<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Elfenlicht</book-title><annotation><p>Als ein Heer von Trollen Albenmark bedroht, zerschneidet Emerelle, K�nigin der Elfen, mit der Kraft ihrer Magie einen goldenen Albenpfad. Tausende Trollkrieger st�rzen ins Nichts, das Reich der Elfen scheint gerettet. Mit ihrer Tat hat Emerelle jedoch auch das goldene Netz zerst�rt, das einst die Alben zum Schutz ihrer Nachkommen woben. Schatten dringen ins Herzland und suchen nach Seelen, um sich diese einzuverleiben. Emerelle schickt Ollowain, ihren Schwertmeister, an der Seite einer Koboldin nach Iskendria, um die H�ter des Wissens zu befragen. Doch die Schatten lauern �berall und mit ihnen eine Bedrohung, die sich bis in das Fjordland erstreckt.</p><p>Und pl�tzlich scheint nicht dem Schwertmeister Ollowain, sondern den Kindern des Menschenk�nigs Alfadas die Schl�sselrolle im Kampf gegen den uralten Feind, der sich in den Schatten verbirgt, zuzufallen: Melvyn, dem Wolfselfen, der seinen Vater nie kennen lernte, Ulric, dem geheimnisvollen Thronerben, und der jungen J�gerin Kadlin, die nicht ahnt, welch Blut in ihren Adern flie�t. Sie alle werden in ein Abenteuer verstrickt, das Menschen und Elfen vor eine schreckliche Wahl stellt, denn ein Reich ist dem Untergang geweiht � Albenmark oder Fjordland ...</p></annotation><date>2006</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Elfen" number="3"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><src-ocr>Black Panther</src-ocr><id>641F09E3-8F6C-4CC6-9DD5-B79E9829535D</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><publisher>Wilhelm Heyne Verlag</publisher><city>M�nchen</city><year>2006</year><isbn>978-3-453-52218-3</isbn></publish-info></description><body><title><p>Bernhard Hennen</p><p>Elfenlicht</p></title><epigraph><p>F�r Melike und Pascal, meine Albensterne</p></epigraph><epigraph><p>Alle Ketten der Meinung sind f�r mich zerbrochen, ich kenne nur die Ketten der Notwendigkeit.</p><text-author>Jean-Jaques Rousseau (1712�1778)</text-author></epigraph><section><image l:href="#1"/><empty-line/><image l:href="#2"/><p>Karten: Andreas Hancock</p></section><section><title><p>Erstes Buch</p><p>Der Spieler</p></title><section><title><p>Die letzte Grenze</p></title><p>In dieser Nacht noch sollten die Trolle kommen, so hie� es. Der Schwertmeister der Elfenk�nigin beugte sich tief �ber die M�hne seines Hengstes und trieb ihn unbarmherzig voran. Es waren noch viele Meilen zur Burg.</p><p>Nichts hatte die Trolle in ihrem grausamen W�ten aufhalten k�nnen, seit sie nach Albenmark zur�ckgekehrt waren. Drei blutige Siege hatten diese grobschl�chtigen Ungeheuer errungen, und Branbart, ihr K�nig, hatte geschworen, Emerelle, die Herrscherin Albenmarks, zu erschlagen und aus ihrem Sch�del eine Metschale f�r seine Festtafel fertigen zu lassen.</p><p>Verzweifelt hing der Elf seinen Gedanken nach. Alle hatten Emerelle verlassen. Und die K�nigin hatte gewusst, dass es so kommen w�rde. Die Herrschaft der Elfen w�rde in dieser Nacht enden. Doch wenigstens er w�rde an ihrer Seite sein! Dort, wo immer schon sein Platz gewesen war, wenn es galt, mit dem Schwerte f�r Albenmark einzutreten. Hoffentlich kam er nicht zu sp�t!</p><p>Ollowain blickte auf. Der Weg senkte sich in ein weites Tal und folgte dem silbern gesprenkelten Band eines Baches. D�stere Kopfweiden s�umten das Ufer; wie gro�e Perlen schimmerten die wei�en Knospen auf den pfeilgeraden, jungen �sten im Mondlicht.</p><p>Der Mond stand wie ein riesiger Schild aus geh�mmertem Silber am Himmel. Sein Licht verlieh der lauen Nacht einen unheimlichen Zauber. Eine leichte Brise strich �ber den Hang und trieb dem Elfenritter Bl�tenbl�tter ins Gesicht. Er blinzelte und trieb den Hengst weiter an, seinem Ziel entgegen. Inmitten des weiten Tals erhob sich die Burg der K�nigin. Ihre schlanken T�rme schienen fast bis zum Mond hinaufzureichen, in dessen Schein die wei�en Mauern silbern leuchteten. Der dunkle Fels, auf dem die Burg sich erhob, verschwamm mit dem samtigen Blau der Nacht, sodass es schien, als schwebe die Festung in der Finsternis. Jahrhunderte hatte das Volk der Elfen an dieser Burg gebaut. Trotz ihrer T�rme und Mauern hatte niemand geglaubt, dass sie jemals angegriffen w�rde, und sie war auch nicht errichtet worden, um einem Feind die Herrschaft �ber das Herzland abzutrotzen. Sie sollte ein Sinnbild der Vollkommenheit sein.</p><p>Obwohl Ollowain die Burg schon hunderte Male gesehen hatte, ber�hrte ihr Anblick ihn stets aufs Neue. Es war ein Gef�hl, wie es sonst nur Musik in ihm erwecken konnte, das traurige Lied einer Fl�te vielleicht oder melancholisches Harfenspiel. Ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen lie�, s�� und durchdringend.</p><p>Kein Horn k�ndete von seiner Ankunft, und die �llampen, die gew�hnlich den Weg hinauf zum Burgtor in goldenes Licht tauchten, waren verloschen. Der hohle Hufklang unter dem Torbogen war der einzige Willkommensgru�, der den Schwertmeister empfing, als er in die Burg einritt.</p><p>Die Wachen waren verschwunden. Ihre Speere lehnten entlang der Mauer, so als seien die Krieger eben erst gegangen. Auf einem Sims stand ein Falrach-Tisch. Die Partie war vor dem Ende abgebrochen worden. Doch ein einziger Blick gen�gte, um zu erkennen, dass Schwarz auf verlorenem Posten stand. Die K�nigin war eingekreist in ihrer Burg, ihre Krieger standen auf dem ganzen Spielfeld verstreut.</p><p>Ollowain trieb den Hengst �ber den weiten Hof und dann den Marmoraufgang hinauf. Der Schwertmeister glaubte f�rmlich sp�ren zu k�nnen, wie sich das Unheil �ber der Burg zusammenzog. Er preschte einen S�ulengang entlang. Die schweren, eisenbeschlagenen Hufe seines Schlachtrosses lie�en Steinchen aus den kostbaren Bodenmosaiken splittern. Er musste Emerelle finden. Sie hatte die Burg nicht verlassen, da war er sich ganz sicher.</p><p>Das schwere Bronzetor am Ende des Ganges, das sich sonst stets wie von Geisterhand ge�ffnet hatte, blieb verschlossen. Es war so gro�, dass nicht einmal ein Riese sein Haupt h�tte neigen m�ssen, wollte er in die Halle dahinter treten. Fein ziselierte Bilder zeigten, wie die Alben den Letztgeborenen, den Elfen, ihre Welt anvertrauten, bevor sie f�r immer verschwanden. Es war eine Mahnung an alle, die den Weg zum Thronsaal beschritten. Jeder sollte sehen, wem es bestimmt war, in Albenmark zu herrschen. Doch die Trolle w�rden sich einen Dreck darum scheren.</p><p>Ollowain sprang aus dem Sattel. Ein Sto� gen�gte, um einen der Torfl�gel aufschwingen zu lassen. Er schlug gegen die Wand, und dumpfes Dr�hnen wie ein Gongschlag schallte durch die verlassene Burg.</p><p>Der Hengst des Schwertmeisters wieherte �ngstlich. Mit t�nzelnden Schritten wich er vor der Schwelle der Halle zur�ck.</p><p>Geisterhaftes Licht erf�llte den Bannersaal. Es lie� die fernen W�nde vor dem Auge des Betrachters verschwimmen und gab ihm das Gef�hl, auf einem offenen Platz und nicht in einer Halle zu stehen.</p><p>Von den Emporen, die in k�hnem Schwung aus dem Licht hervorragten, hingen pr�chtige Seidenbanner mit den Wappen der F�rsten Albenmarks: die Nixe Alvemers, der silberne Stern Carandamons, die scharlachfarbene Rose auf schwarzem Grund, die Alathaia von Langollion zu ihrem Feldzeichen erw�hlt hatte, und all die anderen stolzen Wappen jener, die heute nicht hier waren, um an Emerelles Seite zu stehen.</p><p>Mit fliegendem Schritt durchma� Ollowain den Bannersaal und stie� das n�chste Bronzetor auf. Die Halle, die vor ihm lag, wurde von einem gro�en Brunnen beherrscht. Zwischen Wasserfont�nen fochten marmorne Krieger verzweifelt gegen einen Sonnendrachen von Ischemon. Eine der Kriegerinnen in dem Gefecht war Emerelle; damals war sie noch nicht K�nigin gewesen. Die Kampfszene zeigte den Augenblick, in dem sich Falrach opferte, um den t�dlichen Hieb abzufangen, der Emerelle zu zerschmettern drohte.</p><p>Wie stets �berlief Ollowain ein Schaudern, wenn er den Brunnen betrachtete. So lebensecht waren die Steinbilder, dass man erwartete, der Kampf werde jeden Augenblick mit lautem Get�se fortgef�hrt. Wo waren die Helden von einst geblieben?, fragte er sich bitter. Waren sie alle ins Mondlicht gegangen?</p><p>Er hatte fast das Tor zum Thronsaal erreicht, als sich das Licht in der weiten Halle wandelte. Es wurde blasser, und dann schien ein Zittern durch die W�nde zu laufen. Einen Herzschlag lang wurden die Mauern der Halle sichtbar. Das helle Pl�tschern des Brunnens setzte aus.</p><p>Der Schwertmeister stie� das letzte Tor auf. Der Thronsaal war ein gro�er, kreisrunder Raum, dessen W�nde hinter Kaskaden silbern schimmernden Wassers verborgen blieben. Anstelle einer Decke spannte sich der sternklare Nachthimmel �ber Ollowain. Gegen�ber dem hohen Tor f�hrten sieben Stufen hinauf zum Thron von Albenmark. Dort, neben dem schlichten Holzstuhl, dessen Intarsien aus Marmor und Onyx zwei untrennbar ineinander verflochtene Schlangen zeigten, stand Emerelle, die K�nigin der Elfen. Sie war klein und von zierlicher Gestalt, doch strahlte sie eine Kraft aus, vor der einst selbst Drachen zur�ckgeschreckt waren. Sie hielt sich gerade, ohne steif zu wirken; das Kinn trotzig vorgereckt, war ihr Blick auf die Mitte des Thronsaals gerichtet. Mit einer knappen Geste bedeutete sie dem Schwertmeister, zum Thron zu kommen.</p><p>Der Boden des Saals war mit einem weitl�ufigen Mosaik ausgelegt. Das Schmuckmotiv des Throns aufgreifend, zeigte es sieben Schlangen, die sich einander umschlingend bek�mpften. Neben Marmor und Onyx hatten hier auch meerdunkle Jade, heller T�rkis, purpurroter Porphyr, sonnengelber Bernstein und grausilberner Granit Verwendung gefunden. Obwohl in den Jahrhunderten, die der Palast bestand, ganze Heerscharen von G�sten und H�flingen �ber das Mosaik geschritten waren, hatten die Steine nichts von ihrem Glanz verloren. Ja, sie schienen auf geradezu magische Weise von innen heraus zu leuchten und lie�en die Schlangen lebendig erscheinen.</p><p>Helles Vogelzwitschern lie� Ollowain aufblicken. Zwei Nachtigallen stie�en einander umkreisend in den weiten Kreis des Saals hinab und lie�en sich auf dem Rand der Silbersch�ssel nieder, die auf einer niedrigen S�ule neben dem Thron stand. Ausgelassen begannen sie im flachen Wasser zu spielen.</p><p>Ein L�cheln umspielte die schmalen Lippen der K�nigin. Sie strich sich eine Str�hne ihres sanft gewellten, dunkelblonden Haars aus der Stirn und sah Ollowain an. Ihre hellbraunen Augen wirkten traurig. �Ganz gleich, was in dieser Nacht geschehen wird, auch morgen werden die Nachtigallen noch singen. Vielleicht ist unser Volk zu selbstverliebt, zu alt geworden. Vielleicht ist nun unsere Stunde gekommen, und wir m�ssen gehen, so wie vor uns die Alben und die Drachen gegangen sind. Doch was immer auch geschieht, nicht einmal die Trolle k�nnen die Sch�nheit Albenmarks zerst�ren. Auch morgen werden die Nachtigallen noch singen.�</p><p>Eine leichte Brise spielte mit dem Haar der K�nigin und lie� den Stoff ihres schulterfreien Kleides leise rascheln. Der zartblaue, mit Silberf�den durchwirkte Stoff betonte die edle Bl�sse Emerelles. Ihre milchwei�e Haut schien von feinem, silbrigem Licht umspielt zu sein, wie die Mauern ihrer Burg. Sie hatte etwas �therisches, Unwirkliches.</p><p>Allein der d�nne Lederriemen um ihren Hals erschien wie ein eigent�mlicher Stilbruch. Er wirkte zu plump. An ihm hing ein schlichter Stein mit einem einfachen Ritzmuster. Jetzt war dieses Schmuckst�ck in Emerelles Dekollete verborgen. Der Schwertmeister hatte den Stein nur wenige Male zu sehen bekommen. So schlicht er wirkte, war er doch der gr��te Schatz seines Volkes. Die Alben hatten jedem ihrer V�lker einen solchen Stein geschenkt, bevor sie die Welt verlie�en. Die Albensteine waren ein Quell unvorstellbarer Macht, wenn man sie recht zu nutzen wusste. Es waren Kriege um diese Steine gef�hrt worden.</p><p>Etwas bewegte sich unter Ollowains F��en und schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Gleichzeitig erklang ein leises, schleifendes Ger�usch, so als werde Stein auf Stein gerieben. Die Schlangen im Mosaik begannen sich zu bewegen. Ein flacher, purpurner Kopf erhob sich unmittelbar vor ihm. Aus dem schmalen Maul schnellte eine feuchte Zunge. Geschlitzte Pupillen musterten ihn kalt. Der Schwertmeister trat einen Schritt zur�ck und strauchelte fast. Alle Leiber waren in Bewegung geraten.</p><p>Nun schnellte der schwarze Schlangenkopf empor. Die steinernen Kiefer klappten auf, und die Kreatur stie� ein durchdringendes Zischen aus. Um sie herum verging das Licht.</p><p>Das Rauschen der Wasserw�nde erstarb. Die beiden Schlangenh�upter richteten sich immer h�her auf und neigten sich zueinander. Dunkelheit, schimmernd wie ein schwarzer Spiegel, wuchs zwischen ihnen empor.</p><p>Ollowain vermochte den Blick nicht von dem Spektakel zu wenden. Schon oft war er Zeuge gewesen, wie Kundige die Pforten zu den Albenpfaden ge�ffnet hatten. Doch diesmal war es anders. Bedrohlicher. Der Schwertmeister geh�rte zu den wenigen Elfen, denen sich die Kraft der Magie verschloss. Dennoch sp�rte er die dunkle Macht, die diesem Zauber innewohnte.</p><p>Die wei�e Schlange aus dem Mosaik wand sich wie in Qualen, w�hrend die �brigen sich nur kurz erhoben hatten, um nun wie erstarrt dazuliegen.</p><p>Der Purpurkopf sah auf Ollowain hinab. Die schmalen Schlitze der Pupillen weiteten sich, und pl�tzlich erblickte der Schwertmeister einen stahlblauen Winterhimmel. Auf einer vereisten Ebene hatte sich ein gewaltiges Heer versammelt. Tausende Trollkrieger schlugen mit Keulen auf ihre gro�en Schilde und schrieen dem Himmel ihre Schlachtrufe entgegen. Auf langen Stangen trugen sie Banner aus Elfenhaut vor sich her. Wie ein Vogel im Sturzflug fiel Ollowain einem dunklen Tor entgegen. Es hatte sich dicht neben einem schwarzen Obelisken ge�ffnet, der �ber die Eisebene aufragte. Dort war das Eis rot von Blut. Ein altes, gebeugtes Trollweib st�tzte sich schwer auf einen Knochenstab. Ollowain hatte sie w�hrend der Schlacht um Phylangan unter den Angreifern gesehen. Ihren Namen kannte man selbst im Elfenvolk: Skanga, der Quell allen �bels! Sie war es, die ihr Volk aus der Verbannung zur�ck nach Albenmark gebracht hatte. Nicht der K�nig, sondern dieses alte, gebrechliche Weib war die Kraft, die ihr Volk lenkte und die Heere der Trolle �ber die leuchtenden Albenpfade f�hrte.</p><p>Als sp�re die Alte seine Gedanken, hob sie unvermittelt den Kopf und blickte Ollowain aus blinden, wei�en Augen an.</p><p>�Komm zur�ck!�, befahl ihm eine vertraute Stimme. Etwas ber�hrte ihn am Arm. Der Zauberbann war gebrochen. Benommen sch�ttelte der Schwertmeister den Kopf. Seine Glieder waren steif vor K�lte; Raureif bedeckte seinen Leinenpanzer, so als sei er tats�chlich in der fernen Snaiwamark gewesen.</p><p>�Komm.� Emerelle nahm ihn bei der Hand und f�hrte ihn aus dem Schlangenkreis, die Stufen zum Thron hinauf.</p><p>Die K�pfe der beiden Schlangen ber�hrten nun einander. Hoch aufgerichtet bildeten ihre Leiber einen weiten Torbogen, angef�llt mit spiegelnder Dunkelheit. Aus der Finsternis t�nte ein Laut wie Trommelschlag. Nein, es war das L�rmen der Keulen, die auf Schilde schlugen. Das Trollheer war auf dem Marsch.</p><p>Wie gebannt starrte Ollowain in die Dunkelheit. Ein golden leuchtender Pfad f�hrte durch das Nichts, den Raum zwischen den Welten. Die Snaiwamark lag mehr als zweitausend Meilen vom Herzland entfernt, doch f�r all diejenigen, die den Mut aufbrachten, die Albenpfade zu beschreiten, schrumpfte diese Wegstrecke auf ein paar hundert Schritt.</p><p>Ollowain blickte zu seiner K�nigin. Emerelle galt als die m�chtigste Zauberin Albenmarks. Sie stand hier, um zu k�mpfen. Selbst in dieser verzweifelten Lage schien ihr Mut sie nicht verlassen zu haben. Wie kein anderer verk�rperte sie in diesem Augenblick die beiden Eigenschaften, die sein Volk vor allen anderen Kindern Albenmarks auszeichneten: Stolz und Sch�nheit.</p><p>Die anderen F�rsten hielten Emerelle f�r kalt und unnahbar. Ollowain w�nschte sich, dass sie die K�nigin nun sehen k�nnten. In ihren Augen brannten Trotz und Leidenschaft, und ein Funke dieses Feuers sprang auf ihn �ber. Ihre Sache mochte aussichtslos erscheinen, doch noch war die letzte Schlacht nicht geschlagen!</p><p>Er zog das Schwert und trat die Stufen zum Mosaik hinab, wobei er es vermied, zu den Schlangenh�uptern emporzublicken. Mehr als zwei Trolle konnten nicht nebeneinander durch das Schlangenportal schreiten, so gro� und unf�rmig wie sie waren. Dort an der Schwelle vermochte ein einzelner Krieger ein ganzes Trollheer eine Weile lang aufzuhalten. Ollowain wusste, dass er diesen Kampf dennoch nicht gewinnen konnte. Die Spanne seines Lebens hing nun an seinem Geschick, den w�tenden Keulenhieben auszuweichen. Und dabei war auch er ein Gefangener der Schwelle, denn er durfte nicht einen Herzschlag lang vor den anst�rmenden Trollen zur�ckweichen. Gab er die Schwelle preis, so w�rde sich die Flut der Feinde in den Thronsaal ergie�en, und alles war verloren.</p><p>Ollowain l�chelte. Der Tod hatte keinen Schrecken f�r ihn. Im Gegenteil: Diesen letzten gro�en Kampf zu fechten, war die Bestimmung seiner Seele. Danach w�rde der Zyklus aus Tod und Wiedergeburt durchbrochen sein. Er w�rde ins Mondlicht gehen, um wieder mit Lyndwyn vereint zu sein. Er f�hlte sich leicht. Es gab keine Zukunft mehr, die ihn bedr�cken konnte.</p><p>�Du solltest fliehen, Herrin, du hast die Macht dazu. Den Trollen ist es nicht bestimmt, in Albenmark zu herrschen. Das ist undenkbar! An einem anderen Tag wirst du siegen.�</p><p>�Tritt zur Seite.� Emerelle sprach leise, in ihrer Stimme lag keine Sch�rfe.</p><p>Ollowain gehorchte ihr widerstrebend. Besorgt blickte er ins Dunkel des Tors. Etwas bewegte sich nahe dem goldenen Pfad und beobachtete sie. War da ein Ger�usch? Einen Herzschlag lang glaubte er in weiter Ferne das L�rmen der Keulen zu h�ren, doch nun war wieder Stille.</p><p>�Sp�rst du die Ersch�tterung der Albenpfade? Sie kommen. Es ist wie damals in Vahan Calyd.� Die K�nigin trat in den Schlangenkreis und kniete an der Schwelle des Tors nieder. Bed�chtig streifte sie den d�nnen Lederriemen mit dem schlichten Schmuckstein �ber den Kopf, dann umschloss sie den Stein mit der Faust. So verharrte sie, tief in Gedanken versunken.</p><p>Besorgt blickte Ollowain zum Tor. Es blieben nur noch wenige Augenblicke, bis die Trolle erscheinen w�rden. Emerelle konnte dort nicht bleiben.</p><p>�Herrin ...� Sanft ber�hrte er sie an der Schulter.</p><p>Die K�nigin blickte zu ihm auf. Ihre sonst so warmen braunen Augen erschienen ihm jetzt wie d�stere Abgr�nde. Ollowain kannte Emerelle seit Jahrhunderten, doch nie zuvor hatte er sie so hasserf�llt gesehen. Selbst als sie einst auf der Shalyn Fallah, der wei�en Br�cke, die Ermordung der gefangenen Trollf�rsten befohlen hatte, hatte sie diese Entscheidung in kalter Ruhe getroffen. Nun aber spiegelte sich blanker Hass in ihrem Blick.</p><p>�Skanga verl�sst sich darauf, dass wir wieder fliehen werden. Doch sie hat die letzte Grenze erreicht. Von hier aus gibt es keinen R�ckzug mehr, und ich werde nicht l�nger dulden, dass die Trolle alles zerst�ren, was sch�n ist in unserer Welt. Sollen ihre Seelen in der Finsternis verloren sein!�</p><p>Sie nahm den Albenstein und zog knirschend einen Strich �ber einen der Schlangenleiber des Mosaiks. Dann stie� sie ein einzelnes Wort hervor. Ollowain kannte die Sprache nicht, derer sich die K�nigin bediente, doch das war nicht notwendig, um zu verstehen. Es war ein Wort wie ein Messerstich.</p></section><section><title><p>Der Weg in die Finsternis</p></title><p>Der Wind schnitt ihr ins Gesicht und biss in ihre alten Knochen. Ihre Armgelenke knirschten, als Skanga den Fleischklumpen hochhielt, der vor wenigen Augenblicken noch ein schlagendes Elfenherz gewesen war. Das Heer, das sich rings um den niedrigen Eish�gel versammelt hatte, sollte sehen, dass ihr Zauber mit Blut gewirkt war.</p><p>Die Trollschamanin selbst war blind. Das war der Preis, den Skanga vor langer Zeit daf�r gezahlt hatte, in die tieferen Mysterien der Magie eingeweiht zu werden. Doch auch wenn ihre Augen nur noch knochenbleicher Gallert waren, nahm sie deutlich wahr, was um sie herum geschah. Sie sp�rte das warme Elfenblut ihre Arme hinabrinnen und genoss den eisigen Wind auf ihrer Haut. Sie wusste, dass das Blut in der K�lte dampfte. Die Opferung war gegl�ckt, sie hatte ihren Zweck erf�llt. Obwohl tausende Krieger um sie herum versammelt standen, war kein Laut au�er den Ger�uschen des Windes zu h�ren. Er zerrte an den neuen Bannern aus Elfenhaut und lie� die aus Knochen geschnitzten Amulette leise klappern, die viele der K�mpfer mit Lederschn�ren an ihre Waffen gekn�pft hatten.</p><p>Skanga blickte auf den toten Elfen zu ihren F��en. An jenem fernen Tag, an dem sie ihr Augenlicht ihrer Gabe geopfert hatte, hatte sie bef�rchtet, f�r immer in ein Meer aus Finsternis zu tauchen. Ihre Meisterin hatte ihr nicht gesagt, was geschehen w�rde; Furcht und Ungewissheit hatten zu dem Opfer dazugeh�rt. Sie hatte es ihr nicht leicht gemacht, jenen Weg zu beschreiten, den sie nun schon so viele Jahrhunderte ging. Sie hatte sie gequ�lt, um ihre Seele zu festigen, so hatte sie behauptet. L�ngst war sich Skanga sicher, dass sie es vor allem zu ihrem Vergn�gen getan hatte. Matha Naht war von Finsternis durchdrungen gewesen. Schwarz wie ihre Rinde war auch ihre Magie. Die t�richten Elfen hielten die uralten beseelten B�ume f�r weise, friedliche Gesch�pfe. Keine Ahnung hatten sie!</p><p>Skanga wurde Zeuge, wie die Aura des toten Elfen zu ihren F��en langsam verging. Statt Gestalten aus Fleisch und Blut sah sie �therische Gesch�pfe aus buntem Licht. Die Farben und die Helligkeit des Lichtes verrieten ihr mehr �ber ihr Gegen�ber, als sie es jemals mit gesunden Augen h�tte erkennen k�nnen.</p><p>Den Elfen zu opfern w�re nicht n�tig gewesen, um das magische Tor im Albenstern zu �ffnen. Skanga hatte es f�r die Krieger getan. Sie glaubten, ein Zauber sei nur dann wirklich machtvoll, wenn er mit einem Blutopfer verbunden war. Im Grunde war das auch nicht falsch, doch bei einem Stern, in dem sich sieben Albenpfade kreuzten, war es leicht, die goldenen Wege durch das Nichts zu betreten. Jedenfalls wenn man den Schl�ssel zu ihnen besa�.</p><p>�F�rchtet mich, ihr Schatten!�, rief Skanga mit heiserer Stimme und streckte ihren schweren Stab der aufgehenden Sonne entgegen. ��ffnet mir das Tor, und dann weicht zur�ck in den Abgrund, damit mein flammender Zorn euch nicht verbrenne! Wagt es nicht, nach meinen Kindern zu greifen! Euch sei das Blut des Elflings geschenkt. Trinkt es und verschlingt seine Seele! Dies ist mein Wegezoll an euch. Nun gehorcht mir!�</p><p>Die alte Schamanin blickte hinab zu den Kraftlinien, die sich schlangengleich zu ihren F��en wanden. Ein Gedanke gen�gte, um sich ihrer Macht zu bedienen. Die Linien b�umten sich auf und bildeten einen Torbogen, hinter dem das Nichts wartete, jener Raum zwischen den Welten, durch den die Alben einst ihre goldenen Pfade gezogen hatten. Wer diese Wege betrat, der vermochte mit wenigen Schritten hunderte Meilen zu �berwinden. Doch der Weg, den sie an diesem Tag gehen w�rden, war lang. Sie mussten viele Sterne �berschreiten. Skanga wusste, dass etliche Krieger verloren gehen w�rden. So war es jedes Mal, wenn diese Narren in das goldene Netz traten. Dabei waren sie alle gewarnt. Sie wussten, was jenseits der Pfade lauerte. Viele von ihnen hatten Met getrunken, um die Angst zu bet�uben. Ein Marsch durch das Nichts erforderte mehr Mut als eine Schlacht.</p><p>Branbart, ihr K�nig, zog ger�uschvoll die Nase hoch und spuckte aus. Skanga sp�rte seine Unruhe, obwohl er nichts sagte. Es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen. Er war es gewesen, der darauf gedr�ngt hatte, �ber die goldenen Albenpfade direkt ins Herzland vorzusto�en und der Herrschaft der Elfen ein f�r alle Mal ein Ende zu setzen. Nach der Schlacht um Phylangan waren die Elfen zu sehr geschw�cht, um nennenswerten Widerstand leisten zu k�nnen. Weniger als eine Stunde noch, und Branbart gedachte auf Emerelles Thron zu sitzen.</p><p>Skanga war nicht ganz so zuversichtlich. Alles kam ihr zu leicht vor. Die alte Schamanin konnte sich nicht vorstellen, dass Emerelle so schnell aufgab. Sie sollte auf der Hut sein. Die Elfen k�mpften voller Heimt�cke. Vielleicht war es eine Falle. Es mochte ...</p><p>Skanga sp�rte, dass sie beobachtet wurde. Etwas jenseits des goldenen Pfades sp�hte hin�ber. Die Schamanin fl�sterte ein Wort der Macht. Verschwommen erkannte sie einen Elfenkrieger jenseits des Tors. Seine Aura war kraftvoll, sie bestand aus hellem, wei�goldenem Licht. Er war entschlossen zu k�mpfen. Skanga l�chelte. Dieser Narr! Eine Schamanin hielt man nicht mit dem Schwert auf. Ein Gedanke von ihr, und schon formte sich eine Hand aus Schatten. Sie streckte sie �ber den Abgrund hinweg. Wenn sie das Herz des Elfen umklammerte, w�rde es aufh�ren zu schlagen. Er w�rde einfach ...</p><p>Skanga zuckte zur�ck. Da war noch jemand! Eine machtvolle Pr�senz hatte sich an die Seite des Kriegers gestellt und schirmte ihn mit einem goldenen Schild ab.</p><p>Die Schamanin zog die Schattenhand zur�ck. Emerelle! Die K�nigin erwartete sie. Skanga z�gerte. W�rde die Elfenk�nigin k�mpfen, wenn es keine Aussicht auf einen Sieg gab? Hundert junge Trollkrieger w�rde sie dem Opferdolch �berlassen, wenn sie daf�r in Emerelles Gedanken sehen k�nnte, dachte Skanga.</p><p>�Wann geht es los?�, fragte Branbart ungehalten. �Worauf warten wir noch?�</p><p>Die Schamanin nickte in Richtung des leuchtenden Pfades, der durch das Nichts schnitt. �Emerelle erwartet uns am Ende des Weges. Sie wird k�mpfen.�</p><p>Branbart spuckte auf das Eis. �Kann sie gewinnen?�</p><p>�Nur ein einziger Krieger ist an ihrer Seite. Der Elfling, der die Verteidiger von Phylangan befehligt hat.�</p><p>Der K�nig lachte. �Den haben wir schon einmal besiegt. Der wird uns auch diesmal nicht aufhalten.� Er winkte den Kriegern seiner Leibwache. �Vorw�rts! Ihr habt die Ehre, das erste Blut zu vergie�en. Und schlagt nicht nach den K�pfen der Elflinge. Ihr wisst ja, die brauchen wir noch.�</p><p>Skanga betrachtete die jungen Krieger, die mit Feuereifer durch das dunkle Tor st�rmten. Vielleicht war sie zu alt? Zweifel zu haben war eine Schw�che. Sie l�chelte zynisch. Eine Schw�che, die einen davor bewahrte, blindlings ins Verderben zu rennen. Von diesen Kriegern w�rde wohl kaum einer an der Siegestafel des K�nigs sitzen. Branbarts Art, Schlachten zu gewinnen, war ebenso einfach wie verschwenderisch. Er ertr�nkte seine Feinde in Str�men von Blut. Trollblut! Auf seinem Weg von Sieg zu Sieg w�rde er noch sein ganzes Volk ausl�schen ...</p><p>Aber dies war die letzte Schlacht, berichtigte sich Skanga in Gedanken. Sie konnten nicht verlieren. Welche M�glichkeiten blieben Emerelle, gegen die Flut von Trollkriegern anzuk�mpfen? Der Albenstein des Elfenvolkes verlieh ihr schreckliche Macht. Sie w�rde ein paar Hundert ins Verderben st�rzen. Vielleicht brachte sie sie durch ein Trugbild vom goldenen Pfad ab und lie� sie ins Nichts st�rzen?</p><p>Skangas knotige Hand schloss sich um den Stein, den sie verborgen zwischen unz�hligen Amuletten trug. Sie w�rde ihr Volk vor der Elfenk�nigin sch�tzen. Auch sie hatte Macht, dachte sie trotzig. Sie war es gewesen, die das Volk der Trolle aus der Verbannung nach Albenmark zur�ckgef�hrt hatte.</p><p>In den zwei Monden, die seit der Schlacht um Phylangan vergangen waren, hatten sie die Snaiwamark, ihre alte Heimat, vollst�ndig in Besitz genommen und ihr Heer neu aufgestellt. Es waren vor allem die jungen Krieger, die den Krieg weiter fortsetzen wollten, um sich einen Namen zu machen. Und auch Branbart, ihr K�nig, dachte nicht daran, Frieden zu suchen. Sein Hass gegen Emerelle war ma�los. Einst hatte die Elfenk�nigin ihn und alle anderen Trollf�rsten von der Shalyn Falah, der wei�en Br�cke an der Grenze zum Herzland, in den Tod gest�rzt. F�nfmal war Branbart seitdem wiedergeboren worden und K�nig gewesen. Es war sein Fluch, dass er die Vergangenheit nicht vergessen konnte. Jahrhunderte hatte er sich nach Rache an Emerelle gesehnt. Jetzt wollte er keine Stunde mehr warten! Die Gefahr, noch einmal durch das Nichts zu gehen, hatte keinen Schrecken f�r ihn, so sehr hasste er die Elfenk�nigin.</p><p>Skanga w�re es lieber gewesen, wenn das Trollheer einfach nach S�den gezogen w�re. Zwar mochte es Jahre dauern, bis sie auf diesem Wege ins Herzland vorstie�en, aber wer sollte sie letztlich aufhalten? Ihr Volk war stark, und die �brigen V�lker der Albenkinder waren zu zerstritten, um ihnen auf Dauer Widerstand leisten zu k�nnen. Ja, vielleicht w�rden sie sogar Verb�ndete finden?</p><p>Die Zeit der Elfen war vorbei; ihre drei schweren Niederlagen hatten das deutlich gezeigt. Sie waren das j�ngste der V�lker Albenmarks, und sie herrschten, seit die Alben, die gro�en Tr�umer und Sch�pfer aller Welten, ihre Kinder verlassen hatten. Das war schon immer ungerecht gewesen, und es konnte gewiss nicht der Wille der Alben gewesen sein! In welcher Familie herrschte der J�ngste der Erben? Die Elfen hielten sich als Letztgeborene f�r die vollkommensten Gesch�pfe. Doch nun hatte die D�mmerung ihres Zeitalters begonnen! Das Licht der Elfen verblasste. Und wenn sie sich nicht unterwarfen, dann w�rden sie vernichtet werden.</p><p>Skanga blickte durch das Tor ins Dunkel. In warmem Gold erstrahlte der Weg, der vor ihnen lag. Sie sah ihn anders als die Scharen der Krieger, die ihm noch folgen w�rden. Ihr magisches Auge erkannte seine wahre Beschaffenheit. Er war wie ein dickes Seil aus hunderten Fasern gedreht. Nur die Alben verstanden es, Magie zu solch wunderbaren Zaubern zu weben.</p><p>Die Begeisterung, mit der die jungen Krieger ihren Angriff f�hrten, hatte etwas Ansteckendes. Sie konnten heute siegen! Warum noch Jahre warten?</p><p>Skanga stie� den Stab steil in die Luft. �Vorw�rts, meine Kinder, wie es euer K�nig befiehlt! Schneller! Ich f�hre euch ins Herz der Verderbnis. Zur K�nigsburg Emerelles!�</p><p>An der Seite Branbarts reihte sie sich in die Schar der Angreifer ein.</p><p>Der Schritt durchs Tor erforderte den meisten Mut. Man verlie� festen Boden, um auf einen Pfad zu treten, der aus nichts anderem als Licht bestand. Hunderte Male hatte Skanga es schon getan, und doch war es immer wieder aufs Neue ein Kampf, sich dem Zauber der Alben anzuvertrauen. Die Schamanin wusste besser als alle anderen, was es bedeutete, ins Nichts zu gehen, in jene Dunkelheit, die jenseits des d�nnen Gespinstes aus Magie lag.</p><p>Misstrauisch musterte die Schamanin das weitmaschige Netz aus blauen und gr�nen Kraftlinien, das sich sch�tzend �ber den goldenen Pfad w�lbte. Blau, diese Farbe der Magie, war Skanga immer verschlossen geblieben. Sie speiste sich aus der Weite des Himmels und der Kraft der Sturmwinde. F�r sie war es stets so gewesen, als versuche sie einen Lufthauch zu greifen, wenn sie die Magie des Himmels in ihre Zauber hatte einbinden wollen. Sie sp�rte die Kraft, und doch war es ihr unm�glich, sie zu binden.</p><p>Skanga sp�hte ins Dunkel jenseits der Pfade. Drau�en, in der unermesslichen Finsternis, lauerten die Yingiz. Ein r�tselhaftes Volk, das von den Alben einst ins Nichts zwischen den Welten vertrieben worden war. Die Schamanin sp�rte, dass sie dort waren, doch sie konnte sie kaum sehen. Die Yingiz waren von Furcht einfl��ender Art. Sie hatten keine Aura.</p><p>Alles, was lebte, war von einer pulsierenden Aura aus vielfarbigem Licht umgeben. Die Auren zu sehen, war das Erste gewesen, was Skanga gelernt hatte, nachdem sie ihr Augenlicht verloren hatte. Erst viel sp�ter vermochte sie Schatten zu f�hlen, wenn vor ihr ein Felsblock oder etwas anderes Unbelebtes aufragte.</p><p>Skanga blickte erneut auf das Netz aus blauen und gr�nen F�den. Es war zu weitmaschig, fand sie. Und doch hielt es die Yingiz fern. Bald w�rden sie in Scharen den goldenen Pfad umlagern. Wenn etwas Lebendiges in das Nichts eindrang, dann wurden sie von dessen Aura angezogen wie Nachtfalter von der Flamme einer �llampe.</p><p>Die Yingiz vermochten die Zauber der Alben nicht zu durchdringen, aber wehe denen, die den goldenen Pfad verlie�en. Die Schattengestalten waren Seelenfresser. Wer hier in der Finsternis zwischen den Welten starb, der w�rde niemals wiedergeboren werden.</p><p>Die Schamanin war ein gutes St�ck auf dem Weg gegangen, als sie etwas an der Schulter streifte. Branbart, ihr K�nig, ging dicht hinter ihr. Sie sp�rte die W�rme der Fackel, die er in der Linken hielt. Ihr Licht konnte die Dunkelheit jenseits der Schutzzauber gewiss nicht erhellen.</p><p>Skanga roch Branbarts Angst. Ein s�uerlicher Geruch, der sich mit dem Duft nach Met, ungegerbtem Leder und Rauch mischte.</p><p>�Dauert es noch lange?�, fragte der K�nig heiser.</p><p>�Ja!�, entgegnete sie ungehalten. Tagelang hatte sie versucht, ihm diesen Angriff auszureden. Jetzt war es zu sp�t, um noch umzukehren. Wenn Branbart seine Krieger nun zur�ckschickte, dann w�rde er all sein Ansehen als K�nig verlieren. Niederlagen oder allzu blutige Siege verga�en Trolle schnell. Feigheit nicht.</p><p>Skanga �berquerte einen Albenstern, an dem sich vier goldene Pfade kreuzten. Wie ein kunstvoller Knoten waren sie miteinander verwoben.</p><p>Sodann deutete sie auf die blasse, rote Flamme, die neben einem Pfad brannte, der nach links f�hrte. Einen ganzen Tag lang hatte sie damit verbracht, den Weg durch das goldene Netz zu markieren. Trotzdem w�rden gewiss etliche Krieger verloren gehen. Angst machte blind. Aber das spielte keine Rolle. Siege wurden mit Blut erkauft.</p><p>Sie waren Tausende, und sie gingen alle hintereinander. Vermutlich waren immer noch nicht alle Krieger durch das Tor auf der Eisebene der Snaiwamark geschritten. Die Letzten w�rden den Pfad wohl erst betreten, wenn die Schlacht gegen Emerelle schon entschieden war.</p><p>�Was ist dort drau�en?�, fl�sterte Branbart. Der K�nig dr�ngte sich so dicht an sie, dass er ihr mit der Fackel den Nacken versengte. �Ich sp�re da etwas. Es ...�</p><p>�Erinnerst du dich an das Heerlager bei der Wolfsgrube, am Tag bevor die Eissegler uns angegriffen haben? Dort hat uns ein Geisterwolf besucht, eine �ble Kreatur mit einem blutroten Auge. Erinnerst du dich an seine Bosheit und seinen Hass?�</p><p>�Ja.� Der K�nig zog die Nase hoch und wollte ausspucken. Unschl�ssig blickte er hinab auf den goldenen Pfad, der nicht Erde und nicht Fels war und sie dennoch trug. Dann �berlegte er es sich anders und schluckte den Rotz hinunter.</p><p>�Stell dir vor, all diese Bosheit sei ein Kieselstein am Meeresufer. Ein Stein, wie sie dort ohne Zahl liegen. Das, was dich hier jenseits des Weges erwartet, ist der Berg, von dem dieser Stein stammt. Denk an das Schlimmste, das dir je widerfahren ist, und sei gewiss, die Schrecken des Nichts werden es bei weitem �bertreffen.�</p><p>Skanga blickte nach vorn und betrachtete die rote Flamme der Wegmarkierung. War es ein Fehler gewesen, diese Lichter zu setzen? St�rte ihre Magie vielleicht den Zauber der Alben? Kam ihr der Schutzzauber so weitmaschig vor, weil sie unwissentlich etwas zerst�rt hatte?</p><p>Sie versuchte, den Zweifel von sich zu schieben. Es war das Wesen der Yingiz, �ngste zu sch�ren. Kamen diese Gedanken von ihnen? War sie nicht mehr Herrin dessen, was sich in ihrem Kopf abspielte? War das schon geschehen, als sie die Lichter gesetzt hatte? Waren die Yingiz schon dort die Meister ihrer Gedanken gewesen und hatten sie dazu missbraucht, Tausende in die Falle zu locken?</p><p>Skanga atmete tief aus. Sie dachte an den hellen Sommertag zur�ck, an dem Matha Naht ihr das Augenlicht genommen hatte. An die Schmerzen ... So vertrieb sie die Zweifel. Zumindest f�r ein paar Herzschl�ge.</p><p>Die Schamanin beschleunigte ihre Schritte. Ab und an sah sie Schatten jenseits des Netzwerks aus sch�tzender Magie. Ihr Atem ging keuchend. Sie hatte das Gef�hl, als stapele ein unsichtbarer Folterknecht Steine auf ihre Brust. Mit jedem Schritt wuchs die Last, wurde es qualvoller einzuatmen.</p><p>Alles Unsinn! Sie umklammerte den Albenstein fester. Das waren die Spiele der Yingiz! Sie blickte auf, doch ihr Feind war unsichtbar. Sie konnte ... Die Schamanin stutzte. War der sch�tzende Bogen aus Magie flacher geworden?</p><p>Ein gellender Schrei schreckte sie aus ihren Gedanken. Kurz, abgehackt. Jemand war ins Nichts gezerrt worden.</p><p>�Irgendein Trottel, der vom Weg abgewichen ist!�, rief Branbart. Seine Stimme war schrill, sie verriet seine Angst. �Beeilen wir uns!�</p><p>�Nein!� Skanga wusste, dass Eile ein falsches Zeichen war. Sie zwang sich zur Ruhe und sp�hte ins Dunkel. Nichts. Die Schamanin schlug ein Schutzzeichen. Die Krieger um sie herum waren still. Nur aus der Ferne erklang das Schlagen von Waffen auf Schilde.</p><p>�Niemand rennt hier! Ihr seid J�ger! Ihr wisst, dass fliehende Beute den J�ger aufmerksam werden l�sst. Sie ist viel leichter zu stellen als ein Tier, das sich ruhig verh�lt. Hier sind wir die Beute. Behaltet kaltes Blut. Niemand rennt! Ihr geht langsam. Jedes Mal, wenn ich meinen Stab hebe, macht ihr einen Schritt und schlagt dabei mit euren Waffen auf die Schilde. Der Feind im Dunkel weidet sich an unserer Angst. Begegnet ihm mit Gelassenheit! Und st�rt die Stille. Lasst uns den Rhythmus unseres Marschtritts in die Stille tragen. Wir bestimmen, wann wir gehen und wann wir laufen.� Skanga hob ihren Stab, machte einen Schritt vorw�rts und senkte den Stab wieder.</p><p>Vereinzelt erklangen Keulenschl�ge auf Schilden.</p><p>�Benehmt euch nicht wie scheue Rehkitzchen!�, br�llte Branbart und hob seinen Schild. �Tut, was Skanga sagt! Und sagt den M�nnern weiter hinten, was sie befohlen hat.�</p><p>Wieder hob und senkte die Schamanin ihren Stab. Das Donnern der Schilde wurde lauter. Sie musste Ordnung in das Heer bringen. So w�rden sie die Gefahr meistern. Skanga zwang sich, ruhig weiterzugehen. Kalter Schwei� rann ihr �ber den R�cken. Als sie noch j�nger gewesen war, hatte sie viele weite Reisen unternommen. In all den Jahrhunderten ihres Lebens war ihr dabei nur ein einziges Gesch�pf begegnet, das hier im Nichts keine Angst empfand: ein Dschinn. Er hatte ziemlich viel krausen Unsinn geredet. Vielleicht war er ja auch verr�ckt gewesen ... Er hatte ihr gezeigt, wie er die Pfade verlie� und durch das Dunkel gehen konnte, ohne sich sch�tzen zu m�ssen. Und ihm war tats�chlich nichts geschehen! Warum die Yingiz ihn verschonten, hatte Skanga nie begriffen. Vielleicht war er zu fremdartig. Wom�glich verschm�hten die Yingiz auch Wesen, die nicht aus Fleisch und Blut waren.</p><p>Erneut erklang ein gellender Schrei, der abrupt abbrach. Trolle verschm�hten die Seelenfresser jedenfalls nicht.</p><p>�Schneller!�, dr�ngte Branbart.</p><p>Skanga ignorierte ihren K�nig und ging gemessenen Schrittes weiter. Sie hob und senkte ihren Stab, und das Echo dr�hnender Schilde folgte ihr. War der Weg schmaler geworden?</p><p>Nein, nein ... Ihr magisches Auge spielte ihr einen Streich! Das konnte nicht sein! Sie zwang sich, ruhig zu atmen, und presste den Albenstein auf ihr Herz. Er verst�rkte ihre Magie und verlieh ihr eine Macht, die fast an jene sagenumwobenen Kr�fte ihrer Sch�pfer heranreichte. Es hie�, wer drei Albensteine besa�, der k�nne alles vollbringen. Doch jedem der Albenv�lker war nur ein Stein geschenkt worden, und sie wurden eifers�chtig geh�tet.</p><p>Die Schamanin dachte an Emerelle. Sie besa� den Stein, der den Elfen geschenkt worden war. Sollte Branbart nur aus dem Sch�del der K�nigin trinken. Sie w�rde Emerelles Albenstein an sich nehmen! Wenn sie ihn erst besa�, w�rde sie ihr Volk k�nftig vor allen Gefahren sch�tzen k�nnen.</p><p>Wieder erreichten sie einen Albenstern; diesmal kreuzten sich sieben Pfade. Skanga verharrte. Waren sie schon bei dem Stern angelangt, �ber den Atta Aikhjarto wachte? Die Schamanin musterte eingehend das verschlungene Knotenmuster der Kraftlinien. Nein, es war noch ein gutes St�ck Wegs bis zum Tor in Emerelles Thronsaal.</p><p>Da war ein Ger�usch ... Ein fernes Jaulen? Es war in ihrem Kopf ... Die Yingiz! Es hie�, dass die Yingiz an Macht gewannen, wenn man zu lange im Nichts verweilte. Sie fanden einen Weg, jene zu verlocken, die schwach waren. Wie um Skangas Gedanken zu best�tigen, erklang erneut ein Schrei.</p><p>Die Schamanin strauchelte. Sie hatte sich den Fu� vertreten. Stechender Schmerz peinigte ihren rechten Kn�chel. Den Fu� vertreten? Das konnte doch nicht ...</p><p>Weitere Schreie gellten durch die Finsternis. Da sie stehen geblieben war, erstarb das Krachen der Schilde. Der stechende Geruch der Angst hing in der Luft.</p><p>Skanga blickte auf ihre F��e. Sie versanken langsam im goldenen Pfad, so wie man auf einem regenweichen Lehmweg einsank.</p><p>Immer neue Schreie t�nten vom Anfang der Marschkolonne.</p><p>Was ging dort vor sich? Skanga hob den Stab. Es musste vorw�rts gehen! Schlie�lich war es nicht mehr weit bis zum Thronsaal der verfluchten K�nigin. Sie durften sich jetzt nicht aufhalten lassen. Der aufgeweichte Weg, die Todesschreie, das waren die Boten des letzten Widerstands!</p><p>Skanga blickte wieder auf ihre F��e. Der Arm, mit dem sie den Stab hob, verharrte inmitten der Bewegung. Der Pfad! Wie ein dickes Seil, das sich Strang f�r Strang aufl�ste, zerfaserte er.</p><p>�Zur�ck! Lauft!�, schrie die Schamanin und packte Branbart beim Arm.</p><p>Die Krieger vor ihnen kehrten um und dr�ngten auf dem schmaler werdenden Weg zur�ck. Dutzende K�mpfer st�rzten in die Finsternis und waren sofort von wirbelnden schwarzen Schlieren umgeben. Wie lange, d�nne W�rmer wurde das Lebenslicht aus ihren Leibern gezerrt.</p><p>Skanga versetzte dem Krieger, der ihr entgegenkam, mit ihrem Stab einen Schlag ins Gesicht. Vergebens! Sie wurde zur Seite gesto�en. Die Finsternis griff nach ihr. Dann brauste es in ihren Ohren. Sie fiel in den endlosen Abgrund. Gestalt gewordene Dunkelheit griff nach ihr.</p></section><section><title><p>Stille</p></title><p>Ein tausendfacher Schrei erklang, erschreckend nah und zugleich nicht mehr von dieser Welt. Ollowain hatte auf unz�hligen Schlachtfeldern gestanden. In seinem Leben, das nach Jahrhunderten z�hlte, hatte er unz�hlige Male dem Tod gelauscht. Wimmernd, r�chelnd, trotzig fluchend waren die Sterbenden um ihn herum ihrem Ende begegnet. Manche riefen nach ihrer Mutter oder ihrer Geliebten, andere starben w�rdelos kreischend. All dies war dem Schwertmeister wohl vertraut, aber Todesschreie wie diese hatte er nie zuvor vernommen.</p><p>Eine Geste von Emerelle lie� das dunkle Tor vergehen und schnitt die Stimmen der Trolle ab. Die steinernen Schlangen fl�chteten zur�ck an ihren Platz im Mosaik. Das leise fl�sternde Wasser an den W�nden des Thronsaals verstummte. Es war jetzt totenstill in der gro�en, verlassenen Burg.</p><p>Ollowain zitterte, als er das Schwert zur�ck in die Scheide schob. Es war k�lter geworden. Mondlicht wob seinen Zauber im weiten Thronsaal.</p><p>Nur ein Wort der K�nigin hatte gen�gt, den Elfen Frieden zu bringen. Alles war gut, redete sich Ollowain ein. Und doch sp�rte er, dass sich etwas ver�ndert hatte. Etwas Fremdes, Ungreifbares war um ihn herum. Es vermochte sich vor ihm zu verbergen, aber er wusste, es war hier. Ganz nahe! Feuchtigkeit hing schwer in der Luft und mit ihr der Duft von Lindenbl�ten. Ollowain hatte dicht vor dem dunklen Tor gestanden. Nichts h�tte unbemerkt an ihm vorbeigelangen k�nnen. Und dennoch war etwas hier ...</p><p>Obwohl er der ber�hmteste Schwertk�mpfer Albenmarks war, f�hlte er sich hilflos wie ein Kind. Ausgeliefert dem Unnennbaren. Er kniete neben seiner K�nigin nieder. Die Lippen schmal, den Blick in sich gekehrt, verharrte sie kniend. Mit beiden H�nden hielt Emerelle den Albenstein umklammert, wie ein Frierender in einer Winternacht einen Becher mit warmem Wein.</p><p>Z�rtlich umfingen seine H�nde ihre kalten Finger. �Was ist geschehen, Herrin?� Emerelle schwieg. Sie sah zu den bunten Steinen des Mosaiks hinab, als verberge sich in dem Bild ein Geheimnis, das nur sie allein zu deuten mochte. So schien es Ollowain, bis er begriff, dass die K�nigin in Wahrheit seinen Blick mied.</p><p>Lange knieten sie einander gegen�ber. Langsam kehrte die W�rme in Emerelles Finger zur�ck. Kein Laut st�rte die Stille.</p><p>Der Drachenstern stand schon tief im Westen, als die K�nigin sich erhob. Schweigend folgte Ollowain ihr die Stufen zum Thron hinauf. Er wusste, dass es sinnlos war, seine Frage zu wiederholen. Sie w�rde ihm antworten, wann es ihr gefiel. Vielleicht auch nie ... So viele Geheimnisse trug sie in ihrem Herzen. Es hie�, Emerelle sei die �lteste ihres Volkes, und sie habe bereits gelebt, bevor die Alben ins Mondlicht gegangen waren. Selbst f�r eine Elfe war die Spanne ihres Lebens schier unermesslich. Sie war alt wie die Berge, und doch hatte sie nie ihren jugendlichen Liebreiz verloren. Jetzt aber wirkte sie m�de. Leicht vorgebeugt stand sie vor der flachen Silbersch�ssel neben dem Thron. Manchmal verharrte sie so ganze Tage. Nur Ollowain, Meister Alvias und Obilee durften den Thronsaal betreten, wenn die Herrin Albenmarks versuchte, der Zukunft ihre Geheimnisse zu entrei�en. Im spiegelnden Wasser der Sch�ssel erblickte Emerelle, was in kommenden Jahrhunderten geschehen mochte, und sie hielt stumme Zwiesprache mit dem Schicksal, um �ber den Weg der V�lker Albenmarks zu entscheiden.</p><p>Im Wasser der Sch�ssel lagen reglos die beiden Nachtigallen. Ihr Gefieder war zerzaust. Die kleinen Schn�bel standen offen; sie waren gestorben, w�hrend sie gesungen hatten. Eine Laune des Lichts lie� das Wasser einen Augenblick lang schwarz erscheinen, als treibe ein Schatten unter der spiegelnden Oberfl�che.</p><p>�Wir beide w�ren jetzt tot, wenn ich es nicht getan h�tte�, sagte Emerelle leise. �Aus den T�rmen der Burg w�rden himmelhohe Flammen schlagen, aber diese Nachtigallen s��en im Ge�st der beiden Linden unten im Tal, dort, wo die Quelle entspringt, die sich in den See ergie�t. Sie hatten begonnen, sich dort ein Nest zu bauen ...� Emerelle standen Tr�nen in den Augen. Nie zuvor hatte Ollowain die K�nigin weinen gesehen.</p><p>�Was hast du getan, Herrin?�</p><p>�Ich habe einen Teil der Sch�pfung der Alben zerst�rt. Einen der goldenen Pfade, die durch das Dunkel f�hren. Jenen Pfad, den die Trolle gew�hlt hatten, um hierher zu gelangen. Alle, die ihn betreten haben, sind ins Nichts gest�rzt. Ich ...� Sie rang einen Augenblick lang um Worte. �Es war Zorn, der meine Tat bestimmte. Ich habe einen Weg beschritten, auf den ich nicht vorbereitet war und von dem ich nicht wei�, wohin er f�hren wird.�</p><p>�Aber du sagtest, wir w�ren sonst tot�, wandte Ollowain ein. Er mochte nicht glauben, was er h�rte. Solange er Emerelle kannte, hatte er immer darauf vertraut, dass sie wusste, was die Zukunft brachte, und dass all ihr Tun in diesem Wissen begr�ndet war. Vor allem, wenn er ihr Handeln nicht verstand, hatte er sich mit diesem Glauben gegen seine Zweifel gewappnet.</p><p>�Was sonst w�re wohl mit uns geschehen, wenn die Trolle den Thronsaal gest�rmt h�tten? H�ttest du dich ergeben? Niemals. Und auf welche Weise ich an Branbarts Siegesfest teilnehmen sollte, ist dir auch bekannt. Man muss nicht immer Magie wirken, um die Zukunft zu kennen.�</p><p>Vorsichtig hob Emerelle die beiden toten V�gel aus dem Wasser und bettete sie in ihre Handfl�chen. �Unsere Zukunft ist wie ein Baum, Ollowain. Mit jedem Herzschlag treibt er tausende junge �ste, die sich schon beim n�chsten Herzschlag wieder zerteilen und zu einer m�chtigen, un�bersichtlichen Baumkrone werden. Mir war bewusst, dass Skanga Angst davor hatte, noch einmal die Albenpfade zu beschreiten. Zweimal schon haben die Trolle gesiegt, weil sie das Werk der Alben missbrauchten. Sie wusste, dass ich hier im Thronsaal stehen w�rde, um auf sie zu warten. Bei allen m�glichen Zuk�nften, die ich gesehen habe, hat sie es nur ein einziges Mal gewagt, das Tor zu �ffnen. Ihr war klar, dass ich die Macht habe, einen Albenpfad zu zerst�ren. Sie hat sich gef�rchtet. Deshalb w�hlte sie die Macht des Blutes und der Finsternis, um ihren Zauber zu wirken. Dies sind die Spielarten der Magie, die mir am wenigsten vertraut sind.� Emerelle zitterte vor Zorn, w�hrend sie sprach. �Ich habe bis zuletzt nicht wahrhaben wollen, dass sie sich noch einmal in das goldene Netz wagen w�rde. Sie hat darauf vertraut, dass ich mich f�rchten w�rde, das Werk der Alben zu einem Teil zu zerst�ren. Dies ist ein Zweig der Zukunft, den ich nicht erforscht habe, denn er f�hrt in die Dunkelheit. Er ...� Wieder versagte ihr die Stimme.</p><p>Ollowain sp�rte ihre Angst. Was war an Stelle der Trolle in ihre Welt getreten? Welchen Schrecken hatte sie in ihrem Zorn beschworen?</p><p>Die K�nigin wandte sich von der spiegelnden Silberschale ab. Erstes Morgenlicht vertrieb die Schatten im Thronsaal. Vorsichtig legte Emerelle die beiden toten V�gel auf die Lehne ihres Throns. �Hunderte Zuk�nfte habe ich erforscht. Tausende sind mir verborgen geblieben. Auf fast jedem Weg, dem ich folgte, sah ich, wie die Trolle ein gewaltiges Heer aufstellten. Ich sah weite Ebenen in Flammen und brennende St�dte. Wer sich diesem Heer in den Weg stellte, der wurde vernichtet. Unaufhaltsam kam es nach S�den, zum Herzland. Das war es, was sie wollten. Sie wollten Albenmark das Herz herausrei�en.�</p><p>Ollowain sp�hte in die verblassenden Schatten. Etwas verbarg sich dort. Warum sprach Emerelle nicht davon? W�rden ihre Worte dem fremden Wesen weitere Macht verleihen? Er erinnerte sich an dunkle Legenden �ber ein ungenanntes B�ses. Ihm einen Namen zu geben, machte es st�rker. Es hie�, die Alben h�tten es vertrieben. Aber man sprach immer noch nicht dar�ber. Emerelle wusste, was sie tat, redete sich der Schwertmeister ein. Trotz allem, was in dieser Nacht geschehen war. Wenn sie nicht dar�ber reden wollte, was die Nachtigallen get�tet hatte, war es kl�ger, diese Frage unausgesprochen zu lassen. �Und wenn wir uns den Trollen mit aller Kraft entgegenwerfen w�rden?