pflicht.�</p><p>�Ich bin dir dankbar f�r deine Hilfe, Adam, aber du bist nicht mein Herr und nicht mein Gebieter. Und wenn du glaubst, dass du irgendwelche Anspr�che auf mich hast, dann hast du dich geschnitten. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.�</p><p>�Doch, das bist du!�, rief Adam und hielt den Wagen an. �Und wenn nicht mir, dann doch dem Herrgott im Himmel.�</p><p>�Lass den Herrgott aus dem Spiel! Der hat damit gar nichts zu tun.�</p><p>Hinter ihnen staute sich der Verkehr. Da die Kutscher der anderen Fuhrwerke an der schmalen Stelle nicht �berholen konnten, stie�en sie wilde Fl�che aus.</p><p>�Ich m�chte dich doch nur vor dem B�sen bewahren�, beharrte Adam und wiegte den Kopf hin und her, als verst�nde er nicht, warum Celia sich so uneinsichtig gab. �Begreifst du das denn nicht? Es geht um deine unsterbliche Seele, Celia!�</p><p>�Zum Teufel mit meiner Seele!�, antwortete Celia, der inzwischen die Tr�nen �ber die Wangen liefen. �Das ist doch alles nur Gerede. Du bist eifers�chtig, darum geht�s! Und obendrein ohne jeden Grund.�</p><p>�Wird�s bald, da vorne? Macht mal voran! Oder seid ihr eingeschlafen?�, wurden erboste Stimmen laut. �Welcher Idiot bleibt denn da mitten auf der Stra�e stehen?�</p><p>�Nein, das stimmt nicht!�, rief Adam, und sein Blick nahm einen beinahe schmerzgeplagten Ausdruck an. �Ich bin nicht eifers�chtig.�</p><p>�Und ob du das bist�, schluchzte Celia, die �berhaupt nicht begriff, wie es so weit hatte kommen k�nnen. �Krankhaft eifers�chtig sogar. Das ist doch nicht normal!�</p><p>�Nimm das sofort zur�ck!�, rief er, fuhr pl�tzlich herum und schlug ihr unversehens mit dem Handr�cken ins Gesicht.</p><p>Der Schlag war so heftig und kam so unerwartet, dass Celia nach hinten kippte und seitlich vom Kutschbock fiel. Mit einem dumpfen Knall schlug sie auf dem Pflaster auf. Schnell rappelte sie sich wieder auf, musste sich aber auf die Lippen bei�en, weil sie sich beim Sturz den Fu�kn�chel und das Handgelenk verletzt hatte. Ohne ihren Begleiter nur eines Blickes zu w�rdigen, lief sie in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren.</p><p>�Celia! Komm zur�ck!�, rief Adam und wollte den Wagen wenden, was aber wegen des Staus nicht m�glich war. �Es tut mir leid. Das wollte ich nicht. Vergib mir! Bitte! Lauf nicht weg!�</p><p>Celia humpelte, so schnell ihr schmerzender Kn�chel es zulie�, bis zu der Kanalbr�cke, die sie vorhin �berquert hatten. Unter sich sah sie eine Schleuse, die zum Kanal hin ge�ffnet war, �ber ihr lag der Bahndamm, auf dem eine Lokomotive ratterte und fauchte und dunklen Dampf ausstie�. Zus�tzlich kreuzten sich hier zwei Stra�en, was das Ganze zu einem un�bersichtlichen Wirrwarr machte. Am Rand der Stra�e, gleich hinter einem Pfeiler der Eisenbahnbr�cke, ging eine schmale Steintreppe zum Kanal hinunter. Ein Treidelpfad f�hrte an dem Kanal entlang, an dem ein alter H�ndler seinen vert�uten Frachtkahn belud. Das Treidelpferd war bereits angeschirrt und wartete geduldig darauf, den Kahn zu ziehen. Wie fr�her, als es noch keine Dampfboote gegeben hatte.</p><p>�Celia, bitte!�, h�rte sie Adams Stimme von der Stra�e. Offenbar hatte er seinen Wagen stehen lassen und war ihr zu Fu� gefolgt. �Ich wollte dich nicht schlagen. Das tut mir f�rchterlich leid. Das musst du mir glauben.�</p><p>Celia rannte die Treppe hinunter und schaute sich suchend um, doch am Kanal gab es weder ein Versteck noch einen Ausweg. Auf der einen Seite befand sich die Schleuse zum Wasserbecken, auf der anderen die doppelte Eisenbahn-und Kanalbr�cke, und der einzige Zugang war die Treppe. Wenn Celia auf dem offenen Treidelpfad am Kanal entlanglief, w�rde Adam sie unweigerlich sehen. Sie war in eine Sackgasse geraten.</p><p>�Jetzt sei doch nicht so!�, rief Adam �ber ihr. �Es kommt nicht wieder vor. Das bin ich nicht. Nicht mehr. Ich hab mich ge�ndert. Du kannst alle fragen. Verzeih mir, Celia! Wo steckst du denn? Komm doch raus!�</p><p>Der Mann mit dem Kahn, der sein Boot inzwischen beladen hatte, rieb sich die H�nde und nickte ihr zu. Celia erwiderte den Gru� nicht. Ihr liefen die Tr�nen �ber die Wangen, vor Schmerz und Wut, aber noch mehr aus Entt�uschung. Sie r�hrte sich nicht von der Stelle. K�me Adam jetzt die Treppe herunter, w�rde er sie unweigerlich entdecken und sie mit ihm weiterfahren m�ssen. Auch wenn ihr der Gedanke daran zuwider war.</p><p>Wieder nickte der alte Treidler, und diesmal deutete er mit der Hand zu der schmalen Planke, die vom Ufer aus zu seinem Frachtkahn f�hrte. Er l�chelte aufmunternd und nickte abermals.</p><p>Jetzt erst begriff Celia. Sie lief zu dem Kahn, raffte ihre Kleider und betrat vorsichtig die Planke.</p><p>�Duck dich!�, sagte der Mann, als Celia die Ladefl�che erreicht hatte. Und ehe sie sich versah, hatte er einen gro�en Leinensack �ber sie geworfen. Das Tuch roch angenehm nach Kaffeebohnen.</p><p>Nur wenige Augenblicke sp�ter h�rte sie Adams dumpfe Stimme: �Guter Mann, haben Sie hier ein M�dchen gesehen?�</p><p>�Nay�, antwortete der Treidler.</p><p>�Ungef�hr so gro�, mit einem schlichten braunen Kleid.�</p><p>�Nay�, wiederholte der Mann.</p><p>�Sind Sie sicher?�</p><p>�Ay!�</p><p>Dann war Stille. Eine Weile passierte gar nichts, Celia h�rte nur das Gluckern des Wassers unterm Kiel und am Kanalufer und dann und wann das Schnaufen des Pferdes und das Klirren des Zuggeschirrs. Die Ger�usche waren so einlullend und Celia war so ersch�pft und m�de, dass sie beinahe eingeschlafen w�re. Die Worte ihrer Mutter fielen ihr wieder ein: �London laugt einen aus�. Mittlerweile konnte sie noch besser nachempfinden, was ihre Mutter damit gemeint hatte.</p><p>Ja, Celia f�hlte sich ausgelaugt und wie ausgewrungen. Als w�re sie zur Ader gelassen worden. Am liebsten h�tte sie sich auf ewig unter dieser Sackleinwand versteckt, mit dem Geruch nach Kaffeebohnen in der Nase und dem Pl�tschern des Wassers in den Ohren. Wie am Hafen von Brightlingsea, wenn die gro�en Segelschiffe gel�scht wurden und die Kinder auf den Kaimauern herumtollten und mit den �berbleibseln der Ladung spielten. Zerrissene S�cke, gesprungene Tonkr�ge und Flaschen, faulige Fr�chte oder zerriebene Kr�uter, die zerbrochene Meerschaumpfeife eines alten Seeb�ren �</p><p>�Aufwachen, Kind!�, weckte sie die Stimme des alten Mannes aus ihren Tagtr�umereien. �Die Luft ist rein.�</p><p>Celia fuhr zusammen und brauchte eine Weile, bis sie begriff, dass sie nicht an der K�ste von Essex, sondern immer noch im Londoner East End war.</p><p>�Er ist weg�, sagte der Mann und deutete nach oben.</p><p>�Danke�, antwortete sie und sch�ttelte sich. �Das war sehr nett von Ihnen.�</p><p>�Ach�, war alles, was der Alte darauf erwiderte. Und doch l�chelte er, als w�re er ein wenig stolz auf sich.</p><p>�Was ist das eigentlich f�r ein Kanal?�</p><p>�Kennst dich nicht aus, was?�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf und biss sich auf die Lippen, um nicht wieder weinen zu m�ssen. Ja, der Mann hatte recht. Sie kannte sich nicht aus!</p><p>�Das ist der Regent�s Canal�, sagte der Treidler und beschrieb einen gro�en Halbkreis mit der Hand. �F�hrt von hier aus �ber Mile End und Islington ganz um die Stadt rum bis nach Paddington.�</p><p>�Regent�s Canal?�, horchte Celia auf. �K�nnten Sie mich bis zur Mile End Road mitnehmen?�</p><p>Als Antwort zuckte der Alte nur mit den Schultern, warf die Planke auf die Ladefl�che, l�ste das Tau und gab dem Pferd einen Klaps auf den Hintern. Langsam setzte sich der Frachtkahn in Bewegung.</p><empty-line/></section><section><p>7</p><p>Der People�s Palace war genau so, wie Maureen und Heather ihn beschrieben hatten. Und das, obwohl sich die Beschreibungen der beiden Freundinnen so auffallend widersprochen hatten: Der Palast des Volkes war imposant <emphasis>und</emphasis> eine Baustelle. Auf der n�rdlichen Seite der Mile End Road und unweit des Kanals gelegen, erinnerte das zentrale Geb�ude tats�chlich an die k�niglichen Pal�ste in Westminster, die Celia aus Zeitschriften und von Postkarten kannte. Dieser Teil des Palastes, den eine gl�nzende Metallplakette als �Queen�s Hall� auswies, war bereits fertiggestellt und machte auf Celia mit seinem frontalen S�ulengang, seinen verschn�rkelten Erkern, halbrunden Balkonen, geschwungenen Giebeln und Balustraden einen kolossalen Eindruck. Die Fassade war v�llig symmetrisch gestaltet, links und rechts zwei quadratische Bl�cke und in der Mitte das zweist�ckige Portal unter dem in Stein gehauenen k�niglichen Wappen. �ber dem Portal ragte eine m�chtige Kuppel aus dem Geb�ude, flankiert von zwei orientalisch anmutenden Zwiebelt�rmen.</p><p>Doch um die �Halle der K�nigin� herum wimmelte es von einger�steten Nebengeb�uden, ausgeschachteten Baugruben und kargen Rohbauten, denen das Dach und der Putz fehlten. Linker Hand befand sich ein gro�es Geb�ude, dessen Dach und oberstes Stockwerk vollst�ndig aus Glas zu sein schien, wie bei einem �berdimensionierten Gew�chshaus. Direkt an der Mile End Road stand ein gro�er, noch einger�steter Turm, dessen Zweck Celia vollkommen unklar war. Sie hatte keine Ahnung, ob er dereinst eine Glocke oder Uhr beherbergen sollte oder ob man eine Statue daraufstellen wollte.</p><p>Auf dem mit Kopfstein gepflasterten Vorplatz wimmelte es von Menschen, Pferden und Kutschen. Es gab H�ndler und Blumenm�dchen, die ihre Waren auf Handkarren oder in Bauchl�den pr�sentierten, Mietkutscher, die ihre Hansom Cabs an der von Gaslaternen ges�umten Auffahrt be-oder entluden, und nat�rlich unz�hlige Besucher, die sich vor den beiden beleuchteten Eing�ngen dr�ngelten. Die Sonne war inzwischen untergegangen; Celia sch�tzte, dass es ungef�hr acht Uhr war. Auf einem Plakat neben dem rechten Eingang las sie: �Messiah. Oratorium von Georg Friedrich H�ndel in drei Teilen�.</p><p>Es war auff�llig, dass sich die Pulks vor den beiden Zug�ngen stark unterschieden. Die ordentlich aufgereihten, fast and�chtig wirkenden Besucher vor dem rechten Zugang, der offensichtlich zum Konzertsaal f�hrte, waren allesamt in Gala und Abendgarderobe gekleidet. Die M�nner trugen einen Frack oder Cutaway mit Zylinder oder Bowler, die Frauen gebauschte, mit Spitzen, Drapierungen und Volants versehene Kleider, deren volumin�se Ges��polster fast bis zum R�cken reichten. Aus Modemagazinen, die Celia beim Friseur in Brightlingsea durchgebl�ttert hatte, wusste sie, dass man diese unf�rmigen Tourn�ren nach dem neuesten franz�sischen Schick, die beim Sitzen eher hinderlich waren, �Cul de Paris� nannte. Der Friseur hatte ihr hinter vorgehaltener Hand und augenzwinkernd verraten, dass dies nichts anderes als �Pariser Hintern� bedeutete.</p><p>Vor dem linken Eingang ging es nicht ganz so gesittet zu, auch weil der Andrang vor der T�r um einiges gr��er war. Es wurde laut geschwatzt und gelacht. Hier trugen fast alle Besucher Stra�enkleidung oder einfache Abendkleider: die M�nner Sakkos oder altmodische Gehr�cke mit Schieberm�tzen oder Strohh�ten, die Frauen schlichte Kleider ohne unn�tigen Firlefanz, von den �blichen Federn, Bord�ren und Pelzbes�tzen einmal abgesehen.</p><p>Damit sich die Pulks der Wartenden nicht vermischten oder in die Quere kamen, waren im S�ulengang zwischen den Eing�ngen sowie auf der Freitreppe vor dem Portal hohe Eisenz�une errichtet. Das Geb�ude nannte sich zwar Palast des Volkes, aber es war durchaus nicht unerheblich, aus welchem Teil des Volkes die Besucher stammten. Eine �schnieke Bude f�r feine Pinkel� hatte Heather den People�s Palace genannt. Doch auch wenn sie damit nicht unrecht hatte, war es doch nur die halbe Wahrheit gewesen. Das einfache Volk wurde nicht ausgeschlossen, es hatte lediglich seinen eigenen Bereich im Palast. Und seinen eigenen Eingang.</p><p>Neben der linken T�r hing ein Plakat, auf dem gleich mehrere Programmangebote in verschiedenen Veranstaltungsr�umen angek�ndigt wurden. Ganz oben las Celia etwas von einer Taubenschau, darunter von einem Singspiel mit Klavierbegleitung, irgendwo stach ihr das Wort �Variet� ins Auge, worunter sie sich jedoch nichts vorstellen konnte.</p><p>Neben dem Eingang verkaufte ein B�cker frisches Geb�ck, das k�stlich duftete und Celias Magen laut knurren lie�. Sie hatte seit dem Mittag nichts gegessen und leistete sich f�r einen Penny zwei warme Scones mit Streichrahm. Gleichzeitig dachte sie daran, dass sie im Asyl in der Hanbury Street nichts f�r ihr Abendbrot h�tte zahlen m�ssen, und �rgerte sich �ber die unn�tige Geldverschwendung. Doch die Scones schmeckten wundervoll, und die Vorstellung, in wenigen Augenblicken einen richtigen Palast zu betreten, erschien ihr sehr viel verlockender als die Aussicht auf einen Gottesdienst der Heilsarmee. Und sei er noch so munter und erbaulich.</p><p>Als Celia das Geb�ude durch den linken Eingang betreten wollte, wurde sie von einem Mann in dunkler Uniform angehalten. F�r einen Moment glaubte sie, Adam st�nde vor ihr, deshalb zuckte sie vor Schreck kurz zur�ck, doch es war nur ein livrierter Bediensteter des People�s Palace, der daf�r zust�ndig war, die Besucher in die gew�nschten Richtungen zu lenken. W�hrend die G�ste des Konzertsaals vom Eingang aus direkt zum hell erleuchteten Foyer gingen, wie Celia durch eine farbige Glast�r sehen konnte, befand sich hinter dem linken Eingang ein Gewirr von G�ngen und Treppen, die zu den zahlreichen Nebenschaupl�tzen dieses Kulturpalastes f�hrten. Dass es vor allem der Dienstmann war, der f�r das Gedr�nge vor dem Geb�ude sorgte, schien ihm nicht klar oder wichtig zu sein.</p><p>�Wohin, Miss?�, fragte der Uniformierte.</p><p>�Ich m�chte zur Bibliothek�, sagte Celia nach kurzem �berlegen. �Da, wo man die Zeitungen lesen kann. Also eigentlich alte Zeitungen, wenn�s die noch gibt.�</p><p>�Der Lesesaal ist seit zwei Stunden geschlossen�, antwortete er bedauernd und strich sich mit behandschuhten Fingern �ber den Backenbart. �Erst Montag wieder. Oder Sonntagnachmittag, wenn Sie Sch�lerin an der Technischen Schule sind.�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf, w�hrend sich die anderen Besucher ungeduldig an ihr vorbeizw�ngten und sich lautstark �ber die Verz�gerung beschwerten.</p><p>�Tut mir leid, Miss.�</p><p>Celia nickte entt�uscht. Einen Augenblick lang wollte sie schon auf dem Fu� umkehren und wieder hinausgehen, was angesichts des Stroms der Hereindr�ngenden gar nicht so einfach gewesen w�re. Doch ebenso pl�tzlich �nderte sie ihre Meinung. Wenn sie schon einmal hier war, so konnte sie sich den Palast auch anschauen. Schlie�lich kostete nur der Zutritt zu den Veranstaltungen etwas, das Betreten des Geb�udes selbst war frei. Celia erinnerte sich an das Plakat neben der T�r und fragte: �Was ist eigentlich ein Variet�?�</p><p>�Eine Art Music Hall�, antwortete der Uniformierte und lachte geziert. Seine Finger wanderten vom Backenbart zum Schnauzer, der an den Enden gezwirbelt war. �Auf Franz�sisch klingt es ein wenig vornehmer.� Er deutete nach links und setzte hinzu: �Den Gang hinunter bis zur Treppe, dann ins zweite Obergeschoss.�</p><p>�Danke�, sagte Celia und ging in die gewiesene Richtung.</p><p>�berall an den dunkel vert�felten und mit Statuetten und Gem�lden geschm�ckten W�nden hingen h�lzerne Hinweisschilder: �Schwimmbad, Sporthalle, Bibliothek, Lesesaal, Technische Schule, Lehrraum I � IV, Gro�er H�rsaal, Wintergarten, Kleine B�hne, Tanzsaal�. Doch einige der Namen waren durchgestrichen oder mit Datumsangaben kommentiert: �Er�ffnung im Dezember 1888�, �nicht vor Anfang 1889�, �in Planung�, �im Bau�, �demn�chst im zweiten Obergeschoss�, �in K�rze�.</p><p>Celia wusste gar nicht, wo sie hinschauen sollte. �berall gab es etwas zu bestaunen, die riesigen �lgem�lde an den W�nden �ber der Treppe, die elektrischen Kronleuchter an der Decke und die schweren Brokat-und Samtvorh�nge in den seitlichen Durchg�ngen. Sogar der dunkelgr�ne Teppich, �ber den sie lief, schien ihr weicher als jeder Teppich, den sie bislang betreten hatte.</p><p>Als sie das Ende der Treppe erreicht hatte und sich im Obergeschoss umschaute, sah sie mehrere Gruppen von Menschen, die wie gebannt vor einigen Glasfenstern standen. Der Blick durch die Fenster ging jedoch nicht nach drau�en, sondern fiel auf einen hell erleuchteten Nachbarraum, der, dem allgemeinen Raunen und Staunen nach zu schlie�en, einen ganz besonderen Anblick bot. Celia gesellte sich zu einer der Gruppen, und als ein Platz an der Fensterscheibe frei wurde, dr�ngelte sie sich nach vorne.</p><p>Was sie hinter dem Glas sah, lie� auch sie vor �berraschung aufseufzen. Zun�chst glaubte sie, ein riesiges und prunkvolles Kirchenschiff zu erkennen, doch dann begriff sie, dass dies die Queen�s Hall war, der zentrale Veranstaltungssaal, um den der gesamte Volkspalast herumgebaut war. Die schmalen Sichtfenster befanden sich auf der H�he einer steinernen Galerie, die den gesamten Saal im Obergeschoss umgab und mit zahlreichen Frauenstatuen verziert war. Celia z�hlte zwanzig dieser lebensgro�en Skulpturen, zehn auf jeder Seite des Saals. An den prachtvollen Gew�ndern und den gekr�nten H�uptern erkannte Celia, dass dies die Statuen von K�niginnen waren. Unter jeder K�nigin befand sich im Erdgeschoss eine weitere Frauenstatue, die luftiger gekleidet war, die Arme nach oben reckte und an eine r�mische G�ttin erinnerte. Die K�niginnen auf den Galerien wurden von den Skulpturen im Parterre gleichsam getragen oder gest�tzt.</p><p>Ein mit Intarsien und Reliefs geschm�cktes Rundgew�lbe �berspannte die gesamte Halle. Es erinnerte Celia an eine Tonne, mit halbrunden Mauerb�gen als St�tzen. Am Ende der Halle, dort wo sich bei einer Kirche der Altar befand, stand eine riesige Orgel auf einer treppenartigen B�hne, deren R�ckwand an eine Muschel erinnerte. Das Orchester hatte bereits auf den Treppen und der Plattform vor der Orgel Platz genommen, der Dirigent stand an seinem Pult, und auch das Publikum sa� zum Gro�teil auf den St�hlen. Es befanden sich so viele Stuhlreihen im Parkett, dass Celia ihre Anzahl nicht auf Anhieb sch�tzen konnte. Bei dem Versuch, sie zu z�hlen, war sie gerade bei Reihe Nummer 18 angekommen, als sie hinter sich eine bekannte Stimme h�rte.</p><p>�Wo hast du Heather gelassen?�</p><p>Celia fuhr herum und h�tte Sheila, die Schlangenfrau, beinahe nicht erkannt. Gestern hatte sie sie nur im durchsichtigen Trikot und sp�ter in einer Art Pelerine oder Cape gesehen, das an einen orientalischen Morgenmantel erinnerte. Nun aber stand sie in schlichter, aber dennoch eleganter Abendgarderobe vor ihr, mit dezenter Tourn�re und hochgeschlossenem Mieder. Schr�g auf dem Kopf sa� ein Strohhut mit bunten Samtb�ndern. Nichts erinnerte an die freiz�gig gekleidete B�hnendarstellerin. Oder an die Baumwollspinnerin aus Blackburn, die sie fr�her einmal gewesen war.</p><p>�Sheila!�, rief Celia erfreut und reichte ihr die Hand. �Sch�n, dich zu sehen. Ich hab keine Ahnung, wo Heather steckt. Ich war allein unterwegs, also nicht wirklich allein, aber eben ohne Heather. Na ja, das ist eine lange Geschichte. Und keine sehr sch�ne.� Celia war selbst �berrascht �ber ihr pl�tzliches Geplapper, aber sie war so froh, unter all diesen Fremden Sheila zu begegnen, dass sie einfach und unbedacht drauflosredete. �Ich freu mich wirklich. So ein Zufall!�</p><p>�Mein Name ist Maureen�, verbesserte die andere l�chelnd und sch�ttelte Celias Hand.</p><p>�Oh, ja, nat�rlich, wei� ich doch�, erwiderte Celia und schaute verlegen zu Boden. �Tut mir leid.�</p><p>�Schon gut�, sagte Maureen. �Ich komme mit meinen vielen Namen manchmal selbst durcheinander.�</p><p>�Hast du heute schon deinen ersten Auftritt?�, fragte Celia. �Ich dachte, es geht erst n�chste Woche los.�</p><p>�Stimmt, ich trete erst am Montag auf. Ich wollte mir den Laden noch mal bei Hochbetrieb anschauen. Au�erdem musste ich meinen Vertrag noch unterschreiben und einige Kleinigkeiten kl�ren.�</p><p>Celia deutete mit der Hand durch die Fensterscheibe zur Orgelb�hne, wo gerade ein seltsames Gequ�ke und Gerassel der Instrumente ert�nte, und fragte: �Bist du schon nerv�s? Vor so vielen Leuten aufzutreten, das stelle ich mir f�rchterlich aufregend vor. Auch wenn die Besucher in den letzten Reihen �berhaupt nichts von dir sehen werden. Der Saal ist ja riesig.�</p><p>�Nun ja�, antwortete Maureen, r�usperte sich und zog Celia von dem Fenster weg. �Das mit der Gro�en B�hne war anscheinend ein Missverst�ndnis.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Komm mit!�, antwortete Maureen und deutete zum Ende des Ganges, wo eine schmalere und steilere Treppe zum zweiten Obergeschoss f�hrte. W�hrend sich die Queen�s Hall auf der rechten Seite des Ganges befand (mit schmalen Sichtfenstern am vorderen und hinteren Ende), gingen auf der linken Seite in regelm��igen Abst�nden T�ren oder kleinere Durchg�nge ab, die zu den Veranstaltungsr�umen oder weiteren Nebengeb�uden f�hrten. Hinter einem dieser Durchl�sse befand sich der sogenannte Wintergarten. Es handelte sich um das Geb�ude mit dem Glasdach, das Celia von au�en gesehen hatte. Zwar war der Wintergarten noch nicht v�llig fertig, wie an dem Baumaterial auf dem Boden zu erkennen war, dennoch wurde auf einer Holztafel auf eine dortige Ausstellung zeitgen�ssischer Kunst hingewiesen. �Eintritt frei�, wie in gro�en Lettern zu lesen war.</p><p>�Was hei�t zeitgen�ssisch?�, wollte Celia von Maureen wissen.</p><p>�Von heute, glaube ich�, antwortete Maureen achselzuckend. �Deswegen ist der Eintritt auch frei. Gegen Bezahlung w�rde sich das neumodische Zeug kein Mensch angucken.� Sie lachte, f�hrte Celia am Wintergarten vorbei zum Fu� der Treppe und fragte: �Wei�t du, was ebenfalls <emphasis>von heute</emphasis> ist?� Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und gab selbst die Antwort: �Mein Kleid. Heute Morgen in der Brick Lane gekauft. Wie findest du es?�</p><p>�Wundersch�n�, entfuhr es Celia, und damit meinte sie nicht nur das Kleid. �Es steht dir wunderbar.�</p><p>�Nun �bertreib mal nicht�, antwortete Maureen kopfsch�ttelnd, gab Celia aber dennoch einen Kuss auf die Wange. �Du bist lieb, Kindchen.�</p><p>�Ich bin kein Kindchen.�</p><p>�Aber lieb bist du trotzdem�, erwiderte Maureen, zwinkerte ihr zu und betrat die Treppe zum zweiten Stock. �Komm schon!�</p><p>�Was meintest du vorhin mit �Missverst�ndnis�?�, kn�pfte Celia an Maureens Bemerkung an, w�hrend sie die Treppe hinaufging und dabei erleichtert feststellte, dass ihr verstauchter Kn�chel kaum noch schmerzte. Als sie einen letzten Blick zur�ck ins erste Obergeschoss warf, zuckte sie pl�tzlich zusammen. Vor dem Eingang zum Wintergarten stand ein vollb�rtiger Mann in sch�bigem Anzug, der das Hinweisschild betrachtete, als h�tte er Schwierigkeiten, die Buchstaben zu entziffern. Der Mann hielt einen Schlapphut in der Hand und kratzte sich die Glatze, im Nacken und �ber den Ohren standen ihm seine wenigen Haare wie gerupfte Federn ab, sein �ppiger, bis auf die Brust fallender Bart wirkte verfilzt und zottelig. Obwohl der Mann sein Gesicht abgewandt hatte und im n�chsten Augenblick im Durchgang zum Wintergarten verschwunden war, glaubte Celia den h�sslichen Kerl mit den Raubvogelaugen erkannt zu haben, der sie gestern beim Fackelzug so durchdringend angeschaut hatte.</p><p>�Das mit der �Gro�en B�hne� hab ich leider in den falschen Hals bekommen�, erkl�rte Maureen, die das Ende der Treppe erreicht hatte und auf zwei T�ren an der Stirnwand wies, zwischen denen ein Holzschild mit der Aufschrift �Variet� hing. An der linken T�r war eine Plakette mit der Aufschrift �Kleine B�hne� angebracht, auf der rechten T�r stand �Gro�e B�hne�.</p><p>Celia hatte etwas M�he, sich auf Maureen und ihr Gespr�ch zu konzentrieren. In Gedanken wanderte sie immer wieder die Treppe hinunter zu dem h�sslichen Zottelbart, doch als sie die Schilder an den T�ren sah, begriff sie und sagte: �Nicht ganz so gro� wie die B�hne im Konzertsaal.�</p><p>�Kann man wohl sagen�, antwortete Maureen und verdrehte die Augen. �Gerade mal zweihundert Leute passen in den Saal. Was aber immer noch doppelt so viel ist wie im Raum nebenan.� Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung der T�r mit der Aufschrift �Kleine B�hne�.</p><p>�Gl�ck im Ungl�ck�, meinte Celia schmunzelnd. �Und die Bezahlung? War das auch ein Missverst�ndnis?�</p><p>Maureen sch�ttelte den Kopf. �Zum Gl�ck nicht. Allerdings muss ich f�r Kost und Logis selbst aufkommen. Sie haben mir zwar eine Wohnung in der N�he besorgt, aber die Miete und Verk�stigung wird mir von der Gage abgezogen. Da bleibt leider nicht mehr so viel �brig.�</p><p>In diesem Augenblick �ffnete sich die rechte T�r, weil ein Besucher den Saal verlie�, und Celia konnte einen Blick in den Raum werfen. Nat�rlich konnte sich die Gro�e B�hne nicht mit der Queen�s Hall im Erdgeschoss messen, weder was die Gr��e noch was den Prunk betraf, aber wenn man den kleinen Saal mit dem sch�bigen Hinterzimmer in der Curtain Tavern verglich, so stellte er doch eine deutliche Verbesserung dar. Auf der B�hne sah Celia einen Mann im Frack am Klavier, der alte Volksweisen zum Besten gab, begleitet von einer dicken Frau mit einer unfassbar hohen Stimme. Celia fragte sich unwillk�rlich, ob die Frau versuchte, mit ihrem Gesang Glas zu zersplittern.</p><p>�Willst du hinein?�, fragte Maureen fl�sternd. �Oder wieso bist du hier?�</p><p>Celia sch�ttelte heftig den Kopf. �Eigentlich wollte ich in die Bibliothek, aber die ist bereits geschlossen�, antwortete sie und schloss schnell die T�r. �Ich wollte in den alten Zeitungen bl�ttern. Du wei�t schon, wegen meinem Vater.�</p><p>�Oh ja, richtig�, sagte Maureen und tippte sich pl�tzlich an die Stirn. �Gut, dass du deinen Vater erw�hnst. Beinahe h�tte ich was vergessen. Luisa ist n�mlich gestern noch etwas eingefallen. Wegen diesem Menschenfresser, von dem sie gesprochen hat.�</p><p>�Dem Kannibalen des Meeres?�, fragte Celia mit banger Stimme.</p><p>Maureen nickte und sagte: �Sie hat sich an den Namen des gesunkenen Schiffes erinnert. Irgendwas Franz�sisches. <emphasis>Marionette</emphasis> oder <emphasis>Maisonette</emphasis>. Ich wei� es leider nicht mehr genau.�</p><p><emphasis>�Mignonette?�</emphasis>, fragte Celia.</p><p>�Genau�, antwortete Maureen und ging zur�ck zur Treppe. �Komischer Name f�r ein Schiff, oder? Wahrscheinlich ein Fantasiename.�</p><p>Celia sch�ttelte unmerklich den Kopf, nahm allen Mut zusammen und fragte: �Gilt dein Angebot eigentlich noch?�</p><p>�Welches Angebot?�</p><p>�Du hast gestern gesagt, du brauchst eine Assistentin.�</p><p>�Hat Heather es sich etwa anders �berlegt?�</p><p>�Gott bewahre!�, antwortete Celia und lachte erschrocken. �Lieber w�rde sie sterben, glaube ich. Nein, ich rede nicht von Heather.�</p><p>Maureen verstand nicht und sch�ttelte irritiert den Kopf.</p><p>�Vielleicht kann <emphasis>ich</emphasis> deine Assistentin sein?�, fragte Celia, und das Blut schoss ihr in den Kopf, dass ihr ganz hei� und mulmig wurde. Weil sie ahnte, was Maureen darauf antworten w�rde, setzte sie hastig hinzu: �Ich brauch auch nicht viel. Und ich bin eine gute N�herin. Kochen kann ich auch.�</p><p>Maureen zog die Augenbrauen zusammen, l�chelte gequ�lt und ging eilig die Treppe hinunter. Celia hatte den Eindruck, als wollte sie vor allem ihren Blick meiden. Am Fu� der Treppe wandte sich Maureen jedoch pl�tzlich um und sagte: �Nimm�s mir nicht �bel, Kindchen, aber dieses Angebot � nun ja, es war nicht so ganz ernst gemeint.�</p><p>�Du wolltest Heather nur �rgern, nicht wahr?�</p><p>�Sie wollte <emphasis>mich</emphasis> �rgern�, antwortete Maureen bestimmt.</p><p>Celia nickte traurig und sagte: �Ihr wart mal gute Freundinnen.�</p><p>�Die besten�, meinte Maureen achselzuckend. �Ist aber lange her.�</p><p>�Schade.�</p><p>Maureen umarmte Celia, klopfte ihr etwas ungelenk auf den R�cken und sagte: �Sei nicht traurig, Kindchen.�</p><p>�Ich bin kein Kindchen.�</p><p>�Tut mir leid, Celia�, verbesserte sich Maureen und streichelte ihre Wange. �Kommst du noch mit? Ich treff mich mit den neuen Kollegen vom Palace in einem Pub am Kanal. Es ist gleich um die Ecke und nicht sehr teuer. Es wird bestimmt lustig. Und es k�nnte ja sein, dass von den Kollegen jemand deinen Vater kennt. Oder zu der damaligen Zeit f�r Tom Norman gearbeitet hat.�</p><p>Doch Celia sch�ttelte den Kopf und verabschiedete sich. Sie blieb am Fu� der Treppe stehen, w�hrend Maureen gem�chlich in Richtung Ausgang ging. Einerseits war sie entt�uscht wegen der Abfuhr, obwohl sie sie eigentlich erwartet hatte, zum anderen stand ihr nicht der Sinn nach einer geselligen und lustigen Kneipenrunde. Nicht einmal die Erw�hnung ihres Vaters konnte sie aus der Reserve locken. Celia wollte nur nach Hause, wo auch immer das sein mochte, sich in einer Ecke verkriechen und an nichts mehr denken. Sie wollte, dass dieser Tag endlich zu Ende ging, auch wenn sie nicht wusste, was der n�chste f�r sie bringen w�rde. Wie so oft in den letzten Wochen f�hlte sie sich fremd und fehl am Platz. Sie sehnte sich danach, irgendwo hinzugeh�ren, ein Teil von etwas zu sein, doch stattdessen kam sie sich wie eine Au�enseiterin vor, wie ein unerw�nschter, allenfalls geduldeter Eindringling, ohne Aufgabe oder Ziel. Ein Zaungast. Und wom�glich war die Suche nach dem Vater auch nur ein Ausdruck dieser Leere und Sinnlosigkeit. Sie lenkte lediglich davon ab, dass Celia keinen Fixpunkt im Leben hatte. Denn was wollte sie machen, wenn sie ihren Vater tats�chlich gefunden h�tte? W�re sie dann wirklich am Ziel? W�rde sich dadurch irgendetwas �ndern? Oder w�rde nur eine weitere Entt�uschung auf sie warten?</p><p>�Was genau meinst du eigentlich mit �nicht viel�?�, h�rte sie pl�tzlich Maureen fragen. Die Schlangenfrau hatte sich bereits einige Schritte entfernt, war dann aber noch einmal umgekehrt.</p><p>Celia, noch v�llig in Gedanken versunken, verstand nicht.</p><p>�Du hast gesagt, du brauchst nicht viel�, erkl�rte Maureen. �Was hei�t das?�</p><p>�Einen Platz zum Schlafen�, antwortete Celia und bem�hte sich, nicht allzu aufgeregt zu klingen. �Und etwas zu essen. Sonst nichts.�</p><p>�Ich kann dir nicht viel zahlen�, sagte Maureen, und sie wirkte, als r�nge sie mit sich. �Nicht mehr als ein Taschengeld. Und als Dienstm�dchen w�rst du auch f�r die Wohnung und alles andere zust�ndig. Nicht dass du denkst, das w�r ein Zuckerschlecken. Ich bin schlie�lich nicht die Heilsarmee.�</p><p>Celia nickte, sch�ttelte dann den Kopf und nickte erneut.</p><p>Maureen griff in ihre Handtasche, holte ein Foto heraus, schrieb mit Bleistift etwas auf die R�ckseite und reichte es Celia. �Sei morgen gegen Mittag dort�, sagte sie streng. �Dann sehen wir weiter.�</p><p>Celias Herz schlug so heftig und laut, dass man es eigentlich h�tte h�ren m�ssen. Am liebsten w�re sie Maureen um den Hals gefallen. Doch sie r�hrte sich nicht vom Fleck, brachte kein Wort heraus und war wie gebannt. Und obwohl sie sich so sehr freute, war es ihr nicht m�glich zu l�cheln. Sie schaute auf das Foto, das Maureen ihr gegeben hatte. Es handelte sich um ein Visitenkartenportr�t von Sheila im Schlangenkost�m, die gerade ihr R�ckgrat nach hinten verbog und mit den F��en ihren Hinterkopf ber�hrte. Auf die R�ckseite hatte sie eine Adresse geschrieben: �16 White Horse Lane, bei Adams, zweiter Hinterhof�.</p><p>�Es ist in Stepney, nur �n Katzensprung von hier.�</p><p>�Darf ich das Foto behalten?�, fragte Celia ungl�ubig.</p><p>�Klar�, antwortete Maureen und lachte am�siert. �Brauch jetzt eh neue Bilder. Und einen neuen Namen.� Sie gr��te mit der Hand, wandte sich ab und ging.</p><p>Celia konnte ihr Gl�ck kaum fassen. Sie wartete, bis Maureen au�er Sichtweite war, schaute sich vorsichtig um, als w�re sie im Begriff, etwas Verbotenes zu tun, und dr�ckte dann einen Kuss auf die Fotografie. Anschlie�end steckte sie das Bild in die Manteltasche, zu dem Foto ihrer Mutter.</p><empty-line/></section><section><p>8</p><p>Celia war noch niemals zuvor in einer Kunstausstellung gewesen. Zwar hatte sie schon h�ufig Gem�lde oder Skulpturen betrachtet, doch diese hatten stets einem Zweck gedient oder eine Geschichte erz�hlt. Entweder waren es Darstellungen biblischer Themen gewesen, oder es hatte sich um Abbildungen irgendwelcher Seefahrer und Schiffsungl�cke gehandelt. Die Bilder hatten eine klar erkennbare Aufgabe gehabt: Sie sollten die Kirchg�nger an das Leben Jesu und der Heiligen und die Bewohner von Brightlingsea an verschollene Schiffer erinnern. Die Gem�lde und Statuen jedoch, die im Wintergarten des People�s Palace ausgestellt waren, schienen Celia geheimnisvoll und unverst�ndlich, weil ihr die erz�hlten Geschichten oder Figuren unbekannt waren. Viele Bilder hatten offenbar lediglich den Zweck, sch�n auszusehen oder auf andere Weise Gef�hle hervorzurufen.</p><p>Auch die Art, wie die Gem�lde gemalt waren, kam Celia seltsam unzug�nglich vor. Die Portr�ts und Landschaftsbilder wirkten unnat�rlich oder unecht, aber das auf eine beinahe vors�tzliche Weise. Gerade so, als h�tten die K�nstler gar nicht die Absicht gehabt, die Natur und die Menschen so abzubilden, wie sie tats�chlich waren. Sie wirkten zugleich �berh�ht und verzerrt, verkl�rt und missgestaltet. Und das wollte Celia nicht einleuchten, obwohl sie es gleichzeitig als beeindruckend und imponierend empfand.</p><p>Eigentlich hatte Celia den Wintergarten nur aufgesucht, um nach dem sch�big gekleideten Mann mit dem Raubvogelgesicht Ausschau zu halten. Doch kaum hatte sie den gro�en, von exotischen Gr�npflanzen �berwucherten Raum betreten, durch dessen gl�serne Decke man den hoch am Himmel stehenden Mond sehen konnte, schon waren die Bilder und Skulpturen wie wilde Tiere hinter dem Gr�nzeug hervorgest�rmt und hatten an ihr gezerrt und genagt, bis Celia der Kopf weh tat und die Gedanken schwirrten. Da gab es glei�ende Landschaften, die nur aus zusammenhangslosen Pinselstrichen bestanden, aber dennoch den Eindruck der unterschiedlichen Gel�nde erstaunlich genau wiedergaben. �hnlich war es bei den Portr�ts, die auf Celia fast grobschl�chtig wirkten, jedenfalls ganz anders als die strengen und detailgetreuen Darstellungen, die sie aus dem Pfarrhaus von All Saints in Brightlingsea kannte. Auch Bilder vom Meer und von Flusslandschaften waren ausgestellt, aber sie hatten so wenig mit den heroischen Gem�lden gemein, die Celia von zu Hause kannte, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnte, wer solch ein Bild in Auftrag geben sollte. Doch vielleicht war genau dies das Geheimnis der Bilder: Sie waren in keinem Auftrag gemalt worden, sondern allein dem Wunsch und Verlangen des Malers entsprungen. Sie erf�llten keinen fremden Zweck, sie gen�gten sich selbst, und das war Celia unheimlich � und begeisterte sie zugleich.</p><p>In dem Gewimmel von Menschen, Pflanzen, Skulpturen und Gem�lden h�tte Celia den Mann mit dem zotteligen Vollbart beinahe gar nicht bemerkt. Er stand in einer hinteren Ecke des Raumes, regelrecht versteckt hinter einem palmenartigen Gew�chs, dessen lange Wedel seltsame Schatten an die Wand warfen. Der Mann r�hrte sich nicht vom Fleck, hielt seinen speckigen Schlapphut and�chtig vor der Brust und starrte wie verhext auf ein in dunklen Braunt�nen gehaltenes Bildnis, das einen jungen Mann mit Fl�geln zeigte.</p><p>Eigentlich hatte Celia vorgehabt, dem Fremden durch den Wintergarten zu folgen und ihn auch anschlie�end nicht aus den Augen zu lassen, um mehr �ber ihn herauszufinden, etwa, wo er wohnte. Was sie mit diesen Informationen anfangen wollte, wusste sie selbst noch nicht so genau, doch der Blick, mit dem der Mann sie gestern angeschaut hatte, ging ihr immer noch durch Mark und Bein, und sie wollte herausfinden, was es damit auf sich hatte. So lautete zumindest ihr etwas unausgegorener Plan.</p><p>Tats�chlich aber war es Celia �berhaupt nicht m�glich, dem B�rtigen durch den Wintergarten zu folgen, weil er sich kein bisschen von der Stelle bewegte. Wie angewurzelt schaute er auf dieses eine Gem�lde und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Es k�mmerte ihn nicht, dass er anderen die Sicht nahm und diese ihren Unmut zum Teil laut zum Ausdruck brachten. Es scherte ihn auch nicht, dass manche Besucher eher den kauzigen Kerl als das Gem�lde des halbnackten Fl�gelwesens be�ugten. Er schien wie weggetreten.</p><p>Auch als sich ihm Celia von der Seite so stark n�herte, dass sie bereits einen unangenehmen Dunst von Alkohol und Schwei� wahrnehmen konnte, schien der Mann sie nicht zu bemerken. Stattdessen stierte er das Bild an, auf dem der Engel in einer Herbstlandschaft am Meer stand, eine Art Laken oder Tuch um die H�ften geschlungen und mit einem sehns�chtig-traurigen Blick. Die Bl�tter fielen von den umstehenden B�umen und umschwirrten den merkw�rdigen Engel wie die V�gel den heiligen Franziskus. Celia hatte keine Ahnung, was dieses Gem�lde bedeuten sollte, doch als sie den b�rtigen Betrachter mit dem Engel auf dem Bild verglich, bemerkte sie, dass dieselbe Art von Traurigkeit oder Sehnsucht in ihren Blicken lag. Einerseits in dem �bertrieben sch�nen Antlitz eines gefl�gelten J�nglings, andererseits im Gesicht eines verlotterten und h�sslichen Kauzes.</p><p>Es mag sein, dass Celia dem Mann zu nahe gekommen war, jedenfalls wandte er sich pl�tzlich um und sah ihr direkt aus n�chster N�he ins Gesicht. Doch anders als am Vortag blieb sein Blick v�llig ausdruckslos, kein Zeichen des Wiedererkennens oder der Vertrautheit war zu sehen. Daf�r bemerkte Celia, dass dem Mann die Tr�nen �ber die schmutzigen Wangen liefen und an den Barthaaren h�ngen blieben. Er weinte ebenso bitterlich wie stumm. Genauso hatte Celia vor wenigen Wochen am Grab ihrer Mutter geweint, �u�erlich wie zu Stein erstarrt, aber mit hei�en Tr�nen, die auf ihren Wangen gl�hten und ihren wahren Gem�tszustand verrieten.</p><p>Der Gedanke an ihre Mutter lie� Celia all ihren Mut zusammennehmen. Mit leiser Stimme wandte sie sich an den Fremden: �Entschuldigen Sie bitte, Sir. Woher kennen Sie meine Mutter?� Dass der Mann nicht sie, Celia, so seltsam angeschaut, sondern vielmehr in ihr das Abbild ihrer Mutter erkannt hatte, war Celia am Nachmittag klar geworden, als sie zum ersten Mal die Fotografie der jungen Mary Tremain gesehen hatte.</p><p>Da der Mann nicht auf die Frage reagierte, kam Celia ihm noch ein St�ck n�her und sagte: �Sie kannten meine Mutter, nicht wahr?� Diesmal war es eine Feststellung und keine Frage.</p><p>Der B�rtige schien wie aus einem Traum aufzuwachen. Er sch�ttelte sich, als fr�stelte er, dann kniff er die Augen zusammen und nickte schlie�lich. Allerdings war es eher ein Zeichen des Erinnerns als der Best�tigung.</p><p>�Du bist das�, brummte er unfreundlich und fuhr sich mit beiden H�nden durchs Gesicht, um die Spuren seiner Tr�nen zu verwischen. Dann setzte er nachdenklich hinzu: �Deine Mutter. Verstehe.�</p><p>�Woher?�, hakte Celia nach.</p><p>�Was?�, schnauzte er.</p><p>�Woher kannten Sie sie?�</p><p>�Ich <emphasis>kannte</emphasis> deine Mutter nicht.� Er betonte das Wort auf seltsame Weise und lachte, als h�tte er einen Witz gemacht. �Ich bin ihr nie begegnet.�</p><p>�Aber Sie haben doch gerade gesagt ��</p><p>�Und wenn schon!�, unterbrach er sie und schleuderte ihr dabei die Spucke ins Gesicht. Erst jetzt begriff Celia, dass der Mann v�llig betrunken war. Er schwankte auf der Stelle und grinste bl�de vor sich hin.</p><p>�Was hei�t das?�, wollte Celia wissen.</p><p>�Lass mich, M�dchen!�, antwortete er, winkte ungeduldig ab und wollte sich wieder dem Gem�lde an der Wand zuwenden, doch er blieb mitten in der Bewegung stecken und starrte auf etwas, das sich hinter Celias R�cken ereignete. War sein Blick zuvor ver�rgert oder m�rrisch gewesen, vielleicht auch ein wenig irritiert, so wandelte sich dieser Blick beinahe schlagartig. Was Celia nun in seinem Gesicht wahrnahm, erstaunte sie. Er hatte die Augen weit aufgerissen, als s�he er ein Gespenst, sein Blick war beinahe panisch. Zugleich aber zuckten seine Mundwinkel vor Wut und Zorn, seine Kiefer mahlten unruhig, und seine Nasenfl�gel bebten. Ein seltsamer Widerspruch. W�re der Mann ein Hund gewesen, so h�tte er vermutlich die Z�hne gefletscht und gleichzeitig den Schwanz eingekniffen.</p><p>Celias Augen folgten dem Blick des Fremden zum Eingang des Wintergartens, wo eine kleine Gruppe von M�nnern gut sichtbar auf einer Empore neben dem Durchgang stand. Einer der M�nner trug einen Frack mit langen Sch��en und wies gestenreich auf verschiedene Gegenst�nde im Raum, wobei jedoch nicht klar war, ob er seinen Zuh�rern die Botanik oder die Kunstwerke erkl�rte. Offensichtlich war jedoch, dass er sich vor allem an eine �u�erst eigent�mliche Person wandte, die direkt neben ihm stand. Dieser Mann fiel nicht nur durch seine extravagante Kleidung und einen riesigen wei�en Strohhut auf, sondern vor allem durch seine Gr��e. Oder besser gesagt, durch seine nicht vorhandene Gr��e. Der Mann war h�chstens f�nf Fu� gro�, und die Proportionen seines K�rpers wirkten irgendwie unstimmig. Seine Beine waren viel zu d�nn und erinnerten an die eines Knaben, daf�r schien sein Kopf um einiges zu gro� f�r den Rest des K�rpers, was durch den breitkrempigen Strohhut noch verst�rkt wurde. Ein verwachsenes Hutzelm�nnchen, das sich zudem auf einen Gehstock st�tzte, der nicht nur modischen Zwecken zu dienen schien. Kaum anzunehmen, ging es Celia durch den Kopf, dass dieser Zwerg eine panische Reaktion hervorrufen konnte. Vielleicht war es ja der Anblick des Manns im Frack gewesen, der den B�rtigen so erregt hatte.</p><p>Als sich Celia umdrehte, um sich wieder dem Fremden zuzuwenden, stellte sie erschrocken fest, dass er verschwunden war. Sie hatte sich nur wenige Sekunden abgewandt, doch der Rauschebart war pl�tzlich wie vom Erdboden verschluckt. Nur sein unangenehmer Geruch hing noch in der Luft. Aus den Augenwinkeln glaubte Celia einen Schatten zum Hinterausgang des Wintergartens huschen zu sehen, der direkt zum Vorplatz des People�s Palace f�hrte. F�r einen kurzen Moment �berlegte sie, ob sie ebenfalls hinausrennen und drau�en nach dem Mann suchen sollte. Doch dann wurde ihr klar, wie albern und unn�tz ein solches Verhalten w�re. Der B�rtige hatte ihr unmissverst�ndlich zu verstehen gegeben, dass er nicht mit ihr reden wollte. Selbst wenn es ihr gel�nge, ihn im Gewimmel der n�chtlichen Stra�en zu entdecken, h�tte sie nicht recht gewusst, was sie eigentlich von ihm wollte. Oder wie sie ihn zum Reden bewegen k�nnte.</p><p>Ihr Blick ging wieder zur Empore am Durchgang zum Hauptgeb�ude, doch auch die kleine Gruppe mit dem Hutzelmann war nicht mehr zu sehen. Also schaute Celia zu dem Gem�lde, das der B�rtige so eingehend betrachtet hatte. Weil der Mann nun nicht mehr die Sicht auf das Bild nahm, sah Celia jetzt auch das kleine Messingschild, das unten am Rahmen angebracht war: �Simeon Solomon, Liebe im Herbst, 1866�. Celia verstand nicht ganz, ob der junge Mann mit den Fl�geln einen entt�uschten Liebenden oder die Liebe selbst darstellen sollte und ob der Herbst nun wortw�rtlich oder nur sinnbildlich zu verstehen war. Ein seltsames und verwirrendes Bild, fand Celia, zugleich aber dr�ckte es eine melancholische Stimmung aus, der sie sich kaum entziehen konnte.</p><p>In der unteren linken Ecke war das Gem�lde auf eine eigenwillige Weise signiert, mit einem doppelten S, das sich um einen senkrechten Stab wand. Die Signatur erinnerte an das Schlangenzeichen, das Celia von Arzth�usern und Hospit�lern kannte. Darunter stand die Jahreszahl 1866 und der Ortsname Florenz. Der Maler mit dem klangvollen Namen Simeon Solomon war also vermutlich Italiener.</p><p>�Der arme Solomon, ein verlorenes Genie�, h�rte Celia in diesem Augenblick eine hohe, gezierte Stimme hinter sich, die an den Singsang eines Vogels erinnerte. �Wie begnadet er war und wie tief er fiel. Es ist eine wahre Schande. Eine unbegreifliche Trag�die.�</p><p>Als Celia sich umschaute, h�tte sie beinahe laut aufgeschrien. Direkt hinter ihr stand das Hutzelm�nnchen und sch�ttelte mit gepressten Lippen den viel zu gro�en Kopf. Aus der N�he betrachtet wirkte der kleine Mann, dessen Alter kaum zu sch�tzen war, noch unheimlicher als aus der Ferne. Sein Gesicht war eingefallen, die gro�e Nase ragte wie ein Bugspriet hervor, der zerzauste Spitzbart betonte das markante Kinn, und seine Gesichtsfarbe erinnerte an Kalk. Es hatte den Anschein, als h�tte der Mann eine lange und schwere Krankheit hinter sich. Aber seine Augen funkelten wild und lebendig, und auch sein quirliges Stimmchen widersprach der offenkundigen Gebrechlichkeit.</p><p>�Geh doch mal weg da, M�dchen!�, sagte der Mann im Frack, der sich wichtigtuerisch nach vorne schob und Celia gleichzeitig zur Seite dr�ngte. Er beugte sich zu dem Hutzelmann hinunter und sagte: �Sie waren mit ihm befreundet, nicht wahr?�</p><p>�Befreundet? Das w�re dann doch �bertrieben�, tr�llerte der Kleine demonstrativ belustigt, doch seine Augen straften die zur Schau getragene Heiterkeit L�gen. �Unsere Wege haben sich gekreuzt, doch ungl�cklicherweise f�hrte Mr. Solomons Pfad in die falsche Richtung. Er war ein gro�er K�nstler, aber ein schwacher Mensch. Was das Ganze umso bedauerlicher macht.�</p><p>Von irgendwoher kam ein seltsames Knurren, doch als Celia sich umwandte, konnte sie nichts oder niemanden erkennen.</p><p>�Ist er denn schon tot?�, wunderte sich ein anderer Mann aus der Gruppe.</p><p>�Er mag noch leben�, antwortete der Kleine und wirkte nun regelrecht angewidert. �Aber f�r mich ist er vor vielen Jahren gestorben.�</p><p>�Sehr verst�ndlich�, pflichtete ihm der Mann im Frack bei.</p><p>�Simeon Solomon�, sagte ein weiterer Mann aus der Gruppe, der bislang geschwiegen hatte, und lachte anz�glich. �Oder sollte man sagen: Sodomon.�</p><p>�Ich muss doch sehr bitten�, entfuhr es dem Kleinen. �Wir sollten keine Witze �ber jene machen, die ohnehin am Boden liegen. Das w�re sch�big und unw�rdig.� Seltsamerweise l�chelte er dennoch affektiert, zwinkerte dem Mann, der die Bemerkung gemacht hatte, verschw�rerisch zu und gab anschlie�end dem Fracktr�ger mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass er genug von der �Liebe im Herbst� gesehen hatte und weitergef�hrt werden wollte.</p><p>Celia hatte das Gespr�ch der M�nner mit einem seltsamen Unbehagen verfolgt und war geradezu erleichtert, als sich die Gruppe einem anderen Gem�lde zuwandte und hinter dem n�chsten Palmengew�chs verschwand. Sie hatte zwar nicht genau verstanden, wor�ber sich die M�nner unterhalten hatten, aber es hatte in ihren Ohren so aufgesetzt und falsch geklungen, dass sich ihr die Nackenhaare aufgestellt hatten. Das Gem�lde selbst hatten die M�nner gar nicht richtig in Augenschein genommen, sondern sich lediglich �ber dessen Maler mokiert.</p><p>�Das war Swinburne�, raunte ein r�stiger �lterer Herr neben Celia einer ebenfalls �lteren Dame zu, die zuvor etwas gelangweilt ausgesehen hatte, nun aber einen hellwachen Eindruck machte und der M�nnergruppe interessiert hinterherschaute. Ihre Miene wirkte mit einem Mal ebenso emp�rt wie erregt.</p><p>�<emphasis>Der</emphasis> Swinburne?�, fragte sie und bog einen Palmwedel zur Seite, um besser sehen zu k�nnen. �Das kleine Kerlchen da? Sind Sie sicher?�</p><p>Der r�stige Herr nickte vielsagend.</p><p>�Na, so was�, antwortete die Frau und schnalzte undamenhaft mit der Zunge.</p><p>�Entschuldigung�, wandte sich Celia an den Mann. �Wer ist dieser Swinburne?�</p><p>�Algernon Swinburne�, erkl�rte der Mann mit feierlichem Ton. �Ein gro�er Dichter unserer Zeit. Jedenfalls war er das einmal. Inzwischen ist es ruhiger um ihn geworden.�</p><p>�Ein skandal�ser Dichter�, verbesserte die Frau und r�usperte sich, als w�re allein ihr Wissen darum ein Skandal.</p><p>�Nie von ihm geh�rt�, murmelte Celia.</p><p>�Das wundert mich nicht�, sagte der Mann und fuhr sich �ber den grauen Backenbart. �Seine Gedichte waren ein wenig freiz�gig und drastisch. Nichts f�r junge Backfische.�</p><p>�Freiz�gig?�, emp�rte sich die Frau und verdrehte die Augen. �Gottesl�sterlich und obsz�n waren sie. Schmutzig und wider jede Natur.� Erneut r�usperte sie sich und setzte eilig hinzu: �Das habe ich jedenfalls geh�rt.�</p><p>�Aber gro�e Poesie�, beharrte der Mann. �Ein wenig derb und gewagt, das will ich gern zugeben, aber von hoher Kunst.� Mit diesem Kommentar und einem abschlie�enden Kopfnicken empfahl er sich und ging davon.</p><p>Die �ltere Dame schnaufte abf�llig, wandte sich nun ihrerseits an Celia und sagte hinter vorgehaltener Hand: �Von wegen �gewagt�. S�ndhaft und abscheulich war das, wenn du mich fragst, sonst nichts!� Damit verschwand sie hinter der Palme, hielt Ausschau und folgte neugierig der kleinen Gruppe um den Skandaldichter.</p><p>Celia blieb an Ort und Stelle stehen und schaute auf das Gem�lde. Der sehns�chtige Blick des J�nglings mit den Fl�geln lie� sie nicht los. Den gleichen Blick hatte sie im Gesicht des b�rtigen Mannes gesehen. Bittere Tr�nen auf den verschmutzten Wangen. �Wie begnadet er war und wie tief er fiel�, hatte der Dichter Swinburne �ber den Maler Solomon gesagt. Der betrunkene Mann mit dem Bart hatte ihn mit einer Mischung aus Furcht und Zorn angeschaut. Wie ein getretener Hund, der sich nicht zu bei�en traut. �Ich <emphasis>kannte</emphasis> deine Mutter nicht�, hatte er auf ihre Frage geantwortet. �Ich bin ihr nie begegnet.� Und trotzdem hatte er sie in Celia wiedererkannt. Fragte sich nur, wie so etwas m�glich war.</p><p>Celia riss sich vom Anblick des Bildes los und verlie� den Wintergarten durch den Hinterausgang. Der eisige Wind fegte �ber den Vorplatz und wirbelte Bl�tter und Papierfetzen auf. Es hatte angefangen zu regnen. Celia schlug den Kragen ihres Mantels hoch. Es war noch ein weiter Weg bis Spitalfields.</p><empty-line/></section><section><p>SONNTAG, 21. OKTOBER 1888</p><p>9</p><p>Irgendwann hatte Celia einmal geh�rt, der Schlaf sei der Zwillingsbruder des Todes. Vermutlich hatte ihre Mutter das gesagt, sie hatte solche Sinnspr�che geliebt. Oder der alte Pfarrer von All Saints hatte es in einer seiner langatmigen Predigten erw�hnt. Als Celia am Morgen in ihrem Sargbett in der Hanbury Street aufwachte, glaubte sie jedenfalls zu wissen, was damit gemeint war. Selten hatte sie so fest und traumlos geschlafen wie in der vergangenen Nacht, was umso erstaunlicher war, da der vorherige Tag derart aufregend und verst�rend f�r sie gewesen war. Als sie gegen Mitternacht unter die d�nne Bettdecke geschl�pft war, hatte ihr der Kopf geschwirrt, die Gedanken waren wie Fl�he darin herumgeh�pft. Celia hatte sich darauf gefasst gemacht, in der Nacht von Alptr�umen und Nachtmahren heimgesucht zu werden, doch das Gegenteil war der Fall gewesen. Sie war auf der Stelle eingeschlafen, war wie in eine Ohnmacht gefallen und erst weit nach Sonnenaufgang aufgewacht, ohne die geringste Erinnerung an b�se Tr�ume oder schwei�nasses Hochschrecken aus dem Schlaf. Celia f�hlte sich erstaunlich frisch und erholt, gerade so, als w�ren die Ereignisse des gestrigen Tages wie weggeblasen. Als h�tte es sie nie gegeben.</p><p>Heathers Bett an der Wand war leer gewesen, als Celia den Schlafraum betreten hatte. Auch jetzt war das Bettzeug in dem Kasten nebenan noch immer unber�hrt. Nachdem sich Celia im Waschraum gewaschen und mit dem letzten Zahnpulver die Z�hne ges�ubert hatte, besah sie ihr Gesicht im Spiegel. Adams Schlag hatte gl�cklicherweise keine sichtbaren Spuren hinterlassen, weder eine Schwellung noch ein blaues Auge. Auch der verstauchte Kn�chel schmerzte kaum noch.</p><p>Als sie in die K�che kam, wurde sie von den Frauen, die bereits beim Fr�hst�ck sa�en, mit seltsamen Blicken begr��t. Einige tuschelten, andere grinsten anz�glich, doch alle schauten beiseite, wenn Celia ihren Blicken begegnete. Auch die alte Esther hatte gestern Nacht seltsam dreingeschaut, als Celia gegen elf Uhr vor der T�r des Frauenasyls erschienen war. Auf Celias Frage, ob etwas passiert sei, hatte Esther lediglich mit den Schultern gezuckt und gesagt: �Geh schlafen! Morgen ist auch noch ein Tag.�</p><p>Der Haferbrei schmeckte fade, der Tee war lauwarm und bitter, und keiner redete ein Wort mit ihr. Immer wieder war ein leises Munkeln oder unterdr�cktes Kichern zu h�ren. Celia kam sich vor, als h�tte sie etwas verbrochen, ohne sich jedoch einer Schuld oder Verfehlung bewusst zu sein. Die anwesenden Heilsarmistinnen waren ihr unbekannt, weder Esther noch Captain Florence waren zugegen. Also w�rgte sie das klumpige Porridge hinunter, sp�lte mit dem Tee nach und beeilte sich, den Essraum wieder zu verlassen. Wie gut, dass sie bereits eine neue Unterkunft hatte. Im Frauenasyl schien sie aus unerfindlichen Gr�nden in Ungnade gefallen zu sein. Es konnte doch unm�glich daran liegen, dass sie gestern Abend dem Gottesdienst zu Ehren der Generalin ferngeblieben war. Oder bildete sie sich das alles nur ein?</p><p>Celia ging hinauf in den Schlafraum, um ihren Koffer zu holen, und stie� in der T�r beinahe mit Heather zusammen, die eine zerschlissene Reisetasche geschultert hatte und vor Schreck laut aufschrie.</p><p>�Jesses!�, rief sie mit ihrer heiseren Stimme und fasste sich an die Brust. �Du kannst einen vielleicht erschrecken. Was glotzt �n so komisch? Ist was?�</p><p>�Kannst du mir erkl�ren, was hier los ist?�, fragte Celia und berichtete von der Fr�hst�cksszene.</p><p>�Ach, das!�, lachte Heather, klopfte Celia aufmunternd auf die Schulter und folgte ihr zu ihrem Bettkasten. �Mach dir nichts draus! Das ist nur wegen dem verr�ckten Bedford.�</p><p>�Adam?�, wunderte sich Celia. �Was ist mit ihm?�</p><p>�Hast dem Kerl ganz sch�n den Kopf verdreht�, meinte Heather und lie� sich �chzend auf ihrem Bett nieder. �Junge, Junge, hat der hier einen Aufstand gemacht! So ein verr�ckter Hund!�</p><p>�Was? Wann?�, entfuhr es Celia. �Wovon redest du?�</p><p>�Von gestern Abend�, sagte Heather und lachte abf�llig. �Vor dem Haus hat er gestanden und rumkrakeelt. Dass er unbedingt mit dir sprechen muss, um sich zu entschuldigen. Er w�r jetzt ein anderer Mensch. Er h�tte sich ge�ndert. Irgendwas in der Art. Der war gar nicht mehr zu beruhigen und hat geflennt wie ein Schuljunge, der vom Lehrer was auf die Finger bekommen hat. War �n ganz sch�nes Theater, das kannst du mir glauben. Alle haben an den Fenstern gestanden und sich �ber ihn lustig gemacht. Aber der hat sich einfach nicht mehr eingekriegt. Als w�r er betrunken. War er vielleicht auch.�</p><p>Celia sch�ttelte fassungslos den Kopf und brachte kein Wort heraus.</p><p>�Der wollte einfach nicht glauben, dass du nicht im Haus bist�, fuhr Heather fort. �Dachte wohl, du w�rdest dich vor ihm verstecken. Er hat gezetert, als h�tte er komplett den Verstand verloren. Erst als Captain Florence kam, hat er sich langsam beruhigt und ist schlie�lich wie ein begossener K�ter davongeschlichen. Das Gegr�le der M�dels kannst du dir vorstellen.� Heathers belustigte Miene nahm pl�tzlich einen nachdenklichen Ausdruck an, dann setzte sie kopfsch�ttelnd hinzu: �Mensch, Celia! Ausgerechnet der verr�ckte Bedford! Wie bist �n blo� an den gekommen?�</p><p>�Ich bin �berhaupt nicht <emphasis>an den</emphasis> gekommen�, protestierte Celia und holte ihren Koffer unter dem Bett hervor. �Ich wei� auch nicht, was in ihn gefahren ist. Gestern ist er pl�tzlich aus der Haut gefahren. Der war mit einem Mal wie verwandelt. Ich hab�s mit der Angst zu tun bekommen und bin vor ihm weggelaufen.� Sie dachte an Adams irren Gesichtsausdruck, und wieder schauderte es sie. Dann fragte sie: �Woher kennst du ihn �berhaupt?�</p><p>�Bedford? Den kennt hier jeder�, schnaufte Heather ver�chtlich. �Und alle nehmen sich in Acht vor ihm. Dem ist n�mlich nicht zu trauen. So �ne fromme Uniform macht noch keinen neuen Menschen.�</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Celia und erinnerte sich an die seltsamen Andeutungen, die Captain Florence gemacht hatte. �Was ist denn mit ihm?�</p><p>�Verr�ckt ist der Kerl, wenn du mich fragst�, antwortete Heather, tippte sich an die Stirn und blies bedeutsam die Backen auf. �Und �n gemeingef�hrlicher M�rder obendrein.�</p><p>�Ein M�rder? Wie kommst du darauf?�</p><p>�Jedenfalls hat er seine Frau auf dem Gewissen�, meinte Heather und hob die buschigen Augenbrauen. �Auch wenn er daf�r nicht ins Zuchthaus musste.�</p><p>Celia verstand nicht. �Seine Frau ist bei der Geburt ihres Kindes gestorben�, sagte sie und sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Genauso wie das Kind.�</p><p>�Aber doch nur, weil der Kerl sie vorher im Suff verpr�gelt hat�, antwortete Heather und deutete einen Faustschlag in den Bauch an. �Aus Eifersucht, hei�t es. Weil er im Alkoholwahn geglaubt hat, das Kind sei nicht von ihm.�</p><p>�Bist du sicher?�, erkundigte sich Celia leise.</p><p>�Ich war nicht dabei�, lachte Heather knurrig. �Aber so wurde es mir erz�hlt. Er hat sie verdroschen, deswegen gab�s die Blutungen und die Fehlgeburt. Umgebracht hat er sie, auch wenn�s ihm nie angekreidet wurde. Das sagen alle, also wird�s wohl stimmen. Und jetzt mimt er den Heiligen und Abstinenzler und will andere bekehren. Ausgerechnet der!�</p><p>�Er hat mir ihr Grab gezeigt�, sagte Celia fassungslos. �Er hat gesagt, dass er sich f�r sie freut, weil sie in die Herrlichkeit bef�rdert wurde.�</p><p>�Verr�ckt! Sag ich doch�, lautete Heathers abschlie�endes Urteil. �Halt dich von dem Irren fern. Mit solchen Kerlen ist nicht zu spa�en. Die sind zu allem f�hig.� Sie stand auf, klopfte auf ihre Reisetasche und sagte: �Ich muss los.�</p><p>Celia f�hlte sich mit einem Mal wie vor den Kopf geschlagen. Ihr wurde �bel, alles drehte sich vor ihren Augen, sie schmeckte Galle in ihrem Mund. Pl�tzlich ergaben die seltsamen Andeutungen von Florence Booth einen Sinn. Von der Schuld hatte sie gesprochen, die einem Mann den Verstand rauben konnte. Und von den Narben, die immer wieder aufzubrechen drohten. Celia erinnerte sich an das auff�llige Zucken in Adams Gesicht, als er von den Vorw�rfen gesprochen hatte, die er sich wegen des Todes seiner Frau machte. Und sie begriff nun, dass Adam den Frieden mit seiner unverzeihlichen Tat gemacht hatte, indem er die Tatsachen verdreht hatte. In Wahrheit hatte nicht erst der Tod seiner Frau ihn zum Alkoholiker gemacht, vielmehr hatte die Trunksucht seine Frau get�tet. Doch Adam hatte in seiner Erinnerung Ursache und Wirkung vertauscht. Durch Eva Booth hatte er zwar zu Gott gefunden und den Alkohol �berwunden, doch den Teufel war er deswegen nicht losgeworden. Das hatte Celia gestern am eigenen Leib zu sp�ren bekommen.</p><p>�Mach�s gut, Celia!�, rief Heather und winkte von der T�r.</p><p>Celia fuhr wie aus einem b�sen Traum auf. Erst jetzt begriff sie, was Heathers Worte, das unber�hrte Bett und ihre geschulterte Reisetasche bedeuteten. Sie sprang auf und fragte: �Wo willst du hin?�</p><p>�Ich zieh um�, antwortete Heather grinsend. �Die frommen Schwestern haben mich die l�ngste Zeit getriezt. Damit ist es nun vorbei.�</p><p>�Wohin gehst du?�</p><p>�Zu meinem Freund.�</p><p>�Du hast einen Freund?�, wunderte sich Celia. �Seit wann?�</p><p>�Seit gestern. Hab ihn letzte Nacht im Ten Bells kennengelernt�, lachte Heather und zwinkerte ihr zu. �Er wohnt nicht weit von hier. Dr�ben in der Dorset Street. Wir werden uns also vermutlich weiterhin �ber den Weg laufen, Sch�tzchen.�</p><p>Celia wunderte sich, dass Heather einen Tag, nachdem sie jemanden in einer Kneipe kennengelernt hatte, gleich zu ihm in die Wohnung zog, doch das behielt sie lieber f�r sich. Stattdessen fragte sie: �Wie hei�t denn dein neuer Freund?�</p><p>�Michael�, antwortete Heather. �Er arbeitet unten am Hafen.�</p><p>�Freut mich f�r dich�, sagte Celia z�gerlich und merkte, dass ihre Worte halbherzig und unecht klangen. Deshalb f�gte sie rasch hinzu: �Ehrlich! Ich w�nsch dir alles Gute.� Sie �berlegte, ob sie Heather von Maureens Angebot und ihrer neuen Unterkunft in Stepney erz�hlen sollte. Doch dann entschied sie sich dagegen, lief zur T�r und dr�ckte Heather an sich. Die Tr�nen stiegen ihr in die Augen, und sie sagte: �Danke f�r alles.�</p><p>�Nun �bertreib mal nicht!�, wehrte Heather ab, ohne jedoch ihre R�hrung ganz verbergen zu k�nnen. �Ich bin ja nicht aus der Welt.� Dann verdrehte sie pl�tzlich theatralisch die Augen, hob entschuldigend die Hand und rief: �Was bin ich doch f�r ein dummes Schaf!� Sie griff in ihre Reisetasche, holte ein gefaltetes Papier heraus und sagte: �Ich hab ja noch ein Geschenk f�r dich. Hab ich gestern in einer Buchhandlung in der Brick Lane entdeckt. Das ganze Buch konnte ich nicht mitgehen lassen, war so �n dicker Sammelband in Leder, aber die eine Seite tut�s vermutlich auch.�</p><p>�Mitgehen lassen?�, erschrak Celia. �Du hast es geklaut?�</p><p>�Na, kaufen konnte ich es nicht. Hab ja kein Geld.� Heather lachte schelmisch, reichte Celia das Papier und sagte: �Vielleicht hilft es dir weiter. Ich w�nsch dir viel Gl�ck. Man sieht sich, Celia. Und pass auf dich auf!� Sie gab Celia einen Kuss und verschwand nach unten.</p><p>Celia wagte kaum, das Papier auseinanderzufalten. Als sie �ngstlich mit dem Zeigefinger dar�berfuhr, bemerkte sie, dass ihr Finger geschwollen und bl�ulich angelaufen war. Sie erinnerte sich, dass sie am Freitag w�hrend des Fackelzugs von etwas gebissen worden war; vermutlich von einer der Ratten, die sp�ter auf die Heilsarmisten losgelassen worden waren. Sie steckte den Finger in den Mund und nahm das Papier in die andere Hand. Als sie schlie�lich den Mut fand, es auseinanderzufalten, stockte ihr der Atem. Oben auf dem Blatt sah sie das bekannte Panorama von London, mit der Kathedrale von St. Paul in der Mitte, und dar�ber den verschn�rkelten Schriftzug: �<emphasis>The Illustrated London News</emphasis>�. Es handelte sich um eine Titelseite der Wochenzeitung, doch anders als bei der Ausgabe aus dem Dezember 1884, die Celia in der Dose ihrer Mutter gefunden hatte, befanden sich auf der Frontseite keine Berichte oder Nachrichten, sondern lediglich zwei gro�formatige und einzeilig kommentierte Bilder, die den gesamten Platz einnahmen. Es war die Ausgabe von Samstag, dem 20. September 1884, und an dem Zackenrand an der linken Seite erkannte Celia, dass Heather das Blatt aus einem Folianten herausgerissen haben musste. Die beiden Bilder zeigten ein Ruderboot auf hoher See. Es handelte sich um ein sogenanntes Dingi, wie man es als Beiboot auf Segeljachten benutzte. �ber den Bildern las Celia die Schlagzeile: �Der Verlust der Jacht <emphasis>Mignonette</emphasis> � nach Skizzen von Mr. Edwin Stephens, Maat�.</p><p>Celia ging zur�ck zu ihrem Bett, legte das Papier auf die Decke und musste sich setzen. Minutenlang starrte sie auf die Bilder, ohne wirklich etwas darauf zu erkennen, und wieder stieg ihr die Galle hoch. Den Namen Edwin Stephens kannte sie bereits aus dem Bericht �ber den Kannibalismus-Prozess, und dennoch war es ihr beim Lesen, als schl�ge ihr jemand mit der Faust in den Magen. Sie zwang sich, die Untertitel zu lesen. Unter dem ersten Bild stand: �Segeln vor dem Wind: Wie das Dingi w�hrend der letzten neun Tage gehandhabt wurde�. In der Illustration war das Boot zu erkennen, wie es zwischen hohen Wellen schaukelte. Die Schiffbr�chigen hatten einen provisorischen Mast errichtet, mit drei aneinandergeknoteten Oberhemden als Segel. Unter dem zweiten Bild las Celia: �Wie das Dingi bei schwerem Wetter gehandhabt wurde: Mit dem �See-Anker� aus Treibholz und Gitterwerk�. Das dazugeh�rige Bild zeigte das Dingi, wie es mit dem Heck voran einem Sturm trotzte. An dem nach achtern gehenden Bug hing ein Tau, an dem die Schiffbr�chigen ein Holzgestell und ein schweres Gr�ting, eine Art Schiffsgitter, befestigt hatten. Durch diesen Treibanker wurde die Abdrift des Bootes verringert und auf diese Weise verhindert, dass das Dingi wie eine Nussschale von den Wellen herumgeschleudert wurde.</p><p>Celia drehte das Blatt um und hoffte, auf der R�ckseite einen Bericht �ber den Schiffbruch oder den sp�teren Mord auf hoher See zu entdecken. Doch sie fand nur einen Hinweis auf weitere Illustrationen auf der letzten Seite der Zeitung und mehrere Artikel, die sich mit v�llig anderen Themen besch�ftigten: dem Ausbruch der Cholera in Paris, den Vorbereitungen zur britischen Nil-Expedition, dem Krieg zwischen Frankreich und dem chinesischen Kaiserreich. Der Untergang der Jacht <emphasis>Mignonette</emphasis> wurde mit keinem weiteren Wort erw�hnt.</p><p>Zun�chst war Celia entt�uscht, doch dann dachte sie daran, dass Heather ihr ja sagen konnte, in welcher Buchhandlung sie den Sammelband entdeckt hatte; dann k�nnte Celia selbst in dem Folianten bl�ttern und die fehlenden Seiten durchlesen. Auf einen Tag mehr oder weniger kam es nun wirklich nicht an.</p><p>Wieder betrachtete sie die Titelseite der Zeitung, doch diesmal schaute sie nicht auf das gro�e Ganze, sondern konzentrierte sich auf die Details. Sie versuchte, die Gesichter der M�nner im Boot zu erkennen, doch die Illustrationen waren so gezeichnet, dass die K�pfe der vier Schiffbr�chigen stets als Schattenriss oder im Halbdunkel abgebildet waren. �Nach Skizzen von Mr. Edwin Stephens, Maat�. Der Zeichner der Zeitung hatte also lediglich etwas nachgezeichnet. Oder kopiert und ausgeschm�ckt. Gab es bei Bildern auch so etwas wie �H�rensagen�?</p><p>Celia wollte das Papier bereits wieder zusammenfalten, um es zu den anderen Sachen in den Koffer zu legen, als ein Geistesblitz ihr pl�tzlich die Augen �ffnete. Sie stierte auf die Zeitung und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. Celia hatte so sehr nach Kleinigkeiten und versteckten Hinweisen gesucht, dass ihr das Wichtigste und Auff�lligste v�llig entgangen war. Vor lauter B�umen hatte sie den Wald nicht gesehen. Dabei hatte es sie die ganze Zeit aus den Bildern heraus angeschrien: vier Schiffbr�chige!</p><p>In dem Bericht �ber den Gerichtsprozess war von zwei Angeklagten die Rede gewesen: Thomas Dudley, Kapit�n, und Edwin Stephens, Maat. Und von einem Opfer: Richard Parker, Kabinenjunge. Doch auf den beiden Bildern in der Zeitung waren vier M�nner zu sehen, drei M�nner mit Vollbart und einer ohne sichtbaren Bartwuchs. Vier M�nner in einem Dingi.</p><p>Aber einer von ihnen war anschlie�end nicht mehr erw�hnt worden. Als h�tten ihn die Wellen geschluckt. Doch Celia kannte seinen Namen: Ned Brooks.</p><empty-line/></section><section><title><p>VIERTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>NED BROOKS</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�The mere outlines of the tragedy are so revolting that we might under other cirumstances have set it down as the ravings of a brain disordered by hunger and hardship, but we fear that this last comfort is denied us.�</emphasis></p><p>(�Die blo�en Umrisse der Trag�die sind so abscheulich, dass wir sie unter anderen Umst�nden vermutlich als irres Gerede eines von Hunger und Entbehrungen gest�rten Hirns abgetan h�tten, doch wir f�rchten, dass uns diese letzte Beruhigung versagt ist.�) The London Standard, September 1884</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>TAG 1</p><p>Montag, 19. Mai 1884</p><p>Es gab nicht wenige, die ihm dringend von der Fahrt abgeraten hatten. Die <emphasis>Mignonette</emphasis> sei mit ihren zwanzig Jahren bereits zu alt f�r eine solche Reise bis ans andere Ende der Welt. Au�erdem sei die Segeljacht viel zu klein und mit einem Tiefgang von gerade einmal sieben Fu� nur f�r K�stengew�sser und nicht f�r Ozeanfahrten geeignet. Ned hatte all die ernsten Mahnungen und gut gemeinten Ratschl�ge geduldig und schweigend angeh�rt, doch sein Entschluss stand fest. Nat�rlich hatte auch er die Ger�chte �ber die mangelhafte Kielbeplankung geh�rt und wusste von der fehlenden Erfahrung des jungen Kapit�ns, der noch nie den �quator �berquerte hatte. Tom Dudley stammte aus Tollesbury, nur einige Meilen von Brightlingsea entfernt, und war wie Ned jahrelang auf Rennjachten gefahren. Zuletzt war er Kapit�n auf einer kleinen Dampfjacht gewesen und hatte auf dem Mittelmeer gekreuzt. Eine Hochseereise mit einer Segeljacht hatte er bislang noch nicht unternommen. Doch mit Edwin Stephens hatte der Kapit�n einen erfahrenen Maat angeheuert, der dieses Manko mehr als wettmachte, weil er bereits h�ufig das Kap der Guten Hoffnung umsegelt hatte. Nein, Bangemachen galt nicht. Ned Brooks w�rde am heutigen Montag, einen Tag nach seinem achtunddrei�igsten Geburtstag, als Vollmatrose und Schiffskoch auf der <emphasis>Mignonette</emphasis> nach Australien auslaufen. Komme, was da wolle.</p><p>Das Angebot war einfach zu verlockend gewesen. Nicht nur wegen der �ppigen f�nf Pfund zehn Shilling im Monat, die ihm der Kapit�n f�r die Dauer der Reise versprochen hatte. Auch die Aussicht, in Sydney f�r ann�hernd dieselbe Heuer weiter auf der Rennjacht arbeiten zu k�nnen, erschien Ned �u�erst reizvoll. Die <emphasis>Mignonette</emphasis> geh�rte einem australischen Anwalt, der sie in England gekauft und nun in seine Heimat schippern lassen wollte, um dort mit ihr an Segelregatten teilzunehmen. Der Mann schien ebenso exzentrisch wie reich zu sein, denn es w�re nat�rlich viel einfacher und billiger gewesen, in Sydney einen �hnlichen Einmaster zu kaufen. Doch aus irgendeinem Grund schien der Anwalt sich in die <emphasis>Mignonette</emphasis> verguckt zu haben, und da sie mit ihren drei�ig Tonnen zu schwer war, um auf einem Frachter transportiert zu werden, sollte sie nun selbst um die halbe Welt segeln. Ned war schon auf vielen Rennjachten gefahren und kannte sich in seinem Metier aus. Auch die Ozeane hatte er h�ufig befahren, allerdings nur auf den Dampfern der gro�en Linien.</p><p>Der eigentliche Grund jedoch, warum er so erpicht darauf gewesen war, auf der <emphasis>Mignonette</emphasis> anzuheuern, war das Ziel der langen Reise: die australischen Kolonien. Es gab kaum einen Punkt auf der Erde, der weiter von der Heimat entfernt war als die ehemalige Strafkolonie New South Wales, und diese Entfernung bot ihm endlich die Gelegenheit, ein neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das hoffte er zumindest.</p><p>Die unangenehme Begegnung mit seinem fr�heren Nachbarn Bart Hutchinson vor einigen Wochen hatte ihn wieder einmal daran erinnert, dass Southampton in gewisser Weise nur einen Katzensprung von Essex entfernt war und Ned immer wieder Gefahr lief, alten Bekannten von der Ostk�ste �ber den Weg zu laufen. Hutchinson hatte ihm zwar zugesagt, seiner Frau und den Kindern nichts von der Begegnung in der County Tavern zu verraten, doch Ned wusste, dass der alte Walf�nger ein gutes Verh�ltnis zu Mary hatte und er, Ned, nichts auf Hutchinsons Versprechen geben durfte.</p><p>Dem Kapit�n der <emphasis>Mignonette</emphasis> gegen�ber hatte Ned behauptet, unverheiratet zu sein. Was in seinen Augen nicht einmal gelogen war, denn die Ehe mit Mary war von Beginn an ein bedauernswerter Fehler gewesen. Ein unseliges und unw�rdiges Gesch�ft, das unter falschen Voraussetzungen zustande gekommen war und allen Beteiligten nur Schmerz und Ungl�ck gebracht hatte. Ned hatte schnell begriffen, dass er sich niemals auf den Vorschlag von Rodney Webster h�tte einlassen d�rfen. Doch auch damals war das Angebot schlichtweg zu verlockend gewesen.</p><p>Ned war seit Monaten regelrecht in Mary vernarrt gewesen und hatte sich wie ein liebeskranker Kuckuck in Southwark herumgetrieben, obwohl die Rennsaison an der K�ste l�ngst wieder begonnen hatte. Statt an Regatten teilzunehmen und ordentliches Geld zu verdienen, schuftete er f�r einen Hungerlohn im Londoner Hafen, um abends im George Inn zu sitzen, das geliebte Schankm�dchen aus der Ferne anzuhimmeln und ein paar belanglose Worte mit ihr zu wechseln. Mary Tremain war das h�bscheste M�dchen, dem Ned je begegnet war; er hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Er war damals Anfang zwanzig, ein unerfahrener Gr�nschnabel, den es zum ersten Mal nach London verschlagen hatte und der von dem Leben in der Hauptstadt v�llig �berw�ltigt war. Vor allem aber war er von Mary �berw�ltigt und wie behext, was in der Kneipe nat�rlich nicht unbemerkt geblieben war und f�r belustigte Kommentare gesorgt hatte.</p><p>Als es dann v�llig unerwartet hie�, er k�nnte die Angebetete zur Frau bekommen, glaubte Ned in seinem halbw�chsigen Leichtsinn, sein Gl�ck gefunden zu haben. Dass Mary zuvor die Geliebte eines anderen gewesen war und von diesem ein Kind erwartete, war ihm nicht entgangen. Es st�rte ihn mehr als nur insgeheim, aber es hielt ihn dennoch nicht davon ab, Mary wie gew�nscht aus London fortzuschaffen und nach Brightlingsea mitzunehmen. Samt Kuckuckskind im Bauch. Rodney Webster, der Wirt des George Inn, wollte die schwangere Mary loswerden, sie aus dem Weg schaffen und hatte Ned zus�tzlich, quasi als Dank f�r seine Bem�hungen, eine f�rstliche Belohnung in die Hand gedr�ckt. Wie h�tte er da Nein sagen k�nnen?</p><p>Von der Vernarrtheit war bald nach seiner R�ckkehr nach Brightlingsea wenig �brig geblieben, auch weil Mary seine Gef�hle nicht ann�hernd erwiderte und ihm immer wieder zu verstehen gab, dass sich daran niemals etwas �ndern w�rde. Dass das Kuckuckskind viel zu fr�h zur Welt kam und kurz nach seiner Geburt verstarb, machte alles nur noch schlimmer. Was eine Befreiung h�tte sein k�nnen und f�r Ned tats�chlich eine Erleichterung gewesen war, erwies sich im Nachhinein als Fluch, vor allem f�r Mary. Sie war samt ihrem ungeborenen Kind abgeschoben worden, warf dies aber seltsamerweise nicht dem Mann vor, der sie erst geschw�ngert und dann im Stich gelassen hatte, sondern ihrem Gatten, der sich auf den verwerflichen Handel eingelassen hatte. Aus Mary Tremain war Mary Brooks geworden, doch seine liebende Ehefrau w�rde sie niemals sein. Auch die Geburt der anderen Kinder, <emphasis>seiner</emphasis> Kinder, �nderte daran nichts. Manchmal hatte Ned sogar den Eindruck, dass die drei Kinder Mary noch weiter von ihm entfernten. Dass sie eine geschlossene Einheit bildeten und er nicht dazugeh�rte.</p><p>Also fl�chtete er sich in eine Arbeit, die ihn weit von Brightlingsea und seiner Familie wegf�hrte. Und in den Alkohol. Was alles nur noch schlimmer machte.</p><p>Den elenden Judaslohn hatte Ned binnen kurzer Zeit in den Hafensch�nken entlang der Ostk�ste versoffen. Geblieben war das Gef�hl, �ber den Tisch gezogen worden zu sein und sich schmutzig gemacht zu haben. Auch wenn er der Einzige war, der diesen Schmutz sehen konnte.</p><p>Vor nunmehr vier Jahren hatte er seine Familie in Brightlingsea verlassen, und obwohl er die Kinder mitunter vermisste und gern erfahren h�tte, wie es ihnen inzwischen ergangen war, wusste er doch, dass er das Richtige getan hatte. Wenn auch zu einem falschen, einem viel zu sp�ten Zeitpunkt. Als er Hutchinson in der County Tavern getroffen hatte, w�re es ein Einfaches gewesen, ihn nach Mary und den Kindern zu fragen, doch das h�tte so ausgesehen, als t�te ihm seine damalige Entscheidung leid. Also hatte er lediglich geschimpft, die ganze verdammte Bagage in Brightlingsea k�nne ihm auf immer gestohlen bleiben. Was zugleich die Wahrheit und eine L�ge war.</p><p>Wenn er erst einmal in Sydney wohnte und an den sonnigen K�sten Australiens entlangsegelte, k�nnte ihm das alles einerlei sein, dann w�rde das Vergangene irgendwann vergessen sein. Und damit auch das schlechte Gewissen und die Selbstvorw�rfe. Denn er hatte sich nichts vorzuwerfen. Davon war er fest �berzeugt. Trotz allem.</p><p>Die <emphasis>Mignonette</emphasis> lief um sechs Uhr mit der Nachmittagsflut aus. Zwei Tage w�rden sie in s�dwestlicher Richtung der englischen S�dk�ste folgen, bevor sie am Leuchtturm von Eddystone die Richtung �ndern und Kurs auf Madeira nehmen w�rden. Neben Kapit�n Tom Dudley und dem Maat Edwin Stephens gab es ein weiteres Besatzungsmitglied an Bord, den Kabinenjungen Richard Parker, der als ungelernter Leichtmatrose f�r die niederen T�tigkeiten zust�ndig war und Ned in der Komb�se zur Hand gehen sollte. Zu seinen Aufgaben z�hlte es auch, sich um die beiden Ferkel und das Federvieh zu k�mmern, die im Laufe der Reise geschlachtet werden sollten, um als Frischfleisch zu dienen. Als Schiffskoch war Ned daf�r verantwortlich, die Tiere zu t�ten und zu zerlegen. Auch darin hatte er mit den Jahren einige �bung bekommen.</p><p>Richard, der erst siebzehn Jahre alt war und von allen Dick genannt wurde, war ein netter, sehr aufgeschlossener und stets fr�hlicher Bursche, der sich wie ein kleiner Lausejunge auf die Reise freute. Es war seine erste Fahrt auf hoher See, und auch ihm hatte man das Angebot gemacht, nach der Ankunft in Australien Mitglied der Crew zu bleiben. Dick war ungemein wissbegierig und flei�ig, es machte ihm nichts aus, dass ihm die kleinste Koje zugewiesen wurde und er die dreckigste Arbeit zu verrichten hatte. Er schien die ganze Reise als lustiges Abenteuer zu betrachten. Die Fahrt auf der <emphasis>Mignonette</emphasis> w�rde aus ihm einen Mann machen.</p><p>Um Mitternacht begann Neds erste Nachtwache, und als die Glocke acht Glasen schlug und er sich auf seinen Posten begab, machte sich auch in ihm ein seltsames Hochgef�hl breit. Hinter ihnen verschwand der Leuchtturm von Eddystone am Horizont, und vor ihnen lag die dunkle Weite des Atlantiks. Edwin Stephens, als Maat f�r die Positionsbestimmung und das F�hren des Logbuchs verantwortlich, schrieb auf eine leere Seite: �Wir liefen aus und warfen einen letzten Blick auf die Heimat.�</p><p>Doch Neds Blick richtete sich nur nach vorne. Auf die Zukunft. Was vergangen war, z�hlte nicht mehr. Er lie� es hinter sich zur�ck. F�r immer.</p><empty-line/></section><section><p>TAG 48</p><p>Samstag, 5. Juli 1884</p><p>Seit mehr als zehn Tagen k�mpften sie nun schon gegen St�rme an, die beinahe ununterbrochen aus st�ndig wechselnden Richtungen auf sie eindroschen, als wollten sie das kleine Schiff unter den sich hoch auft�rmenden Wellen zerquetschen. Noch nie hatte Ned ein solches Unwetter erlebt. Die See war wie wild geworden, die Sturmb�en peitschten �ber das wirbelnde Wasser, lie�en die gerefften Segel knallen, und der Regen prasselte unerm�dlich auf sie ein, als st�nde ihnen eine zweite Sintflut bevor. Seit Tagen hatten sie kaum geschlafen. Entweder waren sie an Deck vollauf damit besch�ftigt, das Schiff hart am Wind zu steuern, ohne die Kontrolle �ber das gelaschte Ruder, die Taue und die zum Bersten gespannten Segel zu verlieren, oder sie arbeiteten unter Deck an den Pumpen, um das durch den schadhaften Kiel eindringende Wasser nach drau�en zu bef�rdern.</p><p>Selbst wenn zwischendurch der Sturm etwas nachlie� und sie kurz verschnaufen konnten, lie�en das w�tende Stampfen der See und das abrupte Auf und Ab der Planken sie nicht zur Ruhe kommen. Hinzu kam, dass sie wegen des Seegangs den Herd in der Komb�se nicht benutzen konnten und sich seit Tagen von Schiffszwieback und Trockenobst ern�hrten. Das Frischfleisch der geschlachteten Tiere war ohnehin l�ngst aufgebraucht. Sie waren allesamt ersch�pft und ermattet, und mit dem Schwinden der Kr�fte stieg die Reizbarkeit, aber ein Ende des Sturms war nicht in Sicht.</p><p>Dabei hatte die Fahrt so verhei�ungsvoll begonnen. Kapit�n Dudley hatte seiner Crew den ehrgeizigen Plan vorgestellt, die Strecke nach Sydney in gerade einmal 120 Tagen zu bew�ltigen und dabei 120 Meilen am Tag zur�ckzulegen. Ned bezweifelte zwar, dass dies mit einer einmastigen Segeljacht m�glich war, behielt seine Meinung aber f�r sich. Wann sie in Sydney ankamen, war ihm letztlich egal, schlie�lich nahmen sie nicht an einer Regatta teil. Wichtig war allein, dass sie es �berhaupt bis nach Australien schafften.</p><p>Am 2. Juni, zwei Wochen nach dem Auslaufen in Southampton, erreichten sie Madeira und f�llten dort die Vorr�te auf. Nur eine Woche sp�ter passierten sie bereits die Kapverdischen Inseln. Weil noch genug Fleisch, Gem�se und Wasser an Bord war, liefen sie keinen Hafen an, sondern n�tzten die g�nstigen Winde, um m�glichst schnell zum Kap zu gelangen.</p><p>Sie �berquerten den �quator am 17. Juni, fast genau einen Monat nachdem sie im Hafen von Southampton den Anker gelichtet hatten. Nach altem Seemannsbrauch erhielt Kapit�n Dudley seine �quatortaufe, indem er von den anderen ordentlich mit Sand abgerieben und anschlie�end mehrmals grob unter Wasser getaucht wurde. Eigentlich h�tte auch Dick Parker die Taufe beim erstmaligen �berfahren des nullten Breitengrades erhalten m�ssen, doch die anderen sahen in seinem Fall davon ab. Sie hatten ihren derben Spa� mit Tom Dudley gehabt, und das musste reichen.</p><p>Anders als die meisten anderen Seefahrer war Ned kein abergl�ubischer Mensch, auch wenn er gern Seemannsgarn spann und s�mtliche Schiffsrituale kannte und bereitwillig mitmachte. Allerdings glaubte er nicht an Klabauterm�nner, Riesenkraken und Monsterwellen, auch nicht an b�se Omen oder Unheil verk�ndende Vorzeichen. Die �quatortaufe war f�r ihn nur ein harmloser Schabernack, bei dem der Meeresgott Neptun durch die Reinigung der Neulinge gn�dig gestimmt werden sollte. Ein alberner Spa�, mehr nicht. Dass sie bei Dick auf die obligatorische Taufe verzichtet hatten, k�mmerte oder besorgte ihn nicht. Weil Kapit�n Dudley w�hrend der Fahrt jeden Alkohol verboten hatte, fiel der interessanteste Teil der �quatortaufe, die abschlie�ende Trinkzeremonie, ohnehin ins Wasser. Andernfalls h�tte Ned bestimmt auf einer zweiten Taufe bestanden.</p><p>Doch mit dem Passieren des �quators begannen die Probleme an Bord und die T�cken des Wetters. Zun�chst gelangten sie in den Kalmeng�rtel, der sich zwischen dem Nordostpassat auf der Nordhalbkugel und dem S�dostpassat auf der S�dseite des �quators erstreckte; sie gerieten in eine f�r diese Gegend typische, lang anhaltende Flaute. Es war so hei� und stickig unter Deck, dass die M�nner die ganze Zeit im Freien verbrachten und auch an Deck schliefen. Der Stillstand und das unfreiwillige Nichtstun dr�ckten zusehends auf die Laune. Zugleich sickerte immer mehr Wasser durch den Kiel, weshalb der Kapit�n befahl, die Beplankung mit Pech und Werg zu kalfatern. Der Gestank trug bei der br�tenden Hitze nicht gerade zur allgemeinen Belustigung bei.</p><p>Am 25. Juni schlug das Wetter pl�tzlich um. Als die steife Brise aufkam, glaubte Ned zun�chst, sie h�tten endlich die Kalmen verlassen und die s�d�stlichen Passatwinde erreicht, doch ein Blick �ber die Luvseite des Schiffes belehrte ihn eines Besseren. Eine tiefschwarze Wand baute sich im Westen auf und n�herte sich ihnen schneller als eine Dampflokomotive. Nur wenige Minuten sp�ter traf eine Sturmb� auf das Gro�segel und lie� es wie eine Peitsche knallen. Der Regen klatschte in dicken Tropfen aufs Wasser, die See baute sich in Sekundenschnelle bedrohlich auf, das Schiff schlingerte wie angestochen hin und her und bekam starke Schlagseite.</p><p>�Alle Mann an Deck!�, rief der Maat und klammerte sich ans Ruder. Der erste von drei aufeinanderfolgenden St�rmen hatte sie gepackt.