<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name><id>70331</id></author><author><first-name>James</first-name><last-name>Sullivan</last-name><id>175900</id></author><book-title>Die Elfen</book-title><annotation><p>Klirrende K�lte herrscht im Land am Fjord, als Mandred Torgridson mit seinen Gef�hrten auszieht, die Bestie zu jagen, die nahe seinem Dorf ihr Unwesen treibt. Doch w�hrend am Himmel das Feenlicht tanzt, bricht aus dem Unterholz ein Wesen, halb Mann, halb Eber, und beschert den J�gern einen schnellen Tod. Allein Mandred rettet sich schwer verletzt in einen nahen Steinkreis, aber seine Wunden sind zu tief und die K�lte zu grimmig. Als er wider Erwarten erwacht, findet er sich am Fu�e einer Eiche wieder, die ihm ihre wundersamen Heilkr�fte zuteil werden l�sst. Mandred erkennt, dass er in die geheimnisumwobene Welt der Elfen hin�bergewechselt ist. Und der Verdacht beschleicht ihn, die Bestie k�nne von hier gekommen sein. Unerschrocken tritt er vor die ebenso sch�ne wie k�hle Elfenk�nigin und fordert Rache f�r die Opfer des Mannebers. Die K�nigin beruft daraufhin die legend�re Elfenjagd ein, um die Bestie unsch�dlich zu machen. Mit Mandred reisen auch Nuramon und Farodin in die Gefilde der Menschen, zwei Elfen, die so manches Geheimnis umgibt und die in der Tradition der Minnes�nger um die Gunst der Zauberin Noroelle werben. Bald jedoch ist die Jagd von Tod und T�uschung �berschattet. Der Manneber entpuppt sich als D�mon aus alten Zeiten. Er lockt Mandred und die Elfen in eine Eish�hle, und w�hrend die Gef�hrten schon meinen, �ber ihn gesiegt zu haben, versiegelt er die H�hle, raubt Nuramon seine Gestalt und dringt in die Welt der Elfen ein, um sie f�r immer zu vernichten��</p></annotation><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Elfen" number="1"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><id>C2F574E1-BFFD-4889-85DD-2FF8091164CA</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><publisher>Wilhelm Heyne Verlag</publisher><city>M�nchen</city><year>2004</year><isbn>3-453-53001-2</isbn></publish-info><custom-info info-type="librusec-id">83781</custom-info></description><body><title><p>BERNHARD HENNEN &amp; JAMES SULLIVAN</p><p>DIE ELFEN</p></title><epigraph><poem><stanza><v>Durch den Wald im Mondenscheine</v><v>Sah ich j�ngst die Elfen reiten;</v><v>Ihre H�rner h�rt� ich klingen,</v><v>Ihre Gl�ckchen h�rt� ich l�uten.</v></stanza><stanza><v>Ihre wei�en R�sslein trugen</v><v>G�ldnes Hirschgeweih und flogen</v><v>Rasch dahin; wie wilde Schw�ne</v><v>Kam es durch die Luft gezogen.</v></stanza><stanza><v>L�chelnd nickte mir die K�n�gin,</v><v>L�chelnd im Vor�berreiten.</v><v>Galt das meiner neuen Liebe,</v><v>Oder soll es Tod bedeuten.</v></stanza></poem><text-author>Heinrich Heine</text-author></epigraph><section><image l:href="#1"/><p><emphasis>Karte: Dirk Schulz</emphasis></p></section><section><title><p>Der Manneber</p></title><p>Inmitten der tief verschneiten Lichtung lag der Kadaver eines Elchbullen. Das zerschundene Fleisch dampfte noch. Mandred und seinen drei Gef�hrten war klar, was das bedeutete: Sie mussten den J�ger aufgeschreckt haben. Der Kadaver war mit blutigen Striemen bedeckt, der schwere Sch�del des Elchs aufgebrochen. Mandred kannte kein Tier, das jagte, um dann nur das Hirn seiner Beute zu fressen. Ein dumpfes Ger�usch lie� ihn herumfahren. In wirbelnden Kaskaden fiel Schnee von den �sten einer hohen Kiefer am Rand der Lichtung. Die Luft war erf�llt mit feinen Eiskristallen. Misstrauisch sp�hte Mandred ins Unterholz. Jetzt war der Wald wieder still. Weit �ber den Baumwipfeln zog das gr�ne Feenlicht tanzend �ber den Himmel. Das war keine Nacht, um in die W�lder zu gehen!</p><p>�Blo� ein Ast, der unter der Last des Schnees gebrochen ist�, sagte der blonde Gudleif und klopfte sich den Schnee von seinem schweren Umhang. �Jetzt schau nicht drein wie ein tollw�tiger Hund. Du wirst schon sehen, am Ende folgen wir doch nur einem Rudel W�lfe.�</p><p>Sorge hatte sich in die Herzen der vier M�nner geschlichen. Jeder dachte an die Worte des alten Mannes, der sie vor einer todbringenden Bestie aus den Bergen gewarnt hatte. Waren sie doch mehr als Hirngespinste, gesprochen im Fieberwahn? Mandred war der Jarl von Firnstayn, jenes kleinen Dorfes, das hinter dem Wald am Fjord lag. Es war seine Pflicht, jede Gefahr abzuwenden, die dem Dorf drohen mochte. Die Worte des Alten waren so eindringlich gewesen, er hatte ihnen nachgehen m�ssen. Und doch��</p><p>In Wintern wie diesem, die fr�h begannen, die zu viel K�lte brachten und in denen das gr�ne Feenlicht am Himmel tanzte, kamen die Albenkinder in die Welt der Menschen. Mandred wusste das, und seine Gef�hrten wussten es auch.</p><p>Asmund hatte einen Pfeil auf den Bogen gelegt und blinzelte nerv�s. Der schlaksige, rothaarige Mann machte nie viele Worte. Er war vor zwei Jahren nach Firnstayn gekommen. Man erz�hlte sich, er sei im S�den ein ber�hmter Viehdieb gewesen und K�nig Horsa Starkschild habe ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Mandred scherte sich nicht darum. Asmund war ein guter J�ger, der viel Fleisch ins Dorf brachte. Das z�hlte mehr als irgendwelche Ger�chte.</p><p>Gudleif und Ragnar kannte Mandred von Kindesbeinen an. Sie beide waren Fischer. Gudleif war ein st�mmiger Kerl mit B�renkr�ften; stets gut gelaunt, z�hlte er viele Freunde, auch wenn er als etwas einf�ltig galt. Ragnar war klein und dunkelhaarig, er unterschied sich von den gro�en, meist blonden Bewohnern des Fjordlands. Manchmal wurde er daf�r verspottet, und hinter vorgehaltener Hand nannten sie ihn ein Koboldkind. Das war n�rrischer Unsinn. Ragnar war ein Mann mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Einer, auf den man sich unbedingt verlassen konnte!</p><p>Wehm�tig dachte Mandred an Freya, seine Frau. Sie sa� jetzt gewiss an der Feuergrube und lauschte hinaus in die Nacht. Er hatte ein Signalhorn mitgenommen. Ein Hornsto� bedeutete Gefahr; blies er hingegen zweimal ins Horn, so wusste jeder im Dorf, dass keine Gefahr hier drau�en lauerte und die J�ger sich auf dem Heimweg befanden.</p><p>Asmund hatte den Bogen gesenkt und legte warnend einen Finger an die Lippen. Er hob den Kopf wie ein Jagdhund, der Witterung aufgenommen hatte. Jetzt roch Mandred es auch. Ein seltsamer Geruch zog �ber die Lichtung. Er erinnerte an den Gestank fauler Eier.</p><p>�Vielleicht ist es ja ein Troll�, fl�sterte Gudleif. �Es hei�t, in harten Wintern kommen sie aus den Bergen herab. Ein Troll k�nnte einen Elch mit einem Fausthieb niederstrecken.�</p><p>Asmund blickte Gudleif finster an und bedeutete ihm mit einer Geste zu schweigen. Das Holz der B�ume knarrte leise in der K�lte. Mandred beschlich das Gef�hl, beobachtet zu werden. Etwas war hier. Ganz nah.</p><p>Pl�tzlich stob das Ge�st eines Haselstrauchs auseinander, und zwei wei�e Schemen st�rmten mit lautem Fl�gelschlag �ber die Lichtung hinweg. Mandred riss unwillk�rlich den Speer hoch, dann atmete er erleichtert aus. Es waren nur zwei Schneeh�hner gewesen!</p><p>Aber was hatte sie aufgescheucht? Ragnar zielte mit dem Bogen auf den Haselstrauch. Der Jarl senkte die Waffe. Er sp�rte, wie sich sein Magen zusammenzog. Lauerte das Ungeheuer dort im Geb�sch? Lautlos verharrten sie.</p><p>Eine Ewigkeit schien zu vergehen, doch nichts r�hrte sich. Die vier hatten einen weiten Halbkreis um das Dickicht gebildet. Die Spannung war kaum mehr zu ertragen. Mandred sp�rte, wie ihm kalter Schwei� den R�cken hinabrann und sich am G�rtel sammelte. Der Weg zur�ck zum Dorf war weit. Wenn seine Kleidung durchgeschwitzt war und ihn nicht l�nger gegen die K�lte sch�tzte, w�ren sie gezwungen, irgendwo ein Lager aufzuschlagen und Feuer zu machen.</p><p>Der dicke Gudleif kniete nieder und steckte den Speer in den Boden. Sodann grub er die H�nde in den frischen Schnee und formte mit leisem Knirschen einen Ball. Gudleif blickte zu Mandred, und der Jarl nickte. In weitem Bogen flog der Schneeball ins Geb�sch. Nichts r�hrte sich.</p><p>Mandred atmete erleichtert aus. Ihre Angst hatte die Schatten der Nacht lebendig werden lassen. Sie selbst waren es gewesen, die die Schneeh�hner aufgescheucht hatten!</p><p>Gudleif grinste erleichtert. �Da ist nichts. Das Mistvieh, das den Elch gerissen hat, ist l�ngst �ber alle Berge.�</p><p>�Ein sch�ner Jagdtrupp sind wir�, spottete nun auch Ragnar. �Demn�chst laufen wir noch vor einem Hasenfurz davon.�</p><p>Gudleif stand auf und nahm seinen Speer.��Jetzt spie� ich die Schatten auf!� Lachend stocherte er im Ge�st des Buschwerks herum.</p><p>Pl�tzlich wurde er mit einem Ruck nach vorn gerissen. Mandred sah eine gro�e, krallenbewehrte Hand den Speerschaft umklammern. Gudleif stie� einen schrillen Schrei aus, der abrupt in kehliges Blubbern �berging. Der st�mmige Mann taumelte zur�ck, beide H�nde auf die Kehle gepresst. Blut spritzte zwischen seinen Fingern hindurch und rann �ber sein Wolfsfellwams.</p><p>Aus dem Geb�sch trat eine riesige Gestalt, halb Mann, halb Eber. Durch das Gewicht des massigen Eberkopfs stand die Kreatur tief vorgebeugt, und dennoch ragte sie mehr als zwei Schritt auf. Der Leib der Bestie war der eines kr�ftigen H�nen; dicke, knotige Muskelstr�nge zogen sich �ber Schultern und Arme. Die H�nde endeten in dunklen Krallen. Die Beine waren unterhalb der Knie unnat�rlich d�nn und dicht mit grau-schwarzen Borsten besetzt. Anstelle von F��en hatte die Kreatur gespaltene Hufe.</p><p>Der Manneber stie� ein tiefes, kehliges Grunzen aus. Dolchlange Hauer ragten aus seinen Kiefern. Die Augen schienen Mandred verschlingen zu wollen.</p><p>Asmund riss den Bogen hoch. Ein Pfeil schnellte von der Sehne. Er traf die Bestie seitlich am Kopf und hinterlie� eine feine rote Schramme. Mandred packte seinen Speer fester.</p><p>Gudleif aber brach in die Knie, verharrte einen Herzschlag lang schwankend und kippte dann zur Seite. Seine verkrampften H�nde l�sten sich. Noch immer quoll Blut aus seiner Kehle, und seine st�mmigen Beine zuckten hilflos.</p><p>Blinde Wut packte Mandred. Er st�rmte vor und rammte den Speer in die Brust des Mannebers. Ihm kam es so vor, als w�re er auf einen Fels aufgelaufen. Das Speerblatt glitt seitlich von der Kreatur ab, ohne Schaden anzurichten. Eine Krallenhand schnellte vor und zersplitterte den Schaft der Waffe.</p><p>Ragnar griff das Ungeheuer von der Seite her an, um es von Mandred abzulenken. Doch auch sein Speer vermochte nichts auszurichten.</p><p>Mandred lie� sich in den Schnee fallen und zog eine Axt aus dem G�rtel. Es war eine gute Waffe mit schmaler, scharfer Klinge. Der Jarl hieb mit aller Kraft nach den Fesseln des Mannebers. Das Ungeheuer grunzte. Dann senkte es den wuchtigen Kopf und rammte den Krieger. Ein Hauer traf Mandred an der Innenseite des Oberschenkels, zerfetzte die Muskeln und zersplitterte das silbergefasste Signalhorn, das an Mandreds G�rtel gehangen hatte. Mit einem Ruck riss der Manneber den Kopf in den Nacken, sodass Mandred in den Haselstrauch geschleudert wurde.</p><p>Halb bet�ubt vor Schmerz, dr�ckte er mit einer Hand die Wunde zu, w�hrend er mit der anderen einen Streifen Stoff von seinem Umhang riss. Schnell presste er die Wolle in die klaffende Wunde und nahm dann den G�rtel ab, um das Bein notd�rftig abzuschn�ren.</p><p>Gellende Schreie klangen von der Lichtung. Mandred brach einen Ast vom Strauch und schob ihn durch den G�rtel. Dann drehte er das Lederband enger, bis es so stramm wie ein Fassband um seinen Oberschenkel lag. Der Schmerz lie� ihn fast ohnm�chtig werden.</p><p>Die Schreie auf der Lichtung waren verstummt. Vorsichtig bog Mandred die �ste des Geb�schs auseinander. Seine Kameraden lagen leblos im Schnee. Der Manneber stand �ber Ragnar gebeugt und rammte ihm wieder und wieder die Hauer in die Brust. Mandreds Axt lag dicht neben der Bestie. Alles in ihm dr�ngte danach, das Ungeheuer tollk�hn anzuspringen, ganz gleich, ob er bewaffnet war oder nicht. Es war ehrlos, sich aus einem Kampf davonzuschleichen! Aber es war dumm, einen aussichtslosen Kampf zu f�hren. Er war der Jarl, er trug die Verantwortung f�r das Dorf. Deshalb musste er jene warnen, die noch am Leben waren!</p><p>Doch er konnte nicht einfach nach Firnstayn zur�ckkehren. Seine Spur w�rde das Ungeheuer direkt zum Dorf f�hren. Er musste einen anderen Weg finden.</p><p>Zoll um Zoll kroch Mandred r�ckw�rts aus dem Geb�sch. Jedes Mal, wenn ein Ast knackte, blieb ihm fast das Herz stehen. Doch die Bestie scherte sich nicht um ihn. Sie kauerte auf der Lichtung und hielt ihr schauriges Mahl.</p><p>Als er aus dem Geb�sch herausgekrochen war, wagte es Mandred, sich halb aufzurichten. Ein stechender Schmerz fuhr durch sein Bein. Er tastete �ber die Wollfetzen. Eiskrusten bildeten sich darauf. Wie lange w�rde er in der K�lte durchhalten?</p><p>Der Jarl humpelte das kurze St�ck Weg bis zum Waldrand. Er blickte zur Steilklippe, deren dunkles Haupt hoch �ber den Fjord ragte. Dort oben gab es einen uralten Steinkreis. Und ganz in der N�he war der Holzsto� f�r das Signalfeuer aufgeschichtet. Wenn er das Feuer entfachen k�nnte, w�re das Dorf gewarnt. Doch es waren mehr als zwei Meilen Weg bis dort oben.</p><p>Mandred hielt sich am Waldrand, doch er kam nur langsam durch den frischen Schnee voran. Beklommen betrachtete er das weite Schneefeld vor sich, das in sanfter Steigung an der R�ckseite der Klippe hinauff�hrte. Dort gab es kaum Deckung, und die breite Spur, die er durch den Schnee ziehen w�rde, w�re nicht zu �bersehen.</p><p>Ersch�pft lehnte er sich an den Stamm einer alten Linde und sammelte Kr�fte. H�tte er den Worten des alten Mannes nur Glauben geschenkt! Sie hatten ihn eines Morgens vor der h�lzernen Palisade gefunden, die das Dorf sch�tzte. Die K�lte hatte dem armen Kerl schon fast das Leben aus den Knochen gestohlen. In seinen Fiebertr�umen hatte er von einem Eber erz�hlt, der aufrecht ging. Von einem Ungeheuer, das aus den Bergen weit im Norden gekommen war, um Tod und Verderben �ber die D�rfer des Fjordlandes zu bringen. Ein Menschenfresser! H�tte der Alte von Trollen gesprochen, die aus den Tiefen der Berge kamen, von b�sartigen Kobolden, die ihre wollenen M�tzen im Blute Erschlagener f�rbten, oder von der Elfenjagd mit ihren wei�en W�lfen, Mandred h�tte ihm geglaubt. Aber ein Eber, der aufrecht ging und Menschen fraߠ� Niemand hatte je zuvor von einem solchen Gesch�pf geh�rt! Schnell hatten sie das Gerede des Alten als wirre Fiebertr�ume abgetan.</p><p>Dann war die Mittwinternacht gekommen. Der Fremde hatte Mandred an sein Sterbebett gerufen. Er hatte keinen Frieden finden k�nnen, bis Mandred ihm schlie�lich geschworen hatte, nach der F�hrte des Ungeheuers zu suchen und die anderen D�rfer am Fjord zu warnen. Mandred hatte dem Alten da noch immer nicht geglaubt, doch er war ein Mann von Ehre, der einen Eid nicht auf die leichte Schulter nahm. Deshalb war er hinausgegangen��</p><p>W�ren sie nur vorsichtiger gewesen!</p><p>Mandred atmete tief aus, dann humpelte er hinaus auf das weite Schneefeld. Sein linkes Bein war ganz taub. Wenigstens ein Gutes hatte die K�lte, er sp�rte jetzt keine Schmerzen mehr in der Wunde. Doch das taube Bein erschwerte ihm das Gehen. Immer wieder strauchelte er. Halb kriechend, halb gehend k�mpfte er sich vorw�rts. Von dem Manneber war noch nichts zu h�ren. Ob er sein grausiges Mahl wohl schon beendet hatte?</p><p>Endlich erreichte er ein breites Ger�llfeld. Ein Steinschlag war hier im letzten Herbst niedergegangen. Der t�ckische Untergrund lag nun unter einer dicken Schneedecke verborgen. Mandreds Atem ging sto�weise. Dichte wei�e Dunstwolken standen ihm vor dem Mund und schlugen sich als Raureif auf seinem Bart nieder. Verdammte K�lte!</p><p>Der Jarl dachte an den letzten Sommer zur�ck. Manchmal war er mit Freya hierher gekommen. Sie hatten im Gras gelegen und den Sternenhimmel betrachtet. Er hatte vor ihr mit seinen Jagdabenteuern geprahlt und damit, wie er K�nig Horsa Starkschild auf seinem Kriegszug an die K�sten von Fargon begleitet hatte. Freya hatte ihm geduldig zugeh�rt und ihn manchmal ein wenig aufgezogen, wenn er seine Heldentaten zu sehr ausgeschm�ckt hatte. Ihre Zunge konnte so scharf sein wie ein Messer! Aber sie k�sste wie�� Nein, nicht daran denken! Er schluckte hart. Bald w�rde er Vater werden. Aber sein Kind w�rde er niemals sehen. Ob es wohl ein Junge wurde?</p><p>Mandred lehnte sich an einen gro�en Felsbrocken, um zu verschnaufen. Den halben Weg hinauf hatte er geschafft. Sein Blick schweifte zur�ck zum Waldrand. Die Dunkelheit des Waldes vermochte das gr�ne Feenlicht nicht zu durchdringen, doch hier auf dem Berghang sah man alles so deutlich wie in einer wolkenlosen Vollmondnacht.</p><p>N�chte wie diese hatte er immer gemocht, obwohl das unheimliche Himmelslicht den meisten Menschen in den Nordlanden Angst machte. Es sah aus, als w�rden riesige Bahnen Tuch, gewoben aus funkelndem Sternenschein, �ber den Himmel gezogen.</p><p>Manche sagten, die Elfen verb�rgen sich in diesem Licht, wenn sie nachts zur Jagd �ber den frostklaren Himmel ritten. Mandred l�chelte. Freya h�tte an diesem Gedanken Gefallen gefunden. Sie liebte es, an Winterabenden an der Feuergrube zu sitzen und Geschichten zu lauschen; Geschichten von den Trollen aus den fernen Bergen und von den Elfen, deren Herzen so kalt wie Wintersterne waren.</p><p>Eine Bewegung am Waldrand schreckte Mandred aus seinen Gedanken. Der Manneber! Die Bestie hatte also seine Verfolgung aufgenommen. Gut so. Mit jedem Schritt die Klippe hinauf lockte er sie fort vom Dorf. Er musste nur durchhalten�� Sollte sie ihm ruhig die Brust aufrei�en, um sein Herz zu fressen, wenn er es nur schaffte, das Signalfeuer zu entz�nden!</p><p>Mandred stie� sich von dem Felsbrocken ab und strauchelte. Seine F��e! Sie�� sie waren noch da, aber er sp�rte sie nicht mehr. Er h�tte nicht stehen bleiben d�rfen! War er denn n�rrisch�� Jedes Kind wusste, dass eine Rast bei dieser K�lte den Tod bedeuten konnte.</p><p>Mandred sah verzweifelt auf seine F��e hinab. Erfroren und ohne jedes Gef�hl, w�rden sie ihn nicht mehr warnen, wenn Ger�ll unter ihnen wegrutschte. Sie waren Verr�ter an ihm geworden, waren zum Feind �bergelaufen, der verhindern wollte, dass er das Warnfeuer entz�ndete.</p><p>Der Jarl lachte auf. Doch es lag kein Frohsinn in dem Gel�chter. _Seine F��e waren �bergelaufen_. Welch ein Unsinn! Er wurde langsam verr�ckt. Die F��e waren einfach nur totes Fleisch, so, wie schon bald der ganze Mann totes Fleisch sein w�rde. W�tend trat er gegen den gro�en Felsbrocken. Nichts! Als w�ren die F��e nicht da. Er konnte aber noch gehen! Das war nur eine Frage des Willens. Doch er musste sehr genau aufpassen, wohin er trat.</p><p>Voller Sorge blickte er zur�ck. Der Manneber war auf das Schneefeld hinausgetreten. Er schien keine Eile zu haben. Wusste er, dass es nur diesen einen Weg zur Klippe hinauf gab? Mandred konnte ihm jetzt nicht mehr entkommen. Doch das hatte er ja auch nicht vorgehabt. Wenn er nur das Feuer entz�nden k�nnte, dann w�re alles andere egal!</p><p>Ein Ger�usch lie� ihn aufschrecken. Die Bestie stie� ein tiefes Knurren aus. Mandred hatte das Gef�hl, dass ihm der Manneber geradewegs in die Augen sah. Nat�rlich war das auf diese Entfernung unm�glich, und doch�� Etwas streifte sein Herz wie ein kalter Luftzug.</p><p>Der Jarl beschleunigte seine Schritte. Er musste seinen Vorsprung halten! Um das Feuer zu entfachen, w�rde er ein wenig Zeit brauchen. Sein Atem ging pfeifend. Wenn er ausatmete, war da ein leises Klirren, wie von Eiszapfen, die in hohen Tannenwipfeln aneinander schlugen, nur zarter. Der Kuss der Eisfee! Ein M�rchen, das man den Kindern erz�hlte, fiel ihm ein. Es hie�, die Eisfee sei unsichtbar und wandere in N�chten, in denen es so kalt war, dass selbst das Licht der Sterne gefror, durch das Fjordland. N�herte sie sich, dann verschwand der dampfende Atem, und ein leises Klirren lag in der Luft. Kam sie so nahe, dass ihre Lippen das Antlitz eines Wanderers ber�hrten, dann brachte ihr Kuss den Tod. War das der Grund, warum der Manneber sich nicht n�her heranwagte?</p><p>Wieder blickte Mandred zur�ck. Der Bestie schien es keine M�he zu bereiten, sich durch den tiefen Schnee zu bewegen. Eigentlich h�tte sie ihn viel schneller einholen m�ssen. Warum spielte sie mit ihm wie eine Katze mit der Maus?</p><p>Mandred rutschte aus; sein Kopf schlug schwer gegen einen Felsbrocken, doch er f�hlte keinen Schmerz. Mit den F�ustlingen fuhr er sich �ber die Stirn. Dunkles Blut troff von dem Leder. Ihm war schwindelig. Das h�tte nicht passieren d�rfen! Gehetzt blickte er zur�ck. Der Manneber war stehen geblieben, hatte den Kopf weit in den Nacken gelehnt und blickte zu ihm auf.</p><p>Mandred schaffte es nicht mehr auf die Beine. Was war er nur f�r ein Narr. Zur�ckzublicken und dabei weiterzugehen!</p><p>Mit aller Kraft versuchte er hochzukommen. Aber die halb erfrorenen Beine verweigerten ihm den Dienst. Er h�tte einen gro�en Felsbrocken gebraucht, um sich emporzuziehen. Jetzt musste er kriechen. So eine Dem�tigung! Er, Mandred Torgridson, der ber�hmteste K�mpfer am Fjord, kroch vor seinem Feind davon! Sieben M�nner hatte Mandred allein auf dem Kriegszug K�nig Horsas im Zweikampf besiegt. F�r jeden �berwundenen Feind hatte er sich stolz einen Zopf geflochten. Und nun kroch er davon.</p><p>Dies war eine andere Art Kampf, ermahnte er sich. Gegen dieses Ungeheuer konnte man nicht mit Waffen ankommen. Er hatte doch gesehen, wie Asmunds Pfeil von ihm abgeprallt war und wie seine Axt keine Wunde geschlagen hatte. Nein, dieser Kampf hatte andere Gesetze. Er w�rde siegen, wenn er es schaffte, das Feuer zu entfachen.</p><p>Verzweifelt robbte Mandred auf den Ellenbogen voran. Langsam wich auch die Kraft aus seinen Armen. Aber der Gipfel war nicht mehr weit. Der Krieger blickte zu den stehenden Steinen auf; sie waren von hellen Schneem�tzen gekr�nt, die sich gegen den gr�n schimmernden Himmel abzeichneten. Gleich hinter dem Steinkreis waren die Scheite f�r das Signalfeuer aufgeschichtet.</p><p>Die Augen zusammengekniffen, kroch er weiter. Seine Gedanken galten nur noch seiner Frau. Er musste sie retten! Seine Kraft durfte nicht versiegen! Weiter, immer weiter!</p><p>Blinzelnd �ffnete er die Augen. Der Schnee war fort. Er lag auf blankem Felsen. Vor ihm erhob sich einer der Pfeiler des Steinkreises. Er zog sich an dem Stein hoch und kam schwankend zum Stehen. Weit w�rden ihn seine Beine nicht mehr tragen.</p><p>Der Gipfel war abgeflacht und so eben wie der Boden einer Holzsch�ssel. Gew�hnlich h�tte er um den Steinkreis einen Bogen gemacht. Niemand trat zwischen die stehenden Steine! Das war keine Frage von Mut. Im Sommer hatte Mandred den Gipfel einmal einen ganzen Nachmittag lang beobachtet. Nicht einmal V�gel waren �ber den Steinkreis hinweggeflogen.</p><p>Ein schmaler Pfad verlief dicht am Rand der Klippe und erlaubte es, die unheimlichen Steine zu umgehen. Doch mit seinen gef�hllosen Beinen war er nicht mehr trittsicher genug, um diesen Weg wagen zu k�nnen. Ihm blieb nichts anderes �brig, als zwischen den Steinen hindurchzugehen.</p><p>So als erwartete er einen pl�tzlichen Hieb, zog Mandred den Kopf zwischen die Schultern, als er ins Innere des Kreises trat. Zehn Schritte, dann h�tte er das andere Ende erreicht. Es war ein so l�cherlich kurzes St�ck Weg��</p><p>�ngstlich sah Mandred sich um. Kein Schnee lag hier auf dem Boden aus gewachsenem Fels. Im Innern des Kreises schien der Winter keinen Einzug halten zu wollen. Seltsame Muster aus geschwungenen Linien waren in den Stein geritzt.</p><p>Zum Fjord hin fiel das Hartungskliff fast senkrecht ab. Unten vom Dorf sah es so aus, als h�tte man eine steinerne Krone auf das Haupt des Kliffs gesetzt. Mehr als drei Mannl�ngen ragten die Granitbl�cke auf, die in weitem Kreis das Felsplateau umschlossen. Es hie�, sie h�tten schon lange, bevor die Menschen ins Fjordland gekommen waren, hier gestanden. Auch sie waren mit Mustern aus verschlungenen Linien geschm�ckt. So fein war dieses Gespinst, dass kein Mensch es nachzuahmen vermochte. Und sah man es zu lange an, dann f�hlte man sich trunken wie von schwerem, gew�rztem Wintermet.</p><p>Vor Jahren war einmal ein wandernder Skalde nach Firnstayn gekommen, der behauptet hatte, die stehenden Steine w�ren alte Elfenkrieger, die von ihren Urahnen, den Alben, mit einem Fluch belegt worden w�ren. Sie w�ren verdammt zu endloser, einsamer Wacht, bis das Land selbst sie eines fernen Tages um Hilfe riefe und der Zauberbann gebrochen werde. Mandred hatte den Skalden damals verspottet. Jedes Kind wusste, dass die Elfen von zarter Gestalt und nicht gr��er als Menschen waren. Die Steine waren viel zu wuchtig, um Elfen zu sein.</p><p>Als er den Kreis durchmessen hatte, schlug Mandred eisiger Wind entgegen. Jetzt hatte er es so gut wie geschafft. Nichts w�rde � Der Holzsto�! Er h�tte ihn von hier aus sehen m�ssen! Er war auf einem Sims windgesch�tzt dicht unter dem Klippenrand aufgeschichtet. Mandred lie� sich auf die Knie nieder und kroch vorw�rts. Da war nichts!</p><p>Die Klippe ging hier fast zweihundert Schritt senkrecht in die Tiefe. Hatte es einen Steinschlag gegeben? War der Sims weggebrochen? Mandred hatte das Gef�hl, dass seine G�tter ihn verh�hnten. All seine Kr�fte hatte er aufgeboten, um es bis hierher zu schaffen, und nun��</p><p>Verzweifelt blickte er �ber den Fjord hinweg. Weit unten, auf der anderen Seite des gefrorenen Meerarms, kauerte sein Dorf im Schnee. Firnstayn. Es bestand aus vier Langh�usern und einer Hand voll kleiner H�tten, umgeben von einer l�cherlich schwachen Palisade. Der h�lzerne Wall aus Fichtenst�mmen sollte W�lfe fern halten und ein Hindernis f�r Pl�nderer sein. Den Manneber w�rde diese Palisade niemals aufhalten.</p><p>Vorsichtig wagte sich der Jarl ein St�ck n�her an den Abgrund und blickte hinab zum Fjord. Das Feenlicht am Himmel zauberte gr�ne Schatten in die tief verschneite Landschaft. Firnstayn hatte sich in den Winterschlaf zur�ckgezogen. Weder Mensch noch Tier waren auf den Wegen zu sehen. Durch die Rauchf�nge unter den Dachfirsten stieg wei�er Qualm auf, der von Windb�en zerpfl�ckt und hinaus �ber den Fjord gejagt wurde. Sicher sa� Freya bei der Feuergrube und horchte auf das Hornsignal, das verk�ndete, dass sie von der Jagd zur�ckkehrten.</p><p>Wenn das Horn nur nicht zerbrochen w�re! Von hier oben h�tte man seinen Ruf bis hinab ins Dorf geh�rt. Welch ein grausames Spiel trieben die G�tter mit ihm und den Seinen! Sahen sie ihm nun zu und lachten?</p><p>Mandred h�rte ein leises Klicken. Matt wandte er sich ab. Der Manneber stand auf der anderen Seite des Steinkreises. Langsam ging er den Kreis entlang. Wagte auch er es nicht, zwischen die stehenden Steine zu treten?</p><p>Mandred robbte vom Rand der Klippe fort. Sein Leben war verwirkt, das wusste er. Aber wenn er die Wahl hatte, dann wollte er lieber von der K�lte get�tet werden, als zum Fra� f�r die Bestie zu werden.</p><p>Das Klicken der Hufe wurde schneller. Ein letzter Zug noch! Mandred hatte es geschafft. Er lag im Bannkreis der Steine.</p><p>Bleierne M�digkeit griff nach seinen Gliedern. Mit jedem Atemzug schnitt der eisige Frost in seine Kehle. Ersch�pft lehnte er sich gegen einen der Steine. B�iger Wind zerrte an seinen froststarren Kleidern. Der G�rtel um seinen Oberschenkel hatte sich gelockert. Blut sickerte durch die Wollfetzen.</p><p>Leise betete Mandred zu seinen G�ttern. Zu Firn, dem Herrn des Winters, zu Norgrimm, dem Herrn der Schlachten, zu Naida der Wolkenreiterin, die �ber die dreiundzwanzig Winde gebot, und zu Luth, dem Webmeister, der aus den Schicksalsf�den der Menschen einen kostbaren Teppich f�r die W�nde der goldenen Halle wob, in der die G�tter mit den tapfersten der toten Krieger zechten.</p><p>Mandred fielen die Augen zu. Er w�rde schlafen � den langen Schlaf�� Seinen Platz in der Halle der Helden hatte er verwirkt. Er h�tte mit seinen Gef�hrten sterben sollen. Er war ein Feigling! Gudleif, Ragnar und Asmund, keiner von ihnen war fortgelaufen. Dass der Holzsto� die Klippe hinabgest�rzt war, war die Strafe der G�tter.</p><p>_Du hast Recht Mandred Torgridson. Wer feige ist, den sch�tzen die G�tter nicht mehr_, erklang eine Stimme in seinem Kopf.</p><p>War das der Tod?, fragte sich Mandred. Nur eine Stimme?</p><p>_Mehr als eine Stimme! Sieh mich an!_</p><p>Der Jarl vermochte seine Augenlider kaum mehr zu �ffnen. Warmer Atem schlug ihm ins Gesicht. Er sah in gro�e Augen, so blau wie der Himmel an einem Sp�tsommertag, wenn Mond und Sonne zugleich am Firmament standen. Es waren die Augen des Mannebers! Die Bestie war neben ihm, gleich au�erhalb des Steinkreises, in die Hocke gegangen. Geifer troff von ihrem blutverkrusteten Maul. An einem der langen Hauer hingen noch faserige Fleischfetzen.</p><p>_Wer feige ist, den sch�tzen die G�tter nicht mehr_, erklang wieder die fremde Stimme in Mandreds Kopf. _Nun k�nnen die anderen dich holen_.</p><p>Der Manneber richtete sich zu voller Gr��e auf. Seine Lefzen zuckten. Fast schien er zu l�cheln. Dann wandte er sich ab. Er umrundete den Steinkreis und war bald ganz au�er Sicht.</p><p>Mandred legte den Kopf in den Nacken. Noch immer tanzte das geisterhafte Feenlicht �ber den Himmel. _Die anderen?_ Schon umfing ihn Dunkelheit. Waren ihm die Augenlider zugefallen, ohne dass er es gemerkt hatte? Schlafen � nur f�r kurze Zeit. Die Dunkelheit war verlockend. Sie verhie� Frieden.</p></section><section><title><p>Minnespiel</p></title><p>Noroelle sa� im Schatten zweier Linden und lie� sich von Farodins Fl�tenspiel und Nuramons Gesang ber�hren. Fast schien es ihr, als schenkten ihr die beiden Werber mit ihren sanften Weisen die Sinne neu. Versonnen betrachtete sie das Spiel von Licht und Schatten im Bl�tterdach weit �ber ihr. Ihr Blick schweifte hinab zu der Quelle, die knapp au�erhalb des Schattens lag. Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser. Sie beugte sich vor, lie� die Hand hineingleiten und sp�rte das Kribbeln des Zaubers, der darin wohnte.</p><p>Ihr Blick folgte dem Wasser, das sich in den kleinen See ergoss. Die Sonnenstrahlen drangen bis auf den Grund und lie�en die bunten Edelsteine funkeln, die Noroelle einst dort mit Sorgfalt gebettet hatte. Sie nahmen den Zauber der Quelle in sich auf. Die Magie, die nicht gebunden wurde, str�mte mit dem Wasser aus dem See in den Bach und wurde hinweggesp�lt. Dort drau�en n�hrten sich die Wiesen vom Zauber des Wassers. Und des Nachts verlie�en die kleinen Auenfeen ihre Bl�ten und trafen sich, um im Sternenlicht zu schw�rmen und die Sch�nheit Albenmarks zu besingen.</p><p>Die Wiesen hatten ihre bl�henden Fr�hlingskleider angelegt. Ein milder Wind trug den vielf�ltigen Duft der Gr�ser und Blumen zu Noroelle; unter den B�umen vermischte er sich mit dem s��en Duft der Lindenbl�ten. Ein Rascheln schwebte �ber der Elfe, das sich mit dem Gesang der V�gel und dem Pl�tschern des Quellwassers verband und Farodins und Nuramons Kl�nge untermalte.</p><p>W�hrend es Farodin gelang, mit seinem Fl�tenspiel einen feinen Klangteppich aus all den Schwingungen dieses Ortes zu weben, erhob Nuramon seine Stimme �ber diesen und ersann Worte, die Noroelle wie eine Albe erscheinen lie�en. Liebevoll blickte sie zu Nuramon, der auf einem flachen Stein am Wasser sa�, und wieder zu Farodin, der am Stamm der gr��eren der beiden Linden lehnte.</p><p>Farodins Gesicht war das eines Elfenf�rsten aus den alten Liedern, deren edle Sch�nheit als Glanz der Alben gepriesen wurde. Die lindgr�nen Augen waren der Kronschmuck dieses Gesichts, das wei�blonde Haar der sanfte Rahmen. Er trug die Tracht der Minnes�nger, und alles�� das Hemd, die Hosen, der Mantel, das Halstuch�� war aus feinster roter Feenseide gefertigt. Nur seine Schuhe waren aus weichem Gelgerok-Leder. Noroelle blickte auf seine Finger, die auf der Fl�te tanzten. Sie h�tte ihrem Spiel den ganzen Tag zuschauen k�nnen��</p><p>W�hrend Farodin dem Ideal eines Elfenmannes entsprach, konnte man dies von Nuramon so nicht behaupten. Die Frauen am Hof spotteten offen �ber sein Aussehen, nur um dann hinter vorgehaltener Hand von seiner andersartigen Sch�nheit zu schw�rmen. Nuramon hatte hellbraune Augen und mittelbraunes Haar, das sich ein wenig wild bis auf seine Schultern wellte. In seiner sandfarbenen Kleidung entsprach er zwar nicht dem Bild eines Minnes�ngers, bot aber dennoch einen angenehmen Anblick. Statt der Seide der Feen hatte er deren Wollstoffe gew�hlt, die weit weniger kostbar waren, aber so fest und weich, dass Noroelle beim Betrachten des Hemdes und des waldfarbenen Mantels am liebsten zu Nuramon gegangen w�re, um den Kopf an seine Brust zu legen. Selbst die halbhohen Stiefel, die aus erdfarbenem und besonders weichem Gelgerok-Leder waren, erweckten bei Noroelle den Wunsch, sie zu ber�hren. Der Ausdruck von Nuramons Gesicht war so wandelbar wie seine Stimme, die alle Formen des Gesangs beherrschte und jeder Gef�hlsregung einen treffenden Klang verlieh. Seine braunen Augen aber sprachen von Sehnsucht und Melancholie.</p><p>Farodin und Nuramon waren unterschiedlich, doch jeder war auf seine Art beeindruckend. Beide hatten ihre eigene Vollkommenheit, so wie das Licht des Tages ebenso reizvoll war wie die Dunkelheit der Nacht, oder Sommer und Winter, Fr�hling und Herbst. Noroelle wollte nichts davon missen, und der Vergleich des �u�eren der beiden M�nner brachte sie einer Entscheidung f�r einen von ihnen nicht n�her.</p><p>Bei Hofe hatten manche ihr geraten, sie solle bei der Wahl ihres Gef�hrten das Familienhaus ber�cksichtigen. Doch war es denn etwa Farodins Verdienst, dass seine Urgro�mutter noch eine leibhaftige Albe gewesen war? Und war es etwa Nuramons Schuld, dass er aus einer Familie stammte, die durch viele Generationen von den Alben getrennt war? Noroelle wollte ihre Entscheidung nicht von ihren Vorfahren abh�ngig machen, sondern von ihnen selbst.</p><p>Farodin wusste, wie er um eine hohe Frau werben musste. Er kannte alle Regeln und Br�uche und handelte stets so angemessen und ehrenvoll, dass man ihn allseits bewundern musste. Noroelle war sehr davon angetan, dass er ihr Innerstes zu kennen schien, es zu ber�hren vermochte und stets so passende Worte fand, als k�nnte er in jedem Augenblick ihre Gedanken und ihre Gef�hle wahrnehmen. Doch hier lag zugleich auch sein Makel. Farodin kannte s�mtliche Lieder und alle alten Geschichten. Er wusste stets, welches s��e Wort er sprechen musste, weil er sie alle zuvor geh�rt hatte. Welche waren aber seine Worte und welche die der alten Dichter? War diese Weise von ihm selbst, oder hatte er sie zuvor geh�rt? Noroelle musste l�cheln; der scheinbare Makel haftete nicht Farodin an, sondern ihr. War dieser liebliche Ort nicht in allem so, wie es die alten S�nger geschildert hatten? Die Sonne, die Linde, der Schatten, die Quelle, der Zauber? Und boten die alten S�nger demnach nicht auch die passenden Lieder zu diesem lieblichen Ort? Konnte sie demzufolge Farodin einen Vorwurf machen, dass er nichts anderes tat als das, was in dieser Lage angemessen war? Nein, das durfte sie nicht. Farodin war in jeder Hinsicht vollkommen, und jede Frau in den Gefilden der Elfen w�re gl�cklich �ber sein Werben.</p><p>Dennoch fragte sie sich, wer Farodin eigentlich war. Er entzog sich ihr, wie die Quelle von Lyn sich den Blicken der Elfen durch strahlendes Licht entzog. Sie w�nschte sich, er w�rde seinen Schein f�r eine Weile schm�lern, sodass sie einen Blick auf die Quelle werfen konnte. Oft hatte sie versucht, ihn dazu zu bewegen, doch er hatte ihre Gesten nicht verstanden. So war ihr der Blick in sein Innerstes bislang verwehrt gewesen. Und manchmal f�rchtete sie, dort k�nnte etwas Dunkles lauern, etwas, das Farodin um jeden Preis zu verbergen trachtete. Hin und wieder unternahm ihr Liebster lange Reisen, doch nie sprach er davon, wohin er ging und aus welchem Grunde. Und wenn er zur�ckkehrte, erschien er Noroelle bei aller Wiedersehensfreude noch verschlossener als zuvor.</p><p>Bei Nuramon hingegen wusste Noroelle genau, um wen es sich handelte. Schon oft hatte man ihr gesagt, Nuramon sei nicht der Richtige f�r sie, er sei ihrer W�rde nicht angemessen. Er stammte n�mlich nicht nur aus einer vielk�pfigen Sippe, sondern auch aus einer Linie, der eine Schande anhaftete. Denn Nuramon trug die Seele eines Elfen in sich, der in all seinen Leben, in die er hineingeboren worden war, die Bestimmung seines Daseins nicht gefunden hatte und demnach nicht ins Mondlicht gegangen war. Wem dieser Weg versperrt blieb, der wurde in seiner Sippe wiedergeboren, bis sein Schicksal sich erf�llte. Und dabei war er nicht in der Lage, sich an die vorigen Leben zu erinnern.</p><p>Kein anderer war so oft wiedergeboren worden wie Nuramon; seit Jahrtausenden war er dem Wechselspiel von Leben, Tod und Wiedergeburt nun schon ausgesetzt. Mit der Seele hatte Nuramon auch seinen Namen geerbt. Die K�nigin hatte in ihm die Seele seines Gro�vaters erkannt und ihm dessen Namen gegeben. Die scheinbar nicht enden wollende Suche nach seiner Bestimmung hatte selbst in Nuramons eigener Familie f�r hochm�tigen Spott gesorgt. Zumindest musste sich derzeit keiner um sein Neugeborenes sorgen; doch sobald Nuramon st�rbe, w�rde seine Seele gleich einem Schatten �ber seiner Sippe liegen. Niemand wusste, wem der n�chste Nuramon geboren w�rde.</p><p>Alles in allem konnte er wahrlich nicht auf seine Abstammung schauen und dabei hoffen, ihretwegen bewundert zu werden. Im Gegenteil, alle sagten, Nuramon werde den gleichen Weg gehen wie zuvor; er werde nach seiner Bestimmung suchen, dar�ber sterben und wiedergeboren werden. Noroelle war diese Sichtweise zuwider. Sie sah einen vortrefflichen Mann vor sich sitzen, und als Nuramon ein weiteres Lied auf ihre Sch�nheit sang, sp�rte Noroelle, dass jedes Wort, das er sprach, seiner tief empfundenen Liebe zu ihr entsprang. Was die Wiege ihm verwehrt hatte, das hatte er sich selbst erworben. Nur eins wagte er nicht: ihr zu nahe zu kommen. Noch nie hatte er sie ber�hrt, noch nie hatte er es gewagt, so wie Farodin, ihre Hand zu fassen und diese gar zu k�ssen. Und wann immer sie versuchte, ihm eine harmlose Z�rtlichkeit zukommen zu lassen, wies er sie mit s��en, berauschenden Worten zur�ck.</p><p>Von welcher Seite sie ihre beiden Werber auch betrachtete, sie konnte im Augenblick zu keiner Entscheidung finden. Wenn Farodin ihr sein Innerstes offenbarte, dann w�rde sie ihn w�hlen. Wenn Nuramon seine H�nde nach ihr ausstreckte und ihre Hand fasste, dann w�rde sie ihm den Vorrang geben. Die Entscheidung lag nicht bei ihr.</p><p>Es waren erst zwanzig Jahre vergangen, da dieses Werben begonnen hatte. Es mochten noch einmal zwanzig Jahre vergehen, bis sie eine Entscheidung von ihr erwarteten. Und wenn sie keine Entscheidung traf, dann w�rde derjenige, der die gr��ere Best�ndigkeit zeigte, ihre Gunst gewinnen. Sollten sie sich auch darin ebenb�rtig sein, so mochte die Werbung auf immer anhalten � eine Vorstellung, die Noroelle zum Schmunzeln brachte.</p><p>Farodin stimmte ein neues St�ck an und spielte so innig, dass Noroelle die Augen schloss. Sie kannte das Lied, sie hatte es einst bei Hofe geh�rt. Doch mit jedem Ton, den Farodin erklingen lie�, �bertraf er, was sie damals vernommen hatte.</p><p>Nuramons Stimme verblasste dagegen ein wenig, bis Farodin wiederum ein neues Lied begann.��_O schau nur, holdes Albenkind!_�, sang Nuramon nun. Noroelle �ffnete die Augen, sie war von dem pl�tzlichen Wechsel in seiner Stimme �berrascht.</p><p>�_Dort auf dem Wasser ein Gesicht._� Er schaute auf das Wasser, aber sie konnte seinem Blick nicht folgen, so gebannt war sie von seiner Stimme.</p><p>�_O Noroelle, geh hin geschwind�/ Vom Schatten aus hinein ins Licht._� Noroelle stand auf und folgte den Worten; sie ging einige Schritte von der Quelle fort und kniete sich an das Ufer des Sees, um ins Wasser zu blicken. Doch da war nichts.</p><p>Nuramon sang weiter.��_Die blauen Augen sind ein See_.� Noroelle sah blaue Augen; es waren ihre eigenen, die Nuramon gern mit einem See verglich.</p><p>�_Dein Nachthaar weht im Fr�hlingswind_.� Sie sah ihr Haar, wie es sanft �ber ihren Hals streifte, und musste l�cheln.</p><p>�_Du l�chelst dort wie eine Fee. O schau nun holdes Albenkind!_� Sie betrachtete sich ganz genau und lauschte, wie Nuramon in den verschiedenen Sprachen der Albenkinder von ihrer Sch�nheit sang. In den Feensprachen Klang einfach alles sch�n, aber er konnte selbst mit der Zunge der Kobolde sprechen und ihr dabei schmeicheln.</p><p>W�hrend sie ihm zuh�rte, hatte sie nicht l�nger sich selbst vor Augen, sondern eine andere Frau, viel sch�ner als sie sich je empfunden hatte, so erhaben wie die K�nigin und mit einer Anmut versehen, wie man sie den Alben nachsagte. Auch wenn sie sich selbst nicht in diesem Licht sah, wusste sie, dass Nuramons Worte direkt von Herzen kamen.</p><p>Als ihre Liebsten verstummten, wandte sie den Blick unsicher vom Wasser ab und schaute zu Nuramon, dann zu Farodin.��Warum habt ihr aufgeh�rt?�</p><p>Farodin schaute hinauf zum Bl�tterdach. �Die V�gel sind unruhig. Ihnen ist offenbar nicht l�nger zum Singen zumute.�</p><p>Noroelle wandte sich zu Nuramon.��War das wirklich mein Gesicht, das ich im Wasser sah? Oder war es deine Zauberei?�</p><p>Nuramon l�chelte. �Ich habe nicht gezaubert, nur gesungen. Aber dass du es nicht zu unterscheiden wusstest, schmeichelt mir.�</p><p>Farodin erhob sich pl�tzlich, und auch Nuramon stand auf und blickte �ber den See und die Wiesen hinweg in die Ferne. Da ert�nte ein tiefes Hornsignal �ber dem Land.</p><p>Nun erhob sich auch Noroelle. �Die K�nigin? Was mag geschehen sein?�, fragte sie.</p><p>Farodin war mit wenigen Schritten neben Noroelle und legte ihr die Hand auf die Schulter.��Mach dir keine Sorgen, Noroelle.�</p><p>Nuramon war herangekommen und fl�sterte ihr ins Ohr: �Es ist gewiss nichts, was nicht von einer Schar Elfen gel�st werden kann.�</p><p>Noroelle seufzte. �Es war wohl zu sch�n, um den ganzen Tag anzuhalten.� Sie sah, wie die V�gel sich in die Luft erhoben und kurz darauf der Burg der K�nigin entgegenflogen, die jenseits der Wiesen und der W�lder auf einem H�gel lag.��Beim letzten Mal hat die K�nigin dich zur Elfenjagd berufen. Ich sorge mich um dich, Farodin.�</p><p>�Bin ich nicht jedes Mal zur�ckgekehrt? Und hat nicht Nuramon dir stets die Zeit vers��t?�</p><p>Noroelle l�ste sich von Farodin und wandte sich beiden zu.��Und wenn ihr nun gemeinsam fort m�sstet?�</p><p>�Man wird mir keine solche Pflicht anvertrauen�, wandte Nuramon ein. �Das war immer so, und so wird es auch immer sein.�</p><p>Farodin schwieg, Noroelle aber sagte: �Die Anerkennung, die man dir verwehrt, werde ich dir geben, Nuramon. Aber nun geht! Holt eure Pferde und reitet voraus! Ich werde nachkommen und euch heute Abend bei Hofe sehen.�</p><p>Farodin fasste Noroelles Hand, k�sste diese und verabschiedete sich. Nuramons Abschied bestand in einem liebevollen L�cheln. Dann ging er zu Felbion, seinem Schimmel. Farodin sa� bereits auf seinem Braunen. Noroelle winkte ihnen noch einmal zu.</p><p>Die Elfe beobachtete ihre beiden Liebsten, wie sie abseits der Feenbl�ten �ber die Wiese ritten, dem Wald und der jenseits davon liegenden Burg entgegen. Sie trank ein wenig Wasser aus der Quelle und machte sich dann auf den Weg. Barf��ig schritt sie �ber die Wiesen. Sie wollte zur Fauneneiche gehen. Unter ihr konnte sie so klare Gedanken fassen wie nirgends sonst. Die Eiche hielt ihrerseits Zwiesprache mit ihr und hatte sie in jungen Jahren viel Zauberei gelehrt.</p><p>Auf ihrem Weg dachte sie �ber Farodin und Nuramon nach.</p></section><section><title><p>Erwachen</p></title><p>Es ist erstaunlich warm, dachte Mandred, als er erwachte. Ganz in der N�he erklang Vogelgezwitscher. In die Halle der Helden war er gewiss nicht eingegangen. V�gel gab es dort keine � Und �berhaupt sollte der Honigduft von schwerem Met in der Luft h�ngen und der Geruch von harzigem Fichtenholz, das in der Feuergrube gl�hte!</p><p>Er h�tte nur die Augen aufschlagen m�ssen, um zu wissen, wo er war. Aber Mandred z�gerte es hinaus. Er lag auf etwas Weichem. Nichts schmerzte. H�nde und F��e kribbelten leicht, aber das war nicht unangenehm. Er wollte gar nicht wissen, wo er war. Er wollte einfach nur den Augenblick genie�en, in dem er sich so wohl f�hlte. So war es also, wenn man tot war.</p><p>�Ich wei�, dass du wach bist.� Die Stimme klang, als ob es ihr schwer fiele, Worte zu formen.</p><p>Mandred schlug die Augen auf. Er lag unter einem Baum, dessen �ste sich wie eine weite Kuppel �ber ihn w�lbten. Neben ihm kniete ein Fremder und tastete mit starken H�nden seinen K�rper ab. Die �ste reichten bis dicht �ber seinen Kopf; sein Gesicht blieb im Spiel von Licht und Schatten verborgen.</p><p>Mandred blinzelte, um deutlicher sehen zu k�nnen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Schatten schienen um das fremde Gesicht zu wirbeln, so als wollten sie es voller Absicht verbergen.</p><p>�Wo bin ich?�</p><p>�In Sicherheit�, entgegnete der Fremde knapp.</p><p>Mandred wollte sich aufrichten. Da bemerkte er, dass seine H�nde und Beine auf den Boden gebunden waren. Nur den Kopf konnte er anheben.</p><p>�Was hast du mit mir vor? Warum bin ich gefesselt?�</p><p>Kurz blitzten zwischen den Schatten zwei Augen auf. Sie hatten die Farbe hellen Bernsteins, wie man ihn manchmal nach schweren St�rmen weiter im Westen an den Ufern des Fjordes fand.</p><p>�Wenn Atta Aikhjarto dich geheilt hat, kannst du gehen. Ich lege l�ngst nicht so viel Wert auf deine Gesellschaft, dass ich dich fesseln w�rde. Er war es, der darauf bestand, deine Wunden zu versorgen �� Der Fremde machte einen seltsam schnalzenden Laut.��Deine Sprache macht einem Knoten in die Zunge. Sie ist ohne jede�� Sch�nheit.�</p><p>Mandred sah sich um. Au�er dem Fremden, der auf so unheimliche Weise vom Zwielicht umgeben war, war hier niemand. Von den tiefer h�ngenden �sten des m�chtigen Baumes fielen Bl�tter wie an einem windstillen Herbsttag und sanken sanft schaukelnd zu Boden.</p><p>Der Krieger blickte zur Krone hinauf. Er lag unter einer Eiche. Ihr Laub strahlte in kr�ftigem Fr�hlingsgr�n. Es roch nach guter, schwarzer Erde, aber auch nach Verwesung, nach fauligem Fleisch.</p><p>Ein goldener Lichtstrahl stach durch das Bl�tterdickicht hinab zu seiner linken Hand. Jetzt sah er, was ihn gefangen hielt: Es waren die Wurzeln der Eiche! Um sein Handgelenk hatte sich fingerdickes, knotiges Wurzelwerk geschlungen, und die Finger waren von hauchzartem, wei�em Wurzelgeflecht �berzogen. Von dort kam der faulige Geruch.</p><p>Der Krieger b�umte sich in seinen Fesseln auf, doch jeder Widerstand war sinnlos. Fesseln aus Eisenb�ndern h�tten ihn nicht fester halten k�nnen als diese Wurzeln.</p><p>�Was geschieht mit mir?�</p><p>�Atta Aikhjarto hat angeboten, dich zu heilen. Du warst vom Tod gezeichnet, als du die Pforte durchschrittest. Er hat mir befohlen, dich hierher zu bringen.� Der Fremde deutete zu den weit ausladenden �sten hinauf.��Er zahlt einen hohen Preis daf�r, das Gift des Frostes aus deinem K�rper zu ziehen und deinem Fleisch die Farbe von Rosenbl�ttern zur�ckzugeben.�</p><p>�Bei Luth, wo bin ich hier?�</p><p>Der Fremde stie� ein meckerndes Ger�usch aus, das entfernt an ein Lachen erinnerte. �Du bist da, wo deine G�tter keine Macht mehr haben. Du musst sie ver�rgert haben, denn eigentlich beh�ten sie euch Menschenkinder davor, durch diese Pforten zu gelangen.�</p><p>�Die Pforten?�</p><p>�Der Steinkreis. Wir haben geh�rt, wie du zu deinen G�ttern gebetet hast.� Wieder verfiel der Fremde in meckerndes Lachen. �Du bist jetzt in Albenmark, Mandred, bei den Albenkindern. Das ist ziemlich weit weg von deinen G�ttern.�</p><p>Der Krieger erschrak. Wer die Pforten zu der jenseitigen Welt durchschritt, war ein Verfluchter! Er hatte genug Geschichten �ber M�nner und Frauen geh�rt, die in das Reich der Albenkinder geholt wurden. Keine dieser Geschichten nahm ein gutes Ende. Und doch � Wenn man beherzt auftrat, konnte man sie zuweilen dazu bringen, einem einen Dienst zu erweisen. Ob sie von dem Manneber wussten?</p><p>�Warum hilft mir Atta Aik�� Atta Ajek�� die Eiche?�</p><p>Der Fremde schwieg eine Weile. Mandred w�nschte, er h�tte dessen Gesicht sehen k�nnen. Es musste wohl ein Zauber sein, der es so beharrlich vor seinen Blicken verbarg.</p><p>�Atta Aikhjarto muss dich f�r bedeutsam halten, Krieger. Bei manchen sehr alten B�umen, so hei�t es, reichen die Wurzeln so tief, dass sie in eurer Welt gr�nden, Mensch. Was immer Atta Aikhjarto um dich wei�, muss ihm so viel bedeuten, dass er einen gro�en Teil seiner Kraft f�r dich opfert. Er nimmt dein Gift in sich auf und gibt dir daf�r von seinem Lebenssaft.� Der Fremde deutete auf die fallenden Bl�tter.��Er leidet statt deiner, Mensch. Und du hast fortan die Kraft einer Eiche in deinem Blut. Du wirst nicht mehr sein wie die anderen deiner Art, und du wirst���</p><p>�Genug!�, unterbrach eine scharfe Stimme den Redefluss des Fremden. Die �ste des Baums teilten sich, und eine Gestalt, halb Mensch, halb Pferd, trat an Mandreds Lager.</p><p>Der Krieger schaute das Gesch�pf fassungslos an. Nie zuvor hatte er von einer solchen Kreatur geh�rt. Dieses Mannpferd hatte den muskul�sen Oberk�rper eines Menschen, der aus dem Rumpf eines Pferdes wuchs! Sein Gesicht wurde von einem in Locken gedrehten schwarzen Bart eingerahmt. Das Haupthaar war kurz geschoren, und ein Goldreif ruhte auf seiner Stirn. Um die Schultern geschlungen trug er einen K�cher mit Pfeilen, und in der Linken hielt er einen kurzen Jagdbogen. Er h�tte einen stattlichen Krieger abgegeben, w�re da nicht dieser rotbraune Pferdeleib gewesen.</p><p>Das Mannpferd verneigte sich knapp in Mandreds Richtung. �Man nennt mich Aigilaos. Die Herrin von Albenmark w�nscht dich zu sehen, und man hat mir die Ehre �bertragen, dich zum K�nigshof zu geleiten.� Er sprach mit tiefer, melodi�ser Stimme, doch betonte er die Worte dabei auf seltsame Weise.</p><p>Mandred sp�rte, wie sich der eiserne Griff der Wurzeln lockerte und ihn schlie�lich ganz freigab. Doch er hatte nur Augen f�r das Mannpferd. Dieses seltsame Gesch�pf erinnerte ihn an den Manneber. Auch er war halb Mensch, halb Tier gewesen. Wie mochte erst die Herrin dieses Mannpferdes aussehen?</p><p>Mandred tastete �ber seinen Oberschenkel. Die tiefe Wunde hatte sich geschlossen, ohne auch nur eine Narbe hinterlassen zu haben. Versuchshalber streckte er die Beine. Kein unangenehmes Kribbeln, keine Schmerzen mehr! Sie schienen v�llig gesundet, so als w�ren sie niemals vom Frostbiss verst�mmelt gewesen.</p><p>Vorsichtig stand er auf. Noch traute er der Kraft seiner Beine nicht. Durch die Sohlen seiner Stiefel f�hlte er den weichen Waldboden. Das war Zauberei! M�chtige Zauberei, wie keine Hexe im Fjordland sie h�tte wirken k�nnen. Beine und F��e waren tot gewesen. Jetzt war das Gef�hl wieder in sie zur�ckgekehrt.</p><p>Der Krieger trat an den m�chtigen Eichenstamm heran. F�nf M�nner h�tten den Baum mit ausgestreckten Armen nicht umfassen k�nnen. Er musste Jahrhunderte alt sein. Ehrf�rchtig kniete Mandred vor der Eiche nieder und ber�hrte mit der Stirn die zerkl�ftete Rinde. �Ich danke dir, Baum. Ich stehe mit meinem Leben in deiner Schuld.� Er r�usperte sich verlegen. Wie bedankte man sich bei einem Baum? Einem Baum mit Zauberkr�ften, den der gesichtslose Fremde mit einer Ehrfurcht behandelte, als w�re er ein K�nig. �Ich � Ich werde wiederkehren und dir zu Ehren ein Fest feiern. Ein Fest, wie wir es in den Fjordlanden begehen. Ich �� Er breitete die Arme aus. Es war j�mmerlich, sich mit nichts als einem Versprechen bei seinem Lebensretter zu bedanken. Es sollte etwas Handfesteres sein��</p><p>Mandred riss einen Streifen Stoff von seiner Hose und knotete ihn um einen der tiefer h�ngenden �ste.��Wenn es je etwas gibt, was ich f�r dich tun kann, sende mir einen Boten, der mir diesen Stoffstreifen �berbringt. Ich schw�re bei dem Blute, mit dem der Stoff durchtr�nkt ist, dass meine Axt von heute an zwischen dir und all deinen Feinden stehen wird.�</p><p>Ein Rascheln lie� Mandred aufblicken. Eine rotbraune Eichel fiel von der Krone des Baumes herab, streifte seine Schulter und landete im welken Laub.</p><p>�Nimm sie�, sagte der Fremde leise. �Atta Aikhjarto macht selten Geschenke. Er hat dein Gel�bnis angenommen. H�te die Eichel gut. Sie mag ein gro�er Schatz sein.�</p><p>�Ein Schatz, von dem in jedem Jahr tausende Br�der an den �sten Atta Aikhjartos wachsen�, spottete das Mannpferd. �Sch�tze, mit denen sich Heerscharen von Eichh�rnchen und M�usen den Bauch voll schlagen. Du bist wahrlich reich beschenkt, Menschensohn. Komm nun, du wirst unsere Herrin doch nicht warten lassen?�</p><p>Mandred musterte das Mannpferd misstrauisch und b�ckte sich nach der Eichel. Aigilaos war ihm nicht geheuer. �Ich f�rchte, ich werde mit dir nicht Schritt halten k�nnen.�</p><p>Wei�e Z�hne blitzten zwischen dem dichten Bart. Aigilaos grinste breit.��Das wirst du auch nicht m�ssen, Menschensohn. Schwing dich auf meinen R�cken und halte dich gut am Lederband meines K�chers fest. Ich bin nicht weniger kr�ftig als ein Schlachtross deiner Welt, und ich wette meinen Schweif, dass ich jedes Pferd, dem du je begegnet bist, im Laufen schlagen w�rde. Dabei ist mein Tritt so leicht, dass sich kaum ein Grashalm unter meinen Hufen beugt. Ich bin Aigilaos, der Schnellste unter den Kentauren, und man r�hmt mich���</p><p>�� einer noch schnelleren Zunge�, spottete der Fremde.��Man sagt von den Kentauren, dass ihnen gern die Zunge durchgeht. Sie ist so schnell, dass sie manchmal sogar die Wirklichkeit �berholt.�</p><p>�Und von dir, Xern, hei�t es, dass du ein solcher Griesgram bist, dass es mit dir nur B�ume aushalten�, erwiderte Aigilaos lachend. �Und das vermutlich nur, weil sie nicht vor dir davonlaufen k�nnen.�</p><p>Die Bl�tter der gro�en Eiche rauschten, obwohl Mandred keinen Luftzug sp�rte. Welkes Laub fiel dicht wie Fr�hlingsschnee.</p><p>Der Kentaur blickte zu den m�chtigen �sten empor. Das L�cheln war von seinem Gesicht verschwunden. �Mit dir habe ich keinen Streit, Atta Aikhjarto.�</p><p>In der Ferne erklang ein Horn. Das Mannpferd wirkte pl�tzlich erleichtert. �Die H�rner von Albenmark rufen. Ich muss dich zum Hof der K�nigin bringen, Menschensohn.�</p><p>Xern nickte Mandred zu. F�r einen Augenblick schwand der Zauber, der sein Antlitz den Blicken entzog. Er hatte ein schmales, h�bsches Gesicht, wenn man davon absah, dass seinem dichten Haar ein m�chtiges Hirschgeweih entsprang. Dem Krieger verschlug es den Atem. Erschrocken wich er zur�ck. Gab es hier denn nur Tierm�nner?</p><p>Pl�tzlich f�gten sich f�r Mandred alle Ereignisse zu einem deutlichen Bild zusammen. Der Manneber war von hier gekommen! Er hatte ihn bei der Jagd verschont. Es war kein Zufall gewesen, dass er als Einziger nicht unter den t�dlichen Hauern der Bestie gestorben war. Die Verfolgung � War dies etwa Teil eines heimt�ckischen Plans? Sollte er in den Steinkreis getrieben werden? Vielleicht war er nur das Wild dieser Bestie gewesen und hatte genau das getan, was sie wollte. Er war in den Steinkreis getreten��</p><p>Das Mannpferd scharrte unruhig mit den Hufen. �Komm, Mandred!�</p><p>Mandred griff nach dem Gurt des K�chers und zog sich auf den R�cken des Kentauren. Er w�rde sich dem stellen, was ihn erwartete! Er war kein Feigling. Mochte diese geheimnisvolle Herrin tausend H�rner rufen lassen, er w�rde gewiss nicht das Knie vor ihr beugen. Nein, er w�rde ihr aufrecht und voller Stolz entgegentreten und ein Wergeid zur S�hne f�r das Unheil fordern, das ihr Manneber ins Fjordland getragen hatte.</p><p>Aigilaos zerteilte mit seinen kr�ftigen Armen den sch�tzenden Vorhang aus �sten und trat auf eine steinige Wiese hinaus. Mandred sah sich verwundert um. Hier herrschte Fr�hling, und der Himmel erschien ihm viel weiter als im Fjordland! Aber wie konnte dann eine reife Eichel vom Baum fallen?</p><p>Das Mannpferd verfiel in einen scharfen Galopp. Mandreds H�nde klammerten sich fest um das Leder des K�chers. Aigilaos hatte nicht gelogen. Schnell wie der Wind eilte er �ber die Wiese, vorbei an einer m�chtigen Turmruine. Dahinter erhob sich ein H�gel, der von einem Steinkreis gekr�nt wurde.</p><p>Mandred war nie ein guter Reiter gewesen. Seine Beine verkrampften sich, so fest presste er sie gegen die Flanken des Mannpferdes. Aigilaos lachte. Er trieb ein Spiel mit ihm! Doch er w�rde ihn nicht bitten, langsamer zu werden, schwor sich Mandred stumm.</p><p>Sie durchquerten einen lichten Birkenhain. Die Luft war erf�llt von goldenen Samen. Alle B�ume waren gerade gewachsen. Ihre St�mme schimmerten wie Elfenbein. Nirgends hing die Rinde in Fetzen herunter, so wie bei den B�umen, die er vom Fjordland kannte. Wilde Rosen rankten sich um vereinzelte Findlinge aus grauem Fels. Fast schien es, als herrschte in dem Hain eine seltsame, wilde Ordnung. Doch wer w�rde seine Zeit damit vertun, ein St�ck Wald zu hegen, das keine Ernte einbrachte? Gewiss nicht ein Wesen wie Aigilaos!</p><p>Der Weg stieg stetig an und war bald nur wenig mehr als ein schmaler Wildpfad. Die Birken wurden von Buchen abgel�st, deren Bl�tterdach so dicht war, dass es kaum Licht hindurchlie�. Wie graue S�ulen erschienen Mandred die hohen, schlanken St�mme. Es war unheimlich still. Nur mehr der vom dicken Laubboden ged�mpfte Hufschlag war zu vernehmen. Hin und wieder bemerkte Mandred hoch in den Kronen seltsame Nester, die wie gro�e S�cke aus wei�em Leintuch aussahen. In manchen der Nester leuchteten Lichter. Der Krieger f�hlte sich beobachtet. Irgendetwas war dort oben und folgte ihnen mit neugierigen Blicken.</p><p>Aigilaos preschte noch immer mit halsbrecherischem Galopp voran. Eine Stunde oder vielleicht noch l�nger ritten sie durch den stillen Wald, bis sie schlie�lich auf einen breiten Weg stie�en. Das Mannpferd schwitzte nicht einmal.</p><p>Der Wald wurde nun lichter. Breite B�nder aus grauem, moosbewachsenem Fels durchschnitten den dunklen Boden. Aigilaos wurde langsamer. Er sah sich aufmerksam um.</p><p>Mandred erblickte halb zwischen den B�umen verborgen einen weiteren Steinkreis. Die stehenden Steine waren von Efeu umrankt. Ein gest�rzter Baumriese lag quer im Kreis. Der Ort schien seit langem verlassen.</p><p>Der Krieger sp�rte, wie sich die feinen H�rchen in seinem Nacken aufrichteten. Die Luft war hier ein wenig k�hler. Er hatte das beklemmende Gef�hl, dass knapp au�erhalb seines Gesichtsfeldes etwas lauerte, das selbst dem Mannpferd unheimlich war. Warum hatte man diesen Steinkreis aufgegeben? Was mochte hier geschehen sein?</p><p>Der Weg f�hrte sie hinauf zu einer Klippe, die einen atemberaubenden Blick auf das umliegende Land gew�hrte. Direkt vor ihnen lag eine weite Klamm, die aussah, als h�tte hier einst Naida die Wolkenreiterin mit einem gewaltigen Blitzschlag den felsigen Boden gespalten. Ein schmaler, aus dem Stein geschlagener Weg f�hrte hinab zu einer Br�cke, die sich in k�hnem Bogen �ber den Abgrund spannte.</p><p>Jenseits der Klamm stieg das Land in sanften H�geln an, die zum Horizont hin in graue Berge �bergingen. �ber den jenseitigen Rand der Klippe ergoss sich eine Vielzahl kleiner B�che sch�umend in den Abgrund.</p><p>�Shalyn Falah, die wei�e Br�cke�, sagte Aigilaos ehrfurchtsvoll. �Es hei�t, sie sei aus einem Fingerkn�chelchen der Riesin Dalagira geschnitten. Wer sie �berschreitet, betritt das Herzland von Albenmark. Es ist sehr lange her, dass ein Menschensohn diesen Ort zu sehen bekam.�</p><p>Das Mannpferd machte sich an den Abstieg in die Klamm. Der Boden aus glattem Fels war mit Gischtwasser benetzt. Vorsichtig tastete es sich abw�rts und fluchte dabei herzhaft in einer Sprache, die Mandred nicht verstand.</p><p>Als sie einen breiten Felssims erreichten, bat Aigilaos Mandred abzusteigen. Vor ihnen lag die Br�cke. Sie war nur zwei Schritt breit und zur Mitte des Weges hin leicht gew�lbt, sodass das Spr�hwasser sich nicht in Pf�tzen sammelte, sondern ablief. Es gab kein Gel�nder.</p><p>�Wahrlich ein wundersch�nes Bauwerk�, murmelte Aigilaos missmutig.��Nur haben die Erbauer nicht daran gedacht, dass es vielleicht Gesch�pfe mit beschlagenen Hufen geben k�nnte. Es ist besser f�r dich, wenn du auf eigenen F��en die Br�cke passierst, Mandred. Man erwartet dich auf der anderen Seite. Ich werde einen Umweg nehmen und wohl erst in der Nacht auf der Burg eintreffen. Dich aber erwartet die Herrin zur Stunde der D�mmerung.� Er l�chelte schief. �Ich hoffe, du bist schwindelfrei, Krieger.�</p><p>Mandred hatte ein flaues Gef�hl, als er die spiegelglatte Br�cke betrachtete. Aber er w�rde diesem Mannpferd seine Angst nicht zeigen! �Nat�rlich bin ich schwindelfrei. Ich bin ein Krieger aus dem Fjordland. Ich kann klettern wie eine Ziege!�</p><p>�Zumindest bist du so haarig wie eine Ziege.� Aigilaos grinste frech. �Wir sehen uns am Hof der Herrin.� Der Kentaur wandte sich ab und erklomm z�gig den steilen Pfad zum Rand der Klamm.</p><p>Mandred betrachtete die Br�cke. In den M�rchen vom Feenland mussten die sterblichen Helden meist eine Pr�fung bestehen. War das hier seine Pr�fung? Hatte das Mannpferd ihn hinters Licht gef�hrt?</p><p>Es war m��ig, sich dar�ber den Kopf zu zerbrechen! Entschlossen trat Mandred auf die Br�cke. Er war �berrascht, mit den Sohlen seiner Winterstiefel guten Halt zu finden. Vorsichtig setzte er einen Fu� vor den anderen. Feines Spr�hwasser perlte von seinem Gesicht. Der Wind griff mit unsichtbaren Fingern nach seinem Bart. Bald war Mandred weit �ber dem Abgrund. In immer dichteren Wolken zog das Spr�hwasser �ber die Br�cke. So musste sich ein Vogel in luftiger H�he f�hlen, mitten zwischen Himmel und Erde.</p><p>Neugierig musterte er den steinernen Boden. Nirgends war eine Fuge zu entdecken. Es schien ganz so, als w�re die Br�cke tats�chlich aus einem einzigen Stein geschnitten. Oder war die Br�cke in Wahrheit aus dem Fingerkn�chelchen einer Riesin gefertigt, so wie Aigilaos es behauptet hatte? Sie war glatt wie poliertes Elfenbein. Mandred verscheuchte den Gedanken. Eine Riesin von dieser Gr��e h�tte das ganze Fjordland unter sich begraben, wenn sie gefallen w�re. Diese Geschichte konnte nur ein M�rchen sein.</p><p>Je weiter er kam, desto �berm�tiger wurde Mandred. Schlie�lich trat er dicht an den Rand der Br�cke und blickte in den Abgrund. Die Tiefe hatte etwas Anziehendes. Sie erweckte in ihm den Wunsch, einfach zu springen. Sich der Freiheit des Falls hinzugeben. Je l�nger er hinabsah, desto st�rker wurde sein Wunsch, diesem Lockruf nachzugeben.</p><p>�Mandred?� Aus den Dunstschleiern trat eine hoch gewachsene, schlanke Gestalt. Sie war ganz in Wei� gekleidet. Die linke Hand ruhte auf dem Knauf des Schwertes am G�rtel.</p><p>Mandreds Rechte wollte im Reflex dorthin greifen, wo f�r gew�hnlich seine Axt im G�rtel steckte. In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass er unbewaffnet war.</p><p>Sein Gegen�ber hatte die Bewegung durchaus bemerkt. �Ich bin nicht dein Feind, Menschensohn.� Er strich sich mit nachl�ssiger Geste das Haar aus dem Gesicht. �Mein Name ist Ollowain. Ich bin der W�chter der Shalyn Falah. Meine K�nigin hat mich beauftragt, dich das letzte St�ck Weg zu ihrer Burg zu geleiten.�</p><p>Mandred musterte den Mann absch�tzend. Er bewegte sich mit der Gewandtheit einer Katze. Sonderlich stark sah er nicht aus. Und doch umgab ihn eine Aura der Selbstsicherheit, als w�re er der Held vieler Schlachten. Sein Gesicht war schmal und blass. Spitze Ohren stachen durch das hellblonde Haar, das von Spr�hwasser str�hnig geworden war. Ollowains Augen verrieten nicht, was er dachte. �berhaupt war sein Gesicht wie eine Maske.</p><p>Mandred dachte an die Geschichten, die man sich in langen Wintern�chten erz�hlte. Es konnte wohl keinen Zweifel geben: Dies musste ein Elf sein! Und auch er wusste um Mandreds Namen � �Warum kennt mich jeder in diesem Land?�, fragte er misstrauisch.</p><p>�Nachrichten reisen schnell in Albenmark, Menschensohn. Unserer K�nigin entgeht nichts, was in ihrem Land geschieht. Ihren Kindern schickt sie Boten, die auf dem Wind reisen. Doch nun komm. Es liegt ein langer Ritt vor uns, und ich werde nicht gestatten, dass du meine Herrin warten l�sst. Folge mir!� Der Elf drehte sich auf dem Absatz um und trat in die schmale Klamm, die hinter der Br�cke lag.</p><p>Verbl�fft sah Mandred dem Elfen nach. Was war denn das? So behandelte man doch keinen Gast!, dachte er aufgebracht. Noch mehr �rgerte ihn, dass Ollowain offensichtlich keinen Augenblick daran zweifelte, dass er ihm hinterherlief. Missmutig folgte er dem Elfen in die Klamm. Die r�tlichen Felsw�nde waren von blaugrauen und schwarzen Adern durchzogen. Doch Mandred hatte keinen Blick f�r die Sch�nheit der Farbmuster. Immerzu musste er daran denken, dass er dem Elfen folgte wie ein Hund seinem Herrn.</p><p>H�tte ein Fjordl�nder ihn auf solche Weise behandelt, h�tte er ihn ohne zu z�gern niedergeschlagen. Doch in seiner Heimat h�tte es niemand gewagt, derart respektlos mit ihm umzugehen. Machte er etwas falsch? Vielleicht war es ja sein Fehler? Gewiss war der Elf empf�nglich f�r Komplimente. Jeder Krieger redete gern �ber seine Waffen.��Du tr�gst ein pr�chtiges Schwert, Ollowain.�</p><p>Der Elf antwortete nicht.</p><p>�Ich bevorzuge den Kampf mit der Axt.�</p><p>Schweigen.</p><p>Mandred ballte die F�uste und �ffnete sie wieder. So ein eingebildeter Kerl! Er war der W�chter einer Br�cke und Laufbursche seiner K�nigin. Was bedeutete das schon! F�r einen richtigen Krieger war der Elf viel zu schmal gebaut. �Bei uns tragen nur die schw�chlicheren M�nner Schwerter. Die K�nigin des Kampfes ist die Axt. Es erfordert Mut, Kraft und Geschicklichkeit, mit einer Axt zu k�mpfen. Nur wenige Krieger erf�llen diese drei Tugenden in gleichem Ma�e.�</p><p>Noch immer zeigte der Elf keine Reaktion. Was musste man denn noch sagen, um diesen Lakaien aus der Fassung zu bringen?</p><p>Schlie�lich wichen die steilen Felsw�nde zur�ck, und sie gelangten zu einer hohen, wei�en Mauer. Sie war in einem weiten Halbkreis angelegt, so als wiche sie vor dem Engpass zur�ck. Mandred wusste, was der verborgene Sinn dahinter war: Die Mauer wurde l�nger. So w�rden mehr Bogensch�tzen auf ihr Platz finden, falls jemals ein Gegner wahnsinnig genug sein sollte, �ber diesen Pass hinweg das Herzland von Albenmark anzugreifen.</p><p>In der Mitte der Mauer erhob sich ein schlanker Turm. Ein gro�es, bronzebeschlagenes Tor �ffnete sich, als sie sich n�herten.</p><p>�St�nde dieser Turm am Ende der Br�cke oder besser noch oben am Steilweg auf der anderen Seite der Schlucht, w�re das Herzland einfacher zu verteidigen. Eine Hand voll M�nner k�nnte dann ein ganzes Heer aufhalten�, sagte Mandred leichthin.</p><p>�Auf der Shalyn Falah darf kein Blut vergossen werden, Menschenkind. Glaubst du wirklich, du w�rest kl�ger als die Baumeister meines Volkes?� Ollowain machte sich nicht mal die M�he, sich umzudrehen, w�hrend er sprach.</p><p>�Vor Baumeistern, die beim Br�ckenbau das Gel�nder vergessen, habe ich in der Tat keinen gro�en Respekt�, entgegnete Mandred spitz.</p><p>Der Elf blieb stehen.��Bist du so einf�ltig, oder verl�sst du dich einfach darauf, dass du unter dem Schutz der K�nigin stehst, Menschensohn? Hat dir deine Amme nicht erz�hlt, was Elfen mit Menschen tun, die derart respektlos sind?�</p><p>Mandred leckte sich nerv�s �ber die Lippen. War er denn vollkommen verr�ckt geworden? H�tte er nur den Mund gehalten! Doch wenn er jetzt nicht antwortete, w�rde er sein Gesicht verlieren, es sei denn � Er l�chelte. Es gab noch einen Weg.</p><p>�Es zeugt wahrlich von deiner Tapferkeit, Elf, einen unbewaffneten Mann zu verspotten.�</p><p>Ollowain fuhr mit wirbelndem Umhang herum. Sein Schwert verharrte mit dem Griff voran kaum einen Fingerbreit vor Mandreds Brust.��Du glaubst, du w�rest mit einer Waffe in der Hand eine Gefahr f�r mich, Menschenkind? Versuche es!�</p><p>Mandred grinste frech. �Ich k�mpfe gegen keinen Unbewaffneten.�</p><p>�Es hei�t, den Feigling erkennt man zuerst an seiner flinken Zunge�, erwiderte Ollowain.��Ich hoffe, du wirst dir nicht gleich die Beinkleider ben�ssen.�</p><p>Mandreds Hand schoss vor. Er packte Ollowains Schwert und machte einen Satz zur�ck. Das war genug! Er w�rde diesem aufgeblasenen Kerl nicht wirklich etwas tun, doch ein Klaps mit der breiten Seite vom Schwert sollte ihm zeigen, dass er sich mit dem Falschen anlegte! Ein schneller Blick zu den Zinnen der Sperrmauer verriet ihm, dass ihnen niemand zusah. Das war gut so. Ollowain selbst w�rde bestimmt nicht herumerz�hlen, dass er Pr�gel bezogen hatte.</p><p>Mandred musterte seinen Gegner. Er war pr�chtig gewandet, gewiss, aber ein Held oder Zauberer war er bestimmt nicht. Wen stellte man schon als W�chter an eine Br�cke, die niemand �berqueren w�rde, der all seine Sinne beisammen hatte? Einen Schn�sel! Einen Niemand! Diesen Wichtigtuer w�rde er schon noch Respekt lehren. Selbst wenn er ein Elf war.</p><p>Er vollf�hrte ein paar schwungvolle Hiebe in die Luft, um seine Muskeln zu lockern. Die Waffe war ungew�hnlich leicht, ganz anders als ein Menschenschwert. Sie war beidseitig geschliffen. Er w�rde vorsichtig sein m�ssen, wenn er Ollowain nicht versehentlich verletzen wollte.</p><p>�Greifst du mich nun an, oder brauchst du noch ein zweites Schwert?�, fragte der Elf gelangweilt.</p><p>Mandred st�rmte vor. Er riss das Schwert hoch, als wollte er Ollowain den Sch�del spalten. Im letzten Augenblick �nderte er die Schlagrichtung, um einen R�ckhandhieb gegen die rechte Schulter des Elfen zu f�hren. Doch der Schwertstreich ging ins Leere.</p><p>Ollowain war gerade so weit ausgewichen, dass Mandred ihn um wenige Zoll verfehlte. Der wei� gewandete Krieger l�chelte �berheblich.</p><p>Mandred ging auf Abstand. Auch wenn der Elf die Statur eines Knaben hatte, verstand er zu k�mpfen. Mandred w�rde es mit seinem besten Trick versuchen. Eine Finte, die drei seiner Feinde das Leben gekostet hatte.</p><p>Mit der Linken fuhr er vor, so als wollte er Ollowain eine schallende Ohrfeige verpassen. Gleichzeitig f�hrte er mit rechts einen Schwerthieb aus dem Handgelenk, der auf das Knie seines Gegners zielte. Den mit sparsamer Bewegung gef�hrten Schwertsto� hatten seine Feinde stets erst dann bemerkt, wenn sie die Klinge getroffen hatte.</p><p>Ein Fausthieb prellte Mandreds Hand zur Seite. Ein Fu�tritt traf die Schwertspitze, sodass sie ihr Ziel verfehlte. Dann rammte der Elf ihm ein Knie zwischen die Beine.</p><p>Mandred tanzten Sterne vor den Augen, er glaubte vor Schmerz nicht atmen zu k�nnen. Ein Sto� vor die Brust brachte ihn aus dem Gleichgewicht, ein zweiter Hieb lie� ihn straucheln. Er blinzelte, um wieder klarer zu sehen. Der Elf war so schnell, dass seine Bewegungen zu geisterhaften Schemen verschwammen.</p><p>Hilflos schlug Mandred um sich, um den Gegner wieder auf Distanz zu bringen. Etwas traf seine rechte Hand. Die Finger waren taub vor Schmerz.</p><p>Mandreds Klinge wurde nur noch von seinen Instinkten als Krieger gelenkt. Er f�hlte sich hilflos, w�hrend Ollowain �berall zugleich zu sein schien.</p><p>Mandreds Schwert beschrieb einen wirbelnden Halbkreis. Dann wurde ihm die Waffe mit einem Ruck aus der Hand gerissen. Ein Luftzug strich dem Krieger �ber die rechte Wange. Dann war der Kampf vorbei.</p><p>Ollowain war ein paar Schritte zur�ckgetreten. Sein Schwert steckte in der Scheide, so als w�re nichts geschehen. Langsam sah Mandred wieder klarer. Es war lange her, dass ihn jemand derma�en verpr�gelt hatte. Der t�ckische Elf hatte es vermieden, ihm ins Gesicht zu schlagen. Bei Hof w�rde niemand bemerken, was vorgefallen war.</p><p>�Du musst ja ganz sch�n Angst gehabt haben�, brachte Mandred keuchend hervor,��dass du dich deiner Zauberei bedient hast, um mich zu besiegen.�</p><p>�Ist es Zauberei, wenn dein Auge zu langsam ist, meiner Hand zu folgen?�</p><p>�Kein Mensch kann sich ohne Zauberei so schnell bewegen�, beharrte Mandred.</p><p>Der Anflug eines L�chelns spielte um Ollowains Lippen.��Ganz recht, Mandred. Kein Mensch.� Er deutete zum Tor des Turms, das nun weit offen stand. Dort warteten zwei gesattelte Pferde auf sie.��W�rdest du mir die Ehre erweisen, mir zu folgen?�</p><p>Mandred tat jeder Knochen weh. Steifbeinig ging er auf das Tor zu. Der Elf hielt sich an seiner Seite. �Ich brauche niemanden, der mich st�tzt�, brummte Mandred missmutig.</p><p>�Andernfalls w�rdest du auch eine k�mmerliche Figur bei Hof abgeben.� Ein freundlicher Blick nahm Ollowains Worten ihren Stachel.</p><p>Die Pferde unter dem Torbogen warteten geduldig. Nirgends waren Knechte zu sehen, die sie herbeigef�hrt hatten. Ein gew�lbter Torweg zog sich wie ein Tunnel durch das Mauerwerk des m�chtigen Turms. Er lag verlassen. Auch hinter den Zinnen der Mauer lie� sich niemand blicken. Und doch sp�rte Mandred mit einem Mal, dass er beobachtet wurde.</p><p>Wollten die Elfen verbergen, wie stark die Garnison war, die das Tor zum Herzland bewachte? Hielt man ihn denn f�r einen Feind? F�r einen Sp�her vielleicht? Aber h�tte ihn dann die Eiche geheilt?</p><p>Ein Schimmel und ein Grauer erwarteten sie. Ollowain trat an den wei�en Hengst heran und t�tschelte ihm verspielt die N�stern. Mandred kam es so vor, als schaute der Graue ihn erwartungsvoll an. Er verstand nicht viel von Pferden. Diese Tiere waren von leichtem K�rperbau; sie hatten schlanke Fesseln und wirkten zerbrechlich. Aber er hatte sich ja auch von Ollowains Aussehen t�uschen lassen. Wahrscheinlich waren sie ausdauernder und st�rker als jedes andere Pferd, das er bislang geritten hatte. Ausgenommen Aigilaos. Mandred schmunzelte bei der Erinnerung an den gro�sprecherischen Kentauren.</p><p>St�hnend zog er sich in den Sattel. Als er halbwegs aufrecht sa�, bedeutete der Elfenkrieger ihm zu folgen. Dumpf hallte der Tritt der unbeschlagenen Hufe von den W�nden des Tortunnels wider.</p><p>Ollowain schlug einen Weg ein, der �ber sanft ansteigende gr�ne H�gel f�hrte. Es wurde ein langer Ritt bis zur Burg der Elfenk�nigin, vorbei an dunklen W�ldern und �ber eine Unzahl kleiner Br�cken. Ab und an sah man in der Ferne H�user mit k�hn geschwungenen Kuppeld�chern. Mit Bedacht in die Landschaft gebettet, wirkten sie auf Mandred wie Edelsteine, die in eine besonders kostbare Fassung eingearbeitet waren.</p><p>Es war ein Land des Fr�hlings, das er mit Ollowain durchquerte. Wieder fragte Mandred sich, wie lange er unter dem Eichbaum geschlafen haben mochte. In den M�rchen hie� es, dass in der Elfenwelt ewiger Fr�hling herrsche. Gewiss waren nicht mehr als nur zwei oder drei Tage vergangen, seit er durch den Steinkreis gegangen war. Vielleicht sogar nur ein einziger!</p><p>Mandred zwang sich, seine Gedanken zu ordnen, um vor der K�nigin nicht wie ein Narr dazustehen. Inzwischen war er �berzeugt davon, dass der Manneber von hier, aus der Elfenwelt, gekommen war. Er dachte an Xern und Aigilaos. Hier schien es nichts Ungew�hnliches zu sein, wenn Menschen und Tiere miteinander verschmolzen�� so wie der Manneber.</p><p>Wenn sich die F�rsten des Fjordlands trafen, um Recht zu sprechen, war es an Mandred, Firnstayn zu vertreten. Er wusste, was zu tun war, um eine Fehde im Keim zu ersticken. Kam es zwischen zwei Sippen zu einer Bluttat und ein Mann wurde get�tet, dann musste die Familie des M�rders der Familie des Opfers ein Wergeid abtreten. Wurde dieses geleistet, so gab es keinen Grund mehr zur Blutrache. Der Manneber kam von hier. Die K�nigin der Elfen trug f�r ihn Verantwortung. Mandred hatte durch ihn drei Gef�hrten verloren. Firnstayn war so klein, dass der Verlust von drei kr�ftigen M�nnern seinen Bestand gef�hrden mochte. Er w�rde ein hohes Wergeid fordern! Luth allein mochte wissen, wie viele M�nner aus anderen D�rfern von der Kreatur get�tet worden waren. Die Albenkinder hatten den Schaden angerichtet, also sollten sie auch f�r ihn aufkommen. Das war nur gerecht!</p><p>Gewiss f�rchteten die Elfen keine Blutfehde mit seinem Dorf. Dennoch war er es seinen toten Freunden schuldig, dass er die Stimme am Hof der K�nigin erhob und Gerechtigkeit forderte. Ahnte die Herrin von Albenmark das vielleicht? Wusste sie, welche Schuld sie auf sich geladen hatte? Lie� sie ihn deshalb mit solcher Eile an den Hof holen?</p><p>Am sp�ten Nachmittag erblickten sie zum ersten Mal die Burg der Elfenk�nigin. Sie lag noch ein ganzes St�ck entfernt auf einem steilen H�gel, jenseits eines weiten Landes mit W�ldern und Wiesen. Ihr Anblick verschlug Mandred die Sprache. Die Burg schien geradewegs aus dem Fels zu wachsen und sich mit den D�chern ihrer h�chsten T�rme in den Himmel bohren zu wollen. Die Mauern waren von strahlendem Wei�, w�hrend sich die D�cher in einem Blaugr�n absetzten, das an die Farbe alter Bronze erinnerte. Kein F�rst der Nordlande hatte einen Sitz, der sich auch nur mit dem kleinsten der T�rme dieser Burg messen konnte. Selbst die goldene Halle von K�nig Horsa wirkte unbedeutend, verglichen mit dieser Pracht. Wie m�chtig musste die Frau sein, die �ber dieses Land herrschte! Und wie reich musste sie sein�� So reich, dass es sie wohl nur ein Fingerschnippen kosten w�rde, alle Langh�user seines Dorfes mit goldenen Schindeln decken zu lassen. Er sollte das bedenken, wenn er die H�he des Wergeides f�r seine toten Jagdgef�hrten festsetzte.</p><p>Mandred war insgeheim �berrascht, wie langsam sie sich der Burg n�herten. Obwohl die Pferde schnell wie der Wind �ber das Land dahinflogen, wurde die Burg am Horizont kaum gr��er. Sie kamen an einem Baum vorbei, der so alt wie die Berge zu sein schien. Sein Stamm war m�chtig wie ein Turm, und in seinen weit ausladenden �sten waren seltsame Dinge zu sehen. Es schien, als h�tte das lebende Holz runde H�tten aus ineinander geflochtenen �sten geschaffen. Seilbr�cken spannten sich durch die Baumkrone und verbanden die H�tten miteinander. Halb verborgen zwischen den Zweigen erkannte Mandred Gestalten. Waren es Elfen, so wie Ollowain? Oder noch ein anderes, seltsames Volk?</p><p>Pl�tzlich erhob sich wie auf ein unh�rbares Kommando ein Schwarm V�gel aus dem Baum. Ihr Gefieder schimmerte in allen Farben des Regenbogens. Sie flogen dicht �ber Mandred hinweg, beschrieben einen weiten Bogen am Himmel und kreisten dann �ber den zwei Reitern. Es mussten tausende sein. Die Luft war erf�llt vom Rauschen ihres Fl�gelschlags. So wunderbar war das Spiel der Farben auf ihren Federn, dass Mandred den Blick nicht abwenden mochte, bis sich der Schwarm nach und nach aufl�ste.</p><p>Ollowain war den ganzen Ritt �ber still geblieben. Er schien in Gedanken versunken zu sein und unbeeindruckt von den Wundern des Herzlandes. Mandred hingegen konnte sich kaum satt sehen.</p><p>Einmal kamen sie an einem flachen See vorbei, auf dessen Grund funkelnde Edelsteine lagen. Was waren das nur f�r Wesen, dass sie solche Sch�tze einfach ins Wasser warfen! Allerdings hatte er selbst auch schon den G�ttern Opfergaben gebracht. Die Axt des ersten Mannes, den er besiegt hatte, hatte er in einer stillen Vollmondnacht an der Heiligen Quelle tief in den Bergen Norgrimm, dem Gott der Schlachten, zum Geschenk gemacht. Freya und die anderen Frauen ehrten Luth, indem sie kunstvoll gewobene Stoffb�nder in die �ste der Dorflinde flochten. So reich wie das Elfenvolk schien, war es nur angemessen, wenn sie ihre G�tter mit Edelsteinen beschenkten. Dennoch � Der Reichtum der Elfen erz�rnte Mandred. Er wusste zwar nicht, wie er hierher gekommen war, doch so weit konnte dieses K�nigreich nicht vom Fjordland entfernt sein. Und hier gab es alles im �berfluss, w�hrend seinesgleichen im Winter Not litt. Nur ein kleiner Teil dieser Sch�tze k�nnte den Hunger f�r immer vertreiben. Was immer er als Wergeid f�r seine toten Gef�hrten forderte, f�r die Elfen war es gewiss bedeutungslos.</p><p>Er wollte etwas anderes als Gold und Edelsteine. Er wollte Rache. Diese Bestie, der Manneber, sollte tot zu seinen F��en liegen!</p><p>Mandred beobachtete Ollowain. Ein Krieger seiner Art w�rde das Ungeheuer sicher mit Leichtigkeit besiegen k�nnen. Er seufzte. Alles schien hier leichter zu sein.</p><p>Sie waren in einen lichten Buchenwald gekommen. Der Klang von Fl�ten hing in der Luft. Irgendwo in den Baumwipfeln ert�nte eine Stimme von solcher Klarheit, dass einem das Herz aufging. Obwohl Mandred kein einziges Wort verstand, verflog sein Zorn. Was blieb, war die Trauer um die verlorenen Freunde.</p><p>�Wer singt dort?�, fragte er Ollowain.</p><p>Der wei� gewandete Krieger blickte zu den Baumwipfeln.��Eine Maid aus dem Waldvolk. Sie sind seltsam. Ihr Leben ist eng verbunden mit den B�umen. Wenn sie nicht gesehen werden wollen, dann vermag niemand sie zu finden � au�er vielleicht ihresgleichen. Sie sind ber�hmt f�r ihren Gesang und ihren Umgang mit dem Bogen. Wie Schatten bewegen sie sich durch das Ge�st. H�te dich, einen ihrer W�lder zu betreten, wenn du mit ihnen in Fehde stehst, Menschensohn.�</p><p>Beklommen sah Mandred zu den Baumkronen auf. Hin und wieder glaubte er dort oben Schatten zu sehen, und er war froh, als sie den Wald wieder verlie�en. Lange noch folgte ihnen der warme Fl�tenklang.</p><p>Die Sonne ber�hrte schon die Berge am Horizont, als sie das weite Tal erreichten, �ber dem die Burg der K�nigin thronte. Entlang eines kleinen Bachlaufs war ein Zeltlager errichtet. Seidene Banner wiegten sich im Wind, und die Zelte schienen in ihrer verschwenderischen Pracht miteinander zu wetteifern. Auf den H�geln standen H�user, eingefasst von S�uleng�ngen. Manche der H�user waren durch lange Laubeng�nge miteinander verbunden, die ganz von Rosen und Efeu �berwachsen waren. So vielf�ltig waren die Bauwerke rings auf den H�ngen, dass sich das Auge nicht abwenden mochte. Was Mandred aber am meisten beeindruckte, war die Tatsache, dass es keinen Wall gab, der die Elfensiedlung umschloss, und keine Wacht�rme auf den umliegenden H�geln. Sie schienen sich v�llig sicher zu sein, dass dieses Tal niemals angegriffen werden w�rde. Selbst die Burg der K�nigin, so eindrucksvoll ihre himmelhohen T�rme auch waren, war kaum dazu geschaffen, als m�chtiges Verteidigungswerk zu dienen. Sie sollte wohl eher das Auge eines friedlichen Betrachters erfreuen und nicht etwa beutegierige Eroberer abschrecken.</p><p>Mandred und Ollowain folgten einem breiten Weg, der von B�umen �berschattet war, hinauf zum Tor. �llampen waren seitlich des Weges entz�ndet und tauchten ihn in einen goldenen Schein.</p><p>Der Tortunnel war k�rzer als derjenige bei der Festung am Pass hinter der Shalyn Falah. Elfenkrieger in kn�chellangen Kettenhemden lehnten hier auf ihren Schilden. Ihre Blicke folgten Mandred � wachsam, aber unaufdringlich. Im weiten Hof waren kostbar gekleidete W�rdentr�ger versammelt, die ihn ohne Scham musterten. Unter ihren Blicken f�hlte sich Mandred schmutzig und unbedeutend. Alle trugen hier kostbar bestickte Gew�nder, in denen sich das Licht der Lampen fing. Die Kleider waren voller Perlen und Steine, f�r die Mandred nicht einmal Namen hatte. Er hingegen war in Lumpen gekleidet: eine zerrissene, blutverschmierte Hose, eine abgetragene Fellweste. Wie ein Bettler musste er ihnen vorkommen. Trotzig reckte er sein Kinn vor. Er w�rde sich in Stolz kleiden!</p><p>Ollowain schwang sich aus dem Sattel. Nun bemerkte Mandred einen feinen Riss im Umhang des Kriegers. Hatte er ihn bei ihrem Duell getroffen? Gewiss w�rde Ollowain nicht ohne Not ein Kleidungsst�ck mit einem Riss anlegen.</p><p>Auch Mandred stieg ab. Ein bocksbeiniger Kerl eilte herbei, um die Z�gel seines Grauen zu nehmen. Mandred betrachtete den seltsamen Pferdeknecht verbl�fft. Der Kerl stank wie ein alter Ziegenbock. Schon wieder so ein Tiermensch! Sie durften sogar auf diese pr�chtige Burg!</p><p>Aus der Gruppe der H�flinge l�ste sich ein hoch gewachsener Elf. Er trug ein langes schwarzes Gewand, ges�umt mit einer Schmuckborte aus silberner Stickerei, die ineinander verwobene Bl�tter und Bl�ten zeigte. Silberwei�es Haar fiel ihm bis auf die Schultern, und ein Kranz aus hauchzarten, silbernen Bl�ttern ruhte �ber seinen Schl�fen. Das Gesicht war blass, fast farblos, die Lippen nur schmale Striche. In kaltem, hellem Blau brannten seine Augen. Ollowain verbeugte sich knapp vor dem Mann. Der Unterschied zwischen ihnen beiden h�tte kaum gr��er sein k�nnen. Sie erschienen Mandred wie Licht und Schatten.</p><p>�Ich entbiete dir meinen Gru�, Meister Alvias. Wie unsere Herrin Emerelle es w�nschte, habe ich den Menschensohn sicher zur Burg geleitet.� Ollowains Tonfall lie� keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm die W�nsche seiner Herrin Befehl waren.</p><p>Die beiden Elfen ma�en einander mit Blicken, und Mandred kam es so vor, als hielten sie ein stummes Zwiegespr�ch. Schlie�lich gab Meister Alvias Mandred durch eine Geste zu verstehen, dass er ihm folgen solle.</p><p>Der Krieger f�hlte sich wie in einem Albtraum gefangen, als er hinter Meister Alvias eine breite Treppe emporstieg, die zu einem S�ulengang f�hrte. Alles um ihn herum war von beklemmender Sch�nheit und durchtr�nkt von fremdem Zauber � ein Ort, so vollkommen, dass es zum F�rchten war.</p><p>Sie durchquerten zwei weite Hallen. Jede f�r sich h�tte sein ganzes Dorf aufnehmen k�nnen. Von Emporen hingen breite Banner hinab, die mit stilisierten Adlern und Drachen geschm�ckt waren, aber auch mit Tieren, wie Mandred sie noch nie gesehen hatte. Obwohl der Krieger keinen Luftzug sp�ren konnte, bewegten sich die Banner, als griffe eine leichte Brise nach ihnen. Noch unheimlicher waren die W�nde. Kam man ihnen nahe, so erkannte man, dass sie aus wei�em Stein gef�gt waren, so wie die Br�cke von Shalyn Falah und die Festung jenseits des Engpasses. Doch dem Stein der Burg musste ein Zauber anhaften. Von ihm ging ein blasses, wei�liches Licht aus. Schon auf wenige Schritt Entfernung verging der Eindruck, von Stein umgeben zu sein. Man hatte eher das Gef�hl, als bewegte man sich inmitten einer Halle aus Licht.</p><p>Wann immer sie sich einem Portal n�herten, schwangen die Fl�gel wie von Geisterhand bewegt auf. Inmitten der zweiten Halle gab es eine Quelle, die sich aus dem Rachen eines steinernen Ungeheuers in einen kleinen, runden See ergoss. Die Bestie war umringt von versteinerten Kriegern. Beklommen sp�rte Mandred sein Herz schneller schlagen. H�tte es noch eines letzten Beweises f�r die Zaubermacht der Elfenk�nigin bedurft, so war er nun geliefert. Wer ihr Missfallen erregte, den verwandelte sie in steinernen Schmuck ihrer Burg!</p><p>Eine weitere hohe Pforte schwang vor ihnen auf, und sie betraten einen Saal, dessen W�nde hinter einem Vorhang silbern schimmernden Wassers verborgen blieben. Es gab keine Decke, stattdessen w�lbte sich hoch �ber ihnen der rot gl�hende Abendhimmel. Leise Musik schwebte in der Luft. Mandred h�tte nicht zu sagen gewusst, welche Instrumente so liebliche T�ne hervorzubringen vermochten. Die Musik nahm ihm die Furcht, die in seinem Herzen gewachsen war, seit er den Hof der Burg betreten hatte. Und doch, dies hier war kein Ort, der f�r Menschen geschaffen war. Er sollte nicht hier sein.</p><p>Etwa drei Dutzend Elfen warteten bereits im Saal, und ihrer aller Augen richteten sich auf Mandred. Es war das erste Mal, dass der Krieger Elfenfrauen sah. Sie waren gro� gewachsen und schlank und ihre H�ften knabenhafter als bei Menschenfrauen. Die Br�ste waren klein und straff. Unter Menschen h�tte Mandred keinen Gefallen an solchen Kindfrauen gefunden. Doch die Elfen waren anders. Ihre Gesichter waren von einer Sch�nheit, die einen alles andere vergessen machte. Mandred wusste nicht zu sagen, ob es an ihren geschwungenen Lippen lag, den alterslosen Z�gen oder den Augen, in deren Abgr�nden die Verhei�ung ungekannter Freuden lockte. Manche von ihnen trugen flie�ende Kleider aus Stoffen so fein, als w�ren sie aus Mondlicht gewoben. Sie betonten die Vorz�ge ihrer schlanken K�rper mehr, als dass sie diese verbargen. Mandreds Blick blieb an einer der Frauen haften. Sie war aufreizender als die anderen gekleidet. In der Farbe von Rosenbl�ten schimmerten die Knospen ihrer Br�ste durch den Stoff, und verlockender Schatten lag zwischen ihren Schenkeln. Keine Menschenfrau h�tte es gewagt, ein solches Gewand zu tragen.</p><p>Gegen�ber der Pforte f�hrten sieben Stufen hinauf zum Thron des Elfenvolkes. Es war ein schlichter Stuhl aus dunklem Holz mit Intarsien aus schwarzen und wei�en Steinen, die zwei untrennbar miteinander verflochtene Schlangen zeigten. Neben dem Thron erhob sich eine niedrige S�ule, die eine flache Silbersch�ssel trug. Vor dem Herrschersitz aber stand eine junge Elfe. Sie war ein wenig kleiner als die �brigen Frauen im Saal. Dunkelblondes Haar fiel in Wellen auf ihre nackten, milchwei�en Schultern. Ihre Lippen hatten die Farbe von Waldbeeren, und ihre Augen waren vom selben hellen Braun wie das Fell eines Rehkitzes. Sie trug ein blaues Kleid, durchwirkt mit Silberf�den. Es war diese Frau, vor der sich Meister Alvias verbeugte. �Emerelle, Herrin, dies ist der Menschensohn Mandred, der dein Reich betrat, ohne gerufen zu sein.�</p><p>Die K�nigin musterte Mandred eindringlich. Es war dem Krieger unm�glich, an ihrem Gesicht abzulesen, was sie wohl dachte. Es blieb reglos, wie aus Stein geschnitten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Die Musik war verklungen; es war still jetzt, bis auf das Rauschen des Wassers.</p><p>�Was ist dein Begehr, Mandred Menschensohn?�, erklang schlie�lich die helle Stimme der K�nigin.</p><p>Mandreds Mund war trocken. Lange hatte er sich auf dem Ritt �berlegt, was er sagen sollte, wenn er der Elfenk�nigin gegen�berst�nde. Doch nun war sein Kopf leer. Da war nichts, au�er Sorge um die Seinen und Zorn �ber den Tod seiner Gef�hrten.��Ich fordere Wergeid f�r die Morde, die einer deiner Untertanen begangen hat, Herrin. So ist es Gesetz im Fjordland!�, stie� er hervor.</p><p>Das Rauschen des Wassers wurde lauter. Mandred vernahm hinter sich emp�rtes Raunen.</p><p>�Welcher meiner Untertanen soll diese Bluttaten begangen haben?�, fragte Emerelle mit ruhiger Stimme.</p><p>�Ich kenne seinen Namen nicht. Es ist ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Eber. Ich habe viele Gesch�pfe wie ihn auf dem Weg zu deiner Burg gesehen.�</p><p>Eine steile Falte erschien zwischen den Brauen der K�nigin. �Ich kenne kein Wesen, wie du es benennst, Mandred Menschensohn.�</p><p>Mandred sp�rte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. So eine freche L�ge! �Ein Mannpferd war dein Bote, und im Hof der Burg hat ein Mannbock die Pferde fortgef�hrt. Woher sonst sollte ein Manneber kommen, wenn nicht aus deinem Reich, K�nigin! Ich fordere���</p><p>Das Wasser schoss nun mit lautem Dr�hnen die W�nde hinab.</p><p>�Du wagst es, unsere K�nigin eine L�gnerin zu nennen!�, emp�rte sich Alvias. Eine Schar von Elfen umringte Mandred.</p><p>Der Krieger ballte die F�uste. �Ich wei�, was ich gesehen habe!�</p><p>�Achtet das Gastrecht!� Die K�nigin hatte die Stimme kaum erhoben, und doch wurde sie von jedermann geh�rt. �Ich habe den Menschensohn in diese Halle geladen. Wer ihn anr�hrt, r�hrt auch an meiner Ehre! Und du, Mandred, z�gele deine Zunge. Ich sage dir: Ein Gesch�pf, wie du es beschrieben hast, gibt es nicht in Albenmark. Berichte uns, was dieser Manneber getan hat. Ich wei� sehr wohl darum, dass ihr Menschen die stehenden Steine meidet. Wovor bist du hierher geflohen?�</p><p>Mandred erz�hlte von der vergeblichen Jagd und der Kraft des Mannebers. Als er endete, hatte sich die Falte zwischen Emerelles Augenbrauen noch vertieft. �Ich bedauere den Tod deiner Gef�hrten, Mandred. M�gen sie in den Hallen deiner G�tter freundliche Aufnahme finden.�</p><p>Der Krieger sah die Herrin verwundert an. Er wartete darauf, dass sie fortfuhr. Ihm ein Angebot machte. Das konnte doch nicht alles gewesen sein! Das Schweigen zog sich in die L�nge. Mandred dachte an Freya. Jede Stunde, die er hier verlor, brachte sie in gr��ere Gefahr, falls der Manneber nicht schon l�ngst �ber Firnstayn hergefallen war.</p><p>Betreten senkte er den Blick. Was z�hlte sein Stolz, wenn er mit dem Blut der Seinen erkauft war! �Herrin Emerelle, ich�� bitte dich um Hilfe bei der Jagd auf das Ungeheuer. Ich � Ich bitte um Verzeihung, wenn ich dich beleidigt haben sollte. Ich bin nur ein einfacher Mann. Mit Worten zu k�mpfen ist nicht meine Sache. Ich trage mein Herz auf der Zunge.�</p><p>�Du kommst in meine Burg, Mandred, beleidigst mich vor meinem Hofstaat und fragst nun, ob ich das Leben meiner J�ger in Gefahr zu bringen gedenke, um deiner Sache zu dienen? Du tr�gst dein Herz wahrlich auf der Zunge, Menschensohn.� Emerelles Hand machte eine kreisende Bewegung �ber der Silberschale, und sie sah fl�chtig in das Wasser. �Was bietest du mir f�r meine Hilfe? Wird in deinem Volk nicht Blut mit Blut vergolten?�</p><p>Mandred war �berrascht von der K�nigin. Die F�rsten des Fjordlandes h�tten offen ihre Forderungen ausgesprochen und nicht wie Kr�mer gefeilscht. Er kniete nieder. �Befreie mein Land vom Manneber, und du magst �ber mich verf�gen. Ich geh�re dir.�</p><p>Emerelle lachte leise.��Mandred, du bist wahrlich kein Mann, den ich jeden Tag um mich sehen wollte.� Sie schwieg und schaute wieder in die silberne Sch�ssel.��Ich fordere, was dein Weib Freya unter ihrem Herzen tr�gt. Das erste Kind, das dir geboren wird, Mandred Menschensohn. Die Freundschaft des Elfenvolkes erlangt man nicht um ein paar wohlfeile Worte. Ich werde das Kind heute in einem Jahr holen.�</p><p>Mandred war wie vom Blitz ger�hrt. �Mein Kind?� Hilfe suchend blickte er zu den anderen Elfen. Doch in keinem der Gesichter las er Mitgef�hl. Wie hie� es in den Kinderm�rchen? Elfenherzen seien so kalt wie Wintersterne��</p><p>�Nimm einen Dolch und sto� ihn mir ins Herz, K�nigin. Beende hier und jetzt mein Leben. Diesen Preis zahle ich, ohne zu z�gern, wenn du daf�r den Meinen hilfst.�</p><p>�Gro�e Worte, Mandred�, entgegnete die K�nigin k�hl. �Doch welchen Nutzen br�chte es, dein Blut vor den Stufen meines Thrones zu vergie�en?�</p><p>�Welchen Nutzen hast du an einem Kind?�, begehrte Mandred verzweifelt auf.</p><p>�Dieses Kind wird ein Band zwischen Elfen und Menschen kn�pfen�, entgegnete sie ruhig.��Es soll unter meinem Volke aufwachsen und wird die besten Lehrmeister haben. Wenn dein Kind alt genug ist, mag es entscheiden, ob es f�r immer bei uns bleiben will oder ob es zu seinen Menschenbr�dern zur�ckkehren m�chte. Will es zur�ck, so werden wir ihm reiche Geschenke mitgeben, und ich bin mir gewiss, es w�rde einen Platz unter den Ersten deines Volkes erobern. Die kostbarste Gabe aber, die es in die Menschenwelt tragen w�rde, w�re die Freundschaft des Elfenvolkes.�</p><p>Mandred hatte das Gef�hl, als hielte diese zierliche Frau sein Herz mit eiserner Hand umschlossen. Wie konnte er sein ungeborenes Kind den Elfen versprechen? Und doch � wenn er sich verweigerte, so w�rde sein Kind vielleicht nie geboren werden. Wie lange mochte es dauern, bis der Manneber in die kleine Siedlung am Fjord eindrang? War er vielleicht schon dort gewesen?</p><p>�Lebt mein Weib Freya denn noch?�, fragte er niedergeschlagen.</p><p>Die Hand der K�nigin strich sanft �ber die Silberschale. �Etwas verbirgt die Kreatur, die du Manneber nennst. Doch sie scheint noch immer in der N�he des Steinkreises zu sein. Dein Dorf hat sie nicht angegriffen.� Sie hob den Blick und sah ihm nun geradewegs ins Gesicht. �Wie lautet deine Entscheidung, Mandred Menschensohn?�</p><p>Ich werde noch weitere Kinder mit Freya zeugen, redete er sich ein. Vielleicht tr�gt sie ja ein M�dchen unter dem Herzen, und der Verlust wird nicht so schwer wiegen. Er war der Jarl seines Dorfes. Er trug die Verantwortung f�r alle. Was wog ein Leben gegen viele? �Du wirst bekommen, was du forderst, K�nigin.� Mandreds Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern. Seine Lippen wollten sich den Worten verschlie�en, und doch zwang er sich zu sprechen. �T�ten deine J�ger den Manneber, dann wird mein Kind dir geh�ren.�</p><p>Emerelle nickte in Richtung eines Elfen, der in helles Grau gewandet war, und bedeutete ihm mit einer Geste vorzutreten.��Farodin aus der Sippe des Askalel, du hast dich oftmals bew�hrt. Deine Weisheit und deine Erfahrung sollen der Jagd zum Erfolg verhelfen. Hiermit berufe ich dich zur Elfenjagd.�</p><p>Mandred sp�rte einen Schauer �ber seinen R�cken laufen. Die Elfenjagd! Wie viele Geschichten hatte er �ber diese geheimnisvolle Jagdgemeinschaft geh�rt!</p><p>Keine Beute vermochte diesen unheimlichen J�gern zu entgehen, hie� es. Was auch immer sie jagten, war des Todes. W�lfe, so gro� wie Pferde, waren ihre Jagdhunde, und in den Adern ihrer R�sser floss fl�ssiges Feuer. Sie ritten �ber den Nachthimmel und verbargen sich im Feenlicht, um dann wie Adler auf ihre Beute hinabzusto�en. Nur die Edelsten und Tapfersten durften mit der Elfenjagd reiten. Sie alle waren Krieger und Zauberer zugleich. So m�chtig waren sie, dass selbst Drachen sie f�rchteten und Trolle sich in ihren Burgen verbargen, wenn die Elfenjagd ausritt. Und er hatte sie auf den Manneber losgelassen, dachte Mandred frohlockend. Sie w�rden die Bestie zerfleischen und blutige Rache f�r seine toten Freunde nehmen!</p><p>Die K�nigin nannte noch weitere Namen, doch die Berufenen schienen nicht im Thronsaal zu sein. Schlie�lich deutete sie auf eine in Braun gekleidete Gestalt, die im ersten Augenblick zu erschrecken schien. �Nuramon aus der Sippe des Weldaron, deine Zeit ist gekommen.�</p><p>Ein Raunen ging durch die versammelten Elfen.</p><p>Eine Frau trat aus einer Gruppe hervor, die besonders betroffen wirkte. �Herrin, du willst ihn doch nicht etwa dieser Gefahr aussetzen? Du wei�t um sein Schicksal!�</p><p>�Deshalb habe ich ihn erw�hlt.�</p><p>Mandred betrachtete verstohlen den braunhaarigen Elfen. Er wirkte verunsichert. Ein erfahrener J�ger war er gewiss nicht!</p><p>�Morgen fr�h schon soll die Elfenjagd aufbrechen, um das Ungeheuer zu t�ten, von dem uns berichtet wurde. Und du, Mandred Menschensohn, wirst sie anf�hren, denn du kennst die Bestie und das Land, das sie verheert.�</p><p>Das Raunen im Saal verstummte schlagartig. Wieder sp�rte Mandred alle Blicke auf sich ruhen. Er konnte nicht glauben, was Emerelle soeben gesagt hatte. Er, der Niederste in den Augen der Versammelten, war auserw�hlt, die Elfenjagd anzuf�hren! Er w�nschte, Freya w�re nun an seiner Seite.</p></section><section><title><p>Ein Abend am Hof</p></title><p>Nuramon stand inmitten seiner Kammer, deren W�nde und Decke reich mit Fresken verziert waren. Sieben hatte die K�nigin zur Elfenjagd berufen, und sieben Kammern gab es. Einst waren die Gem�cher errichtet worden, damit die Jagdgef�hrten sich ausr�sten und ausruhen konnten. Hier sollten ihnen ihre Verwandten die Ehre erweisen. Und hier war es, wo Nuramon v�llig allein war.</p><p>In die Decke und in die Wand waren honigfarbene Barinsteine eingelassen, die warmes Licht spendeten. An der Wand zu Nuramons Rechten zog sich eine tiefe Nische entlang, in der einige Waffen und Ausr�stungsgegenst�nde, aber auch Schmuck und so manches Kleinod lagen, dessen Zauberkraft er sp�ren konnte. All dies hatten seine Vorg�nger einst auf der Elfenjagd getragen. Wer immer von der Jagd zur�ckkehrte, pflegte etwas in der Kammer zur�ckzulassen.</p><p>Als Berufener h�tte Nuramon einige dieser St�cke an sich nehmen k�nnen; zumindest hatte ihm Farodin es so erz�hlt. Aber er wollte nichts von diesen Dingen f�r sich beanspruchen, wollte ihnen nicht den Glanz nehmen. So blieb ihm als Ausr�stung nur das, was er ohnehin besa�, und das war keineswegs viel. Die Br�uche verlangten, dass seine Verwandten ihn hier trafen, um ihm Beistand zu leisten und ihn auszustatten. Doch darauf konnte Nuramon sich nicht verlassen. Auf der steinernen Bank gegen�ber der Nische sa� weder ein Verwandter, noch lag dort irgendeine Gabe.</p><p>Hatte die K�nigin ihm nicht eine gro�e Ehre erwiesen, dass sie ihn zur Elfenjagd berufen hatte? Hatte er es nicht verdient, dass seine Sippe, wie es �blich war, zu ihm kam, um ihm ihre Freude zu zeigen? Stattdessen hatte sich jedermann �berrascht gezeigt. Sie machten sich nicht einmal mehr die M�he zu fl�stern, wenn sie �ber ihn spotteten. Er war ein Ausgesto�ener, und er war sich sicher, dass nicht einmal die K�nigin etwas daran �ndern konnte.</p><p>Was au�er Noroelle gab es in dieser Welt, das ihn noch hier halten konnte? Seine Eltern waren l�ngst ins Mondlicht gegangen. Geschwister hatte er keine und Freunde ebenso wenig. Da war nur Noroelle. Allein sie schien sein Erbe nicht zu bek�mmern. Und h�tte sie die Entscheidung der K�nigin vernommen, so h�tte sie ihre Freude mit ihm geteilt. Sie w�re zu ihm in dieses Gemach gekommen.</p><p>Nuramon hatte die Geschichten von der letzten Elfenjagd geh�rt. Die Gef�hrten waren ausgezogen und hatten einen Trollf�rsten vom Kelpenwall fern gehalten. Die Familien hatten den J�gern Waffen und allerlei Kostbarkeiten vorgelegt, aus denen sie hatten ausw�hlen d�rfen. Und jene, deren Gaben von den J�gern angenommen worden waren, waren mit Stolz erf�llt gewesen.</p><p>Gewiss �berreichte man in diesem Augenblick, da er hier allein war, seinen Gef�hrten in den anderen Kammern die Ausr�stung. Bestimmt waren sogar einige bei dem Menschensohn. Nuramon fragte sich, ob jemals zuvor ein Elf einen Menschen beneidet hatte.</p><p>Das Ger�usch von Schritten vor der T�r schreckte ihn aus seinen Gedanken. Er wandte sich um, in der Hoffnung, dass es ein Vetter, eine Base, ein Onkel oder eine seiner Tanten w�re, irgendeiner aus seiner Familie. Noch ehe die T�r sich �ffnete, h�rte Nuramon eine Frauenstimme seinen Namen nennen. Die T�r �ffnete sich. Eine Frau im grauen Gewand einer Zauberin trat ein.</p><p>�Emerelle�, sagte er �berrascht. Seine Herrin sah v�llig ver�ndert aus. Sie wirkte nun weniger wie eine K�nigin, sondern eher wie eine reisende Zauberin von gro�er Macht. Ihre hellbraunen Augen funkelten im Schein der Barinsteine, und auf ihrem Gesicht lag ein L�cheln.��_Du_ kommst zu mir?�, fragte er.</p><p>Sie schloss die T�r. �Und wie es scheint, bin ich die Einzige.� Sie trat an ihn heran und tat dies mit solcher Eleganz und Macht, dass Nuramon glaubte, eine Elfe aus den alten Tagen der Heldensagen vor sich zu haben. Die K�nigin hatte diese gro�en Zeiten noch miterlebt. Sie war nicht von Elfen gezeugt; sie stammte direkt von den Alben ab und hatte sie noch gesehen, bevor sie die Welt verlassen hatten. Irgendwo in dieser Burg verbarg Emerelle ihren Albenstein, das Kleinod, welches ihr die Alben hinterlassen hatten und das sie einst verwenden w�rde, um ihnen zu folgen. Warum aber kam sie zu ihm wie eine Magierin?</p><p>Als h�tte sie seine Gedanken gelesen, antwortete sie: �Es ist Tradition, dass die K�nigin jedem Mitglied der Elfenjagd einen Besuch abstattet. Und da ich �berall Stimmen h�rte au�er bei dir, wollte ich hier den Anfang machen.� Sie blieb vor ihm stehen und blickte ihn erwartungsvoll an.</p><p>Ein Hauch von frischen Fr�hlingsbl�ten stieg ihm in die Nase. Es war der Duft der K�nigin, und er bes�nftigte ihn.��Verzeih mir�, sagte er leise.��Ich bin nicht mit allen Traditionen vertraut.� Er senkte den Blick.</p><p>�Hast du nie davon getr�umt, an der Elfenjagd teilzunehmen? Jedes Kind tr�umt davon, kennt die Traditionen und jeden einzelnen Schritt des Weges in dieser Nacht.�</p><p>Nuramon seufzte und sah ihr ins Gesicht. �Ein Kind, das nirgends Anerkennung findet, tr�umt von kleineren Dingen.� Er dachte an die Zeit, nachdem seine Eltern ins Mondlicht gegangen waren. Er war fast noch ein Kind gewesen, doch niemand war gekommen, um sich seiner anzunehmen. Seine Verwandten hatten ihn abgewiesen, und so war er in das Baumhaus seiner Eltern zur�ckgekehrt. Dort war er einsam gewesen. Allein die Albenkinder, denen der Fluch nichts bedeutete, welchen die Elfen in ihm sahen, hatten ihn in ihrer N�he geduldet. Und das waren keineswegs viele gewesen.</p><p>�Ich wei�, wie schwer es ist�, sagte die K�nigin und holte Nuramon mit ihren Worten aus seinen Erinnerungen zur�ck. �Doch meine Entscheidung wird ein Zeichen f�r die anderen sein. Noch sind sie �berrascht, aber bald schon werden sie dich mit anderen Augen sehen.�</p><p>�Ich w�nschte, ich k�nnte das glauben.� Er wich Emerelles Blick aus.</p><p>�Schau mich an, Nuramon!�, forderte sie. �Du darfst nicht vergessen, dass ich auch deine K�nigin bin. Ich kann die anderen nicht dazu bewegen, dich zu lieben. Aber ich werde dich behandeln, wie ich sie behandle. Du f�hlst dich einsam und fragst dich, ob du �berhaupt noch den Elfen zugeh�rig bist. Doch schon bald werden die anderen dein wahres Wesen erkennen.� Sie senkte den Blick.��Du hast dein Leid der jungen Jahre �berwunden. Es scheint, als h�tte Noroelle Kr�fte in dir geweckt, die keiner f�r m�glich gehalten h�tte. Jetzt ist der Augenblick gekommen, da ich dir die Anerkennung schenke, die du gem�� deiner Eigenschaften verdienst.�</p><p>�Und ich werde diese Gelegenheit nutzen, Emerelle.�</p><p>Die K�nigin schaute sich zur T�r um. �Da niemand kommt, die J�ger aber seit jeher ausgestattet werden, m�chte ich mich deiner Ausr�stung annehmen. Ich werde sie sp�ter in dein Gemach bringen lassen.�</p><p>�Aber���</p><p>�Nein, sag nicht, es st�nde dir nicht zu! Schau nach dort oben.� Sie deutete auf das Abbild einer Elfe, die gegen einen Drachen k�mpfte. �Das ist Gaomee. Sie besiegte den Drachen Duanoc, der durch das Tor von Halgaris in unsere Gefilde gelangt war.�</p><p>Gaomee! Duanoc! Halgaris! Das waren Namen aus der Sage, die auf gro�e Taten verwiesen und an heldenhafte Zeiten erinnerten.</p><p>Viele Drachen waren einst nach Albenmark gekommen, doch nur wenige hatten ihren Platz in dieser Welt gefunden und waren mit Elfen ein B�ndnis eingegangen. Aber Duanoc war weit davon entfernt gewesen, einen solchen Pakt zu akzeptieren. Zumindest erz�hlte man es sich so. Und die junge Gaomee hatte ihn erschlagen. Nuramon lief ein Schauer �ber den R�cken.</p><p>Die K�nigin sprach weiter. �Gaomee hatte keine Familie mehr. Ich habe sie erw�hlt und auch damals f�r gro�e �berraschung gesorgt. Ich sah in ihr etwas, das ich einst in mir selbst gesehen hatte.� Emerelle schloss die Augen und zog Nuramon v�llig in ihren Bann. Nie zuvor hatte er die geschlossenen Augenlider der K�nigin gesehen. So mochte sie aussehen, wenn sie schlief und von Dingen tr�umte, die nur eine Elfe von au�ergew�hnlicher Macht begreifen konnte.��Ich sehe Gaomee so klar in meiner Erinnerung�� Sie stand hier vor mir, und die Tr�nen liefen �ber ihre Wangen. Sie besa� keine passende Ausr�stung, um mit den anderen gegen Duanoc auszureiten. Also stattete ich sie aus. Es soll nicht sein, dass einer der J�ger schlecht ausger�stet ist, besonders wenn es in die Reiche der Menschen geht.�</p><p>�Dann will ich es annehmen.� Nuramon schaute hinauf zur Freske der Gaomee und verlor sich in ihrem Anblick. Die K�nigin hatte ihm einen Weg aufgetan, von dem er nie geglaubt hatte, dass er ihm offen st�nde. L�ngst hatte er sich damit abgefunden, abseits der anderen stehen zu m�ssen.</p><p>�Ich wei�, es ist neu f�r dich�, sagte die K�nigin leise und holte ihn abermals aus seinen Gedanken zur�ck. �Doch dies ist ein Wendepunkt f�r deine Seele. Nie war einer, dem man den Namen Nuramon gegeben hat, Mitglied der Elfenjagd. Du bist der Erste. Und weil mit der Elfenjagd auch Elfenruhm verbunden ist, werden sich viele bei deiner R�ckkehr neu entscheiden m�ssen, ob sie dir mit Spott oder aber mit Anerkennung begegnen wollen.�</p><p>Nuramon musste l�cheln.</p><p>�Warum l�chelst du? Lass mich an deinen Gedanken teilhaben�, forderte Emerelle.</p><p>�Ich muss an die Angst denken, die ich in den Gesichtern meiner Verwandten gesehen habe, als du mich berufen hast. Nun bin ich mehr als nur eine Schande, ich bin eine Gefahr. Sie m�ssen f�rchten, dass ihnen im Fall meines Todes ein Kind geboren wird, das meine Seele tr�gt. Eigentlich sollten sie hier sein, um mir die beste Ausr�stung zu �bergeben, in der Hoffnung, dass ich �berlebe. Aber die Abscheu mir gegen�ber scheint gr��er zu sein als die Angst vor meinem Tod���</p><p>Emerelle schaute ihn g�tig an.��Nimm sie nicht so sehr ins Gericht. Sie m�ssen sich erst an die neue Lage gew�hnen. Nur die wenigsten, die durch die Jahrhunderte gehen, gew�hnen sich schnell an das Neue. Niemand konnte ahnen, dass ich dich berufe. Nicht einmal du selbst hast es erwartet.�</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>�Du bist dir im Klaren, wie es nun weitergeht?�</p><p>Nuramon wusste nicht, was sie meinte. Sprach sie von seinem Leben oder aber von diesem Gespr�ch?</p><p>Bevor er etwas sagen konnte, fuhr Emerelle fort:��Die Gef�hrten der Elfenjagd begeben sich in Gefahr. Deswegen gibt die K�nigin jedem Einzelnen einen Rat mit auf den Weg.�</p><p>Nuramon sch�mte sich f�r seine Unwissenheit. �Ich werde ihm folgen, wie immer er auch lauten mag.�</p><p>�Gut, dass du mir so sehr vertraust.� Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. �Du bist anders als die anderen, Nuramon. Wenn du in die Welt hinausblickst, dann siehst du etwas anderes als ein gew�hnlicher Elf. Du siehst das Sch�ne in dem, was andere verabscheuen. Du siehst das Erhabene dort, wo andere voller Verachtung vor�bergehen. Und du sprichst von Harmonie, wo andere es nicht aushalten. Und weil du so bist, werde ich dir einen Rat geben, den ich einst das Orakel von Telmareen sagen h�rte. _W�hle dir deine Verwandtschaft! K�mmere dich nicht um dein Ansehen! Denn alles, was du bist, das ist in dir_.�</p><p>Nuramon war wie gebannt. Er durfte die Worte des Orakels von Telmareen aus dem Munde der K�nigin h�ren! Eine Weile lang kostete er das Gef�hl aus, das ihm die K�nigin vermittelte. Dann, mit einem Mal, erwachte eine Frage in ihm. Er z�gerte, doch schlie�lich wagte er es, sie zu stellen. �Du meintest, du habest den Rat vernommen. Zu wem hat das Orakel gesprochen? Wem hat es diesen Rat gegeben?�</p><p>Emerelle l�chelte.��Folge dem Rat der K�nigin!�, sagte sie und k�sste ihn dann auf die Stirn.��Das Orakel sprach zu _mir_.� Mit diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und ging zur T�r.</p><p>Nuramon blickte ihr fassungslos nach. Bevor sie die T�r hinter sich schloss, sagte sie, ohne noch einmal zu ihm zur�ckzublicken: �Ich habe Noroelle im Obstgarten gesehen.�</p><p>Als Emerelle fort war, lie� sich Nuramon auf die steinerne Bank sinken und dachte nach. Das Orakel hatte der K�nigin einst diesen Rat gegeben? Hatte sie ihn berufen, weil sie sich in ihm wiedererkannte? Nuramon wurde mit einem Mal bewusst, wie sehr er sich in der K�nigin get�uscht hatte. Er hatte sie immer als unnahbare Elfe betrachtet, als Frau, deren Glanz man nur bewundern konnte, wie man einen fernen Stern bewunderte. Aber nie und nimmer w�re er von selbst auf den Gedanken gekommen, es k�nnte irgendeine Gemeinsamkeit zwischen ihr und ihm geben.</p><p>Emerelle war allen Elfen und auch den anderen Albenkindern, die unter ihrem Schutz standen, Vorbild und Ideal zugleich. Wie hatte er sich davon ausnehmen k�nnen? Sie hatte ihm nicht nur einen Weg offenbart, den sie einst gegangen war, sondern auch auf Gaomee verwiesen. Auf der Elfenjagd w�rde er sich an Gaomee ein Beispiel nehmen. Dar�ber aber schwebte der Rat der K�nigin.</p><p>Noch einmal rief er sich ihre Worte ins Ged�chtnis, und so wurde er auch an Noroelle erinnert. Er verlie� die Kammer und sah Mandred am Ende des Ganges inmitten einiger Elfen stehen. Der Menschensohn bedankte sich lauthals. Nuramon musste schmunzeln. Um keine Gabe dieser Burg h�tte er mit Mandred oder einem anderen aus der Elfenjagd nun mehr tauschen wollen.</p><p>W�hrend er den Gang entlangging, bemerkte er, dass keine Frauen bei Mandred zu sehen waren. Das verwunderte ihn nicht. Offensichtlich hatte sich bei Hof schon herumgesprochen, auf welch unsittliche Art er die Frauen anstarrte. Er war froh, dass Noroelle im Thronsaal nicht Mandreds Blicken ausgesetzt gewesen war. Wie konnte man nur so taktlos sein!</p><p>In diesem. Augenblick rief Mandred laut:��Nun, meine Freunde! Sprecht einen Zauber, der mich in diese R�stung passen l�sst, und so will ich sie mit Freuden annehmen��</p><p>Halt! Bleibt mir mit Schwertern und anderem Kinderkram vom Leib. Ich bin Mandred! Habt ihr keine Axt?� Nuramon sch�ttelte den Kopf. Eine raue Stimme, ein raues Gem�t! Und doch eine Art, der man sich nicht entziehen konnte.</p><p>Auf dem Weg zum Obstgarten fragte sich Nuramon, wie Noroelle die Kunde von seiner Berufung aufnehmen w�rde. W�rde die Angst um ihn die Freude �berwiegen? Die K�nigin hatte ein Lob f�r Noroelle in ihre Worte eingeflochten. Und es entsprach der Wahrheit: Seine Liebste hatte ihn ver�ndert. Sie hatte ihm Selbstvertrauen geschenkt, und er war durch ihre Zuneigung gewachsen.</p><p>Wenig sp�ter erreichte Nuramon den Obstgarten. Er war auf einem weiten Felsvorsprung angelegt, den man nur durch die Burg erreichen konnte. Es war Nacht. Er sah zum Mond hinauf. Das war das Lebensziel. Endlich ins Mondlicht zu gehen! In all den Jahren war der Mond sein Vertrauter gewesen. Seine Vorfahren � jene, die zuvor seine Seele und seinen Namen getragen hatten � mochten ebenfalls diese Verbundenheit zum Mond versp�rt haben. Der Lichtschimmer, der ihn traf, war wie ein k�hler Windhauch, welcher der warmen Fr�hlingsnacht ein wenig Frische verlieh. Nuramon ging unter den B�umen hindurch.</p><p>Unter einer Birke blieb er stehen und schaute sich um. Er war vor langer Zeit zum letzten Mal hier in diesem Garten gewesen. Man sagte, jeder der B�ume hier besitze eine Seele und einen Geist, und jeder, der ein offenes Ohr habe, k�nne sie fl�stern h�ren. Nuramon lauschte, doch er vernahm nichts. Waren seine Sinne immer noch zu schwach?</p><p>Nun aber galt es, Noroelle zu finden. Dies war ein Obstgarten, also sollte er sie unter einem Obstbaum suchen. Er schaute sich nach den Fr�chten um, welche die B�ume hier das ganze Jahr trugen. Er sah �pfel und Birnen, Kirschen und Mirabellen, Aprikosen und Pfirsiche, Zitronen und Orangen, Pflaumen und�� Maulbeeren. Noroelle liebte Maulbeeren!</p><p>Ganz am Rande des Gartens standen zwei Maulbeerb�ume, aber Noroelle war hier nicht zu finden. Nuramon lehnte sich an die Mauer und blickte �ber das Land. Die Zelte vor der Burg erschienen bei Nacht wie bunte Laternen.��Wo bist du nur, Noroelle?�, fragte sich Nuramon leise.</p><p>Da vernahm er ein Wispern in den Baumwipfeln.��Sie ist nicht hier, sie war nicht hier!� Erstaunt wandte er sich um�� und sah doch nur die beiden Maulbeerb�ume.</p><p>�Wir sind es�, drang es aus dem Ge�st des gr��eren Baumes. �Geh zur Feentanne. Sie ist weise�, setzte der kleinere Baum nach. �Aber bevor du gehst, nimm von unseren Fr�chten!�</p><p>�Erz�hlt man sich denn nicht, dass beseelte Maulbeerb�ume f�r die Sorge um ihre Fr�chte bekannt seien?�, fragte Nuramon voller �berraschung.</p><p>Die Bl�tter des gr��eren Baums raschelten. �Das stimmt. Wir sind nicht wie unsere seelenlosen Geschwister. Aber du bist auf dem Weg zu Noroelle.�</p><p>Der kleinere Baum sch�ttelte sich. �Es w�re uns eine Ehre, wenn sie von unseren Beeren kosten w�rde.�</p><p>Zwei Beeren fielen Nuramon direkt in die H�nde. Die des kleinen Baumes war dunkelrot, die des gro�en wei�.</p><p>�Ich danke euch sehr, ihr beiden�, sagte Nuramon mit bewegter Stimme und machte sich auf den Weg. Er meinte eine Tanne ganz in der N�he der Birke gesehen zu haben.</p><p>Als er die Feentanne erreichte, erinnerte er sich an sie. Als Kind hatte er im Winter dort mit den Auenfeen gespielt. Sie war weder hoch noch breit, sondern eher unscheinbar zu nennen. Aber sie war von einer Aura umgeben, die keine K�lte duldete. Daran war ein Zauber gekn�pft, wie Nuramon ihn selbst beherrschte. Die Tanne besa� Heilkr�fte. Er sp�rte es deutlich.</p><p>Ihre Zweige regten sich im Wind. �Wer bist du, dass du mich st�ren willst?�, raunte es aus ihrem Wipfel.</p><p>Ein Rascheln erhob sich rings umher. �berall dort, wo eben noch Stille geherrscht hatte, wurde nun gewispert.</p><p>�Wer ist es?�, schienen die B�ume zu fragen.</p><p>�Ein Elfling�, lautete die Antwort.</p><p>Die Feentanne gebot:��Still! Lasst ihn antworten!�</p><p>�Ich bin nur ein einfacher Elf�, sagte Nuramon.��Und ich suche meine Geliebte.�</p><p>�Wie ist dein Name, Elfling?�</p><p>�Nuramon.�</p><p>�Nuramon�, klang es vom Wipfel herab. Auch die anderen B�ume raunten seinen Namen.</p><p>�Ich habe von dir geh�rt�, erkl�rte die Tanne.</p><p>�Von mir?�</p><p>�Du wohnst in einem Haus auf einem Baum, auf einer Eiche namens Alaen Aikhwitan. Das Haus ist aus dem Holz, in dem einst die Seele der m�chtigen Ceren steckte. Kennst du Alaen Aikhwitan? Und hast du von Ceren geh�rt?�</p><p>�Ceren ist mir nicht bekannt, doch Alaen Aikhwitan kenne ich. Ich sp�re seine Anwesenheit, wenn ich zu Hause bin. Seine Magie h�lt das Haus im Sommer k�hl und warm im Winter. Von ihm hatte meine Mutter die Heilkunst erlernt und ich von ihr. Aber er hat sich mir nie offenbart.�</p><p>�Er muss sich erst an dich gew�hnen. Du bist noch jung. Seine Boten haben mir von dir erz�hlt�� von deiner Einsamkeit.� Nuramon lagen Fragen �ber Fragen auf der Zunge, aber die Tanne fragte nun ihrerseits: �Wer ist denn deine Liebste?�</p><p>�Ihr Name ist Noroelle.�</p><p>Ein heiteres Tuscheln wanderte durch die Baumwipfel rings herum, und Noroelles Name fiel gleich mehrere Male. Doch die Stimmen der B�ume verbanden sich auf eine Weise mit dem Rascheln ihres Bl�tterwerks, dass er nicht vernehmen konnte, was sie �ber Noroelle sagten.</p><p>Die Feentanne aber konnte er verstehen.��Sie ist nicht hier, sie war heute Nacht nicht hier.�</p><p>�Aber die K�nigin sagte, sie w�re hier in diesem Garten.�</p><p>�Die K�nigin sagt, was gesagt werden muss. Noroelle ist nicht hier, aber sie ist nahe. Geh zur Terrasse, dorthin, wo Linde und �lbaum nebeneinander stehen!�</p><p>Nuramon h�tte gern noch nach Ceren gefragt, aber im Augenblick war es wichtiger, Noroelle zu finden. So dankte er dem Baum und machte sich auf den Weg, den die Tanne ihm gewiesen hatte.</p><p>Bald sah er Linde und �lbaum. Sie standen vor der Felswand, die bis hinauf zur Terrasse reichte. Als er n�her kam, fand er eine schmale Treppe, die nach oben f�hrte.</p><p>An der steinernen Br�stung der Terrasse stand Noroelle in einem wei�en Gewand. Sie sah aus wie ein Geist, der aus dem Mondlicht herabgestiegen war. Noch hatte sie ihn nicht erblickt. Er trat unter die Linde. Die Feentanne hatte Recht: Die K�nigin hatte gesagt, was hatte gesagt werden m�ssen. Sie hatte ihn mit Bedacht in diese Lage gebracht. Noroelle dort oben, er hier unten! Diese Situation rief geradezu nach einem Gedicht, das aus dem Schatten einer Linde hinauf ins Mondlicht gesprochen wurde.</p><p>Da sagte Noroelle etwas. Sprach sie mit dem Mond? Sprach sie in die Nacht hinaus? Schon f�hlte er sich fehl am Platze. Er lauschte ihr, ohne dass sie es ahnte. Nun wandte sie sich zur Seite. Sie sprach nicht mit dem Mond oder der Nacht, sondern mit einem Elfen. Einen Lidschlag sp�ter sah Nuramon, wem sie sich zugewandt hatte: Es war Farodin.</p><p>Nuramon wollte nichts wie fort und taumelte aus dem Schatten der Linde in den des �lbaums. An den Stamm gelehnt, lauschte er halbherzig den Worten, die dort oben gesprochen wurden. Farodin hatte einen neuen Ton gefunden, und Noroelle schien es zu gefallen. Zum ersten Mal sprach Farodin aus tiefstem Herzen von seiner Liebe.</p><p>Dann war es also vorbei��</p><p>Zwischen den �sten hindurch beobachtete Nuramon, wie Noroelle Farodins Zauber im Mondlicht erlag. Nie hatte er sie so gl�cklich gesehen. Mit einem Kuss verabschiedete sich Farodin und zog sich zur�ck. Noroelle blieb, wo sie war, und blickte l�chelnd in die Nacht hinaus. Und weil Nuramon sie liebte, konnte er nicht anders, als selbst zu l�cheln. Es war nicht wichtig, dass Farodin offenbar den Sieg errungen hatte. Seine Liebste l�chelte, und das ber�hrte ihn.</p><p>Nuramon betrachtete Noroelle eine ganze Weile und sah, wie ihr L�cheln mehr und mehr verging und sich schlie�lich Trauer auf ihr Gesicht legte. Mit ihrem L�cheln schwand auch seines, und als sie leise seinen Namen in die Nacht hinaussagte, hielt er den Atem an. Farodin brachte sie zum L�cheln, der Gedanke an ihn jedoch bereitete ihr Kummer. Als er sah, wie eine Tr�ne ihr Gesicht hinablief, hielt er es nicht l�nger aus. Er holte leise Luft und fl�sterte:��_O h�r mich, holdes Albenkind_.�</p><p>Noroelle schreckte auf.</p><p>�_H�r die Stimme aus dem Baume!_�</p><p>Sie blickte hinab, ihre Blicke trafen sich, und schon l�chelte sie wieder.</p><p>�_Ich seh dich dort im Abendwind. Wie die Fee aus meinem Traume_.�</p><p>Noroelle wischte sich die Tr�ne fort, atmete tief ein und sagte dann leise:��Aber wie kann eine Elfe einer Fee gleichen?�</p><p>�Nun�, begann er und fuhr dann rasch fort: �_Dein Kleid ist eine Birkenrinde. Sie strahlt und macht mich liebesblind_.� Er wechselte aus dem Schatten des �lbaums zur�ck in den der Linde.��_Glaub der Stimme einer Linde. O h�r mich, holdes Albenkind!_�</p><p>�Ich h�re dich, du Baumgeist. Doch nie zuvor h�rte ich einen Baum in Reimen sprechen.�</p><p>Er antwortete fl�sternd:��Es fiel mir auch schwer, mit der Stimme eines Elfen zu sprechen, um meiner Fee zu gefallen.�</p><p>�Mir war so, als h�tte ich eben noch einen �lbaum sprechen h�ren.�</p><p>�Unsere Wurzeln sind verbunden. Wir sind ein Geist in zweierlei Rinde. In uns verbinden sich Liebe und Leben�, entgegnete er.</p><p>�Gibt es dort unten nicht genug Birken? Wieso sehnst du dich nach mir?�</p><p>�Wie du siehst, stehe ich am Rande des Gartens, den Blick zu dir erhoben. Die Herrin dieses Ortes sagte mir, ich solle den Liebenden beistehen, wenn sie der Liebsten die Worte hinaufsprechen.�</p><p>�Ich kenne diesen Garten, und ich wei�, dass du nur lauschen sollst, nicht aber sprechen. Hast du etwa meinetwegen dein Schweigen gebrochen?�</p><p>�Jeder muss irgendwann sein Schweigen brechen. Die Unendlichkeit ist lang und weit.�</p><p>�Dann liebst du mich?�</p><p>�Aber ja.�</p><p>Er sah, wie sie einen Ast ber�hrte. �Du bist ein wundervoller Baum. Und deine Bl�tter sind zart.� Sie zog den Ast zu sich heran und k�sste ein Blatt. �Ist das sch�n, mein Baum?�</p><p>�Es ist wie ein Zauber. Und daf�r m�chte ich dich beschenken.�</p><p>�Beschenken? Vielleicht mit einer Olive?�</p><p>�Aber nein. Jeder, der dort oben steht, nimmt sich eine Olive, ohne dass ich etwas dagegen habe. Ich m�chte dir nichts schenken, was sich jeder von mir nehmen kann. F�r meine Liebste muss es etwas Besonderes sein, f�r sie ist kein Aufwand zu hoch. Du wei�t, wie eifers�chtig die beseelten Maulbeerb�ume ihre Fr�chte h�ten?�</p><p>�Ja. Deshalb ist es kl�ger, die seelenlosen zu suchen. Denn den anderen musst du gut zureden, damit sie sich von einer Frucht trennen.�</p><p>�Nun, genau das habe ich getan. Ich � Ich sp�rte einen Wind vor�berziehen, hin zu den beiden Maulbeerb�umen, die am anderen Ende des Gartens wurzeln. Da bat ich sie, mir je eine Frucht zu �berlassen. Zuerst weigerten sie sich und sagten, ich sei schlie�lich auch nur ein Baum. Was sollte ich wohl mit den Beeren anfangen? Als sie aber erfuhren, dass ihre Fr�chte f�r dich bestimmt sind, da wurden sie mit einem Mal freigebig.�</p><p>�Aber wie haben sie dir die Beeren zukommen lassen? Du stehst hier, die anderen aber sind ein ganzes St�ck von dir entfernt, wie du sagst.�</p><p>�Ach, sie wurden von Baum zu Baum gegeben und dann auf die Wiese gelegt, wohin ich meine Wurzeln ausstreckte und mich den ganzen Tag �ber abm�hte, um das Geschenk f�r meine Liebste zu erreichen.�</p><p>�So hast du die Beeren denn nun?�</p><p>�Ja, und ich m�chte sie dir geben.�</p><p>�Aber wie? Soll ich zu dir kommen? Oder wirst du sie in ein Blatt legen und mir mit einem Aste reichen?�</p><p>�Wir B�ume kennen gro�e Zauberkraft. Sieh her!� Nuramon warf die rote Beere so, dass sie auf der Br�stung der Terrasse direkt vor Noroelle landete. Dann warf er die wei�e Beere hinterher, die Noroelle geschickt auffing.��Sind sie beide angekommen?�, fragte er.</p><p>�Die eine liegt in meiner Hand, die andere vor mir. Sie sind so sch�n und so frisch!�</p><p>Nuramon sah zu, wie sie die Beeren a�. Wie gebannt betrachtete er ihre Lippen.</p><p>Nachdem sie die Fr�chte gekostet hatte, sagte sie: �Das waren die s��esten Beeren, die ich jemals gegessen habe. Aber was soll nun aus uns werden, mein Baumgeist?�</p><p>�Willst du nicht zu mir herabkommen und hier Wurzeln schlagen?�</p><p>�Ebenso gut k�nntest du deine Wurzeln l�sen und �ber die Treppe zu mir heraufkommen���</p><p>�H�r mich an, Liebste! H�r meinen Vorschlag! Hier schl�ft ein J�ngling in meinem Schatten und tr�umt. W�re er dir vielleicht genehm?�</p><p>�Ja, verbinde dich mit ihm und komm zu mir. Der Geist hinter deiner Stimme in diesem K�rper, das w�nsche ich mir in dieser Nacht. Komm zu mir, Nuramon!�</p><p>Der Elf z�gerte. Doch war heute nicht ein Tag der Wunder? Er war zur Elfenjagd berufen worden. Die K�nigin hatte ihm ihr Orakel verraten. Die B�ume hatten zu ihm gesprochen.</p><p>Er fasste sich ein Herz, trat aus dem Schatten der Linde und stieg �ber die Treppe auf die Terrasse hinauf, wo Noroelle ihn erwartete. Zuerst wollte er Abstand zu ihr halten, so wie er es immer tat, um ihr nicht zu nahe zu kommen. Er wollte sie keinesfalls ber�hren. Aber sie stand dort so verf�hrerisch wie nie zuvor. Der Nachtwind lie� ihr Kleid und das lange Haar wehen. Sie l�chelte still und neigte den Kopf zur Seite. �Ich habe geh�rt, was die K�nigin getan hat. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gl�cklich ich bin.�</p><p>�Und du kannst dein Gl�ck nicht vor mir verbergen.�</p><p>�Ich habe dir immer gesagt, dass man eines Tages dein wahres Wesen erkennen werde. Ich habe es gewusst. O Nuramon!� Sie zeigte ihm ihre Handfl�chen und wollte sie ihm entgegenstrecken, verharrte dann aber.</p><p>Und Nuramon �berwand seine Scheu und fasste ihre H�nde.</p><p>Noroelle sah hinab, als m�sste sie sich vergewissern, dass seine H�nde sie tats�chlich ber�hrten. Sie hielt den Atem an.</p><p>Er k�sste sie z�rtlich auf die Wange, und sie atmete seufzend aus. Als seine Lippen sich langsam ihrem Mund n�herten, begann sie zu zittern. Und als sich ihre Lippen ber�hrten, sp�rte Nuramon, wie Noroelles Anspannung sich l�ste und sie den Kuss erwiderte. Dann schloss sie ihn fest in die Arme und fl�sterte ihm ins Ohr: �Im richtigen Augenblick, Nuramon. Und doch so �berraschend.� Sie sahen einander lange an, und Nuramon hatte das Gef�hl, es w�re nie anders zwischen ihnen gewesen.</p><p>Nach einer Weile bat Noroelle:��Erz�hl mir, was heute Abend geschehen ist.�</p><p>Nuramon berichtete ihr, was sich zugetragen hatte, und verga� auch nicht das versteckte Kompliment der K�nigin an sie. Die Verbindung zu Gaomee und der Orakelspruch schienen Noroelle besonders zu ber�hren. Nuramon endete mit den Worten: �Ich f�hle die Ver�nderung. Die K�nigin hat ein Feuer entfacht, das nun brennen muss. Ich bin noch derselbe wie zuvor, aber ich kann endlich handeln.�</p><p>�Kannst du mich deswegen erst jetzt ber�hren?�</p><p>�Zuvor hatte ich Angst. Und wenn ich Angst habe, dann tue ich t�richte Dinge. Ich hatte Angst, dass du mich zur�ckweisen k�nntest; ich hatte Angst, dass du mich w�hlen k�nntest. Es war ein Zwiespalt.�</p><p>�Du und Farodin, ihr seid eigenartig. Heute am See sah es noch so aus, als w�rdest du dich mir niemals n�hern und als w�rde Farodin mir niemals auch nur einen Hauch seines Innersten offenbaren. Heute Nacht aber habt ihr euch beide verwandelt.�</p><p>�Nur war Farodin schneller als ich.�</p><p>�Das w�re nicht gerecht, Nuramon � Blo� weil er zuerst den Weg zu mir fand? Soll ich dich daf�r bestrafen, dass die K�nigin bei dir war? Nein! Eine Nacht ist f�r mich nur ein Augenblick, und da ihr beide in dieser Nacht zu mir kamt, kamt ihr im gleichen Augenblick. Du betrachtest die Zeit als zu knappes Gut, Nuramon.�</p><p>�Ist das verwunderlich? Wenn ich den Weg meiner Vorfahren gehe, dann ist jeder Augenblick, der mir bleibt, kostbar.�</p><p>�Du wirst diesen Weg nicht gehen. Du wirst lange leben und ins Mondlicht gehen.�</p><p>Nuramon schaute auf zum Mond.��Es ist so eigenartig, dass etwas, das ich so sehr liebe wie den Mond, sich meiner Seele seit so langer Zeit entzieht.� Er schwieg und dachte an all die Geschichten, die er �ber den Mond geh�rt hatte. Seine Gro�mutter hatte ihm vom Mond in den Menschenreichen erz�hlt. �Wusstest du, dass in Mandreds Welt der Mond seine Form ver�ndert?�</p><p>�Nein, davon habe ich noch nie geh�rt.�</p><p>�Er ist viel kleiner als unser Mond. Und wie die Tage vergehen, nimmt er ab, verwandelt sich Nacht f�r Nacht immer weiter in eine Sichel, bis er ganz verschwunden ist. Dann w�chst er allm�hlich wieder zu seiner vollen Gr��e heran.�</p><p>�Das klingt wie ein Zauber. Ich wei� nicht viel �ber die Andere Welt. Ich habe einige Sprachen von meinen Eltern gelernt. Aber im Grunde wei� ich nichts �ber die Welt der Menschen. Welche Magie dort wohl wirkt? K�nnen Elfen auch in das Mondlicht der Menschenreiche gehen? Was geschieht, wenn sie dort sterben?�</p><p>�Das sind Fragen, die nur die Weisen beantworten k�nnen.�</p><p>�Aber was glaubst du, Nuramon?�</p><p>�Ich glaube, dass die Magie, die dort wirkt, mit unserer verwandt ist. Ich glaube, dass ein Elf ins Mondlicht der Menschen gehen kann. Nur ist der Mond dort weiter entfernt. Es ist eine viel l�ngere Reise. Und wenn ein Elf in den Menschenreichen stirbt, dann ist es nicht anders, als wenn ein Elf hier sein Leben verl�re. Denn der Tod unterscheidet nicht zwischen den Gefilden.� Er musterte sie und sah einen Hauch von Sorge in ihren Z�gen.��Du hast Angst um unser Leben.�</p><p>�Die Elfenjagd zieht es selten hinaus in die Menschenreiche. Erinnerst du dich, ob dort je ein Elf starb und dann hier wiedergeboren wurde?�</p><p>�Es hei�t, einer meiner Ahnen w�re jenseits unserer Welt gestorben. Und siehe! Ich bin hier.�</p><p>Sie lachte, strich ihm �ber die Wange und sah ihn dann wie gebannt an.��Dein Gesicht ist einzigartig.�</p><p>�Und deines ist���</p><p>Sie fuhr ihm mit den Fingern �ber die Lippen.��Nein, du hast mir jahrelang diese Worte zugesprochen. Nun hei�t es f�r dich: _O schweig, du sch�nes Albenkind!_� Sie l�ste die Finger von seinem Mund, und er schwieg.</p><p>Sanft strich sie ihm durchs Haar. �Du hast immer gedacht, die Frauen hier w�rden nur �ber dich spotten. Und gewiss tun sie das auch gern. �ber deinen Namen, �ber dein Schicksal�� Das tun sie, weil man dich immer verspottet hat. Aber auch ihnen ist deine besondere Erscheinung nicht entgangen. Du w�rdest nicht glauben, was ich hinter vorgehaltener Hand alles geh�rt, welche gefl�sterten W�nsche ich vernommen habe.� Nuramon wollte etwas sagen, doch Noroelle legte ihm wiederum die Fingerspitzen auf den Mund. �Nein. Du musst jetzt schweigen, wie die beiden B�ume dort unten.� Sie zog die Hand zur�ck. �Du bist viel mehr als das, was diese Frauen heimlich in dir sehen. Das Orakel hat Recht. _Alles, was du bist, das ist in dir!_ Und alles, was in dir ist, das liebe ich, Nuramon.� Sie k�sste ihn.</p><p>Als sie die Lippen von seinen l�ste und ihn anschaute, setzte er vorsichtig zum Sprechen an. �Alles hat sich ver�ndert. Ich kann kaum glauben, mit dir hier zu sein, diese Z�rtlichkeiten auszutauschen und diese Worte. Was ist geschehen?� Er schaute sich um, als k�nnte er hier auf der Terrasse oder in der Tiefe der Nacht die Antwort finden.</p><p>�Es ist etwas, das weder du noch ich oder Farodin h�tten leisten k�nnen, sondern nur die K�nigin. Dir steht jetzt die Welt offen.�</p><p>�Es ist nicht die _Welt_, nach der ich mich sehne.�</p><p>Sie nickte. �Nachdem ihr zur�ckgekehrt seid, werde ich mich entscheiden. Denn ihr habt alles getan, was ihr tun konntet. Nun ist es an mir � Ich gestehe, ich hatte gehofft, ihr k�nntet mich noch viele Jahre umwerben, aber das war wohl ein Traum. Ich muss einen von euch w�hlen. Welch ein Verlust, ganz gleich, wen von euch ich zur�ckweisen muss! Aber welch ein Gewinn f�r eine andere Elfe!�</p><p>Sie sahen einander schweigend an. Nuramon wusste, wie sehr ihn eine Zur�ckweisung schmerzen w�rde. F�r ihn gab es keine andere Elfe; keine, f�r die er solche Liebe versp�ren konnte. Er k�sste noch einmal ihre H�nde, strich ihr �ber die Wange und bat dann: �Lass uns nicht jetzt daran denken. Denken wir daran, wenn Farodin und ich wieder zur�ckkehren.�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Wirst du morgen zugegen sein, oder wird dies hier unser Abschied sein?�</p><p>�Ich werde da sein�, sagte sie leise.</p><p>�Dann freue ich mich auf morgen. Welche Farbe wird dein Kleid haben?�</p><p>�Gr�n. Obilee hat es gemacht.� Sie strich sich gedankenverloren eine Str�hne aus dem Gesicht. Nuramon mochte diese unbewusste Geste an ihr; sie nahm das Haar zwischen Ringfinger und kleinen Finger, wenn sie es zur�ckstrich.</p><p>�Dann ist das Kleid gewiss wundersch�n.�</p><p>�Ich bin gespannt, was die K�nigin dir bringen l�sst. Was es auch ist, es wird kostbarer sein als alles, was dir irgendwer sonst h�tte schenken k�nnen.�</p><p>�Schenken? Ich werde es f�r die Elfenjagd annehmen. Aber wenn wir zur�ckkehren, werde ich es ihr wiedergeben.�</p><p>Noroelle musste lachen.��Nein, Nuramon. Die K�nigin ist freigebig. Sie wird es nicht zur�cknehmen.�</p><p>Er k�sste sie auf die Stirn. �Ich werde jetzt gehen, Noroelle.�</p><p>�Vielleicht kann sich doch noch einer deiner Verwandten dazu durchringen, dich in deiner Kammer aufzusuchen.�</p><p>�Nein, daran glaube ich nicht.� Er fasste ihre H�nde und sagte: �Aber wer wei�.� Er schaute zu den Sternen hinauf. �Heute Nacht scheint alles m�glich zu sein.� Er lie� von ihr ab.��Gute Nacht, Noroelle.�</p><p>Sie k�sste ihn zum Abschied.</p><p>Nuramon verlie� die Terrasse und blickte, als er an der T�r zum Festsaal angekommen war, noch einmal zu Noroelle zur�ck. Sie war einfach vollkommen. Nie und nirgends zuvor hatte er es so klar sehen k�nnen wie in diesem Augenblick.</p><p>Als er den Gang erreichte, von dem die Kammern der Elfenj�ger abgingen, stellte er fest, dass nun alle T�ren geschlossen waren. Die Besucher, die erwartet worden waren, hatten ihre Aufwartung gemacht, mit weiteren schien keiner zu rechnen. Das Stimmengewirr bezeugte, dass es viele waren, die den Weg zu den anderen gefunden hatten.</p><p>Vor seiner eigenen T�r blieb er stehen und lauschte. Es war still. Er hoffte so sehr, dass wenigstens einer seiner Verwandten �ber seinen Schatten gesprungen war und dort auf ihn wartete. Nuramon �ffnete die T�r und schaute hinein. Tats�chlich, neben dem Bett stand eine reglose Gestalt und wandte ihm den R�cken zu. Seine Freude w�hrte nur einen Herzschlag lang. In seiner Abwesenheit hatte man einen R�stungsst�nder gebracht, und er hatte ihn im schwachen Licht der Barinsteine f�r einen Elfen gehalten, so sehr hatte er sich Besuch gew�nscht.</p><p>Entt�uscht schloss er die T�r hinter sich. Er trat an den R�stungsst�nder heran und betrachtete die Geschenke der K�nigin. Es waren ein Mantel, eine R�stung und ein Kurzschwert.</p><p>Nuramon nahm den weinroten Mantel vom St�nder und wog ihn in den H�nden. Er war schwer und aus Wolle und Leinen gefertigt; so geschickt war er gearbeitet und mit Zauberf�den verwoben, dass kein Windzug und kein Tropfen Wasser den Weg hindurchfinden w�rde. Er w�rde ihn vor Hitze wie auch vor K�lte sch�tzen.</p><p>Noroelle besa� einen solchen Mantel. Sie hatte ihn aus Alvemer mitgebracht. Die K�nigin hatte ihn gewiss nicht unbedacht zur Verf�gung gestellt. Ein St�ck aus Alvemer war ein St�ck aus Noroelles Heimat. Wenn er im Winter der Menschenwelt durch die K�lte ritt, w�rde er es warm haben.</p><p>Er faltete den Mantel und legte ihn auf die steinerne Bank. Neugierig betrachtete er die R�stung. Es war der Harnisch eines Drachent�ters. Diese Panzer waren ber�hmt daf�r, z�h und anschmiegsam zugleich zu sein. Es erforderte eine besondere Kunstfertigkeit, eine solche R�stung zu fertigen. Sie war aus zahlreichen St�cken Drachenhaut zusammengesetzt und sch�tzte Rumpf und Arme. Der R�stungsmacher war ein Meister seines Handwerks gewesen. Jedes Fragment Drachenhaut hatte er in zahlreiche d�nne Lagen gespalten, dann bearbeitet und nach seinem Willen neu zusammengef�gt. Zwischen den einzelnen Lagen hatte er etwas Tropfenf�rmiges eingelassen. Wahrscheinlich handelte es sich um zurechtgeschnittene Drachenschuppen. Was es wirklich war, blieb wohl das Geheimnis des R�stungsmachers. Das Leder roch angenehm. Der Gestank der Drachen war bei der Behandlung der Haut vergangen und einem milden Geruch nach Wald gewichen.</p><p>Nur in Olvedes wurden noch Drachenr�stungen hergestellt, denn allein dort stellten die Feuer speienden Ungeheuer noch eine Gefahr dar. Die R�stungsmacher von Olvedes waren ber�hmt, sie pflegten ihr Symbol auf ihren Werken zu hinterlassen. Nuramon l�ste das Wehrgeh�nge und nahm die R�stung vom St�nder. Auf ihrer Innenseite suchte er nach dem Zeichen des Meisters, der dieses Prachtst�ck gefertigt hatte. Er fand es am Brustst�ck versteckt. Eine Sonne war dort abgebildet. Darunter stand in kleinen Lettern: Xeldaric.</p><p>Nuramon war ger�hrt. Xeldaric galt als einer der besten R�stungsmacher, die es je gegeben hatte. Er war ins Mondlicht gegangen, nachdem er f�r die K�nigin sein Lebenswerk geschaffen hatte: eine vollst�ndige Albenr�stung. Nuramon war noch ein Kind gewesen, als er von dieser R�stung geh�rt hatte. Xeldaric war im Thronsaal der Burg ins Mondlicht gegangen, nachdem die K�nigin das Werk entgegengenommen hatte.</p><p>Eine R�stung aus den H�nden Xeldarics zu tragen war eine gro�e Ehre. Und selbst wer sich nicht die M�he machte, nach dem Zeichen des Meisters zu suchen, konnte erkennen, dass dieser Harnisch eine wahrhaft f�rstliche Gabe war. Auch wenn ihr auf den ersten Blick die Gleichf�rmigkeit eines Plattenpanzers fehlte, war jedes Teilst�ck der R�stung am rechten Platz und erz�hlte die Geschichte der Drachenjagd. Die gr�ne Haut der Drachen aus Olvedes war ebenso eingearbeitet wie das braune Leder der Drachen aus den W�ldern von Galvelun bis hin zu den roten Sonnendrachen von Ischemon. Zusammengenommen bildeten die Fragmente ein Mosaik aus Waldfarben, die flie�end ineinander �bergingen.</p><p>Nuramon h�ngte die R�stung wieder auf den St�nder. Nun griff er nach dem Schwertgurt, den er auf das Bett gelegt hatte. Er fand ein Schwert in einer schlichten Lederscheide. Der Wiegenknauf und die Parierstange waren aus Gold und aufw�ndig verziert, der Griff war aus Perlmutt- und Kupferstreifen gefertigt. Nuramon zog die Waffe aus der Scheide und hielt den Atem an. Die Klinge war aus Sternenglanz geschmiedet, einem Metall, das nur auf den h�chsten Gipfeln zu finden war. Diese Waffe war ein ebenso gro�es Meisterwerk wie die R�stung. In der Mitte der breiten Parierstange befanden sich verschlungene Runen. Erst auf den zweiten Blick erkannte Nuramon, was dort stand: Gaomee! Er hielt das Schwert der Gaomee in H�nden! Mit dieser Waffe hatte sie Duanoc besiegt. Und jetzt sollte er sie f�hren��</p></section><section><title><p>Der Ruf der K�nigin</p></title><p>Farodin hatte seine G�ste schon fr�h verabschiedet. Er wollte mit sich allein sein, um seine Gedanken zu ordnen. Doch dies war ihm kaum m�glich, denn aus dem Nachbarzimmer schallte der L�rm eines Gelages. Der Menschensohn war wahnsinnig! Niemand von Vernunft betrank sich in der Nacht vor der Elfenjagd. Und das wiehernde Lachen verriet, dass ihm Aigilaos bei dieser Torheit noch Gesellschaft leistete.</p><p>Er legte sich auf das harte Bett, das ihm aus anderen N�chten wie dieser vertraut war. Stille Freude �berkam ihn, als er an die Ereignisse des Abends zur�ckdachte. Endlich hatte er es gewagt, sich Noroelle zu offenbaren. Hatte es gewagt, in eigenen, unbeholfen gesetzten Worten von seiner Liebe zu sprechen. Und was tausend Lieder nicht vermocht hatten, hatten ihm einige wenige S�tze, die von Herzen gesprochen waren, schlie�lich beschert: Er war sich sicher, Noroelle an diesem Abend f�r sich gewonnen zu haben.</p><p>Ein leises Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Kobold mit einer gro�en Blendlaterne trat ein. �Entschuldige, dass ich deine Ruhe in der Nacht vor der gro�en Jagd st�re, Ehrenwerter, doch die K�nigin w�nscht dich zu sehen. Bitte folge mir.�</p><p>�berrascht streifte der Elf sein Gewand �ber. Was mochte geschehen sein?</p><p>Der Kobold sp�hte vorsichtig in den Gang hinaus. Seine Nasenfl�gel bl�hten sich, als n�hme er Witterung auf wie ein Sp�rhund. �Die Luft ist rein, Ehrenwerter�, fl�sterte er in verschw�rerischem Tonfall. Mit weiten S�tzen eilte er den Gang entlang und �ffnete eine T�r, die hinter einem Wandvorhang, der eine Hirschjagd zeigte, verborgen war. Er f�hrte Farodin eine enge Stiege hinauf, die sonst nur von Kobolden und Gnomen benutzt wurde. Unter einem Treppenabsatz �ffnete er eine zweite verborgene T�r, hinter der sich ein gekachelter Flur verbarg. Ab und an drehte sich der Kobold l�chelnd zu Farodin um. Offensichtlich genoss er die Rolle, die ihm Emerelle zugewiesen hatte.</p><p>Sie gelangten zu einer Wendeltreppe, die im Innern einer gro�en S�ule verborgen lag. Farodin vernahm schwach den Klang von Musik durch das Mauerwerk. Beklommen dachte er an das letzte Mal zur�ck, da Emerelle ihm einen geheimen Auftrag erteilt hatte. Wieder hatte er f�r sie t�ten m�ssen. W�hrend der Trollkriege vor siebenhundert Jahren war etwas in ihm zerbrochen. Nur die K�nigin wusste darum. Und sie hatte es sich zu Nutze gemacht. Er verbarg diese dunkle Seite seiner Seele. Bei Hof kannte man nur den glatten, ein wenig oberfl�chlichen Minnes�nger. Als er Noroelle zum ersten Mal begegnet war, war in ihm die Hoffnung aufgekeimt, wieder jener zu werden, der er einst gewesen war. Allein sie vermochte dieses Wunder zu vollbringen.</p><p>Der Kobold verharrte am Ende der Treppe vor einer Pforte aus grauem Holz. �Weiter darf ich dich nicht geleiten, Ehrenwerter.� Er gab Farodin die Laterne. �Du kennst den Weg. Ich werde hier warten.�</p><p>Farodin sp�rte einen leichten Luftzug auf seinem Gesicht, als er die Pforte durchschritt. Die Melodie eines altvertrauten Liedes schwang in der Luft. Seine Mutter hatte es ihm oft vorgesungen, als er noch ein Kind gewesen war. Es erz�hlte vom Auszug der Alben.</p><p>Der Gang f�hrte Farodin zur R�ckseite des Standbildes einer Dryade. Mit M�he zw�ngte er sich durch einen schmalen Spalt zwischen der Statue und dem Mauerwerk und fand sich auf jenem kleinen Balkon hoch �ber dem Saal der fallenden Wasser wieder. Ein Blick hinauf zeigte ihm ein Turmdach, das wie ein Meeresschneckenhaus in sich gedreht war.</p><p>�Es freut mich, dass du meinem Ruf so schnell gefolgt bist, Farodin�, erklang eine wohl vertraute Stimme. Der Elfenkrieger drehte sich um. Hinter ihm war Emerelle auf den Balkon getreten. Sie trug ein schlichtes wei�es Nachtgewand und hatte sich einen d�nnen Schal um die Schultern gelegt.</p><p>�Ich bin in gro�er Sorge, Farodin�, fuhr Emerelle fort. �Eine Aura des Unheils umgibt den Menschensohn. Er hat etwas an sich, das sich meiner Magie entzieht, und mich �ngstigt, auf welche Weise er hierher gelangt ist. Er ist das erste Menschenkind, das wir nicht gerufen haben. Nie zuvor ist eines von ihnen aus eigener Kraft durch die Pforten nach Albenmark gekommen.�</p><p>�Vielleicht war es nur ein Zufall�, wandte Farodin ein. �Eine Laune der Magie.�</p><p>Emerelle nickte bed�chtig. �Das mag sein. Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Da ist etwas jenseits des Steinkreises�� etwas, das sich vor meinem Blick verbirgt. Und Mandred ist damit verbunden. Ich bitte dich, Farodin, sei besonders wachsam, wenn du in die Andere Welt reitest. Mandreds Geschichte kann nicht stimmen! Ich habe mich lange mit den �ltesten beraten. Niemand von ihnen hat je zuvor von einem Manneber geh�rt.� Emerelle hielt inne, und als sie fortfuhr, klangen ihre Worte nicht l�nger besorgt, sondern k�hl und befehlsgewohnt.��Wenn der Menschensohn ein Betr�ger ist, Farodin, dann t�te ihn, so wie du den F�rsten von Arkadien und all die anderen Feinde von Albenmark f�r mich get�tet hast.�</p></section><section><title><p>Die Nacht in der Elfenburg</p></title><p>Mandred lehnte sich an die Flanke des Kentauren. Dieses rote Ges�ff, welches das Mannpferd mitgebracht hatte, hatte es wirklich in sich. Wein! Mandred hatte davon schon geh�rt, aber in Firnstayn trank man nur Met und Bier.</p><p>Schwankend hob er den schweren goldenen Becher. �Auf unsere Freundschaft, Aigil�� Ailalaos! Dein Name ist wirklich unaussprechlich.�</p><p>�Da solltest du erst einmal die Namen der Ein�ugigen von der Klippenburg h�ren�, erwiderte der Kentaur lallend. �Die Trolle von Dailos, die spinnen. Die sind so verr�ckt, die stechen sich ein Auge aus, um damit ihrem ber�hmtesten Helden zu huldigen.�</p><p>Mandred war beeindruckt. Das war Treue! So etwas w�rde es bei den Elfen gewiss nicht geben! Sie waren alle so�� Dem Krieger wollte kein passendes Wort einfallen. Kalt, glatt, �berheblich � Feiern konnten sie jedenfalls nicht! Dabei hatten sie doch die Trinkpokale mitgebracht und ihm diese kleine Festhalle zur �bernachtung angeboten. Als er mit Aigilaos richtig in Stimmung gekommen war, hatten sich die Elfen einer nach dem anderen verabschiedet. Weichlinge!��Ein Mann, der nicht trinken kann, ist kein richtiger Mann!�</p><p>�Jawohl!�, stimmte der Kentaur mit rauer Stimme zu.</p><p>Mandred taumelte ein wenig zur�ck, um mit Aigilaos noch einmal anzusto�en. Allerdings taugten diese goldenen Pokale dazu nicht richtig. Was die Elfen herstellten, sah zwar h�bsch aus, aber es war nicht wirklich robust. Sein Trinkbecher hatte l�ngst eine gro�e Delle. Mit Meth�rnern w�re das nicht passiert. Einen Augenblick lang sorgte sich Mandred, ob er deshalb �rger bekommen w�rde. Aber die Elfen hatten ihn reichlich beschenkt. Sollten sie sich wegen des Bechers anstellen, w�rde er ihnen einfach irgendeines der Geschenke zur�ckgeben.</p><p>Der Krieger betrachtete die Gaben, die aufgereiht auf einer steinernen Bank neben der T�r lagen. Ein Kettenhemd, wie es nicht einmal die F�rsten des Fjordlandes besa�en. Ein goldgefasster Spangenhelm mit einem angef�gten Kettengeflecht, das weit in den Nacken reichte. Ein reich bestickter lederner K�cher mit leichten Wurfspie�en. Eine Saufeder, deren langes Speerblatt bl�ulich schimmerte. Ein pr�chtiger Sattel mit silbernen Beschl�gen. Und die K�nigin hatte ihm versprochen, dass er morgen ein Pferd aus ihrem eigenen Stall bekommen w�rde. Eines, das gewillt sei, auch einen Menschensohn zu tragen, so hatte sie gesagt. Mandred schnaubte �rgerlich. Als ob ein Gaul ihm �rger machen w�rde! Wenn das Vieh sich danebenbenahm, w�rde er ihm einfach mit der Faust auf den Kopf hauen, das hatte bisher immer geholfen. Niemand mochte das, nicht einmal st�rrische Pferde.</p><p>�Du siehst betr�bt aus, Freund.� Aigilaos legte Mandred einen Arm um die Schultern.��Wir werden das Ungeheuer schon zur Strecke bringen. Du wirst sehen. Morgen Abend stecken wir den Kopf von dem Vieh auf einen Pfahl und stellen ihn mitten in dein Dorf.�</p><p>�Man sollte die Haut des Drachens nicht verteilen, bevor man ihn erlegt hat�, erklang eine vertraute Stimme.</p><p>Mandred fuhr herum. In der T�r stand Ollowain, in makelloses Wei� gekleidet. Mit einem weiten Schritt setzte der Elf �ber einen Haufen Pferde�pfel hinweg, die das farbenpr�chtige Mosaik auf dem Boden verunzierten. �Ihr habt es geschafft, dem Jagdzimmer den Charme eines Stalls zu verleihen�, sagte er und setzte dazu ein schmallippiges L�cheln auf.��In all den Jahrhunderten, in denen die Elfenjagd besteht, hat das noch niemand vollbracht.�</p><p>Mandred stellte sich dem Elfen breitbeinig in den Weg. �Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde die Jagd auch noch nie von einem Menschen angef�hrt.�</p><p>Ollowain nickte bed�chtig. �Selbst die M�chtigen machen mitunter Fehler.� Er griff nach dem Wehrgeh�nge um seine H�ften und l�ste es. Sorgf�ltig wickelte er den silberbeschlagenen G�rtel um die Schwertscheide, dann reichte er Mandred die Waffe.��Ich h�tte dich nicht schlagen d�rfen.�</p><p>Mandred blickte verwundert auf das schlanke Schwert, nahm es aber nicht an.��Warum?� Er h�tte sich nicht anders verhalten als Ollowain. Was sollte daran unehrenhaft sein, jemanden zu verpr�geln, der so dumm war, einen �berlegenen Gegner herauszufordern?</p><p>�Es ziemt sich nicht. Du bist ein Gast der K�nigin.� Der Elf deutete auf den Schnitt in seinem Umhang.��Du h�ttest mich um ein Haar getroffen. Du � ein Mensch! Das hat mich erz�rnt�� Wie auch immer, ich h�tte dich nicht schlagen d�rfen. Du warst gut � f�r einen Menschen.�</p><p>Mandred griff nach dem Schwert. Es war die Waffe, mit der er gegen Ollowain gek�mpft hatte. Ein Schwert, wie f�r einen K�nig geschaffen. �Eigentlich bin ich im Kampf mit dem Schwert nicht sonderlich gut�, erwiderte Mandred grinsend. �Du h�ttest mir eine Axt geben sollen.�</p><p>Ollowains Augenbrauen zuckten leicht, ansonsten blieb sein Gesicht eine ausdruckslose Maske. Er griff unter seinen Umhang und holte einen fingerdicken roten Zopf hervor. �Das geh�rt dir, Menschensohn.� Seine Augen funkelten.</p><p>Mandred brauchte einen Augenblick, bis er begriff, was Ollowain ihm da reichte. Erschrocken tastete er nach seinem Haar. Dicht �ber seiner Schl�fe fand er den kurzen, verst�mmelten �berrest eines Zopfes. Hei�e Wut wallte in ihm auf.��Du�� du hast mich verst�mmelt, du hinterh�ltiger Bastard! Du�� Missgeburt. Elfenbrut!� Mandred wollte das Schwert ziehen, doch der G�rtel war um Parierstange und Scheide gewickelt, sodass er die Klinge kaum einen Zoll weit herausbrachte. W�tend schleuderte er die Waffe weg und hob die F�uste. �Ich schlag dir deine sch�ne gerade Nase zu Brei!�</p><p>Der Elf wich dem Hieb mit einem t�nzelnden Schritt aus.</p><p>�Dem verpassen wir &#x2B9;ne Abreibung!�, gr�lte Aigilaos und b�umte sich auf den Hinterbeinen auf.</p><p>Ollowain tauchte unter den wirbelnden Vorderhufen hinweg, kam in flie�ender Bewegung wieder auf die Beine und verpasste dem Kentauren einen Sto� in die Flanke.</p><p>Aigilaos stie� einen w�tenden Schrei aus. Seine Hufe gerieten auf dem glatten Mosaikboden ins Rutschen. Er schlitterte durch eine Pf�tze vergossenen Weins.</p><p>Mandred wollte dem st�rzenden Kentauren aus dem Weg springen, doch sein Freund breitete in dem verzweifelten Versuch, sich an ihm festzuhalten, die Arme weit aus. So schlugen beide gemeinsam auf den Boden. Der harte Aufprall presste Mandred die Luft aus den Lungen. Einen Moment lang rang er keuchend nach Atem. Halb unter dem Kentauren begraben, war er kaum in der Lage, sich zu r�hren.</p><p>Ollowain packte ihn beim Arm und zog ihn unter Aigilaos hervor, als dieser einen vergeblichen Versuch machte, sich wieder aufzurichten.</p><p>�Atme flach!�, befahl der Elf.</p><p>Mandred hechelte wie ein Hund. Ihm wurde schwindelig. Endlich, endlich kehrte der Atem zu ihm zur�ck.</p><p>�Wie kann man nur so �berheblich sein, sich am Abend vor einer gef�hrlichen Jagd zu betrinken!� Ollowain sch�ttelte den Kopf. �Du schaffst es jedes Mal, wenn ich dich sehe, dass ich die Beherrschung verliere, Mandred Menschensohn! Wenn du schon nicht an dich denkst, dann denke an die M�nner und Frauen, die dich begleiten werden. Du bist morgen der Anf�hrer, du tr�gst die Verantwortung f�r sie! Ich schicke dir ein paar Kobolde, die diesen Stall hier ausmisten, euch den Wein wegnehmen und ein paar Eimer Wasser hier lassen. Ich hoffe, ihr kommt bis morgen fr�h wieder halbwegs zu Verstand.�</p><p>�Mutters�hnchen�, lallte Aigilaos.��Einer wie du kann einen richtigen Mann niemals verstehen.�</p><p>Der Elf l�chelte. �In der Tat, ich habe noch nie versucht, mir vorzustellen, was ein Pferd wohl denken mag.�</p><p>Mandred schwieg. Am liebsten h�tte er Ollowain niedergeschlagen, aber ihm war klar, dass er gegen den Elfen niemals bestehen w�rde. Und was noch schlimmer war: Im Innersten seines Herzens wusste er, dass Ollowain im Recht war. Es war dumm, sich zu betrinken. Der s��e, s�ffige Wein hatte ihn verf�hrt. Und er hatte die Angst bet�ubt. Die Angst davor, dass Freya nicht mehr lebte, und die Angst, dem Manneber noch einmal entgegentreten zu m�ssen.</p></section><section><title><p>Der Abschied</p></title><p>Selten war der Thronsaal so belebt gewesen wie an diesem Morgen. Noroelle stand nahe einer der W�nde, an der das Wasser leise fl�sternd herablief. An ihrer Seite war ihre Vertraute Obilee; sie war erst f�nfzehn Jahre alt und von zierlicher Gestalt. Die Gestik zeigte ihre Scheu, die Mimik ihre Neugier. Wie Noroelle stammte sie aus Alvemer und erschien ihr wie die kleine Schwester, die sie sich immer gew�nscht hatte. Obilee hatte mit dem blonden Haar und den gr�nen Augen �u�erlich zwar kaum etwas mit ihr gemein, dennoch waren sie einander so vertraut wie Geschwister. Wie Noroelle war sie fr�h aus der Heimat fortgegangen. Allerdings war Noroelle einst mit ihren Eltern hierher gekommen, w�hrend Obilee von ihrer Gro�mutter in Noroelles Obhut gegeben worden war.</p><p>�Sieh nur, Noroelle�, fl�sterte Obilee. �Alle schauen dich an. Sie sind neugierig, was du deinen Liebsten mit auf den Weg gibst. Sei vorsichtig! Sie werden auf jede Geste und auf jedes Wort achten.� Sie kam nahe an Noroelles Ohr.��Das ist die Stunde, in der neue Br�uche geboren werden.�</p><p>Noroelle schaute sich rasch um. So viele Augenpaare auf sich gerichtet zu sp�ren bereitete ihr Unbehagen. Obwohl sie oft am Hofe war, hatte sie sich noch nicht daran gew�hnt. Leise erwiderte sie:��Du irrst dich. Es ist das Kleid, das sie betrachten. Du hast dich diesmal selbst �bertroffen. Man k�nnte meinen, du h�ttest Feenh�nde.�</p><p>�Vielleicht ist es etwas von beidem�, sagte Obilee l�chelnd. Dann schaute sie an Noroelle vorbei und machte ein erstauntes Gesicht.</p><p>Noroelle folgte dem Blick ihrer Vertrauten und sah Meister Alvias, der an sie herantrat und freundlich nickte. �Noroelle, die K�nigin w�nscht dich an ihrem Thron zu sehen.�</p><p>Die Elfe bemerkte die vielen neugierigen Blicke, verbarg aber ihre Unsicherheit. �Ich werde dir folgen, Alvias.� Dann wandte sie sich an Obilee.��Komm mit!�</p><p>�Aber sie will doch nur���</p><p>�Komm mit mir, Obilee!� Noroelle fasste die junge Elfe bei der Hand.��H�r gut zu! Wir werden jetzt vor die K�nigin treten, und sie wird mich fragen, wer du bist.�</p><p>�Aber die K�nigin kennt mich doch, oder? Sie kennt doch jeden hier.�</p><p>�Du wurdest ihr aber noch nicht vorgestellt. Wenn ich deinen Namen genannt habe, geh�rst du zur Hofgesellschaft.�</p><p>�Aber was muss _ich_ sagen?�</p><p>�Nichts. Es sei denn, die K�nigin fragt dich etwas.�</p><p>Alvias schwieg; weder ein Schmunzeln noch Argwohn waren in seiner Miene zu sehen. So folgten Noroelle und Obilee dem Meister zum Thron der K�nigin. All jene, an denen sie vor�bergingen, begegneten Noroelle mit respektvollen Worten und Gesten. Vor der K�nigin angekommen, trat Meister Alvias zur Seite, w�hrend Noroelle und Obilee ihr Haupt senkten.</p><p>�Sei gegr��t, Noroelle.� Emerelle schaute zu Obilee und fragte:��Wen bringst du mir?�</p><p>Noroelle wandte sich halb um und deutete mit eleganter Geste auf die junge Elfe.��Dies ist Obilee. Sie ist die Tochter Halvarics und Orones aus Alvemer.�</p><p>Emerelle l�chelte die junge Elfe an. �Damit stammst du aus der Sippe der gro�en Danee. Du bist ihre Urenkelin. Wir alle werden deinen Weg beobachten. Bei Noroelle bist du in guten H�nden.�� Noroelle, mir ist zu Ohren gekommen, dass dich ein Band mit der Elfenjagd verbindet.�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Du bist die Minneherrin von Farodin und Nuramon.�</p><p>�Ja, das ist wahr.�</p><p>�Eine Elfenjagd, bei der Minneherrin und K�nigin sich nicht einig sind, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt. So frage ich dich: Wirst du als Minneherrin deine Liebsten zur Elfenjagd freigeben?�</p><p>Noroelle musste an die Furcht denken, die in der Nacht ihre Tr�ume begleitet hatte; sie hatte Farodin und Nuramon leiden sehen. Trotz ihres Stolzes auf die beiden w�re es ihr lieb gewesen, wenn sie nicht an der Jagd h�tten teilnehmen m�ssten. Aber die Frage der K�nigin war nur eine Geste. Noroelle stand es nicht frei, Emerelle den Wunsch abzuschlagen. Wenn die K�nigin um die Hilfe ihrer Liebsten bat, dann konnte sie ihr diese nicht verwehren. Sie seufzte leise und merkte, dass Schweigen im Saal eingekehrt war. Allein das Rauschen des Wassers war noch zu vernehmen. �Ich werde sie dir f�r die Elfenjagd �berlassen�, sagte Noroelle schlie�lich. �Was _du_ ihnen auftr�gst, das werden sie f�r _mich_ tun.�</p><p>Emerelle erhob sich und trat an Noroelle heran. Sie sagte:��So sind K�nigin und Minneherrin vereint.� Dann fasste sie Noroelle und Obilee bei den H�nden und f�hrte sie die Stufen hinauf neben ihren Thron, um sich wieder zu setzen.</p><p>Noroelle hatte oft hier gestanden, doch wie jedes Mal f�hlte sie sich fehl am Platze. In den Augen vieler stand Bewunderung, in manchen aber auch leiser Spott. Weder das eine noch das andere behagte ihr.</p><p>Die K�nigin bedeutete Noroelle mit einer knappen Geste, sich zu ihr hinabzubeugen. �Vertrau mir, Noroelle�, fl�sterte sie in ihr Ohr.��Ich habe viele auf die Jagd geschickt. Und Farodin und Nuramon werden wiederkehren.�</p><p>�Ich danke dir, Emerelle. Und ich vertraue dir.�</p><p>Meister Alvias trat nun an die K�nigin heran. �Emerelle, sie warten vor dem Tor.�</p><p>Die K�nigin nickte Alvias zu. Dieser wandte sich um, breitete die Arme aus und rief mit wohlt�nender Stimme: �Die Elfenjagd steht vor dem Tor.� Er wies mit dem Finger auf die andere Seite des Saales.��Einmal entfesselt, werden sie ihrem Ziel nachjagen, bis sie ihre Aufgabe erledigt haben oder aber gescheitert sind. Wenn wir dieses Tor �ffnen, dann gibt es f�r die Jagd kein Zur�ck mehr.� Er schritt durch die breite Gasse, die sich in der Mitte des Saales formte. �Wie immer m�sst ihr die K�nigin beraten.� Er musterte einige der Anwesenden, offenbar stellvertretend f�r alle. Dann sprach er weiter: �Erw�gt die Lage. Eine m�chtige Bestie! In den Menschengefilden! Nahe unseren Grenzen! Soll die K�nigin das Tor geschlossen halten und damit hinnehmen, dass dort drau�en etwas umherstreift, das auch uns einst gef�hrlich werden k�nnte? Oder soll sie das Tor �ffnen, auf dass wir die Menschen des Fjordlandes von der Bestie befreien? Beide Pfade k�nnen Gl�ck oder Verderben bedeuten. Bleibt das Tor geschlossen, mag die Bestie eines Tages ihren Weg zu uns finden. �ffnen wir das Tor, mag es sein, dass Elfenblut vergossen wird, um den Menschen zu dienen. Ihr habt die Wahl.� Alvias deutete mit sanfter Geste auf Emerelle. �Ratet der K�nigin, wie sie sich entscheiden soll!� Mit diesen Worten kehrte Alvias zu Emerelle zur�ck und verbeugte sich vor ihr.</p><p>Die Blicke der Anwesenden wanderten zwischen dem Tor und der K�nigin hin und her. Bald wurden die ersten Stimmen laut, die Emerelle rieten, sie solle das Tor �ffnen. Es gab aber auch etliche, die sich dagegen aussprachen. Noroelle sah, dass Nuramons Verwandtschaft dazugeh�rte. Sie hatte es nicht anders erwartet. Die Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben; doch es war nicht die Angst um Nuramon, sondern die um Nuramons Tod und dessen Folgen.</p><p>Die K�nigin fragte den einen oder anderen, wieso er sich f�r dieses oder jenes entschieden hatte, und lauschte geduldig den Erkl�rungen. Dieses Mal h�rte sie sich mehr Stimmen an als sonst. Als sie Elemon fragte, einen Onkel Nuramons, wieso er das Tor geschlossen sehen wollte, sagte dieser: �Weil daraus, wie Alvias sagte, Ungemach erwachsen kann.�</p><p>�Ungemach?� Die K�nigin musterte ihn eindringlich. �Du hast Recht. Das mag geschehen.�</p><p>Nun trat Pelveric aus Olvedes vor. Sein Wort z�hlte viel bei den Kriegern. �Emerelle, bedenke das Elfenblut, das vergossen werden k�nnte. Warum sollen wir den Menschen helfen? Was gehen uns deren Schwierigkeiten an? Wann haben sie uns das letzte Mal geholfen?�</p><p>�Das ist lange her�, war alles, was Emerelle zu Pelveric sagte. Schlie�lich wandte sie sich Noroelle zu und fl�sterte:��_Deinen_ Rat will ich h�ren.�</p><p>Noroelle z�gerte. Sie k�nnte der K�nigin raten, das Tor geschlossen zu halten. Sie k�nnte wie so viele von Elfenblut und der Undankbarkeit der Menschen sprechen. Doch sie wusste, dass aus solchen Worten nichts anderes als die Angst um ihre Liebsten spr�che. Hier aber ging es um mehr als um sie. Leise sagte sie: �Mein Herz hat Angst um meine Liebsten. Und doch ist es richtig, das Tor zu �ffnen.�</p><p>Die K�nigin erhob sich w�rdevoll. Das Rauschen des Wassers an den W�nden schwoll langsam an. Mehr und mehr Wasser drang aus den Quellen, lief die W�nde hinab und ergoss sich rauschend in die Bassins. Emerelles Blick war auf das Tor gerichtet. Sie schien nicht zu bemerken, wie sich der glitzernde Wasserdunst in der Luft verteilte, nach oben zur weiten Decken�ffnung des Saales stieg und dort unter dem Licht der Sonne einen breiten Regenbogen erscheinen lie�. Pl�tzlich gl�hten die W�nde hinter dem Wasser auf. Es zischte, und ein Lufthauch wehte durch den Saal. Die Torfl�gel schlugen zur Seite und gaben den Blick auf die Jagdgemeinschaft frei. Das Wasser beruhigte sich, doch der Dunst und der Regenbogen blieben.</p><p>Die Gef�hrten verharrten kurz unter dem Torbogen, bevor sie eintraten. An der Spitze ging Mandred der Menschensohn, der mit gro�er Verwunderung den Regenbogen betrachtete, dann aber der K�nigin entgegenblickte. Links und rechts dahinter kamen Farodin und Nuramon, hinter ihnen wiederum Brandan der F�hrtensucher, Vanna die Zauberin, Aigilaos der Bogensch�tze und Lijema die Wolfsmutter. Es war ungewohnt, einen Menschen als Teil der Elfenjagd zu sehen, obwohl er von seinem Wesen her den Elfen �hnlicher war als Aigilaos der Kentaur. Doch in all den Jahren hatte man sich daran gew�hnt, dass Kentauren Teil der Elfenjagd sein mochten. Aber ein Mensch? Dass Mandred an der Spitze ging, lie� das Geschehen noch befremdlicher erscheinen. Stets hatte ein Elf die Jagd angef�hrt.</p><p>Nuramon und Farodin erinnerten an die Helden der Sage. Farodin bot wie gewohnt einen makellosen Anblick, w�hrend Nuramon erstmals auch in den Augen der anderen dem Ideal entsprach. Noroelle konnte es deutlich in den Gesichtern der Umstehenden erkennen. Sie freute sich dar�ber. Selbst wenn sein Ansehen nur von kurzer Dauer sein sollte, diesen Augenblick konnte ihm keiner nehmen.</p><p>Die Gemeinschaft schritt der K�nigin entgegen. Als sie vor der Treppe zum Thron angekommen waren, beugten die Elfen das Knie vor Emerelle, und selbst der Kentaur war bem�ht, sich so weit wie m�glich zu neigen. Nur Mandred blieb aufrecht stehen, er schien von der Art der Ehrerbietung seiner Gef�hrten �berrascht zu sein. Er war im Begriff, es ihnen nachzutun, als die K�nigin sich in seiner Sprache an ihn wandte. �Nein, Mandred. In der Anderen Welt bist du der Jarl deiner Gemeinschaft�� ein Menschenf�rst. Du brauchst das Knie nicht vor der Elfenk�nigin zu beugen.�</p><p>Mandred machte ein erstauntes Gesicht und schwieg.</p><p>�Ihr anderen: erhebt euch!� Auch diese Worte sprach Emerelle auf Fjordl�ndisch. Einige der Anwesenden waren dieser Sprache offenbar nicht m�chtig und blickten verstimmt drein.</p><p>Fjordl�ndisch! Noroelles Eltern hatten ihr viele Menschensprachen beigebracht, und doch hatte Noroelle Albenmark noch nie verlassen. Das wilde Land der Menschen hatte sie sich bislang nur in ihrer Vorstellung ausmalen k�nnen.</p><p>Die K�nigin wandte sich wiederum an Mandred.��Du hast aus meinen H�nden eine zweifache W�rde empfangen. Du bist der erste Menschensohn, der Teil der Elfenjagd ist. Und ich habe dich au�erdem zum Anf�hrer berufen. Ich kann von dir nicht erwarten, dass du dich wie ein Elf benimmst. Deine Wahl hat viele Albenkinder emp�rt. Aber die Macht Atta Aikhjartos ist in dir lebendig. Ich vertraue deinem Gesp�r. Keiner von uns kennt deine Heimat so, wie du sie kennst. Du wirst deinen Gef�hrten ein guter Anf�hrer sein. Aber bei allem, was du tust, vergiss nicht, was du mir versprochen hast.�</p><p>�Ich halte mein Verspechen, Herrin.�</p><p>Noroelle hatte erfahren, welchen Pakt der Menschsohn mit der K�nigin geschlossen hatte. Sie musterte Mandred und war von seinem Auftreten �berrascht. Bisher hatte sie keine Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen, da sie erst sp�t am vergangenen Abend an den Hof gekommen war. Und in den Palastfl�gel, in dem die Gem�cher der Elfenj�ger lagen, hatte sie sich nicht vorgewagt. Doch sie hatte die verschiedenen Ger�chte �ber Mandred geh�rt, wenngleich nicht alle zu ihm passen wollten. Gewiss, er war breit wie ein B�r und sah auf den ersten Blick bedrohlich aus mit all seinem Haar, das rot war wie der Sonnenuntergang und ihm ungez�gelt auf die Schultern fiel. Er hatte einige d�nne Z�pfe hineingeflochten und trug einen Bart wie viele der Kentauren. Seine Z�ge waren grob, aber ehrlich. Er erschien ihr ungew�hnlich blass, und dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. Vielleicht hatte er vor Aufregung nicht geschlafen? Gewiss war er sehr stolz auf die Ehrung durch die K�nigin. Er trug nun gro�e Verantwortung. Noroelle erschauderte bei dem Gedanken, welchen Preis er f�r die Hilfe zu zahlen hatte. Sie w�rde ihr Kind niemals aufgeben, wenn sie �berhaupt einmal eines bekommen sollte. Nachdenklich musterte sie ihre beiden Geliebten. Die Frage war wohl nicht, ob, sondern mit wem sie ein Kind bekommen w�rde.</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken geh�rt, musterte Mandred sie kurz und l�chelte dann. Obilee fasste ihre Hand. Sie zitterte. Noroelle blieb ruhig und schaute dem Menschensohn in die blauen Augen. Das war nicht der l�sterne Blick, von dem man sich hier am Hof erz�hlte. So grob seine Gestalt auch wirkte, so viel Gef�hl lag in seinen Augen. In seiner Gegenwart konnte man sich sicher f�hlen, und ihm konnte sie beruhigt ihre beiden Liebsten anvertrauen. Sie blickte zu Nuramon und Farodin. Seit sie vor zwanzig Jahren ihre Liebe zu ihr erkannt hatten, war stets einer der beiden in ihrer N�he gewesen. Nun w�rde sie f�r unbestimmte Zeit allein sein.</p><p>�Ihr wisst, was zu tun ist�, sagte die K�nigin.��Ihr seid ausgestattet und ausgeruht. Seid ihr bereit zu gehen?�</p><p>Jeder der Elfenj�ger antwortete einzeln mit den Worten:��Ich bin bereit.�</p><p>�Farodin und Nuramon, tretet vor!� Die beiden taten, was Emerelle verlangte. �Ich bin eure K�nigin, und ihr steht unter meinem Schutz. Aber ihr dient auch einer Minneherrin. Und ich kann nicht f�r sie sprechen. Sie hat entschieden.� Sie ging zu Noroelle und f�hrte sie die Stufen hinab zu Farodin und Nuramon. Obilee folgte. �Hier ist sie.�</p><p>Noroelle nahm die beiden M�nner bei der Hand und sagte:��Dient ihr mir, dann dient ihr der K�nigin.�</p><p>�So werden wir stets der K�nigin dienen�, erkl�rte Farodin darauf.</p><p>�M�gen unsere Taten euch beide erfreuen�, setzte Nuramon nach.</p><p>Sie k�ssten ihre H�nde.</p><p>Noroelle wusste, dass nun der Abschied bevorstand. Doch es war zu fr�h, sie wollte ihren Liebsten nicht hier vor den Augen aller Lebewohl sagen.��Eure Minneherrin hat noch einen Wunsch. Sie m�chte euch bis zum Tor des Aikhjarto begleiten.�</p><p>Farodin tauschte einen Blick mit Nuramon. �Wir m�ssen tun, was die Minneherrin verlangt.�</p><p>Die K�nigin l�chelte und nahm Noroelle wie auch Obilee bei der Hand. �Hier, Mandred, bringe ich dir zwei, die bis zum Tor unter deinem Schutz stehen. Behandle sie gut.�</p><p>�Das werd ich.�</p><p>Die K�nigin blickte nach oben, als k�nnte sie im Schein der ged�mpften Sonne etwas sehen, das den Augen der anderen verborgen war. �Der Tag ist noch jung, Mandred! Geh und rette dein Dorf!�</p><p>So setzte sich Mandred an die Spitze der Elfenjagd, und Noroelle und Obilee gingen in der Mitte. Auf dem Weg w�nschten die Albenkinder den Gef�hrten Gl�ck. Noroelle warf einen Blick zur K�nigin zur�ck und sah, wie diese vor ihrem Thron stand und mit sorgenvoller Miene hinter der Gemeinschaft her schaute. Hatte sie etwa Sorge, dass ihnen etwas zustie�e? Wenn es sich so verhielt, dann hatte Emerelle ihre Bef�rchtungen bisher gut verborgen.</p><p>Obilee riss Noroelle aus ihren Gedanken. �Ich w�nschte, ich w�re auch bei der Elfenjagd�, sagte sie.</p><p>�Im Augenblick sieht es so aus, als w�rst du es.�</p><p>�Du wei�t, was ich meine�, entgegnete Obilee.</p><p>�Nat�rlich. Aber hast du nicht geh�rt, was die K�nigin zu dir gesagt hat? Und habe ich dich nicht auch oft darauf aufmerksam gemacht, dass du so aussiehst wie Danee? Eines Tages wirst auch du zu solchen Ehren kommen, als gro�e Zauberin, die zugleich eine Meisterin des Schwertes ist.�</p><p>Die Gemeinschaft schritt entschlossen durch die Hallen ins Freie. Der Burghof war voller Albenkinder. Selbst die Kobolde und die Gnome waren gekommen, um den Auszug der Elfenjagd zu sehen. Eine Jagd, die von einem Menschen angef�hrt wurde, war etwas Besonderes. Von diesem Tag w�rde man sich noch in vielen Jahren erz�hlen.</p><p>Die Pferde f�r die Gef�hrten standen bereit, die Ausr�stung war schon verstaut. Nur der Kentaur Aigilaos band sich noch einige Beutel auf den R�cken und fluchte leise �ber seinen verspannten Nacken. Er hatte es in der letzten Nacht offenbar nicht besonders bequem gehabt.</p><p>W�hrend Meister Alvias zwei weitere Pferde holte, betrachtete Noroelle Farodin und Nuramon. Sie erschienen mit einem Mal so unsicher. Schon bald w�rden beide von ihr getrennt sein. Welche Worte w�rden sie in dieser Lage finden? Was mochte die Geliebte tr�sten?</p><p>�Ist die Elfenjagd bereit?�, fragte Mandred, wie es das Hofzeremoniell forderte. Die Gef�hrten nickten, und der Menschensohn rief:��Dann los!�</p><p>Die Elfenjagd machte sich auf den Weg. An der Spitze ritt der Menschensohn, dahinter Noroelle. Zu ihrer Linken war Nuramon, zu ihrer Rechten Farodin. Hinter ihr ritt Obilee, die von Brandan, Vanna und Aigilaos umgeben war. Lijema bildete den Schluss. Laute Abschiedsrufe begleiteten sie zum Tor; die Kobolde waren dabei nicht zu �berbieten.</p><p>Kaum hatte die Gemeinschaft das Tor hinter sich gelassen, glaubte Noroelle ihren Augen nicht zu trauen. Auf der weiten Wiese hatten sich so viele Albenkinder wie wohl nie zuvor eingefunden. Sie alle wollten den Ausritt der Elfenjagd beobachten. �ber der Wiese glitzerten die Fl�gel der Auenfeen im Sonnenlicht; die Feen waren neugierig, das war bekannt. Nahe dem Weg, den sie nahmen, standen Elfen aus dem Herzland und auch den fernsten Marken des K�nigreichs. Manche hatten es gestern wohl nicht mehr zum Hof geschafft, wollten sich nun aber den Auszug der Elfenjagd nicht entgehen lassen. Von hier und dort kamen den Gef�hrten Gr��e entgegen. Selbst auf den H�geln am Wald standen Elfen vor den H�usern der Abgesandten und winkten ihnen zu.</p><p>Mit einem Mal sah Noroelle eine kleine Fee neben Mandreds Kopf fliegen. Der Mensch schlug nach ihr wie nach einem l�stigen Insekt, verfehlte sie aber. Die Fee schrie und kam zu Noroelle geflogen. Mandred schaute sich um. Er hatte den Schrei geh�rt, konnte die Fee aber offenbar nicht sehen.</p><p>Allm�hlich erh�hte er das Tempo. Er schien Gefallen daran gefunden zu haben, ein Elfenross zu reiten. Hoffentlich st�rzte er nicht. Es hie�, er h�tte sich auf dem R�cken von Aigilaos nicht besonders geschickt angestellt.</p><p>Als sie die Albenkinder mit ihren Gru�worten hinter sich gelassen hatten und die offenen Wiesen vor ihnen lagen, ritt Lijema rechts an ihnen vorbei und war kurz darauf neben Mandred angelangt. Dieser schaute sie �berrascht an. Lijema aber nahm ihre Holzfl�te vom G�rtel und blies hinein. Obwohl sich deutlich sichtbar ihre Backen bl�hten, war kein Laut zu vernehmen.</p><p>Kurz darauf rief Obilee: �Schaut nur, dort!� Sie deutete nach rechts. Etwas Wei�es l�ste sich aus dem Schatten des Waldes und n�herte sich rasch.</p><p>�Da sind sie!�, rief Aigilaos.</p><p>�Es sind sieben!�, erkl�rte Nuramon.</p><p>�Sieben?�, fragte Farodin.��Unglaublich!�</p><p>Mandred drehte sich im Sattel.��Sieben was?�</p><p>Noroelle kannte die Antwort, so wie jedes Albenkind. Es waren die wei�en W�lfe der Elfenjagd. Niemand konnte sagen, wie viele der Jagd folgen w�rden, bis sie sich hinzugesellten. Je mehr es waren, desto wichtiger war die Angelegenheit und umso gr��er die Gefahr. Zumindest erz�hlte man es sich so.</p><p>�Das sind unsere W�lfe!�, rief Lijema Mandred entgegen.</p><p>�W�lfe? Verdammt gro�e W�lfe sind das!�</p><p>Noroelle musste schmunzeln. Die W�lfe mit ihrem wei�en, dichten Fell waren so gro� wie Ponys.</p><p>�Sind die gef�hrlich?�, h�rte sie Mandred fragen. Aber Lijema verstand ihn wegen des l�rmenden Hufschlags nicht.��Sind die gef�hrlich?�, wiederholte er lauter.</p><p>Lijema l�chelte.��Aber nat�rlich.�</p><p>Als die W�lfe sie eingeholt hatten, setzten sich vier an die Spitze der Jagd. Je einer hielt sich links und rechts der Gemeinschaft. Der siebte Wolf aber lief direkt an Lijemas Seite.</p><p>Bald erreichten sie den Waldrand und hielten an, um einen letzten Blick zur�ck auf die Burg der K�nigin zu werfen. Selbst Mandred schien ber�hrt zu sein.</p><p>Farodin und Nuramon konnten sich dem Anblick ebenfalls nicht entziehen. Besonders Nuramons Gesicht verriet die insgeheime Sorge, w�hrend Farodin versuchte, seine Gef�hle verborgen zu halten. Noroelle aber blickte hinter seine Maske der Gelassenheit.</p><p>Die W�lfe waren ungeduldig und umringten Mandreds Pferd. Der Menschensohn schien nicht recht zu wissen, wie er den Tieren begegnen sollte. St�ndig behielt er die W�lfe im Auge. Er musste wohl schlechte Erfahrungen gemacht haben, dachte Noroelle. Vielleicht waren W�lfe in seiner Welt eine Gefahr f�r Leib und Leben, so wie es die W�lfe in Galvelun f�r die Albenkinder waren. Als Mandred Noroelles Blick bemerkte, beugte er sich im Sattel hinab. Als wollte er seinen Mut beweisen, strich er dem gr��ten Wolf �ber das Nackenfell. Das gefiel dem Tier! �Sollen wir reiten?�, fragte der Menschensohn. Der Wolf knurrte und musterte Mandred dann.</p><p>Lijema musste lachen.��Der spricht kein Fjordl�ndisch. Aber er mag dich.� Auf Elfisch erkl�rte Lijema den W�lfen, warum sie Mandred nicht verstehen konnten, und �bersetzte dann, was der Menschensohn gefragt hatte. Der Wolf legte den Kopf schief, dann wurde er mit einem Mal unruhig. Auch die anderen lie�en sich davon anstecken und liefen umher, mal voran, dann wieder zur�ck zu Mandred. Die W�lfe wollten weiter.</p><p>�Verstehen die denn, was du sagst?�</p><p>�Jedes Wort. Die sind kl�ger als mancher Elf. Das darfst du mir glauben.�</p><p>�Und sie? Wie sprechen sie?�, wollte Mandred wissen.</p><p>Lijema strich dem gr��ten unter den wei�en W�lfen �ber das Fell. �Sie haben ihre eigene Sprache. Und ich beherrsche sie.�</p><p>Noroelle musste schmunzeln. Dieser Mensch war leicht zu durchschauen. Wie er den gro�en Wolf betrachtete, wie er die eine Augenbraue hochzog und sich gleichzeitig auf die Lippe biss, konnte er nur eines denken: Ein solcher Wolf w�re ein vollkommener Jagdgef�hrte.</p><p>�Die sind sicher die besten Jagdgef�hrten�, sagte Mandred.</p><p>Noroelle musste sich beherrschen, um nicht laut zu lachen.</p><p>�Gewiss�, antwortete Lijema dem Menschensohn.</p><p>�Sind sie so treu wie Hunde?�</p><p>Lijema lachte ausgelassen.��Nein, mit Hunden kannst du sie nicht vergleichen. Sie sind viel kl�ger. Sag noch mal, was du eben gesagt hast.�</p><p>�Auf Fjordl�ndisch?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sollen wir reiten?�</p><p>Und wieder wurden die Tiere unruhig und warteten darauf, dass es endlich weiterging.</p><p>�Na dann los!�, rief Mandred, und die Gemeinschaft setzte ihren Weg fort.</p><p>Das Schweigen zwischen Noroelle und ihren Liebsten hielt an. Die sieben W�lfe sch�rten Noroelles Sorge um ihre Liebsten. Die Tiere hatten ein Gesp�r daf�r, wie gro� die Gefahr war, welche die J�ger erwartete. Sie entschieden selbst, wie gro� die Meute sein sollte, die sich der Elfenjagd anschloss. Als Gaomee gegen den Drachen Duanoc geritten war, hatten sie acht W�lfe begleitet. Was mochte das nur f�r eine Kreatur sein, die dort jenseits des Steinkreises lauerte? Zwar vertraute Noroelle auf die F�higkeiten ihrer Liebsten, aber selbst gro�e Helden waren schon im Kampf gestorben. Was, wenn das Schlimmste geschah? Was, wenn Nuramon sich t�uschte und eine Elfenseele, die in den Menschenreichen starb, nicht in Albenmark wiedergeboren wurde?</p><p>Sie kamen an der Fauneneiche und an Noroelles See vorbei. Gestern noch war sie hier mit Farodin und Nuramon gewesen. Noroelle fragte sich, ob ein solcher Tag je wiederkehren w�rde.</p><p>Als der Festungsturm bei der Shalyn Falah in Sicht kam, machten sie kurz Halt, um sich von Aigilaos zu verabschieden; er konnte die wei�e Br�cke mit seinen beschlagenen Hufen nicht �berqueren. Der Kentaur fluchte mehrfach �ber das alte Bauwerk. �Ich sehe euch am Tor�, sagte er dann und trabte davon.</p><p>Noroelle schaute dem Kentauren nach und dachte an all die Geschichten, die man sich �ber ihn erz�hlte. Gewiss beneidete er die Elfenr�sser, die mit ihren unbeschlagenen Hufen und ihrer elfischen Gewandtheit ohne weiteres �ber die Br�cke schreiten konnten.</p><p>�Wieso hat er sich eigentlich die Hufe beschlagen lassen, wenn das der Grund ist, dass er nicht �ber die Br�cke kann?�, fragte Mandred.</p><p>�Die Kobolde am Hof haben ihm angeblich erz�hlt, mit beschlagenen Hufen k�nne er schneller laufen�, antwortete Lijema.��Nun glaubt er, schneller zu sein, und muss dennoch den Umweg auf sich nehmen.�</p><p>Mandred musste lachen. �Das klingt mir ganz nach Aigilaos!�</p><p>Sie setzten ihren Weg fort. Am Turm der Shalyn Falah erwartete Ollowain die Gemeinschaft. Mandred begegnete ihm k�hl, was Ollowain zu einem am�sierten L�cheln herausforderte. Z�gig passierten sie das Tor. Noroelle fragte sich, was zwischen Ollowain und Mandred wohl vorgefallen war.</p><p>Sie �berquerten die Shalyn Falah und folgten auf der anderen Seite dem breiten Weg vorbei an den �berresten von Welruun. Die Trolle hatten einst den Steinkreis zerst�rt. Sie selbst hatte es nicht miterlebt, aber die B�ume erinnerten sich ebenso daran wie die Waldgeister. Fr�her einmal hatte das Tor von Welruun in eines der F�rstent�mer der Trolle gef�hrt. Deutlich sp�rte Noroelle dort die Macht der sieben Albenpfade, die sich zu einem gro�en Albenstern kreuzten. Die Trolle hatten einen Weg gefunden, das Tor zu schlie�en. Und kein Elf wusste, welchen Zaubers sie sich dabei bedient hatten.</p><p>Der Wald wurde immer dichter. Noroelle erinnerte sich an fr�her, da sie oft hier gewesen war. Sie mochte diesen Wald.</p><p>Die Gef�hrten folgten dem Weg hinab zwischen den Birken und erreichten schlie�lich die gro�e Lichtung, auf der sich der H�gel mit dem Steinkreis befand. Bei der Turmruine hatte einst Landowyn die letzte Schlacht gegen die Trolle geschlagen. Betr�bt dachte Noroelle daran, wie viele Elfen hier den Tod gefunden hatten.</p><p>Die Gemeinschaft hielt am Fu� des H�gels und wartete auf Aigilaos. Mandred stieg ab und trennte sich schweigend von den Gef�hrten. Er wollte zu Atta Aikhjarto gehen.</p><p>Noroelle hatte davon geh�rt, dass die Eiche sein Leben gerettet hatte. Sie fragte sich, was Atta Aikhjarto in Mandred gesehen hatte. Die Fauneneiche hatte ihr einmal zugetragen, der alte Atta Aikhjarto k�nne in die Zukunft schauen. Was die alte Eiche wohl wusste, dass sie ihre Kraft schm�lerte, um einen Menschensohn zu retten?</p><p>Noroelle lie� sich von Farodin vom Pferd helfen. Nuramon kam ein wenig zu sp�t und half stattdessen Obilee abzusteigen. Die junge Elfe bekam rote Wangen, so sehr war sie angetan von Nuramons Geste. Er f�hrte sie zu Noroelle.</p><p>Gemeinsam setzten sie sich ins Gras, doch es war noch immer zu fr�h f�r Worte. Bald schwiegen auch die anderen Gef�hrten. Selbst die W�lfe waren ungew�hnlich still.</p><p>Erst als Aigilaos eintraf, wurde wieder gesprochen. �Hab ich etwa zu lange gebraucht?�, fragte er au�er Atem. Blanker Schwei� stand ihm auf den Flanken.</p><p>�Nein, Aigilaos. Mach dir keine Sorgen�, sagte Noroelle.</p><p>Der Kentaur war ersch�pft und musste sich ausruhen. Wiederum senkte sich Schweigen �ber die Gemeinschaft.</p><p>Nun fehlte nur noch Mandred, dann w�rde die Elfenjagd endg�ltig aufbrechen. Es verging �ber eine Stunde, bis der Menschensohn zu ihnen zur�ckkehrte. Noroelle h�tte viel darum gegeben zu wissen, was Mandred bei Atta Aikhjarto erfahren hatte. Er aber fragte nur:��Seid ihr bereit?�</p><p>Die Gef�hrten nickten. Noroelle f�hlte sich ein wenig schuldig. Sie wusste, sie hatte das Schweigen in die Gemeinschaft getragen. Nun wollte sie es wieder gutmachen.��Kommt, ich werde euch noch bis nach oben zum Steinkreis begleiten.�</p><p>Auf dem Weg hinauf sp�rte Noroelle die Macht des Albensterns wie einen Windhauch, der ihr entgegenwehte. Dieser Ort hatte nichts von seiner Magie verloren. An einen Stein gelehnt stand dort Xern und schaute in den Kreis, in dessen Mitte Nebel aufwallte. Ohne sich zu ihnen umzudrehen, fragte er:��Wer geht dort?� Da er auf Fjordl�ndisch fragte, wusste er offenbar, dass es Mandred war.</p><p>Der Menschensohn kam nach vorn und antwortete: �Die Elfenjagd!�</p><p>Xern wandte sich ihnen zu. �Dann steht euch dieses Tor offen. Mandred, du kamst mit kaum einem Funken Leben in diese Welt. Und du verl�sst sie mit der Kraft Atta Aikhjartos. M�ge seine Macht dich und deine Gemeinschaft sch�tzen!� Er wies mit der Hand auf die Nebelwand.</p><p>Farodin und Nuramon blickten Noroelle erwartungsvoll an. Endlich brach sie das lange Schweigen. �Denkt daran, dass ihr es f�r mich tut. Denkt daran, dass ich euch _beide_ sehr liebe. Achtet aufeinander. Ich bitte euch.�</p><p>�Ich werde mit meinem Leben f�r Farodin einstehen�, sprach Nuramon.</p><p>Und Farodin erkl�rte: �Nuramons Leid soll meines sein. Was ihm geschieht, soll mir geschehen.�</p><p>�Bei allen Alben! Ich flehe euch an, gebt euch nicht selbst auf, um den anderen zu sch�tzen. Passt nicht nur aufeinander auf, sondern auch auf euch selbst. Ich m�chte nicht, dass das Schicksal mir eine Entscheidung auf schmerzvolle Weise abnimmt. Kommt beide wieder!�</p><p>�Ich werde alles daf�r tun, dass wir beide zur�ckkehren�, sprach Farodin.</p><p>�Und ich _verspreche_ dir, dass wir wiederkehren werden�, sagte Nuramon. Farodin wirkte �berrascht, denn sein Gef�hrte versprach etwas, das er nicht versprechen konnte. Wer wusste schon, was dort drau�en geschehen w�rde? Und doch war es genau dieses Versprechen, das Noroelle h�ren wollte.</p><p>Sie gab Obilee ein Zeichen und wandte sich dann wieder zu ihren Liebsten. �Ich m�chte euch etwas schenken, das euch auf der Reise an mich erinnern soll.�</p><p>Obilee holte zwei Beutelchen hervor. Noroelle nahm sie und gab eines Farodin, eines Nuramon. �Macht sie auf!�, bat sie.</p><p>Die beiden folgten ihrem Wunsch und betrachteten den Inhalt. W�hrend Nuramon nur l�chelte, sagte Farodin erstaunt:��Maulbeeren!�</p><p>�Sie tragen einen Zauber in sich�, erkl�rte sie. �Sie werden euch Kraft spenden und euch mehr den Bauch f�llen, als ihr es vermuten w�rdet. Denkt an mich, wenn ihr sie esst!�</p><p>Ihre Liebsten tauschten einen kurzen Blick, dann sprach Nuramon:��Das werden wir. Und nicht nur, wenn wir davon essen.�</p><p>Noroelle umarmte zuerst Farodin und k�sste ihn zum Abschied. Er wollte etwas sagen, aber sie legte ihm zwei Finger auf den Mund. �Nein. Keine Abschiedsworte. Keine s��en Beschw�rungen deiner Liebe. Ich wei�, was du f�hlst. Lege das, was ich in deinem Gesicht sehe, nicht auf deine Zunge. Ein Wort, und es w�rde mich zum Weinen bringen! Und noch l�chle ich.� Er schwieg und strich ihr durchs Haar.</p><p>Noroelle l�ste sich von Farodin und umarmte Nuramon. Auch ihn k�sste sie. Er nahm ihr Gesicht in seine H�nde und schaute sie lange an, als wollte er sich ihren Anblick genau einpr�gen. Dann schenkte er ihr ein letztes L�cheln und lie� von ihr ab.</p><p>Die Gef�hrten stiegen auf ihre R�sser. Nur Aigilaos, der dies nicht n�tig hatte, blickte bereits voraus zur Nebelwand. Da rief Mandred: �Folgt mir, Gef�hrten!�, und die Elfenjagd betrat den Steinkreis.</p><p>Farodin und Nuramon ritten hinter den W�lfen am Ende der Gemeinschaft. Ein letztes Mal blickten sie zu Noroelle zur�ck. Dann verschwanden auch sie im Nebel.</p><p>Xern wandte sich vom Steinkreis ab und ging langsam fort. Obilee griff Noroelles Hand. W�hrend sich der Nebel aufl�ste, wuchs Noroelles Angst. Sie hatte das Gef�hl, Farodin und Nuramon soeben zum letzten Mal gesehen zu haben.</p></section><section><title><p>Die Welt der Menschen</p></title><p>Als der Nebel sich lichtete, schlug den Gef�hrten der eisige Atem der Menschenwelt entgegen. Nuramon sprach einige Worte der W�rme, um die K�lte zumindest aus seinen Kleidern zu vertreiben. Neugierig sah er sich um. Sie befanden sich in einem Steinkreis auf einer hohen Klippe. Weit unter ihnen lag ein Dorf.</p><p>Mandred hatte sein Pferd an den Rand des Abgrunds gelenkt. Fast schien es, als wollte er das Tier in die Tiefe f�hren. Offenbar �bte das Dorf auf der anderen Seite des Fjords eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Dies musste die Siedlung sein, von der er bei Hof gesprochen hatte.</p><p>�Ich habe die F�hrte gefunden!�, rief Brandan.��Sie ist ganz frisch, als w�re der Manneber eben noch hier gewesen.�</p><p>Dieser Ort war dem Wind ausgesetzt, und hier oben gab es nichts zu fressen. Was mochte die Bestie so lange hier gehalten haben? Hatte sie gewartet? Nuramon musste l�cheln. Das war nat�rlich Unsinn.</p><p>�Mandred!�, rief Farodin mit scharfer Stimme.</p><p>Der Menschensohn fuhr zusammen. Dann zog er an den Z�geln und lenkte seine Stute vom Rand der Klippe fort. �Entschuldigt � Ich musste einfach wissen, wie es um die meinen steht. Der Manneber scheint Firnstayn noch nicht angegriffen zu haben.�</p><p>Er setzte sich an die Spitze der Schar und f�hrte sie die Klippe hinab. Das Rudel W�lfe lief weit aufgef�chert vor ihnen her. Auch sie hatten die F�hrte des Mannebers aufgenommen.</p><p>Obwohl die Spur offensichtlich vom Dorf wegf�hrte, schien es Nuramon so, als w�rde der Menschensohn mit jedem Moment unruhiger. �Stimmt etwas nicht, Mandred?�, fragte er ihn.</p><p>�Die Pferde�, murmelte der Krieger gepresst.��Sie sind verhext, nicht wahr?�</p><p>Nuramon begriff nicht, was er meinte.��Warum sollte man Pferde verhexen?�</p><p>�Aber � sie versinken nicht im Schnee. Das kann nicht sein. Der Schnee liegt hier mindestens kniehoch.�</p><p>Nuramon bemerkte, wie Farodin und Brandan einander zugrinsten. Was wussten sie? �Warum sollten Pferde im Schnee versinken?�</p><p>�Weil sich das so geh�rt!� Mandred z�gelte seine Stute. �Wenn die Pferde nicht verhext sind, muss der Schnee verhext sein.� Er schwang sich aus dem Sattel und versank augenblicklich bis zu den Knien im Schnee.</p><p>Brandan lachte.</p><p>�Ich finde das nicht witzig�, mischte sich Aigilaos ein. Er eilte an Mandreds Seite und lie� dabei hinter sich eine tiefe Spur zur�ck. �Diese Langohren machen sich gern einen Spa� mit uns. Ich habe bis heute nicht begriffen, wie sie es schaffen, auf dem Schnee zu gehen. Ein Zauber ist es jedenfalls nicht. Und es liegt auch nicht daran, ob sie ihren Pferden die Hufe beschlagen oder nicht.�</p><p>Nuramon erwartete, dass der Menschensohn beleidigt w�re, doch pl�tzlich stand ein Leuchten in dessen Augen. �Glaubt ihr, die K�nigin wird mir das Pferd schenken, wenn wir zur�ck sind?�</p><p>�Wenn du dich bew�hrst, vielleicht, Mensch�, meinte Farodin.</p><p>�Glaubt ihr, einer meiner Hengste k�nnte diese Stute decken?�</p><p>Aigilaos stie� ein wieherndes Lachen aus.</p><p>Nuramon fand die Vorstellung bizarr. Was dachte sich der Menschensohn nur dabei?</p><p>�Wir sollten hier nicht herumstehen und Witze machen�, mahnte Vanna. �Bald wird es schneien. Wir m�ssen weiter, sonst werden wir die F�hrte aus den Augen verlieren.�</p><p>Mandred stieg auf. Schweigend setzte sich der Trupp in Bewegung und folgte der Spur.</p><p>Nuramon lie� den Blick �ber das Land schweifen. Die Welt der Menschen hatte er sich anders vorgestellt. Der Schnee war hier fest und rau, und die H�gelketten verliefen so unregelm��ig, dass er sich die Umgebung nur schwer einpr�gen konnte. Nichts schien zueinander zu passen. Wie sollten sie in diesem Chaos den Manneber finden? Tausend Dinge, die anders waren als in Albenmark, zogen seinen Blick auf sich.</p><p>All die neuen Eindr�cke erm�deten Nuramon. Er rieb sich die Augen. Diese Welt schien ihm un�berschaubar. Wenn er einen Baum ansah, dann vermochte er es kaum, den Baum als Ganzes zu betrachten, so sehr zogen dessen Einzelheiten ihn in den Bann. Auch war es schwierig, Entfernungen abzusch�tzen. Die Dinge schienen n�her zu sein, als sie es tats�chlich waren. So kam ihm diese Welt eng vor. Nun verstand Nuramon, wieso die K�nigin Mandred zum Anf�hrer berufen hatte. Ihm war all dies vertraut.</p><p>Die Gemeinschaft blieb dem Manneber den ganzen Tag auf der Spur. Sie ritten schnell, wenn sie der F�hrte �ber offenes Land folgten, und vorsichtig, wenn die Spur durch einen Wald oder durch felsiges Gel�nde f�hrte. Sie waren stets darauf gefasst, auf den Manneber zu sto�en. Zumindest hatte Nuramon den Eindruck.</p><p>Brandan hatte in den letzten Stunden immer wieder betont, dass ihm die F�hrte des Ebers merkw�rdig vorkam. Sie wirkte einfach zu frisch. Es war fast so, als weigerte sich der Schnee, in die Spuren des Ebers zu fallen. Das beunruhigte Nuramon, und auch Lijema machte ein besorgtes Gesicht. Die anderen erweckten zwar den Eindruck, dass sie Brandans Warnung ernst nahmen, aber keiner von ihnen schien daran zu zweifeln, dass sie ihren Auftrag erledigen w�rden. Die Elfenjagd war ausgezogen, und gerade die W�lfe, die gern voranhetzten, gaben Nuramon das Gef�hl, dass nichts und niemand sie aufhalten konnte, auch nicht in dieser sonderbaren Welt.</p><p>Am Nachmittag h�rte es auf zu schneien. Sie folgten der Spur in einen dichten Wald. Hier mochte der Manneber �berall lauern. Schlie�lich befahl Mandred, dass sie sich fr�h genug einen Lagerplatz suchen sollten. Brandan pr�gte sich ein, wo sich die Spur befand, dann folgten sie Mandred. Farodin zog indessen ein ungewohnt missmutiges Gesicht, das Nuramon nicht recht einordnen konnte.</p><p>Sie erreichten den Waldrand und schlugen dort ihr Lager auf. Aigilaos hatte Hunger und wollte unbedingt jagen. Er hatte Spuren gesehen, Brandan begleitete ihn.</p><p>Nuramon und Farodin sattelten die Pferde ab. Vanna die Zauberin machte ein kleines Feuer in der Mitte des Lagers. Dabei schienen ihre Gedanken abwesend zu sein. Irgendetwas besch�ftigte sie. Lijema und Mandred k�mmerten sich um die W�lfe. Die Wolfsmutter erkl�rte dem Menschensohn, was er wissen wollte. Die Tiere waren ruhig, was Nuramon als gutes Zeichen wertete.</p><p>Farodin setzte einen Sattel ab, dann hielt er inne. �Ist es so, wie du dir die Elfenjagd vorgestellt hast?�</p><p>�Ehrlich gesagt, nein.�</p><p>�Von au�en sieht alles immer viel glanzvoller aus. Wir sp�ren unsere Beute auf, schlagen sie und kehren zur�ck zu unserer Herrin. Im Grunde ist es ganz einfach.�</p><p>�Du bist schon einmal hier gewesen, hier in der Menschenwelt, nicht wahr?�</p><p>�Ja, schon oft. Ich erinnere mich noch an das letzte Mal. Wir sollten einen Verr�ter finden und zur K�nigin bringen. Es war wie jetzt. Kaum kamen wir durchs Tor, fanden wir auch schon seine Spur. Wenige Stunden sp�ter waren wir bereits auf dem R�ckweg. Aber das war keine richtige Elfenjagd gewesen.�</p><p>�Und? Erscheint dir die Andere Welt genauso merkw�rdig, wie sie mir erscheint?�</p><p>�Du meinst die Enge?�</p><p>�Ja, genau das.�</p><p>�Es liegt an der Luft. Das hat mir die K�nigin einmal erkl�rt. Die Luft ist hier anders. Nicht so klar wie bei uns.�</p><p>Nuramon dachte dar�ber nach.</p><p>�Hier ist alles anders�, fuhr Farodin fort.��Die Sch�nheit und Klarheit von Albenmark wirst du hier vergeblich suchen.</p><p>Die Dinge hier passen nicht zusammen.� Er deutete auf eine Eiche. �Der Baum dort passt nicht zu diesem hier.� Er klopfte auf die Eiche neben sich. �Bei uns sind die Dinge unterschiedlich, aber alles befindet sich in Harmonie zueinander. Kein Wunder, dass die Menschen unsere Gefilde so sch�n finden.�</p><p>Nuramon schwieg. Er fand die Andere Welt dennoch reizvoll. Hier gab es so viel zu entdecken. Und wenn man nur das Geheimnis dieser Welt kannte, dann mochte es sein, dass man auch in dieser Welt eine Harmonie fand. �F�r Mandred scheint alles im Einklang zu sein�, sagte er leise und schaute kurz zum Menschensohn hin�ber.</p><p>�Er verf�gt nicht �ber unsere feinf�hligen Sinne.�</p><p>Nuramon nickte, Farodin hatte Recht. Aber dennoch� Vielleicht gab es eine Ordnung hinter allem hier, f�r die es noch sch�rferer Sinne bedurfte, als sie selbst Elfen besa�en.</p><p>Als alle Arbeiten getan waren, setzte sich Nuramon an den Waldrand und lie� den Blick �ber die Landschaft schweifen. Farodin gesellte sich zu ihm und hielt ihm seinen Beutel mit Maulbeeren hin.</p><p>Nuramon war �berrascht.��Soll ich wirklich?�</p><p>Der Gef�hrte nickte.</p><p>Er nahm Farodins Angebot an. Sie a�en einige Maulbeeren und schwiegen.</p><p>Als die D�mmerung heraufzog, fragte Lijema, wo Brandan und Aigilaos geblieben seien.</p><p>Nuramon stand auf.��Ich werde die beiden holen.�</p><p>�Soll ich mitkommen?�, fragte Farodin.</p><p>�Nein.� Er schaute zur Zauberin. �Frag lieber Vanna, ob alles in Ordnung ist�, sagte er fl�sternd.��Sie schweigt schon die ganze Zeit und gr�belt �ber irgendetwas nach.�</p><p>Farodin musste l�cheln und erhob sich, um sich zur Zauberin zu gesellen. Nuramon aber verlie� das Lager auf den Spuren von Aigilaos und Brandan.</p><p>Die F�hrte der beiden war leicht zu verfolgen. Zwar waren Brandans Stiefelabdr�cke schwer zu erkennen, doch Aigilaos hatte eine tiefe Furche in den Schnee gepfl�gt. Mehrmals schaute Nuramon auf seine F��e; er musste an Mandred denken und daran, wie er eingesunken war. Vielleicht war es doch ein Zauber, der ihn auf dem Schnee gehen lie�. Er versuchte deutliche Spuren zu hinterlassen, und es gelang ihm auch. Aber er musste sich darauf konzentrieren und den Fu� m�glichst ungelenk aufsetzen. Tat er es nicht, so weigerten sich seine F��e, im Schnee zu versinken.</p><p>Nach einer Weile ver�nderten sich die Spuren. Nuramon sah, dass seine beiden Gef�hrten die F�hrte eines Rehs aufgenommen hatten. Kurz darauf hatten sie sich getrennt, Aigilaos war nach links gegangen, Brandan nach rechts. Die F�hrte des Rehs f�hrte geradeaus. Nuramon folgte Aigilaos� Spur, weil sie deutlicher zu erkennen war.</p><p>Pl�tzlich h�rte er etwas. Er blieb stehen und lauschte. Zuerst vernahm er nur den Wind, der durch den Wald wehte. Doch dann h�rte er ein leises Zischen. Es mochte nichts weiter sein als ein wenig verharschter Schnee, der ganz in der N�he von einem Baum geweht wurde. Doch das Zischen kehrte immer wieder. Mal klang es l�nger, mal k�rzer. Vielleicht war es ein Tier dieses Waldes. Ebenso gut konnte es der Manneber sein.</p><p>Vorsichtig lie� Nuramon die Hand zum Schwert gleiten. Er �berlegte, ob er nach Aigilaos und Brandan rufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Der launische Kentaur w�rde seine Pfeile auf ihn richten, wenn er durch einen unbedachten Ruf das Wild vertrieb.</p><p>Das Ger�usch schien ganz in der N�he zu sein. Aber Nuramon wollte sich nicht zu sehr auf seine Sinne verlassen. Diese Welt war ihm zu sinnenverwirrend! Er hatte sich heute oft genug mit seinen Augen get�uscht. Das mochte mit seinen Ohren ebenso geschehen.</p><p>Behutsam verlie� Nuramon Aigilaos� Spur, um dem Zischen nachzugehen. Bald sah er eine Lichtung zwischen den B�umen. Von dort schien das Ger�usch zu kommen.</p><p>Am Rand der Lichtung angekommen, versuchte Nuramon etwas zu erkennen. Etwa in der Mitte standen drei Eichen. Ein unangenehmer Geruch wurde vom Wind zu ihm getragen und lie� ihn einen Augenblick verharren. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Geruch. Aber was stimmte in dieser Welt schon f�r Elfensinne?</p><p>Vorsichtig trat er auf die Lichtung und schaute sich um. Es war niemand zu sehen. Aber mit jedem Schritt, den er machte, wurde das Zischen lauter. Was immer es war, hinter den drei B�umen auf dieser Lichtung musste sein Ursprung liegen. Nuramons Hand umfasste den k�hlen Knauf seines Schwertes fester.</p><p>Als Nuramon fast bei den B�umen angekommen war, erblickte er zu seiner Linken eine breite F�hrte, die vom Wald her kam. Das waren Aigilaos� Spuren!</p><p>Er hastete den drei Eichen entgegen. Das Zischen war nun entsetzlich laut und langatmig. Er sah einen zerbrochenen Stirnreif im Schnee. Rasch umrundete er die kleine Baumgruppe � und glaubte seinen Augen nicht zu trauen.</p><p>Vor ihm im Schnee erblickte er Aigilaos! Sein Kopf war weit in den Nacken zur�ckgebogen, und mit offenem Mund stie� er dieses Zischen aus. Sein gelockter Bart war von Blut verklebt. Am Hals sah Nuramon vier schmale Wunden. W�ren sie nicht gewesen, h�tte man die Schreie des Kentauren gewiss im ganzen Wald geh�rt. Doch so war er kaum mehr f�hig, einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm wahrhaftig die Stimme abgeschnitten. Sein Schrei war nichts weiter als ein langer Luftzug, der ihm aus dem Rachen wehte.</p><p>In Aigilaos� Gesicht lag mehr Schmerz, als Nuramon je bei einem Wesen gesehen hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen. Immer wieder verkrampfte er sich, wollte schreien, und konnte doch nur ein kl�gliches Zischen hervorbringen.</p><p>Die vier L�ufe des Kentauren waren gebrochen, bei einem ragte gar der Knochen hervor. Sein langer Bauch war aufgeschlitzt. Eine gefrorene Blutlache hatte sich im Schnee gebildet, und ein Teil der Innereien quoll heraus. Einer der Arme lag unter seinem K�rper begraben, der andere war ausgekugelt und wie die Beine gebrochen. Sein Fell war von breiten Wunden gezeichnet, als h�tte ihn ein Raubtier angefallen.</p><p>Nuramon vermochte sich den Schmerz nicht vorzustellen, den Aigilaos versp�ren musste. Er hatte noch nie ein Lebewesen gesehen, das so zugerichtet war wie der Kentaur.</p><p>�Farodin! Mandred!�, rief er, unschl�ssig, ob er Hilfe holen oder aber den Versuch wagen sollte, etwas f�r Aigilaos zu tun. Er blickte auf seine H�nde hinab und sah, wie sie zitterten. Er musste einfach etwas tun! Seine Gef�hrten im Lager hatten ihn gewiss geh�rt.</p><p>�Ich werde dir helfen, Aigilaos!�</p><p>Der Kentaur h�rte mit seinem stimmlosen Schreien auf und blickte Nuramon mit bebender Miene an.</p><p>Es war aussichtslos. Die Bauchwunde allein w�rde den Kentauren umbringen. Die Halswunden hatten ebenfalls viel Schaden angerichtet. Sollte er den Kentauren anl�gen? �Ich werde erst einmal deine Schmerzen lindern.� Nuramon legte die H�nde auf Aigilaos� Stirn und blickte ihm in die tr�nenden Augen. Es war ein Wunder, dass er �berhaupt noch bei Bewusstsein war. �Nur noch einen Augenblick!�, sagte Nuramon und konzentrierte sich auf den Zauber.</p><p>Er begann mit einem Kribbeln in den Fingerspitzen. Nuramon achtete auf seinen Puls und sp�rte, wie k�hle Schauer durch seine Arme zu den H�nden hinabliefen. Unter seinen Fingern f�hlte er, wie sich Aigilaos� Stirn w�rmte. Er konnte den rasenden Puls des Kentauren sp�ren und merkte, wie sein eigener Herzschlag sich zun�chst an den des Gef�hrten anpasste. Dann verlangsamten sich beide Herzschl�ge, und Aigilaos wurde ruhiger. So viel war geschafft, auch wenn der Kentaur nicht mehr zu retten war.</p><p>Als Nuramon die H�nde von Aigilaos� Stirn l�ste, konnte er mit ansehen, wie sich dessen Gesichtsz�ge langsam entspannten. Bei all dem Blut, das Nuramon sah, wunderte er sich abermals, dass der Kentaur noch bei Bewusstsein war. Er beschloss, den Versuch zu wagen, gegen den Tod seines Gef�hrten anzuk�mpfen, auch wenn es aussichtslos erschien. Er hatte keine Erfahrung mit Kentauren. Es mochte sein, dass sie solche Wunden �berleben konnten. So legte er dem Verletzten vorsichtig die Hand auf den offenen Hals.</p><p>Aigilaos konnte keine Schmerzen mehr sp�ren und starrte ihm ernst in die Augen. Dann sch�ttelte er den Kopf und blickte auf das Schwert des Elfen.</p><p>Nuramon war entsetzt. Aigilaos wusste, dass es zu Ende war. Und nun sollte er Gaomees Schwert ziehen, um dem Kentauren damit einen schnellen Tod zu bereiten. Das Schwert, mit dem Gaomee einst in heldenhaftem Kampf Duanoc erschlagen hatte, sollte nun mit dem Blut eines Gef�hrten befleckt werden.</p><p>Nuramon z�gerte, aber im Blick des Kentauren lag ein Flehen, dem er sich nicht entziehen konnte. Es nahm ihn geradezu in den Bann. Er musste es tun. Aus Mitgef�hl! So zog er das Schwert.</p><p>Aigilaos nickte.</p><p>�Wir sehen uns im n�chsten Leben wieder, Aigilaos!� Er hob die Waffe und lie� sie niederfahren. Doch kurz vor der Brust des Kentauren verharrte die Schwertspitze. Ungl�ubig schaute Aigilaos auf. �Ich kann es nicht�, sagte Nuramon verzweifelt und sch�ttelte den Kopf. Die Worte, die er dem Kentauren zum Abschied gesagt hatte, l�uteten in seinem Geist wie eine gewaltige Glocke. _Wir sehen uns im n�chsten Leben wieder!_ Wer konnte das schon sagen? Nuramon war sich nicht sicher, ob Aigilaos� Seele ihren Weg aus dieser Welt zur�ck nach Albenmark finden w�rde. Wer ihm hier das Leben nahm, der mochte ihn f�r immer der Aussicht auf eine Wiedergeburt berauben.</p><p>Nuramon warf das Schwert beiseite. Er h�tte die Waffe beinahe mit dem Blut seines Gef�hrten befleckt. Ihm blieb nur eines zu tun: seine Zauberkraft einzusetzen und zu versuchen, seinen Gef�hrten zu retten.</p><p>Nuramon pr�fte noch einmal die Wunden am Hals. Mandred hatte den Eber als grobe Bestie beschrieben. Diese Wunden aber waren so zielsicher in die Haut geritzt, dass sie von einem Messer zu stammen schienen. Konnte der Manneber Waffen f�hren? Oder hatte eine andere Bestie Aigilaos derart zugerichtet? Was Nuramon verwunderte, war, dass au�er dem Blut seines Gef�hrten keinerlei Spuren zu finden waren, nicht einmal die F�hrte des Rehs, das Aigilaos gejagt hatte, setzte sich fort. Auch von Brandan war nichts zu sehen. Vielleicht lag er ebenfalls irgendwo dort drau�en im Wald und war �hnlich zugerichtet.</p><p>Nuramon unterdr�ckte den Wunsch, nach den �brigen Gef�hrten zu rufen. Damit w�rde er nur die Bestie anlocken. Behutsam legte er die H�nde auf die schmalen Wunden. Und kaum hatte er an den Zauber gedacht, kribbelte es erneut in den Fingern. Diesmal jedoch blieb der Schauer aus, den er eben noch in den Armen versp�rt hatte. Stattdessen wurde aus dem Kribbeln ein Schmerz, der sich von den Fingerspitzen aus �ber die H�nde bis zu den Gelenken ausbreitete. Schmerz gegen Heilung! Das war der Tausch, der seinem Zauber innewohnte. Als der Schmerz schlie�lich verblasste, l�ste Nuramon die H�nde von Aigilaos und betrachtete dessen Hals. Die Wunden hatten sich geschlossen.</p><p>Doch als er sich den klaffenden Schnitt im Bauch ansah, wusste er, dass seine Kr�fte dort nichts ausrichten konnten. Hier war ein Zauber gefragt, der den K�rper als Ganzes belebte. Nuramon beugte sich zu Aigilaos� Oberk�rper.��Kannst du wieder sprechen?�, fragte er den Kentauren.</p><p>�Tu es nicht, Nuramon!�, bat Aigilaos heiser. �Nimm das Schwert und mach dem hier ein Ende!�</p><p>Nuramon legte Aigilaos die H�nde auf die Schl�fen. �Es sind nur Schmerzen.� Er wusste nur zu gut, dass gr��ere Wunden gr��ere Schmerzen f�r ihn bedeuteten. Dennoch konzentrierte er sich und versuchte ruhig zu atmen.</p><p>�Ich w�nsche dir das Gl�ck der Alben, mein Freund�, sagte der Kentaur.</p><p>Nuramon entgegnete nichts darauf, sondern lie� seine Zauberkraft �ber die H�nde in Aigilaos� K�rper flie�en. Er dachte an all jene, die er geheilt hatte. Es waren viele B�ume und Tiere gewesen, selten einmal ein Elf�</p><p>Mit einem Mal durchfuhr ein stechender Schmerz seine H�nde und zog sich die Arme hinauf. Das war der Preis f�r die Heilung, das galt es auszuhalten! Dann wuchsen die Schmerzen ins Ungeheuerliche. Nuramon schloss die Augen und k�mpfte dagegen an. Doch all seine Versuche, die Schmerzen zu zerstreuen, scheiterten. So traf es ihn wie ein Blitz in den Kopf. Er wusste, er h�tte nur loslassen m�ssen, und der Schmerz w�re vor�ber. Aber Aigilaos w�re dann verloren.</p><p>Da waren nicht nur die zahlreichen Wunden, nicht nur der gro�e Schaden, der durch die Bauchwunde entstanden war; es gab auch etwas anderes, etwas, das Nuramon nicht zu fassen bekam. War es ein Gift? Oder gar ein Zauber? Nuramon versuchte sich zu entspannen, doch der Schmerz war zu gro�. Er sp�rte, wie seine H�nde verkrampften und er am ganzen Oberk�rper zu zittern begann.</p><p>�Nuramon! Nuramon!�, h�rte er eine raue Stimme schreien.��Bei allen G�ttern!�</p><p>�Still! Er heilt ihn!�, rief die Stimme eines Elfen. �O Nuramon!�</p><p>Der Schmerz wuchs, und Nuramon biss die Z�hne zusammen. Es schien kein Ende der Qualen zu geben. Sie wuchsen und wuchsen. Er sp�rte, wie ihm die Sinne schwanden.</p><p>F�r einen Moment musste Nuramon an Noroelle denken. Und mit einem Mal war der Schmerz fort.</p><p>Es war still.</p><p>Nuramon �ffnete langsam die Augen und sah Farodins Gesicht �ber sich.��Sag etwas, Nuramon!�</p><p>�Aigilaos?�, war alles, was ihm �ber die Lippen kam.</p><p>Farodin blickte zur Seite, dann wieder zu ihm und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Neben sich h�rte er Mandred rufen:��Nein. Wach auf! Wach wieder auf! Geh nicht so! Sag mir noch etwas!�</p><p>Aber der Kentaur schwieg.</p><p>Nuramon versuchte sich aufzurichten. Langsam kehrten seine Kr�fte zur�ck. Farodin half ihm auf. �Du h�ttest sterben k�nnen�, fl�sterte er.</p><p>Nuramon starrte auf Aigilaos hinab; Mandred hatte sich �ber ihn gebeugt und weinte. Die Z�ge des toten Kentauren wirkten zwar entspannt, aber sein Leichnam bot immer noch einen erschreckenden Anblick.</p><p>�Hast du vergessen, was du Noroelle versprochen hast?�</p><p>�Nein, das habe ich nicht�, fl�sterte Nuramon. �Und deswegen musste Aigilaos sterben.�</p><p>Nuramon wollte sich abwenden und gehen, doch Farodin hielt ihn fest. �Du h�ttest ihn nicht retten k�nnen.�</p><p>�Aber was, wenn er zu retten gewesen w�re?�</p><p>Farodin schwieg.</p><p>Mandred stand auf und wandte sich ihnen zu.��Hat er noch etwas gesagt?� Der Menschensohn blickte Nuramon erwartungsvoll an.</p><p>�Er w�nschte mir Gl�ck.�</p><p>�Du hast alles versucht. Das wei� ich.� Mandreds Worte vermochten Nuramon nicht zu tr�sten.</p><p>Er nahm das Schwert auf, betrachtete es und dachte an Aigilaos� Wunsch. Das konnte er Mandred nicht sagen.</p><p>�Was ist geschehen? Und wo ist Brandan?�, fragte Farodin.</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, entgegnete Nuramon langsam.</p><p>Mandred sch�ttelte den Kopf.��Wir k�nnen von Gl�ck sagen, wenn er noch lebt.� Er blickte auf Aigilaos und atmete ger�uschvoll aus. �Bei allen G�ttern! Niemand sollte so sterben.� Dann schaute er sich um.��Verdammt! Es ist viel zu dunkel geworden!�</p><p>�Dann lasst uns Brandan rasch finden�, sagte Farodin.</p><p>Sie warfen noch einen Blick auf Aigilaos und beschlossen, ihn sp�ter in der Nacht zu holen, sollte dies irgendwie m�glich sein.</p><p>Nuramon f�hrte Farodin und Mandred zur�ck zu Brandans Spur. Es war inzwischen Nacht geworden. �H�tte ich doch nur die Barinsteine aus dem Lager mitgenommen!�, sagte Farodin. Die Spur war an sich schon schwer zu verfolgen, aber im Dunkeln war es aussichtslos. So gute F�hrtenleser waren sie nicht.