� Vor wenigen Stunden noch hatten die Trolle sein ganzes Denken beherrscht. Nun fiel es ihm schwer, seine Gedanken zu ordnen. Immer wieder sp�hte er ins Zwielicht, das langsam den Strahlen der Morgensonne wich.</p><p>�Wenn wir die V�lker Albenmarks vereinen, um unter einer Fahne zu k�mpfen, k�nnen wir dann nicht doch �ber die Trolle siegen? In dieser Nacht haben wir Zeit gewonnen, uns auf den Krieg vorzubereiten, der trotz allem kommen wird.� War da ein Schatten hinter dem Thron? Nicht hinsehen! Seine Augen spielten ihm gewiss einen Streich! Das war nur der Schatten der hohen Lehne. Nichts sonst! �Hat all unser Streben keinen Einfluss auf unsere Zukunft?�</p><p>�Ganz im Gegenteil. Jeder Schritt, den wir tun, ver�ndert etwas. Und doch ... Manchmal scheint es so, als seien bestimmte Ereignisse unabwendbar.� Sie senkte den Blick, denn sie wollte nicht, dass er in ihren Augen lesen konnte, als sie weitersprach.</p><p>�Wir werden verlieren, was wir lieben. Das ist der Preis. So war es schon immer.�</p><p>Einen langen Augenblick schwiegen sie beide. Dann sah sie auf und l�chelte pl�tzlich. �Heute Nacht haben wir den Weg in eine neue, unbekannte Zukunft beschritten. Sie ist dunkel ... Aber wenn man die Hoffnung nicht aufgibt, dann ist alles m�glich!� Ihr L�cheln war so pl�tzlich verflogen, wie es gekommen war. Es war ein seltener Gast in ihrem Antlitz, und doch hatte es schon unz�hlige Barden aus allen V�lkern der Albenkinder zu Liedern �ber sie ermutigt. Wenn Emerelle l�chelte, dann lag ihr die Welt zu F��en. In diesen seltenen Augenblicken entfaltete sich ihre ganze Sch�nheit. Nichts, das Ollowain je gesehen hatte, war so vollkommen. Au�er Lyndwyns Augen</p><p>... dachte er traurig. Zuletzt hatte er nur noch in ihre Augen gesehen. Sonst h�tte er nicht ertragen k�nnen, was die Trolle ihr angetan hatten. Er wusste, sie wartete auf ihn.</p><p>�Wei�t du um meinen Tod, Herrin?�</p><p>�Ich wei� um viele deiner m�glichen Lebenswege�, entgegnete die K�nigin ausweichend.</p><p>�Und mein Tod?�, beharrte er.</p><p>�Willst du das wirklich wissen? Deine Frage ist nicht weise. Dein Tod h�ngt von dem Weg ab, den du w�hlst. Ich habe dich oft sterben gesehen.�</p><p>�Und wie kann ich mich sch�tzen?�, setzte er nach und meinte doch das Gegenteil.</p><p>Sie l�chelte traurig. �Gar nicht, Schwertmeister. Zu leben ist auf jeden Fall t�dlich. Meide das Feuer, Ollowain. Du wirst in den Flammen sterben, so war es schon immer.�</p><p>Endlich gelang es ihm, ihren Blick einzufangen. �Du kennst den Weg meiner Seele? Meine vergangenen Leben? Wer war ich?�</p><p>�Sich nicht zu erinnern, ist ein Geschenk, Ollowain. R�hre nicht an dieser Gunst, die dir das Schicksal gew�hrt. Jede Wiedergeburt hat deine Seele gel�utert. Du bist ohne Fehl. Vollkommen. Ich ...� Sie sch�ttelte sanft den Kopf. �Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Warum Wunden, die verheilt sind, wieder aufrei�en? Vertraue mir. Zu vergessen ist ein Geschenk. Nur so wird man wirklich in ein neues Leben geboren, wenn man wiederkehrt. Jenen, die geblieben sind, steht es nicht zu, selbsts�chtig an dieser Gnade zu r�hren, mein Schwertmeister.� Sie schenkte ihm ein schmerzliches L�cheln. �Nun lass mich bitte allein. Es ist meine Pflicht, von neuem mit der Suche nach unserer Zukunft zu beginnen. Wir ...� Sie hielt inne und senkte den Blick.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich habe dir nie daf�r gedankt, wie du mich aus dem brennenden Vahan Calyd gerettet hast. Du warst mein Schwert und mein Schild, als ich mich nicht zu sch�tzen vermochte. M�nner wie du sind selten, Ollowain. Danke, dass du an meiner Seite stehst. Du bist das Licht in meinen dunkelsten Stunden.�</p><p>Ihre Worte machten ihn verlegen. Er verbeugte sich knapp und zog sich zur�ck. Doch noch bevor er die hohe Fl�gelt�r zum Thronsaal erreichte, schlichen sich Zweifel in seine Gedanken. Seit seiner Kindheit hatte er sich kaum mehr Gedanken dar�ber gemacht, wer er einst gewesen sein mochte. Hatte die K�nigin all dies nur gesagt, um ihn davon abzulenken, was sie getan hatte?</p><p>Am Tor blickte er zur�ck. Der Thronsaal war nun lichtdurchflutet. Emerelle stand ganz in sich gekehrt vor der Silberschale. Den Schatten haftete nichts Bedrohliches mehr an. Nur die beiden toten Nachtigallen auf der Armlehne des Throns erinnerten daran, dass etwas nach Albenmark gekommen war, das selbst die K�nigin f�rchtete.</p></section><section><title><p>Der Fluch</p></title><p>Skanga riss den Stab hoch �ber den Kopf. K�lte griff nach ihren Gliedern. Das Ende war nahe. Wie ein Wollfaden wand sich zitternd das Licht aus ihrer Brust. Branbart starrte sie mit schreckensweiten Augen an. Ihm entwich das Lebenslicht durch seine gro�en Nasenl�cher.</p><p>Die Trollschamanin drehte den Stab langsam. Ihre zitternden Lippen formten die Worte, die sie einst von Matha Naht gelernt hatte. D�nn wie eine Eierschale umschloss sie ein Kokon aus st�hlernem Licht.</p><p>Skanga zerrte Branbart dicht an sich heran. Der K�nig kr�mmte sich wimmernd wie ein Neugeborenes. Seine H�nde krallten sich schmerzhaft in ihre Schultern. Metschwerer Atem schlug der Schamanin ins Gesicht.</p><p>Noch immer st�rzten sie. Das Geschrei war erstorben. Tr�nen rannen �ber Skangas Gesicht. Die Seelen tausender junger Krieger waren vergangen. Die Schamanin sp�rte den Jubel der Yingiz. Ein solches Festessen hatte es noch nie gegeben. Ein ganzes Heer war dahin. Binnen Augenblicken.</p><p>�Ich verfluche dich, Emerelle!�, stie� sie stockend hervor.</p><p>�M�gen die Kinder in deinem Leib von W�rmern gefressen werden, wenn du jemals empfangen solltest. M�gen die Werke deines Volkes Asche werden. M�gen deine Freunde dich verraten und deine Feinde ohne Zahl sein. M�gest du alles verlieren, was deinem Herzen Freude schenkt, und m�gest du ewig leben, damit deine Qualen niemals enden!�</p><p>�<emphasis>Schick uns, Skanga</emphasis>�, fl�sterte ein Chor von Stimmen in ihrem Kopf. �<emphasis>Du hast uns schon einmal gerufen. Wir erf�llen dir deine W�nsche gern. Bring uns ins Herzland, und wir lehren Emerelle das F�rchten</emphasis>.�</p><p>Skanga versuchte sich gegen die Stimmen zu verschlie�en. Sie hielt Branbart eng umklammert. Ja, sie gab sich sogar ihrer Angst hin. Sie war sich bewusst, dass ihr Sturz nur ein Trug war, wie fast alles in der Welt der Schatten. Dennoch f�rchtete sie jeden Augenblick, auf felsigem Grund zerschmettert zu werden. Branbart stie� kurze, schrille Schreie aus. Wahn spiegelte sich in seinen Augen.</p><p>�Ich kann euch keinen Leib geben�, schrie die Schamanin. �Es ist nicht wie in Vahan Calyd. Ich kann euch hier nicht helfen.�</p><p>�<emphasis>�ffne uns ein Tor ins Herzland, Skanga. Das ist alles, was wir wollen. Wir brauchen keinen Leib. Furcht allein kann t�ten, Schamanin. Und wir sind die Meister der Furcht</emphasis>.�</p><p>�Eure L�gen t�uschen mich nicht. Furcht allein wird nicht gen�gen, um Emerelle zu bezwingen. Ich lasse euch nicht nach Albenmark, wenn ich nicht �ber euch gebieten kann. Haltet ihr mich f�r so dumm? Welchen Nutzen h�tte ich davon? Eines Tages w�rdet ihr in die Snaiwamark vordringen, um dort mein Volk zu qu�len. Ich verhandle nicht mit euch zu euren Bedingungen.�</p><p>Lachen hallte in ihrem Kopf wider. Laut, geh�ssig, schmerzend. Skanga lie� den Stab sinken und presste sich die H�nde auf die pochenden Schl�fen. �<emphasis>Wir verhandeln nicht, Skanga. Wir machen dir einen gro�m�tigen Vorschlag. Du bist in unserer Hand. Wir schenken dir dein Leben, wenn du uns ein Tor ins Herzland �ffnest. Und wir schenken dir die Gewissheit, dass Emerelle leiden wird. Ist es nicht dein gr��ter Wunsch, die K�nigin der Elfen zu zerbrechen? �ffne uns das Tor, und dein Wunsch wird sich erf�llen</emphasis>.�</p><p>Schatten perlten von der d�nnen Haut des Zaubers, mit dem sich Skanga umgab. Sie war in Sicherheit! Die Yingiz konnten nicht bis zu ihr vordringen! Die Sinne der Schamanin tasteten sich in die Dunkelheit. Sie musste einen der goldenen Albenpfade finden. Dann w�ren sie und Branbart gerettet.</p><p>�<emphasis>Glaubst du wirklich, du k�nntest dich vor uns sch�tzen?</emphasis>� Gel�chter erklang. �<emphasis>Skanga, bist du dir sicher, dass deine Zauber so machtvoll wie die der Alben sind? Wollen wir es herausfinden?</emphasis>� Sie durfte nicht auf die Stimmen h�ren. Zu reden, das war alles, was sie konnten. Ihr Zauber sch�tzte sie beide vor ihnen ...</p><p>Branbart seufzte. Das gelbe Licht eines L�chelns floss durch seine Aura. �Ja, das werde ich tun�, sagte er. �Ja.� Seine H�nde schlossen sich um Skangas Kehle.</p><p>�Du Narr! Du bringst uns beide um!�</p><p>Der K�nig l�chelte noch immer. �Sie lassen mich gehen. Und sie vertreiben die Stimmen in meinem Kopf.� Seine H�nde dr�ckten fester zu. �Die Schreie ... Sie h�ren nicht auf, die Schreie meiner Krieger.�</p><p>Skanga b�umte sich auf. Ihre langen N�gel krallten sich in die Handgelenke des K�nigs, doch gegen seine Kraft vermochte sie nichts auszurichten. Ihre Lungen brannten, als habe man fl�ssiges Feuer hineingegossen. Vergeblich japste sie nach Luft.</p><p>�Wenn ich sterbe, vergeht mein Zauber�, stie� sie hervor. �Du t�test uns beide.� Noch immer war das Gelb des L�chelns im Lichtk�rper des K�nigs zu sehen. Doch seine Aura verblasste langsam. Etwas Dunkles breitete sich in ihm aus. Die Farben vergingen. Pl�tzlich war sein Kopf verschwunden. �Sie haben es versprochen�, sagte er mit fremder, kehliger Stimme.</p><p>Skanga griff ihm ins Gem�cht und dr�ckte mit aller Kraft zu.</p><p>Branbarts Griff um ihre Kehle wurde nur fester. Die Schamanin sp�rte, wie sich knirschend einer ihrer Nackenwirbel bewegte. Sie musste an erstickenden, schwarzen Schlamm denken. Panik griff nach ihrer Seele. Es war wie damals in der Schreckensnacht ...</p><p>Pl�tzlich stie� Branbart einen spitzen Schrei aus. Er versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. �Bist du verr�ckt, alte Vettel?� Mit der Rechten rieb er sich den Schritt. Sein Lichtk�rper hatte wieder einen Kopf, und er erstrahlte im pulsierenden Rot von Wut und Schmerz. Der K�nig zog die Nase hoch und spie aus.</p><p>Skanga sp�rte, wie sein Auswurf auf ihrem linken Fu� landete. Der magische Kokon, den sie erschaffen hatte, war zu eng, um sich aus dem Weg zu gehen. Die Schamanin tastete nach ihrem Stab. Misstrauisch beobachtete sie Branbart.</p><p>�<emphasis>Er ist so schwach</emphasis>�, erklang es in ihrem Kopf. Diesmal sprach nur eine Stimme. �<emphasis>Warum herrschst du nicht �ber dein Volk, Skanga? Du w�rst viel besser geeignet. Ach ... Glaubst du immer noch, dein l�cherlicher Zauber k�nnte dich sch�tzen? Wir m�ssen dich nicht ber�hren, um dich zu t�ten, Alte</emphasis>.�</p><p>�Ich kann mich aus eigener Kraft sch�tzen�, zischte Skanga. Jedes Wort brannte ihr in ihrer geschundenen Kehle.</p><p>�<emphasis>Bist du sicher? Vielleicht haben wir von ihm gelassen, damit er dich jetzt noch nicht umbringt. Zumindest ich glaube, dass man mit dir reden kann, auch wenn nicht alle meine Br�der und Schwestern meiner Meinung sind. Du bist klug. Du wirst einsehen, in welch aussichtsloser Lage du bist. Entweder t�test du Branbart, dann wird seine Seele von uns getrunken werden, und euer K�nig wird niemals mehr wiedergeboren. Oder du tust es nicht, dann sterbt ihr beide. Du wirst dich nur vor ihm sch�tzen k�nnen, wenn du ihn umbringst. Er ist deine gr��te Schw�che, Skanga. Ich sagte ja schon, dass nicht alle meine Br�der und Schwestern so nachgiebig sind wie ich. Manche haben dir nicht verziehen, dass du zwei von uns ins Verderben gezwungen hast. Sie werden Branbart dazu bringen, dass er dich t�tet. Dann vergeht dein Zauber, und ihr beide werdet unsre Opfer. Ich gestehe, selbst ich werde schwach, wenn ich an deine starke Seele denke. Sie ist voller D�sternis. Wir unterscheiden uns weniger, als du glaubst, Skanga. Der dunkle Samen von Matha Naht ist in dir aufgegangen. Und er ist stark</emphasis>.�</p><p>Alles L�ge, dachte Skanga. Sie durfte sich diesen Einfl�sterungen nicht hingeben. Sie w�rde Branbart hier herausbringen. Wenigstens ihn.</p><p>�<emphasis>Du entt�uschst mich. Du wei�t doch, dass ich Recht habe</emphasis>.� Das gelbe Licht des L�chelns durchdrang Branbarts Aura. Die anderen Stimmen fl�sterten wieder auf den K�nig ein.</p><p>�<emphasis>Meine Br�der und Schwestern haben beschlossen, dass du noch nicht sterben sollst. Aber frohlocke nicht. Das ist keine gute Nachricht. Sie sind �berzeugt, dass sie dich dazu bringen k�nnen, uns einen Weg nach Albenmark zu �ffnen. Du bist sehr m�chtig, Skanga, und tr�gst einen Albenstein bei dir. Du kannst das Werk der Alten vernichten, wie ein Kind mit Leichtigkeit ein Spinnennetz zerrei�t. Glaubst du, die Alben und alles, was sie erschaffen haben, seien vollkommen gewesen? Selbsts�chtig waren sie. Schlimmer noch als ihre Letztgeborenen, die Elfen. Und von unertr�glicher �berheblichkeit! Sie ... Oh! O nein. Es tut mir leid</emphasis>.�</p><p>�Was?� Skanga verfluchte sich im selben Augenblick, in dem das Wort �ber ihre Lippen kam. Sie durfte sich nicht auf die Einfl�sterungen dieses Yingiz einlassen! Ganz gleich, was er sagte, er meinte es nicht gut mit ihr.</p><p>�<emphasis>Meine Br�der und Schwestern versuchen deinen K�nig davon zu �berzeugen, dass er dich packen soll, um dir einen Daumen aus dem Gelenk zu drehen. Und dann soll er ihn auch noch abrei�en. Was glaubst du, ist Branbart stark genug, einen Daumen abzurei�en? Es tut mir leid. Ich versichere dir, Skanga, wir sind nicht alle so, auch wenn wir Seelenfresser sind und einen �blen Ruf haben</emphasis>.�</p><p>Skangas Stab wirbelte herum. Krachend traf er Branbarts Schl�fe. Der K�nig sackte in sich zusammen.</p><p>�<emphasis>Ausgezeichnet! Ich bin beeindruckt. Wirklich, Skanga. Gedanke und Handeln sind eins. Das trifft man selten bei Weibsbildern</emphasis>.�</p><p>Die Stimme in ihrem Kopf lachte.</p><p>�<emphasis>Nun ja, um ehrlich zu sein, bei M�nnern auch. Die meisten �berlegen zumindest kurz, bevor sie zur Tat schreiten. Du bist etwas Besonderes</emphasis>.� Verzweifelt suchte Skanga nach einem Albenpfad. Das Nichts war von hunderten dieser Wege durchzogen. Es musste doch einen in der N�he geben! �<emphasis>Es tut mir leid, dich zu entt�uschen, meine Liebe. Dieser Ort hier ist gr��er, als du dir vorstellen kannst. Denk doch einmal nach. Er umschlie�t mehrere Welten. Es k�nnen Tage vergehen, bevor du einen Albenpfad findest. Willst du Branbart bis dahin jedes Mal niederschlagen, wenn er das Bewusstsein wiedererlangt? Ich werde mich nicht in deine Entscheidungen einmischen ... Aber hast du keine Sorge, dass du auch noch das letzte bisschen Verstand aus seinem unf�rmigen Sch�del herauspr�geln k�nntest? Was w�re damit gewonnen? Er ist doch schon jetzt als K�nig, vorsichtig gesagt, ein Problem</emphasis>.�</p><p>Skanga verst�rkte ihre Anstrengungen, einen Albenpfad zu finden. Mit all ihren Sinnen griff sie hinaus in die Dunkelheit. Wenn der Yingiz sich so sehr bem�hte, ihr jede Hoffnung zu nehmen, dann war die Rettung vielleicht schon ganz nah.</p><p>�<emphasis>Also wirklich, Skanga. Glaubst du, ich bin so leicht zu durchschauen? Du beleidigst mich. Ich meine es wirklich gut mit dir. Ich bin nicht wie meine Br�der und Schwestern. Leider sind die meisten von ihnen ganz von ihren Trieben beherrscht. Sie weiden sich an deinem Leib. Und sie gieren nach deiner Seele. Im Augenblick streiten sie gerade dar�ber, ob sie Branbart nicht doch besser befehlen sollen, dich zu w�rgen. Einigen haben deine besonderen �ngste gefallen. Du wei�t ja selbst am besten, woran es dich erinnert, wenn du gew�rgt wirst. Deine Meisterin, Matha Naht, war schon ein �bles Kraut. Also, ich habe mich nie mit B�umen eingelassen. Ihre Seelen ... Gut, die sind wirklich au�erordentlich schmackhaft. Aber mit ihnen reden... Ich sehe in deinen Gedanken, was f�r eine Lehrerin sie war. Ich h�tte sie auch umgebracht. Bist du �brigens sicher, dass sie wirklich tot ist? Wie hei�t es noch gleich? B�ume und Minotauren haben dreizehn Leben. Du warst nie wieder dort. Der Blitzschlag und das Feuer, war das wirklich genug? Hast du sie bis in den letzten Wurzelstrunk vernichtet?</emphasis>�</p><p>Beim Gedanken an Matha Nahts Wurzeln �berlief die Schamanin ein kaltes Schaudern. Nicht daran denken! Das wollte dieser verfluchte Yingiz doch nur. Sie konnte f�hlen, wie er in ihren Erinnerungen schwelgte. Er durchlebte ihr Leben. Suchte nach den Augenblicken des Gl�cks und den einsamen Stunden, in denen sie am Abgrund gestanden hatte.</p><p>�<emphasis>Komm, gib uns Branbart, und wir lassen dich ziehen</emphasis>.� Trotzig sperrte sich Skanga gegen die Einfl�sterungen. Sie hatte vor langer Zeit der Seele des K�nigs die Treue geschworen! In ihrem Leben hatte sie oft ihre Macht missbraucht.</p><p>Sie hatte Schamaninnen ermordet, die vielleicht eines Tages m�chtiger geworden w�ren als sie. Sie hatte ihre Magie genutzt, um stattliche Krieger zu blenden und auf ihr Lager zu zerren. Sie hatte aus Launen heraus Leben und Tod gew�hrt. Das Einzige, an dem sie immer unverbr�chlich festgehalten hatte, war ihre Treue zur Seele des K�nigs. Ihn nun zu verraten, w�rde sie zerst�ren. Die fl�sternde Stimme wusste das.</p><p>�<emphasis>Du hast also beschlossen, mit ihm zusammen unterzugehen? Ist das edel oder dumm? Du bist mir doch fremder, als ich dachte, Skanga. Sieh nur! Er blinzelt schon. Er wird nicht z�gern, sich gegen dich zu wenden. Siehst du den Hass in seinen Augen?</emphasis>�</p><p>Die Schamanin griff nach ihrem Stab. Branbart war schneller. Offenbar war er schon l�nger wieder zu sich gekommen und hatte sie durch halb zugekniffene Lider beobachtet.</p><p>�H�r nicht auf die Stimmen. Ganz gleich, was sie sagen, sie haben nur dein Verderben im Sinn!�, zischte sie.</p><p>M�helos drehte der K�nig ihr den schweren Stab aus der Hand. Dann richtete er sich auf.</p></section><section><title><p>Von Weisen und von der Leidenschaft</p></title><p>M�de blinzelnd blickte Ollowain von der hohen Terrasse auf den Garten hinab. Die K�nigin hatte ihn wecken lassen und hierher gebeten. Es war eine warme Nacht. Der Fr�hling hatte in den drei Tagen, die seit den Ereignissen im Thronsaal vergangen waren, an Kraft gewonnen.</p><p>Vor ihm reckten zwei Maulbeerb�ume ihre dunklen �ste dem Mond entgegen und schienen einander in der verg�nglichen Pracht ihres Fr�hlingsschmucks �bertreffen zu wollen.</p><p>Ollowain st�tzte sich auf das steinerne Gel�nder und schloss die Augen. Er jagte dem Traum nach, aus dem man ihn gerissen hatte. Lyndwyn war bei ihm gewesen. Sie waren auf einem Weg gegangen, dessen Kies unter einem Teppich aus wei�en Kirschbl�tenbl�ttern verborgen blieb. Sie hatten sich bei den H�nden gehalten, und Lyndwyn hatte ihn mit ihren Sticheleien zum Lachen gebracht.</p><p>In der kurzen Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, hatte es niemals einen solchen Spaziergang gegeben. Aber sie war oft in seinen Tr�umen bei ihm, um ihm zu schenken, was ihnen das Leben verwehrt hatte. Er klammerte sich an diese Tr�ume. Er wollte nicht daraus aufwachen.</p><p>�Was habt ihr im Thronsaal getan?�, ert�nte eine schnarrende Stimme.</p><p>Unwillig �ffnete Ollowain die Augen. Neben ihm stand eine kleine, fuchsk�pfige Gestalt in einem mohnbl�tenfarbenen Kleid. Sie reichte ihm kaum bis �ber die Knie. Aus schwarzen, funkelnden Augen blickte sie w�tend zu ihm auf. Eine Lutin.</p><p>�Bitte lass mich allein, ich bin in Trauer�, sagte er leise. �Und ich bin w�tend�, entgegnete sie bissig.</p><p>�Es gibt nur einen Weg f�r dich, mich wieder loszuwerden. Beantworte meine Frage!� Der Schwertmeister seufzte. Die Lutin galten als das launischste unter den Koboldv�lkern. Er hatte nie begriffen, warum Emerelle einigen von ihnen gestattete, sich ihrem Hofstaat anzuschlie�en. Mit ihnen gab es nichts als �rger. Dass dieser Qu�lgeist hier erschienen war, war sicherlich mehr als nur ein ungl�cklicher Zufall. Die K�nigin musste dieses Treffen arrangiert haben. Aber was bezweckte sie damit?</p><p>�Die Trolle haben ein Tor im Albenstern des Thronsaals ge�ffnet. Emerelle hat sie vertrieben. Das ist geschehen�, erkl�rte Ollowain knapp.</p><p>�Sei einmal still und lausche!� Die Lutin st�tzte die H�nde in die H�ften und sah ihn an, als wolle sie ihn zum Duell fordern.</p><p>�Was h�rst du?�</p><p>�Das ist jetzt wirklich ...�</p><p>�Was h�rst du?�, beharrte sie.</p><p>�Den Wind in den B�umen.�</p><p>�Und sonst?�</p><p>Ollowain zuckte mit den Achseln. Er ahnte, worauf sie hinauswollte, aber er mochte nicht �ber die Stille sprechen.</p><p>�Nichts.�</p><p>Mit einer weit ausholenden Bewegung deutete sie zum Park hinab. �Dort m�ssten Grillen ihr Fr�hlingslied singen. Flederm�use sollten um die T�rme der Burg jagen und Gl�hw�rmchen in den �sten der Obstb�ume tanzen. Aber dort ist nichts. Ich habe hunderte von toten Grillen im Gras gefunden. Die kleinen V�gel sind geflohen. Gestern Nacht war ich bei einer Auenfee. Ich war dabei, als sie ihr Kind tot geboren hat. Die ganze Nacht habe ich auf sie eingeredet. Als ich heute Morgen kurz hinausgegangen bin, ist sie zum See hinabgeflogen und hat sich ertr�nkt.�</p><p>Die Stimme der Lutin �berschlug sich vor Wut. �Du wirst mir sagen, welchen Preis Emerelle gezahlt hat, um die Trolle zu vertreiben, Schwertmeister. Was hat sie ins Herzland gelassen?�</p><p>Sie hob drohend einen Zeigefinger. �Und versuch es nicht noch einmal mit Ausfl�chten, sonst verwandele ich dich in eine Made und zerquetsche dich unter meinem Fu�!�</p><p>�Ich ...�, begann Ollowain.</p><p>�Es ist wohl eher an mir zu antworten.� Emerelle trat aus den Schatten der Terrasse.</p><p>Ollowain hatte sie nicht kommen h�ren, und auch die Lutin wirkte �berrascht, die Herrin Albenmarks so pl�tzlich vor sich stehen zu sehen. Allerdings machte das kleine Koboldweib keinerlei Anstalten, sich um die geb�hrende H�flichkeit zu bem�hen. �Umso besser, du kannst mir sicher aufschlussreicher Bericht geben als dieser stumpfsinnige Schwertfuchtler. Was hast du getan, Emerelle?�</p><p>Ollowain beugte sich hinab, um die Lutin zu packen und fortzubringen. Niemand sprach ungestraft derart respektlos mit der K�nigin! Der Menschent�lpel Mandred hatte es einst nicht besser gewusst, aber Ganda war sich dar�ber im Klaren, dass es eine Beleidigung war, wenn sie die Herrin Albenmarks ansprach, als rede sie mit ihresgleichen und nicht mit einer K�nigin.</p><p>�Wage es nicht, Schwertzappler!� Die Lutin schnippte mit den Fingern, und ein zierlicher, in Spiralen gedrehter Eschenstab erschien in ihrer Rechten.</p><p>�Lass es gut ein, Ollowain. Ganda hat das Recht, mir ihre Fragen zu stellen. Wenigstens sie. Du hast versucht, die Schatten zu vertreiben, nicht wahr?�</p><p>Das kleine Koboldweib lie� den Zauberstab sinken. �Ja. Die ganze Nacht habe ich an Mondbl�tes Lager gek�mpft. Sie hat sich das Kind so sehr gew�nscht. Du musst wissen, ein Eichelh�her hat ihren Liebsten in den letzten Wintertagen geschnappt. Sie wollte ...� Der Lutin standen Tr�nen in den Augen. �Ich beherrsche viele Bannzauber, aber diese Kreatur konnte ich nicht vertreiben. Es war, als wollte ich einen Schatten mit H�nden greifen. Die ganze Nacht war es da. Mondbl�te hat sich zu Tode ge�ngstigt. Sie behauptete, der Schatten spreche zu ihr. Ich habe nichts geh�rt. Aber sie hat sich das bestimmt nicht eingebildet. Ich glaube, es war ihre Angst, die das Kind get�tet hat. Und kalt war es. So kalt, als sei der Winter zur�ckgekehrt. Was hast du getan, Emerelle? Warum mussten Mondbl�te und ihr Kind sterben? Warum schweigen die V�gel in den �sten und die Grillen im hohen Gras? Wen hast du gerufen, um das Herzland gegen die Trolle zu sch�tzen?�</p><p>Emerelle atmete schwer aus. �Weisheit sollte die Herrin all meiner Taten sein. Nicht Zorn und auch nicht Liebe. Deshalb erscheine ich vielen bei Hofe so kaltherzig, ja sogar ungerecht. Gerechtigkeit kann Schw�che sein, Ganda. Das war eine der bittersten Lektionen, die ich als K�nigin lernen musste. Es ist ungerecht, was Mondbl�te widerfahren ist, und ich w�nschte von ganzem Herzen, ich k�nnte es ungeschehen machen. Ich habe bis zuletzt nicht glauben wollen, dass die Trolle noch einmal die Albenpfade f�r ihren Kriegszug missbrauchen w�rden. In meinem Zorn und meiner Verzweiflung habe ich mich dazu hinrei�en lassen, den Pfad zu zerst�ren. Nur so konnte ich das Herzland noch retten.�</p><p>�Du hast es nicht gerettet�, entgegnete Ganda zornig. �Mir w�re es lieber, die Trolle w�ren hier. Mit denen w�sste ich umzugehen.� Sie strich sich �ber die kleine Blesse auf ihrer Fuchsstirn. �Du hast einen Zauber der Alben vernichtet�, sagte die Koboldin sehr leise. �Ihre Pfade sind die Sehnen, die die Welten miteinander verbinden.�</p><p>�Es gibt hunderte Albenfade�, wandte Ollowain ein.</p><p>�In deinem nichtsnutzigen Leib gibt es auch hunderte Sehnen. Eine einzige zu durchtrennen kann bedeuten, dass du deinen Daumen nicht mehr kr�mmen kannst. Und wie willst du dann deine Waffe noch halten? Alles, was du dir in deinem langen Leben erarbeitet hast, kann mit einem einzigen kleinen Schnitt vernichtet werden. So unbedeutend ist es, eine Sehne zu durchtrennen.� Ganda blickte zu Emerelle. �Es sind Yingiz hierher gekommen, nicht wahr? Die Seelenfresser aus dem Nichts.�</p><p>�Sie k�nnen hier keine Gestalt annehmen�, wandte die K�nigin ein. �Sie k�nnen nur versuchen, uns zu �ngstigen. Und sie bringen K�lte.�</p><p>�Und wenn jemand dumm genug ist, ihnen zu einem Leib zu verhelfen? Was dann? Du musst sie wieder vertreiben, Emerelle. Sofort!�</p><p>�Sie entziehen sich meiner Magie. Ich vermag ebenso wenig gegen sie auszurichten wie du gestern Nacht. Selbst die Alben konnten sie nicht g�nzlich vernichten. Deshalb haben sie ihre Schatten in die Dunkelheit verbannt.�</p><p>�Dann musst auch du sie wieder vertreiben!�, beharrte Ganda leidenschaftlich.</p><p>Emerelle breitete hilflos die Arme aus. �Ich habe es versucht. Glaub mir! Mit all meiner Kraft, doch es ist mir nicht gelungen. Sie sind zu fremd. Deshalb habe ich dich hierher gebeten, Ganda. Ich brauche deine Hilfe.�</p><p>Ollowain traute seinen Ohren kaum. Er hatte ja geahnt, dass es kein Zufall war, Ganda mitten in der Nacht auf der Palastterrasse anzutreffen. Aber was hatte er mit diesem z�nkischen Koboldweib zu schaffen? Und was erhoffte sich Emerelle von ihr?</p><p>Ganda hatten Emerelles Worte die Sprache verschlagen. Misstrauisch blickte sie zur K�nigin auf.</p><p>�Es gibt einen Ort, an dem man Antwort auf alle Fragen finden kann, so hei�t es zumindest. Als ich noch nicht K�nigin war, war ich selbst mehrmals dort, und ich wurde nie entt�uscht. Die Bibliothek von Iskendria. Wenn man irgendwo erfahren kann, was zu tun ist, um die Schatten wieder ins Nichts zur�ckzutreiben, dann dort.�</p><p>Ganda sch�ttelte entschied den Kopf. �Das ist nichts f�r mich. Nein! Ich bin nicht weise. Ich habe nicht die Geduld, mir den Hintern auf harten St�hlen platt zu sitzen und mich mit B�chern herumzuschlagen, die so verdreht geschrieben sind, dass man jeden Satz dreimal lesen muss, um zu begreifen, was gemeint ist. Schick einen deiner Berater. Es gibt doch genug Gelehrte, deren Lebensinhalt darin besteht, Dinge aufzuschreiben, die nur ihresgleichen verstehen. Ich bin f�r das Praktische. F�r geistreiches Geschwafel hatte ich schon immer nur Verachtung �brig. Lass mich in Blut und Dreck als Heilerin auf einem Schlachtfeld dienen, und ich werde dich nicht entt�uschen. Aber in Iskendria bin ich fehl am Platz. Mich leitet mein Gef�hl. Und es hat mich selten get�uscht. Aus Dingen, die einem nur der Verstand diktiert, entspringt allzu oft �bles.� Sie deutete in Ollowains Richtung. �Schick ihn. Ihr Elfen seid doch alle gut darin, sch�ne Worte zu machen. Er wird keine M�he haben, sich mit dem Geschwafel von Weisen herumzuschlagen. Ich werde hier nach einem Weg suchen, die Schatten zu bek�mpfen. Und sei es, dass ich allen, die noch geblieben sind, rate zu fliehen!�</p><p>So waren sie, die Lutins, dachte Ollowain bei sich. Launisch, widerborstig und niemals bereit, Verantwortung zu tragen. Wie verzweifelt musste Emerelle sein, dass sie dieses Koboldweib um Hilfe bat! �Ich werde gerne gehen, wenn du mich schickst, Herrin. Und ich werde nach besten Kr�ften versuchen, dir zu dienen.�</p><p>Die Augen der K�nigin l�chelten. �Ich wei�, Ollowain. Doch ohne Hilfe kannst du nicht einmal den ersten Schritt auf dem Weg nach Iskendria tun. Du vermagst das goldene Netz nicht zu betreten. Und ohne dich beleidigen zu wollen ... Auch du bist kein Weiser. Du bist ein guter Feldherr und vielleicht der beste Schwertk�mpfer Albenmarks. Aber sei es drum. Ich habe dich hierher bestellt, weil ich dich in der Tat darum bitten wollte, Ganda nach Iskendria zu begleiten. Und ich nehme dein Angebot dankbar an.�</p><p>�Was soll ein Schwertk�mpfer in einer Bibliothek?�, fragte die Lutin misstrauisch.</p><p>�Meine Weisen halten es zurzeit f�r klug, sich nicht in meiner N�he aufzuhalten. Immerhin hat der K�nig der Trolle geschworen, meinen Kopf in eine Trinkschale zu verwandeln. Sie waren die Ersten, die geflohen sind, als dies bekannt wurde.� Emerelle l�chelte zynisch. �Klugheit und Treue gehen leider oft nicht gut zusammen. Aber dass ich dich frage, hat einen ganz anderen Grund. Niemand ist zu mir gekommen, um �ber Mondbl�tes Tod zu klagen. Und den Weisen w�re vermutlich auch nicht aufgefallen, dass die Grillen schweigen. Ich brauche jemanden, f�r den die Suche nach Antworten eine Herzensangelegenheit ist und nicht eine Sache k�hlen Verstandes. Jemanden, der nicht der Meinung ist, die Auenfeen seien so zahlreich wie die Bl�ten am Teich, und dem es nicht egal ist, ob es eine mehr oder weniger gibt.�</p><p>Gandas spitze Zunge zuckte unruhig aus ihrer Fuchsschnauze. �Du wei�t, warum ich nicht geflohen bin, als es hie�, die Trolle kommen, Emerelle?�</p><p>�Weil es dir egal ist, ob ich im Herzland herrsche oder ein Trollk�nig.�</p><p>Ganda blickte skeptisch zu Ollowain. Sie nickte knapp. �So ist es, Emerelle.�</p><p>Der Schwertmeister hatte M�he, an sich zu halten. �Du gestattest, dass ich diese Verr�terin aus der Burg geleite, Herrin?�</p><p>Die Elfenk�nigin sch�ttelte knapp den Kopf. �Aufrichtigkeit ist eine seltene Tugend, Ollowain. Gerade an K�nigsh�fen.� Sie wandte sich an die Lutin. �Niemand ist so bewandert darin, verborgene Wege zu beschreiten, wie das Volk der Lutin.�</p><p>Der Schwertmeister wusste das nur zu gut. Die Lutin waren Betr�ger und Diebe. Manche waren sogar M�rder. Wer sich mit ihnen einlie�, der hatte Zwielichtiges im Sinne. Er konnte immer noch nicht fassen, dass Emerelle die Koboldin hierher bestellt hatte.</p><p>�Mein Volk hatte niemals eine Wahl, Emerelle�, sagte Ganda hitzig. �Wir bewegen uns im Verborgenen, weil wir als Einzige kein eigenes Land bekamen, als die Alben ihre Kinder erschufen. Und daran, dass wir ohne Land sind, hat sich in den Jahrtausenden, die seither vergangen sind, nie etwas ge�ndert. Selbst als ganze V�lker vertrieben wurden, hat nie jemand daran gedacht, uns Lutin eine Heimat zu schenken. Es waren stets die Elfen, die sich das Land nahmen.�</p><p>Wie konnte dieses impertinente kleine Weibsbild es wagen, der K�nigin solche Vorhaltungen zu machen! Ollowain zwang sich, ruhig zu bleiben. Er war der Schwertmeister, und dies war der K�nigshof. Auch wenn sie drei hier allein waren, war es ein Ort voller W�rde und Sch�nheit, und es war ein Gebot, sich angemessen zu verhalten!</p><p>�Du giltst in deinem Volk als eine Pfadfinderin. Du f�hrst die anderen oft an, wenn sie einen Ort schnell verlassen m�ssen. Das Netz der Albenpfade ist dir wohl vertraut, und soweit ich wei�, ist dir noch niemals ein Fehler beim �ffnen der Tore unterlaufen.�</p><p>�Ich wei� nicht, wer dir das erz�hlt hat, Emerelle, aber du solltest nicht alles glauben. Hast du nicht eine Zaubersch�ssel, in der du die Wahrheit sehen kannst? Benutze lieber sie, als auf H�rensagen zu vertrauen.�</p><p>�Du meinst die Silberschale, die du vor drei N�chten so lange betrachtet hast, als du dich allein im Thronsaal w�hntest?�</p><p>Emerelle l�chelte fl�chtig.</p><p>Ollowain sah sie verwundert an. Das L�cheln wirkte fremd in ihrem Antlitz, und doch vermeinte er einen Augenblick lang etwas Altvertrautes in den Z�gen der K�nigin zu sehen. Sie wirkte jugendlicher und weniger Ehrfurcht gebietend. Und verletzlich ...</p><p>Ganda kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. �Ich hatte �berlegt, dass man die Zaubersch�ssel in Sicherheit bringen sollte, bevor die Trolle kommen.�</p><p>Ollowain spannte sich. Verdammte Diebin! Jetzt w�rde Emerelle ihm befehlen, sie hinauszuwerfen.</p><p>�Nat�rlich�, sagte die K�nigin schmunzelnd. �In jedem anderen Fall h�tte ich dich schlie�lich hart bestrafen m�ssen.�</p><p>Dann wurde sie schlagartig wieder ernst. �Ich wei� sehr gut, dass es dir und deinem Volk gleichg�ltig ist, ob ich hier herrsche oder Branbart. Vielleicht w�nschst du dir sogar heimlich, dass die Trolle kommen, weil du uns Elfen gedem�tigt sehen willst. Den meisten Lutin w�re es doch sicher eine gro�e Genugtuung zu erleben, wie aus uns Elfen landlose Fl�chtlinge werden ... wie die Herren von einst das Schicksal deines Volkes teilen. Doch es geht um viel mehr als die Rachsucht der Trolle. Du wei�t, dass die Yingiz ihren Weg hierher gefunden haben, und sie werden sich nicht damit begn�gen, nur Beobachter zu sein. Ich wei� nicht, wie sie hierher gelangen konnten. Vielleicht hatten die Trolle einen Pakt mit ihnen geschlossen. Vielleicht sind die Yingiz auch nur durch einen ungl�cklichen Zufall hierher gelangt. Wie dem auch sei: Ich wei� nicht, wie man sie bek�mpft. Ich bin mir nur in einem sicher, n�mlich dass sie das Land in einem Ausma� zerst�ren werden, wie es selbst die Trolle nicht k�nnten. Deshalb bitte ich dich, mit Ollowain nach Iskendria zu gehen. Allein die Alben verf�gten �ber das Wissen, wie man die Yingiz vertreibt. Sie m�ssen uns einen Hinweis darauf hinterlassen haben, was zu tun ist, wenn die Yingiz zur�ckkehren! Und ich w�sste nicht, wo man suchen sollte, wenn nicht in Iskendria.� Emerelle blickte zu den Schatten, die die Maulbeerb�ume im Mondlicht warfen. �Sie sind hier, Ganda. Sp�rst du sie?�</p><p>Ollowain sah sich um. Er f�hlte sich beobachtet. Unruhig sp�hte er in die Schatten. Aber dort war nichts, was er mit dem Schwert h�tte bek�mpfen k�nnen.</p><p>�Wenn ihr die Albenpfade nehmt, begebt ihr euch in das Reich der Yingiz�, fuhr Emerelle fort. �Sie werden versuchen, euch aufzuhalten. Ihr Lutin seid ber�hmt f�r eure Verschlagenheit und f�r eure Gabe, Dinge zu finden, von denen ihre Besitzer manchmal noch gar nicht wissen, dass sie sie verloren haben. Niemand w�re besser geeignet f�r diese Suche als du. Und bedenke: Du gehst nicht f�r mich nach Iskendria, Ganda, und auch nicht f�r mein Volk. Du gehst f�r Mondbl�te und all die anderen Auenfeen. Du gehst, um die Sch�nheit des Herzlands zu bewahren, die Lieder der Nachtigallen und das Zirpen der Grillen. Horche in dein Herz hinein und h�re auf seinen Rat. Ich erwarte, dich in einer Stunde am Albenstern im Thronsaal wieder zu sehen � oder niemals mehr.�</p><p>Erneut zuckte die kleine Fuchszunge nerv�s aus Gandas Schnauze. Unvermittelt drehte sie sich um und lief ohne ein Wort davon.</p><p>Als Ganda die Terrasse verlassen hatte, wandte auch Emerelle sich zum Gehen.</p><p>�Herrin?�</p><p>Die K�nigin wirkte ungehalten, doch sie hielt inne.</p><p>�Warum betraust du gerade eine Lutin mit einer so wichtigen Aufgabe? Hat Hofmeister Alvias dir nicht von den Rotm�tzen erz�hlt, den Kobolden, die unverbl�mt fordern, die Elfenf�rsten von ihren Thronen zu vertreiben? Ihr Anf�hrer soll ein Lutin sein. Sie lassen in Werkstuben Flugbl�tter verteilen. Ich selbst habe solche Schmierbl�tter gesehen. Sie wenden sich angeblich gegen V�llerei, Trunksucht und dergleichen, aber in Wahrheit sind sie nichts anderes als ein Aufruf zur Rebellion. Wie kannst du unter diesen Umst�nden einer Lutin vertrauen, Herrin?�</p><p>�Weil es nicht um meine K�nigskrone geht. Sie wird nicht f�r mich gehen, sondern f�r jene, die ihr wirklich etwas bedeuten. Und du wirst auf sie Acht geben. Sch�tze sie vor Feinden und vor sich selbst.�</p><p>Ollowain seufzte. �Wie du befiehlst. Aber ich glaube nicht, dass Ganda in den Thronsaal kommen wird.�</p><p>�W�rdest du eine Auenfee auf der Wiese am See vermissen?�, hielt die K�nigin dagegen.</p><p>�Nein�, gestand der Schwertmeister.</p><p>�Deshalb ist es wichtig, dass ihr beide geht. Und nun gib mich frei, Ollowain. Ich habe noch eine Frage an die Silbersch�ssel, bevor ihr euch auf den Weg macht.� Mit diesen Worten eilte Emerelle davon.</p><p>So war sie, dachte er bitter. Sie wusste zu viel �ber die m�glichen Zuk�nfte, und es kam ihr nicht in den Sinn, diese B�rde mit anderen zu teilen. Dass sie ihn im Thronsaal ins Vertrauen gezogen hatte, war ein Augenblick der Schw�che gewesen. Doch nun war sie wieder wie stets zuvor. All ihr Trachten war darauf ausgerichtet, um die Zukunft Albenmarks zu k�mpfen. Was mochte so schrecklich sein, dass sie die Gegenwart dar�ber verga�? Hatte sie sie vergessen? Nein! Dann h�tte sie nicht um den Tod Mondbl�tes gewusst.</p><p>Ollowain gab es auf, die Gedankeng�nge der K�nigin verstehen zu wollen. Sie war zu alt und zu weise. Er musste sie nicht verstehen, denn er wusste, dass sie mit all ihrer Kraft Albenmark sch�tzen w�rde. Und darin w�rde er ihr dienen. Auch wenn sie nicht darauf antwortete, wozu man einen Schwertmeister in einer Bibliothek brauchte.</p><subtitle>Wider die Spiel- und Trunksucht</subtitle><cite><p>Streitschrift des ehrw�rdigen Elija Glops, Begr�nder der Liga zur Wahrung der inneren Gr��e Albenmarks</p><p><strong>Kapitel 9: Vom Fluch des Falrach-Tischs</strong></p><empty-line/><p>�(...) Eine Zeitverschwendung von wahrhaft elfischen Ausma�en, so nenne ich das Falrach-Spiel, das ehrlich arbeitenden Gnomen und Kobolden, deren Leben nicht nach Jahrhunderten z�hlt, keine Zerstreuung, sondern nur �rgernis schenkt. Was ist das f�r ein Spiel, dessen Regeln, Ausdeutungen der Regeln, Berichte ber�hmter Partien und Streitschriften �ber strittige Z�ge ganze Bibliotheken f�llen? Haben die Alben uns erschaffen, um zu spielen? Ist es nicht unsere Aufgabe, die Welt zu formen, die sie uns hinterlassen haben? H�tten nicht sie uns das Falrach-Spiel geschenkt, wenn sie gewollt h�tten, dass wir rauchend, trinkend und disputierend unsere Zeit am Spieltisch vertun? Welcher Nutzen erw�chst daraus? Ja, ich kenne Falrach, den Helden der Drachenkriege, den gr��ten Feldherrn Albenmarks, den selbstlosen Ritter Emerelles. Man nennt ihn auch den Retter Albenmarks, einen edlen Krieger, der alle Tugenden der Ritterschaft in sich vereint. Doch was hat Spielsucht denn mit einer ritterlichen Tugend gemein? So hell sein Stern auch strahlen mag, Ruhm und Gr��e tragen stets schon den Keim des Verfalls in sich, wenn sie nicht mit Gen�gsamkeit und Bescheidenheit gepaart sind.</p><p>Falrach rodete keine W�lder, er rang keinem steinigen Boden ein fruchtbares Feld ab. Seine Mu�estunden verbrachte er damit, ein unn�tz kompliziertes Spiel zu erschaffen. Allein der Tisch, auf dem die Spieler ihre Partien austragen, verschlingt hunderte von Arbeitsstunden, ja, ich kenne einen Elfenbeinschnitzer meines Volkes, der sein ganzes Leben damit verbrachte, um nichts weiter als die Spielfiguren der wei�en Seite f�r den Spieltisch Shahondins zu fertigen, des Elfenf�rsten von Arkadien. Darf dies der Sinn eines Lebens sein? Da lobe ich mir die Trolle, die, wenn sie spielen, sich mit ein paar Knochenw�rfeln begn�gen.</p><p>Falrach glaubte, jede Partie des nach ihm benannten Spiels sei eine Studie des Krieges � eine Lehre, dass selbst der sch�rfste Verstand nicht alle Unw�gbarkeiten des Schicksals vorherzusehen vermag, die einen Krieg ebenso beeinflussen wie die Klingent�nze auf den Schlachtfeldern. Und doch ist es genau das, wozu sich jeder Falrach-Spieler versteigt, wenn er Stunden um Stunden br�tend auf den Spieltisch starrt. Er glaubt, sein Verstand k�nne dem Schicksal, verk�rpert durch die Launen des W�rfelgl�cks, mit �berlegener Planung den Sieg abtrotzen.</p><p>Ich traf Elfenf�rsten, f�r die ist das Leben ein Falrach-Spiel. Wir, ihre Untertanen, sind nichts als Spielfiguren, die man nach Belieben auf dem Brett hin und her r�ckt oder sogar opfert, wenn man sich einen Vorteil dadurch verschafft. Und ich traf Trolle, deren h�chstes Gl�ck eine blutige B�renhatz ist. Sie stinken, und sie reden in groben Worten, doch wenn sie sich abends an ihrer Tafel niederlassen, dann findet sich dort ein Mahl, das die Ernte ihres blutigen Tagwerks ist. Und was findet der Falrach-Spieler auf seiner Tafel? Die �ppigen Fr�chte der Arbeit anderer!</p><p>Wenn ich schon einem Herrn dienen muss, so ist mir derjenige n�her, der in einer H�hle ein einfaches Mahl einnimmt, als ein anderer, f�r den das Leben ein Spiel ist und der nicht mehr wei�, was es hei�t, von seiner H�nde Arbeit zu leben. Der in einem Palast haust, den ihm meine Br�der mit blutig geschundenen H�nden erbaut haben, und der von unseresgleichen erwartet, dass wir sein Nachtgeschirr putzen. Denkt nach, ihr Diener! Das Leben ist kein Falrach-Spiel. Wehrt euch dagegen, Figuren auf dem Spielbrett der Elfenf�rsten zu sein! Wir sind zu schwach, um unser Joch aus eigener Kraft abzusch�tteln. Deshalb m�ssen wir uns f�r eine Seite entscheiden. Ich habe meine Wahl getroffen. H�rt meinen Schlachtruf! Friede den H�hlen, Krieg den Pal�sten!</p><text-author>Aus der Sammlung <emphasis>Verbotener Schriften</emphasis></text-author><text-author>zusammengestellt von Alvias dem Hofmeister</text-author><text-author>Bd. 7, Quellentext 8, A</text-author></cite></section><section><title><p>Der Fremde</p></title><p>Ulric sa� auf einem Baumstumpf und sah den Kriegern dabei zu, wie sie neue H�tten errichteten. Obwohl es wieder zu schneien begonnen hatte, arbeiteten die meisten M�nner mit nacktem Oberk�rper. Sie wuchteten Fichtenst�mme �bereinander, die von dicken Holzpfosten gest�tzt wurden. An den beiden Enden jedes Stammes waren tiefe Kerben ins Holz geschlagen; dort lie� man die Rundh�lzer der Querw�nde einrasten. So wuchs schnell ein nach Fichtenharz duftendes Karree in die H�he, das bald schon einer weiteren Gruppe Fl�chtlinge Zuflucht vor dem nicht enden wollenden Winter gew�hren w�rde.</p><p>Obwohl schon viele Wochen verstrichen waren, seit Ulrics Vater Alfadas die Trolle vertrieben hatte, fanden immer noch t�glich neue Fl�chtlinge den Weg nach Sunnenberg, jenem Dorf, das wohl verborgen im ersten Tal des Rentiersteigs lag.</p><p>Ein schriller Pfiff lie� Ulric aufblicken. Die Arbeiten an einem der H�user waren fast vollendet. Wie die Rippen eines ausgeweideten Rentiers ragten die Dachsparren in den schneeverhangenen Himmel. Jetzt fehlte nur noch das Dach aus verflochtenen Tannenzweigen. Das taugte zwar nur bis zur Schneeschmelze, aber �ber das Fr�hjahr oder gar den Sommer redete im Augenblick ohnehin niemand. Alle Kr�fte wurden eingesetzt, um von einem Tag zum n�chsten zu kommen.</p><p>Ulric stand auf und ging auf die halbfertige H�tte zu. Jetzt konnte auch er etwas tun. Solange die Krieger mit den schweren St�mmen hantiert hatten, w�re er nur im Weg gewesen. Nun galt es, die breiten Spalten zwischen den unbehauenen St�mmen mit Lehm und Moos abzudichten. Eine Arbeit f�r die Kinder.</p><p>Schon kam eine johlende Schar angelaufen. Ulric kannte einige der Kinder: Ottar und die dunkelhaarige Asdis; beide hatten ihre Eltern w�hrend der K�mpfe um Sunnenberg verloren. Den dicken Guthorm, den die Hungerwochen so d�rr wie alle anderen Kinder gemacht hatten, und den schlaksigen Eirik.</p><p>Der hagere Junge war mehr als ein Jahr �lter und zwei K�pfe gr��er als Ulric. In Firnstayn hatte er sich oft einen Spa� daraus gemacht, die blinde Halgard zu �rgern. Er hatte sie zum Straucheln gebracht, sie geh�nselt oder ihr allen m�glichen Unsinn dar�ber erz�hlt, was angeblich um sie herum geschah. Dutzende Male hatten sich Ulric und Eirik gepr�gelt. Und meistens hatte Eirik gewonnen. Jetzt war er der Anf�hrer der Kinderschar, die zur H�tte gelaufen kam.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Ulric, wie Ottar vor ihm zur�ckwich, als er sich ebenfalls der H�tte n�herte. Auch Guthorm betrachtete ihn misstrauisch. Das Lachen war verstummt.</p><p>Eirik stellte sich ihm breitbeinig in den Weg. Lautstark sog er Luft durch die Nase. �Es stinkt, findet ihr nicht auch? Riecht wie toter Fisch hier.�</p><p>Ottar begann so sehr zu zittern, dass ihm das Moos aus den H�nden fiel. Seine Schwester Asdis stellte sich sch�tzend vor ihn.</p><p>�Dann mach deinen Hosenstall zu, Eirik. Der Gestank ist wirklich nicht auszuhalten.�</p><p>Ulric versuchte ein Lachen, doch es klang hohl.</p><p>Der schlaksige Junge hob drohend die F�uste. �Geh zur�ck in den Fjord, Wiederg�nger! Hau ab, oder ich schleif dich an den Haaren zum Wasser hinab!�</p><p>�Ich bin hier, um zu arbeiten � wie alle anderen auch.�</p><p>�Du bist aber nicht wie alle anderen�, zischte Asdis. �Luth hat deinen Faden zerschnitten. Du geh�rst nicht; mehr zu den Lebenden. Geh zu deiner toten Freundin und lass uns in Ruhe!�</p><p>Ulric schluckte, er rang mit den Tr�nen. �Ich bin nicht ...� Er sah zu Guthorm, doch der abgemagerte Junge wich seinem Blick aus. Ulric hatte schon seit einer Weile bemerkt, dass ihm niemand direkt in die Augen sehen wollte. Er hatte nicht verstanden, warum das so war. Bisher hatte er sich eingeredet, dass die anderen eifers�chtig auf ihn waren. Seit er in der H�hle am Fjord den Troll get�tet hatte, galt er als Krieger, auch wenn er noch ein Junge war. Ulric kannte alle Heldengeschichten �ber die toten K�nige und ihre besten Krieger. Noch nie hatte ein Junge mit sieben Jahren einen Troll get�tet. Er hatte jetzt das Recht, mit den Kriegern an der Festtafel zu sitzen, und er durfte Met trinken, wenn er wollte. Dabei wurde ihm ganz schwindelig und �bel davon.</p><p>Doch auch die Krieger mieden ihn. Seine Anwesenheit besch�mte sie. Es gab nur wenige M�nner, die gegen einen Troll gek�mpft hatten und noch lebten.</p><p>Ulric presste trotzig die Lippen zusammen. Dann ging er an Eirik vorbei. �Ich werde jetzt meine Arbeit tun.� Er b�ckte sich nach dem Lehmhaufen und griff mit beiden H�nden in den eisigen Schlamm.</p><p>Eirik packte ihn bei den Haaren und riss ihn nach hinten. �Ich habe dich gewarnt�, schrie er. �Jetzt bring ich dich hinab zum Fjord, wo du hingeh�rst. Und ich steck dich in einen Sack mit Steinen. Diesmal wirst du nicht wiederkommen!�</p><p>Ulric fiel r�cklings in den Schnee. Er lag kaum am Boden, da trat Eirik ihn auch schon in die Seite. Die anderen Kinder sahen einfach zu. Niemand versuchte ihm zu helfen, nicht einmal Guthorm, der fr�her einmal sein Freund gewesen war. Einen fl�chtigen Augenblick lang dachte Ulric daran, was sein Vater und Ollowain ihm �ber Ritterlichkeit im Kampf erz�hlt hatten. Wer sich an diesen Ehrenkodex hielt, ging unter!</p><p>Eirik verpasste ihm einen weiteren Tritt. Ulric nahm dem Treffer etwas von seiner Wucht, indem er sich zur Seite rollte. St�hnend kam er auf alle viere. Seine H�nde krallten sich tief in den Schnee.</p><p>�Geh zur�ck auf den Grund des Fjords, Wiederg�nger. Wir wollen dich hier nicht!� Ulric schnellte vor und rammte Eirik den Kopf in den Bauch. Ineinander verkn�ult st�rzten beide zu Boden. Ulric stie� seinem Peiniger ein Knie zwischen die Beine und drosch mit beiden F�usten auf dessen Gesicht ein. Der Junge versuchte verzweifelt, ihn wieder loszuwerden. Dunkles Blut quoll aus seiner Nase.</p><p>Ein leise schleifendes Ger�usch lie� Ulric innehalten. Eirik hatte ihm den Elfendolch aus dem G�rtel gezogen. Die Klinge gl�nzte matt im grauen Winterlicht. Eirik richtete die Spitze der Waffe auf Ulrics Kehle. �Mich wirst du nie wieder schlagen, Wiederg�nger.�</p><p>Ulric schluckte. �Stimmt. Ich pr�gele mich eigentlich nicht mit Schw�cheren.�</p><p>�Du hast nur gewonnen, weil du gar nichts mehr f�hlst!�, keifte Eirik aufgebracht. �Dich k�nnte ein Pferd treten, und du w�rdest es nicht f�hlen. Tote f�hlen gar nichts mehr! Deshalb hast du gewonnen. Nach den Tritten h�ttest du erledigt sein m�ssen.�</p><p>�Meine kleine Schwester Kadlin konnte kr�ftiger zutreten als du, Memme.�</p><p>Ulric beugte sich zur�ck, um etwas mehr Abstand zwischen den Dolch und seine Kehle zu bekommen.</p><p>�Dann schick ich dich jetzt auf den Weg zu ihr, du ...� Eine kr�ftige Hand griff nach Eiriks Arm und verdrehte ihn, bis der Junge mit einem Schmerzensschrei den Dolch fallen lie�.</p><p>�Das gen�gt, J�ngelchen. Nimm deine Kameraden und mach, dass du mir aus den Augen kommst, nichtsnutziger Mistkerl!�</p><p>Eirik rappelte sich auf und warf Ulric einen m�rderischen Blick zu. Steifbeinig und betont langsam ging er davon. Die anderen Kinder scharten sich um ihn. Asdis hatte Ottar einen Arm um die bebenden Schultern gelegt. Der kleine Junge schluchzte.</p><p>Es hatte wieder angefangen zu schneien. Gro�e wei�e Flocken tanzten vom Himmel hinab. Binnen Augenblicken waren die Kinder au�er Sicht.</p><p>�Deine Waffe.� Sein Retter hielt Ulric den Dolch mit dem Griff voran hin. Es war ein gro�er, blonder Krieger. Einer der M�nner, die mit seinem Vater in Albenmark gek�mpft hatten. Auf seiner rechten Wange prangte ein halbmondf�rmiges Mal. Ein Brandzeichen. Diebe wurden so markiert.</p><p>�Du bist Mag, nicht wahr?�</p><p>Der Krieger nickte knapp. �Du solltest vielleicht nicht mit dem Dolch am G�rtel im Lager herumlaufen. Du k�nntest jetzt...� Er stockte. �Das h�tte b�se ausgehen k�nnen.�</p><p>Er also auch, dachte Ulric. Auch Mag z�hlte ihn zu den 64 Toten! �Ich bin ein Krieger! Ich habe das Recht, eine Waffe zu tragen�, entgegnete er trotzig.</p><p>Sein Retter schmunzelte. Feine Lachf�ltchen erschienen um seine Augen. �Verzeih mir, Ulric Alfadasson, Prinz des Fjordlands. Einen Augenblick lang hatte ich vergessen, wer vor mir steht. Irgendwie siehst du aus wie ein ganz gew�hnlicher Lausbub mit einer blutigen Nase.�</p><p>Ulric tastete nach seiner Nase. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie etwas abbekommen hatte. Misstrauisch musterte er Mag. War er tats�chlich freundlich, oder verspottete er ihn gerade? Manchmal war das verdammt schwer zu unterscheiden, wenn die Gro�en mit ihm sprachen. Sie sagten etwas und meinten in Wirklichkeit etwas ganz anderes.