<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Elfenwinter</book-title><annotation><p>Von ihrem jubelnden Volk umgeben zieht die ebenso sch�ne wie k�hle K�nigin der Elfen, Emerelle, zum sagenhaften Fest der Lichter, bei dem die F�rsten aller Elfenst�mme Albenmarks ihre Macht best�tigen sollen. Doch unter der glitzernden Oberfl�che der Feierlichkeiten schwelen Unzufriedenheit und Machtgier. Zwei Mordanschl�ge hat die Elfenk�nigin nur durch eine gl�ckliche F�gung des Schicksals �berlebt. Dennoch versucht Ollowain, der Kommandant ihrer Leibwache, die Herrscherin vergeblich davon abzuhalten, an dem Fest teilzunehmen.</p><p>Ollowain hegt den Verdacht, dass der Auftraggeber f�r den Mord unter den Elfenf�rsten selbst zu finden ist. In seiner Verzweiflung wirbt er Silwyna an, eine geheimnisvolle und unfehlbare Bogensch�tzin aus dem Elfenstamm der Maurawan. Als ein Pfeil erneut die K�nigin nur um Haaresbreite verfehlt, bef�llt Ollowain ein schrecklicher Verdacht. Treibt Silwyna ein doppeltes Spiel? Hat er Emerelles Feinde gar mit den Informationen versorgt, wann die K�nigin am verwundbarsten sein wird? Es folgt eine Nacht der Schrecken, in der ein seit Jahrhunderten gewonnen geglaubter Krieg erneut aufflammt.</p><p>W�hrend Ollowain einen M�rder jagt, erscheint ein Heer vor den Toren der Stadt und rei�t Albenmark wie auch das Menschenreich im Fjordland in einen Strudel von Tod und Vernichtung. Es ist die Zeit, in der Alfadas, der Sohn des legend�ren Mandred Menschensohn, beweisen muss, ob er das Zeug zum Helden hat wie einst sein Vater. Und es ist die Zeit, in der er sich endg�ltig entscheiden muss, ob er in die Welt der Menschen oder der Elfen geh�rt. Denn in beiden Welten gibt es eine Frau, die ihn liebt...</p></annotation><date>2006</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Elfen" number="2"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><src-ocr>Black Panther</src-ocr><id>9382075E-A068-46BE-85DF-09B0A3FF5E6E</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><publisher>Wilhelm Heyne Verlag</publisher><city>M�nchen</city><year>2006</year><isbn>978-3-453-52218-3</isbn></publish-info></description><body><title><p>Bernhard Hennen</p><p>Elfenwinter</p></title><epigraph><p>F�r Menekse und Melike, mein Zuhause</p></epigraph><epigraph><p>�Wo gehen wir denn hin?�</p><p>�Immer nach Hause�</p><text-author>Novalis</text-author></epigraph><section><image l:href="#1"/><empty-line/><image l:href="#2"/><p>Karten: Andreas Hancock</p></section><section><title><p>Das Fest der Lichter</p></title><p>�Sie werden versuchen, die K�nigin zu t�ten.�</p><p>Die junge Elfe blickte Ollowain ungl�ubig an. Sie schien seine Worte f�r einen schlechten Scherz zu halten. Ein L�cheln spielte um ihre Lippen, verflog aber sogleich wieder, als er keine Anstalten machte, es zu erwidern. Ollowain war klar, wie ungeheuerlich seine Behauptung klingen musste. Emerelle galt im Volk als die von allen geliebte Herrscherin. Sie war die G�te selbst, die m�tterliche K�nigin der Albenkinder. Und doch hatte es bereits zwei Mordanschl�ge gegen sie gegeben. �Such dir ein Versteck, von dem aus du die Mastk�rbe der Schiffe rings um die Prunk-Liburne der K�nigin beobachten kannst. Und sobald du etwas Verd�chtiges siehst, schie�! Jedes Z�gern k�nnte Emerelles Tod bedeuten.�</p><p>Die hoch gewachsene Elfe trat an den Rand der Terrasse und blickte hinab auf die Hafenstadt. Vahan Calyd lag an einer weiten, felsigen Bucht am Ende einer Landzunge. Es war die gr��te Stadt am Waldmeer, obwohl nur wenige Albenkinder hier st�ndig lebten. Die Palastt�rme, die sich stolz �ber die einfachen H�user erhoben, standen fast immer leer. Einmal alle achtundzwanzig Jahre versammelten sich die F�rsten Albenmarks in Vahan Calyd, um gemeinsam das Fest der Lichter zu feiern. Dann erwachte die Stadt f�r wenige Wochen aus ihrem immerw�hrenden Schlaf.</p><p>Jede Sippe Albenmarks, die als bedeutend galt, unterhielt hier zumindest ein Haus, auch wenn es fast immer leer stand. Und die F�rsten der Albenkinder versuchten einander mit der Pracht ihrer Palastt�rme zu �berbieten. Doch all dies war nichts als eitler Tand und nur f�r wenige Wochen in achtundzwanzig Jahren von Bedeutung. In der �brigen Zeit stolzierten Winkerkrabben, die sich aus den nahen Mangroven nach Vahan Calyd verirrten, durch die weitl�ufigen Stra�en der Stadt. Sie �bertrafen die Diener und die Holden, die Vahan Calyd h�teten, an Zahl und an Mu�e. Dann nisteten Kolibris, Seeschwalben und Trollfingerspinnen wieder unter den Giebeln der Pal�ste und w�rden f�r viele Generationen nahezu unbehelligt bleiben, bis erneut das Fest der Lichter nahte. Dann dr�ngten sich Tausende durch die Stra�en der Hafenstadt, und die Winkerkrabben wurden in gro�en Kupferkesseln gekocht und an jeder Ecke feilgeboten. Vahan Calyd quoll �ber vor Leben, wenn, so wie heute, die Nacht der N�chte nahte und die stolzesten Schiffe Albenmarks sich im Hafen zum Stelldichein trafen. Es war ein Fest der Eitelkeiten. Ein Fest, bei dem die F�rsten einander ihre Macht und ihren Reichtum vorzeigten.</p><p>Silwyna wandte sich wieder Ollowain zu. Sie trug ihr Haar zur�ckgek�mmt und zu einem langen Zopf geflochten, was ihr scharfkantiges Gesicht noch strenger aussehen lie�. Die J�gerin galt als eine der Besten unter den Bogensch�tzen Albenmarks. Und was noch wichtiger war, der Schwertmeister kannte sie als verschwiegen. Er w�rde sich darauf verlassen k�nnen, dass sie nicht ausplauderte, was hinter den Kulissen des Festes geschah. Am allerwichtigsten jedoch war: Wenn sie auf seiner Seite stand, dann diente sie in dieser Nacht keinem anderen Herrn. Zumindest hoffte er das. Silwyna war eine Maurawani. Sie entstammte jenem Elfenvolk, das hoch im Norden in den unwirtlichen W�ldern der Slanga-Berge lebte. Die Maurawan galten als unberechenbar und verschlagen. Und die meisten von ihnen machten keinen Hehl aus ihrer Verachtung f�r Emerelle und den Prunk ihres Hofes.</p><p>�Was du von mir verlangst, ist unm�glich�, sagte Silwyna ruhig und lie� den Blick noch einmal �ber den weiten Hafen schweifen. Mehr als hundertf�nfzig gr��ere Schiffe lagen an den Kais vor Anker. Ein wahrer Wald von Masten ragte �ber dem Wasser auf, und schon jetzt kletterten in der Takelage der Schiffe unz�hlige Schaulustige auf der Suche nach den besten Pl�tzen f�r das gro�e Fest umher.</p><p>�Stell dir einmal vor, du wolltest Emerelle t�ten, kurz bevor sie auf dem Achterdeck der <emphasis>Mondschatten</emphasis> die Huldigung durch die F�rsten der Albenkinder entgegennimmt. Wie w�rdest du das anstellen?� fragte Ollowain Silwyna sah sich um. Die Sonne ber�hrte den Ozean, die Masten warfen lange Schatten. Schon wurden die ersten Lichter entz�ndet. Die Schiffe waren mit Blumenketten geschm�ckt. Immer mehr Albenkinder dr�ngten sich auf den Decks und am Hafen. Bald w�rde es kaum mehr ein Durchkommen geben.</p><p>Ollowain lief die Zeit davon. Er musste hinab zum Magnolienhof, wo sich das Gefolge der K�nigin sammelte. Vielleicht konnte er Emerelle ja doch noch davon abbringen, sich wie eine lebende Zielscheibe auf der <emphasis>Mondschatten</emphasis> zu zeigen.</p><p>�Ich w�re dort dr�ben.� Die Bogensch�tzin deutete auf ein t�rkisfarbenes Schiff mit silbernen Beschl�gen an Rumpf und Aufbauten. �Die <emphasis>Atem der See</emphasis>. Von dort kann man Emerelles Prunk-Liburne gut einsehen. Das Schiff liegt weit genug von der <emphasis>Mondschatten</emphasis> entfernt, um nicht zu scharf beobachtet zu werden. Vor allem ist der Abstand gro� genug, um einen Vorsprung zu haben, wenn die Jagd beginnt.�</p><p>Ollowain musterte die junge Elfe scharf. Sie ist eine Maurawani, ermahnte er sich. Beute nachzustellen war ihr Leben. Ihn �berlief ein Schauer. Nie h�tte er sich tr�umen lassen, seine K�nigin in Gedanken einmal Beute zu nennen. Er straffte sich.</p><p>�Warum die <emphasis>Atem der See</emphasis>? Ich habe die letzten f�nf Stunden damit verbracht, mir Gedanken �ber die Schiffe im Hafen zu machen. Was du sagst, trifft auf mindestens noch drei andere Schiffe zu.�</p><p>�Wie viel wei�t du?�</p><p>Ollowain wich ihrem Blick aus. �Wenig.� Und von dem Wenigen konnte er ihr das Meiste nicht sagen.</p><p>�Wenn man vorhat, die K�nigin mit einem Pfeil zu t�ten, dann geschieht dies, weil, wer immer es tut, mit dem Leben davonkommen will. Oder irre ich mich?�</p><p>�Ich hoffe nicht�, entgegnete Ollowain tonlos. Alles, was bisher geschehen war, sprach daf�r, dass Silwyna Recht hatte.</p><p>�Von der <emphasis>Atem der See</emphasis> kann man entkommen.� Sie deutete hin�ber zur Galeasse, deren helles T�rkis in der D�mmerung zu einem blassen Grau verwischte. �Die Schiffe halten Abstand zur <emphasis>Atem der See</emphasis>. Dort ankern sie weniger dicht.�</p><p>�Das geschieht, damit die Galeasse ihre Ruder zu Wasser bringen kann. Sie braucht mehr Platz zum Man�vrieren�, erkl�rte Ollowain. Insgeheim �rgerte er sich, dass er nicht selbst daran gedacht hatte. Er ahnte, worauf Silwyna hinauswollte.</p><p>�Sie k�nnte sich genau wie die Segelschiffe in freies Fahrwasser schleppen lassen. Wenn ich die K�nigin t�ten wollte, w�rde ich im vorderen Mastkorb stehen. Nach dem Schuss ist es ein Leichtes, �ber die Rah zu fliehen und ins Hafenbecken zu springen. Dort w�rde ich einen Delfin rufen, um mich aus dem Hafen zu den Mangroven oder zu einem Boot bringen zu lassen, das drau�en auf der offenen See wartet.�</p><p>Ollowain sp�rte, wie ein einzelner Schwei�tropfen �ber seine Stirn rann. Er musterte Silwyna eindringlich. Hatte er sich in ihr geirrt? Sie konnte sich allzu gut in den M�rder hineindenken. Lag es nur daran, dass sie eine J�gerin war? Sie war vorbereitet! F�r den fl�chtigen Betrachter wirkte sie festlich gekleidet, doch er sah in ihr mehr als nur einen harmlosen Gast. Sie war bereit, mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen. Zu lauern und zu t�ten. Silwyna trug ein dunkles Wams aus Leder, in das ein aufw�ndiges Bl�tenmuster gepr�gt war. Darunter ein schwarzes Seidenhemd und eine weite seidene Hose. Ihr Antlitz war mit Bandag bemalt, dem rotbraunen Saft des Dinko-Busches. Ihre helle Hautfarbe verschwand fast g�nzlich unter dem dunklen Muster aus Spiralen und stilisierten Wolfsk�pfen. Selbst der lederne Sehnenschutz, den sie am linken Unterarm trug, wirkte auf den ersten Blick wie Schmuck. Gewiss, sie machte in diesem Festgewand einen d�steren Eindruck, aber das w�rde niemanden wundern. Im Gegenteil, man erwartete von den Maurawan geradezu, dass sie gegen jede Form der Etikette verstie�en. Sie waren Wilde. Aufgewachsen in W�ldern. Angeblich lebten sie mit Tieren zusammen. Ollowain hielt das f�r Gerede, aber er wusste, dass viele diese Geschichten f�r wahr hielten.</p><p>Sie hat etwas geahnt, beruhigte der Schwertmeister sich in Gedanken. Schlie�lich warst du es, der sie gebeten hat, mit ihrem Bogen herzukommen. Andererseits traf man sich in einer Nacht wie dieser auf einem Tanzparkett und nicht auf einer verborgenen Terrasse des Palastes der K�nigin. Jedenfalls nicht, wenn man f�r die Sicherheit der Herrin Albenmarks verantwortlich war. Silwyna hatte geahnt, dass sie zu einer Jagd eingeladen war. Und sie hatte sich entsprechend gekleidet.</p><p>�Ich werde mich jetzt auf der <emphasis>Atem der See</emphasis> umsehen�, sagte sie ruhig.</p><p>Ollowain presste ver�rgert die Lippen zusammen. Wie naiv!</p><p>�Das ist das Flaggschiff der F�rsten von Arkadien. Sie werden dich nicht an Bord lassen. Und ich glaube nicht, dass der Attent�ter dort zu finden ist.�</p><p>�Ich hatte nicht vor zu fragen, ob man mich an Bord bittet�, entgegnete sie selbstsicher.</p><p>Unten am Hafen wurden die ersten Lichter zu Wasser gelassen, kaum handgro�e Schwimmer aus Kork, auf denen �llampen brannten.</p><p>Silwyna hielt ihn mit ihrem Blick gefangen, so schien es Ollowain. Ihre Iris war von kaltem, hellem Blau, umgeben von einem d�nnen schwarzen Rand. Wolfsaugen, dachte er, und ihn schauderte.</p><p>�Sag mir endlich, was du wei�t! Warum sollte der M�rder nicht auf der <emphasis>Atem der See</emphasis> sein?� fragte sie schneidend.</p><p>�Dar�ber werde ich nicht sprechen. Geh du auf die Jagd f�r mich, und ich sorge daf�r, dass du durch Atta Aikhjartos Albenstern in die Welt der Menschen reisen darfst.�</p><p>Silwyna schenkte ihm ein vieldeutiges L�cheln. �Warum mache ich nur immer wieder den Fehler, mich mit euch verzogenen H�flingen einzulassen? Ich wei�, ich sollte dem Menschensohn nicht in seine Welt folgen. Er wird mich entt�uschen. Ich muss wohl als Kind vom Mutterbaum gefallen und mit dem Kopf auf den Wurzeln aufgeschlagen sein. Wenn die Alben mich lieben, begegnen wir uns eines Tages in einem Wald, Ollowain, und ich verspreche dir, dann wirst du h�flicher sein.� Sie griff nach ihrem Bogen. Noch einmal sah sie kurz auf. ��brigens, du hast da etwas Schwei� in deinen Brauen.�</p><p>�Tats�chlich?� Ollowain zog ein Leinent�chlein hinter seinem G�rtel hervor und tupfte sich die Brauen. �Danke�, antwortete er tonlos.</p><p>Silwyna w�rdigte ihn keines weiteren Blickes. Sie schwang sich �ber das Gel�nder der Terrasse und fand mit sicherem Tritt die schmale Koboldtreppe, die halb zwischen Schlingpflanzen verborgen an der Au�enfassade des Palastturms hinabf�hrte. Leichtf��ig lief sie die steile Treppe hinunter. Ollowain sah noch, wie sie �ber das dichte Wurzelwerk eines Mangobaums hinwegstieg, dann war sie im Spiel von Licht und Schatten verschwunden.</p><p>Der Schwertmeister drapierte das Schwei�t�chlein wieder hinter dem G�rtel. Kritisch sah er an sich herab und zupfte sein Seidenwams zurecht, damit sich die st�hlerne Brustplatte, die er darunter verborgen trug, nicht allzu deutlich durch den d�nnen Stoff abzeichnete. Heute Nacht hatte der Tod eine Verabredung mit Emerelle getroffen. Er w�rde zwischen die beiden treten!</p><p>Ollowains Blick wanderte zu den T�rmen, um die nun geisterhafte Lichter spielten. Er mochte Vahan Calyd nicht. Es hie�, die Alben h�tten an diesem verwunschenen Ort einst ihre ersten Kinder erschaffen. Hier, wo der Wald und das Meer in riesigen Mangrovens�mpfen ineinander �bergingen, sodass es keine K�stenlinie gab, hier, wo Grenzen nicht mehr galten, schien alles m�glich zu sein. Selbst die Jahreszeiten waren hier aufgehoben. Zumindest wenn man aus dem Norden kam und daran gew�hnt war, dass ein Jahr im Lauf der Zeit viele Gesichter hatte. Hier gab es nur schw�le Hitze. Nichts wurde jemals ganz trocken. Und die Mondwechsel unterschieden sich nur darin, dass es manchmal etwas mehr regnete.</p><p>Ollowain strich sich mit fahriger Geste �ber die Stirn. Die meisten Elfen lernten schon als Kinder, sich mit einem Wort der Macht gegen K�lte oder Hitze zu wappnen. Sie konnten in der klirrenden K�lte von Snaiwamark ein d�nnes Seidenhemd tragen, ohne zu frieren, oder auf dem Fest der Lichter hier in Vahan Calyd mit pr�chtigen Pelzen prunken, ohne einen Tropfen Schwei� zu vergie�en.</p><p>Ollowain hatte diesen Zauber niemals gemeistert. Und so schwitzte er. Nicht wie die Kentauren, deren nackte Oberk�rper in der Dschungelhitze stets vor Schwei� gl�nzten, als h�tten sie ihre Muskeln einge�lt. Nur hin und wieder stand dem Schwertmeister eine einzelne Schwei�perle auf der Stirn, oder er sp�rte, wie sein Seidenhemd an seiner feuchten Haut klebte. Doch das war schon zu viel! Zu schwitzen war ungeh�rig. Es ziemte sich einfach nicht f�r den Kommandanten der Leibwache der K�nigin.</p><p>Gleich, beim Festakt, w�rde er links von Emerelle stehen. Tausende Augenpaare w�rden auf ihm ruhen. Und er wusste, dass getuschelt werden w�rde. Er hasste es, unvollkommen zu erscheinen. Die Elfen waren das vollkommenste Volk unter den Albenkindern. Jenes, das die Alben zuletzt erschaffen hatten. Sie waren makellos, und etwas scheinbar so Unbedeutendes wie Schwei� in den Augenbrauen war f�r einen Elfen ein Stigma, wie es f�r einen Kobold ein von Pockennarben zerfressenes Gesicht gewesen w�re.</p><p>Es war unziemlich von Silwyna gewesen, ihn so direkt darauf anzusprechen. Aber was wollte man von einer Maurawani schon erwarten! Ollowain w�nschte, er h�tte eine andere Wahl gehabt, als ausgerechnet sie in seinen Dienst zu nehmen. W�rde sie ihn verraten, so wie sie einst seinen Ziehsohn Alfadas verraten hatte?</p><p>Der Waffenmeister straffte sich. Es war dumm, seine Zeit mit fruchtlosem Gr�beln zu vertun. Er r�ckte seinen Schwertgurt zurecht und stieg die breite Marmortreppe zum Innenhof hinab. Der Palast der K�nigin war ein himmelhoher Bau aus etlichen ineinander verschachtelten T�rmen. Es gab mehr als ein Dutzend H�fe, und Terrassen umgaben den Turm wie Bl�tter einen Blumenst�ngel. Der gr��te Teil des Palastes war aus dem blauwei�en Marmor der Ioliden erbaut. �ppige B�ume hatten ihre Wurzeln im Lauf der Jahrhunderte tief ins Mauerwerk gegraben. Sie hatten sich den Turm erobert, so als sei er nichts weiter als eine von Menschen geschaffene Klippe. Schlangenfarn wuchs die W�nde hinauf, und �berall sah man zarte Orchideen in Wurzelgabeln und auf windgesch�tzten Simsen, wo sich ein wenig Humus gesammelt hatte.</p><p>Emerelle kam nur alle achtundzwanzig Jahre nach Vahan Calyd. Immer wenn der Tag der ersten Sch�pfung auf eine Neumondnacht fiel, wurde das Fest der Lichter begangen. Alle F�rsten der Albenkinder feierten hier gemeinsam, und vor langer Zeit war es Brauch gewesen, in dieser Nacht den K�nig von Albenmark zu w�hlen. Doch Emerelle herrschte nun schon seit Jahrhunderten, und niemandem w�re es eingefallen, ihren Anspruch auf den Thron infrage zu stellen. Zur Wahl gegen Emerelle anzutreten war aussichtslos. Sie war zwar durchaus nicht bei allen beliebt, doch waren die F�rsten der Albenkinder untereinander so zerstritten, dass niemand darauf hoffen durfte, eine Mehrheit gegen Emerelle zu erzielen. Doch sollte der K�nigin ein Leid geschehen ... Dann w�re man gezwungen, sich auf einen neuen Herrscher zu einigen. Das Fest der Lichter war die beste Gelegenheit f�r einen Anschlag auf Emerelles Leben, falls der Auftraggeber des Meuchlers nach der K�nigsw�rde strebte. Nur jetzt konnte unmittelbar auf den Tod der Herrscherin eine neue K�nigswahl folgen, denn alle F�rsten Albenmarks waren in Vahan Calyd oder hatten zumindest Vertreter geschickt. War der Meuchler in dieser Nacht nicht erfolgreich, dann war ein Anschlag sinnlos. Unter anderen Umst�nden w�rde es �ber ein Jahr dauern, eine Versammlung der F�rsten einzuberufen. Viel Zeit, um Intrigen zu spinnen und wom�glich sogar offene Machtk�mpfe auszutragen. Wenn der Mord aber hier w�hrend des Festes geschah, dann w�ren alle �berrumpelt. Alle bis auf den Einen, der den Tod der K�nigin geplant hatte. Wer dann entschieden und selbstbewusst auftrat, der konnte binnen einer einzigen Nacht die Krone erringen.</p><p>Ollowain war es ein R�tsel, wer freiwillig nach der B�rde der Macht streben mochte. Bei Hof gab es Ger�chte �ber eine heimliche Fehde zwischen der K�nigin und dem F�rsten von Arkadien. Man munkelte, der Tod seines Vaters sei kein Unfall gewesen. Die Spitzel der K�nigin berichteten, dass man in der F�rstenfamilie glaubte, Farodin, der Verbannte, habe in Emerelles Auftrag einen Mord begangen. Das war absurd! Wer Farodin kannte, konnte �ber solche Behauptungen nur lachen. Und dennoch lie� Ollowain die <emphasis>Atem der See</emphasis>, das Flaggschiff Shahondins, des F�rsten von Arkadien, besonders scharf beobachten.</p><p>Wom�glich ging es bei den Anschl�gen auf Emerelle gar nicht um den Thron, sondern lediglich um Rache? So gesehen war es eine kluge Wahl, die Blutfehde w�hrend des Festes zu vollenden. Man w�rde immer denjenigen verd�chtigen, der anschlie�end nach der Macht griff.</p><p>Ollowain durchma� eiligen Schrittes einen gemauerten Tunnel. Blaues Licht sickerte aus den Deckensteinen. Die feinen H�rchen im Nacken des Kriegers richteten sich auf. Die Luft prickelte vor magischer Kraft. Tausende Zauber wurden in diesem Augenblick gesprochen. Jedes Geschlecht der Albenkinder, das die Macht geerbt hatte, wirkte in dieser Stunde Magie. Es war ein jahrhundertealter Wettstreit unter den Zauberern, sich in dieser Nacht gegenseitig zu �berbieten. Ollowain dachte mit Schrecken an die ungez�hlten M�glichkeiten, die ein begabter Magier hatte, wenn er einen Anschlag auf die K�nigin ver�ben wollte. Vor dreihundert Jahren war sein Onkel unter Qualen gestorben, weil eine entt�uschte Geliebte mit einem Fingerschnippen einen Schwarm Ratten in seinen Magen gehext hatte. Ein Wort der Macht mochte reichen, um Emerelle durch ihre eigenen Gew�nder erdrosseln zu lassen oder den Wein in ihrem Pokal in S�ure zu verwandeln. Immer wieder hatte Ollowain auf Emerelle eingeredet, eine Zauberin in ihr Vertrauen zu ziehen. Die K�nigin brauchte jemanden um sich, der keine andere Aufgabe hatte, als sie vor einem magischen Angriff zu besch�tzen. Doch die Herrscherin hatte sich in dieser Hinsicht als erschreckend uneinsichtig erwiesen. Gewiss, sie war die bedeutendste Zauberweberin Albenmarks. Wahrscheinlich kam ihr niemand an Macht gleich. Und deshalb beharrte sie darauf, sich selbst zu sch�tzen. Doch auf dem Fest w�rde Emerelle durch tausend andere Dinge abgelenkt sein, und ein Zauber konnte in Gedankenschnelle t�ten.</p><p>Erst am Mittag hatte Ollowain noch mit Emerelle dar�ber gestritten, dass sie zus�tzlichen Schutz brauchte. Doch die K�nigin hatte ihn lediglich k�hl darauf hingewiesen, dass bei den fehlgeschlagenen Attentaten auch keine Magie im Spiel gewesen war. Vor drei Tagen hatten sie einen vergifteten Dorn im Polster von Emerelles Thronsessel gefunden. Das Gift hatte einen Kobold get�tet, der das Polster ausgeklopft hatte. Nur Augenblicke sp�ter h�tte sich die K�nigin auf dem Thron niedergelassen. Und dann gab es den Marmorblock, der dicht neben Emerelle auf den Magnolienhof gest�rzt war. Es hatte sich gezeigt, dass der M�rtel, der den Stein gehalten hatte, keineswegs m�rbe geworden war. Ein St�ck der Terrassenmauer war mit einer Brechstange gelockert worden. Jemand hatte dort oben darauf gewartet, dass die K�nigin den Hof �berquerte.</p><p>Ollowain w�rde seine linke Hand daf�r geben, wenn er w�sste, was der M�rder als N�chstes plante. Bisher hatte der Attent�ter immer Abstand zur K�nigin gehalten. Deshalb vermutete Ollowain, dass der n�chste Mordanschlag mit Pfeil und Bogen durchgef�hrt wurde. Aber was war, wenn der M�rder in Panik geriet? Emerelle w�rde schon in wenigen Tagen abreisen. Die Zeit lief dem Meuchler davon. Wie fanatisch war er? Wenn er sein Leben gegen das der K�nigin zu setzen bereit war, dann konnte man ihn kaum aufhalten. W�hrend des Festes w�rden hunderte G�ste in Emerelles N�he sein. Der M�rder mochte einen Dolchsto� nach der Kehle der K�nigin f�hren. Oder w�rde er vielleicht doch versuchen, Magie anzuwenden? Waren die beiden missgl�ckten Attentate vielleicht Teil eines heimt�ckischen Plans? War der Meuchler in Wahrheit ein Magier? In dieser Nacht der tausend Zauber w�rde das Weben verderbter Magie wohl unbemerkt bleiben, bis sie ihre unselige Macht entfaltete.</p><p>Ollowain musste an seine Mutter denken. W�hrend eines Festmahls in der Himmelshalle von Phylangan hatte sie pl�tzlich das Glas in ihrer Hand zerbrochen, einen Bl�tenkelch aus rotem Bergkristall. Er hatte ihr gegen�ber gesessen. Sieben Jahre war er alt gewesen. Er erinnerte sich noch an das Blut auf dem wei�en Kleid seiner Mutter und an ihren Blick. Ihre wundersch�nen gr�nen Augen, voller Angst. Und dann hatte sie sich den langen St�ngel des Kristallglases durchs Auge tief in den Sch�del gesto�en. Es konnte nie gekl�rt werden, ob sie unter einem Zauberbann gestanden und ob ein fremder Wille sie zu dieser Bluttat gezwungen hatte. Manche sagten, sie habe sich auf diese gr�ssliche Weise das Leben genommen, um Landoran, seinen kaltherzigen Vater, zu bestrafen. Doch Ollowain hatte das nie geglaubt. Sie h�tte ihn nicht allein zur�ckgelassen. Niemals! Sie war ermordet worden.</p><p>Der Schwertmeister blickte auf. Vom Ende des langen Tunnels her erklang Hufgetrappel. Fackellicht warf tanzende Schatten auf die Eingangsw�nde. Kentauren. Die Ehrengarde war also schon eingetroffen. Ollowain hoffte, dass keiner von ihnen betrunken war. Es war ihm ein R�tsel, warum Emerelle ausgerechnet Kentauren dazu auserkoren hatte, sie vom Palast zur Prunk-Liburne zu geleiten. Manchmal erschien es ihm, als habe die K�nigin eine heimliche Vorliebe f�r Gesch�pfe, die sich buchst�blich einen Dreck um die Hofetikette scherten. So hatte sie auch diesen raubeinigen Menschensohn gemocht, der vor so vielen Jahren �ber die Shalyn Falah nach Albenmark gekommen war. Mandred, den Unbeugsamen, so nannten ihn die H�flinge sp�ttisch und spielten darauf an, dass er die K�nigin gleich bei ihrer ersten Begegnung beleidigt hatte, indem er sich nicht verbeugt hatte, um Emerelle die ihr geb�hrende Ehre zu erweisen. Mehr als drei�ig Jahre waren seitdem verstrichen, doch die Erinnerung an den Fjordl�nder war noch immer lebendig. Wohin er wohl gegangen sein mochte, als er sich mit seinen beiden Elfenfreunden gegen die K�nigin verschworen hatte? Die Spur der drei verlor sich im labyrinthischen Netz der Albenpfade.</p><p>Ollowain trat aus dem Tunnel und blickte auf den weiten Magnolienhof hinab. Er war das Herzst�ck des Palastes, und wurde beherrscht von Matha Murganleuk, einem Magnolienbaum, so alt, dass sein Stamm m�chtig wie ein Turm geworden war. Hoch oben in seinem Ge�st lagen Emerelles Gem�cher. Es hie�, Matha Murganleuk habe von ihrem eigenen Holz gegeben, um der K�nigin einen Zufluchtsort f�r einsame Stunden zu schenken. Niemand durfte Emerelle dorthin folgen, nicht einmal ihre Zofen oder Kobolddiener. Es war der einzige Ort in Vahan Calyd, an dem die K�nigin allein sein konnte.</p><p>Doch jetzt wartete Emerelle in dem wei�en Pavillon, der, eingebettet in das Wurzelwerk, an eine riesige, halb ge�ffnete Magnolienbl�te erinnerte. Kobolde und winzige Auenfeen umringten die Herrscherin. Ein bocksbeiniger Faun reichte ihr ein gewundenes Trinkhorn. Emerelle nippte nur kurz an dem schweren, goldenen Gef��. Dann sagte sie etwas zu dem Faun, und der b�rtige Kerl brach in schallendes Gel�chter aus. Die Kentauren, die sich etwas abseits um eine gro�e Weinamphore versammelt hatten, blickten neugierig auf.</p><p>Ollowain fluchte stumm. Er kam sp�t! Sie alle warteten auf ihn. Und es war nicht gut, Kentauren warten zu lassen. Sie hatten die unheimliche Begabung, immer irgendwo Wein aufzutreiben. Manchmal hatte der Schwertmeister den Verdacht, dass der Umstand, l�nger als einen Tag n�chtern zu sein, unter dem Volk der Pferdem�nner als ein Makel galt. Mit Schrecken stellte sich Ollowain vor, wie Emerelle von einer Horde gr�lender, angetrunkener Kentauren zur Prunk-Liburne eskortiert wurde. Er h�tte sich nicht versp�ten d�rfen! Mit einem weiten Schritt nahm er die letzten drei Treppenstufen auf einmal und w�re fast in einen Haufen frischer Pferde�pfel getreten, der halb verborgen zwischen den Wurzeln lag. Das war einer von vielen Gr�nden, warum er diese Barbaren nicht f�r hoff�hig hielt!</p><p>Allerdings waren sie bedingungslos loyal. Unter ihnen w�rde sich niemals ein Attent�ter befinden. Wenn sie eine Fehde ausfochten, dann gab es keine Heimlichkeiten. Ein Kampf, von dem man nicht bei einem Trinkgelage erz�hlen konnte, war es in ihren Augen erst gar nicht wert, gef�hrt zu werden.</p><p>Als Ollowain den Pavillon erreichte, kniete er vor seiner K�nigin nieder. �Ich bitte um Verzeihung daf�r, dass ich dich warten lie�, meine Herrin.�</p><p>Emerelle l�chelte. �Ich kenne dich, Ollowain, und ich ahne, dass deine Pflicht dich aufgehalten hat. Nun erhebe dich. Dies ist kein Hoftag. Es besteht kein Grund, noch l�nger vor mir zu knien.�</p><p>Erwartete sie, dass er berichtete, was ihn aufgehalten hatte? Oder wusste sie es? Emerelle vermochte den Schleier der Zukunft zu zerteilen. Immer wieder �berraschte sie den Hof mit ihrem Wissen. War sie deshalb so ruhig? Wusste sie, dass ihr heute Nacht nichts geschehen w�rde? Hatte sie sich insgeheim vorbereitet, ohne selbst ihn einzuweihen?</p><p>�Lass uns einen Augenblick hier stehen, Ollowain, und die Sch�nheit dieses Abends genie�en.� Sie st�tzte sich auf das Gel�nder des Pavillons und blickte hinauf in den Wipfel von Matha Murganleuk. Wie ein riesiger Baldachin spannte sich die Baumkrone �ber den weiten Hof. Die Bl�tter fl�sterten im Wind. Einzelne Bl�ten segelten in weiten Spiralen zu Boden.</p><p>Die Jahrhunderte waren an Emerelle vor�bergegangen, scheinbar ohne Spuren zu hinterlassen. Sie geh�rte zu den Wenigen, die die Alben noch gesehen hatte. Und dennoch wirkte die Herrscherin fast kindlich. Emerelle war von zarter Gestalt; Ollowain �berragte sie um mehr als Hauptesl�nge. Dunkelblondes Haar fiel in Wellen auf ihre nackten, milchwei�en Schultern. In dieser Nacht trug sie das Kleid der Augen. Es war von leuchtendem Rot, durchsetzt mit einem Muster aus gelben Kreisen und schwarzen Punkten. Man musste der K�nigin sehr nahe kommen, um zu bemerken, welche Bewandtnis es mit dem Kleid auf sich hatte. Es lebte! Tausende Schmetterlinge hatten sich auf einem schlichten, gr�nen Untergewand niedergelassen. Mit ausgestreckten Fl�geln bedeckten sie die K�nigin, als wollten sie Emerelle vor allzu neugierigen Blicken bewahren. Wenn sie sich bewegten, schienen Wellen �ber das Kleid zu gleiten. Und auf allen Fl�geln prangte ein gro�es gelbschwarzes Auge.</p><p>Unvermittelt wandte sich Emerelle zu ihm um. Leise raschelten die Schmetterlingsfl�gel. Die K�nigin hielt Ollowain das goldene Horn entgegen. �Trink, mein Besch�tzer. Du musst durstig sein.�</p><p>Schwitzte er wieder? Die K�nigin w�rde ihn nie direkt auf seinen Makel ansprechen. Aber lag in ihren Worten nicht eine versteckte Spitze? Er nahm das Trinkhorn. Emerelle wirkte entr�ckt. Sie l�chelte melancholisch, und ihre hellbraunen Augen blickten durch ihn hindurch. Ollowain entspannte sich. Offensichtlich war die K�nigin in Gedanken weit entfernt. Der Schwertmeister nahm einen tiefen Schluck. Es war herrlich gek�hlter Apfelwein. Frisch und s��, aus den �pfeln dieses Sp�tsommers. �Leere das Horn bis zur Neige�, sagte Emerelle leise.</p><p>�Dies wird eine lange Nacht werden.� Die K�nigin sah wieder hinauf in die Krone des alten Magnolienbaums.</p><p>Sie nimmt Abschied, dachte Ollowain beklommen. So, als w�rde sie Matha Murganleuk niemals wieder sehen. Sein Blick wanderte �ber die von Schlingpflanzen �berwucherten W�nde. Wei�e Erker schoben sich wie Felsvorspr�nge durch den dunklen Pflanzenteppich. Nur in wenigen Fenstern brannte Licht. Emerelle war diesmal nur mit einem kleinen Gefolge nach Vahan Calyd gereist. Meister Alvias war zur�ckgeblieben, ebenso Obilee und viele andere. Der gr��te Teil des Palastes von Vahan Calyd stand leer. So wie fast immer, denn bis zum n�chsten Fest pflegten nur wenige Diener hier auszuharren, um nach dem Rechten zu sehen. Zu wenige, um im Kampf gegen die wuchernde Wildnis des Waldmeers zu bestehen. In gewisser Weise war der Zustand des Palastes ein Spiegel von Emerelles Herrschaft. Sie lie� den V�lkern der Albenkinder fast alle Freiheiten. Selten mischte sie sich in die Angelegenheiten der Elfensippen, in die Blutfehden der Kentauren oder die anr�chigen Gesch�fte der Faune. Sie lie� sie gew�hren, solange sie eine gewisse Grenze nicht �berschritten. Doch wenn dies geschah, reagierte Emerelle mit aller H�rte. So wie damals, als sie Noroelle, die ihr so nahe stand wie eine Tochter, verbannt hatte.</p><p>Manche Betrachter mochten den Palast verfallen nennen. Doch in Ollowains Augen besa� er eine unwiderstehliche Anziehung. Nur dort, wo das wuchernde Gr�n die Substanz des Geb�udes bedrohte, wurde es beschnitten. So war �ber die Jahrhunderte eine wilde Sch�nheit entstanden, wie kein Baumeister und kein G�rtner sie h�tten entwerfen k�nnen.</p><p>Emerelle seufzte leise. Dann wandte sie sich erneut Ollowain zu. Bei jeder ihrer Bewegungen liefen schillernde Wogen �ber das Kleid der tausend Augen. Und dann verharrte es wieder, und die gro�en Fl�gelaugen schienen ihn anzustarren. �Es ist Zeit zu gehen.�</p><p>�Ich habe einen kleinen Segler bereitmachen lassen, meine Herrin. Du musst nicht auf dieses Fest. Es ist ein Fehler, dorthin zu gehen. Ich kann dich in der Menge kaum sch�tzen.�</p><p>�Man kann vor seinem Schicksal nicht davonlaufen, Ollowain. Wie ein Schatten haftet es einem an den Fersen. Es wird uns einholen, ganz gleich, was wir tun.� Sie gab den Kentauren einen Wink, und der ausgelassene L�rm ihres Gelages verstummte. Abgesehen von Orimedes, ihrem Anf�hrer, gab es keinen einzigen ber�hmten Krieger in dieser Schar. Bisher hatte Ollowain die Wahl der Ehrenwache f�r eine Laune der K�nigin gehalten. Doch jetzt ahnte er, welche verborgene Absicht dahinter steckte.</p><p>�Du solltest mir sagen, was du f�r diese Nacht erwartest, Herrin�, fl�sterte er. �Dann werde ich dich besser besch�tzen k�nnen.�</p><p>�Ich wei� es nicht, die Schleier der Zukunft wollen sich nicht teilen. Eine fremde Macht mischt sich in meine Magie. Sie vermag den Spiegelzauber zu st�ren. Und ihr Eingreifen ver�ndert die ferne Zukunft fast st�ndlich. Ich wei� nicht, was uns im Hafen erwartet, Schwertmeister. Doch eines ist gewiss: In dieser Nacht wird das Blutvergie�en beginnen. Das Schwert wird �ber die Zukunft Albenmarks entscheiden.� Ihre Pupillen weiteten sich. Sie starrte durch ihn hindurch, wie in weite Ferne, so als k�nne sie das Unheil auch in diesem Augenblick schon nahen sehen.</p><p>Die Kentauren brachten Emerelles S�nfte zum Pavillon. Sie war erst an diesem Mittag fertig geworden. Diener hatten sie �ber und �ber mit Blumen geschm�ckt, und selbst jetzt, zu Beginn der Nacht, wurde die Bl�tenpracht von Kolibris umschwirrt. Ollowain betrachtete das seltsame Tragegestell skeptisch. Man hatte einen kleinen Nachen genommen, eines jener breiten Boote mit flachem Rumpf, wie es die Fischer in den Mangroven verwendeten. Soweit der Schwertmeister es erkennen konnte, waren als einzige Ver�nderung ein paar L�cher in den Bootsk�rper geschnitten worden, durch die nun Tragestangen geschoben waren. Durch die Wahl dieser S�nfte wollte die K�nigin ihre Verbundenheit zu den Bewohnern von Vahan Calyd ausdr�cken. Emerelle trat mit einem weiten Schritt vom erh�hten Pavillon auf die S�nfte, und Ollowain folgte ihr. Die K�nigin st�tzte sich auf eine Querstange, die unauff�llig am Mast angebracht war. Bei jeder ihrer Bewegungen war das leise Sirren der Schmetterlingsfl�gel zu h�ren. Manchmal l�sten sich Gruppen der Falter und umschwirrten sie, ohne sich weiter als bis auf Armesl�nge zu entfernen.</p><p>Durch die L�cher im Rumpf des Bootes waren sechs gepolsterte Tragestangen geschoben. Auf ein Kommando von Orimedes griffen die Kentauren nach den Stangen und stemmten die S�nfte auf ihre Schultern. Ollowain musste sich am Mast festhalten, um durch den Ruck nicht von den Beinen gerissen zu werden. Eine Schar von Holden kam unter den Ruderb�nken des Nachens hervor. Die kleinen, gr�nbraunen Gestalten reichten Ollowain nicht einmal bis zum Knie. Sie waren entfernte Verwandte der Kobolde und lebten in den Mangroven des Waldmeers. Ihre K�pfe schienen viel zu gro� im Vergleich zu den kleinen, sehnigen K�rpern. Sie trugen nichts als lederne Lendenschurze und bunte Stirnb�nder.</p><p>�Los, los, los, ihr Sumpfasseln! Dient der K�nigin!�, schimpfte ein grauhaariger Holder mit golddurchwirktem Stirnband. Er trug als Einziger ein Messer an seinem G�rtel. Mit gelben Augen funkelte er den Schwertmeister an. �Darf ich Seiner allerpr�chtigsten Ritterschaft etwas zu trinken anbieten?�, fragte er mit �liger Stimme. Sein breites Grinsen passte nicht zu seinem unterw�rfigen Tonfall.</p><p>Ollowain tupfte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Habe ich dir schon Gondoran vorgestellt, den Bootsmeister meines Palastes?�, fragte Emerelle beil�ufig. �Es war seine Idee, diesen Nachen zur S�nfte umzubauen.�</p><p>�Sehr originell�, entgegnete der Schwertmeister knapp. �Vielleicht w�re es doch besser, sich zu Pferde zum Hafen zu begeben.�</p><p>Gondoran funkelte Ollowain b�se an. Zugleich wirkte er �berrascht. Einen Augenblick lang zumindest. Vermutlich hatte der Vorschlag, Pferde zu nehmen, ihn aus der Fassung gebracht.</p><p>�Nein!�, sagte Emerelle leise, doch in einem Tonfall, der deutlich machte, dass sie nicht weiter �ber diese Entscheidung zu sprechen w�nschte.</p><p>Der Anf�hrer der Holden grinste triumphierend. Dann befahl er seinen M�nnern, die Spitze des Mastes umzulegen, damit die S�nfte durch den langen Tortunnel hinab zu den Kais getragen werden konnte.</p><p>�Im Schritt marsch!�, kommandierte der Kentaurenf�rst. Er ging auf H�he des Mastes neben ihnen her. Ollowain sah, wie die Last der S�nfte auf seine Schultern dr�ckte. Orimedes drehte ihm den Kopf zu. Der Kentaur hatte eine breite Nase, die ihm offensichtlich schon mehrfach eingeschlagen worden war. Durch seine linke Braue lief eine wei�e Narbe. Ein schlecht gepflegter, blonder Bart rahmte sein Gesicht. Um das Kinn herum war das Haar von vergossenem Wein verf�rbt. �ber die nackte Brust des Pferdemannes lief ein breiter, goldbeschlagener Schwertgurt, und um den linken Oberarm trug Orimedes einen Dolch geg�rtet. Alle Kentauren stanken nach Wein, Schwei� und Pferdehaar.</p><p>Langsam setzte sich die Kolonne in Bewegung. Ein Trupp Reiter kam von einem der anderen H�fe herbei und schloss sich ihnen an, pr�chtig herausgeputzte junge Elfen, deren R�sser von Faunen am Z�gel gef�hrt wurden. Ollowain kannte die meisten von ihnen nur fl�chtig. Sie waren G�ste des Palastes, und es hatte keine M�glichkeit gegeben, sie dort zur�ckzulassen.</p><p>Der Tunnel hallte wider vom Tritt der Hufe. Die Luft hier drinnen war stickig. Es roch nach verfaulten Pflanzen und altem Stein. An manchen Stellen wucherte gr�nlich leuchtendes Pilzgeflecht an den W�nden. Kleine Eidechsen suchten in den Mauerspalten Zuflucht, als die Reiterkolonne vor�berzog.</p><p>Das Rufen von Muschelh�rnern begr��te sie von allen T�rmen der Stadt, als sie den Tortunnel schlie�lich hinter sich lie�en. Die Stra�e war voller jubelnder Albenkinder, nur unmittelbar vor der S�nfte der K�nigin �ffnete sich eine Gasse in dem Gedr�nge. Bocksbeinige Faune mit wilden B�rten trugen Koboldkinder auf den Schultern, die sonst zwischen all den trampelnden Beinen verloren gegangen w�ren. Am Ende der Stra�e sah Ollowain sogar einen Frostriesen, der ganz offensichtlich unter der Hitze litt und sich mit einem segelgro�en F�cher K�hlung verschaffte. Zwischen den zerbrochenen S�ulen eines verfallenden Turms standen drei Oreaden, Bergnymphen, die nur sehr selten die Ioliden verlie�en. Wundersch�ne Apsaras tanzten auf dem Wasser eines gro�en Brunnens wie auf Parkett. Sie waren ein wenig �ppiger als Elfenfrauen. Ihre nackten Leiber hatten sie mit Bandag bemalt; schlangengleich wanden sich Glyphen auf ihrer Haut. Es hie�, sie schrieben sich ihre geheimsten W�nsche auf den Leib, und wer die arkane Schrift zu entschl�sseln vermochte, dem blieben sie treu, bis der Weg ins Mondlicht die Entr�ckten auf immer von den Suchenden trennte.</p><p>Eine Koboldkapelle brach aus der Phalanx der Schaulustigen hervor. Sie alle hatten wei�e Lotosbl�ten an ihre M�tzen gesteckt, was in Anbetracht der Launenhaftigkeit des kleinen Volkes einer Uniformierung gleichkam. Einige Takte lang folgten die Trompeten, Trommeln, Rasseln und Triangeln den Vorgaben des Kapellmeisters, bis dessen Bart pl�tzlich wild zu wuchern begann und er sich mit dem Taktstock darin verhedderte. W�hrend der Kobold fluchend st�rzte und die Melodie der Kapelle in lautstarkes Scheppern zerfloss, sah Ollowain zwei Lutins zwischen den Beinen einiger h�nenhafter Minotauren verschwinden. Dieses fuchsk�pfige Koboldvolk war ber�chtigt daf�r, dass sie keinen derben Scherz auslie�en und ihre au�ergew�hnlichen magischen Kr�fte stets nur nutzten, um damit Schabernack zu treiben. Besorgt blickte der Schwertmeister zur S�nfte der K�nigin. Die Holden richteten gerade die Mastspitze wieder auf und hissten das Elfenbanner, ein goldenes Ross auf gr�nem Grund. Die S�nfte schwankte wie ein Boot in leichter D�nung, w�hrend die Kentauren sich einen Weg durch die Schaulustigen bahnten.</p><p>Ollowain hielt sich dicht bei der K�nigin. Ruhelos hetzte sein Blick �ber die Menge und dann wieder zu den Terrassen der anderen Pal�ste, an denen sie vorbeikamen. In dem Nachen schwebten sie hoch �ber den K�pfen all der Schaulustigen ringsherum. Es war ein Albtraum! Die K�nigin bot ein kaum zu verfehlendes Ziel f�r den M�rder, der irgendwo hier drau�en lauerte.</p><p>Ollowain versuchte ein weiteres Mal, sich in den Meuchler hineinzuversetzen. Wie w�rde er es anstellen, wenn er Emerelle t�ten wollte? Von diesem Auftritt in der S�nfte hatte der M�rder unm�glich wissen k�nnen. Ollowain selbst hatte erst am Nachmittag davon erfahren. Nur den Holden, die das Boot vorbereitet hatten, war die Absicht der K�nigin schon l�nger bekannt. War es denkbar, dass jemand von ihnen das Geheimnis verraten hatte?</p><p>Ollowain ballte in hilfloser Wut die F�uste. Es war aussichtslos. Der Attent�ter w�rde ihm immer einen Schritt voraus sein. Er konnte nur reagieren, w�hrend der M�rder tausend M�glichkeiten hatte.</p><p>Ein Schwarm kleiner Auenfeen stie� aus dem Nachthimmel hinab. Kaum gr��er als Libellen, umschwirrten sie die K�nigin und best�ubten ihr Haar mit parf�miertem Bl�tenstaub. Hunderte Schmetterlinge l�sten sich aus dem Kleid der tausend Augen und stiegen auf, um mit den Auenfeen in schillerndem Farbenreigen zu tanzen. Emerelle lachte und winkte der Menge zu.</p><p>Bl�tenbl�tter wurden von den Terrassen der Pal�ste geworfen. Die Luft war erf�llt von Wohlger�chen. �berall wehten Seidenbanner, und auf den hohen Palastt�rmen hatten die Elfenmagier mit ihren Zaubern begonnen. Kristalle brachen Licht in schillernde Regenbogen. Goldene Font�nen schossen in den Himmel und �ffneten sich zu vielfarbigen Bl�ten. Selbst die einfachen H�user, die �ber keine Zauberer geboten, erstrahlten in goldenem Licht. Dort hatte man hunderte von �ll�mpchen aufgestellt, um an der Nacht der Lichter teilzuhaben.</p><p>Der warme Klang von Schilfrohrfl�ten drang an Ollowains Ohr. Kurz erhaschte er einen Blick in eine enge Gasse, in der Minotauren tanzten. Sie hatten goldene R�ucherf�sser an ihre H�rner gebunden und wanden sich in ekstatischem Reigen zum Klang der Fl�ten. Dabei zogen sie wei�blaue Rauchschlangen hinter sich her.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah Ollowain etwas L�ngliches auf die K�nigin zurasen. Er stie� Emerelle zur Seite. Scheppernd schlug das Geschoss gegen die Brustplatte, die unter seinem Wams verborgen war. Erschrockene Rufe erklangen.</p><p>Die K�nigin war sofort wieder auf den Beinen und winkte der Menge zu. �Du bist zu nerv�s, Ollowain�, fl�sterte sie und deutete auf den gesch�lten Ast, der vor ihm auf dem Boden des Nachens lag. In das helle Holz waren schwarze Runen eingebrannt. Ein Frauenname?</p><p>Hinter ihnen kletterten zwei Holde den glatten Mast hinauf und sp�hten der K�nigin neugierig �ber die Schultern. Einer hatte sein Haar zu fett gl�nzenden Z�pfen geflochten. Er grinste den Schwertmeister frech an und begann pl�tzlich zu singen:</p><p>�Der Ollowain, das Ritterlein, der hat wohl Angst, bepisst sein Bein.�</p><p>Emerelle brachte den Sp�tter mit einer harschen Geste zum Schweigen. Dann lie� sie den Blick suchend �ber die Menge schweifen. Schlie�lich deutete sie auf eine Kentaurin mit kurz geschorenem schwarzen Haar. Das Pferdeweib stieg auf die Hinterbeine und versuchte wild rufend die Aufmerksamkeit der K�nigin zu erhaschen. Emerelle b�ckte sich nach dem Stab, f�hrte ihn an die Lippen und hauchte einen Kuss auf das helle Holz. Dann warf sie ihn in weitem Bogen der Kentaurin entgegen. �Ein Amulett�, erkl�rte sie. �Die Kentauren glauben, wenn ihre Frauen einen Stab aus Weidenholz bei sich tragen, den ich ber�hrt habe, dann werden sie in der n�chsten Liebesnacht einen Sohn empfangen.�</p><p>Ollowain h�rte die Worte der K�nigin kaum. Ein dumpfes Ger�usch, fast verdeckt vom L�rm des Festes, lie� ihn herumfahren. Der Holde, der ihn eben noch verspottet hatte, war von einem Pfeil an den Mast genagelt worden. Das Geschoss zitterte noch von der Wucht, mit der es sich in das Holz gebohrt hatte. Dunkles Blut troff von der Brust des Toten und sammelte sich am G�rtel, der den Lendenschurz hielt. Der Pfeil, der den Sp�tter get�tet hatte, war schwarz, seine Befiederung dunkelgrau und wei� gestreift.</p><p>Ollowain zog Emerelle dicht an sich. So wie der Pfeil im Mast steckte, musste er aus erh�hter Position von einem der Schiffe aus abgeschossen worden sein. Dass die K�nigin sich nach dem Weidenholz geb�ckt hatte, hatte ihr vermutlich das Leben gerettet.</p><p>�Die S�nfte nieder!�, befahl Ollowain dem Anf�hrer der Kentauren.</p><p>Orimedes sah verwundert zu ihm auf. �Hier, mitten im Gedr�nge? Bist du verr�ckt geworden?� Auch Emerelle versuchte sich aus dem Griff des Kriegers zu winden. Die Schmetterlinge ihres Kleides waren aufgestoben, um nicht zwischen den Leibern zerdr�ckt zu werden. Sie bildeten eine dichte Wolke um die Herrscherin. Das w�rde dem heimt�ckischen Sch�tzen das Zielen erschweren! Es waren nur wenige Augenblicke verstrichen, seit der Pfeil den Holden getroffen hatte. Doch ein ge�bter Bogensch�tze vermochte drei Pfeile in die Luft zu bekommen, bevor der erste in seinem Ziel einschlug.</p><p>Wie als Antwort auf Ollowains Gedanken bohrte sich dicht neben ihm ein zweites Geschoss in eine der Ruderb�nke. Der Pfeil hatte sie um kaum mehr als Handbreite verfehlt. Dass der Bogensch�tze nicht getroffen hatte, war gewiss nur den Schmetterlingen zu verdanken. Zu hunderten schwirrten sie nun um die K�nigin herum.</p><p>�Herrin, du wirst sterben, wenn du darauf bestehst, auf der S�nfte zu bleiben�, sagte Ollowain ruhig. Jetzt, wo er endlich handeln konnte, war seine Anspannung gewichen.</p><p>�K�ss sie!�, gr�lte jemand in der Menge, der Ollowains Handeln gr�ndlich missverstanden hatte. Der Schwertmeister zog die K�nigin mit sich zur Reling.</p><p>Er packte sie bei den H�ften und sprang hinab. Schmetterlingsfl�gel streiften seine Wangen. Er konnte kaum etwas sehen.</p><p>�Schau zum Mast!�, rief er dem Kentaurenf�rsten zu. �Jemand schie�t auf uns!� Ollowain zog Emerelle unter den Rumpf des Bootes. Hier waren sie in Sicherheit. Rings herum erhob sich Geschrei. Wahrscheinlich hatten die ersten Schaulustigen den toten Holden gesehen.</p><p>�Wir m�ssen verheimlichen, was geschieht.� Emerelle machte sich aus Ollowains Umklammerung los. �Wenn jetzt eine Panik ausbricht, werden vielleicht hunderte zu Tode getrampelt.�</p><p>�Du darfst dich nicht zeigen!�, begehrte der Schwertmeister auf. �Bisher hast du Gl�ck gehabt, Herrin. Schon der n�chste Schuss k�nnte dich t�ten. Wir d�rfen dem M�rder keine weitere Gelegenheit geben. Du musst zur�ck in den Palast!�</p><p>�Warum glaubst du, dass mich ein Mann t�ten will?�</p><p>�Ob Mann oder Frau, ist jetzt gleichg�ltig. Das Einzige, was z�hlt, ist deine Sicherheit, Herrin! Du musst zur�ck zum Palast!� Ollowain war sich nur allzu bewusst, warum er nicht dar�ber sprechen wollte, ob auch eine Frau geschossen haben k�nnte. Er h�tte Silwyna nicht ins Vertrauen ziehen d�rfen!</p><p>�Sagt den Elfen im Gefolge, sie sollen absteigen, und sorge daf�r, dass die Holden den Toten vom Mast nehmen�, rief Ollowain dem Kentaurenf�rsten zu.</p><p>Emerelle trat unter dem sch�tzenden Boot hervor.</p><p>Sofort war der Schwertmeister an ihrer Seite. �Herrin, bitte ...� Er sah das Blinken von Stahl, dicht bei der K�nigin. Eine Klinge! Er stie� eine junge Elfe zur�ck und bemerkte erst dann, dass ihre polierte G�rtelschlie�e ihn genarrt hatte. Emerelle legte ihm die Hand auf die Schulter und zog ihn zur�ck.</p><p>�Vergiss nicht, dass auch ich einmal eine Kriegerin war�, sagte sie. �Inmitten der Albenkinder wird mich der Bogensch�tze nicht treffen k�nnen.�</p><p>�Und wenn es einen zweiten M�rder gibt? Wie soll ich dich hier vor einer Klinge sch�tzen?� Die Antwort Emerelles ging in Jubelrufen unter. Eine Schar Kobolde entdeckte die K�nigin und dr�ngte auf sie zu. Die Schmetterlinge vom Kleid der Augen fl�chteten und tanzten hoch �ber der Herrscherin in der Luft. Bald war Emerelle ganz von schwitzenden Leibern eingekeilt. Ein Lamassu, ein riesiger, gefl�gelter Stiermann aus dem fernen Schurabad, pfl�gte durch die Menge und versuchte mit seiner Donnerstimme, den L�rm zu �bert�nen, um Emerelle in eine philosophische Diskussion �ber die Verg�nglichkeit aller Dinge zu verwickeln. Endlich schaffte es Ollowain, die jungen Elfen aus dem Gefolge im Kreis um die K�nigin aufzustellen. Unversehens lie� das Gedr�nge etwas nach. In diesem kurzen Augenblick ging eine seltsame Ver�nderung mit der K�nigin vor sich. Pl�tzlich wirkte sie verletzlich wie ein Kind.</p><p>Das L�rmen rings herum verebbte. Eine Gasse bildete sich vor ihnen. Fischer, Fernh�ndler und Weise standen in stummem Staunen. Es schien, als schreckten sie davor zur�ck, diese zerbrechliche Gestalt zu sehr zu bedr�ngen. Nun kamen sie leichter voran. Immer wieder blieb die K�nigin stehen, um durch das Spalier ihrer Wachen hindurch H�nde zu sch�tteln oder ein paar Worte zu wechseln. Sie durchquerten einen Park, in dem Magier Figuren aus Bl�tenbl�ttern durch die Luft tanzen lie�en.</p><p>Ollowain hatte keinen Blick f�r die Sch�nheit des Zaubers. Argw�hnisch musterte er die dichten B�ume und suchte nach einem weiteren verborgenen Sch�tzen. Der Weg hinab zum Hafen zog sich in qualvolle L�nge. Emerelle hingegen gab sich unbeschwert. Sie genoss es, bejubelt zu werden, und verspr�hte einen Liebreiz, dem selbst die stierk�pfigen Minotauren nicht zu widerstehen vermochten, obwohl sie allgemein f�r ihre griesgr�mige Religiosit�t verschrien waren, die kein L�cheln oder gar lauten Jubel duldete.</p><p>Unbehelligt gelangte die Herrscherin bis zu dem Kai, an dem die <emphasis>Mondschatten</emphasis> vert�ut lag. Selbst Ollowain, der Emerelle t�glich so nahe kam wie kaum ein Zweiter in ihrem Gefolge, f�hlte sich ergriffen von der Aura seiner K�nigin. War es ein Zauber? Oder war es das wahre Gesicht der Herrscherin, das sich auf einmal zeigte? Er vermochte es nicht zu sagen.</p><p>Die Wachen der k�niglichen Prunk-Liburne bildeten ein Spalier, als ihre Gebieterin an Bord kam. Auf dem Hauptdeck standen entlang einer festlichen Tafel die bedeutendsten F�rsten Albenmarks. Kein Platz war leer geblieben. Ollowain musterte die stolzen Gesichter. Die Mehrheit der F�rsten waren Elfen. Sie vertraten die V�lker der Meere und Ebenen, der fernen Inseln und der Eisebenen aus der Snaiwamark.</p><p>Sie alle verbeugten sich vor Emerelle, als sie das Schiff betrat, selbst Shahondin von Arkadien. Manche der Edlen l�chelten ironisch, wie um der alt�berlieferten Geste der Ehrerbietung etwas von ihrem Pathos zu nehmen. Doch keiner wagte es, Emerelle offen herauszufordern, indem er ihr die Verbeugung verweigerte. Die Schmetterlinge hatten sich wieder auf Emerelles Gewand niedergelassen. Das Bad in der Menge hatte der K�nigin nichts von ihrer majest�tischen Erscheinung genommen. Gemessenen Schrittes stieg sie zum Achterdeck hinauf, wo alle G�ste sie sehen konnten.</p><p>Eine junge Elfe trat an Ollowains Seite. Yilvina. Ollowain hatte sie zur Kommandantin der Elfengarde auf der <emphasis>Mondschatten</emphasis> bestimmt. �Ist alles in Ordnung?�, fragte sie leise.</p><p>�Nein�, murrte der Schwertmeister. �Sieht es so aus? Welche Vorkehrungen hast du zur Sicherheit der K�nigin getroffen?�</p><p>�An Bord stehen zweiundsiebzig Krieger unter Waffen. Die Mastk�rbe sind mit Armbrustsch�tzen besetzt. Auf dem Achterdeck stehen meine zuverl�ssigsten K�mpfer. Sie alle sind mit Turmschilden gewappnet, so wie du es befohlen hast. Und sollte es zum Schlimmsten kommen, sind drei verschiedene Fluchtwege vorbereitet.� Ollowain entspannte sich ein wenig. Er hatte mit Yilvina gemeinsam in vielen Schlachten gek�mpft. Selbst beim Massaker in Aniscans, als sie von einer �bermacht von Barbaren eingekreist worden waren, hatte sie einen k�hlen Kopf bewahrt. Der Schwertmeister besah sich, wie die Wachen postiert waren, und nickte zufrieden. Die Krieger auf dem Achterdeck hatten altmodische R�stungen mit Brustplatten aus polierter Bronze angelegt. Pr�chtige Federb�sche wehten von ihren silbernen Helmen. Sie trugen gro�e, ovale Schilde, die mit wunderbaren Bildern bemalt waren. Auf den arglosen Betrachter wirkten sie nicht bedrohlich, sondern wie ein Teil einer gro�artigen Kulisse bei einem Fest, das so alt wie die Elfenv�lker selbst war. Und doch mochten ihre Schilde binnen eines Herzschlags zu einer h�lzernen Mauer werden, die sich zwischen die K�nigin und jeden Feind schob.</p><p>Ollowain nickte knapp. �Gute Arbeit, Yilvina. Aber schick jemanden hinauf zum Vormast. Die Armbrustsch�tzen dort sollen die <emphasis>Atem der See</emphasis> im Auge behalten. Vielleicht verbirgt sich auf einem ihrer Masten ein Bogensch�tze.�</p><p>�Ich werde mich pers�nlich darum k�mmern.� Die Elfe machte auf dem Absatz kehrt und eilte zum Vordeck. Emerelle hatte mit der feierlichen Rede begonnen, mit der sie ihren Verzicht auf den Thron erkl�rte. Sie stand an der Br�stung des Achterdecks und blickte zu den F�rsten hinab.</p><p>�... ein langer Mondzyklus ist verstrichen, und die B�rde der Macht ruht schwer auf meinen Schultern.� Der K�nigin gelang es, dass die alt�berlieferten Floskeln aus ihrem Munde aufrichtig klangen. Doch Ollowain wusste genau, dass sie niemals auf ihre Herrschaft verzichten w�rde. Er ging zum Aufgang auf das Achterdeck. Es war besser, an Emerelles Seite zu bleiben, bis diese Nacht vor�ber war.</p><p>�Seht her, ohne Krone bin ich vor euch getreten. Nun sagt mir: Wer aus unserer Mitte soll k�nftig die Last der Herrschaft tragen?�</p><p>Einen Augenblick herrschte Stille. Dann trat Hallandan der F�rst von Reilimee, der wei�en Stadt am Meer � unter den Edlen hervor. �Ich benenne Emerelle, um den Schwanenreif zu tragen. Weisheit und G�te vereinen sich in ihr. Sie soll �ber uns herrschen.�</p><p>Eine frische B� lie� die F�rstenbanner entlang der Reling knattern. Emerelle �ffnete den Mund ... Sie wirkte orientierungslos.</p><p>Ollowain st�rmte die Treppe zum Achterdeck hinauf. Doch schon hatte die K�nigin sich wieder gefangen. �Ihr F�rsten von Albenmark. Findet sich denn keiner, der die B�rde der Verantwortung an meiner Stelle tragen mag?�</p><p>Der Schwertmeister blickte zu Shahondin, doch der Herrscher Arkadiens blieb stumm.</p><p>�Wenn also kein anderer den Thron begehrt, so gelobet mir nun Treue�, fuhr Emerelle fort. �Ein Titel ist nur ein Wort. Eine Krone nur eitler Tand. Ihr aber seid das Fleisch meiner Herrschaft. Ohne euch gibt es kein K�nigtum.�</p><p>Nun traten die F�rsten einzeln vor, knieten vor Emerelle nieder und leisteten ihr den Treueid. Ollowain stand hinter seiner K�nigin. Er w�nschte, er h�tte in den Gedanken der F�rsten lesen k�nnen. Ihre Gesichter waren Masken. Sie verrieten keine Regung. Sicherlich waren die meisten Emerelle tats�chlich ergeben. Doch mindestens einer sann auf ihren Tod. Vielleicht Alathaia, F�rstin von Langollion, die schon lange im Streit mit Emerelle lag, weil sie sich angeblich der dunklen Seite der Magie verschrieben hatte und zu sehr nach den verborgenen Sch�tzen auf dem Albenhaupt strebte? Oder gar der stille Eleborn, ein wei�haariger Wassermann, der Herr �ber das Reich unter den Wogen? War es doch Shahondin? Oder am Ende irgendjemand ohne gro�en Namen, der einen Groll gegen die K�nigin hegte und auf Rache sann? Ollowain w�nschte, diese Nacht sei endlich vorbei!</p><p>Eine junge Elfe in bl�tenwei�em Kleid stieg zum Achterdeck empor. Auf einem blauen Samtkissen trug sie die Krone von Albenmark. Sie war aus wei�em Gold und hunderten Diamantsplittern gefertigt und sah aus wie ein Schwan, der sich gerade aus dem Wasser eines Sees in die L�fte erhob. Der stilisierte Kopf war weit nach vorne gestreckt, w�hrend die Fl�gel sich nach hinten kr�mmten und einen breiten Reif bildeten.</p><p>Emerelle nahm die Krone. Einen Herzschlag lang hielt sie das kostbare Kleinod hoch �ber ihren Kopf, sodass jeder an Bord es deutlich sehen konnte. Dann setzte sie die Krone auf. Es war ein Augenblick feierlicher Stille. �Nehmt Platz an meiner Tafel, edle F�rsten, und seid meine G�ste in dieser Nacht der Wunder.� Wie auf ein geheimes Signal hin schossen von allen F�rstent�rmen schillernde Lichtfont�nen in den schwarzen Himmel. Ausgelassenes Jubelgeschrei erklang auf den Kais und den Schiffen. Albenmark hatte wieder eine K�nigin.</p><p>Emerelle lie� sich auf ihren Thronsessel sinken. Sie wirkte sehr ersch�pft. Der Schwertmeister sah, dass ihre rechte Hand zitterte. Er trat neben den Thron und beugte sich leicht vor.</p><p>�Geht es dir gut, Herrin?�</p><p>�Die Albenpfade�, fl�sterte Emerelle. �Etwas hat nach ihnen gegriffen. Das unsichtbare Netz zwischen den Welten ist ersch�ttert worden. Jemand hat die Macht eines Albensteins genutzt, um neue F�den zu spinnen.�</p><p>�Wir haben eine volle Ruderbesatzung unter Deck, Herrin. Ein Wort, und die Leinen werden gekappt.� Ollowain deutete zu den beiden T�rmen, die den Hafeneingang markierten. �In weniger als einer halben Stunde sind wir auf offener See � wenn du es w�nschst.�</p><p>Emerelle sch�ttelte m�de den Kopf. �Ich bin die K�nigin. Ich kann nicht einfach fortlaufen. Schon gar nicht, wenn ich nicht einmal wei�, wovor ich fliehe. Es ist an mir, die V�lker Albenmarks zu besch�tzen. Doch es ist gut zu wissen, dass die <emphasis>Mondschatten</emphasis> schnell einsatzbereit ist.� Sie winkte der jungen Elfe, die ihr die Krone gebracht hatte. Das M�dchen stand etwas verloren am Gel�nder �ber dem Hauptdeck. �Leiste mir Gesellschaft, meine Kleine. Wie hei�t du?�</p><p>�Sansella, meine K�nigin.�</p><p>�Und wer hat dich zu dieser Aufgabe bestimmt?�</p><p>Die Elfe deutete hinab zu den G�sten, die sich an der Tafel niedergelassen hatten. �Hallandan, der F�rst von Reilimee, mein Vater�, sagte sie stolz.</p><p>�Ich erinnere mich, dich als kleines Kind gesehen zu haben. Und ich kenne dich von fr�her, aus deinen vorangegangenen Leben. Du warst stets sehr tapfer, Sansella. In deiner Brust schl�gt das Herz einer Heldin.�</p><p>Das junge M�dchen err�tete. Sie sah zur K�nigin auf, �ffnete den Mund, verzagte aber.</p><p>�Was willst du mich fragen?�</p><p>�Kannst du mir erz�hlen, wie ich fr�her war?�</p><p>Emerelle sah sie durchdringend an. �Du wei�t, dass es gef�hrlich ist! Wenn ich dir erz�hle, wer du warst, dann mag es geschehen, dass der Schleier rei�t, der deine fr�heren Leben vor dir verbirgt, und binnen eines Augenblicks alle Erinnerungen zur�ckkehren. Und es werden nicht nur gute Erinnerungen sein.�</p><p>Sansella wirkte niedergeschlagen. �Das sagt auch mein Vater.�</p><p>�Eins kann ich dir jedoch verraten, denke ich. W�hrend der Trollkriege hast du mir einmal fast das Leben gerettet. Ollowain, mein Schwertmeister, ist dir damals in die Quere gekommen. Er ist sehr erfahren darin, mich zu retten.� Emerelle l�chelte versonnen. �Sehr erfahren.�</p><p>Ollowain musterte das junge M�dchen scharf. Sansella? Der Name war ihm fremd. Aber das Antlitz kam ihm vertraut vor. Er erinnerte sich an eine junge Kriegerin, die beim letzten Sturm der Trolle auf die Shalyn Falah in den Abgrund geschleudert worden war. War diese Kriegerin in dem M�dchen wiedergeboren? Er sah noch die Todesangst in den Augen der jungen Elfe, als sie auf der Br�cke den Halt verloren hatte. Es war gut, dass man ohne Erinnerung wiedergeboren wurde!</p><p>�Herrin!� Shahondin hatte sich an der Festtafel erhoben. �Ich habe ein besonderes Geschenk zu unser aller Unterhaltung vorbereitet. Willst du es entgegennehmen, Emerelle?�</p><p>�W�rdest du es an meiner Stelle annehmen?�</p><p>Der F�rst von Arkadien sch�rzte die Lippen. �Der Abend w�re um eine unvergessliche Erinnerung �rmer, wenn du es ablehntest.�</p><p>Ollowains Hand sank zum Schwertgriff. Was sollte das? Unwillk�rlich blickte er zu den Masten der <emphasis>Atem der See</emphasis>.</p><p>�Alle hier wissen um meine Neugier�, sagte Emerelle in aufger�umten Plauderton. �Also �berrasche mich!�</p><p>Der Schwertmeister bewunderte die K�nigin f�r ihren Mut. Sie wusste um die Gefahr, und doch machte sie gute Miene zum b�sen Spiel. H�tte sie Shahondins Geschenk abgeschlagen, w�re allen Anwesenden offenbar geworden, dass sie sich vor dem F�rsten von Arkadien f�rchtete. Das w�re einem Signal an alle Unzufriedenen gleichgekommen! Vielleicht war es auch einfach nur ein Geschenk? Gesten dieser Art waren nicht un�blich.</p><p>�Unten auf dem Kai wartet meine Enkelin, Lyndwyn�, sagte Shahondin, und ein leichter Tadel schwang in seiner Stimme.</p><p>�Deine Wachen haben ihr nicht gestattet, das Schiff zu betreten. F�r ihre Jugend hat sie in der Kunst der Magie eine au�erordentliche Meisterschaft erreicht. Niemand in Arkadien vermag sich mit ihr zu messen.�</p><p>�Spricht das nun f�r die Begabung deiner Enkelin oder gegen die Zauberer deiner Sippe?�, warf Hallandan von Reilimee ein und erntete zustimmendes Gel�chter.</p><p>Shahondin wurde eine Spur blasser, versuchte seinen Zorn aber zu �berspielen. �Urteilt selbst, wenn ihr gesehen habt, was Lyndwyn vermag.�</p><p>Emerelle gab Yilvina, die sich wieder bei den Posten zum Aufgang der Prunk-Liburne eingefunden hatte, ein Zeichen. Eine Elfe, gewandet in Schwarz und Silber, wurde an Bord gebracht. Lockiges schwarzes Haar wallte auf ihre Schultern hinab. Ihre blasse Haut war mit Bandag bemalt. Dunkle Schlangen schm�ckten ihre Arme, und der Kopf einer Kobra prangte auf ihrer Stirn. Hohe Wangenknochen betonten Lyndwyns schmales Gesicht. Ihre Augen waren lindgr�n und mit goldenen Sprenkeln durchsetzt. Die schmalen Lippen deuteten zielgerichtete Verbissenheit an. Welche Opfer mochte die Elfe wohl gebracht haben, um schon so jung als Meisterin der magischen K�nste zu gelten, fragte sich Ollowain. Ob sie ihm �hnlich war? Er dachte an den Preis, den er entrichtet hatte, um zum Schwertmeister Albenmarks zu werden.</p><p>Lyndwyn verbeugte sich formvollendet vor der K�nigin. �Ich danke dir, Herrin. Die Erlaubnis, unter deinen Augen Zeugnis meines K�nnens abzulegen, ehrt mich.�</p><p>�Danke mir, nachdem dein Schaust�ck gegl�ckt ist, Lyndwyn. Ich habe die besten Zauberer eines ganzen Zeitalters gekannt, und ich werde ihr Andenken nicht schm�lern, indem ich dir applaudiere, wenn mich deine Kunst nicht �berzeugt.�</p><p>Ollowains Hand ruhte noch immer auf dem Schwertgriff. Er war sich nicht sicher, ob Shahondin seine Enkelin ohne Hintergedanken geschickt hatte.</p><p>Lyndwyn schienen die abweisenden Worte der K�nigin nicht weiter zu beeindrucken. Mit einer Selbstsicherheit, die an �berheblichkeit grenzte, begann sie ihr Werk. Die Magierin hauchte ein Wort der Macht, und vor ihr erglomm ein schwebender Funke, kaum so gro� wie ein Gl�hw�rmchen. Eine knappe Geste, und der Lichtpunkt begann zu tanzen. Er zeichnete den Umriss eines Vogels gegen den dunklen Nachthimmel. Schneller und schneller wirbelte er umher, hob einzelne Konturen hervor und lie� das Bild immer plastischer werden. Bald schon war das Federkleid herausgearbeitet; ein langer gebogener Schnabel folgte. Der Vogel bl�hte sich auf, wurde gro� wie ein Pferd. Er streckte die Fl�gel, wie um die Kraft seiner Schwingen zu erproben. Und noch immer f�gte der wirbelnde Lichtpunkt dem lebendig werdenden Bild neue Konturen hinzu. Mal vertiefte er das Orange des glutfarbenen Gefieders, dann f�gte er einen Lichtpunkt bei den dunkelroten Augen hinzu. Pl�tzlich ging von der Flammengestalt gl�hende Hitze aus. Aus den Reihen der F�rsten ert�nte ehrf�rchtiges Raunen. Mit befehlender Geste lie� Lyndwyn den Vogel h�her in den Himmel steigen, um Emerelles G�ste vor dem Gluthauch zu bewahren.</p><p>Ollowain legte den Kopf in den Nacken. Das Zauberbild ver�nderte sich noch einmal. Es war nun kein Abbild mehr, es schien zum Leben erwacht zu sein und b�umte sich gegen den Willen der jungen Magierin auf. Nie zuvor hatte der Schwertmeister gesehen, wie aus nichts als einem Funken Licht etwas Lebendiges erschaffen worden war. Das Zauberkunstst�ck hatte ihn ganz in den Bann geschlagen, und er verga� f�r den Augenblick seine Sorge um Emerelle.</p><p>�Hinaus auf die See mit dir!�, befahl Lyndwyn.</p><p>Der Feuervogel stie� einen schrillen Schrei aus. Dann flog er den Hafent�rmen entgegen. Auch sie waren in dieser Nacht in fahles, blauwei�es Zauberlicht getaucht. Ollowain erschienen sie wie zwei einsame Schildwachen am Rand der Finsternis. Jenseits der T�rme waren nicht einmal Sterne zu sehen. Wolken hatten ihr Licht verschluckt.</p><p>Kaum hatte der Vogel die T�rme hinter sich gelassen, verschwand er.</p><p>Lyndwyn schien verwirrt. Sie machte eine z�gerliche Geste und blickte gebannt in die Finsternis. Einer der F�rsten klatschte in die H�nde, dann fiel ein Zweiter in den Applaus ein und ein Dritter. Die meisten jedoch blickten zur Hafeneinfahrt. Sie alle schienen noch etwas zu erwarten. Das konnte nicht das Ende von Lyndwyns Auftritt gewesen sein!</p><p>Und tats�chlich erglommen dicht �ber dem Wasser kleine Lichtpunkte. Zun�chst noch vereinzelt, wurden es binnen weniger Augenblicke Dutzende. Und dann stiegen die ersten der leuchtenden Punkte in steilem Bogen dem Himmel entgegen. Manche zerbrachen dabei und st�rzten zur�ck in die See. Die meisten jedoch stiegen h�her und h�her.</p><p>Das Spektakel war ungew�hnlich anzuschauen. Wo der Vogel als einzelne, vollkommene Gestalt �berzeugt hatte, war es hier die Masse, die beeindruckte. Als der erste der Lichtpunkte den Zenit seiner Flugbahn �berschritten hatte und, langsam gr��er werdend, dem Hafen entgegenst�rzte, begriff der Schwertmeister, was er da sah. Feuerkugeln! In der Finsternis jenseits der Hafent�rme musste eine Flotte liegen! Und sie hatte angefangen, Vahan Calyd zu beschie�en.</p><p>Fauchend zerbarst eine Feuerkugel zwischen den Masten der <emphasis>Wellent�nzer</emphasis>, des Flaggschiffs Hallandans von Reilimee. Sofort waren die gerefften Segel in Brand gesetzt. Einer der Masten neigte sich zur Seite und zerfetzte das Takelwerk. Eine weitere Kugel zerbarst auf einem nahe gelegenen Kai.</p><p>�Schildwachen zu mir!�, befahl Ollowain, doch die jungen Krieger starrten wie gel�hmt auf das Inferno. W�tend fuhr er herum. �Herrin, du musst ...� Eine Feuerkugel schlug auf das Achterdeck, ihr Gluthauch versenkte Ollowains Haar. Wirbelnde Funken und bei�ender Rauch erf�llten die Luft. Fauchend schlugen Geschosse ins Wasser. Steuerbord stand ein gro�er Segler in hellen Flammen. Die Luft war erf�llt von Schreien. Wie bet�ubt starrte der Schwertmeister dorthin, wo eben noch Emerelle gesessen hatte. Doch der Thron war verschwunden � hinweggefegt von einer Feuerkugel. Beil�ufig bemerkte Ollowain, dass der �rmel seines Hemdes schwelte. Doch er f�hlte keinen Schmerz. Es war wie in einem Traum.</p><p>�Herrin?� Ollowain ging in den Rauch. �berall auf Deck lagen Klumpen aus gepresstem Stroh. Was waren das f�r Geschosse? Er trat auf etwas Weiches. Eine abgerissene Hand! Er ging in die Knie und versuchte, mit den Armen wedelnd, den Rauch zu vertreiben. Vor ihm lag Sansella. Ihr Kopf war in groteskem Winkel verdreht, das Gesicht ein blutiger Klumpen. Er erkannte sie allein an dem schwelenden Kleid. Noch w�hrend er das M�dchen anstarrte, ging der Stoff in Flammen auf.</p><p>�berall an Deck wanden sich Schmetterlinge. Mit verbrannten oder zerdr�ckten Fl�geln versuchten sie vergebens, den Flammen zu entkommen, die sich immer weiter ausbreiteten. Scherben eines groben Tonkrugs lagen herum. Sie waren bedeckt von einer z�hen, klebrigen Masse.</p><p>Geistesabwesend schlug der Schwertmeister auf sein Hemd und erstickte den Schwelbrand. Er sp�rte nicht, wie sich Funken in sein Fleisch fra�en.</p><p>�Emerelle?� Ollowain stieg �ber einen toten Krieger der Leibwache hinweg. Und dann sah er die K�nigin. Sie war halb unter schwelendem Stroh begraben. Kleine Brandnarben wie Pocken zeichneten ihr Antlitz. Mit blo�en H�nden m�hte sich Ollowain, das glimmende Stroh zur Seite zu sto�en.</p><p>�Wachen zu mir!�, rief er verzweifelt.</p><p>Endlich kam Bewegung in die jungen Soldaten. Sie halfen dem Schwertmeister, bis alles Stroh entfernt war. Das Untergewand der K�nigin war halb verbrannt, ihr K�rper von gro�en, n�ssenden Wunden gezeichnet. Unter ihrem Rippenbogen steckte der Splitter eines zerschlagenen Tongef��es.</p><p>�Bildet einen Schildwall!�, herrschte Ollowain die Krieger an.</p><p>�Los, beschirmt eure K�nigin vor den Blicken Neugieriger.�</p><p>Yilvina trat aus dem wirbelnden Rauch. Das Gesicht der Elfe war von Ru� geschw�rzt.</p><p>�Die F�rsten verlassen das Schiff!�, meldete sie. �Was sollen wir tun? Ablegen?�</p><p>Ollowains Gedanken �berschlugen sich. Der Himmel war voller Feuerb�gen. Hundert Katapulte oder noch mehr beschossen Hafen und Stadt. Etliche Schiffe brannten bereits lichterloh. War dies Shahondins Werk? �Packt Lyndwyn! Sie hat das Zeichen gegeben, den Hafen anzugreifen. Ich will sie lebend. Sie wei�, was hier geschieht.� Die Elfenkriegerin nickte knapp und verschwand wieder im Rauch.</p><p>Ollowain war sich sicher, dass Shahondins Enkelin eine der Feuerkugeln auf das Achterdeck herabgerufen hatte. F�r die F�rsten musste es so ausgesehen haben, als ob Emerelle tot sei. Vielleicht konnte er daraus einen Nutzen ziehen? Er sah zu seiner Herrscherin hinab. Einer der Soldaten hatte einen roten Umhang �ber sie gedeckt, sodass nur ihr Antlitz zu sehen war. Neben ihr lag die verbogene Schwanenkrone auf dem Deck. Sie mussten die K�nigin von hier fortbringen, doch Ollowain wagte es nicht, sie zu ber�hren. Er brauchte eine Heilerin.</p><p>�Ich will zu meiner Tochter! Lasst mich durch!�</p><p>�F�rst, wir haben strikten Befehl ...�</p><p>�Lasst ihn durch�, befahl Ollowain. Seine Stimme war heiser. Die Luft rings herum schien zu gl�hen. Etliche Schiffe im Hafen standen in hellen Flammen. Pl�tzlich duckten sich die Wachposten hinter den Schilden. Fauchend zog ein Brandgeschoss kaum einen Schritt �ber ihre K�pfe hinweg.</p><p>Die Hitze der gl�henden Kugel traf Ollowain wie ein Schlag ins Gesicht, obwohl das m�rderische Geschoss das Schiff verfehlte.</p><p>Hallandan hatte nicht einmal den Kopf eingezogen. Der hoch gewachsene Elf stand wie versteinert und starrte auf die zierliche Gestalt zu seinen F��en.</p><p>Der Schwertmeister legte dem F�rsten sanft eine Hand auf den Arm. �Ich wei� nicht um den Schmerz, der dein Herz zerrei�t, doch glaube ich, dass es deiner Tochter bestimmt war, die K�nigin zu retten, und sie wird ihr Schicksal erf�llen. Wir m�ssen versuchen, aus dem Hafen zu entkommen. Emerelle darf nicht l�nger in Vahan Calyd bleiben. Wir haben einen Feind in unseren eigenen Reihen. T�uschung und List sind seine sch�rfsten Waffen. Wir k�nnen nur �berleben, wenn wir diese Waffen gegen ihn wenden.�</p><p>Auf der Treppe zum Achterdeck entstand ein Tumult. �Verr�terin!� zischte eine helle M�nnerstimme.</p><p>Yilvina erschien und stie� die junge Magierin vor sich her. Lyndwyns kunstvolle Frisur war zerzaust, ihre linke Wange blaurot verf�rbt und das Auge fast zugeschwollen. Ihre Arme waren auf den R�cken gebunden, und ein Knebel steckte in ihrem Mund.</p><p>�Wir haben sie auf dem Kai gefasst�, meldete die Kriegerin.</p><p>�Sie versuchte, in die Stadt zu fliehen.� Yilvina griff in Lyndwyns Haar und zwang die Magierin, vor Ollowain niederzuknien.</p><p>Der Schwertmeister sah zu der sterbenden K�nigin und dann zu Lyndwyn. Die Verr�terin wand sich in Yilvinas Griff, vermochte sich jedoch nicht zu befreien.</p><p>�Du hast ihnen mit dem Lichtvogel das Zeichen gegeben. Wer ist dort drau�en auf See?� Ollowain zerrte ihr den Knebel aus dem Mund. �Sprich!�</p><p>Die Magierin befeuchtete mit der Zungenspitze ihre Lippen. Trotzig hielt sie seinem Blick stand. �Ich wei� nicht, wer uns angreift.�</p><p>Ollowains Hand zuckte zum Schwert. Was glaubte diese N�rrin! Jeder an Bord war Zeuge gewesen, wie sie das Angriffssignal gegeben hatte. Und es konnte kein Zufall sein, dass gleich eines der ersten Geschosse auf dem Achterdeck dicht bei der K�nigin eingeschlagen war. Ihre frechen L�gen wagte sie nur, weil sie wusste, wie verzweifelt er eine Heilerin brauchte. �Ich bin nicht f�r meinen Langmut bekannt, Lyndwyn.� Er sah zu Emerelle, seiner Herrin. Ein d�nner Blutfaden troff von ihren Lippen. Der Tod hatte seine Hand nach ihr ausgestreckt.</p><p>Kalte Wut packte Ollowain. �Wer ist dort drau�en?�, herrschte er die Magierin an und zog sein Schwert.</p><p>�Ich wei� es nicht�, beharrte Lyndwyn. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und bot ihm die ungesch�tzte Kehle dar. �T�te mich, Ollowain, und unsere Herrin wird sterben, bevor diese Stunde verstrichen ist. Ich bin sehr erfahren in den K�nsten der Heilung.�</p><p>Sie machte eine weit ausholende Geste in Richtung der Stadt. �berall auf den Kais und in den Stra�en, die man von der See her einsehen konnte, herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander. Alles, was Beine hatte, rettete sich und dr�ngte fort vom Meer. Nur Orimedes und seine Kentauren r�hrten sich nicht vom Fleck. Sie standen um die S�nfte der K�nigin, nahe am Ufer. Emerelle hatte ihnen befohlen, auf ihre R�ckkehr zu warten. Und mochte rings um sie herum die Welt untergehen, sie warteten.</p><p>�Wo willst du eine Heilerin herholen, Schwertmeister?�, fragte Lyndwyn. �Ihr bleiben vielleicht nur mehr hundert Herzschl�ge. Sieh, wie das Leben aus ihrem Leib rinnt! Willst du auf die Kais hinauslaufen und in der schreienden Menge nach einer Heilerin suchen? Der Preis f�r dein Misstrauen gegen mich wird das Leben der K�nigin sein. Lass mich frei, und ich helfe ihr! Ich werde mein Bestes geben, muss ich doch bef�rchten, im selben Augenblick zu sterben, in dem meine Bem�hungen scheitern. Los, entscheide dich! Dein Z�gern t�tet Emerelle! �</p><p>�Sie hat Recht�, sagte Yilvina mit rauer Stimme.</p><p>Ollowains Hand spannte sich fester um den Schwertgriff. Die Lederumwicklung der Waffe knirschte leise. Lyndwyn war eine Verr�terin! Und dennoch war er nun auf sie angewiesen. Ihm blieb keine Wahl. �Wie willst du ihr helfen?�</p><p>�Ich werde einen K�ltezauber wirken.� Lyndwyn musterte die K�nigin absch�tzend. Ihr Blick missfiel Ollowain. Er war ohne jedes Erbarmen. Was immer Lyndwyn tat, es geschah, um ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen, und nicht aus Liebe zu ihrer Herrscherin.</p><p>�Meine Magie wird Emerelles Leib langsam abk�hlen�, fuhr Lyndwyn sachlich fort. �Das Blut rinnt dann weniger schnell in ihren Adern. So kaufe ich dem Tod hoffentlich ein paar Stunden ab. Zeit, die es mir vielleicht erlaubt, die Wunde in ihrer Brust zu schlie�en.� Das Schiff erbebte. Eine Feuerkugel hatte das Vordeck getroffen. Funken und dichter Rauch stiegen auf. Seesoldaten eilten herbei und versuchten mit ihren langen Speeren das brennende Stroh von Bord zu sto�en. Ollowain ergab sich dem Schicksal. Wenn er Emerelle retten wollte, dann musste er Lyndwyn vertrauen.</p><p>�L�se ihre Fesseln�, wies er Yilvina an. �Und bleib an ihrer Seite.� Er sah zu der Magierin. �Du hast ganz Recht: Wenn Emerelle stirbt, dann stirbst auch du.�</p><p>Lyndwyn streckte sich und massierte dann ihre Armbeugen.</p><p>�Ich brauche Wasser�, sagte sie leise.</p><p>Der Schwertmeister wandte sich wieder an Hallandan. �Haben wir Aussichten, aus dem Hafen zu entkommen?� Der F�rst von Reilimee war neben seiner toten Tochter niedergekniet. Er strich �ber ihr blutverklebtes Haar. �F�rst�, sagte Ollowain nun eindringlicher. �K�nnen wir fliehen?�</p><p>Hallandan wirkte wie jemand, der aus tiefem Schlaf erwachte. Er starrte in die Finsternis, die noch immer Brandgeschosse in den Himmel spie. �Wie kann ich dir antworten, wenn ich nicht einmal wei�, gegen wen wir k�mpfen werden? Wenn wir es mit mehreren Schiffen versuchen ... Vielleicht werden wir es schaffen.�</p><p>�H�r mir genau zu, Hallandan.� Knapp umriss Ollowain seinen Plan. Sie brauchten mindestens drei Schiffe. Als er endete, wirkte das Gesicht des F�rsten wie versteinert. Endlich nickte er. �Ich werde es tun, Schwertmeister. Meine Bedingung ist, dass du mir das Kommando �ber das Flaggschiff der K�nigin gibst.�</p><p>�So sei es!�</p><p>Der Seef�rst eilte davon. M�de strich sich der Schwertmeister durch das versengte Haar. Niemals h�tte er sich tr�umen lassen, dass er einmal einem der F�rsten Albenmarks Befehle erteilen w�rde. Und schon gar nicht solche Befehle.</p><p>Ollowain trat an die Treppe zum Achterkastell und legte dem Krieger, der Hallandan hinaufgelassen hatte, die Hand auf die Schulter. �Folge mir unter Deck!�</p><p>Der junge Elf wirkte �berrascht. Ollowain wich dem Blick des Mannes aus. Er wollte sich k�nftig nicht an ihn erinnern, wollte ihn nicht wieder erkennen, wenn er in ein neues Leben geboren wurde.</p><subtitle>Auf der Suche nach fr�h verlorenem</subtitle><cite><poem><stanza><v>Wie W�lfe waren wir, vertrieben in die Fremde,</v><v>Geboren worden wie Welpen. Unter fremdem Monde</v><v>Jagten wir, rastlose Rudel, fern der Heimat,</v><v>Nah der Sehnsucht nach fr�h Verlorenem.</v></stanza><stanza><v>Wahrlich Weiber waren es, die wiesen den weiten Weg.</v><v>Auf glorreich goldener F�hrte im n�chtlichen Nebel,</v><v>Glitten Galeassen ger�uschlos durch wogende Wasser,</v><v>Auf der Suche nach fr�h Verlorenem.</v></stanza><stanza><v>In z�hem Zorn und ohne Zaudern gingen Gemordete zur�ck,</v><v>Zu kommen zum Fest der Lichter, vor Begierde brennend,</v><v>Einzig Emerelle zu finden, im ruchlosen Rausch</v><v>Zu lindern den Schmerz nach fr�h Verlorenem.</v></stanza><stanza><v>Flammen fielen vom Firmament, wo Albenkinder feierten.</v><v>Z�ndend zog Zerst�rung ein, leuchtendes Licht ward Lohe,</v><v>Zu Asche starb der Stolz der Schl�chter von Shalyn Falah,</v><v>Verbrannt von der Sehnsucht nach fr�h Verlorenem.</v></stanza></poem><text-author>Aus dem �Nachtzinnencodex�,</text-author><text-author>�bersetzt von Bruder Gundaher,</text-author><text-author>Band VI der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s. 112</text-author></cite></section><section><title><p>Der Rudelf�hrer</p></title><p>�Lasst euch mehr Zeit mit dem Nachladen!� Der Troll musste schreien, um das Get�se an Deck zu �bert�nen. Orgrim wollte, dass die <emphasis>Donnerer</emphasis> die letzten Sch�sse auf die verfluchten Elfen abgab. So mochte er wenigstens auf diese Weise dem K�nig auffallen.</p><p>Der Gesch�tzmeister unten wiederholte seinen Befehl, und die Arme der beiden gro�en Kriegsmaschinen verharrten.</p><p>�Wann d�rfen wir endlich in die Stadt zum T�ten?�, erklang eine Stimme vom Unterdeck. �Wir sollten die Elfen nicht verbrennen. Ich bin hier, um ihnen eigenh�ndig die Sch�del einzuschlagen.�</p><p>�Und du wirst reichlich Gelegenheit dazu bekommen, Gran�, erwiderte Orgrim. �Es wird sicher eine gro�e Erleichterung f�r dich sein, wenn wir das Meer verlassen und du dein Mahl nicht dauernd zu den Fischen speist. Ich mache mir schon Sorgen, dass du schw�chlich wie ein Rehkitz sein wirst, wenn wir den Elfen begegnen.� Dr�hnendes Lachen erscholl vom Gesch�tzdeck. Eine riesige Gestalt trat aus den Schatten und blickte zu Orgrim empor. Gran war selbst unter Trollen ein H�ne. Auf dem ganzen Schiff gab es keinen Krieger, den er nicht mindestens um Hauptesl�nge �berragte. �Du bist gut darin zu reden, aber den Wert eines K�mpfers misst man nicht an sch�nen Worten, sondern allein an der Zahl der erschlagenen Feinde, die zu seinen F��en liegen.�</p><p>�Dann frag Boltan nach einem Rechenbrett, Gran, denn deine Finger werden nicht ausreichen, um abzuz�hlen, wie vielen Elfen ich das Genick breche.� Wieder hatte Orgrim die Lacher auf seiner Seite. Sein Widersacher zog sich grollend in die Finsternis zur�ck.</p><p>Orgrim hatte es weit gebracht. Die wenigsten Trolle waren mit drei�ig Sommern Krieger. Viele schafften es nie und blieben ihr Leben lang Unfreie. Orgrim aber war bereits Rudelf�hrer und hatte das Kommando �ber ein eigenes Schiff. Und die Neider sa�en ihm im Nacken. Allen voran Gran. Er hatte gehofft, sein Rivale werde sich zu einer Beleidigung hinrei�en lassen, die es erlaubte, ihn zum Duell zu fordern. Die lange Zeit auf See hatte Gran geschw�cht. Wie die meisten Trolle ertrug er es nicht, sich auf einem Schiff aufzuhalten. Das Schwanken und der Geruch des Meeres machten sie krank. Orgrim wusste, dass Gran seit Tagen nichts gegessen hatte. Es w�re eine g�nstige Gelegenheit, gegen ihn anzutreten. Orgrim hatte ihn k�mpfen sehen. Im Vollbesitz seiner Kr�fte konnte Gran einem H�hlenb�ren mit blo�en H�nden das Genick brechen.</p><p>Im Grunde mochte er den grobschl�chtigen H�nen. Doch seit Orgrim Rudelf�hrer geworden war, zerfra� Gran der Neid. Mit ihm war nicht mehr auszukommen. Ihm war nicht mehr zu trauen! Er musste Gran loswerden. Aber ein Zweikampf mit einem geschw�chten Gegner w�re ehrlos. Vielleicht gab es ja eine Gelegenheit, ihn in ein anderes Rudel zu schicken?</p><p>Orgrim lehnte sich gegen das Schanzkleid des grob gezimmerten Achterkastells und blickte �ber die dunkle See. Selbst hier drau�en regte sich kein L�ftchen. �ber der Hafenstadt standen senkrechte Rauchs�ulen, beleuchtet vom roten Schein der Flammen.</p><p>Mit dumpfem Knall krachte auf dem Vordeck ein Katapultarm auf das dicke Lederkissen am Querbalken der Schleuder. Die Wucht des Aufpralls lie� das gro�e Schiff erzittern. Steil stieg eine Feuerkugel in die Nacht. Noch immer regneten dutzende Geschosse auf Stadt und Hafen, so als fielen die Sterne vom Nachthimmel. Orgrim fluchte leise. Er hatte gehofft, als Rudelf�hrer und Befehlshaber einer Galeasse in diesem Krieg zu Ruhm zu gelangen. So sehr hatte er sich in den letzten beiden Jahren bem�ht, das Schiff zu meistern, der tr�gen Masse aus Holz seinen Willen aufzuzwingen: auf Sturmfahrten durch die schwimmenden Inseln, von Nebel umschlossen in namenlosen Fjorden, w�hrend der Winterst�rme und der langen Flauten im Sommer. Er war bei jedem Wetter auf See gewesen, obwohl er das Meer f�rchtete. Er wollte, dass sein Schiff das beste in der Flotte war. Und nun war er um all seine M�hen betrogen. Den Ruhm w�rden andere Rudelf�hrer ernten. Jene, die weit s�dlich von Vahan Calyd in die Baums�mpfe gestiegen waren. Sie w�rden der Stadt in den R�cken fallen und den letzten Widerstand der Elfen brechen. Und sie w�rden es sein, die der Tyrannin nachsetzten, jener seelenlosen Elfe, die mehr als alle anderen am Ungl�ck der Trolle schuld war. Emerelle, die sie aus der Welt verbannt hatte, f�r die sie einst von den Alben erschaffen worden waren. Verbannt von den schw�chlichen Letztgezeugten. In all den Jahrhunderten in der Fremde hatten die Trolle ihren Zorn gepflegt. Und nun wandten sie sich gegen das Elfengez�cht und all die W�rmer, die zu ihren F��en krochen. Der Rudelf�hrer, der als Erster seinen Fu� in den Palast der sch�ndlichen K�nigin setzte, w�rde zum Herzog einer der Felsenburgen in der Snaiwamark werden. K�nig Branbart hatte versprochen, zum Ruhme dieser Tat ein neues Herzogtum zu gr�nden. Alle anderen Herzogt�mer konnten nur von Wiedergeborenen regiert werden.</p><p>So war es Gesetz in seinem Volk. Eine Seele regierte ein Herzogtum, bis sie auf immer verlosch. Diese Nacht war f�r Jahrhunderte die einzige M�glichkeit, kraft seiner Taten einen Herzogstitel zu erringen. Und er stand hier an Bord der <emphasis>Donnerer</emphasis> und sah zu, wie ein anderer Rudelf�hrer mit seinen Kriegern den Ruhm erntete, w�hrend er beaufsichtigen musste, wie seine Katapulte Brandkugeln abfeuerten! W�tend schlug Orgrim mit der Faust auf das Schanzkleid.</p><p>Hundert Schritt links schoss eine Flamme empor. Schreie gellten durch die Nacht. Wieder hatte eine der gro�en Galeassen Feuer gefangen. Es war nicht klug, Flammen an Bord eines riesigen Holzhaufens anzuz�nden. Die trandurchtr�nkten Strohkugeln zogen einen breiten Funkenschweif hinter sich her, wenn sie brennend in den Himmel stiegen. Manche zerbarsten schon in dem Augenblick, in dem man sie abfeuerte.</p><p>Orgrim stieg vom Achterkastell auf das Gesch�tzdeck hinab.</p><p>�Streut mehr Sand aus�, rief er den M�nnern bei den Katapulten zu. Dann z�hlte er stumm die Sandeimer ab, die in langen Reihen entlang der Reling standen. Sein Schiff w�rde nicht brennen! Sein Leben mochte Jahrhunderte dauern, wenn er vorsichtig war. Es w�rde eine zweite Gelegenheit geben, nach einem Herzogstitel zu greifen. Jetzt galt es, diese Nacht zu �berleben! Wenn die gro�e Galeasse Flammen fing und das Feuer nicht binnen Augenblicken mit Sand erstickt wurde, dann war dies das Todesurteil f�r alle an Bord. Kein Troll konnte schwimmen. Ihre Leiber waren zu massig, um auf dem Wasser zu treiben, ganz gleich, wie sehr man mit Annen und Beinen ruderte. Wer ins Meer st�rzte, war tot. Deshalb f�rchteten sie die See so sehr.</p><p>Zwei Krieger rollten eine der gro�en Strohkugeln �ber Deck. Vorsichtig zerrte der Gesch�tzmeister sie auf die gro�e Lederschlaufe am Ende des Katapultarms. Geduldig pr�fte er den Sitz. Dann h�ngte er das Ende der Schlaufe in einen Haken. Der Bogen des Gesch�tzes war fast bis zum Zerbrechen gespannt. Boltan, der Gesch�tzmeister, zog seine Fackel aus der Halterung an der Reling. Er blieb so weit von der Strohkugel entfernt wie m�glich. Mit ausgestrecktem Arm hielt er die Fackel an das golden schimmernde Geschoss.</p><p>Mit einem Ger�usch, das wie das R�cheln eines alten Hundes klang, fing das Stroh Feuer. Boltan riss den Sperrriegel des Katapults zur�ck. Der Gesch�tzarm schnellte hoch und schlug vor den gepolsterten Querbalken. Die Lederschlaufe �ffnete sich, und das brennende Stroh stob davon in die Finsternis.</p><p>Orgrim atmete erleichtert aus. Immer und immer wieder hatten sie das Abfeuern der Brandgeschosse ge�bt, doch jedes Mal, wenn die Flammen nach dem Stroh griffen, hielt er den Atem an. Zu gut erinnerte er sich an das �bungsschie�en, als eine Kugel noch �ber dem Schiff zerbrochen und die Glut zur�ck auf das Deck geprasselt war. Boltan hatte sich damals auf das brennende Stroh geworfen und mit seinem wuchtigen Leib die Flammen erstickt. Selbst jetzt, im unsteten Licht der einzigen Fackel, die an Bord brannte, waren die fl�chigen, roten Narben auf seiner Brust zu sehen. Er trug sie stolz als Ehrenmale seines Mutes. Kein Zweikampf h�tte ihm so viel Ruhm einbringen k�nnen wie diese eine mutige Tat. Man kannte ihn in der ganzen Flotte. Der K�nig hatte ihn eingeladen, an seiner Tafel von der Heldentat zu erz�hlen, und Boltan den Ehrennamen Feuerfresser verliehen.</p><p>Der Gesch�tzmeister kam zu Orgrim her�ber. Schwei� rann ihm in breiten Str�men �ber den nackten Oberk�rper. �Ich habe die schlechtesten Kugeln bis zum Schluss aufbewahrt. Bei mindestens zweien w�rde ich wetten, dass sie auseinander rei�en, bevor sie ihr Ziel erreichen.�</p><p>�Werden sie halten, bis sie �ber dem Wasser sind?�</p><p>Boltan zuckte mit den Schultern. �Darauf w�rde ich nicht wetten.� Er senkte die Stimme. �Am liebsten w�rde ich die restlichen Strohkugeln �ber Bord werfen. Bisher hatten wir Gl�ck. Wer wei�, wie lange das anh�lt.�</p><p>Orgrim schaute nach Westen. Irgendwo dort lag das Flaggschiff Branbarts. Der K�nig w�rde drei rote Laternen am Mast hochziehen lassen, wenn sie die Beschie�ung beenden sollten und der Angriff auf den Hafen begann. Doch nur Fackeln und Brandgeschosse erhellten die Nacht. �Ich w�rde dir zustimmen, wenn Gran nicht w�re. Er w�rde mich verraten.�</p><p>�Dann schmei�en wir ihn doch gleich mit �ber Bord�, knurrte der Gesch�tzmeister. �Er redet schlecht �ber dich vor den M�nnern. Es ist besser, wenn er einen Unfall hat.�</p><p>�Und was ist mit den Kriegern, die vielleicht seine Freunde sind? Und jenen, die einfach nur darauf hoffen, Rudelf�hrer zu werden, wenn ich in Ungnade falle?� Orgrim sch�ttelte den Kopf. �Wir m�ssten die halbe Besatzung �ber Bord werfen, und auch dann ...�</p><p>�Rudelf�hrer, sieh nur! Steuerbord voraus!�</p><p>Orgrim st�rmte zur Reling. Ein Schatten huschte zwischen den bleichen T�rmen der Hafeneinfahrt hindurch. Ein scharfer Rumpf zerteilte die spiegelglatte schwarze See zu sch�umender Gischt.</p><p>Sie kamen!</p><p>�Werft die restlichen Feuerkugeln �ber Bord!�, befahl Orgrim. Einige der Krieger auf dem Gesch�tzdeck sahen ihn ungl�ubig an, doch bevor einer von ihnen protestieren konnte, blaffte Boltan: �Los, los, los! Bewegt euch, ihr Ratten�rsche. Ihr habt doch wohl geh�rt, was der Rudelf�hrer befohlen hat.� Er packte pers�nlich eine der gro�en Kugeln und stemmte sie keuchend �ber seinen Kopf. In weitem Bogen schleuderte er sie aufs Meer hinaus.</p><p>Der Rudelf�hrer eilte die Treppe zum Achterdeck hinauf.</p><p>Er sollte jetzt dicht beim Steuermann bleiben. Die Elfenschiffe waren schneller und wendiger als die Galeassen der Trolle. Ein Fehler, und sie w�ren ausman�vriert.</p><p>�Bemannt die Ruder!�, schrie der Rudelf�hrer �ber den L�rm an Deck. �Trommler! Gib einen langsamen Ruderschlag vor! Krieger, bringt die Rei�z�hne an Deck!�</p><p>Orgrim f�hlte, wie das Blut schneller in seinen Adern pulste. Mit ein wenig Gl�ck konnte er sich doch noch seinen Herzogstitel verdienen. Drei Schiffe hatten inzwischen den Hafen verlassen. Kein L�ftchen regte sich. An Bord der beiden Galeeren auf den Flanken wurden die Masten niedergeholt. Sie machten sich kampfbereit. Das dritte Schiff, eine riesige Prunk-Liburne, lag ein wenig zur�ck.</p><p>Der Rudelf�hrer schnaubte ver�chtlich. Es war offensichtlich, was die Elfen versuchten. Die Galeeren wollten sich opfern, um der Liburne einen Durchbruch zu erm�glichen.</p><p>Im Bauch der <emphasis>Donnerer</emphasis> erklang der Schlag von Kesselpauken. Polternd glitten die Ruder aus dem massigen Rumpf und zerw�hlten die glatte See. Ein Ruck lief durch das Schiff. Dann setzte es sich in Bewegung. Im Kielwasser trieben die letzten Strohkugeln.</p><p>�Halte auf die wei�e Galeere zu!�, befahl er dem Steuermann.</p><p>Der Troll nickte. Er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die lange Ruderpinne. Qu�lend langsam schwenkte die Galeasse nach Steuerbord.</p><p>Orgrim sah den ehernen Rammsporn der Elfengaleere in der Gischt funkeln. Wie ein riesiger Pfeil zeigte er auf den Rumpf der <emphasis>Donnerer</emphasis>.</p><p>�Trommler, Rammschlag!�, schrie er zum Ruderdeck hinab.</p><p>�Macht hin, oder sie lassen uns alle den Grund der See k�ssen!�</p><p>Noch weitere Galeassen waren aus der langen Kette von Schiffen ausgeschert, die in weitem Halbkreis vor dem Hafen von Vahan Calyd lagen. Auch andere Rudelf�hrer hatten die Gunst des Schicksals erkannt. Orgrim fluchte. Er w�rde nicht als Erster die kostbare Beute erreichen. �Los, ihr faulen Hunde! Stemmt euch in die Ruder!�</p><p>Auf dem Hauptdeck lagen nun sechs lange Enterbr�cken bereit. An der Vorderseite ragten zugespitzte Holzpfl�cke wie Rei�z�hne aus den dicken Planken. Sie w�rden sich tief ins Deck des Elfenschiffs bohren, wenn die Enterbr�cken niedergingen.</p><p>Jetzt erkannte Orgrim das Wappen auf dem gro�en Seidenbanner, das tr�ge vom Hauptmast der Prunk-Liburne wehte. Die Nacht hatte die Farben ausgel�scht. Der Rudelf�hrer sah nur ein helles Pferd auf dunklem Grund, doch er wusste, was das bedeutete. Vor ihm pfl�gte das Flaggschiff der Tyrannin durch die See!</p><p>Ein Schatten schob sich an der <emphasis>Donnerer</emphasis> vorbei. Die <emphasis>Steinfaust</emphasis> Die Galeasse war etwas leichter gebaut und hatte mehr Ruder. Ein Wettrennen mit ihr war nicht zu gewinnen!</p><p>Auch die wei�e Elfengaleere beschleunigte ihr Tempo, um dem neuen Feind den Weg zu verlegen. Orgrim rechnete damit, dass sie jeden Augenblick herumschwenken w�rde, um mit ihrem t�dlichen Rammsporn auf den Rumpf der <emphasis>Steinfaust</emphasis> zu zielen. An Bord der Galeere glommen mattrote Feuerpunkte. Kleine Gestalten sammelten sich darum.</p><p>�Halte Abstand zur <emphasis>Steinfaust</emphasis>�, befahl Orgrim seinem Steuermann.</p><p>Eine Feuerkugel st�rzte weit hinter den Elfenschiffen ins Meer. Ein Teil der Galeassen hatte das Feuer auf die Fl�chtlinge er�ffnet. Narren, dachte Orgrim. Mit den Katapulten konnte man nicht einmal ein unbewegliches Ziel sicher treffen. Sie taugten gerade einmal dazu, etwas von der Gr��e einer Stadt zu beschie�en.</p><p>Eine weitere Feuerkugel verschwand in einer S�ule aus fauchendem Wasserdampf.</p><p>Boltan kam zum Achterdeck hinauf und brachte Orgrim dessen Schild und seinen wuchtigen Kriegshammer. Pl�tzlich flammten rund um die Glutpunkte auf der wei�en Galeere kleine Flammen auf, und schon im n�chsten Augenblick stiegen sie in den Himmel, so wie winzige Abbilder der Feuerkugeln, und suchten sich ihr Ziel. Schmerzensschreie hallten von der <emphasis>Steinfaust</emphasis> her�ber. Orgrim sah, wie Krieger vom Schanzkleid nach hinten taumelten und auf Deck st�rzten. Flammen krochen gleich Schlangen �ber die Planken. Dann geriet mit einem dumpfen Ger�usch eine der gro�en Strohkugeln bei den Katapulten in Brand.</p><p>Ein weiterer Schauer von Brandpfeilen ging auf die <emphasis>Steinfaust</emphasis> nieder. Immer neue Feuer breiteten sich auf dem Schiff aus. Der Ruderschlag geriet aus dem Takt. Schlingernd kam die Galeasse von ihrem Kurs ab. �Zur�ck aufs Gesch�tzdeck�, befahl der Rudelf�hrer. �Wir werden die N�chsten sein.�</p><p>Der Gesch�tzmeister schlug mit der Faust gegen seine vernarbte Brust. �Aber wir sind vorbereitet.� Er l�chelte grimmig.</p><p>�Uns kriegen diese Elfenwichte nicht so leicht.�</p><p>Orgrim schob den Arm durch die breiten Lederschlaufen seines Schildes. Er war aus zwei Zoll dicken Eichenbrettern gefertigt. Kein Elfenpfeil w�rde ihn durchschlagen k�nnen.</p><p>Die Prunk-Liburne hatte ihren Ruderschlag erh�ht. Sie eilte an der wei�en Galeere vorbei. In der Linie der Trollschiffe klaffte nun eine weite L�cke. Nur die <emphasis>Donnerer</emphasis> lag noch zwischen dem Elfenschiff und der offenen See.</p><p>Die schwere Galeasse hatte inzwischen an Fahrt gewonnen. Immer kleiner wurde der Abstand zur kostbaren Beute. Nun stiegen auch vom Schiff der Tyrannin Brandpfeile auf. Orgrim stellte sich sch�tzend vor den Steuermann und hob seinen Schild. Wie Welpenpfoten h�mmerten die Pfeile auf das dunkle Holz, ihre Flammen malten Rauchzungen darauf.</p><p>Die <emphasis>Donnerer</emphasis> wurde von den eingeschlagenen Pfeilen in goldenes Licht getaucht. Das Schiff sah aus, als sei es von dutzenden Kerzen beleuchtet. Boltan scheuchte mehrere M�nner �ber das Hauptdeck, die mit nassen Filzdecken Jagd auf die Br�nde machten.</p><p>Ein neuer Schauer von Pfeilen ging auf das Deck nieder. Gurgelnd brach ein Krieger hinter dem Schanzkleid zusammen. Aus seiner Kehle ragte zitternd ein befiederter Holzschaft.</p><p>Die Prunk-Liburne war weniger als hundert Schritt entfernt. Auf ihrem Achterkastell war eine Liege aufgestellt. Eine Gestalt ganz in Schwarz stand dar�ber gebeugt. Befehligte die feige Tyrannin ihr Schiff von einem Lager aus Pelzen und Seide aus? Orgrim grunzte ver�chtlich. Das passte zu den Geschichten, die er seit seiner Kindheit �ber Emerelle geh�rt hatte.</p><p>Die <emphasis>Donnerer</emphasis> schoss in spitzem Winkel auf das Elfenschiff zu. Sie w�rden ihre Beute um wenige Schritt verfehlen. Die Prunk-Liburne w�rde entkommen.</p><p>�Die Wurfanker!�, schrie Orgrim.</p><p>Ein neuer Hagel von Pfeilen ging auf die Galeasse nieder. Jetzt wurden sie auch von der wei�en Galeere beschossen, die nur zwei Schiffsl�ngen hinter ihnen lag.</p><p>H�lzerne Greifklauen segelten durch die Luft. Orgrim sah, wie ein Elf zwischen Wurfanker und Reling geriet. Er wurde zerquetscht wie eine Ratte. Ein Ruck lief durch die <emphasis>Donnerer</emphasis>. Die beiden Schiffe schwangen aufeinander zu. Verzweifelt hieben die Krieger an Bord der Liburne auf die z�hen Lederseile ein. Ein schrilles Kommando ert�nte. Auf der Backbordseite schnellten die Ruder des Elfenschiffes aus dem Wasser und wurden hastig eingezogen, damit sie nicht zwischen den beiden R�mpfen zersplitterten.</p><p>�Holt die Ruder ...�, begann Orgrim, doch es war zu sp�t. Krachend splitterte das Eichenholz der Trollruder. Aus dem Ruderdeck erklangen Schmerzensschreie, als die Krieger von den B�nken gerissen wurden und armlange Holzsplitter umherschossen.</p><p>Orgrim trat ans Schanzkleid. Auf dem Gesch�tzdeck wurde der erste Rei�zahn ausgerannt. Doch die Holzdornen verfehlten die Reling der Prunk-Liburne, und die schwere Enterbr�cke st�rzte ins Meer. Der Rudelf�hrer sah, wie sich Gran bereit machte, um auf die Galeere der Elfen zu springen. Der riesige Troll blickte z�gernd auf den breiten Spalt dunklen Wassers, der noch zwischen den Schiffen lag. Die Elfen formierten sich unterdessen an Bord der Liburne, um den bevorstehenden Angriff zur�ckzuschlagen.</p><p>Orgrim fluchte leise. Er durfte seinem Rivalen auf keinen Fall gestatten, als Erster an Bord zu sein. Der Rudelf�hrer lie� seinen Schild vom Arm gleiten und hob ihn dann hoch �ber den Kopf. Pfeile umschwirrten ihn wie w�tende Hornissen. Ein Geschoss streifte seine Schl�fe. Mit einem Schrei schleuderte er den Schild zwischen seine Feinde. Dann sprang er hinterher. In den Reihen der Elfen war einen Augenblick lang eine L�cke entstanden. Der Steinkopf seines Kriegshammers h�mmerte auf die Schilde seiner Feinde. Holz barst unter den w�tenden Hieben.</p><p>Die Elfen k�mpften mit stummer Verbissenheit. Orgrim br�llte wie ein w�tender B�r. Seine Feinde wichen zur�ck, sodass er mit seiner Waffe ins Leere schlug. Auch die Elfen warfen nun ihre Schilde fort. Sie waren anders, als Orgrim erwartet hatte. Sie wichen aus, stellten sich nicht, flohen aber auch nicht. Sie waren wie tanzende Vipern, die darauf warteten zuzusto�en. Er h�tte seinen Schild nicht wegwerfen d�rfen!</p><p>Der Rudelf�hrer lie� den Streithammer kreisen und versuchte die Elfen auf Abstand zu halten. Wie Donnerkeile schlugen die Enterbr�cken auf das Schiff der elenden Wichte. Holz barst. Die Luft war erf�llt von Schreien und dem heimt�ckischen Sirren von Pfeilen. Ein dumpfer Schlag traf Orgrim in die Schulter. Eine Klinge schnellte vor und durchstach ihm die Ferse.</p><p>Orgrim brach in die Knie. Mit wuchtigen Schl�gen versuchte er, sich Platz zu verschaffen. Dann waren seine M�nner bei ihm. Gro�e Holzschilde schirmten ihn ab.</p><p>�Sto�t sie ins Meer!�, fluchte er. �Bringt sie alle um!� Er versuchte aufzustehen, doch sein Bein knickte wieder unter ihm weg. Pl�tzlich war Boltan neben ihm. �Diese Schlacht ist f�r dich zu Ende, mein Freund.�</p><p>Orgrim st�tzte sich auf seinen Streithammer und stemmte sich hoch. �Dein G�rtel!� Grelle Lichter tanzten vor seinen Augen. �Wickel ihn um meine Ferse. Ich muss wieder stehen k�nnen!�</p><p>�Alle haben deinen Mut gesehen, Rudelf�hrer. Du musst nichts mehr beweisen.� �Den G�rtel!�, beharrte Orgrim. �Das hier ist noch nicht zu Ende! Los! Wickel ihn, so fest du kannst, um meine Ferse.�</p><p>�Sie werden dich umbringen.� Boltan kniete neben ihm nieder. Er zog das Leder so straff an, dass es knirschte. Vorsichtig belastete Orgrim den Fu�. Er war taub, aber er knickte nicht mehr um. Entschlossen hob der Rudelf�hrer seinen Schild auf und schob sich durch das Schlachtgedr�nge nach vorn, als hinter ihm ein infernalisches Get�se erklang. Die wei�e Galeere hatte sie erreicht. Ihr Rammsporn bohrte sich tief in den Rumpf der <emphasis>Donnerer</emphasis>.</p><p>�Verlasst das Schiff!�, schrie der Rudelf�hrer �ber den L�rm hinweg. �Hierher, zu mir, M�nner! Wir nehmen uns das Schiff der Tyrannin. Zu mir!�</p><p>Immer mehr Trolle eilten �ber die Enterbr�cken auf das tiefer gelegene Deck der Liburne. Sie wurden von Pfeilschauern empfangen, die von den Masten der wei�en Galeere abgeschossen wurden.</p><p>Der Kampf schien Stunden zu dauern. Aus den Augenwinkeln sah Orgrim die <emphasis>Donnerer</emphasis> sinken. Das Schiff, auf dem er zwei Jahre lang gelebt hatte.</p><p>Weitere Galeassen dockten an den Elfenschiffen an. Sie waren wie W�lfe, die einen alten Elch gestellt hatten. Die Elfen wussten, dass es kein Entkommen f�r sie gab. Doch keiner von ihnen streckte die Waffen. Sie waren ganz anders als in den Liedern. Schm�chtige kleine Wichte, ja, aber Wichte, die k�mpfen konnten. Niemals h�tte Orgrim gedacht, dass sie mit so viel Blut bezahlen m�ssten.</p><p>Er war bei den Ersten, die das Achterkastell st�rmten. Das letzte Aufgebot der Elfen hatte sich um das Lager der Tyrannin versammelt. Orgrim fiel ein Elf in zerrissenem Seidenhemd auf. Er k�mpfte wie eine Wildkatze und verspottete sie. Nichts schien ihn t�ten zu k�nnen. Schlie�lich war er der Letzte, der Widerstand leistete. Eine st�hlerne Brustplatte schimmerte unter seinem zerfetzten Hemd. Neben ihm kauerte ein Weib, gekleidet in Schwarz und Silber. Sie schien eine Schamanin zu sein. Ihr Gesicht war bemalt, das Haar in der Farbe von reifem Korn. Sie hielt die Hand der Gestalt, die auf dem Lager ruhte. Wer immer dort lag, hatte in seiner Angst das Seidenlaken �ber sein Antlitz gezogen.</p><p>Die siegreichen Trolle umstanden die Bettstatt in weitem Kreis. Die Schlacht hatte die Kampfeslust der Krieger abgek�hlt. Keiner wollte jetzt noch sterben.</p><p>Herausfordernd hob der Elf seine Klingen. �Kommt! Wo ist euer Mut! Hundert gegen einen, das muss doch wohl selbst f�r euch reichen.�</p><p>�Leg die Waffen nieder! Ich schenke dir dein Leben!�</p><p>Der Rudelf�hrer empfand Respekt vor diesem zerbrechlichen Wicht. Es w�re eine Schande, ihn zu t�ten. Zumal er aus einer tiefen Wunde an der H�fte blutete. Er w�rde keinen weiteren Kampf mehr �berstehen. Der Elf lachte und warf sein langes blondes Haar in den Nacken. �Euer Gestank beleidigt meine K�nigin. Zieht euch vom Achterdeck zur�ck, und ich werde davon absehen, euch Bestien zu schlachten. Ich z�hle jetzt langsam bis drei. Das ist die Zeit, die euch bleibt, um zu gehen. Wer dann noch hier oben steht, ist des Todes.�</p><p>Gran schob sich nach vorne. �Der Kerl ist verr�ckt. Er muss einen Hieb auf den Kopf bekommen haben!�</p><p>�Eins! �</p><p>Ver�rgert bemerkte Orgrim, wie tats�chlich einige der Trolle zur�ckwichen.</p><p>�Zwei!� Der Elf taumelte leicht. Er musste sich mit einer Hand auf dem pr�chtigen Lager aufst�tzen.</p><p>�Dr...�</p><p>Orgrims Kriegshammer schnellte durch die Luft. Der Elf versuchte, sich unter der Waffe wegzuducken, doch seine Wunde und der lange Kampf hatten ihn ersch�pft. Der wuchtige Kopf des Kriegshammers traf ihn mitten ins Gesicht. Ein scharfes Knacken klang durch die Stille. Dann rollten blutige Z�hne �ber Deck. Langsam, so als wolle er sich nicht einmal tot geschlagen geben, sank der Elf in die Knie und kippte dann nach vorne �ber. Orgrim b�ckte sich und hob seinen Kriegshammer auf. �Das ist mein Fleisch�, verk�ndete er mit rauer Stimme und deutete auf den Toten. �Er war dumm, aber tapfer. Nehmt euch ein Beispiel an seinem Mut!� Der Troll griff nach dem Seidenlaken.</p><p>Das Elfenweib fiel ihm in den Arm. �Sch�ndet mich, aber lasst meine Herrin in Frieden sterben!� Orgrim sah sie verst�ndnislos an. �Was sollte ich mit einem Weib anfangen, das zerbricht, wenn ich es fest anpacke?�</p><p>�Ich bitte dich, Herr, zeige Gnade!�</p><p>�Gnade? So wie deine K�nigin, die unseren K�nig und die gefangenen Herz�ge von der Shalyn Falah in den Abgrund sto�en lie� und mein Volk aus Albenmark verdammte? Nein, Weib. Wir haben viel von euch Elfen gelernt. Gnade verwandelt die St�rke des Siegers in Schw�che.�</p><p>�Ich tue alles f�r dich!�</p><p>Orgrim musterte das Weib verwundert. Wollte sie sterben? Wenn er sich vor den Augen seiner Krieger noch l�nger von ihr hinhalten lie�, w�re das schlecht f�r seinen Ruf. Sein Blick fiel auf den Elfen mit dem zerschmetterten Antlitz. �Wer war dieser Mann?�</p><p>�Ollowain, der Schwertmeister der K�nigin.�</p><p>�Gibst du mir ein St�ck von ihm ab?�, fragte Gran ehrf�rchtig.</p><p>Orgrim sah den Toten an. Sein Name war unter den Trollen fast so bekannt wie der seiner K�nigin. Der F�rst der Knochenbr�cke, die tanzende Klinge, Fleischrei�er. Sein Volk hatte viele Namen f�r diesen Krieger gehabt. Und wenn er hier war, konnte das nur eins bedeuten. Orgrim zog das Seidenlaken zur�ck und blickte in ein von Brandnarben entstelltes Gesicht. Ein diamantgeschm�ckter Reif umspannte die Stirn. Die Schwanenkrone von Albenmark!</p><p>Vorsichtig nahm er der Toten das kostbare Kleinod ab. Dann hielt er es in die H�he, sodass jeder es sehen konnte. �Die Tyrannin von Albenmark ist tot!�</p></section><section><title><p>Eine Frage der Ehre</p></title><p>Alfadas blickte zum Gipfel des Hartungskliffs auf der anderen Seite des Fjords. Das Haupt des steilen Felsens schm�ckte eine steinerne Krone. Sie war das Tor in eine andere Welt. In Albenmark w�rde jetzt bald der Winter anfangen, dachte der Jarl wehm�tig. Was w�rde er daf�r geben, dieses Tor noch einmal durchschreiten zu k�nnen!</p><p>Manchmal, wenn er allein tagelang durch die W�lder streifte, stieg er hinauf zum Steinkreis. Sein Vater hatte es geschafft, ihn aus eigener Kraft zu durchschreiten. Voller Bitternis dachte Alfadas daran, dass ihm diese Gabe versagt geblieben war, obwohl er mehr als zwanzig Jahre unter den Elfen gelebt hatte. Gewiss, er war ein Schwertk�mpfer, wie es im Fjordland keinen zweiten gab. Ollowain, der beste Fechter Albenmarks, hatte ihn ausgebildet. So vieles war der Elf im Lauf der Jahre f�r ihn gewesen � Ziehvater, Lehrer und Freund. Den meisten bei Hof war der Schwertmeister unnahbar erschienen. Eine lebende Legende, der wei�e Ritter von der Shalyn Falah. Er hatte sich ganz dem einen Ziel verschrieben, ein vollkommener Schwertk�mpfer und Krieger zu sein. Und er war so weit auf diesem Weg gegangen, dass kein Elf gegen ihn bestehen konnte.</p><p>So widersinnig es klingen mochte, gerade das hatte es Alfadas leicht gemacht. Ein halbes Leben lang hatte er sich bem�ht, wie ein Elf zu sein, und war doch stets nur der bel�chelte Menschensohn geblieben. Nur bei Ollowain verhielt es sich anders. Niemand war wie der Schwertmeister, und deshalb hatte Alfadas manchmal an dessen Seite Frieden finden k�nnen. Nat�rlich hatte er sich stets bem�ht, alle Feinheiten des Kampfes und der Kriegskunst zu meistern, doch neben Ollowain war es weniger bitter gewesen, nur ein Mensch zu sein.</p><p>Der s��lich herbe Duft von frischem Apfelmost lie� die Bilder der Vergangenheit verblassen. Alfadas leckte sich die Lippen und l�chelte. Manches hatte er hierher mitgebracht. In Firnstayn hatten sie keinen Apfelwein gekannt. Zuerst hatten die Krieger ihn verspottet und erkl�rt, dass er ein S�ftchen f�r bartlose J�nglinge braue. Aber jetzt kamen sie aus allen Nachbard�rfern, wenn Firnstayn das Apfelfest feierte.</p><p>Sein Blick schweifte �ber das kleine Dorf am Fjord: ein paar Langh�user und H�tten, umgeben von einem Holzwall. Nicht einmal hundert Familien lebten hier. Verglichen mit der Pracht Albenmarks war es ...</p><p>Nein, es war dumm und ungerecht, Firnstayn mit Albenmark zu vergleichen. Kinder mit Kriegern zu vergleichen war so, als wolle man Menschen an Elfen messen. Solange ich so denke, werde ich nie wirklich einer von ihnen sein, ermahnte er sich. Doch in seinem Innersten wusste er, dass es aussichtslos war. Er w�rde niemals ganz einer von ihnen sein! So sehr er sich bem�hte, er konnte die Leute hier nicht begreifen. Ihre Art zu denken, wie sie lebten ... Er hatte sich einen Bart wachsen lassen, um ihnen �hnlicher zu sein. Aber das waren �u�erlichkeiten.</p><p>Wenn er Firnstayn verlie�, dann gab es manchmal Augenblicke, in denen er untertauchen konnte. Wenn er seine Waffen versteckte, die zu gut waren. Wenn er es schaffte, den rauen, schleppenden Tonfall nachzuahmen, in dem sie sprachen ... Doch sobald sein Name fiel, war es vorbei. Jeder im Fjordland kannte die Geschichte von Alfadas Mandredson. Sofort geh�rte er nicht mehr dazu, und er wusste nie einzusch�tzen, ob die anderen ihn f�rchteten oder bewunderten. Sie waren einfach seltsam, die Menschen, zu denen er geh�rte, ohne dass seine Seele einen Weg zu ihnen zu finden vermochte.</p><p>Es machte die Geschichte die Runde, sein Vater Mandred habe ihn mit der Elfenk�nigin gezeugt. Dabei gab es im Ort noch Leute, die seine Mutter gekannt hatten und die sich erinnern konnten, wie Emerelle gekommen war, um ihn zu holen. Wer gesehen hatte, wie die Reiterkavalkade im geisterhaften Feenlicht �ber das Eis des Fjords kam, hatte diesen Anblick sein Lebtag nicht mehr vergessen.</p><p>�Du bist tot, riesiger Troll!� Ulric bohrte ihm die Spitze eines Holzl�ffels ins Wams. �Los, fall um, du stinkender Troll. Ich habe dich erschlagen!�</p><p>�So k�mpft kein ehrenhafter Krieger. Du h�ttest mich herausfordern m�ssen.�</p><p>�Dann h�tte ich aber nicht gewonnen. Keiner kann dich im Schwertkampf besiegen, Vater. Das wei� doch jeder.� Ulric hatte aufgeh�rt zu lachen. Er sah jetzt vorwurfsvoll zu seinem Vater auf, weil er die einfachsten Dinge nicht begreifen wollte.</p><p>�Ein wahrer Krieger w�rde sich eher auf einen aussichtslosen Kampf einlassen, als einen Gegner heimt�ckisch anzufallen und so seine Ehre zu verraten.�</p><p>Ulric lie� den L�ffel sinken. �Ist das nicht ziemlich dumm?�</p><p>Alfadas musste lachen. �Es ist nie klug, sich mit einem Troll einzulassen.� Er beugte sich vor, grunzte wild und warf sich Ulric auf die Schulter. �Wenn du versuchst, mit ihnen zu reden, werden sie das Gespr�ch beenden, indem sie dich fressen.�</p><p>Sein Sohn jauchzte vor Vergn�gen und drosch ihm nach Leibeskr�ften mit dem L�ffel den R�cken. Sie waren schon halb den H�gel hinab, als hinter ihnen jemand rief. �Verdammt, das hatte ich ganz vergessen�, zischte der Junge.</p><p>�Was?�</p><p>�Mutter hat mich geschickt. Sie hat gesagt, ich soll nachsehen, ob du wieder irgendwo herumstehst und tr�umst.� Man merkte ihm an, dass es ihm peinlich war, Aslas Worte zu wiederholen. �Sie ist w�tend, weil sie den ganzen Mittag an der Apfelpresse steht und du ihr nicht hilfst.�</p><p>�Alfadas!�, hallte es den H�gel hinab.</p><p>�Tja, ich f�rchte, ich habe mich nicht gerade ehrenhaft verhalten.� Er setzte seinen Sohn ab. �Du musst mir etwas versprechen.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Nimm mich blo� nicht als Vorbild. Ich bin kein guter Ehemann. Deine Mutter ist dauernd w�tend auf mich.�</p><p>Ulric schenkte ihm ein zahnl�ckiges Grinsen. �Ich bin lieber ein Ehrenmann als ein Ehemann.� Er stach wild mit dem Holzl�ffel auf irgendwelche unsichtbaren Gegner ein. �Wenn ich gro� bin, werde ich der Heerf�hrer des K�nigs sein. Und ein Held. Und ich werde noch ber�hmter sein als du. Und ...� Er blickte ihn mit seinen gro�en Kinderaugen an. �Du schenkst mir doch dein Zauberschwert, wenn ich gro� bin? Das brauche ich, um ein Held zu werden.�</p><p>Alfadas seufzte. �Ich habe kein Zauberschwert. Wie oft soll ich dir das noch sagen!�</p><p>Ulric schmollte. �Ich wei�, was wahr ist! Dein Schwert kann jeden Schild und jede R�stung zerschlagen. Es ist verzaubert! Gro�vater sagt das auch!�</p><p>�Es ist einfach nur ein sehr gutes Schwert.� Alfadas kniete vor seinem Sohn nieder, um mit ihm auf Augenh�he zu sein. �Mein Schwert ist von Elfen geschmiedet. Es ist eine sehr gute Waffe. Aber es steckt keine Magie darin. Und was Helden angeht ... Es ist nicht die Waffe, die einen Helden schmiedet. Der Mann, der das Schwert f�hrt, muss etwas Besonderes sein � so wie du.�</p><p>�Werde ich also ein Held sein, wenn ich so gro� bin wie du?�</p><p>�Ganz bestimmt, Ulric.� Er grinste. �Jedenfalls wenn du dir abgew�hnst, dich heimt�ckisch an Trolle heranzuschleichen. Und jetzt lass uns zu deiner Mutter gehen.�</p><p>Sie stiegen den kleinen H�gel hinauf, auf dem das neue Langhaus stand. Das ganze Dorf hatte mitgeholfen, es zu bauen, nachdem er Asla geheiratet hatte. Alfadas wusste, dass manche der neuen Dorfbewohner nur nach Firnstayn gezogen waren, weil er hier lebte. Alfadas der Elfenfreund, Alfadas der Heerf�hrer des K�nigs. Sie waren immer h�flich zu ihm; aber sie liebten ihn nicht. Er war so etwas wie ein besonders gef�hrlicher Hofhund. Wo er war, da kam der Fuchs nicht. Sie f�hlten sich sicherer in seiner N�he.</p><p>Kalf stand an der Apfelpresse. Der blonde H�ne war Jarl von Firnstayn gewesen. Er war der Hofhund gewesen, bevor Alfadas gekommen war. Alfadas mit dem pr�chtigen Schwertgurt, dem ber�hmten Vater ...</p><p>Asla sah Alfadas vorwurfsvoll an. �Wo hast du gesteckt?�</p><p>Ulric stellte sich vor ihn. �Er hat mir gezeigt, wie man ehrenhaft k�mpft.�</p><p>�Ich w�nschte, mir w�rde gelegentlich die Ehre zuteil, dass du mir hilfst. Was hast du getan? Wieder zu diesem verfluchten Berg hinauf gestarrt, auf dem dein Vater mit seinen Elfenfreunden verschwunden ist?�</p><p>�Sie haben Namen. Farodin und Nuramon hie�en seine Freunde.�</p><p>�Ich geh dann wohl besser�, sagte Kalf. Er war ein gro�er, stiller Kerl. Alfadas wusste, dass er Kalfs Leben ruiniert hatte. Er w�re immer noch Jarl. Und er h�tte Asla geheiratet. Nie hatte es ein b�ses Wort zwischen ihnen gegeben. Alfadas wusste, dass Kalf Asla noch immer liebte. Er hatte kein anderes Weib genommen. Seit all den Jahren lebte er allein in seiner kleinen H�tte unten am Fluss. Alfadas konnte ihm nie lange in die Augen sehen. Traurige himmelblaue Augen.</p><p>Kalf tippte zum Gru� fl�chtig an seine Stirn, ��n Abend, Alfadas.�</p><p>Der Jarl nickte nur.</p><p>�Ich k�mmere mich um die Presse.�</p><p>Asla winkte ab. �Die Arbeit ist erledigt. Ich hatte nach dir gerufen, damit du die F�sser mit dem Saft hereintr�gst. Kalf hat das an deiner Stelle getan. Es sind nur noch die ausgepressten Apfelst�cke �brig.� Sie deutete auf den Trog neben der Presse.</p><p>�Du ... Nein, Kadlin, nicht schon wieder!�</p><p>Ihre Tochter tastete sich am Rand des Trogs entlang und griff dann mit beiden H�nden in den goldenen Obstbrei. Sie blickte zu Alfadas auf, sch�ttelte lachend den Kopf und rieb sich dann mit beiden H�nden den z�hen Apfelbrei in Gesicht und Haare.</p><p>Asla lie� sich ersch�pft auf den Hackklotz sinken. �Sie ist wie du, mein sch�ner, fremder Mann. Sie wei� genau, was sie nicht tun soll, und macht es trotzdem. Und ich kann ihr nicht mal lange b�se sein.�</p><p>Alfadas lie� sich neben ihr nieder. Sanft legte er ihr den Arm um die Schultern. Ihr Kleid war durchtr�nkt von Apfelduft.</p><p>�Warum bist du so zornig?�</p><p>Sie wischte ihre H�nde an der Sch�rze ab. �Wegen des Berges�, sagte sie leise. �Manchmal w�nschte ich, wir w�rden woanders leben, wo ich ihn nicht jeden Tag sehen m�sste. Und du auch nicht. Ich kann es nicht ertragen, wie du zum Gipfel blickst.�</p><p>�Es ist nur ein Berg.�</p><p>Sie starrte auf ihre roten, schwieligen H�nde. �Nein, das ist es nicht. Von dort kamen die Elfen, die dich f�r mehr als zwanzig Jahre fortgeholt haben. In den M�rchen hei�t es, dass ihre Herzen so kalt wie Wintersterne sind. Sie ...�</p><p>�Das ist Unsinn!� Immer wieder fing sie damit an. �Du hast Farodin und Nuramon kennen gelernt. Hatten sie kalte Herzen?�</p><p>�Farodin war mir unheimlich. Er hatte nichts Menschliches, er...�</p><p>�Was erwartest du? Er ist ein Elf!�, unterbrach Alfadas sie.</p><p>�Aber sie sind nicht kaltherzig.�</p><p>�Kanntest du viele von ihren Frauen? Es hei�t, dass ihre Sch�nheit niemals verbl�ht.� Sie blickte wieder auf ihre zerschundenen H�nde. �Mehr als acht Jahre sind vergangen, seit wir gemeinsam um den Stein getanzt sind. Ich werde langsam ein altes Weib. Ich habe Angst, dass sie kommen und dich mir wegnehmen. Tanzen auch Elfen um einen Stein und versprechen sich ewige Liebe?�</p><p>�Nein.� Er griff nach einem der Holzsp�ne, die neben dem Hackblock lagen, und rieb ihn zwischen den Fingern. �Sie versprechen sich nie etwas f�r die Ewigkeit. Daf�r leben sie zu lange. Sie versprechen einander, sich zu trennen, bevor die erste L�ge zwischen ihnen steht. Sie glauben, wenn es etwas gibt, �ber das man nicht mehr miteinander sprechen kann, dann ist es an der Zeit, einander freizugeben.�</p><p>�W�ren wir noch ein Paar, wenn wir Elfen w�ren?� Alfadas konnte sp�ren, wie sie zitterte. Warum marterte sie sich mit solchen Fragen? Sah sie denn nicht, dass er sie liebte? Alfadas dr�ckte sie sanft an sich. �Ich habe dich noch nie belogen.�</p><p>�Ich dich auch nicht.�</p><p>�Die Arbeit zerm�rbt dich, Asla. Soll ich dir im n�chsten Sommer aus Gonthabu eine Sklavin mitbringen?�</p><p>Sie wischte sich mit dem Handr�cken �ber die Nase. �Nur wenn du eine findest, die h�sslich wie die Nacht ist.� Sie l�chelte, doch ihre Augen waren rot von ungeweinten Tr�nen.</p><p>�Awa!� Kadlin kam auf wackeligen Beinen zu ihnen her�ber. Ihr ganzes Gesicht war von Obstbrei verschmiert. Sie hatte die Augen ihrer Mutter, kastanienbraun und voller W�rme.</p><p>�Awa...� Erwartungsvoll streckte sie Alfadas die Arme entgegen. Er hob sie hoch, und sie langte mit ihren klebrigen Fingern in sein Haar. Dabei quiekte sie vor Vergn�gen.</p><p>Er nahm eine ihrer H�nde und leckte den s��en Brei ab. Kadlin kicherte, als seine Zunge sie kitzelte. �Da!� Sie streckte ihm auch die andere Hand hin.</p><p>Asla erhob sich mit einem Seufzer. �Bald kommen die ersten G�ste. K�mmerst du dich um die Feuergrube? Es wird schon fr�h kalt an den Abenden.�</p><p>Alfadas nickte.</p><p>In Aslas Augen war das L�cheln zur�ckgekehrt, als sie auf sie beide hinabsah. �Es gibt wohl keine Frau, die dir widerstehen kann, mein sch�ner, fremder Mann.�</p><p>Der Jarl sp�rte etwas Lauwarmes sein Hosenbein hinablaufen. Er hob Kadlin hoch. Ein dunkler Fleck malte sich auf seiner Hose ab.</p><p>Asla lachte. �K�mmerst du dich um die Kleine? Ich muss das Brot aus dem Ofen holen.�</p></section><section><title><p>Blut</p></title><p>Nebel kroch die Ufer des Fjords hinauf und verschluckte das Dorf. Manchmal h�rte Alfadas unten ersticktes Lachen. Ganz Firnstayn feierte das Apfelfest. Sein Langhaus lag ein wenig abseits der anderen H�tten. Er erinnerte sich nicht mehr sicher, ob es seine Idee gewesen war, hier zu bauen, oder ob Kalf, der damals noch Jarl gewesen war, es vorgeschlagen hatte. Mit seinem Haus war es wie mit ihm. Es lag am Rand des Dorfes, nicht in dessen Herz. So wie er geachtet wurde, aber nicht den Weg in die Herzen der Menschen fand. Er blieb der Fremde. Selbst f�r Asla, die ihn so gern mein sch�ner, fremder Mann nannte.</p><p>Oder bildete er sich das alles nur ein? Der H�gel war der beste Platz. Vielleicht hatten sie ihn auszeichnen wollen? Das harte Leben hier in den Bergen lie� den Menschen keine Zeit, kompliziert zu sein. Sie sagten meistens geradeheraus, was sie dachten.</p><p>Die feinen H�rchen in seinem Nacken richteten sich auf. War da ein Ger�usch? Etwas bewegte sich im Nebel. Kein Mann. Kehliges Knurren erklang. Alfadas schwenkte die Fackel. Wie aus dem Nichts erschien ein gro�er, schwarzer Hund. Die Z�hne gefletscht, kam er mit steifen Schritten n�her. Ein tiefer, blutiger Striemen lief �ber seine Schnauze.</p><p>�Bei Fu�, Blut!�, erklang eine herrische Stimme im Nebel.</p><p>Der Hund blieb stehen. Er zitterte vor Anspannung. Alfadas rechnete damit, dass ihn die Bestie jeden Augenblick anspringen w�rde. Sie hatte ein struppiges schwarzes Fell. Eine breite Lederschlinge lag um ihren Hals.</p><p>�Ich gr��e dich, Jarl.� Ein st�mmiger Mann trat hinter den Hund und zog einen Riemen durch die Halsschlinge. �Aus!�, schnauzte er den Hund an, der sich widerwillig niederlegte.</p><p>�Sei gegr��t, Ole Ragnarson.� Alfadas gab sich nicht die M�he, einen herzlichen Tonfall zu heucheln. Er mochte den Bruder seines Schwiegervaters nicht. Ole war ein verschlagener und brutaler Kerl. Er z�chtete Hunde und qu�lte sie so lange, bis sie blutgierige Bestien wurden.</p><p>�Willst du mich nicht hineinbitten?�</p><p>Ole wusste genau, was er von ihm hielt. Die beiden ma�en einander mit Blicken. Der Hundez�chter war ein st�mmiger Mann mit langem, rotem Haar. Sein fleischiges Gesicht wurde von einem schlecht gepflegten Bart gerahmt, in dem sich breite graue Str�hnen eingenistet hatten. Ole trug einen sch�nen, tiefroten Umhang, der von einer Bronzebrosche gehalten wurde. Er roch wie seine Hunde nach nassem Fell, Pisse und fauligem Fleisch. �Dein Hund kommt nicht in mein Haus.�</p><p>�Das w�re keine weise Entscheidung, Jarl. Jeder wei�, wie reizbar meine Sch�tzchen sind.� Er hielt die Leine hoch. �Was glaubst du, wie lange Blut brauchen wird, um das hier durchzubei�en? M�chtest du wirklich, dass ein Hund wie er durch das Dorf streift? Du wei�t, ich richte sie darauf ab, sich sogar mit W�lfen und B�ren anzulegen. Und sie sind immer hungrig. Ich k�nnte mir vorstellen, dass Blut einen Besoffenen, der durch die Nacht torkelt, mit leichter Beute verwechselt. Wenn du nat�rlich eine Kette h�ttest, dann k�nnten wir ihn hier drau�en festmachen.�</p><p>Ole wusste genau, dass es in keinem einzigen Haus des Dorfes eine Kette gab. Eisen war viel zu kostbar, um es f�r Ketten zu verschwenden.</p><p>�Warum hast du dieses Mistvieh �berhaupt mitgebracht?�</p><p>Der Hundez�chter l�chelte breit. �Du hast doch sicher heute Abend auch ein paar M�nner von den Ein�dh�fen unter deinen G�sten. Die k�nnen drau�en in der Wildnis immer einen guten Hund gebrauchen. Man sperrt ihn in einen K�fig, und sobald sich ein Fremder dem Hof n�hert, schl�gt er an. So etwas ist gut, wenn man in der Einsamkeit lebt. Au�erdem sind meine Hunde hervorragend zu jeder Form von Jagd geeignet. Ganz gleich, ob man einem Elchbullen nachstellt, ein Wolfsrudel vertreiben will oder einen entlaufenen Sklaven zur�ckholen m�chte. Meine Hunde machen jede Blutarbeit. Und sie gehorchen, solange ihr Herr und seine Peitsche in der N�he sind, nicht wahr, Blut?�</p><p>Der Hund starrte Ole hasserf�llt an. Im G�rtel des Z�chters steckte eine Peitsche, in deren lange Riemen Bleikugeln und Domen eingeflochten waren.</p><p>�Wenn ich einen Hund verkaufe, dann gebe ich immer die Peitsche dazu, mit der ich ihn gro�gezogen habe. Sie wissen dann, wer ihr neuer Herr ist. Vor allem, wenn man sie gleich nach dem Kauf mit der Peitsche ordentlich durchpr�gelt.�</p><p>�Bring diesen Hund weg, und du bist mir als Gast willkommen.�</p><p>Ole trat so dicht an ihn heran, dass Alfadas dessen stinkenden Atem riechen konnte. �Schick mich fort, und ich gehe ins Dorf, um jedem zu erz�hlen, dass du mir zum Fest den Zutritt in das Haus meiner Nichte verweigert hast, Jarl. Zum n�chsten Vollmond wird das Dorf den neuen Jarl w�hlen. Ich dachte immer, der Titel sei dir wichtig, Alfadas Mandredson? Ein Mann, der einem Verwandten das Gastrecht verwehrt, wird bei der Wahl einen schweren Stand haben. Kalf hat viele Freunde. Man munkelt, sogar dein eigenes Weib mag ihn.� Er l�chelte anz�glich.</p><p>�Vielleicht sogar ein bisschen mehr als das.�</p><p>Alfadas legte die Hand auf den Griff des Messers an seinem G�rtel.</p><p>Ole lachte. �Dein Vater h�tte mich schon l�ngst niedergestochen. Aber du hast verdammt wenig vom gro�en Mandred an dir, Elfenbastard.�</p><p>�Du wei�t, dass ich kein Halbblut bin! Du warst Zeuge, wie sie mich geholt haben. Oder hast du das schon vergessen? Und jetzt verschwinde.�</p><p>�O ja. Ich war Zeuge, wie diese kaltherzige Brut den Sohn von Mandred und Freya holen kam. Aber wei� ich, wer der Mann ist, der ein halbes Menschenleben sp�ter zur�ck ins Dorf kam? Sieh dich an! Hast du vielleicht das hei�e Blut eines Fjordl�nders? Jeder richtige Mann w�rde l�ngst mit mir k�mpfen, Halbblut. Es ist das Blut deiner Mutter, irgendeiner Elfenschlampe, das dich so langm�tig macht.�</p><p>�Kennst du nicht die Geschichten �ber die Grausamkeit der Elfen, Ole?�</p><p>Der Hundez�chter runzelte die Stirn.</p><p>�Geschichten von Menschen, die ihnen begegnet und dann f�r immer verschwunden sind�, fuhr Alfadas fort.</p><p>Ole leckte sich nerv�s �ber die Lippen. �Bei Fu�, Blut!� Seine Stimme klang jetzt heiser. Er zog die Peitsche aus dem G�rtel und klopfte mit dem Griff auf seinen Oberschenkel.</p><p>�Wenn du Recht hast, dann bist du vielleicht in t�dlicherer Gefahr, als du dir vorzustellen vermagst.� Alfadas griff nach der Peitsche und drehte sie Ole mit einem Ruck aus der Hand.</p><p>�Fass, Blut!�, kreischte der Hundez�chter. Doch die Bestie r�hrte sich nicht.</p><p>�Was sagtest du gleich? Du richtest sie so ab, dass sie auf den h�ren, der ihre Peitsche in H�nden h�lt. Glaubst du, er w�rde auf mich h�ren, wenn ich ihm befehle, dich zu zerfleischen?�</p><p>Ole stand der blanke Schwei� auf der Stirn. �Ich entschuldige mich. Ich habe etwas getrunken. Dann rede ich dummes Zeug. Du musst ...�</p><p>�Du riechst gar nicht so, als h�ttest du getrunken.� Alfadas blickte auf den Hund hinab. �Ich bin mir sicher, niemand w�rde sich wundem, sollte dir einer deiner eigenen Hunde die Kehle herausrei�en. Glaubst du, das w�re die Art, wie sich Elfen r�chen? Einen Schinder wie dich von seinen gequ�lten Opfern t�ten zu lassen?�</p><p>�Ja!� Ole keuchte. Er starrte Alfadas an. Wartete auf eine Reaktion. �Ich meine, nein. Ich ...�</p><p>Der Jarl schob dem Hundez�chter die Peitsche in den G�rtel zur�ck. �Merk dir eins, Ole. Ich hasse es, verleumdet zu werden. Wenn ich noch einmal h�re oder auch nur den Verdacht habe, dass du schlecht �ber mich redest, dann wird man dich eines Morgens zwischen deinen Hunden finden. Und dass du es bist, der dort liegt, wird man allein an deinen zerrissenen Kleidern erkennen. Bis heute Abend habe ich mich bem�ht zu �bersehen, wie du dich auff�hrst, weil du der einzige Onkel meiner Frau bist. Mit meiner Langmut ist es nun vorbei. H�te dich vor mir.�</p><p>Ole legte eine Hand auf die Peitsche.</p><p>Alfadas ertappte sich bei dem Wunsch, dass der Hundez�chter jetzt eine Dummheit machte.</p><p>�Ich ...�, begann Ole, als sich die T�r des Langhauses �ffnete. Aslas Schattenriss hob sich deutlich gegen das r�tliche Licht im Innern ab. Der Rauch der Feuergrube zog neben ihr aus der T�r.</p><p>�Sch�n, dass du gekommen bist�, begr��te sie ihren Onkel herzlich. Dann bemerkte sie den Hund und z�gerte. �Komm doch herein�, sagte sie schlie�lich tonlos.</p><p>Ole blickte zu Alfadas, doch der Jarl verzog keine Miene. Er wollte dem Hundez�chter seine Entscheidung nicht abnehmen.</p><p>Aslas Onkel strich sich fahrig �ber die Stirn. Dann trat er in das Langhaus. Sein Hund hielt sich dicht neben ihm. �Hast du vielleicht einen Markknochen mit etwas Fleisch dran? Blut ist friedlich, solange er etwas hat, woran er kauen kann.�</p><p>�Blut?�, fragte Asla verwundert.</p><p>Ole deutete auf den schwarzen Hund. Das Monstrum reichte ihm fast bis zu den H�ften. �Ich war mit meinen anderen Namen durch. M�rder, Rei�zahn, Zerfleischer. Sie verkaufen sich viel besser, wenn sie einen gef�hrlichen Namen haben.� Ole hob die Stimme. �Das sind ideale Hofhunde, diese schwarzen B�renbei�er aus Farlon!�</p><p>Alfadas seufzte. Ole war ihm ein R�tsel. Es gab Augenblicke, da k�nnte er ihn erschlagen. Und schon beim n�chsten Atemzug musste er sich auf die Lippen bei�en, um nicht laut loszulachen. Der Hundez�chter war der r�tselhafteste Mensch, dem er bisher begegnet war. War er gerade noch ein ausgemachter Mistkerl, schaffte er es, nur einen Herzschlag sp�ter als traurige Witzfigur dazustehen.</p><p>Alfadas tr�nten die Augen von der rauchgeschw�ngerten Luft des Langhauses. Es hatte keinen Kamin, sondern eine Feuergrube in der Mitte des einzigen Raums. Der Rauch zog nur tr�ge durch zwei kleine Luken unter den Giebeln ab. Es dauerte nicht lange, bis Alfadas sich an die verr�ucherte Luft, an die brennenden Augen und das Kratzen in der Kehle gew�hnte. Doch wenn er von drau�en hereinkam, empfand der Jarl die ersten Augenblicke jedes Mal als Folter.</p><p>F�nfzehn Schritt war seine Halle lang. F�nf Wochen hatte das halbe Dorf daran gearbeitet. Es war ein gutes Haus. F�r Elfen w�re es wohl nicht eindrucksvoller als eine in die Erde gew�hlte Koboldh�hle. Aber er war stolz auf sein Heim. Sie alle gemeinsam hatten es so gut gemacht, wie sie nur konnten.</p><p>Neben der langen Feuergrube standen B�nke, auf denen sich die Mehrzahl der G�ste niedergelassen hatte. Sie tranken, scherzten oder blickten einfach nur stumm in die Glut. Lange Holztafeln auf groben B�cken bogen sich unter der Last der Speisen. Zwei fette Schweine waren geschlachtet und am Spie� gebraten worden. Es gab Apfelwein vom Vorjahr, frische Butter und duftendes Brot. Drei Tage lang hatte Asla geschuftet wie eine Sklavin, um das Fest vorzubereiten. Selbst jetzt stand sie keinen Augenblick still. Wenn der K�nig ihn im n�chsten Jahr wieder in den S�den rief, um das Heer bei seinen Raubz�gen zu befehligen, w�rde er Asla tats�chlich eine Sklavin mitbringen, die sich an ihrer Stelle plagte, das schwor sich Alfadas.</p><p>Sie trug ihr gr�nes Kleid und den Bernsteinschmuck, den er ihr zur Geburt von Kadlin geschenkt hatte. Sie war die sch�nste Frau in der Halle. Sie merkte nicht, wie er sie still beobachtete. Alfadas dachte an ihren Streit vom Nachmittag. Er sollte ihr �fter sagen, wie viel sie ihm bedeutete. In letzter Zeit sprachen sie immer weniger miteinander. Es war keine b�se Absicht von ihm. Sie kannten sich so lange, dass er sie wortlos verstand. Dachte er ... Er sollte es �ndern. �fter mit ihr reden oder einfach nur scherzen. So wie fr�her. Sie tat so viel f�r ihn. Das Apfelfest war ihre Idee gewesen. Er hatte die B�ume hierher gebracht. Als sie nach zwei Jahren zum ersten Mal ein paar Fr�chte trugen, hatte Asla alle wichtigen Familien zu einem Fest eingeladen. Wenig sp�ter war er zum ersten Mal zum Jarl gew�hlt worden. Er wusste, dass er die entscheidenden Stimmen zu seiner Mehrheit dem Fest zu verdanken gehabt hatte. Seitdem gab er in jedem Jahr ein Apfelfest, und mittlerweile feierte das ganze Dorf, wenn die Apfelernte eingebracht war.</p><p>Geschickt l�ste Asla den Knochen aus einem der Schinken auf der Tafel und gab ihn dem Hund. Das Monstrum zog sich zur�ck und verkroch sich in einer Ecke nahe bei den Schlafnischen, die hinter dicken Wollvorh�ngen verborgen unter der Dachschr�ge lagen.</p><p>Alfadas konnte h�ren, wie der Knochen zwischen den F�ngen von Blut splitterte. In diesem Augenblick glaubte er Ole, dass sich das Mistvieh sogar mit B�ren anlegen w�rde. Aslas Onkel hatte sich inzwischen einer Gruppe Ein�dbauern aufgedr�ngt und redete wild gestikulierend auf sie ein.</p><p>Der Jarl schenkte sich einen Becher Apfelwein ein und kauerte sich neben die Feuergrube. Still lauschte er dem Murmeln der Stimmen und der leisen Melodie der Glut. Er dachte an den ersten Sommer mit Asla zur�ck. Sie war so anders als die Elfenfrauen. So voller �bersch�umender Lebensfreude. Wild wie ein Sommergewitter. Es war einfach gewesen, mit ihr zu leben. Sie trug jeden ihrer Gedanken und Tr�ume auf der Zunge. Noch bevor der erste Schnee gefallen war, waren sie um den Stein getanzt. Jenen gro�en, schneewei�en Felsblock unten am Fjord, der dem Dorf seinen Namen gegeben hatte � Firnstayn.</p><p>�Kann ich mit dir sprechen, Jarl?� Gundar, der alte Luthpriester des Dorfes, lie� sich neben ihm auf der Bank nieder, ohne seine Antwort abzuwarten. Alfadas hatte ihn im letzten Jahr �berredet, aus der K�nigsstadt nach Firnstayn zu kommen. Eigentlich h�tte er lieber einen Firnpriester mitgebracht, doch die hatte er weder durch Gold noch durch gute Worte dazu bewegen k�nnen, einen der ihren in ein so unbedeutendes Dorf zu schicken. So musste er mit einem Priester vorlieb nehmen, der Luth, dem Weber der Schicksalsf�den, ergeben war.</p><p>Anfangs hatte Alfadas bef�rchtet, dass Gundar nur einen Platz suchte, an dem er auf seine alten Tage durchgef�ttert wurde. Tats�chlich war der Appetit des Priesters schon nach seinem ersten Winter im Umkreis von drei Tagesreisen um das Dorf ber�chtigt gewesen. Wann immer man in seine H�tte kam, k�chelte etwas auf seinem Feuer. Trotzdem hatte es Alfadas nie bereut, ihn hierher geholt zu haben. Gundar verstand sich auf Kr�uter und auf Seelen. Alfadas wusste nicht, welchen seltsamen Zauber der alte Mann wirkte, aber es war friedlicher geworden, seit er hier lebte. An den Gerichtstagen wurde weniger gestritten, und mancher alte Zwist war endlich beigelegt worden.</p><p>Gundar hatte eine Sch�ssel mit Brot und Schweinest�cken vor sich auf dem Scho�. Sein wei�er Bart gl�nzte vor Fett. �Luth warnt uns vor diesem Winter, mein Jarl.� Der Priester brachte das Kunstst�ck fertig, zu kauen und trotzdem verst�ndlich zu sprechen. �Heute fr�h hat er mir das dritte ung�nstige Omen in nur vier Tagen geschickt. Es war gleich nach dem Fr�hst�ck. Eine bedeutsame Tageszeit! Ich habe den Hecht aufgeschnitten, den ich mir zum Mittag braten wollte, und habe einen gro�en, schwarzen Stein in seinem Leib gefunden.�</p><p>�Tja, so etwas kann einem wirklich den Appetit verderben.�</p><p>�Spotte nicht �ber die Zeichen der G�tter, Jarl!� Gundar spuckte ein St�ck Knorpel in die Glut. �So ein Stein geh�rt nicht in den Bauch eines Hechts. Ich bin mir sicher, in diesem Winter wird etwas hierher kommen. Etwas Dunkles, B�ses, das nicht in dieses Land geh�rt.�</p><p>Alfadas war �berrascht, was der alte Mann alles aus einem Stein las, den irgendein dummer Fisch verschluckt hatte, aber er h�tete sich, Gundar seine Meinung zu sagen. Wenn der Priester hier in der Halle lauthals seine dunklen Vorahnungen verk�ndete, dann w�rde das f�r eine Menge Unruhe sorgen. Die einfachen Leute h�rten auf ihn. Alfadas hoffte, dass er Gundar den Unsinn am n�chsten Morgen ausreden k�nnte, wenn er ihn mit einem Schinken und einem Korb mit frischem K�se in seiner H�tte besuchen ging.</p><p>�Du hast von drei Vorzeichen gesprochen ...�</p><p>�Oh, ja, ja.� Gundar wischte mit einem St�ck Brot den Bratensaft aus der Sch�ssel. �Ich wei� nicht, ob es dir aufgefallen ist. In der letzten Nacht vor Neumond war Blut auf der Mondsichel. Schon als ganz junger Priester habe ich gelernt, dass Luth uns damit vor einem nahen Krieg warnt.�</p><p>�Der Herbst hat begonnen. Bald wird der erste Schnee fallen. Niemand f�hrt in dieser Zeit Krieg. Schnee und Eis w�rden mehr M�nner t�ten als der schrecklichste Feind.�</p><p>�Und doch warnt uns Luth.� Der Alte sah ihn forschend an.</p><p>�Oder zweifelst du an seinen Omen?�</p><p>�Und was sollten wir deiner Meinung nach tun?�</p><p>Gundar breitete hilflos die Arme aus. �Ich bin nur das Werkzeug meines Gottes. Ich sehe seine Omen. Du bist der Jarl. Du musst entscheiden, was geschehen soll.�</p><p>�Was hast du noch gesehen?�</p><p>�Am Fu� des Hartungskliffs gibt es einen neuen Bach. Nur ein schmales Rinnsal, aber doch ein Zeichen f�r bevorstehende Ver�nderung. Halte mich nicht f�r einen �ngstlichen alten Mann, Alfadas. Was mich beunruhigt, ist, dass ich drei so deutliche Zeichen in so kurzer Zeit erhalten habe. Deshalb habe ich auch zu niemand anderem davon gesprochen. Die G�tter wollen uns warnen, Alfadas. Du musst das Dorf besch�tzen, so wie es einst dein Vater getan hat, als er die Bestie in die Berge lockte und sie in der H�hle des Luth mit seinen Elfenfreunden t�ten konnte. Der Schicksalsweber meint es gut mit deiner Sippe, Alfadas. Er schickt uns die Zeichen, damit du bereit bist.�</p><p>�Du hast nichts mehr zu essen, Priester.� Asla war lautlos hinter sie getreten und stellte eine Sch�ssel mit Fleisch auf die Bank. Man musste sie sehr gut kennen, um den Hauch von freundlichem Spott aus ihrer Stimme herauszuh�ren. Alfadas fragte sich, wie viel sie von dem leisen Gespr�ch wohl mitbekommen hatte. Er legte ihr den Arm um die H�ften und zog sie �ber die Bank hinweg zu sich auf den Scho�. �Muss ich dich anbinden, damit du auf unserem Fest einmal zur Ruhe kommst?�</p><p>�Es w�rde schon ausreichen, wenn du mir ein wenig zur Hand gingest.�</p><p>�Bitte, Asla. Du siehst doch, ich rede gerade mit Gundar. Ich k�mmere mich eben auf meine Art um unsere G�ste.�</p><p>�Ich werde mich dann zur�ckziehen�, sagte der Priester mit vielsagendem Blick und griff nach der neuen Fleischsch�ssel.</p><p>�Bleib sitzen, Gundar. Du bist ein weiser, alter Mann. Sag mir nicht, solche Z�nkereien zwischen alten Ehepaaren seien etwas Neues f�r dich.� Asla lachte fr�hlich. �Ich wei� ja, dass ich es mit meinem Helden ganz gut getroffen habe. Er ist zwar so faul wie alle M�nner, aber zumindest bes�uft er sich nicht, um dann mich und meine Kinder zu verpr�geln. Manchmal glaube ich sogar, dass er sich ernsthaft Gedanken macht, wie er mir helfen k�nnte. Schade nur, dass er sie nicht in Taten umsetzt.�</p><p>Alfadas kniff sie in die Seite. �Wenn deine Zunge eine Klinge w�re, dann w�rst du die Schwertmeisterin dieses K�nigreichs.�</p><p>�Und wenn ihr M�nner etwas anderes als Schwerter und K�nigreiche im Kopf h�ttet, dann w�rde die Welt friedlicher sein. Ich w�sste zu gern, was sich im Dorf �ndern w�rde, wenn ich Jarl w�re.�</p><p>�Bei allem Respekt, Asla�, mischte sich der Priester auf beiden Backen kauend ein. �Das hat es noch nie gegeben. Frauen sind daf�r nicht geschaffen.� Er zwinkerte verschlagen. �Und glaubst du wirklich, die Welt w�re ein besserer Ort, wenn Alfadas heute das Festmahl zubereitet h�tte? Ich f�rchte, in so einer Welt w�rden M�nner wie ich Hungers sterben.�</p><p>�Wie kannst du wissen, dass Frauen es nicht besser machen w�rden, wenn noch nie eine als Jarl ein Dorf gef�hrt hat?�</p><p>Alfadas empfand Genugtuung dar�ber, dass der sonst so redegewandte Priester Asla genauso zu unterliegen drohte, wie er es stets tat, wenn sie �ber dieses Thema stritten.</p><p>�Im S�den gibt es K�nigreiche, in denen Frauen herrschen�, wandte Gundar ein. �Und du siehst, was mit ihnen geschieht. Der alte Horsa Starkschild schickt jeden Sommer seine Krieger, um ihre Grenzen zu verheeren und von ihnen Schutzgeld zu erpressen.�</p><p>�O ja, ich wei�. Und mein Mann f�hrt Horsas Krieger von Sieg zu Sieg. Aber herrschen die K�niginnen deshalb schlecht? Ist es ihre Schuld, dass sie einen streits�chtigen Nachbarn haben, der jedes Fr�hjahr seine pl�ndernden Horden losl�sst?�</p><p>Alfadas r�usperte sich leise. �Achte darauf, wie du �ber den K�nig sprichst. Wir sind nicht allein.�</p><p>�Bin ich jetzt nicht einmal mehr Herrin in meinem eigenen Haus? Wir sollten ...� Sie brach mitten im Satz ab. Alfadas konnte sp�ren, wie sich all ihre Glieder versteiften. Unwillk�rlich folgte er ihrem Blick. Kadlin war aus ihrer Schlafnische gekrabbelt und griff nach dem Markknochen von Blut.</p><p>�Kein Laut!�, zischte Alfadas. �Wir d�rfen diese Bestie durch nichts erschrecken.� Blut schien zu schlafen. Er hielt den Knochen zwischen den Vorderpfoten.</p><p>Kadlin zupfte an dem fasrigen Fleisch und stopfte es sich in den Mund.</p><p>Der Jarl tastete nach dem Messer an seinem G�rtel.</p><p>�Sprich mit Asla, so als w�re nichts�, bat er den Priester. �Von den G�sten hat noch niemand bemerkt, was geschehen ist.� Er zwang sich zur Ruhe. Sein Herz raste, doch er durfte sich nichts anmerken lassen. Er durfte Blut nicht erschrecken. Der riesige Hund k�nnte Kadlin mit einem einzigen Biss t�ten. Niemand im Langhaus w�re schnell genug bei ihm, um das zu verhindern.</p><p>�Bitte, tu doch etwas�, fl�sterte Asla. �Wir k�nnen doch nicht einfach nur zusehen.�</p><p>�Bete f�r sie.� Gundar war leichenblass. �Das Leben deines Kindes liegt in Luths Hand.�</p><p>�Ich werde nicht...�</p><p>Alfadas presste Asla die Hand auf die Lippen und zwang sie, sitzen zu bleiben.</p><p>Blut �ffnete die Augen. Sie hatten die Farbe von Bernstein. Kalt musterte er das kleine Kind. Kadlin hatte sich halb aufgerichtet und zerrte an dem gro�en Knochen. Sie brabbelte �rgerlich vor sich hin, weil sie ihn nicht unter den schweren Pfoten wegziehen konnte.</p><p>Alfadas wog das Messer in der Hand. Seine Tochter w�rde nur �berleben, wenn Blut binnen eines Herzschlags starb. Das Messer war zu leicht, um den schweren Hundesch�del durchdringen zu k�nnen. Es sei denn, er traf eines der Augen. Dort war der Knochen am d�nnsten. Aber Kadlin stand ihm im Weg. Wenn sie sich pl�tzlich bewegte, w�rde die Klinge seine Tochter treffen. Alfadas verfluchte sich daf�r, Ole und seinen Hund nicht einfach davongejagt zu haben.</p><p>Blut reckte sich und hob eine seiner Pfoten. Mit einem Ruck bekam Kadlin den Knochen frei und plumpste auf ihren Hintern.</p><p>�Bei allen G�ttern, das Kind!�, schrie pl�tzlich eine Frau. Schlagartig verstummten alle Gespr�che. Blut blickte auf. Er zog die Lefzen hoch und knurrte.</p><p>�Bewegt euch nicht!�, befahl Alfadas. �Keiner n�hert sich dem Hund.� Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Ole an den Bauern vorbeidr�ngte und die Peitsche aus seinem G�rtel zog.</p><p>�Steh still�, zischte der Jarl w�tend. �Dich will ich am wenigsten bei dem Hund sehen.�</p><p>Auch Kadlin hatte die pl�tzliche Stille bemerkt. Sie sah sich um. Dann streckte sie eine Hand vor, packte nach Bluts Nase und stemmte sich in die H�he. Alfadas hielt den Atem an. Kadlins kleine Finger streiften den blutigen Striemen an der Schnauze. Der Hund blinzelte. Er schob den Kopf vor. Und dann leckte er der Kleinen mit seiner gro�en, rosa Zunge das Gesicht ab.</p><p>Ein Aufatmen ging durch den Saal, doch die Gefahr war noch nicht vor�ber. Alfadas streckte seiner Tochter die Hand entgegen. �Komm her, Kadlin. Komm zu mir.�</p><p>Die Kleine dr�ckte Blut einen Kuss auf die Nase. Dann lief sie Alfadas entgegen und verk�ndete stolz: �Wawa!� Der Jarl lie� Asla los. Sie riss Kadlin an sich. �Was machst du nur, mein M�dchen? Tu das nie wieder. Bitte ...� Ihre Stimme erstickte in Tr�nen. Die anderen Frauen umringten sie.</p><p>Ole legte seine Hundepeitsche neben Alfadas auf die Bank.</p><p>�Das Mistvieh kannst du behalten. Keiner wird mir mehr glauben, dass das eine blutgierige Bestie ist, die W�lfe zerfleischt.�</p><p>Alfadas konnte darauf nichts antworten. Er f�hlte sich zu Tode ersch�pft, und jetzt, da die Anspannung vor�ber war, begann er am ganzen Leib zu zittern.</p><p>�Ein Bluthund unterwirft sich einer Kinderhand. Das war das vierte Omen in vier Tagen�, sagte der Priester leise.</p></section><section><title><p>Feuer und Wasser</p></title><p>�Bist du das, Ollowain?� Orimedes beugte sich vor, um ihm besser ins Gesicht sehen zu k�nnen. �Was soll diese Verkleidung? Glaubst du, so ein Helm hilft, wenn dir eine Feuerkugel auf den Kopf f�llt?�</p><p>�Still!� Ollowain blickte zu den �brigen Kentauren, die ein St�ck weiter hinten am Kai bei der S�nfte standen. Der Schwertmeister senkte den Kopf, damit der Helm, den er nun trug, sein Gesicht besser verbarg. �Befiehl deinen M�nnern, die Barke den Landungssteg hinaufzubringen. Wir haben Verwundete, die auf See nicht �berleben w�rden. Wir m�ssen sie zur�ck zum Palast bringen. Sind die Holden noch an Bord?�</p><p>�Die meisten der kleinen Plagegeister sind davongelaufen, als der Beschuss des Hafens begonnen hat. Nur Gondoran und zwei oder drei andere sind noch auf dem Boot.�</p><p>�Jag sie davon, oder sieh zu, dass sie das Boot nicht mehr verlassen k�nnen, wenn die Verwundeten auf die Barke gelegt werden.�</p><p>Orimedes blickte ihn fragend an.</p><p>�Los, du hast meine Anweisungen doch verstanden!� Ohne abzuwarten, wie der Kentaurenf�rst auf seinen schroffen Ton reagierte, wandte sich Ollowain um und eilte den Landungssteg hinauf. Je weniger Albenkinder wussten, was hier geschah, desto besser. Sie mussten bis zum Palastturm gelangen. Dort konnten sie sich leicht gegen eine gro�e �bermacht verteidigen.</p><p>Der Schwertmeister duckte sich, als eine Feuerkugel fauchend �ber ihn hinwegzog. Inzwischen stand der Gro�teil der Schiffe im Hafen in Flammen. Wind war aufgekommen und strich wie hei�er Atem �ber sein Gesicht. Feine Ascheflocken tanzten gleich schwarzem Schnee �ber den Kai.</p><p>Emerelle war zum Landungssteg heruntergetragen worden. Man hatte sie auf den Langschild eines Kriegers gebettet. Eine Seidendecke verbarg ihr verbranntes Kleid. Ihr Gesicht war geschwollen und von den Wunden so entstellt, dass man sie kaum wieder erkennen konnte. Voller Sorge sah Ollowain den gro�en Blutfleck, der sich immer weiter auf der Decke ausbreitete.</p><p>Lyndwyn kniete neben der K�nigin. Sie hielt die Hand der Herrscherin und hatte die Augen geschlossen. Half sie Emerelle? Oder war sie fanatisch genug, einfach nur dort zu sitzen und darauf zu warten, dass die K�nigin starb, wohl wissend, dass dies auch ihren eigenen Tod bedeuten w�rde? Auch sie trug jetzt einen schlichten gr�nen Waffenrock der k�niglichen Wache.</p><p>Verzweifelt sah sich der Schwertmeister um. Der Kai hatte sich inzwischen geleert. Die Fl�chtlingsstr�me verstopften nun die Stra�en der Stadt. Hier gab es keine andere Heilerin. Ihm blieb keine Wahl, als jener Frau zu trauen, die in seinen Augen eine Verr�terin war.</p><p>Noch zwei weitere Verwundete lagen auf ihre Schilde gebettet neben der K�nigin, junge Krieger mit blassen Gesichtern. Ollowain kannte sie beide. Einer war ein viel versprechender Fechtsch�ler gewesen.</p><p>Der Schwertmeister blickte zu den beiden T�rmen an der Hafeneinfahrt, zu jener Grenze, hinter der die <emphasis>Mondschatten</emphasis> in der Dunkelheit verschwunden war. Er dachte an Sanhardin, den Krieger, mit dem er unter Deck die Kleider getauscht hatte. Sanhardin hatte sich Ru� ins Gesicht geschmiert. Die �hnlichkeit zwischen ihnen war nicht sehr gro�, aber der Krieger war ein ausgezeichneter Schwertk�mpfer. Zuletzt w�rde das mehr als alles andere z�hlen. Sanhardins Schwester hatte Lyndwyns Kleider angelegt. Sie beide wussten, dass Hallandan den Befehl hatte, nicht zu entkommen. Der F�rst w�rde daf�r sorgen, dass die Liburne der K�nigin gestellt wurde und ihre Feinde die falschen Schl�sse zogen. Ob der Totentanz der <emphasis>Mondschatten</emphasis> schon begonnen hatte?</p><p>Ollowain sah sich um. Einige T�rme der Stadt waren noch immer von Lichtzaubern umspielt. Schwarze Rauchs�ulen stiegen fast senkrecht in den Himmel. Es war noch immer windstill. Eine gro�e Galeere versuchte aus dem Hafen zu entkommen. Ihre Ruder wurden ausgerannt. Das dunkle Wasser sch�umte auf, als das schlanke Schiff r�ckw�rts vom Kai hinaus ins Hafenbecken glitt. Eine pl�tzliche B� strich von den Mangroven her �ber die Stadt. Einige der brennenden Schiffe l�sten sich von ihren Ankerpl�tzen. Verzweifelt versuchte der Steuermann an Bord der Galeere auszuweichen. Der massige Rumpf eines arkadischen Rundschiffs zersplitterte die Backbordruder. Ein Holk trieb quer zur Hafeneinfahrt. Schon sprangen die ersten Ruderer von Bord der Galeere. Ihr Schiff sa� rettungslos gefangen. Im Hafenbecken schwammen tausende Kerzen auf Korkst�cken, und daneben trieben festlich gewandete Leichen.</p><p>Der h�lzerne Landungssteg erzitterte unter den Hufen der Kentauren.</p><p>�Setzt die S�nfte dort ab�, befahl Yilvina. Sie sollte das Kommando f�hren, damit Ollowains Tarnung nicht aufgedeckt wurde. Bisher beachtete niemand die schwer verletzte K�nigin, die zwischen den anderen Verwundeten lag. Aber wenn Ollowain erkannt wurde, w�re auch die List bald durchschaut. Jedes Kind in Albenmark wusste, dass der Schwertmeister in Zeiten der Not immer bei der K�nigin blieb. Solange aber nicht sicher war, wie viele Verr�ter es au�er Lyndwyn und dem Bogensch�tzen, der auf Emerelle geschossen hatte, noch gab, war es besser, wenn es hie�, die K�nigin sei an Bord der <emphasis>Mondschatten</emphasis> gefl�chtet.</p><p>Vorsichtig wurden die Verletzten auf die seltsame S�nfte gebettet. Gondoran, der Anf�hrer der Holden, h�pfte zwischen den Elfen umher und gab selbstbewusst Anweisungen. Ollowain war mit drei anderen Leibwachen von Bord gegangen. Bisher hatte keiner von ihnen besonders auf ihn geachtet. Wie beil�ufig zog er die seidene Decke der K�nigin ein wenig h�her, sodass sie einen Teil ihres Gesichts bedeckte. Ihr Antlitz war kalt wie das einer Toten. Ihn schauderte. Die K�nigin durfte nicht sterben!</p><p>Er stieg aus der S�nfte und stellte sich zu den anderen Wachen unter Yilvinas Kommando. Nur Lyndwyn blieb bei den Verwundeten. Sie hatte jetzt eine Hand auf Emerelles Brust gelegt. Die Lippen der Magierin bewegten sich lautlos.</p><p>Ollowain blickte verstohlen zu dem Blutfleck auf dem Seidentuch.</p><p>Auf ein Zeichen Yilvinas wurde die S�nfte vorsichtig angehoben. Einer der Verwundeten st�hnte leise. Im Schritt machten die Kentauren sich auf den Weg. Ollowain musste fast laufen, um mit ihnen mithalten zu k�nnen.</p><p>Inzwischen standen auch viele der Lagerhallen am Hafen in Brand, und der Schwertmeister konnte sehen, wie die Flammen weiter auf die Stadt �bergriffen. Die Luft war so hei�, dass jeder Atemzug schmerzte. Yilvina f�hrte sie an der Uferstra�e entlang. Der direkte Weg zum Palast war versperrt. Dort, wo die Feuerkugeln in die dicht gedr�ngten Reihen der Fl�chtlinge geschlagen waren, lagen nun Tote und Verletzte. Niemand k�mmerte sich um sie oder versuchte, die Lagerh�user zu l�schen.</p><p>Eine Gestalt in brennenden Gew�ndern kam schreiend aus einer der Seitengassen gelaufen und st�rzte sich ins Hafenbecken. Bald waren sie hilflos eingekeilt zwischen Kobolden, Elfen und einer kleinen Gruppe Minotauren, die sich mit gesenkten H�rnern Platz verschafften. Auenfeen st�rzten mit versengten Fl�geln aus dem Himmel und versuchten sich in Haaren und Gew�ndern der Fl�chtlinge festzukrallen. Die meisten von ihnen wurden zu Tode getrampelt.</p><p>Der Wind wurde immer st�rker. Sengend hei� zerrte er an Ollowains Waffenrock. Der Schwertmeister riss sich den Helm vom Kopf. Seine Wangenklappen waren so warm geworden, dass sie ihm die Haut verbrannten. Auch die anderen drei Elfen taten es ihm gleich. Ihre Gesichter waren ger�tet und von Brandblasen entstellt. Funken erf�llten wie gl�hender Hagelschlag die Luft. Fauchend fuhr der Wind durch die engen Gassen des Hafenviertels und fachte die Flammen immer weiter an.</p><p>Gondoran h�pfte an Bord des Nachens hin und her und erstickte die Funken, die auf die Verletzten niedergingen. Winkend scherte Yilvina aus dem Strom der Fl�chtlinge aus und brachte sie auf einen leeren Kai. �Wir brauchen Wasser�, keuchte sie. Ihre Lippen waren aufgesprungen, die Augen rot. �Dort vorne stehen Eimer. Tr�nkt eure Kleider mit Wasser!�</p><p>Ollowain gehorchte. Er eilte eine steinerne Treppe hinab, die vom Kai nach unten f�hrte, und bildete den Anfang einer Eimerkette. Selbst das brackige Hafenwasser war schon unangenehm warm. Der Sturmwind hatte so sehr zugenommen, dass aus den brennenden Schiffen meterlange Flammen fast waagerecht �ber das Wasser schossen. Ein St�ck entfernt sah er eine Auenfee, die sich verzweifelt an einem Hafenpolier festklammerte. Ihre hauchzarten Fl�gel waren in der Hitze zu gallertartigen Klumpen zerschmolzen. Flehend sah sie zu Ollowain. Dann wurde sie fortgerissen, so als habe eine unsichtbare Faust sie ergriffen, um sie auf den Scheiterhaufen der brennenden Schiffe zu schleudern.</p><p>Der Krieger vor Ollowain sch�ttete sich einen Eimer Wasser �ber den Kopf. �Nur du noch�, rief er dem Schwertmeister entgegen.</p><p>Ollowain tat es ihm gleich und beeilte sich, den Anschluss an die anderen nicht zu verlieren.</p><p>Immer unbarmherziger bahnten sich die Kentauren ihren Weg und stie�en jeden zur Seite, der ihnen nicht schnell genug auswich.</p><p>Ollowain dr�ngte sich nach vorn zu Orimedes. Das dampfende, nasse Fell des F�rsten war mit Brandflecken �bers�t. Gl�hende Funken tanzten wie Fliegen um seinen zuckenden Schweif. �Wir m�ssen fort vom Kai!� Die Stimme des Schwertmeisters war kaum mehr als ein heiseres Kr�chzen, das im infernalischen Get�se der Flammen und dem Geschrei der Fl�chtlinge fast unterging.</p><p>�Wir werden schon durchkommen�, rief der Kentaur. Eine junge Elfe umklammerte eines seiner Beine. Mit gesenktem Blick flehte sie ihn an, ihr zu helfen. Murrend zog er sie auf seinen R�cken. Jetzt erst konnte Ollowain das Antlitz der Geschundenen sehen. Wimpern, Augenbrauen und die Haare �ber der Stirn waren verbrannt, die Nase nur noch ein unf�rmiges Loch, und dort, wo Augen h�tten sein sollen, klafften blutige H�hlen. Unabl�ssig brabbelte sie eine Dankeslitanei, w�hrend sie ihr zerschundenes Gesicht im wallenden Haar des Kentauren verbarg. Der Schock �ber das pl�tzlich hereingebrochene Inferno schien ihr Empfinden f�r Schmerz ausgel�scht zu haben. Zumindest f�r den Augenblick.</p><p>�Wir nehmen den Lotussteig!�, befahl der Schwertmeister.</p><p>�Aber der Weg ist viel steiler! Wir werden nur langsam vorankommen�, wandte Orimedes ein.</p><p>�Die H�user dort sind aus Stein! Die Flammen werden sich am Lotussteig nicht so schnell ausbreiten wie hier zwischen den h�lzernen Lagerhallen.�</p><p>Ollowain konnte sehen, wie sich die Wangenmuskeln des Kentauren spannten. Er mahlte w�tend mit den Kiefern, f�gte sich aber dem Befehl.</p><p>Viele Fl�chtlinge sprangen indessen ins Hafenbecken. Das Wasser bot Schutz vor der gl�henden Lohe. Doch dort waren sie in der Falle, wenn die Angreifer von See her den Hafen besetzten. Wehrlos w�ren sie der Gnade der Eroberer ausgeliefert.</p><p>Er durfte Emerelle nicht in eine solche Lage bringen. Wer mochte ihr Feind sein? Mit wem hatte sich Shahondin verb�ndet?</p><p>Ein tiefer Ton zwischen dem allgegenw�rtigen Geschrei und dem Tosen der Flammen lie� Ollowain aufhorchen. Es klang wie ein Seufzen, nur dass es das Seufzen eines Titanen sein musste.</p><p>�Die Wand ...!� Der Schrei ging in tausendfachem Klirren unter. Instinktiv riss Ollowain seinen Schild hoch. Schwere Schl�ge prasselten auf ihn nieder.</p><p>Die K�nigin! Der Schwertmeister griff �ber die Bordwand und zog sich hoch. Ringsherum prasselten gro�e rote Schindeln nieder. Das Lagerhaus neben ihnen schien sich, gemartert von den Flammen, ein letztes Mal aufzub�umen. Es warf sein Dach ab!</p><p>Ollowain schirmte mit seinem gro�en, ovalen Schild den Kopf und Oberk�rper Emerelles ab. Wie durch ein Wunder war die K�nigin von keiner der Dachschindeln getroffen worden. Lyndwyn hatte weniger Gl�ck gehabt. Sie lag ohnm�chtig neben Emerelle und blutete aus einer Platzwunde an der Stirn.</p><p>Die Holden suchten unter den flachen Ruderb�nken des Nachens Schutz. Gondoran war als Einziger dicht bei der K�nigin geblieben. Mit verzweifeltem Mut schlug er mit einer zerbrochenen Ruderstange die Schindeln zur Seite, die in Emerelles Richtung st�rzten. Schlie�lich fl�chtete er fluchend unter Ollowains Schild.</p><p>Die Kentauren waren in Galopp verfallen. Der Nachen schwankte wild hin und her. Pl�tzlich gab es einen Ruck. Das Boot neigte sich und schlug krachend auf Stein, so als w�re es in st�rmischer Brandung auf eine verborgene Klippe aufgelaufen. Ollowain wurde nach vorn geschleudert und prallte gegen den Mast. Sein Schildarm bekam die ganze Wucht des Schlages ab. Sengender Schmerz schoss durch seine Schulter, Tr�nen traten ihm in die Augen. Blinzelnd rappelte er sich auf, um zu sehen, was geschehen war.</p><p>Zwei Kentauren lagen mit grotesk verdrehten Gliedern regungslos am Boden. Ein Balken hatte die beiden niedergestreckt. Noch w�hrend Ollowain die Toten anstarrte, schlug dicht neben ihnen ein weiterer Balken auf. Brennende Dachlatten polterten auf das Pflaster. Einer der Kentauren scheute und stieg auf die Hinterl�ufe. Das Boot ruckte. Ollowain konnte sich gerade noch am Mast festhalten. Die Verwundeten rutschten auf dem Boden zum Heck hin. Einer der M�nner st�hnte auf. Der andere Krieger regte sich nicht mehr.</p><p>�Nessos, du �bernimmst vorne links!�, kommandierte Orimedes ruhig. �Antafes, du l�ufst links neben der S�nfte. Ich halte mich rechts. Wir springen ein, sobald es einen weiteren Ausfall gibt. Die S�nfte darf nicht noch einmal st�rzen! Los jetzt, wir...!� Ein unbeschreibliches Krachen und Knirschen schnitt ihm das Wort ab. Die Fassade des Lagerhauses begann sich in Richtung der Kais zu neigen.</p><p>So wie Shahondin sich stets �bertrieben langsam vor Emerelle verbeugt hatte, um auf diese Weise die Geste der Unterwerfung zu verh�hnen, so neigte sich auch die H�userwand mit ver�chtlicher Langsamkeit. Eine zwanzig Schritt hohe Flammenmauer, die sich vor dem Tod verneigte.</p><p>Einer der Holden sprang schreiend aus dem Nachen und versuchte das Hafenbecken zu erreichen. Die Kentauren gaben ihr Letztes, um aus dem Todesbereich zu entkommen. Rings herum prasselten Balken und Dachlatten nieder. Ollowain half Gondoran und dessen Gef�hrten, die brennenden Tr�mmer, die ins Boot st�rzten, wieder �ber Bord zu werfen. Die Elfe, die sich an Orimedes festklammerte, verlor den Halt und rutschte von seinem R�cken. Ollowain sah, wie sie unter die Hufe der anderen Pferdem�nner geriet. Wie eine Kinderpuppe wurde sie hin und her geschleudert und blieb zuletzt reglos liegen.</p><p>Der Kai hatte sich binnen Augenblicken geleert. Fast alle waren ins Hafenbecken gesprungen. Dicht �bers�t mit zersplitterten roten Dachschindeln, sah das Stra�enpflaster aus, als blute es. Mit ihren eisenbeschlagenen Hufen gerieten die Kentauren auf dem unsicheren Grund immer wieder ins Rutschen. Das Boot schlingerte hin und her. Ollowain hatte sich niedergekauert, presste sich mit dem R�cken gegen eine der Bootsb�nke und hielt Emerelle in seinen Armen. Kraftlos pendelte der Kopf der K�nigin bei jedem neuen Ruck.</p><p>Nessos strauchelte. Sofort sprang Antafes herbei und �bernahm den Platz des Kentauren. Der blonde Nessos versuchte, wieder hochzukommen, doch seine L�ufe wollten ihn nicht mehr tragen. Ollowain sah einen blutigen Knochen durch das Fell ragen. Trotzig streckte der Kentaur die Arme empor, als wollte er die Flammenwand umarmen, die ihm entgegenst�rzte. Gl�hende Lohe verschluckte den Gestrauchelten. Wie eine Lawine aus Feuer schlug die H�userwand �ber der Stra�e zusammen. Teile des Dachs st�rzten ins Hafenbecken.</p><p>Die Hitze traf Ollowain wie ein Faustschlag ins Gesicht. Er sp�rte, wie seine Haut sich spannte. Seine Augen tr�nten wieder. Eine Wolke von Funken ging auf sie nieder. Schreie klangen aus dem Wasser. �Hier hinauf.� Die Kentauren waren am Lotussteig vorbeigelaufen. �Zur�ck!�</p><p>Eine breite Marmortreppe wand sich den Schanzh�gel hinauf. Schon nach zwanzig Schritten und der ersten Wegkehre schienen sie in einer anderen Welt zu sein. Der Lotussteig war ges�umt von s�ulengeschm�ckten Prachtbauten. In schattigen Nischen wand sich Efeu. Auf jeder Treppenstufe waren Lichter aufgestellt. Nur wenige der Villen waren vom Feuer erfasst worden. Kobolde und bocksbeinige Faune versuchten, die Flammen hier unter Kontrolle zu bringen. Sie hatten eine Eimerkette zu einem Brunnen gebildet. Die hoch aufragenden H�user mit ihren verspielten Giebeln verstellten den Blick auf den Hafen. Vom Inferno k�ndeten nur der rot leuchtende Himmel und einzelne, ru�geschw�rzte Gestalten, die sich hierher gerettet hatten. Misstrauisch betrachtete Ollowain die wenigen �berlebenden, die aus den Flammen den Lotussteig hinaufkamen. Folgte ihnen jemand? Was mochte aus dem Bogensch�tzen geworden sein, der versucht hatte, Emerelle zu t�ten? Hatte er die Verkleidung durchschaut? Oder glaubte er, dass die K�nigin auf ihrer Prunk-Liburne aus dem Hafen geflohen war?</p><p>Ollowain sp�rte etwas Warmes �ber seine Hand rinnen. Die Wunde in der Brust der K�nigin blutete wieder. �Im Palast werden wir dir helfen�, fl�sterte er und st�tzte ihren Kopf. Sie konnte ihn nicht h�ren, sagte ihm seine Vernunft, und dennoch hoffte er, dass er ihr auf irgendeine Weise beistand. Er f�hlte sich weniger hilflos, solange er mit ihr redete.</p><p>�Es ist nicht mehr weit. Landolin wird dich heilen. Niemand webt so kunstvolle Heilzauber wie er.� Jetzt erst bemerkte Ollowain, dass die Kentauren angehalten hatten. Sie waren auf dem runden Platz auf der Kuppe des H�gels angelangt. Die Pal�ste waren Gartenanlagen gewichen. Hier hatten die Feuerkugeln kaum noch Schaden angerichtet. Von der Kuppe konnte man weit hinaus auf das Meer sehen, und man �berblickte auch einen gro�en Teil der Stadt. Der Hafen, die Lagerhallen und der Palastturm des F�rsten von Reilimee, der am Ende eines steinernen Piers stand, waren ein Raub der Flammen geworden.</p><p>In den Vierteln, die weiter entfernt vom Meer lagen, gab es nur wenige Br�nde. Doch Ollowain konnte sehen, wie der hei�e Wind das Feuer weiter landeinw�rts trieb in Richtung einer einzelnen, gro�en Flammens�ule: Emerelles Palastturm! Dem Schwertmeister stockte der Atem. Der Turm lag weit au�er Reichweite der Katapulte, und der Funkenflug hatte das Feuer noch l�ngst nicht so tief in die Stadt hineingetragen. Jemand musste den Turm der K�nigin in Brand gesetzt haben! Die Verschw�rung gegen Emerelle war noch umfassender, als er bef�rchtet hatte.</p><p>�Was nun, Schwertmeister?�, fragte Orimedes m�de. Der Kentaur gab seinen M�nnern ein Zeichen, die S�nfte abzusetzen. �Wohin gehen wir jetzt?�</p><p>Der Elf starrte noch immer fassungslos auf den brennenden Turm. War es m�glich, dass Emerelle eine so gro� angelegte Verschw�rung verborgen geblieben war? Oder hatte sie um all das, was kommen w�rde, gewusst? Jetzt erinnerte er sich wieder an die Art, wie sie Matha Murganleuk angesehen hatte, den riesigen, beseelten Baum im Magnolienhof. Sein Gef�hl hatte ihn nicht getrogen ...</p><p>Emerelle hatte Abschied genommen. Sie musste um das Schicksal des Palastes gewusst haben.</p><p>�Ollowain!� Orimedes stand nun vor ihm. �Wohin gehen wir?�</p><p>Der Schwertmeister sah sich hilflos um. �Wir k�nnen es nicht wagen, sie in der S�nfte dort hinunterzubringen. Wer auch immer den Palast in Brand gesetzt hat, wartet nur darauf, die K�nigin in seine Gewalt zu bekommen.�</p><p>�Unsinn!�, murrte der Kentaurenf�rst. �Das ergibt keinen Sinn. Durch den brennenden Palast sind wir doch gewarnt. Es w�re viel einfacher gewesen, uns dort in einen Hinterhalt zu locken.�</p><p>�Vielleicht f�hlen sie sich so �berlegen, dass ihnen das gleich ist. Sie wissen, dass wir ihnen nicht mehr entkommen k�nnen.�</p><p>�Sie. Sie. Sie!� Orimedes� Schweif peitschte w�tend durch die Luft. �Wer soll das sein? Wer beschie�t die Stadt? Wer hat den Palast in Flammen gesetzt? Vielleicht gibt es auch eine ganz einfache Erkl�rung f�r den brennenden Turm. Funkenflug. Oder eine umgest�rzte Lampe ...� Seine Stimme verebbte. Auch ihm musste klar sein, dass keine Lampe dieses Feuer verursacht haben konnte.</p><p>Gondoran war aus dem Nachen geklettert und zu ihnen hin�bergekommen. Er stieg auf eine Marmorbank und blickte hinab zum Palast. �Sie hat dies geahnt, als sie uns befahl, die S�nfte zu zimmern.�</p><p>Ollowain blickte auf. �Sag das noch einmal!�</p><p>�Was?�</p><p>�Die K�nigin hat euch beauftragt, diese S�nfte zu bauen?� Wie waren Emerelles Worte kurz vor dem Aufbruch gewesen? Habe ich dir schon Gondoran vorgestellt, den Bootsmeister meines Palastes? Es war seine Idee, diesen Nachen zur S�nfte umzubauen. �Habt ihr die S�nfte der K�nigin nicht zum Geschenk gemacht?�</p><p>�So war es�, best�tigte der Bootsmeister. �Aber sie hatte sich eine S�nfte wie diese gew�nscht. Sie hat mir aufgetragen, ein Boot der Muschelfischer aus den Mangroven auszusuchen.�</p><p>�Aber sie sagte doch ...�</p><p>Der Anf�hrer der Holden unterbrach Ollowain. �Ich wei�, was sie auf dem Magnolienhof sagte. Auf eine gewisse Weise war es tats�chlich meine Idee. Ich habe diesen Nachen unter einem Dutzend ausgesucht. Aber dass �berhaupt ein Boot zur S�nfte umgebaut wurde, geschah auf ihren Wunsch hin. Vielleicht wollte sie uns mit dem, was sie auf dem Magnolienhof sagte, einen Hinweis geben?�</p><p>�Also ... f�r mich h�rt sich das ganz nach den Launen einer Herrscherin an�, wandte Orimedes ein.</p><p>�Nein!�, entgegnete der Schwertmeister entschieden. �Sie war nicht ... Sie ist nicht launisch! Sie hatte Sorge, dass es in ihrer unmittelbaren Umgebung einen Verr�ter gibt. Sie wollte denen, die sich als treu erweisen w�rden, einen versteckten Hinweis geben. Nur diejenigen, die ihr Leben wagten, um sie durch die Flammen bis hierher auf den H�gel zu bringen, konnten den verborgenen Sinn ihrer Worte erkennen.�</p><p>�Du meinst, sie hat gewusst, was geschieht? Das ist doch ... Das ist... Ich finde keine Worte! Sie verreckt fast. Mir sengt es den Schweif weg, meine M�nner krepieren ... Und sie soll all das gewusst haben? Wenn das so w�re, dann h�tte ich sie an Bord ihres verfluchten Schiffes lassen sollen.� Orimedes stampfte w�tend mit den Hufen. �Das kann doch nicht sein! Sie h�tte all das verhindern k�nnen!� Er deutete hinab zum Hafen.</p><p>�Hunderte, vielleicht sogar tausende sind in der letzten Stunde gestorben. Schande �ber die K�nigin, wenn sie wusste, dass dies geschehen w�rde, und nichts tat, um es zu verhindern!�</p><p>Ollowain konnte den Kentauren in seiner schlichten Denkweise verstehen, auch wenn seine ausf�llige Art nicht akzeptabel war. Der Schwertmeister glaubte unersch�tterlich daran, dass Emerelle das Richtige tat. Die K�nigin hatte einmal versucht, ihm zu erkl�ren, welcher Fluch es war, dass sie in die Zukunft sehen konnte. Als sie noch sehr jung gewesen war, hatte sie ihrem Schwertbruder Mahawan im ersten Trollkrieg das Leben gerettet.</p><p>Ollowain vermutete, dass er auch der Geliebte der K�nigin gewesen war, obwohl sie das nie ausgesprochen hatte. Sie hatte ihr Wissen um die Zukunft dazu genutzt, ihn zu retten. Doch dadurch hatte sich die Zukunft ihres Geliebten grundlegend ver�ndert. Weil er nicht in der Stunde starb, die das Schicksal ihm bestimmt hatte, konnte er auch nicht wiedergeboren werden. Sp�ter verschwand er bei einer Queste in die Zerbrochene Welt. Er wurde niemals wiedergeboren. Seine Seele war verloschen. Emerelle hatte erz�hlt, es sei Mahawan bestimmt gewesen, einst die Krone von Albenmark zu tragen. Und sie hatte behauptet, er w�re ein sehr guter K�nig geworden. Ihr eigens�chtiges Handeln hatte Albenmark dieses Herrschers beraubt. Das war der Grund, warum Emerelle sehr vorsichtig geworden war, ihre Kenntnis der m�glichen Zuk�nfte zu nutzen. �Sie wei�, was das Beste f�r uns ist. Wir m�ssen ihre Entscheidungen nicht verstehen k�nnen.�</p><p>Orimedes schnaubte ver�chtlich. �Wenn ihre Reden voller versteckter Andeutungen sind, dann mischt sie sich doch immer noch in den Ablauf der Zukunft ein. Da k�nnte sie uns auch gleich sagen: Tut dieses, lasst jenes!�</p><p>Ollowain �berlegte kurz, wie er diesem dicksch�deligen Kentauren erkl�ren k�nnte, dass es keineswegs dasselbe war, ob man direkte Befehle erteilte oder vieldeutige Anspielungen machte. Letzteres lie� ihnen die Freiheit, ihrem Gef�hl zu folgen. �Halt einfach den Mund. Das ist ein Befehl.�</p><p>�Treib es nicht zu weit, Elflein!�</p><p>Der Schwertmeister �berging die Drohung und wandte sich wieder an Gondoran. �Was hat die K�nigin dir sonst aufgetragen? Hatte sie besondere W�nsche beim Bau der S�nfte?�</p><p>�Sie wollte, dass man den Nachen mit ein paar Handgriffen zum Schwimmen bringen kann. Wir haben Holzscheiben, die wir in die L�cher einsetzen k�nnen, durch die man die Tragebalken der S�nfte f�hrt. Es ist keine gro�e M�he, das Boot wieder wasserdicht zu bekommen.�</p><p>Ollowain blickte verzweifelt zur�ck. Eine Feuerwand trennte sie jetzt vom Hafen. Ihre atemlose Flucht hatte ihm keine Zeit gelassen nachzudenken. �Sie wollte also, dass wir �ber das Meer fliehen. Deshalb das Boot. Ich h�tte es schon fr�her wissen m�ssen!�</p><p>�Wenn du glaubst, ich trage diese verfluchte S�nfte noch einmal durchs Feuer ...�, begann Orimedes.</p><p>Gondoran r�usperte sich laut.</p><p>�Wenn ich etwas von dir h�ren will, dann sage ich dir das�, schnauzte der Kentaur den Holden an.</p><p>Gondoran wich ein St�ck vor dem Pferdemann zur�ck. �Bei allem Respekt, hohe Herren. Ihr t�uscht euch. Dieses Boot ist nicht daf�r geschaffen, jemanden aufs offene Meer zu tragen. Ein flach gehender Nachen ist n�tzlich in den Mangrovens�mpfen. Das Wasser ist dort still, und es gibt nur wenige Stellen, an denen es dir weiter als bis zur Brust reichen w�rde, F�rst. Oft ist es kaum tiefer als eine Pf�tze. Wenn dieses Boot in richtigen Seegang ger�t, dann l�uft es schneller voll Wasser, als man es leer sch�pfen kann.�</p><p>Ollowain starrte mit zusammengekniffenen Augen in die Nacht. Etwa eine Meile westlich des k�niglichen Palastturms lag der Hafen der Muschelfischer. War es das, was Emerelle gewollt hatte? W�rden sie von dort aus entkommen? Jetzt waren auch rings um den Palast H�user in Brand geraten. Er meinte, zwischen den Flammen verzerrte Schatten zu sehen. Im Licht des Feuers erschienen sie ihm widernat�rlich gro�. Dort unten wurde gek�mpft. Die Br�nde breiteten sich entgegen der Windrichtung aus. Es war kein Funkenflug, der die D�cher entz�ndete.</p><p>So sehr sich Ollowain auch anstrengte, es war unm�glich zu erkennen, welcher Feind dort in Rauch und Finsternis w�tete. Der Weg zum Hafen der Muschelfischer war versperrt. Fieberhaft �berlegte der Elf, was zu tun sei. Ein einzelner Krieger w�rde sicherlich leicht durch die Reihen der Feinde schl�pfen k�nnen, doch mit der S�nfte war ein Entkommen aussichtslos. Es sei denn, sie schlugen einen sehr weiten Bogen. Ganz im Osten, auf einer Landzunge, die wie eine schmale Sichel zwischen dem Meer und den Mangrovens�mpfen lag, befand sich das Gerberviertel. Eine Gegend, in der sich wegen des bestialischen Gestanks nie ein Elf blicken lie�. Dort k�nnten sie mit etwas Gl�ck vor dem unbekannten Feind eintreffen � und einen Weg in das Waldmeer finden. Ollowain wandte sich an den Anf�hrer der Holden. �Welchen Weg w�rdest du w�hlen, um hinab zu den Mangroven zu kommen?�</p><p>Gondoran starrte in die Finsternis und zupfte an seinem spitzen Kinn. �Ich w�rde durch die Zisternen gehen. Dort sind wir vor allen Blicken verborgen. Und wer sich da unten nicht auskennt, der wird sich hoffnungslos verlaufen.�</p><p>�Und du kennst dich dort aus?� Orimedes war deutlich anzusehen, was er davon hielt, in irgendwelche unterirdischen Wasserspeicher hinabzusteigen.</p><p>�Mein Vetter war der Herr der Wasser!�, erkl�rte Gondoran stolz. �Als ich noch ein kleiner Junge war, hat er mich oft mit hinab in die Zisternen genommen, damit ich die engen �berlaufr�hren von Schlick und Algen s�ubere. Ich kenne die verborgenen Hallen unter der Stadt genauso gut wie die Mangroven und das Waldmeer.�</p><p>�Und wir k�nnen von hier aus bis zum Stadtrand gelangen?�, fragte der Kentaurenf�rst skeptisch. �Das ist mehr als eine Meile. So gro� sind die Zisternen doch niemals.�</p><p>�Redest du immer so bestimmt von Dingen, von denen du keine Ahnung hast, Labsal aller Pferdebremsen? Es gibt durchaus Wasserhallen, die fast eine Meile messen. Und es gibt viele kleinere Zisternen. Sie alle sind durch Kan�le und Schleusenkammern miteinander verbunden. Diese Stadt braucht sehr viel Wasser. Und weil sie zwischen dem Meer und den Mangroven liegt, ist Trinkwasser ein kostbares Gut. In Vahan Calyd musste man schon immer den Regen sammeln. Er wird durch Filterbecken hinab in die Wasserhallen geleitet. Seit Generationen stellt die Familie meines Vetters den Herrn der Wasser. Unter uns liegt ein verborgener See. Selbst wenn es ein Jahr lang an keinem Tag mehr regnen w�rde, m�sste in Vahan Calyd niemand Durst leiden oder auf ein Bad verzichten.�</p><p>�Und wir w�rden auch mit dem Nachen dort hinabgelangen?�, fragte Ollowain skeptisch.</p><p>�Aber gewiss doch! Dort unten gibt es etliche Boote. Wie sonst sollten der Herr der Wasser und all seine Diener arbeiten? Wir m�ssten allerdings durch eine der Schleusenkammern hinabsteigen. Dort gibt es Tore, die weit genug sind, um ein Boot hindurchzubringen. Wenn wir erst einmal unten sind, gibt es kein Problem mehr.� Er sah geringsch�tzig zu dem Kentauren hin�ber. �Es sei denn, Ihre vierbeinige F�rstlichkeit kann nicht schwimmen.�</p><p>Orimedes bedachte den Holden nur mit einem ver�chtlichen Schnauben. �F�hre uns zur n�chsten Schleusenkammer!�, befahl Ollowain.</p><p>Gondoran sah sich kurz um und deutete dann nach Westen.</p><p>�Etwa zweihundert Schritt in diese Richtung liegt die Kammer der Rosen. Das ist der n�chste Abstieg.�</p><p>�Und wir werden schwimmen m�ssen?�, fragte Ollowain.</p><p>Der Holde nickte. �Der Nachen kann uns nicht alle tragen. Ihr m�sst euch am Bootsrand festhalten.�</p><p>Der Schwertmeister streifte sein Kettenhemd ab und wies auch die �berlebenden Wachen und Yilvina an, allen unn�tigen Ballast gleich hier zu lassen. In den Zisternen sollte nichts zur�ckbleiben, das etwaigen Verfolgern einen Hinweis auf ihren Fluchtweg gab. Ollowain versteckte die R�stung unter einem Oleanderbusch. Die �brigen Elfenkrieger taten es ihm gleich. Wortlos folgten sie seinen Befehlen. Auf sie und Yilvina w�rde er sich verlassen k�nnen. Bei Orimedes und seinen vier Kentauren war sich Ollowain nicht so sicher. Die Pferdem�nner standen etwas abseits. Ihr F�rst redete wild gestikulierend auf sie ein. Es war offensichtlich, was sie von der Aussicht hielten, einen Fluchtweg zu w�hlen, der sie tief unter die Erde f�hren w�rde. Gondoran und seine beiden verbliebenen Kumpanen untersuchten den Bootsrumpf. Ollowain dachte an den schweren Sturz. Wenn eine der Planken zersplittert war, dann w�ren alle ihre Pl�ne zunichte. Er ging zum Bootsmeister hin�ber.</p><p>Der Holde deutete in den Nachen. �Einer deiner Krieger hat den L�ffel abgegeben. Der ist nur noch unn�tiger Ballast. Am besten versteckt ihr ihn unter den B�schen bei euren R�stungen.�</p><p>Der Schwertmeister spannte sich. �M��ige deinen Ton. Nur weil ich auf dich angewiesen bin, werde ich dir nicht alles durchgehen lassen, Bootsmeister.�</p><p>�Nein?�, fragte der Holde provozierend. �Sieh den Tatsachen ins Auge. Dein Kamerad ist nur noch totes Fleisch. Erhat sich entschieden, ein Krieger zu sein, und ist im Kampf verreckt. So etwas nennt man unter deinesgleichen doch ein erf�lltes Leben. Meine M�nner sind nur Fischer, die heute Abend auf ein Fest gehen wollten. Du kannst froh sein, dass sie nicht alle abgehauen sind.�</p><p>�Du und deine M�nner, ihr seid Diener der K�nigin, genau wie ich, Bootsmeister. Sie wusste, dass sie auf diesem verdammten Kahn entkommen wird. Und es ist deine Aufgabe, sie in Sicherheit zu bringen. Ihr drei werdet euch genauso wenig dr�cken, wie meine Krieger vor einem Kampf fliehen. Wenn es n�tig ist, werde ich dich und deine Spie�gesellen mit den F��en auf den Planken festnageln, bis Emerelle in Sicherheit ist. Von einem Holden erwarte ich nicht, dass er sich ritterlich verh�lt, aber du wirst deine Pflicht tun wie jeder andere hier auch. Und jetzt berichte mir, ob das Boot Schaden genommen hat.�</p><p>Gondoran funkelte ihn w�tend an, verkniff sich aber jede weitere spitze Bemerkung. �Eine Planke ist gerissen. Wir werden ein bisschen Wasser nehmen. Aber der Nachen wird schwimmen.�</p><p>Der Schwertmeister beugte sich �ber Emerelle. Die Haut der K�nigin f�hlte sich immer noch eisig an. Obwohl Lyndwyn noch bewusstlos war, wirkte ihr Zauber fort. Das Gewand der Magierin war voller Brandl�cher, das Haar versengt und ihr Gesicht blutverschmiert. Und dennoch hatte sie immer noch etwas Unheimliches und zugleich Respekteinfl��endes an sich. Ihre rechte Hand ruhte auf Emerelles Brust. Sie schien wirklich bem�ht, die K�nigin zu besch�tzen. Hatte er ihr Unrecht getan? Nein, jeder hatte sehen k�nnen, wie sie das Zeichen zum Angriff gegeben hatte. Sie war eine Verr�terin!</p><p>Ollowain strich �ber das Gesicht seines toten Gef�hrten und schloss ihm die Augen. Es war offensichtlich, dass Lyndwyn nichts unternommen hatte, um den beiden Verletzten zu helfen. Ihre Wunden waren nicht verbunden, und es gab auch keine Anzeichen daf�r, dass sie einen Zauber gewirkt h�tte, um die Schmerzen der M�nner zu lindern. Am liebsten h�tte er die Magierin zur�ckgelassen.</p><p>Sie brachten ihren Kameraden auf seinem Schild in die B�sche. Es blieb kaum Zeit, um mit ein paar Worten von ihm Abschied zu nehmen. Den Toten zu ehren hie�e, die Lebenden gef�hrden. Pl�tzlich hatte Ollowain das Gef�hl, beobachtet zu werden. Er sah sich um, doch in der Gartenlandschaft gab es hunderte Verstecke. Er konnte niemanden entdecken.</p><p>Als sie zur�ckkehrten, stand Gondoran am Rumpf des Nachens. Die Kentauren hatten die ungew�hnliche S�nfte wieder auf ihre Schultern gestemmt. Der Holde f�hrte die Gruppe durch einen Garten auf der R�ckseite des H�gels, bis sie zu einem Springbrunnen gelangten, hinter dem eine breite Treppe in die Tiefe f�hrte. Selbst hier hatte man zum Fest der Lichter auf jede der Treppenstufen eine kleine �llampe gestellt. Ollowain dachte daran, dass man nie wieder an diesem Tag feiern k�nnte, ohne an den schrecklichen Brand und all die Toten zu denken. Die eisenbeschlagenen Hufe der Kentauren l�rmten auf den marmornen Stufen. Vorsichtig tasteten sie sich in die Tiefe, bis sie schlie�lich an ein gro�es Tor gelangten und die S�nfte behutsam auf den Boden setzten. Es gab hier keinen Riegel und auch keine T�rangeln.</p><p>Ehrf�rchtig tastete Orimedes �ber das Tor. �Das ist Gold, nicht wahr?�, hauchte er. �Pures Gold. Genug, um einen Palast zu kaufen. Ein Verm�gen.�</p><p>�Jede Schleuse hier unten, jedes Zahnrad und jeder Beschlag ist aus Gold. Kein anderes Metall widersteht �ber die Jahrhunderte dem Wasser so gut, wie Gold es vermag�, erkl�rte Gondoran herablassend. �Beim Bau der Zisternen hat man von allen Materialien nur die besten verwendet.�</p><p>Er sprang aus dem Nachen und ging zu der goldenen Pforte. Gondoran presste seine Wange an das kalte Metall, strich in kreisenden Bewegungen �ber die T�r und fl�sterte etwas. Einen Augenblick sp�ter erbebte das Tor und glitt lautlos in die Wand.</p><p>�Was hast du gesagt?�, fragte Orimedes.</p><p>�Das ist ein Geheimnis der Wasserh�ter. Ginge es nicht um die K�nigin, w�rde ich euch niemals hier hineinlassen. Wir wollen nicht, dass jeder stinkende Barbar zu den Zisternen gelangen kann, um seine Hufe in Trinkwasser zu baden.� Gondoran wich einem Tritt des F�rsten aus und winkte sie in eine weite Halle hinein. Blausilbern schimmernde Mondsteine waren in die Streben der Kreuzgew�lbe eingelassen und tauchten die Halle in geisterhaftes Licht. Irgendwo in der Ferne h�rte man ein dumpfes Donnern. Ollowain glaubte, den Boden leicht unter seinen F��en beben zu f�hlen.</p><p>Die ganze Halle war aus Marmor erbaut. In Brusth�he verlief ein breiter Fries aus Perlmutt und Onyx. Er zeigte ein Muster aus stilisierten Wellen. Im kalten Licht der Halle schien es, als bewegten sich die Wellen wie die sanfte D�nung in einer Vollmondnacht.</p><p>�Bringt die S�nfte hinein!�, befahl der Holde. �Von nun an werden wir die Trageh�lzer nicht mehr brauchen. Zieht sie heraus. Wir k�nnen dann das Boot abdichten.�</p><p>Ollowain war �berrascht von der nat�rlichen Autorit�t, die der kleine Bootsmeister pl�tzlich ausstrahlte. Er schien wie ausgewechselt. Dies hier unten war sein Reich, und keiner zweifelte das an. Ohne zu murren folgten die Kentauren seinen weiteren Anweisungen.</p><p>Der Schwertmeister sah sich um. Die k�hle Pracht der Halle hatte etwas an sich, das einem das Gef�hl vermittelte, unbedeutend zu sein. Sie war f�r die Ewigkeit geschaffen und w�re eines K�nigspalasts w�rdig gewesen.</p><p>Und doch kam kaum ein Bewohner der Stadt je hierher. All die Sch�nheit blieb verborgen. Ollowain blickte die lange Treppe hinauf, die im goldenen Licht der �llampen erstrahlte. Die Br�nde im Hafen lie�en den Nachthimmel purpurfarben erscheinen. In sich gekehrt dachte der Schwertmeister an den Vorhang einer Theaterb�hne, der sich schloss. Hier unten, in der k�hlen Pracht der Zisternen, f�hlte er sich seltsam entr�ckt von all dem, was in dieser Nacht geschehen war. Ein Akt war beendet. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte Albenmarks w�rde beginnen.</p><p>Das leise Sirren von Metall schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Yilvina hatte ihre beiden Kurzschwerter gezogen. Mit einer der Klingen deutete sie die Treppe hinauf. �Dort oben ist jemand! Ein Bogensch�tze. Ich habe deutlich seinen Schattenriss vor dem Nachthimmel gesehen.�</p><p>Ollowain konnte niemanden entdecken. Aber er zweifelte keinen Augenblick an den Worten der Kriegerin. Seit sie auf den Lotussteig gekommen waren, hatte er gesp�rt, dass sie verfolgt wurden. Die Gefahr war nicht vor�ber. �Wie kommen wir zum Wasser?�, fragte er Gondoran.</p><p>Der Holde deutete auf den Schmuckfries an der Wand. �Die siebente Welle. Wenn du auf sie dr�ckst, wird sich eine verborgene Pforte �ffnen.�</p><p>�Und wie schlie�t man das goldene Tor?�</p><p>�Es schlie�t sich von allein�, entgegnete Gondoran ruhig.