</p><p>Mit einem Mal erhob sich ein St�ck hinter ihnen ein monstr�ses Geheul. Die drei wandten sich um. Dann rief Mandred:��Das Lager! Los!�</p><p>Sie hetzten zur�ck. Dabei erschien es Nuramon, als h�tte Mandred gro�e Schwierigkeiten, sich in der Dunkelheit zu bewegen. Dauernd streifte er niedrige �ste, bis er sich schlie�lich hinter Farodin zur�ckfallen lie�, um ihm nachzulaufen. Der Menschensohn fluchte dar�ber, dass er bis zu den Waden im Schnee versank, w�hrend die Elfen sich leichtf��ig dar�ber hinwegbewegten.</p><p>Endlich erreichten sie das Lager. Es war verlassen.</p><p>Das Feuer brannte, und die Pferde standen still. Vanna, Lijema und die W�lfe aber waren verschwunden. W�hrend Farodin neben seinen Satteltaschen kniete, umkreiste Nuramon das Lager und suchte nach Spuren. Mandred war wie gel�hmt. Er dachte wohl, alles w�re verloren.</p><p>Im Wald war es still.</p><p>Nuramon fand die Spuren der W�lfe und Elfen, sie f�hrten am Waldrand entlang. Kampfspuren oder �hnliches waren nicht zu sehen. Kaum hatte er seinen Gef�hrten die Entdeckung verk�ndet, warf Farodin ihm und Mandred je einen Barinstein zu. Sie waren klar und leuchteten in wei�em Licht.</p><p>Als ihnen lautes Geheul tief aus dem Wald entgegenhallte, machten sie sich auf den Weg. Immer wieder riefen sie nach Vanna und Lijema, doch es kam keine Antwort.</p><p>Dann fanden sie eine Blutspur und folgten ihr. Die W�lfe und offenbar auch Vanna und Lijema waren schon vor ihnen dem Blut gefolgt. Bald stie�en sie auf einen toten Wolf; seine Kehle war zerfetzt. Voller Sorge folgten sie den Spuren und entdeckten alle paar Schritte weitere Blutstropfen.</p><p>Noch immer war Geheul zu h�ren. Mit einem Mal sahen sie zwischen den B�umen die wei�en W�lfe hin- und herspringen. Da war ein Schatten, auf den sie es abgesehen hatten. Eine riesige Gestalt! Sie schlug wild um sich. Das Heulen eines Wolfes ging in schmerzersticktes Jaulen �ber. Dann ert�nte der Schrei einer Frau.</p><p>Nuramon, Farodin und Mandred erreichten eine Lichtung.</p><p>Der Schein ihrer Barinsteine vertrieb die Finsternis. Nuramon sah, wie die W�lfe einer gro�en, geduckten Gestalt nachsetzten und im Wald verschwanden.</p><p>Nuramons Licht fand in der Mitte der Lichtung Vanna die Magierin. �Kommt zur�ck! Keine Zeit f�r Rache!�, schrie sie den W�lfen hinterher.��Kommt zur�ck!� Doch sie h�rten nicht auf sie. Die Magierin brach in die Knie und beugte sich �ber etwas.</p><p>Mandred und Farodin waren sogleich bei ihr. Nuramon wagte sich nur langsam n�her und schaute sich um. Drei W�lfe lagen tot auf der Lichtung, unter ihnen der Leitwolf. Irgendetwas war ihm in den R�cken gedrungen. Nuramon bemerkte einen stechenden Geruch in der Luft. Es war derselbe Gestank, den er auch schon bei Aigilaos bemerkt hatte. Das musste die Ausd�nstung der Bestie sein.</p><p>Als Nuramon seine Gef�hrten erreichte, sah er im Schein der Barinsteine, dass Vanna sich �ber Lijema beugte. Als die Magierin sich aufrichtete, erkannte Nuramon, dass der Wolfsmutter die Brust zerfetzt worden war. Irgendetwas hatte ihren K�rper durchsto�en und Lunge und Herz zerrissen. Ihre Augen gl�nzten noch, doch ihr Gesicht war zu einer erstaunten Maske erstarrt.</p><p>Vanna presste ihr Gesicht liebevoll an das der Toten.</p><p>�Was ist gesehen?�, fragte Farodin.</p><p>Vanna schwieg.</p><p>Farodin packte die Magierin bei den Schultern und sch�ttelte sie sanft.��Vanna!�</p><p>Mit gro�en Augen schien sie durch Farodin hindurchzusehen. Sie deutete zur Seite.��Dort hinter dem Baum liegt Brandan. Der Eber hat ihn��� Sie brach ab.</p><p>Nuramon lief los. Er wollte so rasch wie m�glich bei Brandan sein. Er hatte Angst, denn er musste an Aigilaos denken.</p><p>Zwischen Mandred und Farodin entbrannte indessen ein Streit. Der Menschensohn wollte der Bestie nachsetzen, Farodin aber wollte das nicht zulassen. Wie konnten sie nur jetzt �ber so etwas streiten? Vielleicht war Brandan noch am Leben!</p><p>Nuramon erreichte den Waldrand und fand Brandan. Der F�hrtensucher lag auf dem R�cken, er hatte eine leichte Wunde an der Schl�fe und eine im Bein. Er war zwar bewusstlos, doch sein Herz schlug noch, und sein Atem ging langsam. Nuramon legte seine heilenden H�nde auf die Bein- und die Kopfwunde. Er sp�rte, wie das Kribbeln kam, gefolgt von Schmerz. Schlie�lich verkrusteten die Wunden unter seinen Fingern. Das sollte f�r den Augenblick ausreichen. Sp�ter w�rde er ihn ganz heilen.</p><p>Mit M�he nahm Nuramon Brandan auf den Arm und machte sich schweren Schrittes auf den Weg zur�ck zu den anderen. Seine F��e versanken unter der Last, die er trug, im Schnee.</p><p>Er h�rte Farodin mit geduldiger Stimme auf Mandred einreden.��Die Bestie spielt mit uns. Wir d�rfen uns jetzt nicht zu etwas Un�berlegtem hinrei�en lassen. Lass uns die Bestie morgen jagen!�</p><p>�Wie du meinst�, entgegnete Mandred widerstrebend.</p><p>Als sie Nuramon bemerkten, war ihnen die Angst anzusehen. Sie liefen ihm entgegen.</p><p>�Ist er��?�, begann Mandred.</p><p>�Nein, er lebt. Aber wir sollten ihn ins Lager schaffen.�</p><p>Schweigend verlie�en Farodin, Vanna und Mandred die Lichtung.</p><p>Es war ein m�hsamer Weg zur�ck ins Lager. Mandred schleppte Brandan, w�hrend Farodin und Nuramon die Leiche Lijemas trugen. Die toten W�lfe lie�en sie dort, wo sie waren. Auf dem Weg versuchte Mandred Brandan aufzuwecken. Doch der F�hrtensucher lag in tiefer Bewusstlosigkeit.</p><p>Im Lager angekommen, k�mmerte sich Farodin um Lijema; er wickelte ihren Leichnam in einen Mantel ein. Mandred und Vanna sa�en am Feuer und lauschten in den Wald hinein. Nuramon beobachtete sie, w�hrend Brandans Kopf auf seinen H�nden ruhte und seinen Zauber aufnahm. Die Haltung des Menschensohns und der Zauberin sagte mehr als alle Worte. Zwei Mitglieder der Elfenjagd waren gestorben, und ihre W�lfe waren entweder tot oder verschwunden.</p><p>Nuramon betrachtete den Mond. Seine Gro�mutter hatte wahr gesprochen. Der Mond war nur zur H�lfte zu sehen und viel kleiner als der Mond in Albenmark. Er musste an sein Gespr�ch mit Noroelle zur�ckdenken. Was geschah, wenn man in den Menschenreichen starb? Er konnte nur hoffen, dass Lijema wiedergeboren wurde. Er wusste nicht, wie es sich bei den Kentauren verhielt. Von manchen Albenkindern hie� es, dass sie mit dem Tod direkt ins Mondlicht gingen. Er hoffte, dass die Seelen ihrer toten Gef�hrten nicht verloren waren.</p><p>Als der Schmerz aus Brandans K�rper in seine H�nde kroch, schloss Nuramon die Augen und dachte an Aigilaos. Farodin hatte Recht gehabt: Der Kentaur war nicht mehr zu retten gewesen. Und doch fragte sich Nuramon, ob der Gedanke an Noroelle und an das Versprechen, das er ihr gegeben hatte, an seinem Tod Schuld trugen. Vielleicht h�tte er Aigilaos mit ein wenig mehr M�he doch noch retten k�nnen.</p><p>Mit einem Mal verebbte der Schmerz, und Nuramon schlug die Augen auf. Farodin, Mandred und Vanna waren bei ihm und machten sorgenvolle Gesichter. Er lie� von Brandan ab. �Keine Angst. Es ist alles in Ordnung.�</p><p>Als Brandan kurz darauf erwachte, waren alle erleichtert. Er f�hlte sich m�de, aber er konnte berichten, was geschehen war.��Der Eber war pl�tzlich da. Da war dieser Gestank, und ich war wie gel�hmt. Ich konnte nichts unternehmen. Nichts!� Er war vom Manneber bewusstlos geschlagen worden, um dann als K�der zu dienen. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war ein entsetzliches R�cheln gewesen.</p><p>Nuramon berichtete Brandan und Vanna, was mit Aigilaos geschehen war. Er beschrieb das Schicksal des Kentauren bis in die letzte Einzelheit, nur dass Aigilaos ihn um den Tod gebeten hatte, verschwieg er. Auf den Gesichtern der anderen stand nacktes Entsetzen.</p><p>Farodin sch�ttelte den Kopf. �Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Manneber. Er ist mehr als nur eine ungeschlachte Bestie.�</p><p>Mandred entgegnete:��Was er auch ist, wir k�nnen ihn erledigen, wenn wir uns nicht mehr trennen lassen. Wir werden jetzt Wachen einteilen, damit uns dieses Mistvieh nicht �berrascht.�</p><p>Noch bevor sie die erste Wache einteilten, kehrten zwei W�lfe still und mit angewinkeltem Schwanz ins Lager zur�ck. Sie waren unverletzt. Mandred war froh, die Tiere zu sehen, und streichelte einem von ihnen den Kopf. Vanna nahm sich des anderen an. Die W�lfe waren ersch�pft, und sie stanken nach dem Manneber.</p><p>�Was ist das da?�, fragte Farodin und deutete auf die Schnauze des Wolfs, der bei Mandred war.</p><p>F�r Nuramon sah es aus wie Blut.</p><p>Der Menschensohn schaute nach. �Es ist gefrorenes Blut. Seht, wie hell es ist!�</p><p>Nuramon gewahrte einen silbernen Glanz darin, konnte aber nicht sagen, ob der Glanz vielleicht vom Frost kam.</p><p>Alle betrachteten das Blut genau. Mandred sagte darauf:��Der Eber ist verletzbar. Morgen werden wir ihn aufsp�ren und es ihm heimzahlen!�</p><p>Farodin nickte entschlossen. Nuramon und Brandan stimmten gleichfalls zu.</p><p>Nur Vanna antwortete nicht darauf. Sie betrachtete die Schnauze ihres Wolfes, die auch blutig zu sein schien.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte Farodin.</p><p>Die Zauberin erhob sich, lie� den Wolf zur�ck und setzte sich zwischen Nuramon und Farodin. Sie machte ein besorgtes Gesicht und holte tief Luft. �H�rt mir gut zu! Wir befinden uns nicht auf einer gew�hnlichen Elfenjagd. Und ich sage das nicht nur, weil wir so kl�glich versagt haben und zwei unserer Gef�hrten tot sind.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Mandred. �Wei�t du etwas, das wir nicht wissen?�</p><p>�Am Anfang war es nur eine Ahnung. Sie erschien mir so abwegig, dass ich schwieg und sie rasch verdr�ngte. Ich sp�rte eine Gegenwart, die anders war als alles, was mir vertraut ist. Als wir auf der F�hrte des Mannebers waren, nahm ich seinen Geruch wahr. Und wieder war da diese Ahnung, doch der Gestank war mir nicht Beweis genug. Als ich schlie�lich dem Manneber gegen�berstand und sah, wie die W�lfe gegen ihn k�mpften, als ich in seine blauen Augen schaute und er seine Magie einsetzte, um Lijema diese Wunde zuzuf�gen, da wusste ich, womit wir es zu tun haben. Doch ich wollte es noch immer nicht wahrhaben. Aber jetzt, da ich dieses Blut sehe, kann es keinen Zweifel mehr geben�� Sie verstummte.</p><p>�Woran?�, dr�ngte Mandred.</p><p>�Dir, Mandred, sagt es vielleicht nicht viel, aber die Kreatur, die du Manneber nennst, ist nichts anderes als ein Devanthar, ein D�mon aus alten Tagen.�</p><p>Nuramon war fassungslos. Das konnte nicht sein! In Farodins und Brandans Gesichtern sah er das gleiche Entsetzen, das auch er f�hlte. Zwar wusste Nuramon nur sehr wenig �ber die Devanthar, doch sie galten als Schattenwesen, die sich dem Chaos und der Zerst�rung verschrieben hatten. Die Alben hatten die Devanthar einst bek�mpft und sie allesamt vernichtet. So hie� es in den Erz�hlungen, und in diesen waren den D�monen nur wenige Worte gewidmet. Man sagte, sie k�nnten die Gestalt wechseln und seien m�chtige Zauberer. Wahrscheinlich wusste allein die K�nigin, was es mit den Devanthar wirklich auf sich hatte. Nuramon konnte sich nicht vorstellen, dass Emerelle sie wissentlich gegen ein solches Schattenwesen ausgesandt h�tte. Was Vanna sagte, durfte nicht wahr sein!</p><p>Farodin blickte mit starrer Miene zu der Zauberin. Er sprach aus, was Nuramon dachte: �Das ist unm�glich! Das wei�t du.�</p><p>�Ja, genau das habe ich auch gedacht. Selbst als ich dieses Wesen klar vor mir sah, wollte ich es nicht glauben und redete mir ein, dass ich mich irrte. Doch dieses Blut mit seinem seltsamen Silberglanz hat mir die Augen ge�ffnet. Dieses Wesen ist ein Devanthar.�</p><p>�Nun, du bist die Zauberin, du kennst das Wissen der Alten�, sagte Farodin, doch er klang keineswegs �berzeugt.</p><p>�Was sollen wir jetzt tun?�, fragte Brandan leise.</p><p>Vanna wich den Blicken der anderen aus. �Wir sind die Elfenjagd, wir m�ssen es zu Ende bringen. Also werden wir gegen ein Wesen k�mpfen, das f�r einen Alben ein w�rdiger Gegner war.�</p><p>Aus Mandreds Z�gen sprach Entsetzen. Jetzt erst schien er zu begreifen, wovon Vanna sprach. Offenbar kannte man die Alben und deren Macht auch bei den Menschen. Es mochte sein, dass sie f�r Mandred so etwas wie G�tter waren.</p><p>�Noch nie hat ein Elf einen Devanthar get�tet�, warf Farodin ein.</p><p>Nuramon tauschte einen Blick mit Farodin und musste einmal mehr an sein Versprechen gegen�ber Noroelle denken.��Dann werden wir eben die Ersten sein!�, sagte er entschlossen.</p></section><section><title><p>Der Fl�sterer im Schatten</p></title><p>Farodin hatte sich in den Schatten des Waldrands zur�ckgezogen. Nicht mehr lange, und die letzte Wache w�re vor�ber. Sie hatten beschlossen, noch vor dem Morgengrauen das Lager abzubrechen und nach der F�hrte des Devanthars zu suchen. Sie w�rden zusammenbleiben. Es durfte nicht noch einmal geschehen, dass diese Kreatur mit ihnen spielte, sie als K�der benutzte.</p><p>Das Feuer war zu einem Haufen dunkler Glut herabgebrannt. Der Elf vermied es, direkt in das Licht zu blicken, um sich seine Nachtsicht nicht zu verderben. Leises Schnarchen erklang. Mandred war tats�chlich eingeschlafen. Seit er gestern von der hohen Klippe aus gesehen hatte, dass sein Dorf nicht verw�stet war, hatte sich der Menschensohn ver�ndert. Trotz aller Schrecken blieb er ruhig. Offenbar war er noch immer davon �berzeugt, dass die Elfenjagd das Ungeheuer t�ten w�rde. Selbst nachdem ihnen Vanna offenbart hatte, gegen wen sie ausgezogen waren. Das naive Vertrauen des Menschen in die Elfenjagd hatte etwas R�hrendes.</p><p>Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Farodin eine Bewegung. Keine zwanzig Schritt entfernt war ein Schatten unter den B�umen. Farodin nahm den Bogen von seinem Scho�, lie� die Waffe aber sogleich wieder sinken. Die St�mme und das dichte Unterholz machten es unm�glich, einen gezielten Schuss abzugeben. Die Kreatur wollte ihn reizen, aber er w�rde sich nicht darauf einlassen.</p><p>Der Elf nahm ein paar Pfeile aus dem K�cher und stie� sie vor sich in den Schnee. So k�nnte er bei Bedarf schneller schie�en. Sollte der Devanthar versuchen, vom Waldrand aus das Lager anzugreifen, h�tte er mindestens drei Schuss auf ihn. Unverwundbar war dieser D�mon gewiss nicht! Es war an der Zeit, dass er f�r das bezahlte, was er angerichtet hatte.</p><p>Farodin blinzelte. War die Kreatur wirklich dort dr�ben? Oder hatte ihm die Dunkelheit einen Streich gespielt? Wenn man zu lange in einen finsteren Wald starrte, dann konnte man dort alles sehen.</p><p>Nimm dich zusammen, schalt sich der Elfenkrieger stumm. Eine leichte Brise strich �ber das verschneite Land. Tief im Wald zerbarst ein Ast unter der Last des Schnees. Einer der beiden W�lfe hob den Kopf und blickte zum Waldrand, dorthin, wo Farodin den Schatten gesehen hatte. Er stie� einen wimmernden Laut aus und dr�ckte dann den Kopf flach auf den Schnee.</p><p>Ein stechender Gestank lag einen Atemzug lang in der Luft. Dann war da nur noch der Geruch der K�lte.</p><p>_Ich erwarte euch in den Bergen, Farodin mit den blutigen H�nden_.</p><p>Der Elf schreckte auf. Die Worte � Sie waren in ihm gewesen.</p><p>�Zeig dich!� Seine Stimme war nur ein Fl�stern. Noch wollte er die anderen nicht aufschrecken.</p><p>_Und wieder treffe ich auf einen allein_, h�hnte die Stimme in seinem Kopf. _Du bist sehr von dir eingenommen, Farodin. W�re es nicht kl�ger, deine Gef�hrten zu wecken?_</p><p>�Warum sollte ich tun, was du erwartest? Berechenbarkeit ist der treueste Gef�hrte der Niederlage. Warum sollten wir uns dir an einem Ort stellen, den du w�hlst?�</p><p>_Es ist wichtig, die Dinge am richtigen Ort und zur richtigen Zeit zu tun. Du planst doch auch sehr sorgf�ltig Ort und Zeit, wenn du in Diensten der K�nigin reist_.</p><p>�Deshalb wei� ich, warum ich nicht auf dich h�ren werde�, entgegnete der Elf.</p><p>_Ich kann jeden von euch allein durch einen Gedanken t�ten. Ihr seid kaum mehr als ein schwacher Abglanz der Alben. Ich hatte mehr erhofft, als ich den Menschensohn in die Albenmark schickte_.</p><p>Farodin blickte zum Lagerplatz. Noch immer war Mandreds leises Schnarchen zu h�ren. Sollte er den Worten eines Devanthars trauen? Hatte die K�nigin mit ihrem Verdacht Recht gehabt?</p><p>_Glaubst du, der Menschensohn h�tte aus eigener Kraft das Tor durchschreiten k�nnen?_</p><p>�Warum h�ttest du deinen Boten um ein Haar t�ten sollen?�</p><p>_Damit er �berzeugend wirkt. Er wusste nicht, in wessen Dienst er stand. So konnte eure K�nigin keine L�ge in seinen Worten entdecken_.</p><p>�Wenn du unseren Tod willst, dann lass es uns gleich hier am Lagerplatz austragen. Ich wecke die anderen!�</p><p>_Nein! Frag Mandred nach der H�hle des Luth. Dort erwarte ich euch am Mittag in drei Tagen_.</p><p>Farodin �berlegte, ob er ihn wohl noch etwas hinhalten und dann die anderen wecken konnte. Vielleicht hatten die W�lfe den Devanthar verletzt. Warum zeigte er sich nicht, wenn er sich unbesiegbar f�hlte? Hier und jetzt sollten sie ihn t�ten! Er w�rde sich auf keinen Handel einlassen!</p><p>_Allein ein Gedanke von mir hat die Kraft zu t�ten, Farodin. Fordere es nicht heraus!_</p><p>�Warum leben wir dann noch?�, fragte der Elf selbstsicher.</p><p>_In diesem Augenblick hat Brandans Herz aufgeh�rt zu schlagen, Farodin mit den blutigen H�nden. Dein Zweifel hat ihn get�tet. Seid ihr in drei Tagen nicht in den Bergen, dann werdet ihr alle diesen Tod sterben. Ich hatte dich f�r einen Krieger gehalten. �berleg dir gut, ob du mit dem Schwert in der Hand unter den Augen deines Feindes sterben willst oder so wie Brandan im Schlaf. Du glaubst, du w�rst besonders gewandt. Vielleicht wirst du mich ja t�ten? Ich erwarte euch_.</p><p>Kaum drei Schritt entfernt trat eine massige Gestalt zwischen den B�umen hervor. Farodins Hand fuhr zum Schwert. Wie hatte sich der Devanthar so nah heranschleichen k�nnen, ohne dass er ihn bemerkt hatte? Da war kein Ger�usch gewesen, kein Schatten zwischen den B�umen. Selbst der faulige Geruch, der von dem D�mon ausging, war nicht st�rker geworden.</p><p>Der Manneber nickte mit dem Kopf, als gr��te er ihn sp�ttisch. Dann verschwamm er wieder mit den Schatten.</p><p>Farodin st�rmte vor. Laut knirschte der verharschte Schnee unter seinen Stiefeln. Keine zwei Herzschl�ge, und er war dort, wo der D�mon eben noch gestanden hatte. Doch der Devanthar war l�ngst verschwunden. Es gab keine Spuren im Schnee. Nichts wies darauf hin, dass die Bestie eben noch hier gestanden hatte. War die schattenhafte Gestalt nur ein Trugbild gewesen? Hatte der D�mon ihn fortlocken wollen? Farodin blickte zum Lager. Seine Gef�hrten lagen noch immer eng in Decken gerollt am Feuer. Alles war ruhig.</p><p>In den alten Geschichten hie� es, dass ein Devanthar schon mit einem Wort zweimal zu l�gen vermochte. Farodin w�nschte, er w�re in der Lage zu durchschauen, was hinter der Aufforderung steckte, in die H�hle zu kommen.</p><p>Es war k�lter geworden. Er schlug sich die H�nde auf die Oberschenkel, um die Taubheit aus seinen Fingern zu vertreiben. Dann ging er zur�ck zu dem Baum, an dem sein Bogen lehnte.</p><p>Er zog die Pfeile aus dem Schnee und pr�fte sie sorgf�ltig. F�r den Manneber hatte er Kriegspfeile ausgew�hlt. Sie hatten ein flaches Blatt mit nach innen gekr�mmten Widerhaken. Die Spitzen waren nur locker auf die Pfeilsch�fte gesteckt. Versuchte man ein solches Geschoss aus einer Wunde zu ziehen, dann l�ste sich der Schaft, und die Spitze blieb mit ihren Widerhaken tief im Fleisch stecken. Farodin w�nschte sich, er h�tte wenigstens einen dieser Pfeile auf den Manneber abschie�en k�nnen.</p><p>Wieder blickte er zum Lagerplatz. Er musste Gewissheit haben! �Sie verm�gen mit nur einem Wort schon zweimal zu l�gen�, fl�sterte er leise. Wenn er jetzt zum Lager zur�ckging, dann tat er genau, was der D�mon von ihm erwartete. So war es, seit sie das Tor Aikhjartos durchquert hatten.</p><p>Farodin nahm Bogen und K�cher und trat zur Feuerstelle. Feine Eiskristalle tanzten in der Luft. Nie zuvor hatte er einen so eisigen Winter erlebt. Wie gelang es den Menschen nur in diesem unwirtlichen Landstrich zu siedeln? Er legte die Waffen auf seine Decke. Dann kniete er sich neben Brandan nieder. Der F�hrtensucher hatte sich auf die Seite gedreht. Ein L�cheln lag auf seinen Lippen. Wovon er wohl tr�umte?</p><p>Er w�rde Brandan nicht in seinen Tr�umen st�ren! Schon wollte er sich abwenden, als er ein winziges Eiskristall in Brandans Mundwinkel bemerkte. Erschrocken beugte sich Farodin vor und r�ttelte an der Schulter des J�gers.</p><p>Brandan r�hrte sich nicht. Sein L�cheln im Schlaf war ihm zur Totenmaske geworden.</p></section><section><title><p>Alte Wunden</p></title><p>�M�ge das Feuer euch durch die Dunkelheit geleiten.� Farodin hielt die Fackel an den Scheiterhaufen, den sie aufgeschichtet hatten. Nur langsam griffen die Flammen auf die Fichtenzweige �ber. Dichter wei�er Rauch quoll zum Himmel. Noch trug er den Geruch des Waldes in sich, den Duft von Fichtennadeln und Harz.</p><p>Farodin wandte sich ab. Stunden hatten sie gearbeitet, um den Scheiterhaufen aufzurichten. Weil es unm�glich war, den toten Kentauren zu bewegen, hatten sie schlie�lich Brandan und Lijema zur Lichtung gebracht.</p><p>Mandred kniete neben dem Feuer. Seine Lippen bewegten sich stumm. Der Mensch �berraschte Farodin. Er schien Aigilaos ins Herz geschlossen zu haben, als w�re er ein Bruder. Und das in so kurzer Zeit!</p><p>Der Wind drehte. Wie ein dichter Schleier griff der Rauch nach ihnen. Schon lag ein erster Hauch von brennendem Fleisch in der Luft.</p><p>Farodin k�mpfte einen Anflug von �belkeit nieder. �Wir m�ssen aufbrechen. Uns l�uft die Zeit davon.�</p><p>Nuramon sah ihn vorwurfsvoll an, als h�tte er kein Herz. Oder ahnte er etwas? Vanna hatte nicht feststellen k�nnen, woran Brandan gestorben war. Farodin hatte den anderen diesen Teil seines Zwiegespr�chs mit dem Devanthar verschwiegen. Er wollte ihnen nicht den Mut nehmen, sagte er sich. Sie durften nicht wissen, dass der Devanthar nur mit einem Gedanken t�ten konnte! Vielleicht war es ja auch nur Trug. Vielleicht war Brandan auch an etwas anderem gestorben. Es reichte, wenn er sich mit dieser Frage qu�lte.</p><p>�Brechen wir auf!� Mandred erhob sich und klopfte sich den Schnee von der Hose. �Folgen wir dieser Missgeburt und bringen sie zur Strecke.�</p><p>Die Sprache des Fjordlandes klang wie ein drohendes Zischeln in Farodins Ohren. Die K�nigin musste sich geirrt haben. Dieser Mensch w�rde sie nicht verraten. Er war nur ein Opfer des Devanthars, wie sie alle!</p><p>Der Elf zog sich in den Sattel. Er f�hlte sich m�de. Mit der Zuversicht hatte ihn auch ein guter Teil seiner Kraft verlassen. Oder war es das Schuldgef�hl? W�rde Brandan noch leben, wenn er, Farodin, nicht gez�gert h�tte? Er blickte zu den W�lfen. Nur zwei der wilden J�ger begleiteten sie noch. Sie hatten die Ruten �ngstlich zwischen die Hinterbeine geklemmt und hielten sich nahe bei den Reitern, als sie die Lichtung verlie�en.</p><p>Farodin lenkte seinen Braunen dicht an die Seite des Menschensohns.��Was ist das f�r ein Ort�� die H�hle des Luth?�</p><p>Mandred schlug mit fahriger Geste ein Zeichen in die Luft.��Ein Ort der Macht�, fl�sterte er.��Luth, der Weber der Schicksalsf�den, soll dort einen langen Winter verbracht haben. Es war so kalt, dass die W�nde der H�hle wei� von seinem Atem wurden.� Der Krieger reckte das b�rtige Kinn vor.��Es ist ein heiliger Ort. Wir werden den Manneber dort zur Strecke bringen, denn die G�tter werden an unserer Seite sein, wenn��� Der Blick des Menschen heftete sich auf den polierten Schaft der Saufeder, die quer vor ihm auf dem Sattel ruhte.</p><p>�Wenn was?�, setzte Farodin nach.</p><p>�Wenn sie uns gestatten, dorthin zu kommen.� Mandred deutete nach Norden.��Die H�hle liegt hoch in den Bergen. Die P�sse werden tief verschneit sein. Niemand geht dort mitten im Winter hin.�</p><p>�Du warst aber schon einmal dort?�, fragte der Elf misstrauisch.</p><p>Mandred sch�ttelte den Kopf. �Nein, aber die Eisenb�rte werden uns den Weg weisen.�</p><p>�Eisenb�rte? Was ist das?�</p><p>Mandred l�chelte fl�chtig. �Keine Feinde. Man muss sich nicht vor ihnen f�rchten. Jedenfalls nicht wir. Es sind die Trolle, die ihnen aus dem Weg gehen. Die Priester haben sie gebracht. Sie sind aus den St�mmen heiliger Eichen geschnitten. Bilder der G�tter. Wer immer zur H�hle des Luth zieht, der opfert ihnen. So gewinnt man ihr Wohlwollen � jedenfalls meistens. Die h�lzernen Statuen haben lange B�rte. Man st��t eiserne Gegenst�nde hinein. N�gel, ein altes Messer, das zerbrochene Blatt einer Axt. So werden aus h�lzernen B�rten mit der Zeit Eisenb�rte.�</p><p>�Du beschenkst deine G�tter mit N�geln?�, fragte Farodin ungl�ubig.</p><p>Mandred sah ihn missbilligend an.��Wir leben hier im Fjordland nicht im Reichtum. Eisen ist kostbar. Ein Kettenhemd, wie es in der Burg deiner K�nigin jeder W�chter tr�gt, besitzen in meinem Land nur F�rsten und K�nige. Unsere G�tter wissen das!�</p><p>Und die Trolle f�rchten Eisen, dachte Farodin, h�tete sich aber seine Gedanken auszusprechen. Ihre Waffen waren stets aus Holz oder Stein. Der Elf dachte an die Schlacht bei Welruun, als die Trolle den Steinkreis zerst�rt hatten, der in das Tal ihrer K�nigsh�hlen f�hrte. Sie brauchten kein Eisen und keinen Stahl. Ihre Kraft reichte, um mit blo�er Faust einen Helm einzuschlagen, doch war ihnen die Ber�hrung von Eisen unangenehm. Und so boten R�stungen doch einen gewissen Schutz gegen diese Unholde. Voller Ekel erinnerte sich Farodin an die K�mpfe mit den h�nenhaften Ungeheuern. Wann immer er an sie dachte, hatte er den ranzigen Geruch in der Nase, der von ihnen ausging.</p><p>�Ihr m�sst den Eisenb�rten opfern�, schreckte ihn die Stimme des Menschen aus seinen Gedanken. �Selbst wenn ihr nicht an sie glaubt.�</p><p>�Sicher doch.�</p><p>Farodin nickte beil�ufig. Er h�tte die Erinnerung nicht aufw�hlen sollen. Aileen! Die Trolle hatten sie get�tet, nur f�nf Schritt von ihm entfernt. Er erinnerte sich an ihren Blick, als die m�chtige Steinaxt ihr Kettenhemd zerteilt hatte, als w�re es d�nne Seide. Siebenhundert Jahre waren vergangen, bis er wieder lieben konnte. All die Jahrhunderte hatte er nicht aufgeh�rt zu hoffen. In den Trollkriegen war Aileens ganze Familie umgekommen, und so hatte es lange gedauert, bis sie wiedergeboren wurde. Und niemand hatte wissen k�nnen, in welche Familie sie geboren wurde. Farodin hatte Jahrhunderte daf�r gebraucht, einen Suchzauber zu erlernen und sie schlie�lich in Alvemer aufzusp�ren. Sie war als Noroelle zur�ckgekommen, doch er hatte der Elfe nie etwas �ber ihre Vergangenheit verraten. Er wollte, dass sie sich noch einmal in ihn verliebte, dass es reine Liebe war und nicht nur Zuneigung, geboren aus dem Gef�hl einer alten Verpflichtung. Siebenhundert Jahre��</p><p>�Du hast Angst vor den Trollen, nicht wahr?� Mandred richtete sich im Sattel auf. Seine Hand strich �ber den Schaft der Saufeder. �Keine Sorge! Hiervor werden sie Respekt haben. Und meine Sippe f�rchten sie auch. Sie haben keinen meiner Ahnen t�ten k�nnen.�</p><p>�Dann haben deine Ahnen und ich ja etwas gemeinsam�, entgegnete Farodin grimmig.</p><p>�Wie meinst du das? Bist du etwa schon einmal einem Troll begegnet?�, fragte der Menschensohn ehrf�rchtig.</p><p>�Sieben haben die Begegnung mit mir nicht �berlebt.� Farodin lag es nicht, mit seinen Taten zu prahlen. Alles Trollblut hatte den lodernden Hass in ihm nicht ausl�schen k�nnen.</p><p>Mandred lachte.��Sieben Trolle! Niemand t�tet sieben Trolle.�</p><p>�Glaub es oder nicht�, herrschte Farodin ihn an. Er zog seinen Hengst am Z�gel herum und lie� sich zur�ckfallen, bis Nuramon und Vanna ihn �berholt hatten. Er wollte allein sein, mit sich und seinen Gedanken.</p></section><section><title><p>Der Weg ins Eis</p></title><p>Mandred schob die vier Kettenhemdringe �ber einen rostigen Nagel im Bart der Firnstatue. Hochn�siges Elfenpack, dachte er. Nat�rlich hatte keiner von ihnen dem Herrn des Winters geopfert, wenn sie an einem Eisenmann vorbeigeritten waren. Und jetzt hatten sie den �rger! Immer dichter wurde das Schneetreiben, und sie hatten die H�hle noch immer nicht gefunden.</p><p>�Kommst du, Mandred?�</p><p>Der Krieger blickte zornig zu Farodin. Der war der Schlimmste von allen. Farodin hatte etwas Unheimliches an sich. Manchmal war er zu still, dachte Mandred. So waren M�nner, die etwas zu verbergen hatten. Trotzdem w�rde er auch f�r ihn opfern. �Verzeih ihnen, Firn�, fl�sterte Mandred und schlug das Zeichen des sch�tzenden Auges. �Sie kommen von einem Ort, an dem mitten im Winter Fr�hling ist. Sie wissen es nicht besser.�</p><p>Der Krieger erhob sich, nur um sich gleich darauf schwer auf den Schaft seiner Saufeder zu st�tzen. Er musste Luft sch�pfen. Nie zuvor war er so hoch in den Bergen gewesen. L�ngst hatten sie die Baumgrenze hinter sich gelassen. Hier gab es nichts mehr au�er Felsen und Schnee. Wenn der Himmel klar war, sahen sie ganz nah den Gabelbart und das Trollhaupt, zwei Gipfel, auf denen selbst im hei�esten Sommer der Schnee nie schmolz. Sie waren den G�ttern so nah, dass sie schon bei einer leichten Anstrengung kurzatmig wurden. Dieser Platz hier war nicht f�r Menschen gemacht!</p><p>Mandred griff nach den Z�geln seiner Stute. Ihr schien die K�lte nichts auszumachen, und sie musste sich auch nicht m�hsam einen Weg durch den tiefen Schnee bahnen. Ganz gleich, wie br�chig der Harschpanzer auf dem alten Schnee war, sie brach niemals ein, genau wie die beiden W�lfe und die Elfen. Sie lie�en ihn vorgehen, damit er das Tempo bestimmte. Ohne ihn w�ren sie gewiss doppelt so schnell vorangekommen.</p><p>Trotzig stemmte sich Mandred gegen den eisigen Wind. Wie Knochennadeln stach der Schnee in sein Gesicht. Er blinzelte und versuchte seine Augen so gut es ging mit der Hand abzuschirmen. Hoffentlich wurde das Wetter nicht noch schlechter!</p><p>Sie zogen einen langen Gletscher hinauf, der zu ihrer Linken von steilen Felsh�ngen ges�umt war. Heulend brach sich der Wintersturm in den Felszinnen weit �ber ihren K�pfen. Hoffentlich ist es nur der Sturm, der dort oben heult, dachte Mandred beklommen. Im Winter sollte es hier Trolle geben.</p><p>Der Krieger blickte zur�ck zu den Elfen. Denen schien die verdammte K�lte nichts auszumachen. Sicher hatten sie irgendeinen Zauber gewirkt, um sich zu sch�tzen. Aber er w�rde nicht jammern oder sie gar um irgendetwas bitten!</p><p>Es wurde schnell dunkel. Bald m�ssten sie Rast machen. Zu gro� war die Gefahr, in der Finsternis in eine Gletscherspalte zu st�rzen. Verdammtes Wetter! Mandred wischte sich fahrig �ber die Stirn. Seine Augenbrauen waren von Schnee verkrustet. Er musste den anderen klar machen, dass es keinen Sinn mehr machte, noch l�nger zu suchen. Selbst wenn sie nicht abst�rzten, mochten sie in dem Schneetreiben dicht an der H�hle vorbeilaufen, ohne sie zu bemerken.</p><p>Pl�tzlich verharrte der Krieger. Da war ein fauliger Geruch! Er erinnerte Mandred an die Ausd�nstungen der Bestie. Er blinzelte ins Schneetreiben hinein. Nichts! Hatte er es sich nur eingebildet?</p><p>Einer der W�lfe stie� ein lang gezogenes Heulen aus.</p><p>Die Bestie war hier! Ganz nahe! Mandred lie� die Z�gel fahren und umklammerte den Schaft der Saufeder mit beiden H�nden. Ein St�ck voraus im Schnee erhob sich ein Schatten.��F�r Aigilaos!�, schrie der Krieger.</p><p>Erst im letzten Augenblick erkannte er, was dort aufragte. Es war ein weiterer Eisenmann! Diesmal aber blickte er nicht weiter den Gletscher hinauf, sondern geradewegs zur Felswand. Ein schmaler Steig f�hrte dort hinauf. Viel zu schmal, als dass Pferde ihn erklimmen konnten.</p><p>�Das ist es.� Vanna war an Mandreds Seite getreten und deutete den Felssteig hinauf. �Viele Albenpfade kreuzen sich irgendwo dort oben und bilden einen Albenstern.�</p><p>�Was ist ein Albenstern?�, fragte Mandred.</p><p>�Ein Ort der Macht, ein Platz, an dem sich zwei oder mehr Albenpfade kreuzen.�</p><p>Mandred war sich nicht sicher, was sie damit meinte. Vermutlich Wege, die fr�her h�ufig von Alben beschriften wurden. Aber was hatten sie in Luths H�hle gesucht? Waren sie gekommen, um dem Gott zu huldigen?</p><p>�Ich sp�re die Pfade schon seit Stunden�, fuhr Vanna fort. �Wenn sich sieben Wege an dieser Stelle kreuzen, dann wird es dort ein Tor geben.�</p><p>Der Krieger sah die Elfe verwundert an. �Ein Tor? Dort gibt es kein Haus und keinen Turm. Es ist eine H�hle.�</p><p>Vanna l�chelte.��Wenn du es sagst.�</p><p>Farodin machte sich an der Decke zu schaffen, die er hinter seinen Sattel geschnallt hatte. Er zog ein zweites Schwert hervor und schlang den Gurt um seine H�ften. Brandans Waffe! Dann rollte er die Decke auf und warf sie seinem Hengst �ber.</p><p>�Die Pferde werden sich eine windgesch�tzte Stelle suchen und auf uns warten, so lange sie die K�lte ertragen�, erkl�rte Vanna. Sie kraulte den kleineren der beiden W�lfe zwischen den Ohren und redete beruhigend auf ihn ein.��Du bleibst hier und sch�tzt die Pferde vor den Trollen.� Sie zwinkerte Mandred zu.</p><p>Die Gef�hrten taten es Farodin nach und sch�tzten auch die �brigen Tiere mit Decken.</p><p>Denen ist wahrscheinlich l�ngst nicht so kalt wie mir, dachte Mandred �rgerlich. Er t�tschelte seiner Stute �ber die N�stern. Sie sah ihn mit ihren dunklen Augen auf eine Art an, die ihm nicht gefiel. Wusste sie etwa um sein Schicksal? Pferde sollten nicht so traurig dreinblicken k�nnen!</p><p>�Wir werden dem Mistvieh den Bauch aufschlitzen und dann sehen, dass wir so schnell wie m�glich verschwinden. Hier ist es viel zu kalt, um lange zu verweilen�, sagte Mandred, um sich selbst Mut zu machen.</p><p>Die Stute dr�ckte ihm die weichen N�stern in die Hand und schnaubte leise.</p><p>�Bist du bereit?�, fragte Vanna sanft.</p><p>Statt zu antworten, ging Mandred auf die Felswand zu. Verwitterte Stufen waren in den grauen Stein geschlagen. Vorsichtig tastete der Krieger sich voran. Eis knirschte unter seinen Tritten. Die linke Hand legte er auf den Fels, um zus�tzlichen Halt zu haben. Immer enger wurden die Stufen, sodass zuletzt kaum ein Fu� auf ihnen Platz fand.</p><p>Mandreds Atem ging keuchend, als er endlich das Ende des Felssteigs erreichte. Eine Klamm �ffnete sich vor ihm. Ihre W�nde lagen so dicht beieinander, dass dort keine zwei M�nner nebeneinander gehen konnten.</p><p>Mandred fluchte stumm. Der Manneber hatte diesen Ort mit Bedacht gew�hlt. Hier konnte immer nur einer von ihnen gegen ihn antreten. Weit oben in der Klamm flackerte r�tliches Licht, das die Schneewechten auf dem Fels wie gefrorenes Blut erscheinen lie�. Mandred schlug das Zeichen des sch�tzenden Auges. Dann ging er langsam voran. Die d�nne Luft war rauchgeschw�ngert. Irgendwo dort oben brannte harziges Fichtenholz! Der Geruch w�rde den Gestank des Mannebers �berdecken. �Verdammtes Mistvieh!�, entwich es ihm.</p><p>Jedes Mal hatte der Manneber sie �berrascht. Es schien fast, als k�nnte er sich unsichtbar machen. Allein sein Geruch verriet seine Anwesenheit. Vorsichtig pirschte Mandred vor. Hoch �ber ihm hing ein riesiger Felsklotz verkeilt zwischen den W�nden. Wie ein T�rsturz rahmte er den Weg. Hatte Vanna diesen Ort gemeint, als sie von einem Tor gesprochen hatte?</p><p>Ger�ll polterte von einer der Felsw�nde. Erschrocken riss Mandred die Saufeder hoch. Etwas kletterte �ber ihm in der Klamm, aber in der Dunkelheit konnte er es nicht genau erkennen.</p><p>Der Menschenkrieger beschleunigte seine Schritte. Langsam weitete sich die enge Schlucht zu einem kleinen Talkessel. Kaum hundert Schritt entfernt klaffte ein finsteres Maul im Felsen. Luths H�hle! Der Boden des Tals war mit gro�en Felsbrocken �bers�t. Nahe bei der H�hle brannte ein Feuer.</p><p>�Komm heraus und stell dich!� Mandred hob die Saufeder herausfordernd �ber den Kopf.��Hier sind wir!� Seine Stimme hallte von den Felsen wider.</p><p>�Er wird erst kommen, wenn er uns genau dort hat, wo er uns haben will!�, sagte Farodin grimmig. Der Elf �ffnete die Brosche seines Umhangs und lie� ihn zu Boden gleiten.</p><p>Kurz �berlegte Mandred, ob auch er seinen schweren Pelzumhang ablegen sollte. Er mochte ihn vielleicht im Kampf behindern. Aber es war einfach zu kalt. Im Zweifelsfall konnte er ihn immer noch mit einem Handgriff abstreifen.</p><p>Farodin ging nun voran. Mit katzenhafter Anmut bewegte er sich zwischen den Felsen.</p><p>�Wir bleiben zusammen�, befahl Mandred. �So k�nnen wir uns besser verteidigen.� Vanna war deutlich die Angst anzusehen. Ihre Augen waren geweitet, und der Speer in ihren H�nden zitterte leicht.</p><p>Nuramon hatte als Letzter den Talkessel betreten. Der verbliebene Wolf hielt sich dicht an seiner Seite. Er hatte die Ohren angelegt und wirkte �ngstlich.</p><p>�Gibt es nicht doch noch etwas, das du uns �ber die Devanthar erz�hlen kannst, Zauberin?�, fragte Mandred.</p><p>�Niemand wei� viel �ber sie�, erwiderte Vanna knapp.��Sie werden jedes Mal anders beschrieben in den alten Geschichten. Mal werden sie mit Drachen verglichen, dann wieder mit Schattengeistern oder riesigen Schlangen. Es hei�t, sie k�nnten ihre Gestalt wandeln. Von einem Manneber habe ich allerdings noch nie geh�rt.�</p><p>�Das hilft uns nicht weiter�, murmelte Mandred entt�uscht und stieg dann in das kleine Tal hinab.</p><p>Farodin erwartete sie am Feuer. Dort lag ein gro�er Stapel Brennholz, zersplitterte St�mme und gr�ne Fichtenzweige.</p><p>Der Elf schob einen der Zweige zur Seite. Darunter lag ein Stamm aus dunklerem Holz. Mandred erkannte erst auf den zweiten Blick, was es war.</p><p>�Der Devanthar scheint keinen gro�en Respekt vor deinen G�ttern zu haben.�</p><p>Mandred zog das schwere G�tzenbild unter den Zweigen hervor. Es war einer der Eisenm�nner, diesmal ein Bildnis von Luth. Viele der Opfergaben waren aus dem Holz gebrochen und hatten tiefe Kerben hinterlassen. Mandred tastete ungl�ubig �ber das gesch�ndete Standbild. �Er wird sterben�, murmelte er. �Sterben! Niemand verspottet ungestraft die G�tter. Hast du ihn gesehen?�, fuhr er Farodin an.</p><p>Der Elf deutete mit Brandans Schwert auf die H�hle. �Ich vermute, dass er uns dort drinnen erwartet.�</p><p>Mandred breitete die Arme aus und blickte in den Nachthimmel.��Herren des Himmels und der Erde! Gebt uns die Kraft, euer r�chender Arm zu sein! Norgrimm, Lenker der Schlachten! Hilf mir, unseren Feind zu vernichten!� Er wandte sich der H�hle zu. �Und du, Manneber, f�rchte meinen Zorn! Ich werde deine Leber den Raben und Hunden vorwerfen!�</p><p>Entschlossen ging Mandred auf die H�hle zu und schlug noch einmal das Zeichen des sch�tzenden Auges. Hinter dem Eingang bog ein Tunnel scharf nach links und weitete sich schon nach wenigen Schritten zu einer H�hle, die gr��er war als die Festhalle eines K�nigs und von sinnenverwirrender Sch�nheit.</p><p>In ihrer Mitte lag ein gro�er Felsbrocken. Davor war der Boden von Ru� geschw�rzt. Hier musste Luth am Feuer gesessen haben, dachte Mandred ehrf�rchtig.</p><p>Schimmerndes Eis bedeckte die W�nde. Dahinter schienen Lichter gefangen zu sein. Sie sahen wie kleine Flammen aus und wanderten zur Decke hinauf, wo sich ihr Licht in hunderten von Eiszapfen spiegelte. In der H�hle war es fast so hell wie auf einer Wiese an einem Sommertag.</p><p>Zwischen den Eiszapfen wuchsen steinerne S�ulen von der Decke hinab, um mit m�chtigen Steindornen zu verschmelzen, die sich vom Boden emporstreckten. Nie zuvor hatte Mandred so etwas gesehen. Es schien, als w�chse hier der Fels, so wie Eiszapfen von den D�chern der Langh�user wuchsen. Dies war wahrlich ein Ort der G�tter!</p><p>Auch die drei Elfen waren eingetreten. Staunend sahen sie sich um.��Ich sp�re nur f�nf�, sagte Vanna.</p><p>Mandred folgte ihren Blicken. Da war niemand au�er ihnen!��F�nf was?�</p><p>�An diesem Ort kreuzen sich f�nf Albenpfade. Dem Kundigen �ffnet sich hier ein Weg zwischen den Welten. Wer seine Reise an einem solchen Ort beginnt, der wird nicht verloren gehen. Aber dieses Tor ist versiegelt. Ich glaube nicht, dass wir es �ffnen k�nnen.�</p><p>Mandred sah die Elfe verwundert an. Er verstand kein Wort von dem, was sie sagte. Elfenschnickschnack!</p><p>_Und ihr sollt dieses Tor auch nicht �ffnen, denn eure Reise endet hier_, hallte eine Stimme in seinen Gedanken. Erschrocken fuhr der Jarl herum. Im Eingang zur H�hle stand die Bestie. Der Manneber erschien ihm jetzt noch gr��er als in der Nacht, in der er ihm zum ersten Mal begegnet war. Dabei stand die massige Gestalt sogar gebeugt.</p><p>Der Kopf des Devanthars war der Kopf eines Wildebers, dicht behaart mit schwarzen Borsten. Nur seine blauen Augen erinnerten nicht an ein Tier. Sie funkelten sp�ttisch. Aus seinem Maul ragten Hauer, so lang wie Dolche.</p><p>Der Rumpf war wie bei einem kr�ftigen Mann, doch seine Arme waren viel zu lang und hingen bis fast zu den Knien. Die Beine waren eine Mischform von menschlichen Gliedern und den Hinterl�ufen eines Ebers. Sie endeten in gro�en, gespaltenen Hufen.</p><p>Das Ungeheuer spreizte die H�nde, und aus den Fingerkuppen schoben sich Krallen. Mandred wurde bei dem Anblick mulmig. Der Manneber hatte sich ver�ndert! So lange Krallen hatte er nicht gehabt, als er ihn und seine drei Gef�hrten auf der Lichtung nahe Firnstayn �berfallen hatte.</p><p>Der Wolf stie� ein tiefes, kehliges Knurren aus. Er hatte die Ohren angelegt und die Rute zwischen die Hinterbeine geklemmt. Gleichzeitig waren seine Lefzen zur�ckgezogen, und er zeigte drohend seine F�nge.</p><p>Der Manneber legte den Kopf in den Nacken und stie� einen markersch�tternden Schrei aus, ein dumpfes Gr�len, das immer heller wurde, bis es in schrilles Kreischen �berging.</p><p>Vanna presste sich die H�nde auf die Ohren und ging in die Knie. War das ein Zauber? Mandred st�rmte vor. Ein St�ck Eis fiel ihm vor die F��e. Erschrocken blickte der Krieger zur Decke. Im selben Augenblick l�sten sich hunderte von Eiszapfen. Gleich kristallenen Dolchen fuhren sie hinab.</p><p>Mandred riss die Arme �ber den Kopf, um sich zu sch�tzen. Die ganze H�hle war vom Get�se zerschellenden Eises erf�llt. Etwas schrammte �ber seine Stirn. Dicht vor ihm schlug ein armlanger Eiszapfen auf den Boden und zerbrach. Dann prasselte es auf seinen R�cken. Wie ein Keulenschlag traf ihn etwas am Hinterkopf.</p><p>Vanna lag zusammengekr�mmt am Boden. Ein Eiszapfen hatte ihren Oberschenkel durchbohrt. Ihre Hose aus Hirschleder war von Blut durchtr�nkt. Nuramon hatte offensichtlich einen Treffer am Kopf abbekommen. Er lehnte an einer Steins�ule und rieb sich benommen die Stirn. Nur Farodin schien g�nzlich unverletzt zu sein.</p><p>�Schluss mit den Spielen!� Der Elf zog seine beiden Schwerter und hob eine der Klingen.��Erkennst du diese Waffe? Ihr Besitzer ist tot, und doch wird sie dich treffen. Mit ihr werde ich das Leben aus dir herausschneiden.�</p><p>Statt zu antworten, st�rmte der Manneber in die H�hle. Vanna versuchte vor ihm fortzukriechen, doch binnen eines Herzschlags war die Kreatur �ber ihr. Mit einem leichten R�ckhandschlag streckte der Manneber sie vollends nieder. Einer seiner Hufe schnellte hinab. Ihr Sch�del zerbarst wie ein weingef�llter Tonkrug, der auf Steinplatten fiel.</p><p>Mit einem gellenden Schrei warf sich Nuramon auf das Ungeheuer. Doch der Devanthar reagierte �berraschend schnell.</p><p>Mit einer seitlichen Drehung wich er dem Schwerthieb aus. Eine Krallenhand fuhr hinab und zerfetzte den Umhang des Elfen.</p><p>Mandred sprang vor und versuchte dem Manneber die Saufeder zwischen die Rippen zu sto�en. Ein Prankenhieb traf das Speerblatt und h�tte dem Krieger beinahe die Waffe aus der Hand gerissen. Auf dem Boden voller Eis geriet Mandred ins Rutschen.</p><p>Der Wolf hatte seine F�nge in eines der Beine des Mannebers gegraben, w�hrend Farodin mit einem Wirbel von Schl�gen angriff. Doch statt den Schwerthieben auszuweichen, sprang die Kreatur vor. Eine Klauenhand fuhr hinab. Farodin warf sich zur�ck, doch die Pranke hinterlie� vier tiefe Striemen auf seiner linken Wange. Der Wolf zerrte am Bein des Mannebers. Mandred w�nschte sich, sie h�tten den anderen Wolf nicht bei den Pferden zur�ckgelassen. Hier w�re er ihnen eine gr��ere Hilfe!</p><p>Die Bestie fuhr herum und versetzte dem Wolf einen wuchtigen Schlag in den R�cken. Mandred h�rte ein scharfes Knacken. Das Tier jaulte auf. Seine Hinterl�ufe knickten zuckend zur Seite. Noch immer waren seine F�nge in das Bein des Mannebers gegraben. Helles Blut quoll zwischen den schwarzen Borsten hervor. Ein Huftritt lie� Kiefer und F�nge des Wolfes zersplittern.</p><p>Wild wirbelte der Manneber herum. Nuramon hatte versucht, ihn von hinten anzugreifen. Ein Prankenhieb prellte dem Elfen das Kurzschwert aus der Hand, und ein zweiter Schlag zerfetzte den Brustpanzer aus Drachenhaut.</p><p>�Denkt nicht!�, schrie Farodin. �Er kennt jeden eurer Gedanken. �berlegt nicht, was ihr tun wollt. Greift einfach an!�</p><p>Mandreds Saufeder zerteilte das Fleisch der Bestie. Er hatte ihr einen tiefen Schnitt gleich unter dem Rippenbogen beigebracht. Mit einem w�tenden Schnauben fuhr die Kreatur herum.</p><p>Der Krieger riss die Waffe hoch, um den Prankenhieb aufzuhalten, der nach seinem Kopf zielte. Der Schaft der Saufeder zersplitterte unter der Wucht des Treffers. Mandred wurde zur�ckgeworfen. Doch bevor die Bestie nachsetzen konnte, war Farodin �ber ihm. Mit ungest�men Schwerthieben trieb er den Manneber fort von Mandred und verschaffte diesem so die Gelegenheit, sich wieder aufzurappeln.</p><p>Der Jarl blickte auf die zerst�rte Waffe. Das Blatt der Saufeder war so lang wie ein Kurzschwert. Der Krieger warf die nutzlose H�lfte des Schaftes fort. Blut rann seinen Arm hinab. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass der Manneber ihn getroffen hatte.</p><p>In t�dlichem Tanz umkreisten Farodin und der Manneber einander. Sie bewegten sich so schnell, dass Mandred es nicht wagte vorzust�rmen, aus Angst, er k�nnte Farodin behindern.</p><p>Der Atem des Elfen ging keuchend. Die d�nne Luft! Mandred konnte sehen, wie Farodins Bewegungen langsamer wurden. Klirrend zerriss ein Prankenhieb das Kettenhemd �ber seiner linken Schulter. Im selben Moment schnellte Brandans Schwert hoch. Blut spritzte, und eine der Pranken des Mannebers wirbelte durch die Luft. Der Schwerthieb hatte das Handgelenk durchtrennt.</p><p>Der Manneber grunzte und wich ein St�ck zur�ck. Spiegelte sich da etwa Angst in seinen blauen Augen?</p><p>Farodin st�rmte vor. Die Bestie senkte den Kopf und warf sich nach vorn. Ihre Hauer gruben sich in Farodins Brust. Beide wurden zu Boden gerissen.</p><p>�Mandred���</p><p>Die Spitze von Brandans Schwert war der Kreatur quer durch den Leib gedrungen und ragte aus ihrem R�cken. Und doch war noch immer Leben in der Bestie. Mit Entsetzen sah Mandred, wie sie sich hochstemmte.</p><p>�Nuramon �� Blut troff von Farodins Lippen. �Sag ihr��� Sein Blick tr�bte sich.</p><p>�Farodin!� Mit einem Mal war Nuramon �ber dem Manneber. Er hob das Schwert mit beiden H�nden und lie� es auf das Haupt des Ebers hinabfahren. Knirschend glitt die Klinge ab und hinterlie� eine tiefe, blutige Furche. Von der Wucht des eigenen Schwerthiebes taumelte Nuramon zur�ck. Blankes Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben.</p><p>Noch halb gebeugt fuhr die Bestie herum und setzte dem Elfen nach. Doch dann verharrte sie pl�tzlich.</p><p>Das ist die letzte Gelegenheit!, dachte Mandred. Der Krieger trat von hinten an den Manneber. Entschlossen packte er mit der Linken die Hauer und riss den m�chtigen Kopf zur Seite. Mit der Rechten rammte er dem Ungeheuer die Klinge der Saufeder durch eines seiner Augen. Tief grub sich der Elfenstahl in den Sch�del des Devanthars.</p><p>Ein letztes Mal b�umte sich der K�rper der Bestie auf. Mandred wurde gegen den m�chtigen Stein geschleudert, auf dem einst Luth gesessen hatte. Dumpfer Schmerz pochte in seiner Brust.</p><p>�Deine Leber werden die Hunde fressen�, stie� Mandred hustend hervor.</p></section><section><title><p>Ein Traum</p></title><p>Es war ein klarer Traum, der Noroelle im Schlaf ereilte. Zun�chst schweifte ihr Blick �ber die fr�hlingshafte Umgebung ihres Hauses und weiter �ber die Steilk�ste von Alvemer. Mit einem Mal aber sah sie eine unheimliche Winterlandschaft, schroffe Berge und dichte W�lder, die von Stimmen und Schreien durchdrungen wurden. Vor einem Eichenstamm lag ein toter Kentaur, so j�mmerlich zugerichtet wie kein Wesen, das sie je gesehen hatte. Es war Aigilaos. Pl�tzlich hatte sie Lijema vor Augen, die regungslos im Schnee lag und eine riesige Wunde im Leib hatte. Aus Lijema wurde Brandan, der todesstarr neben einem Lagerfeuer ruhte, w�hrend aus dem Wald die Schreie leidender W�lfe drangen.</p><p>Noroelles Blick fand eine H�hle aus Eis, die von Kampfl�rm erf�llt wurde. Sie konnte nicht sehen, wer dort gegen wen k�mpfte. Sie sah nur jene, die niedergestreckt wurden. Da war Vanna die Zauberin und dann ein Wolf. Mit einem Schlag verstummte der Kampfl�rm, und Noroelle sah Farodin am Boden. Eine Wunde klaffte in seiner Brust, und in seinen Augen war kein Leben.</p><p>Noroelle schrie und schrie, ohne Luft zu holen��</p><p>Auf einmal fand sie sich neben dem leeren Thron im Saal der K�nigin wieder. Sie schaute sich um, doch sie war allein. Das Wasser schwieg, die W�nde waren trocken. Tageslicht fiel durch die Decke in den Saal. Noroelle sah an sich herab. Sie trug ihr wei�es Nachthemd.</p><p>Langsam �ffnete sich das Tor. Wei� gewandete Elfenfrauen, die ihre Gesichter hinter Schleiern verbargen, trugen zwei Bahren nebeneinander herein. Noroelle wusste, wen sie zu ihr brachten. Verzweifelt wandte sie sich ab. Den Anblick w�rde sie nicht ertragen.</p><p>Die Frauen kamen n�her und n�her. Schlie�lich verharrten sie vor der Treppe zum Thron. Noroelle betrachtete aus den Augenwinkeln die Bahrentr�gerinnen, die stumm und starr dastanden, als w�ren sie Statuen. Sie wollte auf keinen Fall die toten K�rper ihrer Liebsten sehen. Doch ihr Blick gehorchte ihr nicht, sondern wanderte zu den Leichnamen von Farodin und Nuramon. Sie schienen unversehrt zu sein, doch ihnen fehlte jedes Leben.</p><p>Noroelle schaute sich zitternd um, so als m�sste doch irgendjemand da sein, der ihr beist�nde. Doch da war niemand. Dann sah sie, wie von den W�nden Blut hinablief. Sie schaute auf und beobachtete, wie das Blut aus den Quellen drang.</p><p>Noroelle eilte davon. Durch die Seitent�r, die der K�nigin vorbehalten war, verlie� sie den Saal. Sie lief so schnell sie konnte und achtete nicht darauf, wohin sie ihre F��e trugen.</p><p>Unvermittelt fand sie sich an ihrem See wieder. Sie trat zur Quelle und war erleichtert, hier Wasser und kein Blut vorzufinden. Ersch�pft lehnte sie sich an den Stamm einer der beiden Linden und fing an zu weinen. Sie wusste, dass es nur ein Traum war. Aber sie wusste auch, wie oft sie im Traum die Wahrheit gesehen hatte. Sie hatte Angst vor dem Erwachen.</p><p>Nach einer Weile kniete sie sich an den See und betrachtete ihr Antlitz auf der Wasseroberfl�che. Nichts war von dem geblieben, was Farodin und Nuramon in ihr gesehen hatten. Ihre Tr�nen fielen ins Wasser und lie�en ihr Spiegelbild verschwimmen.</p><p>�Noroelle!�, h�rte sie eine vertraute Stimme sagen.</p><p>Sie stand auf und wandte sich um. Es war Nuramon. �Bist du es wirklich?� Er war in eine Hose und ein Hemd aus einfachem Leinen gekleidet. Seine F��e waren nackt.</p><p>�Ja�, sagte er l�chelnd.</p><p>Noroelle setzte sich auf den Stein beim Wasser und bedeutete ihm, zu ihr zu kommen.</p><p>Er nahm neben ihr Platz und fasste ihre Hand. �Du hast geweint.�</p><p>�Ich hatte einen b�sen Traum. Aber nun ist er vor�ber. Du bist da.� Sie sah sich um. �Es ist merkw�rdig. Es ist alles so klar. So, als w�re es gar kein Traum.�</p><p>�Du hast Macht �ber diese Traumwelt. Das sp�re ich. Was du willst, das wird geschehen. Der Schmerz hat dir diese Kraft verliehen. Er hat W�nsche in dir geweckt.�</p><p>�Ich sehe dich nicht zum ersten Mal in meinen Tr�umen, Nuramon. Erinnerst du dich an das letzte Mal, da wir uns hier in meinem Schlaf trafen?�</p><p>�Nein. Denn ich bin nicht der Nuramon aus deinen Tr�umen. Ich bin kein Bild, das du dir von mir machst. Ich bin von au�en in deinen Traum gekommen.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>�Weil ich mich entschuldigen muss. Ich habe mein Versprechen gebrochen. Wir werden nicht zur�ckkehren.� Er sagte es mit einer so sanften Stimme, dass sie ganz ruhig blieb.</p><p>�Dann war es die Wahrheit, die ich vorhin gesehen habe?�</p><p>Er nickte. �Die Elfenjagd ist gescheitert. Wir sind alle tot.�</p><p>�Aber du bist hier.�</p><p>�Ja, aber ich kann nicht lange bleiben. Ich bin nur ein Geist, den der Tod bald fortnimmt, auf dass ich einst wiedergeboren werde. Nun wei�t du, was geschehen ist. Und du hast es nicht aus dem Munde irgendeines anderen erfahren.� Er erhob sich. �Es tut mir so Leid, Noroelle.� Nuramon schaute sie sehnsuchtsvoll an.</p><p>Sie stand auf. �Du hast gesagt, dass ich Macht �ber diesen Traum habe.�</p><p>Er nickte.</p><p>�Dann nimm meine Hand, Nuramon!�</p><p>Er gehorchte ihr.</p><p>�Schlie� die Augen!�</p><p>Nuramon f�gte sich ihrem Wunsch.</p><p>Noroelle dachte an ihre Kammer. Oft hatte sie sich den Tag ausgemalt, da sie Farodin oder Nuramon in ihr Gemach f�hren w�rde. Und da es in der Wachwelt nie mehr geschehen w�rde, beschloss sie, es hier im Traum geschehen zu lassen. Sie f�hrte ihn einige Schritte �ber die Wiese und w�nschte, sie w�re in ihrer Kammer. Pl�tzlich waren da Mauern um sie herum. Die Pflanzen verwandelten sich in Efeu, sie rankten sich an den W�nden hinauf und nahmen bald die ganze Decke ein. Der See schwand ebenso wie die Linden. Stattdessen wurde der Boden zu Stein, und M�bel aus lebendem Holzgeflecht stiegen aus ihm empor. Selten hatte sie solche Macht in ihren Tr�umen versp�rt. ��ffne die Augen, mein Geliebter!�, sagte sie leise.</p><p>Nuramon tat es und schaute sich l�chelnd um. �Ich hatte es mir anders vorgestellt.�</p><p>�Es ist nur im Traum so gro�. Und dass hier �berall Pflanzen wachsen, sollte dich nicht wundern.�</p><p>Er legte die H�nde auf ihre Schultern. �Ich w�nschte so sehr, ich h�tte mein Versprechen halten k�nnen.�</p><p>�Und ich w�nschte, das Schicksal h�tte mir meine Entscheidung nicht abgenommen. Alles, was uns noch bleibt, ist dieser Traum.� Sie wartete darauf, dass er etwas sagte oder etwas tat, doch Nuramon z�gerte. Sie w�re ihm l�ngst entgegengekommen, wenn er es nicht all die Jahre vermieden h�tte, sie zu ber�hren. Es war an ihm zu entscheiden, das w�rde sie ihm nicht abnehmen.</p><p>Als er die B�nder ihres Nachtgewands zwischen ihren Schultern l�ste, atmete Noroelle erleichtert aus. Endlich hatte er diesen Schritt gewagt! Er schaute ihr unverwandt in die Augen. Der Schrecken der Menschenwelt hatte Nuramon ver�ndert, er machte einen ernsteren Eindruck.</p><p>Ihr Nachthemd glitt an ihrem K�rper zu Boden.</p><p>Nuramon senkte den Blick.</p><p>Das hatte sie nicht erwartet. Gewiss, er mochte neugierig sein, wie ihr K�rper, den er so oft besungen hatte, wirklich aussah, aber war der Blick nicht zu rasch gefallen? Dann dachte sie daran, was er gesagt hatte. Er musste bald fort. Ihnen blieb kaum Zeit. Und nichts w�re schlimmer, als im falschen Moment voneinander getrennt zu werden.</p><p>Er schloss sie in die Arme und fl�sterte in ihr Ohr: �Verzeih mir. Ich bin nicht mehr der, den du gekannt hast. Es ist schwierig f�r mich, hier zu sein. Ich bin nur ein Schatten desjenigen, der ich einst war.�</p><p>Noroelle schwieg; sie wollte nichts darauf sagen. Auch wagte sie nicht, sich vorzustellen, was Nuramons Preis daf�r sein mochte, dem Tod die wenigen Momente hier mit ihr abzuringen. Sie machte einige Schritte zur�ck und wartete.</p><p>Nuramon zog sich aus. Irgendetwas stimmte nicht � Sie musterte ihn. Es lag nicht an seinem K�rper, dieser war makellos. Sie erinnerte sich, was die Frauen bei Hof gesagt hatten. Manche von ihnen hatten sich eine Liebesnacht mit ihm gew�nscht. Jetzt, da er sich ganz vor ihr entbl��te, konnte Noroelle mehr denn je verstehen, wieso diese Frauen all das verga�en, was man sich �ber Nuramons Fluch erz�hlte. Nie h�tte sie gedacht, dass Nuramon aussah wie einer der legend�ren Minnes�nger, von deren Liebesabenteuern die Frauen so schw�rmten. Wie hatte er diesen K�rper nur verstecken k�nnen?</p><p>Als Noroelle Nuramon wieder ins Antlitz blickte, erkannte sie, was an ihrem Liebsten nicht stimmte. In seinen Z�gen stand ein stummer Schmerz. Er hatte viel erleiden m�ssen.</p><p>Zaghaft kam Nuramon n�her. Er streckte die Hand nach ihr aus und ber�hrte sie, als wollte er sichergehen, dass sie tats�chlich da war. Sanft streichelte er ihr �ber die Schulter.</p><p>Noroelle fuhr Nuramon mit den H�nden durch das wilde Haar, dann den Hals entlang auf seine Brust. Seine Haut war weich. Sie nahm ihn in die Arme und k�sste ihn. Dabei schloss sie die Augen und sp�rte, wie seine warmen Fingerspitzen ihren R�cken hinabstrichen und k�hle Schauer nach sich zogen.</p><p>Gemeinsam lie�en sie sich auf die Bettstatt sinken. Es war anders als in der Wachwelt. Das Holzgeflecht war ein wenig feiner, das weiche Bl�tterwerk schien dichter zu sein. Nuramon strich �ber die Bl�tter. Hatte er noch nie ein solches Bett gesehen? Oder wunderte es ihn nur, wie weich es war?</p><p>Sie verharrten und sahen einander lange an. Dies also war das Ende ihres langen Weges. So oft hatte sie von diesem Augenblick getr�umt. Und obwohl auch dies nur ein Traum war, sp�rte sie alles viel eindringlicher als je zuvor.</p><p>Nuramon ber�hrte ihr Haar und rieb es sanft zwischen den Fingern, um es dann zu k�ssen. Mit den Handfl�chen strich er ihr �ber die Wangen, um sich dann einen Weg zu ihrem Hals und dem Brustansatz zu suchen. Dort hielt er inne. Noroelle blickte ihn liebevoll an. Er sollte an ihren Augen lesen, dass er alles wagen durfte.</p><p>Mit einem Mal sp�rte sie, wie seine Hand zwischen ihre Br�ste fuhr und bis zum Bauchnabel hinabstrich. Ein Schauer durchfuhr sie. Es war nicht nur ein Schauer der Ber�hrung, sondern auch der Magie. Sie vermochte nicht zu sagen, ob es Nuramons heilende H�nde waren oder aber ihre Zaubersinne. Vielleicht vermischte sich beides.</p><p>Er lie� die H�nde �ber ihre H�ften auf ihren R�cken gleiten. Dann l�ste er sie von ihrem K�rper, blieb aber so nahe, dass Noroelle die W�rme seiner Finger f�hlen konnte. Sie schloss die Augen und lie� sich zur�cksinken.</p><p>Sie sp�rte, wie er langsam �ber sie kam, wie seine H�nde ihre Br�ste streichelten und dann ihr Gesicht liebkosten. Sie konnte nicht fassen, wie warm sein K�rper war. Es musste ein Zauber sein, der diese W�rme hervorbrachte.</p><p>Als sie sp�rte, wie sein Glied �ber ihre Schenkel streifte, umklammerte sie Nuramon mit ihren Beinen. Schauer um Schauer liefen ihr durch den K�rper.</p><p>Als er in sie eindrang, stockte ihr der Atem. Sie hatte oft von Liebesn�chten mit Farodin oder Nuramon getr�umt, hatte Verlangen gesp�rt und Erf�llung gefunden, aber kein Traum war je so reich an Sinnesfreuden gewesen wie dieser. Diesmal waren all ihre Zaubersinne erwacht. So wie jetzt musste es auch in der Wachwelt sein. So w�re es gewesen, wenn��</p><p>Nuramon verharrte. Sie fragte sich, worauf er wartete. Sie �ffnete die Augen und sah sein Gesicht �ber ihr. Beinahe sch�chtern schaute er sie an. Hatte sie ihn verschreckt, weil ihr der Atem stockte? Noroelle strich ihm durchs Haar und dann �ber die Lippen. Ihr L�cheln sollte ihm alles sagen.</p><p>Vorsichtig begann er sich in ihr zu bewegen.</p><p>Im gleichen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. Sie wusste nicht, ob es am Traum lag, ob ihre oder seine Magie ihre Empfindungen verst�rkte und ihre Sinne berauschte.</p><p>Mit jeder Bewegung Nuramons schien eine neue Welt aufzubrechen. �berall waren Lichter und Farben. Dann war da sein Gesicht. Es kam und es ging, und es erschien ihr sch�n wie nie. Und sein Duft! Es kam ihr so vor, als n�hme sie alle jene D�fte wahr, die sie mit Nuramon verband: den von Lindenbl�ten, den von Maulbeeren und den der alten Eiche, auf der Nuramons Haus stand. Ihr war, als holte ein Zauber diese D�fte aus ihrer Erinnerung in den Traum.</p><p>Ebenso verf�hrerisch war Nuramons weiche Haut. Sie schien sie zu umfangen wie eine weiche Decke und hatte ihren k�hlen K�rper l�ngst gew�rmt. Noroelle konnte Nuramon gleichm��ig atmen f�hlen. Es war ein langer Hauch, den sie gern einatmete und schmeckte.</p><p>Mit einem Mal h�rte sie sich selbst. Sie h�rte sich Nuramons Namen fl�stern. Immer lauter wurde sie; so sehr, dass sie von sich selbst �berrascht war. Und dann war da ein Schrei! Alle Sinneseindr�cke vereinten sich im Rausch.</p><p>Noroelle erwachte schlagartig. All das, was sie vor einem Moment noch gesp�rt hatte, verblasste, floh mit einem Kribbeln aus ihrem K�rper. Sie wagte nicht, die Augen zu �ffnen, um das zu sehen, was sie l�ngst sp�ren konnte: dass Nuramon fort war. Sie wollte nach ihm tasten, aber es ging nicht. Sie wollte seinen Namen sagen, aber ihre Lippen bewegten sich nicht. Und als sie nun doch die Augen �ffnen wollte, musste sie feststellen, dass die Lider ihr nicht gehorchten. Sie war gefangen in ihrem Leib und fragte sich, ob sie wirklich aufgewacht war oder noch immer tr�umte.</p><p>Mit einem Mal sp�rte sie die Gegenwart eines anderen in ihrer Kammer. Ob es wirklich Nuramon war? Ob er auch in der Wachwelt zu ihr zur�ckgekehrt war?</p><p>Wer immer bei ihr war, er kam an ihr Bett heran. Deutlich h�rte sie seine vorsichtigen Schritte. Er blieb bei ihr stehen und verharrte, bis sie nicht mehr zu sagen vermochte, ob er immer noch da war. Schlie�lich war sie sich sicher, allein zu sein.</p><p>Pl�tzlich erklangen Schritte vor ihrem Zimmer. Dann wurde die T�r ge�ffnet, und sie h�rte Obilees Stimme ihren Namen rufen. Ihre Vertraute trat n�her, setzte sich neben sie und ber�hrte sie.��Noroelle!�</p><p>Verzweifelt versuchte Noroelle, die Macht �ber ihren K�rper zur�ckzugewinnen.</p><p>Obilee stand auf und schloss die Fensterl�den. Dann kehrte sie zu Noroelle zur�ck und deckte sie zu.</p><p>Mit einem Mal stockte Noroelle der Atem, sie wurde unruhig, und im n�chsten Augenblick war sie wieder die Herrin �ber ihren K�rper. Sie �ffnete die Augen und richtete sich mit einem Ruck auf.</p><p>Obilee erschrak.</p><p>�Nuramon!�</p><p>Die junge Elfe musste schmunzeln.</p><p>�Ich habe getr�umt, Obilee.� Noroelle sah ihr Nachthemd neben sich liegen. Und sie wusste, dass das Fenster offen gestanden hatte � �Es war mehr als ein Traum. Er war hier � Er war tats�chlich hier!� Sie stockte.��Aber wenn er hier war, dann��� Dann war die Elfenjagd gescheitert. Dann war alles so, wie Nuramon ihr im Traum gesagt hatte. Es war vorbei. Ihre Geliebten waren tot.</p></section><section><title><p>Der Heilzauber</p></title><p>Nuramon stand wie bet�ubt vor dem toten Devanthar. Irgendetwas hatte der D�mon getan, bevor Mandred ihn erschlagen hatte. Ein Hauch von Magie hatte ihn wie ein Schatten umgeben. Doch nun lag die Bestie reglos da. Das Blatt von Mandreds Saufeder ragte aus ihrer Augenh�hle. Der Menschensohn kniete am Boden und atmete schwer.</p><p>Nuramon sch�ttelte sich. Endlich konnte er wieder klar denken. Er wandte sich um und sah die toten K�rper von Vanna und dem Wolf. Farodin lag auf dem R�cken; eine tiefe Wunde klaffte in seiner Brust.</p><p>Sofort war Nuramon bei ihm.��Farodin!�, rief er, doch sein Gef�hrte hatte das Bewusstsein verloren. Er atmete nur flach, und sein Puls war kaum noch zu sp�ren. Trotz der blutigen Striemen auf der Wange erinnerte sein Gesicht Nuramon an das eines schlafenden Kindes.</p><p>Der Elf hatte Noroelle versprochen, dass sie beide zu ihr zur�ckkehren w�rden. Und nun verging Farodins Leben vor seinen Augen. Mit dem blassen Atemdunst verblasste auch jede Hoffnung. Denn ein Toter war nicht zu heilen.</p><p>Nuramon fasste die Hand seines Gef�hrten. Sie war noch nicht ganz kalt. Da war immer noch ein wenig W�rme zu sp�ren. Seine Mutter hatte ihm einmal gesagt, es gebe eine Schwelle, von der man einem Albenkind nur mehr beim Sterben zusehen k�nne. Als er die tiefe Wunde betrachtete, wusste er, dass Farodin nicht zu helfen war.</p><p>Sein Gef�hrte hatte das Unm�gliche gewagt, um sie zu retten. Nuramon war es ihm schuldig, alles zu versuchen, so wie er es Noroelle schuldig war. Nun war es an ihm, das Unm�gliche zu wagen. Wenn dies das Ende war und es nichts mehr zu gewinnen gab, dann w�rde er wenigstens bei dem Versuch sterben, Farodin zu retten.</p><p>Er schloss die Augen und dachte noch einmal an Noroelle. Er sah ihr Gesicht vor sich � und begann mit seinem Zauber.</p><p>Der Schmerz kam sogleich und drang tief in seinen Kopf vor. Es schien, als verwandelte sich jede Ader in seinem Leib in einen gl�henden Faden.</p><p>Nuramon h�rte sich schreien. Irgendetwas griff nach seiner Kehle. Er musste um jeden Atemzug k�mpfen. W�rde er den Atem verlieren, damit Farodin den seinen wieder erlangte? Dann fasste etwas nach seinem Herzen und presste es erbarmungslos zusammen. Der Schmerz �berw�ltigte ihn. Er wollte Farodin loslassen, sp�rte aber nicht, was er tat. Es kam ihm so vor, als h�tte er keinen K�rper mehr. Er dachte an Noroelle. Daraufhin wollte er Farodin um jeden Preis festhalten und diese Qualen �ber sich ergehen lassen. Er wusste nicht, ob er selbst noch lebte, und wusste nicht, wie es um Farodin stand. Und er wusste ebenso wenig, wie viel Zeit vergangen war. Es gab nur das Leid, das all seine Sinne ausf�llte. Alles, was ihm blieb, war ein Gedanke: Nicht loslassen!</p><p>Pl�tzlich schreckte Nuramon auf. Der Schmerz zog sich flie�end in seine H�nde zur�ck. Ihm war schwindelig, und seine Sinne waren verwirrt. Er h�rte eine Stimme seinen Namen sagen. Als er aufblickte, sah er einen Schatten, der mit ihm sprach.</p><p>Es dauerte lange, bis er Mandreds Stimme erkannte. �Verdammt! Sag endlich was!�</p><p>�Noroelle!� Seine Stimme klang fremd, so als k�me sie aus weiter Ferne.</p><p>�Komm schon, tu mir das nicht an! Bleib wach!�</p><p>Nuramon sah sich neben Farodin kauern. Er ber�hrte ihn immer noch auf der Brust und hielt seine Hand umfangen. Bald sp�rte er seinen Herzschlag. Sein Atem war zur�ckgekehrt. Blasser Dunst stand in der eisigen Luft vor seinem Mund.</p><p>Nuramon war kalt. Seine Adern schienen zu Eis gefroren zu sein. W�rde er sterben, oder kehrte das Leben in ihn zur�ck? Er wusste es nicht zu sagen.</p><p>Schlie�lich sah er Mandred ins Gesicht. Der Menschensohn betrachtete ihn voller Ehrfurcht.��Du bist ein gro�er Zaubermeister! Du hast ihn gerettet.� Mandred legte ihm die Hand auf die Schulter.</p><p>Nuramon l�ste die H�nde von Farodin und lie� sich zur�ckfallen. Ersch�pft schaute er zur Decke und betrachtete das magische Glitzern hinter dem Eis. Nur langsam fand er zu innerer Ruhe.</p><p>Pl�tzlich merkte Mandred auf.��H�rst du das?�</p><p>Nuramon horchte. Am Rande vernahm er ein summendes Ger�usch.��Was ist das?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Der Menschensohn zog die Saufeder aus der Augenh�hle des Devanthars. Der Schaft der Waffe war zersplittert und ma� gerade noch eine Armesl�nge.��Ich werde nachsehen.�</p><p>Nuramon wusste, dass es noch nicht ganz vor�ber war. Er musste pr�fen, ob Farodin tats�chlich geheilt war. M�de richtete er sich auf und untersuchte ihn. Sein Gef�hrte schlief ruhig. Die Wunde hatte sich v�llig geschlossen. Nuramon konnte sp�ren, wie Farodins Kraft mit jedem Atemzug wuchs. Es war vollbracht! Er hatte sein Versprechen nicht gebrochen!</p><p>Vom Ausgang der H�hle erklang ein schrilles Kreischen, das nicht abrei�en wollte. Erschrocken griff Nuramon nach seinem Schwert. Als Mandred herbeigelaufen kam, senkte er die Waffe wieder.</p><p>Der Menschensohn schien beunruhigt. �Irgendetwas ist da faul!�</p><p>Nuramon stand auf. Ihm war schwindelig.��Was ist?�</p><p>�Komm, schau es dir selbst an!�</p><p>Er folgte Mandred einige Schritte, dann blickte er zu Farodin zur�ck. Nur ungern lie� er ihn in der N�he des toten Devanthars zur�ck. Doch Mandred war sehr aufgew�hlt. So eilte er ihm schlie�lich nach.</p><p>Als er den Ausgang der H�hle erreichte, glaubte Nuramon seinen Augen nicht zu trauen. Da war eine dicke Eiswand, die den Weg aus der H�hle versperrte und den Blick hinaus tr�bte. Jenseits davon schwoll ein Licht langsam an, dann wieder ab.</p><p>�Was ist das, Nuramon?�, fragte Mandred.</p><p>�Ich kann es dir nicht sagen.�</p><p>�Ich habe versucht, mit der Saufeder ein Loch durch das Eis zu sto�en. Aber da ist nichts zu machen.� Der Menschensohn riss den Speer hoch und stie� die Spitze mit aller Kraft gegen das Eis, an dem sie kreischend abglitt. Mandred fuhr mit der Handfl�che �ber die Wand. �Nicht einmal ein Kratzer.� Er sah Nuramon erwartungsvoll an. �Vielleicht k�nntest du deine H�nde benutzen und���</p><p>�Ich bin ein Heiler, Mandred. Nicht mehr, nicht weniger.�</p><p>�Ich wei�, was ich gesehen habe. Du hast Farodin vom Tod zur�ckgeholt. Versuch es!�</p><p>Nuramon nickte widerstrebend. �Aber nicht jetzt. Ich brauche Ruhe.� Der Elf konnte den Zauber deutlich sp�ren, der in der Eiswand wirkte. War das die Rache des Devanthars?��Lass uns zur�ckgehen.�</p><p>Mandred f�gte sich unwillig. Nuramon folgte ihm und dachte an den Kampf gegen den Devanthar. Sie hatten sich gut geschlagen; der Menschensohn hatte seinem Volk alle Ehre gemacht und die Elfen und W�lfe den Albenkindern. Und doch h�tten sie nicht so leicht gewinnen d�rfen. Oder waren sie in ihrem Zorn so sehr �ber sich hinausgewachsen, dass ihre Kraft den Alben gleichgekommen war?</p><p>Als sie zum Kampfplatz zur�ckgekehrt waren, musterte Nuramon den toten Devanthar. Mandred bemerkte es. �Wir haben diese Bestie besiegt. Und die Eismauer werden wir auch durchbrechen!�</p><p>Der Menschensohn irrte sich. Doch woher sollte er es auch besser wissen? Der Devanthar war ein Albenfeind. Wenn sie ihren Sieg richtig einsch�tzen wollten, dann mussten sie sich an den Alben messen und sich fragen, wie ein Alb diese Lage einsch�tzen w�rde. Und genau dies machte Nuramon zu schaffen. Ein Alb konnte nur eines annehmen��</p><p>�Wir werden erfrieren!�, sagte Mandred und riss Nuramon aus seinen Gedanken. Der Menschensohn sa� mit seiner Saufeder bei Farodin. �Du wirst hier keine Ruhe finden, Nuramon.</p><p>Wir m�ssen versuchen, durch diese Eiswand hindurchzukommen, solange du �berhaupt noch Kraft hast.�</p><p>�Beruhige dich, Mandred! Ich werde mich hier erholen, ebenso wie Farodin. Und dennoch werden wir nicht erfrieren.�</p><p>Der Menschensohn machte ein besorgtes Gesicht.</p><p>�Das gilt auch f�r Menschen.� Er setzte sich zu dem Krieger, l�ste Noroelles Beutel von seinem G�rtel und �ffnete ihn. �Hier, nimm eine!� Er hielt Mandred die Maulbeeren hin.</p><p>Der Jarl z�gerte. �Du willst mit mir teilen, was deine Liebste dir gab?�</p><p>Nuramon nickte. Die Beeren besa�en Zaubermacht. Wenn sie einen Elfen s�ttigten und ihm ein wohliges Gef�hl gaben, dann w�rden sie bei einem Menschen gewiss wahre Wunder wirken.��Wir haben Seite an Seite gek�mpft. Betrachte diese Beere als ein erstes Geschenk von Noroelle. Wenn du mit uns zur�ckkehrst, wird sie dich mit Reicht�mern �berh�ufen. Sie ist sehr freigebig.�</p><p>Sie beide nahmen eine Maulbeere. Mandred betrachtete schwerm�tig Vanna und den toten Wolf. �Gibt es wirklich einen Grund, dies als einen glorreichen Sieg zu betrachten?�</p><p>Nuramon senkte den Blick. �Wir haben den Kampf gegen einen Devanthar �berlebt. Wer kann das schon von sich behaupten!�</p><p>Der Menschensohn machte ein ernstes Gesicht. �Ich! Denn ich habe schon einmal gegen ihn gek�mpft. Und ich bin ihm schon einmal entkommen. Aber nicht weil ich so gro�artig war, sondern weil er es so wollte. Und wenn ich jetzt diesen Kadaver dort sehe, dann kann ich kaum fassen, dass uns das gelungen ist, was sonst nur Alben bestimmt war.�</p><p>Nuramon schaute zu dem Devanthar hin�ber. �Ich wei�, was du meinst.�</p><p>�Die Alben! F�r euch sind sie die V�ter und M�tter eures Volkes, aber f�r uns sind sie wie G�tter. Nicht unsere G�tter, aber ihnen gleich an Macht. Wir nennen sie in einem Atemzug: G�tter und Alben!�</p><p>�Das verstehe ich.�</p><p>�Dann sage mir, wie wir diese Bestie besiegen konnten!�</p><p>Nuramon senkte den Blick. �Vielleicht haben wir das nicht. Vielleicht hat er mit uns das getan, was er bereits mit dir getan hat.�</p><p>�Aber da liegt er. Wir haben ihn erschlagen!�</p><p>�Und doch mag es sein, dass er genau das erreicht hat, was er wollte. Was, wenn meine Kraft nicht ausreicht, um die Mauer zu durchbrechen? Dann m�ssen wir hier sterben.�</p><p>�Aber er h�tte uns schon fr�her erledigen k�nnen.�</p><p>�Du hast Recht, Mandred. Es geht auch nicht um dich, denn er h�tte dich leicht t�ten k�nnen. Es geht um Vanna, Farodin oder mich. Einer von uns soll hier gefangen gehalten werden.�</p><p>�Aber du hast mir gesagt, dass die Seelen der Albenkinder zur�ck in deren Gefilde wandern. Wenn ihr hier sterbt, dann werdet ihr wiedergeboren.�</p><p>Nuramon deutete zur Decke.��Schau dir diese Lichter an. Dies ist ein Ort der Macht, den der Devanthar nicht ohne Absicht als Kampfplatz gew�hlt hat. Es mag sein, dass unsere Seelen niemals einen Ausweg finden. Es mag sein, dass sie hier auf ewig gefangen sind.�</p><p>�Aber hatte Vanna nicht von einem Tor gesprochen?�</p><p>�Ja. Sie meinte, dass dies ein Ort �hnlich dem Steinkreis bei deinem Dorf ist. Nur ist das Tor hier geschlossen. Und Vanna sagte, dass wir es nicht �ffnen k�nnen. Vielleicht hat es der Manneber auf immer versiegelt, um uns hier festzuhalten.�</p><p>Mandred nickte.��Dann habe ich euch in diese Lage gebracht. W�re ich nicht in eure Welt gekommen, dann���</p><p>�Nein, Mandred. Wir k�nnen unserem Schicksal nicht entkommen.�</p><p>�O Luth, wieso musste es hier in deiner H�hle geschehen? Warum webst du deine F�den zu unserem Leichentuch?�</p><p>�Sag das nicht! Nicht einmal zu Wesen, die ich nicht kenne.� Er schaute Farodin an. �Es ist heute nicht das erste Mal, dass wir beide unm�gliche Taten vollbracht haben. Wer wei�, vielleicht bezwingen wir diese Wand da drau�en ja doch.�</p><p>Mandred hielt ihm seine Hand hin.��Freunde?�</p><p>Nuramon war erstaunt. Noch nie in seinem Leben hatte jemand um seine Freundschaft gebeten. Er fasste Mandreds Hand und auch die des schlafenden Farodin. Sie beide f�hlten sich kalt an. Er w�rde ihnen W�rme schenken. �Nimm du seine andere Hand�, forderte er Mandred auf.</p><p>Der Menschensohn machte ein verwundertes Gesicht. �Ein Zauber?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie sa�en da, und Nuramon tauschte seine W�rme gegen ihre K�lte. Und weil stets neue W�rme in ihm entstand, doch immer weniger K�lte von den beiden Gef�hrten zu ihm gelangte, kam es bald, dass die K�lte aus den K�rpern Mandreds und Farodins schwand.</p><p>Der Menschensohn brach nach einer Weile das Schweigen. �Sag, Nuramon, was glaubst du? Auf wen von euch hatte es der Devanthar abgesehen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Vielleicht hatte der Devanthar Visionen von Dingen, die einst geschehen m�gen. Vielleicht w�re aus Vanna eine der gro�en Zauberinnen geworden. Und Farodin ist ein Held, �ber den schon manches Epos gedichtet wurde. Wer wei�, was aus ihm werden wird?�</p><p>�Hat er wirklich sieben Trolle erschlagen?�</p><p>Nuramon zuckte mit den Schultern. �Manche sagen, es w�ren mehr gewesen.�</p><p>�Mehr als sieben!� Ungl�ubig blickte er zu dem Schlafenden.</p><p>�Er ist niemand, der um seine Taten gro�e Worte macht. Und weil er so bescheiden ist, reist er oft als Gesandter in Diensten der K�nigin.� Nuramon hatte ihn im Stillen darum beneidet, und er hatte nie verstanden, warum es Noroelle nichts zu bedeuten schien.</p><p>�Und welchen Grund h�tte dieses Vieh gehabt, dich zu t�ten?�, setzte Mandred nach.</p><p>�Wer wei� schon, worin seine Bestimmung lag? Aber jetzt lass uns schweigen und ruhig atmen. Am Ende erfrieren wir doch noch.�</p><p>�Gut. Aber zuerst musst du mir noch eins versprechen.�</p><p>�Was w�re das?�</p><p>�Zu keinem ein Wort davon, dass ich hier mit euch H�ndchen gehalten habe.�</p><p>Nuramon h�tte beinahe lauthals gelacht. Menschen waren schon seltsam.��Versprochen.�</p><p>�Und ich verspreche dir, dass du immer auf Mandred z�hlen kannst�, sagte der Menschensohn feierlich.</p><p>Sein Gebaren r�hrte Nuramon. �Danke, Mandred.� Andere Elfen h�tten sich wohl nichts aus der Freundschaft eines Menschen gemacht, aber Nuramon bedeutete sie viel. Er �berlegte lange und sagte dann: �Ab heute bist du ein Elfenfreund, Mandred Aikhjarto.�</p></section><section><title><p>Das Kind</p></title><p>Noroelle schloss die Augen. Ein Jahr war vergangen seit jener Nacht, in der sie vom Liebesspiel mit Nuramon getr�umt hatte. Und es war mehr als ein Traum gewesen. In den letzten vier Jahreszeiten war ein Kind in ihr gewachsen. Heute war der Tag der Geburt gekommen. Sie sp�rte es so deutlich wie das Wasser, in dem sie schwebte, oder wie die Ber�hrung der Nixen, die bei ihr waren.</p><p>Sie �ffnete die Augen. Es war Nacht, und der Himmel war sternenklar. Im Mondlicht wurden die Elfen geboren, ins Mondlicht w�rden sie einst zur�ckkehren. Sie sp�rte k�hles Wasser nach ihren Gliedern tasten. Der Zauber der Quelle durchdrang sie und ber�hrte auch das Kind in ihr. Es regte sich.</p><p>Eine der drei Nixen st�tzte ihren Kopf. Noroelle konnte sp�ren, wie sich ihre Brust in regelm��igen Atemz�gen hob und senkte. Die zweite der Nixen sang eines der Lieder aus ihrer fernen Heimat, dem Meer. Die dritte aber war still an Noroelles Seite, bereit, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Sie alle waren aus Alvemer gekommen, um ihr bei der Geburt zu helfen. Sie waren Vertraute der Zauberin aus dem Meer, deren Name kein Elf kannte. Ihre nackte Haut funkelte, als w�re sie von winzigen Diamanten �berzogen. Noroelles Blick schweifte zum Ufer und dann weiter zu den Wiesen, wo die Fl�gel unz�hliger Auenfeen im Mondschein glitzerten.</p><p>Am Ufer standen Obilee, die K�nigin und einige Frauen vom Hof. Die junge Obilee l�chelte vor Gl�ck. In Emerelles Gesicht aber fand sich keine Regung. Diese beiden Gesichter waren wie ein Spiegel des vergangenen Jahres.</p><p>Obilee hatte ihr die alten Geschichten von M�nnern erz�hlt, die ihre Liebste nach ihrem Tod als Geist besuchten, um mit ihr ein Kind zu zeugen. Die K�nigin jedoch hatte ihre Zweifel ge�u�ert und sich abweisend gezeigt.</p><p>Noroelle sp�rte, wie sich das Kind in ihrem Bauch bewegte. Der Streit mit der K�nigin besch�ftigte sie weit weniger als die Frage, ob sie ihrem Kind eine gute Mutter sein konnte. Sie kannte die Geschichten, die Obilee ihr in langen N�chten erz�hlt hatte. Und sie wusste, welchen Teil ihre Vertraute stets ausgelassen hatte: Das Kind, das gezeugt wurde, trug die Seele des Geliebten. Dieser Gedanke machte Noroelle Angst, denn es hie�e, dass Nuramon sich selbst gezeugt h�tte. Er w�re sein eigener Vater, und sie w�re die Mutter ihres Geliebten.</p><p>Bang hatte sie sich gefragt, ob sie Nuramon eine Mutter sein k�nnte. Doch nun, da sie hier lag, wusste sie die Antwort. Ja, sie konnte es! Sie w�rde den Vater in Erinnerung halten, wie er gewesen war. Und sie w�rde dieses Kind��</p><p>Es war so weit! Ihre Mutter hatte ihr einst so viel von der Geburt erz�hlt. Doch nichts hatte sie auf das vorbereiten k�nnen, was sie nun sp�rte. Als w�re ein m�chtiger Zauber gesprochen worden, bewegte sich das Kind. Ihr K�rper ver�nderte sich, das sp�rte Noroelle deutlich. Sie wuchs, wo das Kind hinwollte, und zog sich zusammen, wo es herkam. Es war eine st�ndige Verwandlung, und Noroelle f�hlte, wie ihr Leib in einem Wechselspiel wie von Ebbe und Flut die Magie des Quellwassers in sich aufnahm, um die Wandlung zu vollziehen und dem Kind den Weg zu bereiten. Deutlich sp�rte sie sein Dr�ngen, es wollte endlich in diese Welt geboren werden.</p><p>Selbst die Zeit schien sich nun zu dehnen. Das Mondlicht auf dem Wasser, das Lied der Nixe, das Kind, selbst die unbedeutendste Kleinigkeit � all dies w�rde f�r immer in Noroelles Erinnerung bleiben. Sie atmete ruhig, schloss die Augen und lie� geschehen, was geschehen sollte.</p><p>Mit einem Mal sp�rte sie, wie etwas ihren K�rper verlie� und eine Welle neuer Empfindungen nach sich zog. Ihr ganzer Leib vibrierte und wandelte sich ein letztes Mal. Dann h�rte sie den Schrei des Neugeborenen. Gebannt schlug sie die Augen auf.</p><p>Die S�ngerin unter den Nixen hielt das Kind so, dass gerade eben sein Kopf �ber dem Wasser war. Es war so klein! So zerbrechlich. Und es schrie aus Leibeskr�ften.</p><p>Die Nixe ber�hrte die Nabelschnur und war sichtlich �berrascht, dass sie einfach abfiel. Noroelle wusste, dass bei anderen Albenkindern ein scharfes Messer ben�tigt wurde, um das Band zur Mutter endg�ltig zu durchtrennen.</p><p>�Ein Junge!�, sagte die Nixe leise. �Es ist � ein wundersch�ner Junge.�</p><p>Die anderen beiden Nixen zogen Noroelle bis ans Ufer und hoben sie sanft aus dem Wasser. Sie setzte sich auf den flachen Stein und blickte auf das kleine Wesen, das die S�ngerin noch immer im Wasser hielt.</p><p>Jemand legte Noroelle eine Hand auf die Schulter. Sie schaute auf und sah Obilee neben sich. Sie fasste die Hand der Vertrauten. Dann stand sie auf und schaute an sich hinab. Ein unversehrter K�rper. Was hatte sie nicht alles �ber die Geburt anderer Albenkinder geh�rt! Dass es Stunden oder gar Tage voller Anstrengung dauerte. Und dass schreckliche Schmerzen wie ein Schatten �ber diesem wundervollen Ereignis lagen. Bei Noroelle verriet nichts, dass sie soeben ein Kind geboren hatte. Nur innerlich f�hlte sie sich geschw�cht und leer. Das Kind fehlte ihrem K�rper.</p><p>Die Hofdamen kamen heran, rieben Noroelle mit bl�tenzarten T�chern trocken und halfen ihr dabei, ihre wei�en Gew�nder anzulegen. Obilee reichte ihr das Tuch, in das sie das Kind wickeln w�rde.</p><p>Erwartungsvoll betrachtete Noroelle die Nixe mit dem Neugeborenen. Endlich kam die Wasserfrau herangeschwommen und hielt Noroelle den Jungen hin. Die Haut des Kindes war ganz glatt, und das Wasser perlte davon ab.</p><p>Noroelle nahm ihr Kind in die Arme und wickelte es vorsichtig in das Tuch. Neugierig musterte sie es. Es hatte ihre blauen Augen, und es schrie nicht l�nger, nun, da es bei der Mutter war. Das wenige Haar, das sie vorsichtig mit dem Tuch trocknete, war braun wie Nuramons. Doch ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass ihr Haar bei der Geburt auch braun gewesen und erst mit den Jahren dunkler geworden war. Dieses Kind kam ganz nach ihr. Nur die Ohren unterschieden sich deutlich. Sie waren zwar ein wenig l�nglich, aber keineswegs spitz. Doch auch das mochte sich noch �ndern.</p><p>Die K�nigin trat an Noroelles Seite. �Zeig mir das Kind, auf dass wir erfahren, ob es die Seele eines bekannten Elfen tr�gt.�</p><p>Noroelle hielt der K�nigin den Jungen hin. �Hier ist mein Sohn.�</p><p>Emerelle streckte die Hand aus und wollte das Kind an der Stirn ber�hren. Doch pl�tzlich zuckte sie zur�ck. Entsetzen spiegelte sich auf ihrem Gesicht.��Dies ist nicht Nuramons Kind. Du hast dich geirrt, Noroelle. Es ist nicht einmal ein Elfenkind.�</p><p>Das Neugeborene fing wieder an zu schreien.</p><p>Noroelle wich erschrocken vor der K�nigin zur�ck und dr�ckte ihren Sohn an die Brust. Sie versuchte, das Kind zu beruhigen.</p><p>�Schau dir die Ohren an!�, sagte Emerelle.</p><p>Gewiss, die Ohren waren zu rund f�r einen gew�hnlichen Elfen. Aber vielleicht w�rden sie noch die gewohnte Form annehmen. Was sie viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass Emerelle in dem Kind nicht Nuramon sehen wollte. �Bist du dir sicher, dass nicht Nuramons Seele in meinem Sohn wohnt?�</p><p>�Das Kind kommt sehr nach dir, es ist aber nicht der Sohn eines Elfenvaters.�</p><p>Noroelle sch�ttelte entschieden den Kopf. Die K�nigin irrte sich!��Nein! Das kann nicht sein! Das ist unm�glich. Es war Nuramon, der mich in jener Nacht besuchte.�</p><p>�Es ist so, wie ich es sage. H�r mir gut zu!� Emerelle richtete den Finger auf sie. Noch nie war ihr jemand mit einer solch drohenden Geste begegnet.��Du wirst deinen Sohn in drei Tagen vor meinen Thron bringen! Dort werde ich �ber ihn und auch �ber dich entscheiden.� Mit diesen Worten wandte sich die K�nigin ab und verlie� mit ihrem Gefolge das Ufer des Sees.</p><p>Noroelle wollte sich an die Nixen wenden. Doch sie waren verschwunden. Sie schaute zur Wiese jenseits des Sees. Auch die kleinen Auenfeen waren fort. Nur Obilee war bei ihr geblieben.</p><p>Die Vertraute legte ihr einen Mantel um. �Gib nichts darum, was die anderen �ber dich sagen. Du hast einen Sohn.�</p><p>Noroelle dachte an die Worte der K�nigin.��Du solltest dich von mir��� Ihr wurde schwindelig.</p><p>Obilee st�tzte sie.��Komm, lass mich dich f�hren.�</p><p>Gemeinsam gingen sie fort.</p><p>Es h�tte der sch�nste Tag in ihrem Leben werden sollen. Und nun war alles zerst�rt. Die K�nigin machte ihr Angst. Was meinte sie damit, dass sie �ber den Jungen und sie entscheiden w�rde? Das klang wie ein Urteilsspruch. K�nnte denn Emerelle �ber sie richten, ohne zu wissen, was in jener Nacht vor einem Jahr geschehen war? Wer sollte dieses Kind gezeugt haben, wenn nicht Nuramon? Hatte sie etwa ein anderes Albenkind besucht, sie gel�hmt und sich w�hrend ihres Schlafes an ihr vergangen? Noroelle schaute dem Kind in die Augen und mochte nicht daran denken. Selbst mit seinen unf�rmigen Ohren war es ein sch�ner Knabe. Die K�nigin musste sich irren.</p><p>Zum ersten Mal in ihrem Leben misstraute Noroelle ihrer Herrin. Emerelle verheimlichte ihr etwas. Sie hatte es auf ihrem Gesicht gesehen. F�r einen kurzen Augenblick hatte Noroelle dort Furcht erkannt.</p><p>�Wird Emerelle dir das Kind wegnehmen?�, fragte Obilee v�llig unvermittelt.</p><p>Noroelle blieb erschrocken stehen.��Was?�</p><p>�Sie hat mir Angst gemacht. Glaubst du, sie sagt die Wahrheit?�</p><p>Noroelle strich ihrem Sohn �ber die Wange. �Schau ihn dir an! Siehst du irgendetwas Schlechtes in den Augen dieses Kindes?�</p><p>Obilee musste l�cheln.��Nein. Es ist wundersch�n und dir sehr �hnlich.�</p><p>�Ich werde allem, was die K�nigin sagt, folgen. Nur eines werde ich nicht zulassen: dass diesem Kind ein Leid geschieht.�</p><p>Obilee nickte.��Aber wie hei�t er denn nun?�</p><p>�Es gibt nur einen Namen, den ich ihm geben kann.� Sie k�sste das Kind sanft.��Nuramon!�, fl�sterte sie.</p></section><section><title><p>Das verlassene Tal</p></title><p>Noroelle lief mit dem Kind im Arm durch den Wald. Es war Nacht, und ein leiser Wind wehte zwischen den B�umen. Ihr Sohn umklammerte ihren kleinen Finger. Er schwieg, als sp�rte er die Gegenwart der Krieger, die ganz in der N�he waren und nach ihnen suchten.</p><p>Da! Ein junger, rothaariger Elfenkrieger kam direkt auf sie zu. Er trug ein langes Kettenhemd. Der Wind zerrte an seinem grauen Kapuzenmantel. Der K�mpfer sah genau in ihre Richtung. Er hatte sch�ne, gr�ne Augen. Verwirrt runzelte er die Stirn. Vielleicht sp�rte er etwas, doch Noroelle war sich sicher, dass er ihren Blendzauber nicht durchschauen w�rde. Schlie�lich ging er weiter, nur um sich nach wenigen Schritten noch einmal abrupt umzudrehen. Er war ihr jetzt so nahe, dass er sie fast mit ausgestrecktem Arm ber�hren k�nnte. Und doch sah er sie nicht. Er sch�ttelte den Kopf und murmelte etwas vor sich hin. Dann ging er weiter.</p><p>Es war leicht f�r Noroelle, den Bewaffneten auszuweichen. Sie ging mitten durch ihre Reihen, ohne gesehen zu werden. Sie mochten gute K�mpfer und auch F�hrtenleser sein, doch Zauberer waren sie nicht. So war es leicht, sie zu t�uschen.</p><p>Als Noroelle dem Anf�hrer der Schar begegnete, hielt sie inne und musterte ihn. Er trug wie die anderen einen grauen Kapuzenmantel, der sein Gesicht verbarg, aber einen Blick auf die gl�nzende R�stung erlaubte.</p><p>�Bist du sicher, dass du die K�nigin richtig verstanden hast?�, fragte der rothaarige Krieger.��Ich kann es einfach nicht glauben.�</p><p>Der Anf�hrer stand reglos und scheinbar unbeeindruckt da. �Wenn du sie in ihrem Zorn gesehen h�ttest, dann w�rdest du diese Frage nicht stellen.� Die Stimme kam ihr bekannt vor.</p><p>�Aber wieso hat sie uns geschickt? Noroelle ist eine Zauberin, der kaum jemand gleichkommt. Und unter uns ist niemand, der sie hier aufsp�ren k�nnte. Wieso hat uns die K�nigin nicht einen Zauberer mitgegeben?�</p><p>�Weil sie wohl nicht damit gerechnet hat, dass Noroelle sich ihrem Willen widersetzen w�rde. Und das, ohne zu wissen, was unser Auftrag ist.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich diesen Auftrag ausf�hren kann.�</p><p>�Das h�ttest du dir �berlegen sollen, bevor du der K�nigin den Schwur geleistet hast.�</p><p>�Aber ein Kind zu t�ten!�</p><p>Noroelle wich vor den Kriegern zur�ck. Sie wollte nicht glauben, was sie soeben geh�rt hatte. Hatte sie Emerelle all die Jahre �ber falsch eingesch�tzt? Sie h�tte nicht einmal zu denken gewagt, dass die K�nigin ihre Krieger ausschickte, um ein hilfloses Kind zu t�ten. Eine Gefangennahme war das �u�erste, womit Noroelle gerechnet hatte. Was war geschehen, dass Emerelle solche Befehle gab? Oder war sie immer schon so gewesen, und sie hatte es nicht gemerkt?</p><p>Die K�nigin hatte nicht nur diesen unerh�rten Mordauftrag erteilt, sondern auch ihr Vertrauen in sie verloren. Sie h�tte warten k�nnen, bis Noroelle mit ihrem Kind im Thronsaal erschien. So hatte Emerelle es gefordert. Noroelle h�tte sich auch daran gehalten, wenn die K�nigin ihr nicht die Krieger ins Haus geschickt h�tte.</p><p>Nur eines verstand Noroelle nicht: Warum hatte sie nur Schwerttr�ger geschickt? Die Antwort des Anf�hrers war nicht ausreichend. Denn wenn sich Emerelle nicht vorstellen konnte, dass Noroelle sich ihrem Befehl widersetzte, wieso hatte sie dann die Krieger ausgeschickt? Da steckte mehr dahinter. Was es auch war, Noroelle wusste nun, was sie zu tun hatte.</p><p>Niemals w�rde sie ihren Sohn der K�nigin und ihren H�schern �berlassen. Sie w�rde das Kind in Sicherheit bringen. Es gab nur einen Ort, an dem Emerelle das Kind nicht ohne weiteres aufsp�ren konnte: die Menschenwelt.</p><p>Noroelle verlie� den Wald und ging langsam �ber die weiten Wiesen. Sie dachte an Farodin und Nuramon. Seit die beiden vor einem Jahr ausgezogen waren, um in der Menschenwelt eine Bestie zu jagen, war ihr Leben nicht mehr das gleiche gewesen. Ein Wolf der Gemeinschaft war verletzt an den Hof der K�nigin gekommen, ein stummer Bote eines grausigen Schicksals. Kurz darauf waren auch die Pferde ihrer Liebsten zur�ckgekehrt.</p><p>Damals hatte Noroelle an ihren Traum denken m�ssen. Die K�rper ihrer Liebsten waren nie gefunden worden. Jene, die nach ihnen gesucht hatten, wussten zu berichten, dass das Dorf des Menschensohns Mandred unversehrt war. H�tte sie nicht diesen Traum von Nuramon getr�umt und ihren Sohn bekommen, sie h�tte nicht geglaubt, dass ihre Liebsten tot waren.</p><p>Noroelle ging die ganze Nacht �ber das Land und wurde von niemandem gesehen. Als die Morgensonne �ber den Bergen aufging, erreichte sie ein einsames Tal. Sie trug ihren Sohn in einem �ber Kreuz geschlagenen Tuch eng an den Leib gewickelt. Er hatte sich die ganze Zeit �ber ruhig verhalten und sogar ein wenig geschlafen.��Du bist ein gutes Kind�, sagte sie leise und strich ihm �ber den Kopf. Dann setzte sie sich ins Gras und gab dem Kind die Brust. Als es ges�ttigt war, legte sie es neben sich und betrachtete es. Es w�rde ein schmerzvoller Abschied werden. Aber es war der einzige Weg, ihren Sohn zu retten.</p><p>Noroelle erhob sich. Die Andere Welt! Sie w�rde die Grenzen �berschreiten. Sie wusste zwar viel von den Albenpfaden, die durch die drei Welten f�hrten und sie miteinander verbanden, aber sie hatte dieses Wissen nie angewendet. Die festen Tore, wie jenes, durch das ihre Liebsten gegangen waren, waren kein Weg f�r sie. Dort hatte Emerelle sicher l�ngst Wachen stehen, und es w�re auch zu leicht, dem Weg zu folgen, den sie genommen hatte, wenn sie ein solches Tor f�r ihre Flucht w�hlte. An Orten gro�er Macht, so wie bei dem Steinkreis Atta Aikhjartos, kreuzten sich bis zu sieben jener unsichtbaren Wege, die alle Welten durch magische Bande miteinander verwoben. Durchschritt man ein solches Tor von gro�er Macht, so gelangte man stets zum gleichen Ort. Je weniger Albenpfade sich aber kreuzten, desto wandelbarer wurde das Tor in die Andere Welt. Wenn man an solchen kleinen Albensternen den �bergang wagte, konnte niemand sagen, wohin es ihn in der Menschenwelt verschlagen mochte. Und jene, die �ber keine gro�e Zauberkraft verf�gten, mochten sogar ein Opfer der Zeit werden. Noroelle wusste, dass sie sich h�ten musste, damit es nicht auch ihr so erging. Ein Fehler, und mit dem Schritt durch ein Tor konnten zugleich hundert Jahre vergehen.</p><p>Zudem musste sie darauf achten, dass sie einen Pfad nahm, der in die Menschenwelt f�hrte. Die Zerbrochene Welt war nicht ihr Ziel, denn diese war nichts weiter als die Ruine einer Welt, Reste des Schlachtfeldes, auf dem die Alben gegen ihre Feinde gek�mpft hatten. Dieser trostlose Ort zwischen Albenmark und der Anderen Welt bestand nur mehr aus �den Inseln, umgeben von Leere. Diese Inseln dienten heute als Verbannungsorte, oder sie waren Heimst�tten f�r Einsiedler und Eigenbr�tler. In ein solches Gef�ngnis w�rde sie ihren Sohn nicht bringen. Deshalb war sie in dieses Tal gekommen.</p><p>Noroelle sp�rte einen Albenstern aus zwei sich kreuzenden Pfaden. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Kraft. Falls es Emerelle gelingen sollte, ihrer F�hrte bis an diesen Ort zu folgen, so war es unm�glich, sie in der Anderen Welt aufzusp�ren, dachte Noroelle. Sie k�nnte hundert Mal durch diesen Stern gehen und w�rde hundert Mal an einem anderen Ort in die Menschenwelt eintreten, denn das Band zwischen den Welten war hier nur schwach. Die Fauneneiche hatte ihr erz�hlt, dass das Band mit jedem Herzschlag einmal zerriss, um sich dann aufs Neue mit einem anderen Ort zu verbinden. Ihrer Ansicht nach wies dieser Umstand darauf hin, dass das Gef�ge zwischen der Welt der Menschen und Albenmark vor langer Zeit einmal so sehr ersch�ttert worden war, dass die beiden Welten sich beinahe voneinander getrennt h�tten.</p><p>Noroelle schaute in die Sonne. Sie w�rde ihr die Kraft spenden. Es w�rde nicht die Magie des Wassers, die Magie ihres Sees sein, sondern die des Lichtes, die ihr half, das Tor zu �ffnen. Sie dachte an das Licht, das bis auf den Grund ihres Sees drang. Sie dachte an den Zauber, und die Ver�nderung nahm ihren Lauf. Es gab kein Zur�ck mehr.</p><p>Die Sonne schrumpfte und schrumpfte. Noroelle sah sich um. Alles ver�nderte sich. Die Farben wurden tr�ber, alles erschien rau und unscharf. B�ume verblassten und wurden durch neue, schattenhafte St�mme ersetzt. Aus Fr�hling wurde Winter, aus einer Herbstwiese ein verschneites Feld. Die Berge wichen sanften H�geln. Bald war jede �hnlichkeit verschwunden.</p><p>Dies also war die Andere Welt!</p><p>Es war ein unheimlicher Ort. Noroelle fragte sich, wie Nuramon diese Gefilde wohl wahrgenommen hatte, als er sie zum ersten Mal betreten hatte. Gewiss war er so erstaunt gewesen, wie sie es nun war.</p><p>Es war zwar Winter, aber ihre Magie spendete Noroelle W�rme. Sie konnte barfu� �ber den Schnee gehen, ohne dass ihr kalt wurde. Ihr Sohn aber w�rde hier ohne ihre W�rme nach kurzer Zeit erfrieren. So suchte sie nach Menschen.</p><p>Auf ihrem Weg sah sie nicht ein einziges Tier. Der Winter hier schien kein Leben zuzulassen. Lange irrte sie durch die verschneite �dnis, bis sie Hasenf�hrten fand. Der Anblick beruhigte sie, und sie setzte ihren Weg fort. Denn wo es Leben gab, da gab es Hoffnung f�r ihren Sohn.</p><p>Sie suchte lange nach den Menschen und sah schlie�lich eine d�nne Rauchs�ule hinter einem H�gelkamm aufsteigen. Sie folgte diesem Zeichen und fand ein Haus, wie es schlichter nicht sein konnte. Zumindest erschien es ihr so. Sie musste sich eingestehen, keine Erfahrung mit Menschenh�usern zu haben. Das Geb�ude war klein und aus Holz. Seine Balken hatten sich verzogen, und es hatte ein windschiefes Dach.</p><p>Langsam n�herte sich Noroelle der H�tte. Mit jedem Schritt f�rchtete sie, dass pl�tzlich ein Mensch die T�r �ffnen und heraustreten k�nnte. Sie wusste nicht, ob der Zauber, der sie auch jetzt noch unsichtbar machte, Menschenaugen zu t�uschen vermochte. Sie musste hier auf alles gefasst sein.</p><p>Als sie an der T�r angekommen war, lauschte sie und h�rte, wie M�bel �ber h�lzerne Dielen bewegt wurden. Eine helle Stimme sang eine fr�hliche Weise. Der Gesang klang fremd, aber der Ton gefiel ihr.</p><p>Noroelle k�sste ihren Sohn und fl�sterte leise: �Nuramon � Ich hoffe, ich tue das Richtige. Es ist die einzige M�glichkeit. Lebe wohl, mein Sohn.� Sie l�ste den S�ugling aus der Unsichtbarkeit und legte ihn vor der T�r ab. Das Kind blieb ruhig und schaute sie mit seinen gro�en Augen unentwegt an.</p><p>Erst als Noroelle sich abwandte und die ersten Schritte von ihm fort machte, begann es zu schreien. Ihr kamen die Tr�nen. Aber sie musste gehen! Es war zu seinem Wohl.</p><p>Noroelle versteckte sich hinter einem nahen Baum. Das Kind schrie so herzerweichend, dass sie f�r einen Moment �berlegte, es zu holen und f�r immer mit ihm in dieser Welt zu bleiben. Aber die K�nigin w�rde sie aufsp�ren. Noroelle wusste, dass sie Magie wirken m�sste, wenn sie in der Welt der Menschen bestehen wollte. Doch jeder Zauber lie� die Albenpfade schwingen. Und so w�rde sie die H�scher der K�nigin schon bald auf sich aufmerksam machen. Ihr Sohn hingegen war noch zu klein, um jene Macht zu nutzen, die Noroelle in ihm gesp�rt hatte. Und da es in der Menschenwelt keinen Lehrmeister f�r ihn g�be, w�rde seine Gabe wahrscheinlich niemals erwachen. So w�rde er vor dem Zorn der K�nigin bewahrt bleiben.</p><p>Aus ihrem Versteck heraus sah Noroelle, wie die T�r des Hauses ge�ffnet wurde und jemand heraustrat. Es war eine Menschenfrau. Neugierig und zugleich beklommen betrachtete die Elfe jenes Weib, das dem kleinen Nuramon zu einer neuen Mutter werden mochte. Die Frau trug zwar dicke Kleidung, aber dennoch machte sie den Eindruck, als h�tte sie selbst nackt noch sehr breite H�ften und Schultern. Noroelle musste an Mandred denken. Offenbar war es eine Eigenart der Menschen, von st�mmiger Gestalt zu sein.</p><p>Die Menschentochter machte ein verwundertes Gesicht und blickte sich misstrauisch um. Gewiss fragte sie sich, wer ihr ein Kind vor die T�re legte und dann spurlos verschwand. Z�gernd beugte sie sich �ber Noroelles Sohn. Das Gesicht der Frau wirkte herb. Sie hatte eine Knollennase und kleine Augen. Doch als sie sich zu dem Kind beugte, l�chelte sie, und man sah, wie sich die W�rme ihres Herzens in ihrem Antlitz spiegelte. Die Menschentochter tr�stete das Kind in einer Sprache, die Noroelle nicht beherrschte. Aber die Worte klangen so liebevoll, dass sie das Kind beruhigten. Die Frau schaute sich noch einmal suchend um, dann brachte sie den Jungen ins Haus.</p><p>Kaum hatte sich die T�r geschlossen, huschte Noroelle zum Haus zur�ck und lauschte. Sie wollte sicher sein, sich in der Frau nicht geirrt zu haben, auch wenn ihr bewusst war, dass sie nicht lange genug bleiben konnte, um wirklich Gewissheit zu erlangen.</p><p>Noroelle h�rte die Frau in heller Freude sprechen.</p><p>Es gab auch einen Mann. Er schien weniger erfreut zu sein. Seine Stimme war voller Zweifel. Aber nach einer Weile schien er seine Meinung zu �ndern. Auch wenn die Worte der Menschen in Noroelles Ohren grobschl�chtig klangen, hatte sie das Gef�hl, dass ihr Kind hier sicher war. Nun musste sie nur noch daf�r sorgen, dass die K�nigin ihren Sohn nicht fand.</p><p>Sie zog sich in den Schutz der B�ume zur�ck. Eigentlich hatte sie vorgehabt, zu jenem Ort zur�ckzukehren, an dem sie in die Andere Welt gekommen war. Nun aber entschied sie sich dagegen. Sie wollte es der K�nigin so schwer wie m�glich machen. Sie w�rde einen Tag und eine Nacht lang so weit wie m�glich von dieser windschiefen H�tte fortgehen und erst dann mit Hilfe ihres Sonnenzaubers nach Albenmark hin�bertreten. Dort w�rde sie auf den Albenpfaden den k�rzesten Weg ins Herzland nehmen und sich der K�nigin stellen.</p></section><section><title><p>Das Urteil der K�nigin</p></title><p>Die Krieger fanden Noroelle bei der Fauneneiche. Sie ergab sich ihnen ohne Bedingung, doch wo sich das Kind befand, das verriet sie ihnen nicht.</p><p>Die Schwerttr�ger f�hrten sie zur Burg der K�nigin. An der Spitze ging ihr Anf�hrer; es war Dijelon, ein Krieger, so treu, dass er jederzeit bereit gewesen w�re, sich selbst aufzugeben. Er hatte ungew�hnlich breite Schultern f�r einen Elfen, die weder der blaue Umhang noch das lange, schwarze Haar verbergen konnten. Als sich das Tor des Thronsaales vor ihnen �ffnete, hielt Dijelon inne. Meister Alvias stand vor ihm. Noroelle w�rdigte der alte Elf keines Blickes.��Folge mir�, sagte er zu Dijelon.��Euch andere bitte ich hier zu warten.�</p><p>Noroelle verwunderte Alvias� Gebaren nicht. Man behandelte sie offenbar wie eine Feindin. So blieb sie unter dem Torbogen stehen und warf einen Blick in den Saal. Fast der ganze Hofstaat hatte sich dort versammelt. Alle wollten die Ankunft der gefallenen Zauberin miterleben. Bis zur Geburt des Kindes war ihr Ansehen stetig gewachsen, doch nun war mit einem Schlag alles vor�ber. Allein die B�ume hatten sich nicht vom Zorn der K�nigin beeindrucken lassen. Die Fauneneiche hatte ihr das Gef�hl gegeben, all die Dinge w�ren zu schnell geschehen, um sie richtig einsch�tzen zu k�nnen.</p><p>Noroelle schaute zu den W�nden. Das Wasser toste in sch�umenden Kaskaden. Die K�nigin wollte offenbar sichergehen, dass Noroelle klar war, welche Macht sie im Thronsaal erwartete. Aber dessen h�tte es nicht einmal bedurft. Noroelle wusste nur zu gut, dass niemand in Albenmark sich mit der K�nigin messen konnte.</p><p>�Wir haben sie bei der Fauneneiche gefunden�, h�rte sie den Krieger sagen. �Sie hat uns nicht preisgeben wollen, wo sich das Kind befindet.�</p><p>Das Wasser an den W�nden versiegte, und eine entsetzliche Stille legte sich �ber den Saal.</p><p>�Noroelle die Zauberin kehrt zur�ck.� Die Stimme der K�nigin war leise, drang aber durch den gesamten Saal bis zu ihr.��Und sie ahnt nicht, wie gro� das �bel ist, das sie �ber uns gebracht hat. Nenn mir einen Grund, wieso ich dich noch in meinen Thronsaal hineinlassen sollte, Noroelle!�</p><p>�Um mich mit deinem Richtspruch wieder daraus zu verbannen.�</p><p>�Dann siehst du ein, dass du etwas Abscheuliches getan hast?�</p><p>�Ja. Ich habe mich dir widersetzt. Und das sollte niemand tun, der unter deinem Schutz steht. Aber ich bin nicht nur hier, um ein Urteil zu empfangen, sondern auch, um anzuklagen.�</p><p>Ein Raunen ging durch den Saal. Niemand in Albenmark hatte die K�nigin an ihrem Hof je so offen herausgefordert. Noroelle war jedoch nicht willens zu verschweigen, was Emerelle dem Kind hatte antun wollen. Sie wunderte sich, dass die K�nigin diese Zusammenkunft in aller �ffentlichkeit abhielt. Auf diese Weise w�rde alles an den Tag kommen.</p><p>�Dann tritt vor den Thron von Albenmark, wenn du es wagst.�</p><p>Noroelle z�gerte, durchschritt dann aber das Tor und ging der K�nigin entgegen. Dieses Mal waren ihr die Blicke all derer, an denen sie vor�berging, v�llig gleichg�ltig.</p><p>Vor der K�nigin verbeugte sie sich und sah kurz zur Seite. Neben Meister Alvias stand Obilee. Ihre Freundin machte ein verzweifeltes Gesicht und schien den Tr�nen nahe.</p><p>�Bevor ich �ber dich entscheide, werde ich anh�ren, was du vorzubringen hast�, sprach die K�nigin voller K�lte. �Du sagtest, du wollest jemanden anklagen. Um wen handelt es sich?�</p><p>Selbstverst�ndlich um Emerelle! Aber einen direkten Angriff auf die K�nigin vor versammeltem Hofstaat wollte Noroelle nicht wagen. �Ich klage Dijelon an�, sagte sie stattdessen. �Denn er kam vor drei Tagen in mein Haus, um meinen Sohn zu t�ten.�</p><p>Noroelle sah, wie der Krieger erstarrte. Sie wusste, dass er auf Befehl der K�nigin gehandelt hatte und war gespannt, wie weit seine Treue ging.</p><p>Die K�nigin blickte kurz zu Dijelon, dann wieder zu Noroelle, als h�tte sie lediglich feststellen wollen, ob der Krieger noch anwesend war.��Und, ist es ihm gelungen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Was soll ich deiner Meinung nach tun, Noroelle? Rate mir in diesem Fall.�</p><p>�Ich m�chte keine Genugtuung, und ich will Dijelon auch nicht bestraft sehen. Ich m�chte nur wissen, warum er das Leben meines Sohnes ausl�schen wollte.�</p><p>�Nun, Noroelle, Dijelons Treue verbietet es ihm zu sprechen, also will ich an seiner Stelle antworten: Er handelte auf meinen Befehl.� Fl�stern erhob sich unter den H�flingen.��Aber ich sch�tze, diese Antwort wird dir nicht gen�gen, nicht wahr? Du fragst dich, wie ich, euer aller K�nigin, die T�tung eines Albenkindes befehlen konnte.�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Und wenn es kein Albenkind w�re, sondern���</p><p>Noroelle unterbrach die K�nigin. �Er ist mein Sohn, das Kind einer Elfe! Und damit stammt er von den Alben ab.�</p><p>Die Anwesenden im Saal waren emp�rt. Der Krieger Pelveric rief laut: �Wie kannst du es wagen!�, und fand damit allgemeine Zustimmung.</p><p>Emerelle aber blieb ruhig. Sie hob die Hand, und Schweigen kehrte ein. �Noroelle, wenn du das Wasser bist, dann ist der Vater des Kindes das Feuer.�</p><p>Noroelle merkte, worauf die K�nigin anspielte. Mit einem Mal bekam sie es mit der Angst zu tun.��Bitte sage mir, wer der Vater dieses Kindes ist. Etwa ein Mensch?� Sie musste an die runden Ohren ihres Sohnes denken.</p><p>�Nein, es gab schon manches Mal Verbindungen zwischen Menschen und Elfen. Nein, Noroelle.� Sie erhob sich.��H�rt, was ich zu sagen habe! Nichts ist mehr so, wie es einst war. In jener Nacht, da Noroelles Kind gezeugt wurde, ist etwas in Bewegung geraten, das wir mit aller Macht beenden m�ssen. So viele Jahre haben wir in Sicherheit gelebt, selbst wenn wir gegen Trolle oder Drachen k�mpfen mussten. Ich erinnere mich an jene Tage, da die Welt, die zwischen unserer und der der Menschen liegt, noch bl�hte. Ich kenne die t�dlichste aller Bedrohungen. Nie werde ich vergessen, was die scheidenden Alben mich sehen lie�en: Ich wurde Zeuge des Untergangs der Zerbrochenen Welt. Ich sah die letzte Schlacht gegen die Feinde unserer Ahnen, gegen die Devanthar!�</p><p>Noroelle erstarrte. Nie zuvor war der Name der alten Feinde in dieser Halle laut ausgesprochen worden.</p><p>�Das Wesen, das deine Liebsten jagen sollten, war ein Devanthar�, sagte Emerelle. �Als der Wolf von der Elfenjagd zur�ckkehrte, wurde es mir offenbar, denn der geschundenen Kreatur haftete noch der Geruch jenes �bels an, das l�ngst h�tte besiegt sein sollen!�</p><p>�Dann hat ein Devanthar Farodin und Nuramon get�tet?�</p><p>�Ich w�nschte, ich w�sste es. Aber eines ist sicher: Er hat gesiegt, denn er kam in jener Nacht zu dir und zeugte mit dir dein Kind.�</p><p>Noroelle war von den Worten der K�nigin wie bet�ubt. Das war unm�glich! Sie hatte von Nuramon getr�umt�� Nun sollte dieses Traumbild die Fratze eines D�mons gewesen sein? Sie schaute sich um und bemerkte das Entsetzen und den Abscheu der Anwesenden. Die Krieger hinter ihr wichen zur�ck. Selbst Obilee erbleichte.</p><p>Die K�nigin sprach weiter. �Als ich das Kind sah, �berkam mich eine dunkle Ahnung, wer dessen Vater war.� Sie deutete auf ihre Zauberschale. �Und als ich in meinem Zweifel in das Wasser blickte, offenbarte sich mir der Trug des Devanthars. Er ist damals in unser Herzland eingedrungen, ohne dass wir es gemerkt haben.�</p><p>Im Saal wurde es immer unruhiger. Ein Onkel Nuramons rief: �Was, wenn dieser D�mon noch immer hier sein Unwesen treibt?�</p><p>Die K�nigin machte eine beschwichtigende Geste. �Die Frage ist berechtigt, Elemon. Aber ich versichere dir, dass er nur in jener Nacht hier war und dann in die Andere Welt entkam.�</p><p>�Aber er k�nnte wiederkehren�, entgegnete Elemon.</p><p>�Ihm war klar, dass ich ihn erkennen w�rde, wenn er zu lange in Albenmark bliebe. Nun, da ich von ihm wei�, werde ich ihn sehen, sobald er noch einmal versucht, in unsere Welt einzudringen. Nein, meine Albenkinder, der D�mon hat seine Saat gesetzt. Sein Werk ist damit vollbracht.�</p><p>�Wo kommt er her?�, fragte Meister Alvias, der sich sonst selten zu Wort meldete. �Es hei�t doch, alle Devanthar seien von den Alben vernichtet worden?�</p><p>�Dieser eine muss all die Schlachten �berlebt haben.�</p><p>�Was hast du uns blo� angetan!�, rief Pelveric Noroelle entgegen. �Wie konntest du dich nur von diesem D�mon verf�hren lassen?�</p><p>Die K�nigin sprach aus, was Noroelle dachte. �Weil ihre Liebe gr��er war als ihr Verstand.�</p><p>�Was kann ich tun?�, fragte Noroelle nun mit leiser Stimme. �Wenn du es verlangst, werde ich den Devanthar suchen und gegen ihn k�mpfen.�</p><p>�Nein, Noroelle, das ist nicht dein Handwerk. Sag mir einfach, wo das Kind ist!�</p><p>Noroelle schaute zu Boden. Sie f�hlte, dass es nicht richtig war, das Kind zu verraten. Sie hatte nichts D�monisches in dem Neugeborenen gesehen. Zudem w�rde sie nicht einmal mehr selbst den Weg zu ihrem Sohn finden k�nnen. �Ich wei� nicht, wo er ist. Ich brachte ihn in die Andere Welt. Und wenn ich es recht bedenke, dann m�chte ich �ber alles Weitere schweigen.�</p><p>�Aber es ist ein D�monenkind, das Kind eines Devanthars! Jenes Wesens, das wom�glich deine Liebsten vernichtete.�</p><p>�Ich mag mich im Traum get�uscht haben, aber nichts habe ich je deutlicher gesehen als die Unschuld dieses Kindes. Ich werde es nicht zulassen, dass ihm etwas geschieht.�</p><p>�Durch welches Tor bist du in die Andere Welt gelangt?�</p><p>�An einem Ort, wo sich zwei Albenpfade kreuzen.� Noroelle wusste, dass es unz�hlige solcher Orte in Albenmark gab.</p><p>�Sag mir, wo dieser Albenstern ist!�</p><p>�Das werde ich nur tun, wenn du mir bei allen Alben schw�rst, dass meinem Kind kein Leid droht.�</p><p>Die K�nigin schwieg lange und musterte Noroelle. �Diesen Schwur kann ich nicht leisten. Wir m�ssen das Kind t�ten. Ansonsten kann gro�es Ungl�ck �ber uns kommen. Dieses Kind wird einst zaubern lernen. Es ist viel zu gef�hrlich, um es am Leben zu lassen. Du bist die Mutter, du musst es lieben, auch wenn es ein D�monenkind ist. Aber bedenke, welchen Preis Albenmark f�r deine Liebe zahlen muss, wenn du schweigst.�</p><p>Noroelle z�gerte. �Wenn mein Sohn sein Leben verliert, wird seine Seele dann wiedergeboren?�</p><p>�Das ist eine Frage, auf die ich keine Antwort habe. Das Kind ist weder Devanthar noch Elf. Denke an Feuer und Wasser! Es mag sein, dass sich seine Seele dazwischen verliert. Aber es mag auch sein, dass sich im Tod die Seele deines Sohnes teilt und Albenkind und Devanthar getrennt werden. Nur dann w�rde das Albenkind wiedergeboren.�</p><p>Noroelle war verzweifelt. Ein Devanthar! Sie sollte Abscheu empfinden, aber sie konnte es nicht. Sie vermochte ihren Sohn nicht als D�monenkind zu sehen. Sie hatte ihn in Liebe empfangen. Konnte er dann schlecht sein? Nein, eine Mutter wusste um die Seele ihres Kindes. Und in ihrem Sohn hatte sie kein �bel gesehen. Jedoch gab es daf�r keinen anderen Beweis als ihr Wort, alles andere sprach gegen sie. Sie wusste, dass das Urteil der K�nigin sie das Leben kosten konnte. Sie aber hatte die Gewissheit, wiedergeboren zu werden. Und so sagte sie:��Weil mein Kind nur dieses eine Leben besitzen k�nnte, darf ich es nicht in den Tod f�hren.�</p><p>�Aber manchmal muss man das in den Untergang schicken, was man liebt.�</p><p>�Ich kann mein eigenes Leben oder meine eigene Seele opfern. Aber �ber die eines anderen darf ich nicht verf�gen.�</p><p>�Du hast es vielleicht bereits einmal getan. Erinnerst du dich an deine Worte? _Was du ihnen auftr�gst, das werden sie f�r mich tun?_ Warst du nicht die Minneherrin von Farodin und Nuramon? Es mag sein, dass der Devanthar ihre Seelen get�tet hat. Vielleicht hast du schon einmal das, was du liebtest, vernichtet.�</p><p>Noroelle wurde w�tend. �Du bist Emerelle, die K�nigin! Und ich danke dir daf�r, dass du meinen Besucher in jener Nacht als L�gner entlarvt hast. Das gibt mir die Hoffnung zur�ck, dass Nuramon und Farodin noch leben. �ber das Schicksal meiner Liebsten gibt es keine Gewissheit. Doch selbst wenn ich sie ins Verderben geschickt habe, dann geschah es, weil ich die wahre Gefahr nicht kannte. Und wie h�tte ich wissen k�nnen, was selbst die K�nigin nicht wusste? W�rde ich nun aber meinen Sohn verraten, dann w�rde ich wissentlich Schuld auf mich laden.�</p><p>Emerelle schien unbeeindruckt. �Das ist dein letztes Wort?�, fragte sie nur.</p><p>�Das _war_ es.�</p><p>�Hast du das Kind allein fortgeschafft? Oder hat dir irgendjemand dabei geholfen?� Sie schaute zu Obilee, die vor Angst bebte.</p><p>�Nein. Obilee wusste nur, dass ich alles Leid von dem Kind fern zu halten gedachte.�</p><p>Die K�nigin wandte sich an Dijelon.��Hat dich Obilee in irgendeiner Weise behindert oder belogen?�</p><p>�Nein, dazu hatte sie zu gro�e Angst�, antwortete der Krieger und starrte dann Noroelle mit seinen kalten grauen Augen an.</p><p>Die K�nigin wandte sich an Noroelle. �Dann h�re mein Urteil.� Sie hob die Arme, und mit einem Mal floss das Wasser wieder aus den Quellen.��Du, Noroelle, hast schwere Schuld auf dich geladen. Als m�chtige Zauberin hast du nicht zwischen deinem Liebsten und einem Devanthar unterscheiden k�nnen. Als das D�monenkind in dir wuchs, hast du sein wahres Wesen nicht erkannt. Deine Liebe zu deinem Sohn ist so gro�, dass du f�r ihn sogar die V�lker Albenmarks opfern w�rdest. Und selbst im Angesicht dieser Wahrheit stellst du das Leben eines Kindes �ber das Leben aller. So sehr ich dich als Frau verstehen mag, kann ich als K�nigin deine Entscheidung nicht hinnehmen. Du hast Albenmark verraten und zwingst mich, dich zu bestrafen. Nicht den Tod mit der Aussicht auf Wiedergeburt sollst du erleiden, sondern die Verbannung. Doch nicht in die entferntesten Marken oder die Andere Welt sollst du entr�ckt sein. Deine Strafe ist die ewige Verbannung auf eine Insel in der Zerbrochenen Welt. Das Tor zu diesem Ort wird nicht in Albenmark liegen, und niemand soll je den Weg zu dir finden.�</p><p>Kalte Angst griff nach Noroelles Herz. Das war die schlimmste Strafe, die man �ber ein Albenkind sprechen konnte. Sie wandte sich zum Hofstaat um, doch in den Gesichtern der Anwesenden fand sie nur Abscheu und Zorn. Dann dachte sie an ihren Sohn, und die Erinnerung an sein L�cheln gab ihr die Kraft, den Pfad zu Ende zu gehen, den ihr das Schicksal bestimmt hatte.</p><p>�Du wirst an diesem Ort auf ewig leben. Suchst du den Tod, kannst du nicht auf Wiedergeburt hoffen�, verk�ndete Emerelle mit tonloser Stimme, �denn auch deine Seele wird den Verbannungsort nicht verlassen k�nnen.�</p><p>Noroelle wusste, was das bedeutete. Sie w�rde nie ins Mondlicht gehen. Ein Albenkind konnte an einem solchen Ort niemals seine Bestimmung finden.</p><p>�Wirst du dieses Urteil annehmen?�, fragte Emerelle.</p><p>�Das werde ich.�</p><p>�Ein letzter Wunsch steht dir frei�, sprach die K�nigin.</p><p>Noroelle hatte viele W�nsche, aber keinen davon k�nnte sie �u�ern. Sie w�nschte sich, das alles w�re nicht geschehen. Sie w�nschte sich, ihre Liebsten w�ren hier, k�nnten sie retten und mit ihr fortgehen; an einen Ort, an dem sie niemand finden w�rde. Aber das waren nur Tr�ume.</p><p>Noroelle blickte zu Obilee. Sie war noch so jung. Dass sie ihre Vertraute gewesen war, w�rde ihr gewiss schaden. �Ich w�nsche mir nur eines von dir�, sagte sie schlie�lich. �Sieh meine Schande nicht in Obilee. Sie ist unschuldig, und ihr steht eine gro�e Zukunft bevor. Nimm sie in dein Gefolge auf. Lass sie hier f�r Alvemer sprechen. Mit der Gewissheit, dass dieser Wunsch sich erf�llt, gehe ich beruhigt in die Unendlichkeit.�</p><p>Emerelles Gesichtsz�ge ver�nderten sich, und ihre Augen gl�nzten. Die unnahbare K�lte wich von ihrem Antlitz. �Den Wunsch werde ich dir erf�llen. Nutze diesen Tag, um Abschied zu nehmen. Ich komme heute Nacht an deinen See. Dann werden wir fortgehen.�</p><p>�Danke, meine K�nigin.�</p><p>�Nun geh!�</p><p>�Ohne die Krieger?�</p><p>�Ja, Noroelle. Nimm Obilee und verbringe diesen letzten Tag ganz so, wie du es willst.�</p><p>Obilee kam zu Noroelle und schloss sie in die Arme. Dann gingen sie Seite an Seite zwischen den H�flingen hindurch. Noroelle wusste, dass sie nie wieder in diesen Saal zur�ckkehren w�rde. Mit jedem Schritt nahm sie Abschied. Ihr Blick badete in dem Meer von Gesichtern, Bekannten und Unbekannten. Selbst denen, die sie bei ihrem Eintreten mit Verachtung gestraft hatten, stand nun Mitleid ins Antlitz geschrieben.</p></section><section><title><p>Abschied von Albenmark</p></title><p>Noroelle nahm drei Zaubersteine, die all die Jahre hier auf dem Grund des Sees gelegen hatten, und kehrte zu Obilee zur�ck. Die junge Elfe sa� am Ufer und lie� ihre nackten F��e vom Wasser umspielen. Noroelle legte die drei Steine auf den flachen Fels neben Obilee. Dann trocknete sie sich und legte ihr gr�nes Kleid an. Es war jenes, das sie beim Auszug ihrer Liebsten getragen hatte.</p><p>Obilee schien froh, es an ihr zu sehen. Sie betrachtete die funkelnden Zaubersteine.��Sie sind wundersch�n.�</p><p>Noroelle hatte einen Diamanten, einen Almandin und einen Smaragd gew�hlt.��Der Diamant ist f�r dich.�</p><p>�F�r mich? Aber du hast doch gesagt, ich soll sie f�r��</p><p>�Ja. Aber es sind drei. Dieser eine geh�rt dir. Nimm ihn!�</p><p>Noroelle hatte nicht viel Zeit gehabt, um Obilee die Geheimnisse der Zauberei zu lehren. Der Stein w�rde ihrer Sch�lerin gute Dienste leisten. Er war wie f�r sie geschaffen.</p><p>Obilee hielt den Kristall gegen das schwache Licht des schwindenden Tages. �Ich werde einen Anh�nger f�r eine Kette daraus machen. Oder verliert er dann seinen Zauber?�</p><p>�Nein, das wird er nicht.�</p><p>�O Noroelle. Ich wei� nicht, ob ich ohne dich zurechtkomme.�</p><p>�Das wirst du. Und die Fauneneiche wird dir helfen. Sie wird dich das lehren, was sie mich einst lehrte. Ollowain wird dich im Schwertkampf unterweisen, denn du bist eine Erbin der Danee.� Noroelle hatte alle n�tigen Vorbereitungen getroffen. Ihrer Vertrauten w�rde es gut ergehen.</p><p>Auch an alles andere hatte sie gedacht. F�r sich selbst hatte sie einige wenige Dinge in einen Beutel gepackt. Mehr w�rde sie nicht brauchen. F�r ihre Familie in Alvemer hatte sie Worte gefunden, die Obilee pers�nlich �berbringen w�rde. �Du hast dir alles gemerkt, das ich dir gesagt habe?�, fragte Noroelle die junge Elfe.</p><p>�Ja. Ich werde deine Worte niemals vergessen. Selbst deine Gesten und den Tonfall deiner Stimme habe ich mir gemerkt. Es wird so sein, als spr�chest du selbst.�</p><p>�Das ist gut, Obilee.� Noroelle schaute in die tief stehende Sonne. �Nun wird die K�nigin bald kommen. Und sie wird ihren Albenstein bei sich tragen.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ja. Sie braucht seine Macht, um eine Barriere zu schaffen. Sonst k�nnte ich den Ort allzu leicht wieder verlassen.�</p><p>Obilee senkte den Kopf. �Ich will dich begleiten, wohin du auch gehst.�</p><p>�Gebrauche deinen Verstand, Obilee! Ich bin auf ewig verbannt. Warum solltest du dein Leben fortwerfen?�</p><p>�Aber dann w�rst du wenigstens nicht allein.�</p><p>�Das ist wahr. Doch dann w�rde ich nicht weinen, weil ich allein w�re, sondern um deinetwillen.� Noroelle trat einen Schritt zur�ck. Die Verzweiflung in Obilees Antlitz r�hrte sie.��Die K�nigin w�rde niemals zulassen, dass mich jemand in meine Verbannung begleitete.�</p><p>�Ich k�nnte sie darum bitten.�</p><p>�Versteh doch�� Der Gedanke, dass du hier bist, wird mich tr�sten. Wenn du an mich denkst, dann wirst du gewiss manches Mal verzweifelt sein, aber stell dir einfach vor, dass ich an allem, was du tust, Anteil habe.�</p><p>�Auch wenn ich bleibe, wird die Trauer wie ein alles erstickender Schatten �ber meinem Leben liegen!�</p><p>�Dann musst du hierher kommen. Hier habe ich jene Stunden verbracht, die mir am kostbarsten sind. Ich habe die Magie der Quelle erweckt und die Zaubersteine in den See gelegt. Hier war ich gl�cklich mit Farodin und Nuramon. Und auch du wurdest mir hier vorgestellt.�</p><p>�Und hier hast du dein Kind bekommen�, sagte Obilee und blickte betr�bt zum Wasser.</p><p>�Das ist richtig. Aber ich erinnere mich nicht in Trauer oder gar in Zorn daran. Ich liebe meinen Sohn, auch wenn er das ist, was die K�nigin in ihm sieht. Und daf�r muss ich bezahlen. Aber du � du kannst aus meinen Fehlern lernen.�</p><p>Mit einem Mal h�rte Noroelle Schritte im Gras. Sie wandte sich um und erhob sich, als sie die zierliche Gestalt im D�mmerlicht erkannte.</p><p>Emerelle trug ein weites blaues Gewand, das mit Silber- und Goldf�den bestickt war. Noroelle kannte das Kleid nicht, und dabei hatte sie viele Gew�nder der K�nigin gesehen. Alte Runenzeichen waren in die Seide gewoben. In ihrer Linken hielt Emerelle ein Stundenglas, ihre Rechte aber war zur Faust geballt.</p><p>Jetzt erkannte sie, welchen Zauber die K�nigin sprechen w�rde, um ein Eindringen in Noroelles Gef�ngnis unm�glich zu machen. Nachdem Emerelle sie an den fremden Ort verbracht h�tte, w�rde sie das Stundenglas auf einem Albenpfad zerschlagen, auf dass die Sandk�rner in alle Winde verstreut w�rden. Niemand w�rde sie je wieder zusammentragen und das Glas erneuern k�nnen. Die Barriere w�rde auf ewig bestehen.</p><p>Emerelle zeigte ihr, was in ihrer rechten Hand lag. Es war ein rauer Stein mit f�nf Furchen. In ihm erwachte ein rotes Glimmen. Das also war der Albenstein der K�nigin! Noroelle hatte sich oft gew�nscht, einmal einen Blick auf ihn werfen zu d�rfen. Aber nie h�tte sie gedacht, dass es unter solchen Umst�nden geschehen k�nnte.</p><p>Noroelle sp�rte Macht in dem Stein. Seine tats�chliche Kraft verbarg er jedoch. Wer nicht um sein Geheimnis wusste, h�tte ihn gewiss nur f�r einen Zauberstein wie jene aus ihrem See gehalten. Aber in Wahrheit besa� dieser Stein eine Macht, von der Noroelle nicht einmal zu tr�umen wagte. Es hie�, ganz Albenmark ziehe seine Kraft aus diesem einen Stein. Mit ihm konnte die K�nigin Tore �ffnen oder schlie�en, Albenpfade schaffen oder vernichten. Und mit ihm w�rde sie eine un�berwindliche Barriere schaffen, wo der Zugang zu ihrem Verbannungsort lag. Der Albenstein w�rde die Mauer und der Sand des Stundenglases das Schloss ihres Gef�ngnisses sein.</p><p>Noroelle wandte sich Obilee zu und umarmte sie.��Du bist wie eine Schwester f�r mich.� Sie h�rte, wie ihre Vertraute zu weinen begann. Sie selbst k�mpfte mit den Tr�nen. Zum Abschied k�sste sie Obilee auf die Stirn. �Lebe wohl!�</p><p>�Lebe wohl, und denke oft an mich.�</p><p>�Das werde ich.� Sie konnte die Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten. Mit zitternden H�nden nahm sie ihren Beutel und trat vor die K�nigin.</p><p>Emerelle blickte sie lange an, als wollte sie in Noroelles Augen lesen, ob sie das richtige Urteil gesprochen hatte. Sie erschien dabei so w�rdevoll, dass jeder Zweifel verflog, den Noroelle je gegen ihre K�nigin gehegt hatte. Dann wandte sich Emerelle ab und ging voraus.</p><p>Noroelle blickte noch einmal zu Obilee zur�ck. Die junge Elfe w�rde es gewiss nicht leicht haben. Aber sie w�rde ihre Bestimmung finden, dessen war sich Noroelle sicher. Sie musste an Farodin und Nuramon denken. Sie hatte Obilee alles gesagt, was sie wissen musste, falls ihre Liebsten tats�chlich zur�ckkehrten. Ihr Gef�hl beim Auszug der Elfenjagd hatte sie nicht get�uscht: Sie w�rde ihre Liebsten nie wiedersehen.</p><p>Sie schritt hinter der K�nigin her, ohne Abneigung gegen sie zu versp�ren. Emerelle war ihre Herrin, und daran w�rde sich nichts �ndern. Sie hatte sich den Tag �ber mehrmals gefragt, was sie getan h�tte, wenn es nicht um ihren Sohn gegangen w�re. Und sie musste sich eingestehen, dass sie die Entscheidung der K�nigin unterst�tzt h�tte. Aber weil sie die Mutter des Kindes war, nahm sie lieber die Unendlichkeit auf sich, als ihrem Fleisch und Blut zu schaden. Und deshalb musste sie diese Welt nun verlassen. Eine Elfe konnte ihr Schicksal nicht �ndern, selbst wenn es sie niemals ins Mondlicht f�hrte. Noroelle blickte zur�ck. Solange es ihren See gab, w�rden sich die Albenkinder an Noroelle die Zauberin erinnern.</p><subtitle>Die Saga von Mandred Torgridson</subtitle><p><strong>Von Svanlaibund was er im Tal des Luth fand</strong></p><cite><p>Svanlaib hie� ein Mann, Sohn des Hrafin aus Tarbor. Er war erst zwanzig Winter alt und hatte die Kraft eines B�ren. Er baute die besten Schiffe am Fjord und schuf f�r seine Nachbarn Bildnisse des Schicksalswebers. Da kam einmal der alte Hvaldred, Sohn des Heldred, und erz�hlte ihm die Geschichte von den Eisenb�rten des Luth, die jenseits von Firnstayn hoch oben in den Bergen standen und den Weg zur H�hle des Schicksalswebers wiesen. Und Hvaldred erz�hlte ihm auch, dass den Eisenb�rten des Luth Schande getan ward. Die H�hle sei entweiht, sagten die Weisen M�nner. Dort k�nne niemand mehr dem Weber opfern.</p><p>Da wurde Svanlaib zornig und sprach: �Ich werde nach Firnstayn fahren, hinauf ins Gebirge gehen und dort als Erster S�hne f�r die Untat fordern.� So schlug er aus einem Eichenstamme ein neues Bildnis des Schicksalswebers. Und alle in Tarbor opferten dem Luth, sodass dem Weber aus Holz ein Eisenbart wuchs.</p><p>Svanlaib nahm seine Sachen, begab sich nach Firnstayn und trug das Bild des Luth auf seinem R�cken hinauf durch Schnee und Eis. Da sah er die Eisenb�rte und opferte ihnen, wie es der Brauch verlangte. Er folgte dem Weg, den ihm die Eisenb�rte wiesen, und gelangte zur H�hle des Luth. Die fand er verschlossen vom Atem des Firn. Da machte er ein zorniges Gesicht, und �ber sein Haupt hob er den Eisenbart, den er geschaffen hatte. Und Luth zerschlug des Winters Wand, wo Heldenkr�fte nichts vermochten.</p><p>Svanlaib wartete; er wagte nicht, die H�hle zu betreten. Da h�rte er Stimmen und Schritte kommen. Hervor trat des Torgrid Sohn. Er war jung an Gestalt, und rot war sein Haar. An seiner Seite waren zwei Albenkinder. Es waren Elfen aus der Albenmark.</p><p>Da fragte Svanlaib, wer es denn sei, der da aus der H�hle komme. Er kannte des Torgrid Sohn nicht. Der aber sprach: �Ich bin Mandred Aikhjarto, Sohn des Torgrid und der Ragnild!�</p><p>Da staunte Svanlaib, denn man erz�hlte viel von Mandred Torgridson und von dem Manneber, den er gehetzt hatte, und dem Verschwinden von J�ger und Gejagtem. Es hie�, Mandred habe den Eber gepackt und sich mit ihm in eine Gletscherspalte gest�rzt. Das alles, um sein Dorf zu retten.</p><p>Da fragte Svanlaib den m�chtigen Mandred, was geschehen sei. Und Mandred brachte dem Befreier Kunde von dem Tod des Mannes, der ein Eber war. Und er dankte ihm, dass er durch Luths Kraft das Eis des Ebers gebrochen habe. Von den Elfen sagte er, dass sie ihm geholfen h�tten. Ihre Namen waren Faredred und Nuredred. Sie waren Br�der und Elfenf�rsten, die Mandred zu Diensten waren.</p><p>Des Torgrid Sohn nahm nun den Eisenbart, den Svanlaib getragen und geworfen hatte, und stellte ihn an den Platz, wo die verbrannten Reste des gesch�ndeten Eisenmannes gestanden hatten. Luth zu Ehren legte Mandred das Haupt des Ebers zu F��en des Bildnisses.</p><p>Was in der H�hle geschehen war, das blieb Svanlaib verborgen und wurde erst sp�ter offenbar. Dort hatte Mandred mit Luth gesprochen, und die Elfen waren seine Zeugen gewesen. Der Schicksalsweber hatte dem Sohn des Torgrid seine Bestimmung offenbart. Und von jenem Tage an hatte die Zeit keine Macht mehr �ber Mandred. Doch Luth hatte ihm nicht gesagt, welchen Preis er daf�r zahlen musste. So kehrte Mandred mit Svanlaib und den Elfenbr�dern zur�ck nach Firnstayn.</p><text-author>Nach der Erz�hlung des Skalden Hrolaug,</text-author><text-author>Band 2 der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s.16 bis 18</text-author></cite></section><section><title><p>Der Preis des Wortes</p></title><p>Der Fr�hlingshimmel war von so klarem Blau, dass Mandred Tr�nen in den Augen standen, als er emporblickte. Endlich wieder frei! Ohne ein Gef�hl f�r Tag und Nacht war es schwer zu sagen, wie lange sie in der H�hle gewesen waren. Doch es konnten nur wenige Tage vergangen sein. Allerdings musste irgendein Zauber am Werk gewesen sein, denn wie sonst war zu erkl�ren, dass sie die H�hle im Winter betreten hatten und sie nun im Fr�hling verlie�en?</p><p>Mandreds Blick folgte einem Adler, der mit majest�tisch ausgebreiteten Schwingen in weiten Kreisen hoch �ber dem Gletscher dahinzog.</p><p>Hier oben in den Bergen wich der Winter nie. Und doch w�rmte die Sonne das Gesicht, w�hrend sie durch verharschten Schnee hinab zum Fjord wanderten.</p><p>Seine Gef�hrten waren still. Am Morgen hatten sie Vanna und den toten Wolf in einer kleinen H�hle abseits von Luths Tal beigesetzt. Die Elfen hingen stumm ihren Gedanken nach. Und Svanlaib � Der Bootsbauer hatte etwas Seltsames an sich. Gewiss, ein St�ck weit lie� sich sein Verhalten durch die Ehrfurcht erkl�ren, die er vor den Elfen empfinden musste. Welchem Sterblichen war es schon verg�nnt, leibhaftig den Gestalten aus den Sagas der Skalden zu begegnen? Aber da war noch etwas anderes in Svanlaibs Verhalten. Etwas Lauerndes. Mandred sp�rte f�rmlich die Augen des Mannes in seinem R�cken. Svanlaib hatte ihm ein paar seltsame Fragen gestellt. Der Bootsbauer schien ihn zu kennen.</p><p>Mandred grinste zufrieden. Das war nicht verwunderlich! Schlie�lich hatte er sieben M�nner allein im Namen des K�nigs erschlagen, und er hatte den un�berwindlichen Manneber hoch in die Berge gelockt und mit seiner Saufeder durchbohrt. Er blickte auf den gesplitterten Schaft der Waffe, die er in der Rechten hielt. Ein schwerer, blutiger Beutel hing unter dem langen Speerblatt. Er war aus einem St�ck vom Fell der Bestie geschnitten. Darin war die Leber des Devanthars. Ich werde Wort halten, dachte Mandred grimmig.</p><p>Drei Tage dauerte der Abstieg von den Bergen zum Fjord. Tage, an denen jeder Schritt sie weiter in den Fr�hling brachte. Frisches helles Gr�n schm�ckte die �ste der Eichen. Geradezu berauschend war der Duft der W�lder, auch wenn die N�chte noch sehr kalt waren. Svanlaib hatte Farodin und Nuramon unz�hlige Fragen �ber die Albenmark gestellt. Mandred war froh, dass er von dem Geplapper des Bootsbauers verschont blieb. Dennoch verfolgte ihn der Mann mit seinem Blick. Wann immer er glaubte, dass Mandred es nicht bemerkte, musterte er ihn eindringlich. H�tte der Kerl uns nicht aus der H�hle geholt, h�tte er l�ngst Bekanntschaft mit meinen F�usten gemacht, dachte Mandred so manches Mal.</p><p>Als sie endlich aus den W�ldern traten und sie nur mehr eine weite Hochweide vom ersten Blick auf Firnstayn trennte, begann Mandred zu laufen. Sein Herz schlug wild wie eine Trommel, als er den H�hengrat erreichte und auf den Fjord und sein Dorf hinabblicken konnte. Hoch �ber ihm lag die Klippe mit dem Steinkreis. Dort w�rde er den G�ttern opfern! Doch erst, nachdem er Freya in den Armen gehalten hatte��</p><p>Und seinen Sohn! Er hatte in Luths H�hle von ihm getr�umt. Er war ein junger Mann gewesen in einem langen Kettenhemd. Ein Schwertk�mpfer, dessen Namen man �berall im Fjordland kannte. Mandred l�chelte. Das mit dem Schwert war sicherlich ein Irrtum. Ein wahrer Krieger k�mpfte mit einer Axt! Er w�rde es seinem Sohn schon beibringen.</p><p>Mandred war verwundert dar�ber, wie flei�ig man im Dorf gearbeitet hatte. Drei neue Langh�user waren hinzugekommen, und der Landungssteg war ein St�ck in den Fjord hinein verl�ngert. Es gab auch mehr als ein Dutzend kleinerer H�tten. Die Palisade war niedergerissen und durch einen viel weiter gefassten Erdwall ersetzt.</p><p>Es mussten im Winter etliche neue Familien ins Dorf gekommen sein. Vielleicht hatte der Hunger sie aus ihren Heimen vertrieben. Mandreds Faust schloss sich fester um den Schaft der Saufeder. Wahrscheinlich w�rde es K�mpfe geben. Ein Jarl war man nicht vom Blute her. Diesen Titel musste man sich verdienen, und es waren sicherlich etliche hei�bl�tige junge M�nner im Dorf, die ihm seinen Rang streitig machen wollten. Mandred sah zu seinen Gef�hrten, die inzwischen die Hochweide �berquert hatten. Wenn er mit zwei Elfen an seiner Seite heimkehrte, w�rde es sich mancher vielleicht �berlegen, mit ihm Streit anzufangen. Nuramon und Farodin mussten mit ihm in seine Halle einkehren, wenigstens f�r eine Nacht. M�glichst viele M�nner sollten die beiden Elfen sehen. Dann w�rde sich die Geschichte von der Jagd auf den Manneber bis zum Ende des Sommers selbst in den entferntesten T�lern des Fjordlandes verbreiten.</p><p>Nuramon sah sehns�chtig zum Steinkreis hinauf. Mandred aber sagte: �Seid f�r eine Nacht meine G�ste, Kameraden, und lasst uns an meinem Herdstein auf das Andenken unserer toten Freunde trinken.� Er z�gerte kurz, bevor er hinzuf�gte:��Ihr w�rdet mir einen gro�en Dienst erweisen. Ich m�chte, dass alle M�nner und Frauen des Dorfes euch sehen.�</p><p>Die beiden Elfen tauschten einen Blick. Es war Farodin, der nickte. Gemeinsam begannen sie den Abstieg zum Fjord.</p><p>Seit er das Dorf wiedergesehen hatte, hatte eine Unruhe Mandred ergriffen, die einfach nicht weichen wollte. War Emerelle schon gekommen? Nein, das konnte nicht sein! Ein Jahr, hatte sie gesagt. Ihm blieb noch Zeit. Er w�rde einen Weg finden, seinen Erstgeborenen zu retten.</p><p>Es war das Dorf�� Etwas stimmte nicht mit Firnstayn. Es war zu schnell gewachsen. Obwohl sie reichlich Wintervorr�te angelegt hatten, h�tte es niemals ausgereicht, so viele Menschen zu ern�hren. Und die D�cher der neuen H�user � Ihr Holz war nachgedunkelt, und von den Dachfirsten zogen sich wei�e Bahnen aus M�wenkot hinab. Die Holzschindeln sahen aus, als h�tten sie schon mehr als einen Winter kommen und wieder gehen sehen.</p><p>Mandred dachte an seine Tr�ume in Luths H�hle. Sie waren d�ster gewesen und erf�llt von Waffenklirren. Er war Trollen und m�chtigen Kriegern begegnet, und zuletzt hatte er sich unter einem pr�chtigen wei�en Banner reiten sehen, auf dem eine gr�ne Eiche als Wappen geprangt hatte. Die M�nner, die ihm gefolgt waren, waren auf seltsame Weise gewappnet gewesen. Sie hatten R�stungen getragen, die ganz aus eisernen Platten bestanden hatten, und ihre Gesichter waren unter schweren Helmen verborgen gewesen. Wie eine Mauer aus Stahl waren sie Mandred vorgekommen. Selbst ihre Pferde waren in Stahl gekleidet gewesen. Auch Mandred hatte eine solche R�stung getragen. Der Krieger l�chelte und versuchte trotzig seine d�stere Stimmung zu verdr�ngen. Das mit der R�stung war ein gutes Omen! Er w�rde einmal sehr reich sein, wenn er sich so viel Stahl leisten konnte. Die Zukunft verhie� also Gutes. Und bald schon w�rde er Freya in die Arme schlie�en!</p><p>Als er das Ufer des Fjordes erreichte, winkte Mandred mit den Armen und rief mit lauter, unb�ndiger Stimme, um auf sich aufmerksam zu machen. �Heho, holt �ber! Hier stehen drei Recken und ein Pilger mit durstigen Kehlen.�</p><p>Der Fjord war hier immer noch mehr als hundert Schritt breit. Jemand auf dem Landungssteg bemerkte sie und winkte zur�ck. Dann wurde eines der runden Lederboote bereitgemacht, auf denen die Fischer ausfuhren. Zwei M�nner paddelten es �ber den Fjord, doch ein gutes St�ck vom Ufer entfernt machten sie Halt. Mandred hatte keinen der beiden je gesehen.</p><p>�Wer seid ihr? Und was wollt ihr in Firnstayn?�, rief der J�ngere der beiden misstrauisch.</p><p>Mandred hatte damit gerechnet, dass die beiden Elfen ihnen Angst machten. Hoch gewachsen und wohl bewaffnet sahen sie nicht gerade aus wie die �blichen Reisenden. Doch dass sie nicht einmal Menschen waren, w�rde auf den ersten Blick wohl niemandem auffallen.</p><p>�Hier steht Mandred Torgridson, und dies sind meine Gef�hrten Nuramon, Farodin und Svanlaib Hrafinson.�</p><p>�Du tr�gst den Namen eines Toten, Mandred!�, schallte es �ber das Wasser.��Falls dies ein Spa� sein soll, so ist Firnstayn nicht der rechte Ort f�r solche Scherze!�</p><p>Mandred lachte schallend. �Nicht die Bestie hat Mandred erschlagen, ich habe den Manneber erlegt.� Er hob die Saufeder hoch �ber den Kopf, sodass man gut den Beutel daran sehen konnte. �Und hier bringe ich meine Troph�e. Ihr beide m�sst fremd sein! Holt Hrolf Schwarzzahn oder den alten Olav. Sie kennen mich gut. Oder bringt mir Freya, mein Weib. Sie wird euch mit ihrer gro�en Kesselkelle den Sch�del einschlagen, wenn ihr mich noch l�nger warten lasst.�</p><p>Die beiden M�nner beratschlagten kurz, dann brachten sie das Lederboot ans Ufer. Beide starrten ihn seltsam an. �Du bist wirklich Mandred Torgridson�, sagte der �ltere von beiden ehrf�rchtig. �Ich erkenne dich, auch wenn du keinen Tag gealtert scheinst, seit ich dich das letzte Mal sah.�</p><p>Mandred musterte den Mann; er hatte ihn noch nie gesehen.��Wer bist du?�</p><p>�Ich bin Erek Ragnarson.�</p><p>Mandred runzelte die Stirn. Er kannte ein Kind mit diesem Namen. Einen frechen rothaarigen Bengel. Den Sohn seines Freundes Ragnar, den der Manneber zerrissen hatte.</p><p>�Setzt uns �ber�, mischte sich jetzt Svanlaib ein.��Und lasst uns bei einem guten Krug Met weiterreden. Meine Kehle ist wie ein vertrocknetes Bachbett, und dies ist kein guter Platz, um m�de Reisende zu empfangen. Zumindest an mich erinnert ihr euch doch noch, oder? Ich war erst vor ein paar Tagen im Dorf.�</p><p>Der �ltere Fischer nickte. Dann gab er ihnen ein Zeichen, in sein Boot zu kommen. Als Nuramon und Farodin einstiegen, sah Mandred, wie Erek verstohlen das Zeichen des sch�tzenden Auges schlug. Hatte er erkannt, was sie waren?</p><p>Die Fahrt �ber den Fjord verlief in aller Stille. Immer wieder blickte Erek �ber seine Schulter. Einmal schien es, als wollte er etwas sagen, dann sch�ttelte er nur den Kopf und wandte sich wieder ab.</p><p>Es d�mmerte, als sie das Boot am Landungssteg vert�uten.</p><p>Unter den Dachfirsten der Langh�user quoll Rauch hervor. Es roch nach gebratenem Fleisch und frischem Brot. Mandred lief das Wasser im Munde zusammen. Endlich wieder richtig essen! Braten und Met statt Maulbeeren und Quellwasser!</p><p>Mit festem Schritt ging Mandred den Steg entlang. Ihm war, als s��e eine gro�e, wild mit den Fl�geln schlagende M�we in seinem Bauch. Hoffentlich konnte er sich die Tr�nen verkneifen, wenn Freya kam.</p><p>Ein gro�er Hund versperrte ihm am Ende des Stegs den Weg. Er knurrte warnend. Noch andere Hunde kamen vom Dorf. Ihnen folgten M�nner mit Speeren.</p><p>Mandred kn�pfte den Fellbeutel an seiner Saufeder auf und warf den Hunden blutige Fleischklumpen hin. �Hier, meine Feinen. Ich habe euch etwas mitgebracht.� Dann blickte er auf. Er kannte keinen der M�nner.</p><p>�Mandred Torgridson ist zur�ckgekehrt�, verk�ndete der alte Fischer mit feierlicher Stimme. �Es war eine lange Jagd.� Mit einer herrischen Geste scheuchte er die bewaffneten Dorfbewohner zu Seite. �Macht Platz f�r Jarl Mandred.�</p><p>Guter Mann, dachte Mandred stumm. Er kannte ihn zwar nicht, aber mit Erek lie� sich etwas anfangen.</p><p>Immer mehr Menschen liefen zusammen, um die Fremden zu begaffen. Mandred warf den Hunden, die um seine Beine tollten, Leberst�cke zu und zuletzt auch das St�ck Fell, das ihm als Beutel gedient hatte.</p><p>Dass Freya nicht kam, wunderte ihn schon ein wenig. Aber gewiss hatte sie eine dringende Arbeit zu erledigen. Wenn sie Brot buk und kochte, dann brachte sie nichts von ihrem Herd fort.</p><p>Sein Langhaus hatte den Winter gut �berstanden. Aber irgendjemand hatte die beiden geschnitzten Pferdek�pfe am Giebel gegen zwei Eberk�pfe ausgetauscht.</p><p>Mandred �ffnete die schwere T�r aus Eichenholz, schlug den wollenen Vorhang zur Seite und winkte seinen Gef�hrten einzutreten. In der fensterlosen Halle des Langhauses herrschte tr�bes Zwielicht. Glut flackerte in der langen Feuergrube in der Mitte der Halle. Eine junge Frau drehte einen Bratspie�, auf dem eine Gans steckte. Sie blickte �berrascht auf.</p><p>�Mandred Torgridson ist zur�ckgekehrt�, verk�ndete Erek, der sich an Nuramon und Farodin vorbei durch die T�r dr�ngte.</p><p>�Sch�m dich, schon vor Sonnenuntergang betrunken zu sein, Erek�, keifte die Frau. �Und nimm deine Saufkumpanen mit. F�r sie ist kein Platz in meiner Halle.�</p><p>Mandred sah sich verwundert um. Freya konnte er nirgends entdecken.��Wo ist mein Weib?�</p><p>Der Fischer senkte den Kopf. �Bring uns Met, Gunhild�, zischte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. �Und dann ruf die Alten zusammen. Hol den lahmen Beorn herbei und Gudrun und Snorri. Und bring allen Met, verdammt noch mal! Dies ist ein Tag, von dem unsere Urenkel noch erz�hlen werden.�</p><p>Mandred eilte an der Wand mit den Schlafnischen vorbei und schlug den letzten Vorhang zur�ck. Auch hier war Freya nicht. Neben ihrer Schlafstatt hing die Wiege von der Decke, die er am Anfang des Winters gezimmert hatte. Sie war leer.</p><p>�Setz dich, Jarl.� Der Fischer nahm ihn behutsam beim Arm und f�hrte ihn zur Feuergrube.</p><p>Mandred lie� sich im Gr�tschsitz auf einer der B�nke nieder. Was war hier los? Ihm wurde schwindelig.</p><p>�Erinnerst du dich, wie du dem kleinen Erek Ragnarson einmal ein altes Messer geschenkt hast und ihm dann einen Nachmittag lang gezeigt hast, wie man Hasen ausweidet?� Die Stimme des Fischers ging stockend. Seine Augen schimmerten feucht.</p><p>Gunhild stellte einen Metkrug zwischen sie auf die Bank und legte einen k�stlich duftenden Brotlaib dazu. Mandred riss ein St�ck vom Brot ab und stopfte es sich in den Mund. Es war noch warm. Dann nahm er einen tiefen Schluck Met.</p><p>�Erinnerst du dich?�, beharrte der alte Fischer.</p><p>Mandred nickte.��Ja, warum?�</p><p>�Der Junge�� Das�� das war ich, Jarl.�</p><p>Mandred setzte den Krug ab.</p><p>�Wir alle haben dich f�r tot gehalten�, brach es nun aus Erek hervor. �Wir haben sie gefunden � meinen Vater und die anderen. Nur dich nicht � Und das Ungeheuer nicht. Es gibt viele Geschichten dar�ber, was in diesem Winter geschah�� Manche glauben, du h�ttest den Manneber aufs Eis gelockt und seiest mit ihm in der kalten Tiefe des Fjords versunken. Andere dachten, du w�rst in die Berge gegangen. Und es hie�, Luth habe in der Trauer um dich einen eisigen Vorhang vor seine H�hle gezogen. Freya hat nie glauben wollen, dass du tot bist. Den ganzen n�chsten Fr�hling hat sie die M�nner immer wieder hinausgetrieben, um nach dir zu suchen. Und sie ist mitgegangen, bis das Kind kam. Ein kr�ftiger Junge. Er hat ihr Frieden gegeben. Oleif hie� er.�</p><p>Mandred atmete tief aus. Es war Zeit vergangen, das wusste er. Und es war Fr�hling, obwohl es noch h�tte Winter sein sollen. In der H�hle war es immer hell gewesen. Nur das Licht hinter dem Eis war in stetem Flackern aufgegl�ht und vergangen. Er zwang sich zur Ruhe.</p><p>�Wo ist mein Weib? Und mein Sohn �� Der Krieger blickte auf. Die M�nner mit den Speeren waren in die Halle gekommen und starrten ihn an. Immer neue Fremde traten durch die niedrige Eichent�r. Nur Nuramon und Farodin wichen seinen Blicken aus. Und Svanlaib. Was wussten sie, das ihm verborgen blieb?</p><p>Erek legte ihm die Hand auf die Schulter. �Mandred, ich bin der Junge, dem du das Messer geschenkt hast. Du warst fast drei�ig Winter lang verschollen. Erinnerst du dich � Als ich noch ein kleines Kind war, das kaum laufen konnte, hat mich einer von Torklaifs Hunden angefallen.� Erek streifte den linken �rmel seines groben Hemdes zur�ck. Sein Unterarm war zerfurcht von tiefen Narben.��Ich bin der Junge. Und nun sag du mir, warum du kein Greis bist, Mandred. Du warst mehr als doppelt so alt wie ich. Und doch sehe ich kein Silber in deinem Bart und keine M�digkeit in deinen Augen.� Er deutete zur T�r des Langhauses.��Du bist noch immer der Mann, der vor fast drei�ig Jahren dieses Langhaus verlassen hat, um gegen den Manneber zu ziehen. War dies das Geschenk, f�r das du mit deinem Sohn bezahlt hast?�</p><p>Kalte Wut packte den Krieger.��Was sagst du da? Was ist mit meinem Sohn?� Er sprang auf und stie� dabei den Metkrug von der Bank. Die Schaulustigen wichen vor ihm zur�ck. Farodins Rechte ruhte auf dem Knauf seines Schwertes. Er beobachtete aufmerksam die Speertr�ger.</p><p>�Was ist mit Freya und meinem Sohn geschehen?�, schrie Mandred mit sich �berschlagender Stimme.��Was ist hier los? Ist denn das ganze Dorf verhext? Warum seid ihr alle so anders?�</p><p>�Du bist anders, Mandred Torgridson�, keifte ein altes Weib.��Sieh mich nicht so an! Bevor du Freya erw�hltest, hast du mich gern auf deinen Scho� gezogen. Ich bin es, Gudrun.�</p><p>Mandred starrte in das verwitterte Gesicht. �Gudrun?� Sie war einst sch�n wie ein Sommertag gewesen. Konnte das sein? Diese Augen�� Ja, sie war es.</p><p>�Der Winter, nachdem das Ungeheuer aufgetaucht war, wurde noch h�rter. Der Fjord war zugefroren, und eines Nachts kamen sie. Zuerst h�rten wir nur ihre H�rner in der Ferne, und dann sahen wir die Kette der Lichter. Reiter. Hunderte! Sie kamen vom Hartungskliff auf der anderen Seite des Fjords. Vom Steinkreis. Und sie ritten �ber das Eis. Niemand, der dabei war, wird diese Nacht je vergessen. Wie Geister waren sie und doch lebendig. Das Feenlicht wogte am Himmel und tauchte das Dorf in gr�nes Licht. Die Hufe ihrer Pferde w�hlten kaum den Schnee auf. Und doch waren sie von Fleisch und Blut, die kalte Elfenk�nigin Emergrid und ihr Hofstaat. Sch�n waren sie anzusehen und zugleich schrecklich, denn in ihren Augen spiegelten sich ihre kalten Herzen. Das pr�chtigste Pferd ritt eine zierliche Frau, die mit einem Kleid wie von Schmetterlingsfl�geln angetan war. Trotz des bitteren Frostes schien sie die K�lte nicht zu sp�ren. An ihrer Seite ritten ein Mann ganz in Schwarz und ein Krieger in wei�em Umhang. Falkner begleiteten sie und Lautenspieler, Krieger in schimmernder Wehr und Frauen, gekleidet wie f�r ein Sommerfest. Und W�lfe, so gro� wie Hochlandpferde. Sie hielten vor deinem Langhaus, Mandred. Vor dieser Halle hier!�</p><p>Ein Holzscheit zerbarst in der Feuergrube, und Funken stiegen zur ru�schwarzen Decke empor, als Gudrun fortfuhr. �Dein Weib �ffnete der K�nigin Emergrid. Freya empfing sie mit Met und Brot, wie es das Gesetz der Gastfreundschaft gebietet. Doch die Elfenk�nigin nahm nichts an. Sie forderte allein das Pfand, das du ihr versprochen hattest, Mandred. Deinen Sohn! Den Preis daf�r, dass dieses Dorf leben durfte und die Bestie von uns genommen wurde.�</p><p>Mandred verbarg das Gesicht in H�nden. Sie war gekommen! Wie hatte er ihr nur dieses Versprechen geben k�nnen!��Was�� was ist mit Freya?�, stammelte er hilflos.��Ist sie���</p><p>�Mit deinem Sohn haben ihr die Elfen den Willen zum Leben genommen. Sie schrie und bettelte um Gnade f�r ihr Kind. Sie bot ihr Leben als Pfand, doch K�nigin Emergrid lie� sich nicht erbarmen. Mit blo�en F��en lief Freya durch den Schnee und folgte den Elfen hinauf auf das Hartungskliff. Dort fanden wir sie am n�chsten Morgen inmitten des Steinkreises. Sie hatte sich die Kleider zerrissen und weinte und weinte � Wir haben sie ins Dorf geholt, doch Freya wollte nicht mehr mit uns unter einem Dach sein. Sie ist auf den Grabh�gel deines Gro�vaters gestiegen und hat dort die G�tter und die finstersten Geister der Nacht um Rache angerufen. Mehr und mehr hat sich ihr Geist verwirrt. Man sah sie immer mit einem B�ndel Lumpen im Arm, so wie man ein Kind in seinen Armen h�lt. Wir haben ihr Essen gebracht, Jarl. Wir haben alles versucht�� Am ersten Fr�hlingsmorgen nach der Tagundnachtgleiche haben wir sie tot auf dem Grabh�gel deines Gro�vaters gefunden. Sie starb mit einem L�cheln auf den Lippen. Wir haben sie noch am selben Tag im H�gel bestattet. Ein wei�er Stein ruht auf ihrem Grab.�</p><p>Mandred hatte das Gef�hl, sein Herz m�sse aufh�ren zu schlagen. Sein wilder Zorn war dahin. Tr�nen rannen �ber seine Wangen, ohne dass er sich dessen sch�mte. Er ging zur T�r. Niemand folgte ihm.</p><p>Der Grabh�gel seines Gro�vaters lag ein St�ck au�erhalb des neuen Erdwalls, der Firnstayn sch�tzte, ganz nah bei dem gro�en, wei�en Felsbrocken am Ufer des Fjords. Hier hatte sein Gro�vater angelegt und war an Land gegangen. Er hatte das Dorf gegr�ndet und es nach dem Stein, so wei� wie Mittwinterschnee, benannt. Firnstayn.</p><p>Mandred fand den wei�en Grabstein an der Flanke des niedrigen Grabh�gels. Lange kniete er dort nieder. Z�rtlich strichen seine H�nde �ber den rauen Stein.</p><p>Es war in der dunkelsten Stunde der Nacht, dass Mandred glaubte, einen Schatten in zerrissenen Kleidern auf der H�gelkuppe zu sehen.</p><p>�Ich bringe ihn zur�ck, Freya, und wenn es mich mein Leben kostet�, fl�sterte er leise. �Ich bringe ihn zur�ck. Ich schw�re das bei der Eiche, die mir mein Leben gegeben hat. Stark wie ein Eichenstamm sei mein Eid!� Mandred suchte nach Atta Aikhjartos Geschenk, und als er es fand, versenkte er die Eichel in der schwarzen Graberde.��Ich werde ihn dir zur�ckbringen.�</p><p>Der Mond trat zwischen den Wolken hervor. Der Schatten auf der H�gelkuppe war verschwunden.</p></section><section><title><p>R�ckkehr nach Albenmark</p></title><p>Es war Winter in Albenmark, und bei aller Sch�nheit der verschneiten Landschaft machte ihm die Eisesk�lte hier nicht weniger zu schaffen, als sie es in seiner Welt getan h�tte. Auch hier musste der Krieger sich m�hsam seinen Weg durch den hohen Schnee pfl�gen, w�hrend seine Elfenkameraden mit leichtem Schritt neben ihm her gingen. Und diesmal fehlte ihm die Kraft. Am Grab von Freya h�tte er es noch mit ganz Albenmark aufnehmen k�nnen, doch heute war er niedergeschlagen und versp�rte nichts als Verzweiflung und Leere in sich.</p><p>Selbst der Gedanke an seinen Sohn, der ihm ein Fremder sein w�rde, vermochte ihn nicht zu tr�sten. Er wollte ihn sehen, gewiss�� Aber er verband damit wenig Hoffnung. Oleif musste l�ngst zum Mann herangewachsen sein, und er mochte vielleicht in jemand anderen seinen Vater sehen. Dass auch noch Winter war in Albenmark, hatte Mandred endg�ltig entmutigt. Dies war das Land der Elfen und Feen, hier sollte ewiger Fr�hling herrschen! So hie� es zumindest in den M�rchen. Es war gewiss ein b�ses Omen, diese Welt im Winter vorzufinden, auch wenn Farodin und Nuramon ihm hundert Mal versichert hatten, dass die Jahreszeiten hier genauso wechselten, wie sie es in der Welt der Menschen taten.</p><p>Atta Aikhjarto hatte nicht zu ihm gesprochen, als Mandred ihn am Tor besucht hatte. Hielten B�ume Winterschlaf, nachdem sie ihr Laub abgeworfen hatten? Oder gab es einen anderen Grund daf�r? Niemand hatte sie am Tor empfangen, und das, obwohl die K�nigin doch angeblich alles wusste, was in ihrem Reich geschah.</p><p>Am ersten Tag waren sie bis zum Tor von Welruun gekommen, und keiner hatte ihren Weg gekreuzt. Mandred glaubte zu wissen, warum. Das Verh�ngnis war ihnen hierher nach Albenmark gefolgt! Schon von der ersten Stunde an hatte ein Ungl�cksstern �ber der Elfenjagd gestanden. Und dieser Stern war nicht verloschen. Was sie erlebt hatten, war eine Geschichte wie in den Sagas der alten Helden gewesen. Und diese Geschichten endeten immer tragisch!</p><p>Als Mandred sich am Morgen des zweiten Tages in Albenmark von seinem kalten Nachtlager erhob, tat er es nur, weil k�nftig niemand von ihm sagen sollte, er w�re seinen Weg nicht zu Ende gegangen. Er w�rde die Elfenjagd�� die erste, die von einem Menschen angef�hrt worden war�� zur�ckbringen; jedenfalls das, was von ihr noch geblieben war. Und er wollte wissen, welches Verh�ngnis ihr Schicksal endg�ltig besiegelte.</p><p>Keine Wache verstellte ihnen den Weg durch das Tor von Shalyn Falah. Selbst in Emerelles Burg erwartete sie niemand, sie schien wie ausgestorben. Unheimlich hallten ihre Schritte wider, als sie die m�chtige Toranlage passierten. Mandred hatte zwar das Gef�hl, beobachtet zu werden, aber wohin er seinen Blick auch wandte, fand er nur verwaiste Zinnen und leere Fensterh�hlen.</p><p>Farodin und Nuramon hatten w�hrend der Reise kaum gesprochen. Auch sie schienen beunruhigt.</p><p>Warum mied man sie?, fragte sich Mandred ver�rgert. Sie waren lange fort gewesen, gewiss, und sie hatten einen hohen Blutzoll entrichtet � aber sie kehrten siegreich heim. Sie sollten w�rdiger empfangen werden! Aber wer war er, Elfen begreifen zu wollen? Was hier geschah, musste mit dem Verh�ngnis zu tun haben � Mit jenem letzten Schicksalsschlag, der jeder Saga ein Ende setzte.</p><p>Nuramon und Farodin beschleunigten ihre Schritte. In dumpfem Stakkato wurde der Hall ihrer Tritte von den durchscheinenden W�nden zur�ckgeworfen.</p><p>Ganz am Ende der gro�en Halle wartete eine schwarz gekleidete Gestalt. Es war Meister Alvias. Er neigte vor Mandred leicht das Haupt, w�hrend er Farodin und Nuramon keines Blickes w�rdigte.</p><p>�Sei gegr��t, Mandred Menschensohn, Jarl von Firnstayn.</p><p>Die K�nigin hat dein Kommen f�r diese Stunde vorhergesagt. Sie m�chte dich und deine Gef�hrten sehen. Folge mir!�</p><p>Wie von Geisterhand �ffnete sich das Tor zum Thronsaal, der �berf�llt mit Albenkindern war. Elfen und Kentauren, Feen, Kobolde und Wichtel dr�ngten sich dicht an dicht und schwiegen. Mandred hatte das Gef�hl, als wollte ihm etwas die Kehle zuschn�ren. Das Schweigen dieser riesigen Versammlung war noch unheimlicher als die endlosen leeren Hallen und H�fe. Kein Husten erklang, kein R�uspern, nichts.</p><p>Mandreds Blick schweifte zur Decke. Eine weite Eiskuppel hatte den Regenbogen des Fr�hlings ersetzt. Er musste an die H�hle des Luth denken.</p><p>Inmitten der Menge f�hrte eine Gasse bis vor den Thron. Die Zeit war an der K�nigin spurlos vor�bergegangen. Emerelle sah immer noch aus wie eine junge Frau.</p><p>Meister Alvias gesellte sich zu einer Gruppe junger Krieger, die links am Fu� der Treppe zum Thron standen, w�hrend Farodin und Nuramon ihr Knie vor der K�nigin beugten.</p><p>Der Anflug eines L�chelns umspielte Emerelles Lippen. �Nun, Mandred Menschensohn, du neigst dein Haupt noch immer nicht vor der Herrin von Albenmark.�</p><p>Weniger denn je, dachte Mandred.</p><p>Emerelle deutete auf die Schale neben ihrem Thron. �So oft ich auch in das Wasser schaute, ich konnte weder dich noch deine Gef�hrten sehen. Was ist geschehen, Mandred, Anf�hrer der Elfenjagd? Habt ihr eure Beute gefunden?�</p><p>Mandred r�usperte sich. Sein Mund war so trocken, als h�tte er ein Fuder Mehl geschluckt.��Die Bestie ist tot. Erschlagen. Zu Luths F��en liegt ihr Haupt, und ihre Leber ward den Hunden zum Fra� gegeben. Unser Zorn hat sie ausgel�scht!� Der Krieger bemerkte, wie Alvias eine ver�chtliche Grimasse schnitt. Sollte diese schwarze Kr�he doch von ihm denken, was sie wollte! Oder besser noch�� Mandred l�chelte grimmig. Der Hochmut w�rde Alvias und den anderen schon noch vergehen, wenn sie erfuhren, _welchem_ Jagdwild sie nachgestellt hatten.</p><p>�Wir ritten aus, eine Kreatur halb Mann, halb Eber zu jagen.� Mandred machte eine kurze Pause, wie die Skalden es manchmal taten, um die Ungeduld des Publikums zu sch�ren. �Doch wir fanden ein Gesch�pf, das es seit den Tagen der Alben nicht mehr geben darf. Eine Kreatur, den V�lkern von Albenmark bekannt als Devanthar!�</p><p>Mandred beobachtete die Menge aus den Augenwinkeln. Er h�tte mindestens mit einigen ohnm�chtigen Bl�tenfeen gerechnet. Aber statt eines �berraschten Raunens erntete er nur Schweigen, ganz so, als h�tte er den Albenkindern nichts Neues verk�ndet.</p><p>Die Stille verwirrte ihn. Leicht stockend berichtete er von der Jagd, von ihren Schrecken und den Toten. Er schilderte den Weg den Gletscher hinauf, sprach voller Zorn von den gesch�ndeten Eisenb�rten und lobte Farodins Heldenmut und Nuramons Heilkunst. Bitternis erstickte beinahe seine Stimme, als er von der Falle des Devanthars sprach und davon, wie viele Jahre der D�mon ihm gestohlen hatte. Als Mandred dazu ansetzte, von seiner R�ckkehr nach Firnstayn zu berichten, schaute er kurz zu den Gef�hrten, die noch immer neben ihm knieten. �Mit meinen beiden letzten Jagdbr�dern ging ich��� Farodin sch�ttelte kaum merklich den Kopf.</p><p>�Was wolltest du sagen, Mandred?�, fragte die K�nigin.</p><p>�Ich �� Mandred begriff nicht, warum er verhehlen sollte, was geschehen war. Er z�gerte kurz. �Ich wollte sagen, dass wir nach Firnstayn zur�ckkehrten, um bei den Meinen eine Nacht zu verbringen.� Die letzten Worte sprach er in eisigem Ton.</p><p>Die K�nigin lie� sich nichts anmerken.��Ich danke dir f�r deinen Bericht, Mandred Menschensohn�, entgegnete sie f�rmlich. �Ihr drei habt Gro�es geleistet. Doch was glaubst du, war die Absicht hinter den Taten des Devanthars?�</p><p>Der Krieger deutete auf seine Gef�hrten. �Wir haben lange dar�ber gesprochen. Und wir denken, dass er in der H�hle des Luth ein Gef�ngnis f�r die Elfenseelen schaffen wollte. Wir wissen jedoch nicht, auf wen er es abgesehen hatte. Jedenfalls ist er zuletzt in allem gescheitert. Wir haben ihn besiegt und sind aus seiner Gefangenschaft entkommen.�</p><p>Die K�nigin musterte sie schweigend. Wartete sie auf etwas? Hatte er irgendwelchen Elfenschnickschnack nicht beachtet, mit dem es galt, seinen Bericht zu beenden? Einen Herzschlag lang schien es ihm, als g�lte ihr Blick vor allem Nuramon.</p><p>�Ich danke dir und deinen Gef�hrten. Die Elfenjagd hat ihr Ziel erreicht. Du hast deine Aufgabe gut erf�llt.� Sie hielt kurz inne, und nun war er es, dem ihre Aufmerksamkeit galt. �Da du in deinem Dorf warst, wei�t du, dass ich meinen Lohn eingefordert habe. Nun m�chte ich dir Alfadas vorstellen � deinen Sohn.� Die K�nigin deutete auf einen der Krieger, die neben Alvias standen.</p><p>Mandred stockte das Herz. Der Mann sah aus wie ein Elf! Seine Ohren waren von schulterlangem blondem Haar verdeckt. Erst als er ihn genauer betrachtete, bemerkte er die feinen Unterschiede. Dieser Alfadas, wie Emerelle in ihrem Hochmut seinen Sohn Oleif nannte, trug ein kn�chellanges Kettenhemd und einen weiten Umhang. Er war fast einen Kopf gr��er als er selbst. Sein hoher Wuchs verbarg, dass er ein wenig breiter und kr�ftiger gebaut war als die anderen Elfen. Doch so fremd er auch wirkte, seine warmen braunen Augen tilgten jeden Zweifel. Es waren Freyas Augen. Und es war Freyas L�cheln, mit dem sein Sohn ihn begr��te. Aber warum, zum Henker, trug der Kerl keinen Bart? Sein Gesicht war glatt wie das eines Weibs�� oder eines Elfen.</p><p>Alfadas trat vom Thronpodest. �Vater, ich habe die Hoffnung niemals aufgegeben �� Er legte in feierlicher Geste die rechte Hand aufs Herz und neigte den Kopf.</p><p>�Du verbeugst dich nicht vor deinem Vater!�, sagte Mandred hart und schloss den Krieger in die Arme. �Mein Sohn!� Bei den G�ttern, der Junge roch wie eine Bl�te.</p><p>�Mein Sohn�, sagte er noch einmal, jetzt leiser, und l�ste sich aus der Umarmung. �Alfadas?� Der Name f�hlte sich falsch auf der Zunge an. Mandred musterte ihn von Kopf bis Fu�. Oleif sah aus wie eine Heldengestalt. �Du bist � gro߫, bemerkte er, einfach um irgendetwas zu sagen und der Gef�hle Herr zu werden, die ihn schier �bermannten. Sein Sohn�� Das Kind, von dem er noch vor f�nf Tagen gedacht hatte, es sei gerade erst geboren worden�� es war ein Mann.</p><p>Was hatten der Devanthar und Emerelle ihm angetan! Sie hatten ihm seinen Sohn gestohlen, auf eine Weise, wie er es sich niemals h�tte vorstellen k�nnen! Vor ein paar Tagen noch hatte er sich darauf gefreut, ein Neugeborenes in Armen zu halten, und nun stand vor ihm ein Mann in der Bl�te seiner Jahre. Oleif h�tte sein Bruder sein k�nnen! Um so vieles hatten sie ihn betrogen! Um all die Stunden, in denen er ihm beigebracht h�tte, was einen Mann von Ehre ausmachte. Unbeschwerte Sommerabende, an denen sie gemeinsam zum Fischen auf den Fjord gefahren w�ren. Der erste Kriegszug, wo aus einem J�ngling ein Mann wurde, lange Jagdausfl�ge im Winter��</p><p>Und trotz allem konnte er wohl noch von Gl�ck sagen. Wie w�re es wohl gewesen, einem Mann gegen�berzustehen, der �lter an Jahren war und zu dem er Sohn h�tte sagen m�ssen?</p><p>Er musterte Oleif noch einmal. Ein stattlicher Kerl war er geworden. �Ich bin froh, dass ich �lter bin als du, Junge!� Mandred l�chelte verschmitzt.��Vielleicht gibt es ja noch ein, zwei Dinge, die ich dir beibringen kann. Ich f�rchte, diese Elfen haben keine Ahnung, wie man mit einer Axt k�mpft und���</p><p>Sein Sohn lachte hell�� wie ein Elf.</p><p>�Alfadas soll dir nun folgen�, erkl�rte Emerelle feierlich.��Ich habe ihn das gelehrt, was es hier zu lernen gab. Nun sollst du ihn in die Menschenreiche f�hren und ihn dort unterweisen, wie du es w�nschst.�</p><p>Mandred war sich nicht sicher, ob ein Hauch von Ironie in Emerelles Worten mitgeschwungen hatte.��Das werde ich�, sagte er mit fester Stimme, sodass es jeder in der weiten Halle h�ren konnte.</p><p>Farodins Kettenhemd klirrte leise, als er sich �berraschend aufrichtete. �K�nigin, erlaube mir eine Frage.�</p><p>Emerelle nickte auffordernd.</p><p>�Wo ist unsere Minneherrin? Wir haben getan, was sie w�nschte.�</p><p>Mandred hatte das Gef�hl, als w�rde es eine Spur k�lter im Thronsaal.</p><p>�Ihr erinnert euch an die Terrasse �ber dem Obstgarten?�, sagte Emerelle f�rmlich.</p><p>�Ja, Herrin!� Farodin gab sich nun keine M�he mehr, seine Sehnsucht zu verbergen. Auch Nuramon hatte sich inzwischen erhoben, ohne dazu aufgefordert zu sein.</p><p>�Dorthin m�sst ihr gehen!�</p><p>�Mit deiner Erlaubnis, Herrin?�, fragte nun Nuramon.</p><p>Die K�nigin nickte knapp.</p><p>Leichten Schrittes gingen seine Gef�hrten zur�ck zum hohen Portal des Thronsaals. Mandred sah ihnen nach; er war froh, dass wenigstens sie zu ihrer Geliebten zur�ckkehrten, auch wenn er nie verstanden hatte, wie zwei M�nner dieselbe Frau lieben konnten, ohne sich die Sch�del einzuschlagen.</p><p>Als Farodin und Nuramon das Portal durchschritten hatten, erkl�rte die K�nigin feierlich: �Mandred, ich erkl�re die Jagd auf den Manneber f�r beendet. Sie hat manche Bitternis gebracht, doch zuletzt ward das Fleisch, das sich erhoben hatte, besiegt. Du und deine Gef�hrten, ihr werdet noch eine Nacht in den Kammern der J�ger verbringen. Ihr sollt Leib und Seele reinigen, derer gedenken, die nicht zur�ckgekehrt sind, und Abschied voneinander nehmen.�</p><p>Emerelle erhob sich, trat an Oleifs Seite und fasste seine H�nde.</p><p>�Du warst mir beinahe wie ein Sohn, Alfadas Mandredson. Vergiss das nie!�</p><p>Die Worte der K�nigin waren f�r Mandred wie gl�hende Funken, die in Zunder fielen. Oleif hatte eine Mutter gehabt! Und sie w�rde gewiss noch leben, wenn Emerelle nicht seinen Sohn als Preis f�r die Elfenjagd eingefordert h�tte! Nur mit M�he riss er sich zusammen. Trotz seines Zornes merkte er doch, dass Emerelle der Abschied von Oleif wirklich schmerzte. Nicht einmal die kaltherzige Herrscherin der Albenkinder war g�nzlich frei von Gef�hlen. Und Mandred begriff, wie t�richt es war, ihr allein die Schuld zu geben. Gewiss, sie war es gewesen, die sein Kind als Preis f�r die Elfenjagd gefordert hatte, doch er hatte zugestimmt. Er hatte sein eigen Fleisch und Blut verschachert. Und er hatte Freya, als sie sein Kind noch unter dem Herzen getragen hatte, nicht einmal gefragt. Der Manneber war besiegt�� Aber seine Entscheidung hatte Freya, die er vor allen anderen retten wollte, den Tod gebracht. Was mochte sie empfunden haben, als Elfen vor ihr standen, wundersch�n und kalt zugleich, und alles von ihr forderten, was ihr in ihrem Leben noch lieb war? Hatte sie den Handel hingenommen oder hatte sie aufbegehrt? Was war in jener Nacht geschehen? Er musste es wissen!</p><p>�K�nigin�� Was hat meine Frau dir gesagt, als du das Kind holen lie�est?�</p><p>Eine steile Falte bildete sich zwischen Emerelles Brauen. �Ich habe Alfadas nicht holen lassen. Mit meinem ganzen Hofstaat bin ich nach Firnstayn gezogen! Es war kein Raub in Nacht und Schnee. Wie einen K�nigshof habe ich dein Dorf besucht, um dir und deinem Sohn Ehre zu erweisen. Doch vor dein Weib trat ich allein.� Sie blickte zu Alfadas. �Deine Mutter hatte gro�e Angst. Sie hielt dich sch�tzend an sich gepresst�� Ich erz�hlte ihr die Geschichte von der Jagd. Und niemals werde ich ihre Worte vergessen, Mandred. Sie sagte: _Zwei Leben f�r ein ganzes Dorf, dies ist die Entscheidung des Jarls, und ich achte sie_ �� Emerelle trat von Oleif zur�ck und sah Mandred offen ins Gesicht. Nur eine Handbreit stand die kleine Frau nun noch von ihm entfernt.</p><p>�War das alles?�, fragte Mandred. Er wusste, wie streitbar Freya sein konnte. Auch daf�r hatte er sie geliebt.</p><p>�Es gibt Wissen, das nur schmerzt, Menschensohn. Du hast getan, was getan werden sollte. Lass es gut sein, Mandred, und frage nicht.�</p><p>�Was waren ihre Worte?�, beharrte er.</p><p>�Du willst es wirklich wissen? Nun denn � _Meinen Mann aber verfluche ich daf�r, dass er den jungen Stamm seiner Familie ausgerissen hat, noch bevor er Wurzeln schlagen konnte. M�ge er niemals wieder ein Haus finden, das ihm zum Heim wird. Rastlos soll er wandern! Rastlos, wie meine Seele ist, der er alles genommen hat, woran sie sich w�rmen konnte_.�</p><p>Ein Klo� hart wie Stein sa� in Mandreds Kehle. Er schluckte, doch das Gef�hl wollte nicht weichen. Ihm war, als m�sste er ersticken.</p><p>�Ich versuchte dein Weib zu tr�sten�, fuhr Emerelle fort. �Ich wollte ihr von der Zukunft ihres Sohnes erz�hlen, doch sie wollte nichts h�ren. Sie wies mich von der Schwelle. Erst als sie die T�r hinter sich schloss, fing sie an zu weinen. Doch wisse, Mandred, ich kam nicht aus Freude daran, grausam zu den Menschen zu sein. Es war deinem Sohn bestimmt, in Albenmark aufzuwachsen. Der Tag wird kommen, da die Elfen die Hilfe der Menschen brauchen. Und es wird das Geschlecht sein, das aus dem Samen deines Sohnes erw�chst, das Albenmark die Treue h�lt, wenn eine Welt in Flammen steht. Nun ist es an dir, Mandred. Bringe deinen Sohn zur�ck ins Fjordland. Gib ihm all das, was ein Sohn nur von seinem Vater bekommen kann. Hilf ihm, seinen Platz unter den Menschen zu finden.�</p><p>�Ist sein Schicksal so bitter wie das meine, K�nigin?�</p><p>�Ich sehe manches klar, manches verschwommen und vieles gar nicht. Zu viel schon habe ich euch von eurer Zukunft offenbart!� Emerelle machte eine ausholende Geste, die auch ihren Hofstaat umfasste.��Niemand sollte sein Schicksal zu genau kennen. Denn im Schatten der Zukunft kann kein Leben wachsen.�</p></section><section><title><p>Noroelles Worte</p></title><p>Farodin und Nuramon schwiegen auf dem Weg zur Terrasse. Jeder war in seine Gedanken versunken. Nach all den Strapazen der letzten Tage fieberten sie danach, ihre Geliebte wiederzusehen und ihre Entscheidung zu h�ren. Farodin musste an all die Jahre denken, die er um Noroelle geworben hatte, w�hrend Nuramon sich auf den Augenblick freute, da er Noroelle sagen konnte, dass er sein Versprechen gehalten hatte.</p><p>Als sie durch das Tor in die Nacht hinaustraten, waren sie verwundert. Denn auf der Terrasse stand nicht Noroelle. Dort wartete eine blonde Elfe in einem hellgrauen Kleid und wandte ihnen den R�cken zu. Ihr Kopf war erhoben, sie schien zum Mond hinaufzublicken.</p><p>Z�gernd n�herten sie sich ihr. Die Elfe drehte den Kopf halb und schien zu lauschen. Dann seufzte sie und wandte sich um.</p><p>Nuramon erkannte sie sogleich.��Obilee!�</p><p>Farodin war verbl�fft und erschrocken zugleich. Gewiss, sie wussten, dass sowohl in der Welt der Menschen als auch hier in Albenmark fast drei�ig Jahre vergangen waren. Aber erst der Anblick Obilees machte ihm klar, was dies bedeutete.</p><p>�Obilee!�, sagte Nuramon noch einmal und musterte die Elfe, deren L�cheln nicht �ber die Schwermut in ihren Augen hinwegt�uschen konnte. �Du bist eine wundersch�ne Frau geworden. Ganz so, wie Noroelle es gesagt hat.�</p><p>Farodin sah das Abbild der gro�en Danee vor sich. Fr�her hatte es nicht mehr als eine vage �hnlichkeit gegeben, aber nun war sie kaum von ihrer Urgro�mutter zu unterscheiden. Zum ersten Mal hatte er Danee bei Hofe gesehen. Er war damals noch ein Kind gewesen, doch er erinnerte sich immer noch deutlich an die Ehrfurcht, die ihn erfasst hatte, als ihr Blick ihn gestreift hatte. �Nun sehe ich es auch. Etwas von Danees Aura haftet dir an, ganz so wie Noroelle es immer sagt.�</p><p>Obilee nickte.��Noroelle hat Recht behalten.�</p><p>Farodin schaute zum Obstgarten.��Ist sie dort unten?�</p><p>Die junge Elfe wich seinem Blick aus. �Nein, sie ist nicht im Obstgarten.� Als sie ihn wieder ansah, standen ihr Tr�nen in den Augen.��Sie ist nicht mehr hier.�</p><p>Farodin und Nuramon tauschten einen verunsicherten Blick. Farodin dachte an die drei�ig Jahre, die verstrichen waren. Hatte Noroelle nicht glauben m�ssen, dass sie tot w�ren? Hatte sie deshalb den Hof verlassen und sich in die Einsamkeit zur�ckgezogen?</p><p>Nuramon musste an die Stille im Thronsaal denken. Alle dort hatten irgendetwas gewusst. Was konnte geschehen sein, dass Obilee so sehr trauerte? Der Tod war es nicht, denn auf den Tod folgte die Wiedergeburt. Es musste etwas Schmerzvolleres sein, und diese Vorstellung machte Nuramon Angst.</p><p>�Noroelle hat es gewusst�, sagte Obilee. �Sie hat gewusst, dass ihr zur�ckkehren w�rdet.�</p><p>Farodin und Nuramon schwiegen.</p><p>�Es sind Jahre vergangen, und ihr tragt noch immer die Sachen, mit denen ihr damals ausgezogen seid���</p><p>�Obilee? Was ist geschehen?�, fragte Farodin geradeheraus.</p><p>�Das Schlimmste, Farodin. Das Allerschlimmste.�</p><p>Nuramon fing an zu zittern. Er musste an die zur�ckliegenden Pr�fungen denken. Er hatte doch alles getan, um sein Versprechen zu halten!</p><p>Da Obilee nicht wagte weiterzusprechen, fragte Farodin:��Hat sich Noroelle von uns abgewendet? Ist sie nach Alvemer zur�ckgekehrt? Ist sie entt�uscht?�</p><p>Obilee machte einen Schritt zur�ck und holte tief Luft. �Nein�� H�rt meine Worte! Denn diese sprach Noroelle in der Nacht, in der sie fortging.� Obilee hob den Blick. �_Ich wusste, dass ihr wiederkehren w�rdet. Und nun seid ihr da und erfahrt, was mir widerfahren ist_.� Sie sprach die Worte so, als w�re sie Noroelle. Jede Gef�hlsregung spiegelte sich in der Melodie ihrer Stimme wider.��_Denkt nicht schlecht von mir, wenn ihr nun erfahrt, was ich getan habe und wohin mich mein Schicksal gebracht hat. Kurz nachdem ihr ausgezogen wart, hatte ich einen Traum. Du, Nuramon, hast mich besucht, und wir haben uns geliebt. Ein Jahr sp�ter gebar ich einen Sohn. Ich dachte, es w�re dein Kind, Nuramon, aber ich habe mich geirrt. Denn nicht du warst bei mir in jener Nacht, sondern der Devanthar, den ihr in der Anderen Welt gejagt habt_.�</p><p>Farodin und Nuramon stockte der Atem. Allein der Gedanke, dass der Devanthar in Noroelles N�he hatte gelangen k�nnen, war ihnen unertr�glich.</p><p>Farodin musste an den Kampf in der H�hle denken. Der D�mon hatte es ihnen zu leicht gemacht. Nun wusste er, warum. Hatte er vielleicht immer nur einen Weg zu Noroelle gesucht?</p><p>Nuramon sch�ttelte fassungslos den Kopf. Der Devanthar hatte sich seiner Gestalt bedient, um Noroelle zu verf�hren. Er hatte ihre Liebe ausgenutzt. Sie hatte von ihm getr�umt, w�hrend der Devanthar sich ihr n�herte und sie��</p><p>Obilee fasste Nuramons Hand und holte ihn damit aus seinen schmerzvollen Gedanken. �_Nuramon, mach dir keine Vorw�rfe. Der D�mon trug dein Gesicht, und ich lie� mich von deinem Antlitz und deinem K�rper verf�hren. Aber denke nicht, dass ich deswegen Verachtung oder Ekel versp�re. Ich liebe dich mehr noch als zuvor. Verachte nicht dich, sondern den Devanthar! Er hat das, was wir f�reinander f�hlten, gegen uns gewandt. Nur wenn wir zu dem stehen, was wir sind und was wir f�hlen, kann seine Tat verblassen. Sie wird unwichtig. Gib nicht dir die Schuld_.� Obilee schaute ihn an, als wartete sie auf eine Reaktion seinerseits. In ihren Augen lag ein Flehen, dem er sich nicht widersetzen konnte. Er atmete tief aus und nickte dann.</p><p>Obilee fasste nun Farodins Hand. �_Und du, Farodin, glaube nicht, dass ich meine Wahl schon getroffen hatte. Ich hatte mich nicht insgeheim schon f�r Nuramon entschieden. Der D�mon ist nicht deshalb zu mir gekommen_.�</p><p>�Aber wo bist du, Noroelle?�, fragte Farodin. Er war verwirrt. F�r einem Moment war ihm wirklich so, als k�nnte seine Liebste ihn h�ren.</p><p>Obilee l�chelte und legte dabei den Kopf zur Seite, wie Noroelle es oft getan hatte. Ihre Augen aber konnten ihre Trauer nicht verbergen. �_Ich wusste, dass du diese Frage stellen w�rdest, Farodin. Dieser eine Funke, den du mir in jener Nacht gew�hrt hast, dieser eine Blick in dein Innerstes, hat ausgereicht, um dich so kennen zu lernen, wie ich es mir immer gew�nscht habe. Ich kann in deinem Innern genauso lesen wie in Nuramons Gesicht. Wo bin ich also? Nun, es wird euch schmerzen, das zu vernehmen. Denn ich bin an einem Ort, an dem mich niemand je erreichen kann. Die K�nigin hat mich f�r immer aus Albenmark verbannt. Uns trennen nun Barrieren, die ihr nicht �berwinden k�nnt. Mir bleibt nur die Erinnerung; die Erinnerung an die Nacht vor eurem Aufbruch, da ihr mir beide so viel gegeben habt. Du, Farodin, zeigtest mir den Glanz deines Wesens. Und du, Nuramon, ber�hrtest mich zum ersten Mal_.�</p><p>Obilee hielt inne, sie schien zu z�gern. Schlie�lich sagte sie:��_Ihr sollt auch erfahren, warum ich verbannt wurde. Das Kind, das ich gebar, hatte runde Ohren, und die K�nigin erkannte es als D�monenkind, als Kind des Devanthars. Ich sollte mit meinem Sohn drei N�chte nach der Geburt bei Hofe erscheinen, aber die K�nigin sandte Dijelon und seine Krieger noch in der Nacht aus, um das Kind zu t�ten. Ich brachte es in die Andere Welt, an einen Ort, an dem die K�nigin meinen Sohn nur schwer finden w�rde. Und als ich vor Emerelle stand, weigerte ich mich, seine Zuflucht zu verraten. Vergebt mir, wenn ihr k�nnt, denn ich sah nichts B�ses in den Augen des Kindes. Nun kennt ihr meinen Makel. Aber er soll nicht eurer sein. Verzeiht mir, dass ich so t�richt gehandelt habe_.� Obilee fing an zu weinen, denn auch Noroelle hatte einst die Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten k�nnen. �_Bitte erinnert euch an jene sch�nen Jahre, die wir miteinander verbracht haben. Denn an ihnen war nichts Schlechtes; nichts ist geschehen, was wir bereuen m�ssten. Was immer auch kommen mag, bitte vergesst mich nicht�� Bitte vergesst mich nicht_ �� Obilee konnte ihre Gef�hle nicht l�nger zur�ckhalten. �Das waren die Worte Noroelles!�, sagte sie mit tr�nenerstickter Stimme und vergrub ihr Gesicht an Nuramons Schulter, w�hrend dieser Farodin ansah und dessen gefrorene Miene gewahrte. In seinen Z�gen fand er keine Tr�ne, keine Regung, kein noch so kleines Zeichen der Trauer. Nuramon selbst konnte kaum fassen, was Obilee gesagt hatte. Es war zu viel, um es auf einmal zu verkraften.</p><p>Farodin aber sah in Nuramons Z�gen all das, was er im Innersten sp�rte, all die Tr�nen und all die Qual. Ihm schien es so, als w�ren seine Gef�hle vom K�rper getrennt. Er stand da und wusste nicht, wieso er nicht weinen konnte.</p><p>Es dauerte lange, bis Obilee die Fassung wiedergewann. �Verzeiht mir! Ich hatte nicht gedacht, dass es so qualvoll sein w�rde. All die Jahre trug ich diese Worte in mir; Worte, die Noroelle zu einem Kind sprach und die ihr nun von einer Frau vernahmt.� Obilee wandte sich von den beiden ab und trat zum Rand der Terrasse. Dort nahm sie etwas von der Br�stung und kehrte dann zu ihnen zur�ck. �Ich habe ein letztes Geschenk von Noroelle f�r euch.� Sie �ffnete die H�nde und zeigte ihnen einen Almandin und einen Smaragd. �Es sind Steine aus ihrem See. Sie sollen euch an sie erinnern.�</p><p>Farodin nahm den Smaragd und dachte an den See. Noroelle hatte ihm einmal gesagt, die Steine w�rden unter dem Zauber der Quelle wachsen.</p><p>Nuramon tastete nach dem Almandin in Obilees Hand. Er z�gerte und strich mit den Fingerspitzen �ber die glatte Oberfl�che des rotbraunen Steins. Er sp�rte Magie. Es war Noroelles Zauberkraft.</p><p>�Ich sp�re sie auch�, sagte Obilee. �Auch mir hat sie ein solches Geschenk gemacht.� Die Elfe trug einen Diamanten an einer Kette am Hals.</p><p>Nuramon nahm den Almandin in die Hand und f�hlte dessen sanfte Magie. Das war alles, was ihm von Noroelle geblieben war: die W�rme und der Zauberhauch dieses Geschenks.</p><p>Obilee zog sich zur�ck.��Ich muss nun fort�, sagte sie. �Verzeiht mir! Ich muss mit mir allein sein.�</p><p>Farodin und Nuramon blickten ihr nach, als sie die Terrasse verlie�.</p><p>�Drei�ig Jahre hat sie diesen Schmerz in sich getragen�, sagte Nuramon. �Wenn uns diese wenigen Tage wie eine Ewigkeit vorkamen, dann hat sie tausende von Ewigkeiten durchlebt.�</p><p>�Das also ist das Ende�, sprach Farodin. Er konnte es nicht fassen. Alles in seinem Leben war auf Noroelle gerichtet gewesen. Er hatte sich viel vorstellen k�nnen: Dass er sterben w�rde, dass Noroelle Nuramon w�hlte, aber nie und nimmer h�tte er damit gerechnet��</p><p>�Das Ende?� Nuramon schien nicht bereit, es hinzunehmen. Nein, dies war nicht das Ende. Es war der Anfang, der Anfang eines unm�glichen Weges. Auch wenn es hie�, dass man sein Schicksal nicht zu oft herausfordern sollte, w�rde er alles tun, um Noroelle zu finden und zu befreien. �Ich werde mit der K�nigin sprechen.�</p><p>�Sie wird dich nicht anh�ren.�</p><p>�Das werden wir sehen�, erwiderte Nuramon und wollte gehen.</p><p>�Warte!�</p><p>�Warum? Was habe ich noch zu verlieren? Und du solltest dich fragen, wie weit du f�r sie zu gehen bereit bist!� Mit diesen Worten verschwand Nuramon in der Burg.</p><p>�Bis ans Ende aller Welten�, fl�sterte Farodin vor sich hin und dachte an Aileen.</p></section><section><title><p>Drei Gesichter</p></title><p>Das Tor zum Thronsaal stand offen. Nuramon sah am anderen Ende die K�nigin bei ihrer Wasserschale stehen. Er wollte eintreten, doch Meister Alvias stellte sich ihm in den Weg.��Wo willst du hin, Nuramon?�</p><p>�Ich m�chte mit der K�nigin �ber Noroelle sprechen und sie um Milde bitten.�</p><p>�Du solltest diese Halle nicht im Zorn betreten!�</p><p>�F�rchtest du, ich k�nnte meine Hand gegen Emerelle erheben?�</p><p>Meister Alvias sah an ihm herab.��Nein.�</p><p>�Dann gib den Weg frei!�</p><p>Alvias blickte zur K�nigin, die kurz nickte. �Sie wird dich empfangen�, sagte er widerstrebend. �Doch bez�hme deine Gef�hle!� Mit diesen Worten trat er zur Seite.</p><p>W�hrend Nuramon Emerelle entgegeneilte, h�rte er, wie hinter ihm das Tor geschlossen wurde. Die K�nigin trat vor die Stufen zu ihrem Thron. In ihrem Antlitz spiegelten sich Ruhe und G�te. Nie hatte Emerelle f�r ihn so sehr die Mutter aller Albenkinder verk�rpert.</p><p>Nuramon sp�rte, wie sein Zorn verebbte. Die K�nigin stand schweigend da und blickte ihn an wie in jener Nacht, da sie ihn in seinem Zimmer besucht und ihm Mut zugesprochen hatte. Er musste an den Orakelspruch denken, den sie mit ihm geteilt hatte und der ihm so viel bedeutete.</p><p>�Ich wei�, was du denkst, Nuramon. Ich sch�tze an dir, dass du noch nicht gelernt hast, deine Gef�hle zu verbergen.�</p><p>�Und ich habe bislang deinen Sinn f�r Gerechtigkeit gesch�tzt. Du wei�t, dass Noroelle niemals etwas Abscheuliches tun k�nnte.�</p><p>�Hat Obilee dir gesagt, was geschehen ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Vergiss, dass Noroelle deine Geliebte war, und sage mir, dass sie keine Schuld auf sich geladen hat!�</p><p>�Sie ist mir das Liebste. Wie sollte ich das vergessen k�nnen?�</p><p>�Dann kannst du auch nicht verstehen, wieso ich es tun musste.�</p><p>�Ich bin nicht gekommen, um zu verstehen. Ich bin gekommen, um deine Gnade zu erflehen.�</p><p>�Noch nie hat die K�nigin ein Urteil zur�ckgenommen.�</p><p>�Dann verbanne auch mich an jenen Ort, an dem sich Noroelle befindet. Gew�hre _mir_ zumindest diese Gnade.�</p><p>�Nein, Nuramon. Das werde ich nicht tun. Ich kann kein unschuldiges Albenkind verbannen.�</p><p>Und was war Noroelle? War sie nicht eher ein Opfer als eine Schuldige? Sie war get�uscht worden, und daf�r musste sie b��en. Sollte Emerelle nicht all ihre Kraft daransetzen, den wahren �belt�ter zu bestrafen?��Wo ist der Devanthar?�</p><p>�Er ist in die Menschenwelt geflohen. Niemand kann sagen, in welche Gestalt er sich gekleidet hat. Nur eines ist gewiss: Er ist der Letzte seiner Art. Und er sinnt auf unseren Untergang. Denn sein Wesen ist die Rache.�</p><p>�W�rde Noroelles Schuld gemildert, wenn wir den D�mon zur Strecke br�chten?�</p><p>�Er hat sein Spiel gespielt. Nun wartet er ab, was daraus erw�chst.�</p><p>Nuramon war verzweifelt.��Aber was k�nnen wir tun? Irgendetwas m�ssen wir doch tun k�nnen!�</p><p>�Es gibt etwas�� Aber die Frage ist, ob du bereit dazu bist.�</p><p>�Was immer du auch verlangst, ich verspreche dir, alles zu tun, um Noroelle zu befreien.�</p><p>�Ein k�hnes Versprechen, Nuramon.� Die K�nigin z�gerte. �Ich nehme dich beim Wort. Suche dir Gef�hrten, und finde Noroelles Kind. Denk daran, es ist jetzt ein Mann. Viele haben vergeblich nach ihm gesucht. Du bist also nicht der Erste, der auszieht. Aber vielleicht ist dir mehr Gl�ck beschieden, denn du hast den n�tigen Ansporn, das D�monenkind zu finden.�</p><p>�Noroelle f�rchtete um das Leben ihres Sohnes. M�ssen wir das auch?�</p><p>Emerelle schwieg lange und musterte Nuramon. �Noroelle hatte die Wahl. Sie w�hlte die Verdammnis, weil sie das Kind eines Devanthars sch�tzte.�</p><p>�Wie soll ich �bers Herz bringen, was sie nicht vermochte?�</p><p>�W�hren deine Versprechen so kurz?�, hielt Emerelle dagegen. �Wenn ich Noroelle freigeben soll, dann m�ssen du und deine Gef�hrten das Kind t�ten.�</p><p>�Wie kannst du mir eine solche Qual auferlegen?�, entgegnete Nuramon leise.</p><p>�Bedenke deine Schuld und die deiner Gef�hrten. Weil ihr gescheitert seid, konnte der Devanthar zu Noroelle gelangen. Er hat deine Gestalt angenommen, hat Noroelle benutzt und dieses Kind gezeugt. Und Noroelle konnte es deswegen nicht aufgeben, weil sie die ganze Zeit �ber dachte, du w�rest der Vater und das Kind tr�ge deine Seele. Sie hat ihm sogar deinen Namen gegeben. Du tust es nicht allein f�r Noroelle, sondern auch f�r dich und deine Gef�hrten.�</p><p>Nuramon z�gerte. Der Wahrheit ihrer Worte konnte er sich nicht verschlie�en. Er war sich sicher, dass er niemals ein Kind ermorden k�nnte. Doch Noroelles Sohn war l�ngst ein Mann. Gewiss hatte sich sein wahres Wesen bereits offenbart. �Ich werde Noroelles Sohn finden und ihn t�ten.�</p><p>�Und ich werde dir unter den besten Kriegern Gef�hrten erw�hlen. Was ist mit Farodin? Er wird dich doch gewiss begleiten.�</p><p>�Nein. Die Hilfe deiner Krieger werde ich annehmen, aber ich werde Farodin nicht bitten, mich zu begleiten. Wenn Noroelle zur�ckkehrt, dann darf sie mich hassen, weil ich ihr Kind get�tet habe. An Farodins H�nden aber wird kein Blut kleben. In seinen Armen wird sie die Liebe finden, die sie verdient.�</p><p>�Nun gut, es ist deine Entscheidung. Doch gewiss wirst du zumindest den Pferden aus meinem Stall nicht abgeneigt sein. W�hle dir jene, die zu dir und deinen Gef�hrten passen.�</p><p>�Das werde ich, K�nigin.�</p><p>Emerelle trat an ihn heran. Sie betrachtete ihn jetzt voller Mitgef�hl. Ein bes�nftigender Duft umwehte sie. �Wir alle m�ssen unserem Schicksal folgen, wohin es uns auch f�hrt. Doch wir bestimmen, wie wir diesen Pfad gehen. Glaube an die Worte, die ich dir in jener Nacht riet. Sie gelten noch immer. Was immer man auch einst �ber dich sagen mag, niemand kann sagen, du h�ttest deine Liebe verraten. Nun geh und ruhe dich in deiner Kammer aus. Die Elfenjagd ist zur�ckgekehrt, ihr sollt euch in den Gem�chern erholen. Entscheide selbst, wann du aufbrechen magst. Diesmal werdet ihr nicht als Elfenjagd reiten, sondern allein im Auftrag der K�nigin.�</p><p>Nuramon dachte an die Ausr�stung, die Emerelle ihm gew�hrt hatte.��Ich m�chte dir die R�stung, den Mantel und das Schwert zur�ckgeben.�</p><p>�Ich sehe, die Drachenr�stung und der Mantel haben dir gute Dienste geleistet. Lass sie in deiner Kammer zur�ck, wie es Brauch ist. Das Schwert aber soll deines sein. Es ist ein Geschenk.� Emerelle stellte sich auf ihre Zehenspitzen und k�sste ihn auf die Stirn.��Nun geh und vertraue deiner K�nigin.�</p><p>Nuramon befolgte ihre Worte. Er blickte noch einmal zu ihr zur�ck, bevor er den Saal verlie�. Sie l�chelte freundschaftlich. Als er drau�en vor den anderen stand, konnte er nicht fassen, welche Wendung das Gespr�ch genommen hatte. Emerelle hatte ihn wie eine wohlwollende Mutter empfangen, wie eine kaltherzige K�nigin �ber ihn gerichtet und ihn wie eine gute Freundin entlassen.</p></section><section><title><p>Drei Sandk�rner</p></title><p>Farodin lehnte den Kopf an die Wand. Ein schmaler Lichtstreif fiel durch das geheime Schlupfloch, das hinaus auf den Balkon vor dem Gemach der K�nigin f�hrte. Er d�rfte nicht hier sein��</p><p>Er trug ein unscheinbares graues Wams, eng anliegende graue Hosen und einen weiten grauen Kapuzenumhang, dazu d�nne Lederhandschuhe sowie einen breiten G�rtel und Armschienen, in denen Dolche steckten. Er hoffte, dass er von den Waffen keinen Gebrauch machen musste. Tief unter sich h�rte Farodin im Labyrinth der verborgenen Stiegen und G�nge das Gel�chter der Kobolde. Eine ganze Generation von ihnen war herangewachsen seit dem Tag, an dem Noroelle verurteilt worden war.</p><p>In hilfloser Wut ballte Farodin die F�uste. Zu frisch war der Schmerz. So oft hatte er der K�nigin als geheimer Henker gedient, und nie hatte er dabei an ihrem h�heren Verst�ndnis der Gerechtigkeit gezweifelt. Nicht einen Gedanken hatte er daran verschwendet, dass ihre geheimen Todesurteile wom�glich nichts anderes als Willk�r waren. Nun hatte ihr Urteil sein Leben vernichtet, auch wenn er noch stand und atmete.</p><p>Niemand kannte Noroelle so, wie er sie kannte. Niemand wusste, dass sie einst Aileen gewesen war, die an seiner Seite im Kampf gegen die Trolle ihr Leben gelassen hatte. Jahrhunderte hatte er nach ihr gesucht, und nun, da er sie gefunden hatte, war sie ihm erneut entrissen worden. Dieses Mal konnte er nicht auf Aileens Wiedergeburt hoffen. St�rbe sie an ihrem Verbannungsort, dann g�be es keinen Weg zur�ck. Ihre Seele w�re f�r immer an jenem Ort gefangen.</p><p>Tr�nen der Wut rannen Farodin �ber die Wangen. Noroelle war get�uscht worden durch einen Devanthar, eine Kreatur, die doch als Meister der T�uschung galt! Und der D�mon hatte sich ihrer Liebe bedient��</p><p>Warum hatte er Nuramons Gestalt angenommen? Farodin bem�hte sich, die aufkeimenden Zweifel zu unterdr�cken. Vergebens. Hatte der Devanthar vielleicht etwas gewusst? H�tte Noroelle bei der R�ckkehr der Elfenjagd Nuramon erw�hlt? Waren ihre Worte an Obilee nur ein Trost f�r ihn gewesen, leicht dahingesprochen in der Gewissheit, dass sie beide sich nie wiedersehen w�rden?</p><p>Immerhin musste sie sich dem falschen Nuramon sehr schnell hingegeben haben. So viele Jahre hatten sie beide um sie gefreit, und sie hatte keine Entscheidung treffen k�nnen � Und dann konnte sie es in einer Nacht. Es musste der Zauber des Devanthars gewesen sein, versuchte Farodin sich einzureden.</p><p>Noroelle war unschuldig! Sie war reinen Herzens � Sie ist reinen Herzens! Sie lebt! Und deshalb w�rde er sie finden, schwor sich Farodin. Ganz gleich, wie lange seine Suche auch dauern mochte! Die K�nigin hatte kein Recht dazu gehabt, die schwerste aller Strafen �ber Noroelle zu verh�ngen. Er w�rde das Urteil nicht akzeptieren. Farodin blickte zu dem schmalen Lichtstreif am Ende der Treppe. Er sollte wirklich nicht hier sein�� Doch was galt das jetzt noch? Emerelle hatte ihn dazu benutzt, ihre Gerechtigkeit zu �ben, wo gesprochenes Recht nicht mehr weiterhalf. Nun w�rde er seine Gerechtigkeit �ben!</p><p>Entschlossen zw�ngte sich Farodin durch den schmalen Spalt. Er schlich zum Gel�nder des Balkons und sp�hte in die Tiefe. Eine Kuppel von Eis verbarg den Thronsaal vor seinen Blicken, aber er wusste, dass Emerelle dort unten Hof hielt.</p><p>Er trat an die breite Fl�gelt�r zum Gemach der K�nigin und fand sie unverschlossen. Lag es an ihrer �berheblichkeit? Verlie� sie sich darauf, dass ein Tabu sicherer war als jedes Schloss?</p><p>Farodin verwischte die flachen Fu�abdr�cke, die er im frischen Schnee hinterlassen hatte, und dr�ckte dann vorsichtig die T�r auf. In all den Jahrhunderten, die er Emerelle nun schon als ihr geheimer Henker diente, hatte er niemals ihre Gem�cher betreten. Er war �berrascht, wie bescheiden sie ausgestattet waren. Die wenigen M�bel waren von schlichter Eleganz. Die Glut des niedergebrannten Feuers im Kamin tauchte das Schlafgemach in rotes Zwielicht. Es war angenehm warm.</p><p>Farodin sah sich verwirrt um. Er wusste, dass es eine Gewandkammer geben musste, einen Raum, in dem die K�nigin ihre pr�chtigen Kleider verwahrte; Noroelle hatte einmal davon gesprochen. Hier sollte seine Suche beginnen! Er musste das Kleid finden, das Emerelle getragen hatte, als sie Noroelle in die Verbannung gef�hrt hatte. Aber wo mochte sich der Zugang zur Gewandkammer verbergen? Au�er der Fl�gelt�r zum Balkon und einer T�r, die hinaus zum Treppenhaus f�hren musste, sah er keine weitere. Er tastete die W�nde ab, blickte hinter Gobelins und blieb schlie�lich vor einem gro�en Spiegel stehen. Er war in einen Rahmen aus Ebenholz mit Perlmuttintarsien gefasst. Farodins Finger glitten �ber die stilisierten Bl�ten und Bl�tter. Eine Rose war von einer deutlich sichtbaren Fuge umgeben. Vorsichtig dr�ckte der Elf auf das Perlmuttst�ck. Ein leises Klicken erklang, dann glitt der Spiegel zur Seite. �berrascht trat Farodin einen Schritt zur�ck. Hinter dem Spiegel lag ein Raum voller leuchtender Gestalten. Kopfloser Gestalten�� Der Elf atmete aus und lachte leise. Es waren nur Kleider. Man hatte sie auf Puppen aus Weidengeflecht gespannt, damit sie ihre Form behielten. Unter den Kleiderpuppen standen Duftkerzen, welche sie wie gro�e Lampions leuchten lie�en.</p><p>So schlicht das Schlafgemach der K�nigin war, so wunderbar war diese Kammer. Farodin war ganz benommen von der Vielzahl der Ger�che. Pfirsich, Moschus und Minze waren die vorherrschenden Duftnoten. Emerelle kleidete sich nicht nur in Gew�nder, sie kleidete sich auch in D�fte.</p><p>Die Kammer kr�mmte sich entlang der Au�enwand des Turms, sodass man von der T�r aus nicht den ganzen Raum �berblicken konnte. Farodin trat �ber die Schwelle; mit leisem Schaben schloss sich die Spiegelt�r hinter ihm. Noch immer war der Elf ganz gefangen von der Vielzahl der Eindr�cke. An den W�nden waren Samtkissen auf kleine Simse gebettet und prunkten mit dem Schmuck der K�nigin. Perlen und Edelsteine in allen Regenbogenfarben funkelten im warmen Licht. Es musste eine Lust sein, zwischen all den Kleidern und dem Schmuck zu tr�umen.</p><p>Fenster gab es hier seltsamerweise keine.</p><p>�Noroelle�, fl�sterte der Elf. Sie h�tte die Gewandkammer der K�nigin geliebt. Die Vielzahl der Kleider. Jagdkost�me in Samt und Wildleder, Abendkleider aus erlesener Spitze, hauchzarte, durchscheinende Seidengew�nder, die Emerelle gewiss niemals in Gegenwart des Hofstaats tragen w�rde. Pr�chtiger Brokat, in Form gehalten von Walbarten und Draht; Korsagen steifer Feierlichkeiten und eines Hofzeremoniells, das sich in Jahrhunderten nicht ge�ndert hatte.</p><p>Ellenlange Regale waren gef�llt mit Schuhen, die auf Spannern aufgezogen waren. Schmale Tanzschuhe, Schuhe aus Stoff und Stiefel mit schweren Lederstulpen. Ein breites Sims lag voller Handschuhe.</p><p>Farodin kniete nieder und holte aus seinem Lederbeutel einen Ring hervor; drei kleine, dunkelrote Granate waren darin eingelassen. Es war Aileens Ring. Auf der Suche nach ihr war er ihm eine gro�e Hilfe gewesen. Er war ein Anker, fest in den Abgr�nden der Vergangenheit verkeilt, und er half Farodin, sich auf seine Geliebte zu konzentrieren. Der Smaragd, das Abschiedsgeschenk Noroelles, w�rde ein zweiter Anker sein. Leise fl�sterte er die vertrauten Worte der Macht und wob den Zauber des Suchens. Es war der einzige Zauber, den er gemeistert hatte, und er war erprobt in den Jahrhunderten der Suche nach Aileen.</p><p>Unter all den Kleidern dieser Kammer musste auch jenes Gewand sein, das Emerelle getragen hatte, als sie Noroelle in die Verbannung versto�en hatte. Wenn er es fand, mochte dies der erste Schritt zu Noroelle sein. Farodin hatte einen Plan, der so verzweifelt war, dass er zu niemandem dar�ber sprechen w�rde.</p><p>Die Macht des Zaubers durchdrang den Elfen. Er griff nach dem Edelstein. Dann richtete er sich langsam auf. Mit geschlossenen Augen tastete sich Farodin durch die Gewandkammer, gef�hrt allein von einem vagen Gef�hl. Sehnsucht und Erinnerung verdichteten sich. Einen Herzschlag lang war ihm, als w�rde er durch Noroelles Augen sehen. Er blickte ins Antlitz der K�nigin; in ihren Z�gen spiegelten sich Entschlossenheit und beherrschte Trauer. Das Bild verschwamm. Farodin schlug die Augen auf. Er stand vor einer Kleiderpuppe, �ber die ein Gewand aus blauer Seide gespannt war. Es war durchwirkt von Silber- und Goldf�den, die verschlungene Runenmuster formten. Wie Knochen zeichneten sich die Weidenruten durch das Licht der Kerze unter dem Kleid ab.</p><p>Farodin lief ein Schauer �ber den R�cken. Dies also hatte Emerelle getragen, als sie seine Liebste verbannt hatte. Seine Finger glitten �ber den zarten Stoff. Tr�nen traten ihm in die Augen. Lange stand er einfach nur da und rang um seine Beherrschung.</p><p>Die Runen auf dem Gewand waren durchdrungen von magischer Macht. Wenn seine Finger sie streiften, dann sp�rte er ein Prickeln auf der Haut und mehr � Er durchlebte Noroelles Gef�hle im Augenblick des Abschieds. Etwas von ihnen war in den Runen gefangen. Und da war keine Angst. Sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben und war im Frieden mit sich und der K�nigin gegangen.</p><p>Farodin schloss die Augen. Er zitterte jetzt am ganzen Leib. Die Macht der Runen hatte auch ihn durchdrungen. Er sah ein Stundenglas auf einem Stein zerbrechen und sp�rte, wie das magische Gleichgewicht ersch�ttert wurde. Der Weg zu Noroelle war verschlossen. Sie war entr�ckt. Unauffindbar��</p><p>Der Elf brach in die Knie. In verzweifeltem Trotz wob er noch einmal den Zauber des Suchens. Er hatte gewusst, was geschehen war. Doch es nur zu wissen oder es durch die Macht der Runen mitzuerleben waren zwei verschiedene Dinge��</p><p>�Kommt�, fl�sterte er. �Kommt zu mir!� Er hielt die Hand ausgestreckt und dachte an das Stundenglas. Wind zerrte an ihm und wollte ihn fortrei�en. Er war inmitten wirbelnden Sandes, schien im Strudel des Stundenglases gefangen.</p><p>Erschrocken schlug Farodin die Augen auf. Es war nur eine Vision, ein Trugbild, geboren aus seiner Sehnsucht, und doch � In der Gewandkammer schien es dunkler geworden zu sein, so als w�re dort etwas Fremdes. Etwas, das das Licht der Kerzen langsam erstickte.</p><p>Drei winzige, gl�hende P�nktchen erhoben sich von der kalten, blauen Seide und schwebten in Farodins Hand. Drei Sandk�rner aus dem Stundenglas, das Emerelle zerschlagen hatte. Sie mussten sich in den Falten des Gewandes verfangen haben.</p><p>Der Zauber und der Sturm seiner Gef�hle hatten Farodin entkr�ftet. Und doch pflanzten die drei langsam verblassenden Lichtpunkte den Keim neuer Hoffnung in sein Herz. Er w�rde Noroelle wiederfinden, und wenn er noch einmal siebenhundert Jahre nach ihr suchen musste. Er schob den Smaragd tief in die Hosentasche. Die Sandk�rner aber wollte er fest in der Hand behalten. Sie waren der Schl�ssel. Wenn er alle Sandk�rner aus dem zerschlagenen Stundenglas wiederfand, dann konnte er den Zauber der K�nigin brechen. Dies war der einzige Weg, der zu seiner Liebsten f�hrte!</p></section><section><title><p>Aufbruch bei Nacht</p></title><p>Es war tief in der Nacht, und in der Burg war es still geworden. Von drau�en drang das leise Rauschen des Windes herein. Nuramon blickte durch das offene Fenster in die helle Nacht hinaus. Es hatte aufgeh�rt zu schneien. Das Licht des Mondes wurde vom Schnee reflektiert und verlieh allem einen silbernen Schein. Bald w�rde der Morgen kommen, und aus Silber w�rde Gold werden. Einen geeigneteren Zeitpunkt konnte sich Nuramon f�r seine Abreise nicht vorstellen.</p><p>Seine Sachen waren gepackt, alles war bereit. Noch in dieser Nacht wollte er aufbrechen. Sein Blick fiel auf die R�stung und den Mantel, die wieder auf dem St�nder hingen. Sie hatten ihm in der Menschenwelt gute Dienste geleistet. Nun aber war Nuramon in jene Kleider geh�llt, in denen Noroelle ihn zuletzt gesehen hatte. Es war schlichte Kleidung aus weichem Leder. Sie bot ihm zwar kaum einen Schutz im Kampf, aber er bezweifelte, dass er dessen bedurfte. Schlie�lich ging es nicht darum, einer Bestie gegen�berzutreten, sondern darum, einen Mann zu t�ten, der wahrscheinlich wehrlos war. Es lag nichts Glanzvolles in dieser Aufgabe. Er w�rde sich auf immer daf�r sch�men.</p><p>Er betrachtete sein Schwert. Die K�nigin hatte ihm tats�chlich das Schwert der Gaomee geschenkt. Sie wollte offenbar, dass er seinen Auftrag mit dieser Klinge ausf�hrte. Seit er die Waffe zur Hand genommen hatte, schien ein Fluch an ihr zu haften. Aber er w�rde sie deswegen nicht fortgeben. Wer w�rde diese Waffe noch tragen wollen, nachdem seine gl�cklosen Finger sie ber�hrt hatten?</p><p>Es klopfte an der T�r.</p><p>�Komm herein�, sagte Nuramon und hoffte, dass es jemand im Auftrag der K�nigin war, vielleicht ein Gef�hrte, den sie ihm zugewiesen hatte und den er zum Stillschweigen verpflichten konnte. Aber seine Hoffnung sollte sich nicht erf�llen.</p><p>Mandred und Farodin traten ein. Sie machten bedr�ckte Gesichter. �Gut, dass du noch wach bist�, sagte Farodin. Er wirkte aufgew�hlt.</p><p>Nuramon versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Vor seinen beiden Kameraden galt es den sch�ndlichen Auftrag, den er angenommen hatte, um jeden Preis zu verbergen. �Ich kann nicht schlafen.� Das entsprach sogar der Wahrheit. Er hatte in dieser Nacht kein Auge zugetan.</p><p>Farodin deutete auf den Menschensohn.��Mandred hat mir gesagt, dass du allein mit der K�nigin gesprochen hast. Sie hat dich also empfangen.�</p><p>�Das hat sie.�</p><p>�Ich habe ebenfalls versucht, von ihr geh�rt zu werden, aber seitdem du bei ihr warst, l�sst sie niemanden mehr vor. Merkw�rdige Ger�chte machen die Runde.�</p><p>�Welche Ger�chte?�, fragte Nuramon, bem�ht, seine Aufregung zu verbergen.</p><p>�Manche sagen, die K�nigin h�tte dich bes�nftigt und du h�ttest ihren Urteilsspruch akzeptiert. Andere behaupten, du h�ttest von ihr die Erlaubnis erhalten, nach Noroelle zu suchen.�</p><p>�Emerelle hat mir diese Erlaubnis nicht erteilt. Aber ihren Urteilsspruch habe ich angenommen.�</p><p>Argwohn legte sich auf Farodins Gesicht. �Das h�tte ich nicht von dir erwartet.�</p><p>Endlich zeigte Farodin eine Gef�hlsregung! Es mochte das Beste sein, seinen Hass auf sich zu ziehen. Dann konnte Farodin am Ende mit reinem Gewissen Noroelle gegen�bertreten.</p><p>Mandred machte ein misstrauisches Gesicht. Der Menschensohn schien zu merken, dass Farodin Nuramons Worte falsch verstanden hatte.</p><p>�Wie kannst du so an Noroelle zweifeln?�, fuhr Farodin entt�uscht fort.��Hast du sie je geliebt?�</p><p>Auch wenn die Worte seines Gef�hrten ungerechtfertigt waren, sie schmerzten doch. �Ich liebe sie mehr denn je. Und deshalb tut es so weh zu wissen, dass wir nichts mehr tun k�nnen. Wir k�nnen die K�nigin nicht dazu zwingen, Noroelle freizugeben.� Es fiel Nuramon schwer, die Wahrheit zur�ckzuhalten.</p><p>Nun schien auch Farodins Misstrauen geweckt. Sein Gef�hrte sah ihn an, als k�nne er in sein Innerstes blicken.</p><p>�Der Junge schwindelt�, stellte Mandred trocken fest.</p><p>�Und er ist ein schlechter Schwindler�, setzte Farodin nach.</p><p>Mandred blickte zu den Taschen, die auf der Steinbank lagen. �Ich habe fast den Verdacht, er will ohne uns ausziehen, um seine Liebste zu finden.�</p><p>�Was hat die K�nigin gesagt?�, dr�ngte Farodin. �Hast du um deine Verbannung gebeten? Darfst du dahin gehen, wo Noroelle ist?�</p><p>Nuramon setzte sich neben seine Taschen auf die Bank. �Nein. Ich habe alles versucht. Aber die K�nigin wollte sich auf nichts einlassen. Sie wollte mich nicht dorthin verbannen. Selbst wenn wir den Devanthar endg�ltig zur Strecke br�chten, w�rde das nichts �ndern.�</p><p>�Du willst demnach allein ausziehen, um Noroelle zu suchen.�</p><p>Lange starrte Nuramon Farodin an. Es war ihm nicht m�glich, seinen Plan vor ihm zu verheimlichen. �Ich w�nschte, es w�re so einfach. Ich w�nschte, ich k�nnte meine Sachen nehmen, aufbrechen und nach irgendeinem Weg suchen, Noroelle zu helfen.� Er hielt inne. �Wenn ich dich bitte, mich einfach ziehen zu lassen und keine Fragen zu stellen, w�rdest du es tun?�</p><p>�Ich habe noch eine Schuld zu begleichen. Du hast mich vom Tod zur�ckgeholt � Aber ich sch�tze, das Schicksal hat uns aneinander gebunden. Und bedenke, Noroelle hat ihre Wahl noch nicht getroffen. Deshalb ist es unsere Bestimmung, sie gemeinsam zu suchen.�</p><p>�Vor wenigen Stunden h�tte ich es sein k�nnen, der das gesagt h�tte.� Das Gespr�ch mit Emerelle hatte alles ver�ndert.</p><p>�Was hat die K�nigin dir gesagt?�, fragte Farodin erneut. �Ganz gleich, worauf du dich eingelassen hast, ich werde dich daf�r nicht verachten. Doch nun rede!�</p><p>�Nun gut�, sagte Nuramon und stand auf.��Sie sagte, es g�be eine M�glichkeit, Noroelle zu retten. Und ich versprach ihr, alles zu tun, was sie verlangt.�</p><p>�Das war ein Fehler.� Farodin l�chelte mitleidig. �Lernst du es denn nie?�</p><p>�Du kennst mich, Farodin. Und du wei�t, wie leicht es ist, mich zu Unbesonnenheiten zu verleiten. Emerelle wusste es auch.�</p><p>Mandred mischte sich wieder ein.��Und was verlangt sie von dir?� Nuramon wich dem Blick des Menschensohns aus. Er hatte von ihnen allen den h�chsten Preis gezahlt.</p><p>�Was will sie nun von dir?�, dr�ngte Farodin.</p><p>Nuramon z�gerte zu antworten, denn sobald sein Gef�hrte die Wahrheit kannte, w�rde es auch in seinem Leben kein Gl�ck mehr geben.</p><p>�Sag es, Nuramon!�</p><p>�Bist du dir sicher, dass du es h�ren willst, Farodin? Manchmal ist es besser, die Wahrheit nicht zu kennen. Wenn ich rede, wird f�r dich nichts mehr sein wie zuvor. Wenn ich schweige, k�nntest du gl�cklich werden�� Ich bitte dich! Lass mich aufbrechen, ohne weiter in mich zu dringen und ohne mir zu folgen! Bitte!�</p><p>�Nein, Nuramon. Was immer es f�r eine Last ist, wir m�ssen sie gemeinsam tragen.�</p><p>Nuramon seufzte. �Du hast es so gewollt.� Tausend Gedanken gingen ihm durch den Sinn. Fehlte ihm die Kraft, die Bluttat allein zu begehen? Hatte er sich vielleicht insgeheim doch gew�nscht, die Schuld mit Farodin zu teilen, und gab er deshalb nach? Oder war es anma�end, allein entscheiden zu wollen? War es Farodins Recht zu erfahren, was die K�nigin verlangte? �Ich werde ausziehen, Noroelles Sohn zu suchen und ihn zu t�ten�, sagte Nuramon leise.</p><p>Farodin und Mandred starrten ihn an, als warteten sie immer noch auf seine Worte.</p><p>�Lasst mich allein gehen! H�rst du, Farodin! Warte hier, bis Noroelle zur�ckkehrt.� Er wusste, was nun geschehen w�rde. Es gab kein Zur�ck mehr.</p><p>Wie bet�ubt sch�ttelte Farodin den Kopf. �Nein, das kann ich nicht tun. Du erwartest von mir, dass ich hier sitze und auf Noroelle warte? Was soll ich ihr sagen, wenn sie zur�ckkehrt? Dass ich dich habe ziehen lassen in dem Wissen, du w�rdest ihren Sohn t�ten? Nun, da ich es wei�, habe ich nur zwei M�glichkeiten: Entweder ich halte dich auf, oder ich begleite dich�� Wenn ich dich hindere, ist Noroelle nicht geholfen. Also muss ich dein Schicksal teilen, um sie zu retten.�</p><p>Mandred sch�ttelte fassungslos den Kopf. �O Luth, was f�r ein Netz hast du diesen Elfen gesponnen!�</p><p>�Es sieht so aus, als meinten es deine G�tter nicht gut mit uns�, best�tigte Nuramon. �Aber im Grunde tragen wir die Schuld. Die K�nigin hat mich an unser Versagen in der H�hle erinnert.� Er erz�hlte seinen Gef�hrten, was Emerelle ihm vorgehalten hatte.</p><p>�Soll es etwa unsere Schuld sein, dass wir keine Alben sind?�, emp�rte sich Mandred.</p><p>�Wenn es so ist, dann sind wir mit dieser Schuld geboren. Dann steht unser ganzes Sein unter diesem Makel.� Farodin machte eine lange Pause.��Es scheint, als w�rden nur noch finstere Pfade vor uns liegen. Lass uns ausreiten!�</p><p>Nuramon wandte sich an den Menschensohn.��Unsere Wege trennen sich hier, Mandred. Du hast deinen Sohn gefunden. Nimm dir Zeit f�r ihn und sei ihm wenigstens jetzt der Vater, den das Schicksal ihm gestohlen hat. Du bist nicht wie wir verdammt. Gehe deiner Wege und lass uns unserem d�steren Schicksal folgen.�</p><p>Der Menschensohn machte ein verdrossenes Gesicht. �T�richtes Elfengeschw�tz! Wenn die K�nigin sagt, dass wir den D�mon h�tten besiegen m�ssen, dann habe auch ich versagt. Unsere Wege sind ab jetzt miteinander verbunden.�</p><p>�Aber dein Sohn!�, wandte Farodin ein.</p><p>�Der wird uns begleiten. Ich muss doch sehen, ob er etwas taugt. Nehmt es mir nicht �bel�� aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es gut ist f�r einen Jungen, wenn er an einem Elfenhof aufw�chst. Die D�fte hier verkleben einem ja die Lungen. Und dann die weichen Betten, das feine Essen�� Wahrscheinlich hat er nie gelernt, wie man einen Hirsch ausweidet und dass man das Fleisch ein paar Tage h�ngen l�sst, damit es sch�n m�rbe wird. Also, versucht erst gar nicht, mich davon abzuhalten, ihn mitzunehmen. Ab nun gilt: Wo ihr hingeht, da geht auch Mandred hin!�</p><p>Nuramon tauschte einen Blick mit Farodin. Sie kannten den Dickkopf inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie ihn kaum von seinem Entschluss abbringen konnten. Farodin nickte unmerklich.</p><p>�Mandred Aikhjarto!�, hob Nuramon an.��Du hast die Standhaftigkeit des alten Atta. Wenn es dein Wunsch ist� Uns ist es eine Ehre, dich an unserer Seite zu haben.�</p><p>�Wann brechen wir auf?�, fragte Mandred tatendurstig.</p><p>Bevor Nuramon antworten konnte, sagte Farodin: �Sofort. Noch ehe irgendjemand etwas merkt.�</p><p>Mandred lachte zufrieden.��Dann wollen wir mal! Ich packe meine Sachen.� Mit diesen Worten verlie� er das Zimmer.</p><p>�Der Menschensohn ist so laut, dass wir wohl kaum unbemerkt davonkommen�, sagte Farodin.</p><p>�Wie viele Jahre hat Mandred? Wie lange lebt ein Mensch?�</p><p>�Ich wei� es nicht genau. Vielleicht einhundert Jahre?�</p><p>�Er ist bereit, von seiner knapp bemessenen Lebenszeit zu opfern, um uns zu helfen. Ob er ahnt, wie lange unsere Suche nach dem Kind dauern kann?�</p><p>Farodin zuckte mit den Schultern.��Das kann ich nicht sagen. Aber ich bin mir sicher, dass er es ernst meint. Vergiss nicht die Macht Atta Aikhjartos. Die alte Eiche hat ihn ver�ndert, als sie ihn gerettet hat. Er ist nicht mehr wie andere Menschen.�</p><p>Nuramon nickte.</p><p>�Ob es noch schlimmer kommen kann?�, fragte Farodin unvermittelt.</p><p>�Wenn wir tun, was die K�nigin verlangt, werden wir zwar Noroelle befreien, aber daf�r f�r immer mit ihrer Verachtung leben m�ssen. Was sollte noch schlimmer sein?�</p><p>�Ich werde meine Sachen holen�, war alles, was Farodin darauf sagte. Leise verlie� er die Kammer.</p><p>Nuramon trat ans Fenster und blickte zum Mond hinauf. Noroelles Verachtung, dachte er traurig. Es mochte noch schlimmer kommen. Es mochte sein, dass sie daran verzweifelte, dass ihre Liebsten ihren Sohn get�tet hatten. Das Schicksal, oder Luth, wie Mandred es nannte, hatte sie auf einen schmerzvollen Pfad gef�hrt. Irgendwann musste das Gl�ck doch emporsteigen.