</p><p>Zehn Tage war das nun her. Sie ahnten damals, als der erste Sturm f�nf Tage lang aus Nordwesten auf sie einpeitschte, noch nicht, dass ihnen das weitaus Schlimmste noch bevorstand. Am letzten Junitag drehte der Wind mit einem Mal auf S�dwest, ohne dass das Unwetter an Heftigkeit nachlie�. Kapit�n Dudley lie� das Gro�segel bergen und stattdessen das Trysegel setzen, ein kleines, dreieckiges Sturmsegel aus schwerem Segeltuch. Doch an ein Vorw�rtskommen war kaum zu denken. Die meiste Zeit waren sie damit besch�ftigt, Schaden vom Schiff abzuwenden, ohne selbst �ber Bord gesp�lt zu werden. Zwei weitere Tage dauerte das Unwetter. Als am 2. Juli der Sturm pl�tzlich abflaute, rief Dick, dem die ganze Zeit spei�bel gewesen war und der nichts in seinem Magen behalten hatte: �Geschafft! Jetzt hab ich auch meine �quatortaufe!�</p><p>Ned und die anderen ahnten, dass es noch nicht vorbei war. Der Sturm machte nur eine Pause. Wenn er erneut ausbr�che, w�rde es aufgrund der jetzt schon recht aufgew�hlten See f�r die <emphasis>Mignonette</emphasis> noch gef�hrlicher werden. Doch niemand brachte es �ber Herz, dem Jungen die bittere Wahrheit zu sagen. Darum nickten sie nur stumm und wichen seinen erleichterten Blicken aus.</p><p>Bereits in der n�chsten Nacht brach das Unheil �ber sie herein. Und diesmal war der Wind noch st�rker, die Wellen noch h�her, und die See hatte noch weniger Mitleid mit ihnen. Obwohl die Segel gerefft waren, riss das Gro�segel entzwei, und sie mussten das kleine Sturmsegel setzen. Die Wellen bauten sich zu wahren Gebirgen auf, der Mast bog sich, dass sie jeden Moment mit einem Mastbruch rechnen mussten, und das Schiff wurde von den B�en so weit nach Lee gedr�ckt, dass sie sich festbinden mussten, um nicht �ber Bord zu gehen. Zwei Tage blieb das so, bis alle Mitglieder der Crew mit ihren Kr�ften am Ende waren. Die Schlaflosigkeit hatte sie reizbar und aggressiv gemacht. Lange w�rden sie es in ihrer Ersch�pfung nicht mehr aushalten. Jeder Fehler k�nnte nun ihr letzter sein.</p><p>Inzwischen war der 5. Juli, der dritte Tag des dritten Sturms, und das Wetter war noch schlechter geworden. Die Wellen hatten eine H�he von �ber drei�ig Fu� und kamen in immer k�rzeren Abst�nden, der Sturm br�llte wie ein wildes Tier, die Segel knallten wie Pistolensch�sse, die Schoten jaulten, der Mast knurrte. Die M�nner hatten alles gegeben und sich v�llig verausgabt. Das schien schlie�lich auch Kapit�n Dudley einzusehen, und er gab den Befehl zum Beidrehen. Mit einer frischen Mannschaft h�tten sie sicherlich noch einige Tage vor dem Wind ablaufen k�nnen, doch es ging einfach nicht mehr, deshalb lie� er abwettern. Das Ruder wurde auf Luv gesetzt und angelascht, das Tyrsegel wurde ein St�ck freigegeben, bis es im Windschatten des Vorsegels stand und zu flattern begann. Das bewirkte ein Anluven, bei dem sich das Schiff mit dem Bug in den Wind drehte und sozusagen von alleine segelte. Solange die Segel hielten, blieb die Segeljacht auf diese Weise relativ ruhig im Wasser und konnte starken St�rmen trotzen. Fahrt war damit nat�rlich nicht zu machen, doch wichtiger war es, den M�nnern eine Verschnaufpause zu verschaffen, denn niemand wusste, wie lange die St�rme noch andauern w�rden.</p><p>Der Frieden dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Ned war gerade damit besch�ftigt, die Taue am Rettungsboot nachzuziehen, als er den Maat am Ruder schreien h�rte: �Vorsicht!�</p><p>Ned schaute nach Luv und erstarrte. Eine Welle von wom�glich sechzig Fu� H�he nahm den gesamten Horizont ein, wie eine schwarze Wand aus Wasser mit wei�en Schaumkronen, die darauf hindeuteten, dass die gigantische Welle drauf und dran war, sich wie ein gefr��iges Raubtier auf sie zu st�rzen. Ned hatte immer �ber das Seemannsgarn gelacht und die Geschichten von Monsterwellen f�r ma�lose �bertreibungen gehalten, doch was er nun vor sich sah, lie� sich nicht anders beschreiben: Es war ein Monster!</p><p>Schnell wickelte er die Leine zweimal um seinen Arm, klammerte sich am Dingi fest und schickte ein Sto�gebet zum Himmel. Nur wenige Augenblicke sp�ter brach die Welle mit einer solchen Wucht �ber sie herein, dass ihm H�ren und Sehen verging. Das Seil schnitt ihm ins Fleisch, er wurde mit dem Kopf gegen das Rettungsboot geschleudert, schnappte nach Luft und schluckte gleichzeitig Wasser. Es schien ihm, als machte das ganze Schiff einen Purzelbaum, oben und unten waren nicht mehr zu unterscheiden, die Welle hatte alles unter sich begraben, wirbelte sie wie Spielzeug herum.</p><p>Als Ned wieder zu sich kam, sah er den Kapit�n, der direkt vor ihm stand und ihn mit verzerrter Miene anbr�llte, doch Ned war wie taub und h�rte nichts. Allerdings verstand er ihn auch ohne Worte. An der Luvseite des Schiffes hatte die Welle die seitliche Beplankung des Schiffes eingedr�ckt und weggerissen. Die <emphasis>Mignonette</emphasis> hatte ein riesiges Loch und w�rde unweigerlich und binnen k�rzester Zeit sinken. Sie mussten das Dingi zu Wasser lassen.</p><p>W�hrend sich der Maat weiterhin wie unter Schock an das Ruder klammerte und Dick unter Deck eilte, um das Wasserfass heraufzuholen, durchschlugen Ned und der Kapit�n die Taue mit der Axt und hievten das Beiboot �ber die Reling. Nachdem Dick das Fass ins Wasser geworfen hatte, aus dem sie es sp�ter herausfischen wollten, und Ned das Dingi mit der Vorleine am Heck der Jacht befestigt hatte, kletterten die beiden ins Boot. Auch Stephens, der inzwischen das Ruder verlassen hatte, eilte zu ihnen ins Dingi. Der Kapit�n, inzwischen der Letzte an Bord, verschwand noch einmal im Niedergang, obwohl die <emphasis>Mignonette</emphasis> bereits sank und die Kaj�te vermutlich brusthoch unter Wasser stand. Das Schiff begann sich bereits zu drehen, als er endlich am Heck wieder auftauchte, die H�nde voller Dosen und anderer Ger�tschaften. Doch bevor er das Beiboot erreichte, machte die Jacht einen Ruck. Der Kapit�n st�rzte und warf die Sachen ins Wasser, dann rappelte er sich auf und sprang zu seinen M�nnern ins rettende Dingi. W�hrend Ned die Vorleine losriss, sammelten die anderen die Dosen und Gegenst�nde ein, die sie bei dem heftigen Seegang zu fassen bekamen. Zwei Dosen mit Essen, den Sextanten und den Chronometer konnten sie auf diese Weise noch ergattern. Das Wasserfass, das Dick als Erstes ins Wasser geworfen hatte, war hingegen nirgends zu sehen. Die Str�mung hatte es abgetrieben.</p><p>Gerade einmal f�nf Minuten waren vergangen, seit die Monsterwelle das Schiff leckgeschlagen hatte, da b�umte sich pl�tzlich der Bug der <emphasis>Mignonette</emphasis> auf, dann versank die Jacht gurgelnd mit dem Heck voran in der sch�umenden See.</p><empty-line/></section><section><p>TAG 68</p><p>Freitag, 25. Juli 1884</p><p>Heute war der Tag. Ned wollte nichts damit zu tun haben, das hatte er den beiden anderen mehrmals und sehr deutlich zu verstehen gegeben. Und doch wusste er, dass er es nicht verhindern konnte. Nicht verhindern w�rde. Denn auch er war in den letzten zwanzig Tagen zum wilden Tier geworden, das nur eines wollte: nicht sterben! Auch wenn er daf�r �ber Leichen gehen musste. Oder andere dar�ber gehen lie�.</p><p>Zwei Tage waren sie nach dem Untergang der <emphasis>Mignonette</emphasis> noch in ihrem Rettungsboot dem unvermindert heftigen Sturm ausgeliefert gewesen. Dass sie nicht gekentert waren, hatten sie einzig der Tatsache zu verdanken, dass sie aus einer Gr�ting und dem Gestell des verschollenen Wasserfasses, die sie aus den Wellen gefischt hatten, einen provisorischen Treibanker gebaut hatten, der den Bug des Bootes in die See drehte. Weil das Dingi beim Zu-Wasser-Lassen besch�digt worden war, waren sie die ganze Zeit damit besch�ftigt, eingedrungenes Wasser mit einem kleinen �sfass und den Kapuzen ihres �lzeugs auszu�sen.</p><p>In den beiden Blechdosen, die Kapit�n Dudley in letzter Sekunde aus der Kaj�te geholt hatte, befanden sich eingelegte Steckr�ben. Insgeheim hatte Ned gehofft, es k�nnte Fleisch darin sein, doch in der Eile hatte der Kapit�n einfach das Erstbeste gegriffen, das ihm in der Komb�se untergekommen war. Nachdem der Sturm am 7. Juli etwas nachgelassen hatte, �ffneten sie die erste Dose und verschlangen die R�benst�cke und den Saft fast ehrf�rchtig, als handelte es sich um feinste Delikatessen. Ihre Versuche, mit dem �lzeug Regenwasser zu sammeln, waren nur m��ig erfolgreich, auch weil sie zun�chst das Salzwasser vom �lzeug abwaschen mussten, bevor sie den Regen in den Mund tropfen lassen konnten. Trotz des Hungers und des Durstes war die Stimmung anfangs noch nicht am Boden. Immerhin waren sie mit dem Leben davongekommen und hatten das Kunstst�ck fertiggebracht, mit dem winzigen Dingi dem Sturm zu trotzen. Erst als der Maat mit dem Sextanten ihre Lage bestimmt hatte, verschlechterte sich ihre Moral merklich. Sie befanden sich mitten auf dem Atlantik, eintausendsechshundert Meilen vom Kap der Guten Hoffnung entfernt und fast zweitausend Meilen von S�damerika, wohin die s�dwestliche Passatstr�mung sie nun trieb. Au�erdem waren sie fernab der �blichen Dampferrouten gesegelt, was es �u�erst unwahrscheinlich machte, dass sie in K�rze einem Schiff begegneten.</p><p>Am Mittwoch, vier Tage nach dem Verlust der Jacht, konnten sie eine Schildkr�te fangen, die an der Meeresoberfl�che d�ste und von deren Fleisch, Blut und Haut sie sich fast eine Woche ern�hrten. Mit dem Abflauen des Sturms endete jedoch auch ihre M�glichkeit, Regenwasser zu sammeln. �berdies waren sie nun der br�llenden Sonnenhitze ungesch�tzt ausgesetzt. Die einzige Fl�ssigkeit, die sie noch zu sich nehmen konnten, war ihr eigener Urin. Doch auch der war bald z�hfl�ssig und ungenie�bar.</p><p>Kapit�n Dudley schlug vor, aus den Hemden und einigen schmalen Bootsplanken ein Segel zu fertigen, um schneller zu den westlich gelegenen Schifffahrtsrouten zu gelangen, doch das h�tte bedeutet, dass sie am ganzen K�rper verbrannten und ihr Durst noch qu�lender w�rde, weshalb sie sich zun�chst dagegen entschieden. Mit dem Passat trieben sie zumindest in die richtige Richtung, alles Weitere w�rde sich zeigen. Nun half nur noch beten. Und sich kr�ftig in die Riemen legen.</p><p>Ned hatte mit dem Durst und dem Hunger anfangs keine gro�en Probleme. Viel schlimmer war f�r ihn zu Beginn der Reise das Alkoholverbot des Kapit�ns gewesen, das bei Ned in den ersten Tagen zu Zitteranf�llen, Hitzewallungen und Schwei�ausbr�chen gef�hrt hatte. Dass sie jetzt nur wenige Tropfen Regenwasser am Tag zur Verf�gung hatten und an ranzigen Schildkr�tenresten nagten, machte ihm weniger aus, als er gedacht h�tte. Es fiel ihm zun�chst auch nicht schwer, die Warnung des Kapit�ns in Bezug auf das Seewasser zu beherzigen. Auf keinen Fall d�rften sie Salzwasser trinken, hatte Dudley sie ein ums andere Mal beschworen, das sei lebensgef�hrlich und k�nne sie t�ten.</p><p>Vor allem Dick litt unter dem Durst. Er schien nicht begreifen zu k�nnen, dass sie nichts zu trinken hatten, obwohl sie doch von Wasser umgeben waren.</p><p>�Wasser kann man trinken�, sagte er mit gequ�lter Miene, �und Salz kann man essen. Wieso ist Salzwasser dann ungenie�bar? Das will mir nicht in den Kopf.�</p><p>�Warum das so ist, kann ich dir nicht erkl�ren�, antwortete der Kapit�n. �Aber <emphasis>dass</emphasis> es so ist, musst du mir einfach glauben. Es w�rde den Durst nur noch schlimmer machen. Und am Ende w�rden wir davon sterben.�</p><p>Dick schien nicht �berzeugt zu sein, er wiegte nachdenklich den Kopf.</p><p>�Ich hab von Schiffbr�chigen geh�rt, die verr�ckt geworden sind�, mischte sich Ned ein und legte dem Jungen bes�nftigend die Hand auf die Schulter. �Sie haben Meerwasser getrunken und anschlie�end den Verstand verloren. Einer von ihnen hat in seinem Wahn die anderen f�r Angreifer gehalten und sich mit dem Messer auf sie gest�rzt. Er musste von seinen Kameraden get�tet werden.� Ned schaute dem Jungen direkt ins ausgemergelte und beinahe bartlose Gesicht und setzte eindringlich hinzu: �Der Kapit�n hat recht. Wir w�rden daran krepieren.�</p><p>Dick schaute Hilfe suchend zum Maat, doch der presste die Lippen aufeinander und zuckte mit den Schultern.</p><p>�Hast du mich verstanden, Dick?�, fragte der Kapit�n.</p><p>�Ay, Sir!�, antwortete der Junge. Doch seine Miene sagte etwas anderes.</p><p>Am 17. Juli waren s�mtliche Doseninhalte, Schildkr�tenreste und Regenwasservorr�te aufgebraucht, und in der ganzen Zeit hatten sie nicht ein einziges Segel am Horizont gesehen. Ihre Zungen waren aufgequollen, die Haut brannte, als w�rde sie �ber dem Feuer ger�stet, und jede Bewegung schmerzte in den Gelenken, was das Pullen an den Riemen zu einer Tortur machte. Die einzigen Fische, die sie in den letzten Tagen zu Gesicht bekommen hatten, waren Haie gewesen, und eines dieser gefr��igen Ungeheuer hatte das Dingi offensichtlich f�r Nahrung gehalten und mit dem R�cken gerammt, sodass sie beinahe gekentert w�ren. Wenn sie nicht bald von einem Schiff gerettet w�rden oder durch ein Wunder an Nahrung gelangten, w�rden sie alle sterben. Also beschlossen sie, doch das Segel zu errichten, auch auf die Gefahr hin, einen Hitzschlag zu bekommen oder in der Sonne verr�ckt zu werden. Schlimmer konnte es ohnehin kaum kommen.</p><p>Doch es kam noch schlimmer. Nach drei weiteren qu�lend langen Tagen ohne Wasser und Nahrung brachte der Kapit�n ein ungeschriebenes Gesetz ins Gespr�ch, das er den �Brauch des Meeres� nannte. Sie sollten Lose ziehen, meinte er, denn es sei nicht einzusehen, dass sie alle krepierten, wenn doch das Opfer eines einzigen Mannes das Leben der anderen retten k�nnte. Ned wurde bei dem Gedanken spei�bel. Er sch�ttelte heftig den Kopf und beteuerte, lieber sollten sie alle sterben, als dass das Blut eines Menschen an ihren H�nden klebte. Immerhin seien sie gl�ubige Christenmenschen und keine gottlosen Kannibalen. Stephens pflichtete ihm bei, damit war das Thema f�rs Erste beendet.</p><p>Doch der Gedanke hatte sich in Neds Kopf eingepflanzt und verfolgte ihn nicht nur in seinen Alptr�umen, sondern auch am Tag, wenn er immer h�ufiger von seltsamen Zerrbildern und Hirngespinsten heimgesucht wurde. Die flirrende Hitze, das glei�ende Sonnenlicht und seine entz�ndeten Augen lie�en ihn merkw�rdige Gestalten sehen, die sich zu ihnen ins Boot gesellten. Es war beinahe so, als tr�umte er mit offenen Augen. Einmal betrachtete er Dick und hatte pl�tzlich das Gef�hl, durch seine Bauchdecke hindurch auf seine Innereien schauen zu k�nnen. Ein Schauer fuhr ihm bei dem Anblick durch den K�rper, doch es war auch ein wohliger Schauer, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lie�.</p><p>Ned hatte Angst, den Verstand zu verlieren. Er mied den Anblick seiner Kameraden und die Gespr�che mit ihnen. Doch seine Gedanken hatte er nicht mehr unter Kontrolle. Sie hatten sich verselbstst�ndigt.</p><p>Zwei Tage sp�ter, noch immer war kein Tropfen Regenwasser vom Himmel gefallen, hatte sich ihre Lage dramatisch versch�rft. Sowohl Edwin Stephens als auch Dick Parker hatten in ihrer Not trotz der eindringlichen Warnungen des Kapit�ns Salzwasser getrunken. Vor allem der Junge hatte so viel davon zu sich genommen, dass er nun mit starken Kr�mpfen und hei�em Kopf daniederlag. Der Fieberwahn hatte ihn gepackt, und er redete nur noch wirres und unverst�ndliches Zeug. Das verdammte Wasserfass schien immer noch in seinem Kopf herumzuspuken. Offensichtlich gab er sich die Schuld daran, dass sie ohne Trinkwasser ins Dingi gestiegen waren. Dabei hatte er nur getan, was der Kapit�n befohlen hatte: das Fass <emphasis>neben</emphasis> dem Beiboot ins Wasser zu werfen. Die schwere Tonne h�tte andernfalls den Boden des Dingis durchschlagen k�nnen, dann w�ren sie an Ort und Stelle in den Fluten ertrunken. Doch Schuldgef�hle, das wusste Ned aus eigener Erfahrung, waren durch Verstand oder Vernunft kaum zu bes�nftigen.</p><p>Dudley beschwor die anderen, es k�nne keine S�nde vor Gott und kein Verbrechen vor dem Gesetz sein, wenn man sein Leben rettete, statt sich tatenlos dem Tode auszuliefern. Immerhin h�tten er und der Maat eine Familie zu versorgen und m�ssten auch an Frau und Kinder denken, die ohne sie mittellos dast�nden. Ned erstarrte bei dem Gedanken an seine eigene Familie, die er vor Jahren sitzen gelassen hatte. Doch er beharrte auf seiner Ablehnung und bekreuzigte sich beinahe beschw�rend. Der Maat jedoch, dessen Gesundheit durch das Meerwasser sichtlich angegriffen war, z�gerte und meinte, sie sollten noch ein wenig abwarten. Immerhin seien sie den Dampferrouten schon deutlich n�her gekommen; es sei nicht undenkbar, dass sie in K�rze gerettet w�rden.</p><p>Am 24. Juli fiel Dick in eine fiebrige Ohnmacht. Er sch�ttelte sich und war nicht mehr ansprechbar, Schaum trat vor seinen Mund; es war abzusehen, dass er in K�rze sterben w�rde. Sie waren alle bis auf die Knochen abgemagert. Wenn sie noch lange warteten, w�ren sie schon rein k�rperlich nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu unternehmen. Sie m�ssten auf der Stelle handeln, sagte der Kapit�n und wies auf den Kabinenjungen, der dem Tod entgegend�mmerte.</p><p>�Warten wir, bis er tot ist�, antwortete Ned ausweichend.</p><p>�Dann gerinnt das Blut, und wir k�nnen es nicht mehr trinken�, wehrte der Kapit�n ab. �Der Junge wird ohnehin sterben. Wir erleichtern ihm nur sein Schicksal. Das sagt der Brauch des Meeres. So ist es rechtens.�</p><p>�Ohne das Los entscheiden zu lassen?�, gab Ned zu bedenken und hob abwehrend die Hand. �Dann werden wir zu M�rdern.�</p><p>Wieder wies der Kapit�n auf den r�chelnden Jungen und sagte: �Gott hat das Los bereits gezogen. Dick wird sterben, ob wir ihn nun t�ten oder nicht.�</p><p>Ned antwortete nicht. Aber er sch�ttelte auch nicht den Kopf. Er versuchte, die Stimmen in seinem Kopf zu ignorieren. Doch sie wurden immer lauter.</p><p>�Morgen�, sagte Stephens. �Wenn wir bis dahin kein Segel gesehen haben �� Er lie� den Satz unbeendet und schaute stattdessen auf seine H�nde, die wie die eines Skeletts aussahen. Dann wiederholte er: �Warten wir bis morgen.�</p><p>Heute war der verabredete Tag. Der 25. Juli des Jahres 1884. Ein Freitag. Es ging auf den Abend zu. Kein Schiff weit und breit, keine Regenwolke am Himmel, keine Rettung in Sicht. Nur ein armer kranker Kabinenjunge im Bug des Dingis. Ein verzweifelter Kapit�n mit einem Taschenmesser in der Hand. Und ein erb�rmlich dreinschauender Maat mit zwei leeren Blechdosen, um das Blut aufzufangen.</p><p>�Geh ans Ruder, Brooks!�, sagte der Kapit�n, aber es war kein Befehl, sondern eine Bitte. �Und schau nicht hin!�</p><p>Ned wollte nichts damit zu tun haben, aber er wusste, dass er etwas damit zu tun haben w�rde. Ob er es wollte oder nicht. Er ging ans Ruder, klammerte sich an die Pinne und verbarg seinen Kopf unter der �ljacke. Wie ein kleiner Junge, der sich die H�nde vor die Augen hielt, um nicht gesehen zu werden. Um nicht mehr da zu sein.</p><p>Es waren nicht in erster Linie religi�se Gr�nde gewesen, die ihn bewogen hatten, der T�tung des Jungen zu widersprechen. Ned hatte in seinem liederlichen Leben so viele S�nden begangen, sowohl l�ssliche als auch Tods�nden, dass es darauf letzten Endes gar nicht ankam. Nein, vor Gott oder den Strafen der H�lle hatte er keine Angst, eher schon vor sich selbst. Vor dem, was <emphasis>danach</emphasis> kommen w�rde. Wenn sie Dick t�teten, w�rden sie eine Grenze �berschreiten, hinter die sie nie wieder zur�cktreten k�nnten. Wie ein Flaschengeist, der nicht mehr einzufangen war, wenn er erst einmal aus seinem Glasgef�� entkam. Sie w�rden zu rei�enden und unbarmherzigen Tieren werden. Zu grausamen Bestien. Wen w�rden sie als N�chsten t�ten? Wen w�rde <emphasis>er</emphasis> umbringen, um nicht selbst sterben zu m�ssen? Nichts w�re so, wie es vorher war. Nichts.</p><p>Ned schaute unter dem �lzeug hervor. Der Kapit�n und der Maat standen am Bug �ber den Jungen gebeugt, und es schien so, als betete der Kapit�n. Pl�tzlich hob Dick den Kopf und starrte auf das Messer. Es war, als wachte er ein letztes Mal aus dem Fieberkoma auf und str�ubte sich gegen sein Schicksal.</p><p>�Was, ich, Sir?�, rief er, ohne jedoch die Hand zur Abwehr heben zu k�nnen.</p><p>Und dann stie� ihm der Kapit�n das Messer in den Hals.</p><p>Das gurgelnde Ger�usch ging Ned durch Mark und Bein. Und es weckte zugleich seine Lebensgeister. Wie ein Hai, der vom Blut angelockt wird und sich in seiner Gier auch auf seine verwundeten Artgenossen st�rzt, schnellte Ned in die H�he und lief zum Bug.</p><p>�Gebt mir auch davon!�, rief er, griff nach einer der Dosen und setzte sie sich an die Lippen. Das warme, klebrige Blut schmeckte f�rchterlich und k�stlich zugleich, und er nahm einen gro�en Schluck, der wie z�hfl�ssiger Tran die Kehle hinunterrann.</p><p>Dass Dick gerade lautlos mit dem Tode rang, versuchte Ned aus seinem Kopf zu bannen. Er war ein guter Junge gewesen. Friede seiner unsterblichen Seele! Jetzt ging es allein darum, sein Blut zu teilen, bevor es gerann, und das eigene �berleben zu sichern. Was geschehen war, konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Der Geist war aus der Flasche.</p><p>�Und nun?�, fragte Stephens, nachdem sie die Dosen leergetrunken hatten und das nur noch tr�pfelnde Blut zu gerinnen begonnen hatte.</p><p>�Das Herz�, sagte der Kapit�n und hielt das blutige Messer in die H�he. �Und die Leber. Wir m�ssen ihn zerlegen.�</p><p>Ned z�gerte nur kurz. Er war der Schiffskoch und kannte sich aus. Er wusste, was zu tun war. Es geh�rte zu seiner Arbeit. Das war nicht Dick, der dort lag, sondern frisches Fleisch, das verarbeitet werden musste. So rasch wie m�glich. Also nahm er das Messer und setzte es direkt unter dem Brustbein an.</p><p>Nichts galt mehr, schoss es ihm durch den Kopf, als er zustach.</p><empty-line/></section><section><title><p>F�NFTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>RUPERT INGRAM</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�We are each our own devil,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>and we make this world our hell.�</emphasis></p><p>(�Wir sind jeder unser eigener Teufel,</p><empty-line/><p>und wir machen uns diese Welt zur H�lle.�)</p><p>Oscar Wilde, The Duchess of Padua, 1883</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>MONTAG, 22. OKTOBER 1888</p><p>1</p><p>Seit zwei Tagen sa� ich nun schon in dieser d�steren und stinkenden Zelle im r�ckw�rtigen Teil der Polizeiwache am Snow Hill. Seit zwei Tagen starrte ich auf die Gitterst�be, versuchte vergeblich, das wirre Gerede meines Zellengenossen zu ignorieren, und wartete darauf, aus diesem Irrsinn entlassen oder wenigstens einem Richter vorgef�hrt zu werden. Noch immer begriff ich nicht, wie es dazu gekommen war. Wie es dazu hatte kommen k�nnen. Es war wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwachen konnte. Noch nie in meinem Leben war ich mir so j�mmerlich und erb�rmlich vorgekommen. Und das nicht nur, weil ich von einem Polizisten niedergeschlagen worden war.</p><p>Als ich am Samstagmittag nach meiner Ohnmacht wieder zu mir kam, sa� ich in einem vergitterten Polizeiwagen, einer sogenannten �Black Maria�, mit Handschellen an den H�nden und einem h�mmernden Schmerz im Sch�del. Mir gegen�ber hockte der Constable, der mich mit dem Schlagstock niedergestreckt hatte und nun sehr zufrieden dreinschaute. Ich verstand nicht, was vorgefallen war und wieso man mich verhaftet hatte. Ich hatte doch gar nichts getan, niemanden verletzt oder bedroht. Wieso behandelte man mich wie einen Verbrecher? Auf meine Fragen antwortete der Constable, der die Nummer 189c auf seinem Stehkragen trug, lediglich mit einem Schulterzucken, und er wiederholte die Worte, die er zuvor an der Themse gesagt hatte: �Ich hatte Sie gewarnt, Sir.�</p><p>Ich wurde zum Snow Hill gebracht und auf der Polizeiwache nach meiner Person und meiner Adresse befragt. Da ich keinerlei Papiere bei mir f�hrte, die meine Identit�t best�tigen konnten, nannte ich dem diensthabenden Constable hinter dem Tresen meinen Vater und meine beiden Br�der als B�rgen und bat darum, sie umgehend zu informieren. Falls n�tig, k�nnten sie eine Kaution oder schriftliche B�rgschaft f�r mich hinterlegen.</p><p>�Ihr Vater ist Mr. Harvey Ingram, der Besitzer des Hatchett�s Hotel in Mayfair?�, fragte der Constable und betrachtete verwundert meine verdreckte und zerrissene Zimmermannskleidung. �Und Sie sind Mr. Rupert Ingram, Gesch�ftsf�hrer des Crown Hotel in der Dover Street?�</p><p>�Ganz richtig�, best�tigte ich und knetete den Schlapphut vor meinem Bauch.</p><p>�Warum die Verkleidung, Sir?�, fragte der Diensthabende und machte eine sauert�pfische Miene. Auch er hatte eine Nummer auf dem Kragen, sie lautete: 408c. Vermutlich stand das C f�r City.</p><p>Ich zuckte mit den Schultern und sagte: �Das ist eine lange Geschichte.�</p><p>�Und warum haben Sie die junge Frau angegriffen?�, fragte der Polizist, der mich verhaftet hatte und nun ebenso verwundert anstarrte.</p><p>�Ich habe sie nicht angegriffen, Officer�, protestierte ich.</p><p>�Ich war Zeuge des Vorfalls�, beharrte der Constable wichtigtuerisch.</p><p>�Es gab keinen Vorfall. Wir haben nur geredet. <emphasis>Sie</emphasis> haben <emphasis>mich</emphasis> angegriffen.� Dabei deutete ich mit gefesselten H�nden auf die Beule an meinem Hinterkopf.</p><p>�Sie haben sich den Anordnungen der Polizei widersetzt.�</p><p>�Ich habe nichts dergleichen getan�, widersprach ich.</p><p>�Ich hatte Sie gewarnt, Sir!� Constable Nr. 189c schien diesen Satz sehr zu m�gen. �Sie wollten mich ebenfalls attackieren.�</p><p>�Das stimmt nicht!�, rief ich und h�tte ihn in diesem Augenblick am liebsten wirklich attackiert. Was aber allein schon wegen der Handschellen nicht m�glich war. �Ich habe lediglich mit den Armen herumgefuchtelt. Das wird ja wohl noch erlaubt sein.�</p><p>�Haben Sie getrunken?�, fragte der Diensthabende.</p><p>�Heute nicht.�</p><p>�Aber gestern�, erwiderte er, nickte wissend und machte eine Notiz auf seinem Zettel. �Verstehe.�</p><p>�Ich bin nicht betrunken, Officer�, antwortete ich flehentlich. �Lassen Sie mich doch gehen. Au�er mir ist ja niemand zu Schaden gekommen.�</p><p>�Das wird das Gericht zu entscheiden haben�, sagte der Beamte hinter dem Tresen. Er wandte sich an einen �lteren und pockennarbigen Polizisten, der die Szene unger�hrt aus einem Lehnstuhl verfolgt hatte, und sagte: �Abf�hren!�</p><p>�Wann werde ich dem Richter vorgef�hrt?�, wollte ich wissen.</p><p>�Nicht am Wochenende�, sagte der Diensthabende achselzuckend.</p><p>�Benachrichtigen Sie bitte meinen Vater�, bat ich, w�hrend ich von dem �lteren Constable nach hinten gef�hrt wurde. �Das ist alles ein Missverst�ndnis.�</p><p>Ich konnte nicht genau h�ren, was er antwortete, aber es klang wie: �Alles zu seiner Zeit!�</p><p>�Ich sitz schon seit Donnerstag hier drin�, begr��te mich der etwa vierzigj�hrige und verlebt aussehende Mann, mit dem ich die Zelle teilen musste. Er klang, als w�re er sturzbetrunken, was allerdings kaum m�glich war, wenn er bereits seit zwei Tagen hier festsa�. Er rollte pl�tzlich die Augen, als h�tte er ein Sandkorn hineinbekommen, dann sagte er: �Die werden Augen machen, wenn ich auspacke. Und dann werden sie mich h�ngen.�</p><p>�H�ngen?�, staunte ich. �Wieso? Wof�r?�</p><p>�Daf�r!�, antwortete der Mann grinsend und bleckte dabei sein l�chriges Gebiss. Er deutete durch die Gitterst�be zur gegen�berliegenden Wand und f�gte mit freudig verzerrter Miene hinzu: �Der da, das bin ich!�</p><p>Meine Augen folgten seinem Finger und landeten auf einem Aufruf der Polizei vom Anfang des Monats, der neben einigen Steckbriefen und amtlichen Hinweisen an einem Schaubrett angenagelt war. Darauf hie� es:</p><p>�Polizeiliche Bekanntmachung.</p><p>An die Bewohner.</p><p>Am Freitag, dem 31. August, am Samstag, dem 8. September, und am Sonntag, dem 30. September 1888, wurden in Whitechapel oder Umgebung Frauen ermordet, vermutlich von jemandem aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Sollten Sie von irgendeiner Person wissen, der ein Verdacht anhaftet, so werden Sie dringend aufgefordert, sich unverz�glich mit der n�chstgelegenen Polizeiwache in Verbindung zu setzen.�</p><p>�Sie sind Jack the Ripper?�, fragte ich und fuhr auf dem Absatz herum. �Sie haben Long Liz und die anderen Frauen ermordet?�</p><p>�Wen?�</p><p>�Elizabeth Stride! Sie wurde am 30. September in der Berner Street ermordet.� So hatte es mein Hauptmieter Edmund im Miller�s Court gesagt: <emphasis>�Das war unten in der Berner Street in Whitechapel.�</emphasis></p><p>�Hab die Weiber nicht nach ihrem Namen gefragt�, antwortete der Kerl und lachte keckernd. �Und anschlie�end konnten sie nicht mehr reden.� Wieder entglitt ihm die Mimik, und er machte eine seltsame Fratze. Es schien beinahe so, als h�tte er seine Gesichtsmuskeln nicht unter Kontrolle.</p><p>�Wie hei�en Sie eigentlich?�, wollte ich wissen.</p><p>�Graham�, antwortete er und klopfte sich w�rdevoll auf die Brust. �Benjamin Graham. Den Namen m�ssen Sie sich merken. K�nnen Sie Ihren Kindern von erz�hlen, dass Sie mit dem Ripper in einer Zelle gesessen haben. Bevor er geh�ngt wurde.� Pl�tzlich stutzte er, starrte mich an und fragte: �Berner Street?�</p><p>Man musste kein Polizist, Arzt oder Richter sein, um zu erkennen, dass dieser Mann ein Wirrkopf und Trunkenbold war, der offenkundig seinen Verstand versoffen hatte und nur dummes Zeug erz�hlte. Benjamin Graham war ebenso wenig der Ripper wie ich es war. Es schien fast so, als ginge es ihm lediglich darum, am Galgen aufgekn�pft und auf diese Weise ber�hmt zu werden. Mir wollte nicht einleuchten, warum die Polizei diesen armen Irren �berhaupt eingesperrt hatte. Vermutlich waren sie �ber jeden Verd�chtigen froh, den sie als m�glichen Frauenm�rder festnehmen konnten. Und sei es nur, um vor der �ffentlichkeit nicht als unt�tig dazustehen.</p><p>Trotzdem behagte mir der Gedanke �berhaupt nicht, mit diesem Verr�ckten wom�glich mehrere N�chte lang die Zelle teilen zu m�ssen. Er war gewiss nicht der vierfache Frauenm�rder, aber geisteskrank war er auf jeden Fall, und ob er obendrein gef�hrlich war, konnte ich nicht einsch�tzen. Ich redete mir ein, dass bellende Hunde normalerweise nicht bissen, und bem�hte mich, nicht auf den verqueren Unsinn zu h�ren, den Benjamin Graham beinahe ununterbrochen und in einem monotonen Gebrabbel von sich gab. Selbst im Schlaf redete er leise vor sich hin und stie� in unregelm��igen Abst�nden wilde Fl�che aus.</p><p>Zwei Tage war meine Verhaftung nun her, und in der Zeit hatte ich weder einen Richter noch ein Mitglied meiner Familie zu Gesicht bekommen. Auch die Polizisten wollten nichts mehr von mir wissen, sie hatten mich in ihren Akten vermerkt und in die Zelle gesperrt. Alles Weitere schien sie nicht zu interessieren. Auf meine Nachfrage war mir lediglich mitgeteilt worden, am Montagnachmittag w�rde ich zum Polizeigericht in der Guildhall gebracht und einem zust�ndigen Alderman vorgef�hrt. Dort w�rde sich entscheiden, ob ich sofort freik�me, auf Kaution entlassen w�rde oder in Untersuchungshaft bleiben m�sste. Der pockennarbige Alte, bei dem ich mich erkundigt hatte, berichtete mir hinter vorgehaltener Hand, meine Familie sei bereits unterrichtet und wisse auch von dem Termin der Vorverhandlung. Von irgendwelchen Anstrengungen der Ingrams, mich vorzeitig aus der Zelle zu holen, sagte er nichts. �Das regelt sich alles am Montag, Jungchen�, setzte er hinzu und l�chelte altersmilde.</p><p>Die Tage und N�chte in der beengten Zelle waren eine Qual. Nicht aus Angst vor Graham oder wegen des �blen Gestanks, der aus dem mit d�nnen Bretterw�nden abgetrennten und vermutlich seit Monaten nicht gereinigten Abort kam. Auch die drohende Gefahr, vom Richter wegen der dummen Lappalie verurteilt zu werden, erschien mir nicht so gro�, dass ich davon schlaflose N�chte bekam. Nein, es waren vor allem die Langeweile und das �berma� an Zeit, die mir zu schaffen machten. Das Warten und das Nichtstun nagten an mir, und je l�nger das Eingesperrtsein dauerte, desto ungeduldiger und gereizter wurde ich.</p><p>Jeder sinnvollen Besch�ftigung beraubt, war ich meinen eigenen Gedanken ausgeliefert, die in meinem Kopf einen regelrechten Veitstanz auff�hrten. Alles ging hin und her, drunter und dr�ber, kreuz und quer, und es vermengte sich schlie�lich zu einem unentwirrbaren Kn�uel. Ich dachte an Meredith Wright Barclay und die Hochzeit, die es nicht geben w�rde. An ihren Onkel Robert, der mich zum Brauer machen wollte. Ich dachte an meinen Vater und seine durchaus ernst zu nehmende Drohung, mir den Namen und mein Erbe zu nehmen. Und an Eva Booth und ihren verst�ndlichen Grund, mich einen Satan zu nennen. Ich dachte nicht zuletzt an Long Liz und ihren Freund, den finsteren Hafenarbeiter Michael, dem ich zum willf�hrigen Handlanger geworden war, ohne die Folgen meines Handels auch nur zu erahnen. Und ich dachte an Simeon Solomon und das h�bsche M�dchen, dessen Gesicht er angeblich vor acht Jahren gemalt hatte, was aus logisch zwingenden Gr�nden unm�glich war. All diese Menschen f�hrten in meinem Kopf eine Art H�pfreigen auf und schienen sich �ber mich lustig zu machen. Es war mir einfach nicht m�glich, eine Ordnung in das Durcheinander zu bringen.</p><p>Au�erdem schmerzten meine Augen, die Schl�fen h�mmerten unaufh�rlich, und der Rattenbiss an meinem Muttermal eiterte und brannte wie Feuer. Nachts fuhr ich schwei�nass aus Alptr�umen auf, die seltsamerweise auch mit ge�ffneten Augen nicht aufh�rten. Alles drehte sich im Kreis, als w�re ich betrunken.</p><p>Am heutigen Morgen war es mir kaum m�glich gewesen, von der engen und harten Liege aufzustehen und mich aufzurappeln, um mir ein wenig Wasser ins geschundene Gesicht zu sch�tten. Mein verr�ckter Zellengenosse war bereits auf und schien sich diebisch zu freuen. Heute war sein gro�er Tag! Mir hingegen tat alles weh, und ich h�tte mich am liebsten in einer Ecke verkrochen. Doch als der Wachhabende erschien, mit dem Schlagstock gegen die Gitterst�be schlug und Besuch f�r mich ank�ndigte, war ich schlagartig hellwach. Auch wenn ich gleichzeitig das Gef�hl hatte, das alles nur zu tr�umen.</p><p>Ich hatte gehofft, mein Vater oder besser noch einer meiner Br�der w�rde auf der Polizeiwache erscheinen, um mich aus diesem eisernen K�fig zu befreien, doch stattdessen war es der kleine Gray, der mich mit seinem verunstalteten Lausbubengesicht durch die Gitter anstarrte. Der Laufbursche des Hotels war von meinem Bruder William geschickt worden, ohne Wissen und gegen den ausdr�cklichen Befehl meines Vaters, wie Gray gleich zu Beginn erkl�rte.</p><p>�Der Boss ist nicht gut auf Sie zu sprechen, Boss�, sagte er und verbesserte sich prompt: �Ich meine, Sir!� Er r�usperte sich und f�gte in verschw�rerischem Tonfall hinzu: �Ganz sch�n dicke Luft im Hotel. Das k�nnen Sie mir glauben. Der Alte hat im B�ro vom Boss getobt und wollte Sie am liebsten im Knast schmoren lassen. Keinen Finger w�rde er f�r Sie krumm machen, hat er geschrien. W�rde Ihnen nur recht geschehen, dass Sie hinter Gittern sitzen. Vielleicht w�rden Sie dadurch endlich zur Vernunft kommen. Der Alte war fuchsteufelswild und hat gebr�llt, dass man�s durch die W�nde h�ren konnte.�</p><p>Ich h�tte Gray wegen seiner despektierlichen Rede tadeln m�ssen, doch stattdessen verteidigte ich mich: �Dies ist kein Knast, sondern eine Polizeiwache.�</p><p>�Kommt aufs Gleiche raus, oder?�, antwortete er achselzuckend und stie� mit dem Fu� gegen das Gitter. �Zelle bleibt Zelle.� Damit schob er ein Stoffpaket durch die St�be und sagte: �Frische W�sche. F�r den Prozess.�</p><p>Ich schaute hinein und sah eine helle Leinenhose, ein wei�es Hemd, eine Krawatte, eine lange Unterhose und ein paar Socken. Nur die Schuhe und eine Jacke fehlten.</p><p>�William hat die Jacke vergessen�, sagte ich.</p><p>�Oh!�, rief Gray und machte ein bek�mmertes Gesicht. �Tut mir leid. Hab ich nicht dran gedacht.�</p><p>Da begriff ich, dass nicht William auf die Idee mit der frischen W�sche gekommen war, sondern dass Gray die Sachen f�r mich zusammengesucht hatte. �Danke, Gray�, murmelte ich. �Es geht auch ohne Jacke. Und auf die Schuhe achtet im Gericht ohnehin keiner.�</p><p>Er nickte achselzuckend, deutete dann mit dem Zeigefinger auf meine rechte Wange und sagte: �Das sieht nicht gut aus, Boss.�</p><p>�Ist nur ein Rattenbiss.�</p><p>�Scheint entz�ndet zu sein�, beharrte er und schob die Unterlippe vor.</p><p>�Ja, schon gut�, wehrte ich ab und fragte: �Wird mein Vater zur Verhandlung kommen? Oder hat William dir Geld mitgegeben, damit ich eine Kaution hinterlegen kann? Ich muss hier raus, Gray, sag ihnen das!�</p><p>�Das wissen die auch ohne dass ich�s ihnen sage�, erwiderte er und grinste pl�tzlich. �Man sollte sich halt nicht mit �nem Copper anlegen, Boss. Das bringt nichts, man zieht doch nur den K�rzeren. Besser aus dem Weg gehen. Nichts wie weg, so halt ich�s immer mit der Polente. Und blo� keine Widerworte. Das k�nnen die von der Schmiere beim Teufel nicht ausstehen.�</p><p>�Danke f�r den Ratschlag�, knurrte ich und wiederholte meine Frage: �Wer wird von der Familie zum Gericht kommen?�</p><p>�Der Boss, also Master William�, antwortete er wie beil�ufig. �Irgendeiner muss ja f�r Sie b�rgen. Mein Wort z�hlt da wahrscheinlich nicht viel. Und Ihr Vater�, er wedelte mit der rechten Hand und pfiff leise, �mit dem ist nicht gut Kirschen essen, Boss. Der w�rde sie am liebsten noch l�nger hier schmoren lassen.�</p><p>�Das sagtest du bereits�, unterbrach ich ihn und war zugleich froh �ber seine Worte. Die Auseinandersetzung mit meinem Vater h�tte ich vermutlich nicht �berstanden. Williams zu erwartender Spott und seine H�me waren allemal besser zu ertragen. Auch wenn ich der w�tenden Tirade meines Vaters auf Dauer nicht aus dem Weg w�rde gehen k�nnen.</p><p>�Sonst noch was, Sir?�, fragte Gray und wollte sich die M�tze aufsetzen. �Brauchen Sie vielleicht was zu essen?�</p><p>�Nein, ich bin nicht hungrig�, antwortete ich, winkte ihn aber trotzdem zu mir heran. �Du kannst mir einen Gefallen tun. Geh bitte zum Hauptquartier der Heilsarmee in der Queen Victoria Street und frag nach Captain Eva Booth.�</p><p>�Kann die Spinner nicht leiden�, antwortete er und kratzte sich die Nase.</p><p>�Du sollst sie nicht leiden k�nnen, sondern nach Miss Eva Booth fragen.�</p><p>Der Junge runzelte die Stirn und fragte: �Ist das die Frau, die Sie in der City angegriffen haben?�</p><p>�Ich habe niemanden angegriffen!�</p><p>�Verstehe�, antwortete er und nickte, als h�tte er nie etwas anderes behauptet. �Und dann? Was mach ich mit dem Captain?�</p><p>�Bitte sie h�flich, am Nachmittag zur Guildhall zu kommen.�</p><p>�Wenn sie am Samstag dabei war, als Sie die Frau <emphasis>nicht</emphasis> angegriffen haben, wird sie doch sowieso als Zeugin vorgeladen, oder?�</p><p>Ich �berh�rte die Ironie oder den Unglauben in seinen Worten und sagte: �Ich m�chte nur sichergehen, dass sie eine Aussage vor Gericht macht.�</p><p>�Warum?�, staunte er. �W�r das klug?�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Na ja�, sagte er und r�ckte sich die Wollm�tze zurecht. �Vielleicht hat sie ja l�ngst ihre Aussage gemacht. Und vielleicht ist das ja der Grund, warum Sie �berhaupt hier drinsitzen. W�r doch denkbar, oder?�</p><p>�Tu, was ich dir sage!�, knurrte ich ihn an und verdr�ngte den Gedanken, dass Gray wom�glich recht hatte.</p><p>�Ay, Boss!�, antwortete er und salutierte. �Werd�s dem Captain ausrichten.�</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Das Polizeigericht befand sich in einem unscheinbaren Nebengeb�ude auf der Westseite des winzigen, ringsum bebauten Guildhall Yard. Gerade im Vergleich zum verschn�rkelten gotischen Portal des alten Rathauses, das den n�rdlichen Abschluss des d�steren Hofes bildete, wirkte das Gerichtsgeb�ude streng und abweisend. Was nat�rlich seinem vornehmlichen Zweck entsprach.</p><p>Wir waren, abgesehen von den Polizisten, zu viert im Polizeiwagen. Am Sonntagabend waren zwei Taschendiebe in der Polizeiwache am Snow Hill abgeliefert worden, nachdem sie am Bahnhof Ludgate Hill auf frischer Tat beim Diebstahl eines Koffers ertappt worden waren. Auch sie sollten heute dem zust�ndigen Alderman vorgef�hrt werden. Wie Str�flinge an den H�nden gefesselt, wurden wir von einem uniformierten Constable und einem in Zivil gekleideten Sergeant ins Geb�ude und durch dunkle G�nge zu einem ebenerdigen Raum im r�ckw�rtigen Teil des Gerichts gef�hrt. Durch die beiden Fenster auf der S�dseite konnte man den spitzen Kirchturm von St. Lawrence Jewry sehen, und weil die Sonne direkt �ber dem First des Kirchendachs stand, fiel glei�endes Licht in den Saal.</p><p>Ich kniff die Augen zusammen, um �berhaupt etwas erkennen zu k�nnen. Als ich mich an die Lichtverh�ltnisse gew�hnt hatte, war ich �berrascht, ein derartiges Gewimmel und Gedr�nge zu erblicken. �berall sa�en und standen Menschen an Pulten und Tischen, auf St�hlen und B�nken, gegen die W�nde gelehnt oder in kleinen Gruppen mitten im Raum. Manche bekritzelten eifrig irgendwelche Papiere, andere meldeten sich stehend zu Wort, wieder andere plauderten mit ihren Nachbarn oder starrten unbeteiligt auf ihre H�nde oder F��e.</p><p>Der Sergeant befreite uns von den Handschellen und wies uns mit einer Kopfbewegung an, auf der hinteren von zwei B�nken unter den Fenstern Platz zu nehmen. Zwei uniformierte Gerichtsdiener an beiden Enden der Bankreihen sorgten daf�r, dass wir den uns zugewiesenen Platz nicht verlie�en und uns anst�ndig benahmen. Dies waren die Anklageb�nke, und direkt vor uns in der ersten Reihe sa�en die armen Teufel, deren Schicksal gerade verhandelt wurde. Es wunderte mich, dass die verschiedenen F�lle nicht einzeln bearbeitet wurden, sondern in Gegenwart aller anderen Angeklagten und zahlloser Unbeteiligter. Es schien dem Gericht vor allem darum zu gehen, Zeit zu sparen und sich nicht von Details aufhalten zu lassen. Ein Anwalt verlas die Anklage, Zeugenaussagen wurden aufs N�tigste reduziert, der vorsitzende Alderman stellte einige Fragen, die Angeklagten durften eine kurze Stellungnahme abgeben, dann erging nach wenigen Minuten das Urteil: Freilassung, Kaution oder Untersuchungshaft. Alles Weitere w�rde dann in der Hauptverhandlung zur Sprache kommen.</p><p>Den Vorsitz hatte an diesem Tag ein Mr. Alderman Renals, wie auf dem Schild am Richtertisch zu lesen war. Er war ein glatzk�pfiger Mann, der mit seinem pelzbesetzten Kragen, der breiten Krawatte und dem Zwicker auf der Nase sehr streng und ehrfurchtgebietend aussah. �ber seinem Kopf prangten das Wappen der Stadt London und ein Portr�t der K�nigin an einer mit rotem Stoff bezogenen Wand.</p><p>Ich schaute mich in dem ringsum holzvert�felten Saal um und suchte nach bekannten Gesichtern unter den Anwesenden. Auf den Zuschauerb�nken, die durch ein Holzgel�nder vom vorderen Teil des Raumes abgetrennt waren, entdeckte ich schlie�lich meinen Bruder William. Er schaute finster drein und erwiderte meinen flehentlichen Blick mit einem verst�ndnislosen und vorwurfsvollen Kopfsch�tteln. Von Eva Booth war weit und breit nichts zu sehen, auch Gray suchte ich vergeblich. Ich hoffte, dass die Zeugen wom�glich in einem angrenzenden Raum oder vor der T�r darauf warteten, ihre Aussage zu machen. Allerdings hatte ich beim Hineingehen keine Warteb�nke gesehen.</p><p>Die vier Angeklagten in der ersten Reihe waren inzwischen nacheinander und im Eiltempo abgehandelt worden, sie erhoben sich und wurden aus dem Saal gef�hrt. Einer von ihnen in die Freiheit, die anderen drei ins Gef�ngnis. Wir vier Snow-Hill-Gefangenen wurden nun angewiesen, in die erste Reihe vorzur�cken. Kaum waren wir aufgestanden, nahmen die n�chsten Angeklagten unsere hinteren Pl�tze ein.</p><p>Als Erster wurde Benjamin Graham aufgefordert, sich zu erheben, was dieser mit einem breiten Grinsen tat. Nach den Angaben zur Person, die von Graham sehr w�rdevoll vorgetragen wurden, trat der diensthabende Constable der Snow-Hill-Polizeiwache in den Zeugenstand und sagte aus, der Beschuldigte sei am Donnerstag zur Wache gebracht worden, weil er in einem Gasthaus in der Newgate Street behauptet habe, f�r die abscheulichen Morde im East End verantwortlich zu sein. Der Beschuldigte sei offenbar betrunken gewesen und deshalb einem Arzt vorgestellt worden. Doch auch in n�chternem Zustand habe Mr. Graham die Selbstbezichtigung aufrechterhalten.</p><p>Alderman Renals bat den Angeklagten um eine Stellungnahme, und Benjamin Graham verk�ndete mit hoher Stimme und stolzgeschwellter Brust: �Ja, ich bin Jack the Ripper. Ich habe die Frauen in Whitechapel get�tet.� Er wandte sich kurz zu mir um und setzte feierlich hinzu: �Auch die Frau in der Berner Street, die ich nicht nach ihrem Namen gefragt habe.� Dann verk�ndete er in Richtung Zuschauerraum: �Und darum werde ich am Strick daf�r zu b��en haben.�</p><p>Im Saal machte sich ungl�ubiges Murmeln und vereinzeltes Gel�chter breit, das aber sofort von den uniformierten Gerichtsdienern unterbunden wurde. Der Sergeant, der uns von der Wache zur Guildhall begleitet hatte, war inzwischen vor den Richterstuhl getreten und beantragte, den Beschuldigten in Anbetracht dieser Aussage in Untersuchungshaft zu nehmen, um die vorangegangenen Ereignisse und die Lebensumst�nde des Mr. Graham genauer zu ermitteln. Dem stimmte der Alderman nach kurzem Z�gern und mit sichtlichem Unbehagen zu. Er verk�ndete das Urteil: weitere Untersuchungshaft und Verbringung ins Gef�ngnis von Holloway. Damit landete der Holzhammer auf dem Tisch.</p><p>Benjamin Grahams Gesicht leuchtete vor Stolz, er hatte es geschafft. Als er sich setzte, raunte er mir zu: �Kannst du deinen Kindern von erz�hlen.�</p><p>Nun wurde mein Fall aufgerufen. Ich erhob mich, sagte meinen Namen und meine Adresse und nannte meinen Bruder William als B�rgen.</p><p>Der Alderman schaute in seine Unterlagen, fand den entsprechenden Eintrag und las: �William Ingram, 43 Dover Street, Mayfair. Ist Mr. Ingram anwesend?�</p><p>William stand auf und rief: �Anwesend.�</p><p>�Best�tigen Sie, dass es sich bei dem Angeklagten um ihren Bruder Rupert handelt und er unter der angegebenen Adresse wohnhaft ist?�</p><p>�Jawohl�, antwortete William knapp und schmallippig. Es hatte den Anschein, als w�re es ihm gar nicht recht, dass dies den Tatsachen entsprach.</p><p>Wieder nickte der Alderman, dann erteilte er dem Constable, der mich am Samstag verhaftet hatte, das Wort.</p><p>So erfuhr ich, dass der Police Constable 189c auf den Namen John Rackley h�rte und seit mehr als zehn Jahren bei der City of London Police war. Er berichtete sehr ausf�hrlich, wie er mich am Vormittag des 20. Oktober in der Queen Victoria Street auf dem Bordstein schlafend aufgegriffen und wie ich in r�dem Ton auf seine Aufforderung, den Platz zu r�umen, geantwortet h�tte.</p><p>�Ich habe nicht geschlafen�, unterbrach ich ihn. �Und ich war nicht r�de, sondern ironisch. Das ist ein Unterschied.�</p><p>�Sie werden sp�ter geh�rt, Angeklagter�, sagte der Alderman und bedachte mich �ber seinem Zwicker mit einem warnenden Blick.</p><p>Constable Rackley fuhr sichtlich pikiert fort, dass er mich wenig sp�ter am Ufer der Themse unweit des Bahnhofs St. Paul�s in der Begleitung einer jungen Offizierin der Heilsarmee wiedergesehen und dass ich laut geschimpft und die Frau k�rperlich bedroht h�tte. Ich h�tte die geballte Faust erhoben, sodass er um das leibliche Wohl der betreffenden Person h�tte f�rchten m�ssen. Auf seine unmissverst�ndliche und wiederholte Aufforderung, die Hand herunterzunehmen, h�tte ich nicht reagiert, sondern stattdessen ihn bedroht, woraufhin er sich gen�tigt gesehen h�tte, mich mit Hilfe des Schlagstocks au�er Gefecht zu setzen.</p><p>Wieder wollte ich protestieren, doch ein Blick zum Vorsitzenden machte mir klar, dass das nicht sehr ratsam gewesen w�re. Also schwieg ich und schaute mich Hilfe suchend im Gerichtssaal um. William starrte zu Boden. Doch wo blieb Eva Booth? Warum war sie nicht als Zeugin geladen? Und wo steckte der Taugenichts Gray?</p><p>�Sind Sie sicher, dass der Angeklagte der Frau ein Leid zuf�gen wollte?�, wandte sich der Alderman an den Officer.</p><p>�Ganz ohne Zweifel�, antwortete Constable Rackley. �Wenn ich nicht eingeschritten w�re, h�tte er sie mit der Faust geschlagen.�</p><p>�L�ge!�, rief ich. �Das ist nicht wahr.�</p><p>Der Hammer des Vorsitzenden knallte auf den Tisch.</p><p>�Ruhe!�, rief er und funkelte mich b�se an. �Sie h�ren doch, was der Constable sagt. Er war Zeuge des Vorfalls. Wollen Sie ihn ernsthaft der L�ge bezichtigen?�</p><p>�Warum fragen Sie nicht Miss Eva Booth, ob ich sie bedroht habe?�</p><p>�Police Constable Rackley war zur Tatzeit am Tatort anwesend�, antwortete der Alderman. �Seine Aussage ist in den Augen des Gerichts v�llig ausreichend. Wenn Sie die Aussage des gesch�digten Opfers h�ren m�chten, so k�nnen Sie das zur Hauptverhandlung selbstverst�ndlich beantragen.�</p><p>�Aber es gab kein gesch�digtes Opfer�, erwiderte ich zunehmend verzweifelt. �Ich habe niemanden geschlagen und hatte auch nicht die Absicht. Es ist doch gar nichts geschehen. Der Einzige, der zugeschlagen hat, war Constable Rackley.� Da ich sah, dass der Constable sich aufplusterte und etwas erwidern wollte, fuhr ich ihm w�tend �ber den Mund: �Und sagen Sie jetzt nicht, Sie h�tten mich gewarnt!� Ich wei� selbst nicht, was in mich gefahren war, aber ich hatte die Faust geballt und stie� sie zornig in seine Richtung.</p><p>�Sehen Sie!�, rief Constable Rackley. �Genau so hat er mich angegriffen.�</p><p>Alderman Renals nickte wissend, notierte etwas auf seinem Papier und wies einen der Gerichtsdiener mit einer Kopfbewegung an, mich zu bes�nftigen.</p><p>Mir war klar, dass mein Fall verloren war. Ich hatte mich um Kopf und Kragen gew�tet und w�rde wie mein verr�ckter Kollege neben mir in Holloway enden. Bevor sich der Gerichtsdiener mir n�hern konnte, hatte ich die Hand gesenkt und mich auf die Bank fallen lassen. Mir bl�hte die Untersuchungshaft.</p><p>�Angeklagter, bitte erheben Sie sich zur Urteilsverk�ndung!�, sagte der Alderman und r�usperte sich leise.</p><p>�Einen Augenblick!�, erschallte pl�tzlich eine helle Frauenstimme durch den Saal. Und im n�chsten Moment schritt Eva Booth in ihrer dunklen Uniform durch die kleine Pendelt�r, die vom Zuschauerraum zum Verhandlungssaal f�hrte. �Ich m�chte eine Aussage machen, Euer Ehren.�</p><p>�Und wer sind Sie?�, wollte der Alderman wissen.</p><p>�Eva Cory Booth�, antwortete sie und baute sich direkt vor dem Richterstuhl auf. �Captain der Heilsarmee, Dienerin Gottes und Zeugin in diesem Fall.� Eine rote Locke fiel ihr �ber die Stirn, und ich stellte erleichtert fest, dass sie keinen Verband mehr unter ihrer Haube trug.</p><p>Der Blick des Aldermans ging zum Constable, und als dieser best�tigend nickte, fragte der Vorsitzende: �Sie wollen zu dem Fall aussagen, Miss Booth?�</p><p>�Das will ich.�</p><p>Der Alderman schaute kurz auf seine Taschenuhr, machte eine verdrie�liche Miene, wies dann aber mit der Hand zum Zeugenstand und sagte: �Nun gut.�</p><p>Constable Rackley machte pflichtschuldig, aber mit sichtlichem Widerwillen Platz. Mein Blick ging zum Zuschauerraum, wo Gray mit einem breiten Grinsen an der Pendelt�r stand und wie vorhin auf der Polizeiwache in meine Richtung salutierte. Etwas zu theatralisch, wie ich fand, dennoch nickte ich ihm dankbar zu.</p><p>�Bitte schildern Sie uns, was am Samstag vorgefallen ist�, sagte der Alderman und fuhr sich �ber die Glatze. �Aber fassen Sie sich bitte kurz.�</p><p>��Deine Rede sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was dar�ber ist, das ist vom �bel�, spricht der Herr�, sagte Eva Booth mit ihrer hellen und klaren Glockenstimme. �Daher in aller gebotenen K�rze: Der Mann ist unschuldig.�</p><p>�Er hat sie nicht bedroht?�, wunderte sich der Vorsitzende.</p><p>�Nein, das hat er nicht.�</p><p>�Er hat die Faust nicht gegen Sie oder den Constable erhoben?�</p><p>�Nein, er hat die Faust gegen Gott im Himmel erhoben�, antwortete Eva Booth und sch�ttelte missbilligend ihren Kopf. �Was ungleich schwerer wiegt, aber nicht vor einem weltlichen Gericht verhandelt werden sollte.�</p><p>�Aber Police Constable Rackley hat ausgesagt, dass er von dem Angeklagten t�tlich angegangen und k�rperlich bedroht worden sei.�</p><p>�Es mag sein, dass der Officer sich bedroht f�hlte und deshalb nicht ohne Grund handelte�, sagte Eva Booth und bedachte den Constable mit einem ebenso verbindlichen wie freundlichen L�cheln. �Ich danke ihm herzlich, dass er die vermeintliche Gefahr abwenden wollte, aber aus meiner Sicht hat eine solche Gefahr nicht bestanden. Es handelte sich um ein bedauerliches Missverst�ndnis. F�r das Mr. Ingram ganz gewiss nicht unverantwortlich war.�</p><p>�Ich hatte ihn gewarnt�, sagte Constable Rackley kleinlaut und zugleich ein wenig erleichtert. �Ich habe nur meine Pflicht getan.�</p><p>�Das haben Sie�, best�tigte Eva und legte ihm die Hand auf den Unterarm. �Das haben Sie ganz gewiss, Officer.�</p><p>Ich h�tte sie vor Freude und Dankbarkeit k�ssen m�gen. W�hrend meine Unbeherrschtheit lediglich Widerwillen und Missstimmung erzeugt hatte, gl�ttete sie mit wenigen Worten die Wogen und gab allen das beruhigende und erbauliche Gef�hl, sich richtig oder zumindest nicht falsch verhalten zu haben. Alle wahrten ihre Gesichter, niemand wurde verletzt, und allen war gedient.</p><p>�Eine Heilige und eine Hexe�, so hatte Simeon sie am Freitag genannt, und das Seltsame war, dass darin gar kein Widerspruch zu liegen schien.</p><p>�Sie wissen, dass Sie vor diesem Gericht die Wahrheit sagen m�ssen�, sagte Alderman Renals und fuhr sich nachdenklich �ber den Backenbart.</p><p>�Ich bin eine treue Dienerin Gottes, Sir, und das achte Gebot ist mir heilig�, antwortete Eva Booth nickend und setzte nach einer kurzen Pause hinzu: �Ich l�ge niemals.� Der feierliche Tonfall und der strenge Blick, mit denen sie diese drei Worte vortrug, lie�en keinen Widerspruch und keine weiteren Fragen zu.</p><p>Der Alderman nickte und l�chelte ebenfalls. Er gab sich geschlagen, ohne das Gef�hl zu vermitteln, geschlagen worden zu sein. Er richtete sich auf, r�ckte seinen Zwicker zurecht, klopfte mit dem Hammer auf den Tisch und sagte: �Bitte erheben Sie sich zur Urteilsverk�ndung.�</p><p>Und dann wurde ich freigesprochen.</p><empty-line/></section><section><p>3</p><p>Es dauerte fast eine geschlagene Stunde, bis ich endlich als freier Mann das Gerichtsgeb�ude verlassen konnte. Zun�chst musste ich geduldig auf der Anklagebank verharren, w�hrend den beiden Taschendieben der Prozess gemacht wurde. Das geschah allerdings in einem solchen Tempo und ohne Anh�ren der auf frischer Tat ertappten Angeklagten, dass der Alderman die Zeit, die er mit mir verplempert hatte, mehr als wettmachte. Anschlie�end wurde ich von einem knurrigen Gerichtsdiener in einen Raum im ersten Stock gef�hrt, wo ich allerlei Unterlagen und Papiere zu unterzeichnen hatte, deren Sinn mir weitestgehend verborgen blieb. Die Schriftst�cke waren in einem derartigen Kauderwelsch verfasst, dass ich sie vermutlich nicht verstanden h�tte, auch wenn ich sie gr�ndlich gelesen h�tte. Ich wollte nur raus und unterschrieb alles, was der B�ttel mir hinhielt. Anschlie�end mussten die Papiere von einem weiteren Beamten gegengezeichnet und mit einem Stempel der Stadt London amtlich gemacht werden. Erst dann wurde mir feierlich eine Kopie der Urkunde �berreicht. Der Gerichtsdiener w�nschte mir einen guten Tag.</p><p>�Kann ich gehen?�, fragte ich ihn.</p><p>�Sie sind ein freier Mann�, gab er gleichg�ltig zur�ck.</p><p>Als ich kurz darauf in den d�steren Guildhall Yard hinaustrat, schlug die Turmuhr der benachbarten Kirche dreimal. Ich sah gerade noch, wie Benjamin Graham in Begleitung zweier Uniformierter und umringt von einer Menschentraube einen vergitterten Polizeiwagen bestieg. Er war inzwischen an H�nden und F��en gefesselt und genoss sichtlich die allgemeine Beachtung. Bevor er in der vergitterten �Black Maria� verschwand, drehte er sich noch einmal um und winkte der johlenden und feixenden Menge zu, als h�tte er gerade eine Heldentat begangen. Er sah mich vor dem Eingang des Gerichts stehen und rief lachend: �Ich werde h�ngen, Ingram!�</p><p>�Das freut mich f�r dich!�, h�tte ich beinahe geantwortet, belie� es aber bei einem aufmunternden Kopfnicken. Die T�r des Wagens fiel ins Schloss, eine Peitsche knallte, und die Pferde setzten sich in Bewegung. In Richtung Holloway. Beim n�chsten Gerichtstermin vor einem weniger desinteressierten Richter w�rde der arme Graham vermutlich freigesprochen oder in eine Irrenanstalt �berwiesen werden.</p><p>Eva Booth hatte den Gerichtssaal kurz nach meinem Freispruch verlassen. Ich erwartete nicht, ihr am heutigen Tag noch einmal zu begegnen. Umso �berraschter und erfreuter war ich, als ich sie nun neben William und Gray vor dem Portal der Guildhall stehen sah. Sie war in ein Gespr�ch mit meinem Bruder vertieft und merkte zun�chst gar nicht, dass ich mich ihr von der Seite n�herte.</p><p>�Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Miss Booth�, sagte ich, als sie mich bemerkte und mit einem offenen L�cheln begr��te.</p><p>�Nicht mir, sondern Ihrem jungen Freund�, antwortete sie und deutete auf Gray, der verlegen zu Boden starrte. �Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Und h�tte man mich fr�her �ber den heutigen Prozess in Kenntnis gesetzt, w�re ich auch ohne pers�nliche Einladung erschienen.�</p><p>�Ich hatte bef�rchtet, Sie w�ren immer noch erz�rnt und w�rden es daher nicht ungern sehen, wenn ich bestraft w�rde.� Ich r�usperte mich und setzte leise hinzu: �Grund genug h�tten sie gehabt.�</p><p>�Was ich Ihnen am Samstag in aller Deutlichkeit gesagt habe, das habe ich auch so gemeint. Doch wer bin ich, jemanden auf ewig f�r eine S�nde zu verdammen. Jeder S�nder kann auf den rechten Weg zur�ckfinden. �Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet�, spricht der Herr.� Eva Booth deutete erneut auf Gray und wiederholte: �Danken Sie Ihrem jungen Freund, Mr. Ingram. Er hat mich daran erinnert, dass jedes Urteil ein Vorurteil sein kann. Und dass Schatten immer durch Licht entsteht. Genau wie in Ihrem Fall.�</p><p>Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, und sah Gray verwirrt an.</p><p>�Hab blo� die Wahrheit gesagt, Boss � �h, Sir�, sagte Gray, blickte �ngstlich zu William und grinste dann verschmitzt. �Nichts als wie die Wahrheit. Wie�s der Captain vor Gericht gesagt hat.�</p><p>�Es freut mich, dass ich helfen und ein Missverst�ndnis aus der Welt schaffen konnte�, sagte Eva Booth, nickte uns dreien zu und wollte sich verabschieden. �Leben Sie wohl, Mr. Ingram. Gott sei mit Ihnen und stehe Ihnen auf dem k�nftigen Pfad der Tugend bei.�</p><p>�Wann kann ich Sie wiedersehen?�, entfuhr es mir, und ich griff nach ihrer Hand. Wie gebannt starrte ich auf die rote Ringellocke, die immer noch unter ihrer schwarzen Haube hervorlugte.</p><p>Diesmal entzog sie mir ihre Hand nicht, doch ihre kalten und distanzierten Worte stie�en mir wie ein Messer ins Herz. �Sie k�nnen mich sehen, wann immer es Ihnen beliebt, Sir. Ich predige h�ufig und an vielen Orten�, sagte sie und l�chelte betont k�hl und unverbindlich. �Sie k�nnen unseren Zusammenk�nften und Gottesdiensten jederzeit beiwohnen, wenn Sie m�chten. Die Termine sind in unserer Armeezeitung vermerkt. Und vielleicht bringen Sie Ihre Verlobte mit. Ich w�rde mich sehr freuen, die Bekanntschaft der jungen Dame zu machen und auch ihr die Frohe Botschaft Christi zu verk�nden. Auf Wiedersehen, Sir!� Damit wandte sie sich um und ging davon.</p><p>Ich fuhr zu William herum, der mich mit einem triumphalen Grinsen im Gesicht anschaute und schlie�lich, als Eva Booth au�er H�rweite war, sp�ttisch hervorstie�: �<emphasis>Das</emphasis> ist der Grund f�r den ganzen Unfug? F�r deine pl�tzliche Abneigung gegen das Heiraten und die Familie Barclay? Eine Soldatin der Heilsarmee? Ausgerechnet! Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?�</p><p>�Du hast ihr von Meredith erz�hlt?�, fragte ich, ohne auf seine Anspielungen einzugehen. �Warum?�</p><p>�Warum nicht?�, antwortete er und sch�ttelte in einer Mischung aus Heiterkeit und Unverst�ndnis den Kopf. �Miss Wright Barclay wird bald deine Gattin sein. Schon vergessen? Du wirst mit ihr in Southwark wohnen, ganz in der N�he eurer pr�chtigen Brauerei, und dann k�nnt ihr euren ganzen Reichtum der Heilsarmee spenden, wenn euch danach ist.� Er lachte laut und abf�llig und winkte einem Hansom Cab, das gerade in den Yard gefahren kam. �Ich will ja gern zugeben, dass sie eine h�bsche Person ist, deine Miss Booth, aber mal ehrlich, Rup, ausgerechnet eine Salutistin? Was ist blo� in dich gefahren?�</p><p>�Sie ist nicht <emphasis>meine</emphasis> Miss Booth�, schleuderte ich ihm entgegen.</p><p>�Und sie wird es niemals sein, wenn mich nicht alles t�uscht�, antwortete er schroff, w�hrend er die Kutsche bestieg. �Und selbst wenn es so w�re! Meinen Segen hast du. Nimm dir so viele M�tressen, wie du willst. Mit Uniform oder ohne. Solange du Meredith Wright Barclay heiratest und dich nicht wie ein verdammter Halbw�chsiger benimmst.�</p><p>Den Schein wahren! Allein darum ging es. Jede Sch�ndlichkeit und jedes Laster waren erlaubt, solange sie heimlich vonstattengingen und niemand etwas davon mitbekam. Ich wusste, dass William seine Frau Betty seit Jahren mit einer Schneiderin aus der Bond Street hinterging, und vermutlich wusste sogar die brave Betty davon. Doch solange kein Wort dar�ber verloren wurde, wahrten alle das Gesicht, und dem Anstand war Gen�ge getan. Zum Trinken, Wetten und Spielen ging man in den Gentlemen�s Club, zum Herumhuren ins Bordell oder zu einer verschwiegenen M�tresse. Alles unter dem kuscheligen Deckmantel der Ehrenhaftigkeit. Dieselbe Heuchelei und Doppelmoral wurde nun auch von mir erwartet. Niemand rechnete ernsthaft damit, dass ich ein treuer Ehemann oder ehrbarer Gentleman sein w�rde, es wurde lediglich von mir verlangt, dass meine Untreue nicht ruchbar und mein flegelhaftes Benehmen nicht in die �ffentlichkeit getragen wurde. Und das widerte mich an. Wie ich mich auch selbst anwiderte, weil ich viel zu lange ein ebensolcher Heuchler und doppelz�ngiger Scharlatan gewesen war. Und immer noch war.</p><p>�Kommst du?�, fragte William, w�hrend er mir den Verschlag des Hansom Cabs aufhielt. �Oder willst du zur Salzs�ule erstarren?�</p><p>�Ich fahre mit Gray�, antwortete ich finster.</p><p>�Vater will dich sprechen�, sagte er und klappte den Verschlag zu. �Heute noch. Aber wasch dich vorher, und zieh dir was anderes an. Du stinkst wie ein Iltis.� Er lehnte sich aus dem Fenster und setzte eindringlich hinzu: �Glaub mir, Rup, seine Drohung war ernst gemeint! Du gehst auf d�nnem Eis, Bruderherz! Vaters Geduld ist am Ende, er wird dich vor die T�r setzen.�</p><p>�Sag ihm, ich sitze im Gef�ngnis! H�tte ohnehin nicht viel gefehlt.�</p><p>Wieder lachte er abf�llig und rief: �Du hast mehr Gl�ck als Verstand, Rup! Du wei�t gar nicht, wie viel Gl�ck du hast. Du hast die Freiheit gar nicht verdient.�</p><p>�Ich bin im Gef�ngnis, Will�, murmelte ich leise. �Du siehst die Gitterst�be nur nicht.� Doch selbst wenn er sie geh�rt h�tte, h�tte er den Sinn der Worte vermutlich nicht verstanden.</p><p>William klopfte ans Kutschendach, der Kutscher lie� die Peitsche knallen, und das Cabriolet verschwand durch den schmalen Durchlass in der Gresham Street.</p><p>�Pub, Boss?�, fragte Gray.</p><p>�Wie bitte?�, antwortete ich.</p><p>�Pub?�, wiederholte Gray und deutete auf die Guildhall Tavern, die sich gleich neben der Kirche von St. Lawrence Jewry befand. �Auf die Freiheit.�</p><p>�Pub!�, sagte ich und nickte. �Zum Teufel mit der Freiheit!�</p><p>Wir �berquerten den Yard und betraten die rauchgeschw�ngerte und ru�geschw�rzte Sch�nke, die um diese Uhrzeit erstaunlich gut besucht war. Vermutlich war die N�he zum Polizeigericht durchaus gesch�ftsf�rdernd, denn wer aus dem Gerichtssaal kam, hatte allen Grund zu trinken, sei es um zu feiern oder um seinen Kummer zu ers�ufen. Nachdem wir uns an einem Ecktisch niedergelassen und zwei Pints Porter bestellt hatten, fragte ich Gray: �Was hast du ihr erz�hlt?�</p><p>�Wem, Boss?�</p><p>�Dem Captain.�</p><p>�Nichts Besonderes�, meinte Gray und winkte ab, als w�re gar nichts geschehen. �Ich hab nur von meiner wundersamen Rettung erz�hlt.�</p><p>�Deiner Rettung?�, entfuhr es mir. �Du hast hoffentlich keinen Unfug verbreitet!�</p><p>�Nay, Governor, keine Bange�, antwortete er im breitesten Cockney-Slang, der bei ihm immer ein wenig aufgesetzt und �bertrieben klang. Wie bei einem Schauspieler auf der B�hne.</p><p>�Was hast du ihr erz�hlt?�</p><p>�Nur wie Sie mich aus dem verdammten Ten Bells geholt und nach Mayfair geschafft haben. Hab vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, damit�s h�bsch dramatisch klang. Aber richtig gelogen hab ich nicht. Der Captain konnte gar nicht genug davon h�ren. Vor allem weil�s um den Ten Bells Pub ging und um Mr. Waldron, den alten Sklaventreiber.�</p><p>�Miss Booth ist nicht gut auf den Wirt und seine Kneipe zu sprechen�, sagte ich, nahm die Biergl�ser vom Schankm�dchen in Empfang und stie� mit Gray an. �Sie ist �berhaupt auf Gastwirte und Alkohol nicht gut zu sprechen. Wie alle in der Heilsarmee. Prost, mein Junge!�</p><p>�Prost, Boss�, antwortete er und nahm einen kr�ftigen Schluck. �Wissen Sie eigentlich, wieso das Ten Bells so hei�t?�</p><p>�Ten Bells?� Ich dachte einen Moment nach und sagte: �Wegen der Glocken im Kirchturm der Christ Church nebenan?�</p><p>Er nickte anerkennend, grinste dann verschmitzt und sagte: �Es sind acht.�</p><p>�Acht <emphasis>was?</emphasis></p><p>�Acht Glocken. Im Turm von Christ Church.�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�War oben und hab sie gez�hlt�, antwortete er wichtigtuerisch. �Acht Glocken. Mehr nicht. Und nat�rlich die kleine Glocke �ber dem Eingang zur Kirche. Macht neun. Es gibt keine zehn Glocken. Es fehlt eine.�</p><p>�Na und?�, erwiderte ich und zuckte mit den Achseln. �Wahrscheinlich klingt Ten Bells eben sch�ner als Nine Bells.�</p><p>�Trotzdem�, beharrte er. �Alle denken, es gibt zehn Glocken in der Kirche. Nur weil die Kneipe so hei�t. Aber keiner macht sich die M�he nachzuz�hlen.�</p><p>�Keiner au�er dir.�</p><p>Er l�chelte stolz und ein wenig verlegen und sagte dann: �Das mit dem Ten Bells kam jedenfalls gut beim Captain an. Wie Sie mich aus den Klauen von Mr. Waldron befreit haben und so. Die Miss hat Sie anscheinend f�r so �ne Art Scheusal gehalten, ganz so direkt hat sie�s nat�rlich nicht gesagt, aber gemerkt hab ich�s doch. Als ich meinen Sermon von der Rettung aus dem Elend vom Stapel gelassen hatte, da hatte sie allerdings ganz gl�nzende Augen, dass ich fast selbst geheult h�tte, weil alles so jammervoll und herzergreifend war. Wie gesagt, ich hab vielleicht ein bisschen �bertrieben.�</p><p>�Hast dich zu einem zweiten Oliver Twist gemacht, was?�, lachte ich.</p><p>�Kenn ich nicht. Weder den ersten noch den zweiten.�</p><p>�Nicht so wichtig�, antwortete ich und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. �Du hast mir auf jeden Fall einen gro�en Gefallen getan, Gray.�</p><p>�Dann sind wir ja quitt�, antwortete er und lachte ebenfalls. �Wenn Sie wieder mal Hilfe mit den M�dels brauchen, sagen Sie nur Bescheid, Boss. Ich kenn mich mit den Weibsbildern aus. Hab schlie�lich vier Schwestern.�</p><p>�Wohnen die auch alle in London?�</p><p>�Gott bewahre!�, rief er und kramte einen Tabaksbeutel aus der Brusttasche seiner Weste. �Die sind alle noch in Bulverhythe, unten an der S�dk�ste. Das ist in der N�he von Hastings. Ich hab�s da nicht mehr ausgehalten und mich heimlich vom Acker gemacht. Das war vor zwei Jahren.�</p><p>�Du bist ganz allein nach London gegangen?�, wunderte ich mich und musste erneut an Oliver Twist denken. �Warum?�</p><p>�Immer noch besser, als zur See zu fahren und als Schiffsjunge schikaniert zu werden oder sich im Hafen den Buckel krumm zu schuften�, antwortete er achselzuckend und fischte eine Packung mit Zigarettenpapier aus der Hosentasche. �Pay-Pay�, stand in schn�rkeliger Schrift darauf. Ein seltsamer, aber entwaffnend ehrlicher Name, wie mir schien.</p><p>�Was ist mit deinen Eltern? Leben die noch?�</p><p>�Mutter vermutlich schon�, sagte er, drehte sich eine Zigarette und leckte �ber das Papier. �Aber Vaters blaue Visage liegt schon lange unter der Erde.�</p><p>�Blaue Visage?�, wunderte ich mich.</p><p>Er deutete auf sein riesiges Muttermal im Gesicht und setzte hinzu: �Ist ein Familienandenken. Vaters Gesicht sah genauso aus, und eine meiner Schwestern ist am ganzen K�rper so blau wie �ne reife Pflaume. Keine Ahnung, wo das herkommt. Scheint in der Maggott-Familie zu liegen.� Er lachte, z�ndete sich die Zigarette an einer Kerze an und sagte schmauchend: �Abwaschen l�sst es sich jedenfalls nicht.�</p><p>�Kann ich auch eine Zigarette haben?�, fragte ich. Meine letzte Zigarette hatte ich am gestrigen Abend mit Benjamin Graham in der Zelle am Snow Hill geteilt, und meine Lungen gierten nach dem beruhigenden Tabakrauch. Gray reichte mir den Beutel und das Papier, doch ich musste gestehen: �Ich kann das nicht.�</p><p>Er runzelte abf�llig die Stirn, hob dann die Achseln, reichte mir seine brennende Zigarette und drehte sich eine neue. Nachdem ich das angesabberte Ende abgeknipst hatte, nahm ich einen tiefen Zug und bekam augenblicklich einen derartigen Hustenanfall, dass ich mich verschluckte und kaum Luft bekam.</p><p>�Was ist das denn f�r ein Kraut?�, fragte ich schlie�lich, sp�lte mit Bier nach und sch�ttelte mich. �Das schmeckt ja wie nasses Matratzengras.�</p><p>�Matratzengras?�, fragte Gray irritiert. �Kann man das rauchen?�</p><p>Wieder einmal fiel mir auf, dass Gray nicht das geringste Gesp�r f�r Ironie hatte. Er hielt alles f�r bare M�nze und verstand selten einen Witz, weil er alles wortw�rtlich nahm. Das lag keineswegs daran, dass er dumm oder begriffsstutzig war, sondern hatte eher damit dazu, dass er eine viel zu ehrliche Haut war. Er sagte stets, was er meinte, und das Gleiche erwartete er von allen anderen. Ironie und Wortverdrehung passten nicht zu ihm, sie waren ihm wesensfremd. Ein durchaus sympathischer Zug, um den ich ihn jedoch nicht beneidete, denn die Unf�higkeit zur Falschheit w�rde ihm in dieser verlogenen Welt noch einige Scherereien einhandeln.</p><p>Ich erinnerte mich an das, was Eva Booth im Zeugenstand gesagt hatte: �Ich l�ge niemals.� In gewisser Weise waren sich Eva und Gray sehr �hnlich.</p><p>�Der Captain hat Ihnen ganz sch�n den Kopf verdreht, Boss.�</p><p>Ich fuhr aus meinen Gedanken auf und fragte: �Wie kommst du denn darauf?�</p><p>�Hab gesehen, wie Sie sie angeschaut haben. Den Blick kenn ich. So haben die Matrosen immer meine �lteste Schwester Emily angeschaut, wenn sie am Hafen rumlungerte und mit ihrem h�bschen Hintern wackelte.�</p><p>�Unfug!�, zischte ich und leerte mein Glas. �K�mmere dich um deinen eigenen Kram! Davon verstehst du nichts.�</p><p>�Ay, Sir! �tschuldigung, Boss�, antwortete er und starrte missmutig auf die Tischplatte. Pl�tzlich hellte sich sein Gesicht jedoch wieder auf. Er stie� eine Rauchwolke zur Decke und sagte: �Der Verr�ckte von St. Giles war �brigens wieder da. Hat in der Hofdurchfahrt gehockt und ans Fenster der Dienstbotenkammer geklopft.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Gestern.� Gray machte eine krause Miene, als erinnerte er sich an irgendetwas, und setzte hinzu: �Der Kerl war gar nicht �berrascht, als ich ihm erz�hlt hab, dass Sie im Knast sitzen. Als h�tt er nichts anderes erwartet.�</p><p>�Ich war nicht im Knast, sondern auf der Polizeiwache.�</p><p>�Meinetwegen�, sagte er und nickte.</p><p>�Was wollte er?�, fragte ich.</p><p>Gray zuckte mit den Schultern und sagte: �Es war die Mutter.�</p><p>�Welche Mutter?�</p><p>�Keine Ahnung. Das soll ich Ihnen blo� ausrichten, Boss. Dass es die Mutter war. Nicht die Tochter. Und dass er sie von einem Foto abgemalt hat.� Gray tippte sich mit dem Finger an die Stirn und setzte hinzu: �Fragen Sie mich nicht, was der alte Suffkopf damit gemeint hat. Mehr wollte er nicht sagen. Sie sollen sich bei ihm melden, wenn Sie wieder drau�en sind. Er war voll wie �ne Haubitze und hat f�rchterlich gelallt und herumkrakeelt. Von der Mutter und dem Foto und so.�</p><p>�Die Mutter�, antwortete ich und nickte. �Nat�rlich.�</p><p>Gray schaute mich an, als hielte er auch mich f�r verr�ckt.</p><p>�Lass gut sein, Gray�, sagte ich und hob abwehrend die Hand. �Das musst du nicht verstehen. Ich verstehe es ja selbst nicht.�</p><p>Gray schien erleichtert, doch zugleich war seinem Gesicht anzusehen, dass ihm eine Frage auf den Lippen lag.</p><p>�Nun r�ck schon raus damit!�, sagte ich.</p><p>�Was mir nicht in den Kopf will, Boss�, sagte er und trat seine Zigarette auf dem Boden aus, obwohl ein Aschenbecher auf dem Tisch stand. �Wieso malt jemand ein Foto ab? Ist das nicht irgendwie � nun ja, Unsinn?�</p><p>�Das ist eine gute Frage, Gray�, antwortete ich. �Eine sehr gute Frage.�</p><p>Gray l�chelte stolz, griff nach seinem Bierglas und sagte: �Danke, Boss.�</p><empty-line/></section><section><p>4</p><p>Obwohl ich tagelang Zeit gehabt hatte, mir �ber alles Gedanken zu machen und meine wirren und zusammenhangslosen �berlegungen in irgendeine Ordnung zu bringen, war ich weit davon entfernt, einen konkreten Plan zu haben oder eine Strategie zu verfolgen. Noch immer ging in meinem Kopf alles drunter und dr�ber, und obwohl ich wusste, dass dr�ngende Fragen zu beantworten und wichtige Entscheidungen zu treffen waren, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie diese Antworten aussehen w�rden. Ich wusste nicht, was ich tun wollte, sondern nur, was ich <emphasis>nicht</emphasis> wollte. Und das stand in krassem Widerspruch zu dem, was alle anderen von mir verlangten. Aus diesem Dilemma sah ich keinen Ausweg. Oder ich schreckte vor dessen drastischen Konsequenzen zur�ck. Denn eines war mir in den letzten Tagen klar geworden: Nichts von dem, was ich tat, blieb ohne Folgen. Vor dieser Einsicht die Augen zu verschlie�en wie ein kleines Kind, brachte mich der L�sung keinen Schritt n�her.</p><p>Bevor ich mich jedoch meiner Zukunft widmen konnte, wollte ich zun�chst ein hei�es Bad nehmen und den Dreck der vergangenen Tage abwaschen. Ich kam mir unrein und befleckt vor, und das hatte nicht allein mit der schmutzigen Haut, der entz�ndeten Wunde und den fettigen Haaren zu tun. Mehr noch als die Tatsache, dass ich niedergeschlagen, verhaftet und vor Gericht gestellt worden war, machte mir die Erkenntnis zu schaffen, dass ich f�r den Tod einer Frau mitverantwortlich, dass ich letzten Endes zum Handlanger eines M�rders geworden war. �Sie haben die Frau auf dem Gewissen�, hatte Eva Booth am Samstag an der Themse gesagt, und das Wissen um die Folgen meiner Handlungsweise qu�lte mich.</p><p>Die Erinnerung an jene Nacht vor drei Wochen war immer noch verschwommen und l�ckenhaft, doch das Bild der Elizabeth Stride war inzwischen vor meinem inneren Auge wieder aufgetaucht. Wenn ich an Long Liz dachte, sah ich eine verlebt und verh�rmt aussehende Frau mit struppigen, bereits angegrauten Haaren. Eine ausgemergelte und � trotz ihres Spitznamens � alles andere als gro�e Frau, die fr�her einmal h�bsch gewesen sein mochte, nun aber von Alkohol und Armut gezeichnet war. Ihre Haut war fahl und faltig, die oberen Schneidez�hne waren ihr bereits ausgefallen. Der Anblick ihres zahnlosen Oberbisses hatte mich davon abgehalten, mit ihr zu schlafen � daran glaubte ich mich inzwischen erinnern zu k�nnen. Ich hatte ihr den teuren Malzwhisky gegeben, ihrem geifernden Freund die versprochene Pfundnote in die Hand gedr�ckt und mich dann schleunigst davongemacht. Ich hatte mich vor der zahnlosen Elizabeth ebenso geekelt, wie ich mich nun vor mir selbst ekelte. Vielleicht weil ich mittlerweile wusste, dass ich dem Tod ins Gesicht geschaut hatte.</p><p>�Schaff hei�es Wasser nach oben, und lass mir eine Wanne ein!�, sagte ich zu Gray, als wir das Crown Hotel �ber den Hintereingang im Hof betraten. �Und bring mir alle Ausgaben der <emphasis>Times</emphasis> der letzten drei Wochen, die du im Salon oder im Raucherzimmer finden kannst!�</p><p>�So lange waren Sie doch gar nicht weg, Boss�, wunderte sich der Junge.</p><p>�Und auch die <emphasis>Evening News</emphasis>�, setzte ich hinzu, ohne auf seinen Einwand einzugehen. �Vor allem die Polizeimeldungen.�</p><p>�Ay, Sir�, antwortete er, bedachte mich mit einem schiefen Blick und verschwand in der K�che, w�hrend ich mich ins Dachgeschoss zu meiner Mansarde begab.</p><p>Die kleine Dachkammer mit den schiefen W�nden und der niedrigen Decke war vielleicht das einzige Zuhause, das ich jemals gehabt hatte. Meine �Trutzburg�, wie ich sie William gegen�ber mitunter scherzhaft nannte. Meine �R�uberh�hle�, wie er sie abf�llig bezeichnete. Und doch h�tte ich sie niemals gegen eine der ger�umigen Suiten im Hotel getauscht, in denen es flie�endes Wasser, elektrisches Licht und einen Telefonanschluss gab.</p><p>Umso entsetzter war ich daher, als ich nun feststellen musste, dass man mir meine Burg genommen hatte. Beim Betreten des Wohnzimmers r�hrte mich beinahe der Schlag � ich konnte nicht glauben, was ich sah. Das Zimmer war vollst�ndig leerger�umt. S�mtliches Inventar war wie vom Erdboden verschluckt, nur das unbezogene Bett und ein leerer Schrank waren �brig geblieben. Die Bilder an den W�nden waren verschwunden, ebenso wie der Weidenkoffer unter dem Bett, meine B�cher hatte man samt dem Regal entfernt, selbst der kleine Petroleumkocher, auf dem ich mir hin und wieder einen Kaffee oder Tee gekocht hatte, war unauffindbar. Nur eine frisch gest�rkte Abendgarderobe hing �ber einem B�gel vor dem Dachfenster, und ein loser Briefbogen lag auf dem Bett. Darauf stand in Williams schn�rkelloser Kontoristenschrift: �Deine Sachen sind im Hatchett�s. Vater w�nscht, dass du bis zu deiner Hochzeit bei ihm im Hotel wohnst. Sei um sieben Uhr zum Abendessen dort. P�nktlich! Und keine M�tzchen. Wir m�ssen reden.�</p><p>Bei Vater im Hatchett�s! Das klang ungef�hr so verlockend wie: mit Meredith Wright Barclay in Southwark. Oder: in einer Zelle der Polizeiwache am Snow Hill. Vater machte also ernst. Die Schlinge um meinen Hals zog sich immer enger zu, und ich hatte das beklemmende Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich erstickte. Ich wurde erstickt!</p><p>�Hei�es Wasser, Sir!�, rief Gray, als er, ohne anzuklopfen, mit zwei dampfenden Eimern ins Zimmer kam. �Das kalte hole ich gleich aus der Dienstbotenk�che.�</p><p>�Danke, Gray.� Ich nickte und deutete zur T�r der winzigen Abstellkammer, in der ich vor einiger Zeit eine emaillierte Sitzbadewanne hatte aufstellen lassen. Dann lachte ich und setzte hinzu: �Oder haben sie die Wanne auch hinausgetragen?�</p><p>�Die war vermutlich zu schwer�, antwortete Gray mit ernster Miene.</p><p>�H�ttest mich ruhig warnen k�nnen�, sagte ich vorwurfsvoll.</p><p>�H�tte auch nichts ge�ndert, oder?�, erwiderte er und schob die Unterlippe vor.</p><p>Ich nickte und nahm ihm die Eimer ab. �Um das restliche Wasser k�mmere ich mich. Geh hinunter und schau nach den Zeitungen.�</p><p>�<emphasis>Times</emphasis> und <emphasis>Evening News</emphasis>�, rief Gray eilfertig. �Kommt sofort, Boss!�</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter sa� ich in der halb gef�llten Wanne und schrubbte im Schein einer �llampe meine Haut mit einer harten B�rste, bis sie rot leuchtete und wie Feuer brannte. Erst jetzt bemerkte ich die Vielzahl von Bissstellen, blauen Flecken und kleineren Wunden, vor allem an den Unterarmen und Beinen, die wie die t�towierten Gliedma�en eines Matrosen aussahen. Doch erst beim Blick in den Spiegel fuhr ich erschrocken zusammen. Der Rattenbiss an meinem Muttermal war zu einem regelrechten Furunkel geworden und hatte sich eitrig entz�ndet. Jede Ber�hrung der Wange tat h�llisch weh. Beim Versuch, die Wunde zu s�ubern, stiegen mir vor Schmerz die Tr�nen in die Augen.</p><p>�Sieht nicht gut aus�, hatte Gray am Morgen auf seine unnachahmlich schlichte Weise gesagt. Und jetzt wusste ich, dass er recht gehabt hatte. Es sah nicht gut aus! Wenn ich keine Blutvergiftung riskieren wollte, musste ich dringend Karbols�ure oder Jodtinktur aus der Apotheke besorgen. Oder die Wunden zumindest mit Alkohol behandeln.</p><p>Nachdem ich mich gewaschen, vorsichtig rasiert, die Wunden mit Brandy abgetupft, das Muttermal mit Mullpflaster bedeckt und die bereitgelegte Kleidung angezogen hatte, f�hlte ich mich nicht gerade wie neugeboren, doch zumindest stank ich nicht mehr, und der Ekel vor mir selbst hatte ein wenig nachgelassen. Gray hatte s�mtliche Zeitungen gebracht, die er im Salon hatte finden k�nnen, und half mir dabei, sie nach Berichten �ber die j�ngsten Morde im East End zu durchforsten. Ich nannte ihm die Namen der Personen, auf die es mir besonders ankam. Er schien sich nicht dar�ber zu wundern, sondern sagte lediglich: �Gehen Sie jetzt auch auf Ripper-Jagd? Machen mittlerweile viele. Ist so �ne Art Volkssport geworden.�</p><p>�Das �berlass ich lieber der Polizei�, antwortete ich. �Schau nach, ob du etwas �ber Elizabeth Stride und ihren Freund Michael entdeckst. Oder �ber das Frauenasyl in der Hanbury Street. Alles, was mit den Morden zu tun hat.�</p><p>�Sie sollten lieber den <emphasis>Star</emphasis> lesen�, meinte Gray. �Die haben jeden Tag was �ber den Ripper gebracht. Hat sich anscheinend gut verkauft.�</p><p>�Den <emphasis>Star</emphasis> f�hren wir in unserem Hotel nicht�, antwortete ich und griff nach den Zeitungen. Zwar waren die Ausgaben der <emphasis>Times</emphasis> nicht mehr vollst�ndig vorhanden, und von der weniger seri�sen <emphasis>Evening News</emphasis> hatte Gray lediglich drei Seiten als Z�ndpapier vor dem Kamin gefunden, doch auch so reichte die Lekt�re, um mir einen groben �berblick �ber das Geschehen der letzten Wochen im Allgemeinen und der Nacht vom 29. auf den 30. September im Besonderen zu verschaffen: Vier Frauen waren seit dem 31. August im East End get�tet und anschlie�end grausam verst�mmelt worden. Sie alle waren Prostituierte oder Gelegenheitshuren gewesen und dem Ripper an einem Wochenende in die H�nde geraten. Der M�rder hatte den Frauen zun�chst die Kehle durchgeschnitten und sie anschlie�end regelrecht zerst�ckelt, wobei die Brutalit�t und die Verst�mmelungen von Mal zu Mal zugenommen hatten � als w�rde er sich in einen Rausch oder Furor morden.</p><p>Vor allem der bislang letzte Mord an einer gewissen Catharine Eddowes besch�ftigte die Zeitungen. Der Ripper war dabei so bestialisch und grausam vorgegangen, dass mich allein die n�chterne Beschreibung der Tat erschaudern lie�. In der <emphasis>Times</emphasis> vom 1. Oktober wurde detailliert ausgef�hrt, dass der M�rder der toten Frau nicht nur den Bauch aufgeschlitzt und die Organe entnommen, sondern auch das Gesicht bis zur v�lligen Unkenntlichkeit zerschnitten hatte. In der Ausgabe vom vergangenen Freitag hie� es zudem, der Vorsitzende der B�rgerwehr, ein �rtlicher Gesch�ftsmann namens George Lusk, habe vom Ripper ein makaberes P�ckchen mit einer halben menschlichen Niere erhalten. Vermutlich stammte die Niere von der ermordeten Eddowes, so behauptete es zumindest der Absender. Und �berschrieben war der beiliegende Brief mit den Worten: �Aus der H�lle�.