</p><p>�Reib dir die Nase mit Schnee ein, dann wird sie nicht mehr bluten�, sagte der Krieger freundlich.</p><p>Ulric klaubte eine Hand voll Schnee auf. Jetzt, wo er sich um die Nase k�mmerte, schmerzte sie so sehr, dass er die Z�hne zusammenbei�en musste. Aber er war ein Krieger! Er w�rde jetzt nicht anfangen zu flennen.</p><p>�Kommst du mit mir in die Festhalle? Die M�nner haben mit der Arbeit aufgeh�rt, weil der Schnee zu dicht f�llt. Ein Sturm kommt. Dieser verfluchte Winter scheint niemals mehr zu Ende gehen zu wollen.� Er grinste verschw�rerisch. �Ich bin sicher, es gibt dort warmen Met f�r uns.�</p><p>Bei dem Gedanken an den Met wurde Ulric ganz �bel. Anfangs war er ganz begeistert davon gewesen, dass er mit den Kriegern zusammen trinken konnte. Aber irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Dass man irgendwann auf dem binsenbestreuten Boden lag oder sinnlos herumlallte, war normal. So war es bei jedem Trinkgelage, das richtige M�nner abhielten. Aber ihm wurde schon nach einem halben Horn Met ganz schwindelig. Und die Krieger um ihn herum bekamen Zwillinge. Manchmal sogar Drillinge! Keiner der anderen M�nner schien dieses Problem zu haben. Au�erdem musste er sich viel zu schnell �bergeben, um Spa� am Trinken zu haben.</p><p>Inzwischen gen�gte schon der Geruch von Met, und ihm wurde ganz schlecht. Wo immer sich die Gelegenheit bot, dr�ckte er sich vor den Versammlungen in der Festhalle. �Festhalle� war ohnehin ein viel zu gro�spuriges Wort f�r die windschiefe Scheune, in der sein Vater zum K�nig gekr�nt worden war. Ulric w�nschte, er w�re wieder daheim in Firnstayn. Wenn doch nur alles wieder so sein k�nnte wie im letzten Herbst, als der Elf Ollowain gekommen war. Er w�rde Fechtstunden beim Schwertmeister der Elfenk�nigin bekommen. Vater h�tte Zeit f�r ihn. Mutter w�rde kochen und ihm hin und wieder das Haar zerzausen. Ulric schluckte. Fr�her hatte er es gehasst, wenn sie ihm das Haar zerw�hlte und ihn an sich dr�ckte. Er war viel zu gro�, um so behandelt zu werden. Aber jetzt w�rde er alles daf�r geben, wenn sie in diesem Augenblick bei ihm w�re. Ja, es w�re ihm nicht einmal peinlich, wenn sie ihm das Haar kraulte, w�hrend Mag neben ihm stand.</p><p>�Ulric?�</p><p>Der Krieger wartete immer noch auf eine Antwort von ihm.</p><p>�Ich ...� Nein, er hatte keine Lust, in die Halle zu gehen. Aber ihm fiel keine gute Ausrede ein.</p><p>�Ich k�nnte es einrichten, dass in deinem Methorn warme Milch mit Honig ist. Niemand w�rde bemerken, was du trinkst.�</p><p>Ulric sah den gebrandmarkten Krieger erschrocken an. Er wusste es also! Ob die anderen M�nner wohl auch bemerkt hatten, dass er das Trinken nicht vertrug? Sicher lachten sie hinter seinem R�cken �ber ihn! Mag grinste nicht. Er sah ihn geradeheraus an. Wollte er ihm wirklich helfen? War er ein Freund? Oder war das wieder diese undurchsichtige Art der Gro�en, ihn zu verspotten? Ulric wusste einfach nicht, was er von dem Kerl halten sollte. Und er war sich ganz sicher, dass er nicht in die Festhalle wollte! Wenn doch nur ... Was hatte sein Vater noch immer gesagt, wenn er seine Ruhe haben wollte?</p><p>�Geh nur schon vor. Ich brauch ein wenig Zeit, allein mit meinen alten Wunden.� Ulric hatte nie ganz verstanden, wie sein Vater das gemeint hatte. Seine alten Wunden waren alle gut verheilt. Aber Mutter hatte ihn dann stets in Ruhe gelassen, wenn er das sagte.</p><p>Mag sah ihn verbl�fft an. Er machte den Mund auf und schien etwas sagen zu wollen, dann sch�ttelte er nur den Kopf. �Bleib nicht zu lange drau�en. Es zieht �bles Wetter auf.� Der Krieger stapfte durch den hohen Schnee davon.</p><p>Ulric war �berrascht, wie gut das geklappt hatte. Er w�rde den Spruch seines Vaters in Zukunft �fter nutzen.</p><p>Der Junge ging zur�ck zu dem Baumstumpf, von dem aus er den Arbeitern zugesehen hatte. Er wischte den frischen Schnee zur Seite und setzte sich. Ganz in Gedanken versunken, tastete er nach dem Elfendolch. H�tte Eirik ihn wirklich damit niedergestochen? Wer glaubte diesen Unsinn vom Wiederg�nger wohl noch? Oder war es die Wahrheit? Hatten er und Halgard den Schicksalsweber erz�rnt? Hatten sie seine F�den durcheinander gebracht, und lag nun sein Fluch auf ihnen?</p><p>Bevor sie nach Albenmark zur�ckgekehrt war, hatte Emerelle mit ihm gesprochen. Es war die Elfenk�nigin gewesen, die ihm und Halgard das Leben wiedergegeben hatte, nachdem sie beide unter das Eis geraten waren. Wenn er Emerelles Worten glaubte, dann waren sie nicht wirklich tot gewesen. Sie hatte ihm erkl�rt, dass im kalten Wasser der Lebensfunke weniger schnell verging, ebenso wie Fleisch nicht so schnell verdarb, wenn man es in einer H�hle mit Eis lagerte. Sie hatte geschworen, dass sie niemals jemanden von den Toten zur�ckholen w�rde, keinen Elfen und auch keinen Menschen.</p><p>Ulric hatte das Gef�hl gehabt, dass allein der Gedanke daran die K�nigin mit tiefer Furcht erf�llte. Wer die Toten zur�ckholte, der war verflucht! Jedenfalls galt das hier im Fjordland. Wer sich gegen die Ordnung der G�tter stellte, der forderte ihren Zorn heraus. Sie w�rden einem solchen Frevler alles nehmen, was ihm jemals etwas bedeutet hatte. Er w�re lieber tot als ein Wiederg�nger, dachte Ulric. Aber Emerelle hatte ihn gewiss nicht belogen! Sie war die K�nigin der Elfen. Sie musste wissen, was es hie�, die G�tter herauszufordern. Eirik war der L�gner!</p><p>Wenn doch nur Gundar hier w�re! Der alte Luthpriester aus Firnstayn war sein Freund gewesen. Gundar war gestorben, weil er ihn in den Bergen nicht allein gelassen hatte. Ihn zu tragen hatte die Kr�fte des Priesters aufgezehrt.</p><p>Ulric schluchzte leise. Er brachte allen Ungl�ck. Er h�tte Gundar nicht folgen d�rfen, dann w�rde der Priester vielleicht noch leben. Und wenn er in Honnigsvald nicht vom Schlitten seiner Mutter gesprungen w�re, dann w�re gewiss alles ganz anders gekommen. Mutter hatte alle, die ihr folgen wollten, hinaus aufs Eis gef�hrt. Aber sie hatten Halgard verloren. Halgard war blind, und im Durcheinander der mit Fl�chtlingen �berf�llten Stadt hatte sie nicht rechtzeitig zu den Schlitten zur�ckgefunden. Ulric hatte sie doch nicht einfach ihrem Schicksal �berlassen k�nnen! Deshalb hatte er sich davongestohlen. Er war sich ganz sicher gewesen, es rechtzeitig zur�ckzuschaffen. Er hatte den letzten der Schlitten sogar fast noch ber�hren k�nnen. Seit diesem Tag in Honnigsvald hatte er seine Mutter nicht mehr gesehen.</p><p>Ulric k�mpfte mit den Tr�nen. Sein Vater sagte, dass Asla nur in die Berge gegangen sei, um sich zu verstecken. Auch Sunnenberg war zuletzt von den Trollen erobert worden. Aber die Mehrheit der Frauen und Kinder hatte es geschafft, �ber den Rentiersteig in die Hocht�ler zu fl�chten. Noch immer waren Suchtrupps in den Bergen unterwegs. Trotz all der Wochen, die seit der Flucht vergangen waren. Ulric wusste, was die Verzagten hinter vorgehaltener Hand fl�sterten. Dass niemand dort oben �berleben konnte, wenn er keinen Unterschlupf und einen Vorrat an Holz und Lebensmitteln hatte. Man hatte viele Leichen in den T�lern gefunden. Die Fl�chtlinge waren lieber erfroren, als den Trollen in die H�nde zu fallen.</p><p>Der Junge blickte zu dem steilen Pfad, der unweit der neuen H�tten den Hang hinauff�hrte. Es war der Weg, den die Rentiere nahmen, wenn sie zu Beginn des Winters die kalten Hocht�ler verlie�en. Das Schneetreiben verwischte die Sicht.</p><p>Dort w�rde Mutter kommen, da war sich Ulric ganz sicher. Und sie w�rde Kadlin mitbringen. Er war oft w�tend auf seine kleine Schwester gewesen, weil seine Eltern nur noch sie beachtet hatten. Aber jetzt w�re ihm sogar Kadlin willkommen. Er dachte daran, wie sie sich manchmal an ihn gedr�ckt hatte. Mit ihren kleinen Armen seine Beine umarmt hatte, dann den Kopf in den Nacken gelegt und ihn stumm angehimmelt hatte ... Ulric biss sich auf die Lippen und k�mpfte mit den Tr�nen. Sie waren nicht tot! Sie w�rden den Rentierpfad wieder hinabkommen. Vielleicht sogar heute noch.</p><p>Ulric sa� ganz still. Er beobachtete, wie der Schnee einen wei�en Schleier �ber seinen Umhang wob. Erst war er nur ein zartes, l�chriges Netzwerk, dann wurde er langsam zu einem zweiten, wei�en Mantel.</p><p>Die K�lte kroch dem Jungen langsam in die Glieder. Sie kam vom Nacken und fra� sich den R�cken hinab. Ulric schloss die Augen. Noch w�rde er nicht gehen! Er wollte Wache halten am Rentiersteig, gerade jetzt, wo alle anderen in ihre warmen H�tten flohen. Niemand w�re da, wenn Mutter und Kadlin jetzt k�men. In Honnigsvald war er verloren gegangen ... Aber jetzt w�rde er alles wieder gut machen. Er w�re da, wenn sie k�me.</p><p>Fr�stelnd zog er den Umhang enger um die Schultern. So ein bisschen Schnee w�rde ihn nicht von seinem Posten vertreiben. Angestrengt blickte er ins Schneegest�ber. Keine f�nfzig Schritt weit konnte er sehen. Es war unheimlich still. Selbst der Wind schwieg. Die dicke Schneedecke erstickte jedes Ger�usch.</p><p>Den tanzenden Schneeflocken zuzusehen, machte m�de. Das wei�e Flimmern lie� die Augenlider schwerer und schwerer werden. Ulric gestattete sich, die Augen f�r ein paar Herzschl�ge lang zu schlie�en. Die K�lte machte ihm jetzt nichts mehr aus. Er f�hlte sich ganz behaglich in seinem schneebedeckten Umhang. Er wusste, dass man drau�en im Schnee nicht schlafen durfte. Aber D�sen war erlaubt. Nur einen kurzen Augenblick lang. Nur ... Ein seltsamer Geruch stach ihm in die Nase. Es stank wie nach faulen Eiern. Ob jemand in der N�he seinen Nachttopf geleert hatte? Der Unrat w�rde bald unter dem Schnee verschwinden, und dann w�re es auch mit dem Gestank vorbei.</p><p>�Ist dir nicht kalt?�</p><p>Erschrocken fuhr der Junge auf. Nicht weit entfernt ragte ein blauer Schemen im tanzenden Wei� auf. Ulric blinzelte. Nein, kein Schemen. Ein Mann in einem blauen Umhang. Ulric fluchte stumm. Er musste eingenickt sein. Sonst h�tte er die knirschenden Schritte im Schnee geh�rt.</p><p>Die Gestalt kam n�her. Unmittelbar vor Ulric kniete sie nieder, sodass sie einander in die Augen sehen konnten. Es war ein gro�er Mann mit sonnengebr�untem Antlitz. Der Schnee hatte ihm Eiskrusten in die schwarzen Locken gewoben. Sein Gesicht war gut rasiert. Nicht die kleinste Bartstoppel zeigte sich auf seinen Wangen oder um den Mund.</p><p>Ulric hatte den Mann noch nie zuvor gesehen. Doch das mochte nichts hei�en. Obwohl die K�mpfe seit Wochen beendet waren, kamen immer noch t�glich neue Fl�chtlinge nach Sunnenberg. Allerdings sah der Mann wirklich seltsam aus. Nur wenige Fjordl�nder hatten schwarzes Haar und eine dunkle Haut. Und Ulric kannte niemanden au�er seinem Vater, der sich solche M�he damit gab, sich zu rasieren.</p><p>�Du bist nicht gerade gespr�chig?� Der Fremde sagte das mit einem gewinnenden L�cheln. Jetzt erst bemerkte Ulric den seltsamen Klang, der die Worte des Mannes begleitete. Ein melodischer Singsang, der ihn ein wenig an jene traurigen Heldenlieder erinnerte, die von den Skalden angestimmt wurden, wenn die meisten G�ste der Festhalle schon vom Met niedergestreckt in den Binsen lagen.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>Der Mann verneigte sich knapp. �Verzeih, wie unh�flich von mir, mich dir nicht vorzustellen, Ulric Alfadasson. Man nennt mich Bruder Jules oder auch Jules den Wanderer.�</p><p>�Du kennst meinen Namen?� Ulric richtete sich auf. Die Schneekruste auf seinem Mantel zersprang. Der Fremde hatte etwas Unheimliches, auch wenn er die ganze Zeit �ber freundlich l�chelte. Er war recht gro�. Wie ein Krieger sah er eigentlich nicht aus. Aber unter dem weiten blauen Umhang mochte er sehr wohl Waffen verborgen tragen. Sein Gesicht war kantig, mit einem ausgepr�gten Kinn. Der Mann wirkte sehr selbstsicher. Wie jemand, der nichts und niemanden f�rchtete.</p><p>�Ich habe deinen Dolch gesehen, Ulric�, entgegnete Jules.</p><p>�Und nat�rlich kenne ich die Geschichten, die man �berall �ber den Sohn des K�nigs erz�hlt. Wie viele Jungen mag es in Sunnenberg wohl geben, die einen Elfendolch am G�rtel tragen? Es war nicht schwer zu erraten, wen ich vor mir habe.�</p><p>Ulric nickte langsam. �Ich bin wohl leicht zu erkennen.� Die Worte des Fremden hatten ihn keineswegs beruhigt. Ulric war klar, dass es M�nner gab, die f�r einen solchen Dolch t�ten w�rden. Keine Fjordl�nder! Aber Fremde ... Ollowains Geschenk war eines K�nigs w�rdig.</p><p>�Woher kommst du, Jules?�, fragte er vorsichtig.</p><p>�Aus Aniscans. Das liegt weit im S�den, noch hinter dem Meer.� Er seufzte. �Dort dauern die Winter nicht so lange und sind auch nicht so eisig. Ich bin f�r diese K�lte nicht geschaffen. Wie h�ltst du es nur aus, so lange still auf einem Baumstumpf zu sitzen? Ich w�re sicher schon festgefroren.�</p><p>So leicht lie� er sich nicht �bert�lpeln, dachte Ulric. Ein paar nette Worte, ein L�cheln .... Veleif Silberhand, der Skalde, der Vater auf den Kriegszug nach Albenmark begleitet hatte, hatte Ulric ein paar von seinen Tricks verraten, wie man die Gunst seiner Zuh�rer gewann. Man gab sich offenherzig, scherzte und schmeichelte. Man war so wie dieser Jules. Sicher gab es auch Reisende, die immer so waren, ganz ohne Hintergedanken ... Aber vor Fremden musste man auf der Hut sein!</p><p>�Und warum bist du den ganzen weiten Weg hierher gekommen, wenn du den Winter nicht magst?�</p><p>�Weil ich ein Narr bin!� Jules lachte herzhaft. �Ich kannte die Winter hier im Norden nicht und habe mir in meiner ganzen �berheblichkeit gedacht, schlimmer als bei uns in den Bergen wird es schon nicht sein.� Er haucht sich auf die H�nde, die rot vom Frost waren, und rieb sie dann. �Einige Leute, die mich nicht so gut kennen, halten mich f�r einen weisen Mann. Ich bin Priester in meiner Heimat. Ich verehre den einen Gott, Tjured.�</p><p>Er sah sich um und beugte sich dann ein wenig zu Ulric vor.</p><p>�Inzwischen habe ich ja gelernt, dass ich das mit dem einen Gott nicht so laut sagen sollte. Ihr Fjordl�nder seid da ja ein bisschen eigen ...� Ulric sah den Fremden zweifelnd an. Ob er ein Verr�ckter war? Jedes Kind wusste, dass es mehr als drei Dutzend G�tter gab. Die Bastarde, die sie mit Menschen gezeugt hatten, gar nicht mitgez�hlt.</p><p>�Ja, so sehen sie mich alle an, wenn ich von dem einen Gott spreche�, sagte der Priester traurig. �Aber es ist nun mal die Wahrheit, und es ist meine Aufgabe, die Wahrheit in die Welt hinauszutragen und das hohe Lied des Tjured zu singen.�</p><p>Ulric runzelte die Stirn. Er hoffte, dass der seltsame Kauz nicht wirklich anfangen w�rde zu singen. �Wie kannst du dir denn so sicher sein, dass es nur einen Gott gibt?�</p><p>Jules l�chelte gl�cklich. �Tjured schenkt mir diese Gewissheit.� Er senkte die Stimme. �Du musst wissen, er spricht zu mir. Nur sehr wenige sind auserw�hlt und k�nnen seine Stimme h�ren. Deshalb wei� ich, dass es nur einen Gott gibt. Ganz ehrlich, ich habe noch niemanden sonst getroffen, zu dem Gott spricht. Deshalb bin ich mir so sicher. Obwohl mich einige deiner Landsleute schon verpr�geln wollten, weil sie die Wahrheit nicht h�ren mochten.� Kein Wunder, dachte Ulric. Aber irgendwie tat der Fremde ihm auch leid. Schlie�lich wusste Ulric selbst nur zu gut, was es hie�, nicht dazuzugeh�ren und verpr�gelt zu werden.</p><p>�Spricht einer deiner G�tter zu dir?�, fragte Jules.</p><p>Der Junge sch�ttelte bed�chtig den Kopf. Er dachte an Gundar, den dicken Luthpriester, der erst vor wenigen Wochen gestorben war. Seinetwegen! Er h�tte ihm nicht hinterherlaufen d�rfen. Ob Gundar wohl mit Luth gesprochen hatte? �Unsere G�tter geben uns Zeichen. Manchmal kommen sie auch, um uns zu helfen oder ihren Schabernack mit uns zu treiben.�</p><p>�Du bist also tats�chlich schon einem Gott begegnet?�</p><p>�Nein.� Ulric sch�ttelte unwillig den Kopf. Er mochte es nicht, wenn man ihm die Worte im Mund verdrehte.</p><p>�Aber du kennst jemanden, der schon einmal einen Gott getroffen hat. Jemanden, dem du vertraust. Wo du dir ganz sicher bist, dass er keinen Unsinn redet.�</p><p>�Ja!� Ulric dachte an Luths Geschenk, das rostige Kettenhemd, das er mit Gundar gefunden hatte. �Der Luthpriester aus unserem Dorf. Zu ihm hat der Schicksalsweber gesprochen. Er hat ihm einen Wahrtraum geschickt. Er ist ihm als Spinne erschienen und hat ihm verraten, dass bei der Spinne unter dem Regenbogen ein Geschenk f�r ihn liegt.�</p><p>Jules sch�ttelte unwillig den Kopf. �Tr�ume? Nein, das z�hlt nicht. Und �berhaupt, was ist das f�r eine Geschichte? Sieht dieser Gott ... Luth, ja? Sieht der etwa aus wie eine Spinne?�</p><p>�Nein. Aber Spinnen sind seine heiligen Tiere.�</p><p>�Warum? Warum sollte ein Gott ausgerechnet so eine gr�ssliche Kreatur wie eine Spinne zu einem heiligen Tier machen? Das ist doch Unsinn.�</p><p>��berhaupt nicht ...�</p><p>�Dann sagt mir, was an einer Spinne heilig ist.�</p><p>�Also, Luth webt die Schicksalsf�den der Menschen. So wie Spinnen F�den weben und ... Wenn jemand stirbt, dann hat Luth den Schicksalsfaden durchtrennt. Und dann geht man zu ihm in die goldene Halle ... Manchmal kommt man auch zur�ck.� Ulric dachte an die Nacht, als Gundar ihm als Geist erschienen war. Er hatte sie alle gerettet. Ihn, seine Freundin Halgard, die verwundete Elfe Yilvina und Blut, den Hund seiner kleinen Schwester Kadlin. �Aber das passiert sehr selten. Au�er, man war ein b�ser Mensch. Wen die G�tter nicht in ihren Goldenen Hallen haben wollen, der wird zum Wiederg�nger. Deshalb muss man ihn mit dem Gesicht nach unten ins Grab legen, damit er in die falsche Richtung gr�bt, wenn er zu uns Lebenden zur�ckkommen will. Und man treibt ihnen einen Pflock aus Eschenholz durch das Herz. Denn in der Esche liegt die Kraft der G�tter. Es ist ihr Lieblingsbaum. Neben den Eichen nat�rlich ...�</p><p>�Nat�rlich.� Jules seufzte. �Ich w�rde l�gen, wenn ich sagte, dass ich alles verstanden habe, was du gerade erz�hlt hast. Ich will dich nicht beleidigen. Aber die Sache mit diesem Luth ... das scheint mir alles sehr unausgegoren zu sein. Er webt also F�den wie eine Spinne. Und manchmal durchtrennt er einen der F�den, und dann stirbt ein Mensch. Aber wenn man die F�den in einem Spinnennetz durchtrennt, dann kann sich dort keine Fliege mehr verfangen. Werden diese F�den durchtrennt, dann schenkt man unz�hligen Fliegen das Leben. Das passt doch nicht zusammen. Glaubst du, ein Gott h�tte sich ein so unpassendes Beispiel ausgesucht? So etwas denken sich Menschen aus. Die Gedanken Tjureds sind immer klar und einfach und leicht zu verstehen. Daran erkennt man den einzigen Gott. Er braucht keine Tr�ume, die man deuten muss. Er spricht zu mir. Ganz unmissverst�ndlich. Was h�tte er auch davon, wenn ich seine Worte nicht verstehe? Diese Sache mit den Tr�umen und den komplizierten Omen ... Also, ich glaube, all diese Dinge haben sich nur die Priester von G�ttern ausgedacht, die es gar nicht gibt. Sie brauchen so etwas f�r den Fall, dass etwas schief l�uft. Denn dann war es nicht der Gott, der sich geirrt hat, sondern ein Priester, der die Zeichen des Gottes falsch ausgelegt hat. Warum sollte Gott wollen, dass wir seine Botschaften nicht verstehen, wenn er sich schon die M�he macht, mit uns zu sprechen? Das ergibt doch keinen Sinn.�</p><p>Ulrics Herz schlug jetzt schneller. Dar�ber hatte er sich auch schon einmal mit Gundar unterhalten, und er war so stolz, eine gute Antwort zu haben, dass seine Zunge �ber die vielen Worte stolperte, als es aus ihm heraussprudelte und er deshalb vor Aufregung stotterte. �Das ist so. F�r die G�tter sind wir wie Kinder. Wie ganz kleine Kinder. Sie wissen viel mehr �ber die Welt und das Leben als wir. Und sie gebrauchen manchmal Worte, die wir nicht in all ihren Bedeutungen begreifen. Meistens sind ihre Zeichen deutlich. Aber mitunter, wenn sie sehr in Gedanken sind, dann vergessen sie, dass sie zu Kindern reden. Dann kommen uns ihre Zeichen und Omen sehr sonderbar vor. Dann verstehen wir sie nicht, weil sie sich so sehr von uns unterscheiden.�</p><p>Jules nickte ernsthaft. �Also machen eure G�tter Fehler.�</p><p>Der Junge zuckte mit den Schultern. Was sollte das denn jetzt schon wieder? �Jeder macht Fehler.�</p><p>�Nein, Ulric. Es geh�rt zum Wesen der Menschen, Fehler zu machen. Tjured macht niemals einen Fehler, weil er ein Gott ist. Ich zweifle ja nicht einmal daran, dass es hier m�chtige Gesch�pfe geben mag, die ihr einfach G�tter nennt. Aber sie sind es nicht. Sie sind grausam und spielen mit den Menschen, weil sie ihnen weit �berlegen sind Tjured ist niemals grausam. Sein Herz ist voller G�te.�</p><p>So ein dahergelaufener Schw�tzer!, dachte Ulric w�tend. Was wusste er schon! �Luth ist auch ein g�tiger. Gott.� Kaum waren die Worte heraus, da bereute sie der Junge schon. Es war dumm, den Fremden zu �rgern. Und er hatte ihn offensichtlich ver�rgert, auch wenn er es zu verbergen suchte. Etwas mit seinen Augen war geschehen. Ganz kurz nur. Sie schienen wie Abgr�nde, und Ulric f�hlte sich wie ein K�fer unter dem Blick eines Riesen.</p><p>�Meine Worte werden dich vielleicht schmerzen, aber du hast es verdient, die Wahrheit zu sehen. Du hast einen wachen Verstand, Ulric. Ich werde ihn mit der Wahrheit erleuchten. Doch sei gewarnt, du wirst die Welt nie wieder so wie die anderen deines Volkes sehen. Dein Gott Luth ist ein schrecklicher Tyrann. Ein Wesen, nicht Mensch und nicht Himmlischer. Es gibt viele von seiner Art, und die Menschen haben viele Namen f�r sie. Man nennt sie fl�sternd D�monen oder Nachtmahre. Selbst die Elfen kennen diese Kreaturen und haben Angst vor ihnen. Dort hei�en sie Yingiz. Sie k�nnen nicht in unsere Welt gelangen. Aber manchmal sind sie in unseren Tr�umen, oder sie schicken uns Botschaften. Dabei sinnen sie immer auf unser Verderben. Du glaubst, deine G�tter holen ihre Helden in Goldene Hallen, die in der gro�en Dunkelheit liegen? Du irrst dich. Dort, wo du nach deinem Tod hingehen wirst, gibt es nur Dunkelheit. Allein Tjured kann uns erretten, denn er ist das Licht. Deine falschen G�tter hingegen machen dich schon in deinem Leben zu ihren Sklaven. Sieh dir doch an, was Luth tut. Er webt deinen Schicksalsfaden. Er bestimmt jeden deiner Schritte im Voraus. Nicht einen Herzschlag lang in deinem ganzen Leben bist du frei. Was immer du tust, er hat es bestimmt. Ein Sklave ist frei im Vergleich zu dir. Kein menschlicher Herr kann ihn so g�ngeln, wie Luth seine Kinder g�ngelt, wenn er seinen Schicksalsfaden um ihr Sklavenhalsband legt und sie durch ihr j�mmerliches Leben zerrt. Tjured hingegen schenkt uns die Freiheit. Er nutzt seine Macht als Gott so ma�voll, dass Zweifler leicht behaupten k�nnen, es gebe ihn nicht, denn sein Wirken hinterl�sst kaum eine sichtbare Spur au�er dem Gl�cksgef�hl, das aus wahrer Freiheit erw�chst. Ich entscheide in jedem Augenblick, wohin ich mein Leben lenke, aber ich trage auch die schwere B�rde zu wissen, dass ich ganz allein f�r meine Taten verantwortlich bin. Und sollte ich ein Schurke sein und klug genug, um meiner Strafe im Leben zu entgehen, so werde ich am Ende meiner Tage vor meinem Richter stehen, jenem stummen Beobachter, der um all meine Taten wei�. Und war mein Leben voller Licht, dann wird er mich im Licht aufgehen lassen. Haben meine Taten aber Dunkelheit in das Leben anderer gebracht, dann wird er mich versto�en, und ich gelange in die Finsternis, wo die Yingiz, die D�monen, die falschen G�tter herrschen. Was hat mir Luth hingegen zu bieten? Eine Entschuldigung f�r jede meiner Taten, denn sie waren ja alle von ihm vorherbestimmt. Das ist ein Glaube f�r Schw�chlinge, aber nicht f�r tapfere M�nner. Du wirst das mit den Jahren verstehen. Du wirst die L�gen durchschauen, denn du bist klug. Es gibt nur einen Gott. Und wer klar denken kann, der wird dies schnell erkennen.�</p><p>�Also ...� Ulric zuckte verzweifelt mit den Schultern. Was der Fremde sagte, klang ja vern�nftig. Jules war gut darin, sch�ne Worte zu machen. Doch das war das t�gliche Brot von Priestern. Was er behauptete, konnte nicht die Wahrheit sein. Es durfte sie nicht sein! Er musste Luth verteidigen. Aber er wusste nicht, wie. Er stand vor Jules� Geschw�tz wie ein Krieger vor einem m�chtigen Schutzwall, in dem er keine L�cke entdecken konnte. Und w�hrend ihn von der hohen Mauerkrone die Feinde verspotteten, blieb ihm nichts, als hilflos sein Schwert zu heben. So gut er als Krieger auch sein mochte, in diesem Kampf konnte er unm�glich siegen. �Du hast Unrecht. Etwas ist falsch an den Dingen, die du sagst. Das f�hle ich. Aber ich kann das nicht in Worte fassen wie ein Priester. Ich ... Ich w�nschte, Gundar w�re hier. Er w�rde dir die richtigen Antworten geben k�nnen.�</p><p>�Du hast diesen Gundar sehr gemocht, nicht wahr?� Ulric war �berrascht, dass Jules nicht aufbrauste. Stattdessen nickte der Tjuredpriester verst�ndig.</p><p>�Alle mochten ihn�, bekr�ftigte der Junge. �Mein Vater hat immer gesagt, es sei im Dorf viel friedlicher geworden, nachdem Gundar zu uns gekommen sei. Dabei hat er gar nicht so viel getan. Er hat den Leuten zugeh�rt, wenn sie kamen ...�</p><p>Ulric l�chelte. Ganz deutlich hatte er den dicken alten Mann jetzt wieder vor Augen. Er vermisste ihn. Wenn Gundar noch hier w�re, dann g�be es den Streit mit Eirik gewiss nicht. �Er hat eigentlich immer etwas gegessen, wenn man bei ihm war. Und auch wenn er zu Besuch kam ... Er sagte immer, wer den Mund voll hat, der kann die, die reden sollten, nicht vor der Zeit unterbrechen.�</p><p>Jules lachte leise. Es klang nicht sp�ttisch, sondern kam von Herzen. �Er ist also ein weiser Mann, dein Freund Gundar. Wenn er davon �berzeugt ist, dass es einen Gott wie Luth gibt, dann sollte man das wohl nicht einfach abtun. Er wird wissen, woran er glaubt.�</p><p>Endlich begriff der Fremde, dass er es war, der sich hier irrte, dachte Ulric erleichtert. Jules schien nett zu sein. Auch wenn er Schwierigkeiten hatte, die Wahrheit �ber die G�tter zu erkennen. Vielleicht war dieser Tjured ja eifers�chtig auf die anderen G�tter und erz�hlte Jules deshalb, dass er der einzige Gott sei. Was f�r ein j�mmerlicher Wicht dieser Tjured sein musste!</p><p>�Bringst du mich zu diesem Gundar? Ich w�rde gern einmal mit ihm reden.� Ulric schluckte. Wieder wurde er von Schuldgef�hlen gepackt. �Gundar ist tot.� Seine Stimme war nur noch ein Fl�stern. �Er starb, als das Wolfspferd in unser Langhaus kam. Er hat uns alle gerettet.� Sie standen sich eine Weile schweigend gegen�ber. Ulric hing seinen Gedanken nach. Er war froh, dass Jules jetzt nicht noch mehr Unsinn �ber seinen verr�ckten Gott erz�hlte.</p><p>�In meiner Heimat ehren wir die Toten, indem wir von ihnen sprechen. Magst du mir etwas �ber deinen Freund Gundar erz�hlen? Vielleicht, wie er gestorben ist?�</p><p>�Das Wolfspferd hat ihn get�tet. Auch wenn die Elfe sagte, es h�tte an seinem Herzen gelegen ...� Er z�gerte. Bisher hatte er mit niemandem dar�ber gesprochen. �Eigentlich war ich schuld daran, dass er sterben musste.�</p><p>Jules sah ihn ernst an. �Das h�rt sich etwas verwirrend an. Wie hat die Geschichte denn begonnen?�</p><p>�Mit meinem Onkel.� Ulric erinnerte sich, wie sie Ole aus den W�ldern geholt hatten. Er war grausam verst�mmelt gewesen. Seine Wunden hatten gestunken. Trotzdem hatte Mutter ihn zu sich ins Langhaus genommen. Die meiste Zeit hatte Onkel Ole dann in Fiebertr�umen gelegen. �Mein Onkel hat Hunde gez�chtet. Er hat sie geschlagen, damit sie b�se wurden. Sie sollten Hofhunde werden und jeden Fremden anfallen. Ich glaube, das ist der Grund, warum das Wolfspferd kam. Es war sicher ein Wiederg�nger von einem der Hunde, die Onkel Ole zu Tode gepr�gelt hat. Bestimmt hat er sich nicht die M�he gemacht, die toten Hunde richtig zu begraben. Mit der Schnauze nach unten und einem Eschenpflock im Herzen ... Jedenfalls gab es dann die Toten. Das war im Herbst, bevor der erste Schnee kam, aber schon nach dem Apfelfest. Die Toten waren sehr seltsam. Niemand im Dorf hatte so etwas je gesehen. Sie waren verschrumpelt und ganz leicht. So wie tote V�gel, die man im Sommerwind getrocknet hat. Mein verletzter Onkel sprach immer von einem Wolfspferd. Schlie�lich hat Gundar entdeckt, dass Onkel Ole Luth bestohlen hatte. Auf dem Passweg in die Berge stehen die Eisenm�nner. Sie sch�tzen die Reisenden und halten die Trolle fern. Jedenfalls war das fr�her immer so. Jeder Reisende schl�gt ein kleines St�ck Eisen in die W�chter, wenn er an ihnen vorbeikommt. Das sind Geschenke f�r Luth, der daf�r besser �ber unsere Lebensfaden wacht. Ole hatte bei den Eisenm�nnern Eisen gestohlen. Er hat die St�cke in eine Peitschenschnur eingeflochten. Danach wurde es mit dem Wolfspferd noch schlimmer. Niemand wagte sich mehr hinaus. Meine Freundin, Halgard, wurde fast get�tet. Als Gundar entdeckte, was Ole getan hatte, ging er in die Berge hinauf. Und ich ... ich bin ihm heimlich nachgelaufen. Ich wollte ihm helfen, damit Halgard wieder gesund wird und das schreckliche Wolfspferd endlich vertrieben wird. Am Wehrberghof habe ich Gundar eingeholt. Das Wolfspferd war schon dort gewesen. Es hatte alle get�tet. Sogar die Kinder. Als wir dort �bernachteten, hat Luth Gundar einen Traum geschickt. Er hat ihm verraten, dass bei der Spinne unter dem Regenbogen ein Geschenk f�r uns liege. Am n�chsten Tag haben wir die Spinne gefunden. Sie war in einen Felsen geritzt. Und auf dem Felsen war ein tanzender Lichtfleck, der wie ein Regenbogen aussah. Dort haben wir ein Loch gegraben und schlie�lich ein kostbares Kettenhemd gefunden. Da wusste, Gundar, dass der Schicksalsweber ihn auserw�hlt hatte, gegen das Wolfspferd zu k�mpfen. Gundar hatte gro�e Angst, denn er war kein Krieger. Auch machte es ihm M�he, das Kettenhemd zu tragen. Er war schon ein alter Mann. Auf dem R�ckweg geschah dann das Ungl�ck. Ich ... Es war meine Schuld.�</p><p>Ulric schluckte. Die Erinnerung qu�lte ihn. �Ich habe nicht aufgepasst. Es hatte geschneit, und ich habe mir an einem Hang den Fu� vertreten. Ich konnte nicht mehr laufen. Und Gundar wollte mich nicht zur�cklassen. Er hatte Sorge, dass ich im Schnee erfrieren w�rde. Au�erdem hatte er auch Angst, dass mich das Wolfspferd holen k�nnte. Da hat er mich getragen. Den ganzen weiten Weg bis zum Langhaus meines Vaters. Und da war das Wolfspferd. Es war gekommen, um die Elfenk�nigin Emerelle und alle anderen zu t�ten.�</p><p>�Die Elfenk�nigin?� Jules hob die Brauen und sah ihn zweifelnd an. �Die Elfenk�nigin war bei euch zu Gast?�</p><p>�Ja.� Ulric merkte genau, dass ihm der Fremde jetzt gar nichts mehr glaubte. �Ich darf dar�ber eigentlich nicht reden. Emerelle war schwer verwundet, und ihr Schwertmeister Ollowain hatte sie zu uns gebracht. Sie hat bei uns viele Tage und N�chte geschlafen. Aber das ist ein Geheimnis. Ich darf dar�ber eigentlich nicht reden.�</p><p>Jules f�hrte den Zeigefinger an die Lippen. �Deine Geheimnisse sind bei mir gut aufgehoben. Nun erz�hl weiter von dem Wolfspferd. Es hatte euch erwartet.�</p><p>Pl�tzlich hatte Ulric das Gef�hl, dass der Fremde ihm doch glaubte. Eigenartig. Also, an seiner Stelle h�tte er es bestimmt nicht geglaubt, wenn ihm ein kleiner Junge erz�hlt h�tte, dass die Elfenk�nigin im Haus seiner Eltern Zuflucht gefunden habe. Vielleicht war Jules ja auch nur h�flich und tat so, als zweifle er nicht an seinen Worten?</p><p>�Das Wolfspferd?�</p><p>�Ja.� Ulric fuhr sich aufgeregt �ber die Lippen. �Als wir in das Langhaus kamen, war es schon da. Es war wirklich fast so gro� wie ein Pferd. Und es hatte eine lange Schnauze mit gro�en Z�hnen. Das Seltsamste aber war, dass es manchmal ganz fest war und dann wieder aussah wie d�nner Rauch. Und es war ziemlich kalt. K�lte umgab das Wolfspferd, so wie Hitze um ein gro�es Feuer wabert. Ich habe mich dem Ungeheuer gestellt, mit meinem Elfendolch. Ich wollte Gundar besch�tzen. Er war so ersch�pft. Aber das Wolfspferd ist einfach durch mich hindurchgegangen.� Ulric erschauderte bei der Erinnerung daran. �Das war so, als wehe ein eisiger Wind in mir. Es war schrecklich. Gundar hat ihm etwas zugerufen. Er hat es angelockt. Und dann war es auch schon �ber ihm. Es hat etwas aus seiner Brust rei�en wollen. Ein goldenes Licht. Aber dann war es selbst umgeben von blauem Licht und wand sich in Qualen. Und pl�tzlich war es verschwunden. Ich glaube, es war Luths Geschenk, das es get�tet hat. Es ist nie mehr wiedergekommen. Aber Gundar ist gestorben.� Der Junge sp�rte, wie ihm hei�e Tr�nen �ber die Wangen liefen. Er presste die Lippen zusammen und versuchte, ein Schluchzen zu unterdr�cken. Die Elfe Yilvina hatte sp�ter gesagt, der Priester sei an Ersch�pfung gestorben und dass sein Herz sehr schwach gewesen sei, Es h�tte jederzeit passieren k�nnen, hatte sie behauptet. Aber Ulric wusste es besser. Gundar war gestorben, weil es seine Kr�fte �berstiegen hatte, das schwere Kettenhemd und ihn zu tragen. Er h�tte besser aufpassen m�ssen, als er den Hang hinabgestiegen war. Sein umgeknickter Fu�, der war der wirkliche Grund f�r Gundars Tod gewesen!</p><p>Jules legte ihm eine Hand auf die Schulter und dr�ckte ihn an sich. Es tat gut, in den Arm genommen zu werden. Eigentlich war er schon zu gro� f�r so etwas, aber diesmal war es Ulric nicht peinlich, wie ein Kind getr�stet zu werden. Er sp�rte die W�rme des Fremden. Jules hatte ihm seinen Umhang um die Schultern gelegt. Und Ulric sp�rte noch etwas. Der Priester trug ein langes Messer, das durch den Umhang vor Blicken verborgen blieb. Es dr�ckte Ulric leicht gegen die Rippen.</p><p>Jules strich ihm mit der Hand durchs Haar. �Es ist gut, dass du mit mir gesprochen hast. Traurigkeit ist wie ein Gift. Mit der Zeit macht es uns genauso krank wie ein Sonnenpilz oder verdorbener Fisch. Worte und Tr�nen sp�len das Gift der Traurigkeit aus unserer Seele. Du wirst sehen, du wirst dich besser f�hlen, nun, da du �ber Gundars Tod geredet hast.�</p><p>So standen sie eine ganze Weile, bis Ulric das Gef�hl bekam, dass Jules unruhig wurde. Er machte sich los. Der Fremde l�chelte entschuldigend. �Da ist eine Frage, die mich qu�lt. Wei�t du noch, was Gundar zu dem Wolfspferd gesagt hat?�</p><p>Ulric versuchte sich zu erinnern. Es war ein fremdes Wort gewesen. �Valemin ist dein Name. Oder so �hnlich.�</p><p>�Kannst du dich nicht genauer erinnern?�</p><p>�Vielleicht sagte er auch Valhentin. Oder nein, es war etwas wie Wahlhemin.�</p><p>�K�nnte er Vahelmin gesagt haben?�, hakte der Priester nach.</p><p>�Das ist ein Elfenname.�</p><p>�Ja, das k�nnte es auch gewesen sein. Ich bin mir einfach nicht mehr ganz sicher.� Ulric stutzte. �Aber das ergibt doch keinen Sinn. Diese Kreatur war ganz bestimmt kein Elf! Wieso sollte sie dann einen Elfennamen tragen?�</p><p>�Die Elfen tun viel Sonderbares, Junge. In meiner Heimat h�lt man sie f�r b�se Geister aus einer anderen Welt. Ob das nun stimmt oder nicht, eins ist gewiss: Wir Menschen werden niemals begreifen, was die Elfen wollen. Sie sind zu verschieden von uns.�</p><p>Ulric gefiel dieses Gerede nicht. Emerelle hatte ihm und Halgard das Leben gerettet, und Ollowain war sein Freund. Nein, b�se Geister waren sie gewiss nicht.</p><p>�Was ist eigentlich aus dem Kettenhemd geworden, das Gundar getragen hat? Wurde es mit ihm begraben?�</p><p>�Nein. Es ist doch ein Geschenk Luths. Wir verwahren es beim Schrein des Schicksalswebers.�</p><p>�Darf ich es einmal sehen?� Jules wirkte angespannt. So nett der fremde Priester auch war, irgendetwas stimmte nicht mit ihm.</p><p>�Du hast doch gesagt, dass du nicht an Luth glaubst. Ich glaube, du solltest dann nicht seinen Schrein betreten. Das k�nnte den Schicksalsweber �rgern.�</p><p>Der Priester seufzte und sch�ttelte den Kopf. �Wenn du meinst. Ich hatte damit gerechnet, dass du das sagen w�rdest. Wahrscheinlich gibt es dort gar nichts zu sehen. Vielleicht gibt es das Kettenhemd auch gar nicht.�</p><p>�Willst du mich etwa einen L�gner nennen? Glaubst du, ich h�tte mir die Geschichte ausgedacht?�</p><p>Jules hob beschwichtigend die H�nde. �Ich glaube, dass du gro�es Leid erlitten hast, Junge. So etwas verwirrt einen manchmal.�</p><p>�Ich bin nicht verwirrt�, begehrte Ulric auf. �Was ich erz�hlt habe, ist wahr!� �Und warum schreckst du dann davor zur�ck, es mir zu beweisen? Was, glaubst du, wiegt in den Augen deines Gottes schwerer? Dass du einen Ungl�ubigen in seinen Schrein einl�sst und damit gegen ein Verbot verst��t oder dass du es unterl�sst, einem Ungl�ubigen zu beweisen, dass es deinen Gott wirklich gibt?�</p><p>Ulric nagte nerv�s an seiner Unterlippe. Der Schrein lag etwas abseits am Waldrand. Keiner w�rde es merken, wenn er Jules bei diesem Schneegest�ber dorthin f�hrte. Der Sturm hatte gewiss alle in ihre H�tten getrieben. Eigentlich machte der Priester ja einen freundlichen Eindruck. Er w�rde gewiss nicht versuchen, etwas zu stehlen. Zweifelnd musterte er den Fremden.</p><p>�Du musst mir etwas versprechen. Beim Schrein darfst du nicht schlecht �ber Luth reden. Das w�rde gro�es Ungl�ck bringen. Und den Namen deines Gottes sagst du dort besser auch nicht.�</p><p>Der Priester wirkte beleidigt. Er zog seinen schweren, blauen Umhang zusammen, sodass sein Dolch wieder wohl verborgen war. �Sehe ich vielleicht wie ein dahergelaufener Strauchdieb aus? Du kannst mir vertrauen.�</p><p>Ulric blickte dem Fremden geradewegs in dessen klare, blaue Augen. Nein, Jules w�rde ihn nicht bel�gen. Er konnte ihm trauen.</p><p>Gemeinsam stapften sie durch den tiefen Schnee. Inzwischen war es dunkel geworden. Jules hielt sich dicht an seiner Seite.</p><p>Ganz wie Ulric vermutet hatte, begegneten sie niemandem auf ihrem Weg. Der Schnee fiel noch immer in dichten Flocken. Er erstickte die Ger�usche aus den schlichten H�tten und d�mpfte das leise Knarzen ihrer Schritte.</p><p>Der Schrein Luths war nicht mehr als eine H�tte. Die T�r war mit einem einfachen Holzriegel versperrt. Als Ulric ihn zur�ckzog, beschlichen ihn noch einmal Zweifel. Er wusste nichts �ber den Fremden. Wenn er doch ein Dieb war? Doch jetzt war es zu sp�t. Mit einem stummen Gebet wandte sich der Junge an den Schicksalsweber, dann zog er den Sperrriegel zur�ck.</p><p>Zwei kleine Flammen erhellten das Innere des Schreins. Sie glommen auf groben Dochten, die in Tiegeln mit Fischtran steckten. Es roch stickig. Das Kettenhemd, in dem Gundar gestorben war, hing von einem kleinen Ger�st. An die W�nde waren hunderte Stoffstreifen genagelt. Sie trugen mit Holzkohle geschriebene Runen. Es waren die Namen von M�nnern, Frauen und Kindern, die w�hrend der K�mpfe verschollen waren. Ihre Verwandten baten Luth mit diesem Opfer, ihre Liebsten nicht zu vergessen und wieder mit ihnen zusammenzuf�hren.</p><p>Jules z�gerte einen Augenblick, �ber die Schwelle in den Schrein zu treten. Die H�tte war nicht sehr gro�, vielleicht drei mal vier Schritt, aber sie strahlte eine stille Feierlichkeit aus. Hoffentlich begriff der fremde Priester jetzt endlich, dass er sich geirrt hatte und es noch andere G�tter neben seinem Tjured gab. Richtige G�tter und keine D�monen!</p><p>Der Priester kniete vor dem Kettenhemd nieder. Vorsichtig ber�hrte er die rostigen Eisenringe. In seinen Bewegungen lag mehr als nur Ehrfurcht. Es schien, als habe er Angst vor dem Geschenk Luths. Ulric beobachtete dies mit einiger Genugtuung. Es war ihm eine Entsch�digung f�r all die schlimmen Dinge, die Jules �ber den Schicksalsweber behauptet hatte.</p><p>Lange kniete der Priester vor dem kostbaren Kleinod. Als er sich endlich erhob, wirkte er zufrieden. �Dies ist ganz sicher das Kettenhemd, das Gundar trug, als ihn das Wolfspferd angriff?�</p><p>�Ganz sicher!�, best�tigte Ulric feierlich. �Es ist das Geschenk des Schicksalswebers.� Jules nickte in Gedanken versunken.</p><p>�Erstaunlich�, murmelte er leise. �Es sind doch stets die einfachen L�sungen, die sich als die besten erweisen.� Der Junge sah ihn verst�ndnislos an. Er begriff nicht, was diese Worte bedeuten mochten, und er wagte auch nicht nachzufragen. Der Priester wirkte seltsam unnahbar. Ob er in diesem Augenblick wohl stumme Zwiesprache mit seinem Gott hielt? Ulric fr�stelte es. Gut, dass sie im Luthschrein waren! Hier hatten fremde G�tter gewiss keine Macht.</p><p>Pl�tzlich zog Jules seinen Dolch. Zu verdattert, um irgendetwas zu sagen oder fortzulaufen, starrte Ulric auf die lange, funkelnde Klinge. Der Priester kam auf ihn zu. In blitzendem Bogen schnellte die Waffe vor und grub sich mit einem dumpfen Ger�usch tief in die Holzwand.</p><p>�Man bringt Luth Geschenke aus Eisen, wenn man sich bei ihm bedanken will, das habe ich doch richtig verstanden?� Das L�cheln war in Jules� Gesicht zur�ckgekehrt.</p><p>�Ja�, sagte Ulric heiser. Der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern. Hatte der Fremde vorgehabt, ihn zu erschrecken? Oder hatte er einfach nicht dar�ber nachgedacht, was er tat?</p><p>�Wo wir gerade von Geschenken reden, Ulric ...� Jules streifte seinen Umhang zur�ck und �ffnete eine gro�e Ledertasche, die er an einem Riemen �ber der Schulter trug. ��ber dem Gespr�ch mit dir habe ich ganz vergessen, dass ich auch f�r dich ein Geschenk mitgebracht habe. Es ist nichts Besonderes. Ich bin kein reicher Mann. Ich habe das hier w�hrend meiner Wanderschaft gemacht.� Er zog drei h�lzerne Puppen hervor. Einen Krieger mit Schwert, eine Prinzessin mit Haaren aus rotem Nussholz und einen ru�geschw�rzten Hund.</p><p>Ulric gaffte die handgro�en Puppen mit weit aufgerissenen Augen an. Es waren die sch�nsten, die er jemals gesehen hatte. Ihre Arme und Beine hatten bewegliche Gelenke! Aber vor allem anderen waren es nicht irgendwelche Figuren. Der Fremde hatte ihn, Halgard und Blut als Puppen gefertigt. Ulric wusste jetzt schon, dass Halgard ganz verr�ckt danach sein w�rde.</p><p>�Ich bin leider kein gro�er K�nstler�, entschuldigte sich der Priester. �Die Gesichter sind etwas grob geraten.� Er hielt dem Jungen die Puppen hin.</p><p>Wie ein Hund nach einem blutigen Fleischklumpen, schnappte Ulric danach und lie� sie sofort fallen. Etwas hatte ihn in die Hand gestochen. Ein d�nner Blutfaden rann �ber seine Handfl�che.</p><p>�Oh, bei Tjured, verzeih mir!� Der Priester b�ckte sich und hob die Puppen wieder auf. Sie hatten den Sturz unbeschadet �berstanden. �Das Schwert! Ich habe es aus einem Nagel gemacht und wohl zu sehr geschliffen. Dass es so spitz geworden ist, war mir gar nicht bewusst. Lass mich bitte deine Hand sehen.�</p><p>�Ach, das ist nichts�, winkte Ulric ab.</p><p>�Bitte! Aus so einer kleinen Wunde kann �bles erwachsen, wenn man sie nicht s�ubert. Ich will dich doch beschenken und nicht umbringen.�</p><p>Unwillig streckte der Junge Jules die Hand entgegen. Es war �berfl�ssig, so viel Aufhebens darum zu machen. Aber sollte der Priester nur seinen Willen haben. Ulric sch�mte sich auch daf�r, so gierig nach dem Spielzeug gegriffen zu haben. Das war sonst gar nicht seine Art.</p><p>Jules holte ein wei�es T�chlein aus der Tasche und tupfte damit die Wunde ab. Es war nur ein feiner Schnitt inmitten seiner Handfl�che. Ein Kratzer, nichts von Bedeutung. Doch der Priester runzelte die Stirn. Er schob das T�chlein wieder in seine Tasche zur�ck. �Du darfst an dieser Wunde nicht herumspielen. Rei� dir nicht die Kruste ab, wenn der Schnitt verheilt. Am besten w�re es, wenn du mir gestattest, dir einen strammen Verband anzulegen. Du solltest die Hand schonen.�</p><p>�Wegen der Kleinigkeit?� Ulric lachte und zog die Hand zur�ck. �Ich wei� ja nicht, wie es mit den Kindern in deiner Heimat ist, aber ich bin nicht so eine Memme. Das ist doch gar nichts!�</p><p>�Tu meine Worte nicht einfach ab. Streck die Hand noch einmal vor. Ich muss dir etwas zeigen.� Ulric gehorchte, auch wenn er das Verhalten des Priesters �u�erst merkw�rdig fand.</p><p>�Siehst du die feinen Linien in deiner Hand? Jede von ihnen hat eine Bedeutung. Dies hier ist deine Lebenslinie. Der Kratzer hat sie zerteilt. Wenn eine Narbe zur�ckbleiben w�rde, dann w�re das schlimm.� Er fuhr vorsichtig mit dem Finger �ber die Linien der Handfl�che. �Lass mich bitte auch deine andere Hand sehen. Halt sie nebeneinander. Ja, so ist es gut.�</p><p>�Und, was steht dort?�, fragte Ulric neugierig.</p><p>Der Priester blickte auf, und feiner Spott funkelte in seinen Augen. �Glaubst du nun, dass du mich dabei erwischt hast, dass ich Unsinn erz�hle?�</p><p>�Wie kommst du denn darauf?�, fragte der Junge ehrlich �berrascht.</p><p>�Nun, eben habe ich dir noch erz�hlt, dass unser Leben nicht vorherbestimmt ist, und nun lese ich in den Linien deiner Hand, was dir die Zukunft wohl bringen mag. Aber das ist nicht so, wie es scheint. Stell dir eine Kiste vor, in der alle m�glichen Dinge aufbewahrt werden. Ein Schwert, ein Webrahmen und eine Spindel, vielleicht auch eine Harfe. Die Kiste ist noch verschlossen, doch jemand hat sich die M�he gemacht, Runen in das Holz zu ritzen. Sie verraten, was alles in der Kiste verwahrt ist. So ist es mit den Handlinien. Sie erz�hlen mir davon, was dein Leben bringen mag. Und ich kann an deinen H�nden auch erkennen, was du schon getan hast.�</p><p>Er deutete auf die Schwielen an Ulrics rechter Hand. �Hier erkenne ich, dass du flei�ig mit einer Waffe ge�bt hast. Vermutlich mit einem Holzschwert. H�ttest du mit einer Hacke auf dem Feld gearbeitet oder einem Handwerker geholfen, dann h�ttest du an beiden H�nden Schwielen. Aber kommen wir auf die Truhe zur�ck. Es liegt bei dir, sie zu �ffnen. Je nachdem, was du herausholst, wird dein Leben einen anderen Weg nehmen. Und diese Entscheidung liegt allein bei dir.�</p><p>�Du solltest nicht so in Luths Schrein reden�, sagte Ulric ernst. Langsam �berkam ihn der Verdacht, dass der Priester sich vorgenommen hatte, ihm seinen Glauben zu stehlen. Doch so weit w�rde er es nicht kommen lassen. Er war schlie�lich nicht dumm! Ob auch die Holzpuppen zu diesem Plan geh�rten? Misstrauisch musterte er sie. Auf dem hellen Holz der Kriegerpuppe prangten zwei helle Blutflecken. Auch das kleine, schimmernde Schwert des Kriegers war blutverschmiert. Hatte Luth ihm ein Omen geschickt? Ulric war sich sicher, dass er ein Krieger werden w�rde. Er betrachtete seine H�nde. Er sang auch ganz gern ... Aber Spindel und Webrahmen? Das war Weiberkram! Er sollte Jules� Worte schnell vergessen. Seine H�nde waren keine Kiste! Und sein Lebensweg war l�ngst von Luth bestimmt. Der Gedanke daran beruhigte ihn. So gesehen war es ganz egal, was Jules erz�hlte. Die Worte des Priesters w�rden seine Zukunft nicht ver�ndern. Sie war schon l�ngst festgelegt.</p><p>Vorsichtig hob Ulric die Puppen auf. Neugierig drehte er sie in den H�nden. Ganz gleich, was Jules sagte: Sie waren wundersch�n. Daran gab es keinen Zweifel. Im R�cken der Kriegerfigur entdeckte er einen feinen Spalt, so als sei das Holz dort gerissen.</p><p>�Hab ich sie kaputtgemacht?�</p><p>�Nein�, beruhigte ihn der Priester. �Dort gibt es eine Klappe. Wenn du am linken Arm drehst, �ffnet sie sich. Dort ist noch ein Geschenk f�r dich. Auch in Halgards Puppe verbirgt sich noch ein Geschenk. �ffne die Geheimf�cher aber noch nicht jetzt.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Wenn du findest, was ich dort verborgen habe, wirst du mir eine dringende Frage stellen wollen. Es ist aber wichtig, dass du die Antwort ohne mich findest.� Jules erhob sich und zog seinen Umhang vor der Brust zusammen. �Am besten wartest du bis morgen fr�h, damit du dir meine kleine �berraschung bei Tageslicht genau ansehen kannst. Du und Halgard, ihr solltet gemeinsam die Puppen �ffnen.�</p><p>Ulric drehte seine Puppe hin und her. Dann klemmte er den Daumennagel in den Spalt im R�cken, doch das Geheimfach �ffnete sich nicht. �Vielleicht komme ich dich ja morgen fr�h fragen?�</p><p>�Dann werde ich nicht mehr hier sein.�</p><p>�Du kannst doch nicht in der Nacht durch den Schneesturm gehen! Du w�rdest dich verlaufen. Und die K�lte wird dich umbringen.�</p><p>Jules strich ihm durch das Haar. �Mach dir keine Sorgen um mich. Ich kann ganz gut auf mich aufpassen, auch wenn ich nur ein seltsamer Fremder bin. Ich muss in dieser Nacht noch ein weites St�ck Weg zur�cklegen. Ich kann es mir nicht erlauben, jetzt zu ruhen.� Er l�chelte. �Und sei ehrlich, mein kleiner Freund. Du wirst doch erleichtert sein, wenn du dir meine schlauen Reden nicht l�nger anh�ren musst.�</p><p>Ulric wollte protestieren, doch Jules legte einen Finger an seine Lippen und gebot ihm zu schweigen. �Sag nichts. Ich wei�, was in dir vorgeht. Du hast einen rebellischen, wachen Verstand, so wie ich. Ich w�nsche dir Gl�ck, mein Junge. Und ganz gleich, f�r welchen Lebensweg du dich entscheiden wirst, du wirst ein bedeutender Mann werden, dessen Namen auch in hundert Jahren noch jedes Kind im Fjordland kennen wird. Davon bin ich �berzeugt.�</p></section><section><title><p>Eine unsterbliche Seele</p></title><p>Skanga war zu Tode ersch�pft. �ngstlich beobachtete sie Branbarts Aura. Der Trollk�nig kauerte zu ihren F��en; er wimmerte leise vor sich hin wie ein gepr�gelter Welpe. Das kalte Blau der Angst und das helle Rot kaum gez�gelter Wut mischten sich zu einem purpurnen Licht, das pulsierend seinen K�rper umfloss.</p><p>Mit fahriger Geste strich sich die alte Schamanin �ber die Stirn. Pochender Schmerz trieb ihr Tr�nen in die Augen. Ihr magisches Auge, das wohl verborgen hinter dem Stirnknochen sa�, brannte wie wei�e Glut und lie� sie den anderen, dumpfen Schmerz ihrer gebrochenen Rippen vergessen.</p><p>�<emphasis>Gib auf, altes Weib</emphasis>�, wisperte die Stimme in ihrem Kopf. �<emphasis>Ich verspreche dir ein rasches Ende all deiner Qualen. Deine Zeit ist um, Skanga</emphasis>.�</p><p>�Schweig!�, fauchte sie, lie� ihren Knochenstab fallen und umklammerte mit beiden H�nden die Schl�fen. Es war eine Geste, die all ihre Hilflosigkeit offenbarte. Einer anderen Stimme mochte man sich verschlie�en, wenn man die H�nde nur fest genug auf die Ohren presste. Doch dieser Fl�sterer war in ihrem Kopf. Gegen den Yingiz konnte sie sich nicht wehren.</p><p>�<emphasis>Es wird mir eine Freude sein, dein Lebenslicht zu trinken. Meine Br�der gieren nach der Kraft deines K�nigs. Er h�tte noch viele Jahre zu leben gehabt, wenn du ihn nicht hierher gebracht h�ttest, Weib. Aber ich will dich. Ganz langsam werde ich dir das Leben rauben. Ich werde mich weiden an deinem Entsetzen und es genie�en, wie du dich sinnlos gegen das Unvermeidbare aufb�umst. Du wirst bis ganz zum Schluss k�mpfen, nicht wahr?