</p><p>�Dies ist der Zugang zum verborgenen See und nicht das Torhaus einer Festung. Wir haben keinen Einfluss darauf, wann sich die Rosenpforte schlie�t. Aber die T�r hinab zu den Zisternen kann man von innen versperren. Wer nicht wei�, wie man sie findet, wird es schwer haben, uns zu folgen.�</p><p>Ollowain z�hlte die Wellen im Schmuckfries und dr�ckte auf den verborgenen Ausl�ser. Ein leises Klicken erklang. Es folgte ein schabendes Ger�usch. Ein St�ck der Wand schwang auf. Das ferne Donnern war nun deutlicher zu h�ren. Ein Schwall nasskalter Luft drang aus der Tiefe hinauf. Ollowain fr�stelte. Hinter der Geheimt�r f�hrte eine Treppe in einen dunklen Abgrund.</p><p>Gondoran huschte als Erster hindurch. �Hier muss es einen Vorrat an Fackeln geben.� Die Kentauren blickten unschl�ssig ins Dunkel. �Vielleicht sollten wir uns dem Bogensch�tzen stellen�, murmelte einer von ihnen.</p><p>�Darum geht es nicht.� Orimedes griff nach dem Heck des Nachens. �Wir m�ssen die K�nigin aus der Stadt bringen.� Er reckte sein Kinn in Richtung der dunklen Pforte. �Und das dort ist der einzige Weg, der uns noch offen steht. Jetzt packt zu! Wir haben keine Zeit zu verlieren!�</p><p>Mit einem dumpfen Ger�usch flammte eine Fackel auf. Gondoran stand vor einer Truhe mit goldenen Beschl�gen. Der Holde holte noch zwei weitere Fackeln heraus, die er sich in den G�rtel schob. Z�gerlich stiegen die Kentauren die Treppe hinab. Yilvina und Ollowain bildeten den Abschluss der Truppe. W�hrend sie die schwere Geheimt�r verschlossen, sahen sie, wie auch die goldene Pforte langsam aus der Wand glitt. Kurz meinte Ollowain, hastige Schritte auf dem Weg hinab zum Prunksaal zu h�ren, doch der Eindruck verflog.</p><p>Die Treppe f�hrte an einer mit Kacheln geschm�ckten Wand vorbei. Sie zeigte Bilder von einer Flusslandschaft, in deren Uferdickicht sich allerlei V�gel verbargen. Die Luft war ges�ttigt von Feuchtigkeit und dem Geruch nach nassem Stein. Auch hier, tief unter der Erde, war es noch unangenehm warm. Ihr Weg f�hrte sie zu einem steinernen Kai, an dem zwei Boote vert�ut lagen.</p><p>Unter der Aufsicht Gondorans lie�en die Kentauren vorsichtig den Nachen mit der K�nigin zu Wasser. Seine beiden Gef�hrten holten zwei Ruder hervor, die seitlich unter den B�nken verborgen gewesen waren, und legten sie ein. W�hrenddessen �bernahm der Bootsmeister im Heck das Steuer. Der Holde steckte seine Fackel in eine Halterung am Mast. Die �brigen Lichter l�schten sie.</p><p>Ollowain hatte nie Angst vor der Dunkelheit gehabt, doch die Finsternis hier unten machte ihm zu schaffen. Das blakende Licht am Mast reichte kaum �ber den Rand des Bootes hinaus. Er hatte das Gef�hl, in die Leere geraten zu sein, die jenseits der Albenpfade lag. Ein Ort, wo jedes Leben fehl am Platze war. Wer auf einer Reise zwischen den Welten vom Pfad abwich, der war auf immer verloren, so hie� es. An welcher Stelle war er in dieser Nacht vom Pfad abgewichen? Wann hatte er den ersten falschen Schritt getan? Schon als er sich mit Silwyna traf?</p><p>Der Schwertmeister lie� sich vom Rand der Anlegestelle ins Wasser hinab und griff nach dem Boot. Erschrocken atmete er aus. Das Zisternenwasser war eisig!</p><p>�Wir h�tten nicht in dieses Loch hinabsteigen sollen�, murrte Orimedes. �Gerade ist etwas an meinen Beinen entlang geglitten. Wir werden uns verirren und von Fischen gefressen werden.�</p><p>�Da muss dir wohl dein eigener zitternder Schweif zwischen die Beine geraten sein. Hier gibt es keine Fische!�, sagte Gondoran scharf. �Keine K�fer und auch keine Ratten! Nichts, was das Wasser verunreinigen k�nnte, lebt hier unten. Nur ein paar Geister. Aber bei einem Gespenst muss man sich keine Gedanken machen, dass es ins Wasser pisst, Pferdemann. Das hier unten ist Trinkwasser, und der Herr der Wasser duldet hier nichts, was es verschmutzen k�nnte. Gew�hnlich h�tte ich euch niemals erlaubt, eure verschwitzten, dreckigen Leiber in eines der Becken zu bewegen.�</p><p>�Und gew�hnlich w�rde ich einem kleinen Klugschei�er, der es darauf anlegt, mich zu beleidigen, auch nicht zuh�ren, sondern ihm die Z�hne in den Rachen treten, dass sie ihm zu den Ohren wieder rauskommen�, schnauzte Orimedes zur�ck.</p><p>Gondoran war klug genug, darauf nicht zu antworten.</p><p>Inzwischen waren auch die anderen vom Kai ins Wasser gestiegen. Langsam setzte sich der Nachen in Bewegung, und eine Reise in die Finsternis begann. Schon nach wenigen Augenblicken waren die Treppe und der Kai in der Dunkelheit verschwunden. Das Licht reichte nicht bis hinauf zur Decke der Zisterne. Ollowain versuchte die Gedanken zu unterdr�cken, die ihn bedr�ngten, den Eindruck, verloren zu sein. Kein Ziel vor Augen zu haben, war etwas, das er nicht kannte. Wohin sollten sie sich wenden, wenn sie die Mangroven erreichten? Am besten w�re es, durch einen Albenstern zu fl�chten. Doch daf�r brauchten sie die Hilfe Lyndwyns, denn er verf�gte weder �ber die Magie, jene Pforten zu den Albenpfaden zu �ffnen, noch wusste er, wo man nach ihnen suchen sollte. In Vahan Calyd gab es zwei gro�e Albensterne. Einer lag unter dem brennenden Turm Emerelles und der zweite nahe bei Shahondins Palast. Diese Wege waren ihnen verwehrt. Angeblich gab es noch weitere Albensterne weiter drau�en im Waldmeer.</p><p>Ollowain betrachtete die Magierin. Obwohl sie nicht wirklich schwer verletzt sein konnte, war sie noch nicht zu Bewusstsein gekommen. Lyndwyn k�nnte sie auf den Albenpfaden in die Irre f�hren, ohne dass er davon etwas merken w�rde. Erst wenn sie wieder durch ein Tor hinaustraten, w�rde sich offenbaren, wohin sie die Magierin gebracht hatte.</p><p>�Siehst du das?� Yilvina deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. In die Finsternis hoch �ber ihnen war ein kleines, silbernes Rechteck gestanzt. Ein Schatten trat durch das Licht. Dann verschwand das Rechteck, und die Dunkelheit war abgesehen von der Fackel im Boot wieder vollkommen. �Wer ist das?�</p><p>Auch Gondoran hatte das Licht gesehen. Er sagte nichts, aber er blickte immer wieder zur�ck, w�hrend er den Nachen durch die Zisterne steuerte.</p><p>Immer lauter wurde das Donnern vor ihnen. Der Bootsmeister brachte sie durch ein goldenes Schleusentor in einen Kanal. Hier war es so eng, dass man mit ausgestreckten Armen beide Seitenw�nde ber�hren konnte. Das Wasser im Kanal reichte nicht sehr hoch. Sie hatten Boden unter den F��en, als sie sich vorantasteten. Ein Bogensch�tze w�rde hier einen guten Stand haben. Er k�nnte schie�en. Im tiefen Wasser der Zisterne waren sie sicherer gewesen.</p><p>Ollowain lie� sich ein wenig zur�ckfallen. War es Silwyna? Hatte er sich in ihr get�uscht? Vor ihnen im Tunnel erstrahlte ein Licht, hell wie ein Sommernachmittag, und er sp�rte die Kraft alter Magie. Wohin hatte der Holde sie hier gebracht?</p><p>Yilvina kam zu ihm her�ber. Sie winkte und sagte etwas, doch ihre Worte wurden vom ohrenbet�ubenden Donnern vor ihnen verschluckt. Der Tunnel weitete sich. Sie erreichten ein gro�es, rundes Gew�lbe, dessen Decke mit leuchtenden Barinsteinen besetzt war. Goldene Rohre mit kunstvoll ausgearbeiteten M�ndungen ragten aus den Marmorw�nden. Manche sahen wie stilisierte Vogelk�pfe mit breiten Schn�beln aus, andere wie Delfine oder sogar Wolfsk�pfe. Es mussten hunderte sein. Aus ihnen schossen weit aufgef�cherte Wasserfont�nen, die im hellen Licht wie fl�ssiges Kristall erschienen. Die Luft war erf�llt von feinem Wasserdunst. Schillernde Regenb�gen spannten sich zwischen den Kaskaden.</p><p>Ollowain beeilte sich, wieder zum Nachen aufzuschlie�en. Das Becken in diesem wundersamen Kuppelsaal war nicht sehr tief, das Wasser floss mit starker Str�mung ab. Der Schwertmeister musste k�mpfen, um auf den Beinen zu bleiben, obwohl ihm die sch�umende Gischt kaum bis zu den Knien reichte. Noch schwerer hatten es die Kentauren. Mit ihren beschlagenen Hufen fanden sie keinen Halt auf dem glatten Steinboden, und sie mussten sich am Bootsrand festhalten, um nicht von der Str�mung umgerissen zu werden.</p><p>Die Font�nen pr�gelten auf den Schwertmeister ein. Selbst der Boden der gro�en Kammer vibrierte unter der Wucht des fallenden Wassers. Alle k�mpften sie nun gegen die Urgewalt des Wassers an. Nur Gondoran schien das nicht zu bek�mmern. Er stand im Heck des Nachens, hielt unbeirrt die Ruderpinne und schmetterte voller Inbrunst ein Lied.</p><p>Ollowain konnte bei dem Get�se ringsumher nur einzelne Worte verstehen. Es schien um eine Holde zu gehen, deren Br�ste nie versiegende Quellen waren. Der z�nkische kleine Kerl war ihm ein R�tsel. Sang er, um seine Furcht zu verbergen? Oder empfand er wirklich Freude? Der Kuppelsaal war von gro�er Sch�nheit, das Licht, die Regenb�gen, der strahlend wei�e Stein der Mauern. W�re da nicht der infernalische L�rm gewesen, man w�re gern hier, um einfach nur zu schauen und seine Seele der Sch�nheit dieses verborgenen Ortes zu �ffnen. Vor allen Dingen, wenn man auf einem der kleinen Balkone hoch �ber dem Wasser stehen konnte und nicht mitten durch diese Urgewalt hindurch musste.</p><p>Gondoran stakte den Nachen durch eine Wasserwand. Seine beiden Kameraden sch�pften aus Leibeskr�ften, damit das Boot nicht voll lief Die Font�nen waren wie ein kristallener Vorhang. Keine von ihnen kam der Marmorwand des Kuppelsaals n�her als zwei Schritt. Die Str�mung war hier jedoch noch st�rker. Gro�e, gemauerte B�gen tranken gierig das ablaufende Wasser. Kan�le, die aus dem Kuppelsaal in alle Himmelsrichtungen fortf�hrten ... Ollowain konnte nicht erkennen, dass sie auf irgendeine besondere Weise gekennzeichnet waren. F�r ihn sahen alle Kanal�ffnungen gleich aus. Doch Gondoran wusste offenbar ganz genau, wo er war. Beim siebten Kanal, den sie passierten, schlug er das Ruder ein und steuerte den Nachen in die Finsternis.</p><p>Der Tunnel schien den L�rm des fallenden Wassers noch einmal zu verst�rken. Mit M�he brachten die Holden die Fackel wieder zum Brennen, die durch die Wasserfont�nen gel�scht worden war.</p><p>�Ist er nicht wunderbar, der Saal der fallenden Wasser?�, beendete der Bootsmeister das Schweigen. �Es gab Zeiten, da bin ich jeden Tag hier gewesen.�</p><p>�Wunderbar ist nicht das Wort, das ich gebrauchen w�rde�, sagte Yilvina. �Eindrucksvoll vielleicht.�</p><p>�Was wisst ihr schon von der Sch�nheit des Wassers?�, entgegnete Gondoran verschnupft. �Ihr habt ja keine Ahnung, welche Arbeit es macht, das Wasser zu hegen.�</p><p>�Du sprichst ja vom Wasser, als w�rdest du eine Herde K�he h�ten�, spottete der Kentaurenf�rst. �Was ist schon dabei, auf Wasser zu achten?�</p><p>�Wenn wir das Wasser nicht hegen w�rden, dann w�rde ganz Vahan Calyd nur abgestandene, lauwarme Br�he trinken! Es f�ngt damit an, dass wir darauf achten, dass sich hier unten keine Ratten und ungewaschenen Kentauren herumtreiben, um im Trinkwasser zu baden. Jeder Tropfen hier ist durch tiefe Filtergruben geflossen. Die Normirga, das Volk, dem unsere K�nigin entstammt, haben einst Vahan Calyd erbaut. Sie haben magische Pumpen erschaffen, die das Wasser in Bewegung halten wie riesige Herzen. Wasser ist dazu geschaffen zu str�men, zu pulsieren und aus gro�er H�he zu st�rzen. So h�ltst du es lebendig, Pferdemann. Es atmet, wenn es aus den Speiern im Saal der fallenden Wasser hinabst�rzt. Und mein Volk hegt dieses gro�artige Werk.�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe mich gerade eben an deinem Wasser vergangen. Ich streue Asche auf mein Haupt und tue Bu�e, doch ich konnte nicht l�nger an mich halten und habe mich erleichtert.�</p><p>Die anderen Kentauren prusteten los, doch Gondoran starrte den F�rsten einfach nur mit weit aufgerissenen Augen an.</p><p>�Du hast was?�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe zu schwer zu Mittag gegessen. Und dann die Aufregung. Das Feuer. Die Flucht. Das alles hat meine Verdauung angeregt.�</p><p>�Das ist ein Scherz, nicht wahr?�, sagte der Holde flehend.</p><p>�Bitte sag, dass das ein Scherz ist.�</p><p>�Ich scherze niemals, wenn es um meine �pfel geht�, entgegnete der Kentaurenf�rst grinsend. �Wir k�nnen nicht lange an uns halten, wenn es so weit ist. Das hat mich auf manchem Fest der Elfen schon in arge Verlegenheit gebracht. Wir sind, wie uns die Alben erschaffen haben.� Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Aber in der ungeheueren Menge von Wasser wird sich das sicher gut verteilen.�</p><p>Gondoran antwortete darauf nicht. Er und seine beiden Gef�hrten h�llten sich in Schweigen, w�hrend die Kentauren ihre derben Scherze fortsetzten.</p><p>Der Tunnel f�hrte sie durch eine Schleusenkammer in ein weiteres Zisternenbecken. Hier mussten sie wieder schwimmen. Ab und an blickte Ollowain zur�ck. Es w�re ein Wunder, wenn ihr Verfolger im Saal der fallenden Wasser nicht ihre Spur verloren h�tte. Gondoran hatte zwar nichts dazu gesagt, aber der Schwertmeister war sich sicher, dass der Holde mit Bedacht an einer Stelle durch den Wasservorhang getreten war, die ein gutes St�ck von dem Tunnel entfernt lag, den sie dann gew�hlt hatten. Wer immer ihnen folgte, hatte die Auswahl zwischen mehr als zwei Dutzend Kan�len, die aus dem Kuppelsaal hinausf�hrten.</p><p>Und dennoch blickte Ollowain immer wieder zur�ck. Es war auch unwahrscheinlich gewesen, dass ihr Verfolger die Geheimt�r so schnell fand.</p><p>Nachdem keiner der Holden mehr auf die provozierenden Spa�e der Kentauren einging, verstummten auch die Pferdem�nner bald. Schweigend schwammen sie in ihrer kleinen Insel aus Licht durch die Finsternis. Ab und an passierten sie eine der riesigen S�ulen, die die Zisternendecke trugen. Ollowain lie� seine Gedanken schweifen. Er dachte zur�ck an die Zeit mit Alfadas. Die K�nigin hatte ihn damit beauftragt, den Menschensohn zu erziehen. Zuerst hatte er das als eine Strafe empfunden. Was wollte man von einem Menschen schon erwarten?</p><p>Er sollte ihn den Schwertkampf lehren, wohl wissend, dass er nicht einmal lange genug lebte, um auch nur in einer der siebenundzwanzig K�nste des T�tens Vollkommenheit zu erlangen. Yilvina, seine beste Sch�lerin seit Jahrhunderten, hatte es bisher geschafft, in vier K�nsten die Meisterschaft zu erlangen, wobei sie ihn im Kampf mit zwei Schwertern mittlerweile sogar �bertraf.</p><p>Der Menschensohn hatte ihn �berrascht. Obwohl ihm die Zeit fehlte, zur Vollkommenheit zu gelangen, glichen sein brennender Ehrgeiz und seine fast schon unheimliche Begabung diesen Nachteil aus. In der Welt der Menschen w�rde es niemanden geben, der ihm gewachsen war. Ollowain fragte sich, was wohl aus seinem Sch�ler geworden sein mochte. Besa� er die Reife, mit seinem K�nnen umzugehen? Oder hatte er es genutzt, um sich zu einem Tyrannen aufzuschwingen?</p><p>W�re Alfadas nur niemals Silwyna begegnet! Die Maurawani hatte eine dunkle Seite im Menschensohn zum Schwingen gebracht. Sie hatte ihm eine Wunde geschlagen, die nie mehr verheilt war. Es war zu bitter, daran zu denken. So vieles h�tte aus dem Jungen noch werden k�nnen, aber er hatte es vorgezogen, aus Albenmark zu fliehen.</p><p>Der Schwertmeister blickte �ber die Schulter und lauschte. Hinter ihm lagen nur Dunkelheit und Stille. Er hatte keine andere Wahl gehabt, als sie um Hilfe zu bitten. Silwyna war die beste Bogensch�tzin, die er in so kurzer Zeit hatte finden k�nnen. Er l�chelte grimmig. Sie h�tte ihr Ziel niemals verfehlt, wenn sie auf die K�nigin geschossen h�tte.</p><p>�Schwertmeister?� Gondorans Stimme schreckte Ollowain aus seinen Gedanken. Der Holde deutete voraus, wo man einen winzigen, r�tlichen Lichtpunkt in der Finsternis sah. �Da stimmt etwas nicht. Beide Tore zur Zisterne stehen weit offen, wie es scheint. Das kann eigentlich nicht geschehen. Was sollen wir tun?�</p><p>�Wie weit ist das Tor noch entfernt?�</p><p>Der Bootsmeister zuckte mit den Schultern. �Dreihundert Spann vielleicht.�</p><p>�L�scht die Fackel!�</p><p>Gondoran gehorchte. �Das wird nicht mehr helfen. Wenn dort jemand ist und die Zisterne beobachtet, dann hat er uns l�ngst entdeckt.�</p><p>�Ich werde nachsehen. Bleibt hier und wartet auf ein Zeichen von mir. Gibt es dort oben eine Kiste mit Fackeln?�</p><p>�Nat�rlich. An jedem Eingang gibt es so eine Kiste.� Ollowain streifte seinen Waffenrock ab. Das Schwert allein wog schwer genug. Er war nie ein herausragender Schwimmer gewesen, so war es besser, jeden unn�tigen Ballast loszuwerden. Er schlang den Ledergurt der Waffe �ber Brust und R�cken und zog ihn straff.</p><p>�Ich werde mit dir kommen�, sagte Orimedes. �Hier unt�tig zu warten ist nichts f�r mich.�</p><p>Ollowain seufzte stumm. Der Letzte, den er jetzt an seiner Seite gebrauchen konnte, war der hei�bl�tige Kentaurenf�rst.</p><p>�Bei allem Respekt, mein Freund, doch ich werde versuchen, mich in aller Heimlichkeit dem Ausgang zu n�hern. Ich wei� dein Angebot zu sch�tzen, aber ich muss es ablehnen.�</p><p>�Ich kann mich fast lautlos bewegen�, beharrte der F�rst.</p><p>�Und wer soll die K�nigin besch�tzen, wenn ich nicht zur�ckkehre? Du bist der geborene Anf�hrer. Du wirst einen Weg finden! Ich brauche dich hier, Orimedes.�</p><p>Der Kentaur stie� einen grunzenden Laut aus. �Manchmal hasse ich es, ein F�rst zu sein. Viel Gl�ck.� �Wenn ihr mir folgen k�nnt, dann werde ich eine brennende Fackel im Kreis schwingen.� Ollowain stie� sich vom Nachen ab. Mit starken, gleichm��igen Z�gen schwamm er dem Licht entgegen.</p><subtitle>Das Gest�ndnis</subtitle><cite><p>Du hast das Siegel erbrochen und meine Warnung leichten Herzens �bergangen. Ich bitte dich ein letztes Mal, leg diesen Brief zur�ck in sein Versteck wenn du reinen Herzens bleiben willst.</p><p>Eine einzige finstere Tat kann ein Leben in Edelmut zerst�ren. Von einer solchen Tat muss ich berichten. Ich hatte gehofft, ins Mondlicht zu gehen, wenn ich daran mitwirke. Ich dachte, es sei mein Schicksal. Doch ich habe mich get�uscht. Mit dem Wissen um diese Nacht kann ich nicht weiterleben. Und doch w�re es ein Verbrechen, die Wahrheit der L�ge zu opfern, so wie es geschehen wird. Kein Albenkind w�rde den Trollen je glauben. Und selbst sie werden wohl nicht erfahren, was wirklich geschah. Ich muss es niederschreiben, denn die Wahrheit darf nicht f�r alle Zeit vergessen sein.</p><p>Wenn dies vollbracht ist, werde ich meine Erinnerung daran auf immer tilgen und werde das Siegel dieses Briefes niemals ber�hren. Sei noch ein allerletztes Mal gewarnt, fremder Zeuge meiner Schande! Du willst die Wahrheit nicht wissen! Nie wieder wirst du Albenmark mit den Augen der Unschuld sehen, wenn du nun weiterliest.</p><p>Emerelle befahl, den K�nig und die F�rsten der Trolle zur Shalyn Falah zu bringen. Es hie�, sie w�rden von dort aus an einen geheimen Ort in Gefangenschaft gef�hrt. Ihr Volk aber sollte auf immer aus Albenmark verbannt sein.</p><p>Zu blutig bezahlten wir f�r unseren Sieg. Von allen Seiten griffen wir sie an, und die Trolle w�hnten sich verloren. Deshalb streckten sie die Waffen und lieferten sich unserer Gnade aus. Sie glaubten, wir h�tten sie mit gro�er �bermacht umzingelt, in Wahrheit jedoch waren sie st�rker als wir, und h�tten sie sich erneut erhoben, nichts in Albenmark h�tte sie aufhalten k�nnen. Unser Sieg war ohne Glanz, denn er war durch T�uschung errungen. Wir alle wussten in dieser Nacht, dass die Kinder der Alben Jahrzehnte brauchen w�rden, um sich von den vergangenen Schlachten zu erholen.</p><p>Dies alles kann nicht entschuldigen, was geschah. Doch ich hoffe, dass du, fremder Zeuge meiner Schande, zumindest verstehen kannst, warum es geschah. H�tte die Herrschaft �ber Albenmark in die H�nde der schrecklichsten Kinder fallen d�rfen?</p><p>Der Trollk�nig und seine F�rsten wurden geknebelt und mit verbundenen Augen hinaus auf die Shalyn Falah gebracht. Sie glaubten wohl, man wolle sie in die Kerker der Festung auf der anderen Seite der Br�cke bringen. Dann befahl Emerelle ihrem Schwertmeister, die Trolle in den Abgrund zu st�rzen. Doch der ehrenhafte Ollowain, der bisher nie gez�gert hatte, einem Befehl seiner Herrin zu folgen, verweigerte sich ihr. Daf�r erbot sich ein anderer Krieger, Farodin mit Namen, ihr zu gehorchen. Seine Liebste, Aileen, war von Trollen erschlagen worden. Emerelle verbot es ihm. Sie wollte keine Rache. Sie wollte einen Henker mit kaltem Herzen, der die Bluttat beging, um Albenmark zu retten. Und so trat ich vor. Geknebelt und blind st�rzten sie stumm, wie Steine, in den Abgrund.</p><p>Im Glauben, dass ihre F�rsten unsere Gefangenen sind, w�rden die Trolle nicht nach ihren wiedergeborenen Anf�hrern suchen. Und vielleicht k�nnen sich ihre Seelen in der Welt der Menschen nicht wieder in Fleisch kleiden. Niemand wei� das. Ich hoffe auf den Frieden. Aber ich f�rchte darum, dass die Trolle eines Tages das Geheimnis dieser Nacht ergr�nden. Denn dann wird es nie wieder Frieden geben k�nnen, und Albenmark wird im Blut seiner Kinder ertrinken.</p><text-author>Aus dem Nachlass des Meisters �lvias</text-author></cite></section><section><title><p>Die Stimme aus dem Licht</p></title><p>Knirschend schrammte das Elfenschiff an der Hafenmauer entlang. Einige Trolle sprangen von Bord, um es mit Leinen festzuzurren. Ein Speer traf einen der Krieger.</p><p>Orgrim deutete auf den in kaltes Licht getauchten Turm am Ende der Hafenmauer. �Los, schlagt das Tor ein und bringt die Elfen darin um.� Der Rudelf�hrer war w�tend. Erst hatte er andere Rudelf�hrer um Hilfe bitten m�ssen, damit sie das Elfenschiff in Schlepp nahmen, und dann war es unm�glich, in den Hafen einzulaufen. Orgrim hatte sich vorgestellt, wie er im Triumph in der Stadt ankam und die Leiche der K�nigin auf seinem Schild trug, sodass jeder sie sehen konnte.</p><p>Aber das Schicksal drohte ihm seinen Ruhm zu stehlen. Man musste verr�ckt sein, um den Hafen anzusteuern. Noch immer trieben dort dutzende brennender Wracks. Die Flotte legte nun an der langen Au�enmauer an, die zum Schutz gegen die Brandung errichtet worden war. Immer mehr Kriegerrudel sprangen von den Schiffen und st�rmten laut schreiend auf die Stadt zu. Soweit Orgrim sehen konnte, trafen sie nirgends auf ernst zu nehmenden Widerstand. Nach dem Kampf um das Schiff der K�nigin war er froh darum. Die Elfen waren klein und schw�chlich, das stimmte schon. Ein einziger Keulenhieb lie� ihre Knochen splittern und sie ihre Lungen auskotzen.</p><p>Doch es war verdammt schwer, sie �berhaupt zu treffen. Und ihre Klingen waren flink und schnitten tief. �Rudelf�hrer, wir bekommen Besuch!� Boltan war auf das Achterdeck gest�rmt und deutete hinaus auf See. �Der K�nig!�</p><p>Aus der Mauer der d�steren Schiffssilhouetten l�ste sich ein riesiger Schatten. Drei rote Laternen leuchteten am Hauptmast. Die <emphasis>Todbringer</emphasis>, das Schiff des K�nigs! Ob er wohl gesehen hatte, wer als Erster an Bord der Liburne gegangen war? Orgrim schalt sich in Gedanken einen Narren. Der K�nig kam einfach nur, um das erbeutete Schiff zu begutachten. Wie h�tte er auf die Entfernung und noch dazu bei Nacht beobachten sollen, wie das Entergefecht verlaufen war!</p><p>Orgrim trat an das Lager, auf dem der entstellte Leichnam der Tyrannin lag. Seine gro�en H�nde strichen �ber die Schwanenkrone. Es war tats�chlich geschehen. Er hatte den Schwertmeister der K�nigin erschlagen und Emerelles Kadaver erbeutet. Niemand konnte ihm diesen Ruhm nehmen. Er hatte es nicht n�tig, an den Gefechten in der Stadt teilzunehmen.</p><p>Die Ruder der <emphasis>Todbringer</emphasis> wurden eingezogen und Leinen her�bergeworfen. Langsam ging das riesige Schiff l�ngsseits. Seine Decks lagen um mehr als acht Langellen h�her.</p><p>Das Elfenschiff st�hnte auf, als es zwischen der <emphasis>Todbringer</emphasis> und der Hafenmauer eingekeilt wurde. Orgrim h�rte Holz splittern. Dass diese verdammten Wichtel es nicht fertig brachten, stabil zu bauen! Er wunderte sich, dass ihre d�nnh�utigen Schiffchen �berhaupt einen Sturm �berstanden.</p><p>Eine Enterbr�cke krachte auf das Deck der Elfenbarke. K�nig Branbart und seine Gefolge stiegen herab. Der Herrscher war von gedrungener Gestalt und etwas kleiner als die meisten Trolle. Knochenw�lste wucherten �ber seinen Augen, und es schien, als verbargen sich unter seiner Stirn die Ans�tze zweier H�rner. Branbarts Nase war breit und etwas krumm. Eindrucksvolle Narben zierten seine Stirn und seine Brust. Der K�nig war der Sieger vieler Zweik�mpfe. Ein Umhang aus Wolfsfellen hing von seinen Schultern. Dazu trug er einen speckigen, ledernen Kilt.</p><p>�Heho, Feuerfresser!� Branbart ging auf Boltan zu und klopfte ihm auf die Schulter. �Ich begl�ckw�nsche dich zu deinem Fang!� Er lie� den Blick �ber die toten Elfen auf Deck schweifen und l�chelte zufrieden. �Hast diesen Wichten ordentlich das Fell gegerbt. Du solltest morgen an meiner Tafel sitzen.�</p><p>�Ich ...� Boltan wand sich vor Verlegenheit. �Orgrim ist der Rudelf�hrer. Ich bin nur der Gesch�tzmeister.�</p><p>�Das wei� ich.� Der K�nig zog die Nase hoch und rotzte aufs Deck. �Aber du hast den Elfenwichten doch ordentlich eingeschenkt.� Branbart deutete auf eine Schnittwunde am Arm des Gesch�tzmeisters. �Ich sehe ja, dass du dich nicht vor diesen verfluchten Elfenklingen gedr�ckt hast. Gestern noch habe ich von dir gesprochen, Boltan. Mit seinem Leib ein Feuer ersticken! Bei den Alben! Mehr M�nner wie dich brauchte ich! Es bleibt dabei. Ich will dich morgen Abend an meiner Tafel sehen!�</p><p>Orgrim hatte M�he, die Fassung zu wahren. Was sollte der Auftritt des K�nigs? Wollte der Herrscher ihn vor all seinen Kriegern beleidigen?</p><p>Branbart wandte sich um. Er stank nach Met. G�nnerhaft t�tschelte er Orgrim �ber die Wange. �Nun, mein Welpe, war es klug von mir, dir ein Rudel zu geben?� Seine Augen blitzten unter den wulstigen Brauen. �Wo ist dein Schiff?�</p><p>Orgrim �berging die Frage. Ihn einen Welpen zu nennen, eine hilflose Kreatur, die von den Zitzen ihrer Mutter noch nicht entw�hnt war, das galt unter Trollkriegern als schlimmste Beleidigung. Nur m�hsam gelang es Orgrim, an sich zu halten. Offenbar war der K�nig betrunken.</p><p>�Die Tyrannin ist tot. Und ich habe ihren Schwertmeister erschlagen.� Er deutete auf das Lager aus Fellen, auf dem Emerelle aufgebahrt war. �Unser flammender Zorn hat die Elfenk�nigin vernichtet.�</p><p>Branbart zog erneut die Nase hoch. �Das soll sie sein?� Er trat an den Leichnam und starrte Emerelle lange an. �Ihr Gesicht ist zu verbrannt. Sie tr�gt ja ein Gewand wie eine junge Maid. Verdammte Elfenschlampe! Ich hatte gehofft ...� Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, ich erinnere mich nicht mehr an sie.� Er spuckte auf den Leichnam des Schwertmeisters, der noch dort lag, wo Orgrims Kriegshammer den Elfen niedergestreckt hatte. �Sie hat daneben gestanden, als ich auf die Shalyn Falah geschafft wurde. Mandrag!� Er winkte einen der M�nner seines Gefolges heran. �Erinnerst du dich, wie sie mich hat fliegen lassen?�</p><p>Ein grauhaariger Krieger trat an die Seite des K�nigs. Er kaute auf seiner Unterlippe, als er die Tyrannin anstarrte. Dann griff er nach der Krone. Orgrim sah Tr�nen der Wut in den Augen des Alten funkeln. �Daran erinnere ich mich!� Er zeigte die Krone herum. �Das hat sie getragen, in der Nacht des Verrats. Das erkenne ich wieder! Sie muss es wohl sein.�</p><p>Branbart grunzte �rgerlich. �Muss es wohl sein gen�gt mir nicht! Ruft Skanga herab!� Der Herrscher wandte sich Orgrim zu. �Du schuldest mir noch eine Antwort, Welpe!�</p><p>Orgrim verstand nicht.</p><p>�Dein Schifft�, herrschte ihn der K�nig an.</p><p>�Die Elfen haben es versenkt. Sie haben die <emphasis>Donnerer</emphasis> gerammt, als wir das Schiff der Tyrannin enterten. Aber sie konnten uns nicht mehr vom Schiff der K�nigin vertreiben.�</p><p>�Konnten uns nicht mehr vom Schiff der K�nigin vertreiben�, �ffte Branbart ihn nach. �Ich habe dir ein Schiff anvertraut, Welpe, weil man mir gesagt hat, du w�rst es wert, ein Rudelf�hrer zu sein. Wo ist es jetzt? Es liegt auf dem Meeresgrund!�</p><p>�Keiner meiner M�nner ist mit dem Schiff gesunken. Ich habe eine Elfenbarke erobert. Wenn ich nicht geentert h�tte, dann w�ren die Elfen mit der Leiche ihrer K�nigin entkommen.�</p><p>Branbart stampfte so fest auf, dass das Holz unter seinem Fu� bedrohlich knarrte. �Das hier nennst du ein Schiff? Ein Elfendreck ist das! Red dich nicht heraus, Welpe. Die anderen Rudelf�hrer, die diese Nacht ihre Schiffe verloren haben, sind wenigstens so klug, mir nicht mehr unter die Augen zu treten.� Er wandte sich an den alten Krieger. �Wie viele Schiffe haben wir gleich verloren, Mandrag?�</p><p>�Vier, mein K�nig.�</p><p>�Vier Schiffe! Jedes mit mehr als zweihundert Kriegern an Bord! Das ist ja ein ganzes Heer. Und sie alle sind in Brand geraten?�</p><p>�Ja, mein K�nig�, best�tigte der Alte.</p><p>�Nie wieder will ich diese dreimal verfluchten Feuerkugeln an Bord eines Trollschiffes sehen. Und auch die Katapulte werdet ihr morgen �ber Bord werfen. Wir sind Trolle! Niemand kommt uns an St�rke gleich. Ich verf�ge hiermit, dass von nun an und f�r alle Zeit Steine geworfen werden und Feuer nichts mehr an Bord von Trollschiffen verloren hat.� Er zog die Nase hoch und spuckte Orgrim vor die F��e. �Es gibt nur eins, was noch d�mmer ist! Sich von einem Elfenschiffchen versenken zu lassen. Du warst doch gewarnt? Oder hat man dir etwa nicht von den Stahlspornen an ihren Schiffen erz�hlt? Du h�ttest besser auf die <emphasis>Donnerer</emphasis> Acht geben m�ssen, Welpe!�</p><p>Auf der Enterbr�cke erschien eine gebeugte Gestalt. Mit gichtkrummen Fingern hielt sie sich am Gel�nder fest.</p><p>Alle Gespr�che verstummten. Orgrim hatte Skanga, die gro�e Schamanin seines Volkes, noch nie leibhaftig gesehen. Behutsam stieg sie die steile Holzbr�cke hinab. Die Schamanin trug ein derbes Kleid, das mit so vielen Flicken besetzt war, dass man unm�glich seine urspr�ngliche Farbe erraten konnte. Jeder ihrer Schritte wurde von Rascheln und leisem Klicken begleitet. Um ihren faltigen Hals hingen dutzende von Amuletten und Gl�cksbringern: kleine Figuren, aus Knochen geschnitzt, steinerne Ringe, Federn, ein vertrockneter Vogelkopf und etwas, das aussah wie ein halber Rabenfl�gel. Zahllos waren die Geschichten �ber ihre Macht. Es hie�, allein ihr Blick k�nne t�ten und sie lebe seit den Tagen, als die Alben noch unter ihren Kindern weilten. �Ich hoffe, du hattest einen guten Grund, mich rufen zu lassen.� Die Schamanin sprach mit leiser, ein wenig heiserer Stimme. Und doch war jedes ihrer Worte deutlich zu verstehen.</p><p>�Der Rudelf�hrer Orgrim glaubt, die Leiche der Tyrannin gefunden zu haben.� Branbart zog wieder die Nase hoch, doch diesmal spuckte er nicht aufs Deck, sondern trat kurz an die Reling.</p><p>Skanga wandte sich Orgrim zu. Ihre Augen waren von d�nnem wei�en Schleim �berzogen. Sie streckte die Hand nach ihm aus. �Bring mich zu Emerelle, Welpe.�</p><p>Es f�hlte sich an, als streife ihn ein vertrockneter Ast. Die Finger der Schamanin waren hart und wirkten wie abgestorben. Ihre N�gel kr�mmten sich wie B�renkrallen. Skanga sah zu ihm auf und blinzelte. �Ich kenne dich, Welpe. Komm zu mir, wenn die K�mpfe beendet sind.� Sie kicherte leise. �Orgrim ist also jetzt dein Name.� Dem Rudelf�hrer zog sich der Magen zusammen. Er hatte davon geh�rt, dass sich die Schamanin manchmal junge, kr�ftige Krieger zuf�hren lie�. Es hie�, sie stahl von ihrer Lebenskraft.</p><p>Er brachte sie zum Lager der K�nigin. Skanga schien trotz ihrer milchigen Augen nicht wirklich blind zu sein. Ohne dass er sie gewarnt h�tte, machte sie einen weiten Schritt �ber den Leichnam des Schwertmeisters hinweg. Warum hatte sie seine Hand halten wollen? Um herauszufinden, ob er das rechte Opfer f�r ihre Blutmagie war?</p><p>Die Schamanin legte der toten K�nigin ihre knotige Hand auf die Brust und tastete �ber das zerrissene Kleid. Dann stie� sie ein �rgerliches Grunzen aus und bef�hlte Emerelles Stirn. Die langen N�gel schnitten in das verbrannte Fleisch. Skanga murmelte leise vor sich hin. Orgrim verstand einzelne Worte. Sie befahl der Elfe zur�ckzukehren. Dabei hatte ihre Stimme etwas Dunkles, Widernat�rliches. Der Rudelf�hrer erschauderte. Pl�tzlich war es k�hler geworden. Eine B� eilte von der offenen See heran und r�ttelte an der Takelage. Die Lippen der toten K�nigin zitterten. Ihr Mund klappte auf. Licht troff in z�hen F�den, so wie Honig, von ihren Mundwinkeln und strahlte durch die geschlossenen Augenlider. Ein herzerweichendes Wimmern war zu h�ren. �Widersetze dich nicht�, hauchte Skanga. �Ich habe dein Licht zur�ckgerufen, Elfe. Ich kann es halten, so lange ich will. Du sp�rst jetzt wieder die Qual des Augenblicks deines Todes. Dein verbranntes Fleisch. Die zerschmetterten Knochen in deinem Leib.�</p><p>Das Wimmern wurde schriller. Die Augenlider der Toten flatterten. Orgrim wich einen Schritt zur�ck. In diesem Augenblick war er sich ganz sicher, dass alles stimmte, was er jemals �ber Skanga geh�rt hatte. �Jeder hat mir bisher gesagt, was ich wissen wollte. Es ist unn�tz zu k�mpfen. Am Ende redet ihr alle. Gib nach. Sag mir, wie du hei�t. Nur dein Name, und ich lasse dich los.� Die Augen der toten K�nigin �ffneten sich. Da waren keine Aug�pfel oder Pupillen mehr. Nur glei�endes Licht, so hell, dass der Rudelf�hrer den Blick abwenden musste.</p><p>�Dein Name!�</p><p>�Sa... San...�</p><p>Tr�nen aus Licht troffen von den Augen Emerelles. Ihre Stimme erstickte in unartikuliertem Wimmern. Immer lauter wurde das gemarterte Kreischen. Orgrim hatte schon oft das Geschrei Sterbender geh�rt. Aber eine Tote noch weiter gequ�lt zu sehen, w�hlte ihn zutiefst auf. Es gab also keinen Frieden. Nicht einmal im Grab. Nie. �Sansella!�, stie� die K�nigin hervor. �Ich hei�e Sansella! Sansella!�</p><p>Skanga zog ihre Hand zur�ck. Das unheimliche Licht verschwand augenblicklich. Die Leiche lag v�llig still. Orgrim starrte die Tote erschrocken an. Konnten Leichen l�gen? War dies eine letzte List der Tyrannin?</p><p>�Ich kann mir vorstellen, was du jetzt denkst.� Skanga hielt ihn mit ihren milchigen Augen fixiert. �Die Antwort ist: nein!�</p><p>Branbart zog die Nase hoch und spuckte Orgrim vor die F��e.</p><p>�Daf�r hast du dein Schiff verschenkt, Welpe. Du bist es nicht wert, ein Rudelf�hrer zu sein. Ich nehme dir dein Rudel. Du bist nur mehr Krieger. Und vermutlich ist das noch zu viel!�</p><p>Orgrim sah fassungslos von der Toten zum K�nig und dann wieder zu Skanga. Die Elfenwichte hatten ihm alles genommen! Er war zu �berrascht und ersch�ttert, um �berhaupt etwas sagen zu k�nnen. Seit Tagen hatten all seine Gedanken darauf gezielt, wie er Herzog werden k�nnte, und nun war er nicht einmal mehr Rudelf�hrer. Die Schamanin hielt die Schwanenkrone in der Hand und streichelte �ber das kalte Metall.</p><p>�Ihr Band zerrei�t�, sagte sie leise. �Die K�nigin hat die Krone so lange getragen, dass es eine Verbindung zwischen diesem St�ck Metall und ihr gibt. Doch es wird immer schw�cher. Sie scheint im Sterben zu liegen.� Skanga hatte die Augen geschlossen und presste die Krone fest auf ihre Brust. �Sie ist am Rand der Baums�mpfe auf der anderen Seite der Stadt.�</p><p>�Holt sie mir!�, rief Branbart. �Wer Emerelle bringt, wird Herzog sein! Schickt Schiffe, damit sie aus dem Sumpf nicht aufs Meer entkommt. Kreist sie ein! Hetzt sie wie W�lfe ein verwundetes Reh. Ihr habt es geh�rt, sie liegt im Sterben. Bringt sie mir! Wenn uns Emerelle entkommt, dann ist dieser Sieg nur einen Dreck wert!�</p></section><section><title><p>Unter dem Stacheltuch</p></title><p>Ein toter Lamassu trieb mit weit ausgebreiteten Fl�geln an Ollowain vorbei. Die Str�hnen seines ge�lten Bartes umspielten sein dunkles Antlitz wie tanzende Wasserschlangen. Die riesigen Schwingen und der Stierleib waren von wuchtigen Schl�gen zerschmettert worden. Nur sein sonnengebr�untes Antlitz mit der klassischen Nase, den edel geschwungenen Brauen und den sinnlichen, vollen Lippen war unversehrt gewesen. Der Lamassu trieb inmitten des breiten, roten Lichtstreifens, der durch das Tor unter der Zisternendecke aufs Wasser fiel. Und er war nicht der einzige Tote, den man hier herabgeworfen hatte.</p><p>Ollowain schwamm zu der Anlegestelle und klammerte sich an einen der goldenen Ringe, die in die Mauer eingelassen waren, um daran Boote zu vert�uen. Es war totenstill. Nichts regte sich. Weder im Wasser noch auf der Treppe oder auf dem Weg hinauf zum roten Licht.</p><p>Lautlos glitt der Schwertmeister aus dem Zisternenbecken. Geduckt lief er zur Treppe hin�ber. Der wei�e Marmorboden war mit Blut verschmiert. Ollowain zog sein Schwert. Mit langen S�tzen eilte er dem Licht entgegen.</p><p>Auch hier f�hrte eine geheime T�r von den Zisternen in einen pr�chtigen Saal. Ein schwarzer Fries mit B�umen aus Perlmutt war der einzige Schmuck des Marmors. Die meisten der �llampen auf der Treppe hinauf zur Stadt waren zertreten. Blut war an den W�nden und auf dem Boden. Das schwere goldene Tor war zerschlagen. Es sah aus, als habe ein zorniger Riese mit F�usten darauf eingeh�mmert. Dahinter erstrahlte der Himmel in flackerndem Purpur.</p><p>Die Treppe f�hrte hinaus in einen Wassergarten. Aus goldenen Font�nen wurden kristallene Bl�ten geboren. Im aufgew�hlten Wasser eines der Becken lagen zwei Holde. Blut trieb in feinen rosa Schlieren hinab zum Abfluss des Beckens. Au�er dem Pl�tschern des Wassers erklang kein Ger�usch.</p><p>Misstrauisch sah Ollowain sich um. Was immer hier gew�tet hatte, war weitergezogen. Den H�gel hinauf h�rte er jetzt gellende Schreie. Er musste zur�ck! Seine Pflicht war, die K�nigin zu retten! Vahan Calyd war verloren. Ein Schwert konnte das Blatt nicht mehr wenden. Doch es mochte gen�gen, um Emerelle den Weg aus dem Inferno zu erstreiten.</p><p>Ollowain schob die Waffe zur�ck in die Scheide. Dann eilte er hinab, um seinen Gef�hrten das Fackelsignal zu geben. Vom Wasserpark aus waren es nur noch wenige hundert Schritt bis zu den Mangroven. Sie hatten es fast geschafft! Die Kentauren zerrten das Boot aus der Zisterne und schleppten es hinaus in die Nacht. Wie zum Gru� erhob sich eine Allee silberner S�ulen aus den Wasserbecken, als sie hinaus in die Nacht traten. Ein Schleier aus feinem Spr�hwasser h�llte sie ein. Gondoran wies ihnen den Weg.</p><p>�Man muss wohl einen Pferdearsch haben, um auf die Idee zu kommen, mitten in der Nacht ein Boot spazieren zu tragen�, erklang eine kr�ftige Stimme. Schatten zerteilten die Silberschleier. Eine Keule schnellte vor und zerschmetterte Antafes die Vorderl�ufe. Der Kentaur brach in die Knie. Ollowain sah, wie der nasse Bootsrumpf den verbliebenen Pferdem�nnern entglitt. Orimedes duckte sich unter einem Keulenhieb und keilte aus. Seine Hufe trafen einen Trollkrieger mitten in die Brust.</p><p>Der Nachen schlitterte �ber die glatten Marmorplatten. Pl�tzlich neigte er sich nach vorne. Gondoran, der noch immer am langen Heckruder stand, stie� einen schrillen Schrei aus. Das Boot schlitterte eine Treppe, breit wie ein H�gelhang, hinab. Verzweifelt versuchte der Holde, den Statuen auszuweichen, die sich auf massigen Sockeln zwischen den Stufen erhoben. Die Schussfahrt f�hrte den Nachen geradewegs auf das dunkle Wasser der Mangroven zu.</p><p>�Wachen, schw�rmt aus!�, rief Ollowain und zog seine Klinge. Jetzt, da der unsichtbare Feind endlich ein Gesicht bekommen hatte, sp�rte er eine unb�ndige Wut. �Orimedes, du bringst das Boot in Sicherheit.� Der Schwertmeister h�tete sich, den Namen der K�nigin in den Mund zu nehmen. �Yilvina, bewache die Verwundete.�</p><p>Mit einem Hechtsprung war Ollowain bei dem Troll, der Antafes niedergestreckt hatte. Ein Hieb durchtrennte das Bein des H�nen dicht unter dem Knie. Zu �berrascht, um zu schreien, st�rzte der Troll. Ollowain wich einem kraftlosen Angriff aus und stach seinem Gegner durch die Kehle. Orimedes hob die Keule des sterbenden Trollkriegers auf und stellte sich an die Seite des Schwertmeisters.</p><p>Von seinem schnellen Sieg offenbar eingesch�chtert, wichen die �brigen Trolle zur�ck. Einer von ihnen setzte ein Horn an die Lippen und gab ein langes, klagendes Signal. Die letzten Leibwachen der K�nigin hatten rechts und links von Ollowain Stellung bezogen. Mit gesenkten Schwertern warteten sie auf den n�chsten Angriff der Trolle. W�hrend Yilvina seinem Befehl gehorcht hatte, hielt sich Orimedes noch immer an der Seite des Schwertmeisters.</p><p>�F�rst, ich muss dich bitten zu gehen!� Ollowain blickte kurz �ber die Schulter. Der Nachen war in der Dunkelheit verschwunden. �Besch�tze die Verwundeten. Ich tue nun, wof�r ich seit Jahrhunderten geschult wurde.�</p><p>�Ich bin kein Feigling, der einfach fortl�uft!�, begehrte der Kentaur auf.</p><p>�Jetzt zu fliehen, um vielleicht eines Tages zur�ckzukehren und diese Nacht zu r�chen, erfordert mehr Mut, als hier zu bleiben und zu sterben.� Der Schwertmeister sah sich nerv�s um. Er verstand nicht, warum die Trolle sich zur�ckgezogen hatten. Zwischen den Wasserfont�nen konnte er die Schatten von sieben der h�nenhaften K�mpfer erkennen. Ein Signalhorn antwortete weiter oben in der Stadt. Bald w�rde Verst�rkung kommen. Er blickte zu dem toten Troll. War er der Anf�hrer der kleinen Gruppe gewesen?</p><p>�Es gibt nur wenige Fluchtwege aus Vahan Calyd, und unsere Feinde scheinen �berall zu stehen. In dieser Nacht wird die Mehrzahl aller F�rsten Albenmarks sterben oder in Gefangenschaft geraten, Orimedes. Albenmark braucht M�nner wie dich. Rette dich, du verdammter Dicksch�del. Und rette die verwundete K�nigin. Sie ist unsere Hoffnung auf die Zukunft!�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Ollowain, wie sich die Wangenmuskeln des Kentauren spannten. Schlie�lich neigte der Pferdemann sein Haupt. �Es war mir eine Ehre, dich gekannt zu haben, Schwertmeister. F�r einen Elfen ....� Seine Stimme stockte.</p><p>�Wenn du auch noch saufen und fluchen k�nntest, h�ttest du einen ganz guten Freund abgegeben.� Mit diesen Worten wandte sich Orimedes um und eilte die Treppe hinab, um Emerelle auf ihrem Nachen in Sicherheit zu bringen. Wenn sie aus den Mangrovens�mpfen entkamen, w�rden sie sicher auch bis ins Herzland gelangen.</p><p>Ollowain blickte zu den Wachen. Unter ihnen war niemand, der in einer der K�nste des T�tens Vollkommenheit erreicht hatte. Der Kampf w�rde kurz werden. Der Schwertmeister l�chelte, um ihnen Mut zu machen. �Schlachten gewinnt, wer das Unerwartete wagt. Lasst uns tun, womit diese tumben Fleischberge am wenigsten rechnen. Greifen wir sie an!�</p><p>Ohne die Antwort seiner Gef�hrten abzuwarten, st�rmte Ollowain unter den Font�nen hindurch. In diesem verzweifelten Augenblick f�hlte er sich frei. Alle Last war von ihm genommen. Er hatte nur noch zu tun, was er am besten konnte. Er h�tte nicht mit dem Kentauren tauschen m�gen.</p><p>Die Trolle waren v�llig �berrascht. Ollowain sprang einen der Krieger mit den Beinen voran an. Mit einer Hand klammerte er sich am struppigen Barthaar seines Gegners fest, w�hrend er ihm mit der Rechten das Schwert in die Brust rammte. Beh�nde wand er sich unter dem Griff seines Gegners, stie� sich mit aller Kraft von ihm ab, machte einen Salto r�ckw�rts und landete federnd im Brunnenbecken.</p><p>�M�gen die Ratten ... dich fressen ... feiger Wicht!�, schrie ihn der sterbende Troll an. Sein Gegner presste beide H�nde auf die Brust. Zwischen seinen Fingern quollen Str�me von dunklem Blut hervor.</p><p>Die Elfen hatten den Kampf aufgenommen. Schreiend st�rmten die Trolle ihnen entgegen. Ollowain duckte sich unter einem wuchtigen Keulenhieb weg. Krachend schlug die Waffe gegen eine der Statuen und zerschmetterte ein Marmorbein. Der Schwertmeister duckte sich erneut, rollte zwischen den Beinen seines Gegners hindurch und traf ihn noch im Aufstehen mit einem Hieb in der Kniekehle.</p><p>Kreischend kippte der Troll zur Seite. Ein Schlag nach der Kehle lie� sein Geschrei in blutigem Gurgeln ersticken. Wasser schoss neben Ollowain in die H�he. Ein Marmorkopf kullerte �ber den Beckengrund. Ein vollkommen geformtes Steinknie flog ihm entgegen. Mit einem t�nzerischen Schritt wich der Schwertmeister aus. Einer der Trolle hatte mit seinem Kriegshammer eine Statue zertr�mmert und bewarf ihn nun mit den Steinbrocken. �Bleib stehen und k�mpfe wie ein Mann!�</p><p>Der H�ne hatte einen glatt rasierten Sch�del. Seine tief liegenden Augen leuchteten bernsteinfarben. Er war mehr als anderthalbmal so gro� wie Ollowain und wog gewiss viermal so viel.</p><p>�Du �berraschst mich�, spottete der Schwertmeister. �Es hei�t, ihr Trolle seid un�berwindliche K�mpfer, und du bewirfst mich mit Steinen wie ein w�tendes Kind, das einem Eichh�rnchen nachstellt.�</p><p>Der H�ne brach in schallendes Gel�chter aus. �Vielleicht liegt es daran, dass du dich ebenso wenig zum Kampf stellst wie ein Eichh�rnchen.�</p><p>Ein gellender Schrei lie� Ollowain herumfahren. Einer seiner M�nner war getroffen worden. Dessen Gegner beugte sich zu dem sterbenden Elfen hinab und riss ihm den Schwertarm aus der Schulter. Eine Font�ne von Blut spritzte aus der gr�sslichen Wunde. Der Troll leckte sich mit einer langen, wurmartigen Zunge �ber das Gesicht und grunzte vor Genugtuung.</p><p>�Nun, Eichh�rnchen, wie steht es mit uns?�, rief der Steinwerfer. �Komm her und stell dich zum Kampf.�</p><p>�Wenn ich richtig gez�hlt habe, habe ich schon zwei von deinesgleichen die Kehle durchtrennt. Glaubst du wirklich, du k�nntest mich besiegen?�</p><p>Der Troll hob den riesigen Kriegshammer auf, der neben ihm im Becken lag. �Bleib einen Augenblick lang still stehen, und ich zeige es dir.�</p><p>Ollowain musste schmunzeln. Der Kerl hatte Humor. Einen Troll wie ihn hatte er noch nie getroffen.</p><p>�Lass das Quatschen, Urk!�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Ollowain jenen H�nen heranst�rmen, der seinen Gef�hrten get�tet hatte. Er schwang den Arm des Elfen wie eine Keule.</p><p>Der Schwertmeister lie� sich auf die Knie fallen und beugte sich zur�ck. Bluttropfen sprenkelten sein Antlitz, als der Arm ihn um wenige Zoll verfehlte. Ollowain spannte sich, schnellte hoch und verpasste dem Troll einen kr�ftigen Tritt ins Gem�cht.</p><p>Wie ein silberner Blitz fuhr die Klinge des Elfen hinauf Der Trollkrieger riss den Arm seines Opfers hoch. Der kalte Stahl durchtrennte Fleisch und Knochen. Mit einer Drehung des Handgelenks verwandelte Ollowain den Hieb in einen Sto�. Das Schwert fand seinen Weg zwischen den Rippen des Trolls. Ollowain stemmte sich vor und rammte die Waffe bis zum Heft in den Leib seines Gegners. Blut quoll ihm entgegen und spritzte ihm auf Brust und Gesicht. Der Troll wollte seine Keule heben, doch die Waffe entglitt den kraftlosen Fingern. Ollowains Schwert hatte ihn ins Herz getroffen.</p><p>Dicke Muskelstr�nge zuckten unter der dunkelgrauen Haut des Trolls; mit ihren hellen Einsprengseln sah sie aus wie lebendig gewordener Granit. Der H�ne kippte nach hinten. Ollowain nutzte das Gewicht des fallenden K�rpers, um mit einer Drehung seine Klinge freizubekommen.</p><p>Ein Schlag traf den Elfen an der Schulter. Er wurde halb herumgerissen. Grelle Punkte tanzten vor seinen Augen. Das Schwert entglitt seinen tauben Fingern. Ollowain versuchte den sengenden Schmerz zu verbannen, als ihn ein zweiter Schlag von den Beinen riss. Ein Marmorfu� hatte ihn in den Bauch getroffen.</p><p>Urk setzte mit einem langen Schritt �ber ihn hinweg und kickte Ollowains Schwert au�er Reichweite. �Na also, mein Eichh�rnchen. Hab ich dich da, wo ich wollte. Du solltest doch nur einen Augenblick lang stillhalten!�</p><p>Der Schwertmeister rollte sich zur Seite, war aber nicht schnell genug, um einem Fu�tritt zu entkommen. Er schlitterte durch das flache Wasser und schlug gegen den Sockel einer Statue. Bevor er sich aufraffen konnte, war Urk �ber ihm und setzte Ollowain seinen riesigen Fu� auf die Brust.</p><p>�Ich werde dich braten und essen, Elflein.� Die blasse Zunge des Trolls zuckte �ber seine dunklen Lippen. Geifer rann ihm aus den Mundwinkeln. �Du bist wirklich ein gro�er Krieger. Ich ...�</p><p>Der Druck des Fu�es verst�rkte sich und presste Ollowain die Luft aus dem Leib. Urk starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Eine zweite, st�hlerne Zunge ragte aus seinem Maul. Ein Pfeil!</p><p>Ein schlanker Fu� traf den Troll in die Kniekehle. Er knickte nach hinten ein und st�rzte.</p><p>Ollowain sah alles verschwommen. Sein ganzer Leib schien nur noch Schmerz zu sein. Ein Gesicht beugte sich vor.</p><p>�Wir sind zu sp�t�, sagte er mit tonloser Stimme.</p><p>�Nein!� Das Gesicht l�chelte.</p><p>Ollowain blinzelte. Silwyna stand �ber ihn gebeugt.</p><p>�Kannst du gehen? Wir sind ein wenig in Eile.� Die Maurawani streckte ihm ihre Hand entgegen und half ihm auf.</p><p>Ollowain hatte das Gef�hl, auf Stelzen zu stehen. Seine Beine waren taub, so als geh�rten sie gar nicht mehr zu ihm. Jeder Atemzug schmerzte. Seine Rippen schienen wie eiserne Fesseln um seine Lungen zu liegen. �Ich kann alleine stehen�, keuchte er.</p><p>Die Bogensch�tzin schlang sich seinen Arm um die Schultern.</p><p>�Nat�rlich. Ich w�rde vorschlagen, dass wir uns unterwegs weiter unterhalten.�</p><p>Ein junger Elfenkrieger reichte ihm sein Schwert. Ollowain zitterte zu sehr, um es aus eigener Kraft in die Scheide auf seinem R�cken schieben zu k�nnen. �Wo sind die anderen?�</p><p>�Tot.� Der Elf wich seinem Blick aus. �Wir ... Ich ...�</p><p>Ollowain sch�ttelte m�de den Kopf �Sag nichts. Wer einen Kampf mit Trollen �berlebt, ist ein tapferer Krieger.�</p><p>Dem jungen Elfen standen Tr�nen in den Augen. �Sie waren so ... Ich sah, wie Marwyn einen von ihnen niederstechen wollte. Sein Schwert ist einfach an den Rippen abgeglitten. Und dann ... Dann ... Der Troll hat ihm mit der blo�en Faust ...�</p><p>�Still!�, herrschte Silwyna den Krieger an. �H�r auf zu jammern. Sei froh, dass du noch lebst!� Sie trug Ollowain mehr, als dass sie ihn st�tzte. So schnell es ihre Last zulie�, eilte sie die Treppen hinab.</p><p>�Was machst du hier?� Ollowain brachte kaum mehr als ein Fl�stern zu Stande. Jede Bewegung, selbst zu reden, schmerzte.</p><p>�Ich dachte mir, du bist der Schwertmeister der K�nigin, weil du ein besonderes Talent hast, Situationen zu �berleben, in denen jeder andere sterben w�rde. Deshalb bin ich dir gefolgt.�</p><p>�Aber wie hast du ...�</p><p>�Dich erkannt?� Sie lachte. �Wenn ich blind w�re, w�rde ich als J�gerin verhungern. Ich sah, wie du mit dem Gardisten unter Deck gegangen bist. Und ich sah jemanden heraufkommen, der zwar Ollowains Gew�nder trug, sich aber nicht bewegte wie der Schwertmeister. Andere hast du mit diesem Mummenschanz vielleicht get�uscht. Aber als dann ein einfacher Gardist die Kentauren zur Barke der K�nigin holte, war mir klar, was du vorhattest.�</p><p>Ollowain versuchte den Schmerz aus seinen Gedanken zu verbannen. Er konnte schon wieder freier atmen. �Du bist uns also in die Zisternen gefolgt.�</p><p>�Nasses Kentaurenfell hat einen unverwechselbaren Geruch. Ich brauche keine herk�mmliche F�hrte, um meiner Beute zu folgen. Eine Duftspur ist genauso gut.�</p><p>Sie hatten einen kleinen Bootssteg am Fu� der Treppe erreicht. Silwyna deutete auf frische Schrammen im Holz. �Dieser Holde hat es tats�chlich geschafft, das Boot auf Kurs zu halten.� Sie b�ckte sich und hob einen feinen Holzsplitter auf. �Hoffentlich h�lt der Rumpf noch dicht.�</p><p>Vor ihnen erstreckte sich eine dunkle Wasserlandschaft. Glatte schwarze Fl�chen, durchzogen von niedrigen Inseln. Auf den meisten Inseln wuchsen B�ume, aus deren Ge�st geisterhafte wei�e Barte hingen. Wurzeln stachen senkrecht wie die Speere von Fallgruben aus dem Schlamm. Nebelb�nke hingen dicht �ber dem Wasser. Hier gab es keine Lichter mehr. Hinter ihnen erklang der Ruf eines Horns.</p><p>�Sie haben die Toten gefunden. Wir sollten uns jetzt beeilen.� Silwyna deutete auf das Ende der Schrammenspur auf dem Steg. �Hier haben die Kentauren das Boot zu Wasser gelassen.� Sie hob den Kopf, witternd wie ein Sp�rhund. �Ihr Vorsprung ist noch nicht sehr gro�. Wir werden sie einholen.�</p><p>Ollowain brauchte ihre Hilfe. Sie lie� ihn vom Steg herab, sodass er sich an einen der Pf�hle klammern konnte. Das Holz war weich, zerfressen von Wasser und Zeit. Es roch vermodert. Das Wasser selbst war lauwarm und f�hlte sich tr�ge an. Nicht wie in den Zisternen oder in einem Quellbach. Es hatte etwas Anschmiegsames und zugleich Schleimiges. Es war dichter, als Wasser sein sollte. Fauliger Geruch trieb mit dem Nebel. Ollowains F��e versanken in Schlamm.</p><p>Zwischen den Pf�hlen des Landungsstegs trieben Leichen. Die Gesichter zeichneten sich als blasse Flecken im dunklen Wasser ab.</p><p>Silwyna und der �berlebende Gardist lie�en sich am Steg hinabgleiten. Die beiden griffen ihm unter die Arme. Ollowain starrte den jungen Mann an. Er kannte sein Gesicht, konnte sich aber nicht mehr an seinen Namen erinnern. Er sollte die Namen seiner M�nner kennen! Zumindest das war er ihnen schuldig.</p><p>�Wir werden versuchen zu schwimmen, so gut es geht�, fl�sterte Silwyna. �Im Schlamm zu waten ist zu laut und zu anstrengend.�</p><p>Ollowain lie� sich von den beiden ziehen. Das warme Wasser entspannte seine schmerzenden Glieder. Langsam f�hlte er sich besser. Der Mond war hinter dem Horizont verschwunden. Nicht mehr lange, und es w�rde d�mmern. Es war die beste Zeit f�r eine Flucht durch die Mangroven. Der Atem der ersterbenden Nacht brachte Nebel.</p><p>Nach einer Weile schwamm der Schwertmeister aus eigener Kraft. Er hatte Gl�ck gehabt. Ein paar �ble Prellungen, sonst hatte er nicht viel abbekommen. Er schuldete Silwyna sein Leben. Einen Herzschlag noch, und Urk h�tte ihn mit seinem riesigen Steinhammer zerschmettert.</p><p>�Sie sind ganz in der N�he. H�rst du das?�, fragte die Bogensch�tzin.</p><p>Ollowain lauschte in den Nebel. Da war ein schmatzendes Ger�usch.</p><p>�Das sind die Kentauren�, fl�sterte Silwyna. �Sie m�ssen in seichtes Wasser geraten sein. Dort entlang.� Sie deutete auf eine dichte Nebelbank und schwamm voraus. Bald war sie zwischen den treibenden Dunstschleiern verschwunden. Allein das leise Schmatzen wies Ollowain den Weg. Und dann sah er sie. Er war ihnen so nahe gekommen, dass er den hintersten der Kentauren fast ber�hrt h�tte. Das Boot war nur ein undeutlicher Schemen. �Orimedes?�</p><p>Sofort verstummte jedes Ger�usch.</p><p>�Ich bin es, F�rst. Ollowain.�</p><p>�Das ist sein Geist�, h�rte er Gondoran fl�stern.</p><p>�Unsinn!� Ein Schatten l�ste sich vom Boot und bewegte sich mit schmatzenden Schritten in Ollowains Richtung. �Schwertmeister?� Der Kentaur packte ihn bei den Schultern und hob ihn hoch. Ein blitzendes L�cheln zerteilte den Bart des Pferdemanns. �Verdammt gut, dich wieder zu sehen.�</p><p>Ollowain brachte keinen Ton heraus. Stechender Schmerz brannte in seinen Gliedern. Tr�nen traten ihm in die Augen.</p><p>Orimedes setzte ihn ab. �Das h�tte ich nicht gedacht, dass dich die Wiedersehensfreude zu Tr�nen r�hren k�nnte. Ihr Elfen versteckt eure Gef�hle zu gut, mein Freund.� Er klopfte Ollowain auf die Schulter. �Den Alben sei Dank, dass du es geschafft hast!�</p><p>�Ich bin nicht allein�, stie� der Schwertmeister gepresst hervor. �Eine Bogensch�tzin hat mir das Leben gerettet. Und einer meiner M�nner hat es auch geschafft.�</p><p>Gemeinsam wateten sie zum Nachen. �Wie geht es der K�nigin?�, wollte Ollowain wissen.</p><p>Der Kentaur zuckte mit den Schultern. �Unver�ndert. Sie regt sich nicht. Auch die Verr�terin liegt ganz still.� Hinter ihnen erklang der lang gezogene Ruf eines Hornes.</p><p>Orimedes senkte die Stimme. �Sie sind auch hier in den S�mpfen. Mistkerle. Wenn der Nebel nicht w�re, h�tten sie uns schon l�ngst aufgesp�rt.� Er runzelte die Stirn. �Es ist ein Wunder, dass ihr uns gefunden habt.� Ollowain nickte. �Ja, das war Gl�ck.� Er wollte so wenig wie m�glich �ber Silwyna sprechen. Die Maurawan hatten keinen guten Ruf.</p><p>�Wir m�ssen uns beeilen�, dr�ngte Gondoran. �Sch�n, dass du da bist, Schwertmeister, aber das Willkommensfest sollten wir sp�ter feiern. Das Wasser f�llt. Die Ebbe hat eingesetzt, und wir m�ssen sehen, dass wir aus den Kan�len der Mangroven hinaus ins Waldmeer gelangen. Erst dort werden wir vor den verfluchten Trollen in Sicherheit sein.�</p><p>�Und wenn sie nicht nur hier in den Baums�mpfen sind? Was ist, wenn sie es waren, die uns auch von See her angegriffen haben?�</p><p>Der Holde stie� ein kurzes, keckerndes Lachen aus. �Trolle auf Schiffen? Wer h�tte davon je geh�rt! Das ist Unsinn. Im Waldmeer wird man uns nicht suchen. Alle Trolle haben Angst vor dem Wasser. Sobald es so tief ist, dass es ihnen bis zur Brust reicht, machen die sich in die Hosen und trauen sich nicht mehr weiter. Deshalb m�ssen wir zum Meer.�</p><p>�Aber was ist mit denen, die uns von See her beschossen haben?�, wandte Ollowain ein. �Irgendjemand ist da drau�en, der keine Angst vor dem Meer hat.�</p><p>Gondoran machte eine Geste, als wolle er eine l�stige Fliege verscheuchen. �Alles Schnickschnack! Wer wei�, dass wir ...� Er blickte misstrauisch zu Silwyna. �Wer wei�, dass wir hier mit Verwundeten fl�chten? Bis die Trolle ihre Verb�ndeten auf See benachrichtigen k�nnen, sind wir �ber alle Berge. Ihnen steht eine brennende Stadt im Weg, wenn sie zum Hafen wollen. Wir werden entkommen!�</p><p>Wie um die Worte des Holden L�gen zu strafen, erklang ein Signalhorn. Es war bedenklich nahe. Die Trolle waren in den Mangroven. Die Jagd hatte gerade erst begonnen.</p><p>Schweigend k�mpften sich die Gef�hrten durch den Schlick. Gondoran gab sich alle M�he, den Nachen in den etwas tieferen Kan�len zwischen den Inseln zu halten. Herabh�ngende �ste zerzausten ihnen das Haar und schrammten �ber ihre Gesichter. Au�er dem Ger�usch ihrer Bewegungen war es still. Kein Tier regte sich. Alles, was lebte, hielt sich verborgen vor einer unsichtbaren Bedrohung.</p><p>Pl�tzlich entdeckte Ollowain ein gutes St�ck voraus das blasse Licht einer Fackel. Ein paar Herzschl�ge lang tanzte es zwischen den Dunstschwaden wie ein fernes Irrlicht, dann war es wieder verschwunden.</p><p>Ollowain sp�rte jetzt deutlicher den Sog der Gezeitenstr�mung. Das Waldmeer konnte nicht mehr weit sein. Der Wasserstand fiel beunruhigend schnell. Immer schmaler wurde der gewundene Kanal, dem sie mit dem Nachen folgten. Bald w�rden sie im Schlick festsitzen.</p><p>Zu ihrer Linken, dort, wo irgendwo das Meer sein musste, erklang ein Horn. Der Nebel d�mpfte den klagenden Laut. So war es unm�glich zu sagen, wie weit ihre Verfolger noch entfernt sein mochten.</p><p>�Sie kreisen uns ein�, fl�sterte Silwyna. �Nicht mehr lange, und sie haben uns.� Ollowain starrte in die Finsternis. War da ein erster Streifen zarten Lichts am Horizont? Noch lag der Nebel alles erstickend �ber den Mangroven, wie ein riesiges Leichentuch, ausgebreitet �ber eine sterbende Welt. Der Gestank faulender Pflanzen war hier allgegenw�rtig. Selbst das brackige Wasser war wie tot. Tr�ge Wellen begleiteten lautlos ihre Bewegungen. Obwohl der Schwertmeister ihn hasste, war der Nebel ihr Verb�ndeter. Doch der beginnende Tag w�rde ihn schnell vertreiben.</p><p>�Woher wissen die Trolle, wo wir sind?�, fragte er die Maurawani.</p><p>�Sie wissen es nicht. Sie sind J�ger. Es ist ihr Instinkt, der sie f�hrt. Sie werden uns stellen, noch bevor die Sonne aufgeht. Sie haben Jagdgruppen in den Mangroven zur�ckgelassen, um Fl�chtlinge abzufangen. Nun werden sie zusammengerufen. Warst du einmal bei einer Treibjagd, wo Hunde und Kobolde das Wild aufschrecken, um es den eigentlichen J�gern entgegenzutreiben? Sie warten mit ihren Saufedern und Bogen dort, wohin die Tiere fliehen. Das ist unsere Lage, Schwertmeister.�</p><p>�Und wie k�nnen wir entkommen?</p><p>�Das willst du nicht wissen.�</p><p>�Wie?� beharrte Ollowain.</p><p>�Wir �berlassen Emerelle ihrem Schicksal und versuchen, jeder auf sich gestellt, zu fliehen. Ich w�rde durchkommen�, sagte sie selbstsicher. �Du vielleicht auch, Schwertmeister. Die Kentauren w�rden zu viel L�rm machen. Den Holden gelingt es vielleicht, sich zwischen irgendwelchen Wurzeln zu verstecken. Dort werden die Trolle nicht suchen.� Sie blickte zu Lyndwyn, die zusammengesunken neben dem Mast lag. �Sie w�rde sterben. Selbst wenn sie rechtzeitig wieder zu Bewusstsein kommt. Sie vermag nicht eins mit dem Land zu werden. Diese Magierin zu finden ist keine Kunst, und was deine Sch�lerin ...�</p><p>�Mich zu finden wird auch keine Kunst sein�, unterbrach Ollowain sie scharf. �Ich werde dort sein, wo die K�nigin ist.�</p><p>�Du wirst sie nicht aufhalten k�nnen, Schwertmeister. Welchen Sinn macht es, f�r eine aussichtslose Sache zu sterben? Glaubst du, dies ist dein Weg ins Mondlicht?�</p><p>�Dies ist der Weg, den mir meine Ehre gebietet.�</p><p>�Gut gesprochen!�, mischte sich der Kentaurenf�rst ein. �Jag sie davon, diese kaltherzige Schlange.�</p><p>�Ehre?� Silwyna l�chelte ironisch. �Man merkt, dass du der Lehrmeister des Menschensohns warst. Alfadas sprach wie du.� Ollowain glaubte einen Hauch von Wehmut in ihrer Stimme zu h�ren. �Du bist ein Romantiker, Schwertmeister. M�nner wie dich findet man nur noch selten unter den Alten. Romantiker sind stets die Ersten, die sterben.� Sie nahm den K�cher von der Schulter und schlug die Schutzkappe zur�ck. �Meine Treue zur K�nigin w�hrt so lange, bis dieser Vorrat an Pfeilen ersch�pft ist.�</p><p>Sie verschloss den K�cher wieder und l�ste den Bogen, den sie seitlich daran festgebunden hatte. �Ich k�mpfe am besten f�r mich allein. Ich werde mir einen trockenen Platz suchen und eine Sehne aufziehen. Wenn nicht zu viele Trolle kommen, sehen wir uns vielleicht noch einmal wieder.�</p><p>Die J�gerin hob K�cher und Bogen hoch �ber ihren Kopf. Das Wasser reichte ihr bis zur Brust. Ohne sich noch einmal umzusehen, watete sie davon. Einige Herzschl�ge lang war sie noch als vager Schemen im Dunst zu erkennen, dann war sie verschwunden.</p><p>�Was f�r ein Mistst�ck war das denn?�, fragte Orimedes emp�rt.</p><p>�Eine Fremde�, sagte Ollowain nachdenklich. Warum hatte Silwyna ihn in den K�cher blicken lassen? War ihr nicht klar, dass er den Pfeil im Mast gesehen hatte? Oder war es vielleicht sogar eine Drohung? Sechs Pfeile steckten noch in ihrem K�cher. Und zwei davon hatten eine schwarz-wei� gestreifte Befiederung, so wie der Pfeil, den man auf Emerelle abgeschossen hatte. Es waren W�rgeulenfedern. Angeblich lie�en sie die Pfeile lautlos fliegen. Geschosse, geschaffen f�r Meuchler. Und f�r J�ger? Beklommen blickte er in die Richtung, in der Silwyna verschwunden war.</p><p>Fahles Morgenlicht d�nnte den Nebel aus. Drei Lichtflecke bewegten sich vor ihnen. Es schien, als k�men sie den Kanal hinauf, dem die Gef�hrten mit ihrem Nachen folgten.</p><p>Auf ein Zeichen Gondorans hielten die beiden Holden, die das Boot mit langen Stangen vorangestakt hatten, inne. Die Lichter waren wieder im Nebel verschwunden. Doch es konnte keinen Zweifel daran geben, dass sie sich in ihre Richtung bewegt hatten.</p><p>�Wohin ist die J�gerin gegangen?�, fragte der Bootsmeister.</p><p>�Sie h�lt uns den R�cken frei.� Ollowain sah sich nach einer Bucht, einem Seitenkanal oder einem Dickicht aus Wurzeln um. Irgendetwas, das geeignet sein mochte, um den Nachen zu verstecken.</p><p>�Unsinn!�, murrte Gondoran. �Von ein paar Pfeilen werden sie sich nicht aufhalten lassen. Was ist dein Plan, Schwertmeister? Wie entkommen wir ihnen?� Der Holde sah ihn erwartungsvoll an. Alle blickten sie zu ihm! Er konnte doch keine Wunder vollbringen.</p><p>Wieder erklang das Horn, das ihnen seit der Flucht aus dem Wassergarten gefolgt war. Diesmal waren es drei kurze, atemlose Rufe. Ihre J�ger hatten sie gefunden, wie es schien.</p><p>�Dein Plan!�, dr�ngte Gondoran.</p><p>�Ich entlasse euch aus den Diensten der K�nigin, Gondoran. Du und deine M�nner, ihr kennt euch in den Mangroven aus. Ihr habt gute Aussichten zu entkommen.�</p><p>Nun erschollen rings herum Jagdh�rner. Die Schlinge zog sich zu. Ollowain lockerte sein Schwert in der Scheide. Er war bereit!</p><p>�Du willst uns jetzt einfach fortschicken? So wie Feiglinge?�, fragte Gondoran emp�rt. �Glaubst du, wir h�tten Angst vor dem Tod? Meinst du, wir laufen jetzt fort, um uns in den L�chern von Sumpfratten zu verkriechen und darauf zu hoffen, dass die Trolle weiterziehen? In meinem Volk gelten wir drei als Krieger, Schwertmeister. Wir k�nnen alle Trolle t�ten, wenn wir es nur wollen!�</p><p>�Alle, jawohl!�, stimmte einer der anderen Holden zu. �Wir ersticken sie unter dem Stacheltuch!�</p><p>Orimedes lachte. �Auf jeden Fall habt ihr das Herz am rechten Fleck, Jungs.�</p><p>�Ich mache keine Scherze!�, entgegnete Gondoran feierlich. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zum dicht miteinander verwobenen Ge�st der Baumkronen. �Hast du den Mut, deine K�nigin mit deinem Leib zu sch�tzen statt mit deinem Schwert, Ollowain?�</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>Gondoran deutete auf eine dicke Wucherung in einer Astgabel �ber ihnen. Im fahlen Licht sah es aus, als sei das Holz von einer Eiterbeule aufgebl�ht. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, dass es ein Nest war. �G�rtnerbienen�, sagte der Holde leise, so als habe er Angst, das Bienenvolk im Nest �ber ihren K�pfen k�nnte sie belauschen. �Sie hegen die Blumen in den Mangroven. Jedes Bienenvolk hat einen eigenen Garten. Und sie vertreiben alle, die ihm zu nahe kommen.�</p><p>�Hu, da l�uft es einem ja eiskalt den R�cken herunter. Und du Narr glaubst, sie w�rden die Trolle vertreiben�, spottete der Kentaurenf�rst. Orimedes zog sein Schwert. �Das hier brauchen wir. Blanken Stahl, sonst nichts.�</p><p>�Du hast noch nie ein zorniges Bienenvolk erlebt, Pferdemann, sonst w�rdest du nicht so leichtfertig daherreden. Die G�rtnerbienen werden die Trolle nicht vertreiben, sie werden sie t�ten. Und uns werden sie auch umbringen, wenn wir sie erst einmal gerufen haben. Nur wer es schafft, seinen Mund nicht zu �ffnen, wenn sie kommen, wird vielleicht �berleben.�</p><p>�Was sollte daran so schwer sein?�, fragte Yilvina verunsichert.</p><p>�Du wirst es erleben! Nichts hier in den Mangroven ist so t�dlich wie die G�rtnerbienen. Nicht die gr�ne Baumviper und auch nicht die gro�en Meereskaimane, die manchmal mit der Flut in die S�mpfe kommen. Sie fallen zu tausenden �ber jeden Eindringling her. Deshalb gibt es hier keine V�gel oder Affen. Nichts. Nicht einmal mehr Wasserratten. Sie alle sind tot oder geflohen. Und wir Fischer wagen uns nur noch nachts hinaus in die Mangroven, solange die Bienenv�lker schlafen. Wenn wir drei oder vier der Nester zerst�ren, dann werden sich alle Bienen erheben. Und dann beginnt das Sterben.�</p><p>�Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein paar Bienen einen Troll t�ten sollen�, sagte Orimedes. �Das sind doch Holdenm�rchen.� Wieder tauchten die drei Lichter im Nebel auf. Sie waren ein gutes St�ck n�her gekommen. Ein paar Augenblicke noch, und die Trolle w�rden geradewegs in sie hineinlaufen.</p><p>�Wie k�nnen wir Emerelle besch�tzen?�, wollte Ollowain wissen. Er war nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben, die K�nigin vielleicht doch noch zu retten.</p><p>�Indem du dich �ber sie legst. Am besten wird sie sich jedoch selbst besch�tzen. Ich sagte doch schon, man darf sich nicht r�hren und auf gar keinen Fall den Mund �ffnen. Dann wird man vielleicht �berleben.�</p><p>�Ruf die Bienen, Gondoran.� Ollowain zog sich ins Boot. Hastig deckte er das Gesicht der K�nigin mit einem Tuch ab. Noch immer ruhte Lyndwyns Hand auf der Brust der K�nigin. Es war r�hrend, mit anzusehen, wie sie selbst ohnm�chtig noch Emerelle besch�tzen wollte. Doch er sollte sich nichts vormachen! Sie tat das gewiss nicht aus Mitgef�hl, sondern allein, um ihr eigenes Leben zu sch�tzen.</p><p>Die Holden nahmen ihre Stirnb�nder ab, und Gondoran holte ein kleines Leders�ckchen mit Kieselsteinen unter einer der B�nke hervor.</p><p>�Heho, wer da?� Die Trolle hatten sie entdeckt!</p><p>Der Bootsmeister legte einen Stein in sein Stirnband und lie� es �ber seinem Kopf kreisen. Mit dumpfem Knacken durchschlug sein Geschoss die H�lle des Bienennestes. Gondorans Kameraden zielten auf andere Nester. Das Wirbeln der Stirnb�nder verursachte ein leises, zischendes Ger�usch.</p><p>Ollowain hielt den Atem an. Aus dem besch�digten Nest quoll eine dunkle Masse. Dann war die Luft erf�llt von dumpfem Summen. Eine grauschwarze Wolke l�ste sich vom Bienennest.</p><p>Kaltbl�tig legten die Holden neue Steine in ihre Schleudern.</p><p>Der Schwertmeister kniete nieder und beugte sich sch�tzend �ber die K�nigin.</p><p>Aus Richtung der Trolle erklang ein Schrei. Ollowain konnte sehen, wie die Bienen auf das Ger�usch reagierten. Eben noch waren sie eine ziellos durch das Ge�st tanzende Wolke. Jetzt zog sich der Schatten in die L�nge und wurde im n�chsten Augenblick wieder zu einem dichten Klumpen. Der ganze Schwarm flog den Trollen entgegen.</p><p>Erleichtert atmete Ollowain aus. Im Nebel vor ihnen erklang lautes Fluchen. Etwas platschte durch das Wasser. Zu sehen war jedoch nichts. Zwei weitere Bienenv�lker erschienen �ber ihnen im Dickicht der �ste. Pl�tzlich war eine riesige Gestalt neben dem Nachen. Hilflos mit den Armen rudernd, stolperte sie dahin, st�rzte und w�lzte sich schreiend im brackigen Wasser. Ollowain erkannte den Troll an seiner Gr��e, doch der K�rper des H�nen hatte alle Konturen verloren. Tausende von Bienen hatten sich auf ihm niedergelassen und verwandelten ihn in eine formlose, zuckende Masse. Die Luft war erf�llt vom Summen, laut wie das Donnern der Hufe bei einer Reiterattacke.</p><p>Ollowain versuchte wie versteinert zu stehen. Einzelne Bienen lie�en sich auf ihm nieder. Die G�rtnerbienen waren ungew�hnlich gro�. Fast so lang wie die oberen beiden Glieder seines kleinen Fingers. Ihre Bewegungen kitzelten unangenehm. Der Schwertmeister sp�rte, wie sich ein dicker Schwei�tropfen auf seiner Stirn bildete. Jetzt waren auch �berall auf Emerelles Decke Bienen. Gondoran starrte ihn vom Heck her an. Auf der Nasenspitze des Holden turnte eine gro�e Biene, doch er schien sie kaum zu bemerken. In den Augen des Bootsmeisters lag ein stummes Flehen, sich nur nicht zu bewegen.</p><p>Der Troll hatte sich auf eine flache Bank aus schwarzem Schlick geschleppt. Er hielt beide H�nde auf die Kehle gepresst, so als versuche er, den W�rgegriff eines unsichtbaren Gegners zu �berwinden.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Ollowain, wie einer der Kentauren von Bienen �berfallen wurde. Wild mit dem Schwanz peitschend b�umte er sich auf. Orimedes eilte seinem Gef�hrten zu Hilfe, nur um ebenfalls unter der Stacheldecke zu verschwinden.</p><p>Ollowain biss die Z�hne zusammen. Jetzt waren Bienen auf seinem Gesicht. Ihre kleinen Beine tasteten �ber seine verbrannte Haut. Sogar die Fackel am Schiffsmast griffen sie an. Zu Dutzenden verbrannten sich die G�rtnerbienen die Fl�gel. Die meisten prasselten auf Lyndwyn hinab, die noch immer beim Mast lag. Die Magierin blinzelte. Einen Moment schlug sie die Augen auf und sah zu Ollowain. Sie wirkte keineswegs wie jemand, der aus tiefem Schlaf erwachte und nicht wusste, was um ihn herum geschah. Sie l�chelte fast kokett. Dann schloss sie die Augen wieder. Die Bienen, die sich auf ihr niedergelassen hatten, flogen auf, und keine kam ihr mehr nahe.</p><p>Der Schwei�tropfen perlte von Ollowains Stirn. Sengender Schmerz durchbohrte sein Kinn. Eines der Mistviecher hatte ihn gestochen. Tr�nen schossen ihm in die Augen und rannen ihm �ber die Wangen. Der Tonfall, in dem die Bienen unmittelbar um ihn herum summten, �nderte sich. Er wurde dunkler. Bedrohlicher!</p><p>Immer mehr Bienen lie�en sich auf ihm nieder. Besonders auf seinem Gesicht. Seine Wangen prickelten. Er wurde wieder und wieder gestochen. In die Augenwinkel, in den Hals. Ollowain zitterte vor Anspannung. Das Summen klang lauter. Sie waren jetzt auch in den Ohren. Dann sp�rte er, wie sich eine Biene in seine Nase schob. Ihre F�hler tasteten �ber die feinen H�rchen.</p><p>Kleine Beine krabbelten ihm �ber die Lippen. Die Bienen versuchten, sich in seinen Mund zu schieben. Denk an etwas anderes, befahl er sich. Er wollte sich an Nomja erinnern. Mehr als hundert Jahre waren vergangen, seit sie zur Wache der K�nigin gekommen war. Er hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt. Und doch hatte er es nie gewagt, ihr seine Gef�hle einzugestehen. Sie war lange tot, begraben in einer fremden Welt. Er wollte ihr Gesicht wieder erstehen lassen. Die feinen ebenm��igen Z�ge ... Etwas krabbelte �ber sein Auge! Ollowain zuckte zusammen. Eine Biene stach ihm ins Augenlied. Nomja! Denk an sie ... Er wurde wahnsinnig. Er hielt das nicht l�nger aus. Die tausend tastenden Beine auf seinem Gesicht, �berall auf seinem K�rper. Er kniff die Augenlider zusammen und wurde sofort mit weiteren Stichen bestraft.</p><p>Gellende Schreie drangen durch das Summen. Das Sterben hatte begonnen. H�tten sie doch nie die Bienen gerufen! Er sp�rte sein linkes Augenlied zuschwellen. Das Gift der Bienen juckte und brannte. Sich zu kratzen w�re eine Erl�sung. Oder ins Wasser zu st�rzen.</p><p>Denk an Nomja! Welche Farbe hatten ihre Augen? Er versuchte sich ihr Gesicht vorzustellen. Ihr feines Haar. Die gro�en Augen. Gro�e Facettenaugen. Er sah eine Biene! Mit pelzigem, graubraunem Leib. Die gro�en Augen musterten ihn ausdruckslos, w�hrend die F�hler aufgeregt zuckten.</p><p>Die Biene dr�ngte immer tiefer in seine Nase. Und dann sp�rte er tastende Beine in seiner Kehle! Er schrie auf. Sofort waren sie in seinem Mund. Stacheln bohrten sich in seine Zunge. Etwas kroch �ber seinen Gaumen. Er zermalmte Bienen mit den Z�hnen.</p><p>Sch�tzend presste er die Hand auf den Mund. Seine Zunge schwoll an. Etwas stach ihn in die Kehle. Noch mehr Bienen waren in seine Nase gekommen. Warum taten sie das? Was trieb sie dazu, in seinen K�rper einzudringen? Es war ihr Tod!</p><p>Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Noch immer krochen sie. Auf seinem Gesicht, den Annen, im Mund, �berall. Ihm wurde schwindelig. Seine Lungen brannten. Er musste atmen. Waren sie in seinen Lungen? Unsinn! Das war unm�glich. Und doch war da etwas. Etwas dr�ckte ihm die Kehle zu. Ruhig! Ollowain dachte an den Troll, der scheinbar mit einem unsichtbaren Gegner gerungen hatte. Machte das Bienengift ihn langsam wahnsinnig?</p><p>War da Rauch? Hatte das Feuer sie eingeholt? Der Schwertmeister wagte es nicht, die Augen zu �ffnen. Er wollte nicht noch einmal f�hlen, wie sie ihm �ber den Augapfel krochen. Dann w�rde er vollends wahnsinnig werden.</p><p>Waren es seine Lungen, die brannten? Ein Feuer tobte dort. Er riss den Mund auf. Sofort dr�ngten die Bienen nach. Ollowain hechelte wie ein Hund und verschluckte dutzende Bienen. Er musste husten. Krampfhaft atmete er ein. Die Luft wollte nicht in seine Lungen str�men. Seine H�nde fuhren zum Hals.</p><p>Seine Beine gaben nach. Er hatte den Mund weit aufgerissen. Das Summen wurde leiser. Er hatte das Gef�hl zu fallen. Undeutlich sah er dunkle �ste �ber sich hinweggleiten. Das Feuer in seinen Lungen w�rde ihn t�ten. Er hatte keine Kraft mehr. Seine Arme und Beine zuckten, gehorchten ihm nicht mehr. Etwas kroch �ber sein Auge. Er sah eine einzelne Biene auffliegen. Er sp�rte nichts mehr. Aller Schmerz war verloschen.</p><p>Ein blasses Antlitz schob sich vor die �ste. Nomja! Nein.</p><p>Ihre Haare waren nicht schwarz gewesen. Lyndwyn. Keine Biene behelligte sie. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Etwas funkelte silbern. Sie hielt seinen Dolch!</p><p>�Du wirst sterben ...� Die Klinge fuhr hinab. Er konnte sp�ren, wie sie in seine Kehle schnitt. Dann verschwand das Antlitz der Magierin in glei�endem Licht.</p></section><section><title><p>Morgens am Fjord</p></title><p>�Du wirst ihn t�ten!� Aslas Augen funkelten vor Zorn. Eine kleine Falte trat zwischen ihre Brauen. Alfadas kannte diesen Blick. Es w�re sinnlos zu reden. �Gestern hat es Luth gefallen, Kadlin zu retten. Wird er sie auch heute vor dieser Bestie sch�tzen? Bring das Vieh zum Fjord und t�te es. Schaff es fort. Ich will es nie wieder in meinem Haus sehen!�</p><p>Blut richtete die Ohren auf. Sein massiger Kopf ruhte auf den Vorderpfoten. Er sah aufmerksam zu ihnen her�ber.</p><p>�Komm!� Alfadas winkte dem Hund zu. Doch statt aufzustehen, knurrte die Bestie.</p><p>�Wawa!�, rief Kadlin. Sie lie� Aslas Beine los und steuerte wieder auf den Hund zu. Alfadas nahm sie auf den Arm. Er konnte sehen, wie sich Bluts Muskeln unter dem rabenschwarzen Fell spannten. �Ganz ruhig. Ich tue ihr nichts.�</p><p>Kadlin zwickte ihn in die Wange, brabbelte etwas vor sich hin und begann zu lachen. Blut schnaubte und streckte sich.</p><p>Alfadas ging zur T�r. Der Hund sch�ttelte sich unwillig, dann folgte er ihnen. Am Spaltblock zog der Jarl die schwere Axt aus dem Holz. Bed�chtig wog er die Waffe in der Hand. Der Hund konnte nicht beim Haus bleiben, sagte er sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Ungl�ck geschah. Asla hatte Recht. Sie mussten ihn t�ten. Alfadas stieg den H�gel hinab und ging zum Fjord. Letzte Nebelb�nke trieben um den Fu� des Hartungskliffs.</p><p>Der Wind wehte den Duft von etwas Gebratenem her�ber. Irgendwo ert�nte das eint�nige Stampfen eines Butterfasses. Kadlin dr�ckte ihren Kopf an seine Wange. �Wawa�, erkl�rte sie ihm und deutete auf Blut. Alfadas hatte Bratenreste vom Fest in eine Tasche gestopft. Er w�rde Blut das Fleisch hinwerfen, um ihn abzulenken. Eine Henkersmahlzeit. Er f�hlte sich schlecht. Blut hatte niemandem etwas getan. Jedenfalls noch nicht... Er musste ihn f�r das t�ten, was Ole mit ihm angestellt hatte. Alfadas wusste, dass sich wohl kaum jemand im Dorf Gedanken dar�ber machen w�rde, ob er gerecht zu einem Hund war.</p><p>Der Himmel spannte sich klar und wolkenlos �ber den Fjord und die Berge. Noch war es k�hl. Es w�rde einer der letzten sonnigen Sp�tsommertage werden. Es hie�, der Winter k�me fr�h, wenn der Sommer sich in solcher Pracht verabschiedete. Schon leuchtete in den Eichenkronen am anderen Ufer das erste Rot und Gold. Alfadas hasste die Winter im Fjordland. Er war nicht f�r K�lte geschaffen. Die Sommer hier waren stets viel zu kurz. Wehm�tig dachte er an Albenmark; unbewusst wanderte sein Blick wieder hinauf zur steinernen Krone auf dem Hartungskliff.</p><p>�Dada!� Kadlin brabbelte unabl�ssig vor sich hin und deutete auf alles, was ihre Neugier erweckte. Ein Fels am Ufer. Ein goldenes Blatt im Gras, ein St�ck Holz, das angetrieben worden war. F�r sie war die Welt noch voller Wunder. Blut folgte jeder ihrer Gesten mit Blicken. Ab und an antwortete er ihr sogar mit einem kurzen Kl�ffen. Alfadas ging das Ufer entlang. Er wollte keinen Platz ausw�hlen, an dem er sich gern aufhielt. Bald w�rden die ersten Salme den Fjord hinaufkommen. Er freute sich darauf, den ganzen Tag am Wasser zu verbringen und zu fischen.</p><p>Endlich erreichten sie einen kargen Uferstreifen. Hier gab es keinen Fels, der zum Lagern einlud, keine alte Feuerstelle zwischen ru�geschw�rzten Steinen. Es war ein Platz ohne Geschichte. Beliebig. Ein Ort, den man leicht wieder vergessen konnte.</p><p>Der Jarl setzte Kadlin ab. Sofort richtete sich die Kleine auf und lief �ber den Kiesstreifen zum Ufer. Sie packte einen grauen Kiesel und wollte ihn ins Wasser werfen, doch er fiel zu kurz. Mit �rgerlichem Gemurmel suchte sie einen neuen Stein. Blut legte sich ganz in ihrer N�he nieder. Der gro�e Hund wirkte angespannt. Seine Ohren blieben aufgerichtet. Ahnte er, was kam? Alfadas holte den Braten aus seiner Tasche und warf Blut die Fleischklumpen zu. Doch der Hund regte sich nicht. Stattdessen kam Kadlin vom Ufer. Sie zupfte mit ihren kleinen Fingern Fleischfasern von den Bratenst�cken und stopfte sie sich in den Mund. Erst jetzt fra� auch Blut einen der Fleischklumpen.</p><p>Pl�tzlich sprang der Hund auf und warf dabei die Kleine um. Kadlin sch�ttelte sich nur und lachte. Sie hielt es f�r ein Spiel. Mit steifen Beinen, den Kopf vorgestreckt, stie� Blut ein tiefes, kehliges Knurren aus. Kadlin griff in sein Fell und zog sich hoch. Sie versuchte das Knurren nachzuahmen.</p><p>Aus dem Wald �ber dem Uferstreifen trat eine wei�haarige Gestalt. Gundar, der Luthpriester. Er trug einen grauen Kittel und hatte eine speckige Ledertasche umgeh�ngt.</p><p>Blut h�rte auf zu knurren, lie� den Ank�mmling aber nicht aus den Augen. Der Priester fuhr sich mit der Hand �ber die Stirn. Er hatte einen hochroten Kopf und atmete sto�weise. �Du hast einen strammen Schritt, Jarl�, keuchte der Alte. �Ich bin nicht mehr f�r Spazierg�nge vor dem ersten Fr�hst�ck geschaffen.� Der Priester lie� sich auf dem Kies nieder und holte eine Flasche aus der Tasche. In langen Z�gen trank er, dann hielt er Alfadas die Flasche hin. �Ein guter Tropfen. Bestes Quellwasser, vom Fu� des Hartungskliffs. Das wird dir schmecken.�</p><p>Der Jarl nahm die Flasche, setzte sie aber nicht an die Lippen.</p><p>�Warum bist du mir gefolgt?�</p><p>�Ach ... Ich hatte einen Traum. Ich glaube, der Hund taugt was. Und ich hatte so eine Ahnung, dass du einen Fehler begehen k�nntest.�</p><p>Alfadas sch�ttelte den Kopf. �Tr�ume, Ahnungen ... Wir beide wissen, was Ole aus Blut gemacht hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Hund jemanden anf�llt. Und ich m�chte nicht erleben, dass es meine Frau oder meine Kinder sind. Er muss weg ...�</p><p>�Ich verstehe deine Sorgen, Jarl. Aber vertraue den G�ttern! Hast du schon vergessen, was gestern Nacht geschah? Luth hat dir ein Zeichen gegeben. Achte ihn. Du bist einer der wichtigsten F�den in dem Teppich, den er zum Schmuck f�r seine goldene Halle webt. Ich glaube, es w�re falsch, den Hund zu t�ten.� Der Priester zwinkerte. �Sei ehrlich, Jarl. Es war doch nicht deine Idee, in aller Fr�h mit einem Hund, einem Kind und einer Axt einen Spaziergang am Fjord zu machen.�</p><p>Alfadas musste unwillk�rlich schmunzeln. Verdammter Kerl! Konnte er in sein Herz sehen? Aber er w�rde sich nicht gegen Asla stellen. Ihre Entscheidung war richtig. Ungerecht, aber vern�nftig. �Ich habe gesehen, was jenseits der Welt liegt, Priester. Das Nichts. Ein bodenloser Abgrund. Finsternis, bev�lkert von k�rperlosen Schrecken, die nach dem Seelenlicht der Lebenden gieren. Dort gibt es keine G�tter und auch keine goldenen Hallen. Ich sch�tze dich, Gundar. Und ich wei�, wie viel du f�r das Dorf tust. Aber erwarte nicht, dass ich an deinen Gott glaube oder gar auf ihn h�re.�</p><p>�Bist du sicher, dass du alles gesehen hast? Wir sind nicht wie die Elfen, die dich gro�gezogen haben, Jarl. Wir sind keine Albenkinder. Und die V�lker der Menschen wurden nicht von den Alben erschaffen. Wir haben etwas, das ihnen fehlt. Etwas, worum sie uns beneiden. Wir k�nnen in die goldenen Hallen der G�tter eingehen, wenn wir es uns verdient haben. Und dort werden wir bis in alle Ewigkeit ein Fest feiern.�</p><p>Alfadas seufzte. Er mochte den Alten und wollte dessen Gef�hle nicht verletzen. Wie sollte er ihm klar machen, dass Elfen ewig leben konnten? Das, was er als wunderbare Verhei�ung nach dem Tod sah, war ihre Wirklichkeit. Alfadas kannte die Geschichten seines Volkes. Aber welche G�tterhalle konnte sich mit Emerelles Palast messen? Die Priester erz�hlten von riesigen Langh�usern mit goldbeschlagenen Holzpfeilern, in denen die G�tter mit ihren Auserw�hlten ein niemals endendes Gelage abhielten. Hallen voller Rauch und dem Gr�len von Zechern.</p><p>Wie viel wunderbarer waren die Festhallen der Elfen. Hoch und mit W�nden, die aussahen, als seien sie aus Morgenlicht erschaffen. Bl�tenduft lag dort in der Luft. Und wenn einer ihrer Meister auf der Fl�te spielte oder die Laute anschlug, dann ging einem die Musik direkt ins Herz. Alfadas strich �ber den glatten Schaft der Axt. Das Holz war dunkel vom Schwei�. Der Jarl dachte an die lange Reise mit seinem Vater. An ihre verfluchte Suche nach dem Bastardkind.</p><p>�Ich habe das Nichts gesehen, alter Mann. Und andere Orte, die du dir in deinen k�hnsten Tr�umen nicht vorstellen kannst. Aber an goldene Hallen glaube ich nicht.�</p><p>�Ich sage ja nicht, dass es dieses Nichts nicht gibt�, lenkte Gundar ein. �Einen Ort der Dunkelheit und der Verzweiflung. Wir alle haben gewiss Stunden durchlebt, in denen wir uns diesem Ort sehr nahe w�hnten. Ich f�rchte sogar, dass die meisten von uns dorthin gehen werden, wenn die Stunde gekommen ist. Doch es liegt bei uns zu entscheiden, was unser Schicksal sein wird.�</p><p>�Tut es das?�, fragte der Jarl zynisch, obwohl er zugleich froh war, das Unausweichliche noch ein wenig hinausschieben zu k�nnen, solange er mit dem Priester sprach. �Dein Gott ist doch der Schicksalsweber. Wie kann ich �ber meine Zukunft entscheiden, wenn mein Weg schon vorherbestimmt ist? Bin ich dann nicht der Sklave des Luth? Eine willenlose Figur im Spiel der G�tter?�</p><p>Gundar holte einen Apfel aus seiner Tasche und biss herzhaft hinein. Er sah zu Kadlin, die wieder zum Ufer gegangen war und dort mit Kieseln spielte. �Du missverstehst das Wesen von Luth, Jarl. Er ist der Schicksalsweber, ja, doch er wei�, was du tun wirst, weil er dich sehr gut kennt, denn er hat den Faden deines Lebens gesponnen. Manchmal versucht er uns zu helfen, indem er uns Zeichen gibt. Er ist ein freundlicher Gott. Er w�nscht sich, dass wir alle den Weg in die goldenen Hallen finden, auch wenn er wei�, dass die meisten es nicht schaffen werden. Er hofft, dass wir mit offenen Augen f�r das Wirken der G�tter durch das Leben gehen. Wer schon im Leben mit Luths Wirken vertraut ist, der wird im Tode leichter zu ihm finden. Leider ist die Mehrheit von uns f�r seine Zeichen blind. Selbst ich verstehe ihn nicht immer.�</p><p>Alfadas sch�ttelte den Kopf. Diesen G�tterglauben w�rde er niemals begreifen. Allein ihn anzuerkennen, fiel ihm schon schwer. Er wollte Gundar nicht verh�hnen, und doch gingen die Pferde mit ihm durch. �Wir sollten deinem Gott Gelegenheit geben, uns gleich hier eines seiner Zeichen zu schicken. Obwohl das Wasser des Fjords bitter ist, versucht Kadlin immer wieder, davon zu trinken. Blut wird sicher auch bald durstig sein. Trinkt Kadlin zuerst, dann schenke ich dem Hund das Leben.� Er blickte zum Himmel hinauf. �Hast du geh�rt, Luth? So leicht mache ich es dir. Das Leben von Blut liegt in deiner Hand. Entscheide!�</p><p>Der Priester blieb erstaunlich gelassen. Alfadas hatte mit emp�rtem Protest gerechnet. Oder zumindest mit einem Tadel, weil er den Gott herausforderte, doch Gundar a� in aller Ruhe seinen Apfel. Erst als er fertig war und die Kerne des Geh�uses ins Gras gespuckt hatte, sprach er. �Unter den Menschen mag es vielleicht keinen geben, der es mit dem ber�hmten Schwertk�mpfer Alfadas aufnehmen kann, mit dem Herzog des K�nigs, dem Schrecken aller Feinde des Nordlands. Doch ganz gleich, was f�r Namen und Titel man dir geben mag, einen Gott zu fordern, �bersteigt die Kr�fte auch des besten aller Menschen. Es ist, als fordere Kadlin dich zu einem Zweikampf.� Er l�chelte.</p><p>�Aber Luth ist weise und nachsichtig. Ich bin mir sicher, er wird dir eine angemessene Antwort geben.�</p><p>Der Jarl blickte wieder zum Himmel. �Ich warte.� Schweigend sa�en die beiden beieinander und beobachteten den Hund und das Kind. Es dauerte nicht lange, bis Alfadas sein Verhalten bereute. Es war albern! Und dennoch machte er keinen R�ckzieher.</p><p>Gundar verspeiste grinsend einen zweiten Apfel, w�hrend Kadlin vom Wasser zur�ckkam. M�de rieb sich die Kleine die Augen. Blut lag lang hingestreckt im Gras und d�ste. Kadlin ging zu ihm hin�ber und kuschelte sich an das zottelige, schwarze Fell. Bald war sie einged�st.</p><p>Alfadas betrachtete lange den Hund. Dicke Muskelstr�nge verbargen sich unter dem Fell, die Blut unf�rmig erscheinen lie�en. Die Schramme an der Schnauze war von dunklem Schorf bedeckt. Im hellen Morgenlicht sah der Jarl noch viele �ltere Narben. Er dachte an die Peitsche, die Ole zur�ckgelassen hatte. Ein Marterinstrument, geschaffen, um tiefe Wunden zu rei�en. Mistkerl! Er sollte ihm all seine Hunde abnehmen!</p><p>Gundar hatte den Kopf in den Nacken gelegt und sah einer einzelnen einsamen Wolke nach, die �ber den strahlend blauen Himmel zog. Der Priester sagte nichts, l�chelte stumm in sich hinein, und doch war sein Schweigen beredter als alle Worte.</p><p>Alfadas war noch immer nicht bereit aufzugeben. Einer von beiden w�rde schon zum Wasser gehen! Inzwischen war ihm egal, ob es Blut oder Kadlin war. Der Jarl hing seinen Gedanken nach. Was w�rde er Asla sagen, wenn er mit dem Hund zur�ckkehrte? W�rde sie ein Urteil von Luth annehmen? Vielleicht. Dass es seine Entscheidung war, den Hund nicht zu t�ten, w�rde sie sicher nicht hinnehmen. Im Grunde war es nicht schlecht, den Priester zum Zeugen zu haben. So k�nnte er es sich leicht machen.</p><p>Es war Gundar, der schlie�lich ihr Schweigen brach. �Es ist weit mehr als eine Stunde verstrichen, Jarl. Ich muss gestehen, dass ich inzwischen so durstig bin, dass ich mich versucht f�hle, aus dem Fjord zu trinken. Wie lange willst du noch warten?�</p><p>�Bis wir ein Zeichen erhalten�, entgegnete Alfadas trotzig.</p><p>Der Priester seufzte. �Glaubst du nicht auch, dass Luth schon l�ngst zu uns gesprochen hat? Wir k�nnen hier noch bis zur Abendd�mmerung sitzen, und weder Kind noch Hund werden aus dem Fjord trinken. Bis heute habe ich dich immer f�r einen klugen Mann gehalten, Jarl. Du musst doch auch erkannt haben, was die Antwort ist. Der Schicksalsweber ist nicht bereit, dir deine Entscheidung abzunehmen.�</p><p>Alfadas hatte mit einem Spruch dieser Art gerechnet. Die wesentliche Eigenschaft, die man ben�tigte, um Priester zu werden, war die Gabe, alles, was geschah, zu Gunsten seines Gottes zu deuten. Gundar mochte manche Fehler haben, aber um eine gewandte Zunge war er nicht verlegen. �Was also, meinst du, teilt mir dein Gott mit?�</p><p>�Horche in dich hinein. Vergiss einen Augenblick alle anderen Menschen. Mich, dein Weib, sogar Kadlin. Mach dich frei von all den unsichtbaren Fesseln, die dich erdr�cken. Nimm dir die Mu�e, �ber dein Leben und seine Zw�nge nachzudenken, und dann tue das, was du f�r richtig h�ltst. Es wird auch der Wille Luths sein.� Alfadas griff nach der Axt und ging zu Blut. Dort schob er die Waffe in seinen G�rtel und nahm Kadlin auf den Arm. Einen Moment lang sah er den gro�en, h�sslichen Hund an. �Komm, wir gehen fr�hst�cken�, sagte er schlie�lich.</p></section><section><title><p>Das Schilfrohr</p></title><p>Er sp�rte wohlige W�rme auf seiner Wange. Ganz nah war das leise Knistern eines Feuers zu h�ren. Ollowain wollte die Augen �ffnen. Seine Lider waren verklebt und zugeschwollen. Nur mit M�he brachte er schlie�lich das linke Auge einen Spalt weit auf. Gerade genug, um das Feuer zu sehen. Es war ungef�hrlich. Ein Kreis aus faustgro�en, wei�en Steinen umringte es. Das Holz war bleich wie Knochen. Manche der Flammen loderten gr�nlich. Treibholz! Ollowain versuchte sich aufzurichten, um besser zu sehen, wo er war. Doch seine Glieder verweigerten ihm den Dienst. Es war, als best�nde er nur noch aus seinem Kopf. Und ... Wieso roch er das Feuer nicht? Er konzentrierte sich ganz darauf, irgendeinen Geruch wahrzunehmen, doch da war nichts. Er sp�rte nicht einmal, wie er einatmete. Nicht in der Nase und nicht im Mund. Und doch hob und senkte sich seine Brust. Und ein fremdes, r�chelndes Ger�usch erklang. Panik packte ihn. War er tot? Er versuchte den Kopf zur Seite zu drehen. Unm�glich!</p><p>Seine Kehle brannte. Wieder war da dieses R�cheln. Er atmete! Warum f�hlte er es nicht? Sein K�rper atmete, aber nicht mehr durch Mund oder Nase!</p><p>Seine Zunge lag wie ein gro�es, taubes St�ck Fleisch in seinem Mund. Sie war riesig! Er konnte sie kaum bewegen. Mit ihrer Spitze ertastete er d�nne F�dchen zwischen seinen Z�hnen. Ein bitterer Geschmack f�llte seinen Mund. Jetzt erinnerte er sich. Die Bienen! Das waren keine F�dchen! Es waren Beine. Er hatte versucht, die Bienen, die in seinen Mund gedrungen waren, mit Z�hnen und Zunge zu zermalmen. Er erinnerte sich an den Dolch. Lyndwyn! Sie hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Das war die Erkl�rung f�r alles. Er war tot!</p><p>�Ruhig�, ermahnte ihn eine vertraute Stimme. Etwas strich sanft �ber seine Stirn. �Er ist zu sich gekommen!� Von jenseits des Feuers drang eine Antwort, die er nicht verstand. Alle Ger�usche waren ged�mpft.</p><p>�Du solltest dich nicht bewegen, Schwertmeister.� Ein Kopf, gerahmt von kurzen, blonden Haaren, beugte sich �ber ihn, und ein Antlitz, entstellt von wuchernden roten Beulen, l�chelte auf ihn hinab. Ollowain vermochte Yilvina allein an ihrer Stimme und an den Haaren zu erkennen. Auch ihre Augen waren zugeschwollen. Sie starrte ihn durch schmale Schlitze an, die es unm�glich machten, ihre Augenfarbe zu erkennen. �Wir sind gerettet. Lyndwyn hat uns hierher gebracht.�</p><p>Ollowain wollte fragen, wo sie waren, doch aus seiner Kehle drang nur ein R�cheln. Er versuchte es noch einmal. Nichts. Er wollte sich aufsetzen. Das R�cheln wurde heftiger. Sein K�rper gehorchte ihm nicht. Er f�hlte sein Herz rasen. Was war mit ihm geschehen?</p><p>Yilvina dr�ckte ihn zur�ck. �Ruhig. Du w�rst fast gestorben. Lyndwyn musste dir in die Kehle schneiden, damit du nicht erstickst.�</p><p>Ollowain wollte nach seinem Hals tasten. In die Kehle geschnitten! Was war mit ihm geschehen? Wieder brachte er nur ein R�cheln hervor. Hatte ihm diese verfluchte Magierin die Stimme geraubt?</p><p>Yilvina zog eines ihrer Kurzschwerter und hielt die Klinge so, dass er seinen Hals in dem spiegelnden Metall sehen konnte. Ein Schilfrohr war dort mit einem Gespinst d�nner Lederriemen befestigt. Es schien tief in seinem Fleisch zu stecken. Ollowains Brust hob und senkte sich. Wieder war dieses seltsame R�cheln zu h�ren. Er atmete durch das Rohr! Wie war das m�glich? Was hatte Lyndwyn mit ihm gemacht?</p><p>�Ganz ruhig.� Yilvina legte ihm die Hand auf den Arm. �Sie wird dich heilen. Es dauert nur noch ein wenig.� Die Kriegerin senkte jetzt die Stimme. �Sie ist ungeheuer m�chtig. Ihre Kr�fte scheinen niemals zu versiegen. Sie hat Rauch erschaffen und damit die G�rtnerbienen aus der N�he des Nachens verscheucht. Und dann hat sie das Bienengift aus unserem Blut verbannt. F�r die meisten von uns kam ihre Hilfe jedoch zu sp�t. Nur Silwyna, Orimedes und Gondoran leben noch. Und die K�nigin. Die Bienen haben ihr nichts getan. Und doch ... Sie liegt da, als sei sie tot.� Yilvina sch�ttelte entmutigt den Kopf.</p><p>�Lyndwyn sagt, man soll sich keine Sorgen machen. Sie hat die Wunde in Emerelles Brust geschlossen.�</p><p>Wo ist Lyndwyn jetzt?, wollte Ollowain fragen. Und er wollte die K�nigin sehen. Doch sein K�rper war ihm zum Gef�ngnis geworden. Er schloss das Auge und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Sicherlich kam es Lyndwyn gelegen, dass er so hilflos war. Sie w�rde sich Zeit damit lassen, ihn zu heilen. Unruhig lauschte er auf seinen rasselnden Atem. Das Ger�usch ver�nderte sich. Es klang ... klebriger. Oder bildete er sich das ein? Er sollte schlafen! Seine Wunden waren stets gut verheilt, auch ohne die Hilfe von Zauberei.</p><p>Jedes Mal, wenn der Schlaf nahte, schreckte er wieder auf. Sein pfeifender Atem ging dann noch schwerer. Er hatte Angst, nicht mehr zu erwachen, wenn er jetzt seiner M�digkeit nachgab. Ollowain stemmte sich gegen den Schlaf. Sein Herz raste, er h�rte das Blut in den Ohren rauschen. Und dann kehrte sie wieder, die Ersch�pfung, die von seinem ausgebrannten Leib ihren Tribut forderte. Schlie�lich d�mmerte Ollowain ein. Es war angenehm, aufzugeben und sich einfach treiben zu lassen. Keine Pflichten mehr zu erf�llen. Die W�rme des Feuers streichelte seine Wangen. Er h�rte das Murmeln eines leisen Gespr�chs, ohne verstehen zu k�nnen, was gesprochen wurde. Dann sah er den Troll wieder vor sich. Jenen ungeschlachten Kerl, der ihn mit einem Eichh�rnchen verglichen hatte. Breit grinsend kam er auf Ollowain zu. �Na, mein Kleiner, hab ich dich.� Er stellte dem Schwertmeister seinen Fu� auf die Brust. Der Troll stank nach ranzigem Fett. Deutlich konnte Ollowain die Fu�n�gel sehen. Sie waren leicht nach vorne gekr�mmt und hatten breite Schmutzr�nder. Ganz langsam erh�hte Urk den Druck.</p><p>Ollowain wusste, dass es nur ein Traum war. Die Trolle waren besiegt. Er war in Sicherheit! Und dennoch bekam er keine Luft. Das konnte nicht sein! Urk konnte ihn nicht bis in seine Tr�ume verfolgen! Er musste erwachen!</p><p>Blinzelnd sah der Schwertmeister sich um. Noch immer konnte er nur ein Auge �ffnen. Das Feuer war fast heruntergebrannt. Er versuchte zu atmen, doch eine eiserne Faust dr�ckte seine Kehle zu. Er wollte schreien ... und kein Laut kam �ber seine Lippen. Er h�rte seine Gef�hrten miteinander reden. Ganz deutlich. Sie waren nur ein paar Schritt entfernt. Lyndwyn erz�hlte von den Albenpfaden.</p><p>Verzweifelt versuchte er noch einmal, sich bemerkbar zu machen, doch er brachte nicht einmal mehr ein R�cheln zu Stande. Es f�hlte sich an, als presse ihm jemand mit der Kraft eines Trolls die Kehle zu. Ollowain konnte weder ein- noch ausatmen. Er wollte aufspringen und schreien. Aber er schaffte es nur, matt mit der Hand zu zucken. Das war Lyndwyns Werk! Sie hatte irgendeinen Zauber gewoben, um ihn zu t�ten. Und den anderen w�rde sie sagen, er sei leider seinen Wunden erlegen!</p><p>�H�rt ihr das?�, fragte Gondoran. Das Gespr�ch verstummte.</p><p>�Das R�cheln hat aufgeh�rt ... Verflucht!� Pl�tzlich war der Holde �ber ihm. Er beugte sich zu Ollowains Kehle hinab.</p><p>Ein schmatzendes Ger�usch erklang. Und dann bekam er Luft. Sie war wunderbar k�hl, streichelte seine Kehle und seine Lungen.</p><p>Gondoran spuckte aus. �Verdammter Schleim. Ich bleib bei ihm sitzen.� Der Holde strich Ollowain das Haar aus der Stirn. Gondoran schien keinen einzigen Stich abbekommen zu haben. Sein Gesicht sah aus wie immer. Mit gelben Augen musterte er den Schwertmeister. �Du hast Gl�ck gehabt. Erst dachte ich, sie wollte dich umbringen. Und das, obwohl der Tod dich schon fest im Griff hatte. Sie hat dir die Kehle aufgeschnitten. Es war ein kleines Wunder. Lyndwyn sagt, es gibt eine R�hre, durch die Luft vom Mund in die Lungen flie�t. Weil deine Kehle durch Bienenstiche zugeschwollen war, hat sie deinen Hals mit einem Schnitt �ffnen m�ssen. Und damit die Wunde sich nicht sofort wieder schlie�t, hat sie das Schilfrohr eingesetzt. Ein Wunder.� Er schnalzte mit der Zunge. �Jedenfalls fast. Leider setzt sich das Rohr ab und zu mit Schleim voll. Man muss dich im Auge behalten, Schwertmeister, und auf deinen Atem lauschen. Ab und an muss man den Schleim aus dem Schilfrohr saugen, damit dir nicht doch noch die Puste ausgeht.�</p><p>Ollowain versuchte, dem Holden mit einem Blick zu danken. Ob er ihn wohl verstand? Nicht einmal ein Kind war so hilflos, dachte der Schwertmeister resignierend. Alles, was er tun konnte, war, sich gegen den Schlaf zu stemmen und darauf zu hoffen, dass seine Gef�hrten ihn nicht mehr aus den Augen lie�en.</p><p>�Ein Schiff!�, rief Orimedes. �Am Horizont ist ein Schiff aufgetaucht. Es h�lt auf uns zu! Was sollen wir tun?�</p><p>�Der Schwertmeister wird entscheiden�, sagte eine ruhige Frauenstimme. �Bringt ihn dort dr�ben hin und legt ihn auf den Sand.�</p><p>Ollowain wurde emporgehoben. Er konnte Silwynas R�cken sehen. Auch sie schien den G�rtnerbienen entkommen zu sein. Ihre Kleider starrten vor Dreck, als h�tte sie sich im Schlamm gew�lzt, doch sie war wohl nicht gestochen worden.</p><p>�Nun, Ollowain.� Die Magierin kniete neben ihm nieder. �Ich kann mir denken, was in deinem Kopf so vorgeht. Du geh�rst zu den M�nnern, die nur schwer von einer einmal gefassten Meinung abzubringen sind.� Lyndwyn hatte ihr Gesicht gewaschen. Die Schminke war verschwunden, und dort, wo sie der Ziegel am Kopf getroffen hatte, erinnerte nicht einmal mehr d�nner Schorf an die Wunde. �ber diese �u�erlichkeiten hinaus wirkte sie ver�ndert. Sie strahlte eine Zufriedenheit aus, die ihrer Lage wahrhaftig nicht angemessen war. �Ich habe gesehen, wie du deine Hand bewegt hast. Schreib in den Sand, Schwertmeister. Du gibst hier die Befehle. Ich bin ja schlie�lich eine Verr�terin.�</p><p>Du t�uschst mich nicht, wollte Ollowain sagen, doch aus seiner Kehle kam nur ein lang gezogenes R�cheln. Er griff in den Sand und lie� ihn durch seine Finger rinnen. Ihm blieb keine Wahl. Konnte es sein, dass Hallandan mit der Prunk-Liburne entkommen war? Er musste wissen, welches Schiff sich n�herte. Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, musste er sich zun�chst ein Bild der Lage machen. Seine Finger fuhren durch den Sand. Er hoffte deutlich zu schreiben. Weit konnte er die Hand nicht bewegen. Er musste sich kurz fassen, oder die Buchstaben w�rden einander �berlappen.</p><p>SCHIFF SEHEN</p><p>�Orimedes, bring ihn nach drau�en!�, befahl die Magierin.</p><p>�Aber ist er nicht noch zu schwach? Du hattest gesagt, wir sollten ihn m�glichst wenig bewegen�, wandte der Kentaur ein.</p><p>�Er wei� selbst, was gut f�r ihn ist. Ich werde mich mit ihm nicht �ber seine Befehle streiten. Willst du das, Pferdemann?�</p><p>Orimedes beugte sich zu ihm herab. Wie Yilvina war auch der Kentaur �bel von Bienenstichen entstellt. Gesicht und Oberk�rper waren bedeckt mit Schorf, wo er die juckenden Beulen aufgekratzt hatte.</p><p>Vorsichtig hob der F�rst ihn hoch und trug ihn auf seinen Annen aus der H�hle hinaus. Eine leichte Brise strich �ber Ollowains Gesicht. Wei�e Felsen stachen wie alte Knochen durch den hellen Sand und t�rmten sich zu steilen Klippen, an die sich Matten aus wucherndem Gr�n klammerten. Vor ihnen lag der schmale Sandstreifen einer Bucht, die von Felsnadeln eingefasst wurde. Ollowain blickte hinaus auf die See. Aus dem azurblauen Wasser erhoben sich einzelne B�ume. Ihre St�mme waren dick wie T�rme und von verkrustetem Salz �berzogen. Drei�ig Schritt oder h�her, wo sie der Seegang nicht erreichen konnte, spannte sich das weit ausladende Astwerk der Kronen, dicht bev�lkert von Winkerkrabben, M�wen und Kormoranen. Die riesigen Zeugenb�ume hatten dem flachen Waldmeer seinen Namen gegeben. Stark wie Klippen trotzten die massigen, zerfurchten St�mme selbst den Orkanen des Fr�hjahrs. Sich ihnen zu n�hern, war gef�hrlich. Weite Kr�nze von Luftwurzeln stachen wie Dornen um sie herum durch die See. Eine nat�rliche Barriere, die kleine Boote auf respektvollen Abstand hielt.</p><p>�Dort dr�ben�, sagte der Kentaurenf�rst und deutete mit dem Kopf nach Westen. Obwohl zwischen den B�umen meist eine Meile oder sogar mehr Abstand lag, verwirrten sie das Auge, wenn man zum Horizont blickte. Es war, als s�he man durch ein gro�es Gitter hindurch. Endlich entdeckte Ollowain etwas Dunkles, einen Rumpf, �ber dem sich schwarze Segel spannten. Das Schiff war zu weit entfernt, um Einzelheiten zu erkennen, doch es wirkte auf beunruhigende Weise fremd. Ganz sicher war es nicht die Liburne der K�nigin. Es sah massiger aus als alle Elfenschiffe, die Ollowain kannte. �Hast du es gesehen?�, fragte der Kentaur.</p><p>Der Schwertmeister stie� einen gurgelnden Laut aus und fluchte in sich hinein.</p><p>Orimedes brachte ihn zur�ck zur H�hle. Dabei hielt der Pferdemann ihn dicht an seine Brust gepresst. Ein d�nner, klebriger Schwei�film lag auf der Haut des Kentauren. In diesem Augenblick war Ollowain froh, dass er nichts riechen konnte.</p><p>Behutsam legte der F�rst ihn wieder auf den sandigen Boden. Der Schwertmeister versuchte sich aufzusetzen. Vergebens.</p><p>�Denkst du auch, dass wir die Insel verlassen sollten?�, fragte Lyndwyn.</p><p>JA, schrieb er in den Sand.</p><p>�Hier in der H�hle befindet sich ein gro�er Albenstern. Sieben Pfade laufen dort zusammen. Ich habe ihn bereits erkundet. Etwas Seltsames geht mit den Albenpfaden vor sich.� Die Magierin machte eine vage Geste in Richtung der Stadt. �Jemand ist im Netz der Wege und zertrennt alle Pfade, die zum Herzland f�hren. Wir k�nnen nicht zur�ck auf Emerelles Burg. Wer immer dort sein Unwesen treibt, muss �ber gro�e Macht verf�gen, wenn er das Werk der Alben zerst�ren kann. Ist es klug, das Wagnis einzugehen, die Albenpfade zu beschreiten? Und wohin sollten wir gehen?�</p><p>Ollowains Finger glitten �ber den Sand. Es gab einen Ort, an dem die Trolle nicht suchen w�rden.</p><p>Lyndwyn sah ihn erschrocken an. �Bist du dir sicher?�</p><p>�Wohin will er?�, fragte Silwyna scharf.</p><p>Ollowain wischte den Namen aus. Er dachte an die Pfeile, die er im K�cher der Maurawani gesehen hatte. Sie sollte nicht erfahren, wohin sie gingen! Sie mussten schnell aufbrechen. Niemand hier sollte Gelegenheit haben, ihren Verfolgern ein Zeichen zu hinterlassen. Warum waren ihre Feinde schon wieder so nah? Gab es einen Verr�ter unter ihnen? Oder lag es, wie Silwyna sagte, einfach nur daran, dass sie so gute J�ger waren? Er w�rde kein Risiko eingehen. Er musste sie alle besch�ftigt halten, und vor allem mussten sie schnell aufbrechen. AUFBRUCH, schrieb er in den Sand.</p><p>Seine Finger verwischten das Wort.</p><p>ORIMEDES TRAG DIE K�NIGIN</p><p>Er hoffte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Aber welche Wahl hatten sie? Sie konnten sich jetzt nicht den Trollen stellen! Sie mussten fliehen, und nur Lyndwyn konnte ihnen diesen letzten Weg er�ffnen. Wieder war er gezwungen, ihr zu vertrauen. Sie brauchten jetzt Zeit, um ihre Wunden zu versorgen und der K�nigin zu helfen. Wenn es Emerelle erst einmal besser ging, w�rde sie schon wissen, was zu tun war.</p><p>�Dann lasst uns gehen�, sagte die Magierin m�rrisch. Orimedes nahm die K�nigin auf die Arme. Die J�gerin und die Kriegerin st�tzten Ollowain. Gondoran lief neben ihnen her. Er wirkte niedergeschlagen.</p><p>Das Meer hatte den Fels ausgewaschen und einen tiefen Tunnel unter den Berg gegraben. Zersplitterte Muscheln knirschten unter ihren Schritten. Obwohl der Eingang schon weit hinter ihnen lag, war es immer noch hell. Der wei�e Fels schien von innen heraus zu leuchten wie die W�nde in Emerelles Palast. Er wirkte durchscheinend. Blassblaues Licht durchdrang ihn. Goldene Adern durchzogen das Gestein. Sie waren zu komplizierten Mustern verwoben. Spiralen und Knoten schienen dem Kundigen eine geheime Botschaft �bermitteln zu wollen. Der Schwertmeister sp�rte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Er war nicht sehr begabt, was die Zauberei anging, doch selbst er f�hlte die Kraft der uralten Magie, von der dieser Ort durchdrungen war.</p><p>Schlie�lich �ffnete sich der Tunnel zu einer gro�en, runden Kammer. Hier mengten sich schwarze Adern unter das Gold in den W�nden. Lyndwyn trat in die Mitte der Felskammer und kniete sich auf den Boden. Die linke Hand presste sie flach auf den Stein, die Rechte legte sie auf ihre Brust. Sie schloss die Augen. Ihre Lippen bewegten sich.</p><p>Ollowain war sich nur zu bewusst, wie sehr sie der Magierin ausgeliefert waren. Er musste ihr folgen, wenn sie die Gruppe �ber die Pfade des Lichts f�hrte. Wohin Lyndwyn sie brachte, w�rden sie erst sehen, wenn sie durch das zweite Tor traten.</p><p>Ein Bogen aus Licht wuchs aus dem Boden. Mit ihm erhoben sich die schwarzen und goldenen Adern; wie lebendige Wesen tanzten sie im Stein. Das blaue Licht wurde immer heller. Der Fels war wie Glas. Man konnte durch ihn hindurch bis zum Meer sehen. Ein gro�er Schwarm Kormorane erhob sich aus dem Zeugenbaum am Eingang der Bucht und flog auf das Meer hinaus. Ein Zeichen? Es war Zeit zu gehen!</p><p>Ollowain bewegte den Kopf in Richtung des Lichtbogens. Yilvina trat nicht zum ersten Mal durch einen Albenstern. Mit ihr war er in Aniscans gewesen. Jahrelang hatten sie die Welt der Menschen bereist. Doch die Schwertk�mpferin wirkte angespannt. Sie hatte ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Gemeinsam traten sie durch die Pforte. Finsternis legte sich wie ein alles erstickender Mantel um sie. Nur ein schmaler, goldener Pfad leuchtete zu ihren F��en.</p><p>�Weicht nicht vom Weg ab!�, h�rten sie die Stimme der Magierin hinter sich. �Wer den Pfad verfehlt, ist auf immer verloren.�</p></section><section><title><p>Das Geschenk der Freiheit</p></title><p>Die Leiche der falschen K�nigin war mit zwei Stricken auf den Schild Branbarts gebunden worden. Ihr Kopf hing leicht zur Seite. Damit die Krone nicht herabfiel, hatte man sie mit d�nnen N�geln an ihren Sch�del geheftet. Der Schild lehnte an der ru�geschw�rzten S�ule, die sich in der Mitte des Muschelfischermarktes erhob. Jeder, der vor�berging, konnte die Schwanenkrone deutlich erkennen. Und glaubte man Skanga, sollte die Krone allein reichen, jedes Auge zu blenden. Die verbrannte Tote sah Emerelle �hnlich genug. Die Albenkinder sollten in einigen Schritt Abstand an der vermeintlichen Leiche vorbeigef�hrt werden. Zu ihren F��en lagen der falsche Ollowain und andere, wahrhaftige F�rsten Albenmarks.</p><p>Orgrim fand diesen Betrug eines Trolls unw�rdig. Er vermutete, dass die alte Schamanin die Intrige ersonnen hatte. Dass er zu den Wachen geh�rte, die bei der K�nigin standen, war allerdings gewiss Branbarts Idee gewesen. Von hier aus sah er all die Herz�ge und Rudelf�hrer, die sich zum Siegesfest um den K�nig geschart hatten. Deutlicher konnte man ihm seinen Fall nicht vor Augen f�hren. Auch Gran und Boltan geh�rten zu den W�chtern der Leichen. S��licher Verwesungsgeruch ging von den Toten aus. Die Hitze und die unz�hligen Fliegen hatten den Kadavern bereits �bel mitgespielt.</p><p>Auf dem weiten Platz herrschte �ngstliche Stille. Alle Albenkinder, welche die Eroberung Vahan Calyds �berlebt hatten, waren hier zusammengetrieben worden. Nur ihre F�rsten wurden an einem anderen Ort gefangen gehalten. Viele waren verwundet und am Ende ihrer Kr�fte. Manche warteten schon seit Stunden in der Hitze. Im Morgengrauen hatten die Trolle damit begonnen, die �berlebenden hierher zu treiben.</p><p>Auf Branbarts Gehei� hatte man Wasserf�sser und Brot gebracht. Doch dem K�nig war es nicht gelungen, durch diese freundliche Geste die Angst zu vertreiben. Kaum jemand wagte es, dem Blick eines Trolls zu begegnen. Wie hatten diese Wichte sie einst besiegen k�nnen, fragte sich Orgrim.</p><p>Der Ruf von H�rnern durchbrach die Stille. Branbart trat aus der Gruppe seiner Anf�hrer hervor und stellte sich neben die Tote mit der Schwanenkrone. Ger�uschvoll zog er die Nase hoch und spuckte aus.</p><p>�Albenkinder!�, rief er mit lauter Stimme. �Ich bin gekommen, euch die Freiheit zu schenken. Die Tyrannin ist tot!� Er wandte sich halb zu Emerelle herum, und pl�tzlich rammte er der Toten die Faust in die Brust. Ihre d�nnen Rippen zerbarsten. Stinkende br�unliche Fl�ssigkeit troff von der Wunde. Branbarts Finger w�hlten in der Brust der Toten. Dann riss er den Arm hoch und streckte den Albenkindern einen fauligen klumpen Fleisch entgegen. �Ein verrottetes Herz hat Albenmark vergiftet!�, schrie er mit sich �berschlagender Stimme.</p><p>�Ich habe es herausgerissen, damit das Land wieder gesunden kann. Die Alben haben nie gewollt, dass eines ihrer Kinder �ber allen anderen steht. Dass einer von uns allein entscheidet, was Recht und was Unrecht ist. Dass eine allen sagt, wie sie leben sollen, und jene, die ihr nicht gehorchen, davonjagt oder gar ermordet. In der letzten Nacht haben wir Trolle altes Unrecht ges�hnt. Doch wir f�hren keinen Krieg gegen Albenmark. Wir k�mpfen allein gegen Emerelle und gegen alle, die der Tyrannin treu ergeben sind. Deshalb seid ihr frei zu gehen. Kommt her, seht der toten K�nigin ins Antlitz und tragt die Kunde in alle Winde hinaus. Die V�lker Albenmarks sind frei. Ich bin der K�nig meines Volkes, doch die Schwanenkrone wird niemals mein Haupt kr�nen. Und niemand wird sich mehr vor ihr verbeugen.�</p><p>Branbart schnauzte sich und spuckte erneut aus. Ohne diese Geste w�re das Ende seiner Rede ergreifender gewesen. Doch selbst Orgrim musste sich eingestehen, dass die Worte seines K�nigs ihn aufgew�hlt hatten. Branbart war ein wahrer Herrscher! Von ihm konnte er noch viel lernen.</p><p>Seine F�rsten begr��ten die Rede des K�nigs mit Jubelrufen, und auch die �brigen Trolle lie�en Branbart hochleben. �berall in der Stadt wurden H�rner geblasen. Die Albenkinder auf dem Muschelfischermarkt waren so eingesch�chtert, dass dort zun�chst nur einzelne in das Geschrei einstimmten. Nach und nach stimmten mehr ein, doch es blieb ein schw�chlicher Jubel, dem seine Halbherzigkeit nur allzu deutlich anzuh�ren war. Jahrhunderte unter der Knute Emerelles hatten die Herzen der Albenv�lker gefesselt, dachte Orgrim. Der Wind der Freiheit war wie ein Sturm �ber sie hinweggezogen, und noch wagten die meisten kaum zu atmen. Was f�r j�mmerliche Wichte!</p><p>Der Troll konnte beobachten, wie stattliche Kentauren und die b�renstarken Minotauren trotzig mit verschr�nkten Armen dort standen. Und doch wagten sie es nicht, einen der Sieger mit Blicken zu fordern, sondern sahen versch�mt zu Boden. Wie erb�rmlich! Aber Orgrim war zuversichtlich, dass sie wieder zu ihrem Stolz finden w�rden. Und w�re es erst die n�chste Generation von Albenkindern, jene, die in Freiheit geboren sein w�rden.</p><p>Die Wachen auf dem Platz packten einige Elfen und zerrten sie vor den Kadaver der K�nigin. �Seht sie euch an! Emerelle ist nur noch ein verrottendes St�ck Fleisch. Seht genau hin, damit ihr es nicht vergesst.� Bleiche Maden kullerten aus der klaffenden Wunde in der Brust der falschen Herrscherin. Der Geruch, den sie verstr�mte, war ganz und gar nicht k�niginnenhaft. Eine Elfe brach schluchzend zusammen, als sie gezwungen wurde, sich dem Kadaver bis auf wenige Zoll zu n�hern. Viele, die an der Herrscherin vorbeimarschierten, hatten Tr�nen in den Augen. Orgrim war unbegreiflich, warum sie der Tyrannin nachtrauerten.</p><p>Er sah zum falschen Schwertmeister hinab. Die Ereignisse der Nacht hatten Orgrim nicht erlaubt, sein Festmahl zu halten. Nun war der Zeitpunkt verpasst. Es war eine Schande, dass er diesem Elfenhelden nicht die letzte Ehre erweisen konnte, indem er sein Herz verspeiste. Wenn er daran dachte, wie viel verdorbenes Fleisch in der Stadt lag, packte ihn die kalte Wut. Was f�r eine Verschwendung! Er war froh, dass die Flotte schon bald Vahan Calyd verlassen w�rde, um einen n�rdlichen Kurs zu steuern.</p><p>Branbart ging zu seinem Gefolge her�ber. Sie w�rden jetzt irgendwo ein Fest feiern, dachte Orgrim eifers�chtig. Und er war sich sicher, dass sie sich ein paar saftige Braten aufgehoben hatten. Ein paar Elflein, die man jetzt erst schlachtete. Helden, die wacker gek�mpft hatten und in Gefangenschaft geraten waren. Und sein Heer hatte Branbart um den besten Teil der Beute betrogen! Es tat schon in der Seele weh, all diese Elfen, die auf dem Platz versammelt waren, ziehen zu lassen. Man h�tte noch wochenlang Festgelage mit ihnen feiern k�nnen! Orgrim starrte einem Minotauren nach, der an der falschen K�nigin vor�ber geschritten war. Wie sein Fleisch wohl schmecken w�rde? Wie Rind?</p><p>Schwere Schritte lie�en ihn aufblicken. Ein Trollkrieger mit breiten Schmucknarben im Gesicht kam auf ihn zugelaufen.</p><p>�Bist du der Kerl, dem die Elfen das Schiff versenkt haben?�</p><p>�Schon m�glich�, entgegnete Orgrim gereizt.</p><p>�Du bist zu den Ehrenwachen an der Festtafel des K�nigs befohlen.� Orgrim traute seinen Ohren kaum. W�rden die Dem�tigungen denn gar kein Ende mehr nehmen? Sollte er nun noch zusehen, wie sich Branbart mit allerlei K�stlichkeiten den Bauch voll schlug? �Wer schickt dich, Kerl? Der K�nig?�</p><p>�Nein, erhabener Schiffeversenker!� Der Bote grinste frech.</p><p>�Es ist Skanga, die deine Anwesenheit w�nscht. Und wenn du schon so d�mlich warst, diesen Wichten zu erlauben, mit einem ihrer zerbrechlichen Schiffchen eine unserer stattlichen Galeassen zu versenken, solltest du nicht auch noch den Fehler machen, dich mit der Schamanin anzulegen. Nimm die Beine in die Hand und lauf!� Er deutete auf einen Turm, der halb von Heckenrosen zugewachsen war. �Dort dr�ben findest du den K�nig und sein Gefolge. Ich werde hier deinen Platz einnehmen.�</p><p>Orgrim merkte sich das Gesicht des dreisten Kerls. Als Rudelf�hrer h�tte er ihn einfach niederschlagen k�nnen, aber den einfachen Kriegern war es f�r die Dauer des Feldzugs verboten, Zweik�mpfe auszutragen. Der Krieg dauerte gewiss nicht mehr sehr lange, und dann w�rde er diesem hirnlosen Dreckhaufen zeigen, was es hie�, ihn zu verspotten!</p><p>W�tend stapfte Orgrim hin�ber zum Rosenturm. Voller Verachtung betrachtete er die Gitter, an denen die Blumen hinaufrankten. Wenn er jemals einen Palast bes��e, dann w�rde er ihn gewiss nicht mit wucherndem Gr�nzeug schm�cken. Was sagte das aus? Dass darin ein Freund der Auenfeen lebte? Oder jemand, der gerne Wasser auf Bl�tenbl�tter goss und sich an deren Duft erfreute? Er w�rde die K�pfe seiner erschlagenen Feinde auf Holzpfl�cke stecken und sie auf seine Mauern stellen. Solcher Schmuck taugte wenigstens was! Jeder, der kam, wusste dann sogleich, woran er war, und dass man besser h�flich blieb.</p><p>Der L�rm des Festes f�hrte Orgrim auf den Lichthof, auf dem Branbart und sein Hofstaat feierten. Um ein Becken, aus dem eine kleine Wasserfont�ne spr�hte, gab es einen Kreuzgang, an dessen S�ulen Weinreben wucherten. Orgrim klaubte eine der gro�en Trauben ab und stopfte sie sich in den Mund. Er hatte heute noch gar nichts gegessen. Das hier war wenigstens n�tzliches Gr�nzeug.</p><p>Der K�nig und einige seiner liebsten Speichellecker sa�en um einen schweren Holztisch am Becken des Springbrunnens. Ein paar Schritt weiter hatte man eine Feuerstelle auf dem Mosaikboden eingerichtet, die von Kobolden mit dem Holz zerschlagener M�bel versorgt wurde. �ber dem Feuer drehte sich ein riesiger Braten auf einem Spie�. Irgendetwas Gro�es, Vierbeiniges, was Orgrim nicht richtig zuordnen konnte. Der Bratenduft lie� ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen.</p><p>Der Troll war unschl�ssig, was er nun tun sollte. Etwas abseits der Festtafel sa� Skanga in einem hohen Lehnstuhl. Die Schamanin schien eingenickt zu sein, und Orgrim versp�rte nicht die geringste Lust, sie zu wecken und zu fragen, aus welchem Grund sie ihn hierher befohlen hatte. So hielt er sich im Schatten des Kreuzgangs, pfl�ckte Trauben von den Weinranken und sah Branbart zu. Der K�nig war allerbester Laune und redete von seinen Zukunftspl�nen. Er wollte die ganze Stadt niederrei�en, doch dazu fehlte die Zeit. Stattdessen sollte jedes Haus in Brand gesetzt werden. Jeder, der hier wohnte, w�rde fl�chten m�ssen. Und alle Toten sollten hinab in die gro�en H�hlen unter Vahan Calyd geworfen werden, damit das Trinkwasser f�r lange Zeit vergiftet war.</p><p>�Willst du wirklich alle Albenkinder laufen lassen? Sogar die Elfen?�, fragte Dumgar, der Herzog vom Mordstein. �Diese verschlagenen Wichte werden sich aufs Neue gegen uns erheben, sobald sie Gelegenheit dazu haben.�</p><p>Der K�nig spuckte ins steinerne Antlitz einer Elfens�ngerin im Bodenmosaik zu seinen F��en. �Nein, mein Freund. Weil ich nicht nach der K�nigsw�rde von Albenmark strebe, werden sie sich jahrelang darum streiten, wer an Emerelles Stelle die Schwanenkrone tragen soll. Zanken und Intrigen spinnen, das ist ihr Leben. Mit den Elfen werden wir lange nichts mehr zu tun haben. Au�er mit jenen, mit denen wir noch alte Rechnungen begleichen wollen. Die Normirga werden wir ausl�schen. Und wer war der Kerl, der die fliehenden Schiffe befehligt hatte? Halliwan von Wei�nichtmehr ...� Der K�nig sah sich Hilfe suchend um.</p><p>�Hallandan von Reilimee�, sagte schlie�lich Mandrag, der alte Schildbruder des Herrschers. Der grauhaarige Troll war nach der Schlacht bei der Shalyn Falah von den Elfen als tot liegen gelassen worden. Bei Nacht hatte er sich zwischen die Klippen geschleppt, und so war er Zeuge des Mordes geworden, den Emerelle an den F�rsten der Trolle begangen hatte. Mandrag hatte sein Volk in den ersten Jahren der Verbannung angef�hrt. Nachdem Skanga in Branbart die Seele des wiedergeborenen K�nigs erkannt hatte, war der Krieger zur�ckgetreten, doch der K�nig ehrte ihn, indem er Mandrag zu seinem engsten Vertrauten machte.</p><p>�Also, die Stadt dieses Halliwan soll brennen! Seine M�nner haben eines unserer Schiffe versenkt, und was noch schwerer wiegt, sie halten uns Trolle wohl f�r Trottel. Der Kerl dachte, er m�sste uns nur eine Leiche mit Krone hinlegen, und schon w�rden wir jauchzen und jubeln und denken, die Tyrannin sei tot. So t�uscht man vielleicht einen Welpen wie diesen Rudelf�hrer von der <emphasis>Donnerer</emphasis>, aber doch nicht mich, den K�nig. Mich beleidigt man mit solchen einf�ltigen Spielchen. Und daf�r wird die Stadt dieses Halliwan b��en. Den anderen Elfen wird es ein Beispiel sein, was wir mit den Freunden der Tyrannin tun. Das wird den paar Kriegern, die vielleicht an Rache denken, das M�tchen k�hlen.�</p><p>In stummer Wut dr�ckte sich Orgrim die Fingern�gel in die Handfl�chen, bis er zu bluten begann. Der K�nig lie� keine Gelegenheit aus, ihn l�cherlich zu machen. Und das Schlimmste war, dass Branbart auch noch Recht hatte. Er war auf die T�uschung der Elfen hereingefallen und hatte sein Schiff verloren. Aber hatte er eine Wahl gehabt?</p><p>�Die Holden und die Kobolde halten wir fest�, erkl�rte Branbart vollmundig. �Die meisten von ihnen waren Elfendiener. Jetzt sollen sie uns dienen! Sie brauchen es, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Und kein anderes Albenkind wird ihnen eine Tr�ne nachweinen. Mit Freiheit k�nnen die sowieso nichts anfangen. Die eine H�lfte von ihnen soll auf Schiffe verladen werden, damit man sie auf unsere Burgen in der Menschenwelt bringt. Dort sind uns viel zu wenige Kobolddiener verblieben! Die anderen begleiten das Heer, wenn wir nach Norden ziehen.�</p><p>�Wir sollten sie auf mehrere Schiffe aufteilen�, riet Dumgar.</p><p>�Dann werden wir wenigstens nicht alle auf einmal verlieren, falls ...�</p><p>�Schweig!�, herrschte ihn der K�nig an. �Wehe dem, der mich noch einmal an den Preis f�r den Weg in diese Welt erinnert.� Er warf Skanga einen finsteren Blick zu. �Kaum ein Trollk�nig hat bei seinen Niederlagen so viele Krieger verloren wie ich bei meinem Sieg.�</p><p>Orgrim hatte am Morgen die Ger�chte geh�rt. Gestern Nacht w�hrend des Angriffs hatte sich die Nachricht nicht verbreiten k�nnen. Doch nun, in der Stadt, ging sie von Mund zu Mund. Angeblich waren sieben Schiffe auf ihrem Weg durch das Nichts verschwunden. Zusammen mit den vier, die verbrannt waren, und der <emphasis>Donnerer</emphasis> war das mehr als der zehnte Teil ihrer Flotte. �ber zweieinhalbtausend Krieger waren tot, bevor sie in ihr erstes Gefecht gest�rmt waren.</p><p>Niemand wusste sicher, warum die Schiffe im Nichts verschwunden waren. Sie mussten vom goldenen Pfad abgekommen sein. Aber wie hatte das geschehen k�nnen? Skanga hatte jedem Rudelf�hrer eindringlich eingesch�rft, dass die geringste Nachl�ssigkeit den Tod bedeuten w�rde. Ihr Weg durch das Nichts war nicht weit gewesen. Nur ein paar Schiffsl�ngen, so war es Orgrim zumindest erschienen.</p><p>Ein Trupp Wachen betrat den Hof. Zu viert umringten sie einen Elfen. Der Wicht war ganz in Blau gekleidet, und obwohl er Fesseln trug, bewegte er sich mit einer so selbstbewussten Arroganz, als sei er der Sieger der vergangenen Nacht.</p><p>�Ich begr��e dich in meinem Haus, Branbart von den Trollen�, sagte er mit wohlklingender Stimme. �Ich hoffe, meine Diener haben es dir in meiner Abwesenheit an nichts fehlen lassen.�</p><p>Orgrim verschluckte sich fast an einer Traube. Dieser Wicht hatte Schneid! Wie lange er wohl noch seinen Kopf auf den Schultern behalten w�rde?</p><p>Branbart setzte sein Trinkhorn ab und musterte den Elfen aus seinen tief liegenden Augen. Ganz offensichtlich war der K�nig �berrumpelt und wusste nicht gleich, was er antworten sollte.</p><p>�Wer bist du?�, stie� er schlie�lich hervor. Mit dieser eher einf�ltigen Frage hatte er kl�glich im Vergleich zu dem Elfen abgeschnitten, fand Orgrim. Selbst ein Keulenhieb w�re eine bessere Antwort gewesen.</p><p>�Der Besitzer dieses Palastes, F�rst Shahondin von Arkadien.� Er trat an die Festtafel und stach mit einem Finger in den riesigen Spie�braten. �Mir scheint, dieser Lamassu ist nicht ganz durch. Soll ich einen meiner K�che rufen lassen, damit du bedient wirst, wie es f�r einen gro�en Heerf�hrer angemessen ist?�</p><p>�Wir m�gen das Fleisch blutig�, grunzte Branbart. �Was willst du von mir, du Wicht?�</p><p>Der Elf lehnte sich an die Festtafel und sah sich gelassen um, bevor er dem K�nig eine Antwort schenkte. �Ich wollte dir dazu gratulieren, mir mein Wild gestohlen zu haben. Zwei J�ger hatte ich ausgeschickt, das Leben der Tyrannin Emerelle zu beenden. Und wie es scheint, bist du mir fast zuvorgekommen, gro�er Feldherr.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>Der arrogante Elf schaffte es, den K�nig, der mehr als f�nf K�pfe gr��er war als er, anzuschauen, als st�nde eine d�mmlich glotzende B�ffelkuh vor ihm. �Das F�rstenhaus Arkadien liegt in Blutfehde mit Emerelle. Ich hatte beschlossen, dass die K�nigin die vergangene Nacht nicht �berleben werde. Dank deinem Eingreifen konnte sie entkommen. Man hat mir berichtet, dass ihre S�nfte den Lotussteig hinauf geschafft wurde. Und bei allem Respekt f�r dein Maskenspiel, Heerf�hrer, die Leiche, die du auf dem Muschelfischermarkt ausstellst, tr�gt nicht einmal das Kleid, mit dem Emerelle gestern Abend angetan war. Vielmehr ist sie gekleidet wie jene ungl�ckliche Jungfer, die der K�nigin die Schwanenkrone brachte.�</p><p>Branbart fiel sein Trinkhorn aus der Hand. Auf dem Hof herrschte Totenstille. Orgrim fragte sich, wie viele Albenkinder die T�uschung durchschaut haben mochten. Emerelle war vor ihrer Kr�nung im Triumph durch die halbe Stadt gezogen. Tausende mussten sie gesehen haben.</p><p>Orgrim dachte, dass er ihrem Kleid wohl kaum Beachtung geschenkt h�tte. Zahl und Bewaffnung ihrer Leibw�chter h�tten ihn interessiert. Aber diese Elfen waren anders. Er konnte sich vorstellen, dass einige, die ihr nahe genug gekommen waren, sogar wussten, welchen Duft die Tyrannin aufgelegt hatte.</p><p>�Ich wollte dir meine Hilfe dabei anbieten, die fl�chtige K�nigin zu stellen. Wenn wir unsere Kr�fte vereinen, sollte es ein Leichtes sein, sie zu finden.� Shahondin schnippte l�ssig mit den Fingern und deutete auf einen der Kobolde, die am Feuer schufteten. �Slavak! Bring mir einen Becher mit Wein, leicht gek�hlt. Du wei�t, was mir um diese Tageszeit mundet.�</p><p>�Warum sollte ich dir trauen?�, fragte der K�nig und wischte sich mit dem Handr�cken �ber die Lippen. Er ma� den Elfen mit einem Blick wie ein Fleischhauer, der sich �berlegt, wie er eine B�ffelh�lfte aufteilt. Shahondin blieb davon unbeeindruckt. Er runzelte die Stirn, ging zum Stapel mit dem Brennholz und zog eine kleine, geschnitzte Figur daraus hervor. Kopfsch�ttelnd wischte er mit dem �rmel den Schmutz ab und stellte sie zur Seite. �Ein Bildnis meines Gro�vaters. Ich habe es geschnitzt, als ich sehr jung war. Es ist weit entfernt von jeglicher Vollkommenheit, doch wie es mit den Dingen aus Jugendtagen so ist, h�ngt mein Herz daran. Es w�re sehr entgegenkommend, wenn ihr davon absehen k�nntet, diese kleine Statue in die Zubereitung eures Mittagsmahls mit einzubeziehen. Und was deine Frage angeht, Branbart: Weder Freundschaft noch Liebe sind so best�ndig wie brennender Hass. Welchen besseren Verb�ndeten k�nntest du dir also w�nschen?� Der Kobold brachte Shahondin einen Trinkbecher aus Kristall und Silber. Der Elf prostete Branbart zu. �Ich trinke mit dir auf den Untergang der Tyrannin, gro�er Feldherr.�</p><p>Branbart war so �berrumpelt, dass er sich tats�chlich nach seinem Trinkhorn b�ckte. Merkt dieser Trottel denn nicht, wie er sich zum Lakaien des Elfen macht?, dachte Orgrim w�tend.</p><p>Der K�nig lie� sich auf einem der schweren Holzst�hle nieder und f�chelte sich mit einer Hand Luft zu. �Was f�r eine Hitze!�, murrte er und winkte den Wachen, die Shahondin vorgef�hrt hatten. �Bringt mir das Hirn dieses �berheblichen Elfen auf einem Holzbrett. Vielleicht werde ich ihn besser verstehen, wenn ich davon gekostet habe.�</p><p>�Du machst einen Fehler, Troll�, sagte der Elf gefasst. �Wenn du Emerelle nicht schnell fasst, wird sie es nicht dabei bewenden lassen, dich und dein Gefolge von einer Br�cke zu st�rzen. Sie wird daf�r sorgen, dass du niemals mehr wiedergeboren wirst.�</p><p>�Glaubst du, ich lasse mir von einem Wicht wie dir drohen?�, keifte der K�nig. �Los, zu Boden mit ihm. Ich zerdr�cke seinen Sch�del unter meinem Fu� wie einen fauligen Apfel.�</p><p>Die Wachen packten Shahondin, der nicht den geringsten Widerstand leistete. �Ich drohe dir nicht, Branbart. Ich sage lediglich, was sein wird.�</p><p>�Halt!� Skanga hatte sich von ihrem Stuhl erhoben. Mit m�den, schleppenden Schritten trat sie zu dem Elfen. Die Wachen hielten Shahondin noch immer zu Boden gedr�ckt. �Du bist ein tolldreister Mistkerl, F�rst. Ein Mann nach meinem Geschmack.� Sie b�ckte sich und strich mit ihrer knotigen Hand durch sein langes Haar. �Gibt es noch mehr F�rsten, die von so bewundernswertem Hass auf Emerelle erf�llt sind?�</p><p>�Ohne durch �bertriebene Anspr�che unangenehm auffallen zu wollen, m�chte ich doch darauf hinweisen, dass dies keine Lage ist, in der ich gew�hnlich ein gepflegtes Gespr�ch f�hre. Wenn es also nicht zu viele Umst�nde macht, w�re es sehr zuvorkommend von dir, wenn du diese beiden Knochenbrecher veranlassen k�nntest, mich loszulassen.�</p><p>Skanga bedeutete den Wachen mit einem Wink, den F�rsten freizugeben. Shahondin richtete sich auf und klopfte sich den Staub von den Gew�ndern. �Meinen Dank f�r dein Einschreiten, Teuerste.�</p><p>�Beantworte meine Frage, wenn dir an deinem Leben liegt.�</p><p>Der Elf sch�rzte, pikiert �ber ihre direkte Art, die Lippen.</p><p>�Mein Sohn, Vahelmin, hat der K�nigin ebenfalls Blutrache geschworen. Er ist ein ber�hmter J�ger und Bogensch�tze. Ich bin sicher, er wird von gro�em Nutzen sein, wenn wir Emerelle nachstellen.�</p><p>Skanga strich sich �ber ihr breites Kinn. �Ja, Elflein, das mag wohl sein. Wen hattest du denn damit beauftragt, die K�nigin zu t�ten?�</p><p>�Du wirst verstehen, dass ich �ber so delikate Angelegenheiten nicht gern rede. Deshalb sei nur so viel gesagt, dass meine Sippe den Tod Emerelles als eine Familienangelegenheit betrachtet.�</p><p>�Soll ich aus ihm herauspr�geln, wer seine Meuchler sind?� fragte Dumgar.</p><p>�Ich versichere euch, eine Behandlung dieser Art w�rde auf immer meine Lippen versiegeln�, entgegnete der Elf stolz.</p><p>�So fest wollte ich eigentlich nicht zuschlagen�, erwiderte Dumgar. �Zumindest noch nicht am Anfang. Wirst du ihn mir �berlassen, mein K�nig?�</p><p>�Ich beanspruche ihn und seinen Sohn als meine Kriegsbeute�, sagte Skanga leise, �und ich w�nsche nicht, noch l�nger dar�ber zu schachern.�</p><p>Der Elf machte eine galante Verbeugung vor der Schamanin.</p><p>�Ich bin entz�ckt, die Beute einer so ... liebreizenden Dame zu sein.�</p><p>�Die Freude liegt ganz auf meiner Seite.� Skanga bedachte ihn mit einem zahnl�ckigen L�cheln, dann gab sie den Wachen ein Zeichen. �F�hrt ihn ab und achtet gut auf ihn. Findet seinen Sohn, diesen Vahelmin! Bringt mir die beiden eine Stunde vor der D�mmerung in mein Zelt.� Die Schamanin zog sich in den Schatten des Kreuzgangs zur�ck und �berlie� den K�nig und seine Kumpanen ihrem Gelage. Bald darauf setzte sie sich neben Orgrim nieder. Jetzt wirkte die Alte wieder schwach und ausgebrannt. Orgrim fragte sich, wer sie wirklich war: eine energische Furie, die jeden Widerstand brach, selbst dem K�nig Befehle erteilte und ihre Macht hinter der Maske der Hinf�lligkeit verbarg? Oder war sie tats�chlich nur eine ersch�pfte alte Frau, die in ihren Sternstunden noch einmal zu ihrer alten Macht zur�ckfand? Orgrim hoffte, dass er nicht oft genug mit ihr zu tun hatte, um die Wahrheit herauszufinden. Ohne es wie eine Flucht aussehen zu lassen, versuchte er sich davonzumachen, denn in einem Punkt war er sich sicher: Skanga war ihm unheimlich!</p><p>�Hast du etwas gelernt, Welpe?�, fragte sie ihn mit ihrer leisen, eindringlichen Stimme. �Ist dir an dem Elfen etwas aufgefallen?�</p><p>�Tja ...� Die Frage �berraschte Orgrim. Was sollte das? Hatte die Alte etwa beschlossen, ihn zu ihrem Z�gling zu machen? Ihn schauderte bei dem Gedanken. �Er war �berheblich ... Aber mutig.� Orgrim senkte seine Stimme. �Mir hat gefallen, wie er dem K�nig zugesetzt hat.�</p><p>�Branbart ist nicht so ein Trottel, wie es scheint. H�te dich vor ihm, Orgrim. Wenn er dein Feind ist, wirst du nicht mehr sehr alt werden.� Skanga rieb sich ihre milchigen Augen und r�ckte tiefer in den Schatten. �Ist dir aufgefallen, dass dieser Mistkerl von einem Elfen Branbart nicht ein einziges Mal mit seinem K�nigstitel angesprochen hat? Er hat ihn mit jedem seiner S�tze verspottet und beleidigt. So sind sie, die Elfen. Es ist kein b�ses Wort �ber seine Lippen gekommen, und doch hat er sein Bestes gegeben, Branbart blo�zustellen. In einem hast du allerdings Recht. Er ist wirklich mutig. Mutig und von Hass durchdrungen. Und er h�lt uns f�r dumm. Er wird ein n�tzlicher Verb�ndeter sein.�</p><p>�Du traust einem Elfen?�, fragte Orgrim �berrascht.</p><p>Skanga schnalzte mit der Zunge. �Habe ich das vielleicht gesagt? Du musst lernen, genau zuzuh�ren, Welpe. In dir stecken alle Anlagen zu einem Herzog.� Sie l�chelte hintersinnig. �Ich rate dir, halte dich in meiner N�he. Wom�glich hat auch Branbart erkannt, was in dir steckt. Dann wird er versuchen, dich umbringen zu lassen. Ich bin sicher, er w�re ein guter Herrscher geworden, wenn ihn nicht dieser m�rderische Schlag vor die Stirn getroffen h�tte. Der Dickkopf hat mir damals verboten, meine Kr�fte zu nutzen, ihn zu heilen. Er bef�rchtete wohl, ich k�nnte ihn umbringen. Seitdem l�uft ihm ununterbrochen die Nase. Deshalb spuckt er dauernd Schleim. Das hat sein Selbstbewusstsein zerst�rt. Er hat treue Krieger erschlagen, nur weil er sich einbildete, sie h�tten ihn sp�ttisch angesehen. Sein Makel macht ihn langsam wahnsinnig. Er f�rchtet mich, weil er glaubt, ich w�rde ihn eines Tages t�ten, damit sich seine Seele in einen neuen K�rper kleiden kann.� Sie strich sich wieder �ber ihre Augen. �Nur eine N�rrin w�rde es wagen, in das empfindliche Gleichgewicht von Tod und Wiedergeburt einzugreifen. Seine Stunde wird kommen, ohne dass ich etwas dazutue.�</p><p>Orgrim h�tete sich, auf ihre Bemerkung einzugehen. Er hatte das Gef�hl, dass jedes Wort nur falsch sein konnte. Schon jetzt war er dem K�nigshof viel zu nahe gekommen. Es w�re besser, unter einfachen Kriegern an einem der vielen Feuer zu sitzen und den Sieg mit einem Festmahl zu feiern.</p><p>Skanga erhob sich mit einem Seufzen. �Ich erwarte dich eine Stunde vor der D�mmerung in meinem Zelt am Hafen. In dieser Nacht wird sich etwas ereignen, was du sehen solltest.� Sie wirkte jetzt weniger hinf�llig als vorhin, als sie sich von ihrem Stuhl in der Sonne erhoben hatte. Vielleicht weil sie ein Gesch�pf des Schattens war? Orgrim bekam eine G�nsehaut bei dem Gedanken, in das Zelt der Schamanin geladen zu sein. Zur selben Stunde, in der auch die Elfen kommen sollten! Was hatte sie vor?</p><p>�Ach, Orgrim.� Skanga war stehen geblieben, drehte sich aber nicht zu ihm um. �Du solltest von dem Lamassu auf dem Spie� kosten. Sein Fleisch schmeckt wie Rind, aber auch ein wenig wie Gefl�gel. Sehr ungew�hnlich. Einen solchen Braten wird es so schnell nicht wieder geben. Und es hei�t, er hat gut gek�mpft. Im Wassergarten, nahe den Baums�mpfen, hat er eine ganze Meute Krieger niedergestreckt. Eine zweite Jagdmeute hat ihn in den H�hlen unter der Stadt gestellt und erschlagen. Das ist sehr gutes Fleisch, Orgrim. Sehr gutes Fleisch.�</p></section><section><title><p>Der Pfeil in der Kehle</p></title><p>Hundegekl�ff lie� Ole aufschrecken. Sein Kopf brummte wie ein Bienenstock. Er war neben der Sch�ssel mit Hirsebrei eingeschlafen. Der Tisch war klebrig von vergossenem Met. �Still, ihr Mistviecher!�, schrie er, was ihm sofort Leid tat. War der L�rm der Hunde schon wie Dolchstiche in seinen Sch�del, so traf ihn sein eigenes Geschrei wie ein Axthieb. Verdammter Met! Er hatte zu fr�h zu viel getrunken!</p><p>Benommen kam Ole auf die Beine. Durch das winzige, mit d�nn geschabtem Leder bespannte Fenster drang kaum Licht in seine H�tte. Drau�en steigerte sich das Gekl�ff der Hunde noch weiter. Vor ein paar Wochen hatte er das schon einmal erlebt. Da hatte es ein Fuchs gewagt, zwischen den Zwingern herumzustolzieren, und seine Hunde waren fast durchgedreht, weil sie an den Rotpelz nicht herangekommen waren.</p><p>Neben der T�r hing der breite Brustgurt, in dem all seine Peitschen steckten. Eine f�r jeden Hund. Sieben St�ck. Er warf sich den Gurt �ber die Schulter und griff noch nach einem schweren Holzkn�ppel, der am Tisch lehnte. Diese Kl�ffer sollten ihn kennen lernen! Er w�rde ihnen das Fell gerben. Das war der einzige Weg, wie man einem Hund etwas beibringen konnte.</p><p>Als Ole die T�r aufdr�ckte, verstummten die Hunde schlagartig. Feige Bande! Sie wussten, was ihnen bl�hte. Er w�rde sie lehren, sich nicht von einem r�udigen Fuchs �rgern zu lassen! Die Sonne stand tief �ber den Bergen im Westen. Das Licht traf ihn wie zwei gl�hende Pfeile, die durch seine Augen fuhren. Verfluchter Met! Er hatte das Gef�hl, sein Kopf m�sse zerspringen. Vor Schmerz wurde ihm �bel. Er st�tzte sich gegen den T�rrahmen.</p><p>Jetzt erst merkte er, dass auch die V�gel in den B�umen schwiegen. Unheimlich still war es geworden. Er blinzelte. Da war eine Gestalt! Wie aus dem Nichts stand sie vor ihm. Gegen das Licht sah er im ersten Augenblick kaum mehr als einen Schattenriss. Seine Augen tr�nten.</p><p>�Welches Haus geh�rt Alfadas?�, fragte eine Frauenstimme, die sich seltsam anh�rte. Wer immer dort sprach, kam nicht aus dem Fjordland. Die Stimme war singend. Selbst die einfachen Worte klangen wie ein leises Lied. �Ich beherrsche deine Sprache nicht gut. Du musst entschuldigen.�</p><p>Langsam kam Farbe in den Schattenriss. Ole rieb sich die tr�nenden Augen. Vor ihm stand ein fremdes Weib. Ihr langes Haar war zur�ckgek�mmt und zu einem Zopf geflochten. Die Kleider starrten vor Dreck. Es waren ungew�hnliche Kleider. Ein sehr enges Lederwams und eine zerrissene Hose, die unanst�ndig viel Bein sehen lie�. Ihre wei�en Schenkel hatten etwas Aufreizendes. Ole sp�rte, wie sein Gem�cht sich erhob. Vielleicht war sie eine Wanderhure? Und sie klopfte an seine T�re! Luth meinte es heute gut mit ihm. Sie hielt sogar einen Wanderstab in der Hand. Lange, schlanke Finger hatte sie. Er stellte sich vor, wie diese Finger seinen Stab umschlossen. Sie war vielleicht ein bisschen d�rr, aber er wollte nicht mit dem Schicksal hadern.</p><p>�Verstehst du mich? Ich habe deine Sprache lange nicht gesprochen.� Sie l�chelte entschuldigend.</p><p>Unglaublich, dachte Ole. Sie hatte noch alle Z�hne, und sie erstrahlten wei� wie Gletschereis. �Ich versteh dich gut, sehr gut.� Er griff nach ihrem Arm. �Ich wei�, was du jetzt brauchst. Komm rein.� Er blinzelte. Jetzt sah er ganz klar. Ihre Augen! Bei allen G�ttern! Sie sahen aus wie von einem Wolf. Und die Ohren! Ole lie� sie los. Solche Ohren hatte er noch nie an einem Menschen gesehen. Sie waren lang und spitz.</p><p>�Ich brauche Alfadas�, sagte die Fremde immer noch freundlich. �Ist er dort drinnen?�</p><p>Ole musste sich am T�rrahmen festhalten. Er hatte das Gef�hl, dass ihm jeden Augenblick die Beine wegknicken w�rden. Der Jarl hatte die Elfen gerufen! H�tte er gestern Nacht nur den Mund gehalten und sich nicht dazu hinrei�en lassen, Alfadas zu beleidigen. �Ich ... also ...�, stammelte er. �Bitte tu mir nichts!� Jetzt erkannte er, dass die Elfe keineswegs einen Wanderstab in H�nden hielt, sondern einen Bogen, auf den keine Sehne aufgezogen war.</p><p>�Du riechst nach Angst wie deine Hunde. Warum? Welchen Grund hast du, mich zu f�rchten?�</p><p>Ole f�hlte sich, als w�re seine Zunge an den Gaumen genagelt. Er brachte kein Wort hervor und zitterte am ganzen Leib.</p><p>�Bist du vielleicht krank, Menschensohn? Komm, ich bringe dich hin�ber zu den H�tten, damit sich deine Leute um dich k�mmern.�</p><p>Sie schlang ihm den Arm unter den Achseln hindurch und zog ihn mit sich. Sie roch fremd. Wie der Wald. Ganz anders als Menschen. Der einzig vertraute Duft an ihr war ein schwacher Geruch nach Rauch. Sie war stark. Ohne M�he st�tzte sie ihn und half ihm zu gehen.</p><p>Die Hunde lagen in ihren Zwingern flach auf den Boden gepresst und verhielten sich ganz still. Sie wussten, wer da gekommen war, ihn zu holen.</p><p>Als sie halb um das Haus herum waren, sah er die anderen. Einige Elfen und ein Pferd, aus dessen Brust ein M�nnerleib wuchs! Ole sp�rte, wie sich seine Blase entleerte. Bei allen G�ttern! H�tte er gestern nur geschwiegen! Er w�rde nie wieder ein b�ses Wort �ber den Jarl verlieren, wenn er diesen Abend �berlebte!</p><p>Der Pferdemann hielt ein M�dchen mit verbranntem Gesicht in seinen Armen. Und neben ihm lief ein kleiner, h�sslicher Kerl her, der Ole verschlagen mit seinen gelben Augen ansah. Einem der Elfen steckte ein abgebrochener Pfeil in der Kehle, aber er lebte! �berhaupt machte die kleine Gruppe einen heruntergekommenen Eindruck. Ihre Kleidung war abgerissen, und fast alle waren verwundet. Der Pferdemann und zwei andere hatten einen seltsamen Hautausschlag. Kr�tze schien es nicht zu sein, aber es sah nicht gut aus. Dicke, rote Beulen entstellten ihre Gesichter.</p><p>Die Elfe, die ihn abgeholt hatte, lie� sich nichts anmerken, als er sich in die Hose machte. Aber der kleine Kerl grinste ihn b�se an, als er den Fleck sah.</p><p>Oles H�tte lag fast eine Meile von Firnstayn entfernt. Sie stand hoch am Ufer, und man hatte von dort einen guten Blick hin�ber zum Dorf. Die Elfe deutete auf die kleine Siedlung und wiederholte noch einmal ihre Frage nach dem Haus des Jarls.</p><p>Ole zeigte auf den lang gestreckten Holzbau am Dorfrand. Daraufhin stie� der Kerl mit dem Pfeil im Hals ein R�cheln aus und deutete in weitem Bogen um das Dorf herum. Offenbar wollte er so wenig Aufsehen wie m�glich erregen. Ole hoffte, dass der Wachturm besetzt war. Doch er wusste nur zu gut, wie selten man diese Pflicht noch ernst nahm. Seit vielen Jahren waren keine Feinde mehr in der Gegend gewesen. Die kleine Gruppe machte sich auf den Weg. �Man wird dir sicher helfen�, erkl�rte die Elfe, die ihn st�tzte.</p><p>�Mir geht es gut�, beteuerte er. �Ich kann selbst nach mir sehen. Ihr braucht euch keine M�he mit mir zu geben.�</p><p>Die J�gerin sah ihn zweifelnd an und sagte dann etwas zu dem Mann mit dem Pfeil im Hals. An seiner Stelle antwortete der kleine Kerl. Es klang irgendwie abf�llig. Der Pferdemann lachte.</p><p>�Meine Gef�hrten sind der Meinung, dass du nicht schwer krank bist und wir dich wirklich zur�cklassen k�nnen. Ich m�chte mich im Namen aller entschuldigen, falls wir dich erschreckt haben sollten.� Sie half ihm, sich auf einem Stein am Wegesrand niederzusetzen. Dann zog die kleine Gruppe weiter.</p><p>Bald verlie�en sie den Pfad zum Dorf und suchten Deckung im Dickicht des Waldrandes. Dort verlor auch Ole sie schnell aus dem Blick.</p><p>Der Hundez�chter sah zum Hartungskliff hin�ber. Der Berg sah aus wie immer. Er hatte erwartet, oben zwischen den stehenden Steinen Banner wehen zu sehen oder noch weitere Elfen zu erblicken. Doch da war nichts. �Dank dir, Luth�, murmelte Ole leise. Er w�rde hinauf in die Berge steigen und den Eisenb�rten ein Opfer bringen. Der Schicksalsweber hatte sich gn�dig gezeigt.</p><p>Bevor er seine Pilgerreise antrat, sollte er dringend die Einwohner Firnstayns warnen. Sie mussten wissen, was f�r eine Brut dort gekommen war, um sich unter dem Dach des Jarls zu verbergen. Pferdem�nner, Elfen und Kobolde! Er hatte schon immer gewusst, dass nichts Gutes dabei herauskommen konnte, dieses Halbblut Alfadas ins Dorf aufzunehmen. Die Freunde von ihm w�rden �rger machen! Sie rochen f�rmlich danach! Zuallererst aber sollte er seine Hose wechseln.</p></section><section><title><p>Das Ritual</p></title><p>Das Abendrot f�rbte das Wasser des Hafens rot wie frisch vergossenes Blut. Schwarz zeichneten sich die ausgebrannten Wracks der Elfenschiffe gegen die Fluten ab. Es wimmelte nur so von Haien im Hafenbecken. Gierig stritten sie um das Aas. Es war dr�ckend schw�l, und unertr�glicher Verwesungsgeruch trieb �ber dem Wasser. Orgrim rann der Schwei� in breiten Bahnen �ber den nackten Oberk�rper. Mit gemischten Gef�hlen blickte er zur�ck zur Stadt. Er hatte seine Waffen und seine wenigen Habseligkeiten zur�ckgelassen. Hoffentlich k�mmerte sich Boltan darum. Als Orgrim vor weniger als einer halben Stunde in den Hafen gekommen war, hatte ihm Skanga befohlen, an Bord ihres Schiffes, der <emphasis>Geisterwind</emphasis>, zu gehen. Es war keine Zeit mehr geblieben, in die Stadt zur�ckzukehren und seine Sachen zu holen.</p><p>Steuerbord sch�umte das Wasser auf. Riesige Kiefer stie�en aus der See und zerteilten eine der treibenden Leichen mit einem einzigen Biss. Ein abgetrennter Arm drehte sich tr�ge in der roten Flut. Es schien, als winke er Orgrim einen Abschiedsgru� zu, dann versank er.</p><p>Mit einem mulmigen Gef�hl wandte der Troll den Blick ab. Skanga hatte nicht gesagt, was sie von ihm wollte oder wohin die Fahrt gehen sollte. Das gro�e Schiff glitt zwischen den in fahlem Wei� leuchtenden T�rmen an der Hafeneinfahrt hindurch. Die See lag spiegelglatt vor ihnen. Obwohl sich nicht das geringste L�ftchen regte, knarrten die Segel der <emphasis>Geisterwind</emphasis> und bl�hten sich. Orgrim hatte schon viele Geschichten �ber das Schiff der Schamanin geh�rt. H�tte er gewusst, dass sie ihn nicht in ihrem Zelt empfangen wollte, sondern an Bord dieses verfluchten Schiffes befehlen w�rde, dann w�re er erst gar nicht gekommen.</p><p>Skanga stand auf dem Achterdeck. Sie hatte eine Hand feierlich auf ihr Herz gelegt und blickte nach Osten.</p><p>Wie in feierlicher Prozession strebten dreieckige Haifischfinnen dem Hafen entgegen. Es mussten hunderte sein. F�r den Augenblick vertrieb der �rger �ber all das verlorene Fleisch seine Furcht. Er hatte auch Ger�chte �ber ein gro�es Fest geh�rt, das morgen im Rosenturm gefeiert werden sollte. Bis dahin w�rde er wohl kaum zur�ck sein.</p><p>Ein St�ck voraus standen Shahondin und sein Sohn am Hauptmast der <emphasis>Geisterwind</emphasis>. Wie konnte Skanga diesen beiden Wichten nur trauen? Sie verrieten ihr eigenes Volk! Warum sollten sie den Trollen Treue erweisen?</p><p>Die gro�e Galeasse machte gut Fahrt. Ihr Rumpf schwenkte langsam nach Osten und hielt auf das Waldmeer zu. Orgrim kauerte sich am Schanzkleid nieder und beobachtete die Besatzung. Es hie�, dass Skanga jeden einzelnen ihrer M�nner pers�nlich ausgesucht hatte. Auch einige von seinen Leuten waren vor der Invasion an Bord der <emphasis>Geisterwind</emphasis> befohlen worden. Die Schamanin wollte auch Boltan haben. Orgrim hatte seinen Gesch�tzmeister nur behalten, weil der nach dem Zwischenfall mit der Feuerkugel schwer verletzt gewesen war. Beunruhigt �berlegte Orgrim, ob Skanga an ihm Gefallen gefunden haben k�nnte. Der Schamanin ging ein gewisser Ruf voraus. Lieber w�rde Orgrim darauf verzichten, je wieder mit einem Weib sein Lager zu teilen, als sich mit dieser alten Vettel einzulassen. Sollte sie sich doch mit den beiden Elfen vergn�gen! Er grinste bei der Vorstellung, was Skanga mit den beiden wohl alles anstellen mochte. Hochn�siges Pack! Jetzt war es an den Elfen zu lernen, was es hie�, der Gnade der Sieger ausgeliefert zu sein.</p><p>Seine Gedanken schweiften ab, und er br�tete dar�ber, wie gro� wohl seine Aussichten waren, jemals wieder von einem Weib auserw�hlt zu werden. In der Nacht, nachdem er Rudelf�hrer geworden war, war er zum ersten Mal erw�hlt worden. Es waren stets die Weiber, die entschieden, wem sie sich hingaben. Und sie nahmen sich nur die Ber�hmtesten oder Gr��ten unter den Kriegern. Gran stand trotz seines niederen Ranges in hohem Ansehen bei ihnen, dachte Orgrim eifers�chtig. Und der Mistkerl lie� keine Gelegenheit aus, mit seinen Abenteuern zu prahlen.</p><p>Auf zehn Krieger kam ein Weib. Viele Trolle warteten ihr ganzes Leben lang vergeblich darauf, erw�hlt zu werden. Das war der Fluch seines Volkes. Ihre Weiber waren nicht unfruchtbar, so wie man es von den Elfen erz�hlte, wo nur wenige Kinder geboren wurden. Die meisten Weibchen gebaren st�ndig neue Brut. Aber sie waren ein Volk von Kriegern. Die Weiber blieben wohl verborgen und gut bewacht in den Felsenburgen. Jede von ihnen hatte drei oder vier Leibw�chter, die sie herumkommandieren konnte.</p><p>Orgrim dachte an den Einfluss, den Skanga auf den K�nig hatte. Vielleicht waren sie ja insgeheim ein Volk, das von seinen Weibern kommandiert wurde. Er l�chelte in sich hinein. Aber das w�rde immer ihr Geheimnis bleiben. Fremde bekamen niemals ein Trollweib zu sehen. Unter den �brigen Albenkindern machte eine Legende die Runde, dass Trolle in dunklen H�hlen aus Stein geboren wurden. Sollten sie das nur glauben! Es w�rde die Furcht sch�ren, die viele vor ihnen empfanden.</p><p>Das sanfte Wiegen der Wellen lie� den Troll eind�sen. Es war angenehm, keine Verantwortung f�r das Schiff zu haben, auf dem man reiste. Im Halbschlaf dachte er an die wenigen N�chte zur�ck, die er mit Weibern verbracht hatte. An die liebestollen Ringk�mpfe, den Duft ihrer schwei��berstr�mten Leiber. Die wunderbaren T�towierungen auf den kahlen Sch�deln seiner Gespielinnen, �ppige Br�ste und starke, zupackende H�nde.</p><p>Ein Ruf riss Orgrim aus dem Halbschlaf. Er sp�rte, wie das Schiff an Fahrt verlor. Blinzelnd sah er sich um. Der Mond stand hoch am Himmel. Es mussten drei oder vier Stunden vergangen sein, seit sie Vahan Calyd verlassen hatten. Zwei Anker rasselten ins Wasser. Mit dem Flaschenzug am Hauptmast wurde eines der gro�en Beiboote zu Wasser gelassen. Die Seeleute versahen ihren Dienst tadellos. Doch es herrschte eine gedr�ckte Stimmung an Bord. Nie wurde geflucht oder gelacht. Die M�nner verrichteten ihre Arbeit in verbissener Stille. Eine Aura der Angst lag �ber der <emphasis>Geisterwind</emphasis>.</p><p>Ein Trupp Ruderer sammelte sich mittschiffs unter dem Kommando eines jungen Rudelf�hrers. Ringsherum ragten riesige Zeugenb�ume aus der See. Die <emphasis>Geisterwind</emphasis> musste tief ins Waldmeer vorgesto�en sein, w�hrend er geschlafen hatte. Etwa eine halbe Meile entfernt erhob sich eine Insel gleich einem gro�en Fangzahn aus der See. Am Strand brannten einige Feuer.</p><p>Schlurfende Schritte lie�en Orgrim herumfahren. Skanga! Sie trat ans Schanzkleid und winkte ihn zu sich her�ber. Mit einer knappen Geste deutete sie zur Insel. �Da haben unsere Sp�her heute Mittag die Spur der Fl�chtigen aufgenommen und wieder verloren�, erkl�rte die Schamanin. �Es gibt dort einen gro�en Albenstern. Ich hatte geahnt, dass Emerelle und ihre Getreuen an einen Ort wie diesen kommen w�rden. Sie waren schnell.�</p><p>�Werden wir sie dann noch stellen k�nnen?�</p><p>Skanga bedachte ihn mit einem �rgerlichen Blick. �Zweifelst du an meinen F�higkeiten? Die Elflein haben sich mit dieser Flucht ein wenig Zeit erkauft, mehr nicht. Im Labyrinth der Albenpfade k�nnen sie tausend Wege eingeschlagen haben. Ich werde einen besonderen Zauber wirken m�ssen ...� Sie sah zu den beiden Elfen. �Und die hochverehrten Elfenf�rsten werden mir dabei eine gro�e Hilfe sein. Komm mit mir, Orgrim. Ich w�nsche, dass du alles verstehst, was heute Nacht geschieht.�</p><p>Skanga stieg in einen Sitz aus geflochtenen Lederriemen und lie� sich mit dem Flaschenzug �ber Bord hieven. Gest�tzt von zwei Kriegern, stieg sie aus und lie� sich im Beiboot nieder. Pl�tzlich st�rzte sich eine ganze Gruppe Trolle auf die beiden Elfenf�rsten. Sie wurden gefesselt und ohne auf ihre Proteste zu achten, �ber Bord geworfen. Vom Boot aus fischte man sie mit langen Stangen aus dem Wasser. Orgrim sah mit gemischten Gef�hlen dabei zu. Den ganzen Tag �ber beteuerte Skanga, wie wichtig diese beiden Elfen waren. Und dann wurden sie so behandelt, nur um sich die Plackerei zu ersparen, sie mit dem Flaschenzug herabzulassen.</p><p>Der Troll kletterte das Fallreep hinab und lie� sich am Bug des Bootes nieder. Die Ruderer stie�en das kleine Gef�hrt vom Rumpf der <emphasis>Geisterwind</emphasis> ab und begannen aus Leibeskr�ften zu pullen. Dabei hielten sie respektvollen Abstand zu den Zeugenb�umen, die von stachelartigen Wurzeln umringt waren. Der Mond �berzog das Meer mit metallenem Licht. Jede Welle und jede Klippe hob sich �berdeutlich von der silbernen See ab. Orgrim konnte sehen, wie sich Krabben die zerkl�fteten St�mme der Baumriesen hinaufarbeiteten. Was war dies nur f�r eine seltsame Weltgegend! Es gab B�ume, die das Land verlie�en, um in der offenen See zu wurzeln, und Krabben, die das Meer verlie�en, um auf B�ume zu steigen. Was die Viecher dort oben zwischen den �sten wohl machten? Nisten?</p><p>Sie hatten sich der Insel nun auf fast hundert Schritt gen�hert. Zwei Trolle mit Fackeln standen am Eingang einer felsigen Bucht. Nahe der Insel war die See zerw�hlt. Riffe schienen die Bucht zu sch�tzen wie Mauerringe eine Burg.</p><p>Das Boot begann in der unruhigen See zu schaukeln. Gischt spr�hte ihnen in die Gesichter. Der Bootsf�hrer riss die Ruderpinne herum und brachte sie auf einen Kurs parallel zu den Riffen. Sie hielten jetzt auf einen Zeugenbaum zu, der wie ein Wachturm am n�rdlichen Ende der Zufahrt stand.</p><p>�Wir kommen hier nicht durch!�, rief der Bootsf�hrer verzweifelt. �Die Ebbe hat bereits begonnen. Das Wasser steht zu niedrig, um noch in die Bucht einfahren zu k�nnen. Die Riffe w�rden uns den Rumpf zerrei�en.� Orgrim sah, dass das Fahrwasser dicht beim Baum ruhiger war. �Versuch es dort dr�ben!�</p><p>Der Bootsf�hrer sch�ttelte den Kopf. �Dort m�ssen Wurzeldornen sein! Die sind nicht weniger gef�hrlich als die Korallen.�</p><p>�Mamk, �berlass Orgrim das Ruder!�, befahl Skanga.</p><p>Der Bootsf�hrer sah ihn hasserf�llt an, erhob sich aber von seinem Platz im Heck. Als Orgrim sich an ihm vorbeidr�ngte, zischte ihn der andere an: �Du hast wohl vor, jetzt jeden Tag ein Boot zu versenken, Klugschei�er! �</p><p>Orgrim versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber die Worte hatten ihn tief getroffen. Warum hatte er auch nicht den Mund gehalten? Das war nicht sein Boot. Es ging ihn nichts an, wenn der Bootsf�hrer vor einer schwierigen Passage kniff. Jetzt hatte er den �rger am Hals. Und er konnte sich keine Niederlage mehr leisten. Er nahm auf der Bank im Heck des Bootes Platz und legte den rechten Arm auf die Pinne des Ruders. Das dunkle Holz schmiegte sich angenehm in seine Hand. Orgrim schloss die Augen und versuchte eins zu werden mit dem Boot und der aufgew�hlten See. Er sp�rte, wie die Wellen den Rumpf sanft hoben.</p><p>�Die Ruder flach!�, befahl er mit fester Stimme.</p><p>Zwei Dutzend M�nner starrten ihn an. Die meisten von ihnen blickten unfreundlich. Offenbar war der Bootsf�hrer beliebt. Zumindest beliebter als irgendein dahergelaufener Fremder, dem der Ruf vorauseilte, dass er auf dumme Art ein Schiff verloren hatte.</p><p>Orgrim konzentrierte sich ganz auf die Wellen. In den kalten Meeren des Nordens, die er mit der <emphasis>Donnerer</emphasis> befahren hatte, war es so, dass jede siebte Welle mit gr��erer Kraft heranrollte. Doch dies hier war eine andere Welt. Ein fremder Ozean, in dem B�ume wuchsen. Hier mochte das Meer einen ganz anderen Rhythmus haben. Jetzt! Das Boot war st�rker angehoben worden. Er drehte es in die Welle und begann zu z�hlen. �Worauf wartet der noch?�, raunte einer der Ruderer.</p><p>Nicht aus der Ruhe bringen lassen, dachte Orgrim. Vier. Er sp�hte auf die enge Durchfahrt. Gerade weil der Mond wie eine Laterne am Himmel erstrahlte, erschienen Orgrim die Schatten der Nacht nur umso tiefer. Er konnte einzelne Wurzeldornen erkennen. Aber sie schienen im Bereich der Durchfahrt keine geschlossenen Kreise zu bilden. Jemand hatte eine Bresche in die Verteidigungsw�lle des Zeugenbaums geschlagen. Auf irgendeinem Weg mussten doch auch die Elfen in die Bucht gelangt sein. Orgrim konnte sich nicht vorstellen, dass diese Wichte immer bis zum h�chsten Stand der Flut warteten. Das passte so gar nicht zu ihrer �berheblichen Art. Sie hatten sich einen Weg gebahnt. Ganz bestimmt!</p><p>�Alles vor!�, kommandierte er.</p><p>Und sicher haben sie auch eine Falle gestellt, meldete sich eine leise Stimme in seinem Hinterkopf. Heimt�cke war einer der ausgepr�gtesten Wesensz�ge dieser Wichtel. Orgrim starrte angespannt in die Finsternis. War da etwas?</p><p>�Wagst du die Durchfahrt nicht, nun, da du das Ruder f�hrst?� fragte Skanga.</p><p>Orgrim f�hlte, wie sich seine Ged�rme zusammenzogen. Den Zorn der Schamanin zu erwecken, war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Seine Faust schloss sich fester um die Ruderpinne. �Und los! Pullt!�, befahl er den M�nnern.</p><p>Die Trolle legten sich so kr�ftig in die Riemen, dass das Boot einen regelrechten Satz nach vorn machte. Orgrim steuerte an einigen Wurzeldornen vorbei. Sie waren dem felsigen Ufer sehr nahe gekommen. Wieder spritzte Gischt ins Boot. Wie eine riesige Hand zerrte die Macht der Gezeiten an dem zerbrechlichen Gef�hrt. Sie hatten das ruhige Fahrwasser in der Bucht fast erreicht, als Orgrim entdeckte, was er bef�rchtet hatte. Eine letzte Reihe Dornen. Bis zu diesem Hindernis war eine Gasse durch die Dornenkr�nze des Zeugenbaums geschlagen. Die ganze Zeit �ber hatte Orgrim stumm den Rhythmus der Wellen mitgez�hlt. W�rde die siebente Welle das Boot hoch genug anheben, um es �ber die Dornen zu bringen?</p><p>�Die Ruder halt! Alles zur�ck!�, befahl er den Trollen. Sie durften es nicht zu fr�h versuchen. Die Ruderer stemmten sich in die Riemen. Langsam zog der Gezeitensog sie in den Kanal zur�ck. Orgrim blickte hinaus aufs Meer. Da war sie. Eine feine Linie, die �ber die See auf sie zueilte. Einen Augenblick noch ... Sie durften nicht zu weit vom Hindernis entfernt sein, wenn die Welle sie packte.</p><p>�Und vor! Jetzt!� Die Ruderer k�mpften ein weiteres Mal gegen die Gewalt der Ebbe an. Das Boot wurde von der D�nung angehoben. Sie ritten auf dem Wellenkamm. Orgrim wusste, dass dies nur f�r ein oder zwei Herzschl�ge gut gehen konnte. Ihr Boot war zu schwer und zu lang, um sich lange auf dem Wellenkamm zu halten.</p><p>Orgrim hielte den Atem an. Sie setzten �ber die Dornenbarriere hinweg. Da erklang ein nervenzerrei�endes Knirschen. Orgrim konnte f�hlen, wie das hintere Drittel des Rumpfes auf den Dornen aufsetzte. Einen Augenblick lang schien es, als wolle der Gezeitenstrom sie zur�ck aufs Meer ziehen. Dann schob sie eine neue Welle voran. Knirschend kam das Boot frei. Orgrim rechnete damit, dass die harten Holzdornen den Rumpf der L�nge nach aufschlitzten. Ein trockenes Krachen k�ndete von einer gesplitterten Planke. Sie glitten in das ruhige Fahrwasser der Bucht. Ein paar Ruderschl�ge, und das Boot lief auf dem schmalen Sandstrand auf.</p><p>Eine Gruppe von Kundschaftern kam ihnen entgegen. Sie hoben Skanga auf ihre Schultern und trugen sie den Strand hinauf.</p><p>�Das hast du gut gemacht, Welpe!�, lobte ihn die Schamanin, als sie wieder auf eigenen F��en stand.</p><p>�Dein Bootsf�hrer h�tte es gewiss nicht schlechter gemacht.� Orgrim war nicht im Geringsten daran gelegen, sich in Skangas Gunst einzuschleimen. �Er kennt das Boot besser. Wahrscheinlich w�re er nicht einmal auf den Wurzeln aufgesetzt.�</p><p>�Schm�lere deine Taten nicht. Das erledigen deine Neider schon. Spiel ihnen nicht in die H�nde, Welpe. Und jetzt komm mit! Du wirst genau tun, was ich dir sage, und keine dummen Fragen stellen.�</p><p>Der Anf�hrer der Kundschafter gesellte sich zu ihnen. Er war ein bulliger Kerl. Ein wenig kleiner als Orgrim, hatte er eine breite Brust, die mit wulstigen Schmucknarben bedeckt war. Sie zeigten das Abbild eines Falken. Bis auf drei Z�pfe hatte der Kundschafter seinen Sch�del kahl rasiert. Sie hingen ihm �ber die rechte Schulter hinab und waren mit Falkenfedern geschm�ckt. Seine Haut erschien im Mondlicht graugr�n und hatte helle Einsprengsel.</p><p>Der Blick des F�hrtenlesers wirkte seltsam. Seine Augen strahlten eine wohlwollende W�rme aus, wie Orgrim es bei den Weibern erlebt hatte. Gewiss hatte sein Gegen�ber daf�r schon manchen Spott in seinem Leben geerntet. Helle Narben auf Armen und Beinen zeigten, dass er Streit nicht aus dem Weg ging. Am rechten Oberarm, halb unter den Z�pfen verborgen, zeugten vier helle Striemen vom Kampf mit einem H�hlenb�ren. Nein, dachte Orgrim, ganz gleich wie seine Augen aussahen, der Kerl hatte nicht viel mit ihren wohl beh�teten Weibchen gemein. Selbst wenn eine von ihnen aus einer Laune heraus darauf bestand, auf die Jagd zu gehen, wurde sie stets von so vielen Kriegern abgeschirmt, dass ihr nichts geschehen konnte. Der Kundschafter war anders. Orgrim sch�tzte ihn als einen Mann ein, der gern allein in die Wildnis zog.</p><p>Ihr F�hrer brachte sie zu einer F�hrte, die ein St�ck von ihrem Landungsplatz entfernt den Strand hinauf lief. �Es waren ein Kentaur, ein Kobold oder Holder und drei Elfen, die selbst gelaufen sind�, erkl�rte der Kundschafter. �Dort dr�ben liegt ihr Nachen. Ein seltsames Boot. Es hat Holzscheiben im Rumpf, die man herausnehmen kann. Mir ist es ein R�tsel, wozu das gut ist. Vielleicht um den Nachen bei Gefahr schnell zu versenken?�</p><p>Orgrim dachte an die Geschichten �ber die eigent�mliche S�nfte der Elfenk�nigin, die er den Tag �ber aufgeschnappt hatte. Er blickte zu Skanga. Die alte Schamanin hatte jetzt etwas W�lfisches. Den Kopf vorgestreckt, wirkte sie wie ein Raubtier, das Witterung aufnahm. Gewiss hatte auch sie von der S�nfte der K�nigin geh�rt.</p><p>�Wann sind sie hier angekommen, Brud?�</p><p>�Mit dem h�chsten Stand der Flut am fr�hen Nachmittag.� Der Kundschafter wies zu einem dunklen H�hleneingang.</p><p>�Dort dr�ben haben sie gelagert. Die Glut war noch nicht verloschen, als wir ankamen. Ich sch�tze, wir haben sie um h�chstens eine Stunde verpasst, Ehrenwerte.�</p><p>Die Schamanin rieb sich �ber ihr breites Kinn. �Habt ihr das Schiff sofort zur�ckgeschickt?�</p><p>�Ja, Skanga. Ganz wie du es befohlen hast. Von der H�hle f�hrt ein Tunnel zu einem Ort der Macht... Wir haben ihn nicht betreten, aber man konnte ihn auch vom Tunnel aus gut einsehen.� Der Kundschafter schlug ein Zeichen gegen Geister. �Der Fels dort leuchtet. Es ist ein unheimlicher Platz. Es f�hrt nur ein Weg dorthin. Die eisenbeschlagenen Hufe des Kentauren haben feine Spuren auf dem Felsboden hinterlassen. Zumindest ist er zu diesem Ort der Macht gegangen und nicht zur�ckgekehrt. Es scheint, als habe ihn der Berg verschlungen und die �brigen mit ihm. Sie haben zwar keine Spuren auf dem Felsen hinterlassen, aber in der Zeit, in der wir auf dich warteten, Skanga, haben wir die ganze Insel abgesucht. Hier ist niemand mehr. Wir werden uns noch ein paar K�stenh�hlen ansehen, in die man nur bei Ebbe gelangt, doch ich bin mir sicher, dass unsere Beute auf und davon ist.�</p><p>Brud hatte sie inzwischen in eine niedrige H�hle gef�hrt. Orgrim musste den Kopf einziehen, um nicht an die ru�geschw�rzte Decke zu sto�en. Ihr F�hrer deutete auf die Feuerstelle und auf zwei flache Mulden im Sand. �Zwei der Fl�chtlinge haben sich hier niedergelegt. Ich habe den Verdacht, dass sie zwei Verwundete dabei haben, die nicht aus eigener Kraft laufen k�nnen. Dann w�ren es also insgesamt sieben.�</p><p>�Eine magische Zahl�, murmelte Skanga. �Ein starker Bund. Nicht zu teilen.� Die Schamanin ging neben der kleineren der beiden Mulden in die Hocke und strich mit den Fingern durch den Sand. Orgrim fragte sich, ob sie die Macht hatte, mit den Sandk�rnern zu reden. Den Blick in sich gekehrt, schien die Schamanin alles um sich herum vergessen zu haben. Bewegten sich ihre Lippen? Zauberte sie?</p><p>Pl�tzlich stutzte Skanga. Mit spitzen Fingern zog sie etwas aus dem Sand, das wie ein kleines St�ck von einem welken Blatt aussah.</p><p>�Was ist das?�, fragte Brud.</p><p>Skanga l�chelte und zerrieb ihren Fund zwischen den Fingern. �Ein St�ck von einem verbrannten Schmetterlingsfl�gel. Bring mich jetzt zu dem magischen Ort und lass auch die Elflein und die Kiste im Boot dorthin schaffen.� Mit einem lang gezogenen Seufzer richtete sie sich auf. �Ach, Brud. Dies hier ist Orgrim. Ich denke dar�ber nach, ihn zum Rudelf�hrer auf der <emphasis>Geisterwind</emphasis> zu machen.�</p><p>Der Kundschafter blickte kurz zu Orgrim. �Ich habe schon von ihm geh�rt�, war alles, was er sagte.</p><p>Orgrim fluchte stumm. Ja, alle hatten schon von ihm geh�rt! Von dem gl�cklosen Rudelf�hrer, dem die Elfen das Schiff versenkt hatten. Er w�nschte sich, er w�rde mit der <emphasis>Donnerer</emphasis> zusammen auf dem Meeresboden liegen. Und die Aussicht, zum Rudelf�hrer auf der <emphasis>Geisterwind</emphasis> zu werden, stimmte ihn alles andere als gl�cklich. Das war kein Kommando. Das war der Abstieg zum Speichellecker der launischen Schamanin. Er sollte sehen, dass er so schnell wie m�glich aus ihrer Reichweite kam!</p><p>�Orgrim?� Sie winkte ihm. �Wir sehen uns jetzt diesen Ort der Macht an, wo unsere Jagdbeute im Felsen verschwunden ist. Du hast doch keine Angst, nicht wahr?�</p><p>Der Troll straffte sich und stie� mit dem Kopf leicht gegen die H�hlendecke. �Ich habe mein Schiff durch das Nichts gef�hrt. Warum sollte ich eine H�hle f�rchten?�</p><p>�Tja, warum solltest du?� Skanga lachte leise und auf eine Art, die dem Troll Schauder �ber den R�cken jagte. �Nur eine H�hle, nicht wahr? Was sollte da schon geschehen?�</p><p>Orgrim fand schneller Gelegenheit, seine Worte zu bereuen, als er sich h�tte tr�umen lassen. Brud f�hrte sie in einen Tunnel, in dem man nur noch geb�ckt gehen konnte. Sie waren umschlossen von wei�em Gestein. Zun�chst brauchten sie noch Fackeln, um sich zurechtzufinden. Doch bald schon ver�nderte sich das Gestein auf unheimliche Weise. Es begann von innen heraus zu leuchten. Die Grenze zwischen Luft und Stein schien zu verschwimmen. Der Fels wurde blassblau und durchscheinend. Er hatte eine Farbe wie der Himmel an einem klaren Sommertag. Doch er war noch da, wie Orgrim schmerzhaft feststellen musste, wenn er verga�, den Kopf einzuziehen. Er konnte weit in den Felsen hineinsehen. Goldene Adern durchzogen das lichte Gestein. Sie alle strebten einem Punkt entgegen, der irgendwo am Ende des Tunnels lag.</p><p>Je l�nger Orgrim hinsah, desto mehr bekam er das Gef�hl, dass die Adern im Stein sanft vibrierten. Ganz so, als seien sie lebendig. Seine Nackenhaare str�ubten sich. Die Vorstellung, sich nicht durch einen Tunnel im Felsgestein zu bewegen, sondern inmitten von etwas Lebendem zu sein, jagte ihm Angst ein. Das war, als seien sie gefressen worden. Mit jedem Schritt konnte er Brud besser verstehen, der es nicht gewagt hatte, die H�hle am Ende dieses Tunnels zu betreten. War sie so etwas wie ein steinerner Magen? Und w�rde von ihnen nichts bleiben als ein R�lpser, der durch den Tunnel hinaus zum Strand hallte, wenn sie die H�hle betraten? Orgrim schalt sich stumm einen Narren. Skanga w�rde sich niemals herwagen, wenn hier eine t�dliche Gefahr lauerte. Oder hatte sie sich durch einen Zauber gesch�tzt?</p><p>Am Ende des Weges lag nur ein Albenstern, redete sich Orgrim ein. Ein magischer Ort, ja, aber von ihm ging keine unmittelbare Gefahr aus. Es war eine Pforte zu den Pfaden der Alten. Er kannte das doch! Er hatte sein Schiff sicher �ber einen Albenpfad gebracht! Nur, dass das Tor auf See v�llig anders ausgesehen hatte. Da war nichts gewesen, bis Skanga einen Bogen aus Wasserdampf hatte aufsteigen lassen, der in allen Regenbogenfarben gegl�nzt hatte. Gro� genug war er gewesen, dass selbst das Schiff Branbarts hindurchgepasst hatte und noch viele Schritt Raum zwischen den Mastspitzen und dem Scheitel des Bogens geblieben waren.</p><p>Orgrims Schritte wurden unsicherer. Er erkannte zwar noch vage den Boden der H�hle, aber auch dort war der Fels durchscheinend geworden, und er hatte das Gef�hl, als laufe er durch den Himmel. Unter ihm lag eine bodenlose Tiefe, w�hrend er durch die Felsw�nde bis hinaus zur mondbeschienenen See blicken konnte.</p><p>Magischer Schnickschnack, sagte sich der Troll. Das haben die Elfen ersonnen, um Trollen wie mir Angst einzujagen. So leicht w�rde er es ihnen nicht machen. Trotzig reckte er das Kinn vor und stie� sich wieder den Kopf. Jetzt heftete er seinen Blick fest auf den R�cken Skangas, die unmittelbar vor ihm ging. Endlich weitete sich der enge Tunnel, und sie traten in eine H�hle. Hier waren auch schwarze Adern im durchscheinenden Felsgestein zu sehen. Sie waren wie Z�pfe mit den goldenen Adern verflochten.</p><p>�Bringt die Elfen hierher�, kommandierte Skanga die Ruderer. �Und schafft die Kiste heran.�</p><p>Brud und seine Kundschafter setzten keinen Fu� in die H�hle. Wussten sie es besser?, fragte sich Orgrim. Neugierig sah er sich um. Er sp�rte ein seltsames Prickeln auf der Haut wie kurz vor einem Sommergewitter. Ein unangenehm metallischer Geruch lag in der Luft. Und der Duft von Salz, Tang und Meer.</p><p>�Ich will Maruk hier haben!� Die Schamanin hatte die Holztruhe ge�ffnet und einen Kreidestein herausgeholt. Sie begann damit, um die beiden Elfen einen gro�en Kreis auf den Boden zu ziehen. Shahondin und Vahelmin wanden sich vergeblich in ihren Fesseln. In ihren Augen stand die nackte Angst. Wussten sie, was Skanga plante?</p><p>�Mach dich n�tzlich, Welpe!� Skanga dr�ckte ihm den Kreidestein in die Hand. �Zieh die Linie noch einmal nach. Sie muss nicht h�bsch und auch nicht regelm��ig sein. Sie darf nur keine L�cke haben. Also streng dich an!�</p><p>Orgrim gehorchte, und er hielt sich an ihren Befehl, keine Fragen zu stellen. Sorgf�ltig zog er den Kreidestrich nach, w�hrend Skanga mit einem Blutstein einen zweiten, kleineren Kreis zeichnete. Dann holte sie aus der Truhe Schmuck und Kleider aus hauchzartem Stoff. Den Sachen haftete ein Brandgeruch an, der den Duft des Meeres aus der H�hle vertrieb.</p><p>�Du dachtest, du k�nntest dich �ber Branbart lustig machen, nicht wahr?� Erschrocken blickte Orgrim auf. Doch Skanga meinte nicht ihn. Sie sprach mit dem geknebelten Elfenf�rsten.</p><p>�Du denkst, wir Trolle sind dumm. Und es war dein Plan, uns zu hintergehen. Dir w�rde es niemals einfallen, uns deine Hilfe anzubieten, wenn du nicht ganz sicher w�rst, du k�nntest uns hereinlegen. Doch ich habe dich durchschaut, Shahondin. Dir ging es nicht allein darum, Emerelle zu t�ten, wie du uns erz�hlt hast. Du wolltest ihre Krone. Und selbst jetzt hast du diesen Traum noch nicht aufgegeben.� Der Elf setzte sich halb auf. Erstickte Ger�usche drangen durch seinen Knebel.</p><p>�Nein. Ich habe heute Morgen genug von dir geh�rt. Doch wei�t du was? Du wirst Branbart und mir ein treuer und aufopfernder Diener sein. Du wirst uns hassen. Mehr noch als Emerelle. Und trotzdem wirst du alles geben, um mir meinen Wunsch zu erf�llen.� Die Alte kicherte. �Verl�sst dich dein Mut? Glaub mir, du kannst dir in deinen wildesten Albtr�umen nicht ausmalen, was ich mit dir und deinem Sohn vorhabe. Ihr werdet Emerelle f�r mich finden. Ich werde euch zu vollkommenen J�gern machen.�</p><p>Skanga beugte sich vor und schnupperte an Shahondins Haar. Dabei machte sie ein entt�uschtes Gesicht. �Nicht einmal jetzt riechst du nach Angst, Elflein. Gar kein Geruch haftet euch an, es sei denn, ihr schm�ckt euch mit ihm. Ich hatte das schon bef�rchtet. Dabei m�gen sie starke Ger�che. Sie werden davon angezogen, wie der Geruch des Blutes die Haie von weither in den Hafen von Vahan Calyd lockt.� Sie wandte sich um. �Ah, Manuk. Da bist du ja.� Sie winkte den Bootsf�hrer zu sich, der etwas unschl�ssig an der M�ndung des Tunnels stand. �Komm hierher und stell dich kurz zu den beiden Elflein. Achte darauf, dass sie nicht zu sehr herumrutschen und den Rand des Kreidekreises verwischen.�</p><p>Die Schamanin begutachtete Orgrims Arbeit und nickte zufrieden. �Sehr gut, Welpe. Hol nun die Kerzen, die du in der Kiste findest, und stell sie hier nach deinem Gutd�nken auf. Kerzen sind immer gut, wenn man mit der Finsternis zu tun hat, nicht wahr?�</p><p>�Ja, gewiss�, antwortete Orgrim z�gerlich. Er fragte sich, ob Skanga verr�ckt geworden war.</p><p>Die Schamanin zog eine kleine, lederne Flasche aus einer der Falten ihres Flickengewandes. Mit einem Zug trank sie die Flasche leer; dabei bl�hte sie die Backen. Sodann pustete sie durch ihre zusammengepressten Lippen einen Nebel dunkelbraunen Saftes �ber die beiden Gefangenen. Wieder lachte sie. �So ist es besser, meine H�bschen. Lebertran und Robbenblut. Nun riecht ihr nach etwas, Elflein. Ich muss nur noch Sorge daf�r tragen, wie ich euch sp�ter auseinander halte.�</p><p>Orgrim holte die Kerzen aus der Truhe, doch er fand nichts, um sie anzuz�nden. Brud und die Seeleute mit den Fackeln hatten sich zur�ckgezogen. �Skanga?�</p><p>Die Schamanin brachte ihn mit einer �rgerlichen Geste zum Schweigen. �Stell sie einfach hin. Um den Rest k�mmere ich mich sp�ter. St�re eine alte Frau nicht, wenn sie noch einmal Freude an ihrem Leben hat.� Sie strich mit ihren krummen Fingern �ber Shahondins Gesicht. �Du bist doch sicher hunderte Jahre alt, Elflein. Und trotzdem ist dein Gesicht so glatt und makellos, wie es die Titten einer Jungfrau sind, der zum ersten Mal das Blut flie�t. Darum habe ich euch Elflein schon immer beneidet.�</p><p>Orgrim lie� Skanga nicht aus den Augen, w�hrend er die dicken, schwarzen Kerzen aufstellte. Was sollte dieses Getue mit den Elfen? Pl�tzlich dr�ckte die Schamanin einen Finger seitlich in Shahondins Auge, sodass der Augapfel heraussprang. An einem d�nnen F�dchen hing das Auge �ber der Wange des Elfen. Der F�rst b�umte sich in seinen Fesseln auf. Sein Knebel erstickte seinen Schrei zu einem dumpfen Gurgeln.</p><p>Skanga schloss die Hand um das Auge auf der Wange. �Ich liebe es, das Angenehme mit dem N�tzlichen zu verbinden. Ich muss dich doch von Vahelmin unterscheiden k�nnen.� Mit einem Ruck zerriss sie den d�nnen Faden, an dem der Augapfel hing, und schob ihn sich in den Mund. Gen�sslich kauend wandte sie sich zu Orgrim um.</p><p>�Du hast genug Kerzen aufgestellt. Geh nun in den anderen Kreis und bewege dich nicht dort hinaus, bevor ich es dir erlaube.�</p><p>Skanga legte die Linke auf ihr Herz und schnippte mit den Fingern. Augenblicklich flammten alle Kerzen auf. Sie verbreiteten einen schweren, ranzigen Geruch.</p><p>Orgrim tat, wie ihm gehei�en. Der rote Kreis war eng. Was hatte sie mit ihm vor? Warum musste er hier allein stehen? Und warum grinste ihn dieser Manuk so an? Wusste der Bootsf�hrer, was geschehen w�rde? Er stand nun zusammen mit Skanga neben dem gro�en, wei�en Kreis. Die Schamanin hatte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter gelegt.</p><p>Orgrim roch, dass er den s�uerlichen Geruch der Angst verstr�mte. Er war kein Feigling! Aber er k�mpfte am besten, wenn er seinen Feind klar vor Augen hatte. Das hier war ihm unheimlich.</p><p>Skanga begann leise zu singen. Die dunklen Adern tief im Fels tanzten im Rhythmus ihres Liedes. Der Boden schien leicht zu vibrieren. Nahe dem wei�en Kreis stieg ein Bogen aus goldenem Licht aus dem Fels. Er umschloss einen Durchgang in die Finsternis.</p><p>Das Nichts!</p><p>Wer es einmal gesehen hatte, w�rde es immer wieder erkennen. Selbst die Finsternis einer bew�lkten, mondlosen Nacht konnte man nicht damit vergleichen. Das Nichts war dichter ... Und man ahnte, dass kein Licht jemals jenseits des goldenen Pfades scheinen w�rde. Skangas Lied hatte sich ver�ndert. Ihre Stimme formte keine Worte mehr. Sie war zu einem tiefen, kehligen Knurren geworden. Gleichzeitig ging mit Manuk eine seltsame Ver�nderung vor sich. Seine Haut schrumpelte und wurde faltig. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Aus seinem Mund troff ein Faden aus klebrigem, goldenem Licht. Sich windend wie ein Wurm, tanzte der Faden zu Skangas Gesang. Schwerelos hielt er sich in der Luft und verschwand durch das Portal, das die Schamanin ge�ffnet hatte.</p><p>Ein hechelnder Laut antwortete aus dem Nichts. Etwas schob sich durch die goldene Pforte. Geb�ckt, heimt�ckisch lauernd. Ein lebendig gewordener Schatten. Es wurde k�hler in der H�hle. Der goldene Faden schien den Schatten durch das Tor gezogen zu haben ... Nein. Orgrim erkannte seinen Irrtum. Es war anders. Dieses Schattenwesen verschlang das Licht.</p><p>Noch eine zweite Kreatur trat aus der Finsternis. Die beiden begannen einen stummen Kampf um das Licht.</p><p>Maruk war kleiner geworden. Seine Haut spannte sich jetzt straff wie bei einem Greis �ber den Sch�del. Deutlich zeichneten sich all seine Knochen ab. Er sah aus, als habe Skanga alles Fleisch aus seinem Leib geschmolzen. Seine Augen waren milchig wei�. Er war blind und musste nicht mehr mit ansehen, was sich an seiner Lebenskraft labte.</p><p>Der goldene Faden riss ab. Maruk kippte vorn�ber. Gierig verschlangen die Schattengestalten den Rest des Lichts. Dann strichen sie leise knurrend durch die H�hle. Sie erinnerten an gro�e Hunde, nur dass sie keine Schw�nze hatten. Ihre Form schien ver�nderlich. Sie schnupperten an den Kleidern und dem Schmuck, der auf dem H�hlenboden verteilt lag.</p><p>�Dies geh�rt Emerelle, der K�nigin der Elfen�, sagte Skanga leise. �In ihr brennt ein starkes Licht. Ich m�chte, dass ihr sie f�r mich findet. Ihr werdet es sp�ren, wenn sie zur�ckkehrt. Immer wenn eine Zauberweberin mit einem Albenstein das Netz betritt, gibt es eine Ersch�tterung.�</p><p>Orgrim hatte das Gef�hl, dass diese Schattenwesen die Schamanin verstanden. Sie hielten inne, und auch wenn sie keine sichtbaren Augen oder Ohren hatten, schienen sie ihre Sinne auf den wei�en Kreis zu richten. �Ich werde den Bann der Alben von euch nehmen, sodass ihr durch ihre Sterne schreiten k�nnt, ohne dass man euch gerufen hat. Und ich leihe euch zwei K�rper, stark und von Magie durchdrungen, damit ihr das Leben f�hlen k�nnt. Daf�r verlange ich lediglich, dass ihr f�r mich Emerelle findet, bevor der nahende Winter vor�ber ist. Ich will sie lebendig. Und ich selbst werde sie holen kommen. Euer Lohn wird das Licht von hundert Albenkindern sein. Ich werde euch ein unvergessliches Festmahl bereiten. Ihr werdet so viel Macht gewinnen, dass ihr fortan aus eigener Kraft auf die Jagd gehen k�nnt. Alle Fesseln, die euch jetzt noch halten, werden abgestreift sein.�</p><p>Eine der Gestalten wandte sich abrupt um. Sie strich um den roten Kreis. Dann schnellte eine Pfote vor. Dunkle Krallen glitten �ber eine unsichtbare Wand. Ein gr�ssliches Knirschen erklang, so als ziehe man einen scharfkantigen Stein �ber eine Stahlklinge.</p><p>Orgrim hielt den Atem an. Der Schatten streckte eine zweite Pfote aus und zog sich an der unsichtbaren Barriere hoch. Orgrim k�mpfte den Impuls nieder, einen Schritt zur�ckzuweichen. Wenn er den Bannkreis verlie�, war er verloren. �ngstlich starrte er zu Boden. War die d�nne, rote Linie wirklich l�ckenlos? Unter ihm pulsten die schwarzen Adern im durchscheinenden Fels. Sie waren zahlreicher geworden.</p><p>Das Schattenwesen lie� von ihm ab. Die beiden Kreaturen strichen nun wieder um den wei�en Kreis. �Sind wir handelseinig?� fragte Skanga fordernd.</p><p>Orgrim konnte keine Antwort h�ren. Dennoch verwischte die Schamanin einen Teil des Bannkreises mit dem Fu�. Ein Schatten glitt durch die L�cke und schnupperte an den beiden wehrlosen Elfen. Der zweite pirschte in Skangas R�cken.</p><p>�Vorsicht!�, schrie Orgrim.</p><p>Die Schattengestalt hatte sich aufgerichtet und schnappte nach Skangas Nacken. Wei�es Licht flackerte auf. Ein Geruch wie verbranntes Fell breitete sich aus. �Kinderchen, glaubt ihr, ich w�rde euch rufen, wenn ich mich nicht zu sch�tzen w�sste?� Sie griff nach dem Schatten und zwang ihn ohne M�he zu Boden. �Den Bannkreis habe ich nur gezogen, damit ihr euch nicht zu schnell an die Elflein heranmacht. Nun nehmt ihre K�rper! Ihr wisst, was ich von euch erwarte!