</p><p>Nie zuvor hatte ich etwas derartig Blutr�nstiges und Grausames gelesen. Ich konnte nicht fassen, zu welchen Bestialit�ten ein einzelner Mensch f�hig war. Wie ein rei�endes Raubtier war der Ripper �ber die Frauen hergefallen, doch w�hrend die meisten Raubtiere nur t�teten, um ihr eigenes �berleben zu sichern, hatte der Unbekannte aus reiner Mordlust ein Menschenleben vernichtet. Und gerade weil es keinen erkennbaren Grund gab, die Frauen zu ermorden, weil es offenbar keinerlei pers�nliche Beziehungen zwischen dem Ripper und seinen Opfern gab, lief das Scheusal nach wie vor frei herum und w�rde vermutlich auch weiterhin morden.</p><p>Die Lekt�re schlug mir nach kurzer Zeit auf den Magen und lie� das mulmige Gef�hl, das ich wegen des bevorstehenden Abendessens mit meinem Vater ohnehin schon versp�rte, zu einer heftigen �belkeit werden. Dann jedoch erinnerte ich mich an den eigentlichen Zweck der Lekt�re und versuchte, die garstigen Details der Morde zu ignorieren. Ich musste mich zwingen, mich nur auf die Fakten im Fall Elizabeth Stride zu konzentrieren, denn nur ihre Ermordung interessierte mich. Wegen ihres Todes trug ich das Kainsmal, wie Miss Booth es genannt hatte.</p><p>Mir fiel eine Bemerkung meines seltsamen Hauptmieters im Miller�s Court ein. Edmund hatte davon gesprochen, dass Long Liz, anders als die anderen Frauen, nicht verst�mmelt worden war. �Nur die Gurgel durchgeschnitten�, hatte er gesagt, �und nichts von der Leiche mitgenommen.� Diese Aussage fand ich durch die Berichte in den Zeitungen best�tigt. Der M�rder hatte ihre Kehle durchtrennt, wie er es auch bei den drei anderen Frauen getan hatte, aber ihren Unterleib hatte er nicht angetastet. Er hatte sein Opfer weder aufgeschlitzt noch anderweitig verst�mmelt. Dennoch schien niemand daran zu zweifeln, dass Long Liz ein Opfer des Rippers geworden war.</p><p>Eine weitere Besonderheit im Fall Long Liz war, dass in jener Nacht vom 30. September in den ersten beiden Stunden nach Mitternacht gleich zwei Frauen ermordet wurden: zun�chst Liz in der Berner Street in Whitechapel und dann, nicht einmal eine Stunde sp�ter, auf ungleich brutalere Weise, Catharine Eddowes am Mitre Square, unweit vom Bahnhof Aldgate. Unter Polizisten und Journalisten herrschte Konsens, dass der M�rder bei Elizabeth durch ein herannahendes Pferdefuhrwerk gest�rt worden war, bevor er die Verst�mmelungen durchf�hren konnte, und dass er deshalb gleich anschlie�end, weniger als eine Meile vom ersten Tatort entfernt, ein weiteres Mal mordete und diesmal umso bestialischer vorging.</p><p>Das klang keineswegs unlogisch und ergab aus T�tersicht sogar Sinn, aber dennoch blieb die Tatsache bestehen, dass sich der Mord an Elizabeth Stride auffallend von den anderen Gr�ueltaten unterschied. Und es wunderte mich, dass bislang niemand nach einem anderen Grund f�r den Doppelmord des 30. September gesucht hatte � zum Beispiel einem zweiten M�rder.</p><p>Irgendwo in der N�he schlugen die Glocken einer Kirche. Ich fuhr erschrocken zusammen, als Gray mich antippte und sagte: �Es ist sieben, Boss.�</p><p>Fast im selben Augenblick stand William in der T�r, betrachtete uns mit sichtlichem Unverst�ndnis und fauchte: �Wo bleibst du denn? Was treibt ihr hier?�</p><p>�Was habt <emphasis>ihr</emphasis> hier getrieben?�, antwortete ich und deutete auf das leere Zimmer.</p><p>�Aufger�umt�, sagte er lapidar. �Also? Wie lange willst du Mr. Barclay noch warten lassen?�</p><p>�Mr. Barclay?�, entfuhr es mir, und nun wurde mir noch flauer in der Magengegend. �Was will der denn hier?�</p><p>�Er ist aus Southwark her�bergekommen, um mit dir zu sprechen. Er hat sogar ein Geschenk f�r dich mitgebracht. Wir sitzen bereits alle beim Dinner. Beeil dich, Rupert! Und du!�, wandte er sich pl�tzlich an Gray und deutete mit dem Daumen �ber seine Schulter, �scher dich nach unten, sonst mach ich dir Beine!�</p><p>�Ay, Sir!�, rief der Junge und sprang auf die F��e. Im Hinausgehen, w�hrend er sich noch vor William duckte, als bef�rchte er von ihm Schl�ge, rief er mir zu: �Hab noch was gefunden, Boss. Wegen der langen Liz und ihrem Freund. Michael Sowieso. Hatten Sie nicht gesagt, dass ich danach gucken soll?� Er deutete auf eine Ausgabe der <emphasis>Times</emphasis>, die er auf dem Boden ausgebreitet hatte, nickte mir zu und verschwand nach unten.</p><p>�Was ist jetzt?�, fragte William. �Kommst du?�</p><p>�Ich bin gleich so weit�, antwortete ich und versuchte, meine Aufregung zu verbergen. �Geh schon mal runter und warte in der Lobby auf mich!�</p><p>�Mensch, Rupert, �bertreib es nicht!�, schnaufte William kopfsch�ttelnd und ging widerwillig hinaus.</p><p>Sobald die T�r geschlossen war, st�rzte ich mich auf die besagte Zeitung. Es war die Ausgabe vom 4. Oktober. Fast auf Anhieb sprang mir ein Name ins Auge: Michael Kidney. Der Artikel war recht lang, trug die �berschrift �Die East End Morde� und befasste sich vor allem mit der gerichtlichen Untersuchung des Mordes an Elizabeth Stride durch den zust�ndigen Coroner der Grafschaft Middlesex am Tag zuvor. Verschiedene Zeugenaussagen wurden zusammengefasst oder zitiert, und ein nicht geringer Teil des Textes bestand aus der w�rtlichen Wiedergabe der Vernehmung des Hafenarbeiters Michael Kidney, wohnhaft in der Dorset Street 38, Spitalfields.</p><p>Mein finsterer Freund Michael! Oder Mika, wie Long Liz ihn der Heilsarmee gegen�ber genannt hatte. Elizabeths eifers�chtiger Zuh�lter. Ein W�terich, so hatte die Hure Ginger ihn genannt.</p><p>Michael Kidney best�tigte laut Zeitungsbericht dem untersuchenden Beamten, dass es sich bei der Toten um Elizabeth Stride handele, mit der er in den letzten drei Jahren fast durchgehend zusammengewohnt hatte. Seltsamerweise konnte er dem Coroner nicht genau sagen, wie alt seine Freundin war; er sch�tzte ihr Alter auf sechsunddrei�ig bis achtunddrei�ig Jahre. Sie sei Schwedin gewesen und in Stockholm geboren, au�erdem sei sie Witwe gewesen. Ihr Mann, ein gewisser John Stride, sei bei einem Schiffsungl�ck auf der Themse ums Leben gekommen. Der Coroner wollte wissen, ob Michael kurz vor Elizabeths Tod einen handgreiflichen Streit mit ihr gehabt habe. Eine Zeugin habe ausgesagt, die Tote habe sich von ihrem Freund getrennt, sei bei ihm ausgezogen und habe sich deshalb mit ihm auf offener Stra�e gestritten. Michaels Antwort darauf und der weitere Verlauf der Vernehmung erschienen mir in der Tat bemerkenswert:</p><p>�Zeuge: Nein, ich habe mich nicht mit ihr gestritten. Ich sah die Verstorbene zuletzt am Dienstag vor einer Woche.</p><p>Coroner: Hatten Sie da einen Streit?</p><p>Zeuge: Nein. Ich habe mich von ihr verabschiedet und bin zur Arbeit gegangen.</p><p>Coroner: Haben Sie sie danach noch einmal gesehen?</p><p>Zeuge: Nein. Ich habe sie nicht wiedergesehen. Erst wieder, als ich ihren K�rper im Leichenschauhaus identifizieren musste.</p><p>Coroner: Glauben Sie, dass sie an jenem Dienstag mit einem anderen Mann weggegangen ist?</p><p>Zeuge: Das glaube ich nicht, denn sie mochte mich mehr als alle anderen. Ich habe sie so behandelt, als w�re sie meine Frau gewesen. Es war der Alkohol, der sie manchmal weggehen lie�. Doch sie ist immer von allein zur�ckgekommen, ohne dass ich ihr hinterhergehen musste.�</p><p>�Dienstag vor einer Woche�, demnach am 25. September. An diesem Tag wollte Michael Kidney seine Freundin zum letzten Mal gesehen haben. Dabei hatte er drei Tage sp�ter gemeinsam mit mir vor dem Heim in der Hanbury Street gestanden und so lange herumkrakeelt, bis die bedauernswerte Elizabeth schlaftrunken aus dem Haus getreten war. Einen Tag vor ihrer Ermordung. Doch vor dem Coroner hatte Michael das mit keinem Wort erw�hnt. Auch die Heilsarmee und die Tatsache, dass Elizabeth zwischenzeitlich Zuflucht im Frauenasyl gefunden hatte, tauchte in seiner Aussage nicht auf.</p><p>Er hatte den Coroner angelogen. Oder zumindest einen nicht unwesentlichen Teil der Wahrheit verschwiegen. Fragte sich nur, aus welchem Grund! Ich nahm mir vor, Michael Kidney bei unserem n�chsten Zusammentreffen mit genau dieser Frage zu konfrontieren. Falls ich ihn jemals wiedersehen sollte.</p><empty-line/></section><section><p>5</p><p>William wartete in der Lobby auf mich und hakte sich bei mir ein, als h�tte er Angst, ich k�nnte ihm andernfalls noch entwischen. �Wir sind sp�t�, sagte er und schleifte mich regelrecht zum Hatchett�s. Ich kam mir vor wie ein Rindvieh, das zur Schlachtbank gef�hrt wurde und das gleichzeitig M�he hatte, mit seinem Schlachter Schritt zu halten. So hastete ich in Williams Schlepptau die Dover Street entlang zur Piccadilly, die wenigen Stufen hinauf zum Eingang des Hotels, durch die Fl�gelt�r und wortlos an Bellamy und der Rezeption vorbei, die breite Treppe hinauf in den ersten Stock und schlie�lich den Flur entlang bis zu den Gem�chern meines Vater. Ein Etagendiener �ffnete die T�r, William schob mich hinein, und ehe ich mich versah, stand ich im Speisezimmer an der festlich gedeckten Tafel und wurde von s�mtlichen Mitgliedern der Familie Ingram sowie von einem jovial grinsenden Mr. Barclay mit gro�en Augen und leisem Raunen begr��t.</p><p>�Ah, da ist ja der Bengel�, sagte mein Vater, der am Kopfende des langen Tisches sa� und herzhaft lachte, als w�re �berhaupt nichts vorgefallen. �Immer der Letzte bei Tisch und anschlie�end der Erste im Rauchersalon. Das wird Meredith ihm noch austreiben m�ssen.�</p><p>�Unp�nktlichkeit ist das Vorrecht der Jugend, mein lieber Harvey�, sagte Mr. Barclay, der im steifen Cutaway neben meinem ebenso feierlich gekleideten Vater sa� und mir den Stuhl zu seiner Linken anbot. �Wir sollten nicht so streng mit den jungen Leuten sein. Hauptsache ist doch, dass dein Sohn jetzt da ist. Guten Abend, Rupert.�</p><p>�Was f�r eine sch�ne �berraschung, Sir�, log ich und setzte mich neben ihn.</p><p>��berraschung?�, wunderte er sich und zupfte an seinem Backenbart. �Aber so haben wir es doch am Donnerstag besprochen. Ich habe s�mtliche Papiere dabei. Mein Londoner Anwalt hat sie heute durchgesehen und f�r unterschriftsreif erkl�rt.�</p><p>Ich schluckte und nickte. Gleichzeitig hatte ich das dringende Bed�rfnis, diesen Raum fluchtartig zu verlassen. �ber den Tisch zu springen und das Weite zu suchen. Auf der Stelle!</p><p>�Ich habe dir �brigens noch eine Kleinigkeit mitgebracht�, sagte Mr. Barclay, l�chelte geheimnisvoll und klopfte mir auf den R�cken. �Alles in Ordnung, mein Junge? Du siehst blass aus.� Er deutete auf das Wundpflaster auf meiner Wange und fragte: �Hast du dich beim Rasieren geschnitten?�</p><p>�So was �hnliches�, antwortete ich.</p><p>�Alles bestens�, mischte sich mein Vater ein. �Die Vertr�ge k�nnen wir sp�ter bei einer guten Zigarre besprechen und unterschreiben. Finanzen und Gesch�fte haben bei Tisch nichts zu suchen.�</p><p>�Wie geht es Meredith?�, fragte ich, um �berhaupt etwas zu sagen, und r�usperte mich. �Ich hoffe doch, es sind alle wohlauf in Bury Hill.�</p><p>�Blendend, ganz blendend�, antwortete Mr. Barclay und nippte an seinem Weinglas. �Meredith l�sst ganz herzlich gr��en. Der kleine Robert ist ein wenig erk�ltet, aber es ist nichts, um das man sich Sorgen machen m�sste. Ein robuster Junge, ganz wie sein Vater.� Er lachte �ber seinen Witz, und alle lachten mit.</p><p>�Das freut mich zu h�ren�, sagte ich und bekam von einem Kellner den Suppenteller gef�llt. Es gab H�hnersuppe mit Grie�kl��chen. Das erste anst�ndige Essen seit mehreren Tagen, bei dessen Anblick und Geruch mein Magen h�rbar jubilierte. W�hrend ich die Suppe vornehm schl�rfte, obwohl ich sie am liebsten in mich hineingeschaufelt h�tte, ging mein Blick zu meinem Vater, der mich seinerseits mit stechenden Augen und bedrohlich l�chelndem Mund beobachtete. W�hrend er bem�ht war, das belanglose verbale Gepl�nkel, das bei einem Dinner �blich war, nicht abebben zu lassen, gab er mir mit seiner lauernden Miene zu verstehen, dass ich unter strengster Beobachtung stand. Es war offenkundig, dass Mr. Barclay keine Ahnung hatte, wo ich die letzten Tage verbracht hatte, und dass er es auf keinen Fall erfahren sollte. Vaters Blick befahl mir, dar�ber gef�lligst meinen Mund zu halten. Ein Wunsch, dem ich nur zu gerne nachkam.</p><p>W�hrend die verschiedenen G�nge aufgetragen, das Geschirr und Besteck gewechselt und die Gl�ser von eifrigen Kellnern gef�llt wurden, herrschte angeregte Konversation. Bald tauschten man sich �ber das Wetter, bald �ber die Londoner Saison und den zunehmenden Verkehr auf Englands Stra�en und Schienen aus. Auch das Thema Bier durfte nat�rlich nicht fehlen, und Mr. Barclay erntete die geb�hrende Portion Lob f�r sein florierendes Unternehmen. Au�er meinem Vater und Mr. Barclay waren noch William und seine Frau Betty sowie Mortimer und dessen Frau Deborah anwesend. Die Kinder, die grunds�tzlich nicht bei einem Dinner zugegen waren, a�en mit den Kinderfrauen in einem der Nebenr�ume.</p><p>Obwohl es mir normalerweise nicht schwerfiel, oberfl�chlich zu parlieren und h�bsch formulierte Belanglosigkeiten von mir zu geben, kam an diesem Abend kein vern�nftiger oder gar pointierter Satz �ber meine Lippen. Ich �berlie� es den anderen, die Suppe, den Fisch, den Truthahn und den Pudding mit Floskeln und Bonmots zu garnieren. Hin und wieder fing ich die neugierigen Blicke der beiden Ingram-Frauen auf, die nat�rlich wussten, was geschehen war und wo ich die letzten Tage verbracht hatte. Es war offensichtlich, dass sie es emp�rend und unerh�rt fanden. Allerdings auch unerh�rt aufregend.</p><p>Mortimer unternahm w�hrend des Essens mehrfach den Versuch, Mr. Barclay auf seine Kaffeehauspl�ne anzusprechen, und wurde dabei tatkr�ftig von Deborah unterst�tzt, die darauf hinwies, dass ihr Daddy ihnen beim Einkauf des Kaffees selbstverst�ndlich Sonderkonditionen anbieten w�rde. Doch unser Vater unterband diese ungeb�hrlichen gesch�ftlichen Avancen stets auf dieselbe gebieterische Weise: �Sp�ter, Mortimer! Nicht bei Tisch!�</p><p>Obgleich das Essen hervorragend schmeckte und ich einen wahren Hei�hunger hatte, konnte ich das Dinner nicht genie�en. Stets musste ich daran denken, was nach dem letzten Gang auf mich wartete: die Unterschrift unter einen Vertrag, der meine Zukunft als Southwarker Brauer besiegeln w�rde. Der Gedanke an die Papiere, die Mr. Barclay mitgebracht hatte, lie� meinen Appetit versiegen. Gleichzeitig jedoch versuchte ich das Essen angesichts der drohenden Gefahr durch st�ndiges Nachf�llen und Nachlegen k�nstlich zu verl�ngern. Als ich den Kellner um eine dritte Portion des Yorkshire-Puddings bitten wollte, obwohl mir von dem Zuckersirup bereits der Gaumen klebte, riss meinem Vater der Geduldsfaden. Er warf die Serviette auf den Tisch und rief: �Zu den Zigarren!�</p><p>Wie auf Befehl standen Betty und Deborah augenblicklich auf, verabschiedeten sich f�r den Moment und begaben sich in den Salon, wo sie auf die Herren warten w�rden, die nun nach alter englischer Sitte im Raucherzimmer bei einer guten Zigarre und einem Brandy �ber Politik, Kultur und Sport debattieren w�rden, ob ihnen danach zumute war oder nicht.</p><p>Auf dem Weg ins angrenzende Raucherzimmer fasste Mr. Barclay mich an der Schulter, hielt mich zur�ck und �berreichte mir ein in buntes Papier gewickeltes Paket mit den Worten: �Hab am Donnerstag gemerkt, dass es dir gefallen hat. Ich w�nsche viel Spa� damit!�</p><p>Ich verstand nicht recht, riss das Papier auf und konnte kaum fassen, was ich in den H�nden hielt: Oscar Wildes �Poems�. Jene Erstausgabe, die ich am Donnerstag um ein Haar aus Mr. Barclays Bibliothek gestohlen h�tte.</p><p>�F�r mich?�, rief ich und sch�ttelte den Kopf. �Das k�nnen Sie nicht machen.�</p><p>�Nat�rlich kann ich das�, antwortete er und lachte schallend. �Es geh�rt mir ja. Jetzt nat�rlich nicht mehr. Ich habe gesehen, wie verliebt du das B�chlein angeschaut hast, darum schenke ich es dir.�</p><p>�Dieses Buch ist eine absolute Rarit�t�, erwiderte ich und wollte ihm das kostbare Pr�sent zur�ckgeben. �Nur wenige hundert Exemplare sind von dieser Ausgabe erschienen. Das kann ich nicht annehmen.�</p><p>�Ach was!�, wehrte Mr. Barclay ab und machte eine abf�llige Handbewegung, als ginge es um eine blo�e Lappalie. �Bleibt ja in der Familie. Ich kann mit dem Geschreibsel von diesem affektierten Iren ohnehin nichts anfangen. V�llig �bersch�tzt, der Mann. Und so aufdringlich. Er hat mir das Buch bei irgendeinem Empfang in die Hand gedr�ckt und vermutlich gehofft, ich w�rde mich in meinen Kreisen f�r ihn verwenden. Hab drin gebl�ttert, fand es f�rchterlich. Gedichte! Braucht kein Mensch.� Er lachte, klopfte mir auf den R�cken und sagte: �Aber wenn es dir gef�llt, Rupert. Bitte sehr!�</p><p>�Vielen Dank, Sir�, war alles, was ich sagen konnte. Ich kam mir wie ein ganz gemeiner Hund vor. Er schenkte mir ganz nebenbei einen literarischen Schatz, und ich spielte zur gleichen Zeit mit dem Gedanken, die Verlobung mit seiner Nichte aufzul�sen.</p><p>�Nicht der Rede wert�, meinte Mr. Barclay und verdrehte gespielt die Augen. �Werde das Buch nicht vermissen.� Er klatschte in die H�nde, um das Thema zu beenden, betrat das Raucherzimmer und rief: �So! Und jetzt m�chte ich gern eine von deinen Habanos, Harvey. Hast du noch eine von den k�stlichen Partag�s-Zigarren, die ich beim letzten Mal geraucht habe?�</p><p>�Mal schauen�, sagte mein Vater und �ffnete den Humidor aus Spanischem Zedernholz, der f�r ihn wichtiger war als der Tresor in seinem B�ro. Er holte einige Kistchen heraus, begutachtete sie, sch�ttelte bedauernd den Kopf und legte sie dann zur�ck. �Tut mir leid, Robert. Vielleicht sind dr�ben im B�ro noch welche.�</p><p>Mortimer, der bereits in einem Lehnsessel Platz genommen hatte, sprang auf, um �ber den Flur zu gehen und nachzuschauen, doch Vater hielt ihn mit einer Handbewegung zur�ck und wandte sich an mich: �Rupert, mein Junge, gehst du bitte hin�ber und schaust nach, ob im Reisehumidor neben dem Schreibtisch noch eine Partag�s f�r deinen Schwiegeronkel ist?�</p><p>�Gerne�, antwortete ich und zuckte unmerklich bei der Bezeichnung �Schwiegeronkel� zusammen. Gleichzeitig hatte ich das Gef�hl, dass Vater mich nicht nur wegen der kubanischen Zigarren ins B�ro geschickt hatte. Und tats�chlich: Kaum hatte ich den Flur betreten und die gegen�berliegende T�r zum B�ro ge�ffnet, schon stand er hinter mir und schubste mich regelrecht in den Raum.</p><p>�Ich m�chte von dir eine Entschuldigung h�ren! Und zwar sofort!�, fauchte er und schloss die T�r hinter sich. Es war nun v�llig dunkel im Raum, und nur das gelbliche Licht der Stra�enbeleuchtung erhellte das B�ro so weit, dass man vage Umrisse und Schemen erkennen konnte.</p><p>�Eine Entschuldigung?�, antwortete ich und ging zum Fenster. �Ich wurde freigesprochen, Vater. Soll ich mich daf�r entschuldigen, dass ich ohne Anlass verhaftet wurde und tagelang in einer Zelle sa�?�</p><p>�Ich erwarte eine Entschuldigung daf�r, dass du uns in diese missliche Lage gebracht hast�, sagte er und blieb vor der T�r stehen, als bef�rchtete er, ich k�nnte sonst Rei�aus nehmen. Eine keineswegs unbegr�ndete Furcht.</p><p>�Ihr wart in einer misslichen Lage?�, lachte ich bitter auf und starrte hinaus auf die breite, selbst um diese Uhrzeit noch verstopfte Piccadilly. �Und was war ich? Im Erholungsurlaub? Wenn ihr so unter der Situation gelitten habt, warum habt ihr mich dann nicht aus der Zelle geholt?�</p><p>�Auf der Polizeiwache?�, erwiderte er und schnaufte abf�llig. �Mit Waffengewalt? Oder wie stellst du dir das vor? Eine Kaution wird erst vorm Polizeigericht verhandelt, wie du inzwischen eigentlich wissen solltest.�</p><p>�Dir w�re es doch nur recht gewesen, wenn sie mich nach Holloway geschickt h�tten!�, rief ich aufgebracht und wandte mich ihm zu. Meine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gew�hnt, und ich erkannte sein grimmiges, vollb�rtiges Gesicht. Ich trat n�her an meinen Vater heran und setzte hinzu: �Wenn Miss Booth nicht gewesen w�re und zu meinen Gunsten ausgesagt h�tte, h�tten sie mich ins Gef�ngnis gesteckt.�</p><p>�Das h�tten sie nicht�, sagte er bestimmt.</p><p>�Ach nein?�</p><p>�Nein�, antwortete er und lachte. �Du w�rst auf Kaution freigekommen.�</p><p>�Woher willst du das wissen?�</p><p>�Weil ich es so mit Alderman Renals besprochen hatte.�</p><p>�Du hast � ich meine � du warst �?� Ich war sprachlos.</p><p>�Glaubst du allen Ernstes, dass ich so etwas dem Zufall oder dem Gutd�nken eines Aldermans �berlasse? Renals ist ein Freund der Familie Wallace, die, wie du wei�t, entfernt mit uns verwandt ist. Nat�rlich habe ich mit Alderman Renals den Ausgang des Verfahrens besprochen. Und es ihm vorab f�rstlich vergolten. Alles andere w�re mehr als fahrl�ssig gewesen.�</p><p>�Aber der Alderman wirkte nicht so, als w�rde er mich gehen lassen.�</p><p>�Renals ist schlie�lich kein Dummkopf.� Vater fuhr sich durch den Rauschebart und tippte anschlie�end mit dem Zeigefinger auf meine Brust. �Und jetzt m�chte ich deine Entschuldigung h�ren, Sohn!�</p><p>�Lass gut sein, Harvey!�, erklang in diesem Augenblick Mr. Barclays dumpfe Stimme �ber den Flur. �Dann rauche ich eben eine Monterrey.�</p><p>�Nein, nein, Robert! Ich habe noch eine Schachtel hier!�, rief mein Vater und drehte an dem elektrischen Lichtschalter neben der T�r. Die Gl�hbirnen flammten auf, und f�r einen Moment war ich wie geblendet, weil ich direkt in eine der Schirmlampen geschaut hatte. W�hrend Vater zum Schreibtisch ging und aus einem etwas kleineren Humidor ein Kistchen der gew�nschten Partag�s herausholte, wandte ich meinen Blick ab und schaute zum Gem�lde der �Frau in Wei߫, das an prominenter Stelle �ber dem Schreibtisch hing.</p><p>Ihr Anblick versetzte mir einen solchen Stich, dass ich nach Luft schnappen musste. Denn pl�tzlich erkannte ich in dem niedlichen Hirtenm�dchen im wei�en Kleid eine ver�ngstigte junge Frau im Fackelzug der Heilsarmee. An die Stelle der vertr�umt dreinschauenden Landsch�nheit zwischen Ziegen und Schafen trat vor meinem geistigen Auge ein abgehetztes Wesen in schmutzigen Kleidern am Bahnhof Waterloo, dem ich achtlos meinen Koffer in die Seite gerammt hatte.</p><p>�Ich warte, Rupert�, sagte mein Vater.</p><p>�Wer ist diese Frau?�, rief ich so abrupt, dass ihm beinahe die Zigarrenschachtel aus der Hand gefallen w�re.</p><p>�Wie bitte?� Seine Augen folgten meinem Blick. �Was meinst du?�</p><p>�Wer ist diese Frau?�, wiederholte ich meine Frage. �Wer ist die Frau in Wei�?�</p><p>�Wer soll das schon sein?�, erwiderte er ausweichend und senkte den Blick. �Irgendeine Hirtin.�</p><p>�Ich kenne diese Frau�, sagte ich, sch�ttelte den Kopf und trat n�her an das Gem�lde heran. �Das ist nicht irgendeine Hirtin. Ich bin der Frau begegnet. Nein�, verbesserte ich mich sofort, �ich bin ihrer Tochter begegnet.�</p><p>Nun fiel meinem Vater tats�chlich die Zigarrenschachtel aus den H�nden, doch er schien es gar nicht zu bemerken, sondern fragte beinahe �ngstlich: �Wem bist du begegnet? Von was f�r einer Tochter sprichst du? Was redest du da?�</p><p>�Woher hast du dieses Gem�lde?�, antwortete ich mit einer Gegenfrage.</p><p>Er r�usperte sich, atmete tief durch und b�ckte sich unter den Schreibtisch, um die heruntergefallenen Zigarren aufzusammeln. Als er sich wieder erhob, waren die �berraschung und die Verwirrung aus seinem Gesicht verschwunden. Und seine Worte klangen so unbeteiligt und beil�ufig wie nur m�glich: �Auf einer Auktion gekauft. Mir hat das Bild gefallen, darum habe ich es ersteigert. Die Hirtin hat mich an deine Mutter erinnert. Das wei�t du doch.�</p><p>�Sie sieht unserer Mutter �berhaupt nicht �hnlich.�</p><p>�F�r mich schon�, behauptete mein Vater, und wieder ging sein Blick zu Boden. �Und jetzt lenk nicht vom Thema ab!�, brach es pl�tzlich aus ihm heraus. �Es geht hier nicht um das Gem�lde, sondern um dich. Das geht so nicht weiter.� Er schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch und rief: �Schluss mit dem Unfug!�</p><p>�Da hast du ausnahmsweise recht, Vater.�</p><p>In diesem Augenblick �ffnete sich die T�r. Mortimer steckte seine Nase durch den Spalt und fragte fl�sternd: �Wo steckt ihr denn? Mr. Barclay hat die Papiere vorbereitet. Was ist denn hier los?�</p><p>Wie auf Kommando �nderte sich Vaters Miene. Er setzte ein unechtes L�cheln auf, klemmte sich die Zigarren unter den Arm und rief �ber den Flur: �Du hast Gl�ck, Robert. Ich habe noch eine kleine Kiste Partag�s gefunden.� Und damit ging er schnurstracks zur�ck ins Raucherzimmer.</p><p>Mortimer schaute mich fragend an, doch ich zuckte nur mit den Schultern, warf einen letzten Blick auf das Gem�lde und folgte ihm �ber den Flur. Als wir den Rauchsalon betraten, winkte mich Mr. Barclay, die gew�nschte Zigarre bereits im Mund, zu sich an den Tisch. Er lie� sich von William Feuer geben, paffte ein paar Mal gen�sslich und sagte: �Es ist alles dargelegt. Wie wir es besprochen haben. Du musst nur noch unterschreiben, Rupert.�</p><p>�Warum so eilig?�, unternahm ich einen letzten Versuch, das Unausweichliche hinauszuz�gern. �Meredith und ich sind ja noch nicht einmal verheiratet. Hat das nicht Zeit bis nach der Hochzeit?�</p><p>�H�ltst du mich etwa f�r einen solchen Esel?�, lachte Mr. Barclay und puffte mich am Oberarm, als h�tte ich einen guten Witz erz�hlt. �Das steht nat�rlich alles unter Vorbehalt und wird erst nach eurer Verm�hlung rechtskr�ftig und bindend.� Wieder lachte er glucksend, als h�tte er bei Tisch zu viel Wein getrunken. �Wenn Meredith es sich anders �berlegt oder sich einen anderen Kerl schnappt, dann gehst du nat�rlich leer aus. Wenn die Ehe nicht zustande kommt, dann ist diese Vereinbarung null und nichtig. Also keine Dummheiten, mein Junge! Und jetzt nimm dir eine Zigarre, und lies erst mal in Ruhe den Vertrag.�</p><p>�Nicht n�tig.� Ich sch�ttelte erleichtert den Kopf, nahm die Feder und unterschrieb. �Das ist alles, was ich wissen wollte.�</p><p>�Bravo!�, rief Mr. Barclay und klatschte in die H�nde. �Das nenne ich Entschlusskraft. Willkommen in der Familie Barclay.�</p><p>�Danke, Sir!� Ich gab Vater, der die ganze Zeit lauernd hinter uns gestanden hatte, die Feder und sagte: �Entschuldigt mich bitte bei den Damen, aber ich habe noch etwas Dringendes zu erledigen.�</p><p>�Wo willst du hin?�, rief mein Vater, und es klang wie eine Drohung.</p><p>�Zu dem Maler des Gem�ldes.�</p><p>�Welches Gem�lde?�, wunderte sich William.</p><p>�Ich sagte doch, ich habe keine Ahnung, wer das Bild gemalt hat�, sagte mein Vater fast flehentlich. �Das musst du mir glauben.� Anders als in seinem B�ro klangen seine Worte diesmal ehrlich.</p><p>�Ich glaube dir�, antwortete ich. �Aber ich wei� bereits, wer der Maler ist.�</p><p>�Du wei�t?� Da waren sie wieder, die �berraschung und die Furcht in seinem Gesicht. �Woher? Wieso?�</p><p>�Ich nehme an, Sie �bernachten im Hatchett�s, Sir?�, wandte ich mich an Mr. Barclay. Da er nickte, setzte ich hinzu: �Dann sehen wir uns morgen zum Fr�hst�ck. Auf Wiedersehen, die Herren!�</p><p>�Die Jugend�, h�rte ich Mr. Barclay lachen, als ich den Raum verlie�.</p><empty-line/></section><section><p>6</p><p>Das Arbeitshaus von St. Giles wirkte mit seiner zehn Fu� hohen Mauer, die das gesamte Gel�nde umgab, und den barackenartigen, vierst�ckigen Geb�uden nicht gerade einladend. Der Komplex erinnerte eher an ein Gef�ngnis als an eine wohlt�tige Einrichtung, auch wenn die Mauerkrone nicht bewehrt und die Fenster in den schmucklosen Backsteinh�usern lediglich im Erdgeschoss vergittert waren. Sogar eine kleine Kapelle, eine Badeanstalt und ein Krankenhaus gab es auf dem weitl�ufigen Gel�nde, wie ich von Simeon wusste. Im Gegensatz zu einer Haftanstalt standen die Leute an diesem unwirtlichen Ort Schlange, um hineingelassen zu werden. Nat�rlich nicht ganz freiwillig, sondern aus Not und Armut. Dennoch galt der Aufenthalt hier nicht als Strafe oder Zwangsma�nahme, jedenfalls nicht auf dem Papier.</p><p>Als ich mich dem zentralen Zugang n�herte und an die kleine Pforte klopfte, passierte lange Zeit gar nichts. Ich schaute mich um und sah auf der gegen�berliegenden Stra�enseite, direkt neben einer Gaslaterne, eine Art provisorisches Zelt aus Stoffbahnen, in dem mehrere Menschen unter Lumpen und Decken auf dem nackten Steinboden kauerten. Auch neben dem Zelt lagen Menschen auf der Erde, dicht aneinandergedr�ngt, um sich gegenseitig zu w�rmen. Unter der Laterne stand ein verlottert aussehender Junge mit bleichem Gesicht und in die Seiten gestemmten Armen, der mich belauerte, als k�nnte von mir irgendeine Gefahr ausgehen. Unweit des Zeltes befanden sich ein �ffentliches Urinal und ein vergitterter Brunnen f�r Trinkwasser. Das mit einem Schloss versehene Gitter diente, wie ich vermutete, der Rationierung des Wassers.</p><p>Erneut klopfte ich ans Holz, diesmal mit dem Knauf meines Gehstocks. Nur einen Augenblick sp�ter �ffnete sich ein kleines Sichtfenster in der Pforte, in dem ein m�rrisch dreinblickendes M�nnergesicht zum Vorschein kam.</p><p>�Ich m�chte ��, begann ich.</p><p>�Heute nicht mehr!�, unterbrach mich der Pf�rtner kl�ffend. �Versuchen Sie es morgen wieder, junger Mann. Vielleicht gibt�s dann Platz.�</p><p>�Aber ich ��</p><p>�Gehen Sie r�ber zu den anderen, und schlafen Sie dort!�, sagte der Mann und deutete mit dem Zeigefinger auf die andere Stra�enseite. �Dann sind Sie morgen einer der Ersten. Einlass ist ab acht. Nat�rlich nur, wenn was frei wird.�</p><p>Mein Blick folgte seinem Finger, und ich sah, wie der Junge von eben zu einer anderen Gestalt neben dem Zelt unter die Decke kroch.</p><p>�Ich suche kein Obdach�, erwiderte ich und schlug den Kragen meines Mantels hoch, weil es gerade zu nieseln begonnen hatte. Es w�rde eine feuchte und kalte Nacht werden. �Ich m�chte hier nicht �bernachten, Sir, sondern jemanden besuchen.�</p><p>�Um diese Uhrzeit?�, lachte der Pf�rtner. �Kommen Sie morgen fr�h wieder, Sir. Es ist l�ngst Nachtruhe.�</p><p>�Es ist ungemein wichtig.�</p><p>�Das sagen sie alle�, murrte der Mann und wollte die Klappe schlie�en.</p><p>Wie durch ein Wunder lag pl�tzlich ein Shilling vor ihm auf dem Sims. Der Pf�rtner hielt in seiner Bewegung inne. Allerdings machte er noch keine Anstalten, die T�r zu �ffnen. Ein zweiter Shilling gesellte sich zu dem ersten und verschwand im n�chsten Augenblick in der Hand des Pf�rtners. Dann wurde die Klappe geschlossen, ein Riegel zur Seite geschoben und die Pforte ge�ffnet.</p><p>Unwilliges Murren wurde von der anderen Stra�enseite laut.</p><p>�Schnauze, da dr�ben!�, keifte der Pf�rtner, zog mich hinein, knallte die T�r hinter mir zu und schob den Riegel vor. Dann hielt er mir ein Windlicht unter die Nase und fragte: �Mann oder Frau?�</p><p>Ich stutzte kurz und sagte: �Mann.�</p><p>Er wandte sich nach rechts und fragte: �Dauerhaft oder vor�bergehend?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Der Mann, den Sie besuchen wollen�, erkl�rte der Pf�rtner und wischte sich �ber die bucklige Nase. �Dauerhaft oder vor�bergehend?�</p><p>�Dauerhaft. Jedenfalls wohnt er hier schon seit vier Jahren.�</p><p>�Hm�, machte der Pf�rtner und f�hrte mich in den hinteren Teil des schmalen Hofes, von dem links und rechts kleinere Passagen abzweigten. �Also nicht krank? Oder alt und gebrechlich?�</p><p>�Nicht wirklich�, antwortete ich ausweichend. �Wie viele Stationen gibt es denn im Arbeitshaus?�</p><p>�Vier f�r die M�nner und drei f�r die Frauen�, sagte er und deutete auf einen Eingang, �ber dem die r�mischen Ziffern III und IV angemalt waren. �Unterteilt in Kinder, Arbeitstaugliche und Gebrechliche. Die Vor�bergehenden noch gar nicht mitgerechnet. Wie hei�t der Mann?�</p><p>�Simeon Solomon.�</p><p>Der Pf�rtner lachte ungl�ubig, blieb pl�tzlich stehen und sch�ttelte den Kopf. �Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?�, rief er, wandte sich um und ging wieder in Richtung Ausgang. �Die zwei Shilling h�tten Sie sich sparen k�nnen, Sir. Der alte Kauz ist nicht da.�</p><p>�Sind Sie sicher?�, fragte ich. �Wollen Sie nicht vielleicht nachschauen?�</p><p>�Nicht n�tig�, antwortete er, zog mich am �rmel hinter sich her und kicherte belustigt. �Den verr�ckten Simeon kenn ich. Den kennt jeder hier. Ein bunter Hund sozusagen. Und darum wei� ich auch, dass er seit zwei N�chten nicht erschienen ist. Sein Bett wurde l�ngst weitergegeben. Da schl�ft jetzt ein anderer drin.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum?�, schnaubte er und schaute mich emp�rt an. �Ist doch kein Hotel hier, wo man kommen und gehen kann, wie�s einem passt.�</p><p>�Nein, ich meine, warum ist er nicht mehr erschienen?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� Der Pf�rtner zuckte mit den Schultern und schob den Riegel an der Pforte zur Seite. �Er hat sich nicht bei mir abgemldet. Ist �n komischer Vogel, Ihr Freund. Irgendwie nicht normal. Aber seine Bilder waren, nun ja, Sie wissen schon, nicht von schlechten Eltern.� Er zwinkerte mir zu und schnalzte mit der Zunge.</p><p>Ich erinnerte mich an Simeons Bemerkung �ber den Pf�rtner und dessen erotische Vorlieben, die lieber geheim bleiben sollten.</p><p>�Aber irgendwann ist Schluss mit den Extraw�rstchen�, setzte der Pf�rtner hinzu. �Ist schlie�lich ein Arbeitshaus.� Er �ffnete die kleine Pforte und schob mich hindurch. �Wenn Sie ihn finden, dann sagen Sie ihm, dass seine Sachen noch hier sind. Er soll sie abholen und die Anstaltskleidung zur�ckbringen. Die geh�rt der Gemeinde.�</p><p>�Und wenn er ins Arbeitshaus zur�ckm�chte?�, fragte ich.</p><p>�Muss er das neu beim Komitee beantragen�, antwortete der Pf�rtner achselzuckend. �Sein Bett ist erst mal futsch. Ist ja kein ��</p><p>�� Hotel?�</p><p>�Genau�, sagte er und schloss die T�r.</p><p>Vom Arbeitshaus in der Endell Street f�hrte mein Weg direkt in die nahe gelegene Drury Lane. Zun�chst wollte ich im Rookery Inn nachschauen und den Wirt fragen, ob er Simeon in den letzten Tagen gesehen hatte. �Zwei N�chte�, hatte der Pf�rtner gesagt. Seit Samstag war er also nicht mehr im Arbeitshaus gewesen. Und am Sonntagmorgen hatte Simeon im Crown Hotel ans Fenster des Dienstbotenzimmers geklopft. <emphasis>Voll wie eine Haubitze!</emphasis></p><p>Als ich den Wirt des Rookery Inn nach Simeon Solomon fragte, und dabei auf Simeons Zeichnung der Kneipe deutete, die hinter ihm �ber dem Tresen hing, meinte er: �Der war erst vor �n paar Tagen hier. Zusammen mit �nem jungen Kerl. Sah aus wie �n Handwerksbursche. Da dr�ben haben sie gehockt.� Er deutete in die Ecke, in der ich am Donnerstag mit Simeon gesessen hatte, und da erst begriff ich, dass der Wirt mich in meiner jetzigen vornehmen Kleidung, mit Zylinder, Gehstock und pelzbesetztem Mantel, nicht wiedererkannte. Da mein auff�lliges Muttermal unter dem Wundpflaster verborgen war, diente auch das nicht als Erkennungsmerkmal.</p><p>�Danach nicht mehr?�, fragte ich. �In den letzten beiden Tagen?�</p><p>�Nay, Sir!�</p><p>Ich verlie� die Kneipe und trat hinaus in den Regen, der inzwischen in Str�men vom Himmel prasselte. Wind war aufgekommen und fegte durch die dunklen Gassen. Ich �berlegte, ob ich die Pubs und Inns der Umgegend absuchen oder lieber nach Hause fahren sollte. Der Gedanke an mein neues �Zuhause� im Hatchett�s behagte mir wenig, so beschloss ich, weder das eine noch das andere zu tun, sondern ins East End zu fahren. Diesmal jedoch � zum ersten Mal in meinem Leben � ohne Maskerade.</p><p>Mit einem der gr�nen Omnibusse der Bayswater-Linie, die gl�cklicherweise noch bis Mitternacht in Betrieb waren, fuhr ich von der Oxford Street direkt bis nach Whitechapel. Die mehr als halbst�ndige Fahrt f�hrte mich mitten durch die City, vorbei an der Polizeiwache am Snow Hill, dem festungs�hnlichen Gef�ngnis von Newgate, dem Hauptquartier der Heilsarmee, der Guildhall und dem Mitre Square nahe dem Aldgate, wo der Ripper zuletzt so bestialisch zugeschlagen hatte. Es kam mir vor, als rasten die Ereignisse der letzten Tage wie in einem wilden Reigen an mir vorbei. Als der Omnibus die Commercial Street erreicht hatte, die nach Norden hin zum Britannia und Ten Bells f�hrte, wo ich meine Suche nach Simeon eigentlich beginnen wollte, blieb ich, einem pl�tzlichen Impuls folgend, sitzen und fuhr weiter bis zur Whitechapel Road. Dort, im Cloak and Dagger, war ich Michael Kidney das erste Mal begegnet. Und dorthin trieb es mich jetzt, als w�rde ich von einem Magneten angezogen.</p><p>Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen, daf�r stieg Dampf von den Stra�en auf. Ein fauliger Geruch nach Dung und Schimmel stach mir in die Nase, als ich vor dem London Hospital aus dem Omnibus stieg. Die Uhr �ber dem Eingang des Krankenhauses zeigte Mitternacht. Dichter Nebel hatte sich gebildet und lie� alles unwirklich und unheimlich erscheinen. Die Gaslaternen gaben kaum mehr Licht als funzelige Kerzen ab. Vor dem nahe gelegenen, aber bereits verschlossenen Eingang zur U-Bahn-Station Whitechapel hatte sich eine kleine Traube von M�nnern gebildet, die die K�pfe zusammensteckten und zu Boden schauten, als g�be es auf dem Pflaster etwas Interessantes zu sehen. Wenn ich mich nicht irrte, trugen einige der M�nner dunkle Uniformen.</p><p>Als ich durch den schmalen Durchlass ging, der zum Cloak and Dagger f�hrte, stolperte ich nach wenigen Schritten �ber einen weichen K�rper auf dem Boden, den ich in der Dunkelheit gar nicht wahrgenommen hatte.</p><p>�Mensch, pass doch auf!�, schnauzte der Mann, der sich vor dem Regen in den Durchgang gerettet hatte und dort zwischen dem Unrat die Nacht verbrachte. Vermutlich war er ein Trinker, der es nicht mehr bis nach Hause geschafft hatte.</p><p>��tschuldigung!�, murmelte ich und betrat den verwinkelten Yard, in dem es von dunklen Nischen, steilen Kellerzug�ngen und schmalen Durchl�ssen nur so wimmelte. Einer dieser Durchg�nge auf der anderen Seite des Hofes f�hrte zu einer Gasse, die parallel zur Whitechapel Road verlief. Dort, in der Buck�s Row, hatte der Ripper vor ziemlich genau zwei Monaten sein erstes Opfer get�tet.</p><p>Als ich das Cloak and Dagger betrat, schlug mir lautes Stimmengewirr und ein undurchdringlicher Nebel aus Tabakrauch und menschlichen Ausd�nstungen entgegen. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich an die schummrigen Lichtverh�ltnisse, die bei�ende Luft und den Krach gew�hnt hatte, und wartete, da die Kneipe gut gef�llt und kein Tisch frei war, bis ich einen Platz am Tresen ergattern konnte. In meiner Kleidung f�hlte ich mich seltsam deplatziert an diesem Ort, der vor allem von Dockarbeitern und Seeleuten aufgesucht wurde. Manche der Besucher be�ugten mich skeptisch, r�mpften die Nase und sch�ttelten den Kopf, als w�re ich es, der den Gestank in dieser Kneipe absonderte. Nur der Wirt, ein H�ne von einem Kerl, l�chelte unterw�rfig, wischte sich die dreckigen H�nde an einem ebenso dreckigen Tuch ab und fragte: �Womit kann ich dienen, Sir?�</p><p>Ich bestellte ein Porter, gab ein �ppiges Trinkgeld und fragte: �Ist Michael da?�</p><p>�Gibt viele Michaels�, antwortete er und zuckte mit der Schulter.</p><p>�Michael Kidney. Arbeitet unten am Hafen.�</p><p>�Sind Sie �n Copper?�, fragte er.</p><p>�Seh ich so aus?�</p><p>�Sie sehen jedenfalls nicht wie �n Freund von Michael aus.� Wieder folgte ein Achselzucken, dann sagte er: �Hab ihn heut noch nicht gesehen. Leg auch keinen Wert drauf. Macht nur �rger, der Kerl.�</p><p>Ich nickte, nippte an dem Bier, das wie Teerwasser aussah und auch so schmeckte, und schaute mich in dem Schankraum um. Rechts hinterm Tresen f�hrte ein schmaler Gang zum Hinterausgang und von dort zu einem zweiten Hinterhof mit dem Abort. In der hinteren Ecke des Schankraumes ging eine schmale steile Treppe nach oben, wo sich ein weiterer Gastraum befand. Nach Simeon Ausschau zu halten, war vermutlich zwecklos, da er sich meist in den Kneipen rund um die Christ Church in Spitalfields herumtrieb. Dort kannte man ihn und warf ihn nicht gleich auf die Stra�e, wenn er mit seinen billigen Bildchen die G�ste bel�stigte. Und dort trafen sich die Skeletons, bei deren Zusammenk�nften schon mal ein Bier oder Schnaps ausgegeben wurde. Im Cloak and Dagger hatte ich Simeon noch nie gesehen.</p><p>Mein Umweg �ber die Whitechapel Road war offenbar reine Zeitverschwendung gewesen. �rgerlich setzte ich meinen Zylinder auf, schlug den Kragen hoch und wollte die Kneipe schon verlassen, als mein Blick auf zwei Frauen fiel, die an einem hohen Ecktisch direkt neben dem Eingang standen. Die j�ngere der beiden, eine kaum zwanzigj�hrige Frau mit langem, dunkelblondem Haar und buschigen Augenbrauen, war mir unbekannt, doch bei der �lteren handelte es sich um Ginger, meine Nachbarin aus dem Miller�s Court. Als ich die Kneipe betreten hatte, hatten die Frauen noch nicht dort gestanden, denn Gingers grellrote Haare w�ren mir bestimmt aufgefallen. Sie bekamen gerade von einem Schankm�dchen zwei Helle serviert und prosteten sich zu. Ich wollte mich Ginger schon zu erkennen geben, doch irgendetwas hielt mich pl�tzlich zur�ck. Und so stellte ich mich hinter einen breiten St�tzbalken in ihrer N�he, lugte m�glichst unauff�llig um die Ecke und lauschte ihrem Gespr�ch.</p><p>�Bist du sicher, dass du wei�t, worauf du dich einl�sst, Heather?�, fragte Ginger und nahm einen gro�en Schluck. �Das ist kein Kinderspiel.�</p><p>�Klar�, antwortete die Dunkelblonde mit auffallend heiserer Stimme. �Bin ja kein Kind mehr. Hab das schon �fters gemacht. Fr�her in Blackburn und auch in London. Was ist schon dabei? Solange was dabei rumkommt. Immer noch besser als Putzen oder Betteln.�</p><p>�Na, ich wei� nicht�, antwortete Ginger und sch�ttelte ihre rote M�hne. �Ich mach das ja auch schon ein paar Jahre, aber gew�hnen werd ich mich nie dran. Die Kerle k�nnen ganz sch�n rabiat werden. Und damit meine ich nicht nur die verdammten Freier.�</p><p>Das M�dchen namens Heather nickte wissend und fragte: �Kennst du Michael eigentlich schon lange?�</p><p>�Geht so�, sagte Ginger. �Wie man sich halt so kennt, wenn man �ne Zeit lang in derselben Nachbarschaft wohnt. Ich w�rde an deiner Stelle jedenfalls vorsichtig sein, vor allem wenn er gesoffen hat. Michael ist dann wie �ne Stange Dynamit. Ein Funken, und schon geht er hoch. Bum!� Sie leerte ihr Glas und setzte hinzu: �Wie hast �n den �berhaupt kennengelernt?�</p><p>�Wie man sich halt so kennenlernt. In �ner Kneipe�, antwortete Heather und grinste anz�glich. �Hauptsache, ich hab ein Dach �ber dem Kopf und einen Kerl, der f�r mich sorgt. Vorher war ich bei der Heilsarmee in der Hanbury Street. Glaub mir, das war nichts f�r mich. Von Almosen leben und fromme Betschwestern ertragen, die einem st�ndig mit dem Himmelreich in den Ohren liegen! Und keinen Penny in der Tasche. Nee, da bin ich lieber mein eigener Herr.�</p><p>�Schmink dir das gleich wieder ab, Kleine�, widersprach Ginger und tippte an Heathers Stirn. �Michael ist der Herr, und er duldet niemanden neben sich. Da wird er fuchsteufelswild.� Pl�tzlich beugte sich Ginger so weit vor, dass sie mir direkt ins Gesicht schaute. Sie hatte offensichtlich bemerkt, dass ich sie und ihre Begleiterin beobachtete, und hob drohend den Finger. �Na, Meister, genug geglotzt?�, fauchte sie. �Wenn du mehr willst, musst du daf�r zahlen.�</p><p>�Ich dachte, gucken kostet nichts�, antwortete ich grinsend und kam hinter dem St�tzbalken hervor.</p><p>Sie stutzte kurz, schaute mich verwirrt an und meinte dann: �Vergiss es! Umsonst ist der Tod.�</p><p>Ich war sicher gewesen, dass sie mich erkennen w�rde, doch dem war offensichtlich nicht so. Sie betrachtete mich wie einen v�llig Fremden, weil sie nicht in mein Gesicht, sondern lediglich auf meine Kleidung schaute. Sie fuhr mit der Hand �ber den Pelzkragen meines Mantels und sagte: �Hast du dich verlaufen, Kleiner?�</p><p>�Schon m�glich�, antwortete ich. �M�chten die Damen noch etwas trinken?�</p><p>�Aber immer�, frohlockte Heather. �Das Gleiche noch mal.�</p><p>Ich machte dem Wirt ein Zeichen und deutete auf den Ecktisch.</p><p>�Bist nicht von hier, oder?�, fragte Ginger. �Bist auch einer von den Neugierigen. Brauchst �n bisschen Nervenkitzel, was? Willst mal nachschauen, wo der Ripper sich so rumtreibt.�</p><p>�Wisst ihr was �ber ihn?�, antwortete ich.</p><p>�Wir leben hier�, rief Ginger ver�chtlich. �Nat�rlich wissen wir was �ber ihn. Die Frau, die er dr�ben in der Berner Street umgebracht hat, das war �ne gute Freundin von mir.�</p><p>�Long Liz�, sagte ich.</p><p>Ginger schaute mich �berrascht an und wollte etwas erwidern, doch Heather unterbrach sie: �Du kanntest die? Woher?�</p><p>�Liz war fr�her Michaels Freundin.�</p><p>�Echt?�, wunderte sich Heather. �Hat er gar nichts von erz�hlt.�</p><p>�Wundert mich nicht�, meinte Ginger. Dabei schaute sie nicht das M�dchen, sondern mich an. Und der Ausdruck in ihrem Gesicht �nderte sich merklich.</p><p>Im selben Augenblick und bevor sie etwas sagen konnte, wurde die Eingangst�r aufgerissen, und ein junger Mann st�rzte herein. Er sprang auf einen Stuhl, schwenkte seine M�tze und rief: �Polente! Sie machen �ne Razzia. Die Coppers kommen!�</p><p>�Verflucht!�, rief der Wirt hinter dem Tresen. �Nicht schon wieder! Keinen Tag hat man mehr Ruhe. Verdammter Ripper!�</p><p>Nicht schon wieder!, war auch der Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Von der Polizei hatte ich vorerst genug, und in meiner Kleidung w�rde ich den Constables, die sich nach verd�chtig oder fremd aussehenden M�nnern umschauten, sicherlich auffallen. Zwar hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen und von einer Razzia eigentlich nichts zu bef�rchten, dennoch wollte ich so rasch wie m�glich verschwinden.</p><p>�Du bist Rupert, stimmt�s?�, schrie mir Ginger gegen den zunehmenden L�rm ins Ohr. �Der Nachbar mit dem komischen Namen.�</p><p>Ich nickte und wollte zur T�r, wo es bereits ein wildes Gedr�nge und Schubsen gab. Vom Hof erschallte das schwere Getrampel eisenbesetzter Stiefel. Trillerpfeifen waren zu h�ren und undeutliche Befehle.</p><p>�Hinten raus!�, rief Ginger und zupfte an meinem �rmel. Sie deutete auf den Gang zum Abort, in dem sich ebenfalls bereits mehrere, vor allem m�nnliche G�ste vor dem Ausgang dr�ngten. �Wenn du dich im Hof rechts h�ltst, kommst du zu �nem Durchlass zwischen zwei H�usern. Der f�hrt zur Buck�s Row. Kann nat�rlich sein, dass die Polente da schon wartet. Aber �nen Versuch ist�s wert.�</p><p>�Danke, Ginger�, sagte ich und wandte mich ab.</p><p>�Dar�ber reden wir noch, mein Lieber!�, lachte sie.</p><p>�Und das Bier?�, schrie Heather erschrocken.</p><p>Ich griff in meine Hosentasche, kramte einige M�nzen heraus und legte sie auf den Tisch. Dann lief ich zum Hinterausgang.</p><p>W�hrend es am Vordereingang zum Tumult kam, weil die Polizei sich mit Schlagst�cken den Zugang zur Kneipe freipr�gelte und andere G�ste ins Obergeschoss st�rmten, um m�glicherweise �ber das Dach zu entfliehen, verschwand ich mit anderen lichtscheuen Gesellen durch den Hinterausgang in den zweiten Hof. Auch hier standen Polizisten, allerdings riegelten sie lediglich den gemauerten Durchgang zur Whitechapel Road ab. Die L�cke zwischen den H�usern auf der R�ckseite schien den Constables nicht bekannt zu sein, und so konnte ich, gemeinsam mit einigen anderen M�nnern und Frauen, �ber die Buck�s Row entkommen.</p><empty-line/></section><section><p>7</p><p>Seit �ber einer Stunde irrte ich bereits durch das neblige Spitalfields, klapperte die Pubs und Tavernen ab und war bei meiner Suche zugleich erfolgreich gewesen und dennoch keinen Deut weitergekommen. In beinahe allen Kneipen entlang der Commercial Street war Simeon in den letzten beiden Tagen aufgetaucht oder gesehen worden. Im Princess Alice, im Queen�s Head, im Red Lion, im Britannia und nat�rlich im Ten Bells. Und �berall h�rte ich das Gleiche: Ja, Simeon war da gewesen, sturztrunken, zumeist randalierend und kaum noch in der Lage, ein verst�ndliches Wort herauszubringen, und dennoch hatte er �berall noch mehr Schnaps und Bier bestellt. Mr. Waldron vom Ten Bells berichtete mit sichtlichem Erstaunen, Simeon habe seine Rechnung mit einer Pfundnote beglichen. Da ich nur zu gut wusste, woher er das Geld hatte, wunderte ich mich nicht dar�ber, doch wo Simeon sich momentan aufhielt, dar�ber konnte keiner der Wirte Auskunft geben. Wie es schien, war das Ten Bells seine letzte Station gewesen. Hier war er etwa gegen Mitternacht halb ohnm�chtig hinausgewankt und direkt vor der T�r aufs Pflaster gefallen, wobei er sich die Nase blutig geschlagen hatte. Wohin es ihn anschlie�end getrieben hatte, dar�ber wusste keiner etwas zu sagen. Und es k�mmerte auch niemanden. Allerdings schienen sich alle sehr daf�r zu interessieren, warum ein feiner Pinkel wie ich nach einem sch�bigen Kauz wie Simeon fahndete.</p><p>So stand ich also vor der Christ Church und schaute auf meine Taschenuhr. Es war bereits nach zwei Uhr, wie ich im gelblichen Licht einer Stra�enlaterne erkannte, und allm�hlich kehrte Ruhe ein in diesem rastlosen Teil des East Ends. Keine Omnibusse oder Tramwagen waren mehr auf den Stra�en, die H�ndler hatten ihre Wagen am Stra�enrand abgestellt und abgedeckt, auch die Droschken und Hansom Cabs hatten sich an die Verkehrsknotenpunkte zur�ckgezogen und warteten weiter westlich, am Bahnhof Liverpool Street, oder unten an der Stra�e nach Aldgate auf sp�te Fahrg�ste. Der immer dichter werdende Nebel schluckte die wenigen Ger�usche, die noch zu vernehmen waren, und erzeugte eine unheimliche, diffuse Stille. Ich war hundem�de und �berlegte, ob ich nicht einfach in die Dorset Street gehen sollte, die sich ja gleich auf der anderen Stra�enseite befand, um mich im Miller�s Court schlafen zu legen. Den Schl�ssel zu meinem fensterlosen Kabuff trug ich bei mir, und wenn ich die T�r offen stehen lie�e, w�rde ich durch das Morgenlicht zeitig genug erwachen, um zum Fr�hst�ck mit Mr. Barclay wieder im Hatchett�s zu sein.</p><p>Der Gedanke an das finstere Loch, das ich noch vor wenigen Tagen quasi zu meinem neuen Zuhause erkl�rt hatte, lie� mich fr�steln. Vielleicht weil mein Verstand, anders als beim letzten Mal, nicht durch Alkohol und �rger benebelt war. W�hrend ich reglos vor dem Friedhof der Christ Church stand und zur Dorset Street schaute, ohne mich zu einem Entschluss durchringen zu k�nnen, sah ich einen Mann mit einem Bowler auf dem Kopf direkt auf mich zukommen. Er hatte vor dem Britannia gestanden und mich eine Weile aus der Ferne beobachtet, doch erst als er die Stra�e �berquert hatte und unmittelbar vor mir stand, erkannte ich ihn. Es war Michael Kidney, und sein Blick war ebenso finster und drohend wie beim letzten Mal, als ich ihm im Miller�s Court begegnet war.</p><p>�Wusste ich�s doch!�, rief er und deutete auf meine elegante Kleidung. �Hab mir gleich gedacht, dass mit dir was nicht stimmt. Kein normaler Mensch zahlt so viel f�r die bescheuerte Bruchbude. Bist du von der Polente oder von der Presse? Hast gedacht, du kannst uns an der Nase rumf�hren, was?�</p><p>�Erstaunlich, dass du mich erkannt hast�, antwortete ich und machte einige Schritte zur�ck, bis ich mit dem R�cken an der Friedhofsmauer stand.</p><p>�Ich bin doch nicht blind, du Schwachkopf!�, knurrte Michael. �Du bist von der Zeitung, oder? So bl�d kann kein Polizist sein. Also, was willst du von mir?�</p><p>�Von dir?�, gab ich mich erstaunt. �Was sollte ich von dir wollen?�</p><p>Seine Hand schnellte nach vorn und packte mich am Kragen. �Jetzt h�r mir mal zu, Freundchen! Ich kann�s nicht leiden, wenn mir jemand nachschn�ffelt. Und ich lass mich auch nicht gern f�r dumm verkaufen! Verstanden?�</p><p>�Du meinst wegen Liz?�, sagte ich und stie� ihn weg, obwohl er k�rperlich viel st�rker war und mich vermutlich mit einem einzigen Schlag h�tte niederstrecken k�nnen. Deshalb setzte ich rasch nach: �Wegen der Heilsarmee? Keine Bange, Michael, wenn du�s nicht verr�tst, verrate ich es auch nicht. Braucht ja niemand zu wissen, was in der Hanbury Street passiert ist. Wir haben uns in der Nacht beide nicht mit Ruhm bekleckert.�</p><p>�Erinnerst dich wieder, was?�, fauchte er und drohte mir mit der Faust. �Ich rate dir, es f�r dich zu behalten. W�rde dir sonst nicht gut bekommen.� Er kam mir ganz nahe und setzte beinahe fl�sternd hinzu: �Rupert.�</p><p>Ginger hatte also meinen Namen ausgeplaudert. Ich nickte und sagte: �Hast dem Coroner einen ganz sch�nen B�ren aufgebunden.�</p><p>Er zuckte kurz zusammen, grinste dann und meinte: �Kann�s eben nicht leiden, wenn man seine Nase in meine Privatangelegenheiten steckt. Geht keinen was an! Das gilt auch f�r dich!�</p><p>�Ich werde es mir merken.�</p><p>�Tu das!�, schnaubte er, fuhr sich �ber den Schnauzbart und piekste mit seinem wurstigen Zeigefinger in meine Brust. �Sonst wird�s dir nicht gut bekommen!� Damit wandte er sich ruckartig ab und ging hin�ber zur Dorset Street, wo ihn der Nebel und die Dunkelheit verschluckten.</p><p>Ich atmete tief durch und lehnte mich an die Friedhofsmauer, da meine Knie zitterten und mein Herz derart raste, dass ich Angst hatte umzukippen. Das war knapp gewesen, dachte ich erleichtert. Und gleichzeitig schimpfte ich mich einen Dummkopf, weil ich Michael zu erkennen gegeben hatte, dass ich mich an die Szene vor dem Frauenasyl erinnerte. Und dass ich von seiner Falschaussage vor dem Richter wusste. Um Michael Kidney sollte ich in n�chster Zeit einen gro�en Bogen machen.</p><p>W�hrend ich noch nach Luft rang und M�he hatte, meine Aufregung unter Kontrolle zu bekommen, h�rte ich pl�tzlich seltsame Stimmen und Ger�usche hinter mir. Sie mussten vom Friedhof kommen, der allerdings wegen der hohen Mauer nicht einzusehen war. Ich erinnerte mich, dass der Friedhof von Christ Church im Ten Bells Pub immer nur �Itchy Park� genannt worden war. Wegen der Obdachlosen und Landstreicher, die sich dort n�chtens herumtrieben und sich st�ndig kratzten, weil ihnen das juckende Ungeziefer zusetzte.</p><p>�Algie, du Schweinehund!�, kr�chzte eine trunkene M�nnerstimme, und kurz darauf folgte ein irres Lachen, das in einen Hustenanfall m�ndete. �Verdammter H�nfling! Elender Verr�ter! Missgeburt!�</p><p>�Halt�s Maul!�, rief eine andere M�nnerstimme. �Wir wollen schlafen.�</p><p>Das wilde Fluchen ging in ein unverst�ndliches Gebrabbel �ber, doch pl�tzlich schrie der Mann wieder: �Du Mistkerl! Komm her, dann hau ich dir was aufs Maul! Verdammter Judas!�</p><p>�Jetzt reicht�s!�, h�rte ich die andere Stimme. �Jetzt h�ltst <emphasis>du</emphasis> dein Maul!� Ein seltsames Rascheln und Scharren war zu vernehmen, dann dumpfe Schl�ge, unterdr�cktes R�cheln und schmerzhaftes �chzen.</p><p>�Lasst mich!�, rief der erste Mann, dessen versoffene Stimme ich l�ngst erkannt hatte. �Was wollt ihr von mir? Ah! H�rt doch auf!�</p><p>Direkt an der Friedhofsmauer hatte ein H�ndler sein Fuhrwerk abgestellt und mit einer dicken Eisenkette an der Gaslaterne gesichert. Ich kletterte auf die Ladefl�che, stieg auf eine Holzkiste und bekam von dort die Mauerkrone zu fassen. Da die Umfriedung sehr unregelm��ig gemauert und verwittert war, fand ich mit meinem rechten Fu� Halt an einem Vorsprung und kraxelte auf die relativ breite, aber zur Stra�e hin absch�ssige Mauerkrone.</p><p>Wieder h�rte ich die dumpfen Schl�ge und das R�cheln.</p><p>�Simeon!�, rief ich, w�hrend ich rittlings auf der Mauer sa� und versuchte, irgendetwas auf dem Friedhof zu erkennen. Das Gel�nde war nicht beleuchtet und lag im Schatten der hohen Mauer. Die Stra�enlaterne beleuchtete lediglich die Wipfel der B�ume, die zwischen den Gr�bern standen. Au�erdem war der Nebel auf dem Friedhof, vermutlich wegen des feuchten Untergrunds, noch dichter als auf der Stra�e. Wieder rief ich: �Simeon!�</p><p>�Wer ist das denn?�, h�rte ich eine Stimme direkt unter mir.</p><p>�Ein Engel!�, rief Simeon lallend. �Direkt vom Himmel.�</p><p>Ich hielt mich an der Mauerkrone fest, lie� mich vorsichtig h�ngen, sprang hinunter und landete direkt neben einem Grabmal, um das sich mehrere Gestalten versammelt hatten.</p><p>�Wer bist du?�, h�rte ich Simeon keuchen.</p><p>�Das h�ttest du auch einfacher haben k�nnen�, lachte der Mann, der sich vorhin �ber Simeons Geschrei beschwert hatte. �Die Gittert�r neben der Kirche ist offen. Oder glaubst du, wir w�ren alle wie die Engel �ber die Mauer geflogen?�</p><p>Meine Augen hatten sich mittlerweile so weit an die Dunkelheit gew�hnt, dass ich zumindest Umrisse und Schemen erkennen konnte. Rings um das Grabmal lagen dunkle Gestalten auf den Grabplatten, B�nken und zwischen den immergr�nen B�schen. Einige von ihnen hatten sich mit Lumpen zugedeckt, andere lagen auf Zeitungspapier oder waren schutzlos der K�lte und Feuchtigkeit preisgegeben. Sie alle hatten sich auf dem Friedhof zusammengefunden, um hier ungest�rt die Nacht zu verbringen. Ein unverkennbarer Gestank nach Alkohol hing �ber der Szene, vermischt mit dem schwefligen Geruch des Nebels.</p><p>Direkt vor mir hockte Simeon zusammengekauert auf dem Boden, die H�nde �ber dem Kopf gefaltet, als erwartete er von mir weitere Schl�ge. Die M�nner, die ihn maltr�tiert hatten, machten murrend Platz, als ich mich Simeon n�herte und meine Hand ausstreckte.</p><p>�Komm, Simeon, wir gehen!�, sagte ich, hielt aber gleichzeitig den Gehstock hoch, um m�gliche Angriffe der umstehenden M�nner abzuwehren.</p><p>�Ja, nimm den Schreihals ruhig mit�, brummte einer von ihnen. �Sonst stopfen wir ihm endg�ltig sein Maul.�</p><p>�Wer bist du?�, lallte Simeon, w�hrend ich ihn hochzog, seinen Arm um meine Schulter legte und ihn zur Gittert�r schleifte.</p><p>�Dein Schutzengel�, sagte ich schnaufend und hatte M�he, ihn zu halten, weil er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. �Lass uns hier verschwinden.�</p><p>Simeon sah elend und erb�rmlich aus. Als wir den Platz vor dem Kirchenportal erreicht hatten und ich ihn im Schein der Stra�enlaternen betrachtete, bekam ich einen geh�rigen Schreck. Seine Nase blutete, die Wangen waren blau unterlaufen, die Augen schwarz ger�ndert, und auf seiner Stirn hatte er eine Platzwunde. Die Anstaltskleidung des Arbeitshauses � graue Hose, graue Weste, graue Jacke � war verdreckt und zerrissen, seinen Hut hatte er verloren. Noch erschreckender als seine �u�ere Erscheinung war jedoch der irre Blick, mit dem er mich betrachtete oder vielmehr durchbohrte. Er sah aus, als h�tte er v�llig den Verstand verloren. Und das lag nicht allein am Alkohol.</p><p>�Ich bin�s, Simeon. Rupert!�, sagte ich, da er mich offensichtlich nicht erkannte. Allerdings war ich mir nicht dar�ber im Klaren, ob das an meinem Aufzug oder an seiner Trunkenheit und Verwirrung lag. �Was ist denn blo� los mit dir?�</p><p>�Ich hab ihn gesehen�, brabbelte er und fuhr sich �ber den Bart.</p><p>�Wen gesehen?�</p><p>�Algie!�</p><p>�Welchen Algie?�</p><p>�Swinburne�, fauchte er und sch�ttelte die Faust. �Den gro�en Algernon Swinburne, den verdammten Verr�ter!�</p><p>�Und?� Ich legte seinen Arm um meine Schulter, st�tzte ihn ab und wankte mit ihm �ber die Commercial Street in Richtung Dorset Street.</p><p>�Er hat sich vor allen Leuten �ber mich lustig gemacht. Hat da gestanden, vor meinem Gem�lde, und mich eine Schande genannt. �Ein gro�er K�nstler, aber ein schwacher Mensch.� So hat er�s gesagt. Und dass wir nie Freunde waren, hat er behauptet. Judas!�</p><p>Ich hatte zwar keine Ahnung, wo er Swinburne begegnet sein mochte, denn angeblich lebte der Dichter seit Jahren sehr zur�ckgezogen irgendwo au�erhalb der Stadt, doch Swinburnes abf�lligen Worten konnte man bei Simeons Anblick kaum widersprechen. �Ein schwacher Mensch� war noch eine wohlwollende Umschreibung dessen, was ich gerade vor mir sah.</p><p>Nat�rlich wusste ich von Simeons problematischem Verh�ltnis zu Algernon Swinburne. Er hatte mir oft und lange genug damit in den Ohren gelegen. Angeblich waren sie fr�her einmal eng befreundet gewesen, Simeon hatte sogar einige B�cher des Dichters illustriert und mit ihm Reisen nach Italien und Frankreich unternommen. Doch Swinburne hatte sich, nachdem Simeons sexuelle Vorlieben w�hrend des Gerichtsverfahrens ruchbar geworden waren, br�sk von dem ehemaligen Gef�hrten abgewandt und auch die anderen Freunde und K�nstlerkollegen aufgefordert, es ihm gleichzutun. Sie hatten ihn allesamt wie eine hei�e Kartoffel fallen gelassen. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob Simeons Tiraden in allen Einzelheiten der Wahrheit entsprachen, aber was ihn vor allem verletzte und emp�rte, war die Tatsache, dass sich Swinburne in der �ffentlichkeit als hedonistischer B�rgerschreck und libert�rer Freigeist spreizte, aber nach Simeons Verurteilung als Erster demonstrativ von ihm abger�ckt war. Vielleicht weil er als Busenfreund des �berf�hrten Sodomiten Angst hatte, selbst in Verdacht zu geraten.</p><p>Tats�chlich waren sich Simeon und Swinburne in vielerlei Hinsicht sehr �hnlich gewesen, in ihrer Kunst und ihrem ausschweifenden Leben, denn auch der Dichter war der Trunksucht erlegen und w�re beinahe daran gestorben. Doch anders als Simeon hatte Swinburne seinem Leben und seinem Schaffen eine radikale Wendung gegeben. Er war in gewisser Weise vom Saulus zum Paulus geworden. Und das war der Grund, warum Simeon ihn einen Judas nannte.</p><p>�Scheinheiliger Zwerg!�, schimpfte Simeon auf den kleinw�chsigen Swinburne und stolperte �ber seine F��e.</p><p>�Wo hast du ihn gesehen?�, fragte ich, als wir Miller�s Court erreicht hatten und ich ihn mit M�he durch den engen Durchlass bugsiert hatte.</p><p>�Im People�s Palace. In der Ausstellung. Im Wintergarten. Er hat mich ausgelacht. Simeon Sodomon. Haha, sehr lustig!� Die Worte schossen wie Gewehrsalven aus seinem Mund. �Er hat mich verleugnet. Und beleidigt!�</p><p>�Und deshalb l�sst du dich seit Tagen volllaufen, vers�ufst dein letztes Geld und verlierst sogar dein Bett im Arbeitshaus?� Ich sch�ttelte ihn und versuchte, ihn aufzurichten. �Nur weil Swinburne dich verlacht und verleugnet hat? Das macht er doch seit Jahren. Gew�hn dich gef�lligst daran, oder �ndere dich! Wenn du nicht willst, dass man dich auslacht, dann mach dich nicht zum Affen!�</p><p>Simeon schaute mich konsterniert an, schnappte nach Luft oder suchte nach Worten und taumelte dann r�cklings zu Boden, wo er regungslos im Matsch liegen blieb. Meine Worte hatten offenkundig Eindruck auf ihn gemacht.</p><p>Neben dem Abtritt stand eine Regentonne, die nach dem ordentlichen Guss der letzten Stunden etwa zu einem Drittel gef�llt war. Ich hievte die Tonne m�hevoll in die H�he und goss den gesamten Inhalt �ber meinen bemitleidenswerten Freund. Mit einem Prusten kam er wieder zu sich, fuhr wie ein Katapult in die H�he und schaute mich an, als s�he er mich gerade zum ersten Mal.</p><p>�Rupert?�, rief er. �Wo kommst du denn her? Was machst du hier? Wo bin ich �berhaupt?�</p><p>�Komm!�, sagte ich, zog ihn hoch und brachte ihn in meine Kammer. �Hier kannst du eine Weile bleiben.� Ich zog ihm die nassen Kleider aus und wickelte ihn in die stinkende Decke, die Edmund mir am Freitag gegeben hatte. Simeon lie� alles wie ein kleines Kind �ber sich ergehen, machte keinen Mucks und war wie erstarrt.</p><p>�Dunkel hier drin�, war alles, was er sagte, als er wie ein S�ugling eingewickelt auf dem Bett sa�. �Und feucht.�</p><p>�Besser als der Friedhof�, sagte ich, fand einen Kerzenstummel auf dem Tisch, entz�ndete ihn und setzte mich neben Simeon aufs Bett, obwohl er bestialisch stank. �Geht�s wieder?�, fragte ich und schaute zu Boden, wo sich eine Pf�tze aus Regenwasser gebildet hatte, das durch die Decke auf die gestampfte Erde tropfte.</p><p>�Nein�, antwortete er, �aber man gew�hnt sich dran.�</p><p>Wir sa�en eine Weile schweigend nebeneinander, Schulter an Schulter, und starrten ins Nichts. Als ich bereits dachte, er sei eingeschlafen, fuhr er pl�tzlich hoch und schien sich an etwas zu erinnern. Er schaute mich verwundert an und fragte: �Bist du nicht im Gef�ngnis?�</p><p>�Hab nichts verbrochen.�</p><p>�Aha.� Er nickte, obwohl er offensichtlich nichts verstand, und sagte pl�tzlich: �Ich hab das M�dchen wiedergesehen.�</p><p>�Wann? Wo?�</p><p>�Im People�s Palace. Sie war auch da. Am gleichen Abend wie Swinburne.� Wieder redete er in seinem seltsam abgehackten Stakkato. �Hat mich angesprochen. Wollte wissen, woher ich ihre Mutter kenne. Komisch, oder?�</p><p>�Du hast ihre Mutter von einem Foto abgemalt, hat Gray erz�hlt.�</p><p>�Gray?�</p><p>�Unser Laufbursche im Crown. Du warst gestern Morgen dort.�</p><p>�War ich das?� Er schob die Unterlippe vor und nickte dann. �Ja, kann sein.�</p><p>�Woher hattest du das Foto?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Wer war der Auftraggeber des Bildes?�</p><p>Er wiederholte die Geste und betonte sie durch ein Abwinken.</p><p>�Wei�t du es nicht oder willst du es mir nicht sagen?�</p><p>�Was k�mmert dich das verdammte Gem�lde? Ich hab keine Ahnung, wo es geblieben ist. Interessiert mich auch nicht. War ohnehin Schund.�</p><p>�Es h�ngt im B�ro meines Vaters.�</p><p>Er schaute mich verst�ndnislos an und sagte: �Deines Vaters?� Dann schloss er die Augen, seufzte tief, und sein Kinn sackte auf die Brust.</p><p>�Simeon!�, rief ich und sch�ttelte ihn.</p><p>�Was denn?�, fauchte er und fuhr erschrocken in die H�he. �Was ist?�</p><p>�Ich kenne das Gem�lde�, sagte ich und sch�ttelte ihn erneut. �Ein Hirtenm�dchen in wei�er Kleidung, mit allerlei niedlichem Viehzeug auf der Weide. Ein f�rchterliches Bild.�</p><p>�Eine Auftragsarbeit�, sagte er und hob entschuldigend die H�nde. �Eine idyllische Pastorale. So wollte es der Mann. Also hat er sein d�mliches Hirtenbild bekommen. Ich war damals froh, �berhaupt mit �l und auf Leinwand malen zu k�nnen und daf�r bezahlt zu werden. Wei� der Teufel, wie der Kerl ausgerechnet auf mich gekommen ist. Vermutlich hat ihm einer verraten, dass ich nicht viel verlangen kann.� Er schaute mich verwirrt an und fragte: �Und das Bild geh�rt jetzt deinem Vater? Bist du sicher?�</p><p>�Er behauptet, dass er es vor einigen Jahren bei einer Auktion ersteigert hat.�</p><p>�Aber du glaubst ihm nicht.�</p><p>Diesmal zuckte ich mit den Schultern und fragte: �War mein Vater der Mann, der das Gem�lde in Auftrag gegeben hat?�</p><p>�Bestimmt nicht�, antwortete Simeon und sch�ttelte schwerf�llig den Kopf. �Das war kein Gentleman. Vielleicht ein Handwerker oder Ladenbesitzer.�</p><p>�Vielleicht hat er sich verkleidet.�</p><p>�Du meinst, wie der Vater, so der Sohn?� Er lachte und winkte erneut ab. �Das wei� ich nicht mehr so genau. Das ist mindestens acht Jahre her, Rupert. Wenn nicht sogar mehr. Damals hab ich noch nicht in St. Giles gewohnt.�</p><p>�Dein Bett im Arbeitshaus ist �brigens weg�, sagte ich. �Du sollst die Kleider zur�ckbringen und deinen Koffer holen, l�sst der Pf�rtner ausrichten.�</p><p>�Hab ja jetzt ein neues Bett�, antwortete er, lachte albern und klopfte auf die klamme Matratze. �Ich bin m�de, Rupert. K�nnen wir nicht morgen �?�</p><p>�Sonst kannst du dich an nichts erinnern?�, unterbrach ich ihn und verhinderte, dass er sich zur Seite fallen lie�. �Hast du das Bild geliefert oder wurde es abgeholt?�</p><p>�Abgeholt�, antwortete er und g�hnte. �Wenn ich mich nicht irre.�</p><p>�Von dem Mann, der dir den Auftrag gegeben hat?�</p><p>Wieder g�hnte er. Dann runzelte er die Stirn und sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er schlie�lich. �Von einem Jungen. Vermutlich ein Laufbursche. Der h�sslichste Junge, den ich je gesehen habe. Spindeld�rr, mit abstehenden Ohren wie ein Elefant. Wie ein Kobold.�</p><p>�Und das Foto? Hast du das noch?�</p><p>�Nein. Warum sollte ich?� Er sch�ttelte den Kopf, kraulte sich den verfilzten Bart und hielt pl�tzlich inne. �Aber ich wei�, wer der Fotograf war.�</p><p>�Du hast keine Ahnung, wer der Auftraggeber war�, wunderte ich mich, �aber an den Fotografen erinnerst du dich? Wie kann das sein?�</p><p>�War ein Stempel drauf�, sagte er und g�hnte erneut. �Bei demselben Fotografen hatte ich kurz vorher Visitenkarten machen lassen. Deswegen wei� ich das noch. Hab die Dinger nie gebraucht. Wollte ohnehin keiner mehr was von mir wissen.� Er l�chelte gequ�lt, hatte offenkundig M�he, sich zu konzentrieren, und setzte dann hinzu: �Newcombe oder Newborne in der Fenchurch Street. Hab damals ganz in der N�he gewohnt.�</p><p>�Schlaf jetzt!�, sagte ich, erhob mich und schaute auf die Taschenuhr. Es war bereits nach drei. H�chste Zeit! Als ich mich zu Simeon umdrehte, war er bereits zur Seite gekippt und eingeschlafen. Ich legte den Schl�ssel auf den Tisch, l�schte das Licht und ging hinaus.</p><p>Trotz der Gaslaterne war es stockfinster im Hof. Das Licht der Lampe drang kaum durch den Nebel, der sich mittlerweile zu einer richtigen Br�he verdichtet hatte. Als ich an der Wohnung meines Hauptmieters vorbeiging, h�rte ich Edmund wieder im Schlaf rufen: �Nein, ich hab�s nicht getan. Ich bin unschuldig! Ich war dagegen.�</p><p>Genauso hatte ich geklungen, als ich am Mittag vor dem Polizeigericht meine Unschuld beteuert hatte. Und wie bei mir schien auch Edmund das Wissen um seine Unschuld nicht zu beruhigen. Ich w�nschte ihm eine gute Nacht und verlie� den Hof.</p><empty-line/></section><section><p>DIENSTAG, 23. OKTOBER 1888</p><p>8</p><p>Das Fr�hst�ck im Hotel, das wir in einem abgetrennten Teil des Speisesaals zu uns nahmen, verlief in gedr�ckter Stimmung. Mortimer hatte schlechte Laune, weil ihm Mr. Barclay am Abend noch einmal unmissverst�ndlich zu verstehen gegeben hatte, dass er f�r dessen Kaffeehauspl�ne in Southwark wenig �brighatte. Vater hatte schlechte Laune, weil ihn Kopfschmerzen plagten, wie er behauptete. Und Mr. Barclay, dessen aufdringlich gute Stimmung eigentlich unverw�stlich war, machte sich Sorgen, weil f�r den heutigen Morgen irgendeine Demonstration oder Kundgebung vor dem Firmengel�nde in der Park Street angek�ndigt war. Er bat mich, ihn in seiner Kutsche nach Southwark zu begleiten. So k�nnte ich mir schon mal anschauen, wo ich in K�rze arbeiten und wohnen w�rde, au�erdem w�rde ich einen Eindruck von den �F�hrnissen und Obstakeln�, wie er sich ausdr�ckte, bekommen, mit denen ein Londoner Unternehmer heutzutage zu k�mpfen habe.</p><p>Auch William machte eine Miene wie sieben Tage Regenwetter. Das schien unmittelbar mit seiner Frau Betty zu tun zu haben, die neben ihm sa� und ein �hnlich sauert�pfisches Gesicht zur Schau stellte. Vermutlich eine der periodisch auftretenden Ehestreitigkeiten im Hause Ingram. Und wom�glich hatte es etwas mit einer h�bschen Schneiderin aus der Bond Street zu tun.</p><p>Als ich mich entschuldigte und aufstand, um mich in meinem Zimmer f�r die Fahrt nach Southwark fertig zu machen, erinnerte mich William daran, dass am Abend ein Empfang im Deutschen Athenaeum in der Mortimer Street stattfinden sollte, auf dem man mich erwartete. Auf meinen scherzhaften Einwand, ich k�nne kein Deutsch, l�chelte er m�de und sagte: �Es wird dir gefallen. Das ist ein Club von deutschen K�nstlern mit guten Beziehungen nach Berlin und Hamburg. K�nnte n�tzlich sein, um G�ste zu werben. Der Botschafter hat sich ebenfalls angek�ndigt.�</p><p>�Ay, Boss�, imitierte ich Gray und ging nach oben.</p><p>Das Zimmer, das f�r die n�chsten Wochen bis zur Hochzeit mein Zuhause sein sollte, war eine ehemalige Abstellkammer direkt neben dem B�ro meines Vaters. Auf diese Weise hoffte er wohl, mich besser unter Kontrolle zu halten. Als ich an dem B�ro vorbeikam, konnte ich dem Impuls nicht widerstehen und �ffnete die stets unverschlossene T�r, um noch einmal einen Blick auf Simeons Gem�lde zu werfen. Doch hinter dem Schreibtisch hing kein Bild mehr. Nur ein heller Fleck an der Tapete zeugte noch von seiner Existenz.</p><p>�Euch Kindern hat�s offenbar nicht gefallen�, h�rte ich pl�tzlich die Stimme meines Vaters hinter mir. �Darum hab ich es abgenommen.�</p><p>�Seit wann k�mmert dich unser Geschmack?�, antwortete ich verst�rt. ��brigens sind wir keine Kinder mehr.�</p><p>�Sicher!� Er lachte k�nstlich und klopfte mir auf die Schulter. �Aber so sind Eltern nun mal. Sie k�nnen nicht aus ihrer Haut.� Wieder folgte ein Lachen, das aufgesetzt und unecht klang, und dann fragte er abrupt: �Wie alt war das M�dchen eigentlich?�</p><p>�Welches M�dchen?� Ich wusste nat�rlich, wen er meinte, aber ich wollte ihn ein wenig zappeln lassen. �Das Hirtenm�dchen auf dem Bild?�</p><p>�Nein, die Tochter, von der du gesprochen hast.�</p><p>�Warum interessiert dich das?�</p><p>�Nur so�, behauptete er und schien zu bemerken, dass er ein schlechter L�gner war, denn sofort setzte er hinzu: �Ist doch ein komischer Zufall, dass du das M�dchen zu kennen scheinst, oder?�</p><p>�Ich kenne das M�dchen nicht, ich glaube nur, dass ich es zwei Mal gesehen habe.�</p><p>�Woher willst du dann wissen, dass es die Tochter der Frau auf dem Bild ist?�</p><p>�Ich wei� es eben�, antwortete ich boshaft.</p><p>�Ja, ja, schon gut�, erwiderte er gereizt. �Und wie alt war es?�</p><p>�Vielleicht sechzehn Jahre alt.�</p><p>Seine Reaktion war bemerkenswert, denn er schien tats�chlich erleichtert oder erfreut zu sein. �Sechzehn, was?�, lachte er jovial. �Beneidenswertes Alter.�</p><p>�Sie sah nicht beneidenswert aus�, entgegnete ich und merkte, wie die Wut in mir hochstieg. �Trotz ihres jungen Alters.�</p><p>�Ach ja?�, sagte er und r�usperte sich. �Trotzdem ein seltsamer Zufall.�</p><p>�Kannst ihr ja das Bild schenken, wenn du es nicht mehr brauchst.�</p><p>�Das Bild schenken? Wieso?� Er starrte zu Boden und wusste nicht, wohin mit seinen H�nden. �Ach so!�, rief er dann, �das war ein Witz, was? Haha!�</p><p>�Ein Witz�, antwortete ich. �Nat�rlich.� Damit lie� ich ihn stehen und verschwand in meinem Zimmer.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter sa�en Mr. Barclay und ich im Fond seiner zweisp�nnigen Victoria-Kutsche und wurden von einem livrierten Kutscher nach Southwark chauffiert. Die dichten Regenwolken hatten sich verzogen, und auch der Nebel der letzten Nacht hatte sich so weit gelichtet, dass man von der n�rdlichen Uferpromenade bis zur Southwarker Seite des Flusses schauen konnte. W�hrend wir auf der breiten Prachtstra�e fuhren, schw�rmte Mr. Barclay beim Anblick der Schlote, Fabrikgeb�ude und Lagerhallen von seiner Brauerei und beschwor die Vorz�ge seines Gewerbes, als w�re er der F�hrer einer Touristengruppe in seiner Fabrik. Ich selbst hatte vor gut einem halben Jahr, kurz nach meiner ersten Begegnung mit den Barclays, an einer solchen F�hrung teilgenommen und w�hrend der zweist�ndigen Tour � oder vielmehr Tortur � alles �bers M�lzen, Schroten und Maischen erfahren. Zwar hatte ich am Ende der F�hrung das meiste wieder vergessen, trotzdem wurde ich mit einer Bierverkostung quer durch die Barclay�schen Biersorten belohnt.</p><p>�Dort dr�ben ist Anchor Terrace�, sagte Mr. Barclay, als wir die Southwark Bridge �berquerten und hinter der Bankside das riesige Firmengel�nde von Barclay, Perkins &amp; Co. sahen. �Das oberste Stockwerk wird f�r euch ausgebaut. Siehst du? Die Mauern werden gerade verputzt, und das Dach wird neu gedeckt. Von dort oben kann man bei guter Sicht bis nach Hampstead schauen.�</p><p>�Und auf die Fabrik�, erg�nzte ich und l�chelte gequ�lt.</p><p>�Es wird euch gefallen�, sagte er mit dem Brustton der �berzeugung. �Ihr werdet schon sehen. Meredith ist bereits sehr gespannt.� Aus seinen Worten schloss ich, dass auch seine Nichte unser neues Zuhause bislang noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.</p><p>Anchor Terrace war ein symmetrisches, eher schlichtes Geb�ude aus hellem Backstein, das mit seiner Nordfassade beinahe ans Themseufer stie�. Fr�her hatte das Haus einmal als Alterswohnsitz f�r verdiente Mitarbeiter der Brauerei gedient, doch inzwischen waren dort vor allem B�ros und Lagerr�ume untergebracht. Tats�chlich konnte ich oben auf dem Dach eine Art Ger�st erkennen, auf und hinter dem eifrig gewerkelt wurde.</p><p>�Von eurer Terrasse f�hrt eine Stiege bis hin�ber zum Brauhaus�, fuhr Mr. Barclay fort und l�chelte begl�ckt. �Dort f�hrt ein elektrischer Aufzug hinunter in den Fabrikhof. Du hast also Familie und Arbeit auf n�chstem Raum beisammen und musst das Gel�nde gar nicht mehr verlassen.�</p><p>�Wie praktisch�, sagte ich, obwohl mir bei dem Gedanken spei�bel wurde. Ich war mir sicher, dass auch Meredith nicht begeistert davon w�re, �ber einer nach Hopfensud und Malzmaische stinkenden Brauerei zu wohnen. Bei meiner fast reflexartigen Abneigung gegen meine fremdbestimmte Braut verga� ich mitunter, dass sich auch Meredith ihren zuk�nftigen Gatten nicht freiwillig ausgesucht hatte. Aus einigen ihrer versch�mten Andeutungen und aus abf�lligen Bemerkungen ihres Onkels hatte ich herausgeh�rt, dass Meredith zuvor einem entfernten Familienmitglied der Barclays durchaus zugetan gewesen war. Dieser junge Kerl namens Frederick � ein Cousin zweiten Grades und Abk�mmling eines schwarzen Schafes der Familie, wenn ich es recht verstanden hatte � schien jedoch als Taugenichts und Schweren�ter verschrien zu sein. Was Mr. Barclay veranlasst hatte, sich nach ehelichen Alternativen umzuschauen. Und dummerweise hatte er sich im Zuge dieser Bem�hungen an seinen alten Gesch�ftspartner Harvey Ingram erinnert.</p><p>Zwar hatte Vater inzwischen keine direkten gesch�ftlichen Verbindungen mehr zur Brauerei � abgesehen davon, dass das Hatchett�s und auch das Crown Hotel ihr Bier aus Southwark bezogen �, aber fr�her hatten ihm auch zwei Kneipen an der Borough High Street in Southwark geh�rt. Da der Gewinn aus diesen Pubs bescheiden, das Hotelierfach weitaus lukrativer und das Angebot der Barclay Brauerei gro�z�gig gewesen war, hatte Vater vor einigen Jahren die Kneipen samt P�chter an Robert Barclay verkauft und das Geld in ein Geb�ude in der Dover Street investiert, aus dem dann das Crown Hotel wurde. Bei den Lokalen, die fr�her einmal meinem Vater geh�rt hatten, handelte es sich um das Black Cross und das George Inn. Beides nicht gerade die feinsten Adressen in London.</p><p>�Da sind wir!�, rief Mr. Barclay sichtlich erfreut. Der Anblick seiner Brauerei erf�llte ihn mit einem fast kindlichen Stolz. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals so zufrieden auf seinem Landsitz in Bury Hill gesehen zu haben. Und ich bezweifelte, dass die Vorstellung, sich irgendwann im beschaulichen Surrey zur Ruhe zu setzen, ihn wirklich begl�ckte.</p><p>Die Kutsche bog links in die Park Street ab, die einst Deadman�s Place gehei�en hatte, wie Mr. Barclay mir bei einem fr�heren Besuch augenzwinkernd erkl�rt hatte. Angeblich r�hrte der seltsame Name daher, dass hier zur Zeit der Gro�en Pest die unz�hligen Toten in riesigen Massengr�bern verscharrt worden waren. Wenn man bedachte, dass sich der Brunnen der Brauerei auf dem Firmengel�nde befand, konnte einem der Appetit auf das mit diesem Wasser gebraute Bier vergehen.</p><p>Vor dem Haupteingang zur Brauerei hatte sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Es handelte sich jedoch nicht um Teilnehmer der angek�ndigten Protestkundgebung, sondern um ausl�ndische Touristen, die eine F�hrung gebucht hatten und auf Einlass warteten. Die Idee, ihre Brauerei f�r zahlende G�ste zu �ffnen und entsprechend umbauen zu lassen, zeugte vom t�chtigen Gesch�ftssinn der Barclays. Sogar der Prinz von Wales, der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck und der italienische Freiheitsk�mpfer Giuseppe Garibaldi hatten laut Mr. Barclay schon einmal die Brauerei in Southwark besichtigt.</p><p>W�hrend wir durch das gro�e Portal fuhren und dabei abfahrende Bierkutscher und anliefernde Getreidebauern passierten, fielen mir erneut die ungeheuren Ausma�e des Firmengel�ndes auf. Eine Vielzahl unterschiedlichster Geb�ude und Silos umringten mehrere H�fe. Besonders beeindruckend neben den riesigen Lagertanks waren die F�rderb�nder, die in schwindelerregender H�he manche der Geb�ude miteinander verbanden. Einige dieser B�nder, die man �Jakobsleitern� nannte, hatten Eimer an der Unterseite befestigt, die v�llig automatisch gef�llt und geleert wurden und in denen das Malz oder die Gerste von einem Ort zum n�chsten bef�rdert wurde. Um zur R�ckseite von Anchor Terrace zu gelangen, f�hrte mich Mr. Barclay mitten durch das gewaltige Brauhaus, obwohl es auch einen Weg �ber den Hof gegeben h�tte. Entweder gefiel es ihm, dass s�mtliche Arbeiter und B�roangestellten, denen wir begegneten, einen B�ckling vor ihm machten, oder er wollte mir zum wiederholten Male anerkennende Worte �ber das Herzst�ck seiner Brauerei entlocken. F�nf vollst�ndige und unabh�ngig zu bef�llende Brauanlagen befanden sich in diesem Brauhaus, das �ber zweihundert Fu� lang und an die sechzig Fu� breit war. Ich kam mir vor wie in einer �berdimensionierten Hexenk�che, �berall zischte und brodelte es. Kupferne Braukessel und Sudpfannen, h�lzerne G�rbottiche und Maischtonnen, Wasserzisternen und Malzsilos waren durch Fallrohre, Kupferleitungen und Jakobsleitern verbunden. Das gesamte Brauhaus wirkte wie ein mechanischer Organismus, der von einem eigenen Dampfkraftwerk im Nachbarhaus angetrieben wurde. W�hrend Mr. Barclay mir zu jedem Kupferkessel oder Holzbottich den Anschaffungswert oder das Fassungsverm�gen nannte und mir bei der Hitze der Schwei� in den Nacken lief, schaute ich zu der schmalen Gitterstiege, die vom �stlichen Ende des Brauhauses zur angrenzenden Anchor Terrace f�hrte. Allein beim Anblick dieser Wendeltreppe wurde mir schwindelig, und ich verfluchte Mr. Barclay, dass er mich nicht den Aufzug hatte nehmen lassen, der direkt vom Hof zu den Maissilos unter dem Dach f�hrte.</p><p>�Dort dr�ben wird dein B�ro sein�, sagte er, als wir oben angekommen waren und den �bergang zum Nebengeb�ude betraten. �Direkt unter eurer Wohnung. Nur eine Treppe tiefer. Du brauchst das Haus gar nicht ��</p><p>�� zu verlassen�, wollte ich den Satz bereits vervollst�ndigen, als wir durch eine aufgeregte Stimme unterbrochen wurden.</p><p>�Mr. Barclay, Sir!�, rief ein Arbeiter im blauen Drillich hinter uns. �Entschuldigung, Sir!� Er verneigte sich umst�ndlich, wischte sich mit den H�nden �ber die Sch�rze und sagte, mit Blick auf seine dreckigen Schuhe: �Mr. Anderson schickt mich, Sir. Es gibt �rger am Tor. Soll ich sagen.� Er �berlegte kurz und schob dann nach: �Sir!�</p><p>��rger?�, fragte Mr. Barclay. �Sind es die Sozialisten?�</p><p>�Nein, Sir�, antwortete der Mann verlegen. �Nicht direkt.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�S�nger.�</p><p>�S�nger?�</p><p>�Ja, Sir! Sie blockieren den Eingang und singen. Mr. Anderson l�sst fragen, was er unternehmen soll.�</p><p>�Ich k�mmere mich selbst darum�, antwortete Mr. Barclay.</p><p>Diesmal nahmen wir den Aufzug, und nur etwa eine Minute sp�ter standen wir am Portal und sahen, was der Arbeiter gemeint hatte. Eine Gruppe von einigen dutzend uniformierten Heilsarmisten hatte sich direkt vor dem Eingang aufgebaut, schmetterte eine christliche Hymne und sorgte ganz nebenbei f�r einen beiderseitigen Stau in der Zufahrt zur Brauerei.