</emphasis>� Ein Hauch von Bewunderung schwang in der Stimme des Yingiz mit. Skanga sp�rte deutlich den Schattenleib, der jenseits des magischen Kokons im Dunkel lauerte. �<emphasis>Du kannst nicht aufgeben, nicht wahr? Wie hast du es ertragen, dass Emerelle dein Volk besiegt und vertrieben hat? Die Wut �ber deine Niederlage hat dich gewiss fast wahnsinnig gemacht</emphasis>.�</p><p>�Es war nicht meine Niederlage. Wir ...� Skanga bem�hte sich, ihren pl�tzlichen Zorn im Zaum zu halten. Er wollte sie w�tend machen, warum auch immer. �Wir sind wieder gekommen, und seither sind es die Elfen, die fl�chten. Wir waren besiegt, aber nicht vernichtet. Mein Volk ...� Skanga brach ab. Branbarts Aura hatte ihre Farbe ver�ndert. Das Blau war g�nzlich verschwunden und flammendem Rot gewichen. Der K�nig sprang auf. Etwas war in seiner Hand. Das pulsierende Licht der Aura lie� nur undeutlich erkennen, was er hielt.</p><p>Skanga b�ckte sich nach ihrem Stab. Branbart trat ihr vors Knie. Sie taumelte zur Seite. Das Lichtgeflecht des magischen Kokons flackerte einen Herzschlag lang. Der Zauber! Sie biss die verbliebenen Z�hne zusammen, sodass sich die St�mpfe ins weiche Fleisch ihrer Kiefer gruben. Wenn der sch�tzende Zauber verging, w�ren sie tot. Sie hatte sich von diesem dreimal verfluchten Yingiz hereinlegen lassen! Wie bei einem jungen Weibchen, dem zum ersten Mal der Duft eines br�nstigen Kriegers in die Nase stieg, hatte die Schattengestalt mit heuchlerischen Worten ihre Sinne verwirrt. Nie war es dem Yingiz darum gegangen, wie sie sich gef�hlt hatte, als ihr Volk vertrieben worden war. Er hatte sie nur ablenken wollen, damit sie nicht bemerkte, wie ein anderer Fl�sterer Branbarts Zorn immer mehr aufstachelte und dem K�nig seine Angst nahm.</p><p>�<emphasis>Du tust mir Unrecht!</emphasis>�, spottete die Stimme in ihrem Kopf. �<emphasis>Ich hege aufrechtes Interesse an dir und deinen Gef�hlen, Schamanin. Ich werde dich kennen lernen, durch und durch, sobald ich dein Lebenslicht in mich aufgenommen habe. Nicht mehr lange, Weib, und du geh�rst mir</emphasis>.�</p><p>Branbart zerrte sie zu Boden und rammte ihr ein Knie in den Leib. Skanga sp�rte, wie sich die gebrochenen Rippen verschoben. Sie keuchte vor Schmerz.</p><p>�Du bringst uns beide um, Branbart! �, stie� sie hechelnd hervor. �Begreif das doch!�</p><p>�Du hast mich dazu verf�hrt, meine Krieger hierher zu bringen, alte Vettel. Es ist deine Schuld, dass mein Heer verloren ist. Daf�r wirst du b��en, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Viel zu lange habe ich deinen gefl�sterten L�gen gelauscht!� Seine Rechte hob sich.</p><p>Skanga sah den langen Mammutbeindolch als einen Schatten, der sich undeutlich gegen das pulsierende Licht der Aura des K�nigs abhob. Mit der Linken tastete die Schamanin nach dem Albenstein, w�hrend sie die Rechte hob, um den t�dlichen Sto� abzuwehren. Es gab nur noch einen Weg ...</p><p>�<emphasis>Ja, du hast Recht. Bring ihn um! Er ist ein Narr. Du w�rst deinem Volk eine viel bessere Herrscherin als dieser verr�ckte K�nig</emphasis>�, fl�sterte der Yingiz in ihren Gedanken. �<emphasis>Fass dir endlich ein Herz. Du wei�t doch schon lange, dass Branbart der Fluch deines Volkes ist. Bring ihn um! Du kannst es!</emphasis>�</p><p>Das Blau der Angst leuchtete in der Aura des Trollk�nigs. Hatte auch er die letzten Worte geh�rt? Sprach dieser verfluchte Yingiz gleichzeitig zu Branbart?</p><p>Skanga schloss die blinden Augen. Ihre Hand umklammerte den Arm des K�nigs, doch reichte ihre Kraft bei weitem nicht aus, um ihn niederzuringen. Unerbittlich senkte sich der Mammutbeindolch ihrer Kehle entgegen.</p><p>Leise murmelte die Schamanin die verbotenen Worte der Macht. Ihr wurde kalt. Die Macht des Albensteins fegte die Stimmen der Yingiz aus Branbarts Bewusstsein. Nun war sie die Stimme in seinem Verstand.</p><p>�H�r auf, mein Gebieter! Sie sind der Feind! Nicht ich! Sie sinnen einzig auf unsere Vernichtung.� Sie konnte die blinde Wut des K�nigs sp�ren. Er verschloss sich vor ihr. Der verdammte Trottel glaubte den Yingiz.</p><p>Ihr Armgelenk knackte. Nur Augenblicke noch, und der Dolch w�rde ihre Kehle treffen. Sie konzentrierte sich auf den Arm des K�nigs. Branbart lie� ihr keine andere Wahl. Einen Herzschlag lang sp�rte Skanga jugendliche Kraft.</p><p>�<emphasis>Tu es!</emphasis>�, rief die Stimme in ihrem Kopf. �<emphasis>Er ist der Fluch deines Volkes! T�te ihn endlich</emphasis>.� Sie z�gerte. Wenn Branbart im Nichts starb, w�rde er niemals wiedergeboren werden. Sie k�nnte einen neuen K�nig unter den Trollen erw�hlen. Oder sie k�nnte selbst nach der Macht greifen ... Es gab so vieles, das die Krieger in ihrer tumben Art verdarben. Niemand w�rde sich ihr in den Weg stellen, wenn sie die Herrschaft an sich riss.</p><p>Skanga bog den Arm des K�nigs zur�ck. Sie beherrschte seine Muskeln und Sehnen, als geh�rten sie zu ihrem eigenen Leib. Branbart musste hilflos miterleben, was sie ihm antat. Die Spitze des Dolchs zeigte nun auf seine Brust.</p><p>�<emphasis>Nimm das Schicksal deines Volkes in die Hand!</emphasis>�, forderte der Yingiz feierlich. �<emphasis>Sei mutig! Bekenne dich zu deinen geheimen W�nschen</emphasis>.�</p><p>Sengender Schmerz lie� Skanga und Branbart zugleich aufschreien. Deutlich sp�rte die Schamanin, wie die Klinge �ber Knochen schrammte und Knorpel zerteilte. Hastig zog sie sich aus den Gedanken des K�nigs zur�ck.</p><p>Fassungslos starrte sie auf den Herrscher, der sich neben ihr zusammenkr�mmte. Fast h�tte sie dem Yingiz nachgegeben! Im allerletzten Augenblick erst hatte sie den Sto� vom Herzen weggef�hrt. Das Messer ragte seitlich aus Branbarts Brust. Die Klinge hatte sein linkes Schultergelenk durchbohrt.</p><p>�Du hast mich zum Kr�ppel gemacht�, jammerte der K�nig.</p><p>�Verdammte Vettel. Ich hasse dich!�</p><p>�<emphasis>War das klug?</emphasis>�, meldete sich die ungeliebte Stimme in ihrem Verstand. �<emphasis>Damit hast du die Entscheidung nur hinausgeschoben. Gesteh dir deine Niederlage ein, Skanga</emphasis>.�</p><p>�Du kennst dich mit Niederlagen aus, nicht wahr? So wie uns die Elfen vertrieben haben, ist dein Volk von den Alben davongejagt worden. Nur, dass ihr niemals die Kraft gefunden habt zur�ckzukehren. Wie kannst du glauben, ich w�rde mich dir unterwerfen, Yingiz? Ich finde einen Weg! Ich bin es, die sich nach jeder Niederlage wieder erhoben hat und die jeder R�ckschlag st�rker werden lie�. Du wirst mich nicht besiegen! Mich nicht und auch Branbart nicht!�</p><p>Sie erhielt keine Antwort. Etwas hatte sich ver�ndert.</p><p>Sie sp�rte eine pulsierende Macht, irgendwo dort drau�en, jenseits des sch�tzenden Kokons. Sehen konnte sie nichts. Ihr magisches Auge war wie geblendet. In dichten Trauben umgaben die Yingiz jetzt den Kokon. Ihre Schatten waren wie Schleier. Vielstimmig erklang ihr Fl�stern. Skanga sp�rte, dass sie sich bem�hten, etwas vor ihr zu verbergen. Das Pulsieren ... Ganz in der N�he musste ein Albenpfad sein!</p><p>Die Schamanin f�hrte den Albenstein an ihre welken Lippen und k�sste ihn. �H�rt ihr mich, ihr Alben?� Sie fl�sterte, doch die Yingiz hatten dennoch jedes ihrer Worte verstanden. Vielstimmiges Geschrei erhob sich, schrill und schmerzend. Skanga hatte das Gef�hl, als sei ihr Kopf voller sich windender, gl�hender W�rmer.</p><p>�Bitte erh�rt mich, ihr Alben, wo immer ihr auch sein m�gt!�</p><p>Warmes Blut troff von ihrer Nase und benetzte ihre Lippen.</p><p>�F�hrt mich aus der Finsternis! Erinnert euch, ich bin eines eurer Kinder! Rettet meine Seele! Und wenn ihr nicht mich rettet, so sch�tzt zumindest meinen K�nig!�</p><p>Skanga sp�rte, wie die Yingiz miteinander verschmolzen. Sie b�ndelten ihre Kraft und unterwarfen all ihre Bosheit einem einzigen Willen.</p><p>Skanga hatte das Gef�hl, dass eisige Klammern sich um ihre Brust schlossen. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie f�hlte sich m�de. Selbst das Blut schien langsamer in ihren Adern zu flie�en.</p><p>�<emphasis>Ruf nicht nach den Alben in unserem Reich!</emphasis>� Es war die Stimme, die schon die ganze Zeit �ber in ihrem Kopf geklungen hatte. Jetzt m�hte sie sich nicht mehr um falsche Freundlichkeit. �<emphasis>Hier haben sie keine Macht. Deine Stunde ist gekommen, Schamanin! Wir sind es m�de, mit dir zu spielen. Glaubst du, dein l�cherlicher Zauber k�nnte uns aufhalten? Es bedurfte der Macht der Alben, um die goldenen Pfade zu sch�tzen. Wir k�nnen dich nicht ber�hren. Jedenfalls noch nicht ... Und doch sind wir tief in dir. Wir sind dir n�her, als sich Wesen aus Fleisch und Blut jemals kommen k�nnen. Sie reiben nur Haut an Haut. Doch wir sind tief in dir, nahe an deiner Seele. So tief, wie du in Branbart gesteckt hast. Du hast seine Kraft gesp�rt, seine Jugend und seinen Schmerz, als du ihm den Dolch ins Fleisch getrieben hast. Sp�rst du eigentlich dein Herz? Nein, Skanga, ich bin kein Dichter und Worteschmied. Ich meine es so, wie ich es sage, ganz ohne poetischen Hintersinn. Sp�rst du dein Herz, altes Weib?</emphasis>�</p><p>Skanga wusste, dass sie sich nicht darauf einlassen durfte. Sie musste sich den Yingiz widersetzen, oder sie w�rden die Herren ihrer Gedanken werden! Kam sie ihnen nur einen Schritt entgegen, dann w�rde sie ihre willenlose Dienerin werden, so wie Branbart ihr Sklave geworden war. Und dennoch mochte sie sich dem Gift ihrer Worte nicht zu verschlie�en. Ihr Herz .... Sie sp�rte seine m�den, schweren Schl�ge. Es war ersch�pft. Es sehnte sich danach zu ruhen.</p><p>Kalte Angst �bermannte Skanga. Waren das noch ihre Gedanken? Ihr Herz war nicht m�de! Ihr Blut f�hlte sich z�h an, wie kaltes Bratenfett. Es verharrte in ihren Adern, denn ... Skanga keuchte auf. Denn ihr Herz schlug nicht mehr! Das gaukelten sie ihr nur vor, das konnte nicht sein! Diese Macht konnten sie doch nicht haben! Ihr Kokon sch�tzte sie. Es durfte nicht...</p><p>Der Schamanin wurde schwindelig. Mit beiden H�nden umklammerte sie den Albenstein. �Bitte helft mir!�, fl�sterte sie, um jedes Wort ringend. Ihre Lippen waren jetzt wie Stein, schwer und taub. Sie wollten keine Silbe mehr preisgeben.</p><p>Das war nicht sie! Erinnere dich daran, wer du bist!, ermahnte sie sich. Sie war schon oft besiegt worden, aber sie hatte dennoch nie aufgegeben. Ihr Herz w�rde auch nicht einfach aufgeben, ihr den Dienst verweigern ... Das war Trug! Das konnte nicht sein! Wenn sie starb, dann auf einem Schlachtfeld, durchbohrt von Lanzen und Schwertern ihrer Feinde, der verfluchten Elfen, die ganz Albenmark ihre Art zu leben aufzwangen. Sie waren wie ein dichtes Dornengestr�pp, und alle anderen Albenkinder hatten sich in diesem Dickicht verfangen. Die Dornen bestimmten, wie weit man sich bewegen konnte, und wer gegen die engen Grenzen aufbegehrte, der sp�rte sie in seinem Fleisch. In Albenmark konnte man nicht einmal mehr frei atmen! Skanga war zutiefst �berzeugt, dass es ihr Schicksal war, Emerelles Tyrannei zu brechen. Sie hatte es schon gewusst, bevor die Trolle in die Verbannung getrieben worden waren. Und in all den ungez�hlten Jahren, die seitdem verstrichen waren, hatte sie ihr Ziel niemals aufgegeben. Sie w�rde nicht gestatten, dass ihr Herz jetzt aussetzte. Das war nicht sie!</p><p>Die Schamanin reckte sich, dass ihre Gelenke krachten. Sie konnte wieder frei atmen! War auch das eine Falle, oder hatte sie den Bann der Yingiz gebrochen? Der Kokon, der sie vor den b�sen Geistern aus der gro�en Leere sch�tzte, hatte sich ausgedehnt. Er war weit wie eine der himmelhohen Hallen, die das Elfenvolk der Normirga in die Berge der Snaiwamark geschlagen hatte. Klares, blaues Licht umgab sie. Und nicht weit vor ihr leuchtete ein goldener Pfad.</p><p>Skanga griff sich an die Brust. Sie sp�rte ihr Herz schlagen. War all dies nur der letzte Traum einer Sterbenden? Ganz gleich, sie w�rde ihren Weg gehen. Nicht dar�ber nachdenken... Zweifel, sie waren das Gift der Yingiz. Selbst wenn all dies nur Trug war, dann w�rde sie bis zuletzt ihr Ziel verfolgen.</p><p>Skanga half dem wimmernden K�nig auf. Als er sich bewegte, begann seine Wunde wieder zu bluten. Noch immer steckte ihm der Dolch in der Schulter. Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Wie ein gepr�gelter Hund kam er ihr vor.</p><p>Skanga sp�rte die Kraft der Magie, als sie den goldenen Pfad erreichten. Das war keine Illusion! Sie waren den Yingiz entkommen. Mit jedem Schritt, den sie tat, sp�rte sie ihre Kr�fte zur�ckkehren. Sie waren gerettet.</p><p>Bald schon erreichten sie einen Albenstern. Ein Wort gen�gte, und ihr �ffnete sich ein Tor. Noch ein Schritt .... Wolkenloser Himmel spannte sich �ber Skanga. Sie stand in einem Steinkreis auf einem H�gel mit sanft ansteigenden Flanken. Deutlich zeigte sich das Land ihrem magischen Auge. Sie sp�rte die Kraft des Steinkreises und den Frieden, den dieser Ort atmete. Hier war lange kein Blut mehr vergossen worden. Sanft streichelten die Strahlen einer gn�digen Fr�hlingssonne ihre Haut. In weiter Ferne verschmolzen Grasland und Himmel zu einer unscharfen Linie. Dazwischen erstreckten sich flache, lang gezogene H�gel. Und gleich Inseln erhoben sich kleine Waldst�cke aus dem Grasland, umspielt von einer Aura aus wei�em Licht. Dazwischen, wie Gemmen, die verschiedenfarbigen Auren der Tiere. Gr��er h�tte der Gegensatz zur beklemmenden Finsternis des Nichts nicht sein k�nnen! Skanga wusste nicht, wo sie waren. Der klare Himmel geh�rte zu Albenmark und nicht in die Welt der Menschen, da war sie sich sicher. Doch die Landschaft war ihr fremd. Hier war sie nie zuvor gewesen.</p><p>Branbart zog die Nase hoch und sammelte den Rotz mit einem gurgelnden Ger�usch in seinem Mund. Er spuckte aus.</p><p>Skanga drehte sich zu ihm um. Das Tor zu den Albenpfaden hatte sich schon wieder geschlossen. Nur der Steinkreis verriet, dass sich Kundigen an diesem Ort das wunderbare Wegenetz der Alten �ffnen mochte.</p><p>Branbart stand gebeugt. Die Rechte umklammerte den Dolch in seiner Schulter. Er hielt den Kopf abgewandt und wich ihrem toten Blick aus. Der K�nig stank nach dem kalten Schwei� unterdr�ckter Schmerzen und nach Blut.</p><p>�Ich habe mich wohl wie ein Narr benommen�, stie� er knurrend hervor.</p><p>�Du bist ein gro�er Krieger, Branbart. Aber gegen die Schatten bist du so hilflos wie ein Welpe, der einem hungrigen B�ren begegnet.� Jetzt endlich sah er zu ihr auf. Skanga erkannte an seiner Aura, dass ihm der Vergleich mit dem Welpen nicht gefallen hatte, auch wenn er sich M�he gab, seine Wut im Zaum zu halten.</p><p>�Du musst jetzt ruhen�, sagte sie sanft. �Ich kann dir einen leichten Schlaf schenken.� Skanga streckte die Hand vor, um ihn an der Stirn zu ber�hren. Ein Wort w�rde gen�gen, um ihn einschlafen zu lassen. Doch der K�nig zuckte vor ihr zur�ck.</p><p>�Du musst mich nicht f�rchten. Alles, was geschah, habe ich allein getan, um dich zu sch�tzen. Das wei�t du doch.�</p><p>�Ja.� Branbart hatte ein wenig zu lang mit seiner Antwort gewartet, um noch glaubw�rdig zu klingen.</p><p>�Du hast eine gro�e Seele, mein K�nig. Es ist dir bestimmt, �ber dein Volk zu herrschen, so wie es mir bestimmt ist, dich zu besch�tzen. Ich habe dir immer treu gedient, das wei�t du.�</p><p>Das Rot von Branbarts Aura wurde blasser und ging in ein schlammfarbenes Braun �ber, die Farbe des Zweifels. Ger�uschvoll zog der geschundene Krieger die Nase hoch und spie einen Klumpen Rotz aus. Bei einem unsinnigen Duell, geboren aus einem Wortgepl�nkel bei einem Saufgelage, hatte der K�nig einen schweren Schlag gegen die Stirn erhalten. Direkt an der Nasenwurzel waren die Knochen zersplittert. Die Schamanin hatte trotz all ihrer Kraft viele Wochen gebraucht, um die Verletzung zu heilen. Branbart war stark, er hatte das Fieber �berstanden und die Schmerzen. Doch durch die Verletzung troff seine Nase. Ein nicht enden wollender Strom aus z�hem Schleim verg�llte ihm das Leben. Alle paar Augenblicke musste er die Nase hochziehen und ausspucken. Und nachts wurde er immer wieder hustend wach, voller Panik, der Schleim k�nne ihn ersticken. Branbart hatte all das �berlebt, doch der Schleim hatte seinen Stolz erstickt. St�ndig glaubte er, dass man hinter seinem R�cken �ber ihn spottete. L�ngst umgab er sich nur noch mit Kriegern, die ihm nach dem Mund redeten. Aber er war trotz allem ein tapferer Krieger geblieben. W�hrend der Schlachten der Trollkriege hatte man ihn stets in der vordersten Reihe k�mpfen sehen. Skanga bef�rchtete, dass die Yingiz ihm nun auch noch die Tapferkeit genommen hatten.</p><p>Branbart brauchte sie mehr denn je. �Wir werden in die Snaiwamark zur�ckkehren und ein neues Heer aufstellen�, sagte die Schamanin voller Zuversicht.</p><p>�Wei�t du denn, wo wir hier sind?�</p><p>�Nat�rlich!�, log Skanga. �Im Windland, ein wenig s�dlich der K�nigsh�gel. Zehn Tagesm�rsche ... Vielleicht auch elf, dann sind wir wieder in der Heimat.�</p><p>Der K�nig blickte �ber das weite Land. �Albenmark ist mir so fremd�, sagte er leise. �Der Himmel scheint hier weiter zu sein als in der Welt der Menschen. Es ist richtig, dass wir die Elfen f�r den Verrat an unseren Ahnen b��en lie�en. Seit so vielen Generationen tr�umte unser Volk davon, hierher zur�ckzukehren, in jene Heimat, die uns die Alben geschenkt haben.� Er spuckte aus. �Aber sie ist nicht wie in den Geschichten, die sie uns erz�hlt haben. Ich w�nschte, ich w�re so frei wie Herzog Orgrim und k�nnte einfach in die Welt der Menschen zur�ckkehren. Ich will nicht an meuchelnde Schatten im Nichts, an heimt�ckische Magier und die Schurkereien der Tyrannin Emerelle denken m�ssen. Ich will wieder frei sein. Ich w�nschte, ich w�re kein K�nig.�</p><p>So hatte Skanga ihn noch nie erlebt. Auch kannte sie es nicht von ihm, dass seine Stimmungen so sehr schwankten. �Du solltest ein gutes St�ck Fleisch essen, dann wird es dir wieder besser gehen�, riet die Schamanin.</p><p>Branbart lachte. �Das w�rde ich gern. Aber ich habe nichts bei mir. Ich war davon ausgegangen, dass nach den K�mpfen in Emerelles Palast genug frisches Fleisch herumliegen w�rde.� Er lie� sich im Gras nieder und fingerte an dem Dolch in seiner Schulter herum. �Ich war nicht mehr ich selbst. Dort im Nichts</p><p>... Ich dachte, ich w�rde verr�ckt. Es tut mir leid. Es war nicht wirklich meine Hand, die den Dolch gegen dich f�hrte. Ich wei�, dass mir niemand treuer dient als du, Skanga.�</p><p>�Es ist gut, dass wir unseren Frieden miteinander machen�, entgegnete Skanga erleichtert. Sie trat an die Seite ihres K�nigs und legte ihm die gichtgekr�mmte Linke auf die Schulter. �Was immer auch geschah, unser Volk wird sich bis ans Ende aller Tage an dich erinnern, Branbart, denn du warst der Herrscher, der uns zur�ck nach Albenmark gebracht hat.� Ihre Amulette aus Knochen, Federn und Muscheln raschelten leise, als sie suchte, was sie wohl verborgen in einem Beutel aus Minotaurenhaut trug.</p><p>�Wir werden viele Kinder haben, Skanga�, sagte der K�nig, und neue Kraft lag in seiner Stimme.</p><p>�Was?� Die Schamanin hielt in ihrer Suche inne und sah ihn verst�rt an.</p><p>�Unser Volk muss fruchtbarer werden.� Er blickte zu ihr auf; offenbar hatte er etwas anderes gemeint. �Du musst unsere Weibchen segnen, damit sie uns mehr Welpen geb�ren. Wir werden die Elfen in den Sch��en unserer Weiber besiegen. Wenn die Elfen einen Krieger verlieren, dann brauchen sie hundert Jahre oder mehr, um ihn zu ersetzen. Wir werden viel schneller Nachwuchs haben. Du hattest Recht, Skanga, wie immer. Lassen wir uns Zeit. Wir werden Emerelle und ihre verfluchte Brut besiegen. Das ist unser Schicksal. Wir werden den Thron im Herzland besteigen.�</p><p>�So wird es kommen, mein K�nig. Und ich werde immer an deiner Seite sein.� Ihre Linke krallte sich in seine Schulter, w�hrend die Rechte den Griff des Opfermessers umschloss. Branbart blickte jetzt wieder auf das weite Land hinaus. Er bemerkte nicht, wie sie das Obsidianmesser aus dem Beutel zog. Sie hatte die schwarze Klinge einst selbst geschlagen, zu Zeiten, als sie noch sehen konnte. In Jahrhunderten hatte die gewellte Steinschneide nichts von ihrer Sch�rfe verloren. Ein Schnitt ...</p><p>Branbart stie� ein gurgelndes Ger�usch aus.</p><p>Skanga trat rasch einen Schritt zur�ck, damit der K�nig sie nicht im letzten Augenblick noch packen konnte. Das Opfermesser hatte tief in seine Kehle geschnitten. Er b�umte sich mit all seiner Lebenskraft gegen den Tod auf. Seine Aura flammte strahlend hell auf, Licht umstrahlte ihn in allen Farben des Regenbogens. Dann wurde es blasser.</p><p>Branbart war mit einem Traum gestorben. Er hatte wieder ein Ziel vor Augen gehabt. In diesem Augenblick war er gl�cklich gewesen. Doch Skanga kannte ihn zu gut. Das Gl�ck h�tte nicht lange gehalten.</p><p>Das Leben des K�nigs war vergangen, auch wenn noch immer ein blasser Lichtglanz um seinen hingestreckten Leib spielte. Skanga kniete neben ihm nieder. Sie dr�ckte ihm die Augen zu, und ihre H�nde fuhren ein letztes Mal �ber seine vernarbte Stirn. �Ich liebe deine Seele, Branbart. Um ihretwillen habe ich es getan, bevor sie Schaden nehmen konnte.�</p><p>Mehr als eine Stunde kniete sie neben dem toten K�nig und dachte an den langen Weg, den sie gemeinsam zur�ckgelegt hatten. Dann durchsuchte sie Branbart und nahm alles an sich, was den Rang des Toten auf diesem einsamen H�gel h�tte verraten k�nnen. Den sch�n geschnitzten Knochenring, den sie ihm am Tag seiner Kr�nung geschenkt hatte, seine m�chtige Kriegskeule, die Jadeschnalle seines G�rtels, die einen gewundenen Drachen zeigte. Sie wickelte all diese Sch�tze in den Lendenschurz des K�nigs. Sie w�rde sie vergraben oder in einem See versenken. Was dann noch von Branbart blieb, w�rde vergehen. Ein G�rtel, ein paar Federamulette, das war alles. Drei Tage, und die Raben w�rden den Leichnam v�llig unkenntlich gemacht haben. Und in l�ngstens vier Wochen blieben vom gef�rchtetsten Krieger Albenmarks nur noch bleiche Knochen.</p><p>Als die Schamanin ihre Arbeit beendet hatte, sah sie sich um. Langsam wanderte ihr Blick �ber das weite Land. Sie suchte die Auren rings herum, sch�tzte sie und grunzte schlie�lich zufrieden. Hunderte Augen hatten ihre Tat beobachtet, doch sie blickten ohne Verstand. Eine gro�e Sippe Murmeltiere, eine Herde Wisente, ein Hase, ein Fuchs, ein Reh, ein Marder und ein Falke hoch am Himmel, das waren die einzigen Zeugen.</p><p>Die kleine, fuchsk�pfige Gestalt am nahen Waldesrand bemerkte Skanga nicht, denn die Lutin hatten es wie kein anderes Volk gelernt, im Verbogenen zu bleiben.</p><subtitle>Brief eines Unbekannten</subtitle><cite><p>�Also heute wollte ich den Hasenzauber �ben, weil Meister Gromjan mir das befohlen hat, und es ist immer besser zu tun, was Meister Gromjan sagt, sonst kommt er wieder mit seinem Rohrstock. Deshalb sa� ich im Wald am Gr�naugensee, dort, wo man die besonders gro�en Forellen f�ngt und wo Liza mir eine Ohrfeige gegeben hatte, als ich ihr hatte zeigen wollen, dass K�ssen auch Zauberei ist. Gromjan hatte mir dreimal gesagt, dass ich auf die Adler Acht geben muss, wenn der Zauber denn klappt, was er mir nicht zutraute, weil er mich f�r einen erb�rmlichen St�mper h�lt, aber ich habe es geschafft, und ich habe auf die Adler geachtet, denn wenn Meister Gromjan etwas dreimal sagt, dann ist es immer sehr wichtig. Dass einem als Hasen dauernd die Ohren vor die Augen klappen, hatte Meister Gromjan nicht gesagt, und �berhaupt habe ich keinen einzigen Adler am Himmel gesehen, wenn mir nicht gerade die Ohren vor den Augen hingen. Weil ich aber auf Meister Gromjan h�re, wenn er etwas dreimal sagt, habe ich mich brav ins Dickicht am Waldrand gekauert und gelangweilt, au�er als der Fuchs vorbeikam, der mich nat�rlich sofort erkannt hat, weil ja jeder Fuchs einen Lutin erkennt, wenn er einem begegnet. Wir haben gerade dar�ber gestritten, ob Murmeltiere roh oder gebraten besser schmecken, wobei ich glaube, dass der Fuchs nur deshalb so energisch f�r rohe Murmeltiere war, weil er mit seinen Pfoten keinen Feuerstein halten kann, da waren pl�tzlich die beiden Riesen auf dem H�gel. Der Fuchs meinte ja, es seien Minotauren, aber er wollte nur mit seinem Wissen angeben, und �berhaupt hatten die beiden keine H�rner am Kopf und waren zehnmal so gro� wie ein gro�er Kobold, und deshalb k�nnen es nur Riesen sein. So pl�tzlich, wie sie da auf dem H�gel standen, konnten die Riesen nur durch ein Tor von den Albenpfaden gekommen sein, und das, obwohl Meister Gromjan sagt, Riesen k�nnen gar nicht zaubern. Aber ich darf ja gar nichts von den Albenpfaden wissen, weil ich noch manchmal nachts im Schlaf zaubere, wenn ich unruhig tr�ume, und schlimme Dinge geschehen k�nnen, wenn man ein Tor aus Versehen �ffnet; ich wei� aber trotzdem davon, weil mein gro�er Bruder es mir verraten hat, denn er reist sehr oft auf den Pfaden aus Licht. (...) wenn meine Sippe streitet, dann schreien sie sich immer an, und am Ende sitzen wir alle beisammen, und uns h�ngt die Zunge aus dem Hals, weil wir so geschrieen haben. Aber die Riesen sind anders, man hatte gar nicht gemerkt, dass sie Streit haben, als die alte Riesin hinging und dem anderen Riesen den Hals durchgeschnitten hat.</p><p>(...) Und dann hat sie all seine Sachen in ein Lederb�ndel gepackt und sich ganz lange umgesehen. Ich konnte riechen, wie der Fuchs sein Wasser nicht halten konnte, so finster hat sie zu uns zum Waldrand geschaut, und ich war froh, dass ich keine Hosen anhatte, so konnte ich einfach in den Busch pinkeln, und als mir dann die Ohren vor die Augen geklappt sind, da war mir das auch recht. Dann ist sie gegangen, die schlimme Riesin mit den wei�en Augen, und das B�ndel mit den Sachen hat sie in den Gr�naugensee geworfen, und sie hat auch sch�ne Lichter an den Himmel gezaubert. ( ...) Dann sind wir also zum See hinab, und ich habe mit den Bibern geredet, w�hrend mein Freund, der Fuchs, am Ufer auf und ab gelaufen ist, weil ihm vom langen Herumstehen in den B�schen die Pfoten ganz unruhig geworden waren. Die Biber fanden es einen guten Vorschlag, den blutigen Ledersack aus dem See verschwinden zu lassen, und haben sich nach Kr�ften ins Zeug gelegt, um ihn ans Ufer zu schaffen, obwohl der Sack so schwer war, dass sogar eine Hornschildechse unter seinem Gewicht gest�hnt h�tte � und denen kann man ja sogar kleine H�user aufladen, ohne dass sie sich beschweren und bockig werden. Mit dem Sack hatte ich dann nat�rlich ein Problem, weil ich ja nicht so stark wie eine Hornschildechse bin, deshalb habe ich mich verwandelt und meine eigentliche Gestalt angenommen und mich daran gefreut, dass mir nun nicht mehr dauernd meine langen Ohren vor die Augen klappten. Als dann jeder sehen konnte, wer ich bin, da habe ich zwei Hirsche gefunden, die mir tragen helfen wollten; eigentlich wollten sie ja nicht, aber als ich von Meister Gromjan und dir erz�hlt habe, da wollten sie ja doch, denn es ist kl�ger, mit so ber�hmten Lutin keinen �rger anzufangen. Ein richtiger Schatz war ja nicht in dem Sack, aber die G�rtelschnalle war h�bsch, denn sie ist aus einem Stein, wie ich ihn noch nie gesehen habe, und zeigt einen gro�en, schuppigen Wurm, der sich wild windet und b�se dreinschaut. Meister Gromjan habe ich meine Geschichte dreimal erz�hlen m�ssen, da wusste ich, dass sie sehr wichtig ist, und habe beschlossen, dir davon zu schreiben, damit du auch Bescheid wei�t, denn du sagst ja immer, du m�sstest �ber die wichtigen Angelegenheiten der Sippe immer in Kenntnis gesetzt werden. Gromjan ist im Dunkeln noch mal los, weil er etwas mit dem Kopf des Riesen machen wollte, wo ich nicht dabei sein durfte, obwohl ich ihm sagte, dass ich das nicht gerecht finde, und als ich geschimpft habe, hat er mir den Rohrstock gezeigt, da bin ich weggelaufen und hab mir die Birkenstreifen gesucht, denn ich wei�, wenn du ihm sagen wirst, du h�ttest es auch nicht gerecht gefunden, dass er mich nicht mitgenommen hat, dann wird er es sich beim n�chsten Mal dreimal �berlegen, ob er mich mit dem Rohrstock davonjagt. (...)� <a l:href="#fn1" type="note">[1]</a></p><text-author>Aus: Truhe XVII, Akte 5, Dokument 32 B</text-author><text-author>Sammlung der Prozessakten im Fall des</text-author><text-author>F�rstenhauses von Arkadien gegen</text-author><text-author>den M�rder und Hochverr�ter Elija Glops</text-author></cite></section><section><title><p>Unter Menschen</p></title><p>Ollowain wedelte verzweifelt mit einem parf�mierten Tuch, doch nichts vermochte den durchdringenden Gestank des Hafens zu �berdecken. Neidisch betrachtete er Ganda. Der Lutin schien der �ble Geruch nichts auszumachen. Sie hatte f�r die Reise in die Welt der Menschen die Gestalt eines kleinen M�dchens angenommen und stand jetzt neben dem Kapit�n, der die plumpe Galeere durch das �berf�llte Hafenbecken steuerte. In ihrem perlenbestickten Kleid mit dem feinen Schleier, der ihr Gesicht kaum verh�llte, und mit den gro�en dunklen Augen sah die Lutin sehr unschuldig aus. Sie hatte die Herzen der Besatzung im Sturm erobert. Alle liebten das kleine M�dchen. Sie hatten ja keine Ahnung, wen sie da an Bord gelassen hatten!</p><p>Ganda redete kichernd auf den Kapit�n ein. Ollowain w�nschte, er w�sste, was die beiden beredeten. Der Schwertmeister verstand die Sprache der Menschen in dieser Weltgegend nicht. Sie war ein grobes Gestammel, kaum besser als das Grunzen der Trolle. Er hatte lange gebraucht, um sich die Sprache der Fjordl�nder anzueignen. Doch diesmal gab er sich nicht die geringste M�he, etwas zu lernen. Sie w�rden nie wieder hierher kommen. Es war �berfl�ssig, sich die Zunge mit solchem Kauderwelsch zu verbiegen. Wenn nur Ganda nicht so viel schwatzen w�rde! Am Ende verplapperte sie sich noch.</p><p>Der Elf strich �ber den Griff seines Schwertes. Selbst wenn die ganze Schiffbesatzung �ber sie herfallen sollte, w�rde er vermutlich keine ernsthaften Schwierigkeiten haben zu siegen. Doch es w�rde hunderte von Augenzeugen geben, und es war �u�erst fragw�rdig, ob sie aus dem Hafen entkommen k�nnten, selbst wenn er sich dazu �berwinden w�rde, ins stinkende Wasser zu springen.</p><p>Ollowain suchte keinen �rger, aber dieser Lutin traute er jeden Verrat zu. Wenn Ganda nur endlich aufh�ren w�rde, mit jedem dahergelaufenen Menschen zu reden. Das w�rde auf kurz oder lang zu Schwierigkeiten f�hren! Sie tat das, um ihn zu provozieren, Ollowain wusste das genau. Er sollte sich seinen Zorn nicht anmerken lassen, dann w�rde sie es vielleicht aufgeben.</p><p>Eine Weile betrachtete er die unerfreulichen Dinge, die in der Bugwelle vor der Galeere trieben. F�kalien, Gem�sereste, Fischabf�lle. Ein St�ck entfernt trieb etwas Wei�es auf einer dicken Planke. Es bewegte sich noch. Der Elf zuckte zusammen, als er erkannte, was er da sah: eine Katze, deren Hinterleib in helles Tuch gewickelt war, sodass er aussah wie ein Fischschwanz. Die Vorderl�ufe des Tieres waren auf die Planke genagelt. Und die Katze lebte noch! So etwas konnten sich nur Menschen ausdenken.</p><p>Ollowain dachte daran, das Tier mit einem Messerwurf von seinen Qualen zu erl�sen. Vermutlich war die Katze eine Opfergabe an einen der obskuren Menscheng�tter. Leise fluchend erinnerte er sich, dass sie um keinen Preis auffallen durften. Ein oder zwei Stunden noch, dann w�ren sie in der Bibliothek. Die Reise war fast geschafft! Er musste sich zusammenrei�en.</p><p>Der Blick des Schwertmeisters wanderte unstet hin und her. Es gab nichts, das es wert war, l�nger betrachtet zu werden. Zugegeben, f�r Menschenverh�ltnisse war der Hafen von Iskendria ungew�hnlich gro�. Selbst in Albenmark gab es nur wenige H�fen, die gr��er waren. Aber nichts schien hier fertig zu sein. Und wenn ein Werk vollendet war, dann verloren die Menschen offensichtlich das Interesse daran und �berlie�en es dem Verfall. Wenn man sich allein schon die hohe Mauer ansah, die den Hafen von der eigentlichen Stadt abriegelte ... Breite Schmutzstreifen zogen sich �ber den hellen Stein, und in den Fugen wucherte Unkraut, ja, an manchen Stellen klammerten sich sogar junge B�ume in das Gestein. Die Wurzeln w�rden das Mauerwerk schw�chen, und all der Schmutz beleidigte das Auge, aber das schien niemanden hier zu st�ren.</p><p>Ganz deutlich sah er die funkelnden Helme von Wachen, die auf dem Wehrgang patrouillierten. M�nner genug waren also vorhanden, um die Festungsanlagen in besserem Zustand zu halten.</p><p>Ollowain ertappte sich dabei, wie er die Schusswinkel der Bastionen absch�tzte, die sich drohend �ber dem Hafen erhoben, und wie er in Gedanken einen Angriff auf Iskendria plante. Nach dem Gemetzel um Phylangan hatte er sich geschworen, nie wieder ein Kommando zu f�hren. Aber alte Gewohnheiten warf man nicht einfach ab wie einen staubbedeckten Umhang.</p><p>Erstaunlich, wie viele Schiffe im Hafen lagen. Es waren fast alles Galeeren, und sie hatten haarstr�ubende Baufehler. Was immer man von den Menschen halten mochte, eine Tugend besa�en sie zweifellos: Sie waren mutig bis zur Unvernunft. Sich in diesen besseren Eimern hinaus auf die hohe See zu wagen, erforderte schon einigen Schneid. Deshalb war der Schwertmeister auch entsetzt gewesen, als Ganda und Emerelle beschlossen hatten, das letzte St�ck des Weges nach Iskendria an Bord eines Schiffes zur�ckzulegen. Allein die Tatsache, dass Ganda wirklich nach Ablauf einer Stunde mit einem Lederbeutel voller Reisegep�ck im Thronsaal erschienen war, hatte Ollowains Weltbild einen derben Sto� versetzt. Er h�tte jeden Eid darauf geschworen, die Lutin nach der Begegnung auf der Terrasse niemals wieder zu sehen.</p><p>Aber sie war nicht nur zur�ckgekehrt, sie hatte sogar einen Reiseplan gemacht. Ganda war der Meinung, dass die Yingiz, die nach Albenmark gelangt waren, keinen Weg zur�ck in die Dunkelheit des Nichts kannten. Sie waren in der Finsternis eingesperrt, und die wenigen, die entkommen waren, waren nun ausgesperrt. Aus eigener Kraft konnten sie die Schutzzauber der Alben angeblich nicht durchdringen. Infolgedessen war es gleichg�ltig, ob sie bei ihrem Gespr�ch auf der Terrasse belauscht worden waren. Die Yingiz konnten ihr Wissen nicht weitergeben.</p><p>Ollowain hielt das alles f�r hoch spekulativ. Seiner Ansicht nach gab es zu wenig Gewissheit, aber Emerelle war �berzeugt gewesen.</p><p>Die Lutin war der Meinung, dass man sich Iskendria auf den Albenpfaden nicht direkt n�hern sollte, denn auf dem Weg durch das Nichts wurden sie mit Gewissheit beobachtet. Man musste nicht sehr klug sein, um darauf zu kommen, welches Ziel Reisende verfolgen mochten, die aus Emerelles Thronsaal durch das Netz der Albenpfade nach Iskendria gingen. Deshalb wollte Ganda ihre Spur verwischen. Ihr Vorschlag war es gewesen, zun�chst an einen Ort in der Menschenwelt zu reisen, von dort ein kurzes St�ck Wegs durch die Welt der Menschen zu nehmen und dann durch einen Albenstern in Iskendria in die Bibliothek zu gelangen. Emerelle hatte zugestimmt. Niemand hatte Ollowain gesagt, dass sie auf einer verdammten Insel herauskommen w�rden. Dort hatten sie keine andere Wahl gehabt, als sich diesem Bretterhaufen anzuvertrauen, den die Menschen in ihrer Vermessenheit ein Schiff nannten. Dass die Galeere auf hoher See nicht gekentert war, war seiner Meinung nach einfach nur Gl�ck. Die Spanten waren in zu weiten Abst�nden gesetzt, und der Rumpf war viel zu bauchig. Bei einem Sturm bestand Gefahr, dass das Schiff einfach auseinander brach, und wenn sich die Galeere einmal quer in schwere D�nung legte, dann w�rde sie schneller kentern, als man �ber Bord springen konnte.</p><p>J�mmerliches Maunzen riss Ollowain aus seinen Gedanken. Auf eine Planke genagelt trieb noch eine Katze vorbei. Dieses Barbarenpack! Nicht weit entfernt lag ein gro�es Flo�. Priester in schneewei�en Wickelr�cken sangen ein feierlich monotones Lied und wiegten dabei ihre nackten Oberk�rper. Sie alle hatten sich die Sch�del kahl geschoren. Selbst ihre Augenbrauen waren abrasiert. Die Augen waren mit einer dicken blauen Paste umrandet, was die M�nner bedrohlich wirken lie�.</p><p>Rings um das Flo� lagen dutzende kleiner Boote, in denen sich �rmlich gekleidete Gestalten dr�ngten. Fischer, vermutete Ollowain. Gebannt verfolgten sie das seltsame Schauspiel. Blaugraue Weihrauchschwaden zogen �ber das schmutzige Hafenwasser und erstickten den erb�rmlichen Gestank. Ein Mann in einem Leopardenfell streute neuen Weihrauch in die goldenen Feuerschalen auf dem Flo�. Dann brachte man ihm eine wei�e Katze. Das Tier schien benommen. Es leistete keinen Widerstand, als man ihm ein wei�es Tuch eng um die Hinterbeine wickelte. Ein dickes Brett wurde herbeigetragen, in dessen Oberfl�che Bildzeichen geschnitzt waren.</p><p>Jemand reichte dem Mann im Leopardenfell einen silbernen Hammer.</p><p>Der Schwertmeister wandte den Blick ab, doch seine Ohren vermochte er nicht zu verschlie�en.</p><p>�Du solltest nicht so herumstehen, als h�ttest du einen Speerschaft verschluckt, gesch�tzter Schwertfuchtler. Und du solltest die Menschen nicht nach deinem Ma� messen, Ollowain.�</p><p>Ganda war von achtern zu ihm her�bergeschlendert. Sie war so klein, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um �ber die Reling zu blicken. Mit einer vagen Geste deutete sie in Richtung des Flo�es. �Die Priester der Bessa gelten noch als sehr friedlich. Balbar hingegen, der Stadtgott von Iskendria, muss eine blutd�rstige Monstrosit�t sein. Der Kapit�n wagte es selbst als Fremder kaum, den Namen dieses Ungeheuers in den Mund zu nehmen.�</p><p>Die Lutin zuckte mit den Schultern. �Auf der anderen Seite gibt es in keiner anderen Stadt so viele wunderbare Kunstwerke wie in Iskendria. Die Tempel und Pal�ste suchen ihresgleichen. Man hat hier sogar eine Bibliothek, in der 500 000 Schriftrollen lagern. Klingt wie ein fernes Echo, nicht wahr?�</p><p>�Vielleicht ahnen sie, was unter ihrer Stadt verborgen liegt?�</p><p>Ganda l�chelte ihn an. �Du spielst das nicht, oder? Du hast wirklich keine Ahnung ... 'Unter der Stadt' ist gut. Da wirst du nur Rattenl�cher finden. Die Bibliothek von Iskendria liegt in der Zerbrochenen Welt. Sie treibt auf einem riesigen Felsklotz durch das Nichts. Die einzigen sicheren Albenpfade dorthin beginnen hier in der Hafenstadt. Daher hat sie ihren Namen.�</p><p>Sie leckte sich mit ihrer kleinen rosa Zunge die Nasenspitze.</p><p>�Vielleicht ist es auch anders herum. Vielleicht haben die Albenkinder der Stadt hier ihren Namen gegeben. Iskendria ... Das klingt irgendwie zu h�bsch f�r ein Menschenwort, findest du nicht auch?� Ollowain stand nicht der Sinn nach Belehrungen. �Ich finde, du solltest aufpassen, was du mit deiner Zunge tust. Du hast keinen Fuchskopf mehr. Ich glaube nicht, dass Menschen sich die Nasen lecken.�</p><p>Die Lutin legte den Kopf schief und sah ihn aufmerksam an.</p><p>�Was ist eigentlich los mit dir, Elf? Musst du immer an etwas herumn�rgeln? Muss man ein Elf sein, um vollkommen zu sein?�</p><p>�Ich mache mir nur Gedanken dar�ber, dass wir nicht auffallen.� Er zupfte an dem Turban, den er trug. �Mir kocht in der Hitze das Hirn, aber ich verberge meine Ohren.� Seine Hand strich �ber sein weites, fast bodenlanges Gewand. �Ich habe ein Kleid angezogen, weil die M�nner hier das tun.�</p><p>Er sah sich missmutig um. �Obwohl ich hier an Bord niemand anderen entdecken kann, der sich so weibisch kleidet wie ich. Wie du schon bemerkt haben wirst, schwitze ich. Das erwartet man nicht bei Elfen, nicht wahr? Leider bin ich in dieser Hinsicht etwas anders veranlagt als die anderen meines Volkes. Mir klebt dieses l�ppische Kleid am Leib. Und als sei das alles nicht genug, stinkt es in diesem Hafen so erb�rmlich, dass man wohl auf der Stelle ohnm�chtig w�rde, wenn man einmal tief durchatmete. Trotzdem bem�he ich mich, mich so zu verhalten, als sei all dies normal f�r mich. Wir wollen schlie�lich nicht auffallen. Und was machst du? Du leckst dir mit der Zunge die Nase. Verdammt noch mal, ist dir eigentlich egal, ob unsere Mission Erfolg hat? Kannst du dir nicht wenigstens ein klein bisschen M�he geben? Oder ist das zu viel verlangt von einer Lutin?�</p><p>�Wenn du dir solche Sorgen machst, dass du weibisch wirken k�nntest, dann solltest du aufh�ren, dieses parf�mierte T�chlein zu schwenken.� Ganda grinste sp�ttisch. �Und was dein Kleid angeht ... Das ist eine ganz �bliche Kleidung f�r einen Krieger aus der W�ste. Ob du es glaubst oder nicht, Emerelle und ich haben uns etwas dabei gedacht, als wir diese Verkleidung f�r dich ausgesucht haben. Die W�stenkrieger gelten als eigenbr�tlerisch, wortkarg und aufbrausend. Und sie haben einen �blen Ruf als Schwertfuchtler ...� Ihr Grinsen hatte nun etwas Herausforderndes. �Lichtet sich nun der Schleier um unsere r�tselhafte Entscheidung, oder muss ich es noch genauer erkl�ren?�</p><p>Ollowain kn�llte das Tuch zusammen und lie� es ins Hafenbecken fallen. Er h�tte sie erw�rgen k�nnen ... Das alles h�tte sie ihm auch fr�her sagen k�nnen. Und diese Art, von der K�nigin zu sprechen ...</p><p>Das alles hier w�rde nur ein paar Tage dauern, ermahnte sich der Schwertmeister in Gedanken. Er musste sich zusammenrei�en, er z�hlte nichts. Es ging allein darum, den Auftrag der K�nigin zu erledigen. Sie w�rden in der Bibliothek nach dem Wissen der Alben forschen und zur�ckkehren. So schwer konnte das ja nicht sein. Die Bibliothekare w�rden ja wohl wissen, was in ihren B�chern stand!</p><p>�Mache ich noch weitere Fehler?�, fragte Ollowain betont gleichm�tig.</p><p>�In Bezug auf deine Kleidung oder eher allgemein?�</p><p>�In Bezug auf unsere Mission. Alles Weitere geht dich nichts an.�</p><p>�Glaubst du etwa, ich w�rde dar�ber hinaus etwas mit dir zu tun haben wollen?�</p><p>Bleib ruhig, ermahnte er sich erneut. �Sch�n, dass wir uns wenigstens in einem Punkt einig sind. Also, mache ich, was meine Verkleidung angeht, einen weiteren Fehler?�</p><p>Ganda leckte sich herausfordernd mit der Zunge �ber die Nasenspitze. �Nein. Die Verkleidung sitzt. Und was viel wichtiger ist, der Mann darin erf�llt genau die Erwartungen, die man hier an einen W�stenkrieger hat. Steif, stolz und stumm. Alles vollkommen.�</p><p>Ollowain wandte sich ab und beobachtete, wie die Galeere an einem langen, steinernen Kai anlegte. Die Ruder wurden eingezogen. Das schwere Schiff rieb sich knirschend an dicken Taurollen, die verhindern sollten, dass der Rumpf Schaden nahm. Eine Laufplanke wurde an Bord geschoben. Auf dem Kai dr�ngten sich H�ndler, die dem Kapit�n etwas zuriefen und offenbar gleich an Ort und Stelle mit dem Ankauf der Ladung beginnen wollten.</p><p>�Erwartet man von uns, dass wir uns in irgendeiner Form verabschieden?�, fragte Ollowain, ohne zu Ganda hinabzublicken.</p><p>�Das habe ich eben schon erledigt. Wir k�nnen gehen, Vater.�</p><p>Der Schwertmeister griff nach ihrer Hand und eilte den steilen Laufsteg hinauf. Ganda konnte kaum mit ihm Schritt halten und beklagte sich lauthals. Wie hatte sie ihn genannt? Steif, stolz und stumm. Solche V�ter gaben nicht viel um die Klagen ihrer T�chter.</p><p>Das Gedr�nge bremste den Schwertmeister schon nach wenigen Schritten. Der Hafen war schlecht geplant. Hier trieben sich viel mehr Menschen herum, als seine Erbauer erwartet hatten. Sie schoben sich an ihnen vorbei und knufften sie mit den Ellenbogen, um Platz zu bekommen. Der Gestank der ungewaschenen Leiber raubte Ollowain den Atem. L�ngst w�nschte er, er h�tte sein parf�miertes Tuch nicht ins Hafenbecken geworfen. Rasch legte er die Linke auf seine Geldb�rse. Sicher trieben sich hier auch Diebe herum. Der Ort war wie geschaffen f�r sie.</p><p>Eine Kolonne halb nackter M�nner kreuzte ihren Weg, die auf breiten Schultern S�cke trugen. Sie hatten h�lzerne Bei�ringe zwischen den Z�hnen, um vor Anstrengung nicht so fest die Z�hne aufeinander zu bei�en, dass sie brachen.</p><p>Traniger Gestank wehte von einer Braterei her�ber, wo kleine Fleischfetzen auf Holzspie�en schmorten. Ein Schreihals pries die Sch�nheit eines schneewei�en Wasserb�ffels an. In K�figen auf einer niedrigen Trib�ne konnte man noch weitere Tiere sehen. Einen Affen, mehrere Tauben, sogar eine wei�e Schlange gab es dort, au�erdem reichlich Hunde und Katzen.</p><p>�Der Kerl hat aber t�chtig mit Kreidestaub nachgeholfen�, rief Ganda belustigt. �Vielleicht sollte ich mir so ein Opfertier kaufen und einen der Stadtg�tter darum bitten, dass du mir nicht den Arm ausrei�t, wenn du es das n�chste Mal wieder eilig hast.�</p><p>�Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er kleine blassh�utige M�dchen kauft?�, entgegnete Ollowain entnervt.</p><p>Ganda sah ihn eindringlich an. Dann entwand sie ihre Hand seinem Griff. Warum war sie pl�tzlich so empfindlich? Wer so austeilte wie sie, der sollte auch etwas einstecken k�nnen. Er hielt sich dicht bei ihr, damit sie im Gedr�nge nicht verloren ging. Sie wechselten kein Wort mehr miteinander.</p><p>Der Schwertmeister f�hrte sie in Richtung des Hafentors, ein enges Nadel�hr, durch das alle Besucher und Waren in die Stadt gelangten. Pl�tzlich bemerkte er einen Trupp Soldaten. Vor ihnen teilte sich das Geschiebe. Die Krieger trugen kurze Panzerhemden aus silbernen Schuppen und R�cke aus dicken Leinenstreifen. Ihre gro�en, runden Schilde waren wei� und zeigten in Blau das Wappen eines springenden Delfins. Auf den wuchtigen Bronzehelmen wippten wei�e Rosshaark�mme. Eine eindrucksvolle Truppe f�r die Verh�ltnisse der Menschen, dachte Ollowain. Sie hatten ihre Schwerter links seltsam hoch �ber der H�fte geg�rtet und trugen Speere mit schlanken Stichbl�ttern.</p><p>Der Elf versuchte im Gedr�nge zu verschwinden und ihnen aus dem Weg zu kommen, doch in seinem langen wei�en Kleid und mit dem zierlichen M�dchen an seiner Seite, war er eine zu auff�llige Gestalt. Der Kommandant der Soldaten winkte ihm zu.</p><p>�Er wei�, dass du ihn gesehen hast. Bleib stehen, wenn du noch einen Rest von Verstand zwischen deinen langen Ohren hast.�</p><p>Auch ohne ihre Warnung wusste Ollowain, dass es zu sp�t war. Wenn sie jetzt versuchten, den Wachen zu entkommen, w�rden sie sich nur verd�chtig machen. Also blieb er stehen und l�chelte den Wachoffizier freundlich an.</p><p>Der hochgewachsene Kommandant richtete eine Frage an ihn. Sein Tonfall war h�flich, aber bestimmt. Ollowain verstand kein Wort. Nerv�s blickte er zu der Lutin.</p><p>Ganda l�chelte und begann mit einem gr�sslichen Akzent auf den Krieger einzureden. Dazu gestikulierte sie mit den Armen und schnitt seltsame Grimassen.</p><p>Ollowain beobachtete den Anf�hrer des Wachtrupps verstohlen aus den Augenwinkeln. Der Mann runzelte die Stirn, als missfalle ihm, was er h�rte. Dann bedachte der Hauptmann ihn mit einem eigenartigen Blick. Der Menschenkrieger war gut rasiert und duftete leicht nach Rosenwasser. Ollowain vermied es, ihm offen ins Gesicht zu blicken.</p><p>Ganda redete noch immer auf den Offizier ein. Ihre Worte schienen den Mann mehr und mehr aufzuw�hlen. Was, zum Henker, erz�hlte sie nur? Und warum sah ihn der Kerl jetzt so mitleidig an?</p><p>Die Lutin deutete hin�ber zum Hafentor. �Wir m�ssen einen Wegezoll entrichten, wenn wir die Stadt betreten wollen. Zwei kleine Kupferm�nzen sind genug.�</p><p>Ollowain kramte in seiner B�rse und gab dem Offizier das Geld. Immer noch vermied er es, ihm offen ins Antlitz zu blicken. Pl�tzlich packte ihn der Krieger bei den Schultern und dr�ckte ihn an sich. Dabei sagte er etwas voller Inbrunst, was einige der Speertr�ger dazu veranlasste, stumm zu nicken. Dann �berreichte er Ollowain ein kleines Kupfert�felchen, in das ein springender Delfin gepr�gt war.</p><p>Verwundert blickte Ollowain dem Offizier nach. Der hatte indessen schon einen anderen Reisenden aus der Menschenmenge gepickt.</p><p>�Was hast du ihnen gesagt?� Er fl�sterte, obwohl ihn au�er Ganda hier ohnehin niemand verstehen k�nnte.</p><p>�Das willst du gar nicht wissen.� Die Lutin l�chelte kokett, so wie nur Kinder h�tten l�cheln sollen.</p><p>�Gestattete, dass ich meine Entscheidungen selbst treffe. Wenn ich deinen Rat brauche, werde ich dich darum bitten. Bis dahin tust du, was ich sage. Was war mit diesem Hauptmann los? Was sollte dieser Abschied?�</p><p>Ganda lachte leise. �Ein herzensguter Mann, nicht wahr? Wenn er etwas kleiner w�re, k�nnte er mir durchaus gefallen.�</p><p>�Ganda ...�</p><p>�Ja, ja.� Sie winkte ab und lachte noch immer. �Er meinte, eigentlich d�rfe er dich bei deinen finsteren Absichten nicht in die Stadt lassen, aber er sei �berzeugt, dass dein Zorn gerecht sei, und er w�nschte dir, dass du den Tag erleben wirst, an dem Balbar dir die Gnade gew�hrt, deine Feinde mit ihren eigenen Eingeweiden zu erw�rgen. Freundlich, nicht wahr? Ich sagte ja: ein herzensguter Mann.�</p><p>�Was f�r Feinde?� Sie hatten inzwischen die Menschentraube erreicht, die sich vor dem engen Hafentor dr�ngte. Der L�rm dort war ohrenbet�ubend. Ohne Disziplin dr�ngten und schoben die Leute und schrieen mit sich �berschlagenden Stimmen durcheinander. Nur an einer Seitenpforte ging es etwas z�giger voran. Ganda ging an der langen Schlange Wartender vorbei zu diesem kleineren Tor.</p><p>Ollowain fiel auf, dass jene, die dort passierten, gepflegter aussahen als die Scharen von Schauerleuten, Eselstreibern, Ruderern, Huren und Sklaven, die am Haupttor um Einlass k�mpften. Schon das Tor war pr�chtiger gestaltet. Es �ffnete sich zwischen zwei schlanken T�rmen, die mit blau-wei� emaillierten Kacheln geschm�ckt waren. Die Kacheln f�gten sich zum Bild springender Delfine. Unter dem Torbogen, zwischen den Wachen, stand ein Priester mit kahl rasiertem Sch�del. Er hielt einen Bund hellblauer Blumen in der einen Hand und eine flache Wasserschale in der anderen. Jedes Mal, wenn jemand das Tor passierte, tauchte er die Blumen ins Wasser und besprengte den neuen Gast der Stadt. Welch ein seltsamer Brauch! Erst als Ollowain bemerkte, dass die meisten Neuank�mmlinge dem Priester daraufhin eine M�nze in Schale warfen, ging ihm der tiefere Sinn dieser �bung auf. Der Mann war ein Bettler seines Gottes. Wie erb�rmlich die Religion der Menschen doch war. Was waren das f�r G�tter, die ihre Diener zu Bettlern machten? Was war an ihnen anbetungsw�rdig, wenn sie nicht einmal ihre ergebensten Diener versorgen konnten?</p><p>�Du musst den Wachen das Kupfert�felchen zeigen. Das ist unser Passierschein�, raunte Ganda.