�</p><p>Die Schatten kauerten �ber den beiden Gefesselten. Orgrim brauchte eine Weile, bis er erkannte, was dort vor sich ging. Er hatte damit gerechnet, dass die widerlichen Kreaturen die Elfen zerrei�en w�rden. Doch nichts dergleichen geschah. Shahondin und sein Sohn atmeten die Schatten ein. In d�nnen Schlieren drangen sie den beiden durch die Nase. Ganz langsam verblassten die Schattengestalten, bis sie schlie�lich ganz verschwunden waren. Die Elfen lagen wie tot. Skanga trat in den Bannkreis, durchtrennte ihre Fesseln und zog ihnen die Knebel aus den M�ndern. �Du kannst jetzt zu mir kommen, Orgrim. Es besteht keine Gefahr mehr f�r dich.�</p><p>Die Worte waren Skanga kaum �ber die Lippen gegangen, als sich Vahelmin mit einem Schrei aufsetzte. Er griff nach seinem Gesicht. Sein Antlitz verformte sich so, als stecke etwas unter seiner Haut, das ihm mit Gewalt ein neues Aussehen geben wollte. Die Kiefer dr�ckten sich nach vom. Seine H�nde krallten sich in das zuckende Fleisch. Die Stirn des Elfen wurde flacher und wich zur�ck. Vahelmins feines Seidenhemd zerriss. Muskelstr�nge, dick wie Schlangen, wanden sich unter der Haut seiner Schultern. Aus seinen Fingerspitzen brachen Krallen. Er warf sich herum und kauerte nun auf allen vieren wie ein Tier. Sein R�cken kr�mmte sich. Arme und Beine wurden d�nner und l�nger. Inzwischen hatte auch Shahondin begonnen sich zu ver�ndern. Wie bei seinem Sohn verwandelte sich sein Leib. Lange Kiefer mit wei�en Rei�z�hnen schoben sich aus seinem Gesicht. Sein verlorenes Auge f�llte sich mit einer blutig roten Kugel.</p><p>Als die unheimliche Verwandlung beendet war, kauerten zwei riesige Bestien in dem Kreidekreis. Die Schatten waren keine k�rperlosen Schemen mehr, doch sie waren nicht wirklich Gestalten aus Fleisch und Blut geworden. Die Gesch�pfe sahen ein wenig aus wie W�lfe, nur dass sie gro� wie Pferde, jedoch viel hagerer waren. Sie hatten kurzes wei�es Fell, sehr lange Schnauzen, und ihre Ohren erinnerten ein wenig an Elfenohren. Blauwei�es Licht umspielte sie, und man konnte durch sie hindurchsehen, so wie durch die Felsw�nde dieser H�hle. Orgrim fragte sich, ob die Magie dieser H�hle Einfluss gehabt hatte auf ihre Erscheinung.</p><p>�Weder Klaue noch Zahn kann euch etwas anhaben�, sagte Skanga feierlich. �Noch der Silberstahl der Elfen. Doch h�tet euch vor dem Eisen der Kobolde. Ihre Waffen verm�gen euch zu verletzen.� Die Schamanin wandte sich zu Orgrim um. �Sind sie nicht h�bsch geworden, meine Kinderchen?�</p><p>�Sie sehen gef�hrlich aus�, entgegnete der Troll ausweichend.</p><p>Skanga lachte. �Gef�hrlich! Das sind rei�ende Bestien. Sie zerren dir dein Licht aus dem K�rper, die Essenz deines Seins, das, was wiedergeboren werden kann. Wenn sie dich anfallen, schlagen sie keine Wunden. Doch am Ende wirst du aussehen wie Maruk.� Sie deutete auf den Kadaver aus Haut und Knochen, der noch im Bannkreis lag. �Sie zerst�ren nicht deine fleischliche H�lle wie andere Raubtiere. Sie vernichten dich g�nzlich. Vor allem die Elfen, die h�ufiger wiedergeboren werden als alle anderen Albenkinder, f�rchten sie. Sie nennen diese Ausgeburten der Finsternis Shi-Handan, das hei�t Seelenfresser, Wer immer so dumm ist, Emerelle Zuflucht zu gew�hren, der wird es bereuen.� Sie bedachte die beiden Bestien mit einem herzlichen L�cheln. �T�tet aus ihrem Gefolge, wen immer ihr m�gt. Nur die K�nigin ist euch verboten.�</p><p>�Shahondin und Vahelmin sind ihre ersten Opfer?�</p><p>�Nein!� Die Schamanin sch�ttelte so entschieden den Kopf, dass die Amulette auf ihrer Brust leise klapperten. �Sie k�nnen uns h�ren. Ihr brennender Hass treibt die Shi-Handan an. Sie leben weiter in ihnen. Ich kann ihnen sogar ihre Gestalt zur�ckgeben.� Skanga l�chelte keck. �H�rt ihr? Im Grunde habe ich euch einen Gefallen getan. Ihr k�nnt Tod und Verderben unter das Gefolge der K�nigin tragen und Emerelles Untergang bewirken, ohne dass euch jemand erkennen w�rde. Niemand wei� um euren Pakt mit mir. Tut, was ihr schon immer tun wolltet. Und als Lohn erhaltet ihr eure K�rper zur�ck. Die Seelenfresser werden euch nicht mehr brauchen, wenn ich sie mit dem gro�en Opfer belohne. Schau dir ihre Augen an, Orgrim. An ihnen kann man erkennen, dass jetzt zwei Seelen in den Shi-Handan leben.� Sie winkte die Seelenfresser zu sich heran.</p><p>Der Troll musste seinen ganzen Mut zusammennehmen, um vor den Ungeheuern nicht zur�ckzuweichen. Ein eisiger Luftzug streifte ihn, als die beiden Kreaturen um ihn strichen. Eine hatte ein blaues und ein blutrotes Auge. Und aus jedem Auge starrten ihn zwei schwarze Pupillen an.</p><p>�Geht nun, meine Kinderchen. Ich w�nsche euch eine gute Jagd!� Skangas Gesch�pfe gehorchten ihr wie gut abgerichtete Jagdhunde. Ohne zu z�gern, st�rmten sie in die Dunkelheit jenseits der goldenen Pforte.</p><p>�Wirst du Shahondin und Vahelmin wirklich zur�ckverwandeln k�nnen?� Die Schamanin zuckte leichthin mit den Schultern. �Ich wei� es nicht. Ich glaube eher nicht, dass eine Trennung m�glich ist. Aber darauf kommt es nicht an. Wichtig war nur, dass die beiden Elflein mir glauben. Auch die Sache mit dem Auge habe ich nur getan, um sie zu ver�ngstigen. Im Grunde sch�tze ich lauwarme Augen nicht als kleinen Happen zwischendurch. Aber wer sich f�rchtet, der ist umso eher bereit zu glauben. Shahondin war ein harter Bursche. Und er verstand etwas von Magie. Unter anderen Umst�nden h�tte er sich nicht gef�gt. Er lebt tats�chlich in dem Shi-Handan weiter. Deshalb war es wichtig, dass er glaubt, es g�be noch einen Weg zur�ck. Sein Geist wird die Bestie im Zaum halten, wenn sie Emerelle finden. Er wird es sein, der daf�r verantwortlich ist, dass wir sie lebend fangen. Und nun folge mir, Rudelf�hrer. Sobald der Stand der Flut es erlaubt, will ich zur�ck an Bord der <emphasis>Geisterwind</emphasis>. Dort wartet ein neues Schiffskommando auf dich.�</p><p>�Wie mir scheint, ist es sehr leicht, deine Gunst zu verlieren, Skanga.�</p><p>�Nur wenn man mich entt�uscht, Orgrim.� Sie wandte sich um und sah ihn durchdringend an. �Ich sch�tze es, wenn meine M�nner den Mut haben, mir ihre Meinung frei ins Gesicht zu sagen. Jedenfalls so lange wir unter vier Augen sprechen. Bring ein paar deiner Leute von der <emphasis>Donnerer</emphasis> mit.� Sie stie� mit dem Fu� gegen den schlaffen Kadaver Manuks. �Manchmal hat man �berraschende Verluste. Da ist es immer gut, ein paar �berz�hlige M�nner an Bord zu haben.�</p><p>Orgrim dachte, dass er bestimmt niemanden, den er sch�tzte, mitnehmen w�rde. Das hie�e, seinen Kameraden die Treue schlecht zu vergelten. �Es gibt da einen Krieger. Er ist ein wahrer Riese. Ihn w�sste ich gern an meiner Seite. Gran hei�t er. Vielleicht hast du schon von ihm geh�rt.�</p><p>�Nein.� Skanga schlurfte in Richtung des Tunnels davon.</p><p>�Aber ich kenne Boltan. Seine Wunden m�ssten inzwischen doch verheilt sein. Bring ihn auch mit, Rudelf�hrer. Der ganze Hof redet von seiner au�ergew�hnlichen Tapferkeit.�</p></section><section><title><p>Fast eine Liebesnacht</p></title><p>Alfadas versuchte den ganzen Tag �ber, alles richtig zu machen. Er brachte die Kinder zum Lachen. Sie verg�tterten ihn. W�tend blickte Asla zu dem gr�sslichen Hund. Sie hatte am Mittag mit Ole gesprochen. Er wollte sich �berlegen, das Mistvieh zur�ckzunehmen. Als kleine Hilfe zum Nachdenken hatte Asla ihm einen Krug mit Met �berlassen, der vom Fest �brig geblieben war.</p><p>Die Kinder schliefen jetzt. Alfadas sa� bei der Feuergrube und schnitzte an einem neuen Holzschwert f�r Ulric. Zwischendurch sp�hte er immer wieder verstohlen in ihre Richtung. Sie w�rde es ihm nicht leicht machen! Asla tat so, als bemerke sie die Blicke nicht. Sie flickte einen Riss in Kadlins Lieblingskleid.</p><p>Blut lag vor Kadlins Schlafnische. Der Hund merkte, dass sie zu ihm her�bersah. Er hielt ihrem Blick trotzig stand. Verdammter K�ter! Er behandelte sie, als sei sie fremd hier! Sie h�tte mit ihm zum Fjord gehen sollen! Ganz bestimmt w�re sie nicht mit ihm wiedergekommen. Asla musste unwillk�rlich l�cheln. Es hatte Alfadas sicher einige �berwindung gekostet, ganz ernst zu behaupten, der Hund st�nde unter dem Schutz von Luth. Sie wusste, dass ihr Mann nicht an die G�tter glaubte. Alle im Dorf wussten das. Deshalb wurde er nie einstimmig zum Jarl gew�hlt. Manche sagten ganz offen, dass es eines Tages gro�es Ungl�ck auf Firnstayn herabrufen w�rde, diesen gottlosen Gesellen immer wieder zum Jarl zu machen.</p><p>�Er wird auf dich aufpassen, wenn ich im n�chsten Fr�hjahr zum K�nigshof reisen muss�, sagte Alfadas unvermittelt.</p><p>Asla biss sich auf die Lippen. Sie w�rde nicht l�cheln! Den ganzen Tag �ber suchte er schon nach Gr�nden, warum es gut war, mit Blut zur�ckgekommen zu sein. �Wenn ich es schaffe, mich vor Blut zu sch�tzen, dann gibt es nichts mehr, was ich noch f�rchten musste.�</p><p>�Es war der Wunsch des Priesters. Ich h�tte mich gegen Luth vers�ndigt, wenn ich dem Hund auch nur ein Haar gekr�mmt h�tte. Gundar ist zum Fjord gekommen, um Blut zu sch�tzen. Ich h�tte erst ihn niederschlagen m�ssen, bevor ich an den Hund herangekommen w�re.�</p><p>�Du �bertreibst. Au�erdem schert dich doch sonst auch nicht, was die G�tter von dir denken.� Eigentlich hatte sie sich inzwischen damit abgefunden, dass sie dieses schwarze Ungeheuer nicht so schnell los w�rde. Aber Alfadas sollte ruhig noch etwas unter seinem schlechten Gewissen leiden.</p><p>�Mein Herz ist eine W�ste, wenn ich einen Tag ohne dein L�cheln verbringen muss.� Jetzt hatte er wieder diesen Blick ... Das war es, worin sie sich damals verliebt hatte. Er war ein ber�hmter Krieger. Der Mann, der mit den Elfen geritten war. Eine lebende Legende. Doch wenn er sie so ansah, dann wirkte er wie ein trauriger, kleiner Junge. Man musste ihn einfach in den Arm nehmen und tr�sten.</p><p>�Versuch es nicht mit glatten Schmeicheleien! So schnell wirst du mich nicht einlullen. Ich bin keine arglose Jungfer mehr!� Ihr Ton klang nicht halb so schroff, wie sie es gern gewollt h�tte. Er schaffte es schon wieder.</p><p>�Wie k�nnen so harte Worte �ber Lippen zart wie Rosenbl�tter gehen?�</p><p>Sie blickte auf. �Und was erinnert dich sonst noch an irgendwelches Gr�nzeug an mir? Vielleicht meine H�nde, die krumm und knotig wie alte Wurzelst�cke sind?� Sie kannte ihn lang genug, um zu wissen, dass so ein Spruch ihn nur zu neuen Komplimenten anspornen w�rde. Im Grunde liebte sie es, wenn er diesen Unsinn daherredete, um ihr zu gefallen. Kein anderer Mann im Dorf fand solche Worte f�r seine Frau.</p><p>Wenn nur dieser verdammte Steinkreis nicht w�re. Es waren seine Blicke hinauf zum Hartungskliff, die ihr das Leben vergifteten. Sie liebte ihn noch immer. Sonst w�re es ihr egal, wenn er eines Morgens verschwunden w�re. Die blonde Gunbrid war immer ganz froh, wenn ihr Sven im Fr�hjahr mit Alfadas zum K�nigshof zog und sich den Sommer �ber nicht mehr blicken lie�. Doch bei ihr war es anders, dachte Asla bitter. Meistens zankten sie sich an dem Morgen, an dem er loszog. Aber schon in der ersten Nacht fand sie keinen Schlaf mehr, wenn sie seinen warmen Atem nicht in ihrem Nacken sp�rte.</p><p>Als Kadlin geboren wurde, war er nicht in Firnstayn gewesen. Er hatte seine Tochter zum ersten Mal gesehen, als sie fast ein halbes Jahr alt war. Und auch diesen Sommer war er wieder f�r lange Wochen fort gewesen.</p><p>Warum brauchte er so lange f�r sein n�chstes Kompliment? Abgesehen vom leisen Schnaufen Bluts und dem Knistern der Glut in der Feuergrube war es still. Hatte sie ihn mit ihrer Bockigkeit nun endg�ltig zum Schweigen gebracht?</p><p>�Es tut mir Leid, wenn es so schwer ist, mit mir zu leben, Liebste. Manchmal halte ich es selbst kaum mit mir aus. Ich f�hle mich dann, als sei ich zerrissen. Ein Teil von mir scheint weit fort von dem Ort zu sein, an dem ich gerade bin.� Alfadas erhob sich von der Bank am Feuer. Er trat von hinten an sie heran. Seine kr�ftigen H�nde umschlossen ihre H�ften. Er hauchte ihr einen Kuss in den Nacken. �Aber ganz gleich, wo ich bin: Ein Teil von mir ist immer bei dir und den Kindern. Ich wei�, das ist nichts Greifbares, aber ich hoffe, es ist deinem Herzen ein Trost, wenn du mir das n�chste Mal z�rnst.�</p><p>Seine Finger l�sten den G�rtel an ihrem Kleid. Ihr Kopf wollte nicht. Er sollte sich eine Entschuldigung einfallen lassen! Es war noch nicht genug gesagt. Doch ihr K�rper betrog sie. Seine Ber�hrung lie� sie wohlig erschaudern. Asla stand auf und legte die Flickarbeit zur Seite. Er schob ihr Kleid hoch und streichelte �ber die Innenseite ihrer Schenkel. Sie seufzte leise. Etwas Flatteriges schien auf einmal in ihrem Bauch zu sein, und wohlige W�rme breitete sich tief in ihr aus. Sie h�rte seine Hose zu Boden fallen. Warme K�sse benetzten ihren Nacken. Sie hob die Arme, damit er ihr leichter das Kleid �ber den Kopf ziehen konnte. Seine H�nde rochen von der Schnitzarbeit nach Harz und Buchenholz. Sie tasteten �ber ihre Br�ste, den Hals und Nacken. Dann waren sie wieder zwischen ihren Schenkeln. Jede seiner Ber�hrungen lie� sie unter neuen Wellen der Lust aufseufzen. Wenn er doch nur genauso gut w�sste, wonach sich ihr Herz sehnte!</p><p>Mit sanfter Kraft dr�ckte er sie nach vorne auf die Tisch-platte. Seine H�nde umspannten ihre H�ften. Sie sp�rte, wie etwas Feuchtes, Festes sie streifte. Voll woll�stiger Sehnsucht st�hnte sie auf.</p><p>In diesem Augenblick klopfte es. Es war ein leises, verhuschtes Ger�usch.</p><p>Asla spannte sich. Bei allen G�ttern! Nicht jetzt! Blut hob den Kopf. Er knurrte leise. Fragend sah er zu ihnen hin�ber.</p><p>Es klopfte ein zweites Mal. Ein wenig energischer. Alfadas fluchte. Er konnte nicht einfach so tun, als sei er nicht da. Er war der Jarl. Wenn man ihn im Dorf brauchte, war es seine Pflicht zu kommen.</p><p>�Wenn da wieder Svenja steht und sich �ber ein verlorenes Huhn beschwert, dann fahre ich aus der Haut�, murrte Alfadas. Nur im Hemd ging er zur T�r. Asla raffte ihr Kleid vom Boden und verbarg sich hinter einem der dicken Balken, die den Dachstuhl abst�tzten. Blut verhielt sich seltsam. Er presste sich flach auf den Boden, so als wolle er am liebsten im Erdreich versinken. Seine Ohren lagen an. Er stie� einen leisen, wimmernden Laut aus. Wer war dort?</p><p>Die schwere T�r schwang auf. Sie sah, wie Alfadas sich spannte, um seinem �rger Luft zu machen, und mitten in der Bewegung erstarrte. Undeutlich h�rte sie jemand fl�stern. Die Stimme klang sehr fremd. Es schien eine Frau zu sein. Ihre Worte waren wie leiser Gesang.</p><p>Hastig streifte sich Asla das Kleid �ber und b�ckte sich nach der Hose ihres Mannes. Wer war dort? Alfadas trat zur Seite. Eine hoch gewachsene, schlanke Frau trat ein. Ihr Anblick versetzte Asla einen Stich. Die Fremde war zu hager, ihre Kleider waren zerrissen, und doch war sie wundersch�n. Ihre Bewegungen waren stolz und selbstbewusst. So, als sei sie eine K�nigin.</p><p>Blut sprang auf. Er begr��te die Fremde mit einem tiefen Knurren. Auf steifen Beinen stakste er vorw�rts. Jede Faser seines K�rpers schien sich dagegen zu str�uben anzugreifen. Und doch wollte er diese fremde Frau vertreiben.</p><p>Noch jemand kam herein. Ein Weib mit kurzen, blonden Haaren. Schwertgurte kreuzten sich �ber ihrer Brust. Sie sah sich misstrauisch um. Als sie Blut bemerkte, machte sie eine knappe, befehlende Geste. Der Hund presste sich zu Boden. Er knurrte noch immer.</p><p>Eine dritte Frau trat ein. Asla starrte ihre G�ste fassungslos an. Was war das f�r ein Aufmarsch! Noch immer redete dieses schlanke, dunkelhaarige Weib, das zuerst eingetreten war, auf Alfadas ein. Die Blonde mit den zwei Schwertern umfasste sein Handgelenk im Kriegergru�. Diese beiden schienen ihren Mann zu kennen. Nur die dritte hielt sich im Hintergrund. Sie sah sich um und sch�rzte abf�llig die Lippen.</p><p>Asla schluckte. Nun war also geschehen, was sie immer bef�rchtet hatte. Die Elfen waren gekommen, um ihren Mann zu holen.</p></section><section><title><p>Von Fremden und Freunden</p></title><p>Vorsichtig zog Lyndwyn an dem Schilfr�hrchen in seinem Hals. Es zwickte leicht, dann glitt es aus der Wunde. Sie legte ihm die flache Hand auf die Stelle. Ihre Finger verstr�mten eine wohltuende W�rme. Drei Tage hatte sie sich damit Zeit gelassen. Die Magierin behauptete, die Reise auf den Albenpfaden habe sie zu sehr ersch�pft. Ollowain glaubte ihr kein Wort!</p><p>Lyndwyn nahm die Hand zur�ck und sah ihn erwartungsvoll an. �Du solltest jetzt wieder sprechen k�nnen.� Der Mund des Schwertmeisters war staubtrocken. Er r�usperte sich leise. Alle umstanden ihn und sahen ihn an. Er sa� auf einem der drei groben St�hle, die es im Haus von Alfadas gab.</p><p>Vorsichtig tastete Ollowain �ber seinen Hals. Lyndwyn hatte die Lederriemen abgenommen. Weder hartes Narbengewebe noch Schorf verrieten, wo sie in seine Kehle geschnitten hatte. Es war, als habe es dieses Schilfrohr nie gegeben. �Es scheint alles verheilt zu sein.� Seine Stimme war rau und erschien ihm fremd.</p><p>�Dein Hals muss sich noch ein wenig erholen�, sagte Lyndwyn selbstsicher. �Deine Beschwerden werden bald vor�bergehen. Suche nicht danach, ob etwas mit dir nicht stimmt. Du wirst sehen, es kommt alles wieder in Ordnung.�</p><p>Ollowain blickte zu der Schlafnische, in der sie der K�nigin ein Lager bereitet hatten. Nichts kam in Ordnung! Wie konnte sie nur so reden, solange Emerelle in diesem Zustand war! Die Wunden der Herrscherin verheilten, doch lag sie in einem tiefen Schlaf. Nichts vermochte sie zu wecken. Ihr Schlaf erschien dem Schwertmeister wie eine Flucht vor der grausamen Wirklichkeit. Oder war er das Werk Lyndwyns? Er wusste nicht mehr, was er von der Magierin halten sollte. Ohne ihre Hilfe w�ren sie niemals hierher in Sicherheit gelangt. Und Silwyna? In ihrem K�cher verwahrte sie Pfeile, die aussahen wie jene, die auf Emerelle abgeschossen worden waren. Jede von beiden hatte ihm auf der Flucht das Leben gerettet. Aber wie sollte es weitergehen? Noch immer sahen ihn alle an. Sie erwarteten Entscheidungen, nun, da er ja wieder sprechen konnte.</p><p>Ollowain l�chelte. �Ich m�chte mich bei unseren beiden Gastgebern bedanken�, sagte er ruhig. �Ich bin mir bewusst, wie sehr unsere Anwesenheit den Frieden deiner Familie belastet, Asla. Wir werden gewiss nicht sehr lange bleiben.�</p><p>Die Menschentochter sah ihn mit Augen an, in denen keine Herzlichkeit lag. �Die Gesetze der Gastfreundschaft sind uns heilig. Ihr seid willkommen in diesem Haus.�</p><p>Ollowain wusste nicht, was er der jungen Frau getan hatte, doch seit dem ersten Tag sp�rte er den Widerwillen, den Asla gegen sie empfand. Ob Alfadas so dumm gewesen war, ihr von Silwyna zu erz�hlen? Gewiss nicht. Doch sie hatten das Leben der Menschenkinder gr�ndlich durcheinander gebracht. Die Leute kamen von weit her, um die seltsamen G�ste zu betrachten, die den Jarl von Firnstayn besuchten. Und Asla musste sie alle bewirten. Der Wintervorrat ihrer Familie schmolz dahin wie Schnee in der Fr�hlingssonne. Sie hatte allen Grund, w�tend zu sein.</p><p>�Ich glaube, ich w�rde jetzt gern ein wenig spazieren gehen. H�ttest du etwas dagegen, mich zu begleiten, Alfadas?�</p><p>�Nein, Meister. Ganz im Gegenteil.�</p><p>Sein Gesicht war noch immer der Spiegel seiner Gef�hle. Das hatte Ollowain immer an den Menschen gesch�tzt. Nur wenige von ihnen konnten sich verstellen.</p><p>�Nehmt ihr Kadlin und Ulric mit?� Aslas Worte waren eher ein Befehl als eine Frage. �Und bittet Svenja, dass sie mir f�r heute Abend noch drei Brote backt. Bringt auch einen Korb voller �pfel von ihr mit. Dieser Pferdemann frisst einem die Haare vom Kopf!�</p><p>�Wie stets sind mir deine W�nsche Befehl�, antwortete Alfadas gut gelaunt, hob Kadlin auf die Schultern und gab seinem Sohn einen Wink mitzukommen. Auch der gro�e, h�ssliche Hund folgte ihnen.</p><p>Solange sie im Dorf waren, wurden sie von neugierigen Blicken verfolgt. Am Fu� des kleinen H�gels, auf dem Alfadas sein Langhaus errichtet hatte, lagerte ein ganzer Trupp von Schaulustigen. Zum Gl�ck wurden sie von Orimedes unterhalten, der gerade ein Fass hochstemmte und daraus trank. Der Kentaur f�hlte sich wohl unter den Menschen. Ganz anders Silwyna. Sie war nach dem ersten Abend in die W�lder verschwunden, ohne auch nur ein Wort dar�ber zu verlieren, warum.</p><p>�Du bist der Meister, der meinem Vater das Schwertk�mpfen beigebracht hat, nicht wahr?�, fragte Ulric ehrfurchtsvoll.</p><p>�Ja. Er war noch j�nger als du, da hat man ihn zu mir gebracht. Er war ein sehr guter Sch�ler.�</p><p>�W�rdest du mir auch eine Schwertkampflektion erteilen, Meister?�</p><p>Ollowain musste l�cheln. Einen Augenblick lang sah er wieder den frechen, wissbegierigen Jungen vor sich, der Alfadas einst gewesen war. Ulric �hnelte seinem Vater sehr. Allerdings war er entschieden respektvoller. �Es wird mir eine Ehre sein, mit dem Sohn meines besten Sch�lers die Klinge zu kreuzen. Wie ich sehen konnte, verf�gst du zu Hause �ber eine gute Auswahl sch�ner Schwerter.�</p><p>�Die hat mir alle mein Vater geschnitzt!�, erkl�rte Ulric stolz.</p><p>�Meistens wenn er Streit mit meiner Mutter hat, schnitzt er mir ein Schwert. Und die beiden streiten sich gern.�</p><p>Vielleicht hatte er sich in dem Jungen get�uscht, was den respektvollen Umgang mit Erwachsenen anging, dachte Ollowain am�siert.</p><p>Sie schlenderten den Weg entlang, der auf der R�ckseite des Dorfes zum Wald f�hrte. Der Schwertmeister empfand die Welt der Menschenkinder auf schwer in Worte zu fassende Weise als unheimlich. Etwas mit der Luft stimmte hier nicht. Sie verwischte den Blick in die Ferne, und die Ordnung der einfachsten Dinge schien durcheinander geraten zu sein. Die Art, wie die B�ume zueinander standen, oder wie ihr Astwerk wuchs. Selbst das Rascheln der Bl�tter im Wind klang anders, wenn man genau hinh�rte, anders als in Albenmark. Vielleicht lag es daran, dass der Welt der Menschen kaum Magie innewohnte? Vielleicht war es auch ganz nat�rlich, dass sich Welten voneinander unterschieden. Was wusste er schon von diesen Dingen! Er hatte andere Sorgen.</p><p>Ein weites St�ck gingen sie schweigend. Nur Ulric rief unsichtbaren Gegnern am Wegesrand Herausforderungen zu und drosch gelegentlich mit seinem Holzschwert auf B�sche und Pilze ein.</p><p>�Ist es wirklich so schlimm, wie Yilvina erz�hlt hat?�, fragte Alfadas unvermittelt.</p><p>Ollowain hatte nur stumm dabeigesessen, als seine Gef�hrtin vom Untergang Vahan Calyds berichtet hatte und vom Kampf mit den Trollen. Der Schnitt in den Hals hatte ihm nicht gestattet zu sprechen, und er war nicht ungl�cklich gewesen, diese Geschichte nicht erz�hlen zu m�ssen.</p><p>�Sie hat nicht einmal alles gesagt.�</p><p>�Und was wirst du nun tun?�</p><p>Ollowain machte eine hilflose Geste. �Ich wei� es nicht. Vielleicht sollte ich in die Snaiwamark. Wahrscheinlich werden sich die Trolle als N�chstes dorthin wenden.�</p><p>�Warum glaubst du das?�</p><p>�Dort lebt mein Volk. Der Elfenstamm der Normirga. Auch Emerelle geh�rt zu ihnen. Die Trolle h�tten zwei Gr�nde, sich gegen sie zu wenden. Vermutlich werden sie Emerelle dort suchen, und wom�glich steht ihnen der Sinn danach, Blutrache an einem ganzen Volk zu nehmen. Und selbst, wenn das nicht der Fall ist, werden sie ihre alte Heimat zur�ckerobern wollen. Sie sind aus der Snaiwamark vertrieben worden. Es ist das Land, das die Alben ihnen einst geschenkt haben.�</p><p>�Warum sollten sie Blutrache an einem ganzen Volk �ben wollen? Was haben sie damit zu tun, was ...� Alfadas brach ab.</p><p>�Du lebst schon lange wieder unter den Menschen, mein Freund. Du denkst in ihren Ma�st�ben. Auch wenn die Gr�ueltaten des letzten Trollkrieges Jahrhunderte zur�ckliegen, leben noch immer etliche der Elfen, die daran beteiligt waren. Unsere V�lker haben einander zu tiefe Verletzungen zugef�gt.�</p><p>Kurz �berlegte Ollowain, ob er Alfadas von dem Massaker auf der Shalyn Falah erz�hlen sollte. Vom Mord am K�nig der Trolle und seinen Herz�gen. Er zog es vor zu schweigen. Es war zu besch�mend, was in dieser Nacht geschehen war.</p><p>�Manchmal wird uns unser langes Leben zum Fluch. Die alten Wunden wollen nicht verheilen, weil sie nicht in Vergessenheit geraten k�nnen. Du erinnerst dich doch noch an Farodin. Er f�hrt seit �ber siebenhundert Jahren eine Fehde mit einem Trollherzog. Allein er wei�, wie oft er diesen Troll get�tet hat und wie oft der Herzog wiedergeboren wurde, nur um erneut durch Farodins Klinge zu sterben.�</p><p>�Du solltest Emerelle nicht zur�ck nach Albenmark bringen. Nicht solange sie in diesem Zustand ist. Lass sie bei mir. Asla und ich werden uns um sie k�mmern.�</p><p>�Und ich auch!�, sagte Ulric mit gro�em Ernst. �Ich kann ihr zu trinken bringen, wenn sie durstig ist. Und ihr Geschichten erz�hlen, wenn sie sich langweilt.�</p><p>Ollowain strich dem Jungen �ber das Haar. �Ich bin sicher, dass meine K�nigin dein Angebot sehr zu sch�tzen w�sste.� Er blickte zu Alfadas. �Aber ich kann euch nicht guten Gewissens eine solche Last aufb�rden.�</p><p>�Nicht? Du willst sie also mit in das ewige Eis der Snaiwamark nehmen. Dorthin, wo du den n�chsten Angriff der Trolle erwartest? Niemand w�rde sie hier bei mir suchen. Wer w�rde schon vermuten, dass die m�chtige Emerelle in einem bescheidenen Dorf in der Welt der Menschen Unterschlupf sucht. Nenne mir einen Ort, der sicher f�r Emerelle ist, und ich lasse dich mit ihr ziehen.�</p><p>Die Einw�nde, die Alfadas vortrug, waren nicht von der Hand zu weisen. Und dennoch hatte Ollowain kein gutes Gef�hl. Sein Plan war es gewesen, hier f�r ein paar Tage Unterschlupf zu suchen. Gerade so lange, wie Emerelle brauchte, um wieder zu Kr�ften zu kommen. Dass sie sich von ihrer Verwundung nicht ohne weiteres erholte, daran h�tte er niemals gedacht. Er wusste nicht, was jetzt zu tun war. In seinen Gedankenspielen hatte die K�nigin hier in Firnstayn bestimmen sollen, wie es weitergeht. �Ich werde dar�ber noch einmal schlafen�, antwortete Ollowain schlie�lich.</p><p>Der Jarl l�chelte breit. �Warum? So z�gerlich kenne ich dich nicht. Meine Worte werden morgen noch dieselben sein. Warum also warten?�</p><p>�Vielleicht weil ich trotz meines Alters die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, �ber Nacht zu Weisheit zu gelangen�, entgegnete der Schwertmeister scherzhaft.</p><p>Pl�tzlich blieb der gro�e Hund stehen und knurrte leise. Er sah zu einem Dickicht hin�ber. Ollowain konnte dort nichts Verd�chtiges erkennen, doch hatte er das Gef�hl, dass sie beobachtet wurden. Auch das Kind wirkte ver�ndert. Ulric rieb sich die Arme. �Es ist kalt hier unter den B�umen.�</p><p>�Dann gehen wir eben zum Fjord.�</p><p>�Atta, Atta!�, rief Kadlin begeistert, als habe sie verstanden, was ihr Vater gesagt hatte.</p><p>�Silwyna?�, rief Alfadas in Richtung des Geb�schs. Doch er bekam keine Antwort.</p><p>�Hier hat Opa mit dem Ungeheuer gek�mpft�, erkl�rte Ulric. Der Junge deutete auf den Haselnussbusch. �Dort hat es sich versteckt. Und hier haben sie Opas tote Freunde gefunden.�</p><p>�Wer sagt das?�, fragte Alfadas �rgerlich.</p><p>�Opa Erek. Er hat mir alles �ber den Kampf mit dem Manneber erz�hlt. Erek sagt, dieser Ort sei verflucht, weil hier Opas Freunde gestorben sind. Deshalb ist es hier immer k�hl.�</p><p>�Und ich sage, dir ist es kalt, weil dein nichtsnutziger Gro�vater dir Gruselgeschichten �ber diesen Ort erz�hlt hat.� Alfadas nahm seinen Sohn bei der Hand. �Wir gehen jetzt.�</p><p>Ollowain blickte noch einmal zu dem dichten Haselnussbusch. Dort war etwas. Das konnte er sp�ren. Auch der Hund war nicht ohne Grund unruhig geworden. Etwas lauerte hier.</p><p>War es m�glich, dass ihnen die Trolle durch das Labyrinth der Albenpfade gefolgt waren? Nein, die Vorstellung war absurd. Dort hinterlie� man keine Spuren.</p><p>Mit weit ausholenden Schritten schloss Ollowain zu Alfadas und den Kindern auf. Ulric drosch mit seinem Schwert auf einen jungen Birkenstamm ein und bedachte den Baum dabei mit einem Schwall von Fl�chen, von denen einige selbst Orimedes beeindruckt h�tten. �Silwyna war bei dem Haselnussbusch�, sagte Alfadas leise. �Ich kann es immer noch sp�ren, wenn sie in der N�he ist. So wie damals ... Warum hast du sie mitgebracht?�</p><p>Ollowain dachte daran, ihn anzul�gen. Aber wem konnte er trauen, wenn nicht ihm? Alfadas war gewiss in kein Komplott gegen Emerelle verwickelt. Also erz�hlte er ihm, warum sie hier war.</p><p>Sie hatten l�ngst den Fjord erreicht, als der Schwertmeister mit seiner Geschichte �ber die Maurawani und ihre undurchsichtige Rolle w�hrend der Flucht endete.</p><p>�Sie hat nicht auf die K�nigin geschossen, da bin ich mir ganz sicher�, sagte der Jarl entschieden. �Das w�rde sie niemals tun.�</p><p>Er war noch genauso gutgl�ubig wie damals, dachte Ollowain traurig. Es w�re doch weiser gewesen, ihm nichts zu erz�hlen!</p><p>�Du h�ttest auch niemals gedacht, dass sie dich verlassen w�rde, nicht wahr?�</p><p>Alfadas sah �berrascht auf. �Was hat das miteinander zu tun?�</p><p>�Du hast den gr��ten Teil deines Lebens in Albenmark verbracht, mein Freund. Aber Menschenleben sind kurz. Ich hatte vor�bergehende Launen, die l�nger anhielten. Du kennst uns nicht wirklich. Wei�t du, ob sie nicht einen geheimen Groll gegen die K�nigin hegt?�</p><p>Alfadas sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Du bist zu lange Emerelles Leibw�chter gewesen, Meister. Du siehst nur noch Intrigen und Verrat, nicht mehr die Wirklichkeit! Die st�ndige Sorge um die K�nigin hat dich ausgebrannt. Warum h�tte Silwyna dein Leben retten sollen, wenn sie die K�nigin ermorden will? Und warum w�re sie dann hier? Sie h�tte Emerelle doch wohl leicht nach dem Bienenangriff t�ten k�nnen.�</p><p>�Du kannst dich eben nicht in eine Maurawani hineindenken, Menschensohn. Und wer sollte es dir ver�beln, wo selbst in Albenmark kaum jemand dieses Volk verschrobener Einzelg�nger versteht. F�r sie ist das Ganze eine Jagd. Und wenn weder ich noch Emerelle selbst in der Lage sind, sie zu sch�tzen, dann ist die K�nigin keine infrage kommende Beute mehr. Versuche nicht, sie zu verstehen, Alfadas. Das w�re ein Weg der Schmerzen.�</p><p>Die Z�ge seines Freundes verh�rteten sich. Mit seinem kurzen, blonden Bart sah Alfadas eigenartig aus. �lter, h�rter und menschlicher. �Silwyna wird einen guten Grund gehabt haben, mich zu verlassen. Sie hat ihn mir nie genannt, aber das hei�t nicht, dass es ihn nicht gibt.�</p><p>So naiv diese Vertrauensseligkeit war, so entwaffnend war sie auch. W�re die Welt nur tats�chlich so, wie Alfadas sie sehen wollte!</p><p>�Warum sie mein Haus wohl so schnell verlassen hat?�, sagte Alfadas tief in Gedanken.</p><p>�Vielleicht weil sie einen Wald deinen verr�ucherten vier W�nden vorzieht?� entgegnete Ollowain scherzend. Der Jarl lachte. �Das tut sie ganz gewiss. Au�erdem glaube ich, hat sie sofort verstanden, was zwischen mir und Asla ist.�</p><p>�Das konnte wohl jeder verstehen, der Augen daf�r hatte, dass du ohne Hose herumgelaufen bist.� Der Menschensohn err�tete. �Silwyna ist noch immer wundersch�n. Als sie vor mir in der T�r stand, da war es f�r mich, als w�re sie nur einen Augenblick fort gewesen und nicht zehn Jahre. Ich ... Wenn Asla nicht w�re ...�</p><p>�Aber es gibt Asla nun mal. Und sei froh darum, dass du sie hast. Sie ...�</p><p>�Sie hat sofort gesp�rt, dass ich Silwyna kannte�, unterbrach ihn der Jarl. �Dabei habe ich ihr niemals von unserer Liebe erz�hlt.�</p><p>�Hat sie denn nicht gefragt, wie dein Leben am Hof Emerelles verlaufen ist?� Ollowain war �berrascht. Er hatte ein anderes Bild von Menschen gehabt. Er stellte sich vor, dass sie nicht sehr feinf�hlig waren. Etwa so wie Kentauren. Dass Asla so klug sein k�nnte, eine Frage nicht zu stellen, deren Antwort sie nicht ertragen k�nnte, h�tte er ihr nicht zugetraut.</p><p>�Sie mag es nicht, wenn ich von dieser Zeit erz�hle. Ich sp�re, wie es an ihr nagt. Sie wird jedes Mal w�tend, wenn ich zum Steinkreis hinaufschaue. Aber sie stellt keine Fragen. Asla ist eine wunderbare Frau.�</p><p>Sie hatten den Rand des Waldes erreicht. Vor ihnen lag ein felsiger Uferabschnitt. Ulric st�rmte voraus zum Wasser. Und die kleine Tochter zog ihren Vater an den Haaren und wollte von seinen Schultern herab. �Ich f�rchte, ich bin ihr kein guter Gatte�, sagte er leise. �Sie nennt mich oft mein sch�ner, fremder Mann. Ihre Worte sollen ein Scherz sein. Und doch ist es genau das, was sie empfindet. Wir haben zwei Kinder. Wir leben seit acht Jahren zusammen. Und ich bin ihr fremd.�</p><p>Ollowain legte seinem Freund die Hand auf den Arm. Schon als kleiner Junge, wenn Alfadas niedergeschlagen gewesen war, weil die jungen Elfen ihm in so vielem �berlegen gewesen waren und er trotzdem mit ihnen hatte mithalten wollen, war er zu Ollowain gekommen. Schon damals war es dem Schwertmeister schwer gefallen, ihm einen Rat zu geben. Und heute ... Was wusste er von den Herzen der Menschen? Er konnte nur hier sein und zuh�ren.</p><p>Kadlin begann mit ihren kleinen F�usten auf den Kopf ihres Vaters zu trommeln. Sie gab sich keine M�he mehr, sich festzuhalten. Sie wollte herunter.</p><p>�Wie es scheint, hast du da eine kleine Kriegerin�, scherzte Ollowain, um das Gespr�ch in eine andere Richtung zu lenken.</p><p>Alfadas l�chelte matt und setzte seine Tochter ab. �Hier werden Frauen nicht zum Kampf ausgebildet.�</p><p>Kadlin stampfte w�tend mit den F��en auf und beschwerte sich lautstark, als er sie an einem Zipfel ihres Kleides festhielt, statt sie auf dem von tiefen Spalten durchzogenen Klippenstreifen herumlaufen zu lassen. B�iger Wind dr�ckte das Wasser des Fjords gegen das Ufer. Platschend brachen sich die Wellen in einem Labyrinth aus H�hlen und Spalten. Manchmal schoss �berraschend eine Gischtfahne aus dem zerkl�fteten Untergrund. Ulric war schon ganz nass. Er stand auf einer Felsnase, die weit in den Fjord hineinreichte, und rief dem K�nig vom dunklen Grund eine Herausforderung entgegen.</p><p>Ollowains Blick wanderte �ber das weite Wasser. Das Wetter war umgeschlagen, der Himmel bedeckt, und Wellen mit kleinen wei�en Schaumkronen eilten dem Ufer entgegen. Weit entfernt sah er ein kleines Boot, das mit halb gerefftem Segel gegen den Seegang ank�mpfte. Es fr�stelte den Elfen. Die Landschaft war von rauer Sch�nheit. Sie passte zu den Menschen, dachte er. �Gegen wen will dein Sohn denn jetzt k�mpfen?�, fragte er.</p><p>�Wer ist dieser K�nig vom dunklen Grund?�</p><p>Alfadas winkte ab. �Nur eine von vielen Geschichten, wie sie sich die Fjordl�nder gern in langen Wintern�chten an ihren Feuergruben erz�hlen.�</p><p>�Glaubst du, man k�nnte sie auch einem Elfen an einem dunklen Herbsttag erz�hlen?�</p><p>Der Jarl sah ihn verwundert an. �Es ist wirklich nichts Besonderes.�</p><p>�Zumindest deinen Sohn scheint sie sehr beeindruckt zu haben.�</p><p>Ulric stand noch immer auf der Felsnase. Er hielt jetzt sein Holzschwert dem Himmel entgegengestreckt, als habe er gerade einen gro�en Sieg errungen.</p><p>Alfadas musste l�cheln. �Ja, es ist die Art von Geschichte, die Kinder, alte Krieger und Narren in ihren Bann schlagen. Vor langer Zeit, als Eisen allein den Waffen der G�tter vorbehalten war, regierte an den Fjorden ein stolzer Herrscher, K�nig Osaberg. Viele nannten ihn auch den Goldenen, denn er trug eine schwere Brustplatte ganz aus goldener Bronze. Einen Helm mit Fl�geln daran besa� er, ein Kettenhemd, das bis zu den Knien herabreichte, sowie einen gro�en, runden Schild, auf dem das Bild einer Seeschlange prangte. Er war ein stolzer und ein reicher K�nig. Viele Kriege hatten seine Schatzkammer gef�llt und ihm etliche Feinde beschert. Selbst seine eigenen F�rsten beneideten ihn, denn neben diesem K�nig wurde der Ruhm selbst des tapfersten Kriegers zu Asche. In dieser fernen Zeit fuhren selbst die Herrscher in Booten aus Lederh�uten, so wie es heute noch unsere Fischer tun. Eines Sommers wurden Osaberg und seine M�nner auf einer Kriegsfahrt von �berm�chtigen Feinden gestellt. Es hei�t, seine eigenen F�rsten h�tten ihren Herrscher verraten. Jedenfalls flohen sie in ihren Booten, noch bevor sie einen Schwertstreich taten. Osaberg und seine letzten Getreuen wurden umzingelt. Sie k�mpften mit dem Mut der Verzweiflung, doch die �bermacht der Feinde war zu gro�. Der K�nig war der Letzte, der noch focht. Als er sah, dass seine Niederlage unabwendbar war, zerschnitt er mit dem Schwert die lederne Bootshaut und versank in seiner schweren Bronzer�stung im Fjord. Zuletzt rief er seinen Feinden noch zu, er werde wiederkehren, um aus ihren Knochen einen Thron am Grund des Fjords zu errichten. Zwei Tage sp�ter sanken die meisten Schiffe der Verr�ter und der siegreichen Feinde in einem pl�tzlichen Sturm. Seit jener Zeit, hei�t es, wandert K�nig Osaberg rastlos auf dem Grund der Fjorde umher. Und manchmal steigt er aus dem Wasser, um im Zweikampf den Mut der Tapferen zu erproben oder um Schrecken und Tod unter die Feinde des Fjordlands zu tragen.�</p><p>�Vielleicht solltest du deinem Sohn nicht gestatten, nach diesem dunklen Herrscher zu rufen. Hast du keine Angst, dass er ihn erh�ren k�nnte?�</p><p>Alfadas lachte leise. �Wir sind hier nicht in Albenmark, mein Freund. Es ist nur eine Geschichte. Der K�nig lebt allein in der Vorstellung von Knaben wie Ulric und von ein paar alten Narren. Es gibt solche Gesch�pfe nicht in meiner Welt.�</p><p>�Und der Manneber?�, wandte Ollowain ein. Er sah das aufgew�hlte Wasser des Fjords jetzt mit anderen Augen. Lauerte dort in der Tiefe der Geist eines uralten Kriegerk�nigs? �Und was ist mit den Trollen? Einige ihrer Burgen sind kaum dreihundert Meilen von hier entfernt. Ganz zu schweigen von den Versto�enen aus Albenmark, die sich in deine Welt gerettet haben. Es mag ja sein, dass es diesen K�nig Osaberg nicht gibt. Aber vielleicht lauert ja etwas anderes am Grund des Fjordes.�</p><p>�Nein, mein Freund. Mein Schwiegervater ist Fischer. Und sein Vater war es auch. Die Tradition reicht viele Generationen zur�ck. Sie wissen um alles, was im Fjord lebt. Dort gibt es keinen K�nig. Es ist nur eine Geschichte, mit der man die Kinder erschreckt und sie davon abh�lt, zu nahe ans Wasser zu gehen.�</p><p>Ollowain betrachtete den Jungen. Er war kr�ftig. Sein blondes Haar hing ihm in langen Str�hnen in den Nacken. Auf den rutschigen Felsen hielt er ohne M�he das Gleichgewicht. Er w�rde gewiss ein guter Schwertk�mpfer werden, wenn Alfadas die Zeit fand, ihn angemessen zu unterrichten. �Dein Sohn scheint sich von dieser Geschichte nicht sonderlich schrecken zu lassen.�</p><p>Die Augen des Jarls leuchteten vor Stolz. �Er ist in der Tat sehr mutig. Er wird ein besserer Anf�hrer sein als ich, denn er wei�, wohin sein Herz geh�rt.�</p><p>Wehm�tig dachte Ollowain, dass er nie ein Kind gehabt hatte. Er hatte nicht einmal eine Frau auf Dauer an sich binden k�nnen. Immer hatte es etwas in seinem Leben gegeben, das ihm dringender erschienen war. Seit Jahrhunderten hatte er sich ganz dem Dienste an Emerelle verschrieben. Und er war zutiefst davon �berzeugt, den richtigen Weg gew�hlt zu haben, so befremdlich ihm einige Entscheidungen der K�nigin auch erscheinen mochten. Sie blickte Jahrhunderte voraus. Niemand konnte verstehen, was sie bewegte. Sie f�hrte verborgene K�mpfe, um die Albenkinder zu sch�tzen. List, Intrige und Einsch�chterung waren oft genug ihre Waffen, und sie halfen, Kriege zu vermeiden. Ollowain wusste, dass Emerelle nur das Beste f�r Albenmark wollte. Auch jetzt ... Und doch, wenn er an den Untergang Vahan Calyds dachte, qu�lten ihn Zweifel. Wie viel hatte die Herrscherin gewusst? Welcher Schrecken in der Zukunft rechtfertigte ein solches Opfer? Er w�rde es nur erfahren, wenn er ihr weiterhin treu diente. Er musste sie retten und die Geduld haben abzuwarten, was die Zukunft brachte. F�r den Augenblick jedoch konnte er nichts tun, als darauf zu hoffen, dass Emerelle bald aus ihrem magischen Schlaf erwachte. Oder ... Nein, im Gegenteil! Er hatte die Mu�e, sich mit anderem zu besch�ftigen, solange Emerelle ruhte und nicht bedroht war. Allein k�nnte er gegen die Trolle in Albenmark nichts ausrichten! Nur die K�nigin hatte die Autorit�t, alle Albenkinder zum Krieg zu rufen. Niemand anderem w�rden die V�lker folgen.</p><p>Ollowain blickte zu Alfadas und dessen Sohn. So frisch waren die Erinnerungen an die Schwertkampfstunden des Jarls. Es hatte ihm Freude bereitet, den Jungen zu formen, sein Talent wachsen zu sehen. Er l�chelte verhalten und nickte dann leicht.</p><p>�Es w�re mir eine Ehre, wenn ich Ulric einige Schwertkampflektionen erteilen d�rfte. Selbst wenn dein Vater das Schwert als unm�nnliche Waffe verachtete, war er sehr begabt im Umgang damit. Und mir scheint es, dass auch in deinem Sohn dieses Erbe weiterlebt.�</p><p>�Welchen besseren Lehrer k�nnte Ulric jemals haben? Er wird begeistert sein, wenn ich ihm das sage. Er h�lt gro�e St�cke auf dich, Ollowain. Ich habe oft von dir erz�hlt.�</p><p>Blut, der ziellos �ber die Felsnase gestreift war, begann pl�tzlich laut zu bellen. Er kl�ffte etwas an, das in einer Spalte verborgen war. Ulric rannte zu dem gro�en Hund hin�ber und winkte dann seinem Vater. �Hier ist etwas ... Ein toter Hase. Er sieht seltsam aus.�</p><p>Ollowain folgte seinem Freund auf die Felsen hinaus. Inzwischen hatte sich Ulric flach auf den Boden gepresst und stocherte mit seinem Schwert in der Spalte herum. Tief zwischen den Felsen lag ein toter Hase. Er war zusammengeschrumpelt wie eine D�rrpflaume. Sein Fell wies keine Wunden auf.</p><p>�Was ist mit dem Hasen passiert, Vater?�</p><p>�Das ist nichts Besonderes�, sagte Alfadas leichthin. �Er muss dort hinabgest�rzt sein, und dann ist er nicht mehr aus der Spalte herausgekommen. Die Hitze der letzten Tage hat ihn ausgetrocknet. Dort unten kommen Raben und andere Aasfresser nicht an ihn heran. Deshalb hat er sich so gut erhalten.� Der Jarl nahm das Holzschwert seines Sohns, legte sich flach auf den Fels und schaffte es mit ausgestrecktem Arm, den Kadaver herumzudrehen.</p><p>Verwundert bemerkte Ollowain, dass keinerlei Maden auf dem Tier zu sehen waren.</p><p>�F�hlst du, wie warm die Steine noch sind?�, fragte Alfadas seinen Sohn.</p><p>Ulric presste die flache Hand auf den Felsboden und nickte.</p><p>�Die Hitze der Mittagsstunden hat sich noch gehalten. Dort unten liegt der Hase wie in einem Ofen. Er ist g�nzlich ausgetrocknet und besteht nur noch aus Fell und Knochen.� Blut knurrte, so als w�rde ihm diese Erkl�rung nicht gefallen, und Kadlin, die Alfadas endlich losgelassen hatte, fing ebenfalls an zu knurren.</p><p>Der Jarl stupste die Kleine leicht an, schnitt eine Grimasse und knurrte zur�ck. Selbst Ulric machte jetzt bei dem Spiel mit und begann zu bellen. Verwundert sah Ollowain zu. Er w�rde die Menschen niemals begreifen. Der Elf f�hlte sich fehl am Platz und zog sich zur�ck. Er wollte den anderen den Spa� nicht verderben. Er ging zum Ufer und sah wieder hinaus auf den Fjord. Das Boot, das er vor einer Weile gesehen hatte, war bis auf hundert Schritt herangekommen. Es handelte sich um ein einfaches, fast rundes Fischerboot mit einem Rumpf aus Tierh�uten.</p><p>Nur ein alter Mann war an Bord. Er winkte ihm und rief etwas, doch der b�ige Wind verschluckte einen Teil seiner Botschaft. �Alfadas ... Dorf.. Krieger!�</p><subtitle>Die Chronik von Firnstayn</subtitle><cite><p>Im f�nften Jahr, in welchem Alfadas Mandredson Jarl von Firnstayn war, kehrten die Elfen zur�ck. Sie suchten Zuflucht in seiner Halle, dort wo heute die Halle der K�nige steht. Und niemand Geringeres als eine K�nigin begab sich in seinen Schutz. Die Herrin der Albenlande, schwer verwundet und von ihren Feinden vertrieben, besann sich auf ihren Ziehsohn. Doch als sie das Land der Fjorde erreichte, versank sie in einen tiefen Schlaf. Kein Rufen oder Sch�tteln, ja nicht einmal die Macht der Magie vermochte sie aufzuwecken.</p><p>Ihre letzten Worte aber richtete sie an Alfadas Mandredson, den k�hnen Herzog des K�nigs. Und sie bat ihn um Hilfe im Krieg gegen die Thronr�uber.</p><p>Nun waren die letzten Getreuen Emerelles gestrandet, und sie blieben viele Tage in Firnstayn und sannen in ihrer Verzweiflung, was zu tun sei. Die Kunde von diesen seltsamen G�sten verbreitete sich wie der Wind. Und es dauerte nicht lange, bis K�nig Horsa Starkschild erfuhr, wer da vom Hartungskliff herabgestiegen war. Da beschloss der alte Recke, noch einmal sein Schlachtross Mj�lnak zu satteln, und er ritt den weiten Weg bis Firnstayn. In seinem Gefolge brachte er die ber�hmtesten aller Heilkundigen mit. Horsa wusste, dass der K�nig die Seele des Landes ist. Und ist der K�nig krank, so muss es auch seinem Land �bel ergehen. Mit seinem gro�en Herzen hatte er entschieden, Emerelle zu helfen, wo er nur konnte. Doch Edelmut erzeugt stets auch Neid und Missgunst. Und wohl niemand ahnte in jenem Herbst, was f�r ein Ungl�ck sich aus der Tat des K�nigs noch in selbigem Winter ergeben sollte.</p><text-author>Niedergeschrieben von Haddu Hjemwal</text-author><text-author>Band II der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s.15</text-author></cite></section><section><title><p>K�nigliche Plane</p></title><p>�Du wirst morgen wieder zur�ck sein?�, fragte Asla.</p><p>Alfadas hatte mit einem Streit gerechnet, doch Asla war erstaunlich umg�nglich geblieben. Welche Wahl hatte er auch, wenn der K�nig ihn zu sich befahl?</p><p>�Ja, wenn alles gut geht, kann ich schon morgen Abend zur�ck sein.�</p><p>�Hoffentlich. G�ste, die �ber Tische und B�nke kotzen, wenn sie sich betrunken haben, bin ich ja gewohnt, aber dass man mir neben die Feuerstelle schei�t ...� Sie warf dem Kentauren einen b�sen Blick zu. Orimedes machte sich gerade n�tzlich und spaltete Holz. Ihre �brigen G�ste hatten sich in den Schutz des Hauses zur�ckgezogen. �Was will der K�nig von dir?�</p><p>Alfadas seufzte. Schon drei Mal hatte sie ihn das gefragt. �Ich wei� es wirklich nicht. Er hat mich zu sich nach Honnigsvald befohlen. Mehr hat der Bote nicht gesagt. Ich sch�tze, ihm sind Ger�chte �ber unsere G�ste zu Ohren gekommen, und er m�chte wissen, was es damit auf sich hat.�</p><p>�Zieh nicht schon wieder f�r ihn in den Krieg. Bitte. Ich brauch dich hier.� Sie strich ihm sanft �ber die Wange. �Alle Zeichen deuten auf einen besonders harten Winter hin. Lass mich nicht allein, wenn die Zeit der St�rme und der Finsternis beginnt.�</p><p>Welch eine dumme Furcht! Er nahm sie in den Arm und dr�ckte sie fest an sich. �Keine Sorge. Niemand ist so t�richt und f�hrt im Winter Krieg. Horsa wird meine Dienste als sein Heerf�hrer nicht vor dem n�chsten Fr�hjahr einfordern.� Er k�sste sie und hoffte, all ihre Sorgen zerstreut zu haben. Dann schwang er sich in den Sattel und ritt den H�gel hinab. Unten grinsten ihn einige M�nner an, die die Abschiedsszene beobachtet hatten. Hoffentlich wurde das Wetter bald schlechter. Dann w�rde die Belagerung seines Langhauses durch diese Gaffer endlich aufh�ren.</p><p>Am Fu� des H�gels drehte er sich noch einmal um. Asla stand in der T�r. Sie trug ihr gr�nes Festkleid und den feinen roten Umhang, den er ihr im letzten Sommer mitgebracht hatte. Ihr Haar war offen. Der Wind blies ihr eine lange Str�hne quer �ber das Gesicht. Es war golden wie reifes Korn.</p><p>Alfadas machte sich Sorgen. Noch nie hatte sie ihn so z�rtlich verabschiedet, wenn er zum K�nigshof ritt. Aber diesmal war es ja auch nur eine Reise von zwei Tagen. Ob sie vielleicht schwanger war? Er sollte mit Lyndwyn reden, wenn er wieder zur�ck war. Als Heilerin und Magierin konnte sie bestimmt sp�ren, wenn ein neues Leben in Asla wuchs.</p><p>Zufrieden lenkte der Jarl seinen grauen Hengst auf den Weg, der am Ufer des Fjords entlang nach S�den f�hrte. Diesmal w�rde er bei Asla sein, wenn das Kind kam. Ganz gleich, was der K�nig von ihm verlangte. Jetzt reicht�s aber, du Narr, schalt er sich in Gedanken. Du wei�t nicht einmal, ob dein Weib ein Kind unter dem Herzen tr�gt, und planst schon das n�chste Jahr.</p><p>Sein Blick wanderte �ber das weite graublaue Wasser des Fjords. Die Wolken hingen tief am Himmel und verschluckten die wei�en Bergspitzen in der Ferne. Mit lautem Flattern st�rmten Perlh�hner aus dem Dickicht am Waldrand. Sein Grauer scheute und brach seitlich aus. Alfadas sp�hte ins Dickicht. Dort war etwas. Aber er hatte jetzt keine Zeit, um sich auf die Spielchen von Silwyna einzulassen. Wenn sie ihm etwas zu sagen hatte, dann sollte sie kommen. Schlie�lich war nicht er es, der dauernd davonlief. Und wenn sie nicht kam, dann sollte sie ihm doch den Buckel herunterrutschen. Er gab dem Hengst die Sporen und trabte davon.</p><p>Alfadas sp�rte ihre Blicke in seinem R�cken. Ob Ollowain Recht hatte mit seinem Verdacht? Das war jetzt nicht seine Sorge, redete er sich ein und sp�hte doch immer wieder zur�ck. Warum war sie hier? Konnte sie ihn denn nicht in Frieden lassen? Er lie� den Grauen langsamer gehen. Wenn sie dort am Waldrand war, dann k�nnte sie ihn nun mit Leichtigkeit einholen. Er wollte wissen, warum sie hier war. Und er musste sich eingestehen, dass sie ihm trotz allem, was geschehen war, nicht egal war. Hatten Asla und die Kinder seine Liebe zu ihr nicht auszul�schen vermocht? Was w�rde geschehen, wenn sie jetzt aus dem Wald kam? W�rde er ihr noch einmal verfallen? Das durfte nicht sein! Sein Leben war hier, in Firnstayn, an der Seite seiner Familie!</p><p>Er gab dem Grauen die Sporen und preschte davon. Er durfte nicht zulassen, dass die Vergangenheit ihn einholte! Der Uferweg wurde bald zu einem schmalen Pfad, kaum breiter als ein Wildwechsel. Nur selten verirrten sich Reisende bis nach Firnstayn. Es war das am n�rdlichsten gelegene Dorf am Fjord. Zu klein, um f�r H�ndler von Bedeutung zu sein. Wer sch�ne Stoffe wollte, ein gutes Pferd oder eiserne Pfeilspitzen, der reiste nach Honnigsvald. Der Ort nannte sich hochtrabend Stadt, weil einige seiner H�user aus Stein errichtet waren. Gut, es lebten auch zehnmal mehr Menschen dort als in Firnstayn, und doch war Honnigsvald gemessen an den St�dten, die Alfadas schon gesehen hatte, nicht mehr als ein Hundedreck. Ein n�tzlicher Hundedreck. Er sollte Asla etwas mitbringen, wenn die Zeit dazu blieb. Wieder fragte er sich, was der K�nig wohl wollte.</p><p>Es begann zu regnen. Alfadas l�ste den aufgerollten Umhang vom Sattel und schlang ihn sich um die Schultern. Im Dunst der Regenschleier konnte man kaum noch das andere Ufer sehen. Die Welt r�ckte zusammen. Die fernen Berge waren im Grau des Himmels versunken. Bald war der Jarl trotz des Umhangs v�llig durchn�sst. Wehm�tig dachte er an die wunderbare Kleidung, die man bei den Elfen gefertigt hatte. Stoffe, an denen Regen abperlte wie an Bl�tenbl�ttern. Man k�nnte so vieles von ihnen lernen, wenn das Band zwischen ihren Welten ein wenig enger w�re. Doch es lag allein bei den Elfen, dar�ber zu entscheiden, denn kein Mensch vermochte aus eigener Kraft durch ihre Tore zu gehen. Nur sein Vater Mandred hatte dies einmal auf wundersame Weise geschafft, doch hatte er selbst nie erkl�ren k�nnen, wie ihm dies gegl�ckt war.</p><p>Der Wald dr�ngte nun fast bis ans Ufer. Wie eine S�ulenhalle zogen sich schwarze Fichtenst�mme den Hang hinauf. Die unteren �ste waren abgestorben, weil kein Licht sie mehr erreichte. Ein dichtes Polster aus braunen Nadeln bedeckte den Boden und schluckte das Ger�usch der Hufe. Der Regen rauschte in den �sten. Es duftete nach Harz, Moder und Pilzen. Alfadas zog den Kopf ein und lenkte sein Pferd in die dunkle Waldhalle. Zwischen den schmalen, schwarzen St�mmen war er ein wenig vor dem Regen gesch�tzt. Wenn die Sonne vom Himmel verschwand, wurde es schon empfindlich kalt.</p><p>Das Haar hing dem Jarl in nassen Str�hnen ins Gesicht. Das Leder seines Schwertgurts quietschte leise, wenn er sich bewegte. Wie das Gebein eines toten Riesen stachen Felsen durch das Erdreich. Wo der Weg zu schwierig wurde, musste Alfadas tief in den Wald ausweichen. Manchmal, wenn der Fjord sich in weiten Kehren zwischen den Bergen hindurchwand, k�rzte der Jarl den Weg ab. Doch wo immer es m�glich war, hielt er sich nahe am Wasser. Er sp�hte nach den Silberr�cken, die die Fluten zerteilten. Nicht mehr lange, und die Salme mussten kommen. Er w�rde mit Erek hinausfahren und tagelang fischen. Seinen Schwiegervater verlie� langsam die Kraft. Die Gicht war ihm in die Knochen gekrochen, so wie es jedem geschah, der sein Leben auf dem Wasser verbrachte. Zu viele Stunden feuchter K�lte hatten ihn zerm�rbt. Aber wenn die Salme kamen, lebte der Alte wieder auf. Wie durch Zauberei kehrten seine Kr�fte dann zur�ck. Einmal hatte er Alfadas nachts am Feuer erz�hlt, dass er sich w�nsche, von einem starken Fisch hinab auf den Grund des Fjords gezogen zu werden, wenn seine Zeit gekommen sei. Er wolle nicht in einem kalten Herbst am Bluthusten verrecken oder erleben, wie seine alten Knochen br�chig wie modriges Holz wurden. Ich habe mein Leben lang Fische gefressen, da ist es doch nur gerecht, wenn sie mich zuletzt zum Fressen bekommen. Sollen sie ihren Laich zwischen meine Rippen legen. Ich will ihrer Brut gerne ein sch�tzendes Versteck sein, so hatte Erek damals gesprochen.</p><p>Alfadas mochte den alten Mann. Man konnte den ganzen Tag mit ihm in einem Boot sitzen und kein Wort reden, und doch hatte man sich pr�chtig verstanden.</p><p>Tr�ge flossen die Stunden dahin. Es h�rte nicht mehr auf zu regnen. In der D�mmerung stieg Alfadas aus dem Sattel. Es w�re vern�nftiger, jetzt nach einem Nachtlager zu suchen. Aber Honnigsvald war nicht mehr fern. Zwei Meilen noch, vielleicht drei.</p><p>Wolken und Regen erstickten das Abendrot und verbargen Mond und Sterne. Bald war es so dunkel, dass der Jarl kaum noch sehen konnte, wohin er seine F��e setzte. Immer wieder strauchelte er auf dem breiten Kiesstreifen des Ufers. Er w�rde den alten K�nig nicht warten lassen. Horsa Starkschild war in den letzten Jahren immer absonderlicher geworden. Wenn man ihn entt�uschte, tat er die seltsamsten Dinge.</p><p>Endlich sah Alfadas einen winzigen Lichtpunkt. Er f�hrte ihn zum alten F�hrhaus. Mit seinem steilen Dach lag es wie ein gro�er Fels hoch am Ufer. Neben ihm kauerte ein kleiner Stall. Der Jarl brachte den Grauen ins Trockene und lockerte den Sattelgurt. Sie w�rden nicht lange verweilen. Das Stroh auf dem Boden war schwarz und sah aus, als habe man es seit vielen Monden nicht mehr ausgewechselt. Kein anderes Pferd war hier untergestellt.</p><p>Alfadas rieb den Hengst mit einer alten Decke trocken und h�ngte ihm einen Hafersack um. Die gro�en, schwarzen Augen des Grauen blinzelten m�de. Der Jarl kraulte ihn dicht �ber der kleinen, fast runden Blesse, wo er es gerne hatte. Mit leisen Worten bedankte er sich daf�r, dass er ihn den langen Weg getragen hatte.</p><p>Als Alfadas aus dem Stall trat, schob er den Umhang �ber die linke Schulter zur�ck, sodass man sein Schwert besser sehen konnte. Neben der T�r zum F�hrhaus brannte die Laterne, die ihm den Weg gewiesen hatte. Er klopfte schwer gegen das nasse Holz und trat ein. Stickige Luft schlug ihm entgegen. Der bei�ende Rauch eines Torffeuers f�llte den niedrigen, langen Raum. Ein blonder Kerl mit breiten Schultern sa� �ber einen irdenen Becher gebeugt am Tisch neben dem Feuer. Das F�hrhaus hatte einen gemauerten Kamin mit eisernen Bratspie�en. Doch der Abzug schien verstopft zu sein, und der Qualm quoll in die Stube.</p><p>�Wo ist der F�hrmann?�, fragte Alfadas laut.</p><p>Der Blonde hob den Kopf. Er hatte w�ssrige blaue Augen. Seine h�ngenden Backen, der ungepflegte Schnauzbart und sein fliehendes Kinn lie�en ihn m�rrisch und selbstmitleidig erscheinen. �Heute geht keine F�hre mehr.�</p><p>�Kann ich das vom F�hrmann selbst h�ren?�</p><p>Der Mann am Tisch zog eine Grimasse und deutete mit dem Daumen �ber die Schulter. �Er liegt hinter dem Haus begraben. Er wird dir sicher geduldig zuh�ren, wenn du dich beschwerst. Diesen Sommer hat ihn der Schlagfluss getroffen, als er am Steuer stand. Er ist �ber Bord gekippt und versunken wie K�nig Osaberg in seiner goldenen R�stung. Als sie ihn endlich aus dem Wasser hatten, war nichts mehr zu machen. Die �ltesten aus Honnigsvald haben mich und meine beiden Br�der zu neuen F�hrleuten bestimmt, weil wir den verschuldeten Hof unseres Vaters nicht mehr halten konnten. F�r ein elendes Kupferst�ck werde ich dich bei diesem Hundewetter nicht �bersetzen.� Er deutete auf die Schlafnischen entlang der Wand. �Du kannst hier �bernachten. Auf dem Feuer steht noch ein Rest Suppe. Morgen setz ich dich dann �ber.�</p><p>�Der K�nig erwartet mich�, sagte Alfadas, bem�ht, nicht drohend zu klingen. �Glaub mir, ich w�rde mich auch lieber ans Feuer setzen und warten, dass diese Regennacht endet.�</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln huschte �ber das Gesicht des Blonden. Ihm war klar, dass er jetzt keine andere Wahl mehr hatte, als den Fremden �ber den Fjord zu bringen. Aber er hatte die freundliche Geste zur Kenntnis genommen. Nun musterte er Alfadas neugierig. �Du bist der Elfenjarl, nicht wahr? An deiner Seite ... Das ist das ber�hmte Zauberschwert.�</p><p>Er war diese Geschichten so leid! �Ich bin einfach nur ein Jarl, den der K�nig zu sich befohlen hat.� Der junge F�hrmann grinste jetzt breit. Ihm fehlten die oberen Schneidez�hne. �Nein, nein. Mir machst du nichts vor. Dieses pr�chtige Schwert ... Und du bist von Norden gekommen. Du musst der Elfenjarl sein! Man erz�hlt sich, die K�nigin der Elfen und ihr ganzer Hofstaat w�ren in Firnstayn zu Besuch. Sie haben goldene Zelte mitgebracht und wundersame Tiere. Und die Luft ist erf�llt von Zauberei und Bratenduft.�</p><p>Er sprang auf und ging zu den hintersten beiden Schlafnischen hin�ber. �Torad, Mag! Los, raus aus dem Stroh! Wir setzen noch einmal �ber. Der Elfenjarl ist hier und verlangt, zum K�nig gebracht zu werden.�</p><p>Alfadas seufzte. Wahrscheinlich hoffte der Blonde darauf, dass er am anderen Ufer einen Stein aufhob und als Lohn in Gold verwandelte. Die Br�der des F�hrmanns zogen sich hastig an. Sie starrten ihn an, als sei er ein dreibeiniges Huhn oder irgendein anderes Wundertier. So wie ihr Bruder hatten sie zerzaustes blondes Haar. Sie schienen etwas j�nger als er zu sein. Einem war ein halbmondf�rmiges, rotes Mal in die Wange gebrannt. Das Zeichen f�r Diebe. Als der Junge bemerkte, wie Alfadas ihn ansah, drehte er ihm trotzig den Kopf zu, sodass der Jarl die Narbe noch besser sehen konnte.</p><p>�Mag hat einen Laib Brot gestohlen, als wir drei Tage lang nichts mehr zu essen hatten�, sagte der F�hrmann ungefragt.</p><p>�Er war so schwach, dass er nicht mehr schnell genug laufen konnte, als sie ihn verfolgten.� Alfadas bem�hte sich, nicht mehr in Richtung des Jungen zu blicken.</p><p>Der Blonde legte dem Jarl den Arm um die Schultern und brachte ihn hinaus. �Ich hei�e Kodran.� Regen schlug ihnen ins Gesicht.</p><p>Alfadas holte seinen Grauen, w�hrend die Br�der die F�hre bereit machten. Es war ein gro�es, flaches Boot. Zwei Fuhrwerke h�tten darauf Platz oder ein ganzer Trupp Reiter. Der Jarl f�hlte sich ein wenig verloren, als er an Bord ging. Es war nicht gerecht, dass sich die drei Br�der die ganze M�he nur f�r einen Mann machten.</p><p>Sie stakten die F�hre vom Anlegeplatz fort. Dann griffen Torad und Mag nach zwei langen Rudern, w�hrend Kodran im Heck blieb. Erst als sie ein gutes St�ck hinaus auf dem Wasser waren, konnte man am anderen Ufer ein paar Lichter erkennen.</p><p>Alfadas zog sich den nassen Umhang enger um die Schultern. Er war zu kurz im F�hrhaus gewesen, als dass auch nur ein Faden h�tte trocknen k�nnen. Aber lange genug, um nun umso mehr zu frieren.</p><p>Die Fahrt �ber den Fjord schien eine Ewigkeit zu dauern. Alfadas hatte ein schlechtes Gewissen, die drei Br�der in die Nacht hinausgejagt zu haben. Er tastete nach seinem Geldbeutel. Das Leder war vom Regen ganz glitschig geworden. Mit spitzen Fingern nestelte er daran herum, bis er endlich die Riemen aufhatte. Dann angelte er eines der schweren Silberst�cke aus Aniscans heraus. Es waren sch�ne M�nzen mit einem Pferdekopf auf einer Seite. Sie geh�rten zu seiner Beute aus dem letzten Sommer. Asla w�rde es sicher nicht gut hei�en, wenn sie w�sste, wie gro�m�tig er mit dem Geld umging. Aber eifers�chtig seine M�nzen zusammenzukratzen, geh�rte zu den Dingen, die ihn die Elfen nicht gelehrt hatten.</p><p>Der F�hrkahn stie� gegen die tauumwickelten Holzstreben des Landungsstegs. Mag sprang von Bord und vert�ute das schwere Boot. Dann machte er sich an einem Flaschenzug zu schaffen und klappte eine Zugbr�cke auf das flache Deck der F�hre hinab.</p><p>Dicke, quer genagelte Bretter sorgten daf�r, dass sein Grauer Halt fand, als Alfadas die Rampe hinaufstieg. Der Hengst war sehr nerv�s. Vom stundenlangen Regen war das Holz so rutschig geworden, als habe man es mit Tran eingeschmiert. Die Hufe des Grauen trommelten schwer auf der Zugbr�cke.</p><p>Kodran griff in die Z�gel und half dem Jarl, das Pferd auf den Landungssteg zu bringen. �Wirst du morgen zur�ckm�ssen?�, fragte der F�hrmann, als sie es geschafft hatten.</p><p>Der Jarl nickte.</p><p>�Dann bleiben wir hier. Wir schlafen in einem der Bootsschuppen.� Alfadas dr�ckte dem F�hrmann das Silberst�ck in die Hand. �Ich habe nicht genug Geld, um das zu wechseln�, sagte Kodran m�rrisch.</p><p>�Dann sagen wir einfach, dass ich f�r morgen schon mitbezahlt habe.�</p><p>�Selbst dann ...�</p><p>Alfadas machte eine abwehrende Geste. �Ich habe deinen Bruder mit meinem Blick beleidigt und euch drei aus der warmen Stube gescheucht. Gew�hre mir die Gnade, euch nicht nur �rger zu machen. Ich sch�tze, das Silber wird f�r genug Branntwein und Braten reichen, um die K�lte wieder aus euren Knochen zu vertreiben. Und f�r ein Nachtlager, das bequemer als ein Bootsschuppen ist.�</p><p>Kodran grinste breit. �Ich hoffe, du wirst noch �fter nach Honnigsvald gerufen, Elfenjarl.�</p><p>Alfadas umfasste das rechte Handgelenk des F�hrmanns im Kriegergru�. Kodran zuckte erschrocken zur�ck, doch der Jarl hielt ihn fest. �F�r mich ist dies ein Gru� unter M�nnern, die ihre Arbeit gut machen. Ganz gleich, ob auf dem Schlachtfeld oder an einem Ruder. Wir sehen uns morgen, Kodran.� Er griff nach den Z�geln des Grauen und schritt den Landungssteg hinauf zur Stadt. Die Pferdehufe machten einen L�rm wie Donnergrollen. �Wer da?�, rief jemand aus einem Verschlag am Ende des Stegs. Die Blende einer Holzlaterne wurde zur�ckgezogen. Ein Streifen goldenes Licht schnitt durch die Dunkelheit.</p><p>�Jarl Alfadas Mandredson!�</p><p>�Du bist noch gekommen? Hier hat keiner mehr mit dir gerechnet.� Ein alter Mann trat aus dem Unterstand. �Ich bin der Hafenw�chter�, erkl�rte er stolz und ohne sich darum zu scheren, dass wohl niemand au�erhalb von Honnigsvald einen einzelnen Holzsteg einen Hafen nennen w�rde. �Jetzt bringe ich dich hinauf zur Festhalle. Sei vorsichtig, Jarl. Der Regen hat die Wege aufgeweicht. Tritt blo� in keine Pf�tze. Manche sind knietief.� Der Nachtw�chter f�hrte ihn durch das h�lzerne Hafentor ins Weberviertel und dann den H�gel hinauf zur Festhalle der kleinen Stadt. Schon von weitem konnte man den L�rm eines Gelages h�ren.</p><p>Alfadas bestand darauf, seinen Hengst selbst zu den St�llen zu bringen. Erst als er das Pferd gut versorgt wusste, lie� er sich hinauf zum Festsaal f�hren.</p><p>Ein gro�es Feuer brannte in der Mitte der Halle, und ein Ochse drehte sich auf einem eisernen Spie�. Ringsherum dr�ngten sich auf einfachen B�nken und Tischen dutzende M�nner und zechten. F�r den K�nig hatte man eine lange h�lzerne Plattform errichtet. So sa�en er und einige ausgew�hlte Krieger seines Gefolges h�her und waren von �berall in der Halle gut zu sehen. Alfadas hatte noch nie Gefallen an Feiern gefunden, bei denen man sich besinnungslos besoff, um am n�chsten Morgen in seinem eigenen Erbrochenen zu erwachen. Die ersten Opfer der Freudennacht lagen schon unter den B�nken.</p><p>Sklavenm�dchen mit eisernen Halsringen eilten gesch�ftig durch die weite Halle. Die beiden Weiber, die den Bratspie� drehten, hatten bis auf einen Lendenschurz alle Kleider abgelegt. Mit teilnahmslosen Gesichtern lie�en sie die Scherze der Betrunkenen �ber sich ergehen.</p><p>Alfadas� nasse Kleider begannen in der stickigen Hitze zu dampfen. Er �ffnete die schwere Bronzefibel seines Umhangs und legte ihn sich �ber den Arm. Dann bahnte er sich einen Weg durch die Reihen der Zecher.</p><p>Eine vertraute Melodie drang leise durch den L�rm. Und eine Stimme sang: �Dort kommt der Jarl vom Firnenstayn mit seinem Elfenschwerte fein. Den Held aus vielen Schlachten die G�tter zu uns brachten.�</p><p>Es wurde stiller in der Halle. Alfadas hasste solche Auftritte, auch wenn er wusste, dass Veleif, der Skalde des K�nigs, es gut meinte mit seinen Versen.</p><p>Horsa Starkschild erhob sich von seinem Sitz. Er war ein hoch gewachsener alter Mann. Trotz seiner grauen Haare war er noch immer eine kriegerische Erscheinung. Schon in seiner Jugend hatte er durch einen Pfeil ein Auge verloren. Er trug stets eine schwarze Augenbinde, die ihm gemeinsam mit seiner langen Nase und dem schmalen Gesicht etwas D�steres, Raubvogelartiges gab. Selbst in der Festhalle war Horsa mit einem kurzen Kettenhemd gekleidet. An seinen Annen prangten breite Goldreifen.</p><p>�Mein Herz wird weit vor Freude, wenn ich dich sehe, Jarl Alfadas Mandredson. Selbst wenn du ausschaust wie ein junger Hund, den man gerade ertr�nken wollte.� Die Stimme des K�nigs war laut genug, um selbst Schlachtenl�rm zu �bert�nen. Jeder im Saal hatte seine Worte h�ren k�nnen. Alle Gespr�che verstummten.</p><p>Der K�nig hob sein schweres, mit Goldbeschl�gen verziertes Methorn und hielt es Alfadas entgegen. �Komm und trink, Junge. Das vertreibt die K�lte, und wenn man genug davon bekommen hat, dann h�rt man die Geister der Ahnen fl�stern.�</p><p>In all den Jahren unter den Menschen hatte sich Alfadas nicht an diese raue Herzlichkeit gew�hnen k�nnen. Jedes Mal, wenn man ihn so empfing, wusste er nicht, was er sagen sollte, und ihm schoss das Blut in die Wangen wie einem J�ngling. Alfadas stieg auf das h�lzerne Podest. Unf�hig, schlagfertig zu antworten, nahm er einfach nur das Methorn und trank. Dabei lie� er einen guten Teil �ber seinen Bart rinnen. In dieser Nacht hie� es, einen klaren Kopf zu behalten.</p><p>Als er dem alten K�nig das Horn zur�ckgab, lachte dieser.</p><p>�Du machst dich, Junge. Du machst dich! Als du zum ersten Mal an meiner Tafel gesessen hast, hast du getrunken wie ein kleines K�tzchen, das an einer Milchschale nippt.� Er stie� grob eine Sklavin zur Seite, die sich vorgebeugt hatte, um sein Methorn nachzuf�llen. �Los, macht Platz an der Tafel. Der Junge soll zu meiner Rechten sitzen und mir von den Elfen erz�hlen, die ihren Hof in Firnstayn aufgeschlagen haben.�</p><p>Die �brigen Ehreng�ste r�ckten zusammen, und ein weiterer Stuhl wurde herangebracht. Die meisten der M�nner nickten Alfadas freundlich zu. Einige hatten allerdings schon genug getrunken, um ihre Eifersucht und ihren Hass nicht mehr verstecken zu k�nnen. Sie beneideten ihn darum, dass er schon mit so jungen Jahren das uneingeschr�nkte Vertrauen des K�nigs genoss und den Platz einnahm, auf den sie vielleicht heimlich gehofft hatten. Die Mehrheit jedoch sch�tzte ihn, denn seine Siege hatten Gold und Sklaven ins Fjordland gebracht und sie alle reicher gemacht.</p><p>Alfadas nahm Platz, wie es der K�nig befohlen hatte. �Es ist nicht, wie man dir berichtet hat, Horsa. Emerelle ist nicht mit ihrem Hofstaat gekommen. Sie ...�</p><p>�Mein Bote hat einen Pferdemann gesehen�, unterbrach ihn Horsa. �Er hat auch geh�rt, dass die K�nigin in einer gro�en Schlacht verwundet wurde. K�mpfen bei den Elfen denn selbst die Weiber?�</p><p>Am Tisch des K�nigs waren alle anderen Gespr�che verstummt. Auch in der gro�en Halle war es sehr still geworden. Alle versuchten, so viel wie m�glich von Alfadas� Worten zu erhaschen. Vermutlich hatte jeder hier schon davon geh�rt, dass Elfen nach Firnstayn gekommen waren.</p><p>Der Jarl wollte seinen K�nig nicht bel�gen, zugleich war ihm aber auch daran gelegen, so wenig wie m�glich �ber die Albenkinder preiszugeben. Er konnte nicht noch mehr Schaulustige in Firnstayn gebrauchen. �Die K�nigin Emerelle ist tats�chlich verwundet. Ein heimt�ckischer Feind hat sie angegriffen, w�hrend die Elfen ein gro�es Fest feierten. Die Festgesellschaft wurde v�llig �berrascht und zerschlagen. Emerelle musste fliehen. Gewiss wird sie bald ein Heer aufstellen, um Rache f�r den feigen �berfall zu nehmen.�</p><p>Alfadas hatte die Ereignisse von Vahan Calyd absichtlich verzerrt und in einfache Worte gekleidet. Er wusste, dass Geschichten von Raubz�gen und Blutrache allen in der Halle wohl vertraut waren. So konnte er sich lange Erkl�rungen sparen.</p><p>�Habt ihr das geh�rt, Kameraden?�, rief Horsa aufgebracht.</p><p>�Dies tapfere Weib ist das Opfer von Verrat geworden, und sie wendet sich an uns.� Der K�nig richtete sich halb auf und st�tzte sich dabei mit den F�usten auf der Tischplatte ab. Atemlose Stille herrschte in der Halle. �Seit der Jarl Mandred die Elfen um Hilfe bat, um den schrecklichen Manneber zu erschlagen, stehen wir in der Schuld des Volkes jenseits der Zaubertore. Sie haben uns ihre besten Krieger geschickt, um zu helfen, wo Menschenmut und Menschenschwerter versagten.� Er machte eine kurze Pause und lie� seinen Blick �ber die versammelten M�nner schweifen. Pl�tzlich legte er eine Hand ans Ohr. Er runzelte die Stirn, und es schien, als lauschte er auf ein leises, weit entferntes Ger�usch. �H�rt ihr das?�, rief Horsa.</p><p>Es war so still, dass man die gl�henden Scheite in der langen Feuergrube knistern h�ren konnte. Niemand in der Festhalle wagte auch nur zu atmen. Ganz leise vernahm Alfadas das Ger�usch des Regens auf den Schindeln der Festhalle.</p><p>�Norgrimm hat in seiner goldenen Halle das Kriegshorn an seine Lippen gesetzt. Ich h�re es rufen!�</p><p>�Ich kann es auch h�ren!�, rief einer der M�nner im Festsaal.</p><p>�Ganz deutlich!�</p><p>Alfadas kannte den Mann. Es war Ragni, einer der Leibw�chter des K�nigs. Jetzt riefen auch andere, dass sie das Kriegshorn des Gottes h�rten. Was f�r ein t�richter Haufen ... Er stutzte. Da war etwas. Es kam vom Fluss her. Leise. Der Wind verzerrte es. Ein Horn. Tief und feierlich erklang sein Rufen. Ein Schauder �berlief Alfadas. Es gab keine G�tter! Das konnte nicht sein!</p><p>Horsa streckte beide Arme weit ausgebreitet der Decke entgegen. �Wir h�ren dich, Norgrimm! Wir folgen deinem Ruf!�</p><p>�Wir folgen deinem Ruf!�, erklang es hundertfach in der Festhalle. Keiner sa� mehr auf seinem Platz. Die M�nner hatten Schwerter und �xte ergriffen und schwenkten sie mit ausgestreckten Armen �ber den K�pfen. Auch die Ehreng�ste rings um Horsa hatten sich erhoben. Alfadas geh�rte zu den Letzten, die aufstanden. Er konnte nicht fassen, was hier geschah.</p><p>�Als die Elfen uns halfen, war ich noch ein junger Mann, mit einem B�rtchen zart wie Katzenfell. Aber ein Fjordl�nder vergisst keine Schuld!� Er hob erneut den Kopf, und es schien, als k�nne er durch die ru�schwarzen Deckenbalken bis hinauf zum Sternenhimmel blicken. �Ich habe dich geh�rt, Norgrimm. Und von dieser Stunde an stehen die M�nner des Fjordlands an der Seite der Elfen. Wer mit unseren Freunden im Kriege liegt, der muss auch unsere Klingen f�rchten!� Nun zog Horsa sein Schwert und reckte es in die H�he. �Norgrimm, wir h�ren dich!�, rief der alte K�nig aus Leibeskr�ften. �Und wir folgen deinem Ruf, dich zu ehren, uns zum Ruhme!�</p><p>Horsa wandte sich abrupt um und blickte auf Alfadas. �Jarl von Firnstayn. Du bist der Mann, der unser K�nigreich stark gemacht hat. Wann immer ich dich rief, kamst du, mein Schwert zu sein. Ich entkleide dich des Jarltums! Sei von Stund an wieder mein Herzog, mein Heerf�hrer, der Erste unter meinen Kriegern! F�hre meine M�nner nach Albenmark und raste nicht, bis auch der letzte Feind erschlagen ist. Erst wenn die Schwerter wieder Frieden haben, sei die Stunde gekommen, in der du aufs Neue ein Jarl sein kannst. Dann wollen wir uns hier wieder versammeln, um im Glanze dieser Halle deinen Sieg zu feiern.� Der K�nig trat vor und k�sste Alfadas auf die Stirn. Damit war seine Ernennung zum Herzog besiegelt.</p><p>Alfadas war wie gel�hmt. Was hier geschah, war der blanke Wahnsinn! Aber er konnte dem K�nig vor all den G�sten nicht ins Wort fallen. So wartete er, bis Horsa sein Methorn nahm und trank. Alfadas trat dicht an seinen Herrscher heran und fl�sterte ihm ins Ohr: �Mein K�nig, wir k�nnen nicht gegen die Feinde Emerelles k�mpfen. Es sind Trolle. Jeder Einzelne von ihnen ist so stark wie ein H�hlenb�r. Und Emerelle w�rde ein solches Opfer, das nur in Blut und Tod enden kann, niemals von uns verlangen.�</p><p>�Hast du schon mal einen Troll gesehen?�, fragte der K�nig.</p><p>�Nein�, gestand Alfadas.</p><p>�Dann lass dir von einem alten K�mpen sagen, dass es mit den Kriegern so wie mit den J�gern ist. Mit jedem Jahr, das verstreicht, werden die besiegten Feinde in der Erinnerung m�chtiger. Im �brigen haben meine J�ger durchaus schon H�hlenb�ren zur Strecke gebracht.� Er wandte sich wieder an die Menge in der Halle, die gebannt zu ihm aufsah. �Sind wir Krieger?�, rief er ihnen entgegen. �Oder Hasenherzen?�</p><p>�Wir sind Krieger!�, gr�lten sie und schlugen sich mit den F�usten auf die Brust.</p><p>�Und was tut ein Krieger, wenn ein Weib kommt und ihn um Hilfe bittet? Wird er k�mpfen oder sich eine kluge Entschuldigung ausdenken?�</p><p>�K�mpfen! Wir wollen k�mpfen!�</p><p>Horsa standen Tr�nen in seinem verbliebenen Auge. �Aus euren Kehlen spricht das Herz des Landes. Ein mutiges Herz, unbez�hmbar und ungest�m. Ich bin stolz, euer K�nig zu sein. Ich bin stolz, hier zu stehen! Noch heute Nacht werden Boten in alle Winde reiten. Bis zum entlegensten Hof werden sie ziehen und jeden meiner Recken zu den Waffen rufen. In vier Wochen schon will ich eine Heerschau abhalten, hier am Ufer von Honnigsvald. Und Alfadas, mein Herzog, wird die tausend besten unter allen Kriegern ausw�hlen. Sie sollen durch das Zaubertor zu den Elfen gehen und der K�nigin ihren Thron zur�ckerobern.� Horsa schlang Alfadas seinen Arm um die Schultern und zog ihn zu sich heran. �Ein Hoch auf unseren Herzog!�</p><p>Die Menge gr�lte wieder. Sie streckten Alfadas Schwerter und Meth�rner entgegen. Begeisterung brannte in ihren Augen. Diese verdammten Narren! Sie konnten sich nicht vorstellen, was ein Kampf gegen Trolle bedeutete. Selbst die Elfen f�rchteten diese Ungeheuer!</p><p>�Morgen wird Herzog Alfadas mich zur Elfenk�nigin bringen!�, rief der K�nig. �Ich werde ihr sagen, wie man die tausend st�rksten �xte des Fjordlands einsetzt, und dass sie sich nicht f�rchten muss. Sie wird von mir alles bekommen, was sie braucht, um ihren Krieg zu gewinnen.�</p><p>Alfadas griff nach seinem Methorn und trank. Um ihn herum tobte der Wahnsinn. F�r heute Nacht hatte die Vernunft verloren. Aber vielleicht konnte er Horsa morgen umstimmen, wenn er ihm erkl�rte, worauf er sich da einlie�.</p><p>Der K�nig nahm wieder Platz, w�hrend Veleif ein kriegerisches Lied anstimmte. �Viele meiner jungen Recken sind unzufrieden�, sagte Horsa leise. �Du siegst zu leicht, Herzog. In diesem Sommer haben uns all unsere Nachbarn Tribut gezahlt, statt mit uns zu k�mpfen. Die Jungen m�ssen sich die H�rner absto�en, sonst gibt es nur Unruhe im Land. Die Bitte deiner K�nigin kommt da gerade recht.�</p><p>Alfadas wollte widersprechen. Doch als er dem K�nig in sein verbliebenes Auge sah, begriff er, dass der Alte keineswegs betrunken war. Mit den Elfen in den Krieg zu ziehen war keine Narretei, die auf einer Festtagslaune geboren war. Offenbar hatte er schon l�nger nach einem Anlass f�r einen Krieg gesucht. Und er w�rde sich gewiss nicht ausreden lassen, was er heute Nacht verk�ndet hatte. Schon jetzt begann er die Wirklichkeit so zu verdrehen, wie es ihm gerade gelegen kam. Emerelle hatte ihn nicht um Hilfe gebeten! Wie h�tte sie das tun k�nnen, wenn sie seit Tagen in tiefer Bewusstlosigkeit lag. Aber jeder im Fjordland w�rde den Worten Horsas glauben. Sie wollten es glauben, dachte er verzweifelt. Nur so wurden sie Teil einer Geschichte, die wie die Sagas der Skalden klang. Au�erdem hatte Norgrimm h�chstselbst sie mit seinem Kriegshorn zu den Waffen gerufen. Niemand hier im Saal k�me auf die Idee, drau�en am Fluss nach einem Mann mit einem Horn zu suchen, der zum Gefolge des K�nigs geh�rte. Horsa, der alte Fuchs, hatte dies alles von Anfang an geplant. Deshalb war es auch so wichtig gewesen, dass sein Elfenjarl noch in dieser Nacht erschien. Alfadas seufzte resignierend und hielt sein Methorn hoch, damit es erneut gef�llt wurde. W�re dies alles nicht geschehen, wenn er die F�hrleute nicht hinaus in den Regen getrieben h�tte, um ihn �berzusetzen?</p><p>Solche Gr�beleien brachten nichts! Morgen musste er dem K�nig klar machen, gegen welchen Feind er seine Krieger schickte. Wenn die Elfen ihnen den Weg nach Albenmark �ffnen w�rden, dann w�rde wohl keiner der Fjordl�nder jemals wiederkehren, auch er nicht. Ganz gleich, wie Alfadas es drehte und wendete, er musste mit ihnen gehen. Ein Herzog, der seinem K�nig den Befehl verweigerte ... Das w�rde Horsa nicht dulden. Das roch nach Verrat! Alfadas wusste, wenn er hier bliebe, w�rde er auch nicht �berleben. Wahrscheinlich w�rde Horsa auch Ulric umbringen lassen, damit sein Sohn keine Blutfehde mit dem K�nigshaus austragen konnte, wenn er zum Mann wurde. Wom�glich w�rde sogar seine ganze Familie ausgel�scht werden.</p><p>Horsa lachte �ber einen Vers des Skalden und hieb mit seiner schweren Faust auf den Tisch. �Guter Mann, dieser Veleif! Der hat eine Zunge wie eine Streitaxt.� Er kniff Alfadas in die Wange. �Es ist gut, dich wieder an meiner Seite zu haben, Jungchen. Ich f�hle mich gleich zwanzig Jahre j�nger, wenn ich mit dir einen Krieg plane.� Er schob ihm das St�ck Braten her�ber, das vor ihm auf einer Holzplatte lag. �Iss was, Junge. Du siehst ja aus wie ein Knabe, der seinen ersten Schluck Branntwein genommen hat.�</p><p>Alfadas riss ein St�ck vom Fleisch ab und begann zu kauen, um nicht reden zu m�ssen. Die Welt war verr�ckt! Horsa mochte ihn wie einen eigenen Sohn. Aber wenn er diesen Wahnsinnsbefehl verweigerte, dann w�rde der K�nig ihn umbringen lassen. So war das hier unter den Menschenkindern des Fjordlands. Und Asla? W�rde sie verstehen, dass er keine Wahl hatte?</p></section><section><title><p>Ein einmaliges Angebot</p></title><p>Alfadas blickte zum Himmel. Die Sonne stand als milchig blasse Scheibe hinter grauen Wolken. Nicht mehr lange, und es war Mittag. Und der K�nig lie� sich immer noch nicht blicken! Der gr��te Teil des Hofstaats war l�ngst auf den Beinen. Nur Horsa hatte sich noch nicht erhoben, und niemand wagte es, nach einem Zechgelage den Herrscher zu wecken. Allerdings waren schon mehr als ein Dutzend Boten abgeritten, um Horsas Schnapsidee in alle Winde zu tragen. Mit jeder Stunde, die verstrich, wurde es schwerer, das Ungl�ck noch aufzuhalten. Den ganzen Morgen schon zermarterte sich Alfadas den Kopf dar�ber, wie man einen R�ckzieher machen konnte, ohne dass der K�nig sein Gesicht verlor.</p><p>Unruhig ging der Jarl vor den St�llen auf und ab. Es war zum Verr�cktwerden! Wenn sie nicht bald aufbrachen, w�rden sie an diesem Tag auf keinen Fall mehr Firnstayn erreichen.</p><p>Ein st�mmiger Mann mit eisgrauem Haar trat auf den Hof. Er trug einen bunt bestickten blauen Kittel. Der Fremde blickte Alfadas an, als habe er nach ihm gesucht; dabei war sich der Jarl sicher, den Mann noch nie gesehen zu haben.</p><p>�Alfadas Mandredson?� Seine Stimme klang entschuldigend.</p><p>�Der bin ich.�</p><p>Die gr�nen Augen des Mannes leuchteten auf. �Verzeih, ich kenne dich nur aus Geschichten ...�</p><p>�Ja, ja. Und ich sehe nicht aus wie der blonde H�ne mit dem Zauberschwert, zu dem mich die Skalden gerne machen.� Alfadas l�chelte, um seinen Worten die Sch�rfe zu nehmen. �Was kann ich f�r dich tun?�</p><p>�Ich bin Sigvald.� Der Fremde streckte ihm fordernd die Hand entgegen. Er hatte einen festen Griff. Seine H�nde waren von feinen wei�en Narben �berzogen. Sigvald roch nach Schmierfett und Holz. �Ich wollte dir ein gutes Gesch�ft vorschlagen, Jarl. Bei deinem Dorf gibt es doch einen gro�en Apfelhain. Und jeden Winter kommen J�ger aus Firnstayn und noch tiefer aus den Bergen, um hier in Honnigsvald ihr Fleisch und ihre Felle zu verkaufen, nicht wahr?�</p><p>�Um welches Gesch�ft geht es dir? Willst du mir meine Apfelernte abkaufen? Dann kommst du zu sp�t.� Der Jarl war nicht in der Stimmung, sich mit irgendeinem dahergelaufenen H�ndler herumzuschlagen.</p><p>�Alles, was ich m�chte, ist, dir dein Leben zu erleichtern, Jarl. Ich m�chte dir viele Stunden harter Knochenarbeit stehlen.� Sigvald blinzelte verschmitzt. �Deine Apfelhaine liegen doch sicher an den Flanken der Berge, wo sie viel Sonne bekommen und vor dem grimmigen Nordwind gesch�tzt sind. Es hei�t, du h�ttest dieses Fr�hjahr sogar zwei neue Apfelg�rten angelegt.�</p><p>Alfadas sah den Mann mit neuem Interesse an. Sigvald hatte sich offensichtlich gut auf dieses Gespr�ch vorbereitet. �Du willst mich also bestehlen?�</p><p>Der H�ndler sch�ttelte den Kopf. �Nein, nein, Jarl. Entschuldige, das war ein etwas ungl�cklicher Scherz. Ich will dir viele schwere Arbeitsstunden abnehmen. Gewiss tragen du und deine Leute die �pfel in K�rben zum Dorf hinab. Das muss doch eine elende Schinderei sein. Und wenn du neue Haine anpflanzt, dann wird es in Firnstayn vielleicht bald mehr �pfel geben, als das Dorf braucht. Die k�nnte man hier in Honnigsvald f�r gutes Geld verkaufen.�</p><p>�Und was willst du mir verkaufen? Tragek�rbe?�</p><p>Sigvald winkte ab. �Davon habt ihr doch sicher schon reichlich. Nein, ich dachte an etwas, von dem jeder im Dorf Nutzen haben wird. Ein schweres Fuhrwerk.�</p><p>Alfadas sah den Mann fassungslos an. Das musste ein Scherz sein! Doch Sigvald blieb v�llig ernst.</p><p>�Was soll ich mit einem Fuhrwerk? Nach Firnstayn f�hrt nicht einmal ein Weg, der f�r Reiter unbeschwerlich ist. Wie sollte ich mit einem schweren Fuhrwerk durch die W�lder kommen?�</p><p>Sigvald hatte offensichtlich mit diesem Einwand gerechnet.</p><p>�Ich werde dir eine Stra�e f�r Fuhrwerke schenken. Zugegeben, sie wird nur vier oder f�nf Monde im Jahr zu nutzen sein, aber daf�r �bernehme ich alle Kosten, um sie in Stand zu halten.�</p><p>Der Mann war verr�ckt! Auch wenn er auf den ersten Blick ganz normal wirkte.</p><p>�Du kannst also zaubern�, sagte Alfadas und bem�hte sich, nicht allzu abf�llig zu klingen.</p><p>�Mich einen Zauberer zu nennen, schmeichelt mir. Wenn du nur eine halbe Stunde mit mir k�mst, w�rde ich dir zeigen, was es mit der Stra�e nach Firnstayn auf sich hat. Begleite mich in meine Werkstatt. Dort kannst du auch meine wundersch�nen Fuhrwerke sehen. Wenn du m�chtest, kann ich anspannen lassen, und wir machen eine kurze Ausfahrt.�</p><p>Alfadas blickte wieder zum Himmel. Der Tag war gelaufen. Sie w�rden es ohnehin nicht mehr bis zum Abend nach Hause schaffen. Und vom K�nig war immer noch nichts zu sehen. Also konnte er diesem geschw�tzigen Verr�ckten auch eine halbe Stunde seiner Zeit schenken. Von ihm f�hlte er sich zumindest besser unterhalten als von den Saufkumpanen Horsas.</p><p>�Also gut, Sigvald. Dann zeig mir mal eine dieser Wunderkutschen, die du gleich mit der dazugeh�rigen Stra�e verkaufst.�</p><p>�Du wirst es nicht bereuen!�, versicherte der Kaufmann. Er f�hrte ihn von der Festhalle in die kleine Stadt hinab. Die meisten H�user in Honnigsvald waren einfache Holzh�tten. Wind und Wetter hatten das Holz ausgeblichen, sodass sie grau und unansehnlich waren. Ihr h�ufigster Schmuck waren gekreuzte Giebelbalken, die in Pferdek�pfen endeten oder Drachen zeigten. Entlang der H�userfassaden waren Planken verlegt. So konnte man halbwegs trockenen Fu�es durch die Stadt kommen. An der Hauptstra�e, der sie hinab bis zum Hafen folgten, gab es sogar einen kleinen Bach, dessen Ufer durch Holzverschalungen abgesichert waren. Die Anwohner sch�tteten allen erdenklichen Unrat in das Wasser, und obwohl das meiste davon schnell fortgesp�lt wurde, hing ein �bler Geruch nach F�kalien und Verwesung �ber der Stra�e.</p><p>Einige H�user entlang des Weges waren so eingerichtet, dass ihre Vorderfront ganz aus t�rgro�en Klappl�den bestand, die auch bei diesem diesigen Wetter ge�ffnet waren. So konnte man in die Handwerksstuben hineinsehen. An einem der L�den hingen dutzende Messergriffe aus Rentierhorn oder Walbein auf einem Rahmen. Eine K�rschnerin stellte wunderbare Silberfuchsfelle aus. Alfadas verlangsamte seine Schritte. Asla w�rde das sicher gefallen. Es war lange her, dass sie beide zum letzten Mal hier gewesen waren. Damals war er zu arm gewesen, um ihr zu schenken, was ihr gefiel. Ein H�ndler bot alle erdenklichen Sorten von Perlen feil. Wei�e mit bunten Mustern, die angeblich aus dem fernen Kandastan stammten, silbrig und rosa schimmernde Perlen aus Muscheln, Bernsteinperlen, die wie versteinertes Sommerlicht gl�nzten. Glasperlen aus Iskendria und Knochenperlen, bedeckt mit Zauberzeichen aus den undurchdringlichen W�ldern Drusnas. Alfadas lie� sich Zeit, sah einem Kupferflicker zu und einem Zahnausrei�er, der ein regelrechtes Massaker anrichtete, w�hrend sein Opfer betrunken grinsend auf einen schweren Holzstuhl gebunden war. Endlich erreichten sie die Bootsschuppen am Ufer des Fjords. Sigvald brachte ihn zu einer Halle, deren W�nde von handgro�en Pockennarben aus abgeplatzter Farbe �bers�t waren.</p><p>�Sei bereit, das Heim eines Zauberers zu betreten�, verk�ndete der Wagenbauer stolz und f�hrte ihn um den Bau herum zu einem weit ge�ffneten Tor. Rauch und Wasserdampf kamen ihnen entgegen. Es roch nach gl�hendem Metall, frischem Hanf und Knochenleim. Rhythmisches H�mmern gab den Takt zu einem zotigen Lied, das gesungen wurde.</p><p>�Seht her, M�nner! Hier kommt der Held des K�nigs, Alfadas, der Elfenjarl!� Das L�rmen verstummte.</p><p>Alfadas trat durch die Dampfschwaden. In der Halle standen acht Gef�hrte: Schlitten, Leiterwagen, kleinere und gr��ere Fuhrwerke. An der H�lfte der Fahrzeuge wurde noch gebaut. In der Mitte der Halle stieg Wasserdampf aus einem gro�en, flachen Kessel. Zwei st�mmige Gestalten m�hten sich damit ab, �ber dem Dampf Planken zu biegen, die wohl f�r einen zerbrechlich aussehenden Reiseschlitten bestimmt waren.</p><p>Sigvald brachte den Jarl zu einer schweren Kutsche. Vier mannshohe Speichenr�der mit dicken Eichenfelgen trugen das wuchtige Gef�hrt. Es war fast doppelt so gro� wie das Fischerboot seines Schwiegervaters Erek.</p><p>Der Kutschbock war gepolstert und mit speckigem braunem Leder bespannt. Rechts und links des Sitzes gab es gleich zwei Bremsstangen. �ber der Ladefl�che spannte sich eine Plane aus gewachstem Leinen.</p><p>�Siehst du die Eisenbeschl�ge auf den R�dern und die soliden Achsen? Mit einem meiner Fuhrwerke muss dich schweres Gel�nde nicht schrecken. Die sind solide. Das meiste ist aus gut abgelagerter Eiche gezimmert.� Er klopfte gegen die niedrige Seitenwand der Ladefl�che. �Du kannst beide Seitenw�nde herunterklappen und nat�rlich auch die R�ckwand. Alle Eisenbeschl�ge sind hier in meiner Werkstatt hergestellt, auch das Zaumzeug. Es gibt nichts an einem Sigvald-Fuhrwerk, das nicht aus dieser Halle stammt. Ich b�rge mit meinem Namen f�r jedes Einzelne dieser Schmuckst�cke.�</p><p>�Und was ist mit den Stra�en, die du zu deinen Kutschen verschenkst?� wollte Alfadas wissen. �Wer wird die bauen?� Aus den Augenwinkeln sah der Jarl, wie die Handwerker grinsten. Offenbar wussten sie, was kommen w�rde.</p><p>�Wenn du mir bitte folgen w�rdest.� Sigvald f�hrte ihn zur R�ckwand des Schuppens. Dort waren zwei lange, eisenverst�rkte Kufen aufgeh�ngt. �Alles, was du brauchst, sind ein paar starke Arme und etwa eine halbe Stunde Zeit. Man kann die R�der vom Fuhrwerk abnehmen und es auf diese Kufen setzen. Es f�hrt dann wie ein Schlitten. Wie du wei�t, ist der Fjord mindestens vier Monde im Jahr von einer dicken Eisschicht bedeckt. Da hast du dann deine Stra�e. Die Kufen bekommst du geschenkt, wenn du den Wagen kaufst.�</p><p>Alfadas musste lauthals lachen. �Du verstehst dein Gesch�ft, Sigvald.� Der Herzog dachte daran, welche Bereicherung ein solches Gef�hrt f�r das Dorf sein k�nnte. Dann stellte er sich schmunzelnd vor, wie es wohl w�re, mit Asla und den Kindern im Winter eine Schlittenfahrt zu unternehmen. Kadlin w�rde jauchzen vor Vergn�gen.</p><p>Und Ulric k�nnte man sicher f�r ein kurzes St�ck die Z�gel �berlassen.</p><p>Alfadas ging zu einem Schlitten mit zwei Sitzb�nken. Das Gef�hrt hatte einen sch�n geschnitzten Schwanenhals, und seine Seitenteile waren wie Fl�gel gestaltet. Wenn er mit so etwas ankam, w�rde das ganze Dorf �ber ihn lachen.</p><p>�Versucht der kluge Mann nicht stets das Angenehme mit dem N�tzlichen zu verbinden?� fragte der Wagenbauer.</p><p>�Du kannst wohl in die K�pfe der Menschen sehen!�</p><p>�Nein, Jarl. Ich bin ein aufrichtiger Gesch�ftsmann. Und mir ist es lieber, du verl�sst diesen Schuppen, ohne etwas gekauft zu haben, als dass du etwas kaufst und es hinterher bereust. Dieser Schlitten hier ist f�r Weibsbilder und Kinder. Ein Mann wie du sollte sich nicht in ein solches Gef�hrt setzen.� Er deutete hin�ber zu dem schweren Fuhrwagen. �Kauf diesen Wagen, und jeder wird seinen Nutzen anerkennen. Und wenn du einfach nur zum Spa� mit ihm herumf�hrst, machst du dich nicht zum Narren.�</p><p>�Nur dass der Fuhrwagen vermutlich drei- oder viermal so teuer ist wie der Schwanenschlitten.�</p><p>�Oh, es gibt viele Wege, handelseinig zu werden.� Sigvald strich seine Tunika glatt. �Es hei�t, du hast gro�en Einfluss auf den K�nig. Wenn ich vielleicht die k�nigliche Stellmacherei ...�</p><p>�Schweig! Von solchen Gesch�ften will ich nichts h�ren! Im �brigen h�tte ich nicht einmal die Pferde oder Ochsen, um solch ein Fuhrwerk zu bespannen.� Sigvald hob beschwichtigend die H�nde. �Bei den G�ttern, Jarl, was denkst du von mir? Ich bin ein ehrbarer Mann, und ich wei�, dass du auch einer bist. Ich wollte mir keinesfalls in unlauterer Weise einen Vorteil erschleichen. Und was die Zugtiere angeht, ich h�tte vier wunderbare Kaltbl�ter an der Hand. Allesamt Rote. Ein Gespann wie f�r einen K�nig. Die Tiere sind von unerm�dlicher Kraft. Und ihr Fell ist dicht genug, dass sie auch die h�rtesten Winter �berstehen.�</p><p>Alfadas dachte daran, wie die Kutsche bei der Apfelernte von Nutzen sein konnte. Und wenn das Fuhrwerk erst einmal in Firnstayn war, w�rden sich sicherlich schon bald noch andere Verwendungsm�glichkeiten finden. Die Kaltbl�ter k�nnte man nutzen, um Baumst�mme aus dem Wald hinab zum Dorf zu schaffen. Bisher war das immer eine elende Plackerei gewesen, denn die paar Ponys, die es im Dorf gab, waren zwar passable Reittiere, aber keinesfalls f�r solche Arbeiten geeignet. Und sein Grauer, ein Pferd aus den St�llen Emerelles, war viel zu kostbar, um ihn f�r grobe Arbeiten einzusetzen. Er hatte schon vier Stuten gedeckt, und Alfadas tr�umte davon, sich mit den Jahren ein Gest�t aufzubauen, das nirgends in der Welt der Menschen seinesgleichen fand.</p><p>�Wei�t du was, Jarl? Ich mache dir ein rechtschaffenes Angebot. Ich erweise dir keine Gef�lligkeit und erwarte auch keine. Wieg mir vier Hufeisen der Kaltbl�ter mit Gold auf und schick mir in den n�chsten drei Wintern je eine Fuhre �pfel, dann geh�ren die Kutsche und die Pferde dir. Ich mache keinen Gewinn bei diesem Gesch�ft.� Er l�chelte verschlagen. �Ich w�rde dich allerdings darum bitten, mir zu gestatten, k�nftigen K�ufern zu sagen, dass du bei mir eine Kutsche erworben hast.�</p><p>Alfadas sch�ttelte den Kopf. Dieser gerissene Gauner! �Dann w�rst du also der Stellmacher des Herzogs.� Sigvald breitete die Arme aus. �So ist die Welt, Alfadas. Wer bei mir etwas kauft, wiegt mindestens genauso schwer wie die G�te meiner Arbeit. Ich bin mir sicher, du wirst es nie bereuen, dieses pr�chtige Fuhrwerk erworben zu haben.�</p><p>�Und wie willst du es zu mir nach Firnstayn schaffen? Es dauert noch Wochen, bis der Fjord zufriert.�</p><p>�Lass das meine Sorge sein, Herzog. Ich verspreche dir, in sp�testens vier Tagen ist der Wagen in deinem Dorf. Mit Pferden, Zaumzeug, Kufen, kurz mit allem, was wir zu bieten haben.�</p><p>Alfadas ging zu dem schweren Wagen und strich �ber das sorgsam gegl�ttete Holz. Er hatte nie zuvor davon getr�umt, so eine riesige Kutsche zu besitzen. Aber jetzt befl�gelte sie seine Vorstellungskraft. Er w�rde damit �ber das Eis jagen! Sie w�rde ihm viel Freude machen, wenn er es schaffte, dem K�nig seinen Wahnsinnsplan auszureden. �Schick mir einen Kutscher, der mich und mein Weib lehrt, wie man dieses Ding f�hrt.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Herzog. Du wirst sehen, es ist sehr leicht, denn die Kaltbl�ter sind gut abgerichtet.�</p><p>�Warst du gestern Nacht in der Festhalle, Sigvald?�</p><p>Der Wagenbauer nickte. �Ja.�</p><p>�Dann hast du ja geh�rt, dass der K�nig einen Krieg plant. Wenn das Fuhrwerk nicht in Firnstayn ist, bevor ich nach Albenmark muss, dann ist unser Gesch�ft hinf�llig.�</p><p>Sigvald streckte ihm die Hand entgegen. �Schlag ein, Herzog! So soll es sein.� Mit einem H�ndedruck besiegelten sie den Vertrag. Alfadas f�hlte sich ein wenig mulmig. Noch nie hatte er etwas so Teures gekauft. Und er war sich dar�ber im Klaren, dass er die Kutsche nicht wirklich brauchte. Nach der ersten Fahrt w�re Asla sicher auch begeistert, bis dahin hatte er allerdings ein paar schwere Tage vor sich. Vielleicht sollte er ihr erst einmal nichts von seinem Einkauf sagen? Alfadas dachte an den Perlenladen auf dem Weg zur Festhalle. Er sollte dort etwas f�r sie besorgen, um sie vers�hnlicher zu stimmen.</p><p>Nachdenklich verlie� er die Werkstatt des Wagenbauers. Wieder br�tete er dar�ber, wie er dem K�nig sein Vorhaben ausreden konnte. Erst als er vor dem kleinen Perlenladen stand, wurde er sich bewusst, dass er gerade vier Pferde gekauft hatte, die er nicht einmal gesehen hatte! Was war er nur f�r ein Narr!</p><p>Alfadas lie� sich Zeit. Er schlenderte durch die Stadt, machte ein paar Eink�ufe und z�gerte es hinaus, zur Festhalle zur�ckzukehren. Schlie�lich ging er zu den St�llen, um nach seinem Grauen zu sehen. Dort erwartete ihn eine �berraschung.</p><p>K�nig Horsa lehnte im T�rrahmen des Stalltors und massierte sich die Stirn.</p><p>�Verfluchter Met! So oft habe ich mir schon geschworen, die Finger von dem Zeug zu lassen! Mein Kopf f�hlt sich an wie ein Amboss, auf den ein Riese eindrischt.� Horsa r�lpste. �Glotzt nicht so! Nehmt die Beine in die Hand! Ich habe euch gesagt, was zu tun ist!�</p><p>Seine H�flinge beeilten sich, dem K�nig aus den Augen zu kommen. Nur Alfadas blieb. �Du solltest es dir noch einmal �berlegen, Horsa. Albenmark ist nicht f�r Menschen geschaffen.�</p><p>�Was ist los mit dir?�, murrte der K�nig. �Hast du Angst, nicht mehr der einzige Mann aus dem Fjordland zu sein, der bei den Albenkindern gewesen ist? Mein Entschluss steht fest! Und komm mir nicht wieder mit Geschichten �ber H�hlenb�ren und Trolle. Ein tapferer Krieger kann jeden Gegner �berwinden.�</p><p>�Du kannst dir nicht vorstellen ...�</p><p>�O doch, Herzog. Das kann ich sehr gut. Jene, die zur�ckkommen, werden Krieger sein, denen nichts und niemand in dieser Welt trotzen kann. Mit ihnen werde ich den ganzen Norden besetzen. Und weil sie Helden sind, werden die Elfen ihnen Zauberwaffen schenken. Und da wir den Elfen in der Stunde ihrer h�chsten Not geholfen haben, werden sie auf immer in unserer Schuld stehen. Ich werde das alles mit Emerelle besprechen.�</p><p>�Mein K�nig, ich ...�</p><p>Horsa strich sich mit fahriger Geste �ber die Stirn. �Nein. Vom Reden platzt mir noch der Kopf. Komm mit runter zum Hafen. Sie sind schon dabei, das Schiff zu beladen. Ich f�rchte, im Augenblick bin ich nicht ganz in der Verfassung, im Sattel zu sitzen. Wir werden die F�hre nehmen.�</p><p>�Welche F�hre?�</p><p>Horsa grunzte nur etwas Unverst�ndliches. Dann drehte er sich noch einmal um. �Nimm deinen Gaul mit. Wir haben es eilig.�</p><p>Das also war es, dachte Alfadas w�tend. Die Maske war gefallen. Horsa wollte ein nordisches Imperium gr�nden, und er war entschlossen, die Elfen als Verb�ndete zu gewinnen. Der viele Met hatte ihm wohl endg�ltig das Hirn vernebelt!</p><p>Der Jarl sattelte sein Pferd, und wieder lie� er sich Zeit. Er konnte den Alten nicht aufhalten. Horsa war beliebt unter den Kriegern. Er musste dem K�nig mehr Zeit geben, sich selbst zu zerst�ren. Er w�rde nicht zusehen, wie Horsa zum Tyrannen wurde. Und er musste fort, weil dem greisen Herrscher das nur allzu bewusst war. Aber wenn eine Hand voll M�nner die Schrecken �berlebte, die sie in Albenmark erwarteten, dachte Alfadas, dann h�tte er eine Truppe, mit der er den K�nig st�rzen konnte. Und vielleicht sah auch die Hilfe der Elfen ganz anders aus, als Horsa erwartete.</p><p>Mit verh�ngtem Z�gel ritt Alfadas langsam zum Hafen hinunter. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Die Berge auf der anderen Seite des Fjords waren hinter Wolkenschleiern verschwunden. Das offene Wasser erschien nun weit wie das Meer. Wenn Horsa �ber Bord st�rzen w�rde ... Das schwere Kettenhemd, das er stets trug, w�rde ihm zu einem Ende wie K�nig Osaberg verhelfen.</p><p>An der Anlegestelle herrschte einiger Tumult.</p><p>Der K�nig schien eben erst eingetroffen zu sein. Und auf der F�hre, die am Ufer lag, hatte man ein schweres Fuhrwerk festgezurrt. Einen Augenblick lang musste der Jarl schmunzeln. Sigvald hatte wirklich keine Zeit verloren. Der gro�e Planwagen und vier Rote standen bereits auf dem flachen F�hrboot. Das also war der Weg, wie sie nach Firnstayn gelangen sollten. Wen der Wagenbauer wohl bestochen hatte, um sich die einzige F�hre von Honnigsvald ein paar Tage auszuleihen? �Nat�rlich war es nie meine Absicht, mich dem K�nig in den Weg zu stellen�, h�rte der Jarl die Stimme seines Handelspartners. Sigvald war von drei Kriegern umringt. Einer hatte ihm bedrohlich die Hand auf die Schulter gelegt.</p><p>�Was geht hier vor?�, rief Alfadas und dr�ngte seinen Grauen in die Menge.</p><p>�Der Bastard will die F�hre des K�nigs rauben!�, rief einer von Horsas Leibw�chtern. �Den sollte man an einen M�hlstein binden und in den Fjord werfen!�</p><p>�Dieser Bastard, wie du ihn nennst, handelt in meinem Auftrag. Damit machst du mich zum Verantwortlichen am Raub eines Schiffes, das vermeintlich dem K�nig geh�rt.� Alfadas schwang sich aus dem Sattel. Er streifte seinen weiten Umhang �ber die linke Schulter, sodass sein Schwert zu sehen war. �Bist du dir sicher, dass du mich einen R�uber nennen willst? Damit zwingst du mich, meine Ehre mit deinem Blut von diesem Vorwurf reinzuwaschen. Aber wahrscheinlich war das ja nur ein Irrtum. Schlie�lich wissen wir beide, dass dem K�nig nicht die F�hre der Stadt Honnigsvald geh�rt, Also kann man sie ihm auch nicht stehlen.�</p><p>Der Leibw�chter wich einen Schritt zur�ck. �Du machst mir keine Angst, Elfenjarl�, sagte er trotzig. Er zog die breite Axt aus seinem G�rtel. Seine Kn�chel wurden wei�, so fest umklammerte er die Waffe. �Von dir lass ich mich nicht zum L�gner reden.�</p><p>Ein kurzer Blick, und Alfadas wusste, dass die beiden anderen Leibw�chter sich nicht einmischen w�rden. Er kannte einen der M�nner. Ragni hatte ihn auf zweien seiner Kriegsz�ge begleitet. Der Mann hatte ihn k�mpfen sehen.</p><p>�Das reicht!� Horsa trat aus dem Kreis der Schaulustigen.</p><p>�Ulf! Steck deine Axt weg und geh an Bord. Ich sch�tze es, dass du dich f�r deinen K�nig schlagen wolltest. Bist ein guter Mann. Aber du hast dir den falschen Gegner ausgesucht. Meinen Herzog brauche ich noch.� Dann fuhr er leiser fort. �Was soll dieser Unfug mit der Kutsche? Lass das F�hrboot r�umen.�</p><p>�Die Kutsche ist ein Geschenk f�r mein Weib.�</p><p>Horsa sah ihn mit seinem verbliebenen Auge durchdringend an. Dann begann er pl�tzlich zu prusten. �Du schenkst deinem Weib ein schweres Fuhrwerk?�, platzte es aus ihm heraus. �Du bist ja noch verr�ckter, als ich dachte, mein Elfenjarl. Weiber lieben Tand. Schmuck, sch�ne Stoffe. Manche m�gen auch gute Hausger�te, einen Kupferkessel, eine Kelle oder einen eisernen Bratspie�. Aber ein Weib, das ein viersp�nniges Fuhrwerk als Geschenk sch�tzt, davon habe ich noch nie geh�rt. Komm, lass das Ding von der F�hre r�umen. Unsere Abreise hat sich lange genug verz�gert. Wir passen nicht alle auf das Boot.�</p><p>�Hast du schon die praktischen Seiten erwogen, die sich aus der Fracht ergeben?�, fragte Alfadas ruhig. �Unter der Plane der Kutsche wirst du w�hrend der Reise im Trockenen sitzen, mein K�nig.� Der Jarl blickte zum verhangenen Himmel hinauf. �Und es scheint ganz so, als k�nnten wir mit reichlich Regen rechnen. Wir werden heute nicht mehr bis Firnstayn kommen, und entlang der Ufer gibt es kein einziges trockenes Nachtquartier. Bist du nicht aus dem Alter heraus, in dem man mit Begeisterung im Schlamm schl�ft, mein K�nig?� Um Horsa nicht zu br�skieren, sprach Alfadas so leise, dass ihn die Umstehenden nicht h�ren konnten. �Wozu brauchst du ein gro�es Gefolge? Auf dem Fjord wirst du keine Leibw�chter ben�tigen. Ein paar Diener vielleicht und ein oder zwei Berater. Nicht einmal Pferde brauchst du. Vom Ufer bis hinauf zu meinem Haus sind es kaum dreihundert Schritt. Der Platz an Bord der F�hre w�rde ausreichen, wenn du f�r ein paar Tage auf einen Teil deines Gefolges verzichten kannst.�</p><p>Horsa strich sich nachdenklich �ber den Bart. �Ich brauche meinen Mundschenk und Dalla.� Er deutete auf ein h�bsches, junges M�dchen, das etwas abseits der M�nner stand und auf den Fjord hinausblickte. �Wei�t du, was die schlimmste Krankheit des Alters ist, Herzog?� Er kratzte sich im Schritt. �Alle Glieder werden dir steif, nur dieses eine nicht mehr. Ich sage dir, Dalla ist eine gro�artige Heilerin! Sie wird sicher auch der Elfenk�nigin gute Dienste leisten.�</p><p>Alfadas sah noch einmal zu dem rothaarigen M�dchen. Er bezweifelte, dass Emerelle die Hilfe einer Heilkundigen ben�tigte, die sich besonders auf steife Glieder verstand. Aber er unterlie� es, dem K�nig seine Meinung zu sagen.</p><p>�Lasst uns an Bord dieser verfluchten F�hre gehen�, befahl Horsa. �Wenn ich noch l�nger in diesem kalten Nebel herumstehe, kann ich heute Abend nicht einmal mehr aus eigener Kraft ein Methorn heben. Dalla, nimm dein Gep�ck und such Schutz unter der Plane der Kutsche. Ich k�mmere mich gleich um dich. Bringt ein paar Felle zum Fuhrwerk. In meinem Alter sitzt man nicht mehr mit dem nackten Arsch auf kalten Brettern.� Der K�nig w�hlte noch drei Krieger aus, die den F�hrleuten beim Rudern helfen sollten. Dann legte das Boot ab. Noch bevor sie au�er Sichtweite von Honnigsvald waren, gesellte sich Horsa zur Heilerin.</p><p>Alfadas musste wiederum daran denken, dass sich wohl niemand wundern w�rde, wenn ein betrunkener alter Mann, der nachts aufstand, um sein Wasser abzuschlagen, �ber Bord fiele. Die Bordwand der F�hre war nicht einmal kniehoch. Und das lose gespannte Seil, das als Handlauf diente, w�rde den Alten kaum retten, wenn er das Gleichgewicht verlor ...</p></section><section><title><p>In der Stille der Nacht</p></title><p>Alfadas fuhr aus dem Schlaf hoch. Etwas an Bord der F�hre hatte sich ver�ndert. Der Jarl lag zwischen den hohen R�dern des Fuhrwerks in eine Decke geh�llt. Er lauschte auf die Ger�usche der Nacht. Das F�hrboot ankerte in einer kleinen Bucht. Mit Einbruch der D�mmerung hatten es die drei Br�der abgelehnt weiterzufahren. Horsa hatte geflucht und ihnen gedroht, sie ertr�nken zu lassen. Aber schlie�lich hatte selbst er sich dem Diktat der Vernunft beugen m�ssen. Die F�hrleute kannten diesen Teil des Fjords nicht. Sie wussten weder um Str�mungen noch um verborgene Riffe. Ohne Sicht weiterzufahren, w�re die blanke Unvernunft gewesen.</p><p>Veleif hatte versucht, mit seinen Liedern die gereizte Stimmung zu vertreiben. Das Gefolge des K�nigs war auf den Skalden, Dalla, die Heilerin, und Horsas drei Leibw�chter zusammengeschmolzen. Nach einem kurzen Mahl hatten sie sich zur Ruhe begeben. So gut es ging ... Alfadas und die anderen hatten zwischen den R�dern des Fuhrwerks Schutz vor dem Nieselregen gesucht, der mit der D�mmerung gekommen war. Keinen halben Schritt �ber ihnen hatte Horsa auf der Pritsche von der Heilerin seine steifen Glieder behandeln lassen. Das Schnaufen und St�hnen des alten K�nigs war ihr Nachtlied gewesen. Alfadas hatte erst Ruhe gefunden, als das Get�se in ein kehliges Schnarchen �bergegangen war. Der L�rm des Liebesgepl�nkels unmittelbar �ber seinem Kopf hatte ihn erregt. Und das wiederum hatte ihn ge�rgert, denn er verabscheute das Gehabe des alten L�stlings. Alfadas schob die Gedanken beiseite und versuchte, sich auf die Ger�usche der Nacht zu konzentrieren. Was hatte sich ver�ndert? Es regnete nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Leise spielten die Wellen um das F�hrboot. Die Ankertrossen knirschten. Der Jarl lauschte auf den Atem der M�nner neben sich. Das Holz des Fuhrwerks knarrte. Der K�nig! Das Schnarchen hatte aufgeh�rt. Horsa erhob sich. Jetzt wurde die Plane zur�ckgeschlagen. F�r einen alten Mann konnte er sich erstaunlich leise bewegen. Alfadas wurde aus Horsa nicht schlau. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte er den Alten offen bewundert. Aber jetzt ... Er musste Horsa von seinem Weg abbringen! Vorsichtig schob der Jarl die Decke zur�ck. Seine H�nde griffen nach dem Rad neben seinem Kopf. Er zog sich unter dem Wagen hervor. Der Atem der �brigen M�nner ging noch immer langsam und regelm��ig. Alle schliefen.</p><p>Horsa war zum Bug gegangen. Er sah nach Osten. Der K�nig hatte ein schweres Fell um seine Schultern gelegt. Es lie� seine Gestalt massiger erscheinen. Die d�rren Beine, die darunter hervorlugten, standen in groteskem Kontrast dazu.</p><p>Das Deck war nass vom Regen. K�lte biss Alfadas in die nackten F��e. Das war die Gelegenheit, an die er bei der Abfahrt gedacht hatte. Nur dass Horsa kein Kettenhemd trug. Konnte er schwimmen? Auf jeden Fall w�rde er lange genug �ber Wasser bleiben, um alle mit seinem Geschrei zu wecken.</p><p>�Du bist noch nie in einer Schlacht verwundet worden, nicht wahr, Alfadas?�, sagte Horsa leise.</p><p>Der Jarl war �berrascht, dass der Alte ihn geh�rt hatte. Er trat an die Seite seines K�nigs.</p><p>�Du wei�t nicht, wie das ist, zwischen den Verwundeten zu liegen. Nachts ist es nie so wunderbar still wie hier. Sie st�hnen. Manche weinen, oder sie beten leise zu den G�ttern oder verfluchen einfach nur ihr Schicksal. Sie k�mpfen die Nacht �ber, denn sie haben Angst vor der Finsternis. Sie warten auf das Morgengrauen mit dem Sterben. Seltsam, nicht wahr?�</p><p>�Ja, seltsam�, antwortete der Jarl knapp. Ahnte Horsa etwas?</p><p>�Ich bin siebzehnmal im Kampf verletzt worden. Achtmal so schwer, dass ich zwischen ihnen gelegen habe. Die Heiler wollten mich wegbringen, weil ich der K�nig bin. Aber ich habe mich lebendiger gef�hlt, wenn um mich herum M�nner waren, denen es schlechter ging. Ich hatte die Vorstellung, zwischen ihnen w�rde mich der Tod �bersehen. So ist es auch, wenn ich mit einem jungen Weib im Arm daliege. Dann ist es wieder wie fr�her ... Eine Zeit lang. Ich werde jede Nacht ein oder zwei Mal wach und muss das Wasser abschlagen. Nur wenn ich viel getrunken habe, dann schlafe ich durch. Und erwache in einem nassen Bett.� Er lachte bitter. �Diese Schlacht wirst auch du verlieren, Alfadas. Das Alter kann man nicht besiegen. Es sei denn, man stirbt jung.�</p><p>Darum also geht es, dachte der Jarl. �Schickst du mich deshalb nach Albenmark? Um mich vor dem Alter zu bewahren?�</p><p>Der K�nig antwortete nicht. Er starrte schweigend auf das Wasser. Irgendwo in der Dunkelheit erklang ein Platschen. Ein springender Fisch? �Wenn ich Veleif nicht an meinem Hof h�tte, g�be es gewiss schon Lieder �ber Horsa den Bettn�sser�, sagte der K�nig unvermittelt. �Mein Skalde sch�tzt es, jeden Tag warmes Essen zu bekommen und im Winter einen guten Mantel zu haben. Und seine Lieder sind besser als die der anderen Skalden. Man h�rt ihm gern zu ... Es ist wichtig, solche Dinge in der Hand zu behalten. Im Grunde sollte ich dir dankbar sein f�r deine Torheit mit dem Wagen, Alfadas. Es ist besser, wenn nur wenige die Elfen gesehen haben. Ich habe dir durchaus zugeh�rt, Herzog. Ich werde allein zur K�nigin gehen, damit niemand Zeuge unseres Gespr�chs wird. Niemand au�er dir. Schlie�lich brauche ich ja einen �bersetzer.�</p><p>�Sie wird dir nicht ...�</p><p>�Ich wei�. Ich sagte doch, ich habe dir zugeh�rt. Sie ist bettl�gerig und ohnm�chtig. Aber Veleif wird davon singen, dass ihre Sch�nheit so blendend ist, dass allein ihr Anblick M�nner in den Wahnsinn zu treiben vermag. Deshalb h�lt sie sich seit ihrer Ankunft in deinem Haus verborgen, Herzog. Das ist doch eine viel bessere Geschichte als die Wirklichkeit. Selbst von einer Elfenk�nigin auf der Flucht erwartet man, dass sie unnahbar und bedrohlich ist. Du wirst mein Zeuge sein, wie sie uns um Hilfe gebeten hat.�</p><p>�Und wenn ich nicht l�ge?�</p><p>�Dann habe ich einen Skalden, der meine Geschichte erz�hlt. Bis wir in Honnigsvald sind, wird er ein paar h�bsche Verse �ber Horsa, Alfadas und die Elfenk�nigin gedichtet haben. Ich bin mir sicher, sie werden sehr ergreifend sein.�</p><p>Der Jarl trat dichter an Horsas Seite. Er legte ihm den Arm um die Schultern. Alfadas fragte sich, ob er stark genug war, Horsa zu erw�rgen. Der K�nig musste schon tot sein, wenn er ihn ins Wasser stie�. Er durfte keine Gelegenheit haben zu schreien!</p><p>�Ich w�nschte, ich h�tte einen Sohn wie dich, Alfadas. Bei den G�ttern, ich habe meinen Samen weit verteilt! Allein Luth wei�, wie viele Weiber ich besprungen habe. Und trotzdem ist mir nur ein einziger Sohn geboren worden. Du kennst Egil ja. Er ist nicht der Sohn, wie man ihn sich als Vater w�nscht. Letzten Sommer hat er eine Magd niedergestochen, weil sie ihm nicht zu Willen sein mochte. Er schwingt gerne gro�e Reden und h�lt sich f�r einen begnadeten Schwertk�mpfer, dabei lassen seine so genannten Freunde ihn stets siegen. Er ist ein Dreck! Und trotzdem, er ist mein Sohn. Du wei�t ja, wie es ist, einen Sohn zu haben, Alfadas. Ganz gleich, was sie tun, als Vater h�lt man sch�tzend seine Hand �ber sie.�</p><p>Ein klagender Ruf hallte �ber das Wasser. Im Osten zeichnete eine zarte, grausilberne Linie die Umrisse der Berge nach.</p><p>�Ein Eisvogel, der den Morgen gr��t.� Horsa rieb sich �ber die Arme. �Oft werde ich das nicht mehr h�ren.�</p><p>Unter dem Wagen reckte sich jemand. Alfadas sah, wie sich Mag, der F�hrmann mit dem Brandmal auf der Wange, aufrichtete. Der Augenblick war verpasst! �Ich werde deinem Sohn die Treue schw�ren�, sagte der Jarl.</p><p>�Nat�rlich, das wirst du. Und du meinst es ernst damit. Aber du bist ein guter Mann. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du dich gegen ihn erheben wirst. Wir beide wissen das. Und du bist nicht der einzige gute Mann im Fjordland. Ich werde wirklich meine besten Krieger zu den Elfen schicken. Alle, von denen ich glaube, dass sie das Zeug haben, ein besserer K�nig als Egil zu sein.�</p><p>�Das ist verr�ckt, Horsa. Was geschieht, wenn unsere Nachbarn die Schw�che erkennen und angreifen?�</p><p>Der K�nig schnaubte ver�chtlich. �Unsere Nachbarn ... Diese Weiberstaaten. Du hast sie alle in die Schranken verwiesen. Deine Siege, Alfadas, haben Egil Zeit erkauft. Vielleicht w�chst er ja in sein K�nigtum hinein, wenn er nur ein paar Jahre Zeit dazu hat.�</p><p>�Und wenn ich mit den Kriegern zur�ckkehre?�, fragte Alfadas mehr aus Trotz, als dass er daran glaubte.</p><p>�Ich habe �ber deinen Vergleich mit den H�hlenb�ren nachgedacht, Herzog. Eine einzelne dieser Bestien kann man t�ten. Aber wenn sie zu Dutzenden angreifen w�rden, unter dem Kommando eines halbwegs begabten Anf�hrers, und auch noch bewaffnet w�ren ... Wie sollten Menschen einer solchen Kraft widerstehen, selbst wenn sie den besten aller Herz�ge an ihrer Spitze h�tten? Die Trolle konnten die Elfen schlagen. Wie solltet ihr da siegen?�</p><p>Wieder hallte der Ruf des Eisvogels �ber das Wasser. Ein klagender, auf- und absteigender Laut. Vom Wagen her war leises Rumoren zu h�ren. Die M�nner erwachten einer nach dem anderen. Mag war aufgestanden und pr�fte die Ankertrossen. �ber den Bergen gl�hte das erste Morgenrot. Die schneebedeckten Gipfel spiegelten sich im kristallklaren Wasser des Fjords.</p><p>�Ich f�rchte, du hast den Augenblick verpasst, Alfadas�, sagte Horsa unvermittelt.</p><p>�Wovon sprichst du?�</p><p>Der K�nig wandte sich ihm zu. Trauer lag in seinem verbliebenen Auge. �Das wissen wir beide. Ich habe versucht, es dir leicht zu machen. Es w�re kein schlechtes Ende f�r mich gewesen. Einfach verschwunden zu sein ... Veleif h�tte sicher eine gute Saga darum gesponnen. Man kann auch zu ehrenhaft sein, Alfadas.�</p><subtitle>Die Saga des Horsa Starkschild</subtitle><cite><p>So sch�n war das Antlitz Emeldas, der K�nigin aller Elfen, dass sie es vor den Menschen verbarg, weil jeder Mann, der sie sah, vom Liebeswahn ergriffen wurde. Und so befahl sie, ein Zelt auf einem Boot inmitten des Fjords zu errichten, und nur Horsa sollte kommen, denn er war der st�rkste und beherrschteste aller M�nner. Und sie, die �ber Sch�tze ohne Zahl und die Kr�fte der Magie gebot, beugte das Knie vor Horsa und bat ihn darum, ihr seine k�hnen Recken zu Hilfe zu senden und seinen Herzog, Alfadas.</p><p>Horsa hob sie auf denn sie knien zu sehen, versetzte seinem Herzen einen Stich. Und ihr Atem wie Bl�tenduft streifte sein Gesicht. Als Emelda aber die Kraft seiner Arme sp�rte und die G�te in seinen Z�gen las, da wurde sie von tiefer Zuneigung zu Horsa ergriffen.</p><p>So blieben sie einen Tag und eine Nacht in dem Zelt auf dem Fjord, und man h�rte nichts von den beiden. Unruhe �berkam die gewappneten Krieger Emeldas, denn noch nie hatte ihre Herrin so lange bei einem Manne verweilt. Als noch eine zweite Nacht verstrichen war und der Ruf des Eisvogels �ber das Wasser eilte, da wollten sie zu ihrer K�nigin. Emelda aber kam ihnen zuvor. Auf dem Nebel eilte sie �ber das Wasser, als sei der Dunst unter ihren F��en fester Grund, und binnen eines Lidschlags waren sie und die ihren verschwunden.</p><p>Als Alfadas zum Zelt ruderte, um nach seinem Herrn zu sehen, da fand er Horsa in tiefem Schlaf. Sein Haar war wei� wie Schnee geworden, seine Haut welk, und Falten durchzogen sein Antlitz. Er hatte den Preis bezahlt f�r die Begegnung mit der Unsterblichen. Seine Kraft war dahin, gebunden in einem Pakt mit den Elfen, g�ltig f�r nun und immerdar.</p><text-author>Aus: Die Saga des Horsa Starkschild,</text-author><text-author>von Veleif Silberhand,</text-author><text-author>72. Gesang</text-author></cite></section><section><title><p>Die Himmelshalle</p></title><p>Ollowain blickte vom Steinkreis auf dem Hartungskliff hinab zu dem kleinen Dorf, das ihm eine Woche lang eine Zuflucht gewesen war. Er hatte ein schlechtes Gewissen dabei, Emerelle zur�ckzulassen, aber er konnte das Wagnis nicht eingehen, sie nach Albenmark zu bringen, bevor er nicht wusste, was vor sich ging.</p><p>Der Schwertmeister umklammerte Alfadas� Handgelenk im Kriegergru�. �In drei�ig Tagen bin ich zur�ck. Dann k�nnen wir das Heer nach Albenmark bringen.� Ollowain forschte im Gesicht seines Ziehsohns nach einer Antwort auf all die Fragen, die seit dem Besuch des K�nigs zwischen ihnen standen. Alfadas musste doch wissen, was es hie�, ein Heer aus Menschen nach Albenmark zu bringen. Irgendetwas war zwischen dem Jarl und seinem K�nig vorgefallen. So herzlich Alfadas war, so deutlich sp�rte er die stumme Trauer, die den Menschensohn umh�llte.</p><p>�Was ist mit Silwyna?�, fragte der Jarl.</p><p>�Sie wollte noch nicht zur�ckkehren.� Ollowain sch�ttelte den Kopf. �Sie ist genauso gespr�chig wie du. Yilvina wird �ber die K�nigin wachen. Sie weicht nicht von Emerelles Seite.�</p><p>�Emerelle ist hier in Sicherheit!�</p><p>Ollowain dachte an den Menschenk�nig und die seltsame Audienz. Er hatte darauf bestanden, an Emerelles Lager knien zu d�rfen, und ihr dann etwas ins Ohr gefl�stert. Nur er und Alfadas waren Zeugen dieser seltsamen Szene gewesen. Hinterher hatte Horsa dann seine Gefolgsleute belogen und behauptet, sich ausf�hrlich mit der K�nigin besprochen zu haben. Sie waren wie Kinder, die Menschen! Mit gro�en Augen hatten sie an den Lippen ihres K�nigs gehangen. Seit sie den Kentauren Orimedes gesehen hatten, h�tten sie wohl alles geglaubt. Immer wieder hatten sie den Pferdemann ber�hren wollen.</p><p>�Seid ihr fertig?�, fragte Lyndwyn dr�ngend. Goldenes Licht stieg aus dem Fels, und ein Tor �ffnete sich. �Kommt schon!�</p><p>Alfadas trat einen Schritt zur�ck. �Auf bald, Schwertmeister.� Er nickte auch Orimedes und Gondoran zu, der auf dem R�cken des Kentauren ritt.</p><p>�Auf bald, mein Freund!� Ollowain trat mit einem raschen Schritt ins Licht. Es war fast eine Flucht. Lyndwyn f�hrte sie nur wenige Schritte weit durch das Nichts, dann traten sie aus einem zweiten Tor. Eine weite, verschneite H�gellandschaft breitete sich vor ihnen aus. Der Wind verfing sich heulend in den �sten eines abgestorbenen Baumes, der dicht beim Tor stand. Von seinen bleichen �sten hingen Pferdesch�del und zerschlagene Schilde.</p><p>Orimedes begr��te die Winterlandschaft mit einem Freudenschrei. Dann klopfte er Lyndwyn so kr�ftig auf die Schulter, dass sie fast mit dem Gesicht voran in den Schnee gest�rzt w�re. �Das hast du gut gemacht, Hexe! Noch nie bin ich so schnell hierher zur�ckgekehrt.�</p><p>�Wo sind deine M�nner?�, fragte Gondoran ungehalten. Dem Holden klapperten die Z�hne. Er streifte sich einen Pelzsack �ber, den Asla f�r ihn gen�ht hatte, ein unf�rmiges Ding mit L�chern f�r Kopf und Arme. Der Kentaur breitete die Arme aus, als wolle er das Land umfassen. �Irgendwo dort drau�en. Mein Volk wandert. Wir bleiben nie lange an einem Ort. Ich werde sie finden. Glaube mir, es wird dir hier gefallen. Den Wind in den Haaren �ber die H�gel zu galoppieren, das ist wunderbar!�</p><p>Gondoran schnitt eine s�uerliche Grimasse. �Ich gebe ja zu, ich habe noch nie zuvor Schnee gesehen. Aber mir scheint es so, dass dies die einzige Form von Wasser ist, die mir nicht zusagt.� Er f�hrte die H�nde an die Lippen und blies sich auf die klammen Finger.</p><p>�Du wirst dich daran gew�hnen.� Der Kentaur trug nicht einmal einen Umhang oder eine Weste. Ihm schien die K�lte nicht das Mindeste auszumachen. Der Atem stand ihm in kleinen Wolken vor dem Mund. Seine Hufe zerstampften den Schnee.</p><p>�Ich werde meine Krieger in die Snaiwamark bringen. Es wird ein paar Wochen dauern, Ollowain. Man zieht nicht in den Krieg, ohne sich zuvor ordentlich betrunken zu haben. Und jeder der St�mme wird erwarten, dass ich auf ein Fest bleibe.� Der Kentaur grinste breit. �Es werden aufreibende Wochen sein.�</p><p>�Wenn du das vorher gesagt h�ttest, w�re ich in der Welt der Menschen geblieben�, murrte Gondoran. �Mit einem Kentauren inmitten einer Welt aus gefrorenem Wasser von Saufgelage zu Saufgelage zu ziehen! Was mag das Schicksal noch f�r Proben f�r mich bereithalten?�</p><p>�Hatte ich gesagt, dass wir von G�sten erwarten, dass sie mindestens ein Methorn mit uns leeren? Alles andere w�re eine Beleidigung.�</p><p>�Wenn ihr nicht in euren Met pinkelt, werde ich das schon schaffen.�</p><p>Orimedes t�tschelte dem Holden den Kopf. �Brav. Meine Leute werden viel Spa� mit dir haben, mein Freund.� Dann wandte er sich an Ollowain. �Viel Gl�ck, Schwertmeister. Wir sehen uns in der Snaiwamark!� Mit einem Jauchzen, das wie Pferdewiehern klang, st�rmte er den Hang hinab.</p><p>�Nun sind wir also allein�, stellte Lyndwyn fest. Sie trug noch immer ihre zerrissenen Kleider von der Flucht. Etwas aus den groben Stoffen der Menschen auf ihrer Haut zu dulden, hatte sie rundweg abgelehnt. Herausfordernd blickte sie Ollowain an. Erwartete sie eine Entschuldigung daf�r, dass er sie wie eine Verr�terin behandelt hatte?</p><p>�Findest du den Weg nach Phylangan?�, fragte er k�hl.</p><p>�Findet deine Zunge den Weg zum Eingest�ndnis meiner Unschuld?�, erwiderte sie spitz.</p><p>�Du glaubst, ich traue dir, weil du gezwungen warst, der K�nigin zu helfen?�</p><p>�Wei�t du, was es hei�t zu heilen, Ollowain? Es hei�t, die Schmerzen der Verwundeten mitzuerleben. Es war nicht der Ziegelsplitter, der mir auf der Flucht das Bewusstsein raubte. Es war der Schmerz der K�nigin. Sie hatte dreiundf�nfzig Brandverletzungen, sieben gebrochene Knochen, eine durchbohrte Lunge und eine klaffende Wunde in der Brust. Allein die Brustverletzung h�tte ausgereicht, sie umzubringen, w�re ich nicht gewesen. Dein Leben habe ich auch gerettet. Was muss ich noch tun, um dich davon zu �berzeugen, dass ich nicht das Zeichen zur Beschie�ung von Vahan Calyd gegeben habe?�</p><p>Ollowain sah sie absch�tzend an. Sie fror nicht. Lyndwyn musste einen Zauber um sich gelegt habe. Einen dieser verfluchten Zauber, die er niemals erlernt hatte. Und sie musste sich nicht einmal darauf konzentrieren. Es geschah einfach so nebenbei.</p><p>�Du m�sstest deine Haut abstreifen, damit ich dir vertraue. Du geh�rst zur Sippe Shahondins. Er liegt in Fehde mit der K�nigin. Es ist die Haut, in die du geboren wurdest ... Ich werde dir niemals trauen. Und nun bring uns nach Phylangan.�</p><p>�Und wenn ich einfach gehe? Ich k�nnte �berall hingehen.�</p><p>Der Schwertmeister legte die Hand auf seinen Waffengurt.</p><p>�Glaubst du, du bist schneller durch das Tor, als mein Messer fliegt, Verr�terin?�</p><p>�Ich bin eine Magierin. Es w�re mir ein Leichtes, mich vor deiner Klinge zu sch�tzen.� Sie sah ihn herausfordernd an.</p><p>�Wollen wir es ausprobieren?�</p><p>�Wenn ich sterbe, sitzt du hier fest.� Sie deutete nach S�den. Der Kentaur war nur noch ein kleiner schwarzer Punkt zwischen den verschneiten H�geln. �Orimedes kann dich nicht mehr sehen. Die K�lte wird dich umbringen, wenn du hier zur�ckbleibst.�</p><p>�Glaubst du, das w�rde mich von irgendetwas abhalten?� Lyndwyn senkte den Blick. �Und die K�nigin? Wer holt Emerelle aus dem Land der Menschen, wenn du stirbst?�</p><p>�Orimedes wei�, wo Emerelle ist. Er wird sie retten, wenn ich es nicht mehr kann.�</p><p>�Deshalb also hat die K�nigin dich ausgew�hlt.�</p><p>�Wovon redest du?�</p><p>�Von dir, Ollowain�, fuhr ihn die Magierin aufgebracht an.</p><p>�Es gibt dich gar nicht. Du kennst nur das Ziel, und du opferst alles, um dorthin zu gelangen. Das k�nnte ich verstehen, wenn du es f�r dich tun w�rdest. Aber du bist nur eine leere H�lle. Es gibt eine Sorte Wespen, die legen ihre Eier in andere Insekten. Die Brut zerfrisst diese Wirte langsam von innen heraus. So bist du, Ollowain. Eine leere H�lle, in die Emerelle ihre Eier abgelegt hat. Dich gibt es nicht mehr. Du lebst nur zu ihrem Nutzen.�</p><p>�Bist du fertig?�</p><p>Sie sah ihn nur w�tend an. Oder war da noch etwas anderes in ihrem Blick?</p><p>�Bring mich nach Phylangan!�</p><p>Sie verbeugte sich wie eine Dienerin. �Wie du befiehlst, mein Gebieter.� Lyndwyn kniete sich neben den abgestorbenen Baum. Ihre linke Hand tastete �ber den Schnee. Die Rechte legte sie auf ihr Herz. Die Magierin schloss die Augen.</p><p>Ollowain trat dicht an sie heran. Sie war h�bsch. Davon durfte er sich nicht blenden lassen! Vor allem war sie die Enkelin Shahondins. Sie war eine Verr�terin.</p><p>Ein Tor aus warmem, rotem Licht erhob sich. Es hatte die Farbe des Abendrots nach einem klaren Sommertag. �Gehen wir!� Er packte Lyndwyn grob am Handgelenk und trat in das Nichts. F�nf Schritte nur auf dem goldenen Pfad, und sie standen vor einem Tor, das in allen Farben des Regenbogens erstrahlte. �Das Ziel�, sagte die Magierin.</p><p>Ollowain hielt sie noch immer am Handgelenk. Er war ihr ausgeliefert. Von hier aus war es ihm unm�glich zu sagen, ob sie ihn wirklich nach Phylangan gebracht hatte. Ebenso gut mochte das Tor in den F�rstenpalast von Arkadien f�hren. Mitten in Shahondins Schlangengrube. Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Entschlossen trat er durch das Licht. Ein Abgrund lag vor seinen F��en. Er stand auf einer Br�cke aus milchwei�em Stein. Es gab kein Gel�nder. Der Boden war poliert. Jedes Wasser musste abperlen. Die Shalyn Falah! Das konnte nicht sein! Es gab keinen Albenstern auf der Br�cke! Und die Steilklippen dort waren nicht mit Wald bedeckt.</p><p>Verwirrt sah der Schwertmeister sich um. Die Br�cke ragte nur ein kleines St�ck in einen Talkessel hinein, der wohl zwei Meilen oder mehr durchmessen mochte. Die steilen Bergh�nge waren terrassiert. Die Mauern ahmten Felsstrukturen nach, sodass sie auf den ersten Blick kaum auffielen. Es war ihr eleganter Schwung, der sie verriet. Nach keinem erkennbaren System geordnet, erhoben sich steile Felsnadeln aus dem Tal. Die h�chsten schienen bis fast in den Himmel zu reichen. Feine wei�e Wasseradern rannen von ihren Spitzen hinab durch gewundene Riefen im blaugrauen Granit. Das ganze Tal wirkte zu harmonisch, um nat�rlich zu sein. Ollowain kannte es. Fast f�nfhundert Jahre waren vergangen, seit er zum letzten Mal hier gewesen war. Die Himmelshalle war damals noch viel kleiner gewesen.</p><p>Der Schwertmeister legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel �ber ihren H�uptern war Illusion. Es war durchscheinend blauer Fels, so wie auf der Insel bei Vahan Calyd. Doch hier hatte man alle Metalladern entfernt, um die Illusion noch wirklicher erscheinen zu lassen. Und es gab sogar echte Wolken! Sie hingen unter der durchscheinenden Decke. Die Wolken bewegten sich nur vage, so wie Nebelschleier an einem windstillen Morgen. All das hier war eine riesige H�hle. Das Herz von Phylangan, dem steinernen Garten, der Felsenburg, die am einzigen Pass zur Hochebene von Carandamon wachte. Bei seinem letzten Besuch hatte der Albenstern noch in einer Grotte weit oberhalb der Himmelshalle gelegen. Die Baumeister und Magier der Normirga mussten die Halle gewaltig ausgedehnt haben.</p><p>�Bring mich von hier fort�, sagte Lyndwyn leise. Sie zitterte am ganzen Leib. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in den Abgrund.</p><p>Ollowain seufzte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie stand nur einen Schritt hinter ihm. �Komm.�</p><p>�Ich ... Ich kann nicht.� Lyndwyn ging in die Hocke. Sie presste beide H�nde fest auf den Boden. Noch immer blickte sie wie gebannt in den Abgrund. �Es ist, als rufe mich die Tiefe�, stammelte sie. �Ich soll springen. Fliegen wie ein Vogel.�</p><p>�Schlie� deine Augen�, sagte Ollowain. �Du darfst nicht hinsehen. Ich werde dich hin�berf�hren. Komm.� Der Schwertmeister ging neben ihr in die Hocke. �Wende deinen Blick ab.�</p><p>�Das ... der Abgrund, er h�lt mich gefangen. Ich ...�</p><p>Er griff unter ihr Kinn und zwang sie, ihm ins Antlitz zu sehen. �Siehst du meine Augen? Verlier dich in diesem Abgrund. Sag mir, welche Farbe sie haben.� Sie wollte den Kopf wieder zur Seite neigen, doch er hielt ihr Kinn fest. Ihre Haut war klebrig vor Schwei�. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.</p><p>�Wie sehen meine Augen aus?�</p><p>�Sie sind gr�n.�</p><p>Der Schwertmeister griff sie am Handgelenk. Noch immer presste sie ihre Handfl�chen auf den Boden. Ihre Finger kr�mmten sich in dem vergeblichen Versuch, Halt auf dem glatten Stein zu finden.</p><p>�Du wirst jetzt aufstehen. Und sieh mir weiter in die Augen! Findest du nicht, dass <emphasis>gr�n</emphasis> eine unangemessene Beschreibung ist? Was f�r ein Gr�n ist es? Sieh genauer hin.� Ollowain erhob sich. Er hielt Lyndwyn mit seinem Blick gefangen. Z�gerlich richtete sich die Magierin auf.</p><p>�Deine Augen haben die Farbe von Moos, wie man es auf den Steinen des versiegelten Albensterns nahe der Shalyn Falah findet. Deine Iris ist eingefasst von einem d�nnen, schwarzen Rand. Das Gr�n ist nicht ebenm��ig. Feine Lichter und Schatten durchziehen es.�</p><p>Ollowain ging langsam r�ckw�rts. Lyndwyn folgte ihm mit unsicheren Schritten. Er hielt nun ihre beiden H�nde. Er musste in ihr Antlitz sehen, damit sie ihren Blick nicht abwendete. Unter ihnen ging es mehr als zweihundert Schritt in die Tiefe.</p><p>�Wenn der Abgrund deiner Pupillen sich weitet, wandelt sich das Gr�n. Es wird dichter. Dunkler. Ich sehe mein Spiegelbild in deinen Augen. Verzerrt. Eine groteske Kreatur. So finde ich in deinen Augen wohl ein Abbild dessen, was du in mir siehst.�</p><p>Lyndwyn war ihm sehr nahe gekommen. Ihr Atem ber�hrte sanft seine Lippen. Sie war sch�n ... Begehrenswert. Ollowain r�usperte sich. Ging es dieser verfluchten Magierin schon wieder so gut, dass sie versuchte, einen Liebeszauber auf ihn zu legen? Hatte sie die H�henangst nur vorget�uscht?</p><p>�Es ist die Kr�mmung meiner Aug�pfel, die dein Spiegelbild verzerrt, Lyndwyn. Nicht mehr und nicht weniger steckt dahinter.�</p><p>�Deine Aug�pfel sind von makellosem Wei߫, fuhr sie fort, ohne auf seinen Einwand einzugehen. �Es gibt keinen Anflug von Gelb, keine geplatzten Adern, die das Wei� mit obsz�nem Rot beleidigen. Deine Augenwimpern sind dicht. Sie erheben sich in sanftem Schwung. Manche Elfe w�rde dich um diese Wimpern beneiden. Sie sind makellos, so wie der Ruf des W�chters der Shalyn Falah. Des Schwertmeisters. Des Vertrauten der K�nigin, der nur seine Pflicht kennt.�</p><p>Ihre Stimme war ein wenig zu dunkel f�r eine Frauenstimme. Doch gerade das lie� sie in Ollowains Ohren umso sinnlicher klingen. Die Stimme stand in starkem Gegensatz zu den schmalen Lippen. Sie wirkten ungek�sst. Was dachte er denn f�r einen Unsinn! Auch Lyndwyns Augen waren gr�n. Doch sie waren von einem lichten Gr�n, durchsetzt mit goldenen Sprenkeln.</p><p>Der Schwertmeister versuchte sich ganz auf seine Schritte zu konzentrieren. Er senkte seinen Blick nicht, doch er verschloss sein Herz vor dem, was er sah. Lyndwyn hatte etwas an sich, das ihn tief ber�hrte und seine Gef�hle verwirrte. Sie wusste, wie es war, sich einer Idee zu opfern. Die Vollkommenheit anzustreben. Alle anderen zu �berfl�geln. Welche Schw�che wollte sie wohl hinter ihrem Ehrgeiz verstecken?</p><p>Nein, schon wieder waren seine Gedanken ihr viel zu nah! Sie war eine Verr�terin! Achte nur auf die Schritte, ermahnte er sich. Er sp�rte den festen Stein durch die weiche Sohle seiner Stiefel. Glatt, rutschig war er. Und doch war diese Br�cke nicht so t�ckisch wie die wirkliche Shalyn Falah. Es gab kein Spr�hwasser, das den Stein benetzte. Keine b�igen Winde, die an den Kleidern zerrten.</p><p>�Glaubst du, dass Augen das Fenster zur Seele sein k�nnen?�, fragte Lyndwyn.</p><p>�F�nde ich Gold in deiner Seele?�</p><p>�Da du mich f�r eine L�gnerin und Verr�terin h�ltst, wirst du dir diese Frage wohl selbst beantworten m�ssen, denn welchen Wert h�tten meine Worte f�r dich?�</p><p>Ollowain war �berrascht. Sie sagte das nicht vorwurfsvoll. Im Gegenteil. Ihre Stimme klang eher traurig. Sei auf der Hut, ermahnte sich der Schwertmeister. Sie treibt nur ihr Spiel mit dir. Sie will dich einfangen! Dein Misstrauen mit sanften Worten einlullen.</p><p>Der Boden knirschte unter Ollowains Schritt. Der Stein war nicht mehr poliert. Er hatte eine raue Oberfl�che, auf der die Sohle besseren Halt fand. Der Schwertmeister blickte �ber die Schulter. Sie hatten die Br�cke verlassen. Jemand klatschte.</p><p>�Seit mehr als hundert Jahren bin ich der W�chter der Mandan Falah, und noch nie habe ich jemanden auf diese Weise �ber die Br�cke schreiten sehen.�</p><p>Ein Elfenkrieger trat hinter einem Rosenbusch hervor. Er trug einen blassgrauen Waffenrock, dessen S�ume mit einer d�nnen, silbernen Borte abgesetzt waren. Von seinen Schultern wallte ein langer Umhang in dunklem Rot. Er wurde von einer ringf�rmigen Fibel gehalten, die eine Schlange zeigte, welche sich selbst in den Schwanz biss. Der Schwertgurt und die Lederscheide der Waffe waren vom gleichen Rot wie der Umhang. Ebenso der Pferdeschweif, der den hohen, spitz zulaufenden Helm schm�ckte, den der W�chter l�ssig unter seinen Arm geklemmt hatte.</p><p>Der Elf hatte langes, fast platinblondes Haar, das ihm in Locken auf die Schultern herabfiel. Seine blasse Haut und die ebenm��igen Z�ge gaben seinem Antlitz etwas Puppenhaftes.</p><p>�Ihr seid der Glanz dieses Mondes�, sprach der W�chter mit weicher, einschmeichelnder Stimme. �Es geschieht nur sehr selten, dass jemand durch den Albenstern in die Himmelshalle tritt. H�ttet ihr die Freundlichkeit, euch vorzustellen?�</p><p>�Ich bin Ollowain, Schwertmeister der K�nigin Emerelle, und dies ist Lyndwyn, Magierin an Emerelles Hof.� Der W�chter sch�rzte die Lippen. �Eure Antwort ist so spr�de, wie euer Erscheinungsbild abenteuerlich ist. So sagt mir nun, was euer Begehr ist.�</p><p>Obwohl der Krieger mit seinen Worten die gr��tm�gliche Distanz hielt, bemerkte Ollowain in seinem Blick eine kaum verhohlene Neugier. Er war sich sicher, dass der Krieger seinen Namen schon geh�rt hatte. Wer an dieser makaberen Kopie der Shalyn Falah wachte, wusste mit Sicherheit, wer �ber viele Jahrzehnte das Kommando an jener Br�cke gef�hrt hatte, die das Vorbild f�r die Mandan Falah war. �Wir w�nschen Landoran zu sprechen, den F�rsten der Snaiwamark und der Hochebene von Carandamon. Wir reisen im Dienst unserer Herrin, der K�nigin Emerelle. Und unser Begehr duldet keinen Aufschub.�</p><p>�Gestatte mir, euch darauf hinzuweisen, dass es an mir liegt, �ber die Dringlichkeit des Begehrens nicht geladener G�ste zu entscheiden. So sehr es dem F�rsten gef�llt, mit weit gereisten G�sten zu plaudern, so sehr nehmen ihn auch seine Pflichten in Anspruch. Ich werde ihm einen Boten schicken. Darf ich euch in den G�stepavillon bitten, bis uns eine Antwort erreicht?�</p><p>Der W�chter klatschte in die H�nde, und hinter dem Rosenbusch trat ein Kobold hervor. Der kleine Kerl trug eine graue Livree und schwarze Stiefel, die mit silbernen Kn�pfen verziert waren. Die Farben harmonisierten mit seiner dunklen, olivfarbenen Haut. Das Grau der Livree war gedeckter als jenes, das der Elfenkrieger trug.</p><p>�Dolmon, du hast geh�rt, was unsere G�ste vorgetragen haben. Berichte dem F�rsten bitte davon. Ach ...� Der Krieger wandte sich wieder an Ollowain. �Du hast nicht zuf�llig ein Schreiben, das dich als einen Gefolgsmann der K�nigin ausweist?�</p><p>�Nein. Ehrlich gesagt, ist es das erste Mal, dass man mich aufh�lt, wenn ich in Diensten der K�nigin reise. Aber ich sehe ein, dass man Zugest�ndnisse an die Abgelegenheit von Phylangan machen muss. Inmitten der Wildnis ist nat�rlich nicht bekannt, wer ein Vertrauter der K�nigin ist.� Ollowain bemerkte, wie der Kobold hinter dem R�cken seines Herrn grinste.</p><p>�Du darfst gehen, Dolmon�, sagte der W�chter. �Und tr�dele nicht herum!�</p><p>�Darf ich auch deinen Namen erfahren?�, fragte Ollowain.</p><p>�Nur f�r den Bericht, den ich meiner K�nigin �ber meine Reise vorlegen muss. Du w�rst erstaunt, wenn du w�sstest, wie buchhalterisch Emerelle in manchen Angelegenheiten ist.�</p><p>Der W�chter straffte sich. �Ronardin hei�e ich.�</p><p>�Sehr sch�n, Ronardin. Dann geleite uns nun in den G�stepavillon, und sei bitte so diskret, meine Reisegef�hrtin nicht durch deine Blicke zu br�skieren.� Der Krieger hatte gar nicht in Lyndwyns Richtung geschaut, dennoch erblasste er. Er beeilte sich, ihnen voranzugehen und sie zu einem kleinen Marmorpavillon zu bringen. Von dort aus hatte man einen wunderbaren Blick auf die Himmelshalle und die Mandan Falah. Die Br�cke war der Shalyn Falah in allen Einzelheiten nachempfunden. Nur, dass sie mitten im Schwung im leeren Raum endete. Vom Pavillon aus gesehen, waren ihre weiten B�gen wie Fenster, die die Landschaft zergliederten. Diese Gartenlandschaft zu pflegen, musste unendliche M�hen kosten. M�hen, die vermutlich auf den Schultern unz�hliger Kobolde lagen. Die Himmelshalle mochte gr��er geworden sein, aber an den wesentlichen Dingen, die die Gesellschaft der Normirga ausmachten, hatte sich nichts ver�ndert. Und Ollowain war erschrocken, wie schnell er zu dem �berheblichen Tonfall seines Volkes zur�ckgefunden hatte. Oder hatte er ihn niemals abgestreift?</p><p>Auf einem schmalen Tisch waren auf einer Silberplatte Trauben, Birnen, �pfel und N�sse zu einem malerischen Stillleben arrangiert. Eine Kristallkaraffe mit rotem Wein und vier kostbare Gl�ser rundeten das Bild ab. Ollowain nahm sich eine gro�e Weintraube und a� sie. Ronardin stand am Eingang des Pavillons und wich jedem Blick aus. Den verleumderischen Vorwurf, Lyndwyn anz�glich angesehen zu haben, hatte er offensichtlich noch nicht verwunden. Er achtete nun peinlich darauf, ihr stets den R�cken zuzuwenden. Der Schwertmeister l�chelte. Ronardin musste noch sehr jung sein, sonst w�re ihm bewusst, dass er mit diesem Verhalten den Vorwurf herausforderte, einen Gast nicht mit der geb�hrenden Aufmerksamkeit zu behandeln.</p><p>Der Ausblick in die riesige H�hle mit ihren k�nstlichen Terrassenw�ldern hatte etwas Beruhigendes. Ollowain genoss die s��en Trauben und den mit Honig, Zimt und Nelken veredelten Wein. Es war leicht, sich in Phylangan wohl zu f�hlen, wenn man sich den Gesetzen der Normirga f�gte.</p><p>Lyndwyn hatte sich auf einer Bank niedergelassen. Die Beine weit gespreizt, sa� sie in wenig damenhafter Haltung da. Sie hatte sich weit zur�ckgelehnt. Ihr Gesicht spiegelte Langeweile und M�digkeit. Auch sie hatte sich eine Traube genommen. In Gedanken verloren, rieb sie eine der Fr�chte zwischen den Fingern.</p><p>Der Pavillon war ein guter Ort, um zu warten. Ollowains Blick wanderte �ber die Waldterrassen. Er k�nnte hier Stunden sitzen, ohne des Schauens m�de zu werden. Der Anblick der Natur vermag die Seele zu heilen, hatte ihm seine Mutter vor Jahrhunderten erz�hlt. Damals war er zu ungeduldig gewesen, um sich dieser Wahrheit zu �ffnen. Und er war auch zu jung gewesen, um an einer verletzten Seele zu leiden. Erst die Zeit hatte ihn von der Weisheit in den Worten seiner Mutter �berzeugt.</p><p>�Mein Junge! Es ist sch�n, dich zu sehen!� Lautlos war Landoran in den Pavillon getreten. Er hatte es schon fr�her geliebt, �berraschend zu erscheinen. Und gleich mit den ersten beiden Worten machte er Ollowain klar, dass sich an ihrem Verh�ltnis zueinander nichts ge�ndert hatte. F�r den F�rsten war er noch immer ein Junge. Aller Ruhm vermochte den Makel nicht aufzuheben, der ihm anhaftete. Was dies anging, waren die Gesetze der Normirga klar und gnadenlos. Wer nicht in der Lage war, sich aus eigener Kraft und v�llig m�helos gegen die eisige K�lte des Landes zu sch�tzen, der galt als Kind. Ganz gleich, wie alt er war und was er geleistet hatte. Ihm war verboten, die Felsenburgen ohne Begleitung zu verlassen, denn die eisige K�lte des Landes konnte einen binnen Stunden t�ten. Doch was auf den ersten Blick wie F�rsorglichkeit erscheinen mochte, war ersonnen, um die Herrschaft der Zauberweber zu st�rken. Kein anderes Elfenvolk war so stolz auf seine magischen Kr�fte wie die Normirga. Und weil jene, denen diese Gabe nicht geschenkt war, kaum einen Weg aus den Felsenburgen fanden, lernten die �brigen Albenkinder meist nur m�chtige Zauberer aus dem Volk des Nordens kennen. Auch stammte die bedeutendste aller Zauberweberinnen, Emerelle, von den Normirga.</p><p>Dass Ollowain es gelungen war, aus dieser Tyrannei auszubrechen, war vielen seines Volkes unliebsam. Ollowain erinnerte sich, dass auch er die Gabe geerbt hatte. Doch am Tag des Todes seiner Mutter war seine Zauberkraft verloschen. Manchmal dachte der Schwertmeister, dass vielleicht nur der Wille, sich dieser M�chte zu bedienen, in ihm gestorben war. Er sah seinen Vater an, der wie kaum ein anderer das Bild der Normirga unter den Albenkindern verk�rperte. Er strahlte K�lte und Macht aus, und es war schwer, seinem Blick standzuhalten. �Du hast dich auch nicht ver�ndert�, entgegnete Ollowain. Er streckte Landoran die Hand entgegen, um ihn auf Distanz zu halten und eine Umarmung zu verhindern.</p><p>Landorans Handdruck war fest. Der F�rst hatte silbergraues Haar. Er trug ein langes, flie�endes Gewand aus dunkelgr�ner Seide. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt. Ein d�nner, silberner Stirnreif hielt sein langes Haar zur�ck. Sein Vater war sichtbar gealtert, seit sie einander das letzte Mal begegnet waren. Nur in seinen grauen Augen brannte noch die alte Kraft. Ein Duft nach frischem Gr�n haftete ihm an, so als habe er eben noch die Zweige eines Rosenbuschs beschnitten.</p><p>�Es ist sch�n zu sehen, dass du nicht zu den Toten geh�rst, Junge.� Der F�rst l�chelte. �Ich w�re sehr entt�uscht gewesen, wenn die Nachrichten gestimmt h�tten.�</p><p>�Ich sehe, du bist im Bilde, F�rst.�</p><p>�Schlechte Neuigkeiten haben Fl�gel.� Landoran rupfte ein paar Trauben ab. �Es hei�t, die K�nigin sei tot. Die Trolle haben sie auf einem Platz ausgestellt und alle �berlebenden gezwungen, an ihr vor�berzugehen.�</p><p>�Ich nehme an, die Leiche war in keinem sonderlich ansehnlichen Zustand mehr.�</p><p>Der F�rst schob sich eine Traube in den Mund. �Sie trug die Schwanenkrone.�</p><p>�So einfach ist das? Eine Krone reicht aus, eine Tote zur K�nigin zu machen?�</p><p>�Du wei�t, wie das mit Emerelle ist, Junge. Sie hat nicht nur Freunde.� Er blickte fl�chtig zu Lyndwyn. �F�r manche F�rstengeschlechter ist es in der Tat so einfach.�</p><p>�Gilt das auch f�r ihre eigene Sippe?�</p><p>Landoran hob eine Braue. �Was genau willst du? Warum bist du gekommen, Ollowain? Der Weg hierher ist dir doch sicherlich nicht leicht gefallen.�</p><p>�Ich wollte dich vor den Trollen warnen. Du wei�t, dass sie hierher kommen werden. Es werden gewiss ein paar tausend sein.�</p><p>�Leg in Gedanken noch ein paar tausend drauf, und dann verdoppele diese Zahl.� Landoran schob sich eine weitere Traube in den Mund. �Es hei�t, es sind zwanzigtausend.�</p><p>Ollowain sah ihn verbl�fft an. �Das kann nicht sein! So viele...�</p><p>�Glaub mir ruhig. Ein Fl�chtling hat es mir erz�hlt. Vor dem Hafen von Vahan Calyd sollen fast hundert Trollschiffe gelegen haben. Und jedes hatte mehr als zweihundert dieser Blut saufenden Ungeheuer an Bord. Die Zeit in der Welt der Menschen scheint ihnen gut bekommen zu sein. Sie haben sich vermehrt wie die Kobolde.�</p><p>�Zwanzigtausend?�, wiederholte der Schwertmeister ungl�ubig. Er versuchte, sich eine solch ungeheure Menge von Trollkriegern vorzustellen. Das war kein Heer mehr. Das war eine Naturgewalt! �Sie werden hierher kommen�, sagte Ollowain noch einmal nachdr�cklich. �Wie willst du sie aufhalten, Landoran?�</p><p>�Niemand hat jemals die W�lle von Phylangan �berwunden! Ihre Heerscharen werden an unseren Festungsmauern zerschellen, wie auch die m�chtigste Welle an einer Steilk�ste zerbricht. Der steinerne Garten wird niemals erobert werden!�</p><p>�Nein, wird er nicht? Man hat niemals davon geh�rt, dass Trolle auf Schiffen fahren! Auch hat man niemals von einem so gro�en Trollheer geh�rt. Das Wort niemals scheint seine Bedeutung f�r die Trolle verloren zu haben.�</p><p>�Verf�llst du jetzt nicht ein wenig in Panik, Junge?�</p><p>�Ich h�tte mir auch niemals vorstellen k�nnen, Vahan Calyd brennen zu sehen!�, entgegnete der Schwertmeister schroff.</p><p>�Und doch ist es geschehen. Mach nicht den Fehler, in blinder Zuversicht vor dem, was kommen wird, die Augen zu verschlie�en.�</p><p>�Ich war in der Tat ernsthaft beunruhigt, bevor ihr eingetroffen seid�, gab Landoran zu. �Aber ihr habt ja freundlicherweise die L�sung aller Probleme mitgebracht.� Er wandte sich l�chelnd an Lyndwyn. �Diese junge, ein wenig unpassend gekleidete Dame, die offensichtlich keine h�fische Erziehung genossen hat, wird uns eine unermessliche Hilfe sein. Vor allem das, was sie � f�r neugierige Blicke so wohl verborgen � um ihren Hals tr�gt. Als Ronardin dich nach einem Beweis daf�r gefragt hat, dass ihr tats�chlich Boten der K�nigin seid, h�ttet ihr ihm ruhig eingestehen k�nnen, dass Emerelle euch mit ihrem Albenstein geschickt hat. Hast du vielleicht geglaubt, ich w�rde die Aura seiner Macht nicht sp�ren? Mit seiner Kraft wird es uns gelingen, alle Bedrohungen zu �berwinden.�</p><p>Ollowain h�tte Lyndwyn ohrfeigen k�nnen. Sie hatte der bewusstlosen K�nigin das kostbarste Artefakt des Elfenvolkes gestohlen. Jenen Stein, der ihnen einst von den Alben geschenkt wurde, bevor die r�tselhaften Alten f�r immer verschwanden. Es hie�, jedes ihrer V�lker habe einen solchen Stein erhalten. In ihnen wohnten ungeheure Kr�fte. Wer sie weise einsetzte, konnte mit ihrer Hilfe die Welt ver�ndern.</p><p>Landoran durfte auf keinen Fall wissen, dass Lyndwyn den Stein gestohlen hatte. Andernfalls h�tte er wohl keine Skrupel, sich seinerseits das kostbare Artefakt anzueignen. �Erkennst du nun die Bedeutung unserer Mission?�, fragte Ollowain herausfordernd. �Emerelle hat Lyndwyn erm�chtigt, die Kraft des Albensteins im Sinne der Verteidigung von Phylangan zu nutzen. Die K�nigin m�chte um jeden Preis verhindern, dass sich ein Massaker wie in Vahan Calyd wiederholt.�</p><p>�Wo ist Emerelle jetzt?�, fragte der Elfenf�rst in beil�ufigem Ton.</p><p>�An einem Ort, von dem aus sie die Verteidigung Albenmarks vorbereitet.�</p><p>�W�re der beste Ort daf�r nicht unsere Festung?�</p><p>Schwang eine Unsicherheit in der Stimme des F�rsten mit? Sein Gesicht verriet keinerlei Gef�hle. Aber er wirkte angespannt. Er dr�ckte mit Daumen und Zeigefinger auf die letzte Traube in seiner Hand, sodass sie jeden Moment zerplatzen mochte. Als Landoran Ollowains Blick bemerkte, schob er die Frucht in den Mund.</p><p>�Emerelle ist keine Kriegerin�, antwortete der Schwertmeister entschieden. Er wusste nicht, was den F�rsten verunsicherte, doch er sp�rte deutlich, dass er dieses eine Mal die Oberhand gewinnen konnte. Er � der gedem�tigte Junge, der vor Jahrhunderten Carandamon verlassen hatte, weil es ihm nicht gelungen war, den Schutzzauber gegen die K�lte zu erlernen � war zur�ckgekehrt, und er w�rde dem F�rsten, seinem Vater, seinen Willen aufzwingen! �Der Platz der K�nigin ist nicht innerhalb der Mauern einer Festung, die bald von zwanzigtausend Trollen best�rmt werden wird. Sie wird versuchen, die V�lker Albenmarks im Kampf gegen die alten Feinde zu vereinen. �berall anders wird sie mehr bewirken als hier. An ihrer Stelle hat sie mich geschickt. Ihr Schwert! Ihren ersten Krieger. Im Namen Emerelles fordere ich hiermit das Kommando �ber Phylangan und alle Truppen, die bis zur Belagerung aus den Felsschl�ssern von Carandamon herangef�hrt werden k�nnen.�</p><p>Eine steile Falte erschien zwischen den Brauen des F�rsten. Einen Augenblick nur. Dann entspannten sich seine Z�ge, und er brach in herzhaftes Gel�chter aus.</p><p>�Du, der du nach den Gesetzen unseres Volkes noch ein Kind bist, forderst das Kommando. Das ist absurd! Meine Krieger w�rden dir nicht folgen, Junge. Und damit nicht genug! Du wagst es, dich das Schwert der K�nigin zu nennen? Ich wei�, dass du das Kommando �ber ihre Wachen gef�hrt hast, und ich habe es niemals begriffen. In meinen Augen verdient es kein Krieger in Albenmark weniger als du, diesen Titel zu f�hren. Ich war Zeuge, wie du die K�nigin verraten hast, als die Sch�rfe des Schwerts verlangt wurde!� Er deutete hinaus zu der Br�cke, die mitten �ber dem Abgrund endete. �Du wei�t, an welcher Stelle der Albenstern liegt? Dort, wo der K�nig und die F�rsten der Trolle in den Abgrund gesto�en wurden. Dort, wo der Ort deiner Schande ist! Der Platz, an dem du der K�nigin den Befehl verweigert hast. Erinnerst du dich an die Nacht, in der du dich gegen alle Elfenv�lker gestellt hast? Wer das Leben von Trollen verschont, der raubt unseren Frieden!�</p><p>�F�r mich ist dies der Platz meiner Ehre, Landoran. Ich konnte das Unrecht nicht verhindern. Doch zumindest hatte ich keinen Anteil daran!�</p><p>�Was f�r ein Unrecht? Die Trolle hatten diesen Krieg begonnen. Hast du vergessen, wie sie dein Volk von der Hochebene von Carandamon vertrieben haben? Als es in ganz Albenmark keinen anderen Platz mehr f�r uns gab als die stickigen, von Fiebern verseuchten Mangroven am Waldmeer? F�r mich war die Nacht an der Shalyn Falah nach Jahrhunderten der Triumph der Gerechtigkeit.�</p><p>�Du bist verblendet, Landoran. Unser Volk konnte zur�ck nach Carandamon, dies war Recht. Aber diese Felsenburg hier hat uns niemals geh�rt. Ebenso wenig wie die Snaiwamark, die den Trollen von den Alben geschenkt wurde. Wir haben dieses Land gestohlen, als wir die Macht dazu hatten. Wir haben seine F�rsten ermordet. In der Nacht auf der Shalyn Falah haben wir Wind ges�t, Landoran. Und nun ist die Stunde gekommen, in der wir Sturm ernten werden.�</p><p>Der Elfenf�rst hatte seine Fassung wieder gefunden. Je mehr Ollowain sich in Rage redete, desto gelassener wirkte Landoran. Er ging wieder hin�ber zur Obstplatte und rupfte mit aufreizender Ruhe einige Trauben ab. Dann deutete er hinaus zur Himmelshalle.</p><p>�Wei�t du, was das hier war, als wir ankamen, Ollowain? Ein Dreckloch. Hier gab es nur ein paar H�hlen, kaum besser als Tierbauten. Es stank nach F�kalien und r�udigem Fell. Nirgends gab es sauberes Wasser. Und nun sieh dir an, was wir daraus gemacht haben! Ja, es gab hier einmal ein paar H�hlen, in denen Trolle gehaust haben. Aber Phylangan, so wie du es nun siehst, der Felsgarten, ist eine Bl�te, die dein Volk hat wachsen lassen, Ollowain.�</p><p>�Was ich sehe, wenn ich dort hinausblicke, ist der Sieg der �sthetik �ber die Ethik. Ich sehe einen Hinrichtungsplatz, der zum landschaftsgestaltenden Mittel wurde. Ich sehe eine Br�cke, die ins Leere f�hrt. Damit hast du wahrlich ein Sinnbild f�r den Weg erschaffen, auf den du unser Volk gef�hrt hast, Landoran!�</p><p>Der F�rst l�chelte sp�ttisch. �Sch�n formuliert f�r einen Mann des Schwertes, Ollowain. Man merkt dir doch immer noch an, welchem Volk du entwachsen bist. Freilich haftet deiner Argumentation der Makel kindlicher Entr�stung an. Doch was will man von einem Jungen, der nie zum Manne geworden ist, auch anderes erwarten? Alles, was du �ber die Br�cke sagst, zeigt, wie sehr Zorn und Scham dich verblendet haben. Sie ist kein Weg ins Leere. An ihrem Ende liegt ein Albenstern. Der Kundige kann von dort ins Netz der Albenpfade gelangen. So f�hrt dieser Weg also �berallhin, wenn man den Mut hat, ihn zu beschreiten.�</p><p>�Und er ist ein weit ge�ffnetes Tor f�r die Trolle�, mischte sich Lyndwyn pl�tzlich in das Gespr�ch ein. �Ich sehe hier keine Verteidigungsanlagen. Was wird geschehen, wenn die Trolle einen Angriff durch den Albenstern wagen?�</p><p>�Das ist undenkbar!�, entgegnete Landoran unwirsch.</p><p>�Undenkbar? Was glaubst du, wie sie nach Albenmark zur�ckkehren konnten? Es gibt nur einen Weg, der von der Welt der Menschen hierher f�hrt. Den Weg �ber die Albenpfade. Sie haben es also schon einmal getan. Warum sollten sie wochenlang die Verteidigungsanlagen von Phylangan best�rmen, wenn es so leicht ist, den steinernen Garten zu erobern?�</p><p>�So denken Trolle nicht!�, beharrte der F�rst.</p><p>�Du bist ein Sch�ngeist. Ein Mann, der die v�llige Freiheit der Kunst und der Selbstinszenierung �ber alle Fesseln der Moral und des Geistes verk�rpert. Du bist der Sch�pfer der Wunder von Vahan Calyd und der Himmelshalle. Glaubst du wirklich, du w�sstest, wie Trolle denken?�, hielt Lyndwyn dagegen.</p><p>Der F�rst senkte wie geistesabwesend das Haupt. Die Einw�nde der Magierin schienen ihn zutiefst ber�hrt zu haben.</p><p>Lyndwyn nutzte den Augenblick der Schw�che. �Ich kann verstehen, dass du dich so sehr an die Gesetze deines Volkes gebunden f�hlst, dass du dich dem Befehl der K�nigin widersetzt und Ollowain nicht das Kommando �berlassen kannst. Deshalb schlage ich einen Kompromiss vor. �bertrage mir das Kommando. Nach den Gesetzen der Normirga gelte ich als erwachsen, denn ich kann mich mit Leichtigkeit mit meiner Magie gegen die K�lte sch�tzen. Doch was noch schwerer wiegt, Emerelle hat mir den gr��ten Schatz des Elfenvolkes anvertraut.�</p><p>Sie zog unter ihrem zerschlissenen Gewand einen rauen Stein hervor, durchzogen von f�nf tiefen Furchen. Er wirkte unscheinbar. Wie ein St�ck Bruchstein. Und doch erhoben die f�nf Furchen ihn zu einem Schmuckst�ck, ja zu einem Meisterwerk schlichter Harmonie. Er war auf seine Art vollkommen.</p><p>�Glaubst du, du kannst mir das Schicksal von Phylangan anvertrauen, wenn Emerelle mich f�r w�rdig befand, mich zur H�terin des Albensteins zu berufen?�</p><p>Ollowain verschlug diese Dreistigkeit die Sprache. Kannte diese Diebin und Verr�terin denn keine Scham? Er musste sie aufhalten!</p><p>Lyndwyn blickte ihn an. �In allen milit�rischen Belangen werde ich mich dem Rat des Schwertmeisters anvertrauen. Emerelle wollte, dass er die Verteidigung dieser Festung leitet. Ich werde nur die Stimme sein, die seine Befehle tr�gt. So muss sich keiner deiner M�nner dem Wort eines Kriegers unterwerfen, der in den Augen deines Volkes niemals die Mannbarkeit erlangt hat. Auf diese Weise achten wir die Gesetze der Normirga, und zugleich geschieht Emerelles Wille. Wir ...�</p><p>Mit ohrenbet�ubendem Fauchen schoss eine Font�ne von Wasserdampf aus einem der Quellpfeiler, der sich in der N�he des Pavillons erhob. Eine dichte wei�e Wolke strebte dem falschen Himmel �ber ihnen entgegen.</p><p>Der F�rst war an eine der S�ulen des Pavillons getreten. Er wirkte besorgt. Ja, fast schien es, als besch�ftige ihn der Dampfausbruch mehr als ihr Streit.</p><p>�Dein Vorschlag zeugt von gro�er Weisheit, Lyndwyn. Ich lege Phylangan in deine H�nde, Magierin.� Ollowain konnte nicht fassen, was geschehen war. Diese Intrigantin hatte es binnen weniger Augenblicke geschafft, mit ihren dreisten L�gen das Kommando �ber eine riesige Festungsstadt an sich zu rei�en. Und er konnte nicht gegen sie einschreiten!</p><p>Wenn er verriet, dass Lyndwyn den Albenstein gestohlen hatte, w�rde Landoran ihn ihr vermutlich einfach abnehmen und erkl�ren, es sei zum h�heren Wohle aller, wenn sich das m�chtige Artefakt in seiner Obhut befinde.</p><p>Ohnm�chtig vor Wut blickte der Schwertmeister zu der Dampfwolke, die sich immer weiter ausdehnte. Phylangan hatte die wei�e Fahne gehisst, und das Schicksal der Stadt lag nun in den H�nden jener Elfe, die auch schon den Untergang von Vahan Calyd herbeigef�hrt hatte. Und er? Er war genauso hilflos wie damals, als sie den Vogel in den Nachthimmel geschickt und das Signal zur Beschie�ung des Hafens gegeben hatte. Nein, nicht ganz. Diesmal wusste er, wo der gef�hrlichste Feind seines Volkes stand!</p><subtitle>Von der Trolle Not</subtitle><cite><p>Manche M�ren m�hen der Worte wunders viel, Von k�hner Krieger K�mpfen, mit List im Blick das Ziel, Von fr�hlich frechen Festen, von kummervollen Klagen, Da h�ret nun den Zeugen, nicht den S�nger sagen.</p><p>An karger Klippenk�ste der Elfen Stadt erstrahlte, Wo sengend Sonne stach, wo Reichtum leuchtend prahlte, Wo wilde Wellen wogten, da lag der Stolzen Stadt, Die einst man mit Bedacht Reilimee gehei�en hat. Tapfer trugen Trolle den Krieg vor ihre Mauern. Wo Kriegerkeulen klangen, da gab es kein Bedauern.</p><p>Wo Schiffe schwammen, der Schnitter schwang sein Blatt, Da vor der starken Stadt, die man Reilimee gehei�en hat. Tausend Tote t�rmten sich unter stolzen Zinnen, Wo M�hen nicht noch Mut halfen zu entrinnen. Wo K�nigsklage klang, der Listenreiche tat den ersten Schritt zur Mauer, die Reilimee umg�rtet hat.</p><text-author>Aus dem �Nachtzinnencodex�,</text-author><text-author>�bersetzt von Bruder Gundaher,</text-author><text-author>Band VI der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s.139</text-author></cite></section><section><title><p>Reissz�hne und Rammb�cke</p></title><p>�Steuerbordruder einholen!�, rief Orgrim aus Leibeskr�ften, um den L�rm des Gefechtes zu �bert�nen.</p><p>�Steuerbordruder einholen!�, hallte es wie ein Echo aus dem Rumpf der <emphasis>Geisterwind</emphasis>. Skanga hatte ihm, dem Schiffeversenker, ihre Galeasse �berlassen. Sie war zwar nicht an Bord, was man als Ausdruck eines gewissen Misstrauens verstehen mochte, aber sie hielt ihn f�r f�hig, diesen tollk�hnen Angriff durchzuf�hren, und hatte auch alle Umbauten am Schiff gestattet.</p><p>Der schwere Rumpf der <emphasis>Geisterwind</emphasis> schwang herum, als nur noch die Backbordruder das Wasser aufw�hlten. Auf der Steuerbordseite wurde ein Netz herabgelassen, in das dicke Lumpenb�ndel geflochten waren. Sie w�rden den Aufprall gegen die befestigten Hafenmauern abfedern.</p><p>Wie Hagelschlag gingen die Pfeile der Verteidiger auf die <emphasis>Geisterwind</emphasis> nieder. Die Elfen hatten erkannt, dass die gro�e Galeasse das gef�hrlichste Schiff in der Angriffsformation war.</p><p>Schildtr�ger schirmten Orgrim gegen den Beschuss ab. Der Rudelf�hrer blickte die lange Hafenmauer entlang. Wie zwei ausgebreitete Arme erstreckte sie sich in die t�rkisfarbene Bucht. Sie sch�tzte den Hafen und seine Schiffe vor schwerer See. Und nun zerschellten an ihr auch die Angriffswellen der Trolle. Dreimal schon waren sie gegen die Stadt angest�rmt, und dreimal waren sie zur�ckgeschlagen worden. Niemand hatte gewusst, wie schwer Reilimee befestigt war, als Branbart den Angriff auf die Elfenstadt beschlossen hatte.</p><p>An Land war Reilimee durch einen doppelten Mauerg�rtel gesch�tzt. Und zur See gab es diese verfluchte Hafenmauer. Fast zehn Schritt erhob sie sich �ber das Wasser, und alle zwei Schiffsl�ngen gab es Wacht�rme, die noch ein gutes St�ck h�her als die Mauer waren. Die Einfahrt in den Hafen wurde durch zwei kleine Festungen gesichert. Zwischen ihnen spannte sich eine Kette mit armdicken Eisengliedern. Keine der Galeassen hatte diese m�chtige Barriere zu zerbrechen vermocht.</p><p>Krachend zerbarst ein Schild neben Orgrim. Holz- und Knochensplitter, Blut und Hirn spritzten dem Rudelf�hrer �ber Brust und Gesicht. Einem seiner Schildtr�ger hatte es den Kopf weggerissen. Der zwei Zoll starke Eichenschild des Kriegers wies ein gro�es, ausgefranstes Loch auf.</p><p>�Du solltest jetzt das Achterdeck verlassen�, riet Boltan und zog sich einen fingerlangen Holzsplitter aus dem Brustmuskel.</p><p>�Durch die Schildtr�ger werden sie auf dich aufmerksam!� Der Gesch�tzmeister deutete zum n�chstgelegenen Turm der Hafenmauer. Hinter den Zinnen sah Orgrim Elfenhelme in der Sonne funkeln.</p><p>�Ich bin gespannt, wie diese verdammten Elfenkatapulte aussehen�, brummte Boltan. �Wir haben Vahan Calyd zu schnell erobert. Dort gab es sicher auch schon welche von diesen verfluchten Dingern. Eine Schande, dass wir da alles kurz und klein geschlagen haben.�</p><p>�Wir werden die Ersten auf der Mauer sein, und ich verspreche dir, dass du ein paar der Katapulte als Kriegsbeute bekommst. Sie sind ...�</p><p>Seine Stimme ging in einem gewaltigen Krachen unter. Holzsplitter jagten �ber das Achterdeck, Trolle schrien auf.</p><p>Einige Krieger w�lzten sich in Blutlachen auf dem Deck. Ein weiterer Gesch�tztreffer hatte ein gro�es Loch in das Schanzkleid gerissen. Die verdammten Katapulte der Elfen vermochten Steine in waagerechter Schussbahn abzufeuern. Sie waren um ein Vielfaches treffsicherer als die Katapulte, die Orgrim bisher kannte. Die Steinschleudern der Trolle schossen dem Feind Felsbrocken in steilem Bogen entgegen, und selbst so erfahrene Gesch�tzmeister wie Boltan konnten nur grob sch�tzen, wo die Geschosse einschlagen w�rden und welchen Schaden sie anrichteten.</p><p>Faustgro�e Steine prasselten gegen die Hafenmauer. Mit Genugtuung h�rte Orgrim die Schreie verwundeter Elfen. K�nig Branbart hatte befohlen, die Verteidiger auf den Mauern mit Steinen zu bewerfen. Kein einziges der Trollschiffe feuerte mehr Brandgeschosse ab.</p><p>�Hievt die Rei�z�hne!�, befahl Orgrim. Die <emphasis>Geisterwind</emphasis> war kaum mehr als f�nf Schritt von der Hafenmauer entfernt.</p><p>�Backbordruder einholen! Alle Mann an Deck.�</p><p>Der Rudelf�hrer verfolgte gespannt, wie die schweren Enterbr�cken mit Flaschenz�gen an den Masten hochgezogen wurden. Die Mastk�rbe �ber der ersten Rah waren verst�rkt worden. Man hatte Laschen aus dickem Bullenleder angebracht, in denen die Enterbr�cken eingehakt werden sollten. Das war jedoch erst m�glich, wenn die <emphasis>Geisterwind</emphasis> unmittelbar neben der Hafenmauer lag, denn die riesigen Gewichte, die man in die Takelage hievte, w�rden das Schiff sonst kentern lassen.</p><p>In den Wanten und auf den Rahen wimmelte es nur so von Trollen, die unber�hrt vom Beschuss der Elfen die Vielzahl verschiedener Man�ver ausf�hrten, welche den Angriff begleiteten. Jetzt zahlte es sich aus, dass Skanga nur die Besten der Besten an Bord genommen hatte. Mit keiner anderen Schiffsbesatzung h�tte Orgrim diesen Angriff durchf�hren k�nnen, ohne ihn vorher wochenlang zu proben.</p><p>Brandpfeile gingen auf die <emphasis>Geisterwind</emphasis> nieder. Orgrim hatte schon in der vergangenen Nacht die Segel abnehmen lassen, um sein Schiff weniger anf�llig gegen diese heimt�ckischen Geschosse zu machen. Nur von Rudern angetrieben, war die gro�e Galeasse zwar erb�rmlich langsam, doch wog die verminderte Brandgefahr diesen Nachteil reichlich auf. �berall auf den Decks standen mit Wasser gef�llte Eimer. Orgrim hatte eigene L�schgruppen aufgestellt, die keine andere Aufgabe in diesem Gefecht hatten, als Br�nde zu ersticken. Ein dumpfer Schlag ersch�tterte die <emphasis>Geisterwind</emphasis>. Die Galeasse war l�ngsseits der Hafenmauer gegangen. Von den oberen Mastk�rben versuchten Steinwerfer, die Bogensch�tzen auf der Mauer auszuschalten.</p><p>Immer mehr Geschosse prasselten auf die <emphasis>Geisterwind</emphasis> ein. Alle Bogensch�tzen und alle verf�gbaren Katapulte in Reichweite schienen nun allein dieses Schiff zum Ziel auserkoren zu haben.</p><p>Zufrieden sah Orgrim, dass alle drei Rei�z�hne einsatzbereit waren. Wie Raubtierz�hne sahen die langen Dornen an der Unterseite der Enterbr�cken aus. H�lzerne Kiefer, bereit, in die Hafenmauer zu bei�en. �Hisst die Lederw�nde!�, rief Orgrim. Dann nahm er seinen Schild und stieg vom Achterkastell. Er w�rde den Angriff �ber den Hauptmast anf�hren. Orgrim war fest entschlossen, der erste Troll zu sein, der seinen Fu� auf die Mauern Reilimees setzte.</p><p>Torgro�e Rahmen wurden an den Rahen hochgezogen. Sie waren mit nassen Lederh�uten bespannt. So w�rden sie einen Teil der Brandpfeile abfangen, vor allem aber den Beschuss der Entermannschaften erschweren, die in die Masten stiegen.</p><p>Der Rudelf�hrer schlang sich den Schild �ber den R�cken und pr�fte, ob sein Kriegshammer sicher im G�rtel sa�. �Rauf auf die Mauer! Schlagt diesen j�mmerlichen Wichtlein die Sch�del ein!� Orgrim enterte die Wanten, dutzende Krieger folgten ihm. Die Decks und Masten hallten wider vom Kriegsgeschrei. Zufrieden sah der Rudelf�hrer, wie etliche Pfeile in die Schutzw�nde schlugen. Sein Plan ging auf! Am Ende der Wanten zog er sich in den Mastkorb. Kr�ftige H�nde halfen ihm hinauf. Fast gleichzeitig hatte Gran den Mastkorb am Vormast erreicht. Dieser Bastard glaubte doch nicht etwa, dass er als Erster auf der Festungsmauer stehen w�rde?</p><p>�Die Rei�z�hne nieder!�, rief Orgrim.</p><p>Krachend schlugen die schweren Enterbr�cken der <emphasis>Geisterwind</emphasis> auf die Zinnen der Hafenmauer. Der Rudelf�hrer schob den Arm durch die Lederschlaufen seines schweren Schildes. Sch�tzend hob er die dicken Eichenbretter vor seine Brust, sodass er gerade noch �ber den Rand blicken konnte. Er sp�rte die Unruhe der Krieger hinter sich. Eine Steinkugel aus den merkw�rdigen Elfenkatapulten strich dicht �ber seinen Kopf hinweg und riss Splitter aus dem Hauptmast.</p><p>Orgrim zog den Kriegshammer aus seinem G�rtel. Er war entschlossen, den Mauerabschnitt, der vor ihm lag, einzunehmen. Er w�rde sich seinen Herzogstitel schon verdienen. Und sei es, dass er Herzog so einer verfluchten Elfenstadt wie Reilimee wurde!</p><p>Die Enterbr�cke vibrierte unter seinen F��en. Nur wenige Schritte, und er war bei der Mauer. Speere reckten sich ihm entgegen. Er schob sie so m�helos zur Seite, als seien es Schilfrohre. Mit einem Satz war er auf dem Wehrgang. Die Verteidiger standen zu dicht. Sie konnten seinen Hieben nicht ausweichen. Br�llend schwang er den Kriegshammer �ber seinem Kopf.</p><p>Ein Rudelf�hrer der Elfen schrie seinen M�nnern zu, sich zur�ckzuziehen. Pfeile schlugen in Orgrims Schild.</p><p>Die Verteidiger hier auf der Mauer waren viel weniger geschickt als die Elfenkrieger, die auf dem Schiff der falschen K�nigin gek�mpft hatten. Sie waren nicht minder tapfer, aber sie konnten ihn nicht aufhalten. Sein schwerer Kriegshammer zerschmetterte Schilde, Helme, Sch�del, alles, was ihm in den Weg kam. Mit Schildst��en lie� er Krieger von der Mauer purzeln. Seine Krieger fluchten w�tend hinter Orgrim. Sie kamen nicht an ihm vorbei. Der Gang auf der Mauer war so eng, dass gerade einmal zwei Trolle nebeneinander k�mpfen konnten, ohne sich gegenseitig zu sehr zu behindern.</p><p>Immer schneller ging es voran. Manche Elfen sprangen lieber �ber die Brustwehr, als unter seinen Streithammer zu geraten. Die hellen Bodenplatten auf der Mauer waren glitschig vom vielen Blut. M�wen kreisten �ber dem Turm vor ihm. Sie kreischten, als wollten sie die K�mpfenden anspornen.</p><p>Orgrim sah, wie sich die T�r des Turms schloss. Die Elfen, die es nicht mehr in Sicherheit geschafft hatten, schrien in Panik. Einige von ihnen warfen ihre Waffen weg und knieten nieder. Elende Feiglinge! Orgrim packte sie und stie� sie zur Seite. Und dann war er bei dem Tor. Breite schwarze Eisenb�nder liefen �ber das graue Holz. Rostspuren zeichneten die T�ren wie Streifen aus geronnenem Blut. Es stank nach F�kalien und Erbrochenem. Der Geruch von Schlachtfeldern.</p><p>Orgrim schlug mit aller Kraft auf das Tor ein. Das graue Holz erzitterte. Jeder Treffer hinterlie� tiefe Kerben, doch die T�r widerstand.</p><p>�Vorsicht, Rudelf�hrer!�</p><p>Orgrim riss im Reflex seinen Schild hoch. Etwas wie Wasser troff vom Himmel. Ein ganzer Schwall traf den Schild. Einzelne Tropfen spritzten in sein Gesicht oder fanden ihren Weg durch feine Risse in den Eichenbrettern. Sie brannten auf seiner Haut. Ein schwerer, �liger Geruch und der Gestank von gesottenem Fleisch hingen in der Luft.</p><p>Der Krieger unmittelbar hinter ihm hatte weniger Gl�ck gehabt. Er lag auf dem R�cken, seine Arme zuckten hilflos. Sein Gesicht war aufgequollen, graurot und voller Blasen. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Sie strahlten wei� wie gekochte Eier aus dem verbr�hten Fleisch.</p><p>�Schafft Rammb�cke her!�, befahl Orgrim. �Die Tore sind zu stark, um sie mit unseren Waffen einzuschlagen.� Eine Fackel fiel vor die F��e des Rudelf�hrers. Er b�ckte sich hastig. Schon fra�en sich Flammen in gierigen Schlieren �ber das �l. W�tend warf Orgrim die Fackel ins Meer. Er lie� den Schild vom Arm gleiten und erstickte damit die Flammen.</p><p>�Steinwerfer! Heizt den Wichtlein auf den T�rmen ein.� Er w�nschte, auch seine Trolle h�tten diese starken, waagerecht schie�enden Katapulte. Dann k�nnte man Festungst�rme mit solchem Beschuss belegen, dass niemand es mehr wagte, seine Nase zwischen die Zinnen zu stecken.</p><p>�Los, wo bleibt der Rammbock! Wollt ihr vielleicht hier auf den Mauern gesotten werden?� Gellende Schreie lie�en den Rudelf�hrer aufblicken. Am anderen Ende des Mauerabschnitts, dort, wo sich der n�chste Wachturm erhob, stand der Wehrgang in hellen Flammen. Krieger, die zu lebenden Fackeln geworden waren, taumelten ihren Kameraden entgegen. Hilflos mit den Armen rudernd, umklammerten sie jeden, den sie zu greifen bekamen, und trugen den Tod so weiter in die Reihen jener, die dem kochenden �l und den Flammen entgangen waren.</p><p>Jetzt waren es seine Krieger, die voller Entsetzen von den Mauern sprangen. Ein Flammenmann st�rzte auf das Hauptdeck der <emphasis>Geisterwind</emphasis>.</p><p>Boltan rammte ihm eine Harpune ins Genick, bevor er wieder auf die Beine kommen konnte. Dann erstickten andere das Feuer mit Sand.</p><p>�Den Rammbock!�, rief Orgrim w�tend. Sie waren dem Sieg so nahe gewesen.</p><p>Endlich kam Bewegung in die M�nner. Ein dicker Holzstamm wurde auf die Mauer gehievt. Man hatte ihn nicht von �sten ges�ubert, sodass es gen�gend Griffe gab. Das vordere Ende des Stammes war zugespitzt. Orgrim verlie� die Deckung unter dem T�rsturz. Er schob den Kriegshammer in den G�rtel zur�ck und hob den Schild sch�tzend �ber den Kopf. �Los, nehmen wir Rache f�r unsere toten Kameraden!�</p><p>Er sah die Mordlust in den Augen seiner Krieger. Viele waren von Brandwunden gezeichnet. Einem Glatzkopf steckten zwei abgebrochene Pfeile in der linken Schulter. Dennoch griff er nach einem Aststrunk und rief: �Rache!�</p><p>Auch Brud, Skangas Kundschafter, war unter den M�nnern, die sich zum neuen Angriff formierten. Schreiend st�rmten sie dem Tor entgegen. Wie Donnergrollen rollte das Krachen des Rammbocks �ber die Mauern. Orgrim hatte das Gef�hl, dass ihm alle Armsehnen rei�en m�ssten, als der schwere Holzstamm vom Tor abprallte. �Los, noch einmal!� Der Baumstamm schnellte vor. Jetzt wurden sie mit einem splitternden Ger�usch belohnt. Eine der Planken der T�r war geborsten.</p><p>Pfeile fuhren zwischen sie herab. Oben vom Turm unternahmen die Verteidiger einen letzten, verzweifelten Versuch, sie von der T�r zu vertreiben.</p><p>�Rache!�, schrien die Trollkrieger. �Rache!� Im Takt zu ihren w�tenden Rufen h�mmerte der Rammbock vor das Tor. Ging einer der M�nner zu Boden, nahm sofort ein neuer seinen Platz ein.</p><p>Eine weitere Planke splitterte. Und dann gab eine der Angeln nach. Das Tor kippte halb nach innen. Orgrim lie� den Rammbock fahren. Er dr�ngte in den Turm. Eine Schwertklinge schnellte ihm entgegen. Er lie� sich fallen. Holzsplitter zerschrammten seine Brust. Unter seinem Gewicht riss auch die zweite Angel aus der Verankerung in der Mauer. Das Tor st�rzte in den Turm. Der Rudelf�hrer rollte zur Seite, um einem Speersto� auszuweichen. Die enge Turmkammer war erf�llt von Leibern. Schwere F��e trampelten �ber ihn hinweg. �Rache!�, hallte ihr Schlachtruf von den W�nden.</p><p>Irgendwie schaffte es Orgrim, auf die Beine zu kommen. In dem Gedr�nge war es unm�glich, seinen Kriegshammer zu schwingen. Neben ihm sank der glatzk�pfige Krieger in die Knie. Sein Bauch war der L�nge nach aufgeschnitten. Mit beiden H�nden versuchte der Sterbende, die vorquellenden Ged�rme festzuhalten. Der Rudelf�hrer sah die blutige Elfenklinge zu einem neuen Sto� vorschnellen. Diesmal zielte sie auf seinen Bauch. Orgrim drehte sich zur Seite, doch diesmal war er zu langsam. Ein langer, flacher Schnitt zog sich �ber seinen Bauch.</p><p>W�tend griff er nach dem Kopf des Schwertk�mpfers und schlug ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Immer und immer wieder.</p><p>Der Kampf ringsherum verebbte. Jemand riss das Tor auf, das auf den n�chsten Mauerabschnitt f�hrte, und wurde noch im selben Augenblick zur�ck in die Turmkammer geschleudert. Wie eine Kinderfaust, die in ein M�usenest schmettert, zerriss eine unsichtbare Kraft Schilde und Leiber. Triumphierende Sieger wurden binnen eines Augenblicks zu zerschundenen Kadavern.</p><p>Vorsichtig blickte Orgrim durch das Tor. Die Elfen hatten eines ihrer geheimnisvollen Gesch�tze auf der Mauer in Stellung gebracht. In fliegender Hast versuchte die Besatzung, das Katapult nachzuladen. Zwei Krieger wuchteten einen kopfgro�en Stein auf die F�hrungsschiene. Zwei weitere drehten an den Speichen einer Doppelwinde. Das Gesch�tz war weniger als f�nfzig Schritt entfernt. Der Rudelf�hrer begann zu laufen. �Rache!�, schrie er seine Angst und seine Wut hinaus. Hinter sich h�rte er Schritte. Der Schlachtruf wurde erneut von anderen Kriegern aufgenommen.</p><p>Die Anne des Katapults ruckten noch ein letztes St�ck nach hinten, dann verharrten sie in t�dlicher Spannung. Ein scharfes Klacken erklang. Orgrim warf sich nach vorn. Er sp�rte den Zugwind, als die Steinkugel nur wenige Zoll �ber seinem R�cken dahinschoss. Er h�rte rei�endes Fleisch. Vielstimmiges Geschrei. Sofort stemmte sich der Rudelf�hrer wieder hoch.</p><p>Verfluchte Elfen! Sie luden schon wieder nach. Ein neuer Stein wurde auf die F�hrungsschiene gehoben. Orgrim rannte so schnell ihn seine Beine trugen. Dicht neben ihm war Brud, der Kundschafter. Der Rudelf�hrer zog seinen Kriegshammer aus dem G�rtel.</p><p>Ruckend bewegten sich die Anne des Katapults zur�ck. Nur noch zehn Schritt. Pfeile umschwirrten sie. Ein Schlag traf Orgrim in den Oberschenkel. Doch er rannte weiter. Bei�ender Schmerz brannte in seiner Brust. Die Katapultarme nickten noch ein letztes Mal, dann verharrten sie. Noch f�nf Schritte.</p><p>Die Kriegsmaschine lauerte wie eine zum Zusto�en bereite Viper. Ein Elf mit federgeschm�cktem Helm beugte sich vor. Orgrim schleuderte seinen Kriegshammer. Der Helm verwandelte sich in blutiges Blech. Noch zwei Schritte. Die Gesch�tzbedienung sprang zur�ck. Die Elfen versuchten, durch das offene Tor in den n�chsten Turm zu entkommen.</p><p>�Pack das Mistding! Wir verkeilen damit das Tor!�, schrie er dem Kundschafter zu. Im Schwung ihres Ansturms rissen sie das Katapult mit sich.</p><p>Das Tor des Turms schloss sich. Krachend fuhr die Belagerungsmaschine gegen das Holz. Die lange F�hrungsschiene schob sich zwischen Tor und Mauerfassung. Etwas klackte. Die Katapultarme schnellten vor. Der schwere Stein wurde nach vorn gerissen und zog eine blutige Schneise in die Krieger, die ihnen folgten. �Nein!�</p><p>In blinder Wut trat Orgrim die T�r auf und warf sich auf die Elfen. Wie im Rausch trat und schlug er um sich. Etwas schlitzte seine Wange auf. Ein schwerer Hieb traf sein Knie. Die Kammer f�llte sich mit Leibern und der feuchten Hitze frisch vergossenen Blutes. Und dann pl�tzlich war es vorbei. Nur das leise St�hnen der Verwundeten und Sterbenden st�rte die Stille.</p><p>Orgrim wankte eine enge Stiege hinauf. Der zweite Turm war genommen! Sie hatten einen ganzen Abschnitt der Mauer erobert. Von der Turmkrone herab sah er, wie die Krieger anderer Schiffe �ber die Enterbr�cken der <emphasis>Geisterwind</emphasis> st�rmten.</p><p>Der Rudelf�hrer st�tzte sich schwer auf eine Zinne. Die Hafenstadt war riesig. Auch zur See hin sch�tzte sie sich mit einem doppelten Wall. Die Elfen waren noch lange nicht geschlagen. Aber sie hatten ihre erste Niederlage erlitten. �Nie wieder werdet ihr uns von diesem Wall vertreiben�, schwor der Rudelf�hrer ersch�pft. �Und nie wieder werden wir Albenmark verlassen.�</p></section><section><title><p>Die falsche Schlacht</p></title><p>Der Rudelf�hrer beendete seinen Bericht. Orgrim st�tzte sich schwer auf den Stumpf einer zerborstenen S�ule. Er f�hlte sich schwach wie ein Neugeborenes; er hatte w�hrend der K�mpfe viel Blut verloren.</p><p>Die Herz�ge, die Branbart in den Ruinen eines Elfenpalastes um sich versammelt hatte, sahen Orgrim ernst an. Dumgar vom Mordstein nickte anerkennend. Der grauhaarige Mandrag kaute tief in Gedanken an seiner Unterlippe.</p><p>Branbart zog die Nase hoch und spuckte in eine Pf�tze mit schleimigem Auswurf vor seinen F��en. �Du hast wieder einmal leichtfertig ein Schiff eingesetzt�, sagte der K�nig d�ster.</p><p>�Masten und Aufbauten der <emphasis>Geisterwind</emphasis> sind nur noch Tr�mmer.�</p><p>Orgrim konnte es nicht fassen! Was hatte er dem K�nig getan?</p><p>�Die <emphasis>Geisterwind</emphasis> hat das Katapultfeuer eines ganzen Mauerabschnitts auf sich gezogen. Als die Elfen erkannten, dass wir die gr��te Gefahr sind, haben sie auf die anderen Schiffe nicht mehr geschossen. Willst du mir vorwerfen, dass mir gl�ckte, was anderen Rudelf�hrern misslungen ist? W�re es dir lieber, wenn wir noch ein weiteres Mal mit unserem Angriff gescheitert w�ren?�</p><p>�Nimm den Mund nicht zu voll, Welpe!� Branbart war aufgesprungen und deutete drohend mit dem Oberschenkelknochen, den er abgenagt hatte, auf Orgrim. �Du �bersch�tzt dich. Andere Rudelf�hrer haben sich schon �ber dich beschwert, weil du ihnen ihre besten Seem�nner und Krieger weggenommen hast. Du hast gesiegt, weil du das beste aller Rudel befehligst. Und nicht, weil du der Held bist, f�r den du dich offensichtlich h�ltst.�</p><p>�Sei nicht ungerecht, Branbart�, mischte sich der alte Mandrag ein. �Wir alle wissen, dass es nicht Orgrim ist, der den Rudelf�hrern ihre besten M�nner stiehlt. Und er ist ein tapferer Krieger. Er und der H�ne Gran waren als Erste auf der Mauer. Du solltest ihn nicht tadeln, sondern ihm den Ehrenplatz an deiner Tafel anbieten, wie es die K�nige unseres Volkes schon seit Anbeginn aller Zeiten mit mutigen Rudelf�hrern getan haben.�</p><p>�Willst du mir etwa erkl�ren, was ein K�nig zu tun hat? Glaubst du, weil du eine Zeit lang unser Volk gef�hrt hast, w�sstest du, was es ausmacht, ein K�nig zu sein?�, fragte Branbart lauernd.</p><p>�Genug davon!�, rief Skanga entschieden. �Du bist der K�nig, keiner zweifelt daran.� Die Schamanin richtete sich auf und trat zwischen die Herz�ge. �Es war ein Fehler, Reilimee anzugreifen, Branbart. Sie waren gewarnt. Es war vorherzusehen, dass wir Reilimee nicht so einfach �berrennen k�nnen wie Vahan Calyd.�</p><p>�Misch dich nicht in das Gesch�ft der Krieger ein!� Branbart schleuderte w�tend den Knochen zur Seite. �Vielleicht war es leichtfertig, diesen Kampf zu wagen, aber wir k�nnen ihn jetzt nicht mehr abbrechen. Wenn wir hier sieglos abziehen, dann wird das ein Zeichen f�r alle V�lker Albenmarks sein. Sie werden sich ermutigt f�hlen, sich uns zu widersetzen. Reilimee muss fallen. Und diesmal werden wir niemanden ziehen lassen! Wenn wir weitersegeln, dann wird die Stadt ein Leichenfeld sein!�</p><p>So sehr Orgrim seinen K�nig auch verachtete, musste er dem zustimmen, was Branbart sagte. Sie durften diesen Kampf nicht verlieren.</p><p>�Im �brigen brauchen wir die Vorr�te, die uns die Stadt zu bieten hat. All das Fleisch, die gut gef�llten Lagerh�user ... Die Snaiwamark ist ein karges Land. Ein Heer, so gro� wie unseres, kann dort im Winter nicht versorgt werden.� Branbart l�chelte Skanga herablassend an. �Erz�hl mir nicht, wie man einen Krieg f�hrt, Weib. Du wei�t doch, meine Seele ist reich durch die Weisheit vieler K�nige.�</p><p>�Ja, und in ihr lebt auch die �berheblichkeit vieler K�nige weiter. Ich sehe durchaus, welchen Nutzen uns ein Sieg hier bringt. Aber denke an Phylangan. Landoran ist ein verschlagener Elf. Er wird wissen, dass wir kommen. Und mit jedem Tag, den wir hier verlieren, wird er st�rker, w�hrend unsere Krieger vor den Mauern Reilimees verbluten. Noch ist die Zufahrt in die Walbucht eisfrei, und wir k�nnen mit unseren Schiffen weit nach Westen gelangen. Mit jedem Tag, den wir verlieren, wandert die Eisgrenze weiter nach S�den. Wenn die Walbucht erst zugefroren ist, wird sich unser Anmarsch auf Phylangan um hunderte Meilen verl�ngern. Und jede Meile zehrt an den Kr�ften unserer M�nner, w�hrend Landoran st�rker und st�rker wird.�</p><p>Branbart lachte ihr ins Gesicht. �Das ist der Grund, warum Weiber keine Kriege f�hren. Sie malen sich alles in so d�steren Farben aus, dass sie schon geschlagen sind, bevor es zur ersten Schlacht kommt. Was ist der Sinn deiner M�keleien? Was willst du mir sagen?� Sein Blick blieb an Orgrim haften. �Du bist doch ein Held. Der findige Geist, der Br�cken in Masten baut, um Mauern zu erst�rmen. Was w�rdest du tun? Ich kenne den Ehrgeiz, der in dir brennt. Nun zeige einmal, dass du die Klugheit hast, die einen Herzog neben seinem Mut auszeichnen sollte.�</p><p>Orgrim versuchte sich die Karten der Nordlande in Erinnerung zu rufen, die er vor ihrem Aufbruch nach Albenmark studiert hatte. Phylangan lag am Ende eines langen, vereisten Passes. Von Osten f�hrte nur dieser eine Weg zum steinernen Garten.</p><p>�Nun, Welpe, hat es dir die Sprache verschlagen?�, spottete der K�nig. �Ist das alles, was in dir steckt? Schweigen?�</p><p>�Zwischen der Walbucht und dem Pass hinauf nach Phylangan liegt �des Land. Die Elfen glauben, dass wir hier gebunden sind. Wenn vier oder f�nf Schiffe die Flotte verlassen und nach Norden zur Walbucht segeln, wird es nicht auffallen. Ich glaube, wir werden sie �berraschen k�nnen. Mit tausend Kriegern kann ich den Nachschubweg nach Osten abschneiden, bis du mit dem Hauptheer kommst, Branbart.�</p><p>�Du willst also den Nachschub abschneiden. Und tausend Krieger w�rden dir gen�gen.