</p><p>�I have sinned, O God, my Savior�, schallte es uns entgegen.</p><p>�Ausgerechnet!�, raunte mir Mr. Barclay zu. �Ein Bierkutscher hat gestern ger�chteweise von Protesten und Kundgebungen geh�rt. Aber dass es sich dabei um die Heilsarmee handelte, hat er offenbar nicht gewusst.�</p><p>�Was ist an der Heilsarmee so besonders?�, wunderte ich mich und hielt nach bekannten Gesichtern unter den Salutisten Ausschau. �Die Leute sind doch harmlos.�</p><p>�Das ist ja das Schlimme! Sie sind allesamt so f�rchterlich wohlt�tige und anst�ndige Christen�, antwortete Mr. Barclay und verdrehte die Augen. �Wenn man die von der Polizei verscheuchen oder einsperren l�sst, gibt das nur b�ses Blut und schlechte Presse. Darauf legen sie es n�mlich an. Damit man anschlie�end als �belt�ter und Satan dasteht. Scheinheilige Bande!�</p><p>Bei der Erw�hnung des Satans musste ich an Eva Booth denken, doch der Captain war nicht unter den Heilsarmisten. Als Tochter des Generals trat sie vermutlich nur bei bedeutenden oder besonders brisanten Anl�ssen auf. Die Blockade einer Brauerei z�hlte offensichtlich nicht dazu.</p><p>�Ah, da ist ja Mr. Anderson�, sagte Mr. Barclay und deutete auf einen unscheinbar gekleideten Mann mit buschigem Backenbart, der wild gestikulierend vor den Heilsarmisten stand und gegen den lautstarken Gesang auf sie einredete. �Er ist einer unserer B�rovorsteher und wird dich in alles einweisen, wenn du bei uns anf�ngst. Du kannst bestimmt viel von ihm lernen.�</p><p>�Bestimmt�, antwortete ich z�gerlich.</p><p>Mr. Anderson kam auf Mr. Barclays Handzeichen hin zu uns, verneigte sich tief vor ihm und mir und hob bedauernd die Achseln. �Sie lassen sich nicht von der Stelle bewegen, Sir, bevor sie nicht die Gelegenheit hatten, mit Ihnen zu sprechen. Andernfalls, so soll ich Ihnen sagen, werden sie weitersingen und den Weg blockieren, bis wir sie mit Polizeigewalt wegschaffen lassen.�</p><p>�Das k�nnte ihnen so passen�, antwortete Mr. Barclay und deutete auf zwei schlicht, aber akkurat gekleidete M�nner, die mit schr�g sitzenden Bowlern und gez�ckten Notizb�chern am Rande der Versammlung standen und alles mit Argusaugen beobachteten. �Damit wir morgen im <emphasis>Star</emphasis> lesen k�nnen, wie wir die armen Christenmenschen misshandelt haben? Nein danke! Dann rede ich lieber mit den Leuten und h�re mir den Sermon an. Kommst du, Rupert?�</p><p>�Precious Jesus came to save us, friend of sinners, Jesus came!� Die Salutisten beendeten gerade ihr Lied und wollten bereits mit dem n�chsten beginnen, als der Anf�hrer der Gruppe, ein �lterer Herr mit grau meliertem Bart, den S�ngern ein Zeichen gab und mit einem Nicken vor den Chef von Barclay, Perkins und Co. trat. Er stellte sich als Major Pringle vom Southwarker Korps der Heilsarmee vor und sah dabei beinahe wie ein Feldherr aus. In pathetischen Worten lobte er den Herrn im Himmel, beschwor Mr. Barclay mit gefalteten H�nden, verk�ndete g�ttliche Weisheiten und appellierte an das Wohlwollen und die Menschlichkeit des Gesch�ftsmannes und Gentlemans. Was er eigentlich von Mr. Barclay wollte, schien er selbst nicht zu wissen, jedenfalls blieb mir der eigentliche Sinn seiner Worte verborgen, und mir fiel auf, wie wenig Nachhall seine Ausf�hrungen hatten, wenn man sie mit der flammenden Rede der Eva Booth verglich. Mr. Barclay antwortete dem Mann auf seine ihm eigene Art: gut gelaunt, jovial, selbstbewusst und nicht ohne Mitgef�hl, aber ohne jegliches Verst�ndnis. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie redeten vollst�ndig aneinander vorbei.</p><p>Nachdem sich die beiden M�nner eine Zeit lang verbal im Kreis gedreht und nichts erreicht hatten, au�er Verwirrung zu stiften und f�r ein Patt zu sorgen, mischte ich mich in das verfahrene Gespr�ch ein.</p><p>�Sie wollen die Menschen zu Gott und auf den rechten Pfad der Tugend f�hren�, wandte ich mich unmittelbar an den Sprecher der Heilsarmisten. �Sehe ich das richtig, Major?�</p><p>�Jawohl, Sir�, antwortete der Major, und sofort n�herten sich die beiden Herren von der Presse und z�ckten ihre Stifte.</p><p>�Sie wollen den armen Trinkern zu verstehen geben, dass Gott ihnen hilft, das Trinken zu �berwinden? Allein durch Gottes Gnade werden sie den Satan in Gestalt des Alkohols vertreiben, nicht wahr?� Ich erinnerte mich an Eva Booths Worte und setzte hinzu: �Allein durch den Glauben werden die Trinker geheilt.�</p><p>�Ganz richtig, Sir�, wunderte sich der Mann. �Der Glaube ist die beste Medizin. Denn Jesus ist unser Retter. Gelobt sei sein Name!�</p><p>�Das ist sehr l�blich und ehrenwert, Major�, erwiderte ich und setzte augenzwinkernd hinzu: �Auch wenn es den Umsatz von Barclay und Perkins und aller anderen Brauereien drastisch einbrechen lassen w�rde, sollten Sie damit dauerhaft Erfolg haben.�</p><p>�So ist es�, lachte der Heilsarmist beinahe erleichtert.</p><p>Sogar Mr. Barclay lachte, obwohl ihm das Gespr�ch in eine seltsame Richtung zu gehen schien. Er starrte mich verwirrt an.</p><p>�Ich verstehe, was Ihr Anliegen ist, und respektiere es. Das Problem ist nur, dass Sie hier keine Trinker und zu rettenden Seelen finden werden�, fuhr ich fort und deutete auf die Bierkutscher. �Die M�nner dort ern�hren mit ihrer Arbeit ihre Familien, die andernfalls hungern m�ssten. Die Bauern, die darauf warten, eingelassen zu werden, m�chten ihre Gerste verkaufen, f�r deren Anbau und Ernte sie hart gearbeitet haben. Im Schwei�e ihres Angesichts, wie es in der Bibel hei�t. Und diese Herrschaften ��, ich wies auf die Touristen und Reisegruppen, die uns neugierig umringten, als hielten sie die Kundgebung f�r eine der Attraktionen der Brauerei, �� diese Menschen interessieren sich allein f�r die Fabrik und die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik. Mit anderen Worten: Sie protestieren am falschen Ort und predigen den falschen Menschen, Major. Gehen Sie in die Kneipen und Gasth�user, helfen Sie den Trunks�chtigen, die � anders als die Bierkutscher und Bauern dort � ihre Familien im Stich gelassen und den Glauben verloren haben.� Wieder fielen mir die Worte von Miss Booth ein, und ich rief, als glaubte ich tats�chlich, was ich sagte: �Klagen Sie nicht an, sondern reichen Sie Ihre Hand! Seien Sie nicht Richter, sondern Bruder und Schwester!�</p><p>Mein Gegen�ber sah mich verdutzt an und schwieg.</p><p>Einer der Journalisten notierte etwas. Der andere sch�ttelte ungl�ubig den Kopf und fragte: �Darf ich fragen, wer Sie sind, Sir?�</p><p>�Das ist mein Schwiegersohn�, mischte sich Mr. Barclay ein.</p><p>�Schwiegerneffe�, korrigierte ich. �Zuk�nftig.�</p><p>�Und die Skeletons?�, rief pl�tzlich jemand aus der Menge. Es war ein junger Heilsarmist mit zerschundenem Gesicht, das von Striemen und blauen Flecken �bers�t war. Im Oberkiefer fehlte ein Schneidezahn, und seine Augen funkelten wild, als wollte er mir gleich an die Gurgel springen.</p><p>�Was ist mit der Skeleton Army?�, fragte ich und �berlegte, woher ich dieses wutverzerrte Gesicht kannte, das so gar nicht zu einem Heilsarmisten passen wollte. �Wenn Sie gegen die Skeleton Army protestieren m�chten, warum tun Sie es dann ausgerechnet hier?�</p><p>�Weil die Skeletons von den Brauherren und Schnapsh�ndlern bezahlt werden�, behauptete der Mann und stie� zornig mit der Hand in die Luft. �Von gewissenlosen Leuten wie Mr. Barclay! Erst am Freitag haben die Skeletons uns in Spitalfields hinterr�cks �berfallen und auf wehrlose Frauen eingeschlagen. Im Auftrag der Bosse, die um ihren teuflischen Sold bangen und uns deshalb die gottlosen Schl�ger auf den Hals hetzen. So sieht�s doch aus!�</p><p>�Bruder Adam!�, versuchte der Major seinen Mitstreiter zu bes�nftigen. �M��ige dich bitte!�</p><p>�Wahrheit muss Wahrheit bleiben�, beharrte der aufgebrachte Sprecher.</p><p>�Der Angriff vom Freitag wurde meines Wissens vom Wirt des Ten Bells Pub befehligt�, rief ich. �Mr. Waldron war daf�r verantwortlich.�</p><p>�Woher wollen Sie das wissen?�, fragte einer der Journalisten.</p><p>�Das Ten Bells geh�rt, wie Sie vermutlich wissen, zur Truman Brauerei in Spitalfields�, fuhr ich fort, ohne auf den Einwand des Reporters zu antworten. �Fragen Sie dort in der Brick Lane nach, wer die �bergriffe der Skeletons angeordnet hat! Ich bleibe dabei: Sie protestieren hier am falschen Ort.�</p><p>�Wir sind vom Southwarker Korps�, sagte der Major, und es klang wie eine Entschuldigung. Dann beratschlagte er sich mit seinen Br�dern und Schwestern.</p><p>Mr. Barclay legte mir die Hand auf die Schulter und fl�sterte in mein Ohr: �Bravo, mein Junge. Gut gemacht. Damit haben sie nicht gerechnet.�</p><p>�Ich auch nicht�, murmelte ich und kam mir ein bisschen wie ein Verr�ter vor.</p><p>�Das mit der Truman Brauerei war sehr geschickt�, best�tigte Mr. Anderson.</p><p>�Wahrheit muss Wahrheit bleiben�, antwortete ich.</p><p>�Nun ja�, meinte Mr. Anderson und l�chelte gequ�lt. �Ganz wie man�s nimmt.� Er schaute zu Mr. Barclay und zuckte mit den Schultern.</p><p>Major Pringle hatte sich derweil mit den anderen Heilsarmisten auf das weitere Vorgehen geeinigt und verk�ndete, dass das Korps nun noch eine Hymne singen und anschlie�end in die Borough High Street ziehen wollte, um vor den dortigen Kneipen die verlorenen Seelen zur Umkehr aufzufordern.</p><p>�Tun Sie das!�, rief Mr. Barclay erleichtert und reichte dem Major die Hand. �Und seien Sie versichert, dass das Southwarker Korps der Heilsarmee sehr bald eine gro�z�gige Spende von Barclay, Perkins und Company erhalten wird.�</p><p>�Ich danke im Namen der verlorenen Seelen und armen S�nder�, antwortete Major Pringle.</p><p>Mr. Barclay winkte g�nnerhaft ab, bedeutete mir, ihm zu folgen, und ging in Richtung Brauhaus.</p><p>W�hrend die Salutisten ihr Lied schmetterten und von der Gnade Gottes und der Herrlichkeit des Himmels sangen, wandte ich mich an Mr. Anderson: �Was meinten Sie mit �Ganz wie man�s nimmt�? Das Ten Bells geh�rt doch zur Truman Brauerei, oder etwa nicht?�</p><p>�Das schon�, antwortete er, w�hrend wir gemeinsam seinem Boss � und wom�glich bald auch meinem � folgten.</p><p>�Aber?�, fragte ich.</p><p>�Aber�, sagte er und drehte sich um, als h�tte er Angst, einer der Heilsarmisten oder Journalisten k�nnte lauschen. �Das hei�t nat�rlich nicht, dass Barclay und Perkins die Skeleton Army nicht finanziell unterst�tzt.�</p><p>�Die Brauerei bezahlt die Schl�ger?�, wunderte ich mich und blieb stehen.</p><p>�Alle Brauereien tun das�, erwiderte er und schaute ein wenig betreten drein. �Es ist nicht so, dass die einzelnen Aktionen von uns angeordnet oder koordiniert werden. Darum k�mmern sich die Wirte und H�ndler. Aber ��</p><p>�Sie machen sich die H�nde nicht dreckig�, folgerte ich. �Aber es passt Ihnen durchaus in den Kram, wenn sich die Heilsarmisten blutige Nasen einfangen.�</p><p>�Falsch!�, rief Mr. Barclay, der sich uns unmerklich gen�hert und meine letzten Worte aufgefangen hatte. �Es passt <emphasis>uns</emphasis> in den Kram, mein Junge. Du wirst bald einer von uns sein, vergiss das nicht! Hast dich gerade am Tor als w�rdiges Mitglied von Barclay und Perkins erwiesen, Rupert.� Er lachte und setzte hinzu: �Das sind die F�hrnisse, denen wir trotzen m�ssen. Die Hindernisse und Obstakel, von denen ich gesprochen habe!�</p><p>Vor wenigen Tagen hatte ich mir geschworen, nie wieder etwas mit der Skeleton Army zu tun zu haben und der eigenen Verlogenheit ein Ende zu setzen, und nun merkte ich, wie naiv und blau�ugig ich gewesen war. Von der Seite der Schl�ger und Rabauken war ich lediglich auf die Seite der Befehlshaber dieser Schl�ger und Rabauken gewechselt. Oder w�rde es zumindest bald tun.</p><p>�So!�, sagte Mr. Barclay und klopfte mir aufmunternd auf den R�cken � eine vertrauliche Geste, die mir h�chst unangenehm war. �Und jetzt zeigt dir Mr. Anderson dein neues B�ro. Es wird dir gefallen. Es hat einen freien Blick auf die Themse.�</p><p>Ich nickte hilflos, sah Mr. Barclay im Brauhaus verschwinden und folgte Mr. Anderson artig �ber den Hof.</p><p>Nach einer qu�lend langen Stunde, in der mir der B�rovorsteher meinen zuk�nftigen Arbeitsplatz im vierten Stock von Anchor Terrace zeigte, mich den Kollegen und baldigen Untergebenen vorstellte und mir die Buchhaltung und das Rechnungswesen in groben Z�gen erl�uterte, war ich beinahe froh, von Mr. Barclay in sein B�ro im Brauhaus gebeten zu werden. Statt der Zigarre, die er mir anbot, z�ndete ich mir eine Zigarette an und lie� geduldig einen weiteren Schwall von selbstgef�lligen Worten �ber mich ergehen. W�hrend er �ber die Braukunst philosophierte und dabei die Errungenschaften und Leistungen von Barclay, Perkins und Company hervorhob, lie� er ganz nebenbei durchblicken, dass mich im Grunde weder der Vorgang des Brauens noch die kaufm�nnische Seite des Betriebes wirklich zu interessieren habe.</p><p>Auf meine verwunderte Reaktion hin lachte er und sagte: �Ich erwarte nicht, dass du ein Braumeister oder eifriger Gesch�ftsmann wirst, und ich glaube auch nicht, dass dir die Arbeit im Kontor Spa� machen wird. Das ist auch gar nicht n�tig. Daf�r habe ich meine Leute. F�hige M�nner wie Mr. Anderson. Es gen�gt, wenn du dir die Grundbegriffe unserer Arbeit aneignest und so tust, als w�rdest du etwas von der Materie verstehen.� Wieder lachte er und legte v�terlich die Hand auf meinen Arm. �Davon abgesehen reicht es, wenn du nicht gegen die Maschinen oder Schreibtische l�ufst.�</p><p>�Ich verstehe nicht, Sir�, antwortete ich verwirrt.</p><p>�Wenn du den Vertrag gelesen h�ttest, w�rdest du verstehen�, erwiderte er. �Du sollst die Brauerei nicht leiten und mir auch nicht dabei �ber die Schulter schauen oder zur Hand gehen, sondern die Firma nach au�en hin vertreten und auf ansprechende Art repr�sentieren. Ich brauche dich als ��</p><p>�Visitenkarte�, folgerte ich und lachte erschrocken. Diese Rolle hatte ich schlie�lich lange genug im Crown Hotel gespielt. Ein lebendes Aush�ngeschild.</p><p>�Ja, so k�nnte man es nennen�, sagte er und paffte an seiner Zigarre. �Ich will ganz ehrlich sein, Rupert. Eigentlich habe ich gar keine Verwendung f�r jemanden wie dich. Du bist ein gewitzter Bursche und ein h�bscher Kerl obendrein. Das ist unbestritten. Aber gutes Aussehen und Esprit sind nicht unbedingt das, was man in einer Brauerei braucht. Ich mag dich, Rupert, aber wenn dein Vater mich nicht so eindringlich gebeten h�tte, dich hier irgendwo unterzubringen, w�re ich niemals auf die Idee gekommen, dich aus deinem geliebten Mayfair herauszulocken.�</p><p>�Mein Vater?�, entfuhr es mir. �Ich dachte, das war Ihre Idee, Sir. Wegen dem kleinen Robert junior.�</p><p>�Ach was�, antwortete er und winkte ab. �Bis Robert junior oder die anderen Kinder alt genug sind, die Gesch�fte zu �bernehmen, werde ich den Laden schon noch allein beisammenhalten. So alt bin ich ja noch nicht.�</p><p>�Und Meredith?�</p><p>�Was ist mit ihr?� Er zuckte mit den Schultern und sagte: �Ob sie in Mayfair oder Southwark wohnt, spielt f�r sie keine Rolle. London ist London. Hauptsache, sie kommt aus Bury Hill raus. Die Langeweile des Landlebens tut ihr nicht gut. Sie ist nun mal die Tochter der verstorbenen Schwester meiner Frau, und deshalb geben wir auf sie acht.� Ein seltsames Funkeln lag bei diesen letzten Worten in seinen Augen.</p><p>�Verstehe�, sagte ich und kam mir vor wie eine Marionette, an der von allen Seiten gezogen und gezupft wurde. Die Verbindung mit Meredith hatte meinem Vater nicht nur die Gelegenheit gegeben, die Familie Ingram mit der reichen Sippe der Barclays zu verbinden, sondern mich zugleich aus dem Crown Hotel zu entfernen und meinem ziellosen Treiben ein Ende zu machen. Und f�r Mr. Barclay war ich nichts weiter als ein galanter Nichtsnutz, der allein dem Zweck diente, die t�richte Nichte von dem unliebsamen Barclay-Cousin Frederick fernzuhalten, der andernfalls wom�glich um ihre Hand anhalten und damit einen Familienkrieg ausl�sen k�nnte.</p><p>�Entschuldigen Sie mich, Sir�, sagte ich, erhob mich mit zittrigen Knien und reichte ihm die Hand. �Aber ich habe noch einen Termin.�</p><p>�Einen Termin?�</p><p>�Bei einem Fotografen�, sagte ich, weil mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. �In der Fenchurch Street.�</p><p>�Eine gute Idee�, antwortete er und zwinkerte mir zu. �Meredith mag so was. Sie sammelt diese bunten Kabinettkarten, ganze Alben hat sie davon voll. Und von dir hat sie noch kein Foto, wenn ich richtig unterrichtet bin. Wird auch Zeit.�</p><p>�Ja, es wird Zeit�, sagte ich und ging hinaus.</p><empty-line/></section><section><p>9</p><p>Als ich das Firmengel�nde durchs Haupttor verlie� und in Richtung Themse ging, bemerkte ich, dass der Nebel sich wieder verdichtet hatte. Obwohl es bereits Mittag war, stand die Sonne als blasse Scheibe am Himmel und drang kaum durch den Dunst, der hier in Southwark nach Essig, Brausud und schwefliger Kohle roch. Eine Eisenbahn ratterte direkt �ber mir, im Bogen von der London Bridge Station kommend, �ber den Viadukt zum Bahnhof Cannon Street und verschwand mitten �ber dem Fluss im Nebel. Vom gegen�berliegenden Nordufer der Themse war nichts zu sehen, nicht einmal die Kathedrale von St. Paul lie� sich in dem undurchdringlichen Graugelb erkennen.</p><p>Eigentlich hatte ich vorgehabt, im Anchor Pub zu Mittag zu essen, doch die N�he zur Brauerei erschien mir in diesem Moment unertr�glich und nahm mir jeden Appetit. Deshalb ging ich unter der Eisenbahnbr�cke hindurch nach Osten, wo sich die Clink Street zwischen Fabriken und Lagerhallen am Ufer entlangschl�ngelte. Die Stra�e f�hrte am bauf�lligen Dock von St. Mary Overy vorbei bis zum Friedhof von St. Saviour. Angeblich war unser Urahn Jeremiah, der Gr�nder des Ingram-Unternehmens an der Piccadilly, vor etwa zweihundert Jahren in dieser Gegend zur Welt gekommen, und zwar als Sohn eines merkw�rdigen Kauzes, der einen Gro�teil seines Lebens unter R�ubern, Dirnen oder im Irrenhaus verbracht hatte. So jedenfalls berichtete es eine der zahlreichen Ingram-Legenden, die mein Vater so liebte.</p><p>Die alte gotische Kirche wirkte zwischen den Fabriken, Dockanlagen und dem Viadukt der Eisenbahn, der nur wenige Schritte entfernt am Friedhof vorbeif�hrte, wie eine untergehende Bastion, die von �berm�chtigen Feinden umzingelt war. Ich benutzte den verfallenen und von Unkraut �berwucherten Friedhof als Abk�rzung zur Southwarker Hauptstra�e. �ber mir donnerte eine weitere Eisenbahn �ber die Hochtrasse und lie� die Grabmale und Kreuze zu ihren F��en erbeben. In einer Ecke des Friedhofes, in unmittelbarer N�he des Viadukts, stand eine Statue, die mir aus mehreren Gr�nden ins Auge sprang. Einerseits war die Skulptur durch die st�ndigen Ersch�tterungen so stark besch�digt, dass es schien, als k�nnte sie jeden Augenblick in sich zusammenfallen, auf der anderen Seite wirkte sie auf einem anglikanischen Friedhof seltsam deplatziert. Es handelte sich um das Standbild eines nackten J�nglings und einer gleichfalls unbekleideten Frau. Der Mann, dem zwei Fl�gel aus dem R�cken wuchsen, stand hinter der Frau, umklammerte ihre Br�ste und ihre Schulter und wurde von seiner sich an ihn schmiegenden Partnerin mit schmachtendem Blick regelrecht verzehrt. Vermutlich handelte es sich um die Darstellung irgendeiner mir unbekannten biblischen Szene. Was mich allerdings verwunderte, war die Freiz�gigkeit der Darstellung, die eher erotisch als and�chtig wirkte. Die Statue schien sehr alt zu sein, wie an den Rissen und der Verf�rbung zu erkennen war. Das Rattern der Eisenbahnen w�rde sie vermutlich bald dem Erdboden gleichmachen. Dennoch lie� mich das seltsame Standbild einen Moment verharren, bis mich das Pfeifen einer Lokomotive und das Knurren meines Magens aus meinen wirren Gedanken rissen und ich wie ein Getriebener zur Stra�e lief.</p><p>Schr�g gegen�ber von St. Saviour, jenseits der Bahntrasse, befand sich das inzwischen in die Jahre gekommene und etwas verlotterte George Inn, und als ich vor dem schmalen Eingang zum Yard eine uniformierte Gruppe erkannte und erbauliche Lieder singen h�rte, stand f�r mich fest, wo ich zu Mittag einkehren wollte. Ich �berquerte die Stra�e, n�herte mich dem singenden Korps von Major Pringle und wurde von diesem mit einem angedeuteten B�ckling begr��t. Er und seine Mitstreiter hatten sich tats�chlich strategisch g�nstig aufgebaut, nicht nur, weil sie den einzigen Zugang zum Hof des Inns versperrten, sondern zudem s�mtlichen Besuchern der gegen�berliegenden Markthalle von Borough Market mit ihrem Tr�llern in den Ohren lagen; auch wenn das Get�se der Bahn manch eine erbauliche Botschaft �bert�nte.</p><p>Die Salutisten lie�en mich passieren, nachdem sie mir ein Halleluja ins Ohr geschrien und ein Flugblatt in die Hand gedr�ckt hatten. Ich betrat das Gasthaus, wo sich weitere Mitglieder der Heilsarmee missionierend bet�tigten. Der junge Wirt des Inns, ein d�rrer Kerl mit riesigen Ohren und strubbeligen Haaren, starrte missgelaunt auf seinen Schanktisch, w�hrend ein Heilsarmist auf der anderen Seite lautstark auf ihn einredete. Als der Uniformierte sich kurz umwandte, erkannte ich das zerschundene Gesicht des Mannes, der sich bereits vor der Brauerei durch seine Heftigkeit und Rage hervorgetan hatte. Ich setzte mich an einen Tisch in unmittelbarer N�he des Tresens und lauschte dem Gespr�ch.</p><p>�Wie lange wollt ihr den Unfug da drau�en noch veranstalten, Adam?�, fragte der Wirt und wischte sich mit einem Handtuch die H�nde ab. �Ihr vergrault mir mit eurem Katzengesang die gesamte Mittagskundschaft.�</p><p>�Darum geht�s doch, Rod�, antwortete der Heilsarmist und grinste schief. �Kannst ja die Polizei rufen, wenn du uns loswerden willst. Dann kannst du morgen was in der Zeitung dar�ber lesen.�</p><p>�Eher hole ich die Skeleton Army, die hat schlie�lich bewiesen, dass sie mit euch Memmen fertigwird�, antwortete der Wirt und deutete auf Adams Zahnl�cke. Dann wandte er sich an mich und fragte: �Was darf�s sein, Sir? Ich kann das Lammbries empfehlen. Ganz frisch vom Metzger.�</p><p>�Lieber keine Innereien�, antwortete ich kopfsch�ttelnd, schaute auf die Schiefertafel, die hinter dem Schanktisch hing, und entschied mich stattdessen f�r das Kalbsragout mit Worcestershire-So�e. �Und ein gro�es Porter.� Dass es ein Barclay &amp; Perkins Stout war, st�rte mich nicht.</p><p>�Kommt sofort�, antwortete der Wirt, zapfte das Bier, stellte es auf die Anrichte und verschwand in der K�che.</p><p>�Was macht so ein feiner Pinkel wie Sie denn in einer Kneipe wie dieser?�, fragte der Heilsarmist und starrte auf das Porter, das direkt vor seiner Nase stand.</p><p>�Das George Inn geh�rt Barclay und Perkins, schon vergessen?�, antwortete ich und wunderte mich �ber den beinahe gierigen Blick des Mannes. �Wollen Sie auch eins?�</p><p>�Ich trinke nicht!�, rief er, und es klang, als m�sste er sich selbst davon �berzeugen. �Ich bin ein Soldat des Heils. Schon vergessen?�</p><p>Ich stand auf, holte mir das Bier vom Tresen, setzte mich wieder, hob bedauernd die Achseln und sagte: �Prost, Bruder Adam!�</p><p>Er bedachte mich mit einem hasserf�llten Blick und wandte sich dann ab.</p><p>Nur wenig sp�ter kam der Wirt mit dem �berbackenen Ragout aus der K�che, das er zwar in einem schmierigen Tontopf, aber mit einem �Wohl bekomm�s!� servierte. Die oberste Schicht des Ragouts war vom langen Stehen im Ofen v�llig vertrocknet und verkohlt, daf�r war der Rest des W�rzfleischs verkocht. Ich h�tte vermutlich das Bries nehmen sollen.</p><p>�Und du wei�t wirklich nicht, wo sie ist, Rod?�, wurde ich durch die Stimme des Salutisten von meinem ungenie�baren Essen abgelenkt.</p><p>�Wie oft soll ich es dir noch sagen, Adam?�, antwortete der Wirt und sch�ttelte den Kopf. �Ich wei� es nicht, Kumpel. Ich habe sie seit Samstag nicht gesehen.�</p><p>�Kannst du mir schw�ren, dass ihr euch nicht heimlich getroffen habt?�, hakte Bruder Adam nach.</p><p>�Warum fragst du �berhaupt, wenn du mir ohnehin nicht glaubst?�, erwiderte der Wirt ver�rgert. �Und warum heimlich? Wenn ich mich mit ihr treffen wollte, d�rfte jeder davon erfahren. Sogar du! Denn wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du keinerlei Anspr�che auf die junge Dame.�</p><p>�Ich bin f�r sie verantwortlich�, rief der Heilsarmist und warf sich in die Brust. �Und ich werde es nicht zulassen, dass du sie ins Ungl�ck st�rzt.�</p><p>�Jetzt komm mal von deinem hohen Ross runter!�, knurrte der Wirt, jetzt sichtlich genervt. �Vor mir ist sie jedenfalls nicht davongelaufen. Und ich will gar nicht wissen, was du vorher mit ihr angestellt hast. Wie ich geh�rt habe, hast du dich ja vor dem Frauenasyl aufgef�hrt wie ein Wahnsinniger. Komm mir also nicht mit Moralpredigten, Adam!�</p><p>�Woher wei�t du das?�, entfuhr es dem anderen.</p><p>�Man h�rt so einiges�, antwortete der Wirt lachend. �London ist ein Dorf.�</p><p>Bruder Adam wollte etwas erwidern, doch er �berlegte es sich anders, starrte missmutig auf seine Finger und murmelte: �Du h�ttest ihr das Foto nicht geben d�rfen.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Es war nicht richtig!�</p><p>�Unsinn! Es war nur ein Foto.�</p><p>In diesem Augenblick klopfte Major Pringle von au�en ans Fenster und machte den Heilsarmisten in der Sch�nke ein Zeichen, hinauszukommen. Offensichtlich war die Protestaktion seines Korps beendet. Dem zufriedenen L�cheln in seinem Gesicht war zu entnehmen, dass die Aktion in seinen Augen ein voller Erfolg gewesen war.</p><p>W�hrend Bruder Adam beinahe fluchtartig die Kneipe verlie�, ohne sich vom Wirt zu verabschieden, leerte ich mein Bierglas, legte einige M�nzen auf den Tisch und stand auf.</p><p>�Hat�s nicht geschmeckt?�, wunderte sich der Wirt und deutete auf das kaum angetastete Ragout. �War ganz frisch.�</p><p>Ich grinste s�uerlich und verlie� kommentarlos den Schankraum.</p><p>Als ich in Mr. Barclays B�ro gesagt hatte, ich h�tte einen Termin bei einem Fotografen in der Fenchurch Street, war dies der erstbeste Vorwand gewesen, der mir in den Sinn gekommen war. Doch als ich im George Inn die beiden M�nner von irgendeinem Foto hatte reden h�ren, war mir der Name Newcombe oder Newborne wieder in den Sinn gekommen, und ich beschloss, den Laden in der Fenchurch Street aufzusuchen. Von Southwark aus war es ja nur ein Fu�weg von wenigen Minuten.</p><p>Erst als ich kurz darauf die London Bridge �berquert und die Fenchurch Street erreicht hatte, fragte ich mich, was ich eigentlich von dem Fotografen zu erfahren hoffte. Das Bild, das Simeon abgemalt oder als Vorlage f�r sein Gem�lde benutzt hatte, war vor vielen Jahren aufgenommen worden und unterschied sich vermutlich in nichts von den unz�hligen anderen Portr�ts, die von dem Fotografen Tag f�r Tag angefertigt wurden. Nicht einmal das Hintergrundmotiv kannte ich, denn wie Simeon gesagt hatte, war das pastorale Hirtenthema erst auf dem Gem�lde entstanden. Sollte ich tats�chlich dem Fotografen gegen�bertreten und ihn fragen, ob er sich an ein Foto einer unbekannten jungen Frau erinnerte, das er vor mehr als acht Jahren im Auftrag eines unbekannten Mannes in seinem Studio aufgenommen hatte? Der Fotograf w�rde mich auslachen. Und das mit Recht.</p><p>Die Suche nach dem Fotografen war ohnehin beendet, bevor sie begonnen hatte. Denn es gab keinen Newcombe oder Newborne in der Fenchurch Street. Nur ein Fotostudio der Br�der A. &amp; G. Taylor, das seinen Eingang zudem in der angrenzenden Cullum Street hatte. �Fotografen Ihrer Majest�t der K�nigin�, wie es auf dem Schild �ber dem Eingang hie�. Vielleicht war es gerade die Zwecklosigkeit und Absurdit�t meiner Suche, die mich den Laden wider besseres Wissen betreten lie�. Oder es lag schlicht daran, dass es in diesem Augenblick wie aus Gie�kannen zu regnen begann.</p><p>Ein Lehrling oder Gehilfe stand hinter dem Ladentisch und fragte mich mit einer devoten Verneigung, womit er dienen k�nne. Ich fragte ihn, ob er einen Fotografen namens Newborne oder Newcombe in der Fenchurch Street kenne, doch er verneinte mit einem Achselzucken und einer weiteren Verbeugung.</p><p>�Wenn Sie ein Foto w�nschen, dann gibt es nichts, was die Br�der Taylor nicht f�r Sie tun k�nnten�, leierte er einen auswendig gelernten Werbespruch herunter und deutete auf ein Album, das ausgebreitet vor ihm lag. �Kabinettkarten, Visitenkarten, Kunstportr�ts, Landschafts-und Geb�udedarstellungen, Hochzeitsfotos. Alles, was das Herz begehrt, Sir.�</p><p>Ich bedauerte und fragte, ob es einen �lteren Kollegen gebe, der schon l�nger im Laden arbeite und wom�glich Auskunft geben k�nne. Er nickte, verbeugte sich und wandte sich an einen etwa drei�igj�hrigen Mann, der gerade mit einer Standkamera durch eine Pendelt�r aus einem Nebenraum kam. Nachdem der Lehrling ihm erkl�rt hatte, worum es ging, sch�ttelte er den Kopf und sagte: �Frag Mr. Wilson, der ist am l�ngsten hier!�</p><p>�Einen Moment, Sir�, wandte sich der Lehrling an mich und verschwand in einem Hinterzimmer direkt neben dem Ladentisch.</p><p>Kurz darauf erschien ein �lterer Mann mit grauem, pomadisiertem Haar, bunt karierter Tweedweste und verschlissenen �rmelschonern �ber dem Hemd. Da er weder Krawatte noch Jacke trug, schien er ein Kontorist und eigentlich nicht f�r den Kundenverkehr zust�ndig zu sein.</p><p>�Wen suchen Sie, Sir?�, erkundigte er sich.</p><p>�Newborne oder Newcombe.�</p><p>�Dann sind Sie hier richtig.�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�Charles Newcombe�, sagte Mr. Wilson. �Fenchurch Street 135. Dies war sein Laden. Fr�her einmal. Bevor die Br�der Taylor das Gesch�ft gekauft haben. Wie so viele andere in der Stadt.�</p><p>�Wann hat Newcombe sein Studio verkauft?�</p><p>Mr. Wilson runzelte die Stirn. �Das ist schon lange her. Anfang der Siebziger, wenn ich mich nicht irre. Damals habe ich noch nicht f�r die Br�der Taylor gearbeitet.�</p><p>Anfang der Siebziger, �berlegte ich. Dann war das Foto sehr viel �lter als das Gem�lde, das vor etwa acht Jahren nach dem Bild entstanden war. Und die Wahrscheinlichkeit, irgendetwas dar�ber zu erfahren, wurde noch geringer.</p><p>�Wissen Sie, wo ich diesen Mr. Newcombe finde?�, fragte ich, obwohl ich wusste, dass die ganze Angelegenheit eine Schnapsidee gewesen war. �Hat er ein anderes Fotostudio er�ffnet?�</p><p>�Tut mir leid, Sir�, antwortete Mr. Wilson bedauernd.</p><p>�Newcombe?�, mischte sich ein weiterer Angestellter ein, der mit gro�formatigen Fotoabz�gen aus einem mit schweren Vorh�ngen verschlossenen Raum kam. Vermutlich handelte es sich um die Dunkelkammer.</p><p>�Dieser Gentleman sucht Mr. Newcombe�, erkl�rte Mr. Wilson.</p><p>�Wegen dem M�dchen?�, fragte der andere und fuhr sich mit den Fingern �ber den dunkelblauen Kittel.</p><p>�Welches M�dchen?�, fragte der Lehrling.</p><p>�Die gestern hier war�, sagte der Mann, legte die Abz�ge auf den Verkaufstisch und setzte hinzu: �Die hat auch nach diesem Newcombe gefragt.�</p><p>�K�nnen Sie mir sagen, warum?�, wandte ich mich an ihn.</p><p>�Sie hatte ein altes Foto dabei und wollte mehr dar�ber erfahren�, antwortete er achselzuckend. �Ob man herausbekommen kann, wer das Foto bezahlt hat. Ob es eine Lieferanschrift gab. Solche Sachen.�</p><p>�Konnten Sie ihr helfen?�</p><p>�Das Archiv des alten Newcombe wurde von uns �bernommen, glaube ich. Aber wo die Negative oder die Gesch�ftsb�cher sind, das wei� ich nicht.�</p><p>�Die Negative sind im Keller�, sagte Mr. Wilson. �Und die Akten sind im Lager hinter dem B�ro.� Er deutete auf das Zimmer, aus dem er gekommen war.</p><p>�Hat das M�dchen das Foto hiergelassen?�</p><p>Der Mann mit dem Kittel sch�ttelte den Kopf, hob dann aber die Hand und sagte: �Das war auch nicht n�tig. Die Negative sind ja nummeriert, und die Nummern sind auf den Abz�gen angegeben. Warten Sie!� Er kramte in einer Kiste, die auf dem Tisch neben der Kasse stand und bis oben mit Zetteln und Quittungen gef�llt war. �Ich hab ihr gesagt, sie soll mir die Negativnummer und ihre Anschrift hinterlassen. F�r alle F�lle. Sie wollte wiederkommen, hat sie gesagt.� Wieder vertiefte er sich in der Kiste und fischte schlie�lich ein Papier heraus. �Da ist es ja!�</p><p>�Zeigen Sie!�, rief ich aufgeregt.</p><p>�Was wollen Sie eigentlich von dem M�dchen?�, erkundigte sich Mr. Wilson und nahm seinem Kollegen das Papierchen aus der Hand.</p><p>Ja, was wollte ich von dem M�dchen? Sie fragen, was sie mit der Familie Ingram zu schaffen hatte. Ob sie meinen Vater kannte. Ob ihre Mutter meinen Vater kannte. Ich sagte: �Sie ist eine Verwandte.�</p><p>�Sie sah nicht aus wie die Verwandte eines Gentlemans�, sagte der Mann im Kittel. �Eher wie eine Dienstmagd.�</p><p>�Eine arme Verwandte�, verbesserte ich mich und versuchte, verbindlich zu l�cheln. �Und genau deshalb m�chte ich ihr helfen.� Da die Blicke der M�nner skeptisch blieben, f�gte ich hinzu: �Auf dem Bild ist ihre Mutter abgelichtet.�</p><p>Mr. Wilson schaute seinen Kollegen an. Der nickte und best�tigte: �Das hat das M�dchen auch gesagt.�</p><p>Das bewies zwar eigentlich nichts. Dennoch schien der alte Mr. Wilson beruhigt zu sein und schob mir das Papier �ber den Tisch. Ich las:</p><p>�Nr. 5689</p><p>Celia Brooks</p><p>z.Zt. bei Maureen Watson</p><p>16 White Horse Lane, zweiter Hinterhof.�</p><p>�Wo finde ich die White Horse Lane?�, fragte ich.</p><p>�In Stepney�, antwortete Mr. Wilson. �Kurz vorm Kanal. Geht nach S�den von der Mile End Road ab.�</p><p>Die anderen schauten ihn �berrascht an.</p><p>�Ich hab mal in der Gegend gewohnt�, sagte er, und es klang beinahe wie eine Entschuldigung.</p><p>�Im East End?�, wunderte sich der Lehrling.</p><p>�Ist lange her�, sagte Mr. Wilson und zupfte an seinen �rmelschonern.</p><p>�K�nnten Sie f�r mich einen Abzug des Negativs mit der Nr. 5689 machen?�, fragte ich. �Und in den B�chern nachschauen, wer das Foto wann in Auftrag gegeben hat oder wohin die Bilder geliefert wurden?�</p><p>�Das kommt darauf an, in welchem Zustand sich das Negativ befindet�, sagte der Mitarbeiter, der die Kamera in der Hand gehalten und die ganze Zeit keinen Ton von sich gegeben hatte. �Und um was f�r eine Fotoplatte es sich handelt. Damals wurde zum Teil noch mit nassen Platten gearbeitet, und die Haltbarkeit war nicht mit heutigen Trockenplatten vergleichbar. Seit einiger Zeit gibt es sogar Negative aus Zell��</p><p>�Tun Sie, was in Ihrer Macht steht�, unterbrach ich ihn und legte drei Crown-M�nzen auf den Tisch. �Das ist vorab f�r Ihre Bem�hungen. Ich komme morgen wieder. Schaffen Sie das?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir�, sagte der Lehrling und verbeugte sich. �Es gibt nichts, was die Br�der Taylor nicht f�r Sie tun k�nnten. In welchem Format w�nschen Sie den Abzug? Visitenkarte oder Kabinett?�</p><p>�So gro� wie m�glich�, antwortete ich, setzte meinen Zylinder auf und verabschiedete mich. Ich verlie� das Fotostudio, rannte durch den immer noch str�menden Regen, winkte einer Droschke, sprang hinein und rief dem Kutscher zu: �Stepney!�</p><empty-line/></section><section><p>10</p><p>Die Nummer 16 in der White Horse Lane befand sich direkt gegen�ber vom Trafalgar Square, einem verwilderten und von schmucklosen, backsteinernen Reihenh�usern umgebenen Garten, der wenig mit dem gleichnamigen Platz in Westminster gemein hatte. Dieser Trafalgar Square hatte weder sprudelnde Brunnen noch riesige Statuen oder S�ulen zu bieten, es handelte sich lediglich um eine von B�schen und Dornenstr�uchern durchsetzte Rasenfl�che mit einem dreckigen T�mpel in der Mitte. Einige Holzb�nke waren im Nebel zu sehen; an den vom Regen aufgeweichten Zeitungen und dem M�ll ringsum konnte man erkennen, dass auch dieser Platz den Obdachlosen als Nachtasyl diente. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich auf der Westseite der Stra�e. Es entpuppte sich als ein dreist�ckiger Gewerbekomplex mit mehreren Innenh�fen, die so eng bebaut waren, dass auch bei Sonnenschein kein Licht hineinfiel. Bei Regen und Nebel, wie im Moment, war es in den H�fen nahezu finster, auch weil es keinerlei Beleuchtung gab.</p><p>An der Stra�e befanden sich ein Pfandleiher und eine Korbmacherei, doch ein Gro�teil der hinteren Geb�ude stand offenbar leer. Lediglich die Werkst�tten eines Schuhmachers und eines Tischlers sah ich im ersten Hof, der zweite Hof geh�rte zu einem Lumpensammler namens Adams. Direkt �ber dem ebenerdigen Lager des Lumpenh�ndlers befand sich eine heruntergekommene Pension, eine Art Sammelunterkunft f�r Mittellose, deren Eigent�mer laut einem Schild an der Fassade ebenfalls Adams hie�. �Gute Betten f�r Threepence die Nacht�, hie� es auf der Werbetafel. Die Familie Adams schien sich darauf spezialisiert zu haben, den Unrat von den Stra�en zu lesen.</p><p>Ein Mann mit Ledersch�rze und Schieberm�tze sa� vor dem Lumpenlager und war damit besch�ftigt, rostige N�gel mit einer Kneifzange aus alten Holzbrettern zu ziehen. Ich fragte ihn, wo ich Maureen Watson finden k�nnte, doch er zuckte lediglich mit den Schultern und deutete dann nach oben zur Pension.</p><p>�Versuchen Sie�s im Dosshouse.�</p><p>�Dosshouse?�, wunderte ich mich. �Meinen Sie die Pension?�</p><p>�Sag ich doch�, knurrte er und bog einen herausgezogenen Nagel gerade.</p><p>Ich stieg eine schmale und sehr steile Treppe hinauf in den ersten Stock und landete an einem verwaisten Tresen, �ber dem ein Schild hing: �Rezeption�. Ich schlug auf die Glocke und �ffnete eine T�r, die rechter Hand zu einem d�steren Flur f�hrte und an der ein Schild mit der Aufschrift �M�nner� hing. Von dem Flur, der von einem gelblichen Gaslicht beleuchtet wurde, gingen links und rechts weitere T�ren ab. Durch eine von ihnen, die offen stand, blickte ich in einen winzigen Raum, in dem vier Doppelstockbetten zusammengepfercht waren, sodass zwischen den Bettgestellen kaum Platz zum Stehen war. An dem Bettzeug und den Kleidern, die auf den Matratzen lagen, erkannte ich, dass s�mtliche Betten belegt waren.</p><p>�Ja?�, kr�chzte eine Frauenstimme hinter mir am Empfang.</p><p>�Wohnen bei Ihnen auch Frauen?�, fragte ich und schaute in das h�ssliche Gesicht einer dicken Matrone, deren Haut an eine verschrumpelte Orange erinnerte. Wegen der tiefen Runzeln und der gelblichen Farbe.</p><p>�Ein Stockwerk h�her�, sagte die Frau und wies mit dem Zeigefinger zur Treppe. �Wen suchen Sie denn?�</p><p>�Maureen Watson und Celia Brooks. K�nnen Sie mir sagen, wo ich sie finde?�</p><p>�Kann ich. In der K�nstlermansarde.�</p><p>�K�nstlermansarde?�</p><p>�F�r die Leute vom Palast�, antwortete sie achselzuckend.</p><p>�Palast?�</p><p>�Red ich undeutlich? Unterm Dach.� Wieder ging ihr Finger in Richtung Treppe, und sie setzte hinzu: �Immer der Nase nach.�</p><p>�Danke�, sagte ich verwirrt und wandte mich ab. Ich war mir nicht sicher, ob sie mit ihrer letzten Bemerkung die Richtung oder den Gestank gemeint hatte.</p><p>�Haben Sie keinen Koffer dabei?�, rief sie mir nach.</p><p>�Einen Koffer?�, wunderte ich mich. �Ich m�chte hier nicht wohnen.�</p><p>�Wohnen!�, lachte die Frau und schlug mit der flachen Hand auf den Empfangstisch. �Sehr witzig, Sir! Ich lach mich tot. Na, gehen Sie mal, die warten schon. In der Mansarde.�</p><p>Ich hatte keine Ahnung, was sie mit ihren Worten gemeint hatte, doch ich verzichtete auf eine Nachfrage, da ich ohnehin nur wieder eine unverst�ndliche Antwort bekommen h�tte, und beeilte mich, nach oben zu gehen. Im Dachgeschoss, das niedriger als die �brigen Stockwerke war, befand sich lediglich eine schmale T�r am Ende des Treppenabsatzes. Als ich ans Holz klopfte, wurde die T�r beinahe im selben Augenblick aufgerissen.</p><p>Vor mir stand eine zierliche, fast d�rre und sehr kleine Frau mit dunkelbraunem Haar und einem h�bschen, ebenfalls sehr mageren Gesicht. Sie starrte mich mit einer Mischung aus �rger und Erleichterung an und sagte: �Wurde auch Zeit!�</p><p>�Ich m�chte zu Miss Celia Brooks�, sagte ich irritiert und l�pfte den Zylinder.</p><p>�Wir warten schon seit Stunden, Doktor!�, schnauzte die junge Frau und zog mich am �rmel in die Wohnung.</p><p>Unversehens stand ich in einem winzigen Flur, von dem zwei kleine Zimmer abgingen. Rechts befand sich die K�che samt Ofen, Waschzuber und Esstisch, links ein schmales und fensterloses Schlafzimmer mit einem einfachen Bettgestell und einer weiteren Matratze, die auf dem blanken Boden unter einer Dachschr�ge lag. Auf dem Bett lag das junge M�dchen, das ich suchte. Celia Brooks. Sie schien zu schlafen, doch an dem schwei�nassen Haar und dem bleichen Gesicht konnte ich erkennen, dass es ihr alles andere als gut ging. Au�erdem roch es in der Kammer nach Erbrochenem.</p><p>�Es tut mir leid, Ma�am�, sagte ich und ging an der Frau vorbei ins Schlafzimmer. �Ich bin kein Doktor.� Ich deutete auf das M�dchen und fragte: �Was hat sie? Was ist mir ihr?�</p><p>�Das wei� ich nicht, deswegen habe ich ja die K�chenmagd von Mrs. Adams nach dem Doktor rufen lassen. Heute Vormittag schon, aber er hat uns wohl vergessen.� Sie schnaufte abf�llig und fragte: �Wer sind Sie, wenn Sie nicht der Arzt sind? Was wollen Sie von Celia?�</p><p>�Mein Name ist Rupert Ingram. Ich bin � ein Freund�, antwortete ich ausweichend, setzte mich auf die Bettkante und bef�hlte die Stirn des M�dchens. Die Haut war gl�hend hei� und verschwitzt. Bei meiner Ber�hrung fuhr sie wie unter Schmerzen zusammen, ohne jedoch ihre Augen zu �ffnen. �Was haben Sie ihr gegeben?�</p><p>�Laudanum�, antwortete die Frau. �Das war das Einzige, was Mrs. Adams im Haus hatte. Gegen die Schmerzen und das Fieber.�</p><p>�Darf ich?�, fragte ich, wartete jedoch nicht auf eine Antwort, sondern schlug die Bettdecke zur�ck. Das Nachthemd des M�dchens war von oben bis unten schwei�nass und klebte an ihrem K�rper, sodass es fast durchsichtig war. Wunden oder blutige Stellen waren jedoch nicht zu sehen. Schnell legte ich die Decke zur�ck und griff nach ihrem rechten Arm, um den Puls zu f�hlen. �Oh mein Gott!�, entfuhr es mir beim Anblick ihrer Hand. Der Zeigefinger war dunkelblau und f�rchterlich angeschwollen, die gesamte Hand war entz�ndet und rot wie Feuer.</p><p>�Seit wann ist sie so, Mrs. Watson?�</p><p>�<emphasis>Miss</emphasis> Watson. Woher kennen Sie meinen Namen?�</p><p>�Seit wann?�, wiederholte ich meine Frage.</p><p>�Gestern Morgen hatte sie bereits Kopfschmerzen, aber noch kein Fieber�, sagte sie und fuhr sich mit der Hand �ber das Kinn. �Ich war den ganzen Tag unterwegs und musste abends auf die B�hne, dr�ben im People�s Palace. Eigentlich sollte Celia mir assistieren, aber zur Probe am Nachmittag ist sie nicht gekommen. Und als ich meine Sachen aus der Wohnung geholt hab, da war Celia verschwunden.�</p><p>�Sind Sie Schauspielerin?�, wollte ich wissen.</p><p>�So was �hnliches�, antwortete Miss Watson und l�chelte verlegen. �Als ich nach dem Auftritt nach Hause kam, da lag Celia in ihrer eigenen Kotze auf dem Boden vor ihrer Matratze. Hat�s nicht mehr bis ins Bett geschafft. Nur noch gestammelt und sich gesch�ttelt. Da hab ich sie in mein Bett gelegt und das Laudanum besorgt, damit sie schlafen kann. Was ist mir ihr, Mr. Ingram?�</p><p>�Vermutlich eine Blutvergiftung�, sagte ich und �berlegte, was in solchen F�llen zu tun war. �Gibt es in der N�he eine Apotheke?�</p><p>�In der Mile End Road.�</p><p>�Gehen Sie und kaufen Sie Karbols�ure! Oder gleich Lister�sche Verb�nde, wenn die so etwas haben. Au�erdem abgekochtes Wasser und steriles Verbandszeug. Jodtinktur kann auch nicht schaden.� Da sie nicht reagierte, fuhr ich sie w�tend an: �Jetzt machen Sie schon!�</p><p>Sie seufzte gequ�lt, hob die Achseln und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nat�rlich, entschuldigen Sie�, begriff ich, holte meine Brieftasche aus der Jacke und gab ihr eine Pfundnote. �Beeilen Sie sich, Miss Watson!�</p><p>�Wird Celia �?�, fragte sie, w�hrend sie das Geld einsteckte und einen Mantel anzog.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete ich und starrte auf den entz�ndeten rechten Zeigefinger. �Beeilen Sie sich!�</p><p>Als hinter mir die Wohnungst�r ins Schloss fiel, durchfuhr mich ein Gedanke wie ein Skalpell. Unwillk�rlich fasste ich mir an meine bepflasterte Wange und das entz�ndete Muttermal. Die Ratten!</p><p>Am Freitagabend war mir das M�dchen im Fackelzug der Heilsarmee �ber den Weg gelaufen beziehungsweise vor die F��e gestolpert. Und dann hatte es erschrocken aufgeschrien. Damals hatte ich gedacht, sie h�tte geschrien, weil sie mich nach unserer ersten Begegnung am Bahnhof Waterloo wiedererkannt hatte, doch jetzt begriff ich, was tats�chlich geschehen war. Celia Brooks war in den Finger gebissen worden. Wahrscheinlich von der Ratte, die ich in meinem K�fig unter dem Tuch getragen hatte.</p><p>�K�nnte spa�ig werden�, hatte Simeon gesagt.</p><p>Alles nur ein dummer Scherz. Eine alberne Laune. Ein harmloser Streich. Wie in der Nacht, in der ich Elizabeth Stride aus dem Frauenasyl gelockt hatte. Weil es mir Spa� bereitet hatte. Weil es mir <emphasis>m�glich</emphasis> gewesen war. Weil ich nicht begriffen hatte, dass alles, was ich tat, unmittelbare Folgen hatte und anschlie�end nicht ungeschehen gemacht werden konnte. Ein entz�ndeter Rattenbiss, der f�r mich eher l�stig als gef�hrlich gewesen war, konnte einem armen und ohnehin geschw�chten M�dchen das Blut vergiften. �Sie haben sie auf dem Gewissen�, hatte Eva Booth gesagt. Alles wiederholte sich. Alles begann von vorne!</p><p>�Nicht, kleine Celia�, sagte ich und streichelte ihr �ber die hei�en Wangen und die schwei�nasse Stirn. �Bitte nicht!�</p><p>Wieder zuckte sie wie unter Schmerzen zusammen. Pl�tzlich b�umte sie sich auf und �ffnete die Augen. Doch sie starrte durch mich hindurch, schien mich �berhaupt nicht wahrzunehmen und wisperte: �Ein Nachbar. Ein komischer Kauz!� Dann sank sie mit einem lauten �chzen wieder ins Kissen.</p><empty-line/></section><section><title><p>SECHSTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>CELIA BROOKS</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�There, as if it had that moment sprung out of the earth or dropped from the heaven, stood the figure of a solitary Woman, dressed from head to foot in white garments, her face bent in grave inquiry on mine, her hand pointing to the dark cloud over London.�</emphasis></p><p>(�Dort, als wenn sie in diesem Moment aus der Erde entsprungen oder vom Himmel gefallen w�re, stand die Gestalt einer einzelnen Frau, von Kopf bis Fu� in wei�e Gew�nder gekleidet, ihr Gesicht in ernster Frage mir zugeneigt und mit der Hand auf die dunkle Wolke �ber London deutend.�) Wilkie Collins, The Woman in White, 1860</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>MONTAG, 22. OKTOBER 1888</p><empty-line/><p>(AM TAG ZUVOR)</p><p>1</p><p>Als Celia am fr�hen Montagmorgen durch Maureens Schnarchen geweckt wurde, empfing sie ein pochender Schmerz in den Schl�fen, und ein unangenehmer Schauer fuhr ihr in wiederkehrenden Wellen �ber die Haut. Bereits am sp�ten Abend, als sie sich auf die durchgelegene Matratze unter der Dachschr�ge gelegt hatte, hatte sie ein leichtes Brummen im Kopf und ein Fr�steln am K�rper versp�rt, doch das Brummen hatte sie sich mit den Aufregungen des Umzugs und das Fr�steln mit der zugigen Dachkammer und der d�nnen Bettdecke erkl�rt. Nun wohnte sie also bei Maureen und w�rde ihr als Assistentin, Dienstm�dchen und K�chin zur Hand gehen. Und sie wom�glich bald auch als gute Freundin gewinnen, wie Celia inst�ndig hoffte.</p><p>Der erste Eindruck von ihrer neuen Umgebung war allerdings alles andere als einnehmend gewesen. Eher ern�chternd und deprimierend. Ein Nachtasyl! Nicht un�hnlich der Unterkunft in der Hanbury Street, nur dass die dicke Mrs. Adams drei Pence pro Matratze und Nacht f�r die sch�bige Schlafgelegenheit berechnete. Als Celia am gestrigen Sonntagmittag an der Rezeption gestanden und die nach ranzigem Fett und ged�nsteten Zwiebeln riechende Zimmerwirtin gefragt hatte, wo sie Miss Maureen Watson finden k�nne, da w�re sie am liebsten auf der Stelle umgekehrt und fortgerannt. Denn w�hrend das Heim der Heilsarmee ein zwar �rmlicher, aber sicherer Ort f�r mittellose und bed�rftige Frauen war, handelte es sich bei dem Dosshouse in der White Horse Lane um eine Absteige der �belsten Art. Die Wirtin schien sich weder f�r die Sauberkeit ihres Hauses noch f�r den Zustand ihrer G�ste zu interessieren. Aus dem M�nnertrakt, der sich auf dem gleichen Stockwerk wie die Rezeption befand, stank es nach Alkohol, Schwei� und Urin. Aus dem Nebenraum war das lautstarke Fluchen und heftige Streiten mehrerer M�nner zu h�ren, ohne dass es Mrs. Adams weiter k�mmerte. Den Gestank nahm sie vermutlich gar nicht mehr wahr, und das Geschrei und Gezeter schien sie geflissentlich zu �berh�ren.</p><p>Erleichtert hatte Celia erfahren, dass Maureen zwar im Haus der Adams wohnte, allerdings nicht im Nachtasyl f�r Frauen im zweiten Stock. Es gab eine winzige Mansarde unter dem Dach, die vom People�s Palace reserviert worden war, um hier G�ste und reisende K�nstler vor�bergehend unterzubringen. Wie Maureen kurz darauf bei ihrer Begr��ung erz�hlte, habe man bereits ein eigenes G�stehaus auf dem Gel�nde des Volkspalastes gebaut, doch es werde noch eine Weile dauern, bis die Wohnungen bezugsfertig seien. Dass man Maureen ausgerechnet die sch�bige Dachkammer der Mrs. Adams zur Verf�gung stellte, sagte einiges �ber den Stellenwert aus, den man Maureen beima�. So dachte Celia bei sich, sagte es aber nicht, sondern bedankte sich erneut und aufrichtig, dass Maureen sie bei sich aufnahm.</p><p>�Ach was!�, winkte Maureen ab und sch�ttelte sichtlich erfreut Celias Hand. �Bin doch froh, nicht allein in dieser Bruchbude wohnen zu m�ssen.�</p><p>Bei der Ber�hrung ihrer Hand schrie Celia gequ�lt auf. Die Wunde am Zeigefinger hatte sich entz�ndet, und der Schmerz strahlte bis in den Unterarm aus. Maureen lie� erschrocken die Hand los, besah sich die Wunde und sagte: �Damit solltest du zum Arzt gehen.�</p><p>�Die Entz�ndung ist von allein gekommen�, antwortete Celia und stellte den Koffer mit ihren wenigen Habseligkeiten auf dem staubigen Boden ab. �Also geht sie auch von allein. Das hat meine Mutter immer gesagt.�</p><p>�Und?�, fragte Maureen und f�hrte Celia in eine winzige Kammer, die sowohl als K�che, Bad und Essraum diente. �Ist deine Mutter gut damit gefahren?�</p><p>�Sie ist an Typhus gestorben�, sagte Celia und wusste selbst nicht, ob sie das als Antwort auf Maureens Frage meinte.</p><p>Die Entz�ndung im Finger war �ber Nacht nicht schlimmer geworden. Jedenfalls nicht sichtbar. Und auch der Schmerz bei Ber�hrung war unver�ndert, fand Celia. Ein gutes Zeichen. Vermutlich hatten ihre Kopfschmerzen mit den w�sten Gedanken und Alptr�umen zu tun, die sie in der Nacht gepeinigt hatten. Das Bild aus der Zeitung, mit dem Rettungsboot und den vier M�nnern darin, war ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ein get�teter Kabinenjunge, zwei zum Tode verurteilte und sp�ter begnadigte Seem�nner und ein verschollener Judas. Edmund Brooks, genannt Ned. Der Kannibale des Meeres. Eine monstr�se Attraktion im Gruselkabinett des Silberk�nigs in der Whitechapel Road Nummer 123. Was f�r ein Schreckensreigen!</p><p>Doch es gab ein zweites Bild, das Celia im Schlaf heimgesucht hatte. Das Foto einer h�bschen, jungen Frau in Wei�. Mary Brooks, damals noch Mary Tremain. Im Sonntagsstaat, mit neckisch forschem Blick. Ein gerahmtes Foto aus dem Treppenhaus des George Inn, das einem l�ngst verstorbenen Wirt geh�rt hatte, von dem ihre Mutter immer nur widerwillig und mit Abscheu gesprochen hatte. Rodney Webster, ein vermutlich ebenso l�sterner und unversch�mter Bursche wie sein segelohriger Sohn Rod, der heute das Inn leitete und sich Celia so aufdringlich gen�hert hatte.</p><p>Das passte alles nicht zusammen, dachte Celia, als sie sich schwerf�llig von ihrem Lager erhob, um den Ofen in der K�che zu heizen und Wasser aus dem Erdgeschoss zu holen. Als es sie vor wenigen Tagen nach London verschlagen hatte, war sie auf der Suche nach ihrem verschwundenen Vater gewesen, doch inzwischen glaubte sie beinahe, dass ihr auch die Mutter entglitten war. Fremd geworden. Voller Geheimnisse und unbekannter Seiten. Und es beschlich sie das beunruhigende Gef�hl, sich auf nichts und niemanden verlassen zu k�nnen. Vermeintliche Freunde wie Adam Bedford entpuppten sich als streits�chtige Peiniger, gottesf�rchtige Seeleute als blutr�nstige Menschenfresser, arme Dienstm�gde als h�bsche � ja, was? Celia musste sich eingestehen, dass es vor allem der fr�hliche und kecke Blick ihrer Mutter auf dem Foto war, der sie so erstaunte und ihr missfiel. Das war ungerecht, das wusste Celia sehr wohl, doch sie hatte ihre Mutter nie anders als traurig, verbittert oder verh�rmt erlebt. Stets hatte Mary Brooks �ber ihr Leid geklagt, �ber ihren trunks�chtigen Mann, ihre ungezogenen Kinder, ihr freudloses Leben in Brightlingsea. Nur wenn sie von ihrer Zeit in London erz�hlt hatte, war hinter der Verbitterung eine Art Wehmut oder Sehnsucht zu erkennen gewesen. Und wenn Celia das Foto betrachtete, bekam sie eine Ahnung davon, wonach sich ihre Mutter gesehnt hatte.</p><p>Nachdem Celia den Tisch gedeckt, Brot geschnitten, Porridge und Tee gekocht und Maureen geweckt hatte, sa� sie schweigend und ohne Appetit am Tisch und beobachtete Maureen, die mit vollem Mund plapperte und voller Vorfreude von ihrem ersten Auftritt am heutigen Abend schw�rmte. Selbst mit Schlaffalten im Gesicht und zerzaustem Haar sah sie wundersch�n aus, fand Celia. Wie ein Engel. Am Nachmittag sei die abschlie�ende Probe, erkl�rte Maureen, und Celia solle um drei Uhr mit der Kost�mtasche und dem ledernen Schminkk�fferchen im People�s Palace sein. Alles Weitere werde Maureen ihr vor Ort erkl�ren.</p><p>�Was ist mit dem Mittagessen?�, fragte Celia und schl�rfte den bitteren Tee, den sie zu lange hatte ziehen lassen.</p><p>Maureen sch�ttelte den Kopf und sagte: �Ich muss gleich los und ein paar Besorgungen machen. Ich esse unterwegs. Du kannst ja inzwischen das N�tigste einkaufen und den Boden wischen. Der hat bestimmt seit Monaten kein Wasser zu Gesicht bekommen.�</p><p>�Zu Gesicht?�, fragte Celia und bemerkte, dass sie gar nicht richtig zugeh�rt hatte. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, und sie h�rte alles wie durch Watte. Vielleicht hatte sie sich erk�ltet. Das w�rde auch den Sch�ttelfrost und den Kopfschmerz erkl�ren. Aber ihre Nase war gar nicht verschnupft.</p><p>Maureen schaute sie verwundert an. �Ist mit dir alles in Ordnung?�, fragte sie und legte einige M�nzen auf den Tisch. �Du guckst so komisch.�</p><p>�Nur etwas Kopfschmerzen. Ich hab nicht gut geschlafen.� Celia deutete auf das Geld und fragte: �Was soll ich damit?�</p><p>�Einkaufen, Sch�tzchen.�</p><p>�Ach ja, richtig. Entschuldige!� Ein weiterer Schauer fuhr ihr �ber den Nacken, der sich ganz steif und verspannt anf�hlte. �Also kein Mittagessen?�</p><p>Maureen verdrehte die Augen, kippte ihren Tee hinunter und stand auf. �Wir sehen uns um drei, Celia�, sagte sie und verlie� die K�che. �Sei bitte p�nktlich!�</p><p>Nachdem Celia die K�che aufger�umt, die Betten gemacht, den Boden geschrubbt und �berall Staub gewischt hatte, war sie wie benebelt. Es kam ihr vor, als h�tte sie im �berma� Alkohol getrunken, und sie fragte sich, ob aus der nach Chlor stinkenden Natronlauge, die sie in einem Schrank neben dem Ofen gefunden und mit der sie die Dielen ges�ubert hatte, wom�glich giftige D�mpfe aufgestiegen waren. Jedenfalls war sie froh, als sie endlich nach drau�en kam und einkaufen gehen konnte.</p><p>Da es in der unmittelbaren Nachbarschaft weder einen B�cker noch andere Lebensmittelh�ndler gab, ging sie auf der White Horse Lane nach Norden, bis sie die viel befahrene und vor L�den wimmelnde Mile End Road erreicht hatte. Doch als sie schlie�lich in der Hauptstra�e stand, hatte sie vergessen, weshalb sie eigentlich hergekommen war. Sie schaute sich verwundert um, als w�re sie just in diesem Moment aus einem Traum erwacht. Die vielen Davidsterne an den Mauern oder �ber schmiedeeisernen Eing�ngen ringsum erstaunten sie. Links eine Synagoge, rechts ein deutsch-j�disches Krankenhaus, gegen�ber ein j�discher Friedhof. Und �berall Schilder mit deutschen Worten oder unleserlichen Schriftzeichen.</p><p>Ein Omnibus n�herte sich von Osten. Jedenfalls glaubte sie, dass es Osten war. Auf einem Schild an der Seite las sie: �Fenchurch Street Station�. Unwillk�rlich fasste sie sich an die Brust. Dort, in der Innentasche ihres Mantels, hatte sie die beiden Fotos verstaut, die Visitenkarte von Maureen und das Kabinettportr�t ihrer Mutter. Dann griff sie in die linke Au�entasche und befingerte die M�nzen, die Maureen ihr gegeben hatte. Zu welchem Zweck eigentlich? Ohne weiter dar�ber nachzudenken, bestieg sie kurzentschlossen den Bus, zahlte einen Penny und fuhr in Richtung City.</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Als Celia vor zwei Tagen mit Adam an dem Fotostudio in der Fenchurch Street vorbeigefahren war, hatte sie den Namen Newcombe nirgendwo an der Fassade oder in den Schaufenstern erkennen k�nnen. Und auch jetzt, da sie direkt vor dem Eckhaus an der Cullum Street stand und zu den Schildern und Reklametafeln emporblickte, stellte sie ern�chtert fest, dass lediglich der Name Taylor darauf vermerkt war. Die Entt�uschung steigerte sich noch, als sie im Laden von einem Mitarbeiter im blauen Kittel erfuhr, dass es keinen C. T. Newcombe mehr in der Fenchurch Street gab und die Br�der Taylor bereits vor vielen Jahren das Gesch�ft �bernommen hatten.</p><p>�Und die alten Glasscheiben?�, fragte Celia. �Wo die Bilder drauf sind?�</p><p>�Negativplatten�, verbesserte der Mann.</p><p>�Gibt�s die noch?�</p><p>�Kommt ganz darauf an.�</p><p>Celia zeigte dem Angestellten das Foto ihrer Mutter mit dem Stempel auf der R�ckseite und fragte, ob er ihr weitere Ausk�nfte dar�ber geben k�nne. Vor allem interessierte es Celia, wann das Bild aufgenommen worden war und wer das Foto in Auftrag gegeben oder bezahlt hatte.</p><p>�Wollen Sie einen Abzug, Miss?�, fragte der Mann.</p><p>�Nein, eigentlich nicht.�</p><p>�Sie wollen nur eine Auskunft �ber das Foto?�, vergewisserte sich der Angestellte und runzelte missbilligend die Stirn. �Keine weiteren Abz�ge?�</p><p>�So ist es.�</p><p>Der Mann sch�ttelte unwillk�rlich den Kopf, reichte Celia aber ein Blatt Papier und bat sie, die auf der R�ckseite vermerkte Negativnummer und ihre Adresse aufzuschreiben. Falls er etwas herausfinde, werde er sie unterrichten.</p><p>Celia freute sich bereits �ber die unerwartete Hilfsbereitschaft des Angestellten, doch als sie den ungeduldigen Ausdruck im Gesicht des Mannes sah, begriff sie, dass er sie nur vom Hals haben wollte. Dennoch schrieb sie das Gew�nschte auf das Papier, legte es auf die Theke und sagte: �Ich komme in den n�chsten Tagen wieder.�</p><p>�Lassen Sie sich ruhig Zeit, Miss�, antwortete er, machte ein finsteres Gesicht und verstaute den Zettel in einer h�lzernen Kiste. �Wir k�nnen nichts versprechen. Es ist ein sehr altes Foto. Machen Sie sich also nicht zu viel Hoffnung.�</p><p>Celia nickte, bedankte sich und verlie� den Laden mit dem unguten Gef�hl, von dieser Seite nichts weiter �ber das Foto oder ihre Mutter in Erfahrung zu bringen. Eine weitere Sackgasse!</p><p>Als sie wieder auf der Stra�e stand und in Richtung Bahnhof blickte, fiel ihr siedend hei� ein, weshalb sie eigentlich die Wohnung in der White Horse Lane verlassen hatte. Die Eink�ufe! Ein Schreck fuhr ihr in die Glieder, weil sie einen Penny f�r nichts und wieder nichts vergeudet hatte. Und wertvolle Zeit obendrein. Um drei sollte sie mit dem Schminkkoffer und der Kost�mtasche am People�s Palace sein. Sie zitterte pl�tzlich am ganzen K�rper, und erst als sie keuchend am Bahnhof ankam und die Leute erschrocken vor ihr zur�ckwichen, begriff sie, dass sie die ganze Strecke von der Cullum Street gerannt war. Dabei war es erst kurz vor Mittag, wie sie auf der gro�en Uhr �ber dem Bahnhofsportal ablas. Die Tr�nen liefen ihr �ber die Wangen, zugleich wusste sie nicht recht, warum sie weinte. Rei� dich zusammen, Celia!, schalt sie sich. Es war ja nichts Schlimmes passiert. Den Penny w�rde sie Maureen ersetzen oder dadurch einsparen, dass sie heute nichts mehr a�, und wenn sie den weiten R�ckweg nach Mile End zu Fu� unternahm, w�rde sie kein weiteres Geld verplempern. Ja, so wollte sie es machen. Dann musste sie pl�tzlich laut lachen, weil sie vergessen hatte, ihrer Mutter die beiden Pennys auf die Augen zu legen. Damals in Brightlingsea. Als Mary Brooks mit einem seltsamen Fluch auf den Lippen gestorben war.</p><p>�Dein Vater ist ein verdammter Teufel! H�te dich vor ihm, Celia!�</p><p>W�hrend sie am Bahnhof Fenchurch Street vorbeilief, immer weiter in Richtung Osten, ohne auf ihre Schritte oder die Umgebung zu achten, sch�mte sie sich f�r ihr t�richtes Benehmen. Sie stolperte beinahe �ber ihre eigenen F��e, fand Halt an einer Gaslaterne, die seltsam gurgelnde Ger�usche von sich gab, und musste mit einem Mal an das R�cheln ihrer Mutter auf dem Sterbebett denken. Mit einem Schrecken fiel ihr wieder ein, dass sich derzeit niemand um Mutters Grab auf dem alten Friedhof von All Saints k�mmerte. Allerheiligen. Allesamt Heilige! Eine verwitterte kleine Kirche auf dem gr�nen H�gel, eine gute Meile vor dem Ort, umgeben von Grabsteinen, Statuen und Kreuzen, die aussahen, als wollten sie das uralte Gem�uer wie feindliche Krieger belagern. Mutter hatte den Blick von dort oben geliebt, hinunter auf die breite M�ndung des Colne und bei gutem Wetter bis nach Mersea Island. Dort auf dem H�gel hatte sie beerdigt werden wollen, im Schatten von All Saints, nicht auf dem kargen Armenfriedhof unten im Ort. Wegen der sch�nen Aussicht und weil sie neben dem kleinen George hatte liegen wollen, der auch dort begraben war. Celias �ltester Bruder, der viel zu fr�h auf die Welt gekommen war und seine unzeitige Geburt nur um wenige Stunden �berlebt hatte. George. �ber den im Hause Brooks nie gesprochen worden war. Weil die Mutter immer zu weinen anfing und der Vater tobte, wenn sein Name genannt wurde. Man solle die Vergangenheit ruhen lassen, wie er meinte. Die Lebenden seien wichtiger als die Toten. Und dann war er meist in die Kneipe gegangen und hatte sich betrunken. Damit die Vergangenheit endlich ruhte.</p><p>Kurz nach dem Verschwinden des Vaters hatte die Mutter die Putzstelle im Pfarrhaus auf dem H�gel angetreten, obwohl der Pfarrer nur einen Hungerlohn zahlte. Celia hatte oft vermutet, die Mutter sei nur ins Pfarrhaus gegangen, um ihrem Erstgeborenen nahe zu sein. Ihrem Erstgestorbenen. Der zu fr�h geboren und sp�ter zu einem Unausgesprochenen geworden war. George. Wie der Name eines Inns in Southwark. Auf dem Grab nur ein einfaches Holzkreuz mit seinem notgetauften Namen und einer Jahreszahl: 1868. Das Jahr, in dem ihre Eltern geheiratet hatten.</p><p>�Na, Kindchen, mal �nen Blick riskieren?�, wurde Celia aus ihren wirren Gedanken gerissen. Ein �lterer Mann im braun karierten Havelock stellte sich ihr in den Weg und deutete mit gichtigen Fingern zu einer schmalen Gasse, die in n�rdlicher Richtung von der Hauptstra�e abging. �Mitre Street�, stand auf einem Schild am Eckhaus. �Willst du was Interessantes sehen?�</p><p>Celia wich einen Schritt zur�ck, doch der Mann kam abermals n�her.</p><p>�F�r �nen Penny zeig ich dir, wo�s gewesen ist�, sagte er und hob bedeutsam die Augenbrauen. �Wo er sie zerst�ckelt hat. Wo man sie gefunden hat.�</p><p>�Wen gefunden?�</p><p>�Das letzte Opfer vom Ripper�, sagte der Mann und fasste Celia am �rmel. �Nur �n Penny, dann zeig ich�s dir. Auf dem Bordstein war�s. Gleich um die Ecke. Am Mitre Square.� Er grinste und bleckte die wenigen Z�hne, die ihm im Mund verblieben waren. �Man kann die Blutflecken noch erkennen.�</p><p>Celia riss sich los, stie� den Mann von sich und rannte davon, so schnell sie konnte. Doch als sie sich nach einigen Sekunden umschaute, erkannte sie, dass der Mann ihr gar nicht gefolgt war, sondern bereits auf den n�chsten Passanten einredete und mit seiner d�rren Hand zur Mitre Street wies.</p><p>Eine pl�tzliche �belkeit stieg in ihr hoch, und vermutlich musste sie sich nur deshalb nicht �bergeben, weil sie heute noch gar nichts gegessen hatte. Nichts essen, nur laufen, so hatte sie es sich vorgenommen. <emphasis>F�r �nen Penny.</emphasis> Immerzu nach Osten. Schnurgerade war die Stra�e. Erst Aldgate High Street, dann Whitechapel High Street, dann Whitechapel Road, dann Mile End Road. Eine Stra�e, vier Namen.</p><p>Pl�tzlich die Brick Lane auf der linken Seite. Noch so ein seltsamer Name. Backsteingasse. Als w�r�s was Besonderes. Dabei war doch fast alles hier aus Backstein. Bevor Celia wusste, was sie tat, war sie in die schmale Stra�e abgebogen und hielt nach einem Buchh�ndler Ausschau. Weil Heather die Seite herausgerissen hatte. <emphasis>Mitgehen lassen.</emphasis> Und weil doch irgendwo der Rest sein musste. Von der Zeitung.</p><p>Celia schwitzte. Dabei war es kalt und feucht. Und ihr Mantel fadenscheinig und abgewetzt. Doch die Hitze wollte nicht aufh�ren. Sie kam von innen. Als h�tte sie Alkohol getrunken. Das hatte sie heute schon einmal gedacht. Richtig, die Natronlauge. Und der Chlorgestank. Wie vergiftet.</p><p>Dann stand sie vor dem Laden und schaute durch das schmutzige Schaufenster. Sie wusste nicht, ob es der richtige war oder ob es noch weitere Buchl�den in der Brick Lane gab, doch das interessierte sie nicht. Sie betrat das Gesch�ft und schaute sich fasziniert um. Der ganze Raum war voller Regale, die wiederum �ber und �ber mit B�chern, Folianten und losen Bl�ttern gef�llt waren. Wie ein Irrgarten aus Papier.</p><p>�Kann ich helfen, Miss?�, fragte der Buchh�ndler, ein alter Mann mit einer winzigen Brille, die ihm beinahe von der Nase fiel. Er l�chelte freundlich und fragte: �Alles in Ordnung, Miss? Sie sehen blass aus.�</p><p><emphasis>�Illustrated London News�</emphasis>, sagte Celia und lie� sich auf einen Stuhl sinken, der neben einem mit B�chern �berladenen Tisch stand.</p><p>�Sehr gern�, sagte der H�ndler, griff in ein Regal hinter sich, fischte eine Zeitung heraus und sagte: �Macht Sixpence.�</p><p>�Nein, entschuldigen Sie�, stammelte Celia, �ich brauche die vom 20. September 1884.� Und als w�re das eine wichtige Information, setzte sie hinzu: �Die Samstagsausgabe.�</p><p>�1884?�, wunderte sich der Buchh�ndler. �Alte Zeitungen verkaufen wir nicht. Jedenfalls nicht einzeln, sondern nur in Sammelb�nden. Wenn sie denn �berhaupt vorr�tig sind.�</p><p>�Ich will die Zeitung nicht kaufen, Sir, ich m�chte nur ��</p><p>�Lesen?� Der Mann seufzte tief. �Dies ist keine Bibliothek, junge Frau.�</p><p>�Tut mir leid�, sagte Celia und wollte sich erheben.</p><p>Der Buchh�ndler zuckte mit den Achseln und sch�ttelte nachsichtig den Kopf. �Bleiben Sie!� Dann verschwand er in einem angrenzenden Raum und kam kurz darauf mit einem Glas Wasser zur�ck. �Trinken Sie, Miss!�, sagte er, stellte das Glas auf den Tisch und machte sich auf die Suche. �1884, sagten Sie?�</p><p>Celia nickte und trank das Glas in einem Zug leer. Gern h�tte sie nach mehr gefragt, doch sie traute sich nicht. Sie wollte nicht ungezogen erscheinen. Mutter hatte immer gesagt: �Kinder sollen gesehen, aber nicht geh�rt werden.� Und der alte Mann sah das bestimmt genauso. Dabei war sie gar kein Kind mehr.</p><p>�Sie haben Gl�ck, Miss!�, rief der Buchh�ndler und legte ein in Leder gebundenes, gro�formatiges Buch auf den Tisch. �Den Jahrgang �84 haben wir da. Dann wollen wir mal sehen. 20. September.� Er bl�tterte in dem Folianten, gab dabei schnaufende Ger�usche von sich und fragte: �Suchen Sie etwas Bestimmtes in der Zeitung?�</p><p><emphasis>�Mignonette�</emphasis>, sagte Celia.</p><p><emphasis>�Mignonette?�</emphasis>, fragte der Buchh�ndler. �Ich verstehe nicht.�</p><p>�Der Schiffbruch. Die Kannibalen des Meeres.� Sie war seltsamerweise nicht mehr in der Lage, in ganzen S�tzen zu reden.</p><p>�Oh, ja, ich erinnere mich�, sagte der Mann nickend. �Der Prozess hat damals f�r einige Schlagzeilen gesorgt. War in allen Zeitungen zu lesen. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass brave Seeleute sich gegenseitig aufessen. Na, wollen mal schauen.� Er hatte die entsprechende Stelle in dem Buch gefunden und rief verwundert: �Oh nein, zerrissen! Die erste Seite fehlt. Die hat jemand herausgerissen. Ausgerechnet! Das kann ich mir gar nicht erkl�ren.�</p><p>�Macht nichts�, sagte Celia, stand auf und schaute dem Buchh�ndler �ber die Schulter, ohne jedoch irgendetwas entziffern zu k�nnen. Alles drehte sich vor ihren Augen. Die Buchstaben tanzten umher. �Steht sonst noch was drin?�</p><p>��ber den Schiffbruch oder den Prozess?�, fragte der Buchh�ndler, bl�tterte weiter, �berflog die n�chsten Seiten und sagte: �Hier ist ein Artikel �ber den Prozess vor dem Friedensgericht in Falmouth. Das ist in Cornwall, glaube ich. Vermutlich wurden die M�nner nach ihrer Rettung dorthin gebracht. Aber es gab offenbar keinen Richterspruch. Wegen der Schwere der Vorw�rfe wurde das Verfahren an das Schwurgericht in Exeter �berwiesen.�</p><p>�Exeter?�, wunderte sich Celia. Sie versuchte, sich zu erinnern, was in dem Artikel �ber das Todesurteil gestanden hatte. War dort nicht von einem Londoner Gericht die Rede gewesen? Von diesem Lord Sowieso? Sie hatte seinen Namen vergessen. Und den Namen des Gerichts.</p><p>�Es gab mehrere Prozesse gegen die Seem�nner, vor verschiedenen Gerichten, wenn ich mich recht entsinne�, meinte der Buchh�ndler gr�belnd und r�ckte sich die Brille zurecht. �Erst in Cornwall, dann in Exeter und schlie�lich in London. Dort wurden die M�nner zum Tode verurteilt.�</p><p>�Begnadigt�, wisperte Celia.</p><p>�Ja, sp�ter.� Der Mann nickte. Die Brille wippte lustig auf seiner Nase.</p><p>�Brooks?�, fragte Celia und �rgerte sich, dass ihr die anderen Worte ihrer Frage einfach nicht �ber die Lippen kommen wollten. Deshalb deutete sie auf die aufgeschlagene Zeitung und wiederholte: �Ned Brooks?�</p><p>Der alte Mann �berflog den Text erneut, murmelte vor sich hin und sagte dann laut: �Hier ist von einem Edmund Brooks die Rede. Meinen Sie den?�</p><p>Celia nickte.</p><p>Der Mann las leise und fasste anschlie�end das Gelesene zusammen: �Die Anklage gegen Brooks wurde fallengelassen, weil er nachweislich nicht an der Ermordung des Kabinenjungen beteiligt war und sich zuvor mehrfach gegen die Tat ausgesprochen hatte. Auch wenn er anschlie�end vom Blut des Jungen getrunken und sein Fleisch gegessen hat. Wie die anderen beiden Seeleute auch. Trotzdem wurde die Beweisaufnahme gegen Brooks nicht fortgesetzt und er stattdessen als Zeuge der Krone vernommen.�</p><p>�Zeuge der Krone?�</p><p>�Er hat gegen die anderen ausgesagt. Als Zeuge der Anklage.�</p><p>�Judas!�, entfuhr es Celia. Jetzt verstand sie die Worte des alten Seeb�ren in Southampton. <emphasis>Ein verdammter Judas, wenn du mich fragst! Ein feiger Verr�ter.</emphasis> Nicht, weil er ein Kannibale war. Nicht, weil er einen unschuldigen Schiffsjungen gegessen hat, um sein eigenes Leben zu retten. Nein! Weil er seine eigenen Gef�hrten ans Messer geliefert hat, um selbst freizukommen. Zeuge der Krone. Wohlklingende Worte f�r eine h�ssliche Angelegenheit. Die Aussage ihres Vaters hatte den anderen beiden Seem�nnern das Todesurteil beschert und sie um ein Haar an den Galgen gebracht. Und laut wiederholte sie: �Ein feiger Verr�ter!�</p><p>�So harsch w�rde ich es nicht ausdr�cken�, sagte der Buchh�ndler und schien sich �ber Celias pl�tzlichen Eifer zu wundern. �Schlie�lich haben der Kapit�n und der Maat die Tat vor Gericht gar nicht geleugnet, wie es hier hei�t. Sie haben alles ausf�hrlich und wahrheitsgem�� geschildert und waren offensichtlich davon �berzeugt, dass sie rechtens gehandelt hatten. Muss f�r die M�nner ein Schock gewesen sein, als sie sp�ter zum Tode verurteilt wurden.�</p><p>�Das verstehe ich nicht�, sagte Celia. �Warum �?� Sie konnte ihre Frage nicht in Worte fassen.</p><p>�Warum die Anklage einen Zeugen brauchte, wenn es ein Gest�ndnis gab?�, half der Buchh�ndler und hob die Achseln. �Um ein Exempel zu statuieren. Es ging der Krone allein darum, dem Brauch des Meeres Einhalt zu gebieten.�</p><p>Celia schaute ihn nur fragend an.</p><p>�Kannibalismus nach einem Schiffbruch�, erkl�rte der Mann. �Ein ungeschriebenes Gesetz der Seefahrt. Deswegen mussten die Seeleute verurteilt werden. Als warnendes Exempel. Und zwei M�nner nur aufgrund ihrer eigenen Aussage hinzurichten, w�re vermutlich f�r einen Pr�zedenzfall nicht ausreichend gewesen. Au�erdem h�tten sie ja bei einer sp�teren Verhandlung einfach schweigen k�nnen, das d�rfen die Angeklagten n�mlich, und dann w�re der Prozess hinf�llig gewesen. Deshalb brauchten sie einen unbeteiligten Zeugen.�</p><p>�Unbeteiligt?�, rief Celia aufgebracht. �Vater war nicht unbeteiligt.�</p><p>�Vater?�, fragte der alte Mann irritiert.</p><p>�Mr. Brooks.� So hatte die Mutter ihren Mann immer genannt. Nie Ned. Nie Vater. Nur Mr. Brooks. Celia dachte an die Erleichterung ihrer Mutter, als der Walf�nger Hutchinson die Nachricht von der Begnadigung der Kannibalen �berbracht hatte. In der Nacht vor dem ersten Austernfang ihrer Br�der.</p><p>Ein lautes Klopfen an der Schaufensterscheibe lie� sie heftig zusammenfahren. Auch der Buchh�ndler erschrak und klappte wie automatisch den Folianten zu. Als Celia nach drau�en blickte, schaute sie in das grinsende Gesicht von Heather. Die das Titelblatt der Zeitung herausgerissen hatte. �Bin ja nicht aus der Welt�, hatte sie zum Abschied gesagt. Und: �Man sieht sich.�</p><p>Celia lie� den verdutzten Buchh�ndler gru�los stehen, rannte hinaus auf die Stra�e und warf sich der Freundin in die Arme.</p><p>�Sachte, sachte�, lachte Heather. �Kein Grund, gleich vor Freude zu heulen.�</p><p>�Heul ja gar nicht�, rief Celia und wischte sich die Tr�nen aus den Augen.</p><p>Heather schaute sie erschrocken an, sch�ttelte leicht den Kopf, wies zu dem Buchladen und sagte: �Zwei Dumme, ein Gedanke. Ich wollte auch noch mal schauen, ob ich mehr �ber die Kannibalen rauskriege. Hast du gefunden, was du wissen wolltest?�</p><p>�Ich hab gefunden, was ich <emphasis>nicht</emphasis> wissen wollte�, sagte Celia und hakte sich bei ihrer Freundin unter. Mit dem linken Arm. Weil der rechte so h�llisch weh tat.</p><empty-line/></section><section><p>3</p><p>�Auf wen warten wir?�</p><p>�Michael.�</p><p>�Dein neuer Freund?�</p><p>�Er hatte Fr�hschicht am Hafen und kommt gleich nach Hause.�</p><p>�Aha. Und warum warten wir hier?�</p><p>�Weil ich keinen Schl�ssel f�r die Wohnung hab.�</p><p>�Keinen Schl�ssel?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber du wohnst doch bei ihm.�</p><p>�Und?�</p><p>�Warum hast du keinen Schl�ssel?�</p><p>�Mit dem Schl�ssel ist Michael eigen. Den r�ckt er nicht raus.�</p><p>�Aha.�</p><p>Sie sa�en im Britannia Pub, an der Ecke zur Dorset Street, und schauten durchs Fenster auf die Stra�e, wo der st�rmische Wind Papier und Unrat �ber das Pflaster fegte. Gegen�ber lag der Friedhof von Christ Church. Wo Adam Bedfords Frau und Sohn begraben lagen. <emphasis>In die Herrlichkeit bef�rdert.</emphasis> Heather hatte zwei Helle bestellt, obwohl Celia nichts hatte trinken wollen. Wegen des verlorenen Pennys und weil ihr dauernd die Galle hochstieg. Doch Heather hatte darauf bestanden und wollte sie einladen. Wegen dem unerwarteten Wiedersehen, wie sie meinte. Dabei hatten sie sich erst gestern im Frauenasyl voneinander verabschiedet.</p><p>�Und?�, fragte Heather, als der Wirt das Bier auf den Tisch stellte und die M�nzen einsteckte. �Wie l�uft�s so? Wo dr�ckt der Schuh? Du siehst aus wie �n Gespenst. Ganz wei� und so.�</p><p>�Vater wurde freigesprochen�, sagte Celia.</p><p>�Ist doch gut, oder?�, fragte Heather und wollte mit ihr ansto�en. �Also ist er kein Kannibale?�</p><p>�Doch�, sagte Celia. �Und schlimmer als das.�</p><p>�Versteh ich nicht.�</p><p>�Ich auch nicht.�</p><p>Sie tranken, und beinahe im selben Augenblick bereute Celia es. Die Magens�ure stieg in ihr hoch, ihr Bauch verkrampfte sich. Um ein Haar h�tte sie Heather das Bier ins Gesicht gespuckt.</p><p>�Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?�, fragte Heather besorgt.</p><p>�Ja�, log Celia. �Hab wenig geschlafen.�</p><p>�Haben die Weiber wieder geschnarcht?�</p><p>Jetzt w�re der Moment gewesen, um Heather zu beichten, dass sie nicht mehr im Asyl, sondern bei Maureen wohnte. Dass sie ihre Assistentin war, ihr Dienstm�dchen. Doch Celia stammelte nur. S�mtliche Worte wollten auf einen Schlag aus ihrem Mund und verhedderten sich auf der Zunge. Heraus kam nur ein genuscheltes: �So �hnlich.�</p><p>�Wird Zeit, dass du von den Betschwestern wegkommst�, sagte Heather und legte ihre Hand auf Celias Unterarm. �Mensch, du bist ja ganz hei�!�, rief sie. �Du gl�hst wie �n Ofen.�</p><p>�Ist nichts�, sagte Celia und sch�ttelte sich, weil sich Heathers Hand so eiskalt anf�hlte. Sie wehrte Heathers Ber�hrung ab und fragte: �Wie geht�s dir denn bei deinem Freund? Behandelt er dich gut?�</p><p>�Michael ist in Ordnung�, antwortete Heather betont gleichg�ltig. �Bisschen grob und grantig, eher der muffelige und maulfaule Typ, aber Hauptsache ich hab �n Dach �berm Kopf.�</p><p>�Das hattest du in der Hanbury Street auch.�</p><p>�Vergiss es!�, schnaufte Heather. �Da zahl ich lieber Miete bei Michael.�</p><p>�Du zahlst Miete?�</p><p>�Ist nur fair, oder?�, meinte Heather achselzuckend.</p><p>�Und wie willst du das Geld verdienen?�, wollte Celia wissen.</p><p>�Wie wohl?�, lachte Heather, grinste anz�glich und machte einen Kussmund.</p><p>�Nein!�, rief Celia entsetzt.</p><p>�Warum nicht? Daf�r k�mmert Michael sich um mich. Jeder braucht doch einen, der sich k�mmert und f�r einen da ist, oder?�</p><p>�Nein�, wiederholte Celia, aber so leise, dass es nicht zu h�ren war.</p><p>�Wenn man vom Teufel spricht!�, rief Heather und deutete hinaus auf die Stra�e. Dort standen zwei M�nner auf dem Bordstein, der eine mit dunkler Seemannsjacke, Schieberm�tze und �ppigem Vollbart, der andere mit einem dreckigen Bowler auf dem feisten Sch�del und einem buschigen Schnauzbart im Gesicht. W�hrend der Vollbart, der �ltere der beiden, ein wenig steif und unbeholfen wirkte, erinnerte der andere an eine w�tende Bulldogge.</p><p>�Wer von denen ist Michael?�, wollte Celia wissen.</p><p>�Der mit dem Schnauzer.�</p><p>�Oh!�, entfuhr es Celia gegen ihren Willen.</p><p>�Hab nicht behauptet, dass er eine Sch�nheit ist�, lachte Heather, stand auf und winkte ihrem Freund durch die Scheibe zu.</p><p>Auch Celia erhob sich und nickte den M�nnern etwas unsicher zu. Heathers Freund Michael hob lediglich die Augenbrauen und gab dann Heather mit einer unwirschen Handbewegung zu verstehen, dass sie sich beeilen solle. Der Mann mit dem Vollbart jedoch starrte Celia an, als w�re sie der Leibhaftige. Einen kurzen Augenblick lang dachte sie, bei dem Mann handelte es sich um den Vollb�rtigen, den sie im People�s Palace vor dem Gem�lde hatte stehen sehen. Den Mann, der ihre Mutter gekannt hatte, ohne ihr begegnet zu sein. Der Vollbart auf der Stra�e hatte allerdings keine derart runzlige Nase und war zudem nicht glatzk�pfig. Doch er stierte sie an, als w�re er nicht bei Trost.</p><p>�Wer ist der andere Kerl?�, fragte Celia verunsichert.</p><p>�Ein Nachbar�, antwortete Heather. �Ein komischer Kauz, nicht ganz dicht in der Birne, wenn du mich fragst.� Sie zwinkerte Celia verschw�rerisch zu, gab ihr einen Kuss auf die Wange, sch�ttelte nach der Ber�hrung aber erschrocken den Kopf und sagte: �Du solltest ins Bett, Kindchen. Und zwar sofort! Du hast Fieber!� Sie streichelte ihr �ber den Arm und meinte im Gehen: �Ich muss los, sonst wird Michael sauer.�</p><p>Heather ging hinaus, hakte sich vor der T�r bei ihrem Freund unter, der wiederum seinen Nachbarn hinter sich herzog. Durch ein Fenster sah Celia die drei gemeinsam in die Dorset Street einbiegen. Der Mann mit dem Vollbart schaute sich noch einmal mit gro�en Augen zu Celia um, dann waren sie aus ihrem Blickfeld verschwunden.</p><p>Celia stand wie erstarrt vor dem Fenster und schaute auf die andere Stra�enseite, zur wei�en Christ Church mit ihrem hohen Turm, der die dichten Wolken zu ber�hren schien. Dann sah sie auf die Kirchturmuhr und erschrak. Kurz vor vier! Um drei Uhr sollte sie mit Maureens Koffern im Volkspalast sein. Sie hatte es v�llig vergessen. Wie sie den Einkauf vergessen hatte. Oder den Namen des Lords und des Londoner Gerichts. Wie sie �berhaupt alles verga�. Als w�re ihr Gehirn ein Sieb.</p><p>Sie eilte hinaus. Schaute in die Dorset Street. Heather und Michael betraten gerade ein Haus auf der rechten Seite. Der Mann mit dem Vollbart und der Schieberm�tze war nicht mehr zu sehen. Ein Nachbar. Ein komischer Kauz. Celia wurde �bel. Versuchte zu begreifen. Vergeblich. Sie fuhr herum und rannte los. Drei Uhr, hatte Maureen gesagt! Einen Penny hatte sie verloren. Jetzt nichts mehr essen und zu Fu� gehen. So wollte sie es machen. Doch das Bier schwappte in ihrem leeren Magen hin und her. Wie ein Rettungsboot auf hoher See. Wie der Kannibale des Meeres. Den man nicht verurteilt hatte, weil er ein Judas war. Ein Zeuge der Krone.</p><p>Celia lief die Stra�e mit den vier Namen entlang. Nach Osten. Immer weiter. Z�hlte die Schritte, musste st�ndig von vorne beginnen, weil sie die Zahlen verga�. Als sie schlie�lich die White Horse Lane erreicht hatte, war sie am ganzen K�rper nass vor Schwei�. Stank vermutlich wie Mrs. Adams hinter dem Empfangstisch. Drei Treppen bis zur Dachkammer. Au�er Atem und hundeelend riss sie die T�r auf. Doch die Koffer waren weg. Der Schminkkoffer und die Kost�mtasche. Weg! Sie schaute in der K�che. Nichts. Sie schaute im Schlafzimmer. Auch nichts!</p><p>Sie sackte auf die Knie. Das Bier schoss ihr aus dem Hals, bevor sie sich den Mund zuhalten konnte. Und gelbe Galle. Direkt vor Maureens Bett. Dann raste der Boden auf sie zu. Bis es mit lautem Krachen dunkel wurde.</p><empty-line/></section><section><p>DIENSTAG, 23. OKTOBER 1888</p><p>4</p><p>Sie kamen sie holen! Sie wusste nicht, ob sie wachte oder schlief. Doch sie wusste, dass die M�nner sie holen w�rden. Im Traum und in der Wirklichkeit waren sie ihr erschienen und hatten sie angestarrt. Immer mit demselben Blick. Vertraut und doch verst�rt. Erst der junge Mann am Bahnhof Waterloo. Und tags darauf im Fackelzug der Heilsarmee. Mit dem roten Herz auf der Wange, so gro� wie ein Half Crown. Ein h�bsches Gesicht, mal als eingebildeter Gentleman, mal als derbe fluchender Arbeiter. Neben dem jungen Mann ein �lterer Kerl mit Raubvogelaugen, Filzbart und S�ufernase, auch er hatte sie angestarrt. Weil er Celias Mutter gekannt hatte, ohne ihr begegnet zu sein. Weil er Mary Tremain in Celia Brooks erkannt hatte. Wie Zwillingsschwestern. �Ich k�nnte schw�ren, dass ich dich von irgendwoher kenne�, hatte Rod Webster im George Inn gesagt. Auch er hatte sie erkannt, wegen des alten Fotos. Und schlie�lich der andere Mann. Der Nachbar. Vor dem Britannia Pub. Mit Vollbart und Seemannsjacke. Ein komischer Kauz. Nicht ganz richtig in der Birne. Warum hatte sie Heather nicht nach dem Namen des Mannes gefragt? Vielleicht weil sie die Antwort bereits wusste? Weil sie bereits am ersten Tag in London geahnt hatte, dass sie ihren Vater wom�glich gar nicht wiedererkennen w�rde, selbst wenn er direkt vor ihr st�nde?