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis Farodin zur�ckkehrte. Schweigend warteten sie auf den Menschensohn. Da erklangen auf dem Flur Stimmen.</p><p>�� das ist Blutrache�, sprach Mandred.</p><p>�Rache �ndert auch nichts mehr. Meine Mutter ist tot. Und was hat Noroelles Sohn damit zu tun?�</p><p>�Er ist auch der Sohn des Devanthars. Die Blutschuld seines Vaters hat sich auf ihn �bertragen.�</p><p>�Das ist doch alles Unsinn!�, entgegnete Alfadas.</p><p>�Das also haben dich die Elfen gelehrt! In meiner Welt folgt ein Sohn dem Wort seines Vaters! Und genau das wirst du jetzt auch tun!�</p><p>�Sonst geschieht was?�</p><p>Nuramon und Farodin sahen einander an. Pl�tzlich war es totenstill vor der T�r. �Was tun die?�, fragte Nuramon leise.</p><p>Farodin zuckte mit den Schultern.</p><p>Die T�r flog auf. Mandred hatte einen hochroten Kopf. �Ich habe meinen Sohn mitgebracht. Es ist ihm eine Ehre, uns zu begleiten.�</p><p>Farodin und Nuramon griffen nach ihren B�ndeln. �Lasst uns gehen!�, sagte Nuramon.</p><p>Alfadas wartete vor der T�r. Er wich Nuramons Blick aus, gerade so als sch�mte er sich f�r seinen Vater.</p><p>Leise machten sie sich auf den Weg hinab zu den St�llen.</p><p>Dort brannte trotz der sp�ten Stunde noch Licht. Ein bocksbeiniger Stallknecht �ffnete ihnen das Tor, als h�tte er auf sie gewartet. Und er war nicht allein. Vier Elfen in langen grauen Umh�ngen standen bei den Pferden. Sie waren ger�stet, als wollten sie in den Krieg ziehen. Sie alle trugen feingliedrige Kettenhemden und waren gut bewaffnet. Ihr Anf�hrer wandte sich mit einem schmalen L�cheln um und sah zu Mandred.</p><p>�Ollowain!�, st�hnte der Menschensohn.</p><p>�Willkommen, Mandred!�, entgegnete der Krieger und wandte sich dann an Nuramon.��Wie ich sehe, hast du dir Waffengef�hrten gesucht. Das wird unsere Kampfkraft st�rken.�</p><p>Alfadas war �berrascht.��Meister!�</p><p>Mandred zog eine Miene, als h�tte er einen Huftritt ins Gem�cht bekommen. Nuramon wusste, was Mandred von Ollowain hielt. Dass ausgerechnet dieser Elfenkrieger seinen Sohn unterwiesen hatte, war ein �bler Streich des Schicksals.</p><p>Er trat vor. �Hat die K�nigin euch ausgew�hlt?�, fragte er Ollowain.</p><p>�Ja. Sie sagte, wir sollten uns hier bereithalten. Sie wusste, du w�rdest keine Zeit verlieren.�</p><p>�Sagte sie auch, worin der Auftrag besteht?�</p><p>Ollowains L�cheln schwand. �Ja. Wir sollen das D�monenkind t�ten. Ich kann nicht nachf�hlen, was in euch vorgeht, aber ich kann mir denken, wie bitter euch dieser Weg sein muss. Noroelle war immer gut zu mir. Sehen wir in dem Kind nicht ihren Sohn, sondern den des Devanthars! Nur so werden wir unseren Auftrag meistern.�</p><p>�Wir werden es versuchen�, sagte Farodin.</p><p>Ollowain stellte ihnen seine Begleiter vor. �Dies ist meine Schildwache, die besten Krieger der Shalyn Falah. Yilvina ist ein wahrer Wirbelwind im Kampf mit zwei Kurzschwertern.� Er deutete auf die zierliche Elfe zu seiner Linken. Sie hatte kurzes, blondes Haar und erwiderte Nuramons Blick mit einem verschmitzten L�cheln.</p><p>Als N�chstes stellte Ollowain Nomja vor, eine hoch gewachsene Kriegerin. Sie musste sehr jung sein, ihre feinen Gesichtsz�ge wirkten fast noch kindlich. Sie st�tzte sich auf ihren Bogen wie ein erfahrener K�mpe, doch wirkte diese Geste einstudiert.</p><p>�Und dies ist Gelvuun.� Der Krieger hatte ein Langschwert �ber den R�cken geschnallt, dessen Griff unter dem Umhang hervorragte. Ausdruckslos erwiderte er Nuramons Blick. Den Elfen wunderte das nicht, er hatte schon von Gelvuun geh�rt. Der Krieger galt als m�rrischer Raufbold. Manche sagten, es g�be Trolle, die umg�nglicher seien. Aber niemand spottete in seiner Anwesenheit.</p><p>Ollowain trat zu seinem Pferd und griff nach einer langstieligen Axt, die vom Sattelbaum hing. In flie�ender Bewegung drehte er sich um und warf sie Mandred zu.</p><p>Nuramons Herzschlag setzte aus, dann sah er erleichtert, dass Mandred die Axt im Flug fing. Der Menschensohn strich fast z�rtlich �ber das Doppelblatt der Waffe und bewunderte die verschlungenen Elfenknoten, die es schm�ckten. �Sch�ne Arbeit.� Mandred wandte sich zu seinem Sohn. �So sieht die Waffe eines Mannes aus.� Er wollte sie Ollowain zur�ckgeben, doch dieser sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Ein Geschenk, Mandred. In der Welt der Menschen sollte man stets auf �rger gefasst sein. Ich bin gespannt zu sehen, ob du mit der Axt besser k�mpfst als mit dem Schwert.�</p><p>Mandred lie� die Axt spielerisch durch die Luft wirbeln. �Eine gut ausgewogene Waffe.� Pl�tzlich hielt er inne und legte ein Ohr auf das Axtblatt. �H�rt ihr das?�, fl�sterte er.��Sie ruft nach Blut.�</p><p>Nuramon sp�rte, wie sich ihm der Magen zusammenzog. Hatte Ollowain dem Menschen etwa eine verfluchte Waffe zum Geschenk gemacht? Nuramon kannte manch d�stere Geschichte �ber Schwerter, die jedes Mal, wenn sie gezogen wurden, Blut vergie�en mussten. Es waren Waffen des Zorns, geschmiedet in den schlimmsten Tagen des ersten Trollkriegs.</p><p>Unbehagliches Schweigen hatte sich �ber die Gruppe gesenkt. Au�er Mandred h�rte wohl keiner den Ruf der Axt, aber das mochte nichts hei�en.</p><p>Schlie�lich ging Alfadas zu einer der Boxen weiter hinten im Stall und sattelte sein Pferd. Das brach den Bann des Schweigens.</p><p>Nuramon wandte sich an den Stallknecht. �Hat die K�nigin Pferde f�r uns bereitgestellt?�</p><p>Der Bocksbeinige deutete nach rechts. �Dort stehen sie.� Nuramon glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Das war sein Schimmel!</p><p>�Felbion!�, rief er und trat zu ihm.</p><p>Auch Farodin war �berrascht, seinen Braunen wiederzusehen. Selbst Mandred sagte:��Bei allen G�ttern, das ist ja mein Pferd!�</p><p>Sie f�hrten die Tiere zu Ollowain. �Wie kann das sein?�, fragte Nuramon. �Wir mussten sie in der Anderen Welt zur�cklassen.�</p><p>�Wir haben sie bei dem Steinkreis am Fjord gefunden. Sie warteten dort auf euch�, erkl�rte Ollowain. Er schaute zum Stallburschen. �Ejedin hat sich gut um sie gek�mmert. Das stimmt doch, oder?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete der Faun.��Sogar die K�nigin ist manches Mal gekommen, um nach den Pferden zu sehen.�</p><p>Nuramon empfand diese F�gung als ein gutes Vorzeichen. Selbst Farodins Stimmung schien sich zu heben. Nuramon war aufgefallen, dass Farodin sich gegen�ber Ollowain sehr zur�ckhaltend gab. Es war keine Abneigung wie in Mandreds Fall. Vielleicht vertraute Farodin der K�nigin nicht mehr so wie einst, und da Ollowain ein Diener Emerelles war, mochte er auch ihm misstrauen.</p><p>Der Morgen nahte auf silbernen Schwingen, als die Gemeinschaft ihre Pferde auf den Hof hinausf�hrte. In der Burg war es noch immer still. Niemand au�er den Torwachen w�rde sie ausreiten sehen. Gr��er k�nnte der Unterschied zu ihrer letzten Abreise nicht sein. Damals waren sie im Tageslicht wie Helden aufgebrochen, nun aber schlichen sie sich H�schern gleich davon.</p><subtitle>Die Saga von Alfadas Mandredson</subtitle><p><strong>Die erste Reise</strong></p><cite><p>Noch im selben Winter verlie�en Mandred und Alfadas Seite an Seite das Reich der Albenkinder. Der Vater wollte sich gewiss sein, dass der Sohn seiner Nachfolge w�rdig war. So zogen sie mit den Elfenprinzen Faredred und Nuredred aus und suchten das Abenteuer, wo es sich ihnen bot. Keinem Kampf wichen sie je aus, und wer ihnen in den Weg trat, der bereute es, noch ehe der erste Hieb gef�hrt ward. Alfadas folgte seinem Vater an Orte, die kein Fjordl�nder zuvor gesehen hatte. Doch Torgrids Sohn sorgte sich zu sehr um seinen Spross. Er unterwies ihn im Kampf mit der Axt, lie� es aber nur selten zu, dass Alfadas sein K�nnen erprobte. Und wann immer die Gefahr gro� war, musste der Sohn Mandreds die Pferde oder das Lager bewachen.</p><p>Ein Jahr verging, da sprach Alfadas zu Mandred: �Vater, wie soll ich lernen, so wie du zu sein, wenn du mich vor jeder Gefahr bewahrst? Wenn du immerzu f�rchtest, mir k�nnte etwas geschehen, dann werde ich nie der Jarl von Firnstayn werden.�</p><p>Da erkannte Mandred, dass er sein Fleisch und Blut bislang um jeden Ruhm betrogen hatte. Er fragte die Elfenprinzen um Rat. Die sagten ihm, er solle seinen Sohn vor eine Pr�fung stellen. So schlich sich Mandred des Nachts davon, um einen steilen Berg voller Gefahren zu besteigen. Auf dem Gipfel rammte er seine Axt in den Boden und kehrte ohne sie ins Tal zur�ck.</p><p>Am n�chsten Morgen sprach er zu Alfadas: �Steig hinauf auf diesen Berg und hole das, was ich dort oben versteckt habe.�</p><p>So machte sich Alfadas auf den Weg, den Mandred ihm gewiesen hatte. Kaum war der Sohn gegangen, da geriet Mandred in gro�e Sorge, denn der Aufstieg war voller Gefahren. Alfadas aber m�hte sich den Berg hinauf und fand schlie�lich unterhalb des Gipfels eine H�hle. Da steckte ein Schwert im Eis. Das nahm er und kletterte hinauf zum Gipfel, um die Aussicht zu genie�en. Dort steckte die Axt seines Vaters. Alfadas lie� sie, wo sie war, und kehrte zur�ck ins Tal zu den anderen. Die staunten, als sie die fremde Klinge sahen. Nur Mandred war ver�rgert: �Sohn! Das ist nicht die Waffe, die ich dort oben versteckt habe.�</p><p>Da sprach Alfadas:��Aber Vater, die einzige Waffe, die dort oben versteckt war, war dieses Schwert. Deine Axt ragt offen aus dem Gipfeleis. H�tte ich den Blick eines Adlers, so k�nnte ich sie gewiss von hier aus sehen, so wenig ist sie versteckt. Du nanntest mir das falsche Ziel, doch hast du mir den rechten Weg gewiesen.�</p><p>So musste Mandred den Berg noch einmal besteigen, um seine Axt zu holen. Fluchend kehrte er zur�ck. Als Faredred und Nuredred dem Sohn des Torgrid aber erkl�rten, dass sie in Alfadas� Schwert eine edle Klinge aus Albenmark erkannt h�tten, da verflog Mandreds Zorn, und er wurde stolz auf seinen Sohn. Denn dieses Schwert war eines K�nigs w�rdig. Alfadas aber beschloss, dass eben das Schwert k�nftig seine Waffe sein w�rde, weil Luth es ihm zum Geschenk gemacht hatte. Zu seinem Vater sprach er: �Die Axt ist die Waffe des Vaters, das Schwert die des Sohnes. So werden Vater und Sohn sich nie miteinander messen m�ssen.�</p><p>Sie setzten ihre Reise fort, doch Mandred zweifelte noch immer an seinem Sohn. Bald darauf durchquerten sie ein Gebirge. Es hie�, ein Troll lebe dort in einer H�hle. Des Nachts h�rten sie ein H�mmern und glaubten, der Troll wolle sie erschrecken. Da beschlossen Faredred und Nuredred hinabzusteigen, um das Ungeheuer zu erschlagen, aber Mandred hielt sie zur�ck. Zu seinem Sohn sprach er: �Geh du zum Troll! An deinem Tun werde ich dich messen.�</p><p>Alfadas wagte sich hinab in die H�hle des Trolls. Er fand ihn dort an einem Amboss stehen. Der Troll erblickte ihn und hob seinen Hammer. Da drohte Alfadas ihm mit seinem Schwerte und sprach:��Ein Teil von mir sieht einen Feind und sagt: Streck ihn nieder! Ein anderer sieht den Schmied vor Augen. Entscheide, was du sein willst!�</p><p>Der Troll wollte lieber der Feind sein und griff ihn an. Doch Alfadas wich den schweren Hammerhieben aus und lie� ihn sein Schwert sp�ren. Da gab der Troll auf und sagte: �Mein Name ist Glekrel, und wenn du mein Leben schonst, dann will ich dir ein k�nigliches Geschenk machen.�</p><p>Alfadas traute dem Troll nicht. Als dieser aber eine Elfenr�stung hervorholte und ihm zum Geschenk machte, da legte Alfadas voller Freude seine R�stung ab, um die andere anzulegen. Doch ehe er erneut ger�stet war, griff der Troll ihn an. Da geriet der junge Recke so sehr in Zorn, dass er dem Troll ein Bein abschlug. Die Elfenr�stung nahm er an sich und ging seiner Wege. Noch heute ist diese R�stung im Besitz des K�nigs und erinnert an jene fr�hen Tage. Selbst die Trolle wissen um die Begebenheit, denn Glekrel �berlebte und erz�hlte, was Mandreds Sohn ihm angetan habe.</p><p>Am n�chsten Morgen kehrte Alfadas zu seinen Gef�hrten zur�ck. Und als Mandred seinen Sohn gewahrte, da war er abermals stolz, dessen Vater zu sein. Denn Alfadas sah nun wahrhaftig wie ein K�nig aus.</p><p>Sodann durchstreiften die Gef�hrten die Gefilde im S�den und stie�en auf ein weites Meer und m�chtige K�nigreiche. Sie vollbrachten gro�e Taten, sodass ihr Name dort noch heute in aller Munde ist. Einmal schlugen sie hundert Krieger aus Angnos zur�ck, um ein Dorf zu retten, das sie an das junge Firnstayn erinnerte. Auch befreiten sie die Feste von Rileis von ihren Geistern. In zahlreichen Zweik�mpfen erwies sich Alfadas als ein gewandter Schwertk�mpfer, der neben Faredred und Nuredred bestehen konnte. So waren zwei weitere Jahre vergangen, als Mandred und Alfadas den Elfenprinzen aus Freundschaft in die Stadt Aniscans folgten. Dort wollten die Prinzen nach einem Wechselbalg suchen��</p><text-author>Nach der Erz�hlung des Skalden Ketil,</text-author><text-author>Band 2 der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s. 42</text-author></cite></section><section><title><p>Der Heiler von Aniscans</p></title><p>Drei Jahre waren vergangen, seit sie Albenmark verlassen hatten, und dennoch gab es f�r Nuramon jeden Tag etwas Neues in der Welt der Menschen zu entdecken. Besonders ihre Sprachen hatten es ihm angetan, und er hatte sich viele von ihnen angeeignet. Dabei wunderte er sich, wie schwer es Mandred fiel, diese Sprachen zu erlernen. Alfadas, den Mandred stets Oleif nannte und dem dieser Menschenname fremd war, hatte ebenfalls seine Schwierigkeiten damit. Dass er bei Elfen aufgewachsen war, schien in diesem Fall wenig zu n�tzen. Seltsam waren die Menschen!</p><p>Die Suche nach Noroelles Sohn war bisher ergebnislos gewesen. Sie hatten die weiten W�lder von Drusna durchquert, waren durch das vom Krieg verw�stete K�nigreich Angnos gezogen, hatten Monde lang auf den weit verstreuten Aegilischen Inseln gesucht und waren zuletzt in das K�nigreich Fargon gelangt. Es war ein gr�nes und fruchtbares Land, ein Land, das von den Menschen erobert sein wollte, wie Mandred immer wieder sagte. Viele Fl�chtlinge aus Angnos waren in den letzten Jahren hierher gekommen, und sie hatten ihren Glauben mitgebracht. Einige der wenigen Menschen, die schon seit Generationen hier lebten, begegneten den Fremden mit Neugier, andere aber empfanden sie als Bedrohung.</p><p>Die Gef�hrten hatten viele Spuren verfolgt. Ihre einzige Hoffnung war, dass der Sohn einer Elfe und eines Devanthars magische Kr�fte besa�. Wenn er von dieser Gabe Gebrauch machte, w�rde er auffallen. Man w�rde sich von ihm erz�hlen. Und so gingen sie jeder Geschichte �ber Zauber oder Wunderwerk unter den Menschen nach. Bisher waren sie jedes Mal entt�uscht worden.</p><p>W�hrend die Elfen und Alfadas sich als ausdauernde J�ger erwiesen, fehlte es Mandred mit den Jahren zunehmend an Geduld. H�ufig betrank er sich, so als wollte er vergessen, dass ein Menschenleben f�r die Suche nach dem D�monenkind zu kurz sein k�nnte.</p><p>Nuramon wunderte es, dass Alfadas, anders als sein Vater, elfengleich die Ruhe behielt. Selbst Mandreds Lehrstunden ertrug er mit einer Geduld, die an Selbstaufopferung grenzte. Alfadas schien nur wenig von seinem Vater geerbt zu haben, au�er vielleicht dessen Dickkopf, denn Alfadas weigerte sich auch nach drei Jahren noch, die Axt als die K�nigin aller Waffen anzuerkennen, was Ollowain sichtlich Vergn�gen bereitete.</p><p>Ein neuer Fr�hling war angebrochen, und sie kamen von den Bergen hinab, um einer Spur in die Stadt Aniscans zu folgen. Nomja, Yilvina und Alfadas waren l�ngst gute Freunde geworden und lie�en so manches Mal den n�tigen Ernst bei ihrer Suche vermissen. Gelvuun blieb ein Eigenbr�tler, der kaum die Z�hne auseinander brachte. Farodin hatte einmal behauptet, dass die Trolle Gelvuun einst s�mtliche Z�hne ausgeschlagen h�tten und er deshalb den Mund nicht aufbekam. Nuramon wusste bis heute nicht, ob dies nur ein Scherz war.</p><p>Ollowain war derjenige von ihnen, der die Pflicht, die ihnen auferlegt war, nie aus den Augen verlor. Stets dr�ngte er darauf, nur kurz an einem Ort zu verweilen und rasch weiterzuziehen, wenn wieder eine Spur im Nichts verlaufen war.</p><p>Farodin hingegen verlie� die Gruppe, wann immer es ihm m�glich war. Stets war er es, der sich freiwillig meldete, um den Weg auszukundschaften. Nuramon kam es manchmal so vor, als bef�nde sich Farodin nicht auf der Suche nach dem Kind, sondern als hielte er insgeheim nach etwas anderem Ausschau. Vielleicht versuchte er auch die Reise hinauszuz�gern, um nicht die Bluttat an Noroelles Sohn begehen zu m�ssen.</p><p>Mandred ritt an Nuramons Seite; gemeinsam f�hrten sie ihre kleine Truppe bei ihrem Abstieg zwischen den H�geln hindurch. Der Menschensohn, dessen Freundschaft Nuramon in der Eish�hle angenommen hatte, sorgte mit seinen Worten und Taten oft f�r Kurzweil und lie� den Elfen dann f�r eine Weile vergessen, aus welchem Grunde sie unterwegs waren. Auch wenn auf den Frohsinn irgendwann die Einsicht folgte, dass ihr Ziel den Anfang eines Daseins voller Seelenqualen markierte, war Nuramon froh, dass Mandred seine erheiternde Gabe besa�.</p><p>�Wei�t du noch, damals, als wir diesen R�ubern begegnet sind?�, fragte Mandred grinsend. Der Menschensohn nahm die Zeit anders wahr als ein Elf. Ein Jahr, und er schwelgte bereits in Erinnerungen. Das Merkw�rdige war, dass sich das Gef�hl, viel erlebt und damit auch viel Zeit verbracht zu haben, auch auf Nuramon �bertrug.</p><p>�Welche R�uber meinst du?� Sie waren einigen begegnet. Und die meisten waren alsbald vor ihnen gefl�chtet.</p><p>�Die ersten, die wir getroffen haben. Die, die sich richtig gewehrt haben.�</p><p>�Ich erinnere mich.� Wie k�nnte er die Pl�nderer aus Angnos vergessen! Er und die anderen Elfen hatten ihre Kapuzenm�ntel getragen und waren nicht auf den ersten Blick als Albenkinder zu erkennen gewesen. F�r die R�uber war es ein b�ses Erwachen geworden. Dummerweise hatten sie nicht aufgeben wollen, weil sie sich ihnen von der Zahl her weit �berlegen glaubten. So hatten sie auf schmerzhafte Weise den Unterschied zwischen Macht und Masse kennen gelernt.</p><p>�Das war doch ein Kampf!� Mandred schaute sich um. �Ich w�nschte, hier w�rden ein paar Strauchdiebe auf uns lauern.�</p><p>Nuramon schwieg. Dieser Wunsch Mandreds konnte nur eines bedeuten: Heute Abend w�rde Alfadas sich wieder einmal f�r eine �bung bereithalten m�ssen. Mandred konnte es nicht lassen, seinen Sohn f�r den Kampf mit der Axt begeistern zu wollen. Doch Alfadas bewies seinem Vater ein ums andere Mal, dass er in der Lage war, mit dem Schwert gegen ihn zu bestehen. Wenn Mandred von seinem Sohn besiegt wurde, so war sich Nuramon nie �ber die Gef�hle des Kriegers im Klaren. War er stolz oder war er beleidigt? Manchmal hegte Nuramon auch den Verdacht, dass Mandred sich insgeheim in den �bungsk�mpfen zur�ckhielt, aus Sorge, er k�nne Alfadas verletzen.</p><p>Sie erreichten einen H�gelkamm und hatten nun einen freien Blick auf das weite Flusstal unter ihnen. Nuramon deutete zu der Stadt am westlichen Ufer. �Aniscans! Endlich lassen wir die Wildnis hinter uns.�</p><p>�Endlich kehren wir wieder in eine Taverne ein und bekommen was Vern�nftiges zu trinken. Mein Magen denkt schon, man h�tte mir den Kopf abgeschnitten.� Mandred schnalzte. �Was glaubt ihr? Haben die dort unten Met?�</p><p>Fast schien es, als h�tte der Menschensohn seinen Kummer um Freya vergessen. Doch Nuramon durchschaute den Schein und sah einen Mann, der seinen Schmerz verbergen und bet�uben wollte.</p><p>Langsam ritten sie den Hang hinab. Unterhalb des H�gels verlief eine Stra�e, die geradewegs zur Stadt f�hrte. Eine Br�cke �berspannte in sieben flachen Bogen das weite Flussbett. Die Schneeschmelze hatte den Strom anschwellen lassen und viel Treibholz aus den Bergen mitgebracht. M�nner mit langen Stangen standen auf der Br�cke und verhinderten, dass treibende St�mme sich vor den Br�ckenpfeilern quer legten und das Wasser stauten.</p><p>Die meisten H�user von Aniscans waren aus hellbraunem Bruchstein errichtet. Es waren wuchtige, hohe Bauten, die sich eng aneinander dr�ngten. Ihr einziger Schmuck waren die leuchtend roten Dachschindeln. Rings um die Stadt hatte man Weinberge angelegt. Mandred w�rde in jedem Fall Gelegenheit haben, sich zu betrinken, dachte Nuramon bitter.</p><p>�Ein Land voller Narren�, polterte der Menschensohn pl�tzlich los.��Seht euch das an! So eine reiche Stadt, und sie haben nicht einmal eine Mauer. Da ist ja Firnstayn besser befestigt.�</p><p>�Man hat eben nicht mit deinem Besuch gerechnet, Vater�, sagte Alfadas lachend. Die �brigen Gef�hrten fielen in das Gel�chter ein. Selbst Gelvuun grinste.</p><p>Mandred wurde rot. �Leichtfertigkeit ist die Mutter manchen Ungl�cks�, sagte er dann ernst.</p><p>Ollowain lachte auf. �Wie es scheint, schmilzt die Fr�hlingssonne den harten Eispanzer des Barbarenh�uptlings, und, o Wunder, darunter kommt ein Philosoph zum Vorschein.�</p><p>�Ich wei� nicht, was Vielosoof f�r eine Beleidigung ist, aber du kannst sicher sein, dass der Barbarenh�uptling dir gleich die Axt in den Rachen schiebt!�</p><p>Ollowain schlang die Arme �bereinander und tat, als zitterte er. �So pl�tzlich kehrt der Winter zur�ck und l�sst die sch�nsten Fr�hlingsbl�ten erfrieren.�</p><p>�Hast du mich gerade etwa mit Bl�ten verglichen?�, grollte Mandred.</p><p>�Nur eine Allegorie, mein Freund.�</p><p>Der Menschensohn runzelte die Stirn. Dann nickte er. �Ich nehme deine Entschuldigung an, Ollowain.�</p><p>Nuramon musste sich auf die Lippen bei�en, um nicht laut loszulachen. Er war froh, als im n�chsten Augenblick Alfadas zu singen begann, um den ungl�cklichen Disput zu unterbrechen. Der Junge hatte eine �beraus sch�ne Stimme�� f�r einen Menschen.</p><p>Sie folgten der Stra�e am Fluss, vorbei an St�llen und kleinen Geh�ften. Vieh weidete entlang des Weges. Die Landschaft hier wirkte seltsam ungeordnet. In all der Zeit in den Menschenreichen hatte sich Nuramon nicht an die Andersartigkeit dieser Welt gew�hnen k�nnen. Doch er hatte gelernt, die Sch�nheit im Fremden zu sehen.</p><p>Die H�user der Stadt dr�ngten sich um einen H�gel, auf dem sich ein Tempel erhob. Seine Mauern waren von Ger�sten umgeben, und man konnte das H�mmern der Steinmetzen bis weit �ber den Fluss hinaus h�ren. Der Bau war schmucklos, mit Mauern, so dick wie die eines Festungsturmes, und doch lag in seiner groben Schlichtheit ein eigener Reiz. Es schien, als wollte er dem Betrachter aus der Ferne zurufen, dass es hier nichts gebe, was den Gl�ubigen ablenkte, denn kein Kunstwerk k�nne sich mit der Sch�nheit wahren Glaubens messen.</p><p>Nuramon dachte an den alten Wanderprediger, dem sie vor ein paar Tagen in den Bergen begegnet waren. Mit leuchtenden Augen hatte der Mann von Aniscans erz�hlt und dem Priester, dessen Name im Flusstal angeblich in aller Munde war: Guillaume, der mit solcher Inbrunst vom Gotte Tjured sprach, dass sich die Kraft seiner Worte auf die Zuh�rer �bertrug. Es hie�, dass Lahme wieder gehen k�nnten, wenn sie ihm Geh�r schenkten und er ihre Glieder mit H�nden ber�hrte. Seine Zauberkraft schien jedes Leiden zu vertreiben und jedes Gift zu besiegen.</p><p>Wie oft waren sie in den letzten drei Jahren Ger�chten wie diesem gefolgt! Doch jedes Mal waren sie entt�uscht worden. Sie suchten einen Mann von etwa drei�ig Jahren, der Wunder wirkte. Diese knappe Beschreibung passte auf Guillaume, so wie sie schon auf mehr als ein Dutzend anderer M�nner gepasst hatte, von denen nicht einer magische Kr�fte besessen hatte. Die Menschen waren viel zu einf�ltig! Sie waren nur zu bereit, jedem Scharlatan zu glauben, der ihnen einigerma�en glaubhaft vorgaukelte, Magie wirken zu k�nnen.</p><p>Der Wanderpriester hatte behauptet, noch in seiner Kindheit sei dort, wo sich heute die Stadt erhob, nicht mehr als ein kleiner Steinkreis gewesen, an dem sich die Menschen zu den Sonnwendtagen trafen, um den G�ttern zu opfern.</p><p>Nuramon blickte auf. Wahrscheinlich hatte der Steinkreis auf dem niedrigen H�gel gelegen, wo nun am Tempel gebaut wurde.</p><p>Der Hufschlag ihrer Pferde hallte wie Trommelschlag auf dem Pflaster der Br�cke. Einige der Arbeiter drehten sich um. Sie trugen schlichte Kittel und breitkrempige H�te aus geflochtenem Stroh. Dem�tig neigten sie die K�pfe. Krieger galten viel in diesem K�nigreich.</p><p>Nuramons Blick schweifte �ber die H�user der Stadt. Ihre Mauern waren aus unbehauenem Stein gef�gt, sie wirkten grob und solide. Gemessen an dem, was die Menschen sonst zu Stande brachten, waren sie keine schlechte Arbeit. Die meisten Mauern waren gerade, und nur wenige der D�cher bogen sich unter der Last ihrer Schindeln.</p><p>Bevor sie die Br�cke verlie�en, setzten sich Mandred und Alfadas an die Spitze der kleinen Reiterschar. Wer die beiden sah, der musste annehmen, dass F�rsten aus dem Wilden Norden mit geheimnisvollem Gefolge gekommen waren. Die Einwohner musterten sie voller Verwunderung, doch bald darauf gingen sie wieder ihrem Tagwerk nach. Offenbar war man hier an Fremde gew�hnt.</p><p>Dennoch herrschte in der Stadt eine Unruhe, die nichts mit ihnen zu tun hatte. Je weiter die Gef�hrten dem Tempel entgegenstrebten, desto sp�rbarer wurde sie. Irgendetwas ging in Aniscans vor sich. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein. Die Leute dr�ngten sich durch die engen Gassen den H�gel hinauf. Bald gab es mit den Pferden kein Vorankommen mehr. Die Gef�hrten mussten absitzen und brachten die Tiere auf den Hof einer Taverne, wo Nomja, die Bogensch�tzin, mit ihnen zur�ckblieb. Sodann reihten sie sich erneut unter den Leuten ein, die wohl zum Tempel hin zusammenstr�mten. Es herrschte eine Stimmung, die Nuramon an eine Koboldhochzeit erinnerte. Alle rannten durcheinander und waren guter Dinge.</p><p>Nuramon schnappte Gespr�chsfetzen auf. Man unterhielt sich �ber den Wunderheiler und seine sagenhaften Kr�fte. Dar�ber, dass er am Vortag ein Kind gerettet hatte, das um ein Haar erstickt w�re, und dar�ber, dass immer mehr Fremde in die Stadt kamen, um Guillaume zu sehen. Ein �lterer Mann erz�hlte stolz, dass der K�nig Guillaume eingeladen h�tte, an seinen Hof zu kommen und dort zu bleiben, doch der Priester hatte es offenbar abgelehnt, die Stadt zu verlassen.</p><p>Endlich erreichte der kleine Trupp den Platz vor dem Tempel. Aus dem Gedr�nge heraus war nur schwer abzusch�tzen, wie viele sich hier versammelt hatten, doch es mochten Hunderte sein. Eingekeilt zwischen den schwitzenden und dr�ngelnden Menschen, f�hlte sich Nuramon zunehmend unwohl.</p><p>Es stank nach Schwei�, ungewaschenen Kleidern, ranzigem Fett und Zwiebeln. Aus den Augenwinkeln sah der Elf, wie sich Farodin ein parf�miertes Tuch vor die Nase hielt. Nuramon w�nschte, er h�tte sich auch auf diese Weise Erleichterung verschaffen k�nnen. Menschen und Reinlichkeit, das waren zwei Dinge, die einfach nicht zusammengingen � wie er es schon seit langem durch Mandred wusste. In den letzten drei Jahren war Nuramon ein wenig unempfindlicher gegen die vielf�ltigen Ger�che geworden, die einen vor allem in den St�dten best�rmten. Doch der Gestank hier inmitten der Menschenmenge war wahrhaft �berw�ltigend.</p><p>Pl�tzlich erklang weiter vorn eine Stimme. Nuramon reckte den Kopf, doch in dem Gedr�nge konnte er den Sprecher nicht erkennen. Er schien bei der gro�en Eiche zu stehen, welche die Mitte des Platzes beherrschte.</p><p>Die Stimme war wohlklingend, und der Sprecher war bestens mit allen K�nsten der Rhetorik vertraut. Jede Silbe war mit Bedacht betont, so wie bei den Philosophen von Lyn, die sich jahrhundertelang in Disputen �bten, um zur Vollendung ihrer stimmlichen M�glichkeiten zu gelangen. Dabei bestand die Kunst weniger darin, durch Argumente zu �berzeugen, sondern die Worte so darzubieten, dass der Geist ganz der Stimme erlag. Es kam fast einem Zauber gleich, was dieser Mensch dort vorn vollbrachte.</p><p>Die Leute rings herum beachteten Nuramon und seine auff�lligen Gef�hrten gar nicht mehr, so sehr hingen sie an den Lippen des Mannes.</p><p>Farodin dr�ngte sich an Nuramons Seite. �H�rst du die Stimme?�</p><p>�Wundervoll, nicht wahr?�</p><p>�Das ist meine Sorge. Vielleicht sind wir am Ziel.�</p><p>Nuramon schwieg. Er f�rchtete sich davor, was zu tun w�re, wenn dort vorn wirklich Noroelles Sohn sprach.</p><p>�Ollowain�, sagte Farodin, �du nimmst dir Yilvina und Gelvuun. Ihr geht links herum. Mandred und Alfadas, ihr nehmt die Mitte. Nuramon und ich werden rechts herumgehen. Wir werden ihn zun�chst nur beobachten. Hier inmitten der Menschenmenge k�nnen wir nichts anderes tun.�</p><p>Die Gef�hrten trennten sich, und Nuramon ging Farodin voraus. Sie dr�ngten sich vorsichtig durch die Reihen der Leute, die wie gebannt dastanden und lauschten. Deutlich �bert�nte die Stimme des Priesters das Gemurmel auf dem Platz. �Nimm die Kraft des Tjured an�, sagte er mit gro�er Sanftmut. �Sie ist ein Geschenk, das ich dir von ihm bringe.�</p><p>Kurz darauf rief jemand:��Seht nur, er ist geheilt! Die Wunde hat sich geschlossen!� Jubel erhob sich auf dem Platz.</p><p>Eine alte Frau fiel Nuramon um den Hals und k�sste ihn auf die Wange. �Ein Wunder!� jauchzte sie. �Er hat wieder ein Wunder getan! Er ist der Segen dieser Stadt!� Nuramon schaute die Alte verst�ndnislos an. Es musste wohl wahrlich ein Wunder sein, wenn sie einen Fremden k�sste.</p><p>Nun erhob sich der Prediger vor ihnen aus der Menge. Er half einem sichtlich erleichterten Mann auf die Beine. �Das ist die Macht Tjureds, unseres Gottes!�</p><p>Nuramon erstarrte beim Anblick des Heilers. Er sp�rte, wie Farodin an seiner Seite ebenfalls in der Bewegung innehielt.</p><p>Der Priester stieg auf die niedrige Mauer des Brunnens neben der Eiche und sprach zu den Menschen. Doch Nuramon achtete kaum auf die Worte. Er war gefangen genommen von der Haltung und den Gesten des Mannes. Guillaume hatte schwarzes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Wie alle Priester des Tjured war er in eine nachtblaue Kutte gewandet. Sein Gesicht war oval, die Nase schmal, das Kinn sanft und der Mund geschwungen. H�tte Noroelle einen Zwillingsbruder gehabt, er h�tte wohl so ausgesehen wie dieser Priester.</p><p>Dieser Mann war ihr Sohn!</p><p>Nuramon beobachtete, wie Guillaume sich einem Mann mit str�hnigem, grauem Haar zuwandte, dessen Hand steif zu sein schien. Er fasste die Hand des Mannes und sprach ein Gebet.</p><p>Nuramon schrak zur�ck. Es war, als h�tte etwas sein Innerstes ergriffen. Als h�tte eine kraftvolle Hand seine Seele ber�hrt. Nur einen Lidschlag lang w�hrte dieses unheimliche Gef�hl. Benommen taumelte der Elf zur�ck und stie� gegen eine junge Frau.</p><p>�Ist dir nicht wohl?�, fragte sie besorgt.��Du bist ganz bleich.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf und dr�ngte sich vor bis zum Rand der Menge, die einen engen Kreis um den Brunnen gebildet hatte.</p><p>Der Mann, der zu Guillaume gekommen war, hob seine Hand. Er ballte sie zur Faust und streckte die Finger dann wieder. �Er hat mich geheilt!�, rief er mit sich �berschlagender Stimme. �Geheilt!� Der Grauhaarige warf sich vor dem Priester zu Boden und k�sste ihm den Saum des Gewandes.</p><p>Guillaume wirkte verlegen. Er nahm den Alten bei den Schultern und richtete ihn wieder auf.</p><p>Er kann zaubern wie seine Mutter, dachte Nuramon. Die K�nigin hatte sich geirrt. Noroelles Sohn war kein D�monenkind. Ganz im Gegenteil. Er war ein Heiler.</p><p>Pl�tzlich drang ein Schrei durch die Menge. �Guillaume! Guillaume! Hier ist einer umgefallen!�</p><p>�Er ist tot!�, rief eine Frau mit schriller Stimme.</p><p>�Bringt ihn zu mir�, befahl der Heiler ruhig.</p><p>Zwei st�mmige M�nner mit Ledersch�rzen trugen eine hagere Gestalt zum Brunnen. Einen Mann in einem grauen Umhang! Guillaume schlug die weite Kapuze zur�ck. Vor dem Heiler lag Gelvuun.</p><p>Verwirrt blickte Nuramon zu Farodin. Dieser gab ihm durch eine Geste zu verstehen, dass sie abwarten sollten. Dann fl�sterte er: �Hoffentlich macht Mandred keinen Unsinn!�</p><p>Jetzt ging ein Raunen durch die vorderen Reihen. Guillaume hatte Gelvuuns Haar zur�ckgestrichen. Deutlich waren die spitzen Ohren zu erkennen. Gelvuun, der sonst immer so m�rrisch war, erschien nun friedlich wie ein schlafendes Kind.</p><p>Guillaume beugte sich �ber ihn. Der Priester wirkte aufgew�hlt. Ob es nur der Anblick des Elfen war oder aber etwas anderes, vermochte Nuramon nicht zu sagen. Dann schaute sich Guillaume um, und Nuramon sp�rte, wie der Blick von Noroelles Sohn ihn streifte. Eiskalt lief es ihm �ber den R�cken. Die Augen des Heilers waren von leuchtendem Blau.</p><p>Der Prediger erhob sich und sprach: �Dieser Mann steht nicht unter dem Schutze Tjureds. Er ist ein Albenkind und kein Mensch. Ihm kann niemand mehr helfen. Er ist zu sp�t hierher gekommen. Und ich kann nicht erkennen, woran er erkrankt war. Es scheint, als h�tte sein Herz einfach aufgeh�rt zu schlagen. Aber es hei�t, dass auch den Albenkindern ein Dasein jenseits des Lebens bestimmt sei. So betet f�r seine Seele. Ich werde seinen K�rper mit allen Ehren bestatten, auch wenn er niemals zu Tjured gebetet hat. Die Gnade unseres Herrn ist unermesslich. Er wird sich auch dieses Elfen erbarmen.�</p><p>Noch einmal streifte Guillaumes Blick Nuramon. Es war etwas L�hmendes in diesen wundersch�nen blauen Augen.</p><p>�Komm, Nuramon�, fl�sterte Farodin. �Wir m�ssen fort.�</p><p>Sein Gef�hrte packte ihn und zog ihn mit sich durch das dichte Gedr�nge. Nuramon konnte das Gesicht und die Augen nicht aus seinem Kopf verbannen. Es war Noroelles Gesicht, es waren Noroelles Augen, die diesem Mann dort geh�rten.</p><p>Mit einem Mal wurde er gesch�ttelt. �Wach auf!�, sagte Farodin harsch. Nuramon sah sich erstaunt um. Sie hatten den Platz verlassen und waren nun wieder in einer der engen Gassen. Er hatte nicht bemerkt, wie weit sie gegangen waren.��Das war Noroelles Gesicht!�, sagte er.</p><p>�Ich wei�. Komm!�</p><p>Sie fanden Nomja und die Pferde. Mandred und Alfadas kamen wenige Augenblicke sp�ter auf den Hof. Sie f�hrten Yilvina zwischen sich. Die junge Elfe war blass und schien sich kaum aus eigener Kraft auf den Beinen halten zu k�nnen.</p><p>Mandred war ganz au�er sich.��Habt ihr das gesehen? Verdammt! Was ist geschehen?�</p><p>Farodin schaute sich um.��Wo ist Ollowain?�</p><p>Alfadas deutete zum Eingang des Hofs. �Da kommt er!�</p><p>Dem Schwertmeister stand die Angst ins Gesicht geschrieben. �Kommt! Wir sind hier nicht mehr sicher.� Er blickte zur�ck zur Stra�e. �Lasst uns Abstand zu diesem D�monenkind gewinnen. Los! Auf die Pferde und raus aus der Stadt!�</p><p>�Was ist mit Gelvuun geschehen?�, fragte Nomja.</p><p>Nuramon schwieg. Er dachte an die fremde Macht, die nach seinem Innersten gegriffen hatte, an die blauen Augen und daran, wie sehr Guillaume ihn mit jeder seiner Gesten an Noroelle erinnerte. Nun war Gelvuun tot, und Yilvina sah so elend aus, als w�re sie dem Tode nur knapp entgangen.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte nun auch Ollowain und wandte sich an die blasse Elfe.</p><p>Yilvina rang um Atem. �Er hat sich weiter vorgedr�ngt�� Bis fast an den Rand der Menge. In dem Augenblick, als der Priester die Hand des alten Mannes ergriff��� Sie blickte zum Himmel. Tr�nen standen ihr in den Augen. �Ich wei� nicht, wie ich es beschreiben soll. Es war, als griffe eine Kralle in meine Brust hinein, um mir das Herz zu zerrei�en.� Sie fing an zu schluchzen. �Es war � Ich konnte den Tod sp�ren � Den ewigen Tod, ohne Hoffnung auf Wiedergeburt oder den Weg ins Mondlicht. W�re ich nicht um ein paar Schritt zur�ckgeblieben �� Sie konnte nicht mehr weiter sprechen.</p><p>�Er hat euch bemerkt und sofort angegriffen?�, fragte Nomja.</p><p>Ollowain z�gerte.��Ich bin mir nicht ganz sicher�� Ich glaube nicht, dass es ein Angriff war. Es geschah in dem Augenblick, als er den alten Mann heilte. Ich konnte seine Macht sp�ren�� Yilvina hat Recht. Auch ich f�hlte pl�tzlich den Tod.�</p><p>Mandred wandte sich an Nuramon. �Wie hat er das gemacht?�</p><p>Der Menschensohn �bersch�tzte Nuramons F�higkeiten. Nur weil er einmal �ber sich hinausgewachsen war und Farodin geheilt hatte, fragte der Mensch ihn bei allem, was im Entferntesten mit Magie zu tun hatte, nach seiner Einsch�tzung. �Ich habe keine Ahnung, Mandred.�</p><p>�Aber ich kann es dir sagen!�, mischte sich Ollowain ein.��Die Magie des D�monenkindes ist durch und durch b�se! Sie kann uns auf der Stelle t�ten. Ein einfacher Zauber, der einen Menschen heilt, kann uns vernichten. Mir ist jetzt klar, welche Gefahr die K�nigin in Noroelles Sohn sieht. Wir m�ssen ihn t�ten.�</p><p>�Das werden wir nicht tun!�, sagte Nuramon entschieden.��Wir werden ihn zur K�nigin bringen!�</p><p>�Dieser falsche Heiler dort kann uns alle mit einem Zauber erledigen!�, sagte Ollowain.��Ist dir das klar?�</p><p>�Ja, das ist es.�</p><p>�Wie willst du ihn zwingen, die Stadt zu verlassen?�</p><p>�Ich werde ihn nicht zwingen. Er wird freiwillig mit uns kommen. Er wusste nicht, was seine heilenden H�nde unserem Gef�hrten antaten. Er ist nicht das D�monenkind, das die K�nigin erwartet hat.�</p><p>�Du willst dich gegen die K�nigin wenden? Sie hat uns ausgesandt, ihn zu t�ten!�</p><p>�Nein, Ollowain. Die K�nigin sandte _mich_ aus, um ihn zu t�ten. Ich allein muss mich vor der K�nigin rechtfertigen.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich das zulassen kann�, sagte Ollowain langsam.��Warum, Nuramon? Warum hast du deine Meinung ge�ndert?�</p><p>�Weil ich das Gef�hl habe, dass es ein verh�ngnisvoller Fehler w�re, Guillaume zu t�ten. Es kann nichts Gutes daraus erwachsen. Wir m�ssen ihn vor die K�nigin bringen. Dann kann sie ihn von Angesicht zu Angesicht sehen und �ber ihn entscheiden. Lasst mich mit ihm sprechen. Wenn ich bis morgen Mittag nicht zur�ck bin, dann k�nnt ihr ihn erledigen.�</p><p>Ollowain sch�ttelte den Kopf. �Du willst ein D�monenkind, dessen Magie uns Elfen t�tet, an Emerelles Hof bringen? Geh nur! Rede mit ihm! Wir werden dich nicht lebend wiedersehen! Du hast bis morgen zur Abendd�mmerung Zeit, dann hole ich ihn auf meine Weise. Bis dahin lagern wir au�erhalb der Stadt.�</p><p>Nuramon suchte in den Mienen der anderen nach Unterst�tzung. Doch keiner widersprach Ollowain, selbst Mandred nicht. Auf ein Zeichen des Schwertmeisters sa�en sie auf. Alfadas nahm Gelvuuns und Nuramons Pferde bei den Z�geln.</p><p>Farodin war der letzte der kleinen Reitertruppe, der den Hof verlie�. Er beugte sich aus dem Sattel zu Nuramon herab. �Bist du sicher, dass du dieses Wagnis eingehen m�chtest? Was, wenn es dir ebenso ergeht wie Gelvuun?�</p><p>Nuramon l�chelte. �Dann sehen wir uns im n�chsten Leben wieder.�</p></section><section><title><p>Zu Gast bei Guillaume</p></title><p>Nuramon hatte Guillaume den ganzen Nachmittag lang beobachtet. Er hatte dessen Predigt gelauscht und dann gesehen, wie er den K�rper Gelvuuns bestattet hatte. Anschlie�end war er Noroelles Sohn durch die Stadt gefolgt. Dabei hatte er manchmal das beklemmende Gef�hl gehabt, als w�rde er seinerseits verfolgt. Doch so oft er sich auch umsah, er konnte niemanden entdecken, der sich auff�llig benahm. Da waren nur die Bewohner von Aniscans, die ihren Gesch�ften nachgingen. So richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Guillaume und folgte ihm, bis dieser den Tempelh�gel erreichte und dort in einem schmalen Haus verschwand. Mit seinen Mauern aus Bruchstein f�gte es sich ganz in das Bild der Stadt; wenn dies Guillaumes Heim war, dann schien er viel Wert auf Bescheidenheit zu legen.</p><p>Nuramon hielt inne und beobachtete das Haus von der gegen�berliegenden Gasse aus. Er wartete darauf, dass Guillaume die Fensterl�den �ffnete, um die letzten Strahlen des schwindenden Tageslichts hineinzulassen. Doch die L�den blieben geschlossen. Als sich die Nacht �ber Aniscans senkte, sah Nuramon warmes Kerzenlicht zwischen den Ritzen hindurchdringen.</p><p>Er fasste sich ein Herz und trat vor die T�r des Heilers. Nun musste er nur noch klopfen. Aber er wagte es nicht. Er hatte Angst; nicht davor, dass ihm das Gleiche widerfahren k�nnte wie Gelvuun, sondern davor, einen gro�en Fehler zu begehen. Er kannte Guillaume nicht und wusste nicht, wie er die Wahrheit aufnehmen w�rde. Dann aber dachte er an Noroelle. Dies war die einzige Hoffnung, Guillaume vor dem Tod zu bewahren und vielleicht gleichzeitig Noroelle zu retten�� selbstverst�ndlich nur, wenn die K�nigin einsah, dass es ein Fehler w�re, Guillaume zu t�ten.</p><p>Er klopfte.</p><p>Im Inneren des Hauses regte sich nichts, und Nuramon �berlegte, ob er noch einmal klopfen sollte. Gerade als er den Arm hob, h�rte er endlich Schritte. Nuramons Herz raste. Gleich w�rde sich die T�r �ffnen, und Noroelles Gesicht w�rde ihn anschauen. Er warf die Kapuze seines Mantels zur�ck, sodass Guillaume sofort w�sste, mit wem er es zu tun hatte.</p><p>Ein Riegel wurde zur�ckgeschoben, dann �ffnete sich die T�r. Nuramon hatte sich nicht versch�tzt. Es war Guillaume. Der junge Priester wirkte keineswegs �berrascht, einem Fremden gegen�berzustehen. Unf�hig, auch nur ein Wort hervorzubringen, starrte Nuramon in das Gesicht von Noroelles Sohn. Wie aber w�rde sich sein Ausdruck ver�ndern, wenn Guillaume alles �ber seine Herkunft erfuhr?</p><p>�Komm herein, Albenkind�, sagte der Priester mit seiner ruhigen Stimme und l�chelte. Dann ging er voran. Offenbar hatte er ihn erwartet.</p><p>Guillaumes Haus war sehr schlicht eingerichtet. Der Raum, in den Nuramon eintrat, nahm das gesamte Erdgeschoss ein. Hier war alles N�tige untergebracht, vom gemauerten Herd bis zum Gebetsschrein. Nur ein Bett war nicht zu sehen. Wahrscheinlich befand sich das Schlafgemach im Obergeschoss, das man �ber eine Treppe gegen�ber der Haust�r erreichen konnte.</p><p>�Du bist wegen deines Gef�hrten gekommen�, sagte Guillaume und setzte sich an den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Dort brannte eine �llampe vor einem Holzteller, auf dem noch Fleischreste lagen. Mit einer einladenden Geste deutete Guillaume auf einen zweiten Stuhl am Tischende.</p><p>Nuramon setzte sich schweigend.</p><p>Der Priester schob den Teller beiseite. �Ich f�rchte, dein Gef�hrte wurde bereits auf dem Friedhof beerdigt. Ich hoffe, das schadet seiner Wiedergeburt nicht.�</p><p>�Bei uns hei�t es, dass die Seele sich im Augenblick des Todes vom K�rper des Albenkindes l�st�, erkl�rte Nuramon. �Wenn es denn einen Seelenweg zwischen deiner Welt und Albenmark geben sollte, dann hat Gelvuun ihn bereits genommen und wartet dort auf seine Wiedergeburt.�</p><p>�Dann war seine Seele schon fort, als ich seinen K�rper beerdigte.�</p><p>�Ja. Doch deswegen bin ich nicht hier. Ich bin deinetwegen gekommen.�</p><p>Die Worte schienen Guillaume nicht zu �berraschen. �Weil ich ihn get�tet habe���</p><p>Nuramon stutzte.��Woher wei�t du es?�</p><p>Der Heiler senkte den Blick.��Ich wusste es, als ich ihn untersuchte. Er sah aus, als h�tte er W�rgemale am Hals, auf die nur meine Finger passen.� Er hielt inne und musterte Nuramon. �In den Gesichtern von Elfen zu lesen ist nicht leicht. Ich sehe keinen Zorn in deinen Z�gen. Aber dennoch bist du gewiss gekommen, um Vergeltung zu fordern.�</p><p>�Nein, auch deswegen bin ich nicht hier.�</p><p>Guillaume starrte ihn fragend an.</p><p>�Ich m�chte nur wissen, was du in deiner Zukunft siehst.�</p><p>�Ich bin ein Suchender im Dienste des Tjured. Ich glaube, diese Welt ist voller verborgener Geschenke, doch nur wenige verm�gen sie zu finden. So wei� ich, dass die Macht der G�tter sich an bestimmten Orten sammelt. Ich kann diese Orte sp�ren und den unsichtbaren Fl�ssen folgen, die sie miteinander verbinden.� Er sprach offensichtlich von Albenpfaden, er hielt sie f�r die Pfade seines Gottes. �Dieses Wissen nutze ich, um Menschen zu heilen und Frieden zu predigen. Ich m�chte, dass der Hass verschwindet. Doch nach dem heutigen Tag scheint es, als w�re der Preis zu hoch. Was ist das nur f�r eine Gabe, die Menschen heilt und Albenkinder t�tet?�</p><p>�Ich kann dir darauf eine Antwort geben. Doch �berlege es dir gut, ob du sie h�ren willst.�</p><p>�Du wei�t etwas �ber die Begabung, aus der ich meine Wunder sch�pfe?�</p><p>�Ich kenne ihre Herkunft.�</p><p>�Dann bist du kl�ger als jeder Weise und jeder Priester, dem ich bislang begegnet bin. Bitte erz�hle���</p><p>�Soll ich es wirklich tun? Denn wenn du mich anh�rst, dann wei�t du auch, aus welchem Grunde ich und meine Gef�hrten in diese Stadt gekommen sind, wieso ich hier bin und das Wagnis eingehe, in deine N�he zu kommen.�</p><p>�Kennst du meine Eltern? Meine wahren Eltern?�</p><p>�Ja, ich kenne sie beide.�</p><p>�Dann sprich!�</p><p>�Du bist der Sohn einer Elfe namens Noroelle. Sie nahm einst die schrecklichste aller Strafen auf sich, um dein Leben zu sch�tzen.� Mit diesen Worten begann Nuramon seine Erz�hlung. Er sprach von Noroelle, von seiner und Farodins Liebe zu ihr, vom Manneber und der Elfenjagd, von seiner Rettung und von Noroelles Verbannung. Und er beobachtete dabei, wie Guillaumes Gesichtsausdruck immer ernster wurde und die �hnlichkeit zu Noroelle Falte um Falte schwand. Er endete mit den Worten:��Du wei�t nun, wer deine Eltern sind und warum du eine Macht besitzt, die Menschen heilt, aber Elfen t�tet.�</p><p>Guillaume starrte auf den Tisch, dann fing er unvermittelt an zu weinen. Dieser Anblick schmerzte Nuramon, nicht nur, weil der Heiler Noroelle wieder so �hnlich sah, sondern weil er sich in dessen Lage versetzen konnte. Er musste an sich halten, um nicht selbst in Tr�nen auszubrechen.</p><p>Nach einer langen Zeit des Schweigens sagte der Heiler schlie�lich: �Ich Narr dachte, meine Gabe sei ein Geschenk Tjureds!�</p><p>�Ganz gleich, welchen Ursprung deine Begabung hat, du hast f�r die Menschen Gutes getan, ebenso wie deine Mutter es f�r die Albenkinder zu tun pflegte. Bis zu der Nacht, da sie �� Er wollte es nicht noch einmal aussprechen.</p><p>�Erz�hl mir mehr von meiner Mutter�, forderte Guillaume mit leiser Stimme.</p><p>Nuramon nahm sich die Zeit und erz�hlte dem Heiler bis sp�t in die Nacht hinein von den zwanzig Jahren, die er in Noroelles Gegenwart verbracht hatte. Seine Worte brachten ihm all das, was er mit seiner Liebsten erlebt hatte, wieder in Erinnerung. Als er aber zum Ende kam, schlug seine Stimmung um, denn nun, da alles erz�hlt war, wurde ihm klar, dass all das verloren war und Noroelle wohl niemals zur�ckkehren w�rde. Auch Guillaume wirkte zutiefst aufgew�hlt, nun, da er um das Opfer seiner Mutter wusste.</p><p>�Du hast den Schleier, der meine Herkunft umgab, zerrissen�, sagte der Heiler. �Und du hast mir erkl�rt, woher meine Kr�fte kommen. Aber du hast mir nicht gesagt, was dich herf�hrt.�</p><p>Nuramon atmete tief durch. Nun war es also so weit. �Ich fragte meine K�nigin, was ich tun k�nne, um Noroelle zu retten. Und sie sagte, ich solle ausziehen, um dich zu t�ten.�</p><p>Guillaume nahm diese Nachricht sehr ruhig auf.��Das h�ttest du l�ngst tun k�nnen. Warum l�sst du mich am Leben?�</p><p>�Aus dem gleichen Grund, aus dem deine Mutter dich damals in diese Welt brachte. Weil ich nichts vom Devanthar in deinem Gem�t sp�ren kann.�</p><p>�Aber dass meine Heilkr�fte deinen Gef�hrten t�teten, das muss das Erbe meines Vaters gewesen sein. Und wer wei�, was noch in mir schlummert!�</p><p>�H�ttest du den Tod Gelvuuns hingenommen, um die Hand des Mannes zu heilen?�</p><p>�Niemals.�</p><p>�Dann ist zumindest dein Geist frei von der finsteren Kraft des Devanthars, auch wenn sich sein Wesen in deiner Magie spiegelt.�</p><p>�Aber das ist ja das Verh�ngnis. Schuldlos bin ich schuldig. Meinetwegen wurde meine Mutter verbannt. Meinetwegen starb dein Gef�hrte. Und doch kann ich nichts daf�r. Es scheint, als best�nde meine Schuld darin zu leben.�</p><p>�Und genau deswegen ist es falsch, dich zu t�ten. Und deshalb m�chte ich meinen Auftrag auf andere Weise zu Ende f�hren, als die K�nigin es vorgesehen hat. Auch wenn ich dadurch ihren Zorn auf mich ziehe.�</p><p>�W�rdest du mich fliehen lassen?�</p><p>�Ja, das w�rde ich. Doch meine Gef�hrten w�rden dich rasch aufsp�ren.� Nuramon dachte an Ollowain. �Du musst verstehen, warum ich hier bin. W�re ich es nicht, dann w�rst du jetzt schon tot. Ich bin gekommen, um dir ein Angebot zu machen, das vielleicht dein Leben retten und Noroelle befreien kann. Es ist jedoch nicht mehr als eine vage Hoffnung.�</p><p>�Sprich es aus!�</p><p>�Ich k�nnte dich zur K�nigin bringen und auf dem Weg nach Albenmark jede Gefahr von dir fern halten. Wenn du am Hof zu Emerelle sprichst, dann magst du sie vielleicht von deinem wahren Wesen �berzeugen, so wie du Noroelle und auch mich �berzeugt hast. Das ist das Einzige, das ich dir anbieten kann.�</p><p>�Ich werde dein Angebot annehmen�, entgegnete Guillaume, ohne zu z�gern.��Um meiner Mutter willen.�</p><p>Nuramon bewunderte den Heiler insgeheim. Er fragte sich, ob er ebenso bereitwillig zugesagt h�tte, denn es gab keine Sicherheit, dass die K�nigin sich gn�dig zeigen w�rde. Es mochte gut sein, dass Emerelle an ihrer Entscheidung festhielt. Doch Nuramon hatte trotz allem, was geschehen war, so viel Vertrauen in die K�nigin, dass er zweifelte, dass sie sich seinem Einwand verschlie�en konnte.</p><p>�Wann sollen wir aufbrechen?�</p><p>�Sp�testens am Mittag sollten wir die Stadt verlassen. Eile brauchen wir nicht zu haben.�</p><p>�Dann erz�hle mir etwas �ber Albenmark.�</p><p>Nuramon beschrieb Guillaume das Herzland, erz�hlte ihm aber auch von Alvemer, der Heimat Noroelles. Als der Hahn kr�hte, endete Nuramon und schlug vor, sie sollten am besten mit dem Tag ausziehen, damit sie unbemerkt gehen konnten.</p><p>Guillaume stimmte zu und packte seine Sachen. Dann dankte er Nuramon, dass er ihm die Wahrheit gesagt hatte.��Ich werde es dir nie vergessen.�</p><p>Nuramon war zufrieden. Er hatte sein Ziel erreicht, auch wenn er sich damit gegen den Auftrag der K�nigin gewendet hatte. Sicherlich w�rde Ollowain murren, doch sie w�rden den Sohn Noroelles zu Emerelle bringen. Das war ein Kompromiss, mit dem der Schwertmeister sich zufrieden geben musste. Dennoch w�rde er vorsichtig sein und den Elfenkrieger im Auge behalten.</p><p>Guillaume bereitete sich einen Brei aus Hirse, Haseln�ssen und Rosinen. Er fragte Nuramon, ob er ebenfalls etwas essen wolle, doch dieser lehnte dankend ab. Der Heiler sa� gerade beim Fr�hst�ck, als drau�en in der Stadt Unruhe aufkam. Nuramon lauschte, er glaubte Schreie zu h�ren. Als er die Hufschl�ge von Pferden vernahm, sprang er auf, und seine Hand fuhr zum Schwert.</p><p>�Was ist da los?�, fragte Guillaume.</p><p>�Nimm deine Sachen!�, sagte Nuramon. In den Gassen vermischte sich jetzt Kampfesl�rm mit Schmerzensschreien. Die Stadt wurde angegriffen!</p><p>Guillaume sprang auf und griff nach seinem B�ndel.</p><p>Der Kampfesl�rm kam n�her. Pl�tzlich donnerte etwas gegen die Haust�r, und Nuramon sah zu seinem Entsetzen, wie sie aufschwang. Eine Gestalt st�rmte zu ihnen herein. Nuramon zog sein Schwert, um den Eindringling niederzustrecken. Er erschrak, als er die Gestalt erkannte. Es war niemand anderes als��</p></section><section><title><p>Das Verh�ngnis</p></title><p>Farodin schlug die T�r hastig zu und schob den h�lzernen Riegel vor. �Steck dein Schwert weg, sonst bringst du noch den einzigen Freund um, den du in dieser Stadt hast.� Er sah sich gehetzt um.��Gibt es einen zweiten Ausgang?�</p><p>Guillaume starrte ihn an, als w�re er ein Gespenst. �Was geht da vor sich?�</p><p>�Bewaffnete. Sie haben alle Stra�en, die aus der Stadt herausf�hren, besetzt und dann den Tempel gest�rmt. Sie scheinen nicht viel f�r Priester wie dich �brig zu haben.� Farodin trat an das Fenster zum Tempelplatz und schob die L�den ein St�ck weit auf.��Sieh!�</p><p>Die Krieger waren bestens gewappnet. Fast alle trugen sie Kettenhemden und Helme mit schwarzen Pferdeschweifen. Etwa die H�lfte war mit �xten oder Schwertern bewaffnet. Auf ihren roten Rundschilden prangte als Wappen ein wei�er Stierkopf. Die �brigen M�nner waren mit Armbr�sten ausger�stet. Auch wenn sie die Priester ohne R�cksicht aus dem halb fertigen Tempel zerrten, war offensichtlich, dass es sich bei ihnen nicht um einfache Pl�nderer handelte. Sie gingen diszipliniert vor. Die Armbrustsch�tzen sicherten den Platz, w�hrend die Axtk�mpfer die Priester zu der gro�en Eiche trieben.</p><p>Auf Befehl eines h�nenhaften blonden Kriegers wurde einer der Priester, ein korpulenter, schon etwas �lterer Mann, von seinen Leidensgenossen getrennt. Man band ihm ein Seil um die F��e, warf das andere Ende �ber eine dicke Astgabel und zerrte ihn von den Beinen. Verzweifelt versuchte der Geistliche, seine rutschende Kutte �ber sein Gem�cht zu zerren.</p><p>�Vater Ribauld!�, fl�sterte Guillaume erschrocken. �Was tun sie da?�</p><p>�Ich habe geh�rt, wie die Bewaffneten deinen Namen genannt haben, Guillaume.� Farodin musterte den jungen Priester von Kopf bis Fu�. Ein K�mpfer war er gewiss nicht.��Wie es scheint, hast du dir gleich in zwei Welten Todfeinde gemacht. Was hast du getan, dass diese M�nner nach dir suchen?�</p><p>Der Priester strich sich nachdenklich das Haar aus dem Gesicht. Eine kleine Geste nur, und doch erf�llte sie Farodin mit tiefem Schmerz. So hatten sich Aileen und auch Noroelle das Haar aus der Stirn gestrichen, wenn sie tief in Gedanken gewesen waren. Der Priester war erstaunlich zartgliedrig. In seinem Gesicht sah er Noroelle wie in einem fernen Spiegel. Sie lebte in ihm fort.</p><p>Farodin war Nuramon gefolgt, weil er in Sorge gewesen war, dass sein Gef�hrte dem Priester zur Flucht verhelfen k�nnte. In den vergangenen drei Jahren hatte Farodin seinen Frieden mit sich gemacht. Er hatte den Befehl der K�nigin angenommen. Gestern auf dem Tempelplatz w�re er dazu bereit gewesen, Guillaume zu t�ten. Doch jetzt � Er musste den Blick abwenden, so sehr erinnerte ihn Guillaume an Noroelle. Wenn er die Waffe gegen den Priester hob, dann w�re es so, als wendete er sie gegen Noroelle.</p><p>Ollowain hatte ihn gewarnt, als er das Lager verlassen hatte, um heimlich Nuramon zu folgen. Noch deutlich klangen die Worte des Schwertmeisters in seinen Ohren: _Vergiss nicht, er ist auch das Kind eines Devanthars, eines Meisters der T�uschung. Er missbraucht Noroelles Antlitz als eine Maske, hinter der sich das B�se verbirgt. Ein Devanthar ist der Fleisch gewordene Hass auf die Alben und uns, ihre Kinder. Was Gutes in ihm gewohnt haben mag, wird l�ngst durch das Erbe des Vaters vergiftet sein. Du hast gesehen, was mit Gelvuun geschah. Wir k�nnen ihn nicht gefangen nehmen. In Wirklichkeit w�ren wir seine Gefangenen. Selbst wenn wir ihn in Ketten legten, k�nnte ein Wort der Macht uns alle t�ten. Und schlimmer noch: Stell dir vor, was eine solche Kreatur in Albenmark anrichten k�nnte! Wie sollten wir ihn bek�mpfen? Wir m�ssen Emerelles Befehl ausf�hren! Ich habe heute Mittag auf dem Tempelplatz die Weisheit der K�nigin erkannt_.</p><p>�Sie kommen f�r etwas, das ich _nicht_ getan habe�, antwortete Guillaume auf Farodins Frage.</p><p>�Was?� Farodin schreckte aus seinen Gedanken auf.</p><p>Die Krieger auf dem Platz schlugen unterdessen mit langen Ruten auf Ribauld ein. Hilflos pendelte der Mann hin und her. Seine Schreie gellten �ber den Platz und mussten weithin in der Stadt zu h�ren sein. Doch keiner der B�rger eilte herbei, um dem Priester zu helfen.</p><p>�Siehst du die Stierk�pfe auf den Schilden?�, fragte Guillaume.��Dies sind die M�nner K�nig Cabezans. Seine Leibwachen. Cabezan hat nach mir schicken lassen. Es hei�t, dass ihm die Glieder bei lebendigem Leibe verfaulen und er einen langsamen, qualvollen Tod stirbt. Er hat mir befohlen, ihn zu heilen. Doch das kann ich nicht. Wenn ich dieses eine Leben rette, so werden Hunderte sterben, denn Cabezan ist ein grausamer Tyrann. Er hat seine eigenen Kinder ermordet, weil er f�rchtete, dass sie seinen Thron begehren. Er ist vom Wahnsinn besessen�� Man darf nur nackt vor ihn treten, weil er f�rchtet, man k�nnte Waffen in seinen Gew�ndern verbergen. Wer zu seiner Leibwache geh�ren will, muss vor seinen Augen ein Neugeborenes mit blo�er Faust erschlagen � Er duldet nur M�nner ohne Gewissen um sich. Mit Cabezan regiert das B�se in Fargon. Deshalb werde ich ihn nicht heilen�� Ich darf es nicht. Wenn er endlich stirbt, dann wird ein Fluch von diesem Land genommen.�</p><p>Noch immer hallten die Schreie des Priesters �ber den Platz. �Ich darf nicht �� Guillaume standen Tr�nen in den Augen. �Ribauld ist wie ein Vater f�r mich. Ich bin bei einer armen Bauernfamilie aufgewachsen. Als meine Eltern � meine Pflegeeltern starben, nahm er mich auf. Er ist���</p><p>Einer der j�ngeren Priester, die von den Soldaten aus dem Tempel gezerrt worden waren, deutete mit ausgestrecktem Arm auf Guillaumes Haus.</p><p>�Gibt es hier einen zweiten Ausgang?�, fragte Farodin erneut. Schon kamen zwei Krieger �ber den Tempelplatz in ihre Richtung.</p><p>Der Priester sch�ttelte den Kopf. Er nahm ein langes Brotmesser vom Tisch und schob es in den �rmel seiner Kutte. �Ich werde gehen, dann werden sie nicht auch euch t�ten. Aber K�nig Cabezan wird mich nicht lebend zu Gesicht bekommen.�</p><p>Nuramon trat ihm in den Weg.��Tu das nicht. Komm mit uns!�</p><p>�Du meinst also, es sei kl�ger, dir zu einer K�nigin zu folgen, die dich geschickt hat, um mich zu t�ten?� In Guillaumes Worten lag keine Herausforderung; er klang unendlich traurig. �Ich wei�, dass du mir nichts B�ses willst. Aber wenn ich jetzt dort hinausgehe, dann werde ich vielleicht euch und das Leben meiner Ordensbr�der retten. Und wenn du deiner K�nigin meinen Tod melden kannst, dann wird sie meine Mutter vielleicht begnadigen.� Er schob den Riegel der T�r zur�ck und trat auf den Platz.</p><p>Farodin konnte nicht fassen, dass Nuramon keinen weiteren Versuch machte, den Priester aufzuhalten. Er st�rmte zur T�r, doch es war zu sp�t. Guillaume war bereits von den Kriegern gepackt worden.</p><p>�Ritter des K�nigs�, rief er mit t�nender Stimme. �Lasst ab von meinen Br�dern. Ihr habt mich gefunden.�</p><p>Der blonde Anf�hrer gab seinen M�nnern einen Wink, die Armbr�ste zu senken. Er trat neben Ribauld, packte den alten Mann bei den Haaren und bog seinen Kopf weit in den Nacken zur�ck.</p><p>�Du also willst der Wunderheiler sein!�, rief der Ritter. Er zog ein Messer aus dem G�rtel und stie� es Ribauld durch die Kehle.��Dann zeigt uns mal, was du kannst.�</p><p>Farodin hielt den Atem an. Guillaume stand noch zu nah am Haus. Wenn er seine Heilkr�fte einsetzte, dann w�rden er und Nuramon sterben.</p><p>Der alte Priester schwang am Seil hin und her. Wie ein St�ck Schlachtvieh am Metzgerhaken hing er vom Baum. Seine H�nde krallten sich jetzt um die Kehle.</p><p>Farodin stie� die L�den auf, sodass sie krachend gegen die Hauswand schlugen. Er griff mit beiden H�nden nach dem Fenstersims, stie� sich davon ab und schnellte hinaus. Federnd landete er vor dem Haus. �Vergreife dich nicht an meiner Beute, Menschensohn!� Seine Stimme war wie Eis.</p><p>Der blonde Krieger legte die Hand auf den Schwertknauf. �Du hast deinen Auftritt gehabt. Nun mach dich davon.�</p><p>�Du greifst nach deiner Waffe? Willst du ein Duell?� Farodin l�chelte. �Ich bin der erste Recke der K�nigin von Albenmark. �berlege dir gut, ob du Streit mit mir suchst. Ich bin hier, um den Priester Guillaume zu holen. Wie du siehst, war ich in seinem Haus. Ich habe ihn vor dir aufgesp�rt. Und ich werde mir meine Beute nicht entrei�en lassen. Er hat gestern Mittag einen Elfen get�tet. Daf�r wird er sich verantworten.�</p><p>�Der erste Recke der K�nigin von Albenmark�, �ffte ihn der blonde Krieger nach. �Und ich bin Umgrid, K�nig von Trollheim.� Die M�nner ringsherum lachten.</p><p>Farodin strich sich das Haar zur�ck, sodass man seine spitzen Ohren sehen konnte.��Du also bist Umgrid?� Der Elf legte den Kopf schief.��H�sslich genug bist du wohl, um ein Troll zu sein.� Er machte eine halbe Drehung und blickte zu den D�chern der H�user rings um den Platz.</p><p>�Wer kein Troll ist, sollte jetzt gehen. Dieser Platz ist von Elfen umstellt. Und wir werden uns Guillaume nicht abnehmen lassen.�</p><p>Einige der Krieger blickten �ngstlich auf und hoben ihre Schilde.</p><p>�Worte! Nichts als Worte!� Der Anf�hrer klang nun nicht mehr ganz so selbstsicher wie zuvor.</p><p>�Du solltest uns um Erlaubnis fragen, bevor du irgendeinen dieser Halsabschneider laufen l�sst�, ert�nte Nuramons Stimme. Der Elf hatte sein Schwert gezogen und stand nun in der T�r zu Guillaumes Haus.</p><p>�Schie�t sie nieder.� Der Hauptmann der Krieger riss einem der Sch�tzen die Armbrust aus der Hand und legte auf Farodin an.</p><p>Der Elf warf sich mit einem Hechtsprung nach vorn. Mit den H�nden stie� er sich vom groben Pflaster ab, rollte �ber die linke Schulter ab und schaffte es so fast bis zum Brunnen. Ein Armbrustbolzen streifte seine Wange und hinterlie� einen blutigen Striemen.</p><p>Farodin warf sich herum, um den Kriegern kein unbewegtes Ziel zu bieten. Er landete vor den F��en eines Axtk�mpfers. Der Mensch versetzte ihm mit seinem Rundschild einen Sto�, der Farodin aus dem Gleichgewicht brachte. Er torkelte und stie� gegen den Brunnenrand. Gerade noch konnte er einem Axthieb ausweichen, der nach seinem Kopf zielte.</p><p>Mit einem Tritt stie� Farodin den Schild des Menschen zur Seite und zog sein Schwert. Ein R�ckhandhieb schlitzte dem Krieger den Bauch auf. Der Elf riss dem Sterbenden die Axt aus der Hand. Von �berall her st�rmten K�mpfer herbei. Nuramon verteidigte sich im Hauseingang bereits gegen zwei Krieger. Ihre Sache war hoffnungslos. Sie waren den Menschen mehr als zehn zu eins unterlegen.</p><p>Farodin sprang vom Brunnenrand und warf die Axt nach einem Armbrustsch�tzen, der auf ihn anlegte. Mit einem gr�sslichen Knirschen fand die Waffe ihr Ziel.</p><p>Der Elf wich einem weiteren Axthieb aus, parierte ein Schwert und stach einem der Angreifer �ber den Schildrand hinweg in die Schulter. In weitem Kreis hatten ihn nun Krieger umringt.</p><p>�Nun, wer ist der Erste von euch, wenn es ans Sterben geht?�, fragte Farodin herausfordernd.</p><p>Der h�nenhafte Hauptmann hatte sich inzwischen einen Helm aufgesetzt und einen Schild um den Arm geschnallt. �Holen wir ihn uns!� Er hob eine doppelk�pfige Axt und st�rmte los.</p><p>Von allen Seiten griffen sie Farodin an. Der Elfenkrieger ging in die Hocke, um den w�tenden Hieben auszuweichen. Sein Schwert beschrieb einen flachen Kreis. Wie ein hei�es Messer durch Wachs, so schnitt seine Klinge durch die Beine derjenigen, die ihm zu nahe kamen.</p><p>Etwas streifte Farodins linken Arm. Warmes Blut tr�nkte sein Hemd. Mit t�dlicher Ruhe fing er einen Axthieb ab, der nach seiner Brust zielte. Sein Schwert zersplitterte den h�lzernen Schaft der Waffe. Die Menschen bewegten sich unbeholfen. Farodin hatte es schon oft bei Mandred beobachtet. Sie waren mutig und stark, doch im Vergleich zu einem Elfen, der sich Jahrhunderte im Schwertkampf ge�bt hatte, waren sie wie Kinder. Und doch konnte es am Ausgang des Kampfes schwerlich einen Zweifel geben. Sie waren einfach zu viele.</p><p>Wie ein T�nzer bewegte sich Farodin durch die Reihen der Gegner, tauchte unter Hieben weg oder lie� sie von seiner Klinge abgleiten, um sofort mit einem Gegenschlag zu reagieren.</p><p>Pl�tzlich stand er dem blonden Anf�hrer gegen�ber.</p><p>�Aus deinen Ohren werde ich mir eine Halskette machen�, zischte der Mann. Er griff mit einem wuchtigen Hieb an, der auf Farodins Schwertarm zielte, wechselte dann aber mitten im Schlag die Angriffsrichtung.</p><p>Mit einem t�nzelnden Schritt wich Farodin aus und trat dem H�nen dann voller Kraft unter die Schildkante. Mit einem �blen Knirschen schlug die eisenverst�rkte Oberkante des Schildes unter das Kinn seines Angreifers. Der H�ne biss sich die Unterlippe durch und spuckte Blut.</p><p>Farodin vollf�hrte eine Drehung und versetzte dem Schild einen weiteren Tritt, der diesen zur Seite stie�. Mit der flachen Seite des Schwertes traf er den Hauptmann mitten ins Gesicht.</p><p>Der H�ne strauchelte. Farodin fing ihn auf, riss ihm den Helm vom Kopf und setzte ihm die Klinge an den Hals.��H�rt auf zu k�mpfen, oder euer Anf�hrer stirbt!�, rief der Elf mit schallender Stimme.</p><p>Die Krieger wichen zur�ck. Unheimliche Stille senkte sich �ber den Platz, unterbrochen allein vom leisen St�hnen der Verwundeten.</p><p>Nuramon trat aus dem Haus des Priesters. Sein ledernes Jagdhemd war blutverschmiert.</p><p>�Wir ziehen uns in den Tempel zur�ck!�, rief Farodin ihm zu.</p><p>�Ihr kommt niemals lebend aus Aniscans�, sagte der Hauptmann der Menschen drohend und laut genug, dass seine M�nner ihn h�ren konnten.��Die Br�cke ist besetzt. Alle Stra�en sind versperrt. Wir waren darauf vorbereitet, dass der Heiler Schwierigkeiten macht. Gib auf, und ich verspreche dir einen schnellen Tod.�</p><p>�Wir sind Elfen�, entgegnete Farodin k�hl. �Glaubst du wirklich, du k�nntest uns aufhalten?� Er winkte Nuramon zu, und sein Gef�hrte zog sich mit zwei Priestern zum Tor des Tempels zur�ck.</p><p>Guillaume war leichenblass. W�hrend der K�mpfe hatte er einfach nur dagestanden und zugesehen. Offenbar war er v�llig unf�hig, jemandem ein Leid zuzuf�gen.</p><p>�Du blutest, Elf�, sagte der blonde Krieger. �Du bist aus Fleisch und Blut, so wie ich. Und du kannst sterben, so wie ich. Bevor die Sonne untergeht, werde ich Wein aus deiner Hirnschale trinken.�</p><p>�F�r einen Mann mit einem Schwert an der Kehle blickst du bemerkenswert zuversichtlich in die Zukunft.� Farodin ging langsam r�ckw�rts in Richtung des hohen Tempelportals.</p><p>Die Armbrustsch�tzen rings herum luden ihre Waffen nach.</p><p>Farodin dachte an Mandred und die �brigen Gef�hrten, die er auf dem Weinberg zur�ckgelassen hatte. W�rden sie kommen? Sie mussten gesehen haben, wie der Tempel angegriffen wurde.</p><p>Schnell stie� er seinen Gefangenen zu Boden und sprang durch das Tor des Tempels. Armbrustbolzen sirrten an ihm vorbei. Nuramon schlug die schwere Eichent�r zu und legte den Torbalken vor. Farodin betrachtete besorgt Nuramons blutverschmiertes Hemd. �Wie schlimm ist es?�</p><p>Der Elf blickte an sich hinab.��Ich glaube, das ist eher Menschenblut als mein eigenes.�</p><p>Es war dunkel und k�hl im Tempel. Massige Holzs�ulen strebten der Decke entgegen, die von starken Balken getragen wurde. Der ganze Tempel bestand aus einem hohen Raum. Es gab keine M�belst�cke und kein Podest, auf dem ein Redner stehen konnte. Der einzige Schmuck war ein Menhir, ein fast drei Schritt hoher Stein, in den gewundene Schriftzeichen eingeritzt waren. Die W�nde waren wei� get�ncht und wurden von zwei Galerien gegliedert, die jeweils ganz um die Innenw�nde des Tempelsaals liefen. Noch �ber den Galerien lagen hohe Fenster, durch die blasses Morgenlicht schimmerte. In Nischen entlang der W�nde brannten �ll�mpchen, und rings um den Menhir waren kupferne R�ucherpfannen aufgestellt, von denen blasser Rauch aufstieg.</p><p>Der ganze Bau erinnerte Farodin mehr an einen Festungsturm als an einen Tempel. Was f�r ein Gott mochte Tjured wohl sein? Ein Krieger war er jedenfalls nicht, so hilflos, wie sich seine Diener geb�rdeten. Die beiden Priester knieten vor dem Menhir in der Mitte der runden Tempelhalle. Unterw�rfig beteten sie zu ihrem Gott und dankten ihm f�r ihre Rettung.</p><p>�Guillaume?�, rief Nuramon, der noch immer bei der Fl�gelt�r stand.��Wo bist du?�</p><p>Der Heiler trat hinter einer S�ule hervor. Er wirkte ungew�hnlich ruhig, ja fast entr�ckt. �Du h�ttest mich ihnen �berlassen sollen. Nach dem Blutbad auf dem Tempelplatz werden sie erst ruhen, wenn wir alle tot sind.�</p><p>�Kann es sein, dass du deinen Tod herbeisehnst?�, fragte Farodin aufgebracht.</p><p>�Hat man nicht auch euch geschickt, um mich zu t�ten? Welchen Sinn macht es, darum zu k�mpfen, wem das Vorrecht zukommt, mein Henker zu sein?�</p><p>Farodin machte eine wegwerfende Geste. �Wer im Kampf �ber den Tod sinniert, den wird das Leben verlassen. Mach dich lieber n�tzlich. Bring uns zum Hinterausgang. Vielleicht k�nnen wir dort unbemerkt hinausschl�pfen.�</p><p>Guillaume breitete hilflos die H�nde aus.��Dies ist ein Tempel und keine Festung. Es gibt keinen Hinterausgang, keine verborgenen Tunnel oder Geheimt�ren.�</p><p>Farodin sah sich ungl�ubig um. Neben dem Portal strebte eine Wendeltreppe hinauf zu den beiden Galerien. Dicht unter dem Dachgeb�lk war das Mauerwerk von hohen Bogenfenstern aus buntem Glas durchbrochen. Sie zeigten Bilder von Priestern in den nachtblauen Kutten des Tjuredkultes. Verwirrt betrachtete der Elf die Fenster. Eines der Glasbilder zeigte einen Priester, der in einen Kessel auf einem Feuer gest�rzt wurde. Auf einem anderen Bild hackte man einem Priester Arme und Beine ab, auf einem dritten wurde ein Mann in nachtblauer Kutte von Wilden in Tierh�uten auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Fast alle Glasfenster zeigten solche Mordszenen. Jetzt verstand Farodin, warum Guillaume so gelassen blieb. Ein schreckliches Ende zu nehmen war offenbar die h�chste Erf�llung eines Tjuredpriesters.</p><p>Ein Donnerschlag riss den Elfen aus seinen Gedanken. Feiner Staub rieselte aus den Ritzen des Tempelportals. Ein weiterer Donnerschlag folgte. Die schweren Torfl�gel knirschten in ihren Angeln. Farodin fluchte leise. Offensichtlich hatten die Wachen des K�nigs etwas gefunden, was sich als Rammbock verwenden lie�.</p><p>�H�rt auf zu beten und tut etwas N�tzliches�, herrschte der Elf die beiden Priester an, die vor dem Menhir knieten.��Holt alle �ll�mpchen aus den Nischen. Nuramon, sieh dich um, ob du eine Fackel findest. Und dann macht, dass ihr auf die oberste Galerie kommt. Ich werde euch aus dieser Falle wieder herausbringen.�</p><p>Knirschend riss eines der dicken Eichenbretter des Portals. Lange w�rde das Tor nicht mehr halten.</p><p>Unbarmherzig trieb Farodin die Priester zur Eile an. W�hrend sie die Wendeltreppe hinaufstiegen, mussten sie ihre langen Kutten wie Frauenr�cke raffen, um nicht zu stolpern. Von der zweiten Galerie aus konnte man die Fenster des Tempels erreichen. Wegen der St�rke der Tempelmauern lagen sie in tiefen Nischen. Wenn er die Arme ausstreckte, konnte Farodin gerade bis zur Unterkante der Fensternische greifen. Mit einem Ruck zog er sich hoch und stand vor dem Glasbild eines Priesters, dessen zerschmetterte Gliedma�en durch die Speichen eines Rades geflochten wurden. Die Gesichter der Folterknechte wirkten maskenhaft; auch hatte der K�nstler nicht bedacht, wie die Farben des bunten Glases mit dem Morgenlicht harmonieren w�rden. Es war ein minderwertiges Kunstwerk, wie es selbst ein Unbegabter in ein bis zwei Jahren halbwegs ehrgeiziger Arbeit erschaffen konnte. Einem Vergleich mit den Glasfenstern in Emerelles Burg, die aus tausenden Glasfragmenten zusammengef�gt waren, konnte dieses Machwerk nicht standhalten. An jenen Fenstern hatten die begabtesten K�nstler Albenmarks Jahrzehnte gearbeitet, um ein vollkommenes Wechselspiel von Licht und Glas zu jeder Tagesstunde zu erreichen.</p><p>Farodin zog sein Schwert und schlug dem gl�sernen Priester in sein schmerzverzerrtes Antlitz. Klirrend zerbrachen die Scheiben. Mit wenigen Hieben entfernte der Elf die Bleifassungen der Glasfragmente, sodass man durch die Fensternische treten und die Angreifer auf dem Tempelplatz beobachten konnte.</p><p>Auf der Galerie h�rte Farodin die Priester lamentieren. Deutlich war die Stimme Guillaumes zu vernehmen.��Bei Tjured, er hat ein Bildnis des heiligen Romuald zerst�rt. Wir sind verloren!�</p><p>Farodin trat ein St�ck in die Nische zur�ck, damit man ihn vom Platz aus nicht entdecken konnte. Der Tempelturm war von einem h�lzernen Ger�st umgeben. Kaum mehr als einen Schritt unterhalb des Fensters lag eine schmale Plattform f�r die Steinmetzen, die an der Fassade arbeiteten. Von dort konnte man weiter �ber das Ger�st klettern. Misstrauisch musterte Farodin die h�lzernen Pfeiler und Streben. Alles erschien ihm unfertig.</p><p>Seitlich des Tempelturms lag ein Pilgerhaus. Seine Fassade war durch Nischen untergliedert, in denen Statuen von Heiligen standen. Es war pr�chtiger geschm�ckt als der Turm, in dem die Menschen zu ihrem Gott Tjured beteten. Mit etwas Wagemut konnte man vom Ger�st auf das Dach springen. Von dort mochte man auf andere D�cher gelangen und den H�schern des K�nigs entkommen.</p><p>Farodin kletterte durch das Fenster zur�ck. Die Priester erwarteten ihn mit verschlossenen Mienen. Hilflos zuckte Nuramon mit den Schultern.��Ich verstehe sie nicht.�</p><p>�Was ist daran so schwer zu verstehen?�, fragte ein junger rothaariger Priester. �Ihr habt ein Bildnis des heiligen Romuald zerst�rt. Er war ein j�hzorniger Mann, der erst sp�t seinen Weg zu Tjured fand und den die Heiden in den W�ldern von Drusna ermordeten. Er hat alle verflucht, die die Hand gegen ihn erhoben haben. Binnen Jahresfrist waren seine M�rder tot. Die Heiden waren davon so beeindruckt, dass sie zu tausenden den Glauben an Tjured annahmen. Sein Fluch wirkt noch bis auf den heutigen Tag weiter, sagt man. Wer eines seiner Bildnisse sch�ndet, der muss mit dem Schlimmsten rechnen. Selbst als Heiliger ist Romuald ein zorniger Mann geblieben.�</p><p>Farodin traute seinen Ohren nicht. Wie konnte man nur solchen Unsinn glauben? �Ihr habt nichts getan. Romualds Fluch wird allein mich treffen. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, wir��� Krachend zerbarst das Tempelportal.</p><p>�Nuramon, geh voraus. F�hre die Priester. Wir m�ssen einzeln �ber das Bauger�st klettern und dann zum Nachbarhaus hin�ber. So fallen wir weniger auf. Und wir sollten das Ger�st nicht mit zu viel Gewicht belasten.�</p><p>Unten aus der Tempelhalle erklangen die Rufe der Krieger.</p><p>�Gie�t das �l der Lampen �ber das Ger�st, wenn ihr flieht.�</p><p>�Warum ich?�, fragte Nuramon.��Du kennst den Weg��</p><p>�Und ich bin der bessere Schwertk�mpfer.�</p><p>Nuramon sah ihn beleidigt an.</p><p>�Geh schon! Ich werde sie aufhalten.�</p><p>Auf der Wendeltreppe waren schwere Schritte zu h�ren. Farodin griff nach den Lampen und warf sie die Stufen hinab. Dann riss er einen �rmel von seinem Hemd und tr�nkte ihn mit �l. Am Docht einer Lampe entz�ndete er den Stoff. Das �l war von minderer Qualit�t. Es fing schwer Feuer, und dicker, schwarzer Qualm stieg auf, als es endlich brannte. Der Elf warf den �rmel die Treppe hinab und beobachtete, wie die Flammen �ber das vergossene �l leckten. Schnell verzehrte das Feuer den Stoff�� und verlosch.</p><p>Fassungslos starrte Farodin die Stufen hinab. Das �l war von allzu schlechter Qualit�t gewesen! Der erste Krieger kam um die Wende der Treppe in Sicht. �ngstlich duckte er sich hinter seinen Schild. Der Anblick des Elfen lie� ihn z�gern. Dann wurde er von nachfolgenden K�mpfern weitergeschoben.</p><p>Farodin streckte sich und lockerte seine Muskeln. Er war entschlossen, den Menschen einen guten Kampf zu liefern.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er, wie eine Gruppe Sch�tzen unten in der Halle anlegte. Ihre Salve war schlecht gezielt. Armbrustbolzen schlugen in die h�lzerne Verkleidung der Galerie; klirrend zerbrach eines der gro�en Fenster.</p><p>Angefeuert von den zornigen Rufen seiner Kameraden, machte der Schildtr�ger einen weiten Satz nach vorn und rutschte auf den �lverschmierten Stufen aus. Schwer schlug er auf die Steintreppe und riss etliche seiner Kameraden mit sich.</p><p>�Komm!� Guillaume stand in der Fensternische und winkte Farodin zu. �Die anderen sind schon auf dem Dach.�</p><p>Der Elf schob sein Schwert in die Scheide zur�ck. Guillaume packte seinen Arm und zog ihn hoch zur Fensternische. Der Priester war trotz seines schlanken K�rperbaus erstaunlich stark. Mit nur einer Hand hatte er Farodin hinaufgeholfen. War diese Kraft ein Erbe seines Vaters?</p><p>Ein Armbrustbolzen schlug knirschend in die gew�lbte Decke der Fensternische. Vom Platz vor dem Tempel war die Stimme des Anf�hrers der Krieger zu h�ren. Er hatte ihren Fluchtweg entdeckt.</p><p>�Geh du zuerst!�, sagte Farodin.</p><p>Der Priester z�gerte.</p><p>�Worauf wartest du?�</p><p>�Ich � Ich habe Angst � vor der H�he. Wenn ich nach unten blicke, dann bin ich wie gel�hmt. Ich � Ich kann nicht. Lass mich zur�ck!�</p><p>Farodin packte Guillaume grob beim Arm. �Dann gehen wir zusammen!� Er zerrte ihn zum Rand der Nische. Gemeinsam sprangen sie auf die h�lzerne Plattform unter dem Fenster. Das Ger�st erzitterte unter ihrem Aufprall. Mit klopfendem Herzen dr�ckte sich Farodin gegen die Steinwand.</p><p>Ein dumpfer Schlag ert�nte, und wieder erbebte das ganze Ger�st. Irgendwo unter ihnen l�ste sich eine h�lzerne Strebe und st�rzte polternd in die Tiefe.</p><p>Als das Ger�st ein drittes Mal erzitterte, beugte sich Farodin �ber den Rand und sah mit Entsetzen, was geschah. Unten beim Portal hatte eine Gruppe Krieger einen schweren Balken gepackt und rammte ihn immer wieder gegen die Tragestreben des Ger�sts. Diese Narren schienen nicht daran zu denken, dass sie selbst unter Tr�mmern begraben w�rden, wenn das mehr als zwanzig Schritt hohe Bauger�st in sich zusammenst�rzte!</p><p>Irgendetwas unter ihnen zersplitterte. Es gab einen Ruck; eine der Bauplattformen neigte sich und st�rzte in die Tiefe, wobei sie etliche St�tzstreben zerschlug.</p><p>Farodin f�hlte, wie sich sein Magen schmerzhaft zusammenzog. Nur noch wenige Herzschl�ge, und das ganze Ger�st mochte in sich zusammenbrechen.</p><p>�Vorsicht!�, gellte die Stimme des Priesters.</p><p>Der Elf schnellte herum. Im selben Moment landete der Krieger, der zuvor die Treppenstufen hinabgerutscht war, auf dem Baupodest. Ein splitterndes Ger�usch begleitete den Aufprall des schweren Mannes. In blitzendem Bogen schoss seine Axt nach vorn.</p><p>Farodin lie� sich fallen, um dem Hieb auszuweichen. Er wollte einen Fu� hinter die Ferse des Angreifers haken, als die Arbeitsplattform nachgab. Im Reflex klammerte sich der Elf an einen Holzpfeiler, w�hrend sein Gegner mit rudernden Armen in die Tiefe st�rzte. F�r den Moment schien es, als h�tte die schwere Holzplattform noch einmal ein labiles Gleichgewicht gefunden. In steilem Winkel zeigte sie abw�rts.</p><p>Farodins Herz raste wie eine Trommel. Sie mussten fort von dem Ger�st. Wie um den Gedanken zu unterstreichen, schlug ein Armbrustbolzen nur eine Handbreit neben seinem Kopf ins Holz.</p><p>Der Priester hatte sich auf ein schmales Brett gerettet, das zu einer Leiter f�hrte, von der aus man zur n�chsten Ebene des Ger�sts hinabsteigen konnte. Guillaume hatte die Arme um die Knie geschlungen und dr�ckte sich so gut wie m�glich gegen die Wand des Turms. Nuramon und die beiden Tjuredpriester lagen auf dem Dach des Pilgerhauses, um den Armbrustsch�tzen auf dem Tempelplatz kein Ziel zu bieten. Farodin konnte sehen, wie der Hauptmann der Leibwachen kleine Trupps seiner M�nner aussandte, um das Haus zu umstellen. Der Fluchtversuch war gescheitert!</p><p>Krachend schlug unten am Ger�st der Rammbock gegen die Holzpfeiler. Ein Kreischen und Knirschen lief durch die fragile Holzkonstruktion. Die Plattform neben Farodin neigte sich. Beklommen blickte der Elf hinab. Wie ein riesiges Axtblatt w�rde sie etliche Querstreben durchschlagen, sobald sie sich l�ste.</p><p>Farodin hangelte sich an einem Balken entlang zu dem Brett, auf dem Guillaume kauerte. Der Priester hatte die Augen geschlossen und betete leise.</p><p>�Wir m�ssen hier fort�, rief Farodin.��Hier wird jeden Augenblick alles zusammenbrechen.�</p><p>�Ich kann nicht�, st�hnte Guillaume. �Ich kann mich keinen Zoll mehr bewegen. Ich��� Er schluchzte.��Meine Angst ist st�rker als ich.�</p><p>�Du hast Angst zu st�rzen? Wenn du dich nicht bewegst, dann sterben wir beide!� Wie um Farodins Worte zu unterstreichen, ging ein neuerlicher Ruck durch das Ger�st. Die besch�digte Plattform schwang hin und her. Pl�tzlich gab es einen scharfen Knall. Die letzte Halterung hatte unter dem Gewicht nachgegeben, und die Plattform st�rzte in die Tiefe.</p><p>Farodin packte den Priester und schob ihn nach vorne. Wie ein riesiges Beil durchschlug die Arbeitsplattform Rundh�lzer und Streben. Ein ganzer Abschnitt des Ger�stes l�ste sich vom Hauptk�rper und neigte sich langsam in Richtung der Eiche auf dem Tempelplatz.</p><p>Die Panik hatte Farodin ungeahnte Kr�fte verliehen. Er riss den Priester hoch und trug ihn auf den Armen, wie ein gro�es Kind. �ngstlich klammerte sich Guillaume an ihn. Der Elf konnte kaum noch sehen, wohin er trat.</p><p>Alles am Ger�st schien nun in Bewegung zu geraten. Die Planke, auf der er lief, zitterte immer st�rker. Mit Schrecken sah Farodin, wie Halteklammern aus der Mauer des Tempels brachen. Sie w�rden es nicht mehr die Leiter hinab bis zu der Plattform schaffen, von der aus man mit einem kleinen Sprung auf das Dach des G�stehauses gelangte. Sie mussten einen Absprung aus gr��erer H�he wagen!</p><p>Farodin rannte, wie er selten in seinem Leben gerannt war. Streben und splitternde Kanth�lzer hagelten von oben auf sie herab. Das Ger�st schwang hin und her wie ein Betrunkener. Der Elf wusste, dass er zusammen mit Guillaume zu schwer war, um den weiten Sprung zu schaffen. Wie ein Ertrinkender, der in seiner Angst seinen Retter mit in die Tiefe zieht, klammerte sich der Priester an den Elfen.</p><p>Ohne Vorwarnung sackte die Planke durch, auf der sie liefen. Zwei Schritte noch, und sie h�tten den Absprungpunkt erreicht � Im Fallen griff Farodin nach einem Haltetau, das um einen St�tzbalken geschlungen war, der sich ebenfalls schon in die Tiefe neigte.</p><p>Etwas Schweres traf Farodin in den R�cken, wie der Fausthieb eines Trolls. Er sp�rte mehrere Rippen brechen. Das Halteseil war in Richtung des Pilgerhauses geschwungen und pendelte nun zur�ck.</p><p>Halb bewusstlos l�ste Farodin seinen Griff. Guillaume stie� einen gellenden Schrei aus, als sie fielen. Sie schlugen hart auf das Dach. Schindeln zersplitterten unter dem Aufprall. Farodin wurde herumgerissen. Haltlos rollte er die Schr�ge hinab. Seine H�nde tasteten hilflos �ber die glatten Schindeln, dann rutschte er �ber die Kante des Daches. Mit der Linken erwischte er gerade noch einen hervorstehenden Balken. Sein K�rper schwang herum und schlug hart gegen die Mauer des Hauses.</p><p>�Dort ist einer�, rief jemand unter ihm.</p><p>Farodin hielt sich nun mit beiden H�nden am Balken fest, doch seine Kr�fte reichten nicht mehr, sich hochzuziehen. Armbrustbolzen schlugen neben ihm ein.</p><p>Mit ohrenbet�ubendem Get�se brach das Ger�st am Tempel in sich zusammen. Staub wallte �ber den Platz.</p><p>Ein Schlag traf Farodins rechten Oberschenkel. Der Elf schrie vor Schmerz. Ein Geschoss hatte sein Bein durchschlagen und steckte blutverschmiert in der Hauswand.</p><p>Langsam glitten Farodins Finger vom Balkenende. Sein Wille war gebrochen. Er konnte nicht mehr k�mpfen.</p><p>�Nimm meine Hand.�</p><p>Farodin blickte in angstweite, himmelblaue Augen. Guillaume war an den Rand des Daches gerobbt und streckte ihm die Hand hin.</p><p>�Ich kann nicht mehr���</p><p>�Tjured, verbanne meine Angst�, murmelte der Priester. Blanker Schwei� stand ihm auf dem Gesicht, als er sich ein kleines St�ck weiter vorschob und nach Farodins Handgelenk griff. Mit einem Ruck, der ihm fast den Arm auskugelte, war der Elf auf das Dach gezogen.</p><p>Farodin atmete hechelnd. Ihm war kalt. Die Wunde in seinem Oberschenkel blutete stark.</p><p>Guillaume, der sich mit einem Fu� zwischen den Dachsparren eingehakt hatte, um Halt zu finden, richtete sich halb auf. Besorgt blickte er auf die Wunde. �Ich werde dein Bein abbinden. Sonst wirst du���</p><p>Ein letzter Lebensfunke glomm in Farodin auf. Erschrocken robbte er ein St�ck vom Priester fort.��R�hr mich nicht an. Du�� Versuch nicht, mich���</p><p>Guillaume l�chelte m�de.��Abbinden. Ich sprach nicht von heilen. Ich m�chte doch��� Er hustete. Blut rann von seinen Lippen. Der Priester tastete nach seinem Mund und starrte auf die blutbesudelten Finger. Ein dunkler Fleck breitete sich rasch auf seiner Kutte aus. Ein Armbrustbolzen hatte ihn dicht unter dem Rippenbogen getroffen und seinen Leib durchschlagen.</p><p>Pl�tzlich kippte Guillaume wie ein gef�llter Baum. Farodin versuchte ihn zu greifen, doch das alles ging zu schnell. Der Priester st�rzte �ber die Dachkante. Farodin konnte h�ren, wie Noroelles Sohn auf dem Pflaster des Tempelplatzes aufschlug.</p></section><section><title><p>Die vermauerten Fenster</p></title><p>Das Get�se des einst�rzenden Ger�sts war bis zum Weinberg hinauf zu h�ren. Mandred kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen das helle Morgenlicht. Die fremden Krieger h�ngten etwas an die Eiche vor dem Tempelplatz. Die Entfernung war zu gro�, um genauer zu sehen, was dort vor sich ging.</p><p>�Wir m�ssen in die Stadt�, sagte Mandred mit Nachdruck.</p><p>�Nein!�, wiederholte Ollowain zum dritten Mal. �Wissen wir, was dort vor sich geht? Wahrscheinlich haben sich Nuramon und Farodin irgendwo versteckt und warten, bis diese Mordbrenner verschwinden.�</p><p>�_Wahrscheinlich_ ist mir nicht genug!� Mandred schwang sich in den Sattel. �Anscheinend hat das Wort _Freund_ in der Sprache der Elfen eine andere Bedeutung als bei uns Menschen�, f�gte er hinzu. �Ich jedenfalls werde nicht l�nger tatenlos hier herumsitzen. Was ist mit euch?� Er blickte zu Oleif und den beiden K�mpferinnen. Von den Elfenfrauen erwartete er nicht viel. Sie waren ganz auf Ollowain eingeschworen. Aber sein Sohn � Drei Jahre waren sie nun miteinander geritten. Hatte er ihm in all der Zeit nicht wenigstens ein Gef�hl f�r Ehre beibringen k�nnen? Nat�rlich wusste Mandred, dass er allein nichts ausrichten konnte, ja, dass sie selbst zu f�nft kaum gegen die �bermacht bestehen w�rden. Doch einfach hier zu warten und zu hoffen, dass ihre Freunde noch mal davonkamen, das war nicht die Art, wie sich ein Mann verhalten sollte.</p><p>Oleif blickte fragend zu Ollowain. Sein Sohn schien �berrascht vom Verhalten des Schwertmeisters.</p><p>�Ihr habt alle gesehen, dass nahezu hundert Mann im Morgengrauen �ber die Br�cke geritten sind�, sagte Ollowain.</p><p>Mandred strich �ber den Schaft der Axt, die von seinem Sattelhorn hing. �Das verspricht ein spannender Kampf zu werden. So wie ich das sehe, herrschen beinahe ausgeglichene Verh�ltnisse.� Er zog die Z�gel herum und lenkte sein Pferd auf den schmalen Pfad, der den Weinberg hinab zum Tal f�hrte.</p><p>Als er die Stra�e zur Stadt erreichte, h�rte er hinter sich Hufschlag. Er drehte sich nicht um, doch Stolz erf�llte sein Herz. Dieses eine Mal hatte Oleif nicht wie ein Elf gehandelt.</p><p>Stumm ritten sie nebeneinander. Ihr Schweigen sagte mehr, als Worte es vermocht h�tten.</p><p>An der Br�cke hatten f�nf Krieger Posten bezogen. Mandred sah, wie einer der M�nner eine Armbrust spannte. Ein bulliger Kerl mit rasiertem Sch�del verstellte ihnen den Weg. Er zielte mit der Spitze eines Speers auf Mandreds Brust.</p><p>�Im Namen des K�nigs, kehrt um. Diese Br�cke ist gesperrt.�</p><p>Mandred l�chelte gewinnend und beugte sich vor. Seine Rechte glitt in die Lederschlaufe, mit der die Axt am Sattel aufgeh�ngt war. �Dringende Gesch�fte f�hren mich nach Aniscans. Mach bitte den Weg frei, mein Freund.�</p><p>�Verschwinde hier, oder ich schlitz dir den Bauch auf und h�ng dich an deinen eigenen Ged�rmen in den n�chsten Baum.� Der Speer des W�chters zuckte vor und war nur noch wenige Fingerbreit von Mandreds Kehle entfernt.</p><p>Mandreds Axt schnellte hoch und zersplitterte den Schaft der Waffe. Ein R�ckhandhieb zerschmetterte dem W�chter den Sch�del.</p><p>Der Jarl duckte sich tief �ber den Nacken des Pferdes, um f�r den Armbrustsch�tzen ein schlechteres Ziel zu bieten. Oleif war aus dem Sattel gesprungen und w�tete unter den �berraschten W�chtern. Er unterlief ihre Speere und lie� sein Langschwert in t�dlichen Kreisen wirbeln. Weder Schilde noch Kettenhemden vermochten dem Elfenstahl zu widerstehen. Es dauerte nur Augenblicke, und die f�nf Krieger lagen am Boden.</p><p>Die Br�cke war jetzt frei. Anscheinend waren sie vom anderen Ufer nicht beobachtet worden. Mandred schwang sich aus dem Sattel und kniete neben dem Armbrustsch�tzen nieder. Der Mann war nicht mehr bei Bewusstsein. Ein Pferdetritt hatte sein Gesicht in eine blutige Masse verwandelt. Mandred zog ein Messer aus seinem G�rtel und schnitt ihm die Kehle durch. Dann durchsuchte er den Toten. Er fand eine d�nne Lederb�rse mit ein paar Kupferst�cken und einem dunkel angelaufenen Silberring.</p><p>�Das ist nicht wahr, Vater!�</p><p>Mandred blickte kurz zu seinem Sohn auf und ging dann zu dem Kahlkopf, der damit gedroht hatte, ihn an den Ged�rmen aufzuh�ngen. �St�rt dich etwas?�, fragte Mandred und tastete die Kleider des korpulenten Mannes nach versteckten M�nzen ab.</p><p>�Du bestiehlst Tote! Das ist   � widerlich! Unmoralisch!�</p><p>Mandred drehte den Anf�hrer der Wachen zur Seite. Er hatte gro�e, fleischige Ohren und trug einen einzelnen Ohrring mit einer h�bschen Perle. Mit einem Ruck riss der Jarl den Ohrring ab. �Unmoralisch?� Er hielt die Perle gegen das Licht. Sie war so gro� wie eine Erbse und schimmerte rosa. �Unmoralisch w�re es vielleicht, Lebende zu bestehlen. Denen hier tut es nicht mehr weh, wenn ich sie um ihre Barschaft erleichtere. Wenn ich es nicht t�te, dann w�rden es ihre eigenen Kameraden tun.�</p><p>�Sprich nicht von Kameraden! Im Augenblick scheint es dir ja herzlich egal zu sein, ob deine so genannten Freunde um ihr Leben k�mpfen. Ollowain hatte Recht!�</p><p>Mandred ging zum n�chsten Toten.��W�rdest du das andere Ufer im Auge behalten, w�hrend du predigst, Sohn? Du w�rdest dich sicher gut mit Guillaume verstehen. Und womit hatte Ollowain Recht?�</p><p>�Er sagte, du w�rst wie ein Tier, das allein nach seinen Instinkten handelt. Weder gut noch b�se � Einfach primitiv!�</p><p>Einer der toten Speertr�ger trug einen Silberring mit einem gro�en T�rkis. Mandred zog am Ring, doch er sa� fest. �Du beh�ltst das andere Ufer im Auge�, war alles, was er sagte. Mandred spuckte auf die Hand des Toten und verrieb Speichel, damit der Ring besser �ber den Finger gleiten konnte, doch es half nicht. Entnervt zog er seinen Dolch.</p><p>�Das tust du jetzt nicht, Vater.�</p><p>Mandred setzte die Dolchspitze auf den Ansatz des Fingergelenks und schlug mit dem Handballen auf den Knauf der Waffe. Mit leisem Knirschen durchtrennte der Stahl den d�nnen Knochen. Der Jarl nahm den Finger, streifte den Ring ab und steckte ihn zu der �brigen Beute in einen Lederbeutel.</p><p>�Du bist schlimmer als ein Tier!�</p><p>Der Krieger richtete sich auf.��Was du �ber mich und Tiere denkst, ist mir gleich. Aber behaupte nie wieder, mir w�ren meine Freunde egal.�</p><p>�Ach so, ich verstehe. Es ist die reine R�cksichtnahme, dass wir hier verharren, w�hrend sie k�mpfen. Du willst ihnen nicht den Spa� verderben.�</p><p>Mandred schwang sich in den Sattel. �Du begreifst wirklich nicht, was wir hier tun, oder?�</p><p>�Doch, doch. Das war schon recht offensichtlich. Du f�llst dir deinen Geldbeutel�� Wahrscheinlich, damit du dich in der n�chsten Stadt besaufen und rumhuren kannst. Hat Freya dich vielleicht auch deswegen verflucht?�</p><p>Mandred versetzte Oleif eine schallende Ohrfeige. �Nenn deine Mutter und Huren nie wieder in einem Atemzug.�</p><p>Der junge Krieger schwankte im Sattel, ganz benommen von der Wucht des �berraschenden Schlags. Rote Striemen malten sich auf seiner Wange ab.</p><p>�Und jetzt h�r mir zu, statt zu schwatzen, und lern etwas.� Mandred sprach leise und �berbetont. Er durfte sich nicht vergessen! Am liebsten h�tte er diesem Klugschei�er von Sohn eine ordentliche Tracht Pr�gel verpasst. Was hatten die Elfen nur aus seinem Jungen gemacht! �Die meisten menschlichen Krieger haben Angst vor dem Kampf. Sie reden gro� daher, aber wenn es so weit ist, dann sitzt ihnen allen die Angst im Ged�rm. Ich selbst habe Angst davor, dass in den H�usern am anderen Ufer Armbrustsch�tzen lauern und uns niederschie�en, wenn wir �ber die Br�cke kommen. Wenn sie dort postiert sind, dann warten sie, bis wir auf eine Entfernung herankommen, auf die sie uns nicht mehr verfehlen k�nnen. Ich bin abgesessen und habe meine B�rse gef�llt, um ihnen ein bisschen Zeit mit ihrer Angst zu lassen. Denn sie f�rchten uns genauso. Sie haben Angst, uns zu verfehlen, und davor, dass wir in den H�usern sind, bevor sie nachgeladen haben. Je l�nger sie uns sehen und warten m�ssen, desto gr��er wird die Wahrscheinlichkeit, dass einer die Nerven verliert und schie�t. Dann wissen wir zumindest, was uns erwartet.�</p><p>Einige Herzschl�ge lang herrschte angespanntes Schweigen zwischen Vater und Sohn. Man h�rte nur das Schaben des Treibholzes, das sich an den massigen Br�ckenpfeilern entlangschob.</p><p>Oleif blickte zu den H�usern am anderen Ufer. �Du hast Recht. Wenn wir blindlings in eine Falle reiten, sind wir keine Hilfe f�r Nuramon und Farodin. Nichts regt sich dr�ben. Glaubst du, wir k�nnen die Br�cke in Sicherheit �berqueren?�</p><p>Mandred sch�ttelte den Kopf. �Krieg und Sicherheit sind zwei Dinge, die nicht zusammengehen. Allerdings bin ich mir jetzt sicher, dass dort dr�ben keine gew�hnlichen Krieger auf uns lauern. Von denen h�tte l�ngst einer geschossen. Aber wenn uns statt Gr�nschn�beln ein paar ausgebuffte alte Hurenb�cke erwarten, Veteranen, die schon in vielen Schlachten gek�mpft haben, dann kennen sie dieses Spiel und warten in aller Seelenruhe ab.�</p><p>Mandred beugte sich tief �ber den Hals seiner Stute und gab ihr die Sporen. �Wir sehen uns am anderen Ufer!�</p><p>Sie jagten in gestrecktem Galopp �ber die lange Br�cke.</p><p>Misstrauisch beobachtete Mandred die H�user, doch kein Pfeilhagel empfing sie, als sie die Br�cke verlie�en. Die f�nf Krieger schienen die einzigen Wachen auf dieser Seite der Stadt gewesen zu sein.</p><p>Mandred und Oleif z�gelten ihre Pferde. Vor ihnen lag eine breite, gewundene Stra�e, die zum Markt und von dort weiter hinauf zum Tempelplatz auf dem H�gel f�hrte. Aniscans war wie ausgestorben. Niemand wagte sich auf die Gassen. Langsam ritten sie weiter. �ngstliche Augen folgten ihnen hinter halb verschlossenen Fensterl�den. Vom H�gel herab ert�nte Geschrei. Man h�rte den hellen Klang von Schwertern.</p><p>�Wenn ich hier das Kommando h�tte, w�rde ich uns in die Stadt hineinlassen und dann die Gassen absperren�, erkl�rte Oleif.</p><p>Mandred nickte.��Wie es scheint, haben die Elfen dir ja doch etwas mehr beigebracht, als schlau daherzureden oder ein Liedchen zu tr�llern. Lass uns absitzen. Zu Fu� sind wir beweglicher.�</p><p>Sie verlie�en die Hauptstra�e und schlugen sich in das Labyrinth aus engen Gassen. Die Pferde f�hrten sie an den Z�geln hinter sich her. Beklommen sah Mandred sich um. Die ganze Stadt war eine einzige gro�e Falle. Sie konnten nur hoffen, dass niemand das Gemetzel an der Br�cke beobachtet hatte.</p><p>Die beiden �berquerten einen engen Platz aus gestampftem Lehm. Ein gro�es Haus mit vermauerten Fenstern beherrschte eine ganze Seite des Platzes. Mit seinem hohen Tor, das auf einen Hinterhof f�hrte, sah es fast wie eine Burg aus.</p><p>�Dort stellen wir die Pferde unter�, erkl�rte Mandred und f�hrte seine Stute durch das Tor. Zum Innenhof zeigten viele Fenster. Misstrauisch sah Mandred sich um. Das Geb�ude kam ihm seltsam vor. Kurz konnte er eine junge Frau mit halb ge�ffnetem Mieder an einem der Fenster sehen. Dann war sie verschwunden. Niemand trat aus der einzigen T�r, die ins Haus f�hrte, oder sprach sie von den Fenstern herab an. Mandred war es nur recht so.</p><p>Gegen�ber dem Tor lag ein offener Schuppen mit einer langen Werkbank. Holzschuhe stapelten sich auf dem Arbeitstisch. Daneben lag ordentlich aufgereiht ein breites Sortiment Schnitzwerkzeuge: Hobel, Stemmmei�el und Messer mit merkw�rdig gekr�mmten Klingen. Auch hier war keine Menschenseele zu sehen.</p><p>Mandred schlang die Z�gel um einen der Eisenringe, die in die H�userwand eingelassen waren. Dann betrachtete er lange die Fenster, die zum Hof lagen.��Ich wei�, dass ihr uns beobachtet. Wenn die Pferde nicht mehr hier sind, wenn ich wiederkehre, dann komm ich herauf und schneide euch die H�lse durch.� Er griff in den Lederbeutel an seinem G�rtel und zog eine einzelne M�nze hervor, die er hochhielt. �Finde ich die Pferde aber getr�nkt und gef�ttert, dann lasse ich dieses Silberst�ck hier.�</p><p>Ohne auf eine Antwort zu warten, schulterte Mandred die Axt und ging zum Tor hinaus.</p><p>�Hast du einen Plan?�, fragte Oleif.</p><p>�Nat�rlich. Mach dir keine Sorgen. Ich wei� genau, was zu tun ist. Wir sollten dem L�rm des Kampfes folgen.�</p><p>Sein Sohn runzelte die Stirn. �Gibt es noch einen anderen Plan?�</p><p>Mandred winkte �rgerlich ab.��Zu viele Pl�ne machen nur Kopfschmerzen und f�hren dazu, dass man gar nichts mehr tut. Ein guter Anf�hrer schwatzt nicht herum, sondern handelt.�</p><p>Mandred verfiel in einen leichten Trab. Er hielt sich dicht an den Hausw�nden, um f�r Sch�tzen ein schlechteres Ziel zu sein. Das Klingen der Schwerter war nun ganz nah.</p><p>Pl�tzlich taumelte ein Krieger aus einem Hauseingang. Er hatte einen gro�en Rundschild mit einem wei�en Stierkopf als Wappen um den Arm geschnallt. In der T�r erschien Nuramon. Der Elf presste sich die Hand auf die linke H�fte. Dunkles Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.</p><p>Ein Fausthieb Mandreds schickte den �berraschten Krieger zu Boden, noch bevor er seinen Schild zum Schutz heben konnte.</p><p>�Gut, euch zu sehen, Menschens�hne�, kr�chzte Nuramon. Er lie� das Schwert sinken und lehnte sich ersch�pft gegen den T�rrahmen.��Kommt.�</p><p>Die beiden folgten dem Elfen ins Halbdunkel des Hauses. Sie durchquerten eine verw�stete K�che und stiegen �ber zwei Leichen hinweg, die die T�r zum Speisesaal blockierten. Auch hier waren alle L�den versperrt, und es fielen nur schmale Lichtstreifen in den Saal. Auf dem langen Esstisch, der den Raum beherrschte, lag Farodin. Ein junger Priester mit flammend rotem Haar stand �ber ihn gebeugt.</p><p>�Du darfst dich nicht bewegen, Herr�, redete der J�ngling in flehendem Tonfall auf den Elfen ein. �Die Wunde wird wieder aufbrechen. Und du hast viel Blut verloren.�</p><p>Farodin schob den Tjuredpriester zur Seite. �Herumliegen kann ich, wenn wir aus der Stadt heraus und in Sicherheit sind.�</p><p>�Aber du wirst���, begann der Priester aufgebracht.</p><p>Nuramon beruhigte ihn. �Ich werde mich sp�ter um seine Wunden k�mmern.�</p><p>Farodin richtete sich auf und wandte sich an den Menschensohn. �Ihr habt lange gebraucht. Wo steckt Ollowain?�</p><p>Mandred wich dem Blick des Elfen aus.</p><p>Farodin schnaubte ver�chtlich. �Das habe ich mir gedacht.� In kurzen Worten erz�hlte er vom Angriff auf den Tempel und von ihrer Flucht.</p><p>�Und Guillaume?�, fragte Oleif, nachdem Farodin geendet hatte.</p><p>Der Elf deutete zu den versperrten Fensterl�den.��Dort auf dem Tempelplatz.�</p><p>Mandred und sein Sohn durchquerten den Saal und sp�hten vorsichtig durch einen Spalt nach drau�en. �berall waren die Krieger des K�nigs zu sehen. Sie hatten Holz vom eingest�rzten Bauger�st rings um die heilige Eiche aufgeschichtet. Von einem der �ste des Baums hingen, mit den K�pfen nach unten, zwei nackte, gesch�ndete Leichen. Ein untersetzter, �lterer Mann und� Guillaume. Man hatte ihre K�rper mit Rutenhieben zerschunden. Armbrustbolzen und zersplitterte Speersch�fte ragten aus ihren R�mpfen.</p><p>Angewidert wandte Mandred sich ab.��Warum tun sie das? Du hast doch gesagt, sie sollten ihn vor ihren K�nig bringen.�</p><p>�Nachdem Guillaume vom Dach gest�rzt war, war er nicht mehr vorzeigbar�, entgegnete Farodin kalt. Dann presste er die Lippen zusammen, bis sie ein schmaler, farbloser Strich waren.</p><p>�Der Armbrustbolzen, der ihn traf, war f�r Farodin bestimmt gewesen�, sagte Nuramon mit tonloser Stimme.��Ich���</p><p>�Guillaume hat den Tod gesucht�, unterbrach ihn Farodin aufgebracht.��Du wei�t das. Er wollte hinaus zu diesen M�rdern!�</p><p>�Um uns zu retten�, erwiderte Nuramon ruhig. �Ich mache dir doch keine Vorw�rfe. Aber zwischen Emerelle und Cabezan sah Guillaume keinen Platz mehr zu leben. Ihm blieb nur die Wahl, auf welche Weise er sterben wollte. Als die Krieger seinen Leichnam vom Pflaster hoben, verfielen sie in blinde Raserei. Sie haben seine Leiche gesch�ndet und aufgekn�pft.�</p><p>�Und jetzt werden sie uns holen kommen�, sagte Oleif, der noch immer am Fenster stand.</p><p>Mandred blickte hinaus und stie� einen l�sterlichen Fluch aus. Der Mann, den er vor der T�r niedergeschlagen hatte, hatte das Bewusstsein wiedererlangt. Er rannte auf den Platz, schrie und deutete auf das Haus, in dem sie sich verbargen. �Verdammtes Gerede �ber Moral! Fr�her h�tte ich ihm einfach den Hals durchgeschnitten.�</p><p>Farodin griff nach dem Schwert, das neben ihm auf dem Tisch lag. �Sie w�ren uns ohnehin holen gekommen.� Er wandte sich zu dem Priester, der seine Wunden versorgt hatte. �Ich danke dir, Menschensohn. Nun such deinen Ordensbruder und versteck dich. Wir werden euch nicht l�nger sch�tzen k�nnen.� Er versuchte aufzustehen, doch sein verwundetes Bein vermochte ihn nicht zu tragen.</p><p>Mandred griff dem Elfen unter die Achseln, um ihn zu st�tzen.</p><p>�Ich brauche keine Hilfe�, murrte Farodin.</p><p>Mandred lie� ihn los. Der Elf stand schwankend, aber immerhin � er stand. �Es macht keinen Sinn, hier zu k�mpfen. Versuchen wir uns zu den Pferden durchzuschlagen. Wenn die Br�cke nicht wieder besetzt ist, k�nnen wir vielleicht noch entkommen.� Er winkte Oleif zu sich.��Hilf Nuramon. Er ist weniger widerborstig.�</p><p>�Geht nicht durch die T�r hinaus�, sagte der rothaarige Priester pl�tzlich.��Ich�� ich wollte euch auch danken. Mein Ordensbruder Segestus�� Ich brauche ihn nicht mehr zu suchen, er hat sich schon davongemacht. Es gibt noch einen anderen Weg. Folgt mir!�</p><p>Mandred blickte zu Farodin. �Wir haben nichts mehr zu verlieren�, entschied der Elf. �Verriegelt die T�ren. Das wird sie ein wenig aufhalten. Was ist das f�r ein Weg, den dein Ordensbruder genommen hat?�</p><p>Der Priester z�ndete eine Laterne an und f�hrte sie von der K�che aus in einen Vorratskeller. Der Raum war voll gestopft mit Amphoren in allen erdenklichen Gr��en und Formen. Von der Decke hingen Schinken und ger�ucherte W�rste.</p><p>Der Ordensbruder ging voraus. Mandred blieb ein wenig zur�ck und schob sich zwei gro�e R�ucherw�rste unter das Wams. Dies war der Anfang einer wilden Flucht, und allein Luth mochte wissen, wann sie das n�chste Mal etwas Vern�nftiges zu essen bekamen. Am liebsten h�tte er auch eine der Weinamphoren mitgenommen. Der Gott Tjured musste wahrlich bedeutend sein, wenn seine Priester eine so wohl gef�llte Vorratskammer unterhalten konnten. Eigenartig, dachte Mandred, er hatte vor zwei Wochen zum ersten Mal von Tjured geh�rt. Aber das lag wohl an seiner Unwissenheit�</p><p>Der junge Priester brachte sie zu einer niedrigen Pforte, hinter der eine Stiege lag, die weiter in die Tiefe f�hrte. Von dort gelangten sie in einen Raum, in dem riesige F�sser lagerten. Mandred traute seinen Augen kaum. Nie in seinem Leben h�tte er gedacht, einmal zu F�ssern aufblicken zu m�ssen. Sie waren zu beiden Seiten an den W�nden aufgereiht. Nach vorn verlor sich der Kellerraum in der Finsternis. Hier war ein ganzer Weinsee eingelagert!</p><p>�Bei den Titten Naidas, Priester, was macht ihr mit so viel Wein? Badet ihr darin?�, platzte es aus Mandred heraus.</p><p>�Aniscans ist eine Stadt der Winzer. Der Tempel erh�lt oft Wein als Geschenk. Wir handeln damit.� Er hielt inne, blickte zur�ck und z�hlte lautlos mit dem Finger die F�sser ab, an denen sie vorbeigegangen waren. Dann winkte er sie noch ein St�ck weiter und f�hrte sie schlie�lich zwischen zwei hohen F�ssern hindurch. In der Dunkelheit verborgen �ffnete sich hier ein Durchgang zu einem niedrigen Tunnel.</p><p>�Manche Leute sagen, es g�be unter Aniscans noch eine zweite, verborgene Stadt. Es sind die gro�en Lagergew�lbe der Winzer. Viele der Kammern sind durch Tunnel wie diesen hier miteinander verbunden. Wer sich hier unten auskennt, der kann an einem regnerischen Tag trockenen Fu�es von einem Ende der Stadt zum anderen gelangen. Aber man kann sich auch hoffnungslos verlaufen���</p><p>�Na ja, zumindest wird man hier unten nicht verdursten.�</p><p>Der Priester sah Mandred peinlich ber�hrt an. Dann b�ckte er sich und verschwand im Tunnel.</p><p>Mandred zog den Kopf tief zwischen die Schultern. Dennoch stie� er auf dem Weg durch die Dunkelheit immer wieder gegen die Decke. Das schwache Licht der Laterne wurde durch die anderen, die vor ihm gingen, fast v�llig verdeckt. So tastete er sich durch die Finsternis. Hier unten war es stickig, ein s�uerlicher Geruch hing in der Luft. Bald hatte Mandred das Gef�hl, dass sie schon eine Ewigkeit unterwegs waren. Er z�hlte die Schritte, um sich abzulenken. Bei dreiunddrei�ig erreichten sie einen zweiten Lagerraum voller F�sser.</p><p>Der Priester brachte sie zu einer Treppe, und sie verlie�en das Gew�lbe durch eine Klappt�r, die sie auf einen sonnigen Hof f�hrte.��Wohin wollt ihr jetzt?�</p><p>Mandred blinzelte in das Licht und atmete tief durch.</p><p>�Unsere Pferde stehen auf einem Hinterhof. Es ist ein gr��eres Haus an einem kleinen Platz, die Fenster zum Platz sind vermauert�, erkl�rte Oleif. �Kannst du uns sagen, wie wir dorthin kommen?�</p><p>Der Priester err�tete. �Ein Haus mit vermauerten Fenstern?� Er r�usperte sich verlegen.</p><p>�Stimmt etwas damit nicht?�, fragte Mandred. �Ich habe mich auch schon gefragt, warum sie aus dem Haus eine Festung gemacht haben.�</p><p>Wieder r�usperte sich der Priester. �Das ist � wegen der Sch�nke auf der anderen Seite des Platzes. Der Wirt hatte einen besonderen Schankraum im zweiten Stock eingerichtet. Wer dort trinken wollte, musste ein Kupferst�ck mehr f�r den Krug Wein zahlen.�</p><p>�Und?�</p><p>Der Priester wand sich vor Verlegenheit. �Von dem Schankraum aus konnte man gut in die Fenster auf der anderen Seite des Platzes sehen.�</p><p>Mandred verlor langsam die Geduld.��Und was gab es dort zu sehen?�</p><p>�Es ist ein�� ein Haus, in das einsame M�nner gehen. Von der Sch�nke aus konnte man beobachten, was sich in den Zimmern tat. Deshalb hat der Besitzer die Fenster vermauern lassen.�</p><p>Nuramon lachte laut auf und presste im n�chsten Moment die Hand auf die Wunde �ber seiner H�fte.��Ein Hurenhaus! Du hast die Pferde in einem Hurenhaus untergestellt, Mandred?�</p><p>�Auf dem _Hof_ eines Hurenhauses�, wandte Oleif ein, der ebenfalls rot geworden war.��Auf dem Hof.�</p><p>�Ich wette, das ist das einzige Hurenhaus in der Stadt�, setzte Farodin nach. �Und du hast es zielsicher gefunden.�</p><p>Mandred konnte nicht begreifen, was daran so komisch sein sollte.��Ich wei� davon nichts. Im Hof steht die Werkstatt eines ehrbaren Handwerkers, das ist alles, was ich gesehen habe.�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Farodin grinsend.��Nat�rlich.�</p><p>Mandred sah die beiden Elfen verwundert an. Die K�mpfe und der schreckliche Tod Guillaumes, das alles musste f�r sie zu viel gewesen sein. Anders konnte er sich diesen widersinnigen Ausbruch von Heiterkeit nicht erkl�ren.</p><p>�Du kennst dich hier aus, Priester. Bring uns auf dem schnellsten Weg zu diesem�� Hurenhaus.�</p><p>Der J�ngling f�hrte sie auf verstohlenen Wegen durch schmale Gassen und �ber Hinterh�fe. Hin und wieder konnten sie ganz in der N�he die Rufe der Soldaten des K�nigs h�ren, doch sie blieben unentdeckt. Mandred hatte das Gef�hl, dass sie l�ngst beim Hurenhaus h�tten ankommen m�ssen, als der Priester pl�tzlich verharrte und ihnen ein Zeichen gab, sich still zu verhalten.</p><p>�Was ist los, Betbruder?�, zischte der Jarl und dr�ngte sich nach vorn. Vorsichtig sp�hte er auf den Platz. Sie hatten ihr Ziel erreicht, doch vor der Sch�nke gegen�ber dem Hurenhaus standen sieben Krieger. Ein hageres Schankm�dchen brachte ihnen Humpen mit Bier und h�lzerne Platten voll K�se und Brot.</p><p>�Luth liebt es, die F�den des Schicksals zu schwierigen Mustern zu weben�, seufzte Mandred. Er wandte sich zu seinen Gef�hrten. �Ich werde die Soldaten ablenken. Seht, dass ihr zu den Pferden kommt. Was ist mit dir, Priester? Willst du mit uns fliehen?�</p><p>Der junge Mann �berlegte kurz, dann sch�ttelte er den Kopf. �Ich habe Freunde in der Stadt. Sie werden mich verstecken, bis dieses Gesindel wieder abgezogen ist.�</p><p>�Dann solltest du nicht mit uns gesehen werden. Ich danke dir f�r deine Hilfe. Doch nun mach besser, dass du fortkommst.�</p><p>�Was hast du vor, Vater? Du willst doch nicht etwa allein gegen sieben���</p><p>Mandred strich �ber das runengeschm�ckte Axtblatt. �Wir sind zu zweit. Sieh zu, dass du mit Nuramon und Farodin so schnell wie m�glich zu den Pferden kommst. Wenn ihr es erst einmal bis zum Stadtrand geschafft habt, wird Ollowain euch vielleicht helfen, wenn ihr in Schwierigkeiten kommt.�</p><p>�Und du?�, fragte Nuramon. �Wir k�nnen dich doch nicht einfach zur�cklassen.�</p><p>Mandred machte eine wegwerfende Geste.��Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komme hier schon irgendwie raus. Du wei�t doch, nicht einmal der Manneber hat mich umbringen k�nnen.�</p><p>�Du solltest nicht���</p><p>Mandred h�rte nicht l�nger auf die Einw�nde seiner Freunde. Jeden Augenblick mochte hinter ihnen in der Gasse einer der Suchtrupps erscheinen. Die Zeit der Worte war vorbei. Er packte seine Axt fester und schlenderte auf den Platz hinaus.</p><p>�He, M�nner. Ich bin froh zu sehen, dass es hier noch was anderes als Traubensaft zu trinken gibt.�</p><p>Die Soldaten blickten �berrascht auf.��Was machst du hier?�, fragte ein Krieger mit str�hnigem Haar und Stoppelbart.</p><p>�Ich bin ein Pilger auf dem Weg zum Tjuredtempel�, erkl�rte Mandred. �Es hei�t, dort gebe es einen Heiler, der wahre Wunder bewirkt.� Er streckte sich. �Meine Finger werden langsam krumm von der Gicht.�</p><p>�Der Priester Guillaume ist heute Morgen bei dem Versuch verstorben, sich selbst zu heilen.� Der Soldat grinste geh�ssig. �Wir halten gerade seinen Leichenschmaus.�</p><p>Mandred hatte die Soldaten fast erreicht.��Dann werde ich auch auf sein Wohl trinken. Der Mann���</p><p>�Da ist Blut an seiner Axt�, schrie pl�tzlich einer der Krieger.</p><p>Mandred st�rmte vor und schlug den vordersten der M�nner mit der Axt nieder, w�hrend er einem anderen die Schulter gegen die Brust rammte und ihn so zu Fall brachte. Eine Schwertklinge schrammte ger�uschvoll �ber sein Kettenhemd, ohne es zu durchdringen. Mandred fuhr herum, blockte einen Angriff mit der Axt und h�mmerte einem anderen Krieger seine Faust ins Gesicht. Eine Wurfaxt verfehlte nur knapp seinen Kopf. Der Jarl duckte sich und st�rmte vor. Keine R�stung vermochte der t�dlichen Doppelklinge seiner Axt zu widerstehen. Wie ein Schnitter im Korn m�hte er die Krieger nieder, als ihn ein Warnschrei herumfahren lie�.</p><p>Aus einer der Seitengassen kamen weitere K�mpfer mit Stierschilden auf den Platz gest�rmt. Oleif hatte sich ihnen in den Weg gestellt, w�hrend Farodin und Nuramon humpelnd zum Hof des Hurenhauses zu fliehen versuchten.</p><p>Mandred l�ste sich von den verbliebenen Kriegern und eilte seinem Sohn zu Hilfe. Oleif bewegte sich mit der Anmut eines T�nzers. Es war ein weibisch wirkender Kampfstil, dachte Mandred, und doch vermochte keiner der Krieger den wirbelnden Kreis des Langschwerts zu durchbrechen.</p><p>Seite an Seite k�mpfend, wurden Vater und Sohn langsam zum Eingang des Hofes zur�ckgedr�ngt. Als sie im Tor standen und nicht mehr von den Seiten oder aus dem R�cken angegriffen werden konnten, zogen sich die Krieger des K�nigs zur�ck.</p><p>Mandred und Oleif verschlossen das schwere Tor und blockierten es mit einem Querbalken. Nach Atem ringend, lie� sich der Jarl zu Boden sinken. Seine Linke spielte mit einem seiner Z�pfe. �Ich habe vergessen mitzuz�hlen�, murrte er m�de.</p><p>Sein Sohn grinste schief. �Ich w�rde sagen, es waren mindestens drei. Mit den beiden auf der Br�cke also insgesamt f�nf. Wenn du weiterhin jedes Toten mit einem Zopf gedenken willst, wirst du dir bald neue Haare zulegen m�ssen.�</p><p>Mandred sch�ttelte unwillig den Kopf. �D�nnere Z�pfe. Das ist die L�sung.� Schnaufend wuchtete er sich hoch.</p><p>Nuramon und Farodin waren bei den Pferden. Die Elfen w�ren keine Hilfe, wenn es darum ging, sich den Weg durch die Stadt freizuk�mpfen.</p><p>Ein glatzk�pfiger Kerl mit vernarbtem Gesicht erschien in der T�r zum Hof. Selten war Mandred einem so h�sslichen Mann begegnet. Sein Gesicht sah aus, als w�re eine Rinderherde dar�ber hinweggetrampelt. �Die Pferde sind getr�nkt und gef�ttert, Krieger. Ich w�re dir dankbar, wenn du mein Haus jetzt verlassen w�rdest!�</p><p>�Gibt es einen zweiten Ausgang?�</p><p>�Gewiss, aber keinen, den ich dir zeigen w�rde. Du gehst durch das Tor wieder hinaus, durch das du hineingekommen bist. Fl�chtigen vor den Leibwachen des K�nigs gew�hre ich keinen Unterschlupf.�</p><p>Oleif machte drohend einen Schritt in Richtung der T�r, doch Mandred packte ihn beim Arm und zog ihn zur�ck. �Er hat Recht. Ich w�rde mich an seiner Stelle genauso verhalten.� Der Jarl legte den Kopf in den Nacken und blickte zu den Fenstern hoch. Zwei junge Frauen beobachteten neugierig, was auf dem Hof geschah.</p><p>�Ist das hier wirklich ein Hurenhaus?�, fragte Mandred.</p><p>�Ja�, erwiderte der Glatzkopf.��Aber ich glaube nicht, dass dir noch genug Zeit bleibt, um mit einem meiner M�dchen anzubandeln, Krieger.�</p><p>Mandred l�ste seinen Geldbeutel vom G�rtel und wog ihn in der Hand. Dann warf er ihn dem Narbengesichtigen zu. �Es k�nnte sein, dass dein Haus in der n�chsten Stunde ein wenig Schaden nimmt. Vielleicht kann es aber auch davor bewahrt werden�� W�rdest du mir das Tor �ffnen, wenn ich dich darum bitte?�</p><p>�Du kannst auf meine Unterst�tzung rechnen, wenn es darum geht, dass ihr hier verschwindet.�</p><p>�Dann halte dich beim Tor bereit!� Mandred grinste seinem Sohn zu. �Du hast Recht gehabt. Ich lasse tats�chlich all mein Geld in Hurenh�usern.�</p><p>�Es tut mir Leid���</p><p>�Vergiss das. Hilf mir lieber!� Sie gingen zu dem Schuppen hin�ber, und Mandred fegte mit dem Arm die Holzschuhe von der Werkbank. Der Arbeitstisch hatte eine drei Zoll dicke Eichenplatte. Mandred strich �ber das fleckige Holz. �Die Regeln bei Belagerungen sind sehr einfach, Junge. Es gibt die hinter den Mauern. Die sitzen herum, warten, was geschieht, und wehren sich nach Kr�ften. Und dann gibt es die vor den Mauern. Die sind immer im Vorteil, denn sie entscheiden, wann etwas geschieht. Ich finde, wir sollten diese Regeln ein wenig auf den Kopf stellen.�</p><p>Oleif sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>Mandred steckte einige der Schnitzmesser in seinen G�rtel. �Ich glaube, ich habe dir bisher noch nie gesagt, dass du recht ordentlich geraten bist, obwohl dich dieser Ollowain aufgezogen hat.�</p><p>�Du glaubst, dass wir hier sterben werden?�</p><p>�Ein richtiger Krieger sollte nicht in seinem Bett sterben.� Er z�gerte. So vieles h�tte er seinem Sohn noch zu sagen.</p><p>Doch die Zeit lief ihnen davon. Sein Mund war pl�tzlich trocken.��Ich�� ich w�nschte, wir h�tten diese verfluchte Stadt nicht betreten. Und ich w�nschte, wir beide h�tten einen Sommer gemeinsam in Firnstayn verbracht. Es ist nur ein einfaches Dorf�� Aber auf seine Art ist es sch�ner als alles, was ich in Albenmark gesehen habe.� Er schluckte.��Ich wette, bei den Elfen hat man dir niemals Fliegenfischen beigebracht. Im Sp�tsommer ist der Fjord voller Salme � Genug geschwatzt! Schenken wir denen dort drau�en nicht noch mehr Zeit, sich zu sammeln. Jetzt kommen wir vielleicht noch durch. Sie sind ja in der ganzen Stadt verstreut, um nach uns zu suchen.� Er zerrte an der Werkbank. �Verdammt schwer.� Kurz blickte er zu den beiden Elfen. �Die sind uns im Kampf keine Hilfe mehr. Mit zwei Reitern im Sattel sind die Pferde zu langsam.� Er z�gerte. �Ich werde hier bleiben � Ich werde meiner Stute auf die Hinterhand schlagen, sobald wir drau�en sind. Wenn sie durchgeht, wird Nuramon alle M�he haben, im Sattel zu bleiben, und kann keinen heldenhaften Unsinn machen. So schafft er es vielleicht aus der Stadt���</p><p>Oleif atmete tief ein. Dann nickte er.��Ich bleibe bei dir. M�gen die G�tter den beiden auf ihrer Suche nach Noroelle beistehen. Ihr Leben hat ein Ziel � Ich aber wei� nicht einmal, in welche Welt ich geh�re.�</p><p>Mandred schloss seinen Sohn in die Arme. �Ich bin stolz, an deiner Seite geritten zu sein � Alfadas�, sagte er mit halb erstickter Stimme. Es war das erste Mal, dass er ihn bei seinem Elfennamen nannte. Einige Herzschl�ge lang verharrten sie, von Gef�hlen �berw�ltigt, dann gingen sie hin�ber zu den Pferden.</p><p>Nuramon blickte sie niedergeschlagen an. �Habt ihr eine Vorstellung, wie wir hier herauskommen?�</p><p>�Klar!� Mandred hoffte, dass sein L�cheln nicht allzu aufgesetzt wirkte.��Wir �berrumpeln sie, schlagen ihnen die Sch�del ein und reiten dann in aller Seelenruhe davon. Ich f�rchte, es wird allerdings etwas ungem�tlich, sich zu zweit einen Sattel zu teilen.�</p><p>Farodin lachte leise. �Bestechend schlicht. Ein echter Mandredplan.�</p><p>�Nicht wahr?� Der Jarl ging zu Nuramon und half ihm in den Sattel.��Bleibt blo� auf den Pferden, sonst seid ihr nur im Weg.�</p><p>Als beide Elfen aufgesessen waren, gingen Mandred und Alfadas in den Schuppen zur�ck, um die Werkbank anzuheben und wie einen riesigen Schild vor sich her zu tragen.��Ich h�tte eine letzte Bitte an dich, mein Sohn.�</p><p>Alfadas� Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. �Was?�</p><p>�Wenn wir hier lebend herauskommen, dann benutz dieses Duftwasser nicht mehr. Das ist was f�r Weiber und Elfen. Und es h�lt Norgrimm von deiner Seite fern. Auf die Gunst des Kriegsgottes solltest du lieber nicht verzichten.� Mandred reckte den Kopf vor. �Mach das Tor auf, Narbengesicht!�</p><p>Der Bordellbesitzer riss den Querbalken herunter und stie� die beiden Torfl�gel auf.</p><p>�F�r Freya!�, schrie Mandred aus vollem Hals, als sie vorst�rmten.</p><p>Wie Hagelschlag prasselten Armbrustbolzen auf die Tischplatte. Dicht gegen das Holz gedr�ckt, rannten die beiden blindlings auf den Platz hinaus, bis sie in eine Gruppe Krieger gerieten. Der schwere Werktisch riss f�nf Mann zu Boden.</p><p>Mandred blickte sich um und erschrak bis ins Mark. An s�mtlichen Fenstern rings herum standen Armbrustsch�tzen, die in aller Eile ihre Waffen nachluden. Die Gassen, die auf den kleinen Platz f�hrten, waren verbarrikadiert und von Soldaten bewacht. Der Trupp Krieger, in den sie hineingerannt waren, zog sich hastig zur�ck, um nicht in der Schusslinie zu stehen.</p><p>Pl�tzlich erklang Hufschlag. Ein schneewei�er Hengst setzte �ber eine der Barrikaden hinweg. Eine Reiterin mit wehendem Haar riss das Pferd am Z�gel herum und legte ihren Bogen an. In flie�ender Bewegung lie� sie den Pfeil von der Sehne schnellen und griff nach dem n�chsten in ihrem K�cher. Ein Armbrustsch�tze st�rzte schreiend aus einem der Fenster der Sch�nke gegen�ber.</p><p>Jetzt erklang aus einer anderen Gasse Hufschlag. Ollowain setzte �ber eine Barrikade hinweg und schlug dabei einen Speertr�ger nieder. Er f�hrte Nuramons Pferd am Z�gel mit sich. �Los, in den Sattel, Menschensohn. Du magst mir eine Lektion in Sachen Ehre erteilt haben, aber deshalb werde ich noch lange nicht auf deinesgleichen warten.�</p><p>Mandred griff nach dem Sattelhorn und zog sich hoch. Er sah, wie Yilvina an einer dritten Barrikade abgesessen war und wie eine Berserkerin mit ihren Kurzschwertern auf die Soldaten eindrosch.</p><p>Pl�tzlich war die Luft erf�llt von Armbrustbolzen. Die Pferde wieherten schrill. Etwas traf Mandred in den R�cken, sodass er vorn�ber sank.</p><p>Nomja schoss noch immer, als ein Bolzen ihren Hengst in den Kopf traf. Eine Font�ne von Blut spritzte �ber das wei�e Fell. Wie von einem Blitzschlag getroffen, brach das gro�e Tier in die Knie. Nomja war mit einem Satz aus dem Sattel und versuchte den stampfenden Hufen der anderen Pferde zu entgehen.</p><p>Trotzig riss die Elfe ihren Bogen hoch und schoss zur�ck.</p><p>�Zu Yilvina!�, rief Ollowain.��Sie hat uns den Weg frei gemacht!�</p><p>Mandred lenkte sein Pferd an Nomjas Seite und streckte ihr die Hand entgegen.��Komm!�</p><p>�Einen noch!� Schon verlie� ein Pfeil die Sehne. Sie drehte sich um und zuckte pl�tzlich zusammen. Mandred packte sie, als sie vorn�ber zu fallen drohte, und zog sie zu sich aufs Pferd. Trotz ihrer Gr��e schien sie ihm kaum schwerer zu sein als ein Kind.</p><p>Mandred riss sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Mit einem weiten Satz sprangen sie �ber die Barrikade und preschten in halsbrecherischem Tempo die Gasse entlang. Bald darauf erreichten sie die Br�cke. Nirgends versperrten ihnen Soldaten den Weg; sie schienen sich alle nahe dem Platz bei dem Hurenhaus gesammelt zu haben.</p><p>Erst auf der Br�cke wagte Mandred zur�ckzublicken. Sein Sohn, Farodin, Nuramon, Ollowain und Yilvina, sie alle hatten es geschafft! Ihre Truppe war �bel zusammengeschossen, niemand war unverletzt, aber sie waren entkommen!</p><p>Ein unbeschreibliches Gl�cksgef�hl �berw�ltigte Mandred. Er war so sicher gewesen, zu sterben. Triumphierend riss er die Axt hoch und schwang sie �ber dem Kopf. �Sieg! Bei Norgrimm! Wir sind ihnen entkommen�� Sieg!�</p><p>Er packte Nomja, die noch immer quer �ber seinem Sattel lag, um ihr zu helfen, sich aufzusetzen. Ihr Kopf kippte gegen ihre Schulter.</p><p>�Nomja?�</p><p>Die gr�nen Augen der Elfe waren weit aufgerissen und starrten blicklos zum Himmel. Jetzt erst sah Mandred das haselnussgro�e Loch in ihrer Schl�fe.</p><subtitle>Die Heilige Schrift des Tjured</subtitle><p>Buch 7:</p><p><strong>Vom Ende des Propheten</strong></p><cite><p>Es begab sich an demselben Tage, dass K�nig Cabezan im Traume ein Engel erschien. Er hatte silberne Schwingen und f�hrte ein silbernes Schwert. Nichts an ihm aber strahlte so wie seine Augen, die von einem hellen Blau waren. Und der Engel sprach zu Cabezan: Sende deine Krieger aus, denn Not herrscht in Aniscans. Der Prophet Guillaume bangt um sein Leben, denn die Kinder der Alben trachten danach. Und das nur, weil einer der ihren zu sp�t unter seine heilenden H�nde kam. Da lie� Cabezan seine besten Krieger aufsitzen und sandte sie unter dem Hauptmann Elgiot nach Aniscans.</p><p>Zu jener Zeit ragten keine Mauern um Aniscans. Und so gelangten die Albenkinder ungesehen in die Stadt. Es waren sechs Elfen und ein Troll, die suchten Guillaume im Tempel. Dort aber war er nicht, dort waren nur die �brigen Priester des Tjured. Die Priester aber wurden von den Albenkindern zur gro�en Eiche vor dem Tempel gebracht und get�tet.</p><p>Nun erst h�rte der Prophet, was sich drau�en in der Stadt zutrug. Da verlie� er sein Haus. Und siehe, er stellte sich den Kindern der Alben! Er trat an sie heran, verbeugte sich vor ihnen und sprach: �Handelt an mir, wie es euch beliebt. An euren Taten wird Tjured euch messen.� Da schlugen die Elfen ihn nieder, und der Troll hing ihn in die gro�e Eiche. Der Prophet aber lebte noch und betete zu Tjured. Da schoss eine Elfe mit ihrem Bogen Pfeile auf Guillaume.</p><p>Als das geschah, kamen Elgiot und die Krieger des K�nigs, und sie k�mpften um das Leben des Propheten. Doch die Elfe sandte ihre brennenden Pfeile gegen die Eiche, dass sie ganz und gar Feuer fing. Die Krieger des Cabezan vergalten ihr die Tat und erschlugen sie. Doch die �brigen Elfen und den Troll lie�en sie um Guillaumes willen laufen. Denn sie hofften, dass der Prophet noch lebte, so sie ihn von der Eiche und vom Feuer befreiten. Die Eiche war ganz schwarz, als sie den Brand mit Wasser begossen und ihn l�schten. Sie holten den Propheten vom Baume. Auch er war ganz schwarz und ohne Leben. Doch siehe! Das Wasser, das vom Baume tropfte, fiel ihm auf sein Gesicht und wusch den Ru� fort. Das helle Antlitz Guillaumes kam zum Vorschein. Da wuschen die Krieger den K�rper des Propheten und erkannten, dass ihm nur die eisernen Pfeilspitzen im Leib steckten, die Flammen ihn aber verschont hatten. Und er �ffnete die Augen, fasste die Hand Elgiots des Hauptmanns und sprach: �Sie haben ihren Pfad gew�hlt. M�ge Tjured ihnen die Gnade schenken, die sie verdienen.� So starb der Prophet unter dem schwarzen Baume. Die Albenkinder aber hatten durch diese Tat einen Fluch auf sich geladen. So ist es gesagt.</p><text-author>Zitiert nach der Schoffenburg-Ausgabe,</text-author><text-author>Bd. 5, Fol. 43 R.</text-author></cite></section><section><title><p>Der Jarl von Firnstayn</p></title><p>Die Gef�hrten zogen sich hoch in die Berge n�rdlich von Aniscans zur�ck. Sie bestatteten Nomja unter einer Silbertanne am Rand eines Gletschersees. Die Waffen der Elfe h�ngten sie in das Ge�st des Baumes.</p><p>Unter den Elfen und Menschen herrschte eine d�stere Stimmung. Trotz der heilenden Kr�fte Nuramons blieben sie fast zwei Wochen, bis sie sich von ihren Verletzungen erholt hatten. Die Wunden an ihren Seelen jedoch wollten so bald nicht heilen. Niemand h�tte geahnt, dass der schweigsame und stets m�rrische Gelvuun eine solche L�cke hinterlassen w�rde. Ganz zu schweigen von Nomja, die alle gemocht hatten.</p><p>Als es keine Ausrede mehr gab, ihren Aufbruch noch weiter hinauszuz�gern, kamen sie �berein, nach Firnstayn zu reisen, um vom Albenstern im Steinkreis hoch �ber dem Fjord den Weg nach Albenmark zu nehmen.</p><p>Ihre Reise dauerte fast drei Monde. Sie mieden D�rfer und St�dte so gut es ging, um kein Aufsehen zu erregen. Zweimal sahen sie von fern Reitertrupps unter dem Banner K�nig Cabezans. Von Kaufleuten, mit deren Wagenzug sie einen Tag lang ritten, erfuhren sie von den �schrecklichen Ereignissen in Aniscans�. Die Stadt, so hie� es, sei von D�monenkindern �berfallen worden, die den gutm�tigen Heiler Guillaume ermordet und den Tempel des Tjured gesch�ndet h�tten.</p><p>Keiner von ihnen hielt dagegen, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, auch sp�ter nicht, als sie in einem wuchtigen Kornschiff �ber die Neri-See nach Gonthabu, der K�nigsstadt des Fjordlands �bersetzten. W�hrend der Woche auf See bekamen sie noch ausgeschm�cktere Fassungen der Geschichte zu h�ren.</p><p>Es war Hochsommer, als sie schlie�lich Firnstayn erreichten. Alfadas war �berrascht, wie klein die Siedlung am Ufer des Fjords war. Nach den Erz�hlungen seines Vaters hatte er sie sich weit bedeutender vorgestellt. Neun Langh�user und drei Dutzend kleiner H�tten wurden von einer Holzpalisade auf einem Erdwall umfasst.</p><p>Am Tor der Siedlung erhob sich ein massiger, h�lzerner Wachturm. Kaum hatten sie den H�gelkamm �ber dem Dorf erreicht, da wurde ein Signalhorn geblasen. Und als sie sich dem Tor n�herten, bemannte ein Trupp Bogensch�tzen die Palisade.</p><p>�Heho, kennt man die Gesetze der Gastfreundschaft nicht mehr in Firnstayn?�, rief Mandred w�tend. �Vor eurem Tor steht der Jarl Mandred Torgridson und verlangt, eingelassen zu werden.�</p><p>�Mann, der du dich Mandred nennst�, entgegnete ein stattlicher junger Krieger, �die Sippe, deren Namen du dich bem�chtigt hast, ist verloschen. Ich bin der gew�hlte Jarl von Firnstayn, und ich sage dir, du und dein Gefolge seid hier nicht willkommen.�</p><p>Alfadas blickte zu seinem Vater und erwartete jeden Augenblick einen seiner gef�rchteten Temperamentsausbr�che. Doch Mandred blieb �berraschenderweise ruhig. �Gut gesprochen, Jarl! An deiner Stelle h�tte ich nicht anders gehandelt.� Sein Vater nahm einen silbernen Armreif ab, um den er einen Kaufmann beim W�rfelspiel betrogen hatte. �Ich biete das hier f�r ein Fass Met und lade dich ein, mit mir und meinem Sohn zu trinken.�</p><p>Der junge Jarl musterte Alfadas. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Du �bertreibst, L�genmeister! Wie kann ein Mann einen Sohn haben, der fast im selben Alter ist wie er?�</p><p>�Wenn du die Geschichte h�ren willst, dann trink mit mir auf meine Kosten�, rief Mandred lachend.</p><p>�Mach endlich das Tor auf, Kalf!� Ein alter Mann dr�ngte sich an die Brustwehr der Palisade und winkte ihnen zu.��Glaubst du uns jetzt? Sieh nur, er hat auch die Elfen wieder mitgebracht!� Der Alte schlug rasch ein Schutzzeichen. �Sei kein Narr, Kalf, und verweigere Elfen nicht den Zugang zum Dorf. Du kennst doch die alten Geschichten.�</p><p>�Ich gr��e dich, Erek Ragnarson�, rief Mandred. �Sch�n zu sehen, dass du und dein leckes Boot noch nicht auf dem Grund des Fjords liegen. Wirst du mit uns hinausfahren? Ich will meinem Sohn das Fischen beibringen, bevor ich weiterziehe.�</p><p>�Los, macht das Tor auf�, befahl Erek nun entschieden. Und niemand widersetzte sich ihm.</p><p>Drei Wochen blieben Mandred und die Elfen. Es waren Wochen, in denen Alfadas die Welt der Menschen mit neuen Augen sehen lernte. Er genoss den ruppigen Respekt, mit dem er behandelt wurde, und die Art, wie ihm die jungen M�dchen nachblickten. Das Leben war einfach. Man musste vor allem Acht geben, auf den schlammigen Wegen des Dorfes nicht von �bellaunigen Schweinen umgerannt zu werden. Es gab keinen Luxus. Die grobe Wolle, die die Frauen sponnen, kratzte auf der Haut. Es zog in den H�usern, und Rauch brannte einem in den Augen, wenn man bis tief in die Nacht in den Langh�usern sa� und trank und erz�hlte. Ungl�ubig h�rte Alfadas, wie Kalf davon berichtete, dass man im vergangenen Winter Trollsp�her in den W�ldern auf dem anderen Ufer des Fjords beobachtet hatte. Deshalb war auch die Palisade rings um das Dorf verst�rkt worden. Selbst die Elfen nahmen diesen Bericht ernst.</p><p>Nachdem sie zwanzig Tage in Firnstayn geblieben waren, dr�ngten vor allem Ollowain und Farodin darauf, endlich zum Albenstern zu reiten.</p><p>Kalf war der Einzige, der erleichtert war, als die kleine Truppe am Morgen des einundzwanzigsten Tages von Erek Ragnarson zum anderen Ufer des Fjords �bergesetzt wurde. Alfadas aber war es schwer ums Herz, denn am Ufer stand Asla, die Enkeltochter Ereks. Mit ihrer stillen Art hatte sie ihn regelrecht bezaubert. Jede der Elfendamen an Emerelles Hof h�tte Asla an Sch�nheit �bertroffen, doch in Asla brannte eine Leidenschaft, wie sie Elfen, deren Leben nach Jahrhunderten z�hlte, kaum kannten. Sie war es nicht gewohnt, ihre Gef�hle hinter sch�nen Worten zu verbergen. Und so standen ihr Tr�nen in den Augen, als Alfadas �bersetzte.</p><p>Immer wieder blickte der Krieger zur�ck, w�hrend sie hinauf zum Steinkreis ritten. Als sie schon kaum mehr zu sehen waren, stand das M�dchen in dem blauen Kleid und mit dem wehenden blonden Haar noch immer am Ufer.</p><p>�Du solltest Kalf als Jarl anerkennen�, sagte Mandred pl�tzlich.��Er ist ein guter Mann.�</p><p>Alfadas war �berrascht von den Worten seines Vaters. �Du bist der Jarl von Firnstayn�, entgegnete Alfadas aufgebracht.</p><p>Mandred sah ihn eindringlich an.��Das war vor mehr als drei�ig Jahren. Ich geh�re nicht mehr in diese Welt. Es w�re nicht gerecht gegen Kalf und all die anderen, die nach mir geboren wurden, wenn ich nach Firnstayn zur�ckkehrte. Auch nicht gegen dich, mein Sohn. Deine Zeit ist gekommen.�</p><p>Alfadas wusste nicht recht, was er dazu sagen sollte. Sie waren ein wenig hinter den Elfen zur�ckgeblieben, sodass die anderen ihr Gespr�ch nicht mit anh�ren konnten.</p><p>�Jedes Jahr zur Mittwinterfeier w�hlt das Dorf den Jarl f�r das kommende Jahr. Ich glaube nicht, dass man dich in diesem Winter zum Jarl machen wird. Du musst dich erst bew�hren � im Kampf, aber auch im allt�glichen Leben. Ich sehe in dir alle Eigenschaften eines guten Anf�hrers, mein Sohn. Ich wei�, du wirst deinen Weg machen, wenn du hier bleibst.�</p><p>Mandred z�gelte seine Stute und blickte hinab zum Dorf. Seine Stimme klang belegt, als er weitersprach.��Sie blickt dir noch immer hinterher. Sieh nur � �berlege nicht lange, ein Weib wie sie wirst du in Albenmark nicht finden. Sie ist stolz und wird sich von dir nichts gefallen lassen. Ich bin mir sicher, sie wird dir manches Mal das Leben bitter machen. Aber sie liebt dich und wird mit dir zusammen alt werden. Das kann dir keine Elfe schenken. Ein langlebiges Elfenweib w�re eines Tages nur noch aus Mitleid oder aus Gewohnheit mit dir zusammen.�</p><p>�Wenn ich bleiben w�rde, dann vor allem wegen der Geschichten �ber die Trolle�, entgegnete Alfadas ernst.</p><p>Sein Vater verbarg ein Schmunzeln. �Nat�rlich. Und ich muss sagen, ich w�re beruhigt, wenn ich w�sste, dass es einen Mann im Dorf gibt, der von Ollowain im Kampf mit dem Schwert unterwiesen wurde und dem ich in den letzten Jahren alle schmutzigen Tricks beigebracht habe� Und falls es dir hier doch nicht gef�llt, komm in einer Vollmondnacht hinauf zum Steinkreis und rufe den Namen Xern. Ich bin sicher, man wird dich h�ren.�</p><p>�Ich bleibe zun�chst nur f�r einen Winter�, entschied Alfadas. Und er war �berrascht, wie erleichtert er sich mit einem Mal f�hlte.</p><p>�Eben � wegen der Trolle�, best�tigte Mandred und blickte wie beil�ufig hinab zum Ufer des Fjords. �Sie ist wirklich dickk�pfig. Sie wartet noch immer auf dich.�</p><p>�Willst du nicht auch bleiben? Firnstayn k�nnte deine Axt gut gebrauchen.�</p><p>�Auf mich wartet dort niemand mehr. Ich k�nnte es nicht ertragen, im Schatten der Eiche von Freyas Grab zu leben. Der Devanthar hat mir meine Liebste entrissen. Ich werde Farodin und Nuramon helfen, ihre Liebe wieder zu finden. Und ich werde meine Blutfehde mit dem Devanthar zu Ende bringen. Meine Vergangenheit ist Asche, und meine Zukunft ist Blut. Ich bin erleichtert, dass du nicht an meiner Seite reiten wirst. Vielleicht��� Er stockte. �Wenn der Devanthar tot ist, kann ich vielleicht in Frieden in Firnstayn leben.� Er l�chelte. �Jedenfalls, wenn Jarl Alfadas Mandredson nichts dagegen hat, einen bockigen alten Mann ins Dorf zu lassen.�</p><p>Der Schatten einer Wolke zog �ber den Hang. Die V�gel und Grillen verstummten. Pl�tzlich hatte Alfadas das Gef�hl, dass er seinen Vater niemals wiedersehen w�rde.</p></section><section><title><p>Silbernacht</p></title><p>Schweigend ritten sie durch den n�chtlichen Wald. Ein lauer Herbstwind pfl�ckte die letzten Bl�tter von den �sten. Nie zuvor hatte Mandred so deutlich die Magie Albenmarks gesp�rt. Der Mond stand tief am Himmel und war viel gr��er als in der Welt der Menschen. Er schimmerte r�tlich in dieser Nacht. Es ist Blut auf dem Mond, hatte er die Elfen fl�stern h�ren, und dass dies eine Warnung vor kommendem Unheil sei.</p><p>Das Unheimlichste in dieser Nacht jedoch war das Licht. Es �hnelte ein wenig dem Feenlicht, das er in klaren Wintern�chten manchmal �ber Firnstayn gesehen hatte. Dieses Licht aber war silbern. Und es zog nicht hoch �ber den Himmel, sondern es lag zwischen den B�umen rings um sie herum, wie Schleier aus einem Stoff, den man aus Mondlicht gewoben hatte. Ab und an tanzten helle Funken zwischen dem Ge�st. Sie waren wie Sterne, die vom Nachthimmel hinabgestiegen waren.</p><p>Diesmal hatte sie ihr Weg nicht zu Emerelles Burg gef�hrt, und sie waren auch nicht �ber die Shalyn Falah, die Wei�e Br�cke, gegangen. Nuramon hatte ihm erkl�rt, dass die Elfen am letzten Herbstabend das Fest der Silbernacht feierten. Sie trafen sich auf einer Lichtung inmitten des Alten Waldes. Von diesem Ort aus hatten die Alben einst die Welt verlassen. In dieser einen Nacht vermochte Emerelle einen Zauber zu weben, der sie die Stimmen der Ahnen h�ren lie� � jener Elfen, die ins Mondlicht gegangen waren.</p><p>Die Gef�hrten waren schon Stunden durch den Wald geritten, und Mandred sch�tzte, dass Mitternacht nicht mehr fern sein konnte, als sie leise Musik vernahmen. Zun�chst war es nur eine Ahnung, eine kaum wahrnehmbare Ver�nderung in den Kl�ngen des Waldes. Der Ruf der K�uzchen und das Rascheln von M�usen im trockenen Laub verblassten mehr und mehr, als in der Ferne das Lied einer Fl�te erklang. Mandred meinte einen bocksbeinigen Kerl im Schatten der B�ume zu sehen, der auf einer Hirtenfl�te spielte und dazu tanzte.</p><p>Dann mischten sich weitere Kl�nge zum Lied der Fl�te. Kl�nge, denen der Menschensohn keine Instrumente zuzuordnen vermochte.</p><p>Die Elfen waren unruhig, fast wie Kinder, die auf die Leckereien warteten, die es im Fjordland zum Apfelfest gab.</p><p>Zwischen den Schattenrissen der B�ume leuchtete jetzt ein rotes Licht. Eine riesige Laterne � Nein, ein Zelt, in dem Licht brannte. Der Wald �ffnete sich, und Mandred war wie gebannt von dem Anblick, der sich ihm bot. Sie hatten eine weite Lichtung erreicht, in deren Mitte sich ein gro�er H�gel erhob, aus dem eine steile Felsnadel erwuchs. Von unten betrachtet schien es, als reichte sie bis zur Mondscheibe hinauf. Den Fu� des Felsens h�tten wohl f�nfzig M�nner mit ausgebreiteten Armen nicht zu umspannen vermocht. Tausende Lichter umtanzten den zerkl�fteten Stein zum Klang der Musik.</p><p>Um den H�gel herum standen dutzende Menhire, gleich kleineren Br�dern der Felsnadel. �berall zwischen ihnen bewegten sich Elfen, die einen ausgelassenen Reigen tanzten. Auf der ganzen Lichtung erstreckte sich ein Lager. Wie riesige, bunte Laternen leuchteten die Zelte in der Nacht. So viele waren es, dass nicht nur Emerelles Hofstaat zu diesem Fest gekommen sein konnte.</p><p>Pl�tzlich �nderte sich der Rhythmus der Musik, und Mandred sah, wie sich eine einzelne Gestalt aus dem Reigen der tanzenden Elfen l�ste. In glei�endes Licht geh�llt, schwebte sie zur Spitze der Felsnadel und gr��te mit weit ausgebreiteten Armen den Mond.</p><p>Wie zur Antwort auf den Gru� quoll flie�endes Licht aus der Felsnadel hervor, umh�llte bald den ganzen H�gel und ergoss sich schlie�lich �ber die Lichtung. Es griff auch nach den Gef�hrten. Mandred hielt erschrocken den Atem an. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er ein �hnliches Licht gesehen, als er an einem Sommernachmittag im klaren Wasser des Fjords getaucht war. Deutlich erinnerte er sich daran, wie er aus der Tiefe hinauf zur Sonne geblickt hatte und wie das Wasser ihre Strahlen ver�ndert hatte.</p><p>Noch immer wagte er nicht zu atmen. Ein Schwindelgef�hl ergriff ihn. Das Licht schien durch ihn hindurchzuflie�en und ihn mit sich zu tragen.</p><p>Mandred h�rte Stimmen.</p><p>�Nein, es geht ihm gut.�</p><p>Blinzelnd sah sich der Menschensohn um. Er lag im hohen Gras.��Was ist mit mir?�</p><p>�Du bist pl�tzlich vom Pferd gefallen�, antwortete Nuramon. �Aber es scheint, als h�ttest du dich nicht verletzt.�</p><p>�Wo ist das Licht?� Mandred versuchte sich aufzurichten. Er lag neben einem roten Zelt; das wunderbare Licht aber, das aus dem Felsen gestr�mt war, war verschwunden.</p><p>Nuramon half ihm auf.</p><p>�Du bist der erste Menschensohn, der dem Fest der Silbernacht beiwohnt�, sagte Ollowain streng.��Ich hoffe, du wei�t diese besondere Gunst zu sch�tzen.�</p><p>�Schwertmeister?� Zwei Elfen in schimmernder R�stung traten an sie heran.��Die K�nigin w�nscht dich allein zu sehen.�</p><p>Farodin und Nuramon sahen einander erstaunt an.</p><p>�Sind wir in Ungnade gefallen?�, fragte Mandred trocken.</p><p>�Es steht uns nicht zu, die Befehle der K�nigin zu deuten.� Ohne ein weiteres Wort entfernten sich die Elfenkrieger mit Ollowain.</p><p>�Wurde er eingeladen oder abgef�hrt?�, fragte Yilvina verwundert.</p><p>�Meinst du, Emerelle wei�, wie sp�t er uns in Aniscans zu Hilfe kam?�, fragte Mandred.</p><p>�Ich glaube, sie will sein Wort vor unserem h�ren�, erwiderte Farodin. Diesmal tauschte er mit Nuramon einen besorgten Blick.</p><p>Der Mond war zum Horizont gewandert, als die Wachen zur�ckkehrten. �ber eine Stunde hatte man sie mit ihren Zweifeln allein gelassen, w�hrend die �brigen Albenkinder im Lager ein ausgelassenes Fest feierten. Sie folgten den beiden Kriegern zum safranfarbenen Zelt der K�nigin. Es war gr��er als ein Langhaus, dachte Mandred neidisch.</p><p>Als er nach seinen Gef�hrten eintreten wollte, kreuzten die Wachen vor ihm die Speere. �Verzeih uns, Menschensohn�, sagte einer von ihnen.��In dieser Nacht ist es dir nicht erlaubt, die K�nigin zu sehen. Allein diesem Fest beizuwohnen ist mehr Ehre, als je einem anderen Menschen zuteil wurde.�</p><p>Mandred wollte zu einer bissigen Antwort ansetzen, als er aus dem Zelt deutlich die Stimme der K�nigin vernahm. Ihr Schatten war durch das Zelttuch zu sehen. Sie schien ihm gr��er als im Thronsaal, doch das musste wohl am Licht liegen. �Ich freue mich, euch wohlbehalten zu sehen.�</p><p>�Meine K�nigin, dein Wunsch ist erf�llt. Der Sohn Noroelles ist tot.�</p><p>�Du wei�t sehr wohl, was mein Wunsch war und dass er nicht erf�llt wurde. Guillaume starb nicht durch deine H�nde und ebenso wenig durch die deiner Gef�hrten. Also sage mir nicht, mein Wunsch w�re erf�llt!� Die Stimme der Elfenk�nigin war so kalt wie Mondlicht. Nie zuvor hatte Mandred sie so reden h�ren. �Ihr k�nnt weder ermessen, wie sehr ihr mich entt�uscht habt, noch wie gro� der Schaden ist, der aus euren Taten erwachsen wird. Es ging nicht nur darum, _dass_ Guillaume stirbt, sondern auch darum, _wie_ er stirbt. Wage also nicht, mich nach Noroelle zu fragen! Euer Erfolg h�tte Noroelles Schuld tilgen k�nnen, so aber hat sich nichts ge�ndert.�</p><p>Mandred traute seinen Ohren kaum. Was wollte Emerelle? Guillaume war doch tot! Farodin und Nuramon hatten es nicht verdient, so behandelt zu werden. Am liebsten h�tte er die beiden Wachen niedergeschlagen, um ins Zelt zu gehen und ihr eine Lektion in Gerechtigkeit zu erteilen.</p><p>�Herrin!�, entgegnete Nuramon trotzig.��Ich bedauere allein, dass ich Guillaumes Tod nicht verhindern konnte. Noroelles Sohn war nicht, was du in ihm sahst. Und wenn er eine Schuld trug, dann allein die, geboren zu sein.�</p><p>�Du hast gesehen, was seine Magie bewirken konnte, und wolltest ihn hierher bringen! Gleich, was du sagst, er bleibt der Sohn eines Devanthars. Und selbst im Tod ist er noch dessen Werkzeug. Du hattest eine ganze Nacht, unbemerkt meinen Befehl auszuf�hren. In dieser Nacht hast du das Geschick von Albenmark ver�ndert. Dort drau�en in der Anderen Welt geschieht etwas � Ich kann es nicht in meinem Wasserspiegel sehen, aber ich sp�re es. Der Devanthar � Er nutzt die Art, auf die Noroelles Sohn gestorben ist, f�r seine Zwecke. Er hat seine Rache an uns nicht aufgegeben. Wir m�ssen von nun an auf der Hut sein. Niemand wird Albenmark mehr verlassen. Und niemand wird hierher zur�ckkehren. Ich habe Ollowain zum W�chter der Tore ernannt, denn er hat sich als mein treuester Recke erwiesen. Ihr habt nun die Erlaubnis zu gehen.�</p><p>Mandred war fassungslos. Wovor f�rchtete die K�nigin sich? Kein Menschenherrscher war so m�chtig wie sie, und doch lie� sie die Tore schlie�en, so als w�re Albenmark eine Burg, die darauf wartete, belagert zu werden.</p></section><section><title><p>Alaen Aikhwitan</p></title><p>Mandred ritt an der Seite Nuramons in einen gro�en Wald hinein. Hier irgendwo sollte sich das Haus des Elfen befinden. Farodin war bei seiner Familie. Er wollte am Abend kommen, um mit ihnen zu beraten, was zu tun blieb, da die K�nigin alle Weltentore bewachen lie�. Nuramon wirkte niedergeschlagen. Das konnte Mandred ihm gut nachf�hlen, hatte ihm die K�nigin doch jede Hoffnung zunichte gemacht, Noroelle jemals wiederzusehen.</p><p>Der Wald war Mandred unheimlich. Er konnte sich hier nicht orientieren, die B�ume schienen seine Sinne zu verwirren. Je tiefer sie in den Wald eindrangen, desto schwerer fiel es ihm einzusch�tzen, in welche Richtung sie ritten. Vielleicht lag es am Weg, den Nuramon w�hlte. Mandred beobachtete seinen Gef�hrten; es kam ihm so vor, als lie�e der Elf sein Pferd den Weg w�hlen. Dieses bewegte sich so zielstrebig durch den Wald, dass es kaum die Richtung �ndern musste. Offenbar kannte es den Weg zu Nuramons Haus.</p><p>Es gab keine Hindernisse, die sie �berwinden mussten, und der Pfad verlief eben. Genau das mochte es sein, was Mandred verwirrte. Von der Ferne hatte es so ausgesehen, als ragte in der Mitte des Waldes ein mit B�umen bestandener H�gel auf. L�ngst h�tten sie dessen Ausl�ufer erreichen m�ssen. Aber rings herum gab es nichts, das sich h�her erhob als ein Ameisenh�gel. Vielleicht verwirrte ihn aber auch das vielf�ltige Leben, das ihn hier umgab: all die V�gel, all das Wild, das sich nicht scheute, sie aus der Ferne zu beobachten, so als wollte es sehen, wie Nuramon heimkehrte.</p><p>Je tiefer sie in den Wald vordrangen, desto gr��er und �lter wurden die B�ume. Die Vielfalt der elfischen W�lder �berraschte Mandred immer wieder aufs Neue. Hier stand Eiche neben Pappel, Birke neben Tanne und Buche neben Weide.</p><p>Und alles harmonierte miteinander. Es schien fast so, als w�ren die B�ume mit Absicht so gewachsen, dass sie zu ihrem Nachbarn passten. Er musste an Aikhjarto denken.</p><p>�Wie viele von diesen B�umen sind so wie der alte Atta Aikhjarto?�, fragte er den Elfen.</p><p>Nuramon sah ihn an, als h�tte er mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Frage.</p><p>�Sind die B�ume auch Albenkinder?�, setzte er nach und �berraschte Nuramon abermals.</p><p>�Aber ja!�, antwortete der Elf. �Nur die beseelten nat�rlich. Doch in diesem Wald gibt es nicht mehr viele von ihnen. Die Zeiten sind vor�ber, da der gro�e Alaen Aikhwitan Rat hielt.�</p><p>�Alaen Aikhwitan? Ist das ein Bruder von Atta Aikhjarto?�</p><p>�So kannst du es sehen. Die Eichen sind die �ltesten. Manche sagen, sie seien die ersten Albenkinder. Du wirst Aikhwitan schon bald sehen.� Nuramon l�chelte, und Mandred konnte nicht entscheiden, ob es ein schelmisches oder aber ein freundliches L�cheln war. Gef�hle in den Gesichtern von Elfen zu lesen fiel ihm immer noch schwer.</p><p>Sie ritten an immer gr��eren B�umen vor�ber, und Mandred fragte sich, wie m�chtig wohl Alaen Aikhwitan sein mochte. Wie weit mochte dessen Macht wohl reichen?��Trugen all diese B�ume einmal eine Seele?�</p><p>�Ja. Sie geh�rten zu einem gro�en Rat. Doch das ist lange her. Und einzig Alaen Aikhwitan ist vom Rat �brig geblieben. Die anderen beseelten B�ume sind viel j�nger.�</p><p>Ehrf�rchtig sah Mandred sich um. Wenn die B�ume einst einen Rat gebildet hatten, dann war der Wald nun wie eine leere Ratshalle, in der nur noch das Oberhaupt sa�. Wie einsam musste sich Aikhwitan f�hlen!</p><p>Das Ge�st der B�ume �ber ihren H�uptern war dicht verwoben, fast wie fein gewebter Stoff. Die Sonne blieb hinter dem h�lzernen Dach verborgen; nur selten stach ein Speer aus Licht hinab zum Boden. Die St�mme wirkten wie S�ulen, die Riesen erbaut hatten. Die feierliche Stimmung schien Nuramons Tr�bsinn zu vertreiben. Er wirkte gel�ster.</p><p>Sie wichen einem m�chtigen Baumstamm aus. Mandred drehte sich im Sattel und blickte zur�ck. Es war eine Tanne! In seiner Welt gab es nicht einmal Eichen, die einen solchen Stamm hatten.</p><p>�Stimmt etwas nicht?�, fragte Nuramon lachend.</p><p>�Ganz sch�n gro�, eure��� Mandred brach mitten im Satz ab. Sie hatten den Rand einer Lichtung erreicht. In ihrer Mitte ragte eine riesige Eiche empor. Als g�be es f�r diesen Baumgiganten keine anderen Jahreszeiten als den Fr�hling und den Sommer, trug er noch Bl�tter. Er war so m�chtig, dass der Schatten des Stammes bis zum gegen�berliegenden Waldrand reichte.</p><p>Mandred hielt den Atem an. Der Stamm der Eiche war so gewaltig wie eine Klippe. Er sah nicht aus wie ein Baum, sondern wie etwas, auf dem B�ume wuchsen. Eine h�lzerne Stiege klomm in weiten Windungen den Stamm hinauf. Und dicht unter der Krone sah Mandred ein einzelnes Fenster. Er stutzte. Dieses Fenster musste wirklich gro� sein, auch wenn es sich im Vergleich zum Stamm winzig ausnahm. �Du wohnst doch nicht etwa da?�, fragte Mandred.</p><p>�Doch. Dort auf Alaen Aikhwitan wohne ich�, antwortete Nuramon gelassen.</p><p>�Auf diesem Riesenbaum?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber du sagtest, er sei beseelt.� Die Vorstellung, auf etwas zu wohnen, das denken konnte, fand Mandred sehr befremdlich. Da musste man sich ja wie der Floh im Pelz eines Hundes f�hlen!</p><p>�Er ist sehr gastfreundlich, das kann ich dir versichern. Seit vielen Generationen lebt meine Familie dort.�</p><p>Pl�tzlich senkte Nuramon den Blick. Er dachte gewiss an die Schmach, die auf seiner Familie lag. Mandred konnte das nicht verstehen. Die Wiedergeburt! Die Menschen tr�umten davon, doch f�r Nuramon schien es ein Fluch zu sein. Manche Albenkinder warteten wohl Jahrtausende auf ihre Erl�sung. Jahrtausende�� Das war leicht dahingesagt, doch Mandred merkte, dass er dieses Wort nicht wirklich mit Inhalt f�llen konnte. Eine so gewaltige Lebensspanne war f�r einen Menschen nicht vorstellbar. Den Elfen aber erlaubte sie, alles, was sie taten, bis zur Perfektion zu vollenden. Ob sie sich wohl an ihre fr�heren Leben erinnerten, wenn sie wiedergeboren wurden? Mandred dachte an das Fest vor zwei N�chten. Sah es so aus, wenn ein Elf ins Mondlicht ging? Es war wahrhaft sch�n und zugleich bedr�ckend gewesen. Fremd. Was dort auf dem H�gel geschehen war, war nicht f�r Menschenaugen bestimmt gewesen!</p><p>Sie stiegen aus dem Sattel und f�hrten die Pferde der Eiche entgegen. Mit jedem Schritt erschien der Baum Mandred bedrohlicher. �Wer ist m�chtiger, Aikhjarto oder Aikhwitan?�, fragte er schlie�lich.</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. �Wie wichtig euch Menschen die Macht ist! Aber ich sch�tze, du willst wissen, wo dein Aikhjarto im Gef�ge dieser Welt steht. Nun, ich kann dir darauf nur sagen: Aikhjartos Macht liegt in dem Weltentor, in seiner Weisheit und seiner Freigebigkeit.� Er deutete voraus. �Die Macht Aikhwitans liegt in seiner Gr��e, seinem Wissen und seiner Gastfreundschaft.�</p><p>Mandred war unzufrieden mit der Antwort. Diese Elfen mussten immer �ber Umwege reden! Wollte Nuramon damit sagen, dass man die beiden nicht miteinander vergleichen konnte? Oder waren sie einander ebenb�rtig? Elendes Elfengeschw�tz! Gab es bei ihnen denn nie eine einfache Antwort?</p><p>Der Elf sprach weiter. �Du musst dir keine Sorgen machen, Mandred. Schau, wie ruhig die Bl�tter sich im Wind wiegen, wie geschickt sie mit dem Licht spielen! Schau dir die Rinde an! Die Furchen sind so breit und tief, dass ich als Kind mit meinen H�nden hineingegriffen habe und sogar meine F��e dort Halt fanden. Ich bin daran von hier unten bis hinauf ins Haus geklettert. Er mag in seiner Gr��e bedrohlich wirken, aber der alte Aikhwitan hat eine gute Seele.�</p><p>Mandred musterte den Baum genauer, sah die Bl�tter, von denen Nuramon gesprochen hatte, und das ged�mpfte Licht. Dort oben wirkte es tats�chlich friedlich.</p><p>Sie erreichten den Aufgang, der aus hellem Holz gezimmert war. Hier sattelten sie die Pferde ab. Und Mandred fragte sich, wo der Stall f�r die Tiere war. Selbst die K�nigin hatte einen Stall auf ihrer Burg gehabt. Nuramon machte keine Anstalten, die Pferde irgendwo hinzuf�hren. Er befreite die Tiere vom Zaumzeug und legte es zu den S�tteln an den Stamm der Eiche. �Die laufen schon nicht fort�, sagte er dann. �Lass uns hinaufgehen.�</p><p>Nuramons Pferd war treu, aber Mandreds Stute hatte ihm die Grobheiten der letzten Monde gewiss noch nicht verziehen. Es w�re zu schade, sie zu verlieren! Widerstrebend folgte er dem Elfen.</p><p>Nachdem sie auf der Stiege zum ersten Mal den m�chtigen Stamm umrundet hatten, blickte Mandred nach oben. Es lag noch ein weites St�ck Weg vor ihnen. Was machte Nuramon, wenn er mal betrunken nach Hause kam? Schlief er dann unten bei den Wurzeln? Andererseits hatte er seinen Freund noch nie betrunken erlebt. Im Gegensatz zu Aigilaos verstanden die Elfen einfach nichts vom Feiern und Saufen. Mandred fragte sich, wozu sie �berhaupt feierten.</p><p>Um sich zu vergewissern, ob es stabil war, r�ttelte der Jarl an dem Gel�nder der Treppe. Gute Zimmermannsarbeit! Daran konnte man sich immerhin festhalten, wenn einem der Sch�del brummte.</p><p>Nuramon lief mit federnden Schritten voraus. �Komm! Das musst du dir ansehen!�</p><p>Mandred folgte dem Elfen. Sein Atem ging schwer. Verr�ckt, auf so einem Baum zu wohnen! Vern�nftige Leute mussten nur einen Schritt tun, um �ber die Schwelle in ihr Heim zu gelangen. Verfluchte Kletterei!</p><p>Inzwischen waren sie so hoch, dass sie �ber die Baumkronen hinweg blicken konnten. Nuramon deutete auf verschneite Berggipfel am Horizont. �Das sind die Ioliden. Dort lebten einst die Kinder der Dunkelalben.�</p><p>Mandred gefiel der Klang des Namens nicht. Dunkelalben! Und deren Kinder! Das mussten die legend�ren Dunkelelfen sein, von denen man sich in seiner Welt schlimme Geschichten erz�hlte. Es hie�, sie zerrten die Menschen in Felsspalten, um dort ihr Fleisch zu fressen. Bei Nacht konnte man sie nicht sehen, weil ihre Haut so schwarz war wie die Finsternis. Mit diesen Wesen wollte Mandred nichts zu tun haben, und es wunderte ihn, dass Nuramon so seelenruhig von ihnen sprach. Der Elf war mutiger, als er zugeben mochte.</p><p>Schweigend legten sie den Rest des Weges zur�ck und hielten vor dem Eingang zum Haus an. Von hier aus konnte man bis zur Burg der K�nigin und �ber das umliegende Land blicken. Irgendwo jenseits der Burg musste die Shalyn Falah und dahinter das Weltentor liegen. Alles andere war Mandred fremd. Gewiss hatte kein Mensch je das ganze Land erkundet, das hier vor ihnen lag. Seitdem sie Firnstayn verlassen hatten, hatte Mandred dar�ber nachgedacht, was er als Gestrandeter im Elfenreich anfangen sollte. Was blieb ihm hier zu tun, was ein Elf nicht unendlich viel besser zu tun vermochte?</p><p>Er musste an Aigilaos denken. W�rde er doch noch leben! Mit ihm durch die W�lder zu streifen, zu jagen und zu trinken, sich gegenseitig erfundene Heldentaten zu erz�hlen und feine Elfendamen bei Hof mit derben Komplimenten zu verschrecken� Das w�re ein Leben gewesen! Mandred l�chelte stumm in sich hinein. Er vermisste den Kentauren. Und er w�re ihm der beste aller Gef�hrten gewesen! Mandred war entschlossen, seine Blutfehde mit dem Devanthar zu Ende zu f�hren. Er wusste nicht, wo er mit seiner Suche beginnen sollte. Und er wusste auch nicht, wie er Albenmark verlassen sollte, nachdem Emerelle nun die Tore bewachen lie�. Aber er w�rde einen Weg finden! Das war er Aigilaos schuldig�� Und Freya!</p><p>Nuramon schob die runde T�r auf, die weder verschlossen noch verriegelt schien. Offenbar hatten die Albenkinder keine Angst vor R�ubern. Der Elf z�gerte einzutreten. �Die Andere Welt hat mir den Sinn f�r die Zeit verwirrt�, sagte er. �Mir ist, als w�ren nicht Jahre, sondern Jahrhunderte vergangen.�</p><p>�Es ist nicht die Zeit, sondern das Schicksal.�</p><p>Nuramon stutzte.��Was hast du da gesagt?�</p><p>�Das sind nicht meine Worte�, entgegnete Mandred verlegen.��Ein Priester des Luth sprach sie einst. Er sagte: _Die Zeit mag lang erscheinen, wenn das Schicksal sich vielf�ltig zeigt_.�</p><p>�Das sind die Worte eines klugen Mannes, und es ist ein Zeichen von Weisheit, sie im Ged�chtnis zu behalten.�</p><p>Mandred war zufrieden. Endlich erhielt er mal ein wenig Anerkennung abseits von Kraft und Kampf.</p><p>�Komm, sei Gast in meinem Haus.� Der Elf deutete mit einer einladenden Geste ins Innere des Baumes.</p><p>Mandred trat ein. Ihm fiel sogleich der besondere Duft von Nuramons Heim auf. Es roch nach frischen N�ssen und Bl�ttern. Die W�nde des Hauses und auch die T�r bestanden aus demselben Holz wie die Stiege, auf der sie heraufgekommen waren. Das Licht, das durch das Laub ged�mpft durch die Fenster drang, verteilte sich so gut, dass zwar an manchen Stellen ein wenig Schatten herrschte, es aber nirgendwo v�llig dunkel war. Mandred sah rotbraune Barinsteine in den W�nden. Sie erinnerten ihn an die Jagdzimmer auf der Burg der K�nigin und daran, wie sie bei Nacht zu gl�hen begonnen hatten. Welche Kostbarkeit w�re auch nur ein einziger dieser Steine in der Menschenwelt!</p><p>Ein k�hler Hauch durchwehte den Raum, und auf dem Boden waren einige Bl�tter der Eiche zu sehen. Doch das Laub war nicht verwelkt, sondern lebte, so als w�re es auch jetzt noch Teil des Baumes. Mandred schaute sich um und fragte sich, warum man bei all den �ffnungen keine Zugluft im Haus sp�rte.</p><p>Die M�bel waren eher schlicht gehalten und f�gten sich in die Atmosph�re des Zimmers ein. Hier gab es nichts �berfl�ssiges, und gerade das lie� es sch�n erscheinen. Nichts wirkte zerbrechlich, sondern alles war so robust wie die Eiche selbst.</p><p>Eine Holztreppe wand sich in die oberen Stockwerke, die von drau�en wegen des dichten Bl�tterwerks nicht zu sehen gewesen waren. Dieses Geschoss lag so, dass der Stamm der Eiche teilweise ausgeh�hlt war. Mandred fragte sich, wieso Alaen Aikhwitan dem zugestimmt hatte. Was mochten Nuramons Vorfahren f�r Heldentaten vollbracht haben, um zu dieser Ehre gelangt zu sein? Die abgerundeten Decken gingen so sanft in die W�nde �ber, dass es schien, als w�re das Holz Aikhwitans mit dem helleren der W�nde und des Bodens verschmolzen.��Von welchem Baum stammt dieses helle Holz?�, fragte Mandred.</p><p>Nuramon legte sein Gep�ck auf einer Bank ab.��Das ist das Holz der Ceren.�</p><p>�Ist das eine Baumart?�</p><p>�Meine Mutter sagte, es sei eine Birke gewesen. In jener Nacht vor der Elfenjagd erfuhr ich, dass ihr Name Ceren war. Sie muss unter den B�umen eine Legende sein.�</p><p>�Hm. Wird mich Aikhwitan hier dulden? Gewiss hat noch kein Mensch seinen Fu� in dein Haus gesetzt.�</p><p>Nuramon l�chelte. �Du hast es doch bis hierher geschafft. Und f�hlst du dich nun etwa unwohl?�</p><p>Das konnte Mandred nicht behaupten. Er f�hlte sich sicher und geborgen. Noch einmal schaute er sich um. �Und hier wohnt niemand sonst? Dein Haus sieht nicht so aus, als ob es �ber drei�ig Jahre lang niemand mehr betreten h�tte.�</p><p>Nuramon machte ein verst�ndnisloses Gesicht. �Wie meinst du das?�</p><p>�Ich sehe keinen Staub, keinen Schmutz. Nur diese Bl�tter da am Boden. Aber irgendwie scheint es, als geh�rten sie hierher.�</p><p>�Es ist noch so, wie ich es verlassen habe.�</p><p>Diese Elfen hatten ein einfaches Leben. Vermutlich k�mmerte sich der Baum darum, dass es sauber blieb, und Nuramon hatte nicht einmal dar�ber nachgedacht.</p><p>W�hrend Nuramon mit seinen Sachen nach oben ging, schaute Mandred sich in den angrenzenden Zimmern um. Obwohl er noch nie hier gewesen war, kam ihm das Haus vertraut vor. Vielleicht war es, weil er Nuramon kannte und dessen Heim zu ihm passte.</p><p>In der Mitte des Baumhauses befand sich ein gro�er Raum mit einem langen Esstisch. Welch eine Verschwendung!, dachte Mandred. Der Tisch war viel zu gro� f�r einen einzigen Bewohner. Dann erinnerte er sich daran, dass Nuramon von seiner Familie gesprochen hatte. Einst hatte vielleicht seine ganze Sippe hier gelebt. An diesem Tisch fanden leicht zw�lf Leute Platz. Es musste niederschmetternd sein, allein mit seinen Erinnerungen in einem solchen Haus zu wohnen. Mandred wurde sich bewusst, dass dies der Grund war, warum er nicht mehr in Firnstayn leben wollte. Dort allein mit seinen Erinnerungen an Freya zu sein, das w�re nichts f�r ihn. So sehr er Alfadas liebte, er k�nnte dort nicht mehr gl�cklich sein.</p><p>Mandred war m�de und setzte sich in einem Nachbarzimmer an ein Fenster, an dem ein schweres Kissen einen hervorragenden Ruheplatz bot. Von hier aus konnte er bis zum Gebirge blicken. Es wirkte jetzt weniger bedrohlich als eben noch, da Nuramon von den Dunkelalben und deren Kindern gesprochen hatte. Hatte er nicht gesagt, sie h�tten dort _einst_ gelebt? Was wohl aus den Kindern der Dunkelalben geworden war? W�hrend Mandred dar�ber nachdachte, sank er in einen ruhigen Schlaf��</p><p>Er tr�umte von einer M�nnerstimme im Wind, die zu ihm fl�sterte.��Zeit, mein Schweigen zu brechen. Erz�hle mir, was dir geschah!�</p><p>Und Mandred berichtete der Traumstimme von dem Manneber und seinem Versagen im Eis, von seiner Rettung durch Aikhjarto, von der Elfenjagd, von seinem Sohn und der Suche nach Noroelles Kind.</p><p>Als Mandred geendet hatte, wartete er auf ein weiteres Fl�stern im Wind. Doch die Stimme schwieg, und der Wind verflog.</p><p>Mit einem Mal schreckte er auf. Er schaute hinaus. Es war dunkel geworden. Der Wind bewegte sanft die �ste und Bl�tter.</p><p>Mandred g�hnte und streckte sich. Er hatte das Gef�hl, nur kurz eingenickt zu sein. Tats�chlich aber musste er einige Stunden geschlafen haben, denn es war Nacht. Er schaute sich um. Die Barinsteine spendeten warmes Licht. Dann bemerkte er einen Duft. Fleisch! Er sprang auf und ging nach nebenan zum Esstisch. Dort lag rohes Gem�se, das offensichtlich frisch geerntet war. Durch die offene T�r zur K�che konnte er Nuramon sehen, wie er vor dem Steinofen stand und irgendetwas hineinschob. Mandred war erstaunt. Nicht nur, dass Alaen Aikhwitan es duldete, dass Nuramon in ihm lebte, er lie� es sogar zu, dass hier ein Feuer gemacht wurde! Wie es schien, machte es der Eiche nichts aus.</p><p>Da wandte sich der Elf um und trat zu Mandred ins Zimmer. �Endlich bist du wach. Mir war gar nicht aufgefallen, wie ersch�pft du warst. Ich war in der Zwischenzeit drau�en im Wald und habe gejagt.� Der Elf nahm das Gem�se vom Tisch.</p><p>Mandred sch�mte sich. Er hatte die Jagd verpasst und faul herumgelegen und geschlafen. �Der Platz am Fenster ist einfach zu gem�tlich, um dort wach zu bleiben.�</p><p>Nuramon lachte. �An dem Fenster hat meine Mutter oft gesessen und mit Aikhwitan gesprochen.�</p><p>Beklommen sah der Jarl zur�ck. Die Vorstellung, dass ein Geist w�hrend seines Schlafs in ihm gewesen war, erschreckte ihn. �Mir war so, als h�tte ich eine Stimme geh�rt.� Er erz�hlte dem Elfen, was geschehen war.</p><p>Nuramon lie� das Messer fallen, mit dem er das Gem�se geputzt hatte. Er wirkte �berrascht und auch ein wenig beleidigt. �Da verbringe ich mein ganzes Leben hier, und Aikhwitan spricht nicht ein Wort zu mir. Ein Mensch aber kommt zuf�llig des Weges, und schon plaudert er mit ihm.� Er sch�ttelte den Kopf. �Verzeih! Nat�rlich spricht er mit dir. Immerhin hat Aikhjarto dich gerettet. Das muss er gesp�rt haben.�</p><p>Mandred f�hlte sich unwohl. Er hatte nicht um die Gunst eines Baumes gebeten und hatte Nuramon nicht beleidigen wollen. B�ume! Wer h�tte gedacht, dass sie so versponnen sein konnten. Gut, dass sie in seiner Welt schwiegen! Er packte Nuramon am Arm. �Komm! Vielleicht spricht er auch zu dir.�</p><p>Sie gingen zum Fenster und lauschten. Doch im Rauschen der Bl�tter war nichts zu h�ren. Das Fl�stern kehrte nicht zur�ck. Und zuletzt zweifelte Mandred daran, ob er die Stimme wirklich geh�rt hatte oder ob es nicht doch ein Traum gewesen war.</p><p>�Ich kann ihn hier �berall sp�ren, aber mehr nicht!�, sagte Nuramon. Der Elf gab sich M�he, seine Entt�uschung zu �berspielen, doch es gelang ihm nicht. �Lass uns das Essen machen.�</p><p>In der K�che angekommen, sah Mandred die Quelle des Duftes. Da brieten einige St�cke Fleisch vor sich hin. Er war erstaunt, wie rasch Nuramon das Fleisch vorbereitet hatte. Nirgendwo hier in der K�che waren Reste von Eingeweiden, Blut oder die Haut zu sehen. So war es unm�glich zu erraten, von welchem Tier das Fleisch stammte, das da vor sich hin brutzelte. Es war hell wie Gefl�gel. Beim Anblick lief Mandred das Wasser im Mund zusammen.��Was ist das?�, fragte er Nuramon schlie�lich.</p><p>�Das ist Gelgerok�, antwortete der Elf.</p><p>Mandred war neugierig. Die Elfen hatten w�hrend ihrer Suche nach Noroelles Sohn oft von Gelgeroks erz�hlt und sie ausf�hrlich beschrieben, aber Mandred konnte sich noch immer nicht vorstellen, wie solch ein Tier aussehen sollte. �Liegt sein Kadaver noch in der N�he? Kann ich ihn mir ansehen?�</p><p>�Das tut mir Leid, Mandred. Ich habe ihn erlegt und das, was ich nicht brauche, Gilomern �berlassen.�</p><p>�Gilomern? Wer ist das?�</p><p>�Er lebt hier in den W�ldern und ist ein J�ger, holt sich aber auch gern das, was andere zur�ckgelassen haben.�</p><p>�Ist er auch ein Elf?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und ist er ein Freund?�</p><p>�Nein. Gilomern macht sich nicht viel aus Freundschaft. Aber es ist �blich, dass wir ihm seinen Teil �berlassen. Er hat sich den Gelgerok gewiss schon geholt. Mach dir keine Gedanken. Fr�her oder sp�ter wirst du noch einen Gelgerok zu Gesicht bekommen.�</p><p>Nuramon machte sich daran, das Gem�se zu schneiden. �Mandred, wie w�re es, wenn du die So�e zum Fleisch bereitest? Ich habe die Kr�uter schon geschnitten, und die Gew�rze sind dort. Am besten nimmst du den Bratensaft aus der Fleischpfanne und mischst alles nach deinem Geschmack.�</p><p>Mandred war erstaunt, welches Vertrauen der Elf in ihn setzte. Hier war er, Mandred Torgridson, der Jarl von Firnstayn und Bezwinger des Mannebers! Und er sollte kochen! Wenn das die Leute im Fjordland w�ssten! Dann w�rde man sich bald nicht mehr von Mandred dem Jarl erz�hlen, sondern ein Trinklied von Mandred dem Koch singen. Was hatte Nuramon auf der Suche nach Guillaume oft gesagt: _Du wirst noch einen Menschen aus mir machen_. Wenn Mandred sich nicht vorsah, dann w�rden Nuramon und Farodin noch einen _Elfen_ aus _ihm_ machen, und er w�rde am Ende gar Gefallen am Kochen finden.</p><p>Z�gernd tat er, was Nuramon ihm aufgetragen hatte, und war kurz darauf �berrascht, wie gut die So�e schmeckte. Nebenher hatte er aufgepasst, dass das Fleisch nicht anbrannte, und sogar das Brot aus dem Ofen geholt. Und als Nuramon von der So�e kostete und sie f�r k�stlich erkl�rte, konnte Mandred seinen Stolz nicht verbergen. Selbstverst�ndlich war sie k�stlich!</p><p>W�hrend Nuramon und er die Speisen auf den Tisch auftrugen, traf Farodin ein. Er hatte Gep�ck dabei und legte es auf einem der vielen leeren St�hle ab. �Wie es scheint, komme ich keinen Augenblick zu sp�t.� Er schien gute Laune zu haben und gro�en Hunger.</p><p>�Endlich wieder etwas Richtiges zu essen�, sagte Mandred. Das, was sie hier auftischten, waren nicht die kleinen Portionen, die sie ihm in der Burg gereicht hatten. Nuramon hatte reichlich Gem�se und Fleisch herangeschafft. Jetzt konnte es Mandred nicht schnell genug gehen, bis sie sich endlich an den Tisch setzten.</p><p>Beim Essen behielt Mandred Farodin im Auge. Was w�rde der Elf wohl zu seiner So�e sagen? Bisher hatten sie nicht dar�ber gesprochen, doch das w�rde er gleich �ndern. Mandred wandte sich an Nuramon. �Dieses Fleisch ist wirklich lecker. Und selbst das Gr�nzeug schmeckt.� Er schaute zu Farodin.��Stimmt doch, oder?�</p><p>Farodin nickte h�flich und sagte zu Nuramon: �Noroelle hat immer mit gro�er Anerkennung von deiner Kochkunst gesprochen. Auch ich habe sie auf der Reise zu sch�tzen gelernt. Das Essen ist vorz�glich, besonders diese So�e hier.�</p><p>Mandred tauschte einen verschw�rerischen Blick mit Nuramon, dann lehnte er sich zur�ck und fragte: �Kannst du ein Geheimnis f�r dich behalten?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Farodin und steckte sich ein kleines St�ck Fleisch in den Mund.</p><p>�Die So�e habe _ich_ gemacht�, sagte er gen�sslich.</p><p>Farodin stockte, kaute dann aber langsam weiter. Als er geschluckt hatte, l�chelte er verschw�rerisch: �Ihr wollt mich auf den Arm nehmen.�</p><p>�Nicht im Mindesten�, erkl�rte Nuramon.</p><p>�Nun, Mandred. Ein gro�es Kompliment an dich�, sagte Farodin anerkennend.</p><p>Mandred war stolz. Wenn man die Elfen �berraschte, kamen ihre wahren Urteile an den Tag.��Aber du musst mir versprechen, dass du niemandem davon erz�hlst, dass Mandred Torgridson am Herd gestanden hat!�</p><p>�Ich verspreche es dir, wenn du mir versprichst, niemandem zu sagen, dass ich nicht zwischen der Kochkunst eines Menschen und der eines Elfen zu unterscheiden wei�.�</p><p>Das war ein gerechter Tausch. Damit konnte Mandred leben.</p><p>Sie hatten bald zu Ende gegessen, und Mandred sah es als Ehre an, dass sie ihm die meisten St�cke Fleisch �berlassen hatten. Das war Gastfreundschaft!</p><p>Sie gingen in ein gro�es Nebenzimmer, dessen Boden aus kleinen Steinplatten bestand. In der Mitte des Raumes war ein Mosaik aus Edelsteinen eingelassen, das einen Elfen zeigte, der sich gegen einen Troll wehrte. Dies schien der Ort zu sein, an dem Nuramons Familie fr�her Kriegsrat gehalten hatte.</p><p>Farodin stellte sich ans breite Fenster, von dem aus man �ber das Land blicken und in der Ferne die Lichter von Emerelles Burg sehen konnte. Nuramon lehnte sich nahe der T�r gegen die Wand und starrte auf das Mosaik, w�hrend Mandred sich davorstellte. Unruhe hatte ihn gepackt. Am liebsten w�re er auf und ab gegangen.</p><p>Die heitere Stimmung, die beim Essen noch geherrscht hatte, war verflogen. Farodin wandte ihnen den R�cken zu. Man musste kein Priester des Luth sein, um zu wissen, wor�ber die Elfen nachdachten. Obwohl sie Albenmark nicht mehr verlassen durften, suchten sie verzweifelt nach einer M�glichkeit, ihre Geliebte zu retten. Das lange Schweigen zeigte, wie schwierig die Lage war.</p><p>Pl�tzlich schaute Nuramon ihn an. �Ich m�chte dich schon seit Tagen etwas fragen, Mandred. Bitte verzeih mir, wenn ich so direkt bin. Aber warum bist du nicht in Firnstayn geblieben?�</p><p>�Weil dort jetzt der Platz meines Sohnes ist�, antwortete er, ohne zu z�gern.��Manchmal m�ssen V�ter ihren S�hnen ihr Erbe fr�h hinterlassen. W�re ich nicht in der Eish�hle gefangen gewesen, w�re ich jetzt ein alter Mann. Meine Zeit in Firnstayn ist vorbei. Es war eine Frage der Gerechtigkeit, zu gehen und Alfadas so die M�glichkeit zu geben, der Jarl zu werden, wenn er sich in den Augen der Dorfgemeinschaft bew�hrt.�</p><p>�Du bist ein Krieger, Mandred. Ist es dir genug, der Vater eines Jarls zu sein? Ist das alles, was du noch erreichen willst?�</p><p>Mandred sah den Elfen verwundert an. Wollte Nuramon ihn beleidigen? Nat�rlich war das nicht genug! �Ich werde den Manneber � ich meine den Devanthar aufsp�ren. Er hat mir das Leben geraubt, das ich h�tte leben sollen. Daf�r werde ich ihn t�ten. Durch seine Taten habe ich meine Frau verloren �� Er biss sich auf die Lippe, als die Gef�hle ihn zu �berw�ltigen drohten. �Und ich m�chte euch helfen � Nichts und niemand kann Freya mehr zur�ckbringen. Aber ihr beiden, ihr k�nnt eure Liebe noch zur�ckgewinnen.�</p><p>�Diese Zuversicht aus dem Munde eines Menschen zu h�ren!�, sagte Farodin zynisch. �Die K�nigin l�sst die Grenzen bewachen. Selbst du kannst nicht mehr in deine Welt zur�ckkehren.� Der Elf wandte sich nicht einmal zu ihnen um, w�hrend er sprach.</p><p>�Farodin hat Recht�, sagte Nuramon. �Die K�nigin mag die Tore viele hundert Jahre geschlossen halten. Vielleicht siehst du deine Heimat nie wieder.�</p><p>�Ich habe mit meiner Heimat abgeschlossen. Zerbrecht euch also nicht f�r mich den Kopf. Denkt lieber daran, wie wir Noroelle retten k�nnen.�</p><p>Nuramon senkte den Blick. �Jedenfalls k�nnen wir von der K�nigin keine Hilfe erwarten. Jede Hoffnung, sie umzustimmen, ist dahin.�</p><p>�Was genau hat die K�nigin mit Noroelle getan?�, fragte Mandred. �Ich habe nie begriffen, was mit ihr geschehen ist. Erkl�rt es mir, dann werde ich vielleicht eine gr��ere Hilfe sein.�</p><p>Farodin schnaubte ver�chtlich.</p><p>Nuramon aber blieb freundlich. �Die K�nigin hat sie in die Andere Welt gef�hrt, um sie dann von dort aus in die Zerbrochene Welt zu verbannen.�</p><p>�Und was ist die Zerbrochene Welt?� Mandred hatte die Elfen auf der Suche nach Guillaume einige Male davon reden h�ren, konnte sich aber bis heute kein Bild davon machen. �Wie kann eine Welt zerbrechen? Ich meine�� eine Welt ist kein Tonkrug.�</p><p>�Die Zerbrochene Welt ist ein altes Schlachtfeld�, sagte nun Farodin. �Es ist der Ort, an dem die Alben gegen die Devanthar gek�mpft und sie vernichtet haben. W�hrend jenes Krieges wurde die Welt auseinander gerissen. Es gibt nur noch wenige Tore, die von hier oder aber aus der Welt der Menschen dorthin f�hren. Diese Welt liegt zwischen der unseren und der deinen; stell sie dir vor als einige wenige Inseln in einem Meer aus Nichts. Sie ist jetzt bedeutungslos, sodass wir deine Welt als die Andere Welt bezeichnen, gerade so als existierte die Zerbrochene Welt nicht mehr. Der Weg zu Noroelle f�hrt uns zun�chst in deine Welt, Mandred. Dort m�ssen wir nach dem Tor suchen, von dem aus wir zu jener Insel im Nichts gelangen, auf der Noroelle gefangen ist. Wenn wir es gefunden haben, dann m�ssen wir den Zauber der K�nigin brechen. Emerelle war im Grunde unsere einzige Hoffnung. Ich f�rchte, gegen ihren Willen werden wir Noroelle niemals aus der Gefangenschaft befreien k�nnen. Es ist aussichtslos.�</p><p>Nuramon machte einige Schritte auf Farodin zu. Seine Worte schienen ihn zu ver�rgern.��Nichts ist aussichtslos! Nur weil wir keinen Weg sehen, hei�t das nicht, dass es keinen gibt. Die Frage ist, wie weit wir gehen, um unser Ziel zu erreichen.�</p><p>Farodin wandte sich um und blickte Nuramon an. Seine Miene war eisig. �Du wei�t, wie weit ich gehen w�rde.�</p><p>�W�rdest du es auch tun, wenn du nie wieder zu deiner Familie k�nntest, weil du eine unendliche Schmach auf dich gezogen h�ttest; wenn auch du verbannt w�rdest, falls die K�nigin dich noch einmal zu Gesicht bek�me; und wenn Noroelle sich von dir abwenden w�rde, wegen deiner Taten? W�rdest du all das hinnehmen, um sie zu retten?�</p><p>Ein seltsam abgr�ndiges L�cheln huschte �ber Farodins Antlitz, ohne dass Mandred in Nuramons Worten einen Grund daf�r finden konnte.��Ich w�rde es ohne zu z�gern tun.�</p><p>�Dann lass uns nicht �ber die Verbote der K�nigin nachdenken, sondern einfach �ber das, was getan werden muss.�</p><p>�Ich werde euch begleiten, wohin der Weg auch f�hrt�, sagte Mandred. �Ich habe noch eine Schuld zu begleichen. Mindestens eine.� W�re er nie in die Elfenwelt gekommen, dann w�re Noroelle heute noch bei ihren Liebsten. Der Manneber hatte ihn als K�der benutzt, um die Elfenjagd in die Welt der Menschen zu locken. Warum das f�r den Devanthar wichtig war, hatte er nicht begriffen. Ging es ihm schlichtweg darum, ein paar Elfen zu t�ten und Emerelle zu zeigen, dass ein Devanthar den Krieg mit den Alben �berlebt hatte? Oder verfolgte er in Wahrheit einen viel tiefgr�ndigeren Plan? Und warum hatte er Guillaume gezeugt? Im Gegensatz zu Emerelle konnte Mandred nicht erkennen, welche Gefahr noch aus dem toten D�monenkind erwachsen sollte. Ganz gleich, was letztlich die Ziele des Devanthars sein mochten, eines war gewiss: Mandred hatte dem �bel Zutritt zur Welt der Elfen verschafft, und er musste seinen Teil dazu beitragen, dass der Schaden wieder ausgeglichen wurde. Viel schwerer aber wog seine zweite Schuld. Mit seinem Versprechen gegen Emerelle hatte er Freya get�tet. Und auch dieses Versprechen wurde nur wegen des Mannebers gegeben. Sein Weib hatte ihn zu Recht verflucht!��Welchen Weg auch immer ihr beschreiten werdet, Mandred Torgridson wird an eurer Seite sein.�</p><p>�Aber wie sollen wir in die Andere Welt gelangen?�, fragte Farodin.</p><p>Der Jarl ballte die Faust. Es war doch offensichtlich, gegen wen man sich zuerst wenden musste! �Wenn ihr bereit seid, euch der K�nigin zu widersetzen, dann sollten wir uns einen Weg in die Andere Welt erk�mpfen.�</p><p>Farodin winkte mit einer eleganten Geste ab. �Nein, Mandred. Was die K�nigin bewachen l�sst, das ist sicher. Die Tore stehen uns nicht offen.�</p><p>�Wenn die T�r zu ist, dann m�ssen wir eben mit dem Kopf durch die Wand!�</p><p>Farodin schmunzelte. �Bei _diesen_ W�nden wird nicht einmal dein Sch�del etwas ausrichten, Menschensohn.�</p><p>�Wartet!� Nuramons Augen gl�nzten. �Durch die Wand! Das ist ein guter Einfall. Das ist geradezu genial� Mit dem Kopf durch die Wand!�</p><p>Mandred verstand nicht, was den Elfen so au�er sich brachte. Farodin hatte schon Recht. Diese Tore waren nicht das, was ein Mensch unter einem Tor verstand. Und es gab auch keine W�nde.</p><p>Nuramon aber lachte. �Wir sind blind! Wir brauchen einen Menschen, der uns die Augen f�r unsere eigene Welt �ffnet!�</p><p>�Wovon redest du?�, fragte Farodin.</p><p>�Es ist doch offensichtlich! Wir werden jenen Weg in die Andere Welt nehmen, den Noroelle gew�hlt hat. Wir werden uns nicht um die bewachten Tore k�mmern, sondern uns selbst ein Tor schaffen.�</p><p>�Nuramon, du �bersch�tzt dich�, erwiderte Farodin gereizt. �Das ist mit Abstand das D�mmste, was ich je von dir geh�rt habe. Wir haben nicht die magischen F�higkeiten Noroelles.�</p><p>Mandred war da anderer Meinung. �Nat�rlich ist Nuramon ein gro�er Zauberer�, protestierte er entschieden. �Gerade du solltest es wissen. Du warst nicht mehr als ein St�ck rohes Fleisch in der Eish�hle�� Nuramon hat dich vor dem sicheren Tod bewahrt. Wenn das keine Zaubermacht ist, dann wei� ich nicht, was man Magie nennen will.�</p><p>�Nur weil ein Pferd Hufeisen tr�gt, ist es noch lange kein Schmied!�</p><p>�Was haben Pferde damit zu tun?�, polterte Mandred los.</p><p>�Ich erkl�re es gern f�r Menschen � Alfadas ist ein vortrefflicher Krieger, das steht au�er Frage. Ollowain hat ihn zu einem Meister im Schwertkampf gemacht. Aber wie gut ist er mit der Axt, Mandred?�</p><p>Der Jarl begriff. �Allenfalls mittelm��ig�, antwortete er zerknirscht.</p><p>�Und so ist es auch mit Nuramon. Ich stehe tief in seiner Schuld, weil er mich geheilt hat, nicht nur in der Eish�hle, sondern auch nachdem wir Aniscans verlassen haben. Ich will seine F�higkeiten keinesfalls in Abrede stellen, aber ein Tor zu �ffnen ist einfach etwas anderes! Die Grenze zwischen zwei Welten zu durchdringen � das ist gro�e Magie.�</p><p>�Ich habe gesehen, wie Nuramon an der Grenze zwischen Leben und Tod um dich k�mpfte und dich ins Leben geholt hat. Welche Grenze k�nnte un�berwindlicher sein als diese?�</p><p>Die beiden Elfen sahen einander verbl�fft an. Es war offensichtlich, dass sie die Dinge noch nie von dieser Warte aus betrachtet hatten.</p><p>Nuramon wirkte ein wenig verlegen. Schlie�lich ergriff er das Wort.��Was haben dir deine Eltern als Kind �ber die Albenpfade erz�hlt?�, fragte er Farodin.</p><p>Der Elf z�gerte, ehe er antwortete.��Sie erz�hlten mir, dass sie unsere Welt durchziehen und sie mit anderen Welten verbinden.�</p><p>�So wie die Albensterne!�, warf Mandred ein und sorgte erneut f�r erstaunte Elfenmienen.</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte Farodin.</p><p>�Vanna erz�hlte mir auf dem Weg zur H�hle des Luth davon. Das habe ich nicht vergessen. Aber was genau hat es mit den Pfaden auf sich?�</p><p>�Es hei�t, die Alben w�ren entlang dieser Pfade gereist. An den Toren, die wir auch die gro�en Albensterne nennen, kreuzen sich sieben dieser Wege.�</p><p>�Und nun denke dar�ber nach, was Mandred in seiner genialen Einfachheit gesagt hat�, dr�ngte Nuramon seinen Gef�hrten.</p><p>Mandred wusste nicht, ob er die Worte Nuramons als Lob oder als Beleidigung auffassen sollte.</p><p>Farodin blickte ihn an.��Wenn die gro�en Albensterne die Tore sind, was sind dann die W�nde? Das ist die Frage.�</p><p>Mandred wusste nicht, worauf die Elfen hinauswollten. Er hatte das Gef�hl, dass Farodin eine Antwort von ihm erwartete. Auch Nuramon sah ihn fragend an.��Die Albenpfade, die zum Tor f�hren?�</p><p>�Nicht ganz�, meinte Farodin.</p><p>Nuramon gab die Antwort. �Die kleineren Albensterne sind es. Jene, die kein sicheres Tor hervorbringen. Man kann dort magische Tore erschaffen und in die Andere Welt �bertreten.�</p><p>Farodin wirkte sichtlich beunruhigt. �Du hast mich gefragt, was meine Eltern mir �ber die Albenpfade erz�hlt haben. Nun will ich dir auch sagen, was sie mir �ber die Albensterne berichteten. Sie sagten, wer mit Gewalt oder Unwissenheit den �bertritt wage, der k�nne ein Opfer von Zeit und Raum werden und auf immer verloren gehen. Noroelle ist eine gro�e Zauberin. Sie wusste, was sie tat. Wir aber sind im Vergleich zu ihr Kinder. Du magst ein au�ergew�hnlich begabter Heiler sein, aber diese Spielart der Magie ist dir so fremd wie mir.�</p><p>�Du willst also aufgeben�, hielt Nuramon dagegen.</p><p>�Nein. Das k�nnte ich nicht. Diese Suche ist mein Leben, mehr als ihr ahnt. Schaut!� Farodin holte ein kleines Silberfl�schchen und ein Tuch hervor. Das Tuch breitete er auf dem Tisch aus, dann �ffnete er vorsichtig das Fl�schchen und sch�ttete den Inhalt auf das Tuch. �Hier k�nnt ihr sehen, wie gro� unsere Hoffnung ist.�</p><p>In dem Seidentuch lag ein winziges H�ufchen Sand.</p><p>�Ist das etwa���, begann Nuramon, sprach aber nicht weiter.</p><p>Farodin nickte.��Nachdem wir von Noroelles Schicksal erfuhren, habe ich mich in die Gewandkammer der K�nigin geschlichen und dort drei Sandk�rner gefunden. Es hei�t, wenn man jedes Sandkorn wiederfindet, dann k�nne der Zauber des Stundenglases gebrochen werden. Auf der Suche nach Guillaume habe ich dreiundf�nfzig weitere Sandk�rner finden k�nnen.�</p><p>�Deshalb hast du dich so oft abgesondert�, sagte Nuramon vorwurfsvoll.</p><p>�Ja. Und jetzt habe ich sechsundf�nfzig K�rner gesammelt. Wahrscheinlich gibt es in Albenmark keine mehr. Die �brigen sind gewiss in der Anderen Welt. Sie wurden von einem Windsto� in alle Himmelsrichtungen davongetragen. Ich glaube, es war Teil des Zaubers, die Sandk�rner so weit wie m�glich zu verteilen.�</p><p>Mandred konnte nicht fassen, wovon der Elf sprach. Er hatte Sandk�rner gesammelt? Wie konnten ihnen sechsundf�nfzig Sandk�rner weiterhelfen? �berhaupt�� Sandk�rner suchen! Das war vollkommen verr�ckt! Wie wollte er sie �berhaupt von gew�hnlichen Sandk�rnern unterscheiden?</p><p>Nuramon starrte auf das Sandh�ufchen. �Das ist wahrlich eine winzige Hoffnung. Aber es mag auch andere Wege geben.�</p><p>�Es ist der einzige, den ich sehe.�</p><p>�Dann lasst uns auf diesem Weg beginnen�, sagte Mandred.</p><p>Die beiden Elfen stimmten zu.</p><p>Doch das Problem der verschlossenen Tore blieb bestehen. Farodin war der Meinung, es m�sse einen sichereren Weg in die Andere Welt geben, als abseits der Tore mit ihren bescheidenen F�higkeiten den Schritt durch einen der kleineren Albensterne zu wagen.</p><p>Nuramon jedoch beharrte darauf, dass sie es schaffen konnten.��Wir m�ssen ja nicht dort den �bertritt wagen, wo sich zwei Albenpfade treffen. Das w�re gewiss eine Torheit. Aber sollte es an einem Ort, an dem sich drei oder vier Wege zu einem Albenstern treffen, denn nicht m�glich sein?�</p><p>�Aber woher lernen wir, wie �� Farodin brach erschrocken ab.</p><p>Nuramon schaute sich im Raum um, als h�tte er jemanden gesehen.</p><p>Mandred konnte niemanden entdecken. Misstrauisch sah er sich um. Was erschreckte die Elfen so? Als h�tte er seinen Gedanken ausgesprochen, antwortete eine leise Stimme auf Fjordl�ndisch: �H�rt mich an!� Wer immer da sprach, befand sich mit ihnen im Zimmer. So viel war gewiss, auch wenn Mandred ihn nicht sehen konnte. �Vernehmt das alte Eichenwissen�, fuhr die Stimme fort. Ein sanfter Windzug fuhr durch den Raum.</p><p>Erschrocken warf Farodin sich �ber den Tisch und deckte die Sandk�rner mit dem Seidentuch zu.</p><p>�Alaen Aikhwitan!�, rief Nuramon.</p><p>Mandred musste an seinen Traum denken.</p><p>�Ja, ich bin es.� Der Baum sprach nicht l�nger fl�sternd, sondern mit einer tiefen M�nnerstimme, tiefer als jede menschliche.��Du bist Nuramon. Ich kenne deine Seele schon seit einer ganzen Weile. Und du, Mandred, tr�gst das Mal meines Bruders. Von dir, Farodin, habe ich bisher nur geh�rt. Du w�rdest dich wundern, wenn du w�sstest, was die B�ume �ber dich reden.�</p><p>Mandred schwieg beklommen. Die Stimme der Eiche f�llte ihn ganz aus. Auch Farodin wagte nichts zu sagen, wenn auch vielleicht aus anderem Grund. Allein Nuramon vermochte den Bann zu �berwinden. �Offenbarst du dich uns, um uns zu helfen? Wirst du uns den Zauber lehren, den wir brauchen?�</p><p>Alaen Aikhwitan brummte, als wollte er Nuramon tadeln. �Seit jeher suchen Albenkinder meine N�he und meinen Rat. Und auch euch werde ich raten. Euch lehren jedoch will ich nicht. Denn dir, Nuramon, habe ich durch deine Mutter alles beigebracht, was dir von mir zusteht. Und euch anderen bin ich nichts schuldig.� Die Stimme wurde leiser.��Das, wonach ihr strebt, kann euch nur ein anderer Baum beibringen. Geht! Geht dorthin, wo die Elfe vom See unterwiesen wurde. Geht! Dort werdet auch ihr unterwiesen werden. Verweilt nicht! Geht �� Die Stimme verging.</p><p>�Die Fauneneiche!�, rief Nuramon.</p></section><section><title><p>Die Fauneneiche</p></title><p>Es hatte zu schneien angefangen, als sie an dem See vorbeiritten, an dem sie so oft mit Noroelle gesessen hatten. Farodin zog seinen Umhang enger um die Schultern, doch gegen die K�lte in seinem Herzen vermochte kein Kleidungsst�ck zu helfen. Er hatte keine gro�e Hoffnung, jemals die Macht zu erlangen, die man brauchte, um ein Tor in die Andere Welt zu �ffnen. Vielleicht hatte Mandred ja Recht? Vielleicht sollten sie es wagen, die Wachen bei einem der Tore anzugreifen, und sich mit Gewalt Zugang in die Welt der Menschen verschaffen.</p><p>In der Ferne, jenseits des Waldes, erhob sich Emerelles Burg. Ob sie wohl wusste, dass sie hier waren? Es hie�, sie wisse alles, was in Albenmark geschah. Aber vielleicht hatte sie dieses Ger�cht selbst ausgestreut? Von dem Eindringen des Devanthars hatte sie allerdings nichts gewusst. Oder doch? Hatte sie es am Ende geschehen lassen, um ein anderes, schlimmeres Schicksal von ihrem Volk abzuwenden? Farodin atmete tief aus. Der Atem stand ihm in einer wei�en Wolke vor dem Mund. Es war v�llig windstill auf der weiten Wiese. Der Schnee fiel nun dichter, und die Burg verschwamm in der Ferne.</p><p>Wer wusste schon um Emerelles Gedanken! Farodin hatte f�r sie gemordet. Er konnte nicht sagen, wie oft�� Aber keinen Augenblick hatte er daran gezweifelt, dass alles, was er in ihrem Auftrag tat, einzig dazu diente, Schlimmeres von seinem Volk abzuwenden. Hatte er sich geirrt? Auf der K�nigin lastete der Fluch, die Zukunft ahnen zu k�nnen. Doch das, was kommen sollte, war wandelbar. Und so konnte es niemals Gewissheit geben.</p><p>Ein einziges Mal hatte Emerelle mit ihm dar�ber gesprochen. Sie hatte die Zukunft mit einem Baum verglichen. Es begann mit dem Stamm, der sich zweiteilte und dann �ste hervorbrachte, die sich immer weiter teilten. Farodin war danach in den Garten gegangen, hatte sich unter einen Baum gestellt und versucht, von unten den Verlauf eines Astes mit all seinen Ver�stelungen zu betrachten. Es war unm�glich. Man h�tte den Baum f�llen m�ssen, um eine sichere Aussage machen zu k�nnen. Und so war es mit der Zukunft.</p><p>�Was f�r ein elendes Wetter�, murrte Mandred, der neben ihm ritt. �Bei uns Menschen hei�t es immer, dass in eurer Welt ewiger Fr�hling herrscht. Sch�ner Fr�hling!�</p><p>�So ist das, wenn Besserwisser von Orten erz�hlen, die sie niemals gesehen haben�, scherzte Nuramon. Er zog an Felbions Z�geln und deutete ein St�ck voraus. �Das ist sie.�</p><p>D�ster und von allen Bl�ttern entbl��t, erhob sich ein m�chtiger Baum vor ihnen; nicht so gro� wie Alaen Aikhwitan, doch immer noch gewaltig. Sie stiegen vom Pferd und gingen das letzte St�ck zu Fu�.</p><p>Deutlich konnte Farodin eine gro�e Spalte im Stamm der Eiche sehen. Die Rinde hatte sich abgesch�lt, und das Holz darunter war faulig geworden. Rings um den Baum lagen d�rre �ste, der Tribut der Fauneneiche an die Herbstst�rme. Die Eiche wirkte heruntergekommen, fast als st�rbe sie.</p><p>Farodin war entsetzt. Nie zuvor hatte er in Albenmark einen lebenden Baum faulen sehen. Das kam einfach nicht vor!</p><p>Auch Nuramon wirkte verst�rt.</p><p>Unschl�ssig standen sie vor dem m�chtigen Stamm und blickten zur Baumkrone hinauf. Es war keine Stimme zu vernehmen. Farodin musterte seine Gef�hrten aus den Augenwinkeln. Sie verrieten mit keiner Geste, ob die Fauneneiche vielleicht zu ihnen sprach.</p><p>�Mir frieren bald die F��e ab.� Wieder war es Mandred, der das Schweigen brach.</p><p>�Wir sollten mit ihr reden�, sagte Nuramon z�gerlich. �Doch wie?�</p><p>�Sag mal�� es war vorgestern, dass Alaen Aikhwitan zum ersten Mal mit dir gesprochen hat, nicht wahr?� Mandred stampfte mit den F��en auf, wie um die K�lte zu vertreiben.</p><p>�Ja�, erwiderte Nuramon.��Und?�</p><p>�Du hast auf deiner Eiche viele Jahre gelebt. Mir ging nur gerade durch den Kopf, dass wir wom�glich sehr lange warten m�ssen, bis die Fauneneiche mit uns spricht. Glaubst du, wir k�nnen ein Feuer machen?�</p><p>�Feuer?� Die Stimme erklang so pl�tzlich in seinem Inneren, dass Farodin erschrocken einen Schritt zur�ckwich.��Man muss wohl ein Mensch sein, um auf die Idee zu kommen, sich einem Baum vorzustellen, indem man neben ihm ein Feuer entz�ndet!�</p><p>�Ich muss mich f�r unseren Freund entschuldigen�, beeilte sich Nuramon zu sagen. �Er ist manchmal etwas voreilig.�</p><p>�Haltet ihn davon ab, ein Feuer zu machen. Ich sp�re, dass er immer noch daran denkt. Und er wollte meine toten �ste daf�r nehmen! Hat er denn gar kein Feingef�hl?� Die schrille Stimme des Baumes war die einer Frau.</p><p>Mandred zog sich ein St�ck weit zur�ck. Er sagte nichts, schlug sich aber die Arme vor die Brust, wie um zu zeigen, dass er immer noch fror.</p><p>Farodin beschlichen Zweifel, ob es klug gewesen war, den Menschensohn mitzubringen.</p><p>�Wir sind wegen Noroelle hier�, sagte Nuramon leise.</p><p>�Noroelle�, die Stimme der Fauneneiche klang nun sanfter, fast wehm�tig.��Ja, Noroelle�� Sie w�re niemals auf die Idee gekommen, hier ein Feuer zu entfachen. Es kommt mir so vor, als w�re es vor langer Zeit gewesen, dass ich sie zuletzt sah.�</p><p>�Wir wollen sie suchen.�</p><p>�Eine gute Idee�, stimmte die Eiche zu. Sie klang nun schl�frig. Ihre �ste knarrten leise.</p><p>�Wir brauchen dazu deine Hilfe�, mischte sich Farodin in das Gespr�ch ein.</p><p>�Wie sollte ich euch helfen?� Die Stimme des Baumes klang nun sehr gedehnt.��Ich kann schlecht von hier fort und euch auf eurer Suche���</p><p>�Eure Eiche schl�ft ein�, spottete Mandred.��Wenn ich nicht von Feuer gesprochen h�tte, w�re sie niemals erwacht.�</p><p>�Feuer!� Der alte Baum seufzte. �Schafft diesen frechen Kerl von hier fort! Sonst lass ich ihn Wurzeln schlagen. Dann mag er selbst erfahren, warum B�ume keine Sp��e �ber Feuer m�gen.�</p><p>Mandred brauchte keine weitere Aufforderung. Er zog sich von sich aus zu den Pferden zur�ck.</p><p>�Jetzt denkt er an eine Axt�, grollte die Baumstimme. �Ich sollte ihn wirklich���</p><p>�Verschone ihn�, sagte Farodin. �Auch wenn er ein schlechtes Benehmen hat, w�rde er sein Leben einsetzen, um Noroelle zu retten.�</p><p>�Ich wei� �� Wieder klang die Stimme des Baumes gedehnt. �Ich f�hle, dass Atta Aikhjarto ihn sch�tzt. Er irrt sich nie�� glaube ich���</p><p>�Bitte schlaf nicht ein�, sagte Farodin.��Du bist unsere einzige Hoffnung.�</p><p>�Es ist Winter, Kinder. Meine S�fte flie�en nicht mehr. Es ist Zeit zu ruhen. Kommt im Fr�hling wieder. Elfenkinder haben doch Zeit�� Wie B�ume���</p><p>�Fauneneiche?�, fragte Nuramon. �Kannst du uns einen der Zauber lehren, den du Noroelle gelehrt hast? Unterweise uns, wie man ein Tor bei einem der niederen Albensterne �ffnet.�</p><p>Er erhielt keine Antwort.</p><p>�Sie schl�ft�, sagte Farodin resignierend.��Ich f�rchte, wir werden bis zum Fr�hjahr warten m�ssen. Falls sie uns �berhaupt hilft.�</p><p>Eine Weile blieben sie noch, aber die Eiche antwortete auf keine ihrer Fragen. Schlie�lich gingen sie zu den Pferden zur�ck. Farodin wollte gerade in den Sattel steigen, als er eine fl�chtige Bewegung im Unterholz hinter der Eiche sah. Der Elf sa� auf. �Lasst euch nichts anmerken�, sagte er leise.��Wir sind belauscht worden.�</p><p>�Ein Spitzel der K�nigin?�, fragte Nuramon.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich reite in den Wald und treibe ihn heraus.�</p><p>�Und wenn er uns freundlich gesinnt ist?�, fragte Nuramon.</p><p>�Warum sollte er sich dann verstecken?�, wandte Mandred ein.</p><p>�So sehe ich das auch!� Farodin riss die Z�gel herum und preschte tief �ber die M�hne gebeugt auf das Unterholz zu. Mandred folgte ihm, ohne zu z�gern.</p><p>Noch bevor sie den Waldrand erreichten, teilte sich das Dickicht, und eine bocksbeinige Gestalt trat ins Freie. Sie hob die H�nde, wie um zu zeigen, dass sie unbewaffnet war.</p><p>�Ejedin?� Farodin erkannte den Stallknecht der K�nigin.</p><p>�Was hast du bei der Eiche zu suchen?�, grollte Mandred, der M�he hatte, seine Stute zu z�geln, und ihr schlie�lich mit der Faust auf den Kopf schlug.</p><p>�Was ich hier zu suchen habe?� Wei�e Z�hne blitzten durch den dichten schwarzen Bart des Fauns. �Mein Urgro�vater hat hier eine Eichel gepflanzt, die er aus seiner Heimat Dailos mitbrachte. Seitdem pflegen die Faune und Silene, die bei Hof dienen, die Fauneneiche. Sie �bermittelt unsere Gr��e in unsere ferne Heimat und hat uns auch sonst schon so manchen Dienst erwiesen. Die Frage ist also nicht, was ich hier zu suchen habe, sondern eher, was ihr hier treibt.�</p><p>�Werd nicht frech, Knecht!�, zischte Mandred.</p><p>�Was sonst, du Meisterreiter? Wirst du mich schlagen, wie deine Stute?� Er hob die F�uste. �Komm nur herunter und leg dich mit mir an!�</p><p>Mandred wollte schon aus dem Sattel steigen, als Farodin sein Ross neben ihn lenkte und ihn zur�ckhielt.</p><p>�Glaubst du, die K�nigin wird dich reich belohnen?�, fragte der Elf in beil�ufigem Tonfall.</p><p>Der Faun leckte sich mit seiner langen Zunge �ber die Lippen. �Ich glaube nicht, dass ich der K�nigin etwas sagen k�nnte, was sie nicht ohnehin schon wei�. Aber vielleicht kommen wir ja ins Gesch�ft?�</p><p>Farodin musterte den Faun misstrauisch. Sein Volk stand in dem Ruf, verschlagen zu sein, war aber zugleich ber�hmt daf�r, mit den beseelten B�umen einen guten Umgang zu pflegen. �Welche Art Gesch�ft sollte das sein?�</p><p>Auch Nuramon war inzwischen herangekommen. Schweigend h�rte er zu.</p><p>�Ich glaube, ich k�nnte die Fauneneiche jeden Tag ein oder zwei Stunden dazu bringen, mit euch zu reden.�</p><p>�Und was ist dein Preis?�</p><p>�Bringt Noroelle zur�ck!�</p><p>Farodin traute seinen Ohren nicht. Das musste ein Faunentrick sein! �Warum sollte dir daran gelegen sein, Ejedin? Und erz�hl mir nicht, dass unsere ungl�ckliche Liebe dein empfindsames Herz ber�hrt.�</p><p>Der Pferdeknecht brach in schallendes Gel�chter aus. �Sehe ich vielleicht aus wie ein r�hrseliges Auenfeechen? Es ist wegen der Fauneneiche! Seit Noroelle fort ist, ist sie v�llig verst�rt. Sie verschl�ft selbst Fr�hling und Sommer.� Er deutete auf die tiefe Wunde in ihrem Stamm.��Seht nur, wie krank sie ist. Bohrk�fer haben sich im letzten Fr�hjahr unter ihrer Rinde eingenistet.�</p><p>�Wie kann das sein?�, fragte Nuramon. �Die Bohrk�fer n�hren sich doch nur von totem Holz.�</p><p>�Und von dem jener B�ume, denen nichts mehr am Leben liegt.�</p><p>�Vielleicht kann ich das faulende Holz wieder erstarken lassen�, sagte Nuramon vorsichtig. �Ich habe noch nie versucht, einen Baum zu heilen. Aber vielleicht ist es m�glich.�</p><p>�Mach mir keine Hoffnungen!�, entgegnete der Faun barsch. �Kommt morgen zur selben Stunde. Ich werde die Fauneneiche dann wecken. Und bringt mir nicht noch einmal diesen Menschen mit! Er regt sie auf. Das tut ihr nicht gut.�</p></section><section><title><p>Die erste Lehrstunde</p></title><p>Nuramon l�ste die H�nde von der wunden Stelle der Fauneneiche. Viel hatte er nicht ausrichten k�nnen; zwar hatte sich das Holz unter der Rinde ein wenig gefestigt, doch es war die Trauer um Noroelle, die das eigentliche Leiden der Eiche darstellte. Nuramon kam es so vor, als w�re seine Liebste f�r die Eiche wie eine Tochter gewesen.</p><p>Der Faun trat an den Baum heran und legte seine Wange an die Rinde.��H�r mich, Fauneneiche!�, fl�sterte er. Was er darauf sprach, war zu leise, als dass Nuramon es h�tte verstehen k�nnen. Bald darauf l�ste sich Ejedin wieder vom Stamm und trat abwartend hinter Nuramon und Farodin zur�ck.</p><p>�Hat sie dich geh�rt?�, fragte Farodin.</p><p>Ejedin aber schwieg und starrte nur auf die Eiche. Als er nickte, war klar, dass die Fauneneiche mit ihm sprach. Schlie�lich sagte er:��Sie ist bereit, euch anzuh�ren.�</p><p>Nuramon tauschte einen Blick mit Farodin. Als dieser ihn stumm aufforderte, sprach er: �H�r nun mich an, Fauneneiche!�</p><p>Der Baum schwieg.</p><p>�Wir flehen dich an! Unterweise uns nun! Warte nicht bis zum Fr�hling! Jeder Tag ist kostbar. Und selbst wenn deine Lehren lange dauern, mag es am Ende entscheidend sein, dass wir jetzt begonnen haben.�</p><p>�Das sind gro�e Worte�, entgegnete die Eiche. Ihre Stimme drang Nuramon direkt in den Geist.��Bist du ein Weiser, dass du das sagst?�</p><p>�Nein, ich bin weit davon entfernt�, gab Nuramon zur Antwort. �Es war Alaen Aikhwitan, der uns an dich verwies. Er sagte auch, wir sollten nicht verweilen. Eben so, als w�re gro�e Eile geboten.�</p><p>�Der Rat von Alaen Aikhwitan galt schon lange vor meiner Zeit. Und durch deine H�nde, Nuramon, habe ich seinen Hauch gesp�rt�� Als ihr gestern bei mir wart, da war ich schl�frig. Es war ein schlechter Zeitpunkt. Doch Ejedin und deine heilenden H�nde haben mich geweckt. Ich kann nicht sagen, wann ich wieder m�de werde. So vernehmt, was ich f�r euch tun kann.� Die Stimme der Eiche gewann an Kraft.��Ich vermag euch den Zauber zu lehren, der euch auf die Weise der Alben auf den Pfaden gehen l�sst. Dich, Nuramon, erkenne ich als Z�gling Alaen Aikhwitans und als G�nstling der Ceren. Dir wird meine Magie nicht fremd sein. Du aber, Farodin, musst neue Wurzeln schlagen und �ber dich hinauswachsen. Denn dein Zauber stammt nicht von einem Baume. Du musst mehr sein wollen, als du einst warst und jetzt bist. Von uns allen wird etwas Ungew�hnliches gefordert. Wir m�ssen auf gefrorenen Boden s�en, um im Fr�hling ernten zu k�nnen.�</p><p>�K�nnen wir das, was du uns lehren willst, denn bis zum Fr�hling erreichen?�, fragte Farodin zweifelnd.</p><p>Die Fauneneiche schwieg lange, ehe sie antwortete. �Was ihr bis dahin nicht gelernt habt, wird euch nimmermehr n�tzen. Seid aufmerksam und bewahrt euch einen klaren Geist.�</p><p>Der Faun trat vor. �Wirst du die Bohrk�fer verbannen?�</p><p>�Sie haben es warm in mir. Sie ruhen und sind ahnungslos. Es w�re grausam, sie in diese K�lte zu schicken. Ich werde im Fr�hling �ber sie entscheiden.�</p><p>Nuramon ahnte, was das bedeutete. Die Eiche w�rde im Fr�hling entscheiden, ob Farodins und seine F�higkeiten ausreichten, um Noroelle zu retten � und damit auch sie selbst.</p><p>�Nun, meine beiden Elfensch�ler. Ich sehe, euer Geist ist voller Fragen. Was ich euch nun vortragen werde, das habe ich einst auch Noroelle gesagt.� Die Eiche lie� sich Zeit, bis sie weitersprach. Fast schien es, als wollte sie Nuramons und Farodins Geduld auf die Probe stellen. �Es gibt f�nf Welten, die uns bekannt sind. Ihre Wurzeln nennen wir Albenpfade. Sie durchziehen die einzelnen Welten und verbinden sie miteinander. Die Kraft, die in ihnen flie�t, macht die Magie und den nat�rlichen Zauber unserer Gefilde erst m�glich.� Die Eiche sprach nun schneller, und ihre Stimme klang wie die einer aufgeweckten jungen Frau. �Die Alben sind einst auf diesen Pfaden von einem Ort zum anderen und auch zwischen den Welten gereist. Die Albensterne sind Wegkreuzungen. Dort treffen sich die Pfade, verbinden sich und gehen wieder auseinander. An diesen Orten ist die Magie stark. Und je mehr Pfade sich kreuzen, desto m�chtiger ist sie.� Die Eiche machte eine Pause. �Das sagte ich einst auch Noroelle�, setzte sie nach.</p><p>Nuramon starrte auf den Stamm der Fauneneiche. Er stellte sich vor, wie seine Liebste als junge Elfe im Fr�hling an diesem Stamm sa� und die Worte vernahm, die vieles, was nur aus alten Erz�hlungen bekannt war, zur Gewissheit machten.</p><p>Die Fauneneiche sprach weiter. �Ich kann euch den Zauber lehren, den ihr ben�tigt, um euch ein Tor in die Andere Welt zu �ffnen. Doch h�rt gut zu! Der Zauber schafft nicht nur Tore zwischen den Welten. Wenn ihr in der Anderen Welt nach Noroelle sucht, dann pr�gt euch die Pfade und Sterne ein. Vielleicht verm�gt ihr eines Tages auf den Pfaden zwischen den Albensternen einer Welt zu reisen, so wie die Alben es getan haben. Ich werde euch die Gefahren erkl�ren und euch ein Gef�hl f�r den Zauber schenken. Ihr werdet ihn nie so vollendet beherrschen wie Noroelle. Sie ist so m�chtig, dass sie nicht durch eine Pforte schreiten muss, sondern zusehen kann, wie sich die Welt um sie herum ver�ndert. Euch steht dieser Weg nicht offen. Ihr werdet ein kleines Tor �ffnen und wieder schlie�en k�nnen. Doch h�tet euch vor verschlossenen Toren und magischen Barrieren. Zwingt ihr euch durch diese hindurch, m�gt ihr ein Opfer der Zeit werden. Ein Opfer des Raumes werdet ihr nur, wenn ihr durch niedere Albensterne schreitet oder aber kl�glich beim Zaubern versagt. Seid ihr bereit, auf Noroelles Spuren zu wandeln, um auf den Pfaden der Alben zu ihr zu gelangen?�</p><p>Nuramon musste nicht lange �berlegen. Doch Farodin war es, der zuerst antwortete.��Das sind wir.�</p><p>�Unterweise uns! In Noroelles Namen�, bat Nuramon.</p><p>Die Fauneneiche lachte, und es klang fast wie das helle Lachen einer Auenfee.��Dann seid meine Sch�ler!�</p><p>Dies also war der Anfang der Suche nach Noroelle. Nuramon hoffte nur, dass die K�nigin nicht misstrauisch wurde. Bis zum Fr�hling w�rden sie h�ufig die N�he der Fauneneiche suchen, und Emerelle konnte sehen, was in ihrem Reich geschah. Doch war es verwunderlich, dass sie der Fauneneiche nahe kamen, die so sehr um Noroelle trauerte? So sehr er auch den Blick der K�nigin f�rchtete, so sehr freute er sich auf die Unterweisung durch die Eiche. Sie hatte Recht: Sie befanden sich nun auf Noroelles Spuren. Im Fr�hling w�rde sich zeigen, wie weit sie auf diesem Weg gekommen waren.</p></section><section><title><p>Eichentrunk</p></title><p>Der Fr�hling war ins Land gezogen, und die Fauneneiche hatte sich in frisches Gr�n gekleidet.��Ich habe euch alles gelehrt, was ihr von mir zu lernen verm�gt.� Farodin vernahm ihre Stimme in seinen Gedanken. Trotz all der �bungsstunden hatte er sich nie daran gew�hnen k�nnen, etwas Fremdes in sich zu sp�ren.</p><p>Die Bedeutung, die hinter ihren Worten lag, war ihm keinesfalls entgangen. So sehr er den Zauber des Suchens �ber die Jahrhunderte vervollkommnet hatte, so bescheiden waren seine F�higkeiten, wenn es um andere Magie ging. Er hatte zwar gelernt, wie auf einem Albenstern ein Tor zu �ffnen war und auch, wie man die verborgenen Pfade beschreiten konnte, doch Nuramon �bertraf ihn mit seinen Fertigkeiten bei weitem.</p><p>Nun war die Zeit gekommen, Abschied von der Eiche zu nehmen. An seiner Seite standen Nuramon und Ejedin, der sie, wann immer es ihm m�glich gewesen war, zur Fauneneiche begleitet hatte.</p><p>�Seid vorsichtig und erinnert euch daran, was ich euch gesagt habe!�, ermahnte sie der Baum. ��ffnet kein Tor ohne Not, durchbrecht verschlossene Tore und Barrieren nur, wenn ihr euch sicher seid, dass sich jenseits davon etwas befindet. Wenn ihr beim Zaubern einen Fehler macht, dann werdet ihr aus dem Gef�ge der Zeit ger�ckt, sobald ihr ein Tor durchschreitet. Je weniger Pfade sich in einem Stern treffen, desto schwieriger ist der Zauber zu wirken. Und was den Menschensohn angeht, so �berlegt euch gut, ob ihr ihm die Gefahr zumuten wollt. Nicht einmal ich kann sagen, wie die Magie der Albensterne sich auf ihn auswirken wird. F�r euch geht es um Noroelle. Doch ist er wirklich bereit, das gleiche Wagnis einzugehen? Manchmal ist es besser, einen Freund zur�ckzulassen, um ihn zu sch�tzen.�</p><p>�Nein, alles, nur das nicht!�, st�hnte Ejedin.��Wenn er l�nger bei Hof bleibt, dann kehre ich nach Dailos zur�ck.�</p><p>�Was hat er angestellt?�, fragte Farodin �berrascht. Mandred hatte sich den Winter �ber zur�ckgezogen, da die Fauneneiche ihn nicht in ihrer N�he duldete. Der Jarl war viel herumgereist, und sie beide hatten kaum Gelegenheit gehabt, sich um ihn zu k�mmern.</p><p>�Fragt lieber, was er nicht angestellt hat. Seit er die beiden Kentauren kennen gelernt hat, ist es zum Verzweifeln. Vorgestern erst sind seine Freunde mitten in der Nacht sturzbetrunken in die St�lle gekommen und haben versucht, unaussprechliche Dinge mit den Stuten zu treiben. Mandred hat sie dabei noch angefeuert.�</p><p>Farodin und Nuramon sahen einander betroffen an. �Und dann?�</p><p>�Es gab eine gewaltige Schl�gerei mit den Palastwachen. Mandred hat eine Nacht im Kerker verbracht, und die beiden Kentauren wurden aus dem Herzland verwiesen. Gestern fr�h musste ich miterleben, wie er seine Stute vor einen Karren voller Amphoren mit Wein aus Alvemer spannte. Eine Stute aus den St�llen der K�nigin als Karrenpferd! Man stelle sich das vor!�</p><p>�Wei�t du, wohin er wollte?�, fragte Farodin.</p><p>�Ich glaube, er hatte vor, das Herzland zu verlassen.� Der Faun schnaubte ver�chtlich. �Aber vermutlich wird er zur�ckkommen, wenn ihm der Wein ausgeht.�</p><p>Die Fauneneiche ergriff noch einmal das Wort. �Die Menschen sind ein eigenartiges Volk. Doch nun zu euch. Bevor ihr geht, m�chte ich die Steine sehen, die Noroelle euch hinterlassen hat. Ich sp�re ihre Pr�senz seit dem Tag, da ich euch als meine Sch�ler annahm.�</p><p>Farodin holte den Smaragd aus einem Lederbeutel an seinem G�rtel. Er sah, wie Nuramon eine Kette vom Hals nahm, deren Anh�nger ein Almandin war. Beide hielten sie ihren Edelstein der Eiche entgegen.</p><p>�Beh�tet diese Sch�tze gut. Sie m�gen euch eines Tages von Nutzen sein. Ich kann euch nichts lehren, was euch helfen k�nnte, ihre Magie zu entr�tseln, doch bedenkt immer, dass in ihnen die Macht Noroelles wohnt. Es mag sein, dass ihr euch einst der Kraft dieser Edelsteine bedienen werdet � Und nun, meine Sch�ler, geht! Denn der Fr�hling ist da, und ich will meine Entscheidung treffen. Die Bohrk�fer m�ssen meine Rinde verlassen. Noch heute Nacht, wenn die Faune und Silene um mich herumtanzen und vielleicht auch die Auenfeen singen, werde ich sie fortschicken. Ihr aber solltet nicht l�nger meine N�he suchen��� Mit diesen Worten h�llte sich die Fauneneiche in Schweigen.</p><p>Farodin und Nuramon verabschiedeten sich von Ejedin und machten sich auf die Suche nach Mandred. Nach Ejedins Bericht hatten sie eine Vorstellung, wo sie ihn finden w�rden.</p><p>Sie �berquerten die Shalyn Falah, und am fr�hen Abend erreichten sie den Steinkreis, in dessen N�he Atta Aikhjarto stand. Schon von weitem hatten sie den Karren gesehen. Mandreds Stute weidete friedlich bei dem zerst�rten Wachturm. Dort lagerte auch eine Gruppe junger Krieger, die Nuramon und Farodin aufmerksam beobachteten.</p><p>Die beiden stiegen ab und gingen Atta Aikhjarto entgegen. Auf der Wiese roch es nach Wein und feuchtem Lehm. Immer wieder schaute Farodin zur�ck. Er bildete sich ein, die Blicke der Wachen zu sp�ren.</p><p>�Siehst du das da vorne?�, fragte Nuramon. Das Wurzelwerk der Eiche wand sich wie h�lzerne Schlangen durch das Gras. In einer Mulde im lehmigen Boden hatte sich eine dunkelrote Pf�tze gesammelt.</p><p>Farodin kniete nieder, tauchte einen Finger in das Nass und roch daran. �Wein! Er muss v�llig betrunken sein, um so etwas zu tun.�</p><p>Nuramon grinste breit. �Nur ein Mensch kann wohl auf die Idee kommen, einen Baum mit Wein zu begie�en. Was Atta Aikhjarto wohl dazu sagt?�</p><p>Farodin erwartete nicht, die m�chtige, beseelte Eiche �berhaupt sprechen zu h�ren. Das einzige Ger�usch, das den Frieden des Fr�hlingsabends st�rte, war ein s�gendes Schnarchen. Nach all den Jahren an der Seite des Menschensohns war es Farodin nur allzu vertraut.</p><p>Die Elfen stiegen �ber die Scherben von Amphoren hinweg und �ber Weinpf�tzen auf dem glitschigen Boden. Die Zweige der Eiche hingen ungew�hnlich tief und formten eine weite Laube um den Stamm. Farodin bog das Ge�st auseinander und hielt mitten in der Bewegung inne. Die Adern auf den zarten, hellgr�nen Bl�ttern hoben sich dunkel hervor.