</p><p>Ollowain war an der Reihe, doch statt das Tor zu durchschreiten, war er stehen geblieben und starrte den Priester an.</p><p>Der Wachmann stellte eine Frage.</p><p>�Nun mach schon�, dr�ngte Ganda.</p><p>Ollowain dr�ckte dem Krieger das Kupfert�felchen in die Hand. Sie wurden durchgewunken und pflichtgem�� mit Wasser besprengt. Auf eine Spende f�r den Gott des Glatzkopfs verzichtete er, was ihm einen b�sen Blick des Priesters einbrachte.</p><p>Hinter dem Tor erstreckte sich eine breite, ordentlich gepflasterte Stra�e bis tief ins Herz der Stadt. Der Schwertmeister war �berrascht zu sehen, wie gro� Iskendria war. Die hohe Hafenmauer hatte das H�usermeer vor seinen Blicken verborgen. Nach Norden hin stieg ein flacher H�gel an. Dort standen pr�chtige Pal�ste und Tempelanlagen. �Ich hoffe, die K�nigin hat dir gesagt, wohin wir gehen sollen.�</p><p>�Du wirst mir wohl vertrauen m�ssen.� Ihr unversch�mtes Grinsen unterstrich das Paradoxon, solche Worte aus dem Mund einer Lutin zu vernehmen. Sie deutete zu den H�geln.</p><p>�Wir m�ssen dorthin. Emerelle hat mir den Weg beschrieben. Da gibt es ein gro�es Handelskontor. Eine Elfe, die sich als Menschenweib verkleidet, leitet es. Sie hei�t Sem-la. In ihrem Haus, verborgen in einem Kellergew�lbe, liegt der Albenstern, der uns in die Bibliothek f�hren wird.�</p><p>Ollowain ergab sich in sein Schicksal; er war der kleinlichen Streitereien m�de. �Geh voraus und zeig mir den Weg. Und dann erz�hl mir endlich die Geschichte, die du dem Hauptmann der Wachen aufgetischt hast.�</p><p>Ganda r�usperte sich. �Wissen macht einen nicht immer gl�cklicher. Das ist doch v�llig belanglos.�</p><p>�Nicht f�r mich.�</p><p>�Dann schw�re mir, dass du nicht zornig wirst. Ich wollte dich davor bewahren.�</p><p>�Rede endlich!�</p><p>�Du musst erst schw�ren.�</p><p>Was dachte diese Lutin sich eigentlich? Dass er in wilder Raserei mit dem Schwert �ber sie herfallen w�rde? �Ich schw�re, dass ich nicht zornig werde und dich nicht schlagen werde oder dir irgendein anderes Leid zuf�ge. Und jetzt rede.�</p><p>Gandas Augen blitzten verschlagen. �Gut. Du giltst als der Ehrenhafteste unter den elfischen Schwertfuchtlern. Ich stelle mich also unter den Schutz deines Eides. Es ist �brigens dieselbe Geschichte, die ich dem Kapit�n der Galeere �ber dich aufgetischt habe.�</p></section><section><title><p>Von M�rchen, Gottesbr�uten und einer Verbannten</p></title><p>Der Elf hielt sich so steif, als habe man ihm das Schwert in den Allerwertesten geschoben. Welch ein �berheblicher Bastard! Aber seinem Eid konnte man gewiss trauen.</p><p>Ganda �berlegte kurz, ob sie ihre Geschichte noch weiter ausschm�cken sollte, verwarf den Gedanken daran aber wieder. Auf die Vorgeschichte ging sie nicht weiter ein. Wenn er darum w�sste, w�rde er sich weniger �rgern, und er war irgendwie s��, wenn er mit seinem Zorn rang.</p><p>�Ich habe den Seeleuten erz�hlt, dass wir zum Volk der S�hne Zeynels geh�ren�, begann Ganda im verhaltenen Tonfall der blinden M�rchenerz�hler von Tanthalia. �Das ist ein bedeutender Nomadenstamm, der tief im S�den �ber die gro�en Handelswege durch die W�ste wacht und dort alle Oasen beherrscht. Du bist Arban ben Chalasch, der Verbannte. H�bscher Name, nicht wahr?�</p><p>Sie blickte zu ihm auf. Jedes Mal musste man den Kopf in den Nacken legen, wenn man mit einem Elfen sprach. Nie kamen sie auf die Idee, dass es f�r die Lutin vielleicht angenehmer w�re, wenn man sich zum Reden setzte. Ollowain hob eine Braue.</p><p>�Ja, ja. Ich erz�hl schon weiter. Also, ich habe erkl�rt, dass du mein Vater bist und dass du der beste Schwertk�mpfer unseres F�rsten Karim warst. Wann immer es Zwistigkeiten zwischen den Sippen gab, die Worte nicht mehr beizulegen vermochten, hat er dich geschickt. Und du bist niemals besiegt worden. So mehrten sich von Jahr zu Jahr dein Ruhm und der Reichtum unseres F�rsten. Leider wuchs die Zahl eurer Neider noch schneller. Und da kein Schwert dich zu besiegen vermochte, mussten Worte das Werk vollbringen, f�r das Stahl zu schwach war. Zun�chst versuchte man dich mit den Reizen sch�ner Sklavinnen zu locken, doch du warst meiner Mutter in so inniger Liebe zugetan, dass auch dieser Versuch, dir zu schaden, keine Fr�chte trug. Da deine Feinde keine Schw�che bei dir finden konnten, versuchten sie es nun umso verzweifelter bei unserem F�rsten. Und so edel und gerecht Karim auch war, fanden sie tats�chlich einen Punkt, in dem die Taten unseres F�rsten nicht von k�hlem Verstand, sondern von hei�em Herzen gelenkt wurden. Du musst wissen, edler Vater, unser F�rst war bei all seinen Vorz�gen kein sehr ansehnlicher Mann. Ihm gereichte zum Vorteil, dass die M�nner unseres Volkes ein bodenlanges Gewand tragen und sich verschleiern, um sich vor dem brennenden Blick der Sonne und dem erstickenden Staub in der Luft zu sch�tzen. Seit einer Krankheit in Kindertagen waren Leib und Antlitz des F�rsten Karim von h�sslichen roten Narben entstellt. Desto mehr erf�llte es ihn mit Stolz, dass er die wunderbare Arsinoe zum Weib hatte gewinnen k�nnen, von deren gazellenhafter Sch�nheit man selbst in den Pal�sten Iskendrias sprach. Hier nun setzten eure Feinde zum t�dlichen Sto� an. Sie bestachen die Berater des F�rsten und sponnen ein Netz feiner L�gen um dich und die sch�ne Arsinoe. Mal hie� es, dein Blick habe einen Herzschlag zu lange auf ihrem wunderbaren Antlitz verweilt, dann tuschelte man, du habest �ber den F�rsten gespottet, weil er noch immer kein Kind gezeugt habe. Ja, manche munkelten sogar, du seiest ein so treuer Diener, dass du im Geheimen dar�ber nachd�chtest, den F�rsten und seine Gemahlin vom Makel der Kinderlosigkeit zu befreien. So wie Wind und W�stensand mit der Zeit selbst den h�rtesten Fels nach ihrem Willen formen, so blieben auch die giftigen Worte auf Dauer nicht ohne Wirkung. So sehr F�rst Karim dir auch vertraute, langsam begann die Saat des Zweifels in seinem Herzen zu keimen. Er schickte dich auf lange Reisen, damit du und Arsinoe nicht am selben Ort weilten. Immer herrischer wurde er in seinen Forderungen gegen seine Nachbarn, immer d�nner der Schild seiner Ehre, und immer h�ufiger fand er einen Grund, dich zu schicken, um seine H�ndel auszufechten. Manch wackerer Krieger musste sterben, weil Karim f�rchtete, dich in seiner � und somit auch Arsinoes � N�he zu wissen. Wohl niemals wird man erfahren, was dir letztlich zum Verh�ngnis wurde, ob es der Wille eines �bellaunigen Gottes war, ein tragischer Zufall oder ein letzter geschickter Streich deiner Feinde. Es geschah an einem hei�en Fr�hlingsmorgen, dass Arsinoe aufbrach, um in ihrem Oasengarten Einsamkeit und k�stliche K�hle zu suchen. Du sahst sie von fern und gr��test sie. Doch wagtest du dich nicht in ihre N�he, denn auch du hattest schon von den dunklen Ger�chten geh�rt, die sich um dich und die sch�ne F�rstin rankten, und wolltest diesen Geschichten keine neue Nahrung geben. Zumal Arsinoe ohne ihre Dienerinnen gekommen war und es auch sonst niemanden im Garten gab, der h�tte bezeugen k�nnen, dass dies nicht der Ort eines heimlichen Stelldicheins war. Du wolltest dich gerade entfernen, als Arsinoe einen �berraschten Schrei ausstie�. Dann st�hnte sie und sank zu Boden, wie von einem unsichtbaren Dolch gef�llt. Alle Vorsicht au�er Acht lassend, liefst zu deiner Herrin, und als du sie erreichtest, sahst du noch gerade eben einen Todeskussskorpion im Rosendickicht verschwinden. Das Gift dieser t�ckischen Bestie l�sst sengenden Schmerz durch alle Adern rinnen, doch seine heimt�ckischste Wirkung ist, dass es dem Herzen den Mut zu schlagen nimmt. Arsinoe lag hingestreckt vor dir am Ufer eines kleinen Teiches, umgeben von wei�en Lilien. Sie h�rte schon nicht mehr, wie du sie beim Namen riefst. Und so tatest du, was jeder Aufrechte getan h�tte. Du beugtest dich zu ihr hinab, um selbstlos um ihr Leben zu k�mpfen. Ein weiserer Mann h�tte vielleicht um Hilfe gerufen und eher an seinen Ruf gedacht, doch Weisheit und stolze Ehrenhaftigkeit gehen oftmals nicht Hand in Hand. Als man dich fand, hattest du noch immer nicht aufgegeben, um deine F�rstin zu ringen, und du warst dir sicher, dass ihr Herz wieder zu schlagen begonnen hatte, schwach und unregelm��ig wie der Fl�gelschlag eines Vogels, der zum ersten Mal seine Fittiche ausstreckt. Doch man zerrte dich von ihr fort. Von Ferne muss es ausgesehen haben, als beugtest du dich wie ein ungest�mer Liebender �ber sie. Arsinoes Kleider waren unschicklich verrutscht, die Brust �ber ihrem Herzen nahezu entbl��t. Trotz all deiner Bitten und Drohungen brachte man dich fort von ihr. Und Arsinoe starb, noch bevor die Sonne den Mittagsstand erreichte. Karims falsche Ratgeber fl�sterten ihm ein, sie sei vor Scham an gebrochenem Herzen gestorben. Und er glaubte ihnen. Wind und W�stensand hatten ihr Werk vollendet. Von dem Mann, der er einst war, war nichts mehr geblieben. Er lie� mich und meine Mutter holen. Und w�hrend man Mutter langsam mit einem breiten Seidenschal erdrosselte, musste sie zusehen, wie er dich mit einem gl�henden Eisen deiner M�nnlichkeit beraubte. Auch lie� er deine Zunge k�rzen, weil er deine vermeintlichen L�gen nicht l�nger h�ren wollte. Er entschied, dass seit Jahren kein wahres Wort von deiner Zunge geformt worden sei, und w�nschte, dass in den Tagen, die dir noch blieben, kein deutliches Wort mehr �ber deine Lippen kommen solle. Und dann befahl er dem Folterknecht, dass er dir eine Narbe f�r jede einzelne Narbe zuf�gen sollte, die seinen F�rstenleib zeichnete. Und er lie� seine Gew�nder fallen und entbl��te seinen geschunden K�rper, damit der Folterer sah, wie er seine Arbeit zu verrichten hatte. Selbst in den Augen jenes harten Mannes war f�r einen Augenblick lang Entsetzen zu sehen. Damit begann ein Martyrium, das viele Tage dauern sollte. Der Folterknecht verwendete seltene Salze, Affenhaar und Rosendornen, um zu verhindern, dass sich deine Wunden schlossen. In manche Wunden legte er sogar schwarzen Onyx, wie ein Goldschmied edle Steine in seine Schmuckst�cke einfasst. So sah es aus, als starrten dunkle Augen aus deinem geschundenen Fleisch. Sieben Tage w�hrte diese Marter schon, als dein Peiniger den Fehler machte, dich f�r einen gebrochenen Mann zu halten. Daf�r zahlte er mit dem Leben, ebenso wie F�rst Karim, der den Befehl gegeben hatte, Mutter zu t�ten und mich zur Sklavin in seinem Palast zu machen, die man nachts zu den Ziegen sperrte, um sie zu dem�tigen. Auch zwei der falschen Berater des F�rsten erlebten das n�chste Morgengrauen nicht. Doch dann mussten wir fliehen, denn deine Wunden hatten dich zu sehr geschw�cht, und alle Krieger der Oase waren in hellem Aufruhr und versuchten, dich zu stellen. M�nner, die jahrelang deine Freunde waren und die du in den Geheimnissen der alten Schwertmeister unterwiesen hattest, fielen vor deiner Klinge. So flohen wir in die W�ste. Vierzig Tage und vierzig N�chte blieben wir dort, und ich versorgte deine Wunden und lernte, die verst�mmelten Worte zu verstehen, die �ber deine Lippen kamen. Die verr�terischen Freunde des F�rsten waren klug genug, vor deinem Zorn zu fliehen. Trotz all der Krieger, die man zu ihrem Schutz aufbot, mochte keiner im Land der S�hne Zeynels bleiben. Unser Volk aber erkl�rte dich zum Verfemten, und man begann dich zu jagen, so wie du deinerseits ohne Gnade den falschen Ratgebern des F�rsten Karim nachstelltest. Und dies ist der Grund deiner Reise nach Iskendria. Du bist hier, um einem dieser M�nner den Kuss deines Schwertes zu schenken.�</p><p>Erwartungsvoll blickte Ganda zu Ollowain auf. Jedes Mal, wenn sie die Geschichte erz�hlte, wurde sie besser. Sie schm�ckte sie aus, gab weitere Einzelheiten hinzu. Doch was hielt der Elf davon?</p><p>Ein sp�ttisches L�cheln spielte um seine Lippen. Glomm in seinen Augen kurz der Funke herzhaften Lachens? Wenn dieser Mistkerl etwas offenherziger w�re und nicht all seine Gef�hle hinter seiner Arroganz versteckte, dann w�re es leichter, mit ihm auszukommen!</p><p>Aber so waren sie, die Elfen. Vor allem jene aus dem eisigen Norden, die zum Volk der Normirga geh�rten. �u�erlich waren sie Eiskl�tze, doch in ihrem Innersten glomm ein gef�hrliches Feuer.</p><p>�Soeben habe ich beschlossen, auf jeden Fall anwesend zu sein, wenn du unserer Herrin Emerelle vom Ausgang unserer Reise berichtest. Du bist wahrhaft eine begnadete L�gnerin, Ganda. Geschichten zu erfinden, scheint dir gro�e Freude zu bereiten. Vielleicht �hnelst du den Beratern deines F�rsten Karim. Bist du wie der Sand und der Wind, die so lange an der Wahrheit nagen, bis niemand mehr ihr wahres Gesicht zu erkennen vermag?�</p><p>�F�r dich werde ich immer nur sein, was du in meinem Volk siehst, Ollowain. Zumindest, was die Lutin angeht, hast du vor der Wahrheit schon lange die Augen verschlossen. Ich bin es leid, dich eines Besseren zu belehren oder dich wenigstens dazu zu bringen, in mir zuerst Ganda zu sehen, die immerhin das Vertrauen Emerelles genie�t, und dann erst eine Lutin.� Und ich habe soeben beschlossen, dass du niemals erfahren wirst, was es mit dieser Geschichte wirklich auf sich hat, dachte Ganda. Sollte er ihr doch den Buckel runterrutschen! Verdammter Elf! Niemals w�rde er ihr glauben, dass sie ihm in der ersten Nacht auf der Galeere das Leben gerettet hatte. Wenn Ollowain w�sste, wof�r man ihn gehalten hatte ... Sei�s drum. Ihr M�rchen um den tragischen Arban ben Chalasch war n�tzlich gewesen. Es war schon erstaunlich, dass M�nner Geschichten um Verrat, Gemetzel und Blutrache viel lieber h�rten als romantische Liebesgeschichten, die ein gl�ckliches Ende nahmen. Eine Prise Liebe durfte schon dabei sein und auch ein Hauch Erotik, obwohl sie solche Erz�hlungen aus dem Munde eines jungen M�dchens gewiss nur verlegen gemacht h�tten. Ganda l�chelte still in sich hinein. Wie leicht es doch war, sie an der Nase herumzuf�hren. Selbst Ollowain war so berechenbar, wenn man ihn erst einmal ein bisschen kannte.</p><p>Mit weiten Schritten eilte sie voraus. Sie waren mehr als eine Meile gegangen, w�hrend sie ihre Geschichte erz�hlt hatte. Es d�mmerte bereits. Doch im gleichen Ma�e, wie die Tageshitze wich und ein frischer Abendwind vom Meer her Einzug in Iskendria hielt, f�llten sich die Stra�en mit Menschen. Einige wollten offensichtlich noch letzte Eink�ufe erledigen, andere vielleicht nur einen Spaziergang machen, bevor sie sich zur Ruhe legten.</p><p>Hohe S�ulen s�umten nun die Stra�e. Jede dritte trug in f�nf Schritt H�he einen Sims, auf dem eine �berlebensgro�e Statue aufgestellt war. Gewandet in grellbunt bemalte Gew�nder, blickten sie w�rdevoll auf das Gewimmel zu ihren F��en hinab. Auch die abendlichen Passanten teilten die Vorliebe f�r schreiende Farben. Es gab M�nner, die rote Hosen mit goldgelbem Bl�tenmuster trugen, Kaufleute, die sich wie F�rsten in goldges�umten Purpur h�llten und trotz der Hitze scheckige Pelzm�tzchen aufhatten. Frauen in Gew�ndern, so durchsichtig wie Gandas Schleier, kamen in S�nften die Stra�e entlang; jeder Schaulustige konnte die bunten Bilder und Muster begaffen, die sie sich auf die Haut hatten malen lassen. Manche best�ubten ihre Wangen mit Goldpulver und klebten sich winzige Edelsteine auf die Augenlider, eine Idee, an der Ganda Gefallen fand. Sie w�nschte mehr Zeit zu haben, um diese aufregende Stadt zu erkunden. Und sie musste sich eingestehen, dass sie den Menschen Unrecht getan hatte. Nur selten war sie bei ihren Reisen �ber die Albenpfade in die Menschenwelt gekommen, und alle Orte, die sie bisher gesehen hatte, hatten in ihr nicht das Bed�rfnis erweckt, sich l�nger dort aufzuhalten. Doch Iskendria war anders. Schon die Art, wie der Galeerenkapit�n von der Stadt gesprochen hatte, hatte Ganda neugierig gemacht. Mal nannte er Iskendria eine offene Pestbeule, die jeder mit Verstand meiden musste, dann wieder sprach er von der Perle, dem kostbarsten Kleinod aller Meeresk�sten. Er war der Stadt in inniger Hassliebe verfallen. Nirgendwo sonst, so sagte er, lagen Sch�nheit und Schrecken so dicht beisammen. Ausschweifend erz�hlte er von der Sch�nheit der Bauwerke und der Statuen, vom ehrgeizigen Streit der Dichter und Steinmetzen, das vollkommenste Kunstwerk zu erschaffen, von verr�ckten F�rsten, die stets nur ihre eigenen Geschwister heirateten, um das Blut der Familie rein zu erhalten. Von Kaufleuten, die in wenigen Jahren m�rchenhafte Sch�tze zusammentrugen und Feste feierten, die K�nigen w�rdig waren, so wie etwa die geheimnisvolle Sem-la, die eine ganze Flotte von Handelsschiffen ihr Eigen nannte, die in Gesch�ften stets eine gl�ckliche Hand bewies und doch keinen Mann zu finden vermochte, mit dem sie l�nger als eine Nacht das Lager teilen wollte. Und er hatte von Balbar erz�hlt und der grausamen Priesterschaft des Gottes, die in Iskendria regierte.</p><p>Ollowain r�usperte sich. Sie waren jetzt fast eine Meile schweigend nebeneinander hergegangen. �Als M�rchen war deine Geschichte ja ganz h�bsch. Nur w�re es mir lieber, wenn ich nicht als entmannter und verst�mmelter Held die Hauptrolle darin spielen w�rde.�</p><p>War das ein Friedensangebot? Ganda war selbst �berrascht, wie sehr es sie erleichterte, diese kindische Fehde mit dem Elfen wom�glich beilegen zu k�nnen. Andererseits war sie zu stolz, um sofort auf Ollowains Angebot einzugehen.</p><p>�Was f�r eine Sorte Held bist du denn?�, fragte sie eine Spur schnippischer, als es eigentlich ihre Absicht war.</p><p>Ollowain lie� sich Zeit mit seiner Antwort. Zu viel Zeit! Ihr Blick wurde angelockt von den Wundern der Stadt, sie lauschte den Rufen der H�ndler und atmete die tausend unbekannten D�fte, die Iskendria verstr�mte. Dann sah sie die zertretenen Bl�tenbl�tter auf den breiten Marmorplatten der Stra�e. Es waren frische Bl�ten. Und sie erinnerte sich an die schrecklichste Geschichte, die der Galeerenkapit�n erz�hlt hatte. An die Hochzeit des Gottes Balbar, die in diesen unruhigen Zeiten jeden Tag auf dem pr�chtigen Tempelplatz gefeiert wurde.</p><p>�Ich glaube, ich bin ein trauriger Held�, sagte Ollowain endlich, doch f�r solche Eingest�ndnisse blieb jetzt keine Zeit. Was immer der Elf von sich halten mochte, in ihren Augen war er ein Mann, der auf der Kippe stand. Etwas hatte ihn in seinen Grundfesten ersch�ttert. Ganda wusste nicht viel �ber den Krieg, den der Schwertmeister in der Snaiwamark und in der Welt der Menschen gef�hrt hatte. Doch selbst das Wenige, das sie geh�rt hatte, reichte ihr, um sich sicher zu sein, dass der Elfenheld in seinem Innersten zutiefst verletzt war, auch wenn er �u�erlich unversehrt wirkte. Wie sonst war zu erkl�ren, dass ihn der Anblick der Katzen im Hafenbecken so sehr ersch�ttert hatte? Ganda hatte ihr Gespr�ch mit dem Kapit�n abgebrochen, um auf Ollowain aufzupassen. Sie war �berzeugt, dass er kurz davor gestanden hatte, das Flo� der Priester zu entern. Und das alles wegen ein paar Katzen! Was w�rde er erst tun, wenn er sah, was vor dem Tempel des Balbar geschah? Sich in einem Aufb�umen unn�tzen Heldenmutes von der Menschenmasse dort in St�cke rei�en lassen? Gewiss, er war der ber�hmteste Schwertk�mpfer Albenmarks, aber nicht einmal er w�rde es �berleben, wenn er allein den Zorn einer ganzen Stadt herausforderte. Und vielleicht wollte er das gar nicht? Vielleicht suchte er ja einen heldenhaften Tod? Sie blickte zu ihm auf. Er sah sie an, vielleicht schon die ganze Zeit. Offenbar wartete er immer noch auf eine Antwort von ihr. Seine Augen wirkten m�de und traurig. Es gab Ger�chte, in der Schlacht von Phylangan sei seine Geliebte umgekommen. Doch niemand wusste etwas Genaues. Sah so ein Krieger aus, der nach einem guten Anlass suchte, sein Leben fortzuwerfen? Das wird nicht hier in Iskendria geschehen, dachte sie w�tend. Nicht, solange ich f�r dich verantwortlich bin!</p><p>Jetzt h�rte sie dumpfen Trommelschlag und den hellen Klang der Zimbeln. Ein Lied von d�sterer Feierlichkeit erklang. Das Marktgeschrei und unabl�ssige Murmeln der Stimmen rings herum verstummte. Immer mehr Menschen dr�ngten an ihnen vorbei, um das Schauspiel nicht zu verpassen, das sich auf dem gro�en Tempelplatz anbahnte.</p><p>�Wir m�ssen jetzt hier entlang�, sagte Ganda entschieden und deutete auf eine enge Gasse, die von der Prozessionsstra�e abzweigte.</p><p>�Sagtest du nicht, das Haus, zu dem wir m�ssen, l�ge nahe bei dem Platz dort oben auf dem H�gel?�, wandte Ollowain ein.</p><p>�Siehst du das Gedr�nge, Elf? Willst du dich an tausenden schwitzenden Menschenleibern vorbeischieben? Dort scheint irgendein Fest im Gange zu sein. Wir suchen uns einen Weg um den Platz herum. So gelangen wir auch zum Ziel, ersparen uns aber die Unannehmlichkeiten.� Der Schwertmeister erhob keine weiteren Einw�nde und folgte ihr in das Labyrinth der Gassen. Ganda m�hte sich, dem Platz fern zu bleiben, ohne v�llig die Richtung zu verlieren. Die H�user hier waren vier oder f�nf Stockwerke hoch. Fleckige Sonnensegel waren �ber die Gassen gespannt. Anfangs hingen noch bunte Glaslaternen an den Hausw�nden, die ein warmes Licht spendeten. Hier gab es auch noch L�den. Perlenh�ndler, die ihre Ware auf langen Schn�ren aus Hundesehnen feilboten, oder Wasserverk�ufer mit bauchigen Kr�gen auf dem R�cken und breiten G�rteln, in denen schlichte Tonbecher steckten, aus denen ihre Kunden trinken konnten. Ein Mann hatte an einem langen Stecken erschlagene Ratten aufgespie�t, die er als Leckereien f�r Hauskatzen pries. Schenken, deren Theken in Mauerdurchbr�chen zur Gasse hin ausgerichtet waren, verhie�en Bier, Wein und andere, exotischere Gen�sse.</p><p>Die H�user waren wei� verputzt. Der Regen und die Zeit hatten breite Schmutzbahnen auf die Fassaden gemalt. H�fthoch waren die W�nde mit rotbrauner Farbe get�ncht, auf der der Dreck der Gosse weniger auffiel. H�lzerne Balkone streckten sich k�hn �ber ihren H�uptern, und Holztreppen hangelten sich in scharfen Kehren an der Fassade hinauf zu den oberen Stockwerken. Allenthalben waren Leinen �ber die Gasse gespannt, auf denen W�sche oder frisch gef�rbte Tuchbahnen hingen.</p><p>Immer tiefer f�hrte Ganda sie in das Labyrinth. Immer erb�rmlicher wurden die Gesch�fte, an denen sie vor�berkamen. Auf den Holztreppen sa�en nun Weiber und Knaben, die sich lasziv r�kelten und ihre Leiber zur Wollust anboten. Russzeichnungen an den H�userw�nden zeigten plumpe Figuren mit �berbordender M�nnlichkeit. Werbespr�che priesen die Reize der Liebesdienerinnen.</p><p>So r�hmte sich eine Asmandea, die Grotte zwischen ihren schneewei�en Schenkeln sei ein Ort, von dem selbst F�rsten tr�umten.</p><p>Die Gassen wurden enger und enger. Es stank nach gebratenem Fisch, zu lange getragenen Kleidern und eiliger Liebe, deren H�hepunkt vom Sand in einem Stundenglas diktiert wurde. Aufdringliche Weiber boten sich Ollowain an, strichen ihm �ber Schultern und Gesicht oder griffen ihm sogar ins Gem�cht. Mit gurrenden Stimmen verhie�en sie dem sch�nen Fremden unvergessliche Stunden, und sie fluchten wie die Kesselflicker, wenn er weiterging, ohne sie auch nur eines Blickes zu w�rdigen.</p><p>Mit der Zeit wurde sich Ganda der begehrlichen Blicke bewusst, die sich auf das Schwert des Elfen richteten. Die juwelenbesetzte Waffe war ein kleines Verm�gen wert. Und auch sie starrte man an.</p><p>Schlie�lich landeten sie in einer Gasse, die schon nach einem kurzen Wegst�ck von den Tr�mmern eines eingest�rzten Hauses versperrt wurde.</p><p>Ollowain lachte. �Hast du etwas dagegen, wenn ich jetzt die F�hrung �bernehme? Du magst dich auf den Albenpfaden auskennen, aber hier hast du dich rettungslos verlaufen, nicht wahr?�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Ganda, wie sich die M��igg�nger von den Holztreppen �ber der Gasse ins Dunkel der H�user zur�ckzogen. Der Elf lie� seine Hand auf den Griff seiner Waffe sinken.</p><p>Ein Balken knirschte in dem Tr�mmerhaufen vor ihnen. Steine rollten polternd auf den Weg. Jemand dr�ckte sich in einen Hauseingang. Hinter ihnen erklang ein vollt�nender Bass. �Du hast den Weg verfehlt, Fremder, aber Ptolemos hat dich vor�bergehen sehen, und deine Ware hat ihm gefallen.�</p><p>Hinter ihnen stand ein Mann, dessen massiger Leib fast die ganze Gasse ausf�llte. Er wischte sich mit einem wei�en Schwei�tuch �ber die Stirn und schob es sich dann in den Ausschnitt seiner gelben Tunika. Von seinem G�rtel hingen ein schwerer Geldbeutel und ein eisenbeschlagener Kn�ppel. Dicke Adern rankten sich um seine erstaunlich muskul�sen Beine.</p><p>Ollowain sah Ganda fragend an. Sie �bersetzte ihm die Worte des Dicken. �Wir sind nicht interessiert�, sagte der Elf h�flich.</p><p>�Nein, nein, nein.� Der Kerl sch�ttelte so heftig den Kopf, dass sein �ppiges Doppelkinn hin und her schwabbelte. �Diese Antwort kann ich meinem Herrn nicht bringen. Ich sehe schon, du m�chtest den Preis in die H�he treiben.� Er nestelte an der Geldb�rse herum und z�hlte dann drei goldene M�nzen in seine fleischige Hand. �So viel ist uns deine Tochter wert. Und feilsche nicht mit mir! Mein Herr, Ptolemos, ist ein Suchender, er geh�rt zur h�chsten Kaste der Balbarpriester. Du siehst, ich bin also im Auftrag des Gottes unterwegs, und mit Balbar feilscht man nicht, es sei denn, man m�chte ihn und seine Diener erz�rnen.� Mit diesen Worten dr�ckte sich der Dicke gegen die H�userwand und lie� zwei Gestalten vorbei, in deren H�nden lange gebogene Messer blitzten.</p><p>�Was also ist dir lieber, Fremder? Gold oder Stahl? Eine andere Wahl bleibt dir nicht, denn der Gott hat entschieden, Gefallen an deiner Tochter zu haben. Du wei�t ja, er verzehrt sich geradezu nach jungen Br�uten.�</p><p>Ganda dachte wieder an die Geschichten, die der Kapit�n �ber den Stadtgott erz�hlt hatte. Jeden Tag ein junges M�dchen, das war der Preis, den Iskendria willig f�r seine Macht und seinen Wohlstand gab.</p><p>Ollowain verstand nur die Gesten der ausgestreckten Hand und der gez�ckten Dolche. Die Worte verstand er nicht. �Sag dem Dicken, dass es nicht in meinem Sinne ist, jemanden zu verletzen, und dass ich geneigt bin, ihn gehen zu lassen. Im �brigen wei� ich um die drei anderen, die sich noch im Schatten verbergen.�</p><p>Ganda entschied sich, sich bei der �bersetzung ein paar Freiheiten herauszunehmen. �Mein Vater, der Scharfrichter und beste Schwertk�mpfer der S�hne Zeynels, ist geneigt, dich am Leben zu lassen, wenn du deine f�nf Halsabschneider einsammelst und dich schneller verpisst, als ich ausspucken kann. Ansonsten wird er ihnen den Hals umdrehen, ihnen die Eier abrei�en und sie dir in dein gro�es Maul stopfen, damit du daran erstickst.�</p><p>Der Dicke sah sie mit weiten Augen an.</p><p>Ollowain l�ste die Fibel seines Umhangs und lie� ihn zu Boden fallen. Eine Geste voller Anmut, doch in ihrer stillen Gelassenheit zugleich bedrohlicher als die gez�ckten Dolche. Der Mantel w�rde ihn nun nicht im Kampf behindern. Auch den Schleier nahm er ab, sodass man sein sch�nes, ebenm��iges Gesicht sehen konnte.</p><p>Der Wortf�hrer der Meuchler hob seine Rechte und schnippte mit den Fingern. Etwas Dunkles st�rzte aus den Schatten der Ruine. Zwei schwarz vermummte Gestalten versuchten den Elfen zu packen und zu Boden zu rei�en. Doch obwohl sie Ganda so schnell wie Raubkatzen erschienen, wich Ollowain ihnen m�helos aus. Mit der Grazie eines T�nzers wirbelte er herum, ergriff den einen beim Arm und brach ihm mit einer knappen Drehung das Handgelenk, sodass der Dolch den gef�hllosen Fingern des Meuchlers entglitt. Er stie� den schreienden Mann von sich, wirbelte erneut herum und versetzte einem anderen Angreifer einen Tritt gegen die Brust.</p><p>Ganda wich ein wenig zur�ck, ohne den Blick abzuwenden. Ein Fausthieb des Elfen traf einen der M�nner gegen den Hals, und der Kerl brach r�chelnd in die Knie. Wie beil�ufig wich Ollowain einem Dolchsto� aus, der ihn nur um Haaresbreite verfehlte, und umarmte den Messerstecher, der aus dem Gleichgewicht geriet, fast wie ein Liebender sein M�dchen. Z�rtlich strichen seine schlanken Finger den Hals des M�rders hinauf und verharrten kurz hinter dessen Ohr. Ganda sah, wie sich die Sehnen auf Ollowains Handr�cken kurz spannten, dann sank der Mensch zu Boden.</p><p>Der Krieger, den der Tritt gegen die Brust getroffen hatte, kam st�hnend wieder auf die Beine. Er tauschte einen �ngstlichen Blick mit dem Letzten seiner Gef�hrten. Beide wichen in Richtung der Ruine zur�ck.</p><p>Ollowains Bewegungen erinnerten Ganda an das Schweben eines langen Seidenbanners, umspielt von einer sanften Brise. Binnen eines Lidschlags war er zwischen den beiden. Ein Ellbogensto� traf einen der Menschen seitlich am Kopf, den zweiten schickte ein Tritt ins Kniegelenk zu Boden. Wimmernd hielt er sein Bein, offensichtlich nicht mehr in der Lage aufzustehen.</p><p>Etwas Eisiges legte sich auf Gandas Kehle. Vor Angst und �berraschung brachte die Lutin keinen Ton hervor. Stumm verfluchte sie sich daf�r, dass sie sich von dem Kampf derart hatte in Bann schlagen lassen und auf nichts anderes mehr Acht gegeben hatte. Eine schwere Hand packte sie bei der Schulter und zog sie ein St�ck zur�ck.</p><p>Der Dicke hatte ihr einen Dolch an den Hals gesetzt. �Du bist ein Girat, nicht wahr?� Seine Stimme �berschlug sich, so hastig sprach er. �Einer der W�stengeister. Das h�ttest du sagen sollen. Nicht diesen Unsinn mit dem Scharfrichter. Ich h�tte niemals Hand an die Tochter eines Girat gelegt.�</p><p>�Dann nimm deine Klinge von meiner Kehle, du ...� Der Druck des kalten Stahls verst�rkte sich, und Ganda verstummte. So ein verdammtes Pech. Sie h�tte den Dicken nicht aus den Augen lassen sollen! Sie war selber schuld, wenn sie jetzt in der Patsche sa�en. F�nf Feinde lagen kampfunf�hig am Boden, ohne dass Ollowain auch nur sein Schwert gezogen h�tte. Und sie vermasselte alles, indem sie diesem miesen Kinderh�ndler geradezu in die Arme lief.</p><p>�Glaubst du, du w�rdest es �berleben, wenn du meiner Tochter etwas antust?� Ollowain sprach ganz ruhig. Ja, er l�chelte sogar, aber dieses L�cheln hatte nichts Beruhigendes. Nat�rlich verstand der Mensch ihn nicht. Ganda sp�rte, wie die Hand des Dicken nass vor Schwei� wurde. Die Lutin �berlegte verzweifelt, wie sie aus eigener Kraft entkommen k�nnte. Sie beherrschte tausende Zauber. Sie k�nnte dem Dreckschwein Wespen in Mund und Nase zaubern, doch wenn er auch nur zuckte, w�rde f�r sie dieser Ausflug nach Iskendria mit durchschnittener Kehle enden. Und jeder verdammte Zauberspruch, der ihr einfiel, lie� ihm mehr als genug Zeit zum Zucken, es sei denn ...</p><p>�Du schnallst jetzt dein Schwert ab, Girat, und legst dann die H�nde in den Nacken. Wir finden einen Weg, wie wir alle lebend diese verdammte Gasse verlassen k�nnen. Du bekommst die Kleine ...�</p><p>Ganda fl�sterte drei Worte der Macht, und die Stimme des Kinderh�ndlers erstarb. Vorsichtig schob die Lutin die Klinge von ihrer Kehle fort.</p><p>Ollowain hob skeptisch eine Braue. Wie schafften es diese Elfen nur, so unglaublich �berheblich zu wirken? Wahrscheinlich verbrachten sie Jahre ihres unendlichen Lebens vor Spiegeln, um ihre Gestik und Mimik zu vervollkommnen. �Was ist mit ihm?�</p><p>�Wie du siehst, kann ich mir durchaus alleine helfen�, entgegnete sie spitz. �Er h�lt sich im Augenblick f�r ein Marmorstandbild. Daran sollte sich bis zum Morgengrauen nichts �ndern. Ich schlage vor, wir gehen.�</p><p>�Wozu braucht man solch einen Zauber?�</p><p>�Um ein Messer an der Kehle loszuwerden, nat�rlich�, antwortete Ganda ironisch. �Manchmal ist er auch ganz n�tzlich f�r einen erfreulichen Gesch�ftsabschluss.�</p><p>Ollowain sch�ttelte den Kopf und b�ckte sich nach seinem Umhang und dem Schleier. �Ist das eine nette Umschreibung f�r Diebstahl?�</p><p>�Es ist �ble Verleumdung, uns Lutin dauernd zu unterstellen, wir seien ein Volk von Dieben�, entgegnete sie entr�stet. Nat�rlich war es in aller Regel so, dass der Wert der Waren, die sie zur�cklie�en, wenn der Marmorzauber zum Einsatz kam, in keinem Verh�ltnis zum Wert der Waren stand, die sie mitnahmen, aber Diebe waren sie nicht! Diebe lie�en gar nichts zur�ck! Nicht einmal ein symbolisches Goldst�ck.</p><p>Pl�tzlich warf sich Ollowain auf sie. Der Elf riss sie zu Boden. Sein Gewicht presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie h�rte ihre Rippen krachen. Etwas Warmes rieselte �ber ihre Hand. Blut!</p><p>Als Ollowain wieder aufstand, sah sie, wie der Mann mit dem zerschmetterten Knie verzweifelt versuchte, kriechend zwischen die Ruinen zu entkommen. Der Schwertmeister w�rdigte ihn keines Blickes. Ein gro�er, blutiger Fleck breitete sich unter seinem rechten Arm auf dem schneewei�en Gewand aus. Neben ihnen lag ein sichelf�rmiger Dolch im Staub.</p><p>�War der f�r mich bestimmt?�, stammelte Ganda erschrocken. Warum hatte der Kerl das getan? Der Kampf war doch entschieden.</p><p>�H�tte er dem etwas steifen, korpulenten Herrn dort vorne gegolten, h�tte ich mich dem Dolch sicher nicht in den Weg geworfen.� Ollowain tastete vorsichtig �ber sein blutiges Gewand.</p><p>Ganda konnte noch immer nicht glauben, was geschehen war.</p><p>�Du hast dich zwischen mich und das Messer gestellt? Du kannst mich doch nicht einmal leiden. Du h�ttest tot sein k�nnen. Du h�ttest ...�</p><p>�H�ttest, h�ttest, h�ttest.� Ollowain winkte ab, als sei nichts weiter geschehen. �Die Klinge hat eine meiner Rippen gestreift. Sie ist nicht tief eingedrungen. Ich bin nicht in Gefahr, verstehst du? Solche oberfl�chlichen Schnittwunden bluten stark und sehen sehr dramatisch aus, aber im Grunde sind sie nicht der Rede wert. Wenn du mir einen Gefallen tun m�chtest, dann verzichte auf weitere Umwege und bring mich zum Hause Sem-las. Ich h�tte gern ein wenig sauberes Leinen, um einen strammen Verband anzulegen.� Er kn�llte seinen Schleier zusammen und presste ihn fest gegen die Wunde.</p><p>�Aber du hast mir das Leben gerettet! Du ...� Der Schwertmeister legte einen Finger an die Lippen und gebot ihr zu schweigen. �Ich habe getan, was Emerelle mir aufgetragen hat �</p><p>dich besch�tzen. Nicht mehr und nicht weniger.� Ganda nickte, aber die Sache war damit l�ngst nicht f�r sie erledigt. Sie kannte niemand anderen, dem es eingefallen w�re, mit seinem Leib ein Messer aufzuhalten, das f�r sie bestimmt war. Sie wurde aus diesem verfluchten Elfen nicht schlau. Ja, sie �rgerte sich sogar geh�rig dar�ber, wie er seine Heldentat kleinredete. Da traf sie einmal in ihrem Leben jemanden, der sich benahm wie ein Ritter aus den Liedern der Barden, selbstlos und edel, und dann machte er die Sache kaputt, indem er gleich darauf so tat, als sei es eine Kleinigkeit. Ihr Leben war keine Kleinigkeit! Jedenfalls nicht f�r sie.</p><p>W�tend stapfte sie voran und versuchte sich zu orientieren. Dann h�rte sie wieder den d�steren Gesang. Er wies ihr den Weg zum Tempelplatz. Sollte Ollowain doch sehen, was dort vor sich ging! Verstockter Mistkerl!</p><p>Mehr und mehr Menschen kamen ihnen entgegen. Der Gesang jenseits der verwinkelten H�userschluchten wurde leiser und verstummte. Daf�r nahm der L�rm in den Gassen zu. Unfl�tige Lieder dr�hnten aus den Tavernen, ein kleiner Junge pries lautstark die Kunstst�cke seines dressierten Affen.</p><p>Die Stadt wirkte pl�tzlich lebendiger, dachte Ganda. Das war Unsinn, das wusste sie. Und dennoch hatte sich etwas ver�ndert. Die Menschen rings herum wirkten wie erl�st. Ihr Lachen klang heller .... Vielleicht lag es ja auch an ihr? Daran, dass sie wusste, dass der Schrecken f�r heute vor�ber war? Auf einmal zeigte sich Iskendria von seiner besten Seite. Bis morgen erneut ein Priesterzug die pr�chtige Prozessionsstra�e entlangschritt, um Balbar eine Braut zu bringen.</p><p>Es dauerte nicht lange, und sie erreichten eine Gasse, an deren Ende der weite Platz gelegen war, der vom hohen Giebel des Balbartempels �berragt wurde.</p><p>�Du wolltest nicht, dass ich dorthin gehe, nicht wahr?�, fragte Ollowain.</p><p>�Richtig�, entgegnete Ganda knapp.</p><p>�Und warum?�</p><p>�Sie verbrennen dort zu Ehren ihres Gottes kleine M�dchen. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, nennen sie das M�dchen Gottesbraut! Dieses widerliche Schauspiel soll eine Hochzeit sein. Ich wollte nicht, dass du das siehst. So wie du dich mit den Katzen im Hafen angestellt hast, f�rchtete ich, du k�nntest durchdrehen. Diese Sorge hatte ich sicher nicht zu Unrecht, oder?�</p><p>Ollowain blieb ihr eine Antwort schuldig. An seinem Gesicht war nicht abzulesen, was er dachte, als sie auf den weiten Platz traten. In dessen Mitte erhob sich eine mehr als zehn Schritt hohe Statue. Sie zeigte einen Mann auf einem Thron, der einen langen, eckig gestutzten Bart trug. Die Arme der Figur waren seltsam angewinkelt und ruhten auf seinem Scho�. Das G�tterbild hielt seine offenen Handfl�chen dem Himmel entgegen. Eine Gruppe Priester machte sich dort zu schaffen; sie waren �ber eine h�lzerne, mit Blumenkr�nzen geschm�ckte Rampe hinauf zu den offenen H�nden gelangt.</p><p>Der Kopf des G�tzenbildes war leicht in den Nacken gelegt und der Mund weit aufgerissen, als wolle es etwas dem Himmel entgegenschreien. Dunkler, von rotem Feuerschein umspielter Rauch quoll aus der �ffnung.</p><p>Die Priester hoben etwas L�ngliches, in wei�e T�cher Geschlagenes auf und schoben es in den Schlund des G�tzenbildes. Was immer sie dort den Flammen �bergaben, hatte etwa dieselbe Gr��e wie sie, dachte Ganda schaudernd.</p><p>�Das tun sie jeden Tag?�, fragte Ollowain mit belegter Stimme.</p><p>�Ja. Und wenn sie glauben, ihr Gott z�rne ihnen, dann feiern sie sogar mehrere dieser Hochzeiten am Tag. Iskendria ist kein sicherer Ort f�r junge h�bsche M�dchen.� Der Elf sah sie eindringlich an. Was dachte er jetzt? Fragte er sich, warum sie ausgerechnet die Gestalt eines kleinen M�dchens angenommen hatte? Sie hatte ja keine Ahnung gehabt ...</p><p>�Bring uns fort von hier, Ganda. Ich will keine Stunde l�nger als notwendig in dieser Stadt verbringen.�</p><p>Die Lutin sah sich nach der S�ule mit dem springenden Delfin um. Auch wenn der weite Platz Balbar geweiht war, so gab es hier doch auch Statuen anderer G�tter. Der Delfin war der Gatte der Meeresg�ttin Bessa, ein freundliches Gesch�pf. Er half den Steuerleuten, die rechte Fahrtroute durch gef�hrliche Gew�sser zu finden, und viele Geschichten rankten sich darum, wie er Schiffbr�chige rettete. Die M�nner auf der Galeere hatten oft von dem Delfingott erz�hlt.</p><p>Endlich entdeckte Ganda das Bildnis des Delfins: Es erhob sich auf ihrer Seite des Platzes. Sie war froh, dass sie nicht an der Balbarstatue vor�bergehen mussten. Die erste weite Stra�e, die hinter dem Bildnis des Delfins vom Platz abzweigte, f�hrte zum Hause Sem-las; so hatte Emerelle es ihr beschrieben.</p><p>�Mein Scherz am Hafen tut mir leid�, sagte Ollowain unvermittelt.</p><p>Ganda blickte zu ihrem r�tselhaften Reisegef�hrten auf. Aus diesen Elfen wurde man einfach nicht schlau. �Wovon redest du?�</p><p>�Von dem H�ndler f�r Opfertiere am Hafen. Du wusstest dort schon, dass sie ihren G�ttern nicht nur wei�e Katzen und Stiere opfern, nicht wahr? Ich hatte keine Ahnung, dass sie auch hellh�utige M�dchen ... Ich ... Es tut mir leid.� Der Schwertmeister hielt den Schleier noch immer auf die Wunde gepresst; der zarte Stoff war voll gesogen mit Blut. Seine Z�ge waren angespannt. Er litt, aber nicht an der Verletzung. Er wich ihrem Blick aus.</p><p>Ein Elf, der sich vor einer Lutin sch�mte! Von so etwas hatte sie noch nie geh�rt. Eigentlich h�tte er es verdient, sich noch eine Weile mit diesem Gef�hl zu plagen, aber aus ihr unbegreiflichen Gr�nden tat Ollowain ihr leid. Ihr, die noch vor ein paar Tagen ruhig zugesehen h�tte, wenn die Trolle Emerelles Burg gest�rmt und jeden Elfen geschlachtet h�tten, den sie zu packen bekamen.</p><p>�Ich wei� es seit dem ersten Tag der Schiffsreise. Der Kapit�n und seine M�nner ... Sie wollten dich bei Nacht �berw�ltigen und ins Meer werfen. Sie dachten, dass du nach Iskendria reist, um mich dort an die Balbarpriester zu verkaufen. So etwas kommt wohl nicht selten vor. Deshalb habe ich die wilde Geschichte �ber dich erfunden.�</p><p>Sie sah, wie sich die Wangenmuskeln des Elfen spannten. �Du hast es also tats�chlich zu meinem Schutz getan.�</p><p>�Wenn du in Betracht ziehen k�nntest, dass wir Lutin nicht jedes Mal l�gen, wenn wir den Mund aufmachen, dann w�rden wir beide vielleicht besser miteinander auskommen.�</p><p>�Wie es scheint, schulde ich dir also noch eine Entschuldigung.� Sein Ton war etwas frostiger geworden. �Es tut mir leid, wenn ich dich ungerecht behandelt habe.� Es war unverkennbar, dass es ihn M�he kostete, die Worte �ber die Lippen zu bringen. Sein Gesicht spiegelte keine Reue. Es war ein reines Lippenbekenntnis.</p><p>Ganda war froh, endlich das Haus mit der breiten Marmortreppe zu sehen, von dem Emerelle ihr berichtet hatte. �Wir sind angekommen.� Sie deutete die Stufen hinauf. Sem-las Palast wirkte, verglichen mit den anderen H�usern, von au�en erstaunlich unscheinbar. Die der Stra�e zugewandte Front hatte fast keine Fenster. Sie war schmucklos, sah man einmal von einem gro�en Wandbild ab, das Schiffe mit gebl�hten Segeln zeigte, umgeben von allerlei Meeresgetier.</p><p>Ganda hasste es, Treppen zu steigen. Nie dachten die Baumeister an die kurzen Beine von Kobolden, wenn sie den Abstand der Treppenstufen bema�en. Gut, in der Welt der Menschen war dies mangels Kobolden ein verzeihlicher Fehler. In Albenmark war es allerdings nicht besser, und dort waren die Steinmetzen und Baumeister obendrein meist Kobolde. Aber so waren die Elfen in ihrer �berheblichkeit. Sie verschwendeten keinen Gedanken an ihre Diener, die �fter als jeder andere Palastbewohner die Treppen hinauf- und hinabeilten.</p><p>Die Stufen f�hrten hinauf zu einem schweren, zweifl�geligen Tor. Das schwarze Holz war mit Intarsien aus Perlmutt und Elfenbein geschm�ckt, die sich zu Bildern von Delfinen und Schiffen f�gten. Vor dem Tor stand eine gro�e dunkelh�utige Gestalt: ein Diener mit nacktem ge�ltem Oberk�rper, um dessen Arme sich goldene Schlangenreife wanden.</p><p>�Sag deiner Herrin, dass ihre K�nigin ihr eine eilige Nachricht schickt.� Ganda sprach in der Sprache Iskendrias und betonte jedes einzelne Wort �berdeutlich.</p><p>Der W�chter musterte sie beide eindringlich. Ollowains Wunde veranlasste ihn zu einem Stirnrunzeln. Endlich nickte er und �ffnete das Tor. Er f�hrte sie in die Eingangshalle, wo ein silberner Springbrunnen willkommene K�hle spendete. Der Duft von Zimt und Sandelholz schwang in der Luft, w�hrend die kleinen Flammen der �ll�mpchen das dunkle Zwielicht der Halle kaum zu vertreiben vermochten.</p><p>Wortlos deutete ihr F�hrer auf eine steinerne Bank an der Wand. Dann verschwand er mit eiligen Schritten.</p><p>Ganda sah sich mit gro�en Augen um. �Ich glaube, es k�nnte mir gefallen, eine geheime Gesandte Emerelles in der Welt der Menschen zu sein.�</p><p>Ollowain �berraschte sie, indem er antwortete. �Wenn ich mich recht erinnere, hat sie Sem-la � oder besser gesagt, Valynwyn � bestraft. Hier zu sein ist keine Gunst. Sie ist eine Verbannte.�</p><p>Die Lutin betrachtete die kostbaren Mosaiken auf dem Boden. Wenn man Elf war, konnte man sich offensichtlich alles erlauben. Hier zu leben, war keine Strafe! Sie dachte daran, wie ihr eigenes Volk rastlos mit den Hornechsen wanderte. Nie wussten sie, wo sie im n�chsten Mond leben w�rden. Die einzige Gewissheit, die sie hatten, war die, dass man sie, ganz gleich, wohin sie auch gingen, niemals willkommen hei�en w�rde. Wer die Lutin zu sich rief, der hatte meist dunkle Gesch�fte im Sinn und legte gr��ten Wert darauf, nicht mit ihnen gesehen zu werden. Deshalb durften sie, auch wenn sie ihre Auftr�ge zu gr��ter Zufriedenheit erledigten, niemals mit Dankbarkeit rechnen.</p><p>Leise Schritte unterbrachen Gandas bittere Gedanken. Sie blickte auf. Die Hausherrin kam barfu�. Sie war eine hochgewachsene, sch�ne Frau. Ganz offensichtlich hatte der �berraschende Besuch ihre Pl�ne f�r den Abend durcheinander gebracht. Sem-la trug eine wuchtige Per�cke aus gef�rbtem Pferdehaar. Ihr Gesicht war so stark geschminkt, dass es fast wie eine Maske wirkte. Die Augen hatte die Elfe mit Ru� umrandet, sie waren erschreckend dunkel. Auf irgendeine geheimnisvolle Weise hatte Sem-la es geschafft, das Wei� ihrer Augen t�rkis zu f�rben. Ihr Blick war unheimlich. Weder die kunstvoll gelegten Locken ihrer Per�cke noch der perlenbestickte Seidenmantel, der ihre Nacktheit nur unvollkommen verbarg, vermochten von diesen Augen abzulenken. Ein sinnlicher, fremdartiger Duft ging von der Per�cke aus, und Ganda roch, dass sich Sem-la auch zwischen ihren Schenkeln parf�miert hatte. Man musste schon wissen, dass die Herrin des Hauses eine Elfe war, um sie noch als solche zu erkennen.</p><p>�Ollowain, was f�r eine �berraschung, dich zu sehen. Bei Bessa, du bist ja verletzt, du ...� Sem-la l�chelte verlegen. �Entschuldigt, so lange treibe ich schon diese Maskerade, dass ich mir ganz wie die Menschen angew�hnt habe, bei jeder Gelegenheit den Namen eines ihrer G�tzen anzurufen.�</p><p>�Alles, was ich brauche, ist ein sauberer Verband.�</p><p>�Nein, das werde ich nicht zulassen! Ich pers�nlich werde mich um deine Wunde k�mmern. Ich bin bewandert in der Heilkunst, wie du dich vielleicht erinnerst.�</p><p>�Ich habe nicht vergessen, warum man dich verbannt hat�, entgegnete der Elf k�hl.</p><p>Ganda beobachtete die beiden neugierig. Ob Ollowain dieser aufgedonnerten Elfenschlampe wohl einmal etwas bedeutet hatte? Wie Sem-la wohl ausgesehen hatte, bevor sie Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte damit verbracht hatte, sich als Menschenweib zu verkleiden? Vielleicht war die Verbannung hierher doch eine h�rtere Strafe, als sie anfangs angenommen hatte?</p><p>�Ich bestehe darauf, dass ihr euch von eurer Reise erholt.�</p><p>�Wir m�ssen deine Gastfreundschaft leider zur�ckweisen�, erwiderte Ollowain in einer Entschiedenheit, die fast schon unh�flich war. �Unser Auftrag in der Bibliothek duldet keinerlei Aufschub.� Sollten seine k�hlen Worte Sem-la verletzt haben, lie� sie sich zumindest nichts anmerken. �Sei nicht t�richt, Ollowain. Du wei�t, ich bin eine gute Heilerin, und es w�rde nicht lange dauern. Weise mich nicht zur�ck.�</p><p>Der Schwertmeister z�gerte noch einen Augenblick, doch schlie�lich nickte er zustimmend.</p><p>Ganda nahm zur Kenntnis, dass Sem-la sie nicht einmal eines Blickes w�rdigte. Die Lutin war es gewohnt, von adeligen Elfen wie Luft behandelt zu werden. Schweigend beobachtete sie, wie der Torw�chter auf Gehei� seiner Herrin eine Schale mit Wasser und ein K�stchen brachte, in dem mehrere Furcht einfl��end aussehende Messer und anderes chirurgisches Besteck lagen.</p><p>Geschickt zerschnitt die Elfe Ollowains Gewand und tupfte die Wunde sauber. Ganda sah, dass der Schnitt tiefer war, als der Schwertmeister behauptet hatte. Er musste viel Blut verloren haben. Warum hatte sich dieser Dummkopf so aufgespielt? Wut und Mitleid hielten sich in ihren Gef�hlen die Waage. Er hatte keinen Augenblick gez�gert, sein Leben f�r sie einzusetzen. An die Verachtung oder bestenfalls �berheblichkeit, mit der die meisten Albenkinder ihr Volk behandelten, hatte sie sich l�ngst gew�hnt. Deshalb erschreckte sie seine Tat. Er h�tte sterben k�nnen! Kein Elf opferte sein Leben f�r eine Lutin, es sei denn, er war versessen darauf, dem Tod zu begegnen. War das Ollowains Geheimnis? Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm.</p><p>Sem-la legte die linke Hand auf die Wunde des Schwertmeisters, die Herzhand. Ganda wusste, wie man den Heilzauber wirkte, auch wenn sie ihn nie erlernt hatte. Man musste selbstlos sein, um eine Heilerin werden zu k�nnen. Zu heilen hie�, die Schmerzen des Verletzten zu teilen, w�hrend man ein magisches Band zu ihm kn�pfte.</p><p>Die Lippen der Hausherrin bebten. Sie st�hnte leise.</p><p>Sem-la wirkte nicht wie eine selbstlose Frau. Wie hatte sie diesen Zweig der Zauberei meistern k�nnen? Je mehr man die Elfen kannte, desto unbegreiflicher wurden sie, dachte Ganda.</p><p>Als Sem-la ihre Hand zur�ckzog, war die Wunde verschwunden. Kein Schorf, nicht einmal eine feine wei�e Narbe verrieten, wo Ollowain verletzt worden war.</p><p>Der Elf streckte pr�fend den Arm. �Ich danke dir, und ich bedauere, dir Schmerzen bereitet zu haben.�</p><p>�So selten kommt einer der unseren hierher und nimmt sich die Zeit, f�r ein paar Stunden zu verweilen, dass ich froh bin, wenn ich wenigstens die Schmerzen mit einem meines Volkes teilen kann, wenn sonst schon nichts geblieben ist, das man teilen k�nnte.�</p><p>Ollowain stand auf und zog den Umhang �ber den zerschnittenen �rmel. �Wenn du so freundlich w�rst, mich und meine Gef�hrtin zu dem Albenstern zu f�hren, der sich in deinem Haus verbirgt?�</p><p>�Wie du es w�nschst.� Sollte Sem-la entt�uscht oder ver�rgert gewesen sein, so verstand sie es, ihre Gef�hle zu verstecken. Sie klatschte zweimal laut in die H�nde, und eine verborgene T�r nahe dem Silberbrunnen �ffnete sich. �ber zwei Treppen stiegen sie tief in einen Keller mit gew�lbter Decke hinab. Der Boden hier war mit einem pr�chtigen Mosaik ausgelegt, das eine in schillerndem Rot aufgehende Sonne zeigte. Sieben Kraniche flogen in verschiedene Himmelsrichtungen davon. Ganda sp�rte die magische Kraft durch den Steinboden. In der Sonnenkugel am Boden trafen sich sieben Albenpfade zu einem gro�en Stern.</p><p>Sie kniete sich inmitten des Mosaiks nieder. Ihre H�nde tasteten �ber den Boden. Sie nahm die lebendige Kraft des Netzes in sich auf. Vor ihren geschlossenen Augen tanzten vielfarbige Schlangen. Einen Augenblick nur dauerte es, dann fand Ganda den Weg, der fort aus der Welt der Menschen f�hrte. In Gedanken lie� sie die Kraft des Pfades anschwellen, bis sich ein weites Tor aus goldenem Licht inmitten des Kellergew�lbes erhob.</p><p>Stolz drehte sie sich zu den beiden Elfen um. Sie hatte sich w�hrend des Zaubers zu sehr konzentriert, um zu h�ren, was die beiden miteinander besprochen hatten.</p><p>�... werde sie dennoch bitten. Vielleicht wird sie ihr Urteil ja noch einmal �berdenken.�</p><p>�Du kennst sie, Ollowain. Wie ich h�rte, hat sie selbst ihre geliebte Freundin Noroelle versto�en. Verbannt in die Einsamkeit der Zerbrochenen Welt. Welche Hoffnung sollte ich da haben? Ich stand der K�nigin nie sonderlich nahe.