</p><p>�Nicht, kleine Celia!�</p><p>Eine kalte Hand legte sich auf ihre Stirn. Sie riss die Augen auf und schrie erschrocken auf. Das h�bsche Gesicht stierte sie an. Ganz nah. Traurig l�chelnd. Das auff�llige Muttermal war unter einem Verband versteckt, aber Celia erkannte ihn dennoch. So leicht lie� sie sich nicht in die Irre f�hren. Sie wollte wegrennen, sich verstecken, doch es ging nicht. Sie konnte sich nicht bewegen. Hatte sich nicht unter Kontrolle. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie in einem Bett lag. In Maureens Bett. Im Nachthemd. Klitschnass. Der Mann griff nach ihr. Es war um sie geschehen. Sie b�umte sich ein letztes Mal auf und warf sich ins Kissen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.</p><p>Der Schmerz weckte sie. Ein f�rchterliches Brennen. Als st�nde sie auf einem Scheiterhaufen und w�rde bei lebendigem Leib verbrannt. Sie �ffnete langsam die Augen und bemerkte, dass sich irgendetwas im Zimmer ver�ndert hatte. Es war dunkler. Celia lag immer noch in Maureens Bett. Und der junge Mann sa� nach wie vor auf der Bettkante. Immer noch h�bsch und rosig. Wie der Teufel in Menschengestalt. Doch hinter ihm erkannte sie Maureens Gesicht. Stand sie mit den M�nnern im Bunde? Geh�rte Maureen zu ihnen? Auf die andere Seite? Aber welche Seite war das?</p><p>�Sei ganz ruhig, Liebes�, sagte Maureen und l�chelte. �Mr. Ingram wird dir helfen.�</p><p>�Au!�, war alles, was Celia hervorbrachte. Und noch einmal: �Au!�</p><p>�Es brennt vermutlich sehr�, sagte der Mann namens Ingram, und seine Stimme klang so lieb und mitleidig, als wollte er sich �ber sie lustig machen. �Aber es wird die Entz�ndung aus dem K�rper ziehen. Du musst jetzt tapfer sein.�</p><p>Da begriff Celia, woher das Brennen und der Schmerz kamen. Aus ihrem rechten Arm. Den sie gar nicht mehr sp�rte. Obwohl er so unendlich weh tat. Sie registrierte wie von weitem, dass das keinen Sinn ergab. Dann schrie sie auf, weil ihr der Schmerz gl�hend durch den K�rper schoss. Der Mann hatte ihr den Finger der L�nge nach aufgeschnitten, mit einem dampfenden Rasiermesser, das Maureen ihm gereicht hatte. Sie steckten alle unter einer Decke! Warum t�teten sie Celia nicht einfach? Warum lie�en sie sie ausbluten? Warum qu�lten sie sie?</p><p>Dann griff der Mann nach einer Ampulle, sch�ttelte und �ffnete sie und tr�pfelte den Inhalt auf ein Tuch, das sich sofort gelbrot verf�rbte. Celia wollte die Hand wegziehen, doch Maureen half dem Mann, dessen H�nde nun ebenfalls blutrot verschmiert waren. Von Celias Blut. Sie schrie, doch es half nichts, sie pressten ihr den getr�nkten Lappen auf die blutende Wunde, dass sie vor Schmerz beinahe ohnm�chtig geworden w�re. Sie wollte den Mann kratzen, ihn bei�en, ihn anspucken, doch im n�chsten Augenblick hatte sie einen L�ffel im Mund und verschluckte sich an einer bitteren und z�hen Fl�ssigkeit.</p><p>�Du wirst jetzt schlafen, kleine Celia�, sagte der Mann und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Stirn, die nun ebenfalls blutverschmiert war.</p><p>�Du wirst wieder gesund�, sagte Maureen, w�hrend sie Celias Hand so stramm umwickelte, als wollte sie die Adern abschn�ren. �Ganz bestimmt.�</p><p>�Geben Sie ihr in der Nacht noch etwas von dem Laudanum�, sagte der Mann und erhob sich. �Ich muss jetzt gehen, aber ich komme morgen fr�h wieder her. Dann wechseln wir den Verband.�</p><p>�Danke, Mr. Ingram�, sagte Maureen, reichte ihm ein Tuch, damit er sich Celias Blut aus dem Gesicht wischen konnte, und f�hrte ihn aus dem Zimmer. �Sie sind unser Engel, Sir.�</p><p>�Rupert�, sagte der Mann. �Nicht Sir. Mein Name ist Rupert.�</p><p>�Sie sind unser Engel, Rupert.�</p><p>Teufel!, dachte Celia und schlief ein.</p><empty-line/></section><section><p>MITTWOCH, 24. OKTOBER 1888</p><p>5</p><p>Hunger! Als sie die verquollenen Augen aufschlug, hatte sie das Gef�hl, seit Ewigkeiten nichts gegessen zu haben. Ihr Magen knurrte so laut und andauernd, dass sie erschrocken zusammenfuhr. Sie hatte Angst, das Ger�usch k�nnte den leise schnarchenden Mann auf dem Stuhl wecken. Sein Kopf war zur Seite geneigt, lag auf der linken Schulter. Eine Kerze auf einem kleinen Beistelltisch beleuchtete sein blasses Gesicht. Sie sah das herzf�rmige Muttermal, das nun nicht mehr verbunden war. Es sah entz�ndet und verkrustet aus, als h�tte er sich daran gekratzt. Mr. Ingram. So hatte Maureen ihn genannt. Celia kam der Name bekannt vor. Woher nur? Sie konnte sich nicht erinnern.</p><p>Ihr rechter Arm war verbunden, von den Fingern bis zum Ellbogen. Es brannte noch ein wenig, aber der Schmerz hatte nachgelassen. Kein Scheiterhaufen mehr. Nur noch Restglut. An der Hand war der Verband besonders dick und gelblich gef�rbt. Es roch seltsam, wie in Mr. Morrisons Apotheke an der Church Street in Brightlingsea. Nach Kr�utern und Chemikalien. Und nach Lakritze. S��holz und Salmiak.</p><p>Wie sp�t es wohl sein mochte? Und welcher Tag? Wie lange hatte sie geschlafen? Durch die offene T�r konnte sie in den unbeleuchteten Flur und in die K�che schauen, doch durch das schmale K�chenfenster kam kein Licht herein. Die Sonne war bereits unter-oder noch nicht aufgegangen. Maureen war nirgends zu sehen. Auch nicht auf Celias Matratze unter der Dachschr�ge. Dort lag nur Celias Lederkoffer. Sie beugte sich nach rechts, um besser durch die T�r schauen zu k�nnen, doch die Bewegung tat h�llisch weh, sie �chzte vor Schmerz. Das weckte den Mann. Ingram. Er l�chelte, wirkte erfreut oder erleichtert, sagte aber keinen Ton. L�chelte nur und nickte aufmunternd.</p><p>�Wo ist Maureen?�, fragte Celia. Es war eher ein Wispern. Ihre Kehle war ausgedorrt. Jedes Wort tat weh.</p><p>�Im People�s Palace�, sagte der Mann. �Auf der B�hne. Sie hat einen Auftritt.�</p><p>�Oh!�, entfuhr es Celia, und sie wollte sich aufrichten. �Ich muss � sie braucht mich �� Wieder fuhr ihr der Schmerz aus dem rechten Arm direkt in den Hinterkopf. Und von dort in den R�cken. Wie ein Stromschlag. Sie sank zur�ck ins Kissen. Atmete schwer und schluckte. Die Zunge wie Sandpapier.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Celia�, sagte der Mann und legte beruhigend seine Hand auf ihre linke Schulter. �Maureen wird bald wieder da sein. Seien Sie unbesorgt, alles wird gut. Werden Sie erst einmal gesund.�</p><p>�Ich bin nicht krank�, widersprach Celia halbherzig.</p><p>�Sie haben fast zwei Tage geschlafen�, antwortete er und deutete zu dem Beistelltisch, auf dem verschiedene Fl�schchen und Ampullen sowie Verbandszeug und eine flache Sch�ssel mit einer gelblichen Tunke abgestellt waren. �Aber jetzt ist das Schlimmste �berstanden. Das Fieber sinkt. Die Wunde heilt allm�hlich.�</p><p>�Wer sind Sie?�</p><p>�Mein Name ist Rupert Ingram�, sagte er und neigte den Kopf.</p><p>�Wer sind Sie?�, wiederholte Celia.</p><p>�Ein Freund.�</p><p>�Woher kennen Sie mich?�</p><p>�Sp�ter, Celia�, sagte er, goss Wasser aus einer Karaffe in ein Glas und reichte es ihr. �Das hat Zeit. Erst m�ssen Sie zu Kr�ften kommen. Trinken Sie! Haben Sie Hunger?�</p><p>Celia trank gierig und nickte gleichzeitig. Deshalb lief ihr das Wasser �ber das Kinn, sie verschluckte sich.</p><p>�Langsam, nicht so hastig!�, sagte Mr. Ingram und legte ihr ein Tuch auf die Brust. �Ich mache Ihnen einen Haferbrei. Und etwas warme Milch. Mit Honig.� Er stand auf und fuhr ihr mit der Hand �ber den Scheitel. Wie ein besorgter Vater einem kranken Kind. Es f�hlte sich sch�n an. Beruhigend. Und Celia sch�mte sich, dass sie ihn noch vor Kurzem in ihrem Fieberwahn f�r den Teufel in Person gehalten hatte.</p><p><emphasis>Dein Vater ist ein Teufel!</emphasis>, schoss es ihr durch den Kopf. <emphasis>H�te dich vor ihm!</emphasis> Doch daf�r war es zu sp�t. Sie wusste nun, wo der Teufel wohnte. Ungef�hr jedenfalls. Und wie er aussah. Sie war ihm begegnet.</p><p>Celia musste wieder eingeschlafen sein, denn als sie die Augen auftat, war Maureen da. Sie stand im winzigen Flur und unterhielt sich mit Mr. Ingram, der einen langen Mantel trug und einen Zylinder in der Hand hielt. Auf dem Beistelltisch neben dem Bett standen eine Holzsch�ssel mit einem kleinen Rest Brei und ein halbes Glas Milch. Sie konnte sich nicht erinnern, etwas gegessen zu haben, doch das Hungergef�hl war verschwunden. Wie konnte das sein? War es m�glich, gleichzeitig zu schlafen und wach zu sein? Zu essen, ohne es zu merken? Oder hatte ihr Hirn die Erinnerung daran ausradiert?</p><p>�Der Verband ist gewechselt�, sagte Mr. Ingram und reichte Maureen die Hand. �Ich habe ihr ein wenig Laudanum in den Brei ger�hrt. Zur Sicherheit. Damit sie schl�ft. Morgen wird es ihr sicherlich besser gehen. Dann braucht sie auch kein Opium mehr. Das Schlimmste ist �berstanden.�</p><p>�M�ssen Sie wirklich schon gehen, Rupert?�, fragte Maureen, deren Gesicht noch von ihrem Auftritt geschminkt war. Unter ihrem Umhang trug sie das durchsichtige B�hnenkost�m, wie Celia an den R�schen erkannte, die aus den �rmeln hervorlugten. Offensichtlich hatte Maureen sich beeilt, aus dem Volkspalast herzukommen. Sie sagte: �Ich ziehe mich nur schnell um, dann koche ich Ihnen einen Kaffee. Oder m�gen Sie lieber Tee? Ich k�nnte auch Mrs. Adams nach etwas Bier oder Wein fragen, wenn Sie m�chten.�</p><p>�Das ist sehr nett, Maureen�, antwortete er und sch�ttelte den Kopf. �Aber es ist schon sp�t, und ich muss jetzt gehen. Morgen werde ich leider nicht kommen k�nnen, da ich unterwegs sein werde. Donnerstags bin ich immer in Dorking.�</p><p>�Wie schade�, sagte Maureen, die immer noch Mr. Ingrams Hand sch�ttelte.</p><p>�Wir sehen uns am Freitag�, sagte er und deutete in Celias Richtung. �Geben Sie gut acht auf sie, und lassen Sie Celia nicht aus dem Bett. Sie braucht jetzt viel Ruhe und muss erst wieder zu Kr�ften kommen.� Er entzog Maureen die Hand und wandte sich zur T�r. Im Hinausgehen sagte er: �Ich habe etwas auf dem K�chentisch hinterlassen. F�r Essen und Medizin.�</p><p>�Wir brauchen kein Geld�, protestierte Maureen. �Wir kommen zurecht.�</p><p>�Ich wei߫, sagte er. �Bitte verstehen Sie es nicht als Almosen. Ich m�chte nur helfen.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Bis Freitag!�, antwortete er ausweichend und verlie� die Dachkammer.</p><empty-line/></section><section><p>DONNERSTAG, 25. OKTOBER 1888</p><p>6</p><p>An der M�ndung des Colne, gleich unterhalb des Zuflusses des Alresford Creeks, gab es eine Stelle, die gerade breit und tief genug war, um vom �stlichen Flussufer aus bis nach Fingringhoe Wick am Westufer zu tauchen. Als Kinder hatten sie diese Mutprobe oft im Sommer bei steigender Flut ausprobiert. Wenn der Tidenhub zu gro� oder der Zulauf des Creeks zu stark gewesen war, waren sie von der Str�mung mitgerissen worden und flussabw�rts mitten im Colne wieder aufgetaucht. Was auch wegen des dichten Schiffsverkehrs nicht ungef�hrlich war. Doch wenn man Gl�ck hatte und die Luft und Kraft reichte, schaffte man es hin�ber bis ans westliche Ufer. Wenn man dort in den Salzmarschen des Wicks wieder auftauchte und mit pfeifenden Lungen nach Luft schnappte, kam es einem vor, als w�re man wie neugeboren. Der Stolz, es geschafft zu haben, und die Erleichterung, endlich wieder einatmen zu k�nnen, verschafften einem ein unglaubliches Hochgef�hl. Jedenfalls war es Celia immer so ergangen. Und genauso f�hlte sie sich, als sie am sp�ten Donnerstagmorgen beim Erwachen bemerkte, dass sie zum ersten Mal seit Tagen beinahe schmerzfrei war und wieder klar denken konnte. Der Druck in ihrem Sch�del und der Schleier vor ihren Augen waren verschwunden, keine hei�en Schauer und Stromschl�ge mehr, keine Schwei�ausbr�che, nur erleichtertes Aufatmen und Durchschnaufen. Sie war wieder aufgetaucht. Sie hatte es bis nach Fingringhoe Wick geschafft!</p><p>�Na, du machst ja Sachen�, wurde sie augenzwinkernd von Maureen begr��t, die auf dem Stuhl sa�, auf dem gestern Mr. Ingram gesessen hatte. Auf dem Beistelltisch standen eine dampfende Sch�ssel Grie�brei und ein Becher Milch. Daneben ein Glas mit Honig. �Hast du Hunger? M�chtest du Milch? Dein reicher Freund hat es an nichts mangeln lassen.� Sie lachte, deutete auf das Glas und sagte: �Ich wei� gar nicht, wann ich das letzte Mal Honig gegessen habe. Mr. Ingram hat sogar Orangen besorgt, damit du wieder auf die Beine kommst.�</p><p>�Er ist nicht mein Freund�, sagte Celia und verschlang den Grie�brei, der mit Zimt und Zucker ges��t war. Eine K�stlichkeit! Zugleich aber f�hlte sie sich beklommen, weil sie nicht wusste, womit sie die Freundlichkeit und die teuren Zuwendungen dieses seltsamen jungen Mannes verdient hatte. Oder was er in Zukunft als Gegenleistung daf�r erwarten mochte.</p><p>�Woher kennst du diesen Ingram?�, fragte Maureen neugierig. �Er hat nur so komisch rumgedruckst, als ich ihn danach gefragt habe. Wollte offensichtlich nicht dar�ber reden.�</p><p>�Ich kenne ihn nicht�, antwortete Celia wahrheitsgem��. �Ich habe ihn nur zweimal gesehen. Ganz zuf�llig und fl�chtig. Es ist nicht so, wie du jetzt vielleicht denkst. Das musst du mir glauben, Maureen!�</p><p>�Und wieso macht er dann das alles?� Sie deutete auf die Arzneien auf dem Tisch und setzte hinzu: �Er hat seit Dienstag fast ununterbrochen an deinem Bett gesessen und dich gepflegt. Wie so �ne Florence Nightingale. Obwohl du ihn in deinem Fieber ziemlich beschimpft hast.�</p><p>�Oh, wie schrecklich!�, rief Celia und lie� den L�ffel sinken, den sie mit der linken Hand ohnehin nicht gut halten konnte. �Ich sch�me mich so.�</p><p>�Das musst du nicht�, erwiderte Maureen und r�hrte Honig in die Milch. �Du wusstest ja nicht, was du tust. Und Mr. Ingram hat es dir nicht �bel genommen. Er war ganz r�hrend besorgt um dich. Das waren wir beide.�</p><p>�Er hat ein schlechtes Gewissen�, sagte Celia und starrte dabei auf ihren rechten Unterarm, der nur noch bis knapp �ber dem Handgelenk verbunden war. Die Haut oberhalb des Verbands war ganz gelb vom Jod und Karbol. Aber nicht mehr rot wie vor einigen Tagen. Dann sagte sie: �Wegen der Ratten.�</p><p>�Ratten?�</p><p>Celia berichtete der sichtlich erstaunten Maureen von ihren beiden Begegnungen mit Rupert Ingram. Von ihrem Zusammensto� mit dem hochn�sigen Gentleman am Bahnhof und der schmerzhaften Begegnung mit dem einfachen Arbeiter im Fackelzug. Sie erz�hlte von den bei�enden Ratten, von der Skeleton Army und den fliegenden Farbbeuteln und Steinen. Und von der schallenden Ohrfeige durch Captain Eva Booth.</p><p>Maureen starrte sie an, als glaubte sie ihr kein Wort. Vermutlich �berlegte sie, ob Celia immer noch im Fieber fantasierte, doch schlie�lich sagte sie: �Das klingt nicht nach dem Mr. Ingram, den ich in den letzten Tagen kennengelernt habe.�</p><p>Celia �berlegte, ob sie Maureen auch von dem Mann mit den Raubvogelaugen erz�hlten sollte. Von Mr. Ingrams verwahrlostem Skeleton-Freund, der vor einem Bild der Liebe geweint hatte und erschrocken vor einem ber�hmten Dichter davongelaufen war. Doch dann sah sie davon ab. Es h�tte zu verr�ckt geklungen.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie, �dass ich dich entt�uscht habe.�</p><p>�Nicht doch! Du warst krank, Celia!�, antwortete Maureen kopfsch�ttelnd. �Dir muss nichts leidtun. Ganz im Gegenteil.� Sie wandte sich ab, r�usperte sich und deutete in die K�che. �Ich meine, wegen dem Obst und der S��igkeiten.� Sie lachte etwas aufgesetzt und setzte hinzu: �Ich h�tte es mit meinem Dienstm�dchen wahrlich schlechter treffen k�nnen.�</p><p>Celia hatte den Brei gegessen, die Milch getrunken und sich anschlie�end, mit Maureens Hilfe, auf dem Nachttopf erleichtert. Als sie sich mit zitternden Beinen vom Nachtgeschirr erhob und dabei von Maureen gest�tzt werden musste, schoss ihr pl�tzlich ein f�rchterlicher Gedanke durch den Kopf. Hatte sie etwa in den letzten Tagen in Mr. Ingrams Gegenwart ebenfalls auf dem Topf gesessen, hatte er ihr wom�glich beim Verrichten ihrer Notdurft geholfen? Oder hatte sie gar w�hrend ihrer Ohnmacht ins Bett gemacht? Der Gedanke war so qu�lend und erniedrigend, dass sie die Augen schloss, sich aufs Bett fallen lie� und sich unter der Decke verkroch.</p><p>�Ich bringe den Topf nach unten�, sagte Maureen. �Ich muss ohnehin noch einige Besorgungen machen. Soll ich dir etwas mitbringen?�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf. Es w�re ihre Aufgabe gewesen, den Nachttopf zu leeren und die Eink�ufe zu erledigen. Stattdessen lie� sie sich von Maureen bedienen, als w�re sie die Herrin. Wie peinlich das war! Wie unpassend!</p><p>�Brauchst du sonst noch etwas?�, fragte Maureen.</p><p>�Meine B�cher�, sagte Celia und deutete auf ihren Koffer.</p><p>�Streng dich nicht zu sehr an�, mahnte Maureen und stellte den Lederkoffer auf das Bett. �Du brauchst Ruhe. Lesen schadet nur.�</p><p>Ja, dachte Celia, Lesen schadet. Sie hatte in den letzten Tagen viel Sch�dliches gelesen. Auf Postkarten. In Zeitungen. Auf Fotografien. In Folianten.</p><p>�Ich bl�ttere nur ein wenig in Mutters B�chern�, sagte sie und holte eines der B�cher aus dem Koffer, w�hrend Maureen mit dem gef�llten Nachttopf in der Hand die Wohnung verlie�.</p><p>Genau zwei B�cher hatte ihre Mutter besessen � abgesehen von der Bibel und dem Gebetbuch der Kirche von England, die Celia allerdings in Brightlingsea gelassen hatte. Alle anderen Schriften und Romane, die ihre Mutter in gro�er Zahl verschlungen hatte, hatte sie aus der Pfarrb�cherei entliehen oder von Freunden geborgt. Nur diese beiden B�nde hatten Mary Brooks tats�chlich geh�rt: Murrays Handbuch des modernen London von 1860 und au�erdem ein kleines, bereits zerfleddertes B�chlein mit Sinnspr�chen und Zitaten.</p><p>Celia griff nach dem Zitatebuch, in dessen Einband ihre Mutter ihren Namen geschrieben hatte: Mary Tremain. In einer fast kindlich wirkenden Schrift. Celia bl�tterte fl�chtig durch das Buch, in dem manche Passagen unterstrichen oder am Rand mit Ausrufe-oder Fragezeichen versehen waren. Eine Zeile am Ende des Buches, es handelte sich um einen biblischen Psalm, war doppelt unterstrichen und zudem mit einem Ausrufezeichen versehen. Celia las: �Gedenke nicht der S�nden und Verfehlungen meiner Jugend.�</p><p>Celia schluckte und hatte pl�tzlich einen Klo� im Hals. Schnell legte sie das Buch beiseite und griff sich den alten Reisef�hrer, dessen Einband fleckig und abgerieben war. Auch das Handbuch von London hatte Mary Tremain mit ihrem Namen versehen, in der gleichen kindlichen Sonntagsschrift. In der Mitte des Buches steckte ein Lesezeichen, das Celia schon oft angesehen hatte, das sie aber seit einigen Tagen mit anderen Augen betrachtete. Es handelte sich um einen Werbezettel des George Inn in Southwark. �Inhaber: Rodney Webster�, wie unten auf dem schmalen Zettel neben der Adresse des Gasthauses vermerkt war. Auf dem Papier wurden das feine Ale und das w�rzige Porter gelobt, die im George ausgeschenkt wurden. Au�erdem wurde auf die hervorragende warme K�che und die freundliche Bedienung hingewiesen. Auf dem Lesezeichen gab es keine handschriftlichen Vermerke oder Unterstreichungen. Nur ein belangloser Werbezettel eben.</p><p>Die Seiten, zwischen denen das Lesezeichen eingeklemmt war, hatte Celia ebenfalls schon h�ufig �berflogen, ohne jedoch irgendetwas Interessantes zu entdecken. Auf der linken H�lfte befanden sich zwei Spalten mit Text, auf der rechten Seite war die Abbildung eines sehr vornehmen Hauses zu sehen. Der Text befasste sich mit verschiedenen Unterk�nften und Gasth�usern, allerdings nicht in Southwark, sondern im vornehmen West End. Die Illustration zeigte eines der noblen Hotels an der Piccadilly, das Hatchett�s Hotel. Auf dem Bild hatte sich der Besitzer des Hotels mit seiner Frau vor dem Eingang postiert, und unter der Illustration hie� es in Kursivschrift: <emphasis>Eine gute Adresse in Mayfair. Hatchett�s Hotel von Mr. &amp; Mrs. Harvey Ingram. 67 Piccadilly.</emphasis></p><p>Ingram! Jetzt wusste Celia, wieso ihr der Name so bekannt vorgekommen war. Sie hatte ihn schon oft im Reisef�hrer gelesen. Und sie dachte an Maureens Worte: Lesen schadet!</p><empty-line/></section><section><title><p>SIEBTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>RUPERT INGRAM</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�It is not how many years we live,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>but rather what we do with them.�</emphasis></p><p>(�Es geht nicht darum, wie viele Jahre wir leben,</p><empty-line/><p>sondern vielmehr darum, was wir mit ihnen anfangen.�)</p><p>Eva Cory Booth</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>DONNERSTAG, 25. OKTOBER 1888</p><p>1</p><p>W�hrend ich in Epsom auf meinen Anschlusszug nach Dorking wartete, verw�nschte ich meine w�chentlichen Besuche in Bury Hill und die ganze verdammte Sippe der Barclays, zu der ich bald selbst geh�ren sollte. Zum Teufel mit ihnen! Dabei waren es gar nicht der Widerwillen gegen meine zuk�nftige Braut Meredith oder die Aussicht auf erm�dende Gespr�che mit meinem langweiligen Schwiegeronkel Robert, die meine Laune tr�bten, sondern die unerledigten und verwirrenden Angelegenheiten in London, die mich m�rrisch im Wartesaal der ersten Klasse hocken lie�en. Ungeachtet des Rauchverbots z�ndete ich mir eine Zigarette nach der anderen an. So viele dr�ngende Fragen hatten sich in den vergangenen Tagen in meinem Kopf angeh�uft, und so wenige Antworten hatte ich bislang erhalten. Jedenfalls keine befriedigenden oder umfassenden. Denn jede Erkl�rung hatte eine weitere Unklarheit gebracht, und jedes neue Puzzleteil hatte das Gesamtbild nur noch verworrener gemacht.</p><p>Hinzu kam das schlechte Gewissen. Statt am Krankenbett der armen Celia zu sitzen und mich darum zu k�mmern, dass ihre Genesung weiterhin gut voranschritt und das verzehrende Fieber endg�ltig gebannt wurde, vergeudete ich wertvolle Zeit mit meinen nichtigen Privataff�ren in Surrey. Aber war Celia Brooks inzwischen nicht auch eine Art Privataff�re geworden? Sp�testens seit meinem gestrigen zweiten Besuch beim Fotografen in der Fenchurch Street? Seitdem ich den Namen meines Vaters im Auftragsbuch des einstigen Fotostudios Newcombe gelesen hatte. Vermutlich hatte ich Celia auch deshalb zu meiner pers�nlichen Angelegenheit gemacht und mich ihretwegen sogar �ber jede Form des Anstands und alle Regeln der Etikette hinweggesetzt. Die Vorstellung, dass Celia in Maureen Watsons Abwesenheit von der widerlichen Mrs. Adams oder ihrem begriffsstutzigen Dienstm�dchen gepflegt w�rde, war mir so unertr�glich gewesen, dass ich sie kurzerhand fortgeschickt und mich ganz allein um die Kranke gek�mmert hatte. Wider alle Anstandsvorschriften.</p><p>Auch den Arzt, einen griesgr�migen Deutschen namens Liebermann, hatte ich des Zimmers verwiesen. Am Dienstagabend, mehr als zehn Stunden, nachdem man ihn benachrichtigt hatte, war er in der White Horse Lane erschienen und hatte sich als Erstes dar�ber mokiert, dass man ohne sein Wissen oder seine �rztliche Anleitung mit der Behandlung der Kranken begonnen habe. So etwas sei lebensgef�hrlich und k�nne von ihm unter keinen Umst�nden toleriert werden, schimpfte er und besah sich die �Bescherung�, wie er es nannte. Er kontrollierte den Lister�schen Verband, musterte die ge�ffnete und gereinigte Wunde, pr�fte die Fl�schchen mit Karbol und Jod und meckerte anschlie�end, warum man �berhaupt nach ihm geschickt habe, wenn man doch offensichtlich alles besser wisse und seine �rztliche Autorit�t so augenf�llig untergrabe. Auf meine Frage, was wir denn falsch gemacht h�tten oder ob etwas an dem Wundverband ge�ndert werden m�sste, wusste er keine Antwort, nuschelte etwas Unverst�ndliches auf Deutsch und erging sich schlie�lich in Fragen des Prinzips und der medizinischen Grunds�tze. Wenn jeder dahergelaufene Laie sich zum Arzt aufschwinge, w�re die Menschheit bald durch Krankheiten und Seuchen ausgerottet. Dass das arme M�dchen trotz meiner dilettantischen Heilversuche noch am Leben sei, habe sie lediglich einem gl�cklichen Schicksal zu verdanken.</p><p>�<emphasis>Ihre</emphasis> Heilkunst hatte jedenfalls nichts damit zu tun!�, rief ich aufgebracht, packte ihn beim Kragen und geleitete ihn aus der Wohnung. Sein sp�tes Erscheinen lie� er sich dennoch f�rstlich entgelten, immerhin habe er wichtige Notf�lle hintenangestellt, nur um sich um solche Lappalien zu k�mmern.</p><p>Ich gab ihm sein Geld und schickte ihn, unter den missbilligenden Blicken der Zimmerwirtin, zum Teufel. Mrs. Adams und ihr Dienstm�dchen wechselten vielsagende Blicke, sch�ttelten ihre unansehnlichen K�pfe und f�hrten den sichtlich pikierten Dr. Liebermann nach unten.</p><p>Dass die Wirtin und der Arzt mich vermutlich f�r Celias Liebhaber hielten und dass mein Benehmen f�r Au�enstehende in h�chstem Ma�e anst��ig erscheinen musste, k�mmerte mich wenig. Erst einmal musste das M�dchen gesund werden, mit Arzt oder ohne. Auf etwaige Verletzungen irgendwelcher Moralregeln oder Ehrbegriffe konnte ich im Moment keine R�cksicht nehmen. Jedenfalls was meine Person betraf. Dass der Ruf der kleinen Celia keinen Schaden nehmen w�rde, daf�r w�rde ich schon Sorge tragen.</p><p>Meine Gedanken wanderten wieder zu meinem Vater zur�ck. Als ich gestern, am sp�ten Mittwochnachmittag, zum zweiten Mal im Fotoladen der Gebr�der Taylor erschienen war und man mir voller Stolz den gro�formatigen Abzug eines Fotos und das vergilbte Gesch�ftsbuch des Jahres 1867 pr�sentiert hatte, war ich einerseits �berrascht gewesen und hatte andererseits lediglich best�tigt gefunden, was ich bereits seit einiger Zeit vermutet hatte. Das Foto, auf dem Celias Mutter in wei�em Sonntagskleid zu sehen war, �hnelte dem Gem�lde, das bis vor Kurzem in Vaters B�ro gehangen hatte, auf verbl�ffende Weise. Es zeigte die gleiche junge Frau mit dem gleichen forschen Blick, allerdings ohne das pittoreske Brimborium, das Simeon dem sp�teren Hirtengem�lde hinzugef�gt hatte. Wenn ich nicht gewusst h�tte, dass das Foto viel �lteren Datums war, h�tte ich darauf gewettet, dass es niemand anderen als Celia Brooks zeigte.</p><p>Doch das Auftragsbuch des C. T. Newcombe lie� keinen Zweifel. Das Foto war vor nunmehr einundzwanzig Jahren, im Jahr 1867, aufgenommen worden, und neben der Nummer des Negativs war eine Lieferadresse vermerkt: Mr. Harvey Ingram, Hatchett�s Hotel, 67 Piccadilly, London W. Darunter stand mit doppelter Unterstreichung: �Pers�nlich!�.</p><p>Wenn das Foto an meinen Vater geliefert worden war, warum befand es sich dann in Celias Besitz? Hatte er es Celias Mutter geschenkt? Oder gab es mehrere Abz�ge des Bildes? Und wieso hatte mein Vater vor etwa acht Jahren das riesige Gem�lde in Auftrag gegeben? Grays diesbez�gliche Fragen kamen mir wieder in den Sinn: �Wieso malt jemand ein Foto ab? Ist das nicht irgendwie Unsinn?� Und wer war der Mann gewesen, der Simeon das Foto als Vorlage f�r das Gem�lde �berbracht hatte? �Das war kein Gentleman�, hatte Simeon gesagt, �vielleicht ein Handwerker oder einfacher Ladenbesitzer.�</p><p>Gern h�tte ich meinem Vater all diese Fragen gestellt, doch leider befand er sich seit dem gestrigen Mittwoch auf Gesch�ftsreise an der S�dk�ste und w�rde erst heute am sp�ten Abend wieder in London sein. Ich musste mich also wohl oder �bel gedulden und �rgerte mich �ber meinen Vater. Als ich ihn gefragt hatte, wer die Frau in Wei� auf dem Gem�lde sei, hatte er �irgendeine Hirtin� zur�ckgegeben und betont ahnungslos die Achseln gezuckt. Bei einer Auktion habe er das Gem�lde ersteigert. Weil ihn die Hirtin an unsere Mutter erinnert habe. Heuchler!</p><p>Mary Brooks. Ihr Name was das Einzige, was Maureen Watson mir �ber Celias verstorbene Mutter hatte mitteilen k�nnen. Und dass Celia auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater war. Ned Brooks. Einem schiffbr�chigen Seemann und mutma�lichen Kannibalen des Meeres, der seine blutr�nstige Geschichte in sch�bigen Kuriosit�tenkabinetten im East End zur Schau gestellt hatte. Das hatte zumindest Miss Watson behauptet. Doch auf welche Weise mein Vater mit der aus einem kleinen Dorf in Essex stammenden Familie Brooks verbandelt war, konnte auch sie mir nicht erkl�ren. Dass die h�bsche Mary seine M�tresse gewesen sein musste, lag nahe, doch alles andere war mehr als ungewiss. Und auch Celia war nicht in der Lage gewesen, auf diese Fragen zu antworten. Sie hatte mich lediglich wie einen Unhold angestarrt und ein ums andere Mal im Fieberwahn als �Teufel!� beschimpft.</p><p>Es war schon eine �u�erst seltsame F�gung des Schicksals, die uns alle in diesen Tagen im Londoner East End zusammengef�hrt hatte. Simeon, Celia und mich. Im Gewimmel eines Fackelzugs. Ein merkw�rdiges Dreigestirn. Besiegelt durch den Biss einer Ratte. Und wieder �berkam mich das schlechte Gewissen, weil ich es gewesen war, der f�r Celias Leiden verantwortlich war. Der sie krank gemacht hatte. Die M�nner der Familie Ingram schienen den Frauen der Familie Brooks nicht gutzutun. Wie W�lfe und Schafe.</p><p>Der Zug der London, Brighton and South Coast Railway fuhr mit lautem Zischen und gellendem Pfeifen ein. Ein Bahnbediensteter �ffnete die T�r zum Wartesaal, hustete geziert und verwies auf das Rauchverbot im Warteraum. Im Raucherabteil der ersten Klasse k�nne ich gern rauchen, setzte er mit einem B�ckling hinzu, nachdem er meinen Fahrschein kontrolliert hatte. Ich nickte, gab ihm ein Trinkgeld und bestieg den Wagen im vorderen Teil des Zuges.</p><p>W�hrend der etwa vierzigmin�tigen Fahrt, die von Epsom aus in gro�em Bogen �ber Leatherhead nach Dorking f�hrte, dachte ich an Maureen Watson, die sich so r�hrend um Celia gek�mmert hatte. Gerade so, als w�re das M�dchen ihre Schwester oder Freundin und nicht eine Dienstmagd. Und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie Miss Watson wohl auf der B�hne im People�s Palace aussehen mochte. Im knappen und durchscheinenden Trikot. Am gestrigen Abend war sie direkt nach der Vorstellung im B�hnenkost�m und mit vollem Make-up nach Hause geeilt und hatte lange meine Hand gesch�ttelt, als wollte sie mich festhalten. Ich hatte ihr in das bleich geschminkte Gesicht gestarrt, um nicht in ihr tiefes Dekollet� zu schauen, das unter dem Mantelkragen hervorlugte. Maureen Watson aus Blackburn, Lancashire, wie unschwer an ihrem n�rdlichen Tonfall zu erkennen war. Eine ausnehmend sch�ne Tingeltangel-Darstellerin in reizender Aufmachung. Noch vor wenigen Tagen h�tte sie genau in mein Beuteschema gepasst und meinen Jagdinstinkt geweckt. W�lfe und Schafe! Doch es war nichts mehr wie vor wenigen Tagen. Ich war nicht mehr wie zuvor.</p><p>Um meine wirren Gedanken in eine andere Bahn zu lenken, griff ich nach den Ausgaben des <emphasis>Star</emphasis>, die Gray mir am Morgen vor dem Hatchett�s eilig in die Hand gedr�ckt hatte. �F�r die Zugfahrt�, hatte er gemeint und �berfl�ssigerweise hinzugesetzt: �Was zu lesen, Boss.�</p><p>Mein pl�tzliches Interesse f�r den Ripper und unsere gemeinsame Suche nach Zeitungsartikeln �ber die Ermordung der Elizabeth Stride schienen den Ehrgeiz des Jungen angestachelt zu haben. Sein Wunsch, mir zu Diensten zu sein, und sein eigenes Interesse an den m�rderischen Vorf�llen in Whitechapel hatten ihn zu einem alten Freund aus dem East End gef�hrt, der den <emphasis>Star</emphasis> als Zeitungsjunge auf der Stra�e verkaufte. Dieser Freund, Eddie, hatte wiederum seinen Onkel gefragt, der als Packer in der Druckerei der Zeitung arbeitete, und so hatte der emsige Gray binnen weniger Tage mehrere Ausgaben des <emphasis>Star</emphasis> ergattert, in denen der Doppelmord des 30. September in aller Ausf�hrlichkeit behandelt wurde.</p><p>Zwar hatte ich mittlerweile fast alles erfahren, was ich �ber den gewaltsamen Tod von Long Liz � und meinen bedauerlichen Anteil daran � hatte wissen wollen, doch die Lekt�re �ber den unheimlichen Frauenm�rder w�rde mich zumindest vor�bergehend von dem ablenken, was mich derzeit besch�ftigte und nicht zur Ruhe kommen lie�. Und so st�berte ich in den billigen Halfpenny-Bl�ttern, die sich so auffallend von den seri�sen Zeitungen unterschieden, die ich �blicherweise las. Weil der bestialische Mord an Catherine Eddowes um einiges schockierender war als der an Elizabeth Stride, handelten die Artikel zumeist von dem j�ngsten Mord am Mitre Square. Waren die Schilderungen in der <emphasis>Times</emphasis> schon schwer zu verdauen gewesen, so weideten sich die Reporter des <emphasis>Star</emphasis> regelrecht am Blut der Ermordeten. Die Sensationsgier und perverse Faszination, die aus jeder Zeile sprachen, waren mir so zuwider, dass ich die Zeitungen rasch beiseitelegte.</p><p>�Lesen Sie das �ber den Ungarn, Boss!�, hatte Gray mir am Morgen mit auf den Weg gegeben und auf die Ausgabe des 1. Oktober gedeutet. �Eddies Onkel sagt, dass der Ungar alles gesehen hat, auch wenn ihm keiner glauben will.�</p><p>�Wem?�, hatte ich gefragt. �Eddies Onkel oder dem Ungarn?�</p><p>Gray hatte, wie �blich, den Witz nicht verstanden, mit den Schultern gezuckt und gesagt: �Lesen Sie selbst, Sir!�</p><p>Widerwillig griff ich nach der Zeitung, auch weil ich mich so vor den neugierigen Blicken eines mir gegen�bersitzenden, stark �bergewichtigen Mannes verstecken konnte, der v�llig ungeniert auf mein verkrustetes Muttermal starrte und dessen offen stehender Mund bef�rchten lie�, dass er gleich ein Gespr�ch anfangen wollte.</p><p>Ich schlug die Zeitung auf und hielt sie mir sch�tzend vors Gesicht. Es dauerte eine Weile, bis ich den entsprechenden Artikel gefunden hatte. Der Abschnitt, den Gray gemeint hatte, befand sich ganz unten auf der zweiten Seite und war in einen l�ngeren Text �ber den Mord in der Berner Street eingebunden. Der Absatz begann mit den Worten: �Eine den Mord betreffende Information, die wichtig sein k�nnte, wurde gestern der Leman Street Polizei von einem Ungarn gegeben.� Dieser Ungar habe auf der Wache ausgesagt, er sei in der besagten Nacht um Viertel vor eins die Berner Street entlanggegangen und habe in der Durchfahrt, in der wenig sp�ter die Leiche der Ermordeten gefunden wurde, einen Mann und eine Frau stehen sehen. Der Mann habe getorkelt, als w�re er betrunken gewesen, und habe sich lautstark und handgreiflich mit der Frau gestritten. Der Ungar habe den Mann als eine gedrungene Erscheinung mit schwarzem Filzhut, dunkler Kleidung und einem buschigen Schnauzbart beschrieben.</p><p>Bei der Erw�hnung des Schnauzbarts und der gedrungenen Gestalt fuhr mir ein Schreck in die Glieder. Sofort dachte ich an Michael Kidney, Elizabeths Freund und Zuh�lter, dem ich in der Nacht vor ihrem Tod geholfen hatte, sie aus dem Frauenasyl zu locken. Und erneut kam mir die Aussage dieses Mannes vor dem Coroner in den Sinn. Laut <emphasis>Times</emphasis> hatte Kidney bei der gerichtlichen Untersuchung der Todesursache behauptet, seine Freundin mehrere Tage vor ihrem Tod zum letzten Mal gesehen zu haben.</p><p>�Gerald Blacksmith�, h�rte ich den korpulenten Herrn gegen�ber sagen.</p><p>�Bitte?� Ich nahm die Zeitung herunter und sah den Mann verwirrt an.</p><p>�Mein Name�, sagte er und paffte mir den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht. �Sie sagten: Michael Kidney. Und ich sage: Gerald Blacksmith. Freut mich, Mr. Kidney.�</p><p>�Ganz meinerseits�, log ich, nahm die Zeitung aber rasch wieder hoch und vertiefte mich erneut in meine Lekt�re. Die Aussage des Ungarn war mit der Beschreibung des schnauzb�rtigen Mannes noch nicht beendet. Was nun folgte, lie� mich aufmerken, denn es widersprach allem, was ich bislang �ber die Morde des Rippers gelesen oder geh�rt hatte. Der Ungar habe aus Angst die Stra�enseite gewechselt und von dort einen zweiten Mann gesehen, der vor einer Eckkneipe gestanden und den Mann mit dem Schnauzbart durch lautes Zurufen gewarnt habe. Dieser zweite Mann sei drohend auf den Ungarn zugetreten und habe ein Messer in der Hand gehalten. Daraufhin sei der Zeuge Hals �ber Kopf davongelaufen, ohne sich darum zu k�mmern, was hinter seinem R�cken geschehen sei.</p><p>Ein zweiter Mann mit einem Messer. In keinem anderen Bericht, den ich �ber Jack the Ripper gelesen hatte, war von einem zweiten Mann die Rede gewesen. Der Frauenm�rder war ein Einzelt�ter, davon gingen sowohl die Ermittler als auch die Reporter von der Presse aus. Ein einzelner Wahnsinniger, der nachts im East End umherstreifte und seine Opfer nach dem Zufallsprinzip aussuchte. Und wieder kam mir in den Sinn, was ich bereits nach der Lekt�re des Artikels in der <emphasis>Times</emphasis> gedacht hatte: Der Mord an Elizabeth Stride passte nicht ins Muster. Er passte nicht zum Ripper.</p><p>�Schlimme Sache�, sagte der Dicke. Offensichtlich las er die R�ckseite meiner Zeitung. �Nicht zu fassen.�</p><p>�Der Ripper?�, fragte ich.</p><p>�Nein�, antwortete er und lachte wie �ber einen Witz. �Sollen die sich in London ruhig gegenseitig die Gurgel durchschneiden. Was k�mmert�s mich. Ich meine die Kohlepreise. Soll kalt werden diesen Winter. Und Zugfahrten werden vermutlich auch wieder teurer.�</p><p>�Ja, wirklich schlimm�, sagte ich. �Bald werden wir uns nur noch die zweite Klasse leisten k�nnen.�</p><p>�Gott bewahre!�, rief Mr. Blacksmith und verschluckte sich am Pfeifenrauch.</p><p>Ich r�usperte mich, wandte mich ab und �berflog den Artikel erneut. Die Ausf�hrungen �ber den namentlich nicht genannten Ungarn endeten mit dem etwas ungelenken Satz: �Die Wahrheit der Aussage des Mannes wird nicht v�llig akzeptiert.� Leider wurde in dem Artikel nicht gesagt, warum dem Mann nicht geglaubt wurde. Weil er ein Ausl�nder war? Weil er wom�glich in der Mordnacht betrunken gewesen war? Oder weil er etwas ausgesagt hatte, was der allseits vorgefassten Meinung widersprach? In dem Artikel �ber die gerichtliche Untersuchung wurde der geheimnisvolle Ungar jedenfalls nicht erw�hnt. Offenbar hatte man es nicht f�r n�tig befunden, ihn vorzuladen. Man hatte seine Erz�hlung dem Reich der Fantasie zugeordnet und auf seine Aussage vor dem Coroner verzichtet.</p><p>Wer wei�, vielleicht w�re er dort Michael Kidney begegnet und h�tte in ihm den gedrungenen Mann mit dem Schnauzbart wiedererkannt. Und ihn als L�gner entlarvt. Oder Schlimmeres.</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Es war kurz vor zehn Uhr, als ich, wie an jedem Donnerstag, den Bahnhofsvorplatz betrat. Der Bahnhof der Brighton-Linie befand sich am n�rdlichen Ende von Dorking und war vom Landsitz Bury Hill, der s�dwestlich der Stadt lag, mehr als drei Meilen entfernt. Normalerweise wartete immer eine Kutsche auf mich, um mich zum Landhaus der Barclays zu bringen, doch heute war davon nichts zu sehen. Kein Kutscher weit und breit. Da ich immer den gleichen Zug nahm und die Bahn heute keine Versp�tung hatte, war ich etwas �berrascht und stand ratlos in der Gegend herum. Wie so oft in den letzten Tagen hatte prasselnder Regen eingesetzt, der vom st�rmischen Nordwind �ber das Pflaster gepeitscht wurde. Dummerweise hatte ich meinen Regenschirm vergessen.</p><p>Eine kleine Stichstra�e f�hrte von der London Road zum backsteinernen Bahnhof, der mit seinen zwei symmetrischen Holzgiebeln und dem Portal in der Mitte genauso aussah wie so viele Bahnh�fe, die in Surrey in den letzten Jahrzehnten wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Ein altmodisches und recht klobiges Cabriolet mit geschlossenem Verdeck n�herte sich auf dem Kopfsteinpflaster und hielt direkt vor mir.</p><p>Ich wunderte mich �ber die sonderbare Kutsche, die so gar nicht zu den Barclays passen wollte. Auch der Kutscher irritierte mich, denn er war nicht livriert, sondern trug die schlichte Kleidung eines Landmannes oder Arbeiters. Ich fragte ihn: �Kommen Sie von Bury Hill?�</p><p>�Nein, Sir, Harelands Farm�, antwortete der Mann, schaute an mir vorbei und l�pfte pl�tzlich den ledernen Schlapphut.</p><p>�Der Wagen geh�rt zu mir�, h�rte ich im selben Augenblick eine donnernde Stimme hinter mir. �Kann ich Sie mitnehmen, mein Guter? Bury Hill liegt beinahe auf dem Weg. Ist jedenfalls kein gro�er Umweg.�</p><p>Als ich mich umwandte, schaute ich in das jovial grinsende Gesicht des dickleibigen Mannes, der einladend auf sein vorsintflutliches Gef�hrt wies. Wie war doch gleich sein Name? Richtig, Blacksmith! Gerald Blacksmith.</p><p>�Vielen Dank, Mr. Blacksmith�, sagte ich. �Aber das wird nicht n�tig sein. Vermutlich kommt meine Kutsche bald. Und wenn nicht, dann nehme ich mir eine Mietdroschke.�</p><p>�Sehen Sie irgendwo eine?�, lachte der Dicke und machte eine ausladende Geste mit seiner rechten Pranke. �Dorking ist nicht London, Mr. Kidney. Da steht nicht an jeder Ecke ein Mietwagen herum. Nicht einmal am Bahnhof, wie Sie sehen.�</p><p>Das war auffallend richtig, wie ich verwundert feststellte.</p><p>�Vor den Hotels in der High Street finden sie nat�rlich welche�, fuhr Blacksmith fort, spannte seinen Regenschirm auf und legte seinen Arm um meine Schulter. �Aber bis Sie dort sind, sind Sie klitschnass. Kommen Sie ruhig mit, Verehrtester. Es ist kein gro�er Umweg. Mein Hof ist nur eine halbe Meile von Bury Hill entfernt. Sind Sie ein Freund der Barclays? Oder ein Verwandter?�</p><p>�So was �hnliches�, antwortete ich ausweichend, und im n�chsten Moment sa� ich im Fond des Cabriolets und starrte in das strahlende Gesicht des �bergewichtigen Landherrn. Seine Augen funkelten neugierig, und sein Mund �ffnete sich hoffnungsfroh. Und diesmal hatte ich keine sch�tzende Zeitung zur Hand.</p><p>W�hrend der knapp halbst�ndigen Fahrt mit der klapprigen Kutsche erfuhr ich allerlei Wissenswertes und noch mehr Unn�tzes �ber die Stadt Dorking, die Harelands Farm, das Gut der Familie Barclay, die Geschichte von Bury Hill und die Bewohner der Gegend. Mr. Blacksmith bildete sich eine Menge darauf ein, dass so viele angesehene Familien ihre Landsitze in der Umgebung von Dorking hatten, und er schien seine eigene Sippe ebenfalls zu diesen zu z�hlen. Sein Name verriet allerdings, dass sein Hof, der inmitten der waldigen H�gel von Harelands Woods lag, einstmals eine Schmiede gewesen war. Vermutlich hatte sie bis vor einigen Jahrzehnten zum Anwesen von Bury Hill geh�rt.</p><p>�ber seine Nachbarn und ehemaligen Gutsherren wusste Mr. Blacksmith nur Gutes zu berichten. Ganz formidable Leute, wie er betonte. Nicht nur wegen des Bieres. Auch wenn sie nat�rlich Zugezogene seien und Bury Hill erst vor siebzig Jahren erworben h�tten.</p><p>�Siebzig Jahre?�, wunderte ich mich. �Da kann man kaum noch von Zugezogenen sprechen, oder?�</p><p>Er schaute mich an, als h�tte ich gerade etwas ausgesprochen Dummes gesagt. So dumm, dass es darauf nichts zu erwidern gab.</p><p>�Kennen Sie Miss Meredith und ihren Zuk�nftigen?�, fragte ich grinsend, als wir die Landstra�e verlie�en und die breite und lang gezogene Auffahrt zum Gutshaus hinauffuhren.</p><p>�Meinen Sie ihren Cousin Frederick aus Guildford?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, wunderte ich mich. �Ich meine Mr. Ingram.�</p><p>�Kein Hiesiger�, lautete seine vernichtende Antwort.</p><p>�Nicht einmal ein Zugezogener�, setzte ich best�tigend hinzu und schaute durch das Fenster auf den See, der fast bis an das h�her gelegene Herrenhaus heranreichte und mit seinen geschwungenen Buchten, weidenbestandenen Ufern und kreisrunden Inselchen ausgesprochen malerisch und idyllisch wirkte. Zu h�bsch, um wahr zu sein. Der gek�nstelte Traum eines Landschaftsarchitekten.</p><p>�Haben Sie vielen Dank, Mr. Blacksmith�, verabschiedete ich mich, stieg aus dem Cabriolet und wunderte mich, dass keiner der Bediensteten herauskam, um mich zu begr��en und mit einem Regenschirm zum Haus zu geleiten.</p><p>�Meine Empfehlung an Mr. Barclay und seine verehrte Gemahlin�, antwortete er und streckte seinen massigen Kopf zum Fenster hinaus. �Stimmt es, dass sie wieder in anderen Umst�nden ist?�</p><p>Ich antwortete mit einem verlegenen L�cheln.</p><p>Er nickte wissend und sagte: �Eine ganz formidable Familie.� Damit zog er den Kopf zur�ck und lie� seinen Kutscher den Wagen wenden. �Cheerio, Mr. Kidney.�</p><p>Ich stieg die breite Freitreppe zum Eingang hinauf, doch noch immer kam mir kein Bediensteter entgegen. Die Frontseite des Hauses lag wie verlassen da, kein Mensch war auf dem Gel�nde zu sehen, was ich mir auch durch den str�menden Regen erkl�rte. Bei dem Wetter schickte man keinen Hund vor die T�r.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis auf mein Klopfen hin ge�ffnet wurde, und als ich in triefender Kleidung die riesige Halle betrat, starrte mich der Hausdiener Joe an, als w�re ich ein Gespenst.</p><p>�Mr. Ingram?�, fragte er erstaunt.</p><p>�Wie er leibt und lebt�, antwortete ich verwirrt und reichte ihm meinen Mantel und meinen Hut. �Wie jeden Donnerstag. Leider war keine Kutsche am Bahnhof. Haben Sie mich vergessen?�</p><p>�Die Kutschen sind unterwegs�, antwortete er mit verkniffener Miene.</p><p>�Alle?�, wunderte ich mich.</p><p>�Ja, Sir�, sagte er und r�usperte sich. �Alle.�</p><p>�Und wo sind sie?�</p><p>�Unterwegs.�</p><p>�Aha. Und wohin?�</p><p>�Sir?� Er zuckte mit den Schultern und kniff die Lippen zusammen.</p><p>�Und Mr. Barclay? Ist er etwa gar nicht in Bury Hill?�</p><p>�Doch. Das hei�t, nein. Also nicht mehr.� Wieder zuckte er mit den Schultern, verneigte sich dann und deutete auf die Haush�lterin, die in diesem Augenblick aus dem Salon in die Halle trat. �Fragen Sie besser Mrs. Garland, Sir.�</p><p>�Mr. Ingram?�, rief Mrs. Garland bei meinem Anblick erstaunt.</p><p>�Was ist denn heute los?�, entfuhr es mir. �Wo stecken denn alle?�</p><p>�Haben Sie das Telegramm nicht bekommen, Sir?�</p><p>�Ein Telegramm? Nein!�</p><p>�Oh, wie �rgerlich�, sagte sie und rang sichtlich um Fassung. �Miss Meredith ist unp�sslich und kann heute leider niemanden empfangen.�</p><p>�Was hat sie denn?�, fragte ich besorgt und folgte der Haush�lterin in den Salon. �Ist sie krank?�</p><p>�Nichts Ernsthaftes�, sagte sie und blickte dabei auf den Teppich, als studierte sie das orientalische Muster. �Nur eine Grippe. Kein Grund zur Sorge. Der Doktor hat ihr einige Tage Bettruhe verordnet.�</p><p>�Und deshalb sind s�mtliche Kutschen unterwegs?�, wunderte ich mich. �Und Mr. Barclay ebenfalls?�</p><p>�Nein, deshalb nat�rlich nicht�, sagte sie, lachte �bertrieben und bekam einen roten Kopf. �Wir wussten ja nicht, dass Sie heute kommen w�rden. Wir dachten, dass Sie das Telegramm rechtzeitig bek�men. Und deshalb �� Statt den Satz zu beenden, rang sie mit den H�nden vor der Brust, l�chelte verlegen und fragte: �M�chten Sie vielleicht Kaffee, Sir? Oder Tee?�</p><p>�Kaffee w�re mir sehr recht, Mrs. Garland�, antwortete ich und setzte mich in einen Ohrensessel. W�hrend die Haush�lterin nach einem Dienstm�dchen klingelte und schlie�lich, da niemand auf das Klingeln reagierte, mit einer hastigen Entschuldigung den Salon verlie�, dachte ich �ber die h�chst merkw�rdigen Umst�nde nach. Dass Meredith �unp�sslich� war und ich das Telegramm nicht rechtzeitig erhalten hatte, mochte ein bedauernswerter Zufall sein, erkl�rte aber nicht, warum mich alle so panisch und gehetzt anstarrten. Und dabei zugleich jeden Augenkontakt mieden, als h�tten sie Angst, unter meinem Blick zu versteinern.</p><p>W�hrend ich noch meinen Gedanken nachhing, erschien ein Hausm�dchen mit dem Kaffee und richtete aus, Mrs. Garland habe den Stallburschen in die Stadt geschickt, um eine Mietdroschke zu bestellen. Der n�chste Zug nach Epsom gehe um Mittag, und wenn der Kutscher sich beeile, k�nne ich den Anschlusszug nach London ohne Probleme erreichen.</p><p>Sie wollten mich loswerden, und zwar so bald wie m�glich, das war offensichtlich. Ich fragte das M�dchen nach Mrs. Barclay und erhielt als Antwort ein gewispertes: �Madame ruht.�</p><p>�Auch unp�sslich?�</p><p>Es folgte ein erschrockenes: �Unp�sslich? Ach so, unp�sslich. Ja, leider, Sir! Die Droschke wird bald da sein.� Und im n�chsten Moment war das M�dchen verschwunden. Sie hatte beinahe so ausgesehen, als m�sste sie sich �bergeben.</p><p>Statt den Kaffee zu trinken und im Salon auf die Mietkutsche zu warten, ging ich durch eine Fl�gelt�r in die angrenzende Bibliothek. Auf dem Schreibtisch vor dem Fenster lagen verschiedene aufgeschlagene B�cher und Schriftst�cke. Ein neuartiger und vermutlich sehr kostbarer Waterman-F�llfederhalter lag offen und achtlos hingeworfen auf einem L�schblatt, als w�re Mr. Barclay beim Schreiben unterbrochen oder vom Schreibtisch weggerufen worden. Ich nahm mir die Freiheit und las die letzten Worte, die er auf das zuoberst liegende Papier geschrieben hatte. Es handelte sich um eine gesch�ftliche Korrespondenz und endete mitten im Satz. �Wie Ihnen bekannt sein d�rfte, haben Barclay und ��</p><p>In diesem Augenblick h�rte ich hastige Schritte �ber mir. Eine T�r knallte. Und eine ged�mpfte Frauenstimme rief mit franz�sischem Akzent: �Robert, komm sofort zur�ck! Du ungezogener Bengel! Komm her! Auf der Stelle!� Dann folgten die trippelnden Schritte eines Kindes auf der Treppe in der Halle.</p><p>�ber der Bibliothek befanden sich die Kinderzimmer, und die weibliche Stimme geh�rte zu einer franz�sischen Gouvernante namens Eugenie, die sich um die drei �lteren Barclay-Spr�sslinge k�mmerte. Das j�ngste Kind war noch ein S�ugling und wurde von einer Amme aus der nahen Umgebung versorgt.</p><p>�Na warte!�, h�rte ich Mademoiselle Eugenie im Obergeschoss rufen. �Wenn ich dich erwische, dann kannst du was erleben!�</p><p>Im n�chsten Moment wurde die T�r zur Halle aufgerissen. Der kleine Robert rannte in die Bibliothek und direkt auf mich zu. Als er mich sah, erstarrte er, als w�re ich eine Erscheinung. Er rang kurz mit sich, �berlegte angestrengt, ob er wieder zur�ck in die Halle laufen sollte, doch von dort n�herte sich noch gr��eres Ungemach. Also bat er mich: �Nicht verraten!�</p><p>�Nur wenn du mir anschlie�end verr�tst, was hier los ist�, konterte ich.</p><p>Sein Blick ging wie der eines gehetzten Tieres hin und her. Vor der T�r waren hastige Schritte zu h�ren. Deshalb nickte er schicksalsergeben.</p><p>Ich bedeutete ihm, sich hinter dem Schreibtisch zu verstecken, und beinahe im selben Augenblick erschien Mademoiselle Eugenie. Sie hatte die offen stehende T�r entdeckt und geglaubt, den entlaufenen Bengel in der Bibliothek zu finden. Entsprechend �berrascht, nein entsetzt, war sie, als sie mich erblickte.</p><p>�Mr. Ingram!�, stie� sie voller Best�rzung hervor. �Mon Dieu!�</p><p>�Mademoiselle Eugenie!�, rief ich verwundert. �Was ist mit Ihnen?�</p><p>�Mit mir?�, erwiderte sie und fasste sich an die bis zum Kragen geschlossene Brust. �Nichts. Rien du tout. Gar nichts.� Sie l�chelte gequ�lt, r�usperte sich und sagte: �Ich bin auf der Suche nach Master Robert. Haben Sie ihn zuf�llig gesehen, Monsieur?�</p><p>�Tut mir leid�, antwortete ich kopfsch�ttelnd.</p><p>Und ehe ich die M�glichkeit hatte, weiter in sie zu dringen, war sie mit einem knappen �Pardon!� und einem wenig damenhaften T�rknallen aus dem Zimmer gerannt. Bereits die dritte Frau, die ich heute durch meine blo�e Anwesenheit verschreckt und verscheucht hatte.</p><p>�So, und jetzt zu dir!�, wandte ich mich streng an den Jungen, dessen Kopf hinter der Schreibtischplatte auftauchte. �Was geht hier vor?�</p><p>�Ach, die dumme Kuh!�, rief Robert und machte einen Schmollmund. �Regt sich immer gleich so auf. Dabei war�s doch nur ein harmloser Spa�.�</p><p>�Ich rede nicht von Mademoiselle Eugenie�, antwortete ich und baute mich vor dem kleinen Robert auf. �Sondern von deiner Cousine Meredith.�</p><p>Der Schmollmund wurde zu einem schmalen Strich. Und seine Augen funkelten mich �berlegen und beinahe ver�chtlich an. Wie sein j�ngerer Bruder Thomas und seine Schwester Ellen war der gerade einmal achtj�hrige Robert ein verbl�ffendes Abbild seines Vaters, und vermutlich w�rde aus ihm ein ebenso erfolgreicher Gesch�ftsmann werden. Schon jetzt war jedenfalls ersichtlich, dass aus dem kleinen Rotzl�ffel ein �hnlich selbstgef�lliger Aufschneider wie sein Vater werden w�rde. Robert junior war ein Naseweis und Neunmalklug, wie man ihn in seinem Alter nur selten erlebte. Er war seit fr�hester Kindheit mit der Gewissheit aufgewachsen, der Nachfolger des Seniors zu sein, und das merkte man dem Bengel an. Mit �berheblicher Miene meinte er: �Tut mir leid, mein Lieber. Meredith ist nicht zu sprechen. Sie ist ��</p><p>�Soll ich Mademoiselle Eugenie holen?�, fragte ich und packte ihn am Schlafittchen. �Und ihr sagen, wie du sie gerade genannt hast? Das w�rde dir bestimmt noch viel mehr leidtun, <emphasis>mein Lieber!</emphasis>�</p><p>Das d�nkelhafte Grinsen fiel ihm schlagartig aus dem Gesicht. Er wurde bleich und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Also?�, fragte ich und sch�ttelte ihn. �Was ist hier los? Wo ist dein Vater? Und was ist mit Meredith? Spuck�s aus, Robert!�</p><p>Hass spr�hte aus seinen Augen. Mit unverkennbarer Genugtuung sagte er: �Meredith ist weg! Und zwar nicht allein.�</p><p>�Ist dein Vater bei ihr?�</p><p>�Vater ist hinter ihr her�, sagte Robert und grinste. �Und Bernard und James und alle anderen Dienstm�nner auch. Um die beiden m�glichst noch vor der Grenze zu erwischen.�</p><p>�Die beiden?� Allm�hlich begriff ich, worauf der Kleine mit seinen h�mischen Worten abzielte. �Wer ist bei ihr?�, fragte ich, obwohl ich die Antwort zu kennen glaubte. �Nun red schon!�</p><p>�Cousin Frederick nat�rlich�, triumphierte Robert. �Sie sind get�rmt! Heute Nacht.�</p><p>�Zur Grenze? Nach Schottland?�</p><p>�Wohin sonst?�</p><p>Wohin sonst! Ich musste mich schwer zusammenrei�en, nicht laut aufzulachen oder in Jubel auszubrechen. Die ganze Zeit hatte ich mir das Hirn zermartert, wie ich das Damoklesschwert der Heirat abwehren und mich aus Merediths ehelichen F�ngen und Mr. Barclays gesch�ftlichen Verpflichtungen befreien k�nnte. Und zur selben Zeit hatte die gute Meredith nichts anderes im Sinn gehabt, als mich irgendwie loszuwerden. Doch w�hrend ich nicht den Mumm gehabt hatte, meinem Vater und den Barclays reinen Wein einzuschenken und den ganzen Unfug abzublasen, war Meredith mit ihrem Liebsten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geflohen. Um in Schottland zu heiraten. Auf Gedeih und Verderb. Ohne R�cksicht auf Verluste.</p><p>Meinen Segen hatten sie!</p><p>Gutes altes Schottland! Wo man Minderj�hrigen nach wie vor erlaubte, ohne Einwilligung der Eltern oder gro�e Zeremonien zu heiraten! Zwar hatte man, soviel ich wusste, vor einigen Jahren die uralten Gesetze versch�rft und es zur Bedingung gemacht, dass die Heiratswilligen sich zuvor einundzwanzig Tage in Schottland aufgehalten haben mussten, doch es war durchaus m�glich, sich drei Wochen irgendwo auf dem Land vor den elterlichen Verfolgern zu verstecken, um dann auch gegen ihren Willen den Bund der Ehe einzugehen. Nicht einmal einen Priester oder Beamten brauchte man daf�r, sondern lediglich zwei Zeugen, vor denen man gemeinsam das Ehegel�bde ablegte. Und genau das hatten die beiden offensichtlich vor. Falls Mr. Barclay sie nicht vorher aufsp�rte und nach England zur�ckschaffte.</p><p>�Woher wei�t du, dass Cousin Frederick bei ihr ist?�, wollte ich wissen und versuchte dreinzuschauen, als w�re gerade meine Welt in sich zusammengebrochen. �Hat Meredith eine Nachricht hinterlassen?�</p><p>Robert nickte und grinste.</p><p>�Dieser Schuft!�, rief ich und versuchte, dabei niedergeschlagen und w�tend zu klingen. �Dieser elende Schurke!�</p><p>�Tja, Pech gehabt!�, rief Robert und lachte schadenfroh.</p><p>Was f�r eine launenhafte F�gung des Schicksals! Ich war frei! Alle Unterschriften und m�ndlichen Verabredungen waren nichtig. Der Heiratstermin war hinf�llig. Der drohende Umzug nach Southwark war abgewendet. Denn unabh�ngig davon, ob Meredith und Frederick tats�chlich heirateten oder vorher von Mr. Barclay gefunden wurden, niemand konnte nun noch von mir verlangen, Miss Wright Barclay zu ehelichen. Weil ein Telegramm wie durch einen Wink des Schicksals auf dem Weg von Dorking nach London verloren gegangen war, wusste ich jetzt Bescheid. Niemand konnte mich mehr f�r dumm verkaufen, wie es das bedauernswerte Dienstpersonal heute Morgen in Bury Hill hatte versuchen m�ssen. Jetzt musste ich nur noch daf�r sorgen, dass alle Anwesenden mitbekamen, dass ich von dem Skandal und meiner vermeintlichen Schande wusste.</p><p>Als ich die Schritte der immer noch nach Robert suchenden Franz�sin in der Halle h�rte, fuhr ich den unver�ndert grienenden Jungen �bertrieben laut an: �Was gibt�s denn da zu lachen, du Rotzl�ffel?�</p><p>Robert fuhr erschrocken zusammen. Im n�chsten Augenblick schon stand Mademoiselle Eugenie im Raum und starrte uns entgeistert an. �Qu�est-ce qui s�est pass�?�, fragte sie mit erhobenem Zeigefinger. Doch die Frage und der drohende Finger galten nicht mir, sondern dem kleinen Robert, der sich wieder hinter dem Schreibtisch versteckt hatte, als k�nnte er sich dadurch in Luft aufl�sen.</p><p>Fast gleichzeitig erschien Mrs. Garland in der T�r zum Salon, um mir mitzuteilen, dass die Droschke aus Dorking vorgefahren sei. Verdutzt hielt sie inne. Ihr Blick ging von Mademoiselle Eugenie zu Robert junior und landete schlie�lich bei mir.</p><p>�Sie wissen von Meredith?�, fragte sie atemlos.</p><p>�Ich wei� alles�, antwortete ich nickend, nahm Joe, der ebenfalls die Ankunft der Mietkutsche melden wollte, meinen Mantel und Hut ab und verlie� erhobenen Hauptes das Herrenhaus, um es hoffentlich niemals wieder zu betreten.</p><empty-line/></section><section><p>3</p><p>Drei Nachrichten warteten in London auf mich. An der Rezeption des Hatchett�s wurde mir vom Portier ein Telegramm �berreicht, das am Morgen, kurz nach meiner Abreise, �berbracht worden war und in dem Mr. Barclay mir Merediths ebenso bedauerliche wie kurzfristige Erkrankung mitteilte. Kurz darauf hielt mir mein Bruder Mortimer ein von einem Boten �berbrachtes Schreiben mit dem Stempel der Heilsarmee vor die Nase und gab mir mit einem Augenzwinkern zu verstehen, dass William ihn bereits von meinen neuesten amour�sen Eskapaden unterrichtet habe. �Soll ja sehr sch�n sein, die Dame�, setzte er kichernd hinzu. �Und ein Captain obendrein.�</p><p>�Es gibt keine amour�sen Eskapaden�, korrigierte ich ihn.</p><p>�Das hat William auch gemeint�, antwortete Mortimer vergn�gt. �Er ist �brigens fuchsteufelswild, weil du den Termin mit dem deutschen Botschafter vergessen hast. Du solltest ihn am Dienstagabend im Deutschen Athenaeum treffen.�</p><p>�Ich habe den Botschafter nicht vergessen, sondern absichtsvoll ignoriert�, sagte ich und �ffnete den Brief. �Ich war anderweitig besch�ftigt.�</p><p>�Lass das nicht deine Verlobte h�ren, du Sch�rzenj�ger.�</p><p>�Halt die Klappe, Mortimer!�, fuhr ich ihn an und warf ihm einen b�sen Blick zu. ��brigens ist sie nicht mehr meine Verlobte.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Meredith ist gerade auf dem Weg nach Schottland, um ihren Cousin zu heiraten.� Da er mich fassungslos anstarrte, setzte ich ihn �ber die Ereignisse in Bury Hill in Kenntnis und f�gte gen�sslich hinzu: �Ich bef�rchte, du musst deine Kaffeehauspl�ne endg�ltig zu den Akten legen, Bruderherz! Oder ihr m�sst mich mit der kleinen Ellen Barclay verkuppeln. Die ist allerdings erst sechs Jahre alt. Musst dich also noch ein wenig gedulden. So jung darf man nicht einmal in Schottland heiraten.�</p><p>Damit lie� ich ihn stehen, ging auf mein Zimmer und �berflog die wenigen handgeschriebenen Zeilen, die mit �Captain Eva Cory Booth� unterzeichnet waren. Darin bat sie mich in knappen Worten um eine Unterredung am Nachmittag. Sie sei den ganzen Tag im Hauptquartier und w�rde es zu sch�tzen wissen, wenn es sich einrichten lie�e. Wor�ber sie mit mir sprechen wollte, lie� sie unerw�hnt, doch in einem Nebensatz wies sie darauf hin, dass sie mich gern mit ihrem Vater, dem General, bekannt machen wolle, der heute ebenfalls in der Queen Victoria Street zugegen sei. Ob dies als Ehre oder Drohung gemeint war, blieb mir unergr�ndlich. Ich nahm mir vor, es umgehend herauszufinden, tauschte den feinen Gehrock gegen schlichte Stra�enkleidung ein und ging hinunter.</p><p>Auf dem Weg nach drau�en fragte ich den alten Hauptportier Bellamy, ob es Neuigkeiten von meinem Vater gebe, doch er verneinte und wiederholte lediglich, was er mir bereits gestern gesagt hatte: �Am Abend ist Ihr Herr Vater wieder in der Stadt, Master Rupert.�</p><p>Master Rupert! So war ich zuletzt als rotzn�siger Bengel in kurzen Hosen genannt worden. Kopfsch�ttelnd und schmunzelnd verlie� ich das Hatchett�s und stie� auf dem Gehweg beinahe mit Gray zusammen, der gerade vom Crown Hotel kam und mir die dritte Nachricht nach meiner R�ckkehr aus Surrey �berbrachte.</p><p>�Der Verr�ckte war wieder da!�, rief er und l�pfte die M�tze. �Der Boss hat ihn im Durchgang zum Hof entdeckt und hochkant rausgeworfen. Da bin ich ihm auf die Stra�e nach und hab ihn mir vorgekn�pft, den Verr�ckten.�</p><p>�Was wollte Simeon?�, fragte ich. �War er wieder betrunken?�</p><p>Gray sch�ttelte den Kopf und sagte: �Glaub nicht. Jedenfalls hat er nicht so bestialisch gestunken wie beim letzten Mal. Und auch nicht so gelallt. Aber genauso wirres Zeug geredet.� Er schmunzelte bei der Erinnerung daran und meinte: �Er hat behauptet, er w�r in Spitalfields �nem anderen Verr�ckten begegnet und der h�tte ihm mitten in der Nacht im Bett aufgelauert und ihm einen Schlag verpasst. Darum h�tte er Rei�aus genommen.�</p><p>�Was soll der Unfug?�, fragte ich, unschl�ssig, was ich von Grays Ausf�hrungen halten sollte.</p><p>�Das hab ich ihn auch gefragt�, antwortete Gray nickend, �aber er hat drauf bestanden, dass es genauso gewesen sei und dass ich es Ihnen ausrichten soll, sobald Sie wieder da sind. Er w�r jetzt wieder in St. Giles, hat er gesagt, weil�s ihm in Spitalfields zu gef�hrlich ist.�</p><p>�Sie haben ihn also im Arbeitshaus wieder aufgenommen?�, fragte ich.</p><p>�So hat er�s gesagt, Boss. Und dass Sie sich vorsehen und unbedingt Miller�s Court meiden sollen! Weil sie einem da in der Nacht auflauern.�</p><p>�Bist du sicher, dass er <emphasis>nicht</emphasis> betrunken war?�, wunderte ich mich.</p><p>�L�sst sich bei S�ufern nat�rlich schwer einsch�tzen�, antwortete Gray fachkundig und schob die Unterlippe vor. �Meinem Alten hat man�s auch nicht angesehen. Erst wenn er einen verdroschen hat, wusste man, dass er was intus hatte. Aber dann war�s immer schon zu sp�t.�</p><p>Ich schaute auf die Uhr. Es war inzwischen kurz nach vier am Nachmittag. Mein Vater w�rde noch einige Stunden unterwegs sein. Maureen Watson hatte ich gesagt, dass ich am Freitagmorgen wieder nach Celia schauen w�rde. Und meinem Bruder William wollte ich im Moment auch nicht unter die Augen treten. Also blieben Simeon Solomon oder Eva Booth!</p><p>Die Wahl fiel mir nicht schwer, auch weil die Gefahr, der Simeon angeblich ausgesetzt gewesen war, nach seiner R�ckkehr ins Arbeitshaus von St. Giles nicht mehr bestand und ich zu gern gewusst h�tte, was Miss Booth mit mir besprechen wollte. Nach unserer letzten Begegnung vor dem Gerichtsgeb�ude hatte ich nicht damit gerechnet, sie so bald wiederzusehen. Also winkte ich ein Hansom Cab heran, das gerade auf der Piccadilly in �stlicher Richtung fuhr.</p><p>�Boss?�, h�rte ich Gray hinter mir. �Mir ist noch was eingefallen.�</p><p>�Ja?�, sagte ich, w�hrend ich den Verschlag des Cabs �ffnete.</p><p>�Es sind doch zehn.�</p><p>�Zehn?�, fragte ich und schaute ihn verwirrt an. �Wovon redest du?�</p><p>�Von den Glocken von Christ Church�, sagte er, als w�re das ganz selbstverst�ndlich. �Von der fehlenden zehnten Glocke.�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wovon er sprach. Ten Bells! Ich erinnerte mich dunkel an unser Gespr�ch in der Kneipe nahe der Guildhall und daran, dass Gray die Glocken der Kirche nachgez�hlt hatte: acht im Kirchturm und eine an der T�r.</p><p>�Und?�, fragte ich. �Was oder wo ist die zehnte Glocke?�</p><p>�Die Totenglocke�, sagte er mit ernster Miene. �Hab lange dr�ber nachgedacht. Es muss die Totenglocke sein.�</p><p>�Wor�ber du dir immer den Kopf zerbrichst�, lachte ich und stieg in den Wagen.</p><p>�Dachte, es interessiert Sie�, antwortete Gray entt�uscht.</p><p>�Danke, Gray, dass du es mir verraten hast�, sagte ich und l�chelte ihm aufmunternd zu. �Darauf w�re ich niemals gekommen.�</p><p>�Ach, Boss!�, rief Gray und winkte bescheiden ab. �Glauben Sie mir, man muss nur lange genug nachdenken, dann fallen einem solche Sachen ein.�</p><empty-line/></section><section><p>4</p><p>Diesmal hatte ich keine M�he, zu Miss Booth vorgelassen zu werden, und das lag nicht nur daran, dass meine Kleidung im Unterschied zum letzten Mal nicht zerrissen und verschmutzt war. Kaum hatte ich am Empfang meinen Namen genannt, schon wurde ich von einem jungen Heilssoldaten �ber mehrere Treppen und einen langen fensterlosen, aber mit allerlei Spruchb�ndern versehenen Gang zu einem B�ro im dritten Stock des Hauptquartiers gebracht. Ein schlichtes Holzschild hing an der T�r, darauf stand: �Captain Eva Cory Booth. Field Commissioner�.</p><p>Eine ebenfalls uniformierte Sekret�rin �ffnete und geleitete mich in einen Nebenraum, an dem der Captain hinter einem Schreibtisch sa� und ein bedrucktes St�ck Papier mit handschriftlichen Notizen und Korrekturen versah.</p><p>�Wie sch�n, dass Sie Zeit f�r mich hatten, Mr. Ingram�, sagte Eva, bedachte mich mit einem L�cheln, wies auf einen Lehnstuhl vor dem Tisch und widmete sich dann wieder ihrem Text. �Setzen Sie sich bitte. Ich bin gleich so weit.�</p><p>�Eine Predigt?�, fragte ich und setzte mich.</p><p>�Wir predigen nicht�, antwortete sie, ohne aufzublicken. �Wir berichten den Menschen von Gottes Liebe und Gnade.�</p><p>�Das nenne ich eine Predigt�, antwortete ich schmunzelnd und widerstand nur m�hsam dem reflexhaften Verlangen, mir eine Zigarette anzuz�nden.</p><p>Zum ersten Mal sah ich Eva Booth ohne monstr�se Haube auf dem Kopf und konnte ihre rote L�wenm�hne in ganzer Pracht bestaunen. Die Wunde an ihrer Stirn schien weitgehend verheilt, jedenfalls war unter dem Dickicht ihres Haars nichts davon zu sehen. W�hrend sie schrieb, zog sie ihre Nase kraus und biss sich auf die Lippen. Es sah irgendwie ulkig aus.</p><p>An der Wand hinter dem Schreibtisch hing eine riesige Fahne mit dem Emblem der Heilsarmee. Das Wappen erschien mir f�rchterlich �berfrachtet und wirr. Mit einer Krone, einem Strahlenkranz, zwei Schwertern, einem Kreuz, einem S f�r Salvation, sieben Punkten, die ich mir nicht erkl�ren konnte, und der Inschrift �Blut und Feuer� wirkte das Ganze auf mich wie ein konfuses Sammelsurium von bunten Insignien und Symbolen. Zu viel des Guten!</p><p>Schlie�lich hatte Eva ihre Notizen beendet, stand auf, kam um den Tisch herum und gab mir die Hand. �Guten Tag, Mr. Ingram�, sagte sie strahlend. �Ich freue mich, Sie zu sehen. Willkommen bei der Heilsarmee!�</p><p>�Ich hoffe, dies soll kein Anwerbungsgespr�ch werden.�</p><p>�Seien Sie unbesorgt�, antwortete sie l�chelnd und zugleich ein wenig lauernd. �Wir zwingen niemanden zu seinem Gl�ck. Gottes Gnade offenbart sich ��</p><p>�Was genau ist eigentlich ein Field Commissioner?�, unterbrach ich sie unh�flich, bevor sie in ihren �blichen und einstudierten Sermon verfallen konnte.</p><p>�Eine Art Feldkommissar�, antwortete sie und setzte sich auf einen zweiten Lehnstuhl, den sie dicht neben meinen ger�ckt hatte. �Ein Beauftragter f�r den Kampfschauplatz oder Krisenherd, wenn Sie so wollen.�</p><p>�So etwas wie ein Feuerwehrmann?�, fragte ich. �Sie kommen, wenn�s brennt?�</p><p>�Ja, so in etwa, Mr. Ingram�, lachte sie und strich sich die Uniform glatt. Zwei Sterne und ein gro�es S prangten auf den Epauletten an ihren Schultern. �Und es brennt an vielen Stellen in diesem Land. Und auf der ganzen Welt. Die S�nde und das Laster ��</p><p>�Warum wollten Sie mich sprechen, Eva?�, fiel ich ihr erneut ins Wort.</p><p>Diesmal reagierte sie nicht pikiert, weil ich sie allzu vertraulich mit dem Vornamen angesprochen hatte, sondern nickte ernst und sagte: �Um mich bei Ihnen zu entschuldigen.�</p><p>�Warum?�, wunderte ich mich. �Daf�r gibt es �berhaupt keinen Grund. Ganz im Gegenteil bin ich es, der Ihnen zu Dank verpflichtet ist. Wenn Sie nicht gewesen w�ren und sich f�r mich eingesetzt h�tten ��</p><p>�Ich rede nicht von der Verhandlung�, schnitt sie mir nun das Wort ab und machte eine ungeduldige Geste mit der Hand. �Ich habe mit dem General �ber Sie gesprochen, und er hat mir sehr ernsthaft ins Gewissen geredet.�</p><p>�Sie nennen Ihren Vater General?�</p><p>�Gewiss doch�, antwortete sie und machte eine verst�ndnislose Miene. �Er <emphasis>ist</emphasis> schlie�lich der General. Unser aller General im Krieg gegen die S�nde und f�r die Errettung der Seelen.�</p><p>�Verstehe�, sagte ich und musste an das Ger�cht denken, von dem Simeon mir vor einigen Tagen erz�hlt hatte: dass Eva Booth ihrem Vater hoch und heilig hatte versprechen m�ssen, niemals zu heiraten. Ich hatte bislang bezweifelt, dass an dem dummen Gerede irgendetwas dran sein k�nnte, doch als ich den ernsten, fast feierlichen Ausdruck in Evas Gesicht sah, konnte ich mir pl�tzlich sehr gut vorstellen, dass er nicht v�llig aus der Luft gegriffen war. Eva Booth war eine gehorsame Tochter. Nein, eine gehorsame Soldatin.</p><p>�Wof�r wollen Sie sich entschuldigen, Eva?�</p><p>�Es war nicht recht, Sie zu ohrfeigen und einen Satan zu nennen. Das war falsch und unangebracht.� Sie wirkte regelrecht zerknirscht und schien unter der von ihr begangenen Verfehlung ernsthaft zu leiden. Jedenfalls tat sie alles, um diesen Eindruck zu erwecken. Sie griff sich an die Brust und setzte hinzu: �Ich bitte Sie daher aufrichtig um Verzeihung.�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, antwortete ich verwirrt und hob abwehrend die Hand. �Sie hatten ja recht, mich einen Satan zu nennen. Mich hat damals tats�chlich der Teufel geritten. Und die Ohrfeige hatte ich mehr als verdient. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich diese Backpfeife n�tig hatte.�</p><p>��Wer von euch ohne S�nde ist, der werfe als Erster einen Stein�, spricht der Herr�, sagte sie kopfsch�ttelnd. �Was ich Ihnen vorgeworfen habe, das h�tte ich mir selbst vorwerfen m�ssen. Das h�tten <emphasis>wir uns</emphasis> vorwerfen m�ssen.� Sie erhob sich und ging vor mir auf und ab, ohne mich dabei anzusehen. �Wir haben alle versagt und Schuld auf uns geladen. Wir haben Blut an unseren H�nden.�</p><p>Allm�hlich glaubte ich zu verstehen, worauf sie hinauswollte. Sie redete von Elizabeth Stride. Von der �gefallenen Frau�, wie Eva sie einmal genannt hatte, die sich in die Obhut der Heilsarmee begeben hatte, aber dennoch nicht gerettet worden war. Die an Gott geglaubt und auf schwesterliche Hilfe gehofft, aber keine Gnade erfahren hatte. Weil man sie, als es darauf ankam, im Stich gelassen hatte. So schien es zumindest Eva Booth zu sehen.</p><p>�Was h�tten Sie tun k�nnen?�, fragte ich, stand ebenfalls auf und stellte mich ihr in den Weg. �Elizabeth festbinden? Sie mit Gewalt zu ihrem Gl�ck zwingen?�</p><p>�Sie wollen mein Gewissen beruhigen�, antwortete sie mit einem milden L�cheln. �Das ehrt Sie, doch ich wei� sehr wohl, dass ich gefehlt habe. An der armen Elizabeth, aber auch an Ihnen, denn ich wollte meine Schuld auf Sie abw�lzen.�</p><p>��bertreiben Sie jetzt nicht ein wenig?� Ich wusste, dass sie ihre Worte bitterernst meinte und vermutlich von Herzen f�hlte, aber es h�rte sich dennoch �berzogen und allzu theatralisch an.</p><p>�Keineswegs!�, rief sie und sch�ttelte entschieden den Kopf. �Wir haben gefehlt, waren aber anschlie�end nicht mutig und ehrlich genug, zu unseren Fehlern zu stehen. Was das Ganze nur noch schlimmer macht.�</p><p>�Ist das der Grund, warum Sie nicht vor dem Coroner ausgesagt haben?�</p><p>Sie schaute mich �berrascht an.</p><p>�Ich habe in der Zeitung �ber den Fall gelesen�, erkl�rte ich und stellte die Frage, die mir bereits seit einiger Zeit im Kopf herumging. �Nirgendwo war zu lesen, dass Elizabeth Stride im Frauenasyl der Heilsarmee gewohnt hat. Wieso waren Sie nicht bei der Anh�rung?�</p><p>�Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Elizabeth sich uns mit ihrem M�dchennamen vorgestellt hat. Gustafsdotter. Dass sie die Ermordete war, haben wir erst im Nachhinein erfahren.�</p><p>�Warum haben Sie sp�ter keine Aussage bei der Polizei gemacht?�</p><p>Eva z�gerte und presste die Lippen aufeinander. Dann sagte sie sehr leise: �Florence meinte, es w�rde ohnehin nichts �ndern. Niemandem sei damit gedient. Es w�rde das Geschehene nicht ungeschehen machen.�</p><p>�Florence?� Der Name kam mir bekannt vor, doch ich konnte ihn nicht auf Anhieb einordnen.</p><p>�Meine Schw�gerin�, antwortete sie und wich meinem Blick aus. �Sie leitet das Heim in der Hanbury Street. Florence und die anderen Schwestern waren der Ansicht, dass es die Ermittlungen nur vom Wesentlichen ablenken w�rde.�</p><p>�Sollte man solche Schlussfolgerungen nicht lieber der Polizei �berlassen?�, fragte ich und merkte, dass ich recht scharf im Ton geworden war. �Woher wollen Sie wissen, was wesentlich oder unwesentlich ist?�</p><p>Sie nickte, schaute mich besch�mt an und sagte: �Das stimmt nat�rlich.� Diesmal wirkte die Selbstanklage nicht theatralisch, sondern kleinlaut.</p><p>�Sie hatten Angst, Ihr Frauenheim k�nnte in schlechtem Licht dastehen�, vermutete ich, �weil es Ihnen trotz der vielen sch�nen Worte von Heil und Rettung nicht gelungen ist, die arme Elizabeth vor dem B�sen zu sch�tzen, nicht wahr?�</p><p>Ihre h�bschen dunklen Augen funkelten mich an, und pl�tzlich brach es aus ihr heraus: �Wer gibt Ihnen das Recht, in diesem Ton mit mir zu sprechen? Und meinen Glauben in den Dreck zu ziehen?� F�r einen kurzen Moment erinnerte mich ihr Blick an den Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie mich vor dem Ten Bells geohrfeigt hatte. �Ausgerechnet Sie! Haben Sie vergessen, dass Sie es waren, der Elizabeth mit Alkohol und Geld aus dem Heim gelockt und in ihr Verderben gest�rzt hat? Sie und Ihr widerlicher Freund! Ausgerechnet Sie spielen sich jetzt als Ankl�ger auf? Was erlauben Sie sich, Mr. Ingram!�</p><p>Wir standen uns direkt und so nahe gegen�ber, dass meine Nasenspitze beinahe ihre Stirn ber�hrte. Ihr Haar roch nach Rosenwasser, was mich zugleich wunderte und auf kindische Weise freute. Als h�tte sie das Duftwasser nur meinetwegen aufgetragen. Gern h�tte ich es angefasst, doch ich traute mich nicht. �Es tut mir leid, Eva�, sagte ich und biss mir auf die Unterlippe. �Es tut mir alles so f�rchterlich leid.�</p><p>Sie hob die Hand, doch statt mich zu ohrfeigen, wie ich f�r einen kurzen Moment bef�rchtet hatte, strich sie z�rtlich �ber meine Wange, ber�hrte mit dem Daumen mein Kinn und sagte: �Ich wei�, Rupert.�</p><p>Ich konnte nicht anders. Es �berkam mich wie ein Zwang, gegen den ich mich nicht wehren konnte. Ich k�sste sie. Auf den Mund. Nur kurz und kaum sp�rbar. Der Hauch eines Kusses.</p><p>Sie zuckte wie unter einem Peitschenschlag zusammen und legte rasch ihre Hand auf meine Lippen, ohne sich dabei jedoch von mir zu entfernen oder den Blick abzuwenden. �Warum haben Sie das getan?�, fragte sie.</p><p>�Weil mir danach war.�</p><p>�Nicht�, sagte sie und wiegte den Kopf hin und her. �Tun Sie das nicht!�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil ich Sie darum bitte�, sagte sie und machte einen Schritt zur�ck. Sie hob abwehrend die Hand und setzte mit ernster Miene hinzu: �Glauben Sie mir, es gibt tausend Gr�nde, warum Sie nichts Derartiges versuchen sollten, Rupert. Oder haben Sie vergessen, dass Sie verlobt sind?�</p><p>�Nicht mehr. Meine ehemalige Verlobte folgt ihrem Herzen und heiratet einen anderen. Ich w�nsche ihr alles Gl�ck der Welt.�</p><p>�Oh�, sagte sie und senkte den Blick. Es hatte beinahe den Anschein, als w�sste sie nicht, ob sie mich deswegen bemitleiden oder begl�ckw�nschen sollte. Dann schaute sie mir pl�tzlich fest in die Augen und sagte: �Trotzdem! Das �ndert nichts. Ich bin eine Offizierin der Heilsarmee, und als solche darf ich mich nur mit einem Offizier der Heilsarmee liieren, wie Sie vielleicht wissen.�</p><p>Das wusste ich nicht, deshalb sch�ttelte ich �berrascht den Kopf.</p><p>�Es gibt so viel, das Sie nicht wissen und vermutlich niemals verstehen werden�, sagte sie und nickte, als freute sie sich regelrecht �ber meine Unwissenheit. �Sie haben keine Ahnung, wer ich wirklich bin und was ich f�hle. Oder eben nicht f�hle. Sie kennen mich �berhaupt nicht.�</p><p>�Das lie�e sich �ndern, oder?�</p><p>�Nein!�, erwiderte sie und fuhr sich unwirsch mit der Hand �ber die Lippen. �Wir leben in unterschiedlichen Welten, Rupert. Selbst wenn ich die Gef�hle erwidern w�rde, die Sie offenbar f�r mich empfinden oder zu empfinden glauben, w�re eine mehr als nur freundschaftliche Verbindung zwischen uns v�llig undenkbar.� Und als m�sste sie es sich selbst noch einmal best�tigen, wiederholte sie die letzten Worte: �V�llig undenkbar!�</p><p>�Warum haben Sie mich hergebeten?�, wiederholte ich meine anf�ngliche Frage. �Wieso wollten Sie mich sehen?�</p><p>�Das sagte ich bereits�, antwortete sie und schaute mich unsicher an. �Um mich bei Ihnen zu entschuldigen.�</p><p>Ich schnaufte ungl�ubig und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sehen Sie, genau das meinte ich!�, rief sie und verdrehte ihre Augen wie �ber einen dummen Sch�ler, der sich weigert, seine Lektion zu begreifen. �Sie <emphasis>wollen</emphasis> nicht verstehen, und deshalb <emphasis>verstehen</emphasis> Sie nicht.�</p><p>�Oh, doch!�, antwortete ich und schaute ihr direkt in die Augen. �Ich verstehe sehr wohl.�</p><p>�Nein, das tun Sie nicht, Rupert!�, beharrte sie wie ein trotziges Kind und starrte zur�ck. �Sie begreifen gar nichts!�</p><p>Dann schwiegen wir und ma�en uns mit Blicken.</p><p>Ein lautes Klopfen, das wie eine Gewehrsalve in meinen Ohren klang, brachte uns ins Hier und Jetzt zur�ck. Eva fuhr erschrocken herum. Wieder klopfte es an der T�r, und im n�chsten Augenblick stand ein Mann mit grauem Vollbart im Raum und rief mit der �bertriebenen Lautst�rke eines Schwerh�rigen: �Eva, da steckst du ja!�</p><p>�Mr. Ingram�, wandte sich Eva an mich, w�hrend sie gleichzeitig auf ihre Finger schaute. �Darf ich Ihnen den General vorstellen.� Sie r�usperte sich verlegen und f�gte etwas leiser hinzu: �Meinen Vater, William Booth.�</p><p>�Sehr erfreut, Sir�, sagte ich und reichte ihm die Hand.</p><p>�Mr. Ingram�, war alles, was er darauf antwortete. Er dr�ckte abwesend meine Hand und wandte sich anschlie�end an seine Tochter: �Hast du den Text gelesen? Was h�ltst du von dem letzten Absatz? Kann das so bleiben?�</p><p>�Nicht gerade diplomatisch�, lautete ihre Antwort.</p><p>W�hrend die beiden sich �ber Evas Korrekturen und Anmerkungen unterhielten, betrachtete ich den General neugierig und auch ein wenig eifers�chtig. William Booth war tats�chlich eine imposante Gestalt, nicht nur wegen der dunklen Uniform, die mit ihren Kordeln, Epauletten und Abzeichen tats�chlich an die eines Feldherrn erinnerte. Sein grauer Rauschebart, der bis auf die Brust reichte, erinnerte mich an denjenigen meines Vaters. Beim Anblick seiner wahrlich kolossalen Knollennase wusste ich auch, woher der einzige Makel in Evas h�bschem Gesicht stammte. Ich war froh, dass sie nicht auch noch die wild wuchernden Augenbrauen und die fleischigen Ohren von ihm geerbt hatte.</p><p>�Sind Sie mit den Ingrams von den <emphasis>Illustrated London News</emphasis> verwandt?�, fragte der General, und es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich gemeint war.</p><p>�Nein, Sir�, antwortete ich. �Mein Vater f�hrt das Hatchett�s Hotel in Mayfair.�</p><p>�Oh, tats�chlich!�, rief der General erfreut. �Gr��en Sie Ihren Vater recht herzlich von mir!�</p><p>�Kennen Sie ihn?�</p><p>�Aber ja�, sagte er und wandte sich erkl�rend an seine Tochter. �Harvey Ingram ist ein sehr spendabler Unterst�tzer unserer Sache. Schon seit geraumer Zeit. Auch wenn er es, wie so viele, nur im Geheimen tut.�</p><p>�Mein Vater gibt Spenden an die Heilsarmee?�, wunderte ich mich und lachte ungl�ubig. �Aber er hat ein Schanklokal in seinem Hotel und verkauft bis sp�t in die Nacht Alkohol. Er trinkt auch selbst sehr gerne und raucht wie ein Fabrikschlot.�</p><p>�Eben drum�, beharrte der General und hob die buschigen Augenbrauen. �Besser, er erleichtert sein Gewissen, indem er den Armen und Bed�rftigen gibt, als dass er Blutgeld an die Skelettarmee zahlt.� Dabei funkelte er mich tadelnd an, dass es mir durch und durch ging. Auch diesen Blick schien Eva von ihrem Vater geerbt zu haben.</p><p>�Ich bin nicht mehr in der Skeleton Army, falls Sie darauf abspielen�, sagte ich und schaute Hilfe suchend zu Eva. �Das ist ein f�r alle Mal vorbei. Auch dank Ihrer Tochter.�</p><p>�Unsere vortreffliche Eva�, rief der General und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. �Immer an vorderster Front.�</p><p>�Ja, sie ist wundervoll�, sagte ich, obwohl ich wusste, dass es nicht ganz das war, was ihr Vater gemeint hatte.</p><p>�Gewiss�, knurrte der General und schaute seine Tochter fragend an.</p><p>�Captain!�, meldete sich in diesem Augenblick die Stimme eines Heilsarmisten aus dem Vorzimmer. �Ich bitte um Entschuldigung, Schwester, aber unten wartet ein Mann vom Southwarker Korps, der dringend mit dir sprechen m�chte.� Als er sah, dass der General im Raum war, salutierte er, indem er die rechte Hand hob und den Zeigefinger gen Himmel streckte.</p><p>�Worum geht es?�, fragte Eva.</p><p>�Um einen Betrunkenen, wenn ich es recht verstanden habe.�</p><p>�Was habe ich damit zu schaffen?�</p><p>Der Uniformierte zuckte mit den Schultern. �Major Pringle beharrt darauf, dich zu sprechen. Pers�nlich!�</p><p>�Major Pringle?�, rief ich. �Ist er etwa der Betrunkene?�</p><p>�Sie kennen den Major?�, wunderte sich der General.</p><p>�Fl�chtig�, antwortete ich. �Ich bin ihm letztens vor einer Brauerei begegnet.� Damit erntete ich einen verst�ndnislosen Blick.</p><p>�Nein, Sir�, sagte der Uniformierte in meine Richtung. �Major Pringle ist nicht betrunken. Es geht anscheinend um einen Soldaten seines Korps. Einen jungen Mann namens Bedford.�</p><p>�Adam Bedford?�, murmelte Eva, seufzte leise und setzte ihre Haube auf. �Sag dem Major, dass ich komme.� Dann wandte sie sich an mich und setzte hinzu: �Die Feuerwehr im Einsatz. Wollen Sie mich nach unten begleiten, Rupert?�</p><p>�Feuerwehr?�, fragte der General verwirrt. Er wirkte zunehmend ver�rgert.</p><p>�Sehr gerne�, sagte ich, verabschiedete mich vom finster dreinschauenden General und folgte Eva hinaus.