</p><p>Nuramon, der seine Verwunderung bemerkt hatte, zog einen Ast zu sich und hielt die Bl�tter gegen das Licht der schwindenden Sonne. �Der Wein � Es sieht aus, als w�re er bis in die Adern der Bl�tter gezogen.�</p><p>Ob Mandred wohl sein Ziel erreicht hatte? So oft hatte er davon gesprochen, dass er sich mit Atta Aikhjarto betrinken wollte, um geb�hrend zu feiern, dass die alte Eiche ihm das Leben gerettet hatte. Konnte man etwa eine Eiche betrunken machen? Zweifelnd sah Farodin zu den Bl�ttern auf.</p><p>�Sp�rst du das?� Nuramon sah sich verwundert um.</p><p>Farodin h�rte ein Wispern in den Bl�ttern, so als striche ein leichter Wind durch das Ge�st. Sonst war da nichts.</p><p>�Der Baum. Atta Aikhjarto singt. Es ist in mir.� Nuramon blieb stehen und griff sich ans Herz.��Es ist�� au�ergew�hnlich! Noch nie habe ich so etwas geh�rt.�</p><p>Farodin schob die �ste auseinander. Er h�rte nichts dergleichen, nur Mandreds Schnarchen. Der Menschensohn lag an den Stamm gelehnt. Sein Bart war von Erbrochenem besudelt. Rings um ihn lagen noch mehr Scherben. Er schien jede Amphore zerschlagen zu haben, nachdem er sie geleert hatte. Welch sinnlose Zerst�rung!</p><p>Nuramon kniete neben Mandred nieder und sch�ttelte ihn sacht an der Schulter. Ihr Gef�hrte gurgelte im Schlaf, lallte etwas, war aber nicht zu wecken.</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn wir ihn hier zur�cklassen�, sagte Farodin.��F�r ihn und f�r uns.�</p><p>�Das ist nicht dein Ernst!�, entgegnete Nuramon scharf.</p><p>�Bist du blind? Er tut das hier aus Verzweiflung. Er kommt in dieser Welt nicht zurecht. Wir m�ssen ihn mitnehmen. Albenmark ist nicht f�r ihn geschaffen.�</p><p>�Jawoll, ich komme mit ��, lallte Mandred. Der Menschensohn versuchte sich aufzurichten, sackte aber sofort wieder in sich zusammen. �Ich komme mit.� Er r�lpste.��Bringt mir ein Pferd!�</p><p>�Ihr alle kommt mit!�, erklang eine Frauenstimme. Die Zweige wurden auseinander gebogen, und eine Kriegerin im langen Kettenhemd trat in die Laube. Sie hatte zwei Kurzschwerter um die H�ften geschnallt. Yilvina!</p><p>�Versucht nicht zu fliehen!�, sagte die junge Elfe entschieden und lie� ihre Rechte auf einen der Schwertgriffe sinken.��Ihr seid umstellt. Ich befehlige die Wache hier am Tor. Soeben erhielt ich den Befehl, euch zur K�nigin zu bringen. Sie ist zur Jagd im Alten Wald und w�nscht, dass ihr sie begleitet.�</p><p>Farodin spannte sich.��Und du w�rdest dein Schwert gegen uns ziehen, obwohl wir drei Jahre miteinander geritten sind?�</p><p>Yilvina hielt seinem Blick stand. �Zwinge mich nicht dazu. Der Befehl der K�nigin ist eindeutig. Und ich erhielt die Warnung, dass ihr versuchen w�rdet, durch das Tor zu entkommen.�</p><p>Farodin griff nach seinem Waffengurt. �Ich soll also mein Schwert niederlegen.�</p><p>�Nein, du Dickkopf. Ich soll euch nicht in einen Kerker bringen, sondern nur zur K�nigin eskortieren. Glaubst du, ich f�hle mich wohl dabei?�</p><p>Nuramon legte Farodin sanft die Hand auf den Arm. �Lass es gut sein. Wir f�gen uns.�</p></section><section><title><p>Der Albenstern</p></title><p>Das Wasser spritzte ihnen bis �ber die K�pfe, als sie in vollem Galopp durch den Bach preschten. Felbion st�rmte die B�schung am anderen Ufer hinauf. Nuramon duckte sich unter einem niedrigen Ast hindurch und blickte zur�ck. Mandred hatte alle M�he, sich im Sattel zu halten. Der Menschensohn hatte die H�nde in die M�hne seiner Stute gekrallt und war unnat�rlich blass. In den Jahren der Suche nach Guillaume hatte sich sein Reitstil zwar verbessert, aber mit seinen elfischen Freunden konnte er nicht mithalten.</p><p>Nuramon z�gelte sein Pferd und lie� es in einen gem�chlichen Trab fallen. Yilvina hatte ohne M�he mit ihnen mitgehalten. Sie legte ihren Jagdspeer quer vor sich �ber den Sattel. Farodin ritt dicht hinter ihr und nickte Nuramon zu. Das war der Augenblick! F�nf Tage ritten sie nun schon mit der Jagdgesellschaft der K�nigin, und keinen Lidschlag lang hatte man sie aus den Augen gelassen. Vor Stunden hatten sie einen gro�en Hirsch aufgescheucht und waren ihm in wilder Hatz durchs Dickicht gefolgt. Den Rest der Jagdgesellschaft hatten sie dabei hinter sich gelassen; ihnen stand der Sinn nach edlerem Wild. Am fr�hen Morgen hatte der Kentaur Phillimachos, der F�hrtenleser der K�nigin, die Spur eines gro�en Gelgerok gefunden. So hatten nur wenige mit ihnen dem Hirsch nachgesetzt, und als es immer beschwerlicher geworden war, ihrer Beute durchs dichte Unterholz zu folgen, waren sie alle zur�ckgeblieben. Alle bis auf Yilvina, die sich keine M�he gab, zu verhehlen, dass sie als ihre Wache mitritt. Doch wie sollten sie sie loswerden? Eher w�rden sie Mandred verlieren, wenn sie versuchten, die Elfe in einem weiteren wilden Ritt abzuh�ngen.</p><p>Sie erreichten eine Lichtung, auf der Brombeerb�sche und junge Birkensch�sslinge wuchsen. Am Nordrand erhob sich eine moosbewachsene Klippe, an deren Fu� eine Quelle entsprang. Der Hirsch war nirgends zu sehen.</p><p>Yilvina blickte Nuramon herausfordernd an. �Ein guter Platz f�r eine Rast, nicht wahr?� Sie stie� den Speer in den sandigen Boden und schwang sich aus dem Sattel. �Lasst es nicht den Menschensohn machen�, sagte sie und ging dann, ohne eine Antwort abzuwarten, auf die Quelle zu.</p><p>�Was soll ich nicht machen?�, fragte Mandred �berrascht. Dann grinste er anz�glich. �Was sollte man �berhaupt mit so einem d�rren Weib machen?�</p><p>�Sie hat es gewusst. Die ganze Zeit.� Nuramon sah der Elfe nach. Mit keinem Wort und auch mit keiner versteckten Geste hatte sie angedeutet, dass sie auf ihrer Seite stand. Doch ganz gleich, was sie dachte, Yilvina hatte der K�nigin Treue gelobt.</p><p>�Ich werde es tun�, sagte Farodin und stieg ab. Er zog den Speer aus dem Boden und folgte Yilvina zur Quelle.</p><p>Mandred klappte der Kiefer hinunter. �Bei allen G�ttern, was habt ihr vor? Ihr k�nnt doch nicht���</p><p>Nuramon griff ihm in die Z�gel, bevor er davonpreschen konnte. �Lass ihn! Farodin wei�, was er tut. Und Yilvina wei� es auch.�</p><p>�Sie hat uns in Aniscans das Leben gerettet! Er kann doch nicht���</p><p>Farodin ging neben der Elfe in die Hocke. Die beiden schienen kurz miteinander zu sprechen.</p><p>Dann stand Farodin auf und hob den Speer. Yilvina kniete stolz erhobenen Hauptes neben der Quelle. Nuramon zuckte zusammen, als der Speer niederfuhr. Farodin hatte die Waffe wie einen Kn�ppel geschwungen und Yilvina einen heftigen Hieb gegen die Schl�fe versetzt. Die Elfe sank vorn�ber und regte sich nicht mehr.</p><p>Mandred sch�ttelte den Kopf. �Ihr spinnt wohl, ihr Elfen! Wie k�nnt ihr unsere Gef�hrtin einfach niederschlagen?�</p><p>Nuramon wunderte sich, wie schwer es dem Menschensohn fiel, das Offensichtliche zu begreifen.��Sie hat uns auf ihre Art zu verstehen gegeben, dass sie unsere Flucht dulden wird�, erkl�rte er. �Dass sie den Speer in den Boden gesto�en hat, bedeutet, dass sie ihre Waffe nicht gegen uns erheben wollte. Doch ihre Ehre und ihr Treueeid gegen�ber der K�nigin verbieten ihr, uns einfach laufen zu lassen.�</p><p>�H�tte es nicht ausgereicht, einfach zu sagen, dass sie uns verloren hat?�</p><p>Nuramon seufzte. �Sie war damit beauftragt, uns zu bewachen. Uns zu verlieren w�re eine Schande f�r sie.�</p><p>�Die anderen Reiter, die uns zu Beginn der Jagd nach dem Hirsch folgten, sind doch auch zur�ckgeblieben.�</p><p>�Sie waren nicht damit beauftragt, uns zu bewachen. Ihnen war die Jagd einfach zu beschwerlich.�</p><p>Farodin war zu ihnen zur�ckgekehrt und sa� auf. �Lasst uns reiten!� Er blickte zum Rand der Lichtung. �Hoffen wir, dass wir keine W�chter haben, die uns im Geheimen folgen.�</p><p>Beklommen betrachtete Nuramon den Wald. Es war keine Kunst, sich im tiefen Schatten der B�ume zu verbergen. Er folgte Farodin mit einem unguten Gef�hl. Mandred hielt sich an seiner Seite.</p><p>�Warum sollte ich sie nicht niederschlagen?�, fragte der Menschensohn.��W�re das nicht besser gewesen? Ich bin in sp�testens f�nfzig Jahren von den W�rmern gefressen. Euch wird diese Tat wom�glich noch Jahrhunderte nachgetragen.�</p><p>�Vermutlich hatte Yilvina Angst, du k�nntest ihr in deinem �bereifer den Sch�del zertr�mmern.�</p><p>�Ich kann auch sehr behutsam zuschlagen�, sagte Mandred.</p><p>�Nun, ich f�rchte, dir eilt ein schlechter Ruf voraus.� Der Elf war des Themas m�de. Offenbar bestand jedoch keine Hoffnung, den Menschensohn zum Schweigen zu veranlassen.</p><p>�Was geschieht eigentlich, wenn die K�nigin uns einen Verfolger in meine Welt nachschickt?� fragte Mandred. �Dieser Phillimachos scheint ein sehr guter F�hrtenleser zu sein.�</p><p>�Um Verfolgern zu entgehen, nehmen wir einen Albenstern, bei dem sich nur drei Pfade kreuzen. Wer dort hinter uns ein Tor auftut, der wird an einem anderen Ort in deine Welt gelangen.�</p><p>Mandred runzelte die Stirn. �Es tut mir Leid � Aber da die Fauneneiche mich nicht in ihrer N�he duldete, habe ich nicht viel von eurer Magie begriffen.�</p><p>Am�siert registrierte Nuramon den Anflug von Ironie in Mandreds Worten. Dann erkl�rte er dem Menschensohn, was es mit den niederen Albenpfaden auf sich hatte. Ihre Verbindung zwischen den Welten war so instabil, dass man niemals zweimal hintereinander an denselben Ort gelangte, wenn man auf ihnen von einer Welt in eine andere wechselte. Weil sie von eher fl�chtiger Beschaffenheit waren, gab es keine festen Tore wie bei den gro�en Albensternen. Schlie�lich erz�hlte er Mandred auch von den Gefahren, die f�r sie bestanden.</p><p>Der Menschensohn h�rte aufmerksam zu und versank dann tief in Gedanken. Nuramon w�rde es ihm nicht ver�beln, wenn er zur�ckbleiben wollte. Um ihn nicht in seiner Entscheidung zu beeinflussen, trieb er sein Pferd voran, bis er zu Farodin aufschloss.��Ich habe eine Frage, Farodin.�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Wie hast du die Sandk�rner gefunden?�</p><p>�Nun, ich habe einen Zauber angewandt, den ich vor mehr als f�nfzig Jahren zuletzt gesprochen habe. Mit diesem Zauber kann ich alles finden, wenn ich wei�, wonach ich suche.�</p><p>�K�nntest du diesen Zauber nutzen, um Noroelle zu finden?�</p><p>�Nein, denn sie ist in der Zerbrochenen Welt. Aber vielleicht kann ich das Tor zu ihr finden.� Er z�gerte. �Dazu muss ich allerdings erst wissen, wonach ich suche�, sagte er schlie�lich. �In jedem Fall kann ich die Sandk�rner aufsp�ren, wenn ich ihnen nahe genug komme.�</p><p>Nuramon konnte sich schwerlich mit der Vorstellung anfreunden, Sandk�rnern nachzusp�ren.��Es muss einen anderen Weg geben, Noroelle zu befreien.�</p><p>�Solange wir einen solchen Weg nicht gefunden haben, ist das alles, wonach wir uns richten k�nnen. Lass uns erst einmal sehen, ob wir ein Weltentor �ffnen k�nnen. Ich zweifle noch daran.�</p><p>�Es wird uns gelingen. Ich bin mir sicher.�</p><p>�Es sei denn, die K�nigin hat jemanden geschickt, der unseren Spuren folgt�, sagte Farodin.</p><p>Nuramon blickte zur�ck, konnte aber niemanden sehen.</p><p>�Vorhin auf der Lichtung hat irgendwer im Geb�sch gelauert.�</p><p>�Warum hast du nichts gesagt?�, fragte Nuramon entr�stet.</p><p>�Das h�tte doch nichts ge�ndert.�</p><p>Nuramon gefiel die Art nicht, wie Farodin sein Wissen f�r sich behielt und eigenm�chtig Entscheidungen f�r sie alle traf.��Was glaubst du, wer es ist?�</p><p>Der Elf zuckte mit den Schultern. �Jemand, der eine offene Auseinandersetzung scheut. Ich hoffe, dass wir unseren Verfolger �berraschen k�nnen, wenn wir das Tor �ffnen. Wenn es denn gelingen sollte�� Es w�re auch kl�ger, nicht dauernd zur�ckzublicken. Wiegen wir ihn in Sicherheit.�</p><p>Als sie endlich den Waldrand erreichten und offenes Grasland vor ihnen lag, lie�en sie den R�ssern die Z�gel schie�en. Sie galoppierten dem H�gelland diesseits von Yaldemee entgegen. Die Pferde hatten ihre Freude daran voranzust�rmen. Farodins Brauner setzte sich an die Spitze, w�hrend Felbion und Mandreds Stute, welcher der Menschensohn immer noch keinen Namen gegeben hatte, Kopf an Kopf liefen.</p><p>Mandred sa� tief �ber den Hals seiner Stute gebeugt. Mit wilden Rufen trieb er sie voran. Er schien seinen Spa� an dem Rennen zu haben, und Nuramon lie� sich ein wenig zur�ckfallen, damit der Menschensohn wenigstens den kleinen Triumph bekam, nicht der Letzte zu sein.</p><p>Sie erreichten das H�gelland, ohne dass sie einen Verfolger zu Gesicht bekamen. Vielleicht war es ihnen ja gelungen, ihn abzusch�tteln. Zur Sicherheit nahmen sie einen Umweg in Kauf und ritten eine Weile in einem seichten Fluss, um ihre Spuren zu verwischen. Doch Farodin zweifelte offen daran, dass sie Phillimachos auf diese Weise t�uschen konnten.</p><p>Am sp�ten Nachmittag erreichten sie jenes kleine H�geltal, von dem die Fauneneiche erz�hlt hatte.</p><p>Sie stiegen ab. Und kaum hatte Nuramon Boden unter den F��en, da sp�rte er die Macht eines Albenpfades.</p><p>Langsam f�hrten sie ihre Pferde vorw�rts. Im Tal gab es nur eine Esche und einige wenige B�sche. Die grasbewachsenen H�gel rings umher stiegen steil an. Mit jedem Schritt f�hlte Nuramon den Strom des Albenpfades. Er war wie ein Eisweg auf einem Fluss; Eis, das so hauchd�nn war, dass man sp�ren konnte, wie das Wasser unter den F��en floss.</p><p>Am Ende des Tales blieb Nuramon stehen. Dicht �ber dem Boden sp�rte er einen Strudel. Von drei Seiten kam die Kraft der Albenpfade als Str�mung heran, vermischte sich und floss auf drei Pfaden wieder davon. Sie hatten ihr Ziel erreicht.</p><p>Nuramon schaute sich um. Nichts verriet, dass sich hier ein Albenstern befand. Es gab keinen Stein, der den Ort markierte, und auch keine Lichtung.</p><p>Misstrauisch suchte Farodin nach Spuren anderer Albenkinder. Doch nichts wies darauf hin, dass jemand anderes diesen Ort in den letzten Tagen oder Wochen aufgesucht hatte. Die Fauneneiche hatte ihnen einen guten Rat gegeben. Hier konnten sie ungest�rt ein Tor in die Andere Welt �ffnen.</p><p>Nuramon hatte den Gef�hrten in den letzten Tagen immer Mut gemacht und versucht, vor allem Farodins Bedenken auszur�umen. Doch nun beschlichen auch ihn ernste Zweifel. Er hatte sich im vergangenen Winter viel Wissen angeeignet, und die Fauneneiche hatte behauptet, er besitze gro�es Talent. Doch nichts konnte dar�ber hinwegt�uschen, dass er noch nie zuvor ein Tor ge�ffnet hatte.</p><p>�Wir haben unser Ziel erreicht. Ich kann den Albenstern sp�ren�, erkl�rte Nuramon seinen Gef�hrten, sprach dabei aber mehr zu Mandred als zu Farodin.</p><p>�Werden unsere Pferde es wagen, durch das Tor zu schreiten?�, fragte Mandred und musterte misstrauisch das Gras, als m�sste es dort irgendein Anzeichen daf�r geben, dass sie vor einem Albenstern standen.��Ich habe mich sehr daran gew�hnt, mir nicht mehr die F��e wund zu laufen.�</p><p>�Wir m�ssen es einfach versuchen�, entgegnete Farodin.</p><p>�Schaut euch noch einmal um, atmet diese Luft�, sagte Nuramon schwerm�tig. �Vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir Albenmark sehen.� Wer so offen wie sie gegen das Gebot der K�nigin verstie�, der durfte nicht damit rechnen, noch einmal einen Fu� in dieses Land zu setzen.</p><p>�Ich bin mir sicher, dass es das letzte Mal ist�, erkl�rte Mandred.</p><p>Farodin schwieg. Nuramon aber hatte insgeheim das Gef�hl, dass er Albenmark wiedersehen w�rde, auch wenn er es nicht hoffen durfte.</p><p>Schlie�lich wob Nuramon den Zauber. Zuerst konzentrierte er sich auf den Strom der Albenpfade, deren Kraft sich im Stern vermischte. Dann hob er den Kopf, sodass ihm die Sonne ins Gesicht schien. Es war ein Zauber des Lichtes und der W�rme, und beides traf nun sein Gesicht. Magie und W�rme hatten sich auch oft in seinen Heilungen miteinander verbunden, sie waren ihm nicht fremd. So �ffnete er sich der Kraft der Sonne und lie� sie durch sich hindurchflie�en, hinab zum Albenstern. Sein Zauber riss geradezu eine Wunde in den Kraftstrudel, und f�r einen Moment hatte Nuramon ein Gef�hl, als w�rde er in den Albenstern hineingerissen. Mit aller Kraft stemmte er sich dagegen, doch die Macht war zu stark. Pl�tzlich hielt ihn etwas an den Schultern, und er riss die Augen auf. Er konnte kaum sehen. Ihm war, als strahlte die Kraft der Sonne, die er in sich aufgenommen hatte, aus seinen Augen. In seiner N�he gewahrte er zwei Schatten. Das mussten Farodin und Mandred sein.</p><p>Nuramon schloss die Augen und versuchte angestrengt, den Zauber festzuhalten, der ihm zu entgleiten drohte. Er kniete nieder, legte die H�nde auf das warme Erdreich und lie� die Kraft der Sonne durch seine Arme flie�en, als w�re der Albenstern ein Verletzter, dessen Wunde er mit seiner Macht schlie�en m�sste. Doch dies war kein Heilzauber, und die Wunde sollte sich noch nicht schlie�en. Was er f�r eine Wunde des Albensterns gehalten hatte, musste ein Teil des Zaubers sein. Vielleicht war es am Ende gar das Tor selbst. Nuramon sp�rte, wie die Kraft aus seinen Fingerspitzen floss, und erwartete den Schmerz, der bisher mit jedem seiner Zauber verbunden gewesen war. Und gerade weil der Schmerz ausblieb, war Nuramon auf der Hut. Er wollte nicht unvorbereitet von der Pein �bermannt werden.</p><p>Er sp�rte, wie in einem der drei Pfade eine Kraft pulsierte, die ihn von den beiden anderen unterschied. Es war wie der Gegensatz zwischen Salz- und S��wasser. Dieser besondere Pfad musste es sein, der in die Andere Welt f�hrte. Pl�tzlich kam der Schmerz. Brennende Hitze durchfuhr Nuramons H�nde und strahlte hinab bis in die Zehenspitzen. Er versuchte verzweifelt, sich gegen den Schmerz zu behaupten, doch er wuchs und wuchs und war bald unertr�glich. Nuramon wich vom Albenstern zur�ck und riss die Augen auf. Das Licht, das ihm den Blick genommen hatte, war vergangen, und er sah die Gef�hrten an seiner Seite stehen. Neben ihnen erhob sich eine breite Lichts�ule, die wie ein Riss in der Welt wirkte.</p><p>�Du hast es geschafft!�, rief Farodin.</p><p>Nuramon trat behutsam n�her. Er hatte dem Albenstern eine Wunde geschlagen und die Magie der Sonne in sie hinein gegeben.</p><p>W�hrend Mandred wie angewurzelt dastand und ins Licht starrte, ging Farodin um die S�ule herum. Nuramon konnte f�hlen, wie die Lichts�ule aus der Kraft des Strudels gespeist wurde. Er hatte entsetzliche Angst. Wenn er einen Fehler gemacht hatte, w�rden sie vielleicht alle sterben.��Glaubt ihr, dass dies wirklich das Tor ist, das wir schaffen wollten?�, fragte er.</p><p>�Ich bin nicht mit dem Netz deiner Magie verbunden, aber von au�en betrachtet ist alles so, wie die Fauneneiche es beschrieben hat�, erkl�rte Farodin. �Welche Wahl haben wir schon? Ich f�r meinen Teil bin bereit, es zu wagen.�</p><p>Mandred nahm die Z�gel seiner Stute. �Ich m�chte zuerst hindurchgehen.�</p><p>�Das kommt nicht in Frage�, erwiderte Farodin.��Es ist zu gef�hrlich. Du kommst unseretwegen mit, deshalb werde ich vor dir gehen. Wenn ich verbrenne, dann �bernimm es doch bitte in meinem Namen, Nuramon auszurichten, was ich von ihm halte.� Er l�chelte gezwungen.</p><p>�Wir gehen in meine Welt, und niemand anderes als Mandred Torgridson wird den ersten Fu� dorthin setzen!� Mit diesen Worten lief er einfach voran und verschwand unversehens im Licht.</p><p>Farodin sch�ttelte den Kopf.��Solch ein Dicksch�del!� Er holte sein Pferd. �Wer von uns geht als N�chster?�, fragte er dann.</p><p>�Ich habe das Tor ge�ffnet, ich m�chte es auch wieder schlie�en�, entgegnete Nuramon.</p><p>Farodin senkte den Blick. �Wegen unserer Rivalit�t um Noroelle m�chte ich �� Er brach ab. �Lass uns das vergessen und uns an das halten, was Noroelle vor der Elfenjagd gesagt hat.� Ohne ein weiteres Wort folgte er Mandred ins Licht.</p><p>�Komm, Felbion�, rief Nuramon, und das Pferd kam an seine Seite. �Geh hindurch. Ich komme nach.� Ohne sich zu str�uben, schritt das Pferd in das Licht und verschwand.</p><p>Der Zauber, der das Tor binnen weniger Augenblicke schlie�en w�rde, war f�r Nuramon wie eine Handbewegung im Geiste, die er durch seinen Willen vollzog. Es war nichts weiter als ein Heilzauber f�r die Wunde des Albensterns. Und auf Heilzauber verstand er sich. Kaum hatte er ihn gedacht, konnte er ihn nicht mehr r�ckg�ngig machen.</p><p>Nuramon wollte eben ins Licht treten, da wurde er einer Gestalt gewahr, die am Eingang zum Tal auf einem H�gel stand. Es war eine Frau. Sie hob die Hand und winkte mit zur�ckhaltender Geste.</p><p>Obilee! In ihrem Gesicht stand Sorge, das konnte er selbst auf die Entfernung erkennen. Vielleicht weinte sie sogar. Er winkte ihr zur�ck. F�r mehr blieb keine Zeit. Die Lichts�ule begann bereits zu schrumpfen. Er fragte sich, warum Obilee sich ihnen nicht fr�her offenbart hatte. Dann ging er ins k�hle Licht��</p><p>Nur einen Herzschlag sp�ter schlug sengende Hitze auf ihn ein. War dies das Letzte, was er f�hlen w�rde? War der Zauber missgl�ckt? Ein Schritt, und das Licht des Tores war verloschen. �ber ihm brannte eine unerbittliche Sonne.</p><p>Seine Gef�hrten waren bereits hier. Das lie� ihn aufatmen. Doch als er sich umblickte, war die Erleichterung dahin. �berall um sie herum war Sand, so weit das Auge reichte. Es war die Andere Welt. Niemals h�tte er diesen Himmel mit dem �ber Albenmark verwechseln k�nnen, denn hier erschien ihm die Luft selbst an klaren Tagen tr�b.</p><p>Eine W�ste! Von allen Orten in der Anderen Welt waren sie in eine W�ste gelangt! Das Schicksal hatte ihnen erneut einen Streich gespielt. Mandreds Luth hatte ein weiteres seiner Netze gesponnen. Nichts h�tte ihnen deutlicher sagen k�nnen, wie gering ihre Hoffnung war, Noroelle zu finden, als die Ankunft in dieser �dnis.</p><p>Mandred sa� schwitzend im Schatten seines Pferdes und atmete schwer. Farodin aber kniete nieder, hob fassungslos eine Hand voll Sand auf und lie� ihn durch die Finger rieseln.</p></section><section><title><p>Im Feuerland</p></title><p>Er w�rde sich nichts anmerken lassen, dachte Mandred. Immer einen Schritt nach dem anderen. Zwei Tage waren sie nun schon in diesem trostlosen Land. Nuramon behauptete, sie folgten einem von drei Wegen, aber er sah keine Anzeichen daf�r. Wenigstens hatten sie die D�nen hinter sich gelassen. Vor ihnen lag eine endlose Ebene. Wie Knochen riesiger Ungeheuer stachen wei�e Felsen durch den Sand.</p><p>Er konnte die besorgten Blicke der anderen nicht mehr ertragen. �Mir geht es gut�, knurrte er Farodin an. Verdammtes Elfenpack! Ihnen schien die Hitze kaum etwas auszumachen. Sie schwitzten nicht einmal!</p><p>Mandred fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. Sein Mund war trocken, und die Lippen f�hlten sich an wie raue Hanfseile. Die Haut war aufgesprungen und von Schorf bedeckt. Sein Gesicht schmerzte, so verbrannt war es von der gnadenlosen Sonne.</p><p>Er sah nach seinem Schatten. Er war noch viel zu gro�! Noch etliche Stunden bis Mittag! Und schon jetzt war die Hitze unertr�glich.</p><p>Mandred straffte sich. Nur keine Schw�che zeigen! Wieso hielten die Elfen das nur so gut aus? Nuramon wirkte ein wenig ersch�pft, er war l�ngst nicht so ein harter Bursche wie Farodin. Aber selbst er hielt sich gut. Mandred dachte zur�ck an die Zeit, als sie Jagd auf den Manneber gemacht hatten. Nuramon hatte irgendeinen Zauber gewirkt, der warme Luft unter seine Kleider geweht hatte. Mitten im k�ltesten Winter hatte der Elf nicht gefroren. Ob sie die Luft unter ihren Kleidern vielleicht auch abk�hlen konnten? War das ihr Geheimnis? Es musste etwas in dieser Art sein.</p><p>Auch er hatte inzwischen aufgeh�rt zu schwitzen, dachte Mandred m�de. Aber nicht, weil er sich an die Hitze gew�hnt h�tte. Er war ausgetrocknet wie ein St�ck alter Schafsk�se. Wieder fuhr seine Zunge �ber die trockenen Lippen. Sie war angeschwollen.</p><p>Mandred griff nach dem Sattelhorn seiner Stute. Selbst ihr schien die Hitze nicht so viel auszumachen. Heute Morgen hatte er sein letztes Wasser mit ihr geteilt. Sie hatte ihn dabei aus ihren gro�en, dunklen Augen angesehen, als h�tte sie Mitleid mit ihm. Pferde, die Mitleid mit Menschen hatten! Die Hitze machte ihn wohl wahnsinnig!</p><p>Es war unheimlich still hier in der W�ste. Leise konnte man h�ren, wie der Wind die Sandk�rner aneinander rieb.</p><p>Schritt f�r Schritt. Weiter vorw�rts. Das Pferd zog ihn. Sich aufzust�tzen tat gut. Die beiden Elfen f�hrten ihre Pferde am Z�gel. Er lie� sich von seinem Pferd f�hren! Und er hatte nicht mehr die Kraft, dagegen aufzubegehren.</p><p>Der Wind frischte auf. Mandred stie� ein raues, kehliges Ger�usch aus. Fr�her w�re es einmal ein Lachen gewesen. Frischer Wind! Nur Wind. Ein Wind, so hei� wie der Gluthauch, der einem entgegenschlug, wenn ein B�cker seinen Ofen �ffnete. Welch ein beschissenes Ende f�r einen Krieger! Er h�tte heulen k�nnen. Aber da waren keine Tr�nen mehr. Er war ausged�rrt wie ein alter Apfel. So ein elender Tod!</p><p>Er hob den Kopf. Die Sonne stach ihm ins Gesicht, ihre Strahlen waren wie Dolche. Mandred wandte sich leicht zur Seite. Sein Blick schweifte zum Horizont. Nichts, kein Ende der W�ste. Nur wei�e Felsbl�cke und gelber Sand.</p><p>Es begann wieder! Die Luft schmolz. Sie wurde dicker und schlierig. Fast wie S�lze. Sie zitterte und zerfloss dann. W�rde auch er zerflie�en ganz am Ende? Oder w�re er irgendwann so ausgetrocknet, dass er pl�tzlich Feuer fing? Vielleicht w�rde er auch einfach nur umfallen und aufh�ren zu leben��</p><p>Mandred zerrte den Wasserschlauch vom G�rtel, zog den Verschluss ab und setzte das aus Horn geschnitzte Mundst�ck an die Lippen. Nichts. Er wusste, dass er den Schlauch l�ngst leer getrunken hatte. Aber ein einziger Tropfen w�rde ihm gen�gen! Nur eine Erinnerung an Wasser. Verzweifelt wrang er das Leder. Warme Luft fauchte durch das Mundst�ck. Hustend lie� er den Wasserschlauch fallen.</p><p>Argw�hnisch blickte er zu Farodin, der vor ihm ging. Sein Schlauch war gr��er. Bestimmt hatte er noch Wasser und wollte es nicht teilen.</p><p>Er w�rde nicht betteln, ermahnte sich Mandred. Was die Elfen aushielten, das schaffte er auch. Er war viel gr��er und st�rker als diese beiden Mistkerle. Das konnte gar nicht sein, dass sie diese Qualen besser aushielten als er. Bestimmt hatten sie gr��ere Wasserschl�uche. Oder vielleicht hatten sie auch verzauberte Wasserschl�uche, die niemals leer wurden. Oder � Ja, das war es! Kein Zauber, nein! Sie hatten nachts, als er schlief, von seinem Wasser gestohlen! Nur so war zu erkl�ren, dass sie noch immer weiterlaufen konnten, Schritt um Schritt durch diesen verfluchten Sand. Aber ihn, Mandred Torgridson, w�rden sie nicht betr�gen. Seine Finger tasteten nach der Axt an seinem G�rtel. Er w�rde sie beobachten. Und wenn sie nicht damit rechneten, dann w�rde er zuschlagen. Ihm sein Wasser zu stehlen! Niedertr�chtiges Pack! Und das nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten.</p><p>Seine Rechte glitt vom Sattelhorn. Er taumelte noch ein paar Schritt, dann brach er in die Knie. Sofort war Nuramon an seiner Seite. Seine Haut sah rosig aus. Dunkle Ringe malten sich unter seinen Augen ab � Doch die Lippen waren nicht aufgeplatzt. Er hatte genug zu trinken! Sein Wasser! Mandreds Linke krampfte sich um den Holzschaft der Axt. Er schaffte es nicht, die Waffe aus seinem G�rtel zu ziehen. Nuramon beugte sich weiter vor. Seine H�nde waren angenehm k�hl. Sie strichen Mandred �ber das Gesicht. Das Brennen h�rte einfach auf.</p><p>Ganz dicht �ber sich sah Mandred die Kehle des Elfen. Eine Kehle voll k�stlich nassem Blut. Er musste nur zubei�en. Gewiss h�tte er noch die Kraft, die Kehle mit den Z�hnen zu zerrei�en. Die Vorstellung, wie das Blut sein geschundenes Gesicht benetzen w�rde, lie� Mandred lustvoll aufseufzen.</p><p>�Nuramon?� Zum allerersten Mal h�rte Mandred Angst in Farodins Stimme.��Was ist das?�</p><p>Der Elfenkrieger war stehen geblieben und deutete zum s�dlichen Horizont. Ein schmaler, brauner Streifen hatte sich zwischen Himmel und W�ste geschoben. Mit jedem Herzschlag wuchs er an.</p><p>Mandred schien es, als w�re die Luft zu einer z�hen, erstickenden Masse geronnen. Mit jedem Atemzug brannte seine Kehle wie Feuer.</p><p>�Ein Sturm?�, fragte Nuramon unsicher. �Kann das ein Sturm sein?�</p><p>Eine Windb� trieb Mandred Sand ins Gesicht. Er blinzelte, um seine Augen wieder frei zu bekommen. Nuramon und Farodin packten ihn bei den Armen und zerrten ihn hinter eine kniehohe Felskante. Nuramons Hengst wieherte �ngstlich. Er hatte die Ohren angelegt und starrte auf die braune Walze, die immer mehr anwuchs.</p><p>Die beiden Elfen brachten die Pferde dazu, hinter den Felsen zu knien. Mandred st�hnte laut auf, als er mit ansehen musste, wie Farodin sein letztes Wasser �ber ein Tuch goss und seinem Hengst um die N�stern wickelte. Mandreds Stute stie� vor Angst eigent�mliche Knurrlaute aus. Dann pl�tzlich war der Himmel verschwunden. Schleier aus wirbelndem Sand hatten die Welt auf wenige Schritte weit zusammenschrumpfen lassen.</p><p>Nuramon presste Mandred ein feuchtes Tuch auf Nase und Mund. Gierig saugte der Menschensohn an dem feuchten Stoff. Die Augen hatte er zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, und dennoch fand der Sand einen Weg zwischen seinen Wimpern hindurch.</p><p>Farodin hatte den Schutzplatz gut gew�hlt. Im Windschatten des flachen Felsens konnten sie rechts und links den feinen Flugsand gleich einem endlosen Schleier vor�berziehen sehen. Erde und Himmel schienen eins geworden zu sein. Von oben wurden sie mit Sand und Staub berieselt. Doch das meiste trieb der Wind �ber sie hinweg.</p><p>Trotz des Tuchs vor seinem Mund sp�rte Mandred Sand zwischen den Z�hnen und in der Nase. Er war in seinen Kleidern und scheuerte �ber die geschundene Haut. Bald war das Schutztuch ganz und gar verklebt, und Mandred hatte wieder das Gef�hl, ersticken zu m�ssen. Jeder Atemzug war eine Qual, auch wenn mit dem Sturm die Hitze ein wenig nachgelassen hatte.</p><p>Er kniff die brennenden Augen zusammen. Jedes Gef�hl f�r Zeit war ihm verloren gegangen. Der Sturm begrub sie bei lebendigem Leibe. Seine Beine waren schon halb im Sand verschwunden, und er hatte nicht mehr die Kraft, dagegen anzuk�mpfen und sich zu befreien.</p><p>Mandred f�hlte sich v�llig ausged�rrt. Er glaubte zu sp�ren, wie sein eingedicktes Blut immer langsamer durch die Adern floss. Das also war das Ende��</p></section><section><title><p>Elfenpfade</p></title><p>�Sieh dir das an!� Farodin winkte seinen Gef�hrten herbei. Nuramon z�gerte. Er f�hrte Felbion am Z�gel, �ber dessen Sattel sie Mandred gebunden hatten. Der Menschensohn war in tiefe Ohnmacht gesunken. Sein Herz schlug nur noch langsam, und sein K�rper war viel zu warm. H�chstens einen Tag noch, hatte Nuramon am Morgen gesagt. Seitdem waren acht Stunden vergangen. Sie mussten Wasser finden, oder Mandred w�rde sterben. Und auch sie w�rden diese Hitze nicht mehr lange ertragen k�nnen. Nuramons Wangen waren eingefallen, und feine F�ltchen hatten sich rings um seine rot entz�ndeten Augen gebildet. Es war un�bersehbar, dass der Kampf um Mandreds Leben ihn an den Rand des eigenen Zusammenbruchs f�hrte.</p><p>�Komm schon�, rief Farodin. �Es ist sch�n und erschreckend zugleich. Wie ein Blick in Emerelles Wasserspiegel.�</p><p>Nuramon trat zu ihm; jetzt, wo er an Farodins Seite stand, meinte dieser seine Ersch�pfung fast k�rperlich zu sp�ren.</p><p>�Du musst dich ausruhen!�</p><p>Nuramon sch�ttelte matt den Kopf.��Er braucht mich. Es ist einzig meine Heilkraft, die seinen Tod hinausz�gert. Wir m�ssen Wasser finden. Ich � Ich f�rchte, ich kann nicht mehr lange durchhalten. Gehen wir noch auf dem Albenpfad?�</p><p>�Ja.� Farodin war die Aufgabe zugefallen, sie �ber den unsichtbaren Pfad zu f�hren. Sie hatten ausgelost, welchem der drei Pfade vom Albenstern sie folgen w�rden. Und seit Nuramon all seine Kraft aufbieten musste, um Mandred am Leben zu halten, war es Farodin, der sich darauf konzentrierte, dass sie nicht vom Pfad abwichen. Er musste irgendwohin f�hren. Und sei es nur zu einem weiteren Albenstern.</p><p>�Was wolltest du mir zeigen?�</p><p>Farodin deutete ein St�ck voraus auf ein flaches Felsst�ck, das fast g�nzlich im Sand verborgen war. �Dort im Schatten. Meine Spuren weisen dir die Richtung. Siehst du sie?�</p><p>Nuramon blinzelte gegen das helle Licht. Dann l�chelte er. �Eine Katze. Sie schl�ft.� Freudig ging er ihr entgegen.</p><p>Farodin folgte ihm langsam.</p><p>Dicht an den Felsen geschmiegt, lag eine Katze, den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet. Ihr Fell war von hellem Ocker und mit Sand verklebt, so wie Mandreds Z�pfe. Sie war ausgezehrt, ihr Leib abgemagert und das Fell ganz zerzaust. Sie schien zu schlafen.</p><p>�Siehst du, wo ihr Kopf leicht �ber den Fels hinausragt?�, fragte Farodin.</p><p>Nuramon blieb wie angewurzelt stehen.</p><p>Man musste recht nah an die Katze herankommen, um einen Blick auf ihren Hinterkopf zu erhaschen. Er war kahl. Der feine Sand hatte Fell und Fleisch abgetragen und den Sch�delknochen poliert, sodass er in strahlendem Wei� leuchtete.</p><p>�Wie friedlich sie aussieht�, sagte Nuramon sanft.��Sie hat sich in den Schatten des Felsens gelegt, ist ersch�pft eingeschlafen und dann im Schlaf verdurstet.�</p><p>Farodin nickte.��So wird es gewesen sein. Die trockene Hitze hat ihren Leib erhalten, und der Fels hat ihn vor dem Flugsand gesch�tzt. Unm�glich zu sagen, ob sie seit Wochen tot ist oder seit Jahren.�</p><p>�Das ist der Blick in den Spiegel, meinst du? Unsere Zukunft?�</p><p>�Wenn wir nicht sehr bald Wasser finden. Und ich wage es kaum noch zu hoffen. Seit wir durch den Albenstern getreten sind, haben wir kein Tier gesehen, nicht einmal eine F�hrte! Nichts, was lebt, verirrt sich in diese W�ste.�</p><p>�Die Katze hat gelebt�, entgegnete Nuramon �berraschend heftig.</p><p>�Das hat sie wohl. Doch hierher zu kommen war ein t�dlicher Fehler, wie man sieht. Glaubst du, dass Mandred den n�chsten Sonnenaufgang noch erleben wird?�</p><p>�Wenn wir Wasser finden���</p><p>�Vielleicht sollten wir eines der Pferde t�ten und ihm das Blut zu trinken geben.�</p><p>�Ich denke, dass besser einer von uns die beiden kr�ftigsten Pferde nimmt und abwechselnd auf ihnen reitet. Er w�rde viel schneller vorankommen und k�nnte Wasser suchen.�</p><p>�Und wer sollte das sein?�</p><p>Nuramon blickte auf. �Ist das so schwer zu erraten? Ich k�hle Mandred mit meiner Heilkraft und halte ihn am Leben. Du k�nntest das gar nicht. Also werde ich zur�ckbleiben. Die Pferde werden mindestens noch bis heute Abend durchhalten. Wenn du eine Wasserstelle findest, tr�nkst du sie, f�llst die Wasserschl�uche und kommst in der K�hle der Nacht zur�ck.�</p><p>�Und wenn ich bis Sonnenuntergang keine Wasserstelle finde?�</p><p>Nuramon sah ihn ausdruckslos an. �Dann hast du noch einen weiteren Tag, um zumindest dein Leben zu retten.� Sein Gef�hrte sah ihn absch�tzend an. �Ein Tag zu Pferd wird deine Kr�fte schonen. Ich bin sicher, du wirst noch einen weiteren Tag durchhalten. Nur macht es keinen Sinn, dann noch zu uns zur�ckzukehren.�</p><p>�Ein guter Plan!� Farodin nickte anerkennend. �Mit k�hlem Kopf durchdacht. Doch braucht er einen mutigeren Mann, als ich es bin, um durchgef�hrt zu werden.�</p><p>�Einen mutigeren Mann?�</p><p>�Glaubst du, ich k�nnte Noroelle unter die Augen treten und ihr sagen, dass ich zwei meiner Gef�hrten in der W�ste im Stich lie�, um sie zu finden?�</p><p>�Du glaubst also noch, dass du Noroelle auf diese Weise finden kannst?�</p><p>�Warum nicht?�, fragte Farodin harsch.</p><p>�Wie viele Sandk�rner hast du aufgesp�rt, seit wir in die Welt der Menschen zur�ckgekehrt sind?�</p><p>Farodin reckte herausfordernd das Kinn. �Keines. Ich habe aber auch nicht gesucht. Ich war � Die Hitze. Ich habe meine Zauberkraft gebraucht, um mir ein wenig K�hlung zu verschaffen.�</p><p>�Das wird dich wohl kaum deine ganze Kraft gekostet haben.� Nuramon deutete mit weit ausholender Geste zum Horizont.��Dies hier hat dir deine Kraft und deinen Mut genommen. Dieser Anblick. Ich glaube nicht, dass wir zuf�llig hier sind. Das Schicksal wollte, dass wir begreifen, wie sinnlos unsere Suche ist. Es muss noch einen anderen Weg geben!�</p><p>�Und welchen? Ich kann es nicht mehr h�ren, dein Gerede von einem anderen Weg. Wie sollte dieser Weg denn aussehen?�</p><p>�Wie willst du all die verlorenen Sandk�rner finden?�</p><p>�Mein Zauber tr�gt sie zu mir. Ich muss nur nahe genug an sie herankommen.�</p><p>�Und wie nahe ist das? Hundert Schritt? Eine Meile? Zehn Meilen? Wie lange wird es dauern, bis du die Andere Welt abgesucht hast? Wie willst du dir jemals sicher sein, ob du alle K�rner gefunden hast?�</p><p>�Je mehr Sandk�rner ich finde, desto st�rker wird mein Suchzauber.�</p><p>Nuramon deutete in die W�ste hinaus. �Sieh dir das an! Ich kenne nicht einmal eine Zahl, mit der man ann�hernd ausdr�cken k�nnte, wie viele Sandk�rner dort sind. Es ist aussichtslos�� Und da du offensichtlich die Kraft hast, das Aussichtslose zu versuchen, bist du die richtige Wahl, um hier nach Wasser zu suchen. Wenn es jemand schafft, dann du! Verwende den Suchzauber, um das n�chste Wasserloch zu finden!�</p><p>Das war genug! �F�r wie dumm h�ltst du mich eigentlich? Es ist eine Sache, etwas so Winziges wie ein ganz bestimmtes Sandkorn inmitten einer W�ste zu finden. Ein Wasserloch aufzusp�ren ist unendlich viel einfacher. Glaubst du, ich h�tte meine Kr�fte noch nicht genutzt, um nach Wasser zu suchen? Warum habe ich dir wohl die tote Katze gezeigt? Das ist unsere Zukunft. Es gibt kein Wasser im Umkreis von mindestens einem Tagesritt. Nur das Wasser in uns. Unser Blut � So einfach ist die Wahrheit. Kurz bevor ich die Katze sah, habe ich es erst versucht. Da ist nichts���</p><p>Nuramon blickte angespannt nach Osten. Er schien ihm nicht einmal zuzuh�ren!</p><p>�Hat die Sonne das letzte bisschen H�flichkeit aus dir herausgebrannt? Sag was! H�rst du mir �berhaupt zu?�</p><p>Nuramon deutete voraus in die leere W�ste.��Dort. Da ist etwas.�</p><p>Eine Windb� trieb einen d�nnen Sandschleier auf sie zu. Wie die Meeresbrandung eilte er dahin und brach sich an den wenigen Felsen, die aus dem Sand ragten. Nicht weit entfernt folgte eine zweite, blasse Sandwoge.</p><p>�Da! Es ist wieder geschehen!�, rief Nuramon aufgeregt.</p><p>�Was?�</p><p>�Wir stehen hier auf dem Albenpfad. Pfeilgrade l�uft er durch die W�ste. Denke ihn von hier aus weiter geradeaus. Etwas mehr als eine Meile, w�rde ich sch�tzen � Beobachte, wie die Sandschleier �ber ihn hinwegziehen. Dort ist etwas!�</p><p>Farodin sah in die angegebene Richtung. Aber dort war nichts! Keine Felsen, keine D�ne. Nur Sand. Zweifelnd blickte er Nuramon an. Wurde er verr�ckt? Brachte ihn die Hoffnungslosigkeit um den Verstand?</p><p>�Es ist wieder passiert! Verdammt noch mal � Jetzt schau doch hin!�</p><p>�Wir sollten uns ein wenig Schatten suchen�, sagte Farodin beschwichtigend.</p><p>�Es kommt ein neuer Sandschleier. Bitte sieh hin!�</p><p>�Du �� Farodin traute seinen Augen kaum. Der Sandschleier zerriss. Kaum einen Herzschlag lang, dann war die L�cke wieder geschlossen. Es war, als glitte der Flugsand �ber einen Felsen hinweg, der den Schleier kurz zerteilte. Nur dass dort kein Felsen war.</p><p>Farodins Rechte glitt zum Schwertgriff.��Was ist das?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung.�</p><p>�Eine unsichtbare Kreatur vielleicht?� Wer h�tte etwas davon, unsichtbar zu sein? Ein J�ger! Jemand, der auf Beute lauerte! Hatte er sie heimlich beobachtet und wartete nun auf dem Weg, dem sie zu folgen gedachten? Farodin zog blank. Das Schwert f�hlte sich ungew�hnlich schwer in seiner Hand an. Die Sonne hatte ihm die Kraft aus den Armen geschmolzen.</p><p>Ganz gleich, was da war, sie mussten sich ihm stellen. Jeder Augenblick, den sie z�gerten, w�rde sie nur weitere Kraft kosten.��Ich seh mir das an. Beobachte du, was geschieht.�</p><p>�W�re es nicht besser���</p><p>�Nein!� Ohne sich auf weiteres Gerede einzulassen, schwang sich Farodin in den Sattel. Das Schwert hielt er schr�g vor der Brust.</p><p>Schon nach wenigen Augenblicken war er heran. Wieder hatte die W�ste ihn get�uscht, ihm eine weitere Entfernung vorgegaukelt. In den hellen Sand war ein Ring aus schwarzen Basaltsteinen gelegt. Sie sahen aus wie gro�e Pflastersteine. Kein Sandkorn lag auf den flachen Steinen. War das ein steinerner Bannkreis? Farodin hatte so etwas nie zuvor gesehen.</p><p>Er lenkte sein Pferd um die Steine herum. Die Staubschleier teilten sich, als tr�fen sie auf eine gl�serne Wand, sobald sie den Kreis erreichten. Er bemerkte eine kleine, grob aus Bruchstein geschichtete Pyramide, die etwas abseits des Kreises lag und halb vom Flugsand verweht war. Zuoberst ruhte ein menschlicher Sch�del auf den Steinen. Farodin sah sich um und bemerkte noch weitere niedrige H�gel. Bei einem lagen sogar mehrere Sch�del. Welch ein Ort war dies? Angespannt sah er sich um. Au�er dem Steinring und den H�geln gab es keine Anzeichen daf�r, dass hier einmal Menschen oder Elfen gelebt hatten.</p><p>Schlie�lich stieg Farodin ab. Der Boden war durchtr�nkt von Magie. Aus allen Richtungen liefen Albenpfade in dem Kreis zusammen. Vorsichtig streckte der Elf die Hand nach der unsichtbaren Barriere aus. Er sp�rte ein leichtes Kribbeln auf der Haut. Z�gernd trat er in den Kreis. Nichts hielt ihn zur�ck. Offenbar hielt der Bannzauber des Kreises nur den Flugsand fern. Doch wozu die Sch�del? Die Steinhaufen passten nicht zur schlichten Eleganz des Ringes. Hatte man sie sp�ter errichtet? Sollten sie ein Warnzeichen sein?</p><p>Der Kreis, den der Ring aus Basalt umschloss, durchma� fast zwanzig Schritt; der Ring selbst war kaum einen Schritt breit. In seinem Innern war der Boden sandig und unterschied sich in nichts von der W�ste, die ihn umgab.</p><p>Farodin schloss die Augen und versuchte sein Denken ganz auf die Magie der Albenpfade zu lenken. Sechs Wege waren es, die sich innerhalb des Steinkreises kreuzten. Es w�re leicht, hier ein Tor zu �ffnen. Und ganz gleich, wohin es sie verschlug, alles war besser als diese W�ste.</p><p>Er winkte Nuramon zu; dieser kam mit den beiden Pferden und Mandred.</p><p>�Ein Albenstern!�, rief er erleichtert. �Wir sind gerettet. �ffne das Tor!�</p><p>�Du kannst das besser.�</p><p>Nuramon sch�ttelte ver�rgert den Kopf. �Ich bin zu ersch�pft. Was glaubst du, wie viel Kraft es kostet, Mandreds Lebensfunken nicht verl�schen zu lassen? Du hast es gelernt! Tu du es!�</p><p>Farodin r�usperte sich. Er wollte widersprechen, doch dann schwieg er. Fast w�nschte er, hier h�tte ein unsichtbares Ungeheuer gelauert. Der Weg des Schwertes, das war sein Weg! Die Pfade der Magie waren ihm trotz der Lehrstunden der Fauneneiche fremd geblieben.</p><p>Er legte das Schwert in den Sand und setzte sich im Schneidersitz nieder. Sodann versuchte er, alle Gedanken und �ngste hinter sich zu lassen. Er musste seinen Geist leeren, musste eins werden mit der Magie. Ganz langsam entstand vor seinem inneren Auge ein Bild von Lichtpfaden, die sich in der Finsternis kreuzten. Dort, wo sie aufeinander trafen, verzerrten sie sich. Die Linien kr�mmten sich und formten einen Strudel. Jeder Albenstern unterschied sich durch das Muster der verwobenen Linien in seinem Herzen von allen anderen Sternen. Erfahrenen Zauberern diente dies zur Orientierung.</p><p>Farodin stellte sich vor, wie er mit den H�nden mitten in die Lichtpfade hineinlangte. Wie ein G�rtner, der Blumenranken hochband, zerrte er sie auseinander, bis ein immer gr��eres Loch und schlie�lich ein Tor entstand. Eine dunkle Anziehungskraft ging von dort aus. Dieser Weg f�hrte nicht nach Albenmark.</p><p>Verunsichert schlug er die Augen auf. Er blickte zu dem blank polierten Sch�del auf dem Steinhaufen. Wovor wollte er warnen?</p><p>�Du hast es geschafft.� Der Zweifel, der in seiner Stimme mitschwang, strafte Nuramons Worte L�gen.</p><p>Farodin drehte sich um. Hinter ihm war ein Tor entstanden, doch es sah v�llig anders aus als jenes, das Nuramon erschaffen hatte. Lichtb�nder in allen Regenbogenfarben umflossen eine dunkle �ffnung, die ins Nichts zu f�hren schien. Eine pfeilgerade Linie aus wei�em Licht f�hrte durch die Finsternis, doch sie vermochte das Dunkel, das sie umgab, nicht zu erhellen.</p><p>�Ich gehe vor�, sagte Farodin.��Ich���</p><p>�Dieses Tor f�hrt in die Zerbrochene Welt, glaube ich.� Nuramon betrachtete es mit offensichtlichem Unbehagen. �Deshalb sieht es anders aus. Es ist so, wie die Fauneneiche es beschrieben hat.�</p><p>Unruhig fuhr sich Farodin mit der Zunge �ber die Lippen. Er griff nach seinem Schwert und schob es in die Scheide. Mit der flachen Hand klopfte er Sand von den Falten seiner Hose und wurde sich im selben Augenblick bewusst, dass er all dies nur tat, um eine Entscheidung hinauszuz�gern. Mit einem Ruck stand er auf.��Das Tor ist weit genug. Wir k�nnen nebeneinander durchgehen, wenn wir die Pferde am Z�gel f�hren.�</p><p>Als sie an der Schwelle des Tores standen, verharrte Nuramon.��Entschuldige�, sagte er leise.��Das war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit dir �ber Sandk�rner zu streiten.�</p><p>�Lass uns diesen Streit ein anderes Mal f�hren.�</p><p>Nuramon entgegnete nichts. Stattdessen zog er am Z�gel seines Pferdes und schritt voran.</p><p>Farodin hatte das Gef�hl, als w�rde er von dem Tor regelrecht aufgesogen. Mit einem Ruck war er inmitten der Dunkelheit. Er h�rte ein Pferd wiehern, ohne es zu sehen. Der Lichtpfad war verschwunden. Er hatte das Gef�hl zu fallen, eine Ewigkeit lang. Dann war weicher Boden unter seinen F��en. Die Finsternis zerrann. Blinzelnd sah Farodin sich um. Eisiger Schrecken griff nach seinem Herzen. Der Zauber war fehlgeschlagen! Sie standen noch immer inmitten des schwarzen Basaltrings, und um sie herum erstreckte sich die W�ste bis zum Horizont.</p><p>�Vielleicht sollte ich es noch einmal���</p><p>�Unsere Schatten!�, rief Nuramon. �Sieh nur! Unsere Schatten sind verschwunden.� Er blickte zum Himmel empor.��Die Sonne ist fort. Wo immer wir hier sind, es ist nicht mehr die Welt der Menschen.�</p><p>Ein schriller Schrei klang vom Himmel herab. �ber ihnen zog ein Falke seine Runden. Er schien sie zu beobachten. Schlie�lich drehte er ab und flog davon.</p><p>Farodin legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war von strahlend hellem Blau, das zum Horizont hin langsam blasser wurde. Es gab keine Wolken und keine Sonne. Der Elf schloss die Augen und dachte an Wasser. Sein Mund f�hlte sich trockener an, je intensiver er den Gedanken formte. Dann konnte er es sp�ren, gerade so, als w�re er kurz in einen Quell aus frischem Bergwasser getaucht.</p><p>�Dort entlang!� Er deutete auf eine gro�e D�ne am Horizont.��Dort werden wir vor Sonnenuntergang��� Er hielt inne und blickte zum nackten Himmel. �Bevor es dunkel wird, werden wir dort Wasser finden.�</p><p>Nuramon sagte nichts, er folgte ihm einfach. Jeder Schritt kostete eine Winzigkeit mehr an Kraft. Sie waren so ersch�pft, dass sie nicht mehr auf dem weichen Sand zu gehen vermochten, sondern wie Menschen bei jedem Schritt bis zu den Kn�cheln einsanken.</p><p>Der D�ne, die ihr Zielpunkt war, schienen sie kaum n�her zu kommen. Oder bildete Farodin sich das nur ein? Dehnte sich die Zeit ins Unendliche, wenn keine Sonne als Ma� der verstreichenden Stunden �ber den Himmel zog? War eine halbe Stunde oder aber ein halber Tag vergangen, als der Himmel schlie�lich Ton um Ton dunkler wurde?</p><p>Als sie endlich die D�ne erreichten, waren sie am Rand des Zusammenbruchs.��Wie geht es Mandred?�</p><p>�Schlecht.� Nuramon setzte Fu� vor Fu�, ohne innezuhalten oder aufzublicken.</p><p>Farodins Schweigen war fordernder als jede Frage.</p><p>�Er wird sterben, bevor die Nacht herum ist.� Nuramon blickte immer noch nicht auf.��Selbst wenn wir Wasser f�nden, w�sste ich nicht, ob es ihn noch retten k�nnte.�</p><p>Wasser, dachte Farodin. Wasser! Er konnte es f�hlen. Es war nicht mehr fern. M�de ging er voran. Die D�ne war noch schlimmer als die Ebene. Mit jedem Schritt sanken sie nicht nur tief im Sand ein, sondern rutschten auch ein wenig zur�ck, als wollte die D�ne ihnen verwehren, bis zu ihrem Kamm zu gelangen. Leichter Wind trieb ihnen Sand entgegen, der in den Augen brannte.</p><p>Als sie endlich oben ankamen, waren sie zu ersch�pft, um sich �ber den Anblick freuen zu k�nnen. Vor ihnen lag ein tiefblauer See, der von tausenden Palmen ges�umt wurde. Seltsame Hallen standen nahe dem Ufer.</p><p>Nurmehr zwei niedrige D�nen trennten sie noch von dem Palmhain. Halb rutschend gelangten sie von ihrem Aussichtspunkt hinab. Die Pferde wieherten ungest�m. Nun waren sie es, die die Elfen an den Z�geln hinter sich her zogen. Die Tiere hatten das Wasser gewittert.</p><p>Pl�tzlich schlug etwas neben Farodin in den Sand. Im Reflex wich er zur Seite aus. Ein schwarz gefiederter Pfeil hatte ihn nur knapp verfehlt. Doch nirgends war ein Sch�tze zu sehen! Nur der Falke war zur�ckgekehrt, um erneut seine Kreise �ber ihnen zu ziehen.</p><p>Dann war die Luft von einem Sirren erf�llt. Eine ganze Wolke von Pfeilen kam �ber den Kamm der D�ne geflogen. Wenige Schritt entfernt schlugen die Geschosse in den Sand. Sie bildeten eine fast gerade Linie, so als zeigten sie eine Grenze an, die nicht �berschritten werden durfte.</p><p>Als Farodin wieder aufblickte, erschienen auf dem D�nenkamm vor ihnen Reiter. Es waren mindestens drei Dutzend.</p><p>Sie ritten Tiere, wie der Elf sie nie zuvor gesehen hatte. Mit ihren langen Beinen und dem merkw�rdig geformten Kopf, der auf einem gebogenen Hals sa�, waren sie von so ausgesuchter H�sslichkeit, dass es ihm den Atem verschlug. Sie alle hatten ein wei�es Fell, und aus ihrem R�cken wuchs ein gewaltiger Buckel.</p><p>Die Reiter trugen lange, wei�e M�ntel. Ihre Gesichter waren verschleiert. Manche hatten S�bel gezogen, andere waren mit langen Speeren bewaffnet, von deren Stichbl�ttern bunte Troddeln herabhingen. Am auff�lligsten waren jedoch ihre Lederschilde. Sie waren geformt wie ein Paar riesiger, weit aufgespannter Schmetterlingsfl�gel und ebenso farbenpr�chtig. Schweigend blickten die Reiter auf die Fremden hinab.</p><p>Endlich l�ste sich einer aus der Gruppe. Geschickt lenkte er sein Reittier die D�ne hinunter. Hinter der Linie aus Pfeilen hielt er an.</p><p>�Boten, die Emerelle schickt, sind hier nicht willkommen�, erklang eine ged�mpfte Frauenstimme. Sie sprach Elfisch!</p><p>Verbl�fft sahen die Gef�hrten einander an.��Wer mag das sein?�, fragte Nuramon leise.</p><p>Die Reiterin hatte die gefl�sterten Worte offenbar verstanden. �Wir nennen uns die Freien von Valemas, denn Emerelles Wort hat in diesem Teil der Zerbrochenen Welt keine Macht. Eine Nacht d�rft ihr hier au�erhalb der Oase verweilen. Morgen werden wir euch zur�ck zum Tor bringen.�</p><p>�Ich bin Farodin von Albenmark, aus der Sippe des Askalel�, rief er aufgebracht zur�ck. �Einer meiner Gef�hrten ist dem Tode n�her als dem Leben. Ich wei� nicht, welchen Groll ihr gegen Emerelle hegt, doch eins wei� ich sicher. Wenn ihr uns nicht helft, dann opfert ihr das Leben meines Freundes eurem Zorn. Und ich verspreche euch, ich werde in seinem Namen Blutrache nehmen, wenn er um euretwillen stirbt.�</p><p>Die verschleierte Reiterin blickte hinauf zu den anderen Kriegern. Farodin war es unm�glich, unter ihnen einen Anf�hrer zu erkennen. Sie waren fast gleich gekleidet, und auch ihre Waffen verrieten nichts �ber ihre Stellung. Schlie�lich streckte einer von ihnen den Arm hoch und stie� einen schrillen Pfiff aus. Der Reiter trug einen dick gepolsterten Falknerhandschuh. Hoch �ber ihnen antwortete der Falke mit einem Schrei. Dann legte er die Fl�gel an und schoss im Sturzflug hinab, um auf der ausgestreckten Hand zu landen.</p><p>Als w�re dies ein Friedenszeichen gewesen, nickte die Reiterin ihnen zu. �Kommt. Doch denkt daran: Ihr seid nicht willkommen. Ich bin Giliath von den Freien, und wenn du dich mit jemandem schlagen willst, Farodin, dann nehme ich deine Herausforderung hiermit an.�</p></section><section><title><p>Das Volk der Freien</p></title><p>Die wei� gewandeten Krieger gaben ihnen Wasser. Dann nahmen sie die drei in ihre Mitte und brachten sie in die Oase. Im Schatten der Palmen wurde Gem�se angebaut und eine Kornsorte, die Farodin nicht kannte. Ein dichtes Netz schmaler Kan�le durchzog den Palmhain, und als sie sich dem See n�herten, entdeckte Farodin h�lzerne Sch�pfr�der.</p><p>Zwischen den B�umen standen kleine Lehmh�user, deren W�nde mit aufw�ndigen geometrischen Mustern bemalt waren. Man sah den H�usern an, mit wie viel Liebe sie gebaut waren und gepflegt wurden. Es gab keinen Balken oder Fensterladen, der nicht mit Schnitzereien geschm�ckt war. Und doch war dies alles nichts im Vergleich zu der Pracht, die selbst das verlassene Valemas in Albenmark noch besa�. Vor vielen Jahrhunderten waren seine Bewohner gegangen, und niemand wusste zu sagen, wohin. Dies mussten ihre Nachfahren sein. Farodin sah sich aufmerksam um. Er war einmal im alten Valemas gewesen. Jedes Haus dort war ein Palast, und selbst die Stra�en hatte man mit Mosaiken ausgelegt. Es hie�, die Bewohner von Valemas h�tten sich in ihrem Stolz einst gegen die K�nigin aufgelehnt. Sie wollten niemanden dulden, der �ber ihnen stand. Und nach unz�hligen Streitereien hatten sie schlie�lich Albenmark verlassen.</p><p>Wie es schien, hatten die Nachkommen der Bewohner des alten Valemas weder den Groll gegen die K�nigin �berwunden noch ihren Stolz abgelegt. Nur in Pal�sten lebten sie nicht mehr. Entlang des Seeufers standen sieben gew�lbte Hallen, wie Farodin noch keine gesehen hatte. Man hatte Palmst�mme gebogen, bis sie wie Spanten von Schiffen aussahen, und dann ihre beiden Enden in der Erde verankert. Dazwischen waren Matten aus kunstvoll geflochtenem Schilf gespannt; sie bildeten W�nde und Decken der Hallen.</p><p>Als sie den Platz zwischen den Schilfhallen erreichten, gab Giliath ihnen das Zeichen abzusteigen. Aus allen Richtungen kamen Neugierige herbei: Frauen in bunten Wickelgew�ndern und M�nner, die R�cke trugen! Sie alle betrachteten die Neuank�mmlinge mit stummer Feindseligkeit. Selbst die Kinder lachten nicht.</p><p>Einige junge M�nner hoben Mandred vom Pferd und brachten ihn fort. Farodin wollte ihnen folgen, doch Giliath trat ihm in den Weg.��Du kannst uns trauen. Wir wissen, was die W�ste dem unvorsichtigen Reisenden antut. Wenn ihm noch zu helfen ist, dann wird er gerettet werden.�</p><p>�Warum behandelt ihr uns so herablassend?�, fragte Nuramon.</p><p>�Weil wir die Speichellecker Emerelles nicht m�gen�, entgegnete die Elfe scharf. �Ein jeder f�gt sich ihr in Albenmark. Sie erstickt alles, was anders ist. Wer dort lebt, der lebt in ihrem Schatten. Sie ist eine Tyrannin, die sich anma�t, allein zu entscheiden, was Recht und was Unrecht ist. Wir wissen sehr genau, wie ihr vor ihr buckelt. Ihr seid doch nur der Staub unter ihren F��en, ihr���</p><p>�Genug, Giliath�, unterbrach sie eine vollt�nende M�nnerstimme. Ein hoch gewachsener Krieger trat aus der Schar ihrer Eskorte hervor. Auf der Faust trug er den Falken, dem er eine bunte Kappe �ber den Kopf gest�lpt hatte. Er neigte knapp sein Haupt zum Gru�. �Man nennt mich Valiskar. Ich bin der Anf�hrer der Krieger in unserer Gemeinschaft und bin verantwortlich f�r euch, solange ihr unsere G�ste seid.� Er sah Farodin scharf an. �Ich erinnere mich an deine Sippe. Die Nachkommen Askalels standen dem Hof der K�nigin schon immer sehr nahe, nicht war?�</p><p>�Ich bin nicht���</p><p>Valiskar unterbrach ihn. �Was immer du zu sagen hast, kannst du dem Rat vortragen, denn wisse, hier in Valemas entscheidet nicht einer allein! Folgt mir nun.�</p><p>Valiskar brachte sie in die gr��te der sieben Hallen. Dort hatten sich fast hundert Elfen versammelt. Manche standen in kleinen Gruppen zusammen und redeten. Die meisten jedoch hatten sich entlang der Seitenw�nde auf Teppichen niedergelassen.</p><p>Am Ende der Halle sa� ein silberhaariger Elf vor dem blauen Pferdebanner von Valemas. Er hatte die H�nde im Scho� gefaltet und schien tief in Gedanken versunken zu sein. W�hrend Farodin und Nuramon durch die Halle schritten, wurde es immer stiller, und die �brigen Elfen wichen zu den W�nden zur�ck. Je n�her sie dem Silberhaarigen kamen, desto deutlicher sp�rte Farodin die Aura der Macht, die ihn umgab.</p><p>Erst als sie unmittelbar vor ihm standen, hob er den Kopf. Die Iris seiner Augen schimmerte wie Bernstein. �Willkommen in Valemas.� Er bedeutete ihnen mit einer Geste, vor ihm auf einem Teppich Platz zu nehmen. Kaum hatten sie sich niedergelassen, eilten zwei junge Elfen herbei und brachten einen Krug mit Wasser, Tonbecher und eine Schale mit getrockneten Datteln.</p><p>�Ich bin Malawayn, der �lteste unter den Bewohnern dieser Oase. Ihr m�sst die bescheidene Tafel entschuldigen, doch die Tage, da wir im �berfluss lebten, sind lange vergangen. Nun sagt uns, warum ihr die weite Reise von Albenmark bis hierher auf euch genommen habt.�</p><p>Abwechselnd erz�hlten die beiden Gef�hrten von ihren Reisen und Abenteuern. Je l�nger ihr Bericht dauerte, desto deutlicher sp�rte Farodin, wie die Feindseligkeit wich. Es war offensichtlich, dass, wer immer sich gegen Emerelle stellte, auf uneingeschr�nkte Gastfreundschaft in Valemas hoffen durfte. Als sie ihre Erz�hlung schlie�lich beendeten, nickte Malawayn.��Die K�nigin entscheidet, ohne sich zu erkl�ren. So war es schon immer. In meinen Augen hat sie euch beiden und Noroelle gro�es Unrecht getan.� Er blickte in die Runde. �Ich glaube, ich spreche im Namen von uns allen, wenn ich euch unsere Hilfe bei eurer Suche anbiete.�</p><p>Es war still geworden in der gro�en Halle. Kein zustimmendes Gemurmel erklang, und kaum jemand best�tigte durch ein Nicken oder eine andere Geste Malawayns Worte. Und doch h�tte der Unterschied zu ihrer Ankunft nicht deutlicher sein k�nnen. Zwar sp�rte Farodin immer noch Bitternis, Melancholie und Zorn, doch hatte er nun das Gef�hl, in den Herzen der Versammelten Aufnahme gefunden zu haben. Wie diese Leute hier war auch er ein Opfer Emerelles.</p><p>�Wie k�nnt ihr in Eintracht mit den Fremden zusammensitzen?� Ganz am Ende der Halle erhob sich eine junge Frau. Farodin erkannte sie an ihrer Stimme. Es war Giliath, die verschleierte Kriegerin, die am Fu� der D�ne mit ihnen gesprochen hatte. Offenbar war sie erst sp�ter zur Versammlung gekommen, denn sie hatte die R�stung und ihre wei�en Gew�nder gegen einen Wickelrock und eine kurze, seidene Bluse getauscht. So konnte man auch ihr langes, dunkelbraunes Haar sehen, das zu einem Zopf geflochten war. Ihr K�rper war so durchtrainiert, dass man ihre Br�ste eher ahnen als sehen konnte. H�bsch war sie nicht. Ihr Kinn war zu kantig, die Nase zu gro�, doch hatte sie sinnliche, volle Lippen, und ihre gr�nen Augen spr�hten vor Leidenschaft, als sie im Zorn auf Farodin deutete. �Dieser dort hat vor kaum einer Stunde unser Volk mit Blutrache bedroht, wenn wir uns seinem Willen nicht f�gen! Vor Emerelle sind wir hierher zur�ckgewichen. Wir wollten unsere Freiheit. Und nun duldet ihr einen Elfen aus ihrem Gefolge, der uns mit derselben Herablassung behandelt wie seine Herrin. Ich bestehe auf meinem Recht, ihm mit der Klinge besseres Benehmen beizubringen.�</p><p>�Stimmt es, dass du unserem Volk mit Blutrache gedroht hast?�, fragte Malawayn k�hl.</p><p>�Es war anders, als sie sagt���, begann Farodin, aber der Alte schnitt ihm mit einer knappen Geste das Wort ab.��Ich habe dir eine einfache Frage gestellt. Ich erwarte keine Ausfl�chte, sondern eine klare Antwort!�</p><p>�Ja, es stimmt. Aber du solltest���</p><p>�Willst du nun auch mir vorschreiben, was ich sollte und was nicht?�</p><p>�Es war anders, als es sich anh�rt�, versuchte Nuramon zu beschwichtigen.��Wir haben���</p><p>�Und du glaubst, du musst mir erkl�ren, wie zu verstehen ist, was ich h�re?� Malawayn wirkte eher entt�uscht denn w�tend. �Ich h�tte es besser wissen m�ssen. Wer vom Hofe Emerelles kommt, der tr�gt ihren Hochmut in sich. Gem�� unseren Gesetzen hat Giliath jedes Recht, dich zu fordern, Farodin.�</p><p>Farodin konnte es nicht fassen. Wie konnte man nur so verbohrt sein? Die freundschaftliche Stimmung war dahin. Niemand in der Halle wollte mehr h�ren, was sie zu sagen hatten.��Ich entschuldige mich f�r meine Worte, und ich m�chte mit niemandem k�mpfen.�</p><p>�H�ltst du dich in deiner Selbstgef�lligkeit f�r unbesiegbar, oder f�hrt die Angst deine Zunge?�, fragte Giliath. Breitbeinig stand sie vor ihm, die H�nde in die H�ften gestemmt.</p><p>�Ist die Beleidigung zu gro�, dann kann nur Blut die gesprochenen Worte s�hnen�, erkl�rte Malawayn k�hl. �Ihr werdet nach dem Klingenlied tanzen. Euer Zweikampf endet mit dem ersten Blut, das flie�t. Wirst du verletzt, dann l�scht dein Blut deine Worte. Sollte aber Giliath unterliegen, dann hast du dir einen Platz unter uns errungen, und wir nehmen an, was du sagst, denn wir sind ein freies Volk.�</p><p>Farodin zog seinen Dolch. Noch bevor ihm jemand in den Arm fallen konnte, schnitt er sich in den linken Handr�cken. �Frauen und M�nner von Valemas!� Er streckte die Hand hoch, sodass jeder sehen konnte, wie das Blut seinen Arm hinablief. �Ich habe mein Blut vergossen, um meine Worte zu s�hnen. Damit ist der Streit beigelegt.�</p><p>Die Versammelten h�llten sich in eisiges Schweigen.</p><p>�Du solltest aufh�ren, uns deinen Willen aufzwingen zu wollen, Farodin. Auch wenn dein Weg durch die W�ste dich entkr�ftet hat, wirst du dich unseren Gepflogenheiten beugen und k�mpfen!� Malawayn erhob sich und klatschte in die H�nde. �Bringt die Trommeln. Beim Klingentanz folgt jeder Hieb dem Rhythmus des Trommelschlags. Wir fangen mit einem langsamen Rhythmus an, damit du dich daran gew�hnen kannst. Schnell werden Kampf und Trommelschlag sich gegenseitig im Tempo steigern. �blicherweise f�hrt jeder T�nzer zwei Klingen. Brauchst du noch eine Waffe?�</p><p>Farodin sch�ttelte den Kopf. Schwert und Dolch reichten ihm. Er stand auf und begann mit Dehn�bungen, um seine schmerzenden Muskeln zu lockern.</p><p>Nuramon trat an seine Seite. �Ich wei� nicht, was in sie gefahren ist. Das ist doch vollkommen verr�ckt!�</p><p>�Ich beginne zu verstehen, warum Emerelle sie nie gebeten hat, nach Albenmark zur�ckzukehren�, entgegnete er leise. �Doch nun schweig. Wir wollen ihnen nicht noch einen Grund f�r einen Klingentanz liefern.�</p><p>Nuramon griff nach seiner Hand. Angenehme W�rme durchfloss Farodin. Als er die Hand zur�cknahm, hatte sich die Schnittwunde geschlossen.��Bring sie nicht um!� Nuramon versuchte aufmunternd zu l�cheln.</p><p>Farodin sah zu seiner Gegnerin. Valiskar hatte ihr offensichtlich zugetraut, dass sie allein mit zwei Kriegern fertig w�rde, als er sie die D�ne zu ihnen hinabgeschickt hatte. Er sollte sich vor ihr h�ten. �Hoffen wir, dass sie mich nicht in St�cke schneidet. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie mir lieber die Klinge durchs Herz sto�en w�rde, als den Zweikampf mit einer kleinen Schnittwunde zu beenden. _Bis zum ersten Blut_. Das kann vieles hei�en.�</p><p>Farodin schnallte sein Wehrgeh�nge ab, damit es ihn nicht beim Kampf behinderte. Dann nahm er einen kleinen Ring aus dem Lederbeutel, in dem er das Silberfl�schchen und Noroelles Stein verwahrte. Der Ring war das Einzige, was ihm au�er Erinnerungen von Aileen geblieben war. Drei kleine, dunkelrote Granate waren in ihn eingelassen; in ihrem Schliff brach sich das �llicht der Halle. Pr�fend strich er mit dem Daumen �ber die Steine. Sie w�rden jedes Handschuhfutter ruinieren. Es war lange her, seit er den Ring das letzte Mal getragen hatte.</p><p>�Bist du bereit?�, rief Giliath. Sie hatte zwei Kurzschwerter als Waffen gew�hlt und stand wartend inmitten der Halle.</p><p>Unterdessen hatte man zwei Trommeln zum Eingang der Halle gebracht. Sie waren so gro� wie die riesigen Weinf�sser, die sie bei ihrer Flucht in den Gew�lben von Aniscans gesehen hatten. Man hatte sie hingelegt, sodass die Trommelfelle senkrecht aufragten. Ein verschlungenes Knotenmuster war in Schwarz und Rot auf das helle Fell gemalt. Zwei Frauen, die Trommelst�cke vor der Brust verschr�nkt hielten, warteten auf das Zeichen, dass der Klingentanz beginnen sollte.</p><p>Die G�ste in der Halle waren bis zu den W�nden zur�ckgewichen, sodass nun ein Kampfplatz von rund zwanzig Schritt L�nge und f�nf Schritt Breite zur Verf�gung stand.</p><p>Farodin nahm seinen Platz ein.</p><p>�Jeder Trommelschlag steht f�r einen Schritt oder einen Hieb�, erkl�rte Giliath. �Der vollkommene Schwertk�mpfer bewegt sich mit der Leichtigkeit eines T�nzers. Selbst wenn du verlierst, wirst du dein Gesicht wahren, wenn du mit Anmut gek�mpft hast.�</p><p>Farodin nickte, auch wenn er von Grund auf anderer Meinung war. Er hatte noch nie gek�mpft, um jemanden mit seinem K�nnen zu beeindrucken. Er k�mpfte, um zu siegen!</p><p>Giliath winkte den Trommlerinnen zu.��Beginnt!�</p><p>Der erste Schlag ert�nte. Giliath machte einen Schritt zur Seite und hob die Waffen. Farodin folgte ihrer Bewegung mit einer Drehung.</p><p>Beim n�chsten Schlag f�hrte sie langsam einen weit ausholenden Hieb, der auf seinen Kopf zielte. Farodin blockte ihn mit seinem Dolch ab. Jedes Kind h�tte diesen Angriff parieren k�nnen, dachte Farodin ver�rgert. Dieser Klingentanz war einfach nur albern!</p><p>Die Trommeln erzeugten tiefe T�ne, die einem direkt in den Bauch fuhren. Sie wurden abwechselnd geschlagen, sodass jeder Ton lange nachhallte.</p><p>Ganz langsam steigerte sich das Tempo. Auch wenn Giliath sich zun�chst mit seltsam �berzeichneten Gesten bewegte, war sie zweifellos eine erfahrene K�mpferin. Farodin f�gte sich zwar dem Rhythmus, doch verzichtete er darauf, Giliaths Stil zu kopieren, um sich bei den Zuschauern einzuschmeicheln. Er parierte mit sparsamen Bewegungen und verhielt sich defensiv, um die Bewegungen seiner Gegnerin zu studieren.</p><p>Je schneller der Trommelschlag wurde, desto flie�ender wurden die Angriffe der Kriegerin. Schlag folgte auf Schlag. Sie trieb ihn vor sich her, sprang dann wieder zur�ck, umtanzte ihn spielerisch und stie� pl�tzlich wieder vor. Trommelschlag und das Klirren von Stahl mischten sich zu einer Melodie, die nun auch Farodin immer mehr gefangen nahm. Ohne nachzudenken, bewegte er sich im Einklang mit dem Rhythmus und begann Gefallen an dem Kampf zu finden.</p><p>Pl�tzlich ging Giliath in die Hocke und wich �berraschend einem Hieb aus, statt ihn zu parieren. Schnell wie ein Vipernsto� schnellte ihre Klinge vor. Farodin versuchte auszuweichen, doch der Stahl durchschnitt die Reithose. Der Trommelschlag verstummte.</p><p>L�chelnd stand die Kriegerin auf. �Du warst nicht schlecht f�r einen Speichellecker der K�nigin.�</p><p>Farodin tastete nach seinem Hosenbein. Er sp�rte keinen Schmerz. Doch das hie� nichts, wenn man mit sehr scharfen Klingen k�mpfte. Vorsichtig zerteilte er den Stoff. Sein Oberschenkel war unverletzt. Sie musste ihn um Haaresbreite verfehlt haben.</p><p>Giliath runzelte die Stirn. �Gl�ck!�, rief sie in die Runde.</p><p>Farodin l�chelte �berlegen. �Wenn du meinst.� Er konnte sehen, wie ihre �berheblichkeit br�ckelte. Sie w�rde jetzt versuchen, schnell einen weiteren Treffer zu landen. Und vielleicht w�rde sie in ihrem Ungest�m ihre Deckung vernachl�ssigen.</p><p>�Dann machen wir eben weiter.� Giliath hob die Klingen und bezog eine eigent�mliche Grundstellung. Das Schwert in ihrer Linken hielt sie wie zum Angriff vorgestreckt. Das in der Rechten aber hatte sie �ber den Kopf gehoben und nach vorn gewinkelt, sodass die Spitze auf Farodins Herz zeigte. Sie erinnerte Farodin an einen Skorpion, der drohend den Stachel erhoben hatte.</p><p>Diesmal wurde der Trommelschlag rasch schneller. Giliath machte einen ungest�men Ausfall und bedr�ngte ihn hart. Doch sie f�hrte keinen einzigen Hieb mit der Rechten. Die ganze Zeit hielt sie ihr zweites Schwert drohend erhoben, bereit zuzusto�en, sobald sich die Gelegenheit fand.</p><p>Farodin war verbl�fft vom Tempo der Kriegerin und davon, dass sie ihn erneut in die Defensive trieb. So schnell erfolgten ihre Angriffe, dass er kaum Gelegenheit zu Riposten fand. Er musste dieses Spiel beenden, sonst tat sie es!</p><p>Ihre Linke schnellte vor. Ein Stich, der auf seine H�fte zielte. Gerade noch fing er den Angriff ab und gab vor, leicht zu straucheln. Dabei �ffnete er weit die Deckung vor seiner Brust.</p><p>Darauf hatte Giliath gewartet. Wie ein Stachel fuhr ihre zweite Klinge nieder. Farodin drehte sich in ihren Angriff hinein. Sein Dolch schnellte hoch. Klirrend schlug Stahl auf Stahl. Sie standen nun so dicht beieinander, dass er Giliaths Atem auf seiner Wange sp�ren konnte. Die beiden Klingen hatten sie auf Kopfh�he gekreuzt. Nur einen Herzschlag verharrten sie. Dann wich Giliath zur�ck. Farodin streifte sie leicht mit der Hand an der Wange und trat ebenfalls zur�ck.</p><p>�Der Kampf ist beendet!�, verk�ndete er mit lauter Stimme, und jeder in der Halle konnte sehen, dass er gewonnen hatte. Ein feiner Blutfaden rann vom Schnitt in Giliaths Wange ihren Hals hinab.</p><p>Sie legte ein Schwert ab und tastete ungl�ubig �ber ihr Gesicht. Fassungslos sah sie das Blut an ihren Fingern. Doch statt aufzubegehren, verneigte sie sich knapp.��Ich beuge mein Haupt in Demut vor dem Sieger und entschuldige mich f�r meine Worte�, sagte sie mit tonloser Stimme, offenbar noch immer ersch�ttert vom unvermuteten Ende des Kampfes.</p><p>Rings herum erhoben sich zornige Stimmen. Viele waren nicht bereit, diesen Ausgang des Kampfes anzuerkennen. Laut wurde �ber die Heimt�cke des H�flings geschimpft.</p><p>Nuramon eilte an Farodins Seite, um ihn zu begl�ckw�nschen und zu umarmen. �Wie hast du das gemacht?�, fl�sterte er.</p><p>�Der Ring�, entgegnete Farodin. Er l�ste sich aus der Umarmung und hob die Hand, sodass man deutlich das kleine Schmuckst�ck mit den scharfkantig geschliffenen Steinen sehen konnte. Ihr tiefes Rot lie� sie wie in Gold gefasste Blutstropfen erscheinen.</p><p>�Ich fordere dich zum Klingentanz!� Ein junger Krieger baute sich vor Farodin auf.��Die Art, wie du den Kampf f�r dich entschieden hast, war unehrenhaft und beleidigt mich und mein ganzes Volk.�</p><p>Farodin stie� einen tiefen Seufzer aus. Gerade wollte er dem Krieger etwas erwidern, als Malawayns Stimme den Tumult �bert�nte.��Meine Br�der, der Streit ist entschieden. Bis zum ersten Blut, so hie� es. Und nirgends steht geschrieben, dass das Blut durch eine Klinge vergossen werden muss. Erkennen wir den Ausgang des Kampfes an, auch wenn dieser Sieg mehr aus Verschlagenheit denn aus k�mpferischem Geschick geboren wurde.�</p><p>Trotz Malawayns Einschreiten legte sich die Aufregung nur allm�hlich. Viele der j�ngeren Elfen verlie�en erz�rnt die Halle.</p><p>Der silberhaarige Elf aber lud sie mit einer Geste ein, an seiner Seite Platz zu nehmen. Er goss ihnen von seinem Wein ein und reichte ihnen Obst von dem schweren silbernen Teller, der vor ihm auf dem Teppich stand. Ganz allm�hlich wurde es wieder ruhiger in der Halle.</p><p>Nachdem sie miteinander gegessen hatten, bat Malawayn sie von Albenmark zu berichten. Es war Nuramon, der daraufhin das Wort ergriff und sich nach Kr�ften m�hte, was geschehen war, vergessen zu machen. Farodin beneidete ihn um die F�higkeit, so lebendig zu erz�hlen, dass man glaubte, Albenmark vor sich zu sehen.</p><p>Im Gegenzug h�rten die Gef�hrten vieles vom Leben in der W�ste. Die Elfen von Valemas hatten aus einer schlammigen Wasserstelle eine bl�hende Oase geschaffen. Lange hatten sie nach diesem Ort gesucht, denn wie ihre Ahnen liebten sie das W�stenland. Und sie scherzten dar�ber, dass die Hitze der W�ste sie so hei�bl�tig gemacht h�tte.</p><p>Auch erz�hlten sie, dass sie oft in die Welt der Menschen ritten. Die Sterblichen dort nannten sie Girat, was in ihrer Sprache so viel wie Geister hei�t, und sie behandelten die Elfen von Valemas mit gro�em Respekt.</p><p>�Wann immer sie uns begegnen, bestehen sie darauf, uns zu beschenken.� Malawayn l�chelte.��Ich glaube, sie halten uns f�r so etwas wie R�uber.�</p><p>�Und ihr belasst sie in diesem Glauben?� Kaum war der Satz �ber seine Lippen, da tat es Farodin schon Leid.</p><p>�Wir haben keine Wahl. Es fehlt uns hier an so vielem, dass wir jedes Geschenk dankbar annehmen. Wir haben deshalb unsere Ehre nicht aufgegeben. Wir nehmen uns nichts mit Gewalt, obwohl wir dies leicht tun k�nnten.� Er senkte das Haupt und blickte auf das verschlungene Muster des Teppichs.��Was mir am meisten fehlt, ist der Sternenhimmel von Albenmark.�</p><p>�Und wenn ihr euren Frieden mit der K�nigin macht?�, warf Nuramon ein.</p><p>Malawayn sah ihn �berrascht an. �Wir Elfen von Valemas m�gen vieles verloren haben, doch nicht unseren Stolz. Nach Albenmark kehren wir nur zur�ck, wenn Emerelle uns darum bittet und sie uns unsere Freiheit auch dort gew�hren wird.�</p><p>Also werdet ihr niemals wiederkehren, dachte Farodin bei sich.</p></section><section><title><p>Am Rand der Oase</p></title><p>Als Kind hatte Nuramon oft an die W�ste und die sagenhafte Stadt Valemas gedacht. Er hatte sich ausgemalt, wie es dort wohl aussehen mochte, doch er war nie im alten Valemas gewesen. Diese Oase war ganz anders, als er sich die Stadt aus der Sage damals vorgestellt hatte. Gewiss, die Sonne von Albenmark oder die der Menschenwelt gab es hier nicht. Doch die Zauberer dieser Gemeinschaft hatten einen Schleier aus Licht gewoben und wie ein Zeltdach �ber die Siedlung und die umliegende W�ste gespannt. Sie hatten sogar an Tag und Nacht gedacht; das Licht verging in einer ungew�hnlich langen Abendd�mmerung und kehrte Stunden sp�ter in einem k�rzeren Morgengrauen zur�ck.</p><p>Die Verbundenheit zur W�ste war trotz all des Wassers, das es hier gab, deutlich zu sehen und zu sp�ren. Selbst der sanfte Wind, der hier wehte, schmeckte nach W�ste.</p><p>Nuramon folgte einem Pfad, der an den Rand der Siedlung f�hren sollte. Valiskar hatte ihm diesen Weg gewiesen; angeblich befand sich dort die Grenze dieser Gefilde. Die verbliebenen Orte in der Zerbrochenen Welt galten gemeinhin als Inseln in einem Meer aus Nichts. Und dieses Meer wollte Nuramon sich ansehen. Er hatte seine Gef�hrten an der Quelle bei den Pferden zur�ckgelassen, sie ruhten dort in einem der Lehmh�user. Mandred kam trotz der Hilfe der Heiler von Valemas nur langsam wieder zu Kr�ften. In seinem Fieberschlaf rief er immer wieder nach Atta Aikhjarto. Farodin war bei ihm geblieben. Trotz der Gastfreundschaft, die ihnen letztlich doch gew�hrt worden war, misstraute er den Bewohnern der Oase.</p><p>Nuramon aber war viel zu neugierig, um dort zu verweilen. Er legte sogar noch einen Schritt zu, um m�glichst bald an den Rand der Oase zu gelangen.</p><p>Pl�tzlich endete der Pfad, auf dem er ging, an einer Statue, welche Yulivee zeigte, die Begr�nderin der Oase. Ihr Abbild fand sich hier in Valemas an vielen Orten. Die Elfen der W�ste verehrten sie fast so wie Mandred seine G�tter. Sie war eine sch�ne Frau gewesen. Ein zuversichtliches L�cheln lag auf ihren Lippen, und in die Augenh�hlen der Statue aus Sandstein waren zwei Malachite eingesetzt. Nuramon hatte am Hof der K�nigin gesehen, wie ein Bildhauer Edelsteine in eine Statue eingef�gt hatte. Zuerst wurden die Steine in die Augenh�hle gesetzt, dann nahm man die steinernen Augenlider hervor, legte sie an und lie� sie durch einen Zauber an die Statue anwachsen. So �berdeckten sie die Malachite, als w�ren sie echt und als k�nnten sie jeden Moment blinzeln. Die Figur deutete einladend auf einen Stein neben ihr.</p><p>Nuramon folgte der Geste und setzte sich. Der Anblick, der sich ihm bot, �berraschte ihn. Er war hier zwar am Rand der Oase, doch nicht das Meer aus Nichts lag vor ihm � wie er es im Stillen erwartet hatte �, sondern die W�ste. Vielleicht musste man dort hinausgehen, immer weiter, um an den Rand dieser Gefilde zu gelangen. Doch mit einem Mal fiel Nuramon auf, dass etwas nicht stimmte. Der Wind wehte ihm in den Nacken, aber zugleich sah er, wie feiner Sand aufgewirbelt wurde und auf ihn zu wehte. Doch er erreichte ihn nicht, sondern verschwand pl�tzlich, als h�tte es ihn nie gegeben. War es m�glich, dass die W�ste, die sich vor ihm auftat, nichts als eine Illusion war? Ein Abbild jener W�ste, die auf der anderen Seite der Oase begann und bis zum Steinring f�hrte? Es musste ein m�chtiger Zauber sein��</p><p>Nuramon stand auf und machte einen Schritt auf die W�ste zu. Auf einmal konnte er die Macht des Zaubers sp�ren. Eine Barriere gleich einer Wand aus feinstem Glas trennte die Siedlung vom Trugbild dort drau�en. Behutsam tastete Nuramon nach der unsichtbaren Wand.</p><p>Pl�tzlich knisterte es unter seinen Fingern. Hastig zog er die Hand zur�ck. Die W�ste verschwamm vor seinen Augen, und es wurde finster am Horizont. Mit unheimlicher Schnelligkeit fra� sich die Dunkelheit durch das Land. Sie strebte ihm entgegen, verschluckte die D�nen, dann Schritt um Schritt den Sand und die Steine der Ebene. Kurz vor ihm aber ergraute die Finsternis im Schein von Valemas. Die Lichtstrahlen reichten weit hinab. Vor Nuramons F��en tat sich ein Abgrund auf. Dort unten wallte blaugrauer Nebel, der sich kaum merklich bewegte. Das musste das Meer sein, auf dem die Inseln der Zerbrochenen Welt schwammen. Und die Finsternis dar�ber war der Himmel dieser trostlosen Welt.</p><p>Irgendwo da drau�en war Noroelle. Und vielleicht schaute sie wie er nun in die Unendlichkeit. Gewiss hatte sie wie die Zauberer dieser Siedlung alles nach ihren Vorstellungen geformt. Nuramon blieb nur zu hoffen, dass es kein Ort der ewigen Trauer war, an dem sie sich befand. Wenn es eine M�glichkeit g�be, diesen Nebel zu �berwinden, er w�rde sie nutzen und so weit gehen, wie es n�tig war. Vielleicht gab es einen direkten Weg zu Noroelle, einen Weg, der die Barriere der K�nigin umging.</p><p>Nuramon setzte sich wieder auf den Stein neben der Statue. Und w�hrend er zusah, wie das Abbild der W�ste zur�ckkehrte, dachte er �ber den Einfall nach, der ihm gerade gekommen war. Vielleicht gab es hier eine Art Schiff, das auf dem Nebel fahren konnte wie ein gew�hnliches auf Wasser?</p><p>Eine Stimme schreckte ihn aus seinen Gedanken.��Du hast es gesehen?�</p><p>Nuramon f�hrte die Hand instinktiv zum Schwert und wandte sich um. Neben der Statue Yulivees stand ein Mann in weiten hellgr�nen und wei�en Gew�ndern.</p><p>�Ho! Nicht so schnell, Fremder!�, rief er.</p><p>Da bemerkte Nuramon, dass der Mann keine F��e hatte, es wehten nur die Gew�nder in der Luft. Doch sie bewegten sich viel zu heftig f�r den leisen Wind, der hier herrschte. Auch das gr�ne Haar wallte um den Kopf der Gestalt, als w�rde es Str�hne f�r Str�hne von unsichtbaren H�nden zerzaust. �Du hast wohl noch nie einen Geist gesehen, oder?�</p><p>Nuramon konnte den Blick nicht von der Erscheinung abwenden. �Geister schon, aber keinen wie dich.� Sein Gegen�ber wirkte fast wie ein Elf. Sanft stachen die spitzen Ohren durch das Haar, doch schienen sie fleischiger zu sein als Elfenohren. Seine H�nde waren auffallend gro� und unf�rmig; gewiss h�tte er Nuramons Kopf mit einer Hand umfassen k�nnen. Der Kopf des Geistes hingegen war l�nglich, das Kinn spitz. Auch sein breites Grinsen konnte daran nichts �ndern.</p><p>�Ich bin Nuramon. Wie ist dein Name?�</p><p>�Namen! Pah!�, sprach der Geist und winkte ab.��Das Leben w�re viel leichter ohne Namen. Namen sind nur Verpflichtungen. Da kennt einer deinen Namen, und schon ruft er ihn und sagt dir, du sollst dies tun, du sollst das tun.� Er hob die Augenbrauen, und seine blassgr�nen Augen glitzerten.��Ich bin einzigartig hier. Es gibt in Valemas nur einen Dschinn. Und das bin ich. Selbst wenn ich mal hier und mal da bin���, er deutete neben Nuramon und verschwand mit einem k�hlen Luftzug, nur um dort zu erscheinen, wo er hingezeigt hatte, �� selbst dann bin ich immer noch derselbe.� Der Geist beugte sich zu ihm hinab. �Sag, was ist deine Lieblingsfarbe?�</p><p>Nuramon z�gerte. �Blau�, antwortete er schlie�lich und dachte dabei an Noroelles Augen.</p><p>Der Geist wirbelte im Kreis, und als er Nuramon wieder entgegenl�chelte, hatte er blaues Haar, blaue Augen und trug blaue und wei�e Gew�nder. �Auch in Blau bin ich noch immer derselbe und der Einzige hier. Wozu also einen Namen? Nenn mich einfach _Dschinn_.�</p><p>Nuramon konnte es nicht fassen. Vor ihm schwebte ein leibhaftiger Dschinn! Er hatte von ihnen geh�rt, es hie�, sie seien verschollen, und einige von ihnen w�rden sich in den wenigen W�sten Albenmarks verbergen. Manche behaupteten gar, Dschinnen h�tten niemals existiert.</p><p>�Nun, Dschinn�� Vielleicht kannst du mir helfen.�</p><p>Der Geist machte ein ernsthaftes Gesicht. �Endlich! Endlich jemand, der meine unendliche Weisheit zu sch�tzen wei�.�</p><p>Nuramon musste l�cheln. �Du bist wahrhaft bescheiden.�</p><p>Der Dschinn verbeugte sich. �Gewiss. Ich w�rde nie etwas �ber mich sagen, das nicht der Wahrheit entspricht.� Er kam nah an Nuramon heran und fl�sterte: �Du musst wissen, dass ich einst��� Er schaute sich um. �Einst lebte ich an einem anderen Ort. Es war eine Oase des Wissens in der allgegenw�rtigen W�ste der Unwissenheit.�</p><p>�Hm. Und welches Wissen wurde dort geh�tet?�</p><p>Der Dschinn schnitt eine verst�ndnislose Miene. �Selbstverst�ndlich alles: das Wissen, das _war_, das Wissen, das _ist_, und jenes, das kommen wird.�</p><p>Dieser fr�hliche Geist hielt ihn wohl zum Narren. Selbst Emerelle konnte die Zukunft nur verschwommen sehen. Aber dennoch � Wenn dieser Dschinn nicht nur ein Trugbild seiner �berreizten Sinne war und vielleicht gar ein F�nkchen Wahrheit in seinen Worten steckte, dann mochte er ihm bei der Suche nach Noroelle helfen. �Wo ist dieser Ort?�, fragte er den Geist.</p><p>�Du musst ihn dir wie eine riesige Bibliothek vorstellen. Und diese steckt in dem Feueropal der Krone des Maharadschas von Berseinischi.�</p><p>�Eine Bibliothek? In einem Stein?�</p><p>�Gewiss.�</p><p>�Das ist kaum zu glauben.�</p><p>�W�rdest du eher glauben, dass der Feueropal ein Albenstern ist, der sich bewegt?�</p><p>Nuramon schwieg. Der Dschinn hatte Recht, ein Albenstern, der nicht an einen Ort gebunden war, erschien ihm noch unglaubw�rdiger als ein Stein, in dem Geister alles Wissen sammelten.</p><p>Der Dschinn sprach weiter.��Der Feueropal war unser Geschenk an den Maharadscha Galsif. Wir waren ihm zu gro�em Dank verpflichtet. So vertrauten wir ihm den Feueropal an und wurden seine Berater. Und wir waren gute Berater.� Er verschwand wieder und tauchte links neben Nuramon auf. �Galsif war ein kluger Mann und h�tete unser Wissen mit gro�er Weisheit. Und in dieser Weisheit verschwieg er seinem Sohn unsere Anwesenheit. Denn dieser war ein Tyrann und ein Narr und unseres Wissens nicht w�rdig. Wir Geister gingen im Opal ein und aus, ohne dass irgendjemand es bemerkte. Einen Ort, der sicherer ist als die Krone eines m�chtigen Herrschers, kann es nicht geben.�</p><p>Nuramon �berlegte. Das klang alles sehr phantastisch. �K�nnte ich in jener �Bibliothek� herausfinden, wie man durch diese Welt von Insel zu Insel reist?�</p><p>�Das k�nntest du, wenn die Bibliothek noch da w�re. Aber sie ist schon seit langem verschwunden. Viele Herrschergenerationen nach Galsif unterwarf der Maharadscha Elebal seine Nachbarreiche und stie� dann nach Osten vor. Zuletzt k�mpfte er in den W�ldern von Drusna, wo er mitsamt seinem Heer verschwand. Ohne ihn l�ste sich sein Reich auf, und die Krone, die in Drusna verloren ging, ist bis heute verschollen. Fr�her konnte ich von jedem Ort in der Menschenwelt aus den Opal sp�ren und zu ihm gelangen. Doch seit damals nehme ich ihn nicht mehr wahr, wenn ich durch die Welt der Menschen schwebe. Vielleicht sind die Krone und der Feueropal zerst�rt. Vielleicht sind sie aber auch von Magie umgeben und beh�tet. Es mag sein, dass sie eines Tages wieder auftauchen, aber bis dahin wirst du auf das Wissen der Bibliothek verzichten m�ssen. Allerdings kann ich dir deine Frage beantworten, denn mein Wissen ist umfassend. Die Antwort wird dir allerdings nicht gefallen.� Der Dschinn schwebte zum Rand des Oase, und von einem Augenblick zum anderen war die Finsternis wieder da. �Du hast es ja vorhin gesehen. Schau es dir an! Wer au�er den Alben k�nnte auf diesem grauen Nebel wandeln? Es w�re verh�ngnisvoll, dort hinauszugehen. Das da drau�en geh�rt im Grunde nicht zu dieser Welt. Es ist viel mehr der Hintergrund der Zerbrochenen Welt, das, was bleibt, wenn eine Welt verschwindet. Die einzelnen Inseln liegen unvorstellbar weit voneinander entfernt. Nat�rlich gibt es hier in der Oase Albenpfade und auch Albensterne. Aber wir k�nnen nur den einen Weg nutzen, der in die Menschenwelt f�hrt. Alle anderen reichen in die Finsternis und enden irgendwo zwischen den Inseln. Nimmst du einen dieser Pfade, bist du auf immer verloren. Sich abseits der Albenpfade zu bewegen ist auch keine L�sung. Ich kann fliegen. Ich bin sogar einmal dort drau�en gewesen, aber bald zur�ckgekehrt, ehe ich das Licht von Valemas aus den Augen verlor. Selbst wenn du fliegen k�nntest, w�rdest du ohne Essen und Trinken nicht weit kommen. Glaube mir, Nuramon: Sogar ich w�rde dort drau�en zugrunde gehen. Denn jedes Wesen n�hrt sich von irgendetwas, aber dort gibt es nichts! Es f�hrt kein Weg durch die Leere von Insel zu Insel.�</p><p>Damit war Nuramons Idee zunichte. Wenn es nicht einmal einem Geist m�glich war, in der Zerbrochenen Welt zu reisen, konnten sie die Barriere der K�nigin auf diesem Wege nicht umgehen. Sie w�rden sich ihr in der Menschenwelt stellen m�ssen.</p><p>�Ich sehe, es bek�mmert dich. Aber das Leben ist zu lang, um es mit Trauer auszuf�llen. Sieh mich an! Ich habe hier ein neues Heim gefunden und lebe vergn�gt unter Elfen.�</p><p>�Verzeih mir, Dschinn. Aber f�r mich ist das keine L�sung. Ich muss eine Barriere um einen Albenstern brechen, um zu einem Ort in der Zerbrochenen Welt zu gelangen. Und ich wei� nicht einmal, wo in der Anderen Welt dieser Albenstern liegt.�</p><p>�Aber finden wirst du ihn doch, oder?�</p><p>�Ich werde auf Elfenweise danach suchen und ihn eines Tages finden. Doch was dann? Wie soll ich die magische Barriere �berwinden, die den Albenstern sch�tzen wird?�</p><p>�Ich wei�, was dich plagt. Die K�nigin von Albenmark ist diejenige, welche die Barriere geschaffen hat.�</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte Nuramon erstaunt.</p><p>�Weil man ihrer Macht nicht gleichkommen kann. Deswegen scheint f�r dich und deine Gef�hrten alles verloren.� Der Dschinn schwebte um Nuramon herum. �Donnerwetter! Ein Elf, der einen Zauber seiner K�nigin brechen will. So etwas habe ich noch nie geh�rt. Es hei�t, ihr seid alle so brav und folgsam in Albenmark.�</p><p>�Ich bitte dich inst�ndig, niemandem etwas von meinen Pl�nen zu sagen.�</p><p>�Ich werde es so verborgen halten wie meinen eigenen Namen. Und weil ich Albenkinder mit Mut bewundere, werde ich dir helfen. Du sollst wissen, dass es schon mehrfach gelungen ist, eine Barriere um einen Albenstern zu durchbrechen. Auch wenn der Feueropal verschollen ist und ich leider nur bescheidenes Wissen auf dem Gebiet der Bannmagie besitze, kann ich dich an einen weiteren Ort verweisen, an dem seit Jahrtausenden das Wissen der Welten gesammelt wird. Das Tor dorthin liegt in Iskendria. Nat�rlich ist diese Bibliothek nicht mit derjenigen der Dschinnen zu vergleichen, aber wozu das ganze Wissen dieser Welt in H�nden halten, wenn man nur einen Zipfel davon braucht!�</p><p>Iskendria! Der Name hatte einen Klang, der Nuramon gefiel.��Wo liegt dieses Iskendria?�, fragte er den Geist.</p><p>�Folge dem Albenpfad, der vom Steinkreis aus nach Norden f�hrt. Gehe bis ans Meer.� Der Dschinn wirbelte um sich selbst und zeigte dann zur Seite. �Dann wende dich nach Westen und gehe die K�ste entlang. Du kannst Iskendria nicht verfehlen.� Der Geist verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>�Ich danke dir, Dschinn.�</p><p>�Oh, Dank bedeutet uns sehr viel. Ich war viele Jahre in der Welt der Menschen. Wie viele W�nsche habe ich dort erf�llt, und wie selten hat jemand danke gesagt!�</p><p>�Kann ich etwas tun, um dir zu helfen?�</p><p>�Du k�nntest dich mit mir auf diesen Stein setzen und mir erz�hlen, was dir widerfahren ist. Glaube mir, in dieser Oase sind deine Geheimnisse sicher. Keiner hier wird nach Albenmark laufen und der K�nigin von dir berichten.�</p><p>Nuramon nickte und setzte sich zu dem Dschinn auf den Stein. Dann fing er an zu erz�hlen. Die Geschichte wurde mit jedem Mal l�nger, da er sein Herz aussch�ttete.</p><p>Der Dschinn h�rte geduldig zu und machte dabei ein Gesicht, das gar nicht zu seiner fr�hlichen Art passen wollte. Als Nuramon geendet hatte, begann der Dschinn zu weinen.��Das war wohl die traurigste Geschichte, die ich je geh�rt habe, Elf.� Der Dschinn sprang auf, wischte sich �bers Gesicht und grinste ihn pl�tzlich breit an, dass seine Z�hne blitzten.��Aber es ist noch nicht vor�ber. Du kannst weinen oder aber lachen.� Das Gesicht des Dschinns ver�nderte sich, die eine H�lfte wurde fr�hlich, die andere betr�bt. Und es schien, als k�mpften die beiden H�lften miteinander.��Du musst dich entscheiden. Du musst dich fragen, ob es Hoffnung gibt oder aber nicht.� Er schlug sich mit der flachen Hand auf die fr�hliche Wange, und das L�cheln und die Freudenfalten wuchsen �ber die andere Gesichtsh�lfte. �Du solltest zuversichtlich sein, Elf. Geh nach Iskendria! Gewiss wirst du einen Weg finden. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, hast du noch genug Zeit, um zu verzweifeln.�</p><p>Nuramon nickte. Selbstverst�ndlich hatte der Dschinn Recht, wenngleich ihm dessen Frohsinn fremd war. Er wusste nicht, ob er dem Geist b�se sein sollte, weil dieser seine traurige Geschichte so leichtfertig zur Seite geschoben hatte. Doch ein L�cheln auf dem Gesicht dieser merkw�rdigen Gestalt gen�gte, und er konnte nicht umhin, seinerseits zu l�cheln.</p><p>Als sich Nuramon erhob, schwebte der Dschinn wieder neben der Statue. �Gehe mit Zuversicht nach Iskendria. Yulivee war oft dort. Und sie war sehr weise. Sie schuf das Tor, durch welches die Elfen des alten Valemas Albenmark verlie�en. Sie schuf den Steinring dort drau�en, und ihr verdanken die Elfen hier die Zauber des Lichtes, die Barriere dort und das Bild der W�ste, welches dahinterliegt. Yulivee hat immer gesagt, das Reisen sei der beste Lehrmeister. Und sie war eine gute Sch�lerin. Was sie dort drau�en in der Welt der Menschen und auch in der Zerbrochenen Welt lernte, das mag dir auch einst offen stehen.� Mit diesen Worten l�ste sich der Dschinn auf. Aus dem Wind erklangen die Worte:��Leb wohl, Nuramon!�</p><p>Nuramon trat vor die Statue der Yulivee und schaute ihr in die schimmernden Augen. Er wusste zwar immer noch nicht, ob der Dschinn �berhaupt ernst zu nehmen war und dort drau�en in der Menschenwelt wirklich eine Stadt namens Iskendria existierte. Doch ein Blick in das Gesicht Yulivees gen�gte, und er wusste, dass er seinen Gef�hrten von dieser Stadt erz�hlen und sie �berreden w�rde, dorthin zu gehen.</p><subtitle>Die Erz�hlungen der Tearagi</subtitle><p><strong>Die Gef�hrten Valeschars</strong></p><cite><p>Den gro�en W�stenwanderer Valeschar kannten schon unsere Vorfahren. Wir sind ihm nur einige Male begegnet und wissen nicht, wie er in den Tiefen der W�ste �berleben kann. Doch es hei�t, er und die W�ste seien eins. Eines Tages lernten wir die Gef�hrten Valeschars kennen. In der Nacht zuvor hatten wir die Ghule in den D�nen heulen h�ren, und so f�rchteten wir den Tag. Als wir zur Mittagsstunde die unerbittliche Ebene von Felech durchquerten, da erblickten wir einen Reiter in der Ferne. Wir glaubten, die Ghule h�tten einen D�mon geschickt, uns zu holen. Doch dann sahen wir den feuerroten Umhang Valeschars.</p><p>Wir errichteten unser Lager an Ort und Stelle, auf dass wir den gro�en W�stenherrn w�rdig empfangen konnten. Doch siehe da! Aus dem Schatten Valeschars l�sten sich drei Gestalten mit ihren Pferden. Es waren zwei blasse Girat, wie Krieger bewaffnet. Der dritte aber war ein Girat des Feuers. Langes Flammenhaar loderte im Wind, und sein Antlitz war so rot wie Glut. Seine Waffe war eine gro�e Axt, deren Schneide in der Sonne gl�hte. Die drei Girat ritten auf edlen, unerm�dlichen Pferden.</p><p>Wir empfingen Valeschar gem�� unseres Brauches. Und wie immer war er ein guter Gast. Er trank und a� mit uns in Frieden und erfreute sich an unseren Geschenken. Valeschar stellte uns seine Gef�hrten vor. Die beiden blassen Girat hie�en Faraschid und Neremesch, der Girat des Feuers aber Mendere.</p><p>Faraschid hatte Haar so hell wie die Sonne und Augen aus Jade. Neremeschs Haar aber war von der Farbe der Windberge, und seine Augen waren so braun wie die W�ste im S�den.</p><p>Mendere aber war ein Riese mit einem wilden Flammenbart. Seine blauen Augen wirkten wie zwei Oasen in der W�ste. Der Girat des Feuers hatte nicht die Manieren seines Herrn. Er fra� unaufh�rlich, und zu unserer gr��ten Verwunderung trank er st�ndig Wasser. Neremesch bedeutete uns, dass Mendere die Flammen l�schen m�sse, die in seinem Magen tobten. Da wurde uns klar, dass Mendere nur zu unserem Wohle handelte. Denn er wollte nicht, dass unsere Zelte in Flammen aufgingen.</p><p>Nach dem Mahl bat uns Valeschar darum, seine Gef�hrten ans Meer zu f�hren. Wir f�rchteten uns zwar vor dem Girat des Feuers, doch aus Ehrfurcht gegen�ber Valeschar nahmen wir uns der drei an. Die Girat sprachen nicht unsere Sprache, und wir kannten keine, derer sie m�chtig waren. So tauschten wir nur wenige Worte. Wir bewunderten, mit welcher Aufopferung Mendere das Wasser f�r uns trank. Und auch dem Wein sprach er zu, um die Flammen zur�ckzuhalten. Als er darauf nach Raki verlangte, da f�rchteten wir, Mendere werde seine Flammen damit nur anfachen. Doch wer widersetzt sich schon dem Wort eines Freundes Valeschars? So trank der Girat Raki. Zun�chst geschah nichts. Doch in der Nacht erhob sich ein solches Gest�hn und Gejammer, dass wir zun�chst aus dem Lager flohen und dachten, die Ghule seien gekommen. Als wir uns zur�ck in unser Lager wagten, entdeckten wir Mendere, der sich am Boden wand und gegen die Flammen ank�mpfte, die der Raki in ihm entfacht hatte.</p><p>Je n�her wir dem Meer kamen, desto feuriger wurde die Haut des Mendere. Nur die H�nde Neremeschs vermochten das Feuer aus dem Gesicht und von den Armen Menderes zu verbannen. Seit jenem Tag hei�t es bei uns: Gib einem Girat des Feuers niemals Raki zu trinken!</p><p>Schlie�lich erreichten wir das Meer, und die drei Girat verabschiedeten sich mit den wenigen Worten, die sie in unserer Sprache gelernt hatten. Sie gingen Iskendria entgegen und lie�en uns neugierig zur�ck. Was mochten sie wohl in Iskendria wollen? Gewiss waren sie im Auftrag ihres Herrn unterwegs.</p><p>Denn die V�lker der W�ste wussten schon seit langem, dass die Bewohner Iskendrias so t�richt waren, Valeschar seinen Tribut zu verweigern. Nun aber ritt ihnen das Verderben in Gestalt seiner Gef�hrten entgegen.</p><text-author>Aus: Die Erz�hlungen der W�stenv�lker,</text-author><text-author>zusammengestellt von Golisch Reesa.</text-author><text-author>Bd.3: Die Tearagi, s.143F.</text-author></cite></section><section><title><p>In Iskendria</p></title><p>Der Weg durch die W�ste war Farodin eine Qual gewesen. Manchmal war es ihm so vorgekommen, als wollten ihn die D�nen verh�hnen. Unz�hlbar waren die Sandk�rner, und sie f�hrten ihm vor Augen, wie unl�sbar seine Aufgabe war. Er konnte nur darauf hoffen, dass sein Zauber mit der Zeit st�rker wurde. Farodin wollte dem einmal eingeschlagenen Weg treu bleiben. Seine Unersch�tterlichkeit hatte ihn nach fast siebenhundert Jahren zu Noroelle gef�hrt, und er w�rde auch diesmal wieder zu ihr gelangen. Er war entschlossen, gen�gend Sandk�rner aus dem zerbrochenen Stundenglas zu finden, um Emerelles Zauber r�ckg�ngig zu machen, selbst wenn es Jahrhunderte dauerte.</p><p>Farodin blickte zu den hohen Stadtmauern am Horizont. Iskendria. War es klug, hierher zu kommen? Sie w�rden wieder durch einen Albenstern gehen m�ssen. Den Zauber zu wirken war gef�hrlich. Wenn sie nun einen Sprung durch die Zeit machten? Sie w�rden es wahrscheinlich nicht einmal bemerken. Aber f�r Noroelle bedeutete das viele zus�tzliche Jahre der Einsamkeit. Wenn sie in dieser Bibliothek tats�chlich eine M�glichkeit fanden, den Bannzauber Emerelles zu brechen und jenen Albenstern zu finden, durch den Noroelle in die Zerbrochene Welt gegangen war, dann w�rde ihre Suche ein schnelles Ende nehmen. Doch Farodin war skeptisch. War es m�glich, dass Emerelle nicht um die Bibliothek wusste? Wohl kaum. Also ging sie davon aus, dass alles Wissen dort keine Hilfe war. Mochte es sein, dass sie damit irrte? Die ganze Reise lang hatte er dar�ber schon gebr�tet. Es war m��ig, weitere Gedanken daran zu verschwenden. Eine Antwort gab es nur in der Bibliothek.</p><p>Leichter Verwesungsgeruch lag in der Luft. Farodin blickte auf. Sie hatten die Stadt fast erreicht.</p><p>Die letzte Stra�enmeile vor Iskendria war von Gr�bern ges�umt. Eine Geschmacklosigkeit, wie sie sich nur Menschen ausdenken konnten, dachte der Elf. Wer wollte von Mahnmalen f�r Tote begr��t werden, wenn er eine Stadt besuchte? Gr�fte und protzige Mausoleen standen dicht bei der Stra�e. Weiter in die W�ste hinein wurden die Gr�ber schlichter, bis sie nur noch aus einem Stein bestanden, der den Ort markierte, an dem man einen Toten im Sand verscharrt hatte.</p><p>In den pr�chtigen Grabh�usern aus Marmor und Alabaster hatte man jedoch offenbar darauf verzichtet, die Leichen der Erde zu �bergeben. Farodin w�nschte sich, man h�tte ebenso viel M�he darauf verwendet, dicht schlie�ende Sarkophage anzufertigen, wie man aufbrachte, um die Grabh�user mit Standbildern zu schm�cken. Sie zeigten meist recht jugendlich wirkende M�nner und Frauen. Kein Wunder, dass man in einer Stadt, die einen mit Leichengestank begr��te, nicht alt wurde! Glaubte man den Standbildern, dann gab es unter den Reichen der Stadt nur zwei Sorten von Leuten: jene, die gedankenschwer dreinblickten und aussahen, als n�hmen sie sich f�rchterlich ernst, sowie die anderen, die offenbar aus dem Leben ein Fest machten. Ihre Bildnisse zeigten sie l�ssig hingestreckt auf Sarkophagen, von denen sie den Reisenden mit erhobenen Weinbechern zuprosteten.</p><p>Die neueren Gr�ber und Standbilder waren in schreienden Farben bemalt. Farodin hatte M�he zu begreifen, wie Menschen sich zu dem Irrglauben versteigen konnten, man s�he gut aus mit schwarz umrandeten Augen und gewandet in ein orangefarbenes Kleid mit purpurnem �berwurf. Bei den �lteren Statuen und Grabbauten hatte der W�stensand l�ngst die Farbe abgeschliffen. So beleidigten sie das Auge des Betrachters weitaus weniger.</p><p>Der morbide Eindruck, den Iskendria auf jeden Reisenden machte, wurde ein wenig abgemildert durch die Frauen, die entlang der Stra�e standen. Sie empfingen die G�ste der Stadt mit einladendem L�cheln und freundlichen Gesten. Anders als die W�stenbewohner sch�tzten sie sich nicht durch weite Gew�nder und Schleier vor der Sonne. Sie zeigten m�glichst viel Haut, sah man davon ab, dass auf ihre Gesichter und Arme dicke Schichten von Puder und Schminke aufgetragen waren. Manche hatten gar g�nzlich auf Kleidung verzichtet und sich mit verwirrenden Mustern aus Spiralen und Schlangenlinien bemalt.</p><p>Mandred, dem diese Art von Willkommensgru� offensichtlich vertraut war, winkte den Frauen zu. Er war bester Stimmung. Breit grinsend verdrehte er den Kopf, um ja keinen Blick auf die Frauen zu vers�umen.</p><p>Pfeilgerade f�hrte die mit gro�en Steinplatten gepflasterte Stra�e auf die Mauern von Iskendria zu. Ein wenig vor ihnen zog eine Karawane. Sie bestand aus jenen h�sslichen Tieren, welche die Menschen Kamele nannten, und einer kleinen Gruppe von Kaufleuten, die aufgeregt schnatterten. Pl�tzlich scherte einer von ihnen aus und sprach eine Frau mit unnat�rlich rotem Haar an. Sie sa� mit weit gespreizten Beinen auf dem Grabsockel eines marmornen Zechers. Nach kurzem Feilschen dr�ckte er ihr etwas in die Hand, und die beiden verschwanden hinter einem halb verfallenen Mausoleum.</p><p>�Ich frage mich, was hier ein Ritt so kostet?�, murmelte Mandred und sah den beiden nach.</p><p>�Warum willst du reiten? Haben dir die letzten �� Nuramon stockte. �Du meinst doch nicht � Sind das etwa � Wie nanntest du sie? Huren? Ich dachte, man findet sie in gro�en H�usern, wie in Aniscans.�</p><p>Mandred lachte herzhaft.��Nein, auch in Aniscans gab es reichlich Huren auf den Stra�en. Dir fehlt einfach der Blick daf�r. Oder es liegt an der Liebe. Noroelle ist schon etwas anderes als diese Huren.� Er grinste. �Obwohl einige von ihnen ausgesprochen h�bsch sind. Aber wenn einen die Liebe w�rmt, dann sucht man nicht anderswo nach Sinnenfreuden.�</p><p>Es �rgerte Farodin, dass ihr menschlicher Gef�hrte Noroelle und diese angemalten Weibsbilder in einem Atemzug nannte. Das war � Nein, er fand kein passendes Bild daf�r, wie absurd es war, Noroelle und diese Frauen miteinander zu vergleichen. Ihm fielen dutzende Metaphern f�r Noroelles Sch�nheit ein, Strophen jener Lieder, die er ihr einst gesungen hatte. Keines dieser Bilder w�re den Menschenfrauen angemessen gewesen. Jetzt tat er es auch! Er f�hrte die Liebste und diese Frauen in einem Gedanken! S�uerlich blickte er zu Mandred. So lange gemeinsam mit diesem Barbaren zu reiten war nicht spurlos an ihm vor�bergegangen.</p><p>Mandred hatte seinen Blick offenbar missverstanden. Er strich sich �ber den Geldbeutel an seinem G�rtel. �Diese Kameltreiber h�tten sich ruhig ein bisschen gro�z�giger erweisen k�nnen. Zwanzig Silberst�cke! Wie lange soll das reichen! Wenn ich daran denke, was sie Valiskar alles zugesteckt haben. Die machen das richtig, eure Br�der in der Oase.�</p><p>�Das sind keine Br�der�, warf Nuramon ein.��Es sind��</p><p>Mandred winkte ab. �Ja, ich wei�. Sie haben mich wahrhaft beeindruckt. Sie sind wirklich sinnsible Geister!�</p><p>�Du meinst sensibel?�, fragte Farodin.</p><p>�Elfengequatsche! Du wei�t, was ich meine. Das ist doch was � Diese Wickelk�pfe mit ihren Kamelen brauchen sie nur zu sehen, und schon sind sie ganz versessen darauf, ihnen Geschenke zu machen. Einfach toll � sennsiebel! Kein K�pfeeinschlagen, keine Drohungen, kein b�ses Wort. Sie kommen und lassen sich beschenken. Und die Kameltreiber sind noch gl�cklich dabei. M�ssen ganz sch�n harte Burschen sein, diese Elfen von Valemas.�</p><p>Farodin dachte an Giliath. Er h�tte gern noch einmal mit ihr gesprochen, um in Erfahrung zu bringen, ob sie ihn wirklich get�tet h�tte. Sie war nahe dran gewesen. Nach dem Kampf hatte sie sich zur�ckgezogen. Obwohl sie noch f�nf Tage in der Oase geblieben waren, hatte er sie nicht wiedergesehen.</p><p>�Hallo, M�del!� Mandred klatschte einer dunkelh�utigen Frau auf den Schenkel. �Du verstehst mich, auch wenn du meine Sprache nicht kennst.�</p><p>Sie antwortete mit einem sinnlichen L�cheln.</p><p>�Dich suche ich, sobald wir ein Quartier in der Stadt gefunden haben.�</p><p>Sie deutete auf die Geldkatze an seinem G�rtel und blickte vieldeutig in Richtung einer aufgebrochenen Gruft.</p><p>�Sie mag mich!�, verk�ndete Mandred stolz.</p><p>�Zumindest den Teil, der an deinem G�rtel h�ngt.�</p><p>Mandred lachte. �Nein, sie wird gewiss auch m�gen, was darunter h�ngt. Bei den G�ttern! Wie habe ich es vermisst, ein anschmiegsames M�del im Arm zu halten.�</p><p>Mandreds Worte versetzten Farodin einen Stich. Der Mensch war so erfrischend einfach. Das musste an der kurzen Lebensspanne liegen.</p><p>Am Ende der Stra�e erhob sich ein gro�es Doppeltor. Es war von zwei m�chtigen, halbrunden T�rmen flankiert. Allein die Mauern mussten mehr als f�nfzehn Schritt hoch sein, die T�rme hatten fast die doppelte H�he. Nie zuvor hatte Farodin eine Stadt der Menschen gesehen, die von so m�chtigen Festungswerken umgeben war. Es hie�, Iskendria sei viele Jahrhunderte alt. Zwei gro�e Handelsstra�en und ein m�chtiger Strom trafen sich in der Hafenstadt.</p><p>Am Tor standen Wachen mit Brustpanzern aus versteiftem Leinen. Sie trugen Bronzehelme, die mit schwarzen Pferdeschweifen geschm�ckt waren. Reisende, welche die Stadt verlie�en, gingen durch das linke Tor hinaus. Sie wurden kaum behelligt. Wer aber Iskendria betreten wollte, musste den Wachen einen Wegzoll entrichten.</p><p>�Habt ihr das gesehen?�, emp�rte sich Mandred. �Diese Halsabschneider nehmen ein Silberst�ck daf�r, dass man ihrer Stadt die Ehre eines Besuchs erweist.�</p><p>�Ich zahl f�r dich mit�, sagte Farodin leise. �Aber verhalte dich ruhig! Ich will hier keinen �rger!� Er behielt Mandred misstrauisch im Blick.</p><p>Als der Torposten zu ihnen trat, z�hlte Farodin dem Mann drei Silberst�cke in die Hand. Er war ein pockennarbiger Kerl mit Mundgeruch. Er fragte etwas, das Farodin nicht verstand. Hilflos zuckte der Elf mit den Schultern.</p><p>Der Wachmann wirkte unruhig. Er deutete auf Mandred und wiederholte seine Frage. Farodin dr�ckte dem Soldaten noch ein weiteres Silberst�ck in die Hand. Daraufhin l�chelte dieser und winkte sie durch.</p><p>�Halsabschneider!�, zischte Mandred noch einmal.</p><p>Jenseits des Tores erwartete sie eine belebte Stra�e. Schnurgerade f�hrte sie in die Stadt hinein. Die Karawane, der sie auf der K�stenstra�e nach Iskendria gefolgt waren, verschwand durch einen Torbogen auf einen ummauerten Hof. Farodin sah dort �ber hundert Kamele stehen. Offenbar war der Hof ein Treffpunkt f�r Fernh�ndler. Dorthin konnten sie nicht gehen. Unter den H�ndlern w�rden sie nur auffallen, und das galt es um jeden Preis zu vermeiden. So folgten sie weiter der Stra�e.</p><p>Die meisten H�user hier waren aus braunen Lehmziegeln gebaut. Selten hatten sie mehr als zwei Geschosse. Zur Stra�e hin waren sie offen und beherbergten im Erdgeschoss Handwerksgesch�fte oder Brat- und Schankstuben.</p><p>Vor einer der Sch�nken sa�en Kinder auf der Stra�e und rupften Rotkehlchen. Die V�gel lebten noch! Ohne sie auszunehmen, wurden sie in siedendes Fett geworfen. Farodin drehte sich fast der Magen um, als er das sah. Ganz gleich, wie gro� die St�dte waren, die Menschen bauten: Sie blieben Barbaren!</p><p>Die drei Gef�hrten waren die Langsamsten auf der breiten Hauptstra�e. Jeder hier schien zu wissen, wohin er wollte, und jeder hatte es eilig. Arbeiter, die schwitzend Karren voller Ziegelsteine vor sich her schoben, Wasserverk�ufer, die riesige Amphoren auf den R�cken geschnallt trugen, Botenjungen mit wuchtigen Ledertaschen, Frauen, die K�rbe voller Gem�se zu den M�rkten brachten. Farodin f�hlte sich unter all den Menschen fehl am Platz. Seine Ohren waren unter einem Kopftuch verborgen, so fiel er nicht auf. Doch f�r ihn �nderte es nichts. Selten zuvor hatte er sich so fremd in der Welt der Menschen gef�hlt.</p><p>Farodin beobachtete eine alte Frau in einem meergr�nen Wickelkleid, der zwei Diener mit Warenk�rben folgten. Die Alte feilschte mit einem Jungen, der an einer langen Stange mehr als zwanzig Vogelk�fige trug. Schlie�lich dr�ckte ihm einer der Diener ein paar Kupferm�nzen in die Hand. Daraufhin �ffnete der Junge einen K�fig und holte eine wei�e Taube heraus. Vorsichtig �berreichte er sie der alten Frau. Diese warf den Vogel lachend in die Luft. Die Taube drehte eine Runde, offenbar verwirrt �ber ihre neu gewonnene Freiheit, und flog dann nach Osten in Richtung der Salzseen davon.</p><p>Im ersten Augenblick war Farodin beeindruckt von dieser noblen Geste. Doch dann fragte er sich, ob der Junge die V�gel wohl nur gefangen hatte, damit reiche Damen sie zu ihrem Vergn�gen wieder freilassen konnten.</p><p>Je weiter sie der Stra�e folgten, desto h�her wurden die H�user, die sie flankierten. Inzwischen waren die meisten Bauwerke aus wei� verputztem Ziegelwerk. Manche der Hausw�nde waren mit Bildern bemalt, die Schiffe zeigten oder St�rche, die durch Schilfdickicht wateten.</p><p>Farodin wurde schwindelig von all den Ger�chen, die auf ihn eindrangen. Der Duft von Kr�utern und Gew�rzen mischte sich mit dem Gestank der Stadt. �berall roch es nach ungewaschenen Menschen, nach Eseln und Kamelen und nach Exkrementen. Unbeschreiblich war auch der L�rm. Lauthals priesen die H�ndler in den Stra�enl�den ihre Waren an; die Wasserverk�ufer und auch die jungen M�dchen, die in K�rben duftendes Fladenbrot und goldbraune Brezen feilboten, leierten einen endlosen Singsang herunter.</p><p>Bald w�nschte Farodin sich in die Einsamkeit der W�ste zur�ck. Er hatte stechende Kopfschmerzen. Die Hitze, der L�rm und der Gestank waren mehr, als er ertragen konnte. Und als w�re dies alles noch nicht genug, sp�rte er, wie der Albenpfad, der sie parallel zur K�stenstra�e bis hierher in die Stadt gef�hrt hatte, immer schw�cher wurde. Farodin war sich sicher, dass sie den Pfad nicht verlassen hatten. Es schien ihm, als s�nke der Pfad mit jedem Schritt tiefer unter das Pflaster der Stra�e.</p><p>Auch Nuramon wirkte beunruhigt. Sie tauschten einen kurzen Blick. �Wir haben schon zwei mindere Albensterne passiert�, fl�sterte er aufgeregt.��Die Stadt scheint mir fast wie ein Spinnenetz, so viele Pfade treffen sich hier. Aber sie liegen unter der Erde. Das ist ungew�hnlich. Ich wei� nicht, ob ich nach ihrer Kraft greifen kann, um ein Tor zu �ffnen.�</p><p>�Vielleicht gibt es Tunnel�, mutma�te Farodin. �Irgendwie muss man doch zu den Sternen gelangen k�nnen. Jeder gro�e Albenstern ist durch Zauberkraft gesch�tzt, sodass er nicht unter Schnee oder Sand versinken kann.�</p><p>�Und wenn man hier auf diesen Zauber verzichtet hat?�, wandte Nuramon ein. �Vielleicht um das Tor besser vor den Menschen zu verbergen? Sieh dir nur das Gedr�nge an! Welche andere M�glichkeit gibt es hier, als ein Tor tief unter der Erde zu verbergen?�</p><p>�Hat dein Dschinn eigentlich gesagt, wann er die Bibliothek aufgesucht hat?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Vielleicht sind seitdem Jahrhunderte vergangen. Vielleicht gibt es gar kein Tor mehr, das von hier aus in die Bibliothek f�hrt.�</p><p>Nuramon antwortete nicht. Was h�tte er auch sagen sollen? All seine verbliebenen Hoffnungen hatte er in die Bibliothek gesetzt. Nun, da sie einmal hier waren, w�rden sie so lange suchen, bis sie ein Tor fanden!</p><p>Mandred schien von der gedr�ckten Stimmung der beiden Elfen nichts mitzubekommen. Er wirkte ganz hingerissen von all den fremden Eindr�cken und warf jeder auch nur halbwegs ansehnlichen Frau l�sterne Blicke zu. Manchmal beneidete Farodin seinen Gef�hrten geradezu. Dessen Leben war kurz, und er nahm es �berraschend leicht. Nichts schien ihn nachhaltig in eine tr�be Stimmung versetzen zu k�nnen. Er fand immer etwas, woran er sich begeistern konnte, und sei es, dass er fl�chtigen Gen�ssen in Form eines Bes�ufnisses oder einer Liebesnacht hinterherjagte. Vielleicht lebte er ja ein besseres Leben?</p><p>Sie mochten eine Meile gegangen sein, als die Stra�e, der sie bisher gefolgt waren, auf eine S�ulenallee traf, die ungleich pr�chtiger war. Unschl�ssig, wohin sie gehen sollten, bogen sie schlie�lich auf die Prachtstra�e ab. Hier war das Gew�hl der Menschen noch dichter. Rechts und links der S�ulenreihen lagen Ladenzeilen. Auch sie �ffneten sich mit weiten T�ren zur Stra�e hin und prunkten mit kostbaren G�tern. So gab es Stoffe aus aller Menschen L�nder und h�bsch bemalte Vasen und Dosen. Goldschmiede fertigten unter den Blicken neugieriger Passanten hauchzartes Geschmeide aus feinen Dr�hten an.</p><p>Jede dritte S�ule trug in f�nf Schritt H�he ein Sims, auf der eine �berlebensgro�e Statue aufgestellt war. Gekleidet in grellbunt bemalte Gew�nder, blickten sie w�rdevoll auf die Passanten zu ihren F��en. Manche von ihnen waren mit goldenem Schmuck beh�ngt. Farodin fragte sich, ob sie G�tter darstellen sollten oder vielleicht doch eher besonders erfolgreiche Kaufherren.</p><p>Ein St�ck voraus erklang ein herzerweichendes Gewimmer. Bald erreichten sie einen Platz, auf dem Marktst�nde aus buntem Stoff aufgebaut waren. Jeder der St�nde war mit dutzenden Amphoren best�ckt.</p><p>�Ein Weinmarkt!�, jubelte Mandred. �Das sind alles Weinamphoren.�</p><p>Ein magerer Kaufmann mit roter Nase winkte ihm freundlich zu und hielt einen Tonbecher hoch.</p><p>�Er l�dt mich zum Kosten ein!�</p><p>Nuramon deutete auf einen Pfahl, der hoch �ber den St�nden aufragte. Eine junge Frau war darauf gespie�t worden. Man hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen. Ihr ganzer K�rper war mit blutigen Striemen bedeckt. Sie wimmerte leise. Noch w�hrend Farodin hinaufblickte, erzitterte sie, und er sah, wie das Gewicht ihres eigenen K�rpers ihr die Spitze des Pfahls ein wenig tiefer ins Fleisch trieb.</p><p>�Willst du hier wirklich trinken?�, fragte Nuramon.</p><p>Mandred wandte sich angewidert ab.��Warum tun sie das? Was mag die Frau wohl verbrochen haben? So eine sch�ne Stadt � und dann so etwas. Vielleicht ist sie ja eine Kindsm�rderin?�</p><p>�Ah! Das w�rde nat�rlich rechtfertigen, sie auf so bestialische Weise zu Tode zu qu�len. Wie konnte ich das nur �bersehen!�, entgegnete Farodin sch�rfer, als es angemessen gewesen w�re. Was konnte Mandred schon f�r die Grausamkeit der Herrscher von Iskendria!</p><p>Schweigend schoben sie sich weiter durch das Gedr�nge auf der Prachtstra�e, bis die Menge um sie herum pl�tzlich von Unruhe ergriffen wurde. Ganz in der N�he ert�nten Trommelschlag und der helle Klang von Zimbeln. Die Menschen rings herum wichen bis zu den S�ulen zur�ck. Das Geschrei der H�ndler und die Gespr�che der Passanten verstummten. Die Stra�e war pl�tzlich leer. Nur sie drei standen noch dort.</p><p>�Heh, Nordmann!� Ein st�mmiger blonder Mann trat aus dem Spalier der Menschen.��Weg dort!� Er redete in der Sprache von Fargon. �Die K�nigin dieses Tages kommt!�</p><p>Aus einer breiten Seitenstra�e bog eine Prozession auf die S�ulenallee. Junge M�dchen in strahlend wei�en Kleidern eilten dem Zug voraus und streuten Rosenbl�tter auf das Pflaster.</p><p>Die drei Gef�hrten beeilten sich, von der Stra�e fortzukommen. Der blonde Mann dr�ngte sich an ihre Seite. Sein Gesicht war voller Bartstoppeln, �ber denen himmelblaue Augen strahlten. �Ihr seid fremd, nicht war? Ich wette, ihr seid heute erst in die Stadt gekommen. Ihr braucht einen F�hrer. Zumindest f�r die ersten Tage, bis ihr euch hier zurechtfindet und die Gesetze von Iskendria kennen gelernt habt.�</p><p>Den Blumenjungfern folgte ein Trupp Soldaten mit bronzenen Brustpanzern und Helmen, auf denen schwarze Federb�sche wippten. Sie trugen gro�e, runde Schilde, auf die das bedrohliche Gesicht eines b�rtigen Mannes gemalt war. Ihre Speere hielten sie merkw�rdigerweise falsch herum, sodass die Spitzen zum Stra�enpflaster zeigten. Schwarze Umh�nge mit einer breiten Borte aus Goldstickerei hingen ihnen von den Schultern. Nie zuvor hatte Farodin so pr�chtig ausger�stete Krieger in der Welt der Menschen gesehen. In stiller Feierlichkeit schritten sie �ber die Rosenbl�tter.</p><p>�Die Tempelwachen�, erkl�rte ihr selbst ernannter F�hrer. �Sch�n anzusehen, aber ein �bler Haufen. Kommt denen besser nicht in die Quere. Wer sich mit dem Tempel anlegt, der landet nur allzu leicht auf dem Pferdemarkt.�</p><p>�Was ist an eurem Pferdemarkt denn so schlimm?�, fragte Mandred.</p><p>�Sie sperren dich in einen Eisenk�fig, ziehen dich an einem Mast hoch und lassen dich verdursten. Und dann hast du noch Gl�ck gehabt. Wenn du Balbar beleidigt hast, den Gott der Stadt, dann werden dir Arme und Beine mit Eisenstangen zerschmettert, und man kettet dich an den Ketzerstein auf dem Marktplatz. Dort bleibst du liegen, bis sich deine Wunden entz�nden und du bei lebendigem Leib verrottest. Und Nachts kommen die streunenden Hunde, um von dir zu fressen.�</p><p>Farodin wandte sich angewidert der Prozession zu, w�hrend Mandred begierig den Geschichten des Fremden lauschte. Die n�chste Gruppe, die vor�berzog, bestand aus dunkelh�utigen M�nnern in roten R�cken, die gro�e Trommeln um die H�ften geschnallt trugen. Sie schlugen einen langsamen Marschtritt und bestimmten so das Tempo, in dem sich der Zug bewegte.</p><p>Eine riesige offene S�nfte, getragen von mindestens vierzig Sklaven, passierte die Stra�e. Auf ihr erhob sich ein gro�er goldener Thron, den zwei Priester mit kahl geschorenen K�pfen flankierten. Darauf kauerte zusammengesunken ein junges M�dchen. Ihr Gesicht war mit greller Schminke bemalt. Teilnahmslos blickte sie zur Menge hinab.</p><p>�Ist sie nicht h�bsch?�, fragte der Blonde mit zynischem Unterton. �In einer Stunde schon wird sie Balbar gegen�berstehen.� Er senkte die Stimme zu einem Fl�stern. �Sie haben der Kleinen Wein und Opium gegeben. Gerade so viel, dass sie w�hrend der Prozession nicht einschl�ft und bei Sinnen ist, wenn sie Balbar entgegentritt. Ihr solltet das gesehen haben, dann werdet ihr Iskendria besser verstehen.�</p><p>Hinter der S�nfte folgte eine Gruppe schwarz gewandeter Frauen. Sie alle trugen Masken, die gr�ssliche Grimassen zeigten. Gesichter, erstarrt in Wehgeschrei, Schmerz und Trauer.</p><p>�Und sie wird wirklich einem Gott gegen�bertreten, und man kann dabei zusehen?�, fragte Mandred neugierig.</p><p>�Worauf du deinen Arsch verwetten kannst, Nordl�nder. �brigens, ich hei�e Zimon von Malvena. Ich will mich nicht aufdr�ngen, aber glaubt mir, ihr seid gut beraten, euch einen F�hrer zu nehmen.�</p><p>Nuramon dr�ckte ihm ein Silberst�ck in die Hand. �Erz�hl uns alles von der Stadt, was wir wissen m�ssen.�</p><p>Die Prozession war vor�bergezogen. Schon erhob sich allgemeines Gemurmel. �Gehen wir zum Platz des Himmelshauses.� Zimon winkte sie auf die Stra�e, und sie folgten der Prozession.</p><p>�Was f�hrt euch nach Iskendria, werte Herren? Sucht ihr jemanden, der den Dienst eurer Schwerter ben�tigt? Bei den Karawansereien ist es leicht, Soldherren zu finden. Ich kann euch gern dorthin f�hren.�</p><p>�Nein�, entgegnete Mandred umg�nglich. �Wir wollen zur Bibliothek.�</p><p>Farodin zuckte innerlich zusammen. In Augenblicken wie diesem h�tte er Mandred erschlagen k�nnen. Was ging diesen zwielichtigen Kerl an, was sie hier suchten!</p><p>�Die Bibliothek?� Zimon musterte Mandred erstaunt. �Du verbl�ffst mich, Nordl�nder. Sie liegt nahe beim Hafen. Es hei�t, dort sei alles Wissen der ganzen Welt versammelt. Sie ist mehr als dreihundert Jahre alt und verf�gt �ber tausende von Schriftrollen. Es gibt keine Frage, auf die du dort keine Antwort findest.�</p><p>Farodin und Nuramon tauschten einen vielsagenden Blick. Eine Bibliothek der Menschen, in der man Antwort auf alle Fragen fand! Das war so wahrscheinlich wie ein Pferd, das Eier legte. Und doch war bemerkenswert, dass es ausgerechnet in Iskendria eine solche Bibliothek gab. War sie vielleicht ein ferner Spiegel dessen, was sich jenseits der Albensterne in der Zerbrochenen Welt hier verbarg?</p><p>Sie erreichten einen weiten Platz, in dessen Mitte eine mehr als zehn Schritt hohe Statue stand. Sie zeigte einen Mann mit langem, eckig gestutztem Bart, der auf einem Thron sa�. Die Arme der Figur waren seltsam angewinkelt und ruhten auf seinem Scho�. Die H�nde waren offen, so als erwartete er, dass man dort Gaben ablegte. Und tats�chlich f�hrte eine h�lzerne Rampe hinauf zu diesen H�nden. Der Mund der Statue war weit aufgerissen, so als wollte sie schreien. Heller Rauch quoll daraus hervor.</p><p>Hinter dem G�tterbild erhob sich ein Tempel, dessen himmelhohe S�ulen purpurfarben bemalt waren und von goldbeschlagenen Kapitellen gekr�nt wurden. Der Tempelgiebel zeigte ein in grellen Farben bemaltes Hochrelief. Dort sah man Balbar durchs Meer waten. Seine riesigen F�uste zerschmetterten Galeeren.</p><p>Auf den Stufen zum Tempel hatte sich die Priesterschaft versammelt. Sie sangen ein Lied von d�sterer Feierlichkeit. Obwohl Farodin keines der Worte verstand, lief es ihm kalt den R�cken herunter.</p><p>Die S�nfte war am Fu� der Statue abgestellt worden. Die Trommler beschleunigten nun ihren Rhythmus.</p><p>Rings herum auf dem Platz standen tausende Menschen. Sie stimmten in den monotonen Gesang der Priesterschaft ein. Farodin sah aus den Augenwinkeln, dass Nuramon ganz blass geworden war. Selbst Mandred war still; jedes L�cheln war aus seinem Gesicht geschwunden.</p><p>Die beiden glatzk�pfigen Priester, die auf der S�nfte gestanden hatten, f�hrten das junge M�dchen die h�lzerne Rampe hinauf. Sie wirkte wie eine Schlafwandlerin.</p><p>Zu dritt traten sie zu den offenen Handfl�chen der G�tterstatue. Die Priester zwangen das M�dchen in die Knie. Sie legten ihr Ketten um die Schultern, die sie in eisernen �sen auf den Handfl�chen des Gottes einhakten. Der Bl�tenkranz, der ihr Haar schm�cken sollte, fiel herab. Teilnahmslos kauerte sie dort, gefangen in ihrem Rausch und stummer Ergebenheit. Eine Priesterin mit langem, offenem Haar brachte eine goldene Kanne. Sie salbte die Stirn des M�dchens. Dann goss sie den Inhalt der Kanne �ber ihre Gew�nder.</p><p>Als sie gemeinsam mit den beiden anderen Priestern von den Handfl�chen des G�tzenbildes zur�ck auf die Rampe trat, beschleunigte sich noch einmal der Trommelschlag. Schmerzhaft schrill erklangen die Zimbeln. Der monotone Gesang wurde noch lauter.</p><p>Pl�tzlich ruckten die Arme der Statue nach oben. Alles L�rmen verstummte. Die beiden Handfl�chen der Gottheit schlugen vor das weit aufgerissene Maul, in dem das M�dchen verschwand. Schlagartig verstummten Gesang und Trommelschlag. Man h�rte einen ged�mpften Schrei. Dann senkten sich die Arme wieder. Festgehalten von den schweren Ketten, hockte das junge M�dchen auf den offenen Handfl�chen des Gottes. Ihre Haare und das Gewand brannten lichterloh. Schreiend wand sie sich in ihren Fesseln.</p><p>Mandred starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das brennende M�dchen, w�hrend Nuramon sich abwandte und den Platz verlassen wollte. Doch ihr selbst ernannter F�hrer stellte sich ihm in den Weg. �Tu das nicht�, zischte er.</p><p>Schon blickten einige der Gl�ubigen �rgerlich in ihre Richtung.</p><p>�Wenn du gehst, dann beleidigst du Balbar. Ich habe euch doch erz�hlt, was die Priester mit Frevlern machen. Sieh zu Boden, wenn du den Anblick nicht ertragen kannst, aber mach dich jetzt nicht davon. Bete zu Tjured, Arkassa oder an wen immer du glaubst.�</p><p>Die Schreie des M�dchens wurden leiser. Schlie�lich sackte sie sterbend nach vorne. Wieder stimmten die Priester ihren d�steren Gesang an. Langsam l�ste sich die Menschenmenge auf.</p><p>Farodin war �bel. Was f�r ein Gott war das, dem man mit so unbeschreiblicher Grausamkeit huldigte?</p><p>�Jetzt k�nnen wir gehen�, sagte Zimon n�chtern. �Niemand ist gezwungen, an den Opferfeierlichkeiten teilzunehmen. Man kann diese Barbarei ganz gut meiden. Ich lebe nun schon zwei Jahre hier und verstehe die zwei Gesichter Iskendrias immer noch nicht. Es ist eine Stadt der Kunst und Kultur. Ich bin Bildhauer. Nirgendwo anders wei� man meine Arbeiten so zu sch�tzen wie hier. Die Reichen sind ganz versessen darauf, Standbilder von sich anfertigen zu lassen. Es gibt wunderbare Feste. In der Bibliothek streiten die Gelehrten der ganzen Welt um Fragen der Philosophie. Aber hier auf dem Tempelplatz verbrennt man jeden Tag ein Kind. Man kann einfach nicht glauben, dass das dieselben Leute sind.�</p><p>�Jeden Tag?�, fragte Mandred ungl�ubig.��Warum tun sie das? Das ist doch��� Er hob hilflos die H�nde.��Das ist���</p><p>�Vor siebzig Jahren wurde die Stadt von K�nig Dandalus von den Aegilischen Inseln belagert. Seine Flotte brachte ein riesiges Heer vor die Mauern der Stadt. Sie bauten Katapulte und fahrbare T�rme. Er hatte sogar Bergleute mitgebracht, die Tunnel unter den Mauern hindurch bauen sollten. Zwei Monde dauerte die Belagerung; da wusste Potheinos, der K�nig der Stadt, dass Iskendria dem Untergang geweiht war. Er versprach Balbar seinen Sohn als Opfer, wenn er die Belagerer aufhielt. Darauf brach eine Seuche unter den Soldaten des Dandalus aus. Er musste die Belagerung ruhen lassen und sich zum Heerlager zur�ckziehen. Potheinos opferte seinen Sohn. Und er versprach Balbar jeden Tag ein Kind als Gabe, wenn er seinen Feind vernichtete. Zwei Tage sp�ter versank die Flotte der Aegilier in einem f�rchterlichen Sturm. Unsere K�ste ist eine W�ste. Ohne Wasser und Nahrung musste Dandalus die Belagerung aufgeben. Und ohne Schiffe war er gezwungen, am Ufer des Meeres nach Westen zu ziehen. Nur einer von hundert M�nnern kehrte auf die Aegilischen Inseln zur�ck. Was dem K�nig widerfuhr, berichtet keine Quelle. Die Priesterschaft Balbars behauptet, ihr Gott selbst habe Dandalus geholt und verschlungen. Seit diesem Tag hat niemand mehr versucht, Iskendria zu erobern. Doch die Stadt blutet daf�r, denn Balbar frisst ihre Kinder. Das K�nigshaus ist verloschen. Heute regieren hier die Priesterschaft Balbars und die Kaufleute. Iskendria ist eine sehr freiz�gige Stadt, die Heerscharen von Fremden innerhalb ihrer Mauern aufgenommen hat. Doch h�tet euch, eines von Iskendrias Gesetzen zu verletzen. Hier kennt man nur eine Art der Strafe: Verst�mmelung bis zum Tode.�</p><p>Farodin hatte nicht �bel Lust, diese Stadt der Kinderm�rder sofort wieder zu verlassen. Ja, er ertappte sich sogar dabei, wie er daran dachte, die glatzk�pfigen Priester in den feurigen Schlund der Statue zu st�rzen.</p><p>�Wir werden deinen Rat beherzigen�, sagte Nuramon ernst.��Kannst du uns ein gutes Gasthaus nennen?�</p><p>Zimon grinste.��Der Schwager eines Freundes hat ein Gasthaus am Hafen. Es gibt sogar einen Stall, in dem ihr die Pferde unterstellen k�nnt. Ich bringe euch gern dorthin.�</p></section><section><title><p>Die geheime Bibliothek</p></title><p>�Wasser�, r�chelte der Mann in dem Eisenk�fig. Er war der Letzte, der noch lebte. Sieben gro�e K�fige hingen am Ostende des Pferdemarktes. Eine der vielen Todesstrafen in Iskendria bestand darin, Verurteilte in diese K�fige zu sperren und sie dann auf einem �ffentlichen Platz verdursten zu lassen.</p><p>Mandred tastete nach seinem Wasserschlauch.</p><p>�Denk nicht einmal daran!�, zischte Farodin und deutete zu den Tempelwachen, die im Schatten der Kolonnaden standen. Es war zu dunkel, um absch�tzen zu k�nnen, wie viele es waren.</p><p>�Vielleicht h�ngt er ja v�llig zu Recht hier�, f�gte Farodin hinzu.</p><p>Der Verurteilte hatte einen Arm aus dem K�fig gestreckt und winkte ihnen verzweifelt zu. Mandred war froh �ber die Dunkelheit, weil er den Mann so nicht genau sehen konnte. Er musste an den Marsch durch die W�ste denken. Daran, wie er beinahe verdurstet war. Kurz entschlossen nahm er den Wasserschlauch ab und warf ihn dem Gefangenen zu.</p><p>Vom anderen Ende des Platzes erklang ein Ruf. Mandred verstand kein Wort. In den zwei Wochen in der Stadt hatte er nur das N�tigste gelernt. Worte, die man brauchte, um hier zu �berleben: _Wasser, Brot, ja, nein_ und _lass uns Liebe machen_.</p><p>Zwei Wachen traten unter den Kolonnaden hervor.</p><p>Farodin und Nuramon liefen los. Mandred blickte noch einmal kurz zu dem Verurteilten. Gierig trank der Mann in langen Schlucken. Es war eine Sache, einem Straft�ter den Kopf abzuschlagen. Aber ihn tagelangen Qualen unter der sengenden Sonne Iskendrias auszusetzen, das war niedertr�chtig! Niemand hatte so etwas verdient!</p><p>Mandred beeilte sich, den beiden Elfen zu folgen. Sie bewegten sich v�llig lautlos und waren ein St�ck voraus in einer dunklen Gasse verschwunden. Der Jarl f�hlte sich gut. Es war richtig gewesen, was er getan hatte!</p><p>Hinter ihm rief ein Horn. Ganz in der N�he antwortete ein zweites Horn. Und dann erklang ein drittes aus der Richtung, in die sie liefen. Mandred fluchte. Die Wachen kreisten sie ein. Jemand hinter ihm bellte einen Befehl.</p><p>Bevor Mandred den Elfen in die Gasse folgte, h�rte er ganz in der N�he den Klang genagelter Soldatensandalen.</p><p>�Hier entlang!� Farodin trat aus dem Schatten einer T�r und zerrte ihn in einen engen Hausflur. Es stank nach Fisch und feuchter W�sche. Irgendwo �ber ihnen stritt lautstark ein Ehepaar. Ein Kind begann zu weinen.</p><p>Der Flur machte eine scharfe Biegung nach links und endete auf einem Hof. Nuramon stand dort neben einem Brunnenschacht und winkte ihnen zu.��Hier ist es!�</p><p>Mandred schaffte es nicht, in Iskendria die Orientierung zu behalten. Gestern Nacht waren sie nach ergebnisloser Suche aus irgendeinem Brunnen gestiegen. Zwei Wochen tasteten sie sich nun schon Nacht f�r Nacht durch die Katakomben unter der Stadt und versuchten einen Albenstern zu finden, der einen sicheren �bergang in die Bibliothek erlaubte, von welcher der Dschinn gesprochen hatte.</p><p>Mittlerweile hatte Mandred den Verdacht, dass seine beiden Gef�hrten den Torzauber nicht richtig beherrschten. Sie hatten versucht, ihm das Problem zu erkl�ren. Angeblich musste man genau auf einem Stern stehen, um ein Tor zu �ffnen. Aber hier lagen die Sterne unter den Schuttschichten von Jahrhunderten begraben. Da die Albenkinder angeblich immer noch die legend�re Bibliothek benutzten, musste es jedoch irgendwo im Labyrinth aus Tunneln, Grabkammern und Abwasserkan�len einen verborgenen Zugang zu einem Albenstern geben. Und danach suchten sie Nacht um Nacht.</p><p>Iskendria war an einem au�ergew�hnlichen Ort errichtet worden. Hier kreuzten sich nicht nur Land- und Wasserwege, durch das Gebiet der Stadt liefen auch mehr als drei�ig Albenpfade; doch sie folgten nicht den verwinkelten Gassen, sondern verliefen durch W�nde und Fels.</p><p>Nuramon hatte ein Seil mit einem Wurfanker am Brunnenrand befestigt und stieg hinab. Farodin folgte ihm. Die Elfen waren geschickte Kletterer. Mandred hasste es, an Seilen zu h�ngen, genauso wie er es hasste, wie eine Ratte in der Erde herumzukriechen.</p><p>Ein Ruf erklang vom Eingang zum Hof. Krieger! Mandred packte das Seil und lie� sich in den dunklen Schacht hinab. Das raue Hanfseil brannte in seinen H�nden. Als seine F��e den Mauerdurchbruch im Schacht ertasteten, erschienen Gesichter am Brunnenrand �ber ihm.</p><p>W�tend blickte Mandred nach oben. Er wollte ihren Verfolgern, den Menschenschl�chtern des Tempels, einen Fluch oder eine Beleidigung entgegenschleudern. Einfach so davonzulaufen widerstrebte ihm. Doch sein Wortschatz war zu k�mmerlich, da gab es nichts. Au�er�� Er grinste breit und lehnte sich weit in den Brunnenschacht, damit sie ihn sehen konnten.��Lass uns Liebe machen!�, hallte seine Stimme im Brunnenschacht wider. Er streckte den Wachen die geballte Faust entgegen und lachte geh�ssig. Einer der Krieger schleuderte seinen Speer in den Brunnen hinab. Hastig wich Mandred aus und zog sich zur�ck. Die beiden Elfen hatten inzwischen drei Laternen entz�ndet.</p><p>�Was sollte dieser Unsinn?�, fragte Farodin scharf.</p><p>�Es war doch nur ein Spruch���</p><p>�Ich meine, was auf dem Pferdemarkt geschehen ist! Plagt dich die Todessehnsucht? Wir hatten eine Absprache! Du tust nichts, wodurch wir auffallen. Erinnerst du dich?�</p><p>�Das k�nnt ihr nicht begreifen���</p><p>�In der Tat�, entgegnete Farodin eisig. �Das kann ich nicht begreifen! Deine Tat war vollkommen sinnlos! Glaubst du, du h�ttest dem Kerl im K�fig das Leben gerettet? Nein! Seine Qualen werden lediglich einen oder zwei Tage l�nger dauern. Ich begreife dich einfach nicht!�</p><p>Mandred antwortete nicht. Was sollte er dazu auch sagen?</p><p>Die beiden konnten das nicht verstehen. Und wie sollten sie auch! Was er getan hatte, war unvern�nftig, das war ihm selbst klar. Im Grunde half es niemandem wirklich. Und dennoch w�rde er es wieder tun.</p><p>Zerknirscht folgte er den Elfen. Sie kletterten �ber Schutthaufen, wateten durch halb �berflutete Tunnel und tasteten sich durch s�ulengetragene, unterirdische Hallen, an deren W�nde gr�ssliche D�monen gemalt waren. Immer wieder stie�en sie auf Bilder von Balbar, dem Flammen aus dem Schlund z�ngelten.</p><p>Meistens �bernahm Nuramon die F�hrung; er war angeblich talentierter darin, den verborgenen Albenpfaden zu folgen. Mandred hingegen waren Pfade, die man nicht sehen konnte, unheimlich. Sicher gab es hier unten andere, versteckte Markierungen, die einem den Weg wiesen. Folgte man hingegen den Albenpfaden, dann stand man immer wieder hilflos vor Mauern oder Tunneleinbr�chen. So wie jetzt. Sie waren in eine enge Kammer mit W�nden aus dunkelrotem Sandstein gelangt. Ihnen gegen�ber stand ein runder Torstein an der Wand, der an ein M�hlrad erinnerte. In seine Mitte waren zwei Wellenlinien eingemei�elt.</p><p>�Hier geht es weiter!�, sagte Nuramon entschieden und deutete auf den Stein. Die beiden Elfen wandten sich um und sahen Mandred an.</p><p>Nat�rlich, wenn es darum ging, ein Problem durch Kraft zu l�sen, dann war er gut genug f�r sie, dachte Mandred �rgerlich. Er stellte seine Laterne ab und ging zum Torstein. Am Boden und unter der Decke war das steinerne Rad in Vertiefungen eingelassen, sodass es nicht umst�rzen konnte.</p><p>Mandred dr�ckte mit aller Kraft und war �berrascht, wie leicht sich der Stein bewegen lie�. Ein intensiver Geruch nach Staub, Gew�rzen und Weihrauch schlug ihnen entgegen.</p><p>Mandred atmete tief aus. Er kannte diesen Duft. So roch es in den Grabkammern unter der Stadt. Dort, wo irgendeine Magie die Leichen der Toten nicht verfaulen lie�, sondern sie lediglich austrocknete.</p><p>Diese Gr�ber jagten Mandred Angst ein. Wenn Tote nicht verrotteten, so wie es sich geh�rte, dann mochten sie vielleicht auch noch andere Dinge tun, die sich f�r Tote nicht geh�rten.</p><p>Ohne zu z�gern traten die beiden Elfen in die Kammer. Sie hielten ihre Laternen hoch, sodass der Grabraum gut ausgeleuchtet war. Er ma� etwa drei mal f�nf Schritt. In die W�nde waren lange Nischen geschlagen, in denen die Toten wie auf steinernen Betten ruhten.</p><p>Mandred verkrampfte sich der Magen, als er sich umsah. Die Gesichter der Leichen waren braun und eingefallen, die Lippen weit zur�ckgezogen, sodass es aussah, als grinsten sie. Mandred blickte zu dem Verschlussstein. Es w�rde ihn nicht wundern, wenn er pl�tzlich wie von Geisterhand bewegt vor den Eingang rollte und sich dann, sobald sie hier eingesperrt waren, die Toten erhoben. Verstohlen musterte er die Leichen. Kein Zweifel! Sie grinsten ihn b�sartig an. Und wie es aussah, hatten sie allen Grund, �bellaunig zu sein. Es war schon jemand in diesem Grab gewesen. Die Gew�nder der Toten waren zerfetzt. Einem hatte man gar die Hand abgerissen. Grabr�uber!</p><p>Die beiden Elfen schien das nicht im Mindesten zu r�hren. Sie leuchteten in die Nischen und suchten nach Geheimt�ren. Wahrscheinlich waren sie wieder einmal in einer Sackgasse gelandet.</p><p>Mandred betete stumm zu Luth. Einer der Toten hatte den Kopf bewegt. Der Jarl hatte es nicht gesehen, aber er war sich ganz sicher, dass der Kerl eben noch zur T�r und nicht in seine Richtung geblickt hatte.</p><p>Zur Vorsicht wich er ein wenig zur�ck. Die Wand gegen�ber der T�r schien ihm am sichersten. Dort gab es keine Grabnischen. Die Steine wirkten verwittert. In einen war etwas hineingekratzt, ein Kreis mit zwei Wellenlinien. �Wollen wir nicht wieder gehen?�, fragte Mandred.</p><p>�Gleich�, erwiderte Nuramon und beugte sich �ber den Toten, der Mandred anstarrte. Merkte sein Gef�hrte denn nichts?</p><p>�Vorsicht!� Mandred zog ihn zur�ck.</p><p>Ver�rgert machte Nuramon sich los. �Tote tun niemandem etwas. Beherrsche deine Angst!� Er sprach mit Mandred wie mit einem Kind, dann beugte er sich wieder in die Grabnische und griff sogar nach dem Leichnam, um ihn ein wenig zur Seite zu ziehen. �Hier ist etwas!�</p><p>Mandred hatte das Gef�hl, ihm werde sogleich das Herz zerspringen. Was taten die beiden nur! Man machte sich nicht an Toten zu schaffen!</p><p>�Hier liegt weniger Staub, und es gibt einen versteckten Hebel���</p><p>Von der T�r zur Grabkammer erklang ein leises Knirschen. Mandred sprang auf, doch obwohl es nur wenige Schritt waren, kam er zu sp�t. Der runde Torstein war vor den Eingang zur�ckgerollt. In blinder Panik lie� er die Laterne fallen; das Glas zerschlug auf dem Steinboden. Der Krieger hatte die Axt gezogen. Er wusste, jeden Moment w�rden sich die Toten erheben. Langsam, zu den Seiten hin sichernd, zog er sich zur�ck. Die Elfen taten nichts. In ihrer �berheblichkeit hielten sie ihn wohl f�r verr�ckt. Ganz offensichtlich wagten sie sich nicht in die N�he seiner Axt. Begriffen sie denn nicht, in welcher Gefahr sie schwebten?</p><p>Mandred wich weiter zur�ck. Wenn er erst einmal mit dem R�cken vor der Wand stand, in der es keine Grabnischen gab, dann war er halbwegs sicher vor �berraschungen!</p><p>Vorsichtig hob Nuramon eine Hand.��Mandred���</p><p>Der Jarl ging einen weiteren Schritt zur�ck. Um ihn herum verschwamm alles, so wie ein Bild im Wasser vergeht, wenn man einen Stein hineinwirft. Das Licht ihrer Laternen war ged�mpft. Etwas zerbrach knirschend unter Mandreds Sohlen. Der Raum schien ihm gr��er geworden zu sein. Warum stie� er nicht endlich mit dem R�cken gegen die Wand? Die beiden Elfen gafften wie K�lber.</p><p>Hastig blickte Mandred zu Boden. Dort lagen Knochen. Und Gold! Armreife, Ringe und d�nne Schmuckbleche, wie man sie auf Festgew�nder n�hte. Eben noch hatte es keine Knochen und kein Gold gegeben! Was ging hier vor sich?</p><p>Pl�tzlich erzitterte der Boden. Etwas kam auf ihn zu. Mandred drehte sich um und sah Balbar, den Gott der Stadt. Er war riesig, vier Schritt hoch oder mehr. Der eckig geschnittene Bart, das Gesicht eine Grimasse des Zorns � es konnte keinen Zweifel geben, das war wirklich der Gott der Stadt! Und er war ganz aus Stein.</p><p>Mandred hob die Axt. Nichts stimmte mehr rings um ihn. Nun stand er in einem hohen Tunnel, der schwach von Barinsteinen erleuchtet wurde.</p><p>Balbars Rechte schnellte vor. Mandred wurde emporgerissen. Hilflos wie ein Kind strampelte er mit Armen und Beinen. Balbars Linke schloss sich um seinen Nacken, mit der Rechten hielt er Mandreds F��e umfasst. Der Stadtgott bog ihn wie eine Weidenrute. Der Jarl schrie! Er hatte das Gef�hl, seine Muskeln w�rden von den Knochen rei�en. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen den steinernen Griff. Balbar wollte ihm die Wirbels�ule brechen. Ihn einfach durchbrechen, wie einen Ast. M�helos �berwand der steinerne Koloss seinen Widerstand.</p><p>�Liuvar!�</p><p>Der Gott verharrte mitten in der Bewegung.</p><p>Farodin rief noch etwas, das Mandred nicht verstand. Daraufhin setzte der steinerne Gott ihn auf den Boden. St�hnend kroch er zur n�chsten Wand. Rings herum lagen zersplitterte Knochen. Die anderen Eindringlinge hatten weniger Gl�ck gehabt als er.</p><p>�Ein Gallabaal. Kaum ein Albenkind hat eine solche Kreatur je zu Gesicht bekommen. Ein steinerner W�chter. Es bedarf gro�er Magie, um eine solche Kreatur zu erschaffen.�</p><p>Mandred rieb sich den schmerzenden R�cken. Er w�re froh, wenn er dieses Unget�m nie zu Gesicht bekommen h�tte. �Bei den Br�sten Naidas, wie hast du ihn nur aufgehalten?�</p><p>�Das war keine Kunst. Es gen�gt, das elfische Wort f�r Frieden zu sagen. Geht es dir gut?�</p><p>So eine d�mliche Frage, dachte Mandred. Mit einem tiefen Seufzer stemmte er sich hoch. Er f�hlte sich, als w�re eine ganze Pferdeherde �ber ihn hinweggetrampelt. �Mir geht es blendend.� Skeptisch musterte er den steinernen Riesen.��Und der gibt jetzt Ruhe?�</p><p>�Er wird erst wieder erwachen, wenn jemand Fremdes eintritt.�</p><p>Mandred spuckte der Statue auf die F��e. �Du d�mliches St�ck Fels. Du kannst von Gl�ck sagen, dass du mich �berrascht hast.� Der Jarl lie� die flache Seite seiner Axt in die offene Hand klatschen. �Zu Pflastersteinen h�tte ich dich verarbeitet.�</p><p>Mit einem Ruck erwachte der Riese wieder zum Leben.</p><p>�Liuvar!�, rief Farodin erneut.��Liuvar.�</p><p>Nuramon war eingetreten. �Welch meisterlicher Zauber. Eine vollkommene Illusion! Man muss die R�ckwand des Grabes ber�hren, um es zu merken, so echt sieht sie aus. Es ist ein Zauber, wie ihn die Elfen von Valemas gewirkt haben, um den �bergang ins Nichts zu verschleiern. Man hat wirklich �� Nuramon verharrte und ma� den steinernen Riesen mit absch�tzenden Blicken.��Ein Gallabaal. Ich habe die steinernen W�chter immer f�r M�rchenfiguren gehalten.� Ohne ihn eines weiteren Blickes zu w�rdigen, wies er den Gang hinab. �Dort unten muss es einen gro�en Albenstern geben. Ich f�hle seine Macht.�</p><p>Ihr Weg f�hrte sie durch einen hohen Tunnel, an dessen Ende mattes Licht gl�hte. Es war nicht zu �bersehen, dass diese R�ume nicht von Menschen gebaut waren. Fugenlos f�gte sich das Mauerwerk der W�nde ineinander. Der einzige Schmuck der W�nde war ein Blumenmuster, dessen Farben so hell leuchteten, als h�tten die K�nstler gerade erst ihre Arbeit vollendet.</p><p>Schlie�lich traten sie in einen weiten, kreisrunden Kuppelsaal. Matt gl�hende Barinsteine waren in die W�nde gef�gt und tauchten den Raum in ein gleichm��iges Licht, das keine Schatten duldete. In den Boden war ein Mosaik eingelassen, das auf wei�em Grund einen schwarzen Kreis mit zwei goldenen Schlangenlinien in seiner Mitte zeigte. Mandred l�chelte still in sich hinein. Er verzichtete darauf, seinen Triumph hinauszuschreien. Es hatte Zeichen gegeben, die den Weg hierher wiesen! Er hatte sich nicht geirrt. Und er wusste, dass auch die beiden Elfen in diesem Augenblick begriffen, dass er das Wesen des Labyrinths besser verstanden hatte als sie.</p><p>�Sechs Pfade kreuzen sich hier�, sagte Nuramon sachlich. �Es ist fast ein gro�er Albenstern. Ich bin mir sicher, dieser Weg f�hrt in die Bibliothek.� Der Elf trat in die Mitte des Kreises zwischen die Schlangenlinien. Er kniete nieder und ber�hrte mit der flachen Hand den Boden. Konzentriert schloss er die Augen und verharrte.</p><p>Mandred kam es vor, als verginge eine Ewigkeit, ehe der Elf wieder aufblickte. Blanker Schwei� stand ihm auf der Stirn. �Es gibt zwei besondere Kraftlinien. Ich wei� nicht, nach welcher ich greifen muss, um das Tor zu �ffnen. Ich verstehe es nicht. Dieses Tor ist irgendwie�� anders. Die sechste Linie � Es kommt mir so vor, als w�re sie j�nger. So als h�tte jemand eine neue Kraftlinie gezogen.�</p><p>�Dann muss die �ltere diejenige sein, mit der du das Tor �ffnest�, sagte Farodin ruhig. �Was ist daran so schwierig?�</p><p>�Es ist��� Nuramon fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen.��Da ist etwas, wovon uns die Fauneneiche nichts erz�hlt hat. Diese neue Linie scheint das alte Gef�ge des Albensterns zu beeinflussen. Die Muster sind gest�rt � oder besser gesagt, sie sind in eine andere Harmonie verr�ckt.�</p><p>Mandred verstand nicht, wovon die beiden sprachen. Sollten sie nur machen!</p><p>Nun kauerten sich beide Elfen in den Kreis und hielten die H�nde auf den Boden gestreckt. Es schien, als f�hlten sie den Puls von etwas Unsichtbarem. Oder hatte vielleicht die Welt einen Puls? Mandred sch�ttelte den Kopf. So ein unsinniger Gedanke! Wie sollten Erde und Stein einen Pulsschlag haben! Jetzt fing er schon an, wie diese verr�ckten Elfen zu denken. Vielleicht reichte es ja, mit der Axt ein Loch in den Boden zu schlagen, um in die Zerbrochene Welt hinabzusteigen.</p><p>Strahlend wie poliertes Gold �ffnete sich ein Tor, das aussah wie eine flache Scheibe aus Licht. Sie stand mitten im Kreis und reichte vom Boden bis fast unter die Kuppeldecke. Mandred tat ein paar Schritte zur Seite. Von dort aus betrachtet, war die Scheibe d�nn wie ein Haar.</p><p>�Gehen wir�, sagte Farodin. Er klang angespannt. Noch bevor Mandred fragen konnte, was ihm Sorgen machte, war der Elf in dem goldenen Licht verschwunden.</p><p>�Stimmt was nicht?�, wandte er sich an Nuramon.</p><p>�Es ist diese neue Kraftlinie. Sie unterst�tzt den Torzauber, aber sie ver�ndert ihn auch, ohne dass wir absch�tzen k�nnten, ob er nur gest�rkt wurde oder ob sie ihn manipuliert. Vielleicht solltest du besser hier bleiben. Ehrlich gesagt sind wir uns nicht sicher, ob dieses Tor nun wirklich in die Bibliothek f�hrt.�</p><p>Mandred dachte an die Tempelwachen und an die Strafen, die Iskendria gegen Aufs�ssige verh�ngte. Da verschwand er doch allemal lieber in einer fremden Welt, aus der es vielleicht kein Zur�ck mehr gab, als mit zerschlagenen Armen und Beinen auf dem Pferdemarkt angekettet zu werden, damit streunende Hunde ihn fra�en.</p><p>�Es ist nicht meine Art, Freunde im Stich zu lassen�, sagte er pathetisch. Das h�rte sich besser an, als �ber die Hunde zu reden.</p><p>Nuramon wirkte verlegen. �Manchmal habe ich das Gef�hl, wir sind es nicht wert, mit dir zu reiten�, sagte er leise. Dann streckte er Mandred die Hand entgegen, so wie damals in der Eish�hle.</p><p>Der Jarl f�hlte sich unwohl dabei, mit einem Mann H�ndchen zu halten. Aber er wusste, Nuramon bedeutete es viel. So schritten sie Seite an Seite durch das Tor.</p><p>Mandred sp�rte einen eisigen Luftzug auf den Wangen. Das Tor �ffnete sich �ber einem Abgrund. Er zuckte zur�ck und umfasste Nuramons Hand fester. Neben ihnen schwebte Farodin im Nichts.</p><p>�Glas�, sagte der Elf ruhig. �Wir stehen auf einer dicken Glasplatte.�</p><p>Mandred lie� Nuramon los. Zornig biss er sich auf die Lippen. Nat�rlich! Er konnte f�hlen, dass er auf etwas stand. Aber da war nichts zu sehen. Wie konnte man Glas so kunstvoll fertigen, dass es unsichtbar blieb und das Gewicht eines Menschen und zweier Elfen trug?</p><p>Sie standen �ber einem weiten, kreisrunden Schacht, der sich nach unten hin in mattes Licht verlor. Mandred sch�tzte, dass es mindestens hundert Schritt in die Tiefe ging. Der Blick in den bodenlosen Abgrund hatte etwas Furchterregendes. Mandred konnte es kaum ertragen, fast h�tte er sich wieder an Nuramon geklammert. Wer nur hatte sich so etwas Verr�cktes ausgedacht? �ber einem Abgrund zu stehen, so als schwebte man!</p><p>Das Ganze hier erinnerte Mandred an das Innere eines riesigen, runden Turms. Nur hatte der verr�ckte Baumeister vergessen, Zwischengeschosse einzuziehen. An der Innenwand des Turms f�hrte eine sanft abfallende Rampe in weiten Spiralen in die Tiefe. Und es schien, als r�ckten die W�nde weiter unten n�her zusammen. Mandred sch�mte sich f�r seine Angst vor dem Abgrund. Steifbeinig stakste er �ber die Glasplatte, den Blick fest auf die Wand gerichtet. Blo� nicht in die Tiefe sehen, dachte er die ganze Zeit �ber und hoffte, dass seine Gef�hrten ihm nichts anmerkten. Erleichtert seufzte er auf, als er den Aufgang zur Rampe erreichte und der Boden unter seinen F��en nicht l�nger durchsichtig war. Er lehnte sich gegen die Wand und blickte zu der Kuppeldecke, die sich �ber ihren H�uptern spannte. Sie zeigte einen schwarzen Kreis mit zwei goldenen Schlangenlinien. Doch diesmal f�hlte Mandred keinen Triumph.</p><p>Schweigend ging er mit den beiden Elfen die Rampe hinab. Der Weg war be�ngstigend schmal. Mandred hielt sich dicht an der Wand. Hier gab es nicht mal ein Gel�nder! Kannte denn keines der Albenkinder die Angst vor dem Blick in die Tiefe? Den verst�renden Wunsch, sich einfach in den Abgrund fallen zu lassen, so als kl�nge von unten eine Stimme hinauf, deren Lockungen man kaum widerstehen konnte?</p><p>Mandred betrachtete die Bilder, die die Wand zu seiner Linken zierten, um nicht an den Abgrund denken zu m�ssen. Sie zeigten von glei�endem Licht umgebene Gestalten, die durch W�lder schritten und auf schlanken Schiffen �ber aufgew�hlte Meere fuhren. Wortlos erz�hlten die Bilder eine Geschichte. Ihr Anblick schenkte Mandreds aufgew�hlten Gedanken Frieden. Dann wurde die Harmonie der Bilder gest�rt. Andere Gesch�pfe tauchten auf, Kreaturen, die wie Menschen aussahen, aber Tierk�pfe auf ihren Schultern trugen.</p><p>Pl�tzlich blieben die beiden Elfen wie angewurzelt stehen. Die unbekannten K�nstler hatten den Manneber gemalt! Er war von einer Lichtgestalt niedergerungen worden, die ihm einen Fu� auf den Nacken stellte. So nat�rlich war die Schreckensgestalt getroffen, als h�tte der K�nstler sie vor sich gesehen. Selbst der Farbton der blauen Augen stimmte. Die Lichtgestalt aber hatte kein Gesicht mehr. Ein St�ck Putz war herausgebrochen. Bisher hatte Mandred nirgends eine Besch�digung an dem Wandfries entdecken k�nnen. Die Zeit war spurlos an dem Kunstwerk vor�bergegangen.</p><p>Der Jarl sp�rte, wie sich die feinen H�rchen in seinem Nacken aufrichteten. Hier stimmte etwas nicht! Warum trafen sie hier auf niemanden? Wenn dies hier die Bibliothek war, warum gab es hier dann keine B�cher? Und warum l�schte der einzige Schaden an dem gesamten Bilderfries das Gesicht jenes Kriegers aus, der einst den Manneber besiegt hatte? War das wirklich ein Zufall?</p><p>Farodin hatte seine Rechte auf den Schwertknauf gelegt. Er blickte den Spiralweg hinab.</p><p>�Dort unten gibt es ein Tor�, sagte der Elf leise.��Wir sollten uns m�glichst still verhalten.� Er sah Mandred an. �Wer wei�, was uns hier erwartet.�</p><p>�Sind wir denn in der Bibliothek, die ihr gesucht habt?�</p><p>Farodin zuckte mit den Schultern und ging voran. �Jedenfalls sind wir nicht mehr in deiner Welt, Menschensohn.�</p><p>So leise er konnte, folgte Mandred den beiden Elfenkriegern. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das Tor erreichten.</p><p>Auf den Wandbildern waren nun blutige K�mpfe zwischen den Lichtgestalten und den M�nnern und Frauen mit den Tierk�pfen dargestellt. Es gab kein zweites Bild des Mannebers. Was immer mit ihm geschehen war, in den sp�teren Schlachten hatte er offenbar keine Rolle mehr gespielt.</p><p>Das Tor, an dem der Spiralweg endete, war mehr als vier Schritt hoch. Jenseits davon lag ein langer, schmaler Gang, dessen W�nde mit poliertem Granit ausgekleidet waren. Die Decke des Ganges musste mehr als zwanzig Schritt hoch sein. Dort waren merkw�rdige Sprossen angebracht, ganz so, als sollte man sich an der Decke entlanghangeln. Gro�e Barinsteine leuchteten in regelm��igen Abst�nden zwischen den Sprossen. Die W�nde aber waren �ber und �ber mit Kolonnen kleiner Schriftzeichen bedeckt. Wer mochte so etwas lesen? Mandred legte den Kopf in den Nacken. Und wie konnte man lesen, was weiter oben auf den W�nden stand?</p><p>Ein St�ck voraus hing ein mit Leder aufgepolsterter Sitz an vier eisernen Ketten herab. Die Art, wie er aufgeh�ngt war, erinnerte Mandred an die Kinderwiege, die er vor so langer Zeit gezimmert hatte. Sie hatte an vier starken Seilen vom mittleren Deckenbalken des Langhauses gehangen. Der Jarl sp�rte einen Klo� im Hals aufsteigen. Das war vergangen! Es war t�richt, dar�ber nachzudenken.</p><p>Sie waren etwa zwanzig Schritt dem Gang gefolgt, als nach links ein weiterer hoher Flur mit beschriebenen W�nden abzweigte. Der Hauptgang verlor sich in der Ferne. In regelm��igen Abst�nden hingen weitere Sitze von der Decke.</p><p>Die Elfen entschieden, weiterhin geradeaus zu gehen. Mandred war es gleich, welchen Weg sie nahmen, solange er sie nicht wieder �ber einen Abgrund f�hrte.</p><p>Sie hatten drei weitere Seiteng�nge passiert, als Farodin warnend die Hand hob. Der Elf zog sein Schwert und dr�ckte sich eng gegen die Wand. Ein kleines St�ck voraus lag eine weitere Abzweigung. Mandred hob die Axt vor die Brust. Dann h�rte er es. Hufschlag! Sofort dachte er an das Bild des Mannebers. Die Bestie ging auf gespaltenen Hufen.</p><p>Mandred sp�rte, wie seine Finger feucht wurden. Jeden Augenblick rechnete er damit, die sp�ttische Stimme des Devanthars in seinen Gedanken zu h�ren. Stattdessen erklang das Klirren von Ketten. Der Hufschlag verstummte. Etwas quietschte leise. Dann murmelte jemand vor sich hin und seufzte schlie�lich tief.</p><p>Mandred konnte die Spannung nicht l�nger ertragen. Mit einem wilden Schlachtruf auf den Lippen st�rmte er um die Mauerecke � und prallte gegen einen von der Decke h�ngenden Kentauren. Dieser schrie vor Schreck auf und keilte wild mit den Hufen aus. Ein Tritt traf Mandred mitten auf die Brust und riss ihn von den Beinen. Inzwischen waren seine Gef�hrten herbeigeeilt und glotzten fassungslos. Nuramon brach in schallendes Gel�chter aus. Selbst Farodin schmunzelte.</p><p>Vor ihnen hing ein wei�er Kentaur in zwei Tragegurten, an denen Ketten befestigt waren, von der Decke herab. Mit Hilfe einer Kurbel und eines Flaschenzugs konnte er sich an der Wand hinauf und herunter lassen.</p><p>�Euer Benehmen zeugt von keiner guten Kinderstube, meine Herren!� Der Kentaur sprach Dailisch. Mandred hatte keine Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, auch wenn ihm die Worte seltsam gestelzt vorkamen.</p><p>�In den Kreisen, aus denen ich stamme, ist es �blich, sich zu entschuldigen, wenn man in seinem Ungest�m jemandem den Kopf in den �� Der Kentaur h�stelte verlegen. �� in den Allerwertesten rammen wollte. Doch da ihr offenbar die einfachsten Regeln des guten Umgangs nicht kennt, werde ich trotz eures Auftretens den Anfang machen und mich vorstellen. Mein Name ist Chiron von Alkardien, seinerzeit Lehrer des K�nigs von Tanthalia.�</p><p>Die beiden Elfen hatten inzwischen ihre Fassung wiedergewonnen und nannten nun ihrerseits ihre Namen.</p><p>Der Kentaur bet�tigte die quietschende Kurbel des Flaschenzugs und lie� sich herab. Geschickt stieg er aus den beiden breiten Lastgurten. Ein Mannpferd wie ihn hatte Mandred noch nicht gesehen. Ein schmales Stirnband aus roter Seide hielt Chirons lange wei�e Haare zur�ck. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, ein m�chtiger wei�er Bart wallte bis auf seine Brust. Seine Haut war ungew�hnlich hell. Am ungew�hnlichsten jedoch waren seine Augen. Sie hatten die Farbe von frisch vergossenem Blut.</p><p>�Tut mir Leid�, stie� Mandred schlie�lich hervor.</p><p>Der Kentaur trug einen K�cher �ber der Schulter, in dem mehrere Schriftrollen steckten. In den Laschen am Ledergurt steckten drei Griffel und ein Tintenfass. Offensichtlich war er unbewaffnet und schien also harmlos zu sein. Andererseits hatte er diese roten Augen, dachte Mandred. Gesch�pfen mit roten Augen sollte man niemals leichtfertig sein Vertrauen schenken!</p><p>�Mandred Torgridson, Jarl von Firnstayn�, stellte er sich vor.</p><p>Der Kentaur legte den Kopf schief und blickte von einem zum anderen.��Ihr seid neu hier, nicht wahr? Und ich sch�tze, ihr seid nicht mit Hilfe von Sem-la hergekommen.�</p><p>Mandred sah zu seinen Gef�hrten. Offenbar verstanden die beiden ebenso wenig wie er, wovon das Mannpferd sprach.</p><p>Chiron stie� einen Seufzer aus, der ein wenig an ein Schnauben erinnerte. �Nun gut. Dann werde ich euch drei erst einmal zu Meister Gengalos bringen. Er ist der H�ter des Wissens, der f�r diesen Teil der Bibliothek die Verantwortung tr�gt.� Er wandte sich um.��Wenn ihr mir nun freundlicherweise folgen w�rdet �� Er h�stelte. �K�nnte einer von den verehrten Elfen diesem Menschen vielleicht erkl�ren, dass es unh�flich ist, einem Kentauren auf das Hinterteil zu starren?�</p><p>Was f�r ein aufgeblasener Wichtigtuer, dachte Mandred. Er wollte dem Kerl gerade eine passende Antwort geben, als ein Blick von Farodin ihn zum Schweigen mahnte. Mandred rappelte sich auf und folgte den anderen mit etwas Abstand. Noch ein Spruch von diesem Kentauren, und er w�rde ihm den Axtstiel in den Pferdearsch schieben!</p><p>Chiron f�hrte sie aus dem Labyrinth der Granitw�nde in einen weitl�ufigen Raum. Hier waren Holzregale in engen Reihen aufgestellt, auf denen dicht an dicht tausende runder Tontafeln lagen. Mandred sah sich einige fl�chtig an und sch�ttelte den Kopf. Die Tafeln sahen aus, als w�ren H�hner darauf spazieren gegangen. Wer konnte denn so etwas lesen? Man bekam ja schon vom fl�chtigen Hinschauen Kopfschmerzen!</p><p>�Sagt eurem Menschen, er soll sofort die Tafeln zur�cklegen!�, blaffte der Kentaur die beiden Elfen an.</p><p>Trotzig nahm Mandred eine weitere Tontafel in die Hand.</p><p>�Nehmt diesem Idioten die Tafeln ab!�, fluchte Chiron.��Das sind Traumscheiben aus dem versunkenen Tildanas. Sie zeichnen die Erinnerungen derjenigen auf, die sie in die Hand nehmen und betrachten. Jede Erinnerung, die eine der Tafeln aufnimmt, wird f�r immer aus dem Ged�chtnis getilgt. Lasst diesen kindischen Dummkopf eine Weile die Tonscheiben ansehen, und er wird nicht einmal mehr wissen, wie er hei�t.�</p><p>�Ist die M�rchenstunde bald zu Ende? Mit solchen Geschichten kannst du Kinder erschrecken, Rotauge, aber nicht mich.�</p><p>Der Schweif des Kentauren zuckte beleidigt. �Wenn der Mensch es besser wei�.� Ohne sich noch einmal nach Mandred umzusehen, ging er weiter.</p><p>�Du solltest die Scheiben lieber weglegen�, riet Nuramon.��Was ist, wenn er Recht hat? Stell dir vor, du k�nntest dich pl�tzlich nicht mehr an Alfadas oder Freya erinnern.�</p><p>�Dieser Gaul macht mir keine Angst�, entgegnete Mandred trotzig. Dann schob er die Tafeln ins Regal zur�ck. Sie schien jetzt dichter mit krakeligen Schriftzeichen beschrieben zu sein. Mandred schluckte. Hatte der Pferdearsch etwa die Wahrheit gesagt? Er w�rde sich nichts anmerken lassen! �Warum sollte ich mir diese Dinger l�nger anschauen, wo ich doch nicht einmal lesen kann?�, erwiderte er in einem Tonfall, der nicht im Entferntesten so locker klang, wie er es sich gew�nscht h�tte. �Versteh mich nicht falsch, Nuramon. Aber ich glaube dieser rot�ugigen M�hre kein Wort.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Nuramon und l�chelte verhalten.</p><p>Die beiden beeilten sich, um zu Chiron und Farodin aufzuschlie�en. Der Kentaur erz�hlte voller Begeisterung von der Bibliothek. Alles Wissen der Albenkinder sei hier gesammelt. �Wir haben sogar zwei Kopisten, die in der Bibliothek am Hafen von Iskendria arbeiten. In der Regel ist das, was die Menschen aufschreiben, zwar nicht das Pergament wert, doch um der Vollst�ndigkeit willen sammeln wir auch diese Schriften. Sie machen allerdings nur einen winzigen Bruchteil unseres Bestandes aus.�</p><p>Mandred hasste diesen �berheblichen Schn�sel.��Habt ihr auch die Siebzehn Ges�nge des Luth hier?�, fragte er laut.</p><p>�Wenn sie bedeutend sind, wird sich sicherlich jemand die M�he gemacht haben, sie niederzuschreiben. Meister Gengalos wird das wissen. Ich interessiere mich f�r vollendete Formen der Epik und nicht f�r Verse, die von lallenden Barden in stinkenden Hallen vorgetragen werden.�</p><p>Chiron hatte sie zu einer zweiten Rampe gef�hrt, die in weiten Spiralen in die Tiefe f�hrte. Mandred stellte sich vor, wie er den eingebildeten Kentauren in den Abgrund st�rzte. Ganz gleich, was er redete, wenn es nicht mal die Siebzehn Ges�nge des Luth zu lesen gab, dann war das alles hier ein Dreck. Im Fjordland kannte jedes Kind diese Lieder!</p><p>Chiron erz�hlte indessen weiter von der Bibliothek. Angeblich gab es hier �ber hundert G�ste. Tats�chlich aber hatte Mandred auf dem langen Weg noch niemanden au�er dem Kentauren gesehen.</p><p>Das Mannpferd f�hrte sie weiter durch Flure und Hallen, und mit der Zeit empfand selbst Mandred die Menge des Wissens, das hier lagern musste, als einsch�chternd. Er konnte nicht fassen, womit man so viele Schriftrollen, B�cher, Tonscheiben und beschriebene W�nde f�llen mochte. Stand am Ende �berall dasselbe, nur mit anderen Worten? War es mit diesen B�chern wie mit den Weibern, die sich zum Waschen am Bach trafen und dabei endlos �ber dieselben Belanglosigkeiten redeten, ohne dass es ihnen jemals langweilig wurde? Wenn wirklich alles, was man in dieser Bibliothek fand, wichtig und wissenswert w�re, dann m�sste man als Mensch daran verzweifeln. Selbst zehn Menschenleben w�rden nicht ausreichen, um s�mtliche Aufzeichnungen hier zu lesen. Vielleicht nicht einmal hundert. Also k�nnten die Menschen die Welt niemals begreifen, weil sie sich in ihrer Vielf�ltigkeit jeder Erkl�rbarkeit entzog. Der Gedanke hatte etwas Befreiendes. So gesehen war es egal, ob man ein Buch gelesen hatte oder hundert oder tausend�� oder aber gar keins, so wie Mandred. Man w�rde die Welt ohnehin nicht besser verstehen.</p><p>Langsam kamen sie in Bereiche der Bibliothek, in denen man auch Besucher sah: Kobolde, einzelne Elfen, einen Faun. Mandred bemerkte eine seltsame Kreatur, die einen Stierleib hatte und den Oberk�rper eines Menschen; au�erdem wuchsen ihr noch Fl�gel aus den Flanken. Dann sah er eine Elfe, die aufgeregt auf ein Einhorn einredete, und darauf einen Gnom, der mit einem Korb voller B�cher auf dem R�cken ein Regal erklomm. Die anderen Besucher nahmen keine Notiz von ihnen, w�hrend sie vor�bergingen. Zwei Elfen, ein Mensch und ein Kentaur, das schien hier kein Aufsehen erregender Anblick zu sein.</p><p>Schlie�lich brachte Chiron sie in einen Saal mit bunt bemalten Kreuzgew�lben, in dem etliche Lesepulte standen. Hier hielt sich nur ein einziger Studierender auf, eine schlanke Gestalt, die eine sandfarbene Kutte trug. Sie hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und las in einem Buch mit purpurfarbenen Seiten, die mit goldener Tinte beschrieben waren. Neben dem Pult standen merkw�rdigerweise einige K�rbchen mit welkem Laub. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft, etwas Beklemmendes und zugleich Vertrautes. Es roch nach Staub und Pergament. Selbst den Geruch des Laubes konnte Mandred erkennen. Aber da war noch etwas � mehr eine Ahnung als Wirklichkeit.</p><p>Chiron r�usperte sich leise. �Meister Gengalos? Bitte verzeiht, wenn ich Euch st�re, aber drei Besucher sind durch das Tor �ber der Albengalerie in die Bibliothek gekommen. Sie hatten sich in den Granitfluren verirrt. Und dieser dort hat versucht, mich mit seiner Axt zu erschlagen.� Der Kentaur bedachte Mandred mit einem abf�lligen Blick.��Ich habe mir gedacht, es sei besser, sie zu Euch zu bringen, Meister, bevor sie noch wirklichen Schaden anrichten.�</p><p>Die Gestalt in der Kutte hob das Haupt, doch die tief ins Gesicht gezogene Kapuze lie� ihr Antlitz im Schatten. Mandred war einen Moment lang versucht, diesem Meister mit einer flinken Bewegung die Kapuze zur�ckzust�lpen. Er war es gewohnt zu sehen, mit wem er sprach.</p><p>�Daran hast du wohlgetan, Chiron, und ich danke dir.� Gengalos� Stimme klang warm und freundlich; sie stand in drastischem Gegensatz zu der Unnahbarkeit, die er ausstrahlte.��Ich werde dir die Last der Sorge um die Neuen nun abnehmen.�</p><p>Chiron neigte kurz sein Haupt, dann zog er sich zur�ck.</p><p>�Wir m�chten ��, begann Farodin, doch Gengalos schnitt ihm mit einer knappen Geste das Wort ab.</p><p>��Wir m�chten� gibt es hier nicht! Wer immer in die Bibliothek kommt, der muss ihr zun�chst dienen, bevor er etwas von ihrem Wissen geschenkt bekommt.�</p><p>�Entschuldigt.� Nuramon hatte einen diplomatischen Ton angeschlagen. Auch verneigte er sich vor dem H�ter des Wissens.��Wir sind���</p><p>�Das interessiert mich nicht�, winkte Gengalos ab. �Wer immer hierher kommt, der unterwirft sich den Gesetzen der Bibliothek. F�gt euch oder geht!� Er machte eine kurze Pause, wie um seine harsche Antwort zu unterstreichen.��Wenn ihr bleiben wollt, dann werdet ihr zun�chst euren Dienst erweisen.� Er deutete zu den K�rben, die neben seinem Lesepult standen. �Dies sind Gedichte von Bl�tenfeen, niedergeschrieben auf Eichenbl�tter und Birkenrinde. Da wir auch nach Jahrhunderten noch keinen befriedigenden Weg gefunden haben, die Bl�tter zu konservieren, m�ssen die Gedichte abgeschrieben werden. Wobei allerdings zu ber�cksichtigen ist, dass Schrift und Blattadern eine Harmonie bilden, die nachempfunden sein muss, wenn die tieferen Bedeutungsebenen der Gedichte nicht verloren gehen sollen.�</p><p>Mandred dachte an die �berm�tigen kleinen Feengesch�pfe, die er bei seinen Besuchen in Albenmark gesehen hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, was diese Plapperm�uler Erhaltenswertes dichten mochten.</p><p>Gengalos drehte den Kopf in seine Richtung. �Der Schein tr�gt, Mandred Torgridson. Kaum jemand vermag wie sie zarte Gef�hle in Worte zu fassen.�</p><p>Der Jarl schluckte.��Du�� du siehst in meinen Kopf?�</p><p>�Ich muss wissen, was die Besucher bewegt, die hierher kommen. Wissen ist kostbar, Mandred Torgridson. Man kann es nicht jedem �berlassen.�</p><p>�Was ist unsere Aufgabe?�, fragte Farodin.</p><p>�Du und Nuramon, ihr beide werdet einen Korb nehmen und die Gedichte auf Pergament �bertragen. Wenn ich mit eurer Arbeit zufrieden bin, dann werde ich euch bei eurer Suche helfen. In dieser Bibliothek finden sich Antworten auf fast jede denkbare Frage, wenn man an der richtigen Stelle zu suchen wei�.�</p><p>�Und was ist mit mir?�, fragte Mandred verlegen. �Womit soll ich mir das Recht verdienen, hier zu sein?�</p><p>�Du wirst einem Schreiber dein Leben erz�hlen. In aller Ausf�hrlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass dies eine Geschichte ist, die es verdient, aufgeschrieben zu werden.�</p><p>Der Jarl blickte verlegen zu Boden. �Das ist � Mein Leben soll aufgeschrieben werden?� Er hatte ein ungutes Gef�hl, fast so, als wollte man ihm etwas entrei�en.</p><p>�M�chtest du nicht nach einem Zipfel der Unsterblichkeit greifen, Mandred Torgridson? Man wird die Geschichte noch lesen, wenn du l�ngst Staub geworden bist. Du solltest dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Wann hat man je geh�rt, dass zwei Elfen wie Farodin und Nuramon einen Menschen wie dich zu ihrem Gef�hrten erw�hlt haben?�</p><p>Mandred nickte z�gernd. Noch immer hatte er das Gef�hl, etwas Kostbares aufzugeben, wenn er von seinem Leben erz�hlte. Aber vielleicht war das nur abergl�ubische Furcht? Er durfte sich seinen Gef�hrten nicht in den Weg stellen. Sie hatten so vieles auf sich genommen, um hierher zu gelangen. �Ich stimme dem Handel zu.�</p><p>�Ausgezeichnet, Menschensohn! Ich danke dir f�r das Geschenk, das du der Bibliothek machst.� Gengalos� Worte vermittelten Mandred ein wohltuendes Gef�hl. So wie Branntwein, der einen in einer Winternacht von innen heraus w�rmte. �Ich werde euch nun eure Quartiere zeigen. Die Bibliothek ist so gro� wie eine kleine Stadt. Eine Stadt des Wissens, gebaut aus B�chern! Es gibt drei K�chen, die Tag und Nacht offen sind, und zwei gro�e Speises�le. Wir haben sogar Thermen in einem abgelegenen Seitenfl�gel.� Er wandte sich wieder an Mandred.��Und wir haben einen sehr gut best�ckten Weinkeller. Manche der H�ter des Wissens, zu denen auch ich geh�re, halten nicht viel von Askese. Wie soll der Geist frei sein, wenn wir unseren K�rper in Fesseln schlagen? So ist jeder unserer Studierenden bestens versorgt.�</p></section><section><title><p>Auf Yulivees Spuren</p></title><p>Nuramon konnte noch immer kaum fassen, dass der Dschinn in Valemas tats�chlich die Wahrheit gesprochen hatte. Auch wenn die Sehnsucht nach Noroelle ihn bereitwilllig der Spur hatte folgen lassen, hatte er insgeheim Zweifel an der Glaubw�rdigkeit des Geistes gehegt. Nun aber zeigte sich, dass er gut daran getan hatte, seinen Gef�hrten von Iskendria zu erz�hlen.</p><p>Sie waren seit nunmehr neun Tagen hier. Davon hatten er und Farodin allein f�nf Tage damit verbracht, die Gedichte der Bl�tenfeen abzuschreiben. Seither suchten sie nach Aufzeichnungen �ber die magischen Barrieren. Es war spannend, im unendlichen Wissen dieser Hallen zu st�bern. Und selbst Mandred wurde es in diesen Hallen nicht langweilig. Er erkundete die Bibliothek und genoss die �ppigen Speisen, die ihnen in ihren Quartieren aufgetischt wurden. Und der Weinkeller war rasch zu seinem Lieblingsort geworden. Von dem gesammelten Wissen interessierten ihn nur die aegilischen und angnosischen Sagen. Zu Nuramons Erstaunen lie� Mandred sich die Erz�hlungen von einem Kentauren auf Dailisch vortragen. Diese Sprache war zwar verglichen mit dem Elfischen leicht zu erlernen, doch Mandred hatte sie sich in nur einem Winter mit Hilfe der beiden Kentauren am Hof der K�nigin angeeignet�� was eine Leistung f�r einen Menschen war. Der Jarl hatte so sehr Gefallen an den Sagen von Eras dem Pandriden und Nessos dem Telaiden gefunden, dass Nuramon ihn im Scherz _Mandred den Torgriden_ nannte und dem Geschlecht der Mandriden eine gro�artige Zukunft voraussagte.</p><p>Farodin hatte sich in eine Studierstube zur�ckgezogen. Die H�ter des Wissens hatten ihm einen Gehilfen zugewiesen, einen jungen Elfen namens Elelalem, den alle schlicht Ele nannten. Farodin sandte den �rmsten durch die ganze Bibliothek, um Schriften zusammenzutragen. Da der J�ngling alle Sprachen kannte, die in dieser Bibliothek vonn�ten waren, diente er Farodin oftmals als �bersetzer. Sein Gef�hrte wollte zum einen sein Wissen �ber den Torzauber erweitern. Au�erdem suchte er nach Erz�hlungen �ber die Barrieren und wollte mehr �ber die Sandk�rner herausfinden.</p><p>Nuramon dachte nach wie vor, dass die Sandk�rner nicht die L�sung sein konnten. Gewiss, Farodin hatte ein paar Dutzend zusammengetragen, aber es musste andere M�glichkeiten geben. Statt hier an diesem Ort des Wissens auf ausgetretenen Pfaden zu suchen, hatte Nuramon nach neuen Wegen Ausschau gehalten. Er kam gerade von den Pferden, die er aus dem Stall des Gasthauses geholt und nun bei einer Elfe untergestellt hatte, die unerkannt unter den Menschen lebte. In der Stadt hie� es, sie w�re die Witwe eines wohlhabenden H�ndlers und eine der reichsten Frauen von Iskendria. Um von den Menschen nicht erkannt zu werden, verbarg sie ihre Ohren und ihr Gesicht unter einem Schleier und offenbarte sie nur den Albenkindern. Ihr Name war Semla. Nuramon fragte sich, wie sie auf lange Sicht die Tatsache verbergen wollte, dass sie nicht alterte. Der Schleier mochte ihr ein Menschenleben lang hilfreich sein. Doch was geschah dann? Kam dann eine Nichte aus einer fernen Stadt, um ihren Wohlstand zu erben?</p><p>Vom Anwesen Sem-las f�hrte ein breiter Gang unterirdisch zu einem Tor, durch das man in das Wohnviertel der Bibliothek gelangte. Nirgendwo hatte Nuramon von solch einer N�he zwischen den Albenkindern und den Menschen geh�rt. Sem-la hatte ihm erz�hlt, dass ihre Beziehungen in die ganze Welt reichten. Sie trieb sowohl mit den Menschen als auch mit anderen Albenkindern und deren Siedlungen Handel. Als Nuramon davon geh�rt hatte, war ihm zum ersten Mal klar geworden, dass die Welt der Menschen und auch die Zerbrochene Welt kein Exil waren, in das Albenkinder gingen, um von Emerelle unabh�ngig zu sein. Hier lie� es sich gut leben, auch wenn die Speisen, die Sem-la lieferte, Menschenspeisen waren und an die in Albenmark nicht heranreichten. Doch wer hierher kam, der war an die Menschenwelt gew�hnt.</p><p>�ber eine breite Treppe erreichte Nuramon endlich den Ort, an den ihn Gengalos verwiesen hatte. Es war eine schmale Halle, die weit in die H�he reichte. Zur Linken wie auch zur Rechten ragten Regale auf, in denen dicke Folianten ruhten. Nuramon war dar�ber ein wenig erstaunt, denn in Albenmark vertraute man das Wissen selten B�chern an. Die Eltern lehrten einen, was man wissen musste, und die Weisen erz�hlten das Bedeutsame. Und wenn man eine Frage hatte, dann wandte man sich an jemanden, der sie beantworten konnte. Nuramon fragte sich im Stillen, wie viele tausend Tiere wohl f�r all das Pergament dieser B�nde ihre Haut hatten lassen m�ssen.</p><p>Aus einer Nische trat ein alter Gnom hervor.��Bist du schwindelfrei?�, fragte er mit kr�chzender Stimme.</p><p>�Ja, das bin ich�, sagte Nuramon.</p><p>�Gut, dann muss ich nicht in die H�he klettern. Ich bin nicht mehr der J�ngste.� Der Alte hielt sich den R�cken. �Ein Leben in dieser Halle! Das bringt zwar Schmerzen, aber sieh nur, wie prachtvoll dies alles ist!� Er deutete in die H�he.</p><p>An jedem der Regale waren schmale Holzstege angebracht, die als Weg dienten. Hoch oben sah Nuramon eine Gestalt. Sie trug einen weiten Umhang und schien neben dem Regal zu schweben. Zwischen den Regalen �ffneten sich einige gro�e Nischen in der Wand; offenbar konnte man sich dorthin zur�ckziehen, um zu lesen. Geschickt platzierte Barinsteine verliehen der gesamten Halle einen feurigen Schein.</p><p>�Was f�hrt dich her?�, fragte der Alte.</p><p>�Gengalos schickt mich. Hier soll es ein Buch �ber die Elfe Yulivee geben.�</p><p>�Ah, Meister Gengalos! Er hat dich in den richtigen Saal verwiesen. Wir haben hier nicht nur Aufzeichnungen �ber Yulivee, sondern auch eine Sammlung der Schriften von Yulivee. Es waren eigentlich nur einzelne Erz�hlungen, aber wir haben sie schlie�lich zu einem Buch gebunden. Vielleicht interessiert dich das ja.�</p><p>Nuramon konnte sein Gl�ck kaum fassen. �Gewiss. Wo kann ich es finden?�</p><p>�Du gehst hier bis zum dreiundzwanzigsten Regal und kletterst dann bis zum einhundertvierundf�nfzigsten B�cherbrett nach oben. Dort wirst du auf Yulivees Erz�hlungen sto�en.� Der Gnom trat zu den Regalw�nden.��Klettere �ber die Leitern bis dorthin. Auf dem Steg kannst du dich gut bewegen, da gibt es Sitzbretter, die du hervorziehen und auf denen du Platz nehmen kannst.�</p><p>Nuramon nickte nur. Das Regalbrett, das er suchte, mochte f�nfzig Schritte �ber ihm liegen. Das war keine H�he, die ihm Angst bereitete. Er schaute noch einmal zu der Gestalt hinauf, die er dort oben gesehen hatte.</p><p>�Das ist Meister Reilif�, erkl�rte der Gnom.</p><p>�Ein H�ter des Wissens?�, fragte Nuramon leise.</p><p>�Ja, er kommt oft hierher und l�sst es sich nicht nehmen, selbst bis dort hinauf zu klettern. Du musst wissen, dass ich verpflichtet bin, f�r den Wissbegierigen jedes Buch zu holen, wenn er es w�nscht.�</p><p>Nuramon l�chelte den Gnom an.��Aber wie du schon gesagt hast: Da ich schwindelfrei bin, brauchst du dich nicht zu bem�hen.�</p><p>�Ich danke dir, Elf. Und ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist. Es hei�t, ein Menschensohn befinde sich in der Bibliothek, er habe die Barriere durchbrochen. Ein grober Kerl, der nur s�uft und frisst und Schmutz macht.�</p><p>�Er hei�t Mandred, und er ist einer meiner Gef�hrten.�</p><p>Der Alte wurde rot.</p><p>�Wie ist dein Name?�, fragte Nuramon und legte seinen Waffengurt unter den �ngstlichen Blicken des Alten ab. Offenbar f�rchtete der Gnom, er werde sein Schwert ziehen.</p><p>�Builax�, antwortete der Alte mit zitternder Stimme.</p><p>�Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich kenne meinen Gef�hrten sehr gut. Und im Augenblick trifft deine Einsch�tzung zu. Mein Name ist Nuramon, und ich m�chte dir mein Schwert anvertrauen.� Er �berreichte Builax die Waffe. Die Furcht verschwand so schnell aus dem Gesicht des Gnoms, wie sie gekommen war. Er legte das Schwert in eine Nische zu seinen Schreibutensilien und weiteren Habseligkeiten, dann f�hrte er Nuramon die B�cherwand entlang. Vor dem dreiundzwanzigsten Regal blieben sie stehen.</p><p>�Das gesuchte Buch ist das achte in der Reihe.� Nuramon machte sich an den Aufstieg �ber Sprossen und Leitern. Als er das einhundertvierundf�nfzigste Regalbrett erreicht hatte, wurde er unruhig. Hier sollte das Buch mit Yulivees Schriften stehen�� der Schl�ssel zu Noroelle. Vorsichtig betrat er den Steg, der seinen F��en einen guten Halt bot und breit genug war, um darauf zu gehen. Nuramon lie� die H�nde �ber die Buchr�cken des gesuchten Regalbretts gleiten. Das achte Buch zog er hervor. Es war in hellbraunes Leder eingebunden und unterschied sich in seiner Schlichtheit kaum von den B�chern links und rechts. Weder auf dem Buchdeckel noch auf dem Buchr�cken waren Schriftzeichen oder Verzierungen zu sehen. Als er den Band aufschlug, stellte er fest, dass auch dort keine Ornamente oder Schmuckseiten zu finden waren. Der Titel war nicht einmal besonders hervorgehoben, sondern f�llte vier Zeilen, auf die unmittelbar der Text folgte. Nuramon musste schmunzeln. Dieses Buch galt offensichtlich nicht als wertvoll. Man hatte auf alles verzichtet, was ihm einen besonderen Glanz verliehen h�tte. F�r Nuramon aber war es von unsch�tzbarem Wert. And�chtig las er den Titel: _Die Erz�hlungen der Yulivee, die aus Albenmark auszog, die Welt der Menschen durchwanderte und in der Zerbrochenen Welt die Stadt Valemas neu gr�ndete, von ihr selbst vorgetragen in Anwesenheit der H�ter des Wissens und aufgezeichnet von Fjeel dem Flinken_.</p><p>Es war die Erz�hlung einer Elfe, die aus freien St�cken mit den Ihren aus Albenmark fortgegangen war. Wie Nuramon war auch sie auf der Suche gewesen, und auch sie hatte die Magie der Albensterne entr�tseln m�ssen, ehe sie ihr Ziel erreichte. Nuramon hoffte inst�ndig, mit Yulivees Buch einen Pfad betreten zu haben, der ihm mehr Hoffnung schenken w�rde als Farodins sandiger Weg.</p><subtitle>Die Erz�hlungen der Yulivee</subtitle><p><strong>Die Fragen der H�ter des Wissens</strong></p><cite><p>Ihr habt mich gefragt, wo ich meine Magie erlernt habe, und ich werde euch antworten. So vernehmt, dass ich bereits in Albenmark der Magie m�chtig war. Ich beherrschte die Zauber des Lichtes, des Lebens und des Scheins. Und all jene waren mir in der neuen Oase Valemas von Nutzen. Wir fanden in der Zerbrochenen Welt ein w�stes Land wie in unserer Heimat. Ich schuf dort ein Himmelstuch, einen See, eine Illusion und vieles mehr.</p><p>Als ich Albenmark verlie�, f�hrte ich meine Gef�hrten durch ein festes Tor. Damals wusste ich wenig von den Pfaden und den Sternen der Alben. Die Reise ist der beste Lehrmeister, und ich war eine aufmerksame Sch�lerin. So fremd die Welt der Menschen auch ist, es leben viele Albenkinder an versteckten Orten � Einsiedler, die altes Wissen h�ten. Und wir trafen andere Gemeinschaften, die aus Albenmark ausgezogen waren. Mit ihnen tauschten wir uns aus. Wir lehrten sie, was wir wussten, und sie brachten uns das ihre bei.</p><p>Doch nirgends habe ich so viel gelernt wie bei dem Orakel Dareen. Sie ist das einzige Orakel, das Albenmark je verlie�, um in die Menschenwelt zu gehen. Sie lebt nicht in der zerbrochenen Welt. Wer in der Welt der Menschen durch ihre Pforte schreitet, der verl�sst diese nicht, sondern findet sich an einem fernen Ort wieder. Dort darf er Dareens Weisheiten lauschen. Sie wies mir den Weg und �ffnete mir den Geist f�r mich selbst. Ich sah den Albenstern in der W�ste, der das Tor zum neuen Valemas werden sollte. Ich hatte mein Ziel vor Augen. Und von da an suchte ich die N�he zu diesem Ziel. Dareen ver�nderte mein Leben mit einigen wenigen Worten und Bildern. F�r mich brach eine Welt auf, von deren Vorhandensein ich nie zuvor etwas geahnt h�tte.</p><p>Ihr fragt mich, wo sich Dareen verbirgt? Nun, ich kann euch nicht mehr offenbaren, als ich bereits gesagt habe. Denn ein Schwur bindet mich.</p><text-author>Aus: _Band 23/154/8_, Blatt 424.A Der Schmalen Halle</text-author><text-author>in der Verborgenen Bibliothek zu Iskendria</text-author></cite></section><section><title><p>Unterschiedliche Pfade</p></title><p>Das war es, danach hatte Nuramon gesucht! Mit Vergn�gen hatte er die Erz�hlungen Yulivees gelesen, doch erst bei den Fragen der H�ter des Wissens war er auf etwas gesto�en, das ihm einen direkten Weg wies. Yulivee hatte durch das Orakel Dareen jenen Ort sehen d�rfen, den sie gesucht hatte. Genau dies mochte auch ihm und seinen Gef�hrten geschehen, wenn sie den Weg zu Dareen f�nden! Sollte das Orakel sie empfangen, dann st�nden sie auf Ihrer Suche nach Noroelle kurz vor dem Ziel!</p><p>Nuramon stie� einen kleinen Freudenschrei aus. Da h�rte er Schritte und dann ein Knarren auf der Leiter, die an der Nische vorbeif�hrte, in welche er sich mit dem Buch zur�ckgezogen hatte.</p><p>Es war Meister Reilif, der sich n�herte. Der H�ter des Wissens stieg von der Leiter zu Nuramon in die Nische. Sein Gesicht wurde halb von einer Kapuze verdeckt, und aus den �rmeln seines schwarzen Umhangs ragten nur die Fingerspitzen hervor. Der schmalen Gestalt nach mochte er ein Elf sein. Mit kleinen Schritten trat er n�her heran.</p><p>�Verzeih mir meinen Ausbruch von Freude, Meister Reilif�, sagte Nuramon. �Ich wollte die Ruhe der Bibliothek nicht st�ren.�</p><p>�Es kann f�r diese Tat nur eine Strafe geben�, entgegnete der H�ter des Wissens mit einer Stimme, die keinerlei Regung verriet. Er setzte sich Nuramon gegen�ber, schob die Kapuze ein wenig zur�ck und offenbarte so seine grauen Augen, die Nuramon zu durchdringen schienen. �Du musst mir erz�hlen, was dich so bewegt.�</p><p>�Das werde ich gern tun. Und vielleicht kannst du mir helfen.� Bereitwillig erz�hlte Nuramon dem H�ter des Wissens all das, was er von Yulivee gelesen hatte. Er schloss seinen Bericht mit den Worten:��Gefreut habe ich mich aber, weil ich gefunden habe, was ich suchte.�</p><p>�Und das w�re?�, fragte Reilif geduldig.</p><p>�Ich habe erfahren, dass Yulivee das Orakel Dareen aufgesucht hat. Und nun m�chte ich dieses Orakel finden. Denn ich habe viele Fragen�� Fragen, auf die ich hier wohl keine Antworten erhalte.�</p><p>�Dann hast du erkannt, dass diese Hallen das tote Wissen beherbergen, das erst dadurch wiederbelebt wird, indem es jemand in sich aufnimmt. Hier hast du von Dareen erfahren. Nun musst du deinen Weg zu ihr suchen.�</p><p>�Yulivee hat nicht gesagt, wo sich das Orakel befindet.�</p><p>�Aber ich kann es dir sagen. Ich bin ein H�ter des Wissens. Und ich habe viele B�cher in dieser Halle gelesen. Auch Yulivees.�</p><p>Nuramon fragte sich, wieso Reilif ihm so geduldig gelauscht hatte, wenn ihm die Geschichte von Yulivee doch vertraut war.</p><p>�Wir waren alle damals neugierig und wollten wissen, wo sich das Orakel verbarg. Doch Yulivee wollte es uns nicht sagen. Sie machte einige Andeutungen, die uns zu der Vermutung f�hrten, dass es in Angnos sein m�sse. Doch wir konnten es nicht mit Bestimmtheit sagen. Jene, die wir aussandten, um es zu finden, kehrten unverrichteter Dinge zur�ck.�</p><p>�Angnos!�, sagte Nuramon leise. Er und seine Gef�hrten waren bereits in jenem K�nigreich gewesen, die Suche nach Guillaume hatte sie dorthin gef�hrt. Es war ein raues Land und voller Abenteuer.��Ich danke dir, Meister Reilif.�</p><p>Der H�ter des Wissens erhob sich. �Du wirst das Orakel finden. Ich bin mir sicher. Merke dir folgende Worte, Yulivee hat sie einst gesprochen: _Du kamst zu uns. Deine Stimme kam. Du zeigtest uns die Sterne. Sie funkelten. Wir konnten sehen_. Das hat sie gesagt, als wir sie fragten, ob sie uns nicht doch noch irgendetwas �ber Dareen verraten wolle. Entr�tsele ihre Worte, wenn du es vermagst.� Mit diesen Worten verlie� Reilif die Nische und kletterte zu seinem Regal hinauf. Nuramon fragte sich, wie alt der H�ter des Wissens sein mochte. Aus seinen Worten konnte Nuramon schlie�en, dass er Yulivee begegnet war; in den B�chern aber stand, dass die Elfe vor 1832 Jahren in diese Bibliothek gekommen sei.</p><p>Nachdenklich strich Nuramon �ber den ledernen Einband des Buches und stellte es schlie�lich zur�ck an seinen Platz. Er warf Reilif einen letzten Blick zu, aber der Meister stand bereits wieder vor seinem Regal und war in ein Buch vertieft. Nuramon stieg die Leiter hinab, dankte dem Gnom und nahm sein Schwert entgegen. Ein letztes Mal betrachtete er die schmale Halle; sie gefiel ihm von all den R�umen in der Bibliothek am besten. Vielleicht w�rde er eines Tages hierher zur�ckkehren. Noroelle w�rde es hier gewiss gefallen.</p><p>Nuramon machte sich auf den Weg zu Farodin. Er fand ihn in dessen Studierstube. Der kleine Ele war dabei, etwas auf Dailisch vorzulesen. Mandred sa� in der Ecke auf einigen Kissen und lauschte der Erz�hlung. Es ging um die Aegilischen Inseln und die Elfen, die dort zur See fuhren. Nuramon lehnte sich an die Wand und h�rte dem Jungen zu. �_Ein Ende der Belagerung war nicht in Sicht. Es wollte ihnen nicht gelingen, die unsichtbare Mauer zu brechen. Erst als die zw�lf Zauberer die Insel auf zw�lf Schiffen umstellten, da bekamen die Bewohner Zeolas es mit der Angst zu tun. Denn sie wussten, dass zw�lf m�chtige Zauberer die Macht ihrer magischen Mauer brechen konnten, selbst wenn die Scherben des Spiegels nicht zusammengetragen wurden. Da erhoben die Zauberer die H�nde, sprachen ihre Spr�che, und mit einem m�chtigen Donnern zersprang die feindliche Mauer. So musste Zeolas fallen_.� Ele machte eine Pause.��Das ist alles, was hier steht.�</p><p>�Vielen Dank, Ele�, sagte Farodin. �Die anderen Aufzeichnungen werden wir sp�ter lesen.� Dann wandte er sich an Nuramon. �Wir haben eine Menge gefunden. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass wir nicht alle Sandk�rner ben�tigen, um Emerelles Zauber zu brechen.�</p><p>�Das Schicksal meint es gut mit uns�, setzte Mandred nach, ohne Anstalten zu machen, sich von seinem offenbar bequemen Platz in der Ecke zu erheben.</p><p>Nuramon wartete, bis der Junge das Zimmer verlassen hatte. Dann l�ste er sich von der Wand und trat Farodin entgegen. �Auch ich habe gute Nachrichten, die uns weiterf�hren k�nnten.�</p><p>Mandred erhob sich.��Erz�hl!�, sagte er.</p><p>Nuramon berichtete, worauf er in Yulivees Buch gesto�en war. W�hrend er Meister Reilifs Worte wiederholte, merkte er, dass Farodin ihm nur halbherzig lauschte. Vielmehr tauschte er mit Mandred, der unruhig auf und ab ging, eindeutige Blicke. Selbst das Orakel mochte die beiden nicht begeistern.</p><p>Nachdem Nuramon geendet hatte, kehrte Schweigen ein. Schlie�lich sagte Farodin: �Mandred und ich haben viel herausgefunden. Wir hegen die Hoffnung, dass wir nicht alle Sandk�rner ben�tigen, um Emerelles Zauber zu brechen. Sobald wir gen�gend Sandk�rner zusammengetragen haben, werden sie uns an den Ort f�hren, an dem Noroelles Tor liegt. Auch habe ich Schriften entdeckt, die mir dabei helfen werden, meinen Suchzauber zu vervollkommnen. Warum sollten wir uns mit Yulivee aufhalten? Sie und Valemas liegen hinter uns. Wir sind schon viel weiter gekommen. Und du sagst uns, wir sollen umkehren und einen anderen Weg versuchen.�</p><p>Farodins Einsch�tzung verwunderte Nuramon nicht wirklich. Als er die gelangweilten Gesichter seiner Gef�hrten gesehen hatte, war ihm klar gewesen, was kommen mochte. Farodin war ans Befehlen gew�hnt und duldete kaum Widerworte. �Mit anderen Worten, euch gef�llt der Weg nicht, den ich uns erschlossen habe.�</p><p>�Ich sehe keinen Weg.�</p><p>�Bis hierher war mein Pfad euch gut genug.�</p><p>�Was hei�t hier �dein Pfad�? Bisher bin ich keinen Schritt gegangen, von dem ich nicht �berzeugt war. Und so wird es auch bleiben.�</p><p>�Mein Weg k�nnte eine Abk�rzung sein. Ich sage es dir geradeheraus: Deine Sandk�rner sind nicht des R�tsels L�sung. Wir m�ssen andere Wege beschreiten, um Noroelle zu retten. Hast du die W�ste vergessen? Dies ist eine Welt des Sandes.</p><p>Warst du am Meer und hast einmal deinen Kopf ins Wasser gesteckt? Hast du gesehen, woraus der Meeresgrund besteht? Ich gehe lieber auf zehn Reisen, um zu dem Orakel zu gelangen, als ziellos durch die Welt zu streifen, um hier und dort ein Sandkorn aufzunehmen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Farodin. �Einen Weg bis zum Ende zu verfolgen war noch nie deine St�rke.�</p><p>Nuramon verschlug es die Sprache. Er hatte die Anspielung durchaus verstanden, doch was konnte er f�r das Schicksal seiner Ahnen? Er hatte nicht darum gebeten, ihre Seele zu tragen. Er wusste nur wenig �ber sie, doch eins war gewiss: Sie alle waren jung gestorben und hatten das Mondlicht nie gesehen. Nie und nimmer h�tte er erwartet, dass Farodin alles daransetzen w�rde, seine Gef�hle zu verletzen, statt ihn durch Argumente zu �berzeugen. �Denkst du schon immer so von mir und hast es bisher f�r dich behalten?�</p><p>�Ich halte dich f�r jemanden, der einen sehr langen Weg ins Mondlicht nimmt.�</p><p>�Was hat das Mondlicht denn mit unserer Suche zu tun?�, mischte sich Mandred in den aufkeimenden Streit ein.</p><p>Farodin hob beschwichtigend die H�nde. �Du hast Recht, Menschensohn. Dies ist jetzt nicht unser Thema. Was aber das Orakel angeht, so bin ich nicht bereit, f�r ein Vielleicht eine Gewissheit aufzugeben. Hast du dich einmal gefragt, ob dieses Orakel nicht vielleicht l�ngst ins Mondlicht gegangen ist? Wie lange ist es her, dass Yulivee dort war?�</p><p>Nuramon schwieg.</p><p>�Dein Schweigen sagt alles. Du gestehst ein, dass es auf meine Fragen keine Antworten gibt. Ich sage, bleiben wir auf dem Weg, den wir bereits beschritten haben. So werden wir fr�her oder sp�ter unser Ziel erreichen.�</p><p>�Mir ist ein vages Fr�her lieber als ein gewisses Sp�ter! Das Orakel gebietet �ber Wissen, das uns weiterhelfen wird.�</p><p>�Einmal vorausgesetzt, du findest das Orakel und es antwortet dir auf deine Fragen: Was kann es uns bieten, was wir in diesen Hallen nicht finden k�nnen?�</p><p>�Schau dich um, Farodin! So sehr ich diesen Ort sch�tze, so klar sehe ich, dass hier das Wissen der Vergangenheit beh�tet wird, das Wissen derer, die es uns nicht mehr mit ihrer eigenen Stimme vermitteln k�nnen. Was wir aber brauchen, ist das Wissen der Gegenwart und das der Zukunft. Wir sollten uns ein Beispiel an Yulivee nehmen.�</p><p>Farodin verschr�nkte die Arme vor der Brust.��K�nnte es sein, dass du das Interesse an Noroelle verloren hast und stattdessen lieber auf den Spuren Yulivees wandelst?�</p><p>Nuramon ballte die F�uste. �Wie verblendet bist du eigentlich? Du solltest von allen am besten wissen, wie unsinnig dein Vorwurf ist! Obwohl � Wenn ich es mir recht �berlege, dann ist diese Verblendung dein Wesen. Du siehst nur, was du sehen willst. Ist dir eigentlich klar, dass ich unser Werben um Noroelle Jahre fr�her h�tte beenden k�nnen?�</p><p>�_H�tte_ � Das ist ein Wort, das Versager stets im Munde f�hren�, entgegnete Farodin k�hl.</p><p>�Meinst du nicht, du hast in deiner Liebe zu Noroelle versagt? Du erwecktest den Anschein des vollkommenen Minnes�ngers. Nie hast du begriffen, worauf Noroelle wirklich wartete. Sie wollte, dass du in eigenen Worten von deiner Liebe sprichst und nicht mittels Liedern, die f�r andere geschrieben wurden. Von mir erwartete sie, dass ich sie au�er mit Worten auch mit H�nden ber�hrte. Was glaubst du, warum ich so lange gebraucht habe?�</p><p>Farodins Mundwinkel zuckten.</p><p>�Ich habe dich beobachtet, Farodin. Und ich habe mich gefragt, was mit dir nicht stimmt. Was h�ltst du in deinem Innersten verborgen? Was ist es, das du selbst der Frau, die du zu lieben glaubst, nicht offenbaren magst? Versteckt sich am Ende hinter all den geliehenen Worten ein leeres Herz? Was ist das f�r eine Liebe, die man nicht beim Namen nennen kann?�</p><p>Farodins Hand legte sich auf sein Schwert.��Du stehst an einer Schwelle, die wir beide nicht �berschreiten wollen.�</p><p>�Farodin, wir haben unsere Schwellen l�ngst �berschritten.</p><p>Glaubst du wirklich, ich folge einem Mann, der zur Liebe nicht f�hig ist?�</p><p>Mandred packte Farodin bei den Schultern und zog ihn zur�ck. Offenbar war der Menschensohn davon �berzeugt, dass jeden Moment Blut flie�en w�rde.��Es ist genug, Nuramon!�, sagte er scharf.</p><p>�Mir scheint, wir sind am Ende unserer Gemeinsamkeiten angelangt�, sagte Farodin mit versteinerter Miene.</p><p>�Dort sind wir l�ngst angelangt. Wir haben uns nur bisher geweigert, es anzuerkennen.� Nuramon wandte sich an den Menschensohn. �Und du, Mandred. Was ist dein Weg?�</p><p>Der Jarl z�gerte.</p><p>Nuramon musste an die H�hle des Luth denken, wo er mit Mandred Freundschaft geschlossen hatte. Ihn hatte damals viel mit dem Menschensohn verbunden.</p><p>�Es tut mir Leid, Nuramon. Ich wei�, wie tief ich in deiner Schuld stehe. Und doch�� Ich bin nicht gut darin, meine Gedanken und Gef�hle in sch�ne Worte zu fassen. Aber Farodin hat Recht. Ich glaube, es ist besser, der Spur des Sandes zu folgen. Es mag ein langer Weg sein, aber er f�hrt gewiss zum Ziel. Es tut mir wirklich Leid�� Ich�� Mandred versagte die Stimme.</p><p>Er war also wieder alleine � �Ich brauche euer Mitleid nicht. Ihr seid es, die mir Leid tun. Geht doch euren j�mmerlichen Weg und sucht eure Sandk�rner! Ich werde meinen eigenen Weg nehmen.�</p><p>�Sei kein Narr, Nuramon!�, sagte Mandred und machte eine beschwichtigende Geste. �Wir sind wie ein Boot. Ich bin der Rumpf, Farodin ist das Steuer, und du bist das Segel, das den Wind einf�ngt.�</p><p>�Hast du es nicht begriffen, Menschensohn? Ich brauche niemanden mehr, der �ber meinen Weg bestimmt. Das Segel hat euch der Sturm genommen. Nun seht, wie weit ihr mit euren H�nden paddeln k�nnt!� Mit diesen Worten verlie� Nuramon die Stube.</p><subtitle>Das Logbuch der Galeere <emphasis>Purpurwind</emphasis></subtitle><cite><p><strong>34. Tag der Reise</strong>: Wir haben im Schutz der Inseln vor Iskendria auf die Lastk�hne der Sem-la gewartet. Die Ruderer hatten Zeit, sich zu erholen. Wie verabredet nahmen wir eine Kiste W�stenglas, ein Marmorbild und zehn Ballen feines Tuch aus Iskendria an Bord. Doch niemand hatte uns angek�ndigt, dass wir auch Passagiere mitnehmen sollten: einen Elfen aus Albenmark namens Farodin und einen Menschen, offenbar ein Nordl�nder, mit dem Namen Mandred. Sem-la �bernahm die Kosten f�r die Passage. Offenbar besitzen die beiden kein Gold, sind aber sonst gut ausger�stet. Allein die zwei R�sser aus Albenmark sind schon ein Verm�gen wert.</p><p><strong>35. Tag der Reise</strong>: Langsame Fahrt Nord-Nordwest. Windstille und brennende Sonne. Die Ruderer erm�den schnell. Der Mensch, den wir an Bord nahmen, ist erstaunlich gebildet. Er wei� viel �ber die See, und er rudert wie drei M�nner, da er viel Kraft in den Armen hat. F�r die _Purpurwind_ w�re er ein Gewinn, zumal er Dailisch spricht und so f�r den Handel mit den Kentauren von Gygnox hilfreich sein k�nnte. Vielleicht sollten wir dieses Mal wagen, in Gygnox anzulegen. Der Menschensohn spricht die ganze Zeit von alten Sagen, die er in Iskendria geh�rt hat, und vom Fjordland hoch im Norden. Wenn er w�sste, welche Meere wir schon befahren haben!</p><p><strong>36. Tag bis 38. Tag der Reise</strong>: Ruhige See. Mannschaft zufrieden. Neugier gegen�ber Menschensohn.</p><p><strong>39. Tag der Reise</strong>: Die Mannschaft ist guter Dinge. S�dwind, mildes Wetter. Wir machen gute Fahrt. Die Ruderer k�nnen sich schonen, nachdem wir schneller vorw�rts gekommen sind als erwartet. Am Nachmittag: Schauspiel vor uns auf See. Wir kreuzten den Kurs eines Menschenschiffes, aegilische Galeere. Da erschien eine gewaltige Seeschlange. Die Menschen taten das, was alle Gr�nschn�bel tun: Sie nahmen Rei�aus! Wie erwartet, folgte die Seeschlange ihnen und zerschmetterte ihr Schiff, als w�re es nichts weiter als ein kleines Fischerboot. Wir nahmen die wenigen �berlebenden an Bord.</p><p>Eine Stunde sp�ter erschien die Seeschlange erneut. Sie tauchte weniger als zwanzig Schritt steuerbord auf. Die geretteten Menschen gerieten au�er sich, viele von ihnen sprangen �ber Bord. Diese Narren wissen nicht, dass man auf eine Seeschlange zuhalten muss, um sie einzusch�chtern. Die Bestien jagen nur jene, die sich vor ihnen f�rchten. So fuhren wir der Schlange entgegen. Mandred war der Einzige unter den Menschen, der keine Furcht zeigte. Er griff eine Harpune und eilte mit ihr zum Bug. Er forderte uns tats�chlich auf, dass wir die Schlange angreifen sollten. Als die Bestie schlie�lich untertauchte und davonschwamm, war der Menschensohn entt�uscht. Er fluchte ihr hinterher. Wir alle lachten, denn er fluchte auf Dailisch. Er klang fast wie ein Kentaur��</p><p><strong>45. Tag der Reise</strong>: Kommen in seichtere Gew�sser, fahren vorsichtig durch die Sandb�nke vor der Menschenstadt Jilgas. Hier lassen wir die �berlebenden des Schlangenangriffs an der K�ste zur�ck. Vor Sonnenuntergang ankern wir vor Gygnox. Vielleicht l�sst der Menschensohn sich doch �berreden��</p><p><strong>51. Tag der Reise</strong>: Dank Mandred: Gute Gesch�fte mit den Kentauren von Gygnox. Was dem Menschensohn fehlt, ist der Pferdek�rper eines Kentauren. Er hat mit ihnen getrunken und derbe Lieder gesungen. Danach handelten sie bereitwillig mit uns. Auff�llig: Obwohl sich nahe bei Gygnox ein Tor nach Albenmark befindet, wollen Mandred und Farodin es nicht durchschreiten. Sind sie vielleicht Verbannte?</p><p><strong>53. Tag der Reise</strong>: Abreise. Ruhige See, Ruderer betrunken. Menschensohn an der Trommel! Der Elf aus Albenmark scheint sich unwohl zu f�hlen. Wahrscheinlich sind wir ihm ein wenig zu rau f�r Elfen. Was die Zeit in der Welt der Menschen aus einem Elfen macht! Am Abend: Farodin wundert sich, dass ich Logbuch f�hre. Wer mit Iskendria im Bunde steht, der lernt die Schrift eben zu sch�tzen! Der Elf aus Albenmark bittet darum, einen Kurswechsel vorzunehmen. Er erz�hlt von etwas, das er vom Meeresgrund holen will. Da es kein gro�er Umweg ist und ich zudem neugierig bin, gehe ich darauf ein.</p><p><strong>55. Tag der Reise</strong>: Erreichen gesuchte Stelle nach schwerer Ruderstrecke. Mannschaft m�de und unzufrieden. Versteht Kurs�nderung nicht. Zu Farodin: Das Wasser ist zu tief f�r ihn. Er hat zwar gro�en Mut, doch er kann den Grund nicht erreichen. Also biete ich mich an, denn ich besitze einen Zauber des Wassers und der Luft. Doch Farodin sagt, ich k�nnte das Gesuchte nicht finden. So tauchen wir gemeinsam, und ich gebe ihm von Zeit zu Zeit Luft. Am Meeresgrund etwas Merkw�rdiges: Er greift in den Sand und bedeutet mir, mit ihm aufzutauchen. Oben �ffnet er die Hand voller Sand. Darin sucht er etwas: ein einzelnes Sandkorn! Zugegeben, es schien etwas Magisches an ihm zu haften��</p><p><strong>57. Tag der Reise</strong>: Sturm, unerwartet! M�ssen k�mpfen. Am Ende: Keine Verletzten, nur kleine Reparaturen, keine Ladung verloren. Ein guter Sturm��</p><p><strong>67. Tag der Reise</strong>: An der K�ste vor der Menschenstadt Tilgis, im Osten von Angnos. Es hei�t Abschied nehmen. Der Menschensohn und der Elf aus Albenmark w�ren eine gute Verst�rkung f�r uns gewesen. Ich habe versucht, sie noch einmal zu �berreden, aber vergeblich. Welch ein Verlust! Besonders Farodin h�tte ich meinem F�rsten gern vorgestellt. Der einzige Trost war das gute Gesch�ft, das ich mit Farodin gemacht habe. Er tauschte vier Barinsteine gegen 400 angnosische Denare��</p><p><strong>78. Tag der Reise</strong>: Wir erreichen die Meeresenge von Quilas und fahren durch das Tor. Am Abend: Ankunft in Reilimee. Waren abgeladen. Das Ende der Reise. Achtundsiebzig Tage. Das ist eine gute Zeit.</p><text-author>Niedergeschrieben von der Elfe Aranae,</text-author><text-author>Kapit�nin der <emphasis>Purpurwind</emphasis>,</text-author><text-author>im Jahre 1287 nach der Gr�ndung von Reilimee</text-author></cite></section><section><title><p>Verlorene Heimat</p></title><p>Mandred war aufgeregt wie ein J�ngling auf dem Weg zum Mittsommerfest, bei dem er mit der Liebsten tanzen wollte und mehr � Er gab seiner Stute die Sporen und trieb sie den sanft ansteigenden Hang hinauf. Etwa drei Jahre mussten vergangen sein, seit er zum letzten Mal in Firnstayn gewesen war. Die vielen Reisen hatten sein Zeitgef�hl durcheinander gebracht, sodass er nicht genau einsch�tzen konnte, wie lange es her war, dass er sich von Alfadas verabschiedet hatte. Ob sein Sohn wohl zum Jarl gew�hlt worden war?</p><p>Es war ein goldener Herbst, so wie damals, als Mandred Firnstayn verlassen hatte. Die beste Zeit zum Fliegenfischen.</p><p>Schnaubend erreichte die Stute den H�gelkamm. Von hier aus hatte man einen weiten Blick �ber den Fjord. Bis Firnstayn war es noch �ber eine Meile. Mandred beschirmte die Augen mit der Hand und blinzelte gegen die tief stehende Sonne. Unter ihm lag eine kleine Stadt. Eine feste, steinerne Mauer mit gedrungenen T�rmen umgab die Siedlung. Landestege streckten die Arme weit in den Fjord hinaus. Etwa zwanzig gr��ere Schiffe lagen dort vert�ut. Das Ufer s�umten Lagerh�user, und auf dem H�gel, auf dem einst Ereks Langhaus gestanden hatte, erhob sich eine steinerne Halle, die einem F�rsten zur Ehre gereicht h�tte. Hatte er in den Bergen wom�glich einen falschen Weg eingeschlagen?</p><p>Verwirrt blickte Mandred zu der Steilklippe, die vom Steinkreis gekr�nt wurde. Dies war das Hartungskliff, und dort unten musste sein Dorf liegen. Es half nichts, sich etwas vorzumachen.</p><p>Mandred hatte das Gef�hl, als presste eine unsichtbare Hand ihm die Kehle zusammen. Er schluckte hart. Jetzt hatte auch Farodin die H�gelkuppe erreicht. Der Elf z�gelte seinen Braunen und sah stumm zum Fjord hinab.</p><p>�Wir � wir m�ssen wohl sehr lange fort gewesen sein�, brachte Mandred stockend hervor. Er schloss die Augen und dachte an die Zeit mit Alfadas, die wenigen Jahre mit seinem Sohn. Als w�re es gestern gewesen, erinnerte er sich daran, wie sie in Ereks Boot auf den Fjord hinausgerudert waren und wie Alfadas ihn �berm�tig ins Wasser gesto�en hatte. Er dachte an den zwanzig Pfund schweren Salm, den er gefangen hatte und der gr��er gewesen war als jeder Fisch, den sein Sohn an die Angel bekommen hatte. Sie hatten sich gemeinsam betrunken, hatten am Ufer gesessen, den Salm �ber dem Feuer gebraten und dazu altbackenes Brot gegessen.</p><p>Wie alt mochte Alfadas jetzt wohl sein? Wie lange dauerte es, um aus einem kleinen Dorf eine Stadt werden zu lassen? Zwanzig Jahre? Vierzig Jahre?</p><p>Sie waren von Westen her durch die Wildnis der Berge gekommen und hatten seit Wochen keine Menschenseele mehr gesehen. Niemanden, der an einem gemeinsamen Feuer Neuigkeiten und alte Geschichten erz�hlte. So w�re er vielleicht vorbereitet gewesen � Mandred biss sich auf die Unterlippe und versuchte verzweifelt Herr der Gef�hle zu werden, die ihn zu �bermannen drohten. Die Elfen hatten ihm von der Gefahr des Reisens durch die Tore erz�hlt. Nach dem Erlebnis in der Eish�hle h�tte er es wissen m�ssen��</p><p>Damals aber waren sie von einem b�sen Zauber des Devanthars durch die Zeit getragen worden! Farodin und Nuramon hatten doch gelernt, wie man Tore beherrschte. Wie hatte das nur geschehen k�nnen?</p><p>Voller Unrast trieb er die Stute den H�gel hinab. Er musste zu Alfadas! Wie w�rde sein Sohn nun aussehen? Ob er wohl Kinder hatte? Vielleicht sogar schon Enkel?</p><p>Ohne von den Wachen aufgehalten zu werden, passierten sie das schwer befestigte Stadttor. Es musste Markttag sein. Die Stra�en waren voller Menschen. �berall dr�ngten sich St�nde dicht an die H�user. Ein herrlicher Duft nach �pfeln lag in der Luft. Mandred war abgesessen und f�hrte seine Stute am Z�gel. Jedem, der ihm entgegenkam, stierte er ins Gesicht und suchte nach bekannten Z�gen.</p><p>Selbst die Kleider der Leute hatten sich in der Zeit seiner Abwesenheit ver�ndert! Fast alle hier trugen gutes Tuch. Es herrschte Festtagsstimmung. Firnstayn war reich geworden. Doch er fand sich nicht mehr zurecht. Kein Haus, das er gekannt hatte, stand noch.</p><p>Schlie�lich hielt Mandred die Ungewissheit nicht l�nger aus. Er hielt einen grauhaarigen Mann an. Der Alte trug ein wei�es Hemd mit bunten Stickereien auf den Schultern. Ein schwerer Halsreif mit silbernen Pferdek�pfen an den Enden wies ihn als bedeutend aus.</p><p>�Wo finde ich Jarl Alfadas?�, fragte Mandred aufgeregt.��Was ist hier geschehen?�</p><p>Der Alte runzelte die Stirn. Er kniff ein wenig die blauen Augen zusammen und versuchte ganz offensichtlich abzusch�tzen, mit was f�r einem Schelm er es zu tun hatte. �Jarl Alfadas? Ich kenne keinen Jarl, der diesen Namen tr�gt.�</p><p>�Wer herrscht in dieser Stadt?�</p><p>�Du kommst wohl von weit her, Krieger. Hast du nie von K�nig Njauldred Klingenbrecher geh�rt?�</p><p>�K�nig?� Mandred verschluckte sich fast. �In Firnstayn herrscht ein K�nig?�</p><p>�Veralber mich nicht!�, schimpfte der Alte �rgerlich und wollte schon gehen, als Mandred ihn am �rmel festhielt.</p><p>�Sieh mich an! Hast du mich schon einmal gesehen?� Mandred sch�ttelte den Kopf, sodass ihm die d�nnen Z�pfe ins Gesicht schlugen. �Ich bin Mandred Torgridson, und ich bin gekommen, um nach meinem Sohn Alfadas zu sehen.�</p><p>Rings herum waren Leute stehen geblieben. Einige M�nner hatten die Hand am Schwert, offenbar bereit einzugreifen, falls der Fremde den Alten noch mehr bedr�ngte. Dieser indes war leichenblass geworden. H�tte er ein Gespenst gesehen, er h�tte nicht erschrockener wirken k�nnen. �Mandred Torgridson�, wiederholte er tonlos.</p><p>Der Name wurde von den Umstehenden aufgegriffen. Wie ein Lauffeuer eilte er durch das Gedr�nge und war bald in aller Munde.</p><p>�Du bist gewiss gekommen, die verwundete Elfe zu holen�, stie� der Alte schlie�lich hervor. �Sie ist im Langhaus des K�nigs. Er hat Heiler und Hexen von weither herbeigerufen���</p><p>�Ich bin hier wegen Alfadas, meinem �� Farodin legte ihm bes�nftigend die Hand auf die Schulter.</p><p>�Von welcher Elfe sprecht Ihr?�</p><p>�J�ger haben sie am Larnpass gefunden. Sie war mehr tot als lebendig. Man hat sie hierher in die K�nigsstadt gebracht, weil niemand ihr zu helfen vermochte.� Der Alte kniff die Augen zusammen. Pl�tzlich streckte er die Hand vor und strich Farodin �ber die Wange. �Du bist� Ich meine, Ihr seid�� Ihr seid auch ein���</p><p>�Wo finden wir die Halle des K�nigs?�, fragte Farodin h�flich, aber bestimmt.</p><p>Der Greis lie� es sich nicht nehmen, sie pers�nlich durch die Stadt zu geleiten. Irgendwo in der Menge rief jemand:��Jarl Mandred ist zur�ckgekehrt!� Darauf wurde das Gedr�nge und Geschiebe ringsherum noch gr��er. Manche gafften ihn und Farodin nur an. Andere versuchten Mandred zu ber�hren, so als wollten sie sich davon �berzeugen, dass er kein Geist war.</p><p>Endlich erreichten sie den H�gel, auf dem die K�nigshalle stand. Eine breite Treppe, flankiert von L�wenstatuen, f�hrte hinauf zum Sitz des Herrschers. Erst als die beiden die Stufen hinaufstiegen, blieb die Menge zur�ck.</p><p>Mandred f�hlte sich zerrissen zwischen widerstreitenden Gef�hlen. Es �rgerte ihn, dass der Alte ihm nicht gesagt hatte, was mit Alfadas war. Auf der anderen Seite war er aber auch stolz. Er war ber�hmt! Jeder in der Stadt schien seinen Namen zu kennen. Sicher gab es ein Heldenlied �ber seinen Kampf mit dem Manneber!</p><p>Sie hatten beinahe die Festhalle erreicht, da drehte sich Mandred um und blickte auf den Platz. Jeder dort unten schien zu ihm hinaufzusehen. Jeglicher Handel war zum Erliegen gekommen.</p><p>Der Jarl zog die Axt und streckte die Arme gen Himmel. �Ich gr��e das Volk von Firnstayn! Hier steht Mandred Torgridson, der zur�ckgekehrt ist, um seinen Erben zu besuchen!�</p><p>Jubelrufe brandeten ihm entgegen. Er genoss das Geschrei und die Begeisterung. Als er sich schlie�lich abwandte, erwartete ihn eine st�mmige Gestalt am Ende der Treppe, ein Krieger mit wildem rotem Bart, in dem breite graue Str�hnen nisteten. Ein Gefolge gut bewaffneter junger M�nner umgab ihn.</p><p>�Du also willst Mandred sein�, sagte der �ltere Krieger herausfordernd.��Warum sollte ich dir das glauben?�</p><p>Der Jarl legte die Hand auf seine Axt. Er hatte nicht �bel Lust, dem Kerl ein wenig Respekt einzubl�uen. Dann musste er schmunzeln. Der Dicksch�del des Alten� Das musste in der Familie liegen. Allerdings��</p><p>�Ihr erkennt Mandred Torgridson unschwer daran, dass er in Gesellschaft eines Elfen reist�, mischte sich Farodin ein. Er strich sein langes blondes Haar zur�ck, sodass man seine spitzen Ohren besser sehen konnte.</p><p>Der K�nig runzelte die Stirn. Er wirkte pl�tzlich ernst, ja, erschrocken, so als h�tte er soeben eine schreckliche Nachricht erhalten.</p><p>Mandred stand wie versteinert. Wenn dieser alte Mann dort oben sein Enkel war, dann musste Alfadas l�ngst tot sein.</p><p>�Bist du Faredred oder Nuredred?�, fragte der K�nig h�flich.</p><p>�Farodin�, entgegnete der Elf.</p><p>Mandred sp�rte, wie seine Knie zu zittern begannen. Er versteifte sich, versuchte still zu stehen, aber er hatte keine Gewalt mehr �ber sich. �Alfadas�, sagte er leise. �Alfadas.�</p><p>Der K�nig kam die Treppe hinab und schloss Mandred in die Arme. Wieder erklangen laute Jubelrufe vom Platz.</p><p>�Fehlt dir etwas?�, fragte Njauldred leise.</p><p>Mandred sch�ttelte den Kopf.��Was ist mit Alfadas?�</p><p>Der K�nig schob Mandred einen Arm unter die Achseln und st�tzte ihn. F�r alle anderen musste es wohl wie eine Geste der Freundschaft aussehen.��Wir reden in meiner Halle, nicht hier.