� Der K�nig zog die Nase hoch und spuckte aus. �Eine solche Streitmacht m�sste von einem Herzog angef�hrt werden. Ist es das, woran du gedacht hast, du heimt�ckischer Hund?�</p><p>�Du hast mich gefragt, was ich tun w�rde ...�</p><p>�Schweig, Orgrim! Ich kenne dich! Du willst also fort von hier und deinen eigenen Krieg f�hren. Das kannst du haben! Ich gebe dir ein Schiff. Zweihundertf�nfzig K�mpfer!�</p><p>�Das sind zu wenige, mein K�nig!�, warf Mandrag ein.</p><p>�Wenn die Elfen entdecken, wie schwach seine Streitmacht ist, dann werden sie ihn aufreiben.�</p><p>�Noch ein ungefragter Rat, alter Mann.� Branbart fuhr zu dem Greis herum. �Du solltest den Welpen begleiten. Er scheint dir ja sehr am Herzen zu liegen.�</p><p>�Mir liegen all unsere M�nner am Herzen�, entgegnete Mandrag eisig. �Nur ein Tor verschwendet die Leben von Kriegern.�</p><p>�Na, dann steckt eure beiden Schlauk�pfe zusammen und seht zu, wie ihr eure Aufgabe erledigt. Br�cken an Masten zu nageln, wird diesmal nicht gen�gen, f�rchte ich.�</p><p>Orgrim war aufgew�hlt. Seine Gef�hle schwankten zwischen Zorn und Stolz. Der K�nig verlangte schier Unm�gliches. Aber hatte es vor ein paar Tagen nicht auch so ausgesehen, als sei es unm�glich, die Seemauer Reilimees von Schiffen aus zu erst�rmen? Jetzt hatte er ein eigenes Kommando weit ab vom Heer. Wenn er seine Aufgabe gut machte, dann w�rde ihm nicht einmal Branbart den Herzogstitel verwehren k�nnen.</p><p>�Er wird die <emphasis>Geisterwind</emphasis> nehmen�, entschied Skanga in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. �Und Birga soll ihn begleiten. Sie wird herausfinden, wie man sich in Phylangan auf die Schlacht vorbereitet.�</p><p>Birga galt als Ziehtochter Skangas, und ihr Ruf war fast so �bel wie der der Schamanin. Birga war so h�sslich, dass sie angeblich noch nie ein Mann ber�hrt hatte. Und das, obwohl manche Krieger sogar mit hohlen Baumst�mmen rammelten, um sich ihrer �bersch�ssigen S�fte zu entledigen.</p><p>Die Vorstellung, dass diese Vettel k�nftig immer in seiner N�he w�re, lie� Orgrim erschaudern.</p></section><section><title><p>Leidenschaft</p></title><p>Ollowain trat in blendendes Wei�. Sanft glitt die stoffbespannte T�r hinter ihm zu. Das Gemach, das man ihm in der Felsenburg zugewiesen hatte, verwirrte das Auge. Alles hier war wei�. Die W�nde, das gro�e Lager. Selbst die Bannsteine, die in den Fels eingelassen waren, spendeten wei�es Licht. Sie waren so geschickt angebracht, dass er keinen Schatten warf.</p><p>Im ganzen Raum gab es keine scharfen Kanten. Die W�nde gingen in sanftem Schwung in die Decken �ber. Das Bett war ein langes Oval. Selbst die T�r, durch die Ollowain eingetreten war, war rund. Das milchig wei�e Licht trug dazu bei, die Konturen zu verwischen.</p><p>Der Schwertmeister h�rte gleichm��ig Wasser pl�tschern. M�de sah er sich um. Sein Gemach war gro�, und es war offensichtlich ganz darauf angelegt, die Sinne zu verwirren. Er schnallte seinen Schwertgurt ab und legte ihn auf sein Lager. Dann sah er sich aufmerksam um. Es dauerte eine Weile, bis er einen wei�en Vorhang in einer Wandnische fand. Dahinter lag ein Bad. Auch dieser Raum war ganz in Wei� gehalten. Auf dem Wasser trieben Lotusbl�ten und Rosenbl�tter. Das Becken war in den Fels eingelassen und schien nicht sehr tief zu sein. Blasser Dampf stieg vom Wasser auf und strich Ollowain sanft �ber das Gesicht. Der Grund des Beckens war unregelm��ig gestaltet und forderte dazu auf, sich lang hinzustrecken. Neben dem Bassin stand ein niedriger, marmorner Massagetisch. Eine mit Leder gepolsterte ovale �ffnung lud dazu ein, den Kopf hineinzubetten. Die feuchtwarme Luft des Bades war vom Geruch exotischer Bl�ten geschw�ngert. Der Duft machte tr�ge und schl�frig.</p><p>Ollowain kehrte zu dem Lager zur�ck. Er streifte die grob gewobenen Kleider ab, die ihm Alfadas geschenkt hatte, und streckte sich auf der Decke aus Schneehasenfellen aus. Wunderbar zart streichelten die Pelze seine Haut.</p><p>Nach dem Treffen im Pavillon hatte Landoran darauf bestanden, sie vor den Rat der �ltesten zu f�hren. Auch diese hatten ohne Umschweife zugestimmt, als es darum ging, Lyndwyn die Befehlsgewalt �ber Phylangan zu �bertragen. Dieses �berma� an Vertrauen passte so gar nicht zu seinem Volk, dachte Ollowain. Nie zuvor hatten sie sich jemandem unterworfen. Sie lehnten es auch seit Jahrhunderten ab, zum Fest der Lichter zu kommen, um dort Emerelle als K�nigin zu huldigen. Und nun beugten sie sich dem vermeintlichen Befehl der Herrscherin. Etwas stimmte hier nicht!</p><p>Selbst dar�ber, ein kleines Heer aus der Welt der Menschen als Waffenbr�der im Kampf gegen die Trolle zu dulden, war nicht lange polemisiert worden. In der Debatte war es allein um Nebens�chlichkeiten gegangen wie etwa, was Menschen denn a�en oder wie man gen�gend Amulette aufbieten k�nnte, um sie vor der t�dlichen K�lte der Snaiwamark zu sch�tzen. Allerdings hatte Landoran es rundheraus abgelehnt, dass die Fjordl�nder Phylangan durch den Albenstern in der Himmelshalle betraten. Er wollte, dass sie ein Tor, etwa dreihundert Meilen entfernt, in den Ausl�ufern der Slanga-Berge nutzten. Ein kleiner Trupp Elfen sollte sie dort erwarten und hinauf auf die Eisebene f�hren, von wo aus sie nach Phylangan segeln w�rden. Landoran erl�uterte, es sei kl�ger, wenn die Menschen zun�chst nur wenige Elfen sahen, um sich an sie zu gew�hnen. Und sie sollten das Land kennen lernen, in dem sie Krieg f�hren w�rden. Auch wollte man versuchen, sich schon auf der Eisebene mit den Kentauren zu vereinen. All dies klang sinnvoll, und doch hatte Ollowain das Gef�hl, dass der F�rst nur Vorw�nde suchte, um sie m�glichst lange von Phylangan fern zu halten. Und der ganze Rat hatte Lyndwyn hofiert. Immer wieder musste sie den Albenstein zeigen. Und sie hatte drei oder vier Mal die erlogene Geschichte erz�hlt, wie Emerelle ihr den Stein anvertraut hatte. Waren sie alle blind? Oder vertrauten sie Lyndwyn, weil sie mit ihm gekommen war, dem aufrichtigen Krieger? Wieder und wieder kreisten seine Gedanken um diese Fragen.</p><p>Etwas dr�ckte sanft auf seine Schl�fen. Er war eingeschlafen. H�nde legten sich z�rtlich auf seine Wangen, glitten in seinen Nacken und begannen die verspannten Muskeln zu kneten.</p><p>Ollowain schlug die Augen auf. �ber ihn beugte sich ein blasses Frauengesicht. Die Iris ihrer Augen war rot wie Blut. Das Haar streng zur�ckgesteckt, schneewei�. Auch ihre Haut war von makellosem Wei�, sah man von den d�nnen blauen Adern ab, die sich darunter abzeichneten. Ollowain hatte die Elfe noch nie zuvor gesehen. �Wer bist du?�</p><p>�Lysilla, aus dem Volk der Normirga�, sagte sie ruhig, w�hrend sie weiter seinen Nacken massierte. Tr�umte er noch? Ollowain sah sich unsicher um. Die wei�e Kammer war wie f�r ihn geschaffen. Zu vollkommen, um Wirklichkeit zu sein? Obwohl ... Landoran wusste vielleicht noch, mit welcher Besessenheit er als Kind die Farbe Wei� verehrt hatte. Eine Zeit lang wollte er sogar nur wei�e Nahrung zu sich nehmen.</p><p>Ollowain spannte den Nacken, um Lysilla, die hinter ihm stand, besser sehen zu k�nnen. Sie trug ein enges, bl�tenwei�es Wickelkleid. Er musste l�cheln. Das war ein Traum!</p><p>�Du willst mich also ansehen. Verspann dich nicht! Sag etwas!� Lysilla trat seitlich ans Bett. Ihre H�nde legten sich angenehm wann auf seine Brust. Kurz presste sie seine Brustwarzen zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein wohlig-warmes Schaudern durchlief Ollowain. Schon griffen ihre H�nde nach seinem Hals. War das doch kein Traum?</p><p>�Wer schickt dich?�</p><p>�Niemand. Sie haben von dir erz�hlt, Ollowain. Aber niemand schickt mich.� Ihre H�nde strichen �ber seine Augen.</p><p>�Sieh mich nicht an. Sieh gar nichts an! F�hle nur. Solange du die Augen aufh�ltst, kannst du nicht frei sein.�</p><p>Ollowain gehorchte ihr z�gernd. Lysillas H�nde glitten wieder in seinen Nacken. Sie waren kr�ftig. Auf ihrer rechten Hand sp�rte er Schwielen. Die Haut ihrer Linken war weich. Er wusste, was das bedeutete. Er kannte nur eine Art von Arbeit, die allein der rechten Hand Schwielen einbrachte. Ollowain schlug die Augen auf und wollte sich aufsetzen, doch Lysilla dr�ckte ihn zur�ck.</p><p>�Du bist Kriegerin, nicht wahr? Schwertk�mpferin.� Sie lachte. �Ich w�re nicht so vermessen, mich so zu nennen. Im Schwertkampf bin ich Sch�lerin. In dem, was ich gerade tue, bin ich besser, jedenfalls wenn man sich an meine Anweisungen h�lt.�</p><p>�Warum soll ich die Augen schlie�en?�, fragte Ollowain misstrauisch.</p><p>�Du wirst dich dann besser entspannen k�nnen. Und selbst die h�flichen L�gner k�nnen es nicht wirklich lange ertragen, mir ins Antlitz zu sehen. Meine Augen ... Sie beunruhigen die anderen. Etwas anderes zu sagen, ist h�flicher Unsinn.�</p><p>Sie hatte Recht. Die dunkelrote Iris ihrer Augen war unheimlich. Ihr Blick eindringlich, absch�tzend ... sinnlich? �Warum tust du das?�</p><p>Ihre Finger strichen �ber seine Lippen. �Frag nicht. Willst du etwas Wundersch�nes erleben? Ein oder zwei vollkommene Stunden? Dann frag nicht.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Vertrau mir. Worte zerst�ren die Sch�nheit des Augenblicks.� Sie nahm seine Hand. �Steh auf. Komm mit mir.� Lysilla ging hin�ber in das Badegemach. Auf dem Boden standen Kristallfl�schchen, die eben noch nicht dort gewesen waren. Noch immer lag der berauschend fremde Geruch in der feuchtwarmen Luft. Sie deutete auf die Steinbank. �Leg dich dorthin. Es wird dir gefallen.�</p><p>Ollowain gehorchte. Er war neugierig. Nie zuvor hatte er jemanden wie Lysilla getroffen.</p><p>Der Stein des Marmortischs war erstaunlich warm. Er bettete sein Gesicht auf das Lederpolster. Etwas �liges troff auf seinen R�cken. Dann waren da wieder ihre H�nde. Kraftvoll und z�rtlich. Geschickt massierte sie die verspannten Muskeln seines Nackens. Ihre H�nde glitten seinen R�cken hinab. Sie beugte sich vor. Lysillas Leib ber�hrte ihn. Sie trug kein Kleid mehr!</p><p>�Dreh dich um�, hauchte sie sanft.</p><p>Eine Str�hne ihres Haars hatte sich gel�st und fiel ihr �ber die Schulter. Lysilla hatte kleine Br�ste wie eine Kriegerin. Die Muskeln ihres rechten Arms waren st�rker ausgepr�gt. Was tat er? Er betrachtete sie mit den Augen eines Schwertkampflehrers.</p><p>Lysilla beugte sich wieder vor. Sie hob den G�rtel ihres Kleides auf. �Lass mich deine Augen verbinden, sonst kann der Zauber nicht gelingen.� Sie l�chelte geheimnisvoll. �H�r auf zu denken. F�hle einfach nur noch.�</p><p>Ollowain lie� es geschehen. Sie legte den Stoff des G�rtels doppelt und zog die Augenbinde straff an. �Lausche auf das Rauschen des Wassers.� Lysilla legte ihm eine Hand auf die Brust, die zweite unter den Nacken, dann dr�ckte sie ihn sanft nach hinten. �l troff auf seine Brust. Ihre Finger spielten mit seinen Brustwarzen. Dann waren sie zwischen seinen Schenkeln. Sie umschloss seine Hoden. Ihr Griff wurde fester, bis ein s��er Schmerz ihn aufst�hnen lie�.</p><p>Ollowain f�hlte sich schwindelig, obwohl er lag. Nun tasteten ihre H�nde �ber seinen Bauch. Er b�umte sich auf, st�hnte. Es war, als zeichne sie Spuren aus Flammen auf seine Haut. Er wollte, dass ihre Finger wieder tiefer glitten. Und zugleich wollte er nicht, dass sie aufh�rte mit dem, was sie gerade tat. Lysillas Haut f�hlte sich weicher an. Das musste das �l sein.</p><p>�Komm ins Wasser, ich f�hre dich.� Sie griff nach seiner Hand.</p><p>Willig setzte er sich auf. Sie nahm seine zweite Hand. Er lie� sich vom Marmortisch rutschen. Der Steinboden war k�hl. Das Schwindelgef�hl wurde st�rker. Sich so v�llig anzuvertrauen, war ein neues Gef�hl f�r ihn. Unter den Wohlger�chen, die dem Wasser entstiegen, musste ein Rauschmittel sein, vermutete er.</p><p>�Vorsicht, jetzt kommt eine Stufe.�</p><p>Ollowain lachte verlegen. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. Lysillas Stimme erklang neben ihm. Dabei ging sie doch vor ihm! Sie hielt ihn noch immer mit beiden H�nden.</p><p>Schmeichlerisch warmes Wasser umfasste seine Kn�chel. Sich behutsam mit den F��en vortastend, stieg er tiefer in das Becken, bis ihm das Wasser bis �ber die H�ften reichte.</p><p>Lysilla zog ihn zu sich heran. Ihre Br�ste dr�ckten sich gegen ihn. Ollowain sp�rte ihre Erregung. Die Schenkel der Elfe umklammerten seine H�ften. Ihre Lippen fanden einander. Er �bersch�ttete sie mit leidenschaftlichen K�ssen. Ollowain grub seine Z�hne in das weiche Fleisch ihres Nackens, liebkoste ihre Br�ste, tauchte unter und erkundete mit seiner Zunge verborgenste Winkel. Lysilla zog ihn hin�ber in seichteres Wasser. Ihr Liebesspiel wurde wilder. Wie k�mpfende Wildkatzen fielen sie �bereinander her. Ollowain widerstand der Versuchung, die Augenbinde abzunehmen. Obwohl sie l�ngst von Wasser durchtr�nkt war, verbarg sie noch immer seine leidenschaftliche Gespielin vor seinen Blicken. Nie zuvor hatte er so etwas getan. In all den Jahrhunderten seines Lebens! Was hatte er vers�umt! Und nie zuvor hatte er sich einer Elfe, die er erst eine Stunde kannte, hingegeben.</p><p>Seine bisherigen Liebesaff�ren waren stets ein langsames Herantasten gewesen. Eine scheue Suche nach Beweisen daf�r, dass seine Zuneigung erwidert wurde, immer bereit, sich in jedem Augenblick in die tr�gerische Sicherheit der Einsamkeit zur�ckzuziehen.</p><p>Lysillas Leib erzitterte. Sie stie� ein langes, woll�stiges St�hnen aus. Ihr Atem strich �ber sein Gesicht. Dann pl�tzlich biss sie ihm in die Unterlippe. Der metallische Geschmack von Blut f�llte seinen Mund.</p><p>Ollowain b�umte sich auf. Lysillas H�nde liebkosten seine Brust. Kein Wort hatten sie gesprochen, seit sie ins Wasser gestiegen waren. Die Sprache der Leidenschaft allein vermochte auszudr�cken, was kein Wort h�tte sagen k�nnen.</p><p>Lysillas Biss hatte Ollowain erschreckt und ihn doch noch weiter in Ekstase getrieben. Ihre H�nde schienen jetzt �berall zu sein. Sie diktierte ihm den Rhythmus ihrer Liebe, und er genoss es. Ollowain z�gerte den Augenblick hinaus ... Den kurzen Moment des Verflie�ens.</p><p>Ganz gleich, wo ihre Finger �ber seine Haut glitten, er antwortete mit einem Erschaudern. Sein Leib schien ganz ihr zu geh�ren. Sie lie� ihn aufjauchzen oder sehns�chtig nach der n�chsten Ber�hrung hungern. Und dann gab sie ihn frei, beendete die s��e Folter. Er schrie auf, wieder und wieder. B�umte sich auf und umklammerte sie. Ineinander verschlungen sa�en sie im Wasser. Zu ersch�pft zu neuer Leidenschaft. Ihre H�nde streichelten seinen R�cken, so wie man es bei einem Kind tat, das man umarmte und tr�sten wollte.</p><p>Der Zauber war verflogen. Ihre Ber�hrung setzte seinen Leib nicht mehr in Flammen. Sie war angenehm. Beruhigend. Langsam fand er zu seinem Verstand zur�ck. Eine warnende Stimme durchdrang den verebbenden Sog der Lust. Etwas stimmte nicht. Hatte die ganze Zeit �ber nicht gestimmt. Lysillas rechte Hand. Dort waren keine Schwielen mehr!</p><p>Erschrocken griff Ollowain nach der Binde und riss sie herab. Durch das Gitterwerk nasser, schwarzer Haarstr�hnen sahen ihn lindgr�ne Augen mit goldenen Sprenkeln an. Lyndwyns Augen!</p><p>�Das war der einzige Weg�, sagte sie leise. �Wir w�ren uns nie n�her als auf der Br�cke gekommen, als wir einander in die Augen sahen. Dein Verstand h�tte dein Herz zum Schweigen gebracht.�</p><p>Ollowain konnte immer noch nicht fassen, was geschehen war. �Lysilla, wie ...�</p><p>�Sie fand es ... interessant. Landoran hatte beschlossen, sie dir zu schicken. Sie sollte dich massieren und ... aufmuntern. Das waren seine Worte. Er sagte etwas davon, dass du ganz versessen auf alles bist, das die Farbe des Schnees hat. Deshalb Lysilla. Landoran scheint dich sehr gut zu kennen ... Er wei� alles �ber dich. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Lysilla dich ...� Sie stockte.</p><p>�F�r sie w�re es nur ein Spiel gewesen. Sie findet dich eben interessant. Ich ... Ich habe sie �berredet ...�</p><p>Ollowain f�hlte sich, als w�re er nackt in einen Schneesturm geraten. Obwohl es dr�ckend warm war, schlang er die Arme um die Brust. Er konnte nicht glauben, was geschehen war. Und dass er es nicht bemerkt hatte! Was war nur mit ihm los?</p><p>�Womit hast du Lysilla �berredet?�, fragte er leise, zu verletzt, um barsch oder gar ausfallend zu werden.</p><p>�Sie wollen etwas von mir. Ich darf nicht dar�ber sprechen. Es ist kein Verrat. Ein Geheimnis ...�</p><p>�Was?�</p><p>Lyndwyn erhob sich. �Ich darf es dir nicht sagen.� Sie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. �Ich bereue es nicht, Ollowain. Es war richtig. Wenn du auf dein Herz h�ren k�nntest, dann w�sstest du es auch.�</p><p>�Was? Dass ich eine Verr�terin und Diebin begehre? Du hast den gr��ten Schatz unseres Volkes gestohlen! Und heute haben dich deine L�gen zur Herrin von Phylangan gemacht und mich...� Er fand keine Worte. Sie hatte ihn sich einfach genommen, so wie den Albenstein.</p><p>�Emerelle w�re noch in Vahan Calyd gestorben, wenn ich die Macht des Steins nicht genutzt h�tte. Ich war zu schwach, um sie allein mit meiner Kraft zu heilen. Ich habe es versucht! Es hat mich fast umgebracht. Du hast es doch gesehen! Der Zauber mit dem Lichtvogel hatte meine Kr�fte ersch�pft. Was glaubst du, wie ich euch alle heilen konnte ...�</p><p>�Mich hast du mit einem Dolchsto� in die Kehle geheilt. Was sollte das? Waren auch die Kr�fte des Albensteins ersch�pft, als die Reihe an mir war?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. Tr�nen standen in ihren Augen.</p><p>�Wenn ich jemanden auf magische Weise heile, der mit dem Tod ringt, dann greife ich nach seinem Innersten. Ich teile seine Schmerzen, und manchmal erschlie�t sich mir seine Seele. Danach hatte ich mich gesehnt ... Aber es sollte nicht auf diese Weise geschehen. Dich zu kennen, sollte dein Geschenk an mich sein.�</p><p>�Sch�ne Worte�, sagte Ollowain bitter. �Ich w�nschte nur, sie w�ren nicht von einer Diebin gesprochen. Wie sollte ich dir glauben, nachdem du mich auf diese Weise erobert hast?�</p><p>Sie senkte den Kopf. �Ja, wie solltest du mir glauben, mein wei�er Ritter. Mein Vater hat mir die Geschichte von der Shalyn Falah erz�hlt. Wie du gegen die Trolle gek�mpft und wie du dich geweigert hast, ihre F�rsten zu ermorden. Er hatte tiefen Respekt vor dir.�</p><p>�Nat�rlich�, schnaubte Ollowain. �Deine Familie sch�tzt jeden, der sich der K�nigin widersetzt.�</p><p>�Das war noch, bevor die Fehde mit Emerelle begann. Und so sehr ich sie verachtet habe, so sehr habe ich dich immer bewundert. Ich habe es vermieden, dir jemals zu begegnen, um meine M�dchentr�ume von dem wei�en Ritter der Shalyn Falah zu behalten. Erst in Vahan Calyd habe ich dich gesehen. Ich war im Gedr�nge, auf der Stra�e, als man auf Emerelle geschossen hat. Und ich habe mitbekommen, wie du die K�nigin mit deinem Leib gesch�tzt hast. In diesem Augenblick wusste ich, dass du tats�chlich so warst wie in meinen Tr�umen. Und ich konnte nicht mehr tun, worum mein Gro�vater mich gebeten hatte. Du musstest dir nie Sorgen machen, dass ich dich nach Arkadien entf�hren w�rde, wenn wir �ber die Albenpfade gingen. Ich kann dorthin nicht mehr zur�ck! Emerelle sollte sterben, nachdem sie sich gekr�nt hatte. Und mein Lichtvogel sollte das Achterdeck so ausleuchten, dass mein Bruder sie nicht verfehlen konnte. Und w�re dies doch geschehen, h�tte ich sie t�ten sollen. Aber ... Ich konnte es nicht mehr, nachdem ich dich gesehen hatte. Ich habe mich so vor die K�nigin gestellt, dass mein Leib sie vor dem Pfeil meines Bruders abschirmte. Und ich habe den Lichtvogel hinaus auf die See fliegen lassen. Es war kein Signal an die Trolle und ihre Schiffe. Versteh mich nicht falsch, ich habe Emerelle noch immer verachtet. Aber ich konnte mich nicht unter deinen Augen an ihrer Ermordung beteiligen. Ich...� Sie lachte. �So kindisch es ist... Nachdem du wirklich so warst, wie ich es mir immer vorgestellt hatte, wollte ich dir gefallen. Um jeden Preis. Ich wollte die deine sein.�</p><p>Ollowain sah sie fassungslos an. Konnte er ihr jetzt glauben? Er hatte mit seinem Misstrauen also die ganze Zeit Recht gehabt. Und zugleich hatte er sich geirrt. �Ich sollte dich nicht noch einmal in die N�he Emerelles lassen.�</p><p>�Das musst du entscheiden. Als ich sie geheilt habe, bin ich ihrer Seele sehr nahe gewesen. Sie ist schrecklich, Ollowain.� Sie schauderte, und der Schwertmeister hatte einen Augenblick lang das Gef�hl, als habe ein Schatten ihre Seele ber�hrt. Lyndwyn war eine Intrigantin, und er traute ihren allzu kindlichen Liebesschw�ren nicht, aber die Begegnung mit Emerelles Seele schien ihr wirklich Angst gemacht zu haben.</p><p>�Du kennst die Herrin nicht, der du dienst�, fuhr die Magierin fort. �Sie ist wahrlich eine Normirga. Jede Ethik oder Moral unterwirft sie einem einzigen Gedanken: Sie will Albenmark besch�tzen. Irgendwo jenseits der Albenpfade versteckt sich ein schrecklicher Feind, der selbst Emerelle Angst macht. Ihr Denken ist so sehr darauf ausgerichtet, ihn zu besiegen, dass sie jedes Opfer f�r dieses Ziel erbringt. Sie wusste, das Vahan Calyd angegriffen w�rde. Sie wusste auch, dass sie sehr schwer verletzt werden w�rde. Sie hat all dies in Kauf genommen, damit die Pfade, die in die Zukunft f�hren, nicht durcheinander geraten. Denn ob wir einst den alten Feind besiegen oder ob Albenmark vollkommen zerst�rt werden wird, h�ngt vom Leben einiger weniger ab. Und davon, wie der Krieg gegen die Trolle verl�uft. Emerelle wollte, dass die Trolle in Vahan Calyd siegen.�</p><p>Sie hielt inne und sah ihn direkt an. Ollowain schluckte. �Sie hat die Stadt geopfert und damit tausende Albenkinder! Ich habe sie geheilt. Ihr K�rper weist keine Wunde mehr auf. Aber ihre Seele ist ein Hort unendlicher Qualen. Es gibt nur einen Grund, warum sie nicht erwacht: Sie fl�chtet vor dem, was sie getan hat!�</p><p>Nun sch�ttelte Ollowain entschieden den Kopf. �Das sind die L�gen einer Diebin und M�rderin!� Lyndwyn sah ihn lange an. Ihre Augen waren wundersch�n. Sie schienen so unschuldig.</p><p>�Ich wei�, dass du mich als Verr�terin sehen musst, um weiterhin der wei�e Ritter von der Shalyn Falah zu sein.� Sie erhob sich und watete durch das seichte Becken.</p><p>Ihr Anblick erregte ihn. �Wohin gehst du?�, fragte Ollowain gereizt.</p><p>�Ich werde nun meinen Preis f�r das eine Mal zahlen, dass ich dich wirklich get�uscht habe. Du wei�t ja, man sagt: Leidenschaft ist das, was Leiden schafft. Lebe wohl, mein wei�er Ritter.� Sie trat durch die T�r und verlie� das Bad.</p><p>Ollowain betrachtete die Augenbinde, die vor ihm im Wasser trieb. Er f�hlte sich immer noch blind. Unf�hig zu sagen, was Trug und was Wirklichkeit war. Hatte sie ihn belogen? Hatte Emerelle von dem Angriff der Trolle auf Vahan Calyd gewusst? Die seltsame S�nfte schien Lyndwyns Worte zu best�tigen. Zumindest schien Emerelle gewusst zu haben, dass sie in dieser Nacht fliehen musste und ein Boot brauchen w�rde. Auch wenn er ihre Beweggr�nde im Augenblick nicht verstehen konnte, war er sich gewiss, dass Emerelle stets nur zum besten Albenmarks handeln w�rde.</p><p>�Lyndwyn?�</p><p>Er bekam keine Antwort. Sie hatte wohl Recht. Sehenden Auges h�tte er sich niemals auf eine Aff�re mit ihr eingelassen. Es hatte sich alles so richtig angef�hlt. So vollkommen ... Nie zuvor hatte er so leidenschaftlich eine Frau geliebt. Und auch ihre Leidenschaft schien nicht vorget�uscht gewesen zu sein. Stimmte ihre Geschichte? Immer wieder gingen ihm ihre Worte durch den Sinn: Leidenschaft ist das, was Leiden schafft.</p></section><section><title><p>Ein Gespr�ch in der Nacht</p></title><p>Das Wissen um das, was kommen musste, lie� Alfadas keine Ruhe. Er hatte sogar �berlegt, Asla und die Kinder nach Albenmark mitzunehmen und dort vor den Trollen davonzulaufen. Doch wohin sollte er gehen als Mensch unter Albenkindern? Zu viele kannten ihn. Wer w�rde den Ziehsohn Emerelles aufnehmen, wenn die Trolle die K�nigin verfolgten? Wie Alfadas es auch drehte und wendete, seine Lage war hoffnungslos. Wenn Asla in Firnstayn blieb, dann war sie wenigstens unter Freunden. In dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war, w�rde sie noch am leichtesten dar�ber hinwegkommen, wenn er nicht wiederkehrte.</p><p>Es war dunkel, als Alfadas den schmalen Weg zum Fjord hinabging. Eine unscheinbare H�tte nahe dem Wasser war sein Ziel. Hinter dem d�nn geschabten Leder, das das einzige Sonnenloch in den W�nden gegen den Wind abschirmte, brannte gelbes Licht.</p><p>Unschl�ssig blieb der Jarl kurz vor der H�tte stehen. Tat er das Richtige? Er legte den Kopf in den Nacken, um nach den Sternen zu sehen, als w�ssten sie eine Antwort. In weiten B�gen zog das geisterhaft gr�ne Feenlicht �ber den Himmel. Wehm�tig dachte Alfadas an die M�rchen, die ihm sein Vater auf ihrer gemeinsamen Reise �ber solche N�chte erz�hlt hatte. Dann kamen die Elfen und Trolle in die Welt der Menschen, hie� es. F�r diesen Herbst waren die M�rchen Wirklichkeit geworden. Und seine Freundschaft zu den Elfen hatte ihm kein Gl�ck gebracht.</p><p>Alfadas trat entschlossen vor die T�r der kleinen H�tte. Er musste die Dinge in dieser Welt in Ordnung bringen, bevor er nach Albenmark ging. Hinter der T�r h�rte er Kalf summen und gesch�ftig rumoren. Als Alfadas klopfte, verstummte die Melodie. Die T�r schwang auf. Kalf sah ihn �berrascht an. Der stattlich gebaute Fischer kam langsam in die Jahre. Sein langes blondes Haar war an den Schl�fen ein gutes St�ck zur�ckgewichen. F�ltchen hatten sich um seine Augen und Mundwinkel eingenistet. Alfadas wusste, dass er nicht gerade der liebste Gast des Fischers war, dennoch wurde er freundlich hereingebeten. Verlegen r�umte Kalf einige Kleider zur Seite, die auf dem Boden verstreut lagen.</p><p>Die kleine H�tte verstr�mte einen intensiven Fischgeruch. Auf dem Tisch lagen drei schlanke, silberne Leiber. Ihre B�uche waren aufgeschlitzt. Kalf hatte damit begonnen, die Schuppen abzuschaben.</p><p>�Die ersten Salme�, stellte Alfadas �berrascht fest.</p><p>Kalf grinste wie ein kleiner Junge, dem ein Streich gelungen war. �In diesem Jahr sind sie dir durchgegangen, Jarl. Sie kamen mit der D�mmerung den Fjord hoch. Noch sind es nur einzelne. Die ersten Sp�her des gro�en Fischzugs.�</p><p>Eifers�chtig betrachtete Alfadas die Salme. Die Silberernte hatte begonnen, und er musste fort. Abertausende Salme w�rden in den n�chsten zwei Wochen den Fjord hoch ziehen und weiterwandern, die kleinen Fl�sse und B�che hinauf in die Berge. Sie brachten dem Dorf eine zweite Ernte. Ihr zartes rotes Fleisch w�rde Firnstayn �ber den Winter bringen. Schon morgen w�rden die Feuer in den dunklen R�ucherschuppen entfacht werden.</p><p>Alfadas lie� sich auf einem Schemel nieder. Es hie�, wer den ersten Salm fing, dem st�nde ein gutes Jahr bevor. Er war also bei dem richtigen Mann.</p><p>�Geht es gut mit den Kindern?�, fragte Kalf unbeholfen.</p><p>�Ja ... Nein.� Alfadas r�ckte seinen Schwertgurt zurecht. Der Griff der Waffe dr�ckte unangenehm in seine Seite. �Es geht den Kindern gut, aber mir geht es schlecht. Ich versuche, es sie nicht merken zu lassen. Ulric werde ich morgen mit mir nehmen, wenn ich nach Honnigsvald reite, um das Heer zu formen. Ich m�chte den Jungen noch um mich haben. Kadlin ist zu klein ... Und Asla kann nicht fort von hier. Die Salme ... Das Dorf braucht in den n�chsten zwei Wochen jedes Paar H�nde, das arbeiten kann.� Er starrte tr�bsinnig in das halb herabgebrannte Feuer. �Ich w�nschte, ich k�nnte auch hier sein.�</p><p>Kalf nahm sein Messer und zerlegte einen der gro�en Salme. Er schob die gro�en Fischst�cke auf Spie�e und h�ngte sie �ber das Feuer. Beide M�nner schwiegen. Zischend troff Fett in die Glut.</p><p>Alfadas wusste zu sch�tzen, dass der Fischer ihn nicht mit Fragen bedr�ngte. Kalf holte einen Kanten altbackenes Brot aus einem Leinenbeutel und legte es auf den Tisch. Dann f�llte er einen schlichten h�lzernen Becher aus einem Krug.</p><p>�Ich bin wegen Asla hier�, brach der Jarl das Schweigen.</p><p>Die klaren, blauen Augen des Fischers verengten sich. �So.� Das war alles, was er dazu sagte.</p><p>Alfadas wusste, w�re er nicht in jenem Sp�tsommer vor acht Jahren nach Firnstayn gekommen, dann h�tte Asla sich f�r Kalf entschieden. Der Fischer war damals Jarl. Und Kalf war beliebt im Dorf, obwohl ... oder vielleicht auch gerade weil er jemand war, der gemeinhin nicht viele Worte machte.</p><p>Der Zauber des Fremden hatte Asla in den Bann geschlagen, als Alfadas mit seinem Vater und den Elfen gekommen war. Nacht f�r Nacht hatte sie an seinen Lippen gehangen, wenn er am Ufer am Feuer sa� und allen Neugierigen von den Abenteuern erz�hlte, die er mit Mandred und den Elfen erlebt hatte.</p><p>Inzwischen war der Zauber des Fremden zu ihrem Fluch geworden, dachte Alfadas bitter. Das war es, was zwischen ihm und seinem Weib stand. Mehr noch als die langen Kriegsz�ge im Dienste des K�nigs, die ihn oft f�r viele Monde in die Ferne f�hrten.</p><p>�Wirst du nach Asla sehen?� Alfadas sprach sehr leise. Es kostete ihn gro�e �berwindung, die Worte �berhaupt herauszubringen.</p><p>Kalf liebte Asla noch immer. Er h�tte jede junge Frau im Dorf haben k�nnen. Selbst jetzt noch, wo er langsam in die Jahre kam. Seine Beliebtheit war ungebrochen, auch wenn sie ihn nicht mehr zum Jarl w�hlten. Aber der Fischer hatte es vorgezogen, allein zu bleiben. Alfadas war sich sicher, wenn es Asla nicht gegeben h�tte, w�ren sie beide Freunde geworden. Er empfand gro�en Respekt vor Kalf, auch wenn er es nicht sch�tzte, ihn bei seinem Haus zu sehen.</p><p>Kalf sah ihn eindringlich an. �Asla ist ein Weib, das sehr gut auf sich allein Acht geben kann, Jarl. Du wei�t das.�</p><p>�Ich war noch nie im Winter weg.� Alfadas dachte daran, wie er in den letzten Jahren w�hrend der dunklen Tage am Feuer gesessen und geschnitzt hatte. Oder wie er mit Ulric �ber Tische und B�nke getobt war, um wilde Holzschwertduelle auszutragen. Der Winter hatte stets die Wunden des Sommers geheilt. Ganze N�chte hatte er mit Asla im Arm da gelegen und auf das Heulen des Sturmwinds gelauscht. Und sie hatten sich geliebt. Fast jede Nacht. Im Winter hatte er ihr der Mann sein k�nnen, den sie sich w�nschte.</p><p>�Es wird schwer sein f�r Ulric.� Alfadas� Stimme klang rau wie manchmal morgens, wenn er in der Nacht zuvor zu viel Met getrunken hatte. �Er hat sich auf den Winter mit mir gefreut. Ich hatte ihm versprochen, ihn mit in die Berge auf die Jagd zu nehmen. Wirst du ihm das Jagen beibringen, Kalf?�</p><p>Der Fischer l�chelte freundlich. �Man lernt das Jagen nicht in einem einzigen Winter. Ich nehme ihn gern mit auf die Pirsch ... Aber gr�me dich nicht. Du wirst dem Jungen noch eine Menge beibringen k�nnen, wenn du wiederkommst.� Kalf nahm einen der Spie�e vom Feuer und legte ihn vor dem Jarl auf den Tisch.</p><p>�Diesmal hast du nicht den ersten Salm des Herbstes gefangen, aber es w�rde mich freuen, wenn du als Erster von der Silberernte kosten w�rdest.�</p><p>Alfadas wusste die Geste zu sch�tzen. Vorsichtig biss er vom hei�en Fisch ab. Er war k�stlich saftig. Fett rann dem Jarl von den Mundwinkeln.</p><p>Auch Kalf a� nun. �Wird ein gutes Jahr f�r Fische�, verk�ndete er auf beiden Backen kauend.</p><p>Alfadas nickte stumm. Hatte Kalf die Andeutung mit der Jagd nicht verstanden? Kein Mann am Fjord w�rde einen anderen darum bitten, seinen Sohn die Kunst der Jagd zu lehren, es sei denn ...</p><p>Er kam wohl nicht umhin, klare Worte zu sprechen! Andeutungen waren hier fehl am Platz. Er w�rde keine Ruhe fmden, wenn er sich nicht sicher sein konnte, dass Kalf ihn verstanden hatte.</p><p>�Jeder Sieg wird mit Toten erkauft�, sagte er unvermittelt.</p><p>Kalf sah ihn einfach nur an und a� weiter.</p><p>�Wenn mir etwas zust��t, dann m�chte ich, dass du nach meiner Familie siehst! Ich wei�, wenn du meinen Sohn aufziehen w�rdest, w�rde er ein guter, aufrechter Mann werden. Asla denkt sicher genauso.�</p><p>Kalf legte seinen Fischspie� zur Seite. �Du bist der beste Schwertk�mpfer des Fjordlands. Wer sollte dich bezwingen?�</p><p>�Dort, wo wir hingehen werden, war ich nicht mehr als ein begabter Sch�ler. Gegen die Trolle in den Krieg zu ziehen, das ist so aberwitzig, als w�rde ich dir befehlen, eine st�rzende Eiche aufzufangen. Ganz gleich, wie geschickt und stark du bist, der riesige Stamm wird dich zermalmen, wenn du ihm im Weg bist. So wird es sein, wenn wir uns den Trollen in den Weg stellen.�</p><p>Kalf runzelte die Stirn. �Das musst du dem K�nig sagen.�</p><p>�Er wei� es.�</p><p>Der Fischer sch�ttelte den Kopf. �Das macht doch keinen Sinn.�</p><p>�Er will mich loswerden, Kaff. Mich und viele andere Krieger.�</p><p>�Du bist nie besiegt worden, Jarl. Warum sollte er dich in den Tod schicken? Er w�rde sich selbst schaden, wenn er dich opfert. Ich bin sicher, du wirst wiederkehren.�</p><p>Alfadas seufzte. Kalf h�tte allen Grund, nicht ungl�cklich zu sein, wenn er nicht wiederkehrte. Schlie�lich war er es gewesen, der das Leben des Fischers aus der Bahn gebracht hatte. Und jetzt versuchte Kalf, ihm Mut zu machen. Er war der richtige Mann! �Ich wei�, dass du Asla noch immer liebst.�</p><p>�Was hat das mit deinem Krieg zu tun?�</p><p>�Wenn sie Hilfe braucht, dann sei f�r sie und die Kinder da. Das ist alles, worum ich dich bitten m�chte.�</p><p>�Das war ich immer schon�, entgegnete er sanft.</p><p>Der Tonfall, in dem Kalf das sagte, versetzte Alfadas einen Stich. �Und du hast schon Recht. Ich bin verdammt schwer umzubringen. Vergiss das nicht.�</p><p>Der Fischer l�chelte entwaffnend. �Nicht ich bin der Mann, den du davon �berzeugen musst.�</p><p>Alfadas hatte einen Klo� im Hals. Dieser verdammte Mistkerl! Er hatte doch allen Grund, sich seinen Tod zu w�nschen. Der Jarl �ffnete den Lederbeutel an seinem G�rtel und legte einen verschrumpelten Vogelfu�, gro� wie eine Kinderhand, auf den Tisch. Ein langer Riemen war daran befestigt.</p><p>�Was ist das?�, fragte Kalf verwundert.</p><p>�Das Geheimnis, warum die Fische bei mir besser bei�en als bei dir. Er ist aus Albenmark. Ich habe ihn von meinem Vater. Der hat ihn einem Pferdemann abgeschwatzt. Ich wei� nicht, zu welchem Vogel dieser Fu� geh�rt, aber er vermag Fische anzulocken. Man muss ihn nur ins Wasser h�ngen, still stehen und ein wenig warten.�</p><p>Kalf nahm den Fu�, drehte ihn zwischen den Fingern und sah ihn sich von allen Seiten an. �Und ich hatte schon mit den G�ttern gehadert, weil du auch noch ein besserer Fischer warst als ich. Hoffe nicht darauf, dass ich ihn dir zur�ckgebe, wenn du im n�chsten Fr�hjahr wiederkehrst.�</p><p>Kalfs Zuversicht hatte etwas Ansteckendes. �Ich werde mir einfach einen neuen Vogelfu� aus Albenmark mitbringen. Glaube nicht, dass ich dich kampflos zum K�nig der Fischer werden lasse.� Der Jarl lachte. Aber pl�tzlich war die Angst wieder da. Wie ein gro�er Eisklumpen sa� sie in seinem Bauch.</p></section><section><title><p>Rebellen, Bauern und Aufrechte</p></title><p>�Da ist wieder diese Frau�, sagte Ulric leise. Der Junge sa� vor Alfadas im Sattel und deutete auf die schlanke Gestalt, die ein St�ck voraus halb verborgen im Schatten einer Birke stand. Alfadas und Ulric hatten Honnigsvald fast erreicht. Den ganzen langen Weg �ber war ihnen Silwyna gefolgt.</p><p>�Wie kann sie so schnell sein wie wir auf einem Pferd?�</p><p>�Sie ist eine Maurawani�, erkl�rte Alfadas. �Silwyna geh�rt zu einem Elfenvolk, das in den W�ldern lebt. Sie hat viel Geschick darin, Abk�rzungen zu finden, und wir haben uns ja auch nicht gerade beeilt.�</p><p>�Diesmal l�uft sie nicht fort, Vater. Was will sie von uns?�</p><p>�Das werden wir sie fragen.� Die Elfe wartete, an den bleichen Birkenstamm gelehnt. Ihr schwerer Zopf lag ihr wie eine Schlange um den Hals. Sie trug jetzt eine Hose und ein Hemd aus hellem Hirschleder. Die zerrissenen Kleider, mit denen sie ins Fjordland gekommen war, waren verschwunden. Wehm�tig dachte Alfadas daran, dass sie ihm einst auch einmal ein Lederhemd geschenkt hatte. Es hatte Fransen gehabt, die verhinderten, dass Wasser durch die N�hte drang. So unendlich lange schien es her zu sein, dass sie gemeinsam durch die W�lder Albenmarks gestreift waren.</p><p>�Du h�ltst dich gut im Sattel, Junge�, sagte die Elfe freundlich.</p><p>�Mein Vater wird mir ein Pony schenken, wenn wir in Honnigsvald sind�, erkl�rte Ulric stolz. �Warum folgst du uns? Und warum bist du nicht bei deiner K�nigin wie Yilvina?�</p><p>�Ich werde deinem Vater helfen, wenn er die Krieger aussucht, die mit ihm gehen. Au�erdem sollen sie schon einmal eine Elfe gesehen haben, bevor sie in mein Land kommen. Und was die K�nigin betrifft, ist eine Leibw�chterin mehr als genug f�r jemanden, der im Haus eines Freundes ruht. Wir w�rden deine Eltern beleidigen, wenn stets bewaffnete Wachen um die K�nigin st�nden. Schlie�lich sind wir hier doch nicht unter Feinden.�</p><p>Ulric nickte kurz. �Warum k�mpfen bei euch die Frauen? Bei uns gibt es so etwas nicht.�</p><p>F�r einen Augenblick wirkte die Maurawani br�skiert. �Unter uns Elfen gibt es so wenige M�nner, dass sie ohne die Hilfe der Frauen nicht siegen k�nnen�, antwortete sie schlie�lich spitz.</p><p>�F�hrt ihr denn viele Kriege?�</p><p>�Es reicht, Ulric. Es ist unh�flich, jemanden so auszufragen.�</p><p>�Lass ihn nur. Dein Sohn m�chte mich halt kennen lernen.� Silwyna ging mit langen Schritten neben ihnen her, w�hrend sie weiter einem schmalen Wildwechsel durch den Wald folgten. Die B�ume hatten ein Feuerwerk der Farben entfacht. Jeder Luftzug lie� tausende Bl�tter herabregnen. Rot, Purpur und Gold umspielte sie. Der Wald feierte ein letztes Fest, bevor die lange Zeit der Dunkelheit und der St�rme begann.</p><p>Alfadas war �berrascht, wie geduldig Silwyna auf alle Fragen seines Sohnes antwortete. Sie hatte sich ver�ndert. �u�erlich merkte man ihr nichts an ... Oder war er es, der sich ver�ndert hatte? Sah er sie mit anderen Augen? Es gab eine Zeit, da hatte er sie gehasst. Sie hatte ihn gelehrt, was es hie� zu leiden. Und trotz allem war sie noch immer seinem Herzen nahe. Sie zu sehen reichte, um all die lang begrabenen Gef�hle wiederzubeleben.</p><p>�Mein Gro�vater erz�hlt, es gebe Elfen, die wie Eichh�rnchen auf den B�umen laufen k�nnen�, sagte Ulric. �Stimmt das?�</p><p>�Mein Schwiegervater ist ein geschw�tziger Greis�, entschuldigte sich Alfadas.</p><p>�Mir scheint, der Junge wei� mehr von Albenmark als du, obwohl er die Wunder meiner Welt nie gesehen hat.� �Ja, Gro�vater kennt so viele Geschichten!�, best�tigte Ulric begeistert.</p><p>�Wenn Vater nicht zu Hause ist, kommt er jeden Abend und erz�hlt uns von der K�nigin und Elfen, von Gro�vater Mandred, den Pferdem�nnern und von Trollen.�</p><p>Er musste mit Erek reden, dachte Alfadas w�tend. Es hatte einen Grund, wenn er selbst seinen Kindern nie von Albenmark berichtete, so sehr sie ihn auch bedr�ngten. Er wollte nicht die Sehnsucht nach dieser fernen Welt in ihre Herzen pflanzen. Sie sollten nicht so wie er immer wieder zum Steinkreis auf dem Hartungskliffblicken und von einer Welt tr�umen, die sie aus eigener Kraft nicht erreichen konnten.</p><p>�M�chtest du erleben, wie es ist, auf den Wipfeln der B�ume zu laufen, Ulric?�, fragte Silwyna.</p><p>�Du w�rdest mich mitnehmen?�</p><p>�Wenn du dir zutraust, auf meinem R�cken zu reiten. Dein Vater muss es nat�rlich erlauben.�</p><p>Alfadas seufzte. Wie sollte er es jetzt noch verbieten! Die Maurawani sah ihn mit ihren Wolfsaugen an. Er hatte den Eindruck, dass es ihr viel bedeuten w�rde, mit seinem Sohn in die B�ume zu steigen. Ob sie Asla um ihre Kinder beneidete? Der Jarl dachte an einige der unsch�nen Geschichten, die man sich �ber die Elfen erz�hlte. Dass sie Kinder stahlen. Auch ihn hatten sie geholt. W�rde Silwyna so etwas tun? Es gab einmal eine Zeit, da hatte er geglaubt, in ihren Augen lesen zu k�nnen, sie zu kennen. Jetzt wusste er es besser.</p><p>�Bitte, Vater! Sag doch ja�, dr�ngte Ulric.</p><p>�Wir sehen uns unten am Fjord�, brummte er schlie�lich. Die Elfen waren ihn damals nicht ohne Grund holen gekommen. Sein eigener Vater, Mandred, hatte ihn an Emerelle verkauft. Silwyna w�rde gut auf Ulric Acht geben.</p><p>Die Elfe reichte ihm ihren Bogen, den K�cher und die Jagdtasche, die sie �ber die Schulter geschlungen trug. Voller Begeisterung kletterte Ulric auf ihren R�cken. Er schlang seine Beine um ihre H�ften und legte ihr die Arme um den Hals.</p><p>�Du solltest deiner Mutter nichts von diesem Ausflug erz�hlen�, ermahnte ihn Alfadas.</p><p>Ulric grinste verschw�rerisch.</p><p>�Mach dir keine Sorgen, ihm wird nichts geschehen�, sagte Silwyna in der Sprache ihres Volkes. �Ich bringe ihn dir wohlbehalten zur�ck.�</p><p>Es war ein seltsames Gef�hl, Ulric mit der Elfe ziehen zu sehen. Mit jener Frau, die Alfadas einmal bis zum Wahnsinn geliebt hatte. Sie lief mit dem Jungen in den Wald hinein und war binnen Augenblicken verschwunden.</p><p>Langsam lenkte der Jarl seinen Grauen den Hang abw�rts, dem Fjordufer entgegen. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis er das Wasser erreichte. Ulric und Silwyna erwarteten ihn schon. Sein Sohn kam ihm strahlend entgegengelaufen. Er wirkte jedoch ein wenig blass. �Wir haben ein Eichh�rnchen �berholt�, jubelte er. �Und jede Menge Nester haben wir gesehen. Silwyna hat mit einem Raben gesprochen.�</p><p>Alfadas zog seinen Sohn vor sich in den Sattel und gab der Elfe ihre Waffen zur�ck. Silwyna wirkte bedr�ckt. �Einen guten Jungen hast du da gro�gezogen�, sagte sie, sonst nichts.</p><p>Eine Stunde sp�ter erreichten sie die F�hre und lie�en sich nach Honnigsvald �bersetzen. Die drei Br�der, denen Alfadas beim letzten Mal begegnet war, waren verschwunden. Eine geschw�tzige Alte ruderte sie in einem flachen Nachen �ber den Fjord. Verstohlen blickte Alfadas in die dunklen Fluten. Tief unter dem Kiel des Bootes schimmerte es silbern. Hunderte Fische schwammen nach Norden.</p><p>Am anderen Ufer hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Ein gro�er, vierschr�tiger Krieger mit kurz geschorenem Haar stand auf einem Felsblock und sprach zu denen, die dem Ruf des K�nigs gefolgt waren. Der Jarl kannte den Mann. Es war Ragni, einer der Leibw�chter des K�nigs. Der Krieger winkte ihm zu. �Dort kommt der Herzog! Seht ihn euch an! So sieht ein Sieger aus!�</p><p>Alle drehten sich um. Alfadas erkannte einige altgediente K�mpen in der Menge, Gef�hrten vergangener Kriegsz�ge. Doch es waren auch viele M�nner dabei, die als Waffen nur umgeschmiedete Sensen, H�mmer oder �xte trugen. Verarmte Bauern, Tagel�hner, Handwerker, die ihre Gesch�fte verloren hatten. Junge M�nner, die das Abenteuer suchten, Laufburschen. Auch die drei Br�der von der F�hre waren unter ihnen. Das war kein Heer. Es war eine Versammlung der Hoffnungslosen, jener, die im Fjordland unter dem alternden K�nig Horsa nichts mehr zu gewinnen hatten.</p><p>�Werden die alle auf dich h�ren, Vater?�</p><p>�Das hoffe ich doch.� Alfadas schwang sich aus dem Sattel, gab Silwyna die Z�gel und sagte dann in ihrer Sprache:</p><p>�Geh mit dem Kleinen zum Wald dort dr�ben. Ich m�chte nicht, dass er h�rt, was ich den M�nnern zu sagen habe.�</p><p>Die Elfe nickte. Alfadas musterte sein Heer. Kaum siebenhundert Mann hatten sich hier versammelt, sch�tzte er. Ihm fiel eine Gruppe von Kriegern auf, die in Ketten gelegt war. Ein schwarzhaariger Kerl, dem ein Schwertstreich die Nase zerschnitten hatte, war die auff�lligste Gestalt unter ihnen. Noch ein alter Bekannter, dachte der Jarl. �Na, Lambi. Hattest du wieder einmal �rger mit den Weibern?� Die M�nner ringsherum grinsten.</p><p>�Wenn der K�nig Weiber geschickt h�tte, um mich herzubitten, dann w�re das hier nicht n�tig gewesen.� Er hob die H�nde, sodass man die schweren Eisenringe sehen konnte, mit denen er gefesselt war. �Lass mich laufen, Alfadas. Dann werde ich den gr�nen Jungs hier auch nicht erz�hlen, was ein Winterfeldzug bedeutet.�</p><p>�Wenn ich dich gehen lie�e, h�tte ich die Kampfkraft meines Heers halbiert�, entgegnete der Jarl leichthin. �Wir wollen doch nicht, dass es dieser pr�chtigen Truppe so ergeht wie deiner Nase. Wie konnte das nur passieren?�</p><p>�Die Bastarde des K�nigs haben mich im Schlaf erwischt!� Er deutete auf Ragni. �Und diese schwanzlose Memme hat sie angef�hrt.�</p><p>�Er hat sich einem Befehl des K�nigs widersetzt!�, entgegnete Ragni. �Er hat es herausgefordert. Seine G�ter sind eingezogen. Wenn er hier bleibt, wird er geh�ngt. Er sollte Horsa dankbar sein, dass er mit dir gehen darf.�</p><p>�Und was machst du hier, Ragni?�</p><p>�Horsa hat mich zum Kriegsjarl berufen. Wenn ich wiederkehre, werde ich einen gro�en Hof bekommen. Ich soll dir als Unterf�hrer zur Seite stehen.�</p><p>�So sei es!� Dich hat das alte Schlitzohr billig bekommen, dachte Alfadas bei sich. Er stieg auf den Felsklotz, damit alle M�nner ihn sehen konnten.</p><p>�Jeder von euch, der schon einmal in einer Schlacht gek�mpft hat, hebe jetzt den Schwertarm.� Das Ergebnis war niederschmetternd. Nicht einmal jeder Zehnte meldete sich. Und ein gro�er Teil der erfahrenen Krieger war in Ketten hierher gebracht worden. Die Angeketteten w�rden niemals auf Ragni h�ren. Auch die Habenichtse w�rden dem Leibw�chter, den man mit einem Titel und dem Versprechen auf Land eingefangen hatte, nur mit halbem Herzen folgen. Er brauchte noch mehr Unterf�hrer, und er musste ein Zeichen setzen, um der Truppe mehr Zusammenhalt zu geben.</p><p>�Schaffst du es, mit einer halben Nase auf diesen Felsen zu klettern, Lambi?�</p><p>�Ich schaffe es sogar, dir dort oben in den Arsch zu treten, wenn du noch ein Wort �ber meine Nase verlierst, Herzog!�</p><p>Alfadas streckte ihm die Hand entgegen und zog ihn auf den Stein. �Darf ich euch Lambi, �ber dessen Nase man nicht spricht, einen eurer Kriegsjarls vorstellen! Ich kenne ihn als guten K�mpfer und klugen Anf�hrer. H�rt auf das, was er herausbringt, wenn er gerade mal nicht flucht. Das k�nnte eines Tages euer Leben retten.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ich eine gute Wahl bin.� Lambi machte sich nicht die Umst�nde, leiser als sonst zu reden. �Ihr k�nnt es alle gerne h�ren: Ich verspreche unserem Herzog, dass ich abhauen werde, sobald ich Gelegenheit dazu habe. Wer freiwillig nach Albenmark geht, um dort gegen riesenhafte Trolle zu k�mpfen, der muss wahnsinnig sein!�</p><p>Alfadas klopfte ihm auf die Schulter. �Wie ihr h�rt, ist unser neuer Kriegsjarl ein Freund des offenen Wortes. Deshalb hat er auch eine offene Antwort verdient. Du wirst als der erste Kriegsjarl in die Geschichte des Fjordlands eingehen, der seine M�nner in Ketten ausbildet und in Ketten zum Schlachtfeld gef�hrt wird. Aber glaubt mir, davon abgesehen ist Lambi ein zuverl�ssiger Mann, wenn ihr ihm kein Geld leiht, ihn nicht mit der Frau, die ihr begehrt, allein lasst, oder ihm dummerweise den R�cken zudreht.�</p><p>Ein Teil der M�nner lachte. Vermutlich jene, die Lambi noch nicht kannten und glaubten, er habe gerade einen Scherz gemacht, dachte Alfadas. �Mag von Honnigsvald, komm herauf zu uns. Auch du wirst einer meiner Kriegsjarls sein.�</p><p>Der junge F�hrmann war offensichtlich nicht begeistert von seiner Bef�rderung. Seine beiden Br�der schoben ihn nach vorne. Als er endlich auf dem Fels neben Alfadas stand, hatte Mag einen hochroten Kopf. Wie eine Maus die Katze, so starrte er die Menge an.</p><p>�Wie ihr seht, ist Mag kein gro�er Redner. Manche von euch m�gen sich auch fragen: Was hat dieser junge Kerl, dass wir uns von ihm etwas sagen lassen sollen? Die Antwort darauf ist einfach. Seht in sein Gesicht. Seht den Halbmond dort!�</p><p>Mag fuhr zu Alfadas herum. Blanker Zorn stand ihm in den Augen. �Ich brech dir ...�</p><p>Der Jarl beachtete ihn nicht. �Wir alle m�ssen lernen, M�nner wie Mag zu werden. F�r mich ist der Halbmond, den er tr�gt, nicht das Schandmal des Diebes, es ist ein Ehrenzeichen. Er wurde gebranntmarkt, weil er Brot f�r sich und seine Br�der gestohlen hat. Er wusste, welches Wagnis er einging. Er wusste, dass er nicht die Kraft hatte davonzulaufen, wenn man ihn erwischte! Und dennoch hat er es getan. Ich m�chte, dass ihr werdet wie er! Dass ihr f�r eure Waffenbr�der ohne zu z�gern jedes Wagnis eingeht. Wenn jeder Mann in diesem Heer diesen Mut hat, dann werden einige wenige von uns es vielleicht schaffen, aus Albenmark zur�ckzukehren. Ich werde euch nichts vormachen, M�nner.� Er lie� den Blick �ber die bunt zusammengew�rfelte Schar wandern. �Abgesehen von ein paar verdienten Kriegern wie Lambi seid ihr alle freiwillig hier. Wenn ihr mit mir nach Albenmark geht, dann wird vielleicht einer von zehn �berleben. Vielleicht werden wir auch alle verrecken. Und ich kann euch nicht einmal versprechen, dass ihr dort reich werdet. Wir werden gegen Trolle k�mpfen. Diese Ungeheuer horten keine Sch�tze. Daf�r werden sie euch bei lebendigem Leib fressen, wenn sie euch zu fassen bekommen. Ihr alle habt sicher schon Geschichten �ber Elfen geh�rt. Sie sind Wunderwesen. Kein Mensch kann sie im Kampf besiegen. Das stimmt. Morgen werde ich euch eine Elfe zeigen. In ihrem Volk gilt sie als unvergleichliche Bogensch�tzin und schlechte Schwertk�mpferin. Und doch wette ich, dass sich hier auf dem Platz h�chstens ein oder zwei Krieger finden, die es mit ihr im Schwertkampf aufnehmen k�nnen.�</p><p>�Ich wette, dass ich sie gr�n und blau pr�geln werde, wenn du mir meine netten Armreife abnimmst!�, rief Lambi.</p><p>Einige M�nner lachten. Alfadas war zufrieden. Kerle wie Lambi fanden immer schnell Gefolgschaft. �Gut, mein Freund, ich nehme die Wette an. Wenn du die Elfe Silwyna im �bungskampf besiegst, dann nehme ich dir die Ketten ab, und du kannst dich davonmachen. Aber vergiss nicht, dass der K�nig dir ein Halsband aus Hanf versprochen hat, wenn du nicht nach Albenmark gehst.�</p><p>�Ich kenne Horsa als einen Mann, der viel verspricht und wenig h�lt. Wenn ich so dumm bin, mich noch einmal von seinen H�schern schnappen zu lassen, dann habe ich es nicht besser verdient, als zu h�ngen. Sollte es deine zarte Elfe aber schaffen, mich zu besiegen � vielleicht weil ich mich in ihren wundersch�nen Augen verliere und zu k�mpfen vergesse -, dann verspreche ich, keinen Fluchtversuch zu unternehmen, solange wir in Honnigsvald sind.� Lambi griff sich mit beiden H�nden in den Schritt und lie� dabei seine H�ften kreisen. �Wo sind die Skalden? H�rt her, das wird besser als jede Heldensage, die Geschichte von Lambi und dem Elfenm�dchen. Nun, Herzog, schl�gst du auf diese Wette ein? Oder willst du dein zartes Elfenm�dchen vielleicht doch lieber vor einem echten Fjordl�nder verstecken?�</p><p>Alfadas streckte ihm die Hand entgegen, und der Kriegsjarl schlug klatschend ein. �Ich hoffe, dass du, zumindest was Wetten angeht, ein Ehrenmann bist.�</p><p>Lambi grinste breit. �Ich verspreche dir, du wirst es herausfinden.�</p><p>Rebellen, Bauern und ein paar Aufrechte � welch ein Heer, dachte Alfadas. Sie sollten wissen, was auf sie zukam. Wenigstens das! �Morgen werdet ihr sehen, wie Elfen k�mpfen. Ihr werdet beeindruckt sein. Doch diese Elfen, denen kaum einer von uns gleichkommt, haben schon viele Schlachten gegen die Trolle verloren. Sie f�rchten sie als schreckliche Feinde. Ein Troll hat die St�rke von vier oder f�nf M�nnern. Wer den Fehler macht, einen ihrer Hiebe zu parieren, der wird zerschmettert. Sie kennen keine Furcht. Wenn f�nf von euch es schaffen, in einer Gruppe zusammen zu k�mpfen und sich gegenseitig zu sch�tzen, dann seid ihr dem Troll gerade einmal gleichwertig. Diese Ungeheuer sind fast doppelt so gro� wie wir. Die K�lte des Winters macht ihnen nichts aus, und sie k�mpfen darum, ihre alte Heimat zur�ckzuerobern. Wenn man uns nach Albenmark schickt, dann ist es so, als steckte man ein Kind in einen B�renk�fig, kehrte ihm den R�cken und k�me erst am n�chsten Tag vorbei, um zu sehen, was geschehen ist.�</p><p>Keiner der M�nner am Ufer lachte mehr. Sie waren verst�rt. Manche starrten Alfadas mit weit offenen M�ndern fassungslos an. Eine solche Rede hatte niemand erwartet.</p><p>�F�r heute entlasse ich euch�, sagte Alfadas. ��berdenkt meine Worte. Allen, die morgen nicht mehr wiederkommen, werde ich gewiss nicht gram sein. Sie sind keine Feiglinge, sondern haben allein ihre Weisheit bewiesen. Wer dennoch kommt, der sollte sich in dieser Nacht Gedanken machen, wie wir schwachen Menschen die Trolle t�ten k�nnen. Denkt daran: Steht ein Troll erst vor euch, dann seid ihr tot. Und nun geht!�</p><p>�Du wirst morgen an einem leeren Strand warten�, sagte Ragni ver�rgert. �Was soll das? Der K�nig wird sehr w�tend sein, wenn er davon h�rt.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass der Herzog sie so schnell loswird, Ragni�, entgegnete Mag. �Ich kenne diese M�nner. Sie wissen, was f�r ein elendes Leben sie im Fjordland f�hren. Selbst eine verschwindend kleine Aussicht, reich zu werden, ist mehr, als sie hier haben.�</p><p>Wenn Mag sich nicht irrte, dann w�rden morgen m�glicherweise sogar noch mehr M�nner hier am Strand stehen, um in eine neue Welt aufzubrechen. Er musste einen noch drastischeren Weg finden, um ihnen zu zeigen, was geschehen w�rde, �berlegte Alfadas. Schlie�lich wandte er sich an den jungen F�hrmann. �Kannst du in den n�chsten paar Tagen ein Dutzend Stiere auftreiben? Ich m�chte sie gern kaufen. Wir sollten einen Teil unseres Proviants selbst besorgen und nicht alles den Elfen �berlassen.�</p></section><section><title><p>Der kleine Rat</p></title><p>�Wo ist Lyndwyn?�</p><p>Niemand antwortete Ollowain. Der kleine Rat von Phylangan hatte sich im Pavillon bei der Mandan Falah versammelt. Die Gesichter der Elfen waren wie Masken. Niemand schien sich angesprochen zu f�hlen.</p><p>Als sich das Schweigen immer mehr in die L�nge zog, erbarmte sich schlie�lich Landoran zu einer Antwort. �Sie ist unabk�mmlich. Lyndwyn w�nscht dir eine gute Reise.�</p><p>�Wie sollte ich ohne sie gehen?�, fragte der Schwertmeister gereizt. Seit zehn Tagen hatte sich Lyndwyn nicht mehr blicken lassen. Seit sie ihn geliebt hatte. Der Gedanke daran weckte einen s��en Schmerz. Hatte sie ihn geliebt? Oder war auch dies nur Teil eines raffinierten Plans? Sie schien tats�chlich als Herrin von Phylangan anerkannt zu werden. Ollowain hatte erlebt, wie auf ihren Befehl hin alle anderen Siedlungen der Normirga in der Snaiwamark aufgegeben worden waren. Alle Elfen, die einen Beitrag zur Verteidigung leisten konnten, blieben in Phylangan; die �brigen wurden zu den Felsschl�ssern auf der Hochebene von Carandamon geschickt. Es war klug, Siedlungen aufzugeben, die man ohnehin nicht verteidigen konnte, und stattdessen seine Kr�fte an einem Punkt zu sammeln. Ollowain h�tte erwartet, dass sie ihn um Rat fragte, schlie�lich war er ihr milit�rischer Berater. Angeblich ... Aber sie zeigte sich nicht mehr.</p><p>Wieder blickte Ollowain in die ausdruckslosen Gesichter. Der Rat hatte Freude daran, ihn zu dem�tigen, ihm seinen Makel vor Augen zu f�hren! �Ich kann das Tor nicht �ffnen. Ohne Lyndwyn kann ich die Albenpfade nicht betreten. Und wie soll ich das Heer der Menschen hierher bringen, wenn sie mir nicht hilft?�</p><p>�Du sollst das Heer der Menschen nicht hierher, sondern in die Slanga-Berge bringen�, verbesserte ihn Landoran in aufreizender Ruhe. �In zwanzig Tagen wird Lyndwyn ein Tor zum Albenstern bei Firnstayn �ffnen. Sie wird dich und die Menschen sicher hierher zur�ckgeleiten. Bis dahin wirst du dich mit den Diensten Lysillas begn�gen m�ssen. Sie ist eine erfahrene Magierin. Gemeinsam mit Ronardin wird sie dir helfen, die Menschen auf ihre Ankunft in Albenmark und auf den Krieg vorzubereiten.�</p><p>�Es ist nicht in Emerelles Sinn, dass der Albenstein hier zur�ckbleibt. Ich verlange die Herausgabe des Artefakts!�</p><p>Landoran hob missbilligend eine Braue. Diesen abf�lligen Gestus hatte Ollowain schon als Kind bei ihm gehasst!</p><p>�Ich glaube nicht, dass du entscheiden kannst, was in Emerelles Sinn ist, zumal die K�nigin nicht �ber die besonderen Gegebenheiten unterrichtet ist. W�re sie hier, so w�rde sie guthei�en, was wir tun.�</p><p>Ollowain war fassungslos. Das �bertraf das �bliche Ma� von Landorans �berheblichkeiten bei weitem! Der Schwertmeister kannte den Sprecher des Rates gut genug, um zu wissen, dass Widerstand im Augenblick zwecklos war. Landoran w�rde nicht z�gern, ihn unter Arrest stellen zu lassen, wenn er gegen dessen Entscheidungen aufbegehrte.</p><p>�Ich f�ge mich der Weisheit des Rates�, log Ollowain glattz�ngig. Wenn er wiederkam, dann w�rde er ein Heer hinter sich haben. Selbst wenn es nur Menschen waren, stellten sie eine Macht dar, �ber die Landoran nicht einfach hinweggehen konnte.</p><p>Einen Augenblick lang wirkte Landoran �berrascht. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. �Ich werde veranlassen, dass deine Abreise so schnell wie m�glich erfolgen kann. Du sollst ein Pferd und eine R�stung von uns bekommen, damit du das Volk der Normirga angemessen vertreten kannst.�</p><p>Ollowain nickte. Bei der Flucht hatte er seine R�stung verloren. Als ein Krieger sollte er mehr als nur ein Hemd tragen, auch wenn es dabei lediglich um Eitelkeiten ging, denn gegen die wuchtigen Keulenhiebe der Trolle w�rde ihn keine R�stung sch�tzen.</p><p>�Wir haben Boten zur Mehrheit aller Albenv�lker geschickt. Wenn Elfen, Kentauren, Lamassu und all unsere anderen Br�derv�lker uns in unserem Kampf unterst�tzen, dann werden wir die Trolle mit Leichtigkeit besiegen.�</p><p>Sein Vater l�chelte d�nn. �Das Angebot der Menschenkinder ist milit�risch vielleicht fragw�rdig, aber diplomatisch ist es von unsch�tzbarem Wert. Sie besch�men die �brigen Albenv�lker, indem sie uns unterst�tzen. So k�nnte es sein, dass sie zum Kern eines gro�en B�ndnisses werden.�</p><p>Ollowain wurde es immer w�rmer. Er sp�rte, wie sich Schwei�tropfen auf seiner Stirn bildeten. Die Luft in der Himmelshalle erschien ihm seltsam dr�ckend. Den Mitgliedern des Rates schien das nichts auszumachen. Oder ging es nur ihm so? Verfluchte Zauberei! Er w�rde seinem Vater zutrauen, dass er es im Pavillon w�rmer werden lie�, nur um ihn zu erniedrigen. Hier vor den �ltesten zu stehen, ben�sst vom Schwei�, das war fast so peinlich, als k�nne er sein Wasser nicht halten. Sie machten ihn zum Kind!</p><p>�Hast du noch irgendwelche Vorschl�ge oder gar Einw�nde?�, fragte Landoran arglos.</p><p>�Nein!� Ollowain wollte nur noch so schnell wie m�glich aus dem Pavillon heraus.</p><p>Der Rat beendete seine Sitzung. Schweigend zogen seine Mitglieder davon. Es waren ungew�hnlich wenige, dachte Ollowain bei sich. Wo waren die anderen? Und was war mit Lyndwyn geschehen?</p><p>Der Schwertmeister ging zur Br�cke hin�ber. Auch au�erhalb des Pavillons kam es ihm schw�l vor. Sein Blick schweifte �ber das weite Tal. Die B�ume litten so wie er. Ihre Bl�tter hingen schlaff von den �sten. Etwa eine halbe Meile entfernt stieg eine wei�e Dampfwolke aus einem der Pfeiler.</p><p>Ollowain trocknete sich mit dem �rmel die Stirn. Wenn er aus der Welt der Menschen zur�ckkehrte, w�rde er herausfinden, was hier vor sich ging!</p></section><section><title><p>Stangenbeile und Spiesse</p></title><p>Alfadas zog den St�tzriemen seines Schildes �ber die Schulter und nickte Lambi zu. Der verst�mmelte Krieger reckte seinen Kn�ppel hoch. �Seid ihr bereit, ihr g�tterverfluchten Hurens�hne?�</p><p>Statt zu antworten, schlugen sich die Krieger mit den Kn�ppeln auf die Schilde. Etwas mehr als f�nfzig waren es mittlerweile. Erfahrene K�mpen, die schon etliche Schlachten geschlagen hatten. Nur war der gr��te Teil von ihnen nicht freiwillig hier! Alfadas hatte ihnen die Ketten abnehmen lassen, damit sie w�hrend der langen �bungsstunden besser k�mpfen konnten, aber die eisernen Fu�- und Beinreifen hatten sie behalten. Und jede Nacht wurden sie in ihrem Quartier angekettet.</p><p>�Macht ihnen Angst!�, rief Lambi. Der ehemalige Jarl hatte es �berraschend leicht aufgenommen, als Silwyna ihn im Schwertkampf besiegt hatte. Noch �berraschter war Alfadas, dass Lambi tats�chlich noch keinen Fluchtversuch unternommen hatte. Solange er ihn unter Kontrolle hielt, w�rden sich auch die �brigen Krieger f�gen. Zumindest diejenigen, die nicht freiwillig hier waren.</p><p>�Macht mehr Krach!�, schrie Lambi und drosch auf seinen Schild ein. �Und geht nicht so dicht beieinander. Vergesst nicht, wir sind riesige Ungeheuer, die darauf brennen, ein paar Bauernsch�del einzuschlagen. Wir sind nicht hier, um uns unsere �rsche aneinander zu reiben. Das k�nnt ihr diese Nacht wieder machen, wenn sie uns im Stall anketten!�</p><p>Die Krieger mochten seinen derben Humor. Sie lachten und folgten seinem Befehl. Ihre Reihe f�cherte weiter auf. Alle waren sie mit Lederpanzern oder Kettenhemden, Schilden und Helmen gewappnet wie zur Schlacht. Doch statt �xten und Schwertern trugen sie nur schwere Kn�ppel. Sie zogen �ber den Kies des Ufers der Formation der Bauern entgegen. Silwyna, Mag und ein halbes Dutzend andere f�hrten dort das Kommando. Fluchend versuchten sie die Bauern in Formation zu halten. Die ersten vier Reihen waren mit f�nf Schritt langen Spie�en bewaffnet. Fast f�nfhundert Mann. Darauf folgten zwei Reihen mit M�nnern, die Stangenbeile trugen. Isleif, ein Schmied aus irgendeinem Dorf, von dem Alfadas noch nie zuvor geh�rt hatte, hatte diese neuartige Waffe ersonnen. Man nahm ein Beil, setzte es auf eine zwei Schritt lange Stange und versah die Spitze der Stange mit einem eisernen Dorn. Mit diesen Beilen konnte man zuschlagen, bevor man in Reichweite der Trollkeulen geriet. Alle Schmiede in Honnigsvald waren derzeit damit besch�ftigt, Stangenbeile zu fertigen.</p><p>Der dritte Block in der Bauernformation bestand aus Bogensch�tzen. Sie sollten �ber die K�pfe ihrer Kameraden hinweg schie�en.</p><p>�Schie�t!�, erklang die klare Stimme Silwynas. Surren erf�llte die Luft. Alfadas riss im Reflex seinen Schild hoch. Doch die M�he h�tte er sich sparen k�nnen. Die mit Lumpen umwickelten Pfeile schlugen ein ganzes St�ck vor ihnen in den Kies.</p><p>Es waren nur noch zwanzig Schritt bis zu den Spie�tr�gern der vordersten Reihe.</p><p>�Lauft!�, schrie Lambi.</p><p>Im selben Augenblick senkten sich die langen Piken. Obwohl Mag und seine Leute das Man�ver schon seit Tagen �bten, geriet ihre Formation in Unordnung.</p><p>Eine zweite Salve Pfeile verfehlte die Angreifer. Diesmal hatten die Bogensch�tzen zu weit geschossen. Mit ohrenbet�ubendem Krachen prallten die Krieger in die Pikenformation. Eigentlich sollten die Verteidiger mehrere Speerspitzen auf jeden Angreifer richten, doch sie gerieten hoffnungslos durcheinander. Alfadas dr�ckte zwei Piken mit seinem Schild zur Seite. Dadurch, dass die Bauern vier Reihen tief standen, bedrohten ihn immer noch etliche Stahlspitzen. W�tend drosch er auf eine Pike ein. Einige der Krieger rechts und links von ihm gingen zu Boden. Die Bauern aus der vierten Reihe hatten lange Haken an den Speerbl�ttern angebracht und angelten damit nach den Fersen der Angreifer.</p><p>Lambi hatte sich bis zu den Bauern vorgearbeitet. In bester Laune stie� er den M�nnern seinen Kn�ppel vor die Brust. �Du bist tot!�, rief er. �Und du bist tot! Und noch ein totes B�uerlein f�r meine Festtafel!� Etliche der Pikentr�ger lie�en ihre Waffen fallen, die nicht mehr zur Verteidigung taugten, wenn die Angreifer erst einmal am Speerblatt vorbei waren. Sie rannten in die M�nner mit den Stangenbeilen, die vorgehen sollten, sobald die Pikenformation zu zerbrechen drohte.</p><p>Mag versuchte mit w�tenden Rufen seine M�nner auf ihren Posten zu halten. Lambis Krieger schlugen sich lachend ihren Weg durch das hilflose Menschenkn�uel. Wenigstens hatte Silwyna ihre Bogensch�tzen noch unter Kontrolle. Sie zogen sich wohlgeordnet zur�ck.</p><p>Alfadas schob zwei M�nner zur Seite und griff nach dem Horn an seinem G�rtel. Ein lang gezogenes Signal war das Zeichen, die Schlacht zu beenden. Die K�mpfenden trennten sich voneinander. Einige M�nner bluteten; im Rausch des Gefechts hatten sie sich nicht mehr z�geln k�nnen. Der Herzog nahm das billigend in Kauf. Wer einen Kn�ppel �ber den Scheitel gezogen bekommen hatte, w�rde beim n�chsten Mal vielleicht besser seine Stellung halten. Oder er w�rde noch schneller davonlaufen.</p><p>St�hnend lie�en sich die Krieger entlang des Ufers nieder. Es war ein sonniger Tag. Auf dem Fjord wimmelte es nur so von Booten. Auch bei Honnigsvald war die Flusssilberernte in vollem Gange. Die ganze Stadt atmete den w�rzigen Duft der R�ucherh�user. Kaum jemand hatte Zeit, sich die �bungen am Flussufer anzusehen. Alfadas ging zu dem Felsen, von dem aus Ulric der Schlacht zugesehen hatte. Sein Sohn empfing ihn mit stolzem L�cheln.</p><p>�Du hast wieder gewonnen, Vater! Niemand kann dich und deine Krieger aufhalten.�</p><p>�Tja, so sieht es aus.� Der Herzog legte seinen Schild ab und �ffnete den Kinnriemen seines Helms. M�de griff er nach der Wasserflasche, die Ulric geh�tet hatte. Jeder dieser Siege lie� seine Hoffnung sinken, lebend aus Albenmark zur�ckzukommen.</p><p>�Stimmt etwas nicht, Vater?�, fragte Ulric pl�tzlich besorgt.</p><p>Was sollte er seinem Jungen darauf sagen? Alles stimmte nicht! �Wir werden noch sehr viel �ben m�ssen, bis mein Heer gut k�mpft.�</p><p>Ulric nickte. �Bleibe lieber in der N�he von Lambi und den anderen Kriegern. Sie k�mpfen besser.�</p><p>�Ich danke dir f�r deinen Rat, mein Sohn�, sagte er ernst. Er hatte viel zu wenig Zeit mit Ulric verbracht. Es w�re kl�ger gewesen, ihn gar nicht mitzubringen. Doch der Junge genoss es, unter den Kriegern zu sein. F�r ihn war die Reise ein gro�es Abenteuer. �Was glaubst du denn, wer der beste Schwertk�mpfer ist?�</p><p>Ulric deutete zu den Bogensch�tzen. �Silwyna. Niemand wird so gut auf dich achten wie sie!�</p><p>Die Antwort versetzte Alfadas einen Stich. Ahnte sein Sohn etwas? �Ist sie wirklich so gut?�</p><p>Der Junge nickte. �Ich habe ihr zugesehen. Du warst doch dabei, als sie Lambi besiegte. Erst hat sie so getan, als k�nne sie seine Hiebe nur mit M�he parieren. Er hat sich m�de gek�mpft. Und dann pl�tzlich ... Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie ihn entwaffnet hat. Es war, als habe sie eine falsche Haut abgestreift. Pl�tzlich war sie jemand ganz anderes. Wie eine Katze, die mit einer Maus spielt und sie dann pl�tzlich t�tet. Ich finde ihre Augen unheimlich. Gut, dass sie deine Freundin ist. Sonst w�rde ich mich vor ihr f�rchten.�</p><p>Alfadas war erleichtert, als er diese Argumente h�rte. Und zugleich war er stolz auf seinen Sohn. Der Vergleich mit der Katze hatte ihm gut gefallen. So war Silwyna wirklich! Elegant, unberechenbar, t�dlich. In ihr lebte etwas Wildes, dem er nie nahe gekommen war. Und oft hatte er gedacht, dass es diese urspr�ngliche Kraft war, das Animalische in ihr, das sie zur�ck in die W�lder gerufen hatte. Sie konnte nicht anders! Der Herzog schreckte auf. Pl�tzlich war es still geworden. Das Murmeln der ersch�pften M�nner war verstummt. Drei Reiter kamen das Ufer des Fjords entlang. Und obwohl Alfadas am Hof Emerelles aufgewachsen war, stockte auch ihm der Atem. Es war, als seien drei Gestalten aus den Sagen der Alten pl�tzlich in die Welt der Menschen getreten. Zwei der Reiter waren in makelloses Wei� gekleidet. Sie sa�en auf Schimmeln, schlanken und zugleich starken Pferden. Rennern, die dem Wind davonlaufen konnten. Der Dritte ritt einen Grauen. Die Farben seiner Gew�nder waren grau und weinrot.</p><p>Sie alle trugen Brustplatten, die funkelten, als seien sie aus Silber und Gold gefertigt. Glei�end brach sich das Licht auf den Helmen. Weite Umh�nge bauschten sich hinter ihnen, und von den Helmen flatterte Rosshaar im Wind. Jede ihrer Bewegungen wirkte majest�tisch. Kein Mensch w�rde je so vollendet im Sattel sitzen, konnte so sehr eins sein mit den Bewegungen der Rosse. Atemlos sahen alle zu, wie die geheimnisvollen Reiter n�her kamen und direkt auf Alfadas zuhielten. Der Herzog erkannte seinen Lehrmeister, auch wenn dessen Gesicht hinter dem Helm mit dem Nasenschutz und den weit herabgezogenen Wangenklappen fast v�llig verborgen blieb.</p><p>Die drei z�gelten ihre Rosse kaum anderthalb Schritt vor ihm. Ulric dr�ckte sich an Alfadas� Seite.</p><p>Der Anf�hrer der Reiter sa� ab und kniete �berraschend vor dem Herzog nieder. �Ich gr��e dich, Alfadas Mandredson! Mein Volk schickt mich, um dir zu Diensten zu sein. Wir sollen helfen, deine Krieger auszubilden, um sie nach Albenmark zu f�hren, wenn die Zeit gekommen ist.�</p><p>Alfadas war der Auftritt seines Fechtmeisters und Ziehvaters unangenehm. Er packte Ollowain bei den Schultern. �Du solltest nicht vor mir knien�, sagte er leise. �Ein Meister kniet nicht vor seinem Sch�ler.� Der Elf antwortete darauf nicht, doch erhob er sich. Dem Herzog war klar, was diese Geste zu bedeuten hatte. Sie sollte seine Stellung unter den Menschen st�rken. Alle sollten sehen, dass selbst die unheimlichen Elfenkrieger dem Feldherrn Alfadas Mandredson Respekt erwiesen.</p><p>�Es tut gut, dich zu sehen, Alfadas�, sagte Ollowain leise und dr�ckte seinen Arm. Der Schwertmeister wandte sich den beiden anderen Elfen zu. �Darf ich vorstellen, Lysilla und Ronardin.�</p><p>Die beiden waren inzwischen ebenfalls abgesessen und hatten die Helme abgenommen. Die Elfe streckte Alfadas die Hand entgegen. Als er ihr in die Augen sah, zuckte er unwillk�rlich ein wenig zur�ck. Sie l�chelte am�siert. Offensichtlich reagierten nicht nur Menschen so auf sie. Lysilla hatte etwas Unnahbares, Unheimliches. Ihr H�ndedruck war fest und k�hl. Ganz anders Ronardin. Er wirkte herzlich und neugierig. Seine Augen wanderten rastlos hin und her, begierig, sich nichts von der Welt der Menschen entgehen zu lassen.</p><p>Alfadas unterrichtete die Elfen �ber den Stand der Ausbildung. Lysilla und Ronardin blieben v�llig unger�hrt, als er ihnen davon erz�hlte, dass die Mehrheit der M�nner keine Krieger waren und ihr Wert in einer Schlacht, vorsichtig ausgedr�ckt, zweifelhaft war. Ollowain hingegen war seine Betroffenheit deutlich anzusehen. In den folgenden Tagen war es vor allem der Schwertmeister, der all sein K�nnen und seinen Erfindungsreichtum daransetzte, die Menschen so gut wie m�glich auszubilden. Er lie� Puppen aus Weidenruten flechten, die so gro� wie ein Troll waren und doch zugleich so leicht, dass ein einziger Mann sie ohne M�he heben konnte. Immer wieder lie� er die erfahrenen Krieger unter diese Puppen schl�pfen und gegen die Formation der Pikentr�ger anst�rmen. So wollte er erreichen, dass nicht allein der Anblick der Trolle die Menschen schon v�llig demoralisierte. Auch wurde er nicht m�de, jedem Einzelnen zu erkl�ren, wo ihre riesigen Gegner am verwundbarsten waren.</p><p>Ronardin und Lysilla unterrichteten die etwa hundert erfahrenen Krieger. Und sie schafften es, fast alle davon zu �berzeugen, ihre R�stungen und Schilde abzulegen, da der beste Schutz gegen Trolle die Beweglichkeit war. Alfadas widmete sich vor allem den Pikentr�gern. Immer wieder erkl�rte er, wie wichtig es war, sich nicht als eine starre Wand aus langen Speeren zu verstehen. Sie sollten ihre Waffen gezielt auf einzelne Angreifer ausrichten, um sie mit m�glichst vielen Speerbl�ttern zu verwunden. Auch sollten sie die Piken schr�g gegen den Boden stemmen und mit einem Fu� abst�tzen, weil kein Mann der Welt die Kraft h�tte, dem Aufprall eines Trolls standzuhalten. Gerade was dies anging, hoffte Alfadas auf die Lehren, die seine M�nner aus dem letzten �bungsgefecht ziehen w�rden.</p><p>Abends, wenn die Freiwilligen sich von den Strapazen des Tages erholen konnten, wurden die Unterf�hrer zusammengerufen und erhielten in der Festhalle von Honnigsvald noch zus�tzliche Unterweisungen. Silwyna erz�hlte von den verschiedenen V�lkern Albenmarks und davon, welche Gesch�pfe sie schon bald treffen w�rden. Lysilla und Ronardin versuchten, sie auf die H�rte des Winters in der Snaiwamark vorzubereiten und wie sie sich bald auf wunderbare Weise gegen die K�lte sch�tzen w�rden. Sie erz�hlten von Eisseglern, den T�cken der Gletscherspalten und malten auf gro�e Holztafeln Karten der Snaiwamark und der angrenzenden Regionen. Auch zeichneten sie Pl�ne der Festung Phylangan auf und markierten darauf die Quartiere, die man f�r die Menschen vorgesehen hatte, sowie die Stellungen, die man den M�nnern des Fjordlands zur Verteidigung zuweisen wollte.</p><p>Alfadas war froh, wenn er dazu kam, vier oder f�nf Stunden Schlaf zu finden. Ulric hielt sich, obwohl er sein Pony bekommen hatte, fast immer an seiner Seite. Begierig lauschte er abends allem, was er �ber Albenmark erfahren konnte, ja manchmal wagte er es sogar, den Kriegsrat mit Fragen zu unterbrechen.</p><p>Bis zuletzt trafen jeden Tag neue Freiwillige ein. Alfadas konnte es nicht fassen: Trotz all der abschreckenden Geschichten, die er in Umlauf gebracht hatte, riss der Zustrom der Verzweifelten, die bereit waren, alles zu riskieren, nicht ab. Da sie nicht mehr richtig ausgebildet werden konnten, wurden die Neulinge zu den Bogensch�tzen und den K�mpfern mit den Stangenbeilen geschickt. Unter den Pikenieren wollte der Herzog niemanden dulden, der seinen Mut nicht in all den m�hsamen �bungsstunden der letzten beiden Wochen bewiesen hatte. Ein einziger Mann in der vordersten Reihe, der seine Waffe fortwarf, konnte eine L�cke �ffnen, die den Untergang aller bedeutete.</p><p>Endlich kam der Tag der letzten Probe. Der Kriegsjarl Mag hatte es tats�chlich geschafft, zehn Stiere aufzutreiben. Doch selbst er ahnte nicht, was Alfadas beabsichtigte.</p><p>Es war kalt an diesem Morgen. Dunst stieg vom Fjord auf und hing gleich wei�en Barten im Wald an den nahen H�ngen. Mit dem ersten Tageslicht war ihre Truppe ausmarschiert. Alfadas stand wieder auf seinem Felsen. Ulric hielt er an seiner Seite. Alle �brigen gingen unten entlang des Ufers in Stellung. Die Man�ver der verschiedenen Einheiten liefen �berraschend gut an diesem Morgen. Pikeniere, Stangenbeilk�mpfer und Bogensch�tzen stellten sich mit dem R�cken zum Fjord auf. Auf den Flanken platzierte Alfadas je einen Trupp aus f�nfzig erfahrenen Kriegern. Ragni und Lambi befehligten diese beiden Kriegereinheiten. Sie sollten die M�nner vor Angriffen von der Seite abschirmen.</p><p>Alle unten am Ufer wussten, dass Alfadas f�r diesen Morgen eine abschlie�ende Probe vorgesehen hatte. Danach sollte es ein Fest geben, und am n�chsten Tag w�rde das kleine Heer in Richtung Firnstayn abr�cken. Der Herzog hatte Schaulustigen verboten, sich am Ufer einzufinden. Wer zusehen wollte, der musste dies von einem Boot aus tun. Zum ersten Mal waren an alle M�nner scharfe Waffen ausgeteilt worden. Es war gut, dass ein Block aus neunhundert Mann die Einheiten von Lambi und Ragni trennte. Zwischen den beiden Kriegern hatte sich in den letzten Tagen eine t�dliche Rivalit�t entwickelt. Ragni hatte die K�nigstreuen um sich gesammelt und Lambi all jene, die man in Ketten nach Honnigsvald gebracht hatte. Bisher war es Alfadas gelungen, diese Rivalit�t zu nutzen, um beide Gruppen zu H�chstleistungen anzuspornen. Doch inzwischen war das Verh�ltnis zwischen den Kriegerbanden so schlecht, dass der Herzog bef�rchtete, sie w�rden sich gegenseitig an die Kehle gehen, wenn sie nur die Gelegenheit dazu h�tten.</p><p>�M�nner!�, rief Alfadas. Sein Atem stand ihm in wei�en Wolken vor dem Mund. �An diesem Morgen wird sich zeigen, was ihr gelernt habt. Vorbei sind die Zeiten, in denen ihr gegen Weidenm�nner und freundlich gesonnene Kn�ppelschwinger gek�mpft habt. Hier und jetzt werdet ihr einem Feind aus Fleisch und Blut entgegentreten. Einem Gegner, so ungest�m und unbarmherzig, wie die Trolle es sind. Er lauert im Wald und wartet darauf, euer Blut zu vergie�en. Dies ist nun die allerletzte Gelegenheit, die Truppe zu verlassen.� Der Herzog l�ste ein mit Silber eingefasstes Signalhorn von seinem G�rtel und hielt es hoch �ber seinen Kopf. Dann deutete er damit auf den dunklen Wald jenseits des Uferstreifens.</p><p>�Wenn ich dreimal ins Horn sto�e, dann werden unsere Feinde aus der Dunkelheit brechen. Und so wie ihr in Albenmark nicht gegen menschliche Gegner k�mpfen werdet, so werdet ihr auch hier gegen einen Feind bestehen m�ssen, der nicht von eurer Art ist.�</p><p>Wie um seine Worte zu unterstreichen, erklang aus dem Wald ein lang gezogenes Heulen. Ein Laut, fast wie Wolfsheulen und doch anders. Alfadas musste sich sehr beherrschen, um nicht zu l�cheln. Silwyna machte ihre Arbeit wirklich gut!</p><p>Ulric hatte seine kleinen H�nde in Alfadas� Waffenrock gekrallt. �Uns kann hier oben nichts geschehen�, sagte der Herzog leise.</p><p>Am Ufer war es totenstill geworden. Unruhe hatte die M�nner gepackt. Au�er den Elfen wusste niemand, was bei dieser letzten Probe geschehen w�rde. Die langen Nebelb�nke am Ufer waren dichter geworden. Seine M�nner w�rden erst im allerletzten Augenblick erkennen, was sie angriff.</p><p>Von der Flanke, auf der Lambis Krieger standen, erklang trotziges Gel�chter. Der Rebell hatte seine Leute gut im Griff. Ihr Lachen wirkte sich auch auf die �brigen K�mpfer aus. Die Spannung lie� ein wenig nach. �Gibt es also keinen, der gehen m�chte?�, fragte Alfadas erneut. �Dies ist die letzte Gelegenheit. Wer nach diesem Morgen mein Heer verl�sst, den werde ich gnadenlos jagen. Jeder soll sich auf den Mann an seiner Seite verlassen k�nnen. Feigheit und Verrat darf keinen Platz in unserer Mitte haben, denn dann sind wir in Albenmark dem Tode geweiht. Wessen Herz also zu schwach ist, der soll gehen! Nicht jeder ist dazu geschaffen, ein Krieger zu sein. Und jetzt zu gehen, erfordert kaum weniger Mut, als dem Feind ins Auge zu blicken. Spottet also nicht �ber jene, die uns verlassen wollen.�</p><p>�Darf ich auch gehen?�, erklang die unverkennbare Stimme Lambis. �Ich bin mutig genug, mich selbst einen Feigling zu nennen, auch wenn ich niemand anderem raten m�chte, so von mir zu reden.�</p><p>�Du hast deine Gelegenheit, dich zu verabschieden, verwirkt, als du von einem Weibsbild im Schwertkampf besiegt worden bist, Lambi, �ber dessen Nase man nicht redet.�</p><p>Alfadas� Worte wurden mit Gel�chter aufgenommen.</p><p>�Ein Elfenweibsbild, bittesch�n!�, rief Lambi beleidigt. �Ein Weibsbild, das tausend Jahre �ben musste, um den gro�en Lambi besiegen zu k�nnen!�</p><p>Der Herzog �berging die Worte des Kriegsjarls. �Also gibt es jemanden, der gehen m�chte?� Das Gel�chter verebbte. Tats�chlich legten etwa drei�ig M�nner die Waffen nieder und gingen zur Stadt zur�ck. Alfadas war �berrascht, Kodran, den �ltesten der drei Br�der vom F�hrboot, unter ihnen zu sehen.</p><p>Als jene, die der Mut verlassen hatte, im Morgendunst verschwunden waren, hob der Herzog sein Horn an die Lippen. Drei kurze, bellende Signale forderten den verborgenen Feind im Wald. Als Antwort erklang noch einmal das lang gezogene Heulen, diesmal begleitet vom Ger�usch brechender �ste. Etwas Gro�es bahnte sich seinen Weg durchs Unterholz.</p><p>�Senkt die Piken!�, befahl Ollowain mit ruhiger Stimme. Gemeinsam mit Ronardin stand er in der vordersten Reihe, w�hrend Lysilla Lambi und seine Krieger beaufsichtigte.</p><p>�Pfeile heraus!�, rief Mag bei den Bogensch�tzen. Ihm war die Anspannung deutlich anzuh�ren.</p><p>Ein dichtes Nebelband lag zwischen dem Wald und dem Ufer. Pl�tzlich erbebte der Boden. Kies knirschte. Schwere Hufe donnerten vor ihnen. Selbst Alfadas konnte von seiner erh�hten Position aus nicht erkennen, was dort heranst�rmte. Obwohl er freilich genau wusste, wer sie angriff.</p><p>Die Gesichter der M�nner in seiner N�he waren aschfahl. Trotz der K�lte stand ihnen der blanke Schwei� auf der Stirn. Dann brach ein gro�er, geh�rnter Sch�del aus dem Nebelgrau. Das Splittern von Piken und das Schreien von st�rzenden M�nnern hallte �ber den Uferstreifen. Pfeile flogen dem unsichtbaren Gegner entgegen. Lautes Br�llen erklang als Antwort.</p><p>Eine massige, schwarze Gestalt war in die Pikenformation eingebrochen. Stangenbeiltr�ger st�rmten vor. Ihre schweren Klingen zerhackten Schultern und Sch�del des Stieres. Dunkles Blut quoll �ber den grauen Kies. Breite Wunden klafften im Fleisch des Stiers.</p><p>Schon kamen die n�chsten Bullen heran. Lambis M�nner gingen br�llend zum Gegenangriff �ber. Eine Windb� zerteilte den Nebel. Schlie�lich waren nur noch drei Stiere auf den Beinen. Pfeile steckten ihnen im R�cken. Sie scheuten vor dem Kriegsgebr�ll von Lambis M�nnern zur�ck.</p><p>Sieben Stiere lagen von Piken durchbohrt im Kies. Als die M�nner erkannten, gegen was sie k�mpften, dr�ngten alle vor. Die Formation zerbrach, und die letzten Stiere wurden erbarmungslos niedergehauen. Alfadas war zufrieden. Sein Heer hatte sich besser geschlagen, als er erwartet hatte. Keiner der Stiere war bis zum Wasser des Fjords durchgebrochen, alle M�nner waren auf ihren Posten geblieben. Als N�chstes w�rden sie jedoch lernen m�ssen, dass sie ihre Schlachtreihe nicht so schnell zersplittern durften, wenn der Sieg nahe schien.</p><p>Vom Waldrand winkte Silwyna. Alfadas setzte sein Horn an die Lippen. Noch einmal lie� er drei kurze, bellende Signale erklingen. Das Geschrei der M�nner verstummte.</p><p>�Heute wollen wir es wie unsere k�nftigen Feinde halten und die besiegten Gegner fressen�, rief er seinen Kriegern zu. �Ihr habt gut gek�mpft! Nun vergn�gt euch. Morgen, bei Sonnenaufgang, werden wir nach Firnstayn marschieren.�</p></section><section><title><p>Heimat</p></title><p>Orgrim sp�hte in den Dunst. Er h�rte das Rumoren der Gletscher. Gro�e Eisbrocken trieben am Rumpf vorbei. Sie waren tief in die Walbucht vorgesto�en, doch seine Karten waren ungenau. Er konnte nicht bestimmen, wo sie sich befanden.</p><p>Nicht mehr lange, und die Morgensonne w�rde die Nebelschleier zerrei�en. Sie waren der K�ste sehr nahe. Die <emphasis>Geisterwind</emphasis> machte nur langsame Fahrt. Die halbe Nacht hindurch hatte er dem Lied der Gletscher gelauscht. Dem dumpfen Get�se, mit dem sich Eisbrocken l�sten und ins Wasser st�rzten. Keiner an Bord hatte in dieser Nacht ein Auge zugetan. Alle seine Krieger und Seeleute hatten irgendeinen Grund gefunden, sich an Deck aufzuhalten. Und dieses eine Mal hatte er es ihnen durchgehen lassen. Ging es ihm doch selbst nicht anders als ihnen. Ganz nahe, jenseits des Nebels, lag das Land, aus dem sein Volk seit mehr als siebenhundert Jahren vertrieben war. Mandrag war der Einzige an Bord, der ihre Heimat schon einmal gesehen hatte. Selbst Birga, die Schamanin, war in der Welt der Menschen geboren worden. Und nun waren sie die Ersten, die heimkehrten! Branbart hatte ihn mit dieser Aufgabe bestrafen wollen, doch alle an Bord der <emphasis>Geisterwind</emphasis> sahen sich als Auserw�hlte. Sie w�rden die Ersten sein, die von den Normirga a�en! Orgrim war sich sicher, dass er den Elfen einige empfindliche Schlappen beibringen konnte, wenn sich Branbart nur nicht zu lange mit der Eroberung Reilimees aufhielt.</p><p>Laute Rufe schreckten den Rudelf�hrer aus seinen Tagtr�umen. Neben dem Rumpf der <emphasis>Geisterwind</emphasis> zerteilten gro�e schwarze Finnen das graue Wasser. M�rderwale! Es waren J�ger, so wie sie. R�uber, die selbst einen Troll mit einem einzigen Biss zu t�ten vermochten. Mit ihrer schwarzwei�en Zeichnung waren sie sch�n anzuschauen. Sie gaben der Galeasse ein Ehrengeleit. Das war ein gutes Omen! Er blickte hin�ber zu Birga, die sich wie stets etwas abseits hielt. Die Schamanin st�tzte sich schwer auf ihren Knochenstab. Sie schien auf seinen Blick gewartet zu haben und nickte, als w�sste sie schon, was er fragen wollte.</p><p>�Ein gutes Zeichen! Die Geister unserer Ahnen erwarten uns.� Birga hatte eine rauchige, angenehme Stimme. Wie Skanga ging sie leicht gebeugt. Orgrim wusste nicht, wie alt die Schamanin war, doch musste sie viel j�nger als ihre Ziehmeisterin sein. Im ganzen Volk der Trolle gab es nur eine Hand voll, die so alt wie Mandrag waren. Es geschah nur selten, dass jemand mehr als hundert Winter �berlebte. Und niemand war wie Skanga. Von ihr fl�sterte man, sie sei alt wie die Zeit und eines der ersten Gesch�pfe der Alben.</p><p>Birga trug ein Gewand aus einander �berlappenden Leder- und Fellstreifen. Sie hatte hunderte davon zu einem Kleid vern�ht. Jeder Streifen stammte von einem anderen Tier. Manche waren auch aus Troll- oder Menschenhaut. Die Schamanin hatte eine Kapuze �ber den Kopf gezogen. Ihre H�nde waren unter schmutzigen Bandagen verborgen. Und ihr Antlitz versteckte sich hinter der Gesichtshaut eines der fr�heren Lieblingsweiber des K�nigs. Birga hatte sie der Hure abgezogen, weil sie versucht hatte, Branbart einen Bastard unterzuschieben.</p><p>Die Schamanin, die sich ganz in H�ute kleidete, zeigte nicht das kleinste St�ck ihrer eigenen Haut. Unz�hlige Ger�chte machten �ber sie die Runde. Es hie�, sie habe ein dichtes Fell wie ein Hund, Schuppen wie ein Fisch, oder sie sei von Kopf bis Fu� mit Zauberrunen t�towiert, die ihr erlaubten, Gedanken zu lesen, solange sie die Runen vor allen Blicken verbergen konnte. Orgrim wusste mit Sicherheit, dass er nicht versuchen w�rde, dem Geheimnis der Schamanin auf den Grund zu gehen. Sie hatte etwas an sich, das ihn frieren lie�, wenn er in ihre kalten, grauen Augen blickte. Es bereitete Birga Freude, andere zu qu�len. Und sie hatte eine ganz besondere Art, jeden zum Sprechen zu bringen ... Auch die Hure des K�nigs hatte zum Schluss alles erz�hlt.</p><p>�Dort!�, schrie ein Ausguck und deutete nach Westen. �Ich sehe Berge!�</p><p>Der Rudelfiihrer wandte sich abrupt um. Die Nebelschleier zerrissen. F�r einen Augenblick waren sie wie von Zauberhand hinweggefegt. Orgrim sah einen wei�blauen Gletscher, der auf breiter Front in die Walbucht dr�ngte. Das Eis war von tiefen Riefen durchzogen. Dunkle, waagerecht verlaufende B�nder gliederten die steil aufragende Eiswand. Sie mochte achtzig oder neunzig Schritt in die H�he reichen und verlor sich auf beiden Seiten im Nebel.</p><p>Noch w�hrend Orgrim zusah, l�ste sich ein turmgro�es Eisst�ck aus dem Gletscher und st�rzte mit Get�se in die See. Die <emphasis>Geisterwind</emphasis> hob und senkte sich. Einige Mann st�rzten nieder und rollten �ber die Planken. Das Schiff schlingerte gef�hrlich, Brecher schlugen auf das Deck. Orgrim wurde klar, wie leichtfertig es gewesen war, so dicht unter der K�ste zu segeln. Ein kalbender Gletscher k�nnte ihr Schiff zum Kentern bringen. Er gab dem Steuermann ein Zeichen, mehr Abstand zu der Eisfront zu halten.</p><p>�Das ist die Drachenzunge�, murmelte Mandrag halblaut. Dann deutete er in den Nebel. �Dort vorne muss der Knochenfelsen liegen. An seinem Fu� gab es fr�her ein Dorf. Die H�tten waren aus Walkiefern gebaut. Von dort aus bin ich mit meinem Vater im Winter aufs Eis hinausgegangen, um Eisb�ren zu jagen. Man hat sie in der N�he der Ateml�cher gefunden, dort, wo die Robben zum Luftholen auftauchen. Das Eis war rot von Blut, wo ein B�r erfolgreich gejagt hatte. Und die Robben hatten keine Wahl, als dort hervorzukommen. Selbst wenn sie wussten, dass ein R�uber auf sie wartete. Sie w�ren sonst unter dem Eis erstickt.� Dem Alten standen Tr�nen in den Augen. �Frisches B�renfleisch schmeckt k�stlich.� Ein gro�er, grauer Berg erschien im Dunst. Er ragte weit in die Bucht hinaus. Auf seiner Leeseite lag ein guter Ankerplatz. Die <emphasis>Geisterwind</emphasis> w�re dort vor den Winterst�rmen gesch�tzt.</p><p>�Sollen wir hier unser Lager errichten?�, fragte der Rudelfiihrer.</p><p>Mandrag kaute eine Weile nachdenklich auf seiner Lippe. Endlich sch�ttelte er den Kopf. �Nein. Wir sollten noch ein ganzes St�ck nach Norden segeln. Dort gibt es breite Kiesstr�nde. Wir m�ssen die <emphasis>Geisterwind</emphasis> f�r den Winter auf den Strand ziehen. Sie kann nicht im Wasser bleiben. Das Eis w�rde den Schiffsrumpf zerdr�cken. Mein Vater hat mir einmal von einem Elfenschiff erz�hlt, dem es so ergangen war. Sie stellen im Winter ihre Schiffe auf wuchtige Kufen. Damit k�nnen sie schnell wie der Wind auf dem Eis dahinjagen.� Orgrim �berlegte, ob es Sinn machte, die <emphasis>Geisterwind</emphasis> auf Kufen zu stellen. Vielleicht, wenn man das Schiff hinauf zu den Hochplateaus brachte. Aber man w�rde hunderte Trolle brauchen, um die Galeasse �ber das K�stengebirge zu transportieren. Vielleicht sollte er mit Boltan einmal dar�ber reden. Der Gesch�tzmeister war ein steter Quell ungew�hnlicher Ideen. Er hatte auch die Lastschlitten ersonnen, die fest verzurrt im Laderaum der Galeasse auf ihren ersten Einsatz warteten. Mit ihrer Hilfe w�rden sie den Elfen eine t�dliche �berraschung bereiten.</p><p>�Bring das Schiff noch etwa f�nfzig Meilen die K�ste hinauf�, riet Mandrag. �Wir sollten unser Lager nahe dem Eingang zum Swelm-Tal errichten. Von dort ist es nur ein Tagesmarsch zur Wolfsgrube. Fr�her war das nur eine kleine Bergfestung. Ich glaube nicht, dass dort sehr viele Elfen leben. Mit etwas Gl�ck k�nnen wir sie �berrumpeln.�</p><p>Orgrim lie� seinen Blick �ber die K�stenlinie wandern, die sich immer deutlicher im Nebel abzeichnete. Es war eine wunderbar wilde Felslandschaft. Die ferne Heimat, die seit Generationen nur noch in Erz�hlungen weitergelebt hatte. Eine frische Brise kam von See und vertrieb die letzten Nebelb�nke. Der Rudelf�hrer strich sich �ber seine nackten Oberarme. Er liebte es, den Biss des Windes auf seiner Haut zu sp�ren.</p><p>Jetzt war die Farbe der Felsen deutlich im hellen Morgenlicht zu erkennen. Sie waren vom gleichen Grau wie seine Haut. Schmunzelnd erinnerte er sich an eine Geschichte aus seiner Kinderzeit. Darin hie� es, der rebellischste unter den Alben, der gr��te Held aus dem Krieg gegen die Devanthar, habe die ersten Trolle aus dem Felsen dieser Berge geschlagen und ihnen Leben eingehaucht.</p><p>Orgrim strich �ber seine raue Haut. Die Geschichte war leicht zu glauben, wenn man diese K�ste sah. Sie waren nach Hause zur�ckgekehrt!</p></section><section><title><p>Der Fluchpfeil</p></title><p>Das Zelt des K�nigs war hell erleuchtet. Der kalte Herbstwind riss an dem roten Stoff und lie� die Flammen der Fackeln tanzen. Es war mitten in der Nacht, und Alfadas sch�umte vor Wut. Horsa hatte ihn aus den Armen Aslas gerissen und zu sich befohlen.</p><p>Der K�nig, sein Hof und die gewaltige Eskorte, die ihn begleitete, lagerten au�erhalb des Dorfes. Auch der Gro�teil des Heeres aus Honnigsvald musste die Nacht im Freien verbringen, da Fimstayn bei weitem nicht gen�gend Quartiere f�r so viele G�ste zu bieten hatte. Dutzende Lagerfeuer leuchteten entlang des Fjords. Alfadas konnte sich gut vorstellen, wie seine M�nner, in ihre d�nnen Decken geh�llt, darauf warteten, dass die Nacht endlich vor�ber ging. Wie sie in die Glut ihrer Feuer starrten und sich ausmalten, was der morgige Tag wohl bringen w�rde.</p><p>Ein weiter Kreis von Wachen umgab das Zelt des K�nigs. Sie standen gerade weit genug entfernt, um nicht h�ren zu k�nnen, was drinnen besprochen wurde. Horsa hatte mehr als zweihundert Krieger mitgebracht. F�r eine Eskorte waren das bei weitem zu viele. Der K�nig hatte verk�ndet, er habe keine M�hen gescheut, um seine tapfersten Recken zu verabschieden, wenn sie nach Albenmark gingen. Und auch sein Skalde Veleif hatte viele sch�ne Worte gefunden, um die M�nner einzulullen. Gerade die Bauern und Handwerker, jene M�nner, denen die Ungerechtigkeit im Reich Horsas alles genommen hatte, waren von dieser Geste besonders ger�hrt gewesen. Eine Nacht lang durften sie sich bedeutend f�hlen. Sie glaubten wirklich, der K�nig sei nur um ihretwillen gekommen. Verdammter alter Fuchs, dachte Alfadas. Du verstehst dein Gesch�ft noch immer gut. Er hatte Ollowain mitgenommen, weil er f�rchtete, allein sei er gegen die Schmeicheleien und Intrigen Horsas nicht gefeit.</p><p>Die Wachen winkten sie beide durch, ohne Fragen zu stellen. Horsa war allein in seinem Zelt. Er stand neben einer Pfanne mit gl�henden Kohlen. Der K�nig hielt seine H�nde �ber die Glut, streckte sie und ballte sie zu F�usten. �Ich hasse dieses nasskalte Herbstwetter. Alle Glieder tun mir weh in N�chten wie diesen.� Er wies sie mit einem Kopfnicken an, am Tisch Platz zu nehmen, der die Mitte des Zeltes beherrschte. Eine Platte mit Brot und kaltem H�hnerfleisch hatte Horsa kaum anger�hrt.</p><p>Gegen�ber dem Eingang stand ein schweres Bett mit einem sch�n geschnitzten h�lzernen Rahmen. Ein Berg von Pelzen t�rmte sich auf dem Lager.</p><p>�Warum hast du mich rufen lassen?�, fragte Alfadas k�hl. Er w�nschte die unwillkommene Unterredung so schnell wie m�glich hinter sich zu bringen.</p><p>�Ragni hat mir von der Ausbildung deiner M�nner erz�hlt.� Horsas Tonfall war nicht zu entnehmen, ob dies ein Lob oder ein Tadel sein sollte.</p><p>�Sie werden sich gut schlagen�, entgegnete der Herzog.</p><p>�Ich k�nnte dir noch einige meiner Reiter mitgeben.� Was wollte der Alte? Alfadas stand nicht der Sinn nach solchen Spielchen. Doch musste er seine Ungeduld beherrschen! Allein schon wegen Asla und der Kinder.</p><p>�Wir w�rden die Pferde deiner Reiter nicht versorgen k�nnen�, mischte sich Ollowain ein. �Wir m�ssen �ber eine weite Eisebene marschieren. Die Tiere w�rden dort zu Grunde gehen.�</p><p>�Aber eine ganze Herde Schafe k�nnt ihr versorgen?� Der K�nig ballte die H�nde wieder zu F�usten.</p><p>�Die werden wir essen�, sagte der Elf l�chelnd. �F�r sie m�ssen wir kein Futter mitnehmen.� Horsa nickte. �Wie ich sehe, wurde der Feldzug sorgf�ltig vorbereitet. Du wirst diesen Trollen sicher viel �rger machen, Alfadas.� Der K�nig rieb sich seine leere Augenh�hle und setzte sich dann zu ihnen an den Tisch. Horsas Atem stank nach saurem Wein.</p><p>Der K�nig ignorierte Ollowain geflissentlich. Vielleicht, weil er Angst vor ihm hatte, dachte Alfadas. War Horsa wirklich so naiv zu glauben, dass der Schwertmeister nicht wusste, welche Intrige gesponnen wurde? Oder vertraute er darauf, dass es dem Elfen gleichg�ltig war, solange er Krieger f�r die kommenden Schlachten bekam?</p><p>�Ich gestehe, ich mache mir auch Sorgen�, fuhr Horsa fort.</p><p>�Wer soll sich um den Schutz Emerelles k�mmern? Und wer soll sie versorgen? Es gibt keine Heilerin hier im Dorf, nur einen fetten alten Priester.�</p><p>�Deine Sorge um Emerelle ehrt dich, K�nig�, entgegnete Ollowain glattz�ngig. �Doch im Haus meines Freundes Alfadas genie�t Emerelle alle Hilfe, die wir ihr zuteil werden lassen k�nnen. Ich sehe keinen Grund, die K�nigin den Strapazen einer langen Reise an deinen Hof auszusetzen.�</p><p>�Reden wir nicht weiter um den hei�en Brei herum!�, polterte Horsa los. �Ich wei�, dass du mich hintergehen willst, Alfadas! W�re ich nicht hier, du w�rdest vielleicht nicht einmal durch das Tor auf dem Hartungskliff ziehen. Du lauerst auf meinen Thron. Und dein Heer aus Habenichtsen und Verr�tern wie Lambi ist dir v�llig ergeben. Selbst wenn du morgen gehst, wer sagt mir, dass du nicht �bermorgen schon zur�ckkehrst?�</p><p>Alfadas sah Horsa fassungslos an. Jetzt war der Alte wirklich wahnsinnig geworden! �Verzeih, aber es war doch deine Idee, ein Heer aufzustellen, in dem du die Unzufriedenen sammelst, und mich mit ihnen nach Albenmark zu schicken, um dort gegen die Trolle zu k�mpfen.�</p><p>�Das war es nicht!�, grollte der K�nig. �Du und deine Elfenfreunde, ihr habt meine Gutm�tigkeit ausgenutzt und mich dazu verf�hrt. Aber ich durchschaue euren Plan jetzt. Es gibt gar keinen Krieg mit den Trollen in Albenmark! Welchen Beweis h�tte ich auch daf�r, au�er eurem Wort? Ihr habt gewusst, dass ich sofort meine Hilfe anbieten w�rde, wenn ich die Geschichte von der vertriebenen Elfenk�nigin h�re. Und so habt ihr mich dazu gebracht, dass ich dir das Heer verschafft habe, Alfadas, mit dem du meinem Sohn den Thron rauben willst.�</p><p>�So ist es nicht!�, beteuerte Alfadas verzweifelt. �H�re auf dein Herz, und du wirst wissen, dass du von mir nichts zu bef�rchten hast.�</p><p>�Das habe ich in der Tat nicht, wenn du nach Albenmark gehst. Und damit ich ganz sicher bin, dass du nicht wiederkommst, werde ich Asla und deine Kinder mit nach Gonthabu nehmen. Und auch diese schlafende Elfe. Ich sehe wohl, dass sie eine bedeutende Pers�nlichkeit ist. Ich erkenne eine F�rstin, wenn ich ihr begegne. Wenn ich nie wieder von dir h�re, Alfadas, dann wird es ihnen allen gut gehen.�</p><p>Der Herzog legte seine Hand auf den Schwertgriff. �War es nicht sehr unklug, uns Verr�ter in dein Zelt zu rufen?�</p><p>Horsa sah ihn finster an. �Ich bin auf jeden Verrat gefasst. Dein Haus ist umstellt, Alfadas. Wenn mir etwas geschieht, dann stirbt deine Familie. Und deine Bauernkrieger werden von meinen M�nnern im Schlaf �berrumpelt.� Unvermittelt wich sein Zorn, und der K�nig wirkte nur noch traurig. �Geh, Alfadas, und komm nicht wieder. Das ist alles, was ich von dir will. Und glaub nicht, dass ich nicht w�sste, dass ich der Schurke in dieser Saga bin. Du wei�t ja, unsere Heldengeschichten enden immer tragisch und blutig. So ist das im Fjordland. Deshalb hoffe nicht, ich w�rde z�gern, deine Familie ermorden zu lassen, wenn du dich mir widersetzt.�</p><p>�Kennst du die Geschichte von Nazirluma und Aileen?�, fragte Ollowain in einem Tonfall, in dem ein M�rchenerz�hler zu Kindern sprach.</p><p>Alfadas fragte sich, ob der Elf den Ernst der Lage nicht begriff Horsa winkte ab. �Dieser Kinderkram tut jetzt nichts zur Sache. Ich werde morgen deine Familie mitnehmen, Alfadas. Sorge daf�r, dass hier im Dorf niemand Widerstand leistet. Ich w�rde nur ungern ein Blutbad anrichten.� Er wandte sich Ollowain zu.</p><p>�Und du. Mach der Leibw�chterin deiner K�nigin klar, dass selbst die allerbeste Schwertk�mpferin gegen zweihundert Krieger nur unterliegen kann.�</p><p>�Wenn dir am Leben deines Sohns gelegen ist, Horsa, dann solltest du dir lieber meine Geschichte anh�ren.� Der Schwertmeister trug seine Worte h�flich, aber mit Nachdruck vor. �Was gibt es Schlimmeres, als vor dem Grab seines Kindes zu stehen?�</p><p>�Mein Sohn ist nicht einmal hier!�, schnaubte Horsa. �Und ich werde dir und deiner Brut nicht verraten, wo er steckt. Er ist au�erhalb eurer Reichweite!� Seinen Worten zum Trotz wirkte der Alte unruhig. Alfadas h�tte gewettet, dass der K�nig gelogen hatte und Egil irgendwo ganz in der N�he steckte.</p><p>�Bist du sicher? Kannst du dir leisten, dich zu irren, Horsa?�, fragte Ollowain. �Soweit ich wei�, hast du nur diesen einen Sohn.�</p><p>Alfadas sah aus den Augenwinkeln, wie sich etwas unter den Pelzen auf dem Nachtlager des K�nigs bewegte. Er wollte schon sein Schwert ziehen, als er erkannte, dass Dalla, die Heilerin, dort lag. Sie schien sich im Schlaf bewegt zu haben.</p><p>Ollowains Ruhe machte dem K�nig offensichtlich mehr Angst als der Zorn seines Herzogs. �Dann erz�hl deine verfluchte Geschichte, Elf! Aber glaube nicht, das w�rde etwas �ndern. Ich habe alles bedacht!�</p><p>�Nat�rlich!� Der Schwertmeister lehnte sich auf seinem Sitz zur�ck. �Nazirluma war einer der gr��ten Zauberer seiner Zeit. Er war der K�nig des geheimnisvollen Volkes der Lamassu, und die Geschichten, die man sich von ihm erz�hlt, sind ohne Zahl. So sollen ihn seine kr�ftigen Schwingen in einer einzigen Nacht �ber die wei�e See getragen haben, obwohl selbst das schnellste Schiff drei Wochen braucht, um diesen Ozean zu �berqueren. Er war ber�hmt f�r seine hintersinnigen R�tsel, und mancher Zauber, den er wob, wirkt noch immer fort, obwohl Nazirluma seit mehr als zweitausend Jahren tot ist. Gewiss w�rde man noch heute in den allerh�chsten T�nen von diesem au�ergew�hnlichen Weisen sprechen, w�re ihm nicht in seinem Alter die Elfe Aileen aus dem Volk der Maurawan begegnet. Sie kam nach Kandastan an seinen K�nigshof, als dort ein gro�es Bogensch�tzenturnier ausgetragen wurde. Obwohl Aileen im Wettkampf nicht obsiegte, erregte sie die Aufmerksamkeit des alten K�nigs, denn sie war von gro�er Sch�nheit. Als Nazirluma sie sah, wurde er von blinder Liebe ergriffen. Er ersann wunderbare Metaphern auf ihre Sch�nheit, ja, er dichtete einen Gesang aus �ber hundert Strophen, den er ihr h�chstselbst vortrug. Er minnte um sie wie ein J�ngling, der zum ersten Mal sein Herz zu verschenken hat. Zun�chst nahm Aileen seine Geschenke an, denn sie hielt das Liebeswerben des K�nigs f�r einen Scherz. Um sie in ihrem Irrtum zu verstehen, solltest du wissen, dass ein Lamassu den Leib eines gro�en Stiers hat. Aus seinen Flanken aber wachsen ihm weite Adlerschwingen, stark genug, ihn selbst auf den h�chsten aller Berge zu tragen. Nur sein Haupt gleicht dem eines Elfen ... Oder eigentlich eher sogar dem eines Menschen, denn die Gesichter der Lamassu sind stets von wuchtigen Barten gerahmt. Einige Zeit verstrich, bis Aileen begriff, dass der K�nig es mit seinem Werben tats�chlich ernst meinte. Nun sind die Maurawan bekannt daf�r, dass sie ihr Herz auf der Zunge tragen und dass sie sich gern sehr bildhaft ausdr�cken. Und so geschah es, dass Aileen dem K�nig Nazirluma vor seinem Hofstaat ins Gesicht sagte, eher w�rde sie sich mit einem Wolf paaren als mit einem altersschwachen Stier.</p><p>Es hei�t, Liebe und Hass seien zwei Seiten derselben M�nze. Und so blind Nazirluma in seiner Liebe war, so ma�los war er in seinem gekr�nkten Stolz. Kaum hatte Aileen die hohe Halle des Herrschers verlassen, da befahl er seinen Leibw�chtern, die Elfe zu ergreifen und sie die Freuden der Liebe durch einen Lamassu zu lehren, bis sie ihr Leben dabei aushauchte. Und zu ihrer Schande taten die Krieger, wie ihnen gehei�en.</p><p>Aileen vermochte drei Pfeile zu verschie�en, bevor sie ergriffen wurde. Mit zweien streckte sie zwei der gro�en Lamassu nieder. Der dritte aber war ein Gryna-Lah, ein Fluchpfeil, und ihn schickte sie senkrecht in den Himmel hinauf, denn sie wusste wohl, wer ihr die Krieger geschickt hatte. So hatte sie Nazirlumas Namen auf den Schaft eines Pfeils geschrieben und das Geschoss mit einem Zauber belegt. So lange sollte der Pfeil im Himmel verborgen fliegen, bis er einen Weg zu seinem Ziel fand.</p><p>Als Nazirluma wieder zu Sinnen kam, war es zu sp�t, seine M�rder zur�ckzurufen. Als ein Weiser kannte der K�nig die Maurawan, ihre Magie und ihre Waffen wohl.</p><p>Und so begab er sich in eine Kammer, die keine Fenster hatte und in die weder ein Kamin noch ein Luftschacht f�hrte. Drei T�ren musste man durchschreiten, um in diese Kammer zu gelangen, und der K�nig befahl, dass niemals mehr als eine der T�ren ge�ffnet sein d�rfe. Nazirluma verbrachte achtundf�nfzig Tage in seinem selbst gew�hlten Gef�ngnis, und mit der Zeit wuchs seine Zuversicht, dass der Zauber auf dem Gryna-Lah seine Kraft verloren hatte. Auch seine Diener wurden nachl�ssig, denn sie sp�rten wohl, wie die Furcht ihres Herrn wich. So befahl Nazirluma am achtundf�nfzigsten Tage, dass man ihm ein Bad richten m�ge. Seine Diener schleppten viele Kr�ge mit Wasser in den pr�chtigen Kerker, und bei der Plackerei geschah es, dass sie nur die �u�erste der drei T�ren verschlossen hielten. Diese aber war weniger sorgf�ltig als die anderen beiden gearbeitet, und in ihr fand sich ein Astloch, so klein, dass ich gerade einmal meinen kleinen Finger hindurchstecken k�nnte. Diesen Weg w�hlte der Pfeil und bohrte sich in das Herz Nazirlumas. Und der K�nig verblutete in seinem Bade.�</p><p>Horsa stand der blanke Schwei� auf der Stirn, als Ollowain seine Geschichte beendete. �Was willst du mir damit sagen, Elf?�</p><p>Der Schwertmeister breitete die H�nde aus. �Ist das so schwer zu verstehen? Yilvina, die Leibw�chterin unserer K�nigin, f�hrt stets Pfeil und Bogen bei sich. Und auf einem ihrer Pfeile steht der Name deines Sohnes Egil.� Horsa sprang auf und wollte dem Elfen an die Kehle gehen, doch Ollowain wich dem Angriff mit Leichtigkeit aus. Ein Tritt in die Kniekehle brachte den Alten zu Fall. Nun setzte ihm der Elf den Fu� auf die Brust und dr�ckte Horsa in den Staub. Dies alles geschah so schnell, dass Alfadas keine Gelegenheit fand einzuschreiten. Und ihm war es auch nur recht, Horsa im Staub liegen zu sehen.</p><p>�Es tut mir Leid, dass dies hier n�tig war�, sagte Ollowain betr�bt. �Schlie�lich sind wir Verb�ndete im Kampf gegen die Trolle. Nun h�re mir zu, K�nig. Deine Drohung gegen Emerelle und gegen die Familie meines Freundes Alfadas betrachte ich als eine Verirrung. Sie war nur ein Wahn, wie er einen in der dunkelsten Stunde der Nacht �berkommen mag, wenn man dem Wein �berreichlich zugesprochen hat. Ich kenne Alfadas so gut, wie ich mein eigenes Herz kenne. Und ich verspreche dir, der Herzog w�rde niemals einen Verrat an dir begehen.�</p><p>Die Worte seines Ziehvaters besch�mten Alfadas. Er musste an die Nacht auf dem Flo� denken. Hatten die Jahre in der Welt der Menschen ihn so sehr ver�ndert?</p><p>�Ich bin bereit, alles zu vergessen, was heute Nacht gesprochen wurde�, fuhr Ollowain fort. �Ich habe dein Zelt als dein Verb�ndeter betreten, K�nig Horsa. Es liegt nun bei dir, ob ich es auch als dein Verb�ndeter verlassen werde.� Der Schwertmeister nahm seinen Fu� von der Brust des K�nigs und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>Horsa atmete schwer. Es kostete ihn einige M�he, sich aufzusetzen. Sein verbliebenes Auge war blutunterlaufen. �Ich habe wohl zu viel getrunken�, stie� er gepresst hervor.</p><p>�Ich sehe, wie dich die Sorge um deinen Sohn zerfrisst. Ich vermag nicht dar�ber zu urteilen, ob deine �ngste begr�ndet sind oder nicht, K�nig.� Ollowain reichte Horsa die Hand. Und zu Alfadas� �berraschung griff der Alte danach und lie� sich aufhelfen.</p><p>�Es gibt nur eine Macht im Fjordland, welche die Treue des Herzogs zu deinem Thron zu brechen vermag�, sagte der Elf ernst. �Und diese Macht bist du, Horsa. Bedenke dies bei allem, was du tust.�</p><p>Der massige alte Mann und der schlanke, hoch gewachsene Elf standen einander gegen�ber. In Alfadas� Augen verk�rperte Ollowain all das, was Horsa verloren hatte. Jugend, Selbstbewusstsein und Weisheit. War sich der K�nig dessen ebenso bewusst? In seinem Blick lag eine Sehnsucht, als s�he er am Horizont den Glanz der G�tterhallen. Tr�nen traten in sein verbliebenes Auge.</p><p>�Ich glaube, ich habe auch den tieferen Sinn der Geschichte von deinem Stierk�nig verstanden. Ich danke dir daf�r, dass du mir das Auge ge�ffnet hast�, sagte der K�nig mit br�chiger Stimme. Dann blickte er zu seinem Herzog. �Ich w�nsche dir Gl�ck f�r deinen Feldzug, Alfadas. Und ich hoffe, wir werden uns wieder sehen. Brauchst du noch weitere M�nner? Ich k�nnte dir einen Teil meiner Eskorte mitgeben.�</p><p>Der Herzog traute seinen Ohren kaum. Zu pl�tzlich erschien ihm dieser Sinneswandel. Oder hatte Ollowain den K�nig vielleicht mit einem Zauber belegt?</p><p>�Ich nehme nur Freiwillige mit�, sagte er entschieden. �M�nner, die noch keine Familie gegr�ndet haben.� �Es sind gute Krieger.� Horsa wischte sich �ber sein Auge. �Du kennst viele von ihnen.�</p><p>Dich dachte ich auch einmal zu kennen, ging es Alfadas durch den Kopf. �Fragen wir sie morgen vor dem Tor. Gestattest du nun, dass wir uns zur�ckziehen?�</p><p>Offenbar tief in Gedanken, nickte der alte K�nig knapp.</p><p>Als sie au�er H�rweite der Wachen waren, musste Alfadas Gewissheit haben.</p><p>�Hast du ihn verzaubert, Ollowain?�</p><p>�Nein, ich habe nur versucht, ihn an den Mann zu erinnern, der er einmal war.�</p><p>�Ich glaube, es ist eher der Gryna-Lah, der ihn nachdenklich gemacht hat. Die Fluchpfeile geh�ren zu den Geheimnissen der Maurawan, nicht wahr?�</p><p>Ollowain lachte leise. �Ja, in der Tat. Sie sind so geheim, dass nicht einmal die Maurawan selbst um sie wissen. Glaubst du, Emerelle w�rde noch leben, wenn es solche Pfeile g�be? Wir h�tten keine F�rsten und K�nige mehr. Die Adelsh�user h�tten sich l�ngst gegenseitig ausgel�scht. Keine Blutfehde k�nnte jemals beigelegt werden, wenn es solche Pfeile wirklich g�be. Ich habe die Geschichte von Nazirluma und Aileen erfunden. Sie sollte Horsa Angst machen. Aber der Alte hat mich �berrascht. Ich glaube, er hat noch etwas anderes verstanden. Seinem Tod kann er nicht entgehen. Zu leben ist eine Schlacht, die wir letzten Endes alle verlieren. Aber es liegt ein St�ck weit in unserer Hand, wie man uns in Erinnerung beh�lt. Horsa ist im Grunde seines Herzens ein guter Mann. Er m�chte nicht, dass man sich an ihn als einen Tyrannen erinnert. Und wenn er seinem Sohn eine solche B�rde hinterl�sst, w�rde er es noch schwerer haben. Wer m�chte schon vom Spross eines Tyrannen beherrscht werden? All jene, die einen Groll auf seinen Vater haben, aber dessen St�rke f�rchten, werden sich gegen Egil erheben.�</p><p>�Ich hoffe nur, dass Horsas Weisheit l�nger als eine Nacht w�hrt�, entgegnete Alfadas skeptisch. �Mir w�re es lieber, Yilvina h�tte tats�chlich einen Gryna-Lah.�</p><p>�Untersch�tze Yilvina nicht�, ermahnte ihn der Schwertmeister. �Ich glaube nicht, dass es einen Menschen gibt, der sie umbringen k�nnte. Sie wird auch auf deine Familie Acht geben. Und dazu braucht sie keinen Fluchpfeil.� Die beiden hatten das Langhaus des Herzogs erreicht. �Ich glaube nicht, dass ich in dieser Nacht noch schlafen werde�, sagte der Elf unvermittelt und verabschiedete sich.</p><p>Alfadas sah ihm nach, bis die Dunkelheit Ollowain verschluckte. Wollte er das Zelt des K�nigs beobachten? Entschlossen, die letzten Stunden bei seiner Familie nicht mit dumpfem Gr�beln zu vergeuden, trat Alfadas in das Langhaus. Der vertraute Geruch von Rauch empfing ihn. Bald brannten ihm die Augen. Er fluchte leise. Die Glut in der Feuergrube reichte nicht, die Finsternis zu vertreiben, doch spendete sie gerade genug Licht, um den gro�en Raum zu durchqueren und nicht auf die einquartierten G�ste zu treten, die in Decken gerollt �berall auf dem Boden lagen.</p><p>Leise klirrte eine Kette. Alfadas verharrte. Es war nur Lambi oder einer seiner M�nner, die sich im Schlaf bewegt hatten. Die rebellischsten seiner Krieger hatte der Herzog vorsichtshalber in sein eigenes Haus eingeladen � auch um sie vor den M�nnern des K�nigs zu sch�tzen.</p><p>Alfadas wartete, bis sich seine Augen an das r�tliche Zwielicht gew�hnt hatten. Dann schlich er zwischen den Schlafenden hindurch zu den Nischen entlang der Wand. Vor Kadlins Lager wachte Blut. Der Herzog sah, wie sich das Licht in den schwarzen Augen des gro�en Hundes spiegelte. Blut regte sich nicht und gab keinen Laut von sich, doch entging ihm nichts, was im Langhaus geschah. Und wehe dem, der versuchte, sich Kadlin auf mehr als einen Schritt zu n�hern.</p><p>Alfadas t�tschelte Blut �ber seinen massigen Sch�del. Der Hund reagierte nicht. Weder durch ein freundliches Knurren noch indem er sich wie andere Hunde auf die Seite rollte, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Angespannt beobachtete er die Schl�fer und zuckte einmal kurz, als irgendwo in der Dunkelheit jemand leise im Schlaf vor sich hin murmelte. Erst als Alfadas sich aufrichtete, um nach Kadlin zu sehen, dr�ckte Blut ihm kurz seine feuchte Schnauze in die Hand.</p><p>Alfadas dachte an den Abend zur�ck. Fast jeder der M�nner, die hier schliefen, hatte schon get�tet. Es waren hartgesottene Burschen. Unter normalen Umst�nden h�tte er sie nicht unter seinem Dach haben wollen. F�r die Regeln der Ehrenhaftigkeit, die er seinem Sohn beizubringen versuchte, h�tten sie nur Spott �brig. Ehrenhaft war es zu siegen. Wie, das war ihnen gleich. Sie waren schlechte Gesellschaft in friedlichen Zeiten. Und genau die richtigen M�nner, um mit ihnen in eine aussichtslose Schlacht zu ziehen. Vielleicht hatte Horsa Recht damit, sie loswerden zu wollen. Das Fjordland sah friedlichen Zeiten entgegen. Es gab keine Feinde. Diese M�nner w�rden St�renfriede sein. Auch Blut hatte das gemerkt. Seit sie im Haus waren, hatte er weder gefressen noch getrunken. Er hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Keinen Herzschlag lang. Die Krieger hatten die Gefahr bemerkt, die von dem gro�en schwarzen Hund ausging. Sie hatten gesp�rt, dass er ohne Vorwarnung auf sie losgehen w�rde, sobald sie den kleinsten Fehler machten, und dass diese Bestie ihnen mit einem einzigen Biss die Kehle herausrei�en w�rde. Lambi und seine Kumpanen waren ruhig gewesen, hatten sich nicht betrunken und respektvollen Abstand zu Blut gehalten.</p><p>Alfadas kraulte den gro�en Hund hinter den Ohren. Es war gut zu wissen, dass Blut im Haus war. Er w�rde auf Asla und die Kinder achten.</p><p>Vorsichtig zog der Herzog den Vorhang zur Seite und sp�hte in Kadlins Schlafnische. Die Kleine hatte ihre Decke fortgestrampelt, streckte den Hintern empor und dr�ckte ihren Kopf in das moosgef�llte Kissen. Dabei machte sie ein ernstes Gesicht, wie sie es manchmal tat, wenn sie etwas Wichtiges zu erkl�ren versuchte. Alfadas musste schmunzeln. Es war ihm ein R�tsel, wie man in dieser Stellung schlafen konnte. Doch Kadlin atmete tief und regelm��ig. Vorsichtig zog er ihre Decke hoch. Dann sah er ihr beim Schlafen zu. Er wollte dieses Bild tief in seine Erinnerung einbrennen. Es sollte sein geheimer Schatz sein in den dunklen Stunden, die da kommen w�rden.</p><p>Endlich riss er sich los, um auch nach Ulric zu sehen. Auch sein Junge lag in tiefem Schlaf. Er dr�ckte den Dolch an sich, den Ollowain ihm geschenkt hatte. Es war eine lange, schlanke Waffe, fast schon ein kurzes Schwert. In die silberne Scheide waren kleine T�rkissplitter eingefasst. Ulric hatte sie gez�hlt. Es waren dreiundachtzig. Der Griff war aus Walbein geschnitten und zeigte zwei L�wen, die auf ihren Hinterbeinen standen und sich in t�dlicher Umklammerung hielten. Beide hatten einander die F�nge ins Genick geschlagen. Der Dolch w�re ein Geschenk f�r einen K�nig gewesen. Seit Ulric ihn bekommen hatte, trug er ihn st�ndig mit sich herum. Und in Anbetracht der G�ste dieser Nacht war es sicherlich kl�ger, dieses kostbare St�ck nicht herumliegen zu lassen. Eines Tages w�rde sein Sohn ein guter Krieger sein, dachte der Herzog. Und sicher w�rde er sich dann dar�ber �rgern, dass man sich erz�hlte, er habe einen verzauberten Elfendolch, dem er seine Kraft und sein Geschick verdanke.</p><p>Er strich dem Jungen sanft durch das zerzauste Haar. Ulric regte sich unruhig im Schlaf. Vorsichtig zog Alfadas sich zur�ck, legte die Kleider ab und schl�pfte in die Schlafnische, die er sich mit Asla teilte.</p><p>�Was hat der alte Bock von dir gewollt?�, fragte sie leise, nachdem er den Wollvorhang zugezogen hatte.</p><p>�Er macht sich Sorgen darum, dass ich ihn bei der Aufteilung der Kriegsbeute betr�gen k�nnte. Horsa ist �berzeugt, dass wir alle mit Sch�tzen beladen zur�ckkommen werden�, log Alfadas, w�hrend er sich fr�stelnd unter die Decke dr�ngte. Die Nacht war eisig. Bald schon w�rde der erste Schnee kommen. Er dachte an die M�nner, die drau�en am Ufer bei den Feuern kauerten. In Albenmark w�rden sie nicht mehr frieren.</p><p>�Und was wirst du mir mitbringen? Noch eine Kutsche?�</p><p>�Ist etwas mit der Kutsche nicht in Ordnung?� Er schlang seinen Arm um sie und zog sie zu sich heran. Ihr Leib war angenehm warm.</p><p>Asla sch�ttelte sich. �Das ist ja, als sei der Winter in mein Bett gekrochen.� Sie drehte sich um und k�sste ihn sanft auf die Stirn. �Komm zu mir zur�ck aus Albenmark, das ist das einzige Geschenk, das ich mir von dir w�nsche.�</p><p>Wieder hatte er das Gef�hl, als sei sein Magen voller Eis. Ahnte sie etwas? �Die Elfen bauen sehr sch�ne Kutschen�, sagte er, um von etwas anderem zu sprechen.</p><p>Asla versetzte ihm einen Knuff. �Willst du eine Kutscherin aus mir machen? Bin ich vielleicht einem deiner Geheimnisse auf der Spur? Sch�tzt du Elfen, die gern auf dem Bock sitzen?�</p><p>Alfadas zog sie auf sich. �Eigentlich bevorzuge ich wilde Reiterinnen.� Aslas langes Haar strich ihm �ber das Gesicht. Ihre H�nde spannten sich um seine Schultern.</p><p>�Es g�be doch etwas, das ich mir w�nsche. Diese selbstgef�llige, dunkelhaarige Ziege, von der du wolltest, dass sie meinen Bauch betastet... L�ndin, oder so. Sie hatte ein kleines Glasfl�schchen. Darin war ein wunderbar duftendes Wasser. Ich habe sie einmal beobachtet, wie sie ein wenig davon auf ihren Hals getupft hat. Sie roch danach wie ein Blumengarten. Es wurde einem ganz behaglich bei diesem Duft. So etwas h�tte ich auch gerne.� Alfadas vergrub seinen Kopf zwischen ihren Br�sten. �Ich mag den Geruch deiner Haut. Kein Duftwasser k�nnte mich so berauschen.�</p><p>Sie schob sich auf seinen Scho�. �Du bist ein schlechter L�gner. Ich kenne keinen Mann, der sich so oft w�scht wie du. Warum solltest du meinen Geruch sch�tzen, wenn du deinen eigenen nicht ertragen kannst?�</p><p>�Wenn wir uns geliebt haben, wasche ich mich manchmal tagelang nicht.� Er zog sie zu sich herab und k�sste sie. Wenn sie einander liebten, dann war alles wie in jenem wundervollen ersten Jahr. Jedenfalls solange Asla ihn nicht neckte. Damals hatte sie ihn zu sehr bewundert, um ihre Spa�e mit ihm zu treiben. Was wohl hinter ihrem Wunsch steckte? Duftwasser! Er mochte ihren Geruch wirklich! Es war zu dunkel in der Schlafnische, um irgendetwas sehen zu k�nnen. Aber er war sich sicher, dass sie jetzt grinste. Sie wollte ihn mit ihrem Wunsch foppen! Asla rieb sich sanft an ihm. Wohliges Schaudern durchlief seinen Leib. Das Eis in seinem Magen war verschwunden.</p><p>�Wirst du mir meinen Wunsch erf�llen?� Sie erhob sich ein wenig.</p><p>�Ich werde dir eine ganze Sammlung von Duftwasser mitbringen!� Wieder rieb sie sich an ihm. �Ein Fl�schchen reicht mir. Dann w�rde ich dir auch verzeihen, wenn du noch eine Kutsche anschleppst.� Ihre W�rme umschloss ihn. Alfadas biss sich auf die Lippen. Er wollte nicht, dass die M�nner drau�en in der Halle ihn vor Lust st�hnen h�rten.</p><p>Asla begann sich in langsamem Rhythmus zu bewegen. Ihre W�rme umfloss ihn und trug ihn davon. Fort von Horsa und all seinen Sorgen. Sie liebten sich so leidenschaftlich wie schon lange nicht mehr, und als sie sp�ter, den Kopf auf seine Brust gesenkt, einschlief, schwor er sich, dass er zur�ckkommen w�rde. Ganz gleich, was auch geschehen mochte. Das war sein letzter Gedanke, bevor er einschlief.</p><p>In seinen Tr�umen bel�stigte ihn Ole. Er hatte einen Hund mitgebracht, so gro� wie ein Pferd, und wollte ihn an Asla verkaufen.</p></section><section><title><p>Abschied</p></title><p>Ollowain griff nach der Hand der schlafenden K�nigin.</p><p>�Sie ist immer noch kalt�, sagte Yilvina. �Seit Lyndwyn ihren Zauber gewirkt hat, will die W�rme nicht mehr in ihre Glieder zur�ckkehren. Ich kann ihr nichts zu essen geben und kaum einmal etwas zu trinken. Sie atmet nur ganz flach. Manchmal denke ich, sie ist wie eine dieser kleinen Eidechsen, die f�r den Winter erstarren und im ersten Fr�hlingslicht erwachen.�</p><p>Die Brandwunden im Antlitz der Herrscherin waren v�llig ausgeheilt. Es waren keinerlei Narben zur�ckgeblieben. Der Schwertmeister musste an Lyndwyns Worte denken. Floh die K�nigin vor ihren Taten? Wollte sie nicht erwachen? Er kannte Emerelle schon sehr lange. Vor dem Schicksal davonzulaufen, sah ihr nicht �hnlich.</p><p>�Wie geht es dir?� Ollowain blickte zu Yilvina auf.</p><p>Die Kriegerin l�chelte m�de. �Das Leben hier ist nicht gerade sehr aufregend. Ich verlasse niemals das Haus. Nachts schlafe ich vor dem Lager der K�nigin. Ich bin immer in ihrer N�he, f�r den Fall, dass sie pl�tzlich erwacht.�</p><p>�Du solltest dich nicht einsperren�, dr�ngte Ollowain.</p><p>�Ich habe versprochen, �ber Emerelle zu wachen�, beharrte Yilvina.</p><p>�Aber hier gibt es keine Feinde.�</p><p>�Und dieser K�nig?�, entgegnete sie. �Ich traue ihm nicht. Sein Angebot, Emerelle an seinen Hof nach Gonthabu zu bringen, erschien mir ganz so, als habe er dar�ber nachgedacht, unsere Herrin als Geisel zu nehmen.�</p><p>�Er wird dich nicht noch einmal bedr�ngen.� Ollowain dachte an die vergangene Nacht. Er hatte den K�nig lange beobachtet. Der Alte hatte zus�tzliche Lichter aufgestellt. Sein Schattenriss war deutlich durch die Zeltw�nde zu sehen gewesen. Horsa hatte bis zum Morgengrauen reglos an seinem Tisch gesessen. Dann hatte er seine Wachen antreten lassen und eine ergreifende Rede �ber die Fl�chtigkeit der Jugend und den ewigen Ruhm tapferer Taten gehalten. Horsa war ein S�ufer und ein Hurenbock. Ein Machtmensch, der kaum von Skrupeln geplagt wurde. Aber trotz all dieser Fehler hatte er auch Charisma, und er kannte seine Fjordl�nder. Jedes seiner Worte hatte sie mitten ins Herz getroffen. Zuletzt hatten sie alle mit Alfadas ziehen wollen, doch er hatte es nur hundert von ihnen gestattet, sich dem Heer des Herzogs anzuschlie�en.</p><p>Der Heereszug war schon vor Stunden aufgebrochen. Ollowain war zur�ckgeblieben, um von seiner K�nigin ungest�rt Abschied zu nehmen. Ein wenig hatte ihn auch die Hoffnung getrieben, Emerelle werde vielleicht erwachen, wenn er an ihrem Lager kniete und leise auf sie einsprach. Doch die Herrscherin lag nach wie vor wie tot in dem Bett, das Asla ihr bereitet hatte.</p><p>Ollowain verabschiedete sich von Yilvina mit dem Kriegergru�. Selbst hier im Haus hatte die Elfe ihre beiden Schwerter nicht abgelegt. Die Waffengurte der Klingen kreuzten sich �ber ihrer Brust. Auch sie trug nun Kleider der Menschen. Doch Ollowain hatte ihr ein Kettenhemd und Armschienen aus Phylangan mitgebracht, damit sie wieder wie eine adlige Kriegerin aussah. Mit den kurz geschorenen Haaren und ihren hohen Wangenknochen hatte das Gesicht der Schwertk�mpferin etwas Abweisendes. Sie wirkte kalt und unnahbar. Hoffentlich w�rde ihre spr�de Art Asla nicht reizen. Es war nicht ganz einfach, mit Yilvina auszukommen. Vielleicht war sie zu sehr Kriegerin? Schon ihr Blick hatte etwas Herausforderndes. �M�ge dein Weg dich nach Albenmark zur�ckf�hren�, sagte Ollowain.</p><p>�Nur an der Seite der K�nigin�, erwiderte sie knapp.</p><p>Der Schwertmeister wusste, das Yilvina keinen Wert auf h�fliche Floskeln legte. Schweigend ging er hinaus und stieg in den Sattel. Sein pr�chtiger Schimmel brachte ihn um den Fjord bis fast zum Gipfel des Hartungskliffs. Erst als sie ein Ger�llfeld erreichten, stieg der Schwertmeister ab und f�hrte den Hengst am Z�gel weiter. Sein Weg f�hrte ihn vorbei an Kindern und Greisen. Alle waren aufgebrochen, um zu sehen, wie das magische Tor sich �ffnen w�rde. Kalf trug eine alte Frau auf dem R�cken, die zu schwach war, den Berghang noch aus eigener Kraft zu erklimmen. Ollowain sah eine Frau, die ein M�dchen mit wundersch�nen braunen Augen auf den Armen trug. Das Kind mochte f�nf oder sechs Jahre alt sein. Die Mutter redete unabl�ssig auf die Kleine ein. Sie beschrieb das Blau des Fjords und wie winzig klein die H�tten von hier oben aussahen. Jetzt erst begriff der Schwertmeister. Die Augen des M�dchens standen still. Sie blickten ins Leere. Die Kleine war blind. Er w�rde die Menschen niemals begreifen. Die Szene r�hrte ihn, auch wenn seine Vernunft sich dagegen sperrte. Es war Unsinn zu glauben, dass sie ihrer Tochter auch nur einen Bruchteil der Wunder dieser Welt beschreiben k�nnte. Aber es war achtenswert zu sehen, wie sie gegen das Schicksal aufbegehrte! Nicht bereit war hinzunehmen, dass ihre Tochter ausgeschlossen war.</p><p>Er ging eine Weile neben der Frau und lauschte ihren unbeholfenen Worten. Sie beschrieb auch ihn. Nannte ihn einen d�nnen wei�en Mann mit goldenem Haar. Ollowain erlaubte, dass das M�dchen nach seinen Haaren tastete und �ber sein Gesicht. Er lie� es auch seinen Hengst streicheln, versuchte ihr seinerseits etwas zu erz�hlen und wunderte sich, wie hilflos seine Worte klangen, als er nun beschreiben wollte, was vor ihnen lag. Die kahle Felskuppe, auf der sich gleich den Zacken einer Krone ein Kreis aus Steinen erhob. Inmitten des Steinkreises stand Alfadas. Der Wind spielte mit dem roten Wollumhang des Kriegers. Alle blickten auf ihn. Sein Sohn Ulric, der sein braunes Pony am Z�gel hielt. Asla, deren Gesicht ganz blass war. Kadlin drehte ihre Finger im Fell von Blut. Der alte Luthpriester Gundar kaute an etwas und versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.</p><p>Horsa hatte die H�nde in die H�ften gest�tzt und gab sich M�he, k�niglich auszusehen, doch man merkte ihm dennoch seine Ungeduld an. �berall auf dem Hang und dem Plateau standen die M�nner, die mit Alfadas gehen wollten. Lambi und seine Gef�hrten waren noch immer in Ketten geschlagen. Ollowain sah die beiden Br�der von der F�hre und Ole, der auf jemanden einredete, der sich ganz offensichtlich nicht mit dem Hundeh�ndler unterhalten wollte.</p><p>Die Krieger des Herzogs waren eine abgerissene Schar. Sie trugen aufgerollte Decken, die sie sich wie gro�e W�rste �ber Brust und R�cken gebunden hatten. Jeder war mit Taschen und Flaschen beh�ngt, Notvorr�ten f�r Albenmark, falls etwas Unvorhergesehenes geschah. Ihre Augen leuchteten. Sie erwarteten nicht weniger als ein Wunder.</p><p>Unruhig blickte Ollowain zum Himmel. Die Mittagsstunde war verstrichen. Eigentlich sollte sich das Tor zu den Slanga-Bergen schon ge�ffnet haben.</p><p>Wind strich �ber den Fjord und zerbrach den Spiegel des Wassers. Eine M�we zog �ber sie hinweg und lugte neugierig auf all die Menschen herab. Ollowain schien es so, als f�rchte der Vogel, dem Kreis aus stehenden Steinen zu nahe zu kommen. Er flog in weitem Bogen um die Bergkuppe herum.</p><p>Pl�tzlich schoss eine S�ule aus purpurnem Licht vor dem Herzog aus dem Boden. Sie wuchs und wurde breiter, bis ein Karren m�helos durch das Licht h�tte fahren k�nnen.</p><p>Alfadas hob beide Arme. Das leise Murmeln der Wartenden verstummte. Nur das Rauschen des Windes und der ferne Schrei der M�we st�rten die Stille.</p><p>�Dies ist das Tor, das uns in eine Welt der Wunder und der Schrecken f�hren wird. Schreitet durch das Purpurlicht, und eure Vergangenheit wird von euch abfallen wie welke Schlangenhaut, wenn ihr es denn wollt. Vielleicht erwartet uns jenseits des Tores Finsternis. Vielleicht gelangen wir mit einem einzigen Schritt in die Slanga-Berge. Wenn ihr vor euch einen goldenen Pfad seht, dann folgt ihm und weicht nicht mal um ein Haarbreit von ihm ab, sonst werdet ihr auf immer im Dunkel verloren sein. Und wenn euch nun der Mut sinkt und ihr Angst habt vor dem letzten Schritt, so gr�mt euch nicht. Jeder, der hier auf diesem Felsen mit mir steht, ist ein Held. Denkt an die Geschichten der Skalden, an die ruhmreichen Recken vergangener Zeiten. Ihr alle seid mir bis an den Rand der Welt gefolgt. Und selbst von den k�hnsten Kriegern des Fjordlands hat es vor euch nur eine Hand voll gewagt, so weit zu gehen. Ganz gleich, ob ihr Fischer, H�ndler oder F�hrleute seid: Ihr steht den Helden der Vergangenheit in nichts nach. Schon jetzt habt ihr euren Platz in den Liedern, die dereinst in den Hallen der K�nige gesungen werden. Ich verneige mein Haupt vor euch und bin stolz, an eurer Seite zu sein.�</p><p>Der Herzog verneigte sich tats�chlich. Eine B�e blies ihm sein langes Haar ins Gesicht, als er sich wieder aufrichtete. Wilde Entschlossenheit spiegelte sich in seinem Antlitz. �Asla, ich liebe dich, und ich werde zu dir zur�ckkehren, ganz gleich, was auch geschehen mag.� Er sagte das in einem ruhigen, feierlichen Tonfall, so als lege er einen Eid ab. Dann wandte der Herzog sich um, und mit einem Schritt verschwand er in dem glei�enden Licht.</p><p>Lysilla trat an Ollowains Seite. Sie l�chelte sp�ttisch und sprach ihn in der Sprache ihres Volkes an. �Ein wenig pathetisch, diese Menschen.�</p><p>�Verlangen gro�e Gef�hle nicht auch nach gro�en Gesten?� Der Schwertmeister hielt ihren Blick einen Moment lang gefangen. Er l�chelte nicht. Dann sah er hin�ber zu Silwyna. Ollowain wusste, dass die letzten Worte des Herzogs ebenso sehr ihr gegolten hatten wie Asla. Doch das Gesicht der J�gerin zeigte keine Regung.</p></section><section><title><p>Auf der Schwelle</p></title><p>Vahelmin wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit Skangas Blutmagie ihn in eine ihr h�rige Bestie verwandelt hatte. Tage, Wochen oder vielleicht doch nur Stunden? Im Nichts gab es kein Ma� f�r das Verstreichen der Zeit.</p><p>Manchmal hoffte Vahelmin pl�tzlich zu erwachen, um zu sehen, dass all dies nur ein schrecklicher Traum war. Aber da war diese andere Kreatur ... Der Quell der dunklen Gedanken. Dieses Gesch�pf war tief in ihm. Was immer er dachte, es hatte seinen Anteil daran. Wenn er hoffte, bald zu erwachen, konnte er f�hlen, wie sich die Bestie in ihm regte, um sich in Erinnerung zu bringen und all seine Tr�ume Asche werden zu lassen. Jegliche Gedanken der dunklen Kreatur drehten sich um Licht. Und doch schrak sie vor den goldenen Pfaden zur�ck, die sich in weiten Abst�nden durch das Nichts zogen. Vahelmin hatte der Bestie m�hsam beibringen m�ssen, dass sie diese Pfade nun begehen konnten, dass der Bann, der die anderen Gesch�pfe der Dunkelheit von den Albenpfaden fern hielt, f�r sie nicht mehr galt.</p><p>Daf�r lehrte die Bestie ihn, wie man sich im Nichts bewegte. Hier gab es kein Oben oder Unten, keinen sicheren Grund, �ber den man schritt. Vom ersten Augenblick an hatte Vahelmin im Nichts das Gef�hl gehabt zu fallen. Ein endloser Sturz in einen bodenlosen Abgrund ...</p><p>Und die Kreatur in ihm hatte sich an seiner Angst erfreut. Das Nichts war eine Welt ohne Licht, ohne Ger�che, ohne Wind, den man auf der Haut sp�rte. Sie war schrecklicher als jeder Kerker, denn man war eingesperrt mit sich und seinen Gef�hlen, ohne dass es einen Sinneseindruck gab, der einen auch nur einen Herzschlag lang ablenkte. An diesem Ort war es ein Fest, sich an der Angst eines anderen zu laben. Die Kreatur lie� ihn die Grenze zum Wahnsinn erreichen. Vielleicht hatte er sie sogar �berschritten ... Dann erst lehrte sein dunkler Bruder ihn, sich zu bewegen. Das hei�t, zuallererst versuchte das Wesen, ihm begreiflich zu machen, dass er nicht st�rzte. In einer Welt ohne Horizont, ohne Landmarken, an denen man sich orientieren konnte, ohne Berge und T�ler gab es auch keinen Boden, auf dem man jemals h�tte aufschlagen k�nnen. Er st�rzte nur in seiner Vorstellung, weil es nichts gab, an dem er seinen Standort in der Welt verankern konnte.</p><p>Seit Vahelmin das begriffen hatte, vermochte er seine Angst zu �berwinden. Er lernte, sich Kraft seiner Gedanken zu bewegen. Das Netz der Albenpfade gab dem Nichts eine Struktur. Es schuf Koordinaten im weglosen Abgrund.</p><p>Die Kreatur, mit der Skanga ihn verschmolzen hatte, f�rchtete die Albenpfade wie der ungehorsame Hund die Peitsche seines Herrn. Die Bestie wagte es nicht, die Pfade zu betreten, und doch belauerte sie die magischen Wege st�ndig. Sie sp�rte Eindringlinge, wie eine Spinne es sp�rt, wenn etwas ihr Netz ber�hrt. Binnen eines Augenblicks so kam es Vahelmin zumindest vor � waren sie dort, wo sich etwas im Netz bewegte. Lauernd umlagerten sie dann mit anderen Gesch�pfen der Finsternis den Albenpfad und warteten darauf, dass einer der Eindringlinge den Fehler machte, den sicheren Weg zu verlassen.</p><p>Verlie� man den Pfad, dann verblasste das goldene Licht sofort. Vom Nichts aus betrachtet, war das goldene Netz unsichtbar. Man sp�rte es, wenn man ihm sehr nahe kam, aber es half einem nicht, sich in der Dunkelheit zu orientieren. Die Bestie in Vahelmin f�rchtete die Kraft, mit denen die Alben einst ihre Wege umgeben hatten. Doch jetzt, wo sie beide eins waren, vermochten sie die Schutzzauber m�helos zu durchdringen. Diesmal war es Vahelmin, der sich an den �ngsten seines dunklen Seelenbruders weidete, als er ihn auf die Pfade aus Licht f�hrte.</p><p>Erst als sie in das Netz eindrangen, erinnerte sich Vahelmin, dass sie jemanden suchten. Eine Elfe ... Die K�nigin! Doch er vermochte keine Spur von Emerelle zu finden. Auch die Erinnerung an Shahondin kehrte zur�ck. Waren sie nicht gemeinsam in das Netz gegangen? Warum hatte sein Vater ihn verlassen? Hatte er die Spur der Herrscherin gefunden?</p><p>Getrieben vom Ehrgeiz, hinter Shahondin nicht zur�ckzustehen, lernte Vahelmin, dass er das Nichts verlassen konnte. Dort, wo sich viele Albenpfade in einem Stern kreuzten, war es leicht, der Finsternis zu entkommen. Als er zum ersten Mal ausbrach, gelangte er an einen Ort voller Licht und Sand. Er stand inmitten eines weiten, schwarzen Basaltkreises. Neugierig streifte er durch das Sandmeer. Doch es gab hier keine Beute zu machen. Das Land war tot, und so kehrte er ins Nichts zur�ck.</p><p>Anschlie�end wagte er mehrere kleine Ausfl�ge, um seine F�higkeiten zu erproben. Wahllos trat er durch Albensterne, blieb aber nie lange. Hier t�tete er einen Hasen, dort ein kleines Reh. Erst als es ihn in eine winterliche Steppenlandschaft verschlug, versp�rte er Lust, l�nger zu bleiben. Seine wei�e, durchscheinende Gestalt verschmolz hier v�llig mit dem Hintergrund. Im Gegensatz zu Raubtieren schien er auch keinerlei Geruch zu verstr�men. Ohne M�he konnte er sich einer Yakherde n�hern und unter den Tieren wildern. Seine Kiefer stie�en auf keinerlei Widerstand, wenn er sie in die Flanken der Bullen stie�. Und ohne M�he zerrte er das Licht aus den Tieren. Es war k�stlich, den Todeskampf zu schmecken. Dem Verfall des Lebens zuzusehen und die Panik in den Augen der anderen Tiere zu erblicken, die nicht begriffen, was gerade geschah. Das Licht s�ttigte ihn nicht wirklich. Aber zu morden bereitete ihm Freude. Oder war es sein dunkler Bruder, der sich freute?</p><p>Eines Abends schlich er sich an ein Kentaurenlager heran und ermordete eine Stute, die gerade ihr Junges gebar. Als J�ger in jener fernen Zeit, in der er noch ein Elf gewesen war, hatte er niemals ein tr�chtiges Tier erlegt. Das war gegen alle Gesetze der Jagd. Nun bereitete es ihm tiefe Befriedigung, gegen jene Gesetze zu versto�en. Er hatte das wehrlose Junge get�tet, als es noch durch die Nabelschnur mit der Mutter verbunden war. Und die Kentaurenstute war mit ihrem Kind in den Armen verendet. Fast genauso erregend war es gewesen, dem Wahnsinn des tobenden Vaters beizuwohnen, als er betrunken in das Zelt gekommen war. Er hatte mit seinen Kumpanen bereits die Geburt seines Kindes gefeiert. In seiner Raserei hatte er versucht, sich zu entleiben. Nach der Jagd kehrte Vahelmin stets in das Nichts zur�ck. Es war f�r ihn wie eine riesige, grenzenlose H�hle. Das Refugium des Raubtiers. Auch hoffte er immer noch darauf, eine Spur der K�nigin zu finden.</p><p>Skanga war sich so sicher gewesen, dass sie Emerelle aufsp�ren w�rden. Vielleicht musste er nur darauf warten, dass die K�nigin erneut das Netz der Albenpfade betrat? Er w�rde sp�ren, wenn sie hierher kam. Und dann w�rde er ihr Licht rauben! Ein sengender Schmerz durchfuhr ihn. Die K�nigin war nicht seine Beute. Seine Glieder schienen zerrei�en zu wollen. Noch einmal durchlebte er die Nacht der Verwandlung, den Augenblick, in dem Skanga ihm seinen Leib geraubt hatte. Er war ihr Hund! Und es war ihm verboten, der K�nigin ein Leid zuzuf�gen. Sie war Skangas Beute! Und wenn er ein guter Hund war, dann durfte er vielleicht eines Tages auch wieder ein Elf sein. Ein fernes Beben schreckte ihn aus seinen Erinnerungen. Etwas Gro�es bewegte sich durch das Netz. Ein Gedanke nur, und er war bei dem Pfad, den ein ge�ffnetes Tor in Schwingungen versetzt hatte. Hunderte Menschen waren auf dem Weg durch das Nichts. Sie verstr�mten den Geruch der Angst. Vahelmin erg�tzte sich eine Zeit lang daran, dann durchbrach er den Schutzbann des Albenpfades und begann unter seinen wehrlosen Opfern zu wildern. Dabei ging er vorsichtig vor. Manche trugen Kettenhemden, und das Eisen brannte, wenn er es ber�hrte. Die meisten jedoch waren ohne R�stung und nur mit einer Axt oder einem Speer bewaffnet. Sie zu t�ten war leicht.</p><p>Die Bestie in ihm hielt ein Festmahl, und er gab sich ihren Gel�sten willig hin. Ein Dutzend oder mehr Leiber welkten, als er ihr Licht stahl. Ihr Entsetzen vers��te die Morde. Doch ganz gleich, wie viele er t�tete, seinen Hunger vermochten sie kaum zu stillen. Es war wie ein Muschelessen. Man schl�rfte die Meeresfr�chte, und doch gewann man jeder einzelnen nur einen fl�chtigen Moment des Genusses ab, bevor man die leeren Schalen fortwarf.</p><p>Der Strom der Menschen wollte kein Ende nehmen. Bald gefiel es Vahelmin, nur noch von ihnen zu naschen, ihnen lediglich einen Teil ihrer Lebenskraft zu stehlen. Angst konnte so wunderbar vielf�ltig schmecken! Manche M�nner, die ihn sahen, gerieten in Panik und flohen von dem Albenpfad. Sie wurden zum Schmaus der Schattengestalten, die jenseits des Schutzbanns lauerten.</p><p>Woher die Menschen wohl kamen? Seine Neugier besiegte den Hunger der Bestie. Vahelmin folgte dem Strom der Menschen zu seinem Ursprung. Sie traten bei einem gro�en Albenstern ins Nichts. Er verlie� den Pfad und legte sich auf die Lauer. Die Bestie sp�rte, dass dort drau�en noch viele Menschen waren. Sie wollte hinaus, wollte Panik verbreiten und sich an dem Schrecken weiden. Doch Vahelmin dachte an die Eisenwaffen. Jenseits des Tores w�rden die Menschen auf sicherem Boden k�mpfen. Wenn sie ihren ersten Schrecken �berwunden hatten, w�rden sie ihn vielleicht ernsthaft verletzen. Er musste sie �berraschen. Ihnen auflauern, wenn sich die Versammlung in kleinere Gruppen aufl�ste. Er malte sich aus, wie er das Grauen in ihre D�rfer tragen w�rde. Nur ein wenig Geduld, dann konnte er ungef�hrdet die Schwelle in die Welt der Menschen �berschreiten! Es w�rde eine vergn�gliche Jagd werden!</p></section><section><title><p>Eine neue Welt</p></title><p>Alfadas ging von Mann zu Mann. Die meisten hatten gar nicht mitbekommen, dass etwas auf dem Weg durch das Nichts geschehen war. Unsicher blickten sie sich in der neuen Welt um. Sie waren in ein tief verschneites Tal gelangt. Ringsherum erhoben sich sanft ansteigende, bewaldete H�gel. Die Elfen hatten einige seidene Zelte aufgeschlagen, und farbenpr�chtige Banner knatterten im Wind. �ber ihnen spannte sich ein klarer blauer Himmel. Die Sonne stand im Zenit, doch sie spendete keine W�rme. Eisiger Wind fuhr �ber die Lichtung, und er trug Eiskristalle, fein wie Staub, mit sich. Alfadas rieb sich die H�nde. Die K�lte ging ihm durch Mark und Bein. Doch noch tiefer ber�hrte ihn das Entsetzen. Er blickte zu dem gro�en, grauen Menhir, der den Ort markierte, an dem sich die Albenpfade kreuzten. Verschlungene Kreismuster waren in den Stein geschlagen. Sah man sie l�nger an, so begannen die Linien vor den Augen zu tanzen. Alfadas wandte den Blick ab. Was war geschehen? Mit seinem Vater und Ollowain war er mehrmals durch solche Tore gegangen, als sie nach Noroelles Sohn gesucht hatten. Stets hatten sie Angst gehabt, das Gef�ge der Zeit k�nnte sich verschieben. Aber dass man auf den Pfaden angegriffen werden konnte, davon hatte er nie geh�rt. Ganz in der N�he kauerte Mag im Schnee. Er redete auf seinen j�ngeren Bruder ein. Der F�hrmann hatte Torad eine Hand auf die Schulter gelegt. Sein Bruder hielt das Gesicht in den H�nden vergraben.</p><p>�Etwas Eiskaltes hat in meine Brust gegriffen. Ich konnte es nur ganz kurz sehen.� Torad schluchzte. �Ich ... Es war etwas Gro�es, Wei�es. Es war pl�tzlich da. Ich konnte gar nichts tun. Der Mann vor mir ist zur Seite gesprungen und in der Finsternis verschwunden. Es war ...� Er hob den Kopf. Sein blondes Haar war sch�tter geworden. Falten durchzogen sein Gesicht. Er sah aus wie ein Mann, der schon vierzig Sommer gesehen hatte. Alfadas wusste, dass Torad erst sechzehn war. Er wandte sich ab. Niemand hatte ihm sagen k�nnen, was auf dem Albenpfad geschehen war. Selbst die Elfen wirkten verunsichert. Immer wieder hatten sie behauptet, dass die Pfade der Alten sicher vor den Angriffen der Gesch�pfe der Finsternis waren. Die Wahrheit sah anders aus, dachte Alfadas bitter.</p><p>Ragni kam auf ihn zugeeilt. �Ich habe mit allen Kriegsjarls gesprochen. Wir haben siebzehn M�nner verloren. Und mehr als zwanzig sind ...� Er sah den Herzog hilfesuchend an, als f�nde er keine Worte f�r das, was geschehen war. �Mehr als zwanzig sind ver�ndert�, sagte er schlie�lich. �Es gibt noch ein Problem. Glaubst du, die Elfen k�nnen das Tor noch einmal �ffnen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Komm mit mir. Ich habe sie in eines der Zelte gebracht, damit niemand merkt, was geschehen ist. Jemand hat sich uns angeschlossen ...� Der Jarl sah sich besorgt um. �Wir werden gro�e Schwierigkeiten bekommen.�</p><p>�K�nntest du mir vielleicht ...�</p><p>Statt einer Antwort griff Ragni den Herzog beim Arm und zog ihn mit sich. �Es darf auf keinen Fall bekannt werden. Lambi und seine Halsabschneider w�rden ihn umbringen.� Der Kriegsjarl zog ihn in ein Zelt. Dort warteten Dalla, die Heilerin des K�nigs, Veleif, Horsas Skalde und ein Krieger. Das Gesicht des dritten Mannes verbarg sich im Schatten seiner tief in die Stirn gezogenen Kapuze.</p><p>�Was soll das?�, fragte Alfadas gereizt. Er begriff, was Ragni meinte. Horsa w�rde es gewiss so auffassen, dass er ihm seinen Skalden und seine Bettgef�hrtin gestohlen hatte.</p><p>�Mein K�nig braucht meine Dienste nicht weiter, hat er mir heute Morgen erkl�rt.� Dalla hatte himmelblaue Augen. Sie sah den Herzog fest an. �Du wei�t, warum! Das Gespr�ch gestern Nacht hat ihn ver�ndert. Und es ist gut so. Ich m�chte meine Dienste deinen M�nnern anbieten.�</p><p>Ragni grinste anz�glich. �Das h�ttest du mir auch gleich sagen k�nnen.�</p><p>�Nicht diese Dienste! Mir ist gleich, was du von mir denkst, aber ich bin keine Hure! Ich habe Horsa geliebt. Und ich tauge zu mehr als nur dazu, einem Mann im Bett Vergn�gen zu bereiten! Ich kann schwere Blutungen stillen, tiefe Wunden vern�hen und das Gleichgewicht der S�fte wiederherstellen, wenn deine Krieger erkranken.�</p><p>�Das Gleichgewicht meiner S�fte bringt dein Anblick ganz sch�n durcheinander.�</p><p>�Genug, Ragni!�, fuhr Alfadas den Kriegsjarl scharf an. �Keiner hier wird Hand an dieses Weib legen. Sie ist willkommen, nun, wo sie bei uns ist.� Er wandte sich an Veleif. �Und du, Skalde? Was f�hrt dich hierher?� Der Dichter l�chelte entschuldigend. �Ich f�rchte, meine Absichten sind eigenn�tziger. Ich konnte es nicht mehr l�nger ertragen, f�r Horsa L�gengeschichten zu verbreiten. Dieser Feldzug ist die gr��te Heldengeschichte seit vielen Generationen. Ich muss einfach dabei sein. Du wirst Geschichte machen, Alfadas, und ich werde sie in sch�ne Worte fassen, damit k�nftige Generationen sich ein Beispiel an deinem Mut und deiner K�hnheit nehmen. Keine zwei Stunden bin ich bei deinem Heer, und schon habe ich mehr Wunderbares erlebt als in den vierzig Jahren zuvor. Ich bin auf einem goldenen Pfad durch die Dunkelheit geschritten, in einem Heerlager der Elfen, und deine Krieger erz�hlen von einem Geisterpferd, das ihnen begegnet ist. Ich werde eine Saga �ber dich verfassen, Alfadas Elfensohn.�</p><p>Der Herzog zuckte innerlich zusammen, als er den verhassten Beinamen h�rte. Er konnte Veleif nicht zur�ckschicken. Lyndwyn, die das Tor ge�ffnet hatte, war unmittelbar nach der Ankunft des Heeres gemeinsam mit dem gr��ten Teil der Elfen, die das Lager aufgebaut hatten, wieder verschwunden. Es gab kein Zur�ck mehr. Aber das wusste der Skalde ja nicht.</p><p>�Ich bin kein Freund von L�gen und schamlosen �bertreibungen, Veleif, und ich bin geneigt, dich zur�ck auf den Pfad aus Licht zu schicken. Vielleicht begegnest du dort dem Geisterpferd. Nun geh hinaus und sieh dir die M�nner an, die diese Bestie angegriffen hat. Sieh dir an, wie es ist, binnen eines Augenblicks um Jahrzehnte zu altern. Beweise dich als ein wahrhaft gro�er Skalde. Singe das Lied der Wahrheit.�</p><p>�Ich singe immer ...�</p><p>Alfadas schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab.</p><p>�Ich wei�, was du f�r Horsa getan hast. Ich war dabei, als er die Elfenk�nigin traf, und es geschah nicht in einem Zelt auf einem Flo�!�</p><p>�Der K�nig hat mir aufgetragen, was ich dichten soll. Ich habe es nicht gern getan. Du wei�t doch ...�</p><p>�Ich wei�, dass ich dich an dem Tag zur�ckschicken werde, an dem du noch einmal solche L�gen verbreitest. Geh hinaus, Veleif! Sieh der Wirklichkeit ins Antlitz. Kleide sie in all ihrer Schrecklichkeit und Pracht in Worte. Du bist entlassen.� Der Skalde sah ihn emp�rt an. Mit wehendem Umhang verlie� er das Zelt. Alfadas wandte sich nun an den vermummten Krieger. �Und wer bist du?�</p><p>�Egil Horsason.� Er schlug die Kapuze zur�ck.</p><p>Der Herzog sah den jungen Mann entsetzt an. Horsas Sohn! Als h�tte er nicht schon genug Sorgen. Egils Gesicht war schmal und feiner geschnitten als das seines Vaters. Seine blauen Augen hatten etwas Fiebriges und waren von dunklen Ringen umgeben. Er trug ein kostbares, engmaschiges Kettenhemd und fein gewobene Kleider. Nur sein Umhang war aus grober Wolle wie bei den einfachen Kriegern des Heeres. �Wei� dein Vater, dass du hier bist?�</p><p>Egil sch�ttelte den Kopf. �Nat�rlich nicht, er h�tte mich niemals ziehen lassen. Er behandelt mich wie einen Sklaven und tut alles, um mich zu dem�tigen.�</p><p>Alfadas wusste nicht, was er sagen sollte. Er hielt nicht viel von Egil. Er hatte nur Schlechtes �ber ihn geh�rt. �Warum bist du mitgekommen?�</p><p>�Um mich als Krieger zu bew�hren. Ich werde eines Tages �ber das Fjordland herrschen, aber ich wei� sehr wohl, dass viele der Jarls mich verachten. Ich war niemals auf einem deiner Kriegsz�ge, Herzog. Nie konnte ich mich als Krieger beweisen. Ich will mir die Achtung der M�nner verdienen, deshalb bin ich hier.� Der Herzog sah zu Ragni. �Ich nehme ihn zu meinen M�nnern�, sagte der Kriegsjarl.</p><p>�Das ist kein guter Gedanke.� Alfadas seufzte. �Ich werde Lambi und seinen Kriegern gleich die Ketten abnehmen lassen. Ich kann keine gefesselten K�mpfer gebrauchen. Dir ist klar, dass sie dich aufmerksam beobachten werden, Ragni? Ihnen wird nichts entgehen, was um dich herum geschieht. Sie w�rden Egil umbringen, nur damit du bei Horsa in Ungnade f�llst.� Alfadas wandte sich an den K�nigssohn. �Du wirst bei den Viehtreibern mitgehen, die unsere Schafe h�ten. Dort kennt dich keiner, und du bist in Sicherheit. Ragni, besorge dem Jungen Kleider, die dieser Aufgabe angemessen sind. Es gibt keine Viehtreiber in Kettenhemd und feinem Tuch.�</p><p>�Du kannst doch nicht ...�, begann Egil, brach aber ab, als Alfadas ihn zornig anblickte.</p><p>�Was kann ich nicht? Dir Befehle erteilen? Ich bin der Herzog. Mein Wort ist hier Gesetz. Du willst ein Krieger sein? Dann lerne zu gehorchen! Das ist die erste Tugend eines Kriegers. Respekt muss man sich verdienen, Egil, der wird einem nicht in die Wiege gelegt. Erz�hle niemandem, wer du bist. Lass deine Taten f�r dich sprechen, und wenn du Gl�ck hast und die n�chsten Wochen �berlebst, dann wirst du als geachteter Mann ins Fjordland zur�ckkehren. Und solltest du gegen mich aufbegehren, dann sei dir sicher, dass ich dich wie jeden anderen Mann behandeln werde. Ich wollte keinen K�nigssohn hier haben und werde mich so verhalten, als g�be es dich nicht. Von nun an hei�t du Ralf! Dalla! Du hast weder gesehen noch geh�rt, was hier vor sich gegangen ist!� Die Heilerin nickte stumm. W�tend verlie� Alfadas das Zelt. Was bildete sich dieser unreife Trottel ein? Und wie w�rde Horsa reagieren, wenn er begriff, wo sein Sohn war?</p><p>�Herzog?� Ollowain kam ihm entgegen. �Graf Fenryl w�nscht dich zu sprechen. Er m�chte das Lager abbrechen lassen.�</p><p>�Warum hat er es so eilig?�</p><p>�Eine Karawane ist vom Rosenberg nach Phylangan unterwegs. Sie haben ihre Heimat verlassen, weil wir die kleinen Siedlungen der Snaiwamark nicht verteidigen k�nnen. Fenryl w�nscht, dass wir uns mit den Fl�chtlingen vereinen, denn sie haben nur eine sehr kleine Eskorte. Der Graf m�chte sich nicht in deine Entscheidungen einmischen, aber seine Frau und sein Kind sind bei den Fl�chtlingen.�</p><p>�Wie weit sind sie entfernt?�, fragte Alfadas. Jetzt, wo sein Zorn �ber Egil verrauchte, sp�rte er wieder die K�lte. Fr�stelnd rieb er sich die Arme.</p><p>�Wir k�nnten sie etwa drei Tagesm�rsche entfernt von hier treffen. Das w�rde nur einen kleinen Umweg bedeuten. Auch die Fl�chtlinge m�ssen nach Phylangan. Es ist der einzige Weg zur Hochebene von Carandamon.�</p><p>�Gut, dann suchen wir die Fl�chtlinge. Es ist besser f�r die M�nner, wenn wir schnell aufbrechen. Sie sollten keine Zeit haben, um dar�ber nachzudenken, was auf dem Weg durch das Tor geschehen ist.� Alfadas begannen die Z�hne zu klappern.</p><p>�Du solltest die K�lte nicht untersch�tzen, mein Freund. Sie wird dich umbringen. Komm mit!� Ollowain brachte ihn hinter die Zelte in einen Bereich des Lagers, wo dicht an dicht die Lastschlitten der Elfen standen. Mehr als zweihundert Wolfshunde kauerten hier im Schnee. Sie waren nicht angepflockt und beunruhigend ruhig. Mit aufmerksamen Blicken verfolgten sie jeden, der in ihre N�he kam.</p><p>Ein St�ck weiter hatte Lambi seine M�nner um sich geschart. Der Kriegsjarl stand auf einem der Schlitten und hielt eine Rede.</p><p>�Ich hoffe, ihr habt mich verstanden, ihr hirnlosen Hurenb�cke. Die Elfen haben uns diese Amulette nur geliehen! Wenn ihr sie verliert, oder, was ich eher glaube, versucht, sie zu stehlen, dann habt ihr mehr �rger, als ihr schlucken k�nnt! Die Amulette sch�tzen euch vor der K�lte des Landes. Das ist irgendeine Art von Magie. Legt sie an, und ihr k�nnt in einer Schneewehe v�geln gehen, ohne dass euch die Arschbacken zusammenfrieren. Ihr braucht keine Decken oder Kleider mehr, um euch vor der K�lte zu sch�tzen. Aber werdet mir nicht �berm�tig. Diese Amulette sch�tzen euch allein vor der K�lte, vor sonst nichts! So, und jetzt kommt her und holt sie euch. Und vergesst nicht, wir werden sie zur�ckgeben, sobald wir Albenmark verlassen. Und wenn ein Troll einem eurer Freunde den Sch�del zermatscht, sich jemand die Ged�rme auskotzt oder beim Schei�en vom Schlag getroffen wird, dann nehmt ihm sein Amulett ab. Wir m�ssen sie alle zur�ckgeben! Und ich meine wirklich alle!�</p><p>Die Krieger dr�ngten sich um Lambi, der aus einem kleinen Silberk�stchen die kostbaren Kleinode herausnahm. Die Amulette sahen wie sehr d�nne Goldm�nzen aus. Alfadas war �berrascht, wie schlicht sie gehalten waren. Ihre einzige Verzierung waren ein paar Wellenlinien, ein Sonnenrad oder ein kleiner Rubinsplitter. Sie alle hingen an schlichten roten Lederschn�ren.</p><p>Einer der Krieger, ein dicker Kerl mit rotem Backenbart, kam auf Lambi zugestampft. Er hatte sein Amulett an seine Pelzm�tze gebunden.</p><p>�Mein Zauber ist kaputt�, schnaufte er.</p><p>�Du musst ihn auf der nackten Haut tragen�, mischte sich Ollowain ein. �Wenn das Amulett deinen Leib nicht ber�hrt, kann es seine Kraft nicht entfalten.�</p><p>Lambi blickte zu dem Elfen. �Verdammt, das hatte ich ganz vergessen.� Er wandte sich noch einmal an seine M�nner.</p><p>�Habt ihr geh�rt? Tragt das Elfengold auf der nackten Haut, sonst wirkt der Zauber nicht.�</p><p>�Egal wo?�, fragte der B�rtige grinsend.</p><p>�Meinetwegen steck dir dein Amulett sonst wo hin, wenn du Spa� dabei hast. Aber wenn du es mir zur�ckgibst, und es stinkt, dann quetsch ich dir die Eier, bis du es mir blitzblank geleckt hast.�</p><p>Der B�rtige lachte. �Habt ihr das geh�rt, Leute? Unser Kriegsjarl will mir an die Eier. Hoffen wir, dass er bald eine willige Elfe findet, die sich an dem Ding in seinem Gesicht, �ber das man nicht spricht, nicht st�rt, sonst wird der geile Bock uns noch der Reihe nach bespringen.�</p><p>�Reden die manchmal auch von was anderem?�, fragte Ollowain in seiner Muttersprache.</p><p>Alfadas l�chelte. �Erfundene Heldentaten lieben sie fast ebenso. W�rden sie f�r jede L�ge ein Kupferst�ck bekommen, w�ren sie allesamt reich wie K�nige.�</p><p>�Und denen willst du die Ketten abnehmen lassen?�</p><p>�Machst du dir Sorgen, dass sie einer Elfe zu nahe treten k�nnten?�</p><p>Jetzt war es Ollowain, der l�chelte.</p><p>�Wenn sie ihre schmutzigen Finger nach einer Elfe ausstrecken, dann k�nnen sie diese Finger hinterher einzeln im Schnee aufsammeln gehen. Was glaubst du, was Lysilla oder Silwyna mit diesen Kerlen machen, wenn sie ihnen zu nahe treten?�</p><p>�Wir werden mit einigen M�nnern Probleme bekommen, wenn sie zu lange keine Frau haben�, entgegnete Alfadas ernst.</p><p>�Aber das soll nicht die Sorge dieses Tages sein. Verteilen auch die anderen Kriegsjarls die Schutzamulette an ihre M�nner?�</p><p>�Es geschieht alles so, wie du es geplant hast, Alfadas�, versicherte Ollowain.</p><p>Beruhigt trat der Herzog zu Lambi und nahm sich eines der Elfenamulette aus dem Silberk�stchen. Kaum hielt er das verzauberte Goldst�ck in der Hand, durchfloss ihn wohlige W�rme.</p><p>Wie viel Macht musste man haben, um so etwas zu erschaffen, dachte er. Und wie viel Weisheit musste ein Volk besitzen, um diese Macht nicht zur Erschaffung von Waffen zu nutzen ...</p><p>All die Zauberschwerter, die die Skalden seines Volkes den Elfen so gerne andichteten, k�nnten sie gewiss Wirklichkeit werden lassen, wenn sie es nur wollten. Und im Augenblick w�nschte er sich, sie h�tten es getan. Alfadas wusste, dass sie jede Waffe im Kampf gegen die Trolle brauchen w�rden.</p><p>Selbst die Elfen mussten das begriffen haben, warum sonst nahmen sie die Hilfe von Menschen an?</p></section><section><title><p>Die Wolfsgrube</p></title><p>Orgrim ging zwischen bl�henden Str�uchern und B�umen umher und sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �Nutzlos!�, sagte er ver�rgert, und Mandrag nickte zustimmend. Die gro�e Haupth�hle der Wolfsgrube, ihrer einstigen Felsenburg, war in einen Blumengarten verwandelt. Obwohl es mitten im Winter war, schm�ckte sich die Natur mit �berbordender Farbenpracht. Und es war unangenehm warm. Hier in dieser H�hle herrschte Fr�hling. Es war nicht richtig, den unab�nderlichen Lauf der Jahreszeiten auf diese Weise zu verh�hnen. Gegen die Natur konnte man sich nicht auflehnen. Sie w�rde immer siegen. Wer klug war, lebte nach ihren Gesetzen. Jeder Troll wusste das!</p><p>�Nichts ist mehr so wie fr�her�, sagte Mandrag bitter. �Wie mag es erst in der K�nigsburg aussehen, wenn sie hier schon jede Ordnung der Dinge so verdreht haben!� Er l�ste seinen Streitkolben vom G�rtel und stapfte mit schweren Schritten hin�ber zur Statue eines �berheblich l�chelnden Elfenf�rsten. Ein wuchtiger Hieb zerschmetterte die Marmornase. Wieder und wieder h�mmerte er mit der schweren Waffe auf den Stein und l�schte die Gesichtsz�ge des Elfen aus, bis schlie�lich der Kopf der Statue wegbrach und in ein Rosenbeet rollte. Orgrim und sein Gefolge sahen dem Alten schweigend zu � der h�nenhafte Gran, Birga, die Schamanin, und Boltan, der Gesch�tzmeister. Sie alle konnten Mandrags Zorn nachf�hlen. Mit dem Einzug in die Wolfsgrube war die Ern�chterung gekommen. Keine ihrer Felsenburgen w�rde noch so aussehen wie fr�her. Die Elfen hatten alles verdorben! Sie hatten Jahrhunderte Zeit gehabt, jegliche Erinnerung an das Volk der Trolle auszul�schen, und zumindest hier in der Wolfsgrube hatten sie gr�ndliche Arbeit geleistet. Die Wandgem�lde aus Ru� und Blut waren verschwunden, ebenso die Runensteine und die kleinen Felsnischen, in denen man sich mit einem Weib vergn�gen konnte, w�hrend die Alten beim Feuer sa�en und redeten. Alles fort! Stattdessen gab es weite H�hlen mit G�rten, deren Decken in Zauberlicht erstrahlten, Pal�ste mit Zimmern �ber Zimmern und allerorten Wasser in Teichen, Becken und Brunnen.</p><p>Boltan hatte seine Wange an eine der gro�en Steinstelen gepresst, die �berall im Blumengarten aufragten. �Darinnen flie�t Wasser�, sagte er �berrascht. Pl�tzlich erhellte ein strahlendes L�cheln sein Gesicht. �Sie nutzen die Geysire. Der Fels hier ist ganz warm. Deshalb konnten sie im Winter einen Fr�hlingsgarten erschaffen. Es ist keine Magie!�</p><p>Birga stampfte �rgerlich mit ihrem Knochenstab auf den Boden. �Red nicht �ber Dinge, von denen du nichts verstehst, Gesch�tzmeister! Hier ist �berall Magie. Jegliche nat�rliche Ordnung ist gest�rt. Sie haben allem hier ihren Willen aufgedr�ckt!� Die Schamanin zeigte zur H�hlendecke. �Was glaubst du, wie man Fels dazu bringt, taghell zu leuchten? Und wie haben sie all die H�hlen erschaffen? Magie, Magie, Magie!� Sie legte eine Hand auf die gesch�ndete Statue. �Selbst hier f�hle ich Magie. Sie haben den Stein weich gemacht, bis sie ihn mit blo�en H�nden formen konnten, so wie man feuchten Lehm formt und in eine Gestalt zwingt. Das Land wird uns helfen, die Normirga zu vertreiben. Es ist der Elfen �berdr�ssig. Es wird sie absch�tteln, wie ein Hund Fl�he absch�ttelt.�</p><p>Orgrim war anderer Meinung, aber er h�tete sich, Birga zu widersprechen. Der Rudelf�hrer wusste, dass es kl�ger war, wenn man ein wenig nachhalf, die Normirga zu vertreiben. Sie hatten hier �ber Jahrhunderte gelebt, und das Land hatte sie geduldet. Warum sollte sich das jetzt pl�tzlich �ndern?</p><p>Ihre Sp�her hatten die Wolfsgrube am Vortag verlassen vorgefunden. Kein Elf war in der Felsenfestung. Doch �berall fand man Spuren, die auf einen �berhasteten Aufbruch hinwiesen. Einen halbfertigen Wandteppich, der noch in den Webrahmen gespannt war. Frisch erlegtes Wild, das in den k�hlen H�hlen nahe dem Eingang zur Wolfsgrube aufgeh�ngt war, um auszubluten und geh�utet zu werden. All dies sprach eine deutliche Sprache. Die Normirga waren gewarnt. Man wusste, dass sie kamen. Dabei hatte Orgrim sich alle M�he gegeben, ihren Anmarsch durch das Swelm-Tal in gr��ter Heimlichkeit durchzuf�hren. Sie waren nur bei Nacht marschiert, wenn nicht einmal das Geisterlicht am Himmel tanzte, und hatten sich w�hrend der kurzen Tagesstunden in dichten W�ldern versteckt. Die Kundschafter hatten sich w�hrend eines Schneesturms an die Festung herangepirscht. Und doch hatten sie alles verlassen vorgefunden. Fast schien es, als h�tten die Elfen auf wunderbare Weise gesp�rt, dass die Trolle in ihre Heimat zur�ckgekehrt waren. Der Aufbruchsbefehl musste an jenem Tag gegeben worden sein, als die <emphasis>Geisterwind</emphasis> am Eingang zum Swelm-Tal vor Anker gegangen war. Der Rudelf�hrer stieg eine Treppe zwischen den Gartenterrassen hinab und sah sich nach dem gro�en Tisch um, der ihm schon am Vorabend aufgefallen war. Beinahe strauchelte Orgrim. Fluchend griff er nach einer der Steinstelen, die in weiten Abst�nden die Treppe s�umten. Die Stufen waren viel zu niedrig und zu schmal. F�r Trolle waren diese Treppen die reinsten Stolperfallen.</p><p>Der seltsame Marmortisch stand inmitten einer Laube aus Rosenranken. Blutrote Bl�tenbl�tter lagen auf dem schneewei�en Stein verstreut. Unangenehm s��licher Geruch hing in der Luft. Orgrim r�mpfte die Nase und wischte dann die Bl�tter von dem Tisch. Die Platte war uneben. Gewundene Linien waren in den Stein gegraben, und an vielen Stellen schien es, als sei er erst gar nicht richtig gegl�ttet worden. Das Ganze ergab kein Muster, im Gegenteil, es wirkte v�llig willk�rlich. Zun�chst hatte Orgrim gedacht, die Platte sei noch nicht fertig bearbeitet gewesen, und war gegangen. Dann hatte er von der Treppe aus noch einmal zur�ckgeblickt. Es hatte des Abstands bedurft, um zu begreifen, was er dort sah. Es war eine Karte! Jeder Berg war sorgf�ltig ausmodelliert. Er hatte die K�stenlinie der Walbucht und die Bergketten erkannt, die das Swelm-Tal einfassten. Fluchend kam Mandrag die Treppen hinab. �Das also ist der Kartentisch, von dem du mir erz�hlt hast!� Der alte Troll st�tzte sich schwer schnaufend auf die Marmorplatte. �So muss das Land wohl f�r einen Vogel aussehen, wenn er nur hoch genug fliegt.� Mandrag studierte den Plan kurz und deutete auf einen einzelnen Berg. �Das hier ist die Wolfsgrube.� Er spannte sich und wies dann auf einen viel gr��eren Berg, der einen Pass versperrte. �Dies ist das Ziel unserer Tr�ume, der K�nigsstein, die gr��te und sch�nste unserer Burgen. Von dort haben unsere Ahnen �ber die Snaiwamark geherrscht.�</p><p>�In diesem Winter noch wird Branbart seinen alten Thron wiederbekommen�, sagte Orgrim begeistert. �Der K�nigsstein liegt viel n�her, als ich dachte.�</p><p>�Da irrst du, mein Junge.� Der Alte fuhr mit seinem Finger �ber die Steinplatte und machte einen weiten Bogen um die flachen Ausl�ufer einer Bergkette. �Dies ist der Weg, den wir nehmen m�ssen. Von hier aus sind es acht oder neun Tage.�</p><p>Orgrim lie� seine Finger �ber die unebenen Berge gleiten.</p><p>�Was ist hier? Man k�nnte den Weg zum K�nigsstein halbieren, wenn man durch die Berge geht. Sie scheinen nicht besonders hoch zu sein, falls diese Karte stimmt. Was l�sst dich vor ihnen zur�ckschrecken?�</p><p>�Die Maurawan! Das hier sind die s�dlichsten Ausl�ufer der Slanga-Berge. Es ist ihr Land. Ein Wald aus himmelhohen Eichen w�chst dort. Selbst im kurzen Sommer bleibt es in ihrem Reich unter den B�umen immer dunkel. Kaum ein Lichtstrahl vermag das dichte Laubdach zu durchdringen. Und die Pfade in diesem Wald sind verhext. Sie f�hren dich in die Irre. Man kann tagelang im Kreis laufen, ohne es zu merken ...� Er r�usperte sich. �Das geschieht, wenn man Gl�ck hat. Hat man Pech, dann steckt einem, kaum dass man den Wald betritt, der Pfeil eines Maurawan im Nacken. Es hei�t, die B�ume selbst seien die Verb�ndeten dieses Elfenvolkes, und sie w�rden sie vor allen neugierigen Blicken verbergen. Die Maurawan sind st�ndig um einen herum, wenn man den Wald betritt. Doch sehen kann man sie nur, wenn sie auch gesehen werden wollen.�</p><p>�Sind sie nicht das Kleinste aller Elfenv�lker, Mandrag? Wie lange k�nnten sie dem Zorn unserer Rudel widerstehen?�</p><p>�Die Antwort ist leicht. Solange es B�ume gibt, auf denen sie sich verstecken k�nnen, du vorwitziger Welpe. Mit den Maurawan wird man nie eine offene Feldschlacht austragen. Sie locken dich in ihren Wald, wenn sie k�mpfen wollen, doch selbst dort stellen sie sich nicht. Schnell wie der Wind laufen sie auf den �sten der gro�en B�ume. Und wenn man gerade denkt, man w�re diesen Plagegeistern entgangen, dann f�llt der n�chste Mann in deiner N�he. Diese elenden Wichte sind stolz darauf, niemals mehr als einen Pfeil verschie�en zu m�ssen, um zu t�ten � ganz gleich, was sie jagen. Sich in diesen Wald zu wagen, hei�t nur, sinnlos Krieger zu opfern. Ich hoffe inst�ndig, Branbart hat die Weisheit, ihn zu meiden.�</p><p>Schweigend betrachteten die beiden die Karte. Die Slanga-Berge schoben sich wie ein riesiger Keil in das Gebiet der Snaiwamark. Ganz am Rand der Karte erhob sich ein einzelner Berg �ber alle anderen.</p><p>�Was ist das f�r ein Ort?�, fragte Orgrim neugierig.</p><p>�Das Albenhaupt.� Mandrag schlug hastig ein Schutzzeichen.</p><p>�Dieser Ort ist verflucht. Der Berg verbirgt seinen Gipfel stets in den Wolken. Niemand, der dorthin wollte, ist je zur�ckgekehrt.�</p><p>�Rudelf�hrer!� Brud, der Anf�hrer der Kundschafter, kam quer durch den Garten gelaufen. Er trug ein eisverkrustetes Fell um die Schultern, und sein Gesicht war dunkel verf�rbt von der K�lte. Orgrim hatte ihn gestern ausgeschickt, um den Elfen nachzusetzen, die aus der Wolfsgrube geflohen waren.</p><p>Schnaufend kam Brud neben dem Kartentisch zum Stehen.</p><p>�Wir haben die Fl�chtlinge aufgesp�rt. Es sind ein paar hundert. Und sie haben kaum Krieger dabei. Sie r�cken nur langsam vor; ich glaube nicht, dass sie schon wissen, wo wir stehen.�</p><p>Orgrim sah den Kundschafter verwundert an. Warum hatten die Elfen so pl�tzlich die Wolfsgrube verlassen, wenn sie keine Ahnung hatten, wie nah ihre Feinde schon waren? �Haben sie deine M�nner entdeckt?�</p><p>�Nat�rlich nicht!�, rief Brud beleidigt.</p><p>�Wo genau sind die Elfen?� Er deutete auf den Tisch. �Sieh dir das hier an, das ist eine Karte. Hier ist die Wolfsgrube, und dort ist die Bucht, in der die <emphasis>Geisterwind</emphasis> liegt. Findest du dich zurecht?�</p><p>Der Kundschafter sah sich eine Zeit lang die Tischplatte an und stie� dabei immer wieder leise Grenzlaute aus. �Was f�r eine wunderbare Karte! Sie stimmt genau. Wir sollten sie mitnehmen. Selbst die Berge sind so gearbeitet, wie sie wirklich aussehen.� Er deutete auf einen kleinen H�cker mit einer sternf�rmigen Einbuchtung in seiner Flanke. �Hier in dieser Felsmulde haben wir letzte Nacht f�r drei Stunden gerastet.�</p><p>�Wo sind die Elfen?�, dr�ngte Orgrim.</p><p>�Hier!� Brud deutete mitten auf eine Ebene. �Sie bewegen sich in dieser Richtung. Sie wollen ohne Zweifel zum K�nigsstein.�</p><p>Das war eine gute Gelegenheit f�r einen billigen Sieg, dachte Orgrim begeistert. Vielleicht waren unter den Elfen auch einige bedeutende Pers�nlichkeiten, die man als Geiseln nehmen konnte, um sp�ter die Verteidiger des K�nigssteins zu erpressen. �Wo w�rden wir sie einholen, wenn wir sofort aufbrechen? Bedenke, dass die Lastschlitten unseren Vormarsch etwas verlangsamen werden.�</p><p>Brud ma� mit seinen Fingern den Abstand zum jetzigen Standort der Elfen ab und �berlegte kurz. Dann deutete er auf einen Punkt, der nahe einer flachen H�gelkette lag. �Hier w�rden wir sie erreichen. Selbst mit den schweren Schlitten wirst du in drei Tagen dort sein, Rudelf�hrer.�</p><p>Orgrim dachte kurz nach. Am liebsten w�rde er m�glichst viele Elfen hierher zur�ckbringen. Sie k�nnten als Sklaven dienen und helfen, die Wolfsgrube wieder, so gut es ging, in ihren fr�heren Zustand zu versetzen. Und sie w�ren ein netter Fleischvorrat. �Wie sieht die Karawane aus?�</p><p>�Einige Krieger reiten auf Pferden. Ich wei� nicht, wie die Viecher die K�lte �berstehen. Die meisten reisen auf Schlitten. Manche dieser Gef�hrte haben sogar Segel. Es gibt auch eine gro�e Lastkolonne aus Yaks. Sie sind es, die die Elfen so langsam machen. Viele Kobolddiener sind dabei, die f�r die Normirga die groben Arbeiten erledigen. Etliche Elfen fahren in sch�nen Schlitten mit Silbergl�ckchen. Man kann sie schon von weitem h�ren. Auch ein paar Hundeschlitten habe ich gesehen. Es ist ein sehr bunter Haufen. Der Zug erstreckt sich �ber mehr als zwei Meilen.�</p><p>�W�rdest du dir zutrauen, sie von ihrem Weg abzudr�ngen, ohne dich in eine richtige Schlacht verwickeln zu lassen, Brud?�</p><p>Der Kundschafter nahm sich Zeit, bevor er antwortete, was Orgrim gut gefiel.</p><p>�Ich w�rde mindestens f�nfzig weitere Krieger brauchen, Rudelf�hrer. Aber ich glaube, ich k�nnte sie t�uschen. Wahrscheinlich werden sie in Panik geraten, sobald sie die ersten Trolle sehen.� Er grinste breit. �So wie die sich auff�hren, k�nnen sie nicht ahnen, dass wir ihnen schon im Nacken sitzen.�</p><p>Orgrim deutete auf einen kleinen Einschnitt in der H�gelkette. �Hier scheint es ein breites Tal zu geben, das sich quer durch die H�gel zieht. Dr�nge sie dorthin ab. Wir werden sie da erwarten. Wenn sie zwischen uns und deinen M�nnern in der Klemme sitzen, werden die feigen Wichte sich sicherlich ergeben. Wir sehen uns in drei Tagen auf dem Schlachtfeld!�</p></section><section><title><p>Ein Schatz auf vier Beinen</p></title><p>Drau�en war etwas! Ole griff nach K�cher und Bogen, die neben der T�r lehnten. Seine Hunde waren unruhig. Nicht wie damals, als die verfluchten Elfen gekommen waren. Aber sie liefen in ihren K�figen auf und ab. Irgendetwas schlich ums Haus oder war nahe am Waldrand. Diesmal w�rde er sich nicht �berraschen lassen, dachte Ole w�tend. Und er w�rde auch nicht nur einen Kn�ppel mitnehmen!</p><p>Vielleicht war es ja auch die ganze Zauberei droben auf dem Hartungskliff, die die Hunde verr�ckt machte. Aber es war besser nachzusehen, bevor wieder jemand in seiner T�r stand. Er streifte die Sch�rpe mit den Peitschen �ber, warf sich den K�cher �ber die Schulter und nahm den Bogen.</p><p>Die D�mmerung war l�ngst vor�ber, doch es wurde nicht richtig dunkel. Wieder tanzte das geisterhafte Feenlicht �ber den Himmel. Sein gr�ner Schein vertiefte die Schatten, aber im offenen Gel�nde konnte man ganz gut sehen.</p><p>Rings um das Haus war nichts. Ole ging zu den St�llen. Ruhelos strichen die Hunde entlang der W�nde der gro�en Kisten, die er f�r sie gezimmert hatte.</p><p>�M�rder! Sch�delbei�er!�, rief er scharf. Er zeigte den beiden Bluthunden die Peitschen, damit sie sich erinnerten, wer ihr Herr war. �Los, wir machen eine Runde!�</p><p>Kurz �berlegte er, die Hunde an lange Lederleinen zu legen. Dann verwarf er es. Im Dorf wusste jeder, dass es nicht klug war, sich bei Nacht in die N�he seines Hauses zu wagen. Ole war noch immer w�tend wegen des Nachmittags. Dass dieser Halbelfenbastard vom K�nig feierlich verabschiedet worden war! Sah denn niemand, was f�r ein aufgeblasener Wichtigtuer dieser Alfadas war? Wenn er ein Zauberschwert von den Elfen h�tte, dachte Ole, dann k�nnte er auch ein Herzog sein! Dieses ganze Gerede von Helden und unsterblichem Ruhm fand Ole zum Kotzen. Die meisten dieser angeblichen Helden w�rden sich vor Angst in die Hosen machen, wenn sie nachts einem seiner Hunde begegnen w�rden.</p><p>�Sch�delbei�er, was machst du da? Raus mit dir!� Der Bluthund dr�ckte sich flach auf den Boden der Kiste, obwohl die T�r weit offen stand. W�tend drosch Ole mit der Peitsche auf den Hund ein. Die Eisendornen zerrissen dem Schisser das Fell. Blut troff von den gedrehten Lederschn�ren. Widerstrebend kroch der Hund aus seiner Holzkiste und blickte hasserf�llt auf.</p><p>�Brauchst du noch eine Abreibung, Kl�ffer?� Ole hob drohend die Peitsche.</p><p>Der Hund duckte sich, lie� ihn aber nicht aus den Augen. So war es gut, dachte Ole. Sollten sie ihn nur f�rchten! Das w�rde bessere Hunde aus ihnen machen. Da sie ihm nichts tun konnten, w�rden sie mit all ihrer Wut �ber jeden herfallen, der sich sonst in die N�he wagte.</p><p>�Na, M�rder. Du hast es schon gelernt, nicht wahr? Versuchst erst gar nicht mehr, dich mir zu widersetzen. Kluger Hund! Los jetzt! Sucht!� Er lie� die Peitsche durch die Luft knallen. �Zeigt mir, was euch so unruhig macht!�</p><p>Sch�delbei�er antwortete mit einem tiefen, kehligen Knurren, w�hrend M�rder sofort loslief. M�rder war nicht ganz so riesig wie die anderen Hunde. Er hatte ein kurzes, rostbraunes Fell und eine lange Schnauze. Er sah viel zu nett aus, um ihn als B�renbei�er zu verkaufen. Aber er war mutig und gehorchte. Es waren nur wenige Pr�gel n�tig gewesen, um ihn zu erziehen.</p><p>Sch�delbei�er war da ganz anders. Er stammte aus demselben g�tterverfluchten Wurf wie Blut. Diese verdammte Brut hatte zwar alle �u�eren Merkmale von Bestien, aber die Hunde waren so st�rrisch, dass man sie kaum beherrschen konnte. Und dann noch die Sache mit Kadlin! Ole wurde jetzt noch ganz schlecht, wenn er daran dachte, wie dieser Schei�kl�ffer das kleine M�dchen abgeschleckt hatte. Blut hatte genau gewusst, was er da tat. Er und sein Bruder Sch�delbei�er waren zu klug f�r Hunde. Selbst die Peitsche half da nicht. Vor ihnen musste man stets auf der Hut sein. Sie wollten sich einfach nicht unterwerfen. Aber er war noch mit jedem Hund fertig geworden, dachte Ole stolz. Wenn sie zur�ck waren, w�rde er Sch�delbei�er durchpr�geln, bis ihm das zottelige schwarze Fell in Fetzen herabhing. Er w�rde schon sehen, wer hier den st�rkeren Willen hatte! Sie waren dem Waldrand bis auf zwanzig Schritt nahe gekommen. M�rder stand wie angewurzelt und starrte in das dichte Unterholz. Ole nahm einen Pfeil aus dem K�cher und pirschte vorw�rts. Da war etwas. Eine gro�e, helle Gestalt. Zu gro� f�r ein Reh. Es war wei�! Beim Schw�nze Luths! Das musste eine wei�e Elchkuh sein. Ein Verm�gen auf vier Beinen! Wei�e Elche waren so selten, dass man nur einmal in hundert Jahren einen fand.</p><p>So hie� es jedenfalls. Das mochte �bertrieben sein, Tatsache aber war, dass ein solches Fell eines K�nigs w�rdig war.</p><p>Ole malte sich aus, wie er Horsa hinterher eilen w�rde. Mit etwas Gl�ck k�nnte er den Herrscher in Honnigsvald einholen. Seine Abreise hatte sich verz�gert. Irgendetwas war geschehen, was den K�nig in Wut versetzt hatte. Er hatte seine M�nner in alle Winde geschickt, so als sollten sie etwas suchen. Ob er vielleicht Ger�chte �ber die wei�e Elchkuh geh�rt hatte?</p><p>Wie dem auch sei, dieses eine Mal leuchtete der Gl�cksstern ihm, Ole von Firnstayn! Von dem Geld f�r das Fell k�nnte er einen ganzen Mond lang in Honnigsvald saufen und huren!</p><p>�Los, M�rder, Sch�delbei�er! Treibt die Kuh da heraus!� Ihre Beute hatte sie bemerkt und zog sich tiefer in den Wald zur�ck. Ole fluchte. Du entkommst mir nicht, schwor er sich.</p><p>�Luth hat dich nur f�r mich geschickt�, sagte er leise und so freundlich, dass sich Sch�delbei�er misstrauisch nach ihm umsah, weil er diesen Tonfall von ihm nicht kannte. �Bleib stehen! Ganz gleich, wohin du l�ufst, ich kriege dich. Also erspar uns allen die Rennerei und bleib stehen.�</p><p>M�rder st�rmte mit gro�em Eifer in den Wald. Kl�ffend versuchte er, der Elchkuh den Weg abzuschneiden. Ole hatte seine liebe Not, dem Hund ins Unterholz zu folgen. Die Elchkuh hingegen schien sich ohne M�he ihren Pfad durch das Dickicht zu bahnen. Dabei war sie so geschickt, dass sie sich nicht durch den L�rm brechender �ste verriet. Ole blieb mehrmals stehen und lauschte. Er h�rte zwar, wie sich M�rders w�tendes Kl�ffen weiter entfernte, aber er h�rte nicht das Knacken von �sten, das ein so schweres Tier wie ein Elch eigentlich verursachen m�sste. Auch vermochte Ole nicht die F�hrte der Elchkuh aufzusp�ren. Es war wie verhext. Hin und wieder fand der Hundez�chter Pfotenabdr�cke von M�rder im schlammigen Waldboden. Guter Hund! Er w�rde ein gro�es Lendenst�ck abbekommen. Hoffentlich stellte er die Kuh nicht allein und ruinierte durch seine Attacken das kostbare Fell!</p><p>Inzwischen war es still geworden. Der L�rm der Verfolgung war verklungen. Ole fluchte stumm in sich hinein. Mit jedem Augenblick, der verstrich, ohne dass er die Elchkuh h�rte, wurde es wahrscheinlicher, dass sie ihm entkommen war.</p><p>Seine Jagd hatte ihn tief in den Wald gef�hrt. Nicht weit entfernt erkannte er eine Gruppe von Felsbl�cken, die von J�gern gern als Lagerplatz genutzt wurde. Ole �berlegte, ob er dort ein Feuer entfachen sollte, um im ersten Morgenlicht zur�ckzukehren. Der Weg durch den dunklen Wald war recht beschwerlich, wenn man nicht vom Jagdfieber vorangepeitscht wurde.</p><p>�Sch�delbei�er?� Der st�rrische Hund war im Unterholz verschwunden. Die meiste Zeit �ber hatte er sich ganz in Oles N�he gehalten.</p><p>Der J�ger blies sich auf die H�nde. Sie waren dunkel vor K�lte. Er lehnte seinen Bogen an einen Baum und klopfte sich mit den H�nden vor die Brust. Er hatte die Waffe so fest gehalten, dass seine Finger ganz verkrampft waren.</p><p>�Sch�delbei�er! Bei Fu�! Wo steckst du Mistvieh?� Nichts regte sich. Hatte der Hund die Gelegenheit genutzt auszurei�en? Ole stapfte zu den Steinen hin�ber. Der Wald war hier weniger dicht, so dass man gut den Himmel sehen konnte. Einzelne Sterne leuchteten hell hinter den Schleiern aus gr�nem Feenlicht. Die Felsen hatten eine graugr�ne F�rbung. Die alte Feuerstelle wirkte wie eine schw�rende Wunde im Waldboden. Es war totenstill. Nicht der leiseste Luftzug lie� die kahlen �ste wispern.</p><p>Misstrauisch sah Ole sich um. Etwas stimmte nicht! Der Lagerplatz lud in dieser Nacht nicht zum Verweilen ein. Unschl�ssig, ob er bleiben sollte, b�ckte er sich, um nach der Felsnische zu sehen, in der stets ein Vorrat trockenen Holzes lag. Es war eine l�ngliche H�hlung, die wohl einst ein l�ngst versiegter Wasserlauf aus dem Fels gewaschen hatte. Bei schwerem Regen oder Sturm konnte dort ein einzelner schlanker Mann Zuflucht vor dem W�ten der Elemente finden. Wer immer den Rastplatz nutzte, lagerte dort einen Vorrat frisches Bruchholz ein, bevor er weiterzog, damit auch der n�chste Wanderer ein Lagerfeuer anz�nden konnte.</p><p>Ole griff in die Spalte und fuhr augenblicklich zur�ck. Er hatte etwas Trockenes, Pelziges ber�hrt! Rasch zog er seinen langen Jagddolch und wartete ab. Was immer dort im Spalt verborgen lag, r�hrte sich nicht. Vielleicht hatte nur ein J�ger seinen Wasserschlauch zur�ckgelassen oder eine Jagdtasche aus Fell. Es war albern, sich so aufzuf�hren!</p><p>Ole sah sich unsicher um. Niemand war in der N�he. Endlich fasste er sich ein Herz und griff noch einmal in den Spalt. Er zerrte an dem Ding, bis es mit einem Ruck freikam und vor ihm auf den Boden purzelte. Ein vertrockneter und v�llig verschrumpelter Tierkadaver lag vor ihm. Die Lefzen waren hochgezogen und gaben den Blick auf lange F�nge frei, die im Feenlicht gr�nlich schimmerten. Erst als Ole das W�rgehalsband erkannte, begriff er, was da vor ihm lag.</p><p>�M�rder?�, fl�sterte er und strich �ber das kurze Fell. Der Hund wirkte jetzt viel kleiner. Etwas hatte ihm das Fleisch von den Knochen geschmolzen, bis nur noch Haut und Gebein �brig waren.</p><p>Offensichtlich hatte M�rder noch gelebt, als er in der flachen H�hlung Zuflucht gesucht hatte. Der Hund hatte die L�ufe eng an den Leib gezogen. Seine Schnauze war zur Verteidigung bereit vorgereckt. Doch wovor hatte er sich dort versteckt?</p><p>H�tte Ole den Hund nicht vor wenig mehr als einer Stunde noch gesehen, er h�tte Stein und Bein darauf geschworen, dass vor ihm der Kadaver eines Tieres lag, das schon seit vielen Wochen tot war. M�rder f�hlte sich noch warm an. Was immer ihn get�tet hatte, musste ganz in der N�he sein! Ole sp�rte, dass er beobachtet wurde. Etwas war hinter ihm. Er hatte ein leises Ger�usch geh�rt. Es klang wie das Kratzen einer Pfote auf Stein. Ruckartig drehte der Hundez�chter sich um, den Dolch abwehrbereit erhoben. Zwischen den Felsen stand Sch�delbei�er. Der gro�e Hund hob witternd den Kopf.</p><p>Nie war Ole so froh gewesen, dieses st�rrische Mistvieh zu sehen! �Wir sollten von hier verschwinden, mein Feiner. Wir m�chten doch nicht so enden wie M�rder!� Der gro�e Hund sah ihn absch�tzend an. Seine Augen waren wie schwarze Seen. Im Zwielicht sah man deutlich die breiten Narben auf seiner Schnauze. Sch�delbei�er stie� einen kurzen Schnauber aus, dann drehte er sich um und machte sich davon.</p><p>�Du kannst doch nicht einfach abhauen, du Missgeburt!� Ole lief dem Hund hinterher. Erst als der Lagerplatz schon ein ganzes St�ck hinter ihm lag, fiel ihm auf, dass er seinen Bogen zur�ckgelassen hatte. Sch�delbei�er war l�ngst im Unterholz verschwunden. Dornenranken zerrten an Oles Kleidern. Was f�r eine verfluchte Nacht! Wahrscheinlich waren Feen oder andere magische Gesch�pfe heimlich durch das Tor gekommen, um nun unter den Fjordl�ndern ihr Unwesen zu treiben.</p><p>Unschl�ssig, was zu tun war, blieb der Hundez�chter stehen. Der Wald zog sich hier eine Bergflanke hinauf. An manchen Stellen brach blanker Fels durch den Boden. Hinter ihm ging es ziemlich steil bergab. Wurzeln, halb im Laub versteckt, waren t�ckische Fu�angeln. Es war verr�ckt, mitten in der Nacht und ohne Licht hier herumzulaufen.</p><p>Gerade am Rand seines Gesichtsfeldes fiel ihm ein matter Schein auf. Ole drehte sich um. Das waren ganz sicher Feen! Er kannte sich aus, hatte alle Geschichten �ber diese b�sartigen kleinen Verwandten der Elfen geh�rt. Einsame Wanderer zu foppen, war ihre Lieblingsbesch�ftigung.</p><p>�Mich kriegt ihr nicht!�, murmelte der Hundez�chter leise.</p><p>�Mich nicht!� Da war es wieder! Etwas huschte lautlos zwischen den B�umen hindurch. Und dann schob sich ein massiger, wei�er Leib hinter einem Geb�sch hervor. Die Elchkuh! Sie musste durch eine Bodensenke gelaufen sein! Das war des R�tsels L�sung! Hier gab es keine Feen. Nur einen v�llig ver�ngstigten Hundez�chter. Ole lachte leise. Das Feenlicht lie� ihn Geister sehen! Das wusste jedes Kind. Die Menschen wurden ganz n�rrisch, wenn die gr�nen Lichter �ber den Himmel zogen. Sein Gl�ck hatte zu ihm zur�ckgefunden. Es gab keinen Grund, sich zu �ngstigen. Er ... Ole h�tte laut losfluchen m�gen. Sein Bogen! Luth hatte wohl beschlossen, ihn zu verh�hnen! Ohne Bogen konnte er der Elchkuh nichts tun. Sie w�rde kaum brav stehen bleiben, wenn er zu ihr hin�berging, um ihr mit seinem Jagddolch die Kehle durchzuschneiden. Aber vielleicht lie� sie ihn nahe genug kommen, dass er den Dolch werfen konnte? Wenn die Elchkuh erst einmal verwundet war, dann w�rde er sie leichter verfolgen k�nnen.</p><p>Vorsichtig pirschte Ole sich heran. Er schaffte es, sich auf zehn Schritt seiner Beute zu n�hern, ohne dass die Elchkuh auch nur den Kopf in seine Richtung wandte. Der Wind blies ihm entgegen. Sie konnte keine Witterung von ihm aufnehmen! Meinte es Luth doch gut mit ihm?</p><p>Die Elchkuh stand hinter einem Dickicht aus Dornenranken. Mit einem Hechtsprung k�nnte er vielleicht auf ihren R�cken gelangen und ihr den Dolch an den Nackenwirbeln vorbei ins Hirn sto�en. So w�re das Vieh sofort tot, und sein Fell w�rde kaum mit Blut besudelt. Ole war sich dar�ber im Klaren, dass dies nicht die Art war, wie man Elche jagte, und dass ein so tolldreister Angriff wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Aber vielleicht war ihm ja das Gl�ck hold! Werfen konnte er seinen Dolch immer noch.