</p><p>Major Pringle wartete im Empfangsraum und st�rzte sogleich auf Eva los, als wir durch die Pendelt�r traten. Er bedachte mich mit einem �berraschten Seitenblick und rief: �Danke, dass du Zeit f�r mich hast, Schwester! Bruder Adam l�sst sich einfach nicht beruhigen und verlangt nach dir. Mit niemandem sonst will er reden. Ich wusste mir keinen anderen Rat, als ihn herzubringen.�</p><p>�Wo ist er?�, fragte sie und schaute suchend in den Warteraum.</p><p>�Drau�en�, antwortete Major Pringle. �Ich hab ihn in der Kutsche gelassen. Er kann nicht mehr gerade stehen und krakeelt ganz sch�ndlich herum.�</p><p>�Wer ist dieser Adam Bedford?�, wollte ich wissen, obwohl ich ahnte, dass ich diesem Bruder Adam in den letzten Tagen bereits begegnet war.</p><p>�Eine arme Seele�, sagte der Major und �ffnete die Eingangspforte.</p><p>�Eine traurige Geschichte�, sagte Eva, entz�ndete eine Laterne und ging hinaus. �Dabei hatte ich gehofft, dass sie ein gutes Ende nehmen w�rde. Aber wie es scheint, hat der Teufel wieder einmal die Oberhand behalten.�</p><p>Drau�en war es bereits dunkel. Es nieselte, und der aufkommende Nebel zog in Schwaden durch die Queen Victoria Street. Direkt vor dem Hauptquartier stand ein Tilbury mit Klappverdeck quer auf dem Gehsteig und versperrte den Passanten den Weg. Als Eva die Laterne in die kleine Kutsche hielt, stie� sie einen leisen Schrei aus. Auf der schmalen Bank lag ein junger Mann, dessen schmutziges Gesicht von Kratzern, Wunden und blauen Flecken �bers�t war und dessen Uniform vor Dreck starrte. Er lag r�cklings auf der Bank, die Beine angewinkelt, und wirkte wie ohnm�chtig.</p><p>�Ein Gl�ck!�, rief Major Pringle und hielt das Pferd an der Kandare. �Der Bruder schl�ft. So kann er wenigstens nicht herumschreien. Er hat vorhin f�rchterlich gew�tet.�</p><p>�Was ist mit seinem Gesicht?�, fragte Eva und hielt dem Schlafenden die Laterne vor die Nase. Es war offensichtlich, dass die Wunden bereits verkrustet waren und die blauen Flecken ins Gr�nlichgelbe �bergingen.</p><p>�So sah er auch schon vor zwei Tagen aus�, sagte ich und half Major Pringle, das unruhige Pferd �ber den Gehsteig in Richtung Hofeinfahrt des Hauptquartiers zu lenken. �Die Striemen hat er sich letzten Freitag bei der Kundgebung vor dem Ten Bells geholt. Das hat er zumindest behauptet.�</p><p>�Sie kennen Bruder Adam?�, wunderte sich Eva und �ffnete mit einem Schl�ssel das Gittertor. �Sie erstaunen mich ein ums andere Mal, Rupert.�</p><p>�Der gute Adam scheint ein echter Hei�sporn zu sein�, erinnerte ich mich an meine Begegnungen mit diesem j�hzornigen jungen Mann in Southwark. Und ich musste an seinen sehns�chtigen Blick auf mein Bier im George Inn denken. �Ohne Uniform w�rde man ihn niemals f�r einen Heilsarmisten halten�, setzte ich hinzu. �Mir scheint er ein recht aufbrausender und w�tender Hitzkopf zu sein, den ich eher in den Reihen der Skeleton Army vermutet h�tte.�</p><p>�Ja�, best�tigte Eva und schloss das Tor hinter der Kutsche wieder ab. �Genau das ist sein Problem. Als ich ihm vor zwei Jahren zum ersten Mal begegnete, sah Bruder Adam ganz �hnlich aus wie heute. Er war auf dem besten Weg, sich zu Tode zu trinken oder als Raufbold im Gef�ngnis zu landen.� Sie sch�ttelte mitleidig den Kopf, w�hrend Major Pringle den Tilbury zu einem Unterstand im hinteren Teil des Hofes brachte, und seufzte tief. �Ich hatte gehofft, wir h�tten seine arme Seele gerettet und zu Gott gef�hrt. Er schien mir auf einem guten Weg zu sein und wollte sich sogar zum Offizier ausbilden lassen. Ich verstehe das nicht. Was mag nur pl�tzlich in ihn gefahren sein?�</p><p>�Das kann ich mir auch nicht erkl�ren�, sagte Major Pringle, der das Pferd angebunden hatte und neben der Kutsche stand. �Der Bruder war schon seit einigen Tagen sehr merkw�rdig und aggressiv. Immer wieder hat er Streit gesucht und sich ganz ungeh�rig benommen. Als ich ihn heute gefunden habe, lag er vor dem George Inn in der Gosse und hat kein vern�nftiges Wort mehr herausgebracht. Der Wirt der Kneipe hatte mich benachrichtigen lassen.�</p><p>�Was ist das f�r eine traurige Geschichte, die Sie vorhin erw�hnten?�, wollte ich wissen.</p><p>�Er hat seine Frau und seinen Sohn verloren�, sagte der Major und fuhr sich durch den grauen Bart. �Sie sind bei der Geburt des Kindes gestorben. Und er war offenbar nicht ganz unschuldig am Tod der beiden.�</p><p>�Wie das?�, wunderte ich mich.</p><p>�Sie haben sich gestritten. Seine Frau war eine ebenso gro�e Trinkerin wie er, st�ndig haben sie sich in den Haaren gelegen. Doch diesmal mit b�sen Folgen. Keiner wei� genau, was passiert ist, auch Adam konnte sich sp�ter an nichts erinnern. Aber als er wieder bei Sinnen war, hatte seine Frau eine Fehlgeburt erlitten, an deren Folgen sie verstarb. Adam hat dar�ber beinahe den Verstand verloren, denn obwohl sie sich gegenseitig das Leben zur H�lle gemacht haben, hat Adam seine Emma sehr geliebt. Das vermute ich jedenfalls.�</p><p>�Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf�, sagte ich und deutete auf den schnarchenden jungen Mann. �Und manchmal auch sich selbst.�</p><p>�Was soll mit ihm geschehen?�, fragte Major Pringle.</p><p>�Wir bringen ihn in den Schlafsaal im Keller, dort kann er erst einmal seinen Rausch ausschlafen�, antwortete Eva und bedeutete zwei Salutisten, die aus einem Seitengeb�ude den Hof betraten, ihnen zu Hilfe zu kommen. �Sobald er wieder bei Besinnung ist, werde ich mit ihm reden und ihn in eines der Heime f�r M�nner bringen lassen. Dort wird man sich um ihn k�mmern.� Sie wandte sich zu mir um und setzte traurig l�chelnd hinzu: �Ich werde versuchen, den Wolf wieder zu einem Menschen zu machen. Mit Gottes Hilfe und menschlicher Zuwendung wird der Bruder auf den rechten Weg zur�ckfinden.�</p><p>�Haben Sie niemals Zweifel an dem, was Sie tun, Eva?�, fragte ich und sah zu, wie der betrunkene Adam von Major Pringle und den beiden Heilsarmisten an H�nden und F��en ins Haus geschleppt wurde. �Zweifel, ob sich all das lohnt?�</p><p>�Es lohnt sich!�, gab sie mir zur Antwort und nickte eifrig. �Glauben Sie mir, Rupert, Bedenken sind nicht angebracht.�</p><p>�Sie sind wirklich erstaunlich!�, entfuhr es mir. Und ich begriff, dass es vor allem dieses unersch�tterliche Vertrauen ins eigene Tun und Denken war, das mich an Eva Booth vom ersten Moment an fasziniert hatte. Vielleicht weil ich selbst so wenig davon besa� und mit allem und nicht zuletzt mit mir selbst st�ndig haderte. Anders als ich wusste Eva genau, was sie wollte und wie sie es zu erreichen gedachte. Das war zugleich beeindruckend und be�ngstigend. Und deshalb f�gte ich kopfsch�ttelnd hinzu: �Erstaunlich und unheimlich.�</p><p>Sie lachte erschrocken auf, dr�ckte zum Abschied meine Hand und sagte: �Entschuldigen Sie mich, Rupert. Ich werde gebraucht.� Doch pl�tzlich hielt sie inne, kam mir ganz nahe, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: �Seien Sie gut, mein Freund!�</p><p>Ich nickte und sagte: �Ay, Captain!�</p><empty-line/></section><section><p>5</p><p>Beim Abendessen wurde wenig gesprochen. Vater war noch nicht wieder zur�ck, und Mortimer hatte so �ble Laune, dass ihm au�er knurrigen Halbs�tzen und einigen Floskeln kaum etwas entschl�pfte. William hatte sich entschuldigen lassen und gesch�ftliche Verpflichtungen vorgeschoben, obwohl wir anderen ahnten, dass er bei seiner niedlichen Schneiderin in der Bond Street war und sich den Feierabend vers��en lie�. Seine Frau Betty hatte es vorgezogen, allein im Crown Hotel zu essen. Mortimer sprach mich nicht auf die anst��igen Ereignisse des Tages an, und auch seine Frau Deborah, der die Neugier f�rmlich aus den Augen quoll, wagte es nicht, das heikle Thema anzuschneiden. Auf ihre mit bedeutsamem Augenaufschlag vorgetragenen Fragen, wie es mir gehe und ob alles in Ordnung sei, antwortete ich einsilbig mit �Gut� und �Ja� und am�sierte mich heimlich �ber ihre sichtlich entt�uschte Miene. Aus Andeutungen ihrerseits schloss ich, dass im Laufe des Tages mehrere Telegramme und Anrufe von Mr. Barclay und meinem Vater eingegangen waren, doch Mortimer unterband jede weitere Unterhaltung, indem er m�rrisch zischte: �Das hat Zeit bis sp�ter. Wenn Vater da ist. Sein Zug kommt gegen neun in der Liverpool Street an.�</p><p>�Liverpool Street?�, wunderte ich mich. �Bellamy sagte doch, Vater sei an der S�dk�ste. Von der Liverpool Street fahren keine Z�ge nach S�den, sondern nach Osten. Bist du sicher?�</p><p>�Im Telegramm hie� es: �Liverpool Street��, knurrte Mortimer.</p><p>�Von wo kam das Telegramm?�</p><p>�Colchester, glaube ich�, sagte er achselzuckend.</p><p>�Colchester in Essex?�</p><p>�Kennst du ein anderes?�, antwortete er und schnitt �bellaunig einen Streifen von seinem blutigen Roastbeef.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, stand auf, entschuldigte mich und ging auf mein Zimmer. Um mich hinzulegen und in aller Ruhe nachzudenken. Und mir die richtigen Fragen zu �berlegen.</p><p>Als es an der T�r klopfte, fuhr ich auf der Chaiselongue hoch und stellte bei einem Blick auf meine Taschenuhr fest, dass ich zwischenzeitlich eingeschlafen war. Es war kurz vor zehn, und der Etagendiener teilte mir mit, dass mein Vater und meine beiden Br�der im Raucherzimmer auf mich warteten.</p><p>Aus einer Waschsch�ssel neben der Liege spritzte ich mir etwas Wasser ins Gesicht, kramte aus einer Ledermappe die braune Papiert�te mit dem Stempel der Gebr�der Taylor hervor und ging �ber den Flur. Obwohl sich s�mtliche Vorzeichen seit meinem letzten Gespr�ch mit meinem Vater grundlegend ver�ndert hatten, war ich f�rchterlich aufgeregt. Gerade so, als ob ich etwas zu bef�rchten h�tte.</p><p>Mein Vater erwartete mich bereits in der T�r. Er nickte mir mit einem ernsten Blick zu, sagte aber keinen Ton, sondern wies ins Zimmer, wo Mortimer und William mit glimmenden Zigarren und nachdenklichen Mienen am Rauchertisch sa�en und gleichfalls schwiegen. Erst als die T�r hinter mir geschlossen war, murmelte Vater: �Ich wei� bereits �ber alles Bescheid, mein Junge.�</p><p>�Wor�ber?�, fragte ich und widerstand dem Impuls, mir eine Zigarette anzuz�nden. �Redest du von den Barclays?�</p><p>�Wovon sonst?�, knurrte er mich an und zupfte nerv�s an seinem Bart. �Mortimer hat mir alles erz�hlt. Au�erdem hat Barclay mehrere Telegramme geschickt. Und ein Bote kam vorhin mit einem Schreiben seines Anwalts. Hab�s gerade gelesen. Mein Gott, ist denn so was zu fassen!�</p><p>�War�s sch�n in Essex?�, unterbrach ich ihn.</p><p>�Was redest du denn da, Junge?� Seine Augen funkelten mich w�tend an. �Es geht jetzt nicht um Essex, sondern um dich. Um deine Zukunft. Am liebsten w�rden die Barclays den ganzen Skandal vertuschen und so tun, als sei nichts geschehen, aber damit kommen sie nat�rlich nicht durch. Was f�r ein Gl�ck, dass du heute in Bury Hill warst und den Schwindel entdeckt hast! Nicht auszudenken �� Er verschwieg, was er sich nicht auszudenken vermochte, und setzte hinzu: �Was f�r eine schamlose Person!�</p><p>�Haben sie sie gefunden?�</p><p>�Wen? Meinst du diese � diese �?�</p><p>�Ihr Name ist Meredith�, sagte ich. �Haben sie sie gefunden?�</p><p>Vater nickte und seufzte, w�hrend Mortimer das Wort ergriff: �Kurz hinter Oxford. Sie sind nicht weit gekommen. Ein Stallbursche der Barclays war anscheinend eingeweiht und hat alles ausgeplaudert. Offensichtlich wollten Miss Wright Barclay und ihr Cousin bei einem entfernten Verwandten in Schottland unterschl�pfen, aber sie wurden auf der Landstra�e abgefangen.�</p><p>�Meredith ist vermutlich bereits wieder auf dem Weg nach Bury Hill�, sagte William und wiegte nachdenklich den Kopf. �Wenn du Barclays Telegramm heute Morgen vor deiner Abfahrt erhalten h�ttest und in London geblieben w�rst, w�re vermutlich nichts von dem Skandal ans Tageslicht gekommen.�</p><p>�Arme Meredith�, sagte ich und kramte nun doch eine Zigarette aus dem Etui.</p><p>�Bist du noch bei Trost?�, brach es aus Mortimer hervor; er merkte vor lauter Entr�stung nicht, dass ihm Zigarrenasche auf die Hosenbeine fiel. �Du hast doch nicht etwa Mitleid mit ihr?�</p><p>�Der Vertrag mit Barclay und Perkins ist nat�rlich hinf�llig�, konstatierte mein Vater kopfsch�ttelnd. �Ebenso die Hochzeit und alle weiteren Pl�ne! Daf�r sollen sie sich einen anderen Dummen suchen.�</p><p>�Warum?�, fragte ich und z�ndete mir die Zigarette an. �Es ist ja im Grunde nichts geschehen. Meredith ist nach wie vor zu haben, und reich sind die Barclays schlie�lich immer noch. Ist doch ein gutes Gesch�ft, oder?�</p><p>�Nichts geschehen?�, emp�rte sich mein Vater und baute sich vor mir auf. �Hast du den Verstand verloren, Junge? Wie kannst du denn jetzt ans Gesch�ft denken? Hast du denn gar kein Ehrgef�hl? Deine Braut ist die Geliebte eines anderen Mannes! Eine verdammte Hure!�</p><p>�Wenn du meinst�, sagte ich und zog das Foto aus dem Papierumschlag.</p><p>�Dar�ber kann es �berhaupt keine zwei Meinungen geben!�, br�llte mein Vater und starrte blinzelnd auf das Bild. �Was hast du da?�</p><p>Ich hielt das Foto ins Licht und sagte: �Die Geliebte eines Mannes. Eine verdammte Hure, sollte ich wahrscheinlich sagen. So hast du dich doch gerade ausgedr�ckt, oder?�</p><p>�Was meinst du?� Er fingerte seine Brille aus der Brusttasche, setzte sie umst�ndlich auf, nahm mir das Bild aus der Hand und riss im gleichen Moment die Augen auf. �Woher hast du das?�, keuchte er und musste sich setzen.</p><p>�Wovon redet ihr beiden?�, wollte Mortimer wissen und erhob sich.</p><p>�Ja. Was ist das f�r ein Foto?�, fragte William und stand ebenfalls auf. Er schaute unserem Vater �ber die Schulter und sagte: �Kommt mir irgendwie bekannt vor. Wer ist diese Frau?�</p><p>�Ihr Name ist Mary Brooks�, antwortete ich. �Damals hie� sie noch Tremain. Ihr Portr�t hing bis vor einigen Tagen in Vaters B�ro.�</p><p>�Richtig�, sagte William verdutzt und runzelte die Stirn. �Sieht ihr �hnlich. H�bsche Person!�</p><p>�Ich verstehe kein Wort�, schnaubte Mortimer.</p><p>�Hat Webster dir das Foto gegeben?�, fragte Vater atemlos und stierte unabl�ssig auf das Bild. �Was will er damit bezwecken?�</p><p>�Kann mir mal einer erkl�ren, was hier los ist?�, rief Mortimer aufgebracht.</p><p>�Welcher Webster?�, fragte ich.</p><p>�Rodney Webster�, sagte mein Vater, senkte den Blick und gab mir das Foto zur�ck. �Der Wirt vom George Inn in Southwark. Die Sch�nke hat uns bis vor ein paar Jahren geh�rt. Ich hab sie an Barclay und Perkins verkauft, um das Geld f�r das Crown Hotel aufzubringen.�</p><p>Allm�hlich begann ich, die Zusammenh�nge zu begreifen. Das Gem�lde der wei� gekleideten Hirtin war kurz nach dem Tod unserer Mutter aufgetaucht, etwa zu der gleichen Zeit, als unser Vater die unrentablen Gasth�user in Southwark an die Barclay-Brauerei verkauft hatte. Und vermutlich bestand hier nicht nur eine zeitliche Verbindung. Ich hielt Vater das Foto direkt vor die Nase und fragte: �Hat sie f�r Webster gearbeitet? Im George Inn? Habt ihr euch dort kennengelernt? Damals in den Sechzigern?�</p><p>Er seufzte tief und nickte.</p><p>�Versteh ich das jetzt richtig?�, lachte William und verschluckte sich am Zigarrenrauch. �Vater hatte eine Geliebte? Vor vielen Jahren?� Er sch�ttelte belustigt den Kopf, deutete auf das Foto und fragte sp�ttisch: �Deswegen das ganze Theater? Weil Vater vor Urzeiten etwas mit einem verdammten Schankm�dchen hatte? Mensch, Rup, jetzt krieg dich wieder ein, und spiel hier nicht den Moralapostel!�</p><p>�Die Moral kann mir gestohlen bleiben�, antwortete ich. �Ich will auch kein Theater machen, sondern die Wahrheit h�ren.�</p><p>�Wen interessiert die schon?�, rief William und stie� eine Rauchwolke aus. �Wahrheit ist nichts weiter als eine schlecht getarnte L�ge. Na und? Wen k�mmert�s?�</p><p>�K�nnen wir jetzt bitte wieder zum eigentlichen Thema kommen?�, knurrte Mortimer und wedelte entnervt mit den Armen. Er schnaufte abf�llig und warf seine Zigarre �rgerlich in einen Aschenbecher. �Wir haben wirklich Wichtigeres zu besprechen.�</p><p>�War sie das?�, wandte ich mich, ohne die Einw�nde meines Bruders zu beachten, an meinen Vater, der die ganze Zeit schweigend und mit gesenktem Blick dagesessen hatte. �Irgendein verdammtes Schankm�dchen? Eine Lappalie?�</p><p>�Ich habe heute Morgen an ihrem Grab gestanden�, stie� er m�hsam hervor, und als er aufblickte, sah ich Tr�nen in seinen Augen. �Und am Grab eures Bruders.�</p><p>�Unseres Bruders?�, rief ich erschrocken. �Es gab ein Kind?�</p><p>�Sie haben ihn George genannt�, antwortete er und nickte. �Er hat den Tag seiner Geburt nicht �berlebt, wie ich heute in der Pfarrei erfahren habe. Er liegt neben seiner Mutter begraben.�</p><p>�Das will ich nicht h�ren!�, rief Mortimer w�tend und wandte sich ab. �Das geht mich nichts an. Lasst mich damit in Frieden!� Er hielt sich wie ein kleines Kind die Ohren zu, um nichts mehr h�ren zu m�ssen.</p><p>�Was soll der Unfug?�, fauchte William und riss mir das Bild aus der Hand. �Wem willst du damit etwas beweisen, Rup? Und zu welchem Zweck? Nur weil du pl�tzlich vom Saulus zum Paulus geworden bist, brauchst du dich hier nicht so aufzuspielen! Du machst dich l�cherlich, Bruderherz! Das sind doch alles alte Geschichten, die heute niemanden mehr interessieren.�</p><p>�Lass ihn, William!�, sagte unser Vater und nahm das Foto wieder an sich. �Er hat ja recht!� Dann sprang er pl�tzlich auf die Beine, kam mir ganz nahe und legte mir die Hand auf die Schulter. �Komm, Junge!�, raunte er mir zu und schob mich zur T�r. �Wir gehen!�</p><p>�Wohin?�, wollte ich wissen.</p><p>�Zum George Inn!�</p><p>�Ohne mich!�, riefen Mortimer und William wie aus einem Mund.</p><p>Mein Vater sah mich fragend an, und ich antwortete: �Gerne. Gehen wir!�</p><empty-line/></section><section><p>6</p><p>Auf dem Weg nach Southwark berichtete ich meinem Vater, wie ich in den Besitz der Fotografie gelangt war und was es mit der erkrankten Celia Brooks und dem Hirtengem�lde von Simeon Solomon auf sich hatte. Es war offenkundig, dass er von dem Maler noch nichts geh�rt hatte und ihm nie pers�nlich begegnet war. Er bat mich, alles genau zu erz�hlen. Immer wieder fragte er nach, wenn ihm etwas unklar erschien, doch er selbst gab keinerlei Erkl�rungen ab und vertr�stete mich auf sp�ter. Es kam mir beinahe so vor, als br�uchte er das George Inn, um sich an das Vergangene zu erinnern. Als ben�tigte er einen Ortswechsel f�r die Zeitreise, der er sich stellen wollte.</p><p>W�hrend wir in einem der Cabriolets des Hotels �ber das Victoria Embankment und durch den von der Themse aufsteigenden Nebel fuhren, starrte er unentwegt auf das Foto, das inzwischen vom Schwei� seiner H�nde ganz wellig geworden war. Er atmete schwer und stie� in unregelm��igen Abst�nden Seufzer aus.</p><p>�Du warst heute in Brightlingsea?�, unternahm ich einen erneuten Versuch, ihn zum Reden zu bewegen. �Warum?� Da er nicht antwortete, setzte ich hinzu: �Warst du zum ersten Mal dort?�</p><p>Er nickte und sagte: �Zu sp�t. Viel zu sp�t.�</p><p>�Du wusstest nicht, dass das Kind gestorben ist?�</p><p>�Ich wollte es nicht wissen.�</p><p>�Und die Mutter?�</p><p>�Ich habe mich grausam an ihr vers�ndigt.� Pl�tzlich schaute er mich an und rief regelrecht entsetzt: �Kannst du dir vorstellen, dass ich sie zwischendurch v�llig vergessen hatte? Als h�tte es sie nie gegeben. Wie ausradiert.�</p><p>�Die Tochter sieht ihr zum Verwechseln �hnlich�, sagte ich, ohne recht zu wissen, wieso. �Wie Zwillinge.�</p><p>�Ja, das sagtest du bereits�, erwiderte er steif, gab mir das Foto zur�ck und befahl dem Kutscher, auf der Blackfriars Bridge die Themse zu �berqueren und anschlie�end auf der Southwark Street nach Osten zu fahren. Auf diese Weise machten wir einen gro�en Bogen um die Barclay-Brauerei, an der wir sonst unweigerlich vorbeigefahren w�ren. Links und rechts der erst vor einigen Jahren gebauten Durchgangsstra�e befanden sich riesige Fabriken und Lagerhallen. Die Menier Schokoladenfabrik zur Rechten, Potts� Essigbrauerei zur Linken und die Hopfen-und Malzb�rse am Ende der Stra�e. Eine seltsame Mischung unterschiedlichster Ger�che lag in der feuchten Luft.</p><p>Unter einer Eisenbahnbr�cke, kurz bevor die Southwark Street auf die High Street stie�, lie� Vater den Kutscher anhalten und stieg aus. �Damals sah das alles ganz anders aus�, sagte er und drehte sich einmal um die eigene Achse. �Nicht diese steinernen Kolosse �berall.�</p><p>Ohne darauf zu achten, ob ich ihm folgte, �berquerte er die Hauptstra�e und ging direkt auf den Eingang des George Inn zu. Diesmal stand keine Kapelle der Heilsarmee vor der schmalen Hofeinfahrt, sondern ein in Lumpen gekleideter Drehorgelspieler mit einem Kapuziner�ffchen auf der Schulter, das die qu�kenden T�ne der Orgel mit ulkigen M�tzchen begleitete.</p><p>Vater betrat den d�steren Hof und z�gerte pl�tzlich. Sein Blick ging zwischen der Sch�nke im hinteren Teil und den Gastzimmern im vorderen Teil des Geb�udes hin und her. W�hrend der Schankraum erleuchtet war und von dort einzelne Stimmen auf den Hof drangen, lagen die Zimmer hinter den Galerien v�llig im Dunkeln. Keine Menschenseele war in der Herberge oder an den h�lzernen Balustraden zu sehen. Die einstige Postkutschenstation diente offenbar nur noch als Kneipe, �bernachtungsg�ste schienen hier kaum einzukehren.</p><p>Statt die Sch�nke zu betreten, ging mein Vater zum Kopfende des u-f�rmig bebauten Hofes. Dort befanden sich eine Remise, mehrere Stallungen und ein kleines einst�ckiges Fachwerkh�uschen, das wom�glich einmal als Gesindehaus genutzt worden war. Keines der Geb�ude schien noch in Verwendung zu sein, die Mauern br�ckelten und verfielen, die T�ren und Fenster sa�en schief in den Angeln oder fehlten, die Schindeld�cher waren schadhaft. Lediglich der Pferdestall auf der linken Seite und ein gemauerter Schweinekoben in der Ecke wurden noch benutzt. Das gesamte Anwesen machte einen verfallenen Eindruck.</p><p>�Hier hat sie gewohnt�, sagte mein Vater und deutete auf das leer stehende H�uschen, das durch eine Art Windfang mit der r�ckw�rtigen K�che des Gasthauses verbunden war. �Scheint verlassen zu sein�, setzte er hinzu, nachdem er durch eine zerborstene Scheibe ins Innere geschaut hatte.</p><p>�Das George Inn hat schon bessere Zeiten erlebt�, sagte ich und hielt meinem Vater die T�r zur Sch�nke auf. �Lass uns hineingehen! Mir wird kalt.�</p><p>�Deswegen habe ich es ja verkauft�, antwortete er und nahm beim Eintreten den Zylinder ab, mit dem er sonst an die niedrige Decke gesto�en w�re. �Fr�her war Southwark das Tor nach London, �berall gab es Kutschstationen und Gasth�user f�r Reisende. Heute findet man in den Sch�nken nur noch Fabrikarbeiter, Sozialisten und Gesindel, das billiges Bier trinkt. Sehr zur Freude von Leuten wie Mr. Barclay.�</p><p>Als wollten sie seine Worte best�tigen, wankten in diesem Augenblick zwei betrunkene Seeleute dem Ausgang entgegen, be�ugten mich und vor allem meinen Vater mit stierem Blick und lallten: �Na, Squire, haste dich verlaufen?�</p><p>�Benehmt euch, Jungs!�, rief der Wirt aus dem Hintergrund und wedelte mit einem Tuch �ber einen Tisch neben dem steinernen Kaminofen. �Wir schlie�en gleich, meine Herren�, sagte er, schob uns die St�hle zurecht und stellte eine kleine Petroleumlampe auf den Tisch, die er von einer Halterung an der Wand genommen hatte. �Aber f�r ein letztes Getr�nk reicht�s noch. Womit kann ich dienen, Sirs?�</p><p>Bei dem jungen Mann handelte es sich um den d�rren Kerl mit den abstehenden Ohren, der vor einigen Tagen hinter dem Schanktisch gestanden und sich mit Bruder Adam, dem hitzk�pfigen Heilsarmisten, unterhalten hatte. Er schickte den immer noch feixenden Seem�nnern einen b�sen Blick nach und sagte dann mit einem B�ckling: �Die K�che ist leider schon kalt.�</p><p>Ich bestellte ein Porter und fragte: �Ist Mr. Rodney Webster zu sprechen?�</p><p>�Steht vor Ihnen, Sir�, antwortete er und verneigte sich erneut.</p><p>�Gibt es noch einen �lteren Verwandten mit dem Namen?�, wollte ich wissen und schaute fragend zu meinem Vater, der seit dem Betreten der Kneipe wie versteinert wirkte und keinen Ton herausbrachte.</p><p>�Mein Vater�, erwiderte der Wirt und hob bedauernd die Achseln. �Aber er ist vor zwei Jahren gestorben. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?�</p><p>�Kaum anzunehmen�, antwortete ich und sch�ttelte den Kopf. �Danke.�</p><p>�Zu Diensten�, sagte der Wirt, hob neugierig die Augenbrauen und wandte sich an meinen Vater: �Und f�r Sie, Sir? Auch ein Porter? Barclay�s Stout vielleicht?�</p><p>�Grog�, sagte mein Vater.</p><p>�Grog?�, wunderte ich mich. �Seit wann trinkst du Grog?�</p><p>�Mit Zucker?�, fragte der Wirt.</p><p>�Und Zimt�, antwortete mein Vater. �Und etwas Muskatnuss.�</p><p>�Oho!�, rief Webster erfreut. �Wie die guten alten Piraten der Karibik. S�� und stark. Wird hier nicht oft getrunken. Sind Sie Seemann?�</p><p>Vater ignorierte ihn, als w�re er eine Fliege an der Wand, und sagte in meine Richtung: �Mary hat das gern getrunken. Sie nannte es Bumbo oder so �hnlich. Hab sie oft deswegen bel�chelt.�</p><p>Ich wartete, bis der Wirt hinter seinem Schanktisch verschwunden war, wo ein letzter verbliebener Gast mit glasigen Augen auf sein halbleeres Bierglas starrte. Dann fragte ich: �Hat sie als Schankm�dchen gearbeitet?�</p><p>�Als ich sie kennenlernte, war sie ein Pot-Girl�, antwortete er l�chelnd. �So nannte man damals die M�dchen, die die Bierkr�ge und Teller einsammelten. Sp�ter hat sie auch hinter der Theke gearbeitet und die G�ste bedient. Rodney Webster war schlie�lich kein Dummkopf. Ein gerissener Bursche, aber sicherlich nicht dumm.�</p><p>�Das k�nnen Sie laut sagen�, rief Webster junior, der unbemerkt wieder an unseren Tisch getreten war und mir nun das Bier vor die Nase stellte. �Gerissen trifft�s genau, Sir. Andere nannten ihn auch einen ausgemachten Halunken.� Er lachte und setzte hinzu: �Der Grog kommt sofort. Muss erst noch das Wasser hei� machen.�</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte ich meinen Vater, ohne auf den Wirt zu achten, der tats�chlich etwas von einer l�stigen Stubenfliege hatte.</p><p>�Du hast das Foto gesehen�, antwortete er und holte eine Zigarre aus der Innentasche seines Mantels. �Es gab nicht wenige M�nner, die nur ihretwegen in die Kneipe kamen. Wie Eisensp�ne zum Magneten. Obwohl sie es gar nicht darauf angelegt hatte.�</p><p>�So ein magnetisches Schankm�dchen k�nnte ich auch gebrauchen�, sagte Webster grinsend. Er nahm den Glaszylinder von der Lampe, hielt meinem Vater den brennenden Docht vor die Zigarrenspitze und fragte: �Wie war doch gleich der Name? Mary?�</p><p>�Wollten Sie nicht Wasser hei� machen?�, fragte ich ihn in einem wenig freundlichen Ton.</p><p>�Bin schon weg�, antwortete er, stellte die Lampe ab und hob abwehrend die H�nde. �Will mich ja nicht einmischen. K�me mir gar nicht in den Sinn.�</p><p>�Wann war das?�, fragte ich meinen Vater, nachdem Webster in der K�che verschwunden war.</p><p>�Im Fr�hjahr 1867�, antwortete er und starrte auf seine qualmende Zigarrenspitze, um mir nicht ins Gesicht schauen zu m�ssen. �Am 24. Mai.�</p><p>�Das wei�t du noch so genau?�, wunderte ich mich, �berlegte einen Moment und begriff dann. �Der Geburtstag der K�nigin. Du hast sie bei einer Feier im George kennengelernt?�</p><p>Er nickte, stie� eine Rauchwolke aus und schaute ihr versonnen nach. �Den Tag werde ich nie vergessen. Ich war eigentlich nur hier, um nach dem Rechten zu schauen und weil Webster mit der Pacht in R�ckstand war. Wie beinahe immer. Und dann habe ich sie gesehen, dort dr�ben neben dem Schanktisch. Mary war einfach bezaubernd. Ich habe mich vom Fleck weg in sie verliebt, wie ein gr�ner J�ngling, dabei war ich damals schon fast vierzig Jahre alt. Und nicht nur ich hab mich in sie verguckt. Webster war auch hinter ihr her, das hat Mary mir sp�ter erz�hlt. Hat sie st�ndig bedr�ngt und konnte die H�nde nicht von ihr lassen. Bis ich ihm auf seine schmierigen Finger gehauen habe. Und nat�rlich dieser junge Seemann aus Essex, Brooks. Wir waren alle wie von Sinnen.� Er unterbrach sich und setzte dann kopfsch�ttelnd hinzu: �Keine Ahnung, was damals in mich gefahren ist. Es klingt kindisch, und ich wei�, dass das keine Entschuldigung ist, aber Mary hat mich vom ersten Augenblick an wie behext.�</p><p>�Du musst dich nicht entschuldigen�, antwortete ich und nippte an meinem Bier. Mir meinen Vater als verliebten Galan vorzustellen, fiel mir nicht leicht. Bislang hatte ich immer gedacht, die einzigen Gef�hle, die er aufbringen k�nnte, g�lten seinen Hotels und Bankkonten. Leise setzte ich hinzu: �Jedenfalls musst du dich nicht bei mir entschuldigen.�</p><p>�Bei wem dann?�, sagte er seufzend. �Bei deiner Mutter? Bei Mary? Bei dem kleinen George? Sie sind alle tot und begraben. Und du hast William und Mortimer geh�rt. Sie halten die ganze Geschichte f�r l�cherlich, nicht der Rede wert. Wen k�mmert�s also?�</p><p>�Dich scheint es zu k�mmern�, sagte ich und sch�ttelte mich, weil das Bier schal und abgestanden schmeckte. �Und das nach all der Zeit.�</p><p>�Ja, seltsam, nicht wahr?�, antwortete er und starrte wie durch mich hindurch. �Ich werde n�chstes Jahr sechzig Jahre alt und habe eine Menge in meinem Leben erreicht. K�nnte eigentlich stolz darauf sein. Aber was ich stattdessen sehe, sind zwei Frauen. Die eine habe ich geheiratet, obwohl ich nicht das Geringste f�r sie empfunden habe, und die andere habe ich geliebt und dadurch ins Ungl�ck gest�rzt. Seitdem du mir am Montag von diesem M�dchen erz�hlt hast ��</p><p>�Celia�, half ich ihm auf die Spr�nge. �Sie hei�t Celia. Du solltest dir angew�hnen, die Menschen beim Namen zu nennen, Vater. Die Menschen und die Dinge.�</p><p>�Hast ja recht, Junge.�</p><p>�Mein Name ist Rupert!�</p><p>�Rupert�, verbesserte er sich. �Seitdem du mir von Celia Brooks erz�hlt hast, ist alles wieder in mir hochgestiegen, was ich l�ngst vergessen hatte. Pl�tzlich ist alles wieder da, als w�re es gerade erst geschehen. Und ich komme mir genauso elend vor wie damals, als ich Mary so sch�ndlich verraten habe. Ich war ein Feigling und L�gner, und daran hat sich nicht viel ge�ndert. Ich komme mir immer noch sch�big vor.�</p><p>Noch nie hatte ich meinen Vater derart zerknirscht und bedr�ckt erlebt. Nichts war von seiner sonstigen �berheblichkeit und Selbstgerechtigkeit geblieben. Und mir ging im gleichen Augenblick auf, dass dies das erste wirkliche Gespr�ch zwischen uns war. Zum ersten Mal redete er mit mir nicht wie mit einem Untergebenen oder Befehlsempf�nger. Und zum ersten Mal sah ich in ihm nicht nur den selbstherrlichen Patriarchen, den ich zwar f�rchtete, aber nicht achtete. Die tadellose Fassade des Harvey Ingram br�ckelte, und mit den Makeln und Fehlern kam ein verwundbarer Mensch zum Vorschein.</p><p>�Warst du deshalb in Essex?�, fragte ich. �Um kein Feigling mehr zu sein?�</p><p>�Mag sein�, sagte er und schnaufte abf�llig. �Aber alles, was ich in Brightlingsea gefunden habe, waren zwei Gr�ber auf einem Friedhof. Das eine neu, das andere verwittert. Und eine verlassene Wohnung unter Quarant�ne.�</p><p>�Quarant�ne?�, staunte ich. �Wieso?�</p><p>�Mary ist am Typhus gestorben. Das haben mir die Nachbarn erz�hlt. Der Arzt hat letzte Woche die Wohnung versiegelt, und seitdem ist Celia Brooks verschwunden. Genauso pl�tzlich wie ihr Vater Jahre zuvor.�</p><p>�Bumbo!� Wie aus dem Nichts war der Wirt wieder an unserem Tisch erschienen und stellte eine dampfende Tasse auf die Holzplatte. �S�� und stark. Wohl bekomm�s, Mr. Ingram!�</p><p>�Sie kennen mich?�, wunderte sich mein Vater.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Webster und grinste. �Ich war damals zwar noch ein Kind, aber ich erinnere mich nat�rlich, dass Ihnen fr�her das George geh�rt hat. Einmal war ich sogar bei Ihnen im Hatchett�s Hotel.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja, ist schon ein paar Jahre her, kurz nachdem die Brauerei das Inn gekauft hat�, sagte Webster und schob die Unterlippe vor, um seine Worte zu unterstreichen. �Es war wegen irgendeinem Gem�lde. Hab�s in so �nem Atelier in der City abgeholt und zur Piccadilly gebracht. Kann mich noch erinnern, dass es ein saftiges Trinkgeld gab.�</p><p>�Der Kobold!�, entfuhr es mir leise. Ich dachte an Simeons Beschreibung des Laufburschen, der das fertige Gem�lde abgeholt hatte. Der h�sslichste Junge, den er je gesehen hatte: spindeld�rr und Ohren wie ein Elefant.</p><p>�Entschuldigung?�, erkundigte sich Webster. �Was meinten Sie?�</p><p>�Nichts�, antwortete ich und r�usperte mich verlegen. �Ich musste nur gerade an etwas denken. Danke, Mr. Webster.�</p><p>Der Wirt nickte mir zu, wandte sich dann um und verschwand hinter seinem Schanktisch, wo der letzte Gast inzwischen mit dem Gesicht auf der Tischplatte eingeschlafen war.</p><p>�Was hat das mit dem Gem�lde und dem Foto auf sich?�, fragte ich meinen Vater, der an dem Grog nippte und angewidert das Gesicht verzog.</p><p>�Das ist eine etwas verworrene Angelegenheit�, antwortete er ausweichend und pustete in die Tasse, dass seine Brillengl�ser beschlugen. �Womit soll ich anfangen? Ich hoffe, du willst keine Einzelheiten �ber unsere Liebschaft h�ren.�</p><p>�Nein�, sagte ich und merkte, wie mir ein Schauder �ber den R�cken fuhr. Ich wollte nicht wissen, wie und wo und wie oft mein Vater es mit seiner Geliebten getrieben hatte. Schon die Vorstellung grauste mich. �Erz�hl von dem Foto!�, bat ich und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie der Wirt den Schlafenden am Kragen packte und heftig sch�ttelte.</p><p>�Das war Marys Idee�, antwortete mein Vater und l�chelte nachdenklich. �Sie wollte unbedingt ein Foto von uns. So eine bunt gerahmte Kabinettkarte, die damals ganz modern und schick war. Damit wir beieinander w�ren, auch wenn wir nicht zusammen sein k�nnten. So �hnlich hat sie sich ausgedr�ckt. Sie konnte sehr romantisch sein. Ich war von der Idee nat�rlich nicht so begeistert.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil �� Er sah mich erstaunt an und meinte: �Ein Foto von uns beiden zusammen? Wenn das in die falschen H�nde geraten w�re. Wie h�tte das denn ausgesehen? Wie h�tte ich das erkl�ren sollen?�</p><p>�Verstehe�, antwortete ich.</p><p>�Ich habe schlie�lich vorgeschlagen, zwei Fotos machen zu lassen�, fuhr er fort. �Eines von mir f�r sie und eines von ihr f�r mich. Das war zwar nicht ganz das, was ihr vorgeschwebt hatte, aber sie hat sich damit zufriedengegeben. Also haben wir es so gemacht.�</p><p>Ich nickte und sch�ttelte gleich darauf den Kopf. �Aber wieso hatte Celia dann das Foto ihrer Mutter bei sich? Und wo ist das andere Bild? Das Foto von dir?�</p><p>�Woher sie das Foto hat, kann ich nur vermuten�, antwortete mein Vater und schnupperte an seinem Grog, als h�lfe ihm der Geruch, sich zu erinnern. �Aber das Foto von mir hat Mary verbrannt. Vor meinen Augen. Ich sagte ja, es ist eine verworrene Geschichte. Und eine �u�erst unsch�ne.�</p><p>�Wie lange wart ihr zusammen?�, fragte ich und sah, wie der Wirt den taumelnden Gast am Schlafittchen packte und aus der Schankstube zerrte. In unsere Richtung rief er: �Ist gleich Feierabend, die Herren!�</p><p>�Etwa ein Dreivierteljahr�, sagte Vater, schob die Tasse von sich und saugte stattdessen an seiner Zigarre. �Anfang des Jahres stellte sich heraus, dass Mary in anderen � also, dass sie � du wei�t schon.�</p><p>�Ein Kind von dir erwartete�, sagte ich.</p><p>�Nicht nur das�, antwortete er und stie� unwirsch den Rauch zur Decke. �Sie erwartete auch, dass ich mich um sie und das Kind k�mmerte. Und zwar nicht nur finanziell. Sie wollte, dass ich ihr eine Wohnung in meiner N�he besorge und das Kind anerkenne. Das war nat�rlich ganz undenkbar.�</p><p>�Nat�rlich�, murmelte ich missbilligend.</p><p>�Ja, nat�rlich!�, beharrte er und schaute mich befremdet an. �Wie h�tte das denn gehen sollen? Was glaubst du, was das f�r einen Skandal gegeben h�tte. Ich war schlie�lich verheiratet und hatte drei kleine Kinder!�</p><p>�Das hat dich nicht davon abgehalten, etwas mit einem Schankm�dchen anzufangen�, konterte ich und hielt seinem bohrenden Blick stand.</p><p>�Ja, ich wei�. Aber das uneheliche Kind anerkennen?�, antwortete er und senkte den Blick. �Unm�glich! Ich wei� nicht, wie Mary auf diese verr�ckte Idee kam.�</p><p>�Glaubst du, sie wollte ihr Leben lang als Magd in Southwark arbeiten und gleichzeitig die Geliebte eines Gentlemans aus dem West End sein?�</p><p>�Ich habe ihr nie irgendwelche Versprechungen gemacht!�, platzte es aus ihm heraus. �Und wenn auch; man darf doch nicht jedes Wort gleich auf die Goldwaage legen!�</p><p>Ich unterdr�ckte einen Kommentar, der wom�glich zu harsch ausgefallen w�re, doch mein Vater schien an meinem Blick ablesen zu k�nnen, was mir auf den Lippen lag. Er starrte auf seine Finger und murmelte: �Ich wollte, dass es wieder so wird wie zu Beginn, fr�hlich und unbeschwert. Ich wollte, dass das Kind �� Er holte tief Luft und sagte dann leise: �Im Club hatte ich von einer Frau geh�rt, die einigen befreundeten Mitgliedern in vergleichbaren F�llen aus der Patsche geholfen hatte. Eine ehemalige Krankenschwester mit viel Erfahrung auf dem Gebiet, aber davon wollte Mary nichts h�ren.�</p><p>�Eine Engelmacherin?�, rief ich.</p><p>�Nicht so laut, Rupert!�, sagte er und schaute besorgt zum Eingang, wo der Wirt dabei war, die T�r zu schlie�en, einen Holzriegel vorzulegen und die Lampe neben dem Eingang zu l�schen. �Mary wollte das Kind unbedingt haben, es war ihr einfach nicht auszureden. Sie konnte f�rchterlich eigensinnig sein. Und als sie schwanger war, wurde es immer schlimmer mit ihr. Man konnte einfach nicht mehr vern�nftig mit ihr reden. Mir blieb gar keine andere Wahl.�</p><p>�Also hast du sie zum Teufel gejagt.�</p><p>�Zum Teufel?� Er nahm die Brille ab und rieb sich �ber die Nasenwurzel. �Das nun nicht, aber es stimmt, ich wollte sie loswerden. Weit weg, irgendwohin, wo sie keinen Schaden anrichten konnte. Ich wusste nicht mehr weiter. Es war alles au�er Kontrolle geraten.�</p><p>�Und wie kam dieser Brooks ins Spiel?�</p><p>�Das war Websters Idee�, antwortete er achselzuckend. �Brooks war ein junger Seemann oder Hafenarbeiter, der seit Monaten jeden Abend in die Sch�nke kam, um Mary anzuhimmeln. Sie hat nur dar�ber gel�chelt und sich �ber seine Avancen lustig gemacht, doch das hat den Kerl nicht davon abgehalten, sie mit gro�en Augen anzuschmachten. Er war �hnlich behext, wie ich es am Anfang gewesen war. V�llig verr�ckt nach ihr.�</p><p>�Verr�ckt genug, das Kind eines anderen als das eigene anzuerkennen?�, wunderte ich mich. �Und die Geliebte eines anderen zu heiraten?�</p><p>�Ich habe mit einer �ppigen Belohnung nachgeholfen�, sagte er und mied meinen Blick. �Aber ich glaube, er h�tte Mary auch ohne das Geld geheiratet.�</p><p>�Du hast sie verschachert?�</p><p>�Verschachert?!� Vater schaute mich erschrocken an, doch dann nickte er. �Ja, so kann man es sehen. Ich habe mich freigekauft.�</p><p>�Wieso hat Mary sich darauf eingelassen?�</p><p>�Was blieb ihr anderes �brig?�, antwortete er. �Ich hatte sie im Stich gelassen und ihr klargemacht, dass ich das Kind niemals anerkennen w�rde. Auf mich konnte sie nicht z�hlen. Und Webster hat gedroht, sie auf die Stra�e zu setzen, wenn sie nicht mit Brooks nach Essex ginge. Ein schwangeres Schankm�dchen konnte er nicht gebrauchen, sonst h�tte es nachher noch gehei�en, er h�tte sie geschw�ngert. Webster war in alles eingeweiht und hat das Ganze eingef�delt.�</p><p>�Gegen eine �ppige Belohnung?�, vermutete ich.</p><p>Wieder nickte er und sagte: �Die Geschichte hat mich viel Geld gekostet. Ich habe f�r meine Dummheit eine Menge Lehrgeld gezahlt.�</p><p>Vater hatte recht gehabt. Es war eine �u�erst unsch�ne Geschichte. Kein Wunder, dass er sie zwischenzeitlich aus seinem Kopf verbannt hatte. Und dass sie ihm immer noch zu schaffen machte. Harvey Ingram und Rodney Webster hatten auf ganz schmutzige Weise ihre Felle ins Trockene gebracht, wie zwei ausgemachte Halunken!</p><p>Wie aufs Stichwort erschien der Sohn des damaligen Wirts an unserem Tisch, griente entschuldigend und sagte: �Es ist bald Mitternacht, die Herren!�</p><p>Ich erwies mich als echter Ingram, zog eine Pfundnote aus der Brusttasche und hielt sie Webster vor die Nase: �Den Rest k�nnen Sie behalten. Sie haben doch sicherlich noch einiges in der K�che zu erledigen, oder?�</p><p>�Gibt immer was zu tun�, sagte der Wirt, machte einen B�ckling, steckte das Geld ein und verschwand.</p><p>Beim Griff in den Mantel war ich auf das Foto gesto�en, das eingerollt in der Brusttasche steckte, und wandte mich nun wieder meinen Vater zu: �Was war mit dem Gem�lde? Wieso hast du das Foto abmalen lassen?�</p><p>Er seufzte laut und stie� m�hsam hervor: �Eine dumme Laune. Ein Anfall von Sentimentalit�t. Um ehrlich zu sein, ich wei� es nicht.�</p><p>�Du wei�t es nicht? Was soll der Unfug?�</p><p>Wieder flammte Unmut in ihm auf. Er war w�tend auf mich, weil ich all die unangenehmen Fragen stellte, und auf sich selbst, weil er keine schl�ssigen Antworten darauf wusste. Er wand sich auf seinem Stuhl, entz�ndete die erloschene Zigarre an der Lampe und sch�ttelte immer wieder den Kopf, als w�re er mit dem, was ihm durch den Sch�del ging, selbst nicht einverstanden. Dann hielt er pl�tzlich inne und sagte: �An dem Tag, als sie das George Inn verlassen hat, habe ich Mary ein letztes Mal gesehen. Ich wollte mich von ihr verabschieden und ihr das Foto zur�ckgeben.�</p><p>�Warum?�</p><p>Er schaute mich verst�ndnislos an.</p><p>�Warum musstest du ihr das Foto zur�ckgeben? Wieso hast du es nicht einfach in den M�ll geworfen? Oder verbrannt?�</p><p>Sein konsternierter Blick verriet mir, dass er tats�chlich niemals auf diese Idee gekommen war. Dass es ihm schlichtweg unm�glich gewesen war, das Bild zu zerst�ren. �Du warst immer noch verr�ckt nach ihr, nicht wahr?�, vermutete ich. �Das Foto war nur ein Vorwand, sie wiederzusehen.�</p><p>Statt auf meine Frage zu antworten, sagte er mit finsterer Miene: �Mich von Mary zu verabschieden, war keine gute Idee. Das h�tte ich eigentlich wissen m�ssen. Sie hat mir das Foto aus der Hand gerissen, es angespuckt und zu Boden geworfen. Dann hat sie das Foto von mir aus dem Koffer geholt und vor meinen Augen verbrannt. Ihren hasserf�llten Blick werde ich niemals vergessen. Sie hat geguckt, als w�re es ihr am liebsten gewesen, wenn ich mit dem Bild verbrannt w�re. Dann ist sie mit dem Koffer in der Hand davongeeilt.�</p><p>�Kann ich ihr nicht verdenken�, sagte ich und zog das Foto aus meiner Brusttasche. �Und das Bild von ihr?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln und sagte: �Als ich ging, lag es auf dem Boden in ihrem Zimmer. Dreckig und bespuckt. Ich hab es liegen lassen.�</p><p>Diesmal antwortete ich mit einem verst�ndnislosen Blick.</p><p>�Komm!�, rief er pl�tzlich, schnappte sich die Lampe vom Tisch und stand auf. Er warf den Zigarrenstummel in den Grog und ging zum Ausgang. Statt jedoch die T�r zu entriegeln und nach drau�en zu gehen, verschwand er durch eine Pendelt�r nach nebenan. Dort befand sich ein schmales Treppenhaus, das die Schankr�ume mit den Herbergszimmern und den Galerien verband. Ungeduldig rief er mir zu: �Nun mach schon!�</p><empty-line/></section><section><p>7</p><p>Als ich durch die Pendelt�r trat, stand mein Vater eine halbe Treppe h�her und beleuchtete mit der Petroleumlampe die Wand, an der verschiedene Fotografien und Zeichnungen hingen: Stadtansichten und Karten von Southwark, alte Postkarten des George Inn und gerahmte Miniaturportr�ts. Den Segelohren und Strubbelhaaren nach zu urteilen, handelte es sich um Mitglieder der Familie Webster.</p><p>�Hier habe ich es wiederentdeckt�, sagte mein Vater und deutete mit der Lampe auf ein gerahmtes Flugblatt an der Wand. �Genau an dieser Stelle.�</p><p>�Was hast du entdeckt?�</p><p>�Das Foto von Mary.�</p><p>Ich stellte mich neben meinen Vater, betrachtete das vergilbte und an den R�ndern eingerissene Flugblatt und las:</p><p>�Spektakulum in der �Pig &amp; Pox Tavern�</p><p>DER MORD AM OLD BARGE HOUSE</p><p>Drama von Raymond Webster�</p><p>Das Papier schien alt zu sein. Es pries irgendein Theaterst�ck an, das in einer Southwarker Kneipe aufgef�hrt wurde. Weder von dem St�ck noch von der Kneipe hatte ich je etwas geh�rt. Der Name des mir ebenfalls unbekannten Autors stellte allerdings die Verbindung zum heutigen George Inn her.</p><p>�Ich verstehe nicht�, sagte ich.</p><p>�Genau an der Stelle hing vor acht Jahren das Foto von Mary�, erkl�rte mein Vater. �Genau hier habe ich es wiedergesehen.�</p><p>�Vor acht Jahren?�</p><p>�Bei der Begehung der Sch�nke. Als ich mit Mr. Barclay und den Anw�lten im George Inn war, um den Verkauf zu verhandeln�, antwortete er nickend. �Mehr als zehn Jahre hatte ich nicht mehr an das Foto gedacht. Ich hatte es v�llig vergessen, wie ich auch Mary aus meinem Ged�chtnis gestrichen hatte. Seit ewigen Zeiten war ich nicht mehr in Southwark gewesen. Hab immer einen gro�en Bogen um das George Inn gemacht und mit Webster nur �ber Boten oder per Post verkehrt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich war, als die Barclay-Brauerei mit dem Kaufanliegen an mich herantrat.� Wieder ging sein Blick zur Wand. �Und pl�tzlich hing es da. Rodney Webster scheint es aufgeh�ngt zu haben. Keine Ahnung, warum er das getan hat. Ich hab ja gesagt, dass er selbst auch ein Auge auf Mary geworfen hatte. Wahrscheinlich hat er es im Gesindehaus auf dem Boden gefunden. Ich habe ihn nie danach gefragt.� Er sch�ttelte den Kopf und setzte atemlos hinzu: �Ich w�re vor Schreck beinahe hinten�bergekippt. Es war wie ein Schlag. Pl�tzlich l�chelte Mary mich an, im Treppenhaus des George Inn. Gerahmt an der Wand. Zwischen all den h�sslichen Webster-K�pfen.�</p><p>�Na, na, Mr. Ingram!�, erklang in diesem Moment die Stimme des Wirts von der T�r. �Kein Grund, gleich ausfallend zu werden. Vergessen Sie nicht, dass Ihnen das George nicht mehr geh�rt! Auch wenn ich einen h�sslichen Webster-Kopf hab, bin ich nach wie vor der Boss hier und lass mich nicht beleidigen!�</p><p>Vater reagierte nicht und starrte unbeirrt auf die Wand. Er schien vollst�ndig den eigenen Gedanken nachzuh�ngen und redete weiter, als spr�che er zu sich selbst: �Webster hat sich diebisch gefreut, als er meine Reaktion gesehen hat. Als h�tte er das Bild nur aufgeh�ngt, damit ich es irgendwann mal zu Gesicht bekomme. �Die gute Mary! Ein h�bsches Kind�, hat er gemeint und dreckig gelacht. �Was wohl aus ihr geworden ist? Und aus dem armen Bastard?� Mir war so �bel, dass ich mich beinahe �bergeben h�tte. Webster hat zufrieden gekichert. Und dann wollte er mir das Bild sogar schenken.�</p><p>�Aber du wolltest es nicht�, sagte ich und glaubte sogar, den Grund zu verstehen. �Weil sie es bespuckt und zu Boden geworfen hatte. Weil die Erinnerung daran verg�llt war.�</p><p>�Vielleicht�, seufzte Vater und zuckte mit den Schultern. �Es w�re nicht recht gewesen.�</p><p>�Sie reden von dieser Mary Tremain, oder?�, sagte Webster, der immer noch in der T�r stand. �Hab ich mir schon gedacht, als Sie vorhin den Namen Mary erw�hnt haben. Tut mir leid, Sir, aber Sie kommen ein paar Tage zu sp�t. Ich hab das Foto ihrer Tochter Celia gegeben.�</p><p>�Sie kennen Celia?�, rief ich und wandte mich erstaunt zu ihm um.</p><p>Er grinste anz�glich, zuckte mit den Schultern und fragte: �War diese Mary auf dem Gem�lde abgebildet?�</p><p>�Der Vorschlag kam von Webster�, antwortete mein Vater, wobei nicht klar war, ob er sich an mich oder den Wirt wandte. �Er meinte, man k�nnte das Foto abmalen lassen. In Farbe s�he es vermutlich noch sch�ner aus und w�re nicht so verf�nglich wie eine Fotografie. Er h�tte von einem Maler geh�rt, der f�r ein paar Flaschen Schnaps alles malte, was man wollte, auch schweinischen Kram. Falls mir der Sinn danach w�re. Der Maler w�re mal eine gro�e Nummer in der Kunstakademie gewesen, aber jetzt w�re er froh, wenn er �berhaupt irgendwelche Auftr�ge bek�me. Es h�tte da irgendeinen Skandal gegeben.�</p><p>�Simeon Solomon�, sagte ich.</p><p>�Den Namen des Malers wusste Webster nicht�, antwortete Vater und ging die Stufen hinunter, bis er direkt vor dem Wirt stand. �Er kannte den Mann nur vom H�rensagen.�</p><p>�Jetzt versteh ich!�, rief Webster belustigt und grinste schief. �Es war ein Nacktbild! Schade, dass ich�s nie zu Gesicht bekommen habe. War schon eingepackt, als ich�s beim Maler abgeholt hab.�</p><p>�Gar nichts verstehen Sie!�, fauchte mein Vater, packte den Wirt an der Krawatte und stie� ihn w�tend von sich. �Sie sind ein ebensolcher Widerling wie Ihr Vater!�</p><p>�Das sagt ja der Richtige!�, h�hnte Webster und rappelte sich auf. �Steigt unschuldigen Schankweibern hinterher, aber mokiert sich dar�ber, wenn man ihn f�r einen L�stling h�lt!� Er richtete seine Krawatte, baute sich vor meinem Vater auf und deutete zur T�r. �Und jetzt raus hier, Sir! Bevor ich mich vergesse!�</p><p>Vater wollte etwas erwidern, doch dann sch�ttelte er nur den Kopf und wandte sich resigniert dem Ausgang zu.</p><p>W�hrend ich ihm nach drau�en folgte, rief mir der Wirt nach: �Wenn Sie Celia sehen, Mr. Ingram, dann gr��en Sie sie von Rod Webster. Und falls sie eine Arbeit sucht: Ein magnetisches Schankm�dchen kann ich immer gebrauchen.� Er lachte laut und knallte die T�r hinter mir zu.</p><p>Mein Vater war bereits auf der Stra�e und stand mit offenem Mantel und barh�uptig im Nebel, der inzwischen fast wie Watte f�hlbar war. Der Drehorgelspieler war verschwunden, nur noch einzelne Fuhrwerke ratterten die High Street entlang, wenige Passanten waren auf dem Gehweg zu sehen. Sie wirkten im Nebel wie Phantome, die pl�tzlich auftauchten und sofort wieder verschwanden.</p><p>�Komm!�, sagte ich zu ihm und reichte ihm den Zylinder, den er im Hof der Sch�nke verloren hatte. �Die Kutsche bringt dich nach Hause.�</p><p>�Das Schlimme ist�, sagte mein Vater abwesend und lie� sich wie ein Kind den Hut aufsetzen. �Der junge Webster hat recht.�</p><p>Ich fasste ihn am �rmel und f�hrte ihn �ber die Stra�e, in Richtung Eisenbahnbr�cke, wo der Kutscher immer noch auf uns wartete. Nur die beiden Au�enlampen der Hotelkutsche waren aus der Entfernung zu sehen.</p><p>�Was ich nicht verstehe�, sagte ich und sah meinen Vater von der Seite an. �Warum hast du dieses zuckers��e Bild mit dem wei� gekleideten Hirtenm�dchen und dem niedlichen Viehzeug in Auftrag gegeben? Die ganze Szenerie hat nicht das Geringste mit Mary zu tun.�</p><p>�Genau das war die Absicht�, antwortete er und gab dem Kutscher, der es sich auf der R�ckbank gem�tlich gemacht hatte, mit dem Gehstock ein Zeichen. �Erst habe ich Websters Vorschlag f�r dummes Zeug gehalten und abgelehnt. Ich wollte kein Gem�lde von Mary, genauso wie ich das Foto nicht wollte. Doch dann wurde ich den Gedanken einfach nicht mehr los. Es war eine Schnapsidee, aber zugleich sehr verf�hrerisch. Wie ich schon sagte, es war eine dumme Laune. Und deshalb bin ich einige Tage sp�ter, nachdem der Verkauf geregelt war, ins George Inn gegangen und habe Webster gebeten, sich darum zu k�mmern. Nat�rlich ohne meinen Namen zu nennen. Ich habe ihm aufgetragen, dass das Bild m�glichst unauff�llig sein sollte. Nichts Dramatisches, nichts Realistisches, eine harmlose Pastorale eben.�</p><p>�Damit du es anschauen und in deinem B�ro aufh�ngen konntest, ohne dich erkl�ren zu m�ssen�, konstatierte ich.</p><p>�Ja, so ist es.� Er hob die Achseln und bestieg die Kutsche. �Komm jetzt, Rupert, es ist sp�t geworden�, sagte er und reichte mir die Hand.</p><p>Ich blieb auf dem Gehweg stehen und sch�ttelte den Kopf. �Fahr du nur nach Hause, Vater! Ich bleibe noch und vertrete mir ein wenig die Beine.�</p><p>�Bei dem Nebel?�</p><p>�Nach den ganzen Ereignissen heute schwirrt mir ein wenig der Kopf. Es ist alles so verworren, und es gibt so viel, �ber das ich nachdenken muss.�</p><p>�Das kannst du auch zu Hause tun.�</p><p>�Ich werde sp�ter nach Hause kommen�, sagte ich. �Aber ich werde nicht mehr lange im Hatchett�s bleiben. Damit hat es ein Ende. Das wei�t du, oder?�</p><p>�Willst du wieder im Crown wohnen?�, antwortete er �berrascht und beugte sich aus der Kutsche. �William wird zwar nicht erfreut dar�ber sein, aber ich werde das schon mit ihm regeln. Wir k�nnen alles so belassen, wie es fr�her war.�</p><p>�Nein�, sagte ich kopfsch�ttelnd. �Nichts soll so sein wie fr�her!�</p><p>Er nickte und fragte: �Was hast du vor? Wo willst du hin?�</p><p>�Genau dar�ber muss ich mir Gedanken machen�, antwortete ich und klopfte dem Pferd auf die Kruppe. �Gute Nacht, Vater!�</p><p>Kurz darauf schlugen die Glocken von St. Saviour zur Mitternacht.</p><empty-line/></section><section><p>8</p><p>W�hrend die Kutsche wendete und nach kurzer Zeit im dichten Nebel verschwand, kam mir pl�tzlich eine Frage in den Sinn, die ich meinem Vater zu stellen vergessen hatte. Eine Frage, die ich mir selbst zu stellen versagt hatte: Was war mit unserer Mutter? Hatte sie von der Aff�re gewusst? Auch von dem illegitimen Bastard, der einen Skandal h�tte ausl�sen k�nnen? Und wenn ja, wie hatte sie auf das Liebesabenteuer ihres Mannes reagiert?</p><p>Doch so seltsam es mir auch vorkam, die Antworten auf diese Fragen waren mir eigentlich nicht so wichtig. Meine Mutter spielte, so herzlos das auch klingen mochte, in all meinen �berlegungen kaum eine Rolle. Das Schicksal der Mary Tremain, eines mir g�nzlich unbekannten Schankm�dchens, ber�hrte mich mehr als das Los meiner eigenen Mutter, die von meinem Vater hintergangen worden war. W�hrend ich in Richtung London Bridge ging und man in unmittelbarer N�he des Flusses kaum noch die Hand vor Augen erkennen konnte, versuchte ich mir zu erkl�ren, warum ich in Bezug auf meine Mutter so gleichg�ltig war.</p><p>Wenn ich an Rhoda Ingram dachte, so sah ich immer ein seltsam konturloses und schemenhaftes Wesen vor mir. Wie ein verwaschenes Aquarell. Das lag sicherlich auch daran, dass sie vor beinahe zehn Jahren an einer Lungenentz�ndung gestorben und meine Erinnerung im Laufe der Zeit zunehmend verblasst war. Doch es hatte vor allem damit zu tun, dass ich sie in meiner Kindheit nie wirklich als liebende und sorgende Mutter erlebt hatte. W�hrend mein Vater das Gesch�ftliche regelte und mit strenger Hand das Unternehmen f�hrte, verwaltete meine Mutter ebenso akribisch die Familie, befehligte das Personal und delegierte die entsprechenden Aufgaben. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter waren in gewisser Weise immer nur die Verwalter �u�erer Abl�ufe gewesen. Sie hatten daf�r gesorgt, dass die Familie und die Firma reibungslos funktionierten. An unser Kinderm�dchen Susan, an die Klavierlehrerin Mrs. Appleby, an die alte K�chin Brenda, ja sogar an den stocksteifen Portier Bellamy hatte ich innigere und herzlichere Erinnerungen als an meine Eltern.</p><p>Ich hatte inzwischen die Themse �berquert, doch statt mich nach links zu wenden, um am Nordufer in Richtung Westminster zu gehen, schlug ich aus keinem besonderen Grund die entgegengesetzte Richtung ein. Das Hatchett�s erschien mir im Moment als Ziel nicht besonders erstrebenswert. Ich ging stattdessen am Fischmarkt von Billingsgate vorbei zum Tower Hill und sah das einger�stete und halbfertige Skelett der neuen Tower Bridge aus dem Nebel ragen. Direkt am Wasser f�hrte ein schmaler Pfad am Tower vorbei bis zu den Docks, die mich immer an ein riesiges Labyrinth erinnerten. Es handelte sich um ein schier endloses Gewimmel aus Lagerh�usern, Kaimauern, ins Wasser ragenden Piers, Lastkr�nen, Hafenbecken, Wasserstra�en und Zugbr�cken, das auf mich wie eine Stadt in der Stadt wirkte.</p><p>W�hrend ich ziellos und zunehmend orientierungslos durch die Docks von St. Katherine schlenderte und dabei lediglich darauf achtete, nicht versehentlich in ein Wasserbecken zu st�rzen oder gegen einen in der Dunkelheit kaum zu erkennenden Poller zu sto�en, musste ich daran denken, wie beh�tet und zugleich lieblos meine Kindheit verlaufen war. Jedenfalls was meine Eltern anging. Entsprechend distanziert war mein Verh�ltnis zu ihnen immer geblieben. Als unser Kinderm�dchen Susan seinerzeit den Dienst bei der Familie Ingram quittiert hatte, um zu heiraten und fortan eigene Kinder aufzuziehen, hatte ich Rotz und Wasser geheult und mich wie ein Ertrinkender an ihr Kleid geklammert, um sie nicht fortzulassen. Doch als meine Mutter infolge einer Diphtherie mit pl�tzlich auftretender Lungenentz�ndung auf dem Sterbebett lag und viel zu fr�h Abschied von ihrer Familie nehmen musste, hatte ich M�he, mir eine Tr�ne aus dem Augenwinkel zu quetschen. Ich trauerte um meine Mutter, weil man es von mir als gehorsamem Sohn erwartete, aber ich sp�rte den Schmerz und Verlust nur ged�mpft. Zugleich machte ich mir deshalb b�se Vorw�rfe, weil ich mich f�r undankbar hielt. Wenn ich an den Tod meiner Mutter dachte, hatte mich immer ein schlechtes Gewissen geplagt, weil ich so wenig f�r sie empfunden hatte. Und immer noch empfand.</p><p>Die St. Katherine Docks lagen inzwischen hinter mir und die London Docks vor mir, und dazwischen schl�ngelte sich die Nightingale Lane zwischen den Lagerh�usern hindurch. Rechts f�hrte ein Kanal vom Eingang der Docks bis zur Themse, links ging eine Bahntrasse von den Lagerh�usern f�r Wolle, Tabak und Tee bis zu den Eisenbahndepots an der Royal Mint Street. Im Schatten des Bahndammes befand sich eine ziemlich sch�bige Kneipe, die dem Anschein und Namen nach von Chinesen gef�hrt wurde. Sie nannte sich Lotus Pub. Vor dem Eingang lungerten einige Seem�nner und Hafenarbeiter herum, die mich neugierig be�ugten. Obwohl ich mich schon oft in dieser Gegend herumgetrieben und viele Gasth�user und Opiumkeller besucht hatte, war mir dieser Pub unbekannt. Er machte keinen besonders einladenden Eindruck auf mich. Zur jetzigen Stunde und in meiner derzeitigen Aufmachung schien es mir nicht ratsam, die Sch�nke zu betreten.</p><p>Ich zog den Zylinder tief ins Gesicht, schlug den Pelzkragen meines Mantels hoch, passierte den Lotus Pub auf der gegen�berliegenden Stra�enseite und ging auf der Nightingale Lane nach Norden, immer den Bahndamm entlang. Als ich die Stelle erreicht hatte, wo sich die Trasse vor dem Westeingang der London Docks gabelte und sich die Gasse zu einem kleinen Verladeplatz �ffnete, bemerkte ich zwei M�nner hinter mir. Sie waren mir offenbar vom Lotus Pub gefolgt und blieben ebenfalls stehen, als ich auf dem Platz anhielt und mir unter einer Laterne eine Zigarette anz�ndete. Der offene und halbwegs beleuchtete Platz bot den M�nnern nicht die Deckung, die sie offenbar zu finden hofften, daher steckten sie die K�pfe zusammen, als wollten sie nur einen kleinen Plausch halten. W�hrend ich das Streichholz wegwarf und das Zigarettenetui wieder in meiner Brusttasche verstaute, schaute ich mich scheinbar beil�ufig um, w�hrend ich fieberhaft nach einem Fluchtweg suchte. Der Weg zur�ck war mir durch die M�nner versperrt, der Eingang zu den ringsum bebauten Docks war ebenfalls nicht zu empfehlen, da ich dort wie in einer Falle sa�. Blieben nur die beiden Gassen, die links und rechts vom Ladeplatz abgingen. Die eine f�hrte nach Westen in Richtung Tower Hill und war so schmal und dunkel, dass sie wie eine Einladung f�r jeden R�uber wirken musste. Die andere Stra�e f�hrte rechter Hand unter dem Bahndamm hindurch und war von meinem jetzigen Standort, nicht nur wegen des Nebels, kaum einzusehen. Dennoch entschied ich mich aus Mangel an Alternativen f�r diese letzte Option. Langsam trottete ich zur dunklen Unterf�hrung und war nicht wirklich �berrascht, dass sich die beiden M�nner ebenfalls wieder in Bewegung setzten. Als ich unter der Eisenbahnbr�cke ankam und f�r kurze Zeit aus dem Blickfeld meiner Verfolger verschwunden war, rannte ich los.</p><p>Erst als ich die winzige und g�nzlich unbeleuchtete Gasse sah, die vermutlich nur als Zufahrt f�r Lastwagen diente und in einem Halbbogen zur�ck zu den Docks f�hrte, erkannte ich, dass ich mich f�r die falsche Seite entschieden hatte. Hinter mir h�rte ich das rasche Klacken der Stiefel auf dem Pflaster, vor mir sah ich nichts als Nebel und die Schatten der Lagerh�user. Keine Menschen auf der Stra�e, keine Lichter hinter den Fenstern, keine Gasth�user, in die ich mich h�tte fl�chten k�nnen. Ich �berlegte bereits, ob ich mich den beiden Kerlen stellen und ihnen freiwillig meine Geldb�rse geben sollte, um auf diese Weise m�glichst glimpflich davonzukommen, als ich einen schmalen, sehr steilen Trampelpfad bemerkte, der linker Hand zum Bahndamm hinauff�hrte. Zwar wusste ich nicht, wohin der unbefestigte Weg f�hrte, aber schlimmstenfalls k�nnte ich auf den Gleisen weiter nach Norden laufen.</p><p>Ich hatte vermutlich einen Moment zu lange �berlegt. Als ich oben auf dem eingleisigen Bahndamm angekommen war, stellte ich erschrocken fest, dass die beiden M�nner mich gesehen oder geh�rt hatten und ebenfalls den Trampelpfad hinaufrannten. Der Weg f�hrte zu einem kleinen Stellwerk neben der Strecke und endete dort. Also blieb mir nichts anderes �brig, als direkt auf den Gleisen weiterzulaufen und zu hoffen, dass ich einen Ausweg fand, bevor ein n�chtlicher G�terzug meine Flucht � und wom�glich mein Leben � beendete.</p><p>Gl�cklicherweise vermuteten die beiden M�nner zun�chst, ich w�rde mich beim Stellwerk vor ihnen verstecken. W�hrend sie das Gel�nde um das Geb�ude absuchten, konnte ich den Vorsprung auf meine Verfolger ausbauen. Die Gleise f�hrten auf steinernen B�gen und zwischen engen H�userschluchten hindurch direkt nach Norden, wo sie die Royal Mint Street �berquerten, bevor sie die Trassen der Blackwall Railway erreichten. Die beiden M�nner hatten mittlerweile offenbar ihren Irrtum bemerkt, denn ich konnte h�ren, dass sie mir auf den Gleisen folgten. Ich war in der Zwischenzeit an der Br�cke �ber der Royal Mint Street angelangt und stellte erleichtert fest, dass eine eiserne Leiter von dem Bahndamm steil nach unten f�hrte und nur etwa zehn Fu� �ber dem Stra�enniveau endete. Schnell kletterte ich hinunter, lie� mich von der untersten Sprosse hinabh�ngen, sprang aufs Pflaster und rannte davon. Erst rechts, dann links unter der Blackwall-Trasse hindurch, gleich wieder rechts am Bahndamm entlang und schlie�lich im Zickzack durch die schmalen Gassen, bis ich jede Orientierung verloren hatte und nicht mehr wusste, ob ich mich noch in St. George in the East oder bereits in Whitechapel oder Wapping befand. Da ich die meiste Zeit nach Norden gelaufen war und mich somit vom Fluss entfernt hatte, war der Nebel nicht so dicht wie unten an den Docks.</p><p>Meine Verfolger hatte ich offensichtlich abgesch�ttelt. Keine hastigen Schritte waren hinter mir zu h�ren, keine Bewegung im Nebel zu sehen. Als ich einen noch ge�ffneten Pub an der n�chsten Stra�enecke bemerkte, wusste ich, dass ich gerettet war. Die Kneipe hie� The Lord Nelson und befand sich an der Ecke Fairclough und Berner Street.</p><p>Es durchfuhr mich wie ein Stromschlag. Obwohl ich v�llig au�er Atem war und mir der Schwei� �ber die Stirn und in den Nacken lief, war ich sofort hellwach und in h�chstem Ma�e konzentriert. Dies war die Stra�e, in der Elizabeth Stride ermordet worden war. Und das Lord Nelson war wom�glich jene Kneipe, vor der der Mann mit dem Messer gestanden hatte, von dem der mysteri�se Ungar berichtet hatte. Wenn dem so war, dann musste sich der Tatort in unmittelbarer N�he befinden. In den Zeitungen war stets von einem angrenzenden Club f�r Arbeiter die Rede gewesen, der mal als j�disch, mal als sozialistisch bezeichnet wurde. Tats�chlich sah ich nur wenige Schritte von der Kneipe entfernt ein dreist�ckiges Geb�ude mit einem Schriftzug �ber dem Eingang an der Stra�e: �International Working Men�s Educational Club�.</p><p>Neben diesem Arbeiterclub f�hrte ein schmaler Durchgang zu einem r�ckw�rtigen Hof, in dem sich die Werkstatt des Wagenbauers Arthur Dutfield befand, wie auf dem h�lzernen Tor zu lesen war, das die Passage von der Stra�e absperrte. Ich erinnerte mich, dass in den Zeitungen oft von Dutfield�s Yard die Rede gewesen war. Es konnte kein Zweifel bestehen: Meine Flucht vor den Verfolgern hatte mich direkt zu der Stelle gef�hrt, an der Long Liz gestorben war. Hinter diesem zweifl�geligen Holztor, dem ich mich nun wie elektrisiert n�herte, hatte der M�rder ihr die Kehle durchgeschnitten. An genau der Stelle, an der ich nun stand, hatte sie sich mit dem schnauzb�rtigen Mann gestritten.</p><p>Als ich meinem Vater vorhin gesagt hatte, ich wolle mir noch ein wenig die Beine vertreten, hatte ich nicht bewusst vorgehabt, ins East End oder gar zur Berner Street zu gehen, und doch war es nat�rlich kein Zufall gewesen, dass mich meine Schritte die ganze Zeit nach Nordosten gef�hrt hatten, als w�rde ich von einem Magneten angezogen. Als w�re ich nur ein Rad in einer Maschine, in der alles ineinandergriff und die einem bestimmten Zweck diente.</p><p>Das Holztor war nicht verschlossen. Ich h�rte ein jaulendes Ger�usch, als ich es aufstie�, begriff aber erst verz�gert, dass das Jaulen nicht von dem Tor stammte und dass es eher wie ein Wimmern oder Jammern klang. In dem Durchgang war es so finster, dass ich meine Hand kaum vor Augen sehen konnte. Zun�chst war nur das leise Wehklagen zu h�ren, dann auch ein Schnaufen oder Schnorcheln, als h�tte jemand M�he, Luft zu bekommen. Dann wurde es pl�tzlich ganz still.</p><p>�Hallo!�, rief ich und bem�hte mich, nicht zu �ngstlich zu klingen.</p><p>Keine Antwort.</p><p>�Ist da jemand?�, versuchte ich es erneut.</p><p>�Verpiss dich!�, antwortete diesmal eine heisere Frauenstimme. Ein schmerzhaftes �chzen verriet, dass das Fluchen der Frau weh getan hatte.</p><p>Statt der Aufforderung Folge zu leisten, entz�ndete ich ein Streichholz und hielt es in die H�he. Direkt neben dem verschlossenen Seiteneingang zum Arbeiterclub sah ich eine Frau auf dem Boden kauern, die H�nde vor dem Gesicht, die Kleidung in Unordnung und teilweise zerrissen. Kurz bevor das Z�ndholz meine Finger ansengte, warf ich es zu Boden und sagte: �Haben Sie keine Angst!�</p><p>�Ich hab keine Angst�, fauchte die Unbekannte. �Und jetzt zieh Leine!�</p><p>Abermals entz�ndete ich ein Streichholz, und weil sie die H�nde inzwischen heruntergenommen hatte, konnte ich das Gesicht der jungen Frau erkennen. Sie hatte eine blutige Nase und eine aufgeschlagene Unterlippe, ihre Wangen waren mit roten Striemen �bers�t.</p><p>�Was ist passiert?�, rief ich und reichte ihr die Hand, um ihr aus dem Rinnstein zu helfen. �Wer hat das getan?�</p><p>�Was schert dich das?�, schnauzte sie mich an, lie� sich aber dennoch aufhelfen. �K�mmer dich um deinen eigenen Kram!� Ihre heisere Stimme und das blasse Gesicht kamen mir bekannt vor, doch ich kam nicht darauf, wo ich die Frau schon einmal gesehen hatte. Als sie auf den Beinen stand, fuhr ihr ein Schmerz durch den K�rper, und sie fasste sich an den Unterleib. Im selben Augenblick erlosch die Flamme.</p><p>�Sie brauchen einen Arzt�, sagte ich und st�tzte sie.</p><p>�Wer bist du?�, knurrte die Frau, doch es klang nun weniger abweisend. �Ein verdammter Samariter? Oder so �n Spinner von der Heilsarmee?�</p><p>�Weder noch�, antwortete ich und f�hrte sie hinaus auf die Stra�e und zur n�chsten Laterne. Da ich dem Gesicht der Unbekannten nun ganz nahe war, konnte ich ihre strenge Alkoholfahne riechen. Ich zog ein Taschentuch aus meiner Manteltasche, tupfte ihr Gesicht ab und sagte: �Ihre Wunden sollten behandelt werden.�</p><p>�Halb so wild�, meinte sie, nahm mir das Tuch aus der Hand und hielt es sich unter die blutende Nase. Mit der anderen Hand richtete sie ihren Ausschnitt, der zerrissen und blutbefleckt war und die Br�ste nur noch leidlich bedeckte. �Was gibt�s da zu glotzen?�, keifte sie. �Willst du auch noch mal ran? Macht dich vielleicht das Blut an? Kostet aber extra.�</p><p>Ich sch�ttelte entsetzt den Kopf und fragte: �Wollen Sie zur Polizei gehen?�</p><p>Als Antwort lachte sie nur bitter auf. �Guter Witz!�, rief sie und tippte sich an die Stirn. �Eine Hure geht zur Polizei, um �nen Freier anzuzeigen. Selten so gelacht!�</p><p>�Was haben Sie dort gemacht?�, fragte ich und deutete in den Durchgang.</p><p>�Na, dreimal darfste raten, Sch�tzchen!�, schnaubte sie.</p><p>�Nein, Sie verstehen nicht�, sagte ich und sch�ttelte erneut den Kopf. �Ich meine, warum ausgerechnet dort? In Dutfield�s Yard? Wissen Sie nicht, was vor einigen Wochen in dieser Durchfahrt geschehen ist?�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das. Darum ging�s dem Schei�kerl doch�, murmelte sie und senkte den Blick. �Unbedingt hier wollte er�s mit mir treiben. Hat daf�r sogar �n paar Pence draufgelegt. Mit �ner Hure in Dutfield�s Yard. Genau wie der verdammte Ripper. Hat den Kerl regelrecht br�nstig gemacht. Wurde immer aufgeregter. So sehr, dass er pl�tzlich mit der Faust auf mich eingedroschen hat, w�hrend er auf mir lag. Kann von Gl�ck sagen, dass er kein Messer dabeihatte, sonst w�re er wirklich zum Ripper geworden.�</p><p>�Sie sollten Anzeige erstatten�, beharrte ich.</p><p>�Und was w�rde mir das n�tzen?� Diesmal lachte sie nicht, sondern sch�ttelte leicht den Kopf, dass ihr die dunkelblonden Haare ins Gesicht fielen. �Ist halt so!� Sie gab mir das blutgetr�nkte Taschentuch zur�ck, und ihre buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie fragte: �Wie sieht�s aus, Sch�tzchen? Willste nun oder willste nicht?�</p><p>Ich schaute sie nur fassungslos an. Diese Frau war noch ein halbes M�dchen, doch mit ihrem Leben schien sie l�ngst abgeschlossen zu haben. Ihren Schmerz und Ekel ertr�nkte sie in Alkohol, Torturen wie am heutigen Abend lie� sie nahezu stoisch �ber sich ergehen. Ihr eigenes Schicksal schien ihr v�llig egal zu sein. Wahrscheinlich hatte sie einfach die Kraft verloren, dagegen anzuk�mpfen. Warum einen Kampf ausfechten, der bereits verloren war?</p><p>�Na, dann eben nicht!�, sagte sie, hob die Schultern und strich mir �ber den Pelzkragen. �Spendierst du mir wenigstens einen Schnaps? Siehst nicht so aus, als w�rd dich das arm machen. Bist nicht von hier, was?�</p><p>Jetzt erst erkannte ich sie und wusste, wo ich ihr begegnet war. Ich nickte und fragte: �Du bist eine Bekannte von Ginger, stimmt�s? Ich hab euch beiden im Cloak and Dagger ein Bier ausgegeben. Am Montag. Vor der Razzia.�</p><p>�Was denn f�r �ne Razzia?� Sie schaute mich verwirrt an und schob die aufgeplatzte Unterlippe vor. Vermutlich war sie an dem Abend bereits zu betrunken gewesen. �Ich wei� nicht, wovon Sie reden!�</p><p>Ich kramte in meinem Ged�chtnis nach dem Namen der Frau und wurde schlie�lich f�ndig: �Du bist Heather, nicht wahr?�</p><p>�Und wenn schon�, knurrte sie und fletschte die Z�hne.</p><p>�Die Freundin von Michael.�</p><p>�Was dagegen?� Sie schaute mich �berrascht und zugleich beunruhigt an.</p><p>�Ich besorge dir was aus der Kneipe�, sagte ich und deutete zum Lord Nelson. �Du wartest hier auf mich. Und dann bring ich dich nach Hause.�</p><p>�Nach Hause?�, lachte sie. �Wo soll das sein?�</p><empty-line/></section><section><p>9</p><p>Obwohl Heather behauptete, v�llig in Ordnung zu sein und keine Hilfe zu ben�tigen, lie� sie sich widerstandslos von mir am Arm in Richtung Spitalfields f�hren. Die Brandyflasche in meiner Manteltasche war ihr Grund genug, wie eine Hauskatze zu schnurren und sich regelrecht an mich zu schmiegen. Gleichzeitig jedoch wirkte sie immer noch benommen und wankte auffallend hin und her, was nicht allein durch den Alkohol zu erkl�ren war, den sie vermutlich im Laufe des Abends zu sich genommen hatte. Der Mann, der sie in Dutfield�s Yard so brutal misshandelt hatte, hatte ihr nicht nur das Gesicht blutig geschlagen, sondern ihr dabei auch den Sch�del auf das Pflaster geknallt, wie ich eher zuf�llig feststellte, als sie im Nebel von einem hohen Bordstein stolperte und ich sie mit der Hand am Nacken festhielt. Das Haar unter ihrem billigen Strohhut war blutverklebt, und bei der Ber�hrung ihres Hinterkopfes stie� sie einen gellenden Schmerzensschrei aus.</p><p>�Du musst ins Krankenhaus�, sagte ich, als wir die Whitechapel High Street erreicht hatten. �Du hast bestimmt eine Gehirnersch�tterung, und dein Kopf ist verletzt.�</p><p>�Unsinn! Mich kann nichts so leicht ersch�ttern, und mein Sch�del kann einiges vertragen!� Sie nahm einen kr�ftigen Schluck aus der Flasche und deutete nach Norden. �Da lang!�</p><p>�Ich wei�, wo die Dorset Street ist�, antwortete ich und zog sie von der Stra�e, auf der pl�tzlich ein Hansom Cab aus dem Nebel auftauchte und direkt vor ihrer Nase vorbeidonnerte. �Welche Hausnummer?�</p><p>�Achtunddrei�ig�, sagte sie und schaute mich mit glasigen Augen an. �Woher kennst du Michael?�</p><p>�Bin ihm ein paar Mal begegnet�, erwiderte ich ausweichend.</p><p>Irgendwo in der N�he schlug eine Uhr zweimal. Es nieselte, und die klamme K�lte kroch mir durch die Glieder, obwohl mein Mantel mich eigentlich h�tte warm halten sollen. Heather war viel zu leicht bekleidet und schlotterte am ganzen K�rper. Doch auch das schien nicht allein vom feuchten Herbstwetter zu kommen. Ich legte ihr meinen Mantel um die Schulter, doch das Zittern wurde immer schlimmer. Je weiter wir gingen, desto unsicherer wurden ihre Schritte und desto krampfhafter hielt sie sich an meinem Arm fest. Als wir uns schlie�lich der Dorset Street von Westen her �ber die Crispin Street n�herten, war Heather kaum noch in der Lage, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>Die Nummer achtunddrei�ig war das dritte Haus auf der linken Seite, ein schmuckloser Backsteinbau, der sich lediglich durch die Hausnummer von den anderen heruntergekommenen H�usern in der Dorset Street unterschied. Michael Kidneys Wohnung befand sich im Erdgeschoss. Es war ein ehemaliges Ladengesch�ft oder Warenlager mit direktem Zugang zur Stra�e. Das, was fr�her einmal ein Schaufenster gewesen sein mochte, war mit dicken Brettern verbarrikadiert. Weitere Fenster gab es nicht, auch die Eingangst�r war mit Bohlen vernagelt und geflickt. Selbst wenn die eng bebaute Dorset Street weniger d�ster gewesen w�re, w�rde kein Tageslicht je in die Wohnung fallen.</p><p>Heather klopfte zaghaft an die T�r, doch niemand �ffnete. Ich versuchte es ebenfalls, diesmal etwas kr�ftiger, doch wieder kam keine Antwort.</p><p>�Er ist nicht da�, sagte Heather, deren heisere Stimme nur noch ein Wispern war.</p><p>�Hast du keinen Schl�ssel?�, wunderte ich mich.</p><p>Sie sch�ttelte mutlos den Kopf und lie� sich an der Wand nach unten gleiten, bis sie mit dem Hinterteil im feuchten Rinnstein sa�.</p><p>�Wo k�nnte er sein?�, fragte ich.</p><p>��berall und nirgends�, antwortete sie ersch�pft und hielt mir bittend die Hand entgegen. �Vielleicht im Britannia. Oder im Ten Bells.�</p><p>Ich gab ihr die Flasche, die sie auf dem Weg von der Berner Street beinahe ganz geleert hatte, und schaute nach Osten. In Richtung Miller�s Court und Britannia Pub, dessen Fenster beleuchtet war, wie man gerade noch durch den Nebel erkennen konnte. Die Christ Church und der Itchy Park auf der gegen�berliegenden Stra�enseite waren schon nicht mehr zu sehen.</p><p>Heather nahm einen gro�en Schluck, steckte die Flasche in die Manteltasche, spuckte den Alkohol jedoch kurz darauf wieder aus, w�rgte pl�tzlich und erbrach sich in den Rinnstein. Ich kniete mich neben sie und hielt ihren Kopf an der Stirn, w�hrend sie ein ums andere Mal krampfhaft zusammenzuckte, bis nur noch Galle aus ihrem Mund tropfte. Ich schalt mich einen Esel, weil ich in der Berner Street auf Heather geh�rt und sie nicht sofort ins n�chste Krankenhaus gebracht hatte. Ihre Verletzungen waren offenbar schlimmer gewesen, als es den Anschein gehabt hatte, und das Erbrechen deutete auf eine schwere Gehirnersch�tterung hin. Allerdings war sie in ihrem jetzigen Zustand so geschw�cht, dass es mir unm�glich schien, sie ohne fremde Hilfe bis zum n�chsten Krankenhaus zu bringen. Selbst wenn ich gewusst h�tte, wo sich in Spitalfields das n�chste Hospital befand.</p><p>Das Frauenasyl in der Hanbury Street fiel mir ein. Hatte Heather im Gespr�ch mit Ginger nicht erw�hnt, dass sie eine Zeit lang in dem Heim gewohnt hatte? Sicherlich wussten die Schwestern der Heilsarmee, was in solchen F�llen zu tun und wo �rztliche Hilfe zu bekommen war. Aber selbst der Weg bis in die Hanbury Street war im Augenblick zu weit.</p><p>Miller�s Court!, schoss es mir durch den Kopf. Wenn es mir gel�nge, Heather bis zu meinem Zimmer zu schaffen und dort aufs Bett zu legen, k�nnte ich in der Hanbury Street Hilfe holen. Simeon war inzwischen l�ngst wieder im Arbeitshaus, wie ich von Gray erfahren hatte. Das verwaiste Zimmer war vermutlich nicht abgeschlossen, denn andernfalls h�tte Simeon mir den Schl�ssel zukommen lassen. Und vor allem: Miller�s Court war nur ein paar Schritte entfernt.</p><p>Ich nahm Heather, die inzwischen kaum noch bei Bewusstsein war, auf die Arme und wunderte mich, wie schwer sie war, obwohl sie auf den ersten Blick so schm�chtig erschien. Vermutlich hatte das damit zu tun, dass sie sich nicht mehr an mir festhalten konnte und v�llig leblos in meinen Armen lag. Mit M�he schaffte ich es bis zum Durchgang und in den Hof, der gl�cklicherweise noch beleuchtet war. Wie ich richtig vermutet hatte, war die T�r zu meiner Kammer nicht versperrt, der Schl�ssel steckte innen im Schloss. Kurz bevor ich einen Krampf in den Unterarmen bekam, legte ich Heather auf das Bett. �Die Matratze ist wie neu�, hatte mein Hauptmieter Edmund gesagt. Das war nicht einmal eine Woche her, doch mir kam es vor, als w�re seitdem eine Ewigkeit vergangen.</p><p>Im Zimmer war es erstaunlich warm. Offenbar brannte nebenan der Kamin, denn die Steinmauer strahlte eine wohltuende W�rme ab. Genau wie Edmund es gesagt hatte. Ich zog Heather den Mantel und das nasse Oberkleid aus und bedeckte sie mit der Wolldecke, die erb�rmlich nach Alkohol und Schwei� stank. Auf dem Boden fand ich einen Kerzenstummel, den ich mit einem Streichholz entz�ndete und mit Wachs auf dem Tisch befestigte. Damit Heather etwas sehen konnte, falls sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, bevor ich zur�ckgekehrt war. Was ich allerdings nicht annahm.</p><p>Schlie�lich zog ich meinen nach Erbrochenem stinkenden Mantel wieder an, verlie� die Kammer und machte mich auf den Weg zur Hanbury Street.</p><p>Doch ich kam nicht weit. Im Durchgang zur Dorset Street traten mir zwei Gestalten entgegen, der eine gr��er als der andere, der Letztere mit einem Bowler auf dem Kopf, der Erste mit einem Vollbart im Gesicht. Mehr war in der Dunkelheit nicht von ihnen zu sehen. Im ersten Augenblick dachte ich, die beiden Verfolger von den Katherine Docks h�tten mich eingeholt, aber das war nat�rlich Unsinn, wie sich sehr bald herausstellte.</p><p>�Na, wen haben wir denn da?�, h�rte ich Michael Kidneys sp�ttische und zugleich bedrohliche Stimme. �Der verlorene Sohn ist zur�ckgekehrt.�</p><p>An dem mehrfachen R�uspern, das auf Michaels Worte folgte, erkannte ich, dass Edmund neben ihm stand.</p><p>�Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst verschwinden?�, fauchte Michael, baute sich vor mir auf und stie� mich zur�ck in den Hof. �Schn�ffelst du immer noch hier rum? Ich hatte dich doch gewarnt! Bist du lebensm�de, oder was?�</p><p>�Wieso sollte ich verschwinden? Hab doch die Miete einen Monat im Voraus gezahlt�, gab ich mich ahnungslos und ging einige Schritte zur�ck, sodass ich aus Michaels Reichweite war. �Au�erdem habe ich deine Freundin hergebracht. Sie ist schwer verletzt und braucht Hilfe.�</p><p>�Welche Freundin?�, knurrte Michael und gab Edmund ein Zeichen, im Durchgang stehen zu bleiben und mir so den Weg zu versperren.</p><p>�Heather�, antwortete ich verdutzt. �Wie viele Freundinnen hast du denn?�</p><p>�Was ist mit ihr?�, sagte Michael, kam mir erneut n�her und packte mich am Kragen. �Was hast du mit ihr gemacht?�</p><p>�Ich? Nichts!�, emp�rte ich mich und wehrte ihn ab. Ich griff in meine Manteltasche, doch die Brandyflasche, die ich als Waffe h�tte benutzen k�nnen, befand sich nicht mehr darin. Vermutlich war sie auf dem Weg zum Miller�s Court herausgefallen. �Heather wurde von einem Freier �bel zugerichtet�, sagte ich. �Ich hab sie zuf�llig gefunden und in meine Kammer gebracht. Sie liegt ohnm�chtig auf dem Bett und braucht dringend einen Arzt.�</p><p>�Dummes Zeug!�, schnauzte Michael und winkte ab. �Vermutlich hat sie nur wieder einen �ber den Durst getrunken. Verdammte Schnapsdrossel!� Er schlug mir mit der Faust auf den Oberarm und bugsierte mich auf diese Weise r�ckw�rts durch den Hof, bis ich vor dem Eingang zu meiner Kammer stand. �Du r�hrst dich nicht vom Fleck!�, befahl er Edmund, und dann fauchte er mich an: �Rein mit dir!�</p><p>Da Miller�s Court eine Sackgasse war und ich sowohl Michael als auch Edmund k�rperlich weit unterlegen war, blieb mir nichts anderes �brig, als ihm zu gehorchen. Gleichzeitig hielt ich nach irgendetwas Ausschau, das mir als Waffe dienen konnte. Einem Stein oder einem spitzen St�ck Holz oder Eisen.</p><p>�Siehst du?�, sagte ich und deutete auf das Bett, wo Heather in unver�nderter Haltung und mit geschlossenen Augen lag. �Sie wurde zusammengeschlagen und hat eine Gehirnersch�tterung. Wir m�ssen uns beeilen.�</p><p>�Lebt sie noch?�, fragte er unger�hrt und blieb in der T�r stehen.</p><p>�Sie ist ohnm�chtig�, antwortete ich und war entt�uscht, weil es au�er dem morschen Stuhl und der blechernen Waschsch�ssel nichts in dem Zimmer gab, mit dem ich mich gegen Michael zur Wehr setzen konnte. �Sie hat eine Wunde am Hinterkopf. Vielleicht ist ihr Sch�del gebrochen.�</p><p>�Wo hast du sie gefunden?�</p><p>�In der Berner Street�, antwortete ich und war sehr auf der Hut, als ich hinzusetzte: �In Dutfield�s Yard.�</p><p>Tats�chlich zuckte Michael unmerklich zusammen. Sein Blick verfinsterte sich, und ich sah, wie er in seine Jackentasche griff. Doch er gab keinen Ton von sich, sondern stand nur breitbeinig in der T�r und schien zu warten.</p><p>�Hab ich mir gedacht, dass dich das interessiert�, sagte ich und beugte mich �ber Heather, um ihren kaum noch sp�rbaren Puls am Hals zu f�hlen. Dabei sah ich die leere Brandyflasche. Sie lag auf dem Bett, zwischen Heathers H�fte und der Steinwand und damit f�r Michael in dem funzeligen Kerzenlicht nicht zu sehen. Vermutlich war die Flasche aus der Manteltasche gefallen, als ich Heather auf die Matratze gelegt hatte.</p><p>�Berner Street?�, sagte Michael lauernd. �Da wurde Liz ermordet, oder?� Seine Hand steckte immer noch in der Jackentasche.</p><p>�Wer w�sste das besser als du�, erwiderte ich und ergriff heimlich den Hals der Flasche, bem�ht, sie so zu halten, dass mein K�rper sie verdeckte. �Schlie�lich warst du ja dabei.�</p><p>�Wer behauptet das?�, knurrte er und grinste pl�tzlich, als w�re ihm etwas Heiteres eingefallen. Als h�tte er eine Entscheidung getroffen.</p><p>�Ein Ungar.�</p><p>�Oho!�, lachte Michael, �du hast den <emphasis>Star</emphasis> gelesen, was? Die Zeitung ist mir auch untergekommen. Schon merkw�rdig, was sich diese Reporter so alles aus den Fingern saugen.�</p><p>Ich nickte und stand auf. �Der Mann mit dem Schnauzbart, das warst du, nicht wahr? Du hast dich mit Elizabeth in Dutfield�s Yard gestritten. Und der Ungar hat dich dabei gesehen.