�</p><p>Langsam stiegen sie die letzten Stufen hinauf. Die Tore der K�nigshalle standen weit offen. Ihr Inneres wurde von hellem Fackellicht erleuchtet, das sich in goldbeschlagenen S�ulen spiegelte. Erbeutete Banner hingen von der hohen Decke. Am gegen�berliegenden Ende der Halle stand auf einem Postament ein Thronsessel aus dunklem Holz.</p><p>Mandred bestaunte die Pracht. Nicht einmal die goldene Halle von Horsa Starkschild war so eindrucksvoll gewesen. Eine der W�nde war mit t�rgro�en Schilden geschm�ckt und mit Stein�xten, die viel zu schwer wirkten, um f�r Menschenh�nde gemacht zu sein.</p><p>Hinter einer der S�ulen trat eine junge, rothaarige Frau hervor. Sie trug ein langes Kleid aus Hirschleder, das ganz mit Kn�chelchen, Federn und steinernen Amuletten besetzt war. �Herr, sie wird den Sonnenuntergang nicht mehr erleben. Wir sind machtlos.�</p><p>�Dann schafft eine Trage herbei. Wir werden sie hinauf zum Steinkreis bringen. Mandred und sein Gef�hrte Faredred sind gekommen, sie zu holen.�</p><p>�Sie ist auch dazu zu schwach. Selbst auf einer Trage und in warme Decken geh�llt, wird sie den Weg die Klippe hinauf nicht �berstehen. Es ist ein Wunder, dass sie �berhaupt so lange �berlebt hat.�</p><p>�Bring mich zu ihr�, forderte Farodin.��Sofort!�</p><p>Der K�nig nickte der Frau im Hirschlederkleid zu. Sie nahm Farodin bei der Hand und brachte ihn fort.</p><p>Mandred lehnte sich an eine der S�ulen. Der Anblick der Halle hatte ihn einen Augenblick lang seine Schw�che vergessen lassen.��Alfadas?�, fragte er flehend und starrte auf die grauen Str�hnen im Bart des K�nigs.</p><p>Njauldred klatschte in die H�nde und machte eine weit ausholende Geste, die sein Gefolge umfasste. �Bringt Met und zwei Trinkh�rner. Und dann lasst mich und meinen Ahnherren allein!�</p><p>_Ahnherr!_ Etwas in Mandred zog sich zusammen.</p><p>Die jungen Krieger zogen sich zur�ck. Eine Magd brachte die Trinkh�rner und lie� einen gro�en Tonkrug mit Met zur�ck. Es waren sch�ne H�rner, von breiten, goldenen B�ndern eingefasst.</p><p>�Wie lange ist Alfadas tot?�, fragte Mandred mit tonloser Stimme.</p><p>�Trink!�, entgegnete Njauldred nur. �Trink, und ich werde alle deine Fragen beantworten.�</p><p>Mandred setzte das Horn an. Der Met war s�� und w�rzig zugleich. Er war k�stlich. Als Mandred sich ein zweites Horn einf�llte, erkl�rte ihm Njauldred ohne Umschweife, dass er der elfte K�nig des Fjordlandes aus der Sippe des Alfadas sei. Er legte Mandred tr�stend eine Hand auf die Schulter und begann zu erz�hlen: �Schon bald nachdem du Firnstayn verlassen hattest, war Alfadas zum Jarl geworden, und nach wenigen Jahren stieg er zum F�rsten auf. Er wurde der Vertraute des K�nigs und dessen Heerf�hrer in Kriegszeiten. Einige Jahre gingen ins Land, als kurz nach einem Mittsommerfest ein Elf nach Firnstayn kam und Alfadas um Hilfe bat. Ein Heer von Trollen war in Albenmark eingefallen, und es stand schlecht f�r die Elfen. Alfadas beriet sich mit dem K�nig und den F�rsten des Fjordlandes und stellte schlie�lich das gr��te Heer auf, das der Norden jemals gesehen hat. Sie zogen durch ein Tor, das die Elfen ihnen �ffneten, und fochten Seite an Seite mit Kentauren, Kobolden und Elfen. Der Krieg w�hrte viele Jahre, und als man die Trolle zuletzt aus Albenmark vertrieb, begannen diese nun St�dte und D�rfer im Fjordland anzugreifen. Sie eroberten Gonthabu und erschlugen den K�nig und seine ganze Familie. Wenig sp�ter stellte Alfadas die Pl�nderer am G�ndir-Fjord und brachte ihnen eine schwere Niederlage bei. Noch auf dem Schlachtfeld riefen die anderen F�rsten Alfadas zum neuen K�nig aus. Gemeinsam mit den verb�ndeten Elfen trieb er die Trolle weit in den Norden zur�ck. Alfadas machte Firnstayn zur Hauptstadt, weil es an einem Tor nach Albenmark und zugleich so weit im Norden liegt, dass die Grenze zu den Trollen nah ist. Seit diesen Tagen besteht ein B�ndnis zwischen den Elfen Albenmarks und den Menschen des Fjordlandes.�</p><p>�Und was geschah mit meinem Sohn?�, wollte Mandred wissen.</p><p>�Er starb als Held. Alfadas geriet in einen Hinterhalt und wurde von Trollen ermordet, die seinen Leichnam verschleppten. Doch sein Elfenfreund Ollwyn holte den toten K�rper des K�nigs zur�ck und nahm blutige Rache f�r dessen Ermordung. Alfadas wurde in Firnstayn beigesetzt. An der Seite seiner Mutter unter der Mandredseiche fand er seine letzte Ruhe.�</p><p>Bitternis und Stolz, das waren die widerstreitenden Gef�hle, die Mandred bewegten. Wie gern h�tte er noch einmal ein paar unbeschwerte Wochen mit Alfadas verbracht, so wie damals, als sie gemeinsam nach Firnstayn gekommen waren! Er hob sein Trinkhorn zur Decke. �M�gest du an der Tafel der G�tter auf immer einen Ehrenplatz an Luths Seite haben�, sagte er mit belegter Stimme. Dann vergoss er ein wenig von seinem Met als Opfer an den Gott und leerte sein Horn.</p><p>�Er wird gewiss an der Ehrentafel sitzen�, sagte der K�nig. Njauldred war aufgestanden und deutete auf eine der goldbeschlagenen S�ulen. In das Gold waren breite Figurenb�nder geh�mmert, die Krieger auf Pferden zeigten. Njauldred deutete auf einen der Reiter, der seine Lanze in den Leib eines Riesen getrieben hatte. �Siehst du? Das hier ist dein Sohn, wie er den Trollf�rsten Gornbor t�tet.� Der K�nig deutete die lange Halle hinauf. �Auf fast jeder der S�ulen wirst du ein Bild von Alfadas finden. Seine Heldentaten sind ohne Zahl. Oft ist er mit dem Elfen Ollwyn ausgeritten, um die Sp�her der Trolle zu jagen. Er ist unser Stolz und zugleich unser Fluch, denn niemand konnte es seither mit seinem Heldenmut aufnehmen.�</p><p>�K�mpft ihr denn noch immer gegen die Trolle?�</p><p>�Nein. Seit langem herrscht nun Frieden. Manchmal, wenn ein Boot im Sturm weit nach Norden abgetrieben wird, sehen die Fischer im Nebel eines der gro�en Trollschiffe. Auch finden J�ger im Winter hin und wieder Trollspuren im Schnee. Doch die K�mpfe sind vorbei.� Der K�nig warf Mandred einen ernsten Blick zu. �Warum bist du gekommen, Mandred Torgridson?�</p><p>�Ich wollte Alfadas, meinen Sohn, noch einmal in die Arme schlie�en.�</p><p>Das Gesicht des K�nigs verfinsterte sich. �Dir muss doch klar sein, dass kein Mensch �ber Jahrhunderte lebt. Sag mir den wahren Grund, warum du hier bist.�</p><p>Der Tonfall des K�nigs �berraschte Mandred. Er klang fast feindselig.��Wenn man mit Elfen reist, dann vergeht die Zeit anders. Schneller. Ich glaubte, seit meinem letzten Treffen mit Alfadas seien erst drei oder vier Jahre vergangen. Sieh mich an. Ich bin noch immer ein junger Mann, Njauldred, und das, obwohl ich der Vater von Alfadas bin.�</p><p>Der Herrscher strich sich nachdenklich �ber den Bart. �Ich sehe, dass dein Schmerz �ber den Tod von Alfadas echt ist, also will ich dir Glauben schenken. Dennoch versetzt mich deine Ankunft in Firnstayn in gro�e Unruhe.�</p><p>Mandred war erstaunt und auch ein wenig ver�rgert. �Ich trachte nicht nach deinem Thron, Njauldred.�</p><p>�Den w�rde ich dir �berlassen, wenn du ihn haben wolltest�, entgegnete der K�nig gereizt. �Es geht um deine Saga. Und auch Alfadas hat es immer wieder gesagt.�</p><p>�Was?�</p><p>�Es hei�t, du w�rdest in der Stunde der gr��ten Not zu deinem Volk zur�ckkehren. Wir leben nicht in Not, Mandred. Also frage ich mich, was kommen wird. Erst finden wir eine schwer verletzte Elfe, nachdem �ber drei�ig Jahre lang niemand im ganzen K�nigreich mehr einen Elfen gesehen hat. Und dann kommst du, mit einem Elfengef�hrten, so sch�n und unnahbar, als w�re er ein Sendbote des Todes. Ich bin in tiefer Sorge, Mandred. Wird es einen neuen Trollkrieg geben?�</p><p>Der Jarl sch�ttelte den Kopf.��Das glaube ich nicht. Ich habe keine Fehde mit den Trollen. Ich habe noch nie einen gesehen.�</p><p>Njauldred deutete auf das Bild von Alfadas und Gornbor. �Sie sind schrecklich. Einer von ihnen ist so stark wie zehn M�nner, hei�t es. Sei froh, wenn du niemals einem begegnest. Ein Mann allein kann nicht gegen einen Troll bestehen. Nur Alfadas konnte das.�</p><p>�Was ist mit dieser Elfe? Woher kommt sie?�</p><p>Der K�nig zuckte mit den Schultern. �Das kann niemand sagen. Sie ist schwer verwundet. Sieht aus, als h�tte ein B�r sie angefallen. Als sie gefunden wurde, war sie fast erfroren. Sie hat hohes Fieber und spricht im Schlaf, aber wir verstehen sie nicht. Ich hoffe, dein Gef�hrte ist ein m�chtiger Zauberer. Nur starke Magie kann die Elfe noch retten. Meine Tochter Ragna ist eine begabte Heilkundige. Sie hat der Elfe die Schmerzen genommen und das Fieber gesenkt. Doch die Wunden wollen nicht heilen, seit Wochen nicht. Sie ist schw�cher und schw�cher geworden. Ragna f�rchtet, dass sie noch in dieser Nacht sterben wird. Aber jetzt ist ja dein Gef�hrte da.�</p><p>Mandred w�nschte, es w�re Nuramon, der nun am Bett der Elfe s��e. Er h�tte sie selbst aus den Goldenen Hallen der G�tter zur�ckholen k�nnen. Aber Farodin�� Der blonde Elf war ein Krieger, kein Heiler.��Kannst du mich zu der Elfe bringen?�</p><p>�Gewiss.� Der K�nig sah ihn mit gro�en Augen an. �Bist du auch ein Heiler?�</p><p>�Nein.� Mandred l�chelte. Der K�nig dachte wohl, wer die Jahrhunderte �berdauerte, der m�sste alles k�nnen.</p><p>Sie verlie�en die Halle und betraten einen Seitenfl�gel des Herrschersitzes. Mandred bewunderte die kunstvoll gekn�pften Bildteppiche, die die kahlen Steinw�nde schm�ckten. Njauldred f�hrte ihn eine enge Stiege hinauf zu einem Flur, von dem mehrere T�ren abgingen. Eine flache Feuerschale vertrieb die K�lte, die sich in den Steinmauern eingenistet hatte. Vor der letzten T�r standen ein Krieger und die junge Frau im Lederkleid, die Mandred schon in der Festhalle gesehen hatte.</p><p>Ragna breitete in hilfloser Geste die Arme aus. �Er l�sst niemanden hinein. Anfangs konnte man Stimmen h�ren. Jetzt ist es aber schon sehr lange still in der Kammer.�</p><p>�Und da war dieses Licht�, sagte der Krieger ehrf�rchtig. �Warum erz�hlst du nicht davon, Ragna? Ein silbernes Licht fiel unter der T�r hindurch. Und es roch seltsam. Wie nach Bl�ten.�</p><p>�Seitdem kam kein Ger�usch mehr aus der Kammer?�, fragte der K�nig.</p><p>�Nichts�, bekr�ftigte der Wachsoldat.</p><p>Mandred trat an die T�r.</p><p>�Das solltest du nicht tun�, sagte Ragna. �Er hat sehr deutlich gemacht, dass er niemanden in der Kammer duldet. In den Sagas der Skalden sind Elfen h�flicher.�</p><p>Der Jarl griff nach dem T�rknauf. �Er wird mich neben sich dulden.� Ganz sicher war er sich nicht.��Von euch sollte aber keiner nachfolgen.�</p><p>Mandred trat ein und schloss sofort die T�r hinter sich. Er stand in einer kleinen Dachkammer. Ein gro�er Teil des Raumes wurde von der Bettstatt eingenommen. Ein sch�ner Bildteppich war �ber die Balken der Dachschr�ge gespannt. Er zeigte eine Jagdszene mit Keilern. In der Kammer duftete es nach Blumen.</p><p>Eine dicke Wolldecke und mehrere Schaffelle lagen auf dem Bett. Eine kleine Kuhle zeichnete sich in der Matratze ab. Farodin kniete vor dem Bett, das Gesicht in den H�nden vergraben. Eine Elfe konnte Mandred nirgends sehen. Und es gab keinen Platz in der kleinen Kammer, wo sie sich h�tte verbergen k�nnen.</p><p>�Farodin?�</p><p>Langsam hob der Elf den Kopf.��Sie ist ins Mondlicht gegangen. Es war ihre Bestimmung, die Nachricht weiterzugeben.�</p><p>�Du meinst, sie ist tot?�</p><p>�Nein, das ist nicht dasselbe.� Farodin richtete sich auf. Sein Gesicht war ausdruckslos. �Sie ist jetzt dort, wohin alle Albenkinder irgendwann gehen. Ihre B�rde hat sie mir �berlassen.� Er zog sein Schwert und pr�fte mit dem Daumen die Klinge.</p><p>Mandred hatte seinen Gef�hrten noch nie in einer solchen Stimmung erlebt. Er wagte es nicht, Farodin anzusprechen. Ein Blutstropfen rann �ber die Schneide des Elfenschwertes.</p><p>�Trolle!�, sagte Farodin schlie�lich nach einer langen Zeit des Schweigens. �Trolle. Es gab einen Krieg mit ihnen, der aber seit vielen Jahren vor�ber ist. Ganz am Ende des Krieges haben sie einen gro�en Segler gekapert. Fast dreihundert Elfen waren an Bord. Man hat sie in Gefangenschaft verschleppt. Manche von ihnen leben noch heute. Yilvina ist unter ihnen.�</p><p>�Yilvina? Unsere Yilvina?� Mandred dachte an die junge blonde Elfe. Mit ihren beiden Kurzschwertern war sie ihm im Kampf immer unbesiegbar erschienen. Wie hatte sie in Gefangenschaft geraten k�nnen?</p><p>�Yilvina und noch ein halbes Dutzend anderer. Ja. Sie leben noch immer, nach mehr als zwei Jahrhunderten in Gefangenschaft. Orgrim, der Heerf�hrer der Trolle, hat sie einfach behalten, obwohl l�ngst Frieden geschlossen ist.� Farodin deutete auf das leere Bett. �Shalawyn ist ihnen entkommen. Sie haben sie gehetzt wie ein St�ck Wild. Sie wollte zur�ck nach Albenmark, um Emerelle zu berichten.�</p><p>�Sollen wir jetzt stattdessen ihre Nachricht nach Albenmark bringen?� Mandred war die Vorstellung unangenehm, der K�nigin noch einmal unter die Augen treten zu m�ssen.</p><p>Farodin wischte mit der Decke das Blut von seinem Schwert und schob es dann in die Scheide zur�ck. �Das w�re sinnlos. Emerelle w�rde einen Gesandten an den Hof des Trollk�nigs schicken und nach den Gefangenen fragen. Dieser w�rde dann Herzog Orgrim zur Rede stellen, und der Feldherr w�rde mit aller Entschiedenheit bestreiten, dass er noch Elfen gefangen h�lt. Eine lebende Zeugin daf�r gibt es nun auch nicht mehr. Sollte Emerelle darauf beharren, dass Orgrim l�gt, k�nnte das gen�gen, um einen neuen Krieg gegen die Trolle zu entfesseln. Diese Gefahr wird die K�nigin nicht eingehen. Es bliebe demnach alles, wie es ist.�</p><p>�Also ist Shalawyn vergebens geflohen.�</p><p>�Nein, Menschensohn. Was die Trolle den Gefangenen antun, muss ges�hnt werden. Sie hat mir alles erz�hlt.�</p><p>Mandred wich einen Schritt zur�ck. Da war etwas in Farodins Blick, das zur Vorsicht gemahnte.��Was�� was tun sie denn?�</p><p>�Frag nicht! Nur eins sollst du wissen. Herzog Orgrim wird daf�r bluten! Ich werde meinen Weg zu ihm finden, und er wird bereuen, was er getan hat.�</p></section><section><title><p>Vor der Pforte des Orakels</p></title><p>Gem�chlich schritt Nuramon auf einem Albenpfad vor seinem Hengst Felbion her. Er konnte sp�ren, wie die Macht des Pfades von einem Albenstern angezogen wurde. Hoffnung erf�llte ihn, nun endlich das Orakel Dareen zu erreichen. Wieder und wieder war er falschen F�hrten gefolgt. Die Menschen von Angnos vermochten Zauber von Trugbild nicht zu unterscheiden, und das, was sie Orakel nannten, war nichts weiter als ein Schwindel. Er hatte dort nichts erfahren, was er sich nicht auch selbst h�tte sagen k�nnen. Seit diesen entt�uschenden Erfahrungen suchte Nuramon nach einem alten Orakel, das l�ngst schwieg oder das keinem mehr Zugang gew�hrte.</p><p>Der Weg von Iskendria nach Angnos und die Reise durch das K�nigreich waren m�hsam gewesen. Er hatte St�dte und D�rfer umgangen und sich nur einzelnen Reisenden und Einsiedlern gezeigt. F�r einen Elfen hielt ihn niemand. Er trug eine Kapuze, die seine Ohren und Teile seines Gesichts verdeckte. Seine Stimme war noch immer die eines Elfen, aber wer von den Menschen hatte je einen Elfen sprechen h�ren? Sie hielten ihn gewiss f�r einen geheimnisvollen Reisenden aus einem fernen Land, was in gewisser Hinsicht ja der Wahrheit entsprach.</p><p>W�hrend seiner Reisen hatte er sich den Verlauf der Albenpfade eingepr�gt und kannte in Angnos bald so viele, dass er das Wagnis eingegangen war, von einem Albenstern zum anderen zu springen, ohne die Welt zu wechseln. Er war erstaunt, wie leicht es ihm fiel. Der Zauber war der gleiche, nur musste man einen Pfad ausw�hlen, der diese Welt nicht verlie�. Und dennoch war ihm kein Erfolg beschieden gewesen.</p><p>Seit kurzem nun durchreiste er ein Gebiet, dessen Pfade ihm neu waren. Seit Tagen hatte er keinen Menschen mehr gesehen, wohl aber Zeichen von Albenkindern. Diese bestanden in Ver�nderungen, die nur Elfenh�nde h�tten vornehmen k�nnen. Das Wachstum der Pflanzen an manchen Orten erinnerte ihn an Albenmark, und auch die ungew�hnliche Fruchtbarkeit in diesem Landstrich lie� ihn vermuten, dass sich irgendwo eine magische Quelle befand, die der Noroelles �hnlich war. All diese Zeichen verbanden sich mit der lichten und rauen Natur, die auf ihrem steinigen Grund sonst nur wenig Gr�n hervorbrachte.</p><p>Als er an die W�ste dachte, fragte er sich, ob er dieser Welt nicht insgeheim Unrecht tat. Dieses Meer aus Sand hatte ihm gezeigt, dass es auch in der Menschenwelt Landschaften gab, die von gro�er Sch�nheit waren.</p><p>Der Albenpfad, dessen Macht er nun unter seinen F��en sp�rte, f�hrte langsam ansteigend direkt auf einen Berg zu. Er wies jedoch nicht auf die Bergspitze, und so mochte es sein, dass er geradewegs durch den Fels hindurchf�hrte.</p><p>Als Nuramon den Aufstieg hinter sich gebracht hatte und direkt vor der Felswand stand, in welcher der Albenpfad verschwand, fragte er sich, ob das Orakel, nach dem er suchte, sich nicht im Innern des Berges befinden k�nnte. Er verlie� den Pfad und machte sich daran, an Felbions Seite den Berg zu umrunden. Dabei hielt er Ausschau nach einer H�hle oder einem verborgenen Gang, der in den Fels hineinf�hrte. Er kreuzte zwei weitere Albenpfade, die beide ebenfalls im Berg verschwanden. Als er auf den vierten Pfad stie�, auf dem er den bekannten Kraftfluss sp�ren konnte, zweifelte er nicht l�nger daran, dass sich die Pfade irgendwo im Fels zu einem Albenstern kreuzten.</p><p>Auf halbem Weg um den Berg herum traf Nuramon auf einen Albenpfad, der vom Fels fortf�hrte. Das musste jener sein, der ihn hier heraufgef�hrt hatte, um den Albenstern zu kreuzen, und nun wieder seinen Lauf durch die Welt nahm. Er verfolgte den Pfad bis dicht an den Berg zur�ck, war aber entt�uscht, als er statt eines H�hleneingangs eine massive Felswand vorfand.</p><p>Angestrengt musterte Nuramon den Fels. Da funkelte etwas im Sonnenlicht! Er ging dem Funkeln entgegen. Nach einigen Schritten sah er es: Irgendjemand hatte Edelsteine in die Wand eingef�gt! Er wusste nicht, was ihn mehr erstaunte: dass die Edelsteine so gro� waren wie �pfel oder dass diese nicht l�ngst geraubt worden waren.</p><p>Links war ein Diamant tief in die Wand eingelassen, rechts daneben ein Rubin, der gesplittert war, aber noch in seiner Fassung aus Fels steckte. Daneben befand sich wiederum ein Kristall, in dem sich dunkle F�den spannten und den Stein schwarz f�rbten. Es schien ein Bergkristall zu sein, in dem finstere Mineralien eingeschlossen waren. Unter dem Rubin steckte der letzte Edelstein. Es war ein Saphir.</p><p>Der Rubin stellte die Mitte dieses Bildnisses dar. Er war durch eine fingertiefe Furche im Fels mit den anderen Edelsteinen verbunden. Da er gesplittert war, vermutete Nuramon zun�chst, dass irgendjemand versucht hatte, den Stein aus dem Fels zu l�sen, jedoch gescheitert war. Dann aber tadelte Nuramon sich f�r seine Vermutung, denn er sp�rte, dass sich direkt vor ihm sieben Albenpfade kreuzten. Der Edelstein war an sieben Stellen gebrochen. Der Rubin war der Albenstern! Und jede Bruchstelle stand f�r einen Pfad.</p><p>Links neben dem Diamanten und rechts neben dem Bergkristall waren Schriftzeichen in die Wand gemei�elt. Die Zeichen beim Diamanten konnte er lesen. Da stand auf Elfisch:��_Singe das Lied der Dareen, du Kind der Sonne! Singe von ihrer Weisheit, mit deiner Hand im Lichte! Singe die Worte, die einst du sprachst, und Seite an Seite tretet ein_.�</p><p>Das Orakel! So viele Pfade hatte er beschriften, so lange Zeit gesucht. Und nun�� Nuramon �berlegte, was das Lied der Dareen sein k�nnte. Da fielen ihm die Worte ein, die Meister Reilif, der schwarz gewandete H�ter des Wissens, ihm in Iskendria gesagt hatte. Es waren die Worte Yulivees gewesen.</p><p>Er legte seine Hand auf den Diamanten und sang:��_Du kamst zu uns. Deine Stimme kam. Du zeigtest uns die Sterne. Sie funkelten. Wir konnten sehen_.�</p><p>Mit einem Mal leuchtete der Diamant auf, und ein glei�endes Licht str�mte durch die Furche dem Rubin entgegen, drang in ihn ein und lie� ihn leuchten. Dann trat ein rotes Licht unten aus dem Rubin aus und strebte dem Saphir entgegen. Als der rote Lichtfluss auf den Saphir traf, spr�hte er Funken. Das rote Licht vermochte nicht in den Edelstein einzudringen.</p><p>Als Nuramon seine Hand vom Diamanten l�ste, verging der glei�ende Lichtstrom zwischen Diamant und Rubin, und auch der rote Fluss zwischen Rubin und Saphir verblasste.</p><p>Die linke H�lfte des R�tsels war gel�st.</p><p>Nuramon betrachtete die Schrift neben dem Bergkristall. Sie war ihm fremd. Er hatte zwar den Verdacht, die Sprache zu kennen, und hielt es sogar f�r m�glich, dass es eine aus Albenmark war, aber die Schrift bestand nur aus wenigen Zeichen, die sehr kompliziert und daher wenig einpr�gsam waren. Dies war das eigentliche R�tsel.</p><p>Er legte die Hand auf den Edelstein und sang erneut die Worte Yulivees. Doch nichts geschah. Er kehrte noch einmal zu der Elfenschrift zur�ck. Sie sprach ihn an, doch eintreten sollte er mit jemandem Seite an Seite. Im Lied war auch von uns und wir die Rede. Wer immer dieser andere war, er konnte die fremde Schrift lesen, musste den schwarzen Stein ber�hren und das Lied singen. Vielleicht war sein Lied ja deswegen so kurz, weil es nur ein Teil eines gr��eren war. Den einen Teil musste er singen, den anderen der Gef�hrte. Doch um wen mochte es sich dabei handeln? Vielleicht um einen Menschen?</p><p>Nuramon betrachtete das Gebilde vor sich im Ganzen. Der Rubin war der Albenstern, der Saphir galt als Stein des Wassers und der Quellen. Hier stand er gewiss f�r eine Quelle des Wissens und damit f�r Dareen, das Orakel. Der Diamant war das Zeichen f�r ihn oder jemanden wie ihn. Er war der Stein des Lichtes.��_Du Kind der Sonne_�, hie� es vor ihm an der Wand. Wenn er aber ein Kind der Sonne war, dann mochte sich die andere Schrift auf ein Kind der Nacht beziehen. Der Bergkristall galt zwar nicht als Stein der Nacht, doch das schwarze Gespinst in ihm mochte darauf hinweisen.</p><p>Pl�tzlich kam Nuramon eine Idee. Er war ein Albenkind und wurde hier als Kind der Sonne bezeichnet. In alten Zeiten hatte man die Elfen auch _Kinder der Lichtalben_ genannt. Von seinem Haus in der Eiche aus konnte er in die Berge blicken, in denen einst die Kinder der Dunkelalben gelebt hatten. Ein Kind der Dunkelalben! Das musste er finden und es dazu bewegen, mit ihm gemeinsam dieses Tor zu �ffnen.</p><p>Die Kinder der Dunkelalben waren vor langer Zeit aus Albenmark in die Andere Welt gezogen, um sich ein neues Heim zu suchen. Es gab einige Geschichten �ber sie, aber diese gerieten langsam in Vergessenheit. Denn die Weisen sagten, die Unterscheidung zwischen Licht- und Dunkelalben ergebe keinen Sinn, und man solle sie ebenso vergessen wie das Volk, das sich auf die Dunkelalben berief. Ganz konnte man die Erinnerung an die Kinder der Dunkelalben und die Ger�chte um sie jedoch nicht ausl�schen. Manche behaupteten, sie w�ren b�sartig und es h�tte in den fr�hen Tagen viele K�mpfe mit ihnen gegeben. Sie h�tten den Glanz Albenmarks nicht ertragen und w�ren deswegen in diese tr�be Welt gegangen. Andere sagten, sie w�ren harmlos, wenn man sie nicht reizte, und sie w�ren in die Andere Welt ausgezogen, um sich dort etwas Neues zu schaffen. Die �ltesten schwiegen, obwohl sie allein die Wahrheit kannten. So blieben die Kinder der Dunkelalben ein Geheimnis.</p><p>Wo sollte er nach diesem geheimnisvollen Volk suchen? Wie das Tor zu Noroelle konnten sie sich �berall in dieser Welt befinden. Nuramon seufzte. Er war so klug wie zuvor. Er konnte seine Suche nur auf eine Weise fortsetzen: auf Elfenweise. Er w�rde nach dem verlorenen Volk und nach Noroelle suchen. Irgendwann w�rde er eines von beiden finden. Und vielleicht ergab sich eine neue Spur, an die er noch nicht gedacht hatte. Jedenfalls w�rde er nicht zu Farodin zur�cklaufen, um ihm auf seinem sandigen Pfad zu folgen!</p></section><section><title><p>Farodins Zorn</p></title><p>Mandred war kein �ngstlicher Mann, aber die Art, in der sich Farodin ver�ndert hatte, versetzte ihn in Schrecken. Was verbarg sich in den Abgr�nden der Seele des Elfen? Nach all den Jahren hatte er geglaubt, seinen Gef�hrten zu kennen. Ein Irrtum! Nachdem der Elf Shalawyns Bericht geh�rt hatte, war etwas Dunkles in ihm erwachsen. Aber nein, wenn Mandred es sich recht �berlegte, dann war dieser dunkle Wesenszug schon immer dagewesen. Farodin hatte es nur verstanden, ihn zu verbergen. Nun aber war etwas erwacht, das Farodin selbst die Suche nach den Sandk�rnern vergessen lie�.</p><p>Der Elf hatte ihn gebeten, bei K�nig Njauldred Klingenbrecher um Erlaubnis zu fragen, einen der Bootsschuppen nutzen zu d�rfen. Auch bat er um die Hilfe einiger erfahrener Zimmerleute. Gro�z�gig wurde ihm diese gew�hrt.</p><p>Die n�chsten Wochen verbrachte Farodin ausschlie�lich in dem Schuppen. Er baute ein Schiff, wie es Firnstayn noch nicht gesehen hatte. Die Zimmerleute behandelte er fast wie Sklaven, so hart lie� er sie arbeiten. Sie fluchten �ber sein Wesen, und doch sprachen sie auch voller Bewunderung �ber sein K�nnen. Nie hatte Farodin davon erz�hlt, dass er sich auf die Kunst des Schiffsbaus verstand. Doch wie viel mochte man erlernen, wenn das eigene Leben Jahrhunderte w�hrte?</p><p>Nur zehn Wochen dauerte es, bis ein kleines, schlankes Schiff gebaut war. Sein Kiel war aus einem einzigen Eichenstamm geschnitten, den Farodin selbst in den W�ldern n�rdlich der Stadt ausgesucht hatte, ebenso wie die Spannten, die das Skelett des Rumpfes bildeten. Das Segel war aus feinstem Leinen. Man hatte es mit Hanfseilen verst�rkt, die zu einem Netz gekn�pft waren. Sieben Schritt ma� das Boot in der L�nge, doch kaum mehr als einen an seiner breitesten Stelle.</p><p>Als das Schiff zu Wasser gelassen wurde, kamen die Einwohner von ganz Firnstayn zusammen, um es zu bewundern. Es war schlank und von sch�ner Form. Seine Planken �berlappten einander, was Mandred noch nie zuvor bei einem Schiff gesehen hatte.</p><p>Als der Elf dann aber vor dem K�nig und seinem Gefolge erkl�rte, er werde am n�chsten Tag in See stechen, da mochten sie alle ihren Ohren nicht trauen. Im Winter den Fjord zu verlassen, um die K�ste hinauf nach Norden zu segeln, das war der blanke Wahnsinn. Ganz gleich wie gut ein Schiff sein mochte, nichts und niemand konnte gegen die St�rme und das Eis bestehen.</p><p>So verr�ckt war dieses Vorhaben, dass niemand von Mandred erwartete, dem Elfen zu folgen. Sich dieser Fahrt zu verweigern hatte nichts mit mangelnder Treue gegen�ber einem Waffenbruder zu tun. Und doch f�hlte sich Mandred an Farodin gekettet. Er, Mandred Torgridson, war nicht jener unbesiegbare Krieger, von dem die Skalden sangen, wenn sie seinen Namen im Mund f�hrten. Er hatte auch nicht jene Heldentaten begangen, die sie ihm allenthalben andichteten. Aber vielleicht vermochte er Wahrheit und Sagadichtung zu einem Leben zu verschmelzen, wenn er Farodin nun folgte.</p><p>K�nig Njauldred versah das Schiff mit den besten Vorr�ten. B�renfleisch, das einem nach K�mpfen rasch die Kraft zur�ckgab, Kleidung aus feinen Otterfellen, von der das eisige Wasser abperlte, und ein Fass mit Tran von Pottwalen, das vor Erfrierungen sch�tzte, wenn man es sich auf die Haut schmierte. Mandred wusste, dass sein Gef�hrte die K�lte nicht zu f�rchten brauchte. Doch um seinetwillen war er froh, das Fass an Bord zu wissen.</p><p>Njauldred lud sie in seine K�nigshalle ein und gab ihnen zu Ehren ein Fest. Mandred kam es so vor, als w�re er zu Gast auf seinem Leichenschmaus. Obwohl die Skalden sich m�hten, mochte keine rechte Stimmung aufkommen. Farodin verlie� die Festlichkeit schon fr�h. So tief in Gedanken war er, dass er gru�los in die Nacht hinaustrat.</p><p>Auch Mandred zog sich bald zur�ck. Er mochte den traurigen Blick Ragnas, der Tochter Njauldreds, nicht l�nger zu ertragen, und au�erdem wagte er es nicht, sich an dem Abend, bevor sie zu ihrem tollk�hnen Abenteuer aufbrachen, zu betrinken.</p><p>Kalter Nordwind zerrte an seinem Umhang, als er aus der Festhalle trat. Ein schabendes Ger�usch lie� ihn aufhorchen. Es stand kein Mond am Himmel. Die Sterne verbargen sich hinter Wolken. Wieder war da dieses Ger�usch. Es kam von den steinernen L�wen, die den Aufgang zur K�nigshalle flankierten. Fast h�rte es sich an, als scharrten sie unruhig mit ihren Krallen auf den Treppenstufen.</p><p>Ein Schatten l�ste sich von der untersten Stufe. Mandred rief die Gestalt an, erhielt jedoch keine Antwort. Wie der Rauch, der unter den Giebeln der Langh�user hervorquoll, verschwand die Schattengestalt in der Nacht, als h�tte es sie nie gegeben.</p><p>Der Krieger senkte die Hand auf die schwere Axt an seinem G�rtel. Langsam stieg er die Treppenstufen hinab. Au�er dem Wind, der sich heulend unter den D�chern fing, war kein Ger�usch zu h�ren.</p><p>Da ist nichts, beruhigte sich Mandred in Gedanken. Er ging zu dem Haus, das einer von Alfadas� S�hnen f�r ihn hatte errichten lassen. Als er die T�r aufstie�, brannte ein Feuer unter dem Herdstein. Rauch und wohlige W�rme erf�llten den Raum. Farodin lie� sich nicht sehen. Vielleicht war er hinab zum Bootsschuppen gegangen. Trotz der K�lte hatte er meist dort �bernachtet.</p><p>Mandred streifte seinen Umhang ab, als ihn ein Ger�usch verharren lie�. Jemand war hier. Das Stroh der Schlafnische hatte geknistert. Eine wei�e Hand schob den Vorhang aus grober Wolle zur�ck. Ragna, die Tochter des K�nigs! Ihre Wangen leuchteten rot. Sie konnte Mandred nicht in die Augen sehen.</p><p>�Es ist nicht, wie du denkst�, stammelte sie. �Ich � Ich dachte, der Elf sei gekommen. Da habe ich mich versteckt. Ich habe das Feuer angefacht, damit du es warm hast in dieser rauen Nacht.� Sie blickte zur T�r.</p><p>�Ich danke dir, Ragna�, entgegnete Mandred ein wenig steif.</p><p>Sie war ein h�bsches Ding. Ihre Haut war wei� wie Milch. Verblasste Sommersprossen zierten ihr Gesicht. Das rote Haar hatte sie zu schweren Z�pfen geflochten. Ragna stammte aus der Blutlinie Alfadas�, doch Mandred konnte keine Z�ge seines Sohnes in ihrem Gesicht erkennen.</p><p>�Musst du wirklich mit ihm segeln?�, fragte sie sch�chtern.</p><p>�Das ist eine Frage der Ehre!�</p><p>�Zum Henker mit der Ehre!� Ihre Sch�chternheit war wie weggewischt. Wut spiegelte sich in ihren Augen. �Du wirst nicht von dort zur�ckkommen. Niemand kehrt von der Nachtzinne zur�ck!�</p><p>Mandred hielt ihrem Blick stand. Ihre Augen hatten das helle Gr�n junger Tannentriebe. Sie hielten ein St�ck Fr�hling gefangen. �Ich war schon an vielen Orten, von denen es hie�, dass man von dort nicht zur�ckkehren w�rde�, sagte er selbstgef�llig.</p><p>�Wie wollen zwei M�nner gegen hunderte Trolle bestehen? St�rz dich doch gleich von der Klippe ins Meer, wenn du sterben willst, du��� Erschrocken hob sie die Hand vor den Mund.��Das wollte ich nicht sagen. Ich��</p><p>�Warum bedeutet es dir so viel, ob ich lebe?� Und warum bedeutet mir mein Leben so wenig?, f�gte er in Gedanken hinzu. Weil ich aus der Zeit ger�ckt wurde? Lebe, obwohl meine Gebeine seit Jahrhunderten im Grab vermodern sollten?</p><p>�Du bist der stattlichste Mann, dem ich jemals begegnet bin. Nicht so wie die gro�sprecherischen J�nglinge in der Halle meines Vaters. Du bist mit jedem Zoll ein Held.�</p><p>Mandred l�chelte. �Fr�her waren es die M�nner, die um die Frauen gefreit haben.�</p><p>Ragna wurde tiefrot. �So habe ich das nicht gemeint. Ich�� Es ist��� Hilflos hob sie die H�nde.��Es ist mir nur einfach nicht gleichg�ltig, dass du morgen in dein Verderben segelst.�</p><p>�Und du w�rdest alles tun, damit ich bleibe?�</p><p>Sie schob ihr Kinn vor und sah ihn herausfordernd an. �Das musst du selbst herausfinden. So sehr haben sich die Zeiten nun doch nicht ge�ndert.�</p></section><section><title><p>Die Kinder der Dunkelalben</p></title><p>Nuramon holte tief Luft. Der steile Weg auf den Pass war anstrengend gewesen. Felbion war ihm mit einigem Abstand gefolgt und schritt nun dicht an seiner Seite.</p><p>Sie befanden sich zwischen der Baum- und der Schneegrenze. Vor ihnen ging es steil in ein weites Tal hinab. Die Berge ringsum gaben Nuramon ein vertrautes Gef�hl. Es mochte sein, dass sie jenen aus seiner Heimat �hnelten, auch wenn er keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten erkennen konnte. Vielleicht war sein Gesp�r feiner als das Auge.</p><p>Auf seiner Suche nach den Kindern der Dunkelalben hatte er sich in die St�dte der Menschen gewagt und ihre Gesellschaft gesucht, um ihren Geschichten zu lauschen. Die Ohren hatte er stets gut verborgen, sodass ihn jeder f�r einen Krieger aus dem fernen Westen gehalten hatte. Die Menschen hatten andere Namen f�r die Dunkelalben und erz�hlten sich, dass sie sich ihre Opfer unter den Bewohnern des Gebirges suchten und sie in finstere T�ler und H�hlen rissen, um dort ihr Fleisch zu fressen.</p><p>Nuramon war den Albenpfaden ins Gebirge gefolgt. Die Umgebung hier wirkte alles andere als finster, und in diesen H�hen wirkte die Luft fast so klar wie in Albenmark.</p><p>W�hrend des Abstiegs hinab in das weite Tal dachte Nuramon an Noroelle. W�hrend seiner Reise war er an zwei Albensternen vor�bergekommen, deren Pfade versiegelt waren. Er hatte seine Kr�fte an ihnen versucht, doch es war ihm nicht gelungen, die magischen Barrieren zu durchbrechen. Vielleicht war er bereits an Noroelles Pforte gewesen! Er fragte sich, wie er das Tor erkennen sollte, das zu seiner Liebsten f�hrte. Er wusste keine Antwort. Nur die Hoffnung auf das Orakel bewahrte ihn davor zu verzweifeln.</p><p>Bald verbreiterte sich der Pfad und war auch weniger steil, sodass der Elf wieder auf Felbion reiten konnte. W�hrend sie durch die W�lder trabten, dachte er an die Zeit, die er mit Noroelle hatte verbringen d�rfen. Die Erinnerung war so machtvoll, dass sie jeden Zweifel tilgte, den er in seinem Innern hegte. Er w�rde sie eines Tages finden und sie befreien, mit oder ohne Farodin.</p><p>Pl�tzlich blieb Felbion stehen.</p><p>Nuramon schaute sich um. Da raschelte es im Geb�sch zu seiner Linken, und zu seiner Rechten regte sich etwas im Schatten der B�ume.</p><p>�Wer bist du?�, rief eine M�nnerstimme in seiner Sprache, jedoch mit einem ungew�hnlich rauen Akzent.</p><p>Nuramon wandte nicht einmal den Kopf zur Seite, sondern legte nur die Hand an sein Schwert.��Das werde ich dir und deinen Gef�hrten gern sagen, wenn ihr mir wie aufrechte Albenkinder begegnet und nicht wie gemeine Strauchdiebe.�</p><p>�Das sind gro�e Worte f�r jemanden, der die Ruhe dieses Tales st�rt�, entgegnete die Stimme. �Du bist ein Elf.�</p><p>�Und da ihr immer noch im Schatten der B�ume steht und offenbar die Strahlen der Sonne scheut, gehe ich davon aus, dass ihr Kinder der Dunkelalben seid.� Nuramon wusste, dass dies eine gewagte Annahme war. Doch entweder hatte er Recht, oder die Nennung dieses Namens w�rde die feindseligen Albenkinder zumindest einsch�chtern.</p><p>Es kam keine Antwort. Lange geschah nichts. Mit einem Mal raschelte es wieder. Nuramon umfasste sein Schwert fester. Als er aber die Gestalten erblickte, die aus dem Dickicht und dem Schatten der B�ume traten, l�ste er erstaunt die Finger von der Waffe.</p><p>Es waren acht kleine M�nner. Sie hatten lange B�rte und mochten ihm allenfalls bis zur Brust gehen, waren daf�r allerdings recht kr�ftig gebaut. F�nf von ihnen trugen �xte in ihren H�nden, zwei Breitschwerter und einer eine Armbrust. Waren das die Kinder der Dunkelalben?</p><p>Jeder der st�mmigen, kleinen M�nner trug eine schwere Metallr�stung und einen G�rtel, in dem weitere Waffen wie Dolche, Kurzschwerter und Langmesser steckten. Diese Gemeinschaft war zweifellos auf einen Kampf vorbereitet.</p><p>Einer der M�nner trat n�her. Er schien der J�ngste unter ihnen zu sein.��Woher kennst du die Dunkelalben? Und wer hat dir von deren Kindern erz�hlt?�, fragte der Mann, der vorgetreten war. Nuramon erkannte die Stimme als die, die aus dem Wald zu ihm gesprochen hatte.</p><p>�Ich h�rte von ihnen im Angesicht der Ioliden.�</p><p>Die kleinen Gestalten tauschten verwunderte Blicke. �Du hast die Ioliden gesehen?�, fragte der Anf�hrer.</p><p>�Mit meinen eigenen Augen.� Der Elf musste an all die Stunden denken, die er in seinem Haus am Fenster gesessen hatte und auf die blaugrauen Berge geblickt hatte.</p><p>�Du darfst ihm nicht glauben�, sagte der Sch�tze. �Der l�gt doch! Der will nur Zeit gewinnen, um uns zu verzaubern.� Nuramon merkte, dass der Sch�tze auf seinen Kopf zielte, und versuchte, sich seine Anspannung nicht anmerken zu lassen. �Komm, lass mich ihn niederschie�en!�</p><p>�Still!�, rief der Anf�hrer und hob die Hand. Dann wandte er sich wieder an Nuramon.��Sei willkommen in Aelburin. Mein Name ist Alwerich, und dies sind meine Gef�hrten.� Er stellte jeden Einzelnen vor.</p><p>�Mein Name ist Nuramon.�</p><p>�Was f�hrt dich in unser Tal?�, fragte Alwerich.</p><p>�Ich suche die Kinder der Dunkelalben�� und Wissen �ber das Orakel Dareen.�</p><p>�Die Kinder der Dunkelalben hast du gefunden. Was das Wissen �ber das Orakel angeht, so wirst du in unserem Reich gewiss alle Antworten finden, die wir dir bieten k�nnen.�</p><p>�Das klingt sehr gastfreundlich.�</p><p>�Gewiss. Wir sind f�r unsere Gastfreundschaft bekannt.�</p><p>Nuramon lag eine Erwiderung auf der Zunge, doch er verkniff sich jedes spitze Wort.</p><p>�Nun folge uns�, sagte Alwerich.</p><p>�Nur noch eine Frage, bitte.�</p><p>�Nur zu, Elf!�</p><p>�Wenn ihr die Kinder der Dunkelalben seid, dann sagt mir, wieso ihr im Sonnenlicht wandelt. Hei�t es nicht, dass ihr in der Finsternis lebt?�</p><p>Alwerich grinste. �Und ihr Elfen lebt im Licht des Tages, und doch sah ich dich auch bei Nacht wandern.�</p><p>Nuramon f�hlte sich doppelt besch�mt. Er hatte Alwerich in der Nacht nicht bemerkt. Zudem h�tte er mit dessen Antwort rechnen m�ssen. Er hatte sich eine Bl��e gegeben.</p><p>�Wir w�ren dir �brigens dankbar, wenn du uns _Zwerge_ nennen w�rdest�, setzte Alwerich nach.</p><p>Zwerge! Die alten M�rchen erz�hlten von Wesen, die _Twerge_ oder _Getwerg_ genannt wurden. Sie waren Meister des Bergbaus und lebten einst in Albenmark unter der Erde oder im Fels. Dass die Zwerge die Kinder der Dunkelalben waren, h�tte Nuramon nicht gedacht.</p><p>Der Sch�tze senkte nun endlich die Waffe und ging mit seinen Gef�hrten voran. Nuramon folgte ihnen auf Felbion im ruhigen Schritt. Wie er so eine Weile hinter ihnen her ritt, bemerkte er, dass die Zwerge immer wieder misstrauisch zur�ckblickten und dass der Abstand, den sie hielten, nicht etwa ihm galt, sondern Felbion. Mochte es sein, dass die Zwerge sich vor einem Pferd f�rchteten?</p></section><section><title><p>Die Nachtzinne</p></title><p>Da war es wieder, das metallische Scharren. Mandred musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, welchen Ursprung dieses Ger�usch hatte. Farodin stand im Heck. Die Ruderpinne unter die rechte Achsel geklemmt, hatte er einen Dolch gezogen und sch�rfte die Klinge. Seitdem sie Firnstayn verlassen hatten, hatte er das wohl zwei Dutzend Mal getan. Das Ger�usch zerrte an Mandreds Nerven. Es war ein knirschendes, anklagendes Ger�usch. Eines, das den Tod versprach.</p><p>Ragna hatte Recht gehabt. Das Land im hohen Norden war nicht f�r Menschen gemacht. Hier geh�rten Elfen, Trolle und Geister her, aber er war hier fehl am Platz!</p><p>Die Leinen ihres kleinen Bootes waren von Eis �berkrustet. Das steif gefrorene Segel knarrte, wenn sich der Wind darin verfing. Sieben Tage waren sie dem Verlauf der K�ste nach Norden gefolgt. Sehns�chtig dachte Mandred an die Tage auf der _Purpurwind_ in der Aegilischen See. An die W�rme und daran, wie er sich mittags unter dem Sonnensegel ausgestreckt hatte, um zu d�sen.</p><p>Er blickte voraus in das Zwielicht der Winternacht und hielt Ausschau nach Eisbergen. Stumm und drohend zogen die wei�en Giganten nach S�den. Farodin hatte ihn vor allem vor den kleineren Eisbrocken gewarnt, die fast ganz im Wasser verborgen den Rumpf des kleinen Schiffes besch�digen mochten. Mandreds Gedanken schweiften ab. Er war m�de und dachte an Firnstayn. Dort hatten die Frauen sicher schon mit den Vorbereitungen f�r das Mittwinterfest begonnen. G�nse wurden gem�stet, damit sie auf die letzten Tage noch etwas Fett zulegten. Met wurde in gro�en Wannen angesetzt, und der Duft von Honigk�chlein hing gewiss �ber der ganzen Stadt.</p><p>Der Jarl streifte einen seiner F�ustlinge ab und griff in das Fass mit dem Pottwaltran. Ganz z�h war er in der K�lte geworden. Er klaubte einen Klumpen heraus und hielt ihn eine Weile in der Hand, damit er schmolz. Dann trug er den Tran auf sein Gesicht auf und wischte sich die Finger an der schweren Robbenfelljacke ab. Verfluchte K�lte!</p><p>Erbarmungslos trieb Farodin das Boot voran. Nur selten ankerten sie im Windschatten von Klippen oder einer gesch�tzten Bucht, um ein paar Stunden zu schlafen. Der Elf schien eins mit dem Eis geworden zu sein, das sie umgab. Wie erstarrt stand er an der Ruderpinne, den Blick in die Ferne gerichtet. Den Dolch hatte er wohl in dem B�ndel verstaut, das hinter ihm im Heck lag. Manchmal fragte sich Mandred, ob es tats�chlich dieselbe Waffe war, die Farodin sch�rfte. Es passte nicht zu dem Elfen, sinnlos immer wieder dasselbe zu tun. Vielleicht spiegelte sich darin aber auch seine Unruhe, die er sonst sehr wohl zu verbergen verstand.</p><p>Mandred blickte auf und betrachtete den Himmel, um sich vom fruchtlosen Gr�beln zu befreien. Sie waren so weit im Norden, dass die Sonne sich nicht mehr zeigte. Daf�r zog gr�nes Feenlicht von Horizont zu Horizont. Wie Bahnen gefalteten Stoffs wogte es zu ihren H�uptern. Mandred hatte nicht viel zu tun. Farodin h�tte das Boot auch allein steuern k�nnen.</p><p>Oft sa� der Jarl stundenlang im Bug und sah dem Licht am Himmel zu. Es tr�stete ihn in dieser Ein�de aus aufgew�hlter See und schwarzen Klippen. Der Wind biss ihm bis in die Knochen, wenn er so dasa� und tr�umte.</p><p>Turmhohe Gletscher erhoben sich �ber die K�ste. Einmal sah Mandred von fern, wie eine Lawine von Eis in die See st�rzte und das Wasser aufw�hlte. Ein andermal glaubte er eine Seeschlange zu sehen.</p><p>Am neunten Tag ihrer Reise wurde Farodin unruhig. Sie waren in einen Fjord eingelaufen. Graue Nebelfinger krochen ihnen �ber das Wasser entgegen. Mandred stand am Bug und sollte nach verborgenen Riffen Ausschau halten. Das Wasser war ruhig. Bald hatte der Nebel sie verschlungen. Ganz nah war das leise Ger�usch der Brandung zu h�ren.</p><p>Farodin schien schon einmal hier gewesen zu sein. Er wusste um die Untiefen, noch bevor Mandred ihm eine Warnung zurief.</p><p>Ein riesiger Schatten ragte vor ihnen aus dem Dunst. Erst hielt Mandred es f�r eine Klippe, dann sah er ein mattes Licht. Ranziger Geruch hing in der Luft. Der Nebel war jetzt ganz warm. Er kondensierte auf Mandreds Bart.</p><p>Pl�tzlich zerriss eine heisere Stimme die Stille. Sie war tief, wie das Brummen eines zornigen B�ren. Farodin gab ihm ein Zeichen, sich nicht zu bewegen, und legte einen Finger auf die Lippen. Dann antwortete er im selben Tonfall in einer kehligen Sprache, wie Mandred sie noch nie geh�rt hatte.</p><p>Ein knapper Gru� wurde zur�ckgerufen. Dann verschwand der Schatten. Farodin verharrte in angespanntem Schweigen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Der Nebel nahm Mandred jedes Zeitgef�hl. Endlich nickte der Elf ihm zu. �Bald erreichen wir die Nachtzinne. Es gibt warme Quellen hier im Fjord. Sie halten ihn den ganzen Winter �ber eisfrei. Sie sind auch schuld am Nebel, der die Trollburg verbirgt. Du wei�t, wie du dich zu verhalten hast?�</p><p>Mandred nickte. Das, was auf der Nachtzinne geschehen sollte, war das einzige Gespr�chsthema gewesen, das Farodin w�hrend der Reise geduldet hatte. Was allerdings nicht hie�, dass sie �ber die Pl�ne des Elfen diskutiert h�tten. Doch er traute seinem Gef�hrten. Farodin wusste schon, was er tat!</p><p>Unwillk�rlich hatte der Jarl eine Hand auf die Axt in seinem G�rtel gelegt. Er dachte an Farodins Ratschl�ge f�r den Kampf gegen Trolle und an die Geschichten, die er in seiner Kindheit geh�rt hatte. Trolle jagte man in Gruppen, so wie H�hlenb�ren. Ein Mann allein konnte nicht gegen sie bestehen. Doch dann dachte er an seinen Sohn. Alfadas war den Elfen im dritten Trollkrieg zu Hilfe geeilt. In vielen blutigen Schlachten hatte er gegen diese Ungeheuer gesiegt. Aber zuletzt war er doch von ihnen get�tet worden, ermahnte sich Mandred. Er strich �ber sein Axtblatt. Ein Grund mehr, hierher zu kommen!</p><p>Der Nebel teilte sich. Vor ihnen erhoben sich zerkl�ftete Klippen. Farodin deutete auf einen Felsen, der vage an einen Wolfskopf erinnerte.��Dort gibt es eine H�hle, die man vom Fjord her nicht einsehen kann. Das letzte Mal habe ich dort mein Boot versteckt.�</p><p>�Du warst also schon einmal hier.�</p><p>Der Elf nickte.��Vor mehr als vierhundert Jahren habe ich schon einmal die Nachtzinne besucht. Damals habe ich den Herzog der Trolle get�tet, ihren Kriegsherrn, der die Heere der Trolle bei den Feldz�gen in Albenmark anf�hrte.�</p><p>Das war Farodin! Sein Wissen erst im letzten Augenblick weitergeben! �Das h�ttest du mir wirklich fr�her sagen k�nnen!�, brummte Mandred.</p><p>�Warum? H�tte es etwas an deiner Entscheidung ge�ndert?�</p><p>�Nein, aber ich���</p><p>�Dann war es also unn�tig, dass du es wusstest. Es gibt �brigens doch eine �nderung in unserem Plan. Du wirst allein zur Nachtzinne gehen.�</p><p>Mandred klappte der Kiefer herunter.��Was!�</p><p>�Mich w�rden sie niemals in ihre Feste lassen. Wei�t du, wie sie mich nennen? Tod in der Nacht. Sie werden mich umbringen, sobald sie mich sehen. Du siehst also, es ist unumg�nglich, dass du allein losziehst. Ich werde einen anderen Weg in die Burg finden. Als vermeintlicher Gesandter stehst du hingegen unter Gastrecht. Sie k�nnen dir nichts tun, solange du das Gastrecht nicht verletzt. Sie werden allerdings versuchen, dich dazu zu verleiten. Dem musst du widerstehen, ganz gleich, was sie tun!�</p><p>�Und warum sollten sie mich als Gesandten empfangen? Einen Menschen! Sie fressen meinesgleichen!�</p><p>Farodin kniete nieder und �ffnete das B�ndel, das er im Heck verwahrt hatte. Er zeigte Mandred einen Eichenzweig, der in feines Leinen eingeschlagen war. �Deshalb werden sie dich empfangen. Dies ist der Zweig eines Seelenbaumes. Nur Boten der K�nigin tragen dieses Zeichen. Sie sind unber�hrbar.�</p><p>Verwundert nahm Mandred den Zweig entgegen und schlug ihn wieder in das Tuch ein. �Der ist doch echt, oder? Woher hast du ihn?�</p><p>Farodin war die Frage offensichtlich unangenehm.��Er ist aus einer Eichel Atta Aikhjartos erwachsen. Ich hoffe, du verzeihst mir meine Tat. Wir brauchen ihn.�</p><p>�Du hast ihn von der Eiche �ber Freyas Grab geschnitten?�</p><p>�Sie hat es mir erlaubt. Sie wei�, wof�r wir den Ast brauchen.�</p><p>Mandred fragte sich, ob Farodin die Eiche oder Freyas Geist meinte. Seine H�nde fingen an zu zittern. Er klemmte sie unter die Achseln. Farodin musste das Zittern bemerkt haben.��Verdammt kalt�, murrte der Jarl. Er wollte nicht wie ein Feigling dastehen.</p><p>�Ja.� Farodin nickte. �Sogar mir ist es kalt. Denk an Yilvina. Sie und die anderen sind es wert, was wir wagen.�</p><p>Das Boot umrundete einen Felsen, der hoch wie ein Turm aus dem Fjord ragte. Sie steuerten jetzt geradewegs dem Steilufer entgegen. Der Elf man�vrierte geschickt zwischen den Klippen hindurch. Dann legten sie den Mast nieder. Mandred griff nach den Rudern und stemmte sich gegen die Kraft der Gezeiten. Dicht vor ihnen, zwischen den Felsen verborgen, �ffnete sich ein flacher H�hleneingang.</p><p>�Man kann die H�hle nur bei Ebbe finden!�, rief Farodin gegen das Fauchen der Gischt an. �Schon bei mittlerer Flut liegt der Eingang unter dem Wasser verborgen.�</p><p>Bei dem Gedanken, sich in eine H�hle zu begeben, die bei Flut offenbar unter Wasser stand, zog sich Mandred der Magen zusammen. Farodin wei� schon, was er tut, ermahnte er sich erneut in Gedanken. Doch diesmal half es nicht, seine Unruhe zu besiegen.</p><p>Sie mussten die K�pfe einziehen, so niedrig war der H�hleneingang. Ein Sog packte das Boot und zerrte es voran. Augenblicklich befanden sie sich in v�lliger Finsternis. Die Bordwand schrammte an unsichtbaren Felsen vorbei. Mandred schrie auf.</p><p>Endlich kamen sie in ruhigeres Fahrwasser. Farodin entz�ndete eine Laterne und hielt sie hoch �ber den Kopf. Umgeben von einer kleinen Insel von Licht glitten sie voran. Mandred stemmte sich in die Riemen und blickte ab und an �ber die Schulter. Ein St�ck voraus kam ein breiter Kiesstreifen in Sicht. Knirschend schob sich das Boot auf das Ufer.</p><p>Sie sprangen von Bord und zogen ihren zerbrechlichen Segler bis weit �ber die Flutmarke das Ufer hinauf. Staunend sah Mandred sich um. Die H�hle war viel gr��er, als er zun�chst angenommen hatte.</p><p>Farodin trat an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. Wohlige W�rme durchrieselte ihn. �Ich danke dir daf�r, dass du mit mir gekommen bist, Menschensohn. Allein w�rde ich diesmal nicht bestehen k�nnen.�</p><p>Mandred zweifelte daran, dass er eine gro�e Hilfe sein w�rde. Es kostete ihn all seine Kraft, die Angst in seinem Innern zu beherrschen. Das war Farodin gewiss nicht verborgen geblieben.</p><p>Der Elf f�hrte ihn �ber ein Felssims am Wasser entlang zu einem versteckten Ausgang. Sie balancierten �ber glatte, eisverkrustete Felsen, bis sie schlie�lich einen Strand erreichten. Nun war die Zeit des Abschieds gekommen. Einen Moment standen sie einander stumm gegen�ber. Dann packte Farodin Mandreds Handgelenk im Kriegergru�. Es war das erste Mal, dass sein Gef�hrte sich auf diese Weise von ihm verabschiedete. Die Geste sagte mehr als alle Worte.</p><p>Mit federnden Schritten eilte Farodin �ber den Strand davon und verschwand im Nebel. Er hinterlie� nur flache Spuren im Schnee, die der Wind bald verwehte. Mandred wandte sich ab und hielt sich dicht am Wasser. Die vereisten Steine knirschten unter seinen Schritten. Dort, wo die Brandung �ber den grauen Kies sp�lte, lag kein Schnee. Hier w�rde auch er keine verr�terischen Spuren hinterlassen.</p><p>Wohl eine Stunde lief er den Strand entlang, bis der Nebel von einem Augenblick zum anderen verschwand. Ohne Deckung konnte ihn keine Wache �bersehen. Er hatte auch das Gef�hl, beobachtet zu werden, doch niemand zeigte sich. Mandred wich einen Schritt zur�ck und drehte sich um. Ihm war, als h�tte er eine unsichtbare Grenze �berschritten. Hinter ihm griffen lange Nebelfinger von der See her �ber den Kies. Vor ihm aber war die Nacht klar.</p><p>Das Feenlicht glitt ungew�hnlich tief �ber den Himmel. Vor Mandred erhob sich eine schroffe Felszinne, aus der ein riesiger Turm wuchs. Matt schimmerte gelbes Licht hinter tr�ben Fenstern. Die Nachtzinne sah ganz anders aus, als er sich ein Bauwerk von Trollen vorgestellt hatte, fast wie eine etwas gr�bere, dunkle Variante von Emerelles Elfenburg. Flankiert von Pfeilern und St�tzbogen, ragte der Turm weit hinauf in den Himmel und ber�hrte das Feenlicht. Das Bauwerk musste hunderte Fenster haben. An einigen Stellen wuchsen Pfeiler wie riesige Dornen aus dem Mauerwerk. Ohne Zweifel war die Nachtzinne ein meisterliches Bauwerk, doch hatte der Baumeister seine ganze Kunstfertigkeit darauf verwendet, sie d�ster und bedrohlich wirken zu lassen.</p><p>Mandred schlug den Eichenzweig aus dem Leintuch und hielt ihn wie einen Schild vor der Brust. Er dachte an Luth, den Schicksalsgott, und daran, dass es niemanden geben w�rde, der sein Heldenlied sang, wenn er in dieser Nacht starb. H�tte er auf Ragna h�ren sollen? Die Nacht mit ihr war ganz anders gewesen als all die Abenteuer in den Hurenh�usern. Sie liebte ihn wirklich. Ihn, ihren Urahnen! Nein, aus dieser Liebe k�nnte niemals etwas werden. Obwohl zwischen ihm und ihr so viele Generationen lagen, f�hlte er sich beim Gedanken an jene Nacht unwohl. Es war gut, dass er mit Farodin gezogen war.</p><p>�Was macht ein Menschensohn im Schatten der Nachtzinne?�, erklang pl�tzlich eine tiefe Stimme. Unter einem Fels�berhang vielleicht zwanzig Schritt entfernt trat eine h�nenhafte Gestalt hervor. Sie ma� mehr als eineinhalb Mannl�ngen und hatte ein Ehrfurcht gebietend breites Kreuz. Selbst die Unterarme des Trolls, der trotz der K�lte nur ein Fell um die Lenden trug, waren m�chtiger als Mandreds Oberschenkel. Das Gesicht seines Gegen�bers konnte Mandred in dem kalten Feenlicht nicht deutlich erkennen. �berhaupt haftete der ganzen Gestalt etwas Unbest�ndiges, Schattenhaftes an. �Was willst du hier?�, fragte der W�chter mit schwerem Akzent in der Sprache der Fjordlande.</p><p>�Ich bin ein Gesandter von Emerelle, der K�nigin der Elfen.� Der Jarl hielt den Eichenzweig hoch. �Und ich fordere die Gastfreundschaft von Orgrim, dem Herzog der Nachtzinne.�</p><p>Ein glucksender Laut erklang. �Du forderst?� Der Troll beugte sich vor und nahm den Zweig. Einen Moment verharrte er und schnupperte. �Du riechst tats�chlich nach Elf, Menschlein.� Vorsichtig strichen die knotigen H�nde �ber den Zweig. Er blickte hinaus auf die dunkle See.��Wie bist du hierher gelangt?�</p><p>Mandred blickte auf. Noch immer konnte er das Gesicht seines Gegen�bers nicht deutlich erkennen. Der Jarl w�nschte sich, er w�sste mehr �ber die Trolle. In den Geschichten, die er in seiner Kindheit �ber sie geh�rt hatte, galten sie nicht gerade als klug. Ob er eine L�ge durchschauen w�rde? �Wei�t du, was die Albenpfade sind?�</p><p>Der Troll nickte.</p><p>�Ich bin �ber die Albenpfade gewandert. Ein Elf hat mir ein niederes Tor ge�ffnet, nicht weit von hier am Strand. So bin ich ins Herz des Trollreichs gelangt.� Mandred war zufrieden mit seiner L�ge. Sie erkl�rte, warum Sp�her ihn nicht schon fr�her entdeckt hatten.</p><p>�So�, war alles, was der Troll dazu sagte. Unvermittelt drehte er sich um.��Folge mir!�</p><p>Der Troll brachte Mandred zu einem felsums�umten Hafen am Fu� der Nachtzinne. Dort lagen riesige dunkle Schiffe vert�ut. Sie sahen aus wie Festungen, die man das Schwimmen gelehrt hatte. Von der Hafenmole f�hrte ein Weg die Klippe hinauf. Er m�ndete in einem weiten Tunnel, den Barinsteine sp�rlich beleuchteten.</p><p>Immer wieder passierten sie W�chter � finstere Gestalten, die sich auf schwere Kn�ppel und manngro�e Stein�xte st�tzten. Keiner richtete eine Frage an sie. Mandred hatte das Gef�hl, dass sein F�hrer gro�es Ansehen genoss. Jetzt im Licht der Barinsteine konnte er ihn besser erkennen. Seine Haut war von einem dunklen Grau mit hellen Einsprengseln, was sie ein wenig wie Granit aussehen lie�. Der Troll hatte eine fliehende Stirn, und sein Unterkiefer war vorgeschoben. Merkw�rdig waren seine Augen. Sie gl�hten bernsteinfarben, so wie bei Xern, dem ersten Albenkind, dem er begegnet war. Die Arme des Trolls passten nicht zu den Ma�en des K�rpers, sie erschienen Mandred zu lang. Knotige Muskelstr�nge legten Zeugnis von ihrer St�rke ab. Im Kampf musste ein Troll ein schrecklicher Gegner sein.</p><p>Endlich erreichten die beiden eine weite Halle. Hier waren wohl an die hundert Trolle versammelt. Manche tranken oder spielten mit Knochenw�rfeln, andere hatten sich an Feuerstellen ausgestreckt und schliefen. Es stank bestialisch nach altem Fett, s�uerlichem Erbrochenen und vergossenem Bier. Der Ort war mehr eine H�hle denn eine Festhalle, dachte Mandred. Entlang der W�nde standen grob gezimmerte Tische und B�nke, doch die meisten Trolle schienen lieber auf dem Boden zu hocken. Sie alle waren erschreckend gro�. Sein F�hrer vom Strand war keinesfalls ein H�ne unter seinesgleichen. Mandred sch�tzte, dass die Gr��ten hier im Saal fast vier Schritt vom Scheitel bis zur Sohle ma�en. Erst auf den zweiten Blick bemerkte er, dass keiner von ihnen Haare hatte. Viele schm�ckten ihre grobschl�chtigen Gesichter und kahlen Sch�del mit verschlungenen Mustern aus Ziernarben.</p><p>Unruhe erhob sich, als die H�nen Mandred gewahrten. Bellende Rufe erklangen. Sein W�chter hielt den Zweig hoch und br�llte auf; seine Stimme �bert�nte alle anderen. Daraufhin wurde es ein wenig ruhiger. Doch in den bernsteinfarbenen Augen der Trolle las Mandred unverhohlenen Hass.</p><p>In der Ferne erklang der Ruf eines Horns. Der Jarl musste an Farodin denken. Hatten die Trolle ihn am Ende aufgesp�rt?</p><p>Breitbeinig lie� sich sein F�hrer auf einer der B�nke nieder und grinste ihn frech an. �Sag, was du uns zu sagen hast, Menschlein.�</p><p>�Verzeih, aber ich werde nur mit Herzog Orgrim sprechen�, beharrte der Jarl und sah sich um in der Hoffnung, vielleicht irgendwo einen Troll mit goldenen Armreifen und schweren Silberketten zu sehen. Daran erkannten die Sagenhelden stets die F�rsten des gro�en Volkes. Doch hier trug keiner solchen Schmuck.</p><p>Sein F�hrer rief etwas in den Saal. Darauf erhob sich ringsherum lautes Grunzen. Mandred brauchte einige Augenblicke, bis er begriff, dass dies Gel�chter sein musste.</p><p>�Was ist so komisch?�, fragte er k�hl.</p><p>Sein F�hrer zupfte an seiner Unterlippe und sah ihn eindringlich an. �Du wei�t es wirklich nicht, nicht wahr?�, fragte er schlie�lich mit seinem schweren Akzent.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich bin Orgrim, der Herzog der Nachtzinne.�</p><p>Mandred sah sein Gegen�ber skeptisch an. Trieb der Kerl Scherze mit ihm? Er unterschied sich durch nichts von den anderen Trollen rings herum. Wenn er allerdings tats�chlich der Herzog war und er ihm nun nicht antwortete, dann beleidigte er ihn. Gab er hingegen nur vor, der Anf�hrer der Trolle zu sein, und Mandred enth�llte ihm die falsche Botschaft, dann konnte man ihm � zumindest nach menschlichen Ma�st�ben � nicht vorwerfen, sich gegen�ber seinem Gastgeber unh�flich verhalten zu haben.</p><p>�K�nigin Emerelle w�nscht Auskunft dar�ber zu erhalten, ob sich noch Elfen in Gefangenschaft befinden.�</p><p>Orgrim rief etwas in die Runde. Es kam Mandred so vor, als grinsten einige der Trolle geh�ssig. Dann klatschte der Herzog in die H�nde und gab einen Befehl.</p><p>�Man wird uns Speis und Trank bringen�, sagte Orgrim f�rmlich. �Es soll nicht hei�en, ich h�tte einem Gast nicht das Beste aufgetischt, was die Vorratskammern der Nachtzinne zu bieten haben.�</p><p>Zwei armlange Trinkh�rner wurden herangeschafft. Orgrim setzte seines an die Lippen und leerte es in einem Zug. Dann blickte er erwartungsvoll zu Mandred.</p><p>Der Jarl hatte schon M�he, sein Horn nur zu heben. Er durfte sich auf keinen Fall betrinken! Nicht in dieser Nacht! Doch wenn er gar nichts trank, dann beleidigte er seinen Gastgeber. So nahm er einen Schluck und lie� einen guten Teil des klebrigen Mets in seinen Bart laufen.</p><p>Orgrim lachte laut. �Bei uns trinken ja selbst Kinder mehr als du, Menschlein.�</p><p>Mandred setzte sein Horn ab.��Wenn ich mich hier so umsehe, dann kommt es mir so vor, dass bei euch die Kinder vielleicht schon mit meiner Statur auf die Welt kommen.�</p><p>Der Herzog schlug ihm auf die Schulter, worauf Mandred fast von der Bank gest�rzt w�re. �Gut gesprochen, Menschlein. Unsere Neugeborenen sind wahrlich nicht solche zarten rosa W�rmchen wie eure Kinder.�</p><p>�Um noch einmal auf die Frage der Elfenk�nigin zu kommen���</p><p>�Es gibt hier keine Elfen in Gefangenschaft.� Wieder zupfte der Herzog an seiner Unterlippe.��Wer behauptet so etwas denn?�</p><p>�Eine Elfe, die hier in Gefangenschaft war�, entgegnete Mandred knapp.</p><p>Der Trollf�rst st�tzte das Kinn auf beide H�nde und sah ihn nachdenklich an. �Welch ein verwirrtes Wesen muss das nur sein? Der Krieg ist lange vorbei. Alle Gefangenen sind ausgetauscht.� W�re nicht der wuchtige Unterkiefer mit den vorstehenden Hauern gewesen, w�re Orgrim wohl ein gewinnendes L�cheln gegl�ckt. So aber schnitt er eine Furcht einfl��ende Grimasse. �Ich hoffe doch sehr, dass Emerelle das Gerede nicht ernst genommen hat.�</p><p>Mandred war zutiefst verunsichert. H�tte ihm ein anderer als Farodin von Shalawyns Gefangenschaft berichtet, er h�tte Orgrim wohl geglaubt. Der Herzog war v�llig anders, als er sich einen Troll vorgestellt hatte. In den Geschichten waren sie dumme, grobschl�chtige Menschenfresser, die man leicht an der Nase herumf�hren konnte. Auf Orgrim traf nichts von alledem zu. Im Gegenteil! Mandred hatte das Gef�hl, dass der Herzog mit ihm sein Spiel trieb.</p><p>Ein altes Trollweib lie� sich am anderen Ende der Tafel nieder. Sie hatte eine flache Holzschale mit Suppe mitgebracht und einen gro�en, krumm geschnittenen L�ffel. Ihr derbes Kleid war mit hunderten von Flicken besetzt, von denen keine zwei aus dem gleichen Stoff waren. Ein milchiger Film �berzog ihre Augen. Sie blinzelte angestrengt, wann immer sie von ihrer Sch�ssel aufblickte. Um den faltigen Hals hatte sie etliche Lederriemen mit Gl�cksbringern geh�ngt: kleine Figuren, die aus Knochen geschnitzt waren, steinerne Ringe, Federn, einen vertrockneten Vogelkopf und etwas, das aussah wie ein halber Rabenfl�gel.</p><p>�Wer ist das?�, fragte Mandred fl�sternd seinen Gastgeber.</p><p>�Sie hei�t Skanga und ist so alt wie unser Volk.� In Orgrims Stimme lag Respekt, ja vielleicht sogar ein wenig Angst. Er sprach sehr leise. �Sie ist eine machtvolle Schamanin, die mit den Geistern spricht und St�rme bes�nftigen oder herbeirufen kann.�</p><p>Verstohlen blickte Mandred zu dem alten Weib. Ob sie in seinen Gedanken lesen konnte? Dann war es besser, an harmlose Dinge zu denken! �Nach dem langen Weg durch die Wildnis bin ich halb verhungert. Ich k�nnte glatt der Alten ihre Sch�ssel klauen!�</p><p>Wortreich entschuldigte sich der Herzog daf�r, dass es mit dem Essen etwas l�nger dauerte. Es sollte erst noch geschlachtet werden, damit das Fleisch ganz frisch auf die Tafel kam. Orgrim erz�hlte, dass Schwein viel zarter schmeckte, wenn man die Tiere vor dem Schlachten ein wenig weich klopfte. Das Geheimnis war angeblich, das Tier niederzuschlagen, bevor es ahnte, dass es get�tet werden sollte. Orgrim behauptete, dass Angst �ble S�fte hervorrief, die das Fleisch verdarben. Mandred hatte von derlei Dingen noch nie geh�rt, doch der Herzog klang recht �berzeugend.</p><p>W�hrend sie warteten, verk�rzte Orgrim ihm die Zeit, indem er von der Jagd auf Pottwale erz�hlte. Er schmeichelte Mandred auch, indem er die K�hnheit der Menschen lobte, die im letzten Krieg an der Seite der Elfen gestritten hatten. Besonders hob er die Taten des Heldenk�nigs Alfadas hervor.</p><p>Mandred l�chelte still in sich hinein. Was Orgrim wohl sagen w�rde, wenn er w�sste, dass er neben dem Vater von Alfadas sa�? Nun, er w�rde es ihm nicht verraten. Schwerm�tiger Stolz ergriff ihn, als der Herzog von den Schlachten erz�hlte, in denen sein Sohn gek�mpft hatte.</p><p>Endlich wurde den beiden aufgetragen. Ein aufgedunsener, speckwangiger Troll brachte zwei gro�e Holzplatten herein. Auf ihnen lag duftender Braten, garniert mit goldbraunen Zwiebelringen. Das gr��ere der beiden Bratenst�cke h�tte ohne M�he ausgereicht, drei ausgehungerte M�nner satt zu machen. Der kleinere Braten mochte vielleicht zwei Pfund wiegen, sch�tzte Mandred.</p><p>�Als Gast steht dir die Wahl zu.� Orgrim wies auf die Holzbretter.��Welchen der beiden Braten m�chtest du?�</p><p>Der Jarl dachte an Farodins warnende Worte. Wenn er das gr��ere St�ck nahm und nur einen kleinen Teil davon a�, mochten die Trolle das als Beleidigung auffassen.��In Anbetracht meiner Statur w�re es mehr als vermessen, nach dem gr��eren St�ck zu fragen�, sagte Mandred gestelzt. Der Bratenduft lie� ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. �Ich w�hle deshalb das kleinere St�ck.�</p><p>�So sei es.� Der Trollf�rst nickte dem fetten Koch zu, und dieser setzte die schweren Holzplatten vor ihnen auf den Tisch.</p><p>Orgrim a� mit den Fingern. Ohne M�he zerrupfte er das Fleisch und schob es sich in gro�en St�cken in den Schlund. Dazu wurde ihnen frisch gebackenes Brot aufgetragen, das sie in die So�e tunkten.</p><p>Mandred zog das Messer aus seinem G�rtel und zerteilte den Braten in sechs dicke Scheiben. Als er das Fleisch anschnitt, quoll dunkles Blut in die schwere Zwiebelso�e. Der Braten war k�stlich. Er hatte eine gute Kruste, war im Innern aber noch zart und blutig. Begierig a� Mandred. In den langen Tagen auf dem Boot hatte es nichts Warmes mehr zu essen gegeben. Der Bratensaft troff ihm von den Mundwinkeln, w�hrend er kaute. Gen�sslich tupfte er mit dem frischen Brot So�e und Zwiebeln auf. Dazu trank er den schweren Met. Orgrim verstand sich wahrlich darauf, seine G�ste zu verw�hnen.</p><p>Die �brigen Trolle verhielten sich allerdings merkw�rdig. Im Laufe des Festmahls wurden sie immer stiller. Einige brieten ihrerseits Fleisch auf langen h�lzernen Spie�en. Die meisten jedoch starrten einfach nur zu Mandred. Ob sie ihn wohl um sein k�stliches Mahl beneideten? Langsam f�hlte er sich unter ihren dr�ngenden Blicken unwohl.</p><p>Mit einem stattlichen R�lpser beendete Mandred sein Mahl. Er hatte nicht alles Fleisch essen k�nnen. Er sa� vorn�bergebeugt auf der Holzbank und st�hnte leise.</p><p>�Darf ich dir noch etwas anbieten?�, fragte Orgrim h�flich. �In Honig eingelegte Apfelst�cke vielleicht? K�stlich, sage ich dir. Wirklich k�stlich! Scandrag, mein Koch, ist ein wahrer K�nstler.�</p><p>Mandred strich sich �ber den Bauch. �Bitte verzeih mir. Wie sagtest du gleich? Ich bin nur ein Menschlein. Ich kann nicht mehr.�</p><p>Orgrim klatschte in die H�nde. Wenig sp�ter erschien der Troll, der ihnen aufgetragen hatte, mit einer zweiten, gro�en Holzplatte. Darauf ruhten zwei umgest�lpte K�rbe. Die Platte war dunkel von geronnenem Blut.</p><p>�Bei uns ist es Sitte, dem, was man gegessen hat, ins Auge zu blicken. Ein Brauch der J�ger, wenn du so willst.� Orgrim schnippte mit den Fingern, und der Troll stellte die Platte auf einen benachbarten Tisch. Dann hob er den gr��eren der beiden K�rbe. Darunter lag ein Wildschweinkopf mit weit klaffendem Maul. Seine Hauer waren lang wie Dolche, so wie beim Manneber. Es musste ein au�ergew�hnlich gro�es Tier gewesen sein.</p><p>Der Herzog begl�ckw�nschte seinen Koch zu dem vorz�glich zubereiteten Mahl. Dann hob dieser den zweiten Korb. Darunter lag der Kopf einer Frau mit kurzem blondem Haar.</p><p>Ihre Stirn war aufgeplatzt, die linke Augenbraue v�llig zerschunden. Spitze Ohren stachen durch das kurze Haar. Ihre Haut war so blass, wie Mandred es noch nie bei einer Elfe gesehen hatte. Fast sah sie aus wie frisch gefallener Schnee.</p><p>Ungl�ubig starrte Mandred in das Gesicht. Die Verletzungen waren offenbar durch einen Kn�ppelhieb hervorgerufen worden. Der Jarl kannte diese Elfe so gut wie seinen eigenen Sohn. Drei Jahre waren sie Seite an Seite geritten. Yilvina! Sein Magen zog sich zusammen und b�umte sich ruckartig auf.</p></section><section><title><p>Das Zwergenreich</p></title><p>Als sie nach einem Tag und einer Nacht endlich den Wald verlie�en, traute Nuramon seinen Augen kaum. Vor ihnen erhob sich eine gigantische Felswand � die Mauern des Zwergenreiches. Ein gewaltiges Eisentor bildete den Eingang. In die Felswand waren Fenster, Spalten und Scharten geschlagen. Am meisten jedoch beeindruckten Nuramon all die T�rme, die wie Pilze aus dem Stein wuchsen und sich gen Himmel reckten. Wer immer dies erbaut hatte, war ein Meister seines Handwerks gewesen.</p><p>Nuramon stieg von Felbion ab; er konnte den Blick nicht von der Feste abwenden. �Das ist beeindruckend, nicht wahr?�, fragte Alwerich.��Ihr Elfen k�nnt so etwas gewiss nicht bauen.�</p><p>Nuramon starrte auf die Banner, die von den T�rmen wehten. Gewaltige Stoffbahnen zeigten einen silbernen Drachen auf rotem Grund, so gro�, dass man das Wappen auf viele Meilen erkennen konnte. F�r wen waren diese Banner gedacht? Die Zwerge lebten so zur�ckgezogen, dass wohl kaum ein Fremder seinen Weg hierher fand. Offenbar ging es ihnen nicht um das N�tzliche, sondern um den Anblick, der sich hier bot. In dieser Hinsicht waren die Zwerge den Elfen �hnlich, wenngleich dieses meisterliche Bauwerk alles andere als bescheidene Angemessenheit ausdr�ckte.</p><p>Nuramon folgte den Zwergen auf ihrem Weg zum Tor. Je n�her sie diesem zweifl�geligen Unget�m kamen, desto kleiner f�hlte sich der Elf. Es war eine riesige Pforte f�r so kleine Gesch�pfe wie die Zwerge. Doch vielleicht befand sich irgendetwas in ihrem Reich, das diese Gr��e verlangte. Er schaute zum Banner auf und musterte das Wappentier. Dieses Tor mochte genug Platz bieten, um einem Drachen den Eintritt zu erlauben.</p><p>Vor dem Tor befanden sich keine Wachen, doch Nuramon fielen die zahlreichen Schie�scharten auf und auch der lang gezogene Balkon hoch �ber ihnen. An diesem Eingang brauchte man keinen weiteren W�chter. Ohne dass Nuramons Begleiter irgendetwas sagen mussten, knackte es nahe dem Tor, und quietschend und kreischend schoben sich die Fl�gel ihnen entgegen. Wie hatten die Zwerge es geschafft, ein so gro�es Tor aus Eisen zu schmieden? Wie hatten sie es bewegt, wie hatten sie es aufgerichtet? Nuramon fiel nur Zauberei als Antwort ein.</p><p>Auf dem Tor waren in groben Zierrahmen Jagdszenen, k�mpfende Heldengestalten und Landschaften abgebildet. Das oberste Bild war wegen der H�he des Tores nur vage zu erkennen. Es zeigte ein Gebirge, und Nuramon war sich sicher, dass es sich dabei um die Ioliden handelte. In das Tor waren Schriftzeichen eingeritzt. Schon auf den ersten Blick erkannte Nuramon, dass es sich um die gleiche Schrift wie an der Pforte des Orakels Dareen handelte.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht und war an den richtigen Ort gekommen. In solch einer gewaltigen Festung musste es einfach einen Zwerg geben, der bereit war, ihn zum Orakel zu begleiten!</p><p>Zwischen den sich �ffnenden Torfl�geln hindurch konnte Nuramon einen ersten Blick ins Innere des Zwergenreiches werfen. Jenseits der Schwelle �ffnete sich eine gewaltige Halle, die von baumgleichen S�ulen gest�tzt wurde. Sonnenlicht fiel durch schmale Lichtsch�chte hoch oben im Fels ins Innere und ber�hrte an vielen Stellen den Boden. Barinsteine in den unterschiedlichsten Farben waren an den S�ulen angebracht und spendeten dort Licht, wo die Sonnenstrahlen nicht hingelangten. In der Halle herrschte reges Treiben. Auch wenn zahlreiche Zwerge den Ank�mmlingen neugierig entgegenblickten, schienen die meisten ihrer allt�glichen Wege zu gehen.</p><p>�H�ttest du etwas dagegen, wenn dein Reittier drau�en auf dich wartet?�, fragte Alwerich.</p><p>Nuramon erkl�rte sich einverstanden und fl�sterte Felbion etwas zu. Der Hengst trabte davon, um in der N�he des Tors zu grasen. Er wirkte zufrieden damit, auf dieser saftigen Wiese zur�ckzubleiben.</p><p>Die Zwerge f�hrten Nuramon ins Innere. Hier sah er nun zum ersten Mal eine Wache. Sie stand zu seiner Rechten und fragte Alwerich, wer der Elf sei und wohin der Zwerg ihn zu f�hren gedenke. Alwerich nannte den Namen und erkl�rte, dass Nuramon aus Albenmark komme. �Ich werde ihn zum K�nig bringen�, setzte Alwerich nach.</p><p>Sie durften passieren. Nuramon bemerkte ein gro�es Rad, an dem mehrere Dutzend Zwerge angestrengt drehten. Das Tor schloss sich langsam.</p><p>�Hier entlang�, sagte Alwerich und deutete voraus.</p><p>Die Zwerge, die ihnen auf dem Weg durch die imposante Feste begegneten, trugen alle Metall am K�rper, obwohl sie hier doch gewiss keine Gefahr erwartete. Anscheinend war das Metall f�r die Zwerge mehr Kleidung als R�stung. Manche bevorzugten schwere Kettenhemden und wirkten darin ausnehmend wehrhaft; andere trugen grobmaschige Hemden �ber leichtem Stoff, die mit Metallpl�ttchen besetzt waren. Offenbar gab es keine Kleidung, die ohne Metall auskam.</p><p>All die Zwerge, die ihren Weg kreuzten, musterten Nuramon, als h�tten sie noch nie in ihrem Leben einen Elfen gesehen. Und das mochte wohl auch stimmen. Manche fl�sterten, manche gr��ten ihn zur�ckhaltend. Er begegnete ihnen freundlich und hoffte, dass seine Gesten richtig verstanden wurden.</p><p>Zum ersten Mal erblickte der Elf auch Zwergenfrauen, in deren Kleidung die ganze Kunstfertigkeit dieses Bergvolkes zum Ausdruck kam. Metallf�den und Schmuckst�cke zierten die Kleider; selbst jene, die sich Gold oder Silber wohl nicht leisten konnten, trugen sch�n verzierte Arbeiten aus weniger edlem Metall. Besonders fiel Nuramon eine Zwergin auf, auf deren Kleid blattf�rmige Kupferpl�ttchen angebracht waren. Obwohl sie von der Statur her klein und breit war, erinnerte sie ihn an eine Baumfee, wie er sie einmal als Gast bei Alaen Aikhwitan gesehen hatte.</p><p>Die Gesichter der Frauen wirkten weich und liebensw�rdig. Sie trugen ihr Haar lang und meist zu Z�pfen geflochten. Die Frau mit dem Kupferkleid hatte blondes Haar, das in vier dicken Z�pfen auf ihre Schultern fiel. Dass Nuramon sie so eingehend betrachtete, machte sie offenbar verlegen. Sie l�chelte ihn an, wandte dann die dunklen Augen ab und schaute zu Boden.</p><p>Als Alwerich und die Seinen ihn vom Hauptweg zwischen den S�ulen nach rechts f�hrten, fragte sich Nuramon, warum ihm als Elf diese Welt aus Stein so zusagte, obwohl er in den Zwergenhallen bisher nicht einmal Pflanzen gesehen hatte. Durfte er diese Gefilde sch�n finden? Oder war es einmal mehr sein besonderer Blick, �ber den seine Sippe daheim in Albenmark stets gespottet hatte? Er wusste es nicht zu sagen. Dennoch verhielt es sich so, dass er diese Umgebung als sch�n empfand, auch wenn sie ihm fremd war und er sich zwischen den gedrungenen Zwergen wie ein schlanker Riese vorkam.</p><p>Nuramon folgte Alwerich in eine weitere Halle, die nicht minder beeindruckend war als der Eingang in das Reich der Zwerge. Die S�ulen gruppierten sich hier auf breiten Sockeln zu Pfeilern, die gewaltige Bogen st�tzten. Breite Treppen schufen kleine Pl�tze und verbanden sie miteinander. Man bewegte sich �ber die jeweiligen Stufen von Platz zu Platz und stieg so Ebene um Ebene auf. Viele der Pl�tze wurden von Zwergen genutzt. Da standen Tische und B�nke, auf denen unterschiedlichste Waren feilgeboten wurden. Dies war ein Markt, und hier ging es laut zu. Das Gerede der Zwerge wurde von einem Rauschen untermalt. Irgendwo in der N�he musste ein Wasserfall sein.</p><p>Am Rande der Halle erreichten sie eine Treppe, die rasch anstieg, aber von m�chtigen S�ulen geteilt wurde. Davor fand sich ein eindrucksvoller Brunnen. Zwei riesige Zwergenfrauen aus Stein hielten Gef��e, aus denen das Wasser floss und in das gro�e Becken unter ihnen st�rzte. Das Rauschen w�rde jedes Gespr�ch verschlingen, das in seiner N�he gef�hrt wurde. Die Luft �ber dem Brunnen schimmerte in der Lichts�ule, die durch eine breite �ffnung in der Decke hinabfiel. Es wirkte nicht wie Sonnenlicht, denn es hatte eine bl�uliche F�rbung. Gischt wehte ihnen entgegen, als sie den Brunnen passierten. Sie schmeckte frisch und ein wenig salzig.</p><p>Kaum hatten sie die Treppe und die S�ulengruppe hinter sich gelassen, durchquerten sie eine weitere Halle und gelangten zu einer breiten Wendeltreppe, die zun�chst im Fels verschwand und sie in die H�he f�hrte, um sich dann linker Hand zu �ffnen und einen freien Blick auf die Treppenhalle zu gew�hren. In der Ferne sah Nuramon die S�ulen der gro�en Halle nahe dem Eingang.</p><p>Alwerich bedeutete ihm weiterzugehen, und schlie�lich hielten sie vor einem breiten Gang, der von zwei Kriegern bewacht wurde. Diese wollten Nuramon nicht passieren lassen. So beschloss Alwerich, voranzugehen und sein Anliegen am Hof vorzubringen. Nuramon sollte indessen hier warten.</p><p>Der Elf betrachtete die n�here Umgebung. Auch hier schien das Licht unter der Decke zu schweben. Er h�tte viel darum gegeben, das Geheimnis dieses Lichtes zu kennen. Obwohl er hier fremd war, f�hlte er sich wie in Albenmark. Wie Yulivee in Valemas hatten die Zwerge sich ihre Heimat neu erschaffen. Offenbar hatten sie auch Kristalle gez�chtet. Links an der fernen Wand wucherte Jeschilit und glitzerte wie Gras im Morgentau. Zu seiner Rechten erhoben sich deckenhohe Bergkristalle, die von innen heraus leuchteten und Waldlandschaften zu enthalten schienen.</p><p>Nuramon beobachtete die Zwerge, die auf den hoch gelegenen Steinstra�en und Holzbr�cken unterwegs waren. F�r sie musste diese Pracht so allt�glich sein, wie es der Anblick von Emerelles Burg f�r ihn war. Und doch gab es gewiss Zwerge, die �hnlich empfanden wie er und diese Hallen in all ihrer Pracht bestaunten.</p><p>Nach einer Weile kehrte Alwerich zur�ck und schickte seine Gef�hrten fort. Er machte ein misstrauisches Gesicht. �Folge mir bitte! Meister Thorwis will dich sprechen.�</p><p>Nuramon hatte den Namen noch nie geh�rt. Er folgte dem Zwerg ohne ein weiteres Wort. Sie passierten die beiden Wachen und liefen einen ruhigen Gang entlang, vorbei an einzelnen Wachen und edel gekleideten M�nnern und Frauen, die Nuramon betrachteten, als w�re er ein leuchtender Geist. Er versuchte, die Orientierung zu behalten, was ihm schwer fiel ohne den Himmel oder zumindest ein Baumdach �ber sich.</p><p>Die �berraschung auf den Gesichtern der Zwerge konnte Nuramon sich gut erkl�ren. Er war wahrscheinlich der erste Elf, der dieses Weges kam. Er konnte nur hoffen, dass die Zwerge ihn nicht als einen Abgesandten Emerelles betrachteten. Im Grunde wusste er nicht, ob die Zwerge den Elfen �berhaupt wohlgesonnen waren. Was, wenn sie im Streit aus Albenmark fortgegangen waren? Wom�glich schritt er dann seinem Verderben entgegen.</p><p>�So, hier sind wir�, sagte Alwerich und trat in eine Halle mit gut zwei Dutzend hoher T�ren ein, von denen einige bewacht waren. Zielstrebig trat Alwerich an einen alten Zwerg mit wei�em Haar heran, der vor einer der T�ren wartete. �Dies ist der Fremde, Meister�, sagte er und verbeugte sich.</p><p>Der Alte musterte Nuramon mit starrer Miene. �Du hast deinen Auftrag gut erledigt, mein junger Krieger. Nun geh!�</p><p>Alwerich warf Nuramon einen letzten Blick zu und nahm dann den Weg, den sie gekommen waren.</p><p>�Sieh mich bitte an!�, ert�nte die Stimme des Alten.</p><p>Nuramon folgte dem Wunsch und schaute dem Zwerg direkt in die graugr�nen Augen. Thorwis schien jede Einzelheit seines Gesichtes zu pr�fen. Dieser alte Zwerg war der Zauberei m�chtig, das sp�rte Nuramon. Das schlichte graue Gewand sprach zudem daf�r, dass er kein Krieger war. Er war der einzige Zwerg hier, der kein Metall trug. Selbst sein Ring war aus Jade.</p><p>�Folge mir!�, sagte der greise Zwerg schlie�lich. Er �ffnete die T�r und trat ein. Jenseits der Schwelle erstreckte sich ein schmaler Gang. Nachdem Nuramon eingetreten war, schloss Thorwis die T�r und schob einen Riegel vor.</p><p>Nuramon folgte dem Alten durch eine Folge von G�ngen, die nicht recht zu dem Glanz der anderen R�ume passen wollten. Hier waren die W�nde schlicht und ohne jeden Zierrat.</p><p>Allein die T�ren waren kunstvoll geschm�ckt, und keine glich der anderen. Offenbar passten sie sich an die Gegebenheiten des Raumes an, in den sie f�hrten.</p><p>�Diese Flure bekommen nur wenige zu sehen�, erkl�rte Thorwis. �Kein Elf hat seinen Fu� �� Er brach pl�tzlich ab und starrte auf Nuramons Schwert. Dann schmunzelte er. �Verzeih! Was ich sagen wollte, ist: Du kannst dich gl�cklich sch�tzen, hier zu sein.�</p><p>�Das tue ich�, war alles, was Nuramon darauf sagte. Er wunderte sich �ber das Gebaren des Zauberers. War es wohl un�blich, ein Schwert in diese Flure zu f�hren?</p><p>Sie trafen bald auf breitere G�nge, auf denen auch wieder Zwerge zu sehen waren. Diese trugen kostbare Kleidung und schienen nicht minder verwundert als jene, die Nuramon zuvor erblickt hatten. Manche erschraken gar, als er mit Thorwis um die Ecke bog.</p><p>�Bei so einem gro�en K�nigreich m�ssen sich diejenigen, welche die Entscheidungsgewalt tragen, schnell und unauff�llig zwischen den wichtigen Orten bewegen k�nnen�, erkl�rte der Alte.</p><p>Nuramon sp�rte, dass die G�nge nicht willk�rlich gebaut worden waren. Viele folgten einem Albenpfad. Wer immer schnell von einem Ort des Zwergenreiches zu einem anderen gelangen wollte, mochte sich wom�glich eines Albensterns bedienen.</p><p>Am Ende eines langen Ganges blieb Thorwis stehen, �ffnete eine T�r zu seiner Rechten und trat ein. Nuramon folgte ihm und fand sich in einem leeren Saal wieder, der gemessen an den Hallen und G�ngen recht klein war. Zur Linken fehlte die Wand, sodass man von hier aus das Tal �berblicken konnte. Das Tageslicht warf seinen Schein bis auf das gegen�berliegende Wandmosaik aus Edelsteinen, welches ein Abbild des Tales zeigte.</p><p>�Entschuldige mich!�, sagte Thorwis und verschwand durch eine T�r, die sich in das Edelsteinbild einf�gte.</p><p>Nuramon fragte sich, wie die Zwerge ihn wohl einsch�tzten. Offenbar glaubten sie, dass er etwas von ihnen wollte, das es rechtfertigte, ihn in diesem prachtvollen Teil des K�nigreiches zu empfangen. Ihm h�tte es ausgereicht, unten in der Haupthalle jemanden zu finden, der den Mut hatte, sich gemeinsam mit ihm auf die Reise zum Orakel zu begeben.</p><p>Er trat an die offene Wand und blickte hinab ins Tal. Die Wolken flogen niedrig �ber den blauen Himmel, und Nuramon hatte das Gef�hl, dass sie Gesichter darstellten, die ihn anlachten. Vom Wind, der die Wolken dort drau�en anschob, sp�rte Nuramon hier nur einen sanften Hauch. Er hielt seine Hand ins Freie und sp�rte, wie er durch etwas Unsichtbares hindurchgriff. Drau�en streifte der Wind seine Finger. In seinem Haus in Albenmark wirkte ein �hnlicher Zauber. Alaen Aikhwitan sorgte dort daf�r, dass kein Luftzug durchs Haus wehte, und in der Burg der K�nigin wirkte dieser Zauber in der Decke ihres Thronsaals. Wieder hatte er eine �hnlichkeit zwischen den Zwergen und den Elfen entdeckt.</p><p>Pl�tzlich �ffnete sich die T�r in der Edelsteinwand, und herein kam ein Zwerg in einem edlen Kettenhemd und einem gr�nen Mantel. Er trug eine schmale Krone. Ihm folgten Thorwis und einige andere vornehme Zwerge, manche davon Krieger.</p><p>Der K�nig hatte Nuramon noch nicht gesehen, sondern sprach mit seinen Kriegern. �Ich m�chte, dass dort nicht l�nger gegraben wird! Und sag ihnen, dass ich�� Der K�nig hielt inne und betrachtete Nuramon.</p><p>Thorwis trat an die Seite seines Herrn. �Dies ist der Gast, von dem ich dir berichtet habe.�</p><p>Der K�nig wandte sich halb zu den Kriegern, behielt Nuramon aber im Blick. �Geht und tut, was ich gesagt habe!�, befahl er. Dann wandte er sich zu Thorwis. �Du hast mir nicht gesagt, dass es ein Elf ist.�</p><p>�Ich wollte dich �berraschen. Schau doch!�</p><p>Der Zwergenk�nig trat gemessenen Schrittes an Nuramon heran. Er hatte graues Haar und trug einen Bart mit kunstvoll geflochtenen Z�pfen. Dicht vor Nuramon blieb er stehen und sah ihn mit gro�en Augen an.</p><p>Nuramon verbeugte sich vor dem K�nig und kam sich dabei merkw�rdig vor, musste er doch noch immer zum Herrscher der Zwerge hinabblicken. �Mein Name ist Nuramon. Ich komme aus Albenmark und bin in dieser Welt auf Reisen.�</p><p>Der K�nig wandte sich an Thorwis. �Hast du das geh�rt?� Er schien es nicht fassen zu k�nnen, einen Elfen vor sich zu haben.</p><p>�Ja, mein K�nig.� Der Alte wandte sich an Nuramon. �Dies ist Wengalf, K�nig der Zwerge und Herrscher von Aelburin.�</p><p>�Ich wusste, dass du kommen w�rdest. Ich wusste nur nicht, wann�, erkl�rte K�nig Wengalf.</p><p>Nuramon war dar�ber nicht allzu verwundert. Wie Emerelle oft wusste, was sich zugetragen hatte, was sich gerade anderswo zutrug und was sich einst irgendwo zugetragen haben mochte, so blickte vielleicht auch der K�nig der Zwerge in ferne Zeiten und sah, was geschehen mochte.</p><p>�Was f�hrt dich zu uns?�, fragte Wengalf.</p><p>�Ich bin auf der Suche nach einer Elfe und hoffte, dass mir das Orakel Dareen dabei helfen k�nnte. Doch der Weg zu ihr ist mir versperrt. Nur mit der Hilfe eines Zwerges vermag die Pforte ge�ffnet zu werden.� Nuramon beschrieb Dareens Pforte im Einzelnen und erz�hlte, wie es ihm dort ergangen war.</p><p>Wengalf tauschte einen Blick mit Thorwis, was der Alte als Zeichen nahm, das Wort an Nuramon zu richten. �Wir kennen das Orakel der Dareen. In jener Zeit, da wir Albenmark verlie�en, gingen auch andere Albenkinder fort, um in dieser Welt ihren Platz zu finden. Zwerge und Elfen begegneten sich eines Tages und entdeckten Dareen jenseits eines Tores, das an einen fernen Ort in dieser Welt f�hrt. Und sie sagte uns, wie wir die Pforte schlie�en sollten. In alten Tagen nutzten wir dieses Tor oft. Doch die Elfen zogen sich zur�ck. Manche versteckten sich in verzauberten W�ldern, andere schufen sich ihr Reich in der Zerbrochenen Welt. Die meisten aber kehrten nach Albenmark zur�ck. Wir konnten die Pforte allein nicht �ffnen. Und die Not oder die Neugier waren nie so gro�, dass wir das Orakel in Anspruch nehmen wollten.�</p><p>Nuramon musste an Yulivee denken. Sie musste eine der Elfen gewesen sein, die einst die Zwerge getroffen hatte.��W�re denn ein Zwerg bereit, mich zu begleiten?�, fragte er hoffnungsvoll.</p><p>�Ein Zwerg wird einem Elfen zur Seite stehen, ebenso wie ein Elf einst den Zwergen zur Seite stand�, sagte Wengalf feierlich.</p><p>Nuramon wusste nicht, was der Zwergenk�nig damit sagen wollte. Vielleicht spielte er auf die Zeit an, da die Zwerge noch in Albenmark gelebt hatten und mit den Elfen B�ndnisse eingegangen waren.</p><p>�Du erinnerst dich nicht�, sagte der K�nig.</p><p>�Nein. Ich bin zu jung. Ich habe nicht gesehen, wie Elfen und Zwerge in Albenmark Seite an Seite lebten.�</p><p>�Aber du hast dich kaum ver�ndert. Ich erkenne dich immer noch. Und auch Thorwis hat dich gleich erkannt. Wie viele Jahre ist es her? Gewiss mehr als dreitausend Jahre.�</p><p>�Genau dreitausendzweihundertsechsundsiebzig�, erkl�rte Thorwis.</p><p>Mit einem Schlag wurde Nuramon klar, worauf der Zwerg anspielte. �Du musst mich mit einem meiner Vorfahren verwechseln!�</p><p>�Nein, wir meinen dich�, sagte Thorwis. �Ich habe dich erkannt. Du bist Nuramon. Es gibt keinen Zweifel.�</p><p>�Wir nannten uns einst Freunde�, setzte der K�nig nach.</p><p>Nuramon konnte es nicht fassen. Er war an einen Ort gekommen, an dem man sich an einen seiner Vorfahren erinnerte und bereit war, �ber ihn zu sprechen. Und der Zwergenk�nig hatte diesen Vorfahren einst als Freund betrachtet!</p><p>�Es war zu jener Zeit, da ich noch auf meine K�nigsw�rde wartete, als wir Freundschaft pflegten. Du bist an unserer Seite aus Albenmark fortgegangen. Unser Volk hat gemeinsam mit dir eine gro�e Queste bestanden und diesen Ort ausfindig gemacht. Wir haben zusammen gejagt, gek�mpft und gefeiert. Und wir haben gleicherma�en den Tod gefunden.�</p><p>�Ich bin hier gestorben?�, fragte Nuramon.</p><p>Wengalf deutete hinaus ins Tal. �Dort haben hundert Zwerge gegen den Drachen Balon gek�mpft. Doch nur wir beide haben ihn besiegt und es mit unserem Leben bezahlt. Du bist dort drau�en gestorben, ich wenige Tage sp�ter. Auf dem Sterbebett hat man mich zum K�nig gekr�nt.�</p><p>Nuramon konnte kaum glauben, was er da h�rte. Wengalf dachte tats�chlich, dass er derselbe Elf sei wie damals. Doch er hatte vielmehr das Gef�hl, einer Sage zu lauschen, konnte er sich doch an nichts dergleichen erinnern.</p><p>�Ich wei� noch, wie du gestorben bist. Wir beide lagen im hei�en Blut des Drachens. Du sagtest:��_Das ist nicht das Ende. Ich werde zur�ckkehren_.� Das waren deine letzten Worte. Wie lange habe ich auf deine R�ckkehr gehofft! Und ich muss gestehen, dass die Zeit so lang wurde, dass ich nur selten, jedoch immer am Gedenktag, daran dachte. Ich malte mir aus, wie irgendwo deine Seele wiedergeboren wurde, du dich aber nicht erinnern konntest, was du einst getan hattest. Schlie�lich war so viel Zeit verstrichen, dass ich dachte, du w�rest l�ngst ins Silberlicht gegangen. Doch ich habe mich geirrt.�</p><p>Nuramon ging aufs Knie, um auf der gleichen Augenh�he wie Wengalf zu sein.��Ich w�nschte, mit der Seele h�tte ich auch die Erinnerung meiner Vorfahren erhalten. Doch dem ist nicht so. Was du mir erz�hlst, ist die Geschichte eines anderen. Ich kann sie nicht als Teil meiner selbst betrachten.�</p><p>Thorwis mischte sich ein.��Wieso kannst du das nicht? Wenn du dich schlafen legst und wieder aufwachst, bist du dann noch der Gleiche? Und wenn du der Gleiche bist, woher wei�t du es?�</p><p>�Ich wei� es, weil ich mich an das, was zuvor war, erinnere�, entgegnete Nuramon.</p><p>Thorwis legte ihm die Hand auf die Schulter. �Dann betrachte das, was du von deinen Vorfahren erf�hrst, als Erinnerungen deiner Seele, als etwas, das du nur vergessen hast. Und wer wei�: Eines Tages mag die Erinnerung deiner Seele auch die deines Geistes werden.�</p><p>�Du meinst, ich kann mich vielleicht eines Tages an den Kampf gegen den Drachen und an meine Freundschaft zu Wengalf erinnern?�</p><p>�Ich kann es dir weder versprechen, noch kann ich dir Hoffnungen machen. Ich kann nur sagen, dass es schon so geschehen ist. Es gibt Albenkinder, die sich an ihre fr�heren Seelen erinnern. Die meisten davon sind Zwerge. Vielleicht findest auch du eines Tages den Pfad zu deinen fr�heren Leben. Die Zauberei ist dir nicht fremd, und deine Sinne sind sehr wach. Der erste Schritt auf diesem Weg ist es anzuerkennen, dass der Nuramon, der sich einst opferte, und der Nuramon, der vor uns steht, ein und dasselbe Albenkind sind.�</p><p>�Ich danke dir f�r den Rat, Thorwis. Und dir, Wengalf, danke ich f�r das, was du mir erz�hlt hast. Gestattest du mir eine Frage?�</p><p>�Nur zu�, forderte der K�nig ihn auf.</p><p>�Kennt ihr eine Elfe namens Yulivee?�</p><p>Wengalf und Thorwis tauschten einen �berraschten Blick. �Gewiss�, antwortete der K�nig. �Aber das ist lange her. Seite an Seite setzten wir einen Bergkristall und einen Diamanten in das Tor zu Dareen, auf dass Elfen und Zwerge nur gemeinsam den Weg zu Dareen finden m�gen.�</p><p>�Habe ich sie getroffen in meinem fr�heren Leben?�</p><p>�Nein, zu dieser Zeit bist du deine eigenen Wege gegangen und erst sp�ter wieder zu uns gesto�en.�</p><p>�Ich danke dir, Wengalf. Und auch dir, Thorwis. Ihr k�nnt euch nicht vorstellen, wie sehr mich all eure Worte ber�hren. Ich will euren Rat annehmen und die Erz�hlungen �ber mein fr�heres Leben zu meiner Erinnerung machen.�</p><p>Wengalf grinste und klopfte dem knienden Nuramon heftig auf die Schulter.��Dann sollte ich dir dringend von den Festen erz�hlen, damit du dich erinnerst, was wir getrunken und gegessen haben. Du konntest damals eine Menge vertragen. Komm! Lass uns feiern wie in alten Tagen!� Der Zwergenk�nig schloss ihn in die Arme.</p></section><section><title><p>Der letzte Weg</p></title><p>Farodin zerrte das Messer aus dem Auge des Trolls. Er wischte die Klinge an dem groben Wollmantel des Toten sauber und schob sie zur�ck in das Futteral, das er um den linken Unterarm geschnallt trug. Dann packte er den Troll bei den Schultern. Seine Muskeln spannten sich zum Zerrei�en, als er den Troll langsam, Zoll um Zoll, zum Rand der Mole zog und ihn in das dunkle Wasser gleiten lie�.</p><p>�M�gest du lange darauf warten, wiedergeboren zu werden�, zischte er. Dann lief er ein St�ck die Anlegestelle hinauf. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie es hier fr�her ausgesehen hatte. Die Mole war mit einem neuen Pflaster versehen und verl�ngert worden. Hoffentlich hatte man nicht noch mehr ver�ndert!</p><p>Voller Verachtung blickte er zu den riesigen schwarzen Schiffen auf. Ihnen fehlte jede Eleganz! Sie waren einfach nur massig. Der Bug und das Heck sahen aus, als h�tte man eigentlich Belagerungst�rme bauen wollen und kein Schiff. Drohend erhoben sie sich �ber das Wasser. Welchen Feind wollten die Trolle mit diesen Schiffen wohl bek�mpfen?</p><p>Hoch �ber ihm auf der Nachtzinne erklang hundertstimmiges Gel�chter. Ob Mandred durchgehalten hatte? Oder war der Menschensohn l�ngst tot?</p><p>Sein Plan war einfach nicht durchdacht gewesen. Zu glauben, dass sich hier in all den Jahrhunderten nichts ver�ndert h�tte! Farodin hatte schon drei verborgene Pforten zu dem Labyrinth von Geheimg�ngen, die den Felsen und den Turm durchzogen, vermauert vorgefunden. Und es war altes Mauerwerk. Selbst die Trolle hatten begriffen, von wo er gekommen war, als er einst ihren Heerf�hrer ermordete. Und nun war auch noch die Mole erneuert!</p><p>Ohne gro�e Hoffnung stieg er eine Treppe zum Wasser hinab. Er nahm den Umhang ab, rollte ihn und band ihn sich wie eine Sch�rpe um die H�ften. So w�rde er ihn weniger behindern. Darauf bedacht, kein verr�terisches Ger�usch zu machen, lie� er sich langsam in die eisige Umarmung des Wassers gleiten. Er musste sich ganz darauf konzentrieren, dass sich seine Kleider nicht voller Wasser sogen und ihn in die Tiefe zerrten.</p><p>Ihm blieb wenig Zeit f�r seine Suche. Nicht lange, und die K�lte w�rde ihn allem Zauber zum Trotz l�hmen, dachte Farodin verzweifelt. Er tastete sich ein St�ck weit die Mauer entlang und tauchte dann unter. Schon nach wenigen Schwimmst��en fand er, wonach er gesucht hatte. Eine dunkle �ffnung in der Mole. Diesen Eingang hatten die Trolle offensichtlich vergessen. Vielleicht hatten sie auch nie um ihn gewusst.</p><p>Ein gefluteter Tunnel f�hrte vom Hafen zu einer Grotte, die tief unter dem Turm lag. Von dort gab es mehrere Wege, die hinauf zum verborgenen Labyrinth in den Mauern des Turms f�hrten. Es hie�, die Nachtzinne sei einst von Kobolden erbaut worden, die von den Trollen in Sklaverei verschleppt worden waren. So wie auf Emerelles Burg hatten sie auch hier hunderte Geheimg�nge angelegt, in denen sie sich au�er Sicht ihrer Herren bewegen konnten. Diese Tunnel waren gerade hoch genug, dass Farodin geduckt in ihnen gehen konnte; ein Troll aber w�rde niemals hierher gelangen. Es war das vollkommene Versteck!</p><p>Der Elf war v�llig durchgefroren, als er die wei�e Grotte erreichte. Er wusste nicht, wie die Kobolde diesen Platz einst genannt haben mochten. Er hatte ihn damals in den langen Stunden des Wartens so getauft. Decke und W�nde der Grotte waren von schneewei�en Kalkablagerungen �berzogen. Lange Stalaktiten reichten von der Decke hinab. An einigen Stellen waren Barinsteine in die Felsen eingelassen und verbreiteten auch Jahrhunderte, nachdem die heimlichen Bauherren gestorben waren, ein warmes, gelbes Licht.</p><p>Farodin streifte seine Kleider ab und trocknete sie mit Hilfe des Zaubers, mit dem er sich sonst gegen die K�lte sch�tzte.</p><p>Der breite G�rtel und die ledernen Armschienen, in denen seine Wurfmesser steckten, waren gut eingefettet. Das Wasser hatte ihnen nichts anhaben k�nnen.</p><p>Die Jahrhunderte der Erfahrung hatten Farodin gelehrt, dass schwere Wurfmesser f�r ihn die beste Waffe im Kampf gegen Trolle waren. Ihre Leiber waren so massig, dass es eine Kunst war, ihnen t�dliche Verletzungen beizubringen. Farodin hatte schon Trolle gesehen, die mit Pfeilen gespickt gewesen waren und dennoch weitergek�mpft hatten. Ein Wurfmesser, das sie ins Auge traf, das war sein bevorzugter Weg, sie schnell und lautlos zu t�ten.</p><p>Wenn er in all den Jahrhunderten seiner Fehde etwas gelernt hatte, dann war es die Regel, dass man sich keinem Troll im Nahkampf stellen sollte. Ein einziger Treffer mit ihren schweren Keulen oder �xten mochte reichen, einen Elfen zu zerschmettern, wohingegen ein Schwerthieb gegen die Bestien meist nur geringe Wirkung zeigte. Auch war es unm�glich, ihre Hiebe zu parieren. Die Wucht ihrer Schl�ge brach jeden Arm, der sich ihnen entgegenstemmte. Man konnte ihnen nur ausweichen oder ihnen am besten erst gar nicht nahe kommen.</p><p>Wenn man sie mit einem Streich t�ten wollte, musste man ihre Kehle treffen. Doch schon allein wegen ihre Gr��e war es schwer, solche Hiebe zu setzen. Die einzige Wahl war ein schr�g nach oben gef�hrter Stich zwischen den Rippen hindurch ins Herz. Dies mochte gelingen, wenn man ihre Deckung erst einmal unterlaufen hatte, doch so nah sollte man einem Troll niemals kommen, wenn einem das Leben lieb war.</p><p>Farodin hockte sich auf den kalten Boden und spreizte die Arme leicht ab. Er leerte seine Gedanken und versuchte sich ganz auf die geheimen Koboldpfade zu konzentrieren. Fast jede Kammer in der Nachtzinne konnte man auf diesen Wegen erreichen. Wo w�rde Mandred sein? Und gab es die Pfade noch? Oder hatten die Trolle sie aufgesp�rt und die verborgenen Pforten vermauert, so wie sie es drau�en am Fu� der Steilklippe getan hatten?</p></section><section><title><p>Fleisch</p></title><p>Mandred erwachte in einem K�fig. Er konnte nur wenig sehen. Um ihn herum war es fast v�llig dunkel. Als er sich bewegte, begann der K�fig leicht zu schwingen. Er schien an einem Seil zu h�ngen.</p><p>Der Jarl versuchte sich zu strecken, doch seine Arme waren ihm auf den R�cken gebunden, und der K�fig war so klein, dass er in kauernder Haltung verharren musste. Mit Schrecken dachte er an die Gefangenen auf dem Pferdemarkt in Iskendria. Sie hatte man in K�fige gesteckt, auf dass sie verdursteten. Wieder b�umte er sich in seinen Fesseln auf. Doch das Einzige, was er damit erreichte, war, dass ihm die d�nnen Lederriemen schmerzhaft in die Handgelenke schnitten.</p><p>Mandred versuchte sich zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Er hatte sich erbrochen, mitten in den Saal hinein. Die Trolle hatten gelacht und ihn herumgesto�en. Voller Abscheu hatte er den Herzog einen gemeinen L�gner genannt. Orgrim aber hatte das nicht sonderlich beeindruckt. Im Gegenteil, er hatte zynisch gefragt, ob Mandred vielleicht seine Ziegen und G�nse Gefangene nannte. Sein Spott war unertr�glich gewesen. Schlie�lich hatte Mandred die Axt gezogen. Welch unbeschreiblich dummer Fehler! Und doch hatte er nicht anders gekonnt. Schreiend war er auf Orgrim losgegangen, um ihm den Sch�del einzuschlagen. Doch noch bevor er den Herzog hatte erreichen k�nnen, hatte ihm einer der Trolle einen Kn�ppel zwischen die Beine geworfen, sodass er gest�rzt war. Mit einem Tritt hatte Orgrim ihn entwaffnet und dann an Scandrag �bergeben, den Koch. Dieser hatte Mandred wie einen Welpen im Nacken gepackt und ihm die H�nde auf den R�cken gebunden. Jeglicher Widerstand war zwecklos gewesen; gegen einen Troll war er machtlos wie ein Kind.</p><p>Das Letzte, was Mandred von Orgrim geh�rt hatte, war die Ank�ndigung gewesen, dass sie sich zur Mittwinternacht zum Essen wieders�hen. Als er dem Herzog zugerufen hatte, er m�ge an diesem Mahl ersticken, hatte Scandrag ihn niedergeschlagen.</p><p>Ein Wispern schreckte Mandred aus seinen Gedanken. Jemand war schr�g �ber ihm. Er sprach mit leiser, kehliger Stimme. Kurzes Schweigen. Dann begann das Wispern erneut. Diesmal hatten sich Tonlage und Sprachmelodie ver�ndert. Schlie�lich sprach die Stimme auf Elfisch, doch Mandred verstand nur wenige Worte. Es war von einem Versuch die Rede, von Sprachen und von Menschen, wahrscheinlich von ihm.</p><p>�Verstehst du Dailisch?�, fragte Mandred in der Sprache der Kentauren.</p><p>�Wer bist du?�, kam nun die Gegenfrage auf Dailisch.</p><p>Mandred z�gerte. Mochte das hier eine List der Trolle sein, um aus ihm herauszulocken, was er an der Festtafel nicht gesagt hatte? �Ich bin Torgrid von Firnstayn�, antwortete er schlie�lich.</p><p>�Wie haben sie dich gefangen?�, fragte darauf die Stimme �ber ihm.</p><p>�Ich war auf der Jagd.� Langsam gew�hnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Es hingen noch andere K�fige rings herum.</p><p>�Und warum spricht ein menschlicher J�ger die Sprache der Kentauren? Wer hat sie dich gelehrt? Seit den Tagen des Alfadas pflegen Albenkinder nur selten Umgang mit den Menschen.�</p><p>Mandred fluchte stumm. L�gen haben kurze Beine! �Ein Freund hat sie mich gelehrt.�</p><p>�Der Menschensohn bel�gt uns�, sagte nun eine m�de Stimme weit oben in der Dunkelheit. �Meine Ohren ertragen weder seine L�gen noch die Art, wie er die dailische Sprache verst�mmelt. Lasst ihn! Scandrag wird ihn als N�chsten holen. Es ist nicht mehr lang bis zum Mittwinterfest, das f�hle ich. Bis dahin gebiete ich euch Schweigen, meine Br�der und Schwestern. Wir sind ohnehin nur noch Fleisch. Und Fleisch spricht nicht.�</p><p>Schweigt doch, ihr Bastarde, dachte sich Mandred. Bestraft mich! In zwei oder drei Stunden holt Farodin mich hier heraus. Und dann werdet ihr mir die F��e daf�r k�ssen, dass ich hierher gekommen bin.</p></section><section><title><p>Ein Blick in den Spiegel</p></title><p>Nuramon folgte dem Zwergenk�nig und war sich gewiss, dass am Ende des Weges eine weitere �berraschung auf ihn wartete. Er hatte in diesem seinem Leben noch nie so viel Anerkennung erfahren wie hier in den Hallen der Zwerge. Zu seinen Ehren hatte der K�nig ein Fest gegeben, und Nuramon hatte so ausgelassen gefeiert, dass er sich selbst kaum wieder erkannt hatte. Ein wenig Entgegenkommen hatte ausgereicht, und schon hatte Nuramon sich als Teil der Gemeinschaft gef�hlt. Die Zwerge behaupteten zwar, er habe den Becher viel zu vornehm gehoben, doch er hatte sich immerhin bem�ht, ihren rauen Tischsitten entgegenzukommen und Speis und Trank anzunehmen, die er sonst nie und nimmer gegessen h�tte.</p><p>Viele Zwerge hatten ihn gefragt, ob er sich noch daran erinnere, ihnen begegnet zu sein. Doch zu seinem Bedauern erkannte er niemanden aus seinem fr�heren Leben. Er hatte zwar gehofft, die vertraute Umgebung werde ihm die Erinnerung daran schenken, doch so leicht war es offenbar nicht. Wenn er jedoch Thorwis glauben durfte, dann w�rde er eines Tages all seine Zwergenfreunde wieder erkennen und nachempfinden k�nnen, was er einst gewahrt, gedacht und gef�hlt hatte.</p><p>L�ngst begriff Nuramon, wieso er in seinem fr�heren Leben den Zwergen so nahe gestanden hatte, obwohl sie auf den ersten Blick so wenig mit ihm gemein hatten. Thorwis hatte ihm gesagt, dass die Zwerge zwar das Mondlicht kannten und es _Silberlicht_ nannten, bislang jedoch nur einige wenige in dieses Licht gegangen waren. Die meisten Zwerge zeichneten die Erfahrungen eines Lebens auf und starben irgendwann, nur um dann in einem neuen Leben ihr eigenes Erbe anzutreten. Von Anfang an war f�r die Kinder der Dunkelalben die Wiedergeburt die Regel. Und jeder begriff seinen Tod nur als Unterbrechung des Lebens, gleich einem Schlaf, der die Erinnerung tr�bte. Mit der Zeit konnte man diese Erinnerung wiedererlangen, und der Tod war nicht mehr als ein kurzer Traum.</p><p>Manche Zwerge hatten die Erinnerung an all ihre Leben wiedergewonnen. Thorwis und Wengalf z�hlten zu ihnen. Die meisten aber befanden sich noch auf dem Weg zu ihrem Ziel. Bis sie es erreichten, w�rden sie in den Schriften lesen, die sie sich selbst hinterlie�en, um das Wichtigste �ber ihre Vergangenheit in Erfahrung zu bringen.</p><p>Nuramon war noch weit von der Erinnerung entfernt. Er wusste nur wenig �ber sich und hatte sich selbst auch nichts hinterlassen. Wengalf und Thorwis hatten ihm zwar berichtet, dass er die Zwerge in Albenmark kennen gelernt hatte, dass er mit ihnen von dort fortgegangen war und hier manche Heldentat vollbracht hatte. Was sie aber �ber ihn zu erz�hlen wussten, das widersprach dem Bild, das er von sich selbst gezeichnet hatte. Sie sprachen von einem Helden, wie sie in den alten Liedern besungen wurden. Doch was hatte er in diesem Leben schon geleistet, um solche Anerkennung zu verdienen? Nichts!</p><p>Wengalf riss Nuramon aus seinen Gedanken. �Wir sind fast da. Wir m�ssen hier entlang.� Der Zwerg bog in einen breiten Gang ein. Es war k�hl hier, was so gar nicht zu dem warmen Licht passte, das die Barinsteine in den W�nden spendeten. In einiger Entfernung konnte Nuramon ein kr�ftigeres Licht sehen, das bis in die G�nge strahlte.</p><p>�Was ist dies f�r ein Ort?�, fragte Nuramon.</p><p>�Das sind die Hallen der Gesichter�, antwortete der Zwergenk�nig r�tselhaft.</p><p>Sie kamen dem hellen Licht immer n�her, und bald schien es, als hafteten Schnee und Eis an den W�nden und spendeten Licht. Doch dann erkannte Nuramon, dass es sich um Kristalle handelte. Als sie das Licht erreicht hatten, sah Nuramon, wie die W�nde beschaffen waren: Wei�e Mineralien wuchsen in d�nnen Kristallnadeln aus den W�nden und wirkten wie helle Grasb�schel. Jenseits dieses Wegst�cks �ffnete sich der Gang zu einer runden Halle mit einer vergleichsweise niedrigen Gew�lbekuppel. In der Mitte lie� eine runde �ffnung das Licht von der Decke herab auf einen elfenhohen Bergkristall fallen. In diesem Kristall befand sich eine Gestalt. Sie war darin gefangen und stand aufrecht.</p><p>�Du hast mich nicht gefragt, was wir nach deinem Tod mit deinem K�rper gemacht haben�, sagte Wengalf leise, als sie dem gro�en Kristall entgegentraten.</p><p>Nuramon erschrak. Vor ihm im Kristall stand ein Elf in einer Metallr�stung. Seine Augen waren geschlossen, als schliefe er. Nuramon war es, als blickte er in einen Spiegel. Gewiss, dieser Mann dort hatte schwarzes Haar und nicht braunes, und es war viel l�nger als seines. Das Gesicht des Mannes war ein wenig breiter, die Nase k�rzer. Aber trotz der Unterschiede erkannte er sich selbst in dem Elfen wieder. Die Zwerge hatten seinen toten K�rper in diese Halle gebracht und mit ihrer magischen Kunstfertigkeit in den Bergkristall gebannt. Das Ergebnis wirkte wie die Statue eines Helden. Nuramon schritt um den Kristall herum und musterte den K�rper seines fr�heren Lebens. Im Vergleich zu diesem Krieger mit den breiten Schultern und der edlen Haltung musste er wie ein Kind wirken. Und doch konnte es keinen Zweifel geben, um wen es sich handelte.</p><p>�Wieso macht ihr das?�, fragte er Wengalf. �Wieso bahrt ihr die K�rper auf? Wie soll ich an ein gro�es Leben glauben, wenn ich hier den K�rper eines anderen vor mir sehe?�</p><p>Wengalf blickte ernst zu ihm auf.��Thorwis meinte, es sei der rechte Zeitpunkt, zu dem du dies sehen solltest. Und ich bin derselben Ansicht. Du musst lernen, dass du viel mehr bist als dein K�rper.� Er deutete auf den Kristall. �Diesen da hast du im Tode abgelegt wie eine R�stung, die ihre Tage gesehen hat. Und was f�r Tage das waren!� Der Blick des Zwergenk�nigs fuhr ins Leere. �Der Tod ist schmerzvoll und die Erinnerung an ihn selten angenehm. Doch wenn ich in diese Hallen komme, um meine alten K�rper zu sehen, dann st�rkt mich das. Ich betrachte mein fr�heres Gesicht und erkenne, was ich war. Meine Erinnerung kl�rt sich. Denn im Angesicht meiner einstigen K�rper f�hle ich mich in alte Zeiten versetzt.�</p><p>Wengalf hatte Recht. Warum den Leib vergehen lassen, wenn sein Anblick als Br�cke in die Vergangenheit dienen konnte? Nuramon trat nahe an den Stein heran. Jetzt erst bemerkte er, dass etwas an den Kristall gelehnt war. Er hatte es �bersehen, so sehr hatte ihn die Gestalt in den Bann gezogen. Da war ein Schwert mit G�rtel und Scheide, daneben ein gespannter Bogen mit einem K�cher voller Pfeile.��Warum sind die Waffen dort nicht mit ihm eingeschlossen?�, fragte er den Zwergenk�nig.</p><p>�Das ist eine kluge Frage. Selbst ein Zwerg w�rde diese Frage stellen.� Der K�nig trat an seine Seite und schaute zu dem alten K�rper Nuramons auf.��Du und ich haben oft �ber den Tod gesprochen. Thorwis hat uns gesagt, dass deine Seele nach Albenmark zur�ckkehren wird, wenn du stirbst. Und dort war niemand, der dir die Geschichte deines Lebens erz�hlen konnte. Du musst wissen, dass du dort damals einigen Spott ertragen musstest, weil du wiedergeboren warst.�</p><p>Nuramon dachte an seine Sippe. Sie lebten gewiss immer noch in Angst, dass ihm etwas zusto�en k�nnte und ihnen der n�chste Nuramon geboren werden w�rde.</p><p>Der K�nig sprach weiter. �Aber du warst dir sicher, dass dich der Weg wieder hierher f�hren w�rde, solltest du dein Leben verlieren. Du sagtest: �Wenn ich sterbe, dann bewahre meine Waffen auf. Im neuen Leben hole ich sie mir wieder.�� Wengalf sch�ttelte den Kopf. �Damals haben wir gelacht. Wir h�tten nicht gedacht, dass der Tod so schnell zu uns kommen w�rde. Das dort sind deine Waffen. Du warst ein hervorragender Bogensch�tze und ein Meister des Schwertes.�</p><p>�Ich war ein guter Bogensch�tze? Das kann ich kaum glauben.� Zwar konnte Nuramon einigerma�en mit einem Bogen umgehen, doch mit den Meisterj�gern aus seiner Heimat durfte er sich kaum messen.</p><p>�Du musst dich daran gew�hnen, dass du einst anders warst als nun. Eines Tages wirst du die Barriere durchbrechen, die dich von deiner Erinnerung trennt. Und dann werden deine F�higkeiten wachsen.�</p><p>�So wie deine einst gewachsen sind?�</p><p>�Ganz recht. Als wir Seite an Seite gegen den Drachen k�mpften, da kannte ich meine vergangenen Leben nur aus den Schriften, die ich mir hinterlassen hatte, sowie aus dem Buch des K�nigs und den Erz�hlungen meiner Familie. Auf meinem Sterbebett habe ich Thorwis noch meinen Kampf gegen den Drachen erz�hlt, damit ich auch im neuen Leben davon erf�hre. Dann kr�nten sie mich, denn nie schied ich aus dem Leben, ohne die Krone zu tragen. Und dann starb ich. Doch ich musste mir die Erinnerung nicht m�hsam erwerben. Ich erlangte sie in dem folgenden Leben.�</p><p>�Wenn du dich erinnerst, dann wei�t du auch, wie es ist�� zu sterben.�</p><p>Wengalf lachte. �Der Tod ist nichts weiter als ein Schlaf. Du nickst ein, und irgendwann wachst du auf. Aber manche von uns tr�umen. Sie sehen die Alben, sehen das Silberlicht, gewahren die Vergangenheit oder die Zukunft. Was diese Tr�ume bedeuten, das k�nnen dir nur die Weisesten sagen.�</p><p>�Du meinst Thorwis.�</p><p>�Ich habe oft versucht, ihn dazu zu bewegen, mir etwas �ber die Todestr�ume zu verraten. Doch er sagt, er habe im Tod noch nie getr�umt und k�nne nicht �ber Dinge reden, von denen er nichts verstehe.�</p><p>�Hast du getr�umt?�</p><p>�Ja. Doch was immer ich sah, das muss ich f�r mich behalten, bis das Ende kommt.�</p><p>Nuramon fragte nicht weiter. Er schaute hinab auf die Waffen zu seinen F��en und nahm den Bogen auf. Vielleicht w�rde er seine Erinnerung zur�ckbringen. Er wollte wissen, wie er einst in Albenmark gelebt hatte. Und vielleicht hatte er anders als Thorwis im Tode getr�umt.</p><p>Der Bogen war aus hellem Holz, die Sehne aus einem Material, das Nuramon v�llig fremd war. Sie glitzerte im Licht. Es musste einer der Zauberbogen sein, die er aus den M�rchen seiner Kindheit kannte.</p><p>Er strich �ber das glatte Holz des Bogens, das nicht gelitten hatte. Ein Duft lie� ihn aufmerken. Er roch an seinen Fingern, dann direkt am Holz. Er kannte dieses Holz besser als jeder in Albenmark. Es stammte von Ceren, dem Baum, aus dem sein Haus gebaut war. Wehm�tig dachte er an sein Heim. Er war zu leichtfertig ausgezogen und hatte nicht Abschied genommen wie einer, der nie zur�ckkehren w�rde, auch nicht von Alaen Aikhwitan. Mit diesem Langbogen w�rde er etwas bei sich tragen, das ihn stets an sein Heim erinnerte. Doch woher stammte die Sehne? Sie wirkte wie ein Silberfaden. Er fuhr pr�fend mit dem Finger an ihr entlang und zupfte dann an ihr. Sie gab einen klaren Ton von sich, fast wie eine Laute.</p><p>�Du hast fr�her �ber unsere Armbr�ste die Nase ger�mpft und gesagt, ein Bogen sei besser.�</p><p>�Und? Hatte ich Recht?�</p><p>�Eine Waffe ist immer so gut wie der, der sie f�hrt. Demnach war der Bogen der Armbrust �berlegen. Nimm ihn! Vielleicht erreichst du im Umgang mit ihm die H�he, auf der du dich bereits einmal bewegt hast.� Er hob den K�cher auf. �Diese Pfeile haben wir f�r dich gefertigt. Sie sind ein besonderes Geschenk, denn f�r uns Zwerge ist der Bogen nicht geschaffen. Aber schau dir die Spitzen an.� Er zog einen Pfeil hervor. Dieser hatte eine Pfeilspitze aus gl�nzendem Eisen. �Seit dem Tag deines Todes vor �ber dreitausend Jahren liegen sie hier und haben keinen Schaden genommen. Das ist der Zauber des Zwergenmetalls.�</p><p>Jedes Mal, wenn die Zwerge darauf zu sprechen kamen, wann er hier gestorben war, fragte er sich, wie viele Leben zwischen dem damaligen und seinem heutigen liegen mochten. Dreitausend Jahre waren selbst f�r einen Elfen eine gewaltige Zeitspanne.</p><p>Wengalf hielt ihm den K�cher mit dem Gurt hin. Nuramon lehnte den Bogen gegen sein Bein, dann nahm er den K�cher entgegen. Der Zwerg grinste. �Du hast nicht alles vergessen. Wie du den Bogen an dich lehnst�� Genau wie damals!�</p><p>Nuramon wunderte sich. Er hatte sich nichts dabei gedacht.</p><p>Der Zwergenk�nig reichte ihm nun das Schwert.��Das ist dein Schwert, eine schmale Klinge aus fr�hen Tagen, da Zwerge und Elfen Seite an Seite schmiedeten.�</p><p>Nuramon nahm die Waffe entgegen. Sie war leicht f�r ein Langschwert. Der Knauf war scheibenf�rmig, die Parierstange war schmal und bot einer Hand nicht viel Schutz. Der Griff war kurz, doch er schmiegte sich in seine Hand, als w�re er f�r sie geschaffen. Nuramon zog die Waffe aus der Scheide und musterte das Blatt. Es war l�nger als das des Schwertes der Gaomee. Da waren keine Hohlkehlen, und dennoch war die Waffe leicht. Das mochte zum Teil daran liegen, dass die Klinge recht schmal war. Doch das allein konnte das geringe Gewicht nicht erkl�ren. Das Metall sah wie gew�hnlicher Stahl aus. Es musste ein Zauber auf der Waffe liegen. Doch er sp�rte davon nichts, obwohl er seit der Suche nach Guillaume sehr empfindsam f�r Magie geworden war.</p><p>�Ein schlichtes Schwert und doch verzaubert!�, erkl�rte Wengalf. �Du sagtest mir einst, das Schwert sei ein alter Familienschatz.�</p><p>Das war sein Schwert! Wer wusste schon, in wie vielen Leben er es getragen hatte? Nun besa� er zwei Schwerter, die gegen Drachen gef�hrt worden waren. Das eine war mit diesem Leben verbunden, das andere mit seinen fr�heren. Nuramon schaute zu seinem einstigen K�rper auf. Er w�rde Gaomees Schwert tragen, bis der Tag k�me, an dem er sich an seine vergangenen Leben erinnerte und die Taten des toten Kriegers vor ihm zu seiner eigenen Vergangenheit wurden.</p><p>Der Abschied von seinem alten K�rper und der Halle fiel Nuramon nicht leicht. Er hatte das Gef�hl, hier etwas zur�ckzulassen.</p><p>Widerstrebend folgte er Wengalf in die Hallen des K�nigs, wo die Wachen auf sie warteten. Auch wenn Nuramon die Wege inzwischen vertraut waren, so h�tte er Jahrhunderte in diesem Zwergenreich verbringen k�nnen, ohne all die Geheimnisse dieser Welt im Berg zu l�ften. Wenn irgendein Elf in Albenmark w�sste, wie sehr ihm dieser Ort gefiel, dann w�rde sich der Spott, der ihm zuteil wurde, gewiss noch erh�hen. Mit den Zwergen hatten die Elfen nichts im Sinn. Aber wie konnte dieses Volk so sehr in Vergessenheit geraten, dass nicht einmal mehr bekannt war, dass sie die Kinder der Dunkelalben waren? K�nig Wengalf f�hrte es auf den Streit zur�ck, der Elfen und Zwerge schlie�lich entzweit hatte. Die Zwerge hatten keine elfische K�nigin neben Wengalf anerkannt und deswegen sogar einen Krieg gef�hrt, um Albenmark sodann den R�cken zu kehren. In der Folge waren die Zwerge zu M�rchengestalten geworden und die Kinder der Dunkelalben zum Mythos.</p><p>Nuramon w�nschte, er k�nnte hier bleiben, von den Zwergen lernen und einst als jemand nach Albenmark zur�ckkehren, der die Erinnerung an seine fr�heren Leben erworben hatte. Doch ein Gedanke an Noroelle, und die Sehnsucht und Sorge zogen ihn fort. Was wohl seine Liebste von diesem Ort halten w�rde? Er konnte es nicht sagen.</p><p>Sie schritten bis zum Tor, wo Thorwis sie erwartete. Der alte Zauberer war in ein strahlend wei�es Gewand gekleidet und hielt einen Stab aus versteinertem Holz in H�nden.��H�re mich, Nuramon Zwergenfreund!�</p><p>Diesen Namen hatte er in den letzten Tagen oft geh�rt. Und auch dieses Mal lief ihm ein Schauer �ber den R�cken.</p><p>Thorwis sprach weiter.��Die Taten an der Seite unseres K�nigs werden nie vergessen sein. Ich und meine Vertrauten mussten gro�e M�hen auf uns nehmen, um K�nig Wengalf davon zu �berzeugen, dass sein Platz hier ist und ein anderer an deiner Seite das Orakel Dareen aufsuchen soll. Es war meine Aufgabe, deinen Begleiter zu w�hlen.�</p><p>�Hast du deine Wahl getroffen?�, fragte Wengalf.</p><p>�Ja, mein K�nig. Es war nicht leicht. Denn von allen Seiten drangen Stimmen an mich heran und baten mich darum, diesen oder jenen zu erw�hlen. Ich tat mich schwer, wollte nicht dem einen den Vorzug vor dem anderen geben. Doch dann merkte ich, dass das Schicksal bereits die Entscheidung getroffen hat.� Er deutete auf eine Reihe gut bewaffneter Krieger. �Hier kommt dein Gef�hrte.�</p><p>Die Krieger machten Platz f�r Alwerich, der mit einem feinen Kettenhemd, einem schweren Mantel und gro�em Gep�ck vortrat.</p><p>�Hier ist der Zwerg, dessen Augen dich in diesem Leben als erste erblickten!�, sprach Thorwis und winkte den jungen Zwerg zu sich.</p><p>Alwerich verbeugte sich vor dem K�nig und senkte dann das Haupt vor Thorwis und Nuramon.</p><p>Wengalf legte dem J�ngling die Hand auf die Schulter. �Alwerich, dies ist die erste Reise seit langem, die einen Zwerg auf einen Pfad aus diesem Gebirge f�hrt. Der Letzte, der Seite an Seite mit einem Elfen eine Queste bestand, war ich. Mache unserem Volk alle Ehre und schw�re, dass du Nuramon ein solcher Gef�hrte sein wirst, wie ich es einst war.�</p><p>�Ich schw�re es!�, sagte Alwerich feierlich.</p><p>Thorwis trat an die Seite des K�nigs. �Du wei�t, welche Frage du dem Orakel stellen musst.�</p><p>�Das wei� ich, Meister. Und ich werde mit dem Orakelspruch zur�ckkehren.�</p><p>Alwerich wandte sich noch einmal um und trat an eine edel gekleidete Zwergenfrau heran, um sie zu umarmen. Dann kehrte er zur�ck. �Hier ist meine Axt, Waffenbruder!� Er zog die Streitaxt und hielt sie vor Nuramon hin. Die Waffe hatte einen kurzen Schaft, an dessen Ende ein gro�es Blatt einem kleinen, schnabelf�rmigen Schlagdorn gegen�berstand.</p><p>�Du musst deine Waffe mit ihm kreuzen�, fl�sterte Wengalf.</p><p>Nuramon zog Gaomees Schwert aus der Scheide. Hatten eben noch Gefl�ster, rasselndes Metall und schlichte Aufgeregtheit der Zwerge die Halle erf�llt, so verstummten nun die Laute, und nurmehr der Wind und das entfernte Rauschen von Wasser waren zu h�ren. Wengalf wie auch Alwerich machten Augen, als h�tten sie einen Geist gesehen. Thorwis war der Einzige, der nicht �berrascht schien, sondern mit einem Schmunzeln auf die Waffe blickte.</p><p>�Sternenglanz!�, sagte Wengalf leise. Und �berall wurde dieses Wort nachgefl�stert.</p><p>Langsam f�hrte Nuramon seine Klinge an den Schaft von Alwerichs Streitaxt und sagte:��Waffenbr�der!�</p><p>Ohne den Blick von Gaomees Schwert abzuwenden, zog der junge Zwerg seine Axt zur�ck.</p><p>Nuramon war verunsichert. Alle betrachteten das Schwert so fassungslos, dass er es nur z�gerlich in die Scheide gleiten lie�.</p><p>�Ahnst du, wie wertvoll dieses Schwert ist?�, fragte Wengalf.</p><p>�Ich hatte es offenbar untersch�tzt�, antwortete er dem K�nig.��Gibt es hier keinen Sternenglanz?�</p><p>�Nein, den gibt es nur in Albenmark. Und wir haben damals nur wenig davon mitgenommen. Sternenglanz allein macht das Schwert schon zu etwas Beeindruckendem. Doch diese Waffe stammt zudem aus fr�hen Tagen. Sie ist j�nger als dein altes Schwert, aber sie ist die Arbeit eines Zwerges. Er war einer der wenigen, die ins Silberlicht gingen. Er schmiedete viele Waffen wie diese. Darf ich sie noch einmal sehen?�</p><p>Nuramon zog das Schwert erneut und reichte es dem K�nig. Wengalf nahm es entgegen und fuhr mit den Fingern �ber die Klinge. �Der gro�e Teludem hat diese Waffe f�r einen Elfen geschaffen.� Der K�nig deutete auf Gaomees Namen, der dort in verschlungener Schrift stand. �Dieses Symbol hier ist sp�ter hinzugef�gt worden, von Elfenhand.� Er gab Nuramon das Schwert zur�ck. �Es gibt nur vier dieser Elfenklingen aus Zwergenhand. Es hei�t, sie w�ren alle in den Trollkriegen und im Kampf gegen die Drachen vernichtet worden. Ich kann mir keinen besseren Tr�ger f�r diese Waffe vorstellen als dich, Nuramon. Sie wird dir gute Dienste leisten.�</p><p>Nuramon beugte das Knie vor dem K�nig, um auf einer Augenh�he mit ihm zu sein. Dann sprach er: �Ich danke dir, Thorwis, und all den anderen. Ich bin mit diesem Leben in diese Halle gekommen und verlasse sie mit all den fr�heren. Ich danke dir f�r all das, was du mir gegeben hast und woran ich mich noch nicht erinnern kann. Wir werden uns wiedersehen, Wengalf. Wenn nicht in diesem Leben, dann in einem sp�teren.�</p><p>�W�ren alle Elfen wie du, Nuramon, wir h�tten Albenmark nie den R�cken gekehrt�, gab der K�nig zur�ck. �Und nun m�sst ihr beide gehen, bevor ich gegen alle Vernunft handle und euch doch noch begleite.�</p><p>Nuramon nickte. Dann erhob er sich. �Leb wohl! Bis wir uns wiedersehen.� Er warf Alwerich einen Blick zu. Der Zwerg trat an seine Seite. Noch einmal schaute Nuramon in die gigantische Halle, dann schritten die beiden Gef�hrten hinaus ins Sonnenlicht.</p></section><section><title><p>Irrwege</p></title><p>Farodin schreckte hoch und schlug sich den Kopf an. Es war vollkommen dunkel um ihn herum. Benommen tastete er in die Finsternis. Seine H�nde schmerzten. Er sp�rte rauen Fels und Ger�ll.</p><p>Langsam kehrte die Erinnerung zur�ck. Er war vor Ersch�pfung eingeschlafen. Die Trolle hatten einen Teil der Geheimg�nge mit Schutt aufgef�llt. An manchen Stellen waren sogar primitive Fallen angelegt, Speergruben und Pendelsteine, die einen zerquetschten, wenn man unachtsam war.</p><p>Sie mussten Kobold- oder Menschensklaven hier hinabgeschickt haben. Alles, woran Farodin sich erinnerte, stimmte nicht mehr. Lange Tunnel waren verschwunden, Geheimt�ren vermauert, Treppen abgebrochen.</p><p>Mit blo�en H�nden hatte sich der Elf durch das Ger�ll gew�hlt. Manchmal war er nur auf dem Bauch robbend vorangekommen. Zweimal schon hatte er sich durch einen halb versch�tteten Tunnel gew�hlt, nur um dann auf einen schweren Felsklotz zu sto�en, der den Gang endg�ltig versperrte.</p><p>Wie lange er wohl geschlafen hatte? Nagender Hunger qu�lte ihn. Seine Kehle war trocken und die Lippen rissig. War er schon ganze Tage hier unten? Die Finsternis hatte jegliches Zeitgef�hl getilgt. Allein der Hunger und Durst konnten ihm als Ma� der verstrichenen Stunden dienen. Es mussten etwa hundert Stunden vergangen sein, seit sie sich getrennt hatten. Farodin griff in das Ger�ll und schob das lose Gestein seitlich unter sich weg. Wie ein Maulwurf arbeitete er sich Zoll um Zoll voran. Was mochte mit Mandred geschehen sein? Er h�tte nur f�r ein paar Stunden den Gesandten spielen sollen. Vier Tage, das war viel zu lang!</p><p>Polternd rollte der Schutt fort. Er war durchgebrochen! Farodin rutschte ein letztes St�ck �ber scharfkantige Steine, dann erreichte er einen Gang, in dem er geduckt gehen konnte. Vorsichtig tastete er sich voran. Zehn Schritt. Zwanzig Schritt. Der Gang stieg leicht an.</p><p>Pl�tzlich war da eine Mauer. Bruchstein, mit M�rtel verbunden. Hektisch streckte Farodin die Arme aus. Rechts und links von ihm befanden sich solide Felsw�nde. Er war auf drei Seiten von Stein eingeschlossen. Der Elf h�tte heulen k�nnen vor Wut. Schon wieder war er in eine Sackgasse geraten!</p></section><section><title><p>Waffenbr�der</p></title><p>Nuramon und Alwerich hatten das Gebirge verlassen und schritten �ber die Wiesen des Tieflandes; Felbion folgte ihnen. Der Zwerg schaute sich um. Auf ihn wirkte das offene Land anscheinend grenzenlos, und es war deutlich zu sp�ren, dass die Weite ihn verunsicherte. Hinzu kam, dass Alwerich einfach nicht auf Felbion mitreiten wollte. Tagelang war er neben dem Pferd hergelaufen, bis seine F��e ganz wund waren. Und h�tte er sich nicht mit aller Kraft gegen Nuramons Vorschlag gewehrt, durch die Tore zu schreiten, die der Elf auf den Albensternen schaffen konnte, w�ren sie l�ngst am Ziel ihrer Reise gewesen. Doch der Zwerg hatte einen Dickkopf, wie Nuramon ihn h�chstens noch von Mandred her kannte.</p><p>Alwerich senkte den Blick auf seine F��e. �Deine heilenden H�nde sind m�chtig.�</p><p>�Doch haben sie nie zuvor Zwergenf��e ber�hrt�, sagte Nuramon und schmunzelte. �Zumindest nicht in diesem Leben.�</p><p>�Deine Elfenfreunde in Albenmark w�rden gewiss die Nasen r�mpfen, wenn sie davon w�ssten.�</p><p>�Du h�ttest sie dir wenigstens ab und zu waschen k�nnen�, sagte Nuramon und dachte an die Heilung. Es hatte ihn gro�e �berwindung gekostet, die F��e des Zwergs zu ber�hren.</p><p>�Ich werde mich bessern.�</p><p>�Mach dir keine Gedanken deswegen. Elfen machen sich die H�nde nicht schmutzig. Staub f�llt von meiner Haut ab, Wasser perlt ab, und Schlammspritzer lassen sich mit einer kurzen Bewegung absch�tteln.�</p><p>�Dann musst du dich gar nicht waschen?�</p><p>�Ich tue es trotzdem.�</p><p>�Wann? Ich habe es nicht gesehen.�</p><p>�Was du nicht siehst, Alwerich, das mag dennoch geschehen. Erst wenn das, was du siehst, nicht geschehen sein soll, musst du dir Gedanken machen. Doch sag, Alwerich�� Bevor wir uns auf den Weg gemacht haben, bist du zu einer Frau gegangen und hast sie umarmt. War das deine Frau?�</p><p>�Ja. Das war Solstane.�</p><p>�W�hrt die Liebe eines Zwerges ewig? Seht ihr euch im neuen Leben wieder?�</p><p>�Wir sehen uns wieder, aber m�ssen uns nicht unbedingt lieben. Nimm den K�nig. Er hat sich in diesem Leben noch keine Frau erw�hlt. Die K�nigin aus seinem letzten Leben war schon �lter, als Wengalf in sein jetziges Leben hineingeboren wurde. Als er herangewachsen war, nahm er sie wieder zur Frau. Doch sie vertrugen sich nicht mehr. Mit dem Tod wurde sie von Wengalf getrennt. Er wird sich irgendwann eine andere Frau nehmen und Nachkommen zeugen.�</p><p>�Dann gibt es so etwas wie ewige Liebe nicht?�</p><p>�O doch. Manche geben sich das Versprechen, sich das eigene Leben zu nehmen, wenn die Liebste stirbt. Dann folgt er ihr oder sie ihm nach. Sie k�nnen gemeinsam aufwachsen und sich einst wieder lieben. So habe ich es mit meiner Liebsten gehalten. In der Schrift meines Lebens steht, dass Solstane und ich schon in Albenmark ein Paar waren. Wir liebten uns, wurden uralt und zeugten viele Kinder.�</p><p>Nuramon bewunderte Alwerich. Eine Liebe, die ewig w�hrte, war etwas, wovon er kaum zu tr�umen wagte. Er wusste nicht einmal, ob Noroelle zu retten war. Er hoffte es und glaubte daran, doch wissen konnte es wohl nur Emerelle. Selbst wenn es ihm und Farodin gelang, Noroelle zu befreien und die Jahre in der Zerbrochenen Welt sie nicht ver�ndert hatten, m�sste sie sich f�r einen von ihnen entscheiden. Vielleicht w�rde ja die Liebe zu Noroelle eine ewige werden��</p><p>Mit einem Mal befielen ihn Zweifel. Was, wenn er die Erinnerung an seine fr�heren Leben zur�ckerhielt und feststellte, dass er unsterblich in eine andere Frau verliebt gewesen war? Und was, wenn auch sie wiedergeboren war?</p><p>In Gedanken versunken, liefen sie weiter, dem Orakel Dareen entgegen.</p></section><section><title><p>Das Festmahl</p></title><p>��ssen, M�nsch!�</p><p>Widerwillig biss Mandred in die fetttriefende Keule. Jedes Mal, wenn Scandrag kam, musste er an sein Mahl mit dem Herzog denken. Zuerst hatte Mandred sich geweigert, Fleisch zu essen. Dann aber hatte der Hunger gesiegt. Au�erdem musste er bei Kr�ften sein, wenn Farodin kam��</p><p>Was war nur mit Farodin geschehen? Wenn er noch lebte, dann w�re er l�ngst gekommen! Nur ruhig, ermahnte sich Mandred in Gedanken. Farodin wird kommen! Etwas mochte seinen Weg verz�gern, aber nichts konnte ihn von dem abbringen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Au�erdem war er verdammt schwer umzubringen.</p><p>Verstohlen blickte Mandred zu Scandrag, dem Koch. Der Troll hatte gerade einen gewaltigen Haufen Zwiebeln geschnitten. Er k�mmerte sich gut um die G�ste in der Vorratskammer des Herzogs, jedenfalls nach den Ma�st�ben eines Trolls. Alle paar Stunden holte er Mandreds K�fig herunter und sorgte daf�r, dass er a�. Es gab viel Brot, Gem�se, frische Eier und Fisch. Heute war Scandrag besonders zuvorkommend. Zweimal schon hatte er Mandred in einer riesigen Pfanne Eier mit Speck gebraten. Der Jarl mochte es, wenn die Eidotter noch weich waren. Dann tunkte er frisches Brot darin ein und schob es sich in gro�en St�cken in den Mund��</p><p>Mandred drehte sich gerade herum, um sich einen zweiten Kanten Brot am Ofen zu holen, als Scandrag hastig etwas hinter seinem breiten R�cken versteckte.</p><p>�Nix Angst ham, klaine Mann. Macht Flaisch z�h! Du schnell kaputt.� Der Troll sagte das in einem Ton, als spr�che er mit einem unartigen Kind.</p><p>Mandred griff nach der gro�en Pfanne. Sie war aus dunklem Kupfer. Eisen gab es in der ganzen K�che nicht.</p><p>Der Koch runzelte die Stirn und rieb sich die breite Nase. Noch immer versteckte er die rechte Hand hinter dem R�cken. �Bitt�. Ich war imm�r gut zu dir, klaine Mann. Mache nix �rger j�tzt!� Pl�tzlich st�rmte er vor. F�r seine Gr��e bewegte sich der Troll erstaunlich beh�nde. Er schwang einen riesigen Kn�ppel und zielte mit seinem Hieb auf Mandreds Kopf.</p><p>Der Mensch schleuderte Scandrag die hei�e Pfanne entgegen, doch der schlug sie mit einer l�ssigen Bewegung zur Seite.��Mach� Schluss j�tzt!�</p><p>Mandred griff sich ein Steinmesser und ging in die Knie. Durch die langen Tage im K�fig waren seine Glieder steif geworden. Scandrag verfehlte ihn nur knapp mit seiner Keule.</p><p>Mandred sprang den riesigen Koch an und stie� ihm das Messer durch den Fu�. Der Troll heulte w�tend auf. Ein Tritt mit dem unverletzten Fu� fegte Mandred zur Seite und schleuderte ihn gegen den gro�en gemauerten Ofen. Der Krieger f�hlte sich, als h�tte er sich s�mtliche Knochen gebrochen. Halb bewusstlos sah er noch, wie sich Scandrag mit der Keule in der Hand vor ihm aufbaute.</p><p>�Wirst gut schm�cken in Honikkrust�!�</p></section><section><title><p>Getrennte Wege</p></title><p>Mit einem leisen Knarren �ffnete sich die T�r. Erleichtert verharrte Farodin. Er hatte fast nicht mehr daran geglaubt, es noch zu schaffen. Endlich war er dem Labyrinth entkommen!</p><p>Vorsichtig schob er die Geheimt�r weiter auf, bis der Spalt gerade breit genug war, um hinauszuschl�pfen. Der Elf befand sich auf einem schmalen Flur, der in graues Zwielicht getaucht war. Vorsichtig schloss er die Geheimt�r wieder, bis sie sich vollkommen in die Holzt�felung der Wand einf�gte. Er zog eines der Wurfmesser und schnitt eine schmale Kerbe in das Holz, damit er oder andere die Stelle sp�ter wieder finden konnten. Dann machte er sich auf den Weg hinab. Er wusste, wo er Mandred finden w�rde, falls sein Gef�hrte �berhaupt noch lebte. Shalawyn hatte ihm geschildert, was die Trolle mit ihren Gefangenen machten.</p><p>Farodin schob den Dolch in das Lederfutter am Arm zur�ck. An diese Nacht w�rden die Trolle noch lange denken.</p><p>Bald fand der Elf eine Wendeltreppe, die hinab zu den Lagerr�umen f�hrte. Hier im Turm hatte sich nichts ver�ndert. Es gab weniger M�bel, und er war schmutziger, doch sonst war alles wie in Farodins Erinnerung. So weitl�ufig war die riesige Feste, dass man kaum f�rchten musste, jemandem zu begegnen, wenn man die etwas abseits gelegenen G�nge und Treppen nahm. Einmal versteckte sich Farodin unter einem Treppenabsatz, ein andermal verschmolz er mit den Schatten einer tiefen Nische, um Trollen auszuweichen. Sie waren unachtsam. Und warum h�tten sie auch vorsichtig sein sollen? Es waren Jahrhunderte vergangen, seit es zum letzten Mal jemand gewagt hatte, sie in ihrem Turm anzugreifen.</p><p>Farodin war fast am Ziel, als er einen Gang erreichte, auf dem mehrere Trolle hingestreckt lagen. Ihr gluckerndes Schnarchen hatte ihn vorgewarnt. Es waren f�nf. Sie lagen quer im Gang und an die W�nde angelehnt. Ein leeres Fass lie� darauf hoffen, dass sie nicht allzu leicht aufwachen w�rden.</p><p>Einen Moment war Farodin versucht, ihnen die Kehlen durchzuschneiden. Doch es w�re dumm, solche Spuren zu hinterlassen. Je sp�ter die Trolle bemerkten, dass es einen Feind im Turm gab, desto besser war es f�r ihn.</p><p>Behutsam schlich er zwischen den Schlafenden hindurch. Er hatte es fast geschafft, als sich einer von ihnen r�kelte und zur Seite rollte. Er hatte in einer Pf�tze von blutigem Erbrochenem gelegen. Gro�e wei�e W�rmer trieben darin. Nein�� Nicht W�rmer. Es waren schlanke Finger, wei� wie frisch gefallener Schnee. Ein Schauer des Ekels �berlief den Elfen. Gr��e und Form der Finger lie�en nur einen Schluss zu, von wem sie stammten. Wieder klang ihm das gequ�lte Fl�stern der sterbenden Shalawyn im Ohr. _Sie halten uns wie Federvieh in K�figen, m�sten uns und schlachten uns zu ihren Festen_.</p><p>Farodin zog einen Dolch und trat neben den Troll, der sich in seinem eigenen Erbrochenen w�lzte.</p><p>Seine Hand schnellte vor. Wenige Zoll �ber dem linken Auge des Trolls verharrte die Klinge. Es w�re ein Leichtes, den Stahl durch das Auge tief in den Sch�del zu sto�en. Der Troll w�rde nicht einmal merken, wie sein Leben endete. So fest hielt Farodin den Griff der Waffe umklammert, dass die Lederumwicklung leise knirschte. Doch er durfte seinem Hass nicht nachgeben! Er durfte nicht zu fr�h entdeckt werden! Er w�rde mehr Trolle t�ten, wenn sie nicht jetzt schon um seine Anwesenheit wussten! Und vor allem w�rde er nur dann den einen t�ten, auf den es ihm ankam, wenn dieser nicht gewarnt war!</p><p>Der Elf atmete langsam aus. Nicht die Beherrschung verlieren, ermahnte er sich stumm. Ruhig! Erst rettest du alle, die noch leben. Dann beginnt das Morden!</p><p>Hastig eilte er den Gang entlang. Der Geruch von Gebratenem hing in der Luft. Farodin wurde �bel. Er beschleunigte seine Schritte und gelangte in eine Kammer mit einer gew�lbten Decke. An diesen Ort erinnerte er sich nicht von fr�her. Es gab sechs Ausg�nge. Der Elf z�gerte. Der widerliche Bratenduft war �berall. Auch ein schwacher Duft nach Honig.</p><p>Ein lautes Scheppern ert�nte. Es kam vom Durchgang gegen�ber. Ohne l�nger an seine Deckung zu denken, st�rmte Farodin voran. Noch immer hielt er das schwere Wurfmesser mit der rautenf�rmigen Klinge in der Hand.</p><p>Er gelangte in einen weiten K�chenraum. Mehrere offene Feuer brannten hier. Die Luft war zum Schneiden. Es stank nach Rauch, ranzigem Fett, frischem Brot und Gebratenem. Neben einem gemauerten Ofen stand ein riesiger Troll. Der Elfenfresser holte mit seiner Keule aus, um auf jemanden einzuschlagen, den Farodin nicht sehen konnte.</p><p>�Wirst gut schm�cken in Honikkrust�!�</p><p>Farodins Arm schnellte vor. Der Dolch traf den Troll in den Nacken, dort, wo die Wirbels�ule in den Sch�del �berging. Bis zur T�r hin h�rte der Elf das knirschende Ger�usch von Stahl, der durch Knochen schnitt. Der Troll lie� seine schwere Holzkeule fallen. Dann brach er in die Knie, ohne einen Laut von sich zu geben.</p><p>Als Farodin zum gro�en Ofen trat, um dem Toten das Messer aus dem Nacken zu ziehen, sah er Mandred. Der Jarl lag �bel zusammengeschlagen am Boden. Er blutete aus einer Platzwunde an der Stirn und hatte kaum die Kraft, sich aufzusetzen.</p><p>�Du kommst sp�t�, brummte Mandred und spuckte Blut.��Tut verdammt gut, dich zu sehen.� Er streckte die Hand aus.��Komm, hilf mir auf die Beine. Ich f�hl mich, als w�re eine Herde wilder Pferde �ber mich hinweggetrampelt.�</p><p>Farodin l�chelte.��Ich finde, diesmal �bertreibst du es mit deiner M�he, einen guten Platz an einer Festtafel zu bekommen.�</p><p>Mandred seufzte. �Bei deinem Humor musst du mit Luth verwandt sein. An Tagen wie diesem frage ich mich immer, ob der Schicksalsgott mich hasst oder ob dies seine ganz besondere Art ist, seinen Lieblingen Zuneigung zu zeigen.�</p><p>�Leben noch andere von den Gefangenen?�</p><p>Der Mensch deutete auf eine T�r, die halb hinter Mehls�cken verborgen war. �Dort.� Mandred zog sich am Ofen hoch. �Kann ich zuerst hineingehen? Ich habe noch was zu erledigen.�</p><p>Farodin st�tzte ihn, denn Mandred hatte nicht die Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Seine Hose war blutverklebt.</p><p>Humpelnd schaffte er es zur T�r und riss sie auf.��Ihr seid frei, sagt euch euer L�gner! Und wer mir nicht glaubt, der soll in seinem K�fig verrotten.�</p><p>Mandred hatte auf Dailisch gesprochen und mit so schwerem Akzent, dass man ihn kaum verstand. Verbl�fft blickte Farodin seinen Kameraden an.</p><p>�Das musste sein.� Der Jarl l�chelte zufrieden.��Die da drinnen wissen, wie das gemeint ist.� Er deutete zu einigen langen Stangen mit bedrohlich aussehenden Haken. �Damit kannst du die K�fige herunterholen.� Mandred l�ste sich von Farodin und knickte fast sofort ein. Fluchend sank er gegen die Mehls�cke und umklammerte sein linkes Bein. Eine blutige Knochenspitze ragte durch Mandreds zerrissene Hose.</p><p>�Verdammter Bastard von einem Troll�, fluchte der Jarl. Blanker Schwei� stand ihm auf dem Gesicht.</p><p>Farodin sah sich die Wunde an. Schienbein und Wadenbein waren gebrochen und durch das Muskelfleisch gesto�en. Sein Freund musste gr�ssliche Schmerzen leiden. Daf�r hielt er sich erstaunlich gut. Aber er w�rde keinen Schritt ohne fremde Hilfe gehen k�nnen, und die Flucht durch die Geheimg�nge w�rde eine m�rderische Tortur f�r ihn werden.</p><p>�Ich mache mir Schienen aus den Holzstangen�, sagte Mandred gepresst.��Dann wird es schon gehen.�</p><p>�Nat�rlich.� Farodin nickte. Dann nahm er einen der Haken und trat in die dunkle Kammer. Der F�ulnisgestank hier raubte ihm schier den Atem. Es dauerte einige Herzschl�ge, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gew�hnt hatten. Die Kammer war gr��er, als er erwartet hatte. Sie ma� mindestens zwanzig Schritt im Durchmesser. Tropfenf�rmige K�fige hingen von der Decke. Es mussten hundert oder mehr sein. Die meisten waren leer.</p><p>Sieben Elfen konnte Farodin befreien. Sie waren die letzten �berlebenden. Die lange Gefangenschaft hatte sie gezeichnet. Ihre Haut, die seit zwei Jahrhunderten kein Tageslicht mehr gesehen hatte, war wei� wie Schnee geworden. Ihre Augen waren rot entz�ndet und konnten kein Licht vertragen. Am schlimmsten jedoch hatten ihnen die zu engen K�fige zugesetzt. Ihre Knochen waren verkr�mmt, und es bereitete Ihnen Schmerzen, sich aufrecht zu halten. Sie zeigten keine Freude, als Farodin sie befreite. Schweigend kauerten sie am Boden. Ein Mann mit langem wei�em Haar war ihr Wortf�hrer. Elodrin. Er war einmal einer der Seef�rsten im fernen Alvemer gewesen. Farodin konnte sich erinnern, ihn manchmal an Emerelles Hof gesehen zu haben.</p><p>�Nicht die K�nigin hat dich geschickt, nicht wahr�, sagte der Alte mit m�der Stimme. �Ich kenne die Geschichten �ber dich, Farodin. Du bist hier, um deine eigene Fehde zu f�hren.�</p><p>�Das wird mich nicht davon abhalten, dich nach Hause zu bringen.�</p><p>Elodrin schnaubte ver�chtlich.��Sieh uns an! Sieh, was sie aus uns gemacht haben!� Er deutete auf eine Elfe, die leise schluchzend am Boden kauerte. �Nardinel war einmal so sch�n, dass man keine Worte daf�r finden konnte. Nun ist sie ein krummes Weib mit gequ�lter Seele und kann den Anblick der Sonne nicht mehr ertragen. Wir alle haben uns den Tod lange herbeigesehnt. Er hat keinen Schrecken f�r uns. Im Gegenteil, der Tod bedeutet die Freiheit, wiedergeboren zu werden.�</p><p>�Ist es dir wirklich egal, ob du als Fleisch auf der Tafel des Trollherzogs endest? Hast du dich schon so sehr aufgegeben?�, erwiderte Farodin scharf.</p><p>Elodrin sah ihn lange schweigend an. Dann nickte er kaum merklich.��Verzeih mir, wenn ich dir nicht danken kann. Versuch uns zu verstehen. Du hast tats�chlich nur unser Fleisch gerettet. Unser Leben hat uns Orgrim schon l�ngst genommen.�</p><p>Die Elfen mussten sich die Augen verbinden, um die K�che mit ihren hellen Feuern durchqueren zu k�nnen. Mandred war nicht lange genug in der Finsternis gefangen gewesen, um so empfindlich wie die Elfen zu werden. Der Menschensohn w�rde sie f�hren m�ssen, dachte Farodin, denn er selbst w�rde nicht mit zur�ck zum Boot kommen.</p><p>Scandrag hatte in Truhen die Sch�tze seiner Opfer verwahrt: Schmuck und Waffen. Dort fanden sie Mandreds Axt. Die Elfen wollten von all dem nichts wissen, doch Farodin beharrte darauf, dass jeder von ihnen zumindest eine Waffe an sich nahm. Und sei es, damit sie sich selbst das Leben nehmen konnten, bevor sie noch einmal von den Trollen gefangen genommen wurden.</p><p>Sie wollten die K�che schon verlassen, als Elodrin riet, Feuer zu legen.</p><p>�Dieser Turm besteht nur aus Steinen�, h�hnte Mandred, der den alten Elfen offensichtlich nicht leiden konnte. �Steine brennen nicht. Ein Feuer zu legen ist sinnlos.�</p><p>�Darum geht es nicht, Menschensohn. Der Turm ist wie ein riesiger Kamin. Der Rauch wird nach oben steigen. Er wird von unserer Flucht ablenken und vielleicht auch ein paar Dutzend Trolle ersticken. Scandrag lagert hier viele F�sser mit Waltran. Wenn sie einmal in Brand geraten, gibt es keine M�glichkeit mehr, sie zu l�schen.�</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sie die F�sser fanden. Sie schlugen ein paar Dauben ein, sodass der Tran in z�hen Str�men zu Boden rann. Farodin ben�tigte mehrere Fackeln, um ihn in Brand zu setzen. Mit Scandrags K�che w�rde auch ein gro�er Teil der Vorr�te der Nachtzinne vernichtet, und das mitten im Winter. Nicht lange, und diese verfluchten Elfenfresser w�rden Hunger leiden, dachte Farodin zufrieden. Das Feuer zu legen war ein guter Plan! H�tten die Trolle geahnt, was es hie�, einen Elfen wie Elodrin zum Feind zu haben, sie h�tten ihn l�ngst geschlachtet.</p><p>Farodin f�hrte die Fl�chtlinge auf einem Umweg an den schlafenden Trollen vorbei. Selbst das blasse Licht der Barinsteine in den G�ngen war zu hell f�r die an v�llige Finsternis gew�hnten Gefangenen. Mit verbundenen Augen gingen sie hintereinander her. Jeder hatte die rechte Hand auf die Schulter des Elfen vor ihm gelegt. Die dunkelhaarige Nardinel st�tzte Mandred. Der Jarl versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch er war vor Schmerz fast ebenso bleich wie die Elfen.</p><p>Wenn es Luth, dessen Namen der Menschensohn bei jeder Gelegenheit im Munde f�hrte, wirklich gab, dann war ihnen der Gott auf ihrer Flucht wohlgesinnt. Kein Troll kreuzte ihren Weg, bis Farodin sie zur verborgenen T�r brachte. Er erkl�rte den Elfen, wie sie im Labyrinth der Kobolde hinab zur wei�en Grotte finden w�rden. In der Finsternis der G�nge w�rden sie sich gewiss zurechtfinden k�nnen, und er hoffte, dass die Mittwinternacht dunkel genug war, um sie vor den Blicken der Trolle zu verbergen, wenn sie am Strand entlang zur H�hle liefen.</p><p>Farodin nahm Elodrin zur Seite.��Dir ist klar, dass der Mensch nicht �berleben w�rde, wenn ihr durch die Bucht schwimmt. Er kann sich nicht vor der K�lte des Wassers sch�tzen.� Farodin w�nschte, Elodrin w�rde die Binde endlich abnehmen, damit er ihm in die Augen sehen konnte, wenn er mit ihm sprach. �Mandred kam hierher, ohne euch zu kennen, und er hat sein Leben f�r euch gewagt.�</p><p>�Ich habe ihn nicht darum gebeten�, entgegnete der Alte k�hl.</p><p>�Das kalte Wasser w�rde ihn t�ten, Elodrin. Ihr m�sst �ber den Landesteg und dann am Strand entlang zur H�hle laufen.�</p><p>�Wenn wir diesen Weg nehmen, dann k�nnen wir uns gleich den Trollen stellen. Sollte der Mond am Himmel stehen, sind wir am Strand nicht zu �bersehen.�</p><p>�Einen anderen Weg gibt es nicht f�r Mandred!�</p><p>�Dann war es eine unkluge Entscheidung von ihm, hierher zu kommen.�</p><p>Farodin hatte das absurde Gef�hl, dass Elodrin ihn durch die Augenbinde hindurch sehen konnte; dass der Alte ihn studierte, jede seiner Gesten, jede Schwankung im Tonfall seiner Stimme.</p><p>�Du warst zu lange in der Welt der Menschen, Farodin. Jetzt haftet dir etwas von ihnen an. Ich f�hle es deutlich. Wenn du so sehr um das Leben von Mandred besorgt bist, dann komm mit uns.�</p><p>Farodin blickte unschl�ssig den schmalen Flur hinauf. Er war sich sicher, dass er bis zum Trollherzog kommen w�rde. Mandred und die �brigen Elfen waren l�ngst durch die Geheimt�r in das Labyrinth der Kobolde verschwunden.</p><p>�Bevor die n�chste Flut kommt, m�sst ihr die H�hle verlassen. Wenn ich bis dahin nicht bei euch bin, dann wartet nicht l�nger auf mich. Sollte ich nicht zur�ckkehren, dann reise an meiner Stelle nach Firnstayn. Hinterlasse eine Nachricht f�r Nuramon, dass er von nun an allein nach Noroelle suchen muss.� Farodin zog das kleine Silberfl�schchen mit den Sandk�rnern aus seinem G�rtel. Dreihundertsiebenundvierzig hatte er inzwischen gefunden. �Sorg daf�r, dass Nuramon das hier bekommt.� Er dr�ckte Elodrin das Fl�schchen in die Hand. �Nuramon wird wissen, was damit zu tun ist.�</p><p>Der alte Elf nahm das Fl�schchen entgegen. �Ich werde daf�r sorgen, dass _Mandred_ deine Nachricht und das hier weitergibt.� Er ergriff Farodins Handgelenk im Kriegergru�. �Lass Orgrim langsam sterben, wenn du kannst.� Mit diesen Worten trat er durch die Geheimt�r.</p><p>Farodin schob die Holzvert�felung zur�ck. Endlich allein! Er strich seinen zerrissenen Umhang glatt und zog sich die Kapuze �ber den Kopf. Dann wurde er eins mit den Schatten der Nachtzinne.</p><p>Noch hatte es keinen Alarm wegen des Feuers gegeben, aber lange w�rde es nicht mehr dauern. Farodin hetzte Treppen und Flure entlang. Immer h�her f�hrte ihn sein Weg den Turm hinauf. Er setzte �ber schlafende Trolle hinweg und wich zweimal patrouillierenden Wachen aus. Beim zweiten Mal musste er sich auf einem Abort an der Au�enwand des Turms verstecken. Eisige Steigwinde zerrten an seinen Kleidern. Zwischen den F��en hindurch konnte er bis zum Hafen hinabblicken. Mehr als hundert Schritt ging es unter ihm in die Tiefe.</p><p>Endlich erreichte er den Zugang zur Schwarzen Stiege. So hatte er damals die Treppe aus Obsidian genannt, die verborgen in einer tragenden Wand des Turms bis hinauf zur Spitze f�hrte. Die steinerne Geheimt�r schwang leicht in ihren Angeln. Sie war vollkommen ausbalanciert. Die T�r lag hinter dem Standbild eines Eisb�ren, der sich zum Angriff auf seine Hinterbeine aufgeb�umt hatte.</p><p>Irgendjemand hatte in seinem �bermut die vorgestreckten Vordertatzen des B�ren abgeschlagen. Doch ganz offensichtlich hatte sich noch nie ein Troll die M�he gemacht, die Nische hinter der Statue n�her in Augenschein zu nehmen.</p><p>Matt gl�hende Barinsteine beleuchteten die spiegelnden Stufen der Treppe. Farodin dachte an seinen letzten Tag mit Aileen. Der Herzog der Trolle hatte sie w�hrend der K�mpfe um die Shalyn Falah get�tet. Bevor sie starb, hatte Farodin ihr geschworen, dass es nie eine andere Frau in seinem Leben geben w�rde. Und er hatte geschworen, Dolgrim, den Herzog der Trolle, von Wiedergeburt zu Wiedergeburt zu verfolgen. Es war der grimmigste aller Eide, den ein Albenkind leisten konnte.</p><p>Farodin hatte Dolgrim gefunden und get�tet, noch bevor das Bestattungsfest f�r Aileen gefeiert wurde. Drei weitere Male hatte er den wiedergeborenen Herzog erschlagen. So verhinderte er, dass sich das Schicksal des Trolls erf�llen konnte und er ins Mondlicht einging. Dabei machten es ihm die Trolle leicht. Ihre Anf�hrer wurden stets aus den wiedergeborenen Seelen erw�hlt. Starb der Herzog, dann konnte dieses Amt nicht besetzt werden, bis sich ein bedeutender Schamane ganz sicher war, den wiedergeborenen Herzog entdeckt zu haben. Erst wenn ein Trollf�rst ins Mondlicht ging, wurde sein Platz wirklich frei. Wann immer er den Herzog der Nachtzinne t�tete, konnte er sicher sein, das Leben des wiedergeborenen Dolgrims auszul�schen.</p><p>Mit klopfendem Herzen verharrte Farodin am Ende der Obsidiantreppe. Er hatte ein fernes Ger�usch wie Gongschlag vernommen. War das Feuer entdeckt worden? Ein Z�gern konnte er sich jetzt nicht mehr erlauben. Er griff nach dem steinernen Hebel in der Wand neben sich. Lautlos glitt die Decke �ber ihm weg. Farodin bewunderte die Handwerkskunst der Kobolde. Jahrhunderte war es her, dass sie diese Geheimt�r angelegt hatten, doch die Zeit hatte ihr nichts anzuhaben vermocht.</p><p>Vorsichtig schob sich der Elf durch die �ffnung. Hinter ihm schloss sich die Bodenklappe. Nichts deutete mehr auf ihre Existenz hin.</p><p>Farodin hatte keine Ahnung, wie man die Geheimt�r von diesem Zimmer aus �ffnete. Vielleicht war sie nie entdeckt worden, _weil_ man sie nicht von hier aus �ffnen konnte. Wie damals w�rde er auf einem anderen Weg entkommen m�ssen.</p><p>Die Kammer des Herzogs hatte sich ver�ndert. Sie erschien ihm kleiner. Lag es am wuchtigen Bett? War es einfach nur gr��er und nahm noch mehr Raum ein?</p><p>Der Elf h�rte das Atmen des schlafenden Herzogs. Lautlos trat er an dessen Bett. Einige Herzschl�ge lang stand er still und sah dem Schlafenden zu. Er glaubte, einige der Z�ge Dolgrims im Antlitz Orgrims wiederzuerkennen, die tiefen Falten an den Mundwinkeln und um die Augen. Selbst im Schlaf lag etwas Grausames in diesem Gesicht.</p><p>Mit flie�ender Bewegung zog Farodin ein Messer und stie� es dem Troll dicht �ber dem Kehlkopf in den Hals.</p><p>Orgrim fuhr hoch, sein Mund klappte auf, doch kein Ton drang �ber seine Lippen. Nur ein leises Glucksen vom Blut, das ihm in die Luftr�hre rann und ihn ersticken w�rde. Der Stich hatte die Stimmb�nder durchtrennt.</p><p>Der Troll griff nach seiner Kehle und wand sich in grotesken Verrenkungen. Seine Arme verzerrten sich und wurden d�nner. Gleichzeitig st�lpte sich sein Kopf aus.</p><p>Erschrocken wich Farodin zur�ck. Nie zuvor hatte er so etwas gesehen. Die Kreatur im Bett hatte inzwischen einen Kopf, der an den eines gro�en schwarzen Hundes erinnerte.</p><p>Glei�endes Licht erf�llte den Raum.</p><p>�Was f�r ein treuer Hund�, sagte eine warme, dunkle Stimme auf Elfisch.��Er stirbt f�r seinen Herrn.�</p><p>Farodin fuhr herum. Die R�ckwand der Kammer war verschwunden, oder besser gesagt die Illusion der R�ckwand. Nun wirkte das Schlafgemach des Herzogs wieder so gro�, wie er es in Erinnerung gehabt hatte. Orgrim sa� auf einem dunklen Eichenstuhl. Gleich neben ihm kauerte ein altes Trollweib auf einem Schemel. Vor ihr lagen kleine Kn�chelchen auf dem Boden verteilt, die sie mit gichtkrummen Fingern zu einem verschlungenen Muster f�gte. Vier schwer bewaffnete Trolle flankierten den Thronsessel des Herzogs.</p><p>�Wie es scheint, endet in dieser Nacht der Seelenfluch, der auf mir lastet. Du bist ein tapferer Mann, Farodin. Tapfer, aber verr�ckt, wenn du geglaubt hast, dass du noch einmal unbemerkt in diese Kammer gelangen k�nntest. Ich werde dein Herz essen, aus Respekt vor deinem Mut, aber gewiss nicht dein Hirn, Elf. Seit drei Tagen warten wir hier jede Nacht auf dich.�</p><p>Die einzige T�r zur Turmkammer �ffnete sich. Auch dort erwarteten ihn schwer bewaffnete Trolle.</p><p>Farodin zog ein Messer und schleuderte es nach dem Herzog. Der duckte sich zur Seite. Die Klinge verfehlte seinen Hals um weniger als einen Fingerbreit und grub sich in das dunkle Holz des Thronsessels. Farodin fluchte. F�r einen Troll bewegte sich Orgrim au�ergew�hnlich schnell.</p><p>Die Leibw�chter st�rmten hinter dem Thron hervor. Farodin lie� sich fallen, rollte sich ab und zog das n�chste Messer. Im Vorw�rtsrollen durchschnitt er einem Troll die Sehnen an der Verse. Der H�ne knickte zusammen.</p><p>Ein Axthieb verfehlte den Elfen nur knapp. Mit einem Satz war er auf den Beinen und h�mmerte einem Troll seinen Dolch in den Leib. Er war nun inmitten der Leibw�chter, sodass diese sich mit ihren langstieligen Waffen und gro�en Schilden gegenseitig behinderten.</p><p>Farodin wich einem Schildsto� aus, ging wieder in die Hocke und rammte dem Angreifer seinen Dolch in die Kniekehle. Der H�ne stie� einen gellenden Schrei aus und brachte sich mit einem ungelenken Satz aus Farodins Reichweite.</p><p>Der Elf sprang auf, zog in der Bewegung einen weiteren Dolch und griff nach der Schildkante des Kriegers vor sich. Mit aller Kraft riss er sich daran hoch wie ein Jahrmarktsakrobat und setzte mit einem �berschlag �ber den Schild hinweg. Noch im Flug traf den Schildtr�ger ein Dolch ins Auge.</p><p>Mit hochgestreckten Armen und in vollkommener Balance landete Farodin hinter dem Troll. Er w�rde gegen die �bermacht nicht bestehen, aber vielleicht konnte er Orgrim mit in den Tod nehmen!</p><p>Farodin zog zwei Messer. Weitere Leibw�chter st�rmten die T�r der Turmkammer, doch im Augenblick stand nur noch ein einziger Troll zwischen ihm und dem Herzog.</p><p>Orgrim war aufgesprungen und stemmte den m�chtigen Thronsessel hoch. Der Elf wich einem Kn�ppelhieb des letzten Leibw�chters aus und stie� dem Krieger einen Dolch durch das Handgelenk, woraufhin er seine schwere Waffe fallen lie�.</p><p>Mit einem Schrei schleuderte Orgrim den Thronsessel nach Farodin. Der Elf lie� sich zur Seite fallen und schlug mit der Schulter hart auf den Boden. Der schwere Sessel schoss �ber ihn hinweg und zerbarst an der gegen�berliegenden Wand.</p><p>Die Luft in der Kammer war schlagartig abgek�hlt. Das alte Weib stie� einen kehligen Schrei aus und hob die d�rren Arme. Blitze aus hellem Licht spielten um ihre H�nde. Farodin schleuderte seinen Dolch. Die Schamanin st�rzte �ber ihren Schemel. Ihre H�nde fuhren zur Kehle. Dunkles Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor.</p><p>Orgrim hatte den Augenblick, den Farodin abgelenkt gewesen war, dazu genutzt, einen Kn�ppel aufzuheben.</p><p>Farodin zog sein Schwert und das letzte Wurfmesser. Aus den Augenwinkeln sah er Krieger durch die T�r treten. Einer holte aus, um seine Axt zu werfen. Wie ein Silberblitz schnellte das Wurfmesser aus der Hand des Elfen und traf den Krieger mit der Axt in die Stirn.</p><p>Orgrim aber war nun heran und schwang den Kn�ppel. Der Elf wollte unter dem Schlag hinwegtauchen, als der Herzog im letzten Moment die Richtung des Hiebes �nderte. Farodin schaffte es gerade noch, sein Schwert hochzurei�en, doch die Wucht des Treffers prellte ihm die Waffe aus der Hand. Sie schlitterte �ber den Boden zur T�r.</p><p>Orgrim brach in schallendes Gel�chter aus.��Das war&#x2B9;s dann, Elflein. Unbewaffnet bist du tot!�</p><p>Farodin sprang auf und h�mmerte beide F��e unter das Kinn des H�nen. Er konnte h�ren, wie dem Herzog die Z�hne im Kiefer splitterten. Von der Wucht des Trittes taumelte Orgrim nach hinten.</p><p>Farodin rollte sich zur Seite ab. Inmitten des St�hnens und Geschreis lie� ihn ein klirrender Laut herumfahren. Die �brigen Krieger hielten Abstand zu ihm. Die Schamanin war wieder aufgestanden. Vor ihr lag der Dolch. Ganz langsam setzte sie einen Fu� auf die Waffe.</p><p>Der Elf blickte auf. Die Wunde in der Kehle des alten Weibes hatte sich geschlossen. Ihre Augen glommen fiebrig.</p><p>Farodin senkte den Blick. Doch es war zu sp�t. Gegen seinen Willen machte er einen Schritt zur�ck. Sie hatte von ihm Besitz ergriffen.</p><p>Krachend schlugen die Fensterl�den auf. Eisige Luft str�mte in das Turmzimmer.</p><p>�Glaubtest du wirklich, du k�nntest immer wieder den Herzog t�ten? Und glaubtest du, ich w�rde das bis ans Ende aller Tage dulden?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Seit Jahrhunderten wusste ich, dass du wiederkommen w�rdest. Es ist deine �berheblichkeit, die dich das Leben kosten wird, Elf. Der Glaube, du k�nntest uns ein ums andere Mal besiegen. Nicht einmal Emerelle ist so vermessen wie du.�</p><p>Der Wille der Schamanin zwang Farodin, den Kopf zu heben und ihr ins Gesicht zu sehen. Er machte einen weiteren Schritt zur�ck, dann noch einen��</p><p>Farodin versuchte verzweifelt, gegen den Zauber anzuk�mpfen, der ihm die Bewegungen seines K�rpers diktierte. Aber er war hilflos wie ein kleines Kind, das sich trotzig gegen den Griff eines Erwachsenen aufb�umte. Und er sp�rte ihre Anwesenheit in seinen Gedanken. Sie nahm seine Erinnerungen in sich auf!</p><p>Die Schamanin zwang ihn, auf eines der Fenstersimse zu steigen. Klirrende K�lte schlug ihm entgegen. Ein dichtes Schneetreiben hatte eingesetzt. Das war gut. Nein! Er durfte nicht � Er versuchte an Noroelle zu denken.</p><p>Das alte Trollweib l�chelte. �Die gefangenen Elfen sind geflohen. Sie haben auch den Menschensohn mitgenommen.� Sie sah Farodin forschend an. Der Elf versuchte seine Gedanken zu leeren. Er dachte an ein weites, wei�es Schneefeld. Doch scheinbar ohne M�he bem�chtigte sich die Schamanin seiner Erinnerungen. �Die Fl�chtlinge wollen zu einem Boot, das in der H�hle auf der anderen Seite des Fjords verborgen liegt.�</p><p>�Schickt Suchtrupps zum Strand�, befahl Orgrim einer Wache bei der T�r. �Und lasst auch zwei Schiffe klar zum Auslaufen machen.�</p><p>�Du bist in guter Gesellschaft, Herzog.� Auf wunderbare Weise �bert�nte die Stimme der Alten das Toben des Sturms. �Er hat auch schon F�rsten seines eigenen Volkes ermordet. Im Auftrag seiner K�nigin. Hast du Angst vor dem Tod, Henker?�, fragte sie neugierig.</p><p>Pl�tzlich furchten zwei steile Falten ihre Stirn. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.��Der Devanthar���</p><p>Farodin sp�rte, wie ihre Macht �ber ihn pl�tzlich nachlie�, ja, wie sie sich erschrocken aus seinen Erinnerungen zur�ckzog.</p><p>Sein K�rper gehorchte jetzt wieder ganz ihm. Farodin legte die H�nde auf das vereiste Sims des Fensters. Erwartete sie, dass er �ngstlich einen Satz nach vorn machte? Er war vollkommen im Gleichgewicht. In Sicherheit. Er neigte den Kopf wie ein H�fling. �Ihr gestattet, dass ich meine Gedanken f�r mich behalte?� Mit diesen Worten stie� er sich r�cklings vom Fenstersims ab. Gegen den Herzog h�tte er nichts weiter auszurichten vermocht. Es war besser, auf diese Weise zu sterben, als willenlos den Trollen ausgeliefert zu sein.</p><p>Farodin st�rzte in die Finsternis. Sein R�cken schlug hart gegen einen der Strebepfeiler, die den Turm st�tzten. Er glitt daran ab und fiel tiefer und tiefer. Halb bet�ubt versuchte er seinen Sturz zu kontrollieren, seinen K�rper anzuspannen, um dann vorzuschnellen und nach einem Sims zu greifen. Doch im Fallen h�llte ihn sein flatternder Umhang ein wie ein Leichentuch. Er behinderte seine Bewegungen. Noch wenige Augenblicke, dann w�rde er tats�chlich sein Leichentuch sein.</p><p>Pl�tzlich gab es einen Ruck. Etwas griff nach Farodins Kehle, als wollte es ihm den Kopf abrei�en. Er b�umte sich auf. Der Sturz hatte abrupt ein Ende gefunden. Seine H�nde und F��e tasteten ins Leere. F�r einige Herzschl�ge war er v�llig orientierungslos. Dann begriff der Elf, dass er von etwas herabhing, hilflos wie ein Katzenjunges, das von seiner Mutter im Nacken gepackt wurde.</p><p>Farodin langte �ber seinen Kopf. Dort fand er Halt. Seine Finger krallten sich in eisverkrusteten Stein. Ein Wasserspeier! Sein Umhang hatte sich am vorgereckten Kopf des steinernen Ungeheuers verfangen. Zitternd zog Farodin sich hoch und gelangte in die relative Sicherheit eines steinernen Simses, aus dem der Wasserspeier hervorragte. Er l�ste die Brosche des Umhangs, der ihm das Leben gerettet hatte. Sein Hals war vom Stoff aufgescheuert. Die Nackenmuskeln brannten und waren gezerrt. Er konnte den Kopf kaum noch bewegen. Unversehens wurde ihm bewusst, was f�r ein Gl�ck er gehabt hatte. Eigentlich h�tte der Schlag ihm das Genick brechen m�ssen!</p><p>Farodin versuchte einzusch�tzen, auf welcher H�he des Turms er sich befand, doch im dichten Schneetreiben konnte er nur wenige Schritt weit sehen. Tief war sein Sturz sicherlich nicht gewesen, sonst h�tte ihn der Ruck umgebracht. Unschl�ssig, was zu tun war, blinzelte er sich den Schnee aus den Augen. Dicht vor ihm verschwand ein St�tzbogen in der Finsternis. Das Sims, auf das er sich gerettet hatte, war kein Ort, an dem er lange verweilen konnte. Von hier gab es keinen Weg in den Turm hinein. Er musste klettern, wenn er sich in Sicherheit bringen wollte. Blieb er hier, w�rden ihn die Trolle auf kurz oder lang finden.</p><p>Der b�ige Wind zerrte an dem Umhang, den Farodin nun in H�nden hielt. Er lie� ihn in die Finsternis davonflattern. Beim Klettern w�rde er ihn nur behindern.</p><p>Vorsichtig streckte sich der Elf und lie� sich auf den St�tzbogen gleiten. St�ck um St�ck rutschte er daran hinab. Bald traf der Bogen auf einen breiten Pfeiler, der senkrecht in die Tiefe f�hrte.</p><p>Vorsichtig tastete Farodin mit den F��en in die Finsternis. Der Pfeiler war von steinernen Fratzen ges�umt. Schnee und Eis hatten sich auf ihnen festgesetzt. Unendlich langsam kletterte der Elf hinab. Der raue Stein zerschnitt ihm die Finger. Bald bet�ubte die K�lte seine H�nde. Immer unsicherer wurde sein Griff.</p><p>Als er den n�chsten St�tzbogen erreichte, der sich mit dem Pfeiler vereinigte, verharrte er f�r einen Moment auf einem Sims. Er konzentrierte sich darauf, ein W�rmepolster unter seinen Kleidern entstehen zu lassen. Es dauerte lange, bis die Magie sich seinem Willen f�gte. Das Zaubern fiel ihm nie leicht. Vor allem nicht, wenn er ersch�pft war. Als ihm w�rmer wurde, drohte der Schlaf ihn zu �bermannen. Farodin lehnte sich gegen das Mauerwerk und sah in das Schneetreiben zu seinen F��en.</p><p>Vier oder f�nf Schritt tiefer gab es ein Bleiglasfenster, hinter dem das matte Licht eines Barinsteins schimmerte. Farodin �berlegte, wie er es bis dorthin schaffen konnte. Aus der Turmwand ragten hier einige steinerne Streben. Sie waren wohl einmal daf�r vorgesehen gewesen, Balkone zu tragen, die man dann doch nicht gebaut hatte. Zwei Hand breit und mehr als einen Schritt lang stachen sie aus dem Mauerwerk hervor. Eine dieser Streben befand sich unmittelbar �ber dem Fenster.</p><p>Farodin fasste einen verzweifelten Plan. Jeweils f�nf Streben lagen mit einem Abstand von etwas mehr als zwei Schritt nebeneinander. Ein wenig tiefer ragten noch einmal f�nf Streben aus der Wand. Sie waren so angeordnet, dass sie genau �bereinander lagen. Schlug der erste Versuch fehl, gab es noch Hoffnung, sich festzuhalten � Nein, der erste Versuch musste gl�cken! Zweifelnd musterte Farodin die schneebedeckten Steine. Um sie �berhaupt erreichen zu k�nnen, musste er von dem massigen St�tzpfeiler zur�ck zur Mauer des Turms gelangen.</p><p>Farodin kletterte auf einen der St�tzbogen, die in steilem Winkel hin zur Turmwand f�hrten. Zoll um Zoll kroch er vorw�rts, bis er die Mauer erreichte. Dort ging er in die Hocke. Ein gutes St�ck unter ihm ragte jetzt eine der Querstreben aus der Wand. Sie lag etwa vier, vielleicht f�nf Schritt tiefer. Farodin fluchte. Er w�rde springen m�ssen. Und die Wahrscheinlichkeit, auf dem vereisten Stein Halt zu finden, war nicht gro�.</p><p>Lange starrte er hinab. Er sp�rte, wie ihm die K�lte in die Glieder kroch. In dem Augenblick, in dem er aufgeh�rt hatte, sich auf den W�rmezauber zu konzentrieren, war er wieder verloschen. Seine Finger wurden taub. Er durfte nicht l�nger warten!</p><p>Farodin landete auf der Strebe, doch seine Sohlen fanden keinen Halt. Halb st�rzte er, halb stie� er sich ab, �berschlug sich und landete mit gegr�tschten Beinen auf der tiefer gelegenen Strebe. Der Schlag in sein Gem�cht trieb ihm Tr�nen in die Augen.</p><p>St�hnend l�ste er den G�rtel von der H�fte und schlang ihn einmal um den Stein. Dann zog er das Hemd aus und verknotete einen �rmel mit dem G�rtel. Wie mit Messern schnitt der eisige Wind in seinen nackten R�cken. Das Bleiglasfenster lag nun schr�g unter ihm.</p><p>Farodin kn�pfte einen dicken Knoten in das Ende des zweiten �rmels und hoffte inst�ndig, dass die N�hte des Hemdes solide waren. Dann schwang er sich von dem Sims. Mit einem Ruck straffte sich das Hemd. Das Leder des G�rtels knirschte auf dem rauen Stein. Pendelnd nahm der Elf Schwung. Doch der b�ige Wind brachte ihn immer wieder aus dem Takt. Das Fenster lag nun fast auf einer H�he mit ihm. Langsam verloren seine steifen Finger den Halt. Noch ein Schwung�� Dann lie� er los.</p><p>Klirrend zerbarst das Fenster unter seinen Stiefeln. Glas schnitt ihm in die Arme. Er prallte hart auf den Boden und rollte sich ab. Warmes Blut sickerte aus einem Schnitt in seiner Stirn.</p><p>Schwer atmend blieb er liegen. Er war davongekommen! Zun�chst vermochte er nichts anderes zu tun, als einfach nur die Decke �ber sich anzustarren. Er lebte! Offenbar hatte bei dem Heulen des Sturms niemand geh�rt, wie das Fenster zerbrochen war.</p><p>Es dauerte einige Zeit, bis Farodin sich des tiefen Dr�hnens bewusst wurde, das durch den Turm hallte. Ein Gong schlug. Das Feuer!</p><p>Rauchschwaden zogen an dem Barinstein unter der Decke vorbei. Der Qualm wurde schnell dichter. Benommen setzte Farodin sich auf. Seine Augen tr�nten.</p><p>Er riss sich einen Streifen Stoff von der Hose und presste ihn sich auf Mund und Nase. Der Rauch w�rde ihm die Flucht erleichtern, wenn er ihn nicht umbrachte.</p></section><section><title><p>Elodrins Lied</p></title><p>�Wir k�nnen nicht mehr l�nger warten. Bald steht die Flut so hoch, dass wir nicht mehr aus der H�hle kommen. Dann sitzen wir hier auf Stunden fest!�</p><p>Mandred hatte sich schlotternd eine Decke um die Schultern geschlungen. Das Get�se der steigenden Flut hallte von den W�nden der Grotte wider. Der Jarl f�hlte sich elend. Er war den Elfen hilflos ausgeliefert. Sie waren mit ihm quer durch den Fjord geschwommen. Landal, ein hagerer, blonder Elf, hatte ihn beim Bart gepackt und hinter sich her gezogen. Sein Zauber hatte Mandred davor bewahrt, im eisigen Wasser zu sterben. Dennoch f�hlte er sich mehr tot als lebendig. Die K�lte war ihm tief in die Knochen gedrungen. Er lag auf dem Boden des Boots in mehrere Decken geh�llt und konnte sich kaum bewegen.</p><p>�Bringt das Boot aus der Grotte�, kommandierte Elodrin und trat an das Steuerruder im Heck. �Wir werden drau�en im Fjord warten. Dort sitzen wir wenigstens nicht in der Falle.�</p><p>Die �brigen Elfen legten sich in die Riemen. Gegen die starke Str�mung am H�hleneingang anzuk�mpfen forderte ihnen alle Kraft ab. So hoch stand das Wasser, dass das Boot immer wieder mit dem geschwungenen Vordersteven gegen die Decke schlug. Es sah schon so aus, als w�re es zu sp�t, der H�hle noch zu entkommen, als der kleine Segler pl�tzlich einen Satz nach vorn machte. Dann waren sie frei.</p><p>Mit gro�em Geschick steuerte Elodrin sie durch die Riffe und Untiefen, bis sie schlie�lich in das tiefe Fahrwasser in der Mitte des Fjords gelangten. Ersch�pft kauerten die Elfen entlang der Bordwand und erholten sich vom Kampf mit der See. Nur Elodrin stand im Heck. Unruhig sp�hte er in den dichten Nebel hinaus.</p><p>�Ein m�chtiger Zauber wird gewirkt�, sagte er leise. ��berall sp�re ich Magie. Wir sollten hier nicht bleiben.�</p><p>�Wir werden auf Farodin warten!�, beharrte Mandred.</p><p>�Das ist nicht klug.� Der alte Elf deutete voraus, dorthin, wo jenseits des Nebels die Nachtzinne liegen musste.��Farodin ist hierher gekommen, um zu sterben.�</p><p>�Nein, du kennst ihn nicht. Er hat sein Leben ganz der Suche nach seiner Geliebten geweiht. Er wird hier nicht sterben.�</p><p>Elodrin l�chelte m�de. �So gut kennst du also die Seele der Elfen, Menschensohn?�</p><p>�berheblicher Mistkerl, dachte Mandred. �Wenn ihr ihn aufgebt, dann bringt mich zum Ufer. Ich werde nach ihm suchen!�</p><p>�Was willst du tun? Zur Nachtzinne kriechen?�</p><p>�Jedenfalls werde ich nicht einen Freund im Stich lassen.�</p><p>�Was nutzt es Farodin, wenn auch du stirbst?�, fragte Elodrin.</p><p>�Das wirst du nie begreifen, Elf. Es ist eine Frage der Ehre, seine Freunde nicht aufzugeben. Ganz gleich, unter welchen Umst�nden. Und ich bin mir sicher, Farodin w�rde dasselbe f�r mich tun!�</p><p>Der alte Elf nickte.��Ja, er hat sich sehr ver�ndert. Das konnte ich sp�ren. Vielleicht � Schweig nun, Mensch. Ich brauche Ruhe!�</p><p>Elodrin lie� die Ruderpinne los und kauerte sich ins Heck. Leise summte er eine einlullende Melodie. Das sanfte Schaukeln des Bootes und die Ersch�pfung machten Mandred schl�frig. Sein Kopf kippte zur Seite. Nicht einschlafen, war sein letzter Gedanke.</p><p>Erschrocken fuhr der Jarl hoch. Die Elfen sa�en wieder an den Rudern, und der Nebel hatte sich aufgel�st.</p><p>Sie mussten den Fjord verlassen haben! W�tend blickte Mandred zu Elodrin auf.��Du mieser Feigling! Du hast einen Schlafzauber �ber mich gelegt, um dann zu fliehen!� Er tastete nach seiner Axt. Sie war fort. Jede Bewegung lie� brennenden Schmerz durch sein Bein fahren.</p><p>Der alte Elf hatte seine Augenbinde angelegt. Er neigte den Kopf in Mandreds Richtung und l�chelte. �Dass du gerade jetzt erwachst, zeigt, wie stark das Band eurer Freundschaft ist.�</p><p>�Du wirst mich sofort in den Fjord zur�ckbringen, du elender, dreckfressender���</p><p>�Nardinel! Landal! Helft ihm auf! Sein Gerede st�rt meinen Zauber!�</p><p>Die angesprochenen Elfen zogen ihre Ruder ein und kamen zu ihm her�ber. Auch sie trugen wieder ihre Augenbinden. Mandred st�hnte vor Schmerz, als sie ihn unter den Achseln packten und auf die Beine brachten.</p><p>�Ich wei� nicht, wie du es geschafft hast�, zischte Nardinel ihm ins Ohr, �aber deine Unvernunft hat nun auch Elodrin ergriffen! Die Schamanen der Trolle vertreiben den Nebel aus dem Fjord. Jeder kann uns sehen. Und trotzdem halten wir auf den Hafen der Nachtzinne zu!�</p><p>W�hrend er sich auf die Elfen st�tzte, konnte Mandred �ber die Reling sehen. Das Schneetreiben hatte aufgeh�rt. Der Himmel war klar und voller Sterne. Etwa eine halbe Meile entfernt erhob sich der Turm der Trolle �ber dem Fjord. �berall auf den Klippen und entlang des Strandes bewegten sich Fackeln. Der Fu� des Turms war von einem matten, r�tlichen Leuchten umgeben. Dichter Rauch quoll aus den Fenstern.</p><p>Die lange Hafenmole war voller Trolle. Offenbar wurden in aller Eile Schiffe bemannt.</p><p>�Siehst du ihn?�, fragte Elodrin vom Heck. �Farodin muss kurz vor uns im Wasser sein. Ich sp�re seine N�he. Es kostet kaum noch Kraft, den Suchzauber aufrechtzuerhalten.�</p><p>Mandred sp�hte in die sanfte D�nung. Einen Schwimmer, der das Wasser aufw�hlte, h�tte man sofort sehen m�ssen. Doch da war nichts.</p><p>�Bist du sicher, dass er hier ist?�, fragte er leise.</p><p>Elodrin deutete links am Vordersteven vorbei. �Dort. Das ist die Richtung, in die du blicken musst!�</p><p>Mandred kniff die Augen zusammen. Das Licht der Fackeln spiegelte sich in der glatten See. Pl�tzlich stieg eine Feuerkugel von der Nachtzinne aus steil in den Himmel. Sie beschrieb einen weiten Bogen und st�rzte dann fast senkrecht auf sie zu. Das Geschoss verfehlte sie um viele Schritt. Es war ein Speer mit einem kleinen Brandkorb unter der steinernen Spitze.</p><p>Kaum war er im dunklen Wasser verschwunden, stiegen bereits zwei neue Feuerkugeln von der Nachtzinne auf. Vom Hafen her waren kehlige Schreie zu h�ren. Mandred sah, wie eines der gro�en schwarzen Schiffe die Leinen l�ste.</p><p>Verzweifelt suchte der Jarl das Wasser ab. Endlich entdeckte er etwas. Einen hellen Fleck. Goldenes Haar, das sich im Takt mit der sanften D�nung wiegte.��Dort! Haltet ein wenig nach Steuerbord! Farodin!�</p><p>Sein Gef�hrte reagierte nicht. Er trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser.</p><p>�Schnell! Ein Ruder.�</p><p>Mandred stie� Farodin mit dem Ruderblatt an, doch der machte keinen Versuch, sich festzuhalten.</p><p>�Landal, hol ihn raus!�, befahl Elodrin.</p><p>Der Elf l�ste sich von Mandred, sprang �ber Bord und tastete sich am Ruder entlang, bis er zu Farodin gelangte. Er drehte den Elfen um, packte sein Haar und kam mit zwei kraftvollen Schwimmz�gen zum Boot zur�ck.</p><p>Als auch Nardinel ihn loslie�, um zu helfen, musste Mandred sich an der Reling festklammern. Er konnte sein gebrochenes Bein nicht belasten. Doch langsam kehrten seine Kr�fte zur�ck.</p><p>Die beiden Elfen wurden an Bord gezogen. Farodin regte sich nicht. Blicklos starrten seine weit aufgerissenen Augen zu den Sternen. Sein Oberk�rper war nackt und blau vor K�lte. Er war �bers�t mit Schnittwunden und Prellungen.</p><p>Fauchend schlug eines der Brandgeschosse dicht neben dem Boot ins Wasser.</p><p>Elodrin befahl Mandred, Landals Platz auf der hinteren Ruderbank zu �bernehmen. Sie wendeten das kleine Boot. Alle legten sich in die Riemen. Ein Brandgeschoss flog dicht �ber sie hinweg.</p><p>Landal versorgte Farodins Wunden. Er tastete den Leib des Elfen ab und entfernte Splitter aus seinem R�cken. All dies tat er mit verbundenen Augen. Doch jede seiner Bewegungen zeugte von gro�em Geschick. Schlie�lich wickelte er Farodin in eine Decke. Pl�tzlich hielt er inne und hob den Kopf, so als h�tte er Mandreds Blick bemerkt. Landal machte eine beschwichtigende Geste.��Du musst dir keine Sorgen machen. Er wird sich wieder erholen.�</p><p>�Aber er ist mit dem Gesicht nach unten im Wasser getrieben. Wie eine � Wie �� Mandred brachte das Wort nicht �ber die Lippen.</p><p>�Es war die K�lte, die ihn gerettet hat�, erkl�rte der hagere Elf.��Alles wird langsamer in kaltem Wasser. Der Schlag des Herzens, der Fluss des Blutes. Selbst der Tod. Ich will dir nichts vormachen, Menschensohn. Es geht ihm nicht gut. Er ist zu Tode ersch�pft und hat fast ein Dutzend Wunden davongetragen. Aber er wird sich wieder erholen.�</p><p>Ein Signalhorn ert�nte. Besorgt blickte Mandred zur�ck. Eines der wuchtigen Trollschiffe hielt auf die Hafenausfahrt zu. Ruder wurden aus dem Rumpf geschoben und zerw�hlten die dunkle See. Selbst auf eine halbe Meile war zu erkennen, dass das Schiff der Trolle mehr Fahrt machte als sie. Dumpfer Trommelschlag hallte �ber das Wasser. Die Ruder des Trollschiffs bewegten sich bald im selben Rhythmus.</p><p>Mandred und die Elfen ruderten aus Leibeskr�ften. Doch so sehr sie sich auch m�hten, die Trolle holten stetig auf. Schon als die Verfolgungsjagd begonnen hatte, war klar gewesen, wie sie enden musste. Mandred war in Schwei� gebadet. Jede Bewegung bestrafte sein Bein mit pulsierendem Schmerz. Wohl eine halbe Stunde oder l�nger dauerte die Jagd nun schon. Die Nachtzinne war l�ngst au�er Sicht. Hohe Klippen und die Eiswand eines Gletschers flankierten den Fjord.</p><p>Mandred sa� mit dem R�cken zum Bug und konnte deutlich sehen, was an Bord des Trollschiffs vor sich ging. Das Vorderkastell, das sich wie ein Turm �ber das Hauptdeck erhob, war von Fackeln erleuchtet. Dutzende Trolle dr�ngten sich dort. Man hatte Becken mit gl�henden Kohlen aufgestellt und b�ndelweise Pfeile heraufgeschafft. Und als w�re das alles nicht genug, folgte ihnen mit einer Viertelmeile Abstand noch ein zweites Trollschiff.</p><p>Farodin war noch immer nicht zu sich gekommen. Bei der Wut, mit der die Trolle ihnen nachsetzten, hatte er wohl Erfolg gehabt mit seinem tollk�hnen Plan, dachte Mandred.</p><p>Ein scharfer Befehl hallte �ber das Wasser. Die Bogensch�tzen hoben die Waffen, und im n�chsten Augenblick ging ein Hagel von Pfeilen dicht hinter dem Boot der Elfen nieder.</p><p>�Wie weit verfehlen sie uns?�, fragte Elodrin ruhig.</p><p>�Zehn oder f�nfzehn Schritt.�</p><p>�Wie sehen die Ufer jetzt aus?�</p><p>Der Gleichmut des Elfen machte Mandred noch rasend. Zwanzigmal oder �fter hatte Elodrin diese Frage gestellt. Was k�mmerten sie die Ufer! Dort konnten sie nicht anlanden. Auf dem Landweg w�rden sie den Trollen noch weniger entkommen. Erneut schlug ein Schauer von Pfeilen hinter ihnen ins Wasser. Diesmal waren sie unter zehn Schritt entfernt.</p><p>�Das Ufer!�, ermahnte ihn Elodrin.</p><p>�Klippen! Immer noch Klippen!�, entgegnete Mandred entnervt. �Der Gletscher liegt jetzt vielleicht sechzig Schritt hinter uns.�</p><p>�Landal, �bernimm bitte das Ruder.�</p><p>Der hagere Elf l�ste Elodrin ab, und dieser lie� sich neben Mandred nieder. Elodrins Gesicht war ausgezehrt. Die vergangenen Stunden hatten ihn seine letzten Kr�fte gekostet. Er nahm die Augenbinde ab und legte sie vor sich auf den Boden. Die Augen hielt er fest geschlossen.</p><p>Pfeile klatschten ins Wasser. Mit dumpfem Laut bohrten sich mehrere Geschosse ins Heck.</p><p>Die n�chsten Salven w�rden das offene Boot in ein Totenschiff verwandeln, dachte Mandred verzweifelt.</p><p>�F�r einen Menschen bist du recht bemerkenswert, Mandred�, sagte Elodrin freundlich. �Es war sehr unh�flich von mir, dich w�hrend unserer Gefangenschaft mit Schweigen zu strafen. Daf�r m�chte ich mich entschuldigen.�</p><p>Mandred beugte sich im Takt des Ruderschlags vor und zur�ck. Der Alte war wahnsinnig. Sie k�mpften verbissen um jeden Zoll, den sie den Trollen noch abgewinnen konnten, und er kam ihm mit so etwas.</p><p>�Ich verzeihe dir!�, keuchte er verdrossen.</p><p>Elodrin schien ihn nicht mehr zu h�ren. Wie ein Betender hatte er die H�nde zum Himmel erhoben. Sein Mund war weit aufgerissen, der ganze K�rper angespannt, so als schriee er in Todespein. Doch kein Laut kam �ber seine Lippen.</p><p>Pfeile schlugen ins Boot. Nardinel wurde von der Ruderbank gerissen. Ein dunkel gefiederter Schaft ragte aus ihrer Brust. Ein anderes Geschoss blieb dicht neben Mandred in der Ruderbank stecken.</p><p>Der Jarl legte sich noch verbissener in die Riemen, doch die anderen Ruderer waren aus dem Takt gekommen. Das Boot driftete nach Steuerbord. Und das rettete sie. Der n�chste Pfeilschauer verfehlte sie knapp.</p><p>Ein gewaltiges Platschen erklang, so als h�tte ein Riese mit flacher Hand aufs Wasser geschlagen. Ein Eisbrocken, gr��er als ein Heuwagen, war vom Gletscher abgebrochen und trieb in der dunklen See. Sanft wurde das kleine Boot von einer Welle angehoben und ein St�ck vorw�rts geschoben.</p><p>An Bord des Trollschiffes wurden Befehle gebellt. Mandred konnte sehen, wie die Bogensch�tzen diesmal ihre Pfeile in den Feuerbecken entz�ndeten.</p><p>Wie ein Schwarm von Sternschnuppen flogen die flammenden Geschosse dem Boot entgegen. Mandred duckte sich im Reflex, obwohl er wusste, dass es sinnlos war. Rings herum schlugen Geschosse ein. Einer der Elfen schrie auf. Elodrin st�rzte. Ein Pfeil ragte aus seinem weit aufgerissenen Mund. Zwei weitere staken in seiner Brust.</p><p>Die Decke, in die Farodin eingewickelt lag, hatte Feuer gefangen. Mandred riss sie zur Seite und schleuderte sie �ber Bord. Dabei sah er, wie die Bogensch�tzen erneut ihre Waffen hoben.</p><p>Ein Laut, wie Mandred ihn noch nie geh�rt hatte, hallte von den Steilklippen des Gletschers wider. Das Ger�usch erinnerte an das Krachen, mit dem sich der Stamm eines Baumes zur Seite neigte, wenn die Holzf�ller ihre St�tzkeile zogen. Nur war es unendlich viel lauter.</p><p>Ein riesiges St�ck des Gletschers l�ste sich und st�rzte in den Fjord. Das Wasser wurde zu wirbelnder Gischt aufgew�hlt. Immer mehr Eis brach von der Gletscherkante. Hilflos tanzte das Trollschiff auf den Wellen. Eisbrocken zerschlugen die Bordwand, als w�re sie d�nnes Pergament. Eine Flutwelle rollte den Fjord hinab. Das Heck ihres Bootes wurde hochgerissen.</p><p>Landal stemmte sich mit aller Kraft gegen das Ruder. Wasser schlug �ber die Reling. Sie trieben inmitten wei�er Gischt auf dem Kamm der Flutwelle. Schnell wie auf einem Elfenpferd, das im gestreckten Galopp dahinjagt, schossen sie dahin. Mandred wagte kaum zu atmen. Doch Luth stand ihnen zur Seite. Und sie kamen unbeschadet davon.</p><p>Die Trollschiffe waren durch die Eisbarriere im Fjord gefangen. Eine weitere Verfolgung war f�r sie unm�glich geworden.</p><p>An Bord �bernahm Landal das Kommando unter den Elfen. Er entschied, dass der Leichnam Elodrins nicht den Wellen �bergeben werden sollte. Er wurde in Decken eingeschlagen und zwischen die Ruderb�nke gelegt. Die verletzte Nardinel stimmte ein Totenlied f�r ihn an, w�hrend die anderen Elfen den kleinen Mast aufrichteten, sodass die Kraft des Windes nun das Boot vorantrieb. Doch bis sie den Fjord verlassen hatten, mussten sie sich auch immer wieder mit den Rudern m�hen.</p><p>Als sie auf die offene See gelangten, entschied Landal, einen S�dostkurs einzuschlagen. Mandred war in sprachlose Ersch�pfung versunken. Ihm war egal, was die Elfen taten. Sein Bein qu�lte ihn, und er fror erb�rmlich. Farodin lag in tiefer Bewusstlosigkeit neben der Leiche Elodrins. Sein Gef�hrte atmete regelm��ig, doch jeder Versuch, ihn zu wecken, schlug fehl.</p><p>Landal behauptete, es sei ein Heilschlaf, in den Farodin gesunken sei, doch Mandred hatte seine Zweifel. Der hagere Elf hatte etwas Unnahbares. Er schien ungew�hnliche magische Kr�fte zu besitzen. Ohne M�he folgte er einem Albenpfad �ber das Meer. Am dritten Tag ihrer Reise fand er einen gro�en Albenstern und �ffnete ein Tor. Es sah ganz anders aus als jene Tore, die seine Gef�hrten bisher erschaffen hatten. Wie ein schillernder Regenbogen erhob es sich hoch �ber die Wellen.</p><p>Beim �bertritt nach Albenmark erwachte Farodin. Wild um sich schlagend, fuhr er hoch. Er brauchte lange, um zu begreifen, wo er war. �ber das, was sich auf der Nachtzinne ereignet hatte, mochte er nichts erz�hlen. Er trat an den Bug und starrte auf das Meer hinaus.</p><p>In Albenmark war es weniger kalt. Stetiger Wind f�llte ihr Segel, und zwei Tage, nachdem sie das Tor passiert hatten, erreichten sie Reilimee, die Wei�e Stadt am Meer.</p><p>Landal nahm sie hier in sein Haus auf, und alle �berlebenden schworen, Emerelle gegen�ber nicht verlauten zu lassen, dass Farodin und Mandred zur�ckgekehrt waren.</p><p>Mit jedem Tag in der Wei�en Stadt wuchs Farodins Unruhe. Doch Mandreds schwere Verletzung erlaubte es ihnen nicht, so bald schon wieder die Stadt zu verlassen. Und Mandred genoss den Frieden. Jeden Tag kam die krumme Nardinel, um nach ihm zu sehen. Sie hatte sich erstaunlich schnell von ihrer Pfeilwunde erholt. Ihre heilenden H�nde f�gten mit gro�em Geschick seine Knochen zusammen, und sie taten noch mehr. Keine Elfe war Mandred je so begegnet wie Nardinel. Schon im Boot hatte sie ihn mit ihrem Leib gew�rmt, wenn ihn der Sch�ttelfrost packte, und auch in Reilimee teilte sie oft sein Lager. Sie sprach nur wenig, und bis zum Tag seines Abschieds vermochte sich Mandred nicht zu erkl�ren, was der Ursprung ihrer Gef�hle war.</p><p>Als er zwei Wochen nach seiner Ankunft wieder in See stach, um mit Farodin in die Welt der Menschen zur�ckzukehren, fand sie kein Wort des Abschieds und keinen Gru�. Stumm dr�ckte sie ihm einen Armreif in die Hand, geflochten aus ihrem langen schwarzen Haar. Dann wandte sie sich ab und war bald im Gewimmel des Hafens verschwunden.</p><p>Ihre seltsame Art der Liebe lie� Mandred mit einem unruhigen Gef�hl zur�ck. Und er freute sich darauf, in seine Welt zu gelangen, wo er die Frauen zumindest manchmal verstand.</p></section><section><title><p>Dareen</p></title><p>Nuramon hatte das Gef�hl, dass eine Ewigkeit vergangen war, seit er an dieser Stelle gestanden und seinen Teil des R�tsels gel�st hatte. Vor ihnen in der Felswand ruhten die Edelsteine: Diamant, Bergkristall, Rubin und Saphir.</p><p>Alwerich konnte die Schrift �ber dem Bergkristall lesen und sprach die Worte.��_Singe das Lied der Dareen, du Kind der Nacht! Singe von ihrer Weisheit, mit deiner Hand in der Dunkelheit! Singe die Worte, die einst du sprachst, und Seite an Seite tretet ein_.�</p><p>�Wie lauten deine Worte?�, fragte Nuramon seinen Waffenbruder.</p><p>�Sie lauten: _In einer stillen Herbstnacht�/ Den Alben gleich / Die Sterne in der Grotte�/ Klar wie nie�/ Wie sie entstehen_.�</p><p>�Erinnerst du dich an meine Worte? Wir m�ssen unsere Verse verbinden und dann gemeinsam singen. Dann hei�t es: _Du kamst zu uns in einer stillen Herbstnacht�/ Deine Stimme kam den Alben gleich / Du zeigtest uns die Sterne in der Grotte�/ Sie funkelten klar wie nie�/ Wir konnten sehen, wie sie entstehen_.�</p><p>Auf Alwerichs Gesicht entfaltete sich ein L�cheln. �Aus zwei Liedern mach eins! Jetzt verstehe ich.� Er legte die Hand auf den Bergkristall. �Komm, lass uns gemeinsam das Schl�ssellied singen!�</p><p>_Das Schl�ssellied!_ Der Zwerg hatte das richtige Wort gefunden. Es war der Schl�ssel zu der Orakelpforte. Nuramon f�hrte seine Hand zum Diamanten, tauschte noch einen kurzen Blick mit Alwerich, dann begannen sie zu singen.</p><p>Kaum waren ihre Worte verklungen, leuchteten der Diamant und der Bergkristall auf. Aus dem Diamant str�mte das glei�ende Licht, das Nuramon bereits kannte, w�hrend aus dem Bergkristall ein bleiernes Licht drang und durch die Furche dem Rubin in der Mitte entgegenstr�mte. Im roten Edelstein trafen sich die beiden Lichter und verbanden sich zu einem, das nach unten drang, funkelnd zum Saphir hinabfloss und in ihn m�ndete. Der blaue Edelstein leuchtete auf und pulsierte, als schl�ge darin ein Herz aus Licht.</p><p>Pl�tzlich waren die Edelsteine, die Furchen und die Schrift vor ihnen verschwunden. Alwerich wich erschrocken zur�ck. Nuramon schaute nur auf seine Hand, die nun den blanken Fels ber�hrte. Dieser f�hlte sich mit einem Mal so weich an, dass er mit der Hand in ihn eindringen konnte. Seine Fingerspitzen waren bereits in der Wand versunken. Als er den Arm in den Fels steckte, merkte er, wie Alwerich an seine Seite zur�ckkehrte. Der Zwerg schaute verwundert auf Nuramons Arm und wagte dann selbst, seine Hand im Fels verschwinden zu lassen.</p><p>Nuramon wandte sich an Felbion, der ein wenig Abstand gehalten hatte.��Komm mit uns!�</p><p>Statt n�her zu kommen, wandte sich das Pferd ab. Felbion wollte offenbar drau�en warten. Das sah dem neugierigen Tier nicht �hnlich.</p><p>�Lass uns hineingehen, bevor sich dieses seltsame Tor wieder schlie�t!�, rief der Zwerg.</p><p>Seite an Seite mit Alwerich trat er in den Fels.</p><p>Waren so einst die Alben auf ihren Pfaden gereist, sehenden Auges und durch die Elemente?</p><p>Nuramon sp�rte, wie er �ber die Schwelle des Albensterns schritt. Die Umgebung ver�nderte sich, das helle Gestein wandelte sich in rotbraunes. Zwei Schritte sp�ter drang Nuramons Gesicht aus dem Fels. Vor ihm lag ein Gang zwischen zwei zimtfarbenen W�nden. Sie befanden sich in einer engen Schlucht, in die das Sonnenlicht nur z�gerlich hinabdrang. Der Boden war aus welligem Sand. Es mochte ein ehemaliges Flussbett sein, das seit einer Ewigkeit niemand mehr durchschritten hatte.</p><p>Nuramon schaute sich um. Alwerich war nicht an seiner Seite. Erschrocken wandte er sich um. Dann endlich drang ein d�mmlich grinsendes Gesicht aus dem Fels, und Alwerich trat hervor.</p><p>�Wo warst du?�, fragte Nuramon den Zwerg.</p><p>�Wenn das hier das Tor ist, dann war ich wohl im Wachhaus. Und dort habe ich das hier gefunden.� Alwerich �ffnete seine Hand. Darin lag eine kleine Drachenfigur aus gr�nem Stein.��Das ist ein zwergisches Jadeamulett, ein Gl�cksbringer.�</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. Der Zwerg, der eben noch vor dem Tor zur�ckgewichen war, bewegte sich nun in ihm, als w�re es ein Korridor in seinem eigenen Heim.</p><p>Alwerich strich an den W�nden der Spalte entlang. �Felsgestein wie dieses habe ich noch nie gesehen. Wo sind wir?�</p><p>Nuramon wusste es nicht mit Sicherheit. Die Luft war so klar wie in den Gebirgen der Menschenwelt, jedoch nicht so rein wie die in Albenmark.��Ich sch�tze, wir sind noch in der Welt der Menschen. Aber ich wei� es nicht�� Nuramon brach ab, denn er h�rte etwas in der Ferne. Er schaute auf. Da waren Rufe, die von weit her in die Schlucht drangen. Sie klangen wie Tierlaute.��Wo immer wir auch sind: Hoffen wir, dass Dareen noch hier ist.�</p><p>Sie folgten der schmalen Schlucht. Nuramon ging voraus; der Sand war hier so fein, dass selbst er darin Spuren hinterlie�. Es widerstrebte ihm, mit jedem Schritt die Harmonie des feinen Wellenmusters zu zerst�ren. Doch ein Blick zur�ck machte ihm klar, dass seine Spuren mit den tiefen Stiefelabdr�cken Alwerichs nicht zu vergleichen waren. Der Zwerg schien nicht einmal zu merken, was er da tat.</p><p>Der Pfad stieg langsam an. Am blauen Himmel kreiste ein gro�er Vogel, der Nuramon fremd war, aber mit einem Falken �hnlichkeit hatte. Dies war gewiss nicht die Zerbrochene Welt, hier gab es zu viel Leben. Es musste ein Ort in der Menschenwelt sein.</p><p>Die schmale Schlucht �ffnete sich bald in einen kleinen Talkessel. Rechts, nahe der Felswand, lag ein See, in dessen Mitte sich ein Stein erhob, aus dem Wasser sprudelte. An den Ufern des Sees wuchsen Gras, B�ume, Blumen und Str�ucher mit sternenf�rmigen Bl�ten. Auf der anderen Seite des Tals, in der Steilwand, g�hnte der Eingang zu einer H�hle. Dort mochte die Grotte der Sterne liegen, von der im Schl�ssellied die Rede war!</p><p>Schweigend traten Nuramon und Alwerich n�her. Sie wollten das Orakel nicht st�ren. Nuramon betrachtete den See. Er fragte sich, wohin das Wasser floss, und musste an Noroelles See und dessen besonderen Zauber denken.</p><p>Dies war also das Heim der Dareen. Nuramon hatte noch nie ein echtes Orakel gesehen, obwohl es noch einige wenige in Albenmark gab. Doch kaum einer suchte ihre N�he, denn sie waren schweigsam geworden. Er fragte sich, wie Dareen wohl aussah. Vielleicht z�hlte sie zu jenen V�lkern, die auch heute noch in Albenmark lebten. Vielleicht war sie eine Elfe, eine Fee, eine Nixe, vielleicht sogar eine Kentaurin.</p><p>Kaum hatten sie den See hinter sich gelassen, als im H�hleneingang eine Frau erschien, eine Elfe in einem schlichten sandfarbenen Gewand. Das schwarze Haar fiel ihr in langen Wellen auf die Schultern. Regungslos stand sie da und sah ihnen entgegen.</p><p>Z�gerlich n�herten sich Nuramon und Alwerich ihr. Und als sie vor ihr standen, wagte Nuramon nicht, auch nur ein Wort an sie zu richten. Der Blick der Elfe schien ihn zu durchdringen, ihre schwarzen Augen zogen ihn in den Bann.</p><p>�Ich sehe die Kinder von Licht und Schatten Hand in Hand�, sprach sie mit klarer Stimme. �Es ist lange her, dass ihr zu mir kamt. Ich bin Dareen, das Orakel.�</p><p>Nuramon schaute zu seinem Gef�hrten hinab, der wie verzaubert auf die Elfe starrte. Als er sich wieder Dareen zuwandte, war er erschrocken, pl�tzlich eine Zwergin vor Augen zu haben, die eine gewisse �hnlichkeit mit der Elfe aufwies, die ihm zuvor erschienen war. �Ich zeige mich den Albenkindern auf so manche Weise. Ich werde es euch leicht machen.� Erst geschah nichts, doch dann blinzelte Nuramon, und vor ihm stand pl�tzlich ein Albenkind, das sowohl als kleine, gedrungene Elfe wie auch als sehr schlanke Zwergin durchgehen konnte.</p><p>�Was ist deine wahre Gestalt?�, fragte Nuramon.</p><p>Das Orakel lachte mit sanfter Stimme. �Was ist deine wahre Gestalt, Nuramon? Ist es die, welche hier vor mir steht? Oder ist es der Krieger, den du vor kurzem gesehen hast? Vielleicht ist es der K�rper, den der Erste deines Namens trug. Es mag aber auch sein, dass deine wahre Gestalt noch auf dich wartet. Welche Gestalt ist also deine?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Verzeih mir die Frage.�</p><p>�Bitte nicht um Verzeihung! Ich bin dazu da, Fragen zu beantworten. Und wenn ich selbst mit einer Frage antworte, dann nur, um dir den Geist zu �ffnen. Ich besitze eine wahre Gestalt, doch sie ist euch fremd und w�rde euch weit weniger sagen als dieser K�rper.� Sie wandte sich an den Zwerg.��Komm, Alwerich! Folge mir hinab in die Sternengrotte!� Zu Nuramon aber sprach sie: �Warte du hier! Du kannst dich dort an dem See erfrischen.� Mit diesen Worten trat sie in die H�hle, und Alwerich folgte ihr.</p><p>Nuramon blieb zur�ck; ihn schwindelte. Er ging zum See und trank vom Wasser. Es war k�hl und jagte ihm einen Schauer durch den K�rper. Der Schwindel verging.</p><p>Als sein Blick auf die Wasseroberfl�che fiel, musste er wieder an Noroelles Quelle denken. Er nahm seine Kette vom Hals und tauchte den Almandin, den seine Geliebte ihm durch Obilee geschenkt hatte, in das k�hle Nass. Dort funkelte der rotbraune Edelstein wie damals all die anderen Steine in Noroelles See.</p><p>Nuramon schaute zum H�hleneingang. Was Alwerich wohl fragte? Der Zwerg hatte es ihm w�hrend der ganzen Reise nicht sagen wollen. Dabei hatte er sich auf ein Versprechen berufen, das er Thorwis gegeben hatte.</p><p>Nuramon hingegen war offen gewesen und hatte �ber Noroelle gesprochen. Und Alwerich konnte offenbar nachf�hlen, was Nuramon bewegte. Der Zwerg war seiner Frau Solstane manches Mal in den Tod gefolgt, um ihr im n�chsten Leben nahe zu sein. Nuramon w�nschte, f�r ihn w�re der Weg so einfach. Alwerich hatte angeboten, ihn auf seinem weiteren Weg zu begleiten. Doch er hatte abgelehnt. Der Zwerg sollte nach Aelburin zur�ckkehren und dort mit seiner Frau das Leben f�hren, das er verdiente. Nuramon hatte ihm von Mandreds Frau berichtet, von der verlorenen Zeit, die f�r sie mit wenigen Schritten vergangen war. Er wollte nicht, dass Alwerichs Leben eine solche Wendung nahm, wenngleich er � anders als Mandred � wiedergeboren w�rde.</p><p>Als Nuramon sich die Kette wieder umlegte und den kalten Stein auf seiner Brust sp�rte, fragte er sich, welche Macht sich in diesem Almandin verbarg. So viele Jahre hatte er auf dem Grund des Sees gelegen. Noroelle hatte ihm erz�hlt, der Edelstein werde vom Zauber des Sees gen�hrt. Er war mehr als nur ein Andenken an die Geliebte. Doch Nuramon wusste nicht, wie er dem Stein seine besondere Macht entlocken konnte. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif.</p><p>Als Alwerich aus der H�hle kam, machte er ein fassungsloses Gesicht. Der Zwerg hatte offenbar Dinge erfahren, mit denen er nie und nimmer gerechnet hatte. Stotternd sagte er: �Du kannst jetzt hineingehen.� Dann setzte er sich auf einen Stein beim See und starrte ins Wasser.</p><p>Nuramon fragte seinen Gef�hrten nicht danach, was er gesehen hatte. Wenn er ihm schon nicht die Frage nennen wollte, w�rde er ihm gewiss auch nicht die Antwort verraten. So lie� der Elf seinen Waffenbruder am See zur�ck und trat seinerseits in die H�hle.</p><p>Zun�chst gelangte er in einen kleinen Raum, von dem drei G�nge tiefer in den Fels f�hrten. Aus einem von ihnen drang ein blauer Schein, w�hrend in den anderen G�ngen graues D�mmerlicht herrschte.</p><p>Dareen trat in den Gang mit dem blauen Licht. Nuramon folgte ihr schweigend. Der Gang f�hrte geradewegs hinab in eine dunkle H�hle. Die W�nde waren so schwarz wie die Nacht. �ber ihm aber w�lbte sich ein Sternenhimmel, der ein wenig Licht spendete. Die Sterne wirkten so echt, als h�tte Dareen sie vom Nachthimmel gefangen. Dies also war die Sternengrotte!</p><p>Das Orakel stellte sich in die Mitte der H�hle, wo eine blau leuchtende Steinplatte in den Boden eingelassen war. Sogleich hob Dareen mit einf�hlsamer Stimme an zu sprechen. �Ich sehe zwei W�nsche in deinem Geist. Davon kann ich dir nur einen erf�llen. Beim anderen kann ich dir nur den Weg weisen. Der eine Wunsch ist der nach deiner Erinnerung. Du m�chtest eins werden mit deinen fr�heren Leben. Der andere Wunsch ist es, deine Liebste zu befreien. Deine Erinnerung kann ich dir hier und jetzt schenken, doch Noroelle vermag ich nicht zu befreien. Ich werde dir nur ein wenig auf deinem Pfad weiterhelfen. Welcher Wunsch soll es demnach sein?�</p><p>Nuramon trafen die Worte Dareens wie ein Schlag. Er stand hier und war nur eine Frage von seiner Erinnerung entfernt. Hier und jetzt k�nnte er all seine fr�heren Leben zur�ckerhalten. Und vielleicht w�rde ihm das gar bei seiner Suche nach Noroelle helfen! Dennoch wollte er das Wagnis nicht eingehen. Selbst der kleinste Hinweis auf Noroelles Aufenthaltsort war ihm mehr wert als die Erinnerung an seine fr�heren Leben. �Ich kam mit der Absicht, dich nach dem Ort zu fragen, an dem meine Liebste gefangen ist. Und ich hoffe, mit einer Antwort gehen zu k�nnen. Meine Erinnerung wird eines Tages von ganz allein zu mir kommen.�</p><p>�Das ist eine kluge Wahl, Nuramon. Nun, ich sehe in dir, was geschehen ist. Und ich werde dir Dinge sagen, die dir helfen werden. Ich kann dir nicht alles sagen, denn wenn du zu viel wei�t, werden Dinge nicht geschehen, die geschehen m�ssen. Was ich dir zeigen kann, siehst du dort.� Sie deutete zum Gew�lbe.</p><p>Nuramon blickte auf. Vor den Sternen erschien eine Landschaft: ein gro�er See oder aber eine Meeresbucht mit W�ldern am Ufer. Dahinter war in der Ferne eine Bergkette zu sehen. Weit vor dem Ufer lag eine Insel, auf der sich ein kleiner Hain befand.</p><p>�Dies ist der Ort, nach dem du suchst. Findest du den Weg von dieser Insel in die Zerbrochene Welt, dann wirst du zu deiner Liebsten gelangen.�</p><p>�Ich werde diesen Ort finden, und wenn ich ihn Jahrhunderte suchen muss�, sagte Nuramon, ohne den Blick von der Landschaft abwenden zu k�nnen. Das Bild brannte sich f�rmlich in seinen Geist ein. Er w�rde es nie vergessen. Er hatte nun sein Ziel wahrhaftig vor Augen. Und dieses Bild war sehr aufschlussreich. Offenbar lag das Tor zu Noroelle im Norden der Menschenwelt oder aber in gro�er H�he in einem Gebirge. In der W�ste, deren Randgebieten und im kargen K�nigreich Angnos musste er nun nicht l�nger nach ihr suchen.</p><p>Mit einem Mal verblasste das Bild vor seinen Augen. Die Insel, das Wasser und das Ufer l�sten sich auf. Nuramon starrte immer noch hinauf. Er hatte sich alles eingepr�gt.</p><p>�Ich werde dir noch etwas sagen�, sprach Dareen. �Nur zwei Dinge k�nnen den Zauber brechen: das Stundenglas oder aber ein Albenstein.�</p><p>Nuramon konnte nicht fassen, was das Orakel da sprach. Dass das Stundenglas und damit die Sandk�rner tats�chlich einen Weg darstellten, besch�ftigte ihn weniger als die Erw�hnung eines Albensteins. Er war ausgezogen, um einen Pfad zu finden, der leichter war als der Farodins. Und nun musste er feststellen, dass sein Pfad vielleicht noch viel schwieriger war. Er sch�ttelte den Kopf. �Aber wie soll ich an einen Albenstein gelangen? Ich wei� nur, dass die K�nigin einen besitzt. Aber sie���</p><p>�Sie wird ihn dir nicht geben. Du musst nach einem anderen Albenstein suchen, wenn du nicht an den Weg deines Gef�hrten Farodin glaubst. Doch ganz gleich, wie du dich entscheidest, zuerst solltest du dich mit deinen Gef�hrten vereinen. Legt den Streit bei. Es gibt keine falschen Pfade. Jeder tr�gt seinen Teil dazu bei, um das Ziel zu erreichen. Geh nach Norden und warte auf deine Freunde in der Stadt des Menschensohns. Sei geduldig und warte auf Elfenweise.�</p><p>�Das werde ich.�</p><p>�Dann ist dies alles, was Dareen dir zu sagen hat. Auf Wiedersehen, Nuramon!� Sie trat in den Schatten und war verschwunden.</p><p>Nuramon wartete, ob Dareen sich ihm noch einmal zeigte. Doch es schien, als w�re dies tats�chlich der Abschied gewesen. Er dachte an das, was sie gesagt hatte. Sie hatte ihm den Weg offenbart, den er gesucht hatte. Sie hatte ihm den Ort gezeigt, an dem sich das Tor zu Noroelles Gef�ngnis befand. Doch warum war es so wichtig, sich mit Farodin und Mandred zu vereinen? Er hatte oft an seine beiden Gef�hrten gedacht und an den t�richten Streit, der sie getrennt hatte. Er vermisste sie. Und die Stimme Dareens hatte ihn beschworen, sich mit ihnen zu vers�hnen.</p><p>Er w�rde nach Firnstayn gehen und dort auf Farodin und Mandred warten.</p><subtitle>Das Buch des Alwerich</subtitle><p><strong>Der Abschied vom Waffenbruder</strong></p><cite><p>Der Orakelspruch hat alles ver�ndert. Du siehst die Dinge mit anderen Augen, besonders deinen Waffenbruder. Er verh�lt sich zwar so wie zuvor, aber das Wissen, das du bei Dareen erfragt hast, l�sst auch Nuramon in einem neuen Licht erscheinen.</p><p>Er hat dir auf der Reise nach Norden erz�hlt, dass Dareen ihm die Erinnerung anbot, er diese aber f�r das Wissen um seine Liebste ablehnte. Diese Tat r�hrt dein Herz, und du musst an Solstane denken. F�r sie h�ttest du das Gleiche getan. Und du kannst nun endlich f�hlen, warum Nuramon dich auf seiner Suche nicht dabeihaben will. Du hast bereits alles gewonnen, was dir lieb ist. Und doch fragst du dich, ob es nicht ein Leben wert w�re, dem Elfen beizustehen.</p><p>Ihr macht euch auf den R�ckweg und meidet die argw�hnischen Menschen. Sie haben nichts mit Zwergen im Sinn, nichts au�er Streit. Du hast dich mittlerweile an Felbion gew�hnt, schl�gst das Angebot aber aus, reiten zu lernen. Das ist zu viel des Guten. Du magst das Pferd, aber ganz alleine auf ihm zu sitzen, das ist nicht nach deinem Geschmack.</p><p>Der Tag des Abschieds ist da. Am Fu� der Berge werdet ihr euch trennen. Du steigst ein letztes Mal von Felbion ab. Nuramon beugt sein Knie, sodass ihr Auge in Auge seid, und er legt die Hand auf deine Schulter. Die Worte, die er spricht, wirst du in diesem Leben nicht mehr vergessen. Er sagt:��Ich danke dir, Alwerich. Du warst mir ein guter Gef�hrte, ein wahrer Waffenbruder. Doch nun m�ssen wir unserer Wege gehen.� Er schaut hinauf in die Berge und spricht dann weiter. �Sag Thorwis und Wengalf Dank von mir. Und umarme Solstane in meinem Namen. Du hast mir so viel von ihr erz�hlt, dass sie mir vertraut wurde.� Du entgegnest darauf: �Sie wird bedauern, dass du nicht mit mir heimkehrst.� Nuramon nickt und spricht: �Erz�hle ihr von Noroelle und meiner Suche.� Dann steht der Elf auf und sagt:��Leb wohl�� Freund.� Nuramon h�lt dir die Handfl�che entgegen und wirkt mit einem Mal so unsicher, als f�rchtete er, du k�nntest seine Hand zur�ckweisen. Du schl�gst ein und sagst:��Bis wir uns wiedersehen, Freund. Vielleicht in diesem Leben, wahrscheinlich im n�chsten. Es mag gar sein, dass wir uns im Silberlicht wieder begegnen.�</p><p>Nuramon l�chelt und entgegnet: �Wir werden uns wiedersehen. Und vielleicht erinnern wir uns an fr�here Begegnungen, von denen wir nichts ahnen.�</p><p>Der Elf wei� nicht, dass seine Worte wahr sind. Er hat mich nicht gefragt, ob wir uns bereits in einem anderen Leben begegnet sind. Aber wie wir hier stehen, wei� ich, dass sich das Geschehen wiederholt. Freunde finden zueinander, selbst �ber etliche Leben hinweg.</p><p>Nuramon steigt auf Felbion und sieht dich noch einmal voller Anerkennung an. Dann reitet er fort, und du schaust ihm nach. Du musst an das Orakel denken. Wenn du ihn doch auf das vorbereitet h�ttest, was auch ihn erwartet! Aber Dareen hat darauf bestanden, dass du ihm gegen�ber davon schweigst.</p><p>Der Elf ist gerade verschwunden, da machst du dich daran, das letzte St�ck nach Aelburin hinter dich zu bringen, um dort Solstane in die Arme zu schlie�en.</p><text-author>Die neue Halle der Schriften, Band XXI, Seite 156</text-author></cite></section><section><title><p>Die Stadt Firnstayn</p></title><p>Nuramon blickte �ber den Fjord. Es war Winter, wie damals, als sie zur Elfenjagd aufgebrochen waren. Hier hatte alles begonnen. Oben am Steinkreis hatte Mandred gegen den Tod gek�mpft. Hier hatte der Devanthar sein Spiel in die Wege geleitet.</p><p>Er erinnerte sich, wie befremdlich ihm diese Welt erschienen war. Doch nun war ihm der Anblick vertraut. Er wusste, wie weit es von hier bis zu den Bergen war, er konnte die Entfernung richtig einsch�tzen. Eines war geblieben: Diese Welt war noch immer rau. Die Reise hierher hatte es bewiesen. Es war ein Winter, der selbst f�r die Menschenwelt besonders streng war und ihn ebenso qu�lte wie Felbion. Diese Welt war manchmal zu grob f�r einen Elfen.</p><p>Dort unten lag Firnstayn am zugefrorenen Fjord. Das Dorf von einst war zu einer Stadt geworden. Gewiss, die Menschen hatten ein kurzes Leben. Umso wichtiger war es, sich zu vermehren. Aber wie eine Siedlung in so kurzer Zeit wachsen konnte, das verwunderte ihn. Er dachte an die Warnungen der Fauneneiche. Vielleicht war er ein Opfer der Zeit geworden. Er hatte zwar nur wenige Tore durchquert, aber in Iskendria hatte er ein eigenartiges Gef�hl gehabt.</p><p>Die Stadt mit ihren steinernen Mauern bezeugte, dass mehr als nur ein paar Jahre ins Land gegangen waren, seit er zum letzten Mal am Steinkreis auf der Klippe gestanden hatte.</p><p>�Es stimmt also�, sagte jemand neben ihm.</p><p>Nuramon zog Gaomees Schwert und fuhr herum. Am Rande des Steinkreises stand Xern. Sein m�chtiges Hirschgeweih wirkte wie eine Krone. Besch�mt steckte Nuramon die Waffe fort.</p><p>�Du bist tats�chlich gekommen.� Seine gro�en bernsteinfarbenen Augen funkelten.</p><p>�Doch nicht, um heimzukehren�, entgegnete Nuramon. �Aber es tut gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen.�</p><p>�Was f�hrt dich her?�, fragte Xern.</p><p>�Meine Suche ist noch nicht vor�ber. Ich werde mich dort unten bei den Menschen mit meinen Gef�hrten treffen.�</p><p>�Das ist wom�glich ein Fehler, Nuramon. Die K�nigin hat eure Tat nicht vergessen. Sie spricht zwar nicht mehr dar�ber. Aber du h�ttest damals ihren Zorn sehen sollen, als sie erfuhr, dass ihr fort wart! Selten hat sich jemand so sehr gegen ihr Gebot gestellt.�</p><p>�Bist du in ihrem Namen hier?�</p><p>�Nein, in meinem � und weil Atta Aikhjarto mir sagte, dass du kommen w�rdest. Du wei�t ja: Seine Wurzeln reichen weit. Und ebenso weit reichen die Sinne Emerelles. Sie wird dich sehen, wenn du in der N�he bleibst. Selbst Firnstayn ist zu nahe am Tor.�</p><p>�Daran vermag ich nichts zu �ndern. Ich komme mit dem Rat des Orakels Dareen hierher. Und auf ihr Wort vertraue ich.�</p><p>�Dareen! Das ist ein Name aus zauberhaften Zeiten. Sie verlie� einst Albenmark, weil die Welt der Menschen ein Reich der Ver�nderung ist.�</p><p>�Und sie hatte Recht. Die Stadt dort unten ist der Beweis.�</p><p>Xern trat an Nuramons Seite, und gemeinsam blickten sie hinab.��Das ist Alfadas� Verm�chtnis.�</p><p>�Er lebt nicht mehr?�, fragte Nuramon mit Bedauern. Er h�tte Mandreds Sohn gern wiedergesehen.</p><p>�Nein. Er wuchs unter Albenkindern auf, doch sein Leben war das eines Menschen. So starb er, als seine Zeit gekommen war.�</p><p>�Wie viel Zeit ist vergangen, seit wir Albenmark verlie�en?�</p><p>Xern strengte sich sichtlich an, den Fluss der Jahre in eine Zahl zu bannen. In Albenmark spielte die Zeit eine viel geringere Rolle als bei den Menschen oder den Zwergen. Es gab kaum Ver�nderungen in Albenmark, und das Leben w�hrte lange. Was bedeuteten schon zehn oder aber hundert Jahre? In Albenmark war nahezu alles so, wie es sein sollte. Ein Zwerg hingegen h�tte ihm gewiss auf der Stelle eine Antwort geben k�nnen.</p><p>�Es ist etwa zweihundertf�nfzig Sommer her, dass ihr verschwunden seid.�</p><p>Zweihundertf�nfzig Jahre! Fr�her h�tte ihm dem Elfen diese Zahl nichts bedeutet. Und auch wenn sich an seinem Zeitgef�hl nichts Wesentliches ge�ndert hatte, verstand er l�ngst, wie viel zweihundertf�nfzig Jahre f�r einen Menschen waren. Also hatte er sich nicht geirrt. Sie mussten wiederum einen Zeitsprung gemacht haben.</p><p>Xern sprach weiter. �Und es ist in diesen Jahren viel geschehen.�</p><p>Nuramon musste daran denken, dass die K�nigin alle Tore hatte bewachen lassen.��Nun, Emerelle hat offenbar ihr Verbot aufgehoben.� Es musste so sein, denn Xern h�tte die Regeln der K�nigin gewiss nicht gebrochen, nur um mit ihm zu sprechen.</p><p>�Ja, und das kam f�r uns alle �berraschend. Alfadas kn�pfte ein Band zwischen den Elfen und den Menschen in diesem Land der Fjorde. Wir haben gemeinsam gegen die Trolle gek�mpft.�</p><p>�Hat es etwa einen weiteren Trollkrieg gegeben?�</p><p>Xern deutete umher. �Hier war eines der Schlachtfelder. Es kam alles so schnell, zu schnell f�r viele von uns. Die K�nigin sagte, eine Zeit sei angebrochen, da wir uns an das Neue gew�hnen m�ssten.�</p><p>Nuramon hatte noch viele Fragen, doch eine besch�ftigte ihn ganz besonders. Hatte er den Zeitsprung nun mit seinen Gef�hrten oder ohne sie gemacht? Wenn sie beim Eintreten nach Iskendria ein Opfer der Jahre geworden waren, dann erginge es Mandred und Farodin so wie ihm. Doch wenn er gemeinsam mit Alwerich beim Orakel den Sprung vollzogen hatte, dann mochte Mandred l�ngst tot sein. Und f�r Alwerich w�re es gewiss eine bittere Heimkehr gewesen. �Hast du etwas von Farodin geh�rt? Oder von Noroelle?�</p><p>�Nein, weder von Farodin noch von deiner Liebsten. In dieser Hinsicht ist alles beim Alten geblieben. Man spricht nur noch wenig von dir und deinen Gef�hrten. Es gibt jetzt andere Geschichten.� Xerns Blick verlor sich in der Ferne. �Es liegt eine Zeit der Helden hinter uns. Bei den Menschen sind diese l�ngst zur Legende geworden, bei uns leben sie voller Anerkennung oder wurden wiedergeboren. Gro�e Namen! Zelvades, Ollowain, Jidena, Mijuun oder Obilee!�</p><p>�Obilee! Hat sie in dem Krieg gek�mpft?�</p><p>�Ja. Sie macht ihrer Ahnin alle Ehre.