</p><p>Noch f�nf Schritt. Zoll um Zoll schob er sich vorw�rts. Jetzt nur keinen Fehler machen! Ein knackender Ast, ein Stein, gegen den er stie� und der den Hang hinabrollte, eine Kleinigkeit reichte schon, um die Jagd zu verderben. Noch zwei Schritte. Ole hatte fast den Rand des Dornengestr�pps erreicht. Er spannte sich, bereit zum Sprung. Noch immer hielt die Elchkuh den Kopf gesenkt. Sie ahnte nichts von ihrem Schicksal.</p><p>Der Hundez�chter grinste. Das Dickicht war niedrig. Es reichte ihm kaum �ber die Knie. Die Elchkuh musste auf der anderen Seite in einem Graben stehen. Ole stie� sich ab. Im selben Augenblick sah die Elchkuh auf. Ihr Kopf war seltsam. Zu schlank. Und ihre Z�hne ... Mit einem Satz wich das Tier zur Seite aus. Unglaublich schnell.</p><p>Oles Herz setzte einen Schlag lang aus. Hinter dem Dornendickicht war kein Graben! Sich �berschlagend, st�rzte er eine steile, mit Felstr�mmern �bers�te B�schung hinab. Unf�hig, seinen Sturz abzubremsen, schlug er gegen Baumst�mme und Steine. Es f�hlte sich an, als dresche eine ganze R�uberbande mit Kn�ppeln auf ihn ein. Er lie� seinen kostbaren Dolch fahren und versuchte mit seinen H�nden so gut es ging den Kopf zu sch�tzen. Ein Sto� in den R�cken presste ihm die Luft aus den Lungen. Er konnte nicht mehr atmen. Immer schneller �berschlug er sich. Seine Nase blutete. Pl�tzlich packte etwas seinen linken Fu�. Mit einem m�rderischen Ruck endete der Sturz. Er wurde halb herumgerissen. Sein Schienbein schlug auf etwas Hartes. Deutlich h�rte er ein trockenes Knacken. Sengender Schmerz durchfuhr sein Bein. Er schrie seine Pein in den Wald hinaus. Es war, als habe ihn eine Axt getroffen. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen, ihm wurde �bel. Er versuchte sich aufzurichten, doch sein Fu� steckte noch immer fest. Er hatte sich in einer Wurzel verfangen. Grelle Lichter tanzten vor �les Augen. Er konnte nur undeutlich erkennen, was mit seinem Bein war. Ein gebrochener Ast schien sich durch seinen Unterschenkel gebohrt zu haben.</p><p>Ole hechelte vor Schmerz. Endlich schaffte er es, sich aufzusetzen. Er musste diesen verdammten Ast aus der Wunde ziehen und sie dann mit dem G�rtel abbinden. Sein Bein war merkw�rdig verdreht. Der Fu� steckte in einem seltsamen Winkel in der Wurzelschlinge fest. Bei dem Anblick �bermannte ihn eine neue Welle von �belkeit. Er schloss die Augen, griff mit beiden H�nden nach dem verfluchten Ast und zog mit aller Kraft daran. Der Schmerz traf ihn wie ein Peitschenhieb. Ole br�llte wie ein Tier. Keuchte, weinte. Es war, als habe man ihm eine gl�hende Eisenstange ins Bein gesto�en. Durch einen Tr�nenschleier starrte er auf seine blutverschmierten H�nde und dann auf das Bein. Das war kein Ast, der aus dem zerschundenen Fleisch ragte. Es war sein Schienbeinknochen!</p><p>Pl�tzlich wurde es k�lter. Vor ihm stand die Elchkuh am Steilhang. Nein ... Jetzt erkannte Ole seinen Irrtum. Dieses Gesch�pf war so gro� wie eine Elchkuh, aber das war schon alles, was es mit einem Elch gemein hatte. Sein Kopf erinnerte an einen riesigen Hundekopf. Fingerlange Rei�z�hne s�umten die Kiefer. Und es war durchscheinend. Blasses, geisterhaftes Licht ging von ihm aus.</p><p>Eine Zeit lang stand die Kreatur einfach nur dort und blickte auf ihn hinab. Ole hatte den Eindruck, dass dieses Geistertier sich an seinen Schmerzen weidete. Endlich senkte es den Kopf und kam ein wenig n�her. Seine Kiefer schnappten nach dem verletzten Bein. Es f�hlte sich an, als ber�hre ihn eisiger Winterwind. Die Z�hne versanken in seinem Fleisch, ohne es zu verletzen.</p><p>Etwas Goldenes schimmerte zwischen den F�ngen. Die Bestie riss den Kopf zur�ck. Sie zerrte etwas aus ihm heraus. Eine Schlange? Nein, es sah eher wie eine Nabelschnur aus goldenem Licht aus.</p><p>Alle Gelenke begannen ihm zu schmerzen. Halb ohnm�chtig tastete Ole nach der Sch�rpe mit den Peitschen. Immer brennender wurde der Schmerz in seinen Gliedern. Gleichzeitig �berkam ihn eine Mattigkeit, als sei er seit Tagen ohne Schlaf. Er musste all seine Willensst�rke aufbieten, um eine Peitsche aus den Lederschlaufen der Sch�rpe zu ziehen.</p><p>�Alles, was wie ein Hund aussieht, hat Angst vor mir.� Seine Stimme war nur ein heiseres Fl�stern. Sie klang wie die eines Greises. Die Bestie blickte kurz auf. Mit mattem Schwung lie� Ole die Peitschenschnur nach der Schnauze der Kreatur schnellen. Es gab ein zischendes Ger�usch, als gie�e man Wasser in die Glut. Die Peitschenschnur fuhr durch den geisterhaften Leib der Bestie hindurch. Kleine Funken glommen auf. Die Kreatur machte einen erschrockenen Satz zur�ck und stie� ein kl�gliches Jaulen aus. Dann st�rmte sie davon und war binnen Augenblicken zwischen den B�umen verschwunden.</p><p>�Ich hatte es dir doch gesagt! Ich werde mit jedem Hund fertig�, murmelte Ole, dann sank er zur�ck. Er f�hlte sich schwach wie ein alter Mann. Klopfender Schmerz marterte sein Bein. Er versuchte erneut, sich aufzurichten, doch seine Kr�fte versagten. Ole wusste, dass es aussichtslos war, hier um Hilfe zu rufen. Niemand w�rde ihn h�ren.</p><p>Wie eine Ausgeburt der Nacht stand Sch�delbei�er pl�tzlich vor ihm. Der gro�e, schwarze Hund musterte ihn mit kaltem Blick. Dann stie� sein unf�rmiger Kopf vor. Er schnappte nach dem Knochen, der aus der offenen Wunde klaffte. Mit w�tendem Knurren riss er das Bein hin und her.</p><p>Oles Stimme �berschlug sich in schrillem Kreischen. Er h�rte den Knochen zwischen den riesigen F�ngen knacken. Blut spritzte ihm ins Gesicht. Er w�nschte sich, ohnm�chtig zu werden, doch der Schmerz peitschte ihn auf.</p><p>Sch�delbei�ers Schnauze hatte sich tief ins Fleisch gegraben. Noch etwas knackte in der Wunde. Der gro�e Hund stemmte seine Vorderpfoten mit aller Kraft ins weiche Erdreich. Pl�tzlich gab es einen Ruck, Sch�delbei�er geriet aus dem Gleichgewicht. Er hatte das Bein durchgebissen. Ohne Ole aus den Augen zu lassen, kauerte er sich nieder und riss das Fleisch von den Knochen. Blut hatte sich in den tiefen Narben auf seiner Schnauze gesammelt und lie� sie wie frische Wunden erscheinen.</p><p>�les Schreie hatten nichts Menschliches mehr. Seine Finger klammerten sich in den Waldboden. Er versuchte, sich fortzuschleppen, auch wenn er wusste, dass er dem Bluthund nicht entkommen konnte und das schaurige Mahl noch lange nicht beendet war.</p></section><section><title><p>Von Falken und W�lfen</p></title><p>Alfadas blickte den langen, gewundenen Weg hinab, dem sie nun schon seit Stunden folgten. Anderthalb Tage war das Heer fast nur bergauf gestiegen. Zun�chst noch durch W�lder, an sanft ansteigenden Bergflanken vorbei, doch bald darauf wurde der Weg immer h�rter. Er wand sich in engen Kehren zwischen schroffen Felsen hindurch, und zuletzt ging es eine Steilwand hinauf, gefangen zwischen den Himmeln. Auf der linken Seite gab es einen Abgrund, so tief, dass sie das Gef�hl hatten, selbst schon im Himmel zu sein. Rechts ragte die steile Felswand auf, und �ber ihnen lag wieder strahlend blauer Himmel. Manche M�nner hatten die Nerven verloren, und man hatte ihnen die Augen verbunden, weil sie den Anblick der Tiefe nicht ertragen konnten. Drei lagen gefesselt auf den Hundeschlitten, weil sie nicht mehr weitergehen wollten. War es die Sch�nheit des Landes, das sich zu ihren F��en ausbreitete, die ihnen den Verstand raubte? Diese Welt f�hlte sich so anders an ... Und dazu kamen noch die Amulette, die dem Winter seine H�rte nahmen. Es war ein Ort, der nicht f�r Menschen geschaffen war. Allein der Tod erlaubte einem, f�r immer hier zu bleiben.</p><p>Alfadas wischte sich den Schwei� von der Stirn. Weit �ber ihm ert�nte erneut der helle Klang der Eispickel. Immer wieder versperrten funkelnde Eiskaskaden den Weg.</p><p>Die Elfen hatten einen Voraustrupp losgeschickt, der diese Hindernisse beseitigte. Graf Fenryl war ein f�higer Anf�hrer. Und er hatte sich den Menschen gegen�ber erstaunlich aufgeschlossen gezeigt. Bislang klappte es recht gut mit dem Nebeneinander der verschiedenen V�lker. Wenigstens diese Sorge war unn�tig gewesen, dachte Alfadas. Er war auch �berzeugt, dass es kein Zufall war, wenn sie bald auf die Fl�chtlinge tr�fen. Diese Zusammenkunft war sicher von vornherein beabsichtigt gewesen. So konnten sich die Menschen als Besch�tzer f�hlen. Gegen wen sollten sie die Elfenfl�chtlinge hier auf dem Eis schon verteidigen? Die Flotte der Trolle war noch hunderte Meilen entfernt, hatte Graf Fenryl Alfadas verraten. Diese Fl�chtlinge brauchten gar keine Eskorte. Jedem der Elfen musste das klar sein. Der Herzog hoffte, dass seine M�nner diese List nicht durchschauten. Sie w�rden es wahrscheinlich so auffassen, dass man sie wie Kinder behandelte. Mit Get�se st�rzten Eisbrocken �ber die Klippe. Alfadas sah, wie sie in der Tiefe die grauen Klippen streiften und in einen Schleier silbern funkelnder Splitter geh�llt im Abgrund verschwanden. Voraus erklang ein Hornsignal. Der Weg war wieder frei. Langsam setzte sich der lange Zug aus Elfen, Menschen und Hundeschlitten wieder in Bewegung.</p><p>Es war beklemmend, durch eine Winterlandschaft zu marschieren und keinerlei K�lte zu sp�ren. Wind schlug Alfadas ins Gesicht und zerrte an seinem schweren, roten Umhang, aber er biss ihm nicht in die Haut, so wie es sein sollte. Dem Winter war der Stachel genommen. Ohne Zweifel war es angenehmer. Alfadas sah sehr wohl den Raureif im Pelz der Hunde, und er konnte sich vorstellen, wie m�rderisch die K�lte sein musste. Wahrscheinlich w�rde sich sein Atem als Eis in seinem Bart verfangen, wenn er dieses Amulett nicht h�tte. Die K�lte w�rde sein kleines Heer auszehren und die Schw�chsten unter den M�nnern wom�glich sogar umbringen. Es war also gut, wenn die Elfen sie sch�tzten. Und doch blieb das Gef�hl, dass es nicht richtig war, durch eine Welt aus Eis und Schnee zu wandern und dabei den Winter nicht zu sp�ren.</p><p>Alfadas stieg �ber einen Felsbrocken hinweg, der auf dem Weg lag. Es ging ihm zu gut, wenn er jetzt schon Zeit fand, sich dar�ber Gedanken zu machen, dass ihnen eine M�hsal erspart blieb. Der Pfad, der aus dem Felsen geschlagen war, wurde immer enger. Wie lange es wohl gedauert haben mochte, diesen Weg die Klippe hinauf zu bauen? Nirgends sah er die Spuren von Spitzhaken. Er schien nat�rlich gewachsen zu sein. Aber kein Steilhang wuchs mit einem passenden Weg! Wahrscheinlich hatte Magie diesen gewundenen Pfad erschaffen. Alfadas blickte zur�ck zu den bewaldeten Bergen, die sie hinter sich gelassen hatten. Dies also war die Heimat von Silwyna. Nie zuvor war er in den Slanga-Bergen gewesen. Sie galten als wilder, ungastlicher Ort. Nirgends gab es so viele beseelte B�ume wie dort. Viele Geschichten rankten sich um diesen Wald. Es hie�, die Magie sei so stark, dass es immer wieder zu pl�tzlichen magischen Ph�nomenen kam. So wie man in einem Gewittersturm nie wusste, wo ein Blitz einschlagen w�rde, so konnte man in dem verwunschenen Wald niemals sicher sein, nicht zum Opfer ungelenkter Magie zu werden. Silwyna hatte ihm viele Geschichten erz�hlt, in denen Fremde �ber Nacht von wild wuchernden Dornenranken erw�rgt worden waren. So mancher Wanderer wurde von einem Wahn befallen, der ihn fortan im Kreis umhergehen lie�. Hin und wieder entzog der Wald seinen Besuchern gar die Lebenskraft, und sie wurden in einer einzigen Nacht zu Greisen. So war das Land ebenso gef�hrlich und unberechenbar wie seine Bewohner. Niemand, der seine Sinne beisammen hatte, ging freiwillig dorthin.</p><p>Silwyna hatte ihn in den letzten beiden Tagen gemieden. Offensichtlich hatte sie seine Abschiedsworte, die er in der Welt der Menschen zu Asla gesagt hatte, richtig verstanden. Er war in Albenmark, weil er dazu gezwungen war, und er wollte in seine Heimat zur�ckkehren. Das Band zwischen der Elfe und ihm war zerschnitten. Und nicht er war es gewesen, der es durchtrennt hatte. Sie sollte sich nur keine Hoffnungen machen! Alfadas rutschte und musste sich an der Felswand abst�tzen, um nicht zu st�rzen. Der Weg war vereist. Ihr Voraustrupp hatte zwar Asche von ihrem letzten Lagerfeuer und Sand gestreut, doch das war nur ein Notbehelf. Nie zuvor war er so hoch in die Berge gestiegen. Kein Baum und kein Strauch gedieh hier mehr. Wieder dachte er daran, dass Menschen an diesem Ort fehl am Platz waren. Er war zu sch�n ... Ohne dass er es wollte, dr�ngte sich die Maurawani in seine Gedanken. Er sollte lieber darauf achten, wohin er seine F��e setzte, statt �ber sie zu gr�beln. Sie sollte keinen Platz mehr in seinem Kopf haben! Warum nur schaffte er es nicht, sich von ihr zu l�sen? Er hatte eine Frau, die ihn liebte, und zwei wunderbare Kinder! Was konnte ihm Silwyna im Vergleich bieten? Nur Entt�uschungen!</p><p>Sein Blick schweifte wieder �ber das wilde Bergland, das sie hinter sich lie�en. Die Tiefe des Abgrunds hatte etwas Unheimliches. Sie zog ihn an. Alfadas musste dagegen ank�mpfen, nicht zu nahe heranzugehen. Ob es den anderen M�nnern auch so erging? Wenn man so hoch gestiegen und dem Himmel so nah war, f�hlte man sich wie ein Vogel. Es war fast, als fliege man.</p><p>Au�erdem zehrte der Aufstieg in ungewohntem Ma�e an seinen Kr�ften. Sein Atem ging keuchend, obwohl er nur ein langsames Schritttempo angeschlagen hatte. Etwas raubte ihm die Luft. Und den anderen M�nnern um ihn herum ging es �hnlich. Da war ein St�hnen und Keuchen, als k�mpfe sich ein Heer aus Greisen den Berg hinauf. Der Herzog blickte auf. F�nfzig Schritt noch, dann kam eine enge Kehre. Einige der M�nner gingen sehr dicht am Abgrund entlang. Die neue Welt und der Zauber, der sie gegen die K�lte sch�tzte, machten sie �berm�tig. Andere marschierten fast nackt und hatten sich ihre K�rper mit grotesken Fratzen bemalt, um wie Berserker auszusehen. Er w�rde eine Rede halten m�ssen, bevor sie morgen das Lager abbrachen. Dieser �bermut konnte zu nichts Gutem f�hren.</p><p>Ein Schrei schreckte den Herzog auf. Kaum zwei Arml�ngen entfernt st�rzte ein Mann an ihm vorbei. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen und gl�nzten. Die Arme ausgebreitet wie Vogelschwingen st�rzte er in die Tiefe.</p><p>Jetzt trat auch Alfadas dicht an den Wegrand. Ein ganzes St�ck tiefer sah er den Ungl�cklichen gegen die Felswand schlagen. Blut spritzte auf. Der Mann fiel weiter, bis er im Dunst tief unter ihnen verschwand. W�hrend Alfadas noch immer in den Abgrund starrte, ert�nte ein zweiter Schrei. Schriller und wilder. Mit angelegten Fl�geln st�rzte ein schneewei�er Falke aus dem Himmel. Auch er verschwand im Nebel am Fu� der Steilwand.</p><p>Beklommen trat der Herzog einen Schritt zur�ck. �Vorw�rts!� Die ganze Kolonne hatte angehalten. Mit einigen barschen Worten trieb er die M�nner voran. Er tat es auch, um nicht �ber den Toten nachdenken zu m�ssen. Er hatte den Namen des Mannes vergessen, aber er konnte sich noch gut erinnern, wie er in Honnigsvald zu ihm gekommen war. Zun�chst war er sehr zur�ckhaltend gewesen, doch dann hatte er sich immer mehr in Begeisterung geredet. Er war der Schmied gewesen, der die Stangenbeile ersonnen hatte.</p><p>Was Alfadas am meisten besch�ftigte, war der Gesichtsausdruck des Mannes. Der Schmied war nicht gest�rzt, er war gesprungen. Und er hatte dabei gl�cklich gewirkt!</p><p>Der Herzog blickte den Weg entlang. Eine Stunde noch, vielleicht ein wenig l�nger, dann hatten sie die Steilwand bezwungen. Was immer den Schmied gepackt hatte, hoffentlich ergriff es nicht noch mehr M�nner! Alfadas hatte sich versch�tzt. Es vergingen mehr als zwei Stunden, bis sie die Steilwand hinter sich gelassen hatten und auf eine weite Ebene gelangten. W�hrend der Herzog die M�nner in Gruppen formierte, sobald sie den Steilweg verlie�en, kamen Ollowain und Graf Fenryl zu ihm. Die beiden Elfen in ihren wei�en Gew�ndern verschwammen fast mit dem Hintergrund der verschneiten Ebene.</p><p>Fenryl hatte warme, hellbraune Augen. Seine vollen Lippen und sein ungeb�ndigtes, lockiges Haar, lie�en ihn weniger abweisend und k�hl erscheinen als die �brigen Elfen. Er trug einen wei�en Waffenrock von schlichter Eleganz und einen Seidenmantel, der sich schon beim leisesten Lufthauch bauschte. Erst auf den zweiten Blick fiel Alfadas der Falknerhandschuh an Fenryls linker Hand auf.</p><p>�Herzog, es wird bald dunkel werden�, begann der Graf, ohne sich mit h�flichen Floskeln aufzuhalten. �Ich w�rde vorschlagen, dass wir das Heer bis nach Einbruch der Dunkelheit marschieren lassen, um noch ein gutes St�ck Weg zwischen uns und den Abgrund zu bringen. Ich mache mir Sorgen.�</p><p>�Warum?� Alfadas musterte den Elfen scharf. Hatte er ihm etwas verheimlicht?</p><p>�Es ist die Luft. Sie ist in der H�he anders. Den meisten Elfen macht das nichts aus. Nur unser Atem geht schneller, wenn wir uns anstrengen. Aber bei deinen M�nnern ... Ich wei� nicht, wie es ihnen ergehen wird. Bei Kobolden ist bekannt, dass manche in einen Rausch verfallen und nicht mehr Herr ihrer Sinne sind. Sie haben Halluzinationen und bilden sich die seltsamsten Dinge ein.�</p><p>�Zum Beispiel, dass sie fliegen k�nnen?�, fragte Alfadas scharf.</p><p>Ollowain wich verlegen seinem Blick aus. Der Graf aber nickte. �Ja, das ist schon vorgekommen.�</p><p>�Das h�ttet ihr mir vorher sagen m�ssen!�</p><p>�Wir dachten, es w�rde euch Menschen nichts ausmachen, weil ihr so viel gr��er und kr�ftiger seid.�</p><p>�Gibt es noch etwas, wovon du glaubst, dass es meinen M�nnern nichts ausmachen wird, Graf�? Ich w�re dir dankbar, wenn du mir in Zukunft beizeiten sagen k�nntest, wenn du um irgendwelche Kleinigkeiten wei�t, die m�glicherweise das Leben meiner M�nner bedrohen.� Alfadas war immer lauter geworden, und einige der Krieger sahen sich schon nach ihnen um. Sie hatten in der Sprache der Elfen gesprochen, sodass die Fjordl�nder sie nicht verstehen konnten. Veleif Silberhand blickte neugierig zu ihnen her�ber. Auch Lambi war auf sie aufmerksam geworden.</p><p>�W�rdest du bitte deine Stimme senken, Alfadas?� Ollowain hatte beschwichtigend die H�nde gehoben.</p><p>�Gibt es noch mehr Probleme, die mit irgendwelchen Hoffnungen von eurer Seite verbunden sind?�, beharrte Alfadas. Es fiel ihm schwer, nicht wieder laut zu werden.</p><p>�Das Licht auf dem Eis�, warf Ollowain ein. �Es kann einen blind machen.�</p><p>�Das ist nur vor�bergehend�, meinte Fenryl rasch. �Wir bedenken sehr wohl, was f�r deine M�nner gut und wichtig ist. Das Licht auf dem Eis stellt keine Gefahr dar, nur eine Unannehmlichkeit. Wir kennen das von den Kentauren und Faunen. Den Kobolden macht es nichts aus. Man kann leicht etwas dagegen tun. Deine M�nner m�ssen nur Augenbinden aus Leder tragen, in die man schmale Sehschlitze schneidet. So sind die Augen gesch�tzt.�</p><p>Alfadas blickte zum Himmel. In der letzten Stunde waren Wolken aufgezogen. Die Sonne stand tief am Horizont. Bald w�rde es dunkel werden. F�r heute bestand keine Gefahr mehr, schneeblind zu werden. Er hatte schon davon geh�rt. J�ger, die sich im Winter weit in den Norden wagten, erz�hlten davon. Diese Blindheit konnte Tage dauern.</p><p>�Ich werde mich darum k�mmern, dass sich meine M�nner sch�tzen. Sollte ich sonst noch etwas wissen?�</p><p>Der Graf l�chelte. �Verzeih mir. Ich h�tte an den Umstand mit der d�nnen Luft denken sollen. Allerdings habe keine Erfahrung mit euch Menschen.� Er hielt inne. �Es gibt da noch etwas. Falls wir in einen Schneesturm geraten, sch�rfe deinen M�nnern ein, dass sie dort stehen bleiben, wo uns das Unwetter �berrascht. Die Amulette werden sie vor der K�lte sch�tzen. Doch man verliert im Schneetreiben sehr leicht die Orientierung. Die Marschkolonne w�rde auseinander gerissen und in alle Winde zerstreut werden. Es ist wichtig, im Sturm einfach auszuharren. Wenn ein solches Ereignis eintritt, �bernehme ich vor�bergehend die Befehlsgewalt. Mein Gefolge wird deinen M�nnern sagen, was zu tun ist.�</p><p>�Was soll das hei�en? Ich verliere das Kommando, wenn es anf�ngt zu schneien?�</p><p>�Nur wenn ein Sturm aufzieht�, versuchte Ollowain ihn zu beschwichtigen. �Du kannst dir nicht vorstellen, was f�r eine vernichtende Naturgewalt ein Eissturm hier auf der Ebene sein kann. Wenn man keinen Schutz findet, wird man einfach fortgerissen.� Alfadas sah nicht ein, warum er sich jetzt schon Fenryls Forderungen f�gen sollte. �Das entscheiden wir, falls wir in einen Sturm geraten.� Er deutete in Richtung der Wolken.</p><p>�Steht uns denn ein Sturm bevor?�</p><p>�Nein, nur Schneetreiben.� Fenryl hob unvermittelt den linken Arm. Ein wei�er Falke landete auf seiner Hand. Im Schnabel hielt er ein blutverschmiertes Schutzamulett. Alfadas sah den Vogel fassungslos an. �Das ist von ... dem Schmied. Dem Mann, der von der Klippe st�rzte. Du hast den Vogel darauf abgerichtet, die Amulette zur�ckzuholen! Du hast gewusst, was passieren w�rde!�</p><p>�Nein, nein, nein!� Graf Fenryl sch�ttelte entschieden den Kopf. �Ich habe Schneeschwinge lediglich darauf abgerichtet, verlorene Amulette zur�ckzuholen. Sie sind sehr kostbar, Alfadas, und es dauert lange, ein solches Amulett zu erschaffen. Wir m�ssen sie zur�ckhaben, f�r unsere Kinder! Sie sind nicht einfach zu ersetzen. Ich habe damit gerechnet, dass es Tote geben wird, die man vielleicht nicht ohne weiteres bergen kann. Deshalb habe ich meinen Falken mitgenommen. Ich kann nicht in die Zukunft sehen, Herzog! Ich wusste ebenso wenig wie du, ob jemand beim Aufstieg sterben w�rde. Doch auch ganz ohne Zauberei war mir klar, dass es auf jeden Fall Verluste geben musste. So verh�lt es sich nun einmal in einem Krieg!�</p><p>Alfadas wandte sich ab und ging wortlos davon. Der Graf hatte Recht. Es war nur vern�nftig, was er tat. Und doch machte es dem Herzog zu schaffen, dass sich der Elf wohlweislich auf den Tod der Menschen vorbereitet hatte. Ihn, Alfadas, hatten die ersten Toten unvorbereitet getroffen.</p><p>Ihm wurde bewusst, wie lange er aus Albenmark fort gewesen war. Und zugleich fragte er sich erschrocken, ob man ihn in Firnstayn vielleicht so sah, wie er jetzt den Grafen Fenryl empfand. Dessen vorausschauendes Planen war sicher n�tzlich. Aber darauf vorbereitet zu sein, wie man schwer zu erreichenden Leichen die Amulette wieder abnahm, das erschien Alfadas zutiefst unmenschlich. Sein Fehler! Was erwartete er schon von Elfen! Wie sollten sie menschlich sein?</p><p>�Was ist mit dir?� Ollowain war ihm gefolgt.</p><p>�Nichts!� Alfadas winkte m�de ab. Er wollte nur allein sein, soweit es als Herzog inmitten seines Heerzuges m�glich war.</p><p>�Graf Fenryl m�chte wissen, ob er dich in irgendeiner Weise beleidigt hat. Wenn dem so ist, will er sich bei dir entschuldigen.�</p><p>�Ich muss �ber einige Dinge nachdenken. Richte dem Grafen aus, dass alles in Ordnung ist.� Das war gelogen, doch Alfadas hatte nicht die Kraft, mit dem Elfen eine Debatte �ber etwas zu f�hren, das man ihm nicht begreiflich machen k�nnte. Die Sache mit dem Falken ... Sie war logisch, und sie entsetzte ihn dennoch! Alfadas marschierte mit den M�nnern. Wie alle anderen trug er eine Tasche mit Notvorr�ten und lehnte es ab, auf einem der wenigen Pferde zu reiten. Es machte ihm zu schaffen, dass er sich an den Namen des Schmieds nicht erinnern konnte. Er redete mit den einfachen Bauern, die nie zuvor ein Land gesehen hatten, das nur aus Eis und Felsen bestand. Ein Land, in dem niemals etwas wachsen w�rde und um das man dennoch Krieg f�hrte. Er sprach mit den jungen Kriegern aus der Leibwache des K�nigs, die sich ihnen zuletzt noch angeschlossen hatten. Sie brannten auf ihre erste Schlacht und versteckten ihre Angst hinter Prahlerei.</p><p>Am liebsten war Alfadas bei Lambi und dessen M�nnern. Der Kriegsjarl schaffte es, stets mit einer R�stung aus grimmigem Humor gewappnet zu sein. Er vermittelte seinen Kriegern den Eindruck, dass ihn nichts umwerfen k�nnte. Das machte ihnen Mut. Man glaubte irgendwie, dass es nicht so schlimm kommen k�nnte, wenn er in der N�he war.</p><p>Alfadas w�nschte sich, er w�re mehr wie Lambi. Die M�nner seines Heeres hielten ihn, ihren Herzog, f�r unbesiegbar. Das war ein zerbrechlicher Ruhm. Er w�re lieber der Mann, der selbst in der Niederlage noch einen dreckigen Witz �ber seine Feinde machen konnte und die Zuversicht verbreitete, dass der n�chste Kampf besser laufen w�rde. Die erste Niederlage w�rde das Vertrauen seiner M�nner in ihn ausl�schen. Und wie sollte man gegen Trolle siegen?</p><p>Alfadas behielt seine Gedanken f�r sich. Er wanderte weiter und half dabei, das Lager einzurichten. Sie spannten Schutzw�nde gegen den Wind. Auf dem blanken Eis war es unm�glich, ein Lagerfeuer zu entz�nden. Doch die Elfen stellten gro�e Kupferschalen auf Stelzbeinen auf, in denen sie Feuer entfachten. Obwohl niemand fror, sammelten sich die Menschen in Scharen um die wenigen Feuerschalen. Ihr Licht war das Versprechen, dass die Dunkelheit vor�bergehen w�rde.</p><p>Alfadas gab den Befehl, einige der Schafe zu schlachten. Allein der Bratenduft hob schon die Stimmung unter den M�nnern. Sie schnitten das Fleisch in breite Streifen und warfen es in die Glut der Feuerschalen, bis es eine dunkle Kruste bekam.</p><p>Der Herzog beobachtete, wie Ronardin, der Br�ckenw�chter aus Phylangan, ihnen mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu zusah. Er hatte gewiss in all den Jahrhunderten seines Lebens noch kein St�ck Fleisch gegessen, das au�en schwarz verbrannt war und im Inneren noch roh und blutig.</p><p>Die Elfen verteilten leichten Apfelwein, der nicht zu Kopf stieg und doch k�stlich schmeckte. Auch reichten sie Kr�uterbrot herum, Trockenfleisch und ein wenig Honig.</p><p>An einem der Feuer h�rte Alfadas Veleifs Stimme. Der Skalde sang ein Lied von einem J�ger, der in einsamer Winternacht auf Pirsch ging, um seine Familie vor dem Hungertod zu bewahren. Zwei Strophen nur brauchte er, und es war in weitem Umkreis still geworden. Selbst das derbe Lachen von Lambis M�nnern verstummte.</p><p>Alfadas entfernte sich ein wenig vom Lager. Er floh vor den Gedanken an Asla und die Kinder. Wenn sie siegen sollten, dann musste er so sein wie Graf Fenryl. Er musste vorausdenken. Die Moral der M�nner w�rden Lambi und Veleif schon hochhalten. Seine Aufgabe war es, k�hl zu kalkulieren, wie sie Feinde �berwinden k�nnten, denen Menschen eigentlich nicht gewachsen waren. Es war gut, dass sie zun�chst nur eine Festung verteidigen mussten, deren Mauern sie vor dem Nahkampf mit den Trollen bewahrten.</p><p>Pl�tzlich geriet der Schnee vor ihm in Bewegung. Eine Gestalt l�ste sich aus dem Wei�, gut getarnt durch einen schweren, wei�en Wollumhang. Silwyna.</p><p>�Warum bist du nicht im Lager?�, fragte Alfadas �berrascht.</p><p>�Ein Blick ins Feuer verdirbt die Nachtsicht.�</p><p>�Brauchen wir denn jemanden, der in dieser Nacht �ber uns wacht? Fenryl sagt, die Trolle seien noch weit entfernt.�</p><p>Silwyna schnaubte ver�chtlich. �Er ist nur ein Normirga. Ich bin eine Maurawani, und ich wei�, dass ein J�ger, der seine Beute untersch�tzt, selbst nichts anderes ist als Beute. In Vahan Calyd dachten auch alle, sie seien in Sicherheit. Nun wei� ich, dass die Trolle nach Albenmark zur�ckgekehrt sind. Und ich wei�, dass sie in ihre alte Heimat wollen. Das sind zwei gute Gr�nde, sich in der Snaiwamark nicht einfach an ein Feuer zu legen und zu schlafen.�</p><p>Alfadas dachte daran, wie nahe sie sich einmal gewesen waren. �Du bist immer auf der Hut, nicht wahr? Was habe ich damals getan, dass du mich verlassen hast?�</p><p>�Hier sind nicht Zeit und Ort, um dar�ber zu reden�, sagte sie barsch und trat in die Dunkelheit.</p><p>�Wird es jemals eine Zeit und einen Ort f�r eine Aussprache geben?�, rief er ihr w�tend hinterher. Sein Zorn galt nicht nur ihr. Ebenso w�tend war er dar�ber, dass nur wenige Worte mit ihr gen�gten, um ihn so sehr aus der Fassung zu bringen.</p><p>Silwyna blieb stehen. Langsam drehte sie sich um. �Du sprichst wahr, Menschensohn. Es wird niemals leicht sein, �ber das zu sprechen, was war. Und in wenigen Wochen sind wir vielleicht beide schon tot. Du hast ein Recht darauf, es zu wissen. Was glaubst du, warum ich zu dir in die Andere Welt gekommen bin?�</p><p>Das war noch eine Frage, die sich Alfadas in den vergangenen Wochen oft gestellt hatte. Und er hatte keine Antwort darauf gefunden.�Vielleicht, weil Ollowain dich darum gebeten hat?�</p><p>Sie stand jetzt dicht vor ihm. �Nein�, sagte sie l�chelnd. �Das w�rde er niemals tun. Im Gegenteil, er hatte Sorge, mich mitzunehmen, denn er f�rchtete, mein Anblick w�rde dich w�tend machen.� Ihre Wolfsaugen hielten seinen Blick gefangen. Sie war noch immer wundersch�n. Jedenfalls f�r ihn.</p><p>�Ich bin in die Andere Welt gegangen, um zu sehen, was f�r ein Vater du bist. Ich wusste, dass du ein Weib hast. Und ich dachte mir, dass du auch Kinder haben w�rdest. Ich wollte sie sehen ... Wollte wissen, wie du sie gro�ziehst. Wie du zu ihnen bist. Wie sie dich ansehen.�</p><p>Alfadas sp�rte einen dicken Klo� im Hals aufsteigen. Er dachte an Ulric, wie er ihm mit ernstem Blick zuh�rte, wenn er ihm davon erz�hlte, wie man ehrenhaft k�mpfte. Und an Kadlin, deren �berschw�ngliches Lachen jeden Zorn �ber all die kleinen Katastrophen, in die sie einen verwickelte, sofort verrauchen lie�.</p><p>�Du hast noch einen Sohn, Alfadas�, sagte die Elfe leise. �Er hei�t Melvyn.�</p><p>Das konnte nicht sein! Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag. Sein Mund wurde trocken. �Menschen und Elfen k�nnen keine gemeinsamen Kinder zeugen.� Er vermochte kaum zu sprechen.</p><p>�Ja, so sagt man. Es ist ... unnat�rlich? Er wurde in Liebe gezeugt. Ist das unnat�rlich?�</p><p>Pl�tzlich packte Alfadas wieder die Wut. �Wieso bist du fortgelaufen? Warum hast du nichts gesagt? Du hast ihn mir gestohlen. Warum erz�hlst du mir von einem Kind, das ich niemals sehen werde?� Ebenso pl�tzlich, wie die Wut gekommen war, verging sie auch wieder. Er musste an all die einsamen Stunden seiner Kindheit denken, in denen er sich einen Vater gew�nscht hatte. Ollowain hatte sich wirklich alle M�he gegeben ... Aber einen Vater zu haben war etwas anderes.</p><p>�Ich musste es tun. Wegen Emerelle.� Silwynas Lippen zitterten. �Noroelles Sohn. Er war auch ein Kind, das nicht h�tte gezeugt werden d�rfen. Ein Bastard, der nur zur H�lfte ein Elf war. Sie hatte seinen Tod befohlen. Und sie hat Noroelle bis ans Ende aller Tage verbannt. Du wei�t...�</p><p>�Ja ...� Alfadas� Stimme war nur noch ein verzweifeltes Kr�chzen. Er wusste, was geschehen war. Hatte er doch zu denen geh�rt, die Noroelles Sohn schlie�lich gefunden hatten. Er hatte nachf�hlen k�nnen, warum Farodin und Nuramon den Befehl ihrer K�nigin verweigert hatten.</p><p>�Ich hatte Angst, Emerelle w�rde auch unser Kind zum Tode verurteilen.� Silwynas Stimme �berschlug sich, so schnell sprach sie jetzt. Alfadas ahnte, wie lange sie sich danach gesehnt haben musste, endlich dar�ber zu reden. �Meine Liebe zu dir ist niemals verloschen. Und doch konnte ich dir nichts sagen. Du h�ttest mich nicht ziehen lassen. Und w�rst du mit mir gekommen, dann w�re unser Geheimnis entdeckt worden. Du warst viel zu eng mit dem Hof verbunden, um einfach mit mir in die Wildnis der Slanga-Berge zu gehen. Emerelle h�tte herausgefunden, was geschehen war. Aber da niemand etwas wusste und ich eines Morgens ohne Abschiedswort verschwunden war, dachten sich alle, die launische Maurawani sei einfach nur dem Ruf der Wildnis gefolgt. Und sie habe sich nicht darum geschert, ob sie das Herz des Menschensohns gebrochen habe ... Ich wei�, dass die anderen Elfen so �ber mein Volk denken. Und sicherlich war bei Hof niemand �berrascht �ber mein Verschwinden.�</p><p>�Nein�, gestand Alfadas. Er erinnerte sich, dass selbst die kalte, unnahbare Emerelle versucht hatte, ihn zu tr�sten. Die Maurawan seien wie der Wind, hatte sie damals gesagt, und einfach nicht dazu geschaffen, an einem Ort zu verweilen. Geholfen hatte ihm das nicht. Erst die Begegnung mit seinem Vater hatte ihn wieder aufleben lassen. Ihn auf die Jagd nach Noroelles Sohn zu begleiten, war ein willkommener Anlass gewesen, den Hof der K�nigin zu meiden, wo ihn alles an Silwyna erinnert hatte. Ja, er hatte sogar Albenmark verlassen und war nie wieder zur�ckgekehrt.</p><p>�Wie ist er, mein Sohn?�, fragte er und versuchte sich ein Kind vorzustellen, in dem seine und Silwynas Z�ge miteinander verschmolzen.</p><p>�Er hat meine Augen�, sagte sie l�chelnd. Sie strich ihm durch das Haar. �Und deine Ohren hat er. Das �rgert ihn. Er h�lt es f�r einen Makel, dass seine Ohren anders aussehen als meine oder die der W�lfe. Ich habe es ihm nicht ausreden k�nnen.�</p><p>�Warum vergleicht er sich mit W�lfen?� Alfadas sah sie verwirrt an.</p><p>�W�lfe k�mmern sich sehr gut um ihre Welpen. Das ganze Rudel achtet auf die Jungen. Und wenn dem Muttertier etwas geschieht, dann ziehen die anderen Weibchen des Rudels den Wurf gro�.�</p><p>Der Herzog brauchte einen Augenblick, bis er begriff, was sie ihm damit sagen wollte. �Du ... Du hast meinen Sohn zu einem Wolfsrudel gegeben? Das ist ... Sag, dass das nicht wahr ist!�</p><p>�So war es nicht. Ich bin zum Rudel gegangen und ein Teil davon geworden. Ich habe mit ihnen gejagt und gelebt. Ich habe Melvyn nicht fortgegeben. Ich war fast immer dort.�</p><p>�Du hast ihn unter W�lfen gro�gezogen!� Alfadas konnte nicht fassen, was er da h�rte. �Unter Tieren!�</p><p>�Diese Tiere haben ihn nie wie ein Halbblut behandelt, obwohl er so verschieden von ihnen ist. Aus dem Wurf, mit dem er aufgewachsen ist, lebt nur noch eine alte W�lfin. Sie alle haben ihn als ihren Bruder angenommen, und er hat seinen festen Platz im Rudel. Den h�tte er nirgendwo anders gehabt! Ich wagte ihn nicht einmal meinem Volk zu zeigen, denn ich wusste nicht, ob sie Emerelle zugestimmt h�tten. Es hat nie zuvor einen Jungen gegeben, der halb Mensch und halb Elf ist. Vielleicht h�tten auch die Maurawan beschlossen, ihn zu t�ten. Deshalb habe ich mich in die W�lder am Fu� des Albenhaupts zur�ckgezogen. Dorthin kommt niemand! Der Ort gilt als verflucht. Niemand in meinem Volk hat deswegen Fragen gestellt. Es ist nicht ungew�hnlich, wenn sich einer von uns in die Einsamkeit fl�chtet. Das konnten sie akzeptieren ... Aber das Kind? Vielleicht h�tten sie ihn angenommen? Ich wei� es nicht. Von ihm zu erz�hlen, h�tte bedeutet, mit Melvyns Leben zu spielen.�</p><p>Alfadas versuchte, sich einen S�ugling vorzustellen, der zwischen Wolfswelpen lag. �Sie h�tten ihn zerfleischen k�nnen. Ein Kind, das inmitten eines Wolfsrudels in Sicherheit ist... Wie konntest du nur auf die Idee kommen, ein Kind zwischen rei�ende Bestien zu setzen? Bist du so kaltherzig? Ist dir sein Leben gleichg�ltig?�</p><p>�Du wei�t nicht, wor�ber du sprichst.� Silwyna sah ihn entt�uscht an. �Du willst mir gar nicht zuh�ren, nicht wahr? Er interessiert dich nicht.�</p><p>�Wie kannst du das sagen? Er ist mein Sohn! Er ... Hat er mehr von mir als nur die Ohren?�</p><p>Die Elfe l�chelte mild. �Ja, viel mehr. Er fragt immer wieder nach dir. Deshalb bin ich nach Vahan Calyd gegangen. Ich wollte Ollowain treffen und ihn darum bitten, dass er mir hilft, in die Welt der Menschen zu gelangen.� Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Doch stattdessen hatte er eine Bitte. Er beauftragte mich, �ber jene Frau zu wachen, die ich unter allen Gesch�pfen Albenmarks am meisten f�rchtete. Emerelle, um deretwillen ich in die Wildnis geflohen war.�</p><p>Alfadas sah sich um, ob sie immer noch allein waren. Dann erst wagte er zu fragen: �Warst du es? Hast du auf die K�nigin geschossen?�</p><p>Silwyna sah ihn lange an, ohne zu antworten. Mit jedem Herzschlag, der verstrich, wurde Alfadas unsicherer. Das passte nicht zu der Maurawani! Fr�her war sie immer geradeheraus gewesen. Ihre Antworten kamen ohne R�cksicht. Und sie sprach immer die Wahrheit, ganz gleich, ob sie sich oder anderen damit schadete. Rang sie jetzt mit einer L�ge? �Ich habe nicht auf Emerelle geschossen�, sagte sie schlie�lich. �Sie ist die K�nigin. Ich darf sie nicht t�ten. Und dennoch h�tte Ollowain niemanden finden k�nnen, der schlechter geeignet war, auf Emerelle zu achten. Ich habe den Sch�tzen entdeckt, der sie auf dem Achterdeck ihres Schiffes t�ten wollte. Und ich habe nichts gegen ihn unternommen. Sie ist eine Gefahr f�r unser Kind, Alfadas. Ich kann sie nicht besch�tzen!�</p><p>�Aber du hast ihnen doch bei der Flucht aus der Stadt geholfen. Du hast ...� Alfadas stockte.</p><p>�Ich habe Ollowain geholfen, denn ich vertraute darauf, dass er einen Weg aus dem Inferno finden w�rde. Und das hat er ja schlie�lich auch. Es ging mir nicht um die K�nigin. Ich wollte �berleben, und ... ich wollte zu dir gelangen.�</p><p>�Aber indem du Ollowain geholfen hast, hast du auch Emerelle gerettet�, beharrte Alfadas, der einfach nicht wahrhaben wollte, dass Silwyna sich gegen die K�nigin gestellt hatte.</p><p>�Das mag schon sein�, entgegnete die Maurawani ruhig.</p><p>�Aber es z�hlt nichts, denn es war nicht meine Absicht, der K�nigin zu helfen. Und sie sollte besser niemals auf meine Hilfe rechnen.�</p><p>�Wei� Ollowain davon?�</p><p>�Das muss er nicht. Er misstraut mir. Und er tut gut daran.�</p><p>Alfadas konnte Silwynas Gef�hle nicht wirklich begreifen. Sie hasste Emerelle und f�rchtete um ihr Kind. Sie besch�tze die K�nigin nicht, unternahm von sich aus aber auch keinen Versuch, ihr ein Leid zuzuf�gen. �Wo ist mein Sohn jetzt? Hast du ihn bei den W�lfen gelassen? Und wie alt ist er? Er ist doch nicht etwa immer noch bei diesem Berg, der so einen �blen Ruf hat, dass sich nicht einmal die Maurawan in seine N�he wagen.�</p><p>�Unser Sohn erlebt seinen zw�lften Winter. Und er ist in Sicherheit unter den W�lfen. Sie w�rden sich f�r ihn zerfleischen lassen. Ich ...� Ihr versagte die Stimme. Sie wandte ihr Gesicht ab. �Ich kann niemandem trauen.�</p><p>Alfadas trat dicht an sie heran und strich ihr sanft �ber die Wange. �Mir kannst du vertrauen.� Sie zu ber�hren lie� all seine Wut verfliegen, und es geschah, wovor er sich am meisten gef�rchtet hatte. All die Bilder jenes halben Jahres, das sie gehabt hatten, traten �berdeutlich in seine Erinnerung zur�ck. Es war das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass er sich gl�cklich gef�hlt hatte.</p><p>Erst Asla hatte die tiefe Wunde heilen k�nnen, die Silwyna ihm geschlagen hatte, als sie pl�tzlich verschwunden war. Er hatte die Maurawani verflucht. Und er hatte sie gesucht, Wochen um Wochen. Doch schon am ersten Tag seiner Suche hatte er gewusst, dass er Silwyna niemals finden k�nnte, es sei denn, sie wollte es. Als er die Suche schlie�lich aufgegeben hatte, hatte er versucht, sie zumindest zu verstehen. Doch auch das war ihm nicht gelungen. Niemand begriff die Maurawan, hie� es immer, und zuletzt hatte er sich dieser Meinung gef�gt. Und dann war sein Vater gekommen. Mit ihm zu reiten und alles hinter sich zu lassen, was an Silwyna erinnerte, war ihm nur willkommen gewesen. Und so hatte er zu Asla gefunden. Sie hatte ihn geliebt, vom ersten Tag an. Und er?</p><p>Asla hatte ihm gut getan. Bei ihr hatte er Frieden gefunden. Doch jedes Mal, wenn er hinauf zur steinernen Krone des Hartungskliffs geblickt hatte, war er sich bewusst gewesen, was er Asla angetan hatte. Sie hatte die L�cke f�llen m�ssen, die Silwyna hinterlassen hatte. Er liebte seine Frau ... Aber es war eine andere Art von Liebe, als er sie f�r die Elfe empfand.</p><p>Silwyna k�sste ihn. Es war nur eine fl�chtige Ber�hrung und doch voller Leidenschaft.</p><p>�Ich werde dir nicht im Wege stehen�, sagte sie mit heiserer Stimme. Dann verschwand sie mit eiligen Schritten in die Nacht.</p></section><section><title><p>Begegnung im Sturm</p></title><p>In der vergangenen Nacht hatte er kaum Schlaf gefunden, und sie waren lange vor Morgengrauen wieder aufgebrochen. Dichtes Schneetreiben verbarg die Ebene vor ihren Blicken und lie� die Welt auf einen wenige Schritt weiten Fleck zusammenschrumpfen.</p><p>Alfadas dachte an Asla. Er war all die Jahre gl�cklich mit ihr gewesen. Auch wenn er die Erinnerung an Albenmark nicht hatte absch�tteln k�nnen. Hatte er sich etwas vorgemacht? Er w�nschte, er h�tte das Gespr�ch letzte Nacht nicht eingefordert. Jetzt marschierte er inmitten der Kolonne seiner M�nner. Ein verlorener schwarzer Fleck in einer langen Reihe schwarzer Flecken. Er starrte auf den Umhang des Mannes, der vor ihm ging. Der Wind zerrte an dem zerschlissenen Stoff. Schnee sammelte sich in den tiefen Falten auf den Schultern. Das einzig Gute an diesem elenden Wetter war, dass ihnen die Schneebrillen erspart blieben. Wenn man diese Lederstreifen mit den schmalen Schlitzen darin �ber den Augen trug, machte es keinen gro�en Unterschied mehr, ob man tats�chlich blind war.</p><p>Jeden Moment wartete er darauf, dass ein Bote von Graf Fenryl kam und ihn aufforderte, das Kommando zu �bergeben. Wie dicht musste das Schneetreiben noch werden, bis der Elfenf�rst eine Gefahr darin sah? Es w�re kl�ger, die M�nner anhalten zu lassen. Der Herzog starrte auf den R�cken des Mannes vor ihm. Wenn er die Falten des Umhangs nicht mehr deutlich erkennen k�nnte, w�rde er den Befehl geben stehen zu bleiben, ganz gleich, ob der Graf noch z�gerte.</p><p>Alfadas tastete �ber seine Brust, dort, wo er unter seinem Kettenhemd und der gepolsterten Lederweste das Amulett der Elfen trug. Ohne diese kleinen verzauberten Goldst�cke w�re wohl die H�lfte seiner M�nner in der vergangenen Nacht erfroren.</p><p>Egal, wie schlecht es im Augenblick vielleicht f�r die Elfen aussah, wer solche Wunder vollbringen konnte, der w�rde niemals von einem Haufen ungewaschener Trolle besiegt werden. Sie mussten gewinnen, so wie es immer gewesen war!</p><p>Mag schloss zu ihm auf. Der Umhang des Kriegsjarls war von Schnee verkrustet. Er ging leicht vorgebeugt und stemmte sich gegen den Wind.</p><p>Alfadas blinzelte ihm zu. Der Schnee stach dem Herzog wie tausend winzige Dolche ins Gesicht. �Ist alles in Ordnung?� Er musste fast schreien, um das Heulen des Windes zu �bert�nen.</p><p>�Ja�, antwortete der ehemalige F�hrmann. Dann sch�ttelte er pl�tzlich den Kopf. �Nein! Meine M�nner haben mich etwas gefragt, und ich wei� keine Antwort darauf. Deshalb will ich dir die Frage stellen. Werden auch wir, die Bauern, Fischer und Handwerker, in die Hallen Norgrimms eingehen, wenn wir heldenhaft k�mpfen? In den alten Geschichten sind es Jarls, K�nige oder zumindest ber�hmte Krieger, die Norgrimm zu sich ruft.� Er holte tief Luft. �Und k�nnen wir von hier aus, so weit vom Fjordland entfernt, einen Weg in seine goldene Halle finden?�</p><p>�Wir werden ihn lehren, dass Mut nichts damit zu tun hat, welchem Stand man angeh�rt�, sagte Alfadas. Er konnte Mag ansehen, dass ihn die Antwort nicht zufrieden stellte. �Bist du jemals einem begegnet, der aus den goldenen Hallen zur�ckgekehrt ist, um von ihnen zu berichten?�</p><p>Der junge Kriegsjarl blickte �rgerlich auf. �Nat�rlich nicht! Die Helden werden mit Norgrimm ins Fjordland kommen, wenn die letzte aller Schlachten geschlagen wird. Vorher gibt es kein Zur�ck.�</p><p>�Woher wissen wir dann von dem ewigen Fest der Krieger und der pr�chtigen Halle des Kriegsgottes? Nur von seinen Priestern und von den Skalden, die uns von den Helden erz�hlen. Wir haben unseren eigenen Skalden. Und Veleif Silberhand gilt als der Beste seiner Zunft. Er wird eine gro�artige Saga �ber uns schreiben. Und ich verspreche dir, in dieser Heldensaga werden alle, die tapfer gek�mpft haben, ihren Weg zu Norgrimm finden.�</p><p>Mag runzelte die Stirn. �Aber ist das die Wahrheit?�</p><p>�Wer, au�er Luth, dem Schicksalsweber, kennt schon die Wahrheit? Ich wei� nicht, ob es die goldenen Hallen der G�tter gibt, Mag. Doch eins wei� ich mit Sicherheit: Wenn Veleif ins Fjordland zur�ckkehrt, dann werden noch die Enkel unserer Enkel von den M�nnern erz�hlen, die auszogen, um an der Seite der Elfen zu fechten. Mehr Ruhm haben auch K�nig Osaberg und all die anderen Helden nicht errungen. Die Geschichten von ihnen haben ihren Tod �berlebt. Vielleicht ist es das, was die goldenen Hallen ausmacht. Dort ist, wer nicht in Vergessenheit ger�t.�</p><p>Mag klopfte sich den vereisten Schnee von den Schultern.</p><p>�Man sagt, du glaubst nicht an die G�tter. Vielleicht h�tte ich jemand anderen um Rat fragen sollen.�</p><p>�Du fragst nicht wegen deiner M�nner, nicht wahr? Du bist wegen deines Bruders Torad gekommen.�</p><p>Mag sah den Herzog �berrascht an. Schlie�lich nickte er.</p><p>�Kann man immer so leicht in meinem Herzen lesen?�</p><p>�Ist es eine Schande, die Wahrheit nicht verbergen zu k�nnen?�</p><p>Der junge Kriegsjarl seufzte. �Es ist wohl leichter, den Wind mit H�nden zu fangen, als von dir eine eindeutige Antwort zu bekommen, Herzog.�</p><p>�Nur wenn du mich etwas fragst, worauf du die Antwort schon in deinem Herzen tr�gst.� Alfadas musste schmunzeln. Er konnte die Verzweiflung des jungen Kriegsjarls gut nachvollziehen. Er selbst hatte einst dutzende Gespr�che wie dieses mit seinem Schwertmeister und Ziehvater gef�hrt. Damals war er es gewesen, der an den Antworten schier verzweifelt war. Erst die Jahre hatten ihn gelehrt, dass sie mehr gewesen waren als nur Ausfl�chte vor unbequemen Fragen. Und er hatte gelernt, der Stimme seines Herzens zu folgen. Jedenfalls meistens.</p><p>Lysilla, die wei�haarige Elfe, tauchte wie ein Geist aus dem Schneetreiben auf. Tief �ber die M�hne ihres Schimmels gebeugt, preschte sie an ihnen vorbei.</p><p>�Sie sind unheimlich�, sagte Mag. Er sprach so leise, dass der Sturm fast seine Worte verschlang. �Seit wir auf dem goldenen Pfad waren, hat mein Bruder schreckliche Angst vor dem Tod. Er f�rchtet, dass er wie die Dunkelheit ist, durch die wir gegangen sind: ein endloser Schrecken.�</p><p>Alfadas z�gerte kurz, dann entschloss er sich zu l�gen. �Wir alle haben den Pfad aus goldenem Licht gesehen, als wir durch die Finsternis gingen. Diesen Pfad gibt es in unser aller Leben. Gro�mut, Tapferkeit und unser Sinn f�r Gerechtigkeit sind die Wegweiser auf diesem Pfad. Wenn wir ihn niemals verlassen, dann wird er uns aus dem Leben hinaus zu den Hallen der G�tter f�hren, so wie uns der goldene Pfad durch die Finsternis in die Welt der Albenkinder f�hrte.�</p><p>Mag nickte ernsthaft. Er wirkte erleichtert.</p><p>Alfadas f�hlte sich elend dabei, voller Inbrunst �ber etwas zu reden, wovon er nicht wirklich �berzeugt war. Mag hingegen schien v�llig vergessen zu haben, dass er ihm eben noch vorgeworfen hatte, nicht an die G�tter zu glauben. Doch wer wusste schon eine ehrliche Antwort? Was nach dem Tod kam, war allein eine Frage des Glaubens.</p><p>�Herzog!� Ollowain galoppierte die Kolonne entlang.</p><p>�Hier!� Alfadas trat aus der Reihe der Marschierenden.</p><p>Der Schwertmeister parierte sein Pferd und sprang aus dem Sattel. �Sie sind hier. Keine halbe Meile voraus. Die Trolle! Es hat begonnen.�</p><p>Einige der M�nner blieben stehen und blickten zu ihnen hin�ber. Alfadas war sich jedoch sicher, dass sie im Sturmgeheul nicht verstehen konnten, was gesprochen wurde. �Wie viele sind es?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Lysilla hat sie entdeckt. Sie greifen die Elfen vom Rosenberg an. Wir m�ssen ihnen helfen.� Alfadas� Gedanken �berschlugen sich. Alles war anders, als er es geplant hatte.</p><p>�Haltet die Kolonne an�, schrie er den Marschierenden zu.</p><p>�Ruft alle Kriegsjarls!� Sein Plan war es gewesen, die Trolle durch einen Pfeilhagel gegen einen Wall aus Piken anst�rmen zu lassen, doch nun hatte sich alles ins Gegenteil verkehrt. Sie w�rden angreifen m�ssen. Und das schnell! Bogensch�tzen hatten im dichten Schneetreiben keinen Wert. Ebenso die gro�e Formation der Pikentr�ger. F�r einen Angriff auf einen unsichtbaren Gegner waren sie zu schwerf�llig.</p><p>Als sich die Unterf�hrer versammelten, befahl er den Bogensch�tzen und den Pikentr�gern, eine Verteidigungslinie zu bilden, um den �brigen Truppen einen R�ckhalt zu geben. Die M�nner mit den Stangenbeilen und die Schwertk�mpfer lie� er in lockerer Linie antreten. Sie w�rden den Angriff f�hren, und die Elfen sollten sich entlang der Schlachtreihe verteilen, um ihre Waffenbr�der, so gut es ging, zu unterst�tzen. Graf Fenryl stand bei den Unterf�hrern und beobachtete scheinbar gelassen, wie Alfadas� Befehle ausgef�hrt wurden. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sich die Schlachtreihe formiert hatte. Man musste sehr genau hinsehen, um zu bemerken, wie sich Fenryls Hand um seinen Schwertgriff schloss und wieder entspannte. Immer und immer wieder. Irgendwo dort drau�en im Schneetreiben waren seine Frau und sein Kind. Und ihm blieb nichts �brig, als zu warten, bis die Menschen bereit waren.</p><p>Alfadas schritt die ganze Reihe der M�nner ab, bevor er den Befehl zum Angriff gab. Ihr erstes Gefecht durfte kein Fehlschlag werden. Die Moral der Krieger w�rde sich nie wieder davon erholen. Die M�nner von Lambi und Ragni bildeten die erste lockere Reihe. Darauf folgten die jungen Krieger aus Horsas Leibwache. Dann erst kamen die K�mpfer mit den Stangenbeilen.</p><p>Der Herzog zog sein Schwert. Das Schneetreiben erlaubte ihm gerade einmal zehn Schritt weit zu sehen. Er hatte seinen M�nnern verboten, irgendwelche Hornsignale zu geben. Ihr Angriff sollte die Trolle v�llig �berraschen. Alfadas lie� sein Schwert einmal in blitzendem Bogen �ber seinem Kopf kreisen, dann deutete er nach vorn und ging los. Lambi gesellte sich an seine Seite. �Du erwartest hoffentlich nicht, dass wir sie behandeln wie die Stiere.�</p><p>Der Herzog sah den Jarl verst�ndnislos an. �Was meinst du?� Sein Kamerad grinste. �Selbst wenn du mich in Ketten legen l�sst, werde ich keinen dieser Trolle fressen, nachdem ich ihn geschlachtet habe.� Einige M�nner, die den Jarl geh�rt hatten, l�chelten. Selbst Alfadas f�hlte sich ein wenig entspannter.</p><p>�Ich glaube, ich werde mit ihnen machen, was mein Vater mit ausgesuchten Feinden getan hat: ihnen die Leber herausschneiden und sie an die Hunde verf�ttern.�</p><p>Lambi sch�ttelte missbilligend den Kopf. �Das hier sind keine fjordl�ndischen Stra�enk�ter�, sagte er tadelnd. �Ich sehe geradezu vor mir, wie die sich die Seele aus dem Leib kotzen werden, krank auf den Schlitten liegen und man uns an ihrer Stelle in die Geschirre spannt. Ich glaube, es ist besser f�r uns alle, wenn manche Angewohnheiten deines alten Herrn in Vergessenheit geraten. Auch wenn er verflucht noch mal der Held ist, der den Manneber erschlagen hat.�</p><p>Alfadas machte einen weiten Schritt �ber eine kleine Gestalt hinweg, die im Schnee lag. Ein Kobold. Seine toten Augen starrten zum Himmel. In der Faust hielt er ein Messer. Wie mutig musste man sein, um sich mit solch einer j�mmerlichen Waffe einem Feind zu stellen, der sieben Mal gr��er war als man selbst!</p><p>Vor ihnen erklang Kampfl�rm, doch der Feind war immer noch nicht zu sehen. Das Schneetreiben verh�llte das Schlachtfeld vor ihrem Blick und gab nur einzelne Szenen des Grauens preis. Alfadas wich einem umgest�rzten Schlitten aus. Eine graue Stute hing noch im Geschirr. Ein Schlag in den R�cken hatte ihre Wirbels�ule zerbrochen. Die Hinterl�ufe lagen grotesk verdreht auf dem Eis. Leise wiehernd versuchte das Tier, sich auf die Vorderbeine zu stemmen. Mit seinen verzweifelten Anstrengungen hatte es sich schon wund gescheuert. Der Herzog strich der Stute durch die M�hne und sprach beruhigend auf sie ein. Mit einem sanften Schnitt �ffnete er die dick hervortretenden Schlagadern an ihrem Hals. Nun w�rde sie nicht mehr lange leiden. Hinter dem Schlitten lag ein Elf. Er war unter das umst�rzende Gef�hrt geraten. Sein Brustkorb war zerschmettert. Schnee hatte sich in seinen weit aufgerissenen Augen und in den Nasenl�chern gesammelt. Nicht mehr lange, und das Leichentuch des Winters w�rde ihn v�llig zudecken.</p><p>�K�nnte ich dich um etwas bitten�, fragte Lambi mit rauer Stimme.</p><p>Der Herzog blickte auf. �Was?�</p><p>�Wenn ich verwundet werde, dann k�mmere dich bitte nicht um mich.� Der Krieger l�chelte schief. �Ich m�chte schlie�lich nicht, dass es mir wie diesem Gaul ergeht.�</p><p>Alfadas nickte sanft. �Hast du auch Angst?�</p><p>Vor ihnen erklang ein langer, urt�mlicher Schrei. Fast wie das Br�llen eines B�ren, der nach dem Winterschlaf den Fr�hling begr��te. Auch Waffenklirren war zu h�ren.</p><p>Lambi rieb sich �ber seine verst�mmelte Nase. �Nat�rlich habe ich Angst. Ich mach mir fast in die Hosen. Ich w�nschte, es w�rde endlich losgehen. So schlimm wie ich sie mir vorstelle, k�nnen die Trolle gar nicht sein. Sie endlich vor mir zu haben, wird eine Erleichterung sein.�</p><p>�Du bist sicher, dass ich keine Trollleber an die Hunde verf�ttern sollte?�</p><p>Lambi zog eine Grimasse. �K�nntest du mit den blutr�nstigen Geschichten �ber deinen Vater eine Pause machen, bis wir das hier hinter uns haben? Es wird dich vielleicht �berraschen, Herzog, aber bevor es zu einer Schlacht kommt, habe ich immer einen sehr empfindlichen Magen.�</p><p>Alfadas blickte ihn betroffen an. �Wirklich?�</p><p>Lambi nickte ernst. �Ja. Etwa so empfindlich wie der Magen eines Bluthunds, der gerade die Eingeweide eines Hirschs verschlingt.� Der Kriegsjarl brach in schallendes Gel�chter aus.</p><p>�Sehe ich vielleicht aus wie ein Mann, der in den Schnee kotzt, nur weil ihm ein bisschen Blut auf die Klinge spritzt?�</p><p>Vor ihnen lag eine zerbrochene Truhe. Der Wind zerrte an einem hauchzarten Kleid, das sich im zersplitterten Holz verfangen hatte. Kisten, F�sser und sogar M�belst�cke, die auf dem Eis verstreut lagen, zeugten davon, wie die Elfen verzweifelt versucht hatten, ihre Schlitten zu erleichtern, um den Trollen zu entkommen.</p><p>Lambi hob den zarten Stoff an seine zerst�rte Nase und schnupperte daran. �K�stlich!�, rief er Alfadas zu. Eine Elfe in einem lindgr�nen Kleid taumelte ihnen entgegen. Ihr rotes Haar war zerzaust, die Augen weit vor Panik. Von einem ihrer langen, spitzen Ohren rann ein d�nner Faden Blut ihren Hals hinab.</p><p>�Bei den G�ttern! Luth hat meine geheimsten W�nsche erh�rt!�, rief Lambi und eilte der Elfe entgegen. Pl�tzlich �bert�nte ein r�hrender Schrei den Gesang des Windes. Eine riesige Gestalt sch�lte sich aus dem wei�en Schneegest�ber. Sie war mehr als drei Schritt gro� und trug nur einen Schurz aus schmutzigen Fellen. Die Haut war grau und erinnerte an Felsgestein. Und wie einem Felsen so schien auch diesem Monstrum die t�dliche K�lte nicht das Mindeste auszumachen. Einen Augenblick wirkte der Troll �berrascht. Dann hob er seine Keule, stie� einen markersch�tternden Schrei aus und st�rmte geradewegs auf Lambi zu. Der kleine Krieger lie� sich flach auf den Boden fallen und entging so dem ersten wuchtigen Hieb. Alfadas starrte den Troll wie versteinert an. Nichts, was er je �ber diese gr�sslichen Ungeheuer geh�rt hatte, kam der Wirklichkeit auch nur entfernt nahe. Auch die anderen M�nner ringsherum waren erstarrt. Entsetzt blickten sie dem Tod entgegen.</p><p>Lambi rollte sich verzweifelt zur Seite. Nur wenige Fingerbreit neben seinem Kopf h�mmerte die gro�e Keule auf das Eis. Der Kriegsjarl hatte seine Waffe verloren. Hilflos rollte er hin und her und versuchte den Hieben zu entgehen.</p><p>Endlich schaffte Alfadas es, den Schrecken zu �berwinden. Sein Freund w�rde sterben.</p><p>�Hierher, du dreckige Missgeburt!�, schrie er.</p><p>Der Troll wandte ruckartig den Kopf. Sein schmaler, lippenloser Mund verzog sich zu einem L�cheln. Der Herzog st�rmte vor und unterlief die Keule des H�nen. Seine Klinge bohrte sich tief in den Oberschenkel des Trolls, doch sein Gegner grunzte nur. Ein Schlag mit der R�ckhand traf Alfadas ins Gesicht. Es war blo� eine Ohrfeige, aber die Ohrfeige eines Riesen. Der Herzog wurde von den Beinen gerissen und segelte ein gutes St�ck durch die Luft. Sein Schwert steckte immer noch im Bein des Trolls.</p><p>Das Ungeheuer st�rmte nun den anderen Kriegern entgegen. Ein Keulenschwung lie� den Sch�del eines Stangenbeiltr�gers zerplatzen. St�hnend kam Alfadas auf die Beine.</p><p>�Greift ihn als Gruppe an!�, schrie er. �Sonst wird er euch einen nach dem anderen t�ten!�</p><p>�Nimm das hier!� Lambi hatte sich aufgerappelt, zog eine Axt aus seinem G�rtel und warf sie Alfadas zu. Geschickt fing der Herzog die Waffe aus der Luft und st�rzte sich wieder in den Kampf. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Lambi ihm folgte; er war nur noch mit einem Messer bewaffnet.</p><p>Die Stangenbeile der Krieger zuckten vor und zur�ck. An den Spitzen der Waffen waren lange, vierkantige Eisendornen. Sie drangen dem Troll in Arme und Brust, vermochten ihn aber nicht schwer zu verwunden. Der H�ne lie� seine Keule kreisen und zersplitterte die Sch�fte der Waffen, wenn die Krieger nicht schnell genug zur�cksprangen. Er br�llte etwas in einer tiefen kehligen Sprache. Ob er wohl Angst hatte?, fragte sich Alfadas.</p><p>Lambi schlich sich von hinten an den Troll und stie� ihm seinen Dolch tief in die Kniekehle. Mit einem schrillen Schrei sackte das Ungeheuer seitlich zusammen. Stangenbeile fuhren nieder. Die breiten Axtklingen schlugen klaffende Wunden in Schultern und R�cken des Trolls. Noch im Todeskampf schaffte es das Ungeheuer, nach einer der Waffen zu schnappen. Er zog den blonden Krieger, der sie f�hrte, mit einem Ruck zu sich heran und zerschmetterte ihm mit einem Kopfsto� den Brustkorb.</p><p>Ein weiterer Hieb traf den Troll in den Nacken. Alfadas konnte das Splittern von Knochen h�ren. Die Arme weit ausgebreitet, sank der H�ne nach vorn und begrub den sterbenden Krieger unter seinem Leib. Alfadas trat vor und zog sein Schwert aus dem Oberschenkel des Trolls. Der Herzog sah sich um. Zwei seiner M�nner waren tot, zwei weitere so schwer verletzt, dass sie lange nicht mehr w�rden k�mpfen k�nnen. �Sieg!�, schrie Lambi. �Sieg! Sie sind auch nur aus Fleisch und Blut, wenn auch aus verdammt viel von beidem.�</p><p>�Still!�, rief Alfadas. Das W�ten des Sturms hatte nachgelassen. Deutlich war ein kehliger Ruf zu h�ren. Rechts und links von ihnen erklang Schlachtenl�rm. Todesschreie.</p><p>�Dorthin!� Der Herzog st�rmte dem Geschrei entgegen. Sie fanden zwei weitere Trolle, die ein Blutbad unter den Kriegern aus dem Fjordland angerichtet hatten.</p><p>Ronardin, der W�chter der Mandan Falah, versuchte die beiden Trolle von einem Verletzten abzulenken, der verzweifelt �ber den Boden robbte.</p><p>Ohne zu z�gern st�rmte Alfadas vor. Sein Schwert beschrieb einen funkelnden Halbkreis. Er zog einem der Trolle eine blutige Linie quer �ber den R�cken. Im selben Augenblick schepperte Metall. Ronardin ging von einem Kriegshammer getroffen in die Knie. Seine Brustplatte war tief eingedellt. Blut quoll dem Elfen von den Lippen. Er zielte mit einem kraftlosen Hieb nach dem Knie seines Gegners. Ein zweiter Treffer prellte ihm das Schwert aus der Hand.</p><p>�Heh, Steinhaut�, br�llte Lambi. �Deine Schwester macht f�r jeden die Beine breit!�</p><p>�Er versteht dich nicht!�, rief Alfadas und wich knapp einem tiefen Schlag seines Gegners aus. �Lass den Unsinn!�</p><p>Der Troll mit dem Kriegshammer lie� von Ronardin ab und wandte sich um. Seine Brust und seine Beine waren voller blutiger Handabdr�cke. An einem Knochenhaken an seinem G�rtel hing ein breiter Streifen Fleisch. �Wenn der Tonfall stimmt, muss man die Worte nicht verstehen�, rief Lambi zur�ck. Er fuchtelte wild mit seinem Schwert. �Komm her, du Riese, und ich erz�hl dir, wie es so ist, wenn man bei deiner Schwester liegt.�</p><p>Alfadas duckte sich unter einen verlassenen Schlitten, um einem Hieb zu entgehen. Sein Gegner trug Hosen aus hellem Leder. An seinem G�rtel hingen eine Bogentasche und ein K�cher. Ein Hieb seiner Steinaxt zersplitterte die Sitzb�nke des Schlittens.</p><p>Der Herzog rollte sich zwischen den Kufen hindurch. Einen Moment lang war das zierliche Gef�hrt zwischen ihnen, dann riss der Troll es mit einem w�tenden Schrei hoch und stemmte es �ber den Kopf. Alfadas begann zu laufen. Als er einen zweiten Schrei h�rte, warf er sich nach links. Auf dem Eis dahinschlitternd, prallte er hart gegen eine bronzebeschlagene Kiste. Der Schlitten verfehlte ihn nur knapp. Tr�mmer flogen durch die Luft. Eine verbogene Kufe prallte dicht neben Alfadas gegen die Kiste. Der Hechtsprung hatte ihm das Leben gerettet.</p><p>Ein Schatten erhob sich �ber dem Herzog. Nein, der Sprung hatte sein Leben nur um ein paar Herzschl�ge verl�ngert. Der Troll stand breitbeinig �ber ihm. Alfadas versuchte einen geraden Sto� und zielte auf das Gem�cht des H�nen. Ein m�rderischer Schlag ging auf ihn nieder, ihm wurde das Schwert aus der Hand geprellt. Der Troll hatte ihn mit einem geschickten R�ckhandhieb entwaffnet. Grinsend hob der H�ne seine Steinaxt. Pl�tzlich wuchs ein Pfeilschaft aus seinem rechten Auge. Der Troll zitterte. Dunkles Blut rann ihm �ber die Wange und sammelte sich in seinem Mundwinkel. Er grinste noch immer.</p><p>Schlanke H�nde griffen nach Alfadas und zerrten ihn zur Seite. Der Herzog konnte nicht den Blick von seinem Gegner wenden. Die Hand mit der Steinaxt �ffnete sich. Die schwere Waffe fiel auf das Eis.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte eine vertraute Stimme.</p><p>Ollowain!</p><p>�Danke�, stie� Alfadas atemlos hervor. Der Troll begann zu schwanken. Sein unverletztes Auge war starr auf den Herzog gerichtet. Pl�tzlich sackte der H�ne nach vorn. Einen Moment lang lag er reglos. Dann streckte sich seine Rechte nach der Axt. Die Fingerspitzen ber�hrten den Schaft der Waffe. Er stie� einen tiefen Seufzer aus. Dann regte er sich nicht mehr.</p><p>�Bedanke dich nicht bei mir�, sagte Ollowain sanft. �Sie hat dich gerettet.� Er deutete zu einer schlanken, wei� gewandeten Gestalt, die einen langen Jagdbogen hielt. Silwyna. Die Elfe stand bei Lambi, der sich schwer atmend auf die Tr�mmer des Schlittens st�tzte. Der zweite Troll war verschwunden.</p><p>Ollowain kniete neben Ronardin nieder und ergriff dessen Hand. Das Gesicht des W�chters der Mandan Falah war so wei� wie der Schnee rings herum, die Lippen rot vom Blut.</p><p>�Sie sind nicht �ber die Br�cke gekommen, nicht wahr?� Seine braunen Augen hielten den Schwertmeister gefangen.</p><p>�Die Br�cke ist nicht gefallen�, sagte Ollowain mit fester Stimme. �Du hast deine Aufgabe gut gemacht.� Schaumiges Blut perlte von den Lippen des Elfen.</p><p>�Bitte ... Die K�nigin hat die Dame geschickt, um Phylangan zu retten. Bitte sie um Verzeihung. Ich wollte sie mit meinen Blicken nicht beleidigen.� Ronardin versuchte sich aufzurichten, doch Ollowain dr�ckte ihn sanft nieder.</p><p>�Sie war dir niemals b�se, mein Freund. Und nun ruh dich aus. Wir werden dich zur�ck zum steinernen Garten bringen, damit du weiter �ber die Br�cke wachst.�</p><p>�Sie d�rfen nicht ...� Ronardins Augen weiteten sich. �Du musst ...�</p><p>Ollowain verharrte noch einen Augenblick, dann faltete er die H�nde des Toten �ber dessen Brust.</p><p>�Was hatte das zu bedeuten?�, fragte Alfadas verwundert.</p><p>�Er glaubte wohl, dass er auf der Mandan Falah gek�mpft hat. Er war ihr W�chter, viele Jahre lang.�</p><p>Der Sturm hatte sich gelegt. Es fiel nur noch wenig Schnee. Vor ihnen zeichneten sich schlanke Gestalten im Wei� ab. Kutschen und Schlitten kamen ihnen entgegen. Die Fl�chtlinge vom Rosenberg.</p><p>Die Menschenkrieger brachen in Jubel aus. Sie hatten gesiegt! Lambi kam heran und klopfte dem Herzog auf die Schulter.</p><p>�Denen haben wir ganz sch�n in den Arsch getreten, nicht wahr?�</p><p>Alfadas nickte ersch�pft. �Das B�ndnis hat seine erste Probe bestanden. Das ist ein gutes Omen. Wir konnten die Elfen retten, zumindest diese dort.�</p><p>Lambi lachte. �Was hei�t hier zumindest diese dort. Das war erst der Anfang. Wir folgen den Trollen in die H�gel und erledigen sie. Ich habe mit diesem Kerl mit den blutigen H�nden auf seinem Wanst noch eine Rechnung zu begleichen. Man schubst mich nicht ungestraft herum.�</p><p>Der Herzog sp�rte, wie das Eis unter seinen F��en erbebte. Erhielt der Feind Verst�rkung? Diese Schlacht war noch nicht gewonnen!</p></section><section><title><p>Die Schlacht auf dem Eis</p></title><p>�Sie haben uns �berrascht, Rudelfiihrer�, sagte Brud zerknirscht. �Wir sind v�llig �berrumpelt worden.�</p><p>Der Anf�hrer der Kundschafter kniete vor Orgrim und erwartete offensichtlich, bestraft zu werden. �Lass es gut sein. Das konnte niemand ahnen. Es war kl�ger, die Krieger hierher zur�ckzubringen, als sie in einem ehrenhaften, aber sinnlosen Kampf zu opfern.� Der Rudelf�hrer blickte auf die Ebene hinaus. Weit entfernt formte sich eine breite, schwarze Linie auf dem Eis. Es sah ganz so aus, als machten sie sich f�r einen Angriff bereit.</p><p>�Du bist dir sicher, dass es Menschen waren?�</p><p>Der Kundschafter nickte. �Ja. Und es hatte den Anschein, als seien sie darauf vorbereitet gewesen, gegen uns zu k�mpfen.�</p><p>�Unsinn!�, fluchte Gran. �Sie haben uns �berrascht, und sie hatten Gl�ck.� Der riesige Krieger nahm einen Streifen blutigen Fleischs vom Haken an seinem G�rtel und biss ein gro�es St�ck heraus. �Wir sollten hinunter und ihnen die Sch�del einschlagen�, forderte er auf beiden Backen kauend. �Du hast hier mehr als zweihundert kampferprobte Krieger, Rudelf�hrer. Wir werden sie in St�cke hauen, wenn wir angreifen. Es sind nur Menschen. Sie k�nnen uns nicht widerstehen!�</p><p>�Warum glaubst du, sie w�ren auf einen Kampf mit uns vorbereitet gewesen, Brud?� Orgrim sah den Anf�hrer der Kundschafter forschend an. Versuchte er seine Niederlage in entschuldigende L�gen zu kleiden?</p><p>�Sie schienen nicht �berrascht zu sein, als sie auf uns stie�en. Und einige von ihnen trugen seltsame Waffen. Beile auf langen Stangen. Damit k�nnen sie uns angreifen, ohne in die N�he unserer Keulen zu kommen.�</p><p>�Was h�ltst du davon, Mandrag?�</p><p>Der alte Troll blickte lange auf die Ebene hinaus, bevor er antwortete. �Ich denke, dass die Elfen sehr verzweifelt sind, wenn sie Menschen als Verb�ndete aufbieten m�ssen.�</p><p>Orgrim nickte anerkennend. Aus dieser Warte hatte er die Sache noch gar nicht betrachtet.</p><p>�Wir sollten einen dieser Menschen fangen�, mischte sich Birga ein. �Ich bin sicher, er w�rde mir alles erz�hlen.�</p><p>�Die Frage ist nur, wer ihn verstehen wird?�</p><p>Die Augen der Schamanin musterten Orgrim k�hl. �Vergiss nicht, wer ich bin, Welpe. Ich kann in tausend Zungen reden, wenn ich es denn will. Ich verstehe das Gefl�ster der B�ume und lausche dem Geschw�tz der Raben auf den Schlachtfeldern. Verschaff mir einen dieser Menschen, und ich werde dir sagen, woher sie kommen und warum sie hier sind.�</p><p>�Ich wollte dich nicht beleidigen�, beeilte sich Orgrim zu sagen. Er w�nschte, der h�sslichen Vettel ins Antlitz sehen zu k�nnen, um in ihren Z�gen zu lesen. Doch wie stets war ihr Gesicht hinter einer Ledermaske verborgen.</p><p>�Seht nur, auf der Ebene tut sich was.�</p><p>Boltans Worte boten eine willkommene Gelegenheit, sich von Birga abzuwenden. Orgrim beschirmte seine Augen mit der Hand. Die Wolken hatten sich verzogen. Speerspitzen funkelten in der Sonne. �Reiter.�</p><p>�Nein, Kentauren!�, verbesserte ihn Brud. �Etwa dreihundert, w�rde ich sagen.� Gran lachte. �Noch mehr Schlachtvieh. Lass uns von den H�geln steigen und sie in Streifen schneiden.�</p><p>�Nein�, entschied Orgrim.</p><p>�Hat dich der Mut verlassen, nur weil unsere Kundschafter von ein paar Menschen �berrascht wurden?�, stichelte Gran.</p><p>�Lass die Krieger nach unten, und du wirst sehen, diesmal werden wir siegen.�</p><p>�Bist du nicht auch aus dem Gefecht geflohen?�, fragte der Rudelf�hrer l�chelnd.</p><p>Gran grunzte ver�chtlich. �Ich bin nicht geflohen. Ich bin dem Befehl zum R�ckzug gefolgt. Ein guter Krieger muss gehorchen.�</p><p>�Und ein guter Anf�hrer schuldet seinen Kriegern Siege�, entgegnete Orgrim. �Die Ankunft der Kentauren hat das Gleichgewicht verschoben. Wenn wir hinuntersteigen und k�mpfen, dann werden wir im besten Fall einen Sieg erringen, der uns sehr hohe Verluste bringt. Vielleicht werden wir auch ganz vernichtet. Bleiben wir aber hier oben, dann k�nnen wir nur gewinnen.�</p><p>�Das klingt wie die Rede eines Feiglings!� Gran drehte sich zu Orgrims Gefolge um. �Ich kann nur gewinnen, wenn ich auf dem Hintern sitzen bleibe und nichts tue.� Er �ffte die Stimme des Rudelf�hrers nach. �Wisst ihr, was wir auf jeden Fall verlieren, wenn wir diesem Befehl folgen? Unsere Ehre und unseren Stolz als Krieger.�</p><p>�Geh�rte dein Verstand zu den Opfern des kleinen Scharm�tzels vorhin?�, fragte Orgrim scharf. Er verfluchte den Tag, an dem er sich entschieden hatte, Gran an Bord der <emphasis>Geisterwind</emphasis> zu holen. �Bleiben wir hier auf dem H�gel, dann zwingen wir den Feind, in jedem Fall eine ung�nstige Entscheidung zu treffen. Greift er an, dann wird er viel schwerere Verluste haben, als wenn er sich gegen einen Angriff von uns verteidigt. Bleibt er dort unten auf der Ebene und wartet ab, was wir tun, dann binden wir ein ganzes Heer, das mit Sicherheit eine andere Aufgabe hat, als uns zu beobachten. Ziehen sie sich zur�ck, dann ist das schlecht f�r die Moral ihrer Krieger, denn es wird so aussehen, als liefen sie vor uns davon. Und wer einmal gefl�chtet ist, der wird es wieder tun. Im �brigen w�rde Brud ihnen folgen und daf�r sorgen, dass sie keine einzige ruhige Nacht verbringen. Geht das in deinen Sch�del?�</p><p>�Mir gef�llt es nicht, auf diese Weise Schlachten zu entscheiden�, murrte Gran. �Das ist eines Kriegers unw�rdig.�</p><p>�W�rde ist etwas, �ber das jeder einzelne Krieger meines Rudels durch seine eigenen Taten entscheidet. Die W�rde des Rudelf�hrers liegt darin zu siegen.�</p><p>�Gut gesprochen�, pflichtete ihm Birga �berraschend bei. �Du solltest jetzt dein Maul halten, Gran.�</p><p>Auf der Ebene kam Bewegung in die Formation der Gegner. Die Kentauren schwenkten auf den rechten Fl�gel, w�hrend in der Mitte ein dichter Block aus Kriegern gebildet wurde, �ber deren H�uptern Speerspitzen funkelten. Die linke Flanke der Feinde schien ihr Schwachpunkt zu sein. Dort gab es nur zwei kleine Kriegergruppen.</p><p>�Sind deine M�nner bereit?�, fragte Orgrim den Gesch�tzmeister Boltan.</p><p>Der Rudelf�hrer betrachtete zufrieden die Aufstellung seiner Truppen. Das Gefecht war zwar anders verlaufen als erwartet, aber die Elfen und ihre Verb�ndeten w�rden ihm trotzdem in die Falle gehen. Der lange Zug von Fl�chtlingen hatte sich neu formiert und floh vom Schlachtfeld. Aber wenn er in der n�chsten Stunde siegte, dann w�rde er sie schon wieder einholen.</p><p>Seine Krieger standen in einer langen Doppelreihe auf dem Kamm eines H�gels. Hinter ihnen warteten acht der neuartigen Katapulte, die sie bei den K�mpfen um Reilimee erbeutet hatten. Von der Ebene aus konnte man die Gesch�tze nicht sehen. Ihre erste Salve w�rde den Feind v�llig �berraschend treffen.</p><p>Zufrieden betrachtete Orgrim die Beutewaffen. Boltan hatte die Katapulte auf schwere Holzf��e aufgebockt, damit sie f�r Trolle bequemer zu bedienen waren. Auch die Spannhebel der Zugwinden waren verst�rkt worden. Die Katapulte verschossen Steine so gro� wie Elfenk�pfe. Die Steine wurden �ber eine h�lzerne F�hrungsschiene gezogen, wenn man einen Sperrhebel l�ste. Die Katapultarme waren aus Silberstahl. Sie steckten in zwei Trommeln, in denen sich etwas befand, das wie gegeneinander verdrillte Seile aussah. Die Bronzetrommeln sch�tzten die Seile vor Feuchtigkeit. Orgrim hatte daneben gestanden, als der Gesch�tzmeister so eine Trommel ge�ffnet hatte. Er hatte herausfinden wollen, was f�r die au�ergew�hnliche Spannkraft der Katapulte verantwortlich war. Als er die verdrillten Taue gel�st hatte, hatte er die Trommel zerst�rt. Einer seiner Helfer war dabei von den herauspeitschenden Sehnen gek�pft worden. Der Gesch�tzmeister konnte diese Trommeln mit den Seilen weder nachbauen, noch sie begreifen. Auf weitere Untersuchungen verzichtete Boltan aus Angst, am Ende �ber gar kein einsatzf�higes Katapult mehr zu verf�gen.</p><p>Stattdessen hatte er sich Gedanken �ber Munition gemacht. Die Elfen verschossen sch�ne, rund geschliffene Steinkugeln. Sie waren aufw�ndig herzustellen. F�r einen Feldzug waren sie nicht zweckm��ig, weil sie zu schwer zu ersetzen waren und zu viel wogen, wenn man sie in ausreichender Zahl mitf�hrte. Boltan hatte Holzformen geschnitzt, in denen man Kugeln aus Eis herstellte. In der K�lte der Snaiwamark w�rden sie nicht schmelzen, und verschossene Kugeln konnten binnen weniger Stunden ersetzt werden. Sicherlich taugten die Eiskugeln nicht viel, wenn man Schiffe oder Festungen beschoss. Aber gegen weiche Ziele, wie etwa die Leiber von Elfen, waren sie genauso t�dlich wie Steinkugeln.</p><p>Als sie in der Walbucht angelandet waren, hatte man die Gesch�tze auf Lastschlitten verladen. Es hatte einige M�he bereitet, die Schlitten �ber das K�stengebirge zu schaffen, aber Orgrim war �berzeugt, dass sich die Strapazen bezahlt machen w�rden.</p><p>Der Rudelf�hrer beobachtete, wie die Formation seiner Feinde vorr�ckte. Deutlich konnte man nun die Speere des gro�en Menschenhaufens in der Mitte der Schlachtlinie erkennen. Sie waren ungew�hnlich lang. Orgrim hatte solche Speere noch nie zuvor gesehen. Offensichtlich hatten sich die Menschen Gedanken dar�ber gemacht, wie sie ihre mangelnde St�rke im Kampf gegen die Trolle ausgleichen konnten. Er durfte sie nicht zu nahe herankommen lassen!</p><p>�Ziele zun�chst auf die Kentauren!�, rief Orgrim seinem Gesch�tzmeister zu.</p><p>Sein Gef�hrte nickte. Die Katapulte, die in einer Reihe auf dem Kamm des H�gels standen, wurden leicht zur Seite geschwenkt und neu ausgerichtet.</p><p>Eine Wolke von Pfeilen prasselte auf seine M�nner nieder. Hinter den Speertr�gern hatten sich Bogensch�tzen verborgen, die nun die Schlachtreihe der Trolle unter Beschuss nahmen.</p><p>Orgrim hob den schweren Holzschild auf, der vor ihm im Schnee lag, und schob seinen linken Arm durch die breiten Lederschlaufen. Dann gab er den Hornbl�sern ein Zeichen. Zwei lang gezogene Rufe ert�nten. Die Schlachtreihe der Trolle bewegte sich um zehn Schritt nach vorne und verharrte.</p><p>Stolz erf�llte Orgrim. Seine Krieger waren die Besten im Heer Branbarts. Kaum eine andere Trolltruppe h�tte man wieder zum Halten bringen k�nnen, wenn sie sich erst einmal in Richtung des Feindes bewegte.</p><p>Eine zweite Wolke von Pfeilen ging auf seine M�nner nieder. Die allermeisten Geschosse bohrten sich wirkungslos in die gro�en Schilde der Krieger.</p><p>Die Katapulte beantworteten das Feuer. Silbrig funkelnde Kugeln zersprangen auf dem Eis. Die erste Salve schlug dicht vor den Kentauren ein. Eissplitter sirrten zwischen den Beinen der Pferdem�nner. Etliche strauchelten. Ihre Formation geriet durcheinander. Schon peitschte ihnen die n�chste Salve entgegen. Diesmal hatte Boltan seine M�nner ein wenig h�her zielen lassen. Die Kugeln schlugen blutige Schneisen, doch sie fachten auch die Kampfeswut der Kentauren an.</p><p>In wildem Galopp dr�ngten sie vor und lie�en die Schlachtreihe der Menschen hinter sich zur�ck. Ein einzelner Hornsto� war f�r die Trolle das Kommando vorzugehen.</p><p>Orgrim nahm seinen Platz zwischen den Kriegern ein. Zischend zog eine weitere Salve �ber ihre K�pfe hinweg. Diesmal war der dichte Block aus Speertr�gern das Ziel. Der Beschuss der Bogensch�tzen hatte aufgeh�rt. Die Kentauren versperrten ihnen die Sicht.</p><p>Mit ohrenbet�ubendem Krachen prallten die beiden Schlachtreihen aufeinander. Etliche Trolle wurden umgerissen. Die Hufe der Kentauren zerstampften die Gest�rzten. Die Luft hallte wider von Geschrei und Waffengeklirr.</p><p>In der dichten Formation konnte Orgrim mit seinem Kriegshammer nicht richtig ausholen. Er rammte dem Kentauren vor sich den Hammerkopf gegen die Brust. Der b�rtige Pferdemann brach in die Knie. Ein Sto� mit dem Schaft des Hammers traf ihn dicht �ber dem Ohr. Er ging vollends nieder. Orgrim setzte ihm die Kante seines Schildes auf den Hals und dr�ckte zu. Sein Gewicht reichte aus, um dem sterbenden Krieger fast den Kopf von den Schultern zu trennen.</p><p>Ein anderer Kentaur nutzte aus, dass Orgrim seine Deckung ge�ffnet hatte. Ein Speersto� traf den Rudelf�hrer in den Oberarm. Das schmale Blatt der Waffe zog eine blutige Furche in sein Fleisch. Mit einem Ruck riss Orgrim seinen Schild hoch und zersplitterte den Speerschaft. Dann lie� er seinen Kriegshammer fallen und griff nach der Waffe seines Gegners. M�helos entrang er dem Kentauren den Speer. Er drehte den Schaft zwischen den Fingern und stie� dem Pferdemann das zersplitterte Ende in die Brust.</p><p>Die Reihen der Kentauren begannen zu wanken. Ihre Hufe fanden auf dem Eis kaum Halt. Die Trolle dr�ngten sie zur�ck, und pl�tzlich brach Panik unter den Pferdem�nnern aus. Orgrim sah einen schwarzb�rtigen Kerl mit einem Langschwert, der fluchend versuchte, die Reihe zusammenzuhalten. Doch schlie�lich musste auch er sich in das Unvermeidliche f�gen. Der Angriff war zur�ckgeschlagen.</p><p>Die Trolle ringsherum schrien den Fl�chtenden Beleidigungen hinterher und machten sich �ber die Verwundeten her.</p><p>Auch die Menschen hatten sich zur�ckgezogen, um dem Feuer der Katapulte zu entgehen. �berall auf dem Eis lagen Tote.</p></section><section><title><p>Mut</p></title><p>Alfadas hatte seine Truppen im Eilmarsch von der H�gelgruppe fortgef�hrt. Gegen die Stellung mit den Katapulten anzust�rmen war Selbstmord. Die Kentauren hatte er nicht mehr aufhalten k�nnen, und sie hatten einen hohen Preis f�r ihren �bermut bezahlt. Es war richtig gewesen, die Schlacht abzubrechen. All seine Pl�ne hatten sich ins Gegenteil verkehrt. Es sollten die Trolle sein, die unter t�dlichem Beschuss gegen ihre Formation aus Piken anst�rmten. Doch der Feldherr der Feinde hatte sie gezwungen, ihn anzugreifen. Wer dieser Kerl wohl war?, fragte sich Alfadas, und er musste sich eingestehen, ein v�llig falsches Bild von den Trollen gehabt zu haben. Bisher waren sie f�r ihn so etwas wie Raubtiere gewesen. Gesch�pfe, die allein ihren Instinkten folgten. Doch wer immer auf der anderen Seite das Kommando hatte, verstand es zu denken. Obwohl der Angriff ihn �berrascht haben musste, hatte er es geschafft, alles zu seinem Vorteil zu wenden.</p><p>Der R�ckzug ersch�tterte die Moral der Menschen. Sicher, sie hatten den Fl�chtlingszug der Elfen vor den Trollen gerettet, aber sie waren auch vor dem Feind geflohen, den zu bek�mpfen sie so viele M�hen auf sich genommen hatten. Alfadas wusste, dass er zu seinen M�nnern sprechen musste. So wie es nun aussah, waren all die langen, harten Tage der Ausbildung vergebens gewesen, und sie standen einem Feind gegen�ber, der sie niedermetzelte, ohne dass es �berhaupt zu einem Nahkampf kam. Die Nacht durfte nicht verstreichen, ohne dass er den Mut seiner M�nner wieder festigte!</p><p>Wie an den Abenden zuvor hatten sie ihr Lager mit Planen aus schwerem Segeltuch abgespannt, um sich gegen den Wind zu sch�tzen, und einige Feuerbecken aufgestellt. Auch die Fl�chtlinge richteten sich f�r die Nacht ein. Einige Kinder beobachteten neugierig die Menschen. Manche brachten kleine Geschenke, um sich f�r ihre Rettung zu bedanken. Doch kaum jemand vermochte sich mit den Fremden zu verst�ndigen. Alfadas wollte gerade auf einen Schlitten steigen, um seinen M�nnern eine ermutigende Rede zu halten, als Lambi ihn am Arm zur�ckhielt.</p><p>�Tu das nicht, Feldherr. Du triffst die richtigen Entscheidungen, und du bist niemandem Erkl�rungen schuldig. Du schadest dir, wenn du dich jetzt entschuldigst.�</p><p>�Aber es muss etwas gesagt werden�, beharrte Alfadas. �Sie d�rfen sich nicht f�r Verlierer halten.� Lambi rieb sich seine verst�mmelte Nase. �So wie ich das sehe, hast du uns durch deine Befehle vor einer Niederlage bewahrt. Lass mich eine Rede halten. Ich werde den Jungs schon die K�pfe zurechtr�cken. Vertrau mir!�</p><p>Alfadas z�gerte. Wenn ein Halunke wie Lambi die Worte vertrau mir aussprach, dann bewirkte er damit genau das Gegenteil. Und der Kriegsjarl schien sich dessen bewusst zu sein.</p><p>L�chelnd musterte er Lambi, als k�nne dieser in seinen Gedanken lesen. �Rede�, sagte er schlie�lich. Sie w�rden hier nur �berleben, wenn sie taten, was Lambi eingefordert hatte: einander vertrauen.</p><p>Durch die Katapulte der Trolle waren siebenunddrei�ig Krieger gefallen. Das hatte tiefe Wunden im Vertrauen der M�nner hinterlassen. Vielleicht war Lambi ja der geeignete Heiler? Die Krieger unter seinem Kommando hatten den R�ckzug jedenfalls locker weggesteckt. Sie lachten bereits wieder an ihren Feuern.</p><p>Der Kriegsjarl stieg auf einen der Schlitten. Er r�usperte sich, doch nur wenige M�nner beachteten ihn. Es war schlimmer, als Alfadas erwartet hatte. Die meisten Krieger starrten einfach nur in die Flammen. Sie wollten nichts h�ren.</p><p>�Eigentlich hatte ich vor, euch von einem Weib zu erz�hlen, das darauf wartet, flachgelegt zu werden�, rief Lambi lachend.</p><p>�Aber ich sehe schon, dass ich diese Arbeit allein erledigen muss.�</p><p>�Willst du vielleicht die Hure des K�nigs versteigern?� Der Kriegsjarl lachte. �Nein, ich spreche von einem Weib, das so launisch ist, dass unser alter K�nig es bestimmt nicht mehr reiten k�nnte. Die Rede ist hier von Svanlaug, Norgrimms Tochter, der Herrin des Sieges. Sie hat uns allen heute ins Angesicht gelacht, aber wenn ich euch so um die Feuer stehen sehe, dann w�hne ich mich in einem Heer von Blinden. Hat denn keiner von euch dieses herrliche Weib gesehen?�</p><p>�Einen Haufen Feiglinge habe ich gesehen, die sich davongeschlichen haben�, rief eine dunkle Stimme aus der Deckung der Menge.</p><p>�Du hast Recht, Mann! Reden wir �ber Feiglinge und nicht �ber Weiber. Ich will ehrlich zu euch sein. Von Svanlaug habe ich nur gesprochen, damit ihr eure Ohren aufrei�t. Oder glaubt ihr, Lambi w�rde euch verraten, wo man dieses pr�chtige, dralle Weibsbild trifft? Dorthin w�rde ich mich allein auf den Weg machen, denn wenn ich Svanlaug treffe, kann ich nicht ein paar hundert geile B�cke im Nacken gebrauchen, die obendrein noch ihre Nasen haben und neben mir so liebreizend aussehen wie die Titten einner Jungfrau! Sprechen wir also jetzt von Feiglingen! Auch ich bin heute den gr��ten Feiglingen begegnet, denen ich je als Krieger gegen�berstand. Und ich meine wirklich den gr��ten, denn neben diesen grauen Riesen sehen wir ja aus wie Kinder. Ich sag euch, ich hatte die Hosen voll, als ich den Ersten von denen im Schneetreiben gesehen habe.�</p><p>�Du h�ttest sie seitdem mal wechseln sollen, alter Stinker�, warf der rotb�rtige Krieger aus Lambis Gefolge ein. Einige M�nner lachten. Die Spannung begann sich zu l�sen.</p><p>�Heh, ich dachte, heute stehe ich vor Norgrimm! Und vor einen Gott trete ich lieber mit voller Hose als ohne Hose. Dass sich M�nner in ihrem letzten Gefecht mal gehen lassen, ist dem Herrn der Schlachten gewiss nicht neu. Aber wenn ich ohne Hosen vor ihm aufgetaucht w�re, dann h�tte er vielleicht vermutet, ich h�tte in einem Liebesgepl�nkel den L�ffel abgegeben.�</p><p>�Da h�ttest du aber eine blinde Hure finden m�ssen!�, rief Ragni sp�ttisch.</p><p>Lambi griff sich mit gro�er Geste an die Brust. �Glaubst du, nur weil ich der t�dlichste Krieger in diesem Sauhaufen bin, h�tte ich kein Herz, Jarl? Solche Scherze verletzen mich. Aber ich verzeihe dir, denn deinen Worten entnehme ich, dass du, was die Ringk�mpfe der Liebe angeht, noch ein gr�ner Junge sein musst. Sonst w�sstest du, dass man sehr viel Spa� haben kann, ohne dass man sich dabei ins Antlitz sehen muss.�</p><p>�H�r auf, von Weibern zu quatschen, Lambi, und sieh der Wahrheit ins Auge!�, blaffte Ragni w�tend. �F�r mich sind die Feiglinge diejenigen, die sich mit eingekniffenem Schwanz vom Schlachtfeld verziehen.� Lambi griff sich ans Gem�cht. �Also bei mir ist hier noch alles in Ordnung, Alter. Nichts verkniffen oder abgeklemmt. �berhaupt frage ich mich, ob wir heute am selben Ort waren. Ich war dabei, als ein Mann, der vor ein paar Wochen noch ein B�ckergehilfe war, einem Troll fast den Kopf abgehackt hat. Ich habe hunderte M�nner gesehen, die mutig vorgest�rmt sind, obwohl sie wussten, dass im Schneetreiben ein schrecklicher Feind auf sie lauert.� Er fasste sich an die Stirn. �Ach ja, ich h�tte es fast vergessen. Ich habe auch noch einen Trupp Trolle gesehen. Es m�ssen mehr als zweihundert gewesen sein. Sie standen auf einem H�gel, von dem sie sich nicht heruntergetraut haben. Sie sind gr��er als H�hlenb�ren, und sie haben sich nicht hinab auf eine Ebene getraut, die von ehemaligen B�ckergesellen, Bauern und F�hrleuten verteidigt wurde. Wir haben dort unten gestanden und auf sie gewartet. Und was haben sie getan? Aus der Ferne mit Steinen nach uns geschossen. Das war alles, wozu ihr Mut reichte.�</p><p>�Und dann sind diese mutigen M�nner abgehauen�, rief Ragni.</p><p>Lambi breitete in verzweifelter Geste die Arme aus. �Oh, Luth, was habe ich dir getan? Warum schickst du in steter Folge Trottel in mein Leben und so selten h�bsche Frauen? Was hat es mit Mut zu tun, sich als Zielscheibe f�r Trolle hinzustellen, Ragni? Den G�ttern sei Dank, dass unser Feldherr mit mehr Verstand gesegnet ist als manche seiner Kriegsjarls! Ich f�hle mich nicht als Feigling, weil ich nicht darauf gewartet habe, bis mir ein paar Trolle die R�be wegschie�en. W�ren wir dort stehen geblieben, dann h�tten wir den Trollen einen Sieg geschenkt.� Lambi deutete hinaus in die Dunkelheit. �Aber wo sind sie, die vermeintlichen Sieger? Sie trauen sich nicht, uns zu folgen, diese tapferen Steinh�ute. Und dann seht euch einmal weiter um. Ich sehe dutzende von Elfenweibern, Kindern und Alten. Die Beute der Trolle. Wir haben sie ihnen entrissen! Kann derjenige der Verlierer sein, der mit der Kriegsbeute vom Feld zieht?�</p><p>�Nein!�, rief jemand in der Menge. �Nein!�, fielen sogleich weitere Stimmen ein. �Nein!�</p><p>Lambi breitete die Arme aus, um die Menge zum Schweigen zu bringen. �Vielleicht schicken sie uns ein paar Sp�her hinterher, die durch die Nacht schleichen, um uns Angst zu machen. Das ist die Art der Feiglinge, die das helle Tageslicht f�rchten. Meinen Respekt haben die Trolle erst wieder, wenn sie sich uns zur Schlacht stellen. Bevor sie sich nicht so nahe an uns herantrauen, dass wir das Wei�e in ihren Augen sehen, spucke ich auf diese Schisser!�</p><p>Der Kriegsjarl zog ger�uschvoll die Nase hoch und spuckte in den Schnee. Dann sah er sich grinsend um. �Den Schlaueren unter euch ist sicher schon aufgefallen, dass ich ein ziemlich respektloser Geselle bin. Und ich bin verdammt froh, dass ich Kriegsjarl bin, denn ich mag es nicht, anderen M�nnern nach der Pfeife zu tanzen. Nur f�r einen gilt das nicht. F�r den Mann, der es geschafft hat, aus einem Haufen von Halunken und Tagel�hnern ein Heer zu machen, vor dem Trolle Angst haben. Bis heute war ich davon �berzeugt, dass der Tag, an dem wir auf das Trollheer treffen, das eine ganze Elfenstadt ausgel�scht hat, mein letzter Tag sein w�rde.� Lambi deutete auf Ragni. �Ich wei�, du kannst mich nicht leiden, Kriegsjarl. Aber ich wette, was diese eine Sache angeht, waren wir heute Morgen noch derselben Meinung. Und du, Veleif Silberhand, du hast bestimmt nicht anders gedacht. Oder du, Rolf Svertarm. Oder du, Yngwar!�</p><p>Bis auf das leise Knistern der Feuer war es totenstill. Viele M�nner nickten gedankenverloren. Lambi schwieg ein paar Herzschl�ge lang, um seine Worte wirken zu lassen.</p><p>�Wenn ich das n�chste Mal den Trollen gegen�berstehe, dann sollen sie zu h�ren bekommen, dass ihre �ngste einen Namen haben. Sie sollen wissen, wer der Mann ist, der ihnen den Schneid f�r einen Angriff genommen hat. Dieser Name soll mein Schlachtruf sein, und ich will, dass sie zittern, wenn sie ihn h�ren. Alfadas Trollschl�chter!</p><p>Los, lasst ihn die Trolle h�ren, die jetzt vielleicht heimlich um unser Lager schleichen!� Lambi zog sein Schwert und reckte es dem Himmel entgegen. �Alfadas Trollschl�chter!�</p><p>Hundertfach wurde der Ruf des Kriegsjarls aufgenommen. Die M�nner dr�ngten sich um den Herzog. Immer wieder erklang ihr neuer Schlachtruf, und schlie�lich hoben sie Alfadas auf ihre Schultern. Auch Lambi wurde von der Menge gepackt und emporgehoben. Immer weiter peitschte er die M�nner mit seinem Schlachtruf auf, und Alfadas schien es, als sei eine Ewigkeit vergangen, bis sich die aufgew�hlte Menge wieder beruhigte. Dutzende M�nner luden den Herzog ein, mit ihnen zu trinken, und fast bis zur Morgend�mmerung ging er von Feuer zu Feuer, um mit ihnen zu sprechen. Und sie alle brannten darauf, wieder gegen die Trolle zu k�mpfen. Zuletzt suchte Alfadas nach Lambi. Er fand ihn schlie�lich etwas abseits im Windschatten eines Schlittens liegend. Der Kriegsjarl hielt einen halb leeren Weinschlauch im Arm und schlief.</p><p>Der Herzog betrachtete ihn schweigend, und er fragte sich, womit ihn der kleine Krieger wohl als N�chstes �berraschen w�rde. Pl�tzlich schlug Lambi die Augen auf. Er blinzelte schlaftrunken.</p><p>�Du findest wohl keine Ruhe in dieser Nacht.�</p><p>Alfadas nickte. �Ich frage mich, ob das alles nur sch�ne Worte waren oder ob du wirklich glaubst, was du den M�nnern erz�hlt hast.�</p><p>Lambi grinste schelmisch. �Was soll ich glauben? Dass Svanlaug uns ins Gesicht lacht? Die Herrin des Sieges ist eine Hure. Man wei� nie, in wessen Bett sie sich legen wird.�</p><p>�Du wei�t, dass ich nicht davon rede.�</p><p>Lambi setzte sich auf. Sein Atem roch nach s��em Wein, doch seine Stimme war ganz klar. �Es macht einen guten Feldherrn aus, dass er wei�, welchen Mann er zu welcher Zeit an welcher Stelle am besten einsetzt. Und es macht einen sehr guten Feldherrn aus, dass er diesen Mann nicht aufh�lt, wenn er von sich aus entscheidet, dass seine Zeit gekommen ist.�</p><p>�Du musst mir nicht schmeicheln, Kriegsjarl.�</p><p>Lambi stie� ein kurzes, bellendes Lachen aus. �Sehe ich vielleicht aus wie ein Schmeichler und Speichellecker, Feldherr? Lerne, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und entt�usche mich nicht. Du bist der Mann, der daf�r sorgen wird, dass wir den Trollen so heftig in den Hintern treten werden, dass sie unsere Schuhsohlen auf der Zunge schmecken. Ich glaube an dich, Alfadas.�</p></section><section><title><p>Das letzte Aufgebot</p></title><p>Landoran, der F�rst der Snaiwamark und von Carandamon, beobachtete den Boten, der mit festem Schritt �ber die Mandan Falah eilte. Sandowas war der letzte Gesandte, der nach Phylangan zur�ckkehrte. Der Elfenf�rst erwartete ihn in dem kleinen Pavillon nahe der Br�cke.</p><p>Kies knirschte unter den Schritten des Boten. Als er eintrat, kniete er nieder und schlug schwungvoll seinen langen Umhang zur�ck. Sandowas hatte goldblondes Haar, das von einem silbernen Stirnreif gehalten wurde. Er trug Wildlederstiefel, die ihm bis �ber die Knie reichten, und ein dunkelgr�nes Wams, das mit Perlen bestickt war. Sein roter Umhang hatte einen breiten Goldsaum.</p><p>Etwas zu �ppig, dachte Landoran beil�ufig, als er den jungen Elf betrachtete. Auch das Schwert und den Dolch, deren Handschutz einer Muschel nachempfunden war, erachtete er als zu protzig. Doch wie so vieles war wohl auch der Geschmack eine Frage des Alters. Kurz �berlegte der Elfenf�rst, ob Sandowas wohl der Richtige f�r die Mission im Herzland gewesen war. Auf der anderen Seite war sie sehr einfach gewesen. Und auch die Jungen mussten irgendwann damit beginnen, Erfahrungen zu sammeln.</p><p>�Was hast du mir zu berichten?�, fragte Landoran, ohne sich mit langen Willkommensfloskeln aufzuhalten. �Aus dem Herzland d�rfen wir keine Unterst�tzung erwarten. Solange nichts �ber den Aufenthalt der K�nigin bekannt ist, regiert Meister Alvias. Er bef�rchtet einen Angriff auf die Burg. Deshalb kann er niemanden entbehren.�</p><p>�Wei� er denn nicht, dass die Flotte der Trolle nach Norden segelt?�, fragte der F�rst �rgerlich.</p><p>Sandowas breitete hilflos die H�nde aus. �Er wei� es sehr wohl. Hunderte Fl�chtlinge sind �ber die Albenpfade ins Herzland gekommen, kurz bevor Reilimee fiel. Die Seegarde hat sich bis auf den letzten Mann geopfert, um so lange wie m�glich den Weg zum Tor im Muschelturm offen zu halten. Die Trolle haben in Reilimee noch schlimmer gew�tet als in Vahan Calyd. Nur wer es zum Muschelturm schaffte, ist ihrem Blutdurst entgangen.�</p><p>�Ist Meister Alvias denn nicht klar, dass wir uns mit aller Kraft gegen die Flut dieser Ungeheuer stemmen m�ssen? Wenn wir jeder f�r uns allein k�mpfen, dann werden wir alle untergehen. Nur vereint k�nnen wir Branbart und seine Mordbrenner besiegen und wieder aus Albenmark vertreiben.�</p><p>Sandowas erlaubte es sich unpassenderweise zu l�cheln. �Der Hofmeister der K�nigin verlangte von mir, dass ich dir ausrichte, wir sollten all unsere Krieger zu seiner Verst�rkung schicken. Er meint, da die Trolle nun in der Lage seien, selbst an Bord von Schiffen die Albenpfade zu passieren, sage die Richtung, in die sie segeln, gar nichts mehr aus. Sie k�nnten jederzeit �berall erscheinen. Und er ist fest davon �berzeugt, ihr n�chstes Ziel werde Emerelles Burg sein.�</p><p>�rgerlicherweise war diese Argumentation nicht ganz von der Hand zu weisen, dachte Landoran. Besorgt sah der F�rst zur Mandan Falah. Noch immer arbeiteten die Felsformer an dem m�chtigen Festungsturm, der das Ende der Br�cke sichern sollte. Das Bauwerk zerst�rte die Harmonie der Himmelshalle. Schon jetzt war der Turm fast zwanzig Schritte hoch. Zweihundert Bogen- und Armbrustsch�tzen sollten seine Besatzung sein. Wenn die Trolle es tats�chlich wagten, durch den Albenstern der Mandan Falah zu treten, dann w�rde ihnen ein Sturm von Pfeilen entgegenschlagen. Die Br�cke sollte rot von ihrem Blut sein. In Str�men w�rde es die schneewei�en Pfeiler hinabrinnen.</p><p>Landoran seufzte. Vielleicht war auch alles vergebens. Er blickte hinab zu den hunderten von Kobolden, die die G�rten der Himmelshalle bew�sserten. Unter der H�hlendecke hatten sich dunkle Wolken gesammelt. Es war so schw�l wie in den Mangroven bei Vahan Calyd. Nicht einmal die Kraft des Albensteins hatte eine Wende gebracht.</p><p>Sandowas r�usperte sich leise.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ist es mir erlaubt, eine Frage zu stellen, mein F�rst?�</p><p>Landoran l�chelte am�siert. �Nachdem du mir nun schon eine erste Frage gestellt hast, ohne meine Erlaubnis abzuwarten, sei dir auch eine zweite gew�hrt.�</p><p>Der Gesandte err�tete. �Ich ... Was ist mit den �brigen V�lkern? Wer wird uns Hilfe schicken?�</p><p>�Die Kentauren haben den alten Bund zwischen uns nicht vergessen. Aber wie hilfreich sind Pferdem�nner schon bei der Verteidigung einer Festung? Vielleicht werden uns auch einige Maurawan helfen. Doch wei� man nie, was ihnen durch den Kopf geht oder wem sie sich verbunden f�hlen. Das Heer der Menschen wird bald Phylangan erreichen. Auf weitere Verb�ndete brauchen wir nicht zu hoffen.�</p><p>�Aber all die Bruderv�lker? Sie k�nnen doch nicht ...�</p><p>�Auch Branbart hat Gesandte geschickt�, unterbrach der F�rst den jungen Elfen. �Die Trolle haben sich sehr ver�ndert, seit wir sie aus Albenmark vertrieben haben. Alle Grausamkeiten in Vahan Calyd und Reilimee hat Branbart sehr bewusst begangen. Es war sein Ansinnen, die Saat der Angst zu s�en. Und sie hat �berreichlich Fr�chte getragen. Seine Gesandten versprechen, dass sich au�er uns, Normirga und Emerelle niemand vor dem Zorn der Trolle f�rchten m�sse. Wer immer aber die K�nigin und ihre Sippe unterst�tzt, dem wird es ergehen wie unseren Br�dern in Reilimee.� Landoran verzog die Lippen zu einem sp�ttischen L�cheln. �Einige unserer Elfenbr�der hatten immerhin den Anstand, sich hinter der L�ge zu verschanzen, dass keine Entscheidung getroffen werden k�nne, bis nicht �ber die Nachfolge ihrer toten F�rsten entschieden sei. Andere waren so offen zu sagen, dass sie nicht f�r die Fehden Emerelles und unseres Volkes bluten wollen. Wir werden Phylangan also allein mithilfe der Menschen und Kentauren halten m�ssen. Wir sind das letzte Aufgebot.�</p><p>�K�nnen wir denn siegen, mein F�rst?�</p><p>Landoran lachte. �Dies ist die st�rkste Festung des Nordens. So zahlreich die Trolle auch sein m�gen, es kommen nur vier von ihnen auf einen Krieger von uns.�</p><p>Sandowas erbleichte. Offenbar stellte er sich gerade vor, wie er sich im Kampf gegen vier Trolle schlagen w�rde.</p><p>�Uns hilft die St�rke unserer Mauern, Junge. Wahrscheinlich werden die Trolle nicht einmal bis zum Schneehafen vordringen. Au�erdem wei� jeder von uns, dass Carandamon so gut wie schutzlos sein wird, wenn Phylangan f�llt. Branbart hat geschworen, unser Volk zu vernichten. Das h�tte er nicht tun sollen. Jeder, der hier k�mpft, wei�, dass es kein Zur�ck gibt. Der steinerne Garten wird nicht fallen!�</p><p>�Wo wird mein Schwert gebraucht?�, fragte der junge Gesandte trotzig.</p><p>�Melde dich im Schneehafen. Dort werden die Vorbereitungen zur Verteidigung organisiert. Du darfst nun gehen, Sandowas.�</p><p>Der junge Elf verneigte sich noch einmal kurz, dann eilte er davon.</p><p>Landoran blickte zu den dunklen Wolken unter der Decke der Himmelshalle und dachte daran, um wie viel unerbittlicher die Kraft war, gegen die Lyndwyn ank�mpfte. Am Ende w�rde es vielleicht sie allein sein, die dar�ber entschied, ob Phylangan vernichtet wurde.</p></section><section><title><p>Der Schneehafen</p></title><p>Einen halben Tag schon marschierten sie �ber Gletschereis durch das weite Tal. Die Berge r�ckten langsam n�her zusammen. Am Ende des Tals verbanden sie sich zu einem in den Himmel ragenden steinernen Sperrriegel. Durch die schmalen Sehschlitze der Schneebrille konnte man stets nur einen kleinen Ausschnitt des gewaltigen Bergpanoramas betrachten. Die Sonne funkelte auf den schneebedeckten H�ngen und dem graublauen Gletschereis. Der lange Heereszug watete durch Licht. Diese Helligkeit und Pracht war einfach zu viel f�r menschliche Augen. Den Elfen machte es nichts aus. Doch schienen sie auch keinen Blick mehr f�r die Wunder der Bergwelt zu haben.</p><p>Alfadas war erleichtert, bald Phylangan zu erreichen. Es war gekommen, wie Lambi vorhergesagt hatte. Mehrfach hatten kleine Gruppen von Trollen bei Nacht �berf�lle gewagt. Doch stets waren sie leicht zur�ckzuschlagen gewesen. Vorgestern allerdings waren zwei Wachposten spurlos verschwunden. Das passte nicht zum Schema der anderen �berf�lle. Silwyna hatte versucht, den Trollen nachzusp�ren, doch starker Schneefall hatte alle Spuren ausgel�scht, und auch die Patrouillen der Kentauren hatten weder die Leichen der Wachposten ausfindig gemacht noch die Trolle, die f�r diesen Angriff verantwortlich gewesen sein mussten.</p><p>Alfadas trat aus der Marschkolonne und erklomm einen sanften H�gel, der sich wie eine gro�e Beule aus dem Gletschereis schob. Die Welt auf einen kleinen Sehschlitz reduziert zu haben, st�rte ihn immer mehr. Doch er widerstand der Versuchung, die Schneebrille abzunehmen. Ein paar Stunden noch, dann hatten sie die Sicherheit der Felsenburg erreicht.</p><p>Sein Blick wanderte zum Horizont. Er konnte nicht begreifen, dass die Trolle keinen neuen Versuch unternommen hatten, sie anzugreifen. Seit der Schlacht rechnete er jeden Augenblick mit einem weiteren Kampf. Was hielt sie zur�ck? Waren sie zu schwach? Hatte Lambi am Ende Recht mit seiner feurigen Rede? Auch wenn kein Angriff erfolgte, f�hlte sich der Feldherr st�ndig beobachtet. Nicht allein von seinen Leuten und den Elfen. Irgendetwas lauerte im Eis. Es war nie sehr weit entfernt, und dennoch entzog es sich seinem Blick. Er hatte mit Ollowain dar�ber gesprochen, und der Elf hatte ihm anvertraut, dass es ihm ganz �hnlich ging. Etwas belauerte sie. Vielleicht waren es ja nur die Sp�her der Trolle? Aber eine innere Stimme mahnte Alfadas, dass dort drau�en noch etwas anderes, Heimt�ckischeres war.</p><p>Alfadas blickte zum Ende des Tals. Nur ein paar Meilen noch. Die Felsw�nde ragten dort fast senkrecht auf. Es waren nat�rliche Mauern, h�her als ein Mensch sie jemals h�tte bauen k�nnen. Einige breite Felsnasen ragten gleich halbrunden T�rmen aus der Steilwand. Schnee lag auf schmalen Simsen und in Spalten. Es gab keinen Weg dort hinauf. Die Snaiwamark endete mit diesem Tal. Jenseits der Berge lag die Hochebene von Carandamon. Die Elfen konnten diese Festung nicht aufgeben. Im Osten war sie der einzige Zugang zu der Hochebene. Ging die Festung verloren, dann lag die Hochebene fast schutzlos da. Die Felsburgen von Carandamon waren viel kleiner und nicht darauf ausgelegt, gegen einen entschlossenen Angreifer verteidigt zu werden.</p><p>Der Herzog dachte zur�ck an die Abendstunden in Honnigsvald, als Lysilla von der Festung erz�hlt hatte. Von den himmelhohen Hallen, dem Labyrinth aus G�ngen, den beiden gro�en H�fen, die es gab, und von all den anderen Wundern.</p><p>Alfadas stieg den H�gel hinab und gesellte sich zu den Sch�fern, die ihren Zug begleiteten. Die kleine Herde war arg zusammengeschmolzen. Es waren weniger als hundert Tiere geblieben. Sie waren abgemagert und ersch�pft. Der Herzog scherzte mit den M�nnern und ging nach einer Weile zu Egil.</p><p>�Nun, Ralf�, sprach er ihn mit seinem falschen Namen an.</p><p>�Die Arbeit der Sch�fer endet bald. Was m�chtest du als N�chstes tun?�</p><p>Horsas Sohn sah sich sorgsam um. Erst als er sich vergewissert hatte, dass niemand in H�rweite war, antwortete er. �Ich bin jahrelang im Schwertkampf ausgebildet worden. Bitte nimm mich unter die Krieger auf.�</p><p>�Die anderen Sch�fer reden gut von dir. Du hast es geschafft, dir ihren Respekt zu verdienen. Sie ahnen, dass du von Stand bist. Du kannst deine Herkunft nicht leugnen. Die Art, wie du redest, dein Wissen, selbst wie du dich bewegst, all dies verr�t dich. Aber sie haben dein Geheimnis geh�tet. Willst du diese M�nner verlassen?�</p><p>Egil seufzte. �Sollte nicht jeder das tun, was er am besten kann?�</p><p>�Und du bist dir sicher, dass du schon herausgefunden hast, was du am besten kannst? Mich plagen selbst heute Zweifel, ob ich den richtigen Weg in meinem Leben eingeschlagen habe.�</p><p>Der K�nigssohn lachte. �Das ist nicht dein Ernst, Alfadas. Du bist ein unvergleichlicher Schwertk�mpfer. Kein Mann im Fjordland kann es mit dir aufnehmen. Und auch als Feldherr bist du ber�hmt. Wie kannst du da zweifeln?�</p><p>Der Herzog l�chelte. �Hier gilt das nichts. Unter Elfen bin ich als Schwertk�mpfer allenfalls Mittelma�. Aber vielleicht w�re ich ein unvergleichlicher Fischer oder J�ger geworden. Was ich dir sagen will, Egil, ist, dass du dir Zeit lassen sollst. Wie du dich als Krieger schl�gst, wei�t du schon. Aber kannst du ein Freund sein? Die anderen Sch�fer wissen nicht, wer du wirklich bist. Genie�e diese Freiheit! Wenn du eines Tages auf dem Thron deines Vaters sitzt, dann wirst du dir nie mehr sicher sein, wer ein Freund ist und wer ein Schmeichler, der allein auf seinen Vorteil bedacht ist. Und du tust gut daran, misstrauisch zu sein, denn K�nige haben sehr wenige Freunde.�</p><p>Egil blickte zu den anderen Sch�fern. Es waren nur f�nf M�nner. Hartgesottene Burschen. Sonne und Wind hatten ihre Gesichter dunkel und kantig gemacht. �Was werden sie tun, wenn wir in der Elfenburg sind?�</p><p>�Ich werde sie fragen. Aber ich habe in der Tat schon Pl�ne mit ihnen. Es gibt eine Waffe, deren Gebrauch leicht zu erlernen ist und die nicht weniger t�dlich als ein Schwert ist. Ich m�chte sie auf der Felsenburg im Gebrauch dieser Waffe unterweisen lassen. Willst du bei ihnen bleiben?�</p><p>Horsas Sohn blickte verlegen auf seine schneeverkrusteten Stiefel. �Ich wei� es nicht.�</p><p>Der Herzog klopfte ihm auf die Schultern. �H�r nicht auf deinen Verstand. H�r auf dein Herz. Du hast mich angenehm �berrascht in den letzten Tagen. Ich h�tte darauf gewettet, dass ich mit dir nichts als �rger haben w�rde. Ich vertraue dir, du wirst die richtige Wahl treffen.�</p><p>Alfadas lie� sich weiter zum Ende der Kolonne zur�ckfallen. Auf den Hundeschlitten lagen die Verwundeten der Schlacht. Dalla war bei ihnen. Allein der Anblick einer Menschenfrau schien bei den meisten der M�nner Wunder zu bewirken. Auch Veleif verbrachte viel Zeit mit den Verletzten. Er lie� sie von ihrem Leben erz�hlen. Der Skalde hatte den Ehrgeiz entwickelt, jeden Mann und dessen Geschichte zu kennen.</p><p>Veleif ging gest�tzt auf einen Stab aus hellem Holz. Er trug ein feines Leinenhemd, das er wohl von einem Elfen bekommen hatte. Sein langes graues Haar hing offen herab, und der Winterwind spielte mit den Str�hnen. Auf dem R�cken, sicher in Leder geh�llt, trug er seine Laute. Wie bei allen verbarg auch bei ihm ein breites Lederband die Augen. Er wirkte m�rrisch.</p><p>�Nun, Vater der Lieder, ist heute kein guter Tag?�, scherzte der Herzog.</p><p>Der Barde deutete voraus auf die steile Felswand. �Wie sollte ich gute Laune haben? Ich habe mit dieser Schneefrau gesprochen, Lysilla. Sie hat mir von den pr�chtigen Elfenburgen weiter im S�den erz�hlt und von dem Schloss Emerelles mit seinem Garten voller verzauberter B�ume. Und wohin verschl�gt es mich? Zu einem Felsennest, das den Liebreiz eines verlassenen Adlerhorsts hat! Was soll ich �ber den steinernen Garten dichten? Hier erinnert gar nichts an die pr�chtigen Elfenschl�sser unserer M�rchen.�</p><p>�Sei mit deiner Meinung nicht so schnell bei der Hand. Warte ab! Ich bin sicher, die Elfen werden dich noch �berraschen.�</p><p>Veleif r�ckte dichter an Alfadas heran. �Etwas ist hier�, fl�sterte er. �Die meisten M�nner sind nicht feinsinnig genug, um es zu sp�ren. Hast du es bemerkt?�</p><p>Alfadas wollte nicht, dass diese Geschichte weitere Kreise zog. Er zuckte mit den Schultern. �Die Elfen sagen, die Luft sei hier so d�nn, dass uns der Verstand Dinge vorgaukelt, die nicht wirklich sind. Ich bin geneigt, ihnen zu glauben. Sie kennen ihr Land.�</p><p>Der Skalde strich sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht.</p><p>�Leuten Dinge vorzugaukeln, ist mein t�gliches Gesch�ft. D�nne Luft...� Er lachte. �Ich wei�, was ich wei�!�</p><p>Pl�tzlich hallte das Tal wider vom feierlichen Klang goldener Luren, gro�er H�rner, deren M�nder wie Drachen oder Pferdek�pfe gestaltet waren. Im Berghang vor ihnen klaffte ein Spalt, der weiter und weiter wuchs, als �ffne ein riesiges Ungeheuer seinen Schlund. Daraus strahlte ein blausilbernes Licht, das der Helligkeit der Sonne gleichkam, ohne die Augen zu blenden.</p><p>Mit knirschenden Kufen hielt ein Eissegler neben ihnen. Ollowain winkte Alfadas zu. �Du solltest an der Spitze des Zuges nach Phylangan einziehen, so wie es sich f�r einen Feldherrn geh�rt.�</p><p>�Magst du mitkommen, Dichter?�</p><p>Endlich strahlte ein L�cheln auf Veleifs Gesicht. �Vielleicht hast du, was die �berraschungen angeht, doch Recht.�</p><p>Die beiden stiegen auf die st�hlerne Kufe des Eisseglers, und Ollowain zog sie zu sich hoch. Das seltsame Gef�hrt sah aus wie ein Schlitten, auf den man einen schlanken Mast gesetzt hatte. Man steuerte es mit einem Hebel, der vorn am Bug sa�. Er erlaubte, die Stellung der Kufen zu ver�ndern. So konnte man bremsen oder weite Kurven fahren. Der Segler war kaum f�nf Schritt lang. Es gab keine Seitenw�nde, an denen man sich h�tte festhalten k�nnen. Breite Lederlaschen an Deck gaben den F��en Halt. Zus�tzlich musste man sich an Taue klammern. Eine Eisseglerfahrt war wie ein Ritt auf einem fliegenden Pfeil.</p><p>�Halt dich gut fest!�, mahnte Alfadas den Skalden.</p><p>Der Herzog schob seine F��e in ein Paar Lederschlaufen und griff mit beiden H�nden nach einem Haltetau. Das gro�e, dreieckige Segel schwenkte in den Wind, und mit einem Ruck setzte sich das Gef�hrt in Bewegung. Wie im Fluge schoss es an der Kolonne der Fl�chtlinge entlang. Der Fahrtwind brannte ihnen auf den Gesichtern, w�hrend sie dem blausilbernen Licht entgegeneilten. Alfadas schwankte zwischen Begeisterung und Angst. Schnell wie ein Vogel zu sein, war wunderbar. Aber wenn er durch eine Unachtsamkeit �ber Bord ginge ... Auf dem harten Eis w�rde er sich alle Knochen brechen!</p><p>Eine Unebenheit im Boden lie� den Eissegler einen Sprung machen. Veleif stie� einen schrillen Schrei aus. Der Skalde war begeistert! Er wagte es sogar, ein Halteseil loszulassen und den Truppen zuzuwinken. Verdammter Bastard! Wie w�rde es aussehen, wenn er hinter dem Dichter zur�ckst�nde?</p><p>Alfadas winkte mit beiden Armen. Hoffentlich reichten die Bodenlaschen allein, ihn zu halten. Die Fahrt war wie ein Rausch! Das Gef�hl f�r die Geschwindigkeit ging langsam verloren. Ob man wohl auf so einem Segler herumlaufen konnte, wenn man sich an die Geschwindigkeit gew�hnte? Ulric und Kadlin w�rde es sicher gefallen, mit so einem Boot eine Fahrt �ber den vereisten Fjord zu machen.</p><p>Der Herzog blickte nach vorn. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht. Am Tor der Bergfestung erwartete sie ein hoch gewachsener Elf auf einem Schimmel. Das wei�e Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Er trug ein langes Gewand in der Farbe von frischem Rahm. Das Gesicht des Elfen wirkte abgezehrt. Nie war Alfadas einem Mann begegnet, der so m�de aussah. Eine Ehrengarde begleitete den F�rsten von Phylangan. Krieger in wei�en Waffenr�cken mit langen silbernen Kettenhemden flankierten das Tor und bildeten eine weite Gasse in die gro�e H�hle, die sich ge�ffnet hatte.</p><p>Ollowain bremste den Eissegler ab und drehte das Segel aus dem Wind. Hufschlag erklang. Orimedes, Lysilla und Fenryl preschten heran.</p><p>�Ich hei�e euch im steinernen Garten willkommen�, sagte der Elfenf�rst feierlich und machte die Andeutung einer Verbeugung.</p><p>Alfadas sah, wie selbst M�nner, die weit entfernt standen, aufblickten, obwohl Landoran nur leise gesprochen hatte. Vielleicht lag es am Tal, vielleicht hatte der Elf auch einen Zauber gewirkt. Jedenfalls hatte der Herzog den Eindruck, dass ein jeder Landoran verstehen konnte, obwohl er in der Zunge seines Volkes sprach. �Ich danke unseren Verb�ndeten, den Menschen und den Kentauren, die mit ihrem Mut Leid und Tod von meinen Br�dern und Schwestern abgewendet haben. Und ich trauere mit euch um eure Gef�hrten, die f�r ihre Tapferkeit mit dem Leben bezahlt haben. So kehrt nun ein in unsere lichten Hallen und bettet eure m�den H�upter zur Ruhe. Und wenn der Tag kommt, an dem euer Mut erneut auf die Probe gestellt wird, dann wisset, dass der steinerne Garten noch nie erobert werden konnte. Ganz gleich wie stark die Angreifer auch scheinen m�gen, sie m�ssen erst den Berg bezwingen, bevor sie mit uns k�mpfen k�nnen. Und was ist selbst ein Troll im Vergleich zu einem Berg?�</p><p>Alfadas w�nschte im Stillen, der F�rst h�tte mit seiner Rede ein wenig mehr Lambis Ton getroffen. Sicherlich waren es freundliche Willkommensworte, doch sie l�sten keine sonderliche Begeisterung aus. Er sah sich in der Halle um. Ollowain hatte ihm davon erz�hlt; er hatte gesagt, sie w�rden zun�chst in den Schneehafen gelangen, wenn sie �ber den Gletscher nach Phylangan reisten. So sehr sich der Schwertmeister auch bem�ht hatte, ihm die Halle zu beschreiben, hatte sich Alfadas� Verstand dagegen gestr�ubt, sich einen Hafen in einem Berg vorzustellen. Nun sah er sich staunend um, denn einen Ort wie diesen hatte er selbst in Albenmark noch nicht gesehen.</p><p>Der Schneehafen war eine H�hle, so weit, dass man verga�, ins Innere eines Berges getreten zu sein. Die Normirga hatten einen seltsamen Zauber gewirkt, der die H�hlendecke verschwinden lie�. Stattdessen gab es dort ein unstetes, blausilbernes Licht, das flackerte wie eine Fackel im Sturm. Es lie� Menschen und Elfen blasser erscheinen, als sie wirklich waren. Und der Atem, der ihnen in hellen Wolken vor den M�ndern stand, bekam etwas Unwirkliches, Magisches.</p><p>Der Boden der weiten Halle bestand aus zerschrammtem Eis, und die fernen W�nde schienen von Raureif und Eisblumen bedeckt zu sein. Am n�rdlichen Ende lagen steinerne Hafenmolen. M�chtige Eissegler, gro� wie Handelsschiffe, lagen dort vert�ut. Manche von ihnen hatten drei Masten. Ihre Segel waren gerefft, und von der Takelage und den Rahen hingen lange Eiszapfen, als seien diese Schiffe des ewigen Winters schon lange nicht mehr ausgelaufen.</p><p>Entlang der Piers warteten Ladekr�ne mit haushohen, h�lzernen Laufr�dern. Dunkle �ffnungen im Felsen mochten zu Lagerhallen f�hren.</p><p>So wie Delfine zuweilen von kleineren Fischen begleitet wurden, so waren auch diese gro�en Eissegler umlagert von kleineren Booten, die aussahen wie jenes, auf dem Alfadas in den Schneehafen gekommen war. Ihre Masten standen dicht wie ein Wald. Alfadas sch�tzte, dass es fast hundert sein mussten.</p><p>Auf der anderen Seite der weiten Halle fand sich ein Fuhrpark von Schlitten in allen Formen und Gr��en. Einige waren so riesig, dass Alfadas sich nicht vorstellen konnte, welche Tiere sie wohl ziehen mochten. Landorans Rede war von feierlicher Stille unterstrichen worden, doch als nun die Fl�chtlinge vom Rosenberg in den Schneehafen kamen, erklang in der weiten Felshalle bald ein L�rmen, wie es Alfadas aus der K�nigsstadt Gonthabu kannte, wenn dort im sp�ten Fr�hjahr H�ndler aus aller Herren L�nder eintrafen. Hunderte Kobolde halfen, die Schlitten und kleinen Eissegler zu entladen. Und w�hrend Familien sich begr��ten und die Elfen einander in beredtem Schweigen umarmten, veranstalteten die Kobolde einen ohrenbet�ubenden L�rm mit Zupfgeigen, seltsamen Blasinstrumenten und Handtrommeln. Ein Zauberer unterhielt die Kinder mit wirbelnden bunten Lichtern und wurde mit schallendem Gel�chter belohnt.</p><p>Der Einmarsch der Menschen verlief erstaunlich geordnet. Die Kriegsjarls hatten ihre Gruppen in F�nferreihen aufgestellt und daf�r gesorgt, dass jeder Mann seine Waffen polierte. Doch all diese M�hen mochten nicht �ber das abgerissene Aussehen der Verb�ndeten aus dem Fjordland hinwegt�uschen.</p><p>Die M�nner sahen sich mit gro�en Augen um. Sie nahmen entlang der Eissegler Aufstellung, wo sie niemandem im Wege waren.</p><p>Nur Lambis Truppe schlenderte l�ssig in den Schneehafen. Sie hielten sich an keine Formation und gaben sich etwa so diszipliniert wie ein Haufen Seeleute, die nach wochenlanger Fahrt endlich das Hurenviertel einer Hafenstadt betreten durften.</p><p>Alfadas wandte sich an den Elfenf�rsten, der an der Seite Ollowains den Auftritt von Lambi und seinen M�nnern mit feierlicher Gelassenheit ertrug.</p><p>�Wozu dienen die gro�en Segler dort?�</p><p>�Wir haben sie benutzt, um Versorgungsg�ter, die von der Walbucht zum Rosenberg geschafft wurden, �ber die gro�e Eisebene zu bringen. In den letzten Jahren lief allerdings der Gro�teil unseres Handels �ber das Windland, und er wurde von den Yak-Karawanen der Kentauren bestritten. Die Schiffe waren lange nicht mehr im Einsatz. Warum fragst du, Menschensohn?�</p><p>�W�rdest du mir drei der Segler �berlassen?�</p><p>Landoran runzelte �rgerlich die Stirn. �Ich w�sste nicht, welchen Nutzen du davon haben solltest. Du kannst gern drei Schiffe haben, doch kann ich keinen Winds�nger unter dein Kommando stellen. Sie sind im Augenblick unabk�mmlich. Ohne einen dieser Zauberer ist es nicht zu verantworten, eines der Schiffe auf die Ebene zu bringen. Sie w�ren den Launen des Winters hilflos ausgeliefert.�</p><p>�W�rdest du mir denn einige M�nner �berstellen, die meine Krieger in der Bedienung der Schiffe unterrichten?�, beharrte Alfadas.</p><p>Landoran ma� ihn nun mit eisigem Blick. �Ich vermag keinen Nutzen darin zu erkennen, den Umgang mit Eisseglern zu erlernen, die diesen Hafen nicht verlassen werden.�</p><p>�Schick mir die M�nner, und ich werde dich beim Kriegsrat, den Ollowain in zwei Stunden einberufen wird, �ber das taktische Vorgehen im Kampf gegen einen �berlegenen Feind belehren, der sich auf eine Belagerung vorbereitet�, entgegnete Alfadas k�hl. Verdammter Bastard, dachte er bei sich. Mit dir werde ich noch viel Freude haben.</p><p>Landoran atmete tief aus und straffte sich. Einen kurzen Augenblick lang hatte es so ausgesehen, als werde er die Fassung verlieren, doch nun hatte er sich offensichtlich wieder in der Gewalt. �Was soll das hei�en? Was f�r ein Kriegsrat?�</p><p>Alfadas antwortete, noch bevor Ollowain ein Wort herausbrachte. �Wenn ich richtig unterrichtet bin, f�hrt Lyndwyn das Kommando �ber Phylangan, auch wenn sie uns nicht die Gunst erweist, uns hier zu begr��en. Sie hat Ollowain den Befehl in allen milit�rischen Belangen �berlassen. Und wie du sicherlich einsehen wirst, ist es angeraten, dass sich die Befehlshaber unseres B�ndnisses schnellstm�glich zu einem Kriegsrat versammeln.� Alfadas wusste um das angespannte Verh�ltnis zwischen dem Schwertmeister und dessen Vater. Er warf Ollowain einen flehenden Blick zu und hoffte, dass er sich auf diese Intrige einlassen w�rde. Es war wichtig, dass von Anfang an feststand, wer in Phylangan das Kommando hatte.</p><p>�Ihr, die ihr euch nicht einmal aus eigener Kraft gegen die K�lte zu sch�tzen verm�gt, seid nach den Gesetzen meines Volkes Kinder�, erkl�rte Landoran herablassend. �Kein erwachsener Normirga wird bereit sein, sich euren Launen zu f�gen.�</p><p>�Glaubst du nicht, dass es unklug ist, auf allen Gesetzen unseres Volkes zu beharren, wenn drei V�lker in Freundschaft Seite an Seite fechten sollten, Vater?�, fragte Ollowain. �Was denkst du, wie lange das B�ndnis w�hrt, wenn nur das Wort erwachsener Normirga z�hlt?�</p><p>�Der Kriegsrat wird in zwei Stunden im Perlensaal zusammentreten�, entschied Landoran harsch. �Hier ist nicht der Ort f�r einen Streit. Nur Kinder k�nnen sich so wenig beherrschen, dass sie ihre Meinungsverschiedenheiten in die �ffentlichkeit tragen.�</p><p>Der F�rst klopfte seinem Schimmel sanft auf den Hals und ritt dann zu den Fl�chtlingen hin�ber. Lysilla folgte ihm und bedachte Ollowain und Alfadas mit einem s�ffisanten L�cheln.</p><p>�Eingebildeter alter Sack�, murrte Orimedes. �Was glaubt der wohl, wer seine Festung verteidigt, wenn wir Kinderchen uns entschlie�en zu gehen?�</p><p>�In einem Punkt hat er Recht, mein Freund�, erwiderte Alfadas. �Streiten sollten wir uns, wenn der Kriegsrat tagt. Es ist schlecht f�r die Moral der Truppen, wenn sie sehen, wie einig wir uns sind.�</p><p>�Herzog?� Graf Fenryl war abgesessen und kam zu ihm hin�ber. �Ich stehe tief in deiner Schuld, Menschensohn. Dank dir sind meine Frau und mein Kind, ja meine ganze Sippe am Leben. Auch unter den Meinen gibt es Winds�nger. Ich werde sie deinem Befehl unterstellen, ebenso wie die beiden Lastenschiffe, die unter der Fahne des Rosenbergs segeln.�</p><p>Alfadas winkte ab. �Du schuldest mir nichts. Und ich m�chte nicht, dass du um meinetwillen in Streit mit deinem F�rsten ger�tst.�</p><p>Fenryl wollte davon nichts h�ren. �Ich vertraue deinem Urteilsverm�gen als Feldherr. Die Normirga wurden schon einmal von den Trollen vertrieben. Ich bin �berzeugt, dass es besser f�r mein Volk ist, wenn diesmal jemand anderes den Oberbefehl f�hrt. Du hast doch einen Plan, nicht wahr? Sag mir, was du brauchst, und ich sorge daf�r, dass du es bekommen wirst.�</p><p>Der Herzog �berlegte kurz, ob er die Entscheidung im Kriegsrat abwarten sollte. Doch es z�hlte jede Stunde, die sie noch hatten, bevor die Hauptstreitmacht der Trolle eintraf.</p><p>�Besorge mir alle Winds�nger, die du finden kannst. Au�erdem brauche ich Zimmerleute und die Schmiede, die die Kufen f�r die Eissegler gefertigt haben. Und dazu M�nner, die keine Angst haben, sich einem Feind zu stellen, der uns hundert zu eins �berlegen sein wird.�</p></section><section><title><p>Von Bartwichse und vom Tod</p></title><p>Shahondin beobachtete, wie die lange Kolonne in der H�hle verschwand. War sie hier? Die Ersch�tterung der Albenpfade hatte ihn angezogen, als das Heer der Menschen durch das Nichts marschierte. Als er Ollowain entdeckte, wusste er, dass er endlich auf der richtigen Spur war. Dort, wo der Schwertmeister war, konnte die K�nigin nicht fern sein. Er musste Ollowain nur folgen. �ber kurz oder lang w�rde er ihn schon zu Emerelle f�hren.</p><p>Die Bestie in Shahondin winselte um Futter. Der F�rst streckte sich. Sein Leib war fast v�llig in einer Schneewehe verborgen. Nur sein gro�er Kopf ragte hervor. �rgerlich wurde sich der Elf ein weiteres Mal bewusst, dass er keinen K�rper mehr hatte. An alles andere hatte er sich gew�hnt, doch diese Geistgestalt war ihm l�stig. Von der Bestie in ihm war kaum mehr etwas geblieben. Wie ein schwacher, glimmender Funke in einem seit Stunden verloschenen Feuer regte sich noch ein winziger Rest des Bewusstseins dieser seltsamen Kreatur. Zwei Tage hatte sich Shahondin ihr gebeugt, um von ihr zu lernen. Dann hatte er ihre Existenz so gut wie ausgel�scht. Was glaubte diese dreckige Trollschamanin eigentlich? Dass er, Shahondin, F�rst von Arkadien, sich von einer primitiven Bestie beherrschen lie�e? Er war �lter als die meisten W�lder Albenmarks. Dieses Trollweib hatte ihn nur bezwingen k�nnen, weil sie einen Albenstein besa�. W�re da nicht diese geborgte Macht gewesen, sie h�tte als sabbernde Idiotin geendet. Er h�tte ihren Verstand in dem Moment ausgel�scht, in dem sie den seinen ber�hrte. Doch dieser verfluchte Stein war wie ein un�berwindlicher Schild gewesen. Also hatte er sich Skanga f�gen m�ssen. Die Bestie tief in ihm heulte auf vor Hunger. Welch ein t�richtes Gesch�pf! Eine k�rperlose Geistgestalt brauchte kein Fressen. Es s�ttigte ihn nicht, wenn er irgendeinem Gesch�pf aus Fleisch und Blut sein Lebenslicht nahm. Es bereitete ihm lediglich Vergn�gen. Zwei Mal hatte er diesem Trieb nachgegeben. Er hatte einen Troll gestellt, der als Sp�her den Menschen nachgesetzt hatte. Und das zweite Mal waren es ein Elfenweib und dessen drei Kinder gewesen. Inmitten des Schneetreibens, als die Trolle den Elfenzug �berfallen hatten, war er auf ihren Schlitten gesprungen und hatte sie gemordet. Kinder zu t�ten, war eine besondere Freude. Ihr Licht war reiner.</p><p>Vor den Menschen h�tete er sich jedoch. Jeder von ihnen f�hrte Eisen mit sich, und wenn es nur ein Messer war oder die Spitze eines Speeres. Etwas in der Art, wie sie das Metall verarbeiteten, war zutiefst widernat�rlich. Es st�rte den Fluss der Magie. Shahondin hatte eine der Waffen ber�hrt, die auf dem Schlachtfeld zur�ckgeblieben waren. Vorsichtig, mit ausgestreckter Pfote. Und er hatte mit sengendem Schmerz bezahlt, so als habe er ins Herz einer blauen Flamme gegriffen. Es hatte etwas von der Essenz gestohlen, aus der sein magischer Leib bestand. Das Eisen der Menschen k�nnte ihn t�ten. Er musste sich vor ihm h�ten! Zum Gl�ck konnte er es schon von Weitem sp�ren. Es hinterlie� eine Disharmonie im Gef�ge der Welt. Alles in Albenmark war von Magie durchdrungen. Ihre unsichtbaren Muster waren gest�rt, wo ein Mensch mit seinen Eisenwaffen entlang ging. Shahondin wunderte sich dar�ber, dass die Elfen es nicht bemerkten. Vielleicht waren seine Sinne in jenem Leib, in den Skanga ihn gezwungen hatte, auch unendlich feiner. Er war ein Gesch�pf der Magie und in weitaus st�rkerem Ma�e mit dem magischen Teil der Welt verbunden, als er es als Elf gewesen war. So konnte er sich vor den Waffen der Menschen h�ten, solange er die Bestie in sich in Schach hielt. Er ahnte, dass diese Kreatur in ihrer Gier zu morden jede Vorsicht fahren lassen w�rde.</p><p>Shahondin dachte an den Anf�hrer der Trolle. Ein erstaunlich f�higer Wilder! Der F�rst erinnerte sich, dass Orgrim Zeuge gewesen war, als Skanga ihn verwandelt hatte. Die Trolle waren keine Bedrohung. Sie verabscheuten Waffen aus Eisen, ja aus jeglichem Metall. Dennoch waren sie gut darin, Menschen niederzumachen.</p><p>Der Blick des Elfenf�rsten wanderte �ber die himmelragenden Felsw�nde. Die Trolle w�rden mit sehr viel Blut bezahlen, wenn sie versuchten, Phylangan zu erst�rmen. Vielleicht konnte er ihnen helfen? Es sollte ein Leichtes f�r ihn sein, Angst in die Herzen der Verteidiger zu tragen.</p><p>Er ging auf den Fels zu, und sein Leib glitt in den Stein hinein. Dunkelheit umfing ihn. Er lie� sich vom Netz der magischen Muster leiten und sp�rte, wie es weit �ber ihm verzerrt war. Die Normirga brachen sich nicht mit Gewalt ihren Weg durch den Stein. Sie hatten ihn auf magische Weise verformt, wo sie Tunnel und Kammern in den Berg getrieben hatten.</p><p>Shahondin lie� sich durch das Felsgestein nach oben treiben und erkundete die verborgene Festungsanlage. Parallel zum Gletscher war ein langer Tunnel in den Berghang gegraben, der den Eisstrom flankierte. Die breiten Felsnasen, die sich aus dem Steilhang schoben, waren wie T�rme mit mehreren �bereinander liegenden Stockwerken versehen. Schie�scharten, die man mit Holzl�den verschlossen hatte, waren zur Tarnung au�en mit einem Grobputz bestrichen, der dem gewachsenen Fels zum Verwechseln �hnlich sah.</p><p>Auf den verschiedenen Ebenen der T�rme in den Felsvorspr�ngen standen sogar Katapulte bereit, die hinab auf das Eis zielten. Ein einziger Tunnel verband die Stellungen miteinander. Shahondin entdeckte Zugvorrichtungen, die es erlaubten, Abschnitte des Tunnels mit dicken Granitplatten zu blockieren. An anderer Stelle waren Vorr�te aus Bruchstein und Steinmehl angelegt. R�hrte man das Steinmehl mit Wasser an und vermengte es dann mit Bruchgestein, entstand ein leicht zu verarbeitendes Baumaterial, das schnell aush�rtete. �ber Nacht konnte man damit Tunnelabschnitte verf�llen. Sich dort hindurchzuarbeiten, w�re nicht weniger m�hsam, als sich gleich einen Weg durch den gewachsenen Fels zu schlagen.</p><p>Der Elfenf�rst glitt in seiner geisterhaften Tiergestalt aus dem Felsen heraus und betrachtete eingehend die Steilwand auf der anderen Seite des Tals. Im letzten Abendlicht entdeckte er regelm��ige Schatten im Gestein. Auch diese Seite war also mit Verteidigungsanlagen versehen. Wenn die Trolle den Gletscher hinaufst�rmten, w�rden sie schon lange, bevor sie das Tor zum Schneehafen erreichten, in ein m�rderisches Kreuzfeuer geraten. Skanga sollte das wissen! Ein unbedachter Sturmangriff w�rde hunderte, ja vielleicht sogar tausende Tote fordern. Selbst der Verbindungstunnel, der dicht unter der Felsoberfl�che verlief, wies etliche Schie�scharten auf. Auch hier konnten Bogensch�tzen postiert werden.</p><p>Shahondin lie� sich wieder in den Fels gleiten. Er wich einer verzweigten Erzader aus und mied die H�hlen und den Tunnel. Nur ab und zu wagte er einen Blick aus dem Fels hinaus, stets darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden.</p><p>Vor allem Kobolde bemannten die Verteidigungsstellungen. Dass es in einer Elfenstadt viel mehr Kobolde als Elfen gab, war nicht ungew�hnlich. Doch je l�nger Shahondin die Verteidigungsanlagen aussp�hte, desto mehr wunderte er sich. In Phylangan schien dieses Missverh�ltnis besonders ausgepr�gt zu sein. Zuletzt erkl�rte er es sich damit, dass vermutlich ein Gro�teil der Elfen unten im Schneehafen versammelt war, um den Menschen einen eindrucksvollen Empfang zu bereiten.</p><p>Der Elfenf�rst fand eine verlassene Vorratskammer, in der nur noch einige Pfeilb�ndel lagen. Er empfand es als angenehmer, sich in einer H�hle aufzuhalten. N�chtern betrachtet, war es egal, wo er war, da er keinen stofflichen K�rper hatte. Dennoch f�hlte er sich innerhalb der Felsw�nde unwohl. Es w�rde wohl lange dauern, bis er sich an seinen Geisterleib gew�hnt h�tte. Und er hatte keinesfalls die Absicht, ihn lange genug zu behalten, um sich damit abzufinden! Ob Emerelle wohl irgendwo innerhalb der Festung war? Die Normirga waren ihr Volk. Wohin sonst h�tte sie fliehen sollen? Und Ollowain war hier! Gleichzeitig war Phylangan die st�rkste Festung des Nordens. Nirgendwo sonst w�re sie so sicher wie hier. Andererseits war dies auch der Platz, an dem man zuallererst nach ihr suchen w�rde.</p><p>Noch dr�ngender war die Antwort auf eine andere Frage. Shahondin war sich sicher, dass ihm ein Verrat an den Normirga keine schlaflosen N�chte bereiten w�rde. Doch war es klug, die Trolle zu fr�h dar�ber zu unterrichten, was sie hier erwartete? Wenn tausende ihrer Krieger im Kreuzfeuer auf dem Gletscher verbluteten, w�re ihr Heer anschlie�end zu schwach, um noch weiteren Schaden in Albenmark anrichten zu k�nnen. Sollte allerdings Skanga durch einen dummen Zufall w�hrend der K�mpfe sterben, dann w�re er auf immer in diesem Geisterleib gefangen, �berlegte Shahondin. Und wie w�rde die Schamanin sich verhalten, wenn sie durchschaute, dass er das Massaker hatte kommen sehen, ohne die Trolle zu warnen? Ihm blieb wohl keine Wahl, als nach Skanga zu suchen.</p><p>Die Verteidigungsanlagen in den Bergen entlang des Gletschers hatten einen entscheidenden Schwachpunkt. Dass alle Vorratskammern, Truppenquartiere und Kampfstellungen wie Perlen auf einer Schnur an einem einzigen Tunnel aufgereiht lagen, konnte zur t�dlichen Falle werden. Schaffte man es, den Anfang des Tunnels zu blockieren, dann sa�en all diese Truppen fest. Man musste nur einen anderen Weg in den Steinernen Garten finden als jenen �ber den Gletscher.</p><p>Shahondin glitt wieder in die Felswand. Er folgte dem Tunnel, der langsam anstieg. Obwohl er ein wenig Abstand hielt, f�hlte er deutlich die St�rung im Fels, den Nachhall der magischen Kr�fte, die von den Normirga eingesetzt worden waren, um diesen Teil der Festung zu erschaffen. Endlich erreichte er eine kleine Kammer, von der aus eine T�r hinaus auf einen Aussichtspunkt f�hrte. Hier endete der Tunnel, mehr als eine Meile entfernt vom Tor zum Schneehafen.</p><p>Vorsichtig schob Shahondin sich aus der Wand. Die Wachstube war nur von einer einzelnen �llampe beleuchtet. In einer weiten Nische befand sich ein wuchtiges Katapult. Neben dem Gesch�tz standen einige Schemel. So w�rden auch Kobolde die Winde und den Sperrhebel bedienen k�nnen, um das Gesch�tz zu spannen und abzufeuern. Von seinen Abmessungen her war es f�r den Einsatz durch Elfen ausgelegt.</p><p>Neben dem Gesch�tz stand eine Reihe von Tonkr�gen, die zum Teil mit Leinenstreifen umwickelt waren. Die M�nder der Gef��e hatte man sorgf�ltig verschlossen und mit Wachssiegeln versehen. Neugierig schnupperte der F�rst daran. Ein scharfer Geruch stach ihm in die Nase. Brandgeschosse!</p><p>Ein Schnaufen, gefolgt von einem leisen Gurgeln lie� Shahondin herumfahren. An der gegen�berliegenden Wand standen f�nf Etagenbetten, die mit dicken, braunen Wolldecken verh�ngt waren. Der muffige Geruch von zu lange getragenen Kleidern hing in der Luft. Dazu kam ein hauchzarter Duft von Bartwichse. Ein gro�er Tisch mit St�hlen und zwei langen Kisten, die auch als Sitzb�nke dienten, f�llte den hinteren Teil der Kammer. Neugierig streckte Shahondin seinen Kopf durch einen der Bettvorh�nge. Ein Kobold lag dort zusammengerollt in voller Bekleidung und schnarchte. Der Elf lie� der Bestie in sich freien Lauf. Er f�hlte sich wie ein Au�enstehender, als sie das Lebenslicht des Kobolds fra�. Die kleine Gestalt schrumpfte zusammen. Seine Haut spannte sich straff �ber dem Sch�del. Er starb im Schlaf.</p><p>Die Bestie glitt hinauf in das obere Bett. Der Kobold hier sa� aufrecht, mit dem R�cken gegen die Wand gelehnt. Er hatte eine Decke um sich geschlungen und sich einen breiten Stoffstreifen ins Gesicht gebunden. Einen Herzschlag lang dachte Shahondin, sein Opfer sei wach, ja es habe ihn aus unerfindlichen Gr�nden sogar erwartet. Er beobachtete, wie sich die Brust des Kobolds regelm��ig hob und senkte. Der kleine Kerl r�hrte sich nicht. Auch er schlief. Der Geruch nach Bartwichse war hier viel intensiver. Jetzt begriff der Elf, was er sah. Der Kobold hatte seine Bartenden hochgezwirbelt und sich ein St�tzband umgebunden, um den kunstvoll gestalteten Schnauzer im Schlaf nicht aus der Form zu bringen. Vielleicht wollte er sich nach dem Wachdienst mit einem Weibsbild treffen und mit dem stolzen Schnauzbart Eindruck machen. Vielleicht w�re es am�sant, ihm das Leben zu schenken? Wie w�rde er sich wohl verhalten, wenn er als einziger �berlebender zwischen all seinen toten Kameraden erwachte? W�re er vor Angst wie gel�hmt? W�rde er laut schreiend davonlaufen? Und w�rde er sich den Rest seines Lebens fragen, warum er �berlebt hatte? Darauf, dass sein hochgebundener Schnauzbart ihn gerettet hatte, w�rde er gewiss niemals kommen.</p><p>Die Bestie in Shahondin rebellierte. Sie hatte keinen Sinn f�r solch boshafte Scherze. Sie wollte t�ten! Voller Verachtung unterdr�ckte der Elf das tumbe Gesch�pf und machte sich �ber die �brigen Schlafenden her. Acht Kobolde ermordete die Bestie. Keiner von ihnen erwachte. Sie gingen vom Schlaf hin�ber ins ewige Dunkel, ohne zu ahnen, was mit ihnen geschah.</p><p>Zufrieden zog sich Shahondin in den dunkelsten Winkel der Kammer zur�ck. Er war neugierig zu sehen, was geschehen w�rde, wenn man den Wachraum voller Toter entdeckte und den Kobold mit dem stolzen Schnauzbart, der niemandem erkl�ren k�nnte, was geschehen war. Auf diese Weise zu t�ten war viel befriedigender, als nur wahllos mordend durch die Festung zu ziehen. Der F�rst begann Pl�ne zu schmieden, wie seine n�chsten Opfer enden sollten. Er w�rde das T�ten zu einer Kunst erheben. Und sein Applaus w�re das Entsetzen, das sich in der Bergfestung ausbreitete. Als unsichtbarer, namenloser <emphasis>Todbringer</emphasis> w�re er ungleich entsetzlicher als das Trollheer, das sich bald vor den Toren der Festung sammeln w�rde.</p><subtitle>Das Buch der Faden</subtitle><cite><p><strong>7. Tag des Wolfsmondes</strong>. Heute hat uns Alfadas verlassen. Es war ein Tag von feierlicher Traurigkeit. Hinter dem Tor aus Licht lag eine schreckliche Dunkelheit. Ich h�tte es nicht durchschreiten wollen. M�ge Luth dem Herzog und seinen M�nnern beistehen. K�nig Horsa wollte nicht in unserem Dorf verweilen. Er hat uns noch in der Abendd�mmerung verlassen.</p><p><strong>9. Tag des Wolfsmondes</strong>. Karat Ole, den Hundez�chter, tief im Wald gefunden. Wie es scheint, wurde Ole von seinen eigenen Bestien angegriffen. Er ist f�rchterlich zugerichtet. Er spricht wirr. Ich habe seine Wunden ges�ubert. Asla hat ihn in ihrem Haus aufgenommen, um ihn zu versorgen. Der gro�e schwarze Hund musste ausgesperrt werden.</p><p><strong>11. Tag des Wolfsmondes</strong>. Der Fischer Galti ist verschwunden. Man hat sein Boot verlassen am westlichen Ufer gefunden.</p><p><strong>12. Tag des Wolfsmondes</strong>. Erek hat mit einigen M�nnern des Dorfes die Hunde in Oles Zwingern erschlagen. Zwei der Bestien fehlen. Asla hat die M�nner bedroht, ihrem Hund ja kein Leid zu tun. Ich konnte den Streit nur mit M�he schlichten.</p><p><strong>13. Tag des Wolfsmondes</strong>. Fr�h am Morgen sind zwei Sklavinnen, Fredeg und und Usa, verschwunden. Am Abend traf sich der Dorf rat. In allen Gesichtern war Angst.</p><p><strong>14. Tag des Wolfsmondes</strong>. Die Leiche einer alten Frau wurde angesp�lt. Sie tr�gt Usas Kleider. Niemand wei� sich das zu erkl�ren. Viele suchen meine Hilfe, doch wei� ich diesen Faden Luths nicht zu deuten.</p><p><strong>15. Tag des Wolfsmondes</strong>. Eine seltsame Seuche hat Ereks Ziegen dahingerafft. Man hat sie ausgezehrt bis auf Haut und Knochen im Stall gefunden. Oles Fieber wird schlimmer. Er spricht immer wieder von einer wei�en Elchkuh.</p><p><strong>16. Tag des Wolfsmondes</strong>. Solveig ist vom Reisigsammeln im Wald nicht zur�ckgekehrt. Der Rat hat beschlossen, dass niemand mehr das Dorf verlassen soll. Asla hat sich gegen den Willen der M�nner durchgesetzt.</p><p><strong>17. Tag des Wolfsmondes</strong>. Kalf hat einen der vermissten Bluthunde im Wald gestellt und get�tet.</p><p><strong>18. Tag des Wolfmondes</strong>. Eine Treibjagd, um den zweiten ausgebrochenen Bluthund zu stellen, blieb ohne Erfolg.</p><p><strong>21. Tag des Wolfsmondes</strong>. Seit f�nf Tagen gab es keinen Ungl�cksfall mehr. Langsam weicht die Angst. Luth sei Dank!</p><text-author>Aus: Das Buch der F�den, eine Chronik Firnstayns,</text-author><text-author>verfasst von Gundar dem Luthpriester</text-author><text-author>Band VII der Tempelbibliothek zu Firnstayn, s.83</text-author></cite></section><section><title><p>Das Wolfspferd</p></title><p>Missmutig schl�pfte Halgard in ihre gef�tterten Pelzstiefel. Das M�dchen hasste es, so fr�h am Morgen aus dem Bett geholt zu werden. Am Abend zuvor waren sie lange in Aslas Haus gewesen. Das ganze Dorf hatte sich dort versammelt. Gundar hatte zu ihnen gesprochen und mit ihnen gemeinsam gebetet. Halgard liebte die kr�ftige, warme Stimme des alten Mannes. Sie war f�r sie wie Sonnenlicht auf dem Gesicht: einfach behaglich. M�de rieb sie sich den Schlaf aus den Augen.</p><p>�Nun mach schon!�, hetzte ihre Mutter und dr�ckte ihr ein St�ck hartes Brot in die Hand. �Tr�del nicht so herum. Ich bin schon seit einer Stunde auf und murre schlie�lich auch nicht!� Ihre Mutter half ihr, die breiten Lederschlingen des geflochtenen W�schekorbs �ber die Schultern zu streifen. Dann bettete sie den Umhang warm �ber ihren Leib und den Korb. Mutter musste ihn vor das Feuer geh�ngt haben. Mit einem Seufzer rieb Halgard ihre Wange �ber den Wollstoff. Wenn sie doch nur noch ein bisschen in ihrem Bett bleiben k�nnte! Knarrend ging die T�r auf. Der kalte Atem des Fjords drang in die kleine H�tte. Halgard tastete sich am Tisch entlang und stie� sich ihr Knie an der Bank. Mutter hatte sie schon wieder von der Stelle ger�ckt! �Wei�er Nebel steigt die Ufer hinauf�, sagte ihre Mutter mit leiernder Stimme. �Es sieht aus, als seien die Wolken vom Himmel hinabgestiegen.�</p><p>Halgard zog die T�r hinter sich zu und folgte der Stimme, die unabl�ssig beschrieb, was sie sah. Wie schon hunderte Male zuvor w�nschte Halgard sich, Mutter w�rde von Dingen sprechen, die sie begreifen konnte. Aber sie machte sich keine Gedanken. Halgard konnte sich Wolken nicht wirklich vorstellen. Es mussten gro�e Dinger sein, die �ber den Himmel liefen, obwohl sie keine Beine hatten. Man konnte sie wohl deutlich sehen, obwohl man sie nicht anfassen konnte. Und was war wei�? Nur ein Wort ohne Inhalt! Wie so viele W�rter, die Mutter bei ihren endlosen Beschreibungen aufsagte.</p><p>Der Weg, dem sie folgten, war weich und schlammig. Halgard mochte das schmatzende Ger�usch, das ihre Stiefel machten, wenn es geregnet hatte. Dann h�rte es sich so an, als g�ben ihre F��e der Erde bei jedem Schritt einen nassen, �berm�tigen Kuss.</p><p>�Hinter dem Regenfass an der Ecke von Ereks H�tte lauert wieder die schwarze Katze. Es sieht aus, als habe sie auf uns gewartet. Seltsam, dass sie hier fast jeden Morgen steht.� Mutters Schritte verharrten. �Wehe, wenn ich dich dabei erwische, dass du sie f�tterst!� Ihre Stimme klang ein wenig anders. Sie musste sich umgedreht haben. �Wir haben selbst nicht genug zu bei�en! Wir m�ssen nicht noch irgendwelches Viehzeug durchf�ttern!� Halgard biss in ihren Brotkanten und zuckte mit den Schultern. Mit Mutter zu reden, war sinnlos. Sie wurde schneller wieder friedlich, wenn man einfach gar nichts sagte.</p><p>�Katzen k�nnen sich gut alleine versorgen!� Mutter ging weiter.</p><p>Die Katze strich leise schnurrend um Halgards Beine. Es war ein wunderbares Gef�hl. Das M�dchen beugte sich vor und tastete nach dem zarten Fell. Die Katze dr�ckte ihr schnurrend den Kopf in die Hand und leckte ihre Finger.</p><p>�Heute hab ich leider keinen Fisch�, fl�sterte das M�dchen.</p><p>�Vielleicht morgen wieder.� Sie brach ein kleines St�ck von ihrem Brot ab und hielt es der Katze hin. Halgard wusste, dass ihre kleine Freundin Brot nicht sonderlich mochte. Aber etwas anderes hatte sie nun einmal nicht. Und sie wagte es auch nicht, ihr gar nichts zu geben, denn sie hatte Angst, dass die Katze vielleicht nicht mehr auf sie warten w�rde, wenn sie einmal kein Futter bekam.</p><p>�Wo steckst du?�, rief Mutter.</p><p>�Bis morgen.� Halgard t�tschelte der Katze noch einmal �ber den Kopf und beeilte sich, ihrer Mutter zu folgen. Deren Schritte knirschten schon auf dem Kies. Sie h�rte das Scharren des schweren Korbs auf Stein und den Seufzer, den Mutter jedes Mal ausstie�, wenn sie ihre Last abstellte.</p><p>�Es ist noch ganz dunkel�, erkl�rte Mutter. �Die Sonne versteckt sich noch hinter den Bergen. Der Wind r�hrt im Nebel.�</p><p>F�r mich ist es immer ganz dunkel, dachte Halgard w�tend und w�nschte sich, ihre Mutter w�rde mit diesen endlosen Selbstgespr�chen aufh�ren.</p><p>Als h�tte sie den Gedanken geh�rt, hielt sie tats�chlich den Mund. W�sche raschelte leise. Mutter w�rde sie jetzt in kleine Haufen sortieren und mit Steinen beschweren, bevor sie mit der Arbeit begann. Halgards Gedanken schweiften ab zu jenen wunderbaren Tagen, als sie noch nicht jeden Morgen vor der Sonne aufgestanden waren. Damals, als Vater noch bei ihnen war. Im Fr�hjahr des letzten Jahres war er mit dem Jarl auf einen Kriegszug gegangen und nicht mehr wiedergekommen. Seitdem wohnte der Hunger bei ihnen.</p><p>Halgard dachte oft an ihren Vater. Seine Stimme hatte immer ein wenig heiser geklungen. Seine gro�en, knochigen H�nde hatten ihr oft �ber das Haar gestrichen. Dann hatte sie geschnurrt wie eine kleine Katze. Abends, wenn sie nicht schlafen konnte, lauschte sie hinaus. Und immer noch hoffte sie, irgendwann seine vertrauten Schritte zu h�ren. Er war so gro� und stark gewesen. Wer h�tte ihn denn umbringen k�nnen? Er war nur verloren gegangen! Bestimmt w�rde er eines Tages wiederkommen. Es musste nur jemanden geben, der noch daran glaubte! Mutter glaubte nicht daran. Sie war so entsetzlich dickk�pfig! Halgard hatte selbst geh�rt, wie Jarl Alfadas ihrer Mutter angeboten hatte, f�r sie zu sorgen. Aber sie wollte das nicht. Stattdessen holte sie Aslas W�sche und wusch sie fr�hmorgens am Fjord. Auch ein paar anderen Frauen machte sie die W�sche. Daf�r bekam sie Brot und K�se und manchmal auch etwas Fleisch. Mutter mochte es nicht, wenn ihr die anderen Frauen beim Waschen zusahen. Sie tat so, als h�tte sich nichts ver�ndert, seitdem Vater nicht wiedergekommen war. Dabei wussten alle im Dorf, was f�r eine Arbeit sie machte.</p><p>�Tr�umst du wieder?�, herrschte Mutter sie an. Und dann war da das verhasste Ger�usch. Das satte Klatschen eines nassen W�schest�cks, das vor ihr auf den Waschstein fiel. Widerwillig tastete Halgard danach. Nach Gr��e und Gewicht musste es ein Hemd sein. Die K�lte biss ihr in die H�nde. Sie m�hte sich ab, den nassen Stoff, so gut es ging, auszuwringen, w�hrend Mutter schon das n�chste W�schest�ck in den Fjord tauchte und �ber den rauen Fels rieb.</p><p>Nach so einem Morgen wollten ihre H�nde nicht einmal �ber einem Feuer wieder richtig warm werden. Halgard st�hnte. All ihre Wut lie� sie an der W�sche aus. Sie drehte sie und sp�rte, wie das eisige Wasser ihre Finger entlangrann. Die K�lte fra� sich bis tief in ihre Knochen hinein. Am besten war es dann, weit weg zu reisen. In Gedanken in so weite Ferne zu gehen, dass man gar nichts mehr sp�rte.</p><p>Asla war nett. Manchmal steckte ihr die Frau des Jarls einen Honigkuchen zu, wenn Mutter die W�sche hinaufbrachte. Das musste aber immer heimlich geschehen, denn Mutter nahm au�er dem vereinbarten Lohn nichts an. Sie war so verdammt stur!</p><p>Wenn sie Mutter nicht helfen musste, dann spielte sie oft mit Ulric. Das war ein bisschen langweilig, weil er immer dasselbe spielen wollte. Sie war eine wundersch�ne Prinzessin, die von einem Ungeheuer entf�hrt worden war, das sie mit K�se und Brot zum Fr�hst�ck fressen wollte. Und er war der Held, der sie befreite und das Ungeheuer erschlug. Danach gingen sie oft zu Asla, und es gab wirklich etwas zu essen. Allein das war es wert, das bl�de Spiel immer wieder mitzumachen.</p><p>Gestern hatte Ulric ihr erlaubt, seinen Zauberdolch zu ber�hren. Er hatte ihn von dem Elfenprinzen geschenkt bekommen. Es war wohl derselbe, der am Hartungskliff zu ihr gesprochen hatte, dachte Halgard. Seine Stimme war sehr seltsam gewesen. Halgard hatte die ganze Zeit �ber geglaubt, gleich wolle er singen. Sein Haar hatte sich wunderbar angef�hlt. So weich wie Katzenhaar, nur dass es viel l�nger war. Er hatte auch gut gerochen. Gar nicht nach Schwei� oder Zwiebeln oder Met wie die anderen M�nner, die sie manchmal auf den Arm nahmen. Das M�dchen schreckte aus ihren Gedanken. Etwas fehlte. Eine ganze Weile schon! Das Ger�usch, wie Mutter die W�sche �ber den Fels rieb.</p><p>�Mutter?�</p><p>�Still!�, zischte es neben ihr. Mutters Stimme war voller Angst. Halgard lauschte. Sie konnte viel besser h�ren als irgendwer sonst im Dorf. Sie hielt den Atem an. Da war das stete Fl�stern der Wellen, die nach den Kieseln am Ufer tasteten und sich wieder zur�ckzogen. Das Ger�usch des Windes, der �ber den Fjord heraneilte und durch die �ste der B�ume am Ufer strich. Sie h�rte auch ihr Herz klopfen und das leise Rauschen ihres Blutes. Und ... Ja, da war noch etwas! Ein h�lzernes Knarren, begleitet von einem regelm��igen Platschen. Ein Boot war drau�en auf dem Wasser. Aber es war noch ein ganzes St�ck entfernt. Wenn es immer noch nebelig war, w�rde Mutter es kaum sehen k�nnen.</p><p>�Ist es das Boot?�, fragte sie leise.</p><p>�Nein, es ist ...� Mutters Kleider raschelten. �Steh auf! Lauf! Es hat uns gesehen! Es kommt!� Mutter packte sie und zerrte sie hoch. �Lauf!�</p><p>Stolpernd kam Halgard auf die Beine. Sie konnte nicht laufen! Mutter wusste das doch. Wenn sie lief, verlor sie die Orientierung. Und sie stolperte dauernd!</p><p>�Der Weg ist vor dir. Geradeaus!� Mutters Atem ging keuchend. �Am Ufer entlang. Wir m�ssen zum Priester! Nur er kann uns helfen. Schnell! Da ist nichts im Weg! Mach schon!�</p><p>Sie waren auf dem Lehmpfad. Wieder schmatzten die Schritte. Doch diesmal schien der Lehm sie festhalten zu wollen. Und er war so entsetzlich glitschig. Sie rutschte und konnte sich mit rudernden Armen gerade noch fangen. Hinter ihnen war kein Ger�usch! Nichts konnte sich so lautlos bewegen! �Wovor laufen wir fort?�</p><p>�Das Tier! Mach schnell. Bitte, Halgard, bleib nicht stehen! Es ist aus dem Wasser gekommen. Seine Z�hne ... Lauf! Bei allen G�ttern, lauf!�</p><p>Halgard m�hte sich ab, so gut sie konnte. Mutter beschrieb ihr den Weg. Sie blieb immer dicht hinter ihr, obwohl Mutter sie leicht h�tte �berholen k�nnen.</p><p>Halgard stie� gegen einen Stein. Diesmal konnte sie sich nicht mehr fangen. Der L�nge nach st�rzte sie auf den aufgeweichten Weg. Kalter Schlamm spritzte ihr ins Gesicht. Sie begann zu weinen. Sie konnte doch nicht laufen!</p><p>�Hoch! Hoch mit dir, mein kleines T�ubchen.�</p><p>Halgard wurde emporgerissen. Dann sp�rte sie Mutters Atem auf dem Gesicht. �Du l�ufst jetzt zu Gundar und holst ihn. Ich halte das Tier auf. Es ist nicht mehr weit bis zur H�tte.�</p><p>�Was ist das?�, fragte sie schluchzend.</p><p>�Es ist gro� wie ein Pferd. Aber es hat Z�hne wie ein Wolf. Und es sieht aus wie Nebel. Jetzt geh! Schnell! Halt dich geradeaus, bis du die Schatten der Weiden sp�rst. Und dann nach links. Du kennst den Weg! Von den Weiden sind es nur noch zwanzig Schritt.�</p><p>�Warum h�re ich es nicht?�</p><p>�Weil es wie Nebel ist!� Mutters Stimme klang nach m�hsam zur�ckgehaltenen Tr�nen. �Frag nicht mehr. Lauf jetzt. Bitte! Gleich ist es hier.�</p><p>Halgard ging so schnell sie konnte. Der Wind vom Fjord schnitt durch ihre nassen Kleider. Sie zitterte am ganzen Leib. �ngstlich lauschte sie auf jedes Ger�usch. Als sie die Weiden erreichte, h�rte sie einen leisen Schrei. �Mutter?�</p><p>Halgard konnte die B�ume nicht sehen, aber sie sp�rte ihre N�he. Es war, als seien jetzt noch dunklere Schatten in der Finsternis, die sie immer umgab. Und sie h�rte, wie die d�nnen �ste im Wind gegeneinander schlugen. Sie hielt sich links. Pl�tzlich war da kein Schlamm mehr. Sie hatte den Weg verloren. Hastig drehte sie sich und ging ein St�ck zur�ck, doch sie fand nicht mehr zum Weg. Wenn wenigstens die Sonne da w�re! Das Licht auf ihrem Gesicht w�rde ihr helfen, sich zu orientieren.</p><p>Der Wind war eingeschlafen. Jetzt h�rte sie nicht einmal die �ste der Weiden. Sie konnte nicht weit von Gundars Haus fort sein. Halgard rief seinen Namen. Hoffentlich war er schon wach! Sie wusste, dass der alte Mann gerne lange schlief.</p><p>Kurz �berlegte sie, ob sie weitergehen sollte. Doch dann w�rde sie sich nur noch mehr verirren. Und wenn sie zu weit vom Haus des Priesters entfernt war, dann k�nnte er sie nicht mehr h�ren. Es war besser, einfach stehen zu bleiben und zu rufen!</p><p>Pl�tzlich wurde es k�lter. Sie sp�rte keinen Wind auf dem Gesicht. Etwas stie� in ihre Brust. Ihre Rippen wurden wie Eis. So wie die Knochen in ihren Fingern, wenn sie zu lange das Wasser aus der W�sche gewrungen hatte.</p><p>Ganz leise h�rte Halgard das Knarren einer T�r.</p><p>Sie zitterte so sehr, dass sie nicht mehr zu stehen vermochte. Sie konnte auch nicht mehr rufen. Ihre Z�hne klapperten so laut wie die Knochenrassel, die ihr Vater ihr einmal geschenkt hatte.</p><p>�Halgard, bist du das?�, erklang die warme Stimme des Priesters. Ja, sie war wie der Sommer, dachte das M�dchen. Wie der Sommer.</p><p>Da waren Schritte in nassem Gras.</p><p>�Halgard? Bei allen G�ttern!�</p></section><section><title><p>Die G�tterpeitsche</p></title><p>�Was kann das gewesen sein? Keine Kreatur aus meiner Welt tut Kindern so etwas an!� Asla fl�sterte, aber das nahm ihren Worten nichts an Sch�rfe.</p><p>�Ich kenne auch in meiner Welt kein Wesen ...� Yilvinas Stimme brach. �Ich wei� nicht, was es war. Wirklich nicht.�</p><p>Tr�nen standen dem Priester in den Augen. Er hatte Halgard nur an ihrer Mantelbrosche erkannt, als er sie im feuchten Gras gefunden hatte.</p><p>Bei allen G�ttern, was hatten sie nur getan, dass ein solches Strafgericht �ber das Dorf gekommen war? In Augenblicken wie diesem zweifelte er an der Weisheit Luths. War das M�dchen nicht gestraft genug? Sie hatte ihren Vater verloren. Sie war blind. Und nun das! Ihr Gesicht war welk wie das einer Greisin. Dunkle Altersflecken zeichneten Wangen und Stirn. Und das Haar der Kleinen war schlohwei�. Gundar lie� den Vorhang vor der Bettnische niedersinken. Das M�dchen lag in tiefem Schlaf. Er war froh, der Kleinen nicht mehr ins Antlitz sehen zu m�ssen. Ein Kind sollte so nicht aussehen, dachte er voller Zorn. Wer konnte einem kleinen M�dchen so etwas antun?</p><p>Halgard wusste noch nicht, was mit ihr geschehen war. Sie war sehr m�de gewesen. Allerdings hatte sie sich �ber ihre raue Stimme gewundert, die ihr ganz fremd erschien.</p><p>Gundar schluckte, als er an die L�gen dachte, die er Halgard ins Ohr gefl�stert hatte. Er hatte nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Sie wusste auch nicht, dass ihre Mutter tot war.</p><p>Der Luthpriester ging zum Tisch, der dicht bei der Feuergrube stand, und lie� sich mit einem Seufzer nieder. Asla stellte ihm eine Sch�ssel mit dampfender Fischbr�he hin, doch er schob sie von sich. Er konnte jetzt nicht essen.</p><p>H�tte er nur gestern geschwiegen! Dann w�re dem M�dchen nicht die Jugend gestohlen worden, und Alfeid, ihre Mutter, w�rde noch leben.</p><p>�Es muss ein Geist sein�, sagte Yilvina. �Es gab keine Spuren. Weder auf dem schlammigen Pfad noch im Gras. Und es t�tet, ohne Blut zu vergie�en.�</p><p>Gundar betrachtete die Maserung des Holztischs. Ja, an einen Geist hatte er auch schon gedacht. Aber woher sollte der kommen?</p><p>Er hatte seine Bibliothek aus immerhin drei B�chern zu Rate gezogen, aber keine Antwort gefunden, die zu den Vorf�llen im Dorf passen wollte. Nur im Buch der Omen hatten einige wenige Zeilen �ber Geister gestanden. Es kam dann zu Erscheinungen, wenn jemand verstarb, der eine wichtige Angelegenheit in seinem Leben nicht hatte vollenden k�nnen. Meistens ging es dabei um Rache oder Liebe.</p><p>Manches Mal wurde ein Geist auch zur Heimsuchung der Lebenden von den G�ttern geschickt. Aber es gab keinen Frevel, den die G�tter strafen mussten. Als Priester h�tte er es gewusst, falls ein Gottesfrevel geschehen w�re, der eine solche Strafe verdiente. Das h�tte ihm nicht verborgen bleiben k�nnen! Auch war im Dorf den ganzen Sp�tsommer �ber niemand gestorben. Es gab niemanden, der zum Geist h�tte werden k�nnen. Erst seit diese Kreatur ihr Unwesen trieb, war der Tod in Firnstayn zum steten Gast geworden. Also mussten sie doch die G�tter erz�rnt haben, �berlegte Gundar. Aber wodurch? Weil sie das Tor in die Welt der Elfen ge�ffnet hatten? Fest stand, dass ihre Probleme erst nach dem Abschied von Alfadas und seinem Heer begonnen hatten. War das ein Zufall? War vielleicht etwas durch das Tor gekommen? �Gibt es in Albenmark Geister?�, fragte Gundar.</p><p>�Nein�, entgegnete die Elfe entschieden. Sie hatte sich wieder auf dem Schemel neben dem Lager der bewusstlosen K�nigin niedergelassen. Wie ein nimmerm�der Wachhund hockte sie dort nun schon seit Wochen, bereit, ihr Leben f�r Emerelle zu geben.</p><p>In einem Haus, in dem nur eine Mutter mit zwei Kindern und ein Schwerverletzter lebten, der sich wohl nie mehr von seinem Bett erheben w�rde, erschien ihm ihr Gebaren reichlich �bertrieben.</p><p>�Die Alben, unsere Urahnen, haben alle Gesch�pfe der Finsternis vertrieben�, fuhr Yilvina fort. �Die Devanthar und die Yingiz. Sie alle sind tot oder auf ewig in die Finsternis zwischen den Welten gebannt.� Asla hatte sich zu Gundar an den Tisch gesetzt. Sie riss ein neues Leinentuch in Streifen.</p><p>�Was sind das f�r Wesen? D�monen? Ich bin nur eine Fischerstochter�, setzte sie leicht gereizt nach. �Mir muss man solche Namen erkl�ren.�</p><p>�Verzeih meinen Fehler.� Yilvina erhob sich, ging zur Feuergrube hin�ber und stocherte mit einem Stecken in der Glut.</p><p>Einen Augenblick erschien es Gundar, als wolle die Elfe nicht antworten. Als sie dann doch sprach, tat sie es nur z�gerlich und stockend. Sie schien jedes ihrer Worte sorgsam abzuw�gen. Hatte sie Angst, die alten Schrecken lebendig werden zu lassen, indem sie dar�ber redete?</p><p>�Die Devanthar hassten jede Form der Ordnung. Wann immer etwas vollendet war, mussten sie es zerst�ren, um etwas Neues zu erschaffen. Ordnung war f�r sie der Stillstand aller Dinge. Besser kann ich es nicht erkl�ren, denn das Volk der Devanthar wurde vor sehr langer Zeit von den Alben vernichtet.</p><p>Die Alben waren es, die alle Welten und V�lker erschufen, die wir heute kennen. Und um ihre Sch�pfung zu sch�tzen, mussten sie die Devanthar vernichten. So gewaltig war dieser Kampf, dass eine Welt dabei zerbrach. Der Anblick der Schrecken dieses Krieges verletzte viele der Alben zutiefst in ihrer Seele. Damals begannen sie Albenmark zu verlassen oder sich in die Einsamkeit zur�ckzuziehen. Sie suchten Orte wie das Albenhaupt, um f�r Jahrhunderte in Abgeschiedenheit zu meditieren.</p><p>Mit den Yingiz war es anders. Dies waren Gesch�pfe aus reiner Boshaftigkeit, die sich allein am Leid anderer zu erfreuen vermochten. Sie wurden in die Dunkelheit zwischen den Welten vertrieben.�</p><p>�Das ist es!�, rief Gundar. Jetzt bekam ihr Feind endlich ein Gesicht. �So ein Gesch�pf der Dunkelheit muss durch das Tor in unsere Welt geschl�pft sein!�</p><p>�Das ist ausgeschlossen!� Yilvina zerbrach den Stecken und warf ihn in die Glut. �Die Alben haben die Tore und auch die Pfade durch das Nichts mit starken Schutzzaubern umgeben. Noch nie ist ein Yingiz zur�ckgekehrt. Wir wissen nicht einmal mehr, wie sie ausgesehen haben. Es muss etwas anderes sein, was das Dorf belagert. Gibt es denn hier in der Anderen Welt keine Geister?�</p><p>Gundar nickte z�gernd. �Doch. Auch wenn ich noch nie einen gesehen habe.�</p><p>�Etwas aus Fleisch und Blut hat Halgard jedenfalls nicht angegriffen. Davon h�tte ich Spuren gefunden! Es muss ein Geist sein!�, beharrte die Elfe. �Glaube mir, ich bin eine erfahrene J�gerin.�</p><p>Ole wand sich st�hnend auf seinem Lager. Da war er wieder... Dieser Geruch, der Gestank eines offenen Grabes. Gundar nahm einen Tannenzweig und warf ihn ins Feuer. Knisternd vergl�hten die trockenen Nadeln. Wei�er, angenehm duftender Rauch breitete sich aus.</p><p>Es war sinnlos, mit der Elfe zu reden. Sie w�rde niemals einsehen wollen, dass diese Morde vielleicht doch etwas mit ihr oder der K�nigin zu tun haben k�nnten.</p><p>Asla erhob sich und sah zu Gundar hin�ber. Ein stummer Hilfeschrei lag in ihrem Blick. Sie sammelte die Leinenstreifen auf und ging hin�ber zu Oles Lager.</p><p>Der Priester nahm die irdene Flasche auf dem Tisch und f�llte sich einen Becher. Hastig st�rzte er den Apfelschnaps herunter. Er brannte in der Kehle. Gundar traten Tr�nen in die Augen. Dann ging er hin�ber zu Asla. Als sie die Decke vor der Bettnische zur Seite zog, wurde ihm �bel. Durchdringender Verwesungsgeruch schlug ihnen entgegen.</p><p>Ole hatte die Augen weit aufgerissen, doch er erkannte sie nicht. Seine Aug�pfel waren nach oben gerollt, sodass man nur noch das Wei�e sah. Kalter Schwei� stand ihm auf der Stirn.</p><p>Asla tupfte ihrem Onkel mit einem Tuch �ber das welke Gesicht. Ole blinzelte dabei nicht einmal.</p><p>Dann schlug sie die Bettdecke zur�ck. Die Verb�nde an Oles Beinst�mpfen waren mit br�unlichem Sekret durchtr�nkt. Asla nahm ein Messer und begann die Leinenstreifen zu zerschneiden. Sie packte mit spitzen Fingern zu und versuchte ihren Onkel so wenig wie m�glich zu ber�hren.</p><p>�Blaue Funken ...�, murmelte Ole und begann zu kichern.</p><p>�Ruhig, Onkel, ruhig.� Asla strich ihm �ber die Stirn.</p><p>�Die G�tterpeitsche ...� Der Hundez�chter stie� einen tiefen Seufzer aus. �G�tter ...�</p><p>Asla sah zu Gundar auf. �Jetzt.�</p><p>Der Priester lehnte sich vor und dr�ckte Ole mit beiden H�nden auf dessen Lager. Im selben Augenblick zog Asla die Verb�nde ab. Der Stoff klebte an den offenen Wunden. Ole schrie wie ein Tier und versuchte sich aufzub�umen. Dunkler Eiter troff aus dem fauligen Fleisch.</p><p>Gundar atmete nur noch flach durch den Mund. Der Gestank war atemberaubend. Er musste wegsehen und hatte M�he, seine �belkeit zu unterdr�cken.</p><p>Asla arbeitete hastig. Sie wusch die Wunden mit Branntwein aus. Ihr Onkel lag jetzt ganz still. Er war ohnm�chtig geworden. Wie d�rre �ste ragten zwei Knochen aus dem zerfetzten Fleisch. Die Haut der Oberschenkel war unnat�rlich wei�. Deutlich hoben sich die Adern ab, entz�ndete rote Linien, die sich zu den Leisten hinaufzogen.</p><p>Asla wickelte frisches Leinen um die Beinst�mpfe. Dunkle Flecken tr�nkten das Tuch.</p><p>Der Priester blickte der jungen Frau ins Gesicht. Er konzentrierte sich auf die feinen F�ltchen, die ihre Augen rahmten. Sie war immer noch sch�n. Ihr goldenes Haar hing ihr in einem schweren Zopf �ber die Schulter. Gundar verstand, dass Kalf sie einfach nicht vergessen konnte.</p><p>Asla wechselte auch die Verb�nde an den Handst�mpfen. Ihr Onkel lag noch immer in tiefer Bewusstlosigkeit. Was hatte er gemeint, als er von einer G�tterpeitsche sprach?</p><p>Gundar hielt den Blick fest auf Aslas Gesicht gerichtet. Feine Schwei�perlchen bildeten sich auf ihrer Stirn und benetzten ihre Augenbrauen. Endlich war sie fertig. Mit fahriger Geste wischte sie sich �ber die Stirn. Dann raffte sie die besudelten Verb�nde zusammen, warf sie in die Feuergrube und legte noch ein paar Tannenzweige dar�ber.</p><p>Gundar stand auf und schenkte sich noch einen Becher Branntwein ein. Seine Zunge f�hlte sich pelzig an. Er hatte einen unangenehmen Geschmack im Mund, so als habe er von brackigem Wasser getrunken.</p><p>�Gibst du mir auch etwas?�, fragte Asla.</p><p>Sie stand �ber einen Eimer gebeugt und schrubbte sich mit einer B�rste. Als sie sich an den Tisch setzte, leuchteten ihre H�nde feuerrot.</p><p>�Hat Kalf nicht eine von Oles Peitschen mitgebracht?� �Sogar zwei�, entgegnete Asla matt. �Sie lagen dort, wo er meinen Onkel gefunden hat.�</p><p>�Darf ich die einmal sehen?�</p><p>�Es sind nur seine Hundepeitschen. Diese gr�sslichen Dinger mit den Dornen drin. Du kennst sie doch.�</p><p>�Bitte.�</p><p>�Ich bin m�de ...� Sie deutete auf eine eisenbeschlagene Kiste.</p><p>�Dort drinnen liegen sie. Was willst du damit?� Statt zu antworten, ging der Priester zu der Truhe. Yilvina folgte ihm mit neugierigen Blicken. Die beiden Peitschen lagen auf einem geflickten blauen Kinderkleid. Vorsichtig lie� der Priester eine der langen Lederschn�re durch die Finger gleiten. Erst vor kurzem waren mit hellen Lederriemen neue Metallst�cke eingeflochten worden. Gundar pr�fte eins nach dem anderen. Die Eisenteile, die von Anfang an zur Peitsche geh�rt hatten, waren nur mit d�nnem Flugrost �berzogen. Rieb man daran, gl�nzte das Metall sofort wieder silbrig. Die neuen St�cke sahen ganz anders aus. Hier hatte der Rost sich tief hineingefressen. Gundar betrachtete eine Messerspitze, von deren Schnittkante das Metall in Schichten abgebl�ttert war. Sie sah nun gestuft aus, als sei das Messer einmal aus vielen d�nnen Eisenschichten zusammengef�gt worden. Der Priester fand Ringe von Kettenhemden, N�gel, ein St�ck von einem Pferdegeschirr. �berall war die Oberfl�che k�rnig. Wind und Wetter hatten lange an diesen Metallst�cken genagt. Er erinnerte sich an ein kurzes Gespr�ch, das er mit Ole gef�hrt hatte. Der Hundez�chter hatte gemeint, er habe eine Pilgerreise gemacht und wolle nun mit Luths Hilfe seine Hunde das Gehorchen lehren. Gundar hatte das damals nicht ernst genommen ... Hastig stand der Priester auf und schob sich die Peitschen in den G�rtel.</p><p>�Und?�, fragte Asla.</p><p>�Er hat sich an den G�ttern vers�ndigt! Yilvina hat Recht. Die Bestie kommt nicht aus Albenmark oder dem Nichts. Ich h�tte es wissen m�ssen! Die Leichen schreien es heraus, wer diese Strafe geschickt hat. Sie schreien es heraus!�</p></section><section><title><p>Verfolgt</p></title><p>Gundar hatte den Fjord schon ein gutes St�ck hinter sich gelassen und stieg in die Berge hinauf. Es war derselbe Weg, den Mandred einst mit seinen Elfenfreunden gegangen war, als sie den Manneber verfolgt hatten. Der alte Priester hoffte, dass er nicht bis hinauf zur H�hle des Luth gehen musste. Ole war ein fauler Bursche! Er hatte sich sicher nicht die M�he gemacht, f�r seinen Frevel bis zum Pass hinaufzusteigen.</p><p>Gundar blieb ruckartig stehen und sah sich um. Er hatte das Gef�hl, dass ihm jemand folgte. Angestrengt blinzelte er in das Schneetreiben. �Dort drau�en ist nichts�, sagte er halblaut. Es tat gut, in der Stille der Berge die eigene Stimme zu h�ren. �Es droht keine Gefahr! Ich bin ein heiliger Mann!�</p><p>Die letzten Worte hatte er etwas lauter gesprochen. Nicht um etwaige Verfolger zu beeindrucken. Nur um die eigene Stimme zu h�ren, log er sich vor und wusste es doch besser. Er war kein Mann f�r die Wildnis. Er f�hlte sich dort wohl, wo stets ein regenfestes Dach in der N�he war und eine Aussicht auf mindestens zwei warme Mahlzeiten am Tag bestand. Kalf hatte ihm angeboten, ihn zu begleiten, doch Gundar wollte allein sein. Er musste zu sich finden. Wie hatte er nur so lange brauchen k�nnen, um das eindeutige Zeichen zu erkennen! Alle Opfer au�er Ole waren in unnat�rlicher Geschwindigkeit gealtert. Der Priester dachte an Alfeid, die W�scherin. Sie war eine junge Frau gewesen. Als man sie fand, war ihr K�rper ausgezehrt wie der einer Greisin, die weit �ber ihre Zeit hinaus gelebt hatte. Und Halgard ... Gundar mochte gar nicht an das arme M�dchen denken. Es war keine Gnade, dass sie noch lebte. Ein Kind im Leib einer alten Frau. Wie konnte Luth nur so grausam sein! Der Schicksalsweber hatte einen geisterhaften Henker geschickt, der die Schicksalsf�den seiner Opfer aufwickelte, sodass ihr Leben binnen Augenblicken verstrich. Diese Todesf�lle sollten ein Zeichen sein!</p><p>Gundar legte einen Schritt zu. Er h�tte schneller begreifen m�ssen, was vor sich ging. Doch die Ereignisse der letzten Wochen hatten ihn blind gemacht. Zu viel war geschehen! Die Elfenk�nigin, die Zuflucht suchte, Horsa, der K�nig des Fjordlands, der gleich zweimal das Dorf besuchte. Der Zug durch das Elfentor. Das Heer.</p><p>Ole, dieser Narr, hatte die Eisenm�nner bestohlen und damit den Zorn Luths auf Firnstayn herabgerufen. Gundar dachte an seinen Abschied. Er hatte die Leute im Dorf beschworen, ihre H�user nicht zu verlassen, und auf alle T�rschwellen Schutzzeichen mit Ru� und Kreide gemalt. Luth konnte sie doch nicht alle bestrafen, nur weil einer von ihnen gefehlt hatte! Keuchend m�hte sich Gundar den Pfad hinauf. Der Schnee knirschte leise unter seinen Schritten. Es war ein freundliches, beruhigendes Ger�usch. Wasser drang durch die N�hte. Er h�tte seine Stiefel besser einfetten m�ssen. Seine F��e waren schon ganz nass. Nicht mehr lange, dann w�rde der Wehrberghof kommen. Dort konnte er �ber Nacht bleiben. Morgen sollte er sich mit mehr Sorgfalt um seine Stiefel k�mmern!</p><p>Gundar blieb abrupt stehen. Hatte er da Schritte hinter sich geh�rt? Er drehte sich um. Das Schneetreiben war dichter geworden. Er sah nichts au�er wirbelndem Wei�.</p><p>Der Sturm l�schte vor der Zeit das Tageslicht. Gundar fluchte. Wenn er vom Weg abkam oder am Hof vorbeilief, dann war er in ernsten Schwierigkeiten. Seine F��e w�rden in den nassen Stiefeln erfrieren. Er h�tte Kalfs Hilfe annehmen sollen!</p><p>Wieder blickte der Priester zur�ck. War da ein wei�er Schemen? Gundar beschleunigte seine Schritte. Jemand starrte ihn an! Er sp�rte das ganz deutlich! Vorsichtig strich er mit der Hand �ber den Lederbeutel an seinem G�rtel. �Ich bringe dir zur�ck, was dir geh�rt, Luth�, fl�sterte er. �Bitte gedulde dich noch einen Tag. Jeder im Dorf hat etwas Eisen gegeben, um dir zu opfern. Verzeih ihnen! Sie k�nnen nichts f�r Oles Taten.�</p><p>Gundar musste an Halgard denken. Die Erinnerung machte ihn zornig. Wie hatte Luth so etwas tun k�nnen? Was hatte das blinde M�dchen mit Ole zu schaffen? Fast vierzig Jahre war Gundar seinem Gott ein treuer Diener gewesen, aber in der letzten Nacht waren ihm zum ersten Mal Zweifel gekommen. Ein Gott, der einen so blindw�tigen R�cher schickte, das war nicht der Luth, von dessen Weisheit er in all den Jahrzehnten gepredigt hatte! In diesen Taten konnte der Priester kein sinnf�lliges Muster erkennen. Sie waren einfach nur grausam. Schritte! Jetzt hatte Gundar sie ganz deutlich geh�rt. Was erwartete er auch? Er verdammte Luth, wenn auch nur im Geiste. Dem Schicksalsweber w�rde das nicht verborgen bleiben. Der Priester drehte sich um. �Schick ihn schon, deinen M�rder!�, rief er ins Schneegest�ber. Er stemmte die H�nde in die H�ften.</p><p>�Komm schon, bring es zu Ende! Ich stehe hier und warte!�</p><p>Was tat er da? War er denn wahnsinnig? �Lass mich das gestohlene Eisen zur�ckbringen�, sagte er in vers�hnlicherem Ton. �Und dann nimm mich als Opfer. Ich bin es, der neben Ole Schuld auf sich geladen hat. Verschone mein Dorf.�</p><p>Nicht weit entfernt wieherte ein Pferd. Der Wehrberghof. War er schon so nahe? Gundar ging weiter. War das ein Zeichen Luths? Wollte der Gott ihm den Weg zum Hof weisen? Gundar hielt sich ein wenig mehr nach links und schritt mit neuer Zuversicht aus.</p><p>Schon nach einem kurzen Wegst�ck zeichnete sich der Schemen eines H�gels im Schneetreiben ab. Dem Priester war klar, dass er am H�gel vorbeigelaufen w�re, h�tte er nicht die Richtung ge�ndert, nachdem er das Wiehern geh�rt hatte. Der Wehrberg, auf dem Thorfinns Geh�ft lag, war von drei Ringen aus halb verfallenen Erdw�llen umgeben. Vor langer Zeit hatte es hier wohl einmal eine Siedlung gegeben. Jetzt kauerte dicht unter der Kuppe im Windschatten nur noch der gro�e Wehrberghof.</p><p>Gundar folgte dem alten Weg, der zwischen den Erdw�llen hinauff�hrte. Es roch nach Rauch. Der Gedanke an ein Feuer und eine Sch�ssel mit warmem Brei lie� das Herz des Priesters schneller schlagen.</p><p>Im Schneetreiben sah der Giebel des Langhauses rabenschwarz aus. Zwei Drachenk�pfe mit weit aufgerissenen Kiefern schm�ckten ihn. Die R�ckseite des Hauses war ein St�ck in den H�gel hineingebaut. Stall und Stube waren unter einem einzigen langen Dach vereint, nur eine d�nne Holzwand trennte beide. Die dicken Erdw�nde und die W�rme, die von der Feuergrube bis zum Stall abstrahlte, hielten den schlimmsten Frost von den Tieren fern.</p><p>Gundar klopfte an die schwere Holzt�r. Nichts r�hrte sich. Der Wind hatte aufgefrischt. Der Priester dr�ckte die T�r auf. Seltsam, dass zum Abend kein Riegel vorgelegt war. Er trat in die winzige Stiefelkammer. Ein dicker Wollvorhang trennte sie vom Wohnhaus. Auf einem Schemel brannte eine �llampe.</p><p>�Thorfinn? Audhild?� An die Namen der drei Kinder erinnerte er sich nicht mehr. Die Familie kam einfach zu selten ins Dorf hinab. Gundar war zuversichtlich, dass sie ihm wieder einfallen w�rden, wenn er die Kleinen erst einmal sah. Es kam keine Antwort. Vielleicht waren sie im Stall und h�rten ihn nicht. Er schloss die T�r und kratzte mit dem Schabholz, das am Schemel lehnte, die verharschte Schneekruste von seinen Stiefeln. Dann klopfte er leise vor sich hin summend den Schnee von seinen Kleidern.</p><p>Endlich schob er den Vorhang zur Seite und trat in die Stube. Es war angenehm warm. Frische Binsen waren auf den Boden gestreut. Ein Feuer glomm in einer mit Steinen eingefassten Grube in der Mitte der Stube. Dar�ber hing ein schwerer Kupferkessel an einem Eisenhaken. Es roch angebrannt. Ein leise blubberndes Ger�usch war zu h�ren. Auf dem Tisch standen f�nf Holzsch�sseln. Ein Tonbecher am Ende der Tafel war umgest�rzt. Wie Blut schimmerte eine Weinlache auf dem Holz. Es zeigte sich keine Menschenseele.</p><p>�Thorfinn? Audhild?� Wieder gab es keine Antwort. Sie h�tten ihn eigentlich im Stall h�ren m�ssen! Gundar trat zur Feuergrube, nahm einen alten Lappen und hob den Kessel zur Seite. Hirsebrei. Er r�hrte um. Schwarze Krusten stiegen in dem Brei nach oben. Was war hier los? War da ein Ger�usch? Gundar blickte zur Decke. Schwere, schwarze Balken st�tzten das Dach. Fl�chtig glaubte er etwas Wei�es zu sehen. Doch im unsteten roten Licht der Feuergrube war es unm�glich zu sagen, ob da oben tats�chlich etwas war.</p><p>Gundar sch�ttelte den Kopf. F�r all das w�rde es eine ganz einfache Erkl�rung geben! Und was sollte schon zwischen den Dachbalken sein!</p><p>�Thorfinn? Audhild?� Vielleicht waren die beiden mit den Kindern drau�en. Einer verirrten Ziege nachjagen ... Der Priester blickte zu der T�r, die von der Stube zum Stall f�hrte. Sie stand einen Spalt weit offen.</p><p>Gundar ging zur�ck zur Stiefelkammer und holte die �llampe. Das Licht weit vorgestreckt, wagte er sich in den Stall. Hier war es stockfinster. Ein paar Federn lagen im Lichtkreis der Lampe. Schmutziges Stroh. Ein umgest�rzter Eimer.</p><p>Der Priester wagte sich einen Schritt vor. Braune �ste? Er hob die Lampe h�her. Der Kadaver eines Pferdes lag mitten im Stall. Seine L�ufe waren nur noch Haut und Knochen. Jede Rippe konnte man am ausgezehrten Leib sehen. Gundar schluckte. Bitte nicht auch hier, Luth, dachte er verzweifelt. Bitte!</p><p>Hinter einer brusthohen Holzwand lugte ein Stiefel hervor. Mit klopfenden Herzen trat Gundar �ber das Pferd hinweg. Dort lag Thorfinn! Sein schmales Gesicht war in einer Maske des Grauens erstarrt. Direkt neben ihm lag Audhild, sein Weib. Die R�cke waren ihr hochgerutscht, als sie versucht hatte, vor etwas davonzukriechen. Ihre d�rren Beine erinnerten an das bleiche Treibholz, das man am Ufer des Fjords fand.</p><p>Thorfinn hielt noch eine h�lzerne Forke in der Hand, mit der er vergeblich versucht hatte, etwas zu vertreiben. �Bitte nicht auch die Kinder�, fl�sterte Gundar und trat in den hinteren Teil des Stalls. Die Flamme der �llampe flackerte. Der Priester f�hlte einen leichten Luftzug auf dem Gesicht. Es war schneidend kalt. Gundar machte einen Bogen um totes Federvieh, das auf dem Boden lag. Er fand auch zwei Ziegen. Sie alle hatten sich in den hintersten Teil des Stalls gedr�ngt. Und dann entdeckte er Thorfinns �ltesten Sohn. Der blonde Junge war zw�lf Sommer alt gewesen. Jetzt fiel Gundar auch wieder sein Name ein: Finn. Er lehnte zusammengesunken an der T�r, die seitlich aus dem Stall f�hrte. Seine H�nde dr�ckten noch immer gegen das graue Holz. Die T�r hatte sich nur einen schmalen Spalt breit ge�ffnet. Schnee wehte in den Stall.</p><p>Gundar kniete neben dem Jungen nieder. Probehalber dr�ckte er gegen die T�r. Sie bewegte sich kaum einen Zoll. Der Priester hob die Lampe an und sp�hte durch den Spalt nach drau�en. Eine Schneewehe hatte die T�r versperrt. Der Schnee lag h�fthoch. Selbst ein kr�ftiger Mann h�tte diese T�r nicht �ffnen k�nnen. Finns Augen starrten in die Dunkelheit. Gundar wollte ihm die Lider zudr�cken, um dem Blick zu entgehen, doch die trockene Haut zerriss.</p><p>Wo waren die anderen? Aesa, so hie� die Tochter. Und Tofi, der J�ngste. Der tote Junge blickte zum Schlitten hin�ber ... Gundar schluckte. Er hatte Angst vor dem, was er finden w�rde. Mit weichen Knien ging er hin�ber. Eine bunte Pferdedecke lag �ber der Sitzbank. Darunter malten sich undeutliche Umrisse ab. Mit einem Ruck zog er die Decke zur�ck. Dort lag nur das Pferdegeschirr. Vielleicht waren die Kinder ja entkommen.</p><p>�Aesa! Tofi! Ich bin es, Gundar, der Priester aus Firnstayn. Ihr braucht euch nicht mehr zu f�rchten.�</p><p>Gundar lauschte in die Dunkelheit. Der Sturmwind fmg sich heulend unter dem Dachgiebel. Holz klapperte. Der Priester fuhr erschrocken herum. Etwas war in der Scheune!</p><p>�Wer dort?�</p><p>Wieder fuhr eine B� heulend unter den Giebel. Ganz leise war ein heiseres Ger�usch zu h�ren. Ein Fl�stern!</p><p>Gundar stand der Atem vor dem Mund, so kalt war es. Die Hand, mit der er die �llampe hielt, zitterte. Schatten tanzten �ber die W�nde des Stalls.</p><p>Der Priester begann leise zu beten. Schritt um Schritt ging er zur�ck. Die Forke! Sie war Thorfinns H�nden entglitten. Jemand musste daran gesto�en sein.</p><p>�Im Namen des Schicksalswebers, komm heraus!� Da war wieder dieses Fl�stern. Vor seinen F��en! Thorfinns Mund zuckte. Die Lippen waren vertrocknet und so weit zur�ckgezogen, dass man die gelben Z�hne des Bauern sehen konnte. Heisere Laute entrangen sich seiner Kehle. Thorfinns himmelblaue Augen waren auf Gundar gerichtet.</p><p>�Kin...�</p><p>Gundar beugte sich vor, um ihn besser verstehen zu k�nnen.</p><p>�Kinder ... das Licht... Ich sehe ...�</p><p>�Schone deine Kr�fte, Thorfiinn. Ich bringe dich zum Feuer.� Der Priester versuchte, den Bauern auf die Arme zu nehmen.</p><p>Thorfinns Hand schnellte vor. Sie umkrallte Gundars Linke. Die Haut war d�nn wie fein geschabtes Pergament. Deutlich konnte Gundar die Knochen sp�ren. Es f�hlte sich an, als habe ihn eine Hand aus einem Grab gepackt. Er wollte sie abstreifen, doch Thorfinn bot all seine Kr�fte auf, ihn zu halten.</p><p>�Lebensfaden ... fressen ... Wolfspferd.�</p><p>�Ein Wolfspferd?�</p><p>�Die T�r ... Es geht hindurch ... Einfach hindurch ...�</p><p>�Wo sind deine Kinder?�</p><p>Ein Zittern durchlief den ausgemergelten K�rper. �Einfach hindurch ...� �ber Thorfinns Wange rann eine einzelne Tr�ne. Seine Gesichtsz�ge entspannten sich. Er schien seinen Frieden gefunden zu haben. �Sie warten auf...�</p><p>�Ich bring dich hinunter zum Dorf�, fl�sterte Gundar hilflos.</p><p>Ein R�cheln kam tief aus der Brust des Sterbenden. Seine Hand l�ste sich aus der Umklammerung. Die Augen verloren ihren Glanz.</p><p>�M�gen die G�tter dir auf dem Weg durch die Dunkelheit leuchten, dir ihre Hallen �ffnen und dich zum Gast bei ihrem ewigen Fest machen, denn du warst ihnen ein treuer Diener und deine Seele ist ...�</p><p>Thorfinn b�umte sich auf. Wieder spiegelte sich uns�gliches Entsetzen in seinem Antlitz, als sei er auf der Reise in die ewige Nacht noch einmal dem Schrecken begegnet, der den Wehrberghof heimgesucht hatte. Sein Mund �ffnete sich. Verzweifelt versuchte der Bauer noch etwas zu sagen. Sein ausgezehrter Leib spannte sich und sackte dann pl�tzlich zur�ck. Thorfinns Lebenslicht war endg�ltig verloschen.</p><p>Die kleine Flamme der �llampe blakte und begann zu schrumpfen. Bald war sie nur noch ein winziger Funken. Gundar versuchte sie mit den H�nden vor der Zugluft zu beschirmen. Vorsichtig stellte er die Lampe auf den Boden. Rotes Licht sickerte durch den T�rspalt zur Stube.</p><p>Gundar kniete nieder und betete inbr�nstig, dass das Licht nicht ganz verl�schen m�ge. Es waren nur wenige Schritte bis zur T�r, aber die Dunkelheit erschien ihm wie ein endloser Abgrund. Nicht einmal als Kind hatte er solch eine Angst vor der Finsternis gehabt. Er war sich sicher, dass dort das Wolfspferd lauerte. Sobald es ganz dunkel war, w�rde es ihn holen kommen. Nur der ersterbende Lichtfunke sch�tzte ihn noch!</p><p>Gundar versuchte gegen die Angst anzuk�mpfen. Das Tier musste fort sein, redete er sich ein. Sonst h�tte es ihn schon l�ngst angegriffen. Aber es konnte nicht weit sein ... Er dachte an die angebrannte Suppe. Es war weniger als eine halbe Stunde her, dass die Familie von der Stube in den Stall gefl�chtet war. �ngstlich blickte Gundar in die Dunkelheit. War es noch hier?</p><p>Der Sturm hatte nachgelassen. Die kleine Flamme auf dem Docht flackerte nicht mehr. Langsam gewann sie wieder an Kraft. Der Lichtkreis, den sie ins Dunkel schnitt, wuchs mit jedem Herzschlag. Und dann sah Gundar sie.</p><p>Die beiden Kinder! Aesa hielt Tofi sch�tzend in den Armen. Die zwei hatten sich unter dem gro�en Schlitten versteckt.</p><p>Tofi hatte seinen Kopf an Aesas Schulter gedr�ckt. Sie waren tot. Dem Priester schossen Tr�nen in die Augen. Er weinte lautlos. Hilflos ballte er eine Faust und biss hinein. Wozu gab es G�tter, wenn sie so etwas geschehen lie�en!</p><p>War da ein Ger�usch? Das leise Knirschen von Schritten im Schnee? Kam der M�rder zur�ck? �Komm in die Stube!�, schrie der Priester in seinem Zorn heraus. �Ich erwarte dich!�</p><p>Kaum waren die Worte �ber seine Lippen, da taten sie ihm schon Leid. Was hatte er getan! Mit zitternden Fingern tastete er nach dem Messer an seinem G�rtel. Es war eine schmale, kaum handlange Klinge. Sein Leben lang hatte er sie nur dazu benutzt, Fleisch zu schneiden und Fische auszunehmen. Er hatte noch nie gek�mpft. Er war Priester! Es war an ihm, unsinnige K�mpfe zu verhindern.</p><p>Gundar raffte sich auf. Wenn die Bestie schon kam, dann wollte er ihr wenigstens im Hellen entgegentreten. Er blickte ein letztes Mal zu den toten Kindern. Sich zu verstecken w�re sinnlos. Hastig ging er hin�ber zur T�r, die in die gute Stube f�hrte. Dort legte er den Riegel vor. Dann warf er d�nne Scheite auf die Glut, bis eine helle Flamme emporschoss.</p><p>Aus der Stiefelkammer klangen Ger�usche. Etwas machte sich dort zu schaffen. Der schwere Wollvorhang, der den kleinen Raum von der Stube trennte, bewegte sich.</p><p>Gundar hob das Messer sch�tzend vor die Brust. Die Bestie endlich zu sehen, h�tte vielleicht etwas Erl�sendes. Der Stoff zerteilte sich. Eine kleine, wei� gekleidete Gestalt trat ein. Gundar hatte noch Tr�nen in den Augen, er blinzelte.</p><p>Es war Ulric!</p><p>�Was machst du denn hier?� Gundar lie� das Messer sinken.</p><p>�Ich ... ich wollte dir helfen. Ich ... Du wirst mich jetzt nicht mehr wegschicken, nicht?� Alfadas� Sohn sprach hastig und vermied es, dem Priester in die Augen zu sehen. �Drau�en ist es schon ganz dunkel. Ich kann heute nicht mehr zur�ck ins Dorf! Ich ... Ich wollte im Stall �bernachten, damit du mich nicht bemerkst. Aber du hast wohl meine Schritte geh�rt, nicht wahr?�</p><p>Gundar lie� sich auf der schweren Holzbank neben dem Tisch nieder. �Warum bist du mir gefolgt?�</p><p>�Ich werde mit dir gegen das Ungeheuer k�mpfen�, sagte der Junge voller Inbrunst. �Wenn wir es erschlagen haben, dann geht es Halgard wieder gut. Das ist doch immer so, nicht wahr? Wenn die Krieger das Ungeheuer t�ten, wird alles wieder gut.�</p><p>Gundar f�hlte einen Klo� im Hals aufsteigen. Was sollte er dem Jungen sagen? Dass es nie mehr gut w�rde f�r Halgard? Vielleicht konnten Wunder nur geschehen, wenn man an sie glaubte. Was mit dem M�dchen geschehen war, war schlie�lich auch ein Wunder. Wenn auch ein b�ses.</p><p>�Wei� deine Mutter, dass du hier bist?�</p><p>Ulric sch�ttelte den Kopf. �Sie h�tte das niemals erlaubt. Aber ich musste es tun.� Alfadas� Sohn trug einen dicken Mantel aus fast wei�em Leder. Er hatte eine Kapuze und war von innen mit Schaffell gef�ttert. Auch seine Stiefel waren aus hellem Leder. Kein Wunder, dass sich der Junge so gut im Schnee hatte verstecken k�nnen.</p><p>Ulric kn�pfte den Mantel auf. An seinem G�rtel trug er einen langen Dolch. �Das ist mein Zauberschwert�, erkl�rte er stolz.