�</p><p>�Jack the Ripper hat Liz ermordet�, antwortete Michael achselzuckend. �Das kannst du �berall nachlesen. Jeder Cop wird�s dir best�tigen.�</p><p>�Wir wissen es besser�, sagte ich, stellte mich so, dass der Tisch zwischen uns war, und hielt den rechten Arm hinter meinem R�cken. �Der Ripper hat damit nichts zu tun. Es war nur ein Zufall, dass in der gleichen Nacht Catherine Eddowes ermordet wurde. Nur ein paar hundert Schritte von der Berner Street entfernt. Darum haben alle gedacht, er h�tte in dieser Nacht zweimal zugeschlagen.�</p><p>�Willst du mal was H�bsches sehen?�, rief Michael vergn�gt, zog die Hand aus der Tasche und holte ein Springmesser heraus. Er dr�ckte auf einen Knopf, und sofort schnellte eine Klinge seitlich aus dem Griff. �Mit diesem Messer wurde Liz get�tet�, sagte er, zeigte mir das Messer und fuhr sich anschlie�end spielerisch mit der Klinge �ber die Gurgel. �Ein Schnitt, und schon war�s passiert!�</p><p>�Warum?�, fragte ich, w�hrend ich die Flasche hinter meinem R�cken fester umfasste. �Hat Liz dich betrogen? Wollte sie dich mal wieder verlassen? War�s ihr diesmal ernst damit? Wollte sie zur�ck zur Heilsarmee?�</p><p>�Schei� auf Liz!�, schrie Michael pl�tzlich und stie� das Messer in meine Richtung, ohne mir damit jedoch bedrohlich nahe zu kommen. �Liz war nicht wichtig. Genauso wie Heather oder all die anderen Weiber. Eine wie die andere. Zum Teufel mit ihnen!�</p><p>�Wenn Liz so unwichtig war�, wunderte ich mich und ging langsam um den Tisch herum. �Warum hast du sie dann umgebracht?�</p><p>�Habe ich ja gar nicht�, lachte er glucksend und lie� das Messer von der einen Hand in die andere wandern. �Du hast doch den <emphasis>Star</emphasis> gelesen, Schwachkopf!�</p><p>Ich verstand nicht.</p><p>�Erinnerst du dich nicht, was der Ungar gesagt hat? Es gab einen zweiten Mann. Und der hatte das verdammte Messer!� Er sch�ttelte belustigt den Kopf und deutete mit seinem Springmesser zur T�r.</p><p>Das war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. Ich holte mit der Flasche aus und schlug mit voller Wucht auf sein Handgelenk. Seine Knochen brachen mit lautem Knacken, das Messer fiel zu Boden, und Michael stie� einen f�rchterlichen Schrei aus. Erst als ich den Schatten hinter mir wahrnahm, begriff ich, was Michael soeben gesagt hatte: Der zweite Mann hatte das Messer! Mein Blick ging zur T�r. Dort stand Edmund und starrte mich an. Er hatte zwar kein Messer in der Hand, wie vor drei Wochen in der Berner Street, daf�r aber eine seltsam geschwungene Eisenstange.</p><p>�Mach schon!�, schrie Michael.</p><p>Im selben Augenblick br�llte Edmund wie ein Affe, und die Stange sauste auf mich nieder. Ich lie� mich zur Seite fallen, doch der Schlag traf mich dennoch an der Schl�fe. Mit einem Knall gingen die Lichter aus. Wie bei einer explodierenden Gl�hbirne.</p><empty-line/></section><section><title><p>ACHTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>NED BROOKS</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�Murder! The very night seemed to know it, and the desolate wind to howl it in his ear. The dark corners of the streets were full of it. It grinned at him from the roofs of the houses.�</emphasis></p><p>(�Mord! Selbst die Nacht schien es zu wissen, und der trostlose Wind schien es in sein Ohr zu heulen. Die dunklen Stra�enwinkel waren voll davon. Es grinste ihm von den D�chern der H�user entgegen.�) Oscar Wilde, Lord Arthur Savile�s Crime, 1887</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>SEPTEMBER/OKTOBER 1884</p><p>1</p><p>Nichts galt mehr. Auf nichts war mehr Verlass. Das hatte Ned gewusst, als sie den armen Dick t�teten, um sein Blut zu trinken und sein Fleisch zu essen. Und das wusste er auch jetzt, als er vom Angeklagten zum Verr�ter wurde. Vom Mitt�ter zum Zeugen der Krone. Sie hatten mit der T�tung des Jungen eine Grenze �berschritten, waren zu rei�enden Bestien geworden und w�rden fortan daf�r zahlen. Nichts w�re mehr, wie es vorher war. Der Geist war aus der Flasche.</p><p>Zun�chst aber hatte ihnen die grausame Bluttat das Leben gerettet. Am 29. Juli, f�nf Tage nachdem sie Dick get�tet und ausgeweidet hatten, waren sie von dem deutschen Segelfrachter <emphasis>Montezuma</emphasis> mitten im Atlantik aufgelesen worden. Das Beiboot und die abgenagten �berreste des toten Jungen hatten sie als Beweismittel mit an Bord genommen. Kapit�n Dudley hatte darauf bestanden, nichts zu verheimlichen, sondern alles wahrheitsgem�� zu berichten. Der Brauch des Meeres stehe auf ihrer Seite, behauptete er und schien keinen Gedanken daran zu verschwenden, dass man ihnen aus dem Vorfall einen Strick drehen k�nnte. Der himmlische Gott und das irdische Gesetz waren gleicherma�en mit ihnen.</p><p>Umso gr��er war das Entsetzen, als die drei M�nner Anfang September, direkt nach ihrer Ankunft in Falmouth, wegen Mordes verhaftet wurden. Drei Tage waren sie in einer kargen Zelle eingesperrt, bevor ein Friedensrichter sie bis zur Verhandlung am 18. September gegen eine hohe Kaution auf freien Fu� setzte. Immer noch war der Kapit�n davon �berzeugt, dass das Gericht sie freisprechen w�rde, weil sie ja nichts Unrechtes getan hatten. Dass sie gegen Kaution freigekommen waren und ihnen in der Stadt so viel Verst�ndnis und Unterst�tzung entgegengebracht wurde, best�rkte den gutgl�ubigen Kapit�n nur in seiner Ansicht. Und er erz�hlte allen Reportern und Neugierigen, die davon h�ren wollten, was drau�en auf hoher See in dem verfluchten Dingi geschehen war.</p><p>Ned aber ahnte, dass sie nicht ungeschoren davonkommen w�rden. Dass sich etwas �ber ihren K�pfen zusammenbraute und ein Exempel an ihnen statuiert werden sollte. Allerdings hatte er keine Ahnung, dass ausgerechnet er als unfreiwilliges Werkzeug f�r dieses Exempel dienen sollte. Sie w�rden gemeinsam freigesprochen oder allesamt ins Gef�ngnis gehen, davon war Ned immer �berzeugt gewesen. Erst als der Staatsanwalt bei der Hauptverhandlung die Beteiligung des Matrosen Brooks herunterspielte und zugleich die Schuld des Kapit�ns Dudley und die Mitschuld des Maats Stephens betonte, schwante Ned, dass der Prozess eine unerwartete Wendung nehmen w�rde.</p><p>Weil Edmund Brooks sich mehrfach ausdr�cklich gegen die T�tung des Jungen ausgesprochen habe, so schloss der Staatsanwalt seine etwas umst�ndlichen Ausf�hrungen, und weil besagter Brooks weder T�ter noch Komplize bei der Ausf�hrung der Tat gewesen sei, beantrage die Staatsanwaltschaft, den Angeklagten formell zu entlasten und ihn stattdessen f�r den Fortgang des Verfahrens als Zeugen zu benennen.</p><p>Der Friedensrichter stimmte dem Antrag �berraschend schnell und widerspruchslos zu und beendete, unter dem beif�lligen Murmeln der Zuschauer, die Beweisaufnahme gegen den Angeklagten Brooks.</p><p>Ned begriff zun�chst nichts. Zu fremd waren ihm die juristischen Begriffe und das hochgestochene Vokabular. Doch als ihm sein Anwalt freudig die Hand sch�ttelte und ein ebenfalls l�chelnder Polizist erschien, um ihn von der Anklagebank zu f�hren, da d�mmerte ihm, was die Worte des Staatsanwalts bedeuten mochten, und er erschrak. Sofort ging sein Blick zu Dudley und Stephens, und deren Gesichtern war abzulesen, was sie in diesem Augenblick dachten: Ned hatte sie verraten. Er hatte die eigene Freiheit erkauft, indem er sie ans Messer lieferte.</p><p>Gern h�tte Ned ihnen zugerufen, dass sie sich irrten und dass er von dem Kniff des Staatsanwalts, der offenbar mit dem Richter abgesprochen war, ebenso �berrascht war wie sie, doch schon fasste ihn der Polizist am �rmel und f�hrte ihn aus dem Saal. Dass manche der Zuschauer ihm applaudierten oder sogar auf die Schulter klopften, machte alles nur noch schlimmer. Denn kurze Zeit sp�ter, nachdem er gr�belnd im Flur gesessen hatte, wurde er erneut in den Gerichtssaal gerufen. Diesmal als Zeuge der Krone.</p><p>Im Zeugenstand sagte er genau das aus, was er auch als Beschuldigter stets zu Protokoll gegeben hatte. Und es unterschied sich nur unwesentlich von dem, was Tom Dudley und Edwin Stephens ausgesagt und niemals bestritten hatten. Ja, er versuchte sogar, die in seinen Augen eigenm�chtige Vorgehensweise des Kapit�ns zu besch�nigen, und wies darauf hin, dass sie alle nicht mehr leben w�rden, wenn Dudley und Stephens anders gehandelt h�tten. Doch darum ging es dem Staatsanwalt nicht, und auch das Gericht interessierte sich mehr f�r den Akt der T�tung als daf�r, wessen Leben durch diese Verzweiflungstat gerettet worden war. Einziger Zweck des Verfahrens war es, den Angeklagten den mildernden Umstand der Notwehr abzusprechen.</p><p>Als Ned seine Aussage gemacht hatte und vom Staatsanwalt mit einem zufriedenen Nicken entlassen worden war, hatte er wieder einmal das Gef�hl, sich schmutzig gemacht und seine Seele verraten zu haben, eine ohnm�chtige Figur in einem abgekarteten Spiel zu sein. Ein bisschen wie damals bei seinem Einverst�ndnis, die schwangere Mary zu heiraten und nach Brightlingsea zu schaffen. Oder im Dingi, als er stillschweigend zugesehen hatte, wie ein wehrloser Junge get�tet worden war. Das Schicksal meinte es nicht gut mit Ned. Die Ereignisse rollten �ber ihn hinweg, rissen ihn mit und spuckten ihn wieder aus. Und Ned hatte keine Ahnung, was er dem entgegensetzen konnte.</p><p>Der Friedensrichter von Falmouth verwies das Verfahren wegen der Schwere der Anschuldigungen an das Schwurgericht in Exeter, wo Ned erneut aussagen musste, diesmal vor Geschworenen. Der Richter lie� die beiden Angeklagten vor�bergehend auf freien Fu�, aber nur gegen Kaution, bis zum n�chsten Gerichtstermin.</p><p>Ned hingegen war in jeder Hinsicht ein freier Mann. Er konnte gehen, wohin er wollte, wie ihm sein Anwalt versicherte. Ned dankte ihm und sch�ttelte zugleich den Kopf. Er wusste es l�ngst besser.</p><empty-line/></section><section><p>2</p><p>Sie verachteten ihn. Ned kannte die Blicke, mit denen sie ihm in der County Tavern und den anderen Kneipen in Southampton begegneten, nur zu gut. Als w�re seine blo�e Anwesenheit eine Beleidigung oder Zumutung f�r sie. Darum schaute er zu Boden und wich ihren Blicken aus, die wie spitze Pfeile waren. Auch Mary hatte ihn auf diese Weise angeschaut, als er nach dem Tod des kleinen George an dessen Grab gesagt hatte, nun k�nnten sie doch von vorne anfangen und alles w�rde ein gutes Ende nehmen. �Ein gutes Ende?�, hatte Mary ihn w�tend angefaucht. �F�r wen?� Ihre Augen waren voller Hass und Abscheu gewesen.</p><p>Es waren oft nur verstohlene Blicke und kleine Gesten, selten offene Worte und noch seltener grobe Taten. Doch Ned wusste, dass sie ihn f�r einen Judas Ischariot hielten. Egal ob in Mr. Egertons County Tavern oder den anderen Hafenkneipen in Northam, �berall wurde er absch�tzig be�ugt und wie ein Auss�tziger gemieden. Wenn er am Tresen sa�, wurden die Hocker neben ihm bald frei. Wenn er sich an einen Tisch setzte, standen die anderen wortlos auf und gingen. Als w�re es seine Schuld, dass die Geschworenen in Exeter die beiden Seeleute f�r schuldig befunden hatten, ohne jedoch im Urteilsspruch klarzustellen, ob es sich nun um Mord handelte oder nicht. Das w�rde erst in einer weiteren Verhandlung vor einem h�heren Gericht in London festgestellt, und dort w�rde auch das Strafma� festgelegt. Gl�cklicherweise war Ned nicht aufgefordert worden, erneut in London auszusagen. Die Protokolle seiner bisherigen Aussagen gen�gten dem Gericht, und so blieb es Ned erspart, dem Kapit�n und dem Maat der <emphasis>Mignonette</emphasis> ein weiteres Mal unter die Augen zu treten. Auch sie hatten ihn mit diesem beredten und vernichtenden Blick bedacht.</p><p>Alle hielten Ned f�r einen Schurken. Nicht weil er das Fleisch von Dick Parker gegessen hatte, sondern weil er nicht mit den anderen beiden M�nnern auf der Anklagebank sa� und bangend auf die Urteilsverk�ndung in London wartete. Im Gerichtssaal hatten die Leute ihm noch applaudiert, doch nach dem Ende der Verhandlung in Falmouth und der nicht erfolgten Freilassung der anderen M�nner war die Stimmung merklich gekippt. Pl�tzlich musste er sich rechtfertigen, obwohl er doch gar nichts falsch gemacht hatte. Er hatte nicht gelogen, er hatte keinen Judaslohn empfangen, er hatte niemandem Schaden zugef�gt. Er war unschuldig in die M�hlen der Justiz geraten und zwischen ihren M�hlsteinen zerquetscht worden. Durch eine Freilassung, die alle f�r das Ergebnis eines verr�terischen Handels mit dem Anwalt der Krone hielten! Dass das nicht der Wirklichkeit entsprach, konnte er nicht beweisen, und seinem Wort wurde nicht geglaubt. Der �u�ere Schein sprach gegen ihn. Die Freilassung hatte ihm das Genick gebrochen.</p><p>Das Schicksal war ein schlechter Verlierer, dachte Ned manchmal. Immer wenn er glaubte, dass alles sich zum Guten wendete, kam von irgendwoher der n�chste Nackenschlag. Er hatte die Frau geheiratet, die er liebte, doch das hatte sein Leben vernichtet. Er hatte einen Schiffbruch �berlebt und war gerettet worden, wurde aber als Kannibale und M�rder angeklagt. Er war freigesprochen worden, galt seitdem aber als Verr�ter.</p><p>Beinahe schlimmer als die Ablehnung und der Hass, die ihm so unvermittelt entgegenschlugen, war die Tatsache, dass er keine anst�ndige Arbeit mehr fand. Kein Schiff, egal ob �berseedampfer oder Flussf�hre, lie� ihn anheuern, kein Kapit�n wollte es wagen, ihn an Bord zu besch�ftigen und dadurch wom�glich eine Rebellion der Mannschaft zu riskieren. Auch die Segelregatten kamen nicht mehr in Frage, weil sich die unr�hmliche Kunde l�ngst wie ein Lauffeuer an den K�sten entlanggefressen hatte. Nicht einmal in Brightlingsea h�tte man ihn auf einer Rennjacht arbeiten lassen.</p><p>Ned Brooks war als Matrose erledigt. Er hielt sich als schlecht bezahlter Tagel�hner in den Docks von Northam leidlich �ber Wasser und versoff das wenige Geld abends in den Sch�nken. Nur der Alkohol war ihm geblieben und in all den Jahren nie untreu geworden. Damals in Brightlingsea, als er den Ekel �ber sich selbst in Schnaps ertr�nkt hatte, und heute in Southampton, wenn er billigen Fusel in sich hineinkippte, um die Erinnerung an die Tage im Dingi abzut�ten und die unbegreiflichen Folgen des Schiffbruchs zu verdr�ngen. Ein verl�sslicher Freund! Der einzige, den er noch hatte.</p><p>Der Brief aus London kam ebenso unerwartet wie gelegen. Wie ein Geschenk. Ned hatte seit Tagen keine Arbeit im Hafen gefunden, was auch daran lag, dass er nur noch volltrunken durch die Gegend wankte und sich wortw�rtlich den Verstand aus dem Sch�del soff. Mit billigem Blindmacher, der nach Stein�l schmeckte und einem das Hirn ausradierte. Das Schreiben stammte von einem gewissen Tom Norman, der sich selbst �The Silver King� nannte und ihm ein verlockendes Angebot machte. Ned sollte als Darsteller in einer B�hnenschau irgendwo im Londoner East End auftreten. Dabei sollte er nichts anderes machen, als auf der B�hne seine Geschichte zu erz�hlen. So detailliert, kenntnisreich und realistisch wie m�glich. Damit das geneigte Publikum erfahre, welche uns�glichen Qualen die armen Seeleute auf hoher See durchlitten h�tten, wie Mr. Norman es in seinem Brief pathetisch ausdr�ckte.</p><p>Ned war zwar ein S�ufer und manchmal etwas schwer von Begriff, aber er war kein Dummkopf. Er wusste, was es mit diesen Penny Gaffs auf sich hatte, denn er hatte in den letzten Jahren einige solcher Vorstellungen gesehen, in denen menschliche Kuriosit�ten, absonderliche Gestalten und blutr�nstige Geschichten pr�sentiert wurden. Doch der versprochene Lohn war ordentlich, Kost und Logis waren inbegriffen, und ob er sich nun in den Stra�en Southamptons zum Gesp�tt machte oder auf einer Londoner B�hne den Kannibalen mimte, darauf kam es letztlich nicht an. Ned hatte ohnehin nichts mehr zu verlieren. Seinen Stolz als Allerletztes.</p><p>Also kaufte er sich von seinem letzten Geld eine Fahrkarte dritter Klasse nach London, ging vom Bahnhof Waterloo direkt zur Whitechapel Road im East End und trat bereits einen Tag sp�ter beim Silver King auf. Aus dem Matrosen Ned Brooks wurde der �Kannibale des Meeres�, der dem gebannten Publikum von dem Untergang der <emphasis>Mignonette</emphasis> und den Tagen im Dingi erz�hlte.</p><p>Neben ihm traten vollb�rtige Spanierinnen, verhutzelte Zwerge, orientalische Feuerschlucker und spindeld�rre Riesen auf. Und nicht zuletzt, als Hauptattraktion der Schau, der sogenannte �Elefantenmensch�, eine f�rchterlich anzuschauende Kreatur, die so missgestaltet war, dass die Frauen im Publikum bei ihrem Anblick reihenweise in Ohnmacht fielen. Gegen diesen Joseph Merrick war Neds Auftritt, bei dem er sich vor einer sch�bigen Kulisse in zerlumpten Kleidern zeigte und mit rollenden Augen blutiges Fleisch verzehrte, eine eher harmlose Angelegenheit. Doch seltsamerweise f�hlte er sich im Kreise dieser kuriosen und widernat�rlichen Gestalten zum ersten Mal seit langer Zeit gut aufgehoben. Er war, so eigenartig ihm das selbst auch manchmal erschien, unter seinesgleichen � ein Ausgesto�ener unter Ausgesto�enen.</p><p>Ned schrieb Mr. Egerton eine Ansichtspostkarte des Penny Gaffs und teilte ihm, nur f�r den Notfall, seine aktuelle Adresse mit. Doch nie meldete sich jemand aus Southampton oder kam ihn gar besuchen. Alle waren erleichtert, dass er sie nicht l�nger mit seiner Gegenwart bel�stigte. Und er war froh, sich nicht l�nger rechtfertigen zu m�ssen.</p><p>Anfang Dezember 1884 las er in der Zeitung, dass Tom Dudley und Edwin Stephens vom Londoner Divisionsgericht zum Tode verurteilt worden waren. Was f�r seinen Auftritt auf der B�hne durchaus f�rderlich war, weil es die nachlassende Aufmerksamkeit pl�tzlich in die H�he schnellen lie�, bedeutete f�r Ned eine pers�nliche Katastrophe, die nicht einmal durch unabl�ssigen Alkoholexzess abzumildern war. Ned dachte mehr als einmal an Selbstmord, doch dazu fehlte ihm der Mut. Und so war die Erleichterung gro�, als die Verurteilten wenig sp�ter von der K�nigin begnadigt und das Todesurteil in eine Gef�ngnisstrafe umgewandelt wurde. Die Krone hatte ihren Pr�zedenzfall und war vermutlich mit dem Ausgang des Verfahrens sehr zufrieden. Die ungl�cklichen Beteiligten wurden f�r eine Weile in Holloway weggesperrt und dann nicht l�nger beachtet. Sie hatten ihre undankbare Rolle gespielt und damit, ebenso wie Ned, aus Sicht der Justiz ihren Zweck erf�llt.</p><p>F�r einen kurzen Augenblick kam ihm der Gedanke, die beiden Seeleute in Holloway zu besuchen, doch dann lie� er ebenso rasch wieder davon ab. Was h�tte es ihm oder ihnen gebracht? Es h�tte die alten Wunden nur wieder aufgerissen. Ned sah weder den Kapit�n noch den Maat der <emphasis>Mignonette</emphasis> jemals wieder. Doch in seinen Alptr�umen wurde er sie nicht los. Immer und immer wieder erschienen ihm die beiden Verurteilten und der tote Dick im Schlaf und lie�en ihn schwei�gebadet aufwachen. Und wie auf der B�hne rief er ihnen ins Gesicht: �Ich bin unschuldig. Ich war�s nicht. Ich war dagegen!�</p><p>Die relative Geborgenheit seines Daseins im Penny Gaff w�hrte allerdings nicht lange. Noch im Dezember kam dem Silver King seine Hauptattraktion abhanden, und der Laden in der Whitechapel Road wurde von der Polizei nach einer Razzia geschlossen. Ned erfuhr nie, was aus dem �Elefantenmensch� geworden war und aus welchem Grund das Penny Gaff die T�ren schlie�en musste. Angeblich hatte ein Arzt aus dem gegen�berliegenden Royal Hospital seine H�nde im Spiel; man sagte, er habe wegen der menschenunw�rdigen Verh�ltnisse Anzeige gegen Tom Norman erstattet. Doch das war nur eines von vielen Ger�chten, die sich um den Silver King und sein Monstrosit�tenkabinett rankten.</p><p>Einige Monate lang tingelte Ned mit Tom Norman und einigen anderen Darstellern durch das Land. Er trat in irgendwelchen Hinterzimmern zweitklassiger Kneipen auf und lie� sich seine Gage immer h�ufiger in Schnaps auszahlen. Seine Auftritte bew�ltigte er schlie�lich nur noch in betrunkenem Zustand, was die Glaubw�rdigkeit seiner grotesken Darstellung zwar noch steigerte, aber seinem Verstand nicht zutr�glich war. Er wurde immer mehr zum menschlichen Wrack.</p><p>Es war eine seltsame Ironie des Schicksals, dass genau das, war er sich einst sehnlich gew�nscht hatte, schlie�lich zu seinem Ungl�ck beitrug. Die Erinnerung an das tragische Los der Schiffbr�chigen verblasste, der Aufsehen erregende Fall wurde zu den Akten gelegt und von der �ffentlichkeit vergessen, der �Kannibale des Meeres� verlor seinen Schrecken. Andere Gr�ueltaten beherrschten die Schlagzeilen, �ber die <emphasis>Mignonette</emphasis> sprach niemand mehr. Entsprechend m�de waren die Reaktionen auf Neds Darbietungen. Irgendwann hatte der Silver King schlichtweg keine Verwendung mehr f�r ihn. Beim n�chsten Gastspiel der Truppe in London wurde er von Mr. Norman entlassen, mit einem H�ndedruck und ein paar aufmunternden Worten.</p><p>Ned tat das, was er immer getan hatte: Er f�gte sich in sein Schicksal. Ein K�mpfer war er nie gewesen, allein zu k�mpfen lag ihm erst recht nicht. Gern h�tte er allen seine Verzweiflung, seine Entt�uschung und Wut ins Gesicht geschrien, doch das entsprach nicht seinem Naturell. Und was h�tte es auch genutzt? Die Wut wendete sich stattdessen nach innen, die Verzweiflung blieb stumm und ungeh�rt. Ned resignierte und gab auf. Es hatte ohnehin alles keinen Sinn. Also verdingte er sich als Tagel�hner in den Docks oder am Fischmarkt, verrichtete die niedrigsten Arbeiten, fl�chtete sich zusehends in den Alkohol und wohnte in irgendwelchen Armenunterk�nften. Oder in der Gosse, wenn auch dazu das Geld nicht reichte. Sein Ende als Schnapsleiche schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.</p><p>Doch dann begegnete er eines Nachts Michael Kidney im Britannia Pub. Aus Gr�nden, die f�r Ned bis heute schleierhaft waren, nahm der ihn unter seine Fittiche. Er besorgte ihm eine zwar schlecht bezahlte, aber dauerhafte Arbeit im Hafen und verschaffte ihm sogar eine billige Unterkunft in Spitalfields. Michael gab Ned etwas, was dieser schon lange nicht mehr erfahren hatte: Aufmerksamkeit. Und sei es auch nur in winzig kleinen Portionen. Michael k�mmerte sich um ihn, wie man sich um einen streunenden Hund k�mmert, den man f�r seine Zwecke abrichtete. Er war f�r Ned da und gab ihm eine Richtung. Und genau das war es, was Ned im Augenblick am dringendsten ben�tigte. Er war ein Matrose und brauchte einen Kapit�n, der ihm sagte, wo es langging. Michael gab Ned das belebende Gef�hl, gebraucht zu werden oder zumindest nicht unn�tz zu sein. Ned kam sich pl�tzlich nicht mehr wie ein Auss�tziger vor. Und er zahlte es Michael durch absolute Loyalit�t und unbedingten Gehorsam heim.</p><p>Er nannte sich fortan Edmund und verschwieg, wenn m�glich, seinen Nachnamen. Niemand aus seinem neuen Umfeld wusste, wer er war und was ihm widerfahren war. Er war nicht l�nger ein Jachtenmatrose oder Kannibale oder Kronzeuge oder B�hnendarsteller, sondern einfach der Dockarbeiter Edmund. Ein etwas merkw�rdiger und verschrobener Kerl, der von den anderen Arbeitern ein wenig be�ugt oder bel�chelt, aber in Ruhe gelassen wurde.</p><p>Solange Michael an seiner Seite war.</p><empty-line/></section><section><p>SEPTEMBER/OKTOBER 1888</p><p>3</p><p>Nat�rlich gab es einige, die ihn vor Michael Kidney warnten. Ginger etwa, die h�bsche rothaarige Hure von gegen�ber, die ihn manchmal durchs Fenster zuschauen lie�, wenn ein Freier bei ihr lag. Oder auch Gingers Freund, der Fischtr�ger Joseph, der unten am Fischmarkt von Billingsgate arbeitete. Sie nannten Michael ein dampfendes Pulverfass, das jederzeit hochgehen konnte, und bezweifelten, dass er sich nur aus N�chstenliebe so r�hrend um ihren eigenartigen Nachbarn k�mmerte.</p><p>Edmund brauchte diese gut gemeinten Ermahnungen und Ratschl�ge nicht, denn er ahnte durchaus, dass Michael nicht ohne Eigennutz handelte. Edmund war nicht so blau�ugig, an Freundschaft oder gar Gro�mut zu glauben. Er war deshalb auch nicht �berrascht, als Michael ihn aufforderte, das r�ckw�rtige Brennholzlager, das zu Edmunds Wohnung geh�rte, zu r�umen und seiner Freundin Long Liz kostenlos zur Verf�gung zu stellen. Edmund war froh, von Nutzen sein zu k�nnen, und lie� Michael, der Widerspruch ohnehin nicht h�tte gelten lassen, �ber die Kammer verf�gen.</p><p>Auch die seltsamen Boteng�nge, die Edmund f�r Michael unternahm und bei denen er fest verschn�rte Pakete in die eine Richtung und versiegelte Briefumschl�ge in die andere Richtung bef�rderte, st�rten Edmund nicht. Was in den Paketen und Briefen war, interessierte ihn nicht, solange Michael ihm anschlie�end auf die Schulter klopfte und ihn zur Belohnung auf ein Bier ins Britannia einlud.</p><p>�Mein bester Mann�, so nannte Michael ihn manchmal im Scherz.</p><p>�Ay, Master!�, antwortete Edmund dann mit ernster Miene.</p><p>Vermutlich hatte Ginger recht, wenn sie behauptete, dass Michael ihn nur ausnutzte und f�r die eigenen Zwecke missbrauchte. Wenn es beispielsweise �rger mit Long Liz g�be, die oft betrunken war und wie ein Waschweib auf offener Stra�e herumkeifte, dann w�re Edmund als offizieller Hauptmieter wie ihr vermeintlicher Zuh�lter erschienen und wom�glich f�r ihre Eskapaden haftbar gemacht worden. Denn nur darum gehe es Michael, vermutete Ginger. Nichts anderes k�nne hinter dieser seltsamen Untervermietung stecken. Auch die Boteng�nge, von denen sie durch Joseph erfahren hatte, waren ihr suspekt. Wenn n�mlich Edmund mit den geheimnisvollen Paketen in eine Polizeirazzia geriete, dann w�rde Michael bestimmt nicht f�r ihn in die Bresche springen, sondern seine H�nde in Unschuld waschen. Darauf k�nne Edmund Gift nehmen.</p><p>Edmund wusste all das oder sp�rte es zumindest, aber es war ihm egal, solange Michael ihn halbwegs anst�ndig behandelte. Und das tat er. Auch wenn er ihn manchmal einen Trottel nannte und sich vor den anderen �ber ihn lustig machte. Worte konnten ihn nicht mehr treffen, dar�ber war er l�ngst hinaus. Er hatte wieder eine Aufgabe, und Michael z�hlte auf ihn. Das allein war wichtig.</p><p>Darum war es f�r Edmund auch kein Grund zur Besorgnis, als Michael ihm eines Tages auftrug, ein wachsames Auge auf seine beiden Weibsbilder zu haben, wie er es ausdr�ckte. Au�er Long Liz, die er bei Edmund im Miller�s Court untergebracht hatte, gab es noch eine zweite Frau, Fanny Annie, f�r die er ein Zimmer in einer billigen Herberge in der Devonshire Street gemietet hatte und die er ebenfalls auf die Stra�e schickte, um f�r ihn anzuschaffen. Die beiden Frauen wussten nichts von der jeweils anderen, denn Michael schaffte es, seine freie Zeit so zwischen der Dorset Street in Spitalfields und der Devonshire Street in Mile End aufzuteilen, dass kein Verdacht aufkam. Edmund sollte den Aufpasser spielen und den Frauen in der Zeit, in der Michael anderweitig besch�ftigt war, auf die Finger schauen und ihnen gerne auch mal auf dieselben hauen, wenn sie in Kneipen das Geld versoffen, statt es auf der Stra�e zu verdienen.</p><p>Edmund f�hlte sich geschmeichelt. Nicht nur weil er einer der wenigen war, die von Michaels Doppelleben wussten, sondern auch weil Michael ihm mit dem Auftrag ein sch�nes Springmesser mit dunklem Horngriff �berreichte. �Falls die Weiber mal Zicken machen�, wie er grinsend hinzuf�gte.</p><p>Mit Fanny Annie gab es nie �rger. Sie stammte aus Polen oder Russland und trieb sich die meiste Zeit in Mile End und Limehouse herum, wo viele ihrer Landsleute lebten und gern Huren nahmen, mit denen sie in ihrer Muttersprache reden konnten. Falls ihnen denn nach Reden zumute war. Annie war keine Trinkerin und �berhaupt ein schlichtes Gem�t. Sie wollte so viel Geld wie m�glich zusammenkratzen, um es ihrer kleinen Tochter zu schicken, die bei den Gro�eltern in der Heimat geblieben war. Annie tr�umte davon, ihre gesamte Familie nachzuholen und in einer hoffentlich nahen Zukunft ein neues Leben zu beginnen. Edmund zuckte nur mitleidig mit den Schultern, wenn sie ihm davon erz�hlte, und sagte kein Wort. Wer war er, ihr die Illusion zu nehmen? Sie w�rde fr�h genug erkennen, wie t�richt ihre Tr�ume waren.</p><p>Long Liz hingegen war ein Problem. Immer h�ufiger betrank sie sich, zettelte unn�tig Streit an, vergr�tzte durch ihr unfl�tiges Benehmen die Freier und wurde mehr als einmal wegen Trunkenheit oder Erregung �ffentlichen �rgernisses zur Polizeiwache gebracht. Einmal hatte sie Michael sogar wegen T�tlichkeit auf der Wache angezeigt, die Beschuldigung aber am n�chsten Morgen, in n�chternem Zustand und �bers�t mit blauen Flecken, zur�ckgezogen. Hinzu kam, dass sie st�ndig das Blaue vom Himmel log und ein dreistes M�rchen nach dem anderen erz�hlte, um kein Geld abgeben zu m�ssen. Mal war sie �berfallen und ausgeraubt worden, ein anderes Mal hatte ein Polizist ein Bestechungsgeld verlangt. Oder eine unerkl�rliche kurzzeitige Unp�sslichkeit hatte sie davon abgehalten, Geld zu verdienen. In Wirklichkeit jedoch hockte sie in den Kneipen und sch�ttete sich zu, bis sie auf allen vieren zum Miller�s Court kroch und in ihrer Bretterbude verschwand.</p><p>Liz wurde mit der Zeit zu einer Belastung, und immer wieder kam es deshalb zum handfesten Streit mit Michael. Und mit Edmund, der sich daf�r verantwortlich f�hlte, dass Liz parierte und keinen Unfug anstellte. Weil Michael ihm vertraute.</p><p>Eines Tages im September war Liz pl�tzlich verschwunden. Vermutlich hatte Michael sie einmal zu oft oder etwas zu heftig verdroschen, jedenfalls waren am n�chsten Morgen ihre Sachen weg und sie selbst unauffindbar. Michael tobte und suchte alle Kneipen im East End ab, doch er konnte Liz nirgends finden, was ihn erst recht in Rage versetzte.</p><p>Edmund verstand nicht genau, warum Michael sich derart aufregte. Liz war mit ihren vierundvierzig Jahren, der runzligen Haut und den fehlenden Schneidez�hnen nicht gerade eine Augenweide. Au�erdem hatte sie in den letzten Wochen kaum noch etwas herangeschafft und war f�r alle ein einziges �rgernis gewesen. Weder Michaels Schl�ge noch Edmunds Messer, mit dem er vor ihrer Nase herumgefuchtelt hatte, hatten daran etwas �ndern k�nnen. Michael h�tte eigentlich froh sein k�nnen, dass er Liz endlich losgeworden war. Denn dass Michael tats�chlich etwas f�r Long Liz empfand, das schien f�r Edmund nahezu ausgeschlossen. Liz war eine Plage, und einer Plage weinte man nicht nach.</p><p>Doch Michael behauptete, es gehe ums Prinzip. Er lasse sich nicht an der Nase herumf�hren, von niemandem, schon gar nicht von einem h�sslichen Weibsst�ck. Eher werde er Liz die Gurgel durchschneiden, als ihr erlauben, sich ungefragt davonzumachen. Wenn, dann jage er, Michael, sie zur H�lle. Nicht umgekehrt!</p><p>Anschlie�end machte er Edmund Vorw�rfe, weil er nicht ordentlich auf Liz aufgepasst habe. Das war nat�rlich ungerecht, denn Liz war mitten in der Nacht heimlich aus der Dorset Street davongeschlichen, nachdem Michael sie sich vorgekn�pft hatte. Wie h�tte Edmund das allen Ernstes verhindern k�nnen? Doch er wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit Michael dar�ber zu streiten. Wenn der seine Tobsuchtsanf�lle hatte, war es besser, zu allem Ja und Amen zu sagen und das Donnerwetter �ber sich ergehen zu lassen. Sonst wurde alles nur noch schlimmer. Das hatte Edmund oft genug am eigenen Leib erfahren.</p><p>Schlie�lich brachte Michael eher zuf�llig in Erfahrung, dass Liz sich zur Heilsarmee gefl�chtet hatte und sich bei den frommen Betschwestern vor ihm versteckte. Angeblich hatte sie dem Alkohol und den M�nnern abgeschworen und sich Gott zugewandt. Gemeinsam mit Edmund wollte Michael sie aus dem Haus in der Hanbury Street herausholen, doch sie wurden bereits an der T�r von einer Schar uniformierter Matronen abgewiesen.</p><p>�Kein Mann betritt dieses Haus!�, riefen sie und drohten mit der Polizei. Besonders eine junge Frau mit feuerrotem Haar tat sich bei den Salutistinnen hervor und baute sich vor Michael auf, als wollte sie es tats�chlich mit ihm aufnehmen. Michael sah schlie�lich ein, dass er nichts gegen diese zu allem entschlossenen Weibsbilder ausrichten konnte, doch er drohte, er werde in der Nacht wiederkommen und sich holen, was ihm geh�re.</p><p>Edmund bezweifelte das. Das Frauenasyl hatte tats�chlich etwas von einer Burg � wie h�tte Michael Liz aus dieser Festung locken sollen? An eine gewaltsame St�rmung des Asyls war nicht zu denken. Umso �berraschter war er, als ihm sein Kompagnon am n�chsten Morgen stolz mitteilte, er habe Liz aus der verdammten Weiberh�lle befreit.</p><p>Auf Edmunds Frage, wie ihm dieses Kunstst�ck gelungen sei, antwortete Michael grinsend: �Mit Speck f�ngt man M�use.� Dann packte er Edmund pl�tzlich am Kragen und fauchte: �In Zukunft passt du besser auf, du Trottel! Damit das nicht noch mal passiert. Verstanden?�</p><p>�Ay�, gab Edmund kleinlaut zur�ck, wich seinem Blick aus und bat zerknirscht um Verzeihung. �Kommt nicht wieder vor, Michael. Kannst dich auf mich verlassen. Das verspreche ich. Eher schneiden wir ihr die Gurgel durch, stimmt�s?�</p><p>Michael stutzte. Dann lachte er wie �ber einen Witz, zuckte mit den Schultern und sagte: �Wenn�s sein muss!�</p><p>Deshalb folgte Edmund Liz in der folgenden Nacht auf Schritt und Tritt. Von Kneipe zu Kneipe, rund um die Christ Church, wo Liz sich den Kerlen anbot oder etwas zu trinken erbettelte. Einmal verschwand sie mit einem Freier in einem Hauseingang neben dem Ten Bells, doch davon abgesehen war nicht viel los. Edmund beobachtete sie aus der Ferne und achtete darauf, unbemerkt zu bleiben. Nur f�r den Fall, dass sie in die Hanbury Street ginge, wollte er eingreifen und sich ihr in den Weg stellen. Sonst belie� er es bei der heimlichen Observation.</p><p>Da das Gesch�ft in Spitalfields recht mau verlief, ging Liz nach einiger Zeit in Richtung Whitechapel, wo sie die Gegend zwischen der Commercial Road und den London Docks abgraste. Doch auch hier waren ihre Dienste kaum gefragt. Es war noch nicht so sp�t und die Kunden nicht betrunken genug, um sich mit einer heruntergekommenen S�uferin wie Liz einzulassen. Eher aus Mitleid bekam sie immer wieder ein Bier oder einen Schnaps spendiert, manchmal machte sie sich �ber die abgestandenen Reste in den Biergl�sern her, bevor sie wegger�umt wurden. Schlie�lich, an der Ecke Berner und Fairclough Street, verschwand sie im Lord Nelson Pub und kam gar nicht wieder heraus. Als Edmund durch das Fenster schaute, sah er sie allein an einem Ecktisch sitzen und die Reste mehrerer Biergl�ser zusammenkippen.</p><p>Edmund betrat das Lord Nelson und stellte Liz zur Rede. Doch sie lachte ihn nur aus und meinte, er solle sich gef�lligst zum Teufel scheren. Auch die Erw�hnung von Michael und das Vorzeigen des Messers, das er in der Innentasche seiner Jacke trug, hatten keinen Erfolg. Liz sch�ttelte lediglich den Kopf und beschimpfte Edmund als albernes Scho�h�ndchen, das gern ein Wachhund w�re. Aber wenn�s drauf ank�me, w�rde er doch den Schwanz einkneifen. �Das Messer kannst du getrost wegstecken�, keifte sie und winkte ab. �Wei�t ja ohnehin nicht, wie man damit umgeht.�</p><p>�Mit so einer Waffe hab ich schon einen Menschen zerlegt�, entfuhr es Edmund, bevor er sich auf die Lippen bei�en konnte.</p><p>Liz starrte ihn einen Moment lang verwundert an. Doch dann lachte sie und rief: �Sehr witzig! H�ttest mich beinahe drangekriegt, Edmund! Und jetzt verpiss dich, du Schwachkopf!�</p><p>Edmund hatte nicht wenig Lust, ihr das zahnlose L�cheln aus dem Gesicht zu pr�geln. Doch er zwang sich, ruhig zu bleiben, machte auf dem Absatz kehrt und verlie� die Kneipe. Es war bereits nach Mitternacht. Edmund �berlegte eine Weile und entschied sich dann, Michael aus der Devonshire Street zu holen, die nur einen Steinwurf entfernt war. Dann w�rde Liz schon sehen!</p><p>�Schwanz einkneifen!�, zischte er. �Von wegen!�</p><p>Michael war offenkundig wenig erfreut, als Edmund vor der T�r stand. An dem hastig �bergezogenen Hemd und der offenen Hose erkannte Edmund, dass er zu einem ung�nstigen Zeitpunkt gekommen war. Au�erdem war Michael betrunken, wie seine Fahne und seine glasigen Augen verrieten. Als Michael jedoch h�rte, was sein Besucher �ber Liz berichtete, schickte er Fanny Annie wieder ins Bett, zog sich an und ging torkelnd mit Edmund zur Berner Street. Er schaute durch das Fenster des Lord Nelson, sah Liz unver�ndert die Bierreste aufsammeln, stie� einen Fluch aus und klopfte an die Scheibe.</p><p>Als Liz Michael auf der Stra�e sah, fuhr sie augenblicklich in die H�he, um die Kneipe zu verlassen. Das abf�llige Lachen war ihr schlagartig vergangen. Als sie vor dem unsicher wankenden und finster dreinschauenden Michael stand, war sie nur noch ein H�ufchen Elend. Edmund betrachtete die beiden vom Eingang der Kneipe und hielt die Kreuzung im Auge, als wartete er auf jemanden.</p><p>�Ich hab mich nur ein wenig ausgeruht�, behauptete Liz und starrte zu Boden.</p><p>�Anstrengende Nacht gehabt?�, knurrte Michael und fasste sie wie ein Kaninchen im Genick. �Hart gearbeitet, was?�</p><p>In diesem Augenblick kam ein Polizist die Fairclough Street entlang und n�herte sich dem Lord Nelson. Edmund r�usperte sich laut, und Michael f�hrte Liz mit unver�ndert hartem Griff einige Schritte in die Berner Street hinein. Als der Polizist um die Ecke gebogen war, stie� Michael sie in einen Eingang auf der linken Seite und rief Edmund zu: �Du passt auf!�</p><p>Edmund n�herte sich dem mit einem Holztor versperrten Eingang, der zum Hof eines Wagenbauers f�hrte, blieb jedoch wie angewurzelt stehen, als sich pl�tzlich ein Passant n�herte. Weil Michael vor dem Holztor auf Liz einbr�llte und sie, wie den Ger�uschen zu entnehmen war, brutal zu Boden stie�, wurde der Mann auf die Szene aufmerksam und rief irgendetwas in einer f�r Edmund unverst�ndlichen Sprache.</p><p>Edmund warnte Michael mit einem Pfiff und ging gleichzeitig dem Fremden entgegen. Als er direkt vor ihm stand, z�ckte Edmund das Messer, lie� es aufspringen und grinste zufrieden, als der Passant panisch zur�ckwich und dann Hals �ber Kopf davonlief.</p><p>Michael hatte inzwischen das Holztor ge�ffnet und Liz in den Durchgang gesto�en, wo sie mit einem dumpfen Schrei zu Boden ging. Edmund �berquerte die Stra�e und betrat ebenfalls die Passage. �Arthur Dutfield, Wagenbauer�, stand auf dem Holztor. Es dauerte eine Weile, bis Edmund sich an die Dunkelheit gew�hnt hatte, doch dann erkannte er Michael, der Liz am Kragen packte und durchsch�ttelte, als wollte er sie auf diese Weise zur Vernunft bringen.</p><p>�Verdammtes Mistst�ck!�, schnauzte Michael.</p><p>�Lass mich doch gehen!�, bat Liz.</p><p>�Was machen wir jetzt mit ihr?�, fragte Edmund.</p><p>�Was wohl!�, knurrte Michael und lie� von ihr ab. �Zur H�lle mit ihr!�</p><p>�Zur H�lle mit ihr�, wiederholte Edmund und nickte, weil er wusste, was Michael von ihm verlangte. Er sprang auf Liz zu, riss ihr den Kopf nach hinten und schnitt ihr mit dem Messer die Gurgel durch. Genauso wie Michael es am Morgen gesagt hatte: �Wenn�s sein muss!�</p><p>Liz war zu �berrascht, um sich zu wehren. Ihre Knie gaben nach, und sie sackte zu Boden. Eine Weile war nur das Gurgeln des Blutes in ihrer Kehle zu h�ren. Und ein seltsames Blubbern oder Rauschen. Wie damals im Dingi, als das gurgelnde Ger�usch seine Lebensgeister wiederbelebt und er sich auf den Becher mit dem dampfenden Blut gest�rzt hatte. Das Ger�usch war allerdings nur einige Sekunden lang zu h�ren, dann war alles ruhig.</p><p>�Was hast du getan, du Idiot?�, schrie Michael, starrte auf die sterbende Liz und raufte sich die Haare.</p><p>�Wie du gesagt hast, Michael�, sagte Edmund, wischte die Klinge an Liz� �rmel ab und klappte das Messer zu. Er begriff nicht, was er falsch gemacht haben sollte. �Lieber schneiden wir ihr die Gurgel durch.�</p><p>�Aber das war doch nicht so gemeint�, behauptete Michael und riss ihm die Waffe aus der Hand. �Bist du denn v�llig �bergeschnappt?�</p><p>�Du hast es gesagt�, beharrte Edmund.</p><p>�Verdammter Schwachkopf!�, schrie Michael und steckte das Messer in seine Tasche. �Das gibt�s doch gar nicht!�</p><p>In diesem Augenblick h�rten sie einen Pferdewagen, der sich ratternd auf der Berner Street n�herte und direkt vor dem Durchgang zum Stehen kam.</p><p>�In den Hof!�, befahl Michael und schubste Edmund, der v�llig verst�rt war und �berhaupt nichts begriff, wie ein kleines Kind vor sich her. ��ber die Mauer!�</p><p>Die beiden Fl�gel des Holztores �ffneten sich genau in dem Moment, als Michael und Edmund auf eine im Hof abgestellte Lastenkarre kletterten und von dort �ber die Mauer auf das Nachbargrundst�ck sprangen. Als der Kutscher des Wagens wenige Augenblicke sp�ter die Leiche im Durchgang entdeckte, waren Michael und Edmund bereits durch einen schmalen Durchlass zwischen zwei H�usern in die Fairclough Street entkommen.</p><empty-line/></section><section><p>4</p><p>Edmund hatte nichts gegen Frauen. Sie waren ihm unheimlich und erschienen ihm r�tselhaft, und viele von ihnen sch�chterten ihn ein, aber er hasste sie nicht. Nicht wirklich. Auch Liz hatte er nicht gehasst, trotz der boshaften Worte und geringsch�tzigen Blicke, mit denen sie ihn immer wieder gedem�tigt hatte. In gewisser Weise hatte Liz ihn behandelt, wie ihn schon Mary fr�her immer behandelt hatte: mit einer Mischung aus Verachtung und Spott. Als w�re er ein albernes Insekt, das nicht einmal wert war, zertreten zu werden. Doch das war nicht der Grund gewesen, warum er sie get�tet hatte.</p><p>Nein, mit Rache, Vergeltung und verletztem Stolz hatte das nichts zu tun, da war sich Edmund sicher. Er hatte lediglich getan, was seine Aufgabe gewesen war. Wie damals im Dingi, als der Schiffskoch Ned den toten Jungen zerteilt hatte, damit die Mannschaft zu essen hatte. Wie man es von einem guten Smutje erwarten konnte. Er hatte Liz die Gurgel durchgeschnitten, weil Michael es ihm aufgetragen hatte. Nur zu diesem Zweck hatte er ihm schlie�lich das Messer gegeben. Auch wenn Michael das anschlie�end nicht wahrhaben wollte und Edmund einen gemeingef�hrlichen Irren nannte.</p><p>Wie sonst w�re es zu erkl�ren gewesen, dass Michael mit ihm gefl�chtet war und ihn anschlie�end nicht bei der Polizei verpfiffen hatte? Warum h�tte er sonst all die Falschaussagen vor dem Gericht und gegen�ber den Reportern machen sollen? Es w�re doch ein Einfaches gewesen, alles auf Edmund zu schieben und, wie Ginger es gesagt hatte, die H�nde in Unschuld zu waschen. Warum also hatte er sich so verhalten?</p><p>Gewiss, Michael h�tte nicht gut dagestanden, wenn die ganze Wahrheit �ber ihn und Long Liz herausgekommen w�re. Sein Verhalten war doch sehr verd�chtig gewesen. Und wom�glich h�tte ihn das Gericht wegen seiner Beteiligung an der Tat sogar belangen k�nnen. Vor allem wenn Edmund dem Coroner seine Sicht der Dinge preisgegeben h�tte. Doch der eigentliche Grund f�r Michaels Schweigen und seine L�gen war ein anderer: Edmund hatte seinen Befehl ausgef�hrt. �Zur H�lle mit ihr!� Er hatte Michael einen Gefallen getan. Davon war er fest �berzeugt, und das lie� er sich auch von Michael nicht ausreden. Er wusste es schlie�lich besser.</p><p>Was in Dutfield�s Yard geschehen und wer letztendlich daf�r verantwortlich war, spielte ohnehin keine Rolle mehr. Denn Jack the Ripper hatte Long Liz ermordet! Elizabeth Stride, wie sie pl�tzlich von allen genannt wurde. Jeder redete davon, niemand zweifelte daran. Ein Doppelmord! Was sonst?</p><p>Es war schon ein seltsamer Zufall, dass nur eine halbe Stunde nach Liz� Tod eine weitere Frau get�tet worden war. Nicht mal eine Meile von der Berner Street entfernt. Und weil der zweite Mord am Mitre Square so viel blutr�nstiger ausgef�hrt worden war, konzentrierte sich fast alles auf diese Tat. Kaum jemand erkannte, dass Liz� Tod nicht ins Muster passte. Die Leute sahen nur, was sie sehen wollten: Der Ripper war beim ersten Mord durch das herannahende Pferdefuhrwerk gest�rt worden und hatte sein blutiges Werk nicht vollenden k�nnen. Deshalb hatte er kurz darauf ein zweites Mal und diesmal so unfassbar barbarisch gemordet. Alles passte zusammen, alles ergab Sinn.</p><p>�Du hast wirklich mehr Gl�ck als Verstand�, sagte Michael nach der Anh�rung vor dem Coroner zu Edmund und fasste ihn hart am Handgelenk. �Komm also nicht auf die Idee, irgendwelchen Unsinn �ber mich oder Liz zu verbreiten. Du h�ltst dein Maul, sonst m�sste ich n�mlich andere Saiten aufziehen.�</p><p>�Ich schweig wie ein Grab�, antwortete Edmund und schaute zu Boden.</p><p>�Das will ich dir auch raten�, sagte Michael, griff in die Jackentasche und holte das Springmesser heraus. �Denk dran, ich hab immer noch das Messer. Wenn du deine Klappe nicht h�ltst, landest du ruckzuck am Galgen.�</p><p>Edmund verstand zwar nicht, was das Messer damit zu tun hatte, denn immerhin geh�rte es Michael. Und es stand nicht im Griff eingraviert, wer Liz damit die Gurgel durchgeschnitten hatte. Wenn Michael jetzt zur Polizei ginge, s��e er selbst ebenfalls in der Patsche. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Doch Edmund verstand die Warnung auch so. Wie er �berhaupt Michael sehr gut verstand. Vermutlich besser, als der sich selbst.</p><p>Dass Michael sich in den folgenden Wochen auffallend zur�ckzog und den Kontakt zu Edmund auf das Notwendigste beschr�nkte, kr�nkte Edmund zwar, doch auch daf�r hatte er Verst�ndnis. Erst musste ein wenig Gras �ber die Sache wachsen, dann w�rde alles wieder sein wie zuvor. <emphasis>�Mein bester Mann!�</emphasis> Auch dass Michael keine Verwendung mehr f�r die Bretterbude hatte und Edmund mitteilte, er k�nne sie wieder als Brennholzlager benutzen oder anderweitig vermieten, leuchtete Edmund ein. Nichts sollte mehr an Long Liz erinnern. Michael schenkte ihm sogar die Matratze, die er f�r Liz besorgt hatte.</p><p>�So gut wie neu�, sagte er.</p><p>�Danke, Michael�, antwortete Edmund. �F�r alles.�</p><p>Doch mit dem neuen Untermieter schien Michael ebenfalls nicht einverstanden zu sein. Bereits bei ihrer ersten Begegnung vor einer Woche hatte er ihn so komisch angeschaut, als w�re er ihm schon einmal �ber den Weg gelaufen. Erst durch Ginger hatte Edmund �berhaupt erfahren, dass der Untermieter Rupert hie�, doch seltsamerweise war der Kerl schon in der n�chsten Nacht verschwunden und blieb f�r einige Tage verschollen. Ebenso merkw�rdig war es, dass Michael vor zwei Tagen im Hafen auf Edmund zugekommen war und ihm zu verstehen gegeben hatte, dass dieser Rupert ihnen hinterherspionierte und vermutlich ein Reporter oder Polizeispitzel war. Dass er jedenfalls nicht der war, f�r den er sich ausgab.</p><p>Edmund nickte nur und fragte: �Was soll ich tun?�</p><p>�Dem Kerl sollte man mal das Maul stopfen.�</p><p>�Verstehe�, sagte Edmund. �Hab ihn aber lange nicht gesehen.�</p><p>�Falls er noch mal auftaucht, kn�pf ihn dir vor!�, meinte Michael und zog Edmund am �rmel zu sich heran. �Auch zu deinem eigenen Interesse. Aber mach diesmal keinen Unsinn! Du sollst ihm nur das Maul stopfen, damit er verschwindet.�</p><p>Edmund nickte gehorsam.</p><p>In derselben Nacht h�rte er ein lautes Schnarchen aus dem Bretterverschlag und ging nach hinten, um dem Schlafenden die befohlene Abreibung zu verpassen. Er �ffnete lautlos die T�r zur Bude, schlich zum Bett und wollte diesem Rupert das Maul stopfen. Doch irgendetwas stimmte nicht. Der Kerl auf dem Bett stank wie ein Tier, nach Schnaps und Pisse, wie einer der Herumstreuner aus dem Itchy Park. Wie Edmund, bevor er Michael begegnet war. Als sich Edmunds Augen an das Dunkel in der Kammer gew�hnt hatten, erkannte er schemenhaft einen verfilzten Vollbart und eine riesige Runkelnase. Das war nicht Rupert!</p><p>Der Mann wurde wach, fuhr hoch und schrie erschrocken auf.</p><p>Edmund gab ihm eins aufs Maul. F�r alle F�lle.</p><p>Der Vollb�rtige br�llte wie ein Wahnsinniger, stie� Edmund zur Seite, rannte davon und lie� nur die Erinnerung an seinen bestialischen Gestank zur�ck.</p><p>Edmund war seit Tagen nicht im Britannia Pub gewesen. Genau genommen seit letztem Montag, als er f�r einen Moment pl�tzlich geglaubt hatte, seine Mary dort an einem Tisch am Fenster zu sehen. Zusammen mit Heather, Michaels neuer Freundin. Nat�rlich wusste Edmund, dass das unm�glich war. Denn die Mary hier, im Britannia, war genauso alt gewesen wie diejenige Mary, die er vor zwanzig Jahren im George Inn kennengelernt hatte. Als w�re die Zeit spurlos an ihr vorbeigezogen. Nur bleicher und abgemagerter war sie gewesen, wie eine Sterbenskranke.</p><p>Edmund glaubte eigentlich nicht an Gespenster, und mit Aberglauben hatte er nichts am Hut, und doch war es ihm, als w�re ihm Marys Geist erschienen. Das war die einzige sinnvolle Erkl�rung, die ihm einfiel. Entweder das, oder er begann, seinen Verstand zu verlieren. Doch wenn Mary eine Spukgestalt war, dann bedeutete das, dass sie gestorben war. Denn Lebende verwandelten sich nicht in Geister.</p><p>In den Tagen danach hatte er einen gro�en Bogen um das Britannia gemacht. So, wie er seit Jahren einen Bogen um das George Inn machte. Seit er vor vier Jahren wieder nach London zur�ckgekommen war, hatte er die Kneipe in Southwark nicht mehr betreten. Den gesamten Stadtteil auf der S�dseite der Themse hatte er nach M�glichkeit gemieden wie der Beelzebub das Weihwasser. Und dennoch war es ihm nicht gelungen, seiner Vergangenheit zu entkommen. Marys Wiederg�ngerin hatte ihn angestarrt mit ihrem bleichen Gesicht und ihren gro�en Augen, die ihn damals so verzaubert hatten. Dieselben Augen, die ihn sp�ter voller Verachtung angeschaut hatten. Als w�re alles seine Schuld.</p><p>Ausgerechnet im Britannia wollte sich Michael nun mit ihm treffen. Wegen Rupert. Edmund wagte keinen Widerspruch. Zum Gl�ck waren weit und breit keine Geister auszumachen. Heather war irgendwo in Whitechapel unterwegs, um Geld anzuschaffen, und von der vermeintlichen Mary war ebenfalls nichts zu sehen. Nur ein dummes Hirngespinst, sagte Edmund zu sich, glaubte aber den eigenen Beschw�rungen nicht so recht.</p><p>Edmund berichtete Michael, was in der vergangenen Nacht geschehen war und dass nicht Rupert, sondern ein v�llig Fremder in Ruperts Bett gelegen habe.</p><p>�Ein Gentleman mit Zylinder und feinem Gehrock?�, fragte Michael und nickte wissend. �Ich sagte ja, er spielt ein doppeltes Spiel.�</p><p>�Nein, kein Gentleman�, wunderte sich Edmund. �Ein stinkender Streuner mit verdrecktem Bart.�</p><p>Michaels Blick verfinsterte sich. Er wirkte �berrascht und ratlos, und das gefiel Edmund �berhaupt nicht. Denn es machte ihn unsicher. Wenn nicht einmal Michael wusste, was zu tun war, dann war auf nichts mehr Verlass!</p><p>�Was, zum Teufel, hat der Kerl vor?�, fragte Michael. �Was wei� er?�</p><p>�Was soll er schon wissen?�, antwortete Edmund verwirrt.</p><p>Michael sah aus, als w�sste er darauf eine Antwort, doch er zuckte mit den Schultern und sagte stattdessen: �Einen ganz sch�nen Schlamassel hast du da angerichtet! Verdammter Trottel!�</p><p>Jetzt ging das wieder los, dachte Edmund, mied aber Michaels Blick und schaute aus dem Fenster. Der Nebel war inzwischen so dicht, dass nicht einmal die Christ Church auf der anderen Stra�enseite zu sehen war. Selbst die Passanten vor dem Fenster waren nur als Schemen zu erkennen.</p><p>�Der Kerl muss weg!�, sagte Michael schlie�lich und knallte das Bierglas auf den Tisch. �Weg mit ihm!�</p><p>�Daf�r m�sste er erst mal wieder auftauchen�, meinte Edmund.</p><p>�Glaub mir, das wird er�, antwortete Michael und bestellte noch eine Runde. �Und dann schnappen wir ihn uns!�</p><p>�Wie Liz?�, fragte Edmund.</p><p>�Wie Liz�, best�tigte Michael und zog die Augenbrauen hoch.</p><p>Edmund starrte auf seine Finger und nickte.</p><p>Es war weit nach Mitternacht, als sie schlie�lich das Britannia als letzte G�ste verlie�en. Der Wirt bugsierte sie auf die Stra�e und sperrte die T�r hinter ihnen zu. Edmund hatte zu viel getrunken und f�hlte sich unsicher auf den Beinen. Wie bei einem ersten Landgang nach langer Zeit auf hoher See. Bei dem Nebel konnte man zudem kaum die F��e auf dem Boden sehen. Zum Gl�ck hatten sie es nicht weit.</p><p>Als sie die Dorset Street betraten, glaubte Edmund eine Bewegung hinter sich zu bemerken, doch als er sich umdrehte, war niemand zu sehen. Nur ein Stra�enk�ter huschte knurrend um die Ecke.</p><p>Im selben Augenblick stie� Michael ihn an und deutete in die entgegengesetzte Richtung. Edmund sah gerade noch, wie eine seltsam unf�rmige Gestalt den Durchgang zum Miller�s Court betrat.</p><p>�Was war das?�, fl�sterte Edmund erschrocken.</p><p>�Das werden wir gleich wissen�, antwortete Michael ebenso leise.</p><p>Sie gingen zum Durchlass und schauten in den Hof, der nur durch die Gaslaterne beschienen war. Trotz der schlechten Sicht erkannte Edmund, dass dort jemand eine andere Person auf den Armen trug. Wie die Muttergottes den toten Jesus, ging es ihm durch den Kopf. Dann war der Schatten hinter dem Geb�ude verschwunden.</p><p>�Wo sind sie hin?�, fragte Edmund.</p><p>�Bestimmt nicht zum Schei�haus�, lachte Michael.</p><p>�Oh�, sagte Edmund.</p><p>�Du sagst es!�, antwortete Michael.</p><p>Sie mussten nicht lange warten. Schon nach kurzer Zeit bog der Schatten erneut um die Ecke und kam auf sie zu. Diesmal ohne zweite Person auf den Armen. Als er unter der Laterne stand, erkannte Edmund den Gentleman, trotz Mantel und Zylinder.</p><p>�Na, wen haben wir denn da?�, fragte Michael sp�ttisch. �Der verlorene Sohn ist zur�ckgekehrt.�</p><p>Wie Liz, dachte Edmund und r�usperte sich.</p><empty-line/></section><section><title><p>NEUNTER TEIL</p></title><p><image l:href="#1"/></p><subtitle>CELIA UND RUPERT</subtitle><empty-line/><p><emphasis>�Then I sought the face of my soul,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>and I saw upon its darkness the answer to my uttered question,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>and I knew that I stood in the presence of him</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>who had done battle with love, Death.�</emphasis></p><p>(�Dann suchte ich das Angesicht meiner Seele,</p><empty-line/><p>und ich sah in seiner Dunkelheit die Antwort auf meine Frage,</p><empty-line/><p>und ich wusste, dass ich vor ihm stand,</p><empty-line/><p>der mit der Liebe gek�mpft hatte, dem Tod.�)</p><p>Simeon Solomon, A Vision of Love Revealed in Sleep, 1871</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>DONNERSTAG, 25. OKTOBER 1888</p><p>1. CELIA BROOKS</p><p>Celia h�tte nicht genau sagen k�nnen, wie lange sie schon vor dem Britannia Pub stand und durchs Fenster in den verrauchten Schankraum schaute. Es erschien ihr wie Stunden, doch sie hatte jedes Zeitgef�hl verloren und kam sich vor wie in einem Traum. Was auch durch den dichten Nebel ringsum verst�rkt wurde, der alles unwirklich aussehen lie�. Wom�glich hatte sie immer noch ein wenig Fieber, jedenfalls fuhren ihr in unregelm��igen Abst�nden Schauer �ber den R�cken, als legte sich ihr eine kalte Hand in den Nacken. Mehrmals fuhr sie herum, weil sie tats�chlich glaubte, jemand st�nde hinter ihr, doch da war niemand. Keiner der zahlreichen Passanten nahm von ihr Notiz, obwohl sie wie angenagelt auf dem Gehweg stand und auf den Eingang des Britannia starrte.</p><p>Ihr Vater sa� in der Kneipe. Zusammen mit dem finster dreinschauenden Michael, dem neuen und alles andere als sympathisch wirkenden Freund von Heather. Sie sa�en an einem Tisch unweit des Tresens, steckten die K�pfe zusammen, rauchten Pfeife und bestellten eine Runde nach der anderen. Celia hatte sich hinter einem auf dem Gehsteig abgestellten Fuhrwerk versteckt, sodass sie die M�nner aus der Deckung beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Weil der Tresenraum �berdies hell beleuchtet war, w�hrend der Gehweg im Nebel lag, stand nicht zu bef�rchten, dass ihr Vater auf sie aufmerksam w�rde.</p><p>Sie hatte ihn tats�chlich gefunden! Endlich! Doch nun, da sie ihr Ziel erreicht hatte, wusste sie nicht, was sie tun und wie sie ihrem Vater begegnen sollte. Einfach in die Kneipe zu gehen, sich vor ihm aufzubauen und zu sagen: �Hallo, Vater, ich bin Celia!�, das erschien ihr absurd und unm�glich. Nicht zuletzt, weil dieser Michael dabei war, der sie einsch�chterte, obwohl sie ihn �berhaupt nicht kannte. Nein, lieber wollte sie abwarten und beobachten. Solange ihr Vater im Britannia sa� und sie an Ort und Stelle blieb, konnte er ihr nicht entwischen. Wenn er dann den Pub verlie�e, k�nnte sie ihm nach Hause folgen und ihn ansprechen, sobald er allein w�re. Auch wenn ihr davor bang war, weil sie keine Ahnung hatte, was sie sagen sollte und wie er wohl darauf reagieren w�rde. Die Worte des Wirts in Southampton fielen ihr wieder ein: �Weil er n�mlich nicht gefunden werden will!� Und seine Frau hatte hinzugesetzt: �Antworten gibt�s nicht umsonst.�</p><p>Und doch war Celia froh, dass sie hergekommen war. Sich hergetraut hatte. Mehrere Stunden hatte sie sich schon in der Gegend herumgetrieben, war immer wieder in die Dorset Street und zum Britannia Pub oder Ten Bells gegangen und hatte die Augen und Ohren offen gehalten. Im Ten Bells hatte Heather vor einigen Tagen Michael kennengelernt, in der Dorset Street wohnten die beiden, und vor dem Britannia hatte Celia, kurz vor ihrem Zusammenbruch, ihren Vater entdeckt. �Ein Nachbar�, wie Heather gesagt hatte. �Ein komischer Kauz!� Also war Celia den halben Tag lang stoisch von Ort zu Ort gegangen, rings um die Christ Church, immer darauf hoffend, irgendwo auf ihren Vater zu treffen. �Nicht ganz dicht in der Birne!� Auch das waren Heathers Worte gewesen.</p><p>Seitdem Celia ihrem Vater am Montag begegnet war, hatte sie an nichts anderes mehr denken k�nnen. Selbst in ihren wirren Fiebertr�umen war er ihr erschienen, zusammen mit den beiden anderen M�nnern, denen sie in den letzten Tagen so unerkl�rlich oft �ber den Weg gelaufen war. Als sie am Donnerstagmorgen endlich wieder halbwegs erholt und fieberfrei gewesen war, hatte ihr Beschluss festgestanden: Sobald Maureen am Abend die Wohnung verlassen w�rde, um im People�s Palace aufzutreten, wollte Celia nach Spitalfields gehen und Ausschau halten. Wie die Polizisten auf Streife, von denen es in der Gegend nur so wimmelte, seitdem der Ripper im East End sein Unwesen trieb.</p><p>Beinahe w�re es jedoch gar nicht dazu gekommen, denn Maureen wollte sie zun�chst nicht allein lassen. Celia sei noch nicht gesund und k�nne jederzeit einen R�ckfall erleiden. Und da Rupert Ingram nicht da sei, um in der Zwischenzeit auf sie aufzupassen, werde Maureen ihren Auftritt absagen und bei Celia bleiben. Sie k�nne ihr auch etwas vorlesen, wenn ihr denn der Sinn nach B�chern stehe.</p><p>�Lesen schadet�, antwortete Celia grinsend und beschwor Maureen, doch bitte keine unn�tige R�cksicht auf sie zu nehmen. Sie sei wieder gesund und bei Kr�ften, ihre Hand tue gar nicht mehr weh, auch das Fieber sei verschwunden. Und vor allem solle Maureen nicht ihretwegen auf ihre Gage verzichten. Celia wusste, dass Maureen pro Auftritt bezahlt wurde und ihr Honorar nur erhielt, wenn sie abends auf der B�hne stand. Celia meinte, es sei doch unsinnig, ihr beim Schlafen zuzusehen, wenn Maureen zur selben Zeit gutes Geld verdienen k�nne. Sie sei so m�de, dass sie ohnehin fr�h zu Bett gehe. Und falls sie doch etwas ben�tige, k�nne sie ja Mrs. Adams im Dosshouse fragen. Deren Fett-und Zwiebelgestank werde sie schon �berleben, wie Celia lachend hinzuf�gte.</p><p>Schlie�lich gab sich Maureen geschlagen, packte ihre Kost�mtasche und verlie� nach dem Abendbrot die Wohnung. Nur eine Dreiviertelstunde sp�ter stand Celia vor der Christ Church und begann ihre Runden. Mit Erfolg, wie sich inzwischen herausgestellt hatte.</p><p>Gebannt schaute sie durch das Fenster auf ihren Vater. Der Rauschebart, die hohe Stirn, die stattliche Figur � alles war eigentlich genauso, wie Celia es in Erinnerung hatte. Und doch h�tte sie ihren Vater vermutlich niemals erkannt, wenn er sie am Montag nicht so seltsam angestarrt h�tte. Wie eine Erscheinung. Wie einen Geist.</p><p>Auch jetzt war es vor allem der seltsame Ausdruck in seinen Augen, der Celia verwirrte und gleichzeitig in den Bann zog. Sein Blick erinnerte sie an den eines Hundes, zugleich treuherzig und gehetzt, zutraulich und doch lauernd, immer auf der Hut. Wenn Michael etwas sagte und dabei meistens zur Decke oder auf sein Bierglas schaute, dann klebte Vaters Blick regelrecht an ihm, er schien jedes Wort auch mit den Augen aufzusaugen. Doch sobald sich die Blicke trafen, starrte er schlagartig auf den Tisch, zu Boden oder auf seine Pfeife, als h�tte er vor irgendetwas Angst. Als bef�rchtete er, durchschaut zu werden. Oder bestraft.</p><p>�Kannst du mich nicht anschauen, wenn ich mit dir rede?�, hatte ihre Mutter ihn fr�her immer wieder angefahren.</p><p>�Nein, kann ich nicht!�, hatte ihr Vater manchmal erwidert. �Du mit deinem verdammten Hexenblick! Da l�uft�s einem ja kalt den R�cken runter!�</p><p>Celia erinnerte sich an eine Begegnung mit ihrem Vater, einige Monate bevor er die Familie verlassen hatte. Celia hatte von ihrer Mutter den Auftrag erhalten, den Vater aus der Kneipe nach Hause zu holen. Es war ein Sonntag im Januar, die Rennsaison war l�ngst vorbei, und Ned Brooks verbrachte die meiste Zeit, wenn er nicht im Hafen arbeitete oder mit den Austernfischern auf See war, im Rosebud Pub am Hurst Green, dem Dorfanger am Rande von Brightlingsea. Celia sollte den Vater zum Essen holen. Mr. Hutchinson, der Nachbar, hatte ihnen ein St�ck von dem Wildbret abgegeben, das er von seinem Sohn bekommen hatte, und weil es sonst nie Wildschweinbraten im Hause Brooks gab, sollte Celia dem Vater Bescheid geben. Damit der sich nachher nicht beschweren k�nne.</p><p>Celia war damals acht Jahre alt gewesen und hatte ihren Vater noch niemals beim Zechen in einem Pub erlebt. Entweder war er auf hoher See oder unten am Hafen, oder er lag betrunken und schnarchend auf dem Sofa, nur so kannte Celia ihn. Abwesend oder abweisend. Doch wie er sich unter Seem�nnern und Fischern in einer Kneipe auff�hrte, davon hatte Celia keine Ahnung. Umso �berraschter war sie, als sie ihren Vater im Kreise der Nachbarn und Kollegen sah. Er erz�hlte gerade eine offenbar lustige Geschichte, fuchtelte gestenreich mit den H�nden und lachte immer wieder laut auf. Auch die anderen M�nner gr�lten und klopften mit den Kn�cheln auf die Tischplatte.</p><p>Celia trat sch�chtern an den Tisch und sagte: �Vater!�</p><p>Er hielt inne, schaute sie an und erstarrte. �Was?�, knurrte er.</p><p>�Das Essen ist fertig�, antwortete Celia und sah ihren Vater erschrocken an. �Es gibt Wildschweinbraten. Von Mr. Hutchinson. Also eigentlich nicht von Mr. Hutchinson, sondern von seinem Sohn. Mutter sagt ��</p><p>�Ja, ja�, unterbrach er sie und wedelte sie mit der Hand weg. Wie eine l�stige Fliege.</p><p>�Aber Mutter meint ��, beharrte Celia und suchte den Blick des Vaters.</p><p>�Starr mich nicht so an!�, schnauzte er pl�tzlich. �Das h�lt doch kein Mensch aus.�</p><p>Celia verstand nicht und gefror zu Eis.</p><p>�Hast genau so einen Blick wie deine Mutter!�, rief er aufgebracht. �Kannst du nicht woanders hingucken?�</p><p>�Woanders?� Celia war nicht in der Lage, sich zu bewegen oder ihre Augen abzuwenden. �Wo soll ich denn sonst hingucken?� Die verzerrte Fratze ihres Vaters zog sie wie ein Magnet an, sie konnte nicht anders als hinschauen.</p><p>Und dann geschah etwas Seltsames. Ihr Vater seufzte und wandte sich ab, als k�nnte er ihren Anblick tats�chlich nicht l�nger ertragen. �Ich komme gleich�, murmelte er leise und hielt sich die Hand �ber die Augen, als w�rde er durch irgendetwas geblendet. Fast flehentlich setzte er hinzu: �Lass mich, Kind!�</p><p>Damals begriff Celia davon nat�rlich nichts und wunderte sich nur �ber das seltsame Verhalten ihres Vaters. Doch wenn sie heute dar�ber nachdachte, dann kam es ihr vor, als h�tte er Angst vor ihr gehabt. Als w�re sie ihm regelrecht unheimlich gewesen. Und alles nur, weil sie ihn angeschaut hatte.</p><p>�Na, M�dchen�, wurde Celia durch eine kr�chzende M�nnerstimme aus ihren Gedanken gerissen. �So sp�t noch unterwegs? Solltest du nicht l�ngst zu Hause sein? Es ist bereits nach Mitternacht.�</p><p>Celia fuhr erschrocken zusammen und atmete erleichtert auf, als sie einen m�rrisch dreinschauenden Constable vor sich sah. �Danke, Officer!�, antwortete sie und versuchte zu l�cheln. �Ich warte auf jemanden.�</p><p>Der Uniformierte schaute sie halb mitleidig, halb streng an und sagte: �Dies ist kein Ort, um nachts allein auf der Stra�e zu stehen.�</p><p>�Ich warte�, wiederholte Celia verstockt. �Danke, Sir.�</p><p>Der Constable knurrte abf�llig, zog die Stirn kraus und ging weiter.</p><p>Celia schaute ihm nach und begriff erst jetzt, dass er sie vermutlich f�r eine Prostituierte gehalten hatte. Auch deshalb war sie erleichtert, als er gegen�ber in die Church Street einbog, am Ten Bells vorbeiging und hinter der Kirche verschwand. Im selben Augenblick wurde hinter Celia die T�r zum Britannia aufgerissen, und ein Mann rief: �Schluss f�r heute! Raus mit euch!�</p><p>Oh nein!, schoss es Celia durch den Kopf, als sie herumfuhr und wieder zur Kneipe schaute. Das Britannia wurde geschlossen. Durch das Fenster konnte sie beobachten, wie die beiden M�nner vom Wirt auf die Stra�e geschubst wurden.</p><p>Erst als Michael und ihr Vater drau�en den Weg in Richtung Dorset Street eingeschlagen hatten, wagte sich Celia aus ihrem Versteck. Dabei trat sie versehentlich einem Stra�enk�ter, der unter dem Fuhrwerk geschlafen hatte, auf den Schwanz. Mit einem Knurren sprang der Hund auf und raste davon. Celia ging blitzschnell wieder in Deckung.</p><p>�Was war das?�, fragte ihr Vater.</p><p>Zun�chst glaubte Celia, er h�tte sie trotz des Nebels entdeckt, doch als sie hinter dem Fuhrwerk hervorlugte, erkannte sie, dass die beiden M�nner weiter in die andere Richtung wankten.</p><p>�Das werden wir gleich sehen�, sagte Michael.</p><p>Im n�chsten Augenblick waren sie in einem Durchgang auf der rechten Seite verschwunden.</p><p>�Miller�s Court�, stand auf einem Schild �ber dem schmalen Torbogen. Das konnte Celia in der Dunkelheit und dem Nebel zwar nicht lesen, aber sie war im Laufe des Abends so h�ufig durch die Dorset Street gegangen, dass sie jedes Geb�ude in der schmalen Gasse zu kennen glaubte. Michael und Heather wohnten weiter hinten in der Stra�e, wie sie sich zu erinnern glaubte, also musste sich im Miller�s Court die Wohnung ihres Vaters befinden. Und vermutlich w�rde Michael bald wieder auftauchen, um nach Hause zu gehen. Dann w�rde Celia sich ihrem Vater stellen. W�rde <emphasis>ihn</emphasis> stellen. Komme, was da wolle.</p><p>Doch nichts geschah. Michael kam nicht wieder heraus. Kein Ton war zu h�ren. Also wagte sich Celia bis zum Torbogen vor und lugte vorsichtig in den Durchgang. Eine Laterne beleuchtete den dahinterliegenden Yard, doch das Einzige, was sie sah, war der Schatten eines Mannes, der mit dem R�cken zu ihr und breitbeinig am hinteren Ende des Durchgangs stand. Wie ein Wachsoldat. Der Gr��e nach zu urteilen, musste es sich um Celias Vater handeln. Von dem viel kleineren Michael war nichts zu sehen. Nur leise Stimmen drangen in diesem Augenblick durch die Dunkelheit. Zu leise, um die Worte zu verstehen.</p><p>Celia trat in den Torbogen und �berlegte, ob sie ihren Vater ansprechen sollte, als dieser pl�tzlich den Durchgang verlie� und in den Hof ging, wo er auf der rechten Seite in einer dunklen Nische verschwand. Es quietschte metallisch, und kurz darauf erschien ihr Vater wieder im Torbogen. In der Hand hielt er nun einen an beiden Enden gebogenen Stab, es sah beinahe aus wie der Schwengel einer Pumpe.</p><p>�Vater!�, wollte Celia sagen, doch ihre Stimme versagte.</p><p>Und im gleichen Augenblick schrie jemand ganz in der N�he: �Schei� auf Liz!�</p><p>Celia erschrak. Auch ihr Vater zuckte merklich zusammen. Er r�usperte sich mehrmals, als h�tte er einen Frosch im Hals, dann ging er mit gro�en Schritten nach hinten, wo der Hof so dunkel und der Nebel so dicht war, dass Celia nichts erkennen konnte. Langsam tastete sie sich durch den Durchlass, bis sie den engen Hof erreicht hatte. Zur Rechten befand sich eine Wasserpumpe ohne Schwengel, zur Linken eine flackernde Gaslaterne an einer H�userwand, und am hinteren Ende des Yards glaubte sie mehrere Holzkabinen zu erkennen. Vermutlich die Latrine.</p><p>In diesem Moment stie� jemand einen spitzen Schmerzensschrei aus.</p><p>Kurz darauf h�rte sie Michael rufen: �Mach schon!�</p><p>Und als Antwort br�llte Celias Vater wie von Sinnen. Es klang fast nicht mehr menschlich. Aus einer Wohnung im Vorderhaus, direkt neben dem Durchgang, h�rte Celia unverst�ndliche Ger�usche. Dann war pl�tzlich alles still.</p><p>Celia h�tte fortrennen sollen. Nur weg von hier. So schnell wie m�glich. Zur Hauptstra�e, wo die Polizisten Streife gingen. Zum Ten Bells, das vermutlich immer noch ge�ffnet war. Oder in die Hanbury Street, wo sie im Frauenasyl der Heilsarmee Zuflucht finden w�rde. Doch stattdessen schlich sie, wie von unsichtbaren F�den gezogen, in den hinteren Teil des Hofes und lugte um die Ecke. Dort stand die T�r zu einem fensterlosen Holzschuppen auf. Mattes Kerzenlicht erleuchtete das Innere.</p><p>Celia konnte kaum glauben, was sich dort ihren Blicken bot. In der winzigen Holzkammer befanden sich vier Personen auf engstem Raum. An der R�ckwand lag irgendjemand auf einer Pritsche unter einer Decke und bewegte sich nicht. Michael hockte links von der T�r neben einem Holztisch auf dem Boden und hielt sich jammernd die rechte Hand, die seltsam deformiert aussah. Eine weitere Gestalt lag leblos im pelzbesetzten Mantel auf dem Boden, neben sich eine leere Schnapsflasche und einen Zylinder. Und Celias Vater stand �ber dem Leblosen und hielt den Pumpschwengel mit beiden H�nden �ber dem Kopf, als wollte er ihn auf den Liegenden niedersausen lassen.</p><p>�Worauf wartest du?�, zischte Michael. �Schlag zu!�</p><p>Ihr Vater nickte, doch irgendetwas hielt ihn zur�ck. Vielleicht lag es daran, dass sich der Mann auf dem Boden gerade bewegt hatte.</p><p>�Los, du Schwachkopf!�, schrie Michael. �Er ist noch nicht hin!�</p><p>Celia stand reglos in der T�r und starrte wie gebannt auf die Szenerie. Niemand bemerkte sie, und selbst wenn, w�re es ihr egal gewesen, denn sie hatte gerade erkannt, wer dort mit blutendem Sch�del auf dem Boden lag und ein dumpfes St�hnen von sich gab. Ein junger Mann mit einem Herz auf der Wange, so gro� wie eine Half-Crown-M�nze. Rupert Ingram!</p><p>Was, um alles in der Welt, hatte der denn hier zu suchen? Was mochte das bedeuten? Und wieso wollte ihr Vater ihn umbringen? Alles drehte sich vor ihren Augen. Nichts ergab mehr Sinn. Die Welt war aus den Fugen. Das konnte doch alles nicht wahr sein.</p><p>Und darum schrie sie ihren Vater an: �Tu�s nicht!�</p><p>Er fuhr entsetzt herum, starrte sie an, wie er sie auch am Montag angestarrt hatte, und rief: �Mary!� Er wich zur�ck, bis er an die Holzwand stie�, lie� mutlos die Eisenstange sinken, sch�ttelte den Kopf und wisperte: �Kommst du mich jetzt holen?�</p><p>Celia wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Aber sie musste irgendetwas tun. Deshalb nickte sie wortlos, ging einen Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus, um ihm den Schwengel abzunehmen.</p><p>Doch Michael kam ihr zuvor. Er sprang pl�tzlich mit schmerzverzerrter Miene auf die Beine, entriss ihrem Vater mit der unverletzten linken Hand die Eisenstange und baute sich �ber Rupert Ingram auf, der in diesem Augenblick wieder zu sich kam, den Schatten �ber sich sah und in einer hilflosen Geste die H�nde zur Abwehr hob.</p><p>Celia hatte es bereits die ganze Zeit dort liegen sehen. Direkt vor ihren F��en. Ein Messer mit dunklem Horngriff und spitzer Schneide. Als h�tte man es nur zu dem Zweck dorthin gelegt, dass sie es entdeckte und aufhob. Mit der linken Hand, weil die rechte noch verbunden war. Sie hielt das Messer, wie ihr Bruder Peter es ihr einmal gezeigt hatten: mit der Schneide nach oben und der Spitze nach vorne. Mit einer schnellen Bewegung stach sie zu, von unten nach oben. Einmal. In die Seite. Ganz ungewohnt, mit links. Dann, als Michael sich �berrascht umwandte, noch einmal. Vor Schreck. In die Brust. Direkt unters Brustbein, wo das Messer stecken blieb. Die Eisenstange rutschte ihm aus der Hand und schlug mit einem dumpfen Ger�usch auf dem nackten Erdboden auf.</p><p>�Wer, zum Teufel, bist du?�, raunte Michael und starrte sie verst�ndnislos an, bevor seine Beine nachgaben und er r�cklings auf dem Holztisch landete und samt Tisch und Kerze zu Boden ging.</p><p>Schlagartig wurde es dunkel.</p><empty-line/></section><section><p>2. RUPERT INGRAM</p><p>Eine Zeit lang blieb alles still. Nur unser heftiges Atmen oder Keuchen war zu h�ren. Ich versuchte zu verstehen, was sich soeben direkt vor meiner Nase abgespielt hatte, aber es wollte mir nicht gelingen. Ich wusste, was ich gesehen hatte, aber es ergab keinen Sinn. Irgendetwas passte nicht ins Bild. Geh�rte nicht hierher. Und dann erkannte ich den Fehler.</p><p>�Celia?�, fragte ich und versuchte, mich aufzurichten. �Was machen Sie hier?� Eine t�richte Frage, denn ich hatte ja gesehen, was sie gerade gemacht hatte. Und doch war es die einzig richtige Frage.</p><p>�Ich hab vorm Britannia gewartet�, sagte sie, obwohl das �berhaupt keine Antwort auf meine Frage war. Ihre Stimme klang seltsam mechanisch und leblos.</p><p>Der Schmerz an meiner Schl�fe war unertr�glich. Jede Bewegung f�hlte sich an, als landete erneut eine Eisenstange auf meinem Kopf. Lauter kleine platzende Gl�hlampen in meinem Sch�del. Trotzdem rappelte ich mich m�hsam auf, bis ich schlie�lich auf dem Hosenboden sa� und meinen R�cken gegen das Bettgestell lehnen konnte. Von dort kam ein leises Schnorcheln, wie ich erleichtert feststellte. Heather lebte noch. Immerhin.</p><p>�Mary?�, fragte Edmund, der nach wie vor an der Bretterwand zu stehen schien.</p><p>�Nein, Vater�, sagte Celia mit ihrer mechanischen Stimme. �Ich bin�s. Celia.�</p><p>�Vater?�, wunderte ich mich und tastete meinen Kopf ab. Ich hatte eine stark blutende Platzwunde �ber dem Ohr, aber der Sch�del war heil geblieben. Ich fragte: �Wieso Vater?�</p><p>�Celia?�, sagte Edmund und setzte nach einer Weile hinzu: �Ach so!�</p><p>Da erst verstand ich und fragte: �<emphasis>Du</emphasis> bist Ned Brooks?�</p><p>�Ich <emphasis>war</emphasis> Ned Brooks�, antwortete Edmund und r�usperte sich.</p><p>Derselbe Ned Brooks, an den mein Vater vor zwanzig Jahren seine schwangere Geliebte verschachert hatte. Der Ehemann und Vater aus Brightlingsea, der seine Familie im Stich gelassen hatte. Der Seemann, der sp�ter Schiffbruch erlitten hatte und als Kannibale des Meeres im Penny Gaff aufgetreten war. Der Edmund Brooks, der vor vier Wochen Long Liz die Kehle durchgeschnitten hatte. Mit ebenjenem Messer, mit dem seine Tochter nun Michael niedergestochen hatte. Unfassbar! Und doch erschien es mir im selben Augenblick ganz logisch und folgerichtig. Als k�nnte es gar nicht anders sein.</p><p>Ich kramte die Streichh�lzer aus meiner Manteltasche, entz�ndete eines und suchte den Boden nach dem Kerzenstummel ab. Er lag direkt neben Michaels leblosem K�rper. Das Messer ragte wie eine Gaffelstange schr�g aus seiner Brust. Nachdem ich die Kerze angez�ndet und auf den Boden gestellt hatte, f�hlte ich Michaels Puls und war, wie ich gestehen muss, erleichtert, als ich keinen fand. Ich schickte ihm einen stummen Fluch ins Jenseits hinterher und schloss seine Augenlider. Zur H�lle mit ihm!</p><p>�Wir m�ssen zur Polizei!�, rief Celia, die unver�ndert vor der T�r stand und sich die verbundene Hand vor den Mund hielt. Es hatte den Anschein, als erwachte sie beim Anblick des Toten wie aus einem Traum und erkannte erst jetzt, was geschehen war.</p><p>�Nein!�, rief Edmund und starrte sie erschrocken an. Als sich ihre Blicke trafen, schaute er schlagartig zu Boden und setzte flehentlich hinzu: �Keine Polizei.�</p><p>�Aber er ist tot�, sagte Celia und machte einen Schritt auf ihren Vater zu.</p><p>�Lass mich!�, fuhr er sie an und wich vor ihr wie vor einer Spukgestalt zur�ck.</p><p>Celia hielt verwirrt und eingesch�chtert inne. Die Tr�nen standen ihr in den Augen, als sie sich umwandte und auf die Leiche deutete. �Ich hab ihn erstochen. Das musste ich doch.� Nun schaute sie Hilfe suchend zu mir. �Es war Notwehr, oder?�</p><p>�Nat�rlich war es das�, antwortete ich, w�hrend ich gleichzeitig die Eisenstange, die vor Edmund auf dem Boden lag, langsam mit dem Fu� zu mir heranzog. Damit er nicht etwa auf dumme Gedanken kam. �Selbstverst�ndlich war es Notwehr. Er h�tte mich erschlagen. Sie haben mir das Leben gerettet, Celia.� Ich schaute zu Edmund und setzte hinzu: �Aber wenn wir zur Polizei gehen, dann landet Ihr Vater am Galgen.�</p><p>Celia schaute mich verst�ndnislos an und sch�ttelte sich pl�tzlich, als liefe ihr ein K�lteschauer �ber den R�cken. �Wieso?�, fragte sie und senkte den Kopf. �Ihnen ist doch nichts passiert. Jedenfalls nichts Schlimmes. Dass Vater Sie � dass er � das m�ssen Sie der Polizei doch nicht verraten.�</p><p>�Es geht nicht um mich, Celia�, antwortete ich und wusste nicht mehr weiter. Es war alles so verworren und kompliziert. So ausweglos. Wie sollte ich ihr erkl�ren, dass ihr Vater, den sie die ganze Zeit gesucht hatte, ein kaltbl�tiger oder wom�glich geistesgest�rter M�rder war? Und wie sollte ich das der Polizei erkl�ren und beweisen? Mit einem Artikel aus dem nicht gerade glaubw�rdigen <emphasis>Star?</emphasis> Oder einem geheimnisvollen Ungarn, den niemand kannte? Wenn Edmund alles leugnete oder einfach den Mund hielt, konnte kein Mensch ihm etwas nachweisen. Der einzige Zeuge und Mitt�ter lag tot zu meinen F��en. Und obendrein wusste alle Welt, wer Elizabeth Stride ermordet hatte: Jack the Ripper.</p><p>�Keine Polizei!�, wiederholte Edmund, doch diesmal klang es nicht furchtsam, sondern drohend. �Sonst sag ich denen, was ihr mit Michael und Heather gemacht habt. Dann seid ihr auch dran!�</p><p>�Heather?�, rief Celia und konnte die Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten. �Ich versteh �berhaupt nichts mehr. Was ist mit Heather?�</p><p>�Sie liegt dort auf dem Bett�, keifte Edmund und deutete auf Heather, die mit dem Gesicht zur Wand unter der Decke lag und von alledem nichts mitbekam. �Der Kerl hat ihr den Sch�del eingeschlagen!�</p><p>Celia starrte mich entsetzt an, doch ich sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Vater!�, rief Celia. Es klang wie ein verzweifelter Hilferuf.</p><p>�Nenn mich nicht so!�, fauchte er und sch�ttelte drohend die Faust. �Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich kenn dich nicht. Lass mich in Ruhe!�</p><p>Celia schluchzte krampfhaft auf und sackte dann kraftlos am T�rrahmen nach unten. Als sie auf dem Boden kauerte, vergrub sie das Gesicht in den H�nden.</p><p>�Schluss damit!�, rief ich und stemmte mich mit Hilfe des Pumpschwengels in die H�he. Es reichte! Es war genug! Der Irrsinn musste aufh�ren! Auf der Stelle. Deshalb baute ich mich vor Edmund auf und sagte: �Keine Polizei!�</p><p>�Sag ich doch�, erwiderte Edmund grinsend.</p><p>Am liebsten h�tte ich ihm sein h�misches L�cheln aus dem Gesicht geschlagen, doch stattdessen fragte ich: �Hast du eine Schaufel?�</p><p>Pl�tzlich war alles ganz einfach. Wenn es keine Leiche gab, war niemand get�tet worden. Und f�r den Fall, dass jemand nach dem Verschollenen suchen sollte, musste lediglich sichergestellt werden, dass er nicht gefunden wurde. Sobald ich die Entscheidung getroffen hatte, die Polizei nicht zu benachrichtigen, ergab sich alles Weitere beinahe wie von selbst. Die M�glichkeit, etwas zu tun und aus eigener Kraft aus dem Wirrwarr herauszukommen, war so verlockend und bestimmend, dass sie jeden Zweifel an meiner Entscheidung im Keim erstickte.</p><p>Michael musste verschwinden! Dann w�rden wir weitersehen.</p><p>Zun�chst kam mir der Friedhof von Christ Church in den Sinn. Bestimmt gab es irgendwo auf dem Gel�nde ein frisches Grab, dem man ohne gro�e M�he eine zweite Leiche hinzuf�gen konnte, doch der Gedanke hatte einen Haken. Wie sollten wir den toten Michael zum Friedhof schaffen, ohne irgendwelchen Passanten, patrouillierenden Polizisten oder den Obdachlosen im Itchy Park aufzufallen? Sich allein auf den Nebel zu verlassen, erschien mir zu gef�hrlich. Nein, wir mussten die Leiche verschwinden lassen, ohne sie von der Stelle zu bewegen.</p><p>Und deshalb verlangte ich nach einer Schaufel.</p><p>Edmund schaute auf den gestampften Erdboden, schien sofort zu begreifen, was mir vorschwebte, und war mit allem einverstanden. Und das nicht nur, weil es ihm n�tzte und den Hals rettete, sondern auch weil es ihm ein regelrechtes Bed�rfnis zu sein schien, Befehle zu empfangen und auszuf�hren � als w�re ich mit Michaels Tod an dessen Stelle getreten.</p><p>Celia hingegen wirkte wie bet�ubt. Sie schien nicht wirklich zu verstehen, was um sie herum vor sich ging. Kein Wunder, denn immerhin hatte sie noch vor wenigen Tagen mit hohem Fieber und halb ohnm�chtig im Bett gelegen. Sie lie� alles wie ein kleines Kind �ber sich ergehen, v�llig apathisch und willenlos. Seitdem Edmund sie angebr�llt hatte und sie schluchzend in sich zusammengefallen war, schienen jedes Leben und jeder eigene Antrieb aus ihr entwichen zu sein. Celia stand merklich unter Schock und war kurz davor, erneut in Ohnmacht zu fallen. In gewisser Weise war ich froh dar�ber. Vielleicht w�rden ihr die seltsamen Geschehnisse der Nacht am Morgen nur wie ein b�ser Traum erscheinen.</p><p>Zun�chst befahl ich Edmund, mir zu helfen, Heather nach nebenan in sein Zimmer zu tragen. Dort war es w�rmer, und au�erdem brauchten wir Platz zum Graben. Ich bat Celia, sich zu Heather zu setzen und mir Bescheid zu geben, sobald sich an ihrem Zustand etwas �nderte. Um einen Arzt f�r die Verletzte wollte ich mich k�mmern, sobald die Leiche unter der Erde war.</p><p>�Wird sie sterben?�, fragte Celia, als wir Heather in Edmunds Bett legten.</p><p>�Nein, das wird sie nicht�, versicherte ich, obwohl ich das gar nicht mit Bestimmtheit sagen konnte. Ich h�ngte meinen Mantel an Edmunds Garderobe, neben der das Brennholz gestapelt lag, das vermutlich fr�her einmal in der Bretterbude gelagert worden war. Dann krempelte ich mir die �rmel hoch, nahm eine �llampe vom Tisch und machte mich an die Arbeit.</p><p>Edmund brachte mir eine Schaufel, die f�rchterlich nach Exkrementen stank. �Vom Schei�haus!�, sagte er, und wieder verzog sich sein Gesicht zu einem v�llig unangebrachten Grinsen. �F�r die Sickergrube.� Auf meine Frage, ob es noch eine zweite Schaufel gebe, sch�ttelte er den Kopf.