�</p><p>Nuramon malte sich aus, wie Obilee von allen bewundert wurde und als zaubernde Kriegerin vor die K�nigin trat. Sie war schon eine junge Frau gewesen, als sie von der Jagd auf den Devanthar zur�ckgekehrt waren. Inzwischen war sie gewiss die Elfe geworden, die Noroelle immer in ihr gesehen hatte. Er hatte so viel verpasst. Man w�rde sicher lange �ber den Trollkrieg sprechen, ebenso wie man von jenem sprach, an dem einst Farodin teilgenommen hatte.</p><p>�Du w�rdest Obilee gern sehen, nicht wahr?�</p><p>�Offenbar kann man immer noch leicht in meinem Gesicht lesen�, entgegnete Nuramon l�chelnd.</p><p>�Obilee soll in Olvedes sein. Ich k�nnte ihr eine Botschaft zukommen lassen. Sie hat Noroelle nicht vergessen und gewiss auch dich nicht.�</p><p>�Nein, es w�rden nur alte Wunden aufbrechen.� Vielleicht w�rde sie jetzt gar darauf bestehen, ihn auf seiner Suche zu begleiten. Der Gedanke mochte eigenn�tzig sein, doch Nuramon beruhigte es zu wissen, dass wenigstens die einstige Vertraute Noroelles in Albenmark noch etwas z�hlte. Seine Liebste w�re gewiss stolz auf ihren Sch�tzling.</p><p>Xern legte den Kopf schief und zuckte mit den Schultern. �Wie du willst. Ich werde niemandem au�er Atta Aikhjarto von dieser Begegnung berichten.�</p><p>�Ich danke dir, Xern.�</p><p>�Ich w�nsche dir, dass du Noroelle findest.� Mit diesen Worten zog sich Xern in den Steinkreis zur�ck und verschwand im d�nnen Nebel.</p><p>Nuramon schaute wieder zur Stadt hinab. Er hatte auf dem Weg hierher nach dem Ort Ausschau gehalten, den Dareen ihm gezeigt hatte. Sogar einen Umweg hatte er in Kauf genommen. Nach den B�umen zu urteilen, die er gesehen hatte, musste das Tor, das sie suchten, im k�hlen Norden am Meer liegen oder aber an einem See in einem hohen Gebirge. Das war alles, was er sagen konnte.</p><p>Das Orakel hatte Recht. Er w�rde die Hilfe seiner Gef�hrten brauchen. Mit Hilfe seines Wissens und Farodins Zauber w�rden sie gemeinsam den Ort aufsp�ren k�nnen. Vielleicht warteten Mandred und Farodin dort unten in Firnstayn auf ihn. Es mochte sein, dass das Schicksal sie dort wieder zusammenf�hrte.</p><p>Nuramon packte Felbion bei den Z�geln und machte sich an den Abstieg. Am Fu�e des H�gels stieg er auf das Pferd und ritt der Stadt entgegen. Dabei dachte er an die Elfenjagd. Obwohl sie f�r sein Zeitempfinden nur wenige Jahre zur�cklag, hatte er das Gef�hl, sie w�re in einem anderen Leben geschehen. Aigilaos� Tod, der Kampf mit dem Devanthar und die schreckliche R�ckkehr nach Albenmark � Es schien so lange zur�ckzuliegen, als w�re er schon ewig auf der Suche nach Noroelle.</p><p>Als Nuramon vor das Tor der Stadt ritt, hatte ihn die Wache l�ngst gesehen. Doch das Tor stand offen, und Nuramon konnte hindurchgehen, ohne dass ein W�chter nach seiner Herkunft und seinem Begehren fragte. Stattdessen verk�ndete er auf Fjordl�ndisch, dass ein Elf gekommen sei. Obwohl die Albenkinder � wie Xern gesagt hatte � den Menschen hier nun n�her standen, schien es ein besonderes Ereignis zu sein, wenn Elfen nach Firnstayn kamen.</p><p>Nuramon sa� auf Felbion und lie� das Pferd ruhig zwischen den H�userreihen hindurchschreiten, begleitet von Kindern, von Blicken aus Fenstern und freundlichen Gru�worten. Er wusste nicht, was die Firnstayner in ihm sahen. Wahrscheinlich betrachteten sie ihn als einen Helden der Trollkriege. Das missfiel ihm, denn er hatte nichts getan, um sich diese Ehre zu verdienen. So stieg er von Felbion ab, um nicht auf dem hohen Ross zu sitzen.</p><p>Nuramon versuchte, sich zu orientieren, doch nichts war mehr so, wie er es kannte. Schlie�lich erreichte er einen Platz, �ber dem ein steinernes Langhaus aufragte. Das mochte der neue Sitz des Jarls sein. Eine breite Treppe, ges�umt von L�wenstatuen, f�hrte dort hinauf. Die Menschen sammelten sich um Nuramon, hielten jedoch respektvollen Abstand. Keiner wagte sich zu nahe an ihn heran. Er dachte an die Abreise bei den Zwergen. Welch ein Wechsel war das in seinem Leben, dass er �berall, wo er hinkam, mit Ansehen empfangen oder entlassen wurde!</p><p>Z�gerlich kam ein Menschenkrieger die Treppe hinab. Er war ein kr�ftiger Mann, der ein Breitschwert geg�rtet hatte. �Bist du gekommen, den K�nig zu sprechen?�, fragte er.</p><p>Nuramon z�gerte mit der Antwort. Fr�her hatten sie ihren Anf�hrer _Jarl_ genannt. Ob auch das die Spuren Alfadas� waren? Was w�rde wohl Mandred dazu sagen, wenn er erfuhr, dass es in Firnstayn nun einen K�nig gab?��Ich bin auf der Suche nach Mandred Torgridson�, erkl�rte Nuramon.</p><p>Nun folgte ein Gefl�ster, dann kehrte Totenstille ein. Er hatte einen Namen genannt, den sie gewiss nur aus den Legenden kannten��</p><p>Umso mehr verwunderte Nuramon die Antwort des Kriegers, der an ihn herangetreten war. �Mandred war hier. Und bei ihm war ein Elf namens Farodin. Doch sie sind l�ngst wieder fort.�</p><p>Pl�tzlich machten die Leute f�r einen Menschensohn Platz, der an seiner pr�chtigen Plattenr�stung als Anf�hrer zu erkennen war. Diese R�stung war nicht die Arbeit eines Menschen, sondern stammte aus den Schmieden von Albenmark. Vielleicht war sie ein Geschenk Emerelles. Es mochte sein, dass sie einst Alfadas geh�rt hatte. Nun trug sie ein Mann mit grauem Haar. Er kam mit gro�en Schritten auf Nuramon zu und baute sich vor ihm auf. Auch er war ein Riese von einem Menschen und trug ein Schwert am G�rtel, eigentlich zu schmal f�r die Leute in diesen Gefilden. �Ich bin Njauldred Klingenbrecher, K�nig von Fjordland�, sagte er und nickte. Er strahlte eine geradezu bedrohliche Kraft aus, sodass Nuramon keinen Zweifel hatte, dass der Zorn Njauldreds, einmal entfesselt, keine Grenzen kannte.</p><p>�Sei mir gegr��t, Njauldred!�, sagte Nuramon und wunderte sich, dass der K�nig keine Krone trug, wie es sonst bei den Menschen �blich war. �berhaupt kam es ihm merkw�rdig vor, dass das Fjordland nun von hier aus regiert wurde. Ob es Alfadas� Verdienst war, dass Firnstayn zur K�nigsstadt geworden war?</p><p>�Du suchst nach Mandred?�, fragte Njauldred.</p><p>�So ist es, und ich hoffe, dass du mir einen Rat gibst, wo ich ihn finden kann�, sagte Nuramon in einem freundlichen Tonfall.</p><p>�Das kommt darauf an, wer nach ihm fragt�, sagte der H�ne und verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Er ist immerhin mein Ahnherr.�</p><p>Eine gewisse �hnlichkeit zwischen Njauldred und Mandred war nicht zu bestreiten. Besonders die Augen des K�nigs glichen denen Mandreds. Doch dieser Mann war viel �lter. Nuramon war zwar noch immer nicht besonders gut im Einsch�tzen von Menschen, doch er glaubte, dass Njauldred jenseits der f�nfzig war, denn sein Haar war ergraut. Die meisten seiner Falten lagen halb hinter dem Bart versteckt. Nur an Augen und Stirn waren sie auf ganzer L�nge zu erkennen.</p><p>�Mein Name ist Nuramon, und ich���</p><p>Njauldred lie� ihn nicht aussprechen. �Bist du etwa der Kampfgef�hrte Mandreds? Nennt man dich auch Nuredred den Elfenprinzen?�</p><p>Nuramon war �berrascht. Offenbar hatten die Menschen die Geschichte um Mandred Torgridson nach ihrem Belieben ausgeschm�ckt. �Ich bin Mandreds Kampfgef�hrte. So viel entspricht der Wahrheit. Was aber das andere angeht, so f�rchte ich, seht Ihr mehr in mir, als ich bin.�</p><p>Njauldred sch�ttelte den Kopf.��Bescheidenheit ist die Tugend der Helden.�</p><p>Nuramon blickte in die Gesichter der Menschen. Sie betrachteten ihn, als w�ren die Alben selbst zur�ckgekehrt. Und wie er seinen Blick wandern lie�, fiel ihm etwas auf. Auf der Schulter der linken L�wenstatue am Fu� der Treppe war eine Inschrift.</p><p>�Eine wundervolle Arbeit, nicht wahr?�, sagte Njauldred.</p><p>�Gewiss�, war alles, was Nuramon darauf sagen konnte. Sein Blick hing an den kunstvoll geschwungenen Elfenrunen. Dort stand:��Verzeih mir und warte auf uns, wenn du kannst. Farodin.�</p><p>�Alfadas lie� diese L�wen aufstellen, im Angedenken an Mandred, von dem die K�nige von Firnstayn abstammen.� Njauldreds Blick verfinsterte sich. �Diese Zeichen hat irgendjemand vor vielen Jahren eingeritzt. Der kam gewiss nicht aus Firnstayn. Niemand hier w�rde in dieser Weise ein Ehrenmal f�r Mandred Torgridson entweihen.�</p><p>Nuramon strich mit der Handfl�che �ber die Inschrift. �Ich finde sie wundersch�n! Sie ist vollkommen ausgef�hrt und lobt den Helden Mandred. Es sieht so aus, als w�re dies das Werk eines Elfen.�</p><p>Njauldred machte ein �berraschtes Gesicht. �Wirklich?�</p><p>Nuramon bekr�ftigte seine Worte. Und wie er in das gutm�tige Gesicht des K�nigs blickte, tadelte er sich daf�r, dass er einen Herrscher an der Nase herumf�hrte. Es war an der Zeit, das Thema zu wechseln. �K�nig Njauldred, ich habe eine Frage. Hat Mandred gesagt, wohin er will?�</p><p>Der Blick des K�nigs wurde h�rter.��Sie trafen hier auf eine sterbende Elfe. Sie war lange Jahre Gefangene auf der Nachtzinne, einer Festung der Trolle, die weit im Norden liegen soll. Seit den Tagen von K�nig Alfadas hat sich dort kein Mensch mehr hingewagt. Doch Faredred, der Elfenfreund von Mandred, war wild entschlossen, zur Nachtzinne zu reisen und die �brigen Elfen zu befreien, die dort eingekerkert sind. Mehr als drei Jahre ist es nun schon her, dass sie zu ihrer Reise aufgebrochen sind, und keiner hat je wieder von ihnen geh�rt.�</p><p>Nuramon nickte ernst. Zwei Mann gegen eine Festung voller Trolle, das passte zu den beiden! �Wenn du es gestattest, K�nig, dann werde ich hier in eurer Mitte auf die R�ckkehr Mandreds und seines Elfenfreundes warten.�</p><p>�Du glaubst, dass die beiden nach so langer Zeit noch zur�ckkehren werden?�</p><p>�Ich glaube nicht, ich bin mir sicher�, antwortete Nuramon mit einer Entschiedenheit, die ihn selbst �berraschte. Dies konnte nicht das Ende ihrer gemeinsamen Suche nach Noroelle sein!</p><p>Das Gesicht des K�nigs hellte sich auf. �Es ist noch Hoffnung, dass Mandred zu uns zur�ckkehren wird�, rief er der Menge zu, die inzwischen auf dem Platz zusammengekommen war. �Und der ber�hmte Nuredred wird als Gast in Firnstayn verweilen. Welch eine Ehre!�</p><p>�Ich bin Nuramon. Nuredred ist das, was ihr aus mir gemacht habt�, sagte der Elf leise.</p><p>�Du kennst die Geschichte unseres Ahnen. Du warst dabei. Du warst damals wirklich in der H�hle, nicht wahr? Und du kannst den Skalden die Wahrheit berichten. Damit alles so erz�hlt wird, wie es sich tats�chlich ereignet hat. Das kannst du doch tun, oder?�</p><p>�Das kann ich, und ich werde es gern tun.� Nat�rlich w�rde er ihnen nicht die ganze Wahrheit erz�hlen. Er hatte Mandred versprochen, niemandem zu sagen, dass sie sich bei den H�nden gehalten hatten. Die Menschen sahen in Mandred mehr als den Mann, den Nuramon kannte. Sie w�ren gewiss entt�uscht, wenn sie die Wahrheit erf�hren. So beschloss er, �ber sich und Farodin alles so zu berichten, wie es sich zugetragen hatte, doch was Mandred anging, w�rde er daf�r sorgen, dass dessen Name unsterblich w�rde. Die Menschen von Firnstayn w�rden Torgrids Sohn noch so manches Denkmal setzen.</p><p>�Komm!�, sagte Njauldred und klopfte Nuramon freundschaftlich auf die Schulter. Dann deutete er voran. �Dort hinten, wo einst sein altes Haus war, steht nun eines, das auf immer Mandred geh�rt. Dort sollst du wohnen. Das wird eine Feier! Dein Gef�hrte, Faredred��</p><p>�Verzeih, aber sein Name ist Farodin!�, wandte Nuramon ein.</p><p>�Jedenfalls hat der Junge eine Menge weggetrunken.� Er klopfte ihm noch einmal auf den R�cken.��Mal sehen, was du schaffst.�</p><p>Ein gr��eres Gelage als das, was er bei den Zwergen erlebt hatte, konnten ihm die Menschen gewiss nicht bieten. Doch er war offen f�r �berraschungen. Er musste sich an die Menschen hier gew�hnen. Wer wusste schon, wie lange Mandred und Farodin noch fortblieben? Vielleicht einige Monde, vielleicht ein Jahr, vielleicht l�nger. Er w�rde warten und sich auf den Tag vorbereiten, da er gemeinsam mit seinen Gef�hrten die Suche fortsetzte. Vielleicht konnten ihm die Menschen gar helfen. Er hatte im Hafen zwei Schiffe bemerkt, die in ihrem Aussehen entfernt an Elfenschiffe erinnerten. Vielleicht kannte jemand unter den Seefahrern die Insel, die er beim Orakel gesehen hatte. Er w�rde sie malen und dann den Menschen zeigen.</p><subtitle>Firnstayner Familien</subtitle><p><strong>Nuramon der Elf</strong></p><cite><p>In jenen Tagen, da Vater Soreis auf Gehei� des Mandred Torgridson die Chronik von Firnstayn begann, damals im f�nfzehnten Jahr der Herrschaft Njauldreds, kam Nuramon der Elf nach Firnstayn. Er sagte, er werde auf Mandreds R�ckkehr warten.</p><p>Damals war ich noch ein Kind. Nun aber neigt sich mein Leben dem Ende entgegen. Und ich kann mit Stolz sagen, dass ich zu der Zeit gelebt habe, da hier ein Elf unter uns weilte. Ich war dabei, als Nuramon zu uns kam. Ich lief neben seinem Pferd her und folgte ihm zum Platz. Und ich war dabei, als er an der Seite Mandreds und des Elfen Farodin davonritt.</p><p>Nuramon war ein Gewinn f�r unsere Stadt, und ich denke gern an jene Tage zur�ck. Ich erinnere mich, wie er im ersten Fr�hling nach seiner Ankunft den Wettstreit der Skalden gewann. Nie sonst vernahm man solche Sagas, solche Lieder und solche Verse. Mit seinen schwerm�tigen Worten �ber seine verlorene Liebe gewann er die Gunst der Frauen. Und weil das die M�nner �rgerte, endete der Tag in einer Schl�gerei. Der Elf ging unversehrt daraus hervor. O wie oft hatte Njauldred versucht, Elfenblut in seine k�nigliche Linie zu bekommen! Doch Nuramon war seiner verlorenen Liebe so treu, dass er jede Frau zur�ckwies, und sei sie noch so sch�n. Der Elf war aber mehr als ein Skalde. Im einen Jahr �bte er sich im Bogenschie�en und brachte diese Kunst zur Vollendung. Nie zuvor hatte wohl ein Menschenauge beobachten k�nnen, wie ein Elf vom Gr�nschnabel zum Meister einer Kunst wurde. Er schuf Statuen und Gem�lde von gro�er Sch�nheit. Er nahm sich zwei Jahre, in denen er nichts anderes tat, als in den Luthtempel zu kommen und mit Vater Soreis und sp�ter mit mir �ber das Schicksal zu sprechen. Er schien ein Mann des Geistes und der Kunst zu sein. Dadurch entstand auch manches �bel. Denn die J�nglinge nahmen sich an ihm ein Beispiel. Und bald wollten viele das Schwert und die Axt gegen die Laute tauschen. Manche sagten gar, der Elf stelle eine Gefahr f�r die jungen M�nner und damit f�r die Zukunft Firnstayns dar. Als Njauldred Nuramon zu sich holte und ihm die Vorw�rfe darlegte, da sagte Nuramon, er wolle eine Hand voll J�nglinge im Kampf unterweisen und sie an die Tugenden Mandreds erinnern. Er nannte seine Krieger die Mandriden, die S�hne Mandreds. Und er lehrte sie den Schwertkampf, das Bogenschie�en, aber auch den Axtkampf. Man sah ihn zwar selten eine Axt f�hren, doch er zeigte den J�nglingen das, was er bei Mandred gesehen hatte.</p><p>Da Mandred und Farodin ihre Pferde zur�ckgelassen hatten, k�mmerte sich Nuramon um sie. Er sagte, Mandred habe davon getr�umt, dass seine Stute ein Geschlecht der besten Pferde hervorbringe. Die edelsten Hengste des Nordens wurden ihr zugef�hrt, w�hrend die R�sser Nuramons und Farodins die prachtvollsten Stuten deckten. So entstanden die Firnstayner R�sser.</p><p>Im neunzehnten Jahr der Herrschaft Njauldreds k�mpfte Nuramon mit seinen Mannen an der Seite des K�nigs gegen die Krieger der Stadt Therse und w�tete wie ein Berserker unter den Feinden, nur um dem K�nig danach als vornehmster Berater zu dienen. Ein jeder seiner Krieger ging lebend aus diesem Kampf hervor.</p><p>Nuramon unterwies den jungen Tegrod, den Sohn Njauldreds. Er lehrte ihn nicht nur, was er den Mandriden beibrachte, er zeigte ihm auch, wie er selbst ein Lehrmeister werden k�nne. Und Tegrods F�higkeiten sprachen f�r sich.</p><p>Aus Dankbarkeit schenkte ihm der alte Njauldred ein Schiff, dem Nuramon den ungew�hnlichen Namen Albenstern gab. Doch er fuhr nie mit ihm hinaus. Stattdessen pflegte er es und stellte sich daneben, um aufs Meer hinauszuschauen. Das Schwanken zwischen Fr�hlichkeit und Tr�bsinn war das Erkennungszeichen des Elfen. Einmal im Mond verbrachte er den ganzen Tag an Freyas Eiche und gedachte Mandreds Weib, obwohl er mir an einem Winterabend gestand, dass er sie nie gesehen habe. Und ebenfalls einmal im Mond ging er hinauf zum Steinkreis. Man sagte, er treffe sich dort mit anderen Albenkindern. Einmal begleitete er mich hinauf in die Berge zur H�hle des Luth. Er opferte den Eisenm�nnern, wie es �blich war, und erz�hlte mir in der H�hle, die seit den Tagen des Alfadas wieder geweiht war, was sich hier einst zugetragen hatte.</p><p>Und dann � eines Tages � kam der Abschied selbst f�r Nuramon �berraschend��</p><text-author>Lurethor Hjemison, Band 12 der Tempelbibliothek</text-author><text-author>des Luth zu Firnstayn, s. 53-55</text-author></cite></section><section><title><p>Alte Gef�hrten</p></title><p>Nuramon schreckte aus dem Mittagsschlaf auf. Drau�en auf der Stra�e herrschte lautes Geschrei. Nuramon erhob sich und zog sich an. Eben kn�pfte er sein Hemd zu, als die T�r aufflog. Es war Neltor, der junge K�nig von Firnstayn.</p><p>�Mein K�nig? Womit kann ich dir heute dienen?� Er hatte den jungen Herrscher einst im Namen seines Vaters unterwiesen, und der J�ngling betrachtete ihn noch immer als eine Art Mentor. Er schlug gar nicht nach seinem Vater, der Mandred sehr ge�hnelt hatte. Neltor erinnerte eher an Alfadas. �Ist es wieder eine Fehde?�, fragte Nuramon.</p><p>�Aber nein! Stell dir vor!� Seine Augen gl�nzten. �Mein Ahnherr segelt den Fjord hinauf. Wie soll ich ihm begegnen?�</p><p>�Mandred? Mandred Torgridson?�</p><p>�Genau der!�</p><p>Nuramon atmete erleichtert aus. Fast war es ihm, als w�re es der Atem der letzten siebenundvierzig Jahre gewesen, den er nun ausstie�.��Bei allen Alben!� Endlich kamen seine Gef�hrten. Obwohl er in Firnstayn reichlich Ablenkung gefunden hatte, hatte er sich oft um seine Gef�hrten gesorgt � und war noch �fter in Versuchung geraten, seine Suche nach Noroelle allein fortzusetzen. �Ist auch ein Elf an seiner Seite?�</p><p>�Ja!�</p><p>Nuramon l�chelte den K�nig an. �Du hast mich gefragt, wie du Mandred empfangen sollst. Und als treuer Berater sage ich dir: Du tr�gst schon die richtige R�stung.� Es war die von Alfadas. �Wenn du dich nun noch mit deiner besten Axt bewaffnest und dich auf der Treppe zur K�nigshalle bei den L�wenstatuen einfindest, dann wird Mandred gro�e Augen machen.�</p><p>�Danke, Meister!�</p><p>�Neltor! Nenn mich Freund, nenn mich Vertrauter, aber bitte nicht mehr Meister.�</p><p>Der J�ngling grinste und ging.</p><p>Nuramon hatte es nun eilig. Er trat auf die Stra�e hinaus und machte sich auf den Weg zum Tor. Wie mochte Mandred wohl aussehen? Vielleicht war er nun ein alter Mann.</p><p>Pl�tzlich war Voagad an Nuramons Seite. Er war einer seiner Sch�ler und machte gro�e Augen. �Mandred Torgridson! Das wird ein Fest!�</p><p>�Du denkst wie immer nur ans Saufen�� Du tust gut daran, denn Mandred wird das zu sch�tzen wissen. Aber nun lauf los und rufe die Mandriden zusammen! Sie sollen sich am Luthtempel versammeln. Auf keinen Fall sollen sie auf den Platz kommen, ehe ich ein Zeichen gebe.�</p><p>Schon war Voagad verschwunden. Nuramon blickte dem J�ngling nach. Mandred war mit den Jahren mehr geworden als der Ahnherr der K�nige, er war der Urvater Firnstayns. Und Nuramon hatte nicht gerade wenig dazu beigetragen. Er hatte Mandred in einem Licht erstrahlen lassen, das l�ngst �ber Firnstayn hinausreichte und sich im ganzen Fjordland verbreitet hatte.</p><p>Nuramon hatte den Leuten von Firnstayn nicht die ganze Geschichte erz�hlt. Auch hatte er den Fjordl�ndern verschwiegen, dass der Devanthar noch lebte. Nuramon hatte in den vergangenen Jahren oft an den D�mon gedacht. War er nun neue Wege gegangen, um andere ins Ungl�ck zu st�rzen? Oder lauerte er irgendwo und wartete nur darauf, ihm und seinen Gef�hrten noch einmal entgegenzutreten? Er konnte es nicht sagen, doch er hatte sich oft gefragt, warum das Schicksal ihnen so hart mitspielte und ob nicht der Devanthar so manches Mal seine H�nde im Spiel hatte.</p><p>Jubel brandete auf. Mandred war also bereits in der Stadt! Eine Menschenmenge dr�ngte sich langsam die Stra�e entlang. Vor f�nfzig Jahren w�ren es noch nicht so viele gewesen. Firnstayn schien unaufh�rlich zu wachsen. Noch f�nfzig Jahre weiter, und Mandred w�rde keinen Schritt mehr machen k�nnen vor lauter Menschen.</p><p>Nuramon harrte aus und wartete ab. Irgendwo dort vor ihm zwischen den Firnstaynern mussten seine Gef�hrten sein. Mit einem Mal bildete sich zwischen den Menschen eine Gasse.</p><p>Da waren sie! Mandred und Farodin. Sie sahen noch genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Er war froh, dass Mandred nicht gealtert war. Seine Gef�hrten erblickten ihn. Die Menschen rings umher hielten den Atem an. Offenbar wollten sie verfolgen, wie Nuramon der Elf nun endlich mit seinem Kampfgef�hrten Mandred zusammentraf.</p><p>�Nuramon, alter Eisenfresser!�, rief Mandred und kam ihm ungest�m entgegengeeilt.</p><p>Farodin hingegen schwieg, machte aber ein erleichtertes Gesicht.</p><p>Mandred schloss den Elfen in die Arme, so fest, dass er kaum noch Luft bekam. In den Jahren mit Njauldred hatte Nuramon gelernt, mit diesen freundschaftlichen Grobheiten zurechtzukommen.</p><p>Nuramon blickte an dem Jarl hinab.��Ich dachte schon, ich w�rde euch nie wiedersehen.�</p><p>Mandred grinste breit.��Wir mussten ein paar Trollen in den Arsch treten!�</p><p>�Und dabei haben wir offenbar die Zeit ein wenig vergessen�, setzte Farodin nach und sorgte bei den umstehenden Menschen f�r erstaunte Mienen. Nuramon verstand aber, dass sie offenbar an einem Albenstern ein Opfer der Zeit geworden waren.</p><p>W�hrend Mandred in der Menschenmasse badete, schritten Farodin und Nuramon voran. Farodin berichtete von den Trollen, vom Tod Yilvinas und der Befreiung der anderen Elfen aus der Gefangenschaft. Und er erz�hlte, dass sie durch einen niederen Albenstern hatten fliehen m�ssen.</p><p>Die Nachricht von Yilvina ging Nuramon nahe. Sie war ihnen bei der Suche nach Guillaume eine gute Gef�hrtin gewesen. Und nur ihr war es zu verdanken, dass sie aus Albenmark entkommen waren. H�tte sie sich nicht niederschlagen lassen, dann w�ren sie vielleicht bis heute nicht auf die Suche nach Noroelle gegangen.</p><p>�Wie lange hast du gewartet?�, fragte Farodin und riss ihn aus den Gedanken.</p><p>�Siebenundvierzig Jahre�, antwortete Nuramon.</p><p>Mandreds Lachen drang von hinten an sie heran. �Dann hast du hier ja l�nger gelebt als ich! Na, bist du jetzt ein echter Firnstayner?�</p><p>Nuramon wandte sich um. �Vielleicht. Doch es mag auch sein, dass die Firnstayner echte Elfen geworden sind.�</p><p>Mandred lachte noch lauter und die Menschen mit ihm.��Wie hei�t denn der K�nig?�</p><p>�Er hei�t Neltor Tegrodson; seinen Gro�vater Njauldred hast du ja noch kennen gelernt.�</p><p>Mandred dr�ngelte sich zu Nuramon durch und fragte leise:��Taugt der was?�</p><p>�Er ist ein weiser Herrscher und���</p><p>�Ich meine, ist er ein guter K�mpfer, ein echter���</p><p>�Ich wei�, was du meinst � Ja, er ist ein guter K�mpfer. Ein hervorragender Bogensch�tze.� Er sah, dass Mandred das Gesicht verzog. �Herausragend mit Langschwert, besonders aber mit dem Kurzschwert �� Missmut spiegelte sich in den Z�gen des Menschensohns.��Aber un�berboten im Kampf mit der Axt!�</p><p>Mandreds Gesichtsausdruck wandelte sich schlagartig. Er strahlte geradezu. �Dann hat sich die beste Waffe doch durchgesetzt�, sagte er stolz.</p><p>�Komm! Ich werde dir deinen Nachkommen vorstellen�, sagte Nuramon und deutete voraus. �Und sp�ter werde ich dir deine Stute und _ihre_ Nachkommen zeigen.�</p><p>�Stute? Nachkommen? Hast du etwa��?�</p><p>�So wie du der Urvater der K�nige bist, ist deine Stute die Mutter der Firnstayner R�sser.�</p><p>Mandred grinste stolz. �Nuramon, ich schulde dir was!�</p><p>Als sie den gro�en Platz erreichten, zeigte sich, wie viel sich in dieser Stadt ver�ndert hatte. Alle Stra�en waren gepflastert, die H�user aus behauenem Stein errichtet, aber der Luthtempel war der gr��te Blickfang weit und breit. Menschen aus dem ganzen K�nigreich hatten drei�ig Jahre lang daran gebaut. Der Platz war nahezu menschenleer, obwohl die Einwohner sich in den Seitenstra�en und an den Fenstern der H�user dicht an dicht dr�ngten. Das hatte Neltor gut gemacht, dachte Nuramon. So konnte Mandred dem K�nig und seinem Gefolge offen entgegentreten.</p><p>�Ist er das?�, fragte Mandred und schaute zu Neltor hin�ber.</p><p>�Ja. Komm! Lass uns zu ihm gehen.� Die drei traten Seite an Seite vor Neltor.</p><p>�Ich hei�e dich willkommen, Mandred Torgridson. Ich bin Neltor Tegrodson, dein Nachkomme.� Er verbeugte sich. �Verweile bei uns, und sei dir gewiss, dass du f�r uns immer Jarl Mandred sein wirst.� Die Unsicherheit gegen�ber seinem ber�hmten Ahnherrn war Neltor anzumerken. Sein Blick war unstet, und seine H�nde zitterten leicht.</p><p>Mandred schien dies nicht zu k�mmern. Er wirkte ger�hrt. Und sprach nur wenig, w�hrend Neltor die freundlichsten Worte fand, die seiner Ehrerbietung und Mandreds Bedeutung Ausdruck verliehen.</p><p>Nachdem Neltor auf Nuramons Dienste f�r ihn, seinen Vater und seinen Gro�vater zu sprechen gekommen war, gab der Elf ein Zeichen, und aus der Seitenstra�e neben dem Luthtempel traten die Mandriden vor.</p><p>�Mandred, hier sind einige Firnstayner, die du kennen lernen solltest.� Nuramon deutete auf die zwei Dutzend Krieger. Sie trugen leichte Lederr�stungen und waren jeder mit einem Kurzschwert und einer Axt bewaffnet. Manche trugen zus�tzlich Bogen und K�cher, andere hatten einen Rundschild auf den R�cken geg�rtet.��Dies sind die M�nner, die ich ausgebildet habe�, sagte Nuramon.��Dies sind die Mandriden.�</p><p>Mandred blickte den Kriegern mit gro�em Erstaunen entgegen.��Bei Norgrimm, solche entschlossenen Mienen habe ich noch nie gesehen! Mit diesen Leuten w�rde ich jederzeit auf Fahrt gehen.�</p><p>�Ich habe sie unterwiesen.� Nuramon war stolz darauf, dass er die Krieger zu guten Axtk�mpfern ausgebildet hatte.</p><p>Er hatte sich an all das erinnert, was Mandred seinem Sohn Alfadas beigebracht hatte, und hatte es noch ein wenig mit dem gew�rzt, was Alwerich ihm gezeigt hatte. ��ber die Jahre haben sich die Krieger oftmals im Kampf bewiesen.�</p><p>�Diese Kerle an unserer Seite, und wir h�tten die Leber des Trollherzogs f�r die Hunde der Stadt mitgebracht�, murrte Mandred grimmig.</p><p>Nuramon tauschte einen Blick mit Farodin. Der Gef�hrte sch�ttelte kaum merklich den Kopf.</p><p>�Mandred, es w�re mir eine Ehre, wenn du auf Bier und Met in meine Halle k�mest�, sagte Neltor.</p><p>�Ein Angebot, das Mandred nicht ablehnen kann! Aber die da�, er deutete auf die Mandriden, �kommen auch mit.� Er wandte sich an Nuramon und Farodin. �Was ist mit euch?�</p><p>�Das ist eine Angelegenheit zwischen dem Jarl und seinen Nachkommen�, entgegnete Farodin.</p><p>Mandred sagte nichts darauf, sondern lie� sich von seiner Familie fortf�hren. Von allen Seiten schienen sie auf ihn einzureden. Die Leute am Rand des Platzes und in den Seitenstra�en folgten dem k�niglichen Zug.</p><p>�Er genie�t das fast schon zu sehr�, sagte Farodin.</p><p>�Er wird eine Weile davon zehren k�nnen, wenn wir unterwegs zu Noroelles Tor sind.�</p><p>Farodin sah ihn ungl�ubig an.��Du hast es gefunden?�</p><p>�Ich habe es gesehen.�</p><p>�Wie sieht es aus?� So neugierig hatte Nuramon Farodin noch nie erlebt.</p><p>�Komm mit mir in Mandreds Haus!�</p><p>Farodin folgte ihm unruhig. Er hatte offensichtlich keine Geduld mehr, was ihm Nuramon nicht verdenken konnte. Dennoch hatte er selbst nahezu f�nfzig Jahre hier auf Farodin und Mandred gewartet, obwohl er viel lieber nach dem Ort gesucht h�tte, den er in der Sternengrotte Dareens gesehen hatte.</p><p>Als sie Mandreds Haus erreichten, blickte Farodin sich �berrascht um. Nuramon hatte in den Jahren einiges ver�ndert. Er war den Handwerkern Firnstayns zu einem l�stigen Kunden geworden. Schr�nke, Tische und St�hle sollten sowohl elfischen Anspr�chen als auch denen Mandreds entsprechen. Dabei sollten die Waffen und Truhen sowie die Schilde an den W�nden daran erinnern, dass dies das Haus eines Kriegers war. Besonders auf die gro�e Streitaxt war Nuramon stolz. Der Schmied hatte sie nach seinen Vorgaben geschmiedet, und ebenso die Axt, die Alwerichs Waffe nachempfunden war.</p><p>�Das wird Mandred gefallen. Es ist schlicht und martialisch. Und dieses Gem�lde hier��� Er trat vor ein Portr�t, das Alfadas zeigte.��Hast du es gemalt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Du �berraschst mich.�</p><p>�Dann sieh dir erst einmal dieses hier an!�, meinte Nuramon und trat an ein verdecktes Bild heran, das auf einer Staffelei stand. Sodann nahm er das Tuch von dem Gem�lde, an dem er �ber drei�ig Jahre lang gearbeitet hatte. Es zeigte die Landschaft, die er beim Orakel in der Grotte gesehen hatte.</p><p>Farodin trat einen Schritt zur�ck, um das Gem�lde besser betrachten zu k�nnen. Sein Blick wanderte suchend �ber das gro�e Bild; �ber das Wasser, die Insel, das Festland mit seinen W�ldern und �ber das Gebirge.</p><p>�Als ich aus Iskendria fortging, fand ich nach einer Weile das Tor zum Orakel.� W�hrend sein Gef�hrte das Gem�lde bis in alle Einzelheiten erkundete, erz�hlte Nuramon von dem R�tsel an der Pforte, von den Kindern der Dunkelalben und dem Bild, das er in der Sternengrotte gesehen hatte.��Dareen sagte mir, ich solle mich wieder mit euch vereinen. Ich solle hier auf euch warten. Du ahnst nicht, wie oft ich in Versuchung kam auszuziehen, um diesen Ort zu finden, doch Dareens Worte und deine Schrift auf der Statue hielten mich zur�ck.�</p><p>Farodin ber�hrte das Gem�lde.��Ist das Yalfarbe?�</p><p>�Ja. Ich habe sie selbst hergestellt. Die Leute hier kennen sich nicht mit den Farben aus Yaldemee aus.�</p><p>Farodin sah ihn anerkennend an. �Das ist ein Meisterwerk.�</p><p>�Die Zeit kann sehr lang werden. Und du solltest meine fr�hen Versuche sehen. Aber dies ist nun das, was ich gesehen habe. Dareen sagte noch etwas �� Er schwieg und dachte an das Orakel und ihre Erscheinung.</p><p>�Was ist es?�</p><p>�Sie sagte, es gebe zwei M�glichkeiten, den Zauber an Noroelles Tor zu brechen � mit Hilfe des Stundenglases oder aber eines Albensteins. Ich habe viel dar�ber nachgedacht und frage mich, ob wir tats�chlich das Glas brauchen und nicht nur den Sand.�</p><p>�Lass uns zuerst diese Landschaft finden. Das Bild ist wundervoll. Doch wo kann dies sein?�</p><p>�Ich habe auf meinem Weg hierher versucht, den Ort zu finden. Und ich habe Seefahrer gefragt, ob sie ihn kennen. Doch mir war kein Erfolg beschieden. Ich bin so froh, dass ihr hier seid.�</p><p>�Dieses Bild wird uns helfen. Zusammen mit den Sandk�rnern sollten wir diese Insel finden.� Farodin trat ganz nahe an das Gem�lde heran. �Ich frage mich, ob dies hier ein See ist oder aber das Meer.�</p><p>Nuramon hatte Jahre damit verbracht, �ber die K�stenlandschaft auf dem Bild nachzudenken. �Es ist das Meer. Ich habe mich lange mit den Wellen besch�ftigt. Es sind Meereswellen.� Er lie� einen Finger �ber das Bild fahren. �Dieses Gebirge k�nnte uns hilfreich sein. Es ist sehr m�chtig, aber nicht so hoch, dass Schnee auf den Gipfeln liegt.�</p><p>�Es k�nnte ein Fjord sein. Vielleicht liegt er hier in unserer N�he.�</p><p>�Nein. Hier gibt es solche hellen Berge nicht. Ich habe jeden Seefahrer, jeden Wanderer, jeden Ortskundigen gefragt. Und auf meinem Weg hierher habe ich nach diesen Bergen Ausschau gehalten. Sie befinden sich nicht im Fjordland.�</p><p>Farodin trat zur�ck und betrachtete das Bild in seiner Gesamtheit. �Bei allen Alben! Ich habe dir in Iskendria Unrecht getan. Dieses Bild! Ich sp�re geradezu, wie alles in mir nach diesem Ort sucht.�</p><p>�Wir haben einander Unrecht getan. Aber wir mussten uns trennen, damit wir beide vorankommen konnten auf unserem Weg�� auf unserem Weg zu Noroelle. Ich habe das Gef�hl, dass die Fauneneiche uns mit Absicht durch das Tor in die W�ste geschickt hat. Vielleicht hat sie irgendetwas in der Zukunft gesehen. Ich habe viel nachgedacht, und es verging kein Tag, da ich mich nicht fragte, warum die K�nigin mich nicht einfach zu sich holen lie�.�</p><p>�War niemand aus Albenmark hier?�</p><p>�Niemand! Gelegentlich habe ich mich mit Xern getroffen. Die K�nigin spricht nicht �ber uns und duldet nicht, dass in ihrer N�he auch nur ein Wort �ber uns verloren wird.�</p><p>Farodins Mundwinkel zuckte.��Entweder sie ist au�er sich vor Zorn und wartet nur, dass wir zur�ckkehren und sie �ber uns richten kann, oder da ist etwas anderes�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Die Tore sind wieder offen und unbewacht, seit der Trollkrieg vor�ber ist. Es scheint, als w�re die Bedrohung gebannt, vor der Emerelle sich f�rchtete.�</p><p>�Sie hat gesagt, dass aus dem Tod Guillaumes etwas erwachsen k�nne und dass sie die Macht des Devanthars nach wie vor sp�re. Wie sollte das einfach so vergehen?�</p><p>�Der Devanthar wurde nie wieder gesehen. Auch �ber ihn schweigt man. Zumindest sagt Xern das�� Ich habe oft �berlegt, was der Devanthar nun plant, wem er nachsetzt und ob er wirklich mit uns fertig ist.�</p><p>�Zerbrich dir den Kopf nicht dar�ber! Lass uns Albenmark meiden, wenn es m�glich ist, und den Devanthar f�r den Augenblick vergessen. Mit diesem Bild hast du mir vielleicht einen Weg gewiesen. Jedenfalls habe ich das Gef�hl, dass es so ist.�</p><p>�Da ist noch etwas. Bei den Zwergen habe ich���</p><p>Pl�tzlich flog die T�r auf, und Mandred kam laut singend herein.��_Da trat hervor des Torgrids Sohn und trug die Leber von �nem Eber!_ Ah, da seid ihr ja! Und? Habt ihr sie gesehen?�</p><p>�Wen?�, entgegnete Farodin.</p><p>�Na, sie. Dieses wundervolle Weib! Die Schwester Neltors!�</p><p>�F�r mich sehen die Frauen hier alle gleich aus�, gab Farodin zur�ck.</p><p>Nuramon l�chelte.��Er meint Tharhild.�</p><p>�Ja! Welch ein Name! Tharhild!� Der Menschensohn grinste anz�glich.</p><p>�Wer h�tte das gedacht�, sagte Farodin. �Mandred Torgridson ist verliebt.�</p><p>Der Jarl schien Farodins Worte nicht geh�rt zu haben. �Wie eng bin ich mit ihr verwandt?�, fragte er Nuramon.</p><p>�Lass mich �berlegen. Du bist der Vater von Alfadas, dieser wiederum ist der Vater von �� Er schwieg und �berlegte. Dann aber fragte er sich, wieso sein Freund das wissen wollte. Bei Ragna waren ihm diese Bedenken offenbar nicht gekommen. Oder f�rchtete er etwa, dass Tharhild seine Tochter sein k�nnte? �Es liegen elf Generationen zwischen dir und Tharhild. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen. Es sei denn���</p><p>�Es sei denn, was?�, fragte Mandred.</p><p>�Erinnerst du dich an den Namen Ragna?�</p><p>In Mandreds Gesicht verbreitete sich pure Angst.��Ist Tharhild etwa die���</p><p>Nuramon lie� den Freund ein wenig schmoren.</p><p>�Nun sag schon, was Ragna mit Tharhild zu tun hat!�</p><p>�Nun, sie ist Tharhilds�� Tante.�</p><p>Mandred atmete erleichtert aus. �Was ist aus ihr geworden? Hat sie um mich getrauert?�</p><p>�Mandred Torgridson, der gro�e Frauenheld! Der Sch�rzenj�ger von Firnstayn! Hat er einmal das Bett mit einer geteilt, wird sie ihm auf ewig nachweinen und warten, dass er zur�ckkommt. Nein, Mandred. Sie hat einen guten Mann gefunden, ihm Kinder geschenkt und ist nach einem gl�cklichen Leben gestorben. Aber dennoch���</p><p>�Dennoch was�� Los, raus mit der Sprache!�</p><p>�Ich habe den Frauen am Hof gelauscht. Die erz�hlen Geschichten �ber dich, nicht von Mandred dem Recken, sondern von Mandred dem Liebhaber, der nach Jahren zur�ckkehrt, um die Frauen zu verf�hren.�</p><p>Mandred grinste.</p><p>�Wie gef�llt dir dein Heim?�, fragte Farodin den Jarl. Offenbar wollte er das Thema wechseln.</p><p>Dieser schaute sich um. �Bei Norgrimm! Das hier � das ist die Halle eines Kriegers!� Er trat an die gro�e Streitaxt heran. �Das gef�llt mir �� Dann schien er zu �berlegen. �Mandred der Liebhaber!�, fl�sterte er vor sich hin.��Ich muss jetzt fort. Nuramon, Freund, lass uns sp�ter zusammensitzen, damit ich h�re, wie es dir ergangen ist �� Mandred ging so schnell, wie er gekommen war. Das Portr�t seines Sohnes hatte er in der Eile nicht einmal bemerkt.</p><p>Farodin starrte auf die T�r, die sich hinter dem Menschensohn schloss.��Er meint es ernst.�</p><p>Nuramon seufzte.��Ja. Aber du kannst dir gewiss sein, dass es f�r ihn morgen ein b�ses Erwachen gibt, wenn er die Eiche seiner Freya sieht. Ihr Anblick wird alle alten Wunden wieder aufrei�en. Du kennst ihn doch.�</p><p>�Die Menschen sind nicht so treu wie wir, Nuramon. Vielleicht hat er mit Freya abgeschlossen.�</p><p>�Die Eiche ist ein zu m�chtiges Zeichen. So lange sie steht, wird er sich an Freya erinnern.�</p><p>�Du hast die Menschen gut kennen gelernt.�</p><p>�Ja. Siebenundvierzig Jahre! Und ich habe viel getan. Diese Welt zwingt einen Elfen dazu, die Zeit anders zu nutzen, als er es gewohnt ist. Ich habe gesehen, wie aus jungen M�nnern Greise und aus M�dchen M�tter und Gro�m�tter wurden. So sehr ich diese Zeit auch mochte, ich will nun endlich nach Noroelle suchen.�</p><p>�Du hast dich ver�ndert, mein Freund.�</p><p>Nuramon war ger�hrt. Gewiss, er hatte sich ver�ndert, aber Farodin war ebenfalls nicht derselbe. Das Wort Freund aus seinem Munde zu h�ren war ein Geschenk, das Nuramon nie und nimmer erwartet h�tte, vor allem nicht nach dem �blen Streit in Iskendria. �Ich bin froh, dass du mit Mandred hier bist�� Freund.�</p></section><section><title><p>Die Kraft des Sandes</p></title><p>Der junge K�nig von Firnstayn hatte sich als gro�z�gig erwiesen. Er hatte Nuramons Schiff, die Albenstern, ausr�sten lassen, denn den Gef�hrten war von Anfang an klar gewesen, dass Farodins Boot zu klein und zerbrechlich f�r die Reise war, die vor ihnen lag. Auch K�nig Neltor war sich dessen bewusst, dennoch bestand er darauf, dass seine Leibwache, die Mandriden, sie begleiteten. Und er gab ihnen eine schwere Truhe mit Silber mit auf den Weg, sodass sie in fernen H�fen ihre Vorr�te erg�nzen konnten.</p><p>Farodin hatte die Reise mit gro�en Zweifeln angetreten. Nuramon setzte gro�e Hoffnungen in das Bild, das er gemalt hatte, und er wollte nichts davon h�ren, wie lange man suchen mochte, um die Insel zu finden. Wie reiste man zu einem Ort, von dem man nicht wusste, wo er lag? Vor der Mannschaft hatten sie ihre Ungewissheit verborgen. Was h�tten die Menschen wohl dazu gesagt? Selbst Mandred, der sie nun seit so vielen Jahren kannte, war unruhig. Er sorgte sich um seine Mandriden und hatte Angst, sie k�nnten alte M�nner sein, bevor die Suche zu Ende war.</p><p>Farodin hatte sich Nuramons Bild der Insel sehr genau eingepr�gt. T�glich versuchte er mit seinem Zauber diesen Ort aufzusp�ren. Doch es war anders als mit den Sandk�rnern; diese fand er, oder fand sie nicht. Wenn er nach der Landschaft auf dem Bild suchte, �berkam ihn das vage Gef�hl, sie m�ssten sich nach Osten wenden. Aber reichte ein Gef�hl, noch dazu ein so vages?</p><p>Sie mieden die Gew�sser der Trolle und folgten wochenlang der zerkl�fteten K�ste von Skoltan.</p><p>Es war an einem Sommermorgen, und sie lagerten an einem Strand unterhalb von wei�grauen Kreidefelsen. Farodin hatte sich von den anderen abgesondert. Wie immer verwendete er den ersten Suchzauber darauf, einen Hinweis auf die Landschaft des Bildes zu finden. Er suchte nach mehr als einem vagen Gef�hl. Er wollte _wissen_, in welche Himmelsrichtung sie sich wenden sollten, nicht nur _ahnen_.</p><p>Dann wirkte er den Suchzauber ein zweites Mal. Jetzt hielt er die Silberflasche mit dem Sand fest in H�nden, und er suchte nach den Sandk�rnern aus dem zerschlagenen Stundenglas. Ein St�ck weit ins Land hinein ersp�rte er ein einzelnes Sandkorn. Er konzentrierte sich und lie� dann die Macht des Sandes flie�en. Wie ein Magnet einen Eisenspan anzieht, so holte der Sand in der Flasche ein einzelnes Korn heran.</p><p>Farodin streckte die Hand aus, und bald f�hlte er eine hauchzarte Ber�hrung. Zufrieden f�gte der Elf das Korn dem Sand in der Flasche hinzu. Es war nur ein winziger Schritt. Doch jeder dieser Schritte brachte ihn ein kleines St�ck n�her zu Noroelle.</p><p>Sorgf�ltig verschloss er die Silberflasche. Dann wirkte Farodin ein drittes Mal den Suchzauber. Er schloss die Augen und dachte an das Meer. Er konnte zwar auch Sandk�rner aufsp�ren, die tief im Wasser lagen, doch fiel es ihm schwer, sie zu sich heranzuziehen. Die stetige Bewegung des Wassers hielt sie zur�ck. Ein winziger Augenblick der Unachtsamkeit gen�gte, und er verlor die Verbindung zu ihnen. Am besten war es, sich ihnen so weit zu n�hern wie m�glich. In einem Boot hinauszufahren und sie zu erhaschen, sobald sie an die Oberfl�che kamen.</p><p>Das Meer bereitete ihm Sorge. Wie viele Sandk�rner mochte es verschlungen haben? Sandk�rner, die er vielleicht niemals finden w�rde! Und wie viele Sandk�rner durften im Stundenglas fehlen, wenn sie versuchten, den Zauber der K�nigin zu brechen?</p><p>Farodin verdr�ngte die Gedanken und konzentrierte sich wieder ganz auf seinen Zauber. Er f�hlte einzelne K�rner im Schlick des Ozeans und � Ein Schauer �berlief ihn. Da war etwas Fremdes. Die Silberflasche in seiner Hand hatte sich bewegt. Es gab etwas, das sie anzog. Farodin war so �berrascht, dass er den Faden verlor und den Zauber aufgeben musste. Was war geschehen?</p><p>Lange sa� er am Strand und blickte hinaus aufs Meer. Was mochte die Ursache f�r das seltsame Ph�nomen gewesen sein? Gab es vielleicht einen Ort, an dem mehr Sandk�rner beieinander waren, als er in all den Jahren gesammelt hatte? Kam daf�r nicht einzig jener Fels in Frage, an dem Emerelle das Stundenglas zerschlagen hatte? Oder gab es noch jemanden, der die Sandk�rner sammelte? Jemanden, der viel erfolgreicher war als er? Gab es eine M�glichkeit, diesen Verdacht auszuschlie�en? Vielleicht sollte er versuchen, Nuramons Gem�lde in den Suchzauber nach den Sandk�rnern mit einzubinden. Noch einmal schloss er die Augen und konzentrierte sich. Wieder sp�rte er den Sog nach Nordosten. Sogar deutlicher als zuvor. In seinen Gedanken formte sich ein Bild. Er sah den Stein, auf dem Emerelle das Stundenglas zerschlagen hatte. Und was bewies das? Konnte es nicht trotzdem sein, dass ein anderer Sammler existierte? Vielleicht war er an diesem Ort und wartete auf sie. Farodin wies den Gedanken von sich. Die unentwegte Suche lie� ihn wohl langsam verr�ckt werden. Es gab auch eine viel einfachere Erkl�rung. An welchem Ort sollten mehr Sandk�rner sein als an jenem, an dem Emerelle das Stundenglas zerschlagen hatte? Er musste den Ort ersp�rt haben, an dem der �bergang zu Noroelles Gef�ngnis in der Zerbrochenen Welt lag. Er entschied, seinen Gef�hrten nicht alles zu sagen. Warum sollte er sie mit seinen wom�glich unbegr�ndeten �ngsten qu�len? Er ging hinab ins Lager und berichtete, dass sie von nun an nach Nordosten segeln m�ssten, auf das offene Meer hinaus.</p><p>So tapfer die Mandriden auch waren, nachdem sie drei Wochen lang keine K�ste mehr gesehen hatten, ergriff sie Unruhe. Selbst Mandred, dessen Mut au�er Frage stand, offenbarte ihnen eines Morgens seine Sorge, man k�nne den Rand der Welt erreichen und in das Nichts st�rzen, wenn man nicht bald den Kurs �nderte.</p><p>Es war Nuramon mit seiner Seidenzunge, der immer wieder die Unruhe der Menschen zerstreute. Sie vertrauten ihm. So geschickt vermochte er seine Worte zu setzen, dass sie bald sogar mit ihm lachten, wenn er zu ihnen sprach. Doch er konnte nicht wegreden, dass das Wasser in ihren F�ssern l�ngst so schal war, dass es �berwindung kostete, davon zu trinken. Auch die �brigen Vorr�te gingen zur Neige. Doch sie w�ren bald am Ziel. Farodin musste jetzt die Silberflasche fest umklammert halten, damit sie ihm nicht aus der Hand gezogen wurde, wenn er den Suchzauber wirkte.</p><p>Am siebenunddrei�igsten Tag ihrer Reise erreichten sie Land. Sie mussten das Ufer anlaufen und verloren zwei Tage, denn die Mandriden hielt nichts mehr an Bord der _Albenstern_. Sie suchten nach Wasser und gingen auf die Jagd. Auch Farodin genoss es, endlich wieder frisches Quellwasser zu kosten. Doch es fiel ihm schwer, Ruhe zu bewahren, denn er wusste, wie nah sie ihrem Ziel waren.</p><p>Nachdem die Vorr�te aufgefrischt waren und die Mandriden sich erholt hatten, f�hrte Farodin sie nach Norden die K�ste entlang. Die bedr�ckenden Tage auf hoher See waren vergessen. Fast herrschte wieder dieselbe euphorische Stimmung unter den Menschen, mit der sie die Reise an der Seite ihres ber�hmten Ahnherrn begonnen hatten. Selbst die Menschenkinder schienen zu sp�ren, wie nahe sie dem Ziel gekommen waren.</p><p>Am neununddrei�igsten Tag ihrer Reise wich das Ufer weit nach Osten zur�ck, und sie erreichten eine weite Bucht. Frischer Wind f�llte ihr Segel, und sie machten gute Fahrt, als Nuramon pl�tzlich einen schrillen Schrei ausstie�.��Die Berge! Siehst du die Berge!�</p><p>Auch Farodin erkannte einen der Berge von Nuramons Bild. Alles schien zu stimmen. Die B�ume, die an den Ufern wuchsen, die Farbe der Berge in der Ferne. Obwohl sie gute Fahrt machten, sprangen die Mandriden auf die Ruderb�nke und legten sich nach Kr�ften in die Riemen, um das Schiff noch schneller voranzutreiben.</p><p>Farodin und Mandred standen aufgeregt am Bug. Frischer Wind spielte mit Farodins langem Haar. Tr�nen standen ihm in den Augen, und er sch�mte sich ihrer nicht.</p><p>�Sp�rst du das?�, fragte Nuramon. Er deutete �ber eine Landzunge hinaus, die sich weit in die Bucht schob. �Es gibt hier viele Albenpfade. Sie alle streben einem Punkt zu, der dort jenseits des Waldes liegen muss.�</p><p>Als sie endlich die Landzunge umschifften, stie� Nuramon einen weiteren Freudenschrei aus. Wie ein Besessener tanzte er auf dem Deck des Schiffes. Die Mandriden lachten und machten ein paar derbe Sp��e. Sie konnten nicht ermessen, was dieser Augenblick f�r die beiden Elfen bedeutete, dachte Farodin. Er konnte seiner Freude nicht so freien Lauf lassen wie sein Kamerad, sein Gl�ck war stumm, und doch war er gewiss nicht weniger aufgew�hlt. Vor ihnen lag eine kleine, waldbestandene Insel mit felsigem Ufer. Es war die Insel von Nuramons Bild.</p><p>Die Mandriden legten sich noch einmal mit aller Kraft in die Ruder. Wie ein Eistaucher schoss das Schiff mit dem gro�en blauen Segel �ber das Wasser dahin. Doch dann mussten sie den Kurs �ndern. Graue Riffe w�hlten das Wasser vor ihnen auf. Sie waren keine hundert Schritt mehr vom Ufer entfernt. Doch hier gab es keinen Landeplatz. Sie w�rden die Nordspitze des kleinen Eilands umrunden und auf der abgewandten Seite nach sicherem Fahrwasser suchen m�ssen.</p><p>Farodin blickte Nuramon an. Sein Gef�hrte verstand ihn, ohne dass sie ein Wort wechseln mussten, und grinste schelmisch. Dann sprangen sie gemeinsam �ber Bord. Das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Halb schwimmend, halb watend n�herten sie sich dem Ufer, w�hrend das Schiff sich weiter nach Norden hielt, um die Insel zu umrunden.</p><p>Deutlich sp�rte nun auch Farodin die Kraftlinien der Albenpfade, die einem Stern entgegenstrebten. Sie bewegten sich nach S�den an der Insel entlang in das �berflutete Watt hinein. Bald standen sie auf dem Knotenpunkt der Pfade. Bei Flut war er im Wasser verborgen, doch man musste ihn nicht sehen, um seine Kraft zu f�hlen. Alles ringsherum stimmte mit Nuramons Bild �berein. Es konnte keinen Zweifel geben. Sie hatten den Ort gefunden, an dem Emerelle ihre Liebste in die Zerbrochene Welt verbannt hatte.</p><p>Aufgew�hlt von einem seltenen Gl�cksgef�hl, schloss Farodin seinen Gef�hrten in die Arme. Ihre Suche war endlich zu Ende! Nun w�rde alles gut!</p></section><section><title><p>Ein Zauber zur Ebbe</p></title><p>Es war Morgen, und Nuramon sa� auf dem Stein, an dem die K�nigin einst das Stundenglas zerschlagen hatte. Hier hatten sie viele Sandk�rner gefunden, und Farodin erz�hlte, er habe diesen Stein in einer Vision in der Gewandkammer der K�nigin gesehen.</p><p>Nuramon konnte immer noch nicht fassen, dass sie tats�chlich den Ort gefunden hatten, den das Orakel ihm gewiesen hatte. Es herrschte Ebbe. Das Meer hatte sich weit zur�ckgezogen und einen welligen Boden zwischen der Insel und dem Festland zur�ckgelassen. Das Watt erinnerte Nuramon an den Weg zum Orakel, der ihm wie ein trockenes Flussbett erschienen war.</p><p>Nur etwa zwanzig Schritt entfernt lag der Albenstern. Die Ebbe hatte ihn freigelegt. Die Stelle war an den Muscheln zu erkennen, die sich um den Albenstern sammelten.</p><p>Es war fast ein Wunder, dass sie hier so weit im Osten Land gefunden hatten. Jenseits der Insel schien ein ganzer Kontinent zu liegen, von dem die Menschen im Fjordland, in Angnos, Drusna oder Fargon nichts ahnten. Es sah fast aus wie unber�hrtes Land.</p><p>�Er ist so weit!�, sagte Mandred und schlug Nuramon auf die Schulter.��Farodin ist bereit.� Der Menschensohn sah m�de aus. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, Farodin mit dem kleinen Beiboot durch die ganze Bucht zu rudern, um nach verstreuten Sandk�rnern zu suchen.</p><p>Nuramon nickte nur.</p><p>�Diesmal wird es schon klappen.� Mandreds Versuch, ihm Mut zu machen, fruchtete nicht. Zu oft hatte Nuramon sich in den vergangenen Tagen bem�ht, das Tor zu Noroelle zu �ffnen. Doch jedes Mal war er j�mmerlich gescheitert. Zuerst hatte er es w�hrend der Flut versucht, doch das Wasser schien seinen Zauber zu schw�chen, und um die Pforte zu Noroelle zu �ffnen, war er auf all seine Kraft angewiesen.</p><p>Nuramon stand auf.</p><p>Die Mannschaft kam herbei und sammelte sich am Strand. Sie wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen, auch wenn es in den letzten Tagen wenig zu sehen gegeben hatte. Farodin war nicht bei ihnen.</p><p>Die Insel, auf der sie sich befanden, mochte in der Zerbrochenen Welt ein Ebenbild besitzen. Nur ein Tor auf dem Albenstern, und sie w�ren bei Noroelle! Nuramon konnte nicht fassen, dass sie der Geliebten so nahe waren und doch nicht zu ihr gelangen konnten. Aus eigener Kraft war es unm�glich, an dem Albenstern eine Pforte zu �ffnen, denn die Barriere der K�nigin war zu m�chtig.</p><p>�Farodin hat nun alle Sandk�rner gefunden, die es hier gibt�, sagte Mandred.</p><p>Die Worte seines Gef�hrten konnten nicht dar�ber hinwegt�uschen, dass sie wohl immer noch zu wenige Sandk�rner besa�en und der Zauber der K�nigin �berm�chtig war.</p><p>Farodin kam schlie�lich herbei. Er wirkte ausgeruht. �Denk daran, Mandred�, sagte er mit entspannter Stimme.��Ihr d�rft uns nicht zu Hilfe kommen, was auch geschieht. Am Ende scheitert der Zauber noch an eurer Sorge.�</p><p>�Versprochen!�, entgegnete Mandred. Auch die �brigen Firnstayner stimmten zu. Dann klopfte der Jarl Nuramon auf die Schulter.��Denk an deine Heldentat in der H�hle des Luth!�</p><p>Gemeinsam schritten Nuramon und Farodin dem Albenstern entgegen. Die Muscheln bildeten einen Kreis und folgten den Pfaden ein wenig, sodass sie wie ein Sonnensymbol wirkten. In der Mitte des kleinen Kreises h�uften sich einige Muscheln. Offenbar war das Meer zu schwach, um sie fortzusp�len. Der Albenstern hielt sie fest.</p><p>Sie stellten sich in den Muschelkreis.</p><p>�Was ist los, Nuramon?�, fragte Farodin schlie�lich.</p><p>�Wir sind ihr so nahe, und doch���</p><p>Farodin unterbrach ihn.��Ich werde die Kraft aus dem Sand ziehen. Darin bin ich gut. Und ich werde sie zu dir flie�en lassen. So k�nnen wir alle Macht aufbieten, die wir besitzen.�</p><p>Es beruhigte Nuramon zwar, dass Farodin ihm auf diese Weise helfen wollte, doch sein Gef�hrte ahnte nicht, wie machtvoll die Barriere der K�nigin war. Mandreds Vergleich mit der H�hle des Luth war nicht abwegig. Nuramon hatte gestern bei dem Versuch, den Zauber zu brechen, schreckliche Schmerzen gelitten. Farodin hatte ebenfalls versucht, ein Tor zu �ffnen, war jedoch schon im Ansatz gescheitert. So hatte Farodin nicht gesp�rt, wie gro� die Macht war, gegen die sie hier antraten. Sie mussten viel mehr Kraft aufbieten, um ihr Ziel zu erreichen. Das Schicksal schien sie wieder und wieder vor unl�sbare Aufgaben zu stellen. Nuramon musste an den Kampf gegen den Devanthar denken. Daf�r waren sie ebenso wenig gewappnet gewesen wie f�r diesen Zauber. Doch wenn sie ein einziges Mal �ber sich hinauswuchsen, dann mochte es reichen, um Noroelle zu retten.</p><p>�Bist du bereit?�, fragte Farodin.</p><p>�Nein, ich bin nicht bereit. Aber ich will zu Noroelle!� Nuramon fasste Farodins Hand und hielt sie fest. Dann schloss er die Augen. Er konzentrierte sich, und langsam erschienen die Albenpfade vor seinen Augen. Drei verliefen parallel zum Boden, nur einer drang aus dem Grund, durchstie� den Albenstern und reichte geradewegs hinauf zum Himmel. Dieser eine Pfad war es, der zu Noroelle f�hrte. Er war schwarz und von gr�nen Lichtadern durchzogen. Die Barriere der K�nigin konnte Nuramon f�hlen, nicht aber sehen. Sie war wie eine Kruste, die den Pfad zu Noroelle ummantelte und blockierte. Wie ein Sieb schien sie nur einen Teil der Macht des Pfades hindurchzulassen. Die Kruste war h�rter als alles, was Nuramon kannte. Er beschloss, direkt dagegen anzuk�mpfen und nicht wie zuvor den Versuch zu wagen, sich vorsichtig an die Barriere heranzutasten.</p><p>So wob er den Zauber und machte sich bereit, die Barriere mit einem m�chtigen Schlag zu durchdringen und dem Albenstern eine Wunde zu schlagen. Wie ein Schwert fuhr seine Zaubermacht gegen die Barriere. Noch ehe sie die Kraftmauer traf, sp�rte Nuramon, wie sich vor ihm etwas sammelte. Pl�tzlich griff es nach seinem K�rper, und brennender Schmerz durchfuhr ihn.</p><p>Er brach den Zauber ab, als er seinen Leib nicht mehr sp�ren konnte. Dann l�ste er sich von der Barriere, und augenblicklich verschwand der Schmerz.</p><p>Nuramon schlug die Augen auf, lie� die Hand seines Gef�hrten los und atmete durch.</p><p>Farodin starrte ihn mitleidvoll an.��Du hast mir keine Kraft genommen�, stellte er fest.</p><p>�Ich bin nicht einmal dazu gekommen. Diese Barriere ist st�rker als das Tor zu den Zwergenreichen.�</p><p>�Du willst aufgeben?�, fragte Farodin. �Niemand w�rde dich einen Schw�chling nennen.�</p><p>�Noroelle ist auf der anderen Seite! Ich werde es noch einmal versuchen.�</p><p>Er fasste wieder Farodins Hand, schloss die Augen und konzentrierte sich erneut. Es musste einfach schneller gehen! In dem Augenblick, da sich die Kraft der Barriere sammelte, um ihm den Schmerz beizubringen, musste er mit seiner Macht bereits die Kruste durchdrungen haben. Er ging den Zauber noch einmal im Geiste durch. Dann wagte er es erneut. Seine Kraft traf auf die Barriere, drang dieses Mal in sie ein wie das Schwert in den Leib eines Gegners, und dennoch gelang es nicht, die magische Wand zu durchbrechen, ehe der Schmerz ihn �bermannte. Ihm war, als h�tte er sich selbst eine Klinge in den Leib gesto�en.</p><p>Pl�tzlich unterst�tzte Farodin ihn mit seiner Zaubermacht. Die Sandk�rner gaben ihm gro�e Kraft und halfen Nuramon, den Schmerz auszuhalten. Er versuchte verzweifelt, die Barriere zu durchsto�en, doch er kam zu langsam vorw�rts. Und je mehr Macht er aufbot, den Zauber der K�nigin zu brechen, desto gr��er wurde der Schmerz.</p><p>Nuramon h�rte einen Schrei. Es war Farodin! Die Pein schien auch nach seinem Gef�hrten gegriffen zu haben. Nuramon sp�rte, wie sie den Schmerz nun teilten. So blieb ihm mehr Kraft f�r seinen Zauber, und er drang noch tiefer in die Barriere ein. Doch mit jedem St�ck, das er vorankam, wuchs der Schmerz, bis er schlie�lich so stark anwuchs, dass Farodins Schreie nicht mehr enden wollten. Der Schmerz war nun �berall. Wie einst in der Eish�hle verlor Nuramon allm�hlich des Gef�hl f�r seinen K�rper. Doch er kam mit seinem Zauber noch immer vorw�rts. Der Schutzzauber war fast gebrochen. Bald k�nnte er damit beginnen, seine Kraft in den dunklen Albenpfad zu lenken, um das Tor zu �ffnen. St�ck f�r St�ck kam er n�her an ihn heran. Bald w�ren sie bei Noroelle!</p><p>Dann steigerte sich der Schmerz ins Unermessliche. Noch immer sp�rte er Farodins Hand, doch sein Gef�hrte konnte ihm keine Kraft mehr geben. Es floss nichts mehr nach. Wie ein Blitz durchfuhr es Nuramons Geist. Er k�mpfte verzweifelt gegen das Versagen an. Dann erlosch auch seine Macht, und er wurde vom Zauber zur�ckgeschleudert.</p><p>Nuramon �ffnete die Augen. Vorsichtig l�ste er die Hand von Farodin. Sein Gef�hrte starrte ihn mit glasigen Augen an und atmete schwer. Das Fl�schchen mit den Sandk�rnern entglitt seinen Fingern. So verletzlich wie in diesem Augenblick hatte er Farodin noch nie gesehen.</p><p>�Verzeih mir! Ich war am Ende meiner Kr�fte!�, sagte er schlie�lich. �Diese Schmerzen! Ist es das, was du gestern schon gef�hlt hast?�</p><p>�Ja�, entgegnete Nuramon. �Bei jedem Versuch kam der Schmerz.�</p><p>�Ich hatte ja keine Ahnung�� Wo hast du gelernt, das auszuhalten?�</p><p>�In der H�hle des Luth.�</p><p>Farodin machte ein erstauntes Gesicht.</p><p>�Unser Zauber ist nicht am Schmerz gescheitert�, erkl�rte Nuramon. �Unsere Kraft reicht nicht, um sich mit der K�nigin zu messen. Ich f�hlte mich wie eine Auenfee, die einem Kentauren ein Bein stellen will. Ich bin leer und ausgebrannt. Dir geht es �hnlich, nicht wahr?�</p><p>Farodin nickte und holte tief Luft.</p><p>Nuramon schaute zu Mandred. Der Jarl und die Firnstayner machten besorgte Mienen, hatten sich aber wie versprochen nicht von der Stelle ger�hrt.</p><p>�Alles in Ordnung?�, rief Mandred ihnen entgegen.</p><p>�Es ist vorbei!�, entgegnete Nuramon m�rrisch.</p><p>Die Entt�uschung auf Mandreds Gesicht schmerzte Nuramon. Der Menschensohn hatte immer an seine magischen F�higkeiten geglaubt und ihn f�r einen gro�en Zauberer gehalten.</p><p>Mandred und die Firnstayner zogen sich in den Wald zur�ck, der nahezu die ganze Insel bedeckte. Als alle fort waren, wandte sich Nuramon an Farodin. �Wir m�ssen reden, wie es nun weitergehen soll.�</p><p>Seite an Seite schritten sie ans Ufer zur�ck und gingen an dem Stein vor�ber in den Wald. Sie schwiegen lange. Nuramon musste an die Worte des Dschinns in Valemas denken. _Gro�e Macht mit gro�er Macht bek�mpfen!_ Sie waren noch nicht so weit, die Barriere zu brechen. �Wir m�ssen f�rs Erste aufgeben und einen anderen Weg beschreiten�, sagte Nuramon.</p><p>�Lass es uns morgen noch einmal versuchen�, entgegnete Farodin.</p><p>�Ich sage dir: Es ist unm�glich!�</p><p>�Wir sind so nahe am Ziel! Wir k�nnen jetzt nicht���</p><p>Nuramon unterbrach seinen Gef�hrten. �Es ist unm�glich!�, wiederholte er.��Wie oft hast du mich diese Worte sprechen h�ren?�</p><p>Farodin stutzte.��Noch nie���</p><p>�Dann glaube es mir. Wir sind dieser Macht noch nicht gewachsen. Es gibt nur eine Hoffnung: ein Albenstein!�</p><p>Farodin hob sein Fl�schchen. �Wir haben hier viele Sandk�rner gefunden, es wird mir nun noch leichter fallen, andere zu finden. Dann k�nnen wir es noch einmal versuchen.�</p><p>�Ich kann nicht glauben, dass du immer noch daran festh�ltst, Farodin. Die Kraft der Sandk�rner ist zu gering, sie ist nicht gebunden. Wenn wir wenigstens das Stundenglas h�tten!�</p><p>�Ich habe danach Ausschau gehalten, aber hier findet sich keine Spur. Da ist einfach nichts.�</p><p>�Die Sandk�rner haben ihre Rolle gespielt. Sie haben uns hierher gef�hrt und m�gen uns am Ende vielleicht noch einmal dienen � Stell dir vor, wie in der Zerbrochenen Welt Noroelle genau wie wir zwischen den B�umen geht und an uns und vielleicht an Obilee denkt. Ich w�nschte, dieser Gedanke allein w�rde mir die Kr�fte verleihen, die wir brauchen. Gewiss, wir k�nnen �ber uns hinauswachsen, doch alles hat Grenzen, und ich sp�re, dass uns noch vieles an Macht fehlt.�</p><p>�Aber woher sollen wir einen Albenstein bekommen? Au�er der K�nigin wei� ich von keinem Albenkind, das einen solchen Stein besitzt. Und Emerelle wird uns ihren Stein niemals geben.� Er z�gerte.��Aber vielleicht k�nnte man ihn stehlen?�</p><p>Nuramon lehnte sich mit dem R�cken gegen einen Baum.��Erniedrigen wir uns nicht! Es muss andere Steine geben.�</p><p>�Selbst wenn es sie gibt, dann k�nnen wir sie nicht finden, denn niemand wird dir den Weg zu einem Albenstein weisen. Wer einen besitzt, der wird ihn verborgen halten. Und selbst angenommen, wir finden einen: Wei�t du ihn zu nutzen?�</p><p>�Nein. Aber es gibt einen Ort, an dem wir das lernen k�nnen. Und vielleicht finden wir dort auch eine Spur zu einem Albenstein.�</p><p>�Iskendria!�, entgegnete Farodin.</p><p>Nuramon nickte.��Ja, Iskendria.�</p><p>Sie erreichten die andere Seite der Insel. Hier hatten sie das Lager aufgeschlagen.</p><p>Mandred trat erwartungsvoll an Nuramon und Farodin heran.��Wie geht es nun weiter?�, fragte er.</p><p>�Wir sind gescheitert und werden wieder scheitern, egal wie oft wir es versuchen�, antwortete Farodin.��Wir werden wiederkehren, wenn wir st�rker sind.�</p><p>�Wir werden einen Albenstein suchen und jedes Sandkorn aufsammeln, das wir finden k�nnen�, erkl�rte Nuramon.��Dann kommen wir hierher zur�ck.�</p><p>Mandred nickte. Seine Entt�uschung schien zu weichen. �Es ist t�richt, eine Schlacht zu schlagen, die man nicht gewinnen kann. Den Krieg gewinnt, wer in der letzten Schlacht siegt. Und unsere letzte Schlacht ist noch lange nicht geschlagen.� Er wandte sich an die Mannschaft.��Wir brechen das Lager ab!�</p><p>W�hrend die M�nner sich an die Arbeit machten, begaben sich die drei Gef�hrten zur�ck auf das Schiff. Mandred war es, der das Schweigen brach. �Hier sind doch Albenpfade. K�nnten wir auf einem zur�ck nach Firnstayn gelangen?�</p><p>�Und das Wagnis eingehen, einen weiteren Sprung in der Zeit zu machen?�, erwiderte Farodin. �Wir haben uns bereits damit abgefunden, aber was ist mit den M�nnern? Sie werden uns verfluchen, wenn sie heimkehren und ihre Kinder Greise sind. Das willst du doch nicht, oder?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich habe mich nur gefragt, ob es geht.�</p><p>�Die Fauneneiche hat uns gesagt, dass wir einst zwischen Albensternen einer Welt reisen k�nnten. Aber ich sch�tze, so weit sind wir noch nicht.�</p><p>Nuramon mischte sich ein. �Doch, wir sind so weit, Farodin. Ich habe den Zauber auf meiner Suche nach dem Orakel versucht, als ich durch Angnos reiste. Irgendwann habe ich es einfach gewagt, und es ist gegl�ckt. Im Grunde ist es ganz einfach. Man muss nur den Pfad genau kennen. Ich habe den Zauber verwendet, den uns die Fauneneiche gelehrt hat. Statt des Pfades in eine andere Welt w�hlst du einfach einen, der die Welt nicht verl�sst.�</p><p>�Wieso hast du mir das nicht gesagt?�, fragte Farodin.</p><p>Nuramon musste schmunzeln. Es lag ihm auf der Zunge, seinen Kameraden daran zu erinnern, wie oft er ihnen sein Wissen vorenthalten hatte.��Neben allem, was sonst geschehen war, erschien es mir unwesentlich. Aber Mandred hat wieder einmal die richtige Frage gestellt.� Nuramon sah den Stolz im Gesicht des Jarls.��Die Reise, die hinter uns liegt, war eine Reise der weiten Wege. Jene, die vor uns liegt, ist von einer anderen Art.� Er deutete den Albenpfad entlang. �Wir sind sehr fr�h auf diesen Pfad gesto�en. Wenn ich mich nicht irre, dann durchquert er das s�dliche Fjordland. F�r den R�ckweg wird uns das nicht helfen, weil wir nicht wissen, zu welchem Albenstern er f�hrt. Aber es mag sein, dass er uns n�tzt, wenn wir hierher zur�ckkehren. Denn die Barriere blockiert nur Noroelles Pfad, nicht aber die anderen.�</p><p>�Du meinst, wir sollten von nun an von Albenstern zu Albenstern springen?�</p><p>�So k�nnen wir rasch nach Iskendria gelangen und die Menschen ebenso meiden wie lange Reisen durch unangenehme Gebiete.� Er musste an die W�ste denken.</p><p>Farodin l�chelte.��Du willst also reisen wie die Alben.�</p><p>�Das ist es, was die Fauneneiche angedeutet hat�, entgegnete Nuramon.</p><p>�Was sagst du dazu, Mandred?�, fragte Farodin.</p><p>Der Jarl grinste breit. �Du fragst mich, ob ich statt Monden nur wenige Augenblicke unterwegs sein will? Was soll ich darauf wohl anderes antworten als: Ja, verdammt!�</p><p>Farodin nickte. �Dann lasst uns nach Firnstayn zur�ckkehren und von dort aus auf den Spuren der Alben wandeln���</p><subtitle>Die Chronik von Firnstayn</subtitle><cite><p>Am f�nften Tag des vierten Mondes im dritten Jahr K�nig Neltors kehrte die Albenstern zur�ck nach Firnstayn. Mandred, Nuramon, Farodin und die Mandriden, sie alle waren wohlbehalten. Es war ein Freudentag, der mit einem gro�en Fest begangen wurde. Tharhild brachte ihren Sohn vor Mandred. Und der Jarl erkannte das Kind als seines an. K�nig Neltor bot sogar an, seine Krone an Mandred zu �bergeben, wenn er sie denn wolle. Doch der Jarl lehnte ab und sagte, das K�nigreich brauche einen best�ndigen Herrscher, der sich vor Ort um alles k�mmere. Sein Schicksal aber sei es, rastlos umherzuwandern und von daher nur selten in Firnstayn zu weilen. Als er das Kind in den Armen hielt, stand in seinen Augen eine Trauer, als w�sste er, dass er es niemals wieder sehen w�rde. Und er mied das Kind fortan.</p><p>Mandred und seine Gef�hrten blieben zehn Tage und bereiteten sich indessen auf eine weitere gro�e Reise vor. Die Mandriden aber, welche die drei Gef�hrten begleitet hatten, erz�hlten von dem Land im fernen Osten, von der Zauberei der beiden Elfen und der Weisheit Mandreds. Es sei keine Reise des Kampfes gewesen, sondern eine der Magie.</p><p>Als Mandred, Nuramon und Farodin dann auszogen, vermuteten wir, dass der Jarl wohl nicht in unserer Lebensspanne zur�ckkehren werde. Die folgenden Tage herrschte Tr�bsinn in Firnstayn. Doch der K�nig versicherte, dass Mandred immer dann zur Stelle sein werde, wenn gro�e Gefahr drohe. Und seit jenem Tag warten wir auf die R�ckkehr des m�chtigen Jarls von Firnstayn. Manche f�rchten sie auch, denn wenn er wiederkehrt, wird eine Zeit der Not angebrochen sein.</p><text-author>Niedergeschrieben von Lurethor Hjemison,</text-author><text-author>Band 17 der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s.89</text-author></cite></section><section><title><p>Neue Wege</p></title><p>Farodin strich seinem Hengst beruhigend �ber den Nacken. Das Tier war genauso unruhig wie er. Misstrauisch blickte der Elf in die Finsternis. Nuramon hatte ihm und Mandred genau geschildert, was sie erwarten w�rde. Doch Farodin h�tte nicht damit gerechnet, dass es so sehr an seinen Nerven zerren w�rde.</p><p>Es war unheimlich still. Unabl�ssig hatte er das Gef�hl, dass dort drau�en etwas lauerte. Aber was sollte im Nichts schon �berleben?</p><p>Sorgsam achtete er darauf, den schmalen Pfad aus pulsierendem Licht nicht zu verlassen, der durch die endlose Dunkelheit schnitt. Es war unm�glich zu sagen, was ihn jenseits des Pfades erwartete. War der Weg wie eine schmale Br�cke �ber einen Abgrund?</p><p>Nach wenigen Schritten erreichten sie einen Punkt, an dem sich vier Lichtpfade schnitten. Ein Albenstern. Nuramon, der vorausging, verharrte kurz. Dann wechselte er auf eine r�tliche Lichtbahn und winkte ihnen, ihm zu folgen.</p><p>Farodin und Mandred sahen einander beklommen an. Es gab keine M�glichkeit, sich hier zu orientieren. Man musste das Gespinst der leuchtenden Pfade kennen, oder man war hoffnungslos verloren.</p><p>Wieder waren es nur wenige Schritte, die sie taten. In der Welt der Menschen mochten es hunderte Meilen sein. Am n�chsten Albenstern �berschnitten sich sechs Pfade. Ein siebenter stach senkrecht durch den Wegstern. Pl�tzlich wirkte Nuramon unruhig.</p><p>Farodin sah sich um. Hier wogten d�nne Nebelschleier in der Finsternis. War da ein Ger�usch? Ein Scharren wie von Krallen? Unsinn!</p><p>Pl�tzlich w�lbte sich vor ihnen ein Bogen aus Licht. Nuramon f�hrte sein Pferd hindurch. Farodin nickte Mandred zu, vor ihm zu gehen. Nachdem der Jarl verschwunden war, verlie� auch der Elfenkrieger die unheimlichen Pfade zwischen den Welten.</p><p>Sie fanden sich in einem weiten Gew�lbe wieder. Der Boden war mit einem farbenfrohen Mosaik ausgelegt. Es zeigte eine aufgehende Sonne und sieben Kraniche, die in verschiedene Himmelsrichtungen von der Sonne fortflogen. Auf den W�nden rings herum waren Bilder eines Festmahls von Kentauren, Faunen, Elfen, Zwergen und anderen Albenkindern zu sehen. Aber die Gesichter der Figuren waren zerkratzt oder mit Ru� beschmiert. Auf jede Wand war ein schwarzer Baum gemalt worden. Zauberzeichen in dunkler Farbe waren auf das Bodenmosaik geschmiert. Abgebrannte Kerzen hatten flache Wachspf�tzen zur�ckgelassen.</p><p>Farodins Hand tastete nach dem Schwert. Er kannte dieses Gew�lbe. Es lag unter der Villa Sem-las, jener Elfe, die als Witwe eines Kaufmanns getarnt �ber den einzigen gro�en Albenstern wachte, der von Iskendria in die Bibliothek der Albenkinder f�hrte.</p><p>�Was ist los?�, fragte Farodin. �Warum hast du uns nicht gleich bis in die Bibliothek gebracht? Wir h�tten die Pferde auch im Quartier der Kentauren unterstellen k�nnen.�</p><p>Nuramon wirkte verst�rt. �Das Tor. Es hat sich ver�ndert. Es gibt dort eine��� Er z�gerte kurz.��� eine Barriere.�</p><p>Farodin atmete flach aus.��Eine Barriere? Sag, dass das nicht wahr ist! Das ist nur ein Scherz von dir!�</p><p>�Nein. Aber dieser Schutzzauber ist nicht wie bei Noroelles Insel. Er ist �� Er zuckte hilflos mit den Achseln.��Anders.�</p><p>Mandred grunzte.��Hier ist einiges anders.� Er deutete auf die Zeichen am Boden.��Sieht wie �bler Hexenzauber aus. Was kann hier geschehen sein?�</p><p>�Das muss uns nicht k�mmern�, entgegnete Farodin harsch.��Kannst du das Tor �ffnen, Nuramon?�</p><p>�Ich glaube��� Ein klirrendes Ger�usch erklang.</p><p>Noch bevor Farodin ihn aufhalten konnte, hatte Mandred seine Axt gezogen und war mit drei langen Schritten die Rampe hinaufgelaufen, die aus dem Gew�lbe f�hrte.</p><p>�Verdammter Hitzkopf!�, fluchte Farodin und wandte sich an Nuramon.��Sieh zu, dass du das Tor �ffnest! Ich hole ihn zur�ck.�</p><p>Farodin lief die Rampe hoch. Sein Weg f�hrte ihn durch mehrere kleine Kellerr�ume, bis er pl�tzlich einen gellenden Schrei h�rte.</p><p>Bei den Vorratsr�umen fand er Mandred. Er hatte einen ausgemergelten Mann mit dunklem Stoppelbart aus einer Ecke gezogen. Auf dem Boden stand eine flackernde �llampe. �berall lagen die Scherben von dickwandigen Amphoren. Neben der �llampe stand eine kleine Schale mit Linsen. Der Mann wimmerte und versuchte sich aus Mandreds Griff zu winden, doch er war hilflos gegen die Kraft des Nordmanns.</p><p>�Ein Pl�nderer�, erkl�rte Mandred voller Verachtung. �Er war dabei, Sem-la zu bestehlen. Ich habe ihn erwischt, als er gerade eine der Amphoren einschlagen wollte.�</p><p>�Bitte, t�tet mich nicht�, flehte Mandreds Gefangener auf Valethisch, der Sprache, die man entlang der K�sten von Iskendria bis Terakis sprach.��Meine Kinder sind am Verhungern. Ich will es doch gar nicht f�r mich.�</p><p>�Na, wimmert er um Gnade?�, fragte Mandred, der offenbar kein Wort verstand.</p><p>�Sieh ihn dir an!�, entgegnete Farodin zornig. �Die eingefallenen Wangen. Die spindeld�rren Beine. Er erz�hlt mir von seinen verhungernden Kindern.�</p><p>Mandred r�usperte sich leise und wich dem Blick des Elfen aus. Dann lie� er seinen Gefangenen los.</p><p>�Was geschieht in der Stadt?�, fragte Farodin.</p><p>Der Mann sah sie �berrascht an, wagte aber nicht zu fragen, warum sie so unwissend waren. �Die wei�en Priester wollen Balbar erschlagen. Seit mehr als drei Jahren belagern sie die Stadt. Sie sind �bers Meer gekommen, um unseren Gott zu t�ten. Seit vor drei Monden das Westtor gefallen ist, dringen sie Viertel um Viertel weiter vor. Doch die Tempelgarden treiben die Tjuredj�nger mit Balbars heiligem Feuer immer wieder zur�ck.�</p><p>�Tjured?�, fragte Farodin verwundert.</p><p>�Ein elender Bastard! Seine Priester sagen, dass es nur einen Gott gibt. Sie behaupten auch, wir h�tten Handel mit D�monenkindern getrieben. Sie sind v�llig verr�ckt! So verr�ckt, dass sie einfach nicht begreifen wollen, dass sie nicht siegen k�nnen.�</p><p>�Du sagtest doch, sie h�tten schon Teile der Stadt erobert�, entgegnete Farodin n�chtern.</p><p>�Teile�, der hagere Mann winkte ab. �Niemand kann Iskendria ganz erobern. Zweimal schon hat Balbars Feuer ihre Flotte verbrannt. Sie sterben zu Tausenden.� Unvermittelt begann er zu schluchzen. �Seit sie den Hafen halten, bekommen wir keinen Nachschub mehr. Es gibt hier nicht mal mehr Ratten, die man noch essen k�nnte. Wenn diese verdammten Priesterritter nur endlich einsehen w�rden, dass man Iskendria nicht erobern kann. Balbar ist zu stark. Wir opfern ihm jetzt zehnmal am Tag. Er wird unsere Feinde in ihrem eigenen Blut ertr�nken!�</p><p>Farodin dachte an das M�dchen, das damals auf den Handfl�chen des G�tzenbildes verbrannt war. Zehn Kinder jeden Tag! Was war das nur f�r eine Stadt? Er w�rde es nicht bedauern, wenn Iskendria unterging.</p><p>�Seid ihr Freunde der Herrin Al-beles?� Der Mensch sah in Richtung der Vorratsamphoren. �Ich habe es f�r meine Kinder getan. Es bleiben immer ein paar Linsen oder Bohnen zur�ck in den gro�en Amphoren. Man bekommt sie nie ganz leer.� Er senkte den Blick.��Es sei denn, man zerschl�gt sie.�</p><p>Farodin hatte davon geh�rt, dass Sem-la schon fr�her mehrfach in eine andere Rolle geschl�pft war und sich f�r ihre eigene Nichte ausgegeben hatte, um das Haus weiterf�hren zu k�nnen. Als Elfe, die niemals alterte, war sie etwa alle zwanzig Jahre zu solchen Maskeraden gezwungen. Farodin hatte keinen Zweifel daran, dass diese Al-beles dieselbe Elfe war, die er als Sem-la kennen gelernt hatte.</p><p>�Was ist in dem Gew�lbekeller geschehen?�, fragte Farodin.</p><p>�Als das Viertel besetzt wurde, sind M�nche hierher gekommen. Ich glaube, sie waren auch im Keller. Es hei�t, sie h�tten nach D�monen gesucht.� Der Mann senkte die Stimme. �Sie suchen �berall nach D�monen. Sie sind verr�ckt!�</p><p>�Lass uns gehen, Mandred�, sagte Farodin auf Fjordl�ndisch. �Wir m�ssen wissen, ob die Gefahr besteht, dass wir gest�rt werden, oder ob Nuramon in Ruhe seinen Zauber wirken kann.�</p><p>�Das mit seinen Kindern tut mir Leid�, entgegnete der Krieger zerknirscht. Er zog einen seiner breiten, silbernen Armreifen ab und schenkte ihn dem Mann. �Ich war zu voreilig.�</p><p>Farodin empfand kein Mitleid f�r den Pl�nderer. Heute k�mmerte er sich selbstlos um seine Kinder. Aber vermutlich w�rde er sich geehrt f�hlen, wenn morgen die Priesterschaft eine seiner T�chter forderte, um sie �ffentlich zu verbrennen.</p><p>Der Elf eilte die Treppe hinauf und trat auf den weiten Hof der Villa. �ber ihm spannte sich ein blutroter Nachthimmel. Die Luft war erf�llt von erstickendem Rauch. Sie durchquerten die Haupthalle und eilten zur Terrasse an der R�ckseite des Hauses. Die Villa lag auf einem niedrigen H�gel, sodass sie einen guten Blick �ber die Stadt hatten.</p><p>�Bei allen G�ttern!�, rief Mandred. �Was f�r ein Feuer!�</p><p>Der ganze Hafen stand in Flammen. Selbst das Wasser schien zu brennen. Alle Lagerh�user rings herum waren eingest�rzt, die m�chtigen Holzkr�ne verschwunden. Etwas weiter westlich schossen gl�hend wei�e Feuerkugeln vom Himmel herab in eine der Vorst�dte. Farodin beobachtete, wie wei� gewandete Krieger, die in dichten Kolonnen durch die engen Stra�en dr�ngten, verzweifelt den Brandgeschossen zu entgehen versuchten.</p><p>�Fleisch, das faulig geworden ist, muss man ausbrennen�, erklang hinter ihnen die Stimme des Pl�nderers. Der d�rre Mann trat auf die Terrasse. Seine Augen gl�nzten fiebrig.��Die Tempelwachen verbrennen die Stadtviertel, die verloren gegangen sind.� Er lachte. �Iskendria kann nicht erobert werden! Die wei�en Priester werden alle verrecken.� Er deutete zum Hafen hinunter. �Seit zwei Tagen brennt ihre Flotte schon. Die Tempelwachen haben durch die Kan�le Balbars Feuer ins Hafenwasser geleitet und dann entz�ndet. All diese Priester werden verbrennen, so wie ihr verfluchter �� Mitten im Satz brach er ab und deutete auf die Stra�e, die den H�gel hinauff�hrte. �Sie kommen zur�ck.� Eine Gruppe Krieger in wei�en Waffenr�cken eskortierte mehrere M�nche in nachtblauen Gew�ndern. Feierlich singend hielten sie geradewegs auf die Villa zu.</p><p>�Ihr wart gut zu mir�, sagte der Mann gehetzt. �Deshalb rate ich euch, schnell zu verschwinden. Ihr seht ein wenig seltsam aus�� Und die dort unten bringen alle um, die seltsam aussehen.�</p><p>�Was sagt der Kerl?�, fragte Mandred.</p><p>�Dass wir die Gastfreundschaft der Stadt nicht �berbeanspruchen sollten. Komm, gehen wir zur�ck zu Nuramon.�</p><p>Der Jarl strich �ber das Blatt seiner Axt. �Die paar Mann dort unten jagen dir doch keine Angst ein, oder?�</p><p>�Wenn zwei Heere, die beide offensichtlich von Wahnsinnigen befehligt werden, aufeinander eindreschen, dann werde ich tunlichst darauf achten, nicht im Weg zu stehen, Mandred. Wir haben mit deren Krieg nichts zu schaffen. Sehen wir zu, dass wir hier wegkommen!�</p><p>Der Krieger brummelte etwas Unverst�ndliches in seinen Bart und verlie� die Terrasse. Im Gew�lbekeller erwartete Nuramon sie schon. Ein goldener Lichtbogen wuchs inmitten des Mosaiks empor. Der Elf grinste.��Es war nicht schwer, die Barriere zu durchbrechen. Der Schutzzauber ist von seltsamer Struktur gewesen. So als w�re er nicht erschaffen worden, um Albenkinder fern zu halten.�</p><p>Farodin griff nach den Z�geln seines Hengstes, ohne weiter auf die Erkl�rungen seines Gef�hrten zu achten.</p><p>Nuramons L�cheln verschwand. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>�Wir haben es nur eilig mit dem Aufbruch.� Entschieden trat Farodin durch das Licht. Einen Herzschlag lang war er geblendet. Dann blickte er einer gespannten Armbrust entgegen.</p><p>�Nicht schie�en!�, gellte eine raue Stimme. �Es sind Elfen!�</p><p>�Liuvar!�, rief jemand anderes.</p><p>Farodin hatte sich im Reflex geduckt und nach seinem Schwert gegriffen. Der Albenstern war von seltsamen Gestalten umringt: zwei H�ter des Wissens in roten Kutten, die gezogene Schwerter hielten, einige Gnome mit Armbr�sten und ein wei�er Kentaur, in dem Farodin Chiron wiedererkannte. Auch der steinerne Gallabaal war unter den seltsamen W�chtern.</p><p>Nuramon und Mandred kamen mit ihren Pferden durch das Tor.</p><p>Knirschend trat der Gallabaal einen Schritt auf den Menschensohn zu. Einer der Gnome zielte mit seiner Armbrust auf Mandreds breite Brust.</p><p>�Liuvar! Frieden!�, rief der Kentaur. �Ich kenne die drei. Der Mensch ist ein aufgeblasener Nichtsnutz, aber sie sind keine Feinde.�</p><p>�Was ist hier los?�, wollte Nuramon wissen.</p><p>�Das k�nnt ihr vermutlich besser beantworten�, entgegnete Chiron herablassend. �Was geht in der Menschenwelt vor sich?�</p><p>Farodin berichtete kurz von dem Treffen mit dem Pl�nderer und der brennenden Stadt. Als er endete, sahen sich die W�chter verwirrt an.</p><p>Chiron r�usperte sich leise. �Ihr m�sst einen Zeitsprung gemacht haben, als ihr durch das Tor gekommen seid. Iskendria ist seit mehr als hundert Jahren nur noch ein Ruinenfeld.� Er hielt inne, um den dreien Gelegenheit zu geben, das Geh�rte aufzunehmen. Schlie�lich fuhr er mit seinen Erkl�rungen fort. �Die Tjuredm�nche haben es immer noch nicht aufgegeben, die Barriere zur Bibliothek durchbrechen zu wollen. Sie halten den Albenstern besetzt und haben dort sogar einen ihrer Turmtempel errichtet. So verhindern sie, dass Albenkinder auf diesem Wege zu uns gelangen. Ihr seid seit Jahren die ersten G�ste hier unten.� Er verneigte sich f�rmlich. �Ich hei�e euch im Namen der H�ter des Wissens willkommen.�</p><p>�Stellen sie denn wirklich eine Gefahr dar?�, fragte Nuramon.</p><p>Chirons Schweif zuckte unruhig. �Ja, das tun sie. Blinder Hass auf alle Albenkinder treibt sie an. Die Frage ist nicht, _ob_ sie hierher in unser Refugium in der Zerbrochenen Welt kommen, sondern _wann_ sie kommen. Bei uns macht sich keiner etwas vor, was die Gefahr angeht. All unsere G�ste und die meisten Hilfskr�fte haben uns verlassen.� Er sprach voller Verbitterung. Dann breitete er in pathetischer Geste die Arme aus.��Die sterbende Bibliothek steht euch zur Verf�gung. Sogar dir, Menschensohn. Seid uns willkommen!�</p></section><section><title><p>Leere Hallen</p></title><p>Nuramon kam in die Halle, in welcher der Gnom Builax ihn nach seinem Zeitempfinden vor �ber f�nfzig Jahren empfangen hatte. Doch sie hatten beim Eintreten in die Bibliothek durch seine mangelnde Kenntnis mindestens hundert Jahre �bersprungen, wahrscheinlich noch mehr, und so lag die Begegnung mit dem Gnom noch weiter zur�ck. Dennoch schien die Halle unver�ndert. All die Regale und die B�cher waren noch da, die Barinsteine verstr�mten ihr sanftes Licht. Nur Builax war nirgends zu sehen. In der Nische zwischen den Regalw�nden, in welcher der Gnom einst sein Schwert verwahrt hatte, fand Nuramon B�cher, Schreibzeug und sogar ein kleines Messer. Doch der Staub darauf zeigte ihm, dass hier lange niemand gewesen war.</p><p>Ein umgekipptes Tintenfass fiel Nuramon besonders ins Auge. Die Tinte hatte sich �ber den Tisch verteilt und war l�ngst eingetrocknet. Hier wirkte alles so, als h�tte Builax nur das N�tigste genommen und den Rest einfach stehen und liegen lassen. Vielleicht hatte der Gnom fliehen m�ssen?</p><p>Nuramon ging zum dreiundzwanzigsten Regal und kletterte die Leiter hinauf. Als er das gesuchte Regal erreichte, kehrte das Gef�hl zur�ck, das ihn ergriffen hatte, als er das erste Mal hier gewesen war. Er war auf den Spuren Yulivees gewandelt, als w�re sie eine Vertraute, wie Noroelle eine Vertraute f�r Obilee war.</p><p>Er nahm sich ihr Buch und machte sich wieder an den Abstieg. W�hrend er Sprosse um Sprosse hinabkletterte, dachte er �ber die j�ngsten Entwicklungen nach. Der Angriff auf den Albenstern beunruhigte ihn. Konnten die Tjuredpriester gar bis in die Bibliothek vordringen? Bisher offenbar nicht, doch ihre Attacken gegen die Albensterne richteten auch hier in der Zerbrochenen Welt Schaden an.</p><p>Noch einmal lie� Nuramon den Blick durch die Halle schweifen. Es war bedauerlich, dass weder Builax noch Reilif hier waren. Wer w�rde den Wissbegierigen nun den Weg weisen? Vielleicht war Reilif irgendwo anders in der Bibliothek zu finden. Wenn es niemanden mehr gab, der �ber die B�cher und ihre Inhalte Auskunft geben konnte, dann war die riesige Bibliothek f�r Besucher nahezu nutzlos.</p><p>Nuramon verlie� die Halle und �berlegte, wo er die Suche nach Wissen �ber die Albensteine beginnen sollte. Farodin hatte sein Gesp�r gelobt und ihn gebeten, auf eigene Faust nach Aufzeichnungen zu suchen, w�hrend er selbst mit den H�tern des Wissens sprach.</p><p>Nuramon trat in eines der Zimmer und legte Yulivees Buch auf einem Tisch ab. In den rautenf�rmigen F�chern der Regale an den W�nden stapelten sich Schriftrollen. Er griff nach einer beliebigen und �ffnete sie. Kaum hatte er die ersten Zeilen gelesen, musste er seufzen. Es handelte sich um eine Ahnenliste der Kentauren.</p><p>Er ging zu einem anderen Regal und nahm sich eine weitere Rolle. In dem Text ging es um die Heldentat eines Menschen, der ein Tor nach Albenmark mit aller Macht verteidigte. Einzelheiten �ber die Tore wurden nicht genannt. Aber Nuramon w�hnte sich auf der richtigen Spur. Jede Kultur hatte ihre Mythen und ihre Vorstellung vom Anfang der Welten. Dies waren die Geschichten, in denen er versteckte Hinweise entdecken mochte.</p><p>Er suchte Stunden und fand nur eine einzige Spur. In einer Chronik stand, dass Emerelle ihren Albenstein eingesetzt habe, um ein wichtiges Seetor zwischen der Menschenwelt und Dailos in Albenmark zu schaffen. Da hie� es:��_O w�ren die Alten doch nicht gegangen, wir h�tten uns eigene Tore schaffen k�nnen!_� Alles, was er las, deutete darauf hin, dass die K�nigin den einzigen Albenstein besa�.</p><p>�So wirst du es nie finden�, sagte eine vertraute Stimme.��Denn die Zeit ist knapp���</p><p>Nuramon fuhr herum. In der T�r stand eine Gestalt in einem schwarzen Mantel; die Kapuze bedeckte zur H�lfte ihre Stirn.��Meister Reilif!�, rief Nuramon.</p><p>�Ja, ich bin es. Und ich bin entt�uscht, dass du auf Elfenweise nach dem Wissen suchst.�</p><p>Nuramon legte die Schriftrolle, in der er gelesen hatte, zur�ck ins Regal. �Ist es so verwunderlich, dass ein Elf auf diese Weise handelt? Doch du hast Recht. Ich sollte an meinen menschlichen Gef�hrten denken und die Suche verk�rzen.�</p><p>�Das meinte ich nicht so. Aber du sollst wissen, dass das Ende dieses Ortes naht.�</p><p>Ungl�ubig starrte Nuramon den Wissensh�ter an. So gro� war ihm die Gefahr bisher nicht vorgekommen. �Werden die Menschen die Tore zerst�ren, ohne zu wissen, was sie da tun?�</p><p>�Es ist nicht an mir zu sagen, was die Menschen wissen und mit welcher Absicht sie handeln. Ich kann nur sagen, dass wenig fehlt, bis diese Bibliothek verloren ist. Und welchen Sinn h�tte es auch, Wissen zu beh�ten, wenn man mit ihm eingesperrt ist und niemand mehr hierher gelangt?�</p><p>�Keinen�, sagte Nuramon leise.</p><p>�Damit wenigstens du etwas von all der Weisheit hast, die dieser Ort birgt, werde ich dir helfen.� Reilif l�chelte verbindlich.</p><p>�Hast du schon mit Farodin gesprochen?�</p><p>�Nein, Gengalos und die anderen H�ter sind bei ihm. Ich m�chte nur mit dir sprechen.� Reilif blickte zum Tisch.��Wie ich sehe, hast du dir Yulivees Buch geholt.�</p><p>�Ich wollte noch einmal darin lesen�, sagte Nuramon, und seine Worte klangen wie eine Entschuldigung.</p><p>�Du tust gut daran. Und du darfst das Buch behalten.�</p><p>�Wie? Ich dachte���</p><p>�Das Wissen dieser Bibliothek wird verblassen, auch wenn die anderen das nicht so klar sehen wie ich. Doch wenn dieser Ort vergeht, dann soll zumindest ein wenig Wissen aus diesen Hallen gerettet sein. Au�erdem sind die B�cher wertlos f�r mich und die anderen. Ich habe sie gelesen, und nun sind sie ein Teil von mir.�</p><p>�Wieso verlasst ihr die Bibliothek nicht und errichtet woanders eine neue?�, fragte Nuramon und dachte an Albenmark, wo man die H�ter des Wissens gewiss mit offenen Armen empfangen w�rde.</p><p>�Wir haben geschworen, diese Hallen nicht zu verlassen, ehe wir all das Wissen, das hier gesammelt ist, in uns aufgenommen haben. Bislang dachten wir, das w�rde niemals geschehen und dieser Ort w�rde auf immer ein sprudelnder Quell der Weisheit bleiben. Aber die Quelle ist versiegt, denn nichts Neues gelangt zu uns. Und weil es so ist, mag der Tag kommen, da wir all die Sch�tze dieser Hallen in uns tragen. Dann d�rfen wir fortgehen. Doch leider sind wir sehr langsam. Nur einer unter uns, den wir aus Not aufnahmen, kann schneller lesen als wir. Sollten wir demnach das Wissen dieser Bibliothek erlangt haben, ehe das Ende kommt, werden wir sie verlassen und nach Albenmark zur�ckkehren.�</p><p>�Wie lange wird das dauern?�</p><p>�Gewiss hundert Jahre � Bei allen Alben! Hundert Jahre! Das w�re eine Zeit, �ber die wir beide fr�her gespottet h�tten. Was sind schon hundert Jahre! Doch ich f�rchte, die Menschen k�nnten fr�her kommen und alles verderben.�</p><p>Nuramon konnte die H�ter des Wissens verstehen. Wenn ein Schwur sie band, dann mussten sie das Wagnis eingehen, dass jede Verbindung zur Menschenwelt abriss und sie hier wie eingemauert leben mussten. Doch vielleicht war es kl�ger, den Schwur zu brechen, um zumindest einen Teil des unsch�tzbaren Wissens zu retten. Emerelle w�rde sie gewiss nicht verachten, wenn sie zu ihr an den Hof k�men.</p><p>�Lass uns ein St�ck gehen�, sagte Reilif und schritt in den Gang hinaus.</p><p>Nuramon nahm Yulivees Buch vom Tisch und folgte dem H�ter des Wissens. �Kannst du mir helfen, etwas �ber Albensteine zu erfahren?�</p><p>Reilif lachte leise. �In deiner Frage steckt bereits eine gewaltige Annahme, n�mlich dass es noch mehr Albensteine geben k�nnte als Emerelles.�</p><p>�Ist es so?�</p><p>Reilif nickte in seiner Kapuze.��Doch keiner wei�, wo sie sind � Und ich wei� ebenso wenig, wie man einen finden kann.�</p><p>Nuramon war entt�uscht. Er hatte mehr von Reilif erwartet. Sollte in all den B�chern, die er gelesen hatte, wirklich nichts dar�ber stehen, wie man einen Albenstein finden konnte?</p><p>�Nun, lass nicht gleich den Kopf h�ngen! Ich kann dir zwar nicht sagen, wo du einen Stein findest. Aber ich kann dir erkl�ren, wozu ein Albenstein n�tzlich ist. Also h�r gut zu! Wenn du einen solchen Stein besitzt, dann wird er dir erm�glichen, von einem Ende einer Welt zu einem anderen zu gelangen. Du schaffst dir damit Albenpfade, wo vorher keine waren. Du kannst Tore �ffnen und schlie�en. Und du kannst sogar Albensterne erschaffen oder zerst�ren. Ein Albenstein, der in die falschen H�nde ger�t, ist ein gro�es �bel.�</p><p>�Kann man damit auch Zauberbarrieren durchbrechen?�</p><p>�Gewiss.�</p><p>Das war die Antwort, auf die Nuramon gehofft hatte. Er wollte einen solchen Stein zu nichts anderem verwenden als dazu, seine Geliebte zu befreien.</p><p>Sie verlie�en den Gang und nahmen eine Treppe nach oben. Der H�ter des Wissens sprach weiter. �Wer einen Albenstein nutzen will, der muss der Magie f�hig sein. Und je mehr er damit erreichen will, desto schwieriger wird es, die Kraft des Steines zu beherrschen.�</p><p>�Aber so ein m�chtiger Stein muss doch aufzusp�ren sein! Seine Kraft m�sste alles �berstrahlen�, warf Nuramon ein. Er dachte an die Burg der K�nigin. Dort war nichts von dem Albenstein zu sp�ren gewesen. Vielleicht hatte Emerelle ihn mit einem Zauber umgeben, um die Aura seiner Macht zu verbergen.</p><p>�Du irrst dich. Die Kraft des Steins ist kaum wahrnehmbar. Gewiss w�rdest du ihn sp�ren, wenn ich ihn hier neben dir in H�nden hielte, doch du w�rdest ihn trotz seiner Gr��e f�r eine Kleinigkeit halten.�</p><p>�Wie sieht er aus?�</p><p>Reilif schwieg und f�hrte ihn in ein kleines Zimmer, das von der Treppe abging. Hier glommen die Barinsteine in k�hlem Gr�n. Massige Schr�nke standen an den W�nden und reichten bis zur Decke. Der H�ter des Wissens �ffnete einen davon, holte einen gro�en Folianten hervor und wuchtete diesen auf das Lesepult in der Mitte des Zimmers. Die Buchdeckel waren mit zwei Spangen verbunden, die Reilif nun �ffnete. �In diesem Buch findet sich die Abbildung eines Albensteins. Es ist nicht der Emerelles, und sein Tr�ger ist den Alben l�ngst nachgefolgt.� Reilif rutschte die Kapuze vor die Augen. Mit einer schnellen Handbewegung warf er sie ganz zur�ck, und Nuramon war erstaunt, Elfenohren zu sehen, die aus dem grauwei�en Haar hervorstachen. Dass der alte Elf sein Haupt zeigte, kam f�r Nuramon unerwartet. Reilif schien seine Verwunderung nicht zu bemerken, sondern schlug zielsicher die gesuchte Seite auf.</p><p>Das Bild des Steins nahm die ganze Seite ein. Er war dunkelgrau und wirkte glatt. F�nf wei�e Furchen liefen an ihm hinab. Die Zeichnung war eher schlicht und keineswegs das Werk eines Meisters. Doch sie reichte aus, um einen Eindruck zu gewinnen.</p><p>Nuramon deutete auf die abgebildeten Vertiefungen. �Was sind das f�r Linien?�, fragte er.</p><p>Reilif fuhr mit dem Finger �ber die linke Furche.��Das ist die Welt der Menschen. Daneben liegt die Welt, die nun zerbrochen ist und in der wir uns befinden. Dann folgt die Mark der Alben, darauf dann deren Heim.� Er tippte auf die Linie ganz rechts.��Und dies ist schlie�lich das, was wir Elfen das Mondlicht hei�en.�</p><p>Nuramon staunte.��Das kann ich kaum glauben.�</p><p>�Was kannst du nicht glauben?�</p><p>�Dass die Welten, die ich kenne, so einfach neben dem Heim der Alben und dem Mondlicht stehen.�</p><p>�Lass dich dadurch nicht verwirren, Nuramon. Es hei�t, jeder Albenstein sei einzigartig. Jeder soll f�r ein anderes Verst�ndnis der Welt stehen. Von Emerelles Stein hei�t es, die Furchen l�gen �bereinander.�</p><p>�Wem geh�rte dieser Stein?�, fragte Nuramon.</p><p>�Einem Drachen namens Cheliach. Wir wissen nicht viel �ber ihn, nur dass er den Alben sp�t nachfolgte und daraufhin die Drachen an Bedeutung verloren.�</p><p>Nuramon war zufrieden. Das war der Anfang, den er sich erhofft hatte.��Ich danke dir, dass du mir dieses Bild gezeigt hast.�</p><p>Reilif schloss das Buch. �Du wirst diesen Band hier finden, wenn du ihn deinen Gef�hrten zeigen willst. Ich lasse ihn auf dem Tisch liegen. Doch erst einmal solltest du jemanden aufsuchen, der dich kennt und dich gewiss gern wiedersehen m�chte.�</p><p>�Wer sollte das sein?�, fragte Nuramon �berrascht.</p><p>Meister Reilif schmunzelte. �Den Namen darf ich dir nicht sagen. Das habe ich versprochen.� Er deutete zur Treppe. �Folge den Stufen bis ganz nach oben! In einer der kahlen Hallen wirst du ihn finden.� Die grauen Augen des alten Elfen funkelten im Schein der Barinsteine.</p><p>Z�gernd verlie� Nuramon das Zimmer. Auf der Treppe atmete er durch. Ihm war, als h�tte der H�ter des Wissens einen Zauber �ber ihn gesprochen, so sehr hatten ihn dessen Augen in den Bann gezogen. Was mochte die Geschichte dieses Elfen sein? Er wagte nicht, ihn danach zu fragen. Au�erdem gab es im Augenblick etwas anderes, dass ihn besch�ftigte. Wer mochte dort oben auf ihn warten?</p><p>Als Nuramon das Ende der Treppe erreichte, folgte er einem breiten Gang, von dem kleinere Hallen abgingen. Sie waren leer; hier gab es weder B�cher noch Regale. Offenbar war das Wissen der Bibliothek noch nicht bis hier hinaufgewachsen. Und wie aus den Worten Reilifs zu schlie�en war, w�rde es wohl nie geschehen. Umso mehr �berraschte es Nuramon, in einem Seitengang B�cher zu sehen, die links und rechts an der Wand gestapelt lagen.</p><p>Eine leise Stimme hallte durch den Gang. Nuramon folgte ihr, sp�hte durch die T�r�ffnung und konnte kaum fassen, was er da sah: In einem kahlen, kreisrunden Saal sa� der Dschinn auf einem Thron aus B�chern und nahm soeben einen Band von einem s�uberlich angelegten Stapel zu seiner Linken, warf einen Blick hinein und warf ihn dann unachtsam auf einen Haufen zu seiner Rechten. Der Dschinn hatte wei�es Haar und trug ebenso wei�e Gew�nder, die ihn viel ehrw�rdiger wirken lie�en als in Valemas.</p><p>Kaum hatte Nuramon den Saal betreten, da hob der Dschinn den Kopf und musterte ihn. �Ach, du bist es, Nuramon�, sagte er, als h�tten sie sich vor kurzem noch gesehen. Rasch errichtete er einen kleinen Stapel aus umherliegenden B�chern und deutete darauf. �Nimm doch Platz!�</p><p>Kaum hatte Nuramon sich niedergelassen, da fragte der Dschinn:��Hat dich mein Rat damals weitergef�hrt?�</p><p>�Ja, und ich m�chte dir daf�r danken. Er war von unsch�tzbarem Wert.� Nuramon erz�hlte, dass er in der Bibliothek einst auf Yulivees Spuren gewandelt war. Und er berichtete von den Zwergen und von Dareen.</p><p>�Wie ich sehe, hast du einen Narren an Yulivee gefressen.� Der Dschinn deutete auf das Buch, das auf Nuramons Knien ruhte.</p><p>�Reilif hat es mir �berlassen. Vielleicht sollte ich es nach Valemas zu den Freien bringen. Ihr Hass auf Emerelle w�rde durch die Schriften gewiss ein wenig gemindert.�</p><p>Der Dschinn machte ein bedr�cktes Gesicht. �Es hat keinen Zweck, die B�cher nach Valemas zu bringen. Die Oase ist zerst�rt.�</p><p>�Was?�, rief Nuramon ersch�ttert. �Wie konnte das geschehen?�</p><p>�Die wei�en Ritter aus dem Norden, die unter dem Banner des Tjured reiten, haben die Freien vernichtet.�</p><p>�Wie ist das m�glich? Wie k�nnen Menschenkrieger sich so tief in der W�ste bewegen und gegen Krieger wie die Freien von Valemas im Kampf bestehen?�</p><p>�Indem sie Magie verwenden. Einige unter den Menschen haben das Zaubern gelernt. Sie sammeln sich unter dem Banner des Tjured. Sie sind Anf�hrer und sp�ren die Macht der Albenpfade. Sie fanden den Steinring in der W�ste, und weil es dort keine sch�tzende Barriere gab, �ffneten sie das Tor mit ihrer Magie. So konnte es zum Kampf kommen. Ich floh, und als ich zur�ckkehrte, fand ich nur mehr Ruinen und Tote. Die Menschen haben nicht einmal die wenigen Kinder verschont.�</p><p>�Das ist unfassbar! Diese Narren werden alles zerst�ren.� Nuramon stockte. �Haben sie etwa auch Albenmark angegriffen?�</p><p>�Mach dir keine Sorgen. Ich zog f�r die Freien von Valemas aus, um die Menschen zu beobachten. Und ich sah, wie sie sich an einem Albenstern sammelten, der nach Albenmark f�hrte. Die Priester beteten dort und fragten ihren Gott, ob dieser Ort seinen Segen finde. Dann sprachen sie Worte, die ich nicht verstand. Es war gewiss der Zauberspruch. Ich merkte, wie etwas gegen den Albenstern schlug; gleichzeitig zogen die Krieger ihre Schwerter. Als dann aber nichts geschah, zogen sie fort. Ich habe mir die Spuren angesehen, die sie hinterlassen haben. Mit diesem Zauber w�ren sie niemals nach Albenmark gelangt. Die gleichen Spuren fand ich nach der Zerst�rung von Valemas am Steinring. Die Priester k�nnen offenbar nur Tore in die Zerbrochene Welt �ffnen.�</p><p>�Wieso haben sie die Bibliothek bisher verschont?�</p><p>�Oh, sie versuchen wohl schon seit einer Weile, hierher durchzudringen. Die H�ter des Wissens sagen, die Menschen seien verwirrt, weil in Iskendria so viele Albenpfade verlaufen. Au�erdem h�tten sie Schwierigkeiten, die Schutzzauber an den Toren zu durchbrechen. Doch Reilif meint, die Menschen rissen die Barrieren langsam nieder. Jeden Tag kommen sie weiter voran. Es bleibt also nicht mehr viel Zeit, um das Wissen dieses Ortes aufzunehmen und zu verschwinden.�</p><p>�Bist du derjenige, der sich das Wissen so schnell aneignen kann?�</p><p>�Gewiss.�</p><p>�Was haben sie getan, um dich zu �berreden?�</p><p>Der Dschinn zog eine ver�rgerte Miene. �Diese Kerle haben mich reingelegt. Sie haben mich schlie�lich dazu gebracht, meinen Namen zu nennen. Nun muss ich ihnen dienen. Diese Halunken sind einfach zu schlau f�r mich. Aber was soll&#x2B9;s � Was hier geschieht, erinnert mich an die Dschinnenbibliothek. Offenbar ist es das Schicksal des gro�en Wissens, einfach zu vergehen.� Der Blick des Dschinns ging ins Leere. �Ich frage mich, wo das alles enden soll.�</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. �Wenn das Schicksal uns Albenkindern hold ist, dann werden die Krieger alles verbrennen, was sich in diesen Hallen befindet. Wenn es uns b�se mitspielt, dann werden sie sich das Wissen erschlie�en � Sofern sie denn all die Sprachen lernen k�nnen.�</p><p>�Daran haben wir gedacht. In dem Augenblick, in dem die Menschen hier eindringen, werden wir einen Zauber wirken, der alles zerst�rt, was hier geh�tet wird. Auch wir werden vergehen. Der Zauber ist bereits gewirkt. Wir m�ssen nur noch die letzten Worte sprechen. Und dann wird hier alles in einem gigantischen �� Der Dschinn brach ab und schaute zur T�r.</p><p>Nuramon folgte dem Blick des Geistes, und was er sah, �berraschte ihn zutiefst. Ein kleines Elfenm�dchen kam mit einem Stapel B�cher ins Zimmer. Es mochte etwa acht Jahre alt sein, gewiss nicht �lter. Das Kind machte gro�e Augen, als es ihn sah, und lie� vor Schreck die B�cher fallen.</p><p>Der Dschinn erhob sich. �Du brauchst dich nicht zu erschrecken, kleine Elfe. Dies ist Nuramon, ein Freund aus Albenmark.�</p><p>Das M�dchen blickte auf die B�cher hinab. Mit einem Ruck schwebten sie hoch und stapelten sich wieder auf ihren H�nden. Nuramon war verbl�fft. F�r das Kind schien dieser Zauber nur eine Finger�bung zu sein. Sie trat n�her und legte den B�cherstapel dann neben dem gro�en B�cherthron ab.</p><p>�Komm her! Begr��e unseren Gast!�, sagte der Dschinn.</p><p>Mit einem sch�chternen L�cheln trat das M�dchen an die Seite des Dschinns und lie� sich von dem Geist durchs dunkelbraune Haar streichen.</p><p>�Wie ist dein Name?�, fragte Nuramon.</p><p>�Wie meinst du das?� Die Kleine sprach fast im selben Tonfall wie der Dschinn.</p><p>�Hast du keinen Namen?�, setzte Nuramon nach.</p><p>�Ach so! Kleine Elfe oder Elfenkind nennen sie mich.�</p><p>Nuramon verschlug es die Sprache. Der Dschinn hatte diesem Kind nicht einmal einen Namen gegeben!</p><p>�So, Elfenkind, bring diese B�cher wieder runter�, trug der Dschinn der Kleinen auf.</p><p>Sie zog eine unzufriedene Miene und machte sich daran, einige B�nde vom Haufen der gelesenen B�cher zu holen. Sie l�chelte Nuramon noch einmal zu und verlie� dann den Saal.</p><p>Kaum waren ihre Schritte im Gang verklungen, da wandte sich Nuramon an den Dschinn.��Wie konntest du ihr keinen Namen geben?�</p><p>�Namen bringen nur Probleme. Das habe ich dir doch schon gesagt. Sie f�hren nur dazu, dass andere Macht �ber einen erlangen.�</p><p>Nuramon deutete zur T�r.��Das h�lt dich nicht davon ab, dieses Kind wie eine Dienerin herumzuschicken!�</p><p>�Ho! Du kennst die Kleine nicht. Die ist ein �bler Qu�lgeist. Sie hat eben nur auf mich geh�rt, weil du hier bist. Die hat einen Dicksch�del, dagegen ist ein Trollkopf geradezu zierlich! Au�erdem habe ich sie nur aus einem Grund fortgeschickt.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Sie wei� nichts von ihrer Herkunft. Ich habe ihr eine Geschichte erz�hlt, um sie vor der Wahrheit zu sch�tzen.�</p><p>�Und was ist die Wahrheit?�, fragte Nuramon, winkte dann aber ab.��Ich ahne es schon. Die Kleine kommt aus Valemas, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Sie ist vielleicht die Letzte der Freien.�</p><p>Nuramon schaute den Dschinn verwundert an. �Wie ist das m�glich? Ich dachte, es w�ren mindestens hundert Jahre vergangen. Wie kann es da sein, dass sie noch ein Kind ist?�</p><p>Der Dschinn lachte. �Das h�ngt eben davon ab, wie stark die Schutzbarrieren der Albensterne sind und wie weit die Kunst des Zaubers reicht. Ihr seid gewiss mit dem Kopf durch die Wand gegangen, ohne es mit Magie auszugleichen.�</p><p>Nuramon begriff, was der Dschinn sagen wollte. �Dann seid ihr in der Zeit, die wir beim Durchqueren des Tores verloren haben, hierher gekommen? Das hei�t, die Tjuredanbeter haben erst Iskendria genommen und dann��</p><p>�Valemas! Und gewiss haben sie auch andere Orte zerst�rt. So ist es. Das M�dchen wurde mir anvertraut, als die Schlacht vor Valemas bevorstand. Hildachi, ihre Mutter, war eine m�chtige Zauberin und Seherin. Sie sagte, wir sollten die Kinder in Sicherheit bringen. Doch da es nur wenige Kinder gab und die Krieger die Gefahr viel zu gering einsch�tzten, war es nur die Kleine, die ich fortbrachte. Hildachi sagte mir, ich solle sie an einen sicheren Ort f�hren, um sie dann sp�ter zur�ckzubringen. Nachdem ich Valemas zerst�rt vorfand, kam ich mit ihr hierher. Das war vor sechs Jahren. Die Kleine konnte damals nicht einmal sprechen. Ich habe ihr inzwischen einige Sprachen beigebracht, auch das Lesen und das Schreiben vieler Schriften. Und ich lehrte sie ein wenig Magie. Untersch�tze sie nicht! Da ich aber an diesen Ort gebunden bin, solange die H�ter des Wissens ihn nicht verlassen wollen, kann ich sie nicht in Sicherheit bringen. Doch ich m�chte nicht, dass sie in der Gefahr dieser Bibliothek lebt, denn es mag sein, dass wir unser Ziel nicht erreichen, ehe die Menschen kommen.�</p><p>Nuramon �berlegte. Ein Kind war das Letzte, was sie auf ihrer Suche gebrauchen konnten. Aber der Dschinn hatte Recht. Dies war kein Ort f�r ein Elfenkind. �Ich werde sie mitnehmen. Auch wenn ich das erst meinen Gef�hrten klar machen muss und das gewiss unsere Suche erschweren wird.�</p><p>�Ich habe geh�rt, ihr sucht nach einem Albenstein.�</p><p>�Wei�t du vielleicht etwas dar�ber?�</p><p>�Aber ja. Doch alles, was ich dir in meiner gro�en Weisheit zuteil werden lassen kann, habe ich bereits getan.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�So wie ich es sage�, entgegnete er grinsend.��Von mir wirst du nichts Neues erfahren.�</p><p>Was konnte der Dschinn nur damit meinen, dass er ihm bereits alles �ber die Albensteine gesagt h�tte? Nichts hatte er gesagt! Weder heute noch damals in Valemas. Von Albensteinen war nie die Rede gewesen.</p><p>�Denk ruhig weiter dar�ber nach. Ich werde in der Zwischenzeit lesen.� Der Dschinn nahm sich das Buch, das er begonnen hatte, und schien langsam darin zu bl�ttern. Doch Nuramon bemerkte, wie rasch die Augen des Geistes sich bewegten. Er bl�tterte nicht einfach nur, sondern er las.</p><p>Nuramon �berlegte, was der Dschinn ihm damals in Valemas gesagt hatte. Er hatte Nuramon von der Zerbrochenen Welt erz�hlt und dass es unm�glich war, durch die unendliche Finsternis zu reisen. Aber es war nie die Rede von einem Stein gewesen. Oder doch?��Der Feueropal!�, sprach er vor sich hin.</p><p>Der Dschinn legte sein Buch zur Seite. �Du hast ein gutes Ged�chtnis, Nuramon.�</p><p>�Du meinst den Feueropal, welcher sich in der verlorenen Krone des Maharadschas Berseinischi befindet? Ist er ein Albenstein?� Nuramon erinnerte sich noch an die Worte des Dschinns. Er hatte ihn gefragt, ob er ihm wohl eher glauben w�rde, wenn er sagte, der Opal sei ein Albenstern, der sich bewegte�� Nach allem, was Reilif ihm �ber die Macht der Albensteine erz�hlt hatte, begriff er nun den Hintersinn der Worte des Dschinns. Nuramon sch�ttelte den Kopf. �Der Albenstein der Dschinnen! Das passt zu euch. Euren Stein an einem Ort zu verstecken, der so offensichtlich ist, dass man ihn dort niemals vermuten w�rde!�</p><p>�Wir Geister sind eben klug � Nun, nicht ganz so klug. Denn wir konnten nicht ahnen, dass dieser Dummkopf Elebal die Krone mit auf seine Eroberungsz�ge nehmen w�rde.�</p><p>�Ich kann es immer noch kaum glauben � Du sagst doch die Wahrheit, oder?�</p><p>Der Dschinn grinste schelmisch.��Habe ich dich jemals angelogen?�</p><p>�Nein, das hast du nicht. Du hast mir sogar gesagt, wo ich die Suche nach der Krone beginnen soll.� In Drusna hatte der Maharadscha Elebal die entscheidende Schlacht verloren, und dort war die Krone mit dem Feueropal verschwunden.��Nur eines verstehe ich nicht. Wieso hast du nicht selbst nach der Krone gesucht? Warst du in Valemas etwa auch mit deinem Namen an den Ort gebunden?�</p><p>�Nein, das war ich nicht. Ich habe die Krone gesucht, nur habe ich sie nicht finden k�nnen. Entweder sie ist zerst�rt, oder ein Schutzzauber umgibt sie. Fr�her konnte ich sie an jedem Ort der Menschenwelt sp�ren.�</p><p>�Ich dachte, Albensteine k�nnte man nicht auf Entfernungen sp�ren.�</p><p>�Das stimmt auch, aber wir haben einen besonderen Zauber auf den Stein gelegt, den nur wir Dschinnen kennen und der uns sagt, wo sich der Feueropal befindet. Doch wie gesagt, sein Ruf ist verstummt. Und �ber die Grenzen einer Welt hinaus konnte man ihn ohnehin nicht vernehmen.�</p><p>Vielleicht vermochte Farodin zu helfen. Sein Suchzauber w�rde die Krone wom�glich aufsp�ren k�nnen.��Gibt es ein Bild von der Krone?�</p><p>�Ja, sogar in dieser Bibliothek. Als ich das erste Mal hier war, da habe ich sie malen lassen. Damals war ich noch auf der Suche nach ihr und hatte gehofft, hier etwas �ber ihren Verbleib zu erfahren. Komm, ich zeig es dir!� Er erhob sich.</p><p>�Mein Gef�hrte Farodin beherrscht einen Suchzauber. Wenn wir ihm eine Abbildung der Krone zeigen und du ihm erz�hlst, was du �ber sie wei�t, dann k�nnte es sein, dass er sie aufsp�rt. Aber d�rfen wir den Stein auch f�r unsere Zwecke verwenden, wenn wir ihn finden?�</p><p>�Wenn du den Feueropal findest, dann werden die Dschinnen sich in einer Reihe vor dir aufstellen und dir die F��e k�ssen! Jeder von ihnen wird dir seinen Namen sagen und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen! Mit schlichten Worten: ja, Nuramon!�</p></section><section><title><p>Die kleine Elfe</p></title><p>Nuramon sa� in seinem Zimmer �ber dem Buch, das ihm der Dschinn gegeben hatte, und betrachtete die Krone des Maharadschas, die in leuchtenden Farben auf das Pergament gemalt war. Welch ein Meisterwerk! Es war kaum zu glauben, dass ein Mensch dieses riesige Gebilde auf dem Kopf tragen konnte. Die Krone wirkte fast wie eine goldene Festung, die mit Edelsteinen �bers�t war. Der gro�e Feueropal bildete das Zentrum, um das sich all die anderen Steine sammelten.</p><p>Mit der Abbildung hatte er eine wichtige Spur gefunden und war gespannt, was seine beiden Gef�hrten dazu sagen w�rden. Mit einem Mal h�rte er ein Ger�usch. Es klang wie ein Schluchzen. Er schlug das Buch zu und schritt zur T�r. Da weinte jemand! Vorsichtig �ffnete er die T�r und trat nach drau�en. Das kleine M�dchen sa� gegen die Wand gelehnt da und weinte. Neben ihr lagen ein Beutel und drei B�cher.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte Nuramon und ging vor der Kleinen in die Hocke.</p><p>�Das wei�t du doch genau!�, entgegnete die Elfe mit bebenden Lippen. Sie wandte den Blick ab und starrte zu Boden.</p><p>Nuramon setzte sich neben sie. Er wartete einen Moment, bis er sprach. �Der Dschinn hat dir alles erz�hlt.�</p><p>Die Kleine schwieg.</p><p>�Schau mich doch an!�, sagte er leise.</p><p>Sie blickte ihm ins Gesicht. Ihre braunen Augen funkelten.</p><p>�Du wei�t nun, woher du kommst.�</p><p>�Ja � Der Dschinn hat mir gesagt, wo ich geboren wurde, wer meine Eltern waren und was mit Valemas geschah.�</p><p>�Hat er dir nie zuvor etwas erz�hlt? Nichts?�</p><p>�Er sagte immer, ich stammte von einer angesehenen Familie ab, und eines Tages w�rden mich meine Geschwister holen und nach Hause bringen. Ich habe ihm das geglaubt!�</p><p>�Er hat nicht gelogen. In gewisser Weise hat er die Wahrheit gesagt.�</p><p>Die kleine Elfe wischte sich die Tr�nen aus dem Gesicht.��Ich dachte, ich h�tte eine Familie�� eine Mutter und einen Vater. Ich dachte, sie warteten irgendwo auf mich. Und ich dachte, dass ich Geschwister habe.�</p><p>�Nat�rlich tut es weh zu erfahren, dass die Dinge nicht so sind, wie du sie dir ausgemalt hast. Aber deshalb darfst du deine Tr�ume nicht aufgeben. Wenn du dich nach einer Familie sehnst, dann mag es eines Tages geschehen, dass du eine findest.� Nuramon dachte an die Nacht vor dem Auszug der Elfenjagd und an den Orakelspruch, den Emerelle ihm als Rat gegeben hatte. �Wei�t du, was die K�nigin einmal zu mir gesagt hat?�</p><p>Das M�dchen sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie sagte: _W�hle dir deine Verwandtschaft!_�</p><p>Die Kleine staunte.��Das hat die m�chtige Emerelle dir gesagt?�</p><p>�Gewiss. Und dir m�gen diese Worte auch helfen. Doch zuerst solltest du dir einen Namen w�hlen.�</p><p>Ein L�cheln legte sich auf das Gesicht der Elfe. Sie schien vergessen zu haben, dass sie eben noch geweint hatte.��Einen Namen!�</p><p>�W�hle gut!�</p><p>�Wieso machst _du_ das nicht? Sieh dir mein Gesicht an und sage mir, was ich f�r ein Name bin!�</p><p>Nuramon sch�ttelte l�chelnd den Kopf. _Was f�r ein Name ich bin!_ Die kleine Elfe sah die Dinge auf eigent�mliche Weise. Er lie� sich darauf ein und sagte: �Nun, vielleicht bist du eine Obilee���</p><p>�Der Name gef�llt mir�, meinte das M�dchen.</p><p>�Warte! Ein wenig weicher noch. Au�erdem kenne ich schon eine Elfe, die so hei�t. Es gibt aber einen Namen, der so �hnlich klingt.� Nuramon wurde klar, wonach er suchte. F�r das Elfenkind konnte es nur einen Namen geben.��Wie gef�llt dir _Yulivee_?�</p><p>Die Kleine lie� ihr Haar los, und die welligen Str�hnen fielen ihr auf die Schultern.��Das ist ein sch�ner Name!�, sagte sie mit heller Stimme.</p><p>�Du hast ihn zuvor gewiss schon geh�rt, oder?�</p><p>�Noch nie.�</p><p>�Nun, eine Elfe namens Yulivee hat dein Volk aus Albenmark fortgef�hrt und Valemas gegr�ndet.� Nuramon erz�hlte dem M�dchen von der alten Stadt Valemas in Albenmark und von der gleichnamigen Oasenstadt, in der er den Dschinn getroffen hatte.</p><p>�Aber der Dschinn sagte, meine Sippe sei die des Diliskar.�</p><p>�Das ist der Gro�vater Yulivees und der Begr�nder ihrer Sippe. Damit bist du sogar mit ihr verwandt.�</p><p>�Darf ich denn dann ihren Namen nehmen?�</p><p>�Aber nat�rlich. Es werden oft Namen an Neugeborene vergeben, deren fr�here Tr�ger ins Mondlicht gegangen sind.�</p><p>�Dann will ich ihn annehmen.�</p><p>�Eine gute Wahl! Du bist vielleicht die Letzte der Freien von Valemas. Einen besseren Namen k�nnte es f�r dich nicht geben�� Yulivee!�</p><p>�Yulivee!�, wiederholte die kleine Elfe einige Male und betonte die Silben unterschiedlich. �berm�tig sprang sie auf und rief ihren Namen. Dann stellte sie sich vor Nuramon und schaute in sein Gesicht. �Ich m�chte fortan Abenteuer erleben und an deiner Seite sein.�</p><p>�Aber da bist du gewiss nicht so sicher wie in Albenmark. Wir k�nnten dich bis an die Pforte von Albenmark f�hren, wo dich jemand zur K�nigin bringen wird.�</p><p>Yulivee sch�ttelte den Kopf.��Nein, das will ich nicht. Ich bleibe lieber bei dir.�</p><p>Nuramon deutete auf den Beutel und die B�cher, die an der Wand lagen.��Ist das deine Ausr�stung?�</p><p>�Ja. Kleider und Wissen. Mehr brauche ich nicht.�</p><p>�Dann hol deine Sachen und bring sie ins Zimmer!� Nuramon ging voran; Yulivee tat, wie ihr gehei�en, und legte die B�cher auf dem Tisch ab.</p><p>Nuramon setzte sich.��Was sind das f�r B�cher, die du da hast?�</p><p>�Die geh�ren mir!�</p><p>�Nat�rlich�, entgegnete Nuramon. �Aber wenn du mir sagst, was f�r B�cher es sind, dann schenke ich dir dieses Buch hier.� Er legte seine Hand auf die Aufzeichnungen Yulivees.</p><p>�Das sind M�rchen. Von ihnen habe ich viel �ber Albenmark gelernt. Am liebsten habe ich die EmerelleM�rchen. Sie ist so weise. Ich w�nschte, ich k�nnte sie sehen.�</p><p>Nuramon musste an Emerelles Verhalten ihnen gegen�ber denken. Es passte nicht so recht zu der Elfenk�nigin jener M�rchen, die er als Kind so gern geh�rt hatte. �Kannst du mir denn ein M�rchen erz�hlen?�</p><p>Yulivee l�chelte ihn an. �Gewiss. Wei�t du, ich habe noch niemals jemandem etwas vorgetragen. Die anderen waren einfach zu besch�ftigt.�</p><p>�Nun, ich habe Zeit�, sagte Nuramon.</p><p>Die kleine Yulivee begann das M�rchen von Emerelle und dem Drachen zu erz�hlen, an dem so viele Krieger gescheitert waren. Sie war gerade beim sch�ndlichen Verrat des Drachen angekommen, als Farodin und Mandred eintraten. W�hrend Mandred ein erfreutes Gesicht machte, spiegelten sich in Farodins Miene Misstrauen und Ablehnung.</p><p>Das M�dchen blickte kurz zu den beiden und erz�hlte einfach weiter. �Und dann kehrte Emerelle zur�ck und schenkte den Hort des Drachen an die Sippe derer von Teveroi, die viele Krieger im Kampf gegen den Drachen gelassen hatten. Meister Alvias war froh, dass die K�nigin in Sicherheit war. Und so endet die Geschichte.�</p><p>Nuramon merkte, dass Yulivee das Ende sehr kurz gefasst hatte. Er strich ihr �bers Haar.��Das war ein sehr sch�nes M�rchen. Ich danke dir.� Er stand auf. �Doch nun m�chte ich dir jemanden vorstellen. Dies ist Farodin. Er ist der beste Krieger am Hof der K�nigin.� W�hrend Farodin nur leicht die Mundwinkel hob, grinste Mandred. �Und dies hier ist Mandred Torgridson, der Jarl von Firnstayn. Ein Mensch.�</p><p>Das M�dchen schaute mit offenem Mund zu Mandred auf, als w�re er eine prachtvolle Statue, die es zu bestaunen galt.</p><p>�Euch beiden m�chte ich die letzte Elfe von Valemas vorstellen!�</p><p>Farodin machte ein entsetztes Gesicht. �Soll das hei�en���</p><p>�Ja. Valemas ist nicht mehr.� In knappen Worten erz�hlte er, was ihm der Dschinn berichtet hatte. �Und dieses M�dchen rettete der Dschinn hierher. Ihr Name ist Yulivee, und sie ist jetzt unsere Gef�hrtin.�</p><p>�Sei gegr��t, Yulivee�, sagte Farodin mehr h�flich als liebensw�rdig.</p><p>�Sie wird uns eine Weile begleiten�, fuhr Nuramon fort.��Dann werde ich sie nach Albenmark bringen.�</p><p>�Ich will aber gar nicht nach Albenmark�, entgegnete Yulivee. �Ich bleibe lieber bei euch. Und dagegen k�nnt ihr auch ganz und gar nichts tun�, sagte sie mit selbstsicherer Stimme.</p><p>Mandred grinste.��Die Kleine scheint schon einen Plan zu haben. Sie gef�llt mir! Lassen wir sie bei uns bleiben!�</p><p>Farodin sch�ttelte den Kopf. �Mandred! Es ist zu gef�hrlich f�r ein Kind. Stell dir vor, wir geraten in einen Kampf.�</p><p>�Dann mache ich mich unsichtbar�, sagte Yulivee darauf.</p><p>Mandred legte den Kopf in den Nacken und lachte laut.��Siehst du! Die wei� schon, was sie tut.�</p><p>Farodin sah sie eindringlich an. �Du kannst dich unsichtbar machen?�</p><p>Yulivee winkte ab.��Das ist doch leicht.�</p><p>Nuramon mischte sich nun wieder ein. �Der Dschinn hat ihr einiges beigebracht.�</p><p>Farodin musterte das M�dchen. �Nun gut, dann soll sie bei uns bleiben�, sagte er schlie�lich. L�chelnd drohte er Nuramon mit dem Zeigefinger. �Aber du bist f�r sie verantwortlich!�</p><p>�Einverstanden. Doch nun erz�hlt mir, was euch die H�ter des Wissens gesagt haben.�</p><p>Farodin nickte und begann seinen Bericht. Sie hatten ihn auf zwei wichtige B�cher �ber die Kunst des Suchzaubers hingewiesen. Und er war zuversichtlich, sein K�nnen auf diesem Gebiet der Magie zu vervollkommnen. Auch �ber Albensteine hatten sie gesprochen und dar�ber, dass es irgendjemanden gab, der in den letzten Jahrhunderten einen dieser Zaubersteine benutzt hatte, um neue Pfade in das Netz der Alben zu weben. Einen solchen neuen Pfad hatten sie aufgesp�rt, als sie zum ersten Mal die Bibliothek besuchten. Offenbar waren auch anderen Reisenden diese neuen Pfade aufgefallen. Sie hatten etwas Fremdes an sich, was freilich daran liegen mochte, dass sie ganz neu in ein jahrtausendealtes Wegenetz gezogen worden waren. Auf jeden Fall war ihre Existenz der Beweis daf�r, dass es mehr als nur Emerelles Albenstein gab.</p><p>Nachdem Farodin geendet hatte, erz�hlte nun Nuramon seinerseits von der Begegnung mit Reilif. Die Gefahr, von der der H�ter des Wissens gesprochen hatte, sorgte bei seinen Gef�hrten f�r besorgte Mienen. Schlie�lich erz�hlte Nuramon von dem Hinweis des Dschinns auf den verschwundenen Feueropal.</p><p>�Aber wo sollen wir der Krone habhaft werden? Was du da beschreibst, hilft mir kaum, eine sichere Spur zu finden�, gab Farodin zu bedenken.</p><p>�Schau dir das an!� Nuramon �ffnete das Buch, das ihm der Dschinn gegeben hatte, und schlug die Seite auf, die er sich zuvor angesehen hatte.��Das hier ist die Krone des Maharadschas von Berseinischi.�</p><p>Farodin betrachtete das Bild und nickte tief in Gedanken.��Das ist eine gute Spur, Nuramon.�</p><p>Die kleine Yulivee stand auf Zehenspitzen am Tisch, um in den Band sehen zu k�nnen. �Aber welchen Weg nehmen wir? Folgen wir dem j�ngeren Albenpfad und suchen diesen Wegesch�pfer, oder finden wir den Feueropal?�, fragte sie.</p><p>�Du hast gut aufgepasst. Genau das ist die Frage�, erwiderte Nuramon.</p><p>�Ich denke, wir sollten den Feueropal suchen�, schlug Mandred vor.��Es ist bestimmt leichter, eine verschollene Krone zu finden und an uns zu bringen, als irgendjemandem einen Albenstein wegzunehmen.�</p><p>Farodin schlug das Buch zu.��Mandred hat Recht. Ich bin mir sicher, dass ich mit meinem Zauber diese Krone finden werde. Wir wissen ungef�hr, wo sie ist, und wir wissen, wie sie aussieht. Das sollte gen�gen! D�rfen wir das Buch behalten?�</p><p>�Ja�, antwortete Nuramon.</p><p>�Dann lasst uns auf die Suche nach dem Albenstein gehen!� Zum ersten Mal, seit sie Noroelles Insel verlassen hatten, wirkte Farodin wieder voller Tatendrang.</p><p>Nuramon war erleichtert. Er erinnerte sich an ihren letzten Abschied von Iskendria. Damals hatten sie sich im Streit getrennt. Jetzt war alles anders. Sie w�rden als Gemeinschaft ausziehen, mit einer kleinen Gef�hrtin an ihrer Seite.</p><subtitle>Brief an den Grossen Priester</subtitle><p><strong>Bericht �ber die Umtriebe in Angnos und im Aegilischen Meer</strong></p><cite><p>Werter Vater Therdavan, Ihr Glaubensk�nig auf Erden, von Tjureds Hand so weise eingesetzt,</p><empty-line/><p>Eurem Wunsch gem�� sende ich Euch Nachricht von den Umtrieben in Angnos und dem Aegilischen Meer. Wie �berall, wo wir im Sinne der Mission hingelangen, gibt es zwei Schwierigkeiten.</p><p>Die eine ist, dass jene Orte, die uns heilig sind, von Albenkindern entweiht sind. Viele von ihnen k�mpfen bis aufs Blut, wie jeder, der um Haus und Hof k�mpft. Doch durch unsere �berlegene Strategie und die Opferbereitschaft unserer Ritter haben wir nie einen Kampf verloren. Es gibt nur wenige Orte, die wir l�nger belagern m�ssen, bis wir auf die andere Seite durchbrechen und jenen Boden, der nur unserem Gott bestimmt ist, von den d�monischen Albenkindern befreien. M�ge Tjured die Alben verfluchen!</p><p>Die zweite Gefahr f�r unser Vorhaben sind die Ungl�ubigen, all jene, die zu den anderen G�ttern beten. Tjured sei Dank, dass der schreckliche Balbarkult ausgerottet ist. Eure Visionen entsprachen der Wahrheit. In den Katakomben von Iskendria fanden wir das steinerne Herz des Kultes. Balbar war nichts weiter als ein Steingeist, von den Albenkindern zum Leben erweckt.</p><p>Der Arkassakult verlor seine Bedeutung, als die Leute die Wunder des Tjured gewahrten. Eure Entscheidung, die Hohepriester von den Belagerungen der Albensterne abzuziehen und stattdessen dem Volk von Angnos die Macht des Tjured zu zeigen, hat den Arkassakult hinfortgesp�lt.</p><p>Es gibt nur eines, was mir Sorgen bereitet. Zwar mag man es im Augenblick noch kaum als gro�e Gefahr betrachten, doch k�nnte es wom�glich zu einem wahren Problem heranwachsen. Ich habe von vielen Orten rings ums Aegilische Meer die Nachricht erhalten, dass berittene Elfenkrieger unsere Gottesh�user sch�nden. Erst gestern ereilte mich die Botschaft, dass in Zeilidos der Tempel gebrannt habe. Au�erdem vermissen wir einige der Schiffe, die nach Iskendria �bersetzen sollten. Die �berlebenden berichteten von Elfen, die sie angegriffen h�tten. Noch sind dies nur Nadelstiche, doch am Ende mag auch aus diesem derzeit gering einzusch�tzenden Widerstand eine gro�e Rebellion erwachsen.</p><p>Ich m�chte damit nicht die Behauptung aufstellen, dass die Heere von Albenmark sich langsam in Bewegung setzten. Doch f�rchte ich, dass die Albenkinder, die an den heiligen Orten leben, erfahren haben, dass wir fr�her oder sp�ter gegen sie vorzugehen gedenken. Es ist auch nicht auszuschlie�en, dass die pl�ndernden Elfenreiter sich aus Fl�chtlingen befreiter Heiligt�mer zusammensetzen.</p><p>Als Letztes m�chte ich Euch auf eine Nachricht unserer Spione aufmerksam machen. Sie haben herausgefunden, dass sich die Drusner tats�chlich erneut auf einen Krieg vorbereiten. Sie gehen davon aus, dass Ihr als N�chstes Euer Augenmerk auf sie richten k�nntet. Ihr Versuch, eine Rebellion in Angnos zu entfachen, ist gescheitert. Es gibt zwar Berichte �ber Elfen, die von Angnos nach Drusna zogen, doch diese sind nicht hinreichend gesichert. Ihr habt mich um meinen Rat gefragt, und ich schlage Folgendes vor: Lasst die Drusner ihren Krieg vorbereiten. In der Zwischenzeit st�rken wir die Befestigungen in den Bergen von Angnos. Bisher waren wir immer die Angreifer, und nie haben wir verloren. Doch in Drusna h�tte sich beinahe das Blatt gewendet. Es war ein Entschluss gr��ter Weisheit, sich nicht in die W�lder von Drusna zu wagen, sondern rechtzeitig den R�ckzug zu befehligen. Sonst w�re unserem Heer geschehen, was einst dem heiligen Romuald widerfuhr. Wir k�nnen die Drusner nur schlagen, wenn wir ihre Macht auf unserem Boden brechen. Dann steht uns alles offen. Lasst sie angreifen und uns die Verteidiger sein. Sie werden sich an den steinigen H�ngen die F��e blutig laufen. Was die Nordm�nner aus dem Fjordland angeht, so sehe ich keine Gefahr in ihnen. Sie sind Barbaren ohne Verstand, und sie haben keine Verb�ndeten. Wenn die Zeit gekommen ist, wird uns das Fjordland zufallen, so wie eine reife Frucht vom Baume f�llt��</p><text-author>Auszug eines Briefes des Ordensf�rsten</text-author><text-author>Gilom von Selescar an Therdavan,</text-author><text-author>den Ordensk�nig und Grossen Priester des Tjured</text-author></cite></section><section><title><p>Die W�lder von Drusna</p></title><p>Von Iskendria aus waren Nuramon und seine Gef�hrten einem bekannten Albenpfad ins westliche Angnos gefolgt, um von dort auf dem Landweg weiter nach Drusna zu reisen. Dabei hatten sie die Menschen gemieden und weit abseits von D�rfern, St�dten und Stra�en das Gebirge �berquert. Schlie�lich waren sie bis in die W�lder von Drusna vorgedrungen.</p><p>Der Wald schien sich schier endlos zu erstrecken. Selten tat sich eine Lichtung auf. Nuramon erinnerte die Gegend an die W�lder von Galvelun, durch die er einst gereist war, denn wie dort auch mussten sie W�lfe f�rchten. Von den braunen Drachen, die es in Galvelun gab, hatten sie zum Gl�ck hier noch nichts gesehen. Mandred behauptete zwar, es g�be Drachen in der Menschenwelt, doch Nuramon zweifelte daran, zumal die Geschichten des Jarls �beraus fragw�rdig klangen.</p><p>Schon seit Tagen bereisten sie ein Waldst�ck, das offenbar einmal der Schauplatz einer gro�en Schlacht gewesen war. Sie hatten verrostete Helme und Schildbeschl�ge gefunden, ebenso Schwerter und Speere. An manchen Findlingen lagen zerschlagene R�stungen und Menschenknochen zu schaurigen Opferst�tten geschichtet.</p><p>W�hrend Farodin sie wie gewohnt anf�hrte, sa� Yulivee als Einzige im Sattel. Sie mochte Felbion, und das Pferd schien auch Gefallen an dem M�dchen gefunden zu haben. F�r Yulivee war die Reise ein einziges Abenteuer. Jedes Tier und jede Pflanze betrachtete sie mit einer Neugier, die selbst Nuramon verbl�ffte.</p><p>�Wann sind wir da?�, fragte sie gewiss zum f�nfzigsten Mal an diesem Tag.</p><p>Mandred grinste. Wahrscheinlich stellte er sich die gleiche Frage. Immerhin hatte Farodin gestern Mittag gesagt, sie w�rden noch vor Sonnenuntergang den Ort erreichen, zu dem ihn sein Zauber zog. Doch nun war ein neuer Tag angebrochen, und sie waren in ein feuchtes Waldst�ck gekommen, das zwischen zwei gr��eren Sumpfgebieten lag.</p><p>Farodin ignorierte die Frage des Kindes.</p><p>So wandte sich Nuramon an Yulivee. �F�r jedes Mal, das du fragst, werden wir einen Tag l�nger brauchen.�</p><p>Die Kleine schwieg.</p><p>�Langsam wird mir dieser Ort unheimlich�, murrte Mandred. �W�lfe! Sch�n und gut! Denen gerben wir schon das Fell. Aber dieser elende Sumpf! Wir werden hier noch alle in einem bodenlosen Schlammloch verschwinden!�</p><p>Farodin atmete seufzend aus. Es war offensichtlich, dass er langsam die Geduld verlor. Er beschleunigte seine Schritte, um ein wenig Abstand zwischen sich und die anderen zu bringen.</p><p>�Wenn du dir Sorgen machst, dann solltest du auf deine Stute steigen�, sagte Nuramon leise zu Mandred. �Sie wird dich sicher f�hren.�</p><p>Der Jarl lie� sich dies nicht zweimal sagen und stieg auf.</p><p>Nuramon ging unterdessen zu Farodin; er wollte ihn fragen, was nicht stimmte, denn noch nie hatte der Elf ihn auf eine falsche F�hrte gef�hrt. Doch seit Tagen schien ihn etwas zu verwirren. Vielleicht sp�rte er ein weiteres Sandkorn in der N�he. Oder etwas st�rte den Suchzauber, mit dem er der Krone nachsp�rte.</p><p>�Was ist los, Farodin?�, fragte Nuramon ihn.</p><p>�Ich hatte nicht mit dem Sumpf gerechnet. Und au�erdem��� Ruckartig blickte Farodin zur�ck.</p><p>�Was ist?�</p><p>Der Elf beruhigte sich und sch�ttelte den Kopf. Dann massierte er sich die Stirn.��Da hat etwas aufgeblitzt, das meinen Zauber st�rte.� Er deutete in den Sumpf zu ihrer Rechten.��Ich sehe dort hinten die Spur, sie f�hrt wie eine Tierf�hrte vorbei. Doch irgendetwas stimmt mit ihr nicht. Sie ist nicht klar genug. Au�erdem habe ich immer wieder das Gef�hl, dass hier irgendwo ein Sandkorn ist.�</p><p>�Vielleicht befindet es sich in einem Sumpfloch.�</p><p>�Nein, es ist fast so, als tr�ge der Wind es schon seit Tagen durch den Wald. Wenn ich es nicht besser w�sste, w�rde ich sagen, dass wir verfolgt werden.�</p><p>�Ich k�mmere mich darum�, entgegnete Nuramon und kehrte zu Mandred und Yulivee zur�ck.</p><p>Mandred nickte, doch Yulivee beachtete ihn kaum. Sie war damit besch�ftigt, sich ihre kleine Faust ans Auge zu halten.</p><p>Nuramon beschlich ein Verdacht. Er trat an Felbions Seite.��Was hast du denn da?�, fragte er Yulivee.</p><p>Das M�dchen senkte den Arm, behielt die Hand aber geschlossen.��Nichts�, antwortete sie.</p><p>�Du hast da doch etwas in der Hand�, setzte Nuramon nach.</p><p>�Nur ein Gl�hw�rmchen.�</p><p>Nuramon konnte nicht anders, als zu l�cheln. �Ich ahne schon, was f�r ein Gl�hw�rmchen das ist � Farodin!�</p><p>Die kleine Elfe spitzte die Lippen und schien zu �berlegen, was sie nun tun sollte, als Farodin zu ihnen trat.</p><p>�Mach die Hand auf!�, sagte Nuramon zu Yulivee.</p><p>Das M�dchen �ffnete die Hand.</p><p>�Nichts!�, sagte Mandred leichthin.</p><p>Nuramon aber sah, dass dort ein einzelnes Sandkorn lag.��Ein sehr kleines Gl�hw�rmchen�, meinte er.</p><p>Farodin schien eher verbl�fft als ver�rgert zu sein. �Du? Du warst das?� Er sch�ttelte den Kopf. �Hast du mir etwa ein Sandkorn aus dem Fl�schchen genommen?�</p><p>�Nein, nein�, sagte Yulivee schnell. �Ich habe nichts gestohlen.�</p><p>�Woher willst du es sonst haben?�, setzte Farodin nach.</p><p>�Erinnerst du dich an die Nacht, als du ausgezogen bist, weil du ein Sandkorn gesp�rt hast? Da bin ich auch losgegangen. Und ich war schneller als du.�</p><p>�Sie ist sehr geschickt�, erwiderte Farodin. �Sie tischt uns ein M�rchen auf, f�r das sie sich entschuldigen muss, nur um eine schlimmere Tat zu verbergen.�</p><p>�Ich habe nichts gestohlen�, wiederholte Yulivee. �Wenn du willst, dann kannst du ja deine K�rner nachz�hlen.�</p><p>�Ich soll dir glauben, dass du das Sandkorn gefunden hast? Wie willst du das getan haben?�</p><p>Yulivee grinste frech. �Ich kann zaubern, hast du das schon vergessen?�</p><p>Nuramon mischte sich wieder ein. �Aber wer hat dir den Suchzauber beigebracht?�</p><p>�Farodin!�, antwortete Yulivee.</p><p>�Das habe ich nicht!�, entgegnete Farodin zornig.</p><p>Nuramon legte den Kopf schief. �Sag die Wahrheit, Yulivee!�</p><p>Mandred klopfte dem M�dchen leicht auf die Schulter. �Ich glaube der kleinen Zauberin.�</p><p>Yulivee standen die Tr�nen in den Augen.��Es tut mir Leid. Hier �� Sie hielt Farodin das Sandkorn hin. Es schwebte in seine Hand. Dann holte er das Fl�schchen hervor und lie� das Sandkorn hineinfallen.</p><p>Tr�nen rannen �ber Yulivees Wangen. �Ich wollte doch blo� auch mal etwas finden. Nur deswegen habe ich mir den Zauber abgeschaut.�</p><p>�Das kannst du?�, fragte Nuramon.</p><p>�Ja, und dann habe ich das Sandkorn vor Farodins Blicken gesch�tzt. Ich wollte es mir doch nur ansehen. Es tut mir so Leid!�</p><p>�H�r auf zu weinen, Yulivee�, sagte Farodin leise.��Ich bin es, der sich entschuldigen muss. Ich habe dich wohl zu Unrecht f�r eine Diebin gehalten.�</p><p>�Die Kleine l�sst euch ziemlich dumm aussehen, meine Freunde! Daf�r darfst du nachher mit mir jagen gehen.�</p><p>Schon l�chelte Yulivee wieder.��Wirklich?�</p><p>�Nat�rlich nur, wenn Nuramon es erlaubt.�</p><p>�Darf ich?�, fragte sie.��Bitte lass mich jagen gehen!�</p><p>�Na sch�n, aber du bleibst in Mandreds N�he�, entgegnete Nuramon.</p><p>Yulivee brach in �berschw�nglichen Jubel aus.</p><p>Farodin und Nuramon gingen kopfsch�ttelnd voraus. Als sie au�er H�rweite der beiden anderen waren, sagte Farodin:</p><p>�Die Kleine ist begabt. Bei allen Alben! Wie kann sie einen Zauber so einfach nachahmen?�</p><p>�Yulivee ist die Tochter einer Zauberin. Hildachi war ihr Name. Und sie stammt aus der Sippe des Diliskar und ist damit eine direkte Nachfahrin der ersten Yulivee. Die Magie ist stark in ihrer Sippe. Au�erdem hat der Dschinn sie unterwiesen. Er warnte mich, sie zu untersch�tzen.�</p><p>�Sie w�re eine gute Sch�lerin f�r Noroelle�, sagte Farodin ein wenig schwerm�tig. �Wenn wir die Krone haben und zu Noroelles Tor gesprungen sind, dann mag sie uns mit ihren kleinen H�nden eine gro�e Hilfe sein.�</p><p>�Hast du die Schmerzen vergessen? Ich m�chte nicht, dass das Kind solche Qualen leidet. Wenn wir erst einmal den Albenstein haben, dann bin ich gern bereit zu warten und Yulivee selbst entscheiden zu lassen, ob sie uns bei diesem Zauber zur Seite stehen will.�</p><p>Farodin antwortete nicht, sondern schaute voraus. �Wir sind da! Da vorne! Neben der Buche muss es sein.�</p><p>W�hrend sie sich dem Baum n�herten, dachte Nuramon daran, wie schnell alles vor�ber sein mochte, wenn sie erst die Krone gefunden h�tten und der Feueropal noch existierte. Sie w�rden lernen, den Stein zu beherrschen. Dann endlich mochte es ihnen gelingen, Noroelle zu befreien.</p><p>Sie erreichten den Baum, der umgeben von blassem Gras am Rand eines Sumpflochs stand.</p><p>�Hier ist es!�, erkl�rte Farodin und starrte in das schlammige Wasser.��Irgendetwas stimmt nicht.�</p><p>�Ist sie da drin?�, fragte Mandred und deutete auf das Sumpfloch. �Nehmen wir mein Seil! Dann m�ssen wir nur noch auslosen, wer sich schmutzig macht.�</p><p>�Ich!�, rief Yulivee.</p><p>�Von wegen!�, gab Nuramon zur�ck.</p><p>�Ist ja auch egal, denn da unten werdet ihr den Feueropal nicht finden�, setzte die kleine Elfe nach.</p><p>Nuramon l�chelte. �Und woher wei� unser altkluges M�dchen das?�</p><p>Farodin ber�hrte Nuramon am Arm. �Die Kleine hat Recht. Die Krone ist nicht hier.�</p><p>�Wie bitte?�, fragte Nuramon.��Welcher Spur sind wir dann gefolgt?�</p><p>Farodin fasste sich an den Kopf.��Ich Narr!�</p><p>Mandred mischte sich ein.��W�rde mir irgendjemand erkl�ren, was f�r eine Schei�e hier gerade gekocht wird?�</p><p>�Mir ist es nicht gegeben, es in so anmutigen Worten zu erkl�ren, wie du sie f�r deine Frage gefunden hast�, begann Farodin. �Doch die Krone ist nicht hier! Hier ist�� Er hob verzweifelt die H�nde.��Stell dir vor, du legst deine Axt in den Schlamm und nimmst sie wieder auf. Es bleibt ein Abdruck zur�ck. Hier ist es �hnlich. Die Krone hat sehr lange in diesem Sumpfloch gelegen und einen unausl�schlichen Abdruck im magischen Gef�ge der Welt hinterlassen. Dieser Abdruck ist so stark, dass ich ihn mit meinem Suchzauber f�r die Krone gehalten habe.� Farodin schloss kurz die Augen. �Es gibt zwei magische F�hrten, die von diesem Ort wegf�hren. Auf der einen sind wir gekommen, und diese ist fast verblasst. Die andere aber ist noch frisch.� Er deutete voraus. �Wir werden dieser Spur weiter folgen m�ssen. Dann gelangen wir zur Krone.�</p><p>�Und warum haben die Dschinnen die Krone nicht l�ngst gefunden, wenn sie eine Spur hinterl�sst?�, fragte Yulivee.</p><p>Farodin l�chelte.��Vielleicht verm�gen Elfenaugen ein paar Dinge zu sehen, die selbst den Dschinnen verborgen bleiben. Sie h�tten sich bei ihrer Suche Hilfe holen sollen.�</p><p>Er ging voraus und winkte den anderen, ihm zu folgen.</p><p>Nuramon machte sich auf den Weg. Auch wenn Farodin kein gro�es Aufhebens um seine F�higkeiten machte, war er sich sicher, dass kein anderer sie bis hierher h�tte f�hren k�nnen. Er h�tte viel darum gegeben, Farodins F�higkeit zu erlangen. Lange hatte er sich an dem Zauber versucht, doch er hatte nicht einmal die Grundlagen gemeistert. Umso mehr �berraschte es Nuramon, dass Yulivee sich damit so leicht tat.</p><p>Pl�tzlich hielt Farodin an und deutete auf einen gro�en, efeubewachsenen Findling, der vor ihnen auf einer Lichtung lag. Es dauerte einen Augenblick, bis Nuramon bemerkte, was es mit dem Ort auf sich hatte. Er war so tief in Gedanken versunken, dass er blind f�r die ver�nderte Magie des Waldes gewesen war. Auf der Lichtung kreuzten sich sechs Albenpfade. Nuramon begann den Torzauber, ohne ein Tor erschaffen zu wollen. Es ging ihm allein darum, die Pfade des Albensterns n�her zu betrachten. Bald hatte er sich ganz auf den Zauber eingestimmt. Und was er sah, entsetzte ihn. Alle Pfade leuchteten in einem hellen Licht. Es waren neu erschaffene Albenpfade.</p><p>�Die Spur der Krone endet hier�, sagte Farodin stockend.</p><p>�Nein!�, rief Nuramon und lie� den Albenstern vor seinen Augen verblassen. Das durfte nicht wahr sein! Sie waren so nahe daran gewesen, den Opal zu finden, und nun sollte er fort sein? �Irgendwer muss die Krone geholt, sie hierher gebracht und dann den Stein dazu verwendet haben, um einen Albenstern zu schaffen.�</p><p>�Da ist noch etwas�, entgegnete Farodin bedr�ckt. �Die Krone, oder genauer der Feueropal, hat ein magisches Muster hinterlassen. Eine Spur, der wir hierher gefolgt sind. Ich finde dieses Muster in den Albenpfaden nicht wieder. Sie sind anders.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Nuramon.</p><p>�Diese Albenpfade haben nichts mit dem Opal in der Krone gemein. Ich kann erkennen, mit welchem Albenstein ein Pfad gezogen wurde. Diese hier unterscheiden sich vom magischen Muster der Krone, wie sich Feuer von Wasser unterscheidet.�</p><p>�Du bist dir also sicher, dass dieser Stern nicht mit Hilfe der Krone erschaffen wurde?�, fragte Nuramon.</p><p>�Ja�, erwiderte Farodin knapp.</p><p>�Dann ist jemand mit einem Albenstein bis hierher gekommen, hat sich die Krone geholt und ist wieder verschwunden.� Irgendwer sammelte offenbar Albensteine. Welche Macht mochte sich in dessen H�nden befinden?��Wenn er den Feueropal und mit ihm die Dschinnenbibliothek hat, dann besitzt er das Wissen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Ist es das? K�nnen die Tjuredpriester aus Fargon deshalb zaubern?�</p><p>Mandred und Yulivee schwiegen.</p><p>Farodin aber antwortete: �Das w�rde erkl�ren, wieso sie etwas �ber die Albensterne wissen. Ich sch�tze, wir haben keine andere Wahl, als einem der Pfade zu folgen.�</p><p>�Darf ich w�hlen?�, fragte Yulivee leise.</p><p>�Welchen w�rdest du nehmen?�, entgegnete Farodin.</p><p>Das M�dchen �berlegte und deutete dann nach Osten. �Fargon liegt doch dort, oder?�</p></section><section><title><p>Das Gesicht des Feindes</p></title><p>Nuramon schrie auf und verschwand in der Dunkelheit. Bevor Farodin zur�ckspringen konnte, zerriss der Weg unter ihm in Spiralen wirbelnden Lichts. Er hatte das Gef�hl zu fallen. Die Pferde wieherten in Panik. Yulivee schrie. Pl�tzlich wich die Dunkelheit zur�ck wie ein Vorhang, der den Blick auf ein neues B�hnenbild freigibt.</p><p>Farodin stand in einem hohen Raum. Um ihn waren seine Gef�hrten versammelt. Murmeln und Rufe erklangen. Der Elf blickte auf. Sie befanden sich im Innern eines gro�en Turmes. Entlang der W�nde verliefen Galerien, auf denen dicht gedr�ngt Menschen standen.</p><p>Ein dicker Mann in flie�enden wei�en Gew�ndern kam vorsichtig auf Farodin zu. Er hielt einen Anh�nger mit einer goldenen Kugel hoch. Schwei� rann in dicken Perlen von seiner Stirn. Der Priester blinzelte nerv�s. �Weiche von uns, D�monenbrut!�, rief er mit zittriger Stimme. �Dies ist das Haus Tjureds, er wird euch mit seinem Zorn verbrennen!�</p><p>Farodin hielt seinen Hengst am Z�gel. Das gro�e Tier keilte aus und versuchte dann den Priester zu bei�en. �Ruhig, mein Sch�ner�, fl�sterte der Elf. �Ruhig.� Farodin hatte keine Ahnung, was sie vom Albenpfad abgebracht und hierher verschlagen hatte. Er wollte keinen �rger. Er wollte nur hier heraus. Schnell sah er sich um. Der Kirchenbau war von innen wei� verputzt. �ber einem Altarstein hing ein Banner mit einem schwarzen toten Baum auf wei�em Grund. Farodin erinnerte sich, dieses Wappen schon bei den Ordensrittern, die Iskendria erobert hatten, gesehen zu haben.</p><p>�Wie hat dieser j�mmerliche Fettsack es geschafft, uns von dem Albenpfad herunterzurei�en?�, fragte Mandred auf Fjordl�ndisch. �Ist er ein Magier?� Er deutete in Richtung des Priesters. Nun sprach er in der Zunge von Fargon, und das so laut, dass ihn gewiss jeder im Tempel verstehen konnte. �Geh mir aus dem Weg, Dickwanst, oder ich lege dir deinen Kopf vor die F��e!�</p><p>Der Priester wich �ngstlich zur�ck. �Helft mir, meine Br�der und Schwestern! Vernichtet dieses D�monengez�cht!� Er schlug ein Zeichen �ber seiner Brust und begann zu singen:��_Kein Arg kann mich ber�hren, denn ich bin Tjureds Kind. Keinen Kummer werd ich sp�ren_���</p><p>Die anderen Gl�ubigen fielen in den Gesang ein. Auf den Galerien gab es Bewegung. Farodin h�rte Schritte auf verborgenen Treppen. �Raus hier!�, rief der Elf. Er stie� den Priester zur Seite und hielt auf das Portal zu, das offensichtlich der Ausgang des Tempels war. �ber den beiden Fl�gelt�ren hing ein gro�es, auf Holz gemaltes Heiligenbild. Es war st�mperhaft ausgef�hrt wie die meisten Arbeiten der Menschen. Die Augen waren viel zu gro�, die Nase wirkte unecht, und doch haftete dem Bild etwas Vertrautes an.</p><p>Neben Farodin schlug klirrend ein Messer auf den steinernen Boden. �Bringt sie um!�, rief eine sich �berschlagende M�nnerstimme.��Es sind D�monenkinder! Sie haben einst den heiligen Guillaume ermordet, der gekommen war, uns alle zu erl�sen!�</p><p>Ein wahrer Hagel von Geschossen prasselte nun von den Galerien: M�tzen, schwere Geldbeutel, Messer, Schuhe. Eine h�lzerne Bank verfehlte Yulivee nur knapp. Farodin hob sch�tzend die Arme �ber den Kopf und rannte auf den Eingang zu. Mandred hielt sich dicht an seiner Seite. Vor dem Tempeltor �ffneten sich rechts und links zwei kleine T�ren. Von hier aus mussten wohl Treppen hinauf auf die Galerien f�hren. Ein stattlicher Mann kam aus der linken T�r. Mandred streckte ihn mit einem einzigen Fausthieb nieder.</p><p>Farodin stie� das Tempeltor auf. Eine breite Treppe f�hrte hinab auf einen gepflasterten Marktplatz. Nuramon hatte Yulivee auf den Arm genommen und dr�ngte ins Freie. Hoch �ber ihnen erklang Glockengel�ut. Mandred hielt seine Axt drohend erhoben. R�ckw�rts ging er neben Farodin, der die Pferde f�hrte, �ber die Treppe auf den Platz. Niemand wagte es, in die N�he des rothaarigen H�nen zu kommen. Aus dem Tempel drang vielstimmiges Geschrei.</p><p>Die Gef�hrten sprangen auf die Pferde. Nuramon deutete auf die breiteste Stra�e, die vom Marktplatz fortf�hrte.��Da entlang!�</p><p>In halsbrecherischem Tempo trieben sie die Pferde �ber das Pflaster. Hohe, bunt bemalte Fachwerkh�user s�umten ihren Weg. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Offenbar hatte sich die ganze Stadt im Tempel versammelt. Farodin blickte zur�ck. Erste Verfolger hatten sich auf den Marktplatz gewagt. Mit drohend erhobenen F�usten schrien sie ihnen ihre Fl�che hinterher. Vor dem riesigen Tjuredtempel wirkten sie l�cherlich klein. Wie ein massiger, runder Turm ragte er hinter ihnen auf. Auch von au�en hatte man ihn ganz mit wei�er Farbe get�ncht. Sein Kuppeldach gl�nzte hell in der Sonne, so als w�re es mit Platten aus lauterem Gold beschlagen.</p><p>�Dort entlang!�, rief Mandred. Er hatte die Stute gez�gelt und deutete in eine Seitengasse, an deren Ende man ein Stadttor sehen konnte.</p><p>�Im Schritt�, befahl Nuramon. �Wenn wir wie von W�lfen gehetzt auf das Tor zupreschen, dann schlie�en sie es am Ende noch.�</p><p>Farodin hatte M�he, seinen unruhigen Hengst unter Kontrolle zu halten. Nuramon, der Yulivee vor sich im Sattel hatte, ritt voran. Hinter ihnen kam das Geschrei der aufgebrachten Tempelbesucher nur langsam n�her. Keiner der unbewaffneten B�rger schien sie wirklich einholen zu wollen.</p><p>Ein Mann in wei�em Waffenrock stellte sich breitbeinig in das Tor. �Wer seid ihr?�, rief er sie schon von weitem an.</p><p>Farodin bemerkte hinter den Schie�scharten des Torturms eine Bewegung. Vermutlich Armbrustsch�tzen. Ein paar Schritt noch, und sie w�ren im toten Winkel f�r die Sch�tzen. Doch sobald sie das Tor hinter sich lie�en, k�nnte man ihnen in den R�cken schie�en. Sie durften sich nicht einfach durchschlagen, auch wenn es ein Leichtes gewesen w�re, den einzelnen W�chter niederzureiten. Sie mussten die Torwachen t�uschen!</p><p>�Dr�ben beim Tempel hat es einen Aufruhr gegeben�, rief er dem W�chter zu. �Dort brauchen sie jeden Krieger!�</p><p>�Einen Aufruhr?�, fragte der Mann misstrauisch.��Das hat es noch nie gegeben.�</p><p>�Glaub mir! D�monenkinder sind pl�tzlich in den Tempel eingedrungen. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen. H�rst du nicht das Geschrei? Sie setzen den Gl�ubigen nach und treiben sie wie Vieh durch die Stra�en!�</p><p>Der Krieger blickte mit zusammengekniffenen Augen zu ihm auf und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ein Trupp Gl�ubiger am Ende der Gasse erschien. Sie hatten sich mit Kn�ppeln und Heuforken bewaffnet.��Da kommen sie�, sagte Farodin ernst.��Sie alle sind besessen, f�rchte ich.�</p><p>Der Wachmann griff nach seiner Hellebarde, die neben dem Tor lehnte. �Alarm!�, schrie er aus Leibeskr�ften und winkte den M�nnern, die verborgen hinter den Schie�scharten standen.��Ein Aufstand!�</p><p>�Rette deine Seele�, rief Farodin. Dann gab er seinen Gef�hrten ein Zeichen, und sie preschten durch das Stadttor davon. Niemand sandte ihnen einen Bolzen hinterher.</p><p>Sie flohen eine staubige Stra�e entlang, die zwischen goldenen Kornfeldern verlief. Im Westen stieg das Land in sanften H�geln an. Dort gab es breite Waldstreifen zwischen gr�nen Weiden.</p><p>Nach etwas mehr als einer Meile verlie�en sie die Stra�e und ritten querfeldein. Eine Schafherde stob bl�kend vor den donnernden Hufen der Pferde auseinander. Endlich erreichten sie einen Wald. Im Schutz des Dickichts verharrten sie.</p><p>Farodin blickte zur�ck zur Stadt. Ein kleiner Trupp Reiter war auf der Stra�e zu sehen. Bis zum ersten Wegkreuz ritten sie miteinander, dann trennten sie sich und stoben in alle Himmelsrichtungen davon.</p><p>�Boten�, brummte Mandred. �Bald wird jeder Ordensritter im Umkreis von hundert Meilen wissen, dass in diesem verdammten Tempel D�monenkinder erschienen sind.� Er wandte sich an Nuramon.��Was, bei der Schlachtaxt Norgrimms, ist eigentlich geschehen? Warum waren wir pl�tzlich mitten in diesem Tempel?�</p><p>Der Elf breitete hilflos die Arme aus. �Ich kann mir das nicht erkl�ren. Wir h�tten in einen Albenstern treten sollen, um von dort einen anderen Pfad zu nehmen. Es war so, als h�tte man mir den Boden unten den F��en weggezogen. Ich konnte f�hlen, dass in dem Albenstern alle Pfade wie abgestorben waren.�</p><p>�Abgestorbene Pfade?�, fragte Mandred.��Was ist das f�r ein Unsinn?�</p><p>�Die Magie ist lebendig, Menschensohn�, mischte sich Farodin ein.��Du sp�rst die Pfade pulsieren, als w�ren sie die Adern dieser Welt.�</p><p>�War es vielleicht das komische Haus, das die Menschen gebaut haben?�, fragte Yulivee sch�chtern. �Es war unheimlich, auch wenn es ganz wei� war. Da war etwas, das zerrte an mir � In mir � Etwas wollte mir meine Magie wegnehmen. Vielleicht war es dieser tote Baum oder der Mann mit den gro�en Augen.�</p><p>�Ja, der Mann auf dem Bild.� Nuramon drehte sich im Sattel um und blickte zu Farodin.��Ist dir etwas an dem Bild aufgefallen?�</p><p>�Nein, au�er vielleicht, dass es nicht gerade ein bemerkenswertes Kunstwerk war.�</p><p>�Ich fand, der Mann sah aus wie Guillaume�, sagte Nuramon entschieden.</p><p>Farodin schnitt eine Grimasse. Das war albern! Warum sollte jemand ein Bild von Guillaume in einem Tempel verwahren?</p><p>�Du hast Recht�, stimmte Mandred zu. �Jetzt, wo du es sagst! Der Kerl sah wirklich aus wie Guillaume.�</p><p>�Wer ist Guillaume?�, fragte Yulivee.</p><p>Nuramon erz�hlte ihr vom Devanthar, w�hrend sie langsam tiefer in den Wald ritten.</p><p>�Guillaume war also ein Mensch, der einem die Magie wegnehmen konnte, wenn er zauberte?�, fragte Yulivee, nachdem Nuramon geendet hatte.</p><p>�Kein Mensch�, berichtigte sie Farodin. �Er war zur H�lfte ein Elf und zur H�lfte ein Devanthar. Menschen beherrschen keine �� Er hielt inne. Nein, das stimmte nicht mehr! So war es gewesen, so lange er denken konnte, doch die Ereignisse in Iskendria hatten bewiesen, dass zumindest die M�nche des Tjuredkultes zaubern konnten.</p><p>�Ohne Magie w�ren die b�sen Ritter doch nicht nach Valemas gekommen�, sagte Yulivee traurig. �In dem Tempel hat es sich so angef�hlt, als wollte mir jemand meine Magie wegnehmen. Wohnt vielleicht Guillaumes Geist in dem Bild?�</p><p>�Guillaume war nicht b�se�, beschwichtigte Nuramon sie.��Da gab es bestimmt keinen Geist.�</p><p>�Aber etwas wollte mir meine Magie stehlen�, beharrte die Kleine.</p><p>�Vielleicht ist es der Ort�, wandte Mandred ein.��Der Tempel selbst. Er stand doch genau �ber dem Albenstern, wenn ich dich richtig verstanden habe, Nuramon.�</p><p>�Das kann auch Zufall gewesen sein. Menschen errichten ihre heiligen St�tten gern dort, wo sich die Pfade der Alben kreuzen.�</p><p>Farodin rann ein eisiger Schauer �ber den R�cken. �Was ist, wenn sie die Albensterne bewusst vernichten? Sie trennen diese Welt damit von Albenmark. Sie hassen uns und nennen uns D�monenkinder. W�re es da nicht folgerichtig, wenn sie danach trachteten, alle Tore nach Albenmark zu verschlie�en? �berlegt doch�� Sie haben die Tore in die Zerbrochene Welt durchsto�en und vernichten die Enklaven dort. Und die Tore nach Albenmark verschlie�en sie. Erkennt ihr nicht den Plan, der dahinter steht? Sie trennen die Welten voneinander. Und sie vernichten alle, die nicht Tjured folgen.�</p><p>Nuramon hob die Brauen und l�chelte. �Ich muss mich schon sehr �ber dich wundern, Farodin. Wie kommt es, dass ausgerechnet du den Menschen auf einmal so viel zutraust? Du verachtest sie doch sonst.�</p><p>Mandred r�usperte sich.</p><p>�Nicht alle, zugegeben�, schr�nkte Nuramon ein. �Aber noch etwas spricht gegen dich, Farodin. Jemand zieht neue Albenpfade und erschafft neue Sterne. Das passt nicht zu deinen �berlegungen.�</p><p>Die Worte klangen einleuchtend. Nur zu sehr w�nschte sich Farodin, dass Nuramon Recht hatte! Und doch wollte der Zweifel nicht weichen. �Du kennst die Gegend hier?�</p><p>Nuramon nickte.</p><p>�Dann f�hre uns zum n�chstgelegenen gr��eren Albenstern. Lasst uns sehen, ob auch dort ein Tempel steht.�</p></section><section><title><p>Verloren f�r immer?</p></title><p>Farodin blickte durch die zerbrochenen Scheiben der Tempelruine zum Waldrand. Schon gestern war er �berzeugt gewesen, dass er Recht behalten w�rde. Auf ihrem Weg durch das H�gelland hatten sie eine kleine Kapelle gefunden, die auf einem niederen Albenstern stand. Nur drei Pfade kreuzten sich hier, oder besser gesagt, sie hatten sich dort einmal gekreuzt, denn der Ort hatte all seine Magie verloren.</p><p>Mandred trat gegen einen ru�geschw�rzten Balken, der knarzend zur Seite kippte. �Ist schon l�nger her. Dieser Tempel hier wurde vor mindestens einem halben Jahr niedergebrannt. Seltsam, dass sie ihn nicht mehr aufgebaut haben.�</p><p>�Warum sollten sie?�, entgegnete Farodin gereizt. �Schlie�lich hat er seinen Zweck erf�llt, oder nicht?� Er sah zu Yulivee. Das M�dchen hatte die Augen zusammengekniffen und zog eine Grimasse.��Es ist hier�, sagte sie leise.��Genau wie in dem anderen wei�en Haus. Etwas will mir meine Magie stehlen. Es zieht an mir. Es tut weh!� Sie riss die Augen auf und rannte zum Portal.</p><p>Mandred folgte ihr auf einen Wink. Farodin hatte keine Ruhe, wenn die Kleine allein herumlief.</p><p>�Ich sp�re dieses Ziehen nicht�, sagte Nuramon zweifelnd.</p><p>�Du glaubst ihr aber?�</p><p>Er nickte. �Sie hat ein feineres Gesp�r f�r Magie als wir. Daran besteht kein Zweifel. Genau so, wie au�er Zweifel steht, dass es hier kein Tor mehr gibt, das nach Albenmark f�hrt. Alle Magie ist aus diesem Ort gewichen.�</p><p>�Und es nutzte auch nichts, diese Tempel zu zerst�ren�, stellte Farodin n�chtern fest.��Wenn dem Ort einmal seine Magie genommen ist, dann kehrt sie nicht mehr zur�ck. Oder irre ich mich?�</p><p>Nuramon hob hilflos die H�nde. �Woher wollen wir das wissen? Ich begreife nicht, was hier vor sich geht. Warum werden diese Tempel gebaut? Und wer war hier, um den Tempel zu zerst�ren? Warum wurde der Tempel danach aufgegeben und nicht wieder neu aufgebaut?�</p><p>�Zumindest die letzte Frage kann ich dir beantworten�, erwiderte Farodin k�hl. �Dieser Ort liegt mitten in der Wildnis. Hier gibt es keine Stadt, nicht einmal ein Dorf. Der Tempel wurde einzig und allein gebaut, um den Albenstern zu zerst�ren. Und deshalb muss man ihn auch nicht wieder neu errichten. Er hat seinen Zweck erf�llt.�</p><p>�Vielleicht suchen manche Priester die Einsamkeit�, wandte Nuramon ein.��Dies ist ein wundersch�ner Ort.� Er wies durch die zersplitterten Fenster hinab zu dem kleinen See.</p><p>�Nein! Hast du nicht geh�rt, was der dicke Priester rief? Wir sind D�monenkinder! Wir haben den heiligen Guillaume erschlagen und die ganze Menschheit damit um ihre Erl�sung gebracht!� Farodin lachte bitter.��Mehr l�sst sich die Wahrheit wohl kaum verdrehen. Aber dir ist klar, was es f�r uns bedeutet? Die Priester haben schon etliche K�nigreiche unterworfen. Sie dringen bis in die Zerbrochene Welt vor und jagen Elfen und andere Albenkinder. Zu ihrem Glauben geh�rt, dass sie uns alle tot sehen wollen. Und wenn es ihnen nicht gelingt, nach Albenmark selbst zu gelangen, dann werden sie jedes Tor zerst�ren, das sie nur finden.�</p><p>�Wir wissen viel zu wenig, um solche Schl�sse zu ziehen�, wandte Nuramon ein. �Ausgerechnet du folgst deinem Herzen und nicht deinem Verstand! Was ist mit dir, Farodin?�</p><p>Es war nicht zu fassen! Offensichtlich wollte Nuramon einfach nicht begreifen, was all das hier zu bedeuten hatte. �Wir sind unsterblich, Nuramon. Wir sind es gewohnt, dass alles ewig dauern kann. Und doch l�uft uns mit einem Mal die Zeit davon. Bist du denn blind, die Gefahr nicht zu sehen? Sie zerst�ren Albensterne! Was wird sein, wenn sie den Stern vernichten, der zu Noroelle f�hrt? Oder schlimmer noch, sie dringen durch ihn in die Zerbrochene Welt vor und t�ten Noroelle!�</p><p>Nuramon runzelte die Stirn. Dann sch�ttelte er entschieden den Kopf. �Das ist Unsinn. Dieser Albenstern liegt am Ende der Welt. Dort gibt es keine K�nigreiche zu erobern. Wahrscheinlich leben dort nicht einmal Menschen. Warum sollten die Tjuredpriester sich dort hinbegeben?�</p><p>�Weil sie jeden Albenstern zerst�ren wollen! Sie f�hren Krieg gegen Albenmark, auch wenn sie keinen Fu� in unsere Heimat setzen. Wir k�nnen es uns k�nftig nicht mehr leisten, ein unsicheres Tor zu benutzen. Sieh dich um, Nuramon. Sieh, was in dieser Welt geschieht! Vor ein paar hundert Jahren wurde ein Priester ermordet, und nun beherrschen seine wahnsinnigen Nachfolger einen halben Kontinent. Stell dir vor, wir machen noch einmal einen Zeitsprung! Die Macht der Priester w�chst immer schneller. Kannst du dir wirklich sicher sein, dass es den Albenstern, der uns zu Noroelle f�hren wird, in hundert Jahren noch geben wird?�</p><p>�Vielleicht hast du Recht�, gab Nuramon zu.</p><p>Farodin war zutiefst erleichtert, dass sein Gef�hrte endlich seine Sorge nachvollzog. �Wir sollten in Bewegung bleiben. Ich bin sicher, die Ordensritter haben die Suche nach uns noch nicht aufgegeben. Sp�hen wir sie aus, und dann holen wir uns den Albenstein und die Dschinnenkrone.�</p><p>Nuramon erbleichte. �Die Krone! Sie werden wissen, was wir planen! Die Dschinnenbibliothek birgt alles Wissen, auch das um die Zukunft!�</p><p>�Das mag wohl sein�, erwiderte Farodin gelassen, �aber offensichtlich sind die Tjuredpriester zu dumm, dieses Wissen zu erschlie�en. Wir h�tten den Sprung in den Tempel kaum �berlebt, wenn sie gewusst h�tten, dass wir kommen werden. Nicht Gl�ubige, sondern Armbrustsch�tzen h�tten dann auf den Galerien gestanden. Sie haben keine Ahnung, was wir tun werden. Und niemand, der vern�nftig denkt, w�rde auf die Idee kommen, dass ein j�mmerliches H�uflein wie wir versuchen wird, ihnen ihre gr��ten Sch�tze zu stehlen.�</p><p>�Zu zweit eine Trollburg anzugreifen reicht dir wohl nicht?�</p><p>Farodin grinste.��Man kann alles �berbieten.�</p></section><section><title><p>Ein Morgen in Fargon</p></title><p>Die D�mmerung war gekommen, und die V�gel sangen ihr Morgenlied. Nuramon und Farodin standen am Rand des Hains, in dem sie die Nacht �ber gelagert hatten. Von hier aus konnten sie das umliegende Land gut �berblicken. Im Norden sahen sie in der Ferne einen gro�en Wald, und nach S�den hin erstreckte sich H�gelland, das sich bis kurz vor Felgeres an der K�ste hinzog.</p><p>Mandred schnarchte noch immer, und Yulivee hatte sich die Decke �ber den Kopf gezogen. Wahrscheinlich w�rde es wieder einmal schwierig werden, sie zu wecken.</p><p>�Lassen wir die beiden noch ein wenig schlafen�, meinte Farodin.��Gestern war ein schwerer Tag. Ich habe die Pferde schon gesattelt. Wir werden keine Zeit verlieren.�</p><p>Die Flucht vor den Ordensrittern hatte sie an die Grenzen ihrer Kraft getrieben. Sie waren so �berm�det gewesen, dass Nuramon bei seiner Wache kurz eingenickt war. Zum Gl�ck war nichts geschehen, und keiner seiner Gef�hrten hatte etwas davon bemerkt.</p><p>In Fargon gab es keine Ruhe mehr f�r sie. Seit sie Guillaumes Bild in der Kirche gesehen hatten, war ihnen klar, wieso die Menschen die Albenkinder so sehr hassten. Es hatte in Aniscans begonnen. Es war ihre Schuld, und Nuramon konnte sich nicht damit abfinden, dass ihre guten Absichten diesen Hass geboren hatten. Sie hatten die L�gengeschichten schon damals geh�rt, aber nie h�tte Nuramon f�r m�glich gehalten, dass etwas derart Folgenreiches daraus erwachsen k�nnte. Die K�nigin hatte Recht behalten; ihr Versagen in Aniscans war der Same gewesen, aus dem dieses �bel entsprossen war.</p><p>�Was machen wir jetzt, Farodin?�, fragte Nuramon. �Wir k�nnen uns hier nicht mehr so bewegen wie fr�her. �berall diese Feindseligkeit und die Krieger!�</p><p>�Damit kommen wir zurecht�, entgegnete Farodin k�hl und blickte zur aufgehenden Sonne.</p><p>�Du wei�t, dass ich nur wenige Dinge als unm�glich erachte. Aber nach dem, was wir gestern gesehen haben, bin ich mir nicht mehr sicher.�</p><p>�Du meinst die Kontrollen?�</p><p>�Ja.� Sie hatten aus einem Versteck beobachtet, wie Ordensritter Reisende anhielten, um deren Ohren zu betrachten. Und weil ein Mann ein wenig spitze Ohren hatte, wurde er abgef�hrt. Dabei hatten sie nicht einmal entfernt �hnlichkeit mit Elfenohren. Was war nur aus dem Glauben geworden, dem sich einst Guillaume verschrieben hatte? Die Tjuredpriester heilten die Menschen nicht mehr, sondern qu�lten sie.</p><p>�Du machst dir Sorgen um Yulivee�, sagte Farodin leise.</p><p>�Um sie, aber auch um uns. All die neuen Albenpfade machen mir Angst. Es kann kein Zufall sein, dass sie die gro�en St�dte von Fargon verbinden.�</p><p>�Du hast Recht. Ein Mensch ist offensichtlich im Besitz eines Albensteins und der Dschinnenkrone. So abschreckend dies alles hier auf uns wirkt, es ist gewiss leichter, einem Menschen einen Albenstein wegzunehmen als einem Albenkind. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Stein aufsp�ren werden.�</p><p>�Aber wundert es dich nicht, dass du keine Spur von der Krone findest?�</p><p>Farodin l�chelte selbstsicher. �Wenn ich raten sollte, w�rde ich sagen, dass die Krone in der Hauptstadt ist.�</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. �Algaunis ist eine Festung. Du hast es selbst gesehen.�</p><p>�Welche Wahl haben wir sonst? Was sollen wir deiner Meinung nach tun?�</p><p>�Wir k�nnten uns Verb�ndete suchen. Erinnerst du dich an die Geschichten �ber die Elfenkrieger, die in Angnos und auf den Aegilischen Inseln gegen die Tjuredanbeter k�mpften?�</p><p>�Das m�gen am Ende nur Menschen sein. Und wie sollen die uns hier helfen?�</p><p>Nuramon lie� den Blick �ber das H�gelland schweifen.</p><p>�Auch hier muss es Feinde der Tjuredanbeter geben. Niemand wird diese Unterdr�ckung ewig hinnehmen. Und die Leben der Menschen sind kurz.�</p><p>�Aber die Menschen sind schwach.�</p><p>�Du irrst dich�, entgegnete Nuramon. �Ich war in Firnstayn und habe gesehen, dass sie nach Freiheit streben. Sie werden sich immer wieder auflehnen.�</p><p>�Vielleicht ist das an Orten wie Firnstayn so. Sie sind weit weg von all dem hier. Erinnere dich an Iskendria und diesen Balbar. Die Einwohner haben ihre Kinder geopfert. Diese Narren!�</p><p>Nuramon dachte mit Abscheu an ihren ersten Aufenthalt in Iskendria.</p><p>�Und denk auch an Aniscans! Was haben die Menschen damals getan, um Guillaume gegen die Krieger zu helfen? Am Ende haben sie uns sogar zu seinen M�rdern erkl�rt.�</p><p>�Du hast wohl Recht. Doch wenn jemand einen kleinen Funken in ihnen entfachen k�nnte, dann �� Er brach ab. Da war ein Ger�usch wie fernes Donnergrollen.</p><p>�Ich h�re es auch�, fl�sterte sein Gef�hrte und schaute zu den H�geln jenseits der Wiese.</p><p>Wei� gewandete Ordensritter preschten �ber eine ferne H�gelkuppe und verschwanden wieder aus dem Blickfeld. Sie strebten ihnen entgegen.</p><p>Farodin z�gerte nicht l�nger. �Los! Weck du die anderen!�</p><p>Einen Herzschlag sp�ter war Nuramon an Mandreds Seite und sch�ttelte ihn wach. Der Jarl schreckte auf und griff nach seiner Axt.</p><p>�Reiter! Wir m�ssen los!�, erkl�rte Nuramon.</p><p>Der Firnstayner sprang auf und stopfte sich absurderweise in aller Eile die Reste des Abendessens in die Satteltaschen.</p><p>Nuramon tippte Yulivee an und erschrak. Was seine Finger ber�hrten, war viel zu hart f�r den R�cken der kleinen Elfe. Er schlug die Decke zur�ck. Dort lagen nur Yulivees B�cher und ihr Beutel.</p><p>�Sieh nur, Nuramon!�, rief Farodin.</p><p>Nuramon sprang auf und lief an die Seite seines Gef�hrten, w�hrend Mandred die Satteltaschen auf seine Stute wuchtete. Farodin deutete voraus.</p><p>Dort war Yulivee. Sie kam die B�schung zur Wiese heruntergelaufen. Zwei H�gelt�ler trennten die Reiter noch von ihr. Deutlich sah Nuramon das Morgenlicht auf ihren Lanzen funkeln. Er wandte sich an Farodin. �Ihr macht euch jetzt davon! Wartet am Waldrand auf uns!� Nuramon sprang in den Sattel und galoppierte davon.</p><p>Yulivee rannte schnell, war aber noch ein gutes St�ck vom Hain entfernt. Die Reiter befanden sich irgendwo zwischen den H�geln. Er konnte nur hoffen, dass er schneller war. Niemals w�rde er es sich verzeihen, wenn Yulivee ein Leid geschah.</p><p>Die kleine Elfe war beachtlich flink, doch als die Reiter die B�schung des letzten H�gels hinunterritten, wusste Nuramon, dass es knapp werden w�rde. �Schneller, Felbion!�, rief er. Etwa die H�lfte der Ordensritter war mit Lanzen bewaffnet, die sie nun drohend senkten. Die anderen hielten Schwerter in den H�nden. Wie die Ritter, die sie gestern gesehen hatten, trugen die Krieger lange Kettenhemden und dar�ber wei�e Wappenr�cke. Auf ihren Schilden prangte der schwarze Baum des Tjured, die Eiche, an der Guillaume verbrannt worden war. Dieses Symbol durfte nicht auch noch das Ende Yulivees markieren.</p><p>Felbion lief so schnell er konnte. Er w�rde noch vor den Reitern bei Yulivee sein. Sie hielt sich tapfer und lief, ohne zur�ckzublicken. Dann geschah es! Yulivee st�rzte�</p><p>Nuramon sp�rte, wie Felbion ohne ein Kommando noch schneller lief.</p><p>Die Lanzenspitzen der Reiter senkten sich tiefer.</p><p>Steh auf, dachte Nuramon verzweifelt. Als h�tte sie seine Worte geh�rt, sprang die kleine Elfe auf. Doch sie machte den Fehler, zur�ckzublicken und gleichzeitig loszulaufen. Schon strauchelte sie.</p><p>Dann war Nuramon bei ihr und streckte ihr die Hand entgegen. Yulivee sprang hoch und griff seinen Arm. Nuramon zog sie vor sich in den Sattel. Als er den Blick auf seine Feinde richtete, wusste er, dass er Felbion nicht mehr rechtzeitig wenden k�nnte. Die Lanzen der Krieger zeigten auf ihn, die Schwerttr�ger hielten die Klingen hoch erhoben.</p><p>Er musste es zumindest versuchen. Er wollte Felbion herumrei�en, doch das Pferd lief einfach weiter und st�rmte gegen die Krieger an. Nuramon wusste im ersten Augenblick nicht, wie ihm geschah. Yulivee schrie vor Angst und klammerte sich vor Nuramon in die M�hne des Pferdes.</p><p>Der Elf hatte gerade noch Zeit, Gaomees Schwert zu ziehen. Felbion wieherte, und die Pferde der Feinde wichen aus. Da schoss von der Seite die erste Lanze heran. Nuramon duckte sich und sch�tzte gleichzeitig Yulivees K�rper. Die Lanzenspitze sauste an seinem Kopf vorbei, ihr Schaft aber streifte ihn hart an der Schl�fe. Von rechts kam ein Schwertstreich. Nuramon schaffte es gerade noch, die Klinge zu parieren. Dann war er an den Reitern vorbei.</p><p>Er stie� sein Schwert zur�ck in die Scheide. Da entdeckte er eine abgebrochene Schwertklinge, die durch das Sattelhorn gedrungen war. �Yulivee!�, rief er voller Angst. Die Kleine antwortete nicht. Nuramon beugte sich vor. Das M�dchen hatte das Gesicht in den H�nden vergraben und zitterte.</p><p>Nuramon sch�ttelte sie an der Schulter.</p><p>Sie blickte zu ihm auf. �Leben wir noch?�, fragte sie mit weit aufgerissenen Augen.</p><p>�Geht&#x2B9;s dir gut?�</p><p>�Mir ja, aber du hast eine schlimme Beule!�</p><p>Nuramon atmete erleichtert aus und tastete nur kurz nach seiner Schl�fe. Der Lanzenschaft hatte ihm offenbar eine Sch�rfwunde zugef�gt.</p><p>�Soll ich sie heilen?�</p><p>Nuramon fragte sie nicht, woher sie diesen Zauber gelernt hatte. Denn er kannte die Antwort. �Das darfst du sp�ter machen.� Er blickte �ber seine Schulter und sah, dass die Reiter gewendet hatten und ihnen nachsetzten.</p><p>Nuramon trieb Felbion auf die H�gelkette zu. Das Elfenross lief den Hang mit Leichtigkeit hinauf. Bevor sie auf der anderen Seite hinabritten, schaute Nuramon zur�ck und sah, dass die Menschenkrieger ein wenig an Boden verloren hatten. Kaum hatte er die Senke zwischen den H�geln erreicht, lenkte er Felbion nach Westen und ritt im Schatten der lang gezogenen H�gelkette. Mehrmals blickte er �ber die Schulter zur�ck und wartete, dass die Krieger erschienen.</p><p>Da waren sie! Sogleich trieb Nuramon Felbion den H�gel wieder hinauf, um zur�ck zur Wiese zu gelangen. Er sah noch, wie die Reiter ihn bemerkten und auf der H�gelkuppe entlangritten, um ihm den Weg abzuschneiden. Doch wieder war Felbion schneller. Schon hatte Nuramon den H�gel hinter sich gelassen und strebte dem Hain entgegen, in dem sie ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten.</p><p>Die Menschen verloren viel Zeit, als sie die B�schung hinabkamen. Ihre Pferde waren von der Jagd auf Yulivee ersch�pft und am Hang einfach nicht so trittsicher wie Felbion. Als die Verfolger schlie�lich die Wiese erreichten, lagen gewiss hundert Schritt zwischen den Menschen und ihnen.</p><p>Yulivee streckte sich und sah an Nuramon vorbei zur�ck.��Wir haben es geschafft!�</p><p>Nuramon zog die kleine Elfe zur�ck in den Sattel. �Freu dich nicht zu fr�h!�, mahnte er. Gewiss, die Menschen w�rden Felbion niemals einholen, doch wer wusste schon, welche Gefahren noch vor ihnen lagen?</p><p>Sie passierten den Hain und hielten auf den gro�en Wald zu.</p><p>�Da!�, rief Yulivee und deutete voraus.</p><p>Am Waldrand warteten Farodin und Mandred zu Pferde und blickten ihnen entgegen. Sie hatten gewartet! Das sah Farodin gar nicht �hnlich.</p><p>Endlich setzten sich die beiden langsam in Bewegung und verschwanden im Wald. Sie lie�en Nuramon und Yulivee zu sich aufschlie�en.</p><p>�Seid ihr verletzt?�, rief Mandred.</p><p>�Nein, sind wir nicht!�, antwortete Yulivee, ehe Nuramon etwas sagen konnte.</p><p>�Das war gut, Nuramon!�, sagte Farodin anerkennend.</p><p>Nuramon war �berrascht. Komplimente aus dem Munde des Elfenkriegers war er nicht gewohnt.</p><p>Schweigend ritten sie durch den Wald. Obwohl ihre Pferde f�r Menschenaugen kaum Spuren hinterlie�en, wateten sie ein St�ck durch einen Fluss und wagten sich sogar durch ein kleines Sumpfgebiet. Die Pferde hatten ein Gesp�r f�r festen Grund und f�hrten sie sicher bis zum Waldrand.</p><p>Dort machten sie im Schutz der B�ume eine Rast.</p><p>Kaum hatte Nuramon Yulivee vom Pferd gehoben, wollte die Kleine schon wieder fortlaufen, um die Gegend zu erkunden.</p><p>Nuramon packte sie bei der Hand und hielt sie fest. �Halt! Nicht so schnell! Wir sind noch nicht miteinander fertig.�</p><p>Yulivee hielt inne und machte ein zerknirschtes Gesicht.��Es tut mir Leid!�</p><p>Der Elf ging vor ihr in die Hocke und schaute ihr in die Augen.��Das sagst du immer, Yulivee. Und dann tust du doch wieder das, was du nicht tun solltest. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nachts nicht das Lager verlassen darfst? Und dann hast du mich auch noch glauben gemacht, dass du dort liegst und schl�fst.�</p><p>�Ich werde es wieder gutmachen�, sagte Yulivee und legte die Hand auf die Wunde an seiner Stirn. Kurz verzog sie das Gesicht und nahm die Hand wieder herunter.</p><p>Als Nuramon nach der Wunde tastete, war die Haut glatt und die Schwellung verschwunden. Er musste l�cheln. �Danke, Yulivee. Doch bitte bleib nachts im Lager!�</p><p>Farodin mischte sich nun ein. �Wie konntest du �berhaupt unbemerkt entkommen?�, fragte er.</p><p>Nuramon f�hlte sich ertappt. Er war in der Nacht eingenickt, und diesen Moment musste die Kleine genutzt haben.</p><p>Yulivee antwortete: �Du darfst Nuramon keinen Vorwurf machen. Ich habe mich unsichtbar gemacht, und als er am Rand des Lagers stand, bin ich davongeschlichen.� Das war eine gute Ausrede, doch der verschw�rerische Blick, den Yulivee Nuramon zuwarf, machte sie wieder zunichte.</p><p>Farodin schwieg; sein wissender Blick sagte mehr als Worte.</p><p>�Aber warum hast du dich �berhaupt in solche Gefahr gebracht?�, wollte Nuramon wissen.</p><p>�Ihr habt euch doch gefragt, was die Fargoner vorhaben. Und da dachte ich mir, ihr w�rdet euch freuen, wenn ich es herausf�nde. Also habe ich mich unsichtbar gemacht. Bei aller Zauberei, die daf�r n�tig war, bin ich schnell m�de geworden. Aber ich habe durch W�nde gesehen und Dinge geh�rt, die im Geheimen besprochen wurden. Ich habe Gedanken gelesen und vieles mehr. Allerdings bin ich ja noch klein und habe nicht so viel Kraft�, endete sie mit ernster Miene. Sie ahnte offenbar nicht, wie viel Macht sie tats�chlich besa�. F�r sie war ihre Zauberkraft nur eine Spielerei.</p><p>�Das war sehr dumm von dir, Yulivee�, sagte Farodin.</p><p>�Was wollt ihr denn, ich bin doch noch am Leben!�</p><p>Mandred lachte, doch ein Blick von Farodin lie� ihn verstummen.</p><p>�Wollt ihr nun erfahren, was ich wei�, oder nicht?�</p><p>�Bitte erz�hle es uns�, forderte Nuramon sie auf.</p><p>Yulivee setzte sich auf einen umgest�rzten Baum und wartete, bis die Gef�hrten sich um sie versammelt hatten. Dann berichtete sie von ihren Abenteuern. �Der Mond schien hell, als ich leise �ber die H�gel schlich und bis hinab nach Felgeres lief. Unsichtbar lie� ich die Wachen hinter mir und folgte meinem Gesp�r. Und als ich zum Hafen kam, da sah ich, dass gewiss hundert Schiffe vor der Stadt lagen.�</p><p>�Bei allen Alben! Die werden das Aegilische Meer nun endg�ltig unter ihre Herrschaft bringen�, meinte Farodin. �Die Schiffe aus Reilimee werden keinen Handel mehr treiben k�nnen.�</p><p>�Danke, Yulivee, dass du das herausgefunden hast�, sagte Nuramon.</p><p>�Aber das war doch noch nicht alles! Ich habe n�mlich auch einige Anf�hrer belauscht. Kapit�ne und Ordensritter, sogar den Ordensf�rsten von Felgeres. Die Schiffe sollen nicht die Aegilischen Inseln kontrollieren, sondern nach Norden fahren. Sie wollen das Fjordland noch vor den Herbstst�rmen erreichen. Auf dem Weg dorthin wollen sie sich mit noch einer Flotte vereinigen.�</p><p>Mandred sprang auf.��Was?�</p><p>�Sie haben den Befehl bekommen, den Widerstand im Norden zu brechen�, erkl�rte Yulivee. �Sie waren auch nicht begeistert davon. Aber sie haben auch gesagt, dass der Gro�e Priester es so will. Er m�chte die Elfenfreunde Demut lehren, sagten die M�nner.�</p><p>�Wir m�ssen los und sie warnen!�, rief Mandred. Er ging zu seinem Pferd, kam aber wieder zur�ck. �Wir m�ssen es wagen, wieder von einem Albenstern zum n�chsten zu springen.�</p><p>�Ausgeschlossen!�, erwiderte Farodin. �Wir m�ssen zuerst den Albenstein und die Dschinnenkrone holen. Das wird sie wahrscheinlich von dem Angriff abhalten.�</p><p>�_Wahrscheinlich_ ist mir nicht genug�, erwiderte der Krieger laut. �Es geht um Firnstayn, verdammt! Sie wollen es niederbrennen wie Iskendria! Dabei werde ich nicht tatenlos zusehen!�</p><p>Nuramon tauschte einen Blick mit Farodin.��Mandred hat Recht. Wir m�ssen die Suche nach dem Stein abbrechen. Denk an das Tor auf der Klippe. Es f�hrt dicht an die Grenze des Herzlandes. Die Tjuredpriester d�rfen es nicht zerst�ren! Oder schlimmer noch � Stell dir vor, es gelingt ihnen, nach Albenmark vorzusto�en. Denk an die Freunde, die wir immer noch dort haben! Wir sind es ihnen schuldig, die K�nigin zu warnen. K�nntest du vor Noroelle treten und ihr sagen, dass du ihretwegen nichts getan hast, nur um ein paar Monde f�r unsere Suche zu gewinnen?�</p><p>�Sie haben es noch nie geschafft, ein Tor nach Albenmark zu �ffnen�, beharrte Farodin.��Sie k�nnen die Tore nur zerst�ren. Aber in etwas anderem hast du Recht: Es ist eine Frage der Freundschaft.� Farodin wandte sich an Mandred.��Verzeih mir.� Er streckte dem Jarl die Hand entgegen.��Du bist uns so lange ein treuer Freund. Es ist an der Zeit, dass wir dir nun unsere Treue erweisen. Firnstayn kann auf unsere Schwerter z�hlen! Wir werden alles tun, um die Deinen zu besch�tzen.�</p><p>Mandred ergriff die dargebotene Hand. �Ihr bringt zwei Schwerter, die mehr als hundert �xte z�hlen. Ich bin stolz, euch an meiner Seite zu wissen.�</p><p>Farodin legte dem Jarl die Hand auf die Schulter. �Aber die Albenpfade von Fargon k�nnen wir nicht nehmen. Sie sind nicht sicher.� Er wandte sich an Yulivee. �Du sagtest, die Ordensritter w�rden vor Beginn der Herbstst�rme aufbrechen.�</p><p>Das Madchen nickte.</p><p>�Dann lasst uns auf dem Landweg Fargon verlassen. Sobald wir dieses Reich hinter uns gelassen haben, k�nnen wir es wagen, auf den Albenpfaden zu reisen.�</p><p>�Farodin hat Recht�, setzte Nuramon nach.</p><p>Mandred nickte und starrte dann zu Boden.��Bei Luth! Dass unsere Tat in Aniscans selbst f�r Firnstayn eine Gefahr werden k�nnte, das h�tte ich nie gedacht.� Er schaute zu Yulivee und musste l�cheln. �Ich danke dir, kleine Elfe! Du bist eine wahre Gef�hrtin!� Der Nordmann wandte sich ab.��Lasst uns aufbrechen.�</p><p>Farodin folgte Mandred zu den Pferden.</p><p>Nuramon nahm Yulivee auf den Arm und trug sie zu Felbion. �Das hast du gut gemacht�, sagte er ihr. Dann hob er die kleine Zauberin auf das Pferd. Sie l�chelte zufrieden.��Aber���, setzte er nach.</p><p>�Aber?�, wiederholte das M�dchen.</p><p>�Aber mach mir nie wieder solche Angst.�</p><p>�Dir liegt wohl etwas an mir, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Du bist wie eine Schwester f�r mich.�</p><p>Erstaunen legte sich auf das Gesicht der kleinen Elfe. �Wirklich?�, fragte sie.</p><p>Nuramon sa� auf. Yulivee wandte den Kopf und sah ihn an. Offenbar erwartete sie eine Best�tigung. �Ja, Yulivee.�</p><p>�Dann hast du mich zu deiner Verwandtschaft gemacht. So, wie die K�nigin es gesagt hat?�</p><p>Nuramon nickte. �Genau so. Und was auch kommt, ich werde gegen tausend Krieger anreiten, um dich in Sicherheit zu bringen.�</p><p>In Yulivees Augen sammelten sich Tr�nen. Nuramon konnte nachf�hlen, was in ihr vorgehen musste. Doch er hatte die Wahrheit gesagt. Sie war f�r ihn wie eine kleine Schwester, nicht wie eine Tochter. Daf�r war sie zu m�chtig. Nuramon konnte nicht sagen, was das Schicksal f�r ihn und seine Gef�hrten bereithielt. Doch eine Schlacht wollte er der Kleinen unbedingt ersparen. Es war an der Zeit, sie nach Albenmark zu bringen, damit sie in Sicherheit war. Vielleicht w�rde Obilee sich um sie k�mmern, wenn sie denn noch nicht ins Mondlicht gegangen war.</p></section><section><title><p>Zeit f�r Helden</p></title><p>�Hundert Schiffe werden kommen!�, rief der K�nig mit lauter Stimme. Es wurde totenstill in der Festhalle.��Und eine zweite Flotte wird kommen, um sich mit den hundert Schiffen zu vereinen, so sehr f�rchten sie die M�nner der Fjordlande.�</p><p>Mandred sah, wie viele der Krieger und F�rsten in der Halle grimmig l�chelten. Sein Nachfahr Liodred traf den richtigen Ton, um K�mpferherzen zu entflammen. Er war stolz auf ihn. Hoch gewachsen und muskul�s, war er mit jedem Zoll ein Krieger. Langes rot gelocktes Haar reichte ihm bis auf die Schultern hinab, und seine blauen Augen leuchteten wie der Himmel an einem Sommernachmittag. Nur dass er seinen Bart kurz gestutzt trug, gefiel Mandred nicht.</p><p>Liodred hatte nach ihrer Ankunft schnell reagiert. Sie hatten Firnstayn am sp�ten Nachmittag erreicht, und noch am selben Abend hatte er die F�rsten der n�heren Umgebung und die Mandriden in der gro�en K�nigshalle versammelt. Mehr als dreihundert Krieger sa�en an den langen Tischen, und viele von ihnen blickten ehrf�rchtig hinauf zur Festtafel, an der neben dem K�nig zwei kriegerische Elfen, ein M�dchen und der legend�re Ahnherr Mandred Torgridson Platz genommen hatten.</p><p>�Ihr alle kennt sie schon lange, die Tjuredpriester mit ihren Schlangenzungen. Ihr wisst, wie sie unsere G�tter beleidigen und L�gen �ber unser Volk verbreiten. Und ich frage euch, f�rchten wir sie deshalb?�</p><p>�Nein�, hallte es aus hunderten Kehlen.</p><p>�Sie haben also mehr als hundert Schiffe und tausende Krieger aufgeboten, um Firnstayn �berraschend anzugreifen, denn den Krieg hat uns bis heute niemand erkl�rt!� Liodred beugte sich vor und deutete auf einen wei�haarigen K�mpfer mit einem Wolfsfell um die Schultern.</p><p>�Sehe ich da Furcht in deinen Augen, Skarbern?�</p><p>Der Alte lief rot an und wollte aufspringen, als Liodred fortfuhr. �Ich teile deine Sorge, Skarbern. Ich f�rchte, unsere hitzk�pfigen Mandriden werden sie auf den Grund des Fjords geschickt haben, bevor wir alten M�nner auch nur dazukommen, die Axt aus dem G�rtel zu ziehen.�</p><p>Ohrenbet�ubendes Gel�chter erklang. Mandred ging das Herz auf. Sein Nachfahr war wahrlich ein Kriegerk�nig. Jeder einzelne der M�nner dort unten w�rde f�r Liodred durchs Feuer gehen. Auch in ihm hatten die Worte des K�nigs Kampfeslust geweckt.</p><p>�M�nner von Firnstayn, meine Freunde. Die meisten von euch kenne ich von Kindesbeinen an. Ich wei� um eure tapferen Herzen, um euren Stolz und eure Dicksch�del. Nirgends au�er in den Fjordlanden findet man M�nner wie euch! S�ufer, Hurenb�cke und Kameraden, wie man sich keine besseren vorstellen kann, wenn es hart auf hart kommt. M�nner wie euch kann es nur in einem freien Land geben. Glaubt ihr, die Ordensritter kommen, weil sie unser Gold wollen? Sie haben so viel davon, dass sie die D�cher ihrer Tempelt�rme damit schm�cken! Glaubt ihr, sie kommen zum Pl�ndern und Brandschatzen und um sich an euren Weibern zu vergehen?�</p><p>Liodred machte eine kurze Pause und lie� den Blick durch die weite Halle wandern. �Nein, meine Freunde. Die Ordensritter g�rten sich mit gro�en Schwertern, doch zwischen ihren Schenkeln, da ist nichts. Wie sonst ist zu erkl�ren, dass jeder dieser Ritter den Weibern abgeschworen hat.�</p><p>Mandred prustete in sein Methorn und bespritzte Farodin, der an seiner Seite sa�. Der Elf blieb v�llig ruhig. Vielleicht sollte er ihm den Witz noch einmal erkl�ren, �berlegte Mandred.</p><p>�Wisset, meine Freunde, all dies sind nicht die Gr�nde, warum die Ordensritter kommen. Sie greifen uns an, weil wir etwas unendlich Kostbareres besitzen. Freiheit! Sie stehen f�r ein Volk, in dem es nur noch Priester und Knechte gibt und das keine Freiheit in seiner N�he ertragen kann. Wenn ich euch also zu den Waffen rufe, dann wisset, was euch erwartet. Es ist mehr als nur eine Seeschlacht. Sollten die Ordenspriester siegen, dann wird es uns ergehen wie den M�nnern von Angnos oder von Gornamdur. Sie werden jeden t�ten, der kein Priester oder Knecht sein mag. Sie werden die Eisenm�nner verbrennen und die heiligen Haine und unsere Tempel. Nichts wird vom Feuer verschont bleiben, das an unsere stolzen Ahnen und ihre Art zu leben erinnern k�nnte.�</p><p>Liodred machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Er hob das Trinkhorn und versch�ttete etwas, um den G�ttern zu huldigen. Dann setzte er es an die Lippen und trank in langen Z�gen. Viele der M�nner unten im Saal standen auf und taten es ihm gleich.</p><p>Auch Mandred war aufgestanden und legte seinem tapferen Enkel einen Arm um die Schultern.</p><p>�Es ist leicht, in einer Halle unter Freunden gro�e Worte zu schmieden�, fuhr Liodred schlie�lich fort.��Ich wei�, dass die Tjuredpriester nur Krieg f�hren, wenn sie sich sicher sind, zu gewinnen. In ihrer Brust findet man nicht das L�wenherz eines Kriegers, sondern eine kleinliche Kr�merseele. Sie z�hlen und rechnen und greifen erst an, wenn sie wissen, dass sie gegen jeden Krieger ihrer Feinde f�nf Ordensritter aufbieten k�nnen. Der Fjord wird rot von Blut sein, wenn wir uns ihnen stellen. Und es wird viel von unserem Blute vergossen sein.� Er wandte sich zu Mandred.</p><p>�Hier an meiner Seite steht Jarl Mandred Torgridson. Der lebende Ahne! Der Begr�nder der K�nigssippe von Firnstayn. Ihr alle kennt die Geschichten um ihn. Er wird zur�ckkommen, wenn die Not f�r sein Volk am gr��ten ist, so hei�t es. Er war es, der mir heute die Kunde von dem heimt�ckischen Angriff brachte, der uns erwartet.�</p><p>Ein Raunen ging durch die K�nigshalle, und Mandred f�hlte sich unwohl unter den Blicken, die ihn nun trafen. Viele sahen in ihm nicht nur den Helden, sondern auch den Boten kommenden Ungl�cks.</p><p>�Mein Ahnherr hat sein Weib und seinen Sohn aufgegeben, um Firnstayn zu retten. Sein Mut ist seit Jahrhunderten in den Geschichten unserer Skalden lebendig. Nun ist es an euch zu beweisen, dass ihr nicht weniger mutig seid als unser Ahnherr. Seid ihr bereit zu k�mpfen?�</p><p>Nun sprangen auch die letzten M�nner auf, die noch gesessen hatten. �Wir k�mpfen!�, erklang es aus hunderten Kehlen.��Wir k�mpfen!�</p><p>Liodred breitete die Arme aus. Langsam wurde es wieder stiller. �Die Tjuredpriester zwingen M�nner aus allen unterworfenen V�lkern in ihre Heere. Bei uns k�mpfen nur freie M�nner. Doch auch wir haben m�chtige Freunde. Es gibt einen Pakt aus alter Zeit. Ein B�ndnis, das sich nun in der Stunde der Not erneut bew�hren soll. Jahrhunderte sind vergangen, seit die Elfenk�nigin die Krieger von Firnstayn um Hilfe gerufen hat. Nun werden wir die Elfen bitten, uns Beistand zu leisten. Ihr seht hier zwei M�nner der Sage. Elfenkrieger, tapfer und edel und mit dem Schwerte t�dlich wie kein Mensch. Sie haben mir versprochen, noch in dieser Nacht den Steinkreis auf der Klippe zu durchqueren und nach Albenmark zu reiten. Schon zum Morgengrauen wird ganz Albenmark widerhallen vom Ruf der H�rner, welche die Krieger am Hof der K�nigin versammeln.�</p><p>Mandred schluckte. Das h�rte sich gro�artig an�� Die M�nner unten im Saal brachen erneut in Jubelgeschrei aus, aber er war sich nicht einmal sicher, ob Emerelle seine Gef�hrten empfangen w�rde. Und selbst wenn sie zur Hilfe bereit war: Wie lange mochte es dauern, eine Elfenflotte zu versammeln und zum Fjordland zu bringen?</p></section><section><title><p>R�ckkehr nach Albenmark</p></title><p>Die Burg der K�nigin strahlte in der Nacht, ebenso wie all die H�user auf den H�geln. Sie mussten nur noch die Wiese hinter sich lassen, dann waren sie da. Nuramon ritt neben Farodin und schwieg ebenso wie Yulivee, die vor ihm im Sattel sa�.</p><p>Sie waren durch das Tor bei Atta Aikhjarto geschritten und dort auf Xern getroffen. Als sie ihm von ihrem Vorhaben erz�hlt hatten, hatte er ihnen im Namen Atta Aikhjartos von einem Albenstern erz�hlt, welcher der Burg der K�nigin n�her lag. So waren sie vom Tor aus zu dem anderen Stern gesprungen und hatten die Shalyn Falah umgangen.</p><p>An der Fauneneiche und an Noroelles See waren die Gef�hrten auf ihrem Weg nicht vorbeigekommen. Vielleicht war es auch besser so; sie waren so sehr in Eile, dass sie der W�rde dieser Orte nicht gerecht geworden w�ren.</p><p>�Feenschein!�, sagte Yulivee leise. Sie spielte offensichtlich auf all die kleinen Lichter an, die in der Burg erstrahlten und sie weithin sichtbar machten. �Schneller, Felbion! Schneller!�</p><p>Zu Nuramons �berraschung legte Felbion einen Schritt zu. Jetzt h�rte sein Pferd schon auf Yulivee! Es w�rde gewiss nicht mehr lange dauern, und Nuramon w�rde seiner kleinen Ziehschwester die Z�gel �berlassen m�ssen.</p><p>Je n�her sie der Burg kamen, desto mehr f�rchtete Nuramon, dass es ein Fehler sein k�nnte, als Boten f�r Liodred vor Emerelle zu treten. Gewiss, sie waren Elfen, doch die K�nigin hatte sicherlich nicht vergessen, dass sie sich ihr einst widersetzt hatten.</p><p>Sie ritten zum Tor hinauf. Es stand offen, und nirgends war eine Wache zu sehen. Der Hof war leer. W�ren die Lichter nicht gewesen, Nuramon h�tte geglaubt, dass die Burg verlassen war.</p><p>Die M�he, die Pferde in den Stall zu bringen, machten sie sich nicht. Sie hielten an der Treppe vor dem Palast, stiegen ab und lie�en die Tiere dort einfach stehen.</p><p>Nuramon nahm Yulivee bei der Hand. �Nun, du kennst die M�rchen. Es ist niemand vorlaut in den Hallen der K�nigin. Denk daran!�</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Lass uns gehen!�, entgegnete Yulivee.</p><p>Seite an Seite traten die drei in die hellen Hallen Emerelles. Yulivee schaute sich mit offenem Mund um. Besonders die Statuen hatten es ihr angetan. Nuramon musste sie fast hinter sich herziehen, um vorw�rts zu kommen, so sehr lie� sich die kleine Zauberin von der Pracht der Umgebung in den Bann ziehen. Sie erreichten die Vorhalle zum Thronsaal. Hier trafen sie das erste Mal auf Wachen. Zwei Elfenkrieger standen mit Speeren bewaffnet vor dem geschlossenen Tor und erwarteten sie.</p><p>�Wer seid ihr?�, fragte der Kr�ftigere der beiden.</p><p>�Wir sind Boten des K�nigs von Firnstayn�, antwortete Farodin.��Die Zeit ist gekommen, da die Hilfe des Alfadas vergolten werden soll.�</p><p>Die beiden M�nner tauschten unsichere Blicke.</p><p>�Wer h�tte das gedacht?�, fragte jemand neben ihnen.</p><p>Sie wandten sich um, und durch eine Seitent�r trat Alvias ein. Der Meister hatte sich ver�ndert. Eine Narbe zog sich �ber seine Stirn. Er musste durch eine magische Waffe verwundet worden sein.��Wer h�tte gedacht, dass jene die Boten sein sollen, deren Namen in diesen Hallen seit Jahrhunderten nicht mehr genannt werden.�</p><p>�Meister Alvias!�, sagte Farodin �berrascht. �Es tut gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen.�</p><p>Der Vertraute der K�nigin trat an sie heran und musterte sie. �Ich w�nschte, ich k�nnte behaupten, froh zu sein, euch zu sehen. Die Ankunft von Boten bedeutet Krieg, und _eure_ Ankunft mag den Zorn der K�nigin erwecken.�</p><p>Nuramon dachte an das letzte Mal, dass er in diesen Hallen gewesen war. Damals hatte ihn die K�nigin auf die Suche nach Guillaume geschickt, und alles hatte seinen bedauerlichen Lauf genommen. �Wird uns die K�nigin empfangen?�, fragte er.</p><p>�Sie wird die Boten von Firnstayn gewiss zu sich vorlassen, doch es mag sein, dass sie die beiden Elfen, die einst ihren Zorn erweckten, abweist.� Er schaute noch einmal an ihnen herab.��Wartet hier! Ich werde euch der K�nigin ank�ndigen.�</p><p>Alvias �ffnete das Tor ein St�ck weit. Nuramon konnte zwar nicht hineinblicken, doch er h�rte, dass dort viele Albenkinder versammelt waren. Der Meister trat ein und schloss das Tor hinter sich.</p><p>�Was ist los, Nuramon?�, fragte Farodin. �Du siehst aus, als h�ttest du einen Geist gesehen.�</p><p>�Ich habe nur ungeheure Angst. Der Zorn der K�nigin! Ich m�chte ihn lieber nicht kennen lernen.�</p><p>Farodin l�chelte k�hl. �Nun, es gibt kein Zur�ck mehr.�</p><p>Yulivee sch�ttelte Nuramons Arm. �Habt ihr beiden etwas ausgefressen?�</p><p>�Ja�, antwortete Nuramon und nickte dabei. Er hatte der Kleinen nur in groben Z�gen von ihrer bisherigen Suche nach Noroelle erz�hlt und dabei ausgelassen, dass Yulivees geliebte Emerelle ihnen �bel mitgespielt hatte. �Wir haben uns gegen ihren Willen davongemacht. So wie du dich nachts auf den Weg machst.�</p><p>�Sie wird euch bestimmt vergeben. Sie ist sehr g�tig�, erkl�rte Yulivee.</p><p>Die K�nigin lie� sie lange warten. Besonders Yulivee wurde unruhig und vertrieb sich die Zeit damit, dass sie nahe an die Wachen heranging und diesen Fragen stellte, welche die beiden M�nner nur k�hl und abweisend beantworteten. Sie fragte nach den R�stungen und den Waffen. Au�erdem wollte sie wissen, wie man zu einer Wache der K�nigin wurde. Nuramon lauschte dem Gespr�ch nur halbherzig und ging unruhig auf und ab.</p><p>Farodin stand ruhig da und behielt ihn im Blick.��Hast du in Firnstayn deine Geduld verloren?�, fragte er schlie�lich. �Oder hast du dir das bei Mandred abgeschaut?�</p><p>Nuramon blieb stehen. �Wenn du w�sstest, wie sehr ich um uns und unsere Suche f�rchte!� Je l�nger die K�nigin sie warten lie�, desto gr��er schien ihm die Gefahr. Wom�glich legte sich Emerelle gerade ein Urteil f�r sie zurecht!</p><p>Vom Thronsaal her kam ein Ger�usch. Rasch war Yulivee wieder bei Nuramon und fasste seine Hand. Dann �ffnete sich das Tor, und er konnte an Alvias vorbei und zwischen den Reihen der versammelten Elfen hindurch zu Emerelle blicken. Sie sa� reglos auf ihrem Thron.</p><p>�Die K�nigin wird euch empfangen�, sagte Meister Alvias und schritt voran.</p><p>Die Gef�hrten folgten ihm. Nuramon war erstaunt, dass der Saal so voll war wie damals bei dem Auszug der Elfenjagd. Die Albenkinder links und rechts wirkten erstaunt. Nuramon kannte einige Gesichter, doch die meisten waren ihm fremd. Mit einem Mal fl�sterte irgendwo jemand: �Farodin und Nuramon!� Und beide Namen suchten im Gefl�ster ihren Weg durch den Saal. Weit vorn erhob sich lautes Gerede. Die K�nigin hob die Hand, und es wurde sofort wieder still.</p><p>�Willkommen, Nuramon!�, fl�sterte ihm jemand von links zu. Es war ein junger Elf, ein Krieger in wei�er Tuchr�stung. Nuramon kannte ihn nicht, doch hinter ihm sah er Elemon, seinen Onkel, und andere aus seiner Sippe. Au�er Elemon stand den meisten Freude, ja sogar Stolz ins Gesicht geschrieben. �Sei gegr��t, Cousin�, sagte eine junge Frau leise, die er noch nie gesehen hatte, die aber seiner Tante Ulema �hnlich sah.</p><p>Nuramon begegnete ihnen allen mit freundlichen Gesten, doch er hielt weiter auf den Thron zu.</p><p>Einige von Farodins Sippe waren ebenfalls gekommen. Sie gr��ten den Verwandten mit Zur�ckhaltung, doch zugleich auch mit einem Ausdruck gr��ter Ehrerbietung.</p><p>Schlie�lich waren sie so nahe an den Thron herangetreten, dass sie im Gesicht der K�nigin lesen konnten. Was Nuramon dort fand, war K�lte.</p><p>Um den Thron herum sah Nuramon viele bekannte Gesichter. Da waren Ollowain, Dijelon, Pelveric und auch Obilee. Nuramon war froh, die Vertraute Noroelles zu erblicken. Sie sah w�rdevoller aus denn je und vermochte ihre Freude nicht zu verbergen. Ihr blondes Haar war zu dicken Z�pfen geflochten, die ihr bis �ber die Schultern fielen. Sie trug einen rotbraunen Harnisch, auf den Runen gemalt waren. Offenbar war es die R�stung einer k�mpfenden Zauberin.</p><p>Vor der K�nigin beugten Nuramon und Farodin das Haupt. Die kleine Yulivee machte einen Knicks. Bevor sie irgendetwas sagen konnten, sprach Emerelle: �Der Tag ist also gekommen! Der Tag, da Alfadas� Kinder unsere Schuld einfordern. Der Tag, da Farodin und Nuramon zur�ckkehren! Was ist geschehen, dass ihr es wagt, vor mich zu treten?�</p><p>Sie blickte Farodin an. Und so war er es, der antwortete. �Aus Freundschaft zu Mandred, Alfadas� Vater, sind wir gekommen. Firnstayn ist in gro�er Gefahr. Die Tjuredanbeter unterjochten Volk um Volk und bereiten nun einen Angriff auf Firnstayn vor. Die Flotte der Ordenspriester wird bald auslaufen.� Stimmen erhoben sich im Saal, doch Farodin lie� sich nicht aus der Ruhe bringen. Er sprach einfach weiter. �Im Namen Liodreds aus dem Geschlechte des Alfadas Mandredson kommen wir, die Hilfe der Albenkinder zu erbitten.�</p><p>�Die K�nigin von Albenmark wird ihr Versprechen halten und die Vorbereitungen treffen�, erkl�rte Emerelle.</p><p>Farodin verbeugte sich. �Wir danken dir im Namen des Liodred.�</p><p>�Damit ist euer Dienst getan. Euer Herr wird mit euch zufrieden sein. Doch nun lasst uns die Boten verabschieden und Farodin und Nuramon anh�ren, deren Namen in diesen Hallen lange nicht mehr gesprochen wurden, aber drau�en in den W�ldern schon l�ngst zur Legende wurden. Farodin und Nuramon! Die Elfen, die sich der K�nigin widersetzten, um nach ihrer Liebsten zu suchen! Ihr k�nnt nicht ermessen, wie gro� mein Zorn war, als ihr gegen mein Gebot versto�en habt. Ihr habt gro�en Mut, nach all dem vor mir zu erscheinen. Ihr kommt, obwohl ihr wisst, dass dies das Ende eurer Suche sein k�nnte. Du, Farodin, f�hrst sogar den Sand mit dir, den ich einst in der Menschenwelt verstreute. Und du, Nuramon, hast es gewagt, ein Menschenleben lang in Firnstayn zu bleiben, direkt vor meinen Augen.�</p><p>Nuramon setzte zum Sprechen an, doch ein ernster Seitenblick Farodins lie� ihn schweigen.</p><p>�Du wolltest etwas sagen, Nuramon?�, sprach die K�nigin mit ironisch liebensw�rdiger Stimme.</p><p>�Ich wollte dich nicht ver�rgern�, begann er stockend. �Als ich in Firnstayn war, wusste ich, dass du mich jeden Tag h�ttest holen k�nnen, doch du hast es nicht getan. Du hattest gewiss deine Gr�nde.�</p><p>Die K�nigin legte den Kopf schief. �Glaube nicht, ich h�tte meine Ansicht �ber Noroelle ge�ndert. Doch ich sehe, dass ich euch nicht halten kann. Eure Liebe ist zu stark. Ihr k�nnt versuchen, Noroelle zu retten, doch wisset, dass ihr es ohne meine Gunst tut. Es ist Zeit vergangen, seit ihr gegen mein Gebot versto�en habt. Und manches Mal habe ich euch von hier aus gesehen. Einige Dinge, die ich sah, gefielen mir, andere nicht. Du, Nuramon, warst bei den Abtr�nnigen. Im Grunde sollte es einer K�nigin missfallen, wenn einer der Ihren bei Abtr�nnigen Zuflucht sucht. Doch niemand wird dich wohl daf�r verachten, dass du bei den Kindern der Dunkelalben gewesen bist.� Gefl�ster verbreitete sich im Saal. Gewiss fragten die Anwesenden sich, welches Geheimnis die Kinder der Dunkelalben umgab. Und sie h�tten bestimmt viel daf�r geboten, zu erfahren, was Nuramon bei ihnen erlebt hatte. Die K�nigin schaute sich im Saal um, vollzog aber keine Geste, die f�r Ruhe sorgte, sondern sprach einfach weiter.��Und das Gleiche gilt f�r deine Zeit in Firnstayn. Niemandem steht Firnstayn n�her als du. Und deshalb werde ich dich in die Pflicht nehmen. Du sollst auf meinem Schiff in die Schlacht fahren.�</p><p>�Ich danke dir, Emerelle�, entgegnete Nuramon und wusste nicht, ob dies nun eine Strafe oder eine Ehre sein sollte.</p><p>�Nun zu dir, Farodin! Du hast Mandred dazu verleitet, sich bei den Trollen als mein Gesandter auszugeben. Du hast in Friedenszeiten bei den Trollen gew�tet�� und letztlich das Richtige getan. Es schmerzte zu erfahren, was die Trolle mit Yilvina und den anderen gemacht haben. Unsere toten K�rper sind verg�nglich, unsere Seelen aber leben fort. Eines musst du verstehen, Farodin: Wir brauchen die Trolle im Kampf gegen unsere Feinde. Und wir m�ssen sichergehen, dass sie an unsere guten Absichten glauben.� Das Gesicht der K�nigin wurde das einer g�tigen Freundin und passte nicht so recht zu den Worten, die sie sprach.��Was w�rde Orgrim, der Herzog der Trolle, wohl dazu sagen, wenn du auf seinem Schiff in die Schlacht f�hrest?�</p><p>Farodin schluckte kaum merklich. �Er w�rde es gewiss als eine Ehre betrachten�, war alles, was er darauf antwortete.</p><p>Nuramon konnte nicht fassen, dass die K�nigin Farodin tats�chlich als Geisel an die Trolle geben wollte. Zwar waren mehr als zwei Jahrhunderte seit Farodins Tat vergangen, aber die Trolle waren alles andere als vergesslich. Sie w�rden ihn gewiss aus einem zweifelhaften Versehen t�ten. Wollte die K�nigin Farodin und ihn trennen, seinen Gef�hrten gar in den Tod schicken, damit die Suche nach Noroelle erfolglos blieb? Er musste etwas unternehmen. So l�ste er sich von Yulivee und trat einen Schritt vor. Farodin streifte noch seine Hand; offenbar hatte er ihn zur�ckhalten wollen. Doch nun war der Schritt getan, und die K�nigin sah es mit �berraschung.</p><p>�Ja, Nuramon, was m�chtest du sagen?�</p><p>�Die Trolle werden Farodin erschlagen. Jeder andere Elf aber w�rde gewiss mit dem Leben davonkommen. Und deswegen flehe ich dich an, schicke mich zu ihnen und halte Farodin an deiner Seite.�</p><p>Farodin trat neben Nuramon. �Bitte, Emerelle, h�r nicht auf ihn. Ich werde mich deinem Willen beugen.�</p><p>Yulivee folgte den beiden Gef�hrten und umfasste Nuramons Hand.</p><p>�Ich bin beeindruckt, wie sehr ihr f�reinander eintretet. Aber an meiner Entscheidung wird sich nichts �ndern. Farodin, ich werde dich Herzog Orgrim als Geisel geben�� Nur so kann ich die Trolle an uns binden. Es ist keine Rache, die ich hege, sondern ein Beweis meines Vertrauens. Ich habe es dir ausgesprochen, zuletzt bei der Elfenjagd. Erinnere dich an die Worte, mit denen ich dich aussandte. Ich m�chte nicht nur, dass du eine Geisel bist, sondern ein Vorbild f�r alle Elfen. Du sollst das Leben des Herzogs sch�tzen, wie du auf der Elfenjagd das Leben Mandreds sch�tzen solltest. Wirst du es tun?�</p><p>Farodin z�gerte lange. Schlie�lich hoben sich seine Mundwinkel zu einem kaum merklichen Schmunzeln. �Ich werde es tun, meine K�nigin.�</p><p>Irgendetwas war zwischen Farodin und Emerelle geschehen. Im Saal schien es kaum jemand zu bemerken. Sie glaubten offenbar, einer Vers�hnung beizuwohnen, die zuerst als eine Strafe erschienen war. Aber was meinte Emerelle damit, dass Farodin Mandred sch�tzen sollte? Die K�nigin sprach so, als h�tte sein Gef�hrte versagt und als bek�me er nun die Gelegenheit, dieses Versagen wieder auszugleichen. Nach all den gemeinsamen Jahren gab es immer noch viel in Farodin, das Nuramon verborgen war.</p><p>Die K�nigin l�chelte mit einem Mal. �Ich habe nur noch eine Frage.� Sie schaute zu Yulivee. �Wer ist das M�dchen, das sich an deiner Hand festh�lt, Nuramon?�</p><p>�Dies ist die Zauberin Yulivee, Tochter der Hildachi aus der Sippe des Diliskar. Sie ist vielleicht die Letzte der Freien von Valemas.�</p><p>Ein Raunen im Saal verriet Nuramon, dass Valemas und die Sippe des Diliskar nicht vergessen waren.</p><p>�Yulivee! Welch ein Name!�, sprach die K�nigin und starrte das M�dchen an, als w�re es eine Albe. �Komm her zu mir, Yulivee!�</p><p>Das Kind lie� Nuramons Hand nicht los, sondern schaute zweifelnd zu ihm auf.</p><p>�Geh nur! Das ist Emerelle, von der du so viel geh�rt hast.�</p><p>Yulivee l�ste sich langsam von Nuramon und trat mit vorsichtigen Schritten vor die K�nigin. Alle im Saal waren still. Es war nur das Rauschen des Wassers an den W�nden zu h�ren. Emerelle musterte Yulivee lange, als wollte sie sich jede Einzelheit einpr�gen. Dann sprach sie: �Yulivee, ich habe lange auf die R�ckkehr der Sippe von Diliskar und der anderen Sippen von Valemas gewartet. Das macht diesen Tag noch wichtiger, denn dir ist eine gro�e Zukunft vorherbestimmt. Wie bist du Nuramon und Farodin begegnet?�</p><p>Yulivee erz�hlte mit leiser Stimme von dem Tag, da sie Nuramon zum ersten Mal gesehen hatte. Das Gespr�ch mit ihm gab sie ausf�hrlich wieder.��Und dann erz�hlte er mir, dass du ihm gesagt habest, er solle sich seine Verwandtschaft selbst w�hlen. Und da wusste ich, dass ich nicht allein bin.�</p><p>�Es war weise von Nuramon, dir dies zu sagen. So habt ihr euch gegenseitig als Verwandte gew�hlt?�</p><p>�Ja, er ist jetzt mein Bruder.�</p><p>Obwohl Nuramon beobachten konnte, dass manche im Saal die Worte der kleinen Zauberin mit einem ver�chtlichen Schmunzeln abtaten, f�hlte er sich nicht verlegen. Er war stolz auf Yulivee und wie offen sie der K�nigin gegen�ber war.</p><p>�Stell dich an die Seite meines Thrones. Du musst dich an den Platz gew�hnen.�</p><p>Yulivee tat, was die K�nigin von ihr verlangte. Im Gesicht der kleinen Zauberin war zu erkennen, wie sehr sie der Anblick all der Albenkinder beeindruckte. Als die K�nigin ihre Hand fasste, staunte die Kleine. Sie musste sich f�hlen wie in einem der M�rchen um Emerelle.</p><p>Die K�nigin wandte sich an Nuramon. �Du hast gut daran getan, dich dieses Kindes anzunehmen. Sie ist m�chtiger, als du glaubst. Da ihr euch zu Geschwistern gew�hlt habt, m�chte ich dich fragen, ob ich sie in der Kunst der Magie unterweisen darf.�</p><p>�Wer w�rde dieses Angebot ablehnen? Doch es liegt nicht an mir, zuzustimmen oder abzulehnen. Yulivee selbst soll entscheiden. Ich w�re gl�cklich, wenn du sie unterweisen w�rdest, denn ich kann sie nur wenig lehren.�</p><p>�Nun, Yulivee? M�chtest du meine Sch�lerin sein?�</p><p>�Ja, Emerelle. Ich m�chte es�� Aber ich m�chte auch bei Nuramon bleiben.�</p><p>�Ich werde dir Bedenkzeit geben. Es ist keine leichte Wahl.</p><p>Doch wof�r du dich auch entscheiden magst, du wirst mich nicht entt�uschen.� Emerelle erhob sich nun.��Und nun, ihr Albenkinder, r�stet euch zum Kampf! Alvias!� Der Meister trat an sie heran. Die K�nigin fl�sterte ihm etwas ins Ohr, dann nahm sie Yulivee bei der Hand und verlie� den Saal durch eine Seitent�r. Die Krieger um ihren Thron folgten ihr, nur Obilee blieb zur�ck und schaute Farodin und Nuramon an, als w�ren sie ein Gem�lde, das sie an sch�ne Tage erinnerte.</p><p>Farodin begann ein Gespr�ch mit seinen Verwandten, und auch Nuramons Sippe war rasch herbei und best�rmte ihn mit Fragen. Die meisten seiner Verwandtschaft waren ihm fremd. Nur Elemons Gesicht, in dem nach all den Jahren immer noch Argwohn lag, war ihm vertraut. Die Cousine, die ihn angesprochen hatte, hie� Diama. Sie fragte ihn, was bei den Kindern der Dunkelalben geschehen war. Nuramon gab eine ausweichende Antwort und suchte bei jeder Gelegenheit den Blickkontakt zu Obilee. Diese bewegte sich nicht von der Stelle, sondern schien Freude daran zu haben, ihn von seiner Sippe umringt zu sehen.</p><p>Als Elemon an Nuramon herantrat, dachte Nuramon, dass es nun mit all der Freude vorbei w�re. Sein Onkel hatte noch nie ein freundliches Wort f�r ihn gefunden. Die �brigen Elfen warteten schweigend auf das, was der alte Elf sagen w�rde. �Nuramon, wir alle stammen aus der Sippe des Weldaron�, begann er. �Und du wei�t, dass ich und die anderen meines Alters dich stets verachtet haben. Wir haben in der Zeit, da du hier warst und Albenmark nicht verlassen durftest, Kinder gezeugt. Und nachdem du weg warst, wurden sie geboren, in der Sicherheit, dass sie nicht deine Seele trugen. Doch diese Kinder und deren Nachkommen sahen dich mit anderen Augen. Sie h�rten die Geschichte von Nuramon dem Minnekrieger, von Nuramon dem Suchenden, dem ewigen Wanderer. In den Trollkriegen erfuhren sie, dass du einst ein Gef�hrte des Alfadas warst.� Er hielt inne und starrte Nuramon an, als wartete er auf eine Regung seinerseits. Dann fuhr er fort: �Uns Alten brauchst du nicht zu verzeihen. Viele von uns haben ihre Ansicht nicht ge�ndert, doch diese Elfen hier verehren dich als einen Gro�en unserer Sippe. Lass sie deine Verachtung f�r uns nicht sp�ren.�</p><p>Nuramon hatte Elemon nie gemocht, doch diese Worte waren ein Entgegenkommen, das er nie und nimmer erwartet h�tte. Und als er in die Mienen der jungen Elfen blickte, die ihn umringten, erkannte er, dass sein Onkel Recht hatte.��Wenn die K�nigin mich nicht an ihrer Seite w�nschte, ich w�rde mit meiner Sippe in diese Schlacht ziehen. Ich danke dir, Elemon.�</p><p>�Und ich hoffe, du kannst mir verzeihen.� Die Augen Elemons gl�nzten.</p><p>�Ja, das kann ich. Im Namen Weldarons!� Nuramon erinnerte sich an all die Jahre, da er den Spott der Sippe hatte ertragen m�ssen. H�tte er Elemon nicht vor sich gehabt und gesehen, dass der Alte den Tr�nen nahe war, er h�tte geglaubt, seine Verwandten w�rden ihn aus selbsts�chtigen Gr�nden in ihre Mitte zur�ckholen wollen. Doch Elemons Worte waren ernst gemeint, daran zweifelte Nuramon ebenso wenig wie an den Absichten der jungen M�nner und Frauen, von denen manche wie er ein Kurzschwert trugen, so als w�ren sie darauf bedacht, ihm nachzustreben. Seine Cousine Diama war eine von ihnen. Sie trug sogar eine R�stung, die der Gaomees �hnelte, allerdings aus Metallpl�ttchen und nicht aus Drachenleder gefertigt war. In diesem Augenblick begriff Nuramon, wie lange er fort gewesen war. Er war zweimal ein Opfer der Zeit geworden. Und jedes Mal waren mehr als zweihundert Jahre vergangen. In dieser Zeit war aus dem Spott der Sippe Anerkennung geworden, wenn nicht sogar Bewunderung.</p><p>Alvias trat mit Farodin n�her. Der Meister nickte h�flich. �Nuramon, die K�nigin w�nscht dich und Farodin in der Seitenkammer zu sehen. Bitte folge mir!�</p><p>�Danke, dass ihr gekommen seid�, gr��te Nuramon seine Sippe unsicher. Er w�rde Zeit brauchen, um sich an die Ver�nderung zu gew�hnen.</p><p>Kaum hatten sie den Kreis der Verwandten verlassen, da fl�sterte Farodin: �Es scheint, als w�re deine Sippe t�chtig gewachsen�� Offensichtlich sehen sie mehr in dir als einen Wiedergeborenen.� Es h�rte sich ganz so an, als freute sich Farodin auf seine Weise mit ihm.</p><p>Nuramon wollte antworten, doch da kamen sie an Obilee vorbei und hielten inne.</p><p>Alvias wirkte ungeduldig. �Ich werde vorgehen und der K�nigin melden, dass ihr unterwegs seid.�</p><p>Keiner von ihnen sagte etwas darauf. Nuramon musste an das letzte Mal denken, da er die Vertraute Noroelles gesehen hatte. Es war an dem ersten Tor gewesen, das er mit seiner Magie ge�ffnet hatte. Sie hatte ihm vom H�gel aus zugewunken. Damals schien sie mehr eine Zauberin gewesen zu sein als eine K�mpferin, nun jedoch trug sie ein Kriegergewand aus weichem Gelgerokleder, auf dem am Torso, auf den �rmeln und an den Beinen Platten aus Hartholz befestigt waren. Die Runen, die auf das Holz gemalt waren, leisteten Obilee gewiss im Kampf Beistand. Um ihren Hals trug sie eine Kette, an der sie wie Nuramon den Edelstein Noroelles befestigt hatte. Es war ein Diamant.</p><p>Endlich brach Nuramon das Schweigen.��Xern hat mir erz�hlt, dass du in den Trollkriegen eine Heldin geworden seist.�</p><p>�Ja�, entgegnete Obilee, als bedauerte sie es.</p><p>�Noroelle wird stolz auf dich sein, wenn sie es erf�hrt�, sagte Farodin.</p><p>�Ich habe Noroelle nie vergessen. Es vergeht kein Tag, da ich nicht an sie oder an euch denke.� Sie schaute Nuramon in die Augen.��Ich w�nschte, ich k�nnte euch begleiten.� Ihre Stimme klang so schwerm�tig wie ihre Worte. Sie l�chelte gequ�lt.��Lasst euch nicht von meinen Launen t�uschen. Ich bin froh, euch zu sehen.� Mit diesen Worten umarmte sie Farodin und k�sste ihn auf die Wange. �Ich w�nschte, ich k�nnte irgendetwas f�r euch tun.� Sie schloss nun auch Nuramon in die Arme, k�sste ihn aber nicht.��Ich bin so froh f�r dich. Noroelle hatte Recht. Deine Sippe hat dein Wesen erkannt.�</p><p>Noch ehe Nuramon etwas erwidern konnte, sagte Obilee: �Kommt! Lassen wir die K�nigin nicht l�nger warten! Sie will gewiss erfahren, was ihr erlebt habt. Auch ich bin neugierig.�</p><p>Sie folgten Obilee in die Seitenkammer. Nuramon konnte sich kaum vom Blick der Kriegerin l�sen. Es war so viel Schmerz und Sehnsucht darin gefangen.</p><p>Als sie in die Seitenkammer eintraten, traute Nuramon seinen Ohren kaum. Die kleine Yulivee stand neben der K�nigin, von Kriegern umgeben, und erz�hlte die Geschichte ihrer Reise durch Fargon.��Und als ich schon glaubte, mein Leben eingeb��t zu haben, da erreichte mich Nuramon und hob mich zu sich in den Sattel. Doch h�rt, was nun geschah! Na, was h�ttest du in dieser Lage getan?� Sie wandte sich an Ollowain.</p><p>�Ich h�tte so schnell wie m�glich kehrtgemacht, um dich in Sicherheit zu bringen�, antwortete der Krieger. �Dann w�re ich zur�ckgeritten und h�tte mich der Menschen angenommen.�</p><p>Yulivee grinste frech. �Eine weise Antwort. Doch keines von beiden machte Nuramon. Denn es h�tte unseren Tod bedeutet. Er riss sein Pferd nicht herum, denn die Gegner waren zu nahe.� Das sagte sie Ollowain reichlich sp�t, doch der Krieger von der Shalyn Falah lachte �ber Yulivees Worte. �Stattdessen stie� er durch deren Mitte, entging Hieben und Stichen und �� Die kleine Zauberin erblickte Nuramon und stockte. Dann aber sprach sie schnell weiter: �Und rettete die kleine Yulivee vor den b�sen Menschen. Und wenn die kleine Yulivee sich vorsieht, wird sie auch morgen noch leben.�</p><p>Die Krieger lachten, und selbst der K�nigin lag ein L�cheln auf den Lippen.��Kommt n�her!�, sagte sie. Und als Farodin und Nuramon vor ihr standen, erkl�rte sie: �Ich m�chte euch beiden noch einmal danken, dass ihr Yulivee besch�tzt habt.� Sie fasste die Hand der Kleinen. �Ihr wisst nicht, wie sehr ihr mir und ganz Albenmark damit geholfen habt.