�</p><p>�Die K�nigin ist in der Weisheit ihres Ratschlusses unergr�ndlich�, sagte Ollowain.</p><p>Leeres Elfengeschw�tz, dachte Ganda. Mit diesem Spruch lie� sich alles entschuldigen. �Wir k�nnen gehen.�</p><p>Sem-la w�rdigte sie selbst jetzt keines Blickes. Sie umarmte Ollowain und trat zur�ck.</p><p>Seite an Seite mit dem Schwertmeister durchquerte Ganda das Tor. Ein einziger Schritt nur brachte sie in eine andere Welt. Die Lutin hatte Angst vor der Bibliothek, auch wenn sie das weder Ollowain noch Emerelle eingestanden hatte. Nach allem, was sie �ber diesen Ort wusste, war es ein riesiger Komplex von mit B�chern gef�llten R�umen, der ins Herz eines riesigen Felsbrockens geschlagen war. Und dieser Fels trieb durch das Nichts. Er war ein Splitter der Zerbrochenen Welt. Nirgends gab es in der Bibliothek ein Fenster. Gandas H�nde waren feucht, als sie durch das Tor aus Licht trat. Stickige, abgestandene Luft schlug ihnen entgegen.</p><p>Vereinzelte �llampen glommen im Dunkeln. Das Tor, das sich mit ihrer Ankunft ge�ffnet hatte, warf bernsteinfarbenes, warmes Licht in die gro�e Halle. Hunderte Stehpulte waren um den Mosaikkreis angeordnet, in den sie der Pfad aus Licht gef�hrt hatte. Er war schlichter als der, den sie erst vor einem Herzschlag im Hause Sem-las verlassen hatten. Ein einfaches geometrisches Muster f�gte sich zu einem Kreis. Spiralen, unentwirrbar miteinander verwoben.</p><p>Langsam sank das Tor hinter ihnen in sich zusammen. Im gleichen Ma�e eroberte die Dunkelheit den weiten Raum zur�ck. Ganda war �berrascht. Sie hatte etwas anderes erwartet. Etwas Eindrucksvolleres. Dies war also der Ort, an dem man Antwort auf alle Fragen fand, wenn man denn an der richtigen Stelle zu suchen wusste. Es war ein ziemlich angestaubter Ort.</p><p>Ein Ger�usch lie� sie herumfahren. Das Licht des Tores war nun vollst�ndig verloschen. Ein gutes St�ck entfernt wurde eines der wenigen �ll�mpchen emporgehoben. Viel zu hoch emporgehoben! Die Lutin sah aus den Augenwinkeln, wie Ollowain die Hand auf den Schwertgriff legte. �Was immer geschieht, Ganda, du bleibst hinter mir.�</p></section><section><title><p>Ein neuer K�nig</p></title><p>Eisiger Wind schnitt Skanga ins Gesicht, als sie den flachen H�gel erklomm. Es war der Ort, an dem das Ungl�ck seinen Anfang genommen hatte: der Albenstern, durch den sie Branbart und sein Heer ins Herzland hatte f�hren wollen. Sie sp�rte das stete Pulsieren der Kraftlinien, die sich hier schnitten. Nur sechs waren noch geblieben.</p><p>Auf der Ebene sammelten sich die Krieger. Sie bildeten deutlich abgegrenzte Gruppen. Noch bevor ein halber Tag nach dem Verschwinden des K�nigs verstrichen war, hatten die Machtk�mpfe unter den �berlebenden Herz�gen begonnen. Sie alle wussten, dass eine Seele, die im Nichts verloren ging, nicht mehr wiedergeboren werden w�rde. Damit w�re die K�nigslinie erloschen. Nun w�rde allein St�rke dar�ber entscheiden, wer k�nftig �ber die Trolle herrschte. Skanga hatte das kommen sehen, deshalb hatte sie sich mit ihrer R�ckkehr so sehr beeilt. Trotz ihrer Angst vor den Yingiz war sie erneut in das Wegenetz getreten, um hierher zur�ckzukehren.</p><p>Tausende Krieger umringten den H�gel. Wie ein Meer aus Lichtern in der Finsternis wirkten ihre Auren. Die alte Schamanin h�tte nicht zu hoffen gewagt, dass so viele �berlebt hatten. Nicht einmal ein Viertel des Heeres war vom Nichts verschlungen worden. Ihr Volk hatte einen schweren Schlag erlitten, aber es war immer noch stark, jedenfalls wenn sie verhindern konnte, dass die Herz�ge sich einen Krieg um den Thron lieferten.</p><p>M�de st�tzte Skanga sich auf ihren Stab. An ihrer Seite stand Birga, ihre Sch�lerin und einzige Eingeweihte. Ihr h�tte sie ohnehin nichts vormachen k�nnen. Sie sah, was es mit dem Kugelzauber auf sich hatte, dem Trugbild das dicht neben ihr schwebte: Branbarts Seele war gerettet, daran bestand kein Zweifel. Doch es war besser, wenn die Krieger ihres Volkes glaubten, Zeugen geworden zu sein, wie diese Seele zum Himmel aufstieg. Nur so konnte Skanga sich sicher sein, dass es keine Ger�chte dar�ber geben w�rde, der K�nig sei in Wahrheit im Nichts gestorben. Deshalb hatte sie den Kugelzauber erschaffen.</p><p>Die Schamanin war nicht stolz auf ihren Betrug. Sie tat es aus Notwendigkeit. Ihr Volk musste fest daran glauben, dass ihr K�nig wiedergeboren w�rde. Was es sah, wog schwerer als alle Worte. Der Betrug geschah um des Friedens willen, sagte sich Skanga. Nur deshalb!</p><p>Die alte Schamanin war zu Tode ersch�pft. Seit sie tags zuvor zur�ckgekehrt war, hatte sie nicht geschlafen, denn sie hatte den Zauber aufrechterhalten m�ssen. Eine Kugel, die schimmerte wie Glas und in deren Innerem ein unstetes wei�es Licht flackerte.</p><p>Jetzt lie� sie die Kugel ein St�ck weit �ber ihrem Kopf schweben. Es war nur ein Illusionszauber, aber keiner dort unten vor dem H�gel w�rde an ihren Worten zweifeln. Sie w�rden glauben, was sie ihnen sagte.</p><p>Skanga sp�rte tausende Blicke auf sich ruhen. Sie waren ihr schwer wie ein M�hlrad. �Krieger der Snaiwamark, euer K�nig ist von euch gegangen. Er starb nicht durch den Stahl einer Elfenklinge. Es war Magie der sch�ndlichsten Art, die ihn letztlich das Leben kostete. Elfenmagie, gewirkt von der Tyrannin Emerelle. Sie war es, die den Albenpfad vernichtete, auf dem unser Heer marschierte. Sie hat getan, was noch keines der Kinder der Alben zuvor gewagt hat: Sie hat sich an der Magie der �lteren vergangen. Sie hat ein St�ck aus dem magischen Wegenetz gerissen, das die Alben uns zum Geschenk gemacht haben. Wir Albenkinder sollten diese Gaben h�ten. Doch Emerelle wusste, dass sie uns nicht mehr besiegen konnte. So tat sie das Unverzeihliche, statt sich in ihr unabwendbares Schicksal zu f�gen.�</p><p>Skanga streckte beide H�nde der Lichtkugel entgegen, die �ber ihrem Haupt schwebte. �Bei deiner Seele, Branbart, schw�re ich Emerelle eine Fehde bis in den Tod. Ich werde nicht ruhen, bis ich sie von ihrem Thron vertrieben habe. Ich wei� nicht, wie ihr f�hlt, aber mir schmerzt das Herz in der Brust, wenn ich bedenke, wie Branbart, der K�nig, der uns die gestohlene Snaiwamark zur�ckerobert hat, durch einen sch�ndlichen Zauber fallen musste. H�rst du mich, mein K�nig?�</p><p>Sie lie� das Licht in der Kugel flackern. �Seht, ihr Trollkrieger! Branbart ist bei uns!� Skanga kniete nieder. Ihre alten Gelenke knackten, und sie hatte Sorge, dass sie trotz des Stabes vielleicht nicht ohne Hilfe wieder aufstehen k�nnte. �Bald gebe ich dich frei, mein Gebieter. Doch deine Kinder sollten dich noch ein letztes Mal sehen. Wisset, Krieger der Snaiwamark, drei Tage und drei N�chte k�mpfte Branbart gegen die Schatten im Nichts, die heimt�ckischen Yingiz, die �ber uns herfielen, als der Albenzauber gebrochen ward. Selbst als l�ngst jeder Krieger gefallen war, der mit uns in die heimt�ckische Falle geriet, mochte er nicht aufgeben. Doch die Zahl der Feinde war zu gro�. Wo er einen �berwand, standen sogleich zwei neue. Zuletzt bezwangen ihn die Seelenfresser, und sie zerst�rten seinen Leib. Doch ich konnte retten, wonach sie sich am meisten verzehrten: die Seele des Kriegerhelden. So wird Branbart uns wiedergeboren werden.� Skanga beobachtete, wie mehr und mehr Krieger auf die Knie gingen. Sie kannte sie. Sie waren rau und in den Augen der meisten anderen Albenkinder blutd�rstige Ungeheuer, aber sie verehrten tapfere K�mpfer. Selbst wenn es Feinde waren.</p><p>�Seine letzten Worte, als er todwund in meinen Armen lag, galten euch, Krieger der Snaiwamark. Verschenkt das Land eurer Ahnen, um das wir so bitter gek�mpft haben, nicht an eure Feinde. Seid eins und wartet, bis euch ein neuer K�nig geboren wird. Lasst alle Fehden ruhen! Euer K�nig ist tot. Doch er wird wiederkehren, denn Branbarts Liebe zu euch reicht �ber das Grab.�</p><p>Irgendwo unten auf der Ebene schlug jemand eine Kriegskeule auf seinen Holzschild. Ein zweiter Krieger nahm den Rhythmus auf, dann ein Dutzend. Binnen weniger Herzschl�ge hallte die Eisebene wider vom Dr�hnen der schweren Schilde. Sein Heer entrichtete Branbart einen letzten Gru�.</p><p>Vielleicht war Branbarts Seele jetzt ganz nahe. Irgendwo musste sie ja sein, dachte Skanga, und sie hoffte, dass ihr K�nig diesen Abschied miterlebte. Aber auf diese Hoffnung allein h�tte sie nicht bauen k�nnen. Sein Volk brauchte etwas Sichtbares.</p><p>H�her und h�her stieg die magische Kugel, und dann lie� Skanga den Zauber in einem glei�enden Leuchten vergehen, das einen Lidschlag lang von Horizont zu Horizont reichte. Das L�rmen verstummte. Alle starrten in den eisigen Winterhimmel.</p><p>Die Schamanin sp�rte die Hitze des Albensteins durch ihr Flickengewand. Der Zauber hatte sie die letzten Kr�fte gekostet. Bei jedem Atemzug sp�rte sie die gebrochenen Rippen, und das Handgelenk, das Branbart ihr verdreht hatte, brannte immer noch vor Schmerz. Mit zitternden H�nden klammerte sie sich an ihren Stab. Birga war bei ihr, bevor sie etwas sagen konnte. Behutsam half ihr die junge Schamanin auf die Beine. Sie st�tzte Skanga, als ihre Meisterin den vereisten H�gel hinabstieg.</p><p>Skanga �rgerte sich dar�ber, so schwach zu sein. Sie musste schlafen. Ihre blinden Augen blickten zum weiten Himmel empor. �War es gut?�, fragte sie leise. Sie konnte nur die Farben der Magie sehen. Wie der Zauber f�r ein gew�hnliches Auge aussah, vermochte sie nicht einmal zu ahnen.</p><p>Wieder erklang das Schildschlagen auf der Ebene. �Du hast den Namen Branbarts so unsterblich wie seine Seele gemacht�, sagte Birga feierlich.</p><p>Skanga dachte an das Nichts. An die lockenden Stimmen der Yingiz und das tausendfache Sterben. Unsterblich waren sie nicht, die Seelen. Sie blickte zum Himmel hinauf. Vielleicht w�rde Branbart ihr verzeihen.</p><p>Skangas Kniegelenke schmerzten, als habe man gl�hende Kohlen hinter ihre Kniescheiben gelegt. Welch einen r�hrseligen Unfug sie gerade gedacht hatte! Sie hatte es nicht n�tig, dass Branbart ihr verzieh. Wenn seine Seele wiedergeboren wurde, w�re alle Erinnerung an sein vergangenes Leben ausgel�scht. Sie konnte dann von neuem damit beginnen, den K�nig zu formen, wie sie es schon so oft getan hatte.</p></section><section><title><p>Euterl�use und B�cherschlag</p></title><p>Ollowain schob die Lutin zur Seite. Deshalb also hatte Emerelle darauf bestanden, dass ein Schwertk�mpfer mit in die Bibliothek kam! Ein riesiger geh�rnter Schatten hatte sich schnaufend zwischen den Schreibpulten erhoben. Ein Minotaur! Ein Fleisch fressendes Ungeheuer, gr��er, st�rker und vor allem unberechenbarer, als es selbst die Trolle waren.</p><p>Die Bestie machte einen Schritt voran. Die Bewegung wurde von einem merkw�rdigen, h�lzernen Klacken begleitet.</p><p>Ollowain blinzelte. Der Minotaur schien sich auf einen wuchtigen Kampfstab zu st�tzen.</p><p>�Liuvar!�, rief Ganda. Es war das elfische Wort f�r Frieden. Welch eine kindische Idee, solch eine Bestie mit der Bitte um Frieden aufhalten zu wollen!</p><p>Der Kentaur hob etwas, das um seinen Hals hing. Durchdringender Glockenklang ert�nte.</p><p>�Ganz hervorragend, Ganda. Jetzt hast du ihn auch noch auf die Idee gebracht, Verst�rkung zu rufen. Als ob ein Minotaur noch nicht genug �rger w�re!� Vorsichtig n�herte Ollowain sich der Bestie. Er hatte entschieden, dass es g�nstiger war, zwischen den Stehpulten zu k�mpfen. Ihn w�rden sie weniger behindern als dieses Monstrum, das fast doppelt so gro� war wie er.</p><p>�Es hie� immer, man m�sse die W�chter der Bibliothek um Frieden bitten�, fl�sterte die Lutin kleinlaut.</p><p>Der Minotaur schnupperte. �Habt ihr W�rmer?�, fragte er schwerf�llig.</p><p>Ollowain hielt inne. Es war ein Ritual, sich vor einem Zweikampf gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Trolle und andere Barbaren begannen gew�hnlich damit, uns�gliche Dinge �ber die Mutter ihres Gegners und dessen Abstammung zu behaupten. Aber die Frage, ob man W�rmer habe, war etwas ganz Neues. Der Schwertmeister �berlegte kurz. Er sollte �hnlich primitiv und derb antworten. �Hast du Euterl�use?�</p><p>�Nein.� Der Minotaur sprach langsam, als wolle er jedes Wort erst wiederk�uen, bevor er es �ber die Lippen lie�. �Nat�rlich nicht. Ich bin ein Stier.�</p><p>Mit einem weiten Satz sprang Ollowain auf eines der Stehpulte. Der schmale Tisch war massiv und schwer; er bewegte sich nicht, als der Elf darauf landete. Der Schwertmeister beobachtete seinen Gegner misstrauisch. Entweder war der Minotaur sehr d�mlich oder ein sehr selbstbewusster K�mpfer. Er blickte in Ollowains Richtung. Das war seine einzige Reaktion darauf, dass der Schwertmeister nun fast in Angriffsreichweite war.</p><p>Der Elf sch�tzte seine Aussichten, den Minotauren mit einem einzigen Hieb zu t�ten, als gut ein. Die Stehpulte gaben ihm im Kampf einen unerh�rten Vorteil. Durch sie stand er hoch genug, um einen direkten Schwerthieb gegen die Kehle des Ungeheuers zu f�hren.</p><p>Aber etwas stimmte hier nicht. Dieser d�mliche Stierkopf verhielt sich zu l�ssig. Er hob nicht einmal seinen Kampfstab ...</p><p>Eiliger Hufschlag donnerte in der Ferne. Noch mehr von diesen H�rnertr�gern! Was, zum Henker, mochte die Minotauren veranlasst haben, die Bibliothek zu besetzen? Diese Raubeine waren etwa so bibliophil veranlagt wie Trolle oder Nixen. Sie hatten hier nichts verloren.</p><p>Der Schwertmeister spannte sich. Er musste angreifen, damit wenigstens der erste Gegner schon bezwungen war, bevor die Verst�rkung eintraf. Er federte in den Beinen. Dann sprang er. Mit einem formvollendeten Salto erreichte er das Stehpult neben seinem Gegner. Sein Schwert beschrieb einen blitzenden Bogen und verharrte weniger als einen Zoll breit vor der Kehle des Minotauren.</p><p>Dieser d�mliche Ochsensch�del machte nicht die geringsten Anstalten, sich zu verteidigen. Ollowain konnte ihn doch nicht einfach niedermetzeln! Genauso wenig, wie er die Halsabschneider in der Gasse hatte umbringen k�nnen. Sie waren �bel verpr�gelt worden. Das gen�gte! Sie zu t�ten w�re nicht ritterlich gewesen; zu gro� war das Gef�lle zwischen ihnen. Es lag keine Ehre darin, einen Feind abzuschlachten, der nicht in der Lage war, sich angemessen zu verteidigen.</p><p>�Nicht!�, klang eine Stimme durch die Finsternis.</p><p>Der dr�hnende Hufschlag war nun ganz nahe. Ein wei�er Kentaur preschte heran, der eine helle Laterne bei sich trug.</p><p>�Nicht!�, schrie er noch einmal aus Leibeskr�ften. Ollowain lie� das Schwert sinken.</p><p>Die Hufe des Kentauren schlugen Funken, als er auf dem glatten Steinboden zum Halten kam. �Nicht, im Namen der H�ter des Wissens! Kleos ist harmlos. Er wird euch nichts tun.�</p><p>Der Schwertmeister hatte in seinem Leben schon einige Minotauren getroffen. Er hatte welche in Vahan Calyd im Weihrauchrausch w�hrend des Festes der Lichter beim Tanzen beobachtet, hatte Minotaurenr�uber in den endlosen Weiten des Windlands bek�mpft und sie in den gro�en H�hlen der Mondberge zechen sehen. Er kannte viele Gesichter der gro�en Stierm�nner. Doch harmlosen Minotauren war er noch nie begegnet!</p><p>Das Licht der Laterne erlaubte es dem Schwertmeister, Kleos n�her zu betrachten. Der Minotaur war nicht bewaffnet! Was Ollowain im Dunkel f�r einen Kampfstab gehalten hatte, war ein Kr�ckstock, auf den sich der Stiermann st�tzte. Sein rechtes Bein war schwer verkr�ppelt. Unnat�rlich verdreht vermochte es seinen schweren Leib offensichtlich nicht mehr zu tragen. Und die Augen! Sie waren von einer hellen, warmen Farbe, die an goldenen Bernstein erinnerte. Eines war auf Ollowain gerichtet, w�hrend das andere zur Decke hin verdreht war.</p><p>�Was ist denn mit Kleos passiert?�</p><p>�B�cherschlag�, murmelte der Minotaur undeutlich.</p><p>�B�cherschlag? Was ist das?�</p><p>�Das ist die direkte Folge davon, dass die F�rsten Albenmarks unsere Bibliothek seit einigen Jahrhunderten in str�flichster Weise vernachl�ssigen.�</p><p>Der Schweif des Kentauren peitschte aufgeregt, w�hrend er sprach. Sein Pferdeleib hatte schneewei�es Fell; auch die Haut seines Oberk�rpers war ungew�hnlich blass. Ein �ppiger Vollbart reichte ihm bis weit auf die Brust hinab. Ein schmales Stirnband aus roter Seide b�ndigte das volle Haupthaar. Das Gesicht des Kentauren war von tiefen Falten durchzogen. Zwei strahlende Augen beherrschten das Greisenantlitz. Sie hatten die Farbe von frisch vergossenem Blut.</p><p>�Viele unserer Buchregale sind nicht direkt aus dem Fels geschlagen�, fuhr er in tadelndem Tonfall fort. �Das w�re die sicherste Art, B�cher zu verwahren, aber es fehlt uns an Steinmetzen. Also sind die meisten Regale aus Holz, das uns die Hure Valynwyn in ausreichendem Ma�e zukommen l�sst. Sie hat uns auch Menschensklaven geschenkt, aber denen ist die Bibliothek nicht zutr�glich. Sie werden schon nach kurzer Zeit wahnsinnig. Was wir hier br�uchten, w�ren ein paar hundert Kobolde, die uns die Regale in Ordnung bringen. Wir haben hier Holzw�rmer. Schimmel zum Gl�ck nicht, daf�r ist die Luft zu trocken.� Er klopfte sich auf die Brust und hustete. �Obwohl trockene Luft den Lungen weit weniger zutr�glich ist als unseren B�chern und Schriftrollen. Aber ich schweife ab. Man wei� nie, wie schlimm es mit den Holzw�rmern ist. Manchmal sieht man in den Regalbrettern nur ein paar L�cher, aber in der Tiefe sind sie schon hoffnungslos zerfressen. Wenn es so weit ist, dann gen�gt manchmal eine geringf�gige Ersch�tterung des Bodens, und ein Regal st�rzt unter der Last seiner B�cher in sich zusammen. Eine Ersch�tterung wie von Kentauren- oder Minotaurenhufen. Ihr leichtf��igen Elfen werdet nur sehr selten vom B�cherschlag getroffen.�</p><p>�Du willst mir doch nicht erz�hlen, Kleos s�he so aus, weil ihm ein paar B�cher auf die Schultern geprasselt sind.�</p><p>�Ein paar B�cher�, polterte der Kentaur los. �Der Weise schweigt lieber, als �ber Dinge zu reden, von denen er keine Ahnung hat. Aber offensichtlich bin ich hier an einen Krieger und nicht an einen Weisen geraten.� Der Pferdemann bedachte das blanke Schwert, das Ollowain noch immer in der Hand hielt, mit einem missbilligenden Blick. �Wir haben Regale, die vierzig Schritt hoch sind und in denen so viel Holz steckt, dass man eine Galeere daraus bauen k�nnte. Kannst du dir vorstellen, wie du aussiehst, wenn dir eine Galeere auf die Schultern f�llt? Ganz zu schweigen von den tausenden von B�chern. Das ist es, was wir einen B�cherschlag nennen, Krieger. Es ist wie eine Lawine. Wir haben f�nf Tage gebraucht, um Kleos zu befreien. Er war so zwischen B�chern eingequetscht, dass er sich nicht bewegen konnte. Seine rechte H�fte und sein rechtes Knie waren zerschmettert. Ganz zu schweigen von seinem Sch�del. Und w�hrend er hilflos dalag, sind ihm wohl Holzw�rmer in die Nase gekrochen. Er muss schrecklich gelitten haben.� Der Kentaur senkte die Stimme. �Seitdem ist er ein wenig seltsam.�</p><p>�Kleos� Ohren sind noch gut!� Der stierk�pfige H�ne schnaubte. �Und Kleos zerstampft W�rmer!� Seine N�stern bl�hten sich erneut, und er schnupperte an Ollowain. �Du bist sicher, dass du keine W�rmer an dir tr�gst? Manchmal verstecken sie sich auch in einem. In der Nase oder in den Ohren.�</p><p>Der Minotaur zerrte am Turban des Schwertmeisters und blickte ihm mit seinem gesunden Auge ins Ohr.</p><p>�Ganz sicher�, entgegnete Ollowain und schob sein Schwert zur�ck in die Scheide.</p><p>�Kleos war vor seinem Unfall der H�ter des Wissens in einem ganzen Abschnitt der Bibliothek. Es gibt wohl niemanden mehr in Albenmark, der sich in den Geheimnissen der Braukunst so gut auskennt wie Kleos einst. Aber der B�cherschlag hat ihn wie gesagt durcheinander gebracht. Seitdem wacht er hier am Tor.�</p><p>�Und Kleos wacht �ber die W�rmer!� Der Minotaur stapfte witternd in Richtung des Mosaiks, bei dem sich der Albenstern befand.</p><p>�Er ist ein wenig schwierig�, fl�sterte der Kentaur. �Er hat schon ganze Regale verw�stet, weil er glaubte, B�cherw�rmer entdeckt zu haben. Und vor drei Monden hat er den s�dlichen Speisessaal verw�stet, weil es Nudeln gab, die er f�r W�rmer gehalten hat. Hier, als W�chter beim Albenstern, kann er den wenigsten Schaden anrichten.�</p><p>�Kann ihm denn kein Heilkundiger helfen?�</p><p>Der Kentaur bedachte den Schwertmeister mit einem durchdringenden Blick. �Ich sagte dir doch schon, man hat uns in Albenmark vergessen. Uns fehlen nicht nur Steinmetzen und Zimmerleute, wir haben auch keinen Heilkundigen hier. Mit dieser Hure Valynwyn meiden wir soweit m�glich jeglichen Umgang. Sie mag einmal eine bedeutende Heilerin gewesen sein, aber jetzt ...� Er peitschte wild mit dem Schweif. �Reden wir lieber nicht dar�ber.</p><p>Das regt mich nur zu sehr auf! Dass eine Elfe sich Menschen hingeben kann! Widerlich ... Unnat�rlich!� Der Kentaur strich sich �ber den langen Bart. �Wir haben selten Besuch hier unten in letzter Zeit.�</p><p>�Vielleicht liegt das an eurem neuen W�chter. Mich hat er erschreckt.�</p><p>�Nein, nein. Kleos ist ganz friedlich.�</p><p>�Das steht ihm nicht gerade auf der Stirn geschrieben.�</p><p>�Du wirst schon sehen, Fremder ...� Der Kentaur wirkte pl�tzlich verlegen. �Wie unh�flich von mir�, murmelte er, ohne dass er die blutroten Augen abgewandt h�tte. �Ich bin Chiron von Arkadien, seinerzeit Lehrer des K�nigs von Tanthalia.�</p><p>Der Schwertmeister deutete eine Verbeugung an. �Mein Name ist Ollowain.�</p><p>�Der Ollowain? Der Schwertmeister Emerelles?� Chiron pfiff leise durch die Z�hne. Dann musterte er sein Gegen�ber vom Scheitel bis zur Sohle. �Ollowain also ... In der Bibliothek gibt es ein eigenes Regalbrett mit B�chern und Berichten �ber dich. Meister Gengalos wird sich freuen, einen so bedeutenden Gast willkommen zu hei�en. Er ist der H�ter des Wissens in diesem Bereich der Bibliothek.�</p><p>Kleos schob ger�uschvoll einige Tischpulte zur Seite. �Wo ist das M�dchen?�, rief er �rgerlich. �Sie wird doch keine W�rmer verstecken!� Ganda trat hinter einem der Pulte hervor und hielt sich dicht an Ollowains Seite.</p><p>�Ich habe keine W�rmer�, sagte sie freundlich. �Du musst dir meinetwegen keine Sorgen machen.� Ollowain wunderte sich dar�ber, dass sie nichts unternahm, um den h�nenhaften W�chter zu verspotten. Offensichtlich hatte sie beschlossen, in der Bibliothek etwas diplomatischer als sonst vorzugehen, dachte der Elf erleichtert.</p><p>Ganda trug zwar noch das perlenbesetzte wei�e Kleid, doch hatte sie wieder ihre eigentliche Gestalt angenommen. Ihr Fuchskopf kam Ollowain jetzt sehr befremdlich vor. Er hatte sich an das Gesicht des kleinen M�dchens gew�hnt.</p><p>�Das ist ja eine Lutin!�, rief Chiron zutiefst ersch�ttert. �Du hast eine Lutin hierher gebracht! Wie konntest du nur!�</p><p>�Das ist ja ein Kentaur�, �ffte Ganda seinen Tonfall nach.</p><p>�Und im �brigen war ich es, die Ollowain hierher gebracht hat. Nur um die Tatsachen klarzustellen.� Sie leckte sich mit ihrer kleinen rosa Zunge �ber die Nasenspitze und bedachte den Pferdemann mit einem sp�ttischen Blick. �Ich bin neugierig herauszufinden, wer von uns der Bibliothek hier gr��eren Schaden zuf�gt. Eine Lutin, der ein Elf auf die Finger schaut, damit sie keine B�cher klaut, oder ein Kentaur, der gro�e Haufen in den G�ngen hinterl�sst, weil sein Volk zu d�mlich ist, sich auf einem Donnerbalken niederzulassen.�</p><p>Bei der Vorstellung von einem Kentauren auf einem Donnerbalken musste Ollowain ein Grinsen unterdr�cken. Er r�usperte sich verlegen. �Sie meint es nicht, so. Sie ...�</p><p>�Doch, doch. Sie meint es genau so�, unterbrach ihn Chiron.</p><p>�Sie ist eine Lutin! Und ich hoffe, dass du genau das tun wirst, was sie sagt. Ihr auf die Finger schauen! B�cherdiebstahl ist das schlimmste aller Verbrechen. Diese Bibliothek ist das Ged�chtnis unserer Welt. Was alle anderen l�ngst vergessen haben, wir bewahren es. Wer hier etwas stiehlt, der mordet ein St�ck der Erinnerung unserer Welt. Ja, solch ein Dieb ist sogar schlimmer als ein M�rder, auch wenn an seinen H�nden kein Blut klebt. Ein M�rder l�scht ein Leben aus, aber er kann nicht die Erinnerung an sein Opfer l�schen. Ein Diebstahl hier vermag hingegen das letzte Wissen �ber l�ngst vergangene K�nigreiche zu vernichten. Dann ist es, als h�tte es sie niemals gegeben. Und wende jetzt nicht ein, ein Dieb w�rde seine Beute nicht vernichten. Wenn ein Buch verschwindet und wir nicht mehr wissen, wo es zu finden ist, dann betrachten wir es als vernichtet.�</p><p>Er warf der Lutin einen vernichtenden Blick zu. �Die H�ter des Wissens sind f�r ihren Langmut bekannt, doch wenn du ein Buch entwendest, dann kennen wir daf�r nur eine Strafe, die Strafe f�r besonders gewissenlose und heimt�ckische M�rder: den Tod. Und du ...�</p><p>�Ja, ja, es reicht. Ich habe verstanden. Ich werde mich nicht an euren geliebten Schriften vergehen. Sehe ich vielleicht aus wie ein B�cherwurm?�</p><p>Ollowain warf dem Minotauren einen besorgten Blick zu. Solche Scherze sollte sich Ganda lieber verkneifen!</p><p>Der stierk�pfige H�ne neigte den Kopf. Sein linkes Auge musterte sie aufmerksam, w�hrend das rechte weiterhin die Decke anstarrte.</p><p>Der Schwertmeister hielt den Atem an.</p><p>Kleos lie� die Augen rollen, dann verfiel er in ein bellendes Lachen, das die Pulte im weiten Saal erbeben lie�. �Nein, M�dchen. Du bist kein B�cherwurm. Wirklich nicht!� Der Minotaur hinkte ihr entgegen und t�tschelte ihr mit der riesigen Pranke �ber den Fuchskopf. �Kein Wurm. Wirklich nicht!�</p><p>�Wenn ihr mit den Vertraulichkeiten fertig seid, w�rdet ihr dann in Erw�gung ziehen, mir zu folgen?� Chiron hatte ein wenig Abstand von ihnen genommen, lie� Ganda aber nicht aus den Augen. �Ich muss euch nun zu Meister Gengalos bringen, einem der H�ter des Wissens. Er wird dar�ber entscheiden, welchen Dienst ihr der Bibliothek erweisen k�nnt.�</p><p>�Was f�r einen Dienst?�, wollte Ganda wissen. �Wir sind im Namen der K�nigin hier, um etwas in Erfahrung zu bringen. Du wirst doch wohl nicht unsere Mission behindern?�</p><p>�Dar�ber habe ich nicht zu befinden.� Er wandte sich um.</p><p>�Wenn ihr mir nun folgen w�rdet? Alle weiteren Fragen wird euch Meister Gengalos beantworten.�</p><p>Schweigend f�hrte sie Chiron durch weite Hallen und Flure. Endlose Regale zogen an ihnen vor�ber. Die schiere Anzahl der B�cher lie� Ollowain verzweifeln. Ohne Hilfe k�nnte man hier bis ans Ende seiner Tage suchen � selbst als Elf.� Auf dem ganzen Weg begegneten sie niemandem. Gab es hier denn keine anderen Besucher au�er ihnen? Ollowain machte sich Sorgen wegen der Lutin. Hoffentlich war ihr klar, dass sie auf Hilfe angewiesen waren.</p><p>Die Bibliothek war ein Ort der Finsternis. Nur wenige Laternen beleuchteten die weiten Flure. Die D�sternis lie� die Hallen noch gr��er und abweisender erscheinen. Ab und zu waren Barinsteine in die Decken eingelassen, die warmes, honigfarbenes Licht verstrahlten. Doch sie waren viel zu selten. Mit der Zeit kam der Elf zu der �berzeugung, dass hier an allem Mangel herrschte au�er an B�chern.</p><p>Sie mochten eine halbe Stunde oder l�nger gegangen sein, als Chiron sie in einen Saal mit bunt bemalter Decke f�hrte. Es war der erste Ort, den sie betraten, an dem das Licht �ber die Schatten siegte. Eine lange Reihe von Lesepulten stand im Mittelgang zwischen wuchtigen Regalen. Dort sa� eine einzelne, schlanke Gestalt in einer sandfarbenen Kutte. Sie hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und war ganz darin versunken, welke Bl�tter zu betrachten, die vor ihr auf dem Lesepult lagen.</p><p>Chiron gab ihnen ein Zeichen, stehen zu bleiben, und ging dann das letzte St�ck zum Pult. Lange Zeit blickte er auf die vermummte Gestalt hinab, bis er sich schlie�lich leise r�usperte.</p><p>�Meister Gengalos, verzeiht, wenn ich st�re. Es sind G�ste eingetroffen. Sie sagen, K�nigin Emerelle habe sie geschickt. Einer von ihnen ist der ber�hmte Schwertmeister Ollowain.�</p><p>Die Gestalt am Pult hob das Haupt, doch ihr Gesicht blieb im Schatten der Kapuze verborgen. �So, so. Gesandte der K�nigin.� Seine Stimme klang warm und freundlich. �Und ich nehme an, sie haben es eilig.�</p><p>Chiron l�chelte. �Ihr sagt es, Meister.�</p><p>�Ollowain, Schwertmeister von Albenmark, und auch Ihr, junge Lutin, tretet vor, damit ich �ber Eure Aufgaben entscheiden kann�, sagte der Kuttentr�ger feierlich.</p><p>Ollowain zog das Siegel der K�nigin aus seiner B�rse und legte es vor dem H�ter des Wissens auf den Tisch. �Bei allem Respekt, Meister Gengalos, aber wir k�nnen uns nicht irgendwelchen aufw�ndigen Ritualen und Pr�fungen unterwerfen. Wir sind im Auftrag der K�nigin hier, und unsere Mission gebietet uns gr��te Eile. Seht Emerelles Siegel als Beweis f�r die Wahrheit meiner Worte. Ich bitte Euch darum, uns mit allen zur Verf�gung stehenden Mitteln zu unterst�tzen.�</p><p>Gengalos strich mit schlanken, wei�en Fingern �ber eines der vor ihm liegenden Dokumente. Jetzt erst bemerkte Ollowain, dass alle Bl�tter auf dem Tisch mit Mustern aus zierlichen Buchstaben bedeckt waren. Die Schriftzeichen waren nicht in Reihen angeordnet. Sie schienen sich vielmehr an den Adern der Bl�tter auszurichten.</p><p>�Bevor ich auf deine Forderung antworte, sollst du wissen, dass ich kein nachtragender Mann bin, Ollowain. Du ahnst wahrscheinlich nicht, wie oft ich an den F�rstenh�fen Albenmarks war und eine ganz �hnliche Bitte vorgetragen habe wie du: die Bitte um Unterst�tzung. Diese Bibliothek droht zu zerfallen. Du hast Kleos ja gesehen. Einst war er ein Weiser, nun ist er nur noch ein W�rmerj�ger. B�cher brauchen Pflege, Ollowain. Und unsere Bibliothek w�chst. St�ndig kommen neue Schriften hinzu, ohne dass wir die M�glichkeit h�tten, unsere R�umlichkeiten zu erweitern. Gewiss, man mag meinen, mehr als tausend Leses�le � die B�cherlager und kleineren Leser�ume gar nicht mitgerechnet � seien genug. Doch unser Wissen w�chst mit jedem Tag. Wir sind wie ein Zierbaum, der in ein zu enges Gef�� gepflanzt wurde. Unsere Wurzeln bilden verschlungene Knoten. Wir werden an uns ersticken, wenn wir keine Hilfe erhalten, oder aber wir m�ssen damit beginnen, Wissen zu vernichten. M�ssen Dinge f�r unwichtig erkl�ren und sie fortwerfen.�</p><p>Er deutete auf das welke Blatt vor ihm. �Dies sind Gedichte von Bl�tenfeen, niedergeschrieben auf Eichenbl�ttern. Seit vielen Jahren besch�ftige ich mich nun schon mit dieser Lyrik, und doch verzaubert sie mich jeden Tag aufs Neue. Schriftzeichen und Blattadern stehen in vieldeutiger Harmonie zueinander. Bl�tenfeen gelten als sprunghaft und geschw�tzig, doch wem sich ihre Gedichte erschlie�en, der begreift, dass sie vielleicht die zartesten Seelen Albenmarks sind. So zart, dass sie schon unter einem Schatten vergehen.� Er hob den Kopf.</p><p>�Nicht wahr, Ganda?�</p><p>�Du liest in meinen Gedanken, Meister?� Die Lutin h�rte sich �berraschend kleinlaut an.</p><p>Die Erkenntnis, dass man vor Gengalos nichts verbergen konnte, beunruhigte Ollowain. Um m�glichst wenig von sich preiszugeben, dachte er an die Schrittfolgen der ersten Lektion des Schattenkampfs, einer Schwertkampf�bung, bei der man wie ein T�nzer in streng festgelegten Bewegungsabl�ufen gegen imagin�re Gegner antrat.</p><p>�Was sperrst du dich, Schwertmeister?� Gengalos klang entt�uscht. �Zu wissen ist meine Aufgabe. Das ist der Sinn dieser Bibliothek. Also nehme ich Wissen auf, wo immer ich es finde, und ich suche vor allem dort, wo man etwas vor mir verbergen will. Aber ich werde es dir nicht mit Gewalt entrei�en. Ihr wollt meine Hilfe. Ihr seid hier, um den Schaden zu begrenzen, den eure K�nigin im Zorn angerichtet hat. Eigentlich sollte Emerelle hier stehen ...�</p><p>�Sie verteidigt Albenmark�, unterbrach ihn Ollowain k�hl.</p><p>�Das Herzland ist in Gefahr.�</p><p>�Ja, in einer Gefahr, die Emerelle selbst heraufbeschworen hat. Glaubst du, sie war leichtfertig? Oder hat sie es getan, um ihre Herrschaft im Schatten einer neuen Bedrohung auch weiterhin zu rechtfertigen? Glaubst du, Albenmark wird vergehen, wenn Emerelle nicht mehr herrscht? Glaubst du, das Werk der Alben ist so schwach, dass es von einer einzigen Seele abh�ngt?�</p><p>�Was ich glaube oder nicht, tut nichts zur Sache. Ich habe eine Mission, und die werde ich erf�llen. Wirst du mir helfen, Meister Gengalos? Stehst du f�r oder wider die K�nigin? Bekenne dich!�</p><p>Der H�ter des Wissens erhob sich. Er war fast einen Kopf gr��er als Ollowain. �Das ist das �rgernis mit euch Elfen. Ihr bringt wunderbare K�nstler hervor, Dichter und Philosophen, Baumeister und Krieger, die ihresgleichen suchen. Nur in einer Sache seid ihr j�mmerlich. Entweder ist man f�r euch, oder man ist gegen euch. Dazwischen gibt es nichts. Euch w�rde niemals einfallen, dass ihr Feinde habt, die euch im Grunde ihres Herzens lieben. Ein Teil eurer Gr��e liegt darin begr�ndet, dass ihr euch gegen sie behaupten m�sst. Vielleicht bin auch ich solch ein Feind, Ollowain? Hier gelten Emerelles Befehle und W�nsche nichts. Und komm mir nicht damit, dass Albenmark bedroht ist. Mir bedeutet es ebenso wenig wie Ganda, wer dort herrscht. Eine Welt zu retten ... das ist ein zu gro�es Ziel, um wahrhaftig zu sein. Unsere wirklichen Beweggr�nde sind in der Regel von viel geringerer Natur. Das sch�tze ich an deiner Begleiterin. Sie ist hier, um die Bl�tenfeen vor den Schatten zu retten, die Emerelle so leichtfertig in eure Welt gelassen hat. Sie kennt ihre Gedichte, und sie war ihren Seelen nahe. Auch wenn mein gesch�tzter Freund Chiron nicht viel von den Lutin im Allgemeinen h�lt, so hei�e ich dich ausdr�cklich willkommen in der Bibliothek, Ganda. Die Schriften �ber die Geheimnisse der Alben werden dir offen liegen. Doch sei gewarnt, sie k�nnen den Geist verwirren und sind nur selten eine Hilfe. Du aber, Ollowain, wirst f�r euch beide den Preis zahlen, den Iskendria von seinen Besuchern fordert. Du wirst dem H�ter der Albenschriften in allen Einzelheiten von den K�mpfen um die Snaiwamark berichten. Unser Wissen �ber diese Auseinandersetzung ist noch sehr l�ckenhaft, und wer k�nnte diese L�cken besser schlie�en als der Feldherr, der den Oberbefehl auf Seiten der Elfen f�hrte.�</p><p>�Das kann ich nicht�, sagte der Schwertmeister.</p><p>�Warum? Weil du die Erinnerung an all das, was zu Lyndwyns Tod f�hrte, tief in dir begraben m�chtest?�</p><p>�Wenn du ohnehin in meinen Gedanken liest, warum sollte ich dir dann noch etwas berichten?�, begehrte Ollowain auf.</p><p>�Weil es dir Freude macht, mich zu qu�len?�</p><p>�Nein, Elf. Weil es einen Unterschied macht, ob diese Geschichte in deinen oder meinen Worten niedergeschrieben wird. Du hast bis morgen Zeit, dich zu entscheiden, Ollowain. Chiron wird euch jetzt zu euren Unterk�nften bringen, in denen ihr ein Nachtlager f�r die Dauer eures Aufenthalts in der Bibliothek findet. So ist es Brauch bei uns. Jeder Suchende soll zun�chst eine Nacht mit sich und seinen Gedanken verbringen, bevor wir ihn zu den B�chern f�hren. Ihr seid nun entlassen.�</p><p>Der Schwertmeister ahnte, dass es sinnlos w�re, sich gegen die Befehle von Meister Gengalos aufzulehnen. Noch wusste er nicht, wie er sich entscheiden w�rde. Bisher hatte er allein Emerelle von den Ereignissen in Phylangan berichtet. Sonst hatte er mit niemandem dar�ber gesprochen. Es war zu schmerzhaft.</p><p>Ganda schwieg, bis Chiron ihnen beiden ihre R�ume zugewiesen hatte. Die Lutin war ungew�hnlich still. Erst als der Kentaur l�ngst gegangen war und Ollowain auf seinem Bett ruhte, ohne Schlaf finden zu k�nnen, kam sie zu ihm.</p><p>�Ich glaube, wir werden betrogen�, fl�sterte sie. �Ich gehe mich jetzt ein wenig umsehen. Ich habe das Gef�hl, dass sie irgendwelche B�cher vor uns verbergen wollen und wir deshalb in diese Zimmer gebracht worden sind. Sie h�tten uns doch gleich zu den Schriften bringen k�nnen. Du hast Gengalos deutlich genug gesagt, dass es eilig ist.�</p><p>Ollowain zuckte m�de mit den Schultern. �Du hast doch geh�rt, was Gengalos meinte. Dass es Brauch sei, sich eine Nacht lang zu besinnen.�</p><p>�Ach, Schnickschnack! Es w�rde mich nicht wundern, wenn er diesen Brauch eben erst erfunden h�tte! Sie haben etwas zu verbergen, deshalb haben sie uns erst einmal hierher geschafft. Hast du etwas dagegen, wenn ich jetzt einen kleinen Spaziergang unternehme?�</p><p>�W�rdest du dich denn daran halten, wenn ich es dir verbieten w�rde?�</p><p>Die Lutin l�chelte verschmitzt. �Vielleicht. Du bist doch der Anf�hrer.�</p><p>�Geh.�</p></section><section><title><p>Ein Saal aus Licht</p></title><p>Ganda war m�de, und sie �rgerte sich �ber Chiron. F�nf Schritt voraus wackelte sein verdammter Pferdeschweif, und sie war sich sicher, dass ihm bewusst war, dass er gerade so schnell ging, dass sie laufen musste, um mit ihm und Ollowain Schritt zu halten.</p><p>Ohne sie oder den Schwertmeister auch nur eines Blickes zu w�rdigen, schwadronierte er �ber die Wunder der Bibliothek. Sie eilten an W�nden entlang, die mit Regalen bedeckt waren, welche sich zur Decke hin in der Finsternis verloren. Spiralf�rmige Leitern wanden sich an den B�cherw�llen empor und f�hrten auf schmale, h�lzerne Galerien, wo Ganda noch mehr Leitern entdecken konnte, die immer weiter hinauff�hrten.</p><p>Sie fragte sich, welche B�cher wohl dort oben standen? Die besonders bedeutsamen, die man vor den Blicken Uneingeweihter verstecken wollte? Oder die besonders nichts sagenden, die man in die fernsten Winkel verbannte, weil sie es nicht wert waren, auch nur die Aufmerksamkeit eines fl�chtigen Blickes im Vor�bergehen zu erhalten?</p><p>Ganda war in der Nacht noch lange unterwegs gewesen, und obwohl sie mit solchen heimlichen Ausfl�gen bestens vertraut war, hatte sie sich beinahe verirrt. Die Bibliothek war ein Labyrinth. Sie hatte einer der unsichtbaren Kraftlinien folgen m�ssen, bis sie zum Albenstern fand, der sie hierher gebracht hatte. Erst von diesem bekannten Ort aus hatte sie es geschafft, wieder zur�ck zu ihrem Zimmer zu finden. Den Weg zum Albenstern w�rde sie in Zukunft ohne M�he finden. Es war immer gut zu wissen, dass es einen Fluchtweg gab.</p><p>Als Ganda zu ihrem Zimmer zur�ckkehrte, hatte sie Licht durch den T�rspalt von Ollowains Kammer fallen sehen. Offensichtlich hatte auch er keinen Schlaf finden k�nnen. War die Erinnerung an Phylangan so qu�lend? Oder war es etwas anderes, das ihm die Nachtruhe raubte? Am n�chsten Morgen sah man ihm nicht an, dass er �bern�chtigt war. Das war das �bel mit den Elfen! Sie konnten tun und lassen, was sie wollten, nichts hinterlie� eine Spur an ihnen. Wie aus Marmor gehauen waren ihre Gesichter. �rgerlich! Sie selbst hatte blutunterlaufene Augen und f�hlte sich wie eine Schlafwandlerin, als sie jetzt diesem �berheblichen Kentauren hinterherlief.</p><p>�Zur Linken beginnen die Hallen der Menschen.� Chiron deutete auf rautenf�rmige Regale, die an ein Weinlager erinnerten, nur dass hier statt kostbarer Flaschen Stapel von Schriftrollen aufbewahrt wurden, die jede f�r sich in einer steifen, ledernen Schutzrolle steckten, an deren Verschluss ein Papierfetzen Auskunft �ber die Texte gab, die darin verwahrt lagen. �Wir unterhalten zwei Schreiber in der Bibliothek der Menschen�, fuhr der Kentaur in n�selndem Tonfall fort. �Sie fertigen von allem Bedeutsamen, was die Menschen dort oben niederschreiben, eine Kopie f�r uns. Kunst findet man unter diesen Werken nicht, und ihre vermeintlichen Erkenntnisse bringen den Leser in Wahrheit weniger zum Erstaunen als vielmehr zum Schmunzeln. Sie haben kaum eine Ahnung von den Geheimnissen ihrer Welt, was sie aber nicht davon abh�lt, sich diese einander wortreich zu erkl�ren.�</p><p>�Ob die Alben wohl �hnliches �ber uns sagen w�rden?�, warf Ollowain ein.</p><p>�Die Alben haben mitgeholfen, diese Bibliothek zu errichten, Elf. Sie haben uns den Weg gewiesen, auf dem wir seither schreiten. Ich glaube nicht, dass man hier irgendetwas mit den j�mmerlichen Bem�hungen der Menschen vergleichen kann.�</p><p>�Sie haben mitgeholfen?� Ganda war einigerma�en �berrascht. �Wie kann man sich das vorstellen? Haben sie Regale aus den Felsw�nden gemei�elt?�</p><p>Chiron blieb so abrupt stehen, dass die Lutin ihn fast angerempelt h�tte. �Es ist schlimm genug, dass ich deine Anwesenheit hier dulden muss, Diebin. Wenn du nun glaubst, du k�nntest die ehrw�rdigen Alben verspotten, dann werde ich daf�r Sorge tragen, dass du schneller aus dieser Bibliothek hinausgeworfen wirst, als du es dir vorstellen kannst.�</p><p>�Gemach, gemach, Meister Chiron�, beeilte sich Ollowain zu sagen. �Verzeiht die etwas vorschnelle Zunge meiner Gef�hrtin. Ist nicht Gro�mut eine der edelsten Tugenden der Weisen? Seid nachsichtig mit Ganda. Und vergebt auch mir, wenn ich die Neugier der jungen Lutin teile. Was haben die Alben getan? Sind uns Schriften von ihnen erhalten geblieben?�</p><p>Der Kentaur stie� einen tiefen Seufzer aus, doch der �rger mochte nicht aus seinem Antlitz weichen. Mit peitschendem Schweif wandte er sich um. �Die Alben haben angeregt, hier in den Tr�mmern der Zerbrochenen Welt einen Hort des Wissens zu errichten. Sie w�hlten diesen Ort f�r unsere Bibliothek, weil er weitab aller Schlachtfelder Albenmarks liegt, und banden ihn ein in ihr Netz der goldenen Pfade. Schriften haben die Alben uns nicht hinterlassen. Doch es gibt Schriften von den ersten Kindern, die sie erschufen. Von jenen, die den Gedanken der Alben noch nahe waren. Doch sind diese Texte so voller abgr�ndiger R�tsel, dass sie sich dem Leser kaum zu erschlie�en verm�gen. Ja, selbst die B�cher, in denen die Gedanken der Alben verwahrt sind, �ffnen sich nicht jedem.� Er bedachte die Lutin �ber die Schulter hinweg mit einem boshaften Blick. �Es hei�t sogar, dass diese B�cher jene strafen, die sie ber�hren, ohne dem h�heren Wohl zu dienen.�</p><p>M�rchen, dachte Ganda bei sich. Solche Geschichten zu verbreiten war billiger, als seine Sch�tze ausreichend gut bewachen zu lassen. Sie hatte einmal ein Mondsteincollier gestohlen, von dem es hie�, jeder Dieb, der es ber�hre, werde binnen drei Tagen sterben. Zugegeben, sie hatte nach dem Diebstahl einen unangenehmen Durchfall bekommen, doch das war wohl eher auf das allzu �ppige Festmahl zur�ckzuf�hren, mit dem sie ihren Erfolg gefeiert hatte, als auf den Todesfluch.</p><p>�Hier sind wir nun.� Chiron war vor einer unscheinbaren T�r stehen geblieben. �Hinter dieser Pforte findet ihr die Schriften, die sich mit den Geheimnissen der Alben befassen. Und ihr werdet Meister Galawayn begegnen, dem H�ter des verborgenen Wissens.�</p><p>Der Kentaur bedachte Ganda mit einem vieldeutigen L�cheln.</p><p>�Wenn ihr die Freundlichkeit h�ttet, noch zu warten, bis ich mich entfernt habe, w�re ich euch sehr verbunden. Mir ist der Saal hinter jener T�r ein wenig unangenehm.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Ollowain.</p><p>�Ich habe erst vor ein paar Tagen einen anderen Gast hierher gebracht.� Er nahm sich die Zeit f�r einen abf�lligen Blick in Gandas Richtung. �Irgendeinen Kobold, einen unbedeutenden Wicht, der Galawayn etwas berichten sollte. Doch nun entschuldigt mich. Ich ziehe mich zur�ck.�</p><p>�Wir danken dir daf�r, dass du uns hierher geleitet hast, Chiron von Alkadien. Und dein Wunsch ist uns Befehl.� Chiron verbeugte sich so formvollendet, wie das einem Kentauren m�glich war, und hatte es dann auff�llig eilig, sich zu entfernen.</p><p>Vorsichtig tastete Ganda �ber das grobe Holz der T�r. Sie sp�rte die Aura starker Magie, doch schien der Zauber nicht gegen jene gerichtet zu sein, die den Saal jenseits der Pforte betreten wollten.</p><p>Ollowain griff nach dem schweren T�rknauf. �Gibt es da etwas, wovor wir uns h�ten sollten?�</p><p>�Eine unmittelbare Bedrohung kann ich nicht feststellen�, erwiderte Ganda ausweichend. �Der Ort hinter der T�r ist von Magie durchdrungen. Aber sie scheint ungef�hrlich zu sein.�</p><p>�Dann wagen wir es!� Der Schwertmeister �ffnete das Tor. Schmerzend helles Licht stach in ihre Augen. Ganda riss den Arm hoch, um sich zu sch�tzen, und taumelte zur�ck. Selbst Ollowain st�hnte leise.</p><p>Halb rechnete die Lutin mit einem Angriff oder zumindest mit einer Donnerstimme, die sich beschwerte, dass man ihre Ruhe st�rte. Stattdessen vernahm sie leises Fl�tenspiel. Mit tr�nenden Augen blinzelte sie in das helle Licht. Was sie sah, mochte Ganda nicht glauben. Kurz hinter der T�r versperrte eine Sandd�ne die Sicht, �ber der sich ein klarer, wolkenloser Himmel spannte. Einen Herzschlag lang glaubte Ganda, ein Tor der Albenpfade habe sich ge�ffnet. Manchmal war es nur ein Schritt hin zu einem anderen Ort. Man konnte die Dunkelheit des Nichts, das man durchquerte, gar nicht sehen. Aber das hier war anders. Es gab keine Kraftlinien ...</p><p>Ollowain sah sie an, als erwarte er eine Erkl�rung von ihr, doch Ganda konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. Das helle Licht schmerzte nun weniger in den Augen. Sie hatte sich l�ngst zu sehr an die Dunkelheit in der Bibliothek gew�hnt, sodass normales Tageslicht sie blendete.</p><p>Z�gernd trat sie durch das Tor und erklomm die D�ne. Der Schwertmeister hielt sich an ihrer Seite.</p><p>Auf dem Kamm der D�ne angekommen, breitete sich zu ihren F��en eine weite W�stenlandschaft aus. Etwa zweihundert Schritt entfernt stand unter einer einsamen Akazie ein schwarzes Zelt.</p><p>Ollowain griff in den Sand und lie� ihn durch die Finger rieseln. �Eine Illusion ist das nicht.� Ganda blickte zur�ck. Die T�r zur Bibliothek klaffte wie eine schwarze Wunde im Himmelspanorama hinter ihnen. �Der Sand mag echt sein, die W�ste ist es nicht. Was immer dieser Galawayn noch sein mag, er ist auf jeden Fall ein m�chtiger Zauberer. Er muss einen gro�en Saal mit Sand gef�llt haben. Der Himmel und der Horizont sind Illusion.� Die Lutin schirmte ihre Augen gegen das helle Licht ab. �Aber wo hat er die B�cher, �ber die er wacht?�</p><p>Vor das Zelt war eine wei� gewandete Gestalt getreten und winkte ihnen zu.</p><p>�Er wird es wissen.� Mit weiten Schritten eilte Ollowain die D�ne hinab.</p><p>Ganda folgte ihm z�gerlich. In ihren Augen musste man schon ziemlich verr�ckt sein, wenn man freiwillig sein ganzes Leben in dieser d�steren, fensterlosen Bibliothek verbrachte. Aber das hier? War dieser Saal aus der Sehnsucht geboren, den tristen B�cherw�nden zu entfliehen? Oder war der H�ter der Geheimnisse nur noch verr�ckter als die �brigen Bibliothekare?</p><p>Der Fremde legte die Rechte auf sein Herz und verneigte sich h�flich vor Ollowain. Der Schwertmeister erwiderte den Gru�. Sie redeten miteinander.</p><p>Ollowain deutete zu ihr. Jetzt hat er mich wohl vorgestellt, dachte Ganda. Er ist immer sehr gewissenhaft in diesen F�rmlichkeiten.</p><p>Der H�ter der Geheimnisse kam ihr entgegen. Er trug ein langes, wei�es Gewand wie die Nomaden der W�ste. Er war ein Elf, wie Ollowain. Sein langes, silberwei�es Haar trug er offen. Seine Haut hatte einen hellen Bronzeton. Ein gutes, offenes Gesicht, dachte Ganda bei sich.</p><p>Sein L�cheln wirkte echt. Die himmelblauen Augen strahlten sie an.</p><p>�Du bist die erste Lutin, der ich begegne.� Er lachte auf. �Entschuldige, wenn ich aufgeregt bin, dann bin ich manchmal etwas direkt.� Erneut legte er die Rechte auf sein Herz und verneigte sich nun auch vor ihr. �Willkommen in meinem Heim und meinem Gef�ngnis, Ganda aus dem Volk der Lutin. Ich freue mich, dich an diesem einsamen Ort begr��en zu d�rfen.�</p><p>Er deutete auf das schwarze Zelt, dessen Seitenw�nde hochgeschlagen waren. �Begleite mich und sei mein Gast.�</p><p>�Du bist Meister Galawayn?�, fragte sie misstrauisch. Au�er von Angeh�rigen ihres eigenen Volkes war sie noch nie so freundlich empfangen worden.</p><p>Der Elf lachte. Es wirkte erfrischend und ansteckend. �Und schon wieder muss ich dich um Verzeihung bitten. Meine Umgangsformen haben wirklich sehr gelitten. Ja ... du stehst vor Galawayn, dem H�ter der Geheimnisse.�</p><p>Ein Schaudern lief Ganda �ber den R�cken. Sie sp�rte die Macht des Elfen. Er musste sehr alt sein. Sie suchte in seinem Gesicht nach den Spuren der Jahrhunderte. Doch wie bei Emerelle schienen sie an ihm vor�bergegangen zu sein, ohne sichtbare Zeichen hinterlassen zu haben. Nur seine Augen lie�en ahnen, wie viel er gesehen haben mochte. Gelassen hielt er ihren kritischen Blicken stand.</p><p>�Darf ich dir im Zelt etwas zu trinken anbieten, Ganda? In meinem Volk geh�rt es zum guten Ton, dass man G�ste zu einem gemeinsamen Mahl einl�dt. Viel kann ich freilich nicht bieten, dazu sind die M�glichkeiten hier zu beschr�nkt.�</p><p>�Hast du das alles erschaffen?�</p><p>Galawayn l�chelte. �Die Halle des Lichts ist wunderbar, nicht wahr?� Er beugte sich zu ihr hinab. �Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen?�</p><p>Was f�r wunderbare Augen, dachte die Lutin. Sie nickte sacht.</p><p>�Ich halte es in dieser d�steren Bibliothek nur schwer aus. Manchmal verlasse ich meine Halle f�r Wochen nicht. Die �brigen H�ter des Wissens halten mich f�r sonderbar.� Wieder erklang sein ansteckendes Lachen. �Darin unterscheiden wir uns nicht. Ich halte sie auch f�r sonderbar. Man k�nnte die Bibliothek viel sch�ner gestalten, doch davon wollen sie nichts h�ren. Komm jetzt, Ollowain wartet auf uns.�</p><p>Tats�chlich hatte sich der Elf schon im Zelt niedergelassen. Er kam Ganda seltsam angespannt vor, als sie sich neben ihm auf ein perlenbesticktes Kissen setzte.</p><p>Galawayn schenkte ihnen Limonentee in sch�nen Kristallgl�sern ein. Sein Zelt war mit schweren Teppichen ausgelegt. Es gab eine kleine, von Steinen eingefasste Feuergrube, in der Holzkohlest�cke glommen. Auf einem Tisch, so niedrig, dass er selbst Ganda nur bis zu den Knien reichte, lag ein verschlossenes Buch. Die Lederh�llen von sieben Schriftrollen lagen ordentlich aufgereiht in einem St�nder. Ansonsten erinnerte nichts daran, dass auch der Saal des Lichts Teil der gro�en Bibliothek war. Ein Teil des Zeltes war mit durchscheinenden Schleiern abgetrennt. Ganda konnte dort die Umrisse eines gro�en, mit hellen Intarsien verzierten Tisches erkennen. An den schmalen Seiten standen zwei ledergepolsterte Lehnst�hle, die in dem Zelt fehl am Platz wirkten.</p><p>Ihr Gastgeber setzte sein Glas ab. �Ich werde mich kurz zur�ckziehen und einige Zutaten f�r ein bescheidenes Mahl zusammenstellen. So habt ihr Gelegenheit, ein wenig zu plaudern, ohne meine langen Ohren f�rchten zu m�ssen.