</p><p>Es war inzwischen halb vier Uhr morgens, wie mir ein Blick auf meine Taschenuhr verriet. Bis zum Sonnenaufgang blieben uns noch ein paar Stunden. Edmund und ich schaufelten abwechselnd, bis wir v�llig verschwitzt, von oben bis unten verdreckt und am Ende unserer Kr�fte waren. Zum Gl�ck wurde niemand in der Nachbarschaft durch das Kratzen und Schaben geweckt, zumindest meldete sich niemand oder kam gar her�ber, um sich zu beschweren. Als die Grube schlie�lich tief und breit genug war, um Michael liegend darin zu begraben, fror ich am ganzen K�rper und sch�ttelte mich ein ums andere Mal. Das war sicherlich auch der M�digkeit geschuldet, doch als ich die Steinwand anfasste, merkte ich, dass sie eiskalt war.</p><p>�Was nun?�, fragte Edmund.</p><p>�Rein mit ihm�, sagte ich und deutete zum Bett, auf das wir Michaels Leiche gelegt hatten. �Und dann gehst du nach nebenan und z�ndest den Kamin an. Ich f�ll inzwischen das Loch wieder mit Erde.�</p><p>�Muss ich?�, antwortete er. Der Gedanke, mit seiner Tochter in einem Raum zu sein, schien ihm eine Heidenangst einzujagen. Gerade so, als d�chte er immer noch, sie w�re eine Wiederg�ngerin seiner Frau Mary.</p><p>�Tu, was ich dir sage!�, befahl ich.</p><p>Wir lie�en die Leiche ins Grab hinab, nachdem ich das Messer herausgezogen und an mich genommen hatte, und Edmund murmelte ein leises Gebet. Dann verlie� er gehorsam das Kabuff, um nach dem Feuer zu sehen.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter war die Grube gef�llt. Ich hatte die �bersch�ssige Erde so auf dem Boden verteilt und festgestampft, dass keine Erhebung auf das Grab hinwies. Nun mussten nur noch die M�bel hinausgeschafft und das Brennholz wieder im Verschlag gestapelt werden, dann w�rde nichts mehr darauf hindeuten, dass hier ein Mensch begraben lag.</p><p>Bei dem Gedanken an das Brennholz fiel mir auf, dass Edmund nicht zur�ckgekommen war. Die warme Steinwand best�tigte mir allerdings, dass er den Kamin geheizt hatte. Vermutlich war er vor dem w�rmenden Feuer eingeschlafen.</p><p>Mit der �llampe in der Hand ging ich hinaus. Im Osten d�mmerte es bereits. Als ich im ersten Morgenlicht an mir hinabsah, erschrak ich. Ich war von oben bis unten mit Blut und Dreck verschmiert. Ich befestigte den Pumpenschwengel wieder in seiner Halterung und probierte, ob schon Wasser kam. Doch es war noch zu fr�h. Achselzuckend betrat ich Edmunds Zimmer mit der Nummer f�nf �ber der T�r und leuchtete hinein. Im Inneren war es angenehm warm. Celia lag neben Heather auf dem Bett und hatte ihren Arm um sie geschlungen. Beide schliefen und atmeten tief und gleichm��ig. Auch Heathers Atem klang nicht mehr so flach und r�chelnd wie noch vor einigen Stunden.</p><p>Mein Blick ging zur Feuerstelle, vor der ein sch�biger alter Ohrensessel stand. Doch Edmund sa� nicht darin. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse. Edmund war nicht im Zimmer. Er war get�rmt. Vielleicht besser so, dachte ich und ging zum Brennholzstapel, um die Scheite in die Bretterbude zu tragen. Pl�tzlich bemerkte ich etwas Wei�es auf dem Boden liegen. Als ich mich danach b�ckte, erkannte ich, dass es sich um ein zerkn�lltes Foto handelte. Ich strich es glatt und schaute in das neckisch grinsende Gesicht von Mary Tremain.</p><p>Es war das Foto, das ich am Abend meinem Vater gezeigt hatte und das in der Innentasche meines Mantels gesteckt hatte. Ein alarmierender Gedanke schoss mir pl�tzlich durch den Kopf, und als ich die Taschen meines Mantels untersuchte, fand ich best�tigt, was ich bef�rchtet hatte: Edmund hatte meine Brieftasche mitgenommen. Samt allem Bargeld, das sich darin befunden hatte. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch Edmunds Sachen von der Garderobe fehlten, und wenn ich mich nicht irrte, hatte vorhin noch ein Seesack neben der T�r gelegen.</p><p>�Er ist weg�, h�rte ich in diesem Moment Celias Stimme hinter mir. �Er hat alles eingepackt und ist verschwunden.�</p><p>�Ja�, sagte ich, wandte mich um und sah Celia auf der Bettkante sitzen. �Hat er irgendetwas gesagt? Haben Sie mit ihm gesprochen?�</p><p>Celia sch�ttelte den Kopf und sagte: �Er hat gedacht, ich schlafe und bemerke es nicht.�</p><p>�Sie haben Ihren Vater nicht zur�ckgehalten?�, wunderte ich mich.</p><p>�Warum sollte ich?�, antwortete sie und hatte M�he, die Tr�nen zur�ckzuhalten. Dann setzte sie mit gepresster Stimme hinzu: �Er hat �Lass mich!� gesagt. Und dass er mich nicht kennt. Also hab ich ihn gelassen.�</p><p>Ich nickte, ging auf sie zu und nahm sie in den Arm.</p><p>�Rupert?�, fragte sie schniefend.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich will es nicht wissen.�</p><p>Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, was sie meinte, doch dann nickte ich erneut und sagte: �In Ordnung.�</p><p>Ein leises St�hnen war hinter Celias R�cken zu vernehmen. Dann folgte ein lang gezogenes Knurren. Heather drehte sich auf die Seite, g�hnte und stie� im selben Moment einen Fluch aus: �Verdammte Schei�e! Mein Kopf!�</p><p>�Heather�, rief Celia erfreut und fuhr herum.</p><p>�Celia?�, wunderte sich Heather und schlug die Augen auf. �Was machst du denn hier?� Sie schaute sich verwirrt um und fragte: �Wo bin ich �berhaupt?�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, sagte Celia und wischte sich die Tr�nen aus den Augen.</p><p>�Na, na, Kindchen�, lachte Heather mit ihrer heiseren Stimme. �Kein Grund, gleich zu heulen!� Sie fasste sich an die Stirn, st�hnte vor Schmerz und f�gte hinzu: �Du glaubst ja nicht, was ich f�r einen Mist getr�umt hab.�</p><p>�Doch�, sagte Celia und l�chelte traurig. �Das glaube ich.�</p><empty-line/></section><section><p>EPILOG</p><p><image l:href="#1"/></p><p>THE REFUGE</p><p><emphasis>�We were spies upon them; men of better luck whom they were bound to envy, and whose mere presence roused the rebel in them. A few of them, loitering about the hitechapel Road, flung a parting sneer or oath at us, as we hailed a returning cab and buried ourselves in it.�</emphasis></p><p>(�F�r sie waren wir Spione; M�nner mit mehr Gl�ck, die sie zu beneiden gezwungen waren und deren blo�e Anwesenheit den Rebellen in ihnen weckte. Einige von ihnen, die an der Whitechapel Road herumlungerten, schickten uns Spott oder einen Fluch hinterher, w�hrend wir eine Droschke nach Hause heranwinkten und uns darin begruben.�) Blanchard Jerrold, �London: A Pilgrimage�, 1872</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p>Celia sah ihren Vater nie wieder. Nachdem sie, zusammen mit Rupert Ingram, die verletzte Heather in einer Droschke zum London Hospital gebracht hatte und von dort aus, ebenfalls in Ruperts Begleitung, todm�de zu Maureens nahe gelegener Wohnung in der White Horse Lane gegangen war, hatte sie Miller�s Court nicht mehr betreten. Nicht an diesem denkw�rdigen Tag und auch an keinem der folgenden. Sie wusste, dass ihr Vater das Weite gesucht hatte und nicht zu seiner Wohnung zur�ckkehren w�rde. Wie damals auf den Clacton Cliffs, als sie das wei�e Segel seiner Rennjacht am Horizont hatte verschwinden sehen. Ihr Vater war ein weiteres Mal gefl�chtet, und diesmal suchte Celia nicht nach ihm. Sie hatte begriffen, dass es ein bedauerlicher Irrtum gewesen war, einem Mann folgen zu wollen, der sie im Stich gelassen und alle Br�cken hinter sich abgerissen hatte.</p><p>�Lass mich!�, hatte er sie angeschrien, und deshalb lie� sie ihn. F�r immer.</p><p>Wie sie Rupert gegen�ber betont hatte, wollte sie kein Wort dar�ber h�ren, was er Schreckliches getan hatte und weshalb ihm der Galgen drohte. Es war wie eine Art Selbstschutz oder Notwehr, um endg�ltig aus seinem Schatten zu treten und ein eigenes Leben zu f�hren. Ihr Vater wurde wieder zu dem Fremden und Unbekannten, der er zuvor so lange gewesen war. �Mr. Brooks�, wie ihre Mutter ihn stets genannt hatte.</p><p>Etwa ein Jahr nach den hier geschilderten Ereignissen erfuhr Celia aus einem Brief ihres �ltesten Bruders John, dass ihr Vater wom�glich wieder in Southampton lebte. John hatte in der Zwischenzeit bei einer anderen Reederei angeheuert und fuhr nun f�r die P&amp;O Company auf einem Dampfschiff zwischen Southampton, Alexandria und Konstantinopel. In einer Hafenkneipe in Northam wurde ihm, als er beil�ufig seinen Nachnamen nannte, die Geschichte eines Seemanns erz�hlt, der von Kneipe zu Kneipe wandelte und f�r einen Schnaps oder ein Bier schauerliche Geschichten zum Besten gab. Dieser Mann hei�e ebenfalls Brooks und sei ein j�mmerlicher Trunkenbold, wie ein alter Seeb�r berichtete. Er verbreite mit Vorliebe Seemannsgarn �ber den Kannibalen des Meeres, den Elefantenmenschen und Jack the Ripper und leide unter Verfolgungswahn, offenbar wegen seiner Trunksucht. St�ndig rede er von Geistern, die ihm nach dem Leben trachteten. John schrieb in seinem Brief, dass er nicht mit Bestimmtheit sagen k�nne, ob es sich bei dem betreffenden Mr. Brooks in Southampton um ihren Vater handele, aber es bestehe immerhin die vage M�glichkeit.</p><p>Auch f�r Rupert brachten die folgenden Tage und Wochen gro�e Ver�nderungen. Als er am Freitagabend, mit blauem Auge, geschwollener Wange und gen�hter Platzwunde an der Schl�fe, beim Familiendinner verk�ndete, er werde in K�rze das Hatchett�s Hotel verlassen, sich eine eigene Bleibe suchen und seinen Lebensunterhalt selbst verdienen, erwarteten seine Br�der einen Tobsuchtsanfall ihres Vaters. Doch Harvey Ingram, der schon auf Ruperts ungeh�riges Aussehen erstaunlich regungslos und eher verst�rt als erbost reagiert hatte, nickte nur mit dem Kopf und machte seinem j�ngsten Sohn einen f�r alle verbl�ffenden Vorschlag. Eine entfernte Tante der Ingrams sei, wie Rupert wisse, vor einigen Wochen gestorben, erkl�rte der Vater steif und mit nachdenklicher Miene. Diese Tante habe ihren beiden verheirateten T�chtern das kleine Cottage in der N�he des Victoria Parks vermacht, in dem sie ihr ganzes langes Leben gewohnt habe. Die T�chter jedoch, die l�ngst mit ihren Familien in die Londoner Vororte gezogen seien, h�tten keine Verwendung f�r das zwar idyllisch, aber doch allzu nahe am East End gelegene H�uschen. Deshalb beabsichtige er, Harvey, seinen Cousinen das Cottage abzukaufen und es Rupert f�r ein Jahr kostenlos zur Verf�gung zu stellen. Auch f�r ein kleines Startkapital wolle er sorgen. Sollte sein Sohn es schaffen, in diesem Jahr f�r sein Auskommen zu sorgen und sich eine ernsthafte Perspektive im Leben zu erarbeiten, k�nne er das Cottage behalten und anschlie�end damit tun und lassen, was er wolle.</p><p>�Und falls nicht?�, fragte Rupert.</p><p>�Werde ich alles Weitere in die Wege leiten.�</p><p>�Alles Weitere?�, fragte Rupert und schluckte.</p><p>�Alles Weitere! Und zwar ohne Widerrede!�, antwortete sein Vater streng und streckte ihm die Hand entgegen. �Bist du einverstanden?�</p><p>Rupert z�gerte kurz, nickte schlie�lich und schlug ein.</p><p>Bereits am Montag wurde der f�r die Cousinen sehr gro�z�gige Kaufvertrag unterschrieben, nur zwei Tage sp�ter zog Rupert mit seinem kargen Hausstand, der lediglich aus wenigen M�beln, leidlich Kleidung, einer gro�en Bildermappe und vielen B�chern bestand, nach South Hackney. In ein von einem verwilderten Garten umgebenes Fachwerkh�uschen, das neben den mehrgeschossigen Neubauten und backsteinernen Reihenh�usern der Gegend wie aus der Zeit gefallen wirkte. Wie ein Relikt. Oder ein Refugium.</p><p>Gray Maggott, den ebenso verl�sslichen wie eigent�mlichen Laufburschen aus dem Crown Hotel, nahm Rupert mit. Als Hausdiener, G�rtner und Botenjungen. So eigenartig es Rupert auch erschien, er hatte sich an diesen komischen und zugleich v�llig humorfreien Kauz gew�hnt. Er war ihm seltsam vertraut.</p><p>�Mein Faktotum�, wie Rupert scherzhaft sagte.</p><p>Gray hatte offensichtlich keine Ahnung, was sein alter und neuer Herr damit meinte, war�s aber dennoch zufrieden, grinste breit und sagte: �Ay, Boss!�</p><p>Ruperts erster Gang am n�chsten Morgen f�hrte ihn in die White Horse Lane, zum Dosshouse der Mrs. Adams. Dort sa�en Celia Brooks, die immer noch blass, aber nicht mehr ganz so krank und ausgezehrt aussah, und Maureen Watson in der Dachkammer beim Fr�hst�ck. Die beiden jungen Frauen staunten nicht schlecht, als Rupert sich ungelenk vor ihnen aufbaute, in wirren Worten seine ver�nderte Situation beschrieb und Celia herumdrucksend aufforderte, zu ihm ins Cottage zu ziehen.</p><p>In seinem Kopf hatte er sich alles bereits zurechtgelegt und ausgemalt: Sie w�rden wie Bruder und Schwester leben, in aller Bescheidenheit und Zur�ckgezogenheit, und dann k�nnte er zumindest in Teilen wiedergutmachen, was die Ingrams an den Brooks verbrochen hatten. Rupert hatte das beklemmende Gef�hl, tief in Celias Schuld zu stehen. Gleich mehrfach. Nicht nur, weil sie ihm das Leben gerettet hatte.</p><p>Doch zu seinem unaussprechlichem Erstaunen sch�ttelte Celia den Kopf, l�chelte verlegen und sagte: �Nein danke!�</p><p>�Nein danke?� Rupert war so �berrascht, dass ihm die Kinnlade herunterfiel. �Warum nicht?�</p><p>�Beabsichtigen Sie, mich zu heiraten?�, fragte Celia mit ernster Miene, w�hrend Maureen ihr unter dem Tisch vor Schreck einen Tritt gegen das Schienbein gab.</p><p>�Heiraten?�, stotterte Rupert und zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. �Wieso? Ich meine, was � wie �?�</p><p>�Ich will Sie auch nicht heiraten, Rupert�, unterbrach ihn Celia, deren strenge Miene und abwehrende Geste nicht zu erkennen gaben, ob sie ihn auf den Arm nehmen wollte oder im Ernst redete. �Und ich werde bestimmt nicht Ihre M�tresse werden. Deshalb sage ich: Nein danke!�</p><p>�Celia!�, schimpfte Maureen und wandte sich entschuldigend zu Rupert um. �Sie ist noch nicht ganz wieder beisammen. So ein Fieber kann lange nachwirken. Das m�ssen Sie ihr verzeihen, Rupert.�</p><p>�Meine Absichten sind absolut ehrenhaft, Celia�, bekr�ftigte Rupert und sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Ich k�me niemals auf die Idee, Ihnen einen unanst�ndigen Antrag zu machen. Das m�ssen Sie mir glauben.�</p><p>�Wie stellen Sie sich das vor?� Celia wurde nun tats�chlich etwas �rgerlich und knallte den L�ffel, mit dem sie ihren Haferbrei gegessen hatte, auf den Tisch. �Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie sind ein unverheirateter Mann, und ich bin eine unverheiratete Frau. Dass Mrs. Adams und alle hier in der Herberge glauben, ich w�re Ihre Geliebte, kann ich noch verkraften. Doch der Vorschlag, den Sie mir da unterbreiten, ist f�r mich eine Beleidigung und ganz unannehmbar. Ob Ihre Absichten ehrenhaft sind oder nicht, ist dabei v�llig unerheblich.�</p><p>Rupert war wie vor den Kopf geschlagen. Damit hatte er nicht gerechnet. Und daran hatte er tats�chlich nicht gedacht. Aber nat�rlich hatte Celia recht. Die in seinen Augen verstaubten Ansichten von Moral und Sitte waren ihm so fremd, dass er sich nicht einen Augenblick �berlegt hatte, welchen �u�eren Anschein es erwecken w�rde, wenn Celia tats�chlich zu ihm ins Cottage z�ge. Bruder und Schwester! Wie dumm von ihm! Wie egoistisch und g�nnerhaft!</p><p>W�lfe und Schafe!, schoss es ihm durch den Kopf.</p><p>Eine Zeit lang stand er reglos und mit betretener Miene da und starrte zu Boden. Dann hellte sich sein Gesichtsausdruck mit einem Mal wieder auf, und er fragte: �Und wenn ich Ihnen eine Anstellung als Haush�lterin anbiete?�</p><p>�Ich habe bereits eine Anstellung bei Miss Watson�, erwiderte Celia unger�hrt. �Ich stehe bei ihr im Wort und werde es nicht ohne Not brechen.�</p><p>Maureen schob die Unterlippe vor und zuckte mit den Schultern, als w�rde sie das nicht unbedingt als Wortbruch auffassen.</p><p>�Aber Sie k�nnen doch nicht ernsthaft in diesem elenden Loch bleiben wollen!�, platzte es aus Rupert heraus, und er breitete die Arme aus, als k�nnte er das Elend mit den H�nden fassen. �Das kann ich nicht zulassen!�</p><p>�Das haben Sie nicht zu bestimmen, Sir!�, schimpfte Celia zur�ck.</p><p>Rupert schluckte und erstarrte.</p><p>�Au�erdem werden wir nicht l�nger in diesem Loch bleiben�, sagte Maureen und l�chelte kokett und zugleich ein wenig beleidigt. �Morgen ziehen wir in das neue G�stehaus in der N�he vom People�s Palace. Die B�hnenleitung hat mir einen l�ngerfristigen Vertrag angeboten und eine bessere Unterkunft besorgt. Die Wohnungen f�r die K�nstler sind recht ger�umig, nicht zu teuer und haben sogar einen Blick auf den Regent�s Canal.�</p><p>�Nur einen Steinwurf von Ihrem Cottage entfernt�, f�gte Celia hinzu.</p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch, Maureen! Das freut mich f�r Sie.� Rupert stand wie geohrfeigt da und schaute besch�mt auf seine H�nde. Er r�usperte sich und setzte hinzu: �Es tut mir leid, Celia, ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich bin ein Narr. Seien Sie mir bitte nicht b�se.�</p><p>�Ich bin Ihnen nicht b�se, Rupert�, antwortete sie und l�chelte ihm aufmunternd zu. �Ich m�chte nur, dass Sie wissen, dass Sie nicht in meiner Schuld stehen. Nicht meinetwegen, nicht wegen meiner Mutter und erst recht nicht wegen meines Vaters.� Sie z�gerte und setzte dann hinzu: �Auch nicht wegen Ihres Vaters.�</p><p>�Sie wissen von meinem Vater und Ihrer Mutter?�, wunderte sich Rupert.</p><p>�Das ist nicht mehr wichtig�, sagte Celia und stand auf. �K�nnen wir das alles nicht hinter uns lassen und einfach neu anfangen? Ohne Schuldigkeit, ohne offene Rechnungen.� Sie reichte Rupert mit feierlicher Miene die verbundene Hand und fragte: �Quitt?�</p><p>Rupert staunte einen Moment �ber diese seltsam kindliche Formulierung, sch�ttelte dann vorsichtig ihre Hand und antwortete: �Quitt!�</p><p>Sie atmete erleichtert aus, als fiele ihr in diesem Augenblick tats�chlich ein Stein vom Herzen, und sagte: �Danke, Rupert!�</p><p>Rupert hielt Celias Hand l�nger als n�tig und dachte an das, was sie vorhin gesagt hatte. Dann lachte er pl�tzlich und fragte: �Warum wollen Sie mich eigentlich nicht heiraten?�</p><p>Celia l�chelte verkrampft und sagte: �Wir w�rden uns nur streiten.�</p><p>Celia war hin-und hergerissen. Liebend gern h�tte sie Ruperts Angebot angenommen. Eine Anstellung als Haush�lterin oder auch als Dienstm�dchen in seinem Cottage erschien ihr mehr als erstrebenswert. Wie die Erf�llung eines Traums. Doch es w�re aus den falschen Gr�nden gewesen und h�tte zu nichts Gutem gef�hrt. Celia wollte kein Mitleid und kein Almosen, sie wollte keine Anstellung, weil Rupert Ingram sich zu irgendetwas verpflichtet f�hlte oder ihr gegen�ber ein schlechtes Gewissen hatte. Es war, wie sie gesagt hatte: Er war ihr nichts schuldig. Der Rattenbiss, die unselige Aff�re ihrer Eltern, der grausige Vorfall im Miller�s Court. All das spielte keine Rolle mehr, <emphasis>durfte</emphasis> keine Rolle spielen. �Schluss damit!�, hatte Rupert in jener schrecklichen Nacht aus tiefstem Herzen geschrien und damit Celia aus der Seele gesprochen.</p><p>Deshalb blieb sie als Dienstm�dchen bei Maureen und zog mit ihr in das G�stehaus des People�s Palace. Rupert gegen�ber hatte Maureen ein wenig geflunkert, denn die Wohnung war alles andere als ger�umig, und von einem freien Blick auf den Kanal konnte ebenfalls keine Rede sein. Au�erdem war das Haus noch nicht ganz fertiggestellt und w�rde f�r l�ngere Zeit eine Baustelle bleiben. Und trotzdem kam Celia die winzige Wohnung, in der sie in einem schmalen Alkoven neben dem Flur schlafen musste, beinahe so pr�chtig vor wie die Queen�s Hall im nahe gelegenen Volkspalast, denn sie bedeutete einen Neuanfang. Einen Schlussstrich unter all den Schmutz und Dreck, der sich in Celias Kopf angesammelt hatte und sie zu ersticken drohte.</p><p>Sorge bereitete Celia lediglich der Gedanke, Rupert mit ihren harschen Worten derart ver�rgert zu haben, dass er fortan den Umgang mit ihr mied. Doch diese Sorge war unbegr�ndet, wie sich schon bald herausstellen sollte. Bereits am Tag nach Ruperts morgendlichem Erscheinen in der White Horse Lane erhielten Maureen und Celia eine Einladung zum Tee f�r den kommenden Sonntag nach South Hackney. Der Botenjunge, der die Einladung �berbrachte, war ein zersauster Lausejunge mit einer dunkelblauen Verf�rbung im Gesicht, der mit ernster Miene und breitem Cockney-Dialekt ausrichtete, ein �Nein danke!� werde sein Herr diesmal nicht akzeptieren.</p><p>Als die beiden Frauen an diesem ersten Sonntag im November vor der Gartenpforte des kleinen H�uschens in der Victoria Park Road standen, staunten sie nicht schlecht. Das windschiefe und verwitterte Cottage erinnerte an die Hexenh�uschen aus den M�rchen, und Celia musste erschrocken lachen, als sie die Inschrift auf dem nagelneuen Holzschild las, das Rupert �ber dem Eingang hatte anbringen lassen: �The Refuge�.</p><p>W�hrend sie in dem noch karg und unwirtlich eingerichteten Wohnzimmer Tee und Salzgeb�ck zu sich nahmen und dabei von dem blaugesichtigen Cockneyjungen bedient wurden, berichtete Rupert in �berschw�nglichen Worten von seinen noch sehr vagen Zukunftspl�nen. Offenbar wollte er sein Gl�ck als Schriftsteller, Kritiker oder Reporter versuchen. So genau schien er das selbst noch nicht zu wissen, denn mal sprach er von Romanen und Theaterst�cken, die er zu schreiben gedachte, dann wieder redete er von Zeitschriften oder Zeitungen, bei denen er vorstellig werden wollte. Am kommenden Dienstag habe er ein Vorstellungsgespr�ch bei den <emphasis>Illustrated London News</emphasis>, verk�ndete er stolz. Dass der Herausgeber des Magazins ein Namensvetter von ihm sei, k�nne bestimmt kein schlechtes Omen sein.</p><p>F�r Celia war dieser Nachmittag auch deshalb so angenehm, weil die Vorg�nge der letzten Wochen mit keinem einzigen Wort zur Sprache kamen. Als h�tten sie verabredet, alles H�ssliche und B�se aus �The Refuge� zu verbannen. Sie redeten �ber die Zukunft und malten sie bunter und strahlender aus, als sie vermutlich sein w�rde. Maureen beschrieb ihre Auftritte im People�s Palace, die sie �brigens unter ihrem tats�chlichen Namen absolvierte, als m�gliches Sprungbrett f�r eine Karriere auch auf anderen B�hnen, und Rupert versprach, an sie zu denken, wenn er denn tats�chlich sein erstes Theaterst�ck geschrieben und verkauft habe. Halb scherzhaft wiederholte er auch das Angebot an Celia, seinen Haushalt zu f�hren, denn der gute Gray � damit meinte er den merkw�rdigen Hausdiener � sei zwar ein braver Kerl, aber als Koch eine Niete, und eine K�chin k�nne Rupert sich im Moment noch nicht leisten.</p><p>Nur als die Rede auf Heather kam, verfinsterte sich die Stimmung kurzzeitig. Zwar war sie bereits nach zwei Tagen auf eigenen Wunsch und halbwegs genesen aus dem London Hospital entlassen worden, doch die von Maureen und Celia angebotene Hilfe hatte sie rundweg abgelehnt. Wenn Celia sich weiterhin von der Schlangenlady ausnutzen lassen wolle, k�nne sie das gern machen, aber sie, Heather, werde Maureen nicht in die Falle tappen und lieber zu Michael in die Dorset Street zur�ckkehren. Der sei zwar ein Grobian, aber immerhin k�mmere er sich um sie. Und das allein sei entscheidend!</p><p>Dass Michael nicht mehr lebte und auf welche Weise er gestorben war, konnte Heather nicht wissen, da sie in jener Nacht die ganze Zeit ohnm�chtig auf dem Bett gelegen hatte. Auf Celias flehentliche Bitte, sich doch einen anderen Freund und eine andere Behausung zu suchen, lachte Heather nur und rief: �Zerbrich dir meinetwegen nicht den Kopf, Kindchen! Unkraut vergeht nicht.�</p><p>Anschlie�end hatte Celia nichts mehr von ihr geh�rt. Auch Rupert, der sich in den Kneipen von Spitalfields und bei Ginger im Miller�s Court nach Heather erkundigt hatte, brachte lediglich im Erfahrung, dass sie eine Zeit lang vergeblich nach Michael gesucht habe, dann aber nicht mehr in der Dorset Street aufgetaucht sei. Einmal habe Ginger sie noch in Begleitung eines Unbekannten im Ten Bells gesehen, doch ob das was zu bedeuten habe, k�nne sie nicht sagen. Sowohl Michael als auch Heather blieben unauffindbar. Da auch Edmund pl�tzlich verschwunden sei, wie Ginger achselzuckend berichtete, liege die Vermutung nahe, dass die drei gemeinsam das Weite gesucht h�tten. Wieso und wohin, das wusste sie nicht. Es interessierte auch niemanden. Im East End verschwand st�ndig jemand, das war nun einmal der Lauf der Dinge.</p><p>Als Celia und Maureen nach dem Tee in der Abendd�mmerung das Cottage verlie�en und in gel�ster Stimmung durch den Victoria Park nach S�den gingen, kam ihnen auf einer schmalen Kanalbr�cke eine b�rtige Gestalt mit einer gro�en Mappe unter dem Arm entgegen, bei deren Anblick Celia einen leisen Schrei ausstie�. Der Mann schaute kurz auf, grinste schief, tippte sich an die kahle Stirn und schlurfte weiter. Selbst auf die Entfernung war sein durchdringender Schwei�- und Alkoholgestank zu riechen.</p><p>�Kennst du den Kerl?�, wunderte sich Maureen und r�mpfte angewidert die Nase. �Wie der geglotzt hat!�</p><p>Celia zuckte mit den Schultern und dachte an das d�stere Gem�lde im Wintergarten des Volkspalastes, das diesem seltsamen Mann Tr�nen der R�hrung in die Raubvogelaugen getrieben hatte.</p><p>Simeon Solomon wohnte, von wenigen kurzen Phasen abgesehen, bis zu seinem Lebensende im Arbeitshaus von St. Giles, wo er weiterhin unz�hlige Kreidezeichnungen, Bleistiftskizzen und Aquarelle auf billiges Papier bannte. Keines dieser sp�ten Kunstwerke wurde zu Lebzeiten des Malers in irgendeiner Galerie oder gar einem Museum ausgestellt, obwohl es Simeon gelang, immer wieder Bilder zu verkaufen. Nicht nur die frivolen Zeichnungen, die bei den W�rtern in St. Giles so beliebt waren, oder die banalen Postkartenansichten der Londoner Sehensw�rdigkeiten, die er in den Kneipen anbot. Neben Rupert, der ihm wegen seines unsicheren Einkommens nur noch selten Werke zu einem angemessenen Preis abnehmen konnte, gab es zwei weitere heimliche Unterst�tzer. Dabei handelte es sich um den jungen Dichter Lionel Johnson und den Kunstsammler Herbert Horne, die beide Simeons Kunst au�erordentlich sch�tzten, ohne aber f�r den in Ungnade geratenen K�nstler in der �ffentlichkeit eintreten zu wollen. Simeons unmoralischer Lebenswandel � der au�er in seiner Homosexualit�t in seiner zunehmenden Trunksucht und emotionalen Z�gellosigkeit zum Ausdruck kam � machte es den wenigen Freunden schwer, sich offen f�r ihn starkzumachen. Der einst bewunderte Simeon Solomon blieb zeit seines Lebens das verlorene Genie, als das ihn der Dichter Algernon Swinburne bezeichnet hatte: �Ein gro�er K�nstler, aber ein schwacher Mensch.� Er starb am 14. August 1905 im Arbeitshaus an der Endell Street an den Folgen seines Alkoholismus.</p><p>Einige Tage nach seinem Tod erschien in den <emphasis>Illustrated London News</emphasis> ein ungew�hnlich langer Nachruf, der Simeons beachtliche Kunst und sein allzu trauriges Leben in mitf�hlenden Worten nachzeichnete und zu der treffenden Schlussfolgerung kam, Solomon habe sein Leben der Kunst gewidmet, ohne die Kunst des Lebens zu beherrschen. Unterzeichnet war der Nachruf mit den Initialen R. I.</p><p>Das �lgem�lde �Liebe im Herbst�, das Celia im People�s Palace so fasziniert und verwirrt hatte, wurde noch einige Male zu Lebzeiten des K�nstlers ausgestellt, unter anderem 1894 in der Londoner Guildhall Art Gallery. Es befindet sich heute in Privatbesitz. Das Original der Kohlezeichnung �Verwundete Liebe�, die Rupert im Rookery Inn f�r zwei Pfund von Simeon kaufte, gilt inzwischen als verschollen. Eine zeitgen�ssische fotografische Reproduktion der Zeichnung befindet sich allerdings in der renommierten Beinecke Library der Yale Universit�t im US-Bundesstaat Connecticut.</p><p>Von einem gro�formatigen �lgem�lde, das nach Art einer klassischen Pastorale konzipiert ist und ein wei� gekleidetes Hirtenm�dchen inmitten von Schafen auf der Weide zeigt, ist den Kunsthistorikern und Solomon-Experten nichts bekannt. Ein solches Gem�lde findet sich in keinem Werkverzeichnis und wird in keinem Ausstellungskatalog erw�hnt. Immer wieder auftauchenden Ger�chten von dessen Existenz wird von Seiten der Wissenschaft stets heftig widersprochen. Ein solch profanes Bild h�tte dem K�nstler nicht �hnlich gesehen.</p><p>Ganz anders als die Karriere des bedauernswerten Simeon Solomon verlief das weitere Wirken von Eva Booth. Wie sie es ihrem Vater versprochen hatte, blieb Eva ihr Leben lang unverheiratet und widmete all ihr Streben und all ihre Liebe dem Kampf gegen das Laster, die Armut und die S�nde. Und dem Kampf f�r das Gedeihen der Heilsarmee rund um den Globus.</p><p>Als in den 1890er-Jahren ein Auseinanderbrechen der US-amerikanischen Heilsarmee drohte, schickte General Booth seine Tochter nach New York, um Schlimmeres zu verhindern. Eva war eine gehorsame Soldatin, verlie� ihre Heimat und ging nach Amerika, wo sie ihren Ruf als f�hige Krisenmanagerin best�tigte. Sie wurde Kommandeurin der Salvation Army in Kanada und den USA und nannte sich seit dieser Zeit Evangeline, weil dieser Name besser zu einer F�hrerin der Heilsarmee passte, als der Name einer aus dem Paradies verbannten S�nderin.</p><p>Dass sie das Motto der Heilsarmee �Bist du bereit zu sterben?� nicht nur als blo�e Floskel betrachtete, bewies Evangeline Booth, mittlerweile US-B�rgerin, als sie w�hrend des Ersten Weltkriegs als eine von 250 Salutistinnen nach Frankreich an die Front ging, um sich dort als Freiwillige um das k�rperliche und seelische Heil der amerikanischen Soldaten zu k�mmern.</p><p>Im Jahr 1934 wurde sie, als erste Frau �berhaupt, zur Generalin der Heilsarmee gew�hlt und behielt diese Position f�nf Jahre lang. W�hrend dieser Zeit reiste sie unerm�dlich um die Welt und verk�ndete das schlichte Motto ihres verstorbenen Vaters: �Suppe, Seife, Seelenheil!�.</p><p>Sie starb am 17. Juli 1950, im Alter von 84 Jahren, in ihrem Haus im Bundesstaat New York.</p><p>Was aus Adam Bedford, dem ebenso eifrigen wie j�hzornigen Heilsarmisten, wurde, ist nicht mit letzter Gewissheit bekannt. Allerdings scheint er seine Alkoholsucht zun�chst ein weiteres Mal in den Griff bekommen zu haben, denn im Jahr 1892 wird ein Mann dieses Namens in den Ausbildungslisten der Heilsarmee als Kadett und Offiziersanw�rter gef�hrt. Ein Lieutenant Adam Bedford geh�rte auch zu dem Tross, der wenig sp�ter mit Captain Eva Booth nach Amerika ging und die dortige Heilsarmee vor dem Zerfall bewahrte. In den USA verlieren sich jedoch die Spuren dieses Mannes, sein Name taucht in keinem sp�teren Armeeregister auf. H�tte man den Lieutenant, wie es der geregelte Ablauf der Armeekarriere vorgab, nach f�nf Jahren zum Captain ernannt, w�re das sicherlich in den akkurat gef�hrten Akten der Heilsarmee vermerkt worden. Es steht zu bef�rchten, dass der Alkohol auch bei ihm die Oberhand behielt. Ob Adam in den USA blieb oder nach England zur�ckkehrte, ist nicht bekannt.</p><p>Ruperts Start in sein neues Leben verlief vielversprechend. Obwohl er keine schriftlichen Arbeitsproben oder sonstigen Erfahrungen im Zeitungswesen vorweisen konnte, nahm das Gespr�ch mit dem Redakteur der <emphasis>Illustrated London News</emphasis> einen positiven Verlauf. Rupert erhielt, zun�chst nur auf Probe, eine schlecht bezahlte Anstellung als freier Literatur-und Kunstkritiker. Ob sein Vater, dem er von dem bevorstehenden Bewerbungsgespr�ch erz�hlt hatte, seine H�nde im Spiel hatte, konnte Rupert nicht sagen, doch da er lediglich auf Probe besch�ftigt wurde und erst seine vorgelegten Texte �ber eine weitere Anstellung entscheiden sollten, war es ihm egal. Nicht seine Verbindungen oder Herkunft, sondern allein seine F�higkeiten als Kritiker w�rden �ber den zuk�nftigen Verlauf seiner Karriere entscheiden.</p><p>An einem Donnerstagabend, etwa eine Woche nach seinem Einzug, besuchte ihn sein Vater zum ersten Mal in The Refuge. Als Geschenk brachte er ein gro�es, flaches Paket mit, das sich beim Auspacken als das Gem�lde der Frau in Wei� entpuppte. Rupert war zun�chst irritiert und wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Dann entschied er sich f�r die unverbl�mte Wahrheit und sagte, dass er das Bild f�rchterlich und geschmacklos finde und es sich niemals in sein Cottage h�ngen werde.</p><p>�Tu damit, was du willst�, antwortete sein Vater entt�uscht und rieb sich ratlos die H�nde, als w�re ihm kalt. �Du kennst den Maler, hast du gesagt, vielleicht will er es ja wiederhaben.�</p><p>�Kaum anzunehmen�, murmelte Rupert schmunzelnd.</p><p>�Oder du schenkst es dem M�dchen. Marys Tochter.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob das eine gute Idee ist�, sagte Rupert nachdenklich und betrachtete das Hirtenm�dchen, das Celia so verbl�ffend �hnlich sah. �Ihr Name ist �brigens immer noch Celia.�</p><p>�Celia�, wiederholte sein Vater. �Ich w�rde sie gern kennenlernen, wenn sich das einrichten lie�e. Irgendwann einmal.� Nach einem R�uspern setzte er hinzu: �Nat�rlich nur, wenn sie das m�chte.�</p><p>�<emphasis>Falls</emphasis> sie das m�chte�, verbesserte Rupert. �Was ich aber bezweifle. Celia w�nscht sich nichts sehnlicher, als das Vergangene hinter sich zu lassen.�</p><p>�Nat�rlich, mein Junge�, sagte sein Vater und f�gte, als er Ruperts finsteren Blick sah, schnell hinzu: �Rupert.�</p><p>Nur zwei Tage sp�ter wurde Ruperts ruhiges Dasein in seinem neuen Schlupfwinkel dramatisch gest�rt. Die h�ssliche Wirklichkeit drang in The Refuge ein, und alles, was vorher so friedlich und idyllisch schien, geriet schlagartig durcheinander. In der <emphasis>Times</emphasis>, die ihm Gray nach dem Fr�hst�ck mit verkniffener Miene gereicht hatte, stie� er bei der Morgenlekt�re vor dem Kamin auf folgende Schlagzeile: �Ein weiterer Whitechapel-Mord�.</p><p>�Was wei�t du dar�ber?�, fragte Rupert den Jungen und schlug hastig die Zeitung an der entsprechenden Stelle auf.</p><p>�Der Ripper hat wieder zugeschlagen�, antwortete Gray und hob die Achseln. �Beim Zeitungsstand haben alle dr�ber gesprochen. Zerfetzt soll er sie haben. Noch schlimmer als beim letzten Mal. Ein verdammtes Blutbad, sagen die Leute.�</p><p>Rupert starrte fassungslos auf den Artikel und las:</p><p>�W�hrend der fr�hen Stunden des gestrigen Morgens ereignete sich ein weiterer abscheulicher und teuflischer Mord in Spitalfields. Die Art der Verst�mmelungen l�sst wenig Zweifel daran, dass der M�rder die gleiche Person ist, die auch die vorherigen, der �ffentlichkeit bekannten Morde begangen hat. Der Tatort dieses letzten Verbrechens ist in der Dorset Street Nr. 26 in Spitalfields. Obwohl das Opfer, dessen Name Mary Jane Kelly ist, unter der oben genannten Adresse lebte, befindet sich der Eingang zu dem Zimmer, das sie bewohnte, in einem schmalen Hof, in dem es ein halbes Dutzend Wohnungen gibt und der unter dem Namen Miller�s Court bekannt ist. Das Zimmer des Opfers hatte die Nummer 13.�</p><p>�Miller�s Court!�, rief Rupert entsetzt und versuchte zu begreifen, was er gerade gelesen hatte.</p><p>�Ganz in der N�he vom Ten Bells�, sagte Gray. ��ne finstere Gegend.�</p><p>�Oh mein Gott!�, murmelte Rupert, denn er erinnerte sich in diesem Moment, wer in Miller�s Court Nr. 13 wohnte und auf den Namen Mary Jane h�rte. Edmund hatte sie einmal bei diesem Namen genannt: Ginger!</p><p>Obwohl ihm beinahe das Fr�hst�ck hochkam, konnte Rupert nicht aufh�ren, die Einzelheiten der Gr�ueltat zu lesen. So erfuhr er aus dem Artikel, dass Ginger am Freitagmorgen tot auf dem Bett in ihrem Zimmer gefunden worden war. Ihr nackter K�rper war f�rchterlich zugerichtet und mit einem Messer zerst�ckelt. Der M�rder hatte ihr nicht nur die Kehle durchgeschnitten, sondern auch die Br�ste sowie die Ohren und die Nase abgetrennt und anschlie�end im Raum verteilt. Au�erdem war ihr gesamter Unterleib aufgerissen, und der Ripper hatte etliche Organe entfernt und um den K�rper herum drapiert.</p><p>�Die Gesichtsz�ge der armen Kreatur waren nicht mehr wiederzuerkennen�, hie� es in dem Bericht. �Ein f�rchterlicher und widerlicher Anblick, wie man sich ihn kaum vorstellen kann.�</p><p>Um sich nicht zu �bergeben, sprang Rupert auf, kn�llte die Zeitung zusammen und warf sie ins Kaminfeuer.</p><p>�Los!�, rief er Gray zu. �Wir gehen!�</p><p>�Wohin, Boss?�</p><p>�Miller�s Court!�</p><p>Auf dem Weg nach Spitalfields schossen Rupert die Gedanken wie Tennisb�lle durch den Kopf, immer sinnlos hin und her, bis sie sich im Netz verfingen und ein neuer Ball von irgendwoher geschossen kam. Vor wenigen Tagen erst hatte er mit Ginger gesprochen und sie nach dem Verbleib von Heather und Edmund befragt, und nun lag ihr K�rper zerst�ckelt in einer Leichenhalle und wurde von �rzten und Polizisten untersucht. Rupert kam der ebenso beunruhigende wie unsinnige Gedanke, dass Ginger nur deshalb ermordet worden war, <emphasis>weil</emphasis> Rupert sich mit ihr unterhalten hatte. War Edmund zur�ckgekommen? War er nicht blo� der Handlanger von Michael gewesen, der Long Liz die Kehle durchgeschnitten hatte, sondern auch der bestialische M�rder der anderen Frauen? Oder war Michael etwa gar nicht tot? Hatten sie ihn lebendig im Holzschuppen begraben, und war er wie ein Untoter seinem ungeweihten Grab entstiegen? Aber aus welchem Grund h�tte er Ginger t�ten sollen? Je l�nger er dar�ber nachdachte, desto mehr verwirrten sich seine Gedanken, bis sich alles vor seinen Augen drehte und er sich einer Ohnmacht nahe f�hlte. Konnte es ein Zufall sein, dass Ginger zum Opfer des Rippers geworden war? Und ausgerechnet im Miller�s Court?</p><p>Als sie vor dem Britannia Pub ankamen, sahen sie bereits die Menschentraube in der Dorset Street. Vermutlich war seit dem gestrigen Morgen der Strom der Zuschauer und Gaffer nicht abgebrochen. Einige uniformierte Polizisten befanden sich in der Menge, und Rupert vermutete, dass mindestens ebenso viele Zivilbeamte der Metropolitan Police vor Ort waren. Wom�glich warteten sie darauf, dass der M�rder an den Ort des Geschehens zur�ckkam, um sich an dem Schrecken zu laben, den er mit seiner grausigen Tat verbreitet hatte. Gemeinsam mit Gray zw�ngte sich Rupert in den verstopften Torbogen zum Miller�s Court und schob sich langsam durch die dunkle Passage, wobei er die vor ihm Stehenden rabiat zur Seite stie�, ohne auf deren Fl�che und Verw�nschungen zu achten. Schlie�lich hatte er den Hof erreicht, der beinahe ebenso dicht mit Schaulustigen gef�llt war, doch anders als die Umstehenden schaute er nicht nach rechts, auf die verschlossene T�r zur Nummer 13, vor der ein weiterer Constable postiert war, sondern in den hinteren Teil des Hofes. Auf das Zimmer Nummer 5 zur Linken und den Bretterverschlag vor dem Abtritt.</p><p>�Jetzt bringt er sie schon in ihren Zimmern um�, h�rte Rupert einen Mann neben sich sagen. �Bisher hat er�s immer unter freiem Himmel getan.�</p><p>�So hat er mehr Zeit, ihnen die Eingeweide rauszuschneiden�, vermutete ein anderer. �Kann ihn keiner dabei st�ren.�</p><p>�Trotzdem seltsam�, meinte der erste. �Anders als sonst.�</p><p>Rupert hatte sich mittlerweile bis zur T�r von Edmunds Wohnung vorgearbeitet und suchte in der Manteltasche nach dem Schl�ssel, den er vor gut zwei Wochen eingesteckt hatte. Anders als das Springmesser, mit dem Michael erstochen worden war, hatte Rupert den Wohnungsschl�ssel und den Schl�ssel f�r die Bretterbude nicht in der Themse versenkt. Da die T�r nach wie vor verschlossen und das Schloss nicht besch�digt war, nahm Rupert an, dass Edmund in der Zwischenzeit nicht zur�ckgekehrt war. Denn dass er bei seiner �berst�rzten Flucht einen Zweitschl�ssel eingesteckt hatte, erschien Rupert nicht sehr wahrscheinlich.</p><p>�Sie wollen doch nicht etwa da rein, Boss?�, fragte Gray, der sich zwischen dem Eingang und dem Fenster postiert hatte.</p><p>�Du bleibst vor der T�r und h�ltst Wache�, antwortete Rupert, �ffnete mit dem Schl�ssel die T�r und trat ein.</p><p>Obwohl das Morgenlicht durchs milchige Fenster schien, war es in dem Raum so dunkel, dass Rupert eine Weile brauchte, bis er im Inneren etwas erkennen konnte. Doch nichts hatte sich seit dem letzten Mal ver�ndert, jedenfalls konnte Rupert nichts Verd�chtiges entdecken. Das Bett machte den Anschein, als h�tten Heather und Celia erst vor wenigen Minuten darin gelegen. Die leere Garderobe sah aus wie zuletzt, der sch�bige Ohrensessel stand unver�ndert an Ort und Stelle, und auch der Kamin war offenbar in der Zwischenzeit nicht befeuert worden. Obwohl er es nicht h�tte beschw�ren k�nnen, wusste Rupert auf Anhieb, dass Edmund seit seinem Verschwinden nicht mehr hier gewesen war.</p><p>�Boss!�, h�rte er in diesem Augenblick Grays Stimme vor der T�r. �Dicke Luft!�</p><p>�Was machst du da, Junge?�, fragte kurz darauf eine M�nnerstimme.</p><p>�Nichts�, antwortete Gray und klopfte leise gegen die Fensterscheibe.</p><p>�Wo kommt �n pl�tzlich der Schl�ssel her?�</p><p>�Keine Ahnung, Sir. Seh ich zum ersten Mal.�</p><p>�Verdammter L�gner!�, schimpfte der Mann. �Soll ich die Polizei holen? Sind ja genug Constables im Hof.�</p><p>Rupert �rgerte sich, dass er den Schl�ssel au�en hatte stecken lassen, ging zur T�r, �ffnete sie ruckartig und schaute in das Gesicht eines kleinen, etwa vierzigj�hrigen Mannes, den er noch nie zuvor im Miller�s Court gesehen hatte.</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Rupert forsch, obwohl ihm das Herz in die Hose sackte. �Warum keifen Sie hier so herum?�</p><p>�Und wer, bitte sch�n, sind Sie, Sir?�, konterte der Mann, doch seine Stimme klang beim Anblick des respektabel, beinahe vornehm gekleideten Rupert nicht ganz so feindselig. �Mein Name ist McCarthy. Ich bin der Eigent�mer dieses verfluchten Hauses und vermiete die Wohnungen hier. Auch wenn in Zukunft vermutlich niemand mehr im Miller�s Court wohnen will.� Er deutete hin�ber zur Nummer 13 und seufzte d�ster.</p><p>�Wissen Sie, wo ich Mr. Edmund Brooks finde?�, antwortete Rupert absichtlich mit einer Gegenfrage.</p><p>�Was wollen Sie von ihm?�</p><p>�Er schuldet mir Geld.�</p><p>McCarthy lachte ver�chtlich und rief: �Dann stellen Sie sich hinten in der Schlange an, Sir! Seine Miete hat Brooks seit Wochen nicht gezahlt. Und beinahe ebenso lange hab ich ihn nicht gesehen. Wie viel schuldet er Ihnen?�</p><p>�F�nfzig Pfund�, antwortete Rupert und erntete ein erstauntes Pfeifen. �In der Wohnung ist niemand, und seine Kleider hat er anscheinend auch mitgenommen�, setzte Rupert hinzu, zog den Schl�ssel heraus und reichte ihn dem Vermieter.</p><p>�Wenn Sie Brooks tats�chlich f�nfzig Pfund geliehen haben�, sagte McCarthy grinsend und steckte den Schl�ssel ein. �Dann sind Sie weitaus d�mmer, als Sie aussehen, Sir.�</p><p>�Er hat das Geld gestohlen.�</p><p>�Verstehe.� McCarthy nickte wissend und sagte: �Kein Wunder, dass der Kerl �ber alle Berge ist.�</p><p>�Gibt es nicht einen Holzschuppen, der zu der Wohnung geh�rt?�, fragte Rupert und hoffte, dass der Vermieter nicht nachfragte, woher er den Schl�ssel hatte und wieso er von dem Verschlag wusste. Rupert klopfte dem Mann vertraulich auf die Schulter und deutete nach hinten. �Vielleicht h�lt er sich dort versteckt.�</p><p>Der Vermieter schnaufte ungl�ubig und ging zum Bretterverschlag. �Wenn Brooks sich dort verkrochen hat, dann ist er nicht nur ein Taugenichts, sondern auch noch ein Idiot.� Er lachte, r�ttelte an der verschlossenen T�r und zuckte mit den Achseln.</p><p>Rupert b�ckte sich, als h�tte er etwas auf dem Boden entdeckt, zog rasch den kleinen Schl�ssel aus der Manteltasche, hielt ihn dem Vermieter vor die Nase und fragte: �Vielleicht passt der? Lag auf dem Boden.�</p><p>�Seltsam!�, knurrte McCarthy, sch�ttelte verwirrt den Kopf und �ffnete die T�r. �Sehen Sie? Kein Brooks!�, sagte er und wies auf den Stapel Brennholz, der ordentlich auf dem gepl�tteten Erdboden vor der Steinwand aufgeschichtet war. Die Matratze und der kleine Tisch waren hochkant an die Seitenwand gelehnt. Der Stuhl stand neben dem Eingang. Nichts hatte sich in den letzten beiden Wochen hier ver�ndert. Niemand war von den Toten auferstanden. Michael Kidneys Grab war unber�hrt.</p><p>�Kein Brooks�, best�tigte Rupert, wandte sich ab, weil ihn die Erinnerung wie ein Schlag traf, und ging zur�ck in den Hof, wo die Constables inzwischen damit begonnen hatten, die Schaulustigen aus dem Hof zu scheuchen.</p><p>Rupert verlie� gemeinsam mit Gray und den anderen Neugierigen den Hof. Als er sich unter dem Torbogen ein letztes Mal umwandte, sah er McCarthy neben einem Constable vor Edmunds Wohnung stehen und nachdenklich auf einen Schl�ssel in seiner Hand starren.</p><p>�Nach Hause, Boss?�, fragte Gray.</p><p>�Nach Hause�, best�tigte Rupert und verlie� die Dorset Street, um sie nie wieder zu betreten.</p><p>Jack the Ripper wurde, wie hinl�nglich bekannt, nie gefasst. Und Rupert sollte niemals erfahren, ob der grausame Mord an Ginger tats�chlich nur ein b�ser Zufall war oder ob er mit den seltsamen Geschehnissen zusammenhing, die in den Wochen zuvor so unvermittelt �ber Rupert hereingebrochen waren. Der Mord im Miller�s Court war das abscheulichste, zugleich aber auch das letzte Verbrechen des Rippers. Wer der M�rder war, was nach dem November 1888 aus ihm wurde und wieso er nicht weitermordete, dar�ber wurde damals wie heute viel spekuliert. Die Zahl der Verd�chtigen ist ebenso abenteuerlich wie die Erkl�rungsans�tze mancher Theorien, die den M�rder bis ins K�nigshaus hinein vermuteten. Auch wenn es schwer zu ertragen ist: Es gibt Fragen, auf die man keine Antworten findet. Und die sogar unergr�ndlicher werden, je eingehender man sich mit ihnen befasst.</p><p>Bis heute z�hlt Elizabeth Stride, genannt Long Liz, zu den sogenannten Kanonischen F�nf, also jenen f�nf Frauen, die mit h�chster Wahrscheinlichkeit im Herbst 1888 von Jack the Ripper get�tet wurden. Zwar gab es immer wieder Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die Tat nicht ins �bliche Muster des Frauenm�rders passte, und einige Autoren und Kriminalhistoriker mutma�ten sogar, Elizabeths Freund Michael k�nne seine H�nde bei dem Mord im Spiel gehabt haben. Befl�gelt wurde diese Deutung durch die Tatsache, dass die Adresse in der Dorset Street, die Michael Kidney vor dem Coroner zu Protokoll gegeben hatte, offenbar nicht stimmte und er stattdessen zusammen mit einer jungen Russin namens Annie in der Devonshire Street in Mile End lebte. Auch dass der Mann anschlie�end wie vom Erdboden verschluckt war und nie wieder in Erscheinung trat, gilt manchen �Ripperologen� als bedeutsamer Hinweis. Dennoch wird der Mord in der Berner Street von den meisten Experten weiterhin Jack the Ripper zugeordnet.</p><p>Einen Edmund oder Ned Brooks sucht man in den einschl�gigen Quellen und zahlreichen B�chern �brigens vergeblich.</p><p>Die Dorset Street blieb ihrem Ruf als Elendsviertel und Gefahrenpflaster treu, der schlechte Leumund wurde durch den bestialischen Mord im Miller�s Court nur noch best�rkt. Im Jahr 1904 wurde die �schlimmste Stra�e Londons�, wie sie mitunter in zeitgen�ssischen Berichten hie�, in Duval Street umbenannt, was aber den Slum-Charakter der Gasse keineswegs abmilderte.</p><p>In den 1920er-Jahren wurde schlie�lich von der Londoner Verwaltungsbeh�rde beschlossen, den nahe gelegenen Spitalfields Market nach S�den hin zu erweitern und die gesamte Nordbebauung der Duval Street abzurei�en, um Platz f�r eine neue Markthalle zu schaffen. Auch das Eckhaus, in dem sich der Britannia Pub befunden hatte, wurde im Laufe dieser Ma�nahmen dem Erdboden gleichgemacht.</p><p>W�hrend der Abrissarbeiten entdeckten Bauarbeiter im s�d�stlichen Teil des Areals, etwa f�nf Fu� unter der Erde, ein menschliches Gerippe. Die Knochen geh�rten offenbar zu einem mittelgro�en Mann und waren vollst�ndig skelettiert, allerdings schienen sie nicht so alt zu sein, dass sie als historisch bedeutsam eingesch�tzt wurden. Woran der Mann gestorben war, wieso man ihn an dieser Stelle begraben hatte und ob er wom�glich einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, konnte nicht gekl�rt werden. Die Knochen wiesen keinerlei Verletzungen auf und konnten keinem Vermisstenfall der letzten Jahrzehnte zugeordnet werden.</p><p>Einige der Bauarbeiter ulkten, sie h�tten vermutlich die Gebeine von Jack the Ripper ausgegraben. Immerhin h�tte der sein letztes Opfer ganz in der N�he umgebracht und w�re anschlie�end nicht l�nger mordend durchs East End gezogen.</p><p>Das Skelett des unbekannten Toten wurde nach der polizei�rztlichen Untersuchung in einem anonymen Gemeindegrab auf dem Friedhof von St. Mary Matfelon in der Whitechapel Road beerdigt.</p><p>W�hrend Rupert einen Zufluchtsort namens The Refuge hatte, in den er sich zur�ckziehen konnte, wurde f�r Celia der People�s Palace zu einer Art Asyl. Hier ging alles seinen geregelten, auf Programmzetteln nachlesbaren Gang, h�bsch getrennt nach sozialer Herkunft. Die Reichen versammelten sich in der zentralen Halle der K�nigin, die Armen in den Nebenr�umen, die Sch�ler in separaten G�ngen, aber alle trafen sich unter einem Dach. Es war eine kleine Welt f�r sich.</p><p>Nur Rupert vermochte es, Celia hin und wieder aus dieser selbst gew�hlten Abgeschiedenheit zu entf�hren und sie daran zu erinnern, dass es auch ein Leben au�erhalb des Volkspalastes gab und dass dieses Leben nicht zwangsl�ufig von schlimmen und h�sslichen Dingen bestimmt sein musste. Beinahe jeden dritten Abend erschien er im People�s Palace, verfolgte Maureens gelenkigen und von Mal zu Mal geschmeidigeren Auftritt auf der Gro�en B�hne, lud die beiden Frauen anschlie�end zu einem Cocktail an der Bar ein und begleitete sie sp�ter bis zu ihrer Wohnung, die er niemals betrat, obwohl Maureen ihn oft dazu einlud.</p><p>�Der ist in dich verknallt�, vermutete Maureen und grinste anz�glich.</p><p>�Unsinn!�, erwiderte Celia erschrocken und hielt Maureens lederne Kost�mtasche wie einen Panzer vor sich. �Wie kommst du denn darauf?�</p><p>�Weil er sich so benimmt, als w�re das Gegenteil der Fall�, dozierte Maureen mit einer Mischung aus Lebensweisheit und Ironie. �Immer schickt er seinen Burschen, statt selbst zu uns zu kommen. Und er fasst dich nie ohne Handschuhe an. Weil er dich sonst nicht mehr loslassen w�rde.�</p><p>Celia war Maureens Logik ein wenig zu hoch, aber sie hatte keine Lust, mit ihr �ber Rupert zu streiten. Celia war einfach gern mit ihm zusammen, obwohl sie so wenig gemein hatten und oft unterschiedlicher Meinung waren. Es war nicht zu verkennen, dass sie aus unterschiedlichen Welten stammten und sich ihr bisheriger Erfahrungsschatz in beinahe keinem Punkt �berschnitt. Manchmal kam Celia sich in seiner Gegenwart so naiv und ungebildet vor, dass sie sich regelrecht sch�mte. Dann gab sie ihm umso heftiger und schnippischer Widerworte. Celias Vorwitz, h�tte das ihre Mutter genannt. Dennoch h�rte sie ihm interessiert zu, wenn er von seiner neuen Arbeit sprach, sich �ber den drolligen Gray am�sierte oder Vortr�ge �ber Kunst und Literatur hielt. Und sie war ihm dankbar, dass er sich an ihre Abmachung hielt und niemals etwas von sich gab, was sie nicht h�ren oder wissen wollte.</p><p>�In Ordnung�, hatte er in jener Nacht in Vaters Kammer zu ihr gesagt. Und das war es auch.</p><p>Nur ein einziges Mal verstie� er gegen diese Vereinbarung. Es war Anfang Dezember, und Rupert wartete nach der Auff�hrung wie �blich neben der B�hne auf Maureen und Celia. Als sie schlie�lich erschienen, machte er den Vorschlag, nicht an der Bar im B�hnenraum etwas zu trinken, sondern im Hatchett�s Hotel in Mayfair. Dort finde eine Adventsfeier statt, zu der er als Sohn des Hausherrn eingeladen sei, und er w�rde die Damen gern dorthin mitnehmen.</p><p>Maureen war auf Anhieb begeistert, machte sich lediglich Sorgen wegen ihrer unpassenden Garderobe und wollte sich gleich bei Rupert einhaken.</p><p>Doch Celia sch�ttelte energisch den Kopf und fragte: �Warum?�</p><p>�Warum nicht?�, konterte Maureen. �Ich leih dir eins von meinen Kleidern, wenn�s das ist. Wir werden schon was Passendes finden.�</p><p>�Es ist nur eine Adventsfeier�, sagte Rupert und starrte zu Boden, als k�nnte er Celias Blick nicht ertragen. �Keine gro�e Sache.�</p><p>�Es ist nicht nur eine Adventsfeier�, antwortete Celia. �Und das wei�t du.�</p><p>�Komm schon, Celia�, murrte Maureen. �Sei keine Spielverderberin.�</p><p>�Das ist kein Spiel�, beharrte Celia und verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>�Er m�chte dich gern kennenlernen�, sagte Rupert. �Das ist alles.�</p><p>�Wer?�, fragte Maureen.</p><p>�Du musst kein Wort mit ihm reden, wenn du das nicht willst�, sagte Rupert und hob beschwichtigend die H�nde. �Er wird nur kurz Hallo sagen und dann wieder gehen. Das verspreche ich.�</p><p>Maureen verstand nur Bahnhof und zog die Nase kraus.</p><p>Celia sch�ttelte erneut den Kopf und sagte: �Noch nicht.�</p><p>�Sp�ter einmal?�, fragte Rupert.</p><p>�Warum ist das pl�tzlich so wichtig f�r dich?�</p><p>�Ist es ja gar nicht.�</p><p>�Anscheinend doch!�</p><p>�Jetzt sei nicht so, Celia!�</p><p>�Ich bin, wie ich bin!�, rief Celia so laut, dass sich die Leute zu ihnen umschauten. �Gew�hn dich besser dran!�</p><p>Beide verstummten, und Maureen blickte ratlos in die Runde.</p><p>Celia taten ihre barschen Worte leid, doch sie konnte und wollte sie nicht zur�cknehmen. Sie konnte es nun mal nicht �ndern. Sie war, wie sie war.</p><p>Doch dann lachte Rupert pl�tzlich, als w�re ihm etwas f�rchterlich Komisches eingefallen, und er fragte: �Was ist eigentlich so schlimm daran, sich hin und wieder zu streiten.�</p><p>Celia verstand nicht und fragte: �Was meinst du damit?�</p><p>�Nichts�, sagte Rupert schmunzelnd und f�hrte die beiden zur Bar. �Ich habe nur laut gedacht.�</p><empty-line/></section><section><title><p>ANHANG</p><p><emphasis>Anmerkungen und �bersetzungen</emphasis></p></title><p><emphasis>London and South Western Railway</emphasis>: engl. Eisenbahn-Unternehmen (L&amp;SWR), das von 1838 bis 1922 bestand und deren Strecken von London aus nach S�dwesten f�hrten <emphasis>Waterloo Station</emphasis>: der 1848 er�ffnete Bahnhof der L&amp;SWR wurde immer wieder erweitert und ausgebaut, sodass er v�llig un�bersichtlich wurde und zu Beginn des 20. Jh. abgerissen und neu gebaut werden musste <emphasis>Hansom Cab</emphasis>: nach dem Erfinder Joseph A. Hansom (* 1803, � 1882) benannte zweisitzige, nach vorne offene Kutsche, bei der der Kutscher hinter dem Verdeck sa� <emphasis>Bowler</emphasis>: 1850 von Thomas Bowler &amp; Sons entworfener Herrenhut aus Filz mit rundem Kopf, in Deutschland Melone genannt <emphasis>Half Crown</emphasis>: brit. M�nze im Wert von 2� Shilling oder 30 Pence</p><p><emphasis>London E</emphasis>: seit 1866 g�ltiger Postcode f�r Ost-London, die heutigen Zahlen (E1 bis E18) wurden erst 1917 hinzugef�gt <emphasis>Potts� Vinegar Works</emphasis>: Essigbrauerei in Southwark, die sich unter verschiedenen Besitzern bereits seit 1641 an dieser Stelle befand <emphasis>Barclay, Perkins &amp; Co.</emphasis>: Brauerei in Southwark, die 1791 aus der 1616 gegr�ndeten Anchor Brewery hervorging und 1955 mit der Courage Brewery fusionierte; die Geb�ude wurden 1981 abgerissen, nur der zur Brauerei geh�rende Anchor Pub an der Themse existiert noch heute <emphasis>George Inn</emphasis>: hist. Pub an der Borough High Street in Southwark und eines der wenigen Coaching Inns der Postkutschenzeit, die noch heute als Pub betrieben werden <emphasis>die beiden Pennys</emphasis>: bis ins 19. Jh. wurden den Toten M�nzen auf die Augen gelegt, um sie zu schlie�en; nach der griech. Mythologie sollte damit der F�hrmann bezahlt werden, der die Verstorbenen �ber den Fluss Styx ins Totenreich bef�rdert <emphasis>Ha�penny</emphasis>: brit. M�nze im Wert eines � Penny</p><p><emphasis>Tom Norman</emphasis>: (* 1860, � 1930) engl. Schausteller, Entertainer und Showman, unterhielt zeitweilig bis zu 13 Kuriosit�tenkabinette und Freak-Shows in London, erhielt den Spitznamen �The Silver King� wegen seines auff�lligen Silberschmucks; den Namen machte er sich sp�ter zu eigen <emphasis>Ay</emphasis>: (engl., veralt.) Ja, jawohl</p><p><emphasis>Lyndhurst</emphasis>: Dorf im New Forest, Hampshire, etwa 14 km nord�stl. von Southampton</p><p><emphasis>Porridge</emphasis>: (engl.) dicker (Fr�hst�cks-)Haferbrei</p><p><emphasis>London Hospital</emphasis>: Krankenhaus in Whitechapel, 1740 gegr�ndet, seit 1757 in der Whitechapel Road, seit 1990 The Royal London Hospital <emphasis>Yard</emphasis>: (engl.) Hof; Yard kann aber auch ein L�ngenma� sein, entspricht 3 Fu� = 91,44 cm</p><p><emphasis>Cloak and Dagger</emphasis>: (engl.) Umhang und Dolch, im engl. Sprachgebrauch als Synonym f�r mysteri�s oder geheimnisvoll verwendet <emphasis>Penny Gaff</emphasis>: (engl.) Kuriosit�tenkabinett, dort wurden menschliche Missbildungen ausgestellt und ber�hmte Verbrechen nachgespielt; im 19. Jh. bei den unteren Schichten sehr beliebt, auch wegen des geringen Eintritts von einem Penny <emphasis>Elefantenmensch</emphasis>: Joseph Merrick (* 1862, � 1890), litt seit der Geburt unter schweren Deformationen des K�rpers, die ihn v�llig entstellten; wurde als �Monster� auf Jahrm�rkten ausgestellt (im Herbst 1884 auch im Penny Gaff von Tom Norman im East End), bevor er 1886 von einem jungen Arzt im London Hospital aufgenommen wurde; erst 1986 wurde als Grund f�r die Deformation das �Proteus-Syndrom�, eine seltene Erbkrankheit, identifiziert <emphasis>The Salvation Army</emphasis>: (engl.) Heilsarmee, christl. Freikirche mit starker sozialer T�tigkeit, 1865 im Londoner East End von William Booth (* 1829, � 1912) als East London Christian Mission gegr�ndet, 1878 umbenannt und nach milit�r. Vorbild strukturiert, Booth wurde ihr erster General <emphasis>Florence Soper Booth</emphasis>: (* 1861, � 1957) setzte sich innerhalb der Heilsarmee vor allem f�r die Belange der Frauen ein, leitete seit 1884 The Women�s Social Work in der Hanbury Street, Spitalfields <emphasis>Petticoat Lane</emphasis>: die heutige Middlesex Street im East End, nur der Petticoat Lane Market erinnert noch an den alten Namen <emphasis>Illustrated London News</emphasis>: 1842 gegr�ndetes, w�chentl. erscheinendes und reich bebildertes Magazin, das seine v.a. b�rgerlichen Leser von Politik und Weltgeschehen unterrichtete <emphasis>Gordon Relief Expedition</emphasis>: 1884/85 in den Sudan entsandte Nil-Expedition, die den dortigen Generalgouverneur Gordon aus der Belagerung durch Aufst�ndische retten sollte <emphasis>General Gordon</emphasis>: Charles George Gordon (* 1833, � 26. 1. 1885), brit. Generalmajor und Generalgouverneur des Sudans, wurde nach monatelanger Belagerung von Aufst�ndischen get�tet, zwei Tage bevor die Rettungsexpedition die Eingeschlossenen erreichte <emphasis>Khartum</emphasis>: Hauptstadt des Sudans</p><p><emphasis>Thronjubil�um</emphasis>: im Jahr 1887 feierte K�nigin Victoria (* 1819, � 1901) ihr goldenes Thronjubil�um</p><p><emphasis>The Ten Bells</emphasis>: hist. Pub in Spitalfields an der Ecke Commercial Street/Church Street (heute Fournier Street); die Kneipe wurde ber�hmt, weil einige der Opfer von Jack the Ripper dort regelm��ig verkehrten <emphasis>The Star</emphasis>: 1788 gegr�ndete Londoner Abendzeitung, die vor allem wegen ihrer Sensationsberichterstattung �ber den Ripper bekannt wurde <emphasis>Blackburn</emphasis>: Stadt in der Grafschaft Lancashire im Nordwesten Englands, im 19. Jh. wurde sie zum weltweiten Zentrum der Baumwollspinnerei <emphasis>Willcox und Gibbs</emphasis>: US-amerik. Unternehmen, lie� 1856 die erste Kettenstichn�hmaschine patentieren</p><p><emphasis>Ebenezer Hall</emphasis>: erstes permanentes Versammlungshaus (seit 1870) der Christian Mission, der sp�teren Salvation Army, in Whitechapel <emphasis>The War Cry</emphasis>: (engl.) <emphasis>Der Kriegsruf</emphasis>, monatl. erscheinende Zeitung der Heilsarmee, die B�ros und die Druckerei befanden sich zwischen 1879 und 1886 in der Ebenezer Hall in Whitechapel <emphasis>O have you not heard of a beautiful stream</emphasis>: (engl.) �Oh, hast du nicht geh�rt von dem herrlichen Strom�, Hymne aus dem Jahr 1865 von Reuben A. Torrey jun. und Asa Hull <emphasis>Come to the Savior, make no delay</emphasis>: (engl.) �Komm zum Heiland, z�gere nicht�, Hymne aus dem Jahr 1870 von George F. Root <emphasis>Manchester-Stoff</emphasis>: (nach der engl. Stadt benannt) gerippter und kr�ftiger Cordsamt, oft f�r Arbeitskleidung verwendet <emphasis>Dr. Jekyll und Mr. Hyde</emphasis>: �Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde�, ber�hmte Doppelg�nger-Novelle von Robert Louis Stevenson (* 1850, � 1894) aus dem Jahr 1886</p><p><emphasis>Joyful will the meeting be</emphasis>:(engl.) �Freudig wird das Treffen sein�, Refrain des Liedes �Come to the Saviour�</p><p><emphasis>Skeleton Army</emphasis>: 1882 gegr�ndete und von den �rtl. Wirten und Bierh�ndlern unterst�tzte Gruppe, deren Ziel es war, die Versammlungen der Heilsarmee gewaltsam zu st�ren <emphasis>Krocket</emphasis>: Rasenballspiel mit Holzschl�gern und Toren, durch die eine Kugel zum Ziel geschlagen wird; in der zweiten H�lfte des 19. Jh. in England sehr beliebtes Freizeitvergn�gen <emphasis>Robert Barclay</emphasis>: (* 1837, � 1913) engl. Unternehmer und Brauer, Urenkel des gleichnamigen Firmengr�nders von Barclay, Perkins &amp; Co.</p><p><emphasis>Porter</emphasis>: (engl.) kurz f�r �porter�s beer� (Dienstmannsbier), so genannt, weil es fr�her vor allem von Dienstm�nnern getrunken wurde; dunkles, oberg�riges Starkbier <emphasis>Stout</emphasis>: (engl.) oberg�riges, dunkles Starkbier</p><p><emphasis>Ale</emphasis>: (engl.) helles, oberg�riges Bier</p><p><emphasis>Hatchett�s Hotel</emphasis>: 1753 von Abraham Hatchett gegr�ndetes Hotel an der Piccadilly (Ecke Dover Street), das aus der hist. Postkutschenstation White Horse Cellar hervorging <emphasis>Anchor Pub</emphasis>: hist. Pub an der Bankside in Southwark (hie� bis 1820 The Castle on the Hoop)</p><p><emphasis>Sprachtrompete</emphasis>: fr�he Form des Megafons</p><p><emphasis>Die Frau in Wei�</emphasis>: Roman von Wilkie Collins (* 1824, � 1889) aus dem Jahr 1860 (Originaltitel: �The Woman in White�) <emphasis>Snob</emphasis>: arroganter Empork�mmling, im 19. Jh. bekannt geworden durch das 1848 erschienene �The Book of Snobs� von William M. Thackeray (* 1811, � 1863) <emphasis>Londoner Saison</emphasis>: die Monate, meist zwischen April und August, in denen in London die gro�en gesellschaftlichen Veranstaltungen und B�lle stattfanden und der Landadel in seinen Londoner Stadth�usern wohnte; in dieser Zeit wurden auch die jungen Frauen als Deb�tantinnen in die Gesellschaft eingef�hrt <emphasis>Dandy</emphasis>: Modenarr, Geck, im 19. Jh. unter engl. Gentlemen sehr verbreitet</p><p><emphasis>Yellow Backs</emphasis>: preiswerte Unterhaltungsromane, aber gehaltvoller als Groschenromane, so genannt wegen der oft bunten Buchr�cken <emphasis>Oscar Wilde</emphasis>: (* 1854, � 1900) irischer Schriftsteller (�The picture of Dorian Gray�, �The importance of being earnest�), ber�hmt auch als extravaganter �sthet und Dandy, 1895 wegen Homosexualit�t zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, starb verarmt in Paris <emphasis>Poems</emphasis>: Gedichtsammlung aus dem Jahr 1881, Wildes erstes Buch erschien zun�chst nur in kleiner und exklusiv gestalteter Erstauflage <emphasis>Cockney</emphasis>: bezeichnet sowohl einen waschechten Londoner als auch die derbe Londoner Mundart der Arbeiterschicht <emphasis>Rookery</emphasis>: (engl.) Vogelkolonie; Bezeichnung eines Slums oder einer Armensiedlung; die Rookery in St. Giles bestand bis zur Mitte des 19. Jh.</p><p><emphasis>Werg</emphasis>: Faserabfall von Hanf oder Flachs, der als Dichtungsmaterial beim Schiffsbau verwendet wurde</p><p><emphasis>Pint</emphasis>: (engl.) Volumeneinheit, entspricht 0,568 l</p><p><emphasis>Pr�raffaeliten</emphasis>: 1848 gegr�ndete Vereinigung von engl. Malern, die eine Reform der Kunst im Sinne des ital. Renaissancemalers Raffael (* 1443, � 1520) und dessen Vorl�ufern anstrebten <emphasis>Punch</emphasis>: satirisches Wochenblatt, 1841 in London gegr�ndet und vor allem durch Karikaturen bekannt geworden (pr�gte daf�r den Begriff Cartoon) <emphasis>Royal Academy of Arts</emphasis>: Akademie der K�nste, 1768 gegr�ndet, befindet sich seit 1868 im Burlington House an der Piccadilly <emphasis>Sodomit</emphasis>: w�hrend sich der Begriff Sodomie im Deutschen allein auf sexuelle Handlungen mit Tieren bezieht, beschreibt der Begriff im Englischen v.a. den Analverkehr; als Sodomiten werden haupts�chlich homosexuelle M�nner bezeichnet <emphasis>Mehr Inhalt, weniger Kunst</emphasis>: Zitat aus William Shakespeares �Hamlet�, 2. Akt, 2. Szene</p><p><emphasis>Sixpence</emphasis>: brit. M�nze im Wert von 6 Pence oder 1/2 Shilling</p><p><emphasis>Shilling</emphasis>: brit. M�nze im Wert von 12 Pence oder 1/20 Pfund Sterling</p><p><emphasis>Anchor Terrace</emphasis>: 1834 errichtete Residenz f�r Mitarbeiter von Barclay &amp; Perkins; an dieser Stelle befand sich einst Shakespeares Globe Theatre <emphasis>�gyptische Obelisken</emphasis>: die sogenannten �Nadeln der Kleopatra�, die im 19. Jh. von der �gypt. Regierung verschenkt wurden; der eine Obelisk wurde 1878 in London am Nordufer der Themse, der andere im Jahr 1880 im New Yorker Central Park aufgestellt <emphasis>Bergpredigt</emphasis>: sozialethisch bedeutsame Rede Jesu, Matth�us 5�7 (gemeint ist die Stelle Matth�us 5,39)</p><p><emphasis>Whitechapel Vigilance Committee</emphasis>: (engl.) Whitechapel Wachsamkeitsausschuss, am 10. Sept. 1888 von lokalen Gesch�ftsleuten gegr�ndete Freiwilligen-B�rgerwehr <emphasis>Mansion House</emphasis>: (engl.) Herrenhaus, offizieller Amtssitz des Lord B�rgermeisters von London</p><p><emphasis>Bahnhof St. Paul�s</emphasis>: 1886 er�ffneter Fernbahnhof, wurde 1937 in Blackfriars umbenannt</p><p><emphasis>Westminster Aquarium</emphasis>: Royal Aquarium, 1876 er�ffneter Vergn�gungspalast (mit Rennbahn, Theater und Variet�) in unmittelbarer N�he der Westminster Abbey <emphasis>Bobby</emphasis>: (engl.-ugs.) Polizist, nach Sir Robert (Bobby) Peel (* 1788, � 1850), dem Reorganisator der engl. Polizei <emphasis>Police Constable</emphasis>: (engl.) uniformierter Polizist, Wachtmeister</p><p><emphasis>Officer</emphasis>: (engl. Anrede) Wachtmeister</p><p><emphasis>Laudanum</emphasis>: Opiumtinktur, bis ins 19. Jh. als Schmerz-und Beruhigungsmittel verbreitet</p><p><emphasis>ber�hmtes Theater</emphasis>: das Curtain Theatre war eines von zwei elisabeth. Theatern in Shoreditch, in dem die St�cke Shakespeares aufgef�hrt wurden; nicht nach dem �Vorhang�, sondern nach der gleichnamigen Stra�e benannt <emphasis>Oi</emphasis>: (engl./slang) Cockneyausdruck f�r �Hey!� oder �Hallo!�</p><p><emphasis>Qu� hace?</emphasis>: (span.) Was tut sie?</p><p><emphasis>No s�</emphasis>: (span.) Ich wei� nicht</p><p><emphasis>People�s Palace</emphasis>: 1887 von K�nigin Victoria er�ffneter Kultur-und Unterhaltungspalast in der Mile End Road, mit Festsaal (Queen�s Hall), Bibliothek, Schwimmbecken, Wintergarten, H�rs�len und Turnhalle, 1931 niedergebrannt und nach Neubau in die Universit�t von London integriert <emphasis>Si</emphasis>: (span.) Ja</p><p><emphasis>Salud!</emphasis>: (span.) Prost!</p><p><emphasis>Regent�s Canal</emphasis>: im 19. Jh. gebauter, 14 km langer Kanal im Zentrum Londons, verbindet Paddington mit der Themse bei Limehouse <emphasis>monstruos</emphasis>: (span.) Ungeheuer, Monster</p><p><emphasis>can�bal del mar</emphasis>: (span.) Kannibale des Meeres</p><p><emphasis>Perd�n!</emphasis>: (span.) Entschuldigung!</p><p><emphasis>Scharrnetz</emphasis>: Schleppnetz mit schwerem eisernen Rahmen und einer gezahnten Kante zum Austernfang</p><p><emphasis>Streicheisen</emphasis>: Netz aus Eisenringen, das �ber den Meeresboden �streicht�</p><p><emphasis>Holloway</emphasis>: 1852 gebautes Staatsgef�ngnis, wegen seines burgartigen Aussehens auch Holloway Castle genannt, 1902 in ein Frauengef�ngnis umgewandelt, seit 1971 von Grund auf umgebaut (mit Verlust des Burg-Charakters) <emphasis>Murray</emphasis>: John Murray, 1768 gegr�ndete Londoner Verlagsbuchhandlung, der Enkel des Verlagsgr�nders, John Murray III. (* 1808, � 1892), brachte 1836 erstmals Reisehandf�hrer f�r Touristen heraus <emphasis>Cunard Line</emphasis>: 1838 gegr�ndete brit. Reederei mit Sitz in Southampton, betrieb vor allem den Linienverkehr zwischen Liverpool und New York City <emphasis>Queenstown</emphasis>: Hafenstadt im S�den Irlands, mit der Unabh�ngigkeit Irlands 1922 in Cobh umbenannt</p><p><emphasis>Etruria</emphasis>: <emphasis>RMS (Royal Mail Ship) Etruria</emphasis>, 1885 in Dienst gestellter Ozeandampfer der Cunard Line, 1910 abgewrackt <emphasis>Aurania</emphasis>: 1883 in Dienst gestellter Ozeandampfer, 1905 abgewrackt</p><p><emphasis>Lord Coleridge</emphasis>: John Duke Coleridge (* 1820, � 1894), brit. Anwalt, Richter und Politiker, seit 1880 Lord Chief Justice (Lordoberrichter) von England <emphasis>Der Herr ist mein Schutz</emphasis>: Psalm 94,22</p><p><emphasis>Generalin</emphasis>: Catherine Booth (* 1829, � 1890) heiratete 1855 Charles Booth, den sp�teren Gr�nder und ersten General der Heilsarmee, 1888 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert, an dem sie 1890 starb <emphasis>Borough</emphasis>: (eng.) Stadtteil, Bezirk; inoffizielle Bezeichnung f�r Southwark</p><p><emphasis>City von London</emphasis>: das historische und wirtschaftliche Zentrum Londons, das einst von der Stadtmauer umgeben war <emphasis>Irrenhaus</emphasis>: gemeint ist das Bethlem Royal Hospital, auch bekannt unter dem Namen Bedlam</p><p><emphasis>Monument</emphasis>: The Monument to the Great Fire of London, die 61 Meter hohe S�ule erinnert an das Gro�e Feuer von 1666</p><p><emphasis>Das Wort Gottes ist sch�rfer</emphasis>: Hebr�er 4,12</p><p><emphasis>Kabinettkarte</emphasis>: auf Albuminpapier abgezogene Fotografien, die zu repr�sentativen Zwecken auf Karton aufgeklebt wurden, meist 16,5 � 11,5 cm gro� <emphasis>C. T. Newcombe</emphasis>: Charles Thomas Newcombe (* 1830, � 1912), engl. Portr�tfotograf</p><p><emphasis>A. &amp; G. Taylor</emphasis>: die schottischen Br�der Andrew (* 1832, � 1909) und George Taylor (* 1839, � 1911) betrieben im 19. Jh. eine der gr��ten Fotostudio-Ketten Gro�britanniens mit �ber 70 Filialen <emphasis>Chinatown</emphasis>: w�hrend sich die heutige Chinatown in Soho, im West End Londons, befindet, lag das Zentrum der chinesischen Einwanderer im 19. Jh. in Limehouse, unweit der Docks <emphasis>Treidelpfad</emphasis>: auch Leinpfad, Weg an Kan�len oder Fl�ssen, auf denen ein Boot mit Schlepptau stromaufw�rts gezogen wurde <emphasis>Nay</emphasis>: (engl., veralt.) Nein</p><p><emphasis>Messiah</emphasis>: 1742 uraufgef�hrtes dreiteiliges Oratorium von Georg Friedrich H�ndel (* 1685, � 1759)</p><p><emphasis>Cutaway</emphasis>: Herrenrock aus schwarzem Tuch mit vorne schr�g geschnittenen Sch��en (daher der Name), kam in der 2. H�lfte des 19. Jh. auf <emphasis>Cul de Paris</emphasis>: (franz.) eigentl. Pariser Ges��, unter dem Kleid auf dem Ges�� getragenes Polster</p><p><emphasis>Scones</emphasis>: weiches, krustenloses Geb�ck, das oft zum Tee gegessen wird</p><p><emphasis>Fu�</emphasis>: (engl.: foot) L�ngenma�, entspricht 30,48 cm</p><p><emphasis>Bugspriet</emphasis>: (Seemannsspr.) schr�g nach vorn �ber den Bug eines Schiffes hinausragender Mast</p><p><emphasis>Algernon Swinburne</emphasis>: (* 1837, � 1909), engl. Dichter, verstie� mit blasphemisch-erotischen, z.T. sadomasochistischen Gedichten gegen viktorian. Konventionen, stand den Pr�raffaeliten nahe, lebte nach einem Zusammenbruch (infolge Alkoholmissbrauchs) seit 1879 zur�ckgezogen in der N�he von London <emphasis>Krieg zwischen Frankreich</emphasis> �: Chinesisch-franz�sischer Krieg, 1884�1885, um das im heutigen Vietnam liegende franz. Protektorat Tongking <emphasis>New South Wales</emphasis>: (engl.) Neus�dwales, die erste brit. Kolonie in Australien mit der Hauptstadt Sydney</p><p><emphasis>Eddystone</emphasis>: Leuchtturm auf den Eddystone Rocks, etwa 14 km vor der K�ste von Cornwall</p><p><emphasis>Glasen</emphasis>: (Seemannsspr.) halbst�ndiges Anschlagen der Schiffsglocke, acht Glasen bezeichnet das Ende der vierst�ndigen Wache <emphasis>reffen</emphasis>: (Seemannsspr.) die Fl�che eines Segels durch Einrollen verkleinern</p><p><emphasis>gelascht</emphasis>: (Seemannsspr.) festgezurrt, festgebunden</p><p><emphasis>Kalmeng�rtel</emphasis>: breite Tiefdruckrinne mit schwachen, ver�nderlichen Winden und h�ufigen Windstillen am �quator <emphasis>Luv</emphasis>: (Seemannsspr.) die dem Wind zugekehrte Seite</p><p><emphasis>Lee</emphasis>: (Seemannsspr.) die dem Wind abgekehrte Seite</p><p><emphasis>Schoten</emphasis>: (Seemannsspr.) Leinen zum Bedienen eines Segels</p><p><emphasis>abwettern</emphasis>: (Seemannsspr.) einen Sturm durch geeignete Ma�nahmen (Beidrehen, Anluven etc.) auf See �berstehen <emphasis>Niedergang</emphasis>: (Seemannsspr.) schmale, steile Treppe auf einem Schiff</p><p><emphasis>aus�sen</emphasis>: (Seemannsspr.) das Leeren eines Bootes mit dem �sfass</p><p><emphasis>pullen</emphasis>: (Seemannsspr.) rudern</p><p><emphasis>Benjamin Graham</emphasis>: 42-j�hriger Glasbl�ser aus Clerkenwell, wurde am 17. Okt. 1888 zur Snow Hill Polizeiwache gebracht, weil er in trunkenem Zustand behauptet hatte, Jack the Ripper zu sein <emphasis>Guildhall</emphasis>: (engl.) Gildenhalle, mittelalterl. Geb�udekomplex in der City von London, in dem sich �ber Jahrhunderte das Rathaus befand <emphasis>Alderman</emphasis>: (engl.) eigentl. �ltester, Vorsteher, Ratsherr, Stadtrat</p><p><emphasis>Copper</emphasis>: (engl./ugs.) abwertend f�r Polizist, abgek�rzt auch Cop</p><p><emphasis>Guildhall Yard</emphasis>: anders als heute war der damalige Platz vor dem Rathaus kaum mehr als ein Wendeplatz f�r Droschken <emphasis>Deine Rede sei: Ja! Ja! Nein! Nein!</emphasis>: Matth�us 5,37</p><p><emphasis>Richtet nicht �</emphasis>: Matth�us 7,1</p><p><emphasis>Governor</emphasis>: (engl.) eigentl. Herrscher, (ugs.) Chef, Boss, abgek�rzt auch �Gov�</p><p><emphasis>Oliver Twist</emphasis>: 1838 erschienener Gesellschaftsroman von Charles Dickens (* 1812, � 1870) �ber das Schicksal eines Waisenjungen <emphasis>Pay-Pay</emphasis>: das Zigarettenpapier aus Hanf wurde bereits seit 1764 in Spanien hergestellt und weltweit exportiert <emphasis>Times</emphasis>: 1785 gegr�ndete, relativ unabh�ngige Londoner Tageszeitung</p><p><emphasis>Evening News</emphasis>: 1881 gegr�ndete Londoner Abendzeitung, sie kostete (wie der <emphasis>Star</emphasis>) nur einen halben Penny, w�hrend die <emphasis>Times</emphasis> 3 Pence kostete <emphasis>Karbols�ure</emphasis>: (veralt.) Phenol, aus Steinkohlenteer gewonnene leichte S�ure, die seit 1865 als Antiseptikum benutzt wurde <emphasis>Catharine Eddowes</emphasis>: (* 1842, � 30. 9. 1888), vermutl. viertes Opfer von Jack the Ripper, sie war das einzige Opfer, das in der City von London get�tet wurde <emphasis>George Lusk</emphasis>: (* 1839, � 1919) Bauunternehmer aus Mile End, wurde am 10. Sept. 1888 zum Vorsitzenden des Whitechapel Vigilance Committee gew�hlt, er erhielt den besagten �From Hell�-Brief am 16. Okt. 1888</p><p><emphasis>Coroner</emphasis>: (engl.) Beamter, der ungekl�rte Todesf�lle untersucht</p><p><emphasis>Elizabeth Stride</emphasis>: Die Angaben, die Michael Kidney am 3. Okt. vor dem Coroner machte, sind in Teilen ungenau: Elizabeth wurde in G�teborg geboren, sie war zum Zeitpunkt ihres Todes 44 Jahre alt, ihr Mann starb im Jahr 1884, allerdings nicht bei einem Schiffsungl�ck <emphasis>Yorkshire-Pudding</emphasis>: Backwerk aus Eierkuchenteig, als Beilage zum Essen, mit Sirup auch als Nachspeise</p><p><emphasis>Partag�s</emphasis>: 1845 in Havanna gegr�ndete kuban. Zigarrenmarke</p><p><emphasis>Monterrey</emphasis>: eigentl. Hoyo de Monterrey, (span.) Tal von Monterrey, 1865 gegr�ndete kuban. Zigarrenmarke</p><p><emphasis>Teerwasser</emphasis>: mit Holzteer gesch�tteltes Wasser, wurde zum Einreiben (bei Hautkrankheiten) oder Inhalieren (bei Keuchhusten) verwendet <emphasis>Itchy Park</emphasis>: itchy: (engl.) kratzig, juckend; 1891 wurde der Friedhof von Christ Church zum �ffentlichen Garten, was ihn als Treffpunkt f�r Obdachlose noch attraktiver machte, wie der US-amerik. Autor Jack London (* 1876, � 1916) in seinem 1903 erschienenen Buch �The People of the Abyss� drastisch beschrieb <emphasis>Pastorale</emphasis>: (ital.) l�ndlich-idyllische Darstellung aus dem Leben der Hirten (in Musik, Literatur und Malerei) <emphasis>Obstakel</emphasis>: (veralt.) Hindernis</p><p><emphasis>Deutsches Athenaeum</emphasis>: eigentl. Deutscher Verein f�r Kunst und Wissenschaft, ein 1869 von dt. K�nstlern gegr�ndeter Club <emphasis>Victoria-Kutsche</emphasis>: nach K�nigin Victoria benannte elegante Kutsche, meist zweiachsig, mit festem Kutschbock, bei wohlhabenden Familien beliebt <emphasis>M�lzen</emphasis>: Herstellung von Malz durch das Anfeuchten und Keimen von Gerste</p><p><emphasis>Maischen</emphasis>: die Verr�hrung von geschrotetem Malz mit warmem Wasser</p><p><emphasis>Gro�e Pest</emphasis>: die Gro�e Pest der Jahre 1665/66 forderte etwa 70000 Todesopfer und kostete damit einem F�nftel der Londoner Stadtbev�lkerung das Leben <emphasis>Prinz von Wales</emphasis>: Kronprinz Albert Eduard (* 1841, � 1910), Sohn von K�nigin Victoria, folgte seiner Mutter 1901 als Eduard VII. auf dem Thron <emphasis>Otto von Bismarck</emphasis>: (* 1815, � 1898) preu�. Ministerpr�sident und seit 1870 erster dt. Reichskanzler (bis 1890) <emphasis>Giuseppe Garibaldi</emphasis>: (* 1807, � 1882) ital. General und Freiheitsk�mpfer</p><p><emphasis>I have sinned, O God, my Savior</emphasis>: (engl.) Ich habe ges�ndigt, oh Gott, mein Retter, aus der Hymne �Love of God� von Rev. Elwood H. Stokes <emphasis>Precious Jesus came to save us �</emphasis>: (engl.) Teurer Jesus kam uns zu retten, Freund der S�nder, Jesus kam</p><p><emphasis>Truman Brauerei</emphasis>: Truman, Hanbury, Buxton &amp; Co., auch Black Eagle Brewery genannt, Brauerei in Spitalfields, deren Urspr�nge bis ins 17. Jh. zur�ckreichen <emphasis>St. Saviour</emphasis>: die heutige Southwark Cathedral; die Kirche war zun�chst ein Priorat und hie� St. Mary Overy, mit der Reformation wurde sie zur Pfarrkirche von St. Saviour <emphasis>Trafalgar Square</emphasis>: Platz in Stepney, der seit 1885 als �ffentl. Garten diente; wurde 1937 in Trafalgar Gardens umbenannt <emphasis>Threepence</emphasis>: (engl./veralt.) drei Pence</p><p><emphasis>Dosshouse</emphasis>: (engl./ugs.) Nachtasyl, billige Pension</p><p><emphasis>Blutvergiftung</emphasis>: tats�chlich leidet Celia an dem sp�ter so genannten Haverhill-Fieber, einer Form des Rattenbissfiebers (hervorgerufen durch Streptobazillen) <emphasis>Lister�scher Verband</emphasis>: mit Karbols�ure getr�nkter Wundverband, von dem Chirurgen Joseph Lister (*1827, � 1912) entwickelt <emphasis>Havelock</emphasis>: im 19. Jh. weitverbreiteter �rmelloser Herrenmantel mit h�ftlanger Pelerine (heute v.a. durch Sherlock Holmes bekannt) <emphasis>Falmouth</emphasis>: Hafenstadt an der S�dk�ste Cornwalls, hierhin wurden die drei �berlebenden des Schiffbruchs nach ihrer Rettung durch das deutsche Frachtschiff Montezuma im Sept. 1884 gebracht <emphasis>Exeter</emphasis>: Hauptstadt der engl. Grafschaft Devon, war fr�her die Hauptstadt von Cornwall</p><p><emphasis>S��holz</emphasis>: die Wurzel des S��holzstrauches dient zur Gewinnung von Lakritze</p><p><emphasis>Salmiak</emphasis>: Ammoniumchlorid, wird als schleiml�sendes Hustenmittel der Lakritze beigemischt</p><p><emphasis>Fingringhoe Wick</emphasis>: Marschlandschaft an der westlichen Colne-M�ndung in Essex, im 19. Jh. von zahlreichen Steinbr�chen durchsetzt, heute ein Naturschutzgebiet <emphasis>Florence Nightingale</emphasis>: (* 1820, � 1910) brit. Krankenpflegerin und Sozialreformerin, reorganisierte die milit�r. und zivile Krankenpflege <emphasis>Gedenke nicht der S�nden �</emphasis>: Psalm 25,7</p><p><emphasis>London, Brighton and South Coast Railway</emphasis>: engl. Eisenbahn-Unternehmen (LB&amp;SCR), das von 1846 bis 1922 bestand und London mit der S�dk�ste verband <emphasis>Ungar</emphasis>: In einem Bericht des Chief Inspectors Donald Swanson vom Scotland Yard an das Innenministerium vom 19. Okt. 1888 wird der Name des Zeugen genannt: Er hie� Israel Schwartz <emphasis>Cheerio!</emphasis>: (engl.-ugs.) Auf Wiedersehen!</p><p><emphasis>Waterman</emphasis>: die 1884 gegr. US-Firma stellte hochwertige und mit eigenem Patent versehene F�llfederhalter her</p><p><emphasis>Mon Dieu</emphasis>: (franz.) Mein Gott</p><p><emphasis>Rien du tout</emphasis>: (franz.) Gar nichts</p><p><emphasis>Qu�est-ce qui s�est pass�?</emphasis>: (franz.) Was ist passiert?</p><p><emphasis>Wer von euch ohne S�nde ist</emphasis>: Johannes 8,7</p><p><emphasis>Ingrams von den Illustrated London News</emphasis>: das Magazin wurde 1842 von Herbert Ingram (* 1811, � 1860) gegr�ndet, nach dessen Tod �bernahm sein Sohn William (* 1847, � 1924) die Leitung der Zeitung, beide Ingrams waren Mitglieder des Parlaments <emphasis>Tilbury</emphasis>: leichter zweir�driger u. zweisitziger Wagen mit aufklappbarem Verdeck</p><p><emphasis>Menier Schokoladenfabrik</emphasis>: in der 1870 errichteten Menier Chocolate Factory befindet sich heute ein Theater gleichen Namens <emphasis>Squire</emphasis>: (engl.) von Esquire, eigentl. Gutsherr, Landedelmann</p><p><emphasis>Sind Sie Seemann?</emphasis>: seit dem 18. Jh. geh�rte Rum zur t�gl. Ration der Royal Navy, sp�ter wurden dem Rum hei�es Wasser und Zitronensaft beigemischt (um vor Skorbut zu sch�tzen und das Wasser haltbarer zu machen), die s��ere Variante mit Zucker und Zimt oder Muskatnuss hie� Bumbo und war vor allem bei karibischen Piraten beliebt <emphasis>Blackwall Railway</emphasis>: London and Blackwall Railway (L&amp;BR), engl. Eisenbahn-Unternehmen, das von 1841 bis 1926 bestand und deren Strecke von London aus durch die Docklands nach Osten f�hrte <emphasis>International Working Men�s Educational Club</emphasis>: 1885 gegr. j�disch-sozialistischer Arbeiterclub in der Berner Street 40, der auch die anarch. Zeitung �The Worker�s Friend� (engl., Der Arbeiterfreund) herausbrachte <emphasis>Rosebud Pub</emphasis>: hist. Pub in Brightlingsea, benannt nach einem Segelschiff, das vor der K�ste Schiffbruch erlitt und dessen Crew vom Wirt gerettet wurde <emphasis>Gaffelstange</emphasis>: um den Mast drehbare, schr�g nach oben ragende Stange zur Befestigung des Gaffelsegels</p><p><emphasis>P&amp;O Company</emphasis>: Peninsular and Oriental Steam Navigation Company, 1822 gegr�ndete brit. Reederei</p><p><emphasis>Victoria Park</emphasis>: 1845 er�ffnete, 86 Hektar gro�e Gr�nanlage im Osten Londons (auch People�s Park genannt)</p><p><emphasis>The Refuge</emphasis>: (engl.) die Zuflucht, der Schlupfwinkel</p><p><emphasis>Lionel Johnson</emphasis>: (* 1867, � 1902) engl. Dichter und Kritiker, thematisierte in seinen Gedichten auch seine (unterdr�ckte) Homosexualit�t <emphasis>Herbert Horne</emphasis>: (* 1864, � 1916) engl. Dichter, Kunsthistoriker und Sammler, geh�rte wie Johnson zum Dichterzirkel �The Rhymers� Club�</p><p><emphasis>McCarthy</emphasis>: John McCarthy (* 1849, � 1934), Hausbesitzer und Lebensmittelh�ndler, wohnte bis 1927 in der Dorset Street</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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