</p><p>�Die Elfen haben es geschmiedet. Damit werden wir jedes Ungeheuer besiegen k�nnen, Gundar. Wei�t du, Halgard, sie ist meine Prinzessin. Ich habe sie immer schon besch�tzt. Im Dorf sagen sie, dass du ausgezogen bist, um uns zu erl�sen. Ich werde an deiner Seite sein. Ich werde mit dir k�mpfen.�</p><p>Der Priester sah den Jungen fassungslos an. Er meinte jedes Wort ernst, das er sprach. Er glaubte wirklich, er k�nne Halgard erl�sen. Aber durfte er ihn mitnehmen? Was geschah, wenn sie dem Ungeheuer tats�chlich begegneten? Doch konnte das nicht auch im Dorf geschehen? Und wenn er Ulric zur�ckbrachte, w�rde er dann noch einmal den Mut finden, hier heraufzukommen? Jetzt, da er wusste, dass die Bestie auch hier oben war?</p><p>Ulric sah ihn jetzt an. Er konnte den Jungen nicht zur�ckschicken. �Sei mein Kampfgef�hrte bei dieser Queste.� Gundar war �berrascht, wie rau seine Stimme klang. Der Junge hatte eine T�r in eine Welt ge�ffnet, die ihm lange verschlossen gewesen war. Eine Welt, in der der Glaube, dass am Ende alles gut werden w�rde, noch nicht von Jahrzehnten bitterer Erfahrungen gemordet war.</p><p>Die Scheite, die Gundar in die Glut geworfen hatte, waren halb herabgebrannt. Die Dunkelheit kehrte wieder in die Winkel der Stube zur�ck, als sie am langen Tisch Platz nahmen. Der Priester sch�pfte ihnen zwei Teller Hirsebrei aus dem Kessel, und er fand etwas altes Brot.</p><p>�Wo sind Thorfinn und seine Familie?�, fragte Ulric unvermittelt, als er sein Brot in den Brei tunkte.</p><p>Gundar atmete tief aus. Konnte er ihm die Wahrheit sagen? W�rde eine L�ge nicht die T�r wieder zuschlagen, die der Junge ihm gerade ge�ffnet hatte? �Sie sind gegangen�, sagte er schlie�lich ausweichend.</p><p>�Wohin? Im Sturm d�rfen sie doch nicht drau�en bleiben.�</p><p>�Sie sind tot, Ulric. Ein Wolfspferd ... Eine Geistergestalt ... Sie war hier. Die Kreatur, die auch Halgard beinahe get�tet h�tte.�</p><p>Der Junge legte den Brotkanten auf den Tisch zur�ck.</p><p>�Das Tier hat sie alle get�tet?�, fragte er ganz leise. �Auch die Kinder?�</p><p>Gundar nickte. �Ja, auch die Kinder.� Er schob die Sch�ssel von sich. Das w�re ihr Abendessen gewesen. Er konnte nicht mehr ...</p><p>�Wo sind sie?� Ulric r�ckte n�her. Schlie�lich legte Gundar dem Jungen den Arm um die Schultern und zog ihn ganz zu sich heran. �Sie sind in der Scheune. Wir k�nnen sie jetzt nicht begraben. Ich werde sie holen lassen, wenn wir wieder im Dorf sind.�</p><p>�Sehen sie alle aus wie Alfeid?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Es ist gut, dass Halgard ihre Mutter so nicht sehen konnte. Sie sah so ...� Ulric begann pl�tzlich zu schluchzen.</p><p>Gundar dr�ckte den Jungen fest an sich. Auch er war den Tr�nen nahe.</p><p>Schlie�lich schoben sie den Tisch und die Sitzbank zur Seite. Auf dem binsenbedeckten Boden breiteten sie dicht bei der Feuerstelle ihre M�ntel aus. In den Betten der Toten konnten sie nicht schlafen. Es kam ihnen unrecht vor.</p><p>Schweigend lagen sie nebeneinander und lauschten dem Knistern des Feuers und dem Sturm.</p><p>�Siehst du es auch?�, fl�sterte Ulric. �Dort oben, ganz in der Ecke. Es sitzt auf dem Dachbalken und beobachtet uns.� Seine Stimme zitterte. �Ist es das? Das Wolfspferd?�</p><p>Gundar blinzelte. Da war tats�chlich etwas Wei�es. Ein Kopf? Die Worte Thorfinns kamen ihm wieder in den Sinn. Es geht hindurch ... Einfach hindurch ... Sa� die Bestie auf dem Dach und hatte ihren Kopf durch die Schindeln hindurchgeschoben, um sie zu beobachten? Gundar blinzelte. Er konnte einfach nicht deutlich sehen. Er schlug den Mantel zur�ck, sprang auf und warf eine Hand voll Holzsp�ne in die Glut. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis helle Flammen emporschlugen.</p><p>Ulric hatte seinen Dolch gezogen, bereit, jeden Augenblick zuzusto�en. Der Junge schien keine Furcht zu kennen. Unvermittelt brach er in lautstarkes Gel�chter aus. �Da sitzt ein Huhn!�</p><p>Gundar kniff die Augen zusammen. Tats�chlich! Dort lauerte kein Geist. Ein verschrecktes Huhn dr�ckte sich ganz am Ende des Balkens gegen die Dachschr�ge. Es musste durch den offenen T�rspalt aus dem Stall gefl�chtet sein. Der Priester fiel in Ulrics Lachen ein. Es war befreiend. Vielleicht konnten sie ja wirklich siegen, und es wurde alles wieder gut, wenn sie den gesch�ndeten Eisenmann fanden und f�r Oles Frevel um Vergebung baten.</p><p>Sie legten sich wieder hin. Bald war der Junge eingeschlafen. Gundar st�tzte sich auf den Ellenbogen auf und betrachtete Ulric. Der Kleine l�chelte.</p><p>Der alte Priester streckte sich und rollte sich in seinen Mantel. Ob er wohl auch noch manchmal im Schlaf l�chelte? Was f�r ein t�richter Gedanke, dachte er m�de. Und wer sollte ihm schon beim Schlafen zusehen? Vom Feuer war nur ein mattes Gl�hen geblieben. Im Dunkel hinter dem Tisch regte sich etwas. Eine Spinne mit einem Leib gro� wie ein Schwein sah zu ihnen hin�ber. Ihre Kiefer klickten leise. Nein, sie sprach: �Bei der Spinne unter dem Regenbogen liegt mein Geschenk f�r dich.�</p></section><section><title><p>Freundschaft und tote Fische</p></title><p>Ollowain hatte den gro�en See in der Mitte der Himmelshalle erreicht und blickte zur Mandan Falah hinauf. Wo war sie geblieben? Ganz gleich, wen er nach Lyndwyn fragte, man wich ihm aus oder antwortete mit einem Schulterzucken. Sie war nicht fern. Sie hatte Phylangan nicht verlassen. Er konnte sp�ren, dass sie in der N�he war. Manchmal tr�umte er sogar von ihr.</p><p>Welch ein Unsinn! Er hatte keinerlei magische Begabung. Wie sollte er sp�ren, dass sie in der N�he war? Wunschdenken! Er wollte einfach nicht wahrhaben, dass sie ihn betrogen hatte. Sie hatte den Albenstein gestohlen und sich davongemacht.</p><p>Ollowain ahnte, dass auch dies nicht stimmte. Wieder blickte er zur Br�cke hinauf. Was w�rde er daf�r geben, noch einmal mit ihr dort oben zu stehen. Ihr tief in die Augen zu sehen. Den sanften Druck ihrer H�nde zu sp�ren. In seinem Herzen f�hlte er, dass sie ihn nicht betrogen hatte. Landoran wusste, wo sie war. Sie hatte sich auf irgendeinen t�richten Handel mit seinem Vater eingelassen, damit er ihr half, ihn zu verf�hren. W�re sie doch nur zu ihm gekommen, ohne Lysilla vorzuschicken!</p><p>Ollowain strich �ber die schneewei�en Lotusbl�ten, die am Ufer wuchsen. Schwerer Bl�tenduft lag �ber dem Wasser. Es war dr�ckend hei�. Lyndwyn hatte Recht gehabt.</p><p>Er h�tte sie niemals zu sich gelassen. Sie hatte ihm die Augen verbinden m�ssen, damit er der Stimme seines Herzens folgen konnte. Was f�r ein Narr war er doch gewesen!</p><p>Hufschlag lie� Ollowain aufhorchen. Orimedes kam den Weg zum Ufer hinab. Er trug einen Weinschlauch �ber der Schulter und hielt zwei schwere, silberne Pokale in H�nden. �Na, wei�er Ritter, du bist nicht leicht zu finden. Hilfst du mir, einen Wein zu vernichten, der auf keinen Fall Kriegsbeute der Trolle werden sollte?�</p><p>�Du glaubst also auch, dass die Trolle siegen werden?�</p><p>Der Kentaur hob die Brauen. �Du etwa nicht? Die Frage ist doch nicht, ob die Trolle siegen werden. Das steht au�er Zweifel. Fraglich ist allein, wie lange wir uns halten werden.� Er hob den Weinschlauch. �Deshalb sollten wir das hier vernichten.�</p><p>�Vielleicht solltest du mit deinen M�nnern gehen? Noch ist Zeit dazu. Welchen Sinn macht es, hier in einem aussichtslosen Kampf zu sterben?�</p><p>Orimedes �ffnete den Weinschlauch und f�llte die Silberpokale. �Du bleibst doch auch.�</p><p>�Es ist mein Volk. Ich habe keine Wahl und ...� Er dachte an Lyndwyn. Er w�rde sie nicht im Stich lassen. Der Albenstein durfte nicht in die H�nde der Trolle fallen. Er musste in der N�he der Magierin bleiben!</p><p>�Und?�, setzte Orimedes nach und reichte ihm einen der Weinpokale. �Ich hoffe, du erweist mir die Ehre, mit einem Barbaren wie mir anzusto�en.�</p><p>Ollowain nahm den Pokal. �Du bist kein ...�</p><p>Der Kentaur stie� klirrend mit ihm an. Wein spritzte auf, benetzte Ollowains �rmel und tropfte vom Stoff ab, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. �Erz�hl mir nichts, Elf. Ich wei� genau, was du von mir und meinesgleichen h�ltst. Du kannst niemanden leiden, der deiner K�nigin schon mal in den Ballsaal geschissen hat.� Der Kentaur grinste breit. �Es tut mir ja auch Leid, aber manche Dinge sind einfach st�rker als ich.� Pl�tzlich wurde er ernst. �Ich bin gekommen, um mich bei dir zu bedanken. Ohne dich w�re ich in Vahan Calyd gestorben.�</p><p>Der Schwertmeister winkte ab. �Wir beide haben nur der K�nigin gedient.�</p><p>�Red kein dummes Zeug. Du warst bereit, dein Leben zu opfern, als wir aus den Zisternen gekommen sind. Und du hast mir Emerelles Leben anvertraut, obwohl ich doch ein ungehobelter Barbar bin. Ich kenne genug Elfen, um zu wissen, dass die meisten sich anders entschieden h�tten. Sie h�tten mich und meine M�nner gegen die Trolle geschickt, statt uns die K�nigin anzuvertrauen. Das war einer der stolzesten Augenblicke meines Lebens. Und darauf trinken wir jetzt!�</p><p>Orimedes hob den Pokal an seine Lippen, und Ollowain tat es ihm gleich. Der Wein schmeckte lieblich. Das Aroma der Trauben hatte sich gut gehalten und war durch Waldbeeren und einen Hauch von Honig verfeinert worden. �Es w�re wirklich eine Schande, wenn dieser Wein von Trollen gesoffen w�rde.�</p><p>Orimedes nickte zufrieden. �Sag ich doch. Was h�ltst du von den Menschen? Also, die Sache mit den Schiffen ist doch ziemlich verr�ckt. Ich wei�, dass du Alfadas gro�gezogen hast, aber sein Plan ... Auf so eine Idee k�me ich nicht einmal, wenn ich stockbesoffen w�re.�</p><p>Ollowain dachte an den Streit, den es im Kriegsrat um die Eissegler gegeben hatte. Aber letzten Endes war es Alfadas gelungen, sich durchzusetzen. �Ich denke, das Gute an seinem Plan ist, dass er so verr�ckt ist, dass die Trolle niemals damit rechnen werden, was auf sie zukommt.�</p><p>Orimedes lachte, und ein Schauer feiner Weinspritzer schlug dem Elfen ins Gesicht. �Ein Hund k�me auch niemals auf die Idee, dass einer der Fl�he in seinem Pelz beschlossen haben k�nnte, ihn umzubringen. Und wenn er es w�sste, w�re er vermutlich nicht sonderlich beunruhigt.�</p><p>Ollowain nahm einen tiefen Schluck vom Wein und behielt ihn im Mund, um das Aroma voll auszukosten. Orimedes hatte schon Recht mit seinen Einw�nden. Aber wenn Alfadas� Plan gl�ckte, dann w�rde Phylangan erst gar nicht belagert. Das war das Wagnis wert.</p><p>�Komm, leer den Pokal bis zur Neige!�, ermutigte ihn der Kentaur. �Der Wein macht keinen schweren Kopf.� Aber vielleicht half er zu vergessen ... Ollowain blickte zur Br�cke hinauf, dann umfasste er das Silber mit beiden H�nden und trank.</p><p>Orimedes versetzte ihm einen freundschaftlichen Knuff. �Ich muss dir was gestehen. Ich habe dich hintergangen.� Der Kentaur l�chelte verschw�rerisch. �Ich wei�, dass meinem Volk der Ruf vorauseilt, wir seien eine versoffene Bande von Raubeinen. Ein wenig Wahres ist da vielleicht dran ... Aber unsere Trinkgelage haben feste Regeln. Wenn zwei M�nner vom selben Wein bis zur Neige trinken, dann sind sie fortan Freunde und keine Fremden mehr.�</p><p>Der Kentaur beugte sich vor und schloss den v�llig �berraschten Ollowain in die Arme. �Da das nun gekl�rt w�re, kannst du dich mir ruhig anvertrauen. Und sei dir gewiss, eher w�rde ich mir die Zunge abbei�en, als eines deiner Geheimnisse zu verraten.�</p><p>Ollowain sah den Kentaurenf�rsten verwirrt an. �Wovon redest du?�</p><p>�Ich bin vielleicht ein Barbar, aber ich bin nicht blind. Du bist nicht mehr der Mann, den ich am Albenstern in Windland verlassen habe. Etwas nagt an dir. Lass es heraus! Zu trinken und zu reden hilft. Vertrau mir. H�r auf den Rat eines ber�chtigten S�ufers und Schw�tzers.� Orimedes schenkte ihm nach.</p><p>Der Elf musste l�cheln. Vielleicht stimmte es ja, was sein neuer Freund sagte. Und selbst wenn nicht. F�r alle hier in der Festung waren die Tage gez�hlt.</p><p>�Es liegt an Lyndwyn ... Sie ... Sie hat die Flucht genutzt, um Emerelle den Albenstein zu stehlen. Und sie ... Es ist...� Er suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, um zu beschreiben, was er sich selbst immer noch nicht erkl�ren konnte.</p><p>�Verdammte Hexe!�, murrte sein neuer Freund. �Ich wusste gleich, dass man der nicht trauen kann.�</p><p>�Ich habe mich in sie verliebt.�</p><p>Orimedes verschluckte sich. Hechelnd rang er um Atem. Dann herrschte einen Augenblick lang betretene Stille. �Tja ...�, sagte er schlie�lich vorsichtig. �Manchmal sind es gerade die Hexen, die uns den Kopf verdrehen. Habt ihr denn schon einmal ... Du wei�t schon.� Er machte eine obsz�ne Geste.</p><p>�Ja�, sagte Ollowain knapp. �Und wir haben uns gestritten. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.� Er erz�hlte dem Kentauren die ganze Geschichte. Und tats�chlich war es so, dass es half, von Lyndwyn zu reden. Er f�hlte das, was jenseits aller T�uschungen wahrhaftig war. Und er f�hlte einen Schmerz, den er nicht in Worte zu fassen vermochte. �Ich versuche, sie zu vergessen, aber ... Sie hat mein Herz ber�hrt. Ich ...�</p><p>Orimedes legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. �Ich f�rchte, du bist verloren, mein Freund.� Er l�chelte verstehend.</p><p>�Du bist verliebt. Suche sie, das ist das Einzige, was du jetzt noch tun kannst.�</p><p>�Aber wo?�, rief der Elf verzweifelt.</p><p>�Landoran wird es wissen.�</p><p>Ollowain dachte an seine Jugend. An die Entt�uschung in den Augen seines Vaters, als er nicht zu zaubern vermocht hatte, so sehr er sich auch bem�ht hatte. Er war nicht der Sohn, den der F�rst der Normirga sich gew�nscht hatte. Und sein Vater hatte ihn das nur zu deutlich sp�ren lassen. Landoran w�rde ihm niemals helfen! �Phylangan birgt ein Geheimnis. Es geschieht etwas, das die Normirga vor uns verbergen. Und mein Vater hat Lyndwyn in diese Sache hineingezogen.�</p><p>Der Kentaur strich sich nachdenklich �ber den Bart. �Meine M�nner sind ein wenig durch den Berg gelaufen. Man muss ja schlie�lich wissen, was man verteidigt�, sagte er entschuldigend.</p><p>�Und man muss wissen, wo die Weinvorr�te lagern.� Orimedes lachte laut auf. �Ich sehe, wir sind verwandte Seelen. Vor dem Himmelshafen gibt es eine gro�e Treppe. Wenn man sie eine Weile hinabsteigt, kommt man an einen Ort, an dem drei Wachen den Weg versperren. Ich denke, du wirst finden, was du suchst, wenn du es schaffst, an ihnen vorbeizukommen.�</p><p>�Du meinst, sie halten Lyndwyn gefangen? Das ist unm�glich, Orimedes. Sie besitzt den Albenstein und ist eine Zauberin. Niemand in diesem Berg k�nnte sie gegen ihren Willen festhalten.�</p><p>�Und wenn sie freiwillig dort unten ist?�, gab der Kentaur zu bedenken. �Sie ...�</p><p>�Was?�</p><p>Orimedes stand wie versteinert. Mit offenem Mund blickte er auf den See. Wie in Trance hob er den Arm und deutete auf das Wasser. �Die Fische. Sieh nur!�</p><p>Geisterhaft blasse Fischleiber stiegen aus den dunklen Tiefen des Sees an die Oberfl�che. Leblos trieben sie mit den wei�en B�uchen nach oben in der sanften D�nung. Bald waren es hunderte.</p><p>�Was geschieht da?� Orimedes wich ein St�ck vom Ufer zur�ck, als f�rchte er, das Los der Fische zu teilen. �Der See! Er muss vergiftet sein. Es werden immer mehr. Alles ist tot!�</p><p>Ollowain blickte auf das gr�ne Wasser. Es hatte fast die Farbe von Lyndwyns Augen. Diese wunderbaren gr�nen Augen mit den goldenen Sprenkeln darin! Den Kentaur sch�ttelte ihn.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Lyndwyn ...� Ollowain blinzelte. Der Bann war gebrochen.</p><p>�Bleib hier. Achte darauf, dass niemand aus dem See trinkt. Ich hole Hilfe.�</p></section><section><title><p>Die Spinne unter dem Regenbogen</p></title><p>Gundar kniete sich vor dem G�tterbild in den Schnee. Ole hatte es tats�chlich gewagt! Dies hier war der Ort, an dem seine Pilgerfahrt im Wahn geendet hatte.</p><p>Der Priester tastete �ber die raue Oberfl�che des Holzes. Man hatte das Bildnis des Luth aus einem dicken Eichenstamm geschlagen. Der Kopf mit seinen wulstigen Augenbrauen war gut ausgearbeitet, doch unterhalb der Schultern hatte der K�nstler nur vage die Formen des K�rpers angedeutet. Und das Wenige war l�ngst unter einem Panzer miteinander verbackener, rostiger Eisenst�cke verschwunden. Da fanden sich N�gel, Bruchst�cke von zerbrochenen Klingen, Ringe, Blechst�cke, ein Hufeisen. Entlang der Passstra�e gab es ein Dutzend oder mehr dieser G�tterbilder. Jeder Reisende opferte an ihnen ein St�ck altes Eisen und bat den Schicksalsweber um Schutz f�r den Weg �ber die Berge. So kleideten sich die Statuen �ber die Jahrhunderte in einen Panzer aus Eisen und Rost. Man nannte sie Eisenm�nner.</p><p>Ulric hatte den Hammer mit dem Steinkopf gepackt, der neben der Statue auf einem flachen Felsen lag. Mit all seiner Kraft trieb der Junge einen Nagel in den Fu� des G�tterbildes.</p><p>Gundar betrachtete noch immer die L�cken, die in den Rostmantel der Statue gebrochen waren. Was hatte Ole dazu gebracht, einen Gott zu berauben?</p><p>�Wird Luth uns sch�tzen?�, fragte Ulric und legte den Hammer zur�ck.</p><p>�Dein Onkel hat den Schicksalsweber erz�rnt�, antwortete der Priester ernst. �Beten wir, dass wir Luth gn�dig stimmen k�nnen.�</p><p>�Aber wir bringen doch alles zur�ck. Ist es dann nicht wieder gut?�</p><p>Gundar seufzte. �Vielleicht.� Er �ffnete den Lederbeutel mit den rostigen Eisenst�cken, die Ole in seine Peitschenschn�re eingeflochten hatte. Dann nahm der Priester den Hammer und versuchte, sie vorsichtig wieder in das Holz zu treiben.</p><p>�Gundar?� Ulric rieb sich die H�nde, die rot vor K�lte waren.</p><p>�Wenn ich meinen Zauberdolch in den Eisenmann sto�e, wird Luth Halgard dann wieder ganz gesund machen?�</p><p>Der Priester hielt in seiner Arbeit inne und blickte zum Himmel. Was sollte er auf diese Frage nur antworten? �Der Dolch ist dein gr��ter Schatz, nicht wahr?�</p><p>Der Junge nickte.</p><p>�Und du w�rdest ihn f�r Halgard opfern?�</p><p>�Wenn Luth sie wieder gesund macht.�</p><p>�Es ist nicht die Art des Schicksalswebers, uns zu berauben. Ich bin mir sicher, Luth hat geh�rt, was f�r ein Opfer du bringen w�rdest. Und er wei�, dass du mit reinem Herzen sprichst. Behalte den Dolch. Luth war es, der den Pfad deines Lebens so kn�pfte, dass du den Schwertmeister der Elfen trafst und dass Ollowain dir dieses Geschenk machte. Der Dolch ist also auch ein Geschenk Luths an dich. Und Geschenke gibt man nicht zur�ck. Damit w�rdest du den Gott beleidigen.�</p><p>�Ich wollte ihn nicht kr�nken�, sagte Ulric zerknirscht.</p><p>�Manchmal ist es sehr schwer, die G�tter zu verstehen. Gut, dass du da bist und erkl�ren kannst, was sie wollen.�</p><p>Gundar schluckte. �Ja�, sagte er leise. Er dachte daran, wie oft er selbst im Zweifel war. Das Vertrauen des Kindes tr�stete ihn. Und zugleich war es ihm eine B�rde. Er durfte Ulric nicht entt�uschen! Hoffentlich w�rde dieses Wolfspferd verschwinden.</p><p>Der Priester starrte in die gro�en Augen der Statue. Gelassen erwiderte der Gott seinen Blick. Luth hatte ihm den Traum in der letzten Nacht geschickt. Spinnen wachten �ber den goldenen Palast des Gottes. Und manchmal halfen sie ihm auch beim Weben der Schicksalsf�den.</p><p>�Ich habe dir doch von meinem Traum erz�hlt, Ulric. Suche f�r mich nach einem Regenbogen. Luth wird ihn uns als ein Zeichen schicken, wenn er mit uns vers�hnt ist.�</p><p>Der Junge blickte zweifelnd in den strahlend blauen Winterhimmel. Keine Wolke zeigte sich. Es war viel zu kalt, um mit Regen rechnen zu k�nnen. Woher sollte da ein Regenbogen kommen? Gundar war sich bewusst, dass sie auf ein Wunder warteten.</p><p>Der Priester nahm seine Arbeit wieder auf und versuchte, die gestohlenen Eisenst�cke ins Holz zu bringen, ohne dass sie zerbrachen. Er hatte auch einen kleinen Tiegel mit klebrigem Fichtenharz mitgebracht. Ihn benutzte er, wenn ihm etwas zu zerbrechlich erschien, um es Hammerschl�gen auszusetzen.</p><p>Die Arbeit ging nur schleppend voran. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Ulric den Engpass des Bergweges untersuchte. Er sah sich die kahlen B�sche an und suchte nach Spuren im Schnee oder auf den Felsen. Nachdem Gundar mit dem gestohlenen Eisen fertig war, �ffnete er einen zweiten Beutel. Jeder Bewohner Firnstayns hatte ihm ein kleines Geschenk f�r Luth mitgegeben. Unerm�dlich h�mmerte er und blickte sich kaum noch nach dem Jungen um.</p><p>Pl�tzlich lie� ein schriller Ruf ihn aufschrecken. �Da ist sie!� Ulric h�pfte wie eine junge Ziege, die nach einem langen Winter zum ersten Mal wieder aus dem Stall kommt. �Der Schicksalsweber hat uns sein Zeichen geschickt! Komm, Gundar. Komm schnell! Hier ist der Regenbogen. Und ich sehe auch die Spinne!�</p><p>Gundar sah einen bunten Lichtfleck auf der grauen Felswand gegen�ber dem Eisenmann tanzen. Ungl�ubig staunend stand er auf. Seine alten Knochen knirschten, und die Knie taten ihm weh. Hinkend ging er zu dem Jungen hin�ber.</p><p>�Sieh nur, Gundar! Dort auf dem Felsen. Man muss sehr genau hinsehen. Direkt unter dem Regenbogen!� Der Priester blinzelte und rieb sich die Augen. Dann trat er noch n�her an die schroffe Felswand. Seine Finger tasteten �ber die schwachen Linien, als forderten sie einen Beweis f�r das undeutliche Bild, das sich seinen Augen bot. Fast verwittert war dort eine Spinne in den Fels geritzt, nicht gr��er als sein Handteller. Und �ber der Spinne stand ein gekr�mmter Lichtfleck, der in allen Regenbogenfarben schimmerte. �Die Spinne unter dem Regenbogen�, fl�sterte Gundar. Sein Herz machte einen Satz. Das war ein Zeichen seines Gottes! Wie hatte er nur jemals an Luth zweifeln k�nnen! Ihr Opfer war angenommen.</p><p>Der Priester blickte den Pass hinauf. Die Sonne stand schon tief zwischen den Bergen. Ein funkelnder Eiszapfen, der von einem Fichtenzweig hing, erregte Gundars Aufmerksamkeit. Lag dort der Ursprung des Regenbogens? Doch was scherte ihn das! Luth hatte ihm ein Zeichen gegeben. Das war alles, was z�hlte.</p><p>�Lass mich den Schnee zur Seite r�umen�, bat Ulric aufgeregt.</p><p>�Was f�r ein Geschenk mag sich dort verbergen?�</p><p>Gundar breitete l�chelnd die Arme aus. �Woher soll ich das wissen?� Selig blickte er zum Himmel. Ein Geschenk Luths! Der Schicksalsweber ehrte ihn �ber alle Ma�en.</p><p>�Ich komme hier nicht mehr weiter.� Ulric hatte den Schnee mit blo�en H�nden zur Seite geschaufelt. Doch nun war er auf eine Schicht aus mit Eis verklebten welken Bl�ttern gesto�en.</p><p>�Vielleicht liegt das Geschenk an uns ja schon sehr lange hier. Dann ist es mit dem Laub der verstreichenden Jahre bedeckt. Vielleicht ist es sogar eingegraben? Glaubst du, du kannst hier ein Feuer machen, damit der Boden auftaut?�</p><p>�Ich habe keinen Feuerstein und auch keinen Zunder�, sagte der Junge traurig.</p><p>�Aber ich. Such einfach ein wenig welkes Gras und trockene �stchen. Vielleicht auch einen dicken Ast, den wir als Grabstock nehmen k�nnen.� Gundar blickte wieder zum Himmel. Die Sonne stand schon sehr tief. Sie w�rden es nicht vor Einbruch der D�mmerung zur�ck zum Wehrberghof schaffen. Wenn sie ihren Schatz heute noch heben wollten, dann m�ssten sie hier oben �bernachten. Bei so klarem Himmel w�rde es sehr kalt werden. Der Priester deutete auf eine Gruppe Fichten, die von Dickicht umgeben waren. �Lass uns dort dr�ben ein Nachtlager vorbereiten. Dort sind wir vor dem Wind gesch�tzt, und es gibt einen gro�en Felsen, der die W�rme des Feuers zur�ckstrahlt. Zuallererst m�ssen wir dort einen Holzvorrat anlegen, der uns �ber die Nacht bringt. Dann k�nnen wir hier weitermachen. Kannst du uns Holz suchen, Ulric? Ich muss noch einige der Opfergaben in den Eisenmann schlagen.�</p><p>Ulric nickte begeistert und lief los.</p><p>Zwei Stunden sp�ter schoben sie mit St�cken die Glut an der Felswand zur Seite. Ulric hatte ein wenig �bertrieben und ein Feuer entfacht, auf dem man einen Ochsen h�tte braten k�nnen. Das welke Laub war zu Asche geworden. Gundar war unruhig. Zu sp�t erst war ihm aufgegangen, dass Luths Geschenk rettungslos verloren war, sollte es brennbar gewesen sein.</p><p>Ulric stie� seinen Grabstock mit aller Kraft in den Boden. Es bereitete einige M�he, das mit Humus durchsetzte Ger�ll zu bewegen. Der Priester hielt eine Fackel, um dem Jungen zu leuchten. Ohne sich zu schonen, arbeitete Ulric und kniete bald in einer flachen Grube. Manchmal half Gundar ihm, wenn es galt, einen gr��eren Stein freizuhebeln.</p><p>�Hier ist ein Spalt!�</p><p>�Darf ich sehen?� Der Priester beugte sich weit vor. Alfadas� Sohn hatte einen fingerbreiten Riss am Fu� der Felswand freigelegt. Davor lag eine Gruppe faustgro�er Steine. �Die Steine dort sehen seltsam aus. Als h�tte man sie aufgeschichtet.�</p><p>Ulric nahm sich einen d�nnen Ast aus den Resten des verloschenen Feuers und schob ihn in den Felsspalt. �Da geht es tief runter! Vielleicht finden wir eine Schatzh�hle?�</p><p>Gundar musste l�cheln. Er hatte keine rechte Vorstellung von dem Geschenk, das der Gott ihnen gemacht haben mochte, aber an eine Schatzh�hle glaubte er keinesfalls. Er zw�ngte seinen Grabstock in den Spalt. Mit einem Ruck hebelte er die Steine zur Seite.</p><p>Ulric war eifrig dabei, die Felsbrocken aus der flachen Mulde zu werfen. Je tiefer sie gruben, desto breiter wurde der Spalt. Schlie�lich konnte Ulric einen Arm hineinstecken. Er legte sich flach auf den Bauch und angelte mit seinen Fingern in dem Versteck. �Da unten ist etwas Glitschiges.�</p><p>�Kannst du es hochziehen?�</p><p>�Es ist schwer. Ich kann es nicht richtig greifen. Es rutscht mir immer wieder zwischen den Fingern hindurch.� Ulric richtete sich wieder auf. Sein wei�er Mantel war ganz mit Schmutz bedeckt.</p><p>Schweigend gruben sie tiefer, bis die �ffnung weit genug wurde, dass Gundar seinen Arm hineinstecken konnte. Seine Finger ertasteten etwas Kaltes, Rutschiges. Modergeruch stieg aus dem Versteck. Als der Priester den geheimnisvollen Schatz endlich fest zu packen bekam, musste er all seine Kraft aufbieten, um ihn emporzuziehen.</p><p>Luths Geschenk war in schimmeliges Leder geh�llt. Etwas darin klirrte leise, als Gundar seinen Fund auf den Boden legte. Offenbar war das Leder einmal sehr sorgf�ltig einge�lt worden. Dort, wo keine Schimmelflecken waren, schimmerte es noch immer feucht.</p><p>�Willst du es nicht aufmachen?�, fragte Ulric ungeduldig.</p><p>Gundar sch�ttelte bed�chtig den Kopf. Er hatte eine Ahnung, was er im Leder eingeschlagen finden w�rde, doch konnte er sich nicht vorstellen, was er als Priester damit anfangen sollte.</p><p>Wie es schien, schickte Luth ihn in den Krieg. Aber gegen wen? Mochte es sein, dass das Wolfspferd gar nicht vom Schicksalsweber gesandt worden war?</p><p>�Gehen wir hin�ber zu unserem Nachtlager und legen dort neues Holz ins Feuer. Wir wollen unseren Schatz doch bei Licht betrachten.�</p><subtitle>Das Logbuch des Eisseglers <emphasis>Rosenzorn</emphasis></subtitle><cite><p><strong>1. Tag der Reise, Vormittag</strong>: Lange vor Morgengrauen wurde der Kriegsrat einberufen. Ein ung�nstiges Omen �berschattet den Tag unseres Aufbruchs aus dem Schneehafen von Phylangan. Alle Fische im See der Himmelshalle sind verendet. Es gibt keine Erkl�rung f�r dieses Ereignis, genauso wenig wie f�r die toten Kobolde, die man vor drei Tagen gefunden hat. Ein unsichtbarer Feind scheint sich in die Felsenburg eingeschlichen zu haben.</p><p><strong>Nachmittag</strong>: Die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> riecht nach frischer Farbe. Wie die <emphasis>Weidenwind</emphasis> und die <emphasis>Schwertwal</emphasis> wurde der Eissegler wei�, gestrichen, damit er in der Eislandschaft schwerer zu entdecken ist. Der Menschenf�rst Alfadas ist an Bord gekommen. Er wird das kleine Geschwader f�hren. Sein Bordoffizier ist eine Gestalt, der die halbe Nase fehlt. Au�er mir sind nur noch sieben Elfen an Bord. Auf den beiden anderen Schiffen sieht es �hnlich aus. Auf Befehl des Herzogs wurden zahlreiche Ver�nderungen vorgenommen. Schwere Windenarmbr�ste sind auf die Reling aufgesetzt. Und entlang des Rumpfes schmiegen sich lange Metallbl�tter, die aus st�hlernen Schiffskufen geschmiedet wurden. Die Menschen an Bord sind ein verwegener und ungewaschener Haufen. Obwohl ich nur als Winds�nger die Flottille begleite, kann ich es nicht lassen, das Logbuch zu f�hren wie einst in gl�cklicheren Zeiten.</p><p><strong>Abend</strong>: Die Flotte hat in der D�mmerung den Schneehafen verlassen. Der Abschied ist mir schwer gefallen. Shaleen bef�rchtet, dass ich nicht wiederkehren werde. Ich habe sie gebeten, an Bord des n�chsten Eisseglers, der aus dem Himmelshafen ausl�uft, Phylangan zu verlassen. Drohendes Unheil liegt �ber der Felsenburg wie ein alles erstickender Schatten.</p><p><strong>2. Tag der Reise, Vormittag</strong>: Die Segler machen gute Fahrt. Wir hoffen, bis zur Mittagsstunde die H�gel zu erreichen, bei denen wir das Trollheer zuletzt gesichtet haben.</p><p><strong>Nachmittag</strong>: Die Trolle sind verschwunden. Alfadas l�sst drei kleine Eissegler aussetzen, die uns als Sp�her vorauseilen sollen. Die Flottille bewegt sich mit langsamer Fahrt in �stliche Richtung.</p><p><strong>Abend</strong>: Einer der kleinen Eissegler ist nicht zur�ckgekehrt. Es herrscht Unruhe unter den Menschen. Sie sehnen sich nach einem Kampf. Ich habe Alfadas angeboten, morgen im ersten Tageslicht mit meinem Falken Schneeschwinge zu reisen, um nach dem vermissten Boot zu suchen.</p><p><strong>3. Tag der Reise, Vormittag</strong>: Ich entdecke das Wrack des Eisseglers. Das Boot scheint mit hoher Geschwindigkeit in raues Gel�nde gefahren zu sein. Unbegreiflich! Obwohl �berall Blutspuren im Schnee sind, sind keine Leichen zu finden.</p><p><strong>Nachmittag</strong>: Wir haben einen Sp�her der Trolle entdeckt. Nachdem wir ihn mit den Schiffen weit �ber eine Meile �ber das Eis gehetzt haben, geht Lysilla, die Schiffsf�hrerin der <emphasis>Weidenwind</emphasis>, von Bord und t�tet ihn mit obsz�ner Leichtigkeit. Ich wei� nicht, ob ich sie als Meisterin im Schwertkampf bewundern oder als M�rderin eines hoffnungslos unterlegenen Gegners verachten soll. Die Flottille h�lt weiter �stlichen Kurs. Alfadas sieht davon ab noch einmal die kleinen Eissegler einzusetzen. Stattdessen bittet er mich, mit meinem Falken zu fliegen.</p><p><strong>Abend</strong>: Habe zwei weitere Sp�her der Trolle entdeckt, denen wir jedoch ausweichen k�nnen. Der Wind weht stetig aus Nordwest. Wir machen gute Fahrt.</p><p><strong>4. Tag der Reise, Vormittag</strong>: Alfadas bittet mich, mit Schneeschwinge nach Osten bis zur Walbucht zu fliegen. Wir sind nicht mehr weit vom Rosenberg entfernt.</p><p><strong>Sp�ter Nachmittag</strong>: Die Trolle sind in der Walbucht gelandet. Ihr Heer marschiert das Tal zum Rosenberg hinauf. Die Kolonne reicht von Horizont zu Horizont. Ich soll noch einmal fliegen und auskundschaften, wo sich ihr K�nig befindet. Ich habe ein ungutes Gef�hl...</p><text-author>Niedergeschrieben von Fenryl, Graf von Rosenberg</text-author><text-author>Winds�nger der Rosenzorn</text-author><text-author>im 786. Jahr der R�ckkehr</text-author></cite></section><section><title><p>Kriegsrat</p></title><p>Orgrim blickte auf den endlosen Zug, der das Swelm-Tal hinaufkam. Stolz erf�llte sein Herz. Sie waren wie eine Lawine aus Fleisch! Nichts, das sich ihnen in den Weg stellte, w�rde sie aufhalten k�nnen.</p><p>Ein schriller Schrei lie� ihn herumfahren. Birga heftete einen langen Hautstreifen auf den t�rgro�en Schild, den sie vor ihrem Opfer in den Schnee gerammt hatte. Der Menschenkrieger, den sie verh�rte, war nackt auf einen zweiten Schild gebunden. Von seiner Brust und den Oberschenkeln hatte die Schamanin breite Hautstreifen abgezogen. Sie ging schnell vor, anders als bei den Elfen. Es erforderte keine gro�e Kunstfertigkeit, um den Willen eines Menschen zu brechen.</p><p>Branbart und die �brigen F�rsten der Trolle standen um die Schamanin versammelt und sahen ihr wie gebannt zu. Auch Skanga war dort. Sie hatte sich auf einem B�ndel alter Felle niedergelassen. Ihre Augen waren geschlossen, doch Orgrim kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie nicht schlief.</p><p>�Und, was sagt der Kerl?�, fragte Branbart neugierig. �Woher kommen sie?� Die Schamanin redete in einer seltsam zischelnd klingenden Sprache auf den Krieger ein. Er antwortete sto�weise. Was f�r Weichlinge! Sie hatten bisher nur zwei Menschen lebend fangen k�nnen. Der Erste war schon bei einer leichten Befragung verreckt. Den Zweiten hatten sie aufgehoben, um ihn in Anwesenheit des K�nigs zu verh�ren. Orgrim wusste, dass Branbart solche Schauspiele sch�tzte.</p><p>�Der Mann sagt, er kommt aus einer gro�en Stadt, die Honnigsvald hei�t. Sie scheint von einem m�chtigen Erdwall umgeben zu sein.�</p><p>�Honnigsvald?� Der K�nig sprach das Wort langsam aus, als koste er den fremden Klang auf seiner Zunge wie ein gutes St�ck Fleisch. �Wo ist das?�</p><p>�Die Stadt geh�rt zum Fjordland. Ein alter K�nig regiert dort.� Branbart machte eine �rgerliche Geste. �Ich kenne das Fjordland. In meiner Jugend war ich auf Jagdausfl�gen in den Bergen im Norden dieses K�nigreichs. Die Menschen dort glauben, sie k�nnten uns von den P�ssen fern halten, wenn sie Holzm�nner aufstellen, die mit Eisen gespickt sind.� Er zog ger�uschvoll die Nase hoch und spuckte aus. �Diese Narren! Wir haben sie jahrzehntelang verschont, und das ist der Dank. Honnigsvald soll brennen! Und dem alten K�nig ziehst du die Haut ab und schickst sie mir! Ihnen wird es noch Leid tun, dass sie dem Elfengew�rm ihre j�mmerlichen Krieger geschickt haben.�</p><p>Er trat dicht an den Gefesselten heran und blickte ihm ins Gesicht. �H�rst du mich, du feiger, kleiner Schei�er? Die Stadt, die dich geboren hat, werde ich verbrennen. Jede j�mmerliche H�tte werde ich abfackeln lassen. Der Schnee in deiner Heimat wird unter Asche verschwinden. Euch Menschen wird es wie jedem ergehen, der den Normirga hilft!� Er zog die Nase hoch und spuckte dem Mann einen Schleimklumpen in die offene Wunde �ber seinem Herzen. �L�stige kleine L�use!� Branbart legte seine Hand auf das Gesicht des Menschen. Es verschwand g�nzlich unter der gro�en, grauen Pranke.</p><p>�Mein K�nig, es ist nicht klug ...�, wandte Orgrim ein.</p><p>�Erz�hl mir nichts �ber Klugheit, du neunmalkluger Versager!� Der Mensch stie� einen schrillen Schrei aus. Sein Sch�del knirschte. Die Adern auf Branbarts Arm traten hervor, seine Muskeln zeichneten sich deutlich ab. Der Herrscher zitterte vor Anstrengung. Blut spritzte auf. Zufrieden l�chelnd trat er zur�ck und betrachtete den kopflosen Kadaver, w�hrend er seine blutige Hand l�ssig an seiner Hose abwischte.</p><p>�Man kann sie wie L�use zerquetschen.� Dumgar, der Herzog vom Mordstein, grinste. �Hundert von uns k�nnten wohl ein ganzes Menschenreich ausl�schen.�</p><p>�Ich habe schon L�use zwischen den Fingern gehabt, die mehr Widerstand leisteten�, murmelte Branbart, und seine Herz�ge lachten.</p><p>Orgrim dachte an den Heerhaufen mit den langen Speeren. Sie hatten keine Ahnung, diese Speichellecker! F�r ihre Dummheit und �berheblichkeit w�rden ihre Krieger mit Blut bezahlen.</p><p>�Du erinnerst mich da an etwas, Dumgar!� Branbart drehte sich zu Orgrim um. �Mein Freund, der Schiffeversenker, hat es wieder einmal geschafft, unserem Heer Schande zu bereiten. Wie mir zu Ohren kam, hat der Feigling sich auf einem H�gel verschanzt und keine Anstalten gemacht, die Weichsch�del und ihre Elfenfreunde zu verfolgen, als sie geflohen sind.�</p><p>Orgrim traute seinen Ohren nicht! Er hatte getan, was vern�nftig war, und er hatte seinen Gegnern eine blutige Niederlage beigebracht, als sie versucht hatten, den H�gel zu st�rmen. Sie waren die Feiglinge, die davongelaufen waren! Wie konnte dieser alte Bastard die Wahrheit nur derart verdrehen!</p><p>�Orgrim! Ich entziehe dir dein Kommando als Rudelf�hrer!�</p><p>Orgrim legte die Hand auf den schweren Kriegshammer in seinem G�rtel. Er sollte dieser Narrenposse ein Ende machen!</p><p>�Man kann das auch ganz anders sehen�, erklang Skangas leise Stimme. �Bis auf den K�nigsstein haben die Elfen alle Felsenburgen fluchtartig verlassen. Man k�nnte also sagen, dass Orgrim mit nur zweihundertf�nfzig Kriegern die Snaiwamark erobert hat. Nie zuvor hat ein Troll einen eindrucksvolleren Sieg �ber die Normirga errungen.�</p><p>�Misch dich nicht in die Gesch�fte des Krieges ein, Weib!�, schrie Branbart auf. �Ich wei�, warum du diesen kleinen Welpen besch�tzt. Man hat dich gesehen, Alte. Es stimmt doch wohl, dass du nach der Schlacht von Vahan Calyd eine Nacht mit ihm allein in einer H�hle verbracht hast.� Der K�nig lachte anz�glich. �War er so gut, dass du ihm immer noch bei jeder Gelegenheit die Stange h�ltst?� Branbart sah sich Beifall heischend um, doch keiner seiner Herz�ge wagte es, �ber Skanga zu lachen.</p><p>�Gro�e K�nige benutzen ihren Kopf zum Denken, Branbart, und nicht das kleine Ding, das zwischen ihren Beinen h�ngt. Aber seit du den Schlag vor den Kopf bekommen hast, scheinst du jedes Mal, wenn du die Nase hochziehst, ein St�ck deines Verstandes mit auszuspucken. Orgrim ist der Krieger, der im Verlauf des Feldzugs die gr��ten Erfolge f�r dich errungen hat. Oder ist jemand hier anderer Meinung?� Skanga sah die versammelten Herz�ge einen nach dem anderen an. Niemand wagte es, ihr zu widersprechen. �Orgrim war als Erster hier. Er hat die Wolfsgrube besetzt, ganz gleich, ob er nun k�mpfen musste oder nicht. Allein seine Anwesenheit hat gen�gt, um die Elfen in solchen Schrecken zu versetzen, dass sie alle Felsenburgen bis auf den K�nigsstein aufgegeben haben. Und was wird ihm das bringen? Dein Freund Dumgar vom Mordstein wird die Wolfsgrube �bernehmen, ebenso wie den Mordstein, weil er als Wiedergeborener das Recht hat, seine alten Besitzt�mer einzufordern. Und der Lohn des Mannes, der dies alles vollbracht hat, wird es sein, dass du ihm den Titel des Rudelf�hrers nimmst? Trottel! Schick deine Herz�ge los, und die Eroberung des K�nigssteins wird ein �hnliches Massaker werden wie der v�llig unn�tze Kriegszug gegen Reilimee!� Sie deutete hinab auf die marschierenden Truppen. �Fast viertausend deiner M�nner sind vor der Hafenstadt verblutet. Und wer war der Krieger, der als Erster auf den Mauern von Reilimee stand?� Wieder sah sie herausfordernd zu den Herz�gen. �War einer deiner F�rsten darunter?�</p><p>Orgrim l�chelte. Er nahm die Hand von seiner Waffe. Es mochte sein, dass er vielleicht niemals seinen Herzogstitel errang, aber mit Skanga als Verb�ndeter f�hlte er sich st�rker als der ganze Kriegsrat des K�nigs.</p><p>�Weiber haben noch nie Einsicht in die Notwendigkeiten eines Kriegszugs gehabt�, wandte Branbart lahm ein. �Doch weil ich dich dennoch ehre, gro�e Schamanin, werde ich dich weiterhin in meinem Rat dulden. Wir sollten nun dar�ber reden, wie lange es dauern wird, unsere Krieger bis zum K�nigsstein marschieren zu lassen.</p><p>Orgrim wandte sich ab und blickte wieder das weite Tal hinab. Zwischen den marschierenden Trollen hatte er riesige Gestalten entdeckt. Mammuts! In der Welt der Menschen waren diese Gesch�pfe sehr selten. Aber in den alten Geschichten �ber die Snaiwamark hie� es, dass dort einst gro�e Herden von Mammuts gelebt hatten und auch Wollnash�rner sehr verbreitet gewesen waren.</p><p>Nun erstand die Welt dieser Geschichten um sie herum wieder. Orgrim f�hlte sich gl�cklich. Wie ungerecht Branbart ihn auch behandelte, er hatte Teil an etwas Gro�em, an der R�ckeroberung ihrer alten Heimat. Und er und seine Krieger waren die Ersten, die ihren Fu� in dieses Sagenland gesetzt hatten. Allein deshalb schon w�rde er selbst einmal eine Sagengestalt sein, ganz gleich, was Branbart noch gegen ihn unternahm.</p><p>Wenn sie die Weiber aus den Felsenburgen in der Anderen Welt holten, w�rden etliche bei ihm liegen wollen. Er w�rde der Vater vieler Welpen werden! Zufrieden beobachtete er, wie die Wildrufer die Mammuts auf das letzte, steile Wegst�ck f�hrten. Er hatte diese J�ger und Kundschafter schon immer bewundert. Sie wurden mit der besonderen Gabe geboren, selbst �ber weite Entfernung ein geistiges Band zu Wildtieren kn�pfen, sie anlocken und ihnen ihren Willen aufzwingen zu k�nnen. Ein Rudel, dem ein Wildrufer angeh�rte, musste niemals Hunger leiden!</p><p>Die Maurawan hassten die Wildrufer. Soweit Orgrim wusste, besa�en die Elfen die Gabe des Wildrufens nicht. Sie waren der Meinung, dass der J�ger seiner Beute stunden- oder tagelang hinterherlaufen sollte. Dass eine Jagd so viel einfacher sein konnte, wollten sie nicht hinnehmen. In vergangenen Zeiten hatten die Maurawan immer wieder ihre W�lder verlassen, um die Wildrufer der Snaiwamark zu suchen und zu t�ten. Angeblich, weil sie auch Wild aus ihren W�ldern herbeiriefen. Aber an dieses gewaltige Heer w�rden sich die Maurawan nicht heranwagen. Hier gab es keine Deckung wie in ihren W�ldern. Keine M�glichkeit, feige aus dem Hinterhalt einen Pfeil abzuschie�en. Und wenn sie es dennoch wagten, w�rden sie dem gerechten Zorn hunderter w�tender Trolle niemals entgehen.</p><p>Die ersten Mammuts erreichten die Hochebene. Sie waren mit B�ndeln von Lebensmitteln, Waffen, Brennholz und aller nur erdenklichen Ausr�stung beladen. Manche zogen auch wuchtige Schlitten.</p><p>Zufrieden erkannte Orgrim, dass man noch weitere Kriegsger�te der Elfen mitgebracht hatte. Sobald das Heer den K�nigsstein erreichte, w�rde man die Mammuts schlachten. Hatten sie erst einmal alle Lasten in die Eisw�ste gebracht, w�re ihr letzter Nutzen, die M�gen hunderter hungriger Trolle zu f�llen.</p><p>Auf manchen der Gep�ckb�ndel kauerten dick in Pelze und Decken geh�llte Kobolde. Sie w�rden all jene Arbeiten verrichten, f�r die man kleine, flinke Finger ben�tigte. Und in den Felsenburgen w�rden sie n�tzliche Diener abgeben.</p><p>Die Vergangenheit kehrte zur�ck, dachte Orgrim zufrieden und rieb sich fr�stelnd die Arme. Etwas hatte sich ver�ndert ... Pl�tzlich war da eine unnat�rliche K�lte, die bis tief ins Mark der Knochen schnitt. Eine K�lte, die nichts mit dem Winter zu tun hatte!</p><p>Alarmiert wandte er sich um. Branbart hatte mitten in seinem endlosen Vortrag �ber den Angriff auf den K�nigsstein innegehalten. Auch Birga wirkte beunruhigt. Nur Skanga hatte wieder ihre Augen geschlossen und tat so, als schlafe sie.</p><p>Pl�tzlich schob sich aus dem Eis vor den F��en des K�nigs ein geisterhafter Tierkopf. Branbart machte erschrocken einen Satz zur�ck und strauchelte. Dumgar schlug mit seiner Keule nach der Kreatur, die sich aus dem Eis schob, doch seine Waffe glitt wirkungslos durch die Geistergestalt hindurch.</p><p>Jetzt erkannte Orgrim, was dort vor ihnen stand. W�hrend alle Herz�ge erschraken und selbst Birga zur�ckwich, bewahrte er die Ruhe, auch wenn sein Herz beim Anblick dieses widernat�rlichen Gesch�pfs wild wie eine Kriegstrommel schlug.</p><p>�Ich gr��e dich, F�rst Shahondin�, erklang Skangas leise Stimme. �Bringst du mir die Nachricht, die dich wieder in dein Fleisch kleiden wird?�</p><p>�Ich bringe Nachrichten, die viele Trollkrieger davor bewahren werden, ihr Fleisch abzulegen�, entgegnete der Elfenf�rst spitz. Seine Stimme erklang in Orgrims Kopf. Der Troll griff sich an die Stirn. Wie war dieser verdammte Elf, oder was immer er jetzt war, in seinen Verstand gekommen? Auch die �brigen Krieger im Rat des K�nigs wirkten best�rzt.</p><p>�Dies ist die einzige Art, auf die unser Freund zu uns sprechen kann�, beruhigte sie Skanga. �Nun berichte uns, Shahondin.�</p><p>Der Elf beschrieb in allen Einzelheiten die Verteidigungsanlagen von Phylangan und welche Truppen sie besetzt hielten. Als er seinen Vortrag beendete, war es totenstill. Selbst Branbart schien klar zu sein, welch schreckliche Opfer ein Angriff auf den K�nigsstein verlangen w�rde.</p><p>Mit Schaudern erinnerte Orgrim sich an das Blutbad auf den Mauern von Reilimee. Und nun w�rden sie ein enges Tal st�rmen, das von Dutzenden Elfenkatapulten und einigen hundert Armbrustsch�tzen gesichert wurde. Und sie w�rden ein Tor einrammen m�ssen, das darauf ausgelegt war, selbst Trollen zu widerstehen. �Wir brauchen Rammb�cke, die von Mammuts geschleppt werden�, sagte Branbart. �Damit werden wir selbst das Tor vom K�nigsstein �ffnen k�nnen.�</p><p>�Aber die riesigen Baumst�mme f�r solche Rammen k�nnten wir nur aus den W�ldern der Slanga-Berge holen�, wandte Dumgar ein. �Die Maurawan werden wie wilde Hornissen �ber uns herfallen.�</p><p>�Hast du Angst vor Hornissenstichen?�, fragte Branbart ver�chtlich. �Vielleicht hat Skanga Recht, und ich sollte es mir noch einmal �berlegen, dir deine alten Felsenburgen zur�ckzugeben.�</p><p>�Kannst du die Tore nicht von innen �ffnen?� Mandrag wandte sich direkt an den Elfenf�rsten. Shahondin ging auf den �ltesten zu und blieb dicht vor dem Greis stehen. Pl�tzlich schnellte sein Kopf vor, und er drang in den Leib Mandrags. Fast augenblicklich zog er sich zur�ck. Der Alte �chzte und griff nach seinem Herzen. Seine Lippen hatten sich blaugrau verf�rbt, und seine Beine zitterten.</p><p>�Ich kann nach nichts greifen, was von fester Form ist�, erklang die unheimliche Stimme des Elfenf�rsten in Orgrims Kopf. �Solange ich in dieser Gestalt gefangen bin, werde ich keine Hilfe dabei sein, die Tore zu �ffnen. Ich gleite durch die Zugketten und Hebel hindurch. Wenn ich meinen Leib zur�ckbek�me, w�re das freilich etwas anderes. �</p><p>�Ich lasse nicht mit mir feilschen�, entgegnete Skanga scharf.</p><p>�Du wei�t, was du mir schuldest. Es gibt keinen anderen Weg f�r dich!�</p><p>�Gib mir f�nfhundert Krieger, und ich werde dir die Tore des K�nigssteins von innen �ffnen, Branbart�, forderte Orgrim. Er hatte die Schilderungen des Elfen aufmerksam verfolgt und war �berrascht, welche Schw�chen die Festung aufwies.</p><p>�Du willst durch den Albenstern gehen?�, fragte Shahondin.</p><p>�Er liegt auf einer Br�cke, die �ber einem Abgrund endet. Am anderen Ende steht ein Festungsturm. Dort gibt es kein Durchkommen.�</p><p>�F�nfhundert Krieger, mein K�nig�, forderte Orgrim. �Wenn du Gl�ck hast, dann wirst du mich f�r immer los. Und wenn ich dir die Tore �ffne, dann machst du mich zum Herzog.�</p><p>Branbart knetete nachdenklich sein Kinn. Pl�tzlich erhellte ein L�cheln seine Z�ge.</p><p>�Gut, ich nehme dein Angebot an! �ffne mir die Tore des K�nigssteins, und du wirst bekommen, was du dir so sehr w�nschst.�</p><p>�Du schickst deine M�nner in den sicheren Tod.� Der Elfenf�rst trat dicht an Orgrim heran. Ein eisiger Hauch streifte den Troll. �Der Geruch des Todes haftet dir jetzt schon an.�</p><p>�Das ist der Geruch der Feinde, die ich erschlagen habe.� Orgrim wandte sich an Skanga. �Du musst mich und meine M�nner sicher �ber die Albenpfade f�hren. Und du, Elf, wirst mir alle Fragen beantworten. Ich muss genau wissen, wie es in der Festung aussieht. Heute Nacht noch werde ich meine M�nner aussuchen.� Er blickte zum Himmel. Die D�mmerung tauchte den Horizont in blutiges Rot. Hoch �ber ihren K�pfen zog ein einsamer Schneefalke seine Kreise.</p></section><section><title><p>Kalter Atem</p></title><p>Asla stand in der T�r des Langhauses und stemmte die H�nde in die H�ften. Wenn Ulric zur�ck war, w�rde er eine Tracht Pr�gel bekommen, die er bis ans Ende seiner Tage nicht vergessen w�rde! Und Kalf brauchte sich hier in n�chster Zeit auch nicht blicken zu lassen!</p><p>�Sei gn�dig zu ihnen, Firn�, fl�sterte sie. Mit der D�mmerung hatte erneut Schneefall eingesetzt. Ulric und Gundar waren seit drei Tagen �berf�llig. Kalf war sich sicher, dass sie im Wehrberghof Zuflucht vor dem Unwetter gesucht hatten. Zwei Tage lang hatte es ohne Unterbrechung gest�rmt. Wer von diesem Unwetter ohne ausreichenden Schutz in den Bergen �berrascht worden war, der h�tte j�mmerlich erfrieren m�ssen. Aslas Finger krallten sich in den Stoff ihres Kleides. Alfadas w�rde auch eine Abreibung bekommen, sobald er zur�ck war. Er hatte dem Jungen diese Flausen in den Kopf gesetzt!</p><p>Asla hatte vor f�nf Tagen Kalf darum gebeten, ihren Jungen zu suchen. Der Fischer war Ulrics F�hrte zum Pass in die Berge hinauf gefolgt. Er hatte beobachtet, wie Ulric im Wehrberghof Zuflucht fand. Dorthin f�hrten auch die Spuren Gundars. Doch statt Ulric zu holen, war Kalf allein zur�ckgekehrt und hatte erz�hlt, es sei wichtig f�r den Jungen, dieses Abenteuer zu bestehen.</p><p>Asla atmete tief aus. Sie waren alle verr�ckt, die M�nner! Ulric war sieben! Er hatte sich nicht allein in den Bergen herumzutreiben, und das wusste er auch genau.</p><p>Yilvina trat an ihre Seite und sp�hte in die D�mmerung.</p><p>�Siehst du ihn?�, fragte Asla.</p><p>�Nein. Aber der Priester wird schon auf deinen Sohn aufpassen. Er ist ein vern�nftiger Mann.� Es gibt keine vern�nftigen M�nner, dachte Asla w�tend und kehrte ins Langhaus zur�ck. Nach dem Ausflug an die frische Luft empfand sie die stickige W�rme des Langhauses als bedr�ckend. Ihre Augen tr�nten vom Rauch des Feuers. Sie zog den Vorhang zur Stiefelkammer hinter der T�r zu.</p><p>Ole stank f�rchterlich. Selbst der Rauch vermochte den Verwesungsgeruch nicht mehr zu vertreiben. Ihr Onkel hatte hohes Fieber. Er erwachte nur noch selten. Nichts w�rde ihn mehr retten. In den kurzen Augenblicken, in denen er zur Besinnung kam, wimmerte er vor Schmerzen. Und er verfluchte einen Elch, der ihn betrogen hatte. Asla sah kurz nach Kadlin. Die Kleine lag in ihrer Schlafnische und hielt die Strohpuppe an ihre Brust gedr�ckt, die Yilvina f�r sie gemacht hatte. Asla beobachtete die Elfe aus den Augenwinkeln. Yilvina verharrte v�llig bewegungslos, so als sei sie aus Holz geschnitzt und nicht aus Fleisch und Blut. Sie hatte etwas Unheimliches an sich. In ihrer Gegenwart f�hlte sich Asla plump und unbeholfen. Und h�sslich ... Wenn nur Emerelle endlich erwachen w�rde! Die K�nigin w�rde gewiss darauf bestehen, so schnell wie m�glich nach Albenmark zur�ckzukehren.</p><p>Blut hob seinen schweren Kopf und schnaubte leise. Sie hatte den Hund wieder ins Haus geholt, als vor drei Tagen der Sturm aufgezogen war. Mit einer starken Leine war er an einen der St�tzbalken nahe am Eingang angebunden. Der Hund hatte nicht versucht, das dicke Hanfseil zu zerkauen. Er war ihr dankbar daf�r, wieder in der warmen Stube zu sein, glaubte Asla. Hier konnte auch Kadlin mit ihm spielen. Dennoch blickte er st�ndig zu der Butze hin�ber, in der Ole lag.</p><p>Der Hund schien auf den Tod seines Peinigers zu warten.</p><p>Pl�tzlich richtete Blut die Ohren auf. Er sprang auf und blickte zu dem schweren Vorhang, hinter dem die Stiefelkammer lag.</p><p>Quietschend schwang die Haust�r auf. Sofort war auch Asla auf den Beinen. �Ulric?� Ein stoppelb�rtiges Gesicht schob sich durch den Vorhang. Erek, ihr Vater.</p><p>�Ich war es Leid, zu Hause die Decke anzustarren, M�dchen.� Er rieb sich die rot gefrorenen H�nde, trat in die Stube und h�ngte seinen abgewetzten Pelzmantel an einen Haken nahe der Feuerstelle. �Hast du eine Schale Suppe, M�del?� Er lie� sich mit einem Seufzer am Tisch nieder und starrte dann unger�hrt in Yilvinas Richtung. �Nichts w�rmt die alten Knochen so gut wie der Anblick einer holden Maid. Du hast mir noch immer nicht erz�hlt, ob zu Hause ein Liebster auf dich wartet. Ich bin zwar nicht mehr der h�bscheste Mann im Dorf, aber daf�r bin ich sehr erfahren.� Er grinste frech. �Glaub mir, das gleicht einiges aus.�</p><p>�Vater!� Asla stellte eine Sch�ssel mit Hirsebrei vor ihm auf den Tisch. Im Grunde mochte sie es, wenn er seine schamlosen Spa�e mit der unnahbaren Elfe trieb. Aber unter ihrem Dach konnte sie das nicht dulden. �Was w�rde Mutter sagen, wenn sie dich jetzt h�ren k�nnte.�</p><p>Erek legte seine roten H�nde um die Suppensch�ssel. �Deine Mutter mochte es ganz gern, wenn ich schl�pfrige Spa�e machte.� Er nickte in Yilvinas Richtung. �Und ich glaube, meine h�bsche Freundin dort dr�ben mag es auch. Jedenfalls hat sie noch nie protestiert.�</p><p>Auch jetzt reagierte die Elfe nicht auf die Worte des Alten. Pl�tzlich sch�mte sich Asla. Die K�nigin und ihre Leibw�chterin waren gewiss keine G�ste, wie man sie sich w�nschte, aber auch f�r sie galten die alten Gesetze der Gastfreundschaft. Es war unverzeihlich zu dulden, dass ihr Vater Fremde bedr�ngte, die unter ihrem Dach Zuflucht gesucht hatten.</p><p>�Es reicht jetzt, Erek!�, sagte sie leise, aber mit Nachdruck.</p><p>�Lass sie in Ruhe, oder du zwingst mich, dir die T�r zu weisen.�</p><p>Ihr Vater sah �berrascht auf. Hatte er etwa geglaubt, er t�te ihr einen Gefallen? Sie h�tte fr�her etwas unternehmen sollen!</p><p>Drau�en wieherten die Pferde. Bevor der Schnee kam, hatten sie nur einen grob gezimmerten Stall an der R�ckseite des Langhauses errichten k�nnen. Was hatte sich Alfadas nur dabei gedacht! Sie war nicht darauf vorbereitet, vier riesige Pferde �ber den Winter zu bringen. Im ganzen Dorf hatte sie Futter zusammenkaufen m�ssen. Und wozu? Ein einziges Mal hatte sie die gro�e Kutsche angeschirrt und eine kurze Ausfahrt gemacht. Und f�r diesen Spa� bezahlte sie jeden Tag mit zus�tzlicher Arbeit! Wenn dieser Nichtsnutz wenigstens hier w�re! Dann w�rde sie ihn durch den Sturm hinaus zum Stall schicken. Ihre Augen wurden feucht. Ja, wenn er doch nur hier w�re ...</p><p>Blut sprang auf. Knurrend fixierte er die R�ckwand des Hauses. Wieder wieherten die Pferde. Ein Donnerschlag erklang. Nein ... Eines der Tiere hatte wohl mit seinen schweren Hufen vor die Stallwand getreten. Was war dort los? Asla griff nach ihrem Umhang. Sie musste hinaus und nachsehen.</p><p>Kadlin schlug den Vorhang ihrer Schlafnische zur Seite. Ein Schwall kalter Luft drang in die Stube. Blut begann wie wahnsinnig zu kl�ffen und zerrte verzweifelt an dem Seil, mit dem er angebunden war.</p><p>�Mama ...� Die Kleine begann zu weinen. Ihr Gesicht war rot vor K�lte. Hatte sie wieder ein Loch in die Polster aus Moos und Lehm gekratzt, mit denen die Fugen zwischen den schweren Balken des Langhauses abgedichtet waren? Asla beugte sich vor und nahm sie auf den Arm. Sie war so kalt, als h�tte sie in ihrem Nachthemdchen drau�en im Sturm gestanden. Asla stand der Atem vor dem Mund, als sie Kadlin aus der Butze hob. Ein kurzes Zischen war trotz des Gekl�ffs von Blut deutlich zu h�ren. Yilvina hatte ihre beiden Schwerter gezogen.</p><p>�Geh zur Seite, Menschentochter!�</p><p>Jetzt begann Halgard in ihrer Schlafnische leise zu wimmern. Erek holte das greise M�dchen und nahm es auf den Arm.</p><p>Yilvina schob vorsichtig mit einer Schwertklinge den Vorhang von Kadlins Butze zur�ck. Der Stoff knackte leise. Die Wolldecke war auf der Innenseite von Raureif �berzogen. Die Schlafnische war leer.</p><p>�Was geht hier vor?� Asla rieb Kadlin die H�nde, damit die Kleine wieder warm wurde. Ihre Lippen waren ganz dunkel vor K�lte. Sie schaffte das M�dchen zur Feuergrube hin�ber, in der dunkelrot die Holzscheite gl�hten. Yilvina sah sich misstrauisch um. Die Elfe hielt noch immer die blanken Schwerter in H�nden. Sie drehte sich langsam auf der Stelle. Worauf wartete sie? Hier war doch niemand. Der einzige Weg ins Haus f�hrte durch die kleine Stiefelkammer.</p><p>Blut hatte aufgeh�rt zu bellen. Sein Nackenfell str�ubte sich. Er hatte die Ohren steil aufgerichtet und seinen Schwanz zwischen die Hinterbeine geklemmt. Pl�tzlich wurde die Glut in der Feuergrube dunkler. Etwas Wei�es schob sich zwischen den Holzscheiten hindurch. Kurz hielt Asla es f�r z�hen Rauch, dann erkannte sie einen Tierkopf. Blut jaulte und k�mpfte gegen seine Leine an.</p><p>Asla nahm sich Kadlin und wich von der Feuergrube zur�ck. Ein Wolfskopf, gro� wie der Sch�del eines Pferdes, erhob sich aus der Glut. Blasses Licht umspielte ihn. Die Rei�z�hne waren lang wie Dolche. Immer gr��er wurde das Ungeheuer, das sich aus der Feuergrube erhob. Gleichzeitig erstarb das matte Gl�hen der Holzscheite. Es wurde dunkler, und eisige K�lte breitete sich aus.</p><p>Yilvina griff wie ein Falke im Sturzflug an. Sie wirbelte um die geisterhafte Gestalt herum. Ihre Klingen verschwammen zu funkelnden Lichtbahnen. Wieder und wieder schnitten sie durch den Leib der Bestie, doch die blieb v�llig unbeeindruckt.</p><p>Mit einem Salto r�ckw�rts wich die Elfe den schnappenden Kiefern aus. Sie landete dicht neben Blut. Ein Schwerthieb zerschnitt das Seil, das den gro�en Hund zur�ckhielt.</p><p>Mit drohendem Knurren stakste Blut dem unheimlichen Gesch�pf entgegen. Seine Schritte waren ungelenk. Er k�mpfte gegen die eigene Angst an.</p><p>Die Bestie hatte sich nun ganz aus dem Feuer erhoben. Sie war gro� wie ein Pferd, und schlank, ja abgemagert. Asla griff nach der schweren Holzkelle im Suppenkessel. Damit bewaffnet f�hlte sie sich ein wenig besser, obwohl sie gesehen hatte, wie nutzlos Yilvinas Schwerter gewesen waren. Die Elfe hatte sich bis vor das Lager zur�ckgezogen, auf dem ihre K�nigin schlief.</p><p>Ein leises Ger�usch lie� Asla herumfahren. Ole schob den Vorhang seiner Schlafnische mit seinem Armstumpf zur�ck. Sein Gesicht war unheimlich blass. Dunkel gl�nzten seine fiebrigen Augen. �Die Elchkuh!� St�hnend versuchte er sich aufzurichten. Mit dem Armstumpf tastete er neben sich. �Nehmt die G�tterpeitsche. Vertreibt sie!� Die letzten Worte waren ein schriller Schrei. Hektisch suchte er nach der Peitsche. Er konnte die zerschnittenen Lederriemen nicht sehen, die noch immer dicht bei der Feuergrube lagen, dort, wo Gundar die gestohlenen Gaben an die Eisenm�nner herausgeschnitten hatte. Es gab keine Peitschen mehr!</p><p>Die Kreatur wandte den Kopf in Oles Richtung. Ihre Lefzen zogen sich zur�ck, was wie ein gieriges L�cheln wirkte. �berraschend schnell war das Geisterpferd bei Oles Schlafnische. Sein Kopf stie� hinab in Oles Brust. Asla h�rte ein leises Knistern wie von Pergament. Kurz glaubte sie etwas Goldenes zu sehen. Blut war stehen geblieben.</p><p>Asla gab Erek ein Zeichen, ihr zu folgen. Vorsichtig schlich sie in Richtung der Stiefelkammer. Ihr Vater hatte verstanden. Er hielt Halgard fest eine Hand auf den Mund gepresst, damit das blinde M�dchen nicht pl�tzlich etwas sagte.</p><p>Gedankenschnell fuhr die Kreatur herum. Blut sprang sie an und glitt einfach durch den geisterhaften K�rper hindurch. Das Wolfspferd versperrte ihnen den einzigen Weg hinaus.</p><p>Noch einmal griff Yilvina an. Doch erneut glitten ihre Schwertklingen wirkungslos durch den Leib der Bestie. Eine Stimme dr�ngte sich in Aslas Gedanken. Sie sprach gedehnt. Die Worte waren wie beh�big tropfendes Wachs. �Ich suche das Licht. Es strahlt besonders hell unter deinem Herzen. Bleib stehen. Es tut nicht weh.� Asla wollte die Sch�pfkelle heben, doch sie war wie gel�hmt. Kadlin begann zu weinen und dr�ckte sich dicht an sie.</p><p>Langsam kam das Geisterpferd n�her. Blut verstellte ihm den Weg. Mit einem beil�ufigen Bissen zerrte die Kreatur etwas Goldenes aus dem gro�en Hund. Er jaulte auf und kr�mmte sich zusammen.</p><p>Asla h�rte ihr Haar knistern, so kalt war es. Jetzt war das Geisterpferd nur noch einen Schritt entfernt.</p></section><section><title><p>Der Weg in die Tiefe</p></title><p>�Wir d�rfen dich nicht durchlassen.�</p><p>Ollowain trat einen Schritt zur�ck und ma� die drei Wachen mit absch�tzendem Blick. Die beiden M�nner und die Frau trugen nur leichte Leinenr�stungen. Sie strahlten das Selbstbewusstsein erfahrener Krieger aus. �Ihr wisst, wer ich bin?�, fragte Ollowain.</p><p>�Der Sohn des F�rsten�, antwortete die Frau.</p><p>�Der Befehlshaber aller Truppen in Phylangan�, entgegnete der Schwertmeister scharf. �Ihr werdet euch im Schneehafen melden. Dort wird man euch eine sinnvollere Aufgabe zuweisen, als eine Treppe mitten im Berg zu bewachen.�</p><p>�Mit Verlaub, Schwertmeister. Wir geh�ren zur pers�nlichen Wache deines Vaters Landoran. Er ist der Einzige, von dem wir Befehle entgegennehmen.�</p><p>Ollowain klatschte in die H�nde. Hufschlag und kaum h�rbare Schritte erklangen weiter oben auf der Wendeltreppe. Orimedes und einige seiner Kentaurenkrieger erschienen auf dem breiten Treppenabsatz. �Dies ist der F�rst vom Windland�, erkl�rte Ollowain knapp. �Ich berufe ihn als meinen Zeugen, dass ihr mir in einer Festung, die sich auf eine Belagerung vorbereitet, den Befehl verweigert.�</p><p>Die Schritte auf der Treppe waren jetzt deutlicher zu h�ren.</p><p>�Schwertmeister!� Die Elfe ballte die Rechte zur Faust und streckte die Finger wieder. Dann legte sie die Hand auf den Schwertgriff. �Du kannst uns nicht daf�r tadeln, dass wir unseren Befehlen gehorchen. Wir unterstehen allein deinem Vater.�</p><p>Ollowain wandte sich an den Kentaurenf�rsten. �Wer sich den Befehlen des Milit�rkommandanten von Phylangan nicht f�gt, ist f�r mich ein Meuterer. W�rdest du die drei freundlicherweise �ber die Beschl�sse des Kriegsrates aufkl�ren? Offenbar haben sie Schwierigkeiten, mich zu verstehen!�</p><p>Sein Kentaurenfreund musterte die drei Elfen voller Abscheu.</p><p>�Ich finde, du hast schon viel zu viele Worte gemacht. Du solltest mit ihnen verfahren wie mit den Meuterern im Waldmeer. Einfach kurzen Prozess machen. Ich werde das im Kriegsrat decken, falls dort �ber solche Kleinigkeiten �berhaupt gesprochen werden sollte.� Eine Truppe von zehn Kobolden mit schweren Windenarmbr�sten erreichte das Ende der Treppe. Sie nahmen in Zweierreihe auf den unteren Stufen Aufstellung. Die St�tzst�cke der Armbr�ste scharrten auf dem grauen Stein. Quietschend bet�tigten die Kobolde die Stahlwinden und spannten ihre Waffen.</p><p>Die Elfe, die bisher das Wort gef�hrt hatte, leckte sich nerv�s die Lippen. �Du kannst doch nicht...�</p><p>�O doch, er kann�, unterbrach sie Orimedes. �Und er tut das nicht zum ersten Mal.�</p><p>Die Kobolde legten Bolzen auf ihre Armbr�ste. Einige sahen zweifelnd zu Ollowain. Lange w�rde dieses Spiel nicht mehr gut gehen.</p><p>�Was liegt am Ende der Treppe?�, fragte der Schwertmeister eisig.</p><p>Die Wachen sahen einander beklommen an. Schlie�lich antwortete einer der M�nner. �Die Hallen des Feuers. Wir d�rfen niemanden dort hinablassen. So hat es Landoran befohlen.� Es war dr�ckend hei� auf der Treppe. Sie f�hrte durch massiven Fels tief hinab zum Herzen des Berges. Ollowain sp�rte, wie sich ein einzelner Schwei�tropfen auf seiner Stirn bildete. Er wischte ihn mit dem Handr�cken fort. �Ich biete euch Folgendes an. Ihr lasst mich passieren, und ich �berzeuge mich mit eigenen Augen davon, dass die Hallen des Feuers so bedeutend sind, dass wir um ihretwillen auf erfahrene Krieger verzichten, die f�r die Verteidigung der �u�eren Festungsanlagen ben�tigt werden. Bis ich zur�ckkehre, steht ihr nur unter Arrest. Mein Gefolge wird euch bewachen.� Er sah kurz in Richtung der Kobolde. �Die Bolzen zur�ck in die K�cher!�, befahl er harsch.</p><p>Augenscheinlich erleichtert, kamen die Armbrustsch�tzen dem Befehl nach. Auch die Wachen atmeten auf. �Du h�ttest nicht auf uns schie�en lassen, nicht wahr?�, fragte die Elfe.</p><p>�Warum nicht?� Ollowain hob eine Braue � eine Geste, die er einst wochenlang einge�bt hatte, um alle Stimmungen zwischen herablassender Verwunderung und kaum beherrschtem �rger ausdr�cken zu k�nnen. �Glaubst du, das Volk, in dem ich nichts gelte, steht mir so nahe, dass ich sein Blut nicht vergie�en w�rde, wenn es die Disziplin in dieser Festung erfordert?�</p><p>Die Elfe sah ihn unverwandt an. Sie wartete wohl auf ein L�cheln, das seine Worte entsch�rfte. Mit jedem Herzschlag, der verstrich, wirkte sie angespannter.</p><p>�Gebt den Weg frei!�, befahl Ollowain.</p><p>Die beiden Krieger gehorchten.</p><p>�Wie hei�t der �lteste deiner Sippe?�, fuhr der Schwertmeister die Kriegerin an.</p><p>�Senwyn.�</p><p>�Senwyn aus der Sippe der Farangel?�</p><p>�Ja, er ist ...�</p><p>�Ich wei�, wer er ist, M�dchen. Er hat im letzten Trollkrieg unter meinem Befehl auf der Shalyn Falah gek�mpft. Er ist ein ausgezeichneter Krieger. Ihm musste ich nie erkl�ren, dass im Krieg der Gehorsam der Vater des Sieges ist.�</p><p>Die Elfe senkte besch�mt die Augen und lie� ihn passieren.</p><p>Ollowains Stimmung schwankte zwischen Wut und Entt�uschung, als er tiefer die Treppe hinabstieg. Es war nicht das erste Mal, dass er in einem schier aussichtlosen Kampf den Befehl f�hrte. Aber auch die letzte Hoffnung auf einen Sieg schwand, wenn hinter seinem R�cken Intrigen gesponnen wurden und er nicht darauf z�hlen durfte, dass ihm jeder Verteidiger bedingungslos vertraute. Doch was h�tte er von seinem Vater anderes erwarten sollen! Misstrauen und Entt�uschungen, das war neben ihrem Blut das Einzige, was sie miteinander verband.</p><p>Ollowain hatte unter den Kobolden von Phylangan einiges �ber die Festung in Erfahrung gebracht. Etliche scheinbar harmlose Fragen bildeten die Steine eines Mosaiks, das sich zu einem erschreckenden Bild f�gte. Fast zwei Drittel der kampff�higen Bewohner der Festungsanlage waren verschwunden. Sie schienen den Berg nicht verlassen zu haben. Auch viele Kobolde waren zu einem geheimnisvollen Dienst in der Tiefe abkommandiert. Und niemand war zur�ckgekehrt, um zu berichten.</p><p>Je weiter der Schwertmeister die Treppe hinabstieg, desto hei�er wurde es. Der Geruch warmer Steine lag bedr�ckend in der Luft. Hier unten herrschte eine trockene Hitze, ganz anders als oben in der weiten Himmelshalle, wo es unertr�glich schw�l geworden war.</p><p>Ollowain traf auf keine weiteren Wachen. Kein Gang m�ndete auf die Wendeltreppe. In regelm��igen Abst�nden fanden sich halbrunde Abs�tze, wo steinerne Sitzb�nke zur Rast einluden. Hier waren die W�nde mit sch�nen Fresken geschm�ckt, die Berglandschaften und weite Wolkenfelder zeigten. Manche der Bilder waren derart vollkommen, dass es dem fl�chtigen Betrachter so erscheinen mochte, als blicke er durch eine �ffnung im Fels auf ein Tal. Sie lie�en vergessen, dass man sich tief unter einem Berg befand.</p><p>Gro�e Bannsteine in den W�nden tauchten die Treppe in ein weiches, blauwei�es Licht, das an Sonnenlicht an einem diesigen Morgen erinnerte. Manchmal konnte man in den W�nden Wasser rauschen h�ren. Ollowain erinnerte sich an die Erz�hlungen Gondorans, des Holden, der sie durch die Zisternen von Vahan Calyd gef�hrt hatte. Dort hatten die Normirga einst eine magische Pumpe gleich einem steinernen Herzen erschaffen, die das Wasser unter der Stadt in st�ndiger Bewegung hielt. Hier schien es, verborgen im Felsgestein, ein �hnliches Wunderwerk zu geben.</p><p>Endlich endete die Treppe in einer weiten Halle. Rote S�ulen, deren unregelm��ige Oberfl�che an Baumrinde erinnerte, m�ndeten in Kapitelle, aus denen sich geschwungene St�tzstreben wie �ste verzweigten, um schlie�lich in dichtem goldenem Blattwerk zu enden. Die Halle war ein Wald aus Stein und Gold. Vom Treppenabsatz konnte der Schwertmeister keine W�nde sehen, die diesen k�nstlichen Wald eingrenzten. Irgendwo voraus erklang das Echo von schlurfenden Schritten. Ollowain folgte dem Ger�usch, das alle paar Augenblicke aus einer anderen Richtung zu kommen schien.</p><p>Unstetes, r�tliches Licht flackerte zwischen den S�ulen, hei�er Nebel trieb durch den steinernen Wald. Der Schwertmeister erreichte einen marmornen Brunnen. Font�nen kochenden Wassers spr�hten aus stilisierten, goldenen Bl�ten. Ollowains Kleidung war durchgeschwitzt und klebte ihm auf der Haut.</p><p>Eiligen Schrittes schlug er einen Bogen um den Brunnen. Jetzt sah er in der Ferne eine Gruppe wei� gewandeter Elfen. Ersch�pft, die H�upter gesenkt, zogen sie wie Geister durch den steinernen Wald. Keiner von ihnen bemerkte Ollowain.</p><p>Der Schwertmeister trat hinter eine der S�ulen und verbarg sich, bis die Gestalten au�er Sicht waren. Dann machte er sich auf in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Bald fand er sich inmitten hei�er Wasserschwaden. Ringsherum zischten Brunnen. Der Dampf brannte auf seinem Gesicht. Immer unertr�glicher wurde die Hitze. Endlich fand er eine Wand und folgte ihr bis zu einem weiten Torbogen, der mit goldenen Blumenornamenten eingefasst war.</p><p>Durch das Tor gelangte der Schwertmeister auf eine Terrasse, von der aus man in eine wohl zweihundert Schritt weite H�hle blickte. W�nde und Decke waren hier aus schwarzem Basalt, der ganz in seinem nat�rlichen Zustand belassen worden war. Nur den Boden der H�hle hatte man gegl�ttet. Hier waren Platten aus rotem Stein in den Basalt eingelassen, die sich zu wirbelnden Flammenmustern f�gten. Sie tanzten um eine gro�e, goldene Scheibe, welche die Mitte des H�hlenbodens einnahm. Dort kauerte eine wei� gewandete Gestalt mit rabenschwarzem Haar. Sie hielt beide H�nde fest auf die goldene Scheibe gepresst und hatte den Kopf gesenkt. Obwohl Ollowain das Gesicht nicht erkennen konnte, sagte ihm sein Herz, dass er Lyndwyn gefunden hatte. Um die Zauberin herum knieten weit �ber hundert andere Elfen. Sie alle trugen Wei�, so wie Lyndwyn. Sie hatten sich auf den roten Bodenplatten niedergelassen, dort wo sich Flammenzungen �berschnitten. Die H�nde auf den Stein gepresst und den Kopf gesenkt, schienen sie in tiefer Meditation entr�ckt. Ollowain sp�rte die gewaltigen magischen Kr�fte, die hier wirkten. Es herrschte eine Spannung wie an einem Gewitterabend, kurz bevor der erste Blitz niederfuhr.</p><p>Dicht �ber dem Boden zerfloss die Luft zu glasigen Schlieren, die in der Hitze tanzten. Zwischen den Elfen eilten Kobolde hin und her. Sie tupften den Knienden mit feuchten Schw�mmen �ber die Gesichter. In die H�hlenwand waren breite B�nke eingelassen. Dort sa�en vereinzelt Elfen, die sich bereithielten, um ersch�pfte Zauberer abzul�sen. Sie erfrischten sich mit Obst und Getr�nken, die in eisgek�hlten Karaffen herbeigetragen wurden.</p><p>Ollowains Mund war staubtrocken. Warum hatten die Normirga eine H�hle angelegt, in der eine so unnat�rliche Hitze herrschte? Und was ging dort unten vor sich?</p><p>Unvermittelt riss einer der Elfen seinen Kopf in den Nacken. Sein Mund war weit ge�ffnet wie zu einem Schrei, doch kein Laut kam �ber seine Lippen. Eine helle Flamme schlug aus seinem Rachen. Er schien von innen heraus zu leuchten wie eine rote Laterne. Immer greller wurde der Feuerschein. Jetzt brachen auch Flammen aus den Augen. Der Elf sackte in sich zusammen. Sein wei�es Gewand fing Feuer. Feine Ascheflocken stiegen mit der hei�en Luft zur H�hlendecke empor. Dann war das grausige Schauspiel vorbei. Von dem Elfen war nichts geblieben als die Asche, die in der Luft wirbelte.</p><p>Niemand in der H�hle schien besondere Notiz von dem Vorfall zu nehmen. Die in sich versunkenen Elfen hatten den Sterbenden nicht einmal eines Blickes gew�rdigt.</p><p>Eine junge Magierin mit langem blondem Haar erhob sich unter den Wartenden auf den Steinb�nken und nahm den Platz des Toten ein. Sie kniete nieder und senkte schicksalsergeben den Kopf.</p><p>�Wie ich sehe, hast du also den Weg zur Halle des Feuers gefunden�, erklang eine wohl vertraute Stimme hinter Ollowain. Der Schwertmeister musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer dort stand. Landoran trat nun neben ihn und blickte hinab zur Versammlung der Todgeweihten.</p><p>�Was geht dort unten vor sich?�, fragte Ollowain aufgew�hlt.</p><p>�Sie k�mpfen um Phylangan, so wie deine Truppen bald oben auf den Wehrg�ngen k�mpfen werden.�</p><p>Der Schwertmeister kniff die Augen zusammen und sch�ttelte den Kopf. Das Bild des brennenden Elfen suchte ihn heim. Er hatte schon M�nner brennen sehen. Die Schreckensbilder aus Vahan Calyd �berfielen ihn. Der Sog des Feuers ... Was geschah hier? Wieder war da das Feuer!</p><p>�Du musst von hier fort, Junge.�</p><p>Zum ersten Mal klang die Anrede aus Landorans Mund v�terlich und nicht absch�tzig. Junge! �Komm!� Der F�rst der Normirga griff ihn sanft bei den Schultern. �Komm, ich werde dir alles erkl�ren, aber du musst fort von hier. An diesem Ort kannst du nicht siegen, Schwertmeister.� Lyndwyn! Sie hielt den Kopf gesenkt. Wenn sie doch nur zu ihm aufsehen w�rde. Niemand in der H�hle blickte nach oben. Die Aufmerksamkeit aller galt allein dem Boden unter ihren F��en.</p><p>�Wir werden reden, mein Sohn.�</p><p>�Aber Lyndwyn ... Sie darf nicht...� Wieder war da das Bild des brennenden Elfen.</p><p>�Sie kann nicht fort. Wenn sie geht, dann ist es so, als w�rdest du den Schlussstein aus einem Torbogen herausrei�en. Alles wird zusammenbrechen. Lyndwyn und der Albenstein k�nnen nicht von hier fort!�</p></section><section><title><p>Vahelmin ist dein Name!</p></title><p>Gundars Atem ging pfeifend. Sein Herz schien ihm aus der Brust springen zu wollen. Er war ein alter Mann! Er konnte das nicht! Zwei Tage lang hatte sie dieser verdammte Sturm auf dem Wehrberghof festgehalten. Zwei Tage neben den Leichen! Und zwei Tage, in denen ihn dieser Traum heimgesucht hatte, sobald er nur die Augen schloss ... Dann sah er Firnstayn, so als fliege er wie ein Vogel dar�ber hinweg. Und er landete auf dem Giebel des Langhauses. Das Haus des Jarls! Hinter den Bergen war gerade erst die Sonne versunken. Zwischen den Holzschindeln des Daches kroch eine Spinne hervor. Sie wuchs und wuchs ... Und sie sprach zu ihm: �<emphasis>Vahelmin ist dein Name!</emphasis> Das musst du ihm sagen. Und dass er dein Licht rauben muss, wenn er wieder sein will, was er einst war. <emphasis>Vahelmin ist dein Name!</emphasis> Vergiss das nicht. Und komm nicht zu sp�t!� Gundar blinzelte sich den Schnee aus den Augen. Er lief an seiner H�tte vorbei. Was hatte Luth ihm nur f�r eine Last aufgeb�rdet! Er war ein alter Mann und kein Krieger!</p><p>Und dann war da noch der zweite Traum. Er hatte Ulric im Schnee zur�ckgelassen. Du musst es tun, hatte eine Stimme in seinem Kopf gefl�stert. Das Leben des Jungen ist verwirkt. Du musst es tun!</p><p>Dieser Albtraum war nun Wirklichkeit geworden. Ulric war gestolpert. Es war auf dem letzten St�ck des Passweges geschehen. Der Junge hatte sich den Fu� verstaucht. Er hatte nicht weitergehen k�nnen. Gundar hatte gebettelt und gefleht, und Ulric hatte es tapfer versucht, aber er hatte nicht mehr laufen k�nnen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte der alte Priester ein Kind angeschrien. Er h�tte Ulric doch nicht zur�cklassen k�nnen! Dunkle Wolken waren �ber den Bergen im Norden gestanden. Der n�chste Sturm war heraufgezogen. Zwei Stunden waren es noch bis Firnstayn gewesen. Und zwei weitere Stunden zur�ck, wenn er sofort Hilfe geschickt h�tte. Zu lange, um ein Kind mitten auf einem verschneiten Hang zur�ckzulassen. Schon vor Sonnenaufgang hatten sie den Wehrberghof verlassen. Und sie waren so schnell gegangen, wie sie nur konnten. Ulric war unter seinem Mantel genauso verschwitzt gewesen wie Gundar. Den Jungen mitten im Schneefeld im Stich zu lassen, wo er vier Stunden still sitzen w�rde ... Das h�tte gehei�en, ihn dem sicheren Frosttod auszuliefern.</p><p>Nun presste Gundar Ulric dicht an sich. Der alte Priester taumelte. Nur die Wut, dieses Schicksal nicht anzunehmen, trieb ihn noch vorw�rts. Er schloss die Augen und stapfte einfach nur weiter. Jetzt musste er nur noch den H�gel hinauf. F�nfzig Schritt. Der Junge war leicht. Viel leichter als das Geschenk Luths, das sie aus der Felsspalte gezogen hatten. Diese Gabe schn�rte ihm die Luft ab. Alles tat ihm weh. Sein Atem war nur noch ein verzweifeltes Japsen wie bei einem Jagdhund, der seine Beute bis ans Ende seiner Kr�fte verfolgt hatte. Gundar musste l�cheln. Es gefiel ihm, sich vorzustellen, der Jagdhund Luths zu sein. Aber ein Jagdhund am Ende seiner Kr�fte ... Was hatte die Stimme im Traum gesagt?</p><p>�Vahelmin ist dein Name.�</p><p>�Was ist?�, fragte Ulric. �Von wem redest du?�</p><p>Gundar lehnte mit dem Kopf an der T�r zum Langhaus. Er war den H�gel hinauf! Er konnte sich nicht erinnern, wie er den Weg hinaufgekommen war. Keuchend setzte er den Jungen ab.</p><p>�Von wem redest du?� Ulric st�tzte sich an der Wand ab. Schnee klebte in gro�en, wei�en Pocken auf dem Holz.</p><p>Gundar wollte erleichtert aufatmen, doch eine eiserne Klammer umschloss sein Herz. Das G�ttergeschenk erdr�ckte ihn! Er durfte nicht aufgeben.</p><p>�Bitte, Luth!�, stie� er hervor. �Bitte, gib mir Kraft!� Gundar dr�ckte die T�r auf. Stickige W�rme und der Geruch eines Feuers aus Buchenholz schlugen ihm entgegen. Er schob den schweren Vorhang der Stiefelkammer zur Seite und strauchelte fast. Seine Finger krallten sich in den groben Stoff Da war es! Das Untier! Es stand dicht vor Asla. Die Hausherrin hatte eine Holzkelle erhoben und wollte auf die Geistgestalt einschlagen.</p><p>�Vahelmin ist dein Name!�, kr�chzte Gundar.</p><p>Die Schreckenskreatur drehte sich um. Ihr Kopf sah wirklich ein wenig wie ein Wolfskopf aus. Einen Lidschlag lang sah ihn das Ungeheuer an, und Gundar erschauderte unter dem Blick bis ins Mark. Dies war die Gestalt gewordene Finsternis. Das B�se!</p><p>Das Wolfspferd wandte sich wieder ab. Es schnappte nach Aslas Bauch! �Vahelmin ist dein Name!� Der Vorhang glitt durch Gundars Finger. Er brach in die Knie. �Mein Licht musst du rauben, wenn du wieder sein willst, was du einst warst. Erinnere dich! Vahelmin ist dein Name!�, keuchte der Priester mit seinem letzten Atem.</p><p>Ulric dr�ngte an ihm vorbei. Er hielt den Elfendolch mit beiden H�nden umklammert und humpelte in die Stube. Das Wolfspferd drehte sich um. Mit einem Satz durchma� es den Raum. Sein Leib glitt durch den Jungen hindurch, der zu Boden st�rzte. Gundar breitete die Arme aus. Er blickte in den weit klaffenden Kiefer der Bestie. Dolchlange Z�hne fuhren in seine Brust. Das eiserne Band um sein Herz zersprang. K�lte durchdrang ihn. Seine Barthaare knisterten. Blaues Licht umgab ihn. Ein seltsamer Geruch, wie nach einem Gewitter, war in der Luft. Das blaue Licht war jetzt verschwunden. Der Geist auch.</p><p>Gundar blickte zur Decke der Stiefelkammer. Er musste nach hinten gest�rzt sein, aber er konnte sich nicht erinnern, wie er auf den Boden geschlagen war.</p><p>Aslas Gesicht schob sich �ber ihn. Sie war wirklich eine sch�ne Frau ... Der Priester f�hlte keine Ersch�pfung mehr. Jetzt war auch die Elfe bei ihm. Wenn er ja ein wenig j�nger w�re ... Sie �ffnete sein Wams! Jemand schob ihm eine Decke unter den Nacken. Sein Kopf kippte nach hinten. Jetzt konnte er die Elfe nicht mehr sehen. Nein ... pl�tzlich war sie wieder �ber ihm. Ihre Lippen ber�hrten einander. Das h�tte er sich niemals tr�umen lassen, von einer Elfe gek�sst zu werden! Sie wollte sich sicher daf�r bedanken, dass er ihre K�nigin gerettet hatte. Das verfluchte Wolfspferd h�tte sicher alle im Langhaus umgebracht.</p><p>�Was ist denn das?� Das war Aslas Stimme, dachte Gundar.</p><p>�Er hat ein rostiges Kettenhemd an. Los, hilf mir, Erek. Wir m�ssen es ausziehen.� Die Elfe beugte sich wieder dicht �ber ihn hinab. Sie hielt eine Wange an seinen Mund. Dann richtete sie sich ein wenig auf und sah ihn mit ihren wunderbaren dunklen Augen an.</p><p>�Er atmet nicht mehr.� Die Elfe sprach die Worte in einem lieblichen Singsang. Gundar wollte schmunzeln, doch er war zu m�de. Was f�r sch�ne Augen! Und die Pupillen. Schwarz wie Holzkohle. Sie schienen ihn aufsaugen zu wollen. Ja ... Es wurde schwarz. Fiel er? Nein. Da war ein Licht. Ein Langhaus, ganz aus Gold. Was f�r eine pr�chtige Halle! Die gro�en Fl�geltore standen weit offen. Gundar h�rte das fr�hliche L�rmen einer Festgesellschaft. Und der Geruch von Braten stieg ihm in die Nase. Wasser lief ihm im Munde zusammen. Er hatte viel zu lange schon nicht mehr vern�nftig gegessen!</p><p>Es w�rde gut sein, an der Tafel Platz zu nehmen, zu essen und dann ein wenig auszuruhen.</p></section><section><title><p>Das geb�ndigte Feuer</p></title><p>Landoran hatte ihn durch den steinernen Wald zur�ck zur Treppe gef�hrt. Der F�rst h�tte die Halle des Feuers wohl gerne noch weiter hinter sich gelassen, doch am Treppenabsatz blieb Ollowain stehen.</p><p>�Genug!� Bis hierher hatten sie keine Worte gewechselt. Was mit beredtem Schweigen begonnen hatte und mit dem Gef�hl, dass sein Vater tats�chlich sein Bestes wollte, als er ihn von den Zauberern fortf�hrte, wuchs sich langsam zu der beklemmenden Stille aus, die seit dem r�tselhaften Tod seiner Mutter zwischen ihnen herrschte. �Was geschieht dort in der Halle des Feuers?�</p><p>Landoran wirkte noch ersch�pfter als sonst. Er lie� sich auf einer steinernen Bank nieder, lehnte sich mit dem R�cken an die Felswand und verschr�nkte seine Arme vor der Brust. �Was glaubst du, warum du dich in deiner Kindheit in den Felsenburgen von Carandamon nie mit einem Zauber vor der K�lte sch�tzen musstest? Tief unter dem Eis liegt fl�ssiges Feuer. Und solange unser Volk in diesem Land des ewigen Eises lebt, nutzen wir die Kraft des verborgenen Feuers. Wir erschaffen Geysire und fangen das kochende Wasser in einem Netz von R�hren auf, das hinter den Felsw�nden verborgen liegt. Und in den gro�en Hallen haben wir Pfeiler oder ausgeh�hlte S�ulen errichtet. Die W�rme aus dem Innern der Erde strahlt so bis in den letzten Winkel unserer Felsenburgen. Doch das Spiel mit dem Feuer hat seine T�cken. Es ist ein wenig wie das Zusammenleben mit einer Katze. Sie schenkt dir behagliche Augenblicke, ja manchmal wiegt sie dich sogar in dem tr�gerischen Gef�hl, dass du sie verstehst und ihr Handeln vorausahnen kannst. Und dann, wenn du dich ihrer sicher f�hlst, bei�t sie dich pl�tzlich, oder sie schl�gt ihre Krallen in dein Fleisch, ohne dass du zu begreifen vermagst, warum sie das getan hat. So ist es auch mit dem Feuer im Herzen der Erde. Jahrhundertelang hat es uns gew�rmt. Nun will es uns verbrennen.�</p><p>�Ich wei� besser als die meisten unseres Volkes, was es hei�t zu frieren!�, entgegnete Ollowain gereizt. �Und ich wusste schon als Kind, woher die W�rme in den W�nden der Felsenburgen von Carandamon kommt! Mir musst du das nicht erz�hlen, Vater! Ich habe hier auch einmal gelebt. Was ist hier in Phylangan anders? Die Halle des Feuers, so etwas gibt es doch in keiner anderen Felsenburg.�</p><p>�Der Steinerne Garten ist Teil eines alten Vulkans. Tief unter unseren F��en gibt es eine gro�e H�hle voll fl�ssigem Fels. Sie steht unter Druck, und die Lava dr�ngt in einem versch�tteten Schlot nach oben.� Landoran seufzte m�de. �Der ganze Berg ist mit einem Netzwerk von Rissen und Spalten durchzogen. Ganz abgesehen von den R�hren, die wir in den Fels getrieben haben, um die W�rme der Tiefe zu nutzen. Nun steigen dort Gase auf. Kochendes Wasser schie�t aus den Pfeilern in der Himmelshalle, und Schwefel ist in den See dort aufgestiegen, um alles Leben zu vergiften. Doch all dies ist nur das Vorspiel. Unter unseren F��en baut sich eine Kraft auf, die den ganzen Berg zerrei�en k�nnte.�</p><p>Der Schwertmeister h�rte seinem Vater mit wachsendem Entsetzen zu. Diese Neuigkeiten �bertrafen seine schlimmsten Erwartungen. Die m�de Ruhe seines Vaters reizte ihn bis aufs Blut. Wie konnte er nur dort sitzen, ersch�pft, doch offensichtlich selbstzufrieden? Man musste Phylangan verlassen, solange noch Zeit dazu blieb! �Wann werden wir damit beginnen, die Truppen �ber den Himmelshafen auszuschiffen?�</p><p>�Du willst aufgeben?� Landoran blickte fassungslos zu ihm auf. �Die pr�chtigste aller Felsenburgen der Vernichtung �berlassen? Zweimal schon waren wir in �hnlicher Lage und mussten gegen das Feuer ank�mpfen. Wir haben es jedes Mal geschafft. Wir werden die Gefahr auch diesmal �berstehen!�</p><p>�So wie jener Magier, der in Flammen aufging.�</p><p>�Man muss Opfer bringen�, entgegnete der F�rst k�hl. �Das sollte dir als Krieger doch wohl nicht fremd sein. Oder hast du noch nie Truppen in einer Schlacht in den sicheren Tod geschickt, um dir Zeit zu erkaufen und letztlich einen glorreichen Sieg zu erringen?�</p><p>Ollowain fragte sich, wie viel sein Vater wohl �ber ihn wusste. Diese Frage war kein Zufall! �Zumindest w�rde ich einen solchen Sieg nicht glorreich nennen.�</p><p>�Erz�hl mir nichts, Junge! Wenn du wirklich so denken w�rdest, dann h�ttest du dich niemals mit Leib und Seele der Kriegskunst verschrieben. Wer Heere in Schlachten f�hrt, der wei� um den Preis des Sieges. Der Magier, der dort unten verbrannte, hie� Taenor. Er war nur m��ig begabt. Wie wir sehen konnten, ist er nicht ins Mondlicht gegangen. Er wird also wiedergeboren werden. Vielleicht in einen Leib, in dem er gr��ere Kr�fte entfalten kann. Was bedeutet solch ein Tod anderes als das Geschenk des Neuanfangs?�</p><p>�Und was geschieht mit den Kobolden, den Kentauren oder den Menschen? Sie alle d�rfen nicht auf ein neues Leben hoffen. Sie sind dein Einsatz im Spiel mit dem Feuer. Wie kannst du das tun?�</p><p>Landoran l�chelte ver�chtlich. �Ich habe niemanden gezwungen, hier f�r uns zu k�mpfen. Sie sind gekommen, und ich nehme ihre Hilfe dankbar an. Ja, ich gestehe sogar, ich bin auf sie angewiesen, denn unser Volk h�tte nicht die Kraft, gleichzeitig hier unten und auf den Mauern zu k�mpfen.�</p><p>�Du musst ihnen die Wahrheit sagen!�, beharrte Ollowain.</p><p>�Warum? Sie k�nnen nichts an dem �ndern, was hier unten geschieht. Wenn sie es wissen, dann schw�cht es nur die Kampfkraft der Wankelm�tigen. Ich verschweige es zu ihrem Schutz.�</p><p>�Dann muss es wenigstens der Kriegsrat wissen.�</p><p>�Eine Versammlung, in der dein Menschenfreund solche Gestalten wie den Kerl mit der halben Nase um sich geschart hat? Nein, Ollowain. Es ist schon schlimm genug, dass wir auf die Hilfe von Menschens�hnen angewiesen sind. Wir werden nicht auch noch unsere Geheimnisse mit ihnen teilen. Dieser Kerl � Lambi, nicht wahr -, er w�rde es seinen Kriegern sagen. Und dann wissen es binnen zwei Tagen alle, und eine Panik bricht aus. Verrate, was in der Halle des Feuers geschieht, und Phylangan wird fallen, noch bevor der erste Troll vor unseren Toren steht.�</p><p>Ollowain atmete schwer aus. Die Einw�nde seines Vaters waren nicht von der Hand zu weisen. �Es ist nicht richtig, seine Verb�ndeten zu bel�gen�, sagte er leise.</p><p>�Aber wir bel�gen doch niemanden.� Landoran hatte einen v�terlich tr�stenden Ton angeschlagen, als spr�che er zu einem Kind. �Wir verschweigen etwas. Ja! Aber was ist schon dabei? Wei�t du alles �ber die Krieger, die f�r dich k�mpfen? Das ist die B�rde der Anf�hrer. Wir sehen weiter als die meisten, die uns dienen. Wir haben ein tieferes Verst�ndnis um die Welt, um alle Dinge, die um uns herum geschehen. Und um jene zu sch�tzen, die wir f�hren, d�rfen wir nicht all unser Wissen mit ihnen teilen. All seine Geheimnisse preisgeben, das tut im �brigen niemand.�</p><p>Ollowain machte eine �rgerliche Geste. �Was scheren mich die Geheimnisse eines beliebigen Menschensohns? Sie bedrohen nicht mein Leben! Du kannst das nicht miteinander vergleichen!�</p><p>�Komm mir nicht mit diesem ritterlichen Unsinn!�, entgegnete Landoran. �Abgesehen davon stimme ich dir sogar zu. Wir sollten die Menschen und uns nicht miteinander vergleichen. Sie werden uns niemals begreifen, Alfadas und seine Krieger. Versteh mich nicht falsch. Ich mache ihnen daraus keinen Vorwurf. Ich gehe sogar weiter. Es w�re mein Fehler, wenn ich von ihnen ein Verst�ndnis verlangte, zu dem sie einfach nicht f�hig sind. Also behellige ich sie gar nicht erst mit Einsichten, die ihnen im g�nstigsten Fall unheimlich w�ren. Ich wei� ja nicht einmal, wie ich dir, der du noch nie einen Zauber gewirkt hast, erkl�ren kann, was in der Halle des Feuers vor sich geht.�</p><p>�Das habe ich erwartet. Wenn wir miteinander reden, kommen wir immer irgendwann zu diesem Punkt.� Ollowain wandte sich ab und ging zum Treppenabsatz. Es war immer dasselbe. Jeder Streit mit seinem Vater f�hrte letztlich dazu, dass Landoran ihm vorhielt, nicht zaubern zu k�nnen. Es fehlte nur noch, dass er jetzt auch ihn in seine �blichen �berlegungen �ber Menschen und andere einf�ltige Gesch�pfe einbezog, die niemals vom Quell wahrer Weisheit kosten w�rden.</p><p>�Lauf nicht davon, Dickkopf. Du nennst dich Krieger, ja Schwertmeister? Stelle dich der Wahrheit! Wie w�rdest du einem Blinden das Tageslicht erkl�ren?�, rief ihm der F�rst aufgebracht nach. �Manche Erfahrungen muss man teilen, denn sie sind nicht in Worte zu fassen. Oder k�nntest du mir sagen, was dich mit Lyndwyn verbindet? Ich sehe in dein Herz, mein Sohn... Bitte, lauf jetzt nicht davon.�</p><p>Ollowain blieb auf der ersten Stufe stehen.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich dir etwas begreiflich machen soll, was du nie erfahren hast.� Landoran war aufgestanden. Ersch�pft st�tzte er sich mit einer Hand an der Wand ab. Zum allerersten Mal sah Ollowain seinen Vater vom Alter gezeichnet. Er war zu entkr�ftet, um es noch verbergen zu k�nnen.</p><p>�Ich w�rde dir niemals vorhalten, wenn ich nicht verstehen kann, was du sagst, Vater. Was uns trennt, ist, dass du es nicht einmal versucht hast.�</p><p>�Also gut... Die Magie ... Es beginnt damit, dass du dich in eine tiefe Meditation versenkst. Du versuchst, dein Gef�ngnis aus Fleisch hinter dir zu lassen und in dir das zu finden, was unsterblich ist. Und wenn es dir gelingt, dann ist es wie eine zweite Geburt. Du hast das Gef�hl, aus deinem Leib zu fahren. Du betrachtest dich von au�en. Kleinliche Bed�rfnisse wie Hunger und Durst ber�hren dich nicht l�nger. Du hast keinen Leib mehr, der dir mit seiner Unzul�nglichkeit Pflichten �ber Pflichten diktiert. Es ist ein �berw�ltigendes Gef�hl von Freiheit, das dich �berkommt. Und dann h�rst du das Singen der Welt. Und du f�hlst es auch, so seltsam sich das anh�ren mag, wenn ich von einem Lied spreche. Du wirst dir der Kraft der Magie bewusst, von der alles durchdrungen ist. Losgel�st von deinem Leib, vermagst du die reinsten Zauber zu wirken, denn du kannst eins werden mit dieser geheimnisvollen Kraft, mit ihr schwingen. Von au�en betrachtet, sieht man jedoch nur deinen kauernden K�rper. Wem nie das innere, das magische Auge ge�ffnet wurde, der vermag dich nicht zu sehen, wenn du deinen Leib verlassen hast.� Landoran war sehr blass geworden. Er sprach abgehackt, aber mit gro�er Leidenschaft.</p><p>�Wenn du unten in der Halle des Feuers bist, dann h�rst du eine Stimme rufen, sobald du deinen Leib verl�sst. Sie erteilt keinen Befehl, und doch ist es unm�glich, sich ihr zu widersetzen. Es zieht dich hinab, dorthin, wo das ewige Feuer tief unter diesen Bergen gl�ht. Und pl�tzlich wirst du Teil von etwas Gro�em ... Die Hochstimmungen, �ngste und Liebeserinnerungen aus hundert Leben �berfluten dich. Du bist verwirrt, und dann f�gt sich pl�tzlich alles. Du geh�rst zu einem gro�en Chor. Das, was dich ausmacht, wird zu einem winzigen Erinnerungsfunken, der fast verblasst neben der gro�en Melodie, von der du nun ein Teil bist. Lyndwyn leitet diesen Chor. Sie f�hrt jede Stimme an ihren Platz. Nie zuvor habe ich eine Elfe getroffen, die so jung schon eine solche Meisterschaft in der Zauberkunst erlangt hat. Und der Albenstein vervielfacht ihre Kr�fte noch. Alle, selbst die m�chtigsten Zauberweber, f�gen sich ihr, denn wir sp�ren, dass es richtig ist. Selbst ich habe mich vollkommen ihrer Weisheit unterworfen und singe ihr Lied, wenn ich meinen Platz in der Halle des Feuers einnehme. So schaffen wir es, gl�hendes Gestein erkalten zu lassen und den Druck zu mildern, der sich angestaut hat. Doch die Kraft, gegen die wir uns stellen, l�sst sich an nichts messen, was dir vertraut ist.�</p><p>Ollowain musste an Taenor denken, den Elfen, der verbrannt war. Was sein Vater erz�hlt hatte, h�rte sich so harmonisch und friedlich an ... Doch er hatte mit eigenen Augen gesehen, dass die Wirklichkeit anders war. Landoran sagte ihm also wieder einmal nicht alles. �Was bringt einen dabei um, wenn man nur ein Lied singt?�, fragte er zynisch.</p><p>�Es ist die Angst. Du verl�sst deinen K�rper, und obwohl du alles Fleisch hinter dir gelassen hast, kannst du dich immer noch ersch�pfen. Es ist eine geistige M�digkeit. Und dann ist da die Glut. Du nimmst sie in dir auf, um sie besser zu verstehen. Du musst mit ihr verschmelzen, um sie unterdr�cken zu k�nnen. Wenn dich aber Angst packt und du pl�tzlich in deinen Leib zur�ckkehrst, dann wirst du von innen heraus verbrennen, denn du tr�gst einen Teil des Feuers mit dir. Wenn wir bewusst heimkehren in unsere Leiber, dann geschieht das sehr langsam. Wir m�ssen uns aus dem gro�en Lied l�sen, was sehr traurig macht. Und dann m�ssen wir wieder zu dem Erinnerungsfunken finden, in dem weitergl�ht, was uns als einzelne Gesch�pfe ausmacht. Wenn wir uns dann der Helligkeit bewusst werden, in der unser eigenes Licht brennt, k�nnen wir wieder eins sein mit unserem Leib. �berst�rzen wir aber die R�ckkehr, und ist die Flamme, in der unsere Seelen brennen, noch zu hei�, dann wird sie unseren K�rper vernichten. So erging es Taenor. Dies geschieht jedoch seltener, seit Lyndwyn das gro�e Lied dirigiert.�</p><p>�Was hei�t selten? Wie viele Tote haben wir zu beklagen?�</p><p>�Als ich das gro�e Lied gesungen habe, hatten wir zwei oder drei... Verluste, jeden Tag. Mit Lyndwyn meist nur einen, manchmal auch keinen. Sie achtet sehr gut auf den Chor der Zaubernden.�</p><p>Ollowain sah seinen Vater forschend an. Sagte er die Wahrheit? Sein Gesicht war eine gef�hllose Maske. Das Einzige, was man daran ablesen konnte, war seine unendliche M�digkeit.</p><p>�Und genau in dem Augenblick, in dem ich erscheine, stirbt einer der S�nger? Welch eigenartiger Zufall!� Zorn funkelte in Landorans Augen, auch wenn er sonst ganz ruhig blieb. �Eigentlich nicht. Es gibt ein sehr starkes Band zwischen dir und Lyndwyn. Ich sagte ja, dass wir unsere Gef�hle teilen, wenn sich alle Zaubers�nger zu der gro�en Symphonie vereinen. Ich konnte f�hlen, was sie f�r dich empfindet. Wie sehr sie sich danach sehnt, von dir geliebt zu werden, und wie sie deine Verachtung f�rchtet. Lyndwyn ist sehr empfindsam. Sie wird gesp�rt haben, dass du in die Halle des Feuers gekommen bist. Das war ein Grund, warum ich nicht wollte, dass du hier hinabsteigst. Deine Anwesenheit lenkt sie ab.�</p><p>�Du bist noch immer ein Meister der Worte. Jetzt unterstellst du mir also, dass ich an Taenors Tod schuldig bin. Wie kann man die Wirklichkeit nur so verdrehen!�</p><p>�Ich unterstelle nichts. Das tust du gerade, um deinen Frieden zu bewahren. Ich nenne die Dinge, wie sie sind. Es ist auff�llig, dass in dem Augenblick, in dem du auf der Terrasse standest, ein S�nger starb. Es kann an dir gelegen haben, es mag auch ein Zufall gewesen sein. Ich habe damit zu leben gelernt, dass unsere gro�e Aufgabe Opfer verlangt. Deinen Frieden kannst du nur selbst finden. Hasse mich f�r das, was ich sage. Das ist dir ja ein wohl vertrautes Gef�hl. Mich ber�hrt das nicht mehr.�</p><p>�Das hat dich noch nie ber�hrt, Vater. Mach dir doch nichts vor. Du bist wie dieses Land. Ein Eisblock! Und wer sich nicht mit Zauberei vor deiner K�lte sch�tzen kann, den bringt sie um oder vertreibt sie.�</p><p>Landoran hatte sich wieder zur�ckgelehnt und die Augen geschlossen. �Glaube nicht, dass du zu ermessen vermagst, wie es in meinem Inneren aussieht. Ich kenne die Namen jedes Zaubers�ngers und jeder Zaubers�ngerin, die unten in der Halle des Feuers gestorben sind. Ich kann dir die Namen all jener nennen, die ihr Leben lie�en, als wir die letzten beiden Male gegen das Feuer gek�mpft haben. Hier in Phylangan werden in einem fruchtbaren Jahr drei Kinder geboren. Die Siege �ber das Feuer lassen mein Volk verl�schen. Glaube nicht, dass mich das kalt l�sst.�</p><p>�Und warum gibst du Phylangan nicht einfach auf?�</p><p>�Weil dann alle, die im Kampf gegen das Feuer ihr Leben verloren haben, vergebens gestorben w�ren. Wir werden auch diesmal siegen. Durch Lyndwyn und den Albenstein ist unsere Macht gr��er denn je.� Der Elfenf�rst hielt die Augen weiterhin geschlossen. Seine Stimme klang tonlos, als wiederhole er eine Litanei, die er schon so oft dahergesagt hatte, dass ihre Worte abgenutzt und ohne Bedeutung waren.</p><p>�Ich werde unser Volk nicht deinem grenzenlosen Ehrgeiz opfern. Verlasse dich darauf, dass ich von nun an sehr genau beobachte, was in der Halle des Feuers geschieht. Und ich werde Phylangan aufgeben und alle Verteidiger auf die Hochebene von Carandamon zur�ckziehen, sobald ich den Verdacht habe, dass Lyndwyn den Kampf gegen das Feuer verliert. Und ich werde auch sie und den Albenstein vor dir retten.�</p><p>Landoran schlug die Augen auf. �Ich habe damit gerechnet, dass du die Normirga hintergehen wirst. Du hast dein Volk schon zu lange verlassen, um es noch verstehen zu k�nnen. Ich werde auf deinen Verrat vorbereitet sein, Ollowain. F�rchte diesen Tag!�</p></section><section><title><p>Klingentanz</p></title><p>Das Feenlicht verblasste am Nachthimmel, als die drei schweren Eissegler langsam Fahrt aufnahmen. Ragni und Lysilla waren gerade erst an Bord ihrer Schiffe zur�ckgekehrt. Alfadas hatte ihnen beiden noch einmal seinen Plan eingesch�rft. Er wollte keine Schlacht, sondern nur einen �berfall. Die Trolle sollten sich in den n�chsten Tagen keinen Augenblick mehr sicher f�hlen, wenn sie �ber die weite Eisebene marschierten. Ver�rgert dachte der Herzog an seinen Streit mit Landoran. Es war ein Fehler, sich hinter den Befestigungen von Phylangan zu verkriechen. Bis zur Stunde ihres Aufbruchs noch hatte Alfadas versucht, den engstirnigen F�rsten davon zu �berzeugen, einen Krieg der Eissegler zu wagen. So viele Schiffe standen im Schneehafen. Wenn man sie so wie die <emphasis>Rosenzorn</emphasis>, die <emphasis>Weidenwind</emphasis> und die <emphasis>Schwertwal</emphasis> umbaute, m�sste man nicht einfach in der Festung sitzen und darauf warten, was die Trolle unternehmen w�rden. Er hasste es zu warten!</p><p>Alfadas m�sste l�cheln. Seine Krieger hielten ihn f�r einen ruhigen, beherrschten Mann. Wie wenig sie ihn kannten!</p><p>Der Herzog umklammerte einen der Haltegriffe an der Reling. Scharfer Fahrtwind schnitt ihm ins Gesicht. Mit jedem Herzschlag erh�hte sich die Geschwindigkeit der <emphasis>Rosenzorn</emphasis>. Die G�tter waren ihnen hold an diesem Morgen, insbesondere Firn, der Herr des Winters. Er hatte ihnen einen klaren Himmel und einen stetigen Westwind geschenkt. Das war alles, was sie brauchten, um sich mit einer hundertfachen �bermacht anzulegen.</p><p>Das Eis spritzte unter den scharfen Kufen hinweg. Manchmal ruckte das schwere Schiff, wenn ein gr��erer Eisklumpen zermahlen wurde. Noch immer beschleunigte die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> ihre Fahrt. Dichtauf folgten die <emphasis>Weidenwind</emphasis> und die <emphasis>Schwertwal</emphasis>. Alle drei Schiffe hatten jeden Fetzen Segel gesetzt. Die Masten knarrten leise unter dem Druck des Windes. Raureif splitterte von den einge�lten Tauen, wenn sie sich spannten. Die feinen Unebenheiten auf der weiten Eisfl�che lie�en das Deck sanft erzittern. Alfadas liebte die Geschwindigkeit. Die �ngste, die er w�hrend seiner ersten kurzen Eisseglerfahrt empfunden hatte, waren l�ngst vergessen. Jetzt berauschte er sich daran, schnell wie ein Falke �ber das Eis dahinzuschie�en. Alle an Bord waren auf Posten, bereit f�r das Gefecht. Auf der Reling waren zu beiden Seiten zehn schwere Windenarmbr�ste aufgesetzt, und im Bug stand ein schwenkbares Katapult gefechtsbereit. Die M�nner an der Reling hatten breite Ledergurte um ihre H�ften geschlungen, um w�hrend der Schlacht nicht von den Beinen gerissen zu werden. Kobolde, Menschen und Elfen fieberten dem Kampf entgegen. Alle an Bord glaubten an seine Idee und waren �berzeugt, dass sie siegen w�rden.</p><p>Fenryl stand neben Alfadas am Ruder. Der Elfengraf sp�hte mit zusammengekniffenen Augen auf das schillernde Eis hinaus. Es war an der Zeit, die Schneebrillen anzulegen. Noch zeigte sich im Osten nur ein schmaler Silberstreif am Horizont, doch bald schon w�rde die tief stehende Sonne sie blind machen. Alfadas drehte das Gesicht aus dem Fahrtwind und blickte zu Lambi und Veleif, die mit ihm auf dem Achterdeck standen. Der Jarl verstand ihn, ohne dass er etwas zu sagen brauchte. Er wickelte den geschlitzten Lederstreifen von seinem G�rtel und band ihn sich vor die Augen. Dann rief er mit Donnerstimme: �Heh, ihr verschnarchten Hurenb�cke. Die Schneebrillen auf, oder ich komm runter, um euch den Hintern aufzurei�en und euch das, was ich da finde, fr�hst�cken zu lassen.�</p><p>�Das ist doch wohl nicht sein Ernst!�, rief Fenryl, der inzwischen einige Worte ihrer Sprache verstand. �Ich finde, es ist jetzt kein guter Zeitpunkt zum Fr�hst�cken.�</p><p>Alfadas verknotete die Riemen der Schneebrille hinter seinem Kopf. �Das ist metaphorisch gemeint�, erwiderte er in der Muttersprache des F�rsten. �Der Jarl spricht gern in farbigen Bildern.�</p><p>�Er macht gar nicht den Eindruck, ein ...�</p><p>�Feind in Sicht!�, br�llte Mag vom Ausguck.</p><p>Jetzt sah auch Alfadas die d�nne, schwarze Linie am Horizont. �Alles gefechtsklar!�, rief er mit ruhiger Stimme. Die Sch�tzen legten Bolzen in die Armbr�ste. Zwei Elfen standen im Bug bereit, um mit einem schweren Hebel ihre geheime Waffe zu entsichern, wenn es an der Zeit dazu war. Alfadas f�hlte sich pl�tzlich unwohl. Hatte er wirklich alles bedacht? Oder f�hrte er gerade drei Schiffe in die sichere Vernichtung?</p><p>Die Linie am Horizont nahm �berraschend schnell Konturen an. Deutlich konnte Alfadas nun eine Marschkolonne und einen Lagerbereich erkennen. Fenryl korrigierte leicht den Kurs, sodass sie auf das Feldlager einschwenkten.</p><p>Der Herzog blickte �ber die Schulter. Die <emphasis>Weidenwind</emphasis> und die <emphasis>Schwertwal</emphasis> folgten dem Man�ver. Noch dreihundert Schritt, dann erreichten sie das Lager. Alfadas trat an die Reling und legte einen Sicherungsgurt an.</p><p>�So, Jungs, die Ohren anlegen, die Eier einklemmen und durch!�, br�llte Lambi �ber das Pfeifen des Fahrtwinds hinweg.</p><p>Noch hundert Schritt! Die meisten Trolle starrten einfach nur verbl�fft den drei Eisseglern entgegen. Sie ahnten nichts von der Gefahr.</p><p>Alfadas gab mit dem rechten Arm das vereinbarte Zeichen. Die Elfen auf dem Vordeck legten den schweren Hebel um. Mit scharfem Klacken schnellten die langen Kufenbl�tter vor, die seitlich des Rumpfs angebracht waren. Sie hatten niemals das Eis ber�hren sollen! In rechtem Winkel standen sie wie riesige Sensen vom Schiffsrumpf ab, bereit, ihre blutige Ernte einzubringen.</p><p>Die Armbrustsch�tzen begannen zu schie�en. Surrend wurden die Winden aufgezogen, um die st�hlernen Arme erneut zu spannen. Mehrere Trolle reagierten auf sie und warfen Keulen und Stein�xte nach dem Schiff.</p><p>Es gab einen leichten Ruck. Blut spritzte die Bordwand entlang. Alfadas blickte auf die verst�mmelten R�mpfe, die hinter ihnen auf dem Eis lagen. Leicht versetzt und dreifach �bereinander gestaffelt, hatten die Sichelklingen ihre Opfer in H�he der Knie, der Leibesmitte und dicht unter dem Kopf getroffen. Die zerschnittenen K�rper lagen auf zehn Schritt verteilt auf dem Eis.</p><p>Schon ruckte das Schiff wieder. Alfadas sah, wie Lysilla die <emphasis>Weidenwind</emphasis> auf einen besonders m�rderischen Kurs brachte. Sie erwischte mit den Backbordklingen die Spitze einer Marschkolonne. Abgetrennte Gliedma�en wirbelten nur so durch die Luft. Schon nach wenigen Schritt musste sie seitlich ausscheren, weil sie drohte, zu sehr an Fahrt zu verlieren. Der Rumpf der <emphasis>Weidenwind</emphasis> troff von Blut. Es war bis �ber die Reling hinauf in die Gesichter der Bordsch�tzen gespritzt. Nur Lysilla stand noch in makellosem Wei� auf dem Achterdeck und rief mit klarer Stimme ihre Befehle.</p><p>Die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> machte einen Satz. Ihre Kufen kreischten auf dem Eis. Der Segler setzte �ber eine Senke hinweg. Einen Herzschlag lang schwebte das gro�e Schiff. Alfadas biss die Z�hne zusammen und klammerte sich an der Reling fest. Dann gab es einen Schlag. Der Herzog wurde hart gegen die Bordwand geschleudert. Seine Beine gaben nach. Nur der Ledergurt verhinderte, dass er zu Boden gerissen wurde.</p><p>�Legt euch gef�lligst nicht schlafen, ihr faules Gesindel!�, keifte Lambi. Eine der Armbr�ste war aus der Verankerung gerissen. Ein Kobold hing halb �ber der Reling in seinem Gurt gefangen.</p><p>Lambi selbst rieb sich �ber die geprellten Rippen und fluchte leise.</p><p>�Dort!�, rief Fenryl. �Das ist der Ort.� Er deutete zu einer Stelle dicht am Klippenrand. Zwei gro�e Holzschilde waren hier in den Schnee gerammt. Von einem hing etwas wie helle Stoffstreifen herab.</p><p>�Dort hatten sich gestern ihre Anf�hrer versammelt.� Alfadas fluchte. Jetzt konnte er dort niemanden entdecken, der aussah, als sei er von Bedeutung. Fenryl hatte ihnen gestern die Hauptleute der Trolle genau beschrieben. Sie waren fort.</p><p>Mit einem Seufzer blickte Alfadas auf das riesige Lager, das sich �ber mehrere Meilen entlang der M�ndung des Passwegs erstreckte. Er hatte gehofft, einen buchst�blichen Enthauptungsschlag gegen das Heer der Trolle zu f�hren. Er wollte mithilfe der Eissegler mitten im Heerlager die Anf�hrer niedermetzeln. Von einem solchen Schlag h�tte sich der Feind wom�glich auf Wochen nicht erholt. So h�tten sie die Zeit gewonnen, ein gro�es B�ndnis unter den �brigen V�lkern der Albenkinder zu schmieden. Vielleicht w�re der Krieg damit sogar ganz beendet worden.</p><p>�Siehst du die Packschlitten?�, schrie Alfadas, bem�ht, den Schlachtenl�rm zu �bert�nen.</p><p>Fenryl nahm sich Zeit, das un�bersichtliche Schlachtfeld zu mustern. �berall lagen Stapel mit Versorgungsg�tern, Kriegsbeute und allerlei Plunder, den das Heer mit sich schleppte. Der Graf steuerte den schweren Segler mit ruhiger Hand zwischen den t�dlichen Hindernissen hindurch. Klemmte sich ein Rundholz oder etwas �hnliches vor die Kufen des Eisseglers und bremste ihn, dann mochten die Trolle auf die Idee kommen, die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> zu entern. Ihre Geschwindigkeit war ihr bester Schutz.</p><p>Beklommen blickte Alfadas auf das Gew�hl ringsherum. Sie waren inmitten von Tausenden von Trollen. Trotz der steifen Brise verloren die Segler langsam an Fahrt. Zu viele Leiber gerieten in die Sichelbl�tter. Es war an der Zeit, hier zu verschwinden. Sie hatten nicht erreicht, was sie wollten, aber die Trolle w�rden gewiss noch lange an ihren Besuch denken!</p><p>�Dort dr�ben�, rief Fenryl und deutete auf einen flachen H�gel, auf dessen Kuppe etliche Schlitten standen. Eine Gruppe Trolle war damit besch�ftigt, die Planen �ber der Ladung zur�ckzuschlagen. �Das sind sie! Die Gesch�tze!�</p><p>�Kommen wir den Hang hinauf?�, fragte der Herzog, obwohl er die Antwort schon ahnte.</p><p>�Am Hang verlieren wir zu viel Schwung. Denk nicht einmal daran! Wir w�rden direkt vor den Gesch�tzen stehen bleiben.�</p><p>�Wer hat diesen ungewaschenen Bastarden beigebracht, Gesch�tze zu bedienen?�, fluchte Lambi.</p><p>Alfadas beobachtete, wie die Trolle auf dem H�gel die Katapulte gefechtsklar machten. Ein Teil dieser Horde war ersch�tternd diszipliniert. �Abdrehen! Schnell! Den roten Wimpel hoch!�, rief er zum Hauptdeck hinab. Wenn der Wimpel vom Hauptmast flatterte, war dies das Zeichen f�r die <emphasis>Weidenwind</emphasis> und die <emphasis>Schwertwal</emphasis>, den Angriff abzubrechen und sich zur�ckzuziehen.</p><p>Ein Kobold �ffnete die Truhe, die am Hauptmast festgelascht war. Er kramte zwischen den verschiedenen Fahnent�chern, bis er endlich den roten Wimpel fand.</p><p>Ein erstes Geschoss stanzte ein rundes Loch in das Hauptsegel. Fluchend blickte Alfadas zu dem H�gel. W�rde ihm der Troll, der diese Katapulte befehligte, denn jedes Mal in die Suppe spucken?</p><p>�Viele solcher Treffer k�nnen wir uns nicht leisten�, rief Fenryl vom Ruder her�ber. �Jedes Loch in den Segeln macht uns langsamer.�</p><p>�Ich wei�!�, schnauzte Alfadas zur�ck. Er brauchte jetzt keine Belehrungen! Wieder blickte er zum H�gel. Er war so nah und doch unerreichbar. �Kurs West-S�d-West! Wir brechen den Angriff ab.�</p><p>Die Kufen des Seglers knirschten. Feine Eiskristalle spr�hten �ber Deck. Das Schiff neigte sich bedenklich zur Seite. Alfadas klammerte sich an die Reling. Einen Herzschlag lang fuhr der Segler nur auf einer einzigen Kufe. Der Kobold bei der Flaggenkiste rollte �ber Deck und schlug hart gegen das Schanzkleid. Fluchend zog er sich hoch. Er sch�ttelte benommen den Kopf � und war pl�tzlich verschwunden. Dort, wo er eben noch am Schanzkleid gelehnt hatte, klaffte ein gezacktes Loch.</p><p>�Ich f�rchte, Norgrimm wischt sich jetzt mit unserem Signalwimpel den Hintern ab!�, rief Lambi aufgebracht. �Ich hasse die Scherze der G�tter!�</p><p>�Bleib auf Kurs!�, befahl Alfadas dem Elfen. �Die anderen werden uns auch ohne ein Signal folgen.� Steinkugeln umschwirrten die <emphasis>Rosenzorn</emphasis>. �Offenbar haben sie Schwierigkeiten, etwas zu treffen, das sich schneller bewegt als ein Block Speertr�ger�, spottete Lambi.</p><p>Alfadas sah, wie einige der Steinkugeln Trolle t�teten.</p><p>Sie werden bald aufh�ren zu schie�en, dachte er in grimmiger Genugtuung. Lysilla folgte ihnen, doch Ragni lief einen anderen Kurs. Das Hauptsegel der <emphasis>Schwertwal</emphasis> war von sieben oder acht Kugeln getroffen. Der Segler verlor an Fahrt. Und jetzt machte er auch noch ein waghalsiges Wendeman�ver. Der Jarl winkte seinen Leuten mit beiden Armen. Dann ging er hin�ber zum Ruder.</p><p>An Bord des Schiffes herrschte heilloses Durcheinander. Die M�nner in den Masten seilten sich ab. Alle schienen zum Achterdeck zu wollen. Und dann begannen sie zu springen. Alfadas konnte nicht glauben, was er sah. Elfen, Kobolde und Menschen verlie�en das sichere Schiff, w�hrend sie inmitten des Heerlagers ihrer Feinde waren. Sie sprangen �ber das Heck, um den m�rderischen Sicheln am Rumpf zu entgehen. �Wenden!�, rief der Herzog w�tend.</p><p>Fenryl hatte gesehen, was um die <emphasis>Schwertwal</emphasis> herum geschah. Er zog das Ruder herum, doch der Eissegler hatte einen gro�en Wendekreis. Die Segel flatterten im Wind, und die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> verlor gef�hrlich an Fahrt. Lambi stie� einem Troll, der versuchte, �ber die Reling zu steigen, sein Schwert in den Hals.</p><p>�Gebt unseren Jungs auf dem Eis Deckung. Und zeigt mir, dass ihr schneller nachladen k�nnt als ein paar gichtkranke Gro�m�tter!�, feuerte er die Armbrustsch�tzen an.</p><p>Alfadas� Gedanken �berschlugen sich. Die Gestrandeten zu retten, war ein selbstm�rderisches Unternehmen. Aber er konnte sie doch nicht einfach diesen Menschenfressern �berlassen!</p><p>�Legt die Sicheln an den Rumpf! Macht Seile klar, um unsere Kameraden an Bord zu nehmen!�</p><p>Sofort bemannten einige Krieger das gro�e Spill am Bug. �ber Seilwinden wurden die t�dlichen Sicheln gespannt. Langsam bewegten sich die Sichelbl�tter der Bordwand entgegen. Sie waren mit Spannwinden verbunden. Binnen eines Herzschlags konnte man sie wieder vorschnellen lassen, doch sie zu spannen, erforderte gro�e Kraft. Unter den Trollen erhob sich Jubelgeschrei. In hellen Scharen st�rmten sie den M�nnern auf dem Eis entgegen, w�hrend Ragni die <emphasis>Schwertwal</emphasis> in Richtung der Klippen steuerte. Sein Schiff hatte wieder an Fahrt aufgenommen. Die Trolle, denen er entgegenhielt, warfen sich zu Boden, um den t�dlichen Sichelklingen zu entkommen.</p><p>Die Lage der M�nner auf dem Eis hingegen wurde immer verzweifelter. Sie waren von Trollen umringt und setzten sich verbissen zur Wehr.</p><p>�Nimm Fahrt weg!�, rief Alfadas Fenryl zu.</p><p>Der Elf sah ihn zweifelnd an, gehorchte aber dem Befehl. Wenn sie zu schnell waren, w�rde kaum einer es schaffen, nach den Rettungsseilen zu greifen. Waren sie aber zu langsam, dann w�rden die Trolle in Scharen versuchen, die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> zu entern.</p><p>Alfadas griff nach einem der Rettungsseile. Er band es sich um die H�ften und vergewisserte sich, dass ein Ende sicher an der Reling vert�ut war. Wenn er auf dem geschwungenen St�tzbalken der Kufen balancierte, war er wenigstens nicht dazu verdammt, dem Massaker an seinen M�nnern einfach nur zuzusehen. Es war leichter, nach einer ausgestreckten Hand zu greifen als nach einem Seil, das auf dem Eis hin und her schlingerte.</p><p>Pl�tzlich war Lambi an seiner Seite. �Das machst du nicht allein!� Auch er schlang sich ein Seil um die H�ften. �Lieber geh ich mit dir zusammen drauf, als deiner Frau erz�hlen zu m�ssen, dass du verreckt bist, weil du mitten in einer Schlacht ein T�nzchen auf den Kufen eines fahrenden Eisseglers aufgef�hrt hast. Ich w�nschte, ich w�re dir nie begegnet, du Irrer!� Ein L�cheln nahm Lambis Worten die Sch�rfe. Dann schwang er sich als Erster �ber das Schanzkleid. Alfadas folgte ihm.</p><p>Die Sichelklingen der <emphasis>Rosenzorn</emphasis> lagen nun wieder eng an die Bordwand geschmiegt. Alfadas blickte auf die st�hlerne Kufe hinab, die mit drohendem Sirren �ber das Eis schrammte. Sie war nicht breiter als die Schneide eines Schwertes. Handbreite Holzb�gen verbanden die Kufen mit dem Schiffsleib. Der Herzog hangelte sich ein St�ck an der Reling entlang und lie� sich dann auf einem der B�gen nieder. Er umklammerte das Holz mit den Beinen und verhakte seine F��e ineinander, um einen besseren Halt zu haben. Hoffentlich w�rde Asla nie davon erfahren, dachte er. Noch einmal pr�fte er den Sitz des Sicherungsseils um seine H�ften.</p><p>Die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> hatte stark an Fahrt verloren. Sie bewegte sich nicht mehr schneller als ein laufender Mann und hielt geradewegs auf ein dichtes Kn�uel von Trollen zu.</p><p>�Heho, ihr riesigen Dreckfresser�, schrie der Jarl. �Hier kommt Lambi, um euch die �rsche zu streicheln.� Wie Alfadas sa� er rittlings auf einem der St�tzb�gen. Er streckte sich weit vor und winkte den Trollen mit der Linken.</p><p>Ein nackter Trollkrieger mit einem Streithammer kam seitlich auf den Eissegler zugelaufen. Er hatte den Blick fest auf Alfadas gerichtet. Mit Leichtigkeit hielt der Troll mit dem Segler mit und schloss sogar immer dichter auf. Dabei lie� er den Kriegshammer �ber seinem Kopf kreisen.</p><p>Alfadas wurde sich bewusst, wie wenig Spielraum er hatte, einem Schlag auszuweichen, wenn er sich nicht von seinem Sitzplatz fallen lassen wollte. Er blickte zu den Stahlkufen hinab, die zischend �ber das Eis glitten. Sie waren rot von gefrorenem Blut. Sich fallen zu lassen, w�re keine gute Idee!</p><p>Pl�tzlich wurde der Troll in vollem Lauf nach hinten gerissen. Ein dunkler Armbrustbolzen ragte ihm dicht �ber der Nase aus der Stirn.</p><p>Veleif beugte sich �ber die Bordwand. �Ich habe allen Armbrustsch�tzen befohlen, auf dich und Lambi aufzupassen. Wir werden ...� Die Worte des Skalden gingen in wildem Geschrei unter. Die <emphasis>Rosenzorn</emphasis> stie� in den Pulk der Trolle hinein. Auch wenn die Sichelbl�tter eingezogen waren, riss der Rumpf des Seglers etliche Feinde zu Boden. Alfadas sah, wie die messerscharfen Kufen einem Krieger beide Beine abtrennten.</p><p>Der Herzog duckte sich unter einem Axthieb. Dem Angreifer wurde die Waffe aus der Hand gerissen, als sich deren Schneide in das Holz der Bordwand fra�. Warmes Blut spritzte Alfadas von den Kufen ins Gesicht. Blinzelnd versuchte er zu erkennen, was vor dem Rumpf vor sich ging. Ein letztes H�uflein �berlebender stand R�cken an R�cken beisammen. Die Trolle hatten sich ein wenig zur�ckgezogen, um sich vor den Kufen der Eissegler in Sicherheit zu bringen.</p><p>Ein Schatten zog an der <emphasis>Rosenzorn</emphasis> vorbei. Die <emphasis>Weidenwind</emphasis> war ebenfalls zur Rettung der �berlebenden eingetroffen. Sie machte jedoch noch wesentlich mehr Fahrt. Lysilla und zwei andere Elfen, die Alfadas nicht kannte, hatten sich Seile umgebunden und st�tzten sich mit beiden Beinen schr�g gegen die Bordwand. Lysilla deckte ihre Gef�hrten mit zwei wirbelnden Schwertklingen. Mit einem l�ssigen Hieb prellte sie einen Wurfspeer aus seiner Flugbahn und versetzte einem Troll, der seine H�nde nach ihr ausstreckte, einen zielsicheren Stich ins Auge. Dann waren sie bei den �berlebenden.</p><p>Kr�ftige H�nde umklammerten einander. Lysilla lie� ihre Waffen fallen und zog einen verwundeten Elfen an Bord.</p><p>Alfadas wandte seinen Blick ab, um den Moment, in dem er zupacken musste, nicht zu verpassen. �ber ihm war das scharfe Klacken der Armbr�ste zu h�ren, mit denen seine Besatzung die Trolle auf Abstand hielt.</p><p>Unter den �berlebenden, die ihnen jetzt mit verzweifelt ausgestreckten H�nden entgegenliefen, erkannte der Herzog Egil Horsason, den Sohn des K�nigs. Der junge Mann st�tzte zwei Verwundete.</p><p>Die ersten Krieger erreichten Alfadas. Er griff nach ausgestreckten H�nden, er zog die Fliehenden zu sich heran und half ihnen, nach den Tauen zu greifen, die von der Bordwand hingen. Wer ein Tau zu packen bekam, war binnen Augenblicken an Bord gezogen. Wie Ertrinkende klammerten sich die M�nner an Alfadas. Einige wurden vom Eissegler mitgeschleift.</p><p>Obwohl das Schiff so langsam fuhr, war es immer noch zu schnell f�r die Verwundeten. Der Herzog sah M�nner, die hilflos schreiend ihre H�nde emporreckten. Humpelnd oder gar kriechend strebten sie der <emphasis>Rosenzorn</emphasis> entgegen.</p><p>Egil half seinen beiden Kameraden, Seile zu ergreifen. Dann lie� er sich zur�ckfallen und eilte noch einmal hinaus auf das Eis. Er war unverletzt. Der K�nigssohn packte einen der Verwundeten. Mit einem Ruck wuchtete er ihn sich auf die Schultern und begann zu laufen.</p><p>Lambi winkte ihm zu. �Lass ihn liegen, du Trottel! Du schaffst es nicht.� Die Trolle bewarfen die beiden Schiffe nun mit Eisbrocken. Ein dunkelhaariger Elf wurde in den R�cken getroffen. Der Schlag lie� ihn Alfadas in die Arme taumeln. Das Albenkind hustete ihm warmes Blut ins Gesicht. Alfadas stemmte ihn hoch. H�nde griffen �ber die Reling und zerrten ihn hinauf.</p><p>Egil rannte indessen, so schnell ihn seine Beine trugen, und Norgrimm selbst schien seine sch�tzende Hand �ber den K�nigssohn zu halten. Kein Geschoss traf ihn. Langsam holte er auf.</p><p>Alfadas reckte sich so weit zur�ck wie nur irgend m�glich. Ein paar Zoll trennten sie noch. Egil streckte seine Rechte vor. Ihre Fingerspitzen ber�hrten sich. Er griff um Alfadas� Handgelenk. Sein Gesicht war verzerrt vor Anstrengung. �Nimm ihn!�, keuchte er und schob die Hand des Herzogs hoch, sodass er den G�rtel des Verwundeten zu packen bekam. �Ich schaff es schon!�</p><p>Alfadas fluchte. Er zerrte am G�rtel und warf sich zugleich zur�ck. �ber ihm zerspritzte ein Eisklumpen an der Bordwand. Kalte Splitter trafen ihn im Nacken. Hastig schlang er ein Seilende um den G�rtel des Verletzten. Der Mann wurde hochgezogen.</p><p>Egil war ein wenig zur�ckgefallen. Sein Atem ging keuchend. Das Gesicht des K�nigssohns war rot vor Anstrengung.</p><p>�Los, Mann. Du schaffst es!�, feuerte Alfadas ihn an.</p><p>Wieder ber�hrten sich ihre Fingerspitzen. Alfadas streckte sich verzweifelt. Egil war am Ende. Ihre H�nde verloren einander. Alfadas warf sich nach vorne. Das Sicherungsseil w�rde ihn schon halten. Wenn er Egil zu packen bekam, w�rde man sie beide gemeinsam hochziehen.</p><p>Ihre H�nde verhallten ineinander. Alfadas st�rzte zwischen die Kufen auf das Eis. Im Fallen riss er Egil mit sich. Der Herzog drehte sich. Verzweifelt hielt er den K�nigssohn fest. Er sah die Axt in der Bordwand. �ber ihr pendelte ein ausgefranstes Seil im Fahrtwind.</p><p>Der Rumpf des Eisseglers glitt �ber ihn hinweg. Alfadas versuchte, mit der Linken eine der Querstangen zu umfassen, auf denen der Schiffsrumpf auflag. In Todesangst schlossen sich seine Finger um das vereiste Holz. Halb kniend wurde er nun �ber das Eis gezogen. Mit der Rechten hielt er noch immer Egils Hand.</p><p>�Greif nach meinem G�rtel!�, schrie er. �Ich brauche beide H�nde, sonst kann ich uns nicht halten!� Langsam glitten seine Finger von dem Rundholz ab.</p><p>Alfadas� Muskeln waren zum Zerrei�en gespannt. Er wollte Egil n�her an sich heranziehen, damit dieser besser nach dem Schwertgurt greifen konnte.</p><p>Etwas ber�hrte leicht die Schulter des Herzogs. Wei�e Schemen glitten an ihnen vorbei. Unebenheiten im Eis! Ein Eisbrocken schrammte an Alfadas� Knie entlang. Er st�hnte vor Schmerz. Er konnte nicht mehr! Das Rundholz, an das er sich klammerte, war zu dick, um es ganz zu umgreifen.</p><p>Egil sah zu ihm auf. Er hielt sich mit der Linken an Alfadas� Hose fest. Der junge Krieger l�chelte. �Es war richtig, mit dir zu gehen, Herzog. Jetzt rette dich!� Mit diesen Worten lie� er los.</p><p>�Nein!� Alfadas schrie aus Leibeskr�ften. Aber es war sinnlos. Er konnte Egil nicht mehr retten.</p><p>Zitternd vor Schmerz und Ersch�pfung, griff Alfadas auch mit der zweiten Hand nach der Querstange. Zwischen den Holzstreben hindurch konnte er sehen, wie Egil sich aufrichtete, als das Schiff �ber ihn hinweggeglitten war. Der K�nigssohn zog sein Schwert. Ein Troll mit einem Kriegshammer kam auf ihn zugerannt. Egil lief ihm entgegen und verschwand aus Alfadas� Gesichtsfeld.</p><p>Griff um Griff hangelte sich Alfadas an der Stange entlang zur Seite. Wenn er es schaffte, zur�ck an Deck zu kommen, w�rde er dem Schiff befehlen zu wenden. Vielleicht hielt Egil ja lange genug durch. Er konnte ihn doch nicht einfach zur�cklassen!</p><p>Alfadas hakte seine Fersen an der St�tzstrebe ein, um zus�tzlichen Halt zu haben. Eisbl�cke zischten seitlich an ihm vorbei. Der Segler gewann jeden Augenblick mehr an Fahrt. Alfadas blickte zum Bug. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er unter dem Segler weggerissen wurde. Verzweifelt sah er sich nach einer M�glichkeit um zu entkommen. Der einzige Weg hinauf f�hrte �ber die Holzb�gen, die Stahlkufen und Schiffsrumpf miteinander verbanden.</p><p>Breite Balken trennten das Quergest�nge unter dem Schiff von den Seitenb�gen.</p><p>Alfadas versteifte seinen R�cken und streckte die Arme vor. F�r einen Augenblick hing er mit dem Kopf nach unten, nur noch mit den eingehakten Fersen an der Querstange. Weit hinter sich auf dem Eis sah er Egil fallen. Der Troll schlug zu. Es war vorbei.</p><p>Ersch�pft schaffte es Alfadas, den St�tzbogen zu packen. Mit letzter Kraft zog er sich hin�ber. Einer der Armbrustsch�tzen entdeckte ihn. Starke H�nde packten den Herzog, und er wurde zur�ck an Bord gezogen. Lambi l�chelte ihn an. �Ich wusste doch, dass du an dem Schiff klebst wie ein Floh auf �nem Hundearsch. Du hast uns ganz sch�n erschreckt, Mistkerl.� Er reichte dem Herzog die Hand. �Komm hoch und sieh dir an, was Ragni macht, dieser verdammte Bastard.�</p><p>Noch ganz benommen trat Alfadas an die Reling. Die <emphasis>Schwertwal</emphasis> raste in voller Fahrt den Passweg hinab und pfl�gte sich einen blutigen Weg durch die Marschkolonne, die zum Hochplateau marschierte. Es gab dort keine M�glichkeit, dem Eissegler auszuweichen. Pl�tzlich rammte die <emphasis>Schwertwal</emphasis> einen gro�en Lastschlitten, neigte sich zur Seite und �berschlug sich dann. Die Masten wurden zerfetzt. Und noch immer rutschte der schwere Holzrumpf weiter.</p><p>�Nie hat ein einzelner Mann so viele Trolle get�tet�, sagte Veleif ehrf�rchtig.</p><p>�Er hat seine Mannschaft daf�r geopfert, der Dreckskerl. F�r mich ist er kein Held!�, stellte Alfadas klar. �Opferst nicht auch du in der Schlacht mit jedem deiner Befehle M�nner f�r den Sieg?�, fragte der Skalde. �Hat Ragni etwas anderes getan als du?�</p><p>Alfadas fehlten die Worte. Ersch�pft wandte er sich ab. Sieben Mann hatten sie retten k�nnen. �Wie viele haben es an Bord der <emphasis>Weidenwind</emphasis> geschafft?�</p><p>Lambi zuckte mit den Schultern. �Ich glaube nur drei oder vier. Mehr als siebzig sind auf dem Eis geblieben. Wer war der Kerl, der die Verwundeten geschleppt hat? Ich hab sein Gesicht schon einmal gesehen. Aber ich erinnere mich nicht mehr, wo.�</p><p>�Man konnte ihm im Gefolge K�nig Horsas begegnen.�</p><p>Der Jarl runzelte die Stirn. Dann klappte ihm der Kiefer herunter. �Das war ...�</p><p>�Ja, das war Egil Horsason. Ich w�nschte, ich h�tte ihm das Kommando �ber die <emphasis>Schwertwal</emphasis> gegeben. Er h�tte seine M�nner nicht seinem Ruhm geopfert. Und vielleicht w�re er eines Tages ein gro�er K�nig geworden.� Alfadas winkte dem Elfengrafen am Ruder. �Bring uns zur�ck nach Phylangan.�</p><p>�Du hast uns heute zu einem gro�en Sieg gef�hrt!�, sagte Lambi ungewohnt feierlich. �Und du hast Egil einen Platz an Norgrimms Festtafel verschafft. Der Junge, den ich heute gesehen habe, hatte mit dem gro�m�uligen Hurenbock, der einmal Horsas Sohn war, nicht mehr viel gemein.�</p></section><section><title><p>Zwei Herzen</p></title><p>Asla blickte hinab in die tiefe Grube, die man in den vereisten Boden geschlagen hatte. Die halbe Nacht hindurch hatte sie das Ger�usch der Hacke geh�rt, die mit dem steinharten Erdreich k�mpfte. Isleif, ein gro�er, dunkelhaariger Ein�dbauer, in dessen Schopf sich erstes Silber einnistete, trug Oles Leichnam vom Langhaus herab. Er war ein Freund ihres Vaters Erek und der Einzige, der sich f�r diesen letzten Weg Oles gefunden hatte. Niemand aus dem Dorf war gekommen, um dem Hundez�chter ein Ehrengeleit zu geben. Allein Asla, die Kinder und Erek standen bei dem offenen Grab.</p><p>Oles Leib war ausgezehrt und d�rr. Er wog nicht schwer in Isleifs Armen. Hell leuchtete der Pflock, der aus der Brust des Toten ragte. Sie waren in der Morgend�mmerung gekommen ... Jene Besorgten, die f�rchteten, Ole w�rde wegen seines schrecklichen Todes keine Ruhe finden. Sie hatten den Pflock schon mitgebracht. Er war aus hellem Eschenholz geschnitten. Ohne sich auf Ereks Einw�nde einzulassen, hatten sie den Holzpflock in die Brust seines Bruders getrieben. Dorthin, wo einmal sein Herz gesessen hatte, wenn er denn jemals eins gehabt hatte. In dem Augenblick, als sie dies getan hatten, hatte Blut ein schauerliches Geheul angestimmt. Asla war sich sicher, dass man noch den ganzen Winter dar�ber fl�stern w�rde.</p><p>Isleif stieg vorsichtig in das Grab hinab. Er dr�ckte den Leichnam an sich wie eine Mutter, die ein gro�es Kind auf ihren Armen trug. Noch im Tode wirkten Oles Z�ge gequ�lt. Nie w�rde man erfahren, was er getan hatte, dachte Asla. Wof�r die G�tter ihn und das Dorf so grausam bestraft hatten. Alle waren sich darin einig, dass er den riesigen Geisterhund herbeigerufen hatte. Damit, dass man ihn so gr�sslich verst�mmelt im Wald gefunden hatte, hatten die Morde begonnen.</p><p>Asla hielt Kadlin auf dem Arm. Das kleine M�dchen spielte mit ihrem Haar. �ber warmen Wollsachen trug sie das d�nne blaue Leinenkleid, das ihr Vater so sehr liebte. Darin hatte sie laufen gelernt. Sehns�chtig dachte Asla an die warmen Sommertage, als Alfadas mit ihr zum Kiesstrand gegangen war und sie beide der Kleinen zugesehen hatten, wie sie schwankend �ber den Kies gelaufen war. Was w�rde der n�chste Sommer bringen? W�rde sie ihren Mann je wieder sehen? Sie blickte zu Ulric. Der Junge hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Er wirkte sehr ernst, gar nicht mehr wie ein Kind.</p><p>Isleif legte Oles Leib vorsichtig auf den Grund der Grube. Etwas Schnee, d�nn wie Mehlreste auf einem Backtisch, lag im Grab. Der gro�e Ein�dbauer drehte den Leichnam mit dem Gesicht in den Schmutz. Er blickte entschuldigend auf. �So haben sie es verlangt�, sagte er leise.</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Erek heiser.</p><p>Asla seufzte. Das war die Art, wie man Tote beerdigte, von denen man f�rchtete, sie k�nnten Wiederg�nger werden. Wenn sie in ihrem Grab erwachten und versuchten, sich ihren Weg zur�ck in die Welt der Lebenden zu bahnen, w�rden sie sich nur noch tiefer ins Erdreich w�hlen. Es hie� zwar auch, ein Eschenpflock im Herzen w�rde gen�gen, einen Toten auf immer im Grab zu halten, aber den Dorf�ltesten war das nicht sicher genug.</p><p>Asla dachte daran, wie ihr Ole, als sie noch ein kleines M�dchen gewesen war, einmal einen wei�-braunen Welpen geschenkt hatte. In ihrer Kindheit hatte sie ihren Onkel geliebt. Er war nicht immer so gewesen wie in den letzten Jahren. Vielleicht, wenn er ein Weib gefunden h�tte ... Einsamkeit frisst das Herz auf, dachte sie bitter. Sie wusste es nur zu gut! So viele N�chte lag sie schon allein in ihrer Butze. Der Geruch von Alfadas, der ihr vorgaukelte, er w�rde noch neben ihr liegen, wenn sie sich in ihre Decke rollte, verging langsam. Bald w�re er ganz aus ihrem Leben verschwunden.</p><p>Isleif zog sich aus dem Grab und senkte die schweren Felsbrocken, die man herangekarrt hatte, in die Grube. Obwohl er sich bem�hte, vorsichtig zu sein, h�rte Asla Oles Knochen knacken, als die Steine seinen Leichnam trafen. Im Dorf wollte man wirklich ganz sichergehen, dass ihr Onkel diese Grube nie wieder verlassen w�rde, dachte die junge Frau. Sie sah zu ihrem Vater. Erek hatte keine Tr�ne f�r seinen j�ngeren Bruder vergossen, doch die Lippen des alten Fischers zitterten, als er zusah, wie der Gef�hrte seiner Kindheit unter den Steinen verschwand. Ihr Vater hatte sich immer f�r Ole verantwortlich gef�hlt. Stets war er f�r seinen j�ngeren Bruder eingetreten, wenn es im Dorf wieder einmal �rger gegeben hatte. Er hatte ihn sogar dann noch verteidigt, wenn er genau gewusst hatte, dass Ole im Unrecht gewesen war. Asla strich Ulric durch das blonde Haar. Ob er eines Tages genauso bedingungslos f�r seine kleine Schwester einstehen w�rde?</p><p>Ihr Blick blieb an dem schlichten Stein haften, der neben der frisch aufgeworfenen Erde aufragte. Erek hatte sich gestern den R�cken krumm geschleppt, um ihn vom Ufer hinauf ins Langhaus zu bringen. Die halbe Nacht hatte er mit einem alten Nagel an dem Stein herumgekratzt, um einen Hundekopf hineinzuritzen. Er wollte nicht, dass in Vergessenheit geriet, an welchem Ort sein Bruder ruhte.</p><p>�Mutter, wann gehen wir zu Gundar?�, fragte Ulric verlegen.</p><p>Asla sah zu Erek. Ihr Vater nickte knapp. Sie war aus der letzten Pflicht gegen Ole entlassen.</p><p>Traurig ging Asla mit den Kindern zum Grab des Priesters hin�ber. Sie stand tief in Gundars Schuld, und es w�rde nie mehr eine Gelegenheit geben, ihm daf�r zu danken. Er hatte Ulric gerettet. Ihr Junge hatte ihr erz�hlt, wie Gundar ihn den weiten Weg hinab zum Dorf getragen hatte. Asla wusste, dass dies weit �ber die Kr�fte des alten Mannes gegangen war.</p><p>Der flache Grabh�gel des Priesters war von d�nnen Ruten umstanden. Man hatte besonders gerade gewachsene �ste ausgew�hlt und sie mit Stoffstreifen geschm�ckt, die leise im Winterwind raschelten. Jeder, der an Gundars Grab kam, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, band einen Streifen Stoff an eine der Ruten. Einen Stein gab es noch nicht f�r ihn. Vielleicht hatte er keinen gewollt? Oder jemand gab sich besondere M�he, einen sch�nen Schmuckstein f�r Gundars letzte Ruhest�tte zu schaffen, und hatte seine Arbeit noch nicht vollendet.</p><p>Asla kniete nieder, um dem alten Priester in stummem Gebet zu danken. Gestern, als er beigesetzt worden war, hatte sie nicht kommen k�nnen. Bei M�nnern wie Ole, bei denen man nicht darauf vertraute, ob sie wirklich im Grab blieben, wurde die Pflicht der Totenwache sehr genau genommen. Und niemand hatte ihr diese B�rde abnehmen wollen. Selbst ihr Vater nicht. Erek war viel zu ersch�ttert gewesen, um zuverl�ssig zu sein. Unsichere Tote wurden inmitten der Wohnstube aufgebahrt. Man steckte ihnen eine gro�e Kerze zwischen die gefalteten H�nde und lie� sie dann einen Tag und eine Nacht lang nicht aus den Augen. Damit wollte man ganz sicher gehen, dass sie sich nicht mehr regten. So hatte Asla nicht zu dem Begr�bnis des Priesters kommen k�nnen.</p><p>Ihr einziger Trost war, dass sie mitgeholfen hatte, ihn f�r seine Beerdigung herzurichten, weil sein Leichnam in ihrem Haus gelegen hatte. Sie hatte das schwere Kettenhemd von seinem f�lligen Leib gestreift. Dann war Gundar in seine besten Gew�nder gekleidet worden, und sie hatte sorgf�ltig sein Haar und seinen Bart gek�mmt. Ulric nahm den Stoffstreifen, den er um den G�rtel gewickelt trug. Er war zwei Finger breit. Die Schmuckborte seiner sch�nsten Tunika. Er hatte darauf bestanden, Gundar dieses Geschenk zu machen. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen, als er den Stoff an eine der langen Ruten band. Doch er schluchzte nicht.</p><p>Kadlin spielte im Schnee, w�hrend Asla f�r sie einen Streifen ihres d�nnen Sommerkleids um einen Ast band.</p><p>Fr�stelnd zog sich die junge Frau ihren weiten roten Umhang um die Schultern. Alfadas hatte ihn ihr von einem seiner Beutez�ge mitgebracht. Angeblich hatte er einmal der Tochter eines K�nigs geh�rt. Der Umhang war aus schwerer, dunkelrot gef�rbter Wolle gefertigt. Kein Kn�tchen fand sich in dem Stoff. Oft hatte Asla sich gefragt, wie man Wollf�den so fein spinnen konnte. Ihre Gabe an Gundar hatte sie von diesem Mantel geschnitten.</p><p>�Ich hoffe, du hast einen Platz an einer reich gedeckten Tafel gefunden�, sagte sie mit schwerer Stimme. �So vieles h�tte ich dir gern noch gesagt. Du hast mir meinen Sohn zur�ckgebracht. Das werde ich dir bis ans Ende meiner Tage nicht vergessen.�</p><p>Pl�tzlich trat jemand in hellen braunen Stiefeln neben Asla. Sie hatte keine Schritte im Schnee geh�rt. War sie denn so tief in Gedanken gewesen? Asla blickte auf. Neben ihr stand Yilvina.</p><p>�Glaubst du, dass auch ich sein Grab schm�cken darf?�, fragte sie mit jenem seltsamen Akzent, der ihren Worten stets einen singenden Unterton gab. �Er hat mir das Leben gerettet.� Ihr Gesicht blieb ausdruckslos, w�hrend sie sprach.</p><p>Was sie wohl f�hlte?, fragte sich Asla. Scham, weil ausgerechnet ein Menschensohn sie und die K�nigin vor dem Ungeheuer bewahrt hatte? Oder Dankbarkeit?</p><p>�Ich glaube, Gundar w�rde sich freuen, wenn er w�sste, dass auch du ihn in freundlicher Erinnerung behalten wirst.�</p><p>�Das wei� ich�, entgegnete die Elfe.</p><p>Ihre selbstsichere Antwort �rgerte Asla.</p><p>�Meine Sorge ist, dass es unter den Menschen des Dorfes schlecht aufgenommen wird, wenn ich den Toten nach eurem Brauch ehre.�</p><p>�F�r die anderen kann ich nicht sprechen�, entgegnete Asla k�hl. �Aber mich beleidigst du nicht, wenn du Gundar Respekt erweist.�</p><p>Die Elfe neigte den Kopf. Eine Weile betrachtete sie gedankenverloren das Grab. Schlie�lich zog sie ihren Dolch, schnitt einen Stoffstreifen von ihrem Umhang und knotete ihn an einen der �ste. �Ich war ihm sehr nahe, als er starb.�</p><p>Asla dachte an den Kuss, den die Elfe dem sterbenden Priester gegeben hatte. Yilvinas Verhalten war ihr sonderbar vorgekommen, aber nicht falsch. Sie hatte nicht verstanden, was da geschehen war, aber sie hatte gesp�rt, dass die Elfe um Gundars Leben gek�mpft hatte.</p><p>�Die W�nde seines Herzens waren so d�nn wie Pergament. Sein Gott muss eine sch�tzende Hand �ber ihn gehalten haben. Eigentlich h�tte er schon lange nicht mehr leben d�rfen. Ein �ppiges Mahl, ein Spaziergang am Fjord. All das h�tte schon gen�gen k�nnen, ihn zu t�ten. Er hat deinen Jungen sehr gemocht. Dass er Ulric getragen hat, war nicht sein Tod. Und auch nicht der Biss des Geisterhundes. Seine Zeit war gekommen. Er ist in Frieden gegangen.�</p><p>Asla biss sich auf die Lippen. Sie wollte etwas sagen, doch ein Klo� im Hals erstickte ihre Stimme. Woher wusste Yilvina um die Vorw�rfe, die sie sich machte? Bisher hatte sie geglaubt, dass die Elfenkriegerin sich um nichts anderes als das Wohlergehen ihrer K�nigin k�mmerte. Sie wirkte immer so kalt und teilnahmslos. Und doch hatte sie mit scharfem Blick erkannt, was Asla das Herz aufw�hlte.</p><p>Yilvina griff nach Ulrics Hand. �Lasst uns hinauf ins Haus gehen. Gundar sch�tzt es eher, wenn man bei einem guten Essen an ihn denkt, als wenn man es frierend an seinem Grab tut.�</p><subtitle>Steinerne Zeit</subtitle><cite><p>... Fast noch unertr�glicher als die K�mpfe, die folgen sollten, war die Zeit des Wartens. Elf Tage vergingen, bis die Trolle vor Phylangan aufzogen. Tage voller Zuversichtlichkeit und Anspannung. Wir wussten, wie stark unsere Festung war. Ein Sturmlauf auf das Tor zum Schneehafen musste ein Massaker werden. Fast unsere gesamte Streitmacht lag in den Stellungen der langen Bergflanken. Jede Schie�scharte war besetzt. Auch der Turm am Ende der Mandan Falah war vollendet worden. Wer immer Phylangan durch den Albenstern betreten wollte, dem w�rden hundert Pfeile entgegenfiiegen. Auf der engen Br�cke war es so gut wie unm�glich, die Gegner zu verfehlen.</p><p>Doch obwohl unser Kriegsmeister Ollowain eine ruhige Zuversicht ausstrahlte, verblieb bei vielen eine Anspannung. W�rden die Trolle uns auch diesmal wieder �berraschen?, war die bange Frage, die sich manche heimlich stellten. Die Spannung wich erst, als der gro�e Heerwurm am Horizont aufzog. Obwohl ich ihr Heer schon am Rosenberg gesehen hatte, war ich erschrocken von ihrer blo�en Zahl. Wie ein schwarzer Makel f�llten sie den gesamten Horizont. Und es war erschreckend, wie sehr sie sich ver�ndert hatten. Sie hielten Disziplin! Sie schlugen ein geordnetes Heerlager auf! Nat�rlich w�rde man sie niemals mit einem Elfenheer auf dem Marsch vergleichen k�nnen, doch damals schien es mir so, als seien sie geordneter als unsere Verb�ndeten, die Kentauren.</p><p>Zwei ganze Tage lie�en die Trolle sich Zeit, um ihren Angriff vorzubereiten. Erst Jahre sp�ter begriff ich, dass dies ihre Waffe war: die selbstgef�llige Ruhe und das Warten. Sie hatten sich sehr ver�ndert in den Jahrhunderten ihrer Verbannung!</p><p>Wenn ich an die langen Tage vor dem Angriff zur�ckdenke, dann beherrscht jedoch nichts so sehr meine Erinnerung wie der Schrecken, den ein b�ser Geist in Phylangan verbreitete.</p><p>Er schien �berall zu sein und hinterlie� eine Spur des Todes. Mal fanden wir sieben Tote in einer Bognerwerkstatt der Kobolde. Dann lagen f�nf Menschen tot in ihren Betten im Krankenlager. Besonders den Anblick von zwei Kentauren, die wohl ihren Rausch hatten ausschlafen wollen, werde ich nie vergessen. Es war ersch�tternd zu sehen, was dieser Geist aus den gro�en, vor Kraft strotzenden Leibern gemacht hatte.</p><p>Seine Morde waren unverkennbar. Er schien seinen Opfern das Fleisch von den Knochen zu schmelzen. Wenn man sie fand, dann war von ihnen nicht mehr �brig als fahle, br�chige Haut, die sich �ber Sehnen und Knochen spannte. Ihre Haar war grau oder wei� geworden, und manchmal, wenn sie ihren M�rdern noch gesehen hatten, stand unaussprechliches Entsetzen in ihre Gesichter gemei�elt.</p><p>Auff�llig war, dass er nie einen Elfen t�tete. Auch unsere Verb�ndeten bemerkten dies bald. Und es trieb in dieser unruhigen Zeit des Wartens einen Keil zwischen uns.</p><p>Sie fanden viele Namen f�r den unsichtbaren M�rder. �Das kalte Licht� nannten ihn die Kobolde, �Frostatem� die Kentauren und �Totmacher� die Menschens�hne. Ganz gleich, wie viele Wachen wir aufstellten, er kam und ging, wie es ihm beliebte. Bald fl��te er den Verteidigern mehr Angst ein als die Trolle, und sie sehnten den Tag herbei, an dem der Angriff begann, weil sie hofften, das Morden dieses ungreifbaren Schreckens werde dann enden. Selbst ich gab mich diesem naiven Glauben hin. Wie t�richt war es, sich einzubilden, der Feind werde von einer Waffe lassen, weil er eine zweite zur Hand hatte!</p><p>In diesen steinernen Tagen der Angst, in der wir gefangen in Festungsw�llen auf das Verh�ngnis warteten, tagte der Kriegsrat fast ununterbrochen. Jetzt, mit Abstand betrachtet, erf�llt es mich mit Trauer und Unverst�ndnis, wenn ich daran denke, wor�ber wir uneins waren. Tagelang w�hrte ein Streit, ob den Menschens�hnen erlaubt werden solle, ihre Toten in der Erde der Himmelshalle beizusetzen. Landoran wehrte sich entschieden dagegen. Er mochte nicht dulden, dass dieser wundersame Ort durch die Kadaver der Menschenkinder besudelt wurde. Dass die B�ume dort ihre Nahrung von faulenden Leibern nahmen.</p><p>So erbittert war der Streit, dass der Menschenf�rst Alfadas ihm sogar einmal drohte, er und seine Krieger w�rden durch ihre Anwesenheit nicht l�nger die makellosen Gefilde Phylangans besudeln wollen. Orimedes hatte sich auf seine Seite geschlagen und drohte, auch die Kentauren w�rden abziehen, wenn die Menschens�hne die Festung verlie�en. Schlie�lich musste sich Landoran der Forderung f�gen, zumal auch sein eigener Sohn, der Kriegsmeister Ollowain, die Menschenkinder unterst�tzte.</p><p>Wenn ich mir vor Augen halte, was Landoran �ber die Tage, die noch kommen w�rden, gewusst haben muss, erscheint mir dieses Gez�nk kleinlich, und tiefe Scham ergreift mich. Doch damals stand ich, trotz meiner Schuld gegen die Menschens�hne, auf Seiten des F�rsten der Normirga. Auch mir war der Gedanke an verrottende Leiber in der sch�nsten all unserer Hallen unertr�glich.</p><p>So bitter diese Erinnerungen sein m�gen, denke ich an eine Begebenheit in jenen fernen Tagen mit einem Schmunzeln zur�ck. Ollowain und Landoran stritten wieder einmal �ber die Verschiffung aller Frauen und Kinder �ber den Himmelshafen, als eine kleine, grauhaarige Gestalt in den Ratssaal trat, ein Holder, gekleidet ganz in der Tradition seines Volkes. Nur mit einem Lendenschurz und einem golddurchwirkten Stirnband angetan, wirkte er befremdlich, ja fast l�cherlich in der weiten Ratshalle aus Gold und Marmor. Alle starrten ihn an.</p><p>Nur Landoran erhob sich von seinem Platz, ging ihm entgegen und verbeugte sich zu unserer Verwunderung vor dem Holden.</p><p>�Ich gr��e dich, Gondoran, aus dem Geschlecht der Bragan, Herr der Wasser in Vahan Calyd.� Wie sich zeigte, kannten auch Ollowain und Orimedes den Holden, doch hatte er vor ihnen seinen wahren Rang verborgen gehalten. Landoran bot dem Herrn der Wasser einen Sitz im Kriegsrat, doch der Holde entgegnete hintersinnig, dass Phylangan in seinen Augen nicht noch einen weiteren Streiter ben�tige. Stattdessen bat er um die Pl�ne der Zisternen, Wassertunnel und verborgenen Quellen. Er erl�uterte, dass seiner Meinung nach das steinerne Herz der Felsenburg erkrankt sei, und er wolle alles in seiner Kraft Stehende tun, um es zu heilen. So k�nne er der Sache Phylangans besser dienen als mit einem Schwert in der Hand. Damals l�chelte ich �ber das Ansinnen des Holden. Landoran erf�llte ihm bereitwillig seine W�nsche und lieh ihm das Auge des Felsformers, eines unserer kostbarsten Artefakte. Es war ein Rubin, der auf solche Weise in einen Goldreif eingelassen war, dass er inmitten der Stirn ruhte, wenn man sich mit dem kostbaren Schmuckst�ck kr�nte. Und er verlieh seinem Tr�ger die Gabe, Felsen zu formen, als knete er feuchten Ton. Ich habe Gondoran nach seinem Besuch im Ratssaal nicht mehr wieder gesehen, doch er sollte uns alle noch lehren, dass er kein verschrobener Narr war, sondern dass in seiner Brust das Herz eines K�mpfers schlug.</p><p>So ward Gondoran aus dem Geschlecht der Bragan mir zum Spiegel meines Hochmuts, und die Erinnerung an ihn mahnt mich, das Augenscheinliche nicht mit dem Wahrhaftigen zu verwechseln.</p><p>Als die Trolle schlie�lich nahten, geh�rte es zu meinen Pflichten, dem Steinernen Garten als Kundschafter zu dienen. Einmal flog ich mit Schneeschwinge �ber ihr Lager. Sie hatten viel Holz mitgebracht. Daraus zimmerten sie grobschl�chtige Schutzw�nde und D�cher f�r drei riesige Rammb�cke. Die Trolle schienen genau zu wissen, was sie erwartete, wenn sie den weiten Pass hinauf zum Schneehafen st�rmten. Sollten sie sich nur vorbereiten, dachte ich damals voller Hochmut. Vor Pfeilen mochten sie sich damit sch�tzen, aber ich wusste ja, wie viele Gesch�tze auf den Passweg wiesen und was die Trolle au�er Pfeilen und Kugeln noch erwartete. Dagegen w�rden ihre Holzw�nde nicht helfen.</p><p>Als ich schon fortfliegen wollte, f�hlte ich eine dunkle Kraft, die tiefe Verzagtheit in mir keimen lie� und Gedanken an einen nahen Tod. Schon beim Swelm-Tal hatte ich das gesp�rt. Hier war es noch dr�ngender. Es hie�, die Schamaninnen der Trolle betrieben Blutmagie.</p><p>Damals empfand ich deutlich, dass sie Zauber wirkten, die alle Kr�fte der Natur verh�hnten und von tiefer Boshaftigkeit durchdrungen waren. Und ich sp�rte ihre Zuversicht. Die Trolle waren davon �berzeugt, dass sie uns besiegen w�rden ...</p><text-author>Aus: Der Blick des Falken, s.783,</text-author><text-author>Die Lebenserinnerungen</text-author><text-author>von Fenryl, Graf von Rosenberg</text-author></cite></section><section><title><p>Der Stoss ins Herz</p></title><p>Orgrim schulterte den Ziegenledersack mit den schweren Eisenstangen. Er war auf die Hilfe der Koboldsklaven angewiesen gewesen, um die Stangen schmieden zu lassen. Selbst durch den Ledersack hindurch verursachte das Metall ihm ein unangenehmes Prickeln am R�cken.</p><p>Ein frischer Wind wehte �ber das Eis. �ber den Himmel zog das gr�ne Winterlicht in weiten Wellen. F�nfhundert Krieger standen unter seinem Kommando. Es war eine Streitmacht, wie sie sonst nur ein Herzog befehligte. Seine Tage als Rudelf�hrer waren gez�hlt, dachte er zuversichtlich. Wenn er diesmal siegte, dann hatte Branbart keine andere Wahl mehr, als ihm den Herzogstitel zuzugestehen. Das Blutbad, das die drei Eissegler inmitten des Trollheeres angerichtet hatten, hatte ihn darin best�rkt, diesen tollk�hnen Angriff zu wagen. Und Skangas Geisterhund hatte ihm alles notwendige Wissen verschafft.</p><p>Orgrim betrachtete die massive Holzwand mit den beiden R�dern an den Seiten. Drei lange Deichseln erlaubten, die schwere Konstruktion zu schieben. Gleichzeitig st�tzten sie die Wand ab, sobald man sie absetzte. Rechts und links der Wand lie�en sich t�rgro�e Holzschilde herabklappen, um die Holzkonstruktion nach unten zu verl�ngern. Skangas Geisterhund hatte geschworen, dass es dort, wo sie angreifen w�rden, keine Katapulte gab. Sieg oder Niederlage hingen davon ab, dass dieses Mistvieh die Wahrheit sagte.</p><p>Der Rudelf�hrer sah zu Brud. Die Wunde an seiner Brust war gut verheilt. Beim Angriff der Eissegler hatte der Kundschafter einen tiefen Schnitt davongetragen. Nun sah es so aus, als habe man dem Falken auf seiner Brust den Hals durchgeschnitten. Brud war �ber alle Ma�en erbost �ber diese verst�mmelnde Wunde, und er redete seit Tagen �ber nichts anderes mehr als dar�ber, wie man diese Narbe durch weitere Schmucknarben verbergen k�nne, um seinem Falken wieder die W�rde zur�ckzugeben.</p><p>Brud trug eine dicke Taurolle �ber die linke Schulter geschlungen. Die H�lfte der Trolle war so ausger�stet. Boltan, Orgrims Gesch�tzmeister, kam zu ihnen her�ber.</p><p>�Skanga sagt, sie sei so weit.�</p><p>Orgrim atmete tief ein. Die Schamanin stand neben dem himmelragenden schwarzen Pfeiler, der hier aus dem Eis ragte. Er markierte einen gro�en Albenstern, der dicht neben der Felsnadel lag.</p><p>�Hast du Angst?�, fragte Orgrim leise.</p><p>Der Gesch�tzmeister l�chelte nerv�s. �Wenn wir erst einmal dr�ben sind, wird sie vor�ber sein. Die Elfen f�rchte ich nicht. Aber den Weg ...�</p><p>�Nur Feiglinge haben Angst�, spottete Gran, der hinter ihnen stand und dem Gespr�ch gelauscht hatte.</p><p>�Kann man wirklich mutig sein, wenn man nie seine Angst bezwingen musste?�, entgegnete Boltan gereizt.</p><p>Gran runzelte die Stirn. �Willst du mich einen Feigling nennen?�</p><p>�Nein, einen Dummkopf.�</p><p>�Genug!�, zischte Orgrim. Dann hob er den Arm und gab Skanga das verabredete Zeichen. Fast im selben Augenblick wuchs ein Bogen aus schillerndem Licht aus dem Eis.</p><p>�Du wei�t, was du zu tun hast?�, fragte der Rudelf�hrer mit Nachdruck.</p><p>Boltan nickte knapp. �Ich singe das Lied von K�nig Slangaman mit allen seinen Strophen. Erst dann folgen wir dir in Gruppen von jeweils f�nf Kriegern.�</p><p>�Wir brauchen dr�ben die Zeit. Du wei�t, wie wenig Platz dort ist, wo wir herauskommen.� Boltan packte sein Handgelenk im Kriegergru�. �Viel Gl�ck, Rudelf�hrer. Wenn wir diesmal siegen, dann wird man schon bald ein Lied von Herzog Orgrim singen.�</p><p>�Hoffen wir, dass Skangas Hund uns nicht belogen hat.� Der Rudelf�hrer wandte sich ab und packte die mittlere Deichsel der Holzwand. Einige Krieger eilten herbei und halfen ihm. Brud und Gran waren an seiner Seite. Mit einem mulmigen Gef�hl schob er das schwere Holzgestell dem Tor aus Licht entgegen. Skanga stieg �ber die Deichseln hinweg.</p><p>�Ich f�hre euch�, sagte sie mit kr�chzender Stimme. Sie strich Orgrim mit ihren d�rren Fingern �ber die Stirn.</p><p>Ihre Ber�hrung f�hlte sich an, als kratze ein toter Ast �ber seine Haut. �Wenn du gesiegt hast, m�ssen wir miteinander reden, Rudelf�hrer. Es gibt etwas, das du wissen solltest.� Ihre blinden Augen sahen zu ihm auf. �Du musst heute siegen!�</p><p>�Was willst du?�</p><p>Die Schamanin sch�ttelte den Kopf. �Erst siegst du. Dann rede ich mit dem K�nig und mit dir! Vorw�rts jetzt!� Orgrim f�gte sich stumm. Seine H�nde waren schwei�nass. Er hatte keine Angst vor den K�mpfen, aber auch er f�rchtete den Weg durch das Nichts.</p><p>�Lasst los und bleibt hinter mir!�, befahl er den Kriegern, die rechts und links von ihm gingen. Orgrim biss die Z�hne zusammen und stemmte sich mit der Schulter gegen die h�lzerne Schutzwand. Gran packte hinter ihm die Deichsel und half mit zu schieben. Der Weg durch das Nichts war nur ein schmaler Pfad. Die Holzwand w�rde dar�ber hinausjagen. Und alles, was nicht auf dem Pfad war, konnte angegriffen werden. Deshalb hatten sie so viele Schiffe verloren, als sie nach Albenmark gekommen waren.</p><p>Flimmerndes Licht tanzte �ber der Holzwand. Der Nordwind strich Orgrim �ber die Schultern. Dann tat er den Schritt. Er stand im Dunkel. Hier gab es keinen Wind. Zu seinen F��en leuchtete der goldene Pfad. Die Holzwand verdeckte den Blick nach vorn. Der Rudelf�hrer konnte nur das St�ck Weg unmittelbar vor seinen F��en sehen. Aber er sp�rte die Schatten, die jenseits des Lichtes waren. Er f�hlte ihre gierigen Blicke. Weitergehen, befahl er sich in Gedanken. Nur den Blick nicht vom Pfad abwenden. Ein gellender Schrei erklang hinter ihm und riss abrupt ab. Nicht den Weg verlassen!</p><p>Die Schulter gegen die Holzwand gedr�ckt, den Kopf geneigt, starrte er auf den Boden. Skanga w�rde sie sch�tzen! Sie mussten einfach nur geradeaus gehen. Etwas zerrte an der Holzwand, als griffe eine Windb� danach. Doch hier gab es keinen Wind.</p><p>Orgrim stemmte sich mit aller Kraft vorw�rts. Nicht nachgeben! Pl�tzlich leuchtete wei�er Stein unter seinen F��en. Schw�le Hitze schlug �ber ihm zusammen. Der Rudelf�hrer blickte auf. Weit �ber ihm spannte sich eine seltsam durchscheinende H�hlendecke in der Farbe des Sommerhimmels. Dicke Wolken trieben darunter. Die Himmelshalle!</p><p>Jubelrufe erklangen hinter Orgrim, als immer mehr der ersten f�nfzig Krieger aus dem Tor traten. Die H�hle sah atemberaubend aus. Skangas Hund hatte Orgrim von ihr erz�hlt. Von der Weite und der Pracht. Doch alle Worte hatten ihn nicht auf das vorbereiten k�nnen, was er nun sah.</p><p>Es war gro�artig und zugleich falsch und verdreht. So wie alle Dinge, die die Elfen taten! Der Rudelf�hrer wusste, dass er inmitten eines Berges war. Doch hier f�hlte man sich, als blicke man in ein weites Tal. Die Elfen hatten der Bergh�hle ihre feierliche D�sternis geraubt. Das hier war falsch! So sollten H�hlen nicht aussehen! Die Elfen hatten dem Berg sein Herz gestohlen! Ihn ausgeh�hlt wie W�rmer, die sich in einen Apfel fra�en. Dieser Berg war einmal der K�nigsstein gewesen! Die Felsenburg des Trollk�nigs. Wie sollte er das je wieder sein nach dem, was die Elfen ihm angetan hatten? Ein Berg ohne Herz und ohne W�rde konnte doch nicht mehr der Sitz des Herrschers sein!</p><p>W�tend riss sich Orgrim von dem Anblick los. Die Elfen w�rden b��en! Wie W�rmer w�rde er sie unter seinen F��en zertreten.</p><p>Signalh�rner erklangen. Der Tanz begann. �Bemannt die Deichseln!�, befahl der Rudelf�hrer und �berlie� einem jungen Krieger seinen Platz. Der polierte Stein der Br�cke war t�ckisch glatt. Es gab kein Gel�nder an den Seiten der Mandan Falah. So einen Unsinn konnten sich nur Elfen einfallen lassen! Orgrim balancierte am Abgrund entlang. Ihre h�lzerne Schutzwand ragte rechts und links ein gutes St�ck �ber die Br�cke hinaus. Der Rudelf�hrer l�ste einen Sperrriegel. Knirschend klappte ein gro�er Holzschild herunter, vorbei am Rand der Br�cke. Auf der anderen Seite l�ste Brud einen zweiten Schild.</p><p>Ein Pfeil stie� fast senkrecht aus dem Himmel herab und schlug dicht neben Orgrim auf den Br�ckenweg. Die Holzwand sch�tzte sie gegen jeden direkten Beschuss vom Turm am Ende der Br�cke. Man konnte seine Krieger nur noch treffen, wenn man steil zur H�hlendecke schoss, so dass die Pfeile in ebenso steiler Bahn herabst�rzten, sobald sie den Scheitelpunkt ihres Fluges �berschritten. Doch auch darauf war der Rudelf�hrer vorbereitet.</p><p>�Schildtr�ger an die Deichseln!�, befahl er ruhig. �Sch�tzt eure Kameraden.� Krieger mit langen Holzschilden st�rmten vor. Sie hoben die Schilde �ber ihre K�pfe und deckten so auch die Krieger an den Deichseln. Orgrim eilte zur Mitte der Holzwand zur�ck.</p><p>Mit dumpfem Pochen bohrten sich Pfeile in die Schilde. Er blickte die Br�cke entlang und l�chelte. Er hatte auf der Mandan Falah noch keinen einzigen Krieger verloren! Die K�mpfer der ersten Angriffswelle waren nun vollst�ndig auf der Br�cke versammelt. Skanga winkte ihm kurz zu, dann verschwand sie durch das Tor aus Licht. Bald w�rde Boltan mit den �brigen K�mpfern erscheinen. Es galt, keine Zeit zu verlieren.</p><p>Orgrim �ffnete eine kleine Luke in der Holzwand und sp�hte zu dem Turm, der sich am Ende der Br�cke erhob. Hinter den Zinnen sah er die silbern funkelnden Helme der Elfen. Sie schickten Pfeilschwarm auf Pfeilschwarm der H�hlendecke entgegen. Doch was sich hinter der hohen Holzwand tat, konnten sie nicht sehen.</p><p>Der Rudelf�hrer sch�tzte die Entfernung zum Tor. Er durfte nicht zu weit vorr�cken! Der Albenstern, durch den bald Verst�rkung kommen w�rde, sollte unbedingt im toten Winkel der Bogensch�tzen liegen. Orgrim blickte zur�ck. Sie waren mit der Holzwand etwa zehn Mannl�ngen vorger�ckt. Das musste gen�gen! �Halt!�, befahl er. �Setzt die Deichseln ab!�</p><p>Der Rudelf�hrer lie� den Ziegenledersack von seinen Schultern gleiten. Leise klirrten die Eisenstangen. Orgrim befand sich jetzt auf einer H�he mit einem der riesigen Br�ckenpfeiler. Das war der beste Platz! Der Rudelf�hrer kniete nieder. Was nun folgte, hatte er dutzendfach mit seinen Kriegern ge�bt.</p><p>�Stangentr�ger! Auf die Pl�tze!�</p><p>Drei Krieger l�sten sich aus der Gruppe der Trolle und knieten dicht bei Orgrim nieder.</p><p>Der Rudelf�hrer wickelte sich dicke Lederstreifen um seine H�nde. Dann griff er in den Sack und holte die erste Eisenstange daraus hervor. An einem Ende lief sie spitz wie ein Dorn zu. Die Kobolde hatten versichert, dass diese Spitzen auf besondere Weise geh�rtet waren. W�rde es gen�gen?</p><p>�Hammertr�ger zu mir! Schildtr�ger, gebt uns Deckung!� Gran trat an Orgrims Seite. Der h�nenhafte Troll zog einen schweren Kriegshammer aus seinem G�rtel und wog ihn pr�fend in der Hand. Weitere Krieger gesellten sich zu ihnen, bis neben jedem Knienden zwei Trolle mit H�mmern standen.</p><p>Mit schabendem Ger�usch schlossen sich die Schilde �ber ihren K�pfen zu einem h�lzernen Schutzdach. Orgrim hielt seine Eisenstange mit beiden H�nden. Vorsichtig setzte er die Spitze auf den polierten Stein. Jetzt schlug die Stunde der Wahrheit! Wenn es nicht gelang, die Eisenstangen in die Br�cke zu schlagen, dann w�rde ihr Angriff scheitern.</p><p>Ein Schrei lie� Orgrim aufblicken. Einer seiner Krieger war gest�rzt. Aus seinem Bein ragte ein schwarz gefiederter Pfeil. Dicht wie Hagelschlag prasselten die Geschosse auf das Schutzdach aus verschr�nkten Schilden. Einzelne Gl�ckstreffer w�rde es immer geben.</p><p>Der Rudelf�hrer blickte zu Gran auf. �Fangt an! Und wenn du mir die Finger einschl�gst, dann lass ich dich von der Br�cke werfen!�</p><p>Der H�ne grinste. �Du brauchst deine H�nde noch. Vielleicht schaffst du es ja heute endlich einmal, fast so viele Elfen zu erschlagen wie ich. Die ganze Schlacht w�re mir verdorben, wenn du nicht k�mpfen k�nntest.�</p><p>�Rede nicht. Schlag zu!�, schnauzte Orgrim.</p><p>Klirrend traf der schwere Steinkopf des Hammers auf die Stange. Das Eisen vibrierte zwischen Orgrims Fingern. Gran und der andere Krieger fanden schnell in einen Rhythmus. Abwechselnd schlugen sie auf das Ende der Stange ein. Die Spitze der Eisenstange fand keinen Halt auf dem polierten Br�ckenpflaster. Wieder und wieder sausten die H�mmer nieder. Orgrims Arme schmerzten. Seine Finger waren ganz taub geworden, so fest hielt er die Stange gepackt.</p><p>Dann endlich sah er ein winziges St�ck Stein wegsplittern.</p><p>�Halt!� befahl er und setzte die Spitze der Eisenstange in den feinen Riss im Pflaster. �Macht weiter!�</p><p>Wieder nahmen die H�mmer ihren Rhythmus auf. Aus den Augenwinkeln sah Orgrim, wie sich eine der anderen Stangen bereits langsam in den Stein der Br�cke bohrte. Es w�rde gelingen!</p><p>Unendlich langsam ging die Arbeit voran. Die Elfen hatten aufgegeben, auf sie zu schie�en. Vielleicht w�rden sie einen Ausfall aus dem Turm wagen, um die h�lzerne Schutzwand von der Br�cke zu sto�en? �Bemannt die Deichseln wieder!�, befahl Orgrim, ohne seinen Blick von der Eisenstange zu wenden. Solange seine Krieger gegenhielten, w�rden die schw�chlichen Elflein niemals die Holzwand bewegen k�nnen. Orgrim konnte die Stange loslassen. Sie war mehr als eine Handbreit in den Fels getrieben. Tief genug, um die Last zu tragen? Der Rudelf�hrer blickte zum Albenstern. Wie lange w�rde es noch dauern, bis Boltan die ersten Krieger hierher schickte? Schon jetzt war das kurze Br�ckenst�ck �berf�llt, das sie besetzt hielten.</p><p>�Halt!� Die H�mmer verharrten in der Luft. Orgrim packte die Eisenstange und stemmte sich mit all seiner Kraft dagegen. Sie bewegte sich nicht.</p><p>�Lass mich einmal!� Gran kniete nieder. Er verzog das Gesicht, als seine nackten Finger das Eisen umschlossen. Die Muskeln seiner m�chtigen Arme spannten sich. Nichts! Die Stange r�hrte sich nicht.</p><p>�Ich w�rde mich dranh�ngen�, sagte der H�ne ernst.</p><p>�Die Seile!�, befahl Orgrim.</p><p>Dicke Taurollen wurden neben ihm auf das Pflaster geworfen. Die Seile waren aus miteinander verflochtenen Lederriemen gefertigt. Sie lagen gut in der Hand. In ihre Enden waren Schlingen gekn�pft. Der Rudelf�hrer legte eine der Schlingen �ber die Eisenstange im Pflaster. Er blickte zu Gran auf. �Nur vier Seile je Stange! Und achte darauf, dass nie mehr als zwei Krieger auf einmal an einem Seil h�ngen. Mehr tragen sie nicht! Wirf die Seile rechts und links �ber die Br�cke, damit wir uns beim Abstieg nicht gegenseitig behindern.�</p><p>Gran sp�hte in die Tiefe. �Lass mich zuerst gehen. Unten k�nnte es gef�hrlich sein. Man kann sich nicht wehren, wenn man am Seil h�ngt.�</p><p>�Deshalb gehe ich zuerst. Gute Aussichten f�r dich, an meiner Stelle Herzog zu werden, wenn mir etwas passiert.� Der Rudelf�hrer schob seinen Kriegshammer in eine Lederschlinge auf dem R�cken, damit er ihn beim Abstieg nicht behinderte.</p><p>Der H�ne grinste schief. �Eigentlich hast du Recht. Geh ruhig zuerst.� Orgrim schlang sich das Seil einmal um die H�ften, dann lie� er sich r�ckw�rts von der Br�cke gleiten. Die Seitenklappen der Holzwand sch�tzten ihn vor Beschuss. Er stemmte sich mit den F��en gegen den Br�ckenpfeiler. Noch immer hatte er die Lederlappen um die H�nde gewickelt. Sich am glatten Mauerwerk absto�end, glitt er in weiten H�pfern in die Tiefe. Dichter Nebel zog unter ihm �ber die H�nge der Himmelshalle. Es war unertr�glich hei� hier. Schlimmer als in den S�mpfen bei Vahan Calyd, dachte Orgrim. Aber von dort waren die Normirga ja hierher zur�ckgekehrt. Vielleicht hatte es ihnen in den Mangroven gefallen? Wer wusste schon, was in Elfenk�pfen vor sich ging.</p><p>Als er in den Nebel geriet, verlangsamte Orgrim seinen Abstieg. Trotz der Lederb�nder brannten ihm die H�nde. Warmes Wasser perlte von seiner nackten Haut. Es stank nach faulen Eiern.</p><p>Der Rudelf�hrer hielt inne und sp�hte nach unten. Etwas stimmte hier nicht! Dieser Gestank passte so gar nicht zu den Elfen! Irgendwo im Dunst erklang ein gluckerndes Ger�usch.</p><p>Zumindest w�rden ihn in dem Dunst keine Bogensch�tzen sehen k�nnen, dachte Orgrim und setzte seinen Abstieg fort. Nur Augenblicke sp�ter hatte er festen Boden unter den F��en. Neben ihm erhob sich ein Busch, dessen Bl�tter schlaff herabhingen. Was war hier los?</p><p>Der Nebel konnte ihnen gef�hrlich werden. Er musste den Zugang zu dem breiten Tunnel finden, der sich f�nf Meilen lang quer durch den Berg erstreckte. Er verband die beiden H�fen miteinander. Wer diesen Tunnel beherrschte, der beherrschte auch den K�nigsstein. Von dort aus gab es Verbindungsg�nge in alle H�hlen. Und wer die Felsenburg verlassen wollte, der musste es durch diesen Tunnel tun. Orgrim l�chelte siegessicher. Sie w�rden denken, dass er hinab zum Schneehafen wollte, um den Angreifern das Tor zu �ffnen. Aber er wusste es besser, und er hatte noch ganz andere Pl�ne. Pl�ne, die er nicht einmal dem K�nig oder Skanga verraten hatte. Mit etwas Gl�ck w�rden sie die Elfen in ihrer gro�artigen Festung an einem einzigen Tag besiegen.</p><p>Neben ihm kam ein weiterer Krieger am Seil hinab. Bald w�rden f�nfhundert Trolle im Herzen der Elfenfestung sein. Wer sollte sie dann noch aufhalten?</p></section><section><title><p>Das Feuer f�llt zur�ck</p></title><p>Ollowain blickte den weiten Passweg hinab. Er stand in einer Kasematte, die hundert Schritt oberhalb des Schneehafens lag. Der gro�e, tief in den Fels getriebene Raum war als Kommandoposten f�r die Verteidigung des Passes vorgesehen. An seiner Ostwand standen in hohen Nischen Katapulte, die hinab auf den Passweg wiesen. Auch einige schwere Armbr�ste waren auf h�lzerne Sockel gesetzt, bereit, auf jeden Feind im Pass zu schie�en. In der Mitte des Raums stand ein gro�er Kartentisch, auf dem Pl�ne der Festung ausgebreitet lagen. Kristallkaraffen mit Apfelwein, Schwerter und Dolche beschwerten die Kartenenden, sodass sie sich nicht aufrollten. Einige Gl�ser, halb gef�llt mit Wasser oder verd�nntem Apfelwein, standen auf dem Tisch verteilt. Auf einem kleineren, zweiten Tisch war eine Platte mit kaltem Braten serviert. Frisches aufgeschnittenes Brot verbreitete einen angenehmen Duft.</p><p>Der Schwertmeister stand in der mittleren der Gesch�tznischen. An ihren Seitenw�nden t�rmten sich Pyramiden aus schweren Steinkugeln. Einige B�ndel mit Armbrustbolzen lehnten an der Wand. Ein St�ck hinter Ollowain ragten vier goldene Rohre aus dem Fels, deren trichterf�rmige M�ndungen mit Holzpfropfen verschlossen waren.</p><p>Von dem Platz, an dem Ollowain stand, konnte er durch eine Schie�scharte das ganze Tal �berblicken. Vier �hnliche Kasematten lagen wie die Ebenen eines Festungsturms unter ihnen in der Steilwand.</p><p>Die Katapulte schossen Stein auf Stein in die heranst�rmenden Trolle. Der Pass war schwarz von wimmelnden Feinden. Und sie zahlten einen f�rchterlichen Blutzoll. Unabl�ssig wurden sie aus den Kasematten �ber dem Hafen und den Stellungen beschossen, die sich in den langen Bergflanken verbargen. Sie mussten schon hunderte Krieger verloren haben! Und sie hatten keine M�glichkeit, sich an den Elfen, Menschen und Kobolden zu r�chen, die gut gedeckt hinter den schmalen Schie�scharten standen.</p><p>Fast alle Trollkrieger trugen m�chtige Holzschilde. Sie formten Kolonnen und versuchten sich so nach allen Seiten hin mit den Schilden zu decken. Doch dies war eine tr�gerische Sicherheit, denn die Marschkolonnen waren leichte Ziele f�r die Katapulte. Immer wieder rissen ihre steinernen Geschosse blutige Schneisen in die Marschs�ulen.</p><p>Manche Trolle hatten sich mit dicken Reisigb�ndeln beh�ngt und vertrauten darauf, dass kein Pfeil ihre seltsamen R�stungen zu durchdringen vermochte. Sie wurden zu den bevorzugten Opfern der Sch�tzen, die Brandpfeile verschossen.</p><p>Die bedrohlichsten Waffen, die von den Trollen ins Feld gef�hrt wurden, waren drei riesige Rammb�cke. Man hatte sie mit Schutzd�chern versehen, auf denen dicke, grasgef�llte Lederpolster angebracht waren. Die meisten Katapultsteine prallten wirkungslos von den Polstern ab. Auch Brandpfeile vermochten dem eisverkrusteten Leder nichts anzuhaben.</p><p>Das haben ihnen ihre Koboldsklaven gebaut, dachte Ollowain ver�rgert. Von sich aus w�ren Trolle niemals auf so eine Idee gekommen!</p><p>Der erste der Rammb�cke hatte es bis hinauf zum Tor des Schneehafens geschafft. Es klang wie ein Gongschlag, als die Ramme zum ersten Mal gegen das gro�e goldene Tor schlug. Ollowain sah, wie die Kristallgl�ser auf dem Kartentisch erzitterten. Das Ger�usch fuhr einem tief in den Bauch hinein. F�r L�rm, der von Trollen verursacht wurde, klang es au�ergew�hnlich feierlich.</p><p>Der Schwertmeister beugte sich weit aus der Schie�scharte, um besser sehen zu k�nnen, was unten am Tor vor sich ging. Wieder ert�nte ein tiefer Gongschlag. Langsam brachten die Trolle ihren zweiten Rammbock in Stellung.</p><p>�K�nnen sie durch das Tor brechen?�, fragte Alfadas besorgt, der durch eine Schie�scharte neben ihm die Angreifer beobachtete.</p><p>�Das Tor ist aus massivem Gold und so dick, wie dein Unterarm lang ist. Ich glaube nicht, dass sie es zerst�ren k�nnen. Sie k�nnen auch nicht durch die Schwingungen der Schl�ge irgendwelche T�rangeln lockern. Die Torfl�gel werden durch Kettenz�ge seitlich in den Fels gezogen, wenn wir sie �ffnen. Allerdings ist Gold leicht verformbar. Es w�re denkbar, dass sie die Tore an der Stelle, wo die beiden Fl�gel aneinander sto�en, so sehr verbiegen, dass sie einen Durchschlupf finden. Aber durch solch eine L�cke k�nnten vielleicht ein oder zwei Trolle nebeneinander gelangen. Und auf der anderen Seite des Tores stehen zweihundert Kobolde mit schweren Armbr�sten und f�nf Katapulten. Wenn die Trolle sie nicht auf breiter Front angreifen k�nnen, dann werden sie an unseren kleinen Waffenbr�dern niemals vorbeikommen.�</p><p>Der zweite Rammbock begann gegen die Festungstore zu h�mmern. Ollowain sp�rte den Boden unter seinen F��en erzittern. Die Trolle mussten riesige Baumst�mme unter den Schutzd�chern verbergen. Ob sie wohl dumm genug gewesen waren, sich das n�tige Holz aus den W�ldern der Maurawan zu holen? Der Schwertmeister trat von der Schie�scharte zur�ck und ging zu den vier goldenen Rohren, die nebeneinander aus der Wand ragten. Jedes von ihnen war mit einem Stopfen aus Nussbaumholz verschlossen. Kleine goldene Ketten verhinderten, dass die Stopfen herabfallen konnten.</p><p>Ollowain zog den Holzpfropf aus dem n�chstgelegenen Rohr.</p><p>�Ist das �l bereit?�, rief er laut hinein. Dann beugte er sich vor und lauschte.</p><p>�Das �l kocht, Kriegsherr!�, erklang es blechern im Rohr.</p><p>�Dann verschlie�t die Schie�scharten! Gebt den Befehl an die �brigen Kasematten weiter!� Ollowain trat von dem Sprachrohr zur�ck und ging wieder zu seinem Ausguck. Unten auf dem Eis zogen die Trolle den dritten Rammbock in Position.</p><p>Der Schwertmeister wies Lysilla an, zum Sprachrohr zu gehen. Das H�mmern der Rammb�cke war zu einem einzigen Dr�hnen geworden. Ollowain winkte der Elfe.</p><p>�Jetzt!�</p><p>�Wie viele Kessel?�, rief sie.</p><p>�Alle zwanzig!�</p><p>Er gab den Kriegern an den Katapulten ein Zeichen. �Schlie�t die Schie�scharten.� Ollowain wagte einen letzten Blick in die Tiefe. Aus den flachen Rohrm�ndungen unterhalb der ersten Kasematte spr�hten weit gef�cherte �lfont�nen. Hundertfache Schreie erklangen. In wahren B�chen floss das �l �ber das Eis hinab. Ollowain schloss die h�lzerne Klappe der Schie�scharte.</p><p>Ein fauchendes Ger�usch erklang. Helles Licht strahlte durch die feinen Ritzen der Holzl�den. Dann drang ein schwerer, �liger Geruch in die Kasematte, gefolgt vom Gestank nach verbranntem Fleisch. Ollowain k�mpfte gegen das Gef�hl an, sich erbrechen zu m�ssen. In diesem Augenblick starben unter ihm auf dem Eis hunderte Trolle. Und er hatte ihren Tod befohlen. Niemand, der dem Festungstor bis auf zwanzig Schritt nahe gekommen war, w�rde �berleben. Hei�es �l verwandelte sich binnen eines Lidschlags in eine Feuerwolke, wenn es mit einem Fl�mmchen in Ber�hrung kam. Der Schwertmeister dachte an die Flammennacht in Vahan Calyd. Nun war das Feuer, das die Trolle nach Albenmark getragen hatten, auf sie zur�ckgefallen.</p><p>Wieder trat er an das Sprechrohr. �Sind Flammen durch die Ausg�sse zur�ckgeschlagen?�, fragte er ruhig. �Nein, Kriegsherr. Es ist sehr hei� in der Kasematte, aber es gab keinen Unfall.�</p><p>�Dann setzt neues �l in den Kesseln auf.�</p><p>Der Schwertmeister schob das Verschlussst�ck in den Trichter des Sprachrohrs und trat zu den Schie�scharten. Gestank schlug ihm entgegen, als er die Holzklappe �ffnete. Dichter schwarzer Qualm versperrte die Sicht auf den Abschnitt unterhalb des Tors. Weiter entfernt sah man brennende Gestalten, die sich schreiend im Schnee w�lzten. Einzelne Flammenb�che erstreckten sich bis hundert Schritt weit den Gletscher hinab. Ein gro�er Teil der Trolle floh in wilder Panik. Doch immer noch harrten einige aus.</p><p>Ollowain konnte beobachten, wie sie mit langen Haken versuchten, die brennenden Rammb�cke vom Tor wegzuziehen. Ob sie nach dieser Niederlage bereit waren, �ber einen Frieden zu verhandeln? Selbst ihrem verbohrten K�nig musste doch nach diesem Angriff klar sein, dass er Phylangan niemals erobern konnte! Noch zwei oder drei weitere Angriffe dieser Art, und sein Heer w�rde beginnen, sich aufzul�sen, oder gar gegen ihn rebellieren. Der Steinerne Garten war die st�rkste Festung des Nordens. Es war unm�glich, ihn zu erobern. Alfadas stand bei einer der Schie�scharten und blickte mit versteinerter Miene hinab. Was wohl in dem Menschensohn vorging?, fragte sich der Schwertmeister.</p><p>Lysilla l�chelte k�hl. �Damit endet dann wohl dieser Trollkrieg.� Ollowain fand es verwunderlich, dass immer mehr Trolle zum Tor zur�ckzulaufen schienen. Mit aller Kraft bem�hten sie sich, die Rammb�cke fortzuschaffen. Vielleicht konnte man von der ersten Kasematte aus besser sehen, was dort unten vor sich ging? Er trat zur�ck ans Sprechrohr.</p><p>�Was geschieht am Tor?�</p><p>Statt einer Antwort war nur ein metallisches Scheppern zu h�ren.</p><p>�Bericht!�, rief Ollowain, ver�rgert �ber die Disziplinlosigkeit. W�hrend eines Gefechts sollte immer jemand in der N�he der Sprechrohre stehen!</p><p>Der Kriegsherr r�usperte sich. Alle ringsherum starrten ihn mehr oder weniger unverhohlen an. �Ich erbitte eine sofortige Meldung �ber die Lage vor dem Tor des Schneehafens�, sagte Ollowain betont ruhig. Pl�tzlich klang ein gellender Schrei durch das Rohr. Wieder schepperte es, und dann h�rte man eine dunkle Stimme rufen: �Komm aus dem Rohr, Elflein, damit Gran dich fressen kann!�</p><p>Der Schwertmeister atmete tief durch. Wie war das m�glich? Wie hatten Trolle in die Festung gelangen k�nnen? Und wo waren sie noch? Er musste handeln, und er musste gleichzeitig einen k�hlen Kopf bewahren, um nachzudenken.</p><p>�Lysilla, erteile bitte �ber Sprechrohr an die �brigen Kasematten den Befehl, dass sich alle verf�gbaren K�mpfer auf der n�rdlichen Treppe vor der dritten Kasematte sammeln sollen. Sie sollen die Bedienungsmannschaften von Katapulten und Armbr�sten abziehen.�</p><p>Ollowain trat an den Kartentisch. Hatten die Trolle es geschafft, in den Schneehafen einzudringen? Von dort aus konnte man hinauf zu den Kasematten gelangen. Aber wie sollten sie durch das Tor gekommen sein?</p><p>�Kriegsherr!� Graf Fenryl erschien im Eingang zur Nordtreppe. Sein linker Arm hing schlaff herab, die wei�e Leinenr�stung war blutbesudelt. �Sie sind in der Festung. Sie kommen von der Himmelshalle. Hunderte!�</p><p>�Wo sind sie?�</p><p>Der Graf trat an den Kartentisch.</p><p>�Hier, im gro�en Tunnel. Und in den Tunnelsystemen, die parallel zu ihm verlaufen. Nur im Schneehafen selbst haben sie nicht angegriffen.� Er deutete auf einen Raum. �Sie haben die n�rdliche Torwindenkammer besetzt, und ich f�rchte, sie sind auch auf der anderen Seite in der s�dlichen Kammer.�</p><p>Ollowain sch�ttelte fassungslos den Kopf. �Sie kommen von der Himmelshalle? Wie haben sie den Festungsturm bei der Mandan Falah so schnell erst�rmen k�nnen?�</p><p>Wieder sah er auf die Pl�ne. Und dann begriff er, was vor sich ging.</p><p>Wer immer diesen Angriff f�hrte, musste einen Spitzel in der Festung haben. Ihm waren alle Schw�chen in der Verteidigung bestens vertraut. In den Torwindenkammern lie� sich nicht nur das Tor zum Schneehafen �ffnen. Wer immer die Verteidigungsstellungen der beiden Bergflanken, die den Passweg �berblickten, betreten wollte, musste durch die Kammern. Wenn die Trolle es schafften, diese Stellungen zu besetzen und zu halten, dann w�ren zwei Drittel aller Verteidiger von Phylangan in den �u�eren Festungswerken gefangen. Sie konnten zwar noch jeden beschie�en, der sich auf dem Passweg sehen lie�, aber sie konnten ihre Stellungen nicht mehr verlassen, denn es gab nur diesen einen Weg hinaus. Den Weg durch die Torwindenkammern! Um das Ungl�ck vollkommen zu machen, konnte man von den Kammern aus nat�rlich auch das Hafentor �ffnen. Die Heerscharen aus dem Passweg w�rden die Festung st�rmen. Wenn sie nicht schnell handelten, dann war Phylangan verloren!</p><p>Ollowain griff nach seinem Schwertgurt auf dem Kartentisch.</p><p>�Kommt mit mir hinab. Sofort! Lysilla, verriegle das s�dliche Tor dieser Kasematte. K�mmere dich auch darum, dass die S�dtore der tiefer gelegenen Kasematten versperrt werden. Wir k�nnen nicht brauchen, dass der Feind uns auch hier noch in den R�cken f�llt.�</p><p>W�hrend er die weite Wendeltreppe hinabeilte, versuchte der Schwertmeister, sich die Pl�ne der Festung in Erinnerung zu rufen. Es gab viele Tunnel, die von Osten her in die Himmelshalle f�hrten. Aber nur ein einziger m�ndete von Westen in die riesige Halle. Der Haupttunnel, der sich von Hafen zu Hafen quer durch den Berg zog. Wie die Dinge standen, konnten sie den �stlichen Teil von Phylangan nicht mehr halten. Aber jenseits der Himmelshalle lie� sich eine neue Verteidigungslinie errichten. Doch zun�chst mussten sie versuchen, so viele Truppen wie m�glich davor zu bewahren, durch die Trolle abgeschnitten und eingekesselt zu werden.</p><p>Die Treppe wand sich in endlosen Spiralen hinab. Und in Spiralen gingen Ollowains Gedanken, kreisten darum, wie es den Trollen gegl�ckt war, so schnell durchzubrechen und wie er zumindest einen Teil Phylangans retten k�nnte.</p><p>Sich diesen grobschl�chtigen H�nen in den engen Tunneln zum Kampf zu stellen, war selbstm�rderisch. Sie hatten alle Vorteile auf ihrer Seite. Mit seiner K�rpermasse w�rde schon ein einzelner Troll gen�gen, um einen der kleineren Tunnel zu blockieren. Und ein Elf h�tte auf dem beengten Kampffeld kaum M�glichkeiten, den wuchtigen Keulenhieben auszuweichen.</p><p>Am Treppenabsatz zur dritten Kasematte stie� Silwyna zu ihnen. Einige Bogensch�tzen begleiteten die Maurawani.</p><p>�Wie sieht es aus?�, wollte Ollowain wissen.</p><p>Sie lachte bitter. �Wie ist das Wetter drau�en? Ist es ein guter Tag zum Sterben?�</p><p>�Wo sind die Trolle?�, fragte der Schwertmeister ruhig, aber eindringlich.</p><p>�Sie haben die zweite Kasematte �berrannt. Wir sind ihnen gerade noch entkommen. Dann sind sie wieder hinunter. Ich glaube, sie st�rmen jetzt den Schneehafen.�</p><p>Ollowain blickte die Treppe hinauf und sah Lysilla. Er winkte ihr. �Du kommst mit mir.� Sein Plan stand fest. Sie w�rden zun�chst nur zu zweit angreifen. Mehr K�mpfer h�tten auf der Treppe ohnehin keinen Platz nebeneinander. Er w�nschte, Yilvina w�re jetzt hier. Bei ihr w�sste er ganz sicher, dass er sich auf ihr Geschick verlassen konnte.</p><p>Alfadas sah ihn erwartungsvoll an. Den Menschensohn mitzunehmen hie�e, sein Leben fortwerfen. Aber er musste eine Aufgabe bekommen. Er durfte seine Verb�ndeten jetzt nicht br�skieren.</p><p>�Du deckst mit deinen M�nnern unseren R�cken, Alfadas. Sorge daf�r, dass alle T�ren hinter uns verschlossen sind!�</p><p>Der Menschensohn nickte.</p><p>Ollowain zog sein Schwert. In zahlreichen Schlachten hatte ihm die Waffe treu gedient. Noch nie war ein Kampf so verzweifelt gewesen.</p><p>Die wei�haarige Elfe trat an seine Seite. Ihre blutroten Augen funkelten sp�ttisch. �W�re es sehr unverfroren, dich f�r heute Abend auf einen guten Apfelwein einzuladen?�</p><p>Ollowain l�chelte. �Nur wenn du darauf spekulierst, dass ich nicht komme und du den Wein im Gedenken an mich allein trinken kannst.� Leichten Schrittes eilte der Schwertmeister die Treppe hinab. Der erste Troll, dem sie begegneten, war v�llig �berrascht, sie zu sehen. Ollowain sprang ihn mit den F��en voran an. Seine Klinge schnellte vor und durchtrennte dem Krieger die Kehle. Er schlug einen Salto �ber den st�rzenden Troll hinweg und landete ein wenig unsicher auf der Treppe.</p><p>�Der N�chste geh�rt mir!�, sagte Lysilla kalt l�chelnd und �berholte ihn.</p><p>Der Schwertmeister lie� sie gew�hren. Er sammelte sich, atmete tief und regelm��ig. Diesmal war er vorbereitet auf den Kampf. Nicht so wie damals in Vahan Calyd, als er im Park bei den Springbrunnen gefochten hatte.</p><p>Sie fanden beide Kasematten von Trollen verlassen. Tiefer im Berg h�rten sie Schreie und Kampfl�rm. Ollowain f�hrte sie durch einen kurzen Gang, der nach Norden abbog. Und dann standen sie unvermittelt im Durchgang zur Torwindenkammer.</p><p>Die Bezeichnung Kammer war allenfalls angemessen, wenn man an die Weite der Himmelshalle dachte. Die Torwindenkammer war eine gro�e Halle mit gew�lbter Decke. Die ihnen gegen�berliegende Wand wurde ganz von schweren goldenen Kettenz�gen mit armdicken Gliedern eingenommen. Eine Reihe gro�er Bannsteine an der Decke tauchte die Halle in fahles blaues Licht. Auch hier hingen in weiten B�gen goldene Ketten.</p><p>�berall lagen Tote auf dem Boden. Offenbar waren die Verteidiger v�llig �berrascht worden. Kein einziger Troll fand sich zwischen den Leichen.</p><p>Etliche der grauh�utigen H�nen standen im Halbkreis vor einem Portal am �stlichen Ende der Halle. Gr�lend und scherzend trieben sie ein t�dliches Spiel mit den K�mpfern, die verzweifelt versuchten auszubrechen.</p><p>Ollowain nahm alles mit einem einzigen Blick in sich auf. Er konnte sein Gl�ck kaum fassen. Der Platz war wie geschaffen, um auf seine Weise zu k�mpfen. Allerdings gab es noch zwei weitere Tore. Eines, hinter dem ein Weg hinab zum Schneehafen f�hrte, und ein zweites, von dem sich ein Tunnel tief ins Herz des Berges erstreckte. Wenn die Trolle von dort noch weitere Verst�rkungen erhielten, dann w�rde ihr Kampf gegen die H�nen vollends hoffnungslos.</p><p>Lysilla hatte Ollowain am Eingang zur Torwindenkammer erwartet.</p><p>�Bestehst du noch immer darauf, den n�chsten Angriff zu f�hren?�, fragte er sie. Vor dem Portal zu den �u�eren Verteidigungswerken standen mehr als zwanzig Trolle.</p><p>�Ich habe nur darauf gewartet, dass du mich einholst, um mir zuzusehen, alter Mann.� Mit katzenhafter Anmut eilte sie durch die Halle. Ollowain glaubte schon, sie wolle den ersten Gegner ohne Warnung einfach niederstechen, als sie eine �berraschend vulg�re Beleidigung rief, und das in der Sprache der Trolle.</p><p>Der Schwertmeister beeilte sich, an ihre Seite zu gelangen. Nach ihren leichten Siegen sch�tzten die Trolle zwei Elfen offensichtlich nicht als ernst zu nehmende Bedrohung ein. Nur drei Krieger l�sten sich aus der Gruppe am Tor.</p><p>Der Erste starb mit durchschnittener Kehle, noch bevor er seinen Kriegshammer heben konnte. Dem Zweiten wollte Lysilla das Knie zerschmettern, doch ihr Hieb verfehlte sein Ziel und hinterlie� nur eine blutige Furche auf dem Schienbein, ohne den Troll aufzuhalten. Die Elfe duckte sich unter einem Schlag hinweg, dann war Ollowain an ihrer Seite. Ein Stich traf den vorgebeugten Angreifer in die Magengrube.</p><p>Mit einer leichten Drehung befreite der Schwertmeister seine Klinge und sprang mitten zwischen die Krieger, die das Portal blockierten. Zu dicht gedr�ngt, um ihre Waffen einsetzen zu k�nnen, waren sie Ollowains Angriffen fast wehrlos ausgeliefert.</p><p>Nun fassten auch die K�mpfer jenseits der Pforte neuen Mut und wagten einen weiteren, ungest�men Ausfall. Die Verteidigungslinie der Trolle zerbrach.