� Mit diesen Worten entfernte er sich.</p><p>Ganda wartete, bis ihr Gastgeber hinter einer D�ne verschwunden und au�er Sichtweite war, bevor sie sich an Ollowain wandte. �Was ist mit dir los?�</p><p>�Er ist ein Freier von Valemas�, entgegnete der Schwertmeister d�ster. �Sie hassen Emerelle, denn die K�nigin hat sie ins Exil getrieben. Er wird �rger machen.�</p><p>�Ich finde, bis jetzt verh�lt er sich sehr freundlich.�</p><p>�Das gebietet die Gastfreundschaft. Die Elfen von Valemas hatten diesbez�glich schon immer einen strengen Ehrenkodex, doch verlasse dich darauf, er wird uns innerhalb seiner M�glichkeiten den Aufenthalt in der Halle des Lichts so unangenehm wie m�glich gestalten.�</p><p>Ganda mochte das nicht glauben. �Ich habe den Eindruck, dass er froh ist, G�ste zu haben.�</p><p>Ollowain l�chelte d�nn. �Warte nur ab, du wirst sehen, dass ich Recht habe. Da Emerelle uns schickt, wird er unsere Suche nach Kr�ften behindern. Lass uns nicht hier dar�ber reden. Ich bin mir sicher, dass er uns hier belauschen kann.� Nach diesen Worten verfiel der Elf in d�steres Schweigen.</p><p>Ganda ging zu dem niederen Tisch und betrachtete den pr�chtigen Folianten, der dort lag. Der schwere Ledereinband war von hunderten feiner Risse zerfurcht. Zwei breite Bronzeb�nder umgaben den Einband. Die Lutin suchte ein Schloss, doch gab es nichts, das darauf hinwies, wie dieses gefesselte Buch sich �ffnen lie�. Feine Steinsplitter waren in die Bronzeb�nder eingearbeitet. Es waren keine Schmucksteine. Grau und mit rauen Kanten, erinnerten sie an Ger�ll. Daf�r waren die Fassungen der Steine umso sorgsamer gearbeitet. Ein erfahrener Goldschmied hatte einst all seine Kunstfertigkeit aufgeboten, die Steine sicher im Metall zu verankern. Beim n�heren Hinsehen erkannte Ganda, dass die Bronzeb�nder mit d�nnen Spirallinien geschm�ckt waren. Zum Teil war das Muster unter Gr�nspan verborgen.</p><p>Ganda wagte es nicht, das Buch zu ber�hren. Eine Aura der Macht umgab es. Etwas Vergleichbares hatte die Lutin noch nie gesp�rt.</p><p>Neben dem Buch lag ein Paar altersdunkler Handschuhe auf dem Tisch, deren Innenseiten wohl erst vor kurzem durch helleres Leder zus�tzlich verst�rkt worden waren. Jedenfalls wies eine Walbeinnadel darauf hin, die Ganda neben dem Tisch im Teppich stecken sah. Auch ein kleines Garnkn�uel lag dort.</p><p>Auf der anderen Seite des Tisches stand ein Gef��, das mit einem Seidentuch verh�llt war. Neugierig l�pfte Ganda einen Zipfel des bunten Schals und fuhr erschrocken zur�ck. Zwei blutrote Augen blickten sie b�se an.</p><p>Das Tuch glitt zu Boden und enth�llte einen Glaszylinder, der mit einer durchsichtigen Fl�ssigkeit gef�llt war. Darin schwamm eine wei�e Schlange mit roten Augen.</p><p>Vorsichtig tippte Ganda gegen das Glas. Die Schlange reagierte nicht. Offenbar war sie tot.</p><p>�Eine Knochenviper. Es ist ein altes Erinnerungsst�ck an Valemas�, erklang pl�tzlich Galawayns Stimme hinter ihr. Der feine Sand hatte das Ger�usch seiner Schritte geschluckt. Er trug ein gro�es, silbernes Tablett, auf dem allerlei rote Tonschalen mit den unterschiedlichsten Speisen standen. Unter den Arm hatte er drei Brotfladen geklemmt.</p><p>�Sie sieht noch ganz lebendig aus�, sagte Ganda beklommen.</p><p>�Keine Sorge. Sie ist seit Jahrhunderten in diesem Glas und etwa so lebendig wie ein Stein. Knochenvipern sind ber�hmt f�r ihr Gift. Es l�hmt ihre Opfer. Alle Muskeln erschlaffen, die Lungen versagen den Dienst, und selbst das Herz h�rt auf zu schlagen. Man kommt nicht einmal dazu, einen Schrei auszusto�en. Die Toten sehen aus, als seien sie einfach eingeschlafen. Das Gift hinterl�sst keinerlei Spuren. Keine R�tung auf der Haut, nichts. Nur die beiden nadelfeinen Einstiche der Giftz�hne. Und sie sind schwer zu entdecken, wenn man nicht wei�, wonach man suchen muss.�</p><p>Ganda sch�ttelte sich. �Warum stellt man sich so etwas in sein Zelt? Findest du diese Viper etwa sch�n?�</p><p>�Derjenige, den du hier vor dir siehst, w�re wegen dieser Schlange vor langer Zeit beinahe gestorben. Das alte Valemas war ber�chtigt f�r seine Intrigen. Die Viper erinnert daran, dass Leben und Tod davon abh�ngen k�nnen, wie man sich auf einem Stapel Kissen niederl�sst. Durch einen gl�cklichen Zufall wurde sie zwischen den Kissen erstickt. Eine verr�ckte Geschichte, nicht wahr? Die Schlange erinnert daran, wie nah uns der Tod in jedem Augenblick ist. Doch genug von solchen Schauergeschichten. Komm, setz dich.� Er deutete mit dem Kinn in Richtung des Kissenstapels neben der Feuerstelle.</p><p>Ganda leckte sich nerv�s mit der Zunge �ber die Schnauze.</p><p>Galawayn l�chelte. �Du musst dir keine Sorgen machen. Im Saal des Lichts gibt es keine Schlangen, kleine Freundin. Jedenfalls keine lebendigen.� Er ging hin�ber zu den Sitzpl�tzen, stellte das Silbertablett vor Ollowain ab und r�ckte die Schalen darauf noch einmal zurecht. �Leider ist das nichts Besonderes. Nur etwas Gem�se, ein paar Saucen, marinierte Taubenbrust und kalte Ziegenleber.� Ihr Gastgeber brach ein St�ck von einem der Brotfladen ab und reichte es Ganda. Dasselbe tat er f�r Ollowain.</p><p>Die Lutin begann mit gro�em Appetit zu essen, Galawayn hingegen r�hrte die Speisen kaum an. Auch Ollowain hielt sich auff�llig zur�ck. Die beiden Elfen ma�en einander mit Blicken. Schlie�lich war es ihr Gastgeber, der das immer bedr�ckender werdende Schweigen brach.</p><p>�Meister Gengalos hat mich dar�ber unterrichtet, dass ihr euch f�r die Geheimnisse der Albenpfade interessiert. Ein weites Feld. Es gibt viele hundert Schriften dar�ber.�</p><p>Der Schwertmeister blickte zu dem k�mmerlichen H�uflein an Schriftrollen. �Und wo verwahrst du die B�cher, die du h�test?�</p><p>Galawayn zwinkerte ihnen verschw�rerisch zu. �Ich habe ein ganz eigenes Ablagesystem f�r die Schriften unter meiner Obhut. Doch davon sp�ter mehr. Sprechen wir lieber von der Schuld, die du gegen die Bibliothek abzutragen hast. Ich habe schon ein wenig vom Kampf um Phylangan geh�rt. Ist es richtig, dass es eine Reihe von r�tselhaften Morden gab, die vor den eigentlichen Gefechten stattfanden? Und stimmt es, dass man den M�rder nie gefasst hat?�</p><p>�Es sind hunderte gestorben in diesen Wochen. Die meisten M�rder wurden f�r ihre Taten nie zu Verantwortung gezogen�, entgegnete der Schwertmeister gereizt, �auch ich nicht. Dabei habe ich von den Trollen, so wie es sich f�r einen wahrhaft �blen M�rder geh�rt, eine ganze Reihe netter Beinamen bekommen, etwa 'die tanzende Klinge' oder 'Fleischrei�er'. Angeblich hatten sie sogar einen Kopfpreis auf mich ausgesetzt.�</p><p>Galawayn wirkte betroffen. Er hob abwehrend die H�nde.</p><p>�Ich wollte dich nicht beleidigen. Und philosophisch betrachtet, hast du sicherlich Recht, doch gemeinhin macht man ja einen Unterschied zwischen Soldaten, die ihre Feinde t�ten, und einem M�rder, der scheinbar wahllos zuschl�gt. Wurde er denn nun gefasst?�</p><p>�Nein! Wir haben uns bem�ht. Aber es war die Schlacht, der Kampf ums schlichte �berleben, der unsere volle Aufmerksamkeit forderte. �ber den M�rder wissen wir nur, dass er ein zutiefst von Magie durchdrungenes Wesen war. Offenbar konnte er durch W�nde gehen ... Und er hatte Freude am T�ten. Er scheint wahllos zugeschlagen zu haben.�</p><p>Ollowain hatte sein Teeglas abgestellt und die beiden H�nde auf die Oberschenkel gelegt. Seine Augen waren geschlossen, so als versuche er sich die Bilder der vergangenen Schrecken in aller Deutlichkeit in Erinnerung zu rufen.</p><p>�Muss das denn sein?�, fragte Ganda. Es war nicht zu �bersehen, wie sehr es den Schwertmeister aufw�hlte, von den vergangenen K�mpfen zu erz�hlen.</p><p>Jetzt setzte auch Galawayn sein Teeglas ab. �Ich w�nschte, man h�tte eine andere Aufgabe f�r mich gew�hlt, aber es ist nun einmal meine Pflicht, von Ollowain eine m�glichst genaue Beschreibung der Ereignisse einzufordern.� Nachdenklich strich er sich �ber das Kinn. �Vielleicht gibt es eine M�glichkeit, dir den Bericht zu erleichtern. Du kennst doch gewiss das Falrach-Spiel. Es hei�t, man k�nne jede Schlacht auf einem Falrach-Tisch nachstellen. Falrach selbst war ein Feldherr, und er hatte ausdr�cklich im Sinn, mit diesem Spiel den taktischen Verstand k�nftiger Befehlshaber zu sch�rfen. Wenn wir also abstrakt die Schlacht auf dem Spieltisch nachstellen, wird es vielleicht weniger schmerzlich f�r dich sein, dar�ber zu erz�hlen.�</p><p>Ganda hielt das f�r ausgemachten Unsinn, aber Ollowain schien ernsthaft �ber den Vorschlag nachzudenken. Elfen! Welcher Kobold w�rde sie jemals verstehen. Die Lutin bediente sich ein weiteres Mal. Die Speisen, die ihr Gastgeber aufgetischt hatte, waren wirklich k�stlich!</p><p>Galawayn bedachte sie mit einem g�nnerhaften L�cheln, bevor er weitersprach. �F�r heute w�rde es dann gen�gen, wenn du mir die Truppen auflistest, die auf beiden Seiten gek�mpft haben, und in knappen Worten einige der herausragenden Ereignisse w�hrend der Belagerung zusammenfasst. Ich w�rde dann in der Nacht den Tisch vorbereiten.�</p><p>�Versuchen wir es�, sagte Ollowain mit wenig Begeisterung.</p><p>Ganda r�usperte sich. �Nachdem mein Begleiter nun bereit ist, sich den Gesetzen der Bibliothek zu unterwerfen, bleibt noch eine dr�ngende Frage zu kl�ren.� Die Lutin machte eine weit ausholende Geste. �Du hast einen wundersch�nen Ort inmitten d�sterer B�chers�le erschaffen, Galawayn. Geradezu eine Oase. Aber wo sind die B�cher, �ber die du wachst? Ich bin hierher gekommen, um die Geheimnisse der Albenpfade zu studieren.� Sie deutete auf die wenigen Schriftrollen. �Ist das der ganze Bestand an Schriften, �ber die du wachst?�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Ihr Gastgeber l�chelte breit. �Ich sagte ja schon, es gibt ein besonderes System der Ablage f�r die Schriften, die meiner Obhut unterliegen. Es wurde ersonnen, um sie vor leichtfertigem Zugriff zu sch�tzen. Sich in den Saal des Lichts zu schleichen, wird dem Neugierigen kaum weiterhelfen.� Galawayn erhob sich.</p><p>Die Lutin warf einen bedauernden Blick auf das k�stliche Mahl, das der H�ter der Geheimnisse aufgetragen hatte. Von der Leber hatte sie bislang noch gar nicht gekostet. Dass Galawayn es jetzt pl�tzlich so eilig hatte, passte ihr gar nicht!</p><p>�Folgt mir.� Er l�chelte hintersinng. �Machen wir uns auf die Suche nach l�ngst versch�ttetem Wissen. M�chtet ihr zun�chst mit den Schriften �ber die Entstehung der Albenpfade beginnen, oder habt ihr andere Interessen?�</p><p>Sie kratzte sich nachdenklich unter der Schnauze. Durfte sie zulassen, dass er ihre Nachforschungen lenkte, indem er die Richtung vorgab? Vielleicht sollte sie zun�chst einmal auf seinen Vorschlag eingehen. �Das erscheint mir sinnvoll.�</p><p>�Gut. Dann folgt mir, ich zeige euch das Geheimnis dieses B�chersaals.� Der Elf verlie� das Zelt, sah sich nachdenklich um und f�hrte sie dann �ber zwei niedrige D�nen hinweg. Wieder blickte er sich um. Ganda konnte keine besonderen Gel�ndemerkmale erkennen, an denen sich Galawayn orientierte. F�r sie sah jede der D�nen hier gleich aus.</p><p>Der Elf trat ein kleines St�ck zur�ck und hielt sich dann nach links, wobei er leise seine Schritte z�hlte. Bei dreiundzwanzig kniete er nieder. Mit beiden H�nden begann er im warmen Sand zu graben.</p><p>Fassungslos sah Ganda ihm zu. Sie traute ihren Augen kaum. Das durfte doch nicht wahr sein! �Sind die B�cher etwa im Sand vergraben?�</p><p>Ihr Gastgeber hielt inne und sah sie vorwurfsvoll an. �Nat�rlich nicht. Die Trockenheit w�rde sie zerst�ren. Lagert man Schriften in zu trockenen R�umen, so ist das ebenso sch�dlich f�r sie wie Feuchtigkeit. Die Seiten werden br�chig und fallen mit der Zeit auseinander. Ah. Das ist es ja!� Er schien einen rotbraunen Stein gefunden zu haben. �Kommt, helft mir!� Ganda und Ollowain tauschten einen Blick. Der Schwertmeister nickte kaum merklich. Dann knieten auch sie sich in den Sand und halfen ihrem Gastgeber beim Graben.</p><p>Wenig sp�ter zogen sie eine bauchige, rotbraune Urne aus dem Sand, deren Deckel mit Wachs versiegelt war. Galawayns Finger tasteten �ber zwei Zeilen fremdartiger Schriftzeichen, die in den kurzen Hals des Tongef��es geritzt waren. �Von den Pfaden des Lichts und ihren Sch�pfern�, murmelte er vor sich hin. �Das ist, was ich gesucht habe. In der Urne wirst du siebzehn Schriftrollen finden, die sich mit der Entstehung des Netzes der Albenpfade befassen.�</p><p>Ganda blickte �ber die Landschaft aus Sandd�nen. Das war verr�ckt! �Gibt es viele solcher Verstecke?�</p><p>�Ich wache �ber siebzehntausenddreihundertacht Schriftrollen mit Texten �ber die Alben und die f�nf Welten, die laut Ratschluss der H�ter des Wissens schwer zug�nglich sein sollen.� Er machte eine weit ausholende Bewegung und deutete von Horizont zu Horizont. �Diese Schriften sind in zweitausendf�nfundsiebzig Urnen vergraben. Dazu kommen noch einunddrei�ig B�cher, die in flachen Kisten aus gebranntem Ton begraben wurden. Wer immer hier nach Wissen sucht, der sollte sich meiner wohlwollenden Unterst�tzung erfreuen oder sehr viel Zeit mitbringen.� Er stemmte die Urne hoch. �Bringen wir den Schatz zur�ck ins Zelt und beginnen wir mit unserer Arbeit.�</p><subtitle>Das goldene Netz</subtitle><cite><p>�... Von einem Netz zu sprechen, wenn man die Pfade der Alben mein, ist keine gl�ckliche poetische Metapher. Wer dieses Bild nutzt, legt allenfalls Zeugnis von seiner eigenen Unwissenheit ab. Wenn man aber in seinem schlichten Geiste festgelegt ist auf diese grobe Vereinfachung der Wirklichkeit, so m�sste man zumindest von drei Netzen sprechen. Albenmark und die Welt der Menschen sind von einem engmaschigen Netz von Albenpfaden umgeben. Das Netz der Zerbrochenen Welt ist jedoch zerrissen. Man vermag zwar von Albenmark und auch aus der Welt der Menschen zu den Bruchst�cken zu gelangen, die im Nichts treiben, doch sind mir keine Pfade bekannt, welche die Tr�mmer dieser Welt noch miteinander verb�nden.</p><p>Wer jemals die Pfade der Alben betrat, der wei� um die Schrecken, die im Dunkel lauern. Die Pfade selbst sind gesch�tzt, aber wehe dem, der sie verl�sst. Au�er den Yingiz gibt es noch eine zweite unsichtbare Gefahr. Sie, begr�ndet sich in der Beschaffenheit der magischen Wege, die denjenige, der sie betritt nicht nur mit wenigen Schritten zu fernsten Zielen zu bringen verm�gen. Der Unvorsichtige, der sich die Zeit einer Reise ersparen will, findet sich leicht durch die Zeit davongetragen und muss feststellen, wenn er sein Ziel erreicht, dass w�hrend der vermeintlich kurzen Zeit, die er auf den Wegen der Alben schritt, dass in seiner Welt Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte vergangen sind. Davor zu sch�tzen vermag sich nur der, der seine Zauber mit gr��ter Sorgfalt wirkt und stets die gro�en Albensterne w�hlt, um seine Reise zu beginnen und zu beenden. (...)</p><p>Wie aber sieht es aus, das Wegesystem der Alben? An anderer Stelle schon wurde �ber das Bild des Netzes gesprochen. Stellt man sich alle Albenpfade die eine Welt umschlie�en, als gro�es Netz vor, so gibt es in diesem Netz viele Enden, die herabh�ngen. Es sind die Pfade, die Albenmark, die Menschenwelt und die Zerbrochene Welt miteinander verbinden. Doch fest verkn�pft sind nur diejenigen Str�nge, die zwischen den gro�en Albensternen liegen. Wechselt man an einem niederen Albenstern von einer Welt in die andere, so wagt man viel, denn unm�glich ist es zu sagen, wohin die Reise f�hren wird. Man stelle sich ein Netz vor, von dem lose Enden herabh�ngen, die sich in sanftem Wind bewegen. Niemand mag vorherzusagen, wo diese Enden ein tiefer liegendes Netz ber�hren werden. Und schlimmer noch, so unstet wie der Atem des Windes, so sind auch die Wege. Mal f�hren sie hierhin, mal dorthin. Niemand, wohl nicht einmal die Alben selbst, k�nnte sagen, wo eine reise von Welt zu Welt enden wird, die nicht von einem gro�en Albenstern zu einem anderen f�hrt. M�glicherweise st�rzt der unvorsichtige Wanderer sogar ins Nichts, wenn er den falschen Augenblick w�hlt. �</p><text-author>Zitiert nach:</text-author><text-author>Die Wege der Alben, von:</text-author><text-author>Meliander, F�rst von Arkadien</text-author></cite></section><section><title><p>Das Falrach-Spiel</p></title><p>Ollowain betrachtete nachdenklich Galawayns Spieltisch. Der H�ter des Wissens hatte es tats�chlich geschafft, die Ausgangslage der Schlacht von Phylangan mit den Figuren darzustellen. Auf beiden Seiten waren die gro�en drei, die K�nigin, die Magierin und der Feldherr, die �ber Sieg oder Niederlage entschieden, noch im Spiel. Wer alle drei verlor oder nicht mehr einsetzen konnte, der war besiegt. Der Falrach-Tisch war rechteckig. Die quadratischen Spielfelder auf Galawayns Tisch waren aus eingelegtem Marmor und Onyx. Immer abwechselnd folgte Schwarz auf Wei�: zwanzig Steine je Querreihe, sechzehn Querreihen oder auch Schlachtfelder, wie man sie in diesem Spiel nannte, je Seite. Sechshundertvierzig Felder, auf denen zurzeit fast dreihundert Spielfiguren standen. Es gab einfache Krieger, Reiter oder Streitwagen, Helden, Katapulte und viele Sonderfiguren. Jede Figur hatte einen festen Zahlenwert, mit dem sie angriff und sich verteidigte. Zu diesem Wert wurde das Ergebnis eines W�rfelwurfs hinzugez�hlt, wenn sie eine der Figuren auf den Feldern vor sich attackierte. War das Ergebnis h�her als der Wert des Verteidigers, der ebenfalls w�rfelte und das Ergebnis zu seinem Verteidigungswert addierte, dann wurde der Verteidiger vom Feld genommen.</p><p>Galawayn hatte seine gro�en drei in der dritten Schlachtlinie stehen. Sie stellten K�nig Branbart, die Schamanin Skanga und den Feldherrn Ogrim dar. Ollowain hingegen hatte nur seinen Feldherrn vorne im Spiel � jene Figur, die ihn verk�rperte. Emerelle, die K�nigin, wartete in der letzten Linie, wie auch Lyndwyn, die Magierin. Beide hatten keinen aktiven Anteil am Kampf um die Festung.</p><p>Der gr��te Teil der Spielfiguren stand in dichten Reihen im mittleren Teil des Spieltischs. Ollowain hatte sehr viel weniger Figuren als sein Gegner, daf�r hatten sie die besseren Spielwerte. Auf der linken Seite des Spieltischs gab es f�r jede der Querreihen eine Schublade. Insgesamt waren es zweiunddrei�ig. Jeder der Spieler legte in den sechzehn Schubladen, die zu seiner Spielh�lfte geh�rten, einen Spielstein ab, der f�r eine besondere Eigenschaft jedes Schlachtfelds stand. Diese Entscheidung musste vor Beginn der Partie getroffen werden und konnte dann nicht mehr ge�ndert werden. Dadurch, dass die Spielsteine in kleinen Schubladen verborgen lagen, wusste der Gegenspieler nicht, welche Schlachten ihn erwarteten.</p><p>Ollowain zog den Spielstein Festung aus seiner Schublade und stellte ihn auf ein gesondertes Feld neben seinem ersten Schlachtfeld.</p><p>Der H�ter des Wissens nickte zufrieden. �Ja, so soll es sein.�</p><p>Er begann mit seinem Angriff, doch durch den hohen Bonus der Verteidiger geriet der erste Spielzug zur Katastrophe. Bei zwanzig Angriffen konnte er nur zwei gegnerische Spielsteine entfernen. Einer davon ging auf Kosten der Spielfigur, die sie f�r den geheimnisvollen M�rder entworfen hatten. Galawayn hatte Wei� als seine Spielfarbe gew�hlt, und die neue Figur war ein gro�er, wei�er Hund. Es war ein m�chtiger Spielstein, der als besondere Eigenschaft die Verg�nstigungen, die sein Gegner durch das von ihm gew�hlte Schlachtfeld genoss, ignorieren durfte. Der Hund besiegte einen Spielstein, der einen Koboldarmbrustsch�tzen darstellte.</p><p>Galawayn hatte als besonderes Ereignis vor seinem Spielzug das Ergebnis Albenpfad erw�rfelt. Das erlaubte ihm, sechs Figuren seiner Seite vom Tisch zu nehmen und in seinem n�chsten Spielzug hinter Ollowains Linien zu stellen.</p><p>Der Schwertmeister strich sich nachdenklich �ber das Kinn und betrachtete eindringlich den Spieltisch. Obwohl W�rfelgl�ck ein bedeutender Faktor des Spiels war, verlief bisher alles wie in der Belagerung, die keine drei Monde zur�cklag.</p><p>Ollowain nahm drei W�rfel, um sein besonderes Ereignis f�r den Er�ffnungszug zu bestimmen. Zw�lf! Seine Katapulte und Bogensch�tzen verschossen Brandgeschosse, die zus�tzlichen Schaden unter seinem Gegner anrichteten. Dem Schwertmeister lief ein eisiger Schauer �ber den R�cken. Auch dies spiegelte den Verlauf der Schlacht. Am Ende seines ersten Spielzugs hatte der Gegner dreizehn Spielsteine verloren. Die Schlachtreihe, die gegen seine Festung anrannte, war fast vernichtet.</p><p>Galawayn massierte sich mit beiden H�nden die Schl�fen. �Es war also Herzog Orgrim pers�nlich, der die Krieger anf�hrte, die durch den Albenstein in deine Festung eingedrungen sind.�</p><p>Der H�ter des Wissens nahm die Figur seines Feldherrn vom Spieltisch und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern.</p><p>�Das ist sehr leichtfertig gewesen. Als Spieler w�rde ich so einen Zug nicht machen. Sicher, der Feldherr ist ein starker Spielstein. Wenn er jedoch verloren geht, ist das ein schwerer R�ckschlag. Aber wir wollen ja die tats�chlichen Ereignisse nachstellen.� Er nahm drei W�rfel und schaffte eine Zehn.</p><p>�Schlachtengl�ck!�, rief er triumphierend. �In dieser Runde darf ich also jeden W�rfelwurf, der mir nicht passt, wiederholen.�</p><p>Ollowain trommelte nerv�s mit den Fingern auf den Spieltisch. Der H�ter des Wissens stellte den Feldherrn und f�nf Kriegerfiguren auf das zweite Schlachtfeld hinter die Hauptverteidigungslinie. Es folgte ein Massaker. Dadurch, dass Angreifer in seinen R�cken gelangt waren, war der Verteidigungsbonus der Festung aufgehoben. Er verlor sechzehn Spielsteine.</p><p>In seinem Zug nahm Ollowain alle �berlebenden Figuren vom ersten Schlachtfeld zur�ck. Er zog den Spielstein f�r das zweite Schlachtfeld aus der Schublade. Engpass! Der Gegner durfte ihn nur mit f�nf Figuren angreifen, w�hrend er sich mit ebenso vielen Figuren verteidigen konnte. Solange er f�nf Spielsteine auf diesem Schlachtfeld behielt, durfte der Gegner nicht tiefer in Ollowains H�lfte des Spieltischs ziehen.</p><p>Der H�ter des Wissens nahm seinen Notizblock und schrieb die Ereignisse des Spiels nieder. Und dann begann er zu fragen. Endlos war seine Gier nach Einzelheiten. �berdies interessierte er sich f�r Verpflegung und Moral der Verteidiger, erkundigte sich nach den Namen der Gefallenen und fragte immer wieder nach dem r�tselhaften M�rder. Schlie�lich entlockte er Ollowain die Geschichte �ber den Geisterwolf von Firnstayn, eine Bestie, die wochenlang Angst und Schrecken in einem kleinen Dorf im n�rdlichen Fjordland verbreitet hatte, bis ein Priester sie t�tete.</p><p>Als der Schwertmeister mit seiner Erz�hlung endete, legte Galawayn den Notizblock zur Seite. �Findest du nicht, dass die Morde des Geisterwolfs denen in Phylangan �hneln?�</p><p>Ollowain wandte den Blick nicht vom Spieltisch ab. Es war ein Irrtum gewesen zu glauben, dass ihm das Spiel seinen Bericht erleichtern w�rde. Im Gegenteil! Es war, als erlebe er alles nun zum zweiten Mal. Er war in Schwei� gebadet.</p><p>�Ollowain?�</p><p>Diese Stimme ...</p><p>�Ollowain! �</p><p>Unwillig blicke der Elf auf. Ganda hatte ihren Platz an dem B�chertisch jenseits des Gazevorhangs verlassen. Ihre zierlichen Finger strichen sanft �ber seine Rechte, mit der er die Tischkante umklammerte. Blut war unter seinen Fingern�geln hervorgetreten. Seine Hand war taub vor Schmerz.</p><p>�Du solltest mit diesem Spiel aufh�ren!�</p><p>�Davon verstehst du nichts�, antwortete er schroff.</p><p>�In der Tat�, sagte Ganda. �Vielleicht kann ich gerade deshalb besser beurteilen als du, dass dir dieses Spiel schadet. Du siehst zum Erbarmen aus! Ich verstehe das nicht. Es ist doch nur ein Spiel ... Man k�nnte meinen, du w�rst vergiftet. Blass und fiebrig bist du. Und du wirst jetzt mit mir gehen! F�r heute waren wir lang genug im Saal des Lichts!�</p><p>Ollowain atmete aus. Er l�ste die H�nde vom Tisch und betrachtete seine blutigen Nagelr�nder. Ganda w�rde ihn nicht verstehen. Dieses Spiel ... Es war unheimlich. Vielleicht waren der Tisch und die Spielsteine verzaubert? Oder die W�rfel? Als Galawayn gestern seinen Vorschlag gemacht hatte, hatte Ollowain gedacht, sie w�rden ein paar Figuren �ber den Tisch ziehen und sich �ber die Schlacht unterhalten. Dass sie wirklich spielen w�rden, h�tte er nicht erwartet. Das machte keinen Sinn! Das launische W�rfelgl�ck h�tte sie l�ngst auf einen Pfad f�hren m�ssen, der nichts mehr mit den tats�chlichen Ereignissen gemein hatte. Aber das geschah nicht! Zug um Zug spielten sie die blutige Schlacht nach. Anfangs hatte Ollowain das nicht wahr haben wollen und es als Zufall abgetan. Aber l�ngst war diese Theorie nicht mehr zu halten. Immer unheimlicher wurde es, wie das Spiel parallel zur Realit�t verlief. Irgendwann hatte sich ein absurder Gedanke in ihm festgesetzt. Wenn das Spiel die Wirklichkeit widerspiegelte, w�rde sich diese dann �ndern, wenn er es schaffte, ihm einen Verlauf zu geben, der von den tats�chlichen Ereignissen abwich? W�rde er tot neben dem Spieltisch niedersinken, wenn sein Feldherr verlor? Und w�rde Lyndwyn noch leben, wenn er es verhinderte, dass ihr Spielstein geschlagen wurde? Seit ihrem Tod war sein Leben nur noch Asche. Was also hatte er zu verlieren? Im schlimmsten Fall eine Hoffnung, die so aberwitzig war, dass er Ganda bestimmt nichts davon erz�hlen w�rde. Aber falls er sich nicht irrte ...</p><p>�Ollowain! Lass uns gehen!� dr�ngte Ganda. �lhr habt mehr als zehn Stunden gespielt. Es gen�gt! Und mir tanzen die Buchstaben vor den Augen.�</p><p>�Ja, ja.� Noch immer blickte der Schwertmeister auf den Spieltisch. Er hatte die Figur der Magierin fast bis zu den Reihen der Verteidiger gebracht. Wenn sie nahe genug war, w�rde er aus der vordersten Schlachtreihe fliehen. Er wusste ja, was mit Phylangan geschehen w�rde. Keine Streitmacht, und sei sie noch so gro�, konnte die Bergfestung vor ihrem Schicksal bewahren. Aber vielleicht konnte er Lyndwyn retten. Und wenn das gelang ... Er schloss die Augen und sch�ttelte bed�chtig den Kopf. Ein kindischer Traum! Ein wundersch�ner Traum ... Um sie zu retten, w�rde er alles tun! Er w�rde sogar zum Verr�ter an jenen K�mpfern werden, die bereit waren, ihr Leben f�r ihn zu opfern.</p><p>Mit einem tiefen Seufzer erhob sich der Elf. Das war nicht wirklich er! Nie zuvor hatte er wissentlich ehrlos gehandelt. Er war der Schwertmeister der K�nigin. Ein Vorbild! Und dennoch ... Er sah zur�ck zu dem Tisch. Wenn er den Stein des Feldherrn aus dem Engpass zog, nahm er den Verteidigern dort die st�rkste Spielfigur. Der edle Fremde, der k�mpfende Graf, der um Verborgenes Wissende und der Recke dunklen Rufs waren machtvolle Streiter im Falrach-Spiel, aber es war der Feldherr, der sie in den letzten Spielz�gen zum un�berwindbaren Bollwerk im Engpass hatte werden lassen. In der wirklichen Schlacht war er der letzte Krieger gewesen, der noch in Phylangan gek�mpft hatte. Als die Schlacht verloren gewesen war und er seine Gef�hrten zur Flucht ermutigt hatte, war er noch einmal zur�ckgekehrt, um Lyndwyn zu retten.</p><p>Ein bitterer Geschmack lag ihm im Mund. Er r�usperte sich.</p><p>�Ja, lass uns gehen.� Ganda sah ihn sorgenvoll an. Der Schwertmeister versuchte zu l�cheln. �Ich wei�, es ist nur ein Spiel. Wie es scheint, bin ich ein schlechter Verlierer.�</p><p>�Aber es ist doch noch gar nichts entschieden�, sagte Galawayn aufmunternd, und seine blauen Augen l�chelten.</p><p>Ahnte er etwas?, fragte der Schwertmeister sich pl�tzlich.</p><p>�Wir beide wissen doch, wie diese Schlacht ausgehen wird. Alles ist entschieden.�</p><p>�Ich glaube, du nimmst dieses Spiel zu ernst, Ollowain. Jetzt tut es mir Leid, diesen Vorschlag �berhaupt gemacht zu haben. Fast scheint es, als w�rdest du an dieser Falrach-Schlacht leiden. Deine Gef�hrtin hat vollkommen Recht. Es ist besser, die Partie jetzt zu beenden. Ich r�ume den Tisch ab, sobald ihr gegangen seid.�</p><p>�Nein! Wir machen nur eine Pause ...� So ging das nicht! Er w�rde sich jetzt nicht einfach wegschicken lassen. Alles, was ihm von Lyndwyn geblieben war, waren seine Tr�ume. Und den sch�nsten aller Tr�ume w�rde er sich nicht einfach so nehmen lassen! Ollowain packte Galawayn bei seinem Gewand.</p><p>�Morgen spielen wir weiter! H�rst du? Dann bringen wir es zu Ende.� Dem Schwertmeister entging der Blick nicht, den die Lutin und der H�ter des Wissens tauschten. Sie waren wohl der Meinung, er sei nicht mehr ganz bei sich. Dabei wusste er genau, was er tat!</p><p>�Ganz wie du es w�nschst.� Galawayn hob beschwichtigend die H�nde. �Wir bringen das Spiel zu Ende.� Wieder tauschte er einen Blick mit der Lutin. �Und dir suche ich die Schriftrollen heraus, nach denen du mich gefragt hast. Aber sei noch einmal gewarnt. Du wagst dich auf einen gef�hrlichen Pfad. Die Yingiz werden dich in deinen Tr�umen besuchen kommen, wenn du zu viel �ber sie wei�t.�</p><p>Die Lutin l�chelte selbstsicher. �Ich hatte nicht einmal als Kind Angst vor Albtr�umen.�</p><p>�Ich rede nicht von Albtr�umen�, entgegnete Galawayn nachdr�cklich. �Dein Wissen wird sie anlocken. Es wird sein, als �ffnetest du eine T�r in dir selbst. Lass von diesem Unternehmen ab! Ich bitte dich darum.�</p></section><section><title><p>Dunkles Wissen</p></title><p>Ganda schreckte abrupt aus dem Studium ihrer Texte auf. Der Gesang der Schwerter war verklungen. Galawayn und Ollowain kamen scherzend zum Zelt hin�ber. Das Gesicht des Schwertmeisters war schwei�nass. Er hatte das lange blonde Haar mit einem Lederriemen zur�ckgebunden. Ihr Gastgeber war ganz au�er Atem.</p><p>Galawayn hatte Ollowain darum gebeten, ihm eine Schwertkampflektion zu erteilen, und dieser war freudig darauf eingegangen. Ganda und der H�ter des Wissens waren insgeheim �bereingekommen, dass man den Schwertmeister vom Falrach-</p><p>Tisch fern halten sollte.</p><p>�Willst du nicht doch lieber andere Texte studieren?�, fragte Galawayn keuchend. �Was du da liest, schl�gt einem nur aufs Gem�t.�</p><p>Der H�ter des Wissens hatte Recht. Gleich in der ersten Schriftrolle, die Ganda gelesen hatte, beschrieb ein Albenkind, das weder seinen Namen noch sein Volk preisgeben mochte, wie die Yingiz versucht hatten, sein Lebenslicht zu trinken. Wie es zu einer Begegnung mit den Schattenwesen gekommen war, verschwieg der Verfasser. Ganda nahm aufgrund der Handschrift an, dass es sich um einen m�nnlichen Autor handelte. Einen sicheren Beweis hatte sie nicht. Die Lutin vermutete, dass der Urheber des Schriftst�cks auf magische Weise versucht hatte, eine Verbindung zu den Yingiz herzustellen. Es gab Andeutungen, dass die �ltesten unter den beseelten B�umen wussten, wie man die Bannzauber der Alben umging und die Schattenwesen rief.</p><p>Ganda konnte sich nicht vorstellen, wie man freiwillig einen Pakt mit den Yingiz schloss. Sie dachte an die Nacht mit Mondbl�te und das totgeborene Kind. Die Yingiz waren zu Schatten geronnener Hass. Sie geh�rten nicht nach Albenmark! Und Ganda w�rde alles daf�r geben, sie von dort wieder zu vertreiben.</p><p>Der anonyme Autor schrieb auch von den Devanthar. Dieses andere D�monenvolk, das von den Alben bekriegt worden war, vermochte die K�rper seiner Opfer zu stehlen und deren Gestalt anzunehmen. Und wenn die Devanthar t�teten, konnten sie sogar die Erinnerungen des Ermordeten rauben. Die Yingiz hingegen waren anders. Offenbar brauchten sie Hilfe, um das Nichts zu verlassen, und man musste ihnen einen K�rper verschaffen, mit dem sie verschmelzen konnten. Die Gesch�pfe, die so erstanden, waren geisterhafte Zerrbilder wirklichen Lebens. Und sie waren stets auf der Jagd. Doch nicht Fleisch oder Blut waren ihre Nahrung. Sie labten sich am Lebensfunken ihrer Opfer. An dem Unsterblichen, das die Alben jedem ihrer Kinder eingehaucht hatten, selbst jenen, die nicht wiedergeboren werden konnten. Um einen eigenen stofflichen Leib ausformen zu k�nnen, mussten die Yingiz zun�chst genug von dieser Essenz des Lebens in sich aufnehmen ...</p><p>�Was haltet ihr davon, wenn wir alle gemeinsam ein gutes Mahl einnehmen?� Galawayn lie� sich neben Ganda an dem niedrigen Studiertisch nieder. Ollowain aber stand bereits wieder neben dem Falrach-Tisch. Die Arme vor der Brust gekreuzt, rieb er sich mit einer Hand das Kinn und betrachtete ganz in sich versunken das Spielfeld.</p><p>�Es geht wieder los mit ihm�, fl�sterte der H�ter des Wissens.</p><p>�Obwohl er sich darauf eingelassen hat, mir eine Fechtlektion zu erteilen, hatte ich von Anfang an den Eindruck, dass er es gar nicht abwarten konnte, zum Ende zu kommen.� Galawayn zeigte ihr seine rechte Hand. Ein breiter, blauroter Striemen lief quer �ber den Handr�cken. �Das war kein Unfall! Daf�r ist Ollowain viel zu gut. Ich halte mich selbst nicht f�r einen v�lligen Dilettanten im Schwertkampf. Mein Volk ist ber�hmt f�r seine Meisterschaft im Klingentanz. In den letzten Jahrhunderten bin ich zwar ein wenig eingerostet, aber in meiner Jugend war ich ein sehr guter Fechter. Im Vergleich zu Ollowain bin ich jedoch ein Nichts. Ich hatte das Gef�hl, dass er um jeden meiner Streiche wusste, noch bevor ich �berhaupt zum Hieb ansetzen konnte. Anfangs blockte er mich nur ab, aber dann zog es ihn zur�ck zum Falrach-Tisch. Und er hat mich mit der breiten Seite seines Schwertes regelrecht verpr�gelt, damit ich unsere �bungsstunde vor der Zeit beende.�</p><p>Ganda hatte kein Mitleid mit ihm. Wenn alterslose Elfen von ihrer lang vergangenen Jugend sprachen, fand sie das geradezu obsz�n. All die Jahrhunderte, die Galawayn lebte, hatten nicht die kleinste Falte in sein Antlitz gekerbt. Trauer um die verlorene Jugend erschien ihr da als hohles Geschw�tz.</p><p>�Gibt es eine M�glichkeit, das Spiel vor der Zeit zu beenden, so wie die Schwertkampf�bung? Ich habe das Gef�hl, wir werden Ollowain nicht vom Tisch wegbekommen, bevor die Partie entschieden ist. Mit der Aussicht auf ein paar Happen zu essen wirst du ihn jedenfalls kaum fortlocken k�nnen.�</p><p>Der Elf nickte tief in Gedanken. �Das Spiel vor der Zeit beenden, das wird sehr schwer. Es sei denn ...� Er sah die Lutin nachdenklich an. �Du bist keine Spielerin, nicht wahr?�</p><p>�Jedenfalls keine Falrach-Spielerin. Ich bin keine Elfe, ich habe nicht die Mu�e, meine Tage damit zu vergeuden. Meine Lebensspanne ist daf�r zu knapp bemessen.�</p><p>Galawayn l�chelte. �Werde ich eines Tages erfahren, mit welcher Art von Spielen du dich besch�ftigst?�</p><p>�Wenn du es schaffst, mich eines Tages in die Stimmung dazu zu versetzen�, entgegnete sie vieldeutig.</p><p>Ihr Gegen�ber lachte auf. �Du bist ein Weib nach meinem Geschmack, Ganda. Auch wenn es unh�flich ist, hoffe ich, dass du noch viele Tage brauchen wirst, um das zu finden, was du suchst. Einen Gast wie dich konnte ich bislang noch nicht willkommen hei�en. Schlagfertig, mutig und stets zu einem kleinen Wortgepl�nkel aufgelegt. Es ist eine Freude, dich um mich zu haben.�</p><p>Das war zu h�flich, um aufrichtig zu sein, dachte Ganda und l�chelte. Er war ein Elf und sie nur eine Lutin. So herzlich verkehrten ihre V�lker nicht miteinander. Ganz gleich, wie �berzeugend er wirkte, das konnte nicht seine ehrliche Meinung sein! Er wollte etwas von ihr, auch wenn sie noch nicht durchschaute, was es wohl sein mochte.</p><p>Galawayn erhob sich. �Ich denke, ich werde deinen Rat beherzigen und versuchen, das Spiel zu einem schnellen Ende zu bringen.� Das L�cheln war aus seinem Antlitz verschwunden.</p><p>�So wie Ollowain mich mit einem Hieb auf die Schwerthand kampfunf�hig gemacht hat, so werde ich nun auf seine empfindlichste Stelle zielen.�</p><p>�Wie meinst du das?� Etwas an Galawayns Art beunruhigte sie. Sann er tats�chlich auf Rache? Wollte er gar den Schwertmeister der K�nigin daf�r b��en lassen, dass Emerelle sein Volk vertrieben hatte?</p><p>Der Elf blieb ihr eine Antwort schuldig. Er schlug den d�nnen Gazevorhang zur�ck und ging hin�ber zum Spieltisch. Kurz besprach er mit Ollowain ein paar Regelfragen, und dann nahmen die beiden wieder ihre Pl�tze an den Schmalseiten des Spieltischs ein.</p><p>Ganda sah ihnen eine Weile zu. Wieder wirkte der Schwertmeister aufs �u�erste angespannt. Und ganz offensichtlich hatte Galawayn andere Vorstellungen von einem schnellen Spielende als sie. Seufzend wandte die Lutin sich wieder ihren Schriftrollen zu.</p><p>Der n�chste Text, den Ganda studierte, war ein einziges �rgernis. Ein anonymer Autor versteckte sein Unwissen hinter gestelzten S�tzen und leeren Phrasen. In einem Absatz hatte er sogar poetische Anfl�ge und schrieb von einem Schl�ssel des aufrichtigen Herzens, der allein das Verborgene zu erschlie�en vermochte, jenes Wissen, das davor beh�tet sein musste, in die falschen H�nde zu geraten und das der rotgraue Bastard gefangen hielt. So ging es weiter. Eine kryptische Botschaft folgte der n�chsten. Ohne Sinn und Verstand!</p><p>Ungeduldig schob die Lutin die Schriftrolle zur Seite. Sie sah sich die Lederh�lle an, aus der sie den Text gezogen hatte, doch auf dem Papierstreifen, der am Verschluss haftete, war auch kein Verfasser genannt. In Zukunft wollte sie sich Texte dieses Autors ersparen. Nun, wenn sein Name nicht aufzusp�ren war, w�rden ihn eben seine krakelige Handschrift und sein krauser Stil verraten. Ganda schob die Schriftrolle zur�ck in die Lederh�lle und sah sich nach der Urne um, in der dieser Unsinn begraben gewesen war. Doch abgesehen von dem Glas mit der schrecklichen Schlange konnte sie kein Gef�� entdecken. Die Urne mit den Texten, die sie gestern gelesen hatte, war verschwunden. Vermutlich lag sie schon wieder im W�stensand verscharrt.</p><p>Ihr Blick verweilte auf dem niedrigen St�nder f�r Schriftrollen. Er war aus schwarzem Holz gefertigt. Und er war leer. Wie viele Schriftrollen hatten dort noch gleich gelegen, als sie vorgestern zum ersten Mal in das Zelt getreten waren? Acht? Sie wusste es nicht mehr. Vor ihr auf dem Tisch lagen sieben Schriftrollen. Waren es gar die Texte, die Galawayn hier im Zelt verwahrt hatte? Gab es deshalb keine Urne? Das w�rde bedeuten, dass auch er sich f�r die Yingiz interessierte! Welch ein seltsamer Zufall.</p><p>Missmutig blickte sie zum falschen Himmel empor. Wenn sie es nicht besser w�sste, w�rde sie niemals auf den Gedanken kommen, dass sich hinter dem grenzenlosen Blau eine steinerne Gew�lbedecke verbarg. Galawayn musste wahrlich m�chtig sein, dass er solche Zauber wirken konnte. Auch was er mit dem Sand getan hatte, war ungew�hnlich. Gestern war ihr aufgefallen, dass die Spuren im Sand langsam verschwanden, ohne dass der leiseste Windhauch zu sp�ren war. Galawayn hatte ihr erkl�rt, dass sich die obersten Sandschichten sacht bewegten. So wurden die Spuren, die man hinterlie�, in kurzer Zeit ausgel�scht. Er behauptete, diesen Zauber ersonnen zu haben, weil ihn das Spurengewirr im Sand st�rte. Verr�ckt, dieser Elf. V�llig verr�ckt! So wurde man wohl, wenn man Jahrhunderte nur mit B�chern verbrachte.</p><p>Ob er es wohl doch aufrichtig gemeint hatte mit seinem Kompliment? Sie sah zu den beiden Elfen hin�ber, die stumm �ber dem Falrach-Tisch br�teten. Nur das gelegentliche Klackern eines W�rfels st�rte die spannungsgeladene Stille. Das Duell der beiden ging weiter, auch wenn ihre Schwerter wieder in den Scheiden ruhten.</p><p>Galawayn war ein h�bscher Mann. Nat�rlich viel zu gro�. Aber h�bsch ... Selbst unter den Elfen, denen nie ein h�ssliches Kind geboren wurde, stach seine Sch�nheit hervor. Und zugleich wirkte er unnahbar. F�r einen Augenblick erlaubte es sich Ganda, in romantischen Gedanken zu schw�rmen, doch dann rief sie sich wieder zur Ordnung. Es ist eine Freude, dich um mich zu haben. Das waren nichts als leicht dahingesagte Worte! Sie bedeuteten nichts!</p><p>Ganda �ffnete die n�chste Lederh�lle. Auf dem Papyrusstreifen am Verschluss stand: VERWUNDETE SEELEN, AUSZUG AUS DEM VII. KAPITEL VON: DIE WEGE DER ALBEN, VERFASST VON: MELIANDER, F�RST VON ARKADIEN</p><p>Der Text war so d�ster wie sein Titel. Meliander behauptete, dass die Seelen der Alben in den K�mpfen mit den Yingiz und den Devanthar so verletzt worden waren, dass sie schlie�lich die Welt, die sie erschaffen hatten, ihren Kindern �berlassen mussten, um sich f�r immer an einen Ort zur�ckzuziehen, an dem sie nichts mehr an die D�sternis erinnerte, die sie zwar verbannen, aber nicht bezwingen konnten.</p><p>Schon wieder so geschraubte Formulierungen! Meinte Meliander mit der D�sternis nun den Zustand der Seelen der Alben oder doch eher die Yingiz? Ganda �berflog den Text ein zweites Mal. Hatte sie etwas �bersehen? Waren die Alben, obwohl sie gesiegt hatten, zugleich auch die Besiegten? Hatten sie verloren, worum gek�mpft worden war?</p><p>Die Lutin leckte sich �ber die Schnauze. Nein, so stand das dort nicht. Das war ihre Deutung. Aus dem Text ging nicht hervor, dass die Alben und die Yingiz um Albenmark gek�mpft hatten. Und wenn nicht einmal die Alben die Yingiz bezwingen konnten, wie wagte Emerelle dann zu hoffen, dass es ihr gelingen k�nnte, die Schatten zu vertreiben, die ins Herzland gekommen waren?</p><p>Ganda hatte vor ihrer Abreise allen Bl�tenfeen geraten, das Herzland zu verlassen. Hoffentlich hatten sie auf ihre Worte geh�rt. Sie mochten die N�he der K�nigin. Die Lutin war �berrascht gewesen, dass Emerelle um Mondbl�tes Tod gewusst hatte. Sie h�tte darauf geschworen, dass die m�chtige Herrscherin Albenmarks sich einen Dreck um solche vermeintlichen Kleinigkeiten scherte. Aber wenn sie gewusst hatte, was geschah, warum hatte Emereile dann nichts unternommen, um Mondbl�tes Kind zu retten? Bei all ihrer Zaubermacht h�tte das doch ein Leichtes f�r die K�nigin sein m�ssen! Zumindest h�tte sie die Bl�tenfee von ihren Selbstmordgedanken abbringen k�nnen. Und sei es, indem sie die Kleine mit einem Schlafzauber belegt h�tte. Aber sie hatte in ihrer Burg gesessen und in diese verdammte Silbersch�ssel gestarrt. Dieses ganze Elfenpack blieb ihr ein R�tsel. Da bauten sie eine Burg, die in ihrer Sch�nheit ihresgleichen suchte, und fanden nicht einmal einen Namen f�r diesen Ort. Verr�ckt. So verr�ckt wie diese beiden Dicksch�del, die an ihrem Spieltisch noch einmal die Schrecken einer Schlacht heraufbeschworen, die l�ngst entschieden war. Wem sollte das nutzen!</p><p>Ganda streckte sich. Auf Dauer war es ziemlich ungem�tlich, im Schneidersitz auf einem weichen Kissen zu hocken. Ihr Nacken war ganz steif geworden, und die Beine waren ihr eingeschlafen. Vorsichtig reckte sie die Glieder, durch die ein prickelnder Schmerz floss. Ihr linker Fu� stie� gegen etwas, das unter dem niedrigen Tisch verborgen lag.</p><p>Neugierig beugte sich Ganda hinab. Es war das Buch mit den Bronzeb�ndern, das ihr schon zuvor aufgefallen war. Auch die Handschuhe waren noch da. Sie lagen zusammengekn�llt auf dem Teppich. Nadel und Faden hingegen waren verschwunden. Wie Galawayn dieses Buch wohl �ffnete? Es gab kein Schloss an den Metallb�ndern und keine Scharniere. Sie lagen wie Fesseln um das Buch. Wozu der Elf wohl die Handschuhe brauchte? In den vergangenen Tagen hatte er sie nie angehabt. Jedenfalls nicht, wenn sie und Ollowain in der N�he gewesen waren.</p><p>Sie nahm einen der Handschuhe auf. Er f�hlte sich unangenehm an. Warm, als sei er gerade eben erst getragen worden. Doch das konnte nicht sein. Wie h�tte er von ihr unbemerkt unter den Tisch gelangen sollen? Er musste dort schon mindestens so lange liegen, wie sie hier sa� und �ber den Schriftrollen br�tete.</p><p>Ganda strich das zerkn�llte Leder glatt. Wozu brauchte man Handschuhe, um ein Buch zu lesen? Und noch dazu Handschuhe, an denen ein Zauber haftete? Was war zwischen den Buchdeckeln verborgen? Vielleicht durfte man die Pergamentseiten nicht ber�hren? Sie hatte einmal eine Geschichte �ber ein kleines B�chlein geh�rt, in dem sinnliche M�rchen niedergeschrieben standen. Geschichten, die jeden, der sie las, in Erregung versetzten. Und das hatte nicht allein an den Texten gelegen. Die Seiten des Buches waren mit einem Aphrodisiakum bestrichen worden. Mit einem Zaubertrank, der k�rperliche Lust weckte. Dieses Liebesgift gelangte �ber die blo�e Haut in den Leib. Je �fter die H�nde eine der Seiten ber�hrten, zum Beispiel, wenn man mit dem Finger Zeile f�r Zeile, die man las, verfolgte � oder zumindest, wenn man umbl�tterte -, desto mehr Gift nahm man auf, bis man zuletzt vor Lust ohnm�chtig wurde. Ganda hatte einen Mond lang vergebens versucht, dieses Buch aufzutreiben. Wahrscheinlich war es nur der Fabulierfreude eines M�rchenerz�hlers entsprungen. Vielleicht sollte sie Meister Gengalos danach fragen? Wenn es in der Bibliothek wirklich alle Texte gab, die jemals geschrieben worden waren, dann m�sste sich doch auch dieses B�chlein hier finden lassen. Selbst wenn sie dessen Titel nicht kannte, konnte es ja nicht allzu schwer sein, ein so ausgefallenes Buch zu finden. Es w�re eine angenehme Abwechslung von diesen d�steren und verworrenen Texten �ber das Nichts und die Yingiz.</p><p>Ganda tippte vorsichtig mit dem Zeigefinger gegen die Schnittkanten der Pergamentseiten. Mit einem Aphrodisiakum war dieses Buch bestimmt nicht vergiftet worden. Gewiss brauchte Galawayn die Handschuhe, um sich zu sch�tzen.</p><p>Gedankenverloren strich die Lutin �ber das helle Leder der Innenseite. Weich schmiegte es sich in ihre Hand. Sie sp�rte die schwache magische Kraft, die den Handschuhen innewohnte. Und etwas beunruhigte sie.</p><p>Sie brauchte eine Weile, bis sie sich �ber diese Unruhe im Klaren wurde. Es war der Handschuh! Es f�hlte sich an, als ber�hre er sie, und nicht umgekehrt. In einer Mischung aus Neugier und Ekel musterte sie das Leder eindringlicher. Die Innenseite der Handschuhe war verst�rkt. Die zweite Lederschicht, die Galawayn dort aufgen�ht hatte, bestand aus einem einzigen, durchgehenden St�ck. Es passte sich der Form des Handschuhs genau an, so wie ...</p><p>Ungl�ubig beugte Ganda sich vor. Sie sah die zarten Wirbel auf den Fingerspitzen. Schlagartig �berwog der Ekel die Neugier! Sie lie� den Handschuh fallen. Das Leder auf der Innenseite war die Haut einer Hand. Und sie war immer noch lebendig! Daher r�hrte das Gef�hl, der Handschuh habe sie ber�hrt! Es war keine Einbildung! Er hatte es tats�chlich getan!</p><p>Ein w�tender Schrei lie� Ganda auffahren.</p><p>�Das tust du nicht! Sie wird nicht noch einmal sterben, h�rst du!� Den Worten folgte das leise Schaben einer Klinge, die aus ihrer Scheide glitt.</p><p>Ganda fuhr herum. Ollowain bedrohte ihren Gastgeber mit seinem Schwert! �Du wirst ihr kein Leid antun. Niemand wird das, solange ich lebe!�</p><p>Galawayn hob ganz langsam die H�nde. �Es ist doch nur eine Spielfigur�, sagte er beschw�rend. �Nur ein St�ck Stein, dem ein K�nstler eine Form verliehen hat.�</p><p>Ollowain streckte den Schwertarm. Die Klinge war weniger als einen Zoll vom Hals seines Gegen�bers entfernt. Sie zitterte leicht. �Nenn sie nicht noch einmal ein St�ck Stein. Sie lebt, solange die Zauberin nicht geschlagen wird.�</p><p>�Ollowain.� Ganda sprach den Namen ihres Gef�hrten leise und eindringlich. �Du kannst deine Zauberin retten. Bring sie fort von hier.�</p><p>Gehetzt blickte der Schwertmeister zu ihr hin�ber. Sein Gesicht war fahl und gl�nzte vor Schwei�. Das lange blonde Haar hing ihm in Str�hnen in die Stirn. Er schien Fieber zu haben.</p><p>�Tritt zur�ck�, sagte Ganda beschw�rend. �Du musst sie fortbringen und nicht k�mpfen.� Ollowain sah wieder zu Galawayn. Schlie�lich nickte er. �Ja, ich muss sie fortbringen.�</p><p>Langsam trat er r�ckw�rts aus dem Zelt. Dann wandte er sich um und begann zu laufen.</p><p>Galawayn atmete h�rbar. �Er h�tte mich get�tet.�</p><p>�Was hast du ihm angetan?�, fragte die Lutin barsch. Sie schob den d�nnen Schleier zur Seite und trat an den Spieltisch. Ganda musste auf Ollowains leeren Stuhl steigen, um das Spielfeld �berblicken zu k�nnen. Der Schwertmeister schien seine Schlacht verloren zu haben.</p><p>Der H�ter des Wissens nahm eine Spielfigur vom Tisch, die in zwei Teile zerbrochen war. Ein gro�er, wei�er Hund.</p><p>�Ich wollte seine Magierin schlagen�, erkl�rte Galawayn. �Mit dem Geisterhund. Da ist er pl�tzlich vom Wahn gepackt worden. Ich wollte das Spiel abk�rzen, so wie du mir geraten hattest, Ganda. Ich habe gemerkt, dass er sich merkw�rdig verhielt, wenn es um diesen Spielstein ging. Er hat seinen Feldherrn neben die Magierin gezogen, um sie zu sch�tzen. Dabei w�re es kl�ger gewesen, ihn bei den Truppen zu lassen.�</p><p>�Wurde die Magierin, wurde Lyndwyn, durch einen Hund get�tet?�</p><p>Der H�ter des Wissens sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht...�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Er hat dar�ber nicht sprechen k�nnen, als ich ihn vorgestern befragte. Er hat etwas von einem verlorenen Gesicht gemurmelt. Sie scheint am Ende der K�mpfe umgekommen zu sein.�</p><p>Ganda blickte zu der breiten Spur im Sand. Sie f�hrte die gro�e D�ne hinauf. Vom Zelt aus betrachtet, sah es aus, als ende sie im Himmel, der doch nichts als eine Illusion war.</p><p>�Ich werde ihm folgen�, sagte sie traurig.</p></section><section><title><p>Von Spielarten der Liebe</p></title><p>Seit Stunden irrte Ganda durch das Labyrinth der Bibliothek, ohne Ollowain finden zu k�nnen. Zun�chst hatte sie ihn in seiner Kammer gesucht. Vergebens. Dann war sie in dem hell erleuchteten Kreuzgew�lbe mit den sieben Springbrunnen gewesen, wo das Wasser eine leise, beruhigende Melodie spielte. Dorthin hatte sich der Elf am Abend zuvor zur�ckgezogen, um mit sich wieder in Einklang zu kommen. So hatte er zumindest gesagt. Doch auch dort steckte er diesmal nicht. Ziellos streifte die Lutin durch Leses�le, durch lange, von B�cherregalen ges�umte Flure und kleine Kammern, in denen leicht angestaubte Ohrensessel dazu einluden, es sich mit B�chern gem�tlich zu machen. Es war beklemmend, wie leer die Bibliothek war.</p><p>Schlie�lich gelangte sie zu einer T�r, durch die Stapel von B�chern in einen d�steren, runden Saal quollen. Die alten Folianten mit Goldschnitt und schweinsledernen Buchdeckeln lagen wild durcheinander. Manche der B�cher waren auseinander gebrochen; vergilbte Pergamentseiten hatten sich gleich einer Flut in die Schluchten des B�chergebirges ergossen. Fl�chtig las Ganda einige der Titel auf den Buchdeckeln. Vom fl�ssigen Gold der Faunen, Die Seele des Weins, Hundert Gebote der Braukunst, Roter Kalpurner, Weinprobe in Arkadien.