�</p></section><section><title><p>Ein Wall aus Holz</p></title><p>Eine frische Brise spielte mit Mandreds d�nnen Z�pfen. Gemeinsam mit Liodred und einer Leibwache von Mandriden stand er auf dem westlichen Kliff �ber dem Eingang zum Fjord. Von hier aus konnte man weit �ber das Meer blicken. Es war ein sch�ner Sp�tsommermorgen. Der Wind trieb kleine wei�e Wolken vor sich her. Die Sonne brach sich funkelnd auf dem Wasser, und deutlich malten sich die Umrisse der Schiffe gegen den Himmel ab. Es mussten weit �ber zweihundert sein. Alle trugen das Zeichen der verbrannten Eiche auf ihren Segeln.</p><p>�Eine halbe Stunde noch, dann werden die ersten von ihnen den Eingang zum Fjord erreichen�, sagte Liodred ruhig.</p><p>Mandred sah zu der kleinen Flotte hinab, die sich dem Angriff der Ordensritter entgegenstemmen w�rde. Sie hatten weniger als sechzig Schiffe. F�nfzehn davon waren so klein, dass sie gerade einmal zwanzig Mann fassten. Bei den drei�ig st�rksten Schiffen hatte man Ketten durch die Ruderluken gezogen, um sie untrennbar miteinander zu verbinden. So bildeten sie eine Barriere, die das tiefe Fahrwasser in der Mitte des Fjords blockierte. Hier w�rde die Schlacht toben, und hier w�rde sich der Kampf mit den Priestern entscheiden. Die kleineren Schiffe hielten sich etwas hinter der Barriere. Sie sollten Verst�rkungen bringen, wenn die Kampflinie auf den zusammengeketteten Schiffen zu zerbrechen drohte.</p><p>Voller Sorge betrachtete Mandred die breiten L�cken rechts und links der Schiffsmauer. �Du bist dir wirklich sicher, dass sie dort nicht durchkommen werden, Liodred?�</p><p>�Ganz sicher, Ahnherr. Die Flotte unserer Feinde besteht �berwiegend aus Koggen mit reichlich Tiefgang. Offen gesagt, ich m�chte sie dazu verleiten, dass sie uns �ber die Flanken angreifen. Dicht unter dem Wasser verbergen sich dort t�ckische Klippen. Beim h�chsten Stand der Flut mag ein geschickter Kapit�n vielleicht eine Kogge durch die Riffe bringen, doch wenn das Wasser weicht, sind sie zum Scheitern verdammt. Wenn wir etwas Gl�ck haben, werden sie auf diese Weise ein Dutzend oder mehr Schiffe verlieren. Sobald ihre Flotte aufgef�chert den Fjord f�llt, werden wir sie mit Brandern angreifen.� Der K�nig wies hinab zu mehreren kleinen Fischerbooten, die hoch mit Reisig beladen waren. �Wenn der Wind richtig steht, werden sie erheblichen Schaden anrichten.� Liodred wies mit weit ausholender Geste auf die Steilklippen rechts und links des Fjords. �Hier oben werden die Alten stehen, die nicht mehr k�mpfen k�nnen, und Knaben, die noch zu jung f�r die Schlacht sind. Wir haben zehn Karrenladungen Pfeile aus dem K�nigreich zusammenbringen lassen. Sie werden die Schiffe unserer Feinde mit einem Pfeilhagel eindecken, wenn sie der K�ste zu nahe kommen.� Liodred sprach so laut, dass alle Leibwachen rings herum ihn gut verstehen konnten. �Im Grunde tun uns diese Priester einen Gefallen, indem sie Firnstayn angreifen wollen. Hier im Fjord schlagen wir eine Seeschlacht zu unseren Bedingungen. In dem engen Gew�sser k�nnen sie ihre �bermacht nicht nutzen. Sobald sie die Schiffsbarriere entern, steht es Mann gegen Mann.�</p><p>Der K�nig winkte Mandred, ihm zu den Pferden zu folgen. Als Liodred sich in den Sattel schwang, sagte er leiser: �Ich hoffe, die Elfen werden rechtzeitig kommen. Der Feind ist uns um das F�nffache oder mehr �berlegen.�</p><p>�Wenn es einen Weg gibt zu kommen, dann werden sie hier sein�, erwiderte Mandred entschieden. Doch er wusste nur zu gut, wie viele Unw�gbarkeiten dies verhindern mochten. W�rde Emerelle seine beiden Gef�hrten �berhaupt empfangen? Und wie lange mochte es dauern, eine Flotte auszur�sten und durch einen Albenstern zu bringen?</p><p>Sie ritten den Pfad die Klippe hinab. Auf halben Weg kamen ihnen �ltere Krieger entgegen, die Weidenk�rbe mit Pfeilb�ndeln auf dem R�cken trugen. Liodred z�gelte seinen Rappen und winkte einem Mann mit Augenklappe zu.��Heho, Gombart, was bringt dich denn dazu, deine h�bsche Frau zu verlassen?�</p><p>�Hab geh�rt, du h�ttest jeden alten Knochen eingeladen, heute ein paar Ritter zu schie�en.� Er bedachte den K�nig mit einem zahnlosen Grinsen und klopfte sich auf die schwarze Stoffbinde �ber seinem linken Auge. �Au�erdem hei�t es, sie werden so dicht auf ihren Decks stehen, dass nicht einmal ich danebenschie�en kann. Und f�r jeden, den wir erlegen, gibt es ein Horn voll Met in deiner goldenen Halle.�</p><p>Liodred brach in schallendes Gel�chter aus. �Na, das wird wohl kaum mein Mundschenk gewesen sein, der diese Geschichte verbreitet hat. Doch ich nehme euch beim Wort, M�nner. Ein Horn voll Met f�r jeden Ordensritter!� Er grinste breit. �Aber denkt nicht, dass ich euch nicht kenne, ihr Gaunerpack. Ich stehe unten auf der _Albenstern_ und z�hle mit!�</p><p>Die M�nner lachten und machten weitere Sp��e. Der K�nig winkte ihnen noch einmal, dann trieb er seinen gro�en Rappen weiter den Klippenpfad hinab.</p><p>�Manchmal denke ich, es ist besser f�r einen Mann, jung und im Vollbesitz seiner Kr�fte zu sterben�, rief der K�nig, sobald sie au�er H�rweite waren.</p><p>�Nein�, widersprach ihm Mandred. �Das gr��te Geschenk ist, seine Kinder aufwachsen zu sehen. Glaub mir, ich wei�, wovon ich rede.� Bitter dachte er daran, wie wenig er von Alfadas gehabt hatte.</p><p>Auf dem letzten St�ck Wegs bis zur Bucht, in der ein Ruderboot auf sie wartete, hing jeder stumm seinen Gedanken nach. Wo blieben nur die Elfen?, dachte Mandred. W�rden sie Firnstayn im Stich lassen?</p><p>Am Strand stand Valgerd, Liodreds Weib. Sie trug ein Kleid in der Farbe von Sommerblumen, das von zwei goldenen Fibeln an den Schultern zusammengehalten wurde. Auf dem Arm hielt sie ein Kind, das keine f�nf Monde alt war. Es war Aslak, Liodreds Sohn.</p><p>Der K�nig ging zu den beiden und k�sste den Jungen z�rtlich auf die Stirn. Dann schnallte er ein Messer mit goldbeschlagener Scheide von seinem G�rtel und reichte es Valgerd. Die gro�e blonde Frau nickte.</p><p>Liodred strich ihr z�rtlich durchs Haar, dann kam er zum Boot, wo Mandred schon wartete. Der Jarl f�hlte sich schlecht. Hatte der K�nig Angst zu sterben? War das ein Abschiedsgeschenk f�r einen Sohn, der seinen Vater vielleicht nie kennen w�rde? Liodred war so verbunden mit all den Leuten hier. Er war beliebt! Ihm wird nichts geschehen, schwor sich Mandred.</p><p>Die beiden stiegen in das Boot. Die Ruderer gr��ten den K�nig, der dem J�ngsten von ihnen im Vor�bergehen das Haar zerzauste. Sie stie�en vom Strand ab und eilten mit kraftvollen Ruderschl�gen dem Flaggschiff zu.</p><p>�Ein Erbst�ck?�, fragte Mandred.</p><p>Liodred schreckte aus seinen Gedanken auf.��Was?�</p><p>�Das Messer.�</p><p>�Ja�� auch ein Erbst�ck.�</p><p>�Und was noch?�, hakte Mandred nach.</p><p>Liodred senkte die Stimme. �Ich wei�, wie sie sind, diese Priester. Es ist � Wenn sie siegen, wird Valgerd versuchen zu fliehen. Aber falls���</p><p>�Sie soll deinen Jungen t�ten?�</p><p>�Und sich selbst�, best�tigte der Herrscher. �Es wird das Beste sein.� Er blickte auf das dunkle Wasser des Fjords.��Werden sie kommen, die Elfen?�, fragte er leise.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Mandred, aber er konnte dem K�nig dabei nicht in die Augen sehen.</p><p>An Bord der _Albenstern_ schien Liodred wie ausgewechselt. Er scherzte mit den M�nnern und gab Anweisungen, wer in die vorderste Frontlinie sollte. Die _Albenstern_ hatte nur wenig gemein mit dem Schiff, das Mandred und die Elfen einst zu Noroelles Insel getragen hatte. Es war viel gr��er und bot Platz f�r hundert Ruderer.</p><p>Auf allen drei�ig Schiffen in der Sperrlinie waren die Masten flach gelegt worden, um bei dem bevorstehenden Gefecht nicht zu st�ren. Auch die Ruder waren eingezogen und sicher verstaut. Im Heck des Langbootes hatte man eine Stange aufgestellt, von der das alte Banner der _Albenstern_ wehte: ein blauer Stern auf silbernem Grund.</p><p>Zwei Krieger halfen Liodred, seinen Harnisch anzulegen. Die wunderbar gearbeitete Elfenr�stung des Alfadas fand nicht ihresgleichen. Alle anderen Krieger trugen Kettenhemden und runde Helme mit langem Nasenschutz.</p><p>Auch Mandred lie� sich in ein knielanges Kettenhemd helfen. Als er gerade den Helm aufsetzen wollte, trat der K�nig neben ihn. �Ich wollte dich schon immer fragen, ob es stimmt, dass jeder deiner Z�pfe f�r einen Mann steht, den du erschlagen hast. So erz�hlen es unsere Skalden.�</p><p>�Es stimmt�, erwiderte der Jarl knapp.</p><p>�Du bist ein gef�hrlicher Mann.�</p><p>�Solche M�nner wirst du heute brauchen.�</p><p>Von den Klippen erklangen H�rner. Das erste Schiff der Ordensritter nahm Kurs auf den Fjord. Es war ein stattlicher Dreimaster mit hochgeschwungenem Heck. Nur Augenblicke sp�ter schwenkten vier weitere Schiffe in den Fjord ein.</p><p>Beklommen betrachtete Mandred die hohen Vorderkastelle. Die Angreifer w�rden mehrere Schritt �ber ihnen stehen. Die Mastk�rbe der Schiffe erschienen ihm riesig. Jeder fasste f�nf Armbrustsch�tzen. Von dort oben konnten sie sich ihre Ziele in weitem Umkreis aussuchen.</p><p>Von der westlichen Klippe wurde eine Salve Pfeile abgefeuert. Sie verfehlte die Schiffe, die sich in der Mitte der Fahrrinne hielten, um mehr als f�nfzig Schritt.</p><p>Liodred reichte Mandred einen gro�en roten Rundschild.��Den wirst du brauchen, Ahnherr!�</p><p>Der Jarl schob den linken Arm durch die breiten Lederschlaufen und zog sie fest, bis der Schild fest am Unterarm sa�.</p><p>�Hei�en wir die wei�en Priester willkommen�, schrie Liodred und hob seinen Schild vor die Brust. Dann schlug er mit der flachen Seite seiner Axt auf den hochgew�lbten Buckel. Entlang der ganzen Schlachtlinie folgten die Krieger seinem Beispiel. Ohrenbet�ubender L�rm hallte von den W�nden des Fjords wider.</p><p>Das Scheppern und die Schreie der Krieger brachten Mandreds Blut in Wallung. Sollten die verdammten Tjuredpriester nur kommen. In den M�nnern des Fjordlands w�rden sie ihre Meister finden.</p><p>Immer mehr Schiffe erschienen im Eingang des Fjords. Sie f�cherten zu einer breiten Reihe auseinander. Die Gegner waren noch etwa vierhundert Schritt entfernt. Mandred konnte die Helme der Ordensritter hinter den Schanzkleidern der Vorderkastelle funkeln sehen.</p><p>�Sieh auf uns herab, Norgrimm!�, rief Liodred aus Leibeskr�ften. �Lass unsere h�lzerne Mauer stark sein, auf dass der Mut unserer Gegner an ihr zerbrechen m�ge!�</p><p>Auf den Koggen erklangen Fanfaren. Bewegung kam in die Front der Schiffe.</p><p>�Die Schilde hoch!�, schrie Mandred. Ein Hagel von Pfeilen ging auf die Langschiffe nieder.</p><p>Schnell bildeten die gro�en Rundschilde ein sch�tzendes Dach. Pfeile prasselten auf das Holz. Einzelne M�nner gingen schreiend zu Boden, doch die Schlachtlinie auf den Langbooten schwankte nicht.</p><p>Salve auf Salve folgte nun. Unter die Schilde geduckt, war es unm�glich zu beobachten, wie die Koggen n�her kamen. Mandred hatte das Gef�hl, dass eine Ewigkeit verging. Hei�er Schwei� rann ihm den Nacken hinab.</p><p>Eine Pfeilspitze bohrte sich durch seinen Schild und verfehlte seinen Arm dabei nur knapp. Der Sand, mit dem die Decks der Langboote bestreut waren, f�rbte sich an einigen Stellen rot vom Blut. Immer wieder fanden Pfeile eine L�cke im Schildwall.</p><p>Pl�tzlich erbebte die Schiffsbarriere. Einige M�nner wurden von den Beinen gerissen, L�cken klafften im Schildwall. Die Koggen waren aufgelaufen. Die Schiffe der Nordm�nner und der Ordensritter standen nun Rumpf gegen Rumpf, wie w�tende Hirsche, die im Zweikampf ihre Geweihe ineinander verhakt hatten.</p><p>�Auf die Beine!�, br�llte Liodred.��Die Bogensch�tzen zehn Schritt zur�ck! Holt mir die Armbrustsch�tzen aus den Mastk�rben!�</p><p>Die leicht bewaffneten Bogensch�tzen hatten w�hrend des Pfeilhagels unter dem Schilddach Schutz gesucht. Nun liefen sie zur�ck, um ihrerseits dem Gegner zuzusetzen.</p><p>Ein Speer fuhr dicht neben Mandred ins Deck und blieb zitternd in den blutverschmierten Planken stecken. Jetzt, da die Schildreihe aufgebrochen war, konnte der Jarl endlich wieder den Feind sehen. Breite Planken, an deren Vorderenden Eisendornen sa�en, schnellten herab. Wie Fangz�hne gruben sich die Dornen ins Deck.</p><p>�berall entlang der Schiffsbarriere gingen solche Enterbr�cken nieder. �ber Mandred erschienen Krieger in wei�en Waffenr�cken, die sich hinter lange, tropfenf�rmige Schilde duckten. Jeder der Schilde trug das Wappen der verbrannten Eiche.</p><p>�F�r Tjured!�, erklang es tausendfach. Dann st�rmten die Ordensritter die Enterbr�cken hinab.</p><p>Schild auf Schild prallten sie in wilder Wut gegen die Schlachtlinie der Verteidiger. Mandreds Axt fuhr in blitzendem Bogen hinab. Sie durchschlug Schild und Helm des ersten Angreifers. Mit einem Ruck l�ste der Jarl die Waffe und f�hrte einen R�ckhandhieb �ber die Schildkante des n�chsten Ritters. Knirschend fuhr der Elfenstahl durch den Nasenschutz eines Gegners.</p><p>Neben ihm k�mpfte Liodred wie ein wilder B�r. Bald war der Boden bedeckt mit Toten und Sterbenden.</p><p>Ein Schwerthieb spaltete Mandreds Schild. Mit einem Ruck entriss er dem Angreifer die Klinge, die sich im Schild verkantet hatte. Die Axt fuhr dem Ritter in die ungedeckte Flanke und traf ihn unter dem Rippenbogen.</p><p>Mit einem Satz war Mandred auf einer der Enterbr�cken. Den zerschlagenen Schild warf er zur Seite. Dann packte er seine Axt mit beiden H�nden. Wie ein Berserker k�mpfte er sich Schritt um Schritt dem gegnerischen Vorderkastell entgegen. Dicht hinter ihm folgten drei Mandriden und versuchten ihn mit ihren Schilden gegen gegnerische Pfeile abzuschirmen.</p><p>Als er das Ende der Enterbr�cke erreicht hatte, dr�ngten sich die Ordenskrieger vor ihm so dicht auf dem Vorderkastell, dass sie kaum ihre Schilde zum Schutz heben konnten. In blindem Zorn hieb Mandred auf sie ein. Schwerter und Speere zersplitterten unter dem Elfenstahl. Dann sprang er mitten unter die Feinde. Einem gro� gewachsenen Ritter rammte er den Dorn, der am oberen Ende des Axtschafts sa�, unter der Helmkante durch den Kiefer ins Hirn. Fallend riss der h�nenhafte Krieger zwei weitere K�mpfer mit sich. Auf dem Vorderkastell brach Panik aus. Schreiend versuchten sich die Ritter in Sicherheit zu bringen. Einige sprangen sogar �ber das Schanzkleid hinweg ins Wasser, obwohl das bei ihren schweren Kettenhemden den sicheren Tod bedeutete.</p><p>Augenblicke sp�ter war das ganze Vorderkastell von Nordm�nnern besetzt. Keuchend blickte Mandred auf das Hauptdeck. Die �berlebenden Ritter waren zur�ckgewichen. Mit vor Angst geweiteten Augen blickten sie zu ihm auf. Weitere Koggen schoben sich von hinten in den Pulk verkeilter Schiffe. Sie brachten frische Truppen.</p><p>�Wir m�ssen zur�ck�, erklang eine raue Stimme an seiner Seite. Liodred hatte sich ebenfalls einen Weg auf die Kogge freigek�mpft. Der K�nig deutete nach Osten. �Sie haben es geschafft, �ber die Riffe zu kommen. Die Ebbe will nicht einsetzen! Bisher haben sie dort nur ein einziges Schiff verloren.�</p><p>Vom Vorderkastell aus hatte Mandred einen guten �berblick �ber die K�mpfe. Die Schlachtlinie der Nordm�nner hatte gehalten. Doch der Tod hatte unter ihnen reiche Beute gemacht.</p><p>Auf beiden Fl�geln der Schiffsbarriere war es einzelnen Koggen gelungen, durch die Riffe zu gelangen. Eines der Priesterschiffe war durch einen Brander in Flammen geraten. Eine schwarze Rauchs�ule stieg in den hellen Sommerhimmel. Drei weitere der kleinen Feuerboote gingen todesmutig zum Angriff �ber, doch die Ritter versuchten sie mit langen Stangen fern zu halten, w�hrend die Armbrustsch�tzen aus den Mastk�rben auf die Bootsbesatzungen schossen.</p><p>Zwei Koggen waren durch die Langboote, die als Reserve zur�ckgehalten wurden, in Entergefechte verwickelt. Doch sieben Schiffe w�rden bald einschwenken, um die Barriere auch von der R�ckseite anzugreifen.</p><p>�Zur�ck auf die Langboote�, schrie Liodred aus vollem Hals.��Wir bilden eine Doppellinie!�</p><p>Schweren Herzens stieg Mandred die Enterbr�cke hinab. Hinter ihnen ert�nten h�hnische Rufe der Ordensritter. Der Jarl musste an den goldbeschlagenen Dolch denken, den Liodred seinem Weib gegeben hatte. �Lass die Elfen kommen, Luth!�, murmelte er verzweifelt. �Schick uns unsere Verb�ndeten, und ich werde nie wieder ein Methorn anr�hren.�</p></section><section><title><p>Auf dem Schiff der K�nigin</p></title><p>Nuramon stand an der Reling der _Elfenglanz_, des Flaggschiffs der K�nigin. Hier auf der Steuerbordseite konnte er die Firnstayner Schiffe sehen, die aneinander gebunden waren und wie eine Mauer den sicheren Zugang zum Fjord versperrten. Jenseits davon w�lbten sich die m�chtigen Segel der feindlichen Flotte, von denen jedes das Zeichen Tjureds trug, den schwarzen Baum. Kaum die H�lfte von ihnen hatten an die Schiffe der Firnstayner angelegt und diese in einen Kampf verwickelt. In der Enge des Fjords konnten die Ordensritter ihre �bermacht nicht nutzen. Liodred und Mandred hatten die Feinde in einen blutigen Kampf Mann gegen Mann gezwungen, und es war Nuramon unm�glich einzusch�tzen, wie gut die Fjordl�nder sich hielten. Er konnte nur sehen, dass sich dort auf den Schiffen etwas bewegte und es offensichtlich ein gro�es Gedr�nge ohne Ausweichm�glichkeiten gab.</p><p>Ein Teil der gegnerischen Schiffe versuchte, den Sperrriegel der Fjordl�nder zu umfahren und zwischen den Langschiffen und den Klippen eine Fahrrinne durch das Riff zu finden. Eine Kogge lag bereits mit aufgerissenem Rumpf auf den Felsen. Die Besatzung schien �ber Bord gegangen zu sein. Doch das Schicksal der Kogge schreckte die Feinde nicht ab. Noch immer versuchten Schiffe, einen Weg durch das Riff zu finden, um die Fjordl�nder einzukreisen oder aber die Schiffe der K�nigin anzugreifen.</p><p>Nuramon hoffte, dass Mandred und Liodred nichts zugesto�en war. Schlachten gehorchten anderen Gesetzen als Zweik�mpfe. Ein Zufall mochte �ber Leben oder Tod entscheiden. Wenn die _Elfenglanz_ doch nur schneller w�re! Nuramon schaute die Riemen des Schiffes entlang, die unter ihm in der Bordwand verschwanden. Es mochten gewiss vierzig sein. Er hatte gesehen, wie etwa zweihundert Ruderer unter Deck gegangen waren. Sie gaben dort unten an ihren B�nken bestimmt ihr Bestes, doch das riesige Schiff der K�nigin kam nur langsam vorw�rts. Die kleinen Galeeren aus Reilimee waren ihnen weit voraus und w�rden die Fjordl�nder bald erreichen. Nuramon hatte geh�rt, dass die Zauberin aus dem Meer, deren Namen niemand kannte, die Schiffe ausgestattet hatte. Dahinter fuhren die Triremen aus Alvemer. Nuramon war �berrascht, wie schnell die Flotten Albenmarks hatten in See stechen k�nnen. Es hatte nur zw�lf Tage gedauert, all die Schiffe auszur�sten und zusammenzuf�hren.</p><p>Das Tor, durch das sie gekommen waren, hatte sich l�ngst wieder geschlossen. Nie w�rde er das wunderbare Farbenspiel �ber dem Meer Albenmarks vergessen, das Emerelle mit ihrem Zauber bewirkt hatte. Das Tor war so breit gewesen, dass die gesamte Flotte im Morgengrauen in einer Linie hindurchgefahren war.</p><p>�ber Emerelle kursierten unter den Kriegern allerlei Ger�chte. So erkl�rten manche die Tatsache, dass die Galeere der K�nigin ohne Begleitschiffe fuhr, damit, dass sie die Feinde auf sich ziehen wollte. Wenn Nuramon sich umschaute, dann konnte er sich vorstellen, dass dieses Ger�cht stimmte. Die _Elfenglanz_ war wie ein fahrendes Schlachtfeld. Die Ruderer sa�en im Rumpf an den Riemen, w�hrend sich auf dem Deck die Krieger sammelten. Es waren mehr als dreihundert Elfen, die auf den sechzig Schritt zwischen Heck und Bug auf den Kampf warteten. Die K�nigin hatte sogar auf die Seeleute f�r die Segel verzichtet, damit mehr Krieger an Bord kommen konnten. Es hie�, die Segel w�rden in dieser Schlacht nicht gebraucht, und so hatte man die Masten der Galeere flach gelegt.</p><p>Das Schiff w�rde auf die linke Flanke der Fjordl�nder zuhalten, um diese dort zu unterst�tzen. Obilee hatte Nuramon die Strategie erkl�rt: Sie und die Krieger der anderen Galeeren w�rden auf die Langschiffe der Fjordl�nder st�rmen und die Kampflinie der Verb�ndeten entlasten. Diese sollten sich dann auf die Galeeren zur�ckziehen, sich ausruhen und sp�ter wieder in die Schlacht eingreifen.</p><p>Jemand klopfte Nuramon auf die Schulter. Er wandte sich um und sah Meister Alvias. �Die K�nigin m�chte dich sehen�, sagte er.</p><p>Nuramon nahm seinen Bogen und folgte dem Vertrauten Emerelles durch das Gedr�nge. Alvias wirkte ungewohnt kriegerisch in seiner Lederr�stung und mit dem Schwert an der H�fte. Es hie�, er habe schon beim ersten Trollkrieg an der Seite der K�nigin gek�mpft.</p><p>Alvias f�hrte ihn vor das Achterkastell, wo Emerelle und Yulivee von Wachen umgeben waren. Die K�nigin gab den Anf�hrern Anweisungen. Sie trug das graue Gewand einer Zauberin, wie in jener Nacht, da sie ihn mit ihrem Rat auf die Elfenjagd vorbereitet hatte.</p><p>Nuramon sah auch Obilee, die auf letzte Befehle vor der Schlacht zu warten schien. Sie trug dieselbe R�stung wie im Thronsaal.</p><p>Die kleine Yulivee gr��te Nuramon mit einer verspielten Geste. Auch sie war in ein graues Gewand gekleidet, wie die K�nigin. Nuramon st�rte sich noch immer daran, dass Emerelle die kleine Zauberin mitgenommen hatte. Er sorgte sich um sie. Dies war nicht der Ort f�r ein Kind, so m�chtig Yulivee auch sein mochte.</p><p>Nachdem die K�nigin mit Obilee gesprochen hatte, winkte sie Nuramon vor sich. Sie gr��te ihn wohlwollend, dann sagte sie:��Ich sehe, dass du dich um Yulivee sorgst. Doch ich sage dir, dass es hier keinen Ort gibt, an dem sie sicherer w�re als an meiner Seite.�</p><p>Er nickte knapp. Die K�nigin hatte Recht. Und doch w�re es ihm lieber gewesen, Yulivee w�re in der Burg in Albenmark geblieben.</p><p>�Nuramon, ich m�chte, dass du mit Obilee gehst.� Die K�nigin deutete auf die Kriegerin. �Sie wird auf dem Vorderkastell das Kommando f�hren, sobald Dijelon und Pelveric zu den Fjordl�ndern gesto�en sind.�</p><p>�Ja, K�nigin.�</p><p>�Dann geh!�</p><p>Yulivee l�ste sich von Emerelle und trat zu Nuramon. �Du kommst doch zur�ck, oder?�, fragte sie.</p><p>Nuramon ging in die Knie. �Sehe ich da Sorge in deinem Gesicht?�</p><p>Sie wich seinem Blick aus und nickte.</p><p>�Hab keine Angst. Bleib bei der K�nigin. Du hast ihre Worte geh�rt.� Er k�sste sie auf die Stirn. �Und nun geh.�</p><p>Wortlos kehrte Yulivee zu Emerelle zur�ck. Dort hob sie einen K�cher hoch und grinste. Darin waren die Pfeile, die Nuramon bei den Zwergen gemeinsam mit dem Bogen vorgefunden hatte. Er hatte sie zuerst in den Kampf mitnehmen wollen. Die K�nigin hatte ihm jedoch geraten, stattdessen einfache Pfeile zu verwenden und sich diese f�r besondere K�mpfe aufzuheben.</p><p>�Wir m�ssen gehen, Nuramon!�, sagte Obilee und legte die Hand auf seine Schulter.</p><p>Nuramon schaute ein letztes Mal zu Yulivee, dann ging er mit Obilee dem Bug entgegen. Die Kriegerin machte ein bedr�cktes Gesicht.</p><p>�Was ist mit dir, Obilee?�, fragte er.</p><p>�Es ist nur ��, setzte sie an, brach dann aber ab, als traute sie sich nicht, die Worte auszusprechen. Dann aber sah sie ihn direkt an und sagte: �Ich sollte dich nicht anf�hren, Nuramon.�</p><p>�Du bist nicht mehr das junge M�dchen von einst�, entgegnete er. �Du bist eine gro�e Kriegerin, viel bedeutender, als ich es jemals sein werde. Du hast dich schon in so vielen Schlachten bew�hrt. Ich bewundere dich.� Obilees Lippen bebten. �Sei nicht traurig wegen mir oder Noroelle. Der Tod ist nicht das Ende. Nichts kann mich davon abhalten, Noroelle zu finden, ob in diesem Leben oder im n�chsten. Und was glaubst du, wird sie sagen, wenn sie dich wiedersieht? Sie wird ebenso stolz auf dich sein wie ich.�</p><p>Obilee l�chelte, und endlich erinnerte sie ihn an das fr�hliche Wesen von einst.��Danke, Nuramon.�</p><p>Der Elf versp�rte keine Angst vor dem Sterben. Der Tod w�rde nicht das Ende seiner Suche bedeuten, er w�rde ihn allenfalls eine Weile aufhalten. Vergangene Nacht hatte er seiner Sippe von seiner Reise erz�hlt und sie gebeten, das Wissen zu bewahren, falls er sterben sollte. Er hatte damit begonnen, sein Seelenbuch zu schreiben, ganz in der Art seiner Zwergenfreunde. Er h�tte viel fr�her damit anfangen sollen, aber er hatte sich nie so klar dem Tod gegen�bergesehen wie vor dieser Schlacht.</p><p>Sie erreichten Obilees Krieger; auf diesem Schiff waren sie die einzigen aus Alvemer. Zu erkennen waren sie an den Wappen auf ihren Waffenr�cken: der silbernen Nixe auf blauem Grund. Es waren etwa f�nfzig M�nner und Frauen, die H�lfte mit Langschwertern bewaffnet, die anderen zus�tzlich mit Bogen. W�hrend Obilee einige Worte an ihre Krieger richtete, versuchte Nuramon vorauszuschauen. Doch hier standen die K�mpfer dicht an dicht, sodass sein Blick zu allen Seiten versperrt war.</p><p>Wann nur ging es endlich los? Irgendwo da vor ihm steckte Mandred in Schwierigkeiten, und diese Galeere machte kaum Fahrt! Er konnte nur hoffen, dass die Schiffe aus Reilimee bereits bei den Fjordl�ndern angekommen waren.</p><p>Nuramon musste an Farodin denken. Die Vorstellung, dass er bei dem Trollherzog war, bedr�ckte ihn, obgleich Farodin ihn immer wieder beschwichtigt und gesagt hatte, er solle sich keine Sorgen machen.</p><p>Eine Kriegerin schob sich durch das Gedr�nge. �Bist du Nuramon?�, fragte sie.</p><p>Er schaute sie verwundert an.��Ja.�</p><p>�Mein Name ist Nomja.�</p><p>Das war der Name der jungen Gef�hrtin, die mit ihm auf der Suche nach Guillaume unterwegs gewesen war. �Bist du��?�</p><p>Sie nickte. �Ja, deine Gef�hrtin aus Aniscans. Ich wurde wiedergeboren.�</p><p>Sie hatte keine �hnlichkeit mit der Kriegerin von einst. Sie war klein, hatte schwarzes, kurz geschorenes Haar und wirkte viel reifer als die junge Kriegerin, die sie auf der Suche nach Guillaume begleitet hatte. Doch in ihren Augen lag die gleiche Freude, die er damals in denen seiner Gef�hrtin gesehen hatte. Nomjas Tod w�hrend der Flucht aus Aniscans hatte sie alle sehr getroffen, besonders Mandred.</p><p>Nuramon schloss sie in die Arme; wie eine Freundin, die er lange nicht gesehen hatte.��Ich bin froh, dass du da bist.�</p><p>Als er sich von ihr l�ste, merkte er, wie sehr die Kriegerin seine Umarmung �berraschte.</p><p>Nuramon sah den Bogen in ihrer Hand.��Du bist eine Sch�tzin?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Du warst damals schon sehr gut.�</p><p>Sie l�chelte, schwieg aber. Gewiss war Nuramon ihr unheimlich. Sie konnte sich selbstverst�ndlich nicht an ihr fr�heres Leben erinnern, und er begegnete ihr, wie ein Zwerg einer Wiedergeborenen begegnete.</p><p>Pl�tzlich h�rte Nuramon Schreie. Sie kamen von vorn. �Haltet euch bereit!�, rief Obilee.</p><p>Nuramon reckte den Hals, doch die Sicht war ihm noch immer verwehrt. Daf�r vernahm er Schlachtenl�rm: das Klirren von Stahl und die Schreie der Verletzten.</p><p>Von Backbord drangen Rufe der Krieger.��Schneller!�, hie� es dort. Nuramon schob zwei Krieger zur Seite und dr�ngte sich zur Reling an der Backbordseite. Was er dort sah, traf ihn wie ein Blitz. Ein m�chtiger Dreimaster hielt auf sie zu. Der schwarze Baum des Tjured prangte auf dem Gro�segel. Die Feinde mussten das Riff auf dieser Seite hinter sich gelassen haben und versuchten nun dem Schiff der K�nigin den Weg abzuschneiden.</p><p>Als mittschiffs Schreie erklangen und Bolzen �ber ihre K�pfe hinwegflogen, war klar, dass die Schlacht f�r sie nun begonnen hatte.</p><p>Pl�tzlich ging ein Ruck durchs Schiff. Ein zweiter Schlag lief durch das Schiff der K�nigin und h�tte Nuramon fast von den Beinen gerissen. Der feindliche Dreimaster hatte sie mittschiffs gerammt! Dann brach das Chaos los. Von links und rechts drangen Kampfrufe an Nuramons Ohren.</p><p>Die Krieger um ihn herum wurden unruhig. Auch Nomja wirkte nerv�s. Nur Obilee schien keine Angst zu kennen. �Bogensch�tzen, tretet nach rechts!�, befahl sie, und Nuramon folgte ihren Worten, ohne zu z�gern. Er dr�ngte zur anderen Seite des Vorderkastells, wo die Formation entlang der Reling Aufstellung nahm.</p><p>Ein St�ck voraus sah er nun die ganze Reihe der Fjordl�nder Langboote. Etliche feindliche Schiffe, aber auch die Galeeren aus Reilimee hatten dort angelegt und befanden sich bereits im Kampf. Die Koggen aus Fargon bildeten einen dichten Pulk; sie waren fest miteinander vert�ut, und die Ordensritter, die als Verst�rkung eintrafen, mussten �ber mehrere Schiffe hinwegsteigen, um zur Kampflinie zu gelangen. Das Schlachtfeld wuchs und wuchs, und die _Elfenglanz_, auf der Nuramon sich befand, wurde nun ebenfalls Teil davon. Er versuchte unter den Firnstaynern Mandred auszumachen, doch sein Gef�hrte war im dichten Kampfgew�hl verborgen.</p><p>Obilee f�hrte sie zu einer L�cke in der Reling. Dort hatte man eine h�lzerne Treppe eingehakt, die dicht �ber dem ersten Schiff der Firnstayner endete. �Krieger, kommt zu mir nach vorn!�, rief Obilee. �Ihr Bogensch�tzen bleibt an der Reling! Und wagt nur sichere Treffer!�</p><p>Weitere Sch�tzen kamen von hinten und f�llten die L�cke bis zum Ende der Reling. Die �brigen nahmen in zweiter Reihe Aufstellung und w�rden einspringen, wenn einer von den Sch�tzen an der Reling ausfiele.</p><p>Wie die Sch�tzen zu seiner Rechten und Linken zog Nuramon einen Pfeil aus dem K�cher, legte ihn auf die Sehne und suchte ein sicheres Ziel. Da! Er entdeckte einen Ritter, der �ber ein Fallreep zu dem Langschiff direkt vor ihnen hinabstieg. Nuramon wollte die Sehne gerade loslassen, da merkte er, wie Nomja neben ihm einen Pfeil abschoss und sein Ziel traf.</p><p>Die K�mpfer bewegten sich zu schnell und unberechenbar f�r Nuramon. Schlie�lich entdeckte er eine Gruppe feindlicher Krieger, die sich in einiger Entfernung sammelten, offenbar um einen geballten Angriff vorzubereiten. Sie standen gewiss hundert Schritt entfernt, doch da sie so zahlreich waren und im Augenblick nicht von Gegnern bedr�ngt wurden, schoss Nuramon auf sie. Er wartete nicht einmal, bis der Pfeil angekommen war, sondern zog sogleich einen neuen aus dem K�cher.</p><p>Einer der Krieger ging mit einer Bauchwunde in die Knie, was dessen Gef�hrten dazu brachte, Deckung hinter der niedrigen Reling zu suchen. Weitere Pfeile zwangen sie dazu, sich zur�ckfallen zu lassen, bis sie au�er Reichweite waren.</p><p>Auf der Suche nach einem neuen Ziel sah Nuramon eine Flagge mit einem blauen Stern auf Silbergrund. Das war das Banner der _Albenstern_, die K�nig Njauldred ihm einst geschenkt hatte! Es war nicht mehr dasselbe Schiff, auf dem er mit Farodin und Mandred einst nach Osten gesegelt war. Die neue _Albenstern_ war viel gr��er, doch offenbar hatte man die Flagge beibehalten, vielleicht in Erinnerung an vergangenen Ruhm.</p><p>Mit einem Mal hatte Nuramon Mandred im Blick. Der Jarl hielt sich am Rand der _Albenstern_, wo er genug Platz fand, seine Axt zu schwingen. Er und seine M�nner steckten in Schwierigkeiten. Die Gegner waren weit in der �berzahl. Zudem war gerade ein einzelnes Ordensschiff zwischen den Elfengaleeren durchgesto�en und griff das Langboot links neben der _Albenstern_ an. Die Ritter st�rmten von Bord und drohten mit ihrem Angriff die von allen Seiten bedr�ngte Schlachtlinie der Fjordl�nder zu durchbrechen. Sie trieben einen Keil zwischen Mandred und die Elfen.</p><p>Nuramon legte auf das Ordensschiff an. Er zielte auf die kurze Planke, die es mit dem benachbarten Schiff verband. Ein Krieger des Tjured versuchte auf die _Albenstern_ zu gelangen. Nuramon schoss einen Pfeil ab. Im hohen Bogen flog das Geschoss und schlug kurz darauf in den Leib des Mannes.</p><p>Der Elf war unzufrieden. Er hatte auf den Kopf gezielt! Es verging einfach zu viel Zeit, bis ein Pfeil sein Ziel erreichte.</p><p>Am Ende w�rde er noch einen Freund treffen anstelle des Feindes.</p><p>Er legte einen neuen Pfeil auf die Sehne. Da geschah das, wovor Nuramon sich f�rchtete: Von hinten schlich ein Krieger auf Mandred zu, w�hrend dieser mit zwei Gegnern vor ihm besch�ftigt war! Schnell legte Nuramon an. Er musste sichergehen, dass er den Mann auch wirklich traf. Ein Fehler, und Mandred mochte tot sein. Als der feindliche Krieger das Schwert hob, verga� Nuramon alle Sorgfalt und lie� die Sehne vorschnellen. Er hielt den Atem an, als das Geschoss im hohen Bogen seinem Ziel entgegenflog.</p><p>Der Pfeil traf den Mann in die Brust.</p><p>Mandred fuhr herum und versetzte dem Krieger, der ohnehin im Fallen begriffen war, einen Hieb mit der Axt, der ihn �ber Bord schickte. Dann schaute er sich verwundert um und winkte einige Krieger zu sich. Darunter erkannte Nuramon Liodred in der R�stung des Alfadas. Mandred deutete zu Nuramon herauf, doch es schien nicht so, als h�tte er ihn erkannt. Dann wies er zu den Ordenskriegern, die sie von den Elfenkriegern trennten. Die Fjordl�nder auf der _Albenstern_ sammelten sich um Mandred und Liodred. Sie wollten durchbrechen, doch das hie�e, zwischen zwei Reihen von Feinden k�mpfen zu m�ssen.</p><p>�Da sind Mandred und K�nig Liodred!�, rief Nuramon den Sch�tzen in seiner N�he zu. �Sie sind umstellt und wollen ausbrechen, um sich zu uns durchzuschlagen!�</p><p>Obilee kam an Nuramons Seite und schaute zur _Albenstern_ hin�ber. Dann rief sie: �Alle links von Nuramon schie�en ihren ersten Pfeil auf die Krieger vor Liodred, alle rechts von ihm auf die Verfolger! Ab dem zweiten Pfeil schie�t ihr nur noch auf die Verfolger. Da darf keiner durchkommen!� Mit diesen Worten trat sie von der Reling fort und �berlie� den Sch�tzen ihr Werk.</p><p>Sie warteten darauf, dass Mandred den Befehl zum Durchbruch gab. Da! Der Jarl hob die Axt, und unter lautem Kampfgeschrei sprangen die Krieger um ihn herum aufs vierte Schiff.</p><p>Nuramon und die Kampfgef�hrten schossen ihre Pfeile ab. Dicht wie Hagelschlag prasselten sie auf den Feind. Jene, die verschont blieben, wussten nicht, wie ihnen geschah, und zogen die K�pfe ein.</p><p>Mandred und einige der Firnstayner schienen kurz zu stutzen, dann dr�ngten sie voran. Die zweite Salve traf nur noch die Verfolger und hielt sie f�r einen Moment auf. Schon dr�ngten die Schildtr�ger nach vorn. Doch diese kostbare Zeit mochte reichen, um Mandred den Durchbruch zu sichern. Die Ordensritter, die den Fjordl�ndern in den R�cken gefallen waren, waren nun nahezu eingekreist. Als sie merkten, dass sie auf verlorenem Posten standen, zogen sie sich auf ihren Zweimaster zur�ck. Mandred und Pelverics Elfen trafen aufeinander. Nuramon konnte sehen, wie Pelveric zu ihm heraufzeigte.</p><p>Mandred hob die Axt in die H�he und schrie: �Nuramon!� Dann lief er, gefolgt von den Mandriden, durch die Reihen der Elfenkrieger ihm entgegen.</p><p>Nuramon atmete auf und blickte hinab auf das Schlachtfeld. Es schien, als ginge der Plan der K�nigin auf. �berall entlang der Schiffssperre l�sten Elfenkrieger die ersch�pften Fjordl�nder im Kampf ab, und die Schlachtlinie quer �ber die Schiffe vermochte dem Feind wieder standzuhalten. Zwar waren sie immer noch unterlegen, weil die Ordensritter so viele Schiffe und Krieger besa�en, doch sp�testens, wenn die Trolle k�men, w�rde sich das Blatt wenden.</p></section><section><title><p>M�chtige Magie</p></title><p>�Holt das Vorsegel ein!�</p><p>Farodins Finger krallten sich um die Reling. Das war nicht zu fassen! Die Schiffe der Trolle waren ohnehin schon qu�lend langsam, und jetzt holten sie auch noch das Segel ein! Der Elf stand auf dem turmhohen Achterkastell der _Zermalmer_, des Flaggschiffs von Herzog Orgrim. Zwanzig Schiffe umfasste die Flotte, die Boldor, der K�nig der Trolle, aufgeboten hatte. Jeder dieser schwerf�lligen Segler erinnerte an eine schwimmende Burg, und die gr��ten von ihnen hatten mehr als dreihundert Trollkrieger an Bord. Diese Streitmacht w�rde die Entscheidung bringen, wenn sie sich denn in die Schlacht bewegte.</p><p>Herzog Orgrim stand beim Steuermann und beriet sich mit Skanga, seiner Schamanin. Es war zum Aus-derHaut-Fahren, dachte Farodin. Sie kamen ohnehin schon sp�t. Am Horizont konnte er als d�nne wei�e Linie vor dem grauen K�stengebirge die Segel der feindlichen Flotte ausmachen. Einzelne Rauchs�ulen verrieten, dass die Schlacht schon begonnen hatte. Der Angriff der Trolle w�rde den Kampf entscheiden. Und was taten diese hinterh�ltigen Elfenfresser? Sie refften die Segel!</p><p>�Du machst so ein verkniffenes Gesicht, Gesandter.� Orgrim und die Schamanin waren zu ihm her�bergekommen. Der Trollf�rst war zum Kampf gewappnet. Er trug einen Brustpanzer aus dunklem Leder. Ein B�renfell war um seine Schultern geschlungen. Er st�tzte sich auf einen Kriegshammer, dessen Kopf aus grauem Granit geschnitten war.</p><p>�Es muss an meiner Einfalt liegen, doch vermag sich mir die Strategie, mit der ihr die Schlacht unterst�tzt, nicht zu erschlie�en�, entgegnete Farodin, bem�ht, nicht allzu deutlich zu sagen, was er von den Verb�ndeten hielt.</p><p>Die Schamanin sah ihn finster an. Farodin sp�rte die Macht ihres Zaubers.</p><p>�Er glaubt, wir w�rden in aller Ruhe abwarten, wie die Ordensritter Fjordl�nder und Elfen niedermachen. Er zweifelt daran, dass wir unseren ehemaligen Feinden wirklich zu Hilfe eilen wollen�, sagte die Alte.</p><p>�Farodin ist ein kluger Mann, da er diese Gedanken f�r sich beh�lt. W�rde er mein Volk beleidigen, indem er das offen sagte, m�sste ich ihn in einen Sack Steine stecken und �ber Bord werfen lassen.� Der Trollf�rst sah ihn durchdringend an. Farodin w�nschte, auch er w�sste um die Gedanken seines alten Feindes. Er hatte Orgrim am Hof des Trollk�nigs Boldor wiedergesehen. Der K�nig hatte ihn als Gesandten Emerelles mit allen Ehren empfangen, und sehr zu Farodins �berraschung hatte Boldor dem Hilfegesuch zugestimmt, nachdem er sich eine Nacht lang mit seinen F�rsten beraten hatte.</p><p>Anschlie�end �u�erte Orgrim den ausdr�cklichen Wunsch, dass der Gesandte an Bord seines Schiffes untergebracht werde. Vom ersten Augenblick an, den Farodin sich unter den Trollen der Nachtzinne bewegte, hatte er ihre Feindschaft gesp�rt. Er war davon �berzeugt gewesen, die erste Nacht an Bord der _Zermalmer_ nicht zu �berleben. Der Herzog allerdings bem�hte sich um ihn und versuchte immer wieder mit ihm ins Gespr�ch zu kommen. Er verzichtete sogar darauf, ihm jegliche Art Fleisch servieren zu lassen.</p><p>�Wann werden wir angreifen?�, fragte Farodin ungeduldig. Das Schiff war gefechtsbereit. Auf dem Hauptdeck und dem Vorderkastell dr�ngten sich Trolle mit riesigen Schilden. Steine, die offenbar als Wurfgeschosse dienen sollten, lagen entlang der Reling bereit. Die kleinsten der Steine waren noch so gro� wie ein Kinderkopf. Die gr��ten aber waren massige Felsbrocken. Farodin fragte sich, wie selbst ein Troll solche Steine heben wollte.</p><p>�Du sp�rst es nicht?�, fragte Skanga. Bei jeder ihrer Bewegungen raschelten die Federn, Knochen und Steine, die auf ihr grobes Lederkleid aufgen�ht waren und die ihr in unz�hligen Schn�ren vom Hals hingen.</p><p>�Was sp�re ich nicht?�</p><p>�Die Macht der Magie, Elflein. Die Macht der Magie.� Die Schamanin kicherte. �Der Tidenhub hat sich ver�ndert. Die Ebbe will nicht einsetzen. Kannst du ermessen, wie m�chtig man sein muss, um das Spiel der Gezeiten zu ver�ndern? Wahrlich m�chtige Magie ist das.�</p><p>�Refft das Hauptsegel!�, befahl Orgrim. �Werft Anker.�</p><p>Farodin sp�rte, wie sich sein Magen zusammenzog. Das durfte alles nicht wahr sein! �H�ttest du die Freundlichkeit, mir zu sagen, was das zu bedeuten hat, Orgrim?�</p><p>Der Herzog deutete zum Schiff des K�nigs. Am Hauptmast wurde eine gro�e rote Fahne aufgezogen. �Boldor ruft alle F�rsten und Schamanen zum Kriegsrat. Er wird wollen, dass du auch kommst.� Orgrim wandte sich kurz ab und winkte einigen Kriegern zu.��Macht das Beiboot klar!�</p><p>�Das ist nicht dein Ernst�, rief Farodin emp�rt.</p><p>�Elf, ich wei�, was deinesgleichen von meinem Volk denkt! Aber wir sind keineswegs die ungest�m vorpreschenden Trottel, f�r die ihr uns haltet. Wir planen unsere Schlachten. Und so wird es auch diesmal sein. Mit einem Magier unter den Menschen, und dazu mit einem so m�chtigen, haben wir nicht gerechnet. Wir werden unsere Pl�ne der ver�nderten Lage anpassen.�</p><p>�Er f�rchtet, wir wollen zu den wei�en Priestern �berlaufen�, sagte die Schamanin.</p><p>Farodin h�tte der alten Vettel den Hals umdrehen m�gen.</p><p>Orgrim stie� einen knurrenden Laut aus. Dann ging er in die Knie, sodass er mit Farodin auf einer Augenh�he war. �Ich wei�, du w�rdest mich und alle Trolle am liebsten tot sehen. Und du traust uns nicht einmal so weit, wie du spucken kannst. Trotzdem hoffe ich, dass in der �dnis deiner Rachegedanken noch ein letztes F�nkchen Verstand glimmt. Die Tjuredpriester wollen alle Albenkinder vernichten. Ganz gleich ob Kentauren, Elfen, Bl�tenfeen�� oder Trolle. Wir k�mpfen mit euch, weil wir wissen, dass wir an der Seite der Fjordl�nder und Elfen st�rker sind. Und weil wir wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die wei�en Priester auch die Nachtzinne und all unsere anderen Burgen angreifen werden. Du bist ein �berlebender der Trollkriege, Farodin. Du wei�t, wir warten nicht, bis der Krieg zu uns kommt. Wir tragen ihn in das Land unserer Feinde. Deshalb sind wir hier!�</p><p>�Und was h�lt euch davon ab, in aller Ruhe zuzusehen, wie sich eure Feinde gegenseitig umbringen, um dann den �berlebenden den Rest zu geben?�</p><p>Orgrim richtete sich abrupt auf.��So denkt ein Elf, aber kein Troll! Sei vorsichtig, Farodin. Irgendwann ist selbst dein Ma� voll.�</p></section><section><title><p>Vor der K�nigin</p></title><p>Mandred nahm den Helm ab und fuhr sich durch das schwei�nasse Haar. Nuramon f�hrte ihn und Liodred zum Heck der Galeere. Der Jarl war stolz, Freunde wie Nuramon zu haben. Der Elf hatte ihm den Hals gerettet. Und eine Kriegerin, welche die Seele einer alten Gef�hrtin trug, hatte ihn dabei unterst�tzt. Nuramon hatte sie als Nomja vorgestellt�� _Die_ Nomja! Zum ersten Mal erlebte er, was Wiedergeburt bedeutete. Er hatte Nomja sterben sehen und erblickte nun ihre Seele in einem neuen Gewand. Sie stand am Bug des Schiffes, beschirmt durch einen Schildtr�ger, und tat das, was sie auch in ihrem fr�heren Leben am besten gekonnt hatte: Bogenschie�en!</p><p>Die Elfenkrieger best�rmten eine gro�e Kogge, deren Bug mittschiffs die Reling der _Elfenglanz_ �berragte. Es schien, als h�tten die Elfen das Schiff bald eingenommen.</p><p>Ohne auf das Kampfgeschehen zu achten, f�hrte Nuramon sie weiter zum Achterkastell, vor dem die K�nigin sie erwartete.</p><p>�Mandred!�, rief Yulivee und lief ihm entgegen. Der Jarl war �berrascht, die kleine Zauberin hier zu sehen. Doch Emerelle wusste gewiss, was sie tat. Mandred nahm das M�dchen auf den Arm. Die Kleine dr�ckte ihm einen Kuss auf die Wange.��Gut, dass du da bist�, sagte sie dann und spielte mit seinen Z�pfen.</p><p>Nuramon wandte sich an die K�nigin. �Dies ist Liodred von Firnstayn, und an Mandred wirst du dich bestimmt noch erinnern.�</p><p>�Gewiss�, sagte Emerelle. �Doch zun�chst berichte mir: Wie steht die Schlacht?�</p><p>�Im Augenblick gewinnen wir an Boden�, antwortete Nuramon.</p><p>�Der Feind hat eine erdr�ckende �bermacht�, mischte sich Mandred ein. �Wir konnten unsere Flanken nicht sch�tzen. Er wird versuchen, uns einzukreisen. Wie viele Schiffe und Krieger hast du mitgebracht, Herrin?� Der Jarl stellte Yulivee wieder auf den Boden.</p><p>�Mandred Aikhjarto, wie immer sprichst du unbeschwert von der Last h�fischer Etikette!�, sagte die K�nigin schmunzelnd. �Es erfreut mein Herz, dich zu sehen. Und es freut mich ebenso, dich kennen zu lernen, Liodred, K�nig von Firnstayn. Wir sind mit allen Schiffen und Kriegern gekommen, welche die Elfen von Albenmark aufzubieten vermochten. Wir werden eure Flanken sichern, und meine Streiter werden die ersch�pften K�mpen in der Schlachtreihe auf der Schiffsbarriere abl�sen. Zieh deine M�nner zur�ck, Liodred, und lass sie zu neuen Kr�ften kommen. Wir Albenkinder sind hier, um die alte Schuld mit unserem Blut zu begleichen.�</p><p>Liodred verbeugte sich. �Wir werden so kurz wie m�glich verweilen und bald wieder die Schlacht suchen. Der K�nig muss seinen Kriegern nahe sein, sonst verlieren sie ihren �� Liodred wurde durch laute Entsetzensschreie unterbrochen. Mittschiffs brach eine Gruppe Elfen wie von unsichtbaren Pfeilen getroffen in sich zusammen. Einige wanden sich im Todeskampf und stie�en gellende Schreie aus. Die meisten aber lagen reglos da.</p><p>Mandred blickte zur feindlichen Kogge hin�ber und traute seinen Augen kaum. Eben noch hatte er gesehen, wie die Elfen dort an Boden gewannen, doch nun standen nur noch die Feinde entlang des Schanzkleids. Nirgendwo auf der gro�en Kogge wurde mehr gek�mpft!</p><p>Pl�tzlich fielen direkt neben der K�nigin drei Wachen zu Boden, als erfasse sie eine steife Windb�, um ihnen das Leben aus den K�rpern zu rei�en.</p><p>Erschrocken wichen alle auf die Steuerbordseite zur�ck.</p><p>�Was, bei den G�ttern, geht hier vor?�, rief Liodred. Blankes Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. �Was ist das f�r eine heimt�ckische Art des T�tens?�</p><p>Nuramon riss Yulivee mit sich. Nur die K�nigin schien wie in Bann geschlagen. Sie verharrte, starrte zum Schiff hin�ber und fl�sterte:��Also doch���</p><p>Mandred konnte sehen, wohin ihr Blick fuhr. Auf dem Achterkastell der gro�en Kogge stand ein Mann mit nachtblauen, wehenden Gew�ndern und erhobenen H�nden. Er sah aus wie die M�nche, die sie in Iskendria zwischen den Ordensrittern gesehen hatten.</p><p>�Emerelle!�, rief Nuramon.</p><p>Meister Alvias sprang vor die K�nigin und stie� sie zur�ck. Etwas schien ihn zu packen. Er taumelte und fasste sich ans Herz. Dann fiel er der K�nigin vor die F��e.</p><p>�Alvias?�, stie� Emerelle ungl�ubig hervor und kniete sich neben den alten Hofmeister.</p><p>Alvias r�chelte und fasste ihre Hand. Er k�mpfte verzweifelt darum, etwas zu sagen. �Verzeih mir die Grobheit, meine K�nigin!�, hauchte er mit zitternder Stimme. �Es ist mein Schicksal, dich �� Seine Augen wurden glasig, sein Atem brach.</p><p>Auf dem Gesicht der K�nigin stand zuerst Fassungslosigkeit geschrieben, doch dann wuchs ein L�cheln darauf.</p><p>Mandred war ersch�ttert, sie in diesem Moment l�cheln zu sehen. Kannte Emerelle denn �berhaupt kein Mitgef�hl? Nicht einmal f�r ihre n�chsten Vertrauten? Der alte Hofmeister hatte sein Leben f�r sie gegeben, und sie l�chelte!</p><p>Pl�tzlich erglomm um die K�nigin herum ein zartes Licht. Es drang aus dem K�rper von Alvias, umfloss ihn und h�llte ihn ein wie glitzernde Seident�cher. Dann begann Alvias� Gestalt im silbernen Schein zu verschwimmen. Die Elfenk�nigin hielt noch immer seine Hand. Doch w�hrend ihre feingliedrigen Finger klar sichtbar blieben, wurden seine durchscheinend. Auch die R�stung und das Schwert des Hofmeisters verblassten. Schlie�lich wurde Alvias eins mit dem silbernen Schein, der ihn umgab. Dann verlor sich das Leuchten wie Rauch, der vom Wind zerteilt wurde. Zur�ck blieb nichts au�er einem Bl�tenduft, der Mandred vertraut erschien. Er hatte ihn schon einmal in Firnstayn bemerkt, in dem Zimmer, in dem die Elfe Shalawyn gestorben war.</p><p>Der glitzernde Schein um Alvias musste das Mondlicht gewesen sein. Nuramon und Farodin hatten so oft davon gesprochen, und doch hatten all ihre Worte Mandred nicht beschreiben k�nnen, wie es wirklich war. Der Jarl hatte das Gef�hl, Zeuge von etwas G�ttlichem geworden zu sein, von einem Wunder.</p><p>Auch die anderen waren tief aufgew�hlt und hatten einen Augenblick lang die Schlacht vergessen. Yulivee starrte mit offenem Mund auf die Stelle, an der Alvias verschwunden war.</p><p>Die K�nigin lie� sich von Nuramon aufhelfen.��Er hat mich gerettet�, sagte sie.��Das also war sein Schicksal.�</p><p>�Was hat ihn get�tet?�, fragte Yulivee Nuramon. Sie schien solche Angst zu haben, dass sie nur fl�sterte.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete der Elf.</p><p>Mandred blickte zu dem Mann in dem nachtblauen M�nchsgewand. Alvias� Tod und sein Weg ins Mondlicht, all dies hatte nur wenige Augenblicke gedauert. Der Tjuredpriester wirkte v�llig ersch�pft. Gebeugt stand er an der Reling und musste sich mit beiden H�nden festhalten. Ordensritter eilten herbei, um ihn mit ihren Schilden abzuschirmen.</p><p>Verfluchter Priester, dachte Mandred. Diese Bastarde hatten nichts mehr mit dem Heiler Guillaume gemein, den sie einen Heiligen nannten. Weiter konnte man sich von Guillaumes Idealen nicht entfernen als � Der Jarl dachte an den Zwischenfall in Aniscans. Bei Luth! Das durfte nicht wahr sein! Er schlug das Zeichen des sch�tzenden Auges. �Erinnerst du dich an Aniscans, Nuramon?�, fragte er mit halb erstickter Stimme.��Daran, was geschah, als wir auf den Marktplatz gekommen sind?�</p><p>�Bei allen Alben!� Mit schreckensweiten Augen sah der Elf zu der hochbordigen Kogge. �Die werden uns einfach t�ten und brauchen nicht einmal ihre Schwerter dazu.�</p><p>Krachend schlug eine Enterbr�cke auf das Flaggschiff der Elfen. Schon formierte sich eine Einheit Ordensritter, um herabzust�rmen. Der Priester und seine Leibwachen verlie�en das Achterkastell und schlossen zu ihren Kriegern auf.</p><p>Nuramon wandte sich an Emerelle. �K�nigin, wir m�ssen hier fort! Sonst ist alles verloren.�</p><p>Liodred deutete nach steuerbord.��Der Schildwall auf der Schiffsbarriere steht, Herrin. Wir k�nnen uns �ber die Langboote zu einer anderen Elfengaleere durchschlagen.�</p><p>Die wenigen �berlebenden Elfen an Bord st�rmten der Enterbr�cke entgegen, um die Ordensritter aufzuhalten, bevor zu viele von ihnen an Bord Fu� fassten.</p><p>�Mandriden zu mir!�, rief Liodred und winkte den Kriegern auf dem n�chstgelegenen Langboot zu. �Der K�nig fordert euer Blut!�</p><p>�K�nigin?�, fragte Nuramon.</p><p>Emerelle nickte nur. Sie nahm Yulivees Hand und betrachtete das Kind gedankenverloren. Mandred sah, wie eine einzelne Tr�ne ihre Wange hinabperlte, als beweinte sie bereits das Ende von allem.</p></section><section><title><p>Knochenspiel</p></title><p>Die Knochen h�pften �ber den gro�en Tisch mit Karten, der mittschiffs auf der _Albenhammer_, dem Flaggschiff des Trollk�nigs, aufgestellt war. Farodin hatte die Daumen in seinen Schwertgurt eingehakt und bem�hte sich um Fassung. Die Art, auf die Trolle Krieg f�hrten, war ihm gelinde gesagt befremdlich. Er schielte zu den Rauchwolken, die jenseits der Klippen aufstiegen. Wie die Schlacht wohl stehen mochte?</p><p>Die alte Schamanin blickte lange auf die Kn�chelchen auf dem Tisch. �Der Schatten des Todes liegt �ber Emerelle�, sagte sie mit tonloser Stimme. �Es ist ein Mensch, der mit seiner Macht nach ihr greift. Ein einzelner Mann, der mehr als hundert Elfen get�tet hat.�</p><p>Alle Augen wandten sich zu Farodin. �Das � das ist unm�glich�, sagte er. �Kein Mensch ist einem Elfen im Kampf gewachsen. Du musst dich irren.�</p><p>�Sagst du das, weil nicht sein kann, was nicht sein darf?�, fragte Boldor. Der K�nig der Trolle war fast vier Schritt gro�. Breite Narben bedeckten seinen nackten Oberk�rper. Die langen spitzen Ohren waren eingerissen und verwachsen. Helle Augen lugten unter einer wulstigen Stirn hervor und musterten Farodin kritisch. �Wirf die Knochen noch einmal, Skanga!�</p><p>Die Schamanin f�gte sich mit einem b�sen Seitenblick auf Farodin. Klackernd rollten die gelben, abgegriffenen Kn�chelchen �ber den Tisch. Skanga verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Es ist, wie ich sagte: Der Schatten des Todes liegt �ber Emerelle. Deutlich sp�re ich die b�se Macht des Menschen. Es ist die Art seiner Magie, die ihn so t�dlich macht. Sie wirkt ganz anders als unsere Zauber. Er nimmt die Kraft aus der Welt und aus den Herzen der Elfen. Das ist es, was sie t�tet. Ganz gleich, was er zaubert, man darf nicht in seiner N�he sein.�</p><p>�W�rde diese Magie auch Trolle t�ten?�, fragte Herzog Orgrim.</p><p>�Sie t�tet jedes Albenkind!�</p><p>�Und kann man sich mit einem Bannspruch dagegen sch�tzen?�, setzte der Herzog nach.</p><p>�Nein. Diese Magie ist anders. Nichts bietet davor Schutz. Menschen jedoch kann dieser Zauber nicht verletzen.�</p><p>Farodin f�hlte sich an die Ereignisse in Aniscans erinnert. Gab es einen zweiten Mann wie Guillaume? Konnte ein Mensch denn jemals so m�chtig werden wie ein Bastard, der zur H�lfte Elf und zur H�lfte Sohn eines Devanthars war?</p><p>�Was also r�tst du zu tun, Skanga?�, fragte der Trollk�nig ernst.</p><p>�Wer immer sich in die N�he des Zauberers wagt, der spuckt dem Tod ins Antlitz. Im Augenblick ist er geschw�cht. Doch ich sp�re, wie seine Macht mit jedem Herzschlag wieder w�chst.�</p><p>Der K�nig rieb sich mit der Faust die Stirn.</p><p>�Gebt mir ein Boot�, sagte Farodin entschieden. �Ich werde an der Seite meines Volkes k�mpfen.�</p><p>Boldor �berging ihn.��Was wird geschehen, wenn wir in die Schlacht eingreifen?�</p><p>Wieder warf die Schamanin die Knochen. Diesmal blickte sie lange auf das verwirrende Muster.��Wenn wir k�mpfen, wird k�nigliches Blut vergehen�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Der K�nig strich sich mit dem Zeigefinger �ber die wulstige Unterlippe. �Emerelle und der K�nig des Fjordlands k�mpfen dort auch, nicht wahr?�</p><p>�Sie beide stehen dem schrecklichen Magier gegen�ber.�</p><p>Boldor hieb mit der Faust auf den Kartentisch. �Koboldschei�e!�, br�llte er leidenschaftlich. �Wir werden nicht hier warten und zusehen, wie Emerelle und dieser Menschenk�nig allen Ruhm allein ernten. Holt die Segel ein und bemannt die Ruder! Wir ziehen in die Schlacht.� Er deutete auf die Rauchs�ulen hinter den Klippen.��Sch�ttet Wasser �ber die Decks, ich will keines meiner Schiffe brennen sehen.�</p><p>�Auf welche Weise sollen wir angreifen?�, fragte Orgrim.</p><p>�Auf Trollweise! Wir schicken jedes Schiff auf den Meeresgrund, das sich uns in den Weg stellt.�</p><p>Noch einmal klapperten die Knochen. �Da ist eine Gefahr am Westfl�gel. Etwas �� Die Schamanin schob einige Knochen auseinander.��Etwas verbirgt sich dort.�</p><p>Der K�nig blickte auf und wies zu den Rauchs�ulen. �Um diese Gefahr zu erkennen, brauche ich deine Hilfe nicht, Skanga. Dort brennen die meisten Schiffe. Wir werden uns vorsehen und auf den Flug der Funken achten.�</p></section><section><title><p>Emerelle in Gefahr</p></title><p>Sie standen in einem verzweifelten Kampf. Allein Mandred, K�nig Liodred und die Mandriden bewahrten die Elfen davor, von Feinden eingeschlossen zu werden. Die Firnstayner versuchten eine Gasse auf dem Deck zu schaffen, damit die K�nigin �ber das Vorderkastell zu den Langbooten entkommen konnte. Ein kleiner Trupp von Ordensrittern war durchgebrochen und besetzte die Kampfplattform am Bug, doch den Mandriden war es gelungen, sie vom Rest ihrer Truppen abzuschneiden. Obilee versuchte die Bastion �ber dem Bug mit einer Hand voll Elfenkrieger wieder zur�ckzuerobern. Verzweifelt rangen indessen die Mandriden darum, einen zweiten Durchbruch der Feinde zu verhindern und die Ordensritter zu ihrer Kogge zur�ckzudr�ngen.</p><p>Emerelle war von ihrer Leibwache umgeben. Sie hielt sich dicht an der Reling und dr�ckte Yulivee an sich. Noch immer schien sie mit ihren Gedanken abwesend zu sein.</p><p>Die Zahl der Verletzten stieg, und es schien nur mehr eine Frage der Zeit zu sein, bis die �bermacht der Gegner ihre Reihen zersplitterte.</p><p>Nuramon behielt die Kogge im Auge, doch den Priester konnte er nicht sehen. Er bef�rchtete, dass dieser, verborgen von seinem Tross, langsam vorr�ckte. So nah, wie die K�nigin ihm jetzt war, k�nnte er sie und ihre ganze Leibwache mit einem einzigen Zauber ausl�schen.</p><p>Ein Krieger hatte Mandred umgangen und n�herte sich. Schnell legte Nuramon an und schoss. Der Feind ging zu Boden, doch zwei weitere nahmen seinen Platz ein. Nuramon erkannte, dass die Mandriden nicht l�nger in der Lage waren, die Gegner zur Kogge zur�ckzudr�ngen, sondern nun alles taten, um m�glichst wenige vorbeizulassen. Auch der Kampf um das Vorderkastell der Galeere wollte nicht vorangehen.</p><p>Noch immer hielten sich dort Ordensritter und versperrten den Weg zu den Langbooten.</p><p>Nuramon schoss und schoss. Als ein Krieger einem seiner Pfeile auswich und bereits mit dem Schwert ausholte, wusste Nuramon, dass er nie und nimmer rechtzeitig einen neuen Pfeil auf die Sehne bringen w�rde. Er riss den Bogen hoch, um damit nach dem Mann zu schlagen, doch ein Gardist der K�nigin kam ihm zu Hilfe und schwenkte seinen Speer. Der Lauf des feindlichen Kriegers endete in der Speerspitze. Der Tjuredanbeter riss dem Gardisten den Schaft aus der Hand, taumelte zur�ck und fiel leblos zu Boden.</p><p>Pl�tzlich waren die Bogensch�tzen aus Alvemer da und unterst�tzten sie. Nomja kam an Nuramons Seite. �Was war das eben?�, fragte sie.</p><p>Nuramon h�tte lieber geschwiegen. Er verstand selbst nicht alle Zusammenh�nge. Immer wieder musste er an Mandreds Worte denken. Der Jarl hatte ihn gefragt, ob er sich an Aniscans erinnere. Selbstverst�ndlich hatte Nuramon nicht vergessen, wie Gelvuuns durch Guillaumes Zauberkraft den Tod gefunden hatte.��Da ist ein Priester des Tjured!�, war alles, was er Nomja antwortete.</p><p>Nuramon schaute sich nach Yulivee um. Sie klammerte sich an Emerelles Arm. Das Klirren der Waffen und die Schreie der Verwundeten lie�en das Kind immer wieder zusammenzucken. Sie vergrub ihr Gesicht in Emerelles Kleid.</p><p>Obilee war in der N�he und unterst�tzte mit ihren Leuten den Kampf der Mandriden. �Geht nicht zu weit vor!�, rief sie. Sie f�hrte ihr Schwert mit gro�er Kraft, und an der Klinge entlang zitterten kleine blaue Blitze. Wann immer ihr Schwert auf einen Gegner niederfuhr, zuckte dieser und schrie, als w�re der Blitzzauber schlimmer als der Stahl, der in seinen Leib drang. Hinter Obilee und ihren Kriegern standen unbewaffnete Elfen. Das waren Ruderer!</p><p>Mandred und Liodred lie�en sich mit den Firnstaynern ebenso zur�ckfallen wie Obilee mit ihren Kriegern. So bekamen die Sch�tzen aus Alvemer eine freie Schusslinie auf die Feinde. Sie schossen Pfeil nach Pfeil, sodass nur wenige Gegner sich vorwagten. Jene, die es taten, wurden von den Mandriden zu beiden Seiten der Sch�tzen niedergestreckt. Die Mehrzahl der Ritter zog sich bis fast zur Reling zur�ck und bildete dort einen Schildwall.</p><p>Nuramon hatte bald all seine Pfeile verschossen und �berlie� seinen Platz in der Reihe einem Speertr�ger. Er wandte sich an die K�nigin.��Emerelle!�</p><p>Sie schaute ihn an, sagte aber nichts.</p><p>�Wir werden es schaffen�, sagte er, auch wenn er wusste, wie schlecht es um sie alle und um Albenmark stand. Er schaute �ber die Reling ins Wasser und sah, dass dort dutzende Elfen schwammen. Ob das die Ruderer waren? Oder hatten gar Krieger es gewagt zu fliehen?</p><p>Die Gardisten vor Emerelle �ffneten ihre Reihen, als Obilee sich mit Mandred und Liodred an die K�nigin wandte.��Wir bringen dich zu Ollowain. Er k�mpft nicht weit von hier auf einem Langboot. Ein Angriff noch, und wir haben unser Vorderkastell zur�ckerobert. Dann ist der Weg frei.� Sie atmete schwer.</p><p>Emerelle schwieg.</p><p>�K�nigin?�, fragte Obilee.</p><p>�Ich bin in deinen H�nden, Obilee�, antwortete Emerelle schlie�lich und schien durch die Kriegerin hindurchzuschauen.</p><p>Nuramon blickte auf das Schlachtfeld der Fjordl�nder. Weitere feindliche Schiffe waren hinzugekommen. Der Weg von der Galeere der K�nigin bis zum Schiff Ollowains war auf jedem Schritt umk�mpft. �Wir werden es nicht rechtzeitig schaffen�, rief Nuramon. Er deutete zur Kogge hin�ber. �Der Priester ist dort irgendwo. Und w�hrend wir hier stehen, sammelt er neue Kr�fte f�r seinen n�chsten Zauber. Wir k�nnen nicht mehr warten, bis das Vorderkastell freigek�mpft ist! Jeden Augenblick mag uns das Verh�ngnis ereilen!�</p><p>�Vielleicht m�ssen auch wir schwimmen�, schlug Yulivee vor.</p><p>Emerelle strich der Kleinen �ber den Kopf.��Nein, die K�nigin wird nicht davonschwimmen. Ich gehe �ber die Schiffe!� Endlich schien sie mit ihren Gedanken bei der Sache zu sein.��Obilee! Ich m�chte, dass du uns den Weg freizauberst.�</p><p>Die Kriegerin nickte. �Ja�, sagte sie leise. �Aber das wird nicht reichen. Selbst wenn ich dich rette, kann der Priester die Schlacht f�r sich entscheiden.�</p><p>Mandred mischte sich ein. �Dann m�ssen wir Menschen den Priester eben t�ten. Ich und meine Mandriden werden uns zu ihm durchschlagen!�</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. �Mandred, das ist viel zu gef�hrlich!�</p><p>�Wenn ihr Elfen sterbt oder flieht, dann sind wir verloren. Dieses Priesterpack wird Firnstayn vernichten! Lass mich das tun, was getan werden muss! W�nsch mir lieber Gl�ck!�</p><p>Nuramon tauschte Blicke mit Obilee und der K�nigin. Beide nickten. �Mandred!�, sagte er. �Ich kenne keinen Mutigeren als dich, ob Mensch oder Albenkind.�</p><p>Mandred schloss Nuramon in die Arme, dann wandte er sich an Liodred. �Wir werden wie ein Schwert durch ihre Reihen dringen und sie zur�ck auf ihr Schiff pr�geln!� Der Jarl blickte noch einmal zur�ck, und Nuramon f�rchtete, dass er seinen Freund nie wiedersehen w�rde.</p><p>Die Firnstayner sammelten sich zwischen den Bogensch�tzen. Mandred sprach einige Worte mit Nomja.��F�r Firnstayn!�, schrie er dann, und die Menschen liefen los, von Pfeilen links und rechts gedeckt. Mit Waffengeklirr und wilden Schreien prallten sie auf den Schildwall der Ritter.</p><p>�Wir m�ssen los!�, erkl�rte Obilee.</p><p>Nuramons Blick fiel auf die Luke zum Unterdeck. Dann schaute er zum Achterkastell zur�ck. Er wandte sich an Yulivee.��Hast du meine Pfeile?�</p><p>Die Kleine hielt ihm den K�cher mit zitternden H�nden hin.</p><p>Dankend nahm er ihn entgegen. Dann holte er die Zwergenpfeile heraus, steckte sie sich in den K�cher, den er trug, und rief:��Obilee! Emerelle! Ich habe einen Plan!� Er deutete auf die Luke, die hinab zum Deck der Ruderer f�hrte.</p></section><section><title><p>Steine und Trolle</p></title><p>Unter dem Deck der _Zermalmer_ dr�hnte dumpf der Schlag der Kesselpauke. Rhythmisch tauchten die Ruder ins Wasser und w�hlten es zu wei�er Gischt auf. Farodin war �berrascht, wie diszipliniert die Trolle den Takt hielten und wie schnell das schwerf�llige Schiff unter Rudern vorankam.</p><p>Weniger als eine Viertelmeile trennte sie noch von einer gro�en Kogge, die auf sie zu hielt. Nur wenige Schiffe der Priesterflotte hatten es geschafft, zu wenden und Kurs auf den neuen Feind zu nehmen, der in ihrem R�cken aufgetaucht war. Die �berwiegende Masse der Koggen dr�ngte sich im engen Fjord, um den Kampf gegen die Schiffsbarriere der Firnstayner zu unterst�tzen. F�r sie war es unm�glich, sich schnell aus dem Gefecht zu l�sen, um sich den Trollen zu stellen.</p><p>Farodin zog den Kinnriemen seines Helms nach und pr�fte den Sitz seines Waffengurts. Den schweren Schild lie� er noch an die Reling gelehnt stehen. Er w�rde ihn aufnehmen, sobald das Gefecht begann.</p><p>Herzog Orgrim st�tzte sich l�ssig auf seinen gro�en Kriegshammer. �Wir k�mpfen erst, wenn wir in das Gedr�nge vorsto�en�, sagte er ruhig. �Die dort vorn werden uns nicht aufhalten.�</p><p>Farodin blickte dem feindlichen Dreimaster entgegen. Das Schiff war viel kleiner als die Galeasse der Trolle. Einen Atemzug lang empfand der Elf Respekt vor den Ordensrittern, die furchtlos einen so viel m�chtigeren Feind angriffen. Das Hauptsegel mit dem Wappen der verbrannten Eiche verdeckte den Blick auf das Achterkastell des Schiffes. Farodin fragte sich, auf welche Weise sich die Menschen wohl auf den ungleichen Kampf vorbereiteten. Bisher hielt die Kogge genau auf sie zu, ganz so, als wollte sie das Trollschiff rammen.</p><p>�Er wird im letzten Moment ausscheren und versuchen, unsere Ruder auf der Backbord- oder Steuerbordseite zu zerst�ren�, sagte Farodin.</p><p>�Ich wei߫, entgegnete Orgrim ruhig. Er winkte einem der Anf�hrer mittschiffs. �Macht die Deckbrecher bereit!� Entlang der Reling kam Bewegung in die Trolle.</p><p>Die beiden Schiffe trennten jetzt weniger als hundert Schritt. Farodin umklammerte die Reling des Achterkastells und machte sich auf den Aufprall gefasst. Er zweifelte nicht daran, dass die Trolle das Gefecht gewinnen w�rden. Aber sie w�rden Zeit verlieren. Zeit, die sie nicht mehr hatten, wenn sie Emerelle und den Fjordl�ndern in ihrem verzweifelten Kampf beistehen wollten.</p><p>Die Armbrustsch�tzen auf dem Vorderkastell der Kogge er�ffneten das Feuer. Ein Troll fiel mit einem Bolzen in der Stirn. Ein anderer grunzte und zog sich ein Geschoss aus der blutenden Schulter. Die Trollkrieger hoben nicht einmal ihre Schilde, um sich vor dem Beschuss zu sch�tzen, sondern verharrten in stoischer Todesverachtung.</p><p>Pl�tzlich scherte die Kogge nach steuerbord aus.</p><p>�Ruder steuerbord auf!� Orgrims Ruf war laut wie ein Fanfarensto�. Die Kesselpauke verstummte. Die Ruderbl�tter tauchten aus dem Wasser. Einen Augenblick lang verharrten sie waagerecht vom Rumpf abstehend. Die Kogge war nur noch wenige Schritt entfernt.</p><p>Hastig wurden die langen Riemen nun durch die engen Ruderluken eingezogen. Krachend zersplitterten die ersten, als die Kogge in zwei Schritt Abstand das Trollschiff passierte. Die meisten Ruder wurden jedoch geborgen.</p><p>�Die Deckbrecher!�, rief Orgrim.</p><p>Steuerbord duckten sich entlang der Reling mehr als ein Dutzend Trolle. Jeweils zu zweit hoben sie die riesigen Felsbrocken, die Farodin schon zuvor aufgefallen waren. Wie M�llersburschen in der Menschenwelt, die Schwung holten, um einen Mehlsack auf einen hohen Kutschwagen zu werfen, schwenkten die Trolle die Felsbrocken ausgelassen vor und zur�ck und lie�en sie dann in hohem Bogen auf die Kogge zufliegen.</p><p>Das Schiff der Menschen lag viel niedriger. Farodin konnte sehen, wie die Ritter mittschiffs ihre Schilde �ber die K�pfe gehoben hatten. Dicht miteinander verkeilt, bildeten die Wappen einen Wald toter B�ume. Gegen die Felsbrocken sch�tzte sie das nicht. Fast senkrecht schlugen sie auf die Schilde, zermalmten die M�nner und zerschlugen die Decksplanken. Krachend und splitternd verschwanden die Felsbrocken im Rumpf des Schiffes.</p><p>Neben Farodin schlug ein Armbrustbolzen in die Reling. Der Elf blickte auf. Die Mastk�rbe der Kogge waren mit Sch�tzen besetzt. Weitere Bolzen prasselten auf das Achterkastell. Ein Geschoss traf den Steuermann an der Ruderpinne ins Bein. Er fluchte. Doch niemand hier machte Anstalten, in Deckung zu gehen. Farodin war sich klar, dass man schon einen ausgesprochenen Gl�ckstreffer landen musste, um einen Troll mit einem einzigen Bolzen zu t�ten. Bei ihm allerdings sah das anders aus.</p><p>Neben ihm an der Reling lehnte noch immer sein Schild. Der Elf blickte zum Herzog. Dieser stand ganz ruhig auf seinen Streithammer gelehnt. Nein, dachte Farodin, diesen Triumph w�rde er den Bastarden nicht g�nnen! Gewiss warteten alle hier darauf, wie er sich feige hinter seinem Schild verkroch, w�hrend die Trolle den Beschuss stoisch �ber sich ergehen lie�en. So stellte er sich lediglich ein wenig seitlich, um den Sch�tzen weniger Trefferfl�che zu bieten.</p><p>�Wir haben lange an der Angriffstaktik mit den Felsbrocken gefeilt�, sagte Orgrim so entspannt, als s��e er in der Nachtzinne an seiner Festtafel und st�nde nicht auf einem Deck, das unter Beschuss lag. �Ich h�tte gern gesehen, wie diese Art des Angriffs sich gegen Elfen bew�hrt. Eure Schiffe sind von leichter Bauart und haben nur wenige Decks, soweit ich wei�. Gewiss w�ren die Steine bis durch den Kiel geschlagen.�</p><p>�Ich sch�tze eher, wir h�tten euch nicht bis auf Steinwurfweite an uns herankommen lassen�, entgegnete Farodin k�hl.</p><p>Insgeheim war er jedoch froh, dass es nie zu einer Seeschlacht mit den Trollen gekommen war.</p><p>�Willst du dich nicht sch�tzen?�, fragte der Herzog und deutete auf Farodins Schild an der Reling.��Ich k�me nur ungern in die Lage, K�nig Boldor deinen Tod erkl�ren zu m�ssen.� Der Troll blutete aus einer tiefen Schramme, die sich �ber seinen kahlen Sch�del zog. �Oder glaubst du, du w�rst ebensolch ein Dicksch�del wie ich?�</p><p>�Ich glaube, dass kein Mensch auf einen Elfen schie�en wird, der von Trollen umringt ist, die man viel leichter treffen kann.�</p><p>Orgrim lachte. �F�r einen Elfen hast du das Herz am rechten Fleck. Schade, dass mein Urahn dein Weib erschlagen hat und du ihm die Seelenfehde geschworen hast. Ich werde dich nur ungern t�ten, wenn die Schlacht vorbei ist und unser beider Frieden endet.�</p><p>�Wie kommt es, dass du dir so sicher bist, die Schlacht zu �berleben?�</p><p>Der Herzog grinste breit. �Es gibt nur wenig, was einen Troll umbringt. Das haben wir deinem Volk voraus.�</p><p>Farodin setzte zu einer zynischen Antwort an, doch im selben Moment schlug eine neue Salve Deckbrecher auf der Kogge ein. Das Get�se und die Schreie der Verwundeten waren unbeschreiblich. Dunkle Rinnsale von Blut rannen aus den Speigatten den Rumpf der Kogge hinab.</p><p>Der Hauptmast neigte sich. Er war dicht �ber dem Deck von einem der Felskl�tze glatt durchgeschlagen worden und wurde nur noch von den Wanten gehalten.</p><p>Das Schiff der Priester hatte die Galeasse fast passiert. Nun hoben die Trolle entlang der Reling die kleineren Felsbrocken auf. So wie Kinder Steine in einen See warfen, schleuderten sie die Felsen in das Gew�hl aus Menschen. Farodin sah, wie der Steuermann der Kogge an der Brust getroffen und gegen die R�ckwand des Achterkastells geschleudert wurde. Angewidert wandte sich der Elf ab, um das Massaker nicht l�nger mit ansehen zu m�ssen.</p></section><section><title><p>Zehn Schritt</p></title><p>Mandred hatte sich die Enterbr�cke hinaufgek�mpft. Er und die Mandriden waren bis auf das Vorderkastell der Kogge vorgesto�en. Wie ein Turm �berragte es den Bug des feindlichen Schiffes. Nur zwei Treppen f�hrten vom Hauptdeck hier herauf. Die Stellung war leicht zu halten. Doch die Feinde hatten einen Schildwall gebildet und schon zwei ihrer Angriffe zur�ckgeschlagen.</p><p>W�tend st�rmte Mandred ein drittes Mal vor. Seine Axt h�mmerte in Schilde und durchschnitt Kettenhemden. Die Mandriden hielten respektvoll Abstand, wenn er die Waffe schwang. Doch ganz gleich, mit welcher Wucht er vorst�rmte, sofort schlossen sich die Reihen wieder. Schwerter zuckten durch die L�cken oder �ber Schildr�nder. Blitzschnell wie Vipern sprangen sie hervor. Die Ordensritter waren erfahren darin, auf diese Weise zu k�mpfen, und sie gaben keinen Fu�breit Boden preis. Ein Stich traf Mandred �ber der H�fte. Warmes Blut rann ihm das Bein hinab. Gedeckt durch die Schilde der Mandriden, zog er sich auf das Vorderkastell zur�ck.</p><p>Niedergeschlagen blickte er �ber das Schanzkleid. Zwischen dem Flaggschiff der K�nigin und der gro�en Kogge trieb eine kleine Galeere. Offenbar hatte sie herbeieilen wollen, um die Mannschaft Emerelles zu verst�rken. Niemand lebte mehr an Bord. Krieger und Ruderer lagen zusammengesunken an Deck: Opfer des verfluchten Tjuredpriesters!</p><p>Es war zum Verzweifeln. Auch die Schlacht um die aneinander geketteten Langboote schien nicht gut zu stehen. Fjordl�nder und Elfen hatten fast ihre letzten Reserven in die Schlacht geworfen. Der Nachschub der Ordensritter hingegen schien unersch�pflich. Ganz gleich, wie viele Krieger sie verloren, die L�cken in ihren Reihen schlossen sich sofort wieder.</p><p>Liodred kam an seine Seite.��Bist du verletzt?�</p><p>�Nur ein Kratzer!�, brummte Mandred. Er log seinen Nachkommen an. Die Wunde brannte, als h�tte ihn nicht ein Schwert, sondern ein gl�hender Sch�rhaken getroffen. �Es sind zu viele Gegner! Wir m�ssen uns darauf beschr�nken, das Vorderkastell zu halten.� Er blickte zur�ck zu einem jungen Mandriden, der ersch�pft am Schanzkleid lehnte und �ber das Schiff der K�nigin hinweg das Geschehen auf den Langschiffen verfolgte.</p><p>�Werden sie Verst�rkung zu uns durchbringen?�, fragte Mandred.</p><p>�Nein! Sie stecken in schweren Abwehrk�mpfen. Die Ordensritter greifen auf ganzer Front an!�</p><p>�Verdammt!�</p><p>Mandred blickte zum Hauptdeck der Kogge. Die Feinde hatten sich neu formiert und griffen nun ihrerseits wieder an. Todesmutig st�rmten sie die beiden Treppen zum Vorderkastell. Ein h�nenhafter Ritter f�hrte sie auf der linken Seite an. Er rammte den Mandriden zu Boden, der sich ihm in den Weg stellte. Seine Klinge schlitzte die Kehle des jungen Kriegers auf. Mit Schildst��en schaffte er sich Platz und fasste Fu� auf dem Vorderkastell. Sogleich dr�ngten weitere Ritter nach.</p><p>Mandred warf sich nach vorn. Er verabscheute diese Art des Kampfes. Dicht eingekeilt im Gedr�nge blieb kein Platz, mit seiner Axt auszuholen. Nur wenn er sie �ber den Kopf hob, konnte er ihre ganze Kraft ausnutzen. Doch dazu w�rde er sich nicht verleiten lassen. Dann w�ren Brust und Bauch ungesch�tzt, und er m�sste schmerzhaft erfahren, wie geschickt die Ritter mit ihren Kurzschwertern waren. Verbissen beschr�nkte er sich darauf, mit dem kurzen Sto�dorn seiner Axt anzugreifen. Er rammte ihn in den Schild des Kriegers vor sich. Der Ritter schrie auf. Mandred hatte sein Ziel getroffen, den Arm, der hinter dem Holz mit Lederb�ndern festgelascht war. Der Ordenskrieger lie� den Schild kurz sinken. Es war nur ein Augenblick, doch lange genug, um ein zweites Mal mit der Axt zuzusto�en. Knirschend drang der Dorn durch den Sehschlitz des Vollhelms.</p><p>Die L�cke nutzend, griff er den Mann links an, der nun nicht mehr durch den Schild seines Kameraden gedeckt wurde. Der Krieger riss sein Schwert hoch, um den Hieb zu parieren, doch der Wucht des Angriffs hatte er nichts entgegenzusetzen, und Mandreds Axt grub sich ihm in die Brust.</p><p>Der Jarl war fast bis zum Schanzkleid vorgedrungen. Auf dem Hauptdeck zwischen den Reihen der Krieger erblickte er den Priester. Er war etwa zehn Schritt entfernt. Sein nachtblaues Gewand wehte im Wind. �Vorw�rts!�, rief er in der Sprache von Fargon. �Wir m�ssen weiter! Sonst flieht die D�monenk�nigin!�</p><p>Die Ordensritter st�rmten entschlossen die beiden Treppen zum Vorderkastell. Noch immer hielt sich der h�nenhafte Ritter neben dem Treppenaufgang. Zwei tote Mandriden lagen zu seinen F��en.</p><p>Mandred blickte noch einmal hinab zum Hauptdeck. Es war unm�glich, an den verfluchten Priester heranzukommen. Zehn Schritt! Zehn Schritt, und alles w�re gewonnen! Doch dazu m�sste er auf das Schanzkleid steigen und mitten in die Feinde dort unten springen.</p><p>Der Jarl duckte sich unter einem Schwerthieb weg und h�mmerte seinem Gegner am Schild vorbei die Axt ins Knie. Schreiend ging der Mann zu Boden und versuchte, Mandred sein Schwert in die Leiste zu rammen. Mandred trat gegen den Schild, sodass dem Ritter die eisenbeschlagene Kante gegen den Helm schlug. Sein Kopf wurde zur�ckgerissen, und Mandred rammte ihm den Dorn der Axt in die Kehle.</p><p>Sofort blickte der Jarl wieder auf. Wenn er �ber das Schanzkleid sprang, dann w�re das sein Tod. Aber vielleicht konnte er mit seinem Leben der K�nigin die Flucht erkaufen und Albenmark und das Fjordland retten.</p><p>Der Priester hatte die Arme erhoben. Er begann wieder zu zaubern! Mandred blickte zur�ck. Das letzte Mal war der Priester mindestens zehn Schritt weiter hinten gewesen. Emerelle stand nun im Todeskreis!</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung. Der h�nenhafte Ordensritter hatte sich zu ihm vorgek�mpft. Mandred wich zur�ck. Das Schwert des Ritters schrammte �ber sein Kettenhemd. Der Schlag hatte tief gesessen und sein Schienbein getroffen. Ein Schildsto� warf ihn zur�ck. H�nde griffen nach ihm und zerrten ihn in den Schutz des Schildwalls der Mandriden. Jetzt war das Schanzkleid unerreichbar. Er h�tte springen sollen!</p></section><section><title><p>Dem Todeshauch Nahe</p></title><p>Nuramon lief mit Nomja unter dem Deck der Galeere dem Heck entgegen. Der Anblick all der toten Ruderer auf der Steuerbordseite entsetzte ihn. Die M�nner und Frauen lagen einfach da, manche waren vorw�rts �ber die Ruder gefallen, manche zur�ck hinter die Ruderbank. Es waren keine Wunden zu sehen, und in ihren Gesichtern lag nicht der geringste Schrecken. Sie hatten wohl keinen Schmerz empfunden und das Ende nicht einmal kommen sehen.</p><p>Was Nuramon aufw�hlte, war die Frage, ob die Toten wiedergeboren wurden. Durch Nomja wusste er, dass Elfen, die in der Menschenwelt starben, in Albenmark wiedergeboren werden konnten. Und die Zwerge waren ein Beispiel daf�r, dass den Albenkindern sogar innerhalb der Menschenwelt ein neues Leben bevorstand. Doch der Zauber der Priester mochte die Wiedergeburt unterbinden. Das hatte er nicht bedacht, als er Emerelle und Obilee seinen Plan unterbreitet hatte. Wenn es keine Wiedergeburt gab, dann k�nnte mit einem Hauch des Todeszaubers seine Suche beendet sein. Doch dann dachte er an Meister Alvias. War er nicht vor seinen Augen ins Mondlicht gegangen? War das nicht der Beweis, dass die Priester die Seelen nicht vernichten konnten? Es stellte sich nur die Frage, wer Kinder zeugen oder geb�ren sollte, wenn alles verloren war��</p><p>Sie erreichten die Heckluke und stiegen vorsichtig die breite Leiter hinauf. Nuramon hob den Kopf ein St�ck aus der Luke, um zu sehen, wie es am Vorderkastell der Galeere stand. Zu seiner �berraschung war dort niemand mehr. Die Elfen mussten die Ordensritter �berwunden haben! Obilee und die K�nigin waren gewiss schon auf den Langbooten in Sicherheit. Er stieg aus der Luke und hielt sich geduckt. �ber die Reling hinweg sah er, dass die Fjordl�nder noch immer das Vorderkastell der Kogge besetzt hielten und so verhinderten, dass die Ordensritter der fliehenden K�nigin nachsetzen konnten.</p><p>Sobald Nomja aus der Luke geklettert war, schlichen sie gemeinsam zur Reling. Sie hielten sich gebeugt und hoben ihre K�pfe nur ein wenig, um den Kampf zwischen den Ordensrittern und den Mandriden beobachten zu k�nnen.</p><p>Es stand nicht gut um die Fjordl�nder. Sie hatten zwar bis auf das feindliche Schiff vorsto�en k�nnen, doch dort endete ihr Weg.</p><p>Da war Mandred! Er k�mpfte in der ersten Schlachtreihe. Dass er sich immer so weit vorwagen musste! Seinem Trupp standen gewiss f�nfzig Ordensritter gegen�ber. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Mandriden unterlagen.</p><p>�Da ist der Priester!�, fl�sterte Nomja. �Umringt von Leibwachen mit Visierhelmen.�</p><p>Nuramon sah den Mann. Er stand nur wenige Schritt von Mandred entfernt nahe der Reling des Hauptdecks, und doch war er unerreichbar f�r den Jarl. All die Schildtr�ger w�rden ein Durchkommen nicht zulassen. Und ihre Kurzschwerter waren bei einem Kampf auf engstem Raum gegen�ber den gro�en �xten und langen Klingen der Mandriden im Vorteil.</p><p>Nuramon holte tief Luft und blickte die Reling entlang zum Bug. Da lagen zahlreiche Elfen, die der Zauber des Priesters get�tet hatte. Er und Nomja befanden sich nun in dem Kreis, der den Tod bedeuten mochte. Nuramon reichte Nomja vier Zwergenpfeile.��Hier, nimm sie!�</p><p>Die Kriegerin betrachtete die glitzernden Pfeilspitzen mit gro�en Augen. �Danke, Nuramon�, sagte sie leise, nahm aber nur zwei der Geschosse.</p><p>Sie hatte Recht. Mehr als zwei Pfeile w�rden sie nicht brauchen. Denn wenn der Priester nach zwei Sch�ssen noch am Leben war, dann w�ren sie gewiss des Todes.</p><p>Nuramon legte einen Pfeil auf die Sehne und wartete, bis auch Nomja angelegt hatte. Tief atmete er durch. �Jetzt!�, fl�sterte er, und sie standen auf.</p><p>Nuramon zielte auf den Priester in den dunkelblauen Gew�ndern, dann lie� er die Sehne vorschnellen und schickte den Pfeil auf seinen Weg. Nomjas Schuss folgte nur einen Augenblick sp�ter.</p><p>Nuramon traf einen der Leibw�chter in die Schulter, als dieser zuf�llig in den Weg trat, Nomja verfehlte den Priester nur um ein Haar. Schnell legten sie neue Pfeile auf die Sehnen. Nuramon sah, dass die Krieger um den Priester ihre Schilde hoben und ihn in Deckung zerren wollten. Es musste schnell gehen, sonst w�rde der Tjuredpriester seinen Zauber wirken.</p><p>Nomja kam zuerst zum Schuss, doch ihr Pfeil wurde von einem Schildbuckel abgelenkt. Nuramons Geschoss traf gerade auf einen Schild und durchschlug diesen. Der Krieger dahinter schrie auf, fiel nach vorne und gab den Blick auf den Priester frei. Dieser stand ein wenig vorgebeugt, hielt aber die H�nde erhoben. Er zauberte. Nur noch einen Schuss! _Einen Schuss!_ Sobald die L�cke geschlossen w�re, die der gefallene Krieger hinterlassen hatte, w�re alles vergebens.</p><p>Mit fliegender Hast legte Nuramon einen neuen Pfeil auf die Sehne. Auch Nomja zog einen Pfeil aus seinem K�cher. Nuramon zielte und schoss. Der Pfeil flog dicht am Kopf des Priesters vorbei. Die Ordensritter um den Tjuredpriester r�ckten enger zusammen und waren im Begriff, die L�cke zu schlie�en. Einer deutete mit ausgestrecktem Arm in ihre Richtung und rief etwas.</p><p>Da! Nomjas Pfeil! Es kam auf einen Augenblick an. Nur ein schmaler Spalt klaffte noch im Schildwall. Nuramon erwartete bereits, dass sich der Pfeil in einen der Schilde bohrte. Da geschah das Unfassbare. Das Geschoss verschwand zwischen den beiden Schilden. Nuramon sah den Priester die Arme emporrei�en. Dann st�rtzte er zwischen die Ritter.</p></section><section><title><p>Durchbruch</p></title><p>Pl�tzlich verbreitete sich Panik unter den Ordensrittern. Ohne dass Mandred erkennen konnte, warum, wichen sie vom Achterkastell auf das Hauptdeck zur�ck. Selbst der h�nenhafte Ritter, der ihm eben noch so arg zugesetzt hatte, griff nicht mehr an, sondern deckte den R�ckzug seiner Gef�hrten.</p><p>�Mandriden! Vorw�rts!�, br�llte Mandred und trat gegen den Schild des H�nen. Auf der blutverschmierten, steilen Treppe geriet dieser ins Taumeln. Dann st�rzte er und riss etliche Krieger mit sich. Mandred sprang hinterher und landete auf dem Schild seines Gegners. Der Durchbruch war geschafft!</p><p>Der Jarl setzte den Dorn seiner Axt auf die Kehle des Ordenskriegers. Er konnte das Entsetzen in den Augen des Mannes sehen.</p><p>Rings herum war der Kampf fast zum Erliegen gekommen. Kaum einer leistete noch Widerstand. Die meisten duckten sich hinter ihre Schilde.</p><p>�Ich bitte nicht um deine Gnade�, stie� der H�ne r�chelnd hervor.</p><p>�Und ich gew�hre keine Gnade!� Mandreds Axt fuhr herab. Doch er schlug mit der Breitseite zu, um den Mann nur zu bet�uben. Der Ritter hatte gut gek�mpft. Ihn abzustechen w�re ohne Ehre gewesen.</p><p>Noch einmal versuchten die zur�ckweichenden Ritter sich zu einem Schildwall zu formieren. Entschlossen st�rmte Mandred vor. Es durfte ihnen nicht gelingen, wieder eine Kampflinie zu bilden. Er schlug Schilde zur Seite, dr�ngte Krieger mit quer stehender Axt zur�ck, nur um m�glichst schnell voranzukommen und einen Keil in die entstehende Front zu treiben. Liodred und die Mandriden w�rden sich um den Rest k�mmern.</p><p>Dann war er bei den Leibwachen des Zauberpriesters angekommen. Allein ihr Anblick fachte seinen Zorn neu an. Wie ein w�tender B�r warf er sich ihnen entgegen, duckte sich unter ihren Schwertern hinweg und schmetterte einem von ihnen die Axt in die Rippen. Vor Wut sp�rte Mandred kaum, wie die Klinge seinen Nackenschutz durchdrang. Doch die Kettenringe hatten die Wucht des Treffers abgefangen, sodass er nicht mehr als einen flachen Schnitt davontrug. Er stie� einem Angreifer den Dorn der Axt in die Leiste, befreite die Waffe und parierte einen R�ckhandschlag, der auf seine Kehle zielte. Unbarmherzig sang der Elfenstahl sein Lied vom Tod. Die Leibw�chter des Priesters k�mpften bis zum letzten Mann.</p><p>Als Mandred schlie�lich ersch�pft die Axt sinken lie�, stellte er �berrascht fest, dass die �brigen Ritter inzwischen die Waffen gestreckt hatten.</p><p>Schwer atmend sah der Jarl sich um. Endlich entdeckte er den einen Feind! Der Zauberpriester lag mitten zwischen den Toten. Mandred trat zu ihm. Er war �berrascht zu sehen, wie jung der blau gewandete Priester war. Ein Pfeil hatte sein Leben beendet.</p><p>Liodred kam an Mandreds Seite. �Sie geben auf!�, erkl�rte er m�de. �Auch auf den unteren Decks wird nicht mehr gek�mpft.�</p><p>Mandred h�rte zwar, was der K�nig sagte, doch er hatte nur Augen f�r den Priester. Mit einem Ruck zog er ihm den Pfeil aus dem Leib. Er hatte diese silberwei�en Federn schon einmal gesehen. Und als er mit dem Daumen das Blut von der Spitze wischte und das glitzernde Eisen sah, da wusste er, wem dieser Pfeil geh�rte. Mandred schaute sich um und erblickte am Heck der Elfengaleere Nuramon und Nomja. Sie winkten ihm zu.</p><p>Der Jarl sch�ttelte den Kopf und grinste dann Liodred an. �Dieser verdammte Elf hat mir schon wieder den Arsch gerettet. Und seine bescheuerte Familie glaubt, der taugt nichts.�</p></section><section><title><p>Eine Gottesgabe</p></title><p>Nur noch wenige hundert Schritt trennten die _Zermalmer_ von den Langbooten der Fjordl�nder. Acht Schiffe folgten der Galeasse des Herzogs. Die �brigen hielten mit dem Flaggschiff des K�nigs auf das westliche Ende der Schiffsbarriere zu, wo die Ordensritter inzwischen die �bermacht gewonnen hatten. Wenn man sie nicht aufhielt, w�rden sie von der Flanke aus die ganze Verteidigungslinie der Fjordl�nder aufrollen.</p><p>Der Rauch, den sie von fern auf dieser Seite des Fjords gesehen hatten, war verflogen. Farodin entdeckte die Wracks von drei ausgebrannten Schiffen, die dicht unter der K�ste trieben. Die Br�nde waren verloschen.</p><p>Der Elf fand es befremdlich, dass der K�nig sich ausgerechnet den Teil des Schlachtfeldes aussuchte, vor dem ihn Skanga ausdr�cklich gewarnt hatte.</p><p>�Es ist das Vorrecht des K�nigs, dort zu k�mpfen, wo man den meisten Ruhm gewinnen kann�, sagte die Schamanin ungefragt.</p><p>Farodin fuhr w�tend herum.</p><p>�Nein, ich werde nicht aufh�ren, in deinen Gedanken zu lesen.� Ihre Augen blitzten. �Nicht, so lange dein Wunsch, ihn tot zu sehen, nicht verloschen ist.�</p><p>Der Herzog ignorierte sie beide. Er winkte den Kriegern mittschiffs zu. �Schafft neue Deckbrecher heran!�</p><p>Farodin beugte sich seitlich �ber das Schanzkleid, um zu sehen, was Orgrim zu diesem Befehl veranlasste. Drei kleine Koggen hatten sich aus dem Pulk der Ordensschiffe gel�st und kamen ihnen mit dem Mut der Verzweiflung entgegengesegelt. Sie sind verr�ckt, dachte der Elf. Hoffnungslos verr�ckt! Eigentlich konnten sie sich auch gleich selbst die Kehlen durchschneiden. Das Schicksal der anderen Schiffe, welche die Trollflotte angegriffen hatten, konnte den Rittern und Seeleuten auf den drei Koggen schwerlich entgangen sein. Und trotzdem wagten sie diese unsinnige Attacke!</p><p>Neue Steine wurden aus einer Frachtluke an Deck gehoben und entlang der Reling der _Zermalmer_ aufgeschichtet. Farodin konnte h�ren, wie die Trolle miteinander scherzten und Wetten abschlossen, wem es gelingen w�rde, den Hauptmast zu zerschmettern.</p><p>Neben den Steinen lagen die Leichen einiger Seeleute. Die Trolle hatten sie nach dem kurzen Gefecht mit dem Dreimaster aus der See gezogen. Farodin ahnte schon, warum man dieses Fleisch an Bord geholt hatte. Die Sitten seiner Verb�ndeten ekelten ihn.</p><p>�Man muss das Herz eines toten Feindes gegessen haben, um in meinem Volk als Krieger anerkannt zu werden�, sagte die Schamanin mit heiserer Stimme. �Viele junge Trolle werden heute Nacht von ihren F�rsten in den Bund der Krieger aufgenommen werden. Wir ehren unsere Feinde damit. Keinem Troll w�rde es jemals einfallen, das Fleisch eines Feiglings zu essen.�</p><p>�Ich will das nicht h�ren!� Farodins H�nde schlossen sich fester um die Reling. Er beugte sich ein wenig weiter vor, um die Kogge, die auf die _Zermalmer_ zuhielt, besser sehen zu k�nnen.</p><p>�F�r dich gibt es nur einen Weg zu leben, nicht wahr, Elf? Alles, was auch nur um einen Zoll davon abweicht, ist falsch.�</p><p>Farodin verschloss sich vor den Worten der Alten. Es gab nichts, was die widerlichen Sitten der Trolle rechtfertigte.</p><p>An Bord der kleinen Kogge schien Panik ausgebrochen zu sein. Seeleute hieben mit �xten auf F�sser ein, die an Deck vert�ut waren. Eine �lige Fl�ssigkeit schwappte kn�chelhoch �ber die Planken und rann in schillernden Schlieren aus den Speigatten.</p><p>Nur wenige Schritt trennten die beiden Schiffe noch voneinander. �Die Ruder auf!�, rief Orgrim. Sofort verstummte die Kesselpauke unter Deck.</p><p>Die Kogge verschwand im toten Winkel vor dem Rumpf der Galeasse. Farodin konnte sehen, wie sich einige Seeleute mit einem Sprung ins Wasser retteten. Dann gab es einen gewaltigen Schlag. Der Elf wurde von der Wucht des Aufpralls hart gegen die Reling geschleudert.</p><p>Von den Achterkastellen der Priesterschiffe, die voraus zum Pulk verkeilt waren, stiegen dunkle Rauchf�den steil in den Himmel. Brandpfeile!</p><p>Knirschend schrammte die steuerlose Kogge an der Galeasse der Trolle entlang. Ein St�ck entfernt schlugen die Brandpfeile in die See. Die Priester hatten zu kurz geschossen.</p><p>�Bringt Wasserf�sser an Deck!�, rief der Herzog.</p><p>Farodin wunderte sich �ber den sinnlosen Angriff. Hunderte dunkler Streifen malten sich nun gegen das Blau des Himmels ab. Die Trollschiffe waren fast au�er Reichweite der Bogensch�tzen. Die meisten Pfeile fielen wieder zu kurz.</p><p>Farodin betrachtete das verlassene Schiff. Die Kogge zog einen breiten schillernden Streifen hinter sich her. Schlieren hafteten nun auch an der Bordwand der Galeasse. Einige Trolle bem�hten sich, das kleine Schiff mit Stangen fortzudr�cken.</p><p>Farodin versuchte zu durchschauen, was der Plan hinter diesem Angriff sein mochte. Das alles ergab keinen Sinn � Noch zwei weitere Schiffe der Flotte waren mit kleinen Koggen zusammengesto�en. Doch so weit er beobachten konnte, hatten die Galeassen keinen Schaden davongetragen.</p><p>Ein Schauer Pfeile fiel vor ihnen in die See. Zischend verloschen die Geschosse. Eines jedoch hinterlie� eine kleine Flamme, die auf dem Wasser trieb.</p><p>Feuer, das auf Wasser brennt! Farodin musste an die Flotte der Ordenspriester im Hafen von Iskendria denken. Die Schreckensbilder waren noch frisch in seiner Erinnerung. Auch wenn in der Menschenwelt die Eroberung der Hafenstadt viele Generationen zur�cklag, waren f�r ihn seitdem nur wenige Monde vergangen.</p><p>Der Elf fuhr herum. Jetzt f�gte sich alles zu einem deutlichen Bild zusammen. Die Menschen wollten das Feuer so weit wie m�glich von ihrer eigenen Flotte entfernt entfachen. Es geh�rte zum Plan, dass die Koggen fast au�erhalb der Bogenschussweite ihre Rammman�ver durchgef�hrt hatten. Doch warum hatte nicht ein Fanatiker die Schiffe selbst mit einer Fackel entz�ndet? Hatte man Angst gehabt, sie w�rden zu fr�h in Brand geraten?</p><p>�Weg von dem Schiff!�, rief Farodin und eilte auf den Steuermann zu. Dabei deutete er auf die schillernden Schlieren, die �berall auf dem Wasser trieben. �Wir d�rfen dort nicht hineingeraten! Lasst die Ruder wieder ausfahren. Wir m�ssen sofort wieder Fahrt aufnehmen.�</p><p>�Was ist los mit dir, Elf?�, fragte der Herzog �berrascht. �Kommen wir dir immer noch nicht schnell genug in den Kampf?�</p><p>�Wir kommen nie mehr in den Kampf, wenn wir nicht schnell handeln!�</p><p>Orgrim runzelte die Stirn. Die Schnittwunde in seiner Kopfhaut riss wieder auf. Ein Tropfen Blut rann seitlich an seiner breiten Nase herab.</p><p>�Die Ruder werden ausgefahren, sobald wir die Kogge passiert haben. Wir k�nnen uns nicht leisten, weitere Riemen zu verlieren�, entschied der Herzog und wandte sich ab.</p><p>�Bei den Alben, Orgrim! Sie haben das Feuer Balbars gestohlen! Die Wunderwaffe, die den Flotten Iskendrias jahrhundertelang die Herrschaft auf der Aegilischen See sicherte. Wir sind des Todes, wenn wir nicht von diesen treibenden �lflecken wegkommen. Nichts vermag diese Flammen zu l�schen, wenn sie einmal entfacht sind!�</p><p>�Ich werde nicht ��, begann der Herzog, als steuerbord eine Stichflamme aus der See schoss. Im selben Augenblick fing eine jener beiden Koggen Feuer, die weiter im Westen angegriffen hatten. Flammen leckten die hohen Bordw�nde der _Knochenrei�er_ empor. Rings um das Schiff stand die See in Flammen. Obwohl der Brand mehr als drei�ig Mastl�ngen entfernt lag, sp�rte Farodin seinen Gluthauch auf den Wangen. Gestalten, in Flammen geh�llt, sprangen von Bord der _Knochenrei�er_. Gellende Schreie klangen �ber das Wasser, das sie vor dem Feuer nicht retten konnte.</p><p>Steuerbord gab es einen dumpfen Schlag. Der Mast der Kogge, die sie gerammt hatte, verfing sich an den ausladenden Aufbauten des Achterkastells der _Zermalmer_. Knirschend rieben die Schiffsr�mpfe aneinander, und die wuchtige Galeasse, die immer noch Fahrt machte, zog das kleinere Schiff mit sich.</p><p>�Zimmermann�, schrie Orgrim.��Auf das Achterdeck. Kappt die Rahen! Die Ruder raus!� Unter Deck ert�nte der dr�hnende Klang der Kesselpauke.��Zur�ck! Rudert zur�ck!� Orgrim packte seinen Kriegshammer und lief zum Schanzkleid, um auf Rahen und Takelage einzuschlagen, die sich dort verfangen hatten.</p><p>Farodin hatte den ersten Schreck �berwunden und eilte nun dem Herzog zur Seite. Verzweifelt drosch er auf die Seile der Takelage ein. Orgrim schlang sich ein dickes Tau um den Leib und lie� sich an der Bordwand hinab, um besser an die Rahe der Kogge zu kommen. Das gereffte Segel hielt das zersplitterte Holz noch immer zusammen. Tuch und Seile hatten sich an einer St�tzstrebe unter den Aufbauten des Achterkastells der _Zermalmer_ verfangen.</p><p>Orgrim warf den schweren Kriegshammer zur�ck auf Deck und versuchte mit blo�en H�nden das Takelwerk zu zerrei�en. Sein Gesicht war schwei��berstr�mt. Er blickte zu Farodin auf.��Na, w�nschst du dir zum ersten Mal, dass ich nicht sterbe?�</p><p>Der Elf schob sein Schwert in die Scheide zur�ck und kletterte auf das Schanzkleid.��Ich w�nsche mir, dass du mit deinen dummen Reden aufh�rst und deine Arbeit machst.� Mit einem weiten Satz sprang er ab und schlug gegen die Rahe. Seine H�nde krallten sich in die Taue. Er schwang ein Bein hoch und fand einen sicheren Sitz. Dann zog er einen Dolch und zerschnitt mit stummer Verbissenheit das Segeltuch.</p><p>Pl�tzlich rutschte Orgrim zur Seite, pendelte an dem Haltetau und schlug hart gegen die Bordwand der _Zermalmer_. Jubelrufe erklangen auf dem Achterdeck. Die Galeasse war freigekommen. Farodin sa� noch auf der unbesch�digten H�lfte der Rahstange. Mit jedem Herzschlag vergr��erte sich der Abstand zum Trollschiff.</p><p>Orgrim stie� sich von der Bordwand ab und schwang sich in Richtung der Kogge. Doch das Seil war zu kurz. �Spring, du verdammter Elf!�, schrie ihn der Troll an und reckte ihm seine breite Hand entgegen.</p><p>Vom Pulk der verkeilten Schiffe stiegen wieder dunkle Rauchf�den in den Himmel. Diesmal schienen alle Bogensch�tzen auf die _Zermalmer_ angelegt zu haben.</p></section><section><title><p>Die Offenbarung</p></title><p>Nuramon hatte sich nur notd�rftig um Mandreds und Liodreds Wunden k�mmern k�nnen, als die K�nigin mit Obilee und etwa f�nfzig Kriegern auf ihre Galeere zur�ckkehrte. Die neue Leibwache sicherte das Schiff, w�hrend sich die Kampfgef�hrten achtern um die K�nigin scharten. Yulivee und eine andere junge Elfe brachten Emerelles Wasserschale aus ihrer Kaj�te.</p><p>Obilee fl�sterte Nuramon zu, dass die K�nigin gegen ihren Rat zur�ckgekehrt war, noch ehe sich die Kunde vom Tod des Priesters verbreitet hatte. Nuramon wunderte es nicht, dass Emerelle schneller als alle anderen davon erfahren hatte. Ihr Blick reichte weit, selbst ohne den Wasserspiegel.</p><p>Mandred und Liodred blickten neugierig in das Wasser des Spiegels. Ein vages Bild erschien, das unter der Oberfl�che zu schwimmen schien. Yulivee musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um etwas sehen zu k�nnen. Obilee schien die Macht des Spiegels bereits zu kennen. Sie stand ruhig da und schien mehr Blicke f�r die Anwesenden zu haben als f�r das, was im Wasser Kontur annahm. Nomja hingegen machte gro�e Augen. Es war f�r sie gewiss das erste Mal, dass ihr die Ehre gew�hrt wurde, in den Spiegel der K�nigin zu blicken. Nuramon erging es ebenso.</p><p>Durch das Wasser vermochte die K�nigin an jeden Ort des Schlachtfelds zu blicken. Auf dieser Seite der Barriere aus Langschiffen hatten sich die K�mpfe beruhigt. Kurz zeigte der Spiegel das Bild Pelverics, der neben dem Leichnam Dijelons kniete. Nuramon hatte keine guten Erinnerungen an Dijelon. Er war es gewesen, den die K�nigin ausgesandt hatte, um Guillaume den Armen Noroelles zu entrei�en und ihn zu t�ten. Nuramon ber�hrte der Tod des Kriegers wenig.</p><p>Emerelle fuhr mit den Fingerspitzen durchs Wasser. Das Bild verschwamm und f�gte sich zu einem neuen. Da war Ollowain! In der Mitte der Barriere aus Schiffen k�mpfte er verbissen um den Zugang zu einer feindlichen Kogge. Viele Fjordl�nder hatten sich erneut in die Schlacht geworfen und standen ihm zur Seite. Es war gut, dass die Menschen am Kampf teilnahmen, denn in vielen Elfenmienen stand die Angst. Was auf der _Elfenglanz_ geschehen war, hatte sich herumgesprochen. Zwar hatte die K�nigin die Kunde verbreiten lassen, dass sie noch lebe und der Priester tot sei, doch es war zu bef�rchten, dass es weitere Priester mit derselben Macht unter den Feinden gab.</p><p>Unter den tastenden Fingern der K�nigin zerrann das Spiegelbild, und eine neue Szene zeigte sich. Es war ein gro�es Schiff, das in hellen Flammen stand. Trolle sprangen �ber die Reling und versuchten sich zu retten, doch selbst auf dem Wasser war Feuer. So grausam war das Bild, dass Emerelle Yulivee beiseite nahm, damit sie den Schrecken nicht mit ansehen konnte.</p><p>Nuramon blickte auf und sah am Horizont zwei Feuers�ulen. Ihm wurde �bel. Was f�r eine Waffe war das? Waren die Tjuredpriester dabei, die ganze Flotte der Trolle zu verbrennen? Eine dritte Flammens�ule griff in den Himmel. Hoffentlich war Farodin auf keinem dieser Schiffe! In diesem Inferno halfen weder Mut noch Geschicklichkeit, um dem Tod zu entrinnen.</p><p>Das Bild im Spiegel verging, und ein neues entstand. Nun sah man das Flaggschiff des Trollk�nigs. Zu erkennen war es am Banner, zwei wei�e Kriegsh�mmer, die sich auf schwarzem Grund kreuzten. Das Schiff hielt geradewegs auf einen Dreimaster der feindlichen Flotte zu.</p><p>�Sie werden dem Angriff der Trolle nicht widerstehen�, sagte Emerelle mit fester Stimme.</p><p>Nuramon blickte zu den Flammen am Horizont. Der Sieg war ihm schon so nah erschienen!</p><p>Wieder und wieder fuhr die K�nigin mit der Hand durch das Wasser, und mit jedem Mal zeigte sich ein neuer Ort im Spiegel. Die Schlacht war noch l�ngst nicht gewonnen. Die Trolle hatten zwar das Blatt gewendet, und den Feinden war der R�ckweg abgeschnitten. Doch einer jener m�chtigen Zauberpriester des Tjured reichte aus, um den K�mpfen eine neue Wendung zu geben.</p><p>�Lasst uns sehen, wer der Anf�hrer der Feinde ist�, sagte die K�nigin und schaute nach Westen. �Welches Schiff ist es wohl?� Ein wahrer Wald von Masten dr�ngte sich im Fjord. Auf den meisten Priesterschiffen hatte man die Segel eingeholt, da sie in einem Gefecht, in dem es nicht mehr galt, seinen Gegner auszuman�vrieren, nur noch st�rten.</p><p>Mandred deutete auf eines der wenigen Schiffe, bei dem man die Segel nicht eingeholt hatte. �Der Dreimaster da!�</p><p>Die K�nigin ber�hrte das Wasser, und ein neues Bild f�gte sich zusammen. Es zeigte die Br�cke eines Schiffes. Dort stand ein Priester.</p><p>Erschrocken zuckte die Hand der K�nigin zur�ck. �Besitzt er die gleiche Macht?�, fragte Obilee.</p><p>�Nein! Eine viel schlimmere �� Ihre Stimme senkte sich zu einem Fl�stern. �Bei allen Alben! Du bist also zur�ckgekehrt.�</p><p>�Wer ist das?�, fragte Yulivee.</p><p>Bevor Emerelle antworten konnte, sprach Mandred: �Diese blauen Augen kenne ich!�</p><p>Auch Nuramon kamen die Augen bekannt vor. Der Mann war gro� und kr�ftig, hatte langes blondes Haar und war in ein nachtblaues Gewand gekleidet, wie es die Tjuredpriester schon zu Guillaumes Tagen zu tragen pflegten.</p><p>�Das ist der Devanthar�, hauchte die K�nigin.</p><p>�Bei Luth!�, knurrte Mandred und packte seine Axt fester.</p><p>In Obilees Gesicht stand Hass geschrieben, in Nomjas Angst. Die Einzige, die offensichtlich nicht wusste, was die Worte der K�nigin bedeuteten, war Yulivee. Sie schaute in die Runde.</p><p>In diesem Augenblick begriff Nuramon, warum sich der Tjuredglaube �ber die Jahrhunderte so sehr ver�ndert hatte. Wie aus einer Religion, die Liebe predigte und deren Priester Heiler waren, ein Glaube werden konnte, dessen Ordensritter Reich um Reich unterworfen hatten und alles Fremde mit unb�ndigem Hass verfolgten. Jetzt hatte diese Kirche ihr wahres Gesicht gezeigt!</p><p>Mit einem Mal trat ein Mann an die Seite des Devanthars: ein Priester mit goldener Maske, die ein bekanntes Gesicht zeigte.</p><p>�Da!�, rief Mandred.</p><p>Obilee zuckte zusammen. �Nein � Das ist Noroelles Gesicht!�</p><p>�Guillaume!�, sagte Nuramon vor sich hin.</p><p>�Das also ist der Gegner!�, sprach Emerelle.��Jetzt f�gt sich alles zusammen! Die Krieger in Aniscans, die L�gen �ber Guillaumes Tod, die Macht der Priester. All das steht in diesen blauen Augen des Devanthars geschrieben, wie eine Rune der Alben.� Pl�tzlich beugte sich Emerelle vor, als wollte sie irgendetwas genauer betrachten. Nuramon merkte, dass ihre H�nde zitterten. �Seht ihr! In seiner Hand! Ein Albenstein! Beim Glanz der Alben! Er bereitet etwas Gro�es vor.�</p><p>Nuramon starrte auf den Stein. Es war nicht der Feueropal der Dschinnenkrone, sondern ein durchscheinender goldener Edelstein, in dem f�nf Adern verliefen: ein faustgro�er Chrysoberyll.</p><p>Nun ergab alles einen Sinn. Der Devanthar war das Haupt der Tjuredpriester. Nuramon dachte an all die neuen Pfade, die Fargon durchzogen und die ihr Zentrum in der Hauptstadt des K�nigreichs hatten, in Algaunis. Der D�mon missbrauchte die Menschen, um an den Albenkindern Rache f�r die Vernichtung der Devanthare zu nehmen. Und die Menschen in Fargon und all den anderen unterjochten K�nigreichen glaubten gewiss, ihrem Gott Tjured zu dienen.</p><p>Die K�nigin schlug ihren Mantel zur�ck und l�ste einen Beutel von ihrer H�fte. Daraus holte sie einen grauen Stein.</p><p>Nuramon erschauerte vor Ehrfurcht. Zum ersten Mal sah er den Albenstein der K�nigin, jenes Artefakt, dessen Macht ihm seinen innigsten Wunsch erf�llen konnte. Reilif hatte Recht gehabt. Die Furchen auf Emerelles Stein verliefen �bereinander. Er war rau, und in ihm wohnte eine rote Glut. Nuramon vermochte seine Macht nicht zu sp�ren. Die Magie der K�nigin �berstrahlte sie, und seine Sinne reichten nicht aus, um die Kraft der K�nigin von der des Steins zu unterscheiden.</p><p>Emerelle wandte sich an Yulivee. �Du musst nun genau aufpassen, was ich tue, mein Kind! Sieh und lerne!�</p></section><section><title><p>Der alte Feind</p></title><p>Eine kr�ftige Hand griff nach Farodin und zerquetschte ihm fast den Arm. Der Herzog schlug gegen die Bordwand, als das Seil zur�ckpendelte. Pfeifend wich der Atem aus seinen Lungen. Er hielt Farodin jetzt fest umklammert, fast wie eine Mutter ihr Kind.</p><p>�Zieht mich endlich hoch, ihr Trottel!�, rief Orgrim zornig.</p><p>Farodin sah, wie die Riemen unter ihm das Wasser aufw�hlten. Die Galeasse fuhr r�ckw�rts, und mit jedem Ruderschlag entfernten sie sich weiter von den treibenden �lflecken.</p><p>Pl�tzlich erklang ein Fauchen wie von einem w�tenden Drachen. Glei�ende Helligkeit blendete den Elfen. Er riss den Arm vors Gesicht, um sich vor der Hitze zu sch�tzen, die nach ihm griff. Orgrim st�hnte auf.</p><p>Raue H�nde packten den Elfen. Noch immer geblendet, f�hlte er, wie man ihn aufs Deck legte. �Schneller�, knurrte Orgrim. �Sie sollen sich in die Riemen legen! Und kippt Wasser �ber das Deck!�</p><p>Blinzelnd �ffnete Farodin die Augen. Sein Gesicht brannte vor Schmerz. Benommen richtete er sich auf und sah auf das Wasser. Brandpfeile hatten die dritte Kogge getroffen und Balbars Feuer entfacht. So hell waren die Flammen, dass man nicht direkt in sie hineinsehen konnte. Wie Drachenatem schlug Farodin die Hitze entgegen. Er wandte sich ab.</p><p>Orgrim sa� gegen die Reling gelehnt. Die alte Schamanin beugte sich �ber den Herzog und betastete dessen Gesicht. Seine Lippen waren aufgeplatzt, und Brandblasen w�lbten sich auf seiner Stirn. Der Herzog l�chelte und zeigte seine riesigen Z�hne. �Ich w�nschte, ein Elf k�nnte in einem Troll wiedergeboren werden. Ein Krieger mit deiner Seele w�re der Stolz meines Volkes.�</p><p>Farodin antwortete nicht. Mochte Orgrim denken, was er wollte. Die Tatsache, dass der Herzog ihm das Leben gerettet hatte, �nderte nichts an der Vergangenheit. In Orgrim war die Seele von Aileens M�rder in Fleisch gekleidet. Ganz gleich, was geschehen mochte, er w�rde nie etwas anderes in dem Troll sehen als den Krieger, der ihm seine Liebste entrissen hatte.</p><p>Unter Skangas heilenden H�nden verschwanden die Verbrennungen. Der Herzog streckte sich und stand dann auf, um das Schlachtfeld in Augenschein zu nehmen. F�nf Trollschiffe waren bis zum gro�en Pulk der Koggen vorgesto�en. Hunderte Krieger st�rmten auf die Decks der Ordensschiffe und w�rden sich bis zu den Langbooten der Fjordl�nder durchk�mpfen.</p><p>Skanga trat vor Farodin. Sie streckte die d�rren Finger nach seinem Gesicht aus. Farodin wich ein wenig zur�ck.</p><p>�Siehst nicht gut aus�, kr�chzte sie. �Hast kein h�bsches Gesicht mehr.� Die Schamanin blinzelte. Zum ersten Mal war kein Hass in ihrem Blick.��Ich biete meine Hilfe stets nur einmal an.�</p><p>Farodin nickte, und ihre Finger tasteten �ber sein Gesicht. Sie brachten einen k�hlen Hauch. Der Schmerz verging. Er f�hlte, wie seine Haut sich straffte.</p><p>Pl�tzlich griff sich die Alte an die Brust. Sie zitterte am ganzen Leib. �Er ist hier�, stie� sie atemlos hervor. �Er nutzt �� Sie schlug die H�nde vors Gesicht und stie� einen gellenden Schrei aus.</p><p>Auch Farodin sp�rte einen stechenden Schmerz hinter seiner Stirn. Ein Prickeln lief �ber seine Haut. Erschrocken sah der Elf auf. Etwa eine halbe Meile entfernt hielt das Flaggschiff des Trollk�nigs auf eine gro�e, dreimastige Kogge zu. Doch zwischen den Schiffen erbl�hte auf dem Wasser eine schwarze Wolke, die schnell anwuchs. Die seltsame Erscheinung schien alles Licht rings herum zu verschlingen. Noch immer wuchs die Wolke weiter. Schon war sie halb so gro� wie das K�nigsschiff.</p><p>Schwarzer Nebel quoll aus dem Dunkel und griff mit langen Armen �ber die See.</p><p>�Was siehst du?�, fragte Skanga.</p><p>Der Elf beschrieb ihr, was geschah. Das Wasser vor der Wolke war aufgew�hlt, so als g�be es dort eine starke Str�mung. Boldors Schiff versuchte der unheimlichen Erscheinung auszuweichen. Es legte sich quer, doch die Str�mung zog es auf die Finsternis zu. Ein Kranz aus Licht erschien um einen der Nebelarme. Die Dunkelheit breitete sich nicht weiter aus, doch sie wich auch nicht zur�ck.</p><p>�Gib mir deine Augen!�, kr�chzte die Schamanin heiser.��Niemand vermag besser in die Ferne zu blicken als Elfen.�</p><p>D�rre Finger schlossen sich um Farodins Nacken. Der Elf b�umte sich auf. Seine Kraft zerrann. Seine Glieder f�hlten sich schwer und kraftlos an. Seine Augen�� Alles verschwamm vor seinem Blick! In der Ferne vermochte er jetzt nur noch einen Schatten �ber dem Wasser zu sehen.</p><p>Er wollte aufbegehren, sich losrei�en, doch seine Kraft reichte nicht aus, den Gedanken Taten folgen zu lassen. Verzweifelt blickte er an sich hinab. Ganz deutlich konnte er seine Finger sehen, die feinen Linien in seiner Haut. Doch wenn er den Blick hob, dann wurde schon der Steuermann zu einem unsicheren Schemen, obwohl er nur wenige Schritt entfernt stand.</p><p>�Der Verderber ist hier�, zischte die Schamanin. Ihre krallenhafte Hand w�hlte zwischen den Amuletten, die ihr vom Hals hingen. �Der Devanthar. Er hat ein Tor in das Nichts ge�ffnet, in die dunkle Leere zwischen den Splittern der Zerbrochenen Welt. Emerelle versucht ihn aufzuhalten. Doch ihre Macht reicht nicht aus. Er � Welch eine Kraft! Er besitzt einen Albenstein!�</p><p>Skanga holte ein l�ngliches Jadest�ck hervor und strich die Rabenfedern zur Seite, die den Stein verborgen hatten. Farodin erkannte f�nf Linien in der Jade, die sich zu einem Stern trafen. Besa� diese alte Vettel tats�chlich einen Albenstein? War sie die H�terin des gr��ten Schatzes ihres Volkes?</p><p>Der Stein gl�hte von innen heraus. Skanga begann einen auf- und abschwellenden Gesang, der nur aus einzelnen Silben bestand.</p><p>Erschrockene Rufe erklangen vom Hauptdeck. Farodin blinzelte hilflos. Er konnte nicht mehr sehen, was auf See vor sich ging! �Was geschieht dort drau�en?�, rief er verzweifelt.��Sag es mir, ich kann nichts sehen!�</p><p>�Boldors Schiff wurde in die Dunkelheit gezogen�, antwortete der Herzog leise. �Jetzt verschwindet eine kleine Kogge, die in den Sog geraten ist. Es sieht aus, als st�rzte das Wasser in einen Abgrund.�</p><p>Farodin musste daran denken, wie er mit seinen Gef�hrten auf den leuchtenden Albenpfaden durch die Leere gegangen war. Er erinnerte sich an die Angst, die er dabei empfunden hatte, und an die bange Frage, ob eine Seele f�r immer verloren ginge, wenn man dort starb.</p><p>Der Singsang der Schamanin ging in schrilles Kreischen �ber. Ihr Griff um seinen Nacken lockerte sich ein wenig, doch Farodin hatte nicht mehr die Willenskraft, gegen Skanga anzuk�mpfen.</p><p>�Noch eine Galeasse ist verschwunden�, sagte Orgrim. �Selbst hier an Bord sp�re ich den Sog des Abgrunds. Der schwarze Nebel beginnt sich aufzul�sen. Ein Kreis von Licht umgibt die Dunkelheit. Licht und Dunkel ringen miteinander. Blitze zucken durch die Finsternis. Sie rei�en St�cke aus dem Dunkel. Es zerflie�t���</p><p>Die Schamanin atmete schwer aus und l�ste ihren Griff nun ganz. Mit einem Mal sah Farodin wieder deutlich. Die schwarze Wolke �ber dem Wasser war verschwunden.��Das Tor ist verschlossen.� Die Falten in Skangas Gesicht waren tiefer geworden. Sie st�tzte sich schwer auf die Reling.</p><p>Von den Langbooten erklang lautes Jubelgeschrei. Die Trolle waren bis zu den Verteidigern vorgedrungen und vereinten sich mit Menschen und Elfen.</p><p>�Sieg!�, rief Orgrim begeistert und reckte seinen Kriegshammer zum Himmel.��Sieg!�</p><p>Einzelne Koggen l�sten sich aus dem Pulk der ineinander verkeilten Schiffe. Die Ordensritter versuchten verzweifelt, den �berm�chtigen Trollen zu entkommen.</p><p>Vor den Klippen im Westen drehte ein ganzes Geschwader feindlicher Schiffe bei und hielt auf den Ausgang des Fjords zu. Inmitten der Fl�chtenden sah Farodin das Flaggschiff. Doch die Trolle aus dem Flottenverband des K�nigs waren bereits nah. Mit m�rderischen Steinsalven vernichteten sie alle Schiffe, denen sie nahe kamen.</p><p>�Ich sp�re seine Angst�, erklang Skangas heisere Stimme. �Die K�nigin hat begonnen, einen Zauber zu wirken, der ihn t�ten kann. Es ist jene Magie, mit der die Alben im Krieg gegen die Devanthar obsiegten. Er versucht einen neuen Stern zu erschaffen.�</p><p>Vom fliehenden Koggengeschwader wurden Brandpfeile abgeschossen. Eine Wand von Feuer stieg aus dem Wasser und erfasste etliche Schiffe.</p><p>Farodin war ersch�ttert. Es schien den Menschen nun gleich zu sein, ob sie ihre eigenen Kameraden den Flammen �berantworteten. Die Galeassen der Trolle setzten zur�ck. Dennoch wurden zwei von ihnen ein Raub der Flammen. Eine Brise trieb bei�enden Rauch �ber die See. Er stank nach �l, verbranntem Fleisch und noch etwas, das dem Elfen zugleich fremd und vertraut war.</p><p>�Riechst du das?�, fragte Skanga. �Schwefel! Das ist der Geruch des T�uschers.�</p><p>Farodin erinnerte sich daran, den Geruch schon einmal wahrgenommen zu haben. Damals in der Eish�hle. Nur war er dort schw�cher gewesen.</p><p>Der Trollherzog fluchte herzhaft wegen der feigen Flucht der Feinde und bedachte den Devanthar mit Ausdr�cken, die selbst Farodin noch nie geh�rt hatte.</p><p>�Sei froh, wenn du ihm nie Aug in Aug gegen�berstehst, Orgrim. Es gibt keinen schrecklicheren Feind. Er ist der Meister der T�uschung. Ich sp�re, wie er jetzt das Tor �ffnet, um sich zur�ckzuziehen. Wir haben gesiegt. Doch wer wei�, vielleicht war er nur hier, um uns zu seiner Verfolgung zu verleiten und ins Verderben zu locken.�</p><p>Farodin deutete auf die riesige Flotte rings herum. �Das alles opfert er, um uns zu einer Verfolgung zu verleiten! Nein, das ist Unsinn! Er kam, um Firnstayn zu zerst�ren und den Norden zu erobern. Er hat nicht mit unserem B�ndnis gerechnet. Und �� Der Elf z�gerte kurz. �Es waren die Trolle, die uns letztlich den Sieg gebracht haben. Verzeiht, wenn ich an euch zweifelte.�</p><p>Die Alte ignorierte seine Entschuldigung. �Wenn du glaubst, du k�nntest die Winkelz�ge eines Devanthars verstehen, dann hast du dich schon in seinem Netz verfangen. Schiffe und ein paar tausend Menschenleben bedeuten ihm nichts! Jetzt haben wir gesiegt, doch der Kampf hat eben erst begonnen.�</p><subtitle>Die Chronik von Firnstayn</subtitle><cite><p>� und so wurden unsere Stadt und das K�nigreich gerettet. Menschen, Elfen und Trolle besiegten die Flotte der Tjuredpriester und trieben ihren d�monischen Anf�hrer in die Flucht. Nie soll die Nacht nach dem Sieg vergessen sein. Firnstayn war hell erleuchtet, �berall brannten Freudenfeuer, und Menschen und Elfen tanzten gemeinsam. Die Trolle feierten den Sieg auf ihren Schiffen, und Donnergrollen drang bis nach Firnstayn hin. Doch es waren derer viele, die in dieser Nacht um die Gefallenen trauerten. Sie beteten f�r die Toten und waren stolz, dass diese Anteil an dem gro�en Sieg hatten.</p><p>Selbst die Elfenk�nigin Emerelle kam in unsere Stadt, und nie wurde solcher Liebreiz bei einer Frau gesehen. Sie schritt anmutig durch die Stra�en von Firnstayn und richtete das Wort an viele der Menschen. Der bescheidene Schreiber dieser Zeilen kam selbst in den Genuss ihrer Worte. Sie sprach:��Du bist die Erinnerung dieses Reiches? Dann merke dir: Das Schicksal des Fjordlandes wird auf immer mit dem Albenmarks verbunden sein.� Und so ist es nun niedergeschrieben.</p><p>Als der Morgen kam, waren Mandred und K�nig Liodred fort. Die Elfen sagten, sie seien ausgezogen, einen den Anf�hrer der Feinde zu t�ten. Da bekamen wir alle Angst um unseren K�nig, denn sein Sohn war noch lange nicht im rechten Alter, ihm auf den Thron zu folgen, sollte das Schlimmste geschehen. Doch wir waren auch stolz auf ihn. Nun ist ein weiterer Firnstayner an der Seite der Elfen auf Reisen gegangen. M�ge Luth ihnen allen einen guten Faden spinnen!</p><text-author>Niedergeschrieben von Tjelrik Aswidson,</text-author><text-author>Band 67 der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s. 45</text-author></cite></section><section><title><p>Abseits der Siegesfeier</p></title><p>Es war Nacht, und Nuramon schritt an der Seite Obilees den Strand entlang. �berall am Fjord brannten Lagerfeuer, Laternen und Barinsteine. Firnstayn, die Schiffe und selbst die W�lder waren hell erleuchtet. Die Menschen feierten gemeinsam mit den Elfen, nur die Trolle blieben unter sich und hatten ihre Schiffe nicht verlassen. Ihre Pauken aber waren bis hierher zu h�ren, und der Geruch von gebratenem Fleisch zog das Ufer entlang.</p><p>Sie hatten einen gro�en Sieg errungen. Manche feierten ausgelassen, andere hatten Verwandte und Freunde verloren und trauerten um diese. Die Leichen der Menschen waren im Luthtempel und den angrenzenden Hallen aufgebahrt worden. Die toten Elfen waren bereits verbrannt. Die zusammengesunkenen Scheiterhaufen gl�hten noch jenseits der Stadt.</p><p>�Willst du es wirklich wagen?�, fragte Obilee.</p><p>�Ja�, sagte Nuramon.��Der Devanthar hat Noroelle ins Ungl�ck getrieben. Er ist es, der f�r die Menschen hier und auch f�r Albenmark zu einer Gefahr geworden ist. Au�erdem hat er einen Albenstein.�</p><p>�Aber denke an das Wagnis!�</p><p>�W�rdest du f�r Noroelle weniger wagen?�</p><p>�Nein. Aber ein Devanthar! Wie wollt ihr ihn besiegen?�</p><p>�Es wird sich ein Weg finden. Jedenfalls rechnet er gewiss mit allem, nur nicht mit uns.�</p><p>�Vielleicht sollte ich euch begleiten? K�nig Liodred hat sich auch angeschlossen.�</p><p>�Liodred handelt aus Abenteuerlust und aus Bewunderung f�r Mandred. Ein K�nig, der mit dem Ahnherr auf dessen legend�re Reisen geht! Nein, Obilee. Es ist nicht dein Schicksal. Dein Platz ist bei der K�nigin. Begib dich nicht auf unseren traurigen Pfad. Vielleicht erreichst du durch Treue das, was wir durch Ungehorsam erreichen wollen. Vielleicht befreit die K�nigin Noroelle einst dir zuliebe.�</p><p>�Nun gut, Nuramon. Ich werde bleiben.� Sie l�chelte. �Und ich werde Yulivee sagen, dass wir gemeinsam auf dich warten m�ssen. Sie wird dich sehr vermissen.�</p><p>�Ich f�rchte, sie k�nnte eine Dummheit begehen.�</p><p>�Das wird die K�nigin nicht zulassen. Sie liebt die Kleine ebenso sehr wie du.�</p><p>Nuramon wusste, dass Obilees F�higkeiten ihnen bei der Suche nach dem Devanthar von unsch�tzbarem Nutzen w�ren, doch allein der Gedanke, dass alle, die Noroelle die Treue hielten, zugleich sterben mochten, war ihm unertr�glich. Vielleicht war es selbsts�chtig, Obilee von seinem Pfad fern zu halten, doch die Gewissheit, dass sie als gro�e Kriegerin an der Seite der K�nigin bliebe, w�rde ihm Kraft verleihen.</p><p>Sie n�herten sich dem Feuer, wo sie zuvor mit Farodin und Mandred gesessen hatten. Nomja, Yulivee und Emerelle waren mit ihren Wachen hinzugekommen. Zu Nuramons �berraschung hatte sich auch Ollowain hinzugesellt. Den Elfenkrieger hatte er heute nur aus der Ferne gesehen. Er hatte seinem Ruf alle Ehre gemacht und wie ein Drache gek�mpft. Yulivee kam Nuramon entgegengelaufen. Er ging in die Hocke und schloss das Kind in die Armee.��Ich will mitkommen�, sagte sie.</p><p>�Das geht nicht. Die K�nigin braucht dich hier�, entgegnete er.</p><p>�Sie kommt auch ohne mich aus.�</p><p>�Nein, Yulivee. Sie w�re gewiss sehr entt�uscht.�</p><p>�Ich dachte, wir w�ren Bruder und Schwester.�</p><p>�Mein Haus steht schon zu lange leer, und Felbion wird sich gewiss einsam f�hlen. Irgendjemand muss sich um ihn und auch um die Pferde von Mandred und Farodin k�mmern. Und ich m�chte das Haus und die Pferde in den besten H�nden wissen. Ich habe dir doch von Alaen Aikhwitan erz�hlt. Er ist einsam.�</p><p>�Aber da bin ich ja allein.�</p><p>Obilee strich Yulivee �ber den Kopf.��Nein, ich werde da sein und dir Gesellschaft leisten. Und vergiss Emerelle nicht.�</p><p>Die kleine Zauberin wirkte besorgt und blickte Nuramon mit gro�en Augen an. �Und wenn du nicht zur�ckkommst? Was geschieht mit mir, wenn du stirbst?�</p><p>�Dann wird dir irgendwann ein kleiner Bruder namens Nuramon geboren. F�r den musst du dann sorgen.�</p><p>Yulivee l�chelte und k�sste Nuramon auf die Stirn. �Dann werde ich bleiben � und von Obilee und der K�nigin einige Zauber lernen.� Sie wandte sich an die Kriegerin. �Wir k�nnten gro�e Abenteuer erleben. Yulivee und Obilee! Das klingt sch�n. Wir k�nnten Freundinnen sein. Ich hatte noch nie eine beste Freundin. Ich habe nur davon gelesen und mir immer eine gew�nscht.�</p><p>Obilee dr�ckte die Kleine an sich. Sie fl�sterte ihr etwas ins Ohr. Yulivee nickte. Gemeinsam begaben sie sich zu den anderen.</p><p>Farodin stand da und wirkte entschlossen. Mandred hielt Nomja an den Schultern. Offenbar hatte er sich gerade von ihr verabschiedet. Liodred erhob sich von seinem Platz am Feuer und legte den Waffengurt an.</p><p>Die K�nigin hatte ihnen allen die Ehre erwiesen, sie zu heilen. Gewiss musste Emerelle dabei keine Schmerzen leiden. Nun stand sie am Wasser und blickte zu den Schiffen drau�en im Fjord. Sie schien tief in Gedanken zu sein. Der Wind zerrte an ihrem grauen Gewand und wirbelte ihr Haar.</p><p>�Bist du bereit, Nuramon?�, fragte Mandred und trat an ihn heran.��Hast du deine Waffen?�</p><p>�Ja.� Er holte seinen Bogen und den K�cher mit den restlichen Zwergenpfeilen. Das Langschwert mitsamt der Scheide und den Waffengurt wickelte er aus einem Tuch. Es waren die Waffen, die er bei den Zwergen erhalten hatte. In seinem fr�heren Leben hatte er mit ihnen einen Drachen get�tet. Vielleicht mochten sie auch etwas gegen den Devanthar ausrichten.</p><p>Die K�nigin wandte sich um und trat ans Feuer. �Meine Albenkinder, die Zeit ist gekommen. Der Devanthar erwartet mich, die Schamanin Skanga oder einen anderen Tr�ger eines Albensteins. All seine Sinne sind darauf gerichtet. Wenn ich ginge, dann w�rde er mich zu fr�h bemerken. Geht aber ihr, dann werdet ihr ihn vielleicht �berraschen. Es ist nun alles vorbereitet. Einige Freiwillige aus meiner Leibwache werden euch begleiten, um euch die Ordensritter vom Leib zu halten. Doch gegen den Devanthar m�sst ihr allein vorgehen.�</p><p>�Wo k�nnen wir ihn finden?�, fragte Farodin.��Sollen wir dem Pfad folgen, auf dem er entkam?�</p><p>�Nein, es ist eine Falle. Der Pfad bricht unterwegs einfach ab. Ihr w�rdet mitten in einem Berg erscheinen und sofort tot sein. Ich habe die verschiedenen Wege, die euch offen stehen, im Wasserspiegel betrachtet. Ganz gleich, wie ihr w�hlt, der Schatten des Todes liegt �ber euch. Ich habe auch das Netz der neuen Albenpfade hier in der Welt der Menschen studiert. Ihr m�sst in ein Kloster in den Bergen bei Aniscans gelangen. Ich werde euch einen Weg dorthin �ffnen. Doch euch bleibt nicht viel Zeit. Ihr werdet an einem Albenstern herauskommen, an dem ihr sogleich ein Tor in die Zerbrochene Welt �ffnen m�sst. Dort findet ihr den Devanthar.�</p><p>�Aber k�nnen wir ihn mit unseren Waffen �berhaupt besiegen?�, fragte Liodred.</p><p>�Haltet eure Waffen ins Feuer!�, entgegnete die K�nigin.</p><p>Farodin f�hrte sein Schwert und seinen Parierdolch in die Flammen, Liodred seine Axt. Als Mandred und Nuramon ihre Waffen hoben, sprach die K�nigin: �Nuramon, Mandred! Ihr beiden nicht!�</p><p>Er lie� das Schwert stecken. Er wusste, dass sein altes Langschwert magisch war, das hatte er schon bei den Zwergen gesp�rt. Und auch seinem Bogen und den Pfeilen haftete Magie an. Er fragte sich, ob auch die Waffe der Gaomee von Magie erf�llt war.</p><p>Nuramon tauschte einen Blick mit Mandred. Der Jarl machte ein verwundertes Gesicht und schaute Ollowain an. Dem Krieger stand ein Schmunzeln auf dem Gesicht. Er hatte gewiss die ganze Zeit �ber gewusst, dass Mandreds Axt von Magie durchwoben war. Nuramon hatte nichts davon gesp�rt. Offenbar war der Zauber gut versteckt, was im Kampf gegen den Devanthar ein Vorteil sein mochte.</p><p>Die K�nigin winkte Obilee zu sich. �Du musst den Zauber auf die Waffen legen. Deine Magie ist ihm fremd.�</p><p>Die Kriegerin trat ans Feuer und zog ihr Schwert. Die Waffe beeindruckte Nuramon noch immer. Die Klinge war �ber und �ber mit Runen verziert, und die B�gel des Messingkorbs schienen ein verschlungenes Zauberzeichen zu bilden. Obilee hielt das Schwert zu Farodins und Liodreds Waffen ins Feuer. Es zischte leise, und die Flammen leuchteten hell auf. Dann wurden sie hellblau und leckten gierig nach den Klingen. Obilee blickte konzentriert auf ihr Schwert. Es knisterte, und blitzende Lichtf�den spannten sich von ihrer Klinge zu denen der beiden Krieger. Die Runen auf Obilees Waffe fingen an zu gl�hen. Auch der Korb, der ihre Hand umgab, leuchtete auf. Mit jedem Herzschlag schoss die Kraft aus Obilees Klinge durch die Lichtf�den, die nun zu Str�ngen anschwollen, und fuhr in die Schwerter der beiden Gef�hrten. Die Macht war so gro�, dass Nuramon sie wie einen Windsto� sp�ren konnte. Schlie�lich zog Obilee ihr Schwert zur�ck und lie� es in die Scheide gleiten, ehe die Glut daran verblasst war. Die Schwertzauberin trat zur Seite und machte der K�nigin Platz.</p><p>Die Waffen Farodins und Liodreds wurden matt, die blauen Flammen des Lagerfeuers allm�hlich wieder rot. �Nehmt eure Waffen!�, sagte Emerelle.</p><p>Die beiden Krieger hoben die Klingen vorsichtig an und musterten sie, als w�ren diese ihnen gerade zum Geschenk gemacht worden. So viel Kraft Nuramon beim Zauber auch gesp�rt hatte: den Schwertern war nun kaum etwas von ihrer Magie anzumerken. Darin bestand das Geheimnis eines guten Waffenzaubers. So merkte der Gegner zu sp�t, welche Macht der Klinge innewohnte.</p><p>�Ihr alle verf�gt nun �ber Waffen, denen Magie anhaftet�, sagte die K�nigin. �Ihr werdet sie in meinem Namen, aber auch im Namen der Menschen des Fjordlandes tragen. Und auch um euretwillen werdet ihr sie f�hren. Tretet vor mich!� Mandred, Liodred, Farodin und Nuramon taten, wie die K�nigin sie gehei�en hatte. Dann sprach die K�nigin weiter.��Ihr werdet gegen einen Feind antreten, der eines Alben w�rdig ist. Ihr werdet nur eine Gelegenheit haben, ihn zu besiegen.�</p><p>�Aber kann uns dies gelingen?�, fragte Nuramon.</p><p>�Ja, Nuramon. Ihr alle habt eure Gr�nde, an diesem Kampf teilzunehmen. Und ihr werdet stark sein, wenn ihr dem Feind gegen�bersteht. Denn nur eine magische Waffe vermag ihn endg�ltig zu t�ten.� Emerelle trat vor. Sie k�sste Liodred auf die Stirn. �F�rchte nicht um das Schicksal deines Reiches! Bevor mein Volk morgen nach Albenmark zur�ckkehrt, werde ich, mit deiner Erlaubnis, die Patenschaft deines Sohnes antreten. Dann wird niemand es wagen, deinem Blute den Thron streitig zu machen, solange du nicht in Firnstayn weilst.� Sie trat vor Mandred. Auch ihn k�sste sie.��Mandred Aikhjarto! Denk an den Manneber und was er dir genommen hat. Heute ist der Tag der Rache gekommen.� Sie trat vor Farodin und Nuramon und betrachtete sie beide. Dann k�sste sie beide auf die Stirn und sprach: �_Denkt an Noroelle! Nichts wird euch mehr Kraft verleihen_.�</p><p>Nun traten die anderen zu ihnen und nahmen Abschied. Ollowain begegnete ihnen wie gewohnt k�hl und distanziert. Nomja strich Nuramon �ber die Wangen und fl�sterte: �Es ist mir fast so, als kennten wir uns schon ewig.� Er musste an die Zwerge und ihren Erinnerungskult denken. Vielleicht h�tte er Nomja davon erz�hlen sollen. Doch nun war es zu sp�t dazu. Obilee k�sste ihn wie die K�nigin zuvor auf die Stirn. Sie sagte kein Wort, doch in ihrem Gesicht spiegelten sich Trauer und Schmerz. Sie w�rde um ihn bangen, das war gewiss. Doch sie w�rde der K�nigin eine wertvolle Vertraute sein. Und wenn er und seine Kameraden versagten, dann w�rde sie an der Seite Emerelles vielleicht das vollbringen, was ihnen verwehrt geblieben war.</p><p>Zuletzt nahm Nuramon Yulivee auf den Arm. �Tu, was die K�nigin gesagt hat. Denk an Noroelle, wenn du dem Devanthar gegen�berstehst!�, sagte sie. Er stellte sie wieder auf den Boden und betrachtete sie lange. �Geh, mein Bruder!�, forderte sie ihn auf und wirkte dabei so ernst, wie er sie noch nie erlebt hatte. Wusste sie irgendetwas? Hatte die K�nigin sich ihr anvertraut? Oder hatte die kleine Zauberin es gar gewagt, auf eigene Faust in den Wasserspiegel der K�nigin zu schauen?</p><p>�Haltet euch bereit!�, sprach Emerelle.</p><p>Die zw�lf Freiwilligen gesellten sich nun zu Nuramon und seinen Gef�hrten. Sie waren mit Hellebarden und Schwertern bewaffnet und f�r Elfenkrieger ungew�hnlich schwer gepanzert. Jeder von ihnen trug eine mit Gold verzierte Sturmhaube und einen massiven Brustharnisch. Es gab keinen Zweifel: Kaum jemand w�rde sie besser sch�tzen k�nnen als die Leibwachen der K�nigin. Nur eine gro�e �bermacht von Ordensrittern w�re in der Lage, diese Krieger zu �berw�ltigen.</p><p>Emerelle holte den Albenstein aus einem schlichten Lederbeutel an ihrem G�rtel hervor. Farodins Augen gl�nzten, als er ihn sah. Und auch Nuramon war von dem Anblick aufs Neue tief ber�hrt.</p><p>Die K�nigin schloss die Augen und sprach unh�rbare Worte. Nuramon sp�rte, wie kraftvolle Magie ihn umgab. Albenpfade l�sten sich aus der Luft. Sie waren einfach da und lie�en den Zauber der K�nigin wie eine Finger�bung erscheinen. Gro�e Magie sah meist einfach aus. So hatte es ihn seine Mutter gelehrt.</p><p>Neben Emerelle kreuzten sich nun f�nf Pfade, und unvermittelt schoss ein glei�endes Licht aus dem Albenstern empor. Es war die Pforte, durch die sie gehen w�rden.</p><p>�Wachen, sichert den Albenpfad!�, rief die K�nigin. �Rasch! Jeder Augenblick z�hlt!�</p><p>Die Freiwilligen schritten vor und verschwanden im Licht.</p><p>Nuramon tauschte kurze Blicke mit Mandred, Farodin und Liodred. In ihren Mienen las er Entschlossenheit. Seine Gef�hrten waren bereit, das letzte gro�e Wagnis einzugehen. Und er war es auch. Denn wenn sie den Devanthar besiegten, dann mochte alles gewonnen sein.</p><p>�Geht nun!�, sprach die K�nigin.</p><p>Nuramon schritt an der Seite seiner Gef�hrten ins Licht. Er schaute noch einmal zur�ck und sah, wie Yulivee, Obilee und Nomja langsam verblassten. Die K�nigin aber wandte sich um und sprach mit leiser werdender Stimme: �Wir stehen am Rande eines neuen Zeitalters.�</p></section><section><title><p>Troph�en</p></title><p>�Besetzt alle Ausg�nge!�, befahl Farodin den Wachen.</p><p>Sie befanden sich in einer hohen Kammer aus grauem Stein, die sp�rlich von Kerzenschein erhellt wurde. �ber ihnen spannte sich ein kunstvolles Kreuzgew�lbe. Ein leichter Duft nach Weihrauch hing in der Luft. Irgendwo in der Ferne erklang feierlicher Gesang. Sie standen inmitten eines goldenen Sterns, der von vier Silberplatten umgeben war.</p><p>Mandred sah besorgt zu Liodred. Der K�nig war leichenblass. Die wenigen Schritte, die sie �ber den Albenpfad durch die Leere gegangen waren, hatten ihn offenbar zutiefst entsetzt. Mandred versetzte ihm einen freundschaftlichen Sto� mit dem Ellenbogen. �Alles in Ordnung?�</p><p>Liodred schluckte und bem�hte sich um Fassung. �Nat�rlich!�</p><p>Er war ein schlechter L�gner, dachte Mandred. Und ein tapferer Mann! Noch am Abend hatte er versucht, Liodred auszureden, ihnen in den Kampf gegen den Devanthar zu folgen. Doch der K�nig hatte davon nichts h�ren wollen.</p><p>�Willst du den Befehl �ber die Wachen �bernehmen?�, fragte Mandred nun leise. �Mir w�re wohl, wenn ich w�sste, dass du unseren R�ckzug sicherst.�</p><p>Der K�nig l�chelte gequ�lt. �Ahnherr, ich glaube nicht, dass die Elfen besonders erfreut dar�ber w�ren, wenn ein Mensch, der keinem von ihnen das Wasser reichen kann, ihnen Befehle g�be. Gib es auf, mich von meinem Weg abzubringen.�</p><p>Mandred dachte an Liodreds kleinen Sohn, dann dachte er an Alfadas. Ein Vater, der erst seinen erwachsenen Sohn kennen lernte. So etwas durfte nicht noch einmal geschehen! Der K�nig hatte ein gn�digeres Schicksal verdient.��Vielleicht solltest du���</p><p>�Nein, bestimmt nicht�, unterbrach ihn der K�nig. �Hast du gez�gert, in jener Winternacht auf die Jagd zu gehen, als man dir berichtete, ein Ungeheuer treibe in den W�ldern bei Firnstayn sein Unwesen? Hattest du nicht das Gef�hl, als Jarl sei es deine Pflicht, dein Dorf zu sch�tzen? H�ttest du diese Pflicht jemals an einen anderen Mann abgetreten?�</p><p>�Ich war nur ein Jarl, du bist K�nig. Dein Volk braucht dich!�</p><p>�Ob K�nig oder Jarl, die Pflichten sind die gleichen. So wie du dein Dorf gesch�tzt hast, habe ich ein Reich zu sch�tzen. Wenn der Devanthar �berlebt, dann wird er erneut angreifen. Ich stehe hier, um das Unheil von jedem Fjordl�nder fern zu halten. Dieser Pflicht kann ich mich nicht entziehen. Immer schon haben deine Erben in vorderster Schlachtreihe gek�mpft, Mandred. Ich werde nicht der erste sein, der mit dieser Tradition bricht.�</p><p>Ein Tor aus goldenem Licht �ffnete sich. Mandred gab es auf, den K�nig �berzeugen zu wollen. Und insgeheim musste er sich eingestehen, dass er an Liodreds Stelle wohl nicht anders gehandelt h�tte. Er w�rde sich im Kampf an dessen Seite halten und ihn sch�tzen, so gut es ging.</p><p>Gemeinsam durchschritten sie das Tor und gelangten in ein � Kreuzgew�lbe aus grauem Stein. Verbl�fft sah Mandred sich um. Sie waren noch immer in derselben Kammer! Kerzen brannten in gro�en, eisernen St�ndern. Flackernde Schatten huschten �ber die W�nde, und sie standen auf einem goldenen Stern, der von vier silbernen Platten umgeben war.</p><p>�Ist der Zauber missgl�ckt?�, fragte Mandred verwundert.</p><p>Nuramon wirkte verunsichert. �Nein, das kann nicht sein. Ich habe gef�hlt, wie wir durch die Leere in die Zerbrochene Welt gegangen sind.�</p><p>�Unsere Wachen sind verschwunden�, sagte Farodin ruhig. Seine Hand ruhte auf dem Schwert. Misstrauisch sp�hte er in die Schatten.</p><p>�Ihr nennt diese Kreatur doch den T�uscher�, sagte Liodred. Seine Stimme klang heiser, und jeder seiner Gesten merkte man an, wie angestrengt er seine Angst verbarg. �Ist dies vielleicht eine List, mit der er seine Feinde verwirren will?�</p><p>�Das w�rde zu ihm passen�, murmelte Mandred. �Verdammter Bastard!� Er strich �ber das Blatt seiner Axt. �Ich hoffe, er ist hier, und wir bringen ihn diesmal endg�ltig zur Strecke.�</p><p>Das Tor verblasste langsam. Nach wenigen Augenblicken war es ganz verschwunden. Farodin bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Sie betraten einen Gang, der von tiefen Nischen flankiert wurde. Dort gab es Feldzeichen, pr�chtige Waffen und reich verzierte Schilde. R�stungen, die deutliche Kampfspuren trugen, hingen auf St�ndern. Mandred entdeckte eine Statue, die dem Gallabaal von Iskendria �hnelte, jedoch aus dunklerem Stein gefertigt war. Man hatte das Standbild mit schweren Ketten gefesselt, deren Enden mit Eisenringen verbunden waren, die man in die Wand eingelassen hatte. Mandred tastete nach den schweren Ketten. Er hoffte, dass der Gallabaal vielen Ordensrittern den Sch�del eingeschlagen hatte.</p><p>�Lass das�, zischte Farodin und zog ihn ein St�ck zur�ck. �Die Magie in ihm ist noch nicht ganz verloschen.�</p><p>Eine der Ketten klirrte. In der Stille hier unten klang das Ger�usch unnat�rlich laut.</p><p>�Was ist das?�, fragte Liodred fl�sternd.</p><p>Mandred erkl�rte dem K�nig, was es mit dem steinernen W�chter auf sich hatte, wurde aber von einem Schrei unterbrochen. Nuramon ging vor einer der Nischen in die Knie, als h�tte ein Pfeil ihn getroffen.��Sie ist es!�, rief er verz�ckt.��Sie ist hier!�</p><p>Mit erhobener Axt eilte Mandred an die Seite seines Gef�hrten, bereit, es mit allem aufzunehmen, was sich in der Nische verborgen halten mochte.</p></section><section><title><p>Therdavan der Erw�hlte</p></title><p>Farodin h�tte Nuramon ohrfeigen k�nnen. Wenn es hier W�chter gab, dann waren sie durch den unbedachten Freudenschrei nun alarmiert.</p><p>Ver�rgert wandte er sich ab. Vor wenigen Wochen noch h�tte er f�r den Schatz in der Nische sein Leben riskiert. Doch jetzt hatte er kaum ein Auge f�r ihn. Misstrauisch sp�hte er den Gang hinauf. Das unstete Kerzenlicht lie� Schatten �ber die W�nde tanzen. In jeder der vielen Nischen vor ihnen mochte sich der Devanthar versteckt halten. Vielleicht lauerte er auch hinter dem hohen Bronzetor am Ende des Ganges. Oder hinter ihnen!</p><p>Farodin rann der kalte Schwei� �ber den R�cken. Er wagte einen zweiten Blick in die Nische, vor der Nuramon kniete. Die Krone dort war das pr�chtigste Schmuckst�ck, das er jemals gesehen hatte. Sie erinnerte ein wenig an eine goldene Festung, deren Erker und Fenster aus gro�en Edelsteinen gef�gt waren. Und das Festungstor war ein faustgro�er Feueropal.</p><p>�Ist das die Dschinnenkrone?�, fragte Mandred ehrf�rchtig. �Mit all den Klunkern k�nnte man im Nordland ein ganzes F�rstentum kaufen.�</p><p>Nuramon war aufgestanden und ganz dicht an die Krone herangetreten. Seine Finger tasteten �ber den Feueropal.</p><p>�Komm zur�ck!�, zischte Farodin. �Das Ganze riecht nach einer Falle.�</p><p>Nuramon wandte sich um. �Der Albenstein ist wertlos. Ich wei� nun, warum der Dschinn ihn nicht finden konnte. Der Feueropal ist zersprungen. Er hat all seine Macht verloren.� Sein Gef�hrte l�chelte gequ�lt. �Nur ein Gutes hat die Sache. Wir k�nnen sicher sein, dass der Devanthar niemals in die Dschinnenbibliothek gelangt ist. Er wei� also nicht um die Geheimnisse der Zukunft.�</p><p>Herzhaftes Lachen lie� Farodin zusammenzucken. Schwefelgeruch lag in der Luft. Die Hand am Schwert, fuhr er herum. Das hohe Bronzetor hatte sich lautlos ge�ffnet. Ein Mann im nachtblauen Gewand der Tjuredpriester stand dort. Er war mittleren Alters und hatte ein offenes, freundliches Gesicht. Langes blondes Haar reichte ihm bis auf die Schultern herab. Seine Augen leuchteten hellblau, wie der Himmel an einem Sommermorgen. �Ich brauche keine Dschinnenbibliothek, damit ich um eure Zukunft wei�. Eigentlich sollte ich beleidigt sein. Ich hatte Emerelle erwartet oder mindestens Skanga. Auf der anderen Seite schlie�t sich mit unserer neuerlichen Begegnung ein Kreis, und das verleiht unserer Geschichte die Harmonie epischer Dichtung.� Er deutete auf Liodred. �Ich w�rde vorschlagen, wir halten das Menschlein dort aus dieser Sache heraus. So bleibt jemand �brig, der zur�ckkehrt und von eurem Schicksal berichtet. Er war nicht in der Eish�hle dabei. Ich finde, er st�rt das Gef�ge dieses Zusammentreffens.�</p><p>Farodin strich sein Haar zur�ck und schlang ein d�nnes Lederband darum, damit es ihm nicht in die Stirn fallen konnte. Ignoriere seine Worte, ermahnte er sich in Gedanken. Vor dem Kampf der Klingen liegt der Kampf um die Herzen. Vernichtet er unsere Hoffnung auf den Sieg, dann ist das Duell entschieden, noch bevor die Schwerter gezogen werden.</p><p>�Wer ist dieser gro�sprecherische Priester?�, fragte Liodred harsch. Zornesr�te flammte auf seinen Wangen. �Gestattet, dass ich ihm das Maul stopfe.�</p><p>Mandred hielt den K�nig zur�ck und fl�sterte ihm etwas ins Ohr.</p><p>�Oh, bitte, verzeiht.� Der Devanthar deutete eine Verbeugung an.��Unter den Menschen bin ich Therdavan Scallopius, der Erw�hlte! Der Erste unter den Tjuredpriestern. Die Elfen hingegen f�rchten mich als den Letzten meines Volkes. Ich bin ein Devanthar, Liodred. Sie nennen mich auch den T�uscher und haben wohl noch hundert andere verleumderische Namen f�r mich. Du siehst, hier wird nicht dein Kampf ausgefochten, Mensch. Darum tritt nun zur�ck und lebe.�</p><p>Farodin streckte sich und lockerte seine Schultermuskeln.</p><p>Liodred schien verwirrt. Seine Hand ruhte auf der Axt in seinem G�rtel.</p><p>�Ich verstehe.� Der Devanthar nickte beil�ufig. �Man hat dir von mir erz�hlt, und du hast ein Ungeheuer erwartet. Eine Kreatur halb Mensch, halb Eber. Haben sie dir nicht gesagt, dass ich meine Gestalt wechsele, wie es mir beliebt?� Er schwieg kurz, so als erwartete er tats�chlich eine Antwort. �Sie haben es dir also verschwiegen�, fuhr der Devanthar schlie�lich fort. �Es ist auch wirklich zu peinlich.� Er deutete auf Nuramon. �Diesem dort sah ich einmal so �hnlich, dass selbst seine Buhle keinen Unterschied bemerkte und mit Freuden das Lager mit mir teilte.� Er l�chelte. �Pikant wird die Geschichte, wenn man bedenkt, dass sie dem wirklichen Nuramon diese Gunst nicht zukommen lie�. Ihm fehlt wohl etwas, das mir gegeben ist. Anders kann ich mir nicht erkl�ren, dass dieses Weib mir so bereitwillig den Scho� �ffnete. Sie war die Erste unter vielen, die mir einen n�tzlichen Bastard gebaren.�</p><p>Nuramon zog sein Langschwert.��Genug der Worte!�</p><p>�Willst du dein Leben f�r einen geh�rnten Liebhaber wagen, Liodred?�, spottete der Devanthar. �Ist seine verletzte Eitelkeit wirklich dein Blut wert?�</p><p>�Man nennt dich T�uscher���, setzte der K�nig an.</p><p>Der Devanthar lachte auf, und kleine F�ltchen umkr�nzten seine Augen. �Sieh sie dir an! W�rden die beiden Elfen hier so verbissene Gesichter machen, wenn meine Geschichte nicht wahr w�re?�</p><p>�Wahr ist auch, dass du �ber mein Volk Tod und Verderben bringen wolltest, und daf�r wirst du sterben.�</p><p>Der Devanthar lie� mit flie�ender Bewegung das Priestergewand von seinen Schultern gleiten. Darunter trug er eine eng anliegende dunkelblaue Hose und ein silberbeschlagenes Wehrgeh�nge. Das weite Priestergewand hatte zwei Kurzschwerter verborgen. Der Oberk�rper des Priesters war nackt. Seine Muskeln schimmerten im Kerzenlicht. Der Devanthar zog die beiden schlanken Schwerter, kreuzte ihre Klingen vor der Brust und verneigte sich knapp. �Du hast dich soeben dazu entschieden, deinen Sohn niemals wiederzusehen, K�nig.�</p><p>�Genug geschw�tzt!� Wie ein w�tender Stier st�rmte Mandred vor. Der Devanthar wich t�nzerisch zur Seite aus. Eines der Schwerter zuckte vor und glitt klirrend �ber Mandreds Kettenhemd.</p><p>�Kreist ihn ein�, rief Farodin seinen Gef�hrten zu. Ganz gleich, wie gewandt der Devanthar auch sein mochte, kein K�mpfer konnte seine Augen �berall haben.</p><p>Farodin zog sein Schwert und den Parierdolch. Gleichzeitig mit Nuramon griff er an. Schneller als das Auge zu folgen vermochte, wirbelten die Klingen. Der Devanthar blockte ab und duckte sich unter einem Axthieb Liodreds. Blaues Licht z�ngelte um die verzauberten Waffen. Farodins Dolch durchdrang die Deckung des T�uschers, w�hrend er mit dem Schwert eine der Klingen des Devanthars band. Ein dunkler Schnitt zerteilte den Brustmuskel �ber dem Herzen des falschen Priesters. Die Wunde war nicht tief. Erstaunlicherweise blutete sie kaum.</p><p>Farodin sprang zur�ck und entging nur knapp einer Riposte. Der Devanthar setzte ihm nicht nach, sondern machte einen Ausfallschritt auf Liodred zu. Er t�uschte einen Hieb auf den Kopf an, wechselte im letzten Augenblick die Schlagrichtung und unterlief die Axt des K�nigs. Kreischend schrammte sein Schwert �ber die Brustplatte der R�stung, die einst Alfadas geh�rt hatte.</p><p>�Eine sch�ne Arbeit�, lobte der Devanthar und sprang zur�ck au�er Reichweite der Axt. �Menschenstahl h�tte meine Klinge durchsto�en.� Fast spielerisch blockte er einen Axthieb ab, den Mandred nach seinem R�cken f�hrte. Das zweite Schwert schlug Liodreds Waffe zur Seite.</p><p>�Verrecke, D�mon. Ich ��, schrie der Herrscher des Fjordlands zornig.</p><p>Die Klinge des Devanthars schnitt ihm das Wort ab. Sie traf den K�nig in den Mund. Mit einem Ruck stie� der T�uscher nach.</p><p>�Nein!�, rief Mandred und warf sich mit dem Mut der Verzweiflung nach vorn. Er sprang den Devanthar an. Eine Klinge schrammte �ber seine Braue und hinterlie� einen klaffenden Schnitt, doch die Wucht des Angriffs brachte den falschen Priester aus dem Gleichgewicht. Sie beide st�rzten zu Boden. Sofort war Nuramon �ber ihnen. Er fing einen Sto� ab, der auf Mandreds Kehle zielte.</p><p>Der Priester rollte sich seitlich ab und kam mit katzenhafter Gewandtheit wieder auf die Beine. Sp�ttisch blickte er zu Liodred. Der K�nig war gest�rzt. Dunkles Blut schoss aus seinem Mund. �Was nutzt die beste R�stung, wenn man seinen Helm nicht tr�gt?�</p><p>Mandred war wieder auf den Beinen und st�rmte erneut vor. Der Jarl schwang seine Axt wie eine Sichel und zwang den Devanthar, vor ihm zur�ckzuweichen. Farodin eilte ihm zu Hilfe. Und auch Nuramon griff erneut an. Der Devanthar war nun in der Defensive. Farodin entdeckte eine L�cke in der Verteidigung ihres Gegners. Er duckte sich tief, machte einen Ausfallschritt und stie� dem falschen Priester sein Schwert unter der Achsel hindurch. Die Klinge schrammte am Schulterblatt vorbei und trat aus dem R�cken wieder aus. Mit einem Ruck befreite er die Waffe.</p><p>Ein Zittern durchlief den Devanthar, doch er gab keinen Schmerzenslaut von sich. Trotz der m�rderischen Verletzung wehrte er einen Hieb Mandreds ab, drehte sich an der Axt vorbei und h�mmerte dem Firnstayner den Knauf seines Schwertes gegen die Stirn. Mandred fiel wie vom Blitz getroffen.</p><p>Nuramon setzte einen tiefen Angriff, der auf die Leisten des falschen Priesters zielte. Sein Schwert wurde abgeblockt. Mit einer Drehung aus dem Handgelenk schlug er die Waffe des Elfen zur Seite. Ein schneller Gegenangriff zerschnitt Nuramons Lederr�stung dicht unter der Kehle.</p><p>Der rechte Arm des Devanthars hing nutzlos herab. Doch er hatte das zweite Schwert nicht fallen lassen. Farodin wunderte sich, dass die Wunde unter der Achsel kaum blutete. �Glaubt ihr wirklich, ich w�re nicht vorbereitet gewesen?�, h�hnte der Devanthar. �Ich habe mit Emerelle und ihren besten Kriegern gerechnet.� Er setzte eine beleidigte Miene auf.��Nun, wenn sie nicht zu mir kommt, dann werde ich sie wohl bald mit meinen Ordensrittern in Albenmark besuchen.� Er schrieb mit dem Schwert eine Rune in die Luft und stie� einen kehligen Laut aus. Dann deutete er zur�ck zu dem Gew�lbe mit dem Albenstern. �Ganz gleich, wie der Kampf endet, ihr habt euch schon jetzt in meinen Zaubern verfangen, ihr Narren.� Der Devanthar hob die Rechte und strich sich in �bertriebener Geste �ber die Stirn.</p><p>Deutlich sah Farodin, dass sich die Wunde unter der Achsel geschlossen hatte. Das musste die Macht des verfluchten Albensteins sein!</p><p>St�hnend tastete Mandred nach seiner Stirn.</p><p>�Na, Menschlein�, spottete der Priester. �F�r dich habe ich mir etwas Besonderes �berlegt. Ich werde dir deine Leber herausschneiden, um sie dich dann essen zu lassen. Du wirst staunen, wie lange Magie dein Leben erhalten kann, ohne zugleich irgendwelche Schmerzen zu lindern!�</p><p>Noch w�hrend der Devanthar sprach, griff Farodin erneut an. Ein wahrer Hagel von Schl�gen ging auf den T�uscher nieder. Schritt um Schritt trieb der Elf ihn auf das Bronzeportal zu. Auch Nuramon griff wieder an. Seine Klinge streifte den Devanthar am Oberarm und hinterlie� einen klaffenden Schnitt. Der falsche Priester stie� wiederum keinen Schmerzenslaut aus.</p><p>Farodin zog dem T�uscher mit einem R�ckhandschlag eine lange, flache Schramme �ber den Bauch. Im selben Moment durchbrach ein Sto� die Deckung des Elfen. Er riss den Kopf zur Seite und trug dennoch eine Schnittwunde an der Wange davon.</p><p>Auch Nuramon blutete aus zahlreichen leichten Wunden. Es schien ganz so, als spielte der falsche Priester mit ihnen und trachtete danach, den Kampf in die L�nge zu ziehen, um sie zu verh�hnen. Die kleinen Schnitte und Prellungen zehrten an ihren Kr�ften.</p><p>Ein Sto� zerfetzte Nuramons Lederr�stung nun endg�ltig.</p><p>Dunkles Blut durchtr�nkte das Hemd, das er darunter trug, und benetzte den rotbraunen Almandin, der an einer d�nnen Kette von seinem Hals hing. Ein tiefes Gl�hen ging vom Innern des Steins aus.</p><p>Der Devanthar stie� einen �berraschten Schrei aus und wich zur�ck. Blut troff aus seinem linken Auge. Mit wirbelnden Schl�gen ging er auf Nuramon los. Farodin sprang dazwischen und versuchte den D�mon abzulenken, doch der Devanthar k�mpfte nun wie ein Berserker. Ein Tritt des falschen Priesters lie� den Elfen straucheln. Beide Schwerter des Devanthars fuhren nieder. Farodin konnte den Hieb der rechten Hand blocken. Doch mit der linken traf der Devanthar Nuramon seitlich am Kopf. Der Elf wurde in eine der Wandnischen geschleudert, schlug hart gegen den Stein und stand nicht mehr auf.</p><p>�Nun zu dir, Farodin�, fauchte der Devanthar. Das Spotten war dem falschen Priester vergangen. Eine dunkle H�hle klaffte nun dort, wo einst ein Auge gewesen war. Das geschundene Fleisch war verbrannt, als h�tte man ihn mit einem gl�henden Eisendorn gemartert. In ungez�geltem Zorn ging er nun auf den Elfen los. Seine Hiebe waren schlechter gezielt als zuvor, und doch trieb die Wildheit des Angriffs Farodin in die Defensive. Er wich zur�ck, duckte sich oder drehte sich weg und schaffte es kaum noch, seinerseits einen Schlag zu setzen. Der Devanthar dr�ngte ihn durch das Bronzetor in eine Halle, die von einem gro�en, steinernen Thron beherrscht wurde. Entlang der W�nde standen G�tterstatuen, die wie der Gallabaal in schwere Eisenfesseln geschlagen waren. Fackeln und ein gro�es Becken mit gl�henden Kohlen erleuchteten den Raum.</p><p>Farodin sp�rte, wie seine Kr�fte nachlie�en. Denkt an Noroelle! Nichts wird euch mehr Kraft verleihen. Das waren die Abschiedsworte der K�nigin gewesen. Farodin parierte einen Sto� mit seinem Dolch und duckte sich unter einem R�ckhandschlag. Wenn er nur an Noroelles Smaragd gelangen k�nnte! So viele Jahre trug er den Edelstein nun schon im Lederbeutel an seinem G�rtel. Deutlich hatte er die Magie gesp�rt, die dem Stein innewohnte, ohne je zu verstehen, welchem Zweck sie dienen mochte. Noroelle musste geahnt haben, dass sie dem Devanthar noch einmal begegnen w�rden. Sie hatte ihnen die Steine nicht nur zur Erinnerung, sondern auch zum Schutz gegeben.</p><p>Klirrend schlug Stahl auf Stahl. Jede Parade nahm Farodin ein wenig mehr von seiner Kraft. Mit einer seitlichen Drehung l�ste er sich aus dem Kampf. Doch sofort setzte der Devanthar nach. Der D�mon schien zu ahnen, dass es noch einen zweiten Stein geben mochte. Er lie� nicht zu, dass der Kampf auch nur einen Herzschlag lang stockte. Gnadenlos trieb er den Elfen vor sich her. Farodin blieb keine Zeit, um nach seinem G�rtel zu greifen und die Schnur des Lederbeutels zu l�sen. Er musste die Initiative im Kampf zur�ckgewinnen, sonst war seine Niederlage unabwendbar!</p><p>Ein wuchtiger Hieb fegte Farodins Dolch zur Seite. Sofort folgte ein Stich durch die L�cke, die nun in seiner Deckung klaffte. Er warf sich zur Seite und doch schnitt der Stahl des Devanthars durch Kettenhemd und Gambeson. Dunkles Blut sickerte durch die Ringe von Farodins R�stung. Aus dem Gleichgewicht geraten, st�rzte er, als er einem zweiten Hieb des D�mons auswich.</p><p>Der Devanthar verfehlte ihn so knapp, dass Farodin den Luftzug der Klinge auf seiner verletzten Wange sp�rte. Der Elf warf sich nach vorn. Sein Parierdolch stie� nieder und fuhr dem D�mon mit leisem Knirschen hinter der Kniescheibe ins Gelenk.</p><p>Der Devanthar knickte seitlich ein und f�hrte noch im St�rzen einen schlecht gezielten Hieb auf Farodins Kopf. Der Elf duckte sich und rollte sich seitlich ab, w�hrend der Devanthar sich den Dolch aus dem Knie zog.</p><p>Mit fliegender Hast tastete Farodin nach dem Lederbeutel am G�rtel. Seine Finger ertasteten den Knoten, doch er vermochte das blutverschmierte Lederband nicht zu �ffnen.</p><p>Mit einem w�tenden Grunzen schleuderte der D�mon den Dolch zur Seite. �Du wirst langsam sterben�, sagte er.</p><p>Farodin konnte sehen, wie sich der schmale Stich �ber dem Knie des Devanthars schloss. Vorsichtig belastete der T�uscher das verletzte Bein und l�chelte dann zufrieden.</p><p>Farodin gab es auf, das Lederband aufknoten zu wollen, und zerschnitt den Beutel mit dem Schwert. Klirrend fiel Aileens Ring zu Boden. Farodins Finger schlossen sich um den k�hlen Smaragd. Funkelnd brach sich das Licht der Fackeln in den Facetten. In seinem Innern erbl�hte ein zartes Licht.</p><p>Der Devanthar schleuderte eines seiner Schwerter nach Farodin, doch die Klinge verfehlte den Elfen um Armesl�nge. Dunkles Blut trat nun auch aus dem verbliebenen Auge des Priesters.</p><p>Immer heller wurde das Licht des Smaragds. �Sp�rst du die Kraft Noroelles?�, fragte Farodin. �Dies ist dein Lohn f�r die gestohlene Liebesnacht.�</p><p>Der Devanthar wand sich vor Schmerz. Er hatte die H�nde vors Gesicht geschlagen. �Sie liebte den Samen jener Nacht, Elf�, stie� er gequ�lt hervor.��Und auch ich mochte Guillaume, so wie ich alle meine Kinder mag. Viele sind so wunderbar begabt darin, auf den Pfaden der Magie zu wandeln. So wie Vater Marcus, der beinahe Emerelle get�tet h�tte.�</p><p>Farodin erhob sich. Auf der breiten Armlehne des Throns lag ein golden schimmernder Stein. War er das? Der Schl�ssel zu Noroelle? Der Albenstein, mit dem der Devanthar all die neuen Pfade gezogen hatte?</p><p>Der falsche Priester nahm die H�nde vom Gesicht. Beide Augen waren nur noch klaffende L�cher. Er b�ckte sich und tastete nach dem Schwert, das vor ihm auf den Boden gefallen war. Als er es fand, nahm er es hastig auf und deutete dann mit der Klinge auf jene Stelle, an der Farodin eben noch gesessen hatte. �Glaubst du, du hast gesiegt, Elflein?� Schwankend kam der Devanthar auf die Beine.</p><p>Lautlos trat Farodin neben den Thron und nahm den Albenstein. Es war ein durchscheinender, goldener Chrysoberyll, der von f�nf hellbraunen Adern durchzogen wurde. Jetzt w�rde alles gut werden! Mit der Macht des Steins konnten sie Noroelle befreien.</p><p>Der Devanthar tastete sich in Richtung des Thrones. Vorsichtig trat Farodin ein St�ck zur�ck. �Du buhltest doch auch um die Gunst dieser Elfe, die ich bestiegen habe, nicht wahr? Wie war es f�r dich, dass sie sich mir in Gestalt dieses Nuramons so bereitwillig hingegeben hat?�</p><p>Die Hand des Devanthars tastete �ber die Armlehne des Thrones. Er stutzte. Noch einmal lie� er die flache Hand �ber die Lehne streichen.</p><p>�Du bewegst dich sehr leise, Farodin � Hatte ich schon erw�hnt, wie laut dieses Elfenweib wurde, als es unter mir lag? Ich glaube, sie hatte einfach darauf gewartet, einmal richtig genommen zu werden.� Der Devanthar war ein St�ck vom Thron zur�ckgetreten. Er hielt das Schwert leicht angewinkelt, bereit zur Parade, auch wenn er keinen Angriff mehr kommen s�he.</p><p>J�mmerlich, dachte Farodin. Leise umrundete er den Devanthar. Dann griff er ihm ins Haar und riss ihm den Kopf in den Nacken. Mit kaltem Blut hieb er nach dem Gelenk der Schwerthand und durchtrennte Sehnen und Knochen. Klirrend fiel die Waffe des D�mons zu Boden. Seine Finger zuckten kurz, dann lag die Hand still.</p><p>Farodin setzte dem Devanthar das Schwert an die Kehle.</p><p>_Erinnerst du dich noch, was geschah, als ich in der Eish�hle starb, Elf?_, erklang die Stimme des D�mons nun in Farodins Kopf. _Vielleicht gef�llt es mir, eure Liebste noch einmal zu besuchen, wenn du mir meinen Leib nimmst_. Die verbliebene Hand des T�uschers streifte Farodins Bein. Der Elf zuckte zur�ck. Etwas Kaltes schien nach seinem Innersten zu greifen.</p><p>_Welch eine sch�ne Insel_, wisperte die Stimme. _Willst du mich wirklich dorthin schicken? Soll ich ihr diesmal in deiner Gestalt erscheinen?_</p><p>Hellblaues Licht spielte um Farodins Klinge.��Du irrst dich, T�uscher. Niemand kann zu ihr. Nicht einmal du.� Der Stahl grub sich tief in das Fleisch. Mit einem Ruck durchtrennte der Elf die Nackenwirbel und hob den Kopf dann an seinem langen, blonden Haar in die H�he. Voll kalter Wut blickte er in die ausgebrannten Augen. Dann legte er das Haupt auf die Schale mit den gl�henden Kohlen.</p><p>Pl�tzlich begann das Schwert hell zu strahlen. War da ein Schemen bei der Leiche des falschen Priesters?</p><p>Farodin sprang vor. Jetzt sah er nichts mehr. War es nur eine Sinnest�uschung gewesen? Eine Illusion, geschaffen von flackerndem Fackellicht? Farodin drehte sich um und lie� dabei seine Klinge wirbeln. Er sprang vor und zur�ck und hieb in die Luft, als w�re er n�rrisch geworden. Und mit jedem Herzschlag wuchs seine Angst. Waren die letzten Worte des Devanthars mehr als nur eine verzweifelte Drohung gewesen?</p><p>Pl�tzlich verblasste das Leuchten des Schwertes. Feine schwarze Adern krochen den Stahl hinauf. Eisesk�lte drang durch die Lederumwicklung am Griff und tastete nach Farodins Fingern. Erschrocken lie� der Elf die Waffe fallen. Der Stahl war rabenschwarz geworden. Als es auf den Steinboden schlug, zerbrach das Schwert in unz�hlige Splitter.</p></section><section><title><p>Die Rache des Devanthars</p></title><p>Nuramon schmerzte jeder Knochen im Leib. Merkw�rdigerweise empfand er keine Befriedigung, als er den Leib des toten Devanthars betrachtete.</p><p>Hier war alles getan. Der Feind war tot, die Wunden ein wenig geheilt. Es blieb ihnen nur noch, von diesem schrecklichen Ort zu verschwinden.</p><p>M�de kehrte er mit seinen Gef�hrten in die Halle zum Albenstern zur�ck. Mandred und Farodin trugen Liodreds Leiche, und dem Jarl war die Trauer anzusehen. Vorsichtig legten die beiden den Leichnam des K�nigs neben den goldenen Stern.</p><p>�Wir h�tten dich nicht mitnehmen sollen�, sagte Mandred, strich Liodred z�rtlich �ber das Gesicht und schloss dessen Augen.</p><p>In Farodins Antlitz stand Sorge. Nuramon teilte dieses Gef�hl. Sein Gef�hrte hatte ihm von den letzten Worten des Devanthars berichtet. War Noroelle in Gefahr? Oder war die Drohung nur ein letzter, verzweifelter Versuch gewesen, sie einzusch�chtern? Nein, sie hatten ihn besiegt! Es konnte keinen Zweifel geben. Dass Farodin den Albenstein in der Hand hielt, war der Beweis ihres Triumphes. Aber diesen w�rden sie erst genie�en k�nnen, wenn sie wieder in der Menschenwelt waren und das Kloster verlassen hatten. Im schlimmsten Fall mussten sie sich ihren Weg freik�mpfen, und dann w�rden sie Mandred klarmachen m�ssen, dass er den K�rper des K�nigs nicht mitnehmen konnte.</p><p>Nuramon stellte sich auf die goldene Platte. Er w�rde das Tor �ffnen und sich bereithalten, rasch ein Neues aufzutun, das sie sogleich aus dem Tjuredkloster nach Firnstayn f�hren w�rde. Er konzentrierte sich auf den Zauber. Um ihn herum erschienen die Albenpfade. Doch irgendetwas stimmte nicht. Die Pfade hatten sich ver�ndert, schienen von z�ngelnden Flammen umgeben. Er versuchte den Zauber zu wirken, doch schon im Ansatz fuhr ein Schmerz in seinen Geist, als griffen gl�hende H�nde nach seinem Kopf, um ihre Finger in seinen Sch�del hineinzuschmelzen.</p><p>Ersch�pft brach er den Zauber ab und fiel auf die Knie. Als er wieder klar sehen konnte, blickte er in die entsetzten Gesichter seiner Gef�hrten.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte Mandred.</p><p>�Nein, nur das nicht!�, rief Farodin. Sein Blick schien ins Leere zu gehen, doch Nuramon wusste, was sein Gef�hrte sah. Die Flammen um die Albenpfade konnten auch ihm nicht verborgen bleiben.��Das ist die Rache des Devanthars!�</p><p>Sie waren eingesperrt. So wie die Barriere der K�nigin den Weg zu Noroelle blockierte, hinderte sie die Barriere des Devanthars daran, die Zerbrochene Welt zu verlassen. Nuramons Blick fiel auf den Albenstein in Farodins H�nden. Er war ihre einzige Hoffnung. Doch sie wussten nichts �ber diesen Stein und mussten erst lernen, seine Macht zu nutzen. Es mochte Jahre dauern, bis sie die Geheimnisse des goldenen Edelsteins entr�tselt h�tten. Und diese Zeit hatten sie nicht, denn hier gab es weder Wasser noch Nahrung. Sie w�rden verdursten, ehe sie den Stein auch nur im Ansatz ergr�ndet h�tten.</p><p>�Da!�, rief Mandred pl�tzlich und deutete auf eine der gro�en Silberplatten, welche den Albenstern umgaben. Der Jarl ging davor in die Hocke.</p><p>Nuramon und Farodin blickten ihm �ber die Schulter. Auf der Fl�che der Silberplatte erschien ein Bild, fast wie im Wasserspiegel der K�nigin. Es zeigte den Fjord von Firnstayn. Sie konnten westlich am Steinkreis vorbei hinab zur Stadt blicken. Es war bereits Morgen, und die Siegesfeuer schienen verloschen zu sein. Der Arm des Fjords erstreckte sich nach S�den. Die Galeeren der Elfen und die schwimmenden Festungen der Trolle waren verschwunden. Entlang der Ufer waren noch die grauen Ascheh�gel der Scheiterhaufen zu sehen. Es gab keinen Zweifel: Die Silberplatte zeigte Firnstayn nach der Seeschlacht.</p><p>Mit einem Mal regte sich etwas. Es waren die Wellen! Sie bewegten sich, als wehte im Fjord ein heftiger Wind. Doch irgendetwas stimmte nicht mit dem Bild. F�r starken Wind waren die Wellen viel zu klein. Wolken kamen in Sicht und zogen geschwind �ber den blauen Himmel. Als die Sonne erschien und sich schnell voranschob, war klar, dass es kein Wind war, der Wolken und Wellen bewegte. Die Sonne strebte rasch zum Horizont, und die Nacht kam mit ihren Sternen, nur um wenige Herzschl�ge sp�ter einem neuen Tag zu weichen.</p><p>Die Zeit ging vor ihren Augen vor�ber. Nuramon musste an die H�hle des Luth denken. Vor der Eiswand, die ihnen den Ausgang versperrt hatte, hatten sie damals ein �hnliches Lichtspiel beobachtet. Und damals waren sie drei�ig Jahre sp�ter aus der H�hle herausgekommen.</p><p>Mandred sprach aus, was Nuramon dachte.��Bei Luth! Dieser verdammte Devanthar hat uns in die gleiche Falle wie damals gelockt!� Der Jarl sch�ttelte ungl�cklich den Kopf und starrte auf seine Stadt.</p><p>�Nur ist diesmal niemand da, der uns befreien wird�, sagte Farodin leise.��Wir Narren!�</p><p>�Vielleicht kommt die K�nigin uns zu Hilfe�, wandte Nuramon ein.</p><p>�Erinnerst du dich an das, was die K�nigin gesagt hat?�, fragte Farodin. �Der Devanthar hat mit ihr oder der Trollschamanin gerechnet.�</p><p>Nuramon erinnerte sich daran. Die K�nigin hatte aber auch von anderen M�chtigen gesprochen. Doch das mochte im Augenblick nichts bedeuten.��Du meinst, wir sind nun f�r die K�nigin in die Falle gegangen?�</p><p>�Ja. Und sie wird alles andere tun, als sich in das Kloster zu wagen, wo der Zauber eines Priesters mit D�monenblut in seinen Adern sie das Leben kosten k�nnte.�</p><p>Nuramon nickte. Farodin hatte Recht. Sie waren auf sich allein gestellt. �Dann m�ssen wir versuchen, gegen die Macht des Devanthars anzukommen. Wir haben keine andere Wahl.</p><p>Wir k�nnen nur hoffen, dass wir irgendwie lernen, den Albenstein zu nutzen.�</p><p>�Wie kann das sein?�, rief Mandred.</p><p>Nuramon schaute auf die Silberplatte. Tag und Nacht waren nicht mehr zu unterscheiden. Es gab nur das tr�be Licht der D�mmerung. Schnee und Gras wechselten sich ab und zeigten, wie rasch die Jahre vor�berzogen. Doch das war es nicht, was Mandred bewegte. Er deutete auf den Steinkreis. Dort war ein Tor zu sehen, aber nicht das Nebeltor, das ihnen vertraut war. Nichts verh�llte die Pforte, sie konnten direkt nach Albenmark schauen, den H�gel hinabblicken und die Turmruine sehen. Sogar Atta Aikhjartos volles Ge�st war zu erkennen. �Warum steht das Tor offen?�</p><p>Nuramon war entsetzt. Wenn die Zeit so rasch vor ihren Augen vor�berlief, blieb nur das sichtbar, was Bestand hatte. Das waren die Berge, die Stadt, die verschwommene Fl�che des Wassers, der Steinkreis und der Blick nach Albenmark. Wenn ein Elf oder ein Mensch vor ihren Augen vor�berginge, w�rden sie es nicht einmal merken, es sei denn, er w�rde eine ganze Jahreszeit unbeweglich verweilen. Das Tor nach Albenmark stand offen, w�hrend sich die Jahreszeiten immer schneller vor ihren Augen abwechselten. Auch die Stadt wuchs. Immer gr��er wurde der Hafen. Wie Jahresringe wucherten H�userreihen �ber die Mauern hinaus, bis eine zweite, starke Stadtmauer mit hohen T�rmen angelegt wurde.</p><p>Dann geschah etwas, das sie nie und nimmer erwartet h�tten. Die Pforte nach Albenmark verbreitete sich, wie ein Riss, der durch die Welt ging. Er reichte die Steilklippe hinab bis zum Fjord, zog sich �ber das Wasser bis zum Strand, wo Emerelle ihnen das Tor zum Kloster erschaffen hatte. Was geschah da nur? War dies das Ende von Albenmark, und sie konnten nichts anderes tun als zusehen? Wut keimte in Nuramon auf.</p><p>�Das kann nicht wahr sein�, sagte Farodin.��Das muss eine T�uschung sein! Eine Illusion des Devanthars! Das ist nicht die Wirklichkeit!�</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. Er glaubte nicht daran. �Gib mir den Albenstein, Farodin!� Er wartete nicht einmal, bis dieser seinen Worten nachkam, sondern nahm ihn sich einfach.</p><p>Farodin blickte ihn missmutig an, doch dann bemerkte er Nuramons entschlossenen Gesichtsausdruck. �Du wirst es schaffen�, sagte er.</p><p>Mandred hingegen war v�llig abwesend und hatte nur Augen f�r das Bild am Boden.</p><p>Nuramon trat zur�ck auf die goldene Bodenplatte und bereitete sich auf den Zauber vor. Was immer auch geschah, er w�rde nicht aufgeben, ehe er die Barriere durchbrochen h�tte.</p><p>Kaum hatte er mit dem Zauber begonnen, da flammte das Feuer um die Albenpfade auf und schlug ihm entgegen. Gl�hende Zungen drangen ihm in den Sch�del. Doch er lie� nicht ab, sondern k�mpfte dagegen an. Schnell merkte er, dass er der Zauberkunst des Devanthars weit unterlegen war. Verzweifelt versuchte er einen Weg zu finden, die Magie des Albensteins f�r sich zu gewinnen. Er stellte sich vor, dass er von seiner Kraft erf�llt wurde, doch nichts geschah. Er dr�ckte seine H�nde fest gegen den Stein, als k�nnte er die Macht aus ihm herauspressen. Selbst einen Heilzauber versuchte er �ber den Edelstein zu sprechen. Vergebens! Der Albenstein, dessen verborgene Zauberkraft er zwar sp�ren konnte, entzog sich seiner Macht, w�hrend die Hitze der Flammen ihn zu verbrennen schien. K�lte war alles, was der Stein ihm schenken konnte. Seine H�nde waren von der Hitze befreit.</p><p>Das war es! Es ging noch nicht darum, mit aller Macht das Feuer zu durchsto�en, sondern darum, die Flammen auszuhalten. Die K�lte des Albensteins gegen die Hitze des Feuers! Sanft strich er �ber die Oberfl�che des Chrysoberylls und f�hlte sich in die K�lte ein, die ihm innewohnte. Und er sp�rte, wie ein k�hler Fluss seine Arme heraufstr�mte und sich langsam in seinem K�rper verteilte, so wie das Blut, das durch die Adern floss. Der Stein war eine Quelle. Er dachte an Noroelles Quelle unter den beiden Linden und an die Zaubersteine, die darin lagen. Die Flammen leckten zwar noch an Nuramon, doch er konnte sehen, wie sie bei der geringsten Ber�hrung zur�ckzuckten. Jetzt musste er die Kraft des Steins nur noch lenken, um die Barriere zu durchbrechen, und sie h�tten es geschafft. Als er aber den Stein n�her ans Feuer f�hrte, verbrannte er sich die Handr�cken, w�hrend seine Handfl�chen vereist schienen.</p><p>�Du musst dich beeilen!�, rief Mandred mit hallender Stimme.��H�rst du! Du musst dich beeilen, sonst ist alles verloren!�</p><p>Fast h�tte er den Zauber abgebrochen, um zu sehen, was den Jarl zu diesen Worten bewegt hatte. Doch er hielt sich zur�ck und biss die Z�hne zusammen.</p><p>Seine H�nde waren zwischen Glut und Frost gefangen. Er durfte nicht aufh�ren. So brachte er den Albenstein n�her zum Albenstern.</p><p>�Gut so!�, rief Mandred.��Es wird langsamer! Gut so!�</p><p>Als Nuramon die Worte h�rte, wurde ihm klar, dass er nicht nur gegen eine Barriere ank�mpfte, sondern auch gegen den Zauber, der das Bild von Firnstayn schuf. Die Flammen, die den Pfad zur Silberplatte umgaben, leuchteten heller als die der anderen Pfade.</p><p>Nuramon begann zu zittern, als er den Albenstein direkt �ber die Flammen hielt. Er verlor die Macht �ber die Magie.</p><p>�Bei allen Alben!�, h�rte er Farodin rufen. �Schnell! Nuramon! Schnell!�</p><p>Nuramon sp�rte, wie es k�hler und k�hler wurde. Seine H�nde schienen einzufrieren. Es war ihm, als fr��e sich der Frost durch seine Adern. Der Stein war l�ngst keine Quelle der K�lte mehr, sondern ein Meer, in dem Nuramon zu ertrinken drohte. Die Macht des Steins drohte ihn zu �berw�ltigen.</p><p>�Du musst es schaffen, Nuramon!�, schrie Farodin. �Entweder jetzt oder nie!�</p><p>Der Schmerz von tausend Nadeln stach auf ihn ein. Er h�rte sich schreien, dann verlor er das Gleichgewicht und sp�rte nur noch, wie etwas Hei�es ihn packte und fortriss.</p></section><section><title><p>Ruinen</p></title><p>Kalter Nieselregen streichelte Mandreds Gesicht. Ihm war schwindelig, und er lehnte sich gegen das verwitterte Mauerwerk. Dort, wo sich das sch�ne Kreuzgew�lbe h�tte spannen sollen, war nur mehr grauer Himmel. Das Kloster, durch das sie in die Zerbrochene Welt gelangt waren, lag in Ruinen. Mandreds Finger gruben sich in eine Mauerfuge. Der hellbraune M�rtel zerbr�ckelte schon bei der leisesten Ber�hrung. Dieses Kloster war schon lange verlassen, ganz gleich, was Farodin auch sagen mochte.</p><p>Der Jarl blickte zu Nuramon. Sein Kamerad hockte vor der Wandnische, in der Liodreds Leichnam aufgebahrt lag. Er hatte sich ver�ndert. Von einem Augenblick zum anderen hatte er eine wei�e Haarstr�hne bekommen. Es schien, als w�re der Elf um Jahre gealtert. Seine Gesichtsz�ge wirkten weniger weich als zuvor. Doch diese Ver�nderung war nicht das Schlimmste. Nuramon wippte auf seinen Fu�ballen und summte dabei leise. Er starrte mit leerem Blick auf einen Schutthaufen an der gegen�berliegenden Wand. Seine H�nde hielten noch immer den goldenen Albenstein umklammert. Zweimal hatte Mandred auf Farodins Bitten hin versucht, den Stein zu holen. Doch Nuramon hielt ihn so fest, dass er dem Elfen die Finger h�tte brechen m�ssen, um den Albenstein zu bekommen. Seit Nuramon seinen Zauber gewirkt hatte, war er nicht mehr so recht bei sich. Manchmal schien er sie nicht zu erkennen. Mandred fragte sich, ob der Elf vielleicht besessen war.</p><p>Ein goldener Lichtbogen erwuchs zwischen den Ruinen. Farodin l�chelte ersch�pft. �Sie haben die Tore hier nicht zerst�rt. Es ist nicht wie in den Turmtempeln.�</p><p>Mandred k�mpfte einen neuerlichen Anflug von �belkeit nieder. Dumpfer Schmerz pochte in seiner Stirn. Er musste an die Bilder denken, die er im Silberspiegel gesehen hatte. �Ist das Tor sicher?�, fragte er misstrauisch. �Wir d�rfen keinen Zeitsprung machen. Du wei�t���</p><p>Farodin schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. �Sicher kann man nie sein. Vergiss, was du in dem Spiegel gesehen hast. Er war der T�uscher! Er wollte Angst in dein Herz s�en, und das ist ihm wohl auch gelungen.�</p><p>�Es sah so echt aus�, wandte Mandred ein.</p><p>Farodin sagte nichts dazu. Er ging zu Nuramon, redete leise auf ihn ein und half ihm dann aufzustehen. �Wir gehen nach Hause?�, h�rte Mandred die zittrige Stimme des Elfen.</p><p>Farodins langes Haar war vom Regen str�hnig geworden. Er strich es sich aus dem Gesicht und st�tzte Nuramon. �Ja, wir gehen zur�ck. Es ist nur noch ein kleines St�ck Weg. Emerelle erwartet uns.�</p><p>Mandred h�tte heulen k�nnen vor Wut. Was war nur mit seinem Freund geschehen? Was hatte der Zauber ihm angetan? Wieder musste er an die Bilder im Spiegel denken. Hoffentlich hatte Farodin Recht, und alles war nur Trug!</p><p>�Beeile dich!�, rief der Elf.</p><p>Mandred nahm den toten K�nig auf und legte dessen Kopf an seine Schulter, als tr�ge er ein schlafendes Kind. Unter dem Gewicht ging er fast in die Knie. Nur ein paar Schritt, ermahnte sich Mandred. Stolpernd trat er auf das Tor zu. Ein letztes Mal sah er sich zweifelnd um. Was war hier geschehen? Warum war dieses Kloster zerst�rt? H�tte es nicht das bedeutendste aller Kl�ster der Tjuredpriester sein m�ssen?</p><p>Farodin und Nuramon verschwanden in dem goldenen Licht, und Mandred beeilte sich, ihnen zu folgen. Der Weg durch die Leere hatte sich nicht ver�ndert. Sie folgten einem goldenen Pfad durch v�llige Stille. Das einzige Ger�usch war sein pfeifender Atem.</p><p>Eine Kante der Brustplatte von Liodreds R�stung schnitt schmerzhaft in Mandreds Schulter. Fast w�re er gestrauchelt. Der Jarl hielt die Augen fest auf den leuchtenden Pfad gerichtet. Nicht abweichen!</p><p>Der �bergang kam pl�tzlich. Eisiger Wind griff nach Mandreds d�nnen Z�pfen. Fassungslos nahm der Jarl die Ver�nderungen auf. Das Bild im Silberspiegel war keine T�uschung gewesen.</p><p>�Runter!�, zische Farodin und zerrte am Umhang des Fjordl�nders. Ersch�pft brach Mandred in die Knie.</p><p>Bei den G�ttern! Was war hier geschehen? Wo war seine Heimat? Es herrschte tiefer Winter. Sie kauerten in einer Schneewehe, nahe am Ufer des Fjords. Ein dicker Eispanzer lag �ber dem Wasser.</p><p>Vor ihnen erstreckte sich Firnstayn. Die Stadt war um ein Vielfaches gewachsen, ganz so, wie sie es in der Zuflucht des Devanthars gesehen hatten. Festungsmauern aus dunklem Stein reichten bis dicht an den Albenstern, den Emerelle einst eine Meile vor der Stadt erschaffen hatte. Breite Breschen waren in die W�lle geschlagen.</p><p>Am ungeheuerlichsten aber war die Ver�nderung direkt vor ihren Augen. Etwas wuchs aus dem Albenstern, den sie durchschritten hatten. Mandred fand keine richtigen Worte daf�r. Es war etwas, das es nicht geben durfte! Quer �ber den Fjord bis hinauf zum Steinkreis auf der Klippe zog sich � eine Ver�nderung. Der Anblick erinnerte ihn an etwas, das er in der Bibliothek von Iskendria gesehen hatte. Einmal war er dort in einen Raum gekommen, dessen W�nde mit wundersch�nen Bildern geschm�ckt waren. Eine der W�nde jedoch war besch�digt, der Putz war aufgerissen und an manchen Stellen abgeplatzt. So konnte man ein zweites Bild erkennen, das unter dem ersten lag, in leuchtenden Farben gemalt und nicht minder sch�n als das neue Wandbild. Mandred hatte nicht verstehen k�nnen, warum man es unter einer Schicht von Putz versteckte.</p><p>So war es auch hier. Etwas war aufgeplatzt oder zerrissen. Und hinter dem Fjord, den Mandred von seiner Kindheit an kannte, kam etwas anderes zum Vorschein. Die Luft zwischen den beiden sich �berlagernden Bildern schimmerte und schien zu zerflie�en, wie sie es manchmal an besonders hei�en Sommertagen tat. Das Bild aber, das sich jenseits des Risses darbot, war unscharf. Und dennoch erkannte Mandred auf den ersten Blick, was er dort sah. Es war jene Landschaft, in der er nach seiner Flucht vor dem Manneber erwacht war. Er sah die bl�henden Fr�hlingswiesen von Albenmark. Dort, am anderen Ufer des Fjords, schien nun der verfallene Wachturm zu stehen. Und nicht weit davon spannten sich die m�chtigen �ste Atta Aikhjartos dem Himmel entgegen. Doch etwas stimmte nicht mit der alten Eiche. Anders als die B�ume, die weiter entfernt standen, trug sie kein Laub! Mandred kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu k�nnen. Die gewaltige Eiche zeichnete sich dunkel gegen den Himmel ab. Etwas Kleines, Wei�es war neben ihr, doch Mandred konnte es nicht erkennen. Die zerflie�ende Luft verzerrte alles. Schlie�lich wandte er sich an Farodin, der nicht minder aufgew�hlt wirkte, w�hrend Nuramon einfach nur im Schnee sa� und vor sich hin starrte.</p><p>�Was ist mit Atta Aikhjarto?�, fragte der Jarl.��Warum tr�gt er kein Gr�n?�</p><p>�Tote B�ume tragen keine Bl�tter.�</p><p>Die Antwort traf Mandred wie ein Schlag in den Magen. Das konnte nicht stimmen! Was konnte einen beseelten Baum t�ten? Er hatte Magie und war so unvorstellbar alt.��Du irrst dich!�</p><p>�Ich w�nschte es�, entgegnete Farodin bedr�ckt. �Sie m�ssen um ihn herum Feuer entz�ndet haben. Vielleicht haben sie dazu sogar Balbars Feuer aus Iskendria benutzt. Aikhjartos Stamm ist verkohlt. Alle kleineren �ste sind g�nzlich verbrannt. Sie haben ihn wohl zum Symbol im Krieg gegen Albenmark gemacht. Eines ihrer Banner ist daneben aufgesteckt. Du kennst es. Es zeigt die verbrannte Eiche!�</p><p>�Aber wie konnte er���</p><p>�Wie sollte ein Baum wohl davonlaufen�, unterbrach ihn Farodin gereizt. Dann f�gte er vers�hnlicher hinzu: �Und selbst wenn Atta Aikhjarto Beine gehabt h�tte, w�re das alte Eichenherz niemals vor einem Feind davongelaufen.�</p><p>Mandred sagte nichts mehr. Er musste an den Eid denken, den er Aikhjarto an dem Tag geleistet hatte, da er in Albenmark erwacht war. Er hatte geschworen, dass seine Axt zwischen der Eiche und ihren Feinden stehen w�rde. Dass er seinem Freund nicht hatte helfen k�nnen, machte seine Trauer umso verzweifelter.</p><p>Er wandte den Blick ab und betrachtete Firnstayn. Auf manchen der T�rme wehten Banner der Tjuredkirche. Ganze Stadtteile waren niedergebrannt. Entlang der Anlegestellen lagen Schiffe, halb im Eis versunken. Auch im Fjord selbst ragten an einigen Stellen Masten durch den dicken Eispanzer. Wie viele Menschen wohl in der Stadt gelebt hatten? Und wo waren sie jetzt? Hatten die Ordensritter sie alle get�tet? Mandred dachte an die Nacht im belagerten Iskendria. Hatte es hier ein ebenso grausames Schlachten gegeben?</p><p>�Duck dich tiefer!�, zischte Farodin. Von S�den her kam ein Trupp von drei Reitern �ber das Eis. Sie waren die Vorhut einer langen Kolonne von Pferdeschlitten. Die Reiter jagten der Stadt entgegen. Von einem der T�rme erklang ein Signalhorn.</p><p>Die drei trabten keine zwanzig Schritt am Ufer vorbei. Ihre R�stungen erschienen Mandred seltsam. Sie waren geschw�rzt und aus ineinander greifenden Metallplatten gefertigt, so wie der Harnisch Liodreds. Schwere Stulpenhandschuhe sch�tzten die H�nde vor der K�lte. Die Reiter trugen kniehohe Stiefel und lange wei�e Umh�nge mit dem Wappen des schwarzen Baums. Helme mit tief hinabreichenden Wangenklappen und einem metallenen Kamm, der l�ngs �ber den Kopf verlief, kr�nten ihre H�upter. Ein breiter Waffengurt verlief quer �ber die Brustplatte ihrer R�stungen. Daran hing ein ungew�hnlich schlankes Schwert. Vorn am Sattel waren zwei seltsame Ledertaschen befestigt. Es schienen kurze Keulen darin zu stecken.</p><p>Den Pferden stand in wei�en Wolken der Atem vor den N�stern. Sie wirkten ersch�pft, und die Gesichter der Reiter waren rot vor K�lte. Mandred fragte sich, wie viel Zeit er und seine Gef�hrten in den Schatzhallen des Devanthars verbracht haben mochten. Diese Reiter�� Sie wirkten so anders als die Ordensritter, gegen die er in der Seeschlacht angetreten war. Sie f�hrten auch keine Schilde mit sich.</p><p>Er blickte zum zerst�rten Firnstayn. Wie viele Jahrhunderte hatte die Stadt gebraucht, um so sehr zu wachsen? Er fand keine Antwort.</p><p>Einer der drei Reiter scherte aus dem Trupp aus und hielt dann geradewegs auf den Riss zu. Angespannt hielt Mandred den Atem an. Ross und Reiter wechselten einfach so auf die andere Seite. Zwei oder drei Herzschl�ge lang waren sie verschwunden. Dann erschien der Krieger auf der weiten gr�nen Wiese, passierte den verfallenen Wachturm und hielt auf den Waldweg zu.</p><p>Die anderen beiden Reiter ritten kurz darauf eine Rampe zu einer Hafenmole hoch und verschwanden in den Gassen der Stadt.</p><p>Mandred drehte sich um und blickte zur�ck. Die Schlitten waren ein gutes St�ck n�her gekommen. Reiter, die wie die drei M�nner der Vorhut ausger�stet waren, besch�tzten die Flanken der Kolonne. Die Schlittenwagen waren hoch mit Vorr�ten beladen. Ihr Beobachtungsposten am Strand lag zu niedrig, um einen guten �berblick zu haben. Mandred konnte nicht absch�tzen, wie viele Schlitten wohl kamen. Er blickte zur�ck zur Stadt. Trotz des dunklen Winternachmittags glommen nur vereinzelt Lichter in den Fenstern. Wer solche Steinh�user baute, litt keine Not. Es h�tten mehr Lampen brennen m�ssen. Brannten nur noch dort Lichter, wo feindliche Priester, Offiziere und Soldaten H�user besetzt hatten, die von den Br�nden verschont geblieben waren?</p><p>�Wir m�ssen hier weg�, fl�sterte Farodin leise und deutete zu dem zersplitterten Stamm einer Kiefer, der ein St�ck die Uferb�schung hinauf aus dem Schnee ragte. Die letzten Herbstst�rme hatten den Baum wohl entwurzelt und hier angesp�lt. Vorsichtig krochen sie dorthin. Mandred war zu schwach, um den Leichnam Liodreds mit sich zu ziehen.</p><p>Schweren Herzens lie� er ihn zur�ck. Es waren ja nur ein paar Schritt.</p><p>�Riechst du das?�, fragte Farodin, als sie sich hinter den Stamm kauerten.</p><p>Mandred roch den Schnee. Auch der Geruch von Kaminfeuern und Kohlsuppe hing in der Luft. Er konnte daran nichts Besonderes finden. Er blickte hinab auf das Eis und fragte sich, was wohl alles auf den Schlitten transportiert wurde. Was w�rde er jetzt f�r Eier und ein paar Streifen gebratenen Speck geben! Gewiss hatten sie in den F�ssern dort unten auch Met. Mandred seufzte leise. Ein Trinkhorn voller Met � Er dachte an den Schwur, den er Luth w�hrend der Seeschlacht geleistet hatte. Der Jarl schmunzelte. Diesen Eid w�rde er nicht brechen, aber er w�rde trotzdem trinken!</p><p>�Es riecht nach Schwefel�, sagte Farodin schlie�lich, als er keine Antwort erhielt.��So roch es in der N�he des Devanthars. Jetzt riecht die ganze Welt nach ihm.�</p><p>�Aber du hast doch erz�hlt, wie du ihn besiegt hast. Das Schwert zerbrach.� Mandred deutete auf die leere Lederscheide am G�rtel des Elfen.��Es hat den Devanthar doch get�tet, oder?�</p><p>�Hoffen wir es.�</p><p>�Mir ist kalt�, sagte Nuramon leise. Seine Lippen waren blau, und er zitterte.��Warum gehen wir nicht zu der Wiese hin�ber? Dort ist Fr�hling.�</p><p>�Es gibt keine Deckung auf dem Eis.� Farodin sprach mit ihm wie mit einem Kind.��Die Menschen dort hinten wollen uns B�ses. Und sie haben einen Weg nach Albenmark gefunden. Wir werden auf anderem Wege in unsere Heimat gelangen. Wir nutzen den Albenstern, durch den wir hierher gekommen sind. Er hat sich ver�ndert. Es gibt dort einen neuen Pfad, der vor nicht allzu langer Zeit geschaffen wurde. Er hat dasselbe magische Muster wie die anderen. Emerelle muss ihn mit ihrem Albenstein gezogen haben. Ich glaube, sie hat auf uns gewartet. Sie wusste, wir w�rden hierher kommen. Der Weg ist ein Zeichen f�r uns. Er wird uns in Sicherheit bringen!�</p><p>�ber dem Fjord wurde es dunkel. Sturmwolken zogen von Westen her �ber die Berge. Der Himmel in Albenmark hingegen erstrahlte noch immer in hellem Blau.</p><p>Vom Hafen her erklangen Fl�tenspiel und Trommelschlag. W�hrend die Schlitten an einer Rampe die Landungsbr�cken hinauffuhren, erschien zwischen den Schiffen eine Kolonne marschierender Soldaten. Sie alle trugen Brustplatten und hohe Helme. Ihre Hosen und die �rmel ihrer Jacken waren seltsam aufgeplustert. Noch merkw�rdiger waren ihre Waffen. Sie alle trugen Speere, die mehr als sechs Schritt lang sein mussten.</p><p>Die Krieger marschierten in geschlossener Kolonne. Acht Pfeifer bildeten die erste Reihe. Ihnen folgten acht Trommler. Berittene Offiziere begleiteten die Einheit. Sie f�hrten sie geradewegs auf den Riss zwischen den Welten zu.</p><p>Mandred z�hlte stumm die Reihen der Marschierenden. Fast tausend Mann gingen nach Albenmark. Ihnen folgten hochr�drige Karren und eine Kolonne aus Packtieren.</p><p>�Sie sind verr�ckt geworden�, erkl�rte Mandred, w�hrend die Marschs�ule auf den Weg neben der Turmruine einschwenkte. �Mit diesen langen Speeren werden sie sich beim Kampf nur selbst im Weg sein.�</p><p>�Wenn du das sagst�, murmelte Farodin und duckte sich tiefer hinter den Baumstamm. Frischer Wind blies �ber den Fjord, und mit den Wolken aus dem Westen kam Schnee. Sie kauerten in ihrer Deckung und warteten, bis es Nacht wurde.</p><p>V�llig durchgefroren kehrten sie zu dem Albenstern am Strand zur�ck. Liodred war unter einem d�nnen Leichentuch aus Schnee verschwunden. Mandred kniete neben dem toten K�nig. Wenigstens war es ihm erspart geblieben, Firnstayn gebrandschatzt und von Feinden besetzt zu sehen.</p><p>Der Jarl blickte zu Farodin. Hoffentlich machten sie keinen Zeitsprung. Diese verfluchten Tore! Alles war aus dem Gleichgewicht geraten! Ein Heer, das in Albenmark einfiel. Ungeheuerlich! Wie weit mochten sie wohl vorgedrungen sein? Wer w�rde siegen in diesem Kampf?</p><p>Ein rotgoldener Lichtbogen wuchs aus dem Schnee empor.</p><p>�Schnell�, rief Farodin und schob Nuramon vor sich her durch das Tor.</p><p>Von der Stadtmauer erklang ein Signalhorn. Mandred packte den toten K�nig bei seinem G�rtel und zog ihn durch den Schnee. Liodred h�tte im Grabh�gel unter der Eiche seine letzte Ruhe finden sollen, dachte der Jarl bitter. Dort waren seit Jahrhunderten die Toten der K�nigsfamilie bestattet worden. So w�re Liodred wenigstens im Grabe wieder an die Seite seines Weibes und seines Sohnes zur�ckgekehrt.</p><p>Mandred tauchte in das Licht. Nur ein einziger Schritt war diesmal zu tun, dann begr��te der Duft von frischem Gr�n den Jarl in Albenmark. Sie traten aus dem Tor auf eine taufeuchte Lichtung. Schatten regten sich entlang des Waldrandes. Die Luft war erf�llt von Bl�tenduft und Vogelgezwitscher.</p><p>Unter einer Pinie trat ein junger Elf hervor. Auch er trug eines dieser seltsam schlanken Schwerter an seiner H�fte, die Mandred schon bei den Reitern am Fjord aufgefallen waren. Der Jarl blickte zur�ck. Das Tor hinter ihnen hatte sich geschlossen. Eben noch war es Nacht gewesen, und jetzt war heller Morgen! Mandred fluchte stumm. Es war wieder geschehen! Sie hatten wieder einen Zeitsprung gemacht!</p><p>�Wer betritt das Herzland von Albenmark?�, rief der Elf ihnen entgegen.</p><p>�Farodin, Nuramon und Mandred Aikhjarto. Am Hof der K�nigin sind unsere Namen wohl bekannt, und das ist auch der Ort, zu dem wir wollen�, antwortete Farodin selbstsicher.</p></section><section><title><p>Die grosse Zusammenkunft</p></title><p>Sie schritten durchs Gras und n�herten sich langsam dem Heerlager vor dem Burgh�gel der K�nigin. Dort waren hunderte von Zelten aufgeschlagen, und neben jedem wehte ein seidenes Banner im Morgenwind. Reiter und Fu�k�mpfer sammelten sich in der N�he, und zwischen den Zelten gingen zahlreiche Albenkinder ihren Aufgaben nach.</p><p>Alles, was Nuramon hier sah, verwirrte ihn ebenso wie das, was er auf dem Weg hierher gesehen hatte. Seine Gef�hrten hatten viel Geduld mit ihm. Und dennoch waren ihre Worte so fern��</p><p>Irgendetwas war mit ihm w�hrend des Zaubers in den Hallen des Devanthars geschehen, etwas, das man ihm auch ansehen konnte. Er hatte sein Spiegelbild in einem Teich betrachtet. Eine Str�hne seines Haars war wei� geworden, und er sah �lter aus. Doch das war ein geringer Preis f�r ihre Freiheit.</p><p>Bald erreichten sie den Rand des Lagers. Nuramon f�hlte sich fremd hier, so als w�re er kein Krieger und h�tte nie an einer Schlacht teilgenommen. Doch da waren die Seeschlacht, die zahlreichen K�mpfe an der Seite der Firnstayner und andere Gefechte, die viel weiter zur�cklagen�� Oder waren sie nur ein Traum?</p><p>Nuramon schaute sich um und hoffte, irgendeinen der Krieger hier zu erkennen. Die meisten waren ihm fremd. Zwar hatte er das Gef�hl, manche der Gesichter schon einmal gesehen zu haben, aber sie erinnerten ihn mehr an Traumgestalten als an lebende Albenkinder.</p><p>Sie kamen an Kentauren vor�ber, und Nuramon war es so, als h�tte er einst einem Kentauren das Leben gerettet. Oder hatte er es versucht und war gescheitert? Er war sich nicht sicher. Die Kentauren begegneten Mandred mit Anerkennung und neigten ihre H�upter vor ihm.</p><p>Je weiter sie ins Lager kamen, desto eindringlicher wurden die Blicke der Krieger. Sie starrten sie an, als w�ren seine Gef�hrten und er leibhaftige Alben. Ihre Namen wurden gefl�stert, von manchen gar gerufen. Und mit den Namen verbreitete sich die Fassungslosigkeit auf den Gesichtern der Krieger.</p><p>Nuramon f�hlte sich fehl am Platz. Noch immer hatte er niemanden gesehen, den er kannte. Oder erinnerte er sich einfach nicht? Vielleicht hatte der Zauber in den Hallen des Devanthars ihm einen Teil seines Ged�chtnisses geraubt. Oder waren sie so lange fort gewesen, dass viele der Elfen, die er kannte, l�ngst ins Mondlicht gegangen waren?</p><p>Die Krieger umringten sie und redeten auf sie ein, doch Nuramon h�rte ihnen nicht zu. Er wusste nicht, ob das, was ihn umgab, ein Traum war oder aber die Wirklichkeit. Langsam nur kl�rte sich sein Geist, und mit einem Mal erinnerte er sich an die Suche nach Noroelle. Die Gedanken an seine Liebste halfen ihm dabei, sein Ged�chtnis ein wenig zu ordnen.</p><p>Als Nuramon ein Hirschgeweih �ber den K�pfen der Krieger erblickte, wurde er aufmerksamer f�r seine Umgebung. Der Tr�ger des Geweihs mochte jemand sein, den er kannte. Und als dieser aus dem Gedr�nge vor sie trat, wusste Nuramon, dass er sich nicht geirrt hatte.</p><p>�Xern!�, rief Mandred.</p><p>�Jawohl, Mandred Aikhjarto! Vor dir steht Meister Xern, der immer daran geglaubt hat, dass du zur�ckkehren wirst.�</p><p>Nuramons Erinnerung kehrte zur�ck. Meister Xern! Also stand Xern in der Nachfolge des Hofmeisters Alvias. Sein Geweih wirkte wie eine Krone und verlieh ihm die W�rde eines Vertrauten der K�nigin.</p><p>Farodin schien ebenso erfreut zu sein, Xern wiederzusehen, wie Mandred. �Du bist also Emerelles Vertrauter!�</p><p>�Gewiss, und es wird euch nicht �berraschen, dass sie euch erwartet. Deswegen ruft sie zum Kriegsrat. Folgt mir!�</p><p>Die Worte Xerns verwirrten Nuramon. Dann entsann er sich des Wasserspiegels der K�nigin. Darin hatte sie seine Gef�hrten und ihn gewiss kommen sehen.</p><p>Sie folgten Xern durch die Reihen der Krieger. Nuramon versuchte den Blicken jener auszuweichen, die ihn neugierig empfingen. Sie waren ihm unheimlich. Was sahen sie wohl in seinen Gef�hrten und in ihm? Welche Geschichten erz�hlte man sich �ber sie? Er konnte so viel Aufmerksamkeit nicht ertragen und w�nschte sich beinahe in jene Zeit zur�ck, da alle ihn verachtet hatten. Denn mit den Blicken waren gro�e Erwartungen verbunden. Und diesen konnte er nicht gerecht werden�� zumindest nicht im Augenblick.</p><p>Sie erreichten das safranfarbene Zelt der K�nigin, an dessen Eingang zwei Wachen standen. Davor steckten wei�e Steinbrocken einen weiten Kreis im Gras ab. Dies war gewiss der Ort, an dem der Kriegsrat zusammentrat. Hinter jedem der Steine erhob sich eine Stange mit einem der Banner Albenmarks. Direkt am Eingang zum Zelt der K�nigin stand das Elfenbanner: ein goldenes Ross auf gr�nem Grund. Daneben wehte die Standarte Alvemers, eine silberne Nixe auf blauem Stoff.</p><p>Xern f�hrte sie in die Mitte des Steinkreises. Die �brigen Krieger, die sie neugierig begleitet hatten, wagten es nicht, den Kreis zu betreten. �Ich werde die K�nigin holen�, sagte Xern und verschwand im Zelt.</p><p>Nuramon sah sich die Wappen an. Er kannte sie alle, auch wenn er sich bei vielen nicht sicher war, woher. Das hellblaue Banner von Valemas war ihm in der Oase aufgefallen, und die schwarze Fahne der Trolle mit den wei�en, gekreuzten Kriegsh�mmern kannte er aus der Seeschlacht. Vielleicht hatte er dort auch all die anderen Wappen gesehen. Er bemerkte, dass neben dem Stein, der dem der K�nigin gegen�berlag, kein Banner stand.</p><p>Die ersten Anf�hrer erreichten den Platz. Am auff�lligsten war der K�nig der Trolle, der von einem alten Trollweib begleitet wurde. Er setzte sich, w�hrend die Alte hinter ihm stehen musste. Mit herrischem Blick musterte er die Elfen rings herum, die ihm selbst jetzt, als er sa�, kaum bis zu den Schultern reichten.</p><p>�Das ist Orgrim�, fl�sterte Farodin mit einer Stimme, die all seine Verachtung ausdr�ckte.</p><p>Mandred ballte die F�uste und behielt den Troll im Blick.��Dem hab ich noch nicht die Zeche gezahlt�, sagte er leise.</p><p>�Dazu wird es wohl nie kommen�, sprach Farodin und starrte dem Trollk�nig mit steinerner Miene entgegen.</p><p>Nuramon schaute zu dem Stein, hinter dem kein Banner stand. W�hrend um sie herum die Anf�hrer Platz nahmen, blieb der Steinbrocken dort leer. Er musterte all jene, die gekommen waren, und erblickte schlie�lich ein bekanntes Gesicht. Direkt links neben dem Sitz der K�nigin stand eine Elfenkriegerin am Banner von Valemas. Sie trug eine helle Tuchr�stung und einen weiten sandfarbenen Mantel. Ihr linkes Auge wurde von einer dunklen Binde verdeckt. Dennoch erkannte Nuramon sie sogleich. Es war Giliath, die Kriegerin, die Farodin einst im neuen Valemas zum Duell gefordert hatte und die sein Gef�hrte nur mit einer List hatte bezwingen k�nnen.</p><p>Sie kam ihnen entgegen. �Farodin!�, sagte sie. �Es ist lange her, dass wir uns sahen.�</p><p>�Giliath. Ich dachte, alle Freien von Valemas w�ren��</p><p>�Tot? Nein. Eine Hand voll von uns hat �berlebt und den Tjuredanbetern das Leben schwer gemacht.�</p><p>�Und ihr seid hierher zur�ckgekehrt? Hat die K�nigin sich etwa f�r das Unrecht, das sie euch antat, entschuldigt?�</p><p>Sie l�chelte still, antwortete Farodin aber nicht. Stattdessen wandte sie sich an Nuramon. �Wir verdanken einer gro�en Zauberin, dass wir den Weg nach Albenmark zur�ckfanden und nun wieder unsere alte Stadt bewohnen. Und der Dank geb�hrt dir, Nuramon. Du hast in dem Kind der Hildachi etwas Besonderes erkannt und ihr den Namen Yulivee geschenkt. Eine Yulivee hatte uns aus Albenmark fortgef�hrt, und eine Yulivee f�hrte uns zur�ck.� Sie fasste Nuramons Hand, und er konnte sp�ren, wie ihre Finger zitterten.��Sie hat uns alles erz�hlt.�</p><p>�Ist Yulivee hier?�, fragte Nuramon.</p><p>Ehe Giliath antworten konnte, trat Xern wieder aus dem Zelt hervor und rief:��Die K�nigin von Albenmark!�</p><p>Giliath dr�ckte Nuramons Hand noch einmal, dann nickte sie Farodin stumm zum Gru� und kehrte unter das Banner von Valemas zur�ck.</p><p>Die Wachen am Zelt der K�nigin schlugen die Planen am Eingang zur�ck, und Emerelle trat heraus. Nuramon w�rde sie nie vergessen. Denn alles verging, nur die K�nigin blieb. Sie war sch�n wie eh und je. Wie er sich damals gew�nscht hatte, dass sie ihn so sehen k�nnte wie einen Geliebten! Wann hatte er sich das gew�nscht? Er konnte es nicht sagen. Er wusste nur, dass dieses Gef�hl nicht mehr bestand. Seine eigenen Gedanken verwirrten ihn.</p><p>Als Obilee hervortrat, staunte Nuramon. Die beste Kriegerin der K�nigin war unver�ndert. Sie trug die gleiche R�stung wie an dem Tag der Seeschlacht. Fast schien es, als h�tte sie mit seinen Gef�hrten und ihm die Jahrhunderte �bersprungen. Doch anders als damals fand Nuramon nun Freude in ihrem Gesicht. Sie strahlte ihm geradezu entgegen, und nur ihm, nicht etwa Farodin oder Mandred.</p><p>Schlie�lich trat eine Elfe im grauen Zaubergewand aus dem Zelt. War das Yulivee? Diese Frau erinnerte ihn kaum mehr an das Kind, das er nach seinem Empfinden erst vor wenigen Tagen zuletzt gesehen hatte. Ihr dunkelbraunes Haar wellte sich bis auf ihre Schultern, und zwei lange, dicke Z�pfe reichten ihr bis zu den Ellenbogen. An der Seite der K�nigin trat sie vor und folgte ihr bis zu deren Stein. An ihrem schelmischen L�cheln erkannte Nuramon sie schlie�lich. So sehr sie sich ver�ndert hatte, das L�cheln war geblieben.</p><p>Die K�nigin nahm auf ihrem Stein Platz, Obilee und Yulivee rechts und links neben ihr. Es verwunderte Nuramon nicht, dass Yulivee sich als Anf�hrerin unter das Banner von Valemas setzte.</p><p>Emerelle musterte ihn und seine beiden Gef�hrten lange, und Unruhe verbreitete sich unter all den Kriegern, die sie umgaben. Erst als sie die Hand hob, kehrte Stille ein. �Willkommen, meine treuen Recken! Nie war Albenmark so gl�cklich, euch zu sehen!� Die K�nigin zeigte ihnen das Gesicht einer g�tigen Herrscherin. �Ich habe nicht daran gezweifelt, dass dieser Tag kommen werde. So habt ihr den Devanthar vernichtet.�</p><p>Farodin nickte vornehm. �Wir haben ihn get�tet und seinen Albenstein erbeutet.� Mit diesen Worten holte er den goldenen Edelstein hervor. �Wenn er dir im Kampf gegen die Feinde helfen kann, dann vertrauen wir ihn dir an. Doch du wei�t, wozu wir einen Albenstein verwenden w�rden.�</p><p>Die K�nigin wich kurz ihren Blicken aus. �Ich habe nicht vergessen, dass ihr Noroelle befreien wollt. Und ihr allein d�rft entscheiden, was wir mit dem Albenstein tun sollen. Niemand wird euch die Wahl abnehmen. Seit der Seeschlacht herrscht Krieg zwischen uns und den Tjuredpriestern. Ihre Macht ist gewachsen, und sie haben das Land jenseits der Shalyn Falah besetzt. Sie sind sogar schon ins Herzland eingedrungen.�</p><p>�Sie haben die Shalyn Falah �berquert?�, fragte Mandred emp�rt.</p><p>Emerelle antwortete nicht, sondern schaute sich suchend um. Schlie�lich trat Ollowain aus den Reihen der Krieger hervor. �Nein, Mandred!� Der H�ter der Shalyn Falah wirkte l�ngst nicht mehr so kriegerisch wie einst. Wahrscheinlich hatte er vor kurzem noch in einer Schlacht gefochten. Er trat an die Seite der K�nigin. Diese bedeutete ihm weiterzusprechen. �Kein Feind hat die Shalyn Falah �berschritten. Sie sind an anderer Stelle durchgebrochen.�</p><p>�Auf dem Weg, den damals Aigilaos genommen hat?�, fragte der Jarl.</p><p>Ollowain blickte zu Boden. �Das ist wahrlich lange her. Aber du hast Recht.�</p><p>Die K�nigin sprach: �Als sich eure Ankunft n�herte, gab ich den Befehl, die Feinde mit aller Kraft aus dem Herzland zur�ckzutreiben.�</p><p>Nuramon erinnerte sich an die Landschaft. Die Shalyn Falah f�hrte �ber eine tiefe Schlucht. Es kostete viele Wegstunden, sie zu umgehen. Dies bot den Verteidigern gen�gend Zeit, sich aufzustellen.</p><p>Emerelle sprach weiter.��Ich habe es getan, damit wir diesen Krieg auf unsere Weise gewinnen k�nnen. Wenn ihr drei euch dazu entscheidet, mir euren Albenstein anzuvertrauen, dann werden wir unser Erbe antreten. Wir werden das tun, was die Alben einst getan haben�� Albenmark wird f�r immer von der Anderen Welt getrennt!�</p><p>Stille kehrte ein. Nuramon sah, wie sich die Krieger fassungslos anschauten. Die K�nigin schlug nichts Geringeres vor, als es den Alben gleichzutun! Sie erhob sich nun von ihrem Platz. �Wir haben die Feinde in das Land zwischen der Shalyn Falah und dem Tor des Atta Aikhjarto zur�ckgedr�ngt. Doch sie sammeln bereits neue Kr�fte, um zur�ckzuschlagen. Wir erwarten, dass sie mit einem gewaltigen Heer erneut einen Durchbruch ins Herzland versuchen werden. Daher m�ssen wir unseren Plan baldm�glichst durchf�hren.�</p><p>�Wie lautet der genaue Plan?�, fragte Farodin. �Wie k�nnen wir uns von der Anderen Welt l�sen?�</p><p>�W�hrend unsere Krieger das Herzland verteidigen, gewinnen wir Zeit. Unbehelligt von den Tjuredpriestern, werden die M�chtigen Albenmarks mit den Albensteinen zwei Zauber sprechen. Der erste wird all das Land jenseits der Shalyn Falah f�r immer von Albenmark trennen. Der zweite Zauber trennt alle Pfade zwischen Albenmark und der Anderen Welt. Dann werden wir frei sein von Tjured und seinen Dienern.� Sie blickte Mandred an. �Und die Fjordl�nder werden neuen Mut fassen und das Schwert ergreifen, wenn ihr Ahnherr als K�nig zur�ckkehrt, um mit ihnen einen ewigen Platz in Albenmark zu erk�mpfen.�</p><p>Mandred wirkte erfreut, doch mehr noch verst�rt. Er war sich offensichtlich der Tragweite dieser Ehrung bewusst. Nie zuvor hatten Menschen einen festen Platz in Albenmark gefunden, und die K�nigin bot nun einem ganzen Volk ein solches Geschenk an.</p><p>Emerelle wandte sich an Farodin. �Das alles kann jedoch nur geschehen, wenn ihr uns euren Albenstein �berlasst.�</p><p>�Wir sollen demnach Noroelle aufgeben?�, fragte Farodin.</p><p>�Nein, ihr sollt w�hlen. Ihr k�nnt den Stein nehmen und zu Noroelle gehen und sie befreien. Oder ihr rettet damit Albenmark. Doch ich warne euch. Manchmal ist die Gefangenschaft besser als die Gewissheit, dass alles, was einst war, verloren ist.�</p><p>Nuramon konnte nicht fassen, was die K�nigin ihnen da vorschlug. Eine Entscheidung zwischen Noroelle und Albenmark! War es wirklich eine Wahl? Sie waren von Kriegern umgeben. Die K�nigin k�nnte sich den Albenstein jederzeit einfach nehmen. Nein, sie hatten keine Wahl. Sie konnten nichts anderes tun, als Emerelle den Stein geben. Nuramon tauschte einen Blick mit Farodin. In dessen Gesicht las er Verzweiflung.</p><p>Nuramon nickte, und sein Gef�hrte sprach: �Wir werden dir den Stein �berlassen, denn sonst w�re die Freiheit f�r Noroelle grausamer als die Gefangenschaft. Aber gibt es keinen Weg, Noroelle vorher noch zu retten?�</p><p>Die K�nigin sprach mit bedauernder Stimme: �Nein, denn mein Urteil von einst hat noch immer Bestand.�</p><p>Farodin senkte den Kopf. Er schien jede Hoffnung verloren zu haben.</p><p>Nuramon war entt�uscht. Das Geschenk, das sie Emerelle und Albenmark brachten, h�tte gr��er nicht sein k�nnen, und doch war es der K�nigin nicht m�glich, das Urteil aufzuheben.��Wir haben nur eine Bitte�, sagte Nuramon und merkte, wie schwach seine Stimme war. ��ffne uns einen Pfad in die Andere Welt, ehe die Welten sich trennen. Wir werden einen anderen Weg finden, Noroelle zu befreien.�</p><p>�Wenn ihr geht, wird es kein Zur�ck mehr geben�, erkl�rte Emerelle.</p><p>�Du wei�t, wie weit wir f�r Noroelle gehen w�rden�, erwiderte Farodin.</p><p>Die K�nigin musterte sie lange.��Nie hat es wohl eine solche Liebe gegeben�, sprach sie dann. �Nun gut. Die Albensteine m�ssen eine Nacht im Gro�en Wald an der Felsnadel ruhen. Am Morgen werden wir damit beginnen, die beiden Zauber zu weben. Es wird viele Stunden dauern, bis unser Werk vollendet ist. Die Trennung des Landes jenseits der Shalyn Falah erfolgt dann binnen eines Lidschlags. So m�gen wir die Schlacht f�r uns entscheiden. Die Trennung von der Anderen Welt wird erst einen Tag nach dem Zauber geschehen. Und w�hrend dieser Zeit werden die Albensteine ihr Werk allein tun. Ich werde euch eine Pforte �ffnen, die in die Andere Welt f�hrt, direkt zum Tor eurer Liebsten.�</p><p>�Wir danken dir, K�nigin�, sagte Farodin und beugte sein Haupt vor Emerelle. Dann trat er vor sie und legte den Albenstein in ihre H�nde.</p><p>Emerelle hob den goldenen Edelstein in die H�he und zeigte ihn den Kriegern. �Dies ist der Albenstein des Weisen Rajeemil, der einst in die Andere Welt ging, um deren Geheimnisse zu ergr�nden. Er fand dort das Mondlicht, doch der Albenstein fiel dem Devanthar in die H�nde. Und nun wird dieser Stein den H�nden von Valemas anvertraut.� Sie gab den Stein Yulivee.</p><p>Die Zauberin nahm den Chrysoberyll entgegen, hatte aber keine Augen f�r ihn. Sie sprach zur K�nigin: �Emerelle! Du wei�t, wie ich dazu stehe. Ich glaube nicht, dass es uns gelingen wird. Du besitzt einen Stein.� Sie deutete mit einer flie�enden Geste zu der Schamanin, die hinter Orgrim stand. �Skanga besitzt einen, und ich halte nun einen weiteren in H�nden. Damit k�nnen wir das Land jenseits der Br�cke entr�cken, doch niemals wird es uns mit nur drei Steinen gelingen, Albenmark von der Menschenwelt zu trennen. Wir brauchen mindestens noch einen weiteren � und jemanden, der ihn beherrschen kann.�</p><p>�Du hast Recht�, sagte Emerelle und schmunzelte. �Doch es wird einen weiteren Stein geben.� Sie deutete voraus. �Wenn der Platz dort besetzt ist, dann werden wir einen weiteren Albenstein haben. Die Frage ist nur, ob wir dessen Tr�ger dazu bringen k�nnen, sich dort niederzulassen.�</p><p>�K�nigin, uns l�uft die Zeit davon�, sagte Obilee und erhob sich.</p><p>Emerelle sch�ttelte den Kopf.��Nein, denn die Weisen wissen, wann die richtige Stunde gekommen ist. Es geht nur noch darum, zueinander zu finden.�</p><p>Pl�tzlich ert�nte ein Hornsignal, begleitet von Rufen. �Ein feindliches Heer in unserem R�cken!�, klang es rings herum im Lager.</p><p>W�hrend sich um sie herum Unruhe erhob, sah Nuramon der K�nigin in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick gelassen und l�chelte. Es gab keinen Zweifel: Wer immer da kam, �berraschte die K�nigin nicht. Emerelle hob die Hand.��Weichet und macht mir den Blick auf die H�gel frei!�, befahl sie.</p><p>Die Reihen der Krieger dr�ngten auseinander, und auch Nuramon und seine beiden Gef�hrten machten der K�nigin Platz. Ein gewaltiges graues Heer schob sich �ber die H�gel und Wiesen der Burg entgegen. Banner ragten aus den Reihen der Krieger; sie waren rot und zeigten einen silbernen Drachen.</p><p>�Das sind die Kinder der Dunkelalben!�, sprach Nuramon vor sich hin.</p><p>Seine Worte verbreiteten sich unter den Kriegern und sorgten f�r blankes Entsetzen. �Die alten Feinde sind zur�ckgekehrt!�, h�rte er jemanden rufen. �Die Nacht hat sich mit dem Feind verb�ndet!�, sprach ein anderer. Mandred und Farodin aber bewahrten Ruhe, denn ihnen hatte Nuramon von den Kindern der Dunkelalben erz�hlt.</p><p>Obilee sch�ttelte den Kopf, offenbar kannte sie das Geheimnis der Zwerge. �Wie konnten sie sich uns so unbemerkt n�hern?�, fragte sie.</p><p>Die K�nigin antwortete ihr nicht.��Nuramon!�, rief sie stattdessen. �Hier ist ein Pferd. Du wirst ihnen entgegenreiten und sie im Namen Albenmarks empfangen.�</p><p>Xern f�hrte einen Hengst herbei. Es war Felbion. Sein treuer Hengst hatte all die Jahre gewartet! Es wieherte freudig.��Gibt es etwas, was ich in deinem Auftrag sagen soll?�, fragte er und konnte dabei den Blick nur mit M�he von Felbion abwenden.</p><p>�Bring den K�nig dazu, hierher zu kommen! Wie du es erreichst, das liegt bei dir.�</p><p>�Wir sollten ihm eine Wache mitschicken�, schlug Ollowain vor.</p><p>�Die wird er nicht brauchen�, entgegnete Yulivee und schaute Nuramon stolz an. Er hatte ihr auf der Reise von den Kindern der Dunkelalben erz�hlt und ihr die Hallen der Zwerge bis ins Kleinste beschrieben.</p><p>Nuramon stieg in den Sattel.��Nun, Felbion!�, fl�sterte er dem Pferd ins Ohr. �Lass uns sehen, ob du in all der Zeit etwas verlernt hast.�</p><p>Das Ross trabte los, und Nuramon sp�rte dessen unb�ndige Kraft. Doch kaum hatte er das Heerlager hinter sich gelassen, �berkam ihn ein Gef�hl von Demut. Er ritt allein einer gewaltigen Streitmacht entgegen! Es waren gewiss mehr als zehntausend Krieger, die ihm entgegenkamen. Sie marschierten in Formation, wie sie es im Drachenkampf zu tun pflegten; Schilde sch�tzten sie zu allen Seiten. Im Zentrum des Heeres gab es Speertr�ger, deren Waffen wie B�ume aus den Reihen herausstachen. Dort war gewiss der K�nig, sein Freund Wengalf, mit dem er einst so viele Abenteuer erlebt hatte. Nie w�rde er den Kampf gegen den Drachen Balon vergessen, all den Schmerz, den er erlitten hatte, und den Augenblick�� seines Todes.</p><p>Mit einem Schlag war Nuramon klar, was ihn so verwirrte�� was mit ihm geschehen war. Der Zauber in den Hallen des Devanthars hatte nichts ausgel�scht, sondern die Pforte zu seiner Erinnerung aufgetan. Das war es! Doch alles war so ungeordnet. Ihm schien es so, als h�tte sich der Kampf gegen den Drachen auf dem Weg zum Orakel Dareen ereignet. Obwohl es unm�glich war, schien es ihm so, als h�tte er im Tal der Zwerge mehrere hundert Jahre verbracht, ehe er mit Alwerich auszog, um zum Orakel zu reisen. Es ergab alles keinen Sinn, es passte nicht zusammen.</p><p>Der Damm, der das Wissen um die Vergangenheit zur�ckgehalten hatte, war gebrochen, und nun ergossen sich all die Erinnerungen seiner fr�heren Leben �ber jene, die sich in diesem Leben angesammelt hatten.</p><p>Wie war es fr�her gewesen? Wann war er mit den Zwergen ausgezogen? Als Nuramon sich diese Frage stellte, entsann er sich des Tages, an dem er Alwerich kennen gelernt hatte. Er war ein junger Zwerg gewesen, der in einer Schlucht in den Ioliden gest�rzt war und sich das Bein gebrochen hatte. Nuramon hatte ihn gefunden und ihn gerettet. Seither waren sie Freunde und hatten viel miteinander erlebt. Alwerich hatte ihn zu den Zwergen gef�hrt, und dort war er K�nig Wengalf begegnet. Das war lange her, sogar lange bevor er mit den Zwergen Albenmark verlassen hatte.</p><p>Nuramon erinnerte sich an einen Blick von den Gipfeln der Ioliden zu Alaen Aikhwitan, an K�mpfe gegen Bestien tief in den H�hlen des alten Aelburin, an die riesigen Schmieden in den hellen Hallen der Zwerge, an Jagdz�ge in den T�lern und an vieles mehr. Die Erinnerungen st�rzten ihn in ein Wechselbad der Gef�hle, ohne dass er in der Lage war, ihnen eine Ordnung aufzuzwingen. Denn ehe er sich versah, verlangsamte Felbion seinen Tritt. Das Heer der Zwerge war zum Stehen gekommen. Eine kleine Gruppe, die von Wachen und Bannertr�gern umringt wurde, l�ste sich aus der Mitte der vordersten Marschreihe und kam ihm entgegen.</p><p>Nuramon stieg ab und lief vor dem Pferd den Zwergen entgegen. Er erkannte Wengalf, Alwerich und Thorwis sogleich, auch wenn sie gealtert waren.</p><p>K�nig Wengalf bot eine prachtvolle Erscheinung. Er trug ein goldenes Kettenhemd und einen goldenen Helm, auf dem sich Runen zu einer Krone schl�ngelten. Alwerich war in einen gl�nzenden Eisenpanzer gekleidet und hatte eine Axt geschultert, die Nuramon noch gut in Erinnerung war. Ein v�llig anderes Bild bot Thorwis, der ganz in eine schwarze Robe gewandet war, auf die mit dunkelgrauem Faden Schriftzeichen aufgestickt waren. Sein wei�es Haar und der lange Bart bildeten einen starken Kontrast zur Farbe seines Gewandes. Die drei Zwerge wirkten wie Gestalten aus den gro�en Heldenepen, und auch die Wachen waren auf das Beste ger�stet. Es konnte keinen Zweifel geben: Die Zwerge hatten sich lange auf diesen Tag vorbereitet.</p><p>Der K�nig gab seinen Wachen ein Zeichen, und sie blieben stehen, wo sie waren. Nur Alwerich und Thorwis traten gemeinsam mit ihm n�her.</p><p>�Nuramon! Dich zu sehen, am Ende des Zeitalters, das r�hrt ein altes Zwergenherz�, sprach Wengalf.</p><p>�Auch ich bin froh, euch alle wiederzusehen�, entgegnete Nuramon.</p><p>�Und? Hast du dein Ged�chtnis gefunden?�</p><p>�Ich erinnere mich an unseren Kampf mit dem Drachen.�</p><p>Wengalf nickte stolz. �Emerelle hat gut daran getan, dich zu uns zu schicken.�</p><p>�Du sollst uns willkommen sein, mein Freund�, sagte Nuramon.</p><p>�Willkommen?� Er blickte an ihm vorbei.��Nun, wenn ich die Streitmacht sehe, die sich dort sammelt, dann scheinen wir nicht so willkommen zu sein, wie du es sagst.