</p><p>Wie in Ekstase gab sich Ollowain dem Klingentanz hin. Er sprang, stach zu, brachte sich mit einem Salto in Sicherheit und griff schon im n�chsten Augenblick wieder an. Einmal sprang er zur Decke empor und lief geduckt �ber schwere Kettenglieder, um einen fliehenden Troll einzuholen, der hinab zum Schneehafen wollte, um Verst�rkung zu holen.</p><p>Als auch noch die Verteidiger der Kasematten in die Halle st�rmten, war das Schicksal der Trolle endg�ltig besiegelt. Ollowain lie� das Tor hinab zum Schneehafen schlie�en und befahl, alle Truppen aus den n�rdlichen Vorwerken abzuziehen. Er �berzeugte sich selbst davon, dass s�mtliche Posten aufgegeben wurden. Als er jedoch durch die Schie�scharten der Katapultstellungen hinabblickte, sah er, dass eine H�lfte des Hafentors offen stand. Die gro�en Rammb�cke brannten noch immer, waren aber ein St�ck den Pass hinabgezerrt, sodass sie das Tor nicht blockierten.</p><p>Tausende Trolle st�rmten in den Berg, und es gab keine Hoffnung mehr, noch zur zweiten Torwindenkammer durchzubrechen.</p><p>Ersch�pft befahl Ollowain den R�ckzug bis hinter die Himmelshalle. Die Trolle hatten es geschafft, schon am ersten Tag die m�chtigsten Bollwerke der Festung zu �berwinden und mehr als die H�lfte der Verteidiger zu t�ten oder einzukesseln. Phylangan schien verloren, kaum dass der Kampf begonnen hatte.</p></section><section><title><p>Der Herzog der Nachtzinne</p></title><p>Skanga stieg �ber einen Kobold hinweg, der noch im Tod mit beiden H�nden ein l�cherlich kleines Schwert umklammerte. Es roch angenehm nach gebratenem Fleisch in der gro�en H�hle hinter dem goldenen Tor. Mit Schaudern betrachtete sie die vert�uten Eisschiffe. Sie erkannte die beiden Segler, die so blutige Ernte unter den Trollen gehalten hatten. Zornig blickte sie zur�ck durch das Tor. Hunderte verkohlter Leiber lagen dort auf dem Eis. Seit ihr Augenlicht sie vor vielen Jahrhunderten verlassen hatte, nahm sie den Tod viel deutlicher wahr. Sie sah jetzt die Lebenslichter der Sterbenden verblassen. Manchmal mochten die Lebenslichter die Toten nicht sofort verlassen. Doch nie leuchteten sie l�nger als bis zur n�chsten D�mmerung.</p><p>Diese Halle und der ganze Pass waren voller verblassender Lichter. Ihr Volk hatte einen f�rchterlichen Preis f�r den Sturm auf das goldene Tor bezahlt. Jetzt begriff Skanga, warum die Elfen ihnen nicht ein weiteres Mal mit ihren Eisschiffen zugesetzt hatten. Emerelles Brut hatte darauf vertraut, dass diese Festung unbesiegbar war und so gut wie ohne eigene Verluste verteidigt werden konnte.</p><p>Die Schamanin l�chelte stolz. So viele auch heute gek�mpft hatten, letzten Endes war es ein einziger Troll gewesen, der den Unterschied gemacht hatte. Sie hatte ihn bereits bemerkt, wusste, dass er �berlebt hatte.</p><p>Hinter sich h�rte sie Branbarts Stimme, der �berschw�nglich seine Krieger lobte. Der K�nig hatte sich auf einem Fass niedergelassen. Als er Skanga sah, rief er sie. Er war von den �blichen Trotteln und Speichelleckern umgeben. Wenn Branbart eines Tages darauf verzichten w�rde, nur solche K�mpfer um sich zu versammeln, die d�mmer waren als er, w�rde er vielleicht ein gro�er K�nig werden.</p><p>Neben dem Fass, das Branbart zum Thron gemacht hatte, lag ein Haufen mit abgetrennten Elfenk�pfen. Noch immer brachten Krieger neue K�pfe. Manche hatten gleich mehrere an ihren langen Haaren zusammengebunden. Branbart fand f�r jeden seiner K�mpfer lobende Worte.</p><p>�Was soll dieser Unsinn?�, fragte Skanga.</p><p>�Wir messen den Sieg�, antwortete Dumgar an Stelle des K�nigs. �Es hei�t, dass es nur drei- oder viertausend Normirga gibt. Hier liegen schon mehr als zweihundert von ihnen. Und das sind nicht einmal alle! Manche Elfen vergehen, bevor man ihnen die K�pfe abschneiden kann. Emerelles Volk wird verl�schen! Dieser Sch�delhaufen ist wie ein Stundenglas.� Dumgar grinste stolz �ber diesen Vergleich. Skanga bezweifelte, dass der Herzog vom Mordstein ihn sich selbst ausgedacht hatte. Sie wandte sich an den K�nig.</p><p>�Ich muss mit dir reden. Allein!�</p><p>Branbart zog die Nase hoch und spuckte gr�nen Auswurf auf den Sch�delhaufen. Dann entlie� er die Schw�tzer, die ihn umringten, mit einem fl�chtigen Wink.</p><p>�Was willst du, Skanga?� Seine gute Laune war un�berh�rbar verflogen.</p><p>�Du wei�t, wer er ist?�</p><p>�Das war mir schon in Reilimee klar, als er mit diesem seltsamen Vorschlag kam, die Hafenmauern zu erst�rmen. Das ist nicht die Art, wie Trolle k�mpfen. Br�cken in Masten, gro�e Holzw�nde, die man zwischen die Rahen h�ngt... Wir haben die Elfen immer mit der Kraft unserer Arme besiegt.�</p><p>Skanga seufzte. Branbart m�sste es eigentlich besser wissen. Einer war auch fr�her schon ungew�hnliche Wege gegangen.</p><p>�Dir ist klar, dass es sich nach dem heutigen Tag nicht l�nger verheimlichen l�sst, wer er ist. Es werden Geschichten aufkommen. Man wird sich erinnern ... An fr�here Siege ... An Schlachten, die Legende sind ...�</p><p>�Ich wei�!� Branbart schlug sich mit der flachen Hand vor die entstellte Stirn. �Mein Kopf mag aussehen wie ein Fleischball, aber denken kann ich noch! Ich werde ihm sein verfluchtes Herzogtum geben!�</p><p>�Warum hast du solche Angst vor ihm?�</p><p>�Wei�t du das nicht? Du bist doch sonst immer so klug, Skanga. Ich denke weiter. Was wird aus Orgrim, wenn er Herzog ist? Danach gibt es nichts mehr zu erreichen. Es sei denn, er w�rde K�nig.�</p><p>Die Schamanin seufzte. Was f�r ein Narr Branbart doch war! Vielleicht w�re es besser, wenn er den Schlachtentod starb.</p><p>�Du kennst unsere Gesetze. So wie Orgrim zum Herzog der Nachtzinne geboren war, so wirst du immer wieder zum K�nig geboren sein. Selbst wenn Orgrim dich ermordet, w�rde seine Herrschaft niemals von Dauer sein. Und den K�nigstitel d�rfte er nicht f�hren. Er kann nichts gegen dich tun. Und das wei� er auch.�</p><p>Branbart wirkte jetzt sehr m�de. �Sieh dir an, wie er Schlachten gewinnt. Er ist so anders. Vielleicht wird er eines Tages einen Weg finden, wie er mich in die Dunkelheit schickt. Er ist der einzige Troll, dem ich das zutraue.� Branbart sah die Schamanin fest an. �Der Einzige au�er dir vielleicht noch! In letzter Zeit hatte ich den Eindruck, dass deine Aufmerksamkeit eher Orgrim galt als mir, deinem K�nig.�</p><p>�Und warum wird das wohl so gewesen sein?�, fragte Skanga scharf. �Du brauchtest Orgrim, um heute siegen zu k�nnen. Ich musste ihn vor deinen Narrheiten sch�tzen, denn sein Tod h�tte bedeutet, dass du hier vor den Mauern des K�nigssteins gescheitert w�rst. Jetzt brauchst du ihn nicht mehr. Mach ihn zum Herzog, schick ihn zur Nachtzinne. Gib ihm eine unbedeutende Aufgabe. Er wird f�r lange Zeit zufrieden sein und seine Kr�fte an den Weibchen absto�en, die er nun haben kann.� Skanga war sich bewusst, dass sie Orgrims Verhalten niemals w�rde vorhersagen k�nnen. Er war zu sprunghaft, um sagen zu k�nnen, was ihn im n�chsten Mond besch�ftigen w�rde. Sie m�sste ihn weiterhin beobachten. Aber Branbart sollte sich in Sicherheit f�hlen.</p><p>�Seit wann wei�t du, dass er der wiedergeborene Herzog ist?�, fragte der K�nig unvermittelt.</p><p>�Seit ich ihn das erste Mal ber�hrte. Du wei�t, mir bleibt es niemals verborgen, wenn eine alte Seele sich erneut in Fleisch kleidet.� Skanga blieb mit ihrer Antwort bewusst vage. Branbart sollte nicht ahnen, dass sie erst in Vahan Calyd Gewissheit gefunden hatte.</p><p>�Spricht etwas dagegen, wenn ich mir unseren gro�en Feldherrn vom Hals schaffe?�</p><p>Skanga richtete ihre blinden Augen auf den Herrscher. Sie sah die brennende Eifersucht in ihm gl�hen. Er w�rde alles daf�r geben, so zu sein wie Orgrim. Aber er wusste, dass er ihm niemals gleichen w�rde. Und nach dem Sieg heute konnte er es nicht mehr wagen, den Herzog einfach umzubringen. �Was hast du vor?�</p><p>�Die Krieger lieben es, wenn man nach blutigen Schlachten gro�e Reden schwingt.� Branbart erhob sich von dem Fass und trat in die weite H�hle hinaus.</p><p>Skanga folgte dem K�nig. Branbart war nicht der Hellste, aber er hatte ein Gesp�r f�r die Macht. Sie war neugierig, wie er sich Orgrim gegen�ber verhalten w�rde.</p><p>Sie fanden den Rudelf�hrer beim goldenen Tor. Mit verschr�nkten Armen blickte er den leichenbedeckten Pass hinab. Er wirkte angespannt und ver�rgert.</p><p>�Tritt vor deinen K�nig, Orgrim!�, rief Branbart mit lauter Stimme. Alle sahen zu ihm auf. Die Leichenfledderer hielten bei ihrer Arbeit inne. Krieger, die Verwundete in die Sicherheit der H�hlen brachten, blieben stehen. Sogar ein Trupp gefangener Kobolde blickte �ngstlich auf.</p><p>�Hast du geglaubt, du k�nntest vor deinem K�nig verheimlichen, was du tief in deinem Inneren tr�gst?� Skanga sah, wie Orgrim sich spannte. Nach diesem Sieg w�rde er keinen Tadel durch Branbart mehr dulden. �Komm her zu mir, und dann knie nieder vor Skanga. Sie soll nach deiner Seele greifen. Alle sollen h�ren, was sie in dir sieht!� Branbart zog die Nase hoch und spuckte aus.</p><p>Die Schamanin l�chelte in sich hinein. Der K�nig machte seine Sache gut. Atemlose Spannung lag �ber der Halle. Orgrim wirkte pl�tzlich besorgt. Aber er f�gte sich dem Befehl seines Herrschers. Gehorsam ging er vor Skanga auf die Knie. Sie legte ihm die H�nde auf die Stirn. Ja, es war deutlich zu sp�ren, wessen Seele sich in diesem K�rper regte.</p><p>�Ist es so, wie ich vermute?�</p><p>Alle in der Halle hielten den Atem an. Skanga beschloss, sich auf das Spiel des K�nigs einzulassen. Nach dem Gemetzel vor dem Tor konnte Branbart diesen pathetischen Augenblick gut gebrauchen, um sein Ansehen im Heer wiederherzustellen. �Ja, mein Gebieter, du hast Recht. Diese Seele begehrt dagegen auf, dein Krieger zu sein.�</p><p>Orgrim sah sie erschrocken an. Sie wusste genau, dass sie mit ihren Worten seine geheimsten Gedanken blo�gelegt hatte.</p><p>�Deine Taten haben dich verraten, Orgrim!�, rief der K�nig mit Donnerstimme.</p><p>Skanga sp�rte, dass der junge Rudelf�hrer sich nicht kampflos seinem Schicksal ergeben w�rde. Branbart sollte es lieber nicht zu weit treiben!</p><p>�Erhebe dich, Orgrim. Du bist erkannt!� Der K�nig trat dem verbl�fften Rudelf�hrer mit offenen Armen entgegen. �Sei willkommen an meiner Seite, Herzog der Nachtzinne. Es ist gut, dich endlich wieder gefunden zu haben.�</p><p>Jubel erhob sich in der Halle. Der Herzog der Nachtzinne war der ber�hmteste unter den Feldherren der vergangenen Tage. Ein Held zahlreicher Legenden, auch wenn �ber ihm ein Schatten lag. Es hie�, ein Elfenkrieger verfolge ihn in unerbittlichem Hass. In seiner letzten Inkarnation war der Herzog in seinem Gemach inmitten seiner Festung ermordet worden. Aber das mochten auch Intrigen gewesen sein � hie� es ... �Beim Festmahl heute Nacht sollst du an meiner Seite sitzen�, erkl�rte Branbart jovial. Er hatte Orgrim einen Arm um die Schultern geschlungen, so als seien sie immer schon die besten Freunde gewesen. �Ich habe gro�e Pl�ne mit dir, mein Feldherr.� Branbart hatte wieder die Stimme erhoben, sodass man ihn gut h�ren konnte. �Nun, da der K�nigsstein fast gewonnen ist, werden wir Rache �ben an allen, die unseren Todfeinden geholfen haben! Du sollst zu den Menschlingen gehen, Orgrim. Morgen schon wird Skanga dich zur Nachtzinne bringen. Und dann wirst du ins Fjordland ziehen und jede H�tte der Menschen verbrennen, die dir unter die Augen kommt. Sie sollen lernen, was es hei�t, uns Trolle herauszufordern!�</p><p>Branbarts Ank�ndigung eines neuen Feldzugs wurde mit allgemeinem Jubel aufgenommen. Orgrim wirkte unendlich erleichtert und zugleich ein wenig fassungslos. �Darf ich heute Nacht noch meine Truppen zusammenstellen?�</p><p>�Sicher, Herzog. Sicher!� Branbart klopfte ihm auf die Schulter. �Nach dem Fest wird Zeit genug sein. Du sollst deine zwanzig besten Krieger mit dir nehmen. Unter den Leibw�chtern der Weibchen in der Felsenburg wirst du leicht noch weitere K�mpfer finden, die froh sind, mit dir in die Schlacht zu ziehen. Dann gehst du �ber die Berge und wirst von Norden her im Fjordland einfallen. Meinen guten Freund Dumgar schicke ich mit f�nfhundert Kriegern von S�den. Er wird die K�nigsstadt verbrennen und den Fjord hinaufmarschieren, um sich mit deinen Truppen zu vereinigen. Sei ihm ein guter Berater. Er ist manchmal etwas unbedarft.� Orgrim sah Branbart fassungslos an. �Ich bekomme zwanzig Krieger? Und ich f�hre nicht das Kommando, sondern soll Dumgar beraten?�</p><p>Der K�nig nickte l�chelnd. �Ja, so soll es sein. Ohne einen f�higen Kopf wie dich an seiner Seite w�re Dumgar sicher rettungslos verloren. Du bist mein bester Feldherr. Ich vertraue darauf, dass eure gemeinsamen Siege genauso strahlend sein werden wie der heutige Tag.�</p><p>Skanga zog sich zur�ck. Branbart hatte sie verbl�fft. Er hatte sich dem Unvermeidlichen gef�gt. Orgrim war an seinem Ziel. Endlich war er Herzog. Und zugleich war er auf eine Weise gestraft, dass es ihn wohl kaum schlimmer h�tte treffen k�nnen. Sollte Dumgar Erfolg haben, dann w�rde der Herzog vom Mordstein allein allen Ruhm ernten. Wurde er aber besiegt, dann w�rde Branbart Orgrim daf�r verantwortlich machen. Skanga ging den Eisschiffen entgegen. Dort irgendwo w�rde sie sich einen ruhigen Platz suchen und schlafen.</p><p>Schwer st�tzte sie sich auf ihren Stab. Nach einem Sieg sp�rte sie die Last der Jahrhunderte stets besonders deutlich. Es war lange her, dass sie gut gelaunt zu Siegesfeiern gegangen war. Sie zog sich stattdessen zur�ck. Sollten diese Welpen ruhig feiern, die nicht wussten, was es hie�, dem Atem der Zeit standzuhalten. Die es nie wissen w�rden ...</p><p>Die Schamanin stutzte. Sie sp�rte den Boden unter ihren F��en erzittern. Ganz leicht nur. Da war etwas, tief im Berg.</p><p>Shahondin hatte dorthin keinen Weg finden k�nnen. Die Normirga waren ber�hmt f�r ihre Zauberer. Aber nicht ein Zauberweber hatte in der Schlacht gek�mpft, dachte Skanga beunruhigt. Wo steckten sie? Was geschah tief im Innern des Berges? Sie straffte sich. Diese Schlacht war noch nicht gewonnen. Vielleicht wollten die Elfen, dass sie in den Berg kamen?</p><p>Wieder sp�rte sie das leichte Beben. Sie musste herausfinden, was dort in der Tiefe geschah!</p><subtitle>Von vergessenen Helden</subtitle><cite><p>... �Gebaut f�r Jahrhunderte, verloren in Tagen.� So sprechen heute viele von Phylangan. Doch es sind meist stolze, noch junge Krieger, die nicht dort waren in jenen Tagen des Untergangs. Sie ahnen nichts vom einsamen Mut jener, die sich mit all ihrer Kraft gegen das Unabwendbare stemmten.</p><p>Unvergessen bleibt Ollowain, der W�chter der Shalyn Falah. Er war stets dort, wo man das Lied der Klingen sang. Seine k�hlen Scherze gaben jenen Kraft, die scheinbar endlos Wacht hielten. Doch wie viele andere gab es, deren Namen heute niemand mehr im Munde f�hrt! Da war Gondoran, jener Holde, der Herr der Wasser aus dem fernen Vahan Calyd, ein Freund des F�rsten Orimedes, der einen einsamen Kampf in der Dunkelheit focht und selbst dann noch unerkannt blieb, als er dem Steinernen Garten einen letzten Sieg schenkte.</p><p>Vergessen jener Menschensohn von edlem Gebl�t und �bler Zunge, der mit seinen M�nnern Tunnel einriss und G�nge mit Steinen verf�llte, um den Trollen den Weg zum Himmelshafen zu verwehren. Selbst wenn sie vor M�digkeit kaum noch die Hacken heben konnten, z�gerte keiner der Menschens�hne, in die Schlacht zu ziehen, wenn der �berm�chtige Feind auf ein Neues durchgebrochen war. Nie wird man erfahren, woher sie diesen Mut nahmen, bestand doch der Lohn, den sie zu erwarten hatten, aus den Narben, die sie auf ihren sterblichen Leibern trugen.</p><p>Vier gro�e goldene Tore gab es in dem weiten Tunnel, der jenseits der Himmelshalle zum verbliebenen Hafen f�hrte. Man hatte ihn so gebaut, dass mit umgelegten Masten selbst die gr��ten Eissegler quer durch den Berg von einem Hafen zum anderen gelangen konnten. Nach jenen Toren hei�en heute die letzten Schlachten, die in Phylangan geschlagen wurden. Es waren das Tor der G�rten, das zur Himmelshalle f�hrte, das Lilientor bei der Nekropole, in der jene, die den Weg ins Mondlicht verfehlt hatten, in Eis eingeschlossen ruhten, das Alte Tor, nahe dem F�rstenpalast Landorans, und das Himmelstor, das letzte Bollwerk vor dem verbliebenen Hafen. Einen Tag brauchten die Trolle f�r jedes der Tore, um es mit Rammb�cken und �xten zu zerst�ren. Und wenn ihnen das gelang, erwartete sie ein Weg, auf dem sie f�r jeden Schritt mit Blut bezahlten.</p><p>Verzweifelt k�mpften die Verteidiger von rasch errichteten Barrikaden aus oder schl�pften durch enge Tunnel, um durch verborgene Ausfallpforten �berraschend in den Flanken der Angreifer aufzutauchen. Sie lie�en brennende Eisseglerr�mpfe den absch�ssigen Tunnel hinabgleiten und trieben den Trollen mit manngro�en Blaseb�lgen, die man aus den Essen der Schmiedehallen geholt hatte, Flammen und Rauch entgegen. Zweiundzwanzig Tage k�mpften jene, denen man h�chstens eine Woche gegeben hatte. Dann zerschmetterten die Trolle das Himmelstor.</p><p>Eine Reiterattacke, gef�hrt von Orimedes und seinen Kentauren, warf die �berraschten Feinde noch einmal zur�ck Doch jeder wusste, dass nun die Zeit gekommen war, den Steinernen Garten zu verlassen. Und die �berlebenden losten aus, wer zur�ckbleiben sollte, um den Fl�chtenden noch ein paar Stunden zu erkaufen.</p><p>Ein wei�er Stein bedeutete einen Platz auf den letzten Eisseglern, die die Festung verlie�en. Ein schwarzer Stein verhie� den Tod....</p><text-author>Aus: Der Blick des Falken, s.912,</text-author><text-author>Die Lebenserinnerungen</text-author><text-author>von Fenryl, Graf von Rosenberg</text-author></cite></section><section><title><p>Gold und Steine</p></title><p>�Lass dich von meiner Nase nicht t�uschen, Dalla.� Lambi klopfte sich auf den Hosenlatz. �Hier unten ist noch alles in Ordnung.�</p><p>Die Hure des K�nigs verknotete den Verband an seinem Kopf. Dann sah sie ihn mit ihren gr�nen Augen an. Lambi war rothaarigen Frauen gegen�ber immer voreingenommen gewesen. Sie brachten nichts als �rger, hie� es.</p><p>Er dachte an den Stein, den er in der Hosentasche trug. Egal was f�r �rger er sich einhandelte, er w�rde nicht lange dauern. Er grinste.</p><p>�Na, wie w�re es mit uns beiden? Bis zum Abmarsch bleibt gerade noch genug Zeit.�</p><p>Dalla legte ihm die Hand auf die Brust, dort, wo sein Herz war. �Ich wei�, dass hier bei dir alles in Ordnung ist, Lambi. Das ist das Einzige, was mich an M�nnern interessiert.�</p><p>Der Jarl konnte sein Gl�ck kaum fassen. �Dann wollen wir also? Ich kenne da einen Ort, ganz in der N�he, der ist ...�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich muss nach den Verwundeten sehen, das wei�t du.�</p><p>�Gerade hast du mein Herz verwundet. Das wird mich umbringen, wenn du dich nicht sofort darum k�mmerst!�</p><p>Dalla lachte. Dann stand sie auf. �M�ge Luth dir einen langen Faden spinnen.�</p><p>�Mit Rothaarigen hab ich nie Gl�ck�, murmelte Lambi gerade laut genug, dass sie es noch h�ren konnte. �Die laufen mir immer davon.�</p><p>Die Heilerin sch�ttelte den Kopf, dass ihr die roten Locken nur so um die Schultern tanzten. �Vielleicht fragst du einfach nur zur falschen Zeit.� Sie schenkte ihm ein hinrei�endes L�cheln, dann war sie hinaus zum weiten Hafentor und stieg auf einen der Eissegler, auf dem man die Verletzten untergebracht hatte.</p><p>Lambis Hand spielte mit dem Stein in seiner Hosentasche. Die richtige Zeit zum Fragen w�rde er nicht mehr finden. �War ohnehin nur eine Rothaarige�, murrte er. �H�tt es mit �ner Blonden versuchen sollen.� Er ging hin�ber zu dem Schlitten mit der roten Plane. Es war der Letzte, den sie am Morgen beladen hatten. Ragnar, einer seiner Krieger, sa� auf dem Kutschbock. Er war ein bulliger Kerl mit kurzem wei�blondem Haar. Eigentlich war er Holzf�ller, aber solange Lambi zur�ckdenken konnte, hatte Ragnar nie eine Gelegenheit ausgelassen, sich zu pr�geln. Sein vernarbtes Gesicht und die breite, mehrfach gebrochene Nase erz�hlten mehr als alle Geschichten.</p><p>�Komm mir nicht auf die Idee durchzubrennen, du alter Hurenbock. Mit dem, was auf der Kutsche liegt, k�nntest du dir alle Freudenh�user in Gonthabu kaufen und lebensl�nglich kostenlos v�geln.�</p><p>Der Kutscher l�chelte verschw�rerisch. �Daf�r haben wir dich zum Jarl gew�hlt, Lambi. Du hast immer die besten Einf�lle. Darauf war ich noch gar nicht gekommen.�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Lambi Alfadas in Richtung des Schlittens eilen. Der hatte ihm hier gerade noch gefehlt! So sehr er Alfadas sch�tzte, es gab Dinge, die w�rde der Elfenjarl niemals verstehen, und von denen musste er auch gar nichts wissen.</p><p>�Fahr ab, Ragnar!�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Fahr, verdammt, wenn dein Jarl es dir befiehlt!�</p><p>Alfadas winkte ihnen mit den Armen.</p><p>�Jetzt fahr�, zischte Lambi und winkte l�chelnd zur�ck.</p><p>�Er will doch, dass ich bleibe�, wandte Ragnar ein.</p><p>�Und ich will, dass du f�hrst, einf�ltiges Riesenkalb!�</p><p>Ragnar legte die Z�gel nieder. �Der Herzog hat mir zwei Mal das Leben gerettet. Wenn er etwas von mir will, kannst du mir mit deinen Befehlen den Buckel runterrutschen!� Es war zu sp�t. Alfadas trat neben den Schlitten. Lambi konnte ihm ansehen, dass er es wusste.</p><p>Der Herzog zog die Zeltplane zur Seite und strich �ber das Gold, so als m�sse er es ber�hren, um zu glauben, was er sah.</p><p>�Es stimmt also wirklich�, sagte er leise. Als er wieder aufsah, lag ma�lose Entt�uschung in seinem Blick.</p><p>Lambi w�nschte sich, dass Alfadas losschreien w�rde oder besser noch ihm einen Schlag ins Gesicht verpasste. So etwas war er gewohnt. Aber dieser Blick ... Das konnte er nicht ertragen! Besch�mt sah er fort. Dabei war er doch im Recht, dachte sich der Jarl w�tend. �Es ist eine von diesen verdammten T�ren�, sagte er schlie�lich. �Wer goldene T�ren hat, der muss sich eben nicht wundern, wenn ihm einmal eine abhanden kommt.�</p><p>�Sie sind unsere Verb�ndeten. Unsere Gastgeber ...�</p><p>�Ja, und wir sind G�ste, die so freundlich sind, f�r unsere Gastgeber die Sch�del hinzuhalten. Was haben wir davon? Fast die H�lfte der M�nner, die mit dir nach Albenmark gekommen sind, ist tot. Und trotzdem verg�ttern sie dich! Alfadas, der mit uns im Dreck liegt. Alfadas, der uns heraushaut, wenn wir in der Schei�e sitzen. Alfadas hier, Alfadas da! Ich kann es nicht mehr h�ren!�</p><p>�Und deshalb hast du den Normirga ein paar ihrer T�ren gestohlen? Was willst du mir sagen?�, entgegnete der Herzog scharf.</p><p>�Was ich dir zu sagen habe, ist nicht f�r Ragnars Ohren bestimmt. Komm!� Er zog Alfadas mit sich zu einem leeren Hafendock. Seit Wochen �rgerte er sich, und es war h�chste Zeit, sich Luft zu machen. �Du blendest sie mit deinem Ruhm, aber in Wirklichkeit k�mmern sie dich einen feuchten Kehricht! Sie sind begeistert von dir, Elfenjarl, Herzog, Gast an den Tafeln von K�nigen. Du liegst mit ihnen zusammen hier im Schmutz. Du riskierst deine Haut f�r sie. Und weil ein so feiner Herr das alles f�r sie tut, f�hlen sie sich bedeutender. Und dann dichtet dein Skalde noch die h�bschen Lieder, wo sie alle Helden sind. Aber in Wirklichkeit sind sie dir egal!�</p><p>�Du bist besoffen, Lambi! Du wei�t, dass ich alles f�r meine M�nner tue!�</p><p>Er lachte w�tend. �Nat�rlich! Und ich wei� auch, was du nicht tust. Du denkst nie daran, wie es f�r sie sein wird, wenn sie zur�ckkehren. Glaubst du, von Heldengeschichten bekommt man einen vollen Bauch? Im Fjordland werden sie schon nach ein paar Monden wieder derselbe Dreck sein, der sie waren, als man sie in dein Heer gesteckt hat. Was tust du dagegen, Herzog?�</p><p>Alfadas sah ihn betroffen an. Jetzt war er es, der dem Blick des anderen auswich.</p><p>�Du denkst gar nicht an R�ckkehr, nicht wahr? Du hast beschlossen, hier zu verrecken. Und das ist deine Angelegenheit. Aber gestatte deinen M�nnern, dass sie dabei nicht mitmachen! Nenn mich einen Dieb, weil ich ein paar goldene T�ren aus entlegenen G�ngen hab mitgehen lassen. Wir haben sie nur dort aus den W�nden gebrochen, wo niemand k�mpfen wird. Und in ein paar Stunden geh�rt ohnehin der ganze Berg den Trollen, dann wird niemand mehr diese T�ren vermissen. Ich wei� nicht, wer dir verraten hat, was wir getan haben, w�hrend du an der Seite der Elfen gek�mpft hast und wir Steine brechen konnten. Aber alle haben es gewusst. Ich habe daf�r gesorgt, dass jeder, der ins Fjordland zur�ckkehrt, ein reicher Mann sein wird.�</p><p>Alfadas hob beschwichtigend die H�nde. �Es reicht. Ich habe verstanden, Jarl. Vielleicht suche ich wirklich den Tod ... Aber ich sollte euch nicht in meinen Untergang mit hineinziehen.� Er zog einen wei�en Kieselstein aus seiner Tasche. �Mein Losstein. Nimm ihn! Ich habe gesehen, was du f�r einen Stein gezogen hast. Du kannst gehen.�</p><p>Lambi schlug ihm den Stein aus der Hand. �Glaubst du, ich bin nicht gut genug, um hier mit den ganzen Helden, die sich freiwillig melden, zu verrecken? Wenn es ans Sterben geht, dann sind wir alle gleich, du ... du ... aufgeblasener ...�</p><p>Alfadas Fausthieb traf ihn v�llig �berraschend. Er h�tte niemals gedacht, dass dieser drahtige Mistkerl so hart zuschlagen konnte. Dem Hieb in die Magengrube folgte ein Kinnhaken.</p><p>�Sammle den Jarl ein, Ragnar.� Der Herzog sah traurig aus. Verdammter Bastard! Lambi sch�ttelte benommen den Kopf. Er konnte nicht fassen, dass zwei Schl�ge gen�gt hatten, ihn derartig zuzurichten. Das musste an der Kopfverletzung liegen! Er sp�rte, wie er hochgehoben wurde. Ragnar legte ihn auf den Schlitten und wickelte ihm eine Decke um die Schultern.</p><p>�Es tut mir Leid.� Alfadas war an seine Seite getreten und dr�ckte ihm den verdammten wei�en Kieselstein in die Hand.</p><p>�Du hast Recht, Lambi. Ich bin nicht mehr der richtige Anf�hrer f�r euch. Bis jetzt war es gut, einen Herzog zu haben, der seine M�nner in den Schlachten besch�tzt hat, wo immer es ging. Jetzt brauchen sie einen Mann, der sie gut zur�ck nach Hause bringt. Einen Mann wie dich.�</p><p>Lambi wollte aufstehen, sackte aber sofort wieder zusammen. Er f�hlte sich so �bel, als h�tte er eine ganze Nacht lang billigen Wein gesoffen. �Du kannst nicht ...�</p><p>Alfadas gab Ragnar ein Zeichen. �Fahr! Bring ihn zu Dalla, sie soll sich seinen Kopf einmal ansehen.� Mit einem Ruck setzte sich der Schlitten in Bewegung. Durch die Decken hindurch f�hlte Lambi das kalte Gold der gestohlenen T�r.</p><p>Alfadas stand mitten in der Hafenhalle. Er zog sein Schwert und gr��te ihn mit erhobener Klinge. �Lebe wohl, Herzog Lambi. M�ge Luth dir einen langen Faden spinnen!�</p><p>Ein helles Horn rief vom letzten Tor. Die Trolle kamen zur�ck. Alfadas drehte sich um und schloss sich der Schar der Verlorenen an.</p></section><section><title><p>Wenigstens Wasser</p></title><p>Gondoran schwitzte wie ein Schwein. Der Holde strich die W�nde des Tunnels glatt und fuhr sich mit fahriger Geste �ber die Stirn. Die schwere Krone schnitt ihm ins Fleisch.</p><p>Obwohl der Herr der Wasser dicke Filzstiefel trug, hatte er das Gef�hl, seine Fu�sohlen st�nden in Flammen. Er war viel zu nah! Die Luft war stickig hier unten, die kleine Laterne, die am Seil �ber ihm hing, spendete viel zu wenig Licht, und ein paar Fingerbreit unter ihm lauerte der Tod. Welchen besseren Platz h�tte er sich aussuchen k�nnen, um gegen die Trolle zu k�mpfen, dachte er grimmig. Jetzt w�rde er sogar lieber auf dem R�cken von Orimedes �ber die weiten Ebenen des Windlands galoppieren oder an einer der Sauforgien der Kentauren teilnehmen. Er hatte sich von Orimedes nicht einmal verabschieden k�nnen.</p><p>Der Holde b�ckte sich in dem engen Rohr nach vorn. Fast senkrecht stieg es �ber ihm in den Felsen. Seine Finger tasteten �ber den hei�en Boden. Eigentlich sollte der wei�e Schwammstein die Hitze besser abschirmen. Er musste seinem Ziel schon sehr nahe sein, dachte der Holde. Vorsicht war geboten! Der Holde �ffnete seinen Geist f�r die Kraft der Krone. Dann strich er ein wenig vom Schwammstein zur Seite. Der Boden bebte unter seinen Fingern. Irgendwo weit �ber ihm erklang ein knirschendes Ger�usch im Fels. Staub und kleine Steinsplitter rieselten zu ihm herab. Seit dem Morgen wurde der Berg alle paar Atemz�ge von sanften St��en ersch�ttert.</p><p>Er musste wahnsinnig sein, dachte Gondoran. Niemand kroch durch enge Wassertunnel mitten in einem Berg, wenn jeden Augenblick mit einem Erdsto� zu rechnen war. Aber er lebte ohnehin von geschenkter Zeit. Eigentlich h�tte er die Ber�hrung des Stacheltuchs nicht �berleben d�rfen. Er sollte bei seinen toten Kameraden in den Mangrovens�mpfen bei Vahan Calyd liegen. Ein F�rst sollte sein Volk nicht verlassen! Aber dort zu bleiben h�tte Verrat an seiner K�nigin bedeutet.</p><p>Gondoran war davon �berzeugt, dass er nur deshalb �berlebt hatte, weil er noch etwas Bedeutendes vollbringen sollte. Und als er die Font�nen von Wasserdampf aus den hohen Pfeilern in der Himmelshalle hatte steigen sehen, da war ihm klar geworden, wo seine Aufgabe lag. Mit der Waffe in der Hand w�re er nur von geringem Wert im Kampf gegen die Trolle gewesen. Er war ein schlechter Armbrustsch�tze, und �ber die Steine seiner Schleuder h�tten die Trolle nur gelacht. Daf�r verstand er etwas von Wasser in all seinen Formen.</p><p>�Beeil dich, Gondoran!� Die Stimme der jungen Elfe wurde in dem engen Wasserrohr vielfach gebrochen und klang hier unten schroff. Fahlyn hatte ihm geholfen, seit der Kriegsrat ihm gestattet hatte, sich um das Wassernetz im Berg zu k�mmern.</p><p>Es geh�rte einiger Mut dazu, durch die engen Tunnel zu kriechen, w�hrend der Berg erzitterte. Die junge Elfe war au�ergew�hnlich tapfer. Gondoran hatte nicht verstanden, was Ollowain gegen Fahlyn hatte. Er duldete sie nicht unter den Verteidigern, obwohl sie zur Leibwache seines Vaters geh�rte und gewiss eine gute Kriegerin war. Sie entstammte der uralten Sippe der Farangel.</p><p>Der Holde erinnerte sich an seine Kindheit. An die wunderbaren Tage, die er mit seinem Onkel verbracht hatte. Der Alte hatte oft stundenlang erz�hlt, w�hrend sie in einem Nachen durch die friedliche Finsternis der Zisternen von Vahan Calyd gestakt waren. Seine Geschichten hatten von den Normirga gehandelt und wie sie in der Zeit ihrer Flucht zusammen mit den Holden gelebt hatten. Als die Elfen aus dem hohen Norden gekommen waren, waren die Mangrovens�mpfe ein Ort gewesen, den au�er den Holden kein Volk der Albenkinder zu sch�tzen gewusst hatte. Erst die Normirga hatten dem dunklen K�stensumpf jene wunderbare Stadt abgerungen, in die dann alle achtundzwanzig Jahre Albenkinder aus allen Himmelsrichtungen pilgerten, um Zeuge zu werden, wie Emerelle, die Bedeutendste unter den Normirga, erneut zur K�nigin gew�hlt wurde.</p><p>Seit den Tagen, da der Grundstein von Vahan Calyd gelegt worden war, war die Sippe der Farangel mit den Holden eng verbunden. Sie hatte viele Baumeister der Kan�le und Zisternen hervorgebracht. Gondoran war stolz, dass er nach Jahrhunderten der erste Herr der Wasser war, der wieder mit den Farangel zusammenarbeitete. Ein Kreis schloss sich, dachte der Holde.</p><p>Gemeinsam hatten sie beide die Pl�ne der verborgenen Wasserwege studiert. Und beide wussten sie um das Geheimnis Landorans, um das, was tief unter ihren F��en im Berg geschah. Sie hatten einige der gro�en Hauptleitungen aus dem Wassernetz genutzt, um hei�en Dampf nach drau�en zu den Flanken des Berges abzuleiten. So hatten sie die Himmelshalle davor bewahrt, sich ganz mit kochendem Dampf zu f�llen. Und ihre Arbeit hatte den Zauberwebern in der Halle des Feuers Erleichterung verschafft, denn sie nahm ein wenig von dem Druck, der sich stetig im Felsen aufbaute.</p><p>Wieder fuhr sich Gondoran �ber die schwei�nasse Stirn. Er wusste, wie es oben um die Verteidiger stand. Manchmal konnte er ferne Echos des Kampfl�rms h�ren, obwohl er hier am Grund des Steigrohrs fast eine Meile vom Himmelshafen entfernt war. Gestern Abend und bis tief in die Nacht, w�hrend die Verteidiger noch ein verzweifeltes Gefecht weiter s�dlich ausgetragen hatten, hatte er den hellen Fels auf dem letzten St�ck des gro�en Tunnels bearbeitet. Er hatte den Stein weich werden lassen und dann seinen langen Stab hindurchgesto�en, bis zu dem gro�en Rohr, das sich dort verbarg. Schon Tage zuvor hatte er es vom Wassernetz isoliert und mit anderen R�hren verbunden, die hinab in die Tiefe f�hrten. Jetzt war die Stunde gekommen, in der er k�mpfen w�rde! Er hatte mehr als hundert Verbindungs�ffnungen zu dem Hauptrohr geschaffen. Der Fels bebte! Ein Schauer von Steinsplittern prasselte in das Fallrohr.</p><p>�Komm, Gondoran! Es ist Zeit�, rief Fahlyn weit �ber ihm. Ganz schwach h�rte er das Echo eines einzelnen Hornsignals.</p><p>Der Holde griff nach dem Sicherungsseil und ruckte daran, sodass sie glauben musste, dass er mit dem Aufstieg begann.</p><p>�Geh voraus zum Brunnenschacht! Ich werde gleich bei dir sein!�</p><p>Es tat ihm Leid, dass ihre Zusammenarbeit mit einer L�ge enden musste. Doch heute war der Tag, an dem das Stundenglas ablief. Die geborgte Zeit war verstrichen. Der Holde blies das Licht in der Laterne aus. Er war froh, dem Stacheltuch entronnen zu sein. Wenn man die Sache gro�z�gig betrachtete, war es wenigstens sein Element, das ihn t�tete. Das war angemessen f�r den Herrn der Wasser.</p><p>Er beugte sich vor. Die Kraft der Krone floss in seine H�nde. Der Schwammfelsen unter seinen F��en wurde weich. Er griff nach dem langen Stab, der neben ihm lehnte. Einige Herzschl�ge wartete er und lauschte. Dann h�rte er es! Ein dreifaches Hornsignal. So war es mit Ollowain verabredet.</p><p>Gondoran stie� den Stab durch das weiche Gestein. Kochender Wasserdampf schlug ihm entgegen.</p></section><section><title><p>Jenseits der Kindheit</p></title><p>Ollowain tastete �ber seine verwundete Wange. Blut rann ihm den Hals hinab. Er wurde m�de. Gestern noch h�tte ihn dieser Schlag nicht gestreift. Er dachte an den riesigen Troll mit seiner mit Obsidiansplittern besetzten Keule. Fast h�tte der Mistkerl ihm den Kopf von den Schultern gehauen! Er hatte sich gerade noch wegducken k�nnen.</p><p>Etwa zweihundert Schritt entfernt sammelten sich die Trolle im Schutz ihrer gro�en Holzschilde. Bei ihrem n�chsten Angriff w�rden sie endg�ltig siegen. Ollowains Blick schweifte �ber sein letztes Aufgebot. Da waren Alfadas, Mag und zwei weitere Menschen; ein Kobold, dessen Namen er nicht kannte, st�tzte sich m�de auf seine Armbrust. Neben ihm stand Silwyna. Sie hatte einen neuen Pfeil auf die Sehne gelegt und wartete, ob sich eine L�cke im Schildwall der Trolle zeigen w�rde. Auch ein Schwertk�mpfer aus Landorans Leibwache war noch �brig. Zu wenige! Es machte keinen Sinn, noch weiter zu k�mpfen.</p><p>Der Schwertmeister sah zu der langen Reihe kaum daumengro�er �ffnungen in der Wand des Tunnels. Jetzt war die Zeit gekommen, das Angebot des Holden anzunehmen. Gegen jede Wahrscheinlichkeit hatten sie zwei Angriffe der Trolle zur�ckgeschlagen. Einem dritten hatten sie nichts mehr entgegenzusetzen ... Au�er Gondoran!</p><p>Die letzten Fl�chtlinge mussten jetzt schon weit drau�en auf der vereisten Hochebene sein. Die Trolle w�rden sie nicht mehr einholen. Zumindest heute nicht. Ollowain nahm das silberne Horn von seinem G�rtel und setzte es an die Lippen. Drei lange St��e waren sein Abschiedsgru� an Phylangan.</p><p>�Was soll das?�, fragte Alfadas m�de. �L�dst du die Trolle ein?�</p><p>�Nein, ich rufe unseren letzten Verb�ndeten.� Er wandte sich an die anderen. �Zur�ck! Lauft hinauf zum Himmelshafen. Lauft, so schnell euch die Beine tragen. Unser Freund wird den Atem des Drachen entfesseln, so hat er mir gesagt.�</p><p>Noch bevor jemand fragen konnte, war ein fernes, drohendes Zischen zu h�ren.</p><p>Ollowain sprang von der Barrikade. �Lauft!�, rief er. �Nehmt die kleinen Eissegler, die zur�ckgeblieben sind.� Das Zischen wurde zu einem Fauchen. Seine Gef�hrten rannten. Der Schwertmeister packte den Kobold und warf ihn sich �ber die Schulter. F�r die Respektlosigkeit w�rde er sich sp�ter entschuldigen.</p><p>Die Trolle brachen in schrilles Triumphgeschrei aus. Ollowain konnte das schwere Stampfen ihrer F��e hinter sich h�ren.</p><p>�Was geschieht hier, Kriegsherr?�, fragte der Kobold �ngstlich.</p><p>Ollowain blieb kein Atem, um zu antworten. Seine Gef�hrten liefen ein St�ck vor ihm. Silwyna blickte sich nach ihm um. Ihre Augen weiteten sich! Das Fauchen brach in den Tunnel. Ollowain blickte nicht zur�ck. Schrilles Kreischen klang in seinen Ohren. Todessschreie.</p><p>Der Kobold schrie. �Lauf! Lauf, der Drachenatem holt uns ein.� Der Schwertmeister sprang mit einem weiten Satz �ber die verbogenen Tr�mmer des Himmelstors hinweg. �Haltet euch nach links! Lauft zu den Docks! Lauft nicht geradeaus!�</p><p>Ollowain bog hinter dem Tor zur Seite und rannte an der wei� get�nchten H�hlenwand entlang. Die Schreie hinter ihnen waren verstummt. Nur das drohende Zischen war noch zu h�ren. Dichter wei�er Dampf schoss durch das zerst�rte Himmelstor. Der Leibw�chter seines Vaters wurde von der Wolke verschlungen. Ein kurzer Schrei. Erst jetzt wurde Ollowain bewusst, dass er seine Warnung in der Sprache der Menschen gerufen hatte. Die anderen waren entkommen. Sie rannten auf die Eissegler zu, die an den Docks vert�ut lagen. Langsam breitete sich der Dampf in der weiten Hafenhalle aus. Der Boden des Himmelshafens war von Eis bedeckt, und durch das weite Tor auf die Hochebene von Carandamon drang der Atem des Winters.</p><p>Ollowain setzte den Kobold ab. Der Bart des kleinen Kriegers war �berzogen von feinen silbernen Wasserperlen. Ein unangenehm warmer Hauch schlug Ollowain ins Gesicht und brannte auf seinen Wangen. �Danke, Kriegsmeister, dass du alle F�rmlichkeiten vergessen und mich wie einen Sack Mehl auf die Schulter geworfen hast.�</p><p>Ollowain l�chelte m�de. �Wer wei�, wie oft deine Armbrustbolzen mir das Leben gerettet haben. Du bist mir nichts schuldig.�</p><p>Der Kobold sch�ttelte trotzig den Kopf. �Ich schulde dir ein Leben, Kriegsmeister. Du kannst diese Schuld jederzeit einfordern. Ich hei�e Murgim. Du findest mich ...�</p><p>�Auf einem Eissegler!�, unterbrach Ollowain den Redefluss des Kobolds. Dichter Nebel griff nach ihnen. Der kleine Krieger verwusch zu einem vagen Schemen. �Halte dich an der Wand, dann kannst du die Docks nicht verfehlen.�</p><p>�Kommst du nicht mit uns, Kriegsmeister?�, rief Murgim ihm nach.</p><p>Ollowain tastete sich an der Wand zur�ck. Der Fels war schl�pfrig vom warmen Kondenswasser. Er war kein Kriegsmeister mehr, dachte Ollowain und f�hlte sich trotz der Niederlage unendlich erleichtert. Phylangan war verloren. Er hatte bis zuletzt gek�mpft, aber die Felsenburg war nicht zu retten gewesen. Nun w�rde er tun, was er schon l�ngst h�tte tun sollen!</p><p>Er fand die Treppe, die er nur einmal hinabgestiegen war, und machte sich auf den Weg in die Tiefe des Berges. Jetzt gab es hier keine Wachen mehr. Der steinerne Wald war verwaist, der Brunnen zwischen den S�ulen versiegt. Immer wieder bebte der Boden unter seinen F��en. Es war, als ginge man auf d�nnem Eis, das bald schon unter den Strahlen der Fr�hlingssonne aufbrechen w�rde.</p><p>Aus dem Durchgang zur Halle des Feuers floss zitternd hei�e Luft gleich fl�ssigem Glas. Der Gluthauch trieb gro�e Ascheflocken vor sich her. Wie schwarze Schmetterlinge tanzten sie einen wilden Reigen. Ollowains Kehle war ausged�rrt. Schwei� rann ihm �ber Gesicht und R�cken und brannte in seinen Wunden. Es roch nach Steinstaub. Ein bitterer Geschmack lag ihm auf der Zunge.</p><p>Die hei�e Luft brannte auf seinen Wangen, als er in die Halle trat. Nicht einmal ein halbes hundert Normirga kauerten noch auf dem Boden. Die B�nke entlang der W�nde waren verlassen. Es gab keine Reserven mehr im Kampf mit dem Berg.</p><p>Vorsichtig ging Ollowain zwischen den Zauberwebern hindurch zur Mitte der Halle. Niemand beachtete ihn. Lyndwyn kniete noch immer auf der goldenen Scheibe, als habe sie sich in all den Wochen keinen Zoll weit bewegt. Ihr Gesicht war bleich, die Z�ge von stummem Ernst. Erstes Silber schimmerte in ihrem schwarzen Haar.</p><p>Der Schwertmeister kniete vor ihr nieder. Sanft legte er ihr die H�nde auf die Schultern.</p><p>�H�rst du mich?�, fragte er leise.</p><p>Lyndwyns Gesicht zeigte keine Regung. Ihre Augen starrten blicklos.</p><p>�Es ist vorbei.� Er strich ihr z�rtlich �ber eine der Silberstr�hnen. �Wir haben alles gegeben. Nun lass uns gehen!�</p><p>Lyndwyn h�rte ihn nicht. Ollowain dachte daran, was sein Vater ihm �ber den Chor der Zauberweber erz�hlt hatte. Was w�rde geschehen, wenn er den Schlussstein aus dem Gew�lbe brach, wenn er seine Liebste einfach mit sich nahm? W�rde sie in einer Flamme vergehen, wenn sie zu schnell aus ihrer Trance erwachte? Er wusste es nicht! Aber er wusste, was geschehen w�rde, wenn er hier einfach an Lyndwyns Seite verharrte. Die Trolle w�rden kommen. Sie waren im Siegestaumel, und sie w�rden alle t�ten.</p><p>Ollowain hob die Magierin sanft auf seine Arme. Er trug sie eng an seine Brust gedr�ckt, um sie zu sch�tzen.</p><p>Der Bann schien gebrochen! Alle Zauberweber blickten auf. Eine junge Frau, dicht neben ihm, verging in Flammen.</p><p>�Verr�ter!� Eine schlanke Gestalt erhob sich zwischen den Magiern. Sein Vater.</p><p>Ollowain hielt nicht inne. Unbeirrt ging er auf das Tor zu, das hinaus zum steinernen Wald f�hrte.</p><p>�Wir h�tten den Berg immer noch besiegen k�nnen!�, klagte ihn sein Vater an. �Deine Tat macht all unsere Opfer vergebens!�</p><p>Der Schwertmeister schwieg. Viel zu lange hatte er sich dem Wahnsinn seines Vaters gebeugt.</p><p>�Ich verfluche dich, mein Sohn! Ich verfluche dich! Nimm sie nur, es wird dir nichts nutzen. Lyndwyn wei�, wohin sie geh�rt. Du kannst sie nicht mehr besitzen. Selbst jetzt in diesem Augenblick versucht sie, die Disharmonie aus dem gro�en Lied zu verbannen. Dich! Nie mehr wirst du bei ihr liegen! Das ist mein Fluch!� Ollowain wollte sich den Worten verschlie�en. Sein Vater hatte keine Macht mehr �ber ihn. Seine Zauberkraft war in dem Lied gebunden.</p><p>Die Zauberweber senkten wieder ihre H�upter. Stille senkte sich �ber die Halle des Feuers. Selbst das ferne Grollen war verstummt. Nur das Ger�usch seiner Schritte begleitete den Schwertmeister.</p><p>Mit Lyndwyn in den Armen durchquerte er den steinernen Wald. Der Boden vibrierte jetzt st�rker. Feiner Staub rieselte vom Goldge�st der Deckenb�gen. Ollowain k�sste sie und fl�sterte Liebesschw�re, doch sie erwachte ebenso wenig wie Emerelle.</p><p>Verzweifelt trug er Lyndwyn die lange Treppe hinauf. Er wusste, dass er nicht mehr zum Himmelshafen vordringen konnte. Dort w�rde kein Eissegler mehr auf sie beide warten. Die Trolle mussten den Hafen l�ngst gest�rmt haben. Ollowain wandte sich nach Westen. Durch verborgene G�nge lief er nach Osten, immer dem Herzen des Berges entgegen. Und dann kehrte das ferne Grollen zur�ck. Der Boden schwankte unter seinen F��en. Ein Netzwerk feiner Risse huschte den Gang entlang.</p><p>Ollowain begann zu laufen. Manchmal h�rte er Schritte und die kehligen Rufe von Trollen. Schlie�lich erreichte er eine Treppe, die sich hoch �ber dem See der Himmelshalle in den leuchtenden Fels wand. Ger�ll lag auf ihren Stufen. Trockene, hei�e Luft schlug dem Schwertmeister entgegen, als er �ber breite Marmorstufen am Abgrund entlangeilte.</p><p>Tief unter ihm erstreckte sich die Halle. Viele B�ume brannten. Dort, wo der See gewesen war, schossen Font�nen aus fl�ssigem Feuer aus dem Boden. Hunderte Trolle fl�chteten �ber die Mandan Fallah, �ber deren Ende sich ein goldener Lichtbogen spannte.</p><p>H�her und h�her stiegen die Feuerfont�nen im See. Ollowain wusste, dass es f�r sie beide nur noch eine Rettung gab: jenes Tor, vor dem er als Junge so oft gestanden hatte und das zu durchschreiten ihm immer verwehrt geblieben war.</p><p>Die Marmorstufen erzitterten. Ollowain blickte zur�ck. Ein Teil der Treppe war weggebrochen, und in der Tiefe senkte sich die Mandan Falah dem feurigen See entgegen. Zwei der himmelragenden Br�ckenpfeiler waren zerbrochen.</p><p>Langsam, so als verneige sie sich zum Abschied vor ihm, sank die wei�e Br�cke dem Feuer entgegen. Die Trolle rutschten in Scharen vom glatten Pflaster. Zuletzt war die Br�cke leer. Makellos. Sie hatte die Eindringlinge abgesch�ttelt und gl�nzte wie frisch gefallener Schnee.</p><p>�Du wirst mit uns vergehen, Elflein!� Ein staubbedeckter Troll mit einer langen, blutigen Schramme auf der Stirn trat auf die Treppe �ber dem Abgrund.</p><p>Ollowain begann zu laufen. Seine Beine schmerzten. Der lange Weg hatte seine Kraft ersch�pft. Immer n�her klang das schwere Platschen der nackten Trollf��e auf dem Marmor.</p><p>Am Ende der Treppe lag eine kleine Grotte. Stalaktiten schimmerten hier in �ligem Schwarz. Fr�her hatte es in der H�hle einen kristallklaren See gegeben. Jetzt klaffte ein breiter Riss im Boden. Das Wasser war verschwunden.</p><p>Ollowains Atem ging hechelnd. Die Luft war erf�llt von feinem Steinstaub, der in den Augen brannte und den Mund ausd�rrte. Jeder Atemzug wurde zur Qual. Nur wenige Schritte noch bis zu jener verbotenen T�r! Halb blind schleppte er sich voran. Wenn er die Pforte hinter sich verriegelte, waren sie gerettet.</p><p>Endlich erreichte er den verborgenen Winkel. Die T�r war verschwunden! Aus dem Fels gebrochen!</p><p>Der Troll hatte ihn fast erreicht. Behutsam legte Ollowain Lyndwyn auf eine breite Bank, die aus dem Fels geschlagen war, und bettete ihr Haupt auf staubbedeckte Seidenkissen. Dann wandte er sich um und zog sein Schwert.</p><p>Auch der Troll wirkte ersch�pft. Aus rot entz�ndeten Augen blickte er Ollowain an. �Verfluchte Elfen! Ihr konntet ihn uns nicht lassen! Lieber vernichtet ihr den K�nigsstein, als ihn an uns zu verlieren.� Mit einem weit ausholenden Axthieb griff er an.</p><p>Der Schwertmeister wollte den Hieb unterlaufen, doch der Troll wechselte im letzten Augenblick seine Schlagrichtung. Das breite Blatt seiner Steinaxt verfehlte knapp Ollowains Schulter. Der Elf rutschte auf Ger�ll aus. Halb strauchelnd sprang er au�er Reichweite seines Gegners.</p><p>�Dann verreckt eben dein Weibchen zuerst�, murrte der Troll und stapfte zur Steinbank hin�ber.</p><p>Ollowain wollte schreien, doch aus seiner wunden Kehle drang nur noch ein Kr�chzen. Er sprang vor. Sein Schwert schrammte �ber den Arm des Trolls.</p><p>�L�stiges M�nnlein.�</p><p>Der Ellbogen des Trolls traf Ollowain gegen die Brust. Er wurde von den Beinen gerissen und schlug hart gegen einen Felsen.</p><p>Sein Gegner setzte sofort nach. Benommen warf der Schwertmeister sich zur Seite. Zu langsam! Diesmal traf die Axt seine Schulter! Sein Kettenhemd zerriss. Er sp�rte Knochen splittern. Es flimmerte vor seinen Augen. Der Troll beugte sich hinab und wollte ihn aufheben. Ollowains Schwertarm schnellte hoch.</p><p>Hastig richtete sich sein Gegner auf, um der Klinge zu entgehen. Es knirschte. Zu ersch�pft, um noch einmal anzugreifen, erwartete der Schwertmeister den Todessto�.</p><p>Der Troll r�hrte sich nicht mehr. Blut sprudelte unter seinem Kinn hervor.</p><p>Ollowain blinzelte. Hat der Berg dich doch noch besiegt, dachte er. Die Spitze eines Stalaktiten ragte aus dem Kinn des Trolls. Der steinerne Dorn hatte ihm den Sch�del durchbohrt, als er aufgesprungen war.</p><p>Der Elfenf�rst schleppte sich zu Lyndwyn. Noch immer lag sie in Trance. Ollowains linker Arm hing schlaff und gef�hllos herab. Dunkel str�mte das Blut aus der tiefen Wunde.</p><p>St�hnend riss er einen breiten Streifen Stoff von seinem zerfetzten Waffenrock und stopfte ihn in die Wunde. Er schob sein Schwert in den G�rtel und zog Lyndwyn hoch. Nur ein paar Schritte noch!</p><p>Ein gewaltiger Sto� lie� den Berg erzittern. Stalaktiten brachen aus der H�hlendecke und prasselten zu Boden. Der tote Troll rutschte vom steinernen Dorn.</p><p>Ollowain trat �ber die T�rschwelle, die ihm immer verboten gewesen war. Wer sie �berschritt, war jenseits der Jugend. Blinzelnd sah er sich in der engen Felskammer um, die er nur aus Erz�hlungen kannte. Zwei Schlitten mit weit hochgebogenen Kufen standen auf dem Boden vor einer runden Tunnelm�ndung. Hierher brachte man in festlichem Zug jene, die auf die letzte Probe gestellt wurden.</p><p>Ollowain hob Lyndwyn vor sich auf den Schlitten. Dann stie� er sich mit den F��en ab. Stahl knirschte auf Fels. Der Schlitten neigte sich in den Tunnel hinab.</p><p>Der Schwertmeister hob die F��e und verkantete sie hinter den Kufen. In rasender Fahrt schossen sie den Tunnel hinab einem schnell gr��er werdenden Lichtfleck entgegen. Dann waren sie umgeben von glei�ender Helligkeit. Der Schlitten tat einen Satz und schlug hart auf einem steilen Eisfeld auf.</p><p>Wind brannte auf Ollowains Wangen. Er konnte kaum noch etwas sehen. Verzweifelt umklammerte er Lyndwyn und versuchte den Schlitten zu steuern. Alle t�ckischen Felsen waren aus diesem Bereich des Berghangs entfernt, das wusste der Schwertmeister. Er musste den Schlitten nur auf Kurs halten. Wenn sie ungef�hr geradeaus fuhren, w�rden sie viele Meilen weit ins offene Land hinausgetragen. Mit dieser Schlittenfahrt begann die Eisprobe. Jugendliche, denen man zutraute, dass ihre Zauberkraft reichte, um sich vor dem Frost zu sch�tzen und den Elementen zu trotzen, begannen hier ihre Reise. Und wenn sie es aus eigener Kraft �ber Gletscher und Abgr�nde hinweg bis zum Himmelshafen auf der anderen Seite des Berges schafften, dann galten sie unter den Normirga fortan als Erwachsene. Ollowain sank das Kinn auf die Brust. Lyndwyns Haar peitschte ihm ins Gesicht. Es roch nach Steinstaub. Vor seinen Augen verschwamm der glei�end helle Hang. Dann waren da nur noch Licht, das Mahlen der Kufen und der Gesang des Windes �ber den Klippen.</p></section><section><title><p>Unter dem Aschebaum</p></title><p>Sie tanzte im warmen Wind. Weit unter ihr waren Flammen, die verloschen, wenn ihr Blick sie traf. Stimmen raunten in ihrem Kopf. Sie fl�sterten ihr zu, die Flammen zu ersticken. Doch so sehr sie sich auch m�hte, das Feuer blieb, ja, es gewann an Kraft. Jetzt schlug es h�her. Ihr Kleid brannte. Jemand riss es ihr vom Leib. Eine schattenhafte Gestalt. Starke Arme umschlangen sie. Das Feuer r�ckte in weite Ferne. Kalter Atem streichelte ihre Wangen.</p><p>Lyndwyn blinzelte. Sie lag im Schnee. Etwas Bedrohliches war ganz nah. Sie wagte kaum zu atmen. Wie war sie hierher gekommen? Sie erinnerte sich an die Halle des Feuers, den Chor der Zauberweber ... Und an jene eine Nacht mit Ollowain.</p><p>Etwas Durchscheinendes huschte vor�ber. Schn�ffelnd, gierig. Lyndwyn sp�rte den Albenstein auf ihrer Brust. Nichts konnte sie besiegen. Sie streckte sich und richtete sich dann auf. Schnee fiel von ihrem Kleid. Sie lag an einem Berghang. Dicht neben ihr ragte eine Schlittenkufe aus einer Schneewehe.</p><p>Die Zauberweberin blickte auf, als sie des fernen Grollens gewahr wurde. Sie lag am Fu� eines Berges. Meilen entfernt erhob sich eine riesige, dunkelgraue Rauchs�ule. Ihre Spitze war aufgef�chert wie eine Baumkrone. Der Wind zerrte den Rauch nach Westen. Dunkelrotes Gl�hen flackerte entlang der Unterseite der Rauchwolke. Einzelne Funken stiegen durch den Rauch, um in weitem Bogen aus dem Himmel hinabzust�rzen. Dort, wo sie auf den Berghang fielen, schoss heller Wasserdampf empor. Weiter oben am Berg war der Schnee unter grauer Asche verschwunden. Der Gipfel hatte sich ver�ndert. Er wirkte breiter. Der Schnee war dort v�llig verschwunden. Lyndwyn sah einen roten Strom, der sich den S�dhang hinabw�lzte. Mehrmals sp�rte die Magierin den Boden unter den F��en erbeben.</p><p>Sie erinnerte sich an den Chor. Und sie f�hlte, dass all ihre S�nger verstummt waren, f�r immer.</p><p>Wie kam sie hierher? Sie sah sich um. Weiter unten am Hang lag eine zusammengekr�mmte Gestalt, halb im Schnee begraben. Ein wenig wackelig auf den Beinen, stieg sie hinab. Ihre Knie schmerzten bei jedem Schritt. Das lange blonde Haar ... Der wei�e Waffenrock! Lyndwyn begann zu laufen, strauchelte schon nach wenigen Schritten im tiefen Schnee, raffte sich auf und versuchte es erneut. Es war Ollowain! Er war sie holen gekommen!</p><p>Mit zitternden H�nden umfasste sie sein Gesicht. Seine Wangen waren wie Eis! Eine tiefe Wunde klaffte in seiner Schulter. Die Zauberweberin legte eine Hand auf seine Stirn. Sie schloss die Augen und f�hlte seinen Leib. Sein Herz schlug schwach, aber regelm��ig. Er hatte sehr viel Blut verloren. Das Schl�sselbein links vom Hals war zersplittert, sein Schulterblatt eingekerbt. Auch eine Rippe war gespalten.</p><p>Sie schenkte ihrem Liebsten W�rme. Mehr, als es das Amulett an seinem Hals vermochte. Dann griff sie nach der Macht des Albensteins. Kraft ihrer Gedanken heilte sie die Knochen und lie� zerfetzte Muskelstr�nge wieder zusammenwachsen. Nur das viele Blut, das er verloren hatte, konnte sie nicht ersetzen.</p><p>Sein Herzschlag war st�rker geworden. Er lag in tiefem Schlaf. Lyndwyn bettete sein Haupt auf ihren Scho�. �Es ist doch immer wieder ergreifend, zum Zeugen junger Liebe zu werden.�</p><p>Die Zauberweberin fuhr auf. Die Stimme war in ihrem Kopf!</p><p>�Ich bin es, Shahondin. Hab keine Angst, meine Enkelin!�</p><p>�Wo bist du?� Lyndwyn sah sich verwundert um. Au�er ihr und Ollowain war niemand auf dem weiten Berghang zu sehen.</p><p>�Bitte versprich mir, dich nicht zu erschrecken.� Die Stimme klang nun unendlich traurig. �Die Trolle haben mich gefangen. Und sie haben mir Schreckliches angetan, mein M�dchen. Ich bin nicht mehr der, den du kanntest.�</p><p>�Beweise mir, dass du mein Gro�vater bist! Erz�hl mir etwas, das nur er wissen kann.�</p><p>�Kluges M�dchen! Warum solltest du einer fremden Stimme auch trauen. Klug warst du immer schon. Erinnerst du dich, als wir im Pavillon am Meer den Lichtvogel ersonnen haben? Der Mond stand tief �ber der Bucht, als du zum allerersten Mal den Vogel hast fliegen lassen. Du warst noch ein kleines M�dchen. Er sah ein wenig unf�rmig aus, dein erster Vogel. Seine Schwingen waren wie Pergamentb�gen und der Kopf nur eine Kugel.�</p><p>Lyndwyn musste l�cheln. Ja, sie erinnerte sich an diesen ersten Vogel. Sie war noch ein Kind gewesen. Shahondin hatte sie danach gelehrt, wie wichtig es war, genau hinzusehen, und dass nichts Lebendiges eine zuf�llige Form hatte. �Zeige dich, Gro�vater.�</p><p>�Bitte, Kind, lass dich nicht von meinem Aussehen blenden. Die Trolle haben Ungeheuerliches an mir verbrochen. Aber ich sp�re die Macht, die dich umgibt. Eine Macht, die alles zu �ndern vermag. Du kannst mich zur�ckholen.�</p><p>Lyndwyn hatte sich f�r alles Erdenkliche gewappnet, doch das, was sich aus dem Schnee erhob, war etwas, worauf man nicht vorbereitet sein konnte. Der riesige geisterhafte Hund mit dem einen blutroten Auge hatte gar nichts mehr mit ihrem Gro�vater gemein au�er dessen Erinnerungen.</p><p>�Erschrick nicht, mein Kind. Taste nach meinem Geist. F�hle, dass ich es bin!� Die Kreatur �ffnete sich ihr, und was die Zauberweberin fand, war ihr wohl vertraut. Auch die D�sternis in Shahondins Seele! Dies war das Einzige, was er vor ihr abschirmte. Seine dunkle Seite. Und sie wollte sie auch nicht sehen.</p><p>�Ruf mich zur�ck! Erinnere dich an den Mann, der ich war. Du kannst mir allein Kraft deiner Gedanken all das zur�ckgeben, was die Trolle mir gestohlen haben. Denk an den Gro�vater, mit dem du so viele Stunden gemeinsamer Studien verbrachtest. Nutze den Albenstein! Er hat die Macht, mich zur�ckzuholen.�</p><p>Lyndwyn dachte fest an die fernen Tage in Arkadien, an die gemeinsamen Reisen mit dem gestrengen und so gelehrten Gro�vater. Daran, wie er die Stirn runzelte, wenn sie seinen Gedanken nicht zu folgen vermochte, an sein glockenhelles Lachen, wenn sie sich beim Zaubern gar zu unbedarft angestellt hatte. Sein Lachen war vergangen mit den Jahren. Zuletzt hatte sie sich gar Geheimnisse erschlossen, die ihm immer verborgen geblieben waren.</p><p>Die Zauberweberin sp�rte, wie sich der Albenstein auf ihrer Brust erw�rmte. In Gedanken erschuf sie einen Funken aus hellem Licht und lie� ihn tanzen. So wie damals, in Vahan Calyd, als sie den Lichtvogel erschaffen hatte. Zun�chst zog er nur grobe Konturen. Dann wob er Faden um Faden und zog dabei an der Essenz des Geisterhundes. Lyndwyn stahl ihm schlie�lich das Lebenslicht und verwob es mit der neu erschaffenen Gestalt ihres Gro�vaters.</p><p>Als sie ihr Werk vollendet hatte, verblasste das Licht. Nackt stand Shahondin vor ihr im Schnee. Er hob die H�nde, tastete ungl�ubig �ber seinen Leib. �Welch ein Wunder!� Seine Stimme klang fremd, dunkler. Und die Worte waren verwaschen, wie von einem Betrunkenen gelallt. �Ich muss wohl erst wieder lernen zu sprechen.� Er streckte die Hand aus. �Welch eine Macht! Nun gib mir den Albenstein. Wir werden ihn nutzen, um die Trolle zu vertreiben.�</p><p>Sie wich einen Schritt zur�ck. Die dunkle, fordernde Stimme war ihr unheimlich. Etwas an ihrem Zauber schien missgl�ckt zu sein.</p><p>�Du wirst dich doch nicht deinem Gro�vater widersetzen! Den Stein! Wir wollten ihn schon in Vahan Calyd haben. Oder hast du das vergessen? Er geh�rt in die H�nde eines richtigen Zauberwebers. Nicht in die eines M�dchens! Du ...� Er fasste sich an die Brust. Etwas in seinem Leib war in Bewegung geraten. Seine Rippen w�lbten sich vor. Unter der Haut seines Bauchs malte sich etwas ab wie ein Gesicht, das gegen d�nnen Seidenstoff dr�ckte.</p><p>Shahondin schrie. Er dr�ckte beide H�nde auf seinen Bauch. Blut war auf seinen Lippen. Etwas Dunkles zwang sich aus seinem Leib. Knirschend bogen sich die Rippen auseinander. Sie zerrissen Muskeln und Haut. Ein dunkler Hundekopf, bedeckt mit schwarz schillernden Schuppen, schob sich aus seiner Mitte. Shahondin st�rzte in den Schnee. Pfoten mit langen Krallen zerrissen den Leib, den Lyndwyn erschaffen hatte. Eisige K�lte wehte von der Hundegestalt. Eine K�lte, die selbst den Winter zittern machte.</p><p>�Erschrick nicht, mein Kind.�</p><p>Wieder war diese Stimme in ihrem Kopf. Sie klang l�stern und falsch! �Ein Unfall. Ein kleines Missgeschick nur. Dein Zauber war unvollkommen, wie damals bei dem ersten Vogel, den du erschufst. Gib mir den Stein! Wir k�nnen das �ndern. Alles k�nnen wir �ndern.�</p><p>Lyndwyn rief ein Wort der Macht. Ein flammender Bannkreis brannte im Schnee. Sie hatte sich t�uschen lassen. Was immer dort aus dem Leib des Gro�vaters geboren wurde, es war nicht mehr Shahondin. Diese Kreatur durfte nicht sein!</p><p>Die Zauberweberin dachte an ihren Tanz �ber dem Feuer. Den Traum. Den Chor der Magie. An die Hitze. Den Gedanken an die Hitze wob sie in den Leib, den sie erschaffen hatte.</p><p>Der Hundekopf bog sich zur�ck.</p><p>�Du kannst mich nicht... �</p><p>Lyndwyn verschloss sich vor der Stimme in ihr. Sie trug den Albenstein! Sie vermochte jeden Zauber zu meistern, dachte sie zornig.</p><p>Die schwarze Gestalt schien in Shahondins zerrissenen Leib zur�ckkriechen zu wollen. Sie winselte wie ein junger Welpe. Pl�tzlich schien sie von innen heraus zu leuchten, einem dunklen Seidenlampion gleich, in den man eine Kerze stellte. Flammen schlugen aus der Schnauze.</p><p>Der Leib, den Lyndwyn erschaffen hatte, verging in blendendem Licht. Nur ein paar Ascheflocken blieben, die vom Wind den verschneiten Hang hinabgetragen wurden.</p><p>Ersch�pft sank sie in den Schnee. War diese Kreatur wirklich ihr Gro�vater gewesen? Sie hatte so viel �ber sie gewusst... Doch sie war nicht der Shahondin gewesen, mit dem sie ihre Kindheit verlebt hatte! Sie sah den Ascheflocken nach. Weit unter ihr am Hang bewegte sich etwas. Trolle! Sie mussten das Licht gesehen haben. Lyndwyn blickte zu ihrem Geliebten. Es w�rde noch Stunden dauern, bis Ollowain erwachte. Und auch dann w�re er zu geschw�cht. Sie hatte nicht die Kraft, ihn zu tragen. Und es gab kein Versteck. Zwei Stunden vielleicht, dann w�ren die Trolle hier. Es sei denn ...</p><p>Traurig beugte sie sich �ber Ollowain und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. �Du bist gekommen, um mich aus dem Feuer zu holen, mein wei�er Ritter. Nun werde ich dich retten.� Sie dr�ckte ihm den Albenstein in die Rechte. Um zu zaubern, fehlte es ihr an Kraft, nachdem sie ihrem Gro�vater einen Leib erschaffen und ihn dann wieder vernichtet hatte. Aber es gab noch einen anderen Weg, ihren Geliebten zu retten.</p><p>Sie erhob sich. Ein letztes Mal sah sie wehm�tig zu Ollowain zur�ck. Dann ging sie den Trollen entgegen.</p></section><section><title><p>�Ich heisse Birga�</p></title><p>Lyndwyn war auf einen gro�en Schild gebunden. Eine enge Lederschlinge lag um ihren Hals, Arme und Beine waren weit abgespreizt und ebenfalls mit Schlingen gefesselt. Der Schild stank nach Blut und Exkrementen. Ein Auge war der Elfe zugeschwollen, und dennoch war sie bisher glimpflich davongekommen. Bisher ... Ein St�ck neben dem Brett lag eine helle Haut im Schnee ausgebreitet. Darauf waren allerlei kleine Messer verstreut. Primitive Klingen aus Knochen und Feuerstein. Dunkle Flecken verrieten ihren Gebrauch. Ein zweiter Schild war Lyndwyn gegen�ber in den Schnee gerammt. Die Schamanin stand dort und redete auf ein gebeugtes altes Weib ein, das sich auf einen Stab st�tzte.</p><p>�Ich sage dir, sie ist anders als die anderen, die man mir bisher gebracht hat, Skanga. Ich sp�re ihre Macht, wenn ich sie ber�hre. Sie war ersch�pft, sonst h�tten drei einfache Kundschafter sie niemals fangen k�nnen.� Das Trollweib mit der widerlichen Maske sah zu ihr hin�ber. Lyndwyn war sich sicher, dass es die Absicht der Schamanin war, dass sie mith�rte, was besprochen wurde.</p><p>Die alte Vettel lie� sich durch die Einw�nde nicht beeindrucken. Lyndwyn hatte das Gef�hl, dass dieses alte Weib das Sagen hatte.</p><p>�Du wirst heute bei Einbruch der D�mmerung gehen, Birga. Orgrim erreicht nun bald ein Dorf nahe einem gro�en Albenstern. So kannst du leicht zu ihm sto�en. Er braucht dich an seiner Seite. Er darf keine Dummheiten machen, wenn er mit diesem aufgeblasenen Wichtigtuer vom Mordstein zusammentrifft. Du wirst mir auf ihn aufpassen!�</p><p>Das Trollweib mit der Maske schnaubte. �Orgrim konnte bisher gut auf sich allein Acht geben.�</p><p>�Missverstehe mich nicht, Birga. Ich bitte dich nicht, dass du gehst. Ich erwarte es von dir.�</p><p>�Aber diese Elfe�, die Schamanin deutete zu Lyndwyn. �Ich glaube, sie ist von Bedeutung. Es w�re kl�ger, es nicht zu �berst�rzen mit ihr. Sie kann mir sicher ...�</p><p>�Sieh zu, dass du all deine Antworten bis zur Stunde der D�mmerung bekommst. Jetzt, da der K�nigsstein auf immer verloren und der Passweg nach Carandamon versperrt ist, gibt es nur noch wenige Dinge von Bedeutung, die uns deine Elfe erz�hlen k�nnte. Wenn sie eine Adelige w�re, vielleicht ...� Das alte Weib zuckte mit den Schultern. �Mach mit ihr, was immer du willst, aber schnell!� Mit diesen Worten ging die Alte davon.</p><p>Die Schamanin murmelte etwas vor sich hin, was Lyndwyn nicht verstehen konnte. Dann ging sie hin�ber zu der Haut mit den Messern. Sie w�hlte eine dunkle, leicht gekr�mmte Steinklinge.</p><p>�Bist du durstig?�, fragte das Trollweib unvermittelt.</p><p>�Nein.� Die Zauberweberin war nicht neugierig herauszufinden, was sie hier zu trinken bek�me.</p><p>�Es tut mir Leid, dass nun alles in gro�er Eile geschehen muss. Daf�r will ich mich entschuldigen.� Das riesige Weib richtete sich auf. Sie strich Lyndwyn mit ihren bandagierten H�nden durchs Gesicht. Die fleckigen Stoffstreifen stanken nach Verwesung. �Eine sch�ne Haut hast du. Ihr Elfen habt von allen die vollkommenste Haut. So zart ...�</p><p>Die Schamanin stand so dicht vor ihr, dass Lyndwyn ihren Atem auf dem Gesicht f�hlte. Sie stank nach saurer Milch.</p><p>�Ich wei�, dass du eine m�chtige Zauberweberin bist. Etwas hat dich ersch�pft ... Aber du wirst dich bald erholen. Vielleicht sollte ich dir die Zunge herausrei�en und dich blenden, um mich zu sch�tzen.� Das Trollweib beugte sich vor und schnupperte an ihr. Lyndwyn w�nschte, sie h�tte hinter ihre Maske sehen k�nnen, um in ihrem Gesicht zu lesen.</p><p>�Sehr sch�n, mein Elflein. Du beginnst nach Angst zu riechen. Nun sag mir, wie bist du auf den Berghang gekommen?�</p><p>�Durch Zauberei.�</p><p>�Das glaube ich nicht. Du siehst nicht so aus, als w�rst du so dumm, dich auf die falsche Seite des Berges zu zaubern. Anfangs versucht ihr immer, mich zu bel�gen. Aber ich werde es dir leichter machen, dich f�r die Wahrheit zu entscheiden.� Sie griff nach Lyndwyns rechter Hand und spreizte ihr den kleinen Finger ab. Die Elfe b�umte sich auf, doch gegen die Kraft des Trollweibs vermochte sie nicht anzukommen. �Ich hei�e Birga. Man redet besser miteinander, wenn man die Namen kennt. Wirst du mir verraten, wie du hei�t?�</p><p>�Lyndwyn.�</p><p>�Ein h�bscher Name.� Die Schamanin hob das Messer. �Ich werde dir jetzt ein wenig wehtun. Es ist keine gro�e Sache. Ich m�chte nur, dass du dir besser vorstellen kannst, was ich dir noch alles antun k�nnte.� Vorsichtig ritzte sie mit dem Messer die Haut des kleinen Fingers. Dabei achtete sie darauf, dass Lyndwyn alles genau sehen konnte. Der Schnitt ging von der Fingerkuppe bis dorthin, wo der Finger aus der Handfl�che wuchs. Hier machte die Schamanin einen zweiten Schnitt, der sich wie ein d�nner, blutiger Ring einmal um die Fingerwurzel zog. Lyndwyn wurde schlecht. �Ich bin nicht durch Zauberei auf den Berghang gekommen.� So viel konnte sie verraten. Das war kein Geheimnis!</p><p>�Das wei� ich doch.� Die Stimme der Schamanin klang freundlich. �Dar�ber werden wir gleich weiterreden. Es dauert nicht mehr lange.� Vorsichtig schob sie die schmale Steinklinge unter die Haut des Fingers und begann sie vom Fleisch zu l�sen.</p><p>Lyndwyn wand sich, doch es war unm�glich, dem eisernen Griff des Trollweibs zu entkommen.</p><p>�Zapple nicht so, Kleines.� Mit einem Ruck zog sie die gesamte Haut des kleinen Fingers ab. �Sieh nur, wie gut man deine Sehnen und Muskeln sehen kann. Es blutet kaum. Es erfordert einige �bung, um so sauber eine Haut abzuziehen.� Die Schamanin nahm ein Knochenmesser und spie�te den kleinen Hautstreifen damit auf den gegen�berliegenden Schild, sodass Lyndwyn ihn gut sehen konnte.</p><p>Der Elfe war �bel. Ihr Finger brannte, als halte man ihn in eine Flamme. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Du kannst das durchstehen, ermahnte sie sich in Gedanken. So wirst du Ollowain retten!</p><p>Birga strich ihr mit der bandagierten Hand �ber das Gesicht. Ein wenig frisches Blut schimmerte auf dem Stoff. �Du ahnst nicht, was f�r ein Geschenk deine Haut ist. Euch Elflein sieht man es nie an, ob ihr euer Alter nach Jahrzehnten oder nach Jahrhunderten z�hlt.� Sie seufzte. �Du wolltest mir vom Berghang erz�hlen?� Lyndwyn behauptete jetzt, durch einen Tunnel entkommen zu sein. Wie sonst h�tte Ollowain mit ihr auf den Hang gelangen k�nnen?</p><p>Die Schamanin nickte zufrieden. �Lassen wir das! Sag mir, was f�r eine Art Zauberweberin du bist! Etwas mit dir ist doch anders.� Lyndwyn �berlegte, ob sie wohl den Mut h�tte, sich die Zunge abzubei�en. Sie durfte nicht vom Albenstein sprechen! Ganz gleich, was Birga ihr noch antat.</p><p>�Ich sehe schon, es wird wieder schwieriger.� Sie blickte zu dem Holzschild, auf dem die Haut des Fingers hing. Dann griff sie nach ihrer Maske. �Wei�t du, dass dies hier aus der Gesichtshaut einer Hure gefertigt ist, die meinen K�nig betr�gen wollte? Sie war ein sehr h�bsches Weib. H�bsch und dumm!� Wieder strich sie Lyndwyn durchs Gesicht. �H�bsch bist auch du. Bist du auch dumm?�</p><p>�Ich habe den Zauberwebern der Normirga geholfen, das Feuer unter dem Berg zu b�ndigen�, stie� Lyndwyn hervor.</p><p>Das Trollweib lachte. �Na, es war doch nicht schwer, mir das zu verraten. Nun sollst du auch ein Geheimnis von mir wissen.� Sie hob die Maske an, sodass Lyndwyn ihr Gesicht sehen konnte. Gnadenlos zeigte das graue Winterlicht eine konturlose Masse. Was die Zauberweberin sah, erinnerte an zerschmolzenes Wachs ... Nein, eher noch an eine tropfende Kerze. Waren es Warzen? Fleischperle reihte sich an Fleischperle, �berzogen von grauer Haut. Sie wucherten auf Augenlidern, lie�en die Nase zu einem unf�rmigen Klumpen werden, ja selbst die Lippen waren ungleichm��ig. Die Fleischperlen �berwucherten einander, sodass Teile des Gesichts dick aufgequollen waren. Manche schn�rten sich ab und hingen nur noch an d�nnen Hautf�dchen. Birga strich Lyndwyn �ber die Wangen.</p><p>�Du warst dein Leben lang sch�n. Du wirst nie ermessen, was das hier bedeutet.� Mit diesen Worten setzte sie wieder die Maske auf. �Und nun sprechen wir �ber deine K�nigin. Wei�t du, wohin sie geflohen ist?�</p><p>�Ich bin keine Normirga!�, entgegnete die Elfe ausweichend.</p><p>�Ah, ich sehe, wir n�hern uns verborgenen Wahrheiten.� Birga hob ihr Messer und zerschnitt Lyndwyns Kleid vom Halssaum bis zum G�rtel. Sorgf�ltig streifte sie den Stoff zur�ck. �Du hast etwas Spr�des, meine H�bsche. Mag sein, dass du noch nicht oft bei den M�nnern gelegen hast. Da h�tten wir etwas gemeinsam.� Sie pr�fte mit den Fingern das weiche Fleisch ihrer Br�ste, strich �ber den Rippenbogen, hinab zum Bauchnabel. �Deinen Finger wirst du leicht verbergen k�nnen, Lyndwyn. Vielleicht macht es dich gerade interessant, wenn du immer einen Handschuh tr�gst. Was glaubst du, was du noch vor den Blicken der M�nner verbergen magst? Oder m�chtest du mir jetzt etwas von der K�nigin erz�hlen?�</p><p>Lyndwyn stand kalter Schwei� auf dem Gesicht. �Ich bin keine Normirga�, wiederholte sie.</p><p>�Nun, das hatten wir schon.�</p><p>Birga hob ihr Messer.</p></section><section><title><p>Wie eine Geschichte aus Kindertagen</p></title><p>Asla blickte in Isleifs frostrotes Gesicht. Er hatte Fieber, und sein Atem stank nach Branntwein. Am Ende seiner Kr�fte, hatte man ihn vor dem Tor in der Palisade gefunden, die Fimstayn sch�tzte.</p><p>Das Tor wurde jeden Tag bei Sonnenuntergang geschlossen. Doch am fr�hen Abend schon hatte man die Rauchs�ule weit im Norden gesehen. So kam es, dass ein Posten am Tor gewacht hatte.</p><p>Isleif war v�llig durchgefroren und am Ende seiner Kr�fte gewesen, als man ihn hereingeholt hatte. Er hatte unzusammenh�ngend von Ungeheuern aus den Bergen geredet. Jetzt kauerte er in Decken geh�llt bei Asla an der Feuergrube. Ihr Haus war das gr��te im Dorf, deshalb hatte man ihn hinaufgebracht. Fast alle Einwohner dr�ngten sich in der Halle.</p><p>�Es sind Riesen ... gr��er als H�hlenb�ren ...�, stammelte der Ein�dbauer. �Sie haben mir den Hof angez�ndet.� Er blickte zu Asla. �Hast du noch was zu trinken? Du wei�t schon ... was die Seele w�rmt.�</p><p>�Der ist doch betrunken�, raunte jemand hinter Asla. �Jeder wei�, dass er s�uft wie ein Loch. Wahrscheinlich hat er eine Kerze umgeworfen und seinen Hof selbst abgebrannt. Und jetzt erz�hlt er Geschichten.�</p><p>�Was ich gesehen hab, das hab ich gesehen!� Taumelnd richtete sich Isleif auf. �Gro� wie H�hlenb�ren sind sie!�</p><p>�Vielleicht ist ja tats�chlich ein H�hlenb�r von den Bergen heruntergekommen?�, sagte Kaff. �Manchmal erwachen sie schon mitten im Winter.�</p><p>�Es waren viele ... Eine ganze Herde ...� Der Ein�dbauer r�lpste. �Asla, wo ist der Schnaps?�</p><p>�Du hast genug!�, entgegnete sie scharf. �Sind dir diese Riesen gefolgt?�</p><p>Der Bauer zuckte mit den Schultern. �Wei� nich ... Ein ganz kleines Schl�ckchen nur, Asla. Ein ganz kleines ... F�r die Seele!�</p><p>Erek kauerte sich neben seinen Freund. Er legte ihm den Arm um die Schultern. �Du musst jetzt schlafen, alter Junge. Morgen gehen wir dann hinauf zu deinem Hof und sehen nach dem Rechten.�</p><p>�Nein! Nicht zu den Riesen�, wehrte Isleif entschieden ab.</p><p>�Nicht zu den Riesen. Hab gesehen, was sie mit Rei�zahn gemacht haben. Ein Keulenhieb ... So ein gro�er Hund ... Hat W�lfe zerfleischt, wisst ihr. War ein guter Hofhund ... Einer von Oles besten Bluthunden ... Ein Keulenhieb, und dann haben sie ihm die L�ufe ausgerissen. Er hat noch gelebt.� Isleif fing an zu schluchzen. �So ein guter Hund! Ich gehe nicht zur�ck!�</p><p>�Jetzt reicht es aber! Ich h�re mir diesen besoffenen Kerl nicht l�nger an.� Svenja griff nach ihrem Umhang und trat zur T�r. �Wir alle wissen nur zu gut, dass er st�ndig trinkt ...�</p><p>�Und wenn er doch Recht hat?�</p><p>�Mit diesem Unsinn? Riesen, die ihm seinen Hof anz�nden ... Komm, Asla. Das sind Geschichten f�r Kinder. Es gibt keine Riesen. Es sei denn, man ist sturzbetrunken.� Zustimmendes Gemurmel erhob sich.</p><p>Asla konnte ihre Nachbarn verstehen. Aber das alles erinnerte sie an eine Geschichte aus Kindertagen. Jene Geschichte, die sie �fter als jede andere von ihrem Vater zu h�ren bekommen hatte, weil er ein Teil davon war. Die Geschichte von Mandred und dem Manneber. Jenem Ungeheuer, das aus den Bergen hinabgestiegen war. Auch damals war ein Mann ins Dorf gekommen und hatte vor dem Ungeheuer gewarnt. Und man hatte ihm nicht geglaubt.</p><p>�Wir sollten jemanden zu Isleifs Hof schicken, der nachsieht, was geschehen ist. Jemanden, dem wir alle trauen.� Sie blickte zu Kaff.</p><p>Der gro�e Fischer nickte. �Ja, es ist vern�nftig, hinaus zum Hof zu gehen. Vielleicht kann ich ja sein Vieh zusammentreiben, wenn es nicht im Stall verbrannt ist.�</p><p>�Geh nicht, Junge!�, rief Isleif �Sie schlachten dich wie meinen Hund. Meinen guten Hund ...� Es war still geworden in dem gro�en Raum. Der Ein�dbauer sa� am Feuer und vergrub sein Gesicht in den H�nden.</p><p>�Wir m�ssen auch Boten zu den anderen Geh�ften schicken!�, entschied Asla. �Und wir sollten uns bereit machen, das Dorf zu verlassen. In zwei Tagen k�nnten wir in Honnigsvald sein, wenn kein Sturm aufzieht. Wir brauchen Schlitten!�</p><p>Iwein, der Bauer, dem das meiste Vieh im Dorf geh�rte, trat aus der Menge. Er war ein korpulenter, rothaariger Mann und ber�chtigt f�r seinen J�hzorn.</p><p>�Dein Mann ist nicht hier, und du hast die Elfen in deinem Haus. Ich kann verstehen, dass du �ngstlich bist, Asla. Aber jetzt �bertreibst du. Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen. Nehmen wir einmal im schlimmsten Fall an, dass ein paar R�uber Isleifs Hof angez�ndet haben. Sie w�rden sich niemals ins Dorf wagen. Wir sind zu viele, als dass sie uns gef�hrlich werden k�nnten.�</p><p>�Und wenn es doch Riesen sind oder Trolle?�, beharrte Asla.</p><p>Iwein lief rot an. �Das ist dummes Geschw�tz! Es gibt keine Riesen. Und Trolle haben sich noch nie so weit in den S�den gewagt.� Pl�tzlich schlug seine Stimmung um, und er l�chelte breit. �Au�erdem sind die Trolle doch alle in Albenmark, um Krieg gegen die Elfen zu f�hren.�</p><p>Asla sah ihre Nachbarn an, und sie konnte in deren Gesichtern lesen, dass sie dabei war, sich zur N�rrin zu machen. Man w�rde sie bis ans Ende ihrer Tage verspotten, wenn Isleif sich wirklich alles nur eingebildet hatte. Sie traute ihm durchaus zu, dass er, betrunken wie er war, aus Versehen selbst sein Haus angesteckt hatte. Aber die Geschichte mit dem Hund ... So etwas dachte man sich nicht aus!</p><p>�Einige von euch sind alt genug, um meinen Schwiegervater Mandred gekannt zu haben. Ihr kennt die Geschichte vom Manneber, und ihr erinnert euch vielleicht an die Nacht, als die Elfenk�nigin kam, um meinen Mann zu holen.� Asla deutete zu der Nische, in der Emerelle lag. Yilvina stand mit verschr�nkten Armen davor. Sie hatte bislang schweigend zugeh�rt.</p><p>�Ihr seid selbst Teil geworden von Ereignissen, die man schon in Honnigsvald nicht mehr recht glauben mag�, fuhr Asla fort.</p><p>�Glaubt ihr, ich w�rde meine Kinder einfach so hinaus in die Winternacht zerren? Kalf wird losgehen, um zu sehen, was geschehen ist. Und sollte uns Gefahr drohen, dann entz�ndet er das Signalfeuer auf dem Hartungskliff. Ich kann euch nicht befehlen, nur raten. Und ich nehme es auf mich, dass ich von dieser Nacht an f�r alle Zeiten als ein verr�cktes Weib gelten werde ... Aber ich rate euch, bereitet alles f�r eine schnelle Flucht vor. Ich jedenfalls werde den schweren Schlitten anschirren. Lieber habe ich eine unruhige Nacht und lasse mich anschlie�end verspotten, als dass ich ein Feuer auf dem Kliff sehe und nicht bereit bin.�</p><p>�Ich bin ihrer Meinung�, sagte Kaff.</p><p>Asla h�tte ihn umarmen k�nnen f�r seine Worte. Jetzt nickte auch Svenja. Die Stimmung schlug langsam um. �Na sch�n, seien wir bereit�, murmelte Iwein. �Packen wir ein paar Vorr�te zusammen und fetten wir unsere Stiefel.�</p><p>�Damit ist es nicht getan. Deine S�hne sind l�ngst M�nner, Iwein. Du hast leicht reden. Aber f�r meine Kadlin brauche ich einen warmen Platz. Ich muss ihre Windeln wechseln k�nnen. Drau�en auf dem zugefrorenen Fjord w�re eine nasse Windel ihr Tod.�</p><p>Der Viehz�chter schlug die H�nde �ber dem Kopf zusammen.</p><p>�Bist du jetzt vollkommen n�rrisch, Weib? Willst du vielleicht dein Langhaus auf Kufen setzen? Wie stellst du dir das vor, einen warmen Platz zu haben?� Sie klopfte mit dem Kn�chel auf die aufgebockte Tischplatte. �Ganz so, wie du es sagst, Iwein. Ich dachte an eine H�tte auf Kufen. Statt eine Plane �ber die Pritsche meines Fuhrwerks zu spannen, die nur den Wind abh�lt, aber nicht vor der K�lte sch�tzt, zimmern wir einen Aufbau aus Tischplatten, Brettern, T�ren. Und wir stellen eine Feuerschale hinein. So bekommen wir einen warmen Platz f�r die Kinder, f�r die Alten und die Ersch�pften.�</p><p>Iwein sch�ttelte den Kopf. �Ich m�chte nicht in deiner Haut stecken, wenn dein Mann sieht, was du mit der sch�nen Kutsche angestellt hast. All diese Aufregung wegen eines Betrunkenen ... Wir schlagen uns die Nacht um die Ohren, und morgen zeigt sich, dass deine Trolle nur dem Rausch eines einsamen Mannes entsprungen sind. Du wirst es sehen, Asla.�</p></section><section><title><p>Die Alfadasstiege</p></title><p>Das Signalfeuer brannte lichterloh! Weit in den Himmel schlugen die Flammen. Kalf konnte beobachten, wie im fernen Dorf die gro�e Kutsche aufs Eis des Fjords gebracht wurde. Dann folgten ihr winzige Gestalten. Holzschlitten, von Hand gezogen, und eine Herde Schafe, dicht zusammengedr�ngt, verschmolzen fast mit dem Wei� der Winterlandschaft.</p><p>Gut, dass Asla ihn auf den Weg zum Isleifshof geschickt hatte, dachte Kaff. Er war den Trollen im Wald begegnet. Raue Stimmen und ein kehliges Lachen hatten den Fischer zeitig genug gewarnt. So hatte er ein Versteck in einem Brombeerdickicht gefunden. Zwischen den schneebedeckten Ranken hindurch hatte er sie beobachtet. Riesig waren sie! Drei Schritt und mehr ma�en sie vom Scheitel bis zur Sohle. Die meisten von ihnen waren trotz der K�lte fast nackt. Sie hatten Felle um ihre Lenden gewickelt. Einer trug den Kadaver von Isleifs Hund �ber der Schulter. Ihre Waffen verrieten, dass sie keine Jagdgesellschaft waren; kaum einer trug einen Bogen oder Speer. Sie waren mit �xten und breiten Steindolchen bewaffnet. So kamen Pl�nderer daher! Einer der Trolle, ein besonders gro�er Kerl, der seinen feisten Wanst mit blutigen Handabdr�cken geschm�ckt hatte, kam so nah an Kalfs Versteck vorbei, dass der Fischer ihn mit ausgestrecktem Arm h�tte ber�hren k�nnen. Kalf dankte Luth in stummem Gebet, dass die Trolle nicht auch noch Hunde mitgebracht hatten. So blieb er unbemerkt.</p><p>Die Kriegerbande folgte Isleifs Spur durch den Schnee. So w�rden sie geradewegs nach Firnstayn gelangen. Kalf w�nschte, sie h�tten den alten S�ufer in seinem Bett �berrascht! Vielleicht h�tten sie das Dorf dann nicht gefunden.</p><p>Aslas gro�er Schlitten war jetzt schon fast eine halbe Meile auf den Fjord hinausgefahren. Noch kamen letzte Nachz�gler aus dem Dorf. Ob sich wohl jemand geweigert hatte, in dieser eisigen Nacht nur wegen einer Geschichte und eines Feuers seine H�tte zu verlassen? Kalf hoffte es nicht. Nachdem er die Trolle gesehen hatte, gab es f�r ihn keinen Zweifel mehr an all den schrecklichen Geschichten, die man sich �ber sie erz�hlte. So sahen Menschenfresser aus!</p><p>Ein letztes Mal streckte der Fischer seine H�nde den Flammen entgegen, dann zog er wieder die dicken, pelzgef�tterten F�ustlinge an. Er vermied es, den Steinkreis zu durchqueren, der die steile Klippe kr�nte. �ber den Ziegenpfad, der seitlich vorbeif�hrte, eilte er zur�ck zu dem sanft abfallenden Hang auf der R�ckseite des Hartungskliffs. Und da sah er sie! Drei riesige Gestalten. Mit weiten Schritten stampften sie durch den hohen Schnee und folgten seiner Spur.</p><p>Kalf schluckte. Er h�tte nicht so lange bei dem Feuer bleiben d�rfen! Seinen Schein musste man bis weit in die W�lder hinein sehen. Er hatte die Menschenfresser damit geradezu gerufen. Und sicher w�rden sie es begr��en, dass das Feuer schon brannte, auf dem sie ihn braten w�rden!</p><p>Kalf blickte zum Steinkreis. Dorthin hatte sich Mandred vor so vielen Jahren gerettet. Ein Wunder war geschehen, und er war nach Albenmark gelangt. Doch dahin wollte Kalf nicht! Asla durfte nicht auch ihn noch verlieren. Es war schon schlimm genug, dass Alfadas in den fernen Elfengefilden weilte, statt hier zu sein, um den Seinen beizustehen.</p><p>Die Trolle kamen schnell n�her. Sie sahen, dass keine F�hrte von der Klippe hinabf�hrte. Kalf zog sich zur�ck. Zum Fjord hin fiel das Kliff steil ab.</p><p>In seinem ersten Sommer in Firnstayn war Alfadas oft hier oben gewesen. Damals hatte er immer wieder davon erz�hlt, wie sein Leben wohl verlaufen w�re, wenn sein Vater einen zweiten Weg die Klippe hinab h�tte gehen k�nnen. Und irgendwann hatte er damit angefangen, diesen Weg zu bauen. Weg war zu viel gesagt ... Soweit Kalf wusste, hatte au�er Alfadas niemand diesen Weg je benutzt. Und auch der Jarl war ihn nur unter guten Bedingungen hinabgeklettert. Nicht mitten im Winter.</p><p>Der Fischer sah sich am Rand des Kliffs um. Die Trolle waren jetzt schon so nah, dass er sie miteinander reden h�ren konnte. Wo war der verfluchte Abstieg?</p><p>Endlich fand er im Schnee verborgen einen rostigen Haken. Ein Seil, das ganz schwarz vor Schmutz und Schimmel war, hing davon herab.</p><p>Der erste Troll erschien am Rand des Steinkreises. Mit einem kehligen Ruf deutete er auf Kalf.</p><p>Der Fischer zog die F�ustlinge aus, griff nach dem Seil und lie� sich �ber den Felsrand hinab. Lieber wollte er abst�rzen, als von Trollen gefressen werden!</p><p>Das Seil war gefroren. Der Frost schnitt Kalf in die nackten Finger. Je tiefer er hinabkam, desto bedenklicher knirschte das Seil. Und dann h�rte es auf. Mitten in der Steilwand! Verzweifelt sah sich der Fischer um. Schnee lag auf den Felssimsen. An manchen Stellen war der Stein von einem klaren Eispanzer �berzogen.</p><p>Ein St�ck seitlich entdeckte Kalf einen gebogenen Eisenhaken. Dort gab es einen schmalen Felssims, �ber dem ein Seil wie ein Handlauf angebracht war. Kalf streckte sich. Gerade eben bekam er das Eisen zu packen.</p><p>Ein polterndes Ger�usch lie� ihn aufblicken. Die Trolle warfen Steine die Klippe hinab. Mit verzweifelter Anstrengung zog sich Kalf auf den Sims. Dort sch�tzte ihn ein �berhang vor dem heimt�ckischen Angriff. Mit beiden H�nden in das Seil gekrallt, arbeitete er sich weiter vor. Der Sims wurde breiter.</p><p>Unter einem Fels�berhang fand Kalf eine Felsnische, auf deren Boden schwarze Holzreste lagen. Offensichtlich hatte Alfadas hier einmal gelagert. Verschlungene Muster waren mit der Holzkohle auf den Fels gemalt. Der Jarl war ein seltsamer Mensch! Kalf w�re es niemals eingefallen, mitten in einer unzug�nglichen Felswand zu lagern! Der Fischer blickte zum Fjord hinaus. Der Fl�chtlingszug hatte das Dorf jetzt ein gutes St�ck hinter sich gelassen. Sie w�rden entkommen! Gut, dass Asla so vorsichtig war! Oben von der Klippe wurden keine weiteren Felskl�tze mehr hinabgest�rzt. Kalf wagte sich aus seinem Versteck. Die Trolle waren verschwunden. Vorsichtig kroch er ein paar Schritt weit auf den Sims hinaus. Nichts geschah! Die Menschenfresser hatten offensichtlich ihre Jagd eingestellt. Er w�rde leben! Leichten Herzens machte er sich auf die Suche nach weiteren Spuren der Alfadasstiege. �ber Eishaken, schmale Leitern und Seile k�mpfte er sich die Steilklippe hinab, bis er zuletzt einen weiten Ger�llhang erreichte, der in einen Tannenwald �berging.</p><p>Vorsichtig tastend arbeitete er sich den Hang hinunter. Das Ger�ll lag unter Schnee verborgen. Er hatte die H�lfte des Weges geschafft, als die lockeren Steine unter ihm ins Rutschen gerieten. Mit den Armen rudernd, suchte er nach Halt, st�rzte nach hinten und rutschte auf dem R�cken liegend den Hang hinab. Er stie� gegen einen verborgenen Stein, �berschlug sich. Sein Kn�chel schlug hart gegen einen Felsen. Unaufhaltsam rutschte er den Tannen entgegen! Im kalten Sternenlicht konnte er deutlich die abgestorbenen �ste sehen, die wie Dolche aus den St�mmen ragten.</p><p>Er machte einen Satz und wirbelte durch die Luft. Dann gab es einen harten Schlag. Kalf kniff die Augen zusammen. Er lag in einer Schneewehe. Benommen sah er sich um. Bis zum Waldrand waren es kaum noch f�nf Schritt. Der Fischer tastete seine Glieder ab. Sein rechter Kn�chel schien verstaucht zu sein. Alle Knochen schmerzten. Aber es war nichts gebrochen.</p><p>St�hnend richtete er sich auf und humpelte dem dunklen Tannenwald entgegen. Wenn er durchhielt, w�rde er vielleicht in zwei Stunden die Fl�chtlinge auf dem Eis erreichen.</p><subtitle>Dunkle Omen und Heldentod</subtitle><cite><p>... Seit ihn sein Sohn Egil verlassen hatte, ward der K�nig von �blen Tr�umen heimgesucht. Oft fand man ihn einsam mitten in der Nacht und nur mit einem Hemde angetan in seiner Festhalle sitzend. Der Herrscher, der bis ins hohe Alter B�renkr�fte besessen hatte, verfiel in wenigen Wochen.</p><p>Es war eine Zeit der dunklen Vorzeichen. Die Markthalle in Gonthabu, an der man drei Jahre gebaut hatte und die das erste gro�e Geb�ude aus Stein in der K�nigsstadt war, brach zusammen, als sich erster Schnee auf ihrem Dach t�rmte. Und eines Nachmittags lag ein Schatten auf der Sonne. Ein kleiner Fleck nur, doch er sollte f�r vier Tage bleiben.</p><p>Es war in der Nacht nach dem ersten schweren Wintersturm, als Horsa nach seinem Schreiber schickte, um sein Testament aufsetzen zu lassen. Auch rief er den �ltesten Priester des Luthtempels zu sich. Allen bei Hof erschien Horsa an jenem Tag so, als habe er seine alte Kraft zur�ckerlangt. Er trank schweren Wein zum Mittag. Am Abend erreichte ihn die Kunde von den Trollen. Sie waren an der K�ste erschienen, hatten ein Fischerdorf niedergebrannt und zogen nun den Fjord entlang dem K�nigssitz in Gonthabu entgegen.</p><p>Sofort lie� Horsa Boten in alle Himmelsrichtungen senden und versammelte vor den Toren der Stadt sein Heer. In drei Tagen folgten dem Waffenruf siebenhundert M�nner. Zu Pferd und auf Schlitten kamen sie durch den tiefen Schnee, w�hrend die Verzagten in hellen Scharen die K�nigsstadt flohen.</p><p>Unter dem roten Adlerbanner sammelten sie sich, den K�nig in ihrer Mitte. Weit bis ins Land h�rte man den donnernden Hufschlag auf dem Eis, als der alte K�nig seine letzte Attacke ritt. Doch was vermag Menschenkraft gegen finstren Trollzorn auszurichten! Selbst die tapfersten Recken des K�nigreichs wurden erschlagen. Zu ungleich war der Kampf, verloren schon, bevor das erste Schwert gezogen. Horsa Starkschild fiel, als er seinem jungen Bannertr�ger, dem Jarl Oswin, das Leben rettete. Und mit ersterbender Stimme befahl er dem J�ngling, die Lebenden um sich zu scharen und vom Eisfeld zu ziehen, um an einem anderen Tag siegreich zu k�mpfen.</p><p>�Hol mir den Jarl vom Firnstayn�, waren die letzten Worte Horsas mit dem starken Schild.</p><text-author>Das Leben Horsa Starkschilds (33-35)</text-author><text-author>niedergeschrieben von Eginhard von Daluf</text-author></cite></section><section><title><p>Die abgestreifte Haut</p></title><p>Ollowain fand das Lager am Berghang verlassen. Hier im zerw�hlten Schnee verlor sich Lyndwyns Spur. Er wusste nicht, wie lange er am Hang geschlafen hatte. Die Arkadierin musste ihn mit einem Zauber belegt haben. Seine Wunden waren verheilt, doch f�hlte er sich noch schwach. Als er den Albenstein in seiner Hand gefunden hatte, war er zu Tode erschrocken gewesen. Er hatte Lyndwyn gerufen ... Dann war er ihrer Spur gefolgt, die ihn geradewegs zu den Trollen gef�hrt hatte. Und er hatte begriffen, was geschehen sein musste. Ohne zu z�gern hatte er den Albenstein versteckt, damit man ihn nicht bei ihm finden konnte. Und dann hatte er sich auf die Suche gemacht ...</p><p>Er brauchte fast einen ganzen Tag, bis er das Lager der Trolle erreichte. Nur ein weites, zertrampeltes Schneefeld war geblieben. Hier und dort lagen Lumpen im Schnee und Pl�ndergut aus Phylangan, das man dann doch nicht als bedeutend genug erachtet hatte, um es mitzuschleppen. Das Heer hatte sich nach Osten gewendet, dorthin, wo die alten Felsenburgen lagen. Der K�nigsstein, um den sie so verbissen gek�mpft hatten, war gewonnen und in derselben Stunde verloren. Rotes Lodern umspielte den fernen Gipfel, �ber dem immer noch eine Rauchwolke stand.</p><p>Eine Zeit lang streifte Ollowain ziellos durch das Lager. Dann entschied er, den Trollen nach Osten zu folgen. Er w�rde Lyndwyn finden ... Die vielen Knochen, die �berall bei den Feuerstellen im Schnee lagen, mahnten ihn, wie sinnlos diese Suche war. Er wusste schlie�lich, was sie mit ihren Gefangenen taten. Doch f�r ihn w�rde Lyndwyn leben, bis er den Beweis ihres Todes fand. Und selbst dann gab es Hoffnung. Eines Tages w�rde sie wiedergeboren werden. Er musste nur warten.</p><p>Sein Weg f�hrte ihn vorbei an erfrorenen Kobolden, den Sto�z�hnen von Mammuts und verlorenen Schilden, die m�de Krieger einfach im Schnee liegen gelassen hatten.</p><p>�Ollowain ...� Die Stimme war nur ein Wispern, verloren im Wind. Der Schwertmeister verharrte. Es war unm�glich zu sagen, von wo der leise Ruf erklungen war. Dann sah er die Bewegung. Ein zerrissener Umhang flatterte im Wind. Darunter lugte eine Hand hervor. Die vier Finger kr�mmten und streckten sich. Sie winkten! �Lyndwyn?�</p><p>Er eilte zu der kauernden Gestalt. Sie hockte im Windschatten eines Trollschilds, auf dem mit Knochenmessern Seidenstreifen und eine blasse Maske aufgespie�t waren.</p><p>Die Gestalt hatte sich den Umhang eng um den Leib gezogen. Als er n�her kam, hob sie die H�nde vor ihr Gesicht, doch er erkannte das lange, schwarze Haar sofort.</p><p>�Lyndwyn!� Erleichtert kniete er nieder. Sie hatte �berlebt. Er konnte sein Gl�ck gar nicht fassen! Alles w�rde wieder gut!</p><p>�Ich habe sie nicht verraten, die K�nigin.� Die Stimme der Zauberweberin war kaum zu verstehen, so leise und stockend sprach sie.</p><p>�Ich wei߫, sagte Ollowain. �Verzeih, dass ich dir nicht geglaubt habe.� Lyndwyns K�rper erzitterte; er konnte es nicht sagen, ob unter einem Schluchzen oder einem verzweifelten Lachen.</p><p>Er wollte sie z�rtlich in die Arme nehmen, doch sie zuckte schon bei der leisesten Ber�hrung zusammen. �Verzeih mir, ich kann nicht. Ich muss dich nun verlassen. Meine Kraft verfliegt... Das Netz des letzten Zaubers, den ich wob, zerrei�t... Ich wusste, du w�rdest kommen. Einmal noch wollte ich in deine Augen sehen, mein wundersch�ner wei�er Ritter. Nun geh und rette unsere K�nigin. Mich hast du schon gerettet ...� Silbernes Licht umfloss die zitternde Gestalt.</p><p>�Bitte nicht! Geh nicht ... Ich ...�</p><p>Ihre gr�nen Augen funkelten in dem unnat�rlichen Licht. �Ich werde auf dich warten ...� Ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne. Dann war sie fort. Lyndwyn hatte ihren Weg ins Mondlicht gefunden. Ihr Schicksal in Albenmark hatte sich erf�llt.</p><p>Im Schnee lag die zerrissene Decke. Ollowain hob sie auf und dr�ckte sie an sich. Ganz zuletzt hatte er kurz Lyndwyns Antlitz gesehen. Er blickte zu dem Schild. Was er f�r eine Maske gehalten hatte, war verschwunden. Er erinnerte sich, was er vor langer Zeit im Streit zu der Arkadierin gesagt hatte. Du m�sstest deine Haut abstreifen, damit ich dir vertraue.</p><p>Der Schwertmeister vergrub sein Gesicht in der zerrissenen Decke.</p></section><section><title><p>Die W�lle von Honnigsvald</p></title><p>�Das Holz ist so morsch, dass ich meinen Daumen hineindr�cken k�nnte, wenn es nicht gefroren w�re. Du darfst nicht hier bleiben!�, sagte der F�hrmann beschw�rend. �Hinter diesen W�llen ist man nicht in Sicherheit.�</p><p>Asla seufzte. Zwei schrecklich lange Tage auf dem Eis hatte der Gedanke an die Stadt mit den palisadengekr�nten Erdw�llen ihr die Kraft gegeben durchzuhalten. Und nun, da sie noch keinen halben Tag in Honnigsvald waren, war alle Hoffnung schon wieder dahin. Kodran, der F�hrmann, war am sp�ten Nachmittag zu Asla gekommen. Er hatte sich als ein Freund ihres Mannes ausgegeben, und er hatte ihr keine Ruhe gelassen, bis sie schlie�lich eingewilligt hatte, mit ihm hinauf auf die Verteidigungsw�lle zu steigen.</p><p>Asla blickte zu Kalf. Sein Gesicht war noch immer mit Schorf bedeckt. Tausendmal hatte sie den G�ttern gedankt, dass der Fischer seinen Sturz am Hartungskliff so gut �berstanden hatte. Es war wie ein Wunder! Kalf zog sein Fischmesser aus dem Stiefel und kratzte am Holz. Er fluchte leise. �Kodran hat Recht. Bei ihrer Gr��e m�ssen die Trolle stark wie B�ren sein. Diese morsche Palisade wird sie nicht aufhalten. Wir m�ssen weiter!�</p><p>W�tend trat Asla gegen einen der St�mme. Sie hatte sich so sicher gef�hlt in der gro�en Stadt! Wie zum Hohn trotzte ihr die Palisade. Ihr tat der Fu� weh. Sie war eben kein Troll.</p><p>�Wir k�nnen nicht so weiterziehen�, sagte sie entmutigt. �Wir brauchen mehr Schlitten.� Sie blickte zu dem gro�en F�hrmann auf. �Bring mich zu dem Kerl, der meinem Mann das Fuhrwerk aufgeschwatzt hat.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass er uns helfen wird�, wandte Kodran z�gerlich ein. �Wir sollten besser gleich die Stadt verlassen, statt uns mit Sigvald aufzuhalten. Er ist ein �bler Gesch�ftemacher.�</p><p>�Dann werde ich eben Gesch�fte mit ihm machen! Wir haben keine Wahl. Es sind zu viele Alte und Kinder bei uns, und da ist...� Asla r�usperte sich. Fast h�tte sie von der K�nigin gesprochen. Emerelle lag in der gro�en Kutsche. Doch davon sollte hier in der Stadt niemand etwas wissen. �Bring mich zu diesem Sigvald. Sofort!�</p><p>Kodran f�gte sich und f�hrte sie durch die �berf�llten Stra�en zum Ufer des Fjords. Die ganze Stadt war voller Fl�chtlinge. Man hatte weithin im Umland die Rauchs�ule sehen k�nnen, die �ber Firnstayn aufgestiegen war. Fischer und Bauern waren mit ihren Familien und ihrem Vieh in die tr�gerische Sicherheit der Stadt geflohen. Asla fluchte stumm. Sie musste diese Menschen warnen! Aber zuerst musste sie Sigvald sprechen. Der Wagenbauer arbeitete in seiner Werkstatt, als w�rde ihn aller Trubel in der Stadt nicht das Mindeste angehen. Er hatte eisgraues Haar, das streng aus dem Gesicht zur�ckgek�mmt war. Asla bemerkte, wie der Handwerker ihren roten Mantel musterte und entschied, dass sie wohl reich sein musste. �Womit kann ich dienen?�</p><p>�Wie viele Schlitten hast du?�</p><p>Die Frage schien ihn leicht zu verunsichern. �An was f�r eine Art Schlitten hast du denn gedacht, meine Dame?�</p><p>�Ich dachte, alle Schlitten zu kaufen, die du besitzt.�</p><p>Der Wagner r�usperte sich. Dann sah er zu Kodran und Kalf, die Asla begleiteten. Doch keiner von beiden l�chelte.</p><p>�Das wird sehr teuer ...�, sagte Sigvald schlie�lich z�gerlich.</p><p>�Auf meinem Wagen steht ein Kasten voller Gold. Mein Mann ist der Herzog Alfadas. Ich bin keine arme Frau. Das Gold wird dir geh�ren, wenn du mir bis Mitternacht die Schlitten fertig machst. M�glichst viele sollten h�lzerne Aufbauten haben, die vor dem Sturm sch�tzen.� Asla deutete zu Kalf.</p><p>�Dieser Mann wird hier bleiben und dich dabei beraten, wie die Schlitten umzubauen sind. Solltest du mehr als f�nf Fuhrwerke bringen, zahle ich dir f�r jedes tausend Silberm�nzen als Leihgeb�hr. Wenn wir in Sicherheit sind, bekommst du die Fuhrwerke zur�ck und kannst deine Sch�tze behalten. Aber wir brechen um Mitternacht auf. Auf keinen Fall sp�ter! Du wirst uns begleiten, damit du unterwegs Sch�den an den Fuhrwerken reparieren kannst.�</p><p>�Meine Schlitten sind solide! Es wird keine Sch�den geben!�</p><p>Asla hob die Brauen. �An wen soll ich das Geld f�r die geliehenen Fuhrwerke auszahlen lassen? Wenn du hier bleibst, wirst du es nicht mehr in Empfang nehmen k�nnen. Ein Trupp Trolle marschiert auf Honnigsvald, und die W�lle dieser Stadt werden sie kaum aufhalten k�nnen.�</p><p>Der Wagenbauer l�chelte. �Trolle. Werte Dame, es gibt in diesem Land keine Trolle. Es sind nur Pl�nderer ...� Asla war heute schon ein Dutzend Mal und �fter bel�chelt worden. Sie war es leid.</p><p>�Frag Kalf, wie deine Pl�nderer aussehen. Er ist ihnen begegnet. Aber vielleicht denkst du auch einfach nur nach. Glaubst du, ich w�rde ein Verm�gen ausgeben und aus einer gro�en Stadt fl�chten, wenn wirklich nur ein paar R�uber aus den Bergen den Fjord hinunterk�men?� Mit diesen Worten verlie� Asla den Schuppen.</p></section><section><title><p>Wieder auf dem Eis</p></title><p>�Glaubt mir!� Asla hob beschw�rend die H�nde. Sie stand auf einem Fass am Ende des Fischmarkts. Der Platz vor ihr war gedr�ngt voll von Menschen. Obwohl es tief in der Nacht war, kehrte keine Ruhe in Honnigsvald ein. Immer noch kamen Fl�chtlinge �ber das Eis.</p><p>Sigvald hatte ihre Worte schlie�lich ernst genommen. Zur vereinbarten Stunde war er mit neun Schlitten gekommen. Sie standen aufbruchsbereit am Nordende des Marktplatzes.</p><p>�Wir haben Kutschen, in denen die Kinder vor der K�lte gesch�tzt sind. Kommt mit mir. Ich gehe nach Gonthabu. K�nig Horsa wird uns sch�tzen k�nnen. In Honnigsvald seid ihr verloren! Die Trolle werden die W�lle der Stadt einrei�en, als w�ren sie aus d�nnem Pergament gebaut.� Asla spannte die Schultern. Sie hatte das Kettenhemd angelegt, in dem Gundar gestorben war. Jetzt dr�ckte es sie, und wie es schien, half es ihr nicht. Sie hatte gehofft, dass Luth ihr vielleicht ein klein wenig n�her sein w�rde, wenn sie sein Geschenk an den Priester am Leib trug. Sie hatte zu Luth gebetet, dass ihre Worte die Menschen �berzeugen mochten. Doch nur die Wenigsten hier wollten ihr �berhaupt zuh�ren.</p><p>Ein Trupp Bewaffneter bahnte sich seinen Weg durch die Menge. An seiner Spitze ging ein hagerer, glatzk�pfiger Mann. Es war Godlip, der Jarl von Honnigsvald. Seine M�nner griffen nach Asla und zerrten sie vom Fass. �Bei allem Respekt, den ich vor deinem Mann habe, Weib, werde ich die Unruhe, die du sch�rst, nicht l�nger dulden. Ich verweise dich der Stadt. Nimm mit, wer immer dir folgen mag, aber wage es nicht, Honnigsvald noch einmal zu betreten!�</p><p>Der Jarl stieg auf das Fass. �H�rt nicht auf dieses verwirrte Mannweib! Seht nur, wie sie aussieht. Tr�gt ein Kettenhemd wie ein Krieger! Und dann will sie euch hinaus auf das Eis f�hren! Mitten im Winter. Der Weg nach Gonthabu dauert mehrere Tage. Was glaubt ihr, wie viele von euch dort lebend ankommen werden? Honnigsvald ist �berf�llt. Ich werde keinen aufhalten, der gehen m�chte. Wir haben zwar nur wenige Krieger, aber viele bewaffnete Freiwillige. Und ich habe schon am Morgen einen Boten zum K�nig geschickt. Wenn wir ein wenig aushalten, dann wird der K�nig zu uns kommen, und niemand muss auf dem Eis sterben.�</p><p>Der Jarl erntete zustimmendes Gemurmel. Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf Asla. �Dich, Weib, verbanne ich aus der Stadt. Hier ist kein Platz mehr f�r dich! Verlasse die Stadt, deren Namen du in den Schmutz ziehst.�</p><p>Asla wollte aufbegehren, doch Erek packte sie am Arm und zog sie mit sich. �Lass diese Gro�sprecher�, sagte ihr Vater w�tend. �Wir wissen, dass du Recht hast. Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren.� Sie dr�ngten sich unter Buhrufen zu den Wagen.</p><p>Ulric sa� auf dem Kutschbock. �Warum ist der Mann so b�se mit dir, Mutter?�</p><p>�Weil er dumm ist!�, antwortete Erek an ihrer Stelle. �Lass deine Mutter jetzt in Ruhe.�</p><p>�Aber wir m�ssen Halgard holen! Sie ist nicht hinten auf dem Schlitten!�</p><p>�Ich hab sie eben noch bei dem Wagen gesehen, den Kalf f�hrt�, sagte Asla. �Mach dir keine Sorgen um sie.� Ulric wollte vom Kutschbock springen. �Ich hol sie schnell!�</p><p>�Du bleibst hier!� Erek dr�ckte ihn auf seinen Platz zur�ck.</p><p>�H�r auf deine Mutter! Hier in dem Gedr�nge wirst du nur verloren gehen.�</p><p>�Ich werde gleich nach Halgard sehen.� Asla l�chelte ihn m�de an. �Wir lassen niemanden zur�ck.� Mit diesen Worten machte sie sich auf den Weg zum Ende der Wagenkolonne.</p><p>Kaum hatte sie ein paar Schritte getan, fand sie sich umringt von Godlips Kriegern. �Wir sollen dich aus der Stadt bringen, Weib�, sagte ihr Anf�hrer harsch. �Sofort!� Er packte sie und zog sie mit sich fort.</p><p>Asla winkte Kalf zu. �Fahrt! Lass alle anfahren!� Ihre Gedanken �berschlugen sich. Hatte sie an alles gedacht? Es waren zus�tzliche Lebensmittel gekauft, Decken und Pelze, Holzkohle f�r die Feuerschalen in den �berdachten Wagen, dazu sogar Branntwein und Verbandszeug. Asla musste l�cheln. Was Alfadas wohl dazu sagen w�rde? All die Sch�tze, die er in den letzten Jahren auf seinen Kriegsfahrten zusammengetragen hatte, waren dahin. Sie hatte ihn an einem einzigen Nachmittag zu einem armen Mann gemacht.</p><p>Godlips Krieger sorgten daf�r, dass sie z�gig die Stadt verlassen konnten. Nur wenige hatten auf Asla geh�rt und sich dem Wagenzug angeschlossen. Eine Kolonne von vierzehn Schlitten fuhr hinaus aufs Eis nach S�den. Vieh wurde neben den Wagen hergetrieben. Etliche Fl�chtlinge zogen nur kleine Handschlitten.</p><p>Asla sa� bei Kalf auf dem Kutschbock und blickte die Menschenschlange entlang. Es mussten mehr als vierhundert sein, die ihr zuletzt doch geglaubt hatten. Wenn sie nur mehr Wagen h�tten!</p><p>Sie umrundeten eine Landzunge, auf der ein lichter Birkenwald lag. Dahinter erstreckte sich der Fjord, eingerahmt von steilen Felsen, nach S�den. Hier war der Meerarm schon �ber f�nfhundert Schritt weit. Feenlicht zog �ber den sternklaren Himmel und tauchte die Winterlandschaft in geheimnisvolle gr�ne Schatten. Asla rieb sich frierend die H�nde. Am liebsten h�tte sie sich bei Kalf angelehnt. Es war gut, in seiner N�he zu sein. Ganz gleich, was geschah, er blieb immer ruhig und zuversichtlich. Neben ihm auf dem Kutschbock zu sitzen, musste ihr jedoch gen�gen. Mehr N�he war ihr als verheirateter Frau nicht gestattet.</p><p>Ein Schrei st�rte j�h den Frieden.</p><p>�Trolle!� Ein Mann, den Asla nicht kannte, deutete zum Birkenhain zur�ck. F�nf riesige Gestalten kamen auf das Eis hinausgelaufen, geradewegs auf den Wagenzug zu.</p><p>Kalf stellte sich auf und griff nach der Peitsche, die seitlich vom Kutschbock steckte. Ihr Wagen fuhr recht weit hinten in der Kolonne. Vor ihnen lenkte Erek den gro�en Schlitten, den Alfadas ins Dorf gebracht hatte.</p><p>Die M�nner und Frauen, die neben den Schlitten hergingen, begannen zu laufen. Jemand reichte Asla ein kleines Kind hinauf. Sie dr�ckte es in die Arme und sah zur�ck. Die Trolle holten schnell auf!</p><p>Kalf lie� seine Peitsche �ber die K�pfe der Schlittenpferde hinwegknallen. Doch es half nicht. So sehr die Pferde sich ins Geschirr legten, die Trolle kamen immer n�her. Jetzt konnte Asla schon deutlich ihre Gesichter unterscheiden. Sie trugen leichte Wurfspeere. Einem Mann, der auf dem Eis gest�rzt war, stachen sie im Vorbeilaufen einen Speer in den R�cken.</p><p>Die Kolonne war auseinander gebrochen, die leichteren Schlitten setzten sich ab. Asla h�rte ihren Vater fluchen und auf die Pferde einschlagen. Viele Fl�chtlinge versuchten verzweifelt, sich an den Schlitten festzuhalten. Asla sah, wie eine junge Frau unter die Kufen eines Wagens geriet. Mit zerquetschten Beinen blieb sie auf dem Eis zur�ck.</p><p>Die Trolle warfen nun ihre Speere. Die Nacht war erf�llt von Keuchen, Peitschengeknall, den Rufen der Kutscher und dem schleifenden Ger�usch der Kufen. Wer laufen musste, hatte keinen Atem, um zu jammern oder zu schreien.</p><p>So pl�tzlich, wie sie angegriffen hatten, gaben die Trolle ihre Verfolgung auf. Sie hoben die Toten und Verletzten vom Eis. Dann zogen sie sich zur�ck.</p><p>�J�ger!�, sagte Kalf. �Wir sind f�r sie wohl wie eine Rentierherde. Sie t�ten nur so viele, wie sie essen k�nnen. Diesmal zumindest.�</p><p>Asla sah den Fischer verwundert an. Er sagte das so kalt, als seien tats�chlich nur ein paar Rentiere erlegt worden.</p><p>�Das waren Menschen, die mir vertraut haben�, entgegnete sie aufgebracht. �Kein Schlachtvieh!�</p><p>Kalf legte ihr eine Hand auf den Arm. �Beruhige dich. Wir m�ssen sie verstehen, wenn wir ihnen entkommen wollen.�</p><p>�Halt an!� Asla stieg vom Kutschbock. Sie ging zur�ck, um nach denen zu sehen, die nicht schnell genug waren. �Bring die Wagen wieder zusammen!�, befahl sie ihm sch�rfer, als sie es eigentlich gewollt hatte. Es dauerte �ber eine Stunde, bis die Kolonne sich wieder zusammengefunden hatte. Asla half, wo sie konnte, und h�rte sich geduldig die Klagen jener an, die sich bitter beschwerten, von den Schlitten im Stich gelassen worden zu sein. Blut trottete neben ihr her, und wann immer jemand in seinem Zorn zu laut wurde, brachte der gro�e schwarze Hund ihn mit einem Blick und einem leisen Knurren zum Schweigen.</p><p>Erstes silbernes Licht zeigte sich �ber den Bergen, als sich Asla mit Yilvina, Kalf, Sigvald und einigen anderen M�nnern an der Spitze der Kolonne traf, um dar�ber zu beraten, wann man es wagen konnte, eine kurze Rast einzulegen. Noch immer trug sie das Kettenhemd. Ihr R�cken f�hlte sich an, als s��e statt des R�ckgrats ein brennender Stecken in ihrem Leib. Sie war zu Tode ersch�pft und h�tte sich am liebsten in ihre Kutsche zur�ckgezogen, als ein Reiter vor ihnen auf dem Fjord erschien.</p><p>Als er den Wagenzug erreichte, hielt er geradewegs auf sie zu. Es war ein junger Mann, dessen Bart und Augenbrauen mit wei�en Eiskristallen bedeckt waren. �Wo wollt ihr hin?�</p><p>�Wir fliehen vor Trollen, ob du es glaubst oder nicht�, antwortete Sigvald zynisch.</p><p>�Das ist mir schon klar�, entgegnete der Reiter. �Aber ihr flieht in die falsche Richtung. Sie kommen doch von S�den. Ein ganzes Heer. Es ist nur zwei Tagesm�rsche entfernt. Vor euch sind noch zwei andere Fl�chtlingstrecks. Ihr m�sst nach Norden! So rennt ihr nur in euer Verderben.�</p><p>Asla hatte das Gef�hl, als habe man ihr eine Faust in den Magen gerammt. Das konnte doch nicht sein! Die M�nner redeten noch kurz miteinander, dann preschte der Reiter weiter, in der Hoffnung, unbehelligt an den Trollen, die im Birkenwald lagerten, vorbeizukommen und nach Honnigsvald zu gelangen, um dort den Jarl zu warnen.</p><p>Alle starrten Asla an, als erwarteten sie von ihr, dass ihr sofort eine L�sung einfiele. �Also, was nun?�, fragte sie m�de. �Irgendwelche Vorschl�ge?�</p><p>Yilvina, die bisher geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort.</p><p>�Wir m�ssen vom Fjord weg und dann hinauf in die Berge. Vielleicht finden wir dort einen sicheren Ort. Die Trolle nutzen den Fjord wie eine Heerstra�e. Auf dem Eis kommen sie gut voran. Und dank der St�dte und D�rfer brauchen sie keine Vorr�te mit sich f�hren.�</p><p>�Und wie sollen wir mit den Schlitten in die Berge?�, entgegnete Kaff. �Wir m�ssten sie aufgeben, und einen halben Tag sp�ter schon m�ssten wir die Schw�chsten von uns zur�cklassen.�</p><p>�Auf dem Fjord werden alle sterben�, entgegnete die Elfe ruhig.</p><p>�Machen wir uns nichts vor! Was sie sagt, ist wahr�, warf Sigvald leidenschaftlich ein. �Aber ich kenne einen Ort, der uns als Zuflucht dienen k�nnte, ja, den man sogar verteidigen kann. Sunnenberg! Das ist ein Dorf, das nicht weit von hier in den Bergen liegt. Man kommt �ber einen Seitenarm des Fjords dorthin. Wir w�rden dem Trollheer also aus dem Weg gehen. Man erreicht Sunnenberg �ber einen Pass, der nicht allzu steil f�r die Schlitten ist. Au�erdem gibt es bei diesem Pass zwei starke Holzpalisaden. Rentiere wandern im Fr�hjahr und im Herbst �ber den Pass. Die Leute aus Sunnenberg nutzen den Passweg dann wie einen riesigen Pferch f�r die Herde. Sie nehmen einige Tiere heraus und lassen den Rest der Herde dann weiterziehen. Die Anlage ist gut in Ordnung. Das Dorf lebt davon, dass die Palisade h�lt.�</p><p>Das klang wie eine Antwort auf alle Sorgen. Asla befahl Sigvald, sich an die Spitze des Fl�chtlingszuges zu setzen und sie zu dem abgelegenen Fjord zu f�hren. Sp�her sollten nach anderen Fl�chtigen Ausschau halten und nach versprengten Kriegern aus Horas Heer. Sie w�rden jeden mitnehmen, den sie retten konnten. Als alles besprochen war, suchte Asla ihr Fuhrwerk. M�de zog sie sich auf den Kutschbock. Ihr Vater sa� leicht vorgebeugt. Er musste wohl eingeschlafen sein.</p><p>Asla streckte sich. Die Wintersonne schien ihr warm ins Gesicht. Wenn sie an Ereks Seite einnickte und sich an seine Schulter lehnte, w�rde es kein Gerede geben. Sie stie� ihn sanft an.</p><p>�He, aufwachen. Gleich geht es weiter.�</p><p>Erek r�hrte sich nicht.</p><p>�Aufwachen.� Sie wollte nach seiner Schulter greifen und ihn sch�tteln, da sah sie das Blut. Seine H�nde, die Hose, die Z�gel: alles war voller Blut.</p><p>�Wach auf!�, sagte sie beschw�rend, obwohl sie wusste, dass Erek sie nicht mehr h�ren konnte.</p><p>Jemand zog sie vom Kutschbock. Kalf! Er hielt sie fest. Yilvina kletterte zu Erek hinauf und untersuchte ihn. Asla b�umte sich in der Umklammerung auf, doch Kalf war st�rker als sie. Er hielt sie eng an seine Brust gedr�ckt.</p><p>�Ein Wurfspeer hat ihn in der Seite verwundet.� Die Elfe sah Asla an. Keine Regung zeigte sich in ihrem Gesicht, obwohl sie wochenlang jeden Abend mit Erek am selben Tisch das Abendmahl eingenommen hatte. �Er hat den Speer herausgezogen. Die Wunde ist tief. Sie hat nicht aufgeh�rt zu bluten. Er hat den Schlitten in der Spur gehalten. Irgendwann, nachdem die Kolonne wieder langsamer marschierte, wird er eingeschlafen sein. Die Pferde sind dann einfach dem Gespann vor ihnen gefolgt.�</p><p>Asla war zu ersch�pft, um zu weinen. Sie h�rte der Elfe zu und konnte doch nicht begreifen, was geschehen war. Erek war immer f�r sie da gewesen. Nie war er weiter als ein paar Meilen von ihr fort gewesen. Er war alt geworden. Aber er war nicht gebrechlich. Zumindest in ihren Augen!</p><p>�Wir m�ssen ihn begraben�, sagte sie schlie�lich.</p><p>�Das geht nicht�, sagte Kalf sanft. �Vielleicht folgen uns die J�ger vom Morgen noch. Wir k�nnen nicht anhalten. Noch nicht. Und einen Leichnam mit sich zu f�hren, bringt Ungl�ck. Das wei�t du!�</p><p>�Willst du ihn etwa auf dem Eis liegen lassen?�, fragte sie mit erstickter Stimme. �Du kennst ihn dein Leben lang, und jetzt l�sst du ihn als Fra� f�r die Trolle zur�ck!�</p><p>�Nein.� Kalf hielt sie noch immer fest im Arm. �Er hat mir einmal erz�hlt, er w�rde gern so wie K�nig Osaberg am Grund des Fjords ruhen. Er fand, dass sei f�r Fischer ein angemessenes Grab ...�</p><p>Asla schluckte. Erek hatte ihr auch davon erz�hlt. Wenn er tot war, wollte er zu den Fischen, die ihn ein Leben lang gen�hrt hatten. Sie wusste auch, dass sie nicht warten konnten. �Lass mich los�, sagte sie leise. �Ich hole die Kinder vom Wagen. Sie sollen von ihrem Gro�vater Abschied nehmen.�</p><p>Blut trottete neben ihr, als sie zum Heck des Schlittens ging. Mit zitternden H�nden �ffnete sie die Klappe. Stickige Luft schlug ihr entgegen. Ihre Tante Svenja sa� mit mehreren Kindern auf der Pritsche. Matt gl�hte eine Hand voll Holzkohlest�cke in der Feuerschale. Die Elfenk�nigin lag lang auf dem Boden ausgestreckt auf einem Lager aus Fellen.</p><p>Svenja blinzelte in das Morgenlicht. �Was ist?�</p><p>Asla setzte an, etwas zu sagen, doch ihr kamen keine Worte �ber die Lippen. Sie sah Kadlin. Das M�dchen schlief friedlich im Arm ihrer Tante. Aber Ulric war nicht dort!</p><p>�Wo ist mein Sohn?�</p><p>�Ist er nicht drau�en bei Erek?�</p><p>Asla knickten die Beine weg. Sie hielt sich am Wagengestell fest. Ihr war �bel. Sie dachte an den Tumult in Honnigsvald. Ulric hatte dort noch auf dem Kutschbock gesessen. Und dann... Sie hatte die ganze Nacht nicht nach ihm gesehen. Er war ... Asla blickte zur�ck nach Norden. Rauchwolken stiegen dort in den Himmel auf. �Wo ist Halgard?�, fragte sie verzweifelt.</p><p>�Kalf! Halgard ist doch hinten in deinem Wagen?� Der Fischer eilte zur�ck. In allen Kutschen wurde gesucht. Doch weder Halgard noch Ulric waren zu finden.</p><p>Blut stupste sie mit der Schnauze an, als wolle er sie tr�sten. Asla griff in das dichte Nackenfell des Hundes. Sie brachte ihr Gesicht ganz nah an dessen Ohren. Ihr war klar, dass sie nicht zur�ck konnte, obwohl sie sich nichts sehnlicher w�nschte. Die Trolle w�rden sie einfangen. Das w�rde Ulric nicht helfen. Und sie musste auch an Kadlin denken ...</p><p>�Geh zur�ck�, fl�sterte sie dem Hund ins Ohr. �Geh zur�ck und hol Ulric. Du kannst ihn finden.�</p><p>�Ich werde mit ihm gehen�, sagte eine seltsam singend klingende Stimme. �In zwei Tagen bin ich zur�ck ... Wenn alles gut geht.� Asla blickte zu Yilvina auf. Zum ersten Mal erschien ihr das Gesicht der Elfe nicht wie aus Stein gemei�elt.</p></section><section><title><p>Neue Aufgaben</p></title><p>Boltan wanderte am Ufer zwischen den dicht gedr�ngten Menschlingen entlang. Sie wichen ihm respektvoll aus und duckten sich, wenn er nur in ihre N�he kam. Was f�r erb�rmliche Wichte! Er wusste nicht, wen er ausw�hlen sollte. Sie alle erschienen ihm nicht gut genug f�r die Tafel des Herzogs.</p><p>Stolz erf�llte den Troll. Orgrim hatte ihn zu seinem Koch gemacht! Damit war er der zweite Mann hinter dem Herzog. Er trug die Verantwortung daf�r, dass alle hungrigen M�uler gestopft wurden. Es war ein schweres Amt voller neuer Herausforderungen. Er musste Listen �ber die Esser und die Vorr�te f�hren. Und er musste den Gaumen seines Herzogs erfreuen.</p><p>Orgrim war schlecht gelaunt. Dumgar war auf dem Marsch hierher und w�rde sich bald mit den Truppen des Herzogs vereinen. Dann w�rde der Herrscher vom Mordstein befehlen ...</p><p>F�r heute wollte Boltan seinem Herrn eine Freude bereiten. Nichts vertrieb Sorgen besser als ein k�stliches Mahl! Brud hatte ihm vor ein paar Tagen von einer besonderen Art erz�hlt, wie man gro�e Hasen zubereiten konnte. Man brach ihren Leib auf und holte das Ged�rm, den Magen und die Galle heraus. Dann schmierte man sie mit Lehm ein, bis sie wie ein gro�er, grauer Klumpen aussahen. Den legte man dann in die Glut einer Feuergrube. Eingeschlossen vom Lehm, konnte das Fleisch in seinem eigenen Saft ziehen. Und es schmeckte wunderbar zart, wenn man es aus dem Feuer holte und die graue Kruste aufbrach. Alle Haare blieben im Lehmmantel, und man konnte sofort mit dem Essen beginnen.</p><p>Boltan hatte am Morgen unter einer Feuerstelle am Ufer feinen Lehm gefunden. Seitdem reifte in ihm der Plan, es heute einmal mit Bruds Art der Fleischzubereitung zu versuchen. Er w�rde einen kleinen Menschling daf�r nehmen. Einen Welpen.</p><p>Ziellos wanderte der Troll umher. Er wollte etwas Besonderes. Schlie�lich fiel ihm ein junges Weibchen mit wei�em Haar auf. Sie war ein wenig hager, aber keine sonst hatte solche Haare. Sie wirkte etwas unbeholfen. Erst als er vor ihr stand, merkte Boltan, dass sie blind war. Das w�rde ihrem Geschmack doch sicher keinen Abbruch tun!</p><p>Er wollte schon nach ihr greifen, da sprang ein Welpe auf und stellte sich sch�tzend vor sie. Der kleine Menschling hielt einen funkelnden Dolch in der Hand und geb�rdete sich, als wolle er ihn zu einem Zweikampf unter Kriegern fordern.</p><p>Boltan konnte nicht an sich halten. Er brach in schallendes Gel�chter aus. Im selben Augenblick sprang der kleine Menschling vor und stach ihm ins Bein. Die Elfenklinge brannte wie Feuer. W�tend entwaffnete er den Kleinen; den Menschenjungen unter den Arm geklemmt, ging er zu der Feuerstelle, die er vorbereitet hatte. Den Dolch warf er auf einen Knochenhaufen.</p><p>Obwohl er so klein war, hatte der Menschling schon das Herz eines Kriegers. Er w�rde Orgrim k�stlich munden!</p><subtitle>Abschied</subtitle><cite><p>... Wir zogen uns zur�ck zum Adlerstein, der Felsenburg, die Phylangan zun�chst lag. Vier Tage dauerte die Reise. Die ganze Zeit �ber konnten wir eine Aschewolke �ber dem verlorenen Berg sehen. Und nachts war der Himmel rot vom Widerschein des Blutes der Erde. Manchmal dachte ich, dass das Land selbst dem Krieg ein Ende gesetzt habe. Der einzige Pass zwischen Carandamon und der Snaiwamark war nun versperrt. Und die Burg, um die so viele V�lker so erbittert gefochten hatten, war vergangen. So bitter den Normirga der Verlust Phylangans war, so erleichtert schienen die Menschens�hne. Ich hatte Alfadas versprochen, sie in ihre Heimat zu entlassen. Emerelle sollte aus dem Dorf des Herzogs geholt werden. War auch kein Frieden mit den Trollen absehbar, so w�rde der Krieg doch wohl eine Atempause finden. Beide Seiten waren ersch�pft. Und wollten die Trolle Carandamon angreifen, so m�ssten sie einen weiten Umweg �ber das Windland machen. Oder aber, sie m�ssten erneut durch das Netz der Albenpfade gehen.</p><p>Wir feierten im Adlerstein ein Fest, um unsere Waffenbr�der zu verabschieden. Sie sollten Schlitten mitnehmen und Pferde. Auch erhielt jeder ein Geschenk, als wir die goldenen Amulette zur�ckforderten. Ich wusste, was sie von Phylangan mitgenommen hatten, auch wenn der Krieger ohne Nase und von �bler Zunge glaubte, ich h�tte nichts bemerkt. Sollten sie es behalten! Phylangan war vergangen. Niemand w�rde mehr nach seinem Gold fragen. Unser Fest neigte sich schon seinem Ende zu, als eine bleiche Gestalt unter dem Torbogen zur Silbernen Halle erschien. Ollowain, den wir alle f�r tot gehalten hatten, war zur�ckgekehrt. Doch er hatte auch nicht mehr viel von einem Lebenden an sich. Das Haar wei� von Frost. Die Augen tief in dunkle H�hlen eingesunken, trug er statt seines Umhangs eine schmutzige Wolldecke �ber den Schultern.</p><p>Wie er dem Berg entkommen war, hat er mir nie erz�hlt. Er schwieg die meiste Zeit. Selbst sein Ziehsohn Alfadas erfuhr wohl nicht, was sich ereignet hatte.</p><p>Ollowain wollte die Menschen zur�ck ins Fjordland begleiten. Als die Stunde des Aufbruchs kam, erschien er wieder als der makellose wei�e Ritter. Doch das war nur Schein. Auch jetzt blieb er stumm, und seine Augen waren Abgr�nde...</p><text-author>Aus: Der Blick des Falken, s.903,</text-author><text-author>Die Lebenserinnerungen</text-author><text-author>von Fenryl, Graf von Rosenberg</text-author></cite></section><section><title><p>Heimkehr</p></title><p>Seine Welt begr��te Alfadas mit einem Schlag ins Gesicht. Eisiger Wind zog �ber das Hartungskliff und trieb feine Eiskristalle vor sich her. Der Sturm zerrte an seinem Umhang, und fast w�re er auf dem eisverkrusteten Felsboden ausgerutscht. Es war Nacht, nur wenige Wolken zogen �ber den Himmel. Der zu drei Vierteln volle Mond tauchte das verschneite Land in geisterhaftes Licht.</p><p>Hinter ihm dr�ngten mehr und mehr M�nner durch das Tor. Sie waren zu ersch�pft, um zu jubeln, doch in ihren Gesichtern spiegelte sich Erleichterung. Die Wenigsten von ihnen hatten geglaubt, dass sie das Fjordland noch einmal lebend wieder sehen w�rden. Nach dem Untergang Phylangans hatte die Natur die feindlichen Heere getrennt. Die Trolle z�gerten, durch das Netz der Albenpfade einen Angriff zu f�hren, und die Elfen waren zu geschw�cht. Und zwischen ihnen lag ein ganzes Gebirge.</p><p>Nun war die Zeit gekommen, Emerelle zur�ckzuholen. Sie w�rde die Entscheidung in diesem Krieg bringen, wenn sie denn erwacht war.</p><p>Der Wind flaute ab. Alfadas trat vorsichtig an den Rand der Klippe. Eine Wolke hatte sich vor den Mond geschoben. Der Fjord und Fimstayn lagen im Dunkel. Er konnte das Dorf nicht ausmachen. Kein Licht brannte mehr. Aber es war ja auch mitten in der Nacht, und wer bei dieser K�lte nicht alle L�den verschlossen hielt, der war ein Narr. Alfadas dachte daran, wie er in die rauchige W�rme seines Langhauses treten w�rde. Wie Ulric ihm in die Arme spr�nge, wie sich Kadlin um seine Knie klammern und Asla eine schnippische Bemerkung machen w�rde, dass er sp�t komme, und doch die Liebe in ihren Augen strahlen w�rde.</p><p>Er atmete tief aus. Ganz gleich, wie K�nig Horsa ihn empfangen w�rde, er war erleichtert, zur�ckgekehrt zu sein. Alles w�rde sich f�gen. Alfadas schmunzelte. Und wenn er an der Spitze seiner Veteranen zum K�nigshof ritt, w�rde Horsa es sich gut �berlegen, ihn unfreundlich zu empfangen.</p><p>Der Herzog blickte hin�ber zu dem niedrigen Wall aus Bruchstein, der nahe am Klippenrand errichtet war. Er diente als Windschutz f�r das Signalfeuer. Es wurde entz�ndet, wenn jemand Hilfe brauchte, oder zur Warnung, wenn dem Dorf Gefahr drohte. Alfadas dachte an die Geschichte, die sein Vater Mandred ihm erz�hlt hatte. Wie er sich schwer verletzt auf den H�gel geschleppt hatte, gejagt vom Manneber, dem Tode nahe. Alles, was Mandred noch wollte, war das Feuer zu entz�nden, um sein Dorf zu warnen. Er hatte gewusst, dass er den Weg hinab vom Hartungskliff nicht mehr schaffen konnte und dass die Bestie ihm folgte, um ihn zu zerfleischen. Alle Kr�fte hatte er darauf ausgerichtet, den Gipfel zu erreichen, nur um zu Tode ersch�pft festzustellen, dass ein Steinschlag den Holzsto� auf dem Feuerplatz in den Abgrund gerissen hatte. In dieser Stunde der h�chsten Verzweiflung hatte sich das verzauberte Tor im Steinkreis ge�ffnet. Mandred war schlafend nach Albenmark gelangt. Er hatte nie gewusst, was ihn hin�bergeholt hatte in die Welt der Elfen und Kentauren. Manchmal behauptete er, es sei ein Baum gewesen, Atta Aikhjarto, eine uralte, beseelte Eiche. Und manchmal, wenn Mandred betrunken gewesen war, hatte er davon gemurmelt, dass er sich bei Atta bedanken werde. Er wollte ein Fest mit der Eiche feiern. Alfadas schmunzelte. Wenn sein Vater Fest sagte, meinte er eigentlich ein Zechgelage. Ob er seinen verr�ckten Plan wohl wahr gemacht hatte? Wo Mandred jetzt wohl steckte? Es w�re gut, ihn an seiner Seite zu haben ... Alfadas� L�cheln verflog. So war es immer schon mit seinem Vater gewesen. Wenn er ihn brauchte, war er nie da.</p><p>Er sah hin�ber zu Ollowain, der dicht beim Tor stand. Seit Lyndwyns Tod wirkte der Elfenkrieger gebeugt, auch wenn er sich f�r die Augen anderer noch immer so aufrecht hielt wie eh und je. Mit versteinerter Miene stand er neben dem Tor, das sich �ber dem Albenstern ge�ffnet hatte, und musterte die M�nner, die aus dem Nichts traten.</p><p>Auf Ollowain hatte er sich immer verlassen k�nnen, dachte Alfadas traurig. Wie wenig hatte er seinem Ziehvater daf�r zur�ckgegeben! Er hatte versucht, mit Ollowain �ber Lyndwyn zu reden, doch der Schwertmeister blieb ganz in sich zur�ckgezogen. Es war noch nicht die richtige Zeit ... Ob er ihn noch einmal wieder sehen w�rde? Ollowain war mitgekommen, um Emerelle nach Albenmark zur�ckzubringen. Er w�rde nicht mehr von ihrer Seite weichen, sobald sie erst einmal unten im Dorf waren. Bet�ubte es seinen Schmerz, sich an seine Pflicht zu klammern?</p><p>Silwyna trat durch das Tor. Der Herzog wandte sich ab und ging auf den Windschutz am Rand der Klippe zu. Seit jener Nacht auf dem Eis, als sie ihm alles erz�hlt hatte, mied er sie. Sie durften einander nicht mehr nahe kommen! Er sah in den dunklen Fjord hinab. Dort unten lag sein Zuhause. Seine Kinder warteten auf ihn und Asla ... Mit ihr w�rde es niemals sein wie mit Silwyna. Er hatte sie erw�hlt, um die Wunde zu schlie�en, die Silwyna ihm geschlagen hatte. Jetzt wusste er, dass sich diese Wunde niemals schlie�en w�rde. Es sei denn ... Er sah zur�ck zu der Elfe. Sie drehte sich in seine Richtung, als habe sie seinen Blick wie eine Ber�hrung gesp�rt. Da war es wieder, das Band, das seit der Nacht auf dem Eis bestand, als h�tte es all die bitteren Jahre niemals gegeben. Er durfte diesem Sehnen nicht nachgeben! Asla war ihm immer treu gewesen. Er konnte sie nicht verraten. Er mochte sie ... Er hatte ihre scharfe Zunge vermisst. Wahrscheinlich w�rde sie ihn mit einem Vorwurf begr��en und ihm dann um den Hals fallen.</p><p>Alfadas l�chelte wehm�tig. Nein, er w�rde sie niemals verlassen. Sie nicht und auch nicht die Kinder. Silwyna und Melvyn waren stark genug, ein Leben ohne ihn zu f�hren. Seine Liebe zu der Elfe war wie ein Ozean. Endlos, von wunderbarer Sch�nheit, zeigte er jeden Tag tausend neue Gesichter und war zugleich voller verborgener Tiefen, beherrscht von j�hen St�rmen.</p><p>Seine Liebe zu Asla war anders, wie ein kristallklarer Bach, der nahe der K�ste in den Klippen entsprang. Sein Wasser rann eilig sch�umend dahin. Es war erfrischend. Ohne Geheimnisse. Er kannte die Quelle des Bachs und wusste, an welcher Stelle er sich ins Meer verlor. Sein Lauf war klar. Er war festgelegt. Alfadas schluckte. Er w�rde zu Asla zur�ckkehren. Sein Herz war voller Liebe zu ihr, auch wenn diese Liebe die Sehnsucht nach dem Ozean niemals ausl�schen w�rde.</p><p>Silwyna nickte ihm zu. Sie hatte ihn unverwandt angesehen. Wieder schien es, als k�nne sie in seinem Gesicht jeden seiner Gedanken lesen. Er durfte sie nicht ansehen! Mit jedem Blick, den sie tauschten, wurde das Band st�rker. Es war nicht recht! Er wandte sich abrupt um und ging die letzten Schritte zu der Bruchsteinmauer. Dort unten am Fjord lag seine Zukunft!</p><p>Der Mond stand schon tief am Himmel. Bald w�rde das kleine Dorf erwachen. Wenn er sich beeilte, konnte er vielleicht neben Kadlins Lager knien, wenn sie die Augen aufschlug. Liebevoll erinnerte er sich an ihr strahlendes Gesicht, mit dem sie ihm so oft den Anfang eines Tages vers��t hatte. Anders als Ulric vermochte sie noch keines ihrer Gef�hle zu verbergen. Manchmal war sie in ihren Launen so wechselhaft wie eine Fr�hlingsbrise. Und ihr kleines Gesicht war der Spiegel ihrer Seele. Sie war immer rein und unverf�lscht. Noch ...</p><p>Voller Sehnsucht blickte er in die Dunkelheit. Ulric hatte Yilvina sicher bedr�ngt, ihm Schwertkampfstunden zu geben. Wenn der scharfe Frostwind von Norden wehte und der Schnee bis halb zum Giebel hinaufreichte, dann sa� man gefangen im Langhaus. Manchmal tagelang. Es waren Tage voller behaglicher Langeweile. Alfadas musste l�cheln. Hoffentlich hatte Ulric die Sch�rfe seines Elfendolchs nicht heimlich an B�nken, Stuhlbeinen und Tischplatten erprobt.</p><p>Halb verkohlte Holzscheite ragten aus dem Schnee hinter der Bruchsteinmauer. Wie fl�chtig skizzierte Runen auf frischem Pergament k�ndeten sie von einer Geschichte. Alfadas starrte einige Herzschl�ge lang auf den k�mmerlichen Rest des Holzstapels, der einmal hinter der Mauer aufgeschichtet gewesen war, bevor er begriff, was er dort sah. Jemand war hierher gekommen, um Firnstayn vor einer Gefahr zu warnen! Das Signalfeuer war abgebrannt, und was schlimmer war, niemand war seitdem mehr auf das Hartungskliff gestiegen, um einen neuen Holzstapel zu errichten!</p><p>Alfadas kniff die Augen zusammen und sp�hte angestrengt in die Finsternis. Noch immer zogen dunkle Wolken vor dem Mond.</p><p>Was war hier geschehen? Von Unruhe getrieben, ging er zu Ollowain. Er schilderte dem Elfen die Lage und bat ihn, die M�nner hinab zum Fjord zu f�hren.</p><p>�H�ltst du es wirklich f�r klug, alleine vorauszugehen, wenn dort unten eine unbekannte Gefahr droht?�</p><p>�Ganz gleich, was klug ist oder nicht, ich kann nicht warten. Dort unten lebt meine Familie!� Ohne sich auf weiteres Gerede einzulassen, eilte er davon. Er wusste, dass Ollowain mit seinem Einwand Recht hatte. Der Elf hatte immer Recht.</p><p>Alfadas begann zu laufen. Das erste St�ck des Hangs war steil. In der Dunkelheit konnte er den Weg nur schlecht einsch�tzen. Manchmal brach er knietief durch die verharschte Schneedecke, dann trug sie ihn wieder ein paar Schritt weit. Der Herzog rutschte und versuchte mit den Armen rudernd sein Gleichgewicht zu halten. Vergebens. Der L�nge nach st�rzte er in den Schnee. Sofort rappelte er sich wieder auf, eilte weiter, ohne sich auch nur die Zeit zu nehmen, den Schnee aus seinen Kleidern zu schlagen.</p><p>Der Weg hinab erschien ihm endlos. Als er schlie�lich den Fjord erreichte, war er durchgeschwitzt und ersch�pft. Die K�lte fra� sich durch seine Kleider. Er blickte �ber den zugefrorenen Meerarm. Wenn das Eis ihn trug, konnte er den Weg zum Dorf um Stunden abk�rzen. Er musste es versuchen!</p><p>Vorsichtig tastete er sich voran. Es bestand keine Gefahr. Der Eispanzer knarrte nicht einmal unter seinen Schritten. Wieder begann er zu laufen. Seine Lungen brannten, sein Herz schmerzte bei jedem Schlag. Doch seine Angst peitschte ihn vorw�rts.</p><p>Als der Mond zwischen den Wolken hervortrat, sah Alfadas in der Ferne den eingest�rzten Bootssteg. Dunkel ragten die Tr�mmer aus Schnee und Eis. Dahinter gab es keine steilen Giebel mehr. Er h�tte das windschiefe Bootshaus sehen m�ssen und Kalfs H�tte. Auch das kleine Haus von Erek, mit der h�lzernen Wetterfahne auf dem Dach, lag dicht am Ufer. Doch es war verschwunden. Ebenso das Langhaus auf dem H�gel etwas abseits vom Dorf.</p><p>Alfadas wollte schreien, doch er hatte keine Kraft mehr. Sein Atem ging keuchend. Er sank nach vorn, als habe man ihm mit einem schweren Kn�ppel in die Kniekehlen geschlagen. Alle St�rke war aus seinen Gliedern gewichen. Sein Blick wanderte �ber die unregelm��igen H�gel aus Schnee, dort, wo einmal H�user gestanden hatten. Das kalte Mondlicht zeigte nun alles in unbarmherziger Deutlichkeit. Schwarze Dachbalken, die wie Rippen verrotteter Riesenleiber aus dem Schnee stachen. Halb eingest�rzte W�nde.</p><p>K�lte fra� sich in die Knochen des Herzogs. Leichter Wind strich �ber den Fjord. Feine Eiskristalle streichelten Alfadas� Wangen. St�hnend wie ein Greis, k�mpfte er sich auf die Beine. Es waren nur verbrannte H�user, ermahnte er sich. Firnstayn gab es nicht mehr. Aber seine Familie ... Vielleicht waren sie ja geflohen. Schlie�lich hatte oben auf dem Hartungskliff das Signalfeuer gebrannt. Jemand hatte das Dorf also gewarnt! Er blickte zu dem H�gel, auf dem einst sein Langhaus gestanden hatte. Dort w�rde er die Antwort finden. Jetzt hielten sich Angst und Hoffnung wieder die Waage. Ja, dort oben w�rde er die Antwort finden.</p><p>M�de stieg er das flache Ufer hinauf. Er machte einen Schlenker an Kalfs H�tte vorbei. Zwischen den Tr�mmern sah er das runde Gest�nge einer Fischreuse. Zerbrochene Angelruten lagen zerstreut im Schnee. Der Winter trieb ein eigenwilliges Spiel. An manchen Stellen, entlang eingebrochener Holzw�nde, gab es mannshohe Verwehungen. Anderswo war die Schneedecke d�nn wie ein Leinentuch und vermochte kaum zu verbergen, was auf dem Boden verstreut lag.</p><p>Alfadas ging an Svenjas H�tte vorbei. Sein Fu� stie� gegen einen ru�geschw�rzten, kleinen Kupferkessel, der leise klirrend davonrollte. Der Herzog hatte Angst davor, den H�gel hinaufzusteigen. Angst vor der Gewissheit, die er dort vielleicht finden w�rde. Solange er durch das Dorf strich, blieb ihm die Hoffnung.</p><p>In keinem der zerst�rten H�user fand er Tote. Langsam wuchs sein Mut. Sie waren rechtzeitig gewarnt gewesen! Aber wer, in Luths Namen, hatte Firnstayn angegriffen? Wer f�hrte Krieg mitten im Winter? Und so wie es aussah, hatten die Angreifer nicht gepl�ndert, sondern die H�user mit allem, was darinnen war, in Brand gesetzt. Es ging ihnen nur um Zerst�rung. Welchen Nutzen hatte solch ein Krieg?</p><p>Wieder blickte er zu dem H�gel. Er konnte es nicht endlos hinausz�gern. Allein dort w�rde er eine Antwort auf seine dr�ngendste Frage finden. Waren Asla und die Kinder entkommen?</p><p>Schweren Herzens machte er sich auf den Weg. Unz�hlige Male war er diesen H�gel schon hinaufgestiegen. Und so oft hatte ihn Asla zwischen den T�rpfosten stehend erwartet. Oder Ulric war ihm mit Freudenschreien durch die offene T�r entgegengelaufen, um ihm in die Arme zu springen und ihn dabei fast umzuwerfen. Jetzt stand das narbige Antlitz des Mondes zwischen den verkohlten T�rpfosten, und Stille empfing Alfadas. Z�gerlich trat er in die Ruine, die einmal sein Zuhause gewesen war. Der lange Dachbalken beherrschte das Tr�mmerfeld auf dem Boden. Umgeben von verkohlten Dachsparren und zersplitterten M�beln hatte das Feuer ihn nicht vernichten k�nnen. Alfadas erinnerte sich noch, wie sie die riesige Eiche in einem alten Waldst�ck auf der anderen Seite des Fjordes gef�llt hatten. Es war eine elende Plackerei gewesen, sie zum Ufer zu ziehen. Von dort hatte man sie mit Booten �ber den Fjord geschleppt. Erst oben auf dem H�gel hatten sie den m�chtigen Balken, der einmal das Dach des Langhauses tragen sollte, aus dem alten Baumstamm geschnitten.</p><p>Die Finger des Herzogs strichen gedankenverloren �ber das Holz. An manchen Stellen br�ckelte es verkohlt. Doch nirgends hatte sich das Feuer bis zum Herzen des Stamms fressen k�nnen. Selbst der gr��te Teil des verschlungenen Musters, das er im Winter vor drei Jahren in den Balken geschnitzt hatte, war noch zu erkennen. Sein Blick schweifte �ber Schnee und Asche. Nichts sonst hatte den Brand so gut �berstanden. Von den Schlafnischen waren nur Umrisse geblieben.</p><p>Alfadas zog sein Schwert und stocherte zwischen den ausgegl�hten T�pfen und Pfannen herum. Sie standen noch dort, wo Asla einst ihre Feuergrube gehabt hatte. Unter einer umgest�rzten Bank fand er das Holzpferd, das er einmal f�r Ulric geschnitzt hatte. Die Beine und der Schweif waren verschwunden. Nur der Rumpf und ein Teil des Kopfes hatten den Brand �berstanden.</p><p>Alfadas s�uberte die Klinge seiner Waffe und schob sie zur�ck in die Scheide. Hier gab es keine verkohlten Leichen. Asla und die Kinder waren nicht hier gewesen, als das Haus gebrannt hatte. Seltsamerweise verschaffte ihm diese Gewissheit nicht die Erleichterung, die er sich erhofft hatte.</p><p>Dicht neben einem St�tzbalken sah er eine von Aslas Truhen. Sie war ganz verkohlt, aber nicht auseinander gebrochen. Er ging hin�ber. Mit einiger M�he lie� sich der Deckel �ffnen. Zuoberst lag ein kleines blaues Kleidchen. Tr�nen schossen Alfadas in die Augen. Ungelenk holte er mit seinen frostroten Fingern das Kleidchen hervor. Kadlin hatte es oft gegen Ende des Sommers getragen, in dem sie gerade laufen gelernt hatte. Z�rtlich strich der Herzog �ber den feinen Stoff. Er fand einen dunklen Blutfleck und erinnerte sich an den Tag, an dem sich Kadlin auf den Steinen am Ufer die Knie aufgesch�rft hatte. Die Kleine hatte damals kaum geweint. Sie war einfach weitergelaufen, um all den Wundern nachzujagen, die nur Kinder an einem �den Steinstrand zu finden vermochten. Alfadas dachte daran, wie Asla geflucht hatte, weil sich der Blutfleck einfach nicht aus dem blauen Leinen waschen lie�. Wegen Kadlins Knie hatte sie ihn nicht getadelt. Verschorfte Kinderknie waren unvermeidlich. Aber nur ein Nichtsnutz und Tagtr�umer konnte ihrer Meinung nach auf die Idee kommen, seine Tochter in ihrem besten Kleid mit hinunter zum Kiesstrand zu nehmen. Alfadas legte das Kleid zur�ck und verschloss dann sorgsam den Truhendeckel. Ein letztes Mal sah er sich um, dann verlie� er die Ruine, in der nur mehr der Wind und Erinnerungen hausten. Er stieg an der R�ckseite des H�gels hinab und ging zu dem Gr�berfeld. Dort sah er all die neuen Steine, und die Angst, die sich f�r kurze Zeit in einen verborgenen Winkel seiner Seele zur�ckgezogen hatte, sprang ihn erneut an.</p><p>In fliegender Eile hastete er von Stein zu Stein und wischte den Schnee zur Seite. Die meisten der neuen Steine trugen kein Zeichen. Auf einem fand er einen Tierkopf. Er war nur grob und ohne gro�es Geschick in den Stein geritzt. Es sollte wohl ein Hund oder Wolf sein. Lag hier Ole?</p><p>Auf dem letzten Stein fand er eine Spinne. Sie war mit gro�er Sorgfalt gemei�elt worden. Das Wappentier des Schicksalswebers. Die W�chterinnen der F�den. St�cke mit bunten Stoffb�ndern waren rings um das Grab in die Erde gesteckt.</p><p>Traurig kauerte sich Alfadas neben den schneebedeckten H�gel. �Gundar, alter Freund. Haben die Festtafeln Firnstayns nicht mehr gen�gt, deinen Hunger zu b�ndigen?� Er riss sich einen Streifen Stoff vom Umhang und knotete ihn an einen der Stecken. �Ich werde es vermissen, mich mit dir �ber deine G�tter zu streiten. Vielleicht h�ttest du mich ja doch noch als einen Gl�ubigen gewinnen k�nnen.�</p><p>Leise murmelte er ein Gebet und w�nschte dem Priester eine gute Reise durch die Finsternis. Dann erhob er sich und blickte �ber die frischen Grabh�gel. Lagen auch Asla und die Kinder hier? Nein, bestimmt nicht! Zumindest in Aslas Grabstein h�tte man gewiss ein Zeichen geschnitten. Vielleicht eine �hre in Erinnerung an ihr weizenblondes Haar. Oder eine Eiche als Zeichen f�r ihre ruhige Kraft. Sie w�re niemals einfach nur unter einem Feldstein begraben worden! Es sei denn ... Vielleicht hatte die Not den �berlebenden keine Zeit mehr gelassen!</p><p>�Dort wirst du sie nicht finden�, sagte eine leise Stimme.</p><p>Alfadas drehte sich �berrascht um. Er blinzelte in die Dunkelheit. Nur undeutlich konnte er Silwyna erkennen. In ihrer wei�en Jagdkleidung verschwamm sie fast mit der Schneelandschaft. �Ich habe Spuren gefunden. Der Schnee hatte sie zugedeckt. Kufen haben tiefe Kerben in das Eis geschnitten. Dort sind auch Dellen von gro�en, beschlagenen Hufen. Sie ist mit der Kutsche geflohen.� Silwyna deutete �ber den Fjord hinaus nach S�den. �Sie sind in Richtung Honnigsvald gezogen.�</p><p>�Wer hat das Dorf verw�stet?�</p><p>Statt zu antworten, warf die Elfe ihm etwas Dunkles vor die F��e. Alfadas kniete nieder. Vor ihm im Schnee lag ein St�ck grob behauener Feuerstein. �Trolle?�</p><p>�Ja. Es ist ein St�ck von einem Axtblatt. Ich habe es in einem Balken gefunden.�</p><p>�Wann waren sie hier?�</p><p>Silwyna zuckte mit den Schultern. �Schwer zu sagen. Der Schnee hat alle Spuren verdeckt. Es ist l�nger als eine Woche her, aber weniger als einen Mond. Ich kann dir auch nicht sagen, wie viele es waren. Aber gewiss ist hier nicht nur ein Jagdtrupp durchgezogen.�</p><p>Alfadas blickte �ber das Ruinenfeld. �Warum?�</p><p>�Die K�nigin. Sie m�ssen erfahren haben, dass Emerelle hier ist. Wahrscheinlich von einem deiner M�nner, die sie in Phylangan gefangen haben. Wir h�tten fr�her daran denken sollen�, f�gte sie leise hinzu.</p><p>Der Herzog nickte. Emerelle. Das war die einzige Erkl�rung. Der Krieg war also ins Fjordland gekommen. Er blickte hinauf zum Hartungskliff. Eine feurige Schlange wand sich den verschneiten Hang hinab. Seine M�nner hatten Fackeln angez�ndet. Zwei, vielleicht drei Stunden, dann mussten sie hier sein. Eine kurze Rast, dann w�rde er sie weiter den Fjord hinabf�hren. Honnigsvald mit seinen Erdw�llen und Holzpalisaden w�rde sich nicht lange gegen die Trolle halten k�nnen. Ein paar Tage, vielleicht eine Woche ... �Du bist sicher, dass der �berfall l�nger als eine Woche her ist?�</p><p>�Ja�, entgegnete die Elfe knapp.</p><p>Alfadas blickte wieder auf das Eis hinaus. Wenn er seinen M�nnern entgegenging und sie dicht unter dem Hartungskliff vorbei nach S�den f�hrte, w�rden sie mindestens eine Wegstunde nach Honnigsvald einsparen. Das war l�cherlich wenig, wenn es darauf ankam, einen Vorsprung von �ber einer Woche aufzuholen, aber vielleicht war es zuletzt gerade diese eine Stunde, auf die es ankam.</p><p>�Was hast du vor?�, fragte Silwyna. Sie hielt leichtf��ig mit ihm Schritt.</p><p>�Einen Krieg zu gewinnen�, entgegnete er bitter. Seine Verzweiflung war wie fortgeblasen. Auch sch�mte er sich daf�r, keinen Herzschlag lang an Emerelle gedacht zu haben, bis die Elfe von der K�nigin gesprochen hatte. �Du wirst mit Lysilla zur�ck nach Albenmark gehen. Sucht Orimedes und jeden, der ein Schwert f�hren kann. Allein sind wir vielleicht zu schwach, um die Trolle zu besiegen.�</p><p>�Ich werde zu meinem Volk reiten. Sicher kann ich einige Maurawan f�r diesen Kriegszug gewinnen.�</p><p>�Ihr w�rdet k�mpfen, um Emerelle zu retten? Ich dachte, ihr hasst die K�nigin.�</p><p>�Sie w�rden meinetwegen kommen und f�r deine Familie.�</p><p>Alfadas sah Silwyna eindringlich an. �Du machst dir Sorgen um meine Familie?� Er war ehrlich �berrascht und sich nicht ganz sicher, ob die Worte der Elfe vielleicht ironisch gemeint waren.</p><p>�Ich bin Teil deiner Familie, Alfadas, und ich werde es immer sein. Ich habe dein Kind unter dem Herzen getragen. F�r mich ist das ein st�rkeres Band als irgendwelche leicht dahingesagten Treueschw�re.�</p><p>�Ich dachte, niemand in deinem Volk wei� von unserem Kind.� Alfadas war verwirrt. Hatte sie ihn belogen? Der pl�tzliche Gef�hlsausbruch passte nicht zu ihr.</p><p>�Jeder wei�, dass ich dich geliebt habe. Das gen�gt. Sie werden kommen, wenn ich um Hilfe f�r dich und dein Menschenweib bitte. Sie werden uns helfen, weil wir uns lieben. F�r die K�nigin w�rde niemand den Wald verlassen. Versuch nicht, sie zu verstehen. Wir denken anders �ber Liebe und Treue als ihr Menschen. Man muss nicht unter einem Dach leben, um zusammen zu geh�ren. Nicht einmal in derselben Welt. Ich werde zur�ck sein, wenn du mich am dringendsten brauchst.� Mit diesen Worten verfiel sie in einen leichten Trab. Alfadas war zu ersch�pft, um Silwyna folgen zu k�nnen. Er sah ihr nach, bis ihre helle Gestalt in der Ferne mit der Winterlandschaft verschmolz.</p></section><section><title><p>Der erste Wall</p></title><p>Eine gro�e, knotige Hand legte sich auf die h�lzerne Brustwehr. Kalfs Axt fuhr hinab. Zuckende Finger fielen dem Krieger vor die F��e. Ein schriller Schrei erklang und ging unter im L�rm der Schlacht.</p><p>Die Palisade erzitterte unter den w�tenden St��en des Rammbocks. Pfeile surrten wie riesige Hornissen von den nahen H�ngen hinab. Manche der Trolle steckten zehn Pfeiltreffer weg, bevor sie endlich ihr verfluchtes Leben aushauchten.</p><p>Kalf duckte sich hinter die Brustwehr, als eine Salve gro�er Eisklumpen geflogen kam. Die meisten Geschosse gingen harmlos �ber die Brustwehr hinweg. Nur wenige zerschellten am Rand der Palisade. Von ihnen spr�hten lange Splitter �ber den Wehrgang. Asla fluchte.</p><p>Kalf sah sie aus den Augenwinkeln an. Eine rote Furche zog sich �ber ihre Wange. Dunkles Blut troff hinab zum Hals. Sie presste eine Hand auf die Wunde. Er hatte alles versucht, um sie davon abzuhalten, hier oben zu sein. Aber sie h�rte einfach nicht auf ihn! Und einsch�chtern lie� sie sich von ihm schon gar nicht. Vielleicht war es besser, dass Alfadas sie zum Weib bekommen hatte. Kalf l�chelte traurig. Nein, es war nicht besser. Sie war genau die Frau, die er in seinem Leben an seiner Seite gewollt h�tte.</p><p>Vorsichtig hob der Fischer den Kopf und sp�hte �ber den Rand der Palisade. Der h�lzerne Wall erhob sich vier Schritt. Hoch genug, um f�r diese grauh�utigen Mistkerle ein ernstes Hindernis zu sein. Trotzdem versuchten sie es immer wieder, �ber den Rand der Br�stung zu greifen und sich hinaufzuziehen. Besonders, wenn alle Verteidiger durch Salven von Eisklumpen in Deckung gezwungen wurden.</p><p>Da war schon wieder einer! �Vorsicht, Sigvald!�, schrie Kaff.</p><p>Der Wagenbauer sprang auf und hob seine Axt. Eine riesige Faust schnellte vor und lie� ihn r�cklings vom Wehrgang taumeln. Einen Herzschlag sp�ter war der Troll �ber die Brustwehr gelangt. Er stie� einen schrillen Triumphschrei aus und zerschmetterte mit einem l�ssigen Keulenhieb den Bauern, der das Pech hatte, an Sigvalds Seite gesessen zu haben.</p><p>�F�r Firnstayn!�, schrie Kalf und sprang auf. Sie mussten den Troll schnell t�ten. Wenn diese Bestie es schaffte, einen Teil des Wehrgangs freizuk�mpfen, sodass sich noch zwei oder drei seiner Artgenossen hinaufziehen konnten, dann war die Palisade verloren.</p><p>Einer von Horsas Kriegern ging das Ungeheuer an. Sein Schwert schnellte vor und zog eine klaffende Wunde in die granitfarbene Haut des Trolls. Doch der H�ne beachtete die Verletzung kaum. Seine Keule sauste hinab. Der Krieger riss im Reflex seinen Schild hoch. Kalf biss die Z�hne zusammen. Er hatte es den M�nnern eingesch�rft! Hundert Mal und �fter. Wegducken oder zur Seite springen. Zur Not sollten sie von der Brustwehr springen.</p><p>Aber auf keinen Fall den Hieb eines Trolls parieren! Es waren ausgerechnet die Krieger, die sich immer wieder zu diesem Fehler hinrei�en lie�en. Ein Leben lang hatte man sie im Kampf mit der Axt oder dem Schwert und einem Schild gedrillt. Es war ihnen in Fleisch und Blut �bergegangen, die Hiebe ihrer Gegner zu parieren. Die Keule des Trolls zerschmetterte den Schild, den Arm dahinter, den Helm und den Sch�del. Das Blut spritzte bis zu Asla. Ihr Gesicht war schneewei�. Kalf dr�ngte sich an ihr vorbei, bevor sie eine Dummheit begehen konnte.</p><p>Unten, am Fu� der Palisade, liefen M�nner mit langen Speeren zusammen. Sie stachen nach der Bestie und versuchten den Troll von den Verteidigern abzulenken. Die vielen leichten Wunden, die sie ihm beibrachten, w�rden ihn schw�chen. Von den Bogensch�tzen am Hang wagte es keiner zu schie�en. Zu gro� war die Gefahr, einen der Verteidiger auf dem Wehrgang zu treffen.</p><p>Der Troll beugte sich vor. Er schwang seine Keule in weitem Bogen. Die Speere, die er traf, zerbrachen wie d�rre �ste. Die M�nner wurden von der Wucht des Hiebes durcheinander gewirbelt.</p><p>Das Ungeheuer wollte sich gerade wieder aufrichten, als Kalf sprang. Mit den F��en voran, traf er den Troll in die Seite. Der Kerl grunzte, riss die Arme hoch. Dann st�rzte er vom Wehrgang.</p><p>Schreiend liefen die Speertr�ger auseinander. Kalf fiel dicht neben dem Ungeheuer in den Schnee. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen. Benommen blinzelnd sah er, wie sich der Troll hochstemmte. Ihn anzuspringen war wohl doch keine so gute Idee gewesen.</p><p>Pfeile schlugen ringsherum in den Schnee. Einer verfehlte Kalf nur um Haaresbreite. Der Fischer fluchte und w�nschte sich, er h�tte mehr J�ger und Soldaten als Bauern unter den Bogensch�tzen. Das fehlte gerade noch. Aus Versehen erschossen werden!</p><p>Die Keule des Trolls sauste nieder. Kalf rollte zur Seite. Ein Tritt traf ihn mit der Kraft eines auskeilenden Pferdes. Er wurde gegen die Palisade geschleudert. Sterne tanzten ihm vor den Augen. Und mitten zwischen den Sternen erkannte er die grinsende Grimasse des Trolls.</p><p>Kalfs Linke bekam einen zersplitterten Speerschaft zu packen. Stell dir vor, er ist nur ein Fisch. Ein besonders gro�er, besonders h�sslicher Fisch. Du kannst ihn t�ten. Du hast noch nie einen Fisch gesehen, den du nicht umbringen kannst. Mach es wie bei den gro�en Salmen, denen du deinen Fischhaken ins Auge rammst, um sie an Bord zu ziehen. Kalfs Gedanken �berschlugen sich. Er konnte es schaffen, redete er sich ein. Dennoch zitterte seine Hand.</p><p>Etwas Silbernes fuhr hinab, traf den Troll am Kopf und hinterlie� eine blutige Schramme. Kalf sah Aslas Gesicht. Sie lag flach auf dem Wehrgang und versuchte den Troll mit ausgestrecktem Arm ein zweites Mal zu treffen. Die riesige Keule schnellte hoch.</p><p>�Nein!�, schrie Kaff. Er stie� sich mit aller Kraft von der Palisade ab. Der Speer traf den Troll direkt unter dem Kinn in den Hals. Kalf konnte sp�ren, wie sich die eiserne Spitze durch z�hes Fleisch grub. Es gab einen Ruck, als sie pl�tzlich leichter eindrang. Mit einem weiteren Ruck stie� sie gegen den Sch�delknochen. Dem Troll fiel die Keule aus der Hand. Wie vom Blitz getroffen, kippte er nach hinten. Kalf wurde der Speerschaft aus den H�nden gerissen. Jubelrufe erklangen auf dem Wehrgang und den H�ngen. Doch der Fischer hatte keine Augen f�r die M�nner, die ihn feierten. Er sah allein Asla. Der Troll hatte sie verfehlt. Den G�ttern sei Dank!</p><p>Er durfte sie nicht vor den M�nnern anstarren! Sie war die Frau des Herzogs. �Du h�ttest mit ihm reden sollen�, rief Kalf.</p><p>�Deine Zunge ist m�rderischer als dein Schwert.�</p><p>Asla l�chelte. �Ich wei�. Aber bei Kerlen, die zu dumm sind, mich zu verstehen, hilft sie leider nicht. Im �brigen finde ich, dass du lange genug im Schnee auf der faulen Haut gelegen hast. Komm herauf, wir haben diese Mauer zu verteidigen.�</p><p>Die M�nner lachten. Es war diese nassforsche Art Aslas, die sie vergessen lie�, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen war. Es war wichtig, dass sie dort oben stand. Keiner, ganz gleich ob Krieger oder Bauer, w�rde davonlaufen, solange eine Frau auf dem Wall ausharrte und �ber die Trolle spottete. Sie war das Band, das sie zusammenhielt. Es war richtig, dass sie hier war, und dennoch hatte Kalf eine Todesangst um sie. Alles k�nnte er ertragen, nur nicht, sie sterben zu sehen.</p><p>Der Fischer erhob sich und streckte seine schmerzenden Glieder. Voller Sorge betrachtete er die St�mme der Palisade. Sie w�rden den Angriffen der Trolle nicht mehr lange Stand halten. Es war an der Zeit, sich auf den zweiten Wall weiter oben im Tal zur�ckzuziehen, auch wenn die Verteidigungsanlagen dort noch nicht ganz fertig gestellt waren.</p><p>Kalf sah sich nach einem seiner Hauptleute um, die in die Pl�ne eingeweiht waren. Ein St�ck entfernt hockte Sigvald im Schnee. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stemmte er sich eine Hand in die H�ften. Er ging zu dem Wagenbauer hin�ber. �Soll ich dich zum Dorf bringen lassen?�</p><p>�Es geht schon�, murrte Sigvald. Dann l�chelte er schief.</p><p>�Man muss schon ziemlich d�mlich sein, um sich auf einen Faustkampf mit einem Troll einzulassen.�</p><p>�Ich hatte eher den Eindruck, dass du gern herausfinden wolltest, wie es so ist, als Vogel durch die Luft zu fliegen.�</p><p>Sigvald stemmte sich auf die Beine. �Das Fliegen war ganz in Ordnung. Nur das Landen muss ich wohl noch ein wenig �ben.�</p><p>�Erstaunlich, wie hier noch alle zu Scherzen aufgelegt sind.� Sigvald zwinkerte ihm zu. �Wenn es keiner mitbekommt, heule ich mich in den Schlaf. Aber lassen wir das. Was willst du von mir?�</p><p>�Wir m�ssen die Palisade aufgeben.� Kalf deutete hin�ber zum Mittelst�ck des Holzwalls. Einige der St�mme waren schon der L�nge nach gerissen. Bald w�rden sie ganz zersplittern, und wenn die Trolle erst einmal durchbrachen, w�re jeder geordnete R�ckzug auf die n�chste Verteidigungsstellung unm�glich. Sie w�rden einfach �berrannt werden.</p><p>Das L�cheln war aus Sigvalds Gesicht verschwunden. �So schnell schon. Ich hatte gehofft, wir w�rden hier noch ein wenig l�nger aushalten.�</p><p>Kalf zuckte mit den Schultern. �Luth hat seine eigenen Pl�ne mit uns. Ich verlasse mich auf dich, Sigvald. Sieh zu, dass unsere Reserve zwanzig Schritt hinter der Palisade bereitsteht. Wenn wir zur�ckgehen, k�nnten sie durchbrechen.� Der Fischer wandte sich ab, las eine der langen Stangen�xte aus dem Schnee auf und stieg wieder zum Wehrgang hinauf.</p><p>Die Trolle hatten sich ein St�ck weit vom Wall zur�ckgezogen und formierten sich neu. Ihre Anf�hrer schienen genau zu wissen, wie kurz sie davorstanden durchzubrechen. Kalf musterte die riesigen Krieger. Sie wirkten ungeschlacht. Ihre Arme schienen zu lang im Verh�ltnis zum Oberk�rper, die grauen Gesichter wirkten nur halb fertig. Dicke, aufgequollene Nasen. Breite W�lste �ber den Augenbrauen. Kahle Sch�del. Sie sahen aus wie aus Lehm geformt, aber nicht vollendet. Ein Entwurf, bei dem der K�nstler keine feinen Linien ausgearbeitet hatte. Mit der fliehenden Stirn und den breiten M�ndern erinnerten sie sogar ein klein wenig an Fische. Und doch waren sie ganz anders, als er sich Trolle immer vorgestellt hatte. Stark wie B�ren, blutr�nstige Menschenfresser, all das passte in sein Bild. Aber sie waren nicht dumm. Sie wussten, wie man Krieg f�hrte. Vielleicht wussten ihre Anf�hrer das sogar besser als er. Die l�cherlichen Holzpalisaden w�rden sie nicht lange aufhalten, zumal jede Verteidigungslinie nach hinten schw�cher wurde.</p><p>Wie viel Zeit ihnen wohl noch blieb, bis die letzte Linie fiel? Er erschauderte bei dem Gedanken, was dann geschehen w�rde. Die wei�e Flut ... So w�rden sie Frauen und Kindern noch einen weiteren Tag verschaffen. Asla trat an seine Seite. Sie legte ihm z�rtlich die Hand auf den Arm.</p><p>�Tu das nie wieder�, sagte sie leise. �Mein Herz hat einen Augenblick aufgeh�rt zu schlagen, als ich gesehen habe, wie du vom Wehrgang gest�rzt bist.�</p><p>Kalf wich ihrem Blick aus. Ihre Ber�hrung lie� ihn wohlig erschaudern. Man durfte ihm das nicht ansehen! Niemand hier durfte wissen, was er f�r die Frau des Herzogs empfand.</p><p>�Wie w�re ein Leben an deiner Seite gewesen, Kalf?�, fragte sie sanft.</p><p>�Sprich nicht so!�, zischte er. �Man k�nnte dich h�ren.� Die n�chsten M�nner hielten zwar ein paar Schritt Abstand zu ihnen, aber trotzdem hatte er Sorge.</p><p>�Alfadas wird nicht mehr aus Albenmark zur�ckkehren ...�</p><p>�Aber er hat doch gesagt ...�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Sch�ne L�gen. Ich kenne ihn zu gut. Die Art, wie er sich verabschiedet hat ... Er ist in der Gewissheit ausgezogen, in Albenmark zu sterben. Er hat sich so sehr bem�ht, seine Angst vor mir zu verstecken, dass sie nicht zu �bersehen war � auch wenn ich es versucht habe. Geh nicht auch du verloren, Kalf. Ich kann nicht ...� Ihre Worte gingen im wilden Kriegsgeschrei der Trolle unter.</p><p>Kalf packte das Stangenbeil fester. Ein gro�er Krieger kam geradewegs auf seinen Abschnitt vom Wall zugelaufen. Ein Hagel von Pfeilen schlug den Trollen entgegen, doch er vermochte ihren Angriff nicht abzubremsen.</p><p>Dichter schwarzer Rauch stieg entlang der Palisade auf Sigvald hatte die mit Robbentran getr�nkten Reisigb�ndel in Brand gesetzt. Doch sie w�rden hier oben ausharren m�ssen, bis die schweren Balken der Palisade Feuer gefangen hatten und die Flammen auf den Wehrgang schlugen. Wenn sie sich zu fr�h zur�ckzogen, konnten die Trolle durchbrechen. Dann w�re alles vergebens gewesen.</p><p>Kalf blickte auf den Trollkrieger hinab. Er w�rde springen! Der Fischer konnte es an der Art sehen, wie der Troll lief. Der Mistkerl blickte ihn unverwandt an. Er w�rde genau hier versuchen, die Palisade zu erklimmen.</p><p>Eine Eiskugel zischte dicht an Ralfs Kopf vorbei. Weiter hinten sah er ein paar Trolle, die ganz offensichtlich ihn zu ihrem Ziel ausgew�hlt hatten. Schon hoben sie die n�chsten Eisklumpen, um ihn zu bewerfen. Aber er durfte sich nicht ducken! Wenn der Troll nach der Brustwehr griff, um sich hochzuziehen, war der einzige Augenblick gekommen, in dem er siegen konnte. Ein oder zwei Herzschl�ge lang war der Troll dann wehrlos. Ein Geschoss traf die Palisade dicht neben ihm. Eissplitter schlugen Kalf ins Gesicht. Er blinzelte sie aus den Augen und hob das Stangenbeil. Die Palisade erzitterte unter der Wucht des Aufpralls, als der Troll sprang. Seine Rechte griff �ber den Holzwall, sein Kopf tauchte vor Kalf auf. Geschmeidig zog der Krieger sich hoch. Er hatte sich ein zweites Paar Augen auf die Stirn t�towiert.</p><p>Ralf hatte die Gelegenheit verpasst, nach den Fingern zu schlagen. Er wechselte den Griff und stie� mit dem langen Dorn am Ende des Stangenbeils zu. Seine H�nde zitterten. Er verfehlte die Augen ... Nein. Er hatte nach den t�towierten Augen gestochen. Die Eisenspitze glitt seitlich am Sch�del des Angreifers entlang. Dann traf ihn mit aller Wucht das hochgebogene Axtblatt. Der Troll grunzte. Eine zweite Klinge bohrte sich in seine Schulter. Sein Griff l�ste sich. Er lie� sich zur�ck in den Schnee fallen.</p><p>�Ich lass dich nicht verloren gehen�, sagte Asla entschlossen und schleuderte mit einer Drehung aus dem Handgelenk das Blut von ihrem Schwert.</p><p>Immer dichter zog der Rauch �ber den Wehrgang. Kalf sp�rte durch die Bretter unter seinen F��en die Hitze des Feuers.</p><p>�Danke�, sagte er schlicht und w�nschte sich, er h�tte eine Seidenzunge wie Alfadas, dem sch�ne Worte stets leicht von den Lippen gingen.</p><p>Ein verzweifelter Schrei lie� ihn nach links blicken. Sie hatten wieder angefangen, Menschen zu angeln! Einige der Trolle f�hrten Lederschlingen an kr�ftigen Seilen mit sich. Sie warfen sie die Palisade hinauf und versuchten die Verteidiger hinabzuzerren. Mehr als ein Dutzend M�nner hatten sie auf diese Weise schon verloren. Rodran, der blonde F�hrmann, versuchte dem jungen Burschen zu helfen, den es erwischt hatte. Er hob sein Schwert, um das Seil durchzuschlagen. Zu sp�t. Mit einem Ruck wurde der arme Kerl �ber die Brustwehr gezerrt.</p><p>Kalf hatte den Bogensch�tzen befohlen, besonders auf die Trolle mit den Lederschlingen zu schie�en. Doch es waren zu viele, und sie lie�en sich von den Pfeilen nicht aufhalten.</p><p>Mit Schrecken sah der Fischer, wie die Ungeheuer �ber den jungen Mann herfielen. Sie rissen ihm Arme und Beine aus und stopften sich gierig blutige Fleischklumpen in den Mund. Dunkles Blut dampfte im Schnee. Asla vergrub den Kopf an Kalfs Schulter. �Was haben wir den G�ttern getan?�, fragte sie.</p><p>�Warum geschieht das alles?�</p><p>Kalf legte den Arm um sie und dr�ckte sie fest an sich. In diesem Augenblick war ihm egal, was die anderen dachten.</p><p>Helle Flammen schlugen durch die L�cken zwischen den Brettern, aus denen der Wehrgang gezimmert war. Das Feuer fauchte wie ein w�tendes Tier, und noch immer warfen Sigvald und seine Helfer neue Reisigb�ndel in die Flammen.</p><p>Der Rhythmus des Rammbocks wurde schneller. Die Trolle begriffen, dass sie kurz davorstanden, diesen Kampf zu verlieren. Wieder sprang einer an der Palisade hoch. Doch Kodran zerhackte ihm die Hand, und der Troll st�rzte hinab.</p><p>Die ersten Krieger stiegen die Leitern hinunter. �Asla�, sagte Kalf sanft. �Du musst sie aufhalten. Auf dich h�ren sie.� Er nahm den Arm von ihren Schultern. Sie sah zu ihm auf Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst, als k�mpfe sie gegen einen j�hen Schmerz an. Dann strich sie sich eine Haarstr�hne aus der Stirn, straffte sich und blickte den Wehrgang entlang. Fast die H�lfte der Verteidiger war schon die Leitern hinab oder einfach in den Schnee gesprungen.</p><p>�Was seid ihr M�nner nur f�r ein seltsames Volk!�, rief sie und rieb ihre H�nde. �Es ist das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich nicht friere, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als von hier wegzukommen und diesen lauschigen Platz den Trollen zu �berlassen. Ich verstehe euch nicht! Was mich angeht, ich werde noch etwas bleiben.� Sie hob ihr Schwert und wich einer Flammenzunge aus, die dicht neben ihr durch die Bretter schlug. Etliche der Fl�chtenden hielten besch�mt inne. Auch viele der K�mpfer, die die Palisade schon verlassen hatten, drehten sich um und sahen zu ihr hinauf. In ihrem schweren Kettenhemd, das Schwert erhoben, von Rauch und Flammen umspielt, sah sie aus wie eine von Norgrimms Schwertmaiden oder gar Svanlaug selbst.</p><p>Ein Eisklumpen streifte Asla und riss ihr den Helm vom Kopf. Sie strauchelte. Kalf griff nach ihr, doch sie schob ihn zur�ck. Schon hatte sie sich wieder in der Gewalt.</p><p>Mit lautem Krachen brach ein Balken der Palisade. Die Trolle gr�lten.</p><p>�Geh hinunter und sorg daf�r, dass sich jeder eine blutige Nase holt, der seinen Kopf durch die Bresche steckt�, befahl sie Kalf. Dann wandte sie sich an die �brigen M�nner. �Jeder Einzelne von uns wird sterben. Heute, morgen oder in f�nfzig Jahren. Luth allein wei�, wann unsere Stunde gekommen ist. Aber ein wenig liegt es auch an uns, auf welche Weise wir unsere letzte Reise antreten. Ich wei�, dass ich lieber hier oben verbrennen werde, als dass ich mich von einem Troll auf der Flucht erschlagen lasse. Doch diese Wahl muss jeder von euch selbst treffen.�</p><p>Kodran, der schon an einer Leiter stand, trat auf den Wehrgang zur�ck. �Asla hat Recht. Ich lass mir von den Trollen doch nicht die Gelegenheit vermiesen, mir hier oben meinen Hintern ein wenig aufzuw�rmen.� Er eilte zur�ck zu seinem Platz auf dem Wall. Andere folgten ihm.</p><p>Das Ger�usch splitternden Holzes �bert�nte den Gesang der Flammen. Kalf z�gerte noch einen Augenblick. Erst als er sich sicher war, dass sein vermeintlicher R�ckzug die Stimmung nicht wieder umschlagen lie�, sprang er vom Wehrgang.</p><p>�Bogensch�tzen zu mir!�, rief er aus Leibeskr�ften.</p><p>Die ganze R�ckseite der Palisade war ein Flammenmeer. Fast genau in der Mitte des h�lzernen Walls hatten die Trolle ihre Bresche geschaffen. Sie arbeiteten verzweifelt mit ihren Stein�xten, um die L�cke zu verbreitern. Einige Knaben mit B�gen kamen herangelaufen. Die �ltesten von ihnen hatten vielleicht vierzehn Sommer gesehen. Sie waren das letzte Aufgebot.</p><p>�Schie�t in die Bresche!�, befahl Kalf. �Sigvald! Bring die letzten Reisigb�ndel zur Bresche. Wir wollen doch mal sehen, was unsere Freunde sagen, wenn sie nach dem Wall aus Holz vor einer Feuerwand stehen.�</p><p>Die Jungen machten ihre Sache gut. Mit einigen gezielten Sch�ssen hatten sie die Trolle aus der Bresche vertrieben. Die Flammen schlugen inzwischen weit �ber die Brustwehr hinaus. Die dicken St�mme, aus denen der Verteidigungswall gef�gt war, begannen zu brennen. Die Flammenwand w�rde die Trolle f�r Stunden aufhalten.</p><p>Besorgt blickte Kalf zum Wehrgang hinauf. Ein Mann sprang schreiend in den Schnee hinab und schlug noch im Fallen auf seine brennende Hose ein. Asla ging immer noch auf ihrem Abschnitt des Walls auf und ab. Scheinbar seelenruhig, so wie ein Wachtposten in einer lauen Sommernacht mitten im Frieden. Ihr Gesicht war von Ru� geschw�rzt.</p><p>Der Fischer fluchte. Kannte sie denn keine Gnade mit sich? Sie beugte sich �ber die Brustwehr und blickte zu den Feinden hinab. Dann endlich winkte sie ihren M�nnern. �Runter hier, bevor uns die Schuhsohlen braten!� Selbst jetzt wartete sie noch, bis die anderen den Wehrgang verlassen hatten. Flammen versperrten ihr den Weg zur n�chsten Leiter. Kalf begann zu laufen. Sie durfte nicht springen! Nicht mit dem Kind im Bauch! Asla schwang sich hinab. Kalf konnte sehen, dass sie hart aufkam. Die Hitze des Feuers hatte den Schnee dicht beim Wall schmelzen lassen. Der Boden war steinig. Schwankend kam Asla hoch.</p><p>Er griff ihr unter die Arme, um sie zu st�tzen. Ihr Gesicht war schwarz wie Rabenfedern, das sch�ne blonde Haar von der Hitze versengt.</p><p>�Lass mich!�, zischte sie. �Wenn du mich umarmen willst, dann sei heute Nacht in meiner H�tte. Ich warte auf dich!� Sie machte sich los.</p><p>Hundert Augenpaare ruhten auf ihnen. Pl�tzlich schrie ein einzelner Mann: �Es lebe die Herzogin!� Immer mehr schlossen sich dem Ruf an. Die ersch�pften K�mpfer kamen herbeigeeilt, um ihr auf die Schultern zu klopfen. Sie wurde hochgehoben. Und immer lauter erschallte der Ruf: �Es lebe die Herzogin!�</p><p>Kalf hatte einen Klo� im Hals. Er sah ihr nach, wie sie davongetragen wurde. In ungez�hlten N�chten hatte er davon getr�umt, bei ihr zu liegen. Doch jetzt hatte er Angst davor.</p></section><section><title><p>Schlittenkufen</p></title><p>Alfadas hatte seinen M�nnern befohlen, au�erhalb von Honnigsvald zu lagern. Sie hatten den Marsch von Firnstayn hierher in weniger als anderthalb Tagen geschafft. Fast die H�lfte seiner Krieger kam aus der kleinen Stadt oder der n�heren Umgebung. Die Angst hatte sie vorangetrieben. Trotz des dichten Schneefalls und der m�rderischen K�lte waren sie marschiert. Ohne die Amulette der Elfen empfanden sie den Winter nun umso bitterer, doch die Angst hatte ihnen Fl�gel verliehen.</p><p>Alfadas stand am Ufer, dort, wo einmal Sigvalds Werkstatt gelegen haben musste. Ganz sicher war er sich nicht. Die kleine Stadt hatte ihr Gesicht verloren. Nichts, was ihm vertraut gewesen war, stand noch. Kein einziges der h�lzernen H�user hatte die Feuersbrunst �berstanden.</p><p>Ein flaches Eisenst�ck ragte vor ihm auf. Der Herzog b�ckte sich, schob Schnee und halb verkohltes Holz zur Seite. Wieder nur ein Fassreifen. Alfadas atmete tief aus. Dann richtete er sich auf, suchte nach Orientierung. Was hatte er am anderen Ufer gesehen, als er bei Sigvald gewesen war? Wie konnte er den Platz wieder finden, an dem der lange Schuppen gestanden hatte? War es hier? Oder doch noch ein St�ck das Ufer hinauf? Zwei Stunden lang suchte er. Doch er fand keine Spuren. Hier unten am Hafen schienen keine Fuhrwerke und Schlitten mehr gestanden zu haben. Sie hatten die Stadt verlassen! Und nirgendwo anders fanden sich die �berreste einer verbrannten Kutsche. Asla war hier gewesen, dessen war sich Alfadas ganz sicher. Honnigsvald war die n�chstgelegene Stadt. Hierher w�rde man fliehen, wenn Feinde aus den Bergen im Norden kamen. Aber Asla war nicht mehr hier gewesen, als Honnigsvald brannte. Ganz sicher nicht!</p><p>Der Herzog ging den Stadth�gel hinauf. Er suchte nach anderen Spuren. Obwohl Honnigsvald keine gro�e Siedlung war, fiel es Alfadas schwer, sich zu orientieren. Die breite Stra�e, die vom Hafen hinauf zur Festhalle gef�hrt hatte, lie� sich nur noch erahnen. All die engen Gassen waren g�nzlich verschwunden. Begraben unter verkohlten Dachbalken, eingest�rzten H�userw�nden und zersplitterten Schieferschindeln. Und �ber all dies hatte der Winter sein wei�es Leichentuch gezogen.</p><p>Jedes Mal, wenn er ein flaches, verbogenes St�ck Eisen zwischen den verkohlten Tr�mmern aufragen sah, packte ihn die Angst. Einmal hatte ihn ein Sensenblatt genarrt. Als er die schweren Balken ringsherum wegger�umt hatte und sicher gewesen war, dass hier kein Schlitten gestanden hatte, hatte er nicht verstanden, wie er in der Sense eine Schlittenkufe hatte sehen k�nnen. Es war die Angst...</p><p>So wie er, irrten noch dutzende andere M�nner durch die Stadt. M�nner, die alle Schrecken des Trollkriegs in Albenmark ertragen hatten, brachen zusammen, wenn sie die verkohlten Reste ihrer H�tten fanden. Mag, der bei der Beerdigung seines Bruders Torad keine Tr�ne vergossen hatte, lief blass und verst�rt durch das Ruinenfeld und rief nach Kodran.</p><p>Alfadas biss sich auf die Lippen, bis der metallische Geschmack von Blut seinen Mund f�llte. Er durfte sich nicht gehen lassen! Er musste diese M�nner f�hren. Sie brauchten ihn jetzt mehr als je zuvor. Morgen, noch vor Sonnenaufgang, w�rden sie weitermarschieren. Sie w�rden diese mordenden Bestien verfolgen, bis der letzte Troll tot war, der hierher gekommen war, um Frauen und Kinder zu morden und zu ... Seine Gedanken setzten aus. Er durfte sich das nicht vorstellen! Es w�rde ihn zerst�ren! Asla lebte! Sie war klug. Bestimmt hatte sie nicht gewartet, bis die Trolle nach Honnigsvald kamen. Sie war weiter den Fjord entlang geflohen.</p><p>Alfadas hatte nicht einmal die H�lfte der niedergebrannten Stadt durchstreift. Aber hier gab es kein gro�es Fuhrwerk! Er wollte nicht, dass sie hier gewesen waren. Es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein!</p><p>Tr�nen traten ihm in die Augen. Er ging hinunter zum Fjord. Was bewies es schon, wenn er die Kutsche nicht fand? Asla und die Kinder konnten trotzdem hier gewesen sein. Vielleicht hatte man ihnen das Fuhrwerk gestohlen. Was mochte sich innerhalb der W�lle abgespielt haben, als die Trolle angegriffen hatten? Vielleicht war der schwere Schlitten auch durch das Eis gebrochen und w�rde f�r immer auf dem Grund des Fjords verborgen bleiben?</p><p>Alfadas wanderte ein St�ck �ber den zugefrorenen Meerarm. Es war ein wundersch�ner Wintertag. Ein strahlend blauer Himmel spannte sich �ber das verschneite Land. Eisiger Wind wehte von Nordwest. Der Herzog sp�rte ihn kaum auf seinem Gesicht. Er f�hlte sich wie tot.</p><p>Seine Schritte f�hrten ihn unbewusst nach S�den. Hier, ein gutes St�ck von den Erdw�llen der Stadt entfernt, lag dicht am Ufer das verlassene Lager der Trolle. Heute Morgen hatte Alfadas seinen M�nnern davon berichtet, was es hier zu finden gab, aber nur Einzelne wagten sich hierher. Verloren, still gingen sie zwischen den zugeschneiten Feuerstellen herum, stocherten im Schnee und hofften nichts zu finden. Und dann gingen sie zum Ufer.</p><p>Die �berlebenden der Stadt waren hierher gebracht worden. Wie es schien, hatte man Honnigsvald schon im ersten Sturmangriff genommen.</p><p>Der Herzog blickte hin�ber zu dem schaurigen H�gel, bei dem Lambi und Ollowain standen. Er wusste, was der Schnee dort barmherzig verbarg. Und er wagte es nicht hin�berzugehen. Auch nicht ans Ufer. Jene M�nner, die keine Verwandten hier hatten, verrichteten dort ihren schaurigen Dienst. Sie brachten die Erfrorenen zum Ufer, wenn sich die Leichen bewegen lie�en. Und aus dem Knochenberg, den Lambi und Ollowain bewachten, bargen sie all das, was Auskunft �ber die Toten geben mochte. Dinge, die unverwechselbar waren. Bestickte Stiefel, ein buntes Halstuch, einen Rock, auf den kleine Flussperlen aufgen�ht waren, Kinderpuppen, Armreife mit auff�lligen Verzierungen, eine Bernsteinkette ... Alfadas war heute Morgen kurz bei den M�nnern gewesen, als sie ihre Arbeit begonnen hatten. Er hatte es nicht vermocht, ihnen zuzusehen. Sie trugen einen Berg von Menschenknochen ab. Man konnte deutlich die tiefen Furchen sehen, die die Steinmesser im Gebein hinterlassen hatten, als die Trolle das Fleisch heruntergeschnitten hatten. Die Markknochen waren zerschmettert und ausgesogen. Selbst die Sch�del hatten sie aufgebrochen. Sie fra�en alles, diese Bestien. Alfadas dachte an die zarten Kinderknochen, die �berall verstreut gelegen hatten. Sein Magen zog sich zusammen.</p><p>�Asla hat die Kutsche genommen. Sie war nicht hier!�, sagte er mit Nachdruck. Es gab keine Spuren von ihr, den Kindern oder der Kutsche!</p><p>Wieder blickte er zum Ufer. Dort kauerten zusammengekr�mmt jene, die Gewissheit gefunden hatten. Er sollte auch dorthin gehen. Aber er konnte nicht. Es war etwas anderes, in der Stadt nach einem Fuhrwerk zu suchen. Er konnte nicht die Reihe der Erfrorenen abschreiten. Es waren vor allem Alte und ganz kleine Kinder, so wie Kadlin. Eine nasse Hose war hier drau�en in der Eisesk�lte ein Todesurteil. Er schluckte hart. Daran, dass Asla mit den Kindern �ber das Eis geflohen war, gab es keinen Zweifel. Aber sie hatten keine Toten auf dem Weg nach Honnigsvald gefunden! Was immer Asla auch getan hatte, sie hatte alle gerettet, zumindest bis in die tr�gerische Sicherheit der Stadt.</p><p>Ollowain hatte seinen Platz am Knochenh�gel verlassen. Der Schwertmeister ging ihm entgegen! Alfadas wandte sich ab. Er tat so, als h�tte er den Elfen nicht gesehen. Er zitterte. Seine Kraft reichte nicht aus, um davonzulaufen. Er wollte jetzt nicht �ber seine Pflichten als Heerf�hrer reden. Und er hatte panische Angst davor, dass Ollowain aus einem anderen Grund kam.</p><p>Das Eis knirschte leise, sonst h�tte er den Elfen nicht kommen h�ren. Der Schwertmeister bewegte sich lautlos wie eine Katze. Sein Ziehvater wusste, dass er ihn gesehen hatte. Und er wollte, dass er ihn h�rte. �Was gibt es?�, fragte der Herzog leise, ohne sich umzudrehen.</p><p>�Ich muss mit dir reden.� Der Elf trat vor ihn, sodass Alfadas gezwungen war, ihn anzusehen. Ollowain verbarg etwas unter seinem weiten wei�en Umhang.</p><p>Alfadas atmete aus. Er konnte den Blick nicht von der verbogenen Hand abwenden. Was versteckte sie?</p><p>�Lass uns zum Wald hin�bergehen.� Ollowain deutete ein St�ck den Fjord hinauf, wo ein lichter Birkenhain lag. �Ich m�chte allein mit dir sein.�</p><p>�Wir sind hier doch allein.� Alfadas� Stimme zitterte, so sehr er sich auch bem�hte, sich zu beherrschen. �Niemand soll uns zusehen. Du bist der Herzog. Sie d�rfen nicht den Glauben an dich verlieren. Nicht in dieser Stunde.�</p><p>�Ich bin nur ein Mensch! Das wissen sie. Einer wie sie!�</p><p>�Nein, du bist der Elfenjarl. Ein Mann wie aus den alten Sagas. Ein Held, der noch niemals besiegt wurde. Ein ruhmreicher Heerf�hrer. Das bist du f�r sie.� Ollowain wandte sich ab und ging in Richtung des Birkenwaldes.</p><p>�Du wei�t besser als jeder andere, dass ich nur ein Mensch bin, mein Lehrmeister. Das sind blo� Geschichten. Du kennst all meine Schw�chen. Du wei�t, was ich in Wirklichkeit bin. Diese Sagas sind nur Geschichten, die Skalden wie Veleif erfunden haben. Nichts davon ist wahr!�</p><p>Ollowain antwortete ihm nicht. Der Elf ging unbeirrt weiter dem Birkenhain entgegen.</p><p>Alfadas unterdr�ckte den Wunsch, ihm nachzulaufen. Er wusste, dass man sie vom Ufer aus beobachtete. Er durfte sich nicht eine solche Bl��e geben! Mit weiten Schritten folgte er dem Elfen und musste sich immer wieder zwingen, nicht doch einfach loszulaufen. So sehr er sich bem�hte, er vermochte Ollowain nicht einzuholen. Erst als der Schwertmeister eine Lichtung inmitten des Birkenhains erreichte, blieb er stehen. �Was verbirgst du unter deinem Mantel?�</p><p>Ollowain drehte sich um. Sein Gesicht war eine starre Maske. Er hielt einen Dolch in H�nden. Es war eine lange, schlanke Waffe. Fast schon ein kurzes Schwert. Der Griff war aus hellem Walbein geschnitten und zeigte zwei L�wen, die auf ihren Hinterbeinen standen und sich in t�dlicher Umklammerung hielten. In die silberne Scheide waren kleine T�rkissplitter eingefasst. Alfadas wusste, dass es dreiundachtzig T�rkise waren. Ulric hatte sie gez�hlt.</p><p>�Ich wei�, was du in Wirklichkeit bist, Menschensohn�, sagte der Elf leise. �Auch wenn du es nicht glauben willst, liegt in den Geschichten �ber dich viel Wahrheit. Die M�nner sehen zu dir auf. Gerade in dieser Stunde der Trauer. Aus dir werden sie Kraft sch�pfen.�</p><p>Der Herzog nahm den silbernen Dolch an sich. �Er lag zwischen den Knochen?� Ollowain nickte.</p><p>�Lass mich bitte allein�, sagte Alfadas leise.</p></section><section><title><p>Eine Eiche und ein gutes St�ck Fleisch</p></title><p>Endlich tauchte er zwischen den B�umen auf. Orgrim hatte �ber eine Stunde auf den Kundschafter gewartet. Sofort f�hrte er Brud an Dumgars Feuer.</p><p>�Und?�, fragte der Herzog vom Mordstein. �Hast du den Weg gefunden?� Brud klopfte sich den Schnee aus seinem Umhang. �Es gibt keinen Weg. Diese verfluchten Menschlinge haben den Ort klug gew�hlt. Man muss durch das Tal, um zum Dorf hinaufzukommen. Sie haben noch zwei weitere W�lle. Einen am Ende des Tals und einen dicht bei den H�tten.�</p><p>�Wie viele sind es?�, fragte Orgrim.</p><p>�Nicht einmal zweihundert, die k�mpfen k�nnen.� Dumgar sprang vom Feuer auf. �Dann kommen ja zwei von unseren Kriegern auf einen Menschling. Und wir schaffen es nicht, sie in St�cke zu rei�en? Verdammte Weichlinge! Was seid ihr? Krieger oder lauwarme M�usef�rze?� Der Herzog griff sich ein paar Rippchen, die neben dem Feuer auf einem Holzbrett lagen, und nagte das magere Fleisch von den Knochen. Orgrim hatte den Kerl gesehen, der f�r das Festmahl ausgesucht worden war. Ein hagerer Mann mit narbigem Gesicht. Er hatte wie ein Welpe gewimmert. Von diesem Fleisch w�rde er nicht essen, dachte der Herzog der Nachtzinne. Der Menschling hatte ungesund ausgesehen.</p><p>�Vielleicht w�rde es ja die Laune unserer Krieger verbessern, wenn sie dich auch einmal in der ersten Reihe k�mpfen s�hen.� Orgrim hielt Dumgar mit Blicken gefangen. Er verachtete seinen Feldherrn. Der einzige lauwarme M�usefurz in diesem Lager war er.</p><p>�Ich durchschaue dich, Orgrim. Du w�nschst dir, dass mich die Menschlinge t�ten, damit du hier den Befehl hast. Aber so wird es nicht kommen! Ich bin zu wichtig. Ich darf dem Heer nicht verloren gehen.�</p><p>Orgrim strich �ber die Kruste der frischen Pfeilwunde an seiner Schulter. Er war unter den Kriegern gewesen, die versucht hatten, die Bresche zu erweitern, w�hrend Dumgar sich auf einem H�gel au�er Schussweite gehalten hatte. �Ich kann dich beruhigen, Feldherr. Solange du dich dem Schlachtfeld nicht n�herst, ist die gr��te Gefahr, der du dich aussetzt, diejenige, an einem Rippchen zu ersticken.�</p><p>Dumgar warf einen der Knochen ins Feuer. Er l�chelte s�uerlich. �Mach dir keine Sorgen deshalb. Ich bin ein sehr erfahrener Esser.�</p><p>Du bist ein Pickel auf dem Hintern des K�nigs, dachte Orgrim w�tend, hielt aber den Mund. Eines Tages werde ich dich ausquetschen!</p><p>Dumgar wandte sich an Birga. Die Schamanin sa� etwas abseits des Feuers. Mit einem d�rren Zweig malte sie ein verschlungenes Muster in den Schnee.</p><p>�Bist du dir ganz sicher, dass Emerelle dort oben in dem Dorf der Menschlinge ist?�</p><p>Die Schamanin hielt inne. Die Lederhaut, die sie vor ihr Gesicht gespannt hatte, glitt ein wenig zur Seite, als sie ruckartig den Kopf hob. Es war zu kurz, um in der Dunkelheit etwas von ihrem Gesicht erkennen zu k�nnen. �Glaub mir, Dumgar, wen ich befrage, der ist froh, mir so schnell wie m�glich all seine Geheimnisse anvertrauen zu d�rfen. Emerelle steckt dort oben in dem Bergdorf!�</p><p>Der Herzog vom Mordstein leckte sich nerv�s �ber die Lippen. �Ich wollte dein Wissen nicht infrage stellen. Es w�re nur... Wie lange wird es noch dauern, bis wir das Dorf erobern?�</p><p>�Ich kann nicht in die Zukunft sehen�, entgegnete sie gereizt.</p><p>�Es ist dieses verfluchte goldhaarige Weib, das sie immer wieder aufstachelt. Ich habe sie lange beobachtet. Sie tr�gt ein Kind. Die Gefangenen sagen, sie sei das Weib des Elfenjarls. Sie m�ssen wir t�ten! Dann werden wir siegen. Wie schnell das gelingt, das h�ngt ganz davon ab, wer bei den n�chsten Angriffen den Befehl f�hrt.� Sie sah zu Orgrim. �Ich bin sicher, du w�rdest anders vorgehen, als wir es bisher getan haben. Oder irre ich mich?�</p><p>Orgrim wusste, dass er sich nicht gegen Dumgar stellen konnte. Er w�rde am einfachsten sein Ziel erreichen, wenn er dem Herzog vom Mordstein schmeichelte. �Ich finde, dass Dumgar den richtigen Weg eingeschlagen hat. Aber wir sollten mehr Kraft einsetzen. Unsere Rammb�cke sind zu schwach. Das liegt an der Eile, mit der wir angegriffen haben. Wir sollten die Menschen einen Tag lang in Frieden lassen. Selbst wenn wir nicht angreifen, werden sie uns so sehr f�rchten, dass sie nicht zur Ruhe kommen. Wir nutzen die Zeit, um eine gro�e Eiche zu suchen. Einen wahrhaft gewaltigen Baum! Und daraus fertigen wir einen Rammbock, wie nur Trolle ihn heben k�nnen. Die n�chste Palisade der Menschenkinder werden wir in einem einzigen Sturmlauf nehmen.�</p><p>�Ja, genau daran hatte ich auch schon gedacht�, behauptete Dumgar. �Du hast es nur schneller ausgesprochen, Orgrim. Ich erlaube dir, meinen Einfall auszuf�hren. Aber beeile dich! Du wei�t, dass wir nur noch f�r ein paar Tage zu essen haben. Wir m�ssen das Dorf erst�rmen, um wieder an Fleisch zu kommen!�</p><p>�Nat�rlich.� Orgrim erhob sich. �Ich werde mich sofort um alles Notwendige k�mmern.� Erleichtert, das Feuer des Herzogs vom Mordstein verlassen zu k�nnen, zog er sich zur�ck. Brud folgte ihm.</p><p>�Willst du ihm demn�chst auch noch die F��e k�ssen?�, fragte der Kundschafter leise. �Schneid ihm den Bauch auf und erdrossle ihn mit seinen Eingeweiden. Diese j�mmerliche Made hat es nicht verdient, hier das Kommando zu f�hren!�</p><p>�Lass ihn nur machen. Ich bin zuversichtlich, dass er einen Weg finden wird, sich selbst ins Verderben zu reiten.�</p><p>�Und wie viele gute Krieger wird er dabei mitnehmen? Das kann dir doch nicht gleichg�ltig sein.�</p><p>�Hast du schon von Boltans neuem Gericht gekostet? In Lehm gebackenes Fleisch � k�stlich, sage ich dir. Komm an mein Feuer und sei mein Gast.�</p><p>�Du schuldest mir eine Antwort�, beharrte der Kundschafter.</p><p>�Er hat nicht auf dich geh�rt, als du ihm geraten hast, die gefangenen Menschlinge zur�ck in ihre gro�en H�tten zu schicken, damit sie sich warme Pelze holen. Und was ist geschehen? Sie sind auf dem Eis j�mmerlich zu Grunde gegangen, und wir haben fast keine Vorr�te mehr. Was muss er noch tun, damit du uns von ihm erl�st? Wenn dir der Mut dazu fehlt, dann gehe ich hin und schneide ihm die Kehle durch.�</p><p>�Dann kannst du auch gleich mich ermorden. Wenn Dumgar etwas geschieht und es nur die geringste M�glichkeit gibt, mich f�r sein Ableben zur Verantwortung zu ziehen, dann wird Branbart mich hinrichten lassen. Versteh doch, ich kann nichts gegen diesen Narren unternehmen. Der K�nig wartet nur darauf! Deshalb hat er uns diesen Trottel als Befehlshaber ausgesucht. Branbart war sich sicher, dass ich die Unsinnsbefehle von Dumgar nicht lange ertragen k�nnte. Wenn ich aber etwas gegen Dumgar unternehme, liefere ich mich der Willk�r des K�nigs aus.�</p><p>�Ich hasse die Machtspiele von euch F�rsten!�, fluchte Brud.</p><p>�Sobald das hier vorbei ist, gehe ich in die W�lder, und man wird mich f�r lange, lange Zeit nicht mehr zu sehen bekommen. Mit euch zusammen zu sein, vergiftet meine Seele!�</p><p>�Hilf mir morgen, eine gute Eiche zu finden, und ich verspreche dir, wir werden die Menschlinge �bermorgen hinwegfegen. Sobald wir Emerelle gefangen haben, kehren wir zur�ck nach Albenmark. Und vielleicht haben wir ja Gl�ck, und Dumgar verirrt sich auf dem Weg durch das Nichts.�</p><p>�Du hast die Gabe, dass alles, wovon du sprichst, sich so einfach anh�rt.�</p><p>Orgrim legte dem Kundschafter die Hand auf die Schulter.</p><p>�Es ist so einfach, Brud. Und nun vergiss deinen �rger und lass uns ein gutes St�ck Fleisch essen.�</p></section><section><title><p>Das erste Mal</p></title><p>�Ihr wisst, was euch erwartet?�</p><p>Asla beobachtete, wie Kalf die drei M�nner und die beiden Frauen der Reihe nach fest ansah. Er hatte sie ausgew�hlt, und wie es schien, hatte er eine gute Wahl getroffen. Asla kannte die f�nf nicht, aber sie alle hielten Kalfs Blicken stand. Sie wirkten nicht z�gerlich oder gar �ngstlich. Wenn sie Gl�ck hatten und ihre Sp�her tats�chlich die versprengten Reste von K�nig Horsas Heer fanden, und wenn sie dann noch rechtzeitig nach Sonnenberg zur�ckkehrten, dann gab es vielleicht noch Hoffnung. Zu viele Wenns dachte Asla bedr�ckt. Sie sollte sich nichts vormachen! Es war unwahrscheinlich, dass irgendjemand im Tal den Trollen entkommen w�rde, wenn erst einmal die letzte Palisade fiel. Zumindest w�rden diese f�nf nicht mit ihnen untergehen, dachte Asla trotzig. Eines der beiden M�dchen war sehr h�bsch. Sie hatte wundersch�ne braune Rehaugen. Ein Anh�nger aus dunklem Bernstein hing um ihren Hals. Er hatte fast die Farbe ihrer Augen. Sicherlich k�nnte sie einmal unter vielen Werbern ihren Mann ausw�hlen, wenn es ihr gelang, an den Wachen der Trolle vorbeizukommen. Schon wieder so ein verfluchtes Wenn!</p><p>�Teilt euch auf�, sagte Kalf. �Versucht nicht, euch untereinander beizustehen, wenn die Trolle einen von euch fangen. Und wenn ihr aus dem Tal herauskommt, soll einer von euch in jede Himmelsrichtung gehen. Sucht aber vor allem im S�den. Es ist wahrscheinlicher, dass dort Versprengte von Horsas Heer zu finden sind. Kommt nicht zur�ck, wenn ihr weniger als tausend Mann findet. So viele werdet ihr mindestens brauchen, um euch durch die Reihen der Trolle zu schlagen. Und wenn eure Suche l�nger als f�nf Tage dauert, dann kommt auch nicht zur�ck. Ihr w�rdet hier dann niemanden mehr finden.�</p><p>�Aber die Trolle haben seit zwei Tagen nicht mehr angegriffen. Vielleicht sind sie des K�mpfens m�de geworden?�, wandte einer der M�nner ein.</p><p>�Kannst du dir einen Wolf vorstellen, der friedlich unter L�mmern lebt? Ebenso wenig gibt es einen Troll, der des K�mpfens m�de wird! Ich wei� nicht, was sie aufh�lt, aber ich bin mir sicher, dass sie wieder angreifen werden. Habt ihr noch weitere Fragen?�</p><p>Asla dachte an die schlafende K�nigin, die weiter oben im Dorf in einer H�tte mit Tante Svenja und Kadlin untergebracht war. Solange Emerelle bei ihnen blieb, w�rden die Trolle niemals aufgeben. Es war klug, dass Kalf das nicht so offen aussprach. Asla w�rde lieber ihr Leben geben, als die K�nigin auszuliefern. Aber sie war sich nicht sicher, ob alle so dachten.</p><p>Asla musterte die f�nf. Eifer und Furcht spiegelte sich in ihren Gesichtern. Sie alle trugen lange Schaffellm�ntel. Die Fl�chtlinge und die Bewohner des Dorfes hatten Kleidung zur Verf�gung gestellt, damit ihre Boten ganz in Wei� gewandet waren. Das verbesserte ihre Aussichten, lebend durch die Linien der Trolle zu kommen. Zumindest hoffte Asla das. Wieder einmal wurde ihr klar, wie wenig sie �ber die Trolle wussten. Konnten sie gut sehen? In manchen Sagas hie� es, sie w�rden im Sonnenlicht zu Stein. Das war offensichtlich falsch. Hatten sie eine feine Nase, wie Jagdhunde? W�rden sie einfach der Witterung der Boten folgen? Wie sollte man einen Feind besiegen, den man kaum kannte? Kalf verabschiedete die Sp�her. Jetzt fand er w�rmere Worte.</p><p>�M�ge Luth euch einen langen Faden gesponnen haben�, sagte Asla feierlich.</p><p>Das M�dchen mit dem Bernsteinamulett umarmte Asla und fl�sterte ihr ins Ohr: �Bitte haltet das Dorf. Meine Gro�mutter ist hier. Sie ist die Letzte, die mir aus meiner Sippe geblieben ist. Ich vertraue dir, Herzogin.�</p><p>�Wir werden gut k�mpfen�, sagte Asla fest. �Und ich vertraue auf Luth und seine Gnade.� Sie konnte das M�dchen nicht anl�gen und ihr einfach sagen, es w�rde schon alles gut gehen. Asla dr�ckte sie.</p><p>Kalf stand bereits in der T�r. Es war alles gesagt. Einen Augenblick lang klammerten sich die F�nf noch an die Geborgenheit der kleinen H�tte, z�gerten den Aufbruch ins Ungewisse um ein paar Herzschl�ge hinaus. Gefangen auf der Schwelle zwischen Dunkelheit und Licht, mochten sie den Schritt in die Finsternis nicht tun und konnten doch nicht mehr l�nger bleiben. Es war das M�dchen mit dem Bernstein, das schlie�lich als Erste ging. Sie setzte das Zeichen. Die anderen folgten ihr. Schnell war die kleine Gruppe zwischen den dunklen B�umen verschwunden.</p><p>Die H�tte, die sich Asla als Quartier gew�hlt hatte, lag nahe der zweiten Palisade in einem Waldst�ck verborgen. Von hier waren es weniger als zweihundert Schritt bis zu der Holzmauer, an der sich ihr Schicksal entscheiden w�rde. Sie hatten zwar am Eingang zum Dorf noch eine dritte Barriere aufgebaut, doch alle wussten, dass dieses Hindernis die Trolle nicht lange aufhalten konnte. Wer dort k�mpfte, der war dem Tod geweiht. Hier galt es, den Trollen nur kurze Zeit zu trotzen. Lange genug, um die wei�e Flut zu entfesseln.</p><p>�Es wird kalt�, sagte Asla ruhig. Morgen schon w�ren sie vielleicht alle tot. Sie war entschlossen, in dieser Nacht herauszufinden, welchen anderen Weg ihr Leben h�tte nehmen k�nnen.</p><p>Kalf stand noch immer in der T�r und sp�hte in den Wald, obwohl die f�nf jungen Boten schon l�ngst zwischen den B�umen verschwunden waren. Hatte er Angst? Wollte er es nicht? Eine Woge des Zweifels erfasste Asla. Hatte sie sich in ihm get�uscht?</p><p>Kalf r�usperte sich. Er �ffnete den Mund, wollte etwas sagen und fand doch keine Worte. Endlich zog er die T�r zu. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. �Ich habe mich so lange Jahre nach dir gesehnt. Aber jetzt... Du warst immer das Licht in meinem Leben. Ich habe dich von Ferne bewundert ... Muss man nicht verbrennen, wenn man nach dem Licht greift? Ist es richtig ...�</p><p>Solange Asla sich erinnern konnte, hatte sie zu Kalf aufgeschaut. Schon als ganz kleines M�dchen hatte sie beschlossen, dass sie einst sein Weib sein w�rde. Seine breiten Schultern, das wehende blonde Haar, die selbstwusste Ruhe, die er ausstrahlte, all das hatte sie verzaubert. Er war so anders als die anderen jungen M�nner, die tranken, prahlten und sich f�r unwiderstehlich hielten. Seine stille Art hatte sie angezogen, und sie hatte damals schon geglaubt, dass auch er sie liebte. Nie hatte sie daran gezweifelt, dass sie eines Tages mit ihm um den Stein tanzen w�rde.</p><p>Asla dachte daran, was Alfadas �ber die Liebe der Elfen erz�hlt hatte. Sie versprechen einander, sich zu trennen, bevor die erste L�ge zwischen ihnen steht. Sie glauben, wenn es etwas gibt, �ber das man nicht mehr miteinander sprechen kann, dann ist es an der Zeit, einander freizugeben. Alfadas war wie ein Sturm in ihr Leben getreten. Er hatte sie verzaubert und ihr Schicksal auf einen neuen Kurs gedr�ngt. Der Held aus dem Elfenland, der Frauen von unendlicher Sch�nheit besessen hatte, war zu ihr gekommen, zur Fischerstochter, und hatte um ihre Hand angehalten. Sie hatte sich damals wie in einem M�rchen gef�hlt, das Wirklichkeit geworden war. Wie h�tte sie nein sagen k�nnen? Jahre waren vergangen, bis sie begriffen hatte, dass man M�rchen nicht leben konnte.</p><p>Anfangs hatte es sie nicht gest�rt, wenn er neben ihrem Haus gestanden und zum Hartungskliff hinaufgeblickt hatte, dorthin, wo der Steinkreis stand, das Tor in jene andere Welt. Erst langsam hatte sie seine Sehnsucht verstanden. Jenseits der Steine lag etwas, das sie trennte, auch wenn sie es nicht einmal in Worte zu fassen vermochte. Alfadas liebte sie und die Kinder, das wusste Asla. Er war ihr immer ein guter Mann gewesen. Er begegnete ihr mit mehr W�rme und Zuneigung, als die meisten anderen Frauen im Dorf je von ihren Gatten erfahren hatten. Seine sch�nen Worte und sein L�cheln vermochten sie immer noch in den Bann zu schlagen. Er versuchte ihr jeden Wunsch zu erf�llen. Doch seine Blicke hinauf zum Hartungskliff verletzten sie mit jedem Jahr, das sie gemeinsam verbrachten, tiefer. Dort war etwas, das sie ihm niemals geben konnte. Er sprach nie dar�ber, und das machte es noch schlimmer.</p><p>Wieder ging ihr durch den Kopf, was Alfadas �ber die Liebe der Elfen gesagt hatte. Wenn sie eine Elfe w�re, dann h�tte sie sich wohl l�ngst schon von ihm getrennt. Aber sie war Asla, die Fischerstochter. Sie konnte den Mann, dessen Kinder sie geboren hatte, nicht einfach aufgeben. Sie wollte es nicht!</p><p>Vielleicht h�tte sie die Kraft gefunden, mit seiner Sehnsucht zu leben, wenn die Elfen niemals nach Firnstayn gekommen w�ren. Jetzt wusste sie, wonach er sich sehnte. Sie hatte die Frauen gesehen. Sie waren so anders. Nicht allein ihre Sch�nheit war verwirrend. Sie strahlten eine Kraft und einen Stolz aus, wie Asla es noch nie bei einer Menschenfrau gesehen hatte. Alles an ihnen war vollkommen. Sie �berquerten einen schlammigen Weg, und ihre F��e wurden nicht einmal schmutzig. Sie konnten einen Fisch ausnehmen, und ihnen haftete immer noch ein Wohlgeruch an, angenehmer als der Duft der sch�nsten Blumen, die Asla kannte. Was war sie im Vergleich zu ihnen? Bestenfalls eine Bl�te am Ende des Sommers, deren Bl�tter bereits braune R�nder bekommen hatten.</p><p>Sie hatte all diese Frauen in ihrem Haus aufnehmen und bewirten m�ssen, und Alfadas hatte nicht einen Herzschlag lang dar�ber nachgedacht, wie sie sich dabei gef�hlt hatte. Das alles h�tte sie vielleicht noch ertragen, w�re da nicht diese eine gewesen! Silwyna! Sie hatte etwas Katzenhaftes. Ihr haftete der Geruch des Waldes an. Silwyna war kaum in ihr Haus gekommen. Sie hatte sich zur�ckgezogen. Und auch Alfadas war ihr aus dem Weg gegangen. Doch gerade die Art, wie er sie gemieden hatte, es nicht einmal gewagt hatte, einen Blick mit ihr zu tauschen, hatte ihn verraten. Alfadas hatte diese Elfe einmal geliebt, und seine Gef�hle waren vielleicht begraben, aber nicht verloschen. Sie war es, woran er dachte, wenn er zum Hartungskliff blickte. Asla w�nschte sich, sie w�re Silwyna niemals begegnet!</p><p>Sie dachte an den Liebesschwur ihres Mannes. Seine letzten Worte, bevor er durch das Tor in die fremde Welt der Elfen getreten war. Er hatte versprochen, zu ihr zur�ckzukehren. Und w�hrend er so offen von seinen Gef�hlen gesprochen hatte, hatte er sich vor dem K�nig und all den Kriegern verletzlich gezeigt. M�nner taten so etwas nicht, das galt als weibisch. Aber er war ja auch nie wie all die anderen M�nner gewesen, dachte Asla traurig. Deshalb liebte sie ihn. Selbst jetzt noch.</p><p>Sie blickte zu Kalf. Er stand immer noch unschl�ssig vor der verschlossenen T�r und mied es, sie anzusehen. Die Jahre hatten tiefe Furchen in sein Gesicht geschnitten, und doch fand sie noch alles darin, was sie schon immer liebenswert gefunden hatte. Er war gereifter, st�rker, auch wenn ihm der Mut fehlte, auf sie zuzugehen und von seiner Liebe zu sprechen. Was dies anging, wirkte er unschuldig wie ein J�ngling. Soweit Asla wusste, hatte Kalf nie ein Weib gehabt. Manchmal war er ein paar Tage in Honnigsvald, um Fisch zu verkaufen oder im Winter auch Pelze. Vielleicht gab es dort ... Aber das w�re nicht seine Art. Asla wusste ganz sicher, wenn Kalf eine Frau fand, der sein Herz geh�rte, dann w�rde er zu ihr gehen ... Asla wurde die Kehle eng. Sie wusste mehr. Er hatte seine Frau gefunden, und deshalb war er geblieben. Um ihretwillen.</p><p>Sie trat zu ihm hin�ber und griff z�rtlich nach seiner Hand.</p><p>�Es ist gut, dass du hier bist. Jemanden an seiner Seite zu wissen, gibt so viel Kraft.�</p><p>Endlich wagte er es, ihr ins Antlitz zu blicken. Seine Augen waren unendlich traurig. �Ja�, sagte er einfach nur. Asla widerstand dem Drang, ihn in die Arme zu schlie�en. Er war kein kleiner Junge, den sie tr�sten musste. Sie wollte mehr von ihm. Sie wollte in seinen Armen liegen, seine Liebe sp�ren und sich geborgen f�hlen. Wenn sie ihn jetzt umarmte, dann w�rde sie all das nicht bekommen.</p><p>Asla seufzte. Sie musste einen anderen Weg finden. �Ich begreife nicht, wie manche M�nner den ganzen Tag in einem Kettenhemd herumlaufen k�nnen. Es erdr�ckt mich! Wenn ich es ablege, habe ich das Gef�hl, ich bin so leicht, dass ein Windsto� reichen w�rde, um mich hinauf zu den Sternen zu tragen.� Sie l�ste den breiten G�rtel, der einen Teil vom Gewicht ihres Kettenhemds st�tzte, und lie� ihn zu Boden fallen. Dann hob sie die Arme.</p><p>�Ich wei� jetzt, warum Krieger ihr Haar meistens kurz tragen.� Sie l�chelte. �Die Kettenringe verhaken sich in den Haaren. Lass mich dieses Ding hier noch einen Mond lang tragen, und es wird mich zu einem kahlen Weib machen. Bitte hilf mir, es abzustreifen.�</p><p>Kalfs H�nde waren kr�ftig. Vorsichtig befreite er sie aus der schweren R�stung. Selbst durch das Kettengeflecht hindurch sp�rte sie seine W�rme. Mit der Geduld, mit der er zerrissene Netze flickte, befreite er ihr Haar, wo es sich in den Eisenringen verfing. Und schlie�lich nahm er die Last von ihren Schultern. Klirrend fiel das Kettenhemd zu Boden.</p><p>Erst jetzt wurde sich Asla bewusst, was sie unter der R�stung trug. Ein dickes, gestepptes Winterkleid, auf das sie breite Schulterpolster aus Lumpen aufgen�ht hatte. Durch das Waffenfett, mit dem das Kettenhemd eingerieben war, war das ohnehin schon unansehnliche Kleid auch noch mit schwarzen Flecken und Schlieren bedeckt. Und man konnte riechen, dass sie es tagelang angehabt hatte. Es war notwendig, das dick gepolsterte Kleid zu tragen, denn das Kettenhemd wurde eiskalt und zog ihr die W�rme aus dem Leib, wenn sie sich nicht sch�tzte. Aber jetzt f�hlte sie sich in diesem unf�rmigen Gewand wie eine unansehnliche Wurst. Mit ihrem zerzausten Haar, dreckig und stinkend, w�rde sie nicht einmal ein Mann begehren, dem sonst vor Geilheit der Hosenlatz platzte.</p><p>Kalf l�chelte. Er strich ihr das Haar glatt. Sie wagte kaum, zu ihm aufzublicken. Lachte er sie aus? Was mochte er jetzt wohl denken? Seit dem Kampf auf der Palisade war er ihr aus dem Weg gegangen. Zwei endlose Tage lang. Als er am Abend nach dem Kampf nicht zu ihr gekommen war, hatte sie sich wie Dreck gef�hlt. Wie eine l�sterne Hure. Nie wieder wollte sie auch nur ein einziges Wort mit ihm reden.</p><p>Ihre Schw�re hatten nicht lange gehalten. Sie ertrug es nicht, ohne ihn zu sein. Er und Kadlin waren das Einzige, was ihr noch Kraft gab. An Ulric wagte sie gar nicht zu denken. Dass Yilvina nicht zur�ckgekehrt war, konnte nur eines bedeuten.</p><p>Asla hatte die f�nf Boten in ihre H�tte befohlen, um sie zu verabschieden. Sie wusste, dass dann auch Kalf kommen w�rde. Er hatte die f�nf ausgew�hlt, und er konnte sie nicht einfach ziehen lassen, ohne noch ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Dazu war er nicht der Mann. Nat�rlich hatte die M�glichkeit bestanden, dass er an der Palisade auf die Boten wartete, um dort kurz mit ihnen zu sprechen. Asla hatte daf�r gebetet, dass er die Gelegenheit ergriff, in ihre H�tte zu kommen, ohne dass jemand dies als anst��ig empfinden konnte. Kalf strich ihr sanft �ber die Wange. �Du bist eine wundersch�ne Frau.�</p><p>W�tend blickte sie auf. Wie konnte er sie wundersch�n nennen, so wie sie aussah! Wollte er sie verspotten? Die Traurigkeit war aus seinen Augen gewichen. Sie strahlten. Aslas Zorn verrauchte. Er meinte tats�chlich, was er sagte.</p><p>Sie ergriff seine Hand und legte sie auf ihre rechte Brust. Er lie� es geschehen. �Wir d�rfen nicht ...�</p><p>�Warum? Willst du es nicht?�</p><p>Diesmal wich er ihrem Blick nicht mehr aus. �Ich will es, seit ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass du mir vom Ufer aus heimlich zusiehst, wenn ich mit meinem Boot hinausfahre. Seit damals wei� ich, dass du die Frau bist, die Luth mir auserw�hlt hat. Keine andere.�</p><p>Sie l�chelte traurig. Warum hatten sie nicht zueinander gefunden? Welchen Plan verfolgte der Schicksalsweber mit ihnen? Sie w�rde Kalf auf den Pfad der Liebe f�hren m�ssen. Die Vorstellung, dass er nie zuvor bei einer Frau gelegen hatte, erregte sie und erf�llte sie zugleich auch mit Trauer.</p><p>�Wir d�rfen nicht... Die Leute ...�, sagte er und lie� die Hand doch auf ihrer Brust ruhen.</p><p>�Vergiss die Leute! Bevor der Mond sich wieder rundet, wird vielleicht niemand mehr leben, der wei�, dass du einmal diese H�tte betreten hast. Wir waren f�reinander bestimmt. Lass uns die vergangenen Jahre vergessen.� Asla l�chelte kokett. �Stell dir vor, es w�re noch einmal jene Sommernacht, in der du mir nachgeschlichen bist, um mir zuzusehen, wie ich in dem kleinen See im Buchenwald bade.�</p><p>Kalf blickte erschrocken auf. �Das wei�t du?�</p><p>�Ich wollte es. Der Weg an deiner H�tte vorbei war nicht der k�rzeste Weg zum Buchenwald.� Sie griff nach seinem Waffengurt und l�ste ihn.</p><p>Pl�tzlich packte Kalf sie, zog sie ungest�m zu sich heran und k�sste sie voller Leidenschaft. Asla gab sich ihm hin, auch als sie sp�rte, wie sich das Kind in ihr bewegte. Einen Augenblick lang dachte sie an Alfadas, doch sie f�hlte sich nicht schuldig dabei. Was jetzt geschah, war richtig.</p><p>Sie lie� sich in Kalfs Arme sinken. Es war ein Gef�hl, als treibe sie in warmem Wasser.</p><p>Behutsam bettete der Fischer sie auf das Lager aus alten Decken. Keinen Augenblick lie� er sie dabei los. Seine wilden K�sse und das Gewicht seines K�rpers raubten ihr den Atem. Die gro�en, starken H�nde tasteten �ber ihren Leib. Sie dr�ngten unter das wattierte Kleid. Ungeschickt und voller Sehnsucht.</p><p>��ffne die Lederlaschen an der Seite�, fl�sterte sie.</p><p>Sie h�rte, wie der m�rbe Stoff einriss, als er sich an dem Kleid zu schaffen machte. Sie tastete nach den Laschen, um ihm zu helfen. Ihre H�nde fanden einander. Die Finger verschr�nkten sich.</p><p>Pl�tzlich erstarrte Kaff. Dann richtete er sich auf.</p><p>Jetzt h�rte es auch Asla. Den langen, klagenden Ruf des Wachhorns. Die Trolle! Sie griffen die Palisade an.</p><p>Mit einem Satz war Kalf auf den Beinen. Er griff nach seinem Schwertgurt. Erst in der T�r verharrte er. �Ich werde wiederkommen.� Dann verschwand er in der Nacht.</p><p>Asla sah, wie eine kleine Spinne durch die Binsen am Boden eilte. W�tend zertrat sie das Tier. �Ich verfluche dich, Luth. H�ttest du uns nicht diese eine Stunde g�nnen k�nnen? Eine Stunde in einem ganzen Leben! Ist das zu viel verlangt?�</p><p>Sie griff nach ihrem Schwert. Es blieb keine Zeit mehr, um das Kettenhemd �berzustreifen. Asla rannte hinaus in die K�lte. Und sie wusste, dass sie beide niemals wieder in diese H�tte zur�ckkehren w�rden. Luth w�rde ihr den Fluch nicht vergeben! Und sie w�rde dem launischen Gott auch nicht vergeben!</p></section><section><title><p>Erwachen</p></title><p>Svenja begann zu zittern, als sie den Ruf des Horns h�rte. Die Trolle hatten noch nie bei Nacht angegriffen! Als die Sonne untergegangen war, hatte sie sich sicher gef�hlt. Zumindest f�r die Nacht. Sie stellte sich vor, wie ihre Nichte Asla in diesem gr�sslichen Kettenhemd auf den Wall kletterte, um bei den M�nnern zu sein. Eine Frau sollte nicht mitten in einer Schlachtreihe stehen! Schon gar nicht, wenn sie ein Kind unter dem Herzen trug. Was hatten sie den G�ttern getan, dass sie ihnen eine solch schwere Pr�fung auferlegten?</p><p>Svenja blickte auf und besann sich auf ihre Pflichten. Sie w�rde bei den Kindern bleiben. Ganz gleich, was geschah. Sie w�rde sie niemals allein lassen. Die meisten der Kleinen konnten nicht einmal laufen. Es waren schon viel zu viele Kinder gestorben! Sie sah zu der schweren Pfanne neben dem Feuer. Eine Frau sollte nicht mit einem Schwert herumlaufen! Aber sie musste nicht wehrlos sein.</p><p>�Sing uns noch ein Lied�, dr�ngte Loki. Sein Vater war vor zwei Tagen gestorben. Die Trolle hatten ihn mit einem Seil vom Wall gezerrt. Der Junge hatte nicht geweint. Er war sechs. Alt genug, um zu begreifen.</p><p>�Mein V�glein flieg ...�, begann Svenja und stockte. So viele Lieder mochte sie nicht mehr singen. Fr�her hatte sie �ber die Worte der Kinderlieder nicht weiter nachgedacht. Sie hatte sie gesungen, so wie ihre Mutter f�r sie gesungen hatte. Aber jetzt...</p><p>�Weiter�, dr�ngte Loki.</p><p>Auch Kadlin, die in ihren Armen schlief, bewegte sich unruhig. Man hatte ihr all die kleinen Kinder gebracht, die noch lebten. Es waren nur siebzehn. Die meisten schliefen jetzt ruhig bei der gemauerten Feuergrube. So wie die K�nigin. Die Elfe war Svenja unheimlich. Sie lag da wie eine Tote. Sie r�hrte sich nicht, man h�rte sie nicht einmal atmen. Ihr Gesicht war wei� wie Schnee und von kalter Sch�nheit, so wie der Fjord an einem Wintermorgen. Asla hatte ihr erz�hlt, die K�nigin sei viele hundert Jahre alt. Das konnte nicht stimmen! Sie hatte ein Gesicht wie eine Jungfer, die noch von M�nnern tr�umte, weil sie es nicht besser wusste. Es fehlten all die Narben, die das Leben schlug. Die feinen F�ltchen um die Augen, die das Lachen schenkte. Die tiefen Furchen um die Mundwinkel, die von Verzweiflung und Entt�uschung k�ndeten.</p><p>�Das Lied!�, sagte Loki. �Hast du vergessen, wie es weitergeht?�</p><p>Svenja l�chelte. �Ja, hab ich. Ich sing euch ein anderes. Das Lied vom goldenen K�nig. Das ist auch viel sch�ner.� Sie atmete tief ein. Kadlin bewegte sich im Schlaf und dr�ckte ihr den Kopf gegen den Busen.</p><p>�Sind so viele Fische, tief am Fjordengrund ...�</p><p>Svenja versagte die Stimme. Die Elfe! Sie hatte die Augen ge�ffnet und sah sie an. Was f�r Augen! Die Amme begann wieder zu zittern. Jetzt glaubte sie, dass die K�nigin schon seit Jahrhunderten lebte.</p><p>�Du musst keine Angst vor mir haben, Menschentochter.� Die Elfe sprach mit weicher, freundlicher Stimme. Wer so eine Stimme hatte, vor dem musste man sich nicht f�rchten, ganz gleich, wie die Augen aussahen. Die Kinder blickten jetzt zu der K�nigin. Keines schien vor ihr Angst zu haben. Loki ging sogar zu ihr hin�ber.</p><p>�Warum hast du so lange geschlafen?�, fragte der Junge.</p><p>�Ich war verwundet und sehr m�de.� Die Elfe sah sich um. Ihre Augen erschienen Svenja wie Abgr�nde. Sie verschlangen gierig, was sie sahen.</p><p>�Wie bin ich hierher gekommen, Menschentochter? Und wie ist dein Name?�</p><p>�Svenja hei�e ich.� Die Amme wunderte sich, wie sicher ihre Stimme klang. Ihre H�nde hatten aufgeh�rt zu zittern. Tiefe Ruhe �berkam sie. Sie berichtete, wie die Elfen nach Firnstayn gekommen waren, wie der Geisterhund sie heimgesucht hatte und schlie�lich von Gundar get�tet worden war. Dann erz�hlte sie von den Trollen und der Flucht �ber das Eis, die bis hierher nach Sunnenberg gef�hrt hatte. W�hrend sie sprach, erwachte Kadlin. Das kleine M�dchen ging hin�ber zu der Elfe, so als habe sie die fremde K�nigin schon immer gekannt. Die Herrin der Elfen strich Kadlin sanft �ber das Haar. �Du bist die Tochter von Alfadas. Ich kannte deinen Vater schon, als er so gro� wie du war.�</p><p>�Vater fort�, sagte Kadlin undeutlich.</p><p>Svenja lief ein Schauer �ber den R�cken. Die Kleine konnte noch nicht sprechen! Was hatte die K�nigin mit ihr gemacht? Svenja wollte aufstehen und Kadlin in die Arme schlie�en, doch ihre Beine waren wie gel�hmt. �Ulric fort. Mama traurig. Gut, dass du aufwachst.� Die Stimme des M�dchens wurde immer deutlicher. Svenja sah seit fast drei�ig Jahren nach Kindern, doch so etwas hatte sie noch nie erlebt.</p><p>�Lass Kadlin gehen�, sagte sie �ngstlich.</p><p>Die Kleine wandte sich zu ihr um. �Mir geht es gut, Tante. Mach dir keine Sorgen.�</p><p>Emerelle nahm die Hand vom Kopf des Kindes. Wieder war in der Ferne das Kriegshorn zu h�ren. �Ich bin es, was die Trolle wollen. Ich werde gehen und mich ihnen stellen. Dies ist nicht euer Krieg, Menschenkinder. Er h�tte es niemals sein d�rfen. Ich habe es nicht gesehen ...�</p><p>Die Amme verstand nicht, was die K�nigin mit ihren letzten Worten sagen wollte. Sie atmete tief ein. Pl�tzlich f�hlte sie sich voller Kraft. Sie sprang auf und schloss Kadlin in ihre Arme.</p><p>Emerelle erhob sich von ihrem Lager, als habe sie nur kurz geruht. Blass und mit einem d�nnen Nachthemd bekleidet, sah sie wie ein Geist aus. Sie verbeugte sich knapp vor Svenja. �Ich danke dir daf�r, dass du so viele Stunden an meinem Lager gewacht hast. Du hast eine sehr sch�ne Singstimme, Menschentochter. Das ist eine besondere Gabe. Ich hoffe, du wirst den Kindern bald wieder fr�hlichere Lieder singen.� Mit diesen Worten �ffnete sie die T�r. Der eisige Atem des Winters kroch in die kleine H�tte. �Kadlin mag dich �brigens sehr, Svenja. Sie wollte, dass ich dir das sage.�</p><p>Die Amme dr�ckte das kleine M�dchen eng an sich.</p><p>�Dada.� Kadlin deutete auf die T�r. Eine Windb� st�rmte gegen die kleine H�tte an und lie� die h�lzernen Dachschindeln klappern. Die T�r schwang knarrend in den Angeln.</p><p>�Sperr den Winter aus, bevor uns V�terchen Firn allen in die Nasen bei�t�, befahl Svenja Loki. Dann be�ugte sie misstrauisch Kadlin. Das Kind schien unver�ndert. �Was hast du mit der Elfe besprochen?�</p><p>Kadlin legte den Kopf schief und l�chelte. �Hawda.� Erleichtert atmete die Amme auf. Der Spuk war vor�ber.</p></section><section><title><p>Die Zuflucht</p></title><p>Blut bahnte ihnen einen Weg durch den tiefen Schnee. Vor einer Weile hatten sie Lichter auf dem Eis des Fjords gesehen und hielten sich deshalb wieder tiefer in den W�ldern verborgen. Ulric war sehr m�de, aber er hatte sich fest vorgenommen, sich nicht zu beklagen. Schlie�lich hielt Halgard auch durch, obwohl das blinde M�dchen seit einer Weile bei jedem Schritt leise seufzte. Der Junge blickte zu der Elfe hin�ber. Yilvina ging schweigend. Sie presste die linke Hand auf ihre H�fte. Ihr notd�rftiger Verband war blutdurchtr�nkt. Die Wunde hatte sich wieder ge�ffnet, obwohl schon so viele Tage vergangen waren, seit sie ins Lager der Trolle gekommen war, um ihn und Halgard zu holen.</p><p>Ulrics Magen knurrte. Sie hatten seit drei Tagen kaum etwas gegessen. Die Elfe hatte ein paar Nussverstecke von Eichh�rnchen aufgest�bert, aber N�sse allein machten nicht satt. Yilvina hatte sie tief in den Wald, weit fort vom Fjord gef�hrt. Sie glaubte, dass dort niemand nach ihnen suchen w�rde.</p><p>Ulric kannte genug Geschichten �ber die Jagd. Er war sich sicher zu wissen, was die Elfe dachte. Sie war wie eine W�lfin, der ein Eber den Bauch zerfetzt hatte. Sie wusste, dass ihre Kraft mehr und mehr versiegte, und wollte nur noch ihre Jungen retten. Deshalb waren sie zum Fjord zur�ckgekehrt. Yilvina hoffte darauf, die Fl�chtlinge wieder zu finden. Sie wollte ihn und Halgard in sicherer Obhut wissen. Und dann w�rde sie sich in den Wald zur�ckziehen, um zu sterben.</p><p>Kurz nach Sonnenuntergang waren die Lichter auf dem Fjord erschienen. Sie hatten die schattenhaften Gestalten auf dem Eis nicht genau erkennen k�nnen. Es mussten die Trolle sein! Sie zogen weiter nach S�den, um sich neue Opfer zu suchen.</p><p>Eigentlich hatte Ulric erwartet, dass Yilvina als Elfe selbst bei Nacht noch auf eine Meile Entfernung ein Perlhuhn von einem Schneehasen unterscheiden k�nnte. Aber die Elfe sagte, ihr sei so schwindelig, dass sie kaum ihre eigenen F��e sehen k�nne. Deshalb hatten sie entschieden, einen Bogen um die Gestalten auf dem Eis zu machen.</p><p>Wenn er nur nicht so m�de w�re, dachte Ulric verzweifelt. Gut, dass Blut ihnen einen Weg in den tiefen Schnee pfl�gte. Ulric h�tte nicht die Kraft dazu gehabt. Sobald er die Spur verlie�, versank er bis �ber die Knie im Schnee. Er w�rde wahrscheinlich keine Meile weit kommen. Es war besser, sich auf die Kraft des Hundes zu verlassen.</p><p>Halgard hielt sich an Bluts Schwanz fest. Zuerst hatte Ulric sich Sorgen gemacht. Er wusste, dass Hunde es eigentlich nicht mochten, wenn man sie am Schwanz zog. Aber Blut hatte es �ber sich ergehen lassen. Vielleicht sp�rte er ja, dass Halgard keine andere Wahl hatte. Manchmal st�tzte sie sich sogar auf den Hund auf. Ohne ihn w�re ihre Flucht schon lange gescheitert.</p><p>Gestern hatten sie einen Hof gefunden, der niedergebrannt und ausgepl�ndert war. Ulric hatte gelernt, dass es keinen Unterschied machte, ob man zwischen vier W�nden ohne Dach �bernachtete oder zwischen ein paar Felsen, die sie vor dem Wind sch�tzten.</p><p>Der Junge blickte zu Yilvina. Man konnte sehen, wie sie die Z�hne zusammenbiss. Sicher hatte sie gro�e Schmerzen. Dunkles Blut sickerte durch ihren Verband. Alle paar Schritt fiel ein dicker, roter Tropfen in den Schnee. Aber bei der breiten F�hrte, die der Hund legte, mussten sie sich darum nicht mehr scheren. Man musste kein ge�bter F�hrtenleser sein, wenn man sie verfolgen wollte. Es gen�gte, Augen im Kopf zu haben. Selbst bei Nacht war die tiefe Furche im Schnee un�bersehbar.</p><p>Yilvina blickte zur�ck. Sie st�tzte sich gegen einen schnee�berzogenen Birkenstamm und blinzelte. W�tend sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>Der Junge stutzte. War da ein Ger�usch? Ulric schaute sich die Augen aus dem Kopf, konnte aber nichts erkennen. Schon nach wenigen Schritt verschwammen die dicht an dicht stehenden Baumst�mme mit der Nacht zu einer undurchdringlichen schwarzen Mauer. Knirschten da Schritte im Schnee? Oder war es nur ein Ger�usch von �sten? Wer sollte ihnen folgen?</p><p>Ulric dachte an den Kampf im Trolllager. Yilvina und Blut waren mitten in der Nacht erschienen. Die Elfe hatte nur ihn und Halgard holen wollen. All die anderen Gefangenen hatten sie nicht gek�mmert. Das war nicht gerecht! Er hatte dagegen aufbegehrt. Dadurch erst waren andere aufmerksam geworden. In Dunkelheit und K�lte war jeder mit sich besch�ftigt gewesen. Die meisten hatten geschlafen. Manche hatten steif dagelegen. Erfroren.</p><p>Ulric wusste jetzt, wie man die Toten von den Schlafenden unterschied. Bei den Toten blieb Schnee in der feinen Linie zwischen den Lippen liegen.</p><p>Als er verlangt hatte, dass die Elfe sie alle rettete, hatten die anderen Gefangenen sich um sie geschart und mitgenommen werden wollen. Und dann waren die W�chter gekommen. Zwei Trolle mit Stein�xten. Yilvina hatte weniger Zeit gebraucht, sie zu t�ten, als Mutter ben�tigte, um ein Huhn zu schlachten und auszunehmen. Ulric w�nschte sich, dass er auch einmal so k�mpfen k�nnte. Die Elfe bewegte sich schneller, als seine Augen ihr zu folgen vermochten.</p><p>Als die Trolle tot im Schnee gelegen hatten, hatte Yilvina ihn und Halgard gepackt. Unter den anderen Gefangenen war daraufhin ein Tumult ausgebrochen. Wer immer die Kraft gehabt hatte, noch ein paar Schritte zu gehen, hatte versucht, die Gunst der Stunde zu nutzen und zu entkommen. Ein heilloses Durcheinander war entstanden. Weitere W�chter waren herbeigelaufen, doch irgendwie hatte es Yilvina geschafft, ihnen zu entgehen.</p><p>Sie hatten das Lager schon ein gutes St�ck hinter sich gelassen, als pl�tzlich dieser Kerl aufgetaucht war. Ein Krieger, der selbst unter Trollen ein Riese war. Seinen nackten Bauch hatte er mit den Abdr�cken blutiger H�nde geschm�ckt. Er hatte eine frisch geschnittene Keule in der Hand gehabt und war aus einem Wald heraus geradewegs auf sie zugekommen.</p><p>Yilvina hatte sie beide in den Schnee fallen lassen und den Troll aus dem Lauf heraus angegriffen. Eine ihrer Klingen hatte ihn getroffen. Der verwundete Troll hatte wie ein br�nstiger Elch geschrien und war in die Knie gebrochen, eine Hand aufs Gem�cht gedr�ckt. Yilvina hatte sich gerade zur�ckziehen wollen, als der Troll sie mit einem R�ckhandhieb getroffen hatte. Der Schlag war mit solcher Wucht gef�hrt, dass sie einige Schritt weit durch die Luft geflogen und danach nur noch mit M�he wieder auf die Beine gekommen war. Ihre Linke hatte sie in die Seite gekrallt. Ein d�nner Faden Blut war ihr von der Nase getrieft und hatte ihre Lippen benetzt. Eines ihrer Schwerter war irgendwo im Schnee verloren gegangen. Sie hatte getaumelt und Ulric zugerufen, dass er und Halgard davonlaufen sollten. Doch er war kein Feigling!</p><p>Zum Gl�ck war auch der Troll nicht mehr auf die Beine gekommen. Als Yilvina das gesehen hatte, war sie mit ihnen fortgegangen. Die Elfe hatte sie tief in die W�lder gef�hrt. Etliche Tage waren seitdem vergangen, doch das Gesicht dieses einen Trolls verfolgte den Jungen immer noch in seinen Albtr�umen. Unb�ndiger Hass hatte in seinen Augen gestanden. Er w�rde ihnen folgen, sobald seine Wunden es zulie�en.</p><p>Ulric sch�ttelte sich, als k�nne er damit die Gedanken an den Trollkrieger abstreifen. Besorgt sah er zu der Elfe. Sie sah aus wie Kadlins zerzauste Strohpuppe. Krumm, das Haar wirr ... Irgendwie zerbrochen. Immer �fter musste sie sich, um Atem ringend, an einen Baum lehnen. Yilvina w�rde nicht mehr weit kommen. Jemand musste ihr helfen. Auch Halgard war l�ngst am Ende. Blut zog sie mehr, als dass sie noch aus eigener Kraft ging. Sie brauchten dringend einen Lagerplatz. Einen Ort, wo es trockenes Holz gab und an dem sie ein Feuer anz�nden konnten. Aber man durfte das Licht des Feuers nicht sehen. Luth allein wusste, wer noch alles durch die Nacht schlich. Vielleicht waren ihnen ja doch einige Trolle auf der Spur.</p><p>Ulric versuchte sich zu erinnern, was sein Vater ihm �ber ein gutes Nachtlager erz�hlt hatte. Was man alles beachten musste. In dieser K�lte sollten sie ein Feuer im Schutz von Felsen entz�nden. So w�rde die W�rme zur�ckgeworfen. Im Winter konnte man an einem Feuer sitzen und trotzdem den Frostbrand bekommen, wenn man den Lagerplatz nicht klug w�hlte.</p><p>Der Junge sah sich verzweifelt um. Sie tasteten sich einen sanft abfallenden Hang entlang. Irgendwo links von ihnen musste ein Seitenarm des Fjords liegen. Rings herum waren B�ume. Hier gab es keinen Platz f�r ein Lager. Aber Yilvina und Halgard w�rden nicht mehr weit kommen. Er musste einen Platz f�r die Nacht finden! Er musste!</p><p>Ulric rang mit Tr�nen. Was sollte er tun? Wenn er doch nur ein wenig gr��er w�re! Dann w�rde er Halgard auf die Arme nehmen und sie einfach tragen. Und Yilvina k�nnte er holen, sobald er einen Platz zum �bernachten gefunden h�tte. In den Geschichten der Skalden war das immer alles viel einfacher, dachte er w�tend. Da hatten die Helden nie Probleme, ihre Jungfrau zu tragen.</p><p>Ein leichtes Flimmern zwischen den B�umen lenkte ihn ab. Blut blieb abrupt stehen. Goldenes Licht rann wie Harz aus einem gro�en Baum. Und pl�tzlich war dort eine vertraute Gestalt. Gundar! Der Priester l�chelte, breitete die Arme aus und kam ihnen entgegen. Blut begr��te ihn mit einem freundlichen Bellen. �Was ist das?�, fragte Halgard �ngstlich. �Ich sp�re ein Licht.�</p><p>Die Elfe trat neben die Kinder. Sie hielt ihr Schwert zum Angriff bereit.</p><p>�Das wirst du nicht brauchen, holde Maid. Du k�nntest mich nicht verletzen, aber das musst du auch nicht.� Wie um seine Worte zu unterstreichen, ging der Priester durch einen Baum hindurch.</p><p>�Bist du ein Geist?�, fragte Ulric misstrauisch und legte einen Arm besch�tzend um Halgard.</p><p>�Zun�chst einmal bin ich euer Freund. Und du kannst mir glauben, Junge, ich habe dich nicht den weiten Weg vom Hang hinab bis zum Haus deiner Mutter getragen, um nun mitzuerleben, wie du erfrierst.� Gundar blieb in einigen Schritten Abstand stehen.</p><p>Ulric f�hlte, wie ihm ein dicker Klo� in den Hals stieg. �Du bist meinetwegen gestorben, nicht wahr?� Er biss sich auf die Lippen, um seine Tr�nen zu unterdr�cken.</p><p>�Nein.� Gundar sch�ttelte gutm�tig den Kopf. �Ich bin gestorben, weil Luth meinen Lebensfaden zu Ende gesponnen hatte. Du hast keine Schuld. Es war die Entscheidung des Schicksalswebers.� Er zwinkerte mit den Augen. �Man spricht bestimmt noch oft von mir, nicht wahr?� Ulric nickte.</p><p>�Ich hatte einen guten Tod�, erkl�rte der Alte. Dann sah er an ihnen vorbei den Hang hinauf. �Eure Lebensf�den sind aus dem Webmuster geraten. Luth hat mir gestattet zur�ckzukehren, um das Bild, das er spinnt, zu retten. Ihr werdet verfolgt. Ein schrecklicher Feind hat eure Spur aufgenommen. Es gibt nur einen einzigen Ort, an dem er euch nicht t�ten kann.�</p><p>�Ich besch�tze die Kinder�, stie� Yilvina hervor.</p><p>Gundar sah sie traurig an. �Ich muss dir nicht sagen, wie es um dich steht, Elfenmaid. Vertrau mir. Schlie�lich habe ich auch dich gerettet, als ich mich dem Geisterwolf stellte.�</p><p>�Ich werde mit dir gehen�, sagte Halgard leise. �Ich ... Ich kann dich sehen.� Das blinde M�dchen blickte unverwandt in die Richtung, in der die Erscheinung des Priesters zwischen den B�umen leuchtete.</p><p>�Ich komme auch mit�, entschied Ulric. Er machte sich gro�e Sorgen um Halgard. Seine Freundin zitterte vor Ersch�pfung. Er dr�ckte sie fest an sich. �M�ssen wir weit gehen?�</p><p>�Nur zum Fjord hinab. Kommt jetzt.�</p><p>Y�vina schien noch immer misstrauisch zu sein, aber Ulric wusste, dass es richtig war, dem Priester zu folgen. Er kannte Gundar sein ganzes Leben lang, und der alte Mann war immer gut zu ihm gewesen. Ihm konnte man immer trauen, sogar als Geist.</p><p>Gundar f�hrte sie ein St�ck weit den Hang entlang, bis zu einem breiten Windbruch. Dort lagen dutzende B�ume, gef�llt wie Soldaten in der Schlacht. Manche waren mitten entzwei gebrochen, andere samt ihrem Wurzelwerk aus dem Boden gerissen. Sie lagen kreuz und quer durcheinander und bildeten ein unpassierbares Dickicht aus totem Holz. Unter einem Stamm gl�nzten zwei Augen wie polierte Goldst�cke. Ein leises Knurren erklang, doch eine Geste des Priesters gen�gte, und was immer dort unter dem Stamm lauerte, schwieg.</p><p>Ulric tastete nach seinem G�rtel. Er w�nschte, er h�tte den Elfendolch noch! Endlich erreichten sie das Ufer des Fjords. Selbst hier lagen noch umgest�rzte B�ume. Sie waren ins Eis eingeschlossen. Gundar glitt durch einen Stamm hindurch. Ulric musste sich b�cken, um ihm zu folgen. F�r Halgard war es eine Qual. Sie verfing sich mit ihrem Haar im Wurzelwerk, und es dauerte eine Ewigkeit, bis Ulric sie wieder befreit hatte.</p><p>Etwas rollte den Hang hinab. Steine und Schnee schlugen hinter ihnen auf das Eis.</p><p>�Schnell jetzt!�, dr�ngte Gundar. �Sonst war alles vergebens. Es ist nicht mehr weit!� Dicht hinter dem Windbruch endete der Seitenarm des Fjords vor einer steilen Felswand. Das Eis knackte hier bedrohlich unter ihren F��en.</p><p>�Halt!�, rief Yilvina. �Es wird uns nicht tragen. Unter dem Wasser muss eine Quelle in den Fjord m�nden. Die Str�mung verhindert, dass das Eis hier dick genug wird. Wenn wir weitergehen, wird es brechen. Was sollen wir hier, Priester?�</p><p>Blut legte den Kopf schief. Der gro�e Hund blickte verwirrt zwischen Gundar und der Elfe hin und her. �Genau das will ich�, sagte der Priester ernst. �Ihr sollt durch das Eis brechen.� Er deutete in Richtung der Steilwand. �Dort liegt eine H�hle. Ihr Eingang ist hinter einem Felsvorsprung unter Wasser verborgen. Dies ist der einzige Weg in die H�hle. Dort werdet ihr �berleben. Niemand kennt diesen Ort.�</p><p>��berleben? Ins kalte Wasser zu st�rzen kann einen binnen eines Herzschlags t�ten, Priester.� Yilvina hatte wieder drohend ihr Schwert erhoben. �Bist du noch bei Sinnen? Du sagst, du liebst den Jungen? Wie kannst du ihn in solche Gefahr bringen?�</p><p>�Ich kenne den Lauf eurer Schicksalsf�den. Das Wasser wird euch nicht t�ten. In der H�hle liegt etwas angeschwemmtes Treibholz. Genug, um an einem Feuer die Kleider zu trocknen. Der Rauch kann durch einen engen Felskamin abziehen. Dort unten seid ihr gut gesch�tzt. Bleibt hier drau�en, und ihr werdet entweder von eurem Verfolger get�tet, oder die K�lte bringt euch um.�</p><p>�Ich vertraue Gundar.� Ulric wurde bei dem Gedanken an das eisige Wasser ganz mulmig.</p><p>�Und ich komme mit dir, wohin auch immer du gehst�, sagte Halgard und griff nach seiner Hand. Ihre Finger f�hlten sich eiskalt an.</p><p>Ulric z�gerte. Mit seiner Freundin an der Seite war es pl�tzlich etwas ganz anderes, auf das d�nne Eis hinauszugehen.</p><p>�Und das kalte Wasser wird uns allen nichts anhaben?�, fragte er zweifelnd.</p><p>�Nein. Aber ihr m�sst in der H�hle warten, bis sie euch finden.�</p><p>�Ich denke, niemand kennt diesen Ort�, warf Yilvina ein.</p><p>�Wie soll man uns dann finden?�</p><p>�Ich darf euch nichts �ber eure Zukunft verraten�, entgegnete Gundar. Seine Stimme klang jetzt sehr m�de. �Das ist eines der ehernen Gesetze des Schicksalswebers. Ich habe euch schon viel zu viel gesagt.� Ulric machte einen Schritt nach vorn. Es knackte bedrohlich. Er sah, wie sich ein Netz d�nner Risse durch die Eiskruste fra�. Er atmete tief ein. Ulric erinnerte sich, wie sein Vater ihm einmal eine ordentliche Tracht Pr�gel mit einem Lederriemen verpasst hatte, weil er ein goldgefasstes Trinkhorn in die Glut der Feuerstelle geworfen hatte. Er w�nschte sich, es w�re noch einmal dieser Nachmittag in der warmen Halle ihres Hauses. Alles w�re besser, als hier zu sein. Einen Herzschlag lang schloss er die Augen. Wenn er es sich genug w�nschte, dann w�re alles vielleicht nicht geschehen. Er w�rde auf dem schoss seines Vaters liegen und seine wohl verdiente Tracht Pr�gel bekommen.</p><p>�Ulric�, erklang die freundliche Stimme des Priesters. Gundar sah ihn traurig unter seinen buschigen Augenbrauen hinweg an. �Es muss sein.�</p><p>Der Junge atmete noch einmal tief ein. Dann machte er einen entschlossenen Schritt nach vorn. Halgard hielt sich eng an ihn geklammert.</p><p>Das Ger�usch des berstenden Eises wurde drohender. Alles in Ulric str�ubte sich gegen den n�chsten Schritt. �Tu es nicht�, fl�sterte die Elfe.</p><p>Er setzte einen Fu� vor. Trotzig trat er auf das Eis. Er wollte es endlich hinter sich bringen. Wasser stieg durch die Spalten auf die Eisfl�che. Pl�tzlich gab es ein lautes Krachen, wie von splitterndem Holz. Mit einem Ruck wurde Ulric von den F��en gerissen. Halgard stie� einen spitzen Schrei aus. Blut kl�ffte wie verr�ckt.</p><p>Eisige K�lte griff nach dem Jungen. Jetzt schrie auch er. Seine schweren Winterkleider sogen sich voll Wasser. Wie von einer unsichtbaren Hand wurde er tiefer gezogen. Er machte keinen Versuch, sich am gezackten Rand des Eislochs festzuhalten. Etwas Scharfkantiges stie� hart gegen seine Wange. Ulric hielt mit M�he den Kopf �ber Wasser. Sein Blick suchte den Priester, doch Gundar war verschwunden.</p><p>Yilvina hatte sich flach auf das Eis geworfen und versuchte ihn mit ausgestrecktem Arm zu erreichen. Halgard klammerte sich an ihn. Ulrics F��e strampelten haltlos. Dann versank er. Das Wasser schlug �ber seinem Kopf zusammen. Er hielt die Luft an. Blinzelnd �ffnete er die Augen. Er f�hlte sich steif wie ein gefrorener Salm. Halgard hielt sich mit beiden H�nden an seinen Arm geklammert. Wo war Gundar? Etwas Dunkles glitt neben ihnen durch das Wasser. Blut! Er war ihnen gefolgt. Ulric streckte die Hand nach dem gro�en Hund aus, fand in dem nassen Fell aber keinen Halt. Pl�tzlich erstrahlte vor ihnen ein helles Licht. Gundar war wieder da! Du musst dich an Ulrics G�rtel festhalten, Halgard, damit er die Arme bewegen kann. Gundars Stimme war in seinem Kopf. Halgard hatte sie wohl auch geh�rt! Sie folgte den Worten des Priesters.</p><p>Rudere mit den Armen, Junge, und komm her zu mir.</p><p>Ulric war l�ngst ganz steif vor K�lte. Ein brennender Schmerz breitete sich in ihm aus. Er wollte atmen. Tu das nicht. Komm jetzt her�ber zu mir. Du kannst das!</p><p>Ulric bewegte die Arme. Langsam, Zoll f�r Zoll, trieb er dem Priester entgegen. Halgard wand sich. Brannte auch in ihr dieses Feuer?</p><p>Schneller, Ulric.</p><p>Neben dem Priester klaffte ein dunkles Loch in der Felswand. Der Junge hielt darauf zu. Doch das Wasser um ihn schien fester zu werden. Seine Arme erlahmten. Er kam kaum noch voran. Das Feuer breitete sich in ihm aus. Er musste Luft holen! Das kalte Wasser w�rde die Flammen ersticken.</p><p>Ein Sto� traf ihn in den R�cken. Etwas schob ihn voran. Blut! Ulrics Kopf brach durch die Wasseroberfl�che. Keuchend rang er um Atem. Die Luft milderte den Brand in seinen Lungen und lie� ihn langsam ganz verl�schen.</p><p>Gundar erschien. Das Licht, das den Priester umspielte, vertrieb die Finsternis. Glatter Felsboden erhob sich sanft ansteigend aus dem Wasser. Treibholz, bleich wie Knochen, lag dort.</p><p>Keuchend und unbeholfen mit den Armen rudernd, paddelte Ulric vorw�rts. Halgards Z�hne klapperten so sehr, dass sie nicht sprechen konnte. Ihre Lippen waren dunkel vor K�lte.</p><p>Mit letzter Kraft zog sich Ulric aus dem Wasser. Blut packte Halgards Mantel und half, sie hinauf ins Trockene zu zerren.</p><p>�Du musst das Treibholz zusammenschieben�, sagte der Priester. Jetzt war seine Stimme nicht mehr in Ulrics Kopf. �Beeile dich, Junge. Ich kann nicht mehr lange bleiben, um dir zu helfen. Und dann m�sst ihr schnell eure Kleider ausziehen, sonst wird das Feuer euch nicht w�rmen.�</p><p>Schlotternd vor K�lte packte Ulric einige �ste und schichtete sie �bereinander. Es war nicht besonders viel Holz, das in der H�hle lag.</p><p>Gundar streckte seine Hand nach dem Holzsto� aus. Er schloss die Augen. Seine Stirn furchte sich in tiefen Falten. Flammen schlugen aus dem Holz. Sie waren winzig, leckten aber gierig an den d�rren �sten entlang. Ulric konnte zusehen, wie sie an Kraft gewannen. Im gleichen Ma�e verschwand die Erscheinung des Priesters. �Ich w�nsche dir Gl�ck�, hauchte Gundar mit ersterbender Stimme und wurde eins mit der Glut, die sich ins Holz fra�.</p><p>Blut sch�ttelte sich, und ein Schauer von Wassertropfen spr�hte in das Feuer. Ein Teil der Flammen verlosch. �Weg!�, schrie Ulric. �Mach das nicht noch einmal.� In fliegender Hast suchte er d�rre �stchen an der Wassergrenze. Das Feuer verlor an Kraft.</p><p>�Bitte, Luth, lass es nicht ausgehen�, bettelte er. �Ich werde immer alles tun, was meine Mutter sagt. Aber lass es nicht verl�schen.� Er schichtete die kleinen �ste um die letzte Flamme, die noch �brig geblieben war. Einen bangen Augenblick hielt er den Atem an. Endlich gewann das Feuer wieder an Kraft. Und jetzt brannte es st�rker als zuvor. Eine kr�ftige Flamme leckte am bleichen Holz entlang, wuchs und sprang auf andere �ste �ber.</p><p>Halgard dr�ckte ihm schlotternd einen Kuss auf die Wange. Sie versuchte etwas zu sagen, doch das Klacken ihrer Z�hne erstickte alle Worte.</p><p>�Du musst jetzt deine Kleider ablegen�, sagte Ulric z�gerlich.</p><p>Unbeholfen streifte das M�dchen ihren Mantel ab. Der Junge drehte sich besch�mt zur Seite. Er wusste, dass es sich nicht geh�rte, einem M�dchen zuzusehen, wenn es sich auszog. Jetzt streifte auch er seine Kleider ab, bis nur noch die kurze Wollhose �brig war. Wie Eis klebte sie auf seinen Lenden, w�hrend er auf Armen und Brust die wohlige W�rme des Feuers sp�rte.</p><p>Halgard hatte sich ganz ausgezogen und kauerte dicht bei den Flammen. Ihre Haut war ganz runzelig. Die Arme und Beine des M�dchens sahen wie d�nne �ste aus. Die Linie aus feinen Knochen malte sich unter der Haut ihres R�ckens ab, und Rippen stachen durch ihr Fleisch. Sie rieb sich mit den H�nden �ber die Arme.</p><p>Z�gerlich streifte Ulric die kurze Hose ab. Jetzt erst fiel ihm ein, dass Halgard ihn ja gar nicht sehen konnte. Wie hatte er das vergessen k�nnen! Erleichtert setzte er sich neben sie. Auch Blut lag am Feuer. Der gro�e Hund blickte �rgerlich zu ihm her�ber. Feiner Wasserdampf stieg von seinem Fell auf. Mit einem tiefen Seufzer streckte er sich. Wie ein Welpe strampelte er mit den Pfoten und drehte sich auf den R�cken. Klirrend schlitterte etwas �ber den Stein. Ulric und Blut waren mit einem Satz auf den Beinen. Halgard stie� einen spitzen Schrei aus. �Was geschieht?�, rief sie �ngstlich.</p><p>Die Elfe schob sich aus dem Wasser. Sie hatte ihr Schwert ans Ufer geschleudert. Ulric versuchte, ihr zu helfen. Es war zum Verzweifeln, wie schwer die zierliche Kriegerin war. Erst als Halgard ihm zu Hilfe eilte, schaffte er es, Yilvina ganz ins Trockene zu zerren.</p><p>Die Elfe redete in einer Sprache, die Ulric nicht verstand. Ihre Augen gl�nzten vor Fieber.</p><p>�Wir m�ssen sie auch ausziehen�, sagte Halgard. Mit vereinten Kr�ften zogen sie ihr das Kettenhemd �ber den Kopf. Das M�dchen tastete �ber Yilvinas Leib.</p><p>�Ich habe noch nie so weichen Stoff ber�hrt�, sagte sie leise.</p><p>�Was f�r wunderbare Kleider muss sie tragen.� Ulric fand nichts Besonderes an der gepolsterten Jacke und dem Hemd, das die Elfe darunter trug. Er h�tete sich aber, dies zu sagen. Schlie�lich wollte er Halgard nicht die Freude verderben.</p><p>Yilvinas Stiefel auszuziehen, war fast unm�glich. Wie eine zweite, dickere Haut schloss sich das Leder um ihre Schenkel. Fluchend m�hte sich Ulric ab, w�hrend Halgard ihr ein letztes zartes Seidenhemd auszog.</p><p>Die Kleider der Elfe waren blutdurchtr�nkt. Yilvina st�hnte und kr�mmte sich vor Schmerz, als sie sie von dem Hemd befreiten, das mit den Krusten ihrer Wunden zusammengebacken war. Ein Knochen ragte ihr seitlich aus dem Leib. Dort sickerte jetzt wieder Blut durch den dicken Schorf. Die ganze Brust und der gr��te Teil ihres Bauchs waren rot und blau verf�rbt. Ihr Leib wirkte seltsam verformt. Etwas verwirrte Ulric, als er die schrecklichen Prellungen betrachtete. Er musste eine ganze Weile hinsehen, bis er begriff, was es war. Auf der linken Seite ihrer Brust zeichneten sich keine Rippen mehr ab. Ungl�ubig tastete der Junge �ber die zerschundene Haut. Knochen konnten doch nicht einfach so verschwinden! Er sp�rte etwas Festes im Fleisch, das sich leicht bewegen lie�.</p><p>Yilvina st�hnte auf. Sie sah Ulric an, und Tr�nen standen ihr in den Augen.</p><p>�Entschuldige�, fl�sterte der Junge.</p><p>Die Elfe nickte schwach. Ihre Lippen zitterten. Ulric musste sich dicht �ber sie beugen, um verstehen zu k�nnen, was sie sprach. �Mein Schwert ... Gib es ... mir.�</p><p>�Was will Yilvina?�, fragte Halgard.</p><p>�Ihre Waffe.�</p><p>�Was nutzt ihr die?�</p><p>�Das verstehst du nicht!�, entgegnete Ulric entschieden. �Sie ist eine Kriegerin. Es wird ihr besser gehen, wenn ihr Schwert neben ihr liegt.�</p><p>�Das verstehe ich wirklich nicht�, entgegnete Halgard gekr�nkt. �Genau genommen kommt es mir sogar wie ziemlicher Unsinn vor.�</p><p>Ulric antwortete darauf nicht. Er wollte jetzt keinen Streit. Im �brigen setzte sich Halgard meistens durch, wenn sie stritten. Sie fand einfach die besseren Worte, und er f�hlte sich hinterher immer wie ein ausgemachter Dummkopf. Manchmal gingen ihm noch Stunden nach dem Gez�nk Halgards Worte durch den Kopf. Er legte sich alle m�glichen Antworten zurecht. Aber dann war es zu sp�t. Sie stritten nur selten zweimal �ber dieselbe Sache.</p><p>Der Junge blickte sich in der H�hle um. Es war Yilvinas Wunsch, ihr Schwert zu bekommen. Da gab es nichts mehr zu bereden!</p><p>Der Unterschlupf war nicht sonderlich gro�. Ulric konnte gerade einmal aufrecht stehen, ohne sich den Kopf zu sto�en. Sie waren von grauem Felsgestein umgeben, durch das wei�e und rostfarbene Adern liefen. Die H�hle war unregelm��ig geformt. Es gab einige Nischen, in die kaum das Licht des Feuers drang.</p><p>Der Junge sah das Schwert nahe der r�ckw�rtigen Wand am Boden liegen. M�de ging er hin�ber. Alles, was er noch wollte, war, sich am Feuer auszustrecken und zu schlafen.</p><p>Das unstete Licht lie� seinen Schatten grotesk verzerrt �ber die unregelm��ige H�hlenwand tanzen. Ulric b�ckte sich. Dicht vor ihm wich die Wand zur�ck. Das Wasser hatte eine l�ngliche Nische aus dem Fels gewaschen. Und dort war etwas... Jemand ... Hastig griff Ulric nach dem Schwert. Ein Krieger in gr�ner R�stung lag dort und schlief!</p><p>�Ist etwas?�, fragte Halgard.</p><p>�Still!�, zischte Ulric. Er sp�hte angestrengt ins Halbdunkel der Nische. Der Schl�fer bewegte sich nicht. Langsam gew�hnten sich die Augen des Jungen an die Dunkelheit. Der Mann trug einen gr�nen Fl�gelhelm. Sein Gesicht war hinter breiten Wangenklappen verborgen. Eine gr�ne Brustplatte reichte dem Krieger bis zu den H�ften. Seine bleichen H�nde hielten ein kostbares Schwert mit breiter Klinge umklammert. Er trug zerschlissene Hosen aus einem seltsam gemusterten Stoff. Das Leder der Schuhe war ganz verschrumpelt. Mit angehaltenem Atem beugte sich Ulric weiter vor, um dem Mann ins Gesicht zu blicken. Er hatte nie von einem Krieger in gr�ner R�stung geh�rt! So jemand musste doch auffallen!</p><p>Ulric kroch bis dicht an die Nische und zw�ngte seinen Leib hinein. Sein Herz klopfte wie rasend. Er durfte den Schl�fer nicht ber�hren! Luth allein wusste, was das f�r ein Kerl war. Aus dem Fjordland kam er jedenfalls nicht! Niemand hier trug so seltsame R�stungen.</p><p>Der Junge verdrehte den Kopf. Er musste sich mit einer Hand gegen die Decke der Nische abst�tzen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Noch ein paar Zoll. Endlich! Das Gesicht war blass ... Nein! Erschrocken zuckte Ulric zur�ck und schlug mit dem Kopf gegen die Decke. Er geriet aus dem Gleichgewicht und st�rzte quer �ber den Leib des Mannes. Doch der w�rde nicht erwachen. Nie mehr. Unter dem Helm verbarg sich ein Totensch�del.</p><p>Blut war aufgesprungen und eilte an Ulrics Seite. Neugierig schnuppernd dr�ngte er sich in die Nische, und Ulric hatte seine liebe M�he, den gro�en Hund von dem Toten fern zu halten. Vorsichtig �ber den Boden tastend, kam auch Halgard herbei. Sie lie� sich den Toten genau beschreiben.</p><p>Jetzt entdeckte Ulric seitlich in der Brustplatte zwei L�cher. In einem steckte noch ein verrotteter Holzschaft. An die Decke der Nische war etwas mit fast verblichener, brauner Farbe gemalt. Eine Spinne! Das Zeichen Luths. �Und seine R�stung ist ganz gr�n?�, fragte Halgard unvermittelt.</p><p>�Ja.�</p><p>�Nimm einen Stein und kratz einmal daran.�</p><p>Ulric traute seine Ohren kaum. Was war das wieder f�r eine Idee? Darauf konnten nur M�dchen kommen! �Tust du es f�r mich?�, fragte Halgard.</p><p>Der Junge seufzte. Ihm war kalt. Er wollte am liebsten zur�ck zum Feuer. Und er musste Yilvina ihr Schwert bringen. Vorsichtig nahm er die Elfenklinge und schabte damit �ber die Brustplatte.</p><p>�Und?�, dr�ngte Halgard.</p><p>Ulric kniff die Augen zusammen. �Da ist etwas Goldenes unter der gr�nen Farbe�, sagte er staunend. �Bronze�, erwiderte das M�dchen triumphierend. �Ich hatte es mir gedacht.�</p><p>�Was?�, fragte Ulric gereizt. Sie schaffte es wieder einmal, dass er sich ausgesprochen dumm vorkam. �Das ist K�nig Osaberg�, erkl�rte Halgard ehrf�rchtig.</p><p>�Niemals!�, entgegnete Ulric. �Osaberg liegt auf dem Grund des Fjords. Du kennst wohl die Geschichte nicht richtig.�</p><p>Das M�dchen lie� sich nicht beirren. �Er muss so wie wir durch das Wasser in die H�hle geraten sein. Hier hat er sich vor seinen Feinden versteckt. Er wollte ruhen. Aber er war zu schwer verletzt. Dann ist er gestorben.�</p><p>�Das ist irgendein Krieger�, entgegnete Ulric trotzig. �Nein. Luth hat ihm einen Helm mit Fl�geln geschenkt und der K�nig der Kobolde ein Schwert, das niemals rostet und dessen Schneide nie stumpf wird.�</p><p>Irgendwie mochte Ulric dem M�dchen nicht g�nnen, dass es Recht hatte. Er hatte sich Osaberg immer als einen gro�en, starken Krieger vorgestellt, mit langem Haar, der auf dem Grund des Fjords ausgestreckt lag und schlief. Er war ein Held, der darauf wartete zur�ckzukehren. Nicht nur ein Haufen Knochen. Ulric stand auf und ging zum Feuer hin�ber. Er legte Yilvinas Schwert dicht neben die schlafende Elfe. W�rde auch sie nicht mehr erwachen?, fragte er sich beklommen.</p><p>Blut folgte ihm zum Feuer. Nach einer Weile kam auch Halgard. Ihr klapperten wieder die Z�hne. Sie rieb sich mit den H�nden �ber ihre d�nnen Arme. �Und es ist doch Osaberg�, murmelte sie trotzig. Blut knurrte. Du kannst rechthaberische M�dchen also auch nicht leiden, dachte Ulric und grinste.</p><p>Der schwarze Hund richtete sich auf. Sein Knurren wurde tiefer, drohender! Wellen schwappten an das flache Ufer. Pl�tzlich stie� ein gro�er, unf�rmiger Kopf durch das Wasser. Ulric erkannte das Gesicht sofort. Immer wieder hatte er es in seinen Albtr�umen gesehen. Es war der Troll, der Yilvina so schwer verletzt hatte!</p></section><section><title><p>Nur ein Wort</p></title><p>Gehetzt zog sich Kalf auf den Wehrgang der zweiten Palisade. Gerade au�erhalb der Bogenreichweite sammelten sich die Trolle. Deutlich zeichneten sich ihre Umrisse im Mondlicht vor dem Schnee ab. Sie formierten sich zu einer Kolonne.</p><p>Kalf blickte den Wehrgang entlang. Ein St�ck entfernt stand der Wagenbauer. Sigvald st�tzte sich auf den Schaft eines Stangenbeils. Er schien kaum noch die Kraft zu haben, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>�Wo sind unsere Bogensch�tzen?�, rief Kalf.</p><p>Der Wagenbauer deutete zu dem Steilhang im Westen der Palisade. �Kodran hat sie dort hinaufgeschickt. Er wollte nur K�mpfer auf dem Wall haben, keine Kinder.�</p><p>Kalf nickte. Er legte den Kopf in den Nacken und sp�hte zum Rand der Klippe. Dort r�hrte sich nichts. Es war ein Fu�weg von fast einer halben Stunde bis nach dort oben. Kodran wollte die Kinder und jungen M�nner retten. Der Fischer seufzte. Die Trolle hatten sich zwei Tage Zeit gelassen, um ihren neuen Angriff vorzubereiten. Vielleicht brauchten sie ja noch ein wenig l�nger.</p><p>Die zweite Palisade am Ende des Passwegs war nicht so hoch wie der Wall, den sie verloren hatten. Es w�rde den Trollen leichter fallen, sich hinaufzuziehen. Sie hatten auch weniger Zeit gehabt, die Verteidigungsanlage mit zus�tzlichen St�mmen zu verst�rken. Der Kampf w�rde h�rter werden. Aber die M�nner, die hier standen, waren auch die besseren K�mpfer. Auf der ersten Palisade waren jene gefallen, die kein Geschick im Kampf oder einfach kein Gl�ck hatten. Die �berlebenden waren ein h�rterer Gegner. Und zuletzt, auf der Barrikade nahe dem Dorf, w�rden nur noch die Besten stehen.</p><p>Ein dunkel r�hrendes Horn erklang. In die Trolle unten am Passweg kam Bewegung. Sie scharten sich um etwas, das im Schnee lag. Trommelschlag erscholl. Ein langsamer, bedrohlicher Rhythmus.</p><p>Kalf kniff die Augen zusammen. Was ging dort unten vor sich? Die Trollkrieger hatten sich zu einer Kolonne formiert. Der Fischer blickte zur Klippe hinauf. Die Bogensch�tzen waren noch nicht angekommen.</p><p>�Was treiben die Bastarde unten am Pass?�, fragte eine wohl vertraute Stimme. Asla! Sie sollte nicht hier sein! Kalf seufzte. Es w�re sinnlos zu versuchen, sie zur�ckzuschicken.</p><p>�Ich glaube, die Trolle wollen uns beeindrucken, indem sie H�ndchen halten, Herzogin�, rief Kodran. Gel�chter erklang. Selbst Kalf musste schmunzeln. Mit Asla kehrte die Hoffnung zur�ck und das Lachen. Er wusste nicht, wie sie das schaffte. Es war wie ein Wunder.</p><p>�Wo hast du dein Kettenhemd, Herzogin?�, fragte Sigvald.</p><p>�Um mich mit H�ndchen haltenden Trollen anzulegen, brauche ich kein Kettenhemd. Wahrscheinlich h�tte es sogar gen�gt, statt meines Schwertes einen gro�en Kochl�ffel mitzubringen.�</p><p>Unten am Pass erklang ein einzelner Kommandoruf. Die Trolle hoben etwas an. Sie hielten sich nicht bei den H�nden, sie trugen jetzt etwas. Alle gemeinsam!</p><p>Im Takt des Trommelschlags setzte sich die Marschkolonne in Bewegung. Kalf weigerte sich zu glauben, was er dort sah. Das war das Ende! Es durfte nicht sein. �Sie tragen einen Baumstamm�, fl�sterte Sigvald. Dieser Baum musste hundert Winter und mehr kommen und gehen gesehen haben, bevor die Trolle ihn gef�llt hatten. Der Stamm war mehr als drei�ig Schritt lang und hatte einen Durchmesser wie ein gro�es Wagenrad.</p><p>Der Takt der Trommel unten im Passweg steigerte sich langsam. Obwohl es bergan ging, beschleunigten die Trolle ihre Schritte.</p><p>Kaff blickte wieder zur Klippe hinauf. Dort standen noch immer keine Bogensch�tzen! Nichts w�rde die Trolle aufhalten.</p><p>�Runter vom Wehrgang!�, rief der Fischer. �Runter mit euch!� Er packte einen Mann und stie� ihn hinab in den Schnee. �Lauft zu den Langspeeren.�</p><p>�Was soll das?�, zischte Asla w�tend.</p><p>�Der Wall ist nicht zu halten. Sie werden beim ersten Ansturm durchbrechen. Wer dann hier oben steht, ist des Todes. Lauf zum Dorf hinauf! Ich werde versuchen, dir etwas Zeit zu verschaffen. Nimm die Kinder und die Alten. Fl�chtet in die Berge, zu den H�hlen.�</p><p>�Du kannst doch nicht einfach ...�</p><p>Kaff packte sie und zwang sie, zu den Trollen hinabzublicken. Die Angreifer waren kaum noch hundert Schritt entfernt.</p><p>�Siehst du den Stamm, den sie tragen? Er ist schwerer als all das Holz, das in dieser Palisade steckt. Was glaubst du, was passieren wird?�</p><p>Asla dr�ckte seine H�nde nieder. �Ich bleibe bei dir�, sagte sie fest.</p><p>�Dann l�sst du die Kinder sterben! Denk an Kadlin. Ihr m�sst fliehen. Schnell!� Er k�sste sie auf die Stirn. Dann hob er sie vom Wehrgang hinab.</p><p>�Los, los, herunter hier!� Die meisten M�nner folgten seinem Befehl. Nur noch zwanzig Schritt. Der Trommelschlag dr�hnte in Kalfs Ohren. Er sprang. Federnd landete er im Schnee. �Zu den Langspeeren. Wir machen einen Gegenangriff, wenn sie durchbrechen!� Stolpernd hastete er voran, dorthin, wo ein Spalier d�nner Speere aus dem Schnee ragte. Die meisten M�nner liefen einfach weiter. Kalf konnte es ihnen nicht verdenken. Er riss einen der Speere an sich.</p><p>Die Trolle br�llten einen markersch�tternden Schlachtruf. Ihre Trommel schlug jetzt schneller als Kalfs Herz. Winkend sammelte der Fischer einige der Fl�chtenden um sich. Kodran war dabei und ein B�cker aus Honnigsvald. M�nner, die niemals Krieger hatten sein wollen. In verzweifelter Wut hielten sie die langen Speere umklammert.</p><p>Kalf richtete die kleine Schar der Tapferen zu einer Reihe aus, als mit infernalischem Krachen der Rammbock durch den Wall stie�. Gleich im ersten Ansturm brachen die Trolle hindurch. Die Baumst�mme der Palisade knickten wie Grashalme. Sofort dr�ngten die ersten Feinde durch die L�cke.</p><p>�Angriff!�, schrie Kalf. Alles um ihn herum verblasste. Er sah nur noch einen Trollkrieger, der sich mit Ru� breite Streifen auf die nackte Brust gemalt hatte. Der Kerl stieg �ber einen zersplitterten Stamm hinweg. Pfeile gingen auf die Trolle in der Bresche nieder. Endlich! Doch der Beschuss hielt sie nicht auf. Sie sp�rten, wie nah der Sieg war.</p><p>�Angriff!�, rief Kalf immer verzweifelter. �Angriff!.� Er schrie gegen seine eigene Angst an.</p><p>Die Beine fest in den Schnee gestemmt, rammte er dem Troll seinen Speer in die Brust. Die eiserne Spitze drang tief ins Fleisch, traf auf eine Rippe, wurde nach oben abgelenkt und trat dicht neben dem Hals wieder aus. Der Troll warf den Kopf in den Nacken und br�llte.</p><p>Die pl�tzliche Bewegung riss Kalf den Speer aus der Hand. Er zog sein Schwert. Mit beiden H�nden umklammerte er den langen, lederumwickelten Griff.</p><p>Sein Gegner zerbrach den Schaft des Speers. Mit einem w�tenden Hieb versuchte er Kalf auf Abstand zu halten.</p><p>Der Fischer duckte sich unter dem Blatt der Steinaxt hinweg. Sein Gegner riss die linke Hand hoch. Das Schwert traf ihn zwischen den Fingern, fuhr knirschend durch Knochen und Handgelenk bis in den Arm hinauf. Kalf dr�hnten die Ohren vom Geschrei. Sein Schwert steckte im Arm des Trolls fest. Wie ein kleines Kind sch�ttelte dieser ihn zur Seite. Er fiel in den Schnee. Schwere F��e stampften an ihm vorbei. Immer mehr Feinde dr�ngten durch die Bresche, und er hatte keine Waffe mehr, sie zu bek�mpfen. Tr�nen der Wut standen dem Fischer in den Augen, als er sich aufraffte und zu laufen begann. Er musste es bis zur Barrikade schaffen. Vielleicht konnten sie die Trolle dort noch einmal kurz aufhalten.</p><p>Die d�nne Linie aus Speertr�gern, die er gegen die Bresche gef�hrt hatte, war zerschlagen. Die meisten lagen tot im Schnee. Wer noch lebte, rannte.</p><p>Strauchelnd k�mpfte sich Kalf vorw�rts. Die Trolle kamen im tiefen Schnee besser voran. Ein St�ck voraus sah er Asla. Sie versuchte ein paar M�nner aufzuhalten und eine neue Kampflinie zu bilden. Hier im offenen Gel�nde war das ein sinnloser Verzweiflungsakt. Sie w�rden sofort �berrannt werden.</p><p>Kalf b�ckte sich und hob das Schwert eines Toten auf. Dann eilte er an Aslas Seite. Das war das Letzte, was er noch tun konnte: an ihrer Seite sterben. Fortzulaufen war zwecklos. Die Trolle w�rden sie lange vor der letzten Barrikade einholen.</p><p>Der Fischer sah, wie Kodran gepackt wurde. Ein Troll griff in sein Haar und riss ihn nach hinten. Sein Fu� krachte auf die breite Brust des F�hrmanns. Es war eine Geste, als wolle der Troll Ungeziefer zertreten. Der F�hrmann spuckte Blut und blieb reglos liegen.</p><p>Asla ber�hrte sanft Kalfs Arm. �Du bist immer da�, sagte sie traurig. �Ich w�nschte, ich h�tte das fr�her begriffen.�</p><p>Der Troll, der den F�hrmann get�tet hatte, kam auf sie zugerannt. Er schwang eine gro�e Keule. So also sieht der Tod aus, dachte Kalf.</p><p>Ein fremdes Wort klang durch die Nacht. Leise und doch eindringlich. Ihr Gegner lie� seine Keule sinken. Wie durch Zauberbann verharrten die K�mpfenden. Eine zierliche Gestalt in einem wei�en Hemd l�ste sich aus dem Schatten des Waldes. Die Elfenk�nigin war erwacht!</p><p>�Geh zur�ck!�, rief Asla. �Rette die Kinder!�</p><p>Emerelle kam nun genau auf sie zu. �Du also bist Asla�, sagte sie freundlich. �Ich danke dir f�r deine Gastfreundschaft.�</p><p>Kalf beobachtete, wie die Trolle sich ein wenig zur�ckzogen und zu kleinen Gruppen zusammenrotteten. Sie alle blickten auf die K�nigin. Manche gestikulierten wild. Der Frieden br�ckelte.</p><p>�Geh und rette die Kinder!�, bat Asla noch einmal.</p><p>�Das werde ich tun. Bitte verzeih mir. Dieser Krieg h�tte niemals in die Welt der Menschen getragen werden d�rfen. Ich habe das nicht gesehen ... Ich ... Die Trolle sind um meinetwillen hier. Wenn ich mich stelle, dann werden die K�mpfe enden.�</p><p>�Nein, so darf es nicht enden!�, begehrte Asla auf. �So viele sind f�r dich gestorben. Du darfst dich jetzt nicht einfach ergeben!�</p><p>�Das ist der einzige Weg, die Kinder zu besch�tzen. Wenn ich gefangen bin, gibt es keinen Grund mehr f�r weitere K�mpfe. Lebe wohl, Asla, und verzeih mir, wenn du kannst.�</p><p>Ein einzelner Krieger kam Emerelle entgegen. Auf seiner Glatze spiegelte sich das Mondlicht. Die Elfe und der Troll wechselten ein paar Worte. Dann gab der Krieger seinen M�nnern ein Zeichen, sich zur�ckzuziehen. Tr�nen der Wut rannen Asla �ber die Wangen. Kalf legte ihr einen Arm um die Schultern.</p><p>�Es ist vorbei.�</p><p>�Gar nichts ist vorbei! Welche Macht hat Emerelle als Gefangene? Wie sollte sie die Trolle davon abhalten, uns morgen aufs Neue anzugreifen? Diese Bestien fressen uns. Sie werden wieder kommen. Emerelle h�tte nicht gehen d�rfen!�</p><p>�Aber vielleicht ...�</p><p>Asla befreite sich aus seiner Umarmung. �Nein, vielleicht ist nicht genug. Dort oben ist mein letztes lebendes Kind. Ich werde Kadlin holen und alle, die mit mir gehen wollen. Nutzen wir die Zeit und fliehen tiefer in die Berge.�</p><p>�Ich werde nicht mit dir gehen. Mein Platz ist bei der letzten Barrikade. Wenn die Trolle uns verraten, werde ich sie dort so lange wie m�glich aufhalten. Und wenn sie abziehen, dann komme ich in die Berge, um dich zu holen.�</p><p>�Ich ...� Asla biss sich auf die Lippen. �Ich warte auf dich.�</p><p>�Luth wird uns sch�tzen�, sagte Kalf zuversichtlich. Er vertraute auf den Schicksalsweber. Der Gott war ihm immer gn�dig gewesen.</p><p>Asla senkte den Blick. �Vielleicht�, sagte sie leise. Dann ging sie hinauf zum Dorf.</p></section><section><title><p>Ohne Ehre</p></title><p>Blut sprang wild kl�ffend am schmalen Uferstreifen entlang. Der Troll war zu gro�, um sich in der engen H�hle ganz aufrichten zu k�nnen. Er musste auf allen vieren knien, um aus dem Wasser zu gelangen. Dabei schwang er eine Keule, die mit scharfen Steinsplittern besetzt war, vor sich her. Es sah grotesk aus, wie er kriechend versuchte, zu ihnen zu gelangen. Grotesk und doch Furcht einfl��end.</p><p>Ulric und Halgard waren bis zu der Grabnische zur�ckgewichen. Der Junge f�hlte sich elend. Yilvina war durch den L�rm zu sich gekommen. Sie tastete nach dem Schwert, das er ihr gebracht hatte. Er konnte sie doch nicht dem Troll �berlassen!</p><p>Ein Keulenhieb verfehlte Blut nur knapp. Der gro�e Hund versuchte nach der Kehle des Trolls zu schnappen, doch der Mistkerl drehte sich zur Seite. Bluts Rei�z�hne schlugen ihm in die Schulter. Das war ein Fehler! Grunzend griff der H�ne nach dem gro�en Hund. Sich mit einer Hand aufst�tzend, packte er Blut mit der anderen und schleuderte ihn gegen die H�hlenwand.</p><p>Ulric konnte es knacken h�ren. Aus dem Bellen wurde ein hohes, klagendes Jaulen. Blut sch�ttelte sich, versuchte wieder auf die Beine zu kommen, doch seine Hinterl�ufe knickten unter ihm weg.</p><p>V�llig �berraschend schnellte Yilvina vor. Die Elfe f�hrte einen beidh�ndigen Hieb gegen den Arm, auf den sich der Troll st�tzte. Sie traf ihn dicht �ber dem Handgelenk. Der Silberstahl schnitt durch Fleisch und Knochen. Der Menschenfresser br�llte. In hilfloser Wut riss er den Armstumpf hoch. Dunkles Blut schoss in pulsierenden St��en aus der Wunde. Es spritzte der Elfe ins Gesicht.</p><p>Geblendet versuchte sie r�ckw�rts von ihrem Feind fortzukriechen, doch der Troll bekam ein Bein von ihr zu packen. W�tend stie� er ihr den verst�mmelten Arm gegen die Brust, dort wo der Knochen aus Yilvinas Fleisch ragte. Die Elfe b�umte sich auf. Das Schwert glitt ihr aus den Fingern.</p><p>Wieder schlug der Troll auf die Wunde ein. Er stie� dabei seltsame, grunzende Laute aus. Yilvina regte sich nicht mehr. Immer weiter schlug das Ungeheuer auf sie ein.</p><p>Halgard klammerte sich weinend an Ulric. Der Junge tastete nach dem Schwert in der Felsnische. Wenn es ums T�ten ging, war er noch niemandem begegnet, der sich ehrenhaft verhielt, dachte er. Keiner achtete die Regeln der Ritterlichkeit, die sein Vater ihm beigebracht hatte.</p><p>Endlich lie� der Troll von Yilvina ab. Er zog einen gl�henden Ast aus dem Feuer und presste ihn sich auf den Armstumpf. Dabei hechelte und jaulte er. Der Gestank von tranigem Fleisch erf�llte die H�hle.</p><p>Ulric stand auf. Das Ungeheuer war zu sehr mit sich und seinen Schmerzen besch�ftigt, um auf ihn zu achten. Es kauerte dicht neben dem Feuer.</p><p>�Troll!�, sagte Ulric laut. Er stand jetzt unmittelbar vor dem Krieger. Die Kreatur wiegte sich in ihren Schmerzen vor und zur�ck. Endlich drehte sich der Troll zu ihm um.</p><p>�Stirb!� Ulric zog ihm die Klinge des Toten �ber die Kehle. Dann machte er einen Satz zur�ck. Ein tiefer Schnitt klaffte im Hals des Trolls. Er blickte ungl�ubig zu Ulric. Mit seiner verbliebenen Hand umklammerte er seine Kehle. Die Bestie machte ein gurgelndes Ger�usch, versuchte sich aufzurichten und stie� mit dem Kopf schwer gegen die H�hlendecke. Sein verst�mmelter Arm tastete nach der Keule neben dem Feuer. Hilflos stie� der Stumpf gegen die Waffe.</p><p>Wieder blickte er zu Ulric. Der Troll wagte es nicht, die Hand von seinem Hals zu nehmen. Blut quoll ihm zwischen den Fingern hindurch.</p><p>Der Junge hielt dem Blick stand. Er hatte das tun m�ssen, sagte er sich, auch wenn es eine Tat ohne Ehre war. Diese Bestie war ein Menschenfresser! Man musste sie umbringen, ganz gleich, wie.</p><p>Halgard schluchzte leise. Ulric nahm sie bei der Hand. �Es wird alles wieder gut. Alles wird gut.� Er sah dem Troll beim Sterben zu und f�hlte sich selbst wie tot. Er empfand nichts. Keinen Triumph, keine Wut, nicht einmal Angst. Langsam sackte der H�ne nach vorn. Ulric wartete ab. Er hielt das M�dchen und starrte auf den Troll. Erst als das Feuer zu dunkler Glut heruntergebrannt war, wagte er sich in die N�he des Trolls. Blut kam hinkend zu ihm her�ber. Er schnupperte an dem Troll. Vorsichtig stie� Ulric den H�nen mit einem Fu� an. Er regte sich nicht mehr.</p><p>Der Junge atmete erleichtert auf. Dann sammelte er die restlichen �ste und sch�rte das Feuer. Als die tanzenden Flammen die Dunkelheit wieder bis in die hintersten Winkel der H�hle zur�ckdr�ngten, kniete er sich neben Yilvina. Sie atmete nur flach. Er wusste nicht, wie er der Elfe helfen konnte. Einen Schnitt h�tte er verbinden k�nnen. Aber das hier ...</p><p>Schlie�lich zog er Yilvina mit Halgards Hilfe bis dicht ans Feuer. Den Troll vermochten sie beide nicht zu bewegen. Er war schwer wie ein Felsblock. Nach mehreren vergeblichen Versuchen lie�en sie sich auf der anderen Seite des Feuers nieder, so weit wie m�glich von dem Toten entfernt.</p><p>Blut kauerte zu Ulrics F��en. Er leckte seinen Hinterlauf und winselte leise.</p><p>�Ich habe Hunger�, sagte Halgard.</p><p>Der Junge hatte noch immer den Geruch des verbrannten Trollfleischs in der Nase. Er konnte nichts essen. Er kramte in der ledernen Jagdtasche der Elfe, fand aber nur ein hartes St�ck K�se. Er reichte es dem M�dchen. �Was isst du?�, wollte Halgard wissen.</p><p>�Ich hab keinen Hunger.�</p><p>Halgard legte den K�se vor sich auf den Felsboden. �Wir teilen, sobald du Hunger bekommst.� Ihre blinden Augen starrten in seine Richtung. Sie sah unheimlich aus, mit ihrem wei�en Haar und der faltigen Haut.</p><p>Lange Zeit lauschten sie still auf das Knistern der Flammen.</p><p>�Diese H�hle ist ein Grab, nicht wahr?�, sagte das M�dchen schlie�lich. �K�nig Osaberg, der tote Troll, Yilvina liegt im Sterben ...�</p><p>�Aber wir leben noch�, erwiderte Ulric hitzig.</p><p>�Wie viel Holz ist noch da?�</p><p>�Genug, um das Feuer ein paar Stunden in Gang zu halten.� Der Junge dachte an die Dunkelheit, die dann folgen w�rde. Der Gedanke machte ihn unruhig. Er hatte keine Angst vor der Finsternis! Er mochte sie nur nicht.</p><p>�Wenn wir hier bleiben, dann werden wir verhungern. Gehen wir durch das Wasser, wird uns die Winterk�lte t�ten�, sagte Halgard ruhig.</p><p>�Wir werden Blut schicken. Er wird Hilfe holen.� Ulric kraulte das dichte Nackenfell des Hundes. �Nicht wahr, Blut? Du ruhst dich noch ein wenig aus, und dann machst du dich auf die Suche nach Mutter oder nach Kalf.�</p></section><section><title><p>Von Ehre und vollen B�uchen</p></title><p>Birga nahm den Bernstein vom Hals des sterbenden Menschenweibchens. In ihren lidlosen Augen stand der Wahnsinn. Die Schamanin hatte ihr die Haut vom Gesicht gezogen. Trotzdem l�chelte die junge Frau Orgrim an. Der Herzog wandte sich ab. Eigentlich machte es ihm nichts aus, dabei zuzusehen, wenn Gefangene gefoltert wurden. So war das nun einmal. In gewisser Weise zollte man ihnen dadurch Respekt. Sie bekamen Gelegenheit, sich von der Schande, nicht bis zum Tod gek�mpft zu haben, reinzuwaschen. Wer unter der Folter tapfer war, der gewann die Gunst seiner Ahnen zur�ck. Das Menschenweibchen war tapfer gewesen!</p><p>�Was hat sie dir gesagt?�, wollte Dumgar wissen. Birga deutete zu den anderen Leichen. �Auch nicht mehr als diese dort. Wie es scheint, ist Emerelle schon viele Wochen in der Welt der Menschlinge versteckt.� Der Herzog vom Mordstein stocherte mit einem d�nnen Knochen in seinen Z�hnen herum und spuckte aus. �Warum wusste Skanga das nicht?�</p><p>Die Schamanin schob den Bernstein des Menschenweibchens in eine Tasche, die sich zwischen den Falten ihres Kleides verbarg, und wischte sich dann in aller Ruhe die blutigen H�nde im Schnee sauber. Mit jedem Augenblick, den sie ihre Antwort hinausz�gerte, wurde die Stille bedr�ckender. Dumgar warf seinen Zahnstocher fort und spielte nerv�s mit einem Lederriemen, der von seinem Schurz hing. Der Trollf�rst trug nur ein Fell um die H�ften gewickelt. Barfu�, wie die meisten seiner Krieger, stapfte er durch den Schnee.</p><p>�Also, Birga. Wirst du mir antworten?�</p><p>�Sind die Taten Skangas und unseres K�nigs dir nicht Antwort genug? Besteht dein dicker Sch�del nur aus Knochen? Hast du nicht verstanden, was geschehen ist? Wer hat uns hierher geschickt? Skanga und Branbart! Und wen finden wir? Emerelle. Glaubst du, sie h�tten nicht gewusst, dass die Tyrannin hier ist? H�ltst du das alles nur f�r einen Zufall oder eine F�gung des Schicksals? Sie wollten, dass wir die Tyrannin fangen. Du solltest Gelegenheit haben, dir unsterblichen Ruhm zu erwerben. Deshalb bist du hier. Nicht um nur ein paar windschiefe H�tten zu verbrennen!�</p><p>Der Herzog vom Mordstein strich sich �ber die Stirn. �Sie h�tten mir sagen sollen, was sie von mir wollen.�</p><p>�Warum? Damit du vor Angst schlotternd in den Krieg gegen die Menschlinge ziehst? Denk an die Feste nach deinen Siegen. H�ttest du unbeschwert feiern k�nnen, wenn du gewusst h�ttest, dass die Tyrannin hier ist? H�ttest du wie ein jagender Wolf den Feinden nachgesetzt und sie nie zur Ruhe kommen lassen? Du kennst die Antwort!�</p><p>Orgrim fand Gefallen daran, wie die Schamanin mit Dumgar spielte. Aber er glaubte ihr kein Wort. Wenn Skanga wirklich gewusst h�tte, wo Emerelle war, dann h�tte sie ihn durch den Albenstern auf dem Berg ganz am Ende des Fjords geschickt. Zehn Krieger h�tten ausgereicht, die Tyrannin dort zu fangen.</p><p>Dumgar begann unruhig auf und ab zu gehen. �Das ist alles nicht richtig so!� Er sah zu Emerelle. Sie war gefesselt und kauerte im Windschatten der zerst�rten Palisade. �Wir sollten sie umbringen, gleich jetzt. Sie ist ein �bel, das ausgel�scht sein muss. Sp�rt ihr das denn nicht? Sie sinnt auf unseren Tod!�</p><p>Birga lachte.</p><p>�Hast du das Fleisch von Hasen gegessen, Dumgar? Sieh sie dir an, die Tyrannin. Ihre H�nde sind gebunden, sodass sie keinen Zauber weben kann. Ein Knebel steckt in ihrem Mund, sodass ihr die Worte der Macht unausgesprochen im Hals stecken bleiben. Und ihre Augen sind verbunden, damit ihre Blicke kein Unheil anrichten. Wovor f�rchtest du dich, Dumgar? Gedanken an Rache, das ist alles, was der Tyrannin geblieben ist!�</p><p>Auf Birgas Worte folgte erneut Stille. Orgrim betrachtete die Elfenk�nigin. Sie war so klein und zerbrechlich! Es schien ihm unvorstellbar, dass sie solche Macht besa�. Sie hatte ihn einst ermorden lassen. Orgrim hatte geglaubt, wenn er ihr jemals begegnen w�rde, dann w�rde die Erinnerung an die Nacht auf der Shalyn Falah und an all seine vergangenen Leben zur�ckkehren. Doch die Tore zu jenen verwelkten Tagen blieben fest geschlossen. Vielleicht war es besser so. Was k�mmerte einen Baum das Laub des Vorjahrs?</p><p>�Sp�rt ihr nicht das B�se, das ihr anhaftet?�, murmelte Dumgar. Er kniete sich neben der Tyrannin in den Schnee. Seine Hand tastete nach dem Steinmesser an seinem G�rtel.</p><p>�Du wei�t, warum Branbart sie lebend haben will. Sie soll auf die Shalyn Falah. Und sie soll fliegen, den Abgrund umarmen, so wie wir einst. Was glaubst du, was Branbart tun wird, wenn er erf�hrt, dass du die Tyrannin get�tet hast?�</p><p>Dumgar stand auf. Wut brannte in seinen Augen. �Du drohst mir?�</p><p>Orgrims Hand glitt wie zuf�llig zu dem schweren Streithammer an seinem G�rtel. �Ganz im Gegenteil, Dumgar. Ich mache mir Sorgen um dich. Ich versuche mir vorzustellen, was Branbart tun wird, wenn er vom Ableben der Tyrannin erf�hrt.�</p><p>Er stellte sich vor, diesem Narren den Sch�del einzuschlagen. Nein! Er sollte sich beherrschen! Er musste Dumgar nur machen lassen. Der war dazu geboren, in Schwierigkeiten zu geraten, wenn man ihn nicht aufhielt.</p><p>Der Herzog blickte zu den toten Menschen, die an die zersplitterten Pf�hle gebunden waren. �Vielleicht gibt der K�nig dir ja Gelegenheit, deine Ehre als Krieger wieder reinzuwaschen, indem er dich Birga �berl�sst. Der Schmerz wird dich l�utern, sodass deine Seele unbefleckt ist, wenn sie sich wieder in Fleisch kleidet.�</p><p>Dumgar folgte seinem Blick. Er strich sich nerv�s �ber das Kinn. �Also gut. Dann bringen wir sie zur�ck. F�hre uns zum n�chsten Albenstern, Birga! Wir gehen in die Snaiwamark.�</p><p>�Der n�chste gro�e Stern liegt bei dem Dorf, das Orgrim zerst�rt hat�, erkl�rte die Schamanin. �Von dort k�nnen wir sicher heimkehren. Wir werden drei oder vier Tage brauchen, um diesen Ort zu erreichen. Jedenfalls wenn das Wetter nicht umschl�gt.�</p><p>Orgrim fluchte stumm in sich hinein. Er wusste, was es bedeutete zur�ckzugehen.</p><p>�Wir m�ssen also durch verw�stetes Land ziehen�, stellte Dumgar fest. �Unsere Vorr�te reichen noch f�r zwei Tage. Wir brauchen Fleisch.� Er sah entschlossen zu Orgrim.</p><p>�Nein!�, sagte der Herzog der Nachtzinne entschieden. �Ich habe der Tyrannin mein Wort gegeben.�</p><p>�Dann entbinde ich dich hiermit von deinem Wort.�</p><p>�Du gebietest vielleicht �ber dieses Heer, Dumgar, aber du gebietest nicht �ber meine Ehre. Ich habe Emerelle zugesagt, dass die Menschlinge leben werden, wenn sie sich uns ergibt. Daran werde ich mich halten.�</p><p>�Was k�mmert mich dein Wort, wenn es um f�nfhundert Trollm�gen geht? Wir werden das Dorf erobern und uns genug Vorr�te f�r den R�ckweg holen. Du bist verr�ckt, Orgrim! Was hat die Tyrannin sich um ihr Wort geschert, als sie dich und mich von der Br�cke sto�en lie�? Du schuldest ihr nichts! Morgen fr�h bringen wir diese Schlacht zu Ende, und ich erwarte von dir, dass du k�mpfst!�</p><p>�Was die Tyrannin einst getan hat, ist f�r mich ohne Belang. Mein Wort ist mein Wort! Und es ist fest wie Granit.�</p><p>Dumgar blieb �berraschend gelassen. Er l�chelte sogar. �Du stellst dich also gegen meine Befehle, Herzog Orgrim. Darf ich dich daran erinnern, dass der K�nig mir den Oberbefehl f�r diesen Feldzug gegeben hat? Branbart wird es nicht guthei�en, dass dein Wort gegen�ber Emerelle f�r dich bedeutender ist als ein voller Bauch f�r seine Krieger. Ich freue mich schon darauf, ihm davon zu berichten.�</p></section><section><title><p>Am Donnerhang</p></title><p>Am Horizont, weit jenseits des Fjords, zeigte sich ein blasser Silberstreifen. Sigvald scherte aus der Kolonne der Fl�chtlinge aus und verbarg sich zwischen den B�umen. Niemand k�mmerte sich darum. Der Weg durch den Schnee zehrte an den Kr�ften. Kaum jemand hob den Kopf.</p><p>Aus seinem Versteck sah der Wagenbauer Asla nach. Welch ein Weib! Es gab nur wenige Frauen, von denen sich M�nner au�erhalb ihrer vier W�nde etwas sagen lie�en. Ihr war er gern gefolgt, und es betr�bte ihn, dass er sie nun hintergehen musste. Seit sie bei ihrer Flucht aus Honnigsvald den roten Nachthimmel hinter sich gesehen hatten, stellte niemand mehr Aslas Entscheidungen infrage. Sie war, was es nie zuvor gegeben hatte: die Herzogin! Die Heerf�hrerin des letzten H�ufleins Verlorener.</p><p>Sigvald wandte sich um und ging tiefer in den Wald hinein. Sein Weg f�hrte ihn abw�rts, zum Donnerhang. Dorthin, wo der gro�e Schlitten stand. Es war Aslas Idee gewesen, ihn hierher zu bringen. Der Wagenbauer schmunzelte. Was hatte er geflucht, als sie ihm von ihren Pl�nen berichtet hatte! Die Herzogin hatte keine Ahnung, was es bedeutete, eine so schwere Kutsche hier heraufzuschaffen.</p><p>Der Donnerhang m�ndete schr�g auf den Pfad, den die Rentiere nahmen, wenn sie hinab zum Fjord zogen. Wenn die letzte Barrikade fiel und die Verteidiger �ber den Rentierpfad geflohen waren, wollte Asla den gro�en Schlitten hernehmen, um eine Lawine auszul�sen. Ein guter Plan! Aber gestern Nacht hatten Kaff und die M�nner, die zur Verteidigung der Barrikade zur�ckbleiben sollten, noch eine bessere Idee gehabt.</p><p>Sigvald hatte den Waldrand erreicht und blickte auf den steilen Hang, der sich hinab zum Rentierpfad erstreckte. Gro�e Felsbrocken hoben ihr Haupt aus dem Schnee. Es gab hier kaum B�ume. Wenig, was den Schnee hielt. Fast in jedem Winter brachen Lawinen von hier los. Deshalb lag das Dorf ein ganzes St�ck abseits des Bergpfades.</p><p>Wie eine gro�e rote Kugel stand die Sonne nun �ber den Bergen im Osten. Im Norden blieb der Himmel finster.</p><p>Ein Sturm zog von dort heran, doch es w�rden noch viele Stunden vergehen, bevor er das Tal erreichte. Hier oben am Hang konnte man sich wie ein Gott f�hlen, dachte Sigvald. Alles war so fern und winzig. Die H�tten des Dorfes lagen wie Kieselsteine zwischen den B�umen, die ihm klein wie Grasb�schel erschienen. Die zerst�rte Palisade am Eingang zum Tal war nur ein d�nner Ast, der sich dunkel im Schnee abmalte. Und die Trolle waren wie Fliegen, die �ber ein wei�es Leintuch krabbelten. Und wie Fliegen w�rde er sie zerquetschen! Stolz betrachtete Sigvald den Schlitten, der nur wenige Schritt vom Waldrand entfernt stand. Dieses Fuhrwerk war ihm pr�chtig geraten! Der grob gezimmerte Aufbau �ber der Pritsche �rgerte ihn ein wenig. Aber das war nicht sein Werk gewesen.</p><p>Sigvald griff nach dem starken Seil, das von der Vorderachse des Fuhrwerks hinauf zu einem wuchtigen Fichtenstamm f�hrte. Feine Eiskristalle schimmerten auf dem hellen Hanf. Die R�der der Kutsche waren abgenommen. Sie stand auf breiten Kufen. Als Schlitten war sie schwerer zu lenken. Er blickte den Hang hinab. Es kam ihm jetzt so vor, als h�tten die gro�en Felskl�tze Junge bekommen. Waren es wirklich immer schon so viele gewesen?</p><p>Der Wagenbauer hielt sich am Seil fest und stieg das kurze St�ck zu seinem Fuhrwerk hinab. Sorgf�ltig l�ste er die gro�en Steine aus dem verharschten Schnee, mit denen die Kufen gesichert waren. Ganz vorsichtig legte er sie beiseite. Das fehlte ihm noch, dass so ein Stein nun den Hang hinabrollte!</p><p>Als die Arbeit getan war, stieg Sigvald auf den Kutschbock. Er strich den Schnee von der Sitzbank und erfreute sich daran, das glatt polierte Holz unter seinen Fingern zu sp�ren. Schade, dass er keine weiteren Schlitten und Kutschen mehr bauen w�rde. Gestern erst hatte er eine Idee gehabt, wie man die St�tzstreben der Schlittenkufen noch verbessern k�nnte.</p><p>Sigvald dachte daran, welche Zukunft seine Werkstatt gehabt h�tte. Dieses Fuhrwerk hier w�rde ihn ber�hmt machen! K�nig Horsa hatte darin �bernachtet. Und die Elfenk�nigin! Herzog Alfadas war damit gefahren. Und die Herzogin Asla hatte in diesem Fuhrwerk die Flucht �ber den Fjord angef�hrt. Wer k�nftig etwas auf sich hielt, der musste eine Kutsche von Sigvald dem Wagenbauer aus Honnigsvald besitzen. Schade nur, dass er keine Fuhrwerke mehr bauen w�rde.</p><p>Sigvald zog das kleine Handbeil aus seinem G�rtel. Er strich den letzten Schnee vom Sitz und bemerkte ein paar Strichm�nnchen, die jemand in das glatte Holz geschnitten hatte. Vermutlich irgendein �berm�tiger Knabe, der hier sein neues Messer ausprobiert hatte. �rgerlich!</p><p>Sigvald legte die Axt neben das Seil, das �ber die Sitzbank hinab zur Vorderachse f�hrte. Dann kramte er in seiner Hosentasche nach dem Wetzstein, den er eingesteckt hatte.</p><p>Mit ruhigen Strichen sch�rfte er die Schneide der Axt. Ein einziger Hieb sollte gen�gen. Sigvald beugte sich ein wenig vor. Asla hatte wieder einmal Recht behalten! Winzige dunkle Punkte krochen unten im Tal �ber den Schnee. Die Trolle hatten den Passweg verlassen und st�rmten zur Barrikade hinauf.</p><p>�Kleine Fliegen�, murmelte der Wagenbauer. Er griff in seine pelzgef�tterte Weste und holte ein flaches, silbernes Fl�schchen hervor. Mit den Z�hnen zog er den Kork heraus und prostete zum Tal hinab. �Tut mir Leid, dass ich dich zuletzt bel�gen musste, Kalf. Es w�re nicht gut, einfach nur das Seil durchzuschlagen. Es gibt zu viele Felsen am Hang. Der schwere Schlitten k�nnte aus der Bahn geraten. Jemand muss ihm den Weg weisen.� Sigvald leerte das Fl�schchen mit einem Zug. Es war ohnehin nur noch ein Schluck �brig geblieben. Sorgf�ltig verschloss er es mit dem Stopfen und schob es zur�ck unter die Weste.</p><p>Der Schicksalsweber war ein Gott mit Sinn f�r Humor, dachte Sigvald l�chelnd. �Ich danke dir daf�r, dass ich mein Leben mit einer Schlittenfahrt beenden darf. Welch besseren Abgang k�nnte ein Wagenbauer haben?� Er griff nach der Axt, die neben ihm lag. Eine Schande, dass er jetzt auch eine Kerbe in der Sitzbank hinterlassen w�rde!</p></section><section><title><p>Der weisse Strom</p></title><p>Kalf blickte auf die heranst�rmenden Trolle hinab. Die letzte Barrikade lag an der engsten Stelle des Rentierpfads. Dicht gedr�ngt st�rmten die Menschenfresser den Weg hinauf. Mit grimmiger Zufriedenheit hob der Fischer sein Stangenbeil. Nur zehn M�nner waren zur�ckgeblieben. Seine Verschw�rer! Die �brigen hatte er trotz aller Proteste den Pfad hinaufgeschickt. Wer hier blieb, der hatte alles verloren. Es waren M�nner, deren Weiber und Kinder nicht mehr lebten oder die nie eine Frau gehabt hatten, so wie er.</p><p>Breitbeinig stand Kalf auf der Pritsche eines Schlittens. Wagen, Schr�nke und Truhen, alles, was sich bewegen lie�, hatten sie auf den Rentierpfad geschleppt, um diese letzte Verteidigungslinie zu bauen. Der Fischer wusste, dass die Trolle sie fast sofort �berrennen w�rden. Aber wenige Augenblicke w�rden gen�gen. L�nger mussten sie gegen den Feind nicht aushalten.</p><p>Kalfs Mund war trocken, daf�r schwitzten seine H�nde. Es war jedes Mal so, kurz bevor die K�mpfe begannen. Ein Troll, der sich mit Ru� und Blut eine Spinne aufs Gesicht gemalt hatte, hatte einen kleinen Vorsprung vor den anderen. Luth wird dich daf�r bestrafen, dachte Kalf. Da schleuderte der Troll einen kurzen Wurfspeer nach ihm.</p><p>Der Fischer drehte sich leicht zur Seite. Das Geschoss verfehlte ihn knapp. Ein Schlag traf den Schlitten und riss Kalf fast von den Beinen. Der Speerwerfer hatte seine Schulter gegen die Seitenwand der Pritsche gerammt, als wolle er den Schlitten einfach umwerfen.</p><p>Kalf war zu sehr damit besch�ftigt, sein Gleichgewicht zu halten, um noch mit der Stangenaxt zuzuschlagen. Ein Eisklumpen verfehlte ihn um ein gutes St�ck. Weitere Trolle erreichten die Barrikade. W�tendes Kriegsgeschrei erklang aus hunderten Kehlen. Ein stiller junger Mann aus der Reihe der Verteidiger wurde mit einem Lasso eingefangen und verschwand schreiend in der Menge.</p><p>Hoch �ber ihnen t�nte ein dumpfes Grollen. Einer der Berge hatte seine Stimme erhoben, und vor seinem Zorn erschraken selbst die Trolle. Die Menschenfresser blickten auf. Kalf genoss es, die Angst in ihren Augen zu sehen. Jemand schrie etwas. Dann begann der Erste zu laufen.</p><p>Der Fischer lie� sein Stangenbeil herumwirbeln. Der lange Dorn verschwand im Auge des Trolls, der ihn als Erster erreicht hatte. �Luth m�chte mit dir �ber Spinnen sprechen.�</p><p>Der Schlitten erzitterte. Von den B�umen ringsherum rutschten die Schneewechten. Sie sch�ttelten sich. In wilder Panik versuchten die Trolle der t�dlichen Gefahr zu entkommen. Sie schoben und dr�ngelten in dem engen Rentierpfad. Wer st�rzte, wurde gnadenlos zu Tode getrampelt. Einige versuchten seitlich �ber die Steilh�nge zu klettern.</p><p>Kalf empfand tiefen Frieden. Er zog die Waffe aus dem Sch�del des toten Trolls und warf sie zur Seite. Der Fischer drehte sich nicht um. Seit er Asla gestern Nacht verabschiedet hatte, wusste er, dass er sterben w�rde. Die Herzogin hatte immer Recht behalten, wenn sie zur Flucht mahnte. So war es in Firnstayn gewesen und auch in Honnigsvald. Warum h�tte sie sich jetzt irren sollen? Obwohl er das wusste, hatte er ihr widersprochen und war geblieben. Jemand hatte bleiben m�ssen, damit die anderen sich retten konnten.</p><p>Kalf breitete seine Arme aus. Der kalte Atem des Todes umschloss ihn. Die Luft war erf�llt von feinen Eiskristallen. Er atmete tief ein. Dann traf ihn der Schlag. Der wei�e Strom umschloss ihn, riss ihn mit sich. Kalf ruderte mit den Armen. Er war eingeschlossen in dumpfes Dr�hnen. Dann wurde es finster. Immer noch k�mpfte er gegen die Macht an, die ihn mit sich riss. Etwas traf ihn hart an der Schulter. Er wurde herumgewirbelt. Stechender Schmerz durchbohrte seinen Kopf. Dann war es pl�tzlich still. Der Fischer lag zusammengerollt, wie ein schlafendes Kind. Die K�lte hielt ihn in engem Gewand gefangen. Noch immer dr�hnte das Donnergrollen der Lawine in seinen Ohren.</p><p>Kalf streckte sich, doch der Schnee hielt ihn fest. Die K�lte fra� sich in seine Glieder. Er stemmte sich mit den F��en gegen den Boden. Knirschend gruben sich seine Stiefel in den festgebackenen Schnee. Seine Schultermuskeln spannten sich, aber sein Gef�ngnis gab nicht nach. Dann wurde ihm klar, dass er gar nicht wissen konnte, in welcher Richtung oben oder unten lag. Mitgerissen von der Lawine, hatte er sich immer wieder �berschlagen. In der Dunkelheit seines Eisgef�ngnisses konnte er sich nicht orientieren. Er dr�ckte an verschiedenen Stellen gegen die Schneewand und erweiterte den Hohlraum, in dem er gefangen sa� ein wenig. Das Dr�hnen in seinen Ohren hatte nachgelassen. Er h�rte jetzt deutlich seinen keuchenden Atem. Der Fischer tastete sich ab. Alle Knochen taten ihm weh. Doch nichts schien gebrochen zu sein, und K�lte d�mpfte den Schmerz. Sein Schwertgurt war verloren, aber er hatte noch das Fischmesser, das in seinem Stiefel steckte. Vorsichtig stocherte er mit der Klinge in der Decke seiner H�hle herum. Mit beiden H�nden schob er die Schneebrocken zur Seite, die sich l�sten. Er w�rde sich in die Freiheit graben!</p><p>Ein Ger�usch lie� ihn innehalten. Der Schnee knarzte. Jemand ging unter ihm hinweg! Kalf lachte stumm. Nicht unter ihm! Er hatte in die falsche Richtung gegraben. Mit neuer Kraft arbeitete er sich voran.</p><p>Bald war der Schnee weniger dicht. Er konnte ihn jetzt mit den H�nden auseinander schieben. Endlich sah er ein St�ck grauen Winterhimmel. Vorsichtig, Zoll um Zoll, schob sich der Fischer aus seinem kalten Gef�ngnis. Die Lawine hatte ihn einige hundert Schritt mit sich gerissen. Ein St�ck links von ihm lag eine gro�e Kleidertruhe. Tiefer am Hang sah er Trolle, die mit Speersch�ften in den Schnee stie�en und nach Versch�tteten suchten. Vorsichtig kroch Kalf ins Freie. Seine Kleider waren von Schnee verkrustet, sein Haar voller Eis. Ganz langsam robbte er den Hang hinauf. Etwas mehr als hundert Schritt entfernt lag ein dunkler Tannenwald, der von der Lawine verschont geblieben war.</p><p>Jetzt entdeckte Kalf auch �ber sich am Hang einige Trolle. Einer von ihnen musste �ber sein eisiges Gef�ngnis hinweggeschritten sein und hatte ihm so den Weg in die Freiheit gewiesen. Die kleine Gruppe blieb stehen und machte dann wieder kehrt.</p><p>Kalf dr�ckte sein Gesicht in den Schnee und blieb still liegen. Er wagte kaum zu atmen. Wieder h�rte er das Knarzen der Schritte. Langsam kamen sie n�her. Sie blieben stehen! Deutlich waren ihre Stimmen zu h�ren. Sie schienen zu streiten. Endlich entfernten sich die schweren Schritte der Trolle.</p><p>Kalf wartete noch einen Augenblick, dann stemmte er sich hoch und rannte auf den Wald zu. Immer wieder strauchelte er. Erst als er zwischen den B�umen angelangte, wagte er es zur�ckzublicken. Niemand folgte ihm. Hatten sie ihn nicht bemerkt, oder war es ihnen einfach egal, ob ein einzelner Mensch entkam?</p><p>Seine Schulter schmerzte, und sein Kopf f�hlte sich an, als sei ein Kutschpferd darauf herumgetrampelt. Ersch�pft stieg er den Waldhang hinauf. Dann hielt er sich in der N�he des Rentierpfades. Er f�rchtete, auf dem Weg Trollen zu begegnen, deshalb blieb er in der Deckung der B�ume.</p><p>Den ganzen Tag k�mpfte er sich voran. Die Sonne war fast schon hinter den Wipfeln verschwunden, als er ein Feuer roch. Er verharrte und sp�hte den Weg hinauf. Eine Gestalt in einem roten Umhang lehnte an einem Baum. Das Abendrot lie� ihr goldenes Haar wie eine Krone aus Licht erscheinen. Asla!</p><p>Endlich wagte sich Kalf auf den Pfad. Mit weit ausholenden Schritten eilte er Asla entgegen. Sie trug Kadlin in einem Tuch vor ihrem Bauch.</p><p>�Ich wusste, dass du noch kommen w�rdest�, sagte sie l�chelnd.</p><p>Ihr Anblick verlieh Kalf neue Kraft. Sie war so wundersch�n! Nichts von dem Glanz, der sie schon als junges M�dchen umgeben hatte, war verblasst. Am liebsten h�tte er sie in seine Arme geschlossen, aber er f�rchtete die Blicke der anderen. �Habt ihr ein Lager im Wald?�</p><p>�Dort ist eine gro�e Jagdh�tte.� Asla wirkte pl�tzlich verschlossen.</p><p>�Stimmt etwas nicht?�</p><p>�Ich habe befohlen, den Fl�chtlingszug aufzul�sen. Daraufhin gab es Streit. Dort dr�ben lagern jene, die nicht auf mich h�ren wollten. Wir k�nnen nicht weitermachen wie bisher. Wir haben zu wenig Krieger, um noch einmal zu k�mpfen. Es w�re wie letzte Nacht, nachdem die Palisade gest�rmt wurde ...� Ihre Stimme stockte. �Ich musste diesen Befehl geben! Die Trolle behandeln uns wie Schlachtvieh. Es liegt nun an uns, sich nicht mehr wie Vieh zu verhalten! Rentiere schlie�en sich zu gro�en Herden zusammen, weil sie dann sicherer sind. Die W�lfe holen immer nur die Schw�chsten, diejenigen, die nicht die Kraft haben, mit der Herde zu fl�chten. Aber keine Herde ist je von ein paar hundert W�lfen gehetzt worden. Es ist nicht sicher f�r uns, als eine gro�e Gruppe zu ziehen. Im Gegenteil! Wenn die Trolle uns finden, dann werden sie uns alle t�ten. Nur wenn wir viele kleine Gruppen bilden, wenn die Herde wieder in einzelne Familien zerf�llt und jeder in eine andere Richtung flieht, werden zumindest einige entkommen.� Kalf deutete zu der blassen Rauchs�ule, die zwischen den B�umen aufstieg. �Was ist mit ihnen?�</p><p>Aslas Z�ge wurden h�rter. �Das sind die Schwachen und Mutlosen. Und jene, die nicht von ihnen lassen k�nnen. Sie haben entschieden, bei der Jagdh�tte zu bleiben und auf die Gnade der G�tter zu vertrauen.� Ihre Stimme klang jetzt rau. �Sie ... Wenn wir alle zusammen weitergezogen w�ren, dann h�tten wir sie auch zur�cklassen m�ssen.� Asla schloss die Arme um Kadlin, die eng an sie gekuschelt in dem Tragetuch schlief. �Die Trolle werden meine Kleine nicht bekommen! Die meisten Fl�chtlinge haben entschieden, lieber in den W�ldern zu erfrieren, als darauf zu warten, dass man sie wie Schlachtvieh holen kommt.�</p><p>�Wohin willst du gehen?�</p><p>Asla deutete nach Westen. �Auf der anderen Seite des Tals soll es H�hlen geben. Dort k�nnten wir Zuflucht finden.�</p><p>Der Fischer blickte zu den Wolken, die im Norden aufzogen. Ihnen blieben nur ein paar Stunden. �Wie weit ist es bis zum anderen Ende des Tals?�</p><p>�Wenn wir in der Nacht nicht rasten, dann m�ssten wir morgen fr�h die H�hlen erreichen.�</p><p>Kalf streckte ihr die Hand entgegen. �Dann sollten wir jetzt besser gehen.� Sie hatte Recht. Alles war besser, als hier zu warten.</p></section><section><title><p>Ein goldenes Haar</p></title><p>Orgrim hatte Respekt vor dem Mut der Menschlinge. Niemals h�tte er gedacht, dass diese kleinen, zerbrechlichen Gesch�pfe in der Lage w�ren, ihnen so schwere Verluste beizubringen.</p><p>Der Herzog blickte �ber das zerw�hlte Schneefeld. Die Abendsonne tauchte den Hang in blassrosa Licht. Noch immer suchten Krieger mit langen Stangen nach ihren vermissten Kameraden. Mehr als sechzig Tote hatten sie schon aus dem Schnee geborgen.</p><p>Orgrim sch�ttelte den Kopf. Den Menschlingen musste klar gewesen sein, dass keiner von jenen, die sich zum Kampf gestellt hatten, �berleben w�rde. Ihre Barrikade hatte die engste Stelle des Bergpfades blockiert. Den Ort, an dem der Strom aus Schnee, Felsen und zersplitterten B�umen am t�dlichsten w�ten musste. Sie hatten sich geopfert, um m�glichst viele Trolle mit sich ins Verderben zu rei�en.</p><p>Der Herzog dachte an den Angriff der Eissegler im Swelm-Tal. Durch ihre fanatische Opferbereitschaft wurden die Menschlinge fast genauso gef�hrlich wie die Elfen. Es war t�richt, diesen Krieg im Fjordland zu f�hren. Er kostete zu viel Trollblut! Sie sollten abziehen. Zur�ck zur Snaiwamark oder zu den Felsenburgen, die hoch im Norden an der Grenze zum ewigen Eis lagen. Orgrim dachte an all die Weiber, die in der Nachtzinne auf ihn warteten.</p><p>Er war des K�mpfens m�de. Sein Volk hatte sich einen Platz in Albenmark zur�ckerobert. Die Menschlinge waren bestraft worden. Es war an der Zeit zu gehen!</p><p>Er blickte hinab zu der langen Reihe von Toten, die am Rand des Schneefeldes lagen. H�tte er Dumgar nicht den Befehl verweigert, w�rde er jetzt vielleicht auch dort unten liegen, dachte Orgrim bedr�ckt. Er sollte sich von dem Herzog vom Mordstein trennen. Dessen Torheiten wurden immer t�dlicher.</p><p>Orgrim beobachtete, wie Birga einen kleinen, dunkelhaarigen Menschling aus dem Schnee zerrte. Der Kerl strampelte noch. Die Schamanin drehte ihn um und stemmte ihm ein Knie in den R�cken. Mit der einen Hand dr�ckte sie seinen Kopf nieder, in der anderen hielt sie ein schmales Knochenmesser. Sie schnitt dem Mann in den Hals. Sein Strampeln wurde schw�cher.</p><p>Neugierig geworden, ging Orgrim zu der Schamanin hin�ber. Das Blut f�cherte in kleine Rinnsale auf, die einander vielfach kreuzten, bevor sie ganz im Schnee versickerten. Nachdenklich musterte Birga das Bild, das entstanden war.</p><p>�Welche Geheimnisse verbirgt die Zukunft vor uns?� Der Herzog bem�hte sich um einen unbeschwerten Tonfall, was ihm aber nicht wirklich gl�ckte. Die Blutrituale der gesichtslosen alten Vettel waren ihm unheimlich.</p><p>Birga gebot ihm mit einer knappen Geste zu schweigen. Sie drehte den Menschen auf den R�cken. Dort, wo sein Hals zuvor gelegen hatte, war durch das warme Blut ein Loch in den Schnee geschmolzen. �Unheil zieht von Norden auf�, sagte die Schamanin pl�tzlich. Sie deutete zu den dunklen Wolken am Horizont, die den ganzen Tag �ber kaum n�her gekommen waren. �Der Wind wird drehen und Pfeile tragen.�</p><p>Orgrim hasste es, wenn die Schamanin in Orakeln sprach, in die man nachtr�glich alles hineindeuten konnte.</p><p>�Und was r�tst du mir?�</p><p>�Nimm deine Krieger und geh in die Berge. Verfolge die Menschlinge. Es gibt eine, die musst du finden. Ihre Anf�hrerin.� Birga stie� ein kurzes, bellendes Lachen aus. �Sie nennen sie Herzogin, mein Herzog. Das passende Weib f�r dich ... Ihr Blut ist von gro�er Macht.� Die Schamanin blickte auf das blutige Muster im Schnee zu ihren F��en. �Nicht so wie dieses hier.�</p><p>Orgrim betrachtete die Wolken am Horizont. �Wie soll ich dieses Weib finden? Wenn der Sturm kommt, wird er alle Spuren l�schen.� Birga sah zu ihm auf. Dunkle Augen gl�nzten hinter der Ledermaske. �Ich wusste, dass du gehen w�rdest, wenn ich es dir sage. Deshalb war ich in der H�tte dieses Menschenweibchens. Knie nieder vor mir!�</p><p>Orgrim gehorchte. Er mochte die Schamanin nicht, aber er hoffte, dass sie f�r ihn sprechen w�rde, wenn Dumgar ihn beim K�nig anklagte.</p><p>Birga nahm ein Lederband von ihrem Hals, um das sie ein goldenes Haar gewickelt hatte. Vorsichtig l�ste sie es und rieb es zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen Kugel.</p><p>��ffne jetzt den Mund, Orgrim.�</p><p>Sie legte ihm das K�gelchen auf die Zunge. Ihre mit Lumpen umwickelten Finger strichen dem Herzog �ber die Augenlider. Der d�nne, zerfaserte Stoff stank nach Verwesung. Birga murmelte etwas Unverst�ndliches vor sich hin. Dann versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Stirn. �Du wirst die Spuren des Menschlingsweibs selbst dann finden, wenn sie unter dem Schnee verborgen liegen oder sich mit hundert anderen F�hrten mischen. Sie kann dir nicht mehr entkommen!�</p><p>�Aber es wird aussehen, als w�re ich ein Feigling, wenn ich mit meinen M�nnern den Heerzug verlasse.�</p><p>Birga stie� ihm ein zweites Mal vor die Stirn. �Benutze deinen Kopf, Herzog! Sag Dumgar, du h�ttest die Weisheit seiner Worte begriffen und w�rdest dich ihm f�gen. Dieser aufgeblasene Dummkopf wird es gern annehmen, wenn du mit deinen M�nnern in die Berge ziehst, um Fleisch f�r den R�ckzug zu jagen.�</p><p>�Und was wirst du tun, Birga?�</p><p>�Ich werde mit dir kommen. Ich will dieses Menschlingsweib. Sie hat ein tapferes Herz.� Die Schamanin schnalzte mit der Zunge.</p><p>Orgrim dachte an das Versprechen, das er der Tyrannin gegeben hatte. Er sah nach Norden. Der Wind hatte gedreht. Die dunklen Wolken kamen nun rasch n�her.</p></section><section><title><p>Hoffnungen</p></title><p>Alfadas hatte die Anf�hrer seines kleinen Heeres um sich geschart: die Veteranen der blutigen Tage um Phylangan und zwei junge Jarls, die sich ihnen tags zuvor mit ihren Reitern angeschlossen hatten. Sie waren �berlebende der letzten Schlacht K�nig Horsas. Tapfere M�nner. Einen von ihnen, Jarl Oswin, kannte Alfadas von fr�heren Feldz�gen. Doch diesmal traute er ihm nicht. Oswin und seine M�nner waren schon einmal vor Trollen gefl�chtet. Alfadas wollte sie morgen pers�nlich anf�hren.</p><p>Der Kriegsrat fand unter freiem Himmel statt. Man hatte die Schlitten dicht zusammengeschoben, um ein wenig Schutz vor dem Wind zu haben. Fackeln steckten im Schnee, Ihre Flammen tanzten wild im Wind. Mit Einbruch der D�mmerung hatte der Sturm sie erreicht. Eisige B�en fegten �ber den Fjord. Au�er den Schlitten aus Phylangan gab es keinen Schutz vor dem Unwetter.</p><p>Der Herzog nahm sein Schwert und deutete auf die winzigen H�gel, die Ollowain aus Schnee geformt hatte. Es war ein Abbild des Passes, der hinauf nach Sunnenberg f�hrte. Zwei �ste markierten die beiden Palisaden auf dem Rentierpfad. Einige graue Steine zeigten, wo das Dorf lag.</p><p>Mit der Schwertspitze zeigte er auf den oberen der beiden �ste. �Hier k�mpfen unsere V�ter und Br�der.� Er musste fast schreien, um gegen das Heulen des Windes anzukommen. �Unsere Freunde aus Kindertagen. Sie verteidigen Frauen und Kinder, vergie�en ihr Blut f�r uns.� Der Herzog blickte zu dem jungen Mann, den Lambi und die Sp�her am Mittag auf dem Eis des Fjords aufgegriffen hatten. �Berichte uns von den K�mpfen, Olav.�</p><p>Der Holzf�ller sprach mit fester Stimme. Er schilderte, wie die Verteidiger drei Tage lang die erste Palisade gehalten hatten. Furcht und Stolz erf�llten Alfadas, als er h�rte, wie Asla unter den Kriegern auf dem Wehrgang gestanden hatte. Seine Asla! So wie Olav berichtete, war es vor allem ihr zu verdanken, dass die K�mpfer durchgehalten hatten.</p><p>�So schwer waren ihre Verluste, dass die Trolle es zwei Tage lang nicht mehr wagten anzugreifen. Und das, obwohl die zweite Palisade niedriger und schw�cher ist. Noch gestern Nacht, als ich den Rentierpfad hinabgeschlichen bin, ruhten die Waffen.�</p><p>Alfadas� Schwertspitze deutete auf den Eingang zum Passweg. �Hier, bei den Tr�mmern der ersten Palisade, lagern die Trolle. Ich vertraue darauf, dass die Verteidiger den Pass noch einen weiteren Tag gehalten haben. Aber sie sind in h�chster Not. Sie brauchen uns. Von hier aus sind es mehr als drei Meilen bis zum Lager der Trolle. Mit etwas Gl�ck haben sie in dem Unwetter ihre Sp�her zur�ckgezogen. Vielleicht k�nnen wir sie �berraschen. Wir werden vor Morgengrauen aufbrechen, damit wir in der ersten D�mmerung in Sichtweite des Passes kommen.�</p><p>�Und was ist, wenn es dann immer noch st�rmt?�, fragte Mag.</p><p>�Wir haben auch in der Snaiwamark eine Schlacht in einem Schneesturm geschlagen. Hast du vergessen, wie die Trolle damals vor uns geflohen sind?� Alfadas sah die M�nner einen nach dem anderen an. Die Schlacht auf dem Eis war nicht wirklich gl�cklich verlaufen.</p><p>Aber sie w�rden die Fehler von damals nicht wiederholen!</p><p>�Olav sagt, dass die Verteidiger am Ende ihrer Kr�fte sind. Jede Stunde z�hlt. Um ihretwillen d�rfen wir uns nicht von einem Sturm aufhalten lassen. Und wie es scheint, haben die Trolle diesmal keine Katapulte. Sie haben die Palisade jedenfalls nicht beschossen.�</p><p>Alfadas zog eine d�nne Linie vor den Pass. �Hier wirst du die Armbrustsch�tzen aufstellen, Mag. Dahinter stehst du mit den Speertr�gern. Du f�hrst das Kommando im Zentrum unserer Schlachtlinie. Sollten die Trolle uns immer noch nicht bemerkt haben, wenn unsere Schlachtlinie steht, dann rufen wir sie mit unseren H�rnern. Du wirst die Armbrustsch�tzen zur�ckziehen, wenn die Trolle bis auf vierzig Schritt heran sind. Ich vertraue darauf, dass die Linie der Speertr�ger nicht zusammenbricht, wenn diese Bestien gegen euch anst�rmen.�</p><p>�Wir werden aushalten, so wie die M�nner auf der Palisade ausgehalten haben�, entgegnete Mag grimmig. �Vielleicht wirst du das Eis bedeckt mit unseren Leibern finden, wenn die Schlacht vor�ber ist. Aber keiner meiner M�nner wird eine Wunde im R�cken haben. Du kannst dich auf uns verlassen, Herzog!�</p><p>Alfadas zog eine zweite Linie in den Schnee. �Hier auf der linken Flanke werden unsere Bogensch�tzen stehen. Veleif, du wirst dort das Kommando f�hren.�</p><p>Der Skalde sah ihn erschrocken an. �Ich bin kein Krieger, Herzog! Ich kann das nicht.�</p><p>Alfadas legte sich die Linke auf die Brust. �Schlachten werden zuallererst in den Herzen der K�mpfer entschieden. Du verstehst es, Herzen zu entflammen, Veleif Silberhand. Lass meine Bogensch�tzen zu stolz sein, um fortzulaufen.�</p><p>Der Herzog wandte sich an Lambi. Der Jarl wirkte beleidigt.</p><p>�Und wo soll ich hin? Bin ich nicht mehr gut genug, den Trollen in den Hintern zu treten? Wirst du mir die Sache mit den T�ren denn niemals verzeihen? Ich ...� Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Die Elfen werden sie nicht vermissen. Ich w�nschte, wir h�tten noch ein paar mehr mitgenommen.�</p><p>Alfadas musste schmunzeln. Er mochte den Jarl, �ber dessen Nase man nicht sprach, von ganzem Herzen. F�r ihn war der Streit in Phylangan l�ngst vergessen. �Du und deine Halsabschneider, ihr werdet hier stehen.� Er zeichnete einen Kreis hinter die beiden Linien im Schnee. �Du wirst dich dort bereithalten, Lambi. Sobald die Trolle auf Mag und seine Speertr�ger treffen, f�llst du ihnen in die Flanke.�</p><p>Lambi grinste. �Sie werden sich ihre riesigen F��e bepissen, wenn wir sie morgen bei den Eiern packen.�</p><p>�Pack nicht blo� zu. Rei� sie ihnen ab!� Alfadas� Hand sank auf Ulrics Dolch, den er am G�rtel trug. �Rei� sie ihnen ab�, sagte er noch einmal leise.</p><p>Er durfte jetzt nicht an seinen Sohn denken, ermahnte er sich stumm. Sein Wunsch nach Rache w�rde ihn am klaren Denken hindern. Alfadas blickte zu Silwyna. Sie war vor nicht einmal einer Stunde auf einem zu Tode ersch�pften Hengst angekommen.</p><p>�Die Maurawan werden noch zu uns sto�en?�, fragte er misstrauisch.</p><p>�Ja!�, bekr�ftigte sie entschieden. �Die Trolle haben den Wald gesch�ndet. Mein Volk sinnt auf Rache. Es sind mehr meiner Br�der und Schwestern deinem Ruf gefolgt, als ich zu hoffen gewagt h�tte. Weit �ber hundert. Noch nie sind so viele Maurawan in eine Schlacht au�erhalb unserer W�lder gezogen. Sie wissen um deine Schlachten in der Snaiwamark. Du hast einen guten Namen bei meinem Volk. Sie kommen um deinetwillen, nicht wegen der K�nigin.�</p><p>Alfadas blickte zweifelnd nach Norden, dann deutete er auf einen kleinen H�gel auf der rechten Flanke der Schlachtlinien, die er in den Schnee gezeichnet hatte. �Hier brauche ich die Bogensch�tzen der Maurawan. Mir fehlen die Krieger, um unseren rechten Fl�gel stark zu machen.�</p><p>�Wem von uns wirst du dich anschlie�en?�, fragte Lambi. Alfadas hatte bislang in jeder seiner Schlachten in vorderster Reihe gek�mpft. Und er wusste, dass es unter seinen Kriegern einen Wettstreit darum gab, mit welchen Truppen er am h�ufigsten in den Kampf zog.</p><p>�Ich werde bei den Reitern sein.� Der Herzog malte einen kleinen Kreis hinter den H�gel. �Hier!�</p><p>�Aber ihr seid zu wenig!�, sagte Mag best�rzt. �Kaum zwanzig. Die Trolle werden euch niedermetzeln, wenn sie �ber unsere rechte Flanke kommen.�</p><p>�Ich vertraue auf die Maurawan. Sie werden diesen H�gel schon f�r uns halten.� Alfadas l�chelte, obwohl ihn selbst die Zweifel plagten. Er wusste besser als irgendein anderer, wie unzuverl�ssig das Waldvolk war. Am Mittag erst waren sie durch den Albenstern auf dem Hartungskliff gekommen. Und die meisten von ihnen hatten keine Pferde. Zweifelnd blickte er zu Silwyna.</p><p>�Sie sind Wipfell�ufer�, sagte sie in der Sprache ihres Volkes.</p><p>Sah man ihm die Zweifel so deutlich an?</p><p>�Niemand durchquert die W�lder wie wir Maurawan. Sie werden morgen Fr�h auf dem H�gel sein. Ich breche sofort auf, um ihnen die Nachricht zu bringen. Vertraue mir.�</p><p>Ihre letzten Worte trafen ihn wie ein Dolchstich ins Herz. Alfadas straffte sich. �Mit den Meisten hier bin ich einen langen Weg gegangen. Morgen werden einige von uns vielleicht nicht mehr leben. Ich mache euch nichts vor. Unsere Aussichten sind nicht gut.� Er deutete auf die Karte am Boden. �Wenn die Trolle die zweite Palisade durchbrechen, dann gibt es ein weiteres Massaker. Sie haben schon zu viel Blut vergossen ... Sagt euren M�nnern, dass ich keinem befehle, in diese Schlacht zu ziehen. Ich m�chte nur Freiwillige an meiner Seite haben. Es ist wie damals am Ufer bei Honnigsvald. Wer jetzt geht, �ber den soll niemand schlecht reden. Sagt das allen. Redet ihnen nicht ins Gewissen! Sagt es einfach und begebt euch dann zur Ruhe. Die Nacht ist kurz, und wer morgen mit mir k�mpft, wird all seine Kr�fte brauchen.�</p><p>�Meine M�nner sind Halunken und Halsabschneider�, rief Lambi aufgew�hlt. �Aber gerade deshalb kannst du dich darauf verlassen, dass wir morgen dort sein werden, wo es gilt, H�lse durchzuschneiden. Wir werden dich nicht im Stich lassen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Alfadas m�de. Er hob die H�nde, um die anderen am Reden zu hindern. �Ich vertraue euch allen. Von euch, die ihr hier im Kreis der Fackeln steht, wird morgen keiner fehlen. Doch nun gebt mich frei, f�r die wenigen Stunden, die dieser Nacht noch bleiben. Lasst mich allein mit meinen Erinnerungen und meinen Gebeten.� Mit diesen Worten verlie� er den Kreis seiner Hauptleute und trat eine jener einsamen Wanderungen an, die ihm in den letzten N�chten zur Gewohnheit geworden waren.</p><p>Schlie�lich f�hrten ihn seine Schritte zu Blut. Sie hatten den Hund am sp�ten Nachmittag mehr tot als lebendig in einer Schneewehe am Ufer gefunden. Sein Fell war ganz mit Eis �berzogen gewesen. Obwohl er am Ende seiner Kr�fte war und einen Lauf gebrochen hatte, versuchte er sich davonzuschleppen, als Alfadas zu ihm kam. Der Herzog hatte sich fast eine Stunde Zeit f�r den Hund genommen. Er hatte ihm das Eis aus dem Fell geb�rstet und ihn mit kleinen Streifen Trockenfleisch gef�ttert. Blut war mit einem dicken Seil an einem der Schlitten angebunden. Als der Hund Alfadas sah, sprang er auf und kl�ffte. Wieder wollte er davonlaufen. �Ruhig, mein Feiner. Ruhig. Ich wei�, was du willst.�</p><p>Der Herzog kniete neben ihm nieder. �Du willst mich zu Kadlin bringen, nicht wahr. Gedulde dich noch diese Nacht. Morgen werde ich mit dir kommen.�</p><p>�Bist du dir da sicher?�</p><p>Alfadas musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer hinter ihm stand. Es hatte ihn schon gewundert, dass Ollowain w�hrend des Kriegsrats kein einziges Wort gesagt hatte.</p><p>�Bist du dir sicher, dass du leben willst? Dein Schlachtplan ist die blanke Unvernunft. Ich war dabei, als der junge Holzf�ller von den Trollen erz�hlt hat. Er sagte, es seien vier- oder f�nfhundert. Deine Veteranen m�gen sehr tapfer sein, Herzog, aber du musst vier von ihnen f�r jeden Troll aufbieten, den es zu besiegen gilt. Wenn du morgen k�mpfst, werden sie alle sterben. Denk an Asla und Kadlin!�, ermahnte ihn der Elf.</p><p>Alfadas strich Blut �ber das struppige Fell. �Ich denke an nichts anderes. Sie h�tten den Hund nicht geschickt, wenn sie nicht in h�chster Gefahr w�ren.�</p><p>�Du machst dir da etwas vor, mein Freund! Asla wei� doch nicht einmal, dass du zur�ckgekehrt bist. Warum sollte sie den Hund schicken?�</p><p>�Sie sp�rt, dass ich auf dem Weg zu ihr bin�, entgegnete er w�tend.</p><p>�Das redest du dir ein, und das wei�t du auch. Es gibt nur einen vern�nftigen Grund, warum Blut nicht mehr bei deiner Tochter und deinem Weib ist.� Ollowain packte ihn bei den Schultern. �Verschlie� dich nicht vor dem Offensichtlichen! F�hre deine M�nner nicht in den Tod, um zu retten, was l�ngst verloren ist!�</p><p>�Sie leben!� Alfadas stie� seinen Freund von sich. �Sie sind hinter der zweiten Palisade, und sie warten auf mich. Du musst morgen nicht k�mpfen, wenn du Angst hast. Die Maurawan werden dort sein. Sie sind der Schl�ssel zum Sieg. Und vielleicht kommen auch noch Orimedes und seine Kentauren. Lysilla hat ihn sicher l�ngst gefunden.�</p><p>�Du wei�t, dass ich den Tod nicht f�rchte�, sagte Ollowain traurig. �Aber ein Feldherr, der seine Schlachtreihen mit Hoffnungen statt mit Kriegern f�llt, der macht mir in der Tat Angst. Dennoch werde ich morgen bei dir sein, mein Freund. Wenn du schon nicht auf dich achtest, dann muss ich es tun.�</p><p>Alfadas blickte nach S�den. Die Sturmb�en hatten nachgelassen. Es fing an zu schneien. �Sie sind dort irgendwo�, sagte er leise. �Und sie brauchen mich.�</p></section><section><title><p>�Sie liegt vor dir!�</p></title><p>Ollowain blickte die Schlachtlinie entlang. Alle waren sie gekommen, obwohl Alfadas ihnen freigestellt hatte zu gehen. Oder vielleicht gerade weil er es getan hatte?</p><p>Er sah nach rechts zu dem H�gel. Die Maurawan waren nicht erschienen! Nicht einmal Silwyna war zur�ckgekehrt. Aber die Trolle hatten sich eingefunden. Auch wenn es keine f�nfhundert zu sein schienen, waren es allemal mehr als genug, um die Menschens�hne in St�cke zu schlagen.</p><p>Der Herzog sa� mit versteinerter Miene auf dem grauen Hengst, den ihm F�rst Fenryl zum Abschied geschenkt hatte. Jetzt war es zu sp�t, um sich noch zur�ckzuziehen.</p><p>Die Trolle r�ckten in einem ungeordneten Pulk vor. Sie bewegten sich auf den rechten Fl�gel zu, dorthin, wo der H�gel lag, den niemand besetzt hielt. Wenn sie ihn erreichten, k�nnten sie die ganze Schlachtlinie der Menschenkinder aufrollen.</p><p>Alfadas zog sein Schwert. Mit einem gezwungenen L�cheln wandte er sich dem kleinen H�uflein Reiter zu. �Wie es scheint, werden wir unsere Elfenfreunde aus den W�ldern ersetzen m�ssen.�</p><p>Das metallische Klacken der Armbr�ste erklang. Dutzende Bolzen schlugen in die Flanke der Trolle. Krieger strauchelten und schrien, doch der Vormarsch auf den H�gel verlangsamte sich nicht. So gering sch�tzten die H�nen die Kampfkraft der Menschen, dass sie nicht einmal jene riesigen Schilde trugen, die Ollowain aus den K�mpfen um Phylangan kannte.</p><p>Die Bogensch�tzen unter Veleifs Kommando schossen Salve auf Salve. Doch sie waren zu weit entfernt, um gro�en Schaden anzurichten.</p><p>Alfadas hob sein Schwert hoch �ber den Kopf. �Vorw�rts, M�nner! In Horsas letzter Schlacht seid ihr besiegt worden. Nun zeigt allen, dass ihr heute die Tapfersten der Tapferen seid!� Ohne sich noch einmal umzudrehen, um zu sehen, wer ihm in diesen aussichtslosen Kampf folgte, gab Alfadas seinem Grauen die Sporen. Ollowain brachte seinen Hengst an die Seite des Menschensohns. Keiner der anderen Krieger blieb zur�ck. Sie waren zwanzig gegen ein paar hundert. Der Elf l�chelte d�nn. Es gab keinen Zweifel, wie dieses Gefecht ausgehen w�rde.</p><p>Im tiefen Schnee kamen die Pferde nur langsam voran. Die Trolle w�rden zuerst den H�gel erreichen. Der Schwertmeister sah, wie Mag versuchte, eine Einheit aus Speertr�gern schwenken zu lassen, um auf die ver�nderte Lage zu reagieren. Binnen Augenblicken geriet die Formation hoffnungslos durcheinander. Lambis M�nner schwenkten ein, doch die Speertr�ger standen ihnen nun im Weg. Die Trolle hatten es geschafft, mit ihrem Angriff auf die Flanke die ganze Schlachtlinie durcheinander zu bringen.</p><p>Ollowain trieb seinen Hengst an. F�nfzig Schritt noch, dann erreichten die Trolle den H�gel. Eine zweite Salve Armbrustbolzen riss einige ihrer Krieger zu Boden. Die h�nenhaften K�mpfer br�llten ihnen ihre Schlachtrufe entgegen. Sie verhie�en Tod und Gemetzel.</p><p>Pl�tzlich lief eine Welle �ber den H�gelkamm. Der Schnee w�lbte sich auf. Schlanke wei�e Gestalten wuchsen aus dem Boden. Ollowain erkannte Silwyna zwischen ihnen. Die Maurawan! Auf k�rzeste Distanz schossen sie ihre Pfeile ab. Fast alle Krieger in der Frontreihe der Trolle wurden zu Boden gerissen. Die nachdr�ngenden K�mpfer strauchelten �ber die Gest�rzten. Eine weitere Salve Pfeile lie� den Angriff vollends zusammenbrechen.</p><p>Ollowain konnte kaum fassen, was er sah. Die Maurawan mussten schon in der Nacht ihre Stellung auf dem H�gel bezogen haben. Sie hatten Mulden in den Schnee gegraben und sie mit ihren wei�en Umh�ngen und Pelzen abgedeckt, um sich einschneien zu lassen. Der Neuschnee hatte alle Spuren gel�scht, sodass es ausgesehen hatte, als habe niemand den H�gel betreten.</p><p>Langsam erholten sich die Trolle von ihrem Schock. Entschlossen, den Sieg noch nicht verloren zu geben, rannten sie gegen den Pfeilsturm an.</p><p>�Vorw�rts!�, rief Alfadas voller Begeisterung. �Fallen wir ihnen in die Flanke! Unsere Waffenbr�der aus Albenmark sollen nicht allen Ruhm allein ernten.�</p><p>Ein helles Signalhorn erklang. Noch einmal liefen Wellen durch den Schnee. Reiter und Pferde erhoben sich aus eingeschneiten Verstecken. Die Elfen schwangen sich in die S�ttel. Gewappnet in wei�e R�stungen aus Leinen und Leder, mit silbernen Helmen, von denen helle Rosshaarschweife flatterten, sahen sie aus wie verzauberte Kinder, die der Winter selbst geboren hatte. Beritten auf Schimmeln, mit wehenden, schneeverkrusteten Umh�ngen, st�rmten sie den Hang hinab. Lange Lanzen schimmerten im Morgenlicht. Binnen weniger Herzschl�ge bildeten sie einen Angriffskeil, der auf die Mitte der feindlichen Schlachtlinie zielte.</p><p>Auch Alfadas und seine Krieger hatten die Trolle nun fast erreicht. Pfeile sirrten �ber ihre K�pfe hinweg, dann legten die Sch�tzen auf dem H�gel die B�gen nieder und zogen ihre Langschwerter. Angef�hrt von Silwyna, st�rmten sie den Hang hinab.</p><p>Ollowain dr�ngte dichter an die Seite seines Ziehsohns. Lanzen splitterten, als sie auf die wankende Schlachtreihe der Feinde trafen. Die Mehrzahl der Trolle war immer noch wild entschlossen zu siegen. Pferde wieherten. Ollowain beugte sich tief in den Sattel, um einem Keulenhieb auszuweichen. Sein Speer traf einen Feind in den Hals, doch es war, als h�tte er mit der Waffe auf einen Felsblock eingestochen. Der Ruck riss ihm den Speer aus der Hand. Ein Troll griff seinem Hengst in die Z�gel und warf das Pferd zu Boden. Ollowains Stiefel verhedderten sich in den Steigb�geln. Verzweifelt versuchte er sich zu befreien. Der Schnee nahm seinem Sturz ein wenig von der Wucht und rettete sein Bein, als er unter dem Leib des Hengstes begraben wurde. Wild mit den Hufen auskeilend, rollte sich das Tier ab. Das Sattelhorn streifte Ollowains Oberschenkel. Brennender Schmerz z�ckte durch das Bein.</p><p>Der Hengst kam wieder hoch und stieg. Seine Vorderl�ufe trommelten dem Troll ins Gesicht, der nach den Z�geln gegriffen hatte. Halb ohnm�chtig vor Schmerz, schaffte der Schwertmeister es, sich aufzurichten.</p><p>Der Schnee dampfte von frisch vergossenem Blut. Pferde, Menschen und Trolle waren ineinander verkeilt. Die Luft war erf�llt von w�tenden Schreien, Waffengeklirr und den Fl�chen und dem Wimmern der Sterbenden. Ollowains Hose war zerrissen. Sein Oberschenkel, vom Sattelhorn gequetscht, qu�lte ihn mit pochenden Schmerzen.</p><p>Ein rothaariger Menschensohn st�rzte neben den Elf. Ein Axthieb hatte ihm den R�cken gespalten. Wie pulsierende rote Fl�gel dr�ckten sich seine Lungen aus der gr�sslichen Wunde. Der Mann drehte den Kopf zur Seite. Sein Mund �ffnete und schloss sich, ohne dass er einen Ton hervorbrachte.</p><p>Der Schwertmeister unterlief einen Keulenhieb. Mit einem R�ckhandschlag traf er den Troll am Handgelenk. Keule und Hand wirbelten durch die Luft, doch Ollowain brach in die Knie. Sein verletztes Bein wollte ihn nicht tragen. Der schreiende Troll versuchte ihn in den Schnee zu stampfen. Ein Stich in sein Gem�cht lie� ihn fluchend zur�ckspringen. Der n�chste Hieb traf den Troll in die Kniekehle. Er strauchelte. Noch im St�rzen schlitzte Ollowain dem H�nen die Kehle auf und rollte sich zur Seite.</p><p>Alfadas war umringt von Gegnern. Wie ein Berserker stie� er mit dem Schwert um sich. Ein Axthieb durchtrennte beide Vorderl�ufe seines Grauen. Schrill wiehernd st�rzte der gro�e Hengst. Alfadas wurde �ber die M�hne hinweg nach vorn geschleudert. Fast augenblicklich war er wieder auf den Beinen und zog mit seinem Schwert einen silbern schillernden Kreis um sich. Die Trolle gingen auf Abstand. Jetzt waren auch die Maurawan heran. Wilder H�rnerklang begleitete ihre Schlachtrufe. Wie ein Sturmwind in trockenes Herbstlaub, so fuhren sie unter die Trolle.</p><p>Ollowain stemmte sich hoch. Hinter Alfadas� R�cken holte ein verwundeter Troll zu einem Keulenhieb aus, um dem Herzog die Beine zu zerschmettern. Ein Stich in die Schulter des H�nen setzte der Bewegung ein Ende. Br�llend fuhr der Troll herum. Sein rechter Arm hing schlaff herab. Stinkender Atem schlug dem Schwertmeister ins Gesicht. Die Waffe wurde ihm aus den H�nden gerissen. Sein verletztes Bein knickte erneut unter ihm weg.</p><p>�Dich nehme ich mit ins Dunkel, Elflein�, fauchte der Troll. Er st�tzte sich auf die linke Hand, von deren Fingern nur noch Stummel �brig waren, und schob sich herum, um Ollowain unter seinem massigen K�rper zu begraben.</p><p>Der Schwertmeister versuchte, r�ckw�rts davonzukriechen, doch der Leib eines toten Pferdes versperrte ihm den Weg. Lachend warf sich der Troll nach vorn. Ollowain wollte ausweichen, aber sein lahmes Bein gehorchte ihm nicht mehr. So konnte er dem Gegner nicht ganz entgehen. Der Troll dr�ckte ihn mit der verst�mmelten Hand nieder. Gelbe Z�hne bleckten in seinem Maul. �Noch hab ich nicht alle Waffen verloren�, keuchte er.</p><p>Ollowains Hand tastete nach dem G�rtel. Das klaffende Maul senkte sich. Im selben Augenblick schnellte der Dolch hoch. Z�hne knirschten und splitterten, als der Silberstahl dem Troll ins Maul fuhr. Die Klinge verschwand tief im Rachen. Noch im Sterben versuchte der H�ne Ollowain in die Hand zu bei�en.</p><p>�Was f�r gr�ssliche Unf�lle Schwertschlucker doch haben k�nnen�, gr�lte Lambi, den das Get�mmel der Schlacht ausgespien hatte. Er streckte Ollowain die Hand entgegen und half ihm auf die Beine. �Danke�, murmelte der Schwertmeister benommen. Dann zog er dem toten Troll das Schwert aus der Schulter. �Du solltest jetzt lieber deine Haut retten, Kumpel. Ich kann nicht die ganze Zeit auf dich aufpassen, und so wie es aussieht, bist du nicht mehr sonderlich gut zu Fu�.�</p><p>Ollowain l�chelte s�uerlich. Er war Lambi dankbar, aber mit der Art, wie dieser Barbar redete, w�rde er sich niemals anfreunden k�nnen.</p><p>Der Jarl winkte einem Krieger, der ein herrenloses Pferd eingefangen hatte. �Bring das r�ber. Der Schwertmeister braucht ein paar Ersatzbeine.�</p><p>�Ich danke dir, Jarl�, entgegnete Ollowain steif.</p><p>Lambi winkte ab. �Lass mal gut sein. Wenn du mir wirklich einen Gefallen tun willst, dann verrate mir, wie du es hinbekommst, in deinen wei�en Gew�ndern immer so sauber auszusehen. Bei der Nase, die ich mit mir herumtrage, sollte ich darauf achten, dass es an mir sonst nichts auszusetzen gibt, wenn ich bei den Weibsbildern Eindruck machen will.�</p><p>Ollowain zog sich st�hnend in den Sattel. �Das ist leicht�, stie� er gepresst hervor. �Du musst nur den Schmutz meiden.�</p><p>Der wei�e Hengst stieg auf die Hinterbeine und h�tte den Schwertmeister fast abgeworfen. Ollowain griff in die M�hne. Aus dem Sattel hatte er einen guten �berblick �ber die K�mpfe. Die Trolle zogen sich zur�ck. Sie wurden jetzt von allen Seiten bedr�ngt. Obwohl sie noch immer Widerstand leisteten, stand ihre Niederlage au�er Frage. Die eigentliche Schlacht war vor�ber. Was nun folgen w�rde, war das Gemetzel. Mitten im Get�mmel steckte Alfadas. Auch er hatte ein neues Pferd. Ollowain fragte sich, ob sein Ziehsohn den Tod suchte. Die Grenze zwischen Mut und selbstm�rderischer Tollk�hnheit hatte Alfadas l�ngst �berschritten. Der Elf gab seinem Hengst die Sporen und trieb ihn ins Gedr�nge der Schlacht.</p><p>Das gro�e Pferd strauchelte. Dicht an dicht lagen Tote und Sterbende auf dem Eis. Es stank nach Blut und Exkrementen. Der Himmel hatte den Atem angehalten. Es regte sich nicht der leiseste Lufthauch.</p><p>Die Trolle schafften es noch einmal, die Umklammerung ihrer Feinde zu durchbrechen. Sie eilten der Palisade entgegen. Wenn sie sich im engen Passweg verschanzten, dann h�tten Menschen und Elfen keinen Vorteil mehr von ihrer �bermacht.</p><p>Ollowain trieb seinen Hengst voran. Dumpfer, pochender Schmerz in seinem Bein qu�lte ihn. Er �berlie� es anderen, die Fl�chtenden niederzustechen. Sein Ziel war der gedrungene Krieger, der in der Bresche des Walls stand. Er dr�ckte eine zierliche, wei�e Gestalt an sich. Der Schwertmeister fluchte. Sie hatten Emerelle! Dann war also die Palisade gefallen, und die Fl�chtlinge waren besiegt. Sie kamen zu sp�t!</p><p>�Ich verlange freien Abzug!�, rief der Troll mit sich �berschlagender Stimme. �Ich bin Dumgar, der Herzog vom Mordstein. K�nig Branbart wird meinen Tod f�rchterlich r�chen, wenn ihr mir etwas zu Leide tut.� Der Troll hob die Rechte. Darin hielt er ein langes Knochenmesser. �Und ich werde der Tyrannin die Kehle ...� Ein Pfeil riss Dumgar die Waffe aus der Hand. Der Trollherzog schrie auf. Emerelle lie� sich nach vorn fallen und versuchte dem Herzog zu entkommen.</p><p>Ollowain riss an den Z�geln und glitt aus dem Sattel. Eine hei�e Woge von Schmerz erfasste ihn, als er sein verletztes Bein belastete. Humpelnd eilte er der K�nigin entgegen. Dumgar versuchte Emerelle zu packen. Er griff nach ihrem langen Haar. In der Linken schwang er eine Keule.</p><p>Pl�tzlich stand ein schlanker Krieger vor ihm. Alfadas zog dem Troll sein Schwert mitten �ber den Bauch. Dann drehte er sich zur Seite, duckte sich und rammte Dumgar einen Dolch in die Kniekehle.</p><p>Ollowain erreichte Emerelle. Der K�nigin waren die H�nde auf den R�cken gebunden. Man hatte ihr einen Knebel in den Mund gesteckt und eine Lederbinde �ber die Augen gelegt. Er schloss sie in die Arme. �Du bist in Sicherheit, Herrin.�</p><p>Der Trollf�rst presste seine H�nde auf den Leib. Blutige Ged�rme rutschten aus dem klaffenden Schnitt. Alfadas stand dicht vor Dumgar. Er hielt ihm einen schlanken Dolch entgegen. �Kennst du diese Waffe, M�rder? Sie geh�rte einem Kind. Ich werde dir damit deine Leber herausschneiden und sie dann an meinen Hund verf�ttern. Und solltest du wiedergeboren werden, so schw�re ich dir, werde ich dich finden und noch einmal t�ten.�</p><p>�Du bist sicher der Elfenjarl�, stie� Dumgar hervor. �Du kommst zu sp�t!� Ein Hustenkrampf sch�ttelte ihn. Er ging in die Knie. Noch immer hielt er mit beiden H�nden seinen Leib umklammert. �Du hast ein h�bsches, blondes Weib, dem du einen dicken Bauch gemacht hast, nicht wahr. Meine J�ger haben sie letzte Nacht im Wald gefunden. Von ihrem Stolz ist da nicht mehr viel geblieben.�</p><p>Alfadas lie� den Dolch sinken. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.</p><p>Der Troll zog seine H�nde zur�ck. Bl�uliche Darmschlingen quollen aus seinem feisten Leib und platschten in den Schnee.</p><p>�Es war k�stlich, ihr begegnen zu d�rfen.� Dumgar hustete. Weitere Darmschlingen quollen ihm aus dem Leib. �Sie liegt vor dir�, stie� er keuchend hervor. �Sie liegt vor dir!�</p><p>Hustend sank er vorn�ber in den Schnee.</p></section><section><title><p>Zum Licht</p></title><p>Ulric rieb sich �ber die nackten Arme. Er fror erb�rmlich. Gundar hatte nicht Recht behalten. Ihre Kleider waren nicht trocken geworden. Und das Feuer war verloschen. Sie sa�en schon eine Ewigkeit in der Dunkelheit. Die K�lte hatte Ulric geweckt. Er h�tte nicht einschlafen sollen! Aber er war so m�de gewesen. Er hatte verschlafen und kein neues Holz auf die Glut gelegt. Er k�nnte heulen vor Wut. Aber es half nicht. Er hatte die Asche durchw�hlt in der Hoffnung, wenigstens noch einen winzigen Funken zu finden. Vergebens. Er h�tte nicht einschlafen d�rfen!</p><p>Halgard machte ihm keine Vorw�rfe. Sie sprach schon lange nicht mehr. Ihre Z�hne klapperten. Ihre H�nde f�hlten sich eisig an.</p><p>Wenn wenigstens Blut zur�ckkehren w�rde! Ob er wohl noch lebte? Ulric lauschte in die Finsternis. Er betete, das leise Pl�tschern von Wellen zu h�ren. Aber es war totenstill.</p><p>Totenstill! Ulric musste an Halgards Worte denken. Sie lagen hier in einem Grab. Yilvina atmete nicht. Der Troll... Manchmal glaubte Ulric zu h�ren, wie er sich ganz leise bewegte. Der Kerl war heimt�ckisch! Vielleicht hatte er sich ja nur tot gestellt? Oder er war eine Weile ohnm�chtig gewesen. Und jetzt wartete er darauf, sie anzugreifen.</p><p>Trolle waren heimt�ckisch, hinterh�ltig und unbegreiflich! Er dachte daran, wie ihn der Troll mit den Brandnarben auf dem Bauch in Honnigsvald gepackt und ihm seinen Dolch abgenommen hatte. Der Mistkerl hatte sich gar nicht dazu herabgelassen, richtig mit ihm zu k�mpfen. Seinen Dolch hatte er einfach weggeworfen. Und dann hatte der Troll ihn zu dem Platz gebracht, wo alle geschrien hatten. Ulric wusste, was da getan wurde! Er hatte es gesehen.</p><p>Dort h�tte auch er umgebracht werden sollen.</p><p>Doch dann war dieser andere Troll mit dem Steinhammer im G�rtel gekommen. Die beiden hatten geredet. Der Steinhammertroll hatte Ulric dann lange angesehen und ihm schlie�lich etwas in seiner Grenzsprache gesagt. Ulric hatte das nat�rlich nicht verstanden, aber er hatte begriffen, dass er gehen durfte. Halgard hatte er schnell wieder gefunden. Er war gut darin, Halgard wieder zu finden!</p><p>Sie war sehr erleichtert gewesen, als er zur�ckgekehrt war. Ganz wie in der Stadt, als er von Gro�vaters Schlitten gesprungen war. Er hatte Erek gesagt, er werde nach hinten zu Kalf und Mutter gehen. Da hatte er gelogen. Hoffentlich w�rde Gro�vater ihm das verzeihen.</p><p>Halgard war verloren gegangen, als die Schlitten losgefahren waren, ganz wie er es bef�rchtet hatte. Aber er hatte sie gleich gefunden. Sie h�tten es sogar fast noch geschafft, den letzten Schlitten zu erreichen, h�tten nur die Wachen das Stadttor nicht so schnell geschlossen ... Als dann Trolle nach Honnigsvald gekommen waren, hatten sie ihn und Halgard wie alle anderen zum Ufer des Fjords gebracht. Und dann hatten sie damit angefangen, einzelne M�nner und Frauen zu holen. Ulric erinnerte sich an die Schreie. Das war schlimm gewesen. Daran sollte er nicht denken! Es machte ihm selbst jetzt noch Angst.</p><p>Er starrte in die Dunkelheit.</p><p>Wenn er nur ein klein wenig sehen k�nnte! Ulric hob die Hand und bewegte sie langsam auf sein Gesicht zu. Selbst als die Handfl�che seine Nasenspitze ber�hrte, konnte er sie nicht erkennen. Zu Hause war es nie so dunkel gewesen. Selbst wenn die dicke Wolldecke vor seiner Nische zugezogen war, kam immer noch ein leichter Lichtschimmer herein. Es war, als habe er keine Augen mehr im Kopf. Er stutzte. Konnte das sein? Vielleicht hatte der Troll ihm ja die Augen fortgehext?</p><p>Ulric tastete nach seinem Gesicht. Nein. Sie waren noch da.</p><p>�Hast du auch Angst?�, fragte Halgard.</p><p>Der Junge konnte ihre Worte kaum verstehen, so schwach war ihre Stimme.</p><p>�Nein!�, sagte er entschieden. Er war doch ihr Held! Er durfte keine Angst haben. Er hatte sie vor dem Troll besch�tzt. Und er war zur�ck nach Honnigsvald gegangen, um sie zu holen. Wenn es nur nicht so dunkel w�re ... Es war leichter, keine Angst zu haben, wenn man sehen konnte.</p><p>�Ob es drau�en wohl Tag ist?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Ulric kam sich so nutzlos vor. Er machte sich von dem M�dchen los. �Ich seh einmal nach Yilvina. Vielleicht kann ich etwas f�r sie tun.� Eigentlich h�tte er nicht einmal aufstehen m�ssen, um die Elfe zu ber�hren. Aber M�nner taten etwas. Sie sa�en nicht nur herum!</p><p>Als er Yilvinas Leib anfasste, erschrak er. Sie war eiskalt! Die ganze Flucht �ber hatte sie immer warme H�nde gehabt, K�lte hatte ihr nie etwas anhaben k�nnen. Das war bei Elfen wohl so. Sie froren einfach nicht. Er w�nschte sich, auch ein Elf zu sein! Wenn sie jetzt kalt war ... Ulric schluckte. Dann war sie wohl auch tot. Wieder packte ihn die Angst. Hier in der H�hle starb man! Das war kein Ort f�r die Lebenden. �Wie geht es ihr?�, wollte Halgard wissen.</p><p>Er konnte ihr das nicht sagen. Es w�rde ihr sicher noch gr��ere Angst machen als ihm. Sie war schlie�lich ein M�dchen. �Sie schl�ft tief und fest. Yilvina wird sicher wieder gesund.�</p><p>�Sie hat sich schlimm angef�hlt...�</p><p>�Yilvina ist eine Elfe. Die bringt so was nicht um. Sie ...� Pl�tzlich konnte er die Tr�nen nicht mehr unterdr�cken. Es war alles so schrecklich. Niemand w�rde sie hier in dieser H�hle finden! Halgard kroch zu ihm her�ber. Ihre Hand strich sanft durch sein Haar. �Ist es hier ganz dunkel?�</p><p>�Ja�, schluchzte er mit halb erstickter Stimme.</p><p>�Vielleicht sollten wir ins Wasser gehen? Drau�en war doch ein Windbruch, hast du gesagt. Da, wo ich mich mit den Haaren verfangen habe. Da finden wir sicher trockenes Holz. Und eine Erdh�hle, in die wir uns verkriechen und ein Feuer machen k�nnen. Yilvina hat irgendwo einen Feuerstein. Ich habe geh�rt, wie sie Funken daraus geschlagen hat. Den nehmen wir mit. Und ihr Messer.�</p><p>�Ich glaube, die Sachen sind in ihrer Jagdtasche.� Ulric tastete aufgeregt umher. Das war eine gute Idee! Hier im Dunklen w�rde es ihnen niemals mehr gelingen, ein Feuer anzuz�nden. Man musste dabei sehen, was man tat!</p><p>Aber drau�en ... Da w�rde es schon gl�cken.</p><p>Er fand die Tasche. Hastig durchf�hlte er sie. Da waren ein kleiner Dolch, runde Holzd�schen, die sich angenehm glatt anf�hlten, lederne Beutelchen, irgendwelche Kr�uter, die zwischen seinen Fingern knisterten. Und endlich ertastete er auch den Feuerstein. �Ich hab die Sachen�, verk�ndete er stolz.</p><p>�Dann lass uns zum Wasser gehen. Aber du musst mich bei der Hand halten. Ich habe Angst, dass ich sonst verloren gehe.�</p><p>�Ich suche den G�rtel�, entgegnete der Junge eifrig.</p><p>�Den schnall ich mir um. Ich brauche meine H�nde doch zum Schwimmen und um uns aus dem Eisloch zu ziehen. Mit dem G�rtel wird es gehen!� Die Vorstellung, hinaus zum Licht zu kommen, lie� ihn fast die K�lte vergessen. Nur dumm, dass Halgard auf die Idee gekommen war. Das h�tte ihm auch einfallen k�nnen. W�re es bestimmt auch, wenn er noch ein wenig nachgedacht h�tte!</p><p>Ulric tastete auf dem Boden herum, bis er seinen G�rtel fand. Seine Finger waren so steif vor K�lte, dass er Schwierigkeiten hatte, den Dorn der G�rtelschnalle durch eines der L�cher zu sto�en.</p><p>Halgard war pl�tzlich neben ihm. �Du w�rdest nicht ohne mich gehen, nicht wahr?�</p><p>Was dachte sie von ihm! Er war doch ihr Ritter! Er hatte sie vor einem Ungeheuer gerettet, so wie sie es fr�her immer gespielt hatten. �Nein�, sagte er fest. �Wenn du so etwas noch einmal sagst, dann rede ich nicht mehr mit dir. Das ist gemein, so was von mir zu denken!�</p><p>�Ich wollte dich nicht kr�nken ...� Sie begann zu weinen. �Es ist nur ... Ich hatte dich pl�tzlich nicht mehr geh�rt. Es war, als seiest du fort.� Ulric bekam ein schlechtes Gewissen. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie weinte. Er strich ihr �ber den R�cken. �Ich w�rde niemals irgendwohin ohne dich gehen. Niemals!� Er nahm ihre Hand und f�hrte sie zu dem G�rtel.</p><p>�Halt dich jetzt gut fest. Lass mich nicht los, ganz gleich, was auch geschieht.� Vorsichtig tastete er sich durch die Dunkelheit. Ganz langsam setzte er einen Fu� vor den anderen, bis er das eisige Wasser erreichte. Es benetzte gerade eben einmal seine Zehen. Schaudernd blieb er stehen. �Wir atmen tief ein und dann laufen wir zusammen hinein, ja?�</p><p>�Ja!�, bekr�ftigte Halgard. �Ich z�hle bis drei, dann tun wir es. Eins. Zwei.�</p><p>Ulric hatte das Gef�hl, kleiner zu werden, so sehr zog sich alles in ihm zusammen, wenn er an das Wasser dachte.</p><p>�Drei!�</p><p>Er atmete tief ein. Halgard zog ihn. Sie begann fr�her zu laufen. Er war noch nicht bereit... Er schrie! Es f�hlte sich an, als wolle das Wasser sein Fleisch zerschneiden. Es sch�ttelte ihn. Er rutschte auf dem glatten Fels aus, st�rzte der L�nge nach hin und zog Halgard mit sich. Fast h�tte er unter Wasser noch einmal losgeschrien. Er stie� sich mit den F��en ab. Seine H�nde tasteten �ber glatten Fels. Endlich fand er den Durchgang. Graues Licht begr��te ihn. Das gab neue Kraft. Er strebte dem Licht entgegen und stie� gegen das Eis. Verwirrt tastete er sich darunter entlang. Wo war die Stelle, an der sie durchgebrochen waren? Das Ausstiegsloch war verschwunden! Zugefroren!</p><p>Ulric nahm das kleine Messer und stach auf das Eis ein. Halgard neben ihm trommelte mit nackten F�usten gegen das Verh�ngnis an. Sie begann zu bluten. Blassrosa Schlieren zogen unter der Eiskruste hinweg.</p><p>Seine Bewegungen wurden immer langsamer. Die Str�mung packte sie beide und zog sie unter dem Eispanzer entlang. Deutlich konnte der Junge die Sonne am Himmel sehen. Es hatte etwas Tr�stliches, nicht im Dunkeln zu sein.</p><p>Das Messer entglitt seinen tauben Fingern. Er f�hlte sich m�de. Noch einmal dr�ckte er sein Gesicht gegen das Eis. Etwas griff nach ihm. Dunkle Arme umklammerten seine F��e. Astwerk, dachte er noch m�de. Er blickte hinauf. Die K�lte sp�rte er jetzt nicht mehr. Es war angenehm, vom Wasser getragen zu werden. So sch�n war die Sonne! So fern! So fern ...</p></section><section><title><p>Eine blasse Kinderhand</p></title><p>Der gro�e Hund war am Ende seiner Kr�fte. Meile um Meile hatte er sie den Fjord hinab bis zu einem engen Seitenarm gef�hrt, der von steilen Bergh�ngen eingefasst war. Einer von Bluts Hinterl�ufen war bandagiert und mit zwei h�lzernen Schienen abgest�tzt. Dennoch hinkte er zum Erbarmen. Immer wieder strauchelte er, und jedes Mal dauerte es ein klein wenig l�nger, bis er sich wieder hoch k�mpfte.</p><p>�Er f�hrt uns in die Irre�, sagte Lambi vorsichtig. Er mochte dieser Qu�lerei nicht l�nger zusehen. �Die �berlebenden sind hinauf in die Berge geflohen. Hier wirst du Asla und Kadlin nicht finden.�</p><p>�Du t�uschst dich�, entgegnete der Herzog entschieden. Er schien wie im Fieber. Er war kaum noch der Mann, den Lambi einmal gekannt hatte. Nach der Schlacht hatte Alfadas die Leber des Trollf�rsten an den Hund verf�ttert. Es war ein uralter Brauch im Fjordland, auf diese Weise mit seinen Todfeinden abzurechnen, aber h�tte Lambi es nicht mit eigenen Augen gesehen, er h�tte niemals geglaubt, dass Alfadas, der Elfenjarl, dazu f�hig w�re. Seit sie den Dolch in jenem Knochenhaufen am Ufer bei Honnigsvald gefunden hatten, war etwas in dem Herzog entfesselt worden, das Lambi Angst einjagte. Es war eine dunkle, zerst�rerische Kraft. Vielleicht ein Erbe seines Vaters? Lambi kannte viele der Geschichten �ber Mandred. Er war ein Axtk�mpfer, der mit der Wut eines Berserkers focht. Im Zorn vermochte ihn niemand mehr aufzuhalten, hie� es. Und so geb�rdete sich jetzt auch Alfadas. Der k�hle, stets selbstbeherrschte Anf�hrer war verschwunden. Er hatte einem Getriebenen Platz gemacht, der ohne R�cksicht auf Verluste seinen Weg zu Ende ging. Seit drei Tagen hatte der Herzog kaum noch geschlafen. Eigentlich m�sste er jeden Augenblick zusammenbrechen ...</p><p>Lambi blickte zur�ck. Die kalten Augen der Elfenk�nigin nahmen ihn gefangen. Wusste sie, was hier vor sich ging? Warum hatte sie sich der kleinen Gruppe angeschlossen, die den Herzog auf seiner verzweifelten Suche begleitete? Vielleicht war sie es, die f�r die dunkle Seite von Alfadas verantwortlich war. Sie war so unnahbar, als sei sie in einen Panzer aus Eis eingeschlossen. Lambi hatte sie neben den Sterbenden auf dem Schlachtfeld stehen sehen. Bei den Maurawan, die ihnen in der letzten Schlacht den Sieg gebracht hatten. Der Tod der Elfen schien Emerelle nicht zu ber�hren. Ihr Volk begegnete dem Tod anders als die Menschen. Keiner schrie oder wimmerte. Selten st�hnte einer ihrer Verwundeten. Eine junge Frau, deren Leib durch einen Axthieb zerfetzt war, hatte sich vor Lambis Augen in silbernes Licht aufgel�st. Er hatte das auch bei den K�mpfen in Phylangan ein paar Mal beobachtet. Aber dass es auch hier, an seinem Fjord, zwischen altvertrauten Bergen und W�ldern geschah, machte es noch unheimlicher. Die Sterbende war in diesem Licht aufgegangen. Und trotz ihrer schrecklichen Wunden hatte sie zuletzt gel�chelt. Den Krieger sch�ttelte es bei der Erinnerung. Die Elfen mochten ihre Waffengef�hrten sein, aber sie blieben Furcht einfl��end.</p><p>An der Seite der K�nigin ging Ollowain. Sie beide trugen fleckenloses Wei� und wirkten in ihrer kalten Unnahbarkeit, als seien sie Kinder des Winters. Lambi begriff den Schwertmeister nicht. Ollowain kannte Alfadas besser als irgendein anderer. Er war der Ziehvater des Herzogs! Warum redete er ihm diesen Unsinn hier nicht aus? Wenn Alfadas sich nicht bald Ruhe g�nnte, w�rde er sich noch umbringen! Und er musste �ber die Zukunft des Fjordlands entscheiden. Die �berlebenden Jarls hatten nach der Schlacht so entschieden. Aber Alfadas wollte sie nicht anh�ren! Sie w�rden gewiss nicht ewig warten.</p><p>Au�er den beiden Elfen waren nur Veleif Silberhand und der junge Jarl Oswin auf diese nutzlose Suche mitgekommen. Und sie alle wussten es eigentlich besser, denn sie hatten �berlebende gefunden, die bezeugten, dass Asla und die anderen Fl�chtlinge aus Sunnenberg den Rentierpfad hinauf geflohen waren. Dort suchten jetzt Silwyna und alle, die noch Kraft genug hatten. Wie es schien, war auch ein gr��erer Trupp Trolle �ber den Rentierpfad geflohen.</p><p>Kraftloses Kl�ffen lie� Lambi aufblicken. Blut hatte einen breiten Eichenstamm erreicht, der im Eis gefangen war. Das Ufer hinauf erstreckte sich ein Windbruch. Der Wald sah aus, als habe ein riesenhafter, w�tender Schnitter seine Sense geschwungen. Die St�mme waren zersplittert oder vollends entwurzelt. Sie lagen wild durcheinander. Manche waren hinab in den Fjord gest�rzt. Blut zw�ngte sich unter einem Baumstamm hindurch, der halb aus dem Eis ragte. Nur wenige Schritt hinter der Barriere aus totem Holz endete der Seitenarm des Fjords vor einer steilen Felswand. Blut hatte sie in die Irre gef�hrt! Nun war es ganz offensichtlich. Von hier gab es keinen anderen Weg fort als jenen unter den gest�rzten B�umen hindurch. Und auf dem Eis war nichts! Alfadas st�tzte sich mit einem Seufzer auf den Eichenstamm, w�hrend der gro�e Hund sich weiter vorw�rts schleppte.</p><p>�Unser Weg endet hier wohl�, sagte Lambi leise. �Luth allein wei�, was in den Hund gefahren ist. Lass uns nun reden, Herzog. Die Jarls wollen dir die K�nigskrone antragen. Und du w�rst ein ausgemachter Trottel, wenn du nicht zustimmst. Das Fjordland braucht einen Mann wie dich. Einen weisen Herrscher, der zugleich stark genug ist, dass alle ihn anerkennen werden.�</p><p>�Wie soll ich �ber ein Land herrschen, wenn ich nicht einmal meine Familie zu sch�tzen vermag?�, fragte der Herzog verbittert. �Ich will keine Krone! Ich werde meine Frau und mein Kind suchen. Nichts anderes ist jetzt mehr von Bedeutung f�r mich.�</p><p>Das war genug! Alfadas musste wieder anfangen, klar zu denken! Verzweifelt packte Lambi ihn bei den Schultern. �Komm wieder zu dir! Was l�ufst du diesem lahmen Kl�ffer hinterher? Ich wei� nicht, was der Troll zu dir gesagt hat, als er vor deinen F��en verreckt ist, aber diese dreckigen Bastarde sind L�gner. Vergiss ihn! Seine Worte waren die letzte Waffe, die ihm noch blieb. Dieser stinkende Misthaufen wollte dich verletzen, begreif das doch endlich! Und so wie es aussieht, hat er dich wirklich tief in deinem Herzen getroffen. Wir sind Waffenbr�der. Wir sind zusammen durch das Blut von Freunden und Feinden gewatet. Du hast mich in eine fremde Welt und wieder zur�ckgef�hrt. Traue meinen Worten und nicht diesem Mistkerl von einem sabbernden Trollf�rsten! Ich kann verstehen, dass du deine Familie suchst. Aber warum hier?� Lambi deutete auf die steile Felswand vor ihnen. �Das f�hrt zu nichts! Warum bist du nicht in den Bergen auf dem Rentierpfad? Das hier macht keinen Sinn! Ich h�tte nicht �bel Lust, dir mit einer Keule eines �ber den Sch�del zu ziehen, damit du ein paar Stunden zur Ruhe kommst. Wenn du erst einmal geschlafen hast, wirst du einsehen, dass du hier nur Gespenstern nachjagst!�</p><p>Alfadas machte sich los. �Du verstehst das nicht. Blut ist der Hund meiner Tochter Kadlin. Er gehorcht niemandem au�er ihr. Er wird mich zu ihr f�hren. Es kann gar nicht anders sein. Du wirst schon sehen.� Mit diesen Worten duckte sich der Herzog unter dem Baumstamm hindurch.</p><p>Blut war nur ein paar Schritt von der Steilwand entfernt. Wie besessen kratze er am Eis, doch seine Pfoten rutschten nur haltlos vom kalten Panzer ab, mit dem der Fjord sich f�r den Winter gewappnet hatte. Kalter Wind fegte den Schnee in d�nnen Schleiern �ber den Fjord und heulte in den Felsen.</p><p>Lambi standen Tr�nen der Wut in den Augen. Was konnte er denn noch tun, um seinen Freund wieder zur Vernunft zu bringen? Er w�nschte, er w�sste, was dieser verfluchte Troll gesagt hatte. Ollowain, der daneben gestanden hatte, wollte es ihm nicht verraten. Was f�r Worte vermochten einen Mann wie Alfadas in den Wahnsinn zu treiben?</p><p>Veleif trat neben den Jarl. �Hast du es ihm gesagt?�, fragte der Skalde.</p><p>�Die Krone k�mmert ihn einen Dreck! Und er w�re kein Mann, dem ich folgen w�rde, wenn es anders w�re. Gib ihm ein paar Tage, bis er sein Weib und seine Tochter gefunden hat.�</p><p>Veleif sch�ttelte den Kopf. �Menschen warten, K�nigreiche nicht. Das muss er begreifen. Ich glaube nicht, dass die Jarls ihn ein zweites Mal fragen werden. Eine Krone weist man nicht zur�ck.�</p><p>�Wen sollten sie sonst fragen? Jeder von ihnen h�tte zu viele Neider. Nein, Alfadas ist der einzige Mann, auf den sich alle einigen k�nnen. Sie werden ihn wieder fragen!�, sagte Lambi mit Nachdruck.</p><p>�Und wenn man dich fragen w�rde?�</p><p>Der Jarl schnaufte. �Mich? Hast du jemals von einem K�nig mit einer halben Nase geh�rt? Vergiss es, Veleif. Ich erinnere mich noch an die grinsenden Gesichter, als ich in Ketten nach Albenmark geschleppt wurde. Die betrachten mich nicht einmal als ihresgleichen. Eher findest du ein Schaf, das Goldst�cke schei�t, als dass diese eingebildeten Hurenreiter mich �ber sich stellen.�</p><p>Der Skalde kauerte sich in den Windschatten des Stammes.</p><p>�Vielleicht sollte ich ein Heldenlied �ber dich dichten. Mit der Zeit w�rde man dich in einem anderen Licht sehen.�</p><p>�Wor�ber willst du singen? �ber einen Helden, der goldene T�ren klaut? Lass es! Wenn du mehr als zwei Verspaare �ber meine Heldentaten zusammenbringen wolltest, m�sstest du hemmungslos l�gen.� Lambis Blick wanderte zu den Elfen. Sie verharrten in einigem Abstand. Der eisige Wind zerrte an ihren Gew�ndern. Die K�nigin trug nicht mehr als ein d�nnes Kleidchen und war barfu�! Fr�stelnd w�nschte sich der Jarl, er h�tte sein goldenes Amulett behalten k�nnen.</p><p>Oswin kam zu ihnen her�ber. Lambi f�hlte sich unwohl in Anwesenheit des jungen Jarls. Oswin war zu h�bsch f�r einen Mann! Mit seinen gr�nen Augen, dem langen, rotblonden Haar und den bartlosen Wangen sah er aus wie eine Jungfer. Und zu allem �berfluss benahm er sich in Gegenwart der M�nner, die aus Albenmark zur�ckgekehrt waren, so unbeholfen wie ein J�ngling, der zum ersten Mal in Liebe entflammt war. F�r ihn waren alle, die ins Elfenreich gezogen waren, Helden.</p><p>�Darf ich mich zu euch stellen?�, fragte Oswin. Lambi war versucht, es ihm zu verbieten, nur um zu sehen, wie der junge Jarl reagieren w�rde. �Mach nur�, brummte er stattdessen und sah zu Alfadas hin�ber. Der Herzog kauerte auf dem Eis und starrte in das dunkle Wasser darunter. Noch immer versuchte der verr�ckte Hund, ein Loch ins Eis zu kratzen.</p><p>�Was Blut wohl erz�hlen w�rde, wenn er reden k�nnte�, sagte Veleif und rieb sich fr�stelnd die Arme.</p><p>�Hunde, die reden? Man muss wohl Skalde sein, um sich so einen Unsinn auszudenken.�</p><p>�Na, irgendeinen Grund wird Blut schon haben, dass er Alfadas hierher schleppt.� Das dumme Geschw�tz �rgerte Lambi.</p><p>�Ich hab auch nicht f�r alles einen Grund, was ich tue. Stell dir vor, manchmal kratz ich mich am Hintern, ohne dass es mich gejuckt hat.�</p><p>Oswin blickte betreten zu Boden. Offensichtlich war das kein Gespr�ch, wie er es von Helden erwartet hatte. Lambis Laune besserte sich sofort, als er sah, wie verlegen der junge Jarl wurde.</p><p>�Du vergleichst dich also mit einem Hund?�, fragte Veleif spitz.</p><p>�Wie kommst du darauf? Soll das ein Scherz sein? Mach noch so einen Spruch, und ich verknote dir deine Finger so, dass du in einsamen N�chten in Zukunft deine F��e zu Hilfe nehmen musst!�</p><p>�Du sagtest doch ...�, begann Veleif.</p><p>Oswin lie� sich auf die Knie nieder. �Seht ihr das?� Er wischte etwas Schnee zur Seite. �Bei allen G�ttern! Das sind ja Kinder!�</p><p>Lambi sah nur wei�e Schemen. Etwas hatte sich im Wasser zwischen den dunklen �sten verfangen. Es bewegte sich sanft mit der Str�mung. Pl�tzlich strich eine Hand �ber das Eis. Eine blasse Kinderhand! Ein Gesicht erschien. Einen Augenblick nur. Doch lange genug, es zu erkennen. Lambi hatte den Jungen nur ein einziges Mal zuvor gesehen ... Aber der Elfendolch ... Wie war das m�glich? Der Kleine war doch schon in Honnigsvald ...</p><p>Die Str�mung dr�ckte den Jungen etwas tiefer. Wieder war er nur ein heller Schemen. Lambis Magen zog sich zusammen. Er blickte hin�ber zu Alfadas. Wie sollte er ihm das sagen? Sollte er es sagen?</p><p>�Es ist sein Sohn, nicht wahr?�, fl�sterte Veleif. �Ich dachte ...� Alfadas sah auf. Noch immer kratzte der Hund am Eis. �Hier ist eine Bruchstelle�, sagte der Herzog mit schwerer Stimme.</p><p>Lambi zog sich am Baumstamm hoch. Warum hatte er nur mitkommen m�ssen! Alfadas musste es wissen. Er sollte von seinem Jungen Abschied nehmen k�nnen!</p></section><section><title><p>Das Totenfeuer</p></title><p>Sein Haar klebte Alfadas nass in der Stirn. Er war in der H�hle gewesen und hatte die Spuren gelesen. Verzweifelt presste er die Lippen zusammen und k�mpfte gegen die Tr�nen an. Sein Junge ... Er hatte Yilvina und Halgard verteidigt. Warum war Ulric ins Wasser gegangen? Wie lange mochte er in der Finsternis ausgeharrt haben? Wie lange hatte er darauf gewartet, dass Blut Hilfe brachte? Der Herzog ballte die Rechte zur Faust und biss hinein, doch der Schmerz in der Hand vermochte den tieferen Schmerz nicht auszublenden. Er h�tte nicht warten d�rfen! Wenn er sofort Blut gefolgt w�re ... Er war nur um ein paar Stunden zu sp�t gekommen. Ein paar l�cherliche Stunden!</p><p>Yilvina lebte noch. Emerelle war zuversichtlich, dass sie durchkommen w�rde. Sie w�rde ihm erz�hlen k�nnen, was geschehen war. Ein einzelner, bitterer Lacher entrang sich Alfadas� Kehle. Er hatte seinen Sohn tot geglaubt. Nun war es so gekommen. Und doch f�hlte es sich an, als sei Ulric ein zweites Mal gestorben. Ollowain kam �ber das Eis.</p><p>Der Herzog machte eine abwehrende Geste. Er wollte mit niemandem sprechen. Am Ufer, ein St�ck hinter dem Windbruch, war der Scheiterhaufen. Letztes Abendrot tauchte die Bergflanken in rosa Licht. Von Osten her breitete die Nacht ihre Schwingen aus.</p><p>Lambi erschien neben Ollowain. Der Elf hielt ihn zur�ck. Alfadas nickte seinem Ziehvater einen stummen Gru� zu. Dann sah er wieder hin�ber zu dem Scheiterhaufen. So nahm man im Fjordland von Helden Abschied. Man gab sie nicht in die Erde zu den W�rmern. Ihr Leib sollte Rauch und Asche werden und in den Himmel fahren. Auch war das Feuer ein Zeichen an die G�tter, dass ein Held auf dem Weg in ihre Hallen war. Sie beobachteten die Welt und achteten auf diese Zeichen, so sagten die Priester. Alfadas w�nschte, er k�nnte daran glauben. Dann w�re es leichter ... Wenn er w�sste, dass Ulric mehr als nur Rauch sein w�rde. Dass dort noch etwas war, jenseits des Lebens.</p><p>W�re Gundar doch nur hier ... So oft hatte er den Priester verspottet! Gundar h�tte sicher die richtigen Worte gefunden, um Ulric ...</p><p>Mit schweren Schritten trat Alfadas ans Ufer. Die D�mmerung ging rasch in Dunkelheit �ber. Er war es Ulric schuldig, den Scheiterhaufen in dieser Stunde zu entz�nden. Dann waren die G�tter besonders aufmerksam. Alfadas wusste, dass Ulric diese Geschichten geglaubt hatte. Er war ja noch ein Kind. Und er hatte Geschichten von G�ttern, Helden und Trollen geliebt. Wieder biss sich der Herzog in die Hand. Nun war Ulric selbst nur mehr eine Geschichte.</p><p>Neben dem Scheiterhaufen steckte eine Fackel im Kies des Ufers. Ulrics letzte Bettstatt war aus Birkenst�mmen geschichtet. Es roch nach frischem Harz. An der Seite seines Sohns ruhte Halgard. Ollowain hatte seinen wei�en Umhang gegeben, um die nackten Kinder zuzudecken. Ihre Gesichter sahen so friedlich aus, als schliefen sie, die Arme �ber der Brust verschr�nkt.</p><p>Wie frisches Blut lag Halgards rotes Haar auf dem Umhang. Emerelle stand bei den H�uptern der Kinder. Sie trug ihr d�nnes wei�es Gewand. Ein auff�lliger Stein ruhte auf ihrer Brust. Er sah aus wie ein schlichter Feldstein und hing an einem d�nnen Lederband. Wind spielte mit dem offenen Haar der Herrscherin. Als sie Alfadas� Schritte auf dem Kies knirschen h�rte, blickte sie auf. Dann trat sie wortlos zur�ck.</p><p>Dort, wo der Scheiterhaufen errichtet war, reichten blasse Birkenst�mme bis zum Ufer hinab. Der Wind lie� ihre d�nnen �ste wispern. Fl�sternd sangen sie seinem Sohn ein Totenlied.</p><p>Alfadas blickte in Ulrics blasses Antlitz. Das Gesicht des Jungen war schmaler geworden, seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Es wirkte h�rter. Die Lippen, die ihm so oft ein verschw�rerisches L�cheln geschenkt hatten, waren zusammengepresst.</p><p>Der Herzog dachte an ihre spielerischen Duelle mit Holzschwertern, an Sommernachmittage, an denen sie auf einer Bergwiese lagen, den Wolken zusahen und er ihm Geschichten erz�hlte. M�rchen und Sagas, die von einer Welt voller Wunder k�ndeten.</p><p>�Ich war in der H�hle und habe die Spuren gelesen.� Tr�nen erstickten Alfadas� Stimme. �Du hast sie geliebt, meine Geschichten, und du hast sie gelebt. F�r dich war auch das Fjordland ein Ort, an dem tapfere Recken verwunschene Prinzessinnen retten. Ein Ort, an dem das Gute stets �ber das B�se triumphiert. Menschen wie du sind kostbar, mein Sohn; eben weil sie ihren Glauben an Wunder nicht verloren haben, verm�gen sie den anderen Wunder zu schenken.� Er nahm den Elfendolch und schob ihn seinem Sohn unter die gefalteten H�nde. �Luth hat dir nur einen kurzen Lebensfaden gesponnen, Ulric, aber du warst, was du dir immer ertr�umt hast: ein Held. Veleif wird gewiss eine Saga �ber dich dichten. Sie wird wohl so kurz wie dein Leben werden ... Aber ich glaube, die Menschen in diesem Land werden sich immer an dich erinnern, so wie sie sich an K�nig Osaberg erinnern. Du bist ausgezogen, deine Prinzessin zu retten, und du hast einen Troll erschlagen � in einem Alter, in dem andere Kinder Steckenpferde reiten. Halgard und du, ihr seid euren letzten Weg gemeinsam gegangen.� Alfadas stockte, seine Stimme versagte ihm. �Ihr ...�</p><p>Etwas, das K�nig Horsa ihm einmal gesagt hatte, kam ihm wieder in den Sinn. Du wei�t ja, unsere Heldengeschichten enden immer tragisch und blutig. So ist das im Fjordland.</p><p>�Ich w�nschte, du w�rst nicht im Fjordland geboren worden.�</p><p>Goldene Birkenpollen tanzten im letzten D�mmerlicht. Alfadas senkte die Fackel. Das Holz des Scheiterhaufens war voller junger Triebe. Es w�rde nicht richtig brennen. Noch w�hrend Alfadas die bleichen St�mme ansah, entrollte sich ein Blatt an einem der frischen Triebe. Er blickte auf. Die Luft war erf�llt von goldenem Bl�tenstaub. Frisches Gr�n schm�ckte die Birken am Ufer, und sie standen in voller Bl�te ... Mitten im Winter!</p><p>�Wirf die Fackel fort�, sagte Emerelle sanft. �Du wirst sie nicht brauchen. Das Lebenslicht der Kinder war nicht ganz verloschen. Ein letzter Funke war geblieben. Ich habe ihnen von meinem Licht gegeben. Sie werden zur�ckkommen aus dem Dunkel. Gib ihnen nur ein wenig Zeit.�</p><p>Die K�nigin wirkte ersch�pft. Im schwindenden Licht sah Alfadas F�ltchen um ihre Augen, die er nie zuvor bemerkt hatte. Sie strich �ber den schlichten Stein auf ihrer Brust. �Du hattest Recht, Alfadas. Menschen, die den Glauben an Wunder nicht verloren haben, verm�gen manchmal anderen Wunder zu schenken. Nun leg dich nieder und ruhe. Ich werde �ber deinen Schlaf wachen.�</p></section><section><title><p>Der K�nig</p></title><p>Voll banger Hoffnung blickte Alfadas im schwindenden Abendlicht den Rentierpfad hinauf. Zehn Tage waren seit der Schlacht mit den Trollen vergangen. Er war mit den Kindern nach Sunnenberg zur�ckgekehrt. Ulric und Halgard ging es gut. Zu seiner �berraschung war Emerelle geblieben. Sie k�mmerte sich um die Kinder, aber auch um andere Verletzte und Gebrechliche. Sie hatte sich ver�ndert. Noch immer wirkte sie unnahbar, aber er h�tte niemals gedacht, dass sie sich in stinkende, �berf�llte Fl�chtlingsquartiere begeben w�rde, um alten Frauen die Gicht zu nehmen, Kindern erfrorene Zehen zu retten und die Wunden seiner Krieger zu schlie�en. Von �berall her kamen die �berlebenden des Trollkriegs nach Sunnenberg, Menschen, die au�er dem nackten Leben alles verloren hatten. Erst allm�hlich zeigte sich, wie schrecklich der Heerf�hrer der Trolle gew�tet hatte. Alle St�dte und D�rfer, die n�rdlich von Gonthabu lagen, waren verbrannt. �berall entlang der Ufer fanden sich Sch�delst�tten wie jene in Honnigsvald, in der man Ulrics Dolch gefunden hatte. Und niemand wusste zu sagen, wie viele �berlebende auf der Flucht waren. Hunderte waren auf dem Fjord und in den W�ldern erfroren. Alfadas hatte Reiter und Schlitten ausgesandt, um nach Fl�chtlingen zu suchen. Der Herzog blickte auf das Tal hinab. Die ersten Lichter brannten. Frierende dr�ngten sich um Feuer im Schnee. Wie ein Flickenteppich erstreckten sich die �rmlichen Behausungen der Verlorenen entlang des Rentierpfads. Sie waren aus allem gebaut, was greifbar war. Aus Segeltuch, alten Decken und miteinander verflochtenen Tannenzweigen. Manche hatten W�nde aus Schnee. Viele bestanden aber nur aus einem Dach. Sie waren nicht geeignet, einem Winter zu trotzen, der noch viele Wochen dauern w�rde.</p><p>Auf Alfadas� Befehl hin waren alle Kranken und Verletzten in den wenigen festen H�usern von Sunnenberg untergebracht. Auch die Alten und Kinder hatten warme Pl�tze bekommen.</p><p>Obwohl das D�mmerlicht nun immer schneller der Dunkelheit wich, hallte das Tal wider vom rhythmischen Klang der �xte. Vier Tage nach der Schlacht auf dem Eis war Orimedes mit einem Heerzug aus �ber tausend Kentauren �ber den Fjord zu ihnen gesto�en. Sie kamen zu sp�t, um die Trolle zu vertreiben, aber gerade recht, um den Kampf gegen Winter und Elend aufzunehmen. Gro�z�gig teilten sie ihre Vorr�te mit den Menschen. Seit ihrer Ankunft litt niemand mehr Hunger. Anfangs hatten viele Fl�chtlinge die Pferdem�nner mit Scheu, ja sogar mit unverhohlener Angst betrachtet. Zu fremd waren die riesigen Gestalten, halb menschen�hnlich, halb Pferd. Doch mit ihrer rauen Art waren sie den Fjordl�ndern viel �hnlicher als etwa die Elfen. Sie halfen, wo immer sie konnten. Orimedes hatte J�ger in die W�lder geschickt, um die Vorr�te mit Wildbret zu erg�nzen. Der weitaus gr��te Teil der Kentauren aber half, neue H�tten aus Fichtenholz zu errichten. Sieben schlichte, fensterlose H�user wurden jeden Tag fertig. Sie schufen mehr Unterk�nfte, als neue Fl�chtlinge kamen, und bald w�rde der Flickenteppich der Zeltstadt verschwinden.</p><p>Emerelle hatte Yilvina ins Herzland geschickt, um von Meister Alvias Lebensmittel und Kleidung zu fordern. Die Elfenkriegerin war dank der Zaubermacht der K�nigin schnell von ihren Wunden genesen. Von ihr wusste Alfadas um all die Schrecken der Flucht seines Sohnes. Wie w�rde ihn das Erlebte ver�ndern?</p><p>Schon jetzt nahmen die Geschichten, die man sich unter den Fl�chtlingen �ber Ulric erz�hlte, m�rchenhafte Z�ge an. Es hie�, er habe mit dem Schwert des toten K�nigs Osaberg einen Trollf�rsten erschlagen und so seiner Jungfer und einer Elfe das Leben gerettet. In den Geschichten hie� es, dass Ulric und Halgard auf dem R�cken Bluts durch die W�lder geritten seien, besch�tzt von den Geistern der B�ume. Andere erz�hlten, der Geist K�nig Osabergs sei den Kindern erschienen, um sie zu seinem verborgenen Grab zu f�hren und so vor einem Schneesturm zu retten.</p><p>War es wirklich Osaberg, der in der H�hle lag? Der Fl�gelhelm, die Bronzer�stung und das pr�chtige Schwert, all das passte zu den Sagen um den toten K�nig. Aber einen wirklichen Beweis w�rde es wohl niemals geben. Alfadas machte sich Sorgen um Ulric. Es war nicht gut, schon mit sieben Jahren als ein legend�rer Held gefeiert zu werden. Was sein Leben wohl bringen mochte? Gut, dass er Halgard an seiner Seite hatte. Das M�dchen w�rde Ulric schon den Kopf zurechtr�cken, wenn er allzu �berm�tig wurde. Alfadas hatte die Geschichte von dem Geisterhund geh�rt, der Halgard ihre Jugend gestohlen hatte. Emerelle hatte all dies ungeschehen gemacht. Und sie hatte noch mehr getan: Sie hatte Halgard das Augenlicht geschenkt. Das M�dchen war von Geburt an blind gewesen. Jetzt gew�hnte sie sich nur langsam an die neue Gabe. Sie trug eine Schneebrille, um sich vor dem hellen Licht zu sch�tzen. Doch diese Empfindlichkeit w�rde bald vor�bergehen, meinte die K�nigin.</p><p>Alfadas sah hinab zur Zeltstadt. Andere Wunden w�rden l�nger brauchen, um zu heilen, und ganz gleich, wie sehr Emerelle sich bem�hte: Vieles im Fjordland w�rde niemals mehr so werden wie zuvor. Die H�lfte seiner St�dte war verw�stet, der gr��te Teil seiner Krieger tot oder verst�mmelt. Wie sollte man sich sch�tzen, wenn die Trolle wiederkamen?</p><p>Wenn er an all das dachte, was vor ihm lag, f�hlte Alfadas sich alt und m�de.</p><p>Er wandte den Blick vom Tal ab und sp�hte wieder den Rentierpfad hinauf. Wo blieb sein Freund? F�nf Tage war der Elf nun fort. Kam er zu sp�t, weil er sie gefunden hatte? Alfadas� Herz begann schneller zu schlagen, obwohl er sich jede Hoffnung in den letzten Tagen strikt verboten hatte. Die Maurawan hatten Asla und Kadlin nicht finden k�nnen. Und es gab keine besseren F�hrtensucher als sie. Aber sein Freund w�rde mit dem Herzen suchen. Wenn es einen gab, der vielleicht noch etwas finden mochte, was den Maurawan entgangen war, dann war er es!</p><p>Alfadas h�rte den Hufschlag, lange bevor er den Reiter sah. Vorsichtig kam das gro�e Pferd den schneebedeckten Bergpfad hinab. Der Reiter hielt sich sehr gerade im Sattel. Er hatte den Umhang eng um die Schultern geschlungen. Als er den Herzog bemerkte, klopfte er seinem Pferd auf den Hals und stieg ab. Er wirkte sehr m�de.</p><p>Alfadas sp�hte den dunklen Pfad hinauf. Der Reiter war allein. Er h�tte nicht hoffen sollen, dachte der Fjordl�nder bitter. Hoffnung war eine Frucht, deren S��e allzu leicht zu Galle wurde.</p><p>�In der Nacht nach der Lawine hat sie der Schneesturm �berrascht�, sagte Ollowain mit tonloser Stimme. Alfadas sah erschrocken auf. �Hast du ...� Ihm versagte die Stimme. Er versuchte es noch einmal, doch die Frage wollte nicht �ber seine Lippen kommen.</p><p>Sein Freund sch�ttelte den Kopf und lie� sich m�de aus dem Sattel gleiten. �Sie waren nicht unter den Erfrorenen, die ich gefunden habe. Aber ich habe eine Frau getroffen, die gesehen hat, wie Asla und Kadlin in die W�lder gingen. Kalf war auch bei ihnen. Es war kurz bevor der Sturm kam.�</p><p>�Und Silwyna? Bist du ihr begegnet? Ich habe sie seit Tagen nicht mehr gesehen. Vielleicht hat sie ja ...�</p><p>�Ja, ich habe sie tats�chlich gesehen. Wir haben eine Nacht zusammen gelagert. Die Maurawan suchen immer noch nach Fl�chtlingen. Aber sie haben keine gro�e Hoffnung mehr. Es ist schwer, in dieser K�lte ohne Vorr�te und ohne einen gesch�tzten Platz zum Schlafen zu �berleben.�</p><p>Alfadas bemerkte, wie Ollowain seinem Blick auswich. �Was verschweigst du mir?� Der Elf seufzte. �Die Gewissheit, die du suchst, wirst du vielleicht niemals finden. Das Tal dort oben ist sehr gro�. Asla, Kadlin und Kalf k�nnen im Schneesturm die Orientierung verloren haben. Niemand kann sagen, wohin sie gegangen sind. So sehr wir auch suchen, wird es mit jedem Tag wahrscheinlicher, dass wir keine Gewissheit haben werden. Du solltest ...� Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, wer bin ich, dir zu sagen, was du tun solltest.�</p><p>�Wovor weichst du aus? Glaubst du etwa, der Trollf�rst hat die Wahrheit gesagt? Ist es das, was du mir nicht sagen kannst?�</p><p>�Es stimmt, dass nach der Lawine noch Trolle den Rentiersteig hinaufgekommen sind. Die Fl�chtlinge haben sie gesehen.� Er blickte Alfadas zum ersten Mal an. �Du willst wissen, was ich glaube? Ich glaube, dass Dumgar ein L�gner gewesen ist. Er konnte dich nicht mit der Waffe bezwingen, also wollte er dich zumindest mit Worten verwunden. Und das ist ihm auch gelungen. Ich glaube nicht, dass man Asla und Kadlin zu ihm gebracht hat ... Das Problem mit dem Glauben ist, dass er ohne Beweise leben muss. Kannst du es ertragen, einfach nur zu glauben?�</p><p>�Im Lager unten bei der Palisade hat man Kinderknochen gefunden und auch blondes Haar�, sagte Alfadas niedergeschlagen.</p><p>�Und wie viele blonde Frauen gibt es?�, fragte der Elf scharf.</p><p>�Das beweist gar nichts! Ich habe mit Silwyna in einer H�hle gelagert, in der es die Reste eines gro�en Feuers gab. Dort lagen auch Menschenknochen. Kinderknochen! Und die H�hle stank noch nach Trollen. Aber es gab keine Blutspuren. Also haben sie wohl nur Vorr�te �ber dem Feuer gebraten.�</p><p>�Oder aber die Leichen von Erfrorenen�, sagte der Herzog.</p><p>�Ja, auch das ist m�glich. Du wirst keine Gewissheit finden, Alfadas. Ich bin f�r dich in dieses Tal geritten, um als dein Freund deine Zweifel zu besiegen. Doch ich bin gescheitert. Aber in der Ungewissheit liegt auch Freiheit, wenn du stark bist. Du kannst dir selbst aussuchen, was du glauben willst. Und ich glaube, dass Asla ganz bestimmt nicht von Trollen gefressen wurde. Ich habe mit vielen der Fl�chtlinge gesprochen, die jene Sturmnacht �berlebt haben. Sie haben das Unwetter willkommen gehei�en. Sie wollten lieber erfrieren, als von den Trollen gefangen zu werden.�</p><p>Alfadas konnte sich gut vorstellen, dass Asla genauso gedacht hatte. Schlie�lich kannte er ihren k�mpferischen Trotz! In Gedanken sah er sie vor sich, wie sie herausfordernd ihr Kinn vorreckte oder die H�nde in die H�ften stemmte. Kein Schicksalsschlag hatte sie je umwerfen k�nnen. Sie war immer st�rker als er gewesen. Wenn sie sich gestritten hatten, so hatte er ihr zuletzt fast immer nachgegeben. Nie mehr ihre Stimme zu h�ren � das schien ihm unvorstellbar. Aber sie h�tte genau das getan, was Ollowain sagte. Mit Kadlin in den Armen w�re sie dem Sturm entgegenmarschiert. Sie h�tte lange durchgehalten; sich auf Kalf st�tzend, w�re sie bis zum Ende ihrer Kr�fte weitergegangen. Zuletzt h�tte der Fischer wahrscheinlich Asla und Kadlin getragen. Kalf war ein starker Mann. Und wenn auch er zu Tode ersch�pft gewesen w�re, h�tte er nach einer windgesch�tzten Stelle gesucht.</p><p>Alfadas standen Tr�nen in den Augen. Sicher hatten sie Kadlin zwischen sich genommen, um sie mit ihren beiden K�rpern zu w�rmen. Dann hatte Firn seinen wei�en Mantel �ber die drei gezogen. Sie waren eingeschlafen, um nicht mehr aufzuwachen. Man sp�rte keine Schmerzen, wenn der Herr des Winters einen auf diese Weise holen kam, so hie� es.</p><p>Ollowain nahm ihn in die Arme. Das hatte er zuletzt getan, als er als kleiner Junge immer und immer wieder von den Elfenfechtsch�lern besiegt worden war. So sehr er sich auch bem�ht hatte, nie war er so flink gewesen wie sie. Der Schwertmeister hatte ihm damals gesagt, dass er trotzdem gewinnen w�rde, wenn er mehr Treffer einstecken k�nnte als die anderen. Sie hatten ihn mit den h�lzernen �bungsschwertern gr�n und blau gepr�gelt. Er hatte es mit zusammengebissenen Z�hnen weggesteckt. Und tats�chlich hatte er von da an zumindest manchmal gesiegt.</p><p>Alfadas biss die Z�hne zusammen. Jetzt war es wieder so. Er musste sie aushalten, die Treffer, die das Leben austeilte. Zumindest war ihm ein wunderbarer Sohn geblieben.</p><p>�Ich muss jetzt gehen�, sagte er gefasst. �Du wei�t ja, was sie wollen.�</p><p>�Ja. Und ich glaube, dass es richtig ist!�</p><p>Alfadas war sich da nicht so sicher. Er dachte daran, wie Lambi Phylangan verlassen hatte. Seine Vorw�rfe an ihn waren berechtigt gewesen. Er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, was aus seinen M�nnern werden w�rde, wenn sie ins Fjordland zur�ckkehrten.</p><p>Schweigend ging Alfadas neben Ollowain den steilen Rentierpfad hinab. Dann bogen sie nach links in den Weg ab, der zur gro�en Scheune hinter dem Dorf f�hrte.</p><p>�Ich dachte schon, du h�ttest dich verdr�ckt!� Unter einer Gruppe Tannen trat Lambi hervor. �Ich suche dich seit einer Ewigkeit, Alfadas. Eins sag ich dir, du f�hrst dich schlimmer auf als eine Jungfer vor der Hochzeit! Komm jetzt!�</p><p>Der Jarl hielt etwas unter den Arm geklemmt, das in wei�es Tuch eingeschlagen war. Als er den Blick des Herzogs bemerkte, zog er die Brauen zusammen. �Heute ist ein Festtag. Ich will nicht mit dir streiten.�</p><p>�Warum sollten wir streiten?�</p><p>Lambi schlug das Tuch zur�ck und zeigte ihm einen golden gl�nzenden Fl�gelhelm. �Ein K�nig sollte eine Krone haben. Setz ihn mal auf! Ich hab etwas Pergament dabei, um ihn auszupolstern, falls der Helm zu weit f�r dich ist.�</p><p>Alfadas erkannte den Helm sofort wieder. �Du hast ihn aus dem Grab gestohlen. Du ...�</p><p>�Sein Besitzer hatte nichts dagegen, dass ich ihn nehme�, unterbrach ihn Lambi. �Und ein K�nig braucht eine Krone oder zumindest etwas, das ein wenig wie eine Krone aussieht.�</p><p>Ollowain lachte. �Lass ihn machen, Alfadas. Man wird nicht K�nig ohne eine Kr�nungszeremonie. Und das geht nicht ohne Krone. Selbst Emerelle l�sst es hin und wieder �ber sich ergehen.�</p><p>Der Herzog betrachtete zweifelnd den alten Helm. �Du verstehst das nicht. Die Leute glauben, das sei der Helm eines ber�hmten K�nigs. Es ist ...�</p><p>�Das ist ja gerade der verdammte Plan!�, platzte es aus Lambi heraus. �Es hei�t, K�nig Osaberg w�rde zur�ckkehren, wenn das Fjordland ihn am dringendsten braucht. Und genau das ist geschehen. Jahrhundertelang war er verschwunden. Eine Figur aus alten Geschichten. Und dann ist er pl�tzlich da � in der schwersten Stunde unseres Volkes. Die alte Prophezeiung ist wahr geworden! Er kam, um deinem Sohn das Schwert zu geben, mit dem er den Troll erschlug. Und jetzt gibt er dir seine Krone. Deine Herrschaft beginnt...�</p><p>�... mit einer L�ge!�, unterbrach ihn Alfadas aufgebracht.</p><p>�Nicht Osaberg kr�nt mich, sondern mein bester Freund, der nur bedauerlicherweise keinerlei Moral hat.�</p><p>�Vertrau ihm, Alfadas. Was Lambi will, ist gut und richtig. K�nige werden mit einem anderen Ma� gemessen. Die Leute werden zu dir aufschauen, und je nachdem, was sie in dir sehen, werden sie Hoffnung aus dir sch�pfen oder an dir verzweifeln. Nutze die Geschichten um K�nig Osaberg. Wunder geschehen nicht einfach, Alfadas. Sie werden gemacht. Und wem schadest du, wenn du diesen Helm mit seiner verwunschenen Geschichte zu deiner Krone machst? Sei gro�z�gig! Schenke deinen k�nftigen Untertanen ein Wunder, das ihnen Kraft gibt in dieser schweren Zeit!�</p><p>�H�r auf jemanden, der sich mit K�nigen und F�rsten gut auskennt!�, murmelte Lambi. �Und jetzt komm endlich mit.�</p><p>Alfadas gab ihnen nach, obwohl seine Zweifel nicht ausger�umt waren. Sie brachten ihn zur Scheune, und er trat durch eine schmale T�r an der R�ckseite ein.</p><p>Im Innern herrschte stickige Hitze. Der gro�e Raum war v�llig �berf�llt. Es stank nach Schwei�, Lampenru� und zu lange getragenen Kleidern. Viele seiner Veteranen aus der Albenmark waren gekommen, um der Kr�nung beizuwohnen. Aber auch Fl�chtlinge, M�nner, Frauen und Kinder mit abgeh�rmten Gesichtern, in deren Augen sich dennoch Hoffnung spiegelte. Besch�mt dachte Alfadas an das, was Ollowain ihm �ber Wunder gesagt hatte. Nun war es an ihm, Wunder zu schaffen. Er musste es wagen.</p><p>Am Ende der Scheune hatte man eine kleine B�hne gezimmert, damit alle sehen konnten, wie der neue K�nig gekr�nt wurde. Als Alfadas die Stufen hinaufstieg, f�hlte er sich, als klettere er auf einen Galgen. Wenn er diese B�hne verlie�, war sein altes Leben verwirkt.</p><p>In der vordersten Reihe der Anwesenden sah er seinen Sohn an der Seite von Emerelle. Ulric blickte voller Stolz zu ihm auf. Er hielt Halgard bei der Hand. Die Augen des M�dchens waren hinter einer schmalen Schneebrille verborgen.</p><p>Lambi lie� Alfadas niederknien. Dann schlug er Osabergs Helm aus dem wei�en Tuch und hob ihn hoch �ber den Kopf. Der Jarl hielt eine ergreifende Rede �ber den goldenen K�nig und seine R�ckkehr in Zeiten der h�chsten Not. Sie gipfelte darin, wie eine knochige Hand ihm den Helm reichte und Osaberg ihn mit dunkler Grabesstimme beauftragte, den Elfenjarl zum K�nig zu machen.</p><p>Alfadas verschlugen diese dreisten L�gen schier die Sprache. Doch er sah auch, wie die Krieger, Bauern und Fischer dort unten vor der B�hne es aufnahmen. Nach all dem Leid wollten sie an das Wunder glauben. Schlie�lich kr�nte ihn Lambi mit dem schweren Fl�gelhelm. Alfadas erhob sich. Jubel brandete ihm entgegen. Inmitten des L�rms erklang Lautenschlag.</p><p>Alfadas sp�rte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Er erkannte die Melodie. Die Jubelrufe gingen in Gesang �ber.</p><poem><stanza><v>�Dort kommt der Jarl vom Firnenstayn</v><v>mit seinem Elfenschwerte fein.</v><v>Den Held aus vielen Schlachten,</v><v>die G�tter zu uns brachten.�</v></stanza></poem><p>Veleifs �bertriebenes Heldenlied war ihm peinlich. Er dachte daran, dem Skalden eine wichtige Aufgabe bei Hof zu geben, um ihn in Zukunft vom Dichten abzuhalten. Auch Lambi sollte er besser in seiner N�he behalten. Vielleicht eignete er sich ja zum Herzog?</p><p>Im Scheunentor erschien eine schmale, wei� gewandete Gestalt mit wehendem Umhang. Kaum jemand beachtete sie, doch Alfadas konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Wie ein Kind des Winters, geboren aus Schnee, erschien sie ihm. Ganz so, wie an jenem fernen Tag, als er sie zum ersten Mal bei Hofe in Albenmark sah. Dem Tag, an dem er sein Herz an Silwyna verlor.</p></section><section><title><p>Sommer</p></title><p>Voller Liebe betrachtete der Fischer die blonde Frau am Ufer. Sie sa� auf einem Fels in der Sonne und stillte ihre kleine Tochter. Sie beide hatten dem M�dchen den Namen Silwyna gegeben. Einen Jungen h�tten sie Luthson genannt, denn der Schicksalsweber hatte sie �berreichlich beschenkt. Jetzt sprang auch das kleine M�dchen zwischen den B�schen hervor. Sie hatte eine lange Rute bei sich und hielt sie ins Wasser, als wolle sie fischen. Doch schnell wurde sie ungeduldig und lief zu ihrer Mutter hin�ber.</p><p>Der Fischer holte die Leine mit dem Vogelfu� ein, der ihm wie schon so oft gute Dienste geleistet hatte. Dabei dachte er an den Schneesturm und an die Trolle zur�ck. Er hatte nie verstanden, warum diese grausamen Menschenfresser sie zu einer H�hle gebracht hatten. Erst hatte er geglaubt, sie w�rden ihn schlachten. Sie hatten ein gro�es Feuer entz�ndet und einen reichlichen Vorrat an Brennholz zusammengetragen. Er konnte sich nicht mehr ganz klar an alles erinnern, was damals vorgefallen war. Ein Fieber hatte ihn gesch�ttelt. Irgendwann war er erwacht, und die Trolle waren verschwunden. Sie hatten ihnen sogar ein paar N�sse und Bucheckern zur�ckgelassen.</p><p>Dann war Silwyna gekommen. Der Fischer blickte wieder zu seinem Weib am Ufer. Sie winkte ihm. Es war ihre Entscheidung gewesen, nicht mehr zur�ckzukehren.</p><p>Silwyna hatte ihnen geholfen, dieses einsame Tal mit dem See zu finden. Er lag wie ein gro�es blaues Auge inmitten von W�ldern. Es gab genug Fisch und Wild, um seine kleine Familie zu ern�hren. Mit einem stummen Gebet dankte der Fischer dem Schicksalsweber.</p><p>Wieder musste er an die Trolle und die Elfe denken. Es war wohl t�richt, als ein Mensch verstehen zu wollen, was Albenkinder zu ihren Taten bewegte.</p><p>Der Fischer richtete sich auf und stakte sein Boot dem Ufer entgegen. Was scherten ihn Albenkinder! Er war gl�cklich. Das war das Einzige, was von Bedeutung war.</p></section></body><binary id="cover" 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