</p><p>Ein Ger�usch lie� Ganda aufschrecken. Hoch �ber ihr flammte eine Lampe auf. Undeutlich erkannte sie zwei kleine Gestalten, die auf einer Galerie hoch �ber ihr vor einer Wand roter Buchr�cken mit einer �llampe hantierten.</p><p>Ganda formte die H�nde zu einem Trichter, legte den Kopf in den Nacken und rief laut: �Habt ihr einen wei� gewandeten Elfen gesehen?�</p><p>Die Schattengestalten hielten in ihrer Arbeit inne. Eine beugte sich �ber das Gel�nder der Galerie. Das Licht der Lampe fiel seitlich auf sein Antlitz. Die spitzen Schweins�hrchen, schmalen Augen und die dunkle, lederne Haut geh�rten zu einem Kobold. Undeutlich murmelte er etwas.</p><p>�Ich kann dich nicht verstehen.� Der Kobold winkte mit den Armen und legte dann mit weit ausholender Geste einen Finger an die Lippen.</p><p>Bl�der Kerl, dachte Ganda. Wen sollte sie hier mit ihren Rufen schon st�ren. W�tend sah sie sich nach der Wendeltreppe um, die hinauf zu den Galerien f�hrte.</p><p>�Bleib, wo du bist!�, zischte es von oben herab. Behutsam, den R�cken dicht an die Regalwand gepresst, schlich der Kobold die Galeriewand entlang, w�hrend sein Gef�hrte aus einem F�sschen auf seinem R�cken weitere �llampen auff�llte.</p><p>Vorsichtig und qu�lend langsam kam der Kobold die enge Wendeltreppe herab. Und obwohl er seine Schritte mit �u�erster Bedachtsamkeit setzte, erzitterte die Treppe bei jeder Bewegung, und die schweren Regale, in denen sie mit langen Holzd�beln verankert war, knarrten drohend.</p><p>Endlich lie� der Kobold die letzte Stufe hinter sich. Oben auf der Galerie waren weitere �llampen aufgeflammt, und warmes goldenes Licht trieb die Schatten zur�ck.</p><p>�Hast du das Hirn einer Maus in deinem verdammten Fuchssch�del, Lutin?�, zischte der Kobold w�tend. Er war fast einen Kopf kleiner als Ganda. Seine geflickte, viel zu gro�e Hose war mit einem ausgefransten Seil �ber der H�fte zusammengebunden. Auf einem wei�en Hemd voll dunkler Tintenflecke trug er eine �rmellose Weste, auf die mit schwarz angelaufenen Silberf�den merkw�rdige Symbole gestickt waren. Das str�hnige graue Haar hatte er mit einem roten Stirnband zur�ckgebunden, was ihm etwas Verwegenes gab. Tiefe Falten hatten sich in seine Mundwinkel gegraben, und dunkle Ringe lagen unter den blass-grauen Augen. Von den Fingern seiner linken Hand waren nur noch vernarbte St�mpfe geblieben.</p><p>Ganda beschloss, die Beleidigung zu �bergehen. �Hast du vielleicht einen Elfen ....�</p><p>�Ja, ja, ja!�, grummelte ihr Gegen�ber. �Sprich gef�lligst leiser, Lutin. Verdammt, hast du denn keine Ahnung, wo du hier bist?�</p><p>�Pass auf, oder ich werde dich ...�</p><p>Der Kobold hielt ihr mit beiden H�nden die Schnauze zu.</p><p>�Leise! Verdammt noch mal!� Staub rieselte von einem der Regalbretter. Hoch �ber ihnen knarrte es bedenklich.</p><p>Der Kobold auf der Galerie hielt inne und sah besorgt herab.</p><p>�Du bist neu hier, nicht wahr?�</p><p>Ganda nickte.</p><p>�Das hier ist der Rosenturm.� Er deutete mit seiner verst�mmelten Hand in die H�he. �F�nfzig Schritt hohe Regale, gef�llt mit dem Wissen einer ganzen Welt. Alles, was jemals �ber Rosen geschrieben wurde. Gedichte, naturwissenschaftliche Abhandlungen, Bildb�nde, B�cher voller gepresster Bl�tenbl�tter. Selbst die Regale hier sind aus verleimtem Rosenholz.� Der Kobold lie� Ganda los und legte einen Finger an seine Lippen.</p><p>�Halte deine Stimme im Zaum!� Er trat an eines der Regale.</p><p>�Komm her und sieh dir das an!�</p><p>Ganda gehorchte stumm.</p><p>Ihr Begleiter lie� seine verst�mmelten Finger �ber ein staubiges Regal gleiten. Unter dem Staub sah man dutzende winziger L�cher im Holz.</p><p>�Die Regale sind zerfressen, und das Holz ist so br�chig wie ein alter Korallenstock. Hier kann jeden Augenblick alles zusammenbrechen. Ein Schrei oder ein schwerer Tritt auf den Boden, und es ist vorbei. Andererseits, wenn man vorsichtig ist, mag es auch noch ein weiteres Jahrhundert lang gut gehen.� Er zuckte resignierend mit den Schultern. �Vielleicht erinnert man sich ja in Albenmark an uns und schickt statt neuer B�cher und einer tollpatschigen Lutin mal ein paar hundert Handwerker.�</p><p>Ganda verkniff sich eine patzige Antwort. �Und warum kletterst du auf dem Regal herum, wenn es so gef�hrlich ist?�</p><p>Der Kobold hakte seine Daumen in die Weste ein und versuchte geringsch�tzig auf sie herabzublicken, obwohl sie ein gutes St�ck gr��er war als er. �Weil dies die Bibliothek von Iskendria ist. Die Tatsache, dass wir langsam zerfallen, ist kein Grund, seinen Pflichten nicht mehr nachzukommen. Heute Abend versammeln sich die H�ter des Wissens im Kristallsaal, um Meister Gengalos zu feiern. Er hat sein f�nfhundertstes Buch auswendig gelernt. Er ist ein einsames Licht des Wissens in dieser finsteren Zeit. Der Weg, den er zum Kristallsaal nimmt, soll eine Stra�e des Lichts sein. So geh�rt sich das bei feierlichen Anl�ssen. Deshalb beleuchten wir alle S�le und G�nge, durch die er schreiten wird. Ja, sogar die benachbarten R�ume. Es soll so sein, wie es hier fr�her einmal war. Wenn du nun genug geh�rt hast, dann w�rde ich mich gern wieder meiner Arbeit widmen.� Mit dunklen Augen sah er sie eindringlich an. Pl�tzlich grinste er frech. �Du hast mich doch nicht nur gerufen, um dich wichtig zu machen. Wenn du mich suchst, findest du mich abends in der Kammer hinter der Buchbinderei nahe dem Traumsaal.� Er zwackte sie in die Wange.</p><p>�Man sollte in dieser Bibliothek niemals schreien.� Er blickte viel sagend das n�chststehende Regal an. �Aber ich mag Weibchen, die etwas riskieren.�</p><p>Gandas Lippen bewegten sich stumm. Sie murmelte einen Zauber, der sie nach Sandelholz duften lie�. Die meisten Koboldm�nner, denen sie in ihrem Leben begegnet war, waren ganz verr�ckt nach Sandelholzduft. �Eigentlich wollte ich von dir wissen, ob dir ein wei� gewandeter Elf �ber den Weg gelaufen ist.� Sie wagte einen koketten Augenaufschlag. �Wenn du mir helfen w�rdest, ihn zu finden, dann w�re das sehr ritterlich von dir. Und ich sch�tze ritterliche M�nner.�</p><p>Der riesige Adamsapfel ihres Gegen�bers ruckte auf und ab.</p><p>�Ach ja, der Elf. Vielleicht so ein Kerl mit langen, blonden Haaren, der etwas ... der etwas irre wirkt und mit sich selbst spricht.� �Das k�nnte passen.�</p><p>�Bist du sicher, dass du wei�t, wo die Buchbinderei beim Traumsaal ist? Sonst fragst du nach Qualbam dem Dritten. Man kennt mich ganz gut, weil ...�</p><p>Ganda hob �rgerlich eine Braue und wurde sich im selben Augenblick bewusst, dass sie anfing, Ollowains Unarten zu �bernehmen. �Ich bin mir sicher, dass Ehrenm�nner nicht feilschen, wenn sie an der Gunst einer Dame interessiert sind.�</p><p>�Ist schon gut! Schon gut.� Der Kobold hob beschwichtigend die H�nde. �Also, selber gesehen habe ich den Kerl nicht. Aber dr�ben im Jade-Saal, da hat Orinox von so einem ...� Er r�usperte sich und wartete einen Augenblick, ob sie durch irgendeine Geste verriet, wie sie zu den Elfen stand.</p><p>�Und weiter�, dr�ngte Ganda.</p><p>�Ja also, Orinox hat gesagt ... Es sind seine Worte, die ich jetzt wiederhole: Da kam so ein irrer Elf vorbei, hat mit sich selbst gesprochen und ist geradewegs in den Brauturm gelaufen. Das ist ein B�cherschacht wie dieser Raum hier. Oder besser gesagt, das war er einmal, denn die Regale sind zusammengebrochen und haben Kleos unter sich begraben. Du hast ihn vielleicht schon gesehen. Das ist der Minotaur, der immer ...�</p><p>Ganda unterbrach ihn mit einer knappen Geste. �Ist der Ort noch gef�hrlich?�</p><p>�Gef�hrlich? Du machst wohl Witze. Gef�hrlich ist gar kein Ausdruck! Ein L�usefurz reicht aus, um dort eine Lawine auszul�sen. Da liegen tausende B�cher und hunderte zerbrochene Regalbretter durcheinander. Niemand, der seine Sinne beieinander hat, geht da hinein. Als sie Kleos dort herausgeholt haben, hat es noch drei weitere B�cherschl�ge gegeben, deshalb hat es so lange gedauert, ihn zu retten.�</p><p>�Und ihr habt den Elfen einfach so dort hineinlaufen lassen? Er ist ein Fremder hier. Er hat keine Ahnung!�</p><p>Qualbam zog mit dem Zeigefinger eins seiner Augenlider herab. �He, Schwester. Welcher Kobold stellt sich einem Elfen in den Weg? Besonders dann, wenn der mit einem gez�ckten Schwert herumrennt.�</p><p>�Wie lange ist das her?�</p><p>�Wei� nicht ...�, antwortete er gedehnt und bohrte nachdenklich in der Nase.</p><p>�Ich glaube, ich vergesse gerade, wo der Traumsaal ist.�</p><p>Qualbam zog den Finger aus der Nase und begutachtete seine Beute. �Du kommst sowieso nicht.�</p><p>�Du meinst also, ich sollte lieber diesen Orinox fragen gehen.�</p><p>Der Kobold wischte sich den Finger an der Hose ab. �Das ist schon eine ganze Weile her.� Er blickte zu der T�r, in der sich die Ausl�ufer der B�cherlawine stapelten. �Allerdings habe ich es dort drinnen ein paarmal ganz ordentlich rumpeln h�ren. Du solltest da lieber nicht ...� Das war alles, was Ganda wissen wollte. Entschlossen ging sie zur T�r. Sie w�rde Ollowain da herausholen, und wenn sie das geschafft hatte, dann w�rde dieser eingebildete Elf zu h�ren bekommen, was sie von seinem �berheblichen Volk hielt! Sie w�rde ihm derart den Kopf waschen, dass er nicht mehr wusste, an welchem Ende er sein verdammtes Schwert anpackte ...</p><p>�Lass das, Weib! Mach dich nicht ungl�cklich!� Qualbam packte sie bei der Schulter und zog sie zur�ck. �Geh nicht durch diese T�r. Wenn du dich umbringen willst, dann schneid dir doch lieber gleich die Kehle durch.�</p><p>�Nimm deine Finger weg�, fauchte Ganda. �Du wirst mich von gar nichts abhalten.�</p><p>Qualbam hielt ihrem w�tenden Blick stand. �Wenn du diesen Elfen schon suchen musst, dann nimm wenigstens denselben Weg wie er. Ich werde nicht versuchen zu begreifen, was in so einem Fuchskopf vor sich geht. Und ich werde dich auch nicht weiter aufhalten. Also komm schon.� Er wandte sich ab und verlie� den hohen B�cherschacht.</p><p>Ganda war so beeindruckt, dass keine schnippische Bemerkung mehr den Weg �ber ihre Lippen fand. Qualbam �berraschte sie. Ihm schien tats�chlich an ihr gelegen zu sein. Sie folgte ihm.</p><p>Der Beleuchter brachte sie durch einen von B�cherborden ges�umten Gang, der sich in weitem Bogen kr�mmte. Alle B�cher hier waren in dunkelgr�nes Leder gebunden, und die Titel prunkten in pr�chtigen Goldbuchstaben auf den R�cken. Ein leichter Geruch von Gerbs�uren hing in der Luft.</p><p>�Neue Texte�, murmelte Qualbam, ohne sich auch nur nach ihr umzublicken.</p><p>Sie erreichten einen Saal mit bedr�ckend niedriger Decke. Feuerschalen atmeten feinen blauen Rauch. Der erfrischende Duft von Fichtennadeln schwebte mit den beiden, als sich der Rauch in sanften Wogen vor ihnen zur�ckzog.</p><p>Entlang der Regale waren jetzt Stapel von B�chern aufgeschichtet. Wie Mauerwerk kletterten sie die W�nde empor. Hier und dort lehnten auch schwere Holzbalken. S�gemehl d�mpfte Gandas Schritte.</p><p>Schlie�lich erreichten sie eine T�r, hinter der undurchdringliche Finsternis kauerte. �Dort musst du hinein�, fl�sterte Qualbam.</p><p>�Das ist der ....�</p><p>�Leise!� Der Kobold hob in beschw�render Geste die H�nde.</p><p>�Leise, bitte.� Misstrauisch musterte er die n�chstgelegenen Buchregale. �Es hei�t, dass sich hier einige besessene B�cher eingeschlichen haben. Sie kommen gern an Orte, an denen ein Ungl�ck geschehen ist.�</p><p>�Besessene B�cher?� Solch einen Unsinn hatte Ganda noch nie geh�rt. Wahrscheinlich wollte Qualbam sich nur wichtig machen. Obwohl ... Sie schnupperte. In ihrer wahren Gestalt nahm sie Ger�che viel deutlicher wahr. Ihre feine schwarze Fuchsnase er�ffnete ihr eine verborgene Welt, und ihr Geruchssinn verriet ihr ebenso viel �ber ihre Umgebung wie ihre Augen. Sie wusste, dass sie hier auf dem richtigen Weg war, denn Ollowain hatte eine feine Duftspur zur�ckgelassen. Sein K�rpergeruch war zwar etwas ausgepr�gter als bei anderen Elfen, aber immer noch zu schwach, um die Witterung aufnehmen zu k�nnen. Was ihn verriet, war der Geruch nach dem Waffenfett, mit dem er sein Schwert pflegte.</p><p>Ganda roch auch den Knochenleim, den die Buchbinder verwendet hatten, das Pergament und den Duft von Gall�pfeln, die man zur Gewinnung von Tinte verwendete. Frisch bearbeitetes Holz, Staub und Bierhefe waren andere Duftmarken, die sie wahrnahm. Und der s�uerliche Geruch der Angst. Nicht nur Qualbam roch danach. Dieser Duft war in die Lederdeckel der B�cher eingezogen. Hier in diesem niedrigen Saal hatten sich schon viele gef�rchtet.</p><p>Die Lutin blickte zur Decke empor. Hinter einem d�nnen Rauchschleier war sie mehr zu ahnen, als wirklich zu sehen. Kleos h�tte hier tief gebeugt gehen m�ssen, so niedrig war der B�chersaal.</p><p>�Es gibt ziemlich gemeine B�cher�, fl�sterte Qualbam. �B�cher, in die man Magie band, die sich dann irgendwann selbstst�ndig machte. Viele davon haben wir Kobolde zu verantworten. Und ich rede jetzt nicht von so harmlosen Dingen wie dicken Chronikb�nden, die sich einen Spa� daraus machen, dir auf den Kopf zu fallen, wenn du an ihrem Regal vorbeigehst. Oder Lexika, die in ihren Artikeln ein geschicktes Netz von L�gen verbreiten, das sich best�ndig dem Wissensstand ihrer Leser anpasst, bis diese nicht mehr zu erkennen verm�gen, was Wahrheit und was Trug ist. Aber das ist Kinderkram ... Ich rede von B�chern, die mit ihren Bronzebeschl�gen nach deinen Fingern schnappen, wenn du sie in die Hand nehmen willst, B�cher, die dich trinken und zu einer bunten Figur in einer Illustration machen, oder, schlimmer noch, B�cher, die eine Pforte ins Nichts sind, durch die du in den bodenlosen Abgrund st�rzt, wo dunkle Seelenfresser auf dich warten.� Wieder sah er sich �ngstlich um. �Und dann gibt es da noch die besessenen B�cher, die den Geist eines verwirrten Autors in sich tragen. Ihre Verfasser haben sie meist mit ihrem eigenen Blut geschrieben. Sie enthalten Geschichten, die keinen Anfang und kein Ende haben. Und wenn du in ihnen bl�tterst, dann stehlen sie dir deine Erinnerungen, in der Hoffnung, dass du zu der Romanfigur wirst, die der planlosen Erz�hlung einen Sinn verleiht. Manchmal tauschen sie sogar deine Erinnerung aus. Das ist besonders heimt�ckisch. Du erinnerst dich dann in tausend Einzelheiten an ein Leben, das du niemals gef�hrt hast. Grobh�m Plog, ein Lutin, der lange Zeit in Talsin lebte, ist ber�chtigt daf�r, mehr als zwei Dutzend dieser besessenen B�cher erschaffen und an Leute verteilt zu haben, die er nicht leiden konnte. Die meisten dieser verfluchten B�cher sind jetzt hier und gut weggeschlossen, aber einige haben die Eigenschaft, dass sie einfach nicht an dem Platz bleiben wollen, an dem man sie ablegt. Nicht einmal schwere Eisenketten oder Bleitruhen halten sie gefangen.�</p><p>Ganda kannte Grobh�m aus hunderten Erz�hlungen und tausenden Fl�chen. Er trug mit Schuld daran, dass die Lutin einen so schlechten Ruf hatten. Mochte er auch f�r alles Ungemach, das er erlitten hatte, Genugtuung erstritten haben, so hatte er zugleich seinem Volk eine ungleich gr��ere Last aufgeladen. Sprachen die anderen V�lker �ber Lutin, dann dachten sie an Grobh�m und �hnliche Griesgrame. Waren Lutin in der N�he, dann schrieb man ihnen jedes Missgeschick zu, das geschah, von Fehlgeburten beim Vieh �ber Unf�lle in Haus und Hof bis zu hin zu schlechtem Wetter.</p><p>Qualbam be�ugte misstrauisch ein kleines, schwarzes B�chlein, das zuoberst auf einem Stapel lag. �Nimm hier nie ein Buch in die Hand, von dem du nicht sicher wei�t, was darin stehen wird. Suche im Zweifel einen der H�ter des Wissens und frag ihn, ob du ein Buch gefahrlos lesen kannst. Sie erkennen die besessenen B�cher. Meistens ... Sie ver�ndern ihre Gestalt. Die B�cher nat�rlich, nicht die H�ter des Wissens. Und sie wirken ganz harmlos.�</p><p>Ganda musste unwillk�rlich an das Buch denken, das Galawayn in seinem Zelt verwahrte. Mochte das so ein verfluchtes Buch sein? War es eine Falle f�r sie? Hoffte der Elf darauf, dass sie es sich ansah? Ergab das einen Sinn? Galawayn hatte ihr nichts getan ... Und auch f�r Ollowain hatte er nur das Beste gewollt. Die Lutin starrte in die Dunkelheit jenseits der T�r�ffnung. Und hierher hatten seine Bem�hungen sie nun gef�hrt. War das ein ungl�cklicher Zufall? Oder war es von Anfang an Galawayns Absicht gewesen, Ollowain zu qu�len? Wollte er sich daf�r r�chen, dass Emerelle sein Volk einst aus Albenmark vertrieben hatte? Und wessen Haut hatte der H�ter des Wissens auf seine Handschuhe gezogen? Jemandem, der so etwas tat, sollte man mit Vorsicht begegnen.</p><p>Qualbam kletterte beh�nde an einem Regal empor und kam mit einer sch�nen, mit Nixen bemalten �llampe zur�ck. �Die wirst du brauchen, Ganda�, fl�sterte er. Dann malte er mit flinken Fingern ein Schutzzeichen gegen das B�se in die Luft. �Ich w�nsche dir Gl�ck, Lutin.� Pl�tzlich grinste er keck. �Und du wei�t ja, du findest mich in der Kammer hinter der Buchbinderei beim Traumsaal. Ich warte dort auf dich.�</p><p>Ganda schenkte ihm ein mildes L�cheln und nahm die Lampe entgegen. Vielleicht w�rde sie ihn wirklich besuchen. �Mach dir keine Sorgen um mich. Du wei�t ja, die Alben lieben die Tollk�hnen und die Verr�ckten.�</p><p>�Ja, so sehr, dass sie sie besonders schnell zu sich holen.� Das L�cheln der Lutin ver�nderte sich. Nun war es verlegen. Sie war nicht gewohnt, dass man sich um sie Sorgen machte.</p><p>�Ich geh jetzt�, sagte Qualbam, dem die Situation offensichtlich unangenehm wurde. Mit flinken Schritten eilte er davon.</p><p>Ganda sah ihm nach, bis er in den blauen Rauchschleiern verschwunden war, die aus vereinzelten Feuerschalen aufstiegen. Sie r�usperte sich. Das ist nur der verdammte Rauch, redete sie sich ein. Dann hob sie die Lampe und ging auf die finstere T�r�ffnung zu.</p><p>Ein dicker Balken st�tzte am Eingang einen riesigen Atlas �ber die Weinanbaugebiete Albenmarks. Ganda blickte in einen Tunnel aus B�chern. Hier und dort waren weitere St�tzbalken errichtet, und manche Seitenw�nde waren mit Brettern verschalt. Der Boden war bedeckt mit Staub, zertretenen W�rmern und zerrissenen Buchseiten. Eine Vielzahl erstickender Ger�che schlug Ganda entgegen. Da waren ein schwacher Duft von schalem Bier und der Essiggeruch von falsch gelagertem Wein. Das Harz aus frisch geschnittenem Holz, gepaart mit dem Odem alten Pergaments. Ein schwefliger Geruch, der wohl von den gegerbten H�uten der Bucheinb�nde herr�hrte und, kaum wahrnehmbar, der Duft von parf�miertem Waffenfett.</p><p>Vorsichtig tastete Ganda sich vorw�rts. Sie h�rte, wie es in der unsicheren Decke �ber ihr arbeitete. Knirschend rieben sich B�cher aneinander. Feiner Staub rieselte herab. Manchmal hatte der B�cherschlag tiefe Nischen geschaffen, wenn sich gro�e Atlanten und Bildb�nde gegeneinander verkantet hatten. Auch gab es kleine Abzweige, so flach, dass man auf dem Bauch liegend hineinrobben m�sste. Wahrscheinlich waren es Suchtunnel, die Kleos� Retter durch die B�cherw�nde getrieben hatten. Ganda war sich sicher, dass Ollowain nicht in einen dieser Seiteng�nge gekrochen war. Einen kriechenden Elfen konnte sie sich einfach nicht vorstellen.</p><p>Immer intensiver wurde der Geruch alter B�cher. Die kleine Flamme der �llampe zitterte bei jeder ihrer Bewegungen. Die Lutin f�hlte sich wie in einer Gruft. Einer Wissensgruft. So viel M�he hatte es gekostet, all die Geheimnisse um Wein und Bier niederzuschreiben. Wer w�rde das jemals lesen? Und welcher der Autoren hatte sich wohl vorstellen k�nnen, dass sein Buch eines Tages Teil einer t�dlichen Falle w�re?</p><p>Die Decke �ber Ganda erzitterte. Weit �ber sich h�rte sie ein dumpfes Rumpeln in dem B�chergebirge. Der St�tzbalken direkt vor ihr bog sich knirschend. Ein Schwall loser Bl�tter segelte wie Flederm�use mit weit ausgebreiteten Schwingen durch den B�chertunnel. Mit klopfendem Herzen presste sich Ganda gegen die B�cherwand und wartete ab, bis das Rumoren �ber ihr verebbte. Sie hasste es, in engen, lichtlosen R�umen zu sein. Sie hasste diese Bibliothek, und sie begann, Ollowain zu hassen. Wie konnte man nur so hirnverbrannt sein, sich ausgerechnet an diesem Ort zu verkriechen! Wer hierher kam, der musste sich entschlossen haben, dem Tod ins Antlitz zu spucken. Sollte er mit diesem Unfug doch warten, bis sie zur�ck in Albenmark waren. Da gab es mehr als genug Gelegenheiten, sein Leben wegzuwerfen. Und sie w�rde nichts mit der Sache zu tun haben.</p><p>Die j�ngsten Ereignisse hatten all ihre Vorurteile �ber Elfen best�tigt. Die besten von ihnen waren schlicht ignorant. Sie weilten mit ihren Gedanken in h�heren Sph�ren, zu denen ein vern�nftig denkender Kobold h�chstens im Vollrausch vordringen konnte. Und die �bleren von ihnen, solche wie Galawayn, waren durchdrungen von B�sartigkeit, die sich hinter ihrer gl�nzenden Fassade versteckte. Dieser Mistkerl hatte geahnt, was mit Ollowain geschehen w�rde, darauf w�rde sie ihren Fuchsschweif verwetten. Er hatte es genossen, den Schwertmeister zu qu�len. Das Einzige, was Ganda wunderte, war, wie schnell Ollowain zerbrochen war. Und nun, da Galawayn mit ihm fertig war, kam sie an die Reihe. Ein Schaudern �berlief sie. Oder hatte er schon mit ihr angefangen? Durchschaute er sie? Wusste er, dass sie Ollowain hierher folgen w�rde? Und gab es das geheimnisvolle Buch und die makaberen Handschuhe nur, weil der Elf auch mit ihr schon l�ngst sein hinterh�ltiges Spiel trieb? Doch was wollte er? Wollte er sie beide nur vertreiben, um in seinem Saal des Lichts in Ruhe gelassen zu werden? Oder gen�gte ihm das nicht?</p><p>Ganda atmete ein paarmal tief durch. Sie musste sich beruhigen! Sie wusste, dass sie den Hang hatte, in Panik zu geraten, wenn sie sich in so engen R�umen wie diesem Tunnel aufhielt. Die Hand, in der sie die �llampe hielt, zitterte. Sie zwang sich weiterzugehen.</p><p>Der Tunnel wand sich wie eine Schlange mit Magenkr�mpfen. St�ndig wechselte er die Richtung. Mal ging es auf, mal ab. Endlich erreichte sie sein Ende. Der enge Gang h�rte einfach auf. In einem Nest aus zerkn�llten Pergamentseiten war eine eingetrocknete, dunkle Lache. Blut. Hier mussten sie Kleos gefunden haben.</p><p>Ganda fluchte. Ollowain musste in eine der Spalten gekrochen sein, die vom Hauptgang abzweigten. �Verdammter Irrer. Du kannst mir mal den Schweif b�rsten. Mistkerl!� �ber ihr erklang ein dumpfes Grollen, als wolle der B�cherberg in ihre Fl�che einstimmen.</p><p>Die Lutin hatte das Gef�hl, als lege sich eine riesige Faust auf ihre Brust. Keuchend rang sie nach Luft. Sie musste gegen ihre Angst ank�mpfen, dachte sie, doch ihre Beine waren anderer Meinung. Sie begannen zu laufen.</p><p>In blinder Hast stolperte sie durch den Tunnel. Sie stie� sich den Kopf an B�chern, die aus den papiernen Tunnelw�nden hervorragten, strauchelte immer wieder und schlug schlie�lich der L�nge nach hin. Die �llampe entglitt ihren H�nden. Blassgoldenes �l schwappte aus der bauchigen Lampe. Die Flamme am Docht leckte gierig nach dem �l.</p><p>Wie eine Maus, gebannt durch den Blick der Schlange, sah Ganda zu, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Die �llache fing Feuer. Knochenfarbenes Pergament zog sich knisternd zusammen, wurde gelb, dann braun und schlie�lich schwarz. Gierig leckte die Flamme nach weiteren Bl�ttern. Ein feiner Schwefelduft stieg Ganda in die Nase. So roch es auch im Saal des Lichts. Galawayn hatte ihr erkl�rt, dass man manchen Tinten Schwefel beimischte.</p><p>Dunkel erinnerte sich die Lutin, dass sie dem Elfen bei einem ihrer Gespr�che anvertraut hatte, dass sie Angst in der Enge habe und wie gl�cklich sie sei, im Saal des Lichts arbeiten zu k�nnen und nicht in einem der fensterlosen und beklemmenden Bibliothekss�le. Galawayn hatte geplant, dass sie hierher kam! Es war kein Zufall, dass Ollowain hierher gefl�chtet war. Sicher hatte er dem Elfen irgendeine Unwahrheit �ber diesen verfluchten B�cherturm zugefl�stert.</p><p>Die Flamme vor ihr gewann an Kraft. Knisternd verschlang sie weitere Bl�tter.</p><p>W�tend ballte Ganda die F�uste. So w�rde sie nicht sterben. Auf einem Scheiterhaufen aus B�chern �ber Bier und Wein verbrennen! Sie nahm das �ll�mpchen auf und stellte es in eine Nische, wobei sie peinlich darauf achtete, dass die Flamme keinem der umgebenden B�cher zu nahe kam. Dann zerrte sie an einem Atlas, der weit aus der B�cherwand ragte und warf das m�chtige, ledergebundene Buch auf die Flammen. Das Feuer verlosch unter dem erstickenden Gewicht von Des Albenhaupts Antlitz, Topographie eines mystischen Berges.</p><p>Ganda wartete und z�hlte stumm bis hundert. Dann hob sie den Atlanten wieder hoch. Au�er einem Kranz tief orangefarbener Glut war nichts geblieben. Z�gerlich trat sie nach dem sterbenden Feuer. Wenn ein einzelner Funke blieb, mochte das schon gen�gen, ein neues Feuer zu entfachen.</p><p>Bei�ender Rauch f�llte den engen Tunnel. Und wieder packte sie die Angst. Sie stellte sich vor, wie ein gewaltiges Feuer die ganze Bibliothek verschlang, und das alles nur, weil sie einen Funken �bersehen hatte. W�tend trampelte sie in der Asche der Pergamentseiten. Vielleicht sollte sie ihren Rock heben und in den gro�en Brandfleck pinkeln? Sie ahnte, dass sie selbst dann nicht sicher w�re, auch den letzten Funken wirklich erstickt zu haben.</p><p>Ganda schloss die Augen und k�mpfte gegen ihre �ngste an. Als sie halbwegs gleichm��ig atmete, �ffnete sie ihr Bewusstsein und suchte nach der Aura des Feuers. Es war etwas Lebendiges. Verzweifelt k�mpfte es darum, fortbestehen zu k�nnen. Sie sp�rte einzelne Glutflecken verl�schen, aber sie f�hlte auch, wie sich an anderen Stellen das Glimmen tiefer fra�.</p><p>Ganda fl�sterte leise die Worte der Macht. Behutsam lie� sie die Silben �ber ihre Zunge streicheln. Vor langer Zeit hatte ihr Lehrer, Meister Gromjan, sie eindringlich davor gewarnt, ihre Gef�hle in die Zauber einzubinden. Die Magie wurde zwar um vieles st�rker, doch sie wurde so wild und unbeherrschbar, wie starke Gef�hle es waren. Meistens hielt sich Ganda an diesen Rat. Doch jetzt war ihre Angst zu stark ... die Angst vor der bedr�ckenden Enge des B�chertunnels und vor dem, was geschehen mochte, wenn sie das Feuer nicht vollst�ndig erstickte.</p><p>Es wurde schlagartig k�lter. Die Luft knisterte. Wie alles, das lebte, brauchte auch Feuer Luft zum Atmen. Ganda dachte an die Faust, die auf ihre Brust dr�ckte, das Gef�hl, das sie am Ende des Tunnels fast �bermannt hatte. Sie gab die Angst weiter, lie� sie aus sich herausflie�en in den Zauber. Dann hielt sie den Atem an.</p><p>Ganda sp�rte, wie die letzten Funken verzweifelt um ihr Sein rangen. Die Ledereinb�nde der B�cher rings herum knirschten.</p><p>Die Lutin f�hlte sich benommen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie einen letzten Funken. Er umkreiste sie. In immer schnelleren Wirbeln drehte er sich um sie. Dann verschlang ihn die Finsternis. Ganda verharrte. Sie suchte. Doch da war nichts mehr. Sie hatte das Feuer besiegt. Und auch ihre Angst war gewichen.</p><p>Sie atmete tief ein. Die Luft war eisig. Und ein leichter Duft von Waffenfett mischte sich unter die Ausd�nstungen der uralten B�cher.</p><p>Ganda �ffnete die Augen. Sie betrachtete den gro�en Brandfleck vor ihren F��en. Peinlich! Rasch sammelte sie einige lose Bl�tter und breitete sie �ber das schwarze Schandmal. Die Angst war von ihr abgefallen. Und der B�cherberg �ber ihr ruhte.</p><p>Die Lutin lie� sich von dem Duft nach Waffenfett leiten. Sie w�rde nicht noch einmal dulden, dass Panik ihre Sinne blendete. Und sie fand einen schmalen Spalt zwischen schiefen B�cherstapeln. Es war ihr ein R�tsel, wie sich der Elf dort hindurchgezw�ngt hatte. Sorgsam darauf bedacht, keines der B�cher zu bewegen, zw�ngte sie sich durch den Spalt. Ollowain war kaum zwei Schritt entfernt.</p><p>Im Chaos der st�rzenden B�cher war ein kleiner Hohlraum entstanden. Und wie Stalaktiten in einer Grotte hingen zerfetzte Pergamentstreifen von der Decke. Gandas �llampe tauchte Ollowains Zuflucht in goldenes Licht. Sein Schwert lehnte an einem B�cherstapel. Er hielt etwas mit beiden H�nden umklammert und presste es sich gegen die Brust. �ber seinen Daumen erhob sich das Haupt der schwarzen Magierin aus dem Falrach-Spiel.</p><p>Der Schwertmeister blickte in Richtung des Spalts, durch den Ganda gekommen war, und doch wusste die Lutin, dass er sie nicht sah. Seine Augen waren leer. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. Dabei war er vollkommen still. Kein Schluchzen kam �ber seine Lippen. Kein Seufzer hob seine Brust. Er weinte stumm, auf eine Art, wie Ganda nie zuvor in ihrem Leben jemanden hatte weinen sehen.</p><p>Sein Anblick schn�rte ihr die Kehle zu. Selbst in seiner Trauer wirkte er noch vollkommen. Im Schneidersitz sa� er kerzengerade zwischen den B�chern. Sein Haar war ein wenig durcheinander geraten, und seine Augen waren leicht ger�tet. Das Antlitz des Elfen war bleich wie Winternebel, der aus einem schwarzen Pfuhl stieg. Es war alterslos sch�n. Wie aus Marmor geschnitten und ebenso unbewegt. Versteinert. Bis auf die Tr�nen.</p><p>Ganda wusste nicht, was sie sagen sollte. Welche Worte w�rden bis zu Ollowains Verstand vordringen, der sich so weit hinter die steinerne Maske zur�ckgezogen hatte? Sie ahnte, dass er wieder zu sich k�me, wenn sie nach der schwarzen Magierin griff. Doch sie wagte es nicht. Sie hatte Angst vor dem, was er tun mochte, um die Spielfigur zu sch�tzen.</p><p>Vorsichtig streckte Ganda die Hand nach Ollowains Schwert aus. Nichts.</p><p>Die Lutin nahm die Waffe an sich, ohne den Schwertmeister aus den Augen zu lassen. Keine Reaktion. Er lie� sich widerstandslos entwaffnen. Der wei�e Ritter der Shalyn Falah, der ber�hmteste Krieger Albenmarks, hatte aufgeh�rt zu k�mpfen. Ganda warf das Schwert durch den Spalt hinaus in den B�chertunnel. Obwohl sie sich nun ein wenig sicherer f�hlte, wagte sie immer noch nicht, nach der Falrach-Figur zu greifen.</p><p>�Wir sind im Auftrag der K�nigin hier, Ollowain. Erinnerst du dich? Du hast Emerelle Treue geschworen. Du darfst sie jetzt nicht im Stich lassen.�</p><p>Der Elf r�hrte sich nicht. Er war ein d�mlicher, arroganter Mistkerl, und doch ber�hrte es sie zutiefst, ihn so zu sehen. Sie h�tte niemals gedacht, dass Elfen zu solch starken Gef�hlen f�hig waren. Sie wirkten immer so beherrscht. So �berlegen. So in ihren Verstand und ihre meisterlichen F�higkeiten verliebt.</p><p>�Erinnerst du dich an die Bl�tenfeen am gro�en Teich, nahe dem Elfenlicht?� Ganda hielt inne; sie musste daran denken, dass die Elfen dieser pr�chtigen Burg keinen Namen gegeben hatten. Wenn sie den Namen gebrauchte, den die Koboldv�lker Emerelles verzauberter Burg gegeben hatten, dann w�rde Ollowain nicht wissen, wovon sie sprach. �Denk an das Schloss der K�nigin. Dort gibt es einen klaren See. An seinem Ufer leben die Bl�tenfeen. Etwas Dunkles ist in jener Nacht an diesen Ort gekommen, in der du und Emerelle die Trolle vertrieben habt. Etwas, das die Lebensfreude stiehlt und auf heimt�ckische Weise zu t�ten vermag. Es sind Schatten, die kein Schwert zu besiegen vermag, Ollowain. Deshalb sind wir hier. Wir sollen einen Weg finden, diese Schatten aus Albenmark zu vertreiben. Erinnere dich! Du bist der wei�e Ritter! Der Schwertmeister. Der Gerechte. Allen V�lkern Albenmarks ist dein Name wohl bekannt. Sie vertrauen auf dich. Sie hoffen auf deinen unbeugsamen Mut. Lass sie nicht im Stich, Ollowain.�</p><p>Nichts. Es war, als spr�che sie zu einem Felsen. Wie konnte man nur so ausdauernd weinen? Und so still ... Das war unheimlich. Wann w�rden seine Tr�nen versiegen? Oder konnte man so lange weinen, bis man daran starb, wenn sich die Seele in einer W�ste verloren hatte?</p><p>Ganda blickte wieder zu der schwarzen Magierin. Vorsichtig streckte sie die Hand nach der Figur aus, bis ihre Finger sie fast ber�hren konnten. Die Lutin schluckte. Ihre innere Stimme warnte sie. Das war nicht mehr der W�chter der Shalyn Falah, der dort vor ihr sa�. Der Unbeugsame und Unbescholtene. Niemand konnte wissen, was er in seinem Wahn tun w�rde.</p><p>Ganda beugte sich zur�ck. Sie leckte sich nerv�s die Schnauze. Sie musste sich mehr auf ihn einlassen, wenn sie zu ihm vordringen wollte. Ganda erinnerte sich an einen Namen, den er gestern genannt hatte.</p><p>�Sie hie� Lyndwyn, nicht wahr?�</p><p>Ollowains Lippen zitterten leicht.</p><p>�Erz�hl mir von ihr. Sie muss eine sehr besondere Frau gewesen sein, wenn sie dich selbst jetzt noch so sehr in ihren Bann zu schlagen vermag.�</p><p>Der Elf nickte sanft. �Ja, die Worte sind gut gew�hlt.� Er sprach mit tonloser Stimme. �Sie hat mich tats�chlich in ihren Bann geschlagen. Sie war eine Zauberin. Ich dachte, es sei ihre Magie. Aber ich habe mich geirrt. Ich habe mich so sehr in ihr geirrt ...�</p><p>�Wie meinst du das?� Ollowains Blick wurde wieder starr. Ganda fluchte. Sie war dabei, ihn wieder zu verlieren. Sie musste ihn provozieren! �Hat sie dich betrogen? Erz�hl es mir! Was hat die Schlampe dir angetan?�</p><p>Der Schwertmeister blinzelte. Dann sah er sie an, und sein Blick war wie Eis. �Wenn du noch einmal so von ihr sprichst, werde ich dich t�ten.�</p><p>Er sprach sehr leise. Seine Stimme klang noch immer hohl. Sie verriet kein Gef�hl. Und doch hegte die Lutin nicht den geringsten Zweifel daran, dass er seine Drohung augenblicklich wahr machen w�rde, wenn ihr jetzt der geringste Fehler unterlief. Und er brauchte kein Schwert, um sie zu t�ten. �Entschuldige�, stammelte sie. �Ich habe mich geirrt. Erz�hl mir, wie Lyndwyn war.�</p><p>Pl�tzlich spielte ein trauriges L�cheln um die Lippen des Elfen. Er nickte sanft. �Ja, es war leicht, sich in ihr zu irren. So ist es auch mir ergangen. Sie war die Enkeltochter Shahondins, des F�rsten von Arkadien, und ich dachte lange Zeit, sie sei sein Werkzeug. Er begehrte Emerelles Thron und ihren Albenstein. Und Lyndwyn hat ihn sich genommen, den Albenstein der K�nigin. Sie war undurchschaubar.� Seine Tr�nen versiegten. Er schluckte hart. �Bis zuletzt.�</p><p>Mit stockender Stimme erz�hlte Ollowain von der Magierin. Wie sie ihm einen Dolch in die Kehle gerammt und ihn so vor dem Erstickungstod gerettet hatte. Wie sie den Albenstein an sich gebracht und dessen Kraft genutzt hatte, um die schwer verwundete Emerelle in die Welt der Menschen zu schaffen. Ollowain berichtete von ihrer Reise nach Phylangan und davon, wie Lyndwyn ihn verf�hrt hatte, nur um dann auf geheimnisvolle Weise wieder zu verschwinden. Erst als die Festung Phylangan dem Untergang nahe gewesen war, hatte er wieder zu Lyndwyn gefunden und entdeckt, dass die Magierin gemeinsam mit anderen Zauberern der Normirga f�r einen schrecklichen Preis das Feuer der Erde im Zaum gehalten hatten.</p><p>Ollowain stockte in seiner Erz�hlung. Er schloss die Augen und rang mit sich. Eine einzelne Tr�ne rann �ber seine Wange.</p><p>�Mir ist prophezeit worden, dass ich mich vor dem Feuer h�ten soll und einst in Flammen sterben werde. So ...� Er sah Ganda durchdringend an. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein, den Rest musst du nicht wissen. Aber seit ein paar Tagen frage ich mich, ob Lyndwyn um mein Schicksal wusste? Mich qu�lt der Gedanke, dass sie um meinetwillen die t�dliche Gefahr auf sich nahm. Unsere Schiffsreise hat mir viel Zeit zum Nachdenken gegeben. Zeit, die ich seit Lyndwyns Tod nicht hatte.� Er l�chelte mutlos. �Vielleicht tat sie es auch allein, um Phylangan zu retten. Anfangs hatten wir alle geglaubt, dass die Trolle die Bergfestung niemals st�rmen k�nnten ...�</p><p>Der Schwertmeister berichtete, wie er Lyndwyn gerettet hatte und mit ihr aus der sterbenden Bergfestung geflohen war. Dabei war er schwer verwundet worden und hatte das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich gekommen war, war er allein auf einem weiten Schneefeld gewesen. Nur die Spuren hatten verraten, was geschehen sein musste. Offenbar war Lyndwyn durch eine Patrouille der Trolle entdeckt worden. Und sie war den Feinden entgegengegangen, damit sie Ollowain, der in seinem wei�en Umhang im Schnee fast unsichtbar gewesen war, nicht fanden. F�r diesen Mut hatte sie mit dem Leben bezahlt. Stammelnd brachte der Schwertmeister hervor, was man der Magierin angetan und wie sie dem Tod getrotzt hatte, bis sie einander ein letztes Mal begegnet waren.</p><p>Ollowain hob die Falrach-Figur an seine Lippen und k�sste sie sanft. �Zu viel Zeit nachzudenken ... Lach nicht Ganda, aber das Falrach-Spiel hat mich verr�ckt gemacht.�</p><p>�Das habe ich gesehen�, sagte sie ironisch.</p><p>�Du hast nicht alles gesehen. Es war unheimlich, wie genau das Spiel den Verlauf der Schlacht nachbildete. Dabei h�tte dies bei all den unberechenbaren W�rfelw�rfen nicht m�glich sein d�rfen. Man kann ein Falrach-Spiel nicht steuern. Nicht auf diese Weise.� Er lachte schmerzhaft. �Irgendwann fing ich an zu glauben, dass ich die Vergangenheit �ndern k�nnte, wenn ich es schaffte, dem Spiel eine neue Wendung zu geben. Und wenn die schwarze Magierin am Ende der Schlacht um Phylangan nicht geschlagen w�rde, dann w�rde Lyndwyn noch leben.�</p><p>Ganda versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie schockiert sie war. Er war wirklich verr�ckt geworden!</p><p>Ollowain schob sich die Falrach-Figur hinter den G�rtel. Pl�tzlich runzelte er die Stirn. �Wo ist mein Schwert?�</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Ich habe Lyndwyn geschworen, die K�nigin zu retten. Das Spiel ist noch nicht zu Ende.� Ganda seufzte. Das durfte doch nicht wahr sein! Auf ihn konnte sie wohl nicht l�nger z�hlen.</p><p>�Du willst zur�ck zu Galawayn?�</p><p>�Auch zu ihm.� Mit katzenartiger Gewandtheit erhob sich der Elf und war an ihr vorbei, bevor sie auch nur protestieren konnte.</p><p>�Ganda?�</p><p>Die Lutin h�tte nicht erwartet, dass er auf sie warten w�rde.</p><p>�Ja?�</p><p>�Hast du schon einmal einen Elfen �ber Schnee gehen sehen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Wei�t du, was das Besondere daran ist?�</p><p>Mit Verr�ckten und Elfen ist es wie mit kleinen Kindern, ermahnte sie sich stumm. Nur nicht die Geduld verlieren!</p><p>�Nein, keine Ahnung.�</p><p>�Sie hinterlassen keine Spur.� Mit diesen Worten griff er unter ihre Arme, nahm ihr das �ll�mpchen ab und trug sie durch den Tunnel. Kein Pergamentblatt raschelte unter seinem Schritt, und der unruhige B�cherberg schwieg, als habe er die Eindringlinge vergessen.</p><p>In wenigen Augenblicken waren sie in dem Saal mit der niedrigen Decke, der Ganda nun nach dem Ausflug in die B�chergruft weit und freundlich erschien. Ollowain setzte sie behutsam zu Boden. Dann beugte er sich vor und k�sste sie auf die Stirn.</p><p>Zu �berrascht, um irgendetwas sagen zu k�nnen, starrte sie ihn einfach nur an.</p><p>�Danke, Ganda. Ich hatte mich verloren und musste wieder gefunden werden.� Sie r�usperte sich verlegen. Sie war beileibe nicht auf den Mund gefallen, aber Ollowain machte sie einfach sprachlos. Ihr fielen keine Worte ein, die nicht unglaublich schw�lstig oder d�mmlich geklungen h�tten.</p><p>�Wen suchst du?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�Jemanden, den Chiron kurz erw�hnt hat und der mir vermutlich sagen kann, warum Galawayn so gut �ber die Ereignisse in Phylangan Bescheid wei�, dass man meinen k�nnte, er habe dort gek�mpft.� Mit diesen Worten machte er sich davon.</p><p>Ganda fluchte. Jedes Mal, wenn sie kurz davor war, den Elfen zu m�gen, leistete er sich so etwas! W�re es denn so schwer gewesen, ihr zu sagen, nach wem er suchte?</p><subtitle>Der goldene K�fig</subtitle><cite><p>�(...) Ich nannte die Pfade der Elfen ein Netz, doch sind sie zugleich auch ein K�fig, so unermesslich weit, dass, w�rdest du auf dem schnellsten aller Pferde ein ganzes Jahrhundert lang an ihm vorbeireiten, so w�rst du noch immer nicht an deinem Ausgangspunkt angelangt. (...)</p><p>Ich wei� nicht, auf welcher Seite des Gitters ich stehe. Bin cih eingesperrt oder ausgesperrt? Ich wei� nur, ich bin gesch�tzt, denn dazu haben die Alben den K�fig erschaffen. Seine Stangen sind die goldenen Pfade durch das Nichts. Sie halten die Yingiz fern � die Schatte, die von ihnen geblieben sind, das, was nicht einmal die Alben zu t�ten vermochten. Oder wollten sie es nicht? Wie gefangene Raubkatzen schn�ren die Yingiz die Gitterst�be entlang. W�rde einer der St�be fehlen, so k�nnten sie zur�ck. Vielleicht w�rde es ein Jahrhundert dauern oder l�nger, bis eine solche L�cke bemerkt w�rde.</p><p>Sie gelten als gierig und selbsts�chtig. Sie sehnen sich nach dem Funken des Lebens. W�rde ein Yingiz, der eine L�cke bemerkt, seine Br�der und Schwestern rufen? Die meisten t�ten es wohl nicht. Sie tr�ten allein hinaus ins Licht, um zu jagen. Ein Yingiz aber w�re wie eine Ascheflocke auf einem goldenen Schild. Ein Makel, mehr nicht. Doch k�me einer, der ungleich den vielen ist, Albenmark w�rde in einem Aschesturm vergehen. Deshalb h�tet den K�fig, auch wenn ihr nicht wisst, auf welcher Seite des K�figs ihr steht. Denn �ffnet ihr ihn, so habt ihr das Stundenglas gewendet, das die Zeit zu unser aller Untergang abmisst. (...)</p><text-author>Zitiert nach:</text-author><text-author>Die Wege der Alben,</text-author><text-author>von: Meliander, F�rst von Arkadien</text-author></cite></section><section><title><p>Nur eine Spur auf Pergament</p></title><empty-line/><p>Ollowain betrachtete den Kobold nun schon eine ganze Weile. Tief gebeugt sa� der schm�chtige Kerl �ber einer langen Liste, kaute an dem Ende seines G�nsekiels und knurrte gelegentlich. Vielleicht war es auch Magengrimmen, das f�r das Ger�usch verantwortlich war. Obwohl Ollowain unmittelbar vor dem Pult des Kobolds stand, tat dieser so, als sehe er ihn gar nicht. Auch leises R�uspern ignorierte der Schreiber geflissentlich.</p><p>�Bist du Marwahn?�, fragte der Elf lauter, als es die H�flichkeit gebot.</p><p>Endlich blickte der Schreiber auf. Er hatte ein verkniffenes Gesicht. Wangen, die an leere Beutel erinnerten, hingen rechts und links neben seinem spitzen Kinn herab. Auf der zerfurchten Stirn prangte ein verschmierter Tintenfleck. Sch�tteres, fettig gl�nzendes Haar bedeckte mit langen Str�hnen die beginnende Glatze. Der Schreiber verstr�mte den s�uerlichen Geruch von zu lange getragenen Kleidern und billiger Tinte.</p><p>�Mein Name steht drau�en neben der T�r�, murmelte der Kobold und beugte sich wieder �ber seine Liste. �Da steht Marwahn!�</p><p>�Habe ich etwas anderes gesagt?� Ollowain verkniff sich die Antwort, die ihm auf der Zunge lag. �Meister Reilif ist f�r die Neuank�mmlinge und ihr leibliches Wohl verantwortlich ...�</p><p>�Das brauchst du mir nicht zu erkl�ren�, schnauzte der Kobold ihn an. �Was willst du?�</p><p>�Eine Liste von allen Besuchern der Bibliothek in den letzten drei Monden. Reilif sagt, du f�hrst eine solche Liste.� Marwahn rollte mit den Augen und stie� einen verzweifelten Schnaufer aus. �Geh zu Kleos. Der kann dir sagen, wer gekommen ist.�</p><p>�Ich kenne Kleos.� Ollowain verlor langsam die Geduld. �Ich kann aber gern zur�ck zu Reilif gehen, um ihm zu sagen, dass du die Zusammenarbeit mit einem Gesandten der K�nigin Emerelle verweigerst.�</p><p>�Emerelle hat hier gar nichts zu sagen! Willst du mir drohen, ja? Willst du das? Glaubst du, dass dir damit geholfen ist?� Der Schreiber ereiferte sich so sehr, dass ihm eine seiner fettigen Haarstr�hnen in die Stirn rutschte. �Kannst du nicht sehen, dass ich bis �ber beide Ohren in Arbeit stecke? Ein wenig Geduld musst du schon mitbringen.�</p><p>Alles, was Ollowain gesehen hatte, war, dass Marwahn in der letzten halben Stunde zwei Namen auf seiner Liste ausgestrichen hatte. In der ganzen Zeit hatte sich niemand anders in die Kammer des Schreibers verirrt, und der Elf verstand nun auch, warum das so war.</p><p>�Sieh es doch einmal anders, hochverehrter Schreiberling. Wenn du mir hilfst, so verschwinde ich bald wieder, und du bist ungest�rt.�</p><p>Marwahn fuhr sich mit der Hand, mit der er den Federkiel hielt, �ber die Stirn und hinterlie� dort einen zweiten Tintenklecks. Dann legte er betont langsam die Feder zur Seite, holte ein gro�es schwarzes Buch, schlug es auf, legte es vor Ollowain auf den Tisch und warf dabei einen abf�lligen Blick auf dessen Schwert. �Hier! Brauchst du jemanden, der dir vorliest, Krieger?�</p><p>�Danke, ich komme zurecht�, entgegnete der Elf eisig. Kaum hatte er einen Blick in das Buch geworfen, da bereute er diese Worte schon. Die Schriftzeichen waren ihm durchaus vertraut, und auch die Namen, die fein s�uberlich untereinander aufgelistet waren, konnte er durchaus lesen. Aber hinter jedem Namen stand ein Kauderwelsch aus Buchstaben und Zahlen, das f�r einen Uneingeweihten unm�glich zu durchschauen war.</p><p>Trotzdem war Ollowain entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen. Sein Name und der Name Gandas waren die letzten in der Liste. Auf der Seite standen noch vierzehn andere Namen. Der einzige davon, der Ollowain vertraut vorkam, war der Name, der unmittelbar vor seinem eingetragen stand. Das musste der Besucher sein, von dem Chiron gesprochen hatte. Labax. Ollowain erinnerte sich an einen Kobold aus Phylangan, der so gehei�en hatte.</p><p>Der Finger des Elfen fuhr �ber die Zeile hinter dem Namen. Labax Ank. S-L, k.Magbg., Kob., Bed II, HW IX, Arb. Kl. XXV, BTT, Qb III</p><p>Der Name war verst�ndlich. Und Kob. Bedeutete wahrscheinlich Kobold. Aber der Rest ... Ollowain blieb keine andere Wahl, als Marwahn zu fragen.</p><p>�Ich dachte, du kannst lesen�, entgegnete der Kobold, ohne aufzublicken. �Also bist du nicht nur ein Krieger, du bist auch noch ein L�gner. In letzter Zeit lassen sie wirklich jeden Dreck hier in die Bibliothek.�</p><p>�Dir ist klar, dass die meisten Krieger M�rder sind?�, fragte Ollowain sehr ruhig. Marwahn blickte auf. Ganz offensichtlich versuchte er einzusch�tzen, ob er m�glicherweise in Gefahr war. �Ich bin Schreiber in der Bibliothek von Iskendria. Ich bin unantastbar.�</p><p>�Wie sagtest du gleich? In letzter Zeit lassen sie jeden Dreck in die Bibliothek? Wie kommst du darauf, es k�nnte mich scheren, dass du unber�hrbar bist?�</p><p>Der Kobold war eine Spur blasser geworden. Er suchte noch immer nach Anzeichen in Ollowains Gesicht, die darauf hindeuteten, dass er scherzte.</p><p>Der Elfenkrieger hielt dem Blick des Kobolds stand. �Womit kann ich dir zu Diensten sein?�, fragte Marwahn schlie�lich ganz kleinlaut.</p><p>Der Schwertmeister zeigte auf die Zeile hinter Labax� Namen.</p><p>�Was bedeutet das?� Der Kobold drehte das Buch zu sich. �Ja, in der Tat, das ist nicht ganz leicht zu verstehen. Buchhalterhieroglyphen.� Er blickte auf, um ein L�cheln zu erhaschen, doch Ollowains Miene blieb wie versteinert.</p><p>�Also, �bersetzt hei�t das: Labax, Ankunft �ber Sem-La, keine Magiebegabung, Kobold, Bedeutsamkeit II, H�ter des Wissens IX, Arbeiter Klasse XXV, Brauturm, Qualbam III. Sem-La hat ihm das Tor im Albenstern ge�ffnet, da Labax in Sachen Magie augenscheinlich nicht begabt war. Er war kein sehr bedeutsamer Besucher. Die Zahl gibt an, wie viel neues Wissen ein Gast unserer Bibliothek zu bieten hat. Je h�her die Zahl ausf�llt, desto besser. Man kann sie etwa mit der Zahl der Stunden gleichsetzen, die man durch einen H�ter des Wissens befragt wird.� Ollowain versuchte zu erkennen, was in seiner Zeile stand. CX. Hundertzehn Stunden! Die waren hier alle verr�ckt!</p><p>�H�ter des Wissens IX gibt an, in wessen Zust�ndigkeitsbereich Labax f�llt�, fuhr der Schreiber fort.</p><p>�Und IX steht f�r Galawayn.�</p><p>Marwahn blickte �berrascht auf. �Richtig. Man hat Labax zu Galawayn geschickt. Das ist ungew�hnlich, denn der Elf besch�ftigt sich nur mit ...� Der Kobold hustete nerv�s. Wahrscheinlich war er angewiesen, �ber Galawayns Aufgaben Stillschweigen zu bewahren. �Galawayn besch�ftigt sich nur mit sehr besonderen Berichten. Labax muss in der Tat etwas sehr Interessantes gewusst haben. Sonst h�tte man ihn niemals zu Galawayn geschickt. Aber sehr viel kann es nicht gewesen sein, was er zu erz�hlen hatte, denn zwei Stunden ist sehr wenig Zeit f�r ein Gespr�ch.�</p><p>�Was du nicht sagst.� Ollowain behielt den drohenden Tonfall bei, obwohl sein Zorn l�ngst verraucht war.</p><p>�Arbeiter Klasse XXV ist die niedrigste Klasse von Arbeitern in der Bibliothek. Der Rang h�ngt davon ab, wie anspruchsvoll die Aufgaben sind, die man erf�llen kann. Die H�ter des Wissens haben alle den Rang I. Ein Schreiber wie ich hat Rang IX, was ziemlich bedeutsam ist. Du sagtest, du kennst Kleos?�</p><p>Marwahn blickte kurz auf. �Er hat Rang XXV.�</p><p>�Bekommt jeder Besucher der Bibliothek so einen Rang?� Ollowain war �berrascht �ber das kaltschn�uzige System, mit dem die Besucher nach ihrer N�tzlichkeit eingeordnet wurden.</p><p>�Nein. Eine Einstufung in eine Arbeiterklasse gibt es nur f�r Besucher, die bleiben wollen. Aber wie du siehst, war Labax kein gro�er Gewinn f�r uns. Entweder war er ziemlich d�mlich oder aus irgendeinem anderen Grund nicht in der Lage, anspruchsvolle Aufgaben wahrzunehmen. Rang XX steht zum Beispiel f�r die Beleuchter der Bibliothek. Wer einen niedrigeren Rang hat, dem traut man nicht zu, dass er mit offenem Feuer hantieren kann, ohne eine Bedrohung f�r die Bibliothek darzustellen.�</p><p>Ollowain versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er hatte nur eine vage Idee von dem, was hier vor sich ging. Warum Galawayn so viel �ber die K�mpfe um Phylangan gewusst hatte, war nun gekl�rt. Aber warum hatte der Elf nicht �ber Labax reden wollen? W�re es nicht nahe liegend gewesen, dass sie ein Gespr�ch zu dritt gef�hrt h�tten? Ollowain hatte ihn sogar nach dem letzten Besucher gefragt, doch der H�ter des Wissens hatte nur abf�llig gel�chelt und gesagt, es sei ein schwafeliger Kobold gewesen. Aber g�nzlich unbedeutend konnte Labax nicht sein, sonst h�tte man ihn schlie�lich nicht ausgerechnet zu Galawayn geschickt. Was hatte Labax wohl �ber Phylangan zu erz�hlen gehabt? Was machte ihn zu etwas Besonderem?</p><p>Ollowain erinnerte sich noch an den Kobold. Er hatte zu den Armbrustsch�tzen geh�rt. Seine Kameraden waren durch den r�tselhaften M�rder get�tet worden, der die Elfenfestung heimgesucht hatte. Labax war der einzige �berlebende gewesen. Verzweifelt hatte er nach einer Antwort darauf gesucht, warum er dem