�</p><p>Nuramon blickte �ber die Schulter. Tats�chlich war vor dem Lager die Reiterei aufgezogen.��Mach dir keine Sorgen. Es ist nur so, dass sie die Kinder der Dunkelalben f�rchten. Nur wenige wissen um eure wahre Geschichte.�</p><p>�Und offenbar glauben sie, wir h�tten Angst vor Pferden�, warf Thorwis ein.��Die werden sich wundern, wie sehr sich die Zeiten �ndern k�nnen!�</p><p>Nuramon erinnerte sich an seinen letzten Besuch bei den Zwergen. Alwerich und seine Gef�hrten hatten schon einen gewissen Respekt vor Felbion gezeigt. �Sie stehen nicht dort, um euch anzugreifen, Wengalf.�</p><p>�Wenn sie wollen, dass wir ihnen beistehen, dann sollten sie uns freies Geleit zum Feind geben.�</p><p>Thorwis mischte sich ein.��Der Orakelspruch Dareens f�hrt uns hierher. Hier soll die letzte Schlacht dieses Zeitalters geschlagen werden, und kein Zwerg soll in der Anderen Welt oder der Zerbrochenen Welt zur�ckbleiben.�</p><p>�Wir sind nicht gekommen, um uns der K�nigin zu unterwerfen�, setzte Wengalf nach.</p><p>�Ich wei� nichts von irgendwelchen Zeitaltern�, erwiderte Nuramon mit freundlicher Stimme. �Ich wei� nur, dass unsere einzige Hoffnung darin besteht, Verb�ndete zu sein. Die K�nigin hat die Tr�ger der Albensteine um sich gesammelt. Sie w�nscht sich, ihr w�rdet euch uns anschlie�en.�</p><p>Wengalf tauschte einen langen Blick mit Thorwis. Dann sprach er: �Nuramon, wir sind Freunde. Und ich will dich eines fragen: K�nnen wir der K�nigin vertrauen?�</p><p>Das war eine schwierige Frage. �Das kann ich euch nicht beantworten. Doch ich kann euch sagen, dass meine Gef�hrten und ich einen Albenstein besa�en. Mit diesem h�tten wir meine Geliebte befreien k�nnen. Und doch haben wir ihn Emerelle �berlassen.�</p><p>Wengalf winkte Thorwis beiseite.��Entschuldige uns!�, sagte er und lie� Nuramon mit Alwerich stehen. Er h�tte gern gewusst, was sie miteinander sprachen, doch so wandte er sich an Alwerich. �Wie ist es dir ergangen, Freund?�, fragte er. �Hast auch du deine Erinnerung gefunden?�</p><p>Der Zwerg l�chelte. �Ja. Und was ich fand, war viel mehr, als ich durch meine B�cher erfahren konnte. Nun, da du dich auch erinnerst, m�chte ich dir danken f�r all die Male, die du mir das Leben gerettet hast.�</p><p>Nuramon ging in die Hocke und legte Alwerich die Hand auf die Schulter. �Verzeih mir, aber ich bin noch sehr durcheinander. Doch ich sehe den Tag klar vor mir, an dem ich dich in der Schlucht fand. Ich habe dich geheilt. Und ich erinnere mich an Solstane, und wie gl�cklich sie war, dich unversehrt zu sehen. Wo ist Solstane?�</p><p>�Sie und die anderen warten in den alten Hallen auf unsere R�ckkehr�� auf die eine oder andere Weise.�</p><p>�Lebendig w�re ihr gewiss lieber.�</p><p>�Du kennst uns ja. Der Tod bedeutet uns noch weniger als den Elfen. Besonders wenn man die gro�e Erinnerung errungen hat.�</p><p>Wengalf und Thorwis kehrten zur�ck.��Wenn du und deine Gef�hrten so selbstlos seid, den Albenstein f�r eine gr��ere Sache zu opfern�, hob der K�nig an, �dann werden wir Zwerge nicht zur�ckstehen. Es soll nicht an uns scheitern. F�hre uns zu Emerelle! Sei uns ein guter Freund und deiner K�nigin ein treuer Diener!�</p><p>�Dann folgt mir!�, sagte Nuramon und wandte sich um. Felbion aber fl�sterte er zu: �Lauf voraus!�, und sogleich lief das Ross los.</p><p>Wengalf gab den Befehl, dass das Heer warten solle, ebenso die Leibwache des K�nigs. Der Anf�hrer der Garde str�ubte sich, doch Wengalf blieb hart. �Keine Wache! Nur Thorwis und Alwerich sollen mich begleiten. Drei Zwerge, von einem Elfen gef�hrt!� Er winkte Alwerich herbei.��Nimm dir das Banner!�</p><p>Einer der Bannertr�ger des K�nigs reichte Alwerich sein Feldzeichen.</p><p>�Die sollen genau sehen, mit wem sie es zu tun haben�, erkl�rte Wengalf.</p><p>Seite an Seite machten sie sich auf den Weg. Und wieder �berkam Nuramon ein merkw�rdiges Gef�hl. Diesmal schritt er zu Fu� auf die Reiterei der Elfen zu. Und obwohl er wiederum keinen Angriff erwartete, war es beeindruckend, solcher Macht entgegenzutreten. Seine Begleiter schienen keine Angst zu kennen. Als w�ren sie auf einem Spaziergang, fragte Wengalf ihn: �Wie ist es dir ergangen, mein Freund?�</p><p>Nuramon erz�hlte in aller K�rze, was seit dem Abschied von Alwerich geschehen war. Er berichtete von seinen Jahren in Firnstayn, von der Suche nach dem Albenstein, von Iskendria und Yulivee und schlie�lich von der Seeschlacht und dem Kampf gegen den Devanthar.</p><p>�Bei allen Hallen der Alben!�, rief Wengalf. �Was f�r Abenteuer! Da w�re ich gern dabei gewesen.� Er klopfte Nuramon gegen den Arm.��Aber in der Schlacht, die uns bevorsteht, haben wir gewiss gen�gend Gelegenheit, Seite an Seite zu k�mpfen.�</p><p>�Solange es nicht so endet wie beim Kampf mit dem Drachen!�</p><p>Schon n�herten sie sich den Reitern, und Nuramon konnte sehen, mit wie viel Ehrfurcht die Krieger die Zwerge betrachteten. Und als sie wenige Schritt vor den Pferden stehen blieben, wurden die Reiter unruhig.</p><p>Nuramon rief:��Dies ist Wengalf von Aelburin, K�nig der Zwerge, der in der Anderen Welt sein neues Reich Aelburin gr�ndete, um heute nach Alt-Aelburin zur�ckzukehren. An seiner Seite steht Alwerich, Bezwinger des H�hlenwurms! Und dies ist Thorwis, das erste Kind der Dunkelalben!� Nuramon wunderte sich �ber seine eigenen Worte. Es stimmte. Alwerich hatte einst den H�hlenwurm erschlagen. Nuramon war selbst dabei gewesen. Und es entsprach ebenso der Wahrheit, dass Thorwis der �lteste Zwerg war und aus einer Zeit stammte, da die meisten Zwerge noch ins Mondlicht gegangen waren.</p><p>Die Reihen der Reiter �ffneten sich und boten einen Weg zu den Kriegern des Lagers, die nun ihrerseits eine breite Gasse bis vor das Zelt der K�nigin schufen. Entschlossen lie� Nuramon die Zwerge vorangehen und freute sich an all den bewundernden Blicken, die seinen Freunden zuteil wurden.</p><p>Schlie�lich blieben sie etwa zehn Schritt vor der K�nigin stehen. Nuramon trat vor und machte eine Verbeugung. �Meine K�nigin, ich bringe dir einen Gast und vielleicht einen Verb�ndeten.�</p><p>�Ich danke dir�, sprach Emerelle mit sanfter Stimme.</p><p>Nuramon machte f�r die Zwerge Platz.</p><p>Wengalf trat vor, gefolgt von seinen beiden Gef�hrten.</p><p>Die K�nigin blickte hinauf zum Banner, das Alwerich an der Stange trug.��Wengalf von Aelburin! Es ist lange her, dass wir uns zuletzt sahen.�</p><p>�Und wir sind nicht im Guten auseinander gegangen�, sagte der Zwerg, ohne der K�nigin die geringste Ehrerbietung zu erweisen. Er zeigte allen, dass er ein K�nig und damit Emerelle ebenb�rtig war.</p><p>Die K�nigin sa� auf ihrem Stein und war so fast auf gleicher Augenh�he mit Wengalf.��Dann m�ssen wir die richtigen Worte suchen, um wieder zusammenzufinden.�</p><p>�Es f�hrt nur ein Weg dahin.�</p><p>�Ich wei�, und ich kann dir nur das Gleiche sagen, was ich K�nig Orgrim sagte. Ein neues Albenmark wird entstehen, wenn diese letzte Gefahr gebannt ist. Und in diesem Albenmark wird es gen�gend Platz f�r Trollk�nige, Elfenk�niginnen und auch f�r den K�nig der Zwerge geben.�</p><p>�Wenn das die Zukunft ist, dann sieh in uns deine Verb�ndeten.� Wengalf blickte zu Thorwis, und der Zauberer trat an seine Seite.��Wir werden dich in deinem Zauber unterst�tzen.�</p><p>Thorwis holte einen Stein aus den Falten seines Gewandes hervor. Es war ein Bergkristall, durch den sich f�nf schwarze F�den zogen. Der Albenstein der Zwerge! �Wir danken dir, dass du deinen Schwur gehalten hast�, sprach der Zauberer.</p><p>�Ich habe niemandem gesagt, dass ihr einen Stein besitzt. Auch wenn ich gestehen muss, Andeutungen gemacht zu haben, als ich wusste, dass ihr kommen w�rdet.�</p><p>�Was ist dein Plan, Emerelle?�, fragte nun Wengalf.</p><p>Die K�nigin wiederholte noch einmal, was sie zuvor gesagt hatte: dass ein Zauber das Land jenseits der Shalyn Falah abtrennen sollte und ein zweiter ganz Albenmark von der Anderen Welt. Thorwis und Wengalf h�rten sich die Worte der K�nigin aufmerksam an. �So soll es geschehen!�, rief Wengalf.��Mein Heer wird an der rechten Flanke stehen, zwischen dem Ende der Schlucht und dem Wald, sofern sich das Land nicht ver�ndert hat.�</p><p>�Es ist noch so, wie du es in Erinnerung hast. Doch die Menschen kommen in Massen. Allerdings werdet ihr nicht allein k�mpfen m�ssen.� Die K�nigin blickte �ber die Zwerge hinweg.��Mandred!�, rief sie dann.</p><p>Der Jarl trat vor, und die Zwerge sahen ihn neugierig an. Nuramon hatte ihnen von Mandred erz�hlt.</p><p>�Wir brauchen die Mandriden in diesem Kampf. Du musst zu den deinen gehen und sie wachr�tteln, auf dass sie morgen an der Schlacht teilnehmen.�</p><p>Mandred nickte ernst.��Das werde ich tun, Emerelle!�</p><p>�Farodin!�, sprach die K�nigin, und Nuramons Gef�hrte trat vor und verbeugte sich. �Du wirst an Ollowains und Giliaths Seite die Shalyn Falah verteidigen. Ich werde dir meine Leibwache unterstellen, die du nun befehligen sollst.� Sie schaute hin�ber zu Orgrim.��Und die Trolle werden euch unterst�tzen, denn sie sind einst selbst gegen die Br�cke angelaufen. Wenn Verteidiger und einstige Angreifer vereint sind, wird die Shalyn Falah halten.�</p><p>�Ich danke dir, K�nigin�, sagte Farodin tonlos.</p><p>Emerelle richtete ihren Blick auf Nuramon.��Und nun zu dir! Ich m�chte, dass du die Elfen anf�hrst, die an der Seite der Zwerge k�mpfen.�</p><p>�Anf�hren?�, fragte Nuramon.</p><p>�Schwertk�mpfer und Reiter aus Alvemer und die Bogensch�tzen Nomjas sollen dir zur Verf�gung stehen, ebenso die Krieger deiner Sippe.�</p><p>�Ich danke dir, Emerelle�, h�rte sich Nuramon sagen. Doch er sah sich nicht als Anf�hrer. Farodin war dazu geschaffen, oder Obilee, Ollowain und Giliath. Er war gewiss nicht der Richtige, solche Verantwortung zu tragen.</p><p>Die K�nigin wandte sich wieder an Wengalf.��Ich bitte dich, Wengalf� K�nig von Aelburin. Nimm den Platz ein, der dir in dieser Runde zusteht. Damit schlie�t sich der Schicksalskreis, und wir sind bereit f�r den Sturm, der dieses Zeitalter beenden wird.�</p><p>Stille kehrte ein, w�hrend der K�nig der Zwerge mit Thorwis und Alwerich zu dem Stein ging, der dem der K�nigin gegen�berlag. Dort angekommen, verharrte er und sah in die Runde. Er gab Alwerich ein Zeichen, und dieser rammte mit aller Kraft die Stange des Banners in den Boden, als der K�nig sich setzte.</p><p>Jubel erhob sich im Lager, wie Nuramon ihn unter Albenkindern selten vernommen hatte. Die Elfen jauchzten, die Kentauren wieherten, die Trolle gr�lten und Mandred�� Mandred gr�lte ebenfalls.</p></section><section><title><p>Der lebende Ahnherr</p></title><p>Liodreds Leichnam war auf einer mit wei�en T�chern verh�ngten Kutsche aufgebahrt worden. F�nfzig Kentauren bildeten das Ehrengeleit f�r den gefallenen K�nig von Firnstayn. An der Seite der raubeinigen Pferdem�nner f�hlte sich Mandred wohl, obwohl ihn die Nachrichten �ber sein Volk mit tiefster Trauer erf�llten. Nur wenige hatten freiwillig den alten G�ttern abgeschworen, um den Glauben an Tjured anzunehmen. Darauf hatten die Ordensritter ganze D�rfer niedergemetzelt. Emerelle hatte allen Bewohnern des Fjordlands Zuflucht in Albenmark versprochen. Elfenreiter und Trolle waren ausger�ckt, um die Fl�chtlinge zu eskortieren, doch tausende waren in Schneest�rmen oder durch Lawinen auf den Hochp�ssen ums Leben gekommen. Wer die Flucht �berstanden hatte, war ins Lamiyal-Tal etwa zehn Meilen von Emerelles Burg entfernt gef�hrt worden. Die K�nigin und auch Ollowain hatten Mandred gewarnt. Die Moral der Menschen war gebrochen; sie waren vollkommen ausgezehrt, und all das Leid der Vergangenheit hatte sie gezeichnet. Man rechnete nicht damit, dass mehr als vielleicht zweihundert an der bevorstehenden Schlacht teilnehmen w�rden.</p><p>Als der Jarl die Anh�he �ber dem Tal erreichte, wurde ihm schwer ums Herz. Eine un�bersehbare Zahl Fl�chtlinge lagerte hier. Es gab noch kaum Zelte; die Menschen mussten unter freiem Himmel auf dem Erdboden schlafen. Der Holzrauch hunderter Lagerfeuer hing wie eine dunkle Glocke �ber den Wiesen.</p><p>Die Menschen starrten Mandred an, als er den Hang herunterkam. Sie erkannten ihn nicht. Woher auch? Niemand im Elfenlager hatte ihm sagen k�nnen oder wollen, wie viele Jahrhunderte sie durch die Falle des Devanthars verloren hatten. Es spielte auch keine Rolle. Das Einzige, was z�hlte, war, dass sie morgen den Angriff zur�ckschlugen. Doch wenn Mandred sich diese Schar Verzweifelter ansah, wusste er nicht, ob die Menschen noch an den Gefechten teilhaben sollten. Am meisten schmerzte ihn der Anblick der Kinder. Hohlwangig und mit eingesunkenen Augen, ausgezehrt von der Flucht, standen sie am Wegesrand und beobachteten, wie die Kentauren und der pr�chtige wei�e Wagen n�her kamen. Manche lachten und winkten sogar, obwohl sie sich vor Schw�che kaum auf den Beinen halten konnten. Was waren die Tjuredpriester nur f�r Ungeheuer, dass sie sogar Kinder zu Tode hetzten!</p><p>In der Mitte des Fl�chtlingslagers stand ein Zelt aus verschossenem gr�nem Leinen. Vor dem Eingang stand breitbeinig ein H�ne von einem Krieger. Er trug eine geschw�rzte R�stung und st�tzte sich auf eine gro�e Axt. Seine Miene wirkte m�rrisch, und er musterte Mandred mit kalten, blauen Augen. �Dich haben die Elfen also geschickt, um uns den Ahnherrn vorzuspielen.�</p><p>Der Jarl schwang sich aus dem Sattel und unterdr�ckte den Drang, dem Wachposten die Faust in den Rachen zu schieben. �Wo finde ich den K�nig? Ich bringe ihm seine R�stung.�</p><p>�Deine Freunde haben dich schlecht unterrichtet. Der K�nig liegt tot auf dem Habichtpass. Er hat sich dort mit hundert Mann gegen das Heer der Ordenspriester gestemmt, um unseren Frauen und Kindern ein paar Stunden mehr f�r die Flucht einzuhandeln.�</p><p>Mandreds Zorn auf den Krieger war verraucht. �Wer f�hrt an seiner Stelle das Kommando?�</p><p>�K�nigin Gishild.�</p><p>�Darf ich sie sehen? K�nigin Emerelle schickt mich. Ich � Ich komme gerade erst von Firnstayn. Ich habe alles gesehen.�</p><p>Der W�chter strich sich �ber den Schnauzbart und runzelte die Stirn. �Seit Tagen kommt niemand mehr durch die Linien der Ordensritter. Wie hast du das geschafft?�</p><p>�Einer meiner Gef�hrten �ffnete einen Albenpfad.�</p><p>Eine steile Falte zerfurchte die Stirn des Kriegers. Er blickte zu dem wei�en Wagen. �Wozu bringst du diese Kutsche mit?�</p><p>�K�nig Liodred liegt darauf aufgebahrt. Er starb an meiner Seite.�</p><p>Der W�chter riss erschrocken die Augen auf. Dann ging er in die Knie. �Verzeih, Ahnherr! Ich � Niemand hat mehr daran geglaubt, dass sich die alte Prophezeiung noch erf�llen w�rde. Wir haben so viele���</p><p>Mandred packte den Krieger bei den Armen und zog ihn wieder hoch. �Ich mag es nicht, wenn M�nner vor mir knien. Du hattest Recht mit deinem Misstrauen. Und ich bin stolz, dass es im Fjordland noch immer M�nner wie dich gibt. Wie hei�t du?�</p><p>�Ich bin Beorn Torbaldson, Ahnherr.�</p><p>�Ich w�rde mich freuen, dich morgen in der Schlacht an meiner Seite zu wissen, Beorn.� Mandred bemerkte, wie der Krieger die Lippen zusammenpresste, wie um einen pl�tzlichen Schmerz zu unterdr�cken.��Der K�nig hat dich auf dem Habichtpass fortgeschickt, nicht wahr?�</p><p>Ein Muskel in der Wange des W�chters zuckte leicht. �Ja�, stie� er gepresst hervor.</p><p>�Ich wei� nicht, was mein Nachfahr f�r ein Mann war, Beorn. Ich kann dir nur sagen, was ich an seiner Stelle getan h�tte. Ich h�tte meinen tapfersten und treuesten Krieger ausgesucht, um mein Weib in Sicherheit zu bringen. Und wenn ich jemals erleben sollte, dass dich jemand einen Feigling nennt, weil du nicht als Rabenfra� an der Seite deines K�nigs auf dem Habichtpass liegst, dann werde ich ihn so lange weich pr�geln, bis er die Wahrheit erkennt. Reite morgen an meiner Linken. Du musst wissen, ich hasse es, einen Schild zu tragen. Sei du mein Schild!�</p><p>Die Augen des Kriegers strahlten.��Kein Schild k�nnte dich so sch�tzen, wie ich es tun werde.�</p><p>�Ich wei�.� Mandred l�chelte. �Darf ich nun zur K�nigin?�</p><p>Beorn verschwand kurz in dem Zelt, dann erklang eine helle Frauenstimme.��Tritt ein, Mandred Torgridson, Ahnherr meiner Sippe.�</p><p>Die Zeltw�nde d�mpften den Sonnenschein zu gr�nem Zwielicht. Das Zelt war karg eingerichtet. Es gab eine schmale Bettstatt, einen kleinen Tisch, zwei eisenbeschlagene Kleidertruhen und als einzigen Luxus einen sch�n geschnitzten Lehnstuhl mit einem hohen Fu�schemel. Gisheld war eine junge Frau. Mandred sch�tzte sie auf h�chstens Mitte zwanzig. Ihr Gesicht war fein geschnitten, doch ungew�hnlich blass. Rotblondes Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Sie trug ein eng verschn�rtes dunkelgr�nes Wams und darunter ein wei�es Hemd. Gishild sa� auf dem Lehnstuhl, die F��e auf dem Schemel. Um ihre Beine hatte sie eine d�nne Decke gewickelt. Auf dem Tisch an ihrer Seite lag griffbereit ein schlanker Dolch.</p><p>Die K�nigin machte keine Anstalten, sich zu erheben, als Mandred eintrat. Sie entlie� Beorn mit einer fl�chtigen Geste. �Nun kommst du also doch noch, Ahnherr�, sagte sie bitter. �Wir haben so sehr auf dich gehofft, als sie die erste Bresche in die Mauern Firnstayns schlugen. Oder in jener Nacht, als mein Mann im Schneesturm einen Ausfall gegen das Lager der Ordensritter f�hrte, damit die �berlebenden der Stadt in die Berge fliehen k�nnen. Selbst auf dem Habichtpass habe ich noch zu Luth gebetet, dass du endlich kommen m�gest. Nun ist es zu sp�t, Ahnherr. Es gibt kein Land mehr, f�r das dein Volk k�mpfen k�nnte. Wir sind Fl�chtlinge, Bettler in der Fremde, angewiesen auf die Almosen Emerelles. Und wie es scheint, verm�gen nicht einmal die Elfen die Macht der Priester noch zu brechen. Die verbrannte Eiche wirft ihren Schatten selbst auf das Herzland.�</p><p>Mandred atmete tief ein. Was sollte er ihr sagen? Wie grausam es war, im Refugium des Devanthars zu stehen und hilflos zusehen zu m�ssen, wie das eigene Volk einen verzweifelten Krieg f�hrte? �Ich kann nichts ungeschehen machen. Und es wird f�r uns auch keinen Weg zur�ck in die Heimat geben. Doch Emerelle hat mir versprochen, uns in Albenmark ein eigenes K�nigreich zu �berlassen. Nur einmal werden wir noch k�mpfen m�ssen, dann werden die Tjuredpriester f�r immer zur�ckgeschlagen sein. Emerelle wird die Tore Albenmarks verschlie�en, und nie mehr wird ein Priester kommen und einen Fjordl�nder foltern und morden, weil er treu zu den alten G�ttern steht.�</p><p>Die K�nigin sah ihn m�de an.��Ich habe von zu vielen letzten Schlachten reden h�ren, Ahnherr.� Sie deutete zum Eingang des Zeltes. �Du siehst, was aus deinem Volk geworden ist. Die Menschen haben alle Hoffnung verloren. All die Niederlagen haben ihren Stolz zerst�rt.�</p><p>�Wir werden ihnen wieder Mut machen! Heute Nachmittag will ich Liodred beerdigen. Und dann m�chte ich zu ihnen sprechen. Bitte steh an meiner Seite. Ich bin mir sicher, sie verehren dich noch immer, Gishild.�</p><p>�Ich werde nie mehr an irgendjemandes Seite stehen!� Die K�nigin schlug die Decke zur�ck, und Mandred sah zwei rot entz�ndete, mit schwarzem Pech beschmierte St�mpfe. Man hatte ihr dicht �ber den Kn�cheln die F��e amputiert.</p><p>�Ich will keine Worte des Mitleids. Dies ist nichts! Auf dem Habichtpass ist mir mein kleiner Sohn auf dem Arm erfroren. Ich konnte ihm nicht genug W�rme geben �� Sie stockte. �Ein Paar erfrorene F��e sind nichts gegen diesen Schmerz. Ich�� Ich will in kein offenes Grab mehr blicken, Ahnherr. Ich selbst bin ein offenes Grab. Und damit bin ich ein Spiegel deines Volkes.�</p><p>Fassungslos starrte er auf die verst�mmelten Beine. �Du h�ttest die Elfen um Hilfe bitten k�nnen. Ihre Zauber sind m�chtig. Sie h�tten���</p><p>�H�tte ich einen ihrer Heiler vom Lager eines kranken Kindes fortrufen sollen? Wir haben mehr Elend mit nach Albenmark gebracht, als ihre Zauberkraft zu tilgen vermag.�</p><p>Mandred f�hlte sich ohnm�chtig. Was sollte er dieser verbitterten Frau noch sagen? Worte der Hoffnung mussten wie Hohn in ihren Ohren klingen. W�re er doch nur fr�her zur�ckgekehrt! Er verneigte sich.��Mit deiner Erlaubnis werde ich mich zur�ckziehen und das Begr�bnis K�nig Liodreds vorbereiten.�</p><p>�Warte noch, Ahnherr!� Sie winkte ihm, n�her zu treten.��Knie neben mir nieder.�</p><p>Verwundert gehorchte er.</p><p>Gishild senkte die Stimme zu einem Fl�stern. �Ich habe geh�rt, wie du zu Beorn gesprochen hast. Seit dem Tag auf dem Habichtpass war er ein gebrochener Mann. Du hast ihm seinen Mut zur�ckgegeben. Nimm die R�stung des Alfadas und lege sie an, wenn du am Grab von Liodred zu deinem Volk sprichst. Vielleicht vermagst du in der Asche der Trauer noch einmal einen Funken der Hoffnung zu entz�nden. Mir ist diese Kraft nicht gegeben, Mandred Torgridson. Doch ich wei�, dass manche selbst jetzt noch auf die R�ckkehr des lebenden Ahnherrn hoffen. Sprich zu ihnen. Du hast Recht � Es darf nicht sein, dass nach all den Jahrhunderten der Freundschaft in der letzten Schlacht nicht mehr das Banner von Firnstayn an der Seite der Elfen weht. Beh�te unser Volk vor dieser Schande.�</p></section><section><title><p>Zwei Schwerter und Erinnerungen</p></title><p>Nuramon war in der Kammer der Gaomee. Die K�nigin hatte ihm diese ein letztes Mal zur Verf�gung gestellt. Und es hatte ihn zutiefst �berrascht, ein Abbild seiner selbst an der Wand zu finden. Zwar hatte man jedem, der in dieser Kammer die Nacht vor der Elfenjagd verbracht hatte, eine Szene in dem umlaufenden Fries gewidmet, doch Nuramon war nicht darauf vorbereitet gewesen, sein eigenes Antlitz an der Wand zu erblicken. Was ihn vor allem wunderte, war die Art und Weise, wie er abgebildet war: Er stand da, hielt seine beiden Schwerter in H�nden und drohte einem Schatten, der einen goldenen Edelstein umh�llte; dies war der Devanthar mit seinem Albenstein. Entweder war dieses Gem�lde irgendwann nach der Seeschlacht entstanden, oder der Blick der K�nigin hatte weit in die Zukunft gereicht.</p><p>Nuramon musterte die Gesichtsz�ge seines Abbilds. Es waren die eines mutigen Elfen, der jeder Gefahr gewachsen schien, dabei aber nicht grimmig wirkte. Dieser Elf w�re gewiss ein guter Anf�hrer. Die Frage war nur, ob Nuramon morgen diesem Abbild gerecht werden konnte. Der heutige Tag lie� nicht so recht darauf schlie�en. Er war anstrengend gewesen, besonders weil sein Ged�chtnis immer noch verworren war.</p><p>Er hatte viel Verantwortung an Nomja �bertragen. Und dabei hatte er die Bogensch�tzin noch nicht einmal gesehen, sondern sich nur �ber Boten mit ihr ausgetauscht. Sie befand sich im Heerlager an der rechten Flanke, gut f�nf Wegstunden von Emerelles Burg entfernt. Sie und Wengalf hatten �ber die Aufstellung der Krieger gesprochen, und Nuramon hatte alles in ihre H�nde gelegt.</p><p>Statt zu befehligen, hatte er hier in der Kammer gesessen und nachgedacht. Seine Sippe hatte ihn besucht, um ihn auszustatten; auf seinen Wunsch hin hatten sie ihm eine Plattenr�stung �berlassen, die der Drachenr�stung der Gaomee nachempfunden war. Bald darauf hatte er sie verabschiedet, wohl auch deshalb, weil niemand mehr da war, den er von fr�her kannte. Der alte Elemon war l�ngst ins Mondlicht gegangen, und selbst die J�ngeren wie Diama waren lange fort. Unter ihren Nachkommen war Nuramon zur Legende geworden. Welch eine Entt�uschung w�rden sie morgen erleben, wenn der gro�e Nuramon, der mit seinen Gef�hrten einen Devanthar besiegt hatte, wie ein ganz gew�hnlicher Elf in die Schlacht reiten und nichts ihn �ber andere erheben w�rde!</p><p>Er musste lachen. Damals, als er zum ersten Mal in dieser Kammer gewesen war, hatte ihn die Abneigung seiner Sippe gequ�lt. Und nun war es ihm unangenehm, dass sie ihm mit Ehrfurcht und Anerkennung begegneten? Das konnte doch nicht wahr sein! Seine Erinnerung sagte ihm, dass ihm Anerkennung keineswegs fremd war. Er hatte sie schon fr�her erfahren, besonders bei den Zwergen. Aber das war in einem anderen Leben gewesen��</p><p>Ganz allm�hlich ordneten sich seine Erinnerungen; nicht mehr lange, und er w�rde die Steinchen des Mosaiks zusammensetzen k�nnen. Im Augenblick gab es einfach zu viel, das es zu verstehen galt. So entsann er sich daran, einst eine Elfe namens Ulema geliebt zu haben. Aus dieser Liebe war ein Kind hervorgegangen, das sie Weldaron genannt hatten. Dies war der Name seines Sippenbegr�nders. Sollte er, Nuramon, gar der Vater von Weldaron sein? Das konnte er nicht glauben.</p><p>Auch verwirrten ihn all die Gef�hle, die er einst f�r Emerelle gehegt hatte, die diese aber nie hatte erwidern k�nnen. Gewiss, viele Elfen sahen Emerelle und tr�umten insgeheim von ihrer Liebe. Es gab keine Frau, �ber die es mehr Liebesgedichte und Minnelieder gab, als die Elfenk�nigin��</p><p>Das Ger�usch von Schritten vor der T�r rief in ihm die Erinnerung an die Nacht vor dem Auszug der Elfenjagd wach. Nuramon wandte sich um; er ahnte, wer da zu ihm kam. Und als sich die T�r �ffnete und er Emerelle erblickte, wusste er, dass er sich nicht get�uscht hatte. Die K�nigin war zu ihm gekommen, wie in jener Nacht, in der f�r ihn alles begonnen hatte. Wie damals trug sie das graue Gewand einer Zauberin, und ihr dunkelblondes Haar wellte sich sanft �ber ihre Schultern. Er blickte in ihre hellbraunen Augen und fand auch dort den Glanz jener l�ngst vergangenen Nacht.</p><p>Sie schloss die T�r hinter sich und l�chelte ihm entgegen, als wartete sie auf eine Regung seinerseits.</p><p>�Emerelle�, sagte er und blickte sie lange an. �Es ist kein Zufall, dass du zu mir kommst, oder?�</p><p>�Nein. Nichts, was wir sagen oder tun, ist Zufall. Hier schlie�t sich der Kreis, Nuramon, Vater des Weldaron und Sohn der Valimee und des Deramon.�</p><p>Als die K�nigin die Namen seiner ersten Eltern nannte, kehrte die Erinnerung an sie zur�ck. Sein Vater war ein Krieger gewesen, seine Mutter eine Zauberin. Sie waren fr�h ins Mondlicht gegangen, doch sie hatten ihn geliebt, wie nur die ersten Albenkinder ihre S�hne und T�chter geliebt hatten.��So alt bin ich?�, fragte er.</p><p>Die K�nigin nickte. �Ich wusste seit langem, dass dir eines Tages ein bedeutendes Schicksal zukommen w�rde. Du warst damals einer meiner Kampfgef�hrten. Wir haben uns in Ischemon kennen gelernt, im Kampf gegen die Sonnendrachen. Damals gab es noch keine K�nigin. Ich war noch auf der Suche nach meiner Bestimmung, und wir gingen gemeinsam zum Orakel Telmareen. Was sie sagte, das wei�t du.�</p><p>Nuramon erinnerte sich an alles, wovon die K�nigin sprach. Ihre Worte waren wie Zauberformeln, die ihm Vers um Vers das Ged�chtnis ordneten und all die Empfindungen von einst zur�ckbrachten. Selbst die Lichtgestalt des Orakels hatte er pl�tzlich wieder vor Augen, und ihre Stimme hallte nach so langer Zeit noch in seinen Ohren: _W�hle dir deine Verwandtschaft! K�mmere dich nicht um dein Ansehen! Denn alles, was du bist, das ist in dir_.</p><p>Die K�nigin trat nun direkt vor ihn, ihr Blick wanderte zwischen seinen Augen hin und her.��In jenen Tagen gab es nur wenige Regeln. Wir mussten sie uns selbst schaffen, und deswegen hast du dich in all deinen Leben immer schwer damit getan, nach den Regeln der anderen zu leben. Erinnerst du dich, was ich dir sagte, bevor du deinen letzten Atemzug getan hast?�</p><p>Damals war er durch das brennende Licht eines Sonnendrachen verwundet worden. Nun entsann er sich der Worte Emerelles und sprach sie aus:��_Beim Orakel sah ich dich und das m�chtige Kind_. Yulivee! Du hast damals schon Yulivee gesehen?�</p><p>�Ja. Ich wusste seither, dass du sie eines Tages zu mir f�hren w�rdest. Doch ich wusste nicht, wann. Und so �bte ich mich in Geduld. Ich musste so lange warten und Dinge sagen und tun, die nicht von Herzen kamen. Doch alles, was ich in jener Nacht vor der Elfenjagd sagte, ist die Wahrheit. Allerdings musste ich dir einige Dinge verschweigen, so wie die Orakel es zu tun pflegten. Nun aber sollst du sie erfahren, so du sie nicht schon wei�t. Komm!� Sie fasste seine Hand und f�hrte ihn zu der Steinbank. Dort setzten sie sich nieder. �Ich kann nicht nachf�hlen, was du nun empfindest, denn ich bin nie gestorben. Meine Erinnerungen sind die eines einzigen langen Lebens. Doch ich wei�, dass es nicht leicht ist, mit all den Erfahrungen zurechtzukommen. Du musst wachsen, um es zu begreifen. Und das ist eine deiner St�rken.� Sie lie� seine Hand los und deutete hinauf zur Decke, zum Abbild der Gaomee. �Ich habe dir damals mit Bedacht die Kammer der gro�en Gaomee zugeteilt. Mir war bewusst, dass dir eine lange Reise bevorsteht. Es war der richtige Zeitpunkt, dir ihr Schwert zu geben. Doch ich sagte dir nicht, was es mit dieser Waffe auf sich hat.� Emerelle erhob sich, schritt hin�ber zu Nuramons Bett und holte seine beiden Schwerter. Dann kehrte sie an seine Seite zur�ck und zog das Kurzschwert der Gaomee. �Die Zwerge haben dir gewiss etwas �ber die Waffe gesagt.�</p><p>�Sie sagten mir, sie sei von einem Zwerg namens Teludem f�r einen Elfen geschmiedet worden.� Nuramon bekam einen Verdacht und fragte:��War diese Waffe etwa einst ein Geschenk an mich?�</p><p>�Nein, die Zwerge schenkten sie mir. Sie sagten, sie w�rden in die Andere Welt gehen, um sich dort ein Reich zu suchen, in dem Wengalf K�nig bleiben konnte. Es war eine Zeit, in der ich niemanden neben mir dulden durfte, damit das geschehen konnte, was nun sein wird. Wir trennten uns im Zorn. Doch Wengalf ist kein Narr. Er schenkte mir die Waffe und sagte, dass ich sie ihm schicken solle, wenn ich bereit sei, ihn als K�nig zu respektieren.�</p><p>�Davon haben mir die Zwerge nie etwas gesagt�, erwiderte Nuramon.</p><p>�Ich gab die Waffe Gaomee, weil sie aus dem Geschlecht stammte, dem es bestimmt war, den Zwergen nahe zu kommen.� Die K�nigin schien auf eine Regung seinerseits zu warten.</p><p>Pl�tzlich wurde Nuramon klar, was sie meinte. �Gaomee stammt aus meiner Sippe?�</p><p>�Sie stammt nicht nur aus deiner Sippe. Sie war deine Tochter.�</p><p>Diese Kunde traf Nuramon wie ein Schlag. Gaomee war seine Tochter!��Ich erinnere mich nicht an sie.�</p><p>�Du warst l�ngst gestorben, als Diyomee sie gebar.�</p><p>�Diyomee!�, sprach Nuramon vor sich hin. Es war eine ungl�ckliche Liebe gewesen. Ihr Vater hatte ihn gehasst, und Nuramons Nebenbuhler hatte ihn in einem Duell erschlagen.</p><p>�Die Familie verstie� Diyomee. So entschloss ich mich, sie bei mir aufzunehmen. Sie gebar das Kind, gab ihr den Namen Gaomee und ging ins Mondlicht. Ich habe mich des Neugeborenen angenommen. Und als ich sie zur Elfenjagd berief, da sp�rte ich, dass es richtig war, Gaomee das Kurzschwert anzuvertrauen. Ich erz�hlte ihr alles �ber ihren Vater, und sie bewunderte dich f�r deine Taten in Ischemon. Nur so konnte sie den Drachen Duanoc besiegen.�</p><p>�Ich wurde doch wiedergeboren. Wieso kam sie nicht zu mir?�</p><p>�Sie wagte es nicht. Sie f�rchtete sich davor, dass du sie zur�ckweisen k�nntest. Doch bevor sie ihre Liebe fand und ins Mondlicht ging, vertraute sie mir das Schwert an und sagte, ich solle es f�r dich aufbewahren und es dir geben, wenn die Zeit reif w�re. Und das habe ich getan.� Sie steckte Gaomees Waffe fort.��Du hast das Schwert zu den Zwergen gebracht, und so wussten sie bald, welches Ende dieses Zeitalter nehmen w�rde. Sie erfuhren von Dareen, wann sie in ihre alten Hallen zur�ckzukehren h�tten.� Emerelle zog nun das Langschwert, Nuramons alte Waffe. �Thorwis und Wengalf waren weise. Sie gaben dir dein altes Schwert, und als ich es bei dir sah, wusste ich, dass du bei den Zwergen gewesen warst. So wurdest du zum Boten des Schicksals. Du sagtest mir mit dieser Waffe, dass die Zwerge kommen w�rden. Und du hast mich daran erinnert, woher diese Waffe stammt.�</p><p>�Das wei�t du?�, fragte Nuramon �berrascht.</p><p>�Erinnerst du dich etwa nicht?�</p><p>Nuramon �berlegte. Das Schwert hatte ihn durch manches Leben begleitet. Seine Kampfgef�hrten hatten es zu seiner Sippe gebracht, wo es auf ihn gewartet hatte. Doch wo kam es her?</p><p>�Zerbrich dir nicht den Kopf�, meinte Emerelle und steckte das Schwert zur�ck in die Scheide. �Es ist ein Geschenk von mir gewesen. Jedem meiner Kampfgef�hrten schenkte ich einst eine Waffe.�</p><p>Nuramon konnte sich nicht erinnern, und das �rgerte ihn.</p><p>Die K�nigin legte ihm die Hand auf die Schulter. �Deine Erinnerung wird wiederkehren. Du wirst deine Zeit brauchen, um alles zu entdecken. Es ist eine ganz besondere Reise. Sie ist von einer anderen Art als jene, die du bisher erlebt hast. Halte es wie die Zwerge. Nimm meine Worte so lange in dein Ged�chtnis auf, bis du dich selbst erinnerst.�</p><p>Nuramon starrte auf die Waffe, die neben der K�nigin lag. �Dann ist die Magie in diesem Schwert deine Magie.�</p><p>Emerelle lachte. �Ich war damals eine andere, so wie Yulivee fr�her eine andere war. Selbst der Devanthar wird den Zauber deines Schwertes nicht erkannt haben.�</p><p>Nuramon blickte zu Boden. Was die K�nigin ihm offenbarte, stie� tausend Pforten auf, und er wusste nicht, in welche Welt er zuerst eintreten sollte. Emerelle hatte Recht: Es war eine Reise. Sie f�hrte ihn durch vergessene Gefilde. �Wie soll es nun weitergehen?�, fragte er. �Ich f�hle mich verloren, so als h�tte ich mich auf meinem langen Weg verirrt.�</p><p>�Dabei sollten dir meine Worte Halt geben�, entgegnete sie.��Sie sollten dir zeigen, dass du mehr bist, als du glaubst, und dass du so viel mehr sein kannst, als du es dir je ertr�umt hast.�</p><p>Die K�nigin sprach, als drohte ihm keine Gefahr, als w�re sein Weg fortan ohne jedes Hindernis. �Werde ich morgen sterben?�, fragte Nuramon und merkte, wie Emerelle �berrascht die Augenbrauen hob.</p><p>�Nuramon, du wei�t, dass ich dir das nicht sagen w�rde, selbst wenn ich es w�sste. Der Ausgang einer Schlacht ist auch f�r mich nicht zu �berschauen. Zu oft �ndert sich dabei das Schicksal. Zu viele Schwerter, zu viele Pfeile und zu viele Bewegungen machen es mir unm�glich, das Ende von allem zu sehen. Ich kann nicht einmal erkennen, ob wir Albenmark retten werden. Ich wei� nur, was sein sollte. Und das muss ich verschweigen, weil es sonst nicht eintreten kann. Ich wei�, was dich bewegt. Du f�rchtest, du und Farodin, ihr k�nntet beide sterben.�</p><p>�Ja. Noroelle w�re dann verloren, und ich w�rde in ein neues Leben hineingeboren, in dem ich mich an Noroelles bitteres Schicksal erinnern w�rde, ohne jemals etwas f�r sie tun zu k�nnen. Warum vermagst du dein Urteil nicht aufzuheben? Warum muss der Zauber, der Albenmark von der Anderen Welt trennt, direkt nach dem ersten Zauber gesprochen werden?�</p><p>�Weil ich meinen Tod sah, wenn wir nur das Land jenseits der Shalyn Falah abtrennen.� Emerelles Blick reichte ins Leere. �Ein Pfeil trifft mich, und dann kann der Zauber nimmermehr gesprochen werden. Die Tjuredpriester aber werden andere Tore nach Albenmark �ffnen, wenn wir unsere Welt nicht von der ihren trennen.� Sie blinzelte und sah Nuramon wieder an. �Noroelle muss dort bleiben, wo sie ist, damit ich leben kann.</p><p>Doch glaube nicht, dass ich aus Selbstsucht handle. Mir geht es nur um Albenmark. Auch die K�nigin kennt Mitgef�hl und leidet, wenn sie Dinge sagen und tun muss, die den W�nschen ihres Herzens widersprechen.� Emerelle legte ihm die Hand auf die Schulter.��Und mein Herz sagt mir, dass es f�r Noroelle Hoffnung geben muss. Deswegen gebe ich dir ein Versprechen.� Ihre Augen gl�nzten. �Wenn Farodin und du sterben solltet, dann werde ich Yulivee meinen Thron anvertrauen und an eurer statt Albenmark den R�cken kehren.�</p><p>Nuramon h�tte alles erwartet, aber nicht dies. �Das w�rdest du tun?�, fragte er.</p><p>Die K�nigin nickte. �Ja, denn so sehr ich all die Jahrhunderte dem Schicksal ergeben war, so unertr�glich w�re es, in einem bl�henden Zeitalter zu leben und dich und Farodin als Wiedergeborene zu sehen. Auch Obilees Trauer k�nnte ich nicht l�nger ertragen. Es w�re eine Schuld, mit der ich nicht leben k�nnte. Du siehst, f�r Noroelle bleibt Hoffnung, wenn wir nur den morgigen Tag gewinnen.�</p><p>Nuramon fasste die Hand der K�nigin und k�sste sie. �Ich danke dir, Emerelle. Das nimmt mir die Angst vor der Schlacht.� Er schaute auf die beiden Schwerter. �Ich m�chte dir Gaomees Schwert geben, denn du hast Recht: Hier schlie�t sich der Kreis.�</p><p>�Nein. Nicht f�r das Schwert. Du musst die Waffe behalten. Sie hat ihren Zweck f�r Albenmark erf�llt, doch f�r dich ist sie ein Zeichen deines Weges. Und dieser ist noch nicht an seinem Ende angelangt.� Sie k�sste ihn zum Abschied auf die Stirn und erhob sich. ��berlebe die Schlacht und finde Noroelle! Danach kannst du die Waffe erleichtert aus den H�nden geben.� Mit diesen Worten verlie� die K�nigin das Zimmer.</p></section><section><title><p>Der Dolch der K�nigin</p></title><p>Bis hinauf zum Turm klang das L�rmen des Heerlagers. Laut hallten die H�mmer von Waffenschmieden. Pferde wieherten unruhig. An einigen der Feuer wurde gesungen. Jeder bek�mpfte die Angst auf seine Weise. Der morgige Tag w�rde �ber das Weiterbestehen Albenmarks entscheiden.</p><p>Farodin lehnte an der Br�stung des Balkons und dachte an den Tag, der all dies herbeigef�hrt hatte. W�re Guillaume still, vielleicht durch ein Kissen erstickt, in seinem kleinen Haus nahe dem Turmtempel in Aniscans gestorben, w�re dann all dies nicht geschehen? H�tte er es tun k�nnen? War es seine Schw�che gewesen, die dazu gef�hrt hatte, dass der Feind vor dem Herzland Albenmarks stand? Oder hatte alles bereits mit Gelvuuns Tod begonnen?</p><p>Er atmete tief ein. Der k�hlen Nachtluft haftete ein Makel an. Ein Hauch eines allzu vertrauten Geruchs. Der Gestank von Schwefel. Bildete er sich das nur ein? Wurde er langsam verr�ckt? Oder hatte er in seinem wichtigsten Kampf nicht gesiegt? Lauerte der Devanthar etwa wie damals, nachdem sie ihn in der Eish�hle tot w�hnten, im Verborgenen und zog weiterhin seine F�den?</p><p>Er bem�hte sich, die verzweifelten Gedanken zu verdr�ngen und einfach nur das Bild des Heerlagers in sich aufzunehmen. So weit das Auge reichte, waren Zelte aufgeschlagen, und Feuer glommen bis hinauf zu den fernen H�geln. Nie hatten alle V�lker Albenmarks zusammengestanden. Auch das war aus Guillaumes Tod erwachsen. Alte Fehden waren vergessen � Farodin dachte an Orgrim. Nachdem die Seele des Trollk�nigs Boldor hundert Jahre nach der Seeschlacht immer noch nicht wiedergeboren war, hatte Skanga Herzog Orgrim zum Herrscher seines Volkes ausgerufen. Die Trolle, die so viel Ungl�ck �ber das Elfenvolk gebracht hatten, w�rden morgen bei Welruun nahe an der Shalyn Falah stehen, um Seite an Seite mit den Elfen zu k�mpfen. Ausgerechnet an jenem Ort, an dem sie vor Jahrhunderten eine erbitterte Schlacht untereinander ausgetragen hatten! An dem Ort, an dem Aileen gestorben war! Alles hatte sich in dieser Welt verkehrt. Und alles schien m�glich. Wenn er den morgigen Tag �berlebte, dann w�rden sie zu Noroelle gelangen. Farodins Hand strich �ber den kleinen Lederbeutel, in dem er Aileens Ring und Noroelles Smaragd bewahrte. Er sp�rte, wie ihm die Kehle eng wurde. Das Ende der Suche war so nahe! Doch wie mochten die Jahrhunderte der Einsamkeit Noroelle ver�ndert haben? Was war von der Elfe geblieben, die er einst so geliebt hatte? Und was war von dem Farodin geblieben, den sie einst gekannt hatte?</p><p>Ein Ger�usch lie� den Elfen herumfahren. Die T�r zu den Gem�chern der K�nigin �ffnete sich, und Emerelle trat zu ihm auf den Balkon. Sie war ganz in Wei� gekleidet. Nie zuvor hatte Farodin sie in diesem Gewand gesehen. Es war schlicht und ohne Schmuck. Ein hoher Kragen umschloss ihren Hals. Das Kleid war tailliert, mit weit ausgestellten �rmeln und reichte ihr bis zu den Kn�cheln.</p><p>�Ich bin froh, dich noch einmal hier treffen zu k�nnen�, empfing sie ihn mit warmer Stimme. �So oft haben wir hier oben �ber den Tod gesprochen.� Die K�nigin trat neben ihn an das steinerne Gel�nder und blickte hinab auf die Ebene.</p><p>�F�r dich ist viel Zeit vergangen, seit wir zum letzten Mal hier oben standen. Damals habe ich nicht daran gezweifelt, dass alles, was du befahlst, zum Besten von Albenmark sei�, sagte Farodin nachdenklich.</p><p>Im Heerlager erklang das ausgelassene Gel�chter von Kentauren.��Und was denkst du heute?�, fragte Emerelle.</p><p>�Ich bin froh, dass ich Guillaume nicht get�tet habe. Er war ein guter Mann. H�tte er l�nger gelebt � Vielleicht w�re all dies nicht geschehen.� Er trat ein St�ck zur�ck vom Gel�nder und betrachtete die K�nigin. Sie sah so jugendlich aus. So sch�n und unschuldig.��Was habe ich an mir, dass du mich unter allen Albenkindern als deinen Henker auserw�hlt hast?�</p><p>�Wenn ein einziger Dolchsto� hunderte andere Tode verhindern kann, ist es dann verwerflich, ihn zu f�hren?�</p><p>�Nein�, erwiderte Farodin entschieden.</p><p>�Und weil du so denkst, habe ich dich meinen Dolch sein lassen. Es gab Zeiten, da h�tte ein einzelner Dolchsto� den Auszug der Zwerge verhindert oder den Fortgang der Elfen von Valemas. Ich hatte Angst, dass unsere V�lker in alle Winde zerstreut w�rden oder schlimmer noch, dass wir lange, blutige Fehden miteinander ausfechten w�rden. Albenmark drohte zu vergehen. Unsere Morde haben es bewahrt. Und wenn wir morgen bestehen, dann wird Albenmark so stark wie nie zuvor sein, und ein neues Zeitalter wird beginnen. Was bedeutet es, einen K�rper zu opfern, wenn man wei�, dass die Seele wiedergeboren wird? Es ist nur Fleisch, das vergeht. Und der Seele wird ein neuer Anfang gew�hrt, der sie diesmal vielleicht nicht auf dunkle Pfade f�hrt.�</p><p>�Hast du niemals gezweifelt, ob du das Richtige tust?�</p><p>Emerelle drehte sich um und lehnte sich gegen die Br�stung. �Was ist das Ma� f�r Richtig und Falsch, Farodin? Ich habe dir und Nuramon befohlen, Guillaume zu t�ten. Stattdessen habt ihr beide versucht, ihn zu retten. Und dennoch wurde Guillaume ermordet. Das Schicksal hatte den Tag seines Todes l�ngst festgesetzt. Und obwohl nicht ihr die Bluttat begangen hattet, wurde sie dem Volk der Elfen zugeschrieben. Es war Noroelles richtige Entscheidung als Mutter, mir das Kind nicht zu �berlassen. Es war eure richtige Entscheidung, Noroelles Sohn nicht zu t�ten. Und doch stehen wir hier und k�mpfen um Albenmark. Ich habe mich immer bem�ht, im Sinne aller Albenkinder zu handeln. Vielleicht hilft es dir, wenn du wei�t, dass ich nie leichten Herzens �ber einen Tod entschieden habe.�</p><p>Farodin empfand die Antwort als unbefriedigend. Fr�her war es ihm leichter gefallen, ihre Worte anzunehmen, ohne sie zu hinterfragen.</p><p>Lange standen sie schweigend beieinander und lauschten dem L�rmen des Heerlagers.</p><p>�Riechst du den Schwefel?�, fragte er.</p><p>Sie nickte. �Man braucht sehr feine Sinne, um den Geruch selbst hier noch wahrzunehmen. Er kommt von jenseits der Shalyn Falah.�</p><p>Farodin seufzte. Sie hatten vor dem letzten Kriegsrat von ihrem Kampf mit dem Devanthar berichtet. Emerelle hatte dazu geschwiegen. War es, weil sie nicht vor allen Heerf�hrern die Wahrheit offenbaren wollte?��Er hat uns also wieder get�uscht�, sagte Farodin verzweifelt. �So wie damals in der Eish�hle, als wir dachten, er w�re besiegt. Ist er es, der die Heere der Ordensritter befehligt und den Riss zwischen den Welten erschaffen hat?�</p><p>Die K�nigin strich sich nachdenklich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht. Schlie�lich sah sie auf und suchte seinen Blick. �Der Devanthar ist f�r immer vergangen. Ihr habt ihn auf Albenweise get�tet. Einst bannten unsere Ahnen die Devanthar in ihre magischen Waffen. Und dann vernichteten sie diese Waffen. Er wird nicht wiederkehren � Und doch ist er auf gewisse Weise unsterblich. Seine Saat in der Anderen Welt hat reiche Fr�chte getragen. Es waren Priester mit seinem Blut in den Adern, die w�hrend der zweiten Belagerung von Firnstayn den Riss erschufen. Es geschah aus Versehen. Sie wollten zur selben Stunde mit einem Ritual den Albenstern auf dem Hartungskliff und den Stern am Strand verschlie�en. Doch statt unsere Welten voneinander zu trennen, haben sie die Grenzen niedergerissen. �ber die Jahrhunderte ist das Blut des Devanthars ausged�nnt. Heute gibt es keine Priester mehr, die durch ihre Zauber Albenkinder zu morden verm�gen. Ereignisse wie w�hrend der Seeschlacht, als ich fast get�tet worden w�re, haben sich seither nicht mehr zugetragen. Unsere Feinde brauchen allerdings auch keine Magie mehr. Sie gewinnen allein durch die Kraft ihrer Waffen. Und ganz gleich, wie hoch ihre Verluste in den Schlachten gegen uns sind, sie k�nnen jeden Toten ersetzen, w�hrend die V�lker der Albenkinder langsam ausbluten. Deshalb m�ssen wir morgen siegen! Wir m�ssen unsere Welt nur noch einen einzigen Tag vor ihnen bewahren!�</p><p>Kurz kam Farodin der Gedanke, ob sie ihn vielleicht belogen hatte, um ihm nicht seinen Kampfesmut zu nehmen. Sie sah so unschuldig aus. So rein.</p><p>Doch war es in diesem Augenblick nicht v�llig gleichg�ltig, ob sie ihn anlog? Die Schlacht um Albenmark musste geschlagen werden, und eines glaubte er ihr: Sie w�rde alles tun, um die V�lker der Albenkinder zu retten.</p><p>Farodin verneigte sich knapp. �Ich werde noch in dieser Nacht zur Shalyn Falah reiten.�</p><p>Die K�nigin trat vor ihn und k�sste ihn sanft auf die Wangen. �Gib auf dich Acht, mein Freund. Es gibt eine Emerelle, die nur wir beide kennen. Du hast ihr Geheimnis �ber die Jahrhunderte bewahrt. Daf�r m�chte ich dir danken.�</p><p>Farodin war �berrascht. �Ich dachte, Ollowain h�tte meinen Platz eingenommen.�</p><p>Die K�nigin sah ihn eindringlich an. �Nein. Er mag der beste Fechter von Albenmark sein. Doch um der Dolch der K�nigin zu sein, dazu fehlt ihm das Talent. Er hat in Aniscans versagt. Danach warst allein du es wieder, der meinen Willen vollstreckte. Du warst mein Gesandter unter den Trollen, und du h�ttest sie mit ihrem Blut zahlen lassen, h�tten sie uns in der Seeschlacht verraten. Und zuletzt war deine Klinge es, die den Devanthar t�tete, den m�chtigsten Feind, den Albenmark je hatte.�</p></section><section><title><p>Auf den Spuren einer vergangenen Nacht</p></title><p>Nuramon wandelte durch den Obstgarten der K�nigin. Wie schon in seiner Kammer musste er an die Nacht vor dem Auszug der Elfenjagd denken. Damals hatten die B�ume ihm zugewispert, nun aber schwiegen sie. Nuramon tastete nach den Zweigen der Feentanne, doch die W�rme, die sie stets verstr�mt hatte, war vergangen. Entt�uscht zog er die Hand zur�ck.</p><p>Was war hier geschehen? Waren die Seelen der B�ume etwa ins Mondlicht gegangen? Der Zauber, der diesem Ort anhaftete, schien noch zu wirken, denn all die B�ume trugen zugleich ihre Fr�chte. Doch die Zeit schien so manche Ver�nderung gebracht zu haben.</p><p>Nuramon kam an der Linde vor�ber, an der er Noroelle zum ersten Mal gesehen hatte, und er gelangte zu den beiden Maulbeerb�umen, die ihm damals ihre Fr�chte geschenkt hatten. Wie die Schlacht morgen auch ausging, all das w�rde Noroelle nie wiedersehen. Ihren See, die Fauneneiche und ihr Heim w�rde sie nur mehr in ihrer Erinnerung finden.</p><p>Nuramon erreichte die Linde und den �lbaum am Rande des Gartens. Hier hatte er als Baumgeist zu Noroelle gesprochen, und sie hatte sich auf das Spiel eingelassen. In jener Nacht h�tte er nie und nimmer geglaubt, dass das Schicksal sie alle auf so einen schweren Pfad f�hren w�rde. Er schaute auf und sah dort zwei Gesichter, die zu ihm hinabblickten.</p><p>�Na, belauschst du uns?�, fragte Yulivee l�chelnd.</p><p>Obilee legte der Zauberin die Hand auf die Schulter. �Lass ihn!�</p><p>�Komm doch zu uns�, setzte Yulivee nach.</p><p>Nuramon antwortete nicht, sondern stieg �ber die schmale Treppe zur Terrasse hinauf. Die beiden Elfen boten einen bezaubernden Anblick. Yulivee war in graue Gew�nder aus leichtem Stoff gekleidet. In ihr dunkelbraunes Haar hatte sie wei�e B�nder geflochten. Obilee trug ein flie�endes blaues Kleid und hatte das Haar hochgesteckt. Niemand h�tte geglaubt, sich einer Kriegerin gegen�berzusehen.</p><p>�Yulivee und Obilee!�, sagte Nuramon.��Seid ihr beste Freundinnen geworden?�</p><p>�Seit der Nacht, da du fortgingst�, best�tigte Yulivee.</p><p>Er trat vor sie.</p><p>Yulivee schaute ihm in die Augen. �Es ist seltsam, nicht mehr zu dir aufzublicken.� Sie war genauso gro� wie Nuramon.��Du warst damals ein Riese f�r mich. Und ich war f�r dich gewiss nur ein t�richtes M�dchen.�</p><p>�Nein, eine kleine Zauberin von gro�er Macht warst du�� und ein liebensw�rdiger Qu�lgeist.�</p><p>Obilee l�chelte. �Das ist sie auch noch eine Weile geblieben, nachdem du fort warst.�</p><p>�Daf�r m�chte ich mich entschuldigen�, sagte Yulivee.</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf.��Das musst du nicht�� Schwester.�</p><p>�Ich habe es nicht vergessen�� Bruder�, sagte Yulivee. �Und ich habe getan, worum du mich gebeten hast. Ich habe auf Felbion aufgepasst, und ich lebe in deinem Haus. Du wirst es noch wiedererkennen, auch wenn Alaen Aikhwitan fort ist.�</p><p>�Er ist nicht mehr da?�, fragte Nuramon und dachte dann an die Feentanne.</p><p>�Es gibt im ganzen Herzland keinen beseelten Baum mehr�, antwortete Obilee.</p><p>Yulivee holte aus einem kleinen Beutel eine Eichel hervor. �Diese geh�rt Alaen Aikhwitan. Wenn wir morgen siegen, dann werden die Seelen der B�ume wiedergeboren. Ich wei� nur noch nicht, wo ich diese Eichel pflanzen soll.�</p><p>�Was ist mit Atta Aikhjarto geschehen?�</p><p>�Xern wird ihn neu pflanzen.� Die Zauberin deutete zum Obstgarten hinab. �Die meisten Seelen der B�ume sind ins Mondlicht gegangen. Nur einige der Gro�en haben ihre Seelen gebunden. Alaen Aikhwitan, Atta Aikhjarto, die Feentanne, die Fauneneiche und wenige andere. Sie werden die Urv�ter und Urm�tter neuer Seelenb�ume sein. Emerelle sagte, sie wolle die Feentanne bei den Auenfeen pflanzen.�</p><p>Nuramon musste an Noroelles See denken, der an die Wiese der Auenfeen grenzte. Alles w�rde sich �ndern, zu etwas Neuem werden. Noroelles See w�rde im neuen Albenmark gewiss seinen Platz im Gef�ge behalten.</p><p>�Du wirst tats�chlich gehen?�, fragte Yulivee und riss Nuramon aus seinen Gedanken.</p><p>�Ich muss es tun�, antwortete er.</p><p>Yulivees L�cheln verging. �Ich w�rde viel daf�r geben, der Frau zu begegnen, f�r die du ein solches Opfer bringen willst. Obilee hat mir von ihr erz�hlt.�</p><p>�Bist du entt�uscht?�</p><p>Yulivee sch�ttelte den Kopf. �Nein. Du wirst immer mein Bruder sein. Ich w�rde niemals erwarten, dass du die Liebe zu Noroelle meinetwegen aufgibst. Ich bin so froh, dass ihr den Devanthar besiegt habt und dass ich dich noch einmal sehen darf. Ich hatte solche Angst um dich.� Sie fiel ihm in die Arme.��Jetzt bin ich gl�cklich.�</p><p>�Wird es dir sehr wehtun, wenn ich Albenmark hinter mir lasse?�, fragte er sie leise.</p><p>Die Zauberin l�ste den Kopf von seiner Schulter und schaute ihn mit gro�en Augen an. Er strich ihr �ber die Wange, und schon entfaltete sich ein L�cheln auf ihrem Gesicht, das ihn an das des Kindes erinnerte, das er in Iskendria in seine Obhut genommen hatte. �Nein�, antwortete sie. �Wir hatten unsere Zeit miteinander. Unsere Reise von Iskendria bis hierher war das Sch�nste, was ich je erlebt habe.� Sie k�sste ihn auf die Stirn.��Sei stark morgen!� Sanft befreite sie sich aus seiner Umarmung.��Ich muss nun in den Gro�en Wald zur�ck�, sagte sie und ging.</p><p>Nuramon blickte ihr nach. Er hatte so viel verpasst! Aus dem kleinen M�dchen an seiner Seite war unversehens eine m�chtige junge Zauberin geworden. Der Sieg �ber den Devanthar hatte einen hohen Preis gehabt.</p><p>Obilee trat an seine Seite.��Sie hat dich sehr vermisst.�</p><p>�F�r mich ist das alles schwer zu begreifen�� Bei dir war es damals �hnlich. Du warst ein M�dchen, als wir mit der Elfenjagd auszogen. Als Frau hast du uns hier erwartet und Noroelles Worte gesprochen � Und hier habe ich Noroelle zum ersten Mal ber�hrt.�</p><p>�Sie erz�hlte es mir in jener Nacht.� Obilee machte ein trauriges Gesicht. �Sie schw�rmte so von dir und Farodin.�</p><p>�Du siehst mich so betr�bt an. Hat die K�nigin dir nicht gesagt, dass Hoffnung besteht, solange wir morgen die Schlacht gewinnen?�</p><p>�F�r wen besteht Hoffnung, Nuramon?�</p><p>�Nat�rlich f�r Noroelle.�</p><p>Obilee nickte. �Die K�nigin hat mir alles gesagt. Und ich wei� es schon seit Jahren. Sie sagte mir, wie weit sie gehen w�rde, damit diese Hoffnung nicht versiegt.�</p><p>�Wieso bist du dann so traurig?�</p><p>�Du wei�t es nicht, Nuramon? Hast du es denn nie bemerkt?�</p><p>Im ersten Augenblick verstand Nuramon nicht, doch die gequ�lte Miene, die funkelnden Augen und die bebenden Lippen verrieten ihm, was Obilee bewegte. Sie liebte ihn! Verlegen wich er ihrem Blick aus.��Ich Narr!�, sagte er leise.��Verzeih mir!�</p><p>�Weswegen? Du gehst in gro�en Schritten durch die Jahrhunderte. F�r dich bin ich noch das M�dchen, das von Noroelle vor die K�nigin gef�hrt wurde.�</p><p>�Nein. Bei der Seeschlacht erkannte ich, dass du eine Frau bist. Doch seit wann��?� Er z�gerte, die Frage ganz zu stellen.</p><p>�Mein Gef�hl zu dir wuchs aus einer Zuneigung, die ich schon versp�rte, als Noroelle mit mir �ber dich und Farodin sprach. Du warst mein Liebling. Und je l�nger ihr fort wart, desto gr��er wurde meine Zuneigung. Erinnerst du dich an eure Abreise, damals, als ich dir vom H�gel aus zuwinkte?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Da liebte ich dich bereits.� Sie biss sich auf die Lippen und schien insgeheim auf eine Regung Nuramons zu warten. Dann sprach sie weiter. �Ich wusste von Emerelle, dass du mit deinen Gef�hrten Gro�es vollbringen w�rdest. Und ich durfte euch nicht von eurem Pfad abbringen. Schlie�lich will auch ich, dass ihr Noroelle rettet. Und es beruhigt mich, dass Hoffnung f�r sie besteht, gleich, was morgen geschieht. Doch ich wei� auch, dass es f�r mich keine solche Hoffnung gibt. Selbst dein Tod und deine Wiedergeburt k�nnten mir diese nicht schenken. Denn Emerelle sagte mir, dass du dich nun an deine fr�heren Leben erinnerst. Was f�r ein Schicksal ist das, welches mir zuerst Noroelle nimmt und dann unsere Liebe unm�glich macht? Soll ich denn immer die sein, die zur�ckstehen muss? Ich habe manchmal das Gef�hl, selbst eine Gefangene zu sein. Doch da ist niemand, der mich rettet.� Sie fing an zu weinen, und dieser Anblick schmerzte Nuramon. Obilee wirkte auf einmal so zerbrechlich und nicht wie die starke Kriegerin, die er von der Seeschlacht her kannte.</p><p>Behutsam schloss Nuramon sie in die Arme. Er strich ihr durch das Haar und �ber den R�cken. In ihr Ohr fl�sterte er: �Obilee! Wenn wir morgen siegen, dann bricht f�r Albenmark ein goldenes Zeitalter an. Und ich wei�, dass du dann dein Gl�ck finden wirst, deine Bestimmung. Doch ich bin es nicht. Es liegt nicht an dir, sondern an meiner Liebe zu Noroelle. Du bist bezaubernd, und w�sste ich nichts von Noroelle, dann w�rde ich deinem Glanz erliegen, deinem goldenen Haar, deinen Augen, so gr�n wie die See in Alvemer, und deinen lieblichen Lippen. Es w�re einfach zu sagen, dass du f�r mich nur eine Schwester oder eine Freundin bist. Doch es w�re eine L�ge. Denn ich empfinde mehr f�r dich als das � Aber noch mehr empfinde ich f�r Noroelle.�</p><p>Sie l�ste sich von ihm. �Das ist alles, was ich h�ren wollte, Nuramon. Ich wei�, dass ich neben Noroelle nicht bestehen kann. Ich wei�, dass es keine Hoffnung f�r meine Liebe gibt. Aber die Gewissheit, dass ich mehr als eine Freundin bin, ist ein Geschenk, das ich mir nicht zu w�nschen wagte. Es ist wie ein Augenblick, der nur mir geh�rt.�</p><p>Nuramon fasste Obilees H�nde.��Ja, dieser Augenblick ist dein.� Er strich ihr �ber die Wange und legte wieder die Arme um sie. Dann k�sste er ihre Lippen. Er sp�rte, wie sie sich geradezu in seinen Armen fallen lie�. Sie hatte sich gewiss noch nie einem Mann ausgeliefert. Als er die Lippen von ihr l�ste, blieb Obilee so nahe vor seinem Gesicht, dass er ihren sanften Atem schmecken konnte. Eine Geste von ihr, ein bet�rendes Wort, und er k�nnte der Versuchung nicht widerstehen��</p><p>Sie l�chelte und biss sich auf die Lippen. �Ich danke dir, Nuramon�, sagte sie leise. Schlie�lich wich sie vor ihm zur�ck.</p></section><section><title><p>Am Anfang der Schlacht</p></title><p>Nuramon ritt auf Felbion seinem Heer entgegen. Wengalf hatte seine gewaltige Zwergenstreitmacht in zwei H�lften geteilt und die Alvemerer Schwertk�mpfer in die Mitte genommen. Gemeinsam bildeten sie das Hauptheer. An den Flanken standen Nomjas Bogensch�tzen bereit, w�hrend sich ein wenig abseits die Reiter sammelten. Er selbst w�rde dar�ber entscheiden m�ssen, wo die Reiterei eingesetzt werden sollte.</p><p>Er erreichte den kleinen Kreis der Anf�hrer, die sich vor den Katapulten der Zwerge sammelten. In den Gesichtern der Anwesenden war zu erkennen, dass es schlechte Nachrichten gab.</p><p>�Gut, dass du da bist�, sagte Nomja. �Die Sp�her haben uns berichtet, dass das Hauptheer auf uns zuh�lt. Mehr als f�nfzigtausend Krieger!� Sie deutete auf die H�gelkette in der Ferne, �ber welche die Feinde kommen w�rden.</p><p>Nuramon konnte sich nicht vorstellen, wie viele Menschen das waren. Ihr eigenes Heer bestand aus nicht einmal zehntausend K�mpfern.</p><p>�Das ist die gr��te Streitmacht, die sie je an einem Ort aufgeboten haben�, fuhr Nomja fort. �Und unser fruchtbares Land n�hrt sie auch noch.�</p><p>Nuramon hatte geh�rt, dass die Menschen im Land jenseits der Shalyn Falah ganze W�lder abgeholzt hatten, um daraus Quartiere f�r die Krieger zu bauen. Und die kahl geschlagenen Fl�chen waren zu �ckern gemacht worden, die den Eindringlingen alles schenkten, was sie zum �berleben brauchten.</p><p>�F�r f�nfzigtausend ist der Platz zwischen der Schlucht und dem Wald viel zu eng, und im Wald werden sie nicht k�mpfen wollen�, erkl�rte Nuramon.</p><p>�Die Krieger aus Yaldemee sorgen daf�r, dass der Wald sicher ist�, warf Lumnuon ein, der zu seiner Sippe geh�rte. Am Abend zuvor hatte er ihn in der Kammer aufgesucht.</p><p>Nuramon blickte voraus zur Ebene und nickte. Dies war f�r die Ordenskrieger der richtige Ort, um durchzubrechen. Er wandte sich an Nomja.��Du hast mir erz�hlt, dass sie auf dem offenen Feld immer erst die Reiterei vorr�cken lassen. Wie seid ihr ihnen begegnet?�</p><p>�Mit Pfeil und Bogen. Dagegen haben sie wenig auszurichten. Aber sie sind �berheblich und lassen sich nicht so leicht zur�ckdr�ngen. Wenn sie nun mit einer solchen �bermacht kommen, werden uns die Bogensch�tzen nicht retten k�nnen.�</p><p>Nuramon wandte sich an den Zwergenk�nig. �Wengalf, ich vermute, dass ihr in Drachenpanzern gegen die Feinde ziehen wollt �� Wann immer ein Trupp sich mit Schilden zu allen Seiten und auch nach oben hin sch�tzte, nannten die Zwerge diese Formation den �Drachenpanzer�. �Habt ihr auch noch die Spie�e, die ihr einst gegen die Drachen eingesetzt habt?�</p><p>�Aber ja. Was sollen wir tun?�</p><p>�Haltet die Reiter auf, wie ihr damals Balon aufgehalten habt.�</p><p>Wengalf grinste.</p><p>Als N�chstes wandte Nuramon sich an Nomja.��Deine Sch�tzen werden die Reihen der Reiter ausd�nnen, dann kann Wengalf den Rest �bernehmen.�</p><p>�Und was machen wir Alvemerer in der Mitte?�, fragte eine Elfe namens Daryll. Sie war die Stellvertreterin Obilees und hatte Nuramon nur mit Widerwillen als Anf�hrer anerkannt.</p><p>�Die Zwerge werden euch Partisanen geben�, erkl�rte Nuramon. �Seht zu, dass die feindlichen Reiter diese auch zu Gesicht bekommen. Sie werden euch meiden und mit den Zwergen vorlieb nehmen. Deren Spie�e werden sie erst sehen, wenn es zu sp�t ist.� Nuramon wandte sich wieder an Nomja. �Ihr m�sst auf die Flanken der Reiter schie�en. Es darf keiner durchkommen.�</p><p>�Und was machen wir?�, mischte sich nun Mandred ein.</p><p>�Du wirst mit deinen Firnstayner Reitern verborgen in der weiten Bodensenke auf dem rechten Fl�gel warten. Sobald die Feinde nahe genug sind, f�llst du ihnen in die Flanke. Auf dem anderen Fl�gel werde ich die Alvemerer Reiter anf�hren und dort das Gleiche tun.�</p><p>Nomja nickte anerkennend. �Meine berittenen Sch�tzen werden dich begleiten.�</p><p>Lumnuon meldete sich zu Wort. �Wir aus der Sippe des Weldaron werden unseren Verwandten sch�tzen.�</p><p>Nuramon klopfte dem jungen Elfen auf die Schulter. �Nomja wird uns eine gute Verst�rkung sein.�</p><p>Wengalf wandte sich an Nuramon. �Das ist ein ausgezeichneter Plan. Wenn der Kampf losbricht, r�cke ich mit meinen Kriegern Schritt f�r Schritt vor. Der Drachenpanzer wird den Freund in sich aufnehmen, den Feind aber vor sich aufspie�en. Lasst uns ans Werk gehen! M�ge das Schicksal dir hold sein, Nuramon!�</p><p>Der K�nig machte sich mit seinen Leuten auf den Weg zu seiner Streitmacht. Nur Alwerich blieb.��Mein Freund! Wage dich nicht allzu weit vor!�, mahnte er. �Denk an das, was du verlieren k�nntest! Hier, dies steht einem echten Anf�hrer zu.� Er reichte Nuramon einen ledernen Gegenstand, der an beiden Enden mit Glas verschlossen war.</p><p>�Was ist das?�, fragte er den Zwerg.</p><p>�Ein Fernrohr�, entgegnete Alwerich. �Du musst es ans Auge halten.� Der Zwerg deutete auf die Seite, die mit dem kleineren Glas verschlossen war.</p><p>Nuramon tat, wie der Zwerg ihn gehei�en, und war erstaunt: Durch dieses Rohr konnte er Dinge, die weit entfernt lagen, ganz nahe sehen! Deutlich erkannte er vor ihnen das Drachenbanner der Zwerge. Als Nuramon das Rohr absetzte, musste er blinzeln.��Wieso sind wir Elfen nicht auf so etwas gekommen?�</p><p>�Weil ihr ungern zugebt, dass auch euren Sinnen Grenzen gesetzt sind�, entgegnete Alwerich mit einem L�cheln.��Pass auf dich auf!�</p><p>�Vielen Dank, Alwerich. Und gib du auf dich Acht!�</p><p>Alwerich folgte seinem K�nig. Auf seinem Gesicht stand die Sorge geschrieben, die er um seinen Freund hatte.</p><p>�Lass mal sehen!�, forderte Mandred, und Nuramon gab ihm das Rohr.</p><p>W�hrend der Jarl der Firnstayner sich mit dem Fernrohr besch�ftigte, schickte Nuramon Lumnuon zu seiner Sippe. Sie sollten sich an der linken Flanke sammeln.</p><p>Au�er Mandred war nun nur noch Nomja an seiner Seite.</p><p>�Das war ein guter Kriegsrat. Deine Bedenken sind unbegr�ndet. Du bist ein guter Anf�hrer. Bevor du gekommen bist, hatten viele Angst.�</p><p>�Die Zwerge hatten gewiss keine Angst, und die Firnstayner kennen dieses Wort nicht.�</p><p>�Glaub mir, meine Fjordl�nder kennen Angst�, sagte Mandred bitter. �Aber wir werden k�mpfen. Meine M�nner wissen, dass es, wenn wir heute verlieren, keinen Ort mehr geben wird, an den man noch fliehen kann. Sie werden siegen oder sterben. Dein Plan ist gut, Nuramon, und deine unerschrockene Rede hat gewiss Eindruck bei den anderen Anf�hrern hinterlassen.�</p><p>�Du meinst wohl eher meine Unwissenheit.�</p><p>Mandred grinste, doch Nomja sch�ttelte den Kopf. �Wie dem auch sei: Die Anf�hrer werden deine Zuversicht zu ihren Kriegern tragen.�</p><p>�Glaubst du, wir k�nnen diese Schlacht gewinnen?�, fragte er sie leise.</p><p>Nomja blickte zu den Zwergen.��Wengalf scheint mir sehr zuversichtlich zu sein. Und ich habe das Gef�hl, dass er noch einige �berraschungen in seinem _Drachenpanzer_ verbirgt.�</p><p>Mandred reichte Nuramon das Fernglas. �Das ist wirklich ein Wunderwerk! Kannst du deine Zwergenfreunde vielleicht fragen, ob sie noch eins davon haben? Damit kann man bestimmt gut Wild aufsp�ren.�</p><p>Nuramon lachte.��Wenn die Schlacht vorbei ist, werde ich Wengalf fragen.�</p><p>�Gut, mein Freund.� Mandred hielt Nuramon die Hand zum Kriegergru� hin.</p><p>Nuramon umfasste dessen Unterarm. Der Jarl hatte einen festen Griff. �Mandred, ich wei�, dass ihr Firnstayner Dicksch�del seid. Aber wage nicht zu viel! Wir m�ssen sie nur lange genug aufhalten. Dann ist alles gewonnen.�</p><p>�Ich mach schon keine Dummheiten. Pass du lieber auf dich selbst auf! Seit dem Kampf mit dem Devanthar schulde ich dir ein Leben, und ich bin am rechten Fl�gel zu weit entfernt, um dir zu Hilfe zu kommen.�</p><p>Nuramon schmunzelte. �Wenn es dein Luth gut mit uns meint, dann treffen wir uns in der Mitte der Feinde. Da kannst du mir dann den Hals retten.�</p><p>�So soll es sein!�, sagte Mandred. Dann stieg er auf seine Stute und ritt davon.</p><p>Nuramon folgte seinem Freund mit dem Blick. Der Jarl hatte nur dieses eine Leben. Zumindest hie� es, dass Menschen nicht wiedergeboren w�rden. Nuramon hatte Angst um Mandred und f�rchtete dessen Tod ebenso wie den eigenen. Er wusste nicht, ob Mandred sie in die Andere Welt begleiten w�rde. Es w�rde ihn jedoch nicht wundern, wenn der Jarl das Angebot der K�nigin ann�hme und mit den Seinen hier in Albenmark bliebe.</p><p>�Komm, Nuramon!�, sagte Nomja. �Wir sollten zu unseren Leuten reiten.�</p><p>Gemeinsam gingen sie zu ihren Pferden. Schon wollte Nuramon aufsteigen, als er seinen Bogen an Felbions Sattel h�ngen sah. Er hatte vorhin beobachtet, wie die Sch�tzen ihre Bogen gespannt hatten. Die Elfenkrieger hatten neue Sehnen auf ihre Bogen aufgezogen, so als w�re die Sehne das Leben und der Bogen selbst die unsterbliche Seele. Vor jeder Schlacht pflegten sie dieses Ritual zu wiederholen und eine neue Sehne zu spannen, so wie ein neues Leben sich um die Seele spannte. Doch bei Nuramon war es anders. Sein Leben und seine Seele waren nun eins. Denn er erinnerte sich an alles, was geschehen war. Und sein Bogen und dessen Sehne waren wie ein Zeichen, das ihm den Weg gewiesen hatte. Doch sie hatten ihre Rolle bereits gespielt. Einen Augenblick �berlegte Nuramon, dann fasste er einen Entschluss. Er nahm den Bogen vom Sattel und trat zu Nomja. Die Elfe war schon aufgesessen.��Hier, Nomja, das m�chte ich dir schenken.�</p><p>�Was?� Die Kriegerin schaute ihn verwundert an. �Warum?�</p><p>�F�r deine Heldentat w�hrend der Seeschlacht�� Und au�erdem sollte die beste Sch�tzin diesen Bogen tragen.�</p><p>Sie nahm die Waffe z�gernd entgegen.��Ich w�re eine N�rrin, dieses Geschenk abzulehnen. Ich danke dir.�</p><p>Nuramon stieg auf, und Seite an Seite ritt er mit Nomja zur linken Flanke. Dort erwarteten ihn die Reiter seiner Sippe. Jeder von ihnen war mit einem Kurz- und einem Langschwert bewaffnet. Die Alvemerer Reiter hatten rechts neben ihnen Stellung bezogen. Sie trugen kurze Lanzen und waren zus�tzlich mit Langschwertern bewaffnet. Nomja kam links neben Nuramon heran und hielt sich so am Rande ihrer Reiterei. Nuramon konnte sehen, wie verwundert Nomjas Reiter �ber ihren neuen Bogen waren. Sie hatten Kurzbogen, die sie auf den Pferden leichter handhaben konnten, und Schwerter f�r den Nahkampf.</p><p>Das Warten schien kein Ende zu nehmen. Ab und an kamen Boten zu Nuramon und berichteten, dass es auch an der Shalyn Falah und den anderen Orten noch nicht zum Kampf gekommen sei. Dann endlich hie� es, der Feind werde in K�rze �ber die H�gel kommen. Nuramons Herz pochte. Hatte er etwa Angst? F�rchtete er, dass die Masse der Feinde sie erdr�cken und sein kleiner Plan j�mmerlich scheitern w�rde?</p><p>Da sah er wei�e Banner, die sich hinter den H�geln erhoben. Er musste nicht durch Alwerichs Fernrohr schauen, um zu wissen, dass der dunkle Fleck in der Mitte der Feldzeichen der Schwarze Baum des Tjured war.</p><p>Die ersten Feinde kamen in Sicht. Sie erschienen auf der ganzen L�nge der H�gelkette und str�mten langsam die Anh�he herab; Reihen um Reihen folgten ihnen.</p><p>Nuramon nahm das Fernrohr und sp�hte hindurch. Zuerst sah er nur Silber und Gold, doch dann erkannte er die Krieger. Es hie�, die Mehrheit der Gegner komme aus dem wilden Drusna. Ihre R�stungen waren ganz aus Metall und verliehen ihnen breite Schultern. Die Helme gl�nzten silbern im Sonnenlicht. Golden aber waren ihre Gesichter, denn sie trugen Masken. Vor Schreck hielt Nuramon den Atem an. Diese Masken zeigten das Gesicht Guillaumes, das ihn so sehr an Noroelle erinnerte. Nuramon schwenkte das Fernrohr nach links und nach rechts, und �berall sah er das Gesicht seiner Geliebten.</p><p>Immer mehr Krieger marschierten �ber die H�gelkette. Die erste Reihe hatte bereits den Fu� des H�gels erreicht. Von der linken Flanke kamen Reiter herbei und setzten sich vor das feindliche Fu�volk. Auch ihre Gesichter waren von goldenen Masken bedeckt. Nuramon war halb benommen. Ob Reiter oder Fu�k�mpfer, jeder Feind, dem er gegen�bertr�te, w�rde das Antlitz Noroelles tragen. Und nun musste er zusehen, wie sich diese Streitmacht vor dem H�gel formierte und gegen sie ins Feld zog. Welch ein Heer! Die Reiterei allein w�re schon ein w�rdiger Gegner gewesen.</p><p>Langsam bewegten sich die Feinde voran, und Nuramon merkte, wie die Elfen um ihn herum unruhig wurden. Nomja beugte sich zu ihm her�ber.��Wir haben noch nie gegen so ein gro�es Heer gestanden.�</p><p>�Wir haben einen entscheidenden Vorteil�, entgegnete Nuramon leise.��F�r uns ist dies die letzte Schlacht. Wir werden alles opfern, wenn es sein muss. F�r sie aber ist dieser Kampf einer von vielen. Sie glauben, wenn sie heute nicht gewinnen, dann warten in der Zukunft neue Gelegenheiten auf sie. Sie werden sich wundern. Und untersch�tze mir die Zwerge nicht!�</p><p>Nomja nickte und schwieg.</p><p>Die Feinde waren inzwischen bis auf etwa achthundert Schritt herangekommen und verharrten dort. Zwischen Schlucht und Wald erstreckte sich nun ein Meer von Kriegern, und es war nur eine Frage von Augenblicken, bis die Flut kam.</p><p>Schon setzten sich die feindlichen Reiter wieder in Bewegung. Zuerst trabten sie langsam an, doch schon wurden sie schneller und schneller, bis sie in vollem Galopp und auf breiter Front n�her kamen. Sie bildeten mehr als ein Dutzend Reihen und hielten die Lanzen hoch erhoben. Die Erde erbebte vom Hufschlag ihrer Pferde.</p><p>�Haltet euch bereit!�, rief Nomja den Kriegern zu. Ihre Bogensch�tzen und Reiter legten Pfeile auf die Sehnen. �Wir schie�en auf deinen Befehl�, sagte sie zu Nuramon und hob die Hand. Sogleich legten die Sch�tzen an.</p><p>Die Reiter waren noch etwa zweihundert Schritt von ihnen entfernt, als Nuramon sp�rte, dass Nomja unruhig wurde und ihn aus den Augenwinkeln betrachtete.</p><p>�Schie�t!�, rief Nuramon.</p><p>Nomja senkte die Hand, und hunderte von Bogen klapperten und sandten die zischenden Pfeile los. Ein t�dlicher Hagel ging auf die feindliche Reiterei nieder.</p><p>Nuramon konnte nicht sehen, wie es auf Mandreds Seite aussah, doch hier vor ihnen knickte die Flanke der Feinde ein. Pferde und Reiter gingen zu Boden, wurden niedergetrampelt oder von weiteren Pfeilen niedergestreckt. Die �berlebenden versuchten so weit wie m�glich von den Sch�tzen fortzukommen und dr�ngten in die Mitte, denn von den Zwergen schlug ihnen kein Beschuss entgegen. Manche lie�en sich lieber zur�ckfallen und zogen so die Formation der gegnerischen Reiterei in die L�nge.</p><p>Nomja hatte Nuramons alten Bogen angelegt und schoss. Immer neue Pfeile sandten die Sch�tzen den Reitern entgegen. Und doch war der Strom der Feinde noch immer so m�chtig, dass Nuramon um die Zwerge f�rchtete.</p><p>Ein Blick hinter die gegnerische Reiterei zeigte Nuramon, dass das Fu�volk mit einigem Abstand folgte. Er zog sein Langschwert und hielt es in die H�he. �Mir nach, ihr Albenkinder! F�r Albenmark!� Dann ritt er los, und seine Leute folgten ihm.</p><p>Es fehlte nicht mehr viel, und die Reiterei w�rde auf die Zwerge treffen. Nuramon wartete darauf, dass Wengalfs Leute irgendetwas unternahmen. Es sah fast so aus, als st�nde dort gar kein Heer, sondern ein riesiges Gestell aus Schilden, das ein kluger Stratege ersonnen hatte, um seinen Feinden die Anwesenheit von Kriegern vorzugaukeln, wo es keine gab. F�nfzig Schritt vor den Zwergen senkten die Ordensritter die schweren Lanzen. Zwanzig Schritt, und sie ritten noch immer so schnell, als k�nnte nichts ihren Weg versperren. Zehn Schritt, und es geschah! Zwischen den Schilden der Zwerge schossen blitzschnell die Partisanen hervor; sie drehten die Klinge, sodass die Ohren quer standen, und stellten sich mit einem raschen Ruck schr�g nach oben. Die Feinde ritten auf ganzer L�nge in die Spie�e hinein. Nuramon beobachtete, wie einige von ihnen es tats�chlich schafften, ihr Pferd zu z�geln. Doch die nachfolgenden Reiter dr�ngten sie in die Lanzen. Manche Pferde setzten �ber den spitzen Wall hinweg und verschwanden in den Reihen der Zwerge. Die Reiterei als Ganzes aber wurde aufgehalten, als w�re sie gegen die Mauer einer Feste geritten. Die Feinde dr�ngten ineinander, schoben sich ungewollt voran.</p><p>Ehe sie sich neu orientieren konnten, war Nuramon mit seinen Leuten heran. Er hob das Schwert. Doch als er es auf den ersten Feind niederfahren lassen wollte, blickte dieser ihm entgegen, und Nuramon sah in das Gesicht seiner Liebsten. Er wollte den Feind verschonen, doch der Ritter griff an. Nuramon war es, als f�hrte Noroelle das Schwert gegen ihn, um ihn f�r sein Versagen zu strafen. Die Klinge streifte seinen Schulterpanzer. Dann war er an ihm vorbeigeritten.</p><p>Langsam kam ihr Vorsto� zum Halten, und sie befanden sich mitten im Gedr�nge der Schlacht. Nuramon war unf�hig, auch nur einen Schlag zu f�hren. Um ihn herum hatten das T�ten und das Sterben l�ngst begonnen. Seine Verwandten nahmen ihn in ihre Mitte und sch�tzten ihn von allen Seiten, w�hrend er nur wie gebannt in die Gesichter der Feinde blicken konnte.</p><p>Dann wurde Lumnuon von einem Schwertsto� ins Bein getroffen und schrie auf. Fassungslos blickte Nuramon dem feindlichen Krieger in das Maskengesicht. Als dieser das Schwert hob, um einen Streich gegen Lumnuons Kopf zu f�hren, packte Nuramon die Wut. Er stie� mit seinem Langschwert zu. Die Klinge durchdrang den Brustpanzer des Ritters. Als der Elf sein Schwert dem K�rper entriss, sank der Feind im Sattel zusammen.</p><p>Pl�tzlich wurde Nuramon aus dem Sattel gerissen. Hart schlug er auf dem Boden auf. �ber sich sah er einen Maskentr�ger, der zum Schlag ausholte.</p><p>Nuramon rollte zur Seite und sprang auf. Zwei Schl�ge des Feindes parierte er, dann deutete er einen Angriff auf den Kopf an, zog mit der Linken Gaomees Schwert und stie� dem Gegner die Klinge in den Hals. Rasch schaute er sich um und erkannte, dass er von seiner Sippe umgeben war. So wandte er sich wieder dem Tjuredkrieger zu. Der lag auf dem R�cken und rang gurgelnd um Luft.</p><p>Nuramon beugte sich �ber den Todgeweihten und zog ihm die Maske fort. Darunter kam das blutbefleckte Gesicht eines J�nglings hervor, der ihm voller Verachtung entgegenblickte. Dann spuckte er Nuramon Blut entgegen, und sein Gesicht erstarrte zu einer hassverzerrten Miene.</p></section><section><title><p>Bei der Shalyn Falah</p></title><p>Ollowain versetzte Farodin mit seinem Panzerhandschuh einen klirrenden Schlag auf die Schulter. �Das war die letzte Schnalle.�</p><p>Farodin richtete sich ein wenig ungelenk auf. Die R�stung war leichter, als er erwartet hatte, und doch w�rde sie seine Beweglichkeit erheblich einschr�nken.</p><p>Ollowain schritt die Reihe der gepanzerten Elfen ab. Sie waren zwanzig, und alle trugen sie Glattharnische, meisterhaft gefertigte R�stungen, von deren abgerundeten Panzerplatten jeder Speersto� abgelenkt wurde.</p><p>�Vergesst nicht, die K�pfe zu senken, sobald wir angreifen!�, sch�rfte Ollowain der Elfenschar ein. �Unsere verwundbarste Stelle sind die Sehschlitze des Helms. Die Menschen wissen das. Deshalb senkt den Kopf!�</p><p>�Haben sie Reiterei?�, fragte ein Elf links von Farodin. Seine Stimme klang blechern durch das geschlossene Visier.</p><p>�Ich will ehrlich sein. Seit gestern Mittag ist keiner unserer Sp�her zur�ckgekehrt. Wir k�mpfen zu lange gegen sie. Sie kennen unsere Kriegslisten.� Er deutete mit ausgestrecktem Arm zum Himmel. Dort waren die Silhouetten von drei Raubv�geln zu sehen, die mit weit ausgebreiteten Schwingen ihre Kreise zogen. �Sie haben Turmfalken darauf abgerichtet, Bl�tenfeen zu jagen. Unsere Sp�herinnen wussten um die Gefahr. Sie sind trotzdem ausgeschw�rmt. Nehmt euch ein Beispiel an den tapferen Herzen unserer kleinen Schwestern.�</p><p>Farodin traute seinen Ohren kaum. Wie weit war es mit Albenmark gekommen, wenn man selbst Bl�tenfeen in den Krieg schickte!</p><p>�Achtet darauf, dass ihr immer mindestens zwei Schritt Abstand zueinander haltet�, riet Ollowain. �Wir wollen uns schlie�lich nicht gegenseitig die Sch�del einschlagen.�</p><p>Orgrim kam den Weg zu ihnen hinab. �Sie r�cken an!�, br�llte er.��Seid ihr bereit?�</p><p>Ollowain hob sein riesiges Zweihandschwert. �Bereit!�, rief er und drehte sich noch einmal zu den Elfen in den Harnischen um. �Vergesst alles, was ihr �ber einen ehrenvollen Kampf gelernt habt. Unsere Feinde kennen keine Gnade. Sie werden keine Gefangenen machen. Also t�tet so viele von ihnen, wie ihr nur k�nnt. Und h�tet euch vor den Hellebardentr�gern.�</p><p>Farodin nahm das m�chtige Zweihandschwert, das vor ihm an der Felswand lehnte, und schloss das Visier seines Helms. Er wollte nicht, dass der K�nig der Trolle ihn erkannte. Mit dem wiedergeborenen M�rder Aileens k�nnte er an dem Ort, an dem einst seine Liebste gestorben war, kein Wort wechseln!</p><p>Der kleine Elfentrupp marschierte das letzte St�ck des Klippenwegs hinauf und dann vorbei an den ausgebrannten Resten von h�lzernen Wacht�rmen. Vorgestern erst hatten die Albenkinder den Ordensrittern die Stellung am Rand der Klippe wieder entrissen. Und sie hatten mit Str�men von Blut daf�r bezahlt.</p><p>Die Schar der Verteidiger, die sie noch aufbieten konnten, um den gewundenen Steilweg hinab zur Shalyn Falah zu halten, war l�cherlich klein. Siebenhundert Trolle, bewaffnet mit riesigen Schilden und Keulen, vierhundert Elfenbogensch�tzen und etwa dreihundert Gnome mit Armbr�sten. Die Festung jenseits der Br�cke war nur mit Verwundeten besetzt und mit Kobolden, die zu klein waren, um in einer Feldschlacht gegen Menschen anzutreten. Dies hier war das letzte Aufgebot!</p><p>�Die Menschen werden verdammt �berrascht sein, wenn wir sie angreifen�, sagte Ollowain gut gelaunt. Er hatte sich zu Farodin zur�ckfallen lassen und marschierte nun an seiner Seite.</p><p>�Ich selbst bin auch �berrascht, dass ich mit einer Schar von zwanzig Irren gegen eine Schlachtreihe von tausenden Menschen anst�rmen werde. Kann es sein, dass du mir gestern Nacht etwas in den Wein getan hast, als du mir davon erz�hlt hast und ich ganz begeistert war von deiner Idee?�</p><p>Ollowain schob sein Helmvisier auf und grinste ihn breit an. ��ber die Sache mit dem Wein hatte ich nachgedacht, Farodin. Aber dann habe ich mir gesagt: Wer verr�ckt genug ist, nur mit einem Menschen an seiner Seite eine Trollburg anzugreifen, der wird sich auch f�r den heutigen Schlachtplan begeistern.�</p><p>In den Reihen der Trolle �ffnete sich eine L�cke f�r die gepanzerten Elfen. Noch vor den Trollen hatten die Bogensch�tzen Aufstellung genommen. Der Zugang zum Steilweg war in weitem Halbkreis mit angespitzten Pf�hlen gesichert, die schr�g in den Boden gerammt waren. Das Hindernis bot einen guten Schutz gegen die Reiterei. Einen Angriff von Fu�soldaten w�rde es jedoch nicht aufhalten.</p><p>Hinter der schwachen Verteidigungslinie lag ein abfallender Hang, der von breiten grauen Felsb�ndern durchzogen war. Der Wald, der hier einmal gestanden hatte, war verschwunden. Selbst die Baumst�mpfe waren fort. Fahles Gras wuchs nun hier. Der Steinkreis von Welruun lag nur wenige hundert Schritt entfernt. Farodin schluckte. F�r einen Moment sah er wieder das blasse Gesicht Aileens vor sich. Das dunkle Blut, das �ber ihre Lippen quoll.</p><p>�Duckt euch!�, befahl Ollowain.</p><p>Farodin gehorchte. Wenn sie knieten, waren sie weniger deutlich f�r die Angreifer zu sehen. Es war wichtig, dass es ihnen gelang, die Menschen zu �berraschen!</p><p>Etwas mehr als eine Viertelmeile entfernt kamen die Ordenskrieger den Hang hinauf. Dicht wie ein Wald standen die langen Piken �ber ihren H�uptern. Trommelspiel und Fl�tenklang ert�nten aus ihren Reihen. Es war eine �berraschend fr�hliche Melodie, die gar nicht wie ein Schlachtlied klang. Die Pikeniere marschierten im Gleichschritt den Hang hinauf. Sie trugen hohe Helme und schimmernde Brustplatten, ganz wie jene Soldaten, die sie vor Firnstayn auf dem Eis gesehen hatten.</p><p>�Verteilt euch!�, rief Ollowain. Die Krieger in den Glattharnischen bildeten nun hinter den Bogensch�tzen versteckt eine weite Linie und achteten sorgf�ltig darauf, Abstand zueinander zu halten.</p><p>Farodins Mund war ganz trocken geworden. Gebannt beobachtete er die vorr�ckenden Menschen. Wie steigende Flut zerteilten sich ihre Kampflinien vor den einzelnen Felsbl�cken am Hang und schlossen sich danach wieder zusammen. Es waren tausende! Allein ihre Masse w�rde ausreichen, um die Verteidiger �ber den Rand der Klippe zu dr�ngen.</p><p>Scharfe Kommandorufe erklangen entlang der Pikeniere. Die ersten f�nf Reihen der Piken senkten sich. Die Bogensch�tzen der Elfen begannen ihr t�dliches Handwerk. Die Luft war erf�llt vom Surren der Pfeile und vom scharfen Klacken der Armbr�ste der Gnome. Dutzende Ordenssoldaten der ersten Reihe brachen zusammen. Sofort schlossen sich die L�cken mit Kriegern aus den hinteren Linien.</p><p>Schon waren die Feinde nur noch hundert Schritt entfernt. Farodin konnte beobachten, wie Armbrustbolzen blutige, runde L�cher in die Brustplatten der Angreifer stanzten.</p><p>Nur noch achtzig Schritt. Der Trommeltakt �nderte sich. Die Fl�ten verstummten. Die ganze Kampfreihe beschleunigte den Marschschritt.</p><p>�Zum Angriff!�, erschallte Ollowains Stimme. Der blonde Elf schloss das Visier seines Helms. Farodin nahm den Zweih�nder auf. Die Bogensch�tzen lie�en die Krieger in den Harnischen passieren. Die Gnome, die noch vor den Elfen kniend eine Sch�tzenlinie gebildet hatten, zogen sich zur�ck.</p><p>Farodins H�nde zitterten. Er riss das Zweihandschwert hoch �ber den Kopf und beugte sich vor wie ein angreifender Stier. Es war v�lliger Wahnsinn! Vor ihnen standen tausende Ordenssoldaten, und sie gingen mit zwanzig Mann zum Angriff �ber!</p><p>Noch vierzig Schritt!</p><p>Farodin begann zu rennen. Die Piken der ersten Reihe ragten um sechs Schritt vor. Dahinter gestaffelt lagen noch weitere vier Reihen von st�hlernen Stichbl�ttern. Der Elf sah, wie Unruhe in die Schlachtreihen kam. Die Piken b�ndelten sich auf einzelne Punkte. Dorthin, wo die Angreifer auf die Reihen treffen w�rden.</p><p>Der Aufprall erfolgte mit viel weniger Wucht, als Farodin erwartet hatte. Knirschend schrammte Stahl auf Stahl. Die Stichbl�tter der Piken glitten seitlich an seiner R�stung ab. Farodin hielt weiter den Kopf gesenkt. Wieder ruckte es. Die zweite Reihe der Piken war geschafft. Gellende Schreie erklangen. Farodin lie� sein schweres Schwert kreisen. Krachend zerbrachen die Eschensch�fte.</p><p>Farodin sp�rte, wie ihn etwas an der Halsberge traf und abglitt. Jetzt wagte es der Elf den Kopf zu heben. Er blickte direkt in die entsetzten Gesichter der M�nner vor ihm. Noch drei Schritt, und er war heran. Ein Stichblatt glitt seitlich an seinem Helm ab. Die Welt erschien ihm winzig. Die schmalen Sehschlitze lie�en ihn nur erkennen, was direkt vor ihm lag. Einige der Ordenssoldaten hatten ihre Piken fallen gelassen und versuchten ihre Dolche und Kurzschwerter zu ziehen. Ein Mann mit einem breitkrempigen Hut fuchtelte mit einem seltsamen Stab herum. Pl�tzlich gab es einen Knall, und wei�er Rauch quoll aus dem hohlen Stab. Farodins schwere Waffe schnitt durch R�stungen, Fleisch und Knochen. Anderthalb Schritt ma� die Klinge des Zweih�nders, und nichts vermochte dem Elfenstahl zu widerstehen. So f�rchterlich eine Einheit Pikeniere auf dem Vormarsch war, so verwundbar wurde sie, wenn man es an den Stichbl�ttern vorbeigeschafft hatte. Die Offiziere in den hinteren Reihen achteten streng darauf, dass keiner der M�nner seine Pike fallen lie�. Doch man brauchte beide H�nde, um die schwere, unhandliche Waffe zu halten. Wer die Pike fallen lie� und ein kurzes Schwert zog, der hatte keinen Platz, um in der dicht gedr�ngten Formation auszuholen. Die Stiche aber glitten wirkungslos von Farodins Harnisch ab. Wie ein Schnitter im Korn, so schlug sich der Elf mit dem Zweih�nder durch die dicht gedr�ngten Reihen der Pikeniere. Blut spritzte ihm durch den Sehschlitz und rann warm seine Wange hinab. Er war gefangen inmitten verzweifelter Schreie, rei�enden Metalls und dumpf splitternder Knochen.</p><p>Voraus sah Farodin jetzt die funkelnden Stichbl�tter von Hellebarden. Mit ihrem langen, dreikantigen Dorn, der breiten Hiebklinge und dem Haken auf der R�ckseite waren diese Waffen einzig dazu geschaffen, schwer gepanzerte Gegner das F�rchten zu lehren. Der dreikantige Dorn vermochte selbst die besten R�stungen zu durchdringen, wenn er im rechten Winkel auf eine glatte Fl�che auftraf. Das Hiebblatt war schwer genug, jeden Helm oder Schulterpanzer zu spalten, und mit den Haken mochte man nach den F��en der Feinde angeln, um sie mit einem Ruck niederzurei�en und ihnen dann den Dreikantdorn durch das Visier zu sto�en.</p><p>Sein Schwert riss einem Mann vor ihm den Kopf von den Schultern. Farodin griff keinen einzelnen Krieger gezielt an. Er lie� die Waffe kreisen, und in dem Gedr�nge war es schwer, seinem Todeskreis zu entgehen.</p><p>Jemand klammerte sich an sein Bein und versuchte ihn zu Boden zu rei�en. Der Elf blickte kurz hinab, ohne dass er im Angriff innehielt. Ein verwundeter Ordenssoldat hielt sein linkes Bein umklammert. Farodin rammte ihm den Panzerschuh ins Gesicht. Er f�hlte die Z�hne des Kriegers splittern. Der Mann lie� los und rollte zur Seite.</p><p>Etwas Funkelndes schoss auf Farodin herab. Nur knapp verfehlte ihn das Hiebblatt einer Hellebarde. Eine Gruppe von Hellebardieren hatte sich durch die Formation der Pikeniere zu ihm vorgedr�ngt. Die H�lfte der Krieger hielt die Waffen gesenkt und zielte mit den Dornen und Haken nach seinen Beinen.</p><p>Farodin senkte den Kopf. Etwas traf ihn an der Schulter. Sein linker Arm war halb bet�ubt vor Schmerz. Der Elf machte einen Satz nach vorn. Das schwere Schwert ruckte. Es zerschmetterte einen Helm und grub sich tief in die Brust des n�chsten K�mpfers.</p><p>Farodin f�hlte, wie sich ein Haken hinter seine linke Ferse setzte. Er versuchte, den Fu� anzuheben, als ihn mehrere Sto�dorne gegen die Brust trafen. Die Klingen glitten zur Seite weg, doch ihr Aufprall brachte ihn vollends aus dem Gleichgewicht.</p><p>Er st�rzte nach hinten. Das Schwert wurde seinen H�nden entrissen. Der Elf versuchte sich zur Seite wegzurollen, doch ein Fu� setzte sich auf seine Brustplatte und dr�ckte ihn zu Boden. �ber Farodin glitt der Schatten eines Falken �ber den wolkenlosen, t�rkisblauen Himmel von Albenmark. Dann glitzerte ein Dreikantdorn silbern im Sonnenlicht und stie� herab.</p></section><section><title><p>Rastlosigkeit</p></title><p>Die Schlacht lie� Nuramon keinen Augenblick der Ruhe. Felbion hatte er im Get�mmel aus den Augen verloren. Nachdem er dreimal aus dem Sattel geholt worden war, f�hlte er sich am Boden sicherer. Zwei Armwunden und eine Schulterwunde plagten ihn. Seinen rechten Arm konnte er nur unter Schmerzen heben, und er sp�rte, wie warmes Blut seine Haut hinabrann.</p><p>Sein Plan war nicht ganz aufgegangen. Die Reiterei hatte sie in einen l�ngeren Kampf verwickelt, und sie hatten die �bermacht der Feinde nicht vollends brechen k�nnen. Zwar h�rte Nuramon wieder und wieder die rauen Schreie der von Pfeilen getroffenen Menschen. Doch er konnte nicht sagen, woher diese Schreie genau kamen. In der Hitze der Schlacht hatte er die Orientierung verloren, und all seine Sinne waren allein aufs �berleben ausgerichtet.</p><p>Weit �ber sich sah er Steinbrocken hinwegfliegen. Das konnte nur eines bedeuten: Die Fu�soldaten waren so nahe gekommen, dass die Katapulte der Zwerge sie treffen konnten.</p><p>Er sah sich um. Seine Verwandten und die Alvemerer k�mpften tapfer und bewiesen einmal mehr, dass ein Elfenkrieger mindestens so gut war wie zwei Menschen.</p><p>Schwindel �berkam Nuramon, gefolgt von Schmerz. Er taumelte, versuchte Halt zu finden, sp�rte dann aber, wie seine Sinne ihm schwanden. Pl�tzlich wurde er aufgefangen, und verschwommen sah er ein Gesicht. Wenn es die Maske Guillaumes war, dann w�re es um ihn geschehen!</p><p>�Nuramon!�, rief jemand und lie� ihn aufschrecken. Er kniff die Augen zusammen und erkannte Lumnuon. �Krieger der Weldaronsippe! Zu mir!�, rief der Elf. �Halte durch! Wir werden dich sch�tzen �� Was sein junger Verwandter danach noch sagte, h�rte Nuramon nicht. Sein Geist war ganz von der Sorge erf�llt zu sterben. Ihm fiel nur eines ein, was er tun konnte. So begann er mit seinem Heilzauber und sprach ihn auf sich selbst. Sogleich verkrampfte sich sein verletzter Arm; es f�hlte sich an, als risse ihm jemand das Fleisch von den Knochen. Dann ergriff dieser Schmerz seinen ganzen K�rper. Der Elf biss die Z�hne zusammen, dass sein Kiefer schmerzte. Pl�tzlich traf ihn etwas Kaltes ins Gesicht, und er schreckte auf. �ber sich sah er Lumnuon; die Krieger seiner Sippe hatten einen sch�tzenden Kreis um ihn gebildet. Lumnuon tastete nach seinem Arm. �Hast du dich selbst geheilt?�, fragte er.</p><p>Nuramon nickte angestrengt und rang nach Luft. Lumnuon half ihm auf die Beine. Pl�tzlich st�rzte neben ihm einer seiner Krieger vom Feind getroffen zu Boden. Nuramon packte die Wut. Endlich gelang es ihm, die L�hmung abzusch�tteln, die ihn ergriffen hatte, seit er tausendfach in das Gesicht Guillaumes hatte blicken m�ssen. Er griff nach seinen Schwertern und sprang in die L�cke, gerade als ein Ordensritter sein Schwert senkte. Blitzschnell kreuzte er seine Klingen �ber dem Kopf und fing die Schneide des Gegners auf. Mit einem Tritt sandte er ihn zu Boden, setzte ihm nach und stach ihm in die Seite. Nachdem er zwei weitere Ordenskrieger zu Fall gebracht hatte, hob er sein Langschwert und schrie seinen Leuten zu: �Weldaron!� Seine Leute riefen den Namen ihres Sippenbegr�nders, sie dr�ngten zu allen Seiten die Feinde zur�ck, taten sich mit Gef�hrten zusammen und k�mpften sich zu den Zwergen vor.</p><p>Die Kinder der Dunkelalben hatten die Formation des Drachenpanzers noch nicht ge�ffnet. Nur allm�hlich bewegten sie sich vorw�rts. Die Leichenberge und die Kadaver toter Pferde verschwanden unter ihren Schilden, so als w�ren die Zwergenhaufen Bestien, die sich vom Fleisch der Toten n�hrten.</p><p>Pl�tzlich hallten Schreie aus tausenden von Kehlen zu ihnen her�ber. Das feindliche Hauptheer musste angekommen sein.</p><p>�Zu mir!�, rief Nuramon. �Sammelt euch hier!� Seine Waffengef�hrten lie�en sich ein St�ck zur�ckfallen und scharten sich erneut um Nuramon. Die wenigen Berittenen wies er zu seiner Linken, alle anderen zu seiner Rechten.</p><p>Da kamen sie! Unz�hlige Ordenskrieger dr�ngten in die L�cken zwischen den K�mpfenden. Sie umflossen sie wie Wasser, welches das Land �berschwemmt.</p><p>Nuramon f�hlte sich wie tags zuvor, als er dem Zwergenheer und danach der Elfenreiterei entgegengegangen war. Doch nun mischte sich auch Angst in seine Empfindungen. Er sah, wie zwei Drachenpanzer langsam auseinander dr�ngten, wie Wesen, die ihnen stumm bedeuten wollten, zwischen sie zu treten. Nuramon gab seinen Leuten ein Zeichen, und sie zogen sich in den Schutz der Zwergenformation zur�ck.</p><p>Das Fu�volk w�rde gnadenlos �ber sie herfallen. Bis auf f�nfzig Schritt waren die Feinde herangekommen. F�r die Firnstayner war es zu sp�t, in die Schlachtreihe einzutreten.</p><p>Nuramon riss sein Langschwert in die H�he und schrie: �Albenmark!� Seine Verwandten und die Alvemerer stimmten in den Ruf ein. Die Feinde waren auf zwanzig Schritt heran, als Nuramon die Waffe senkte und �Angriff!� schrie. Doch sein Kampfesruf ging unter in dem Gegr�le, das sich in diesem Augenblick links und rechts von ihm erhob.</p><p>Die Drachenpanzer der Zwerge �ffneten sich! Die Schildtr�ger der ersten Reihe stie�en vor und zogen ihre Kurzschwerter. Ihnen folgten die Partisanentr�ger mit weiteren Kriegern, die ihre Schilde vom Kopf vor die Brust senkten und voranst�rmten. Es war wie eine Verwandlung. Die riesige Kampfbestie zerfloss zu unz�hligen Zwergenkriegern.</p><p>Der Vorsto� von Wengalfs Leuten lie� auch die Feinde nicht unber�hrt. Die Krieger in den ersten Schlachtreihen verlangsamten ihre Schritte, die blechernen Schreie verstummten. Und als die ersten stehen blieben, trafen die beiden Heere aufeinander, und Nuramon stie� weit in die Reihen der Feinde vor. F�r den Augenblick war ihm die Angst vor dem Tode genommen.</p></section><section><title><p>Beulen und Kautabak</p></title><p>Ein t�rgro�er Schild verdunkelte den Himmel und fing den Dorn der Hellebarde auf. �Schlagt die Kerle in St�cke!�, rief eine wohl vertraute Stimme. Eine starke Hand packte Farodin und half ihm auf.��Sieht so aus, als h�ttest du noch alle Glieder beieinander!� Orgrim grinste breit. �Das war daf�r, dass du im Fjord mich und mein Schiff gerettet hast.�</p><p>Der Elf blinzelte benommen.��Wie�� wie hast du mich erkannt?�</p><p>�Ollowain hat mir einen Gefallen getan. Er hat ein wei�es Kreuz auf die R�ckseite deines Helms gemalt. So konnte ich hinter dir bleiben, als du die Bresche in die Pikenformation geschlagen hast.�</p><p>Dumpfer Schmerz pochte in Farodins linker Schulter. Eine Platte seines Harnischs war eingedr�ckt und quetschte ihm das Fleisch. Den linken Arm konnte er kaum noch anheben.��Du k�nntest mir gleich noch einen Gefallen tun, Orgrim. �ffne die Schnallen an meinem linken Schulterst�ck und nimm es ab.�</p><p>Der K�nig hielt ihm seine gro�en H�nde vors Gesicht. �Du glaubst doch nicht wirklich, dass diese Finger die zierlichen Schnallen einer Elfenr�stung �ffnen k�nnen?�</p><p>Farodin streckte sich und fluchte. Allein war es ihm nicht m�glich, die R�stung abzunehmen. Er sah sich um. Rings herum lagen dutzende Tote.</p><p>�Kannst du aus eigener Kraft laufen?�</p><p>�Ich brauche jedenfalls keinen Troll, der mich tr�gt�, erwiderte der Elf gereizt. Die Schmerzen in der Schulter wurden schlimmer.</p><p>Der Angriff der Trolle hatte die Pikeniere ein weites St�ck zur�ckgeworfen. Die breiten R�cken der H�nen versperrten Farodin den Blick auf das Kampfgeschehen. Noch immer erklang infernalisches Geschrei.</p><p>�Wie steht die Schlacht?�</p><p>Orgrim spuckte aus. �Es gibt &#x2B9;ne verdammt gro�e Menge Menschen, die nicht mehr zu Hause mit ihren Heldentaten prahlen werden. Wir haben sie zur�ckgeschlagen.� Er winkte einem Troll aus seinem Stab, und Augenblicke sp�ter erklang ein lang gezogenes Hornsignal. �Sie sammeln Reiter unten am H�gel. Wir sollten uns zur�ckziehen, bevor sie mit dem Gegenangriff beginnen.� Ohne weiter auf Farodin zu achten, stapfte der K�nig zu den Seinen und deckte den R�ckzug der Truppen.</p><p>Nur sechs jener zwanzig Elfen, die den Angriff angef�hrt hatten, kehrten zur�ck hinter die Schanzen der Bogensch�tzen. Ollowain geh�rte zu den �berlebenden. Seine R�stung war verschrammt und rot vor Blut. Der Elf hatte den Helm abgenommen; das lange blonde Haar klebte ihm in Str�hnen am Kopf. �Welch ein Sieg!� Er deutete den Hang hinab. An manchen Stellen konnte man das Gras nicht mehr sehen, so dicht lagen die Toten. Nachdem die Trolle in die Breschen vorgesto�en waren, welche die Elfen in die Pikenreihe geschlagen hatten, war der Kampf zu einem Massaker geworden.</p><p>Ollowain nahm Farodin die eingedellte Schulterplatte ab. Er schob den wattierten Gambeson zur Seite und tastete die Schulter ab. �Nichts gebrochen. Hast Gl�ck gehabt. Wie geht es dem Arm?�</p><p>Farodin machte eine weite, kreisende Bewegung. Jetzt, da kein Druck mehr auf der Prellung lastete, lie� der Schmerz nach.��Um es mit Menschen aufzunehmen, wird es reichen.�</p><p>Ollowain deutete zu einem der niedergebrannten T�rme �ber dem Steilweg.��Dort dr�ben findest du einen R�stmeister der Gnome. Er wird deine Schulterplatte ausbeulen, damit du sie wieder anlegen kannst. Lass dir nicht zu viel Zeit. Die Ordensritter haben leider ein sehr kurzes Ged�chtnis, was ihre Niederlagen angeht. Sie werden bald wieder angreifen.� Mit diesen Worten ging der W�chter der Shalyn Falah. Farodin sah ihm nach. Ollowain scherzte mit ein paar Bogensch�tzen und rief einem Troll etwas zu, das den H�nen grinsen lie�. Der Anf�hrer der Elfen strahlte eine Zuversicht aus, als st�nde v�llig au�er Zweifel, dass sie ihre Stellungen bis zum Abend halten w�rden. Dabei war noch nicht einmal die Mittagsstunde angebrochen.</p><p>Farodin fand den Plattner ohne Schwierigkeiten. Der Gnom war ein geschw�tziger alter Kerl mit einem wei�en Bart voller Kautabaksflecken. Er lie� sich Zeit damit, die R�stung auszubeulen. Er sprach �ber alles, au�er �ber den Krieg. Anscheinend fl�chtete sich der Alte in seine Arbeit und versuchte verzweifelt, ein kleines bisschen Alltag zu bewahren. Zuletzt spuckte er auf die Schulterplatte und polierte sie mit seinem �rmel blank. Als er die Schnallen der R�stung schloss, blickte er den Elfen besorgt aus seinen tr�ben braunen Augen an. �Werden wir die Br�cke halten?�</p><p>Farodin mochte den Alten nicht bel�gen.��Ich wei� es nicht.� Er blickte den Hang hinab. Die Menschen hatten eine neue Angriffslinie gebildet.</p><p>�Hmmm�, war alles, was der Alte dazu sagte. Dann b�ckte er sich und holte eine Armbrust unter seiner Werkbank hervor. �Mein Volk hat der K�nigin immer die Treue gehalten.� Es gelang dem Plattner nicht, seine Angst zu verbergen. Er blinzelte nerv�s und strich immer wieder �ber das Schulterst�ck der Waffe.��Ein Gutes hat es mit den Menschen. Sie kommen immer gleich so zahlreich, dass nicht einmal ein alter, halb blinder Plattner danebenschie�en wird.�</p><p>�Darf ich dich zur Schlachtreihe begleiten?�, fragte Farodin ernst.</p><p>Der Gnom sah �berrascht zu ihm auf. �Du bist doch ein ber�hmter Elfenheld. Was willst du mit mir?�</p><p>�F�r den n�chsten Kampf hat man mir keinen Platz in unserer Schlachtlinie angewiesen. Ich habe noch nie an der Seite eines Gnomhelden gek�mpft. Wenn du nichts dagegen hast, w�re es mir eine Ehre, den Platz zu deiner Linken einzunehmen. Wie hei�t du?�</p><p>�Gorax.� Der Alte zog einen dunkelbraunen Riegel Kautabak hinter seinem G�rtel hervor.��Ein Elf, der einen Gnom darum bittet, an seiner Seite k�mpfen zu d�rfen! Wir leben in wundersamen Zeiten. Darf ich dir was hiervon anbieten? Das macht den Kopf klar.� Er hielt Farodin den Kautabak hin.</p><p>Der Elf nahm den Riegel und biss ein St�ck von der z�hen Masse ab. Der Tabak brannte auf der Zunge, und Speichel lief ihm im Mund zusammen. Am liebsten h�tte er das St�ck sofort wieder ausgespuckt. Doch er schob es mit der Zunge in seine Backentasche und reichte Gorax den Riegel zur�ck. �Einen klaren Kopf k�nnen wir wahrlich gebrauchen.�</p><p>Am Fu� des H�gels erklangen wieder Trommelschlag und Fl�tenspiel. Die Ordenssoldaten r�ckten erneut vor.</p></section><section><title><p>Tod und Wiedergeburt</p></title><p>Nuramon schaute wie gebannt auf den K�rper des jungen Kriegers hinab. Lumnuon hatte besser gek�mpft als er, und doch lag er dort vor ihm am Boden und starrte ihn aus leeren Augen an. Nuramon hatte ihn nicht einmal sterben sehen. An den Beinen und Armen hatte Lumnuon zahlreiche Wunden, und sein Gesicht war zerkratzt. Doch gestorben war er an der Halswunde. Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.</p><p>Bei dem Anblick des J�nglings packte Nuramon die Wut. Er schaute sich um, erblickte einen Gegner. Dieser schlug voller Hass auf einen Elfen ein, der die Angriffe nur mit M�he und Not parieren konnte. Nuramon trat von hinten an den Krieger heran und stie� ihm sein Langschwert durch den R�cken. Dann riss er ihm die Maske fort und stie� ihn zu Boden. Der Elf, dem er zu Hilfe gekommen war, bedankte sich bei ihm. Ehe Nuramon jedoch darauf reagieren konnte, griff ein Ordensritter von rechts an. Nuramon riss Gaomees Schwert hoch und parierte den Hieb. Das Langschwert stie� er dem Feind in die Brust. Der Gegner verharrte in der Bewegung, dann erschlafften seine Arme, und Nuramon lie� ihn von der Klinge gleiten.</p><p>Mehr und mehr Krieger kamen ihm entgegen. Mit jedem Feind, den er zu Boden sandte, schien er neue Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Oder wurden die Krieger seiner Sippe, die in seiner N�he k�mpften, schw�cher?</p><p>�Hinter dir!�, rief eine Elfenstimme von der Seite.</p><p>Nuramon blickte �ber die Schulter und sah aus den Augenwinkeln einen Krieger, der zu einem Hieb ausholte. Noch ehe Nuramon sich bewegte, wusste er, dass ihn die feindliche Klinge treffen w�rde. Als er herumfuhr, rechnete er schon mit dem Schmerz. Doch der Schlag ging fehl. Sein Schwert aber traf den Helm des Feindes und durchdrang diesen. Zugleich erkannte Nuramon, warum ihn der Schlag des Gegners nicht verletzt hatte. Vor ihm kr�mmte sich ein Zwergenkrieger in einer silbern gl�nzenden R�stung und st�rzte zu Boden. Nuramon kannte den Harnisch. Er drehte den Zwerg auf den R�cken und blickte in das Gesicht Alwerichs. Sein Freund l�chelte gequ�lt.</p><p>�Alwerich!�, rief eine vertraute Stimme, und Wengalf kam mit seinen Kriegern herbeigelaufen. �Bildet einen Schildwall!� Die Zwerge folgten dem Befehl ihres K�nigs.</p><p>Alwerich war ganz blass. Das Schwert hatte ihn unterhalb der Brust getroffen. Blut quoll aus der frischen Wunde. �Du darfst noch nicht sterben�, sagte der Zwergenkrieger mit schwacher Stimme. �Du musst zu Noroelle gehen. Ich werde wiedergeboren.�</p><p>Nuramon sch�ttelte fassungslos den Kopf. �Warum hast du nicht an Solstane gedacht?�</p><p>�Sie wird es verstehen. Nimm dieses Geschenk von mir und vergiss auf keinen Fall deinen � deinen alten�� Der Kopf sank ihm auf die Brust, und es schien, als w�re er vor Ersch�pfung eingeschlafen. Er hatte aufgeh�rt zu atmen, und sein Herzschlag war vergangen. Alwerich war tot.</p><p>Nuramon k�sste den Zwerg auf die Stirn.��Ich werde dich nie vergessen, alter Freund.� Es war ein schmerzhafter Abschied, selbst wenn die Wiedergeburt auf den Zwerg wartete. Erst hatte es Lumnuon getroffen, nun Alwerich.</p><p>Nuramon �berlegte, ob er ihn heilen sollte, wie er damals Farodin in der H�hle geheilt hatte.</p><p>Doch Wengalf legte Nuramon die Hand auf die Schulter.��Lass ihn! Er wird als Held wiedergeboren und wird sich mit Stolz an diesen Tag erinnern. Wir m�ssen nun die Schlacht f�r uns entscheiden. Wir schlagen uns gut. Vielleicht k�nnen wir sie wirklich aufhalten.�</p><p>Pl�tzlich dr�ngte sich ein Zwergenkrieger zwischen den Schildtr�gern hindurch. �Mein K�nig! Unsere Krieger haben auf dieser Seite die feindlichen Sch�tzen zerschlagen. Ihre merkw�rdigen Feuerrohre sind f�r immer gel�scht. Sollen wir vorsto�en? Und wir h�ren von der rechten Flanke, dass Mandred mit einer kleinen Schar von Menschen versuchen will, zum Herzen des gegnerischen Heeres vorzusto�en.�</p><p>Nuramon erschrak. Er wollte nicht auch noch Mandred verlieren! F�r den K�nig der Fjordl�nder gab es keine Wiedergeburt.</p><p>Der K�nig wandte sich an den Boten.��Gib den Befehl, auf dieser Seite die Flanke anzugreifen. In der Mitte des Feldes sollen unsere Leute aber zur�ckfallen und die Feinde ein wenig fortlocken. So ziehen wir Mandred einige Krieger aus dem Weg.�</p><p>Nuramon schaute dem K�nig ins Gesicht. �Danke, Wengalf!�</p><p>�Komm! Nimm deine Schwerter! Lass uns diese Schlacht zu Ende bringen. Ich bin des T�tens m�de.�</p><p>Nuramon nickte. Widerstrebend l�ste er sich von Alwerichs K�rper und nahm seine Schwerter auf. Auch er wollte, dass die Schlacht endlich aufh�rte. Er wandte sich zu den wenigen verbliebenen Elfen.��Sammelt euch! Es geht zum letzten Angriff!�</p></section><section><title><p>Hinter den Linien</p></title><p>Mandred betrachtete die abgeschnittenen roten Z�pfe, die rings herum im Gras lagen. �Ich behalte euch in Erinnerung, meine Toten�, murmelte er leise und strich sich �ber die glatten Wangen und den rasierten Sch�del.</p><p>Beorn schob sein Messer zur�ck in den G�rtel, von dem auch ein bronzenes Signalhorn hing, und nickte zufrieden. �So kannst du als einer ihrer Anf�hrer durchgehen, Ahnherr. Aber lass mich reden, wenn wir angehalten werden.� Auf dem Hof von Beorns Eltern hatten einige gefangene Ordenskrieger als Knechte gearbeitet. Von ihnen hatte der Leibw�chter die Sprache Fargons gelernt. Er wusste um den Aufbau der Ordensheere und kannte sogar die Horn- und Trommelsignale der Feinde.</p><p>Mandred setzte den Reiterhelm mit den tief gezogenen Wangenklappen auf und zupfte an der breiten roten Bauchbinde, die um seine H�ften gewickelt war. Schweren Herzens hatte er Alfadas� R�stung abgelegt, doch mit ihr h�tten sie die Feinde nicht t�uschen k�nnen.</p><p>Sein Blick wanderte �ber die verwegene Schar von Mandriden, die sich freiwillig gemeldet hatten. Der Reiterangriff der Ordensritter war zur�ckgeschlagen, doch gegen die �bermacht der feindlichen Fu�soldaten w�rden sie nicht gewinnen k�nnen.</p><p>�Ich sch�tze, eure Freunde werden euch dringend geraten haben, nicht mit mir zu reiten!�, rief Mandred mit lauter Stimme seinen M�nnern zu. �Wenn sie das taten, sind es gute Freunde! Sie haben Recht! Wer mit mir geht, der wird in einer Stunde ein Held sein oder in der goldenen Halle der G�tter sitzen. Und wenn ihr lebt, dann wird man den Rest eurer Tage hinter eurem R�cken munkeln, dass ihr v�llig verr�ckt gewesen seid.�</p><p>Die M�nner grinsten, und selbst einige der Kentauren lachten. Die Pferdem�nner aus Dailos hatten ihm ihre Hilfe zugesagt. Fast hundert von ihnen warteten auf den Befehl zum Einsatz. Voller Stolz musterte Mandred seine Freiwilligen. Sie alle hatten die R�stungen erschlagener Panzerreiter angelegt und sich die B�rte rasiert, um nicht als Nordm�nner aufzufallen. Mandred w�nschte sich, er h�tte eine so ergreifende Rede halten k�nnen wie Liodred damals in der K�nigshalle. Gestern, als er am Grab des K�nigs gesprochen hatte, hatte er die besten Stellen, die ihm in Erinnerung geblieben waren, wiederholt. Und wieder hatten Liodreds Worte den Kampfgeist der Fjordl�nder entfacht. Der Jarl blickte die Reihen der M�nner entlang, die ihm bei diesem selbstm�rderischen Ritt folgen wollten. Die meisten von ihnen waren erschreckend jung.</p><p>�Appanasios?� Er wandte sich an den Anf�hrer der Kentauren, einen wilden schwarzhaarigen Kerl, der �ber die Brust eine breite Ledersch�rpe trug, von der sechs kurze Feuerrohre hingen. Au�erdem hatte er einen K�cher mit Pfeilen auf den R�cken geschnallt und dazu noch ein Langschwert. �Du wirst uns mit deiner Bande von Halsabschneidern verfolgen und ein gewaltiges Spektakel veranstalten. Schreit, schie�t, tut ganz so, als w�ren wir wirklich Panzerreiter, die in wilder Flucht davonjagen.� Mandred hob seine Rechte. Die Hand steckte in einem sch�n gearbeiteten Panzerhandschuh. Er ballte sie zur Faust, sodass die Eisenglieder leise knirschten. �Wenn deine Strauchdiebe auch nur einen meiner M�nner wirklich treffen, Appanasios, dann komme ich wieder und ramme dir das hier in deinen dicken Pferdearsch.�</p><p>�Wenn du wirklich wiederkommst, dann kannst du mir deinen Panzerhandschuh sonst wohin stecken, und ich werde dabei ein Loblied auf deinen Heldenmut singen.� Der Kentaur l�chelte, doch in seinen Augen lag Trauer. �Ich bin stolz darauf, dir begegnet zu sein, Mandred Aikhjarto.�</p><p>�Mal sehen, ob du immer noch stolz darauf bist, wenn ich dich und deine Halunkenbande heute Abend auf der Siegesfeier unter den Tisch saufe.�</p><p>�Ein Mensch, der einen Kentauren betrunken macht! Das wirst du nicht erleben!� Appanasios lachte rundheraus.��Selbst du wirst das nicht schaffen, Ahnherr von Firnstayn.�</p><p>�Ich habe sogar schon eine Eiche besoffen gemacht!�, entgegnete Mandred und zog sich in den Sattel. An seiner H�fte klirrte eines der neumodischen, schlanken Reiterschwerter. Vor dem Sattel hingen zwei Ledertaschen. Der Jarl drehte sich zu dem Kentauren um und deutete auf seine Sch�rpe. �Wie gebraucht man diese Dinger eigentlich?�</p><p>Appanasios zog eine der Waffen und lie� sie spielerisch herumwirbeln.��Dies, verehrter Ahnherr, sind Radschlosspistolen, Beutewaffen vom Feind. Du ziehst hier unten den Haken, dann geben sie einen Schuss ab. Am besten h�ltst du sie dazu leicht schr�g. Sie sind mit einer kleinen Bleikugel geladen.�</p><p>�Blei?�, fragte Mandred ungl�ubig.</p><p>�T�usche dich nicht. Auf kurze Entfernung verm�gen diese Kugeln jede R�stung zu durchschlagen.� Der Kentaur schob die Waffe in seine Ledersch�rpe zur�ck.</p><p>Mandred strich �ber den Schaft seiner Axt, die vom Sattelhorn hing. Er w�rde auf althergebrachte Waffen vertrauen.</p><p>Kurz blickte er �ber die kleine Reiterschar. Neben den Schwertern und Radschlosspistolen waren sie mit Lanzen bewaffnet. F�nf von ihnen trugen aufgerollte Banner. F�r Mandred war ihr Wappen neu, doch den Ordensrittern war es wohl vertraut, denn die Nordm�nner hatten es in Jahrhunderten der Kriege gegen ihre Feinde gef�hrt.</p><p>Der Jarl hob die Hand.��Vorw�rts, M�nner!�</p><p>Dumpf grollte der Hufschlag auf dem aufgew�hlten Boden, als sich die Reitertruppen in Bewegung setzten. Dieselbe Senke, aus der sie den ersten Angriff begonnen hatten, hatte sie noch einmal vor den Blicken der Feinde verborgen. Nun trieben sie die Pferde die B�schung hinauf. Hinter ihnen erklangen die gellenden Kriegsschreie der Kentauren.</p><p>Zu ihrer Linken war die Schlacht in vollem Gange. Die meisten gegnerischen Reiter waren zur�ckgeschlagen, doch das Fu�volk lieferte den Elfen und Zwergen einen harten Kampf.</p><p>Ein Pfeil verfehlte Mandred nur knapp. Er beugte sich tief �ber den Hals seiner Stute. In gestrecktem Galopp hielten sie nun geradewegs auf den rechten Fl�gel der Feinde zu. Dort gab ein Offizier Mandred ein Zeichen mit seinem Schwert und deutete auf eine L�cke zwischen zwei Truppen mit Feuerrohren. Die kleine Reiterschar passierte die feindliche Kampflinie, w�hrend sich die Kentauren fluchend zur�ckfallen lie�en und eine Salve Pfeile auf die gegnerischen Fu�soldaten abschossen.</p><p>Mandred z�gelte sein Pferd. Beorn, der nicht von seiner Seite gewichen war, hob den rechten Arm und drehte sich im Sattel. �Halt!� Er stie� das Wort in merkw�rdigem Singsang aus und zog es endlos in die L�nge.</p><p>Besorgt blickte Mandred sich um. Niemand unter den Ordenskriegern schien Beorns Verhalten seltsam zu finden. Ein Botenreiter preschte die Schlachtlinie entlang und verschwand hinter einem kleinen Waldst�ck. Ob er wohl auf dem Weg zur Shalyn Falah war? Wie mochte es um Farodin stehen?</p><p>�In Zweierreihen!�, kommandierte Beorn, und die Reiter bildeten eine Marschkolonne.</p><p>Mandred deutete auf einen H�gel, der etwa eine halbe Meile entfernt hinter dem Zentrum der Schlachtlinie lag. Banner mit der verbrannten Eiche waren dort aufgepflanzt. Eine Gruppe von Offizieren beobachtete den Verlauf der K�mpfe. Ein wenig abseits hielten sich ein paar Botenreiter und ein kleiner Trupp Hellebardentr�ger. Die gro�e Einheit Schwertk�mpfer, die als Reserve zur�ckgehalten worden war, hatte wohl gerade ihren Marschbefehl erhalten. Die Zwerge im Zentrum der Schlacht wichen zur�ck. Mandred blieb fast das Herz stehen. Vielleicht war es zu sp�t f�r seine List. Es schien, als br�che die Schlachtlinie zusammen. Doch die Zwerge gingen nur zur�ck, sie flohen nicht! Die Elfen auf der linken Seite hielten stand. Geh�rte dies alles zum Plan der Zwerge, um die letzten Reserven der Feinde in die Schlacht zu locken? Dann g�be es wenigstens eine geringe Aussicht, seinen Schlachtplan zu �berleben.</p><p>�Marsch!�, befahl Beorn, und der Reitertrupp setzte sich in Bewegung. Der Leibw�chter l�chelte. �Ich h�tte niemals gedacht, dass wir so leicht durch ihre Reihen kommen.�</p><p>Mandred erwiderte das L�cheln. �Das war der einfache Teil. Das Kunstst�ck ist, hier lebend wieder herauszukommen.�</p><p>�War das jemals wirklich Bestandteil unseres Plans?�, fragte Beorn so leise, dass die Reiter hinter ihnen es nicht h�ren konnten.</p><p>Mandred antwortete nicht darauf. Was sollte er auch sagen? Sie beide wussten genau, wie unwahrscheinlich es war, zu �berleben.</p><p>Sie ritten an einer langen Reihe von Fuhrwerken entlang. Ein gutes St�ck entfernt sammelten sich die geschlagenen Reitertruppen im Schutz eines W�ldchens.</p><p>Nach einer Weile verlie� Mandreds Schar den schlammigen Weg und hielt in weitem Bogen auf den Feldherrenh�gel zu. Auf der R�ckseite, au�er Sichtweite der Soldaten, war eine Festtafel aufgestellt. Mehrere K�che arbeiteten an gro�en Feuern. Dort brieten auf eisernen Spie�en zwei Spanferkel und allerlei Gefl�gel. Mandred lief das Wasser im Munde zusammen. �Sehr zuvorkommend von ihnen, uns unser Siegesmahl zu bereiten.�</p><p>Beorn blieb ernst. Er deutete auf einen Offizier mit wei�em Federbusch am Helm, der den H�gel hinab in ihre Richtung geritten kam. �Bitte lass mich mit ihm sprechen, Ahnherr.� Er winkte den Reitern, und die M�nner schwenkten aus der Kolonne aus, um eine lange Linie am Fu� des H�gels zu bilden.</p><p>�Was tut ihr hier?�, rief der Offizier aufgebracht und deutete zum Wald. �Alle Reitertruppen haben Befehl, sich dort hinten zu sammeln. Wenn unsere Fu�truppen die gegnerischen Linien durchbrechen, erhaltet ihr Gelegenheit, die Schmach eurer fehlgeschlagenen Attacke zu s�hnen.�</p><p>�Ich habe dringende Nachricht f�r den Gro�meister Tarquinon�, entgegnete Beorn ruhig.</p><p>�Dann sage mir, was du zu berichten hast!�</p><p>�Bei allem Respekt sch�tze ich, dass der Gro�meister in diesem Fall die Nachricht lieber aus erster Hand erhalten m�chte. Ich bin mit meinen Reitern in den R�cken des Feindes vorgedrungen. Wir haben eine riesige Streitmacht von Trollen entdeckt, die sich in einer Bodensenke verborgen h�lt, um unseren Truppen in die Flanke zu fallen, wenn wir weiter vorr�cken.�</p><p>Der junge Offizier starrte ihn erschrocken an.��Es hie� doch, wir h�tten das Heer der Trolle bis auf ein kleines Kontingent zerschlagen! Folge mir!� Er wendete sein Pferd und trieb es den H�gel hinauf.</p><p>Der Gro�meister und sein Stab standen bei einem schweren Eichentisch. Darauf entrollt lag eine Karte des Schlachtfeldes. Bunte Holzkl�tzchen schienen die Positionen verschiedener Truppenteile zu markieren.</p><p>Mandred und Beorn sa�en ab und gingen der Versammlung der Offiziere entgegen. Ein gro�er, hagerer Mann drehte sich zu ihnen um. Seine Brustplatte gl�nzte, als w�re sie aus poliertem Silber. Ein wei�er Umhang ruhte auf seinen Schultern. Die Arroganz der Macht spiegelte sich in seinen asketischen Z�gen. Er hatte langes, wei�es Haar, das ihm offen auf die Schultern fiel. �Ich halte nicht viel von Offizieren, die auch auf der Flucht an der Spitze ihrer Truppen reiten, Hauptmann���</p><p>�Balbion, Eminenz. Hauptmann Balbion.�</p><p>Der Gro�meister runzelte die Stirn. �Dieser Name ist mir nicht gel�ufig.�</p><p>�Ich wurde erst vor vier Tagen nach den K�mpfen bei der wei�en Br�cke bef�rdert, Eminenz.�</p><p>Mandred hasste aufgeblasene Wichtigtuer wie diesen Tarquinon. Beorn sollte endlich zur Sache kommen und nicht so viel Zeit mit nutzlosem Geschw�tz vergeuden.</p><p>Als h�tte der Gro�meister seine Gedanken geh�rt, wandte er sich halb um und blickte ihn an. �Was hat Euer Adjutant denn da? Das Reglement f�r die Bewaffnung von Panzerreitern sieht keine �xte vor. Die hat er wohl einem dieser Barbaren entrissen. Wie ist sein Name?�</p><p>�Sein Name ist Mandred Torgridson�, entgegnete Mandred ruhig und ging auf den Gro�meister zu.��Er ist der Befehlshaber der Fjordl�nder, der Jarl von Firnstayn. Und er ist hier, um mit dir dar�ber zu verhandeln, f�r heute die Waffen ruhen zu lassen.�</p><p>Ein L�cheln spielte um die schmalen Lippen des Gro�meisters. Die anderen Hauptleute starrten Mandred verwundert an. Einige griffen nach ihren Schwertern. Tarquinon neigte sein Haupt. �Ich verbeuge mich vor solch tollk�hnem Mut, Jarl.� Er griff nach einer Radschlosspistole auf dem Kartentisch. �Zugleich verachte ich so au�ergew�hnliche Dummheit.�</p><p>Beorn sprang vor und schlug nach dem Arm des Gro�meisters. Bei�ender wei�er Qualm quoll aus der Waffe. Ein Schlag traf Mandred an der H�fte. Doch er f�hlte keinen Schmerz. Der Jarl blickte kurz an sich herab. Die Platte des Brustpanzers schien keinen Schaden genommen zu haben. Rings herum zogen die Offiziere ihre Schwerter.</p><p>Mandred machte einen Satz nach vorn. Seine Axt beschrieb einen weiten Halbkreis. Feine Bluttr�pfchen spritzten �ber die Karte, die das Schlachtfeld zeigte. Dann fiel polternd der Kopf des Gro�meisters auf den Tisch und brachte die Formationen der Holzkl�tzchen durcheinander.</p><p>Beorn parierte einen Schwerthieb, der auf Mandreds Kopf zielte. R�cken an R�cken stellten sich die beiden Nordm�nner den angreifenden Offizieren. Mandred zerschlug eine d�nne Schwertklinge und stie� einem der Angreifer den Dorn seiner Axt durch den Harnisch. Ein Schlag glitt scheppernd von der Schulterplatte des Jarls ab. Er drehte sich halb und zerschmetterte einem Angreifer die Beine.</p><p>Pl�tzlich ert�nte das Knallen von Radschlosspistolen. Bei�ender wei�er Rauch wehte �ber den H�gel und h�llte die K�mpfenden ein. Es stank nach Schwefel, ganz so, als w�re der Devanthar wieder unter ihnen.</p><p>Mandreds Axt grub sich tief in die Schulter des jungen Offiziers, der sie den H�gel hinaufgef�hrt hatte. Der Mann starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Dann brach er in die Knie.</p><p>Im Pulverdampf tauchten Reiter auf. Mit ihren langen Schwertern machten sie die letzten Offiziere des Stabs nieder. Mandred sah, wie die Banner mit der schwarzen Eiche niedergerissen wurden. Beorn hatte das Horn von seinem G�rtel genommen und blies aus Leibeskr�ften hinein. �ber den K�pfen der Reiter flatterten die entfalteten Firnstayner Banner. Sie zeigten eine gr�ne Eiche auf wei�em Grund. Der lebende Baum hatte den toten Baum besiegt. Das ganze Heer der Ordenssoldaten w�rde den Pulverrauch auf dem Feldherrenh�gel sehen und die Banner der Feinde! Dazu blies Beorn das Signal zum R�ckzug.</p><p>Schon l�ste sich eine der Einheiten aus der Schlachtlinie und lie� sich k�mpfend zur�ckfallen.</p><p>Von der H�gelflanke erklang lautes Waffengeklirr. �Die Hellebardiere greifen an�, schrie ein junger Firnstayner.</p><p>Mandred zog sich auf ein reiterloses Pferd.��Treibt sie zur�ck!�, befahl er scharf. Der H�gel durfte nicht wieder in die H�nde der Feinde fallen. Sonst w�re alles vergebens gewesen.</p><p>Mandred riss den schwarzen Hengst herum und hielt auf die Feinde zu. Er nahm die Z�gel zwischen die Z�hne und zog eine der beiden Radschlosspistolen aus dem Sattelholster. Voraus erschien die Formation der Hellebardiere. Sie hatten bereits mehrere Reiter niedergehauen. Mandred drehte die Waffe in der Hand und schleuderte sie in die Formation der Feinde. Einer der Hellebardiere schrie erschrocken auf. Niemals w�rde er eine Waffe abfeuern, die den Atem des Devanthars in die Welt spie. Aber sie taugten als Wurfkeulen.</p><p>Mandred zog die zweite Radschlosspistole und holte aus. Noch immer erklang hinter ihm das R�ckzugssignal. Andere Reiter schlossen zu ihm auf und bildeten eine Linie. Sie alle zogen ihre Sattelpistolen. Wie auf einen lautlosen Befehl feuerten die Mandriden gleichzeitig. Wei�er Rauch umschloss die Reiter. Etliche Hellebardiere st�rzten. Die Reihen der Angreifer gerieten in Unordnung.</p><p>�Zieht blank!�, rief Mandred �ber den L�rm hinweg. Schlanke Schwerter klapperten in Blechscheiden.</p><p>�Zum Angriff!� Der Jarl gab dem Hengst die Sporen. Es waren nur noch wenige Schritte bis zu den Ordenssoldaten. Mandred warf die zweite Radschlosspistole fort und hob seine Axt.</p><p>�F�r Firnstayn!�</p></section><section><title><p>Feuer und Schwefel</p></title><p>Feuerzungen leckten aus der Wand aus wei�em Rauch unter ihnen am H�gel. Etwas klatschte gegen Farodins Brustpanzer. Der Elf hob das Geschoss vom Boden auf. Es war eine platt gedr�ckte, dunkelgraue Metallkugel. �Auf diese Entfernung verm�gen sie keinen Panzer mehr zu durchschlagen�, sagte Giliath, hob ihren Bogen und schoss einen Pfeil in die Wand aus Rauch. Die Elfe und ihre Reiter waren vor einer Stunde eingetroffen, um die ausged�nnten Reihen der Verteidiger zu verst�rken.</p><p>An Farodins Seite kauerte sie hinter dem gro�en Schild eines toten Trolls, den sie zwischen zwei Schanzpf�hlen verkeilt hatten. Sie zog einen neuen Pfeil aus dem K�cher, spannte mit flie�ender Bewegung und schoss. �Ich begreife diese Ordenssoldaten nicht. Diese Feuerrohre sind v�llig widersinnige Waffen. In der Zeit, die ihre Sch�tzen zum Laden brauchen, bringe ich f�nf Pfeile in die Luft. Der Rauch nimmt ihnen sp�testens nach der zweiten Salve so sehr die Sicht, dass sie gar nicht mehr wissen, worauf sie schie�en. Ihre Waffen machen einen schrecklichen L�rm und verbreiten �blen Gestank. Und wenn ihnen das Pulver nass wird, dann sind sie v�llig wehrlos. Ich begreife wirklich nicht, was sie an diesem Unfug finden!�</p><p>Farodin betrachtete den alten Gnom, der zu seinen F��en lag. Blutiger Brei war aus seiner linken Augenh�hle geflossen. Wer keine R�stung trug, dem vermochten die Kugeln der Feuerrohre durchaus etwas anzuhaben.</p><p>Zwei Angriffe auf ihre Stellung hatten die Verteidiger der Shalyn Falah zur�ckgeschlagen, doch der Preis daf�r war schrecklich gewesen. Mehr als die H�lfte der Krieger war tot.</p><p>Die Trolle standen nun gemeinsam mit den Bogensch�tzen in der vordersten Linie und versuchten die Elfen mit ihren m�chtigen Schilden vor dem Beschuss zu sch�tzen.</p><p>�Wenn das hier vorbei ist, dann w�rde ich dich gern zu einem Kampf mit �bungsschwertern herausfordern, Farodin. Es w�re sehr zuvorkommend, wenn du dabei die Freundlichkeit besitzen w�rdest, nicht deinen Ring zu tragen.�</p><p>Der Elf sah die Kriegerin verwundert an.��Bist du mir immer noch b�se?�</p><p>�Es war ein Schlag von ausgesprochen unelfischer T�cke, mit dem du unser Duell beendet hast.�</p><p>�Ich konnte es mir damals nicht leisten, verwundet zu werden�, entgegnete er knapp, in der Hoffnung, damit das Gespr�ch zu beenden. Er fand weder den Ort noch die Zeit angemessen, um �ber kriegerische Tugenden zu streiten.</p><p>�Ich w�rde dir gern Gelegenheit geben, dein Ansehen bei mir wiederherzustellen.�</p><p>Das konnte nicht wahr sein, dachte Farodin. Sie standen mitten im Hagel feindlicher Geschosse, und Giliath wollte ihn zum Duell fordern.��Du hast ein Auge verloren. Dadurch h�tte ich einen gro�en Vorteil.�</p><p>�Ich hatte seit unserem letzten Duell sehr viel Gelegenheit zu �ben. Ich bin �berzeugt, dass ich damals schon besser war als du. Es w�re sicherlich interessant festzustellen, ob auch du dich entsprechend verbessert hast.�</p><p>Farodin rollte mit den Augen. Fast sehnte er den n�chsten Angriff herbei, damit dieser Unsinn endlich ein Ende n�hme. Krachend feuerten die Ordenssoldaten die n�chste Salve ab. Der Elf duckte sich hinter den gro�en Schild.</p><p>�Was h�ltst du davon, wenn wir uns morgen bei Sonnenaufgang auf der Wiese vor der Burg treffen?�, fragte Giliath.</p><p>Farodin seufzte. �Du gehst also davon aus, dass wir morgen noch leben?�</p><p>�Ich bestimmt�, sagte die Elfe mit �berraschender Zuversicht. �Und ich werde gut auf dich aufpassen, damit auch du noch unter den Lebenden weilst. Schlie�lich erz�hlt man sich, dass du morgen f�r immer in die Welt der Menschen gehen willst. Ich w�re sehr erfreut, wenn wir unsere Angelegenheiten vorher kl�ren k�nnten.�</p><p>�Warum ist dir dieses Duell so wichtig?�</p><p>Die Elfe sah ihn �berrascht an. �Es ist eine Frage der Ehre. Du bist meine einzige Niederlage.�</p><p>Farodin sah sie zweifelnd an. Der dunkle Tuchstreifen �ber ihrem zerst�rten Auge lie� sie verwegen aussehen. Manche Siege haben einen zu hohen Preis, dachte er.</p><p>Ein Gnom mit einem gro�en Weidenkorb auf dem R�cken kauerte sich keuchend in die Deckung ihres Schutzschildes. Dann nahm er zwei B�ndel mit Pfeilen aus dem Korb und legte sie vor Giliath auf den Boden. �Es fehlt uns an Kriegern, aber an Munition fehlt es uns wenigstens nicht�, erkl�rte er mit meckernder Stimme. �Ich soll euch von Ollowain ausrichten, dass es f�r jeden Sch�tzen noch mehr als hundert Pfeile gibt. Er erwartet, dass ihr sie alle zu den Feinden hinunterschickt.� Der Gnom zuckte zusammen, als das Donnergrollen einer neuen Salve den H�gel hinaufrollte. Ohne ein weiteres Wort lief er davon, um die n�chsten Sch�tzen zu versorgen.</p><p>Giliath zerschnitt den Lederriemen eines der Pfeilb�ndel und f�llte ihren K�cher auf. �Die �berlebenden von Valemas sind dir und deinen Gef�hrten sehr dankbar, dass ihr Yulivee gerettet habt�, sagte die Elfe unvermittelt.��Yulivee ist ganz vernarrt in diesen Nuramon. Seinetwegen hat sie sich sogar gegen die Befehle der K�nigin aufgelehnt.�</p><p>�Wovon redest du?�</p><p>Giliath blickte auf und l�chelte kalt. �Ich dachte mir schon, dass sie euch davon nichts erz�hlt hat. Sie war sehr niedergeschlagen, als sie euch nicht befreien konnte.�</p><p>Langsam verlor Farodin die Geduld.��Was hast du mir zu sagen?�</p><p>Giliath richtete sich auf und blickte ihn geradeheraus an. �Sie hat mich und meine Krieger von Firnstayn aus �ber einen Albenpfad in eine Klosterfestung nahe Aniscans gef�hrt. Dort wollte sie durch einen zweiten Albenstern treten und nach euch suchen. Doch es lag ein Bann auf dem Tor. Wir konnten es nicht �ffnen und wurden entdeckt. Bei dem Kampf, der folgte, haben wir das Kloster bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Yulivee war dagegen. Aber diese Tjuredpriester verstehen nur eine Sprache! Ich finde, du und deine Gef�hrten, ihr solltet das wissen. Ich glaube nicht, dass sie von sich aus jemals dar�ber sprechen w�rde. Sie f�hlt sich in eurer Schuld.�</p><p>Eine Bleikugel riss Holzsplitter aus dem Trollschild. Giliath hob den Bogen und zielte erneut auf die Mauer aus dichtem Qualm.</p><p>Trommelschlag und Fl�tenspiel erklangen. Eine Reihe von M�nnern mit Feuerrohren trat aus dem Pulverdunst und kam den Hang hinauf. Ihnen folgten eine zweite und eine dritte Reihe. Giliath fluchte und schoss.</p><p>Farodin zog zwei Kurzschwerter, die er toten Elfen abgenommen hatte. Der Zweih�nder war zu unhandlich, um mit ihm inmitten der eigenen Verteidigungslinien zu k�mpfen.</p><p>Den Sch�tzen unten am Hang folgten jetzt Ordensritter, die mit Schwertern und Rundschilden bewaffnet waren. Zwischen ihnen gingen M�nner mit Fackeln. Sie trugen allesamt kleine Holzk�sten vor den Bauch geschnallt.</p><p>Krachend l�ste sich eine Salve der Feuerrohre. Ein Treffer riss Farodin von den Beinen. In seine Brustplatte war eine tiefe Beule geschlagen.</p><p>Die Sch�tzen der ersten Reihe blieben stehen und luden ihre Feuerrohre nach. Sie gingen in offener Formation, sodass die anderen Ordenssoldaten bei ihrem Vormarsch nicht behindert wurden.</p><p>Ganze Hagel von Pfeilen gingen auf die Angreifer nieder. Giliath schoss ohne Unterlass und stie� dabei die l�sterlichsten Fl�che aus. Farodin bewunderte den Mut der Menschen. Ihnen musste klar sein, mit wie viel Blut sie zahlen w�rden. Und dennoch r�ckten sie unabl�ssig vor.</p><p>Als die n�chste Reihe von Feuerrohrsch�tzen stehen blieb, kauerte sich Farodin besorgt hinter den dicken Holzschild. Flammenzungen schossen vor, und weitere Kugeln prasselten auf das Holz. Farodin sah, wie ein Troll von mehreren Geschossen getroffen ins Taumeln geriet und zusammenbrach.</p><p>Die Elfen erwiderten den Beschuss mit verzweifelter Verbissenheit. Salve auf Salve schlug den Angreifern entgegen. Doch nichts schien ihren Vormarsch mehr aufhalten zu k�nnen.</p><p>Als sie weniger als vierzig Schritte entfernt waren, rammte die dritte Reihe der Feuerrohrsch�tzen ihre St�tzgabeln in den Grund. Sie legten die schweren Waffen auf und bliesen die Glut ihrer Lunten an.</p><p>�Wirf dich hin!�, rief Giliath, stie� den Bogen zur Seite und legte sich flach auf den Boden. Farodin kauerte sich neben sie. Als die Salve krachte, h�rte er das Holz des gro�en Schutzschilds splittern. Rings herum gellten Schreie.</p><p>Der Elf rollte auf die Seite und kam schwerf�llig wieder hoch. Er sah die L�cher in dem dicken Trollschild. Langsam begriff er, warum die Menschen von diesen neuen Waffen so �berzeugt waren. Zwischen den Sch�tzen kamen die Krieger mit den umgeschnallten Holzkistchen hervorgelaufen. Jeder von ihnen hielt nun eine kleine, kugelige Tonflasche in der Rechten. Sie entz�ndeten Stoffstreifen auf den Flaschen, von denen dicker, �liger Rauch aufstieg. Dann schleuderten sie die seltsamen Geschosse den Verteidigern entgegen.</p><p>Klirrend zersplitterte eine Flasche auf dem Trollschild. Eine lodernde Flamme schoss empor. Farodin schreckte vor der pl�tzlichen Hitze zur�ck. �berall entlang der Verteidigungslinie brannte es. Farodin sah, wie ein Bogensch�tze getroffen wurde und sich in eine lebende Flammens�ule verwandelte. Der Elf warf sich zu Boden und rollte sich schreiend hin und her, doch nichts vermochte den Brand zu l�schen.</p><p>�Balbars Feuer�, fl�sterte Farodin. �Der Fluch von Iskendria.�</p><p>�Zur�ck zur zweiten Linie!�, t�nte Ollowains Stimme �ber das Inferno.��Zur�ck, und fangt mir ein paar dieser Flaschen.�</p><p>Farodin und Giliath rannten in Richtung der Turmruinen am Eingang zum Steilweg.</p><p>�Die Flaschen fangen? Bist du von allen guten Geistern verlassen, Elf? Geht den Flaschen aus dem Weg!�, schrie Orgrim.</p><p>�Wir brauchen sie, um ein Feuer auf der Br�cke zu legen!�, rief Ollowain zur�ck.</p><p>Der Kampfeswille der Verteidiger war gebrochen. In dichten Scharen dr�ngten die letzten �berlebenden auf den Klippenweg.</p><p>Schon waren die ersten Menschen bei den Schanzen angekommen. Schwertk�mpfer und Feuerrohrsch�tzen dr�ngten zwischen den Pf�hlen hindurch. Mit ihnen kamen die Krieger mit den Fackeln und den Holzkistchen.</p><p>Die Brandgeschosse fielen jetzt mitten in die dicht gedr�ngten Fl�chtenden. Orgrim versuchte mit einem kleinen Trupp Trolle einen Gegenangriff zu f�hren, um die Menschen noch ein wenig l�nger aufzuhalten. Giliath schoss Pfeil auf Pfeil, w�hrend sie sich an der Seite von Farodin zur�ckzog.</p><p>Der Elf hatte seine beiden Schwerter in die Scheiden zur�ckgesto�en und eilte zu Ollowain. �Wir brauchen dieses verdammte Feuer, um die Br�cke zu blockieren. Wir m�ssen sie l�nger aufhalten!�</p><p>Pl�tzlich sprang der Elf vor. Seine Hand schnellte hoch. Im Flug fing er eine der verfluchten Tonflaschen. Er riss den brennenden Stoffstreifen ab und stellte die Flasche vorsichtig auf den Boden. �Na also, es geht doch!�</p><p>Farodin atmete gepresst. �Ich hole mir lieber so eine Kiste!� Er biss die Z�hne zusammen und st�rmte Orgrim hinterher.</p><p>Dort, wo die Trolle angriffen, wichen die Ordenssoldaten zur�ck. Mit dem Mut der Verzweiflung warf sich Farodin in die Masse der Feinde. In t�dlichem Tanz drehte er sich, blockte Klingen und schlug durch die L�cken in der Verteidigung der Gegner. Ein R�ckhandhieb zerschnitt die Kehle eines Feuerrohrsch�tzen, der seine schwere Waffe nicht schnell genug hochrei�en konnte, um den Hieb abzufangen. Ein Stich ging durch die Parade eines Schwertk�mpfers und stie� ihm durch den Mund. Farodin duckte sich, befreite die Klinge und blockte den Hieb eines zweiten Schwertk�mpfers. Mit einem Schultersto� brachte er den Mann aus dem Gleichgewicht und setzte gnadenlos nach.</p><p>Ducken, blocken, Stich! Blut spritzte ihm ins Gesicht. Ein Feuerrohr krachte so nah, dass er den Biss der M�ndungsflamme sp�rte. Doch die Kugel verfehlte ihn. Sein Mund war erf�llt von Schwefelgeschmack. Dies waren wahrlich die Kinder des Devanthars! Farodin schlitzte dem Sch�tzen den Bauch auf, und der Mann brach schreiend in die Knie.</p><p>�Zur�ck!�, rief Orgrim. �Sie schneiden uns von den anderen ab.�</p><p>Farodin sah aus den Augenwinkeln einen Sch�tzen auf den K�nig der Trolle anlegen. Der Mann war zu weit entfernt, um ihn noch rechtzeitig zu erreichen. Der Elf schleuderte eines seiner Schwerter. Die Klinge drang dem Ordenssoldaten fast bis zum Heft in den R�cken.</p><p>Farodin b�ckte sich nach der Waffe eines Toten.</p><p>�Zur�ck, du verdammter Berserker! Du wirst sie nicht allein besiegen!� Der Trollk�nig war an seine Seite geeilt.</p><p>Eine �lflasche zersplitterte auf dem Schild Orgrims. Helle Flammen leckten das Holz entlang. Spritzer von Balbars Feuer trafen auch Farodins Harnisch. Doch die dunklen Flecken gerieten nicht in Brand.</p><p>Ganz in der N�he sah der Elf zwei Krieger mit ihren verfluchten Holzkisten niederknien.��Die holen wir uns�, rief er Orgrim zu.��Dann ziehen wir uns zur�ck!�</p><p>Der Trollk�nig stie� einen Fluch aus, der selbst Mandred h�tte erblassen lassen, doch Farodin scherte sich nicht darum. Drei Schwertk�mpfer eilten ihm entgegen. Er fing einen Schlag ab und lie� die Klinge des Angreifers an seiner Waffe entlanggleiten. Dann drehte er sich halb, wechselte den Griff und rammte dem Krieger sein Schwert in den R�cken, w�hrend er mit dem zweiten Schwert einen Schlag �ber seinem Kopf blockte. Dem n�chsten K�mpfer zerschmetterte Orgrims Keule den Sch�del.</p><p>Farodin drosch nun mit beiden Schwertern auf den �berlebenden Ordenssoldaten ein. Mit einer drehenden Bewegung band er die Klinge des Mannes und stie� ihm sein zweites Schwert am sch�tzenden Schild vorbei in den Unterleib.</p><p>Mit einem weiten Satz war der Elf bei den M�nnern mit den Feuerkugeln. Gnadenlos machte er die beiden nieder. Die kleinen Holztruhen waren durch Zwischenw�nde in acht F�cher eingeteilt. Jedes der F�cher war mit geflochtenem Stroh ausgepolstert, sodass man die d�nnwandigen Keramikflaschen sto�sicher transportieren konnte. In der ersten Truhe waren noch f�nf Flaschen, in der zweiten vier. Das musste reichen!</p><p>Orgrim nahm einen der Holzk�sten auf. �Zur�ck zur Br�cke! Sie �berrennen alles. Wir k�nnen sie h�chstens noch auf der Shalyn Falah aufhalten.�</p><p>Farodin nickte stumm und nahm den zweiten Holzkasten auf. Ollowain hatte ein paar Trolle und Bogensch�tzen um sich geschart. Er versuchte, ihnen den R�cken freizuhalten.</p><p>Dichte Rauchschwaden zogen nun �ber das Schlachtfeld. �berall war das Krachen von Feuerrohren zu h�ren. Die Schlachtlinie der Elfen war v�llig zerschlagen.</p><p>Farodin hackte einem Offizier die Hand ab, der mit einer Radschlosspistole auf ihn anlegte. Ein R�ckhandhieb traf den Mann oberhalb der Halsberge ins Gesicht. Unter der Wucht des Treffers zersplitterten dem Ritter die Z�hne.</p><p>Ein Angreifer sank neben ihm von einem Pfeil getroffen in sich zusammen. Farodin blickte kurz auf und sah Giliath neben Ollowain stehen. Er musste l�cheln. Die Elfe machte sich wohl Sorgen um ihre Verabredung zum Duell.</p><p>Fauchend schoss dicht vor ihnen eine Flamme in die H�he. Farodin sprang zur Seite. Einen Moment lang verlor er seine Gef�hrten aus den Augen. Dann sah er Ollowain. Der Elfenritter sprang vor und griff eines der verfluchten Fl�schchen mit Balbars Feuer im Flug. Triumphierend hielt er seine Beute hoch, als eine Kugel seine Hand zerschmetterte. Dunkles �l spritze auf und entz�ndete sich an den brennenden Stofffetzen der Flasche. Die Flammen griffen nach Ollowains Kopf und R�stung. Einen Herzschlag lang stand der Elf ganz still. Dann zog er mit der unverletzten Hand sein Schwert und rannte schreiend einer Reihe von Feuerrohrsch�tzen entgegen.</p><p>Atemlos sah Farodin, was nun geschah. Wei�er Qualm h�llte die Ordenssoldaten ein. Doch keine ihrer Kugeln vermochte den W�chter der Shalyn Falah aufzuhalten. Ganz in Flammen geh�llt, verschwand er in der Wand aus Rauch.</p><p>�Einen Krieger wie ihn gibt es einmal in einem Jahrtausend�, sagte Orgrim und packte Farodin bei den Schultern. �Lass uns gehen, bevor neue Sch�tzen nachr�cken.�</p><p>Giliath wartete bei den verbrannten T�rmen mit einigen Bogensch�tzen und gab ihnen Deckung. Sie hatten den h�chsten Punkt der Klippe erreicht. Farodin blickte hinab auf den gewundenen Pfad zur Br�cke. Selbst dort brannten schon Feuer. H�chstens dreihundert Verteidiger lebten noch. Die meisten von ihnen waren verwundet. Ru�geschw�rzt und abgek�mpft fl�chteten sie zur�ck zur Festung auf der anderen Seite der Schlucht.</p><p>Farodin drehte sich um. Ein Windsto� zerteilte den Rauch �ber dem weiten Berghang. Tausende von Ordenssoldaten st�rmten heran. Auf H�he des Steinkreises sah der Elf M�nner mit langen Belagerungsleitern. Sie hatten die Schlacht verloren!</p></section><section><title><p>Das Ende der Feldschlacht</p></title><p>An Wengalfs Seite st�rmte Nuramon vor. Die Ordensritter hatte der Mut verlassen, seit die Banner von Firnstayn �ber ihrem Feldherrenh�gel wehten. Sie schienen v�llig verwirrt zu sein. Immer mehr wichen vor ihnen zur�ck. Dann sah Nuramon Mandred. Auf den ersten Blick h�tte er ihn fast nicht wiedererkannt. Er trug die R�stung der Feinde und hatte seinen Bart geschoren. Von Gef�hrten in erbeuteten R�stungen umringt, sa� er auf einem schwarzen Hengst und hielt den abgeschlagenen Kopf eines Menschen an den Haaren. Von den Fleischfetzen am Ansatz des Kopfes tropfte das Blut herab.��Seht in das Gesicht eures Heerf�hrers!�, rief er.</p><p>Die Zwerge dr�ngten unerbittlich vorw�rts und schufen einen weiten Schildwall um Mandred und seine Krieger. Da brach der letzte Widerstand, und die Feinde st�rzten sich in eine wilde Flucht.</p><p>�Mandred!�, rief Nuramon.</p><p>�Mein Freund! Sieh diesen Tag!�</p><p>Nuramon schaute sich misstrauisch um. Noch mochte ein Sch�tze Mandreds Triumph zerschlagen. Doch die Feinde machten keine Anstalten mehr, sich zu wehren. Einige riefen ihnen Fl�che zu und schworen, binnen Tagesfrist mit einer neuen Streitmacht wiederzukommen. Doch das vermochte niemanden zu beunruhigen.</p><p>�Kommt nur wieder!�, br�llte Mandred ihnen nach. �Dann treten wir euch noch einmal in den Arsch!�</p><p>Nuramon reichte Mandred die Hand. Der Freund wirkte auf seinem hohen Ross wahrhaftig wie ein echter Herrscher. Er schlug mit seiner blutigen Hand ein. Nuramon hielt bei seinem Gef�hrten nach Wunden Ausschau. Er konnte nicht sagen, ob das meiste Blut, das an dem Jarl haftete, dessen eigenes oder das der Feinde war. Mandreds R�stung wirkte unversehrt. Eine lange Schramme lief �ber seine linke Wange. Doch der K�nig der Fjordl�nder schien keine Schmerzen zu f�hlen, sondern strahlte �ber das ganze Gesicht.</p><p>�Bist du verletzt, Mandred?�, fragte Nuramon seinen Freund, um sicherzugehen.</p><p>�Nur ein paar Kratzer�, entgegnete der Jarl.</p><p>Die Zwerge lie�en eine Schar Elfen in den Schildkreis. Darunter waren Nomja und Daryll, die Anf�hrerin der Alvemerer, die im Zentrum der Schlachtreihe dem Ansturm der feindlichen Reiterei standgehalten hatte. Sie f�hrte Felbion am Z�gel.</p><p>Nuramon war erleichtert. Mandred und Nomja lebten, und auch sein Pferd hatte die Schlacht �berstanden!</p><p>Daryll reichte ihm die Z�gel Felbions. �Hier ist dein Pferd! Es hat mir das Leben gerettet.� Die Anf�hrerin erz�hlte, wie Felbion drei Feinde mit den Hufen niedergeschlagen habe, die ihr sonst den Todessto� versetzt h�tten.</p><p>Nuramon fuhr seinem treuen Ross durch die M�hne. �Du bist ja ein wahrer Held!� Felbion blickte scheinbar gelangweilt zur Seite.</p><p>Nuramon sah in die Runde. �Ich m�chte euch allen danken.� Er wandte sich an Nomja. �Deine Bogensch�tzen sind die besten in Albenmark.� Zu Daryll sagte er: �Du warst f�r uns Elfen der Fels in der Brandung.� Dann kniete er sich zu Wengalf hinab. �Dir haben wir alles zu verdanken. Ohne dich h�tten wir diesen Tag verloren.�</p><p>Wengalf winkte ab.��Nein, nein. Mandred geb�hrt die gro�e Ehre!�</p><p>Nuramon schaute zu Mandred auf und l�chelte. �Heute, mein m�chtiger K�nig, hast du dich unsterblich gemacht. Die Albenkinder werden deinen Namen auf immerdar r�hmen.�</p><p>�Noch ist es nicht vorbei! Wer wei�, wie es an der Shalyn Falah steht! Komm! Lass uns r�berreiten!� Der Jarl warf einem seiner Mandriden den Kopf des feindlichen Anf�hrers zu. Das Blut spritzte weit umher.</p><p>Ein Mann in der R�stung eines Offiziers kam herbei und brachte Mandreds Stute. Der Jarl schwang sich aus dem Sattel und begr��te sein Pferd. Als er aufsitzen wollte, fehlte es ihm an Kraft. Der Mann in der Offiziersr�stung half ihm rasch in den Sattel.</p><p>Nuramon sah sich um. Diese Krieger hier waren am Ende ihrer Kr�fte. An diesem Tag w�rde keiner von ihnen mehr den Marsch zur Shalyn Falah schaffen. Und es w�re unklug, die Truppen hier abzuziehen, solange der Feind nicht g�nzlich vernichtet war.��Nun, Mandred, wir werden wohl allein reiten m�ssen. Die Krieger sollen hier die Stellung halten.�</p><p>�Nun gut. Farodin kann unsere Hilfe bestimmt gut gebrauchen. Wenn die dort h�ren, dass wir die Feinde nicht nur aufgehalten, sondern in die Flucht geschlagen haben, dann wird sie das gewiss befl�geln.�</p><p>Nuramon grinste. �Nun gut, Mandred! Bete zu deinem Luth! Er hat uns heute wahrlich geholfen.� Er stieg auf Felbion und blickte den fliehenden Tjuredkriegern hinterher. Sie w�ren gewiss noch eine beachtliche Streitmacht gewesen, doch ohne ihren Kopf waren sie nur ein ungeordneter Haufen.</p><p>Als Nuramon sich an Mandreds Seite zur Shalyn Falah aufmachte, beschlich ihn ein beklemmendes Gef�hl. Gewiss, die Br�cke war noch nie eingenommen worden, und Farodin hatte mehr Erfahrung als sie beide zusammen. Und doch��</p><p>W�hrend sie das Schlachtfeld passierten, jubelten Scharen von Kriegern ihnen zu. Nuramon sah seine Verwandten, die ihm zuwinkten und begeistert seinen Namen riefen. Die Mandriden reckten ihre �xte und Schwerter in die H�he und schrien:��Lang lebe Mandred, Jarl von Firnstayn!�</p><p>Als sie das Schlachtfeld hinter sich lie�en, sagte Mandred:��Jetzt noch Farodin helfen, und dann mit zwei h�bschen M�dels die Nacht verbringen!�</p><p>�Mit zwei?�, fragte Nuramon.</p><p>�Ja. Das war was gestern! Zuerst habe ich den beiden meinen���</p><p>�Bitte, Mandred! Erspare mir deine Liebesabenteuer! Du findest nicht die Worte, die f�r Elfenohren angenehm klingen.�</p><p>�Du bist nur neidisch, weil ich gleichzeitig mit zwei��</p><p>Nuramon lachte.��Halt ein, Mandred! Sprich nicht das aus, was bereits in aller Klarheit in meiner Vorstellung erwacht ist und mir jeden Gedanken an etwas Holdes verdirbt. Bitte!�</p><p>Mandred lachte.��Was wei�t du schon von der Poesie einer Nacht zu dritt.�</p><p>�Lass uns lieber reiten�, schlug Nuramon vor. Diese Wortgepl�nkel hatte er vermisst. Er w�nschte sich, Mandred k�nnte ihn und Farodin begleiten. Doch es w�rde gewiss schwer werden, den Jarl aus dem Bett seiner beiden Geliebten zu rei�en.</p><p>Sie galoppierten �ber das Grasland. Bis zur Shalyn Falah w�rden sie gewiss einige Stunden brauchen. Sie hatten etwa die H�lfte des Weges hinter sich gelassen, als Mandred sich ein wenig zur�ckfallen lie�. Als aber seine Stute unruhig wieherte, drehte Nuramon sich um. Sein Freund war im Sattel zusammengesunken�!</p><p>Felbion st�rmte der wiehernden Stute entgegen und kam neben ihr zum Stehen. Mit zitternden H�nden ber�hrte Nuramon seinen Gef�hrten und versuchte ihn aufzurichten.��Mandred!�, rief er.</p><p>Der Jarl schreckte auf und schaute sich unsicher um. Er taumelte und fiel dann aus dem Sattel.</p><p>Nuramon sprang vom Pferd und drehte ihn behutsam auf den R�cken.</p><p>Mandred schaute ihn aus angstgeweiteten Augen an und presste die Hand auf den Bauch.��Es ist wohl mehr als nur ein Kratzer�, fl�sterte er und l�ste die Hand von seinem K�rper. Die Brustplatte der R�stung war unversehrt. Doch als Nuramon nach der breiten Bauchbinde griff, wurden seine H�nde rot von Blut. Erschrocken zerrte er die Binde zur Seite und entdeckte ein rundes Loch in der R�stung. Mit zitternden H�nden l�ste der Elf die Schnallen der Brustplatte. Auch das gepolsterte Leinenhemd hatte sich mit Blut voll gesogen. Mit seinem Dolch zerschnitt Nuramon den z�hen Stoff. Die Wunde in Mandreds Bauch war voller faseriger Kleidungsfetzen. Sie musste von der Kugel eines dieser unheimlichen Feuerrohre stammen. Vorsichtig tastete Nuramon nach Mandreds R�cken. Die Kugel hatte den K�rper nicht verlassen.��Hast du keine Schmerzen?�, fragte Nuramon.</p><p>�Nein�, sagte Mandred �berrascht.��Mir ist nur so�� schwindelig.�</p><p>Mandred hatte viel Blut verloren, und er w�rde sterben, wenn nichts geschah. So legte Nuramon seine Hand auf die Verletzung und begann mit seinem Heilzauber. Er erwartete den Schmerz, und dieser kam auch, doch weit schw�cher, als Nuramon angenommen hatte. Dann merkte er, dass sich die Wunde zwar unter seinen Fingern schloss, aber seine Magie nicht ins Innere von Mandreds K�rper gelangte. Er bekam Angst. Der Schmerz verschwand, doch Mandred war nicht geheilt. Dass er die Bauchwunde verschlossen hatte, w�rde nicht helfen. Nun sammelte sich das Blut in Mandreds Leib, ohne ablaufen zu k�nnen. Der Tod w�rde ihn etwas langsamer ereilen, das war alles, was erreicht war. Noch einmal sammelte Nuramon all seine Kr�fte. Doch wieder scheiterte er.</p><p>�Was ist das nur?�, fragte er sich. Irgendetwas st�rte seinen Zauber; etwas, das in Mandred war. Es konnte nur die Kugel sein. War es das letzte b�se Geschenk des Devanthars an seine Gefolgsleute? Vielleicht konnten diese Schusswunden mit Elfenmagie nicht geheilt werden.</p><p>�Ich glaube, das ist das Ende, Nuramon�, fl�sterte Mandred. �Und was f�r ein Ende das f�r einen Menschen ist!�</p><p>�Nein, Mandred!�</p><p>�Du warst mir immer��� Seine Augen schlossen sich, und er atmete ersch�pft aus.</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. So durfte Mandreds Leben nicht enden! Er tastete nach dem Puls seines Freundes. Er war noch da. Der Atem ging nur mehr schwach. Mit gro�er M�he hob Nuramon den schweren Menschenk�nig auf Felbion und setzte sich dann hinter ihn in den Sattel. Dann ritt er in Richtung des Heerlagers vor der Burg der K�nigin. Sie lag n�her als die Shalyn Falah.</p><p>Er machte sich Vorw�rfe. Es war seine Schuld, wenn Mandred nun st�rbe. Er hatte in der Schlacht selbsts�chtig seine eigenen Wunden geheilt und gewiss zu viel Kraft dabei aufgewendet; Kraft, die ihm nun fehlte, da sie einen Freund retten sollte. Er w�rde es sich nie verzeihen, wenn Mandred wegen seiner Unf�higkeit sterben m�sste.</p><p>W�hrend er im Galopp voranpreschte, drang in der Ferne ein glei�endes Licht gen Himmel und verbreitete sich wie ein vielfach ver�stelter Blitz. War das der Beginn des Zaubers, auf den sie gewartet hatten? Nuramon w�nschte sich, einen Hauch dieser Macht zu Mandreds Heilung gewinnen zu k�nnen. Im Augenblick des Triumphes traf das Schicksal ihn und seine Gef�hrten mit voller Wucht. Er konnte nur hoffen, dass es Farodin bei der Shalyn Falah nicht �hnlich erging.</p></section><section><title><p>Das letzte Aufgebot</p></title><p>Sie hatten sich �ber die Mitte der Br�cke zur�ckziehen m�ssen. Langsam verloschen die Flammen von Balbars Feuer. Auf dem Klippenweg standen hunderte von Ordenssoldaten, bereit f�r den letzten Angriff. Sobald das Feuer herabgebrannt war, w�rde der letzte Sturmlauf beginnen.</p><p>An Farodins Seite standen nur noch Orgrim und Giliath. Alle anderen K�mpfer der zusammengeschmolzenen Schar der Verteidiger hatten sich zur Festungsmauer jenseits der Br�cke zur�ckgezogen.</p><p>Farodin sah verzweifelt zum Himmel hinauf. Bis zur D�mmerung w�rde es noch mindestens zwei Stunden dauern. So lange konnten sie die Br�cke nicht halten. Eine Brise benetzte sein Gesicht mit Gischtwasser. Das Donnern der Wasserf�lle hatte etwas Beruhigendes. Wie wei�e Adern zogen sie sich die Felsen hinab. Das Spr�hwasser lie� die Oberfl�che der Br�cke spiegelglatt werden. Die Shalyn Falah war gerade einmal zwei Schritt breit und sie hatte kein Gel�nder. An diesem Tag war Farodin den l�ngst vergessenen Baumeistern dankbar f�r ihre seltsame Br�cke. Mehr als drei Mann konnten hier nicht nebeneinander stehen. Und wer die Br�cke betreten wollte, der musste schwindelfrei sein, oder er w�rde dem Ruf des Abgrunds nicht widerstehen.</p><p>�Hei�t es nicht, man d�rfte auf der Shalyn Falah kein Blut vergie�en?�, fragte Orgrim. Der Troll musste schreien, um das Tosen des Wasserfalls zu �bert�nen.</p><p>Farodin blickte auf die blassrosa Flecken, die langsam vom Spr�hwasser weggewaschen wurden. �Dieselbe Frage habe ich gestern Nacht Ollowain gestellt. Er meinte, der Stein der Br�cke werde so schl�pfrig, dass man sie nicht mehr �berqueren k�nne, wenn sie mit Blut benetzt sei. Ich habe aber auch von einer Prophezeiung geh�rt, in der es hei�t, dass an dem Tag, an dem der wei�e Stein der Shalyn Falah mit Blut besudelt werde, sich ewige Finsternis auf die Br�cke senken werde.�</p><p>�Ich glaube, mir liegt eher die erste Geschichte�, murmelte der Trollf�rst. Blut troff von seinem Verband am Arm. Dennoch hielt er den schweren Schild hoch, den er von einem Sterbenden genommen hatte.</p><p>Die Flammen des Feuers am Br�ckenaufgang schlugen nicht einmal mehr einen Schritt hoch. In die Truppen auf dem Steilweg kam Bewegung.</p><p>Ein Schuss krachte. Einige Schritt vor ihnen schlug eine Bleikugel auf den wei�en Stein.</p><p>�Diese Idioten wollen einfach nicht wahrhaben, dass wir au�erhalb der Reichweite ihrer Waffen stehen�, murrte Giliath. Sie z�hlte leise die Pfeile in ihrem K�cher.</p><p>Farodin wusste auswendig, zu welchem Ergebnis sie kommen w�rde. Dreizehn! Sie z�hlte die verbliebenen Geschosse mindestens schon zum zehnten Mal.</p><p>Am anderen Ende der Br�cke warf ein Offizier einen schweren grauen Umhang �ber die Flammen und erstickte das Feuer. Soldaten mit Feuerrohren r�ckten vor.</p><p>Giliath hob den Bogen. Pl�tzlich lachte sie auf. Die Ordenssoldaten waren stehen geblieben. Sie winkten mit den Armen und versuchten die Krieger zur�ckzutreiben, die hinter ihnen kamen.</p><p>�Ihre Luntenschn�re und das Pulver sind nass geworden. Die Feuerrohre nutzen ihnen nichts mehr.�</p><p>Im Durcheinander am Ende der Br�cke verlor einer der Sch�tzen den Halt und st�rzte mit einem gellenden Schrei in die Tiefe. Endlich zogen sich die M�nner zur�ck. An ihrer Stelle kamen nun Schwertk�mpfer.</p><p>Farodin lie� seine beiden Klingen wirbeln, um seine verspannten Armmuskeln zu lockern. Vorsichtig tastend pr�fte der Elf noch einmal den schl�pfrigen Untergrund. Der Stein der Br�cke war poliert. Ein falscher Schritt, eine unbedachte Bewegung, und er w�rde wie der Soldat vorhin in die Tiefe st�rzen.</p><p>Ein glei�ender Lichtstrahl zerteilte das Blau des Himmels und zerfaserte dann pl�tzlich in hunderte Blitze. Doch kein Donner hallte �ber das Firmament. Farodin sp�rte, wie sich jedes H�rchen an seinem Leib aufrichtete. Wo die Blitze verblassten, blieben feine schwarze Linien, so als wollte der Himmel zerbrechen.</p><p>Die Ordenssoldaten wurden unruhig. Manche von ihnen knieten nieder und begannen laut zu beten. Eine einzelne, klare Stimme erhob sich �ber alle anderen. Sie sang ein Lied von der Erhabenheit Tjureds, des Heilers allen �bels. Andere Stimmen fielen ein. Und schlie�lich sangen hunderte das Loblied des Gottes.</p><p>Schwarzer Nebel sickerte durch die Risse am Firmament.</p><p>Farodin wich ein wenig zur�ck. Der Zauber der K�nigin hatte begonnen. Keine zehn Schritte vor ihnen traf einer der Risse auf die Br�cke. Der schwarze Nebel schoss nun in wirbelnden Kaskaden den Himmel hinab. So weit Farodin blicken konnte, spannten sich Risse �ber das Firmament.</p><p>Der Nebel fra� den Blick auf das jenseitige Steilufer. Schlagartig verstummte der Gesang. Mitten durch die Schlucht zog sich eine Wand aus wogender Finsternis. In weitem Bogen spannte sich die wei�e Br�cke und m�ndete nun in die Leere.</p><p>�Es ist also vollbracht�, sagte Orgrim ehrf�rchtig.</p><p>Farodin schob sein Schwert zur�ck in die Scheide. Der Krieg war zu Ende. Doch er f�hlte sich nicht wie ein Sieger.</p></section><section><title><p>Der Fliegenfischer</p></title><p>Mandred lauschte dem Lied der Nachtigallen. Die kleinen V�gel sa�en hoch �ber ihm im Ge�st der beiden Linden. Eine leichte Brise lie� die Bl�tter rascheln. Neben sich h�rte Mandred das Pl�tschern einer Quelle. Nuramon hatte Recht. Dies war der zauberhafteste Ort von Albenmark.</p><p>Sein Freund hatte ein Lagerfeuer entz�ndet und ihn in die Pferdedecken eingewickelt. Dennoch kroch die K�lte immer tiefer in seine Knochen, so wie damals, als er auf das Hartungskliff gestiegen war, um Firnstayn vor dem Manneber zu warnen. Ob wohl alles anders gekommen w�re, wenn er das Signalfeuer h�tte entz�nden k�nnen?</p><p>Nuramon hatte einen Boten zur Shalyn Falah geschickt und einen weiteren zur K�nigin. Mandred hatte sehen k�nnen, wie sich der Himmel verdunkelte. Der erste Zauber war also gegl�ckt. Sein Volk war gerettet. Albenmark w�rde weiter bestehen. Seine Fjordl�nder w�rden sich eine raue, st�rmische K�ste suchen. Einen Ort, an dem es ein wenig so war wie in ihrer verlorenen Heimat. Fast die ganze Nacht vor der Schlacht hatte er im Zelt von K�nigin Gishild verbracht. Er hatte mit ihr gesprochen und versucht, den Traum von einem neuen Firnstayn an sie weiterzugeben. Er glaubte an ihre Kraft. Sie w�rde ihrem Volk eine gute Anf�hrerin sein.</p><p>Mandred wandte den Kopf ein wenig zur Seite und beobachtete seinen Freund. Nuramon legte gerade einen Scheit Holz auf dem Feuer nach. Leuchtende Funken stiegen zum Nachthimmel auf. Die Flammen vertieften die Schatten in Nuramons Gesicht. Mandred musste l�cheln. Sein Gef�hrte hatte ihm tats�chlich geglaubt, dass er die letzte Nacht mit zwei jungen, h�bschen Fjordl�nderinnen verbracht hatte.</p><p>Nuramon blickte auf. Seine Augen leuchteten, als er das L�cheln bemerkte.��Woran denkst du?�</p><p>�An die beiden Frauen von letzter Nacht.�</p><p>Der Elf seufzte.��Ich glaube, ich werde euch Menschen niemals verstehen.�</p><p>Fast tat Mandred der Scherz Leid. Einen Augenblick lang war er versucht, dem Elfen die Wahrheit zu sagen. �Es tut mir Leid, dass ich euch bei eurer letzten Reise nun nicht begleiten kann.� Der Jarl sp�rte einen metallischen Geschmack im Mund. Es w�rde jetzt nicht mehr lange dauern. Er sp�rte keine Schmerzen. Seine Beine waren wie tot, er konnte sie nicht mehr bewegen. Und seine Fingerspitzen prickelten. �Sag keinem, dass es so eine kleine Bleikugel war, die mich umgebracht hat. Das ist kein Tod f�r einen Helden vom alten Schlag���</p><p>�Du wirst noch nicht sterben!�, begehrte Nuramon auf. �Ich habe einen Boten zur K�nigin geschickt. Sie wird dich heilen k�nnen. Wir werden zusammen reisen. So wie wir es �� Er stockte. �So wie wir es fast immer getan haben.�</p><p>�Sei nicht zu streng mit Farodin. Er ist ein sturer Dickkopf, ja � Aber auch ein Freund, der ganz allein eine Trollburg angreifen w�rde, um dich �� Mandred seufzte. Das Reden schw�chte ihn.��Wo ist meine Axt?�</p><p>Nuramon ging zu den Pferden und kam mit der Waffe zur�ck. Im Licht der Flammen leuchtete das Axtblatt golden.��Gib sie Beorn��� Mandred fielen die Augen zu. Er tauchte in die Finsternis. Ein Reiter kam auf ihn zu. Er h�rte den Hufschlag, auch wenn es zu dunkel war, um etwas zu erkennen. Gar nichts konnte er sehen. Er hob die Hand. Nicht einmal sie war da. Der Boden erzitterte unter dem Hufschlag. Der Reiter musste jetzt ganz nahe sein, und noch immer konnte er ihn nicht sehen. Erschrocken schlug der Jarl die Augen auf. Neben ihm kniete Farodin. Der Elf wirkte gehetzt.</p><p>Farodin hielt seine Hand.��Ich hatte schon bef�rchtet, dass du gegangen w�rst, mein Waffenbruder. Halte aus! Die K�nigin wird kommen.� Dem blonden Elfen standen Tr�nen in den Augen. Nie zuvor hatte er Farodin weinen sehen. �Deine neue Frisur steht dir gut, Krieger. Du siehst gef�hrlicher aus mit der Glatze.�</p><p>Mandred l�chelte schwach. Er h�tte den beiden gern etwas gegeben. Etwas zur Erinnerung. Aber er besa� nichts von Wert au�er seiner Axt.</p><p>�Es war gut, mit euch geritten zu sein�, fl�sterte er. �Ihr habt mein Leben reich gemacht.�</p><p>Wieder war undurchdringliche Dunkelheit um ihn herum. Mandred dachte an die goldenen Hallen der G�tter. Hatte er sich einen Platz an der Seite der gro�en Helden verdient? Dort w�rde er Alfadas begegnen�� Es w�re gut, mit ihm Fliegenfischen zu gehen. Er hatte es dem Jungen nie richtig beibringen k�nnen. Ob es ein Land jenseits der Halle gab? Ein Land wie das Fjordland, mit schroffen Bergen und Fjorden voller Fische?</p><p>Er musste mit Luth reden! Kein Methorn mehr anzur�hren konnte nicht auch in der Halle der Helden gelten!</p><p>Pl�tzlich verging die K�lte. Er stand in knietiefem, klarem Wasser. Silberne Salme zogen langsam �ber dem steinigen Grund dahin und schwammen gegen die Str�mung flussaufw�rts.</p><p>�Bist du endlich gekommen, alter Mann!�</p><p>Mandred blickte auf. Unter einer Eiche am Ufer stand Alfadas. Mit einem lockeren Schwung aus dem Handgelenk lie� er die Schnur von seiner Angel schnellen.</p><p>Nicht schlecht f�r einen Anf�nger, dachte Mandred. Nicht schlecht.</p><subtitle>Die Heilige Schrift des Tjured</subtitle><p>Buch 98:</p><p><strong>Vom Ende Albenmarks</strong></p><cite><p>Der weise Krieger Erilgar tr�umte eines Nachts von Tjureds Worten. Und diese geboten ihm, einen gro�en Angriff anzuf�hren. So stellte er gewaltige Heerscharen auf und f�hrte sie gegen die Feinde. Doch siehe! Da standen sie nun, die D�monenheere von Albenmark, und die Gl�ubigen Tjureds waren in der Unterzahl. Doch weil der Glaube in ihnen stark war, k�mpften sie tapfer. Aber die Albenkinder sind seit jeher heimt�ckisch gewesen. Sie zauberten und lie�en Steine vom Himmel regnen. Sie verhexten die Pferde der Gl�ubigen, auf dass sie sich vor den Feinden f�rchteten. Und sie lie�en ihre Toten auferstehen, damit sie nimmermehr besiegt w�rden. Und trotz alledem blieben die Gl�ubigen unter der F�hrung Erilgars stark.</p><p>Nun geschah es, dass Erilgar in Bedr�ngnis geriet, ihm Tjureds Antlitz erschien und der Heerf�hrer an den g�ttlichen Lippen ablesen konnte, was zu tun war. So sprach er ein Gebet, rief seine Boten zu sich und befahl den R�ckzug. Diesem Befehl widersetzten sich viele. Doch Erilgar sprach:��Hat mir Tjured nicht die Macht verliehen? Hat er mich im Gef�ge nicht �ber euch gestellt?� Und doch glaubten viele, sie w�ren Tjured n�her als Erilgar. So geschah, was geschehen musste.</p><p>Die Gl�ubigen hatten sich zur�ckgezogen, die Ungl�ubigen blieben und k�mpften gegen die Albenkinder und die Verr�ter aus dem Fjordland. Und so begab es sich, dass an jenem Tage Tjured selbst vom Himmel herabkam und die ewige Finsternis �ber die Albenkinder legte. Ihr Land verschwand in einem dichten Nebel. Nur der Boden, auf dem die Gl�ubigen mit ihren F��en standen, blieb zur�ck. Und nie wieder ward ein Albenkind gesehen, denn in der ewigen Finsternis erwarteten sie die Alben, die alten D�monen. Und sie qu�len ihre Kinder noch heute.</p><text-author>zitiert nach der Schoffenburg-Ausgabe,</text-author><text-author>Bd. 45, Fol. 123 R.</text-author></cite></section><section><title><p>Die letzte Pforte</p></title><p>Es war Morgen. Am Waldrand waren Fjordl�nder und Albenkinder versammelt und schauten zu ihnen auf die Lichtung. Farodin und Nuramon standen vor dem offenen Grab ihres Freundes. Und sie waren von den Gro�en der Albenkinder umgeben: von Emerelle, Wengalf, Thorwis, Yulivee und Obilee. Auch Nomja und Giliath waren hier. Selbst Orgrim und Skanga hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Menschenk�nig die letzte Ehre zu erweisen. Von den Firnstaynern waren Beorn und die blasse junge K�nigin gekommen, die man auf einem Stuhl zum Rand des Grabes tragen musste.</p><p>Farodin und Nuramon blickten in die schmale Grube. Dort lag der K�rper ihres Freundes. Er trug die R�stung des Alfadas, und neben seinem Kopf waren die abgeschnittenen Z�pfe in das dunkle Erdreich gebettet. Nach dem Brauch der Fjordl�nder hatte man dem Toten Gaben ins Grab gelegt. Von den Firnstaynern hatte er Brot, Trockenfleisch und einen Krug voll Met bekommen, der mit einer Holzplatte abgedeckt war. Sie sagten, Mandred brauche die Wegzehrung, denn die goldenen Hallen der G�tter l�gen weit entfernt. Die Kentauren hatten ihm den besten Wein aus Dailos an die Seite gegeben. Von den Zwergen hatte er ein Fernrohr erhalten und von den Trollen einen roten Barinstein. Emerelle aber schenkte ihm eine Krone aus Gold und Silber, die ihm auf der Stirn sa� und ihm einen Glanz verlieh, wie ihn gewiss kein Menschenherrscher je geboten hatte. Um seinen Hals trug Mandred zwei Ketten mit elfischen Amuletten der Freundschaft. Es waren Geschenke von Farodin und Nuramon. In Elfenrunen stand dort _Liuvar Alveredar_ geschrieben, _Frieden f�r den Freund_. In Nuramons Amulett war ein Saphir eingelassen, in Farodins ein Diamant. Die Kobolde hatten diese St�cke in nur einer Nacht gefertigt.</p><p>Xern trat n�her und gab vier Kriegern aus der Leibwache der K�nigin mit einer unscheinbaren Geste ein Zeichen. Mit Speeren f�hrten sie ein wei�es Tuch aus Feenseide in die Tiefe und spannten es �ber den K�rper des toten K�nigs. Dann kamen zwei weitere Wachen hinzu, und sie schaufelten das Grab zu. Dunkle Erde fiel auf das helle Seidentuch, und mit jeder Schippe Erde trat das Wei� der Feenseide zur�ck, bis das Tuch schlie�lich ganz mit Erde bedeckt war. Der Barinstein der Trolle leuchtete auf und war das letzte Licht, das zwischen der Erde hervordrang. Doch bald war auch dieses bedeckt.</p><p>F�r Farodin war Mandred nun endg�ltig fort. Es hatte in seinem Leben nur einen Verlust gegeben, der ihm mehr Schmerzen bereitet hatte. All die Albenkinder, die gestern in der Schlacht gefallen waren, w�rden wie nach jedem gro�en Krieg wiedergeboren werden. Eine Zeit der Liebe w�rde all den Seelen neue K�rper schenken. Doch Mandred und die anderen Menschen hatten ihr einziges Leben geopfert, um die Schlacht zu gewinnen. Das passte zu Mandred. F�r einen Freund selbst bis in die H�hle der Trolle zu gehen!</p><p>Farodin lief eine Tr�ne �ber die Wange, als er an all die Abenteuer dachte, die er mit Mandred erlebt hatte, angefangen bei der Elfenjagd, �ber die Suche nach Guillaume, den qu�lenden Weg durch die W�ste, die Befreiung der Elfen aus der Festung der Trolle, bis hin zu der letzten Schlacht um Albenmark. Als Jarl eines unbedeutenden Dorfs war er zum legendenumwobenen Ahnherrn der K�nigsfamilie des Fjordlands geworden und hatte seinem Volk den Pfad nach Albenmark gewiesen. Mandred war f�r die Fjordl�nder das, was die erste Yulivee f�r die Elfen von Valemas, was Wengalf f�r die Zwerge und Emerelle f�r die Albenkinder war. Er war immer wieder nach Firnstayn zur�ckgekehrt, w�hrend die Jahrhunderte verstrichen waren. Er hatte das Leben eines Albenkindes gelebt und war als Held gestorben. Zwar flossen Farodins Tr�nen, doch wenn er ehrlich war, dann hatte Mandred ein vollendetes Leben gef�hrt.</p><p>Nuramon konnte Mandreds Tod nicht fassen. So lange er den toten K�rper seines Freundes gesehen hatte, war ihm klar gewesen, dass sein Gef�hrte gestorben war. Doch nun h�tte er sich am liebsten in die zur H�lfte gef�llte Grube gest�rzt, um seinen Freund wieder auszuscharren. Ohne ihn in die Andere Welt zu gehen, schien ihm unvorstellbar. Er war ein guter Gef�hrte gewesen und sein bester Freund. Auch konnte er einfach nicht glauben, dass f�r die Menschen mit dem Tode alles endete. Sie lebten in Ungewissheit, und vielleicht war es das, was ihr Leben so wertvoll machte. Niemand wusste, was nach dem Tod mit ihrer Seele geschah. So musste jeder das Beste aus sich machen. Und Mandred hatte mehr erreicht als jeder andere Mensch. Selbst unter den Albenkindern gab es nur wenige, die auf ein solches Dasein zur�ckblicken konnten.</p><p>In den fast f�nfzig Jahren, die Nuramon in Firnstayn verbracht hatte, war ihm bewusst geworden, wie sehr die Fjordl�nder Mandred verehrten. Sie sahen in ihm sowohl den glanzvollen Ahnherr als auch den bodenst�ndigen Krieger, der sich nicht zu fein war, mit seinen Nachfahren ein derbes Trinklied anzustimmen. Nuramon musste an die Geschichten der Frauen am Firnstayner Hof denken, die er damals vernommen hatte. Mandred der Liebhaber! Das lie� ihn l�cheln. Er erinnerte sich noch an jene Nacht, da er Mandred zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte geh�rt, dass der fremde Menschensohn die Frauen an Emerelles Hof mit anz�glichen Blicken bedacht hatte. Nuramon war deswegen gegen Mandred voreingenommen gewesen, weil er f�rchtete, er k�nnte Noroelle auf die gleiche Weise ansehen. Doch kaum hatte er den rauen Nordmann erblickt und ihn reden h�ren, da hatte er nicht umhingekonnt, Gefallen an ihm zu finden. Und w�hrend er diesen Gedanken nachhing, beobachtete Nuramon, wie das Grab seines Freundes sich langsam f�llte.</p><p>Als die Leibwachen der K�nigin ihre Arbeit getan hatten, wichen sie zur�ck. Xern trat nun ans Grab und �ffnete seine Hand. Darin war eine Eichel, und Nuramon musste an die Worte Yulivees in der Nacht vor der letzten Schlacht denken.</p><p>Der Hofmeister sprach: �Dies ist die Eichel Atta Aikhjartos.</p><p>Auch im neu erbl�hten Albenmark wird er der �lteste unter den Seeleneichen sein, ebenso wie Mandred der �lteste Mensch von Albenmark war.� Xern kniete sich ans Grab, und sein m�chtiges Geweih beugte sich vor. Mit den H�nden schuf er eine Mulde, in die er die Eichel Atta Aikhjartos legte. Dann f�llte er die Mulde mit Erde. Nachdem er sich erhoben hatte, sagte er feierlich: �Hier wird sich die Seele des alten Eichenvaters mit dem Leib des gro�en Menschensohnes verbinden. In seiner Weisheit hatte Atta Aikhjarto Mandred einen Teil seiner Macht geschenkt, denn er sah diesen fernen Tag und wusste um das Schicksal des Menschensohns. Und er wusste, dass f�r seine Seele hier �ber Mandreds K�rper ein neues Leben beginnen w�rde. Aikhjartos Wurzeln werden Mandred umfassen und das, was von dem Menschensohn zur�ckblieb, in sich aufnehmen. Ein neues Wesen wird entstehen. Und ihm soll diese Lichtung geh�ren. Der Albenstern hier ist fortan der des Mandred Aikhjarto.� Xern trat vom Grab zur�ck und blickte Farodin und Nuramon zuversichtlich an.</p><p>Emerelle kam nun vor, fasste die Hand der jungen K�nigin Gishild und sprach: �Mandred hat wie ein Albenkind gelebt und ist wie einer unserer Helden gestorben. Mit ihm wollen wir jeden Menschen fortan als Albenkind betrachten. Denn selbst die Weisesten unter uns kennen nicht euer Geheimnis. Wir wissen nicht, woher ihr kamt und wohin ihr gehen werdet. Doch mein Herz w�rde sich freuen, wenn das, was ihr Fjordl�nder die goldenen Hallen der G�tter nennt, nichts anderes w�re als das Mondlicht. Und wenn dies die Wahrheit ist, dann wird Mandreds Seele uns alle eines Tages dort erwarten, auch wenn er seinen K�rper hier zur�cklassen muss.�</p><p>Nuramon kamen erneut die Tr�nen. Der Gedanke, Mandred im Mondlicht wiederzusehen, r�hrte ihn. Er glaubte fest daran. Eine Seele verschwand nicht einfach. Und auch wenn fast alle Albenkinder mit ihrem K�rper, ja sogar mit dem, was sie auf dem Leib trugen, im Mondlicht verschwanden, so waren es doch ausgerechnet die beseelten B�ume, denen man nachsagte, dass sie ihren K�rper zur�cklie�en, um ins Mondlicht zu schweben. Nuramon glaubte daran, dass es Mandred ebenso ergehen w�rde.</p><p>Farodin blickte auf die Stelle, an der Xern die Eichel vergraben hatte. Er und Nuramon hatten sich oft gefragt, wie Atta Aikhjartos Magie Mandred ver�ndert hatte. Nun, am Ende des Weges, hatten sie die Antwort erhalten. Mandred war seit dem Tag, da er nach Albenmark kam, mit Atta Aikhjarto verbunden. Sein K�rper w�rde sich nun mit der Seele Aikhjartos verbinden.</p><p>Die K�nigin ber�hrte Farodin und Nuramon an den Schultern. �Meine beiden treuen Freunde, es ist Zeit f�r den Abschied. Der Zauber schreitet voran, die Albenpfade in die Andere Welt werden schw�cher. Noch habt ihr Zeit dazu, allen euer Lebewohl zu sagen. Kommt!� Emerelle fasste sie beide an der Hand und f�hrte sie zwischen der Trauergemeinschaft hindurch in die Mitte der Lichtung zu den Pferden.</p><p>Farodin und Nuramon hatten in der Nacht �ber Felbion und den Braunen gesprochen und beschlossen, sie zur�ckzulassen. Die beiden Pferde waren ihnen treue Gef�hrten gewesen und hatten es sich verdient, in Albenmark zu bleiben. Also hatten sie die Dinge, die sie mitnehmen wollten, in gro�e Leinentaschen gepackt, die sich bequem �ber der Schulter tragen lie�en. Nun redeten sie den Tieren gut zu. Zu ihrer �berraschung str�ubten sie sich nicht, sondern schwenkten den Kopf immer wieder zu Yulivee.</p><p>�Bei dir werden sie auch weiterhin gut aufgehoben sein�, sagte Nuramon zu der Zauberin und trat zu ihr, w�hrend Farodin zu seinen Verwandten ging. Sie trug rote Trauergew�nder, wie sie in Valemas �blich waren; sie waren von weitem Schnitt und aus feinstem Tuch gewoben. �Wir m�ssen nun Abschied voneinander nehmen. Du bist mir eine gute Schwester gewesen, auch wenn unsere gemeinsame Zeit nur von kurzer Dauer war. Alles, was mir geh�rte, ist nun dein. Du tr�gst mein Verm�chtnis, Schwester.�</p><p>�Ich werde es mit W�rde tragen�, entgegnete Yulivee und zeigte ihr schelmisches L�cheln. �Und ich werde eine Sage schreiben, _Die Sage des Elfen Nuramon_. Sie wird sehr schmeichelhaft sein. Es wird eine lange Erz�hlung sein, von deiner Geburt bis zu diesem Augenblick. Anschlie�end werde ich sie bei Hofe vortragen. Dann werden deine Taten und die deiner Gef�hrten auf ewig ger�hmt.�</p><p>�Du warst schon als Kind eine gute Erz�hlerin�, entgegnete Nuramon.</p><p>Sie lachte.��Ich komme ganz nach meinem Bruder.�</p><p>Nuramon dachte an den Tag zur�ck, da er Yulivee zum ersten Mal begegnet war. �Ich frage mich, was aus dem Dschinn und den H�tern des Wissens geworden ist.�</p><p>�Die Menschen haben die Bibliothek vernichtet.�</p><p>Nuramon senkte den Blick.</p><p>Yulivee legte die Hand unter sein Kinn und hob seinen Kopf. �Habe ich dir die Geschichte von der mutigen Yulivee erz�hlt, die auszog, um in Albenmark die Seelen der Dschinnen und die der H�ter des Wissens zu finden? Habe ich das? Nein?� Sie grinste. �Ich fand sie alle und habe sie nach Valemas gebracht. Wir haben dort eine Bibliothek errichtet. Das alte Wissen ist nicht verloren. Eines Tages werden sie sich an ihr fr�heres Leben erinnern.�</p><p>Nuramon schloss sie in die Arme.��Du bist einzigartig, Yulivee. Leb wohl!�</p><p>Sie k�sste ihn auf die Stirn.��Gr��e Noroelle von mir.� Sie hob den Finger in ironischer Drohung. �Und halte dich von den Ordensrittern fern.�</p><p>�Das werde ich!�, versprach Nuramon.</p><p>Nomja trat n�her. Sie trug hellblaue Kleider aus schwerem Stoff, so wie alle Alvemerer an diesem Tag der Trauer. Sie hielt seinen alten Bogen in H�nden. �Du solltest ihn mitnehmen. Er wird dir gute Dienste leisten.�</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. �Nein, er mag dir ein Zeichen sein. Doch nur, wenn du es willst. Ich habe die Erinnerung an meine fr�heren Leben erreicht. Und du kannst es ebenso. Dann wirst du dich an unsere Zeit in der Menschenwelt erinnern. Der Tod, der dich dort ereilte, wird verblassen und dir gewiss heldenhaft erscheinen.�</p><p>�Und der Bogen soll ein Zeichen daf�r sein?�</p><p>�Du musst ihn nie spannen. Bogen und Sehne sind immer eins, wie die Seele und das Leben.�</p><p>Nomja nickte langsam. �Ich verstehe � Der Weg zur Erinnerung ist lang. Aber ich werde ihn beschreiten, Nuramon.�</p><p>�Leb wohl, Nomja!� Er schloss sie in die Arme. �Du warst mir eine gute Kampfgef�hrtin und eine Freundin.�</p><p>�Nuramon!�, rief eine bekannte Stimme, und Wengalf kam mit Thorwis herbei. Der K�nig trug eine goldene Plattenr�stung, der Zwergenzauberer seine schwarze Robe.</p><p>Nuramon ging in die Hocke und legte seinem alten Freund die Hand auf die Schulter. �Danke f�r alles, Wengalf.�</p><p>Die Augen des K�nigs funkelten.��Ich werde Alwerich von diesem Tag erz�hlen, wenn er wiedergeboren ist. Er w�re gewiss gerne dabei gewesen.�</p><p>�Sage ihm, dass ich ihm seine letzte Heldentat nie vergessen werde. Und sag Solstane, dass es mir Leid tut.�</p><p>�Das werde ich.�</p><p>�Kennst du nun das Geheimnis deiner Schwerter?�, fragte Thorwis.</p><p>�Ja. Emerelle hat mir alles erz�hlt. Und meine Erinnerung ordnet sich allm�hlich. Ich verdanke euch Zwergen, was ich heute bin. Lebt wohl in euren alten Hallen und vergesst mich nicht.�</p><p>W�hrend Nuramon sich nun von seiner Sippe verabschiedete, traf Farodin auf Giliath. Die K�mpferin l�chelte ihn an.</p><p>Sie hatten sich im Morgengrauen vor Emerelles Burg getroffen, und Giliath hatte das Duell gewonnen. Sie hatte ihm einen Schlag auf die Wange versetzt. Damit war der Kampf entschieden gewesen.��In Valemas ist es Brauch, einem Freund eine Bitte zu erf�llen, bevor man geht�, sagte sie.</p><p>�Was ist es?�, fragte er und l�chelte zur�ck. �W�nschst du noch ein Duell?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, diese Fehde ist endg�ltig ausgetragen�� Wenn eines meiner Kinder ein Sohn sein sollte, darf ich ihm deinen Namen geben?�</p><p>�Wie viele Kinder gedenkst du denn zu bekommen?�</p><p>�Ein langer Krieg ist vor�ber, Farodin. Das Sterben hat ein Ende. Es ist die Zeit des Lebens angebrochen. Unz�hlige Seelen wollen wiedergeboren werden.�</p><p>Ihr Lachen drang zu Nuramon. Er wandte sich um, und sein Blick fiel auf Obilee, die abseits stand, als wollte sie das Geschehen aus sicherer Entfernung betrachten. Auch sie trug das blaue Gewand der Alvemerer. Er trat zu ihr. �M�chtest du dich nur von ferne von mir verabschieden?�, fragte er.</p><p>�Es ist nur���, begann sie leise.��Es tut mir Leid, was ich in jener Nacht gesagt habe. Ich h�tte schweigen sollen. Den Augenblick, den du mir geschenkt hast, h�tte ich nicht annehmen d�rfen.�</p><p>�Sag das nicht, Obilee. Der Augenblick war dein, und es liegt nichts Schlechtes in ihm.� Er fasste ihre Hand. �Bewahre diesen Moment in deiner Erinnerung als etwas Sch�nes. Farodin und ich werden nun gehen. Eines Tages werden wir stark genug sein, Noroelle zu befreien. Mach dir keine Sorgen um uns, sondern erinnere dich stets daran, dass wir in der Anderen Welt abseits von allem �bel leben und an dich und all die anderen denken. Wir werden uns ausmalen, wie du einem vortrefflichen Elfen begegnest und dich in ihn verliebst. Und wir werden uns fragen, wie viele Kinder du haben wirst und ob sie ihrer Mutter nacheifern werden. Eines Tages werden wir dich im Mondlicht wiedersehen. Und dann werden wir von dir die Wahrheit erfahren.� Er umarmte sie innig.</p><p>�Ich danke dir�, fl�sterte sie leise.</p><p>Gemeinsam mit Farodin trat Nuramon nun vor die K�nigin, die mit den anderen am Albenstern versammelt war. Dort lag ein flacher, runder Fels im Boden. In ihm liefen die Pfade zusammen.</p><p>Emerelle trug an diesem Tag ein gr�nes Kleid mit roten Stickereien. Sie empfing die beiden mit den Worten:��Meine beiden treuen Krieger, ich sehe, ihr habt euren Abschied genommen. Hier ist euer Tor, die letzte Pforte in die Andere Welt.� Neben der K�nigin auf der Felsplatte erschien ein Lichtfaden und schob sich zu einer breiten Wand auseinander, die sich vom einen Ende des Felsens zum anderen spannte. �Ihr beide werdet die Letzten sein, die von Albenmark in die Andere Welt gehen. Lebt wohl, meine Getreuen!� Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und k�sste sie beide auf die Stirn.</p><p>�Leb auch du wohl, Emerelle�, sagte Farodin. �Du warst uns eine gute K�nigin. Wir bereuen nicht, den Albenstein f�r all dies geopfert zu haben.� Er deutete zu den Baumkronen. �Albenmark zu verlassen und zu wissen, dass es auf immer bl�hen wird, beruhigt mich.�</p><p>Nuramon machte einen Kniefall vor Emerelle, fasste ihre Hand und k�sste sie, wie es fr�her am Hofe �blich gewesen war. �Meiner K�nigin sage ich Dank, dass sie immer das tat, was das Schicksal verlangte.� Er richtete sich auf.��Der alten Kampfgef�hrtin aber m�chte ich die Zeit in Ischemon danken.�</p><p>Farodin war �ber die Worte seines Gef�hrten verwundert. Gewiss, die K�nigin war einst in Ischemon gewesen, aber das lag so fern zur�ck, dass nur noch die M�rchen davon erz�hlten.</p><p>Nuramon lie� sich nicht beirren. Er sprach weiter.��Ich danke dir f�r den Pfad, auf den du mich gef�hrt hast und der nun Albenmark verl�sst. Leb wohl, Emerelle!�</p><p>Die beiden Gef�hrten waren schon im Begriff, auf das Tor zuzugehen, als die K�nigin sich noch einmal an sie wandte. �Wartet noch einen Augenblick! Ich kann euch nicht gehen lassen � Nicht, ohne euch meine Entschuldigung mit auf den Weg zu geben.� Aus den Falten ihres Gewandes holte sie etwas hervor, das Farodin und Nuramon erstarren lie�. Es war ein Stundenglas, das fast v�llig mit Sand gef�llt war!</p><p>Ein Raunen ging durch den Wald. Nuramon sah, dass allein Yulivee und Xern nicht �berrascht zu sein schienen.��Ist es _das_ Stundenglas?�, fragte Nuramon.</p><p>�Ja, es ist das, mit welchem ich Noroelle verbannte. Ich habe es an dem Stein zerschlagen. Viel des Sandes und auch die Scherben nahm ich mit mir zur�ck nach Albenmark. Ich versteckte alles tief unter meiner Burg; dort, wo ihr es nicht finden konntet. Ich wusste, der Tag w�rde kommen, da ich es euch geben wollte. Doch bis heute musste ich die kalte K�nigin sein, damit all das geschehen konnte, was geschehen ist.� Sie wandte sich an Farodin.��Gib mir den Sand aus deiner Silberflasche!�</p><p>Er holte das Fl�schchen hervor, und Emerelle �ffnete den Deckel des Glases. Farodin entleerte das Silberfl�schchen �ber dem Stundenglas, und der feine Sand rieselte hinab. Dann steckte er das Fl�schchen fort und sah zu, wie die K�nigin den Deckel wieder auf das Stundenglas setzte.</p><p>Emerelle sprach: �Es fehlt noch viel Sand. Doch ihr werdet den Rest nicht ben�tigen, um das Tor zu �ffnen. Dies wird die Zauberbarriere brechen. Ihr beiden und Noroelle werdet die letzten Albenkinder in der Anderen Welt sein. Sucht euren Schicksalspfad. Doch handelt nicht t�richt. Denn wenn ihr sterbt, werdet ihr nicht bei uns wiedergeboren. Das Mondlicht aber ist f�r euch in der Anderen Welt erreichbar. Strebt danach! Sucht eure Bestimmung!� Die K�nigin hielt Farodin das Glas hin.</p><p>Mit zitternden H�nden nahm Farodin das Stundenglas entgegen. Er tauschte einen Blick mit Nuramon, der noch immer wie erstarrt war.��Wir danken dir, Emerelle!�, war alles, was Farodin hervorbrachte. Er warf einen letzten Blick zu Giliath und Orgrim, mit dem ihn nicht l�nger der Wunsch nach Rache verband. Sie l�chelten ihm zu, und der Trollk�nig winkte gar mit seinen gewaltigen Armen.</p><p>�Geht! Die Pfade in die Andere Welt sind fast verblasst. Ihr m�sst jetzt aufbrechen, oder ihr m�sst f�r immer bleiben.�</p><p>Nuramon legte Farodin die Hand auf die Schulter. �Komm!� Sein Gef�hrte blickte ihn an und nickte mit einem Schmunzeln. Dann schritten sie Seite an Seite voran ins Licht. Nuramon hatte sich vorgenommen, nicht mehr zur�ckzublicken, doch als er vom Licht umgeben war, konnte er nicht anders, als �ber die Schulter zu sehen. Da standen sie und l�chelten ihnen zu: Emerelle und Yulivee, Obilee, Nomja, ihre Verwandten und Wengalf. An Mandreds Grab war Xern, der ihm w�rdevoll hinterherschaute. Nuramon wollte all diese Gesichter f�r immer im Ged�chtnis behalten. Langsam verblasste die Lichtung hinter ihm, und damit verschwanden all jene, die er lieb gewonnen hatte. Zur�ck blieb nur das Wei� des Tores, durch das er schritt. Seine Augen w�rden Albenmark nie wiedersehen.</p></section><section><title><p>Das Mondlicht</p></title><p>Sie warteten auf die Ebbe. Farodin sa� an einen Baum gelehnt, Nuramon auf dem Stein, an dem die K�nigin einst das Stundenglas zerschlagen hatte. Und beide lie�en sie die zur�ckliegenden Jahre an sich vor�berziehen.</p><p>Farodin dachte an das letzte Mal, da er Noroelle gesehen hatte. Sie war so �ngstlich gewesen und hatte gef�rchtet, ihnen k�nnte etwas geschehen. Wer h�tte damals schon geglaubt, dass sie es war, der etwas zusto�en k�nnte?</p><p>Nuramon blickte weit zur�ck auf die Anf�nge seines Daseins, das so viele Leben gesehen hatte. Er erinnerte sich daran, ein Kampfgef�hrte der K�nigin gewesen zu sein, der Vater von Gaomee und der Freund Alwerichs und Wengalfs. Doch nichts bedeutete ihm mehr als dieses Leben. So gl�nzend manche der fr�heren Ereignisse auch schienen, nichts konnte ihn so sehr ber�hren wie die letzten Jahre.</p><p>Farodin strich mit der Hand �ber das Stundenglas, das neben ihm ruhte.��Wir waren so wenige Jahre unterwegs, und doch erscheint es mir wie eine Ewigkeit�, sagte er leise.</p><p>Nuramon l�chelte. �Ich habe f�nfzig Jahre auf dich und Mandred gewartet. F�r mich war es eine viel l�ngere Zeit, als du glaubst.�</p><p>�Mandred!�, sprach Farodin und lie� den Blick ins Leere fahren. �Ob die K�nigin Recht hat mit ihrer Vermutung?�</p><p>�Ich glaube, Mandreds Seele ist wie die eines Baumes ins Mondlicht gegangen. Ich w�nschte, er w�re hier, am Ende unseres Weges. Ich vermisse ihn�� und sein loses Mundwerk.� Nuramon w�rde nie vergessen, wie Mandred seinen Sohn Alfadas mit Axt�bungen gequ�lt hatte oder wie er in Iskendria den Weinkeller in Beschlag genommen hatte.</p><p>Nuramon seufzte und starrte ins Wasser. �Ich habe Angst. Was wird uns dr�ben erwarten?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, entgegnete Farodin.��Ich kann nur hoffen, dass Noroelle nicht zu sehr gelitten hat, sondern ihr wundervolles Wesen den Ort jenseits des Tores zum Bl�hen gebracht hat.� Er hatte sich manches Mal ausgemalt, wie Noroelle wohl in ihrer kleinen Scherbe der Zerbrochenen Welt lebte. Gewiss wartete sie nicht auf sie, sondern hatte sich mit ihrer Lage abgefunden.</p><p>Nuramon starrte auf die Muscheln und dachte an das letzte Mal, da sie beide dort gestanden hatten. Sie waren j�mmerlich an der Macht der Barriere gescheitert. Nun aber w�rde sie nichts mehr aufhalten.</p><p>�Es ist Ebbe!�, sagte Farodin und erhob sich.</p><p>Nuramon nickte und stand ebenfalls auf.</p><p>Sie gingen �ber den welligen Sand zu den Muscheln und verharrten dort lange. Nun, da sie so weit gekommen waren, hatten sie es nicht eilig, den Zauber zu wirken. F�r Noroelle waren mehr als tausend Jahre vergangen. Was bedeutete da dieser eine Augenblick der Ruhe!</p><p>Schlie�lich tauschten die beiden Elfen einen Blick und machten sich ans Werk. Farodin legte das Stundenglas in den Muschelkreis. Dann fragte er:��Du oder ich?�</p><p>Nuramon reichte Farodin als Antwort seine Hand.</p><p>Farodin nickte. Sie w�rden das Tor gemeinsam �ffnen.</p><p>Sie schlossen die Augen, und jeder sah auf seine Weise den Albenstern. Der Pfad nach Albenmark war f�r immer erloschen. Als sie den Zauber woben, sp�rten sie, dass Emerelles Barriere verschwunden war. Sie hatten so oft Tore ge�ffnet, dass es ihnen nicht schwer fiel, auch dieses aufzutun. Doch es war nicht das Gleiche. Nur um dieses eine Tor war es ihnen in all den zur�ckliegenden Jahren gegangen. Endlich gab es nichts mehr, was sie von ihrer Liebsten trennte.</p><p>Als sie die Augen �ffneten, sahen sie das Lichttor vor sich. Und wieder z�gerten sie beide.</p><p>Nuramon sch�ttelte den Kopf. �So ein schwieriger Weg, und nun soll es nur einen Schritt kosten, und wir haben unser Ziel erreicht?�</p><p>Farodin f�hlte dasselbe.��Lass uns Seite an Seite gehen� Freund.�</p><p>�Ja�� Freund�, entgegnete Nuramon.</p><p>Gemeinsam schritten sie durch das Tor und hatten das Gef�hl zu fallen. Dann aber sp�rten sie unter den F��en den welligen Meeresgrund. Doch statt im Wasser standen sie im kn�cheltiefen Nebel. Vor ihnen lag eine gr�ne Insel, die von dem Nebelmeer umgeben war, das weit in der Finsternis verschwamm. Auf der Insel war ein Wald, dessen B�ume mit Moos �berwuchert waren. Leises Vogelgezwitscher drang bis ins Watt. Ein gr�nliches Licht lag �ber dem Wald, das wie ein d�nner Schleier unter den Baumwipfeln im Wind zu schweben schien.</p><p>Langsam n�herten sich Farodin und Nuramon der Insel. Ihre Schritte pl�tscherten auf feuchtem Boden.</p><p>Nuramon atmete tief ein.��Dieser Duft!�</p><p>Farodin wusste sogleich, was Nuramon meinte. Es duftete wie an Noroelles Quelle.��Sie ist hier!�, sagte er.</p><p>Kaum hatten sie die F��e auf den Sand des Strandes gesetzt, da vernahmen sie eine Stimme, die ein vertr�umtes, melancholisches Lied sang. Es war Noroelles Stimme! Wie oft hatten sie des Nachts unter freiem Himmel im Gras gesessen und dem Gesang ihrer Liebsten gelauscht.</p><p>Obwohl sie Noroelle in der N�he wussten, gingen sie nicht schneller, sondern taten bed�chtig Schritt um Schritt und sahen sich dabei um. Sie hatten zwar V�gel geh�rt, doch sehen konnten sie keine. Aus dem gr�nen Licht �ber ihnen senkten sich hauchd�nne Nebelschwaden und verliehen dem Wald eine Aura des Geheimnisvollen. Die B�ume hier standen so dicht beieinander, dass ihre Wurzeln sich verschr�nkten. Knorrig ragten sie aus dem Erdreich hervor.</p><p>Sie kamen dem Gesang immer n�her. Als sie schlie�lich an den Rand einer kleinen Lichtung traten, erstarrten sie in der Bewegung. Dort vor ihnen sa� Noroelle auf einem wei�en Stein. Sie wandte ihnen den R�cken zu und schien in den kleinen Teich zu ihren F��en zu schauen. Ihr dunkles Haar fiel ihr weit �ber die Schultern. Es war gewachsen, seit Farodin und Nuramon sie zuletzt gesehen hatten.</p><p>Farodin war gebannt. In seinen Ohren hatte sich der Gesang ver�ndert. Zwar war ihre Stimme noch die gleiche, doch sang sie die Melodie, wie Aileen es gern getan hatte, wenn sie sich allein w�hnte. Sie sang ein paar Verse und summte dann nur noch die Melodie.</p><p>Endlich waren sie angekommen. Allein dieser Augenblick war ihnen all die M�hen und N�te wert. Farodin fiel die Last eines ganzen Lebens von den Schultern.</p><p>Nuramon war es, der es wagte, das Wort an Noroelle zu richten. Er sprach:��_O schau nur, holdes Albenkind!_�</p><p>Noroelle fuhr zusammen. Eine Stimme, die sie nicht herbeigezaubert hatte? Sie lauschte, aber da kam nichts weiter. Doch dann sp�rte sie, dass da jemand war. Sie erhob sich. Und als sie sich umwandte, traute sie ihren Augen nicht. �Bei allen Alben! Ist das ein Trugbild? Ein Zauber meiner Sehnsucht? O s��e Sehnsucht! Welch ein Geschenk!�</p><p>Farodin und Nuramon traf es wie ein Blitz, das wundersch�ne Antlitz ihrer Geliebten wiederzusehen. Sie hatte sich nicht ver�ndert. Sie sah noch aus wie an jenem Tag, da sie sich von ihr hatten trennen m�ssen, um auf die Jagd nach dem Manneber zu gehen. Sie trug ein wei�es Kleid und um den Hals eine Kette aus geflochtenem Gras, in die ein Aquamarin eingefasst war.</p><p>�Du irrst dich, Noroelle�, sagte Farodin mit weicher Stimme.��Wir sind es selbst!�</p><p>�Wir sind gekommen, um dich zu befreien�, setzte Nuramon nach.</p><p>Noroelle sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. Das war nicht m�glich! Die K�nigin hatte ihr vor all den Jahren klar gemacht, dass es keine Hoffnung gab. Und nun sollten ihre Liebsten doch einen Weg zu ihr gefunden haben? �ngstlich n�herte sie sich den beiden, dann hielt sie inne und starrte die beiden lange an, ehe sie die zitternden H�nde nach ihnen ausstreckte. Sie fuhr ihnen �bers Gesicht und hielt dabei den Atem an. Ihr Blick wanderte zwischen ihren H�nden hin und her. Sie konnte einfach nicht glauben, dass sie wahrhaftig die Gesichter ihrer Liebsten ber�hrte. Sie strich Nuramon durch die einzelne wei�e Str�hne in seinem Haar. Er hatte sich ver�ndert. Farodin aber sah genauso aus wie damals.</p><p>�Was habt ihr auf euch genommen, um hierher zu gelangen?� Sie lie� von ihren Liebsten ab und wich einen Schritt zur�ck. �Welche Schrecken habt ihr hinter euch gelassen, um mich zu retten?� Sie begann zu weinen.</p><p>Nuramon und Farodin fassten ihre H�nde, wagten es aber nicht, etwas zu sagen. Sie schauten Noroelle nur an, und es schmerzte sie, ihre Tr�nen flie�en zu sehen.</p><p>�Verzeiht�, sagte die Elfe.��Ihr seid zu mir gekommen, und ich weine, als w�re es ein Verh�ngnis.� Sie l�chelte gequ�lt.��Aber versteht, dass ich nie und nimmer���</p><p>Nuramon legte sanft einen Finger auf ihren Mund. �Wir verstehen dich, Noroelle!�</p><p>Sie k�sste Nuramons Hand und danach auch die Farodins. Dann l�chelte sie befreit.��F�hrt mich hinaus in die Andere Welt, meine Liebsten! Bringt es zu Ende!�</p><p>Farodin und Nuramon nahmen Noroelle in die Mitte und schritten langsam durch den Wald.</p><p>Pl�tzlich blieb Nuramon stehen.</p><p>�Was ist mit dir?�, fragte Farodin.</p><p>Nuramon schaute Noroelle in die Augen. �Unsere Suche ist am Ende.� Langsam zog er das Schwert der Gaomee.��Diese Waffe trage ich seit jener Nacht vor dem Auszug der Elfenjagd. Sie hat mich unsere ganze lange Reise begleitet. Doch nun beginnt ein neuer Weg.� Er stie� die Waffe in den Boden. Dann kehrte er an die Seite von Noroelle und Farodin zur�ck, und sie gingen weiter, dem Albenstern entgegen.</p><p>Noroelles Blick wanderte zwischen ihren beiden Liebsten hin und her. So viel Zeit war vergangen, und doch erschien es ihr so, als h�tten sie alle drei vor kurzem noch an ihrem See im Schatten der Linden gesessen.</p><p>Nuramon konnte sein Gl�ck kaum fassen. Seine Liebste nach all den Jahren wieder zu ber�hren, ihre Stimme zu h�ren, ihr Antlitz zu sehen und ihren Duft zu atmen! Auch wenn er fest daran geglaubt hatte, eines Tages hier zu sein und genau das erleben zu d�rfen, was nun geschah, war ihm pl�tzlich so, als k�nnte dies nur ein Traum sein.</p><p>Farodin musste daran denken, wie unterschiedlich er und Noroelle die Zeit erlebt hatten. F�r ihn waren nur wenige Jahre vergangen, f�r Noroelle Jahrhunderte. Es h�tte ihn nicht gewundert, wenn sie sich ver�ndert h�tte. Doch zu seiner �berraschung hatte er das Gef�hl, dass sie noch immer dieselbe war wie damals beim Abschied vor der Elfenjagd.</p><p>Sie verlie�en die Insel, schritten durch das Nebelmeer und erreichten den Albenstern. Nuramon und Farodin wollten gerade das Tor wieder �ffnen, da hielt Noroelle ihn zur�ck. �Lasst mich diesen Zauber sprechen.� Sie erinnerte sich an das letzte Mal, dass sie es getan hatte. Damals war sie mit ihrem Sohn in die Menschenwelt geflohen.</p><p>Farodin und Nuramon traten zur�ck und betrachteten ihre Liebste. Die Fauneneiche hatte ihnen viel von den K�nsten Noroelles erz�hlt.</p><p>Sie schaute auf. Eine Sonne gab es hier nicht. Sie war auf sich allein gestellt. So schloss sie die Augen, sah die Albenpfade und lie� ihre eigene Zauberkraft in deren Strom einflie�en. Sie konnte sp�ren, wie sich die Magie auf den Pfaden in der Umgebung verbreitete. Dann schlug Noroelle die Augen auf und l�chelte.</p><p>Farodin und Nuramon waren verwundert, als sie merkten, wie alles um sie herum sich wandelte. Es wurde heller, der Nebel schwand, und der Boden verformte sich leicht. In der Ferne drangen die W�lder und die Berge aus der Finsternis, und die Insel im gr�nen Licht verwandelte sich in die Insel der Menschenwelt. Der Himmel wurde dunkelblau. Es d�mmerte, und die Sterne gingen auf. Nuramon und Farodin standen da und staunten. So m�chtig war der Torzauber ihrer Liebsten!</p><p>Noroelle atmete die Luft tief ein. �Es ist wundersch�n.� Sie sah das Stundenglas, das im Muschelkreis stand, nahm es auf und ging voraus zur Insel. Am Stein blieb sie stehen und schaute zum Albenstern zur�ck. �Hier stand die K�nigin, als sie das Tor �ffnete und mich fortschickte.� Sie zerschlug das Stundenglas an dem Stein. Das Glas zerbrach, und der Sand verteilte sich.��Nun schlie�t sich auch dieser Kreis.� Sie deutete zum Wald. �Dort auf der kleinen Lichtung hat Emerelle mir gesagt, dass ich jede Hoffnung vergessen soll. Ich w�rde alles verlieren, selbst das Mondlicht. Und sie hat es so liebevoll gesagt, als w�re nicht sie es, die das Urteil �ber mich sprach. Lasst uns dort hingehen!� Sie schritt voran. Ihre Liebsten nahmen die Taschen auf, die am Waldrand lagen, und folgten ihr.</p><p>Sie erreichten die Lichtung auf der anderen Seite der Insel. Hier hatten Farodin und Nuramon mit ihren Gef�hrten vor langer Zeit ein Lager aufgeschlagen. Nichts erinnerte mehr daran.</p><p>�Lasst uns hier sitzen�, sagte Noroelle. Sie fasste ihre Liebsten bei den H�nden, und gemeinsam lie�en sie sich im hohen Gras nieder. �Erz�hlt mir alles, was ihr erlebt habt. Alles. Ich m�chte es wissen.�</p><p>Nuramon holte zwei Barinsteine aus seiner Tasche, die ihm Wengalf letzte Nacht geschenkt hatte, und legte sie ins Gras. Er sah Farodin fragend an, und dieser nickte. Dann begann er mit den Worten:��Als wir durch das Tor bei Atta Aikhjarto schritten und in die Andere Welt kamen, da erkannte ich, wie sehr sich diese Gefilde von unserer Heimat unterscheiden. Die Luft war tr�be, und die Dinge schienen auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen. Wir fanden die Spur des Mannebers, und als die Nacht kam, da lagerten wir in einem Wald. Und dort begann das Verh�ngnis���</p><p>Farodin lauschte den Worten Nuramons und wurde ganz in ihren Bann geschlagen. Sein Gef�hrte besa� eine Erz�hlstimme, die mit keiner anderen zu vergleichen war. Er beneidete ihn ein wenig darum. Nuramon schreckte nicht davor zur�ck, Noroelle die Geschehnisse und Gr�uel jener Nacht in allen Einzelheiten zu beschreiben. In Noroelles Gesicht konnte Farodin lesen, wie nahe ihr die Erz�hlung ging. Sie umfasste den Aquamarin, den sie an der geflochtenen Kette trug, und immer wieder stockte ihr der Atem. Die Erz�hlung von Farodins Heilung durch Nuramons H�nde lie� sie zittern. Und Farodin sp�rte, wie sehr sein Herz klopfte. Er hatte diese Geschichte so noch nie aus dem Munde seines Gef�hrten vernommen. Als er von der R�ckkehr nach Albenmark sprach und von Obilee und ihrem Empfang auf der Terrasse, fragte Nuramon, wie Farodin diesen Moment wahrgenommen hatte. Und fortan wurde ihre Geschichte ein Wechselspiel zwischen den beiden Gef�hrten.</p><p>Noroelle hing an jedem Wort, das ihre Liebsten sprachen. Sie l�sten einander bald so harmonisch ab, als h�tten sie in den letzten Jahrhunderten Tag f�r Tag ein gro�es Epos gelernt. Wenn sie von den Leiden erz�hlten, standen ihr die Tr�nen in den Augen. Wenn sie von den Eskapaden Mandreds erz�hlten, da musste sie lachen, selbst wenn sie derb waren und ihre Geliebten W�rter in den Mund nahmen, die sie fr�her wohl schockiert h�tten. Sie erz�hlten bis sp�t in die Nacht hinein.</p><p>Nuramon endete mit den Worten:��Die K�nigin sagte uns, wir drei w�ren die letzten Albenkinder in der Anderen Welt. Dann schritten wir durch das Tor. Der Pfad nach Albenmark l�ste sich auf, und mit dem Schritt in die Zerbrochene Welt endete unsere Suche. Und das ist die Geschichte von Noroelle der Zauberin, von Farodin dem gro�en Recken, von Nuramon der alten Seele und von Mandred Torgridson, dem Menschensohn.�</p><p>Sie schwiegen lange und sahen einander an.</p><p>Noroelle w�nschte sich, dieser Augenblick k�nne ewig w�hren. Sie lie� die Geschehnisse, die ihre Liebsten geschildert hatten, noch einmal an sich vor�berziehen. �Ich w�nschte, ich k�nnte Mandred danken! Ich habe ihn nur so kurz gesehen, aber eure Worte haben ihn auch zu meinem Gef�hrten gemacht. Vielleicht steht den Menschen das Mondlicht tats�chlich offen. Und ihr, meine beiden, ihr habt mehr getan, als irgendwer von euch erwarten konnte. Ich gab euch die Steine, um euch vor dem Devanthar zu sch�tzen. Nie und nimmer h�tte ich erwartet, dass ihr nach mir suchen und mich befreien w�rdet.� Sie strich sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht. �Ich freue mich f�r euch, denn ihr werdet in Albenmark auf immer Helden sein. Besonders f�r dich freue ich mich, Nuramon. Du hast deine Erinnerung gefunden, und nun wei�t du, was ich immer gesp�rt habe: dass du mehr bist, als du scheinst. In all den Jahren in meiner kleinen Welt habe ich gelernt, in mich hineinzublicken. Und auch ich bin mehr, als ich scheine. Denn auch ich trage die Seele einer gestorbenen Elfe in mir.�</p><p>Damit hatte Nuramon nicht gerechnet. �Auch du erinnerst dich an deine fr�heren Leben?�</p><p>�Ja. Fr�her hie� ich Aileen. Wie so viele starb ich in den Trollkriegen bei der Shalyn Falah. Dolgrim, der Herzog der Trolle, hat mich einst erschlagen.�</p><p>Farodin wich den Blicken Noroelles aus. Seine Liebste erinnerte sich an ihr fr�heres Leben! Dann musste sie sich auch an ihn erinnern.</p><p>Noroelle strich Farodin �ber die Wange.��Warum hast du es mir nicht gesagt? Warum hast du nicht gesagt, dass ich die Seele Aileens in mir trage?�</p><p>�Ich wollte nicht, dass du mich wegen einer alten Verpflichtung liebst.�</p><p>�Dann hast du aus dem richtigen Grund geschwiegen� Ich habe dir damals die ewige Liebe versprochen. Doch ich war Aileen, und als Noroelle habe ich euch beiden neue Versprechen gegeben. Ich habe euch gesagt, dass ich meine Entscheidung treffen w�rde, wenn ihr von der Elfenjagd zur�ckkehrt. Und dann habe ich sie offen gelassen, weil ich dachte, ich w�rde euch nie wiedersehen. Ich w�nschte, ich k�nnte euch beide w�hlen. Und nun, da wir die einzigen Albenkinder in dieser Welt sind, w�re das gewiss ein kluger Pfad. Doch mir ist offenbar geworden, wem mein Herz geh�rt und was geschehen wird, wenn ich mich zu ihm bekenne.�</p><p>Farodin wurde unruhig. Sie hatten sich so lange um Noroelle gesorgt, dass ihre Entscheidung f�r eine Weile unwichtig geworden war. Doch nun kehrten sie auf ihrem Pfad dorthin zur�ck, wo sie damals am Beginn der Elfenjagd gestanden hatten. Und es gab jetzt keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen. Nun w�rde sich entscheiden, ob seine Suche nach Aileen und dann die Suche nach Noroelle, ja, ob sein ganzes Leben Fr�chte trug.</p><p>Nuramon war noch immer �berrascht, dass Farodin Noroelle als Aileen kannte. Er musste an den Streit in Iskendria denken, wo er Farodin viele Vorw�rfe gemacht hatte, weil er sich Noroelle lange Zeit nicht hatte offenbaren k�nnen. Nun verstand er, warum sein Gef�hrte es so gehalten hatte.</p><p>�Ich sehe, wie sehr euch meine Worte aufw�hlen�, sagte Noroelle. �Ihr beide h�ttet eine erf�llte Liebe verdient. Wer w�re jemals so weit gegangen wie ihr? Welche Minneherrin hat jemals einen solchen Dienst empfangen? Doch ich kann nicht aus Dankbarkeit lieben.� Sie fasste Farodins Hand. �Du bist der Mann, den ich einst liebte, als ich Aileen war. Du warst alles, wonach ich mich damals sehnte. Doch ich bin schon seit langem Noroelle. Und Noroelle ist viel mehr, als Aileen einst war. Betrachte mich wie eine Elfe, die sich �ber die Jahrhunderte ver�ndert hat und nicht dieselbe geblieben ist. Selbst du hast dich ver�ndert, seit wir uns bei der Elfenjagd verabschiedeten. Du versteckst deine Gef�hle nicht mehr.� Nun nahm sie Nuramon bei der Hand. �Und du bist gewachsen, wie ich es mir immer gew�nscht habe. Wie ich selbst bist du so viel mehr als damals. Ich kann begreifen, wie du dich f�hltest, als die Erinnerung emporkam � Die Frage ist: Waren Farodin und ich damals f�reinander bestimmt? Oder hatten wir bereits unsere Zeit? Und war Aileen die Liebste Farodins, und ist Noroelle die Liebste Nuramons? Ich kenne die Antwort. Nach all diesen Jahren, die f�r mich vergangen sind, sollt ihr sie h�ren.�</p><p>Sie schaute sich auf der Lichtung um. �Hier hat mir die K�nigin offenbart, dass einer von euch mein Schicksal ist. Sie sagte mir: _Wen auch immer du gew�hlt h�ttest, mit ihm w�rst du ins Mondlicht gegangen. Doch dies wird nun nimmermehr geschehen_. Ich wei� nicht, ob die K�nigin damals schon wusste, wie es enden w�rde. Doch nun seid ihr hier, und das, was mir verwehrt schien, kann nun geschehen. Ich habe meine schwere Wahl getroffen. Du bist es���</p><p>Sie blickte Farodin an, und dieser wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. _Du bist es!_ War er nun derjenige, den sie erw�hlt hatte, oder der, den sie abwies? Sein Herz pochte.</p><p>�Wir waren f�reinander bestimmt, vom ersten Tag an�, setzte Noroelle nach. �Wir werden Hand in Hand ins Mondlicht gehen.�</p><p>Eine schwere Last fiel von Farodin ab. Dies war der Augenblick, auf den er sein Leben lang gewartet hatte. Ihm kamen die Tr�nen. Er schaute zu Nuramon und sah den leeren Blick seines Gef�hrten.</p><p>Noroelles Worte hallten in Nuramons Gedanken nach. Sie w�rde mit Farodin ins Mondlicht gehen? Und er w�rde hier allein zur�ckbleiben, auf immer von Albenmark getrennt? Er w�rde gefangen sein in einer riesigen Welt. Seine Gef�hle �bermannten ihn. Verzweiflung und Angst trieben ihm die Tr�nen in die Augen.</p><p>Noroelle trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.��Es tut mir Leid, Nuramon�, sagte sie leise.</p><p>Es fiel ihm schwer, sie anzuschauen. Als er aber aufblickte und in ihre blauen Augen sah, kehrten all die Erinnerungen an die Tage an ihrem See zur�ck. Er hatte zwanzig Jahre mit ihrer Zuneigung gelebt, und er hatte seine Liebste gemeinsam mit Farodin gerettet.</p><p>Noroelle wischte ihm die Tr�nen fort. �Ich bin nicht dein Schicksal, Nuramon. Ich bin nicht dein Weg ins Mondlicht. Ich liebe dich, wie ich Farodin liebe. Doch du bist nicht meine Bestimmung. Und es schmerzt mich zu wissen, dass du diesen ganzen Weg auf dich genommen hast, um am Ende allein dazustehen. Du hast mir von Obilee erz�hlt. Und ich danke dir f�r den Augenblick, den du ihr geschenkt hast, und f�r die s��en Worte, die du f�r sie gefunden hast. Es ist wie ein Dolch in meinem Herzen, zu wissen, wie sehr sie dich liebt und vermisst. Nun trennen euch Welten, die nie wieder zusammenfinden werden. Und das alles meinetwegen! Das kann ich nie wieder gutmachen.�</p><p>Nuramon strich Noroelle durchs Haar. �Das hast du bereits getan. Allein dich noch einmal sehen zu d�rfen war alles wert, was ich durchlebt habe.�</p><p>�Du musst auf dem Pfad gehen, der nur dir bestimmt ist. Schau in dich hinein! Dann wirst du sehen, dass es dein Schicksal ist, durch die Jahrhunderte zu wandern. Nicht wir drei sind die letzten Albenkinder in dieser Welt, sondern du wirst es sein.�</p><p>Sie k�sste ihn und streichelte ihm �ber die Wangen. Dann hauchte sie:��Bald werde ich nur noch Erinnerung sein, genau wie alles andere.� Sie k�sste ihn erneut.��Ich liebe dich. Vergiss das nie, Nuramon!�</p><p>Sie l�ste sich von ihm und wandte sich an Farodin. �Du hast so lange auf mich gewartet�, sagte sie. �Und nun bin ich erwacht und erinnere mich an alles, was einst gewesen ist.� Sie schaute auf. �Da! Das Ende ist nahe! Der Mond scheint hell! Und ich sp�re, wie er uns ruft, Farodin. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Komm!� Sie fasste ihn bei den H�nden und zog ihn auf die Beine.</p><p>Nuramon erhob sich ebenfalls. Nun wusste er, wie sich Obilee gef�hlt hatte. Auch er hatte ihr gesagt, sie sei nicht seine Bestimmung. Und sie hatte ihn gehen lassen. Das Gleiche musste er nun tun.</p><p>Farodin trat mit Schuldgef�hlen vor Nuramon. Obwohl er am Ziel seines Lebens war, schmerzte es ihn, seinen Freund so traurig zu sehen und einsam zu wissen. �Ich w�nschte, es m�sste nicht hier und jetzt enden. Ich w�nschte, wir h�tten ein Jahrhundert, in dem wir drei dieses Land dort drau�en erkunden k�nnten.�</p><p>�Schau dir Noroelle an�, entgegnete Nuramon. �Und dann sage mir, dass du dir irgendetwas anderes w�nschst als das, was euch bevorsteht.�</p><p>�Du hast Recht. Doch ich werde dich vermissen.�</p><p>Nuramon reichte Farodin die Hand zum Kriegergru�.</p><p>Farodin schlug ein.��Leb wohl, Nuramon! Denk immer daran, was uns verband.�</p><p>�Ich werde es niemals vergessen�, erwiderte er.</p><p>�Wir werden uns einst im Mondlicht sehen. Da werden Noroelle und ich auf dich warten. Und ich hoffe, Mandred ist bereits dort.�</p><p>Nuramon musste schmunzeln. �Wenn es so ist, dann sage ihm, dass seine Tat die Firnstayner zu Albenkindern machte.�</p><p>Sie umarmten sich.</p><p>Dann kam Noroelle und schloss ihrerseits Nuramon in die Arme.��_Eine Reise endet hier, eine neue beginnt_. F�r uns alle! Leb wohl, Nuramon!�</p><p>Noroelle und Farodin k�ssten sich, und Nuramon bemerkte, wie sich etwas ver�nderte. Er wich zur�ck und betrachtete seinen Freund und seine Liebste. Sie umfingen und k�ssten einander. Und wie er sie betrachtete, wurde ihm klar, dass Noroelle Recht hatte. Farodin war die richtige Wahl. Fast war es ihm, als erwachte er aus einem langen, s��en Traum.</p><p>Bl�tenduft wehte �ber die Lichtung. Nuramon sah, wie sich Silberschein verbreitete und Farodin und Noroelle umh�llte. Sie l�chelten ihm entgegen und wirkten wie Lichtgestalten, wie h�here Wesen, wie Alben. Dann vergingen sie mit allem, was sie am Leib trugen. Sie verblassten einfach vor dieser Welt; ebenso, wie Albenmark vor seinen Augen verblasst war. Zur�ck blieb nur er.</p><p>Er war nun allein. Und doch konnte er nicht weinen. Noroelle hatte ihm die Trauer genommen. Zu wissen, dass sie ihre Bestimmung gefunden hatte, beruhigte ihn. Dass sie sich f�r Farodin entschieden hatte, schmerzte nun weit weniger als zuvor.</p><p>Nuramon schaute zum Vollmond hinauf. Ob es wirklich das Mondlicht war? Ob die Toten wirklich dort oben lebten?</p><p>Bis zum Morgen stand er da und folgte der leuchtenden Scheibe mit dem Blick. �Ich werde das Mondlicht nie vergessen�, sprach er leise vor sich hin. Als die D�mmerung kam, nahm er seine Sachen und ging zum Stein, an dem Noroelle das Stundenglas zerschlagen hatte, und setzte sich. Die Flut war w�hrend der Erz�hlung der Nacht gekommen und hatte Scherben und Sandk�rner fortgesp�lt. Schon n�herte sich wieder die Ebbe.</p><p>Er musste an Noroelles Worte denken: �Eine Reise endet hier, eine neue beginnt.� Ja, f�r ihn begann nun wirklich etwas Neues. Er war der Letzte, der letzte Elf dieser Welt, das letzte Albenkind. Dort jenseits des Wassers lag ein fremdes Land, das es zu erkunden galt. Dort herrschte noch nicht der Schwefelgeruch. Und vielleicht w�rde der Glauben an Tjured niemals bis dorthin vordringen. Dort gab es neue Wege, neue Erfahrungen und neue Erinnerung zu finden. Die Unendlichkeit lag vor ihm, doch ewig w�rde er sich an Noroelle und Farodin, an Obilee und Yulivee, an Mandred und Alwerich, an Emerelle und all die anderen erinnern. Und nie w�rde er Albenmark vergessen.</p><p>Als die Ebbe zur�ckkehrte, schritt er �ber den welligen Boden dem Festland entgegen. Und er betrachtete die Landschaft, als h�tte er sie noch nie zuvor gesehen. Diese Welt w�rde niemals aufh�ren, ihn zu faszinieren.</p></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Wie viele Fantasy-Romane begann auch die Geschichte dieses Buchs in einer st�rmischen Herbstnacht und mit der Einladung zu einer Queste. W�hrend mein Freund James Sullivan unmittelbar vor seiner Abschlusspr�fung zur mittelalterlichen Epik stand, brachte ich ihn mit einem Anruf an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Ich fragte ihn, ob er nicht Zeit und Lust h�tte, das Abenteuer einzugehen, gemeinsam mit mir ein Buch zu schreiben. Eine Frage, die man zwischen der Lekt�re des _Prosa-Lancelot_ und Wolframs _Parzival_ nicht wirklich h�ren will. Eine Stunde sp�ter begannen wir das Gespr�ch noch einmal von vorn, und James redete davon, dass ein wahrer Ritter nun mal nicht ablehnen k�nne, wenn Frau Aventiure die Hand ausstrecke. Und so begann die Suche nach den Elfen��</p><p>Es gibt kaum ein Gesch�pf in der Fantasy-Literatur, das Autoren zu so unterschiedlichen Bildern inspiriert hat wie die Elfen. Sie sind die holden Lichtgestalten aus J.R.R. Tolkiens _Der Herr der Ringe_, die seelenlosen Wesen aus Poul Andersons _Das zerbrochene Schwert_ oder die M�rchengestalten aus Lord Dunsanys _Die K�nigstochter aus dem Elfenland_ � und vieles mehr. So haben auch wir ganz bewusst ein eigenes Elfenbild erschaffen, das sich wie bei den Klassikern der Fantasy aus Altvertrautem und Neuem zusammensetzt.</p><p>Man kann keine Queste ohne Gef�hrten bestehen. Und so halfen uns Martina Vogl, Angela Kuepper, Natalja Schmidt, Bernd Kronsbein sowie Menekse Deprem, Heike Knopp, Elke Kasper, Stefan Knopp und Sven Wichert, das Abenteuer dieses Romans zu einem guten Ende zu f�hren.</p><cite><text-author>Bernhard Hennen</text-author><text-author>im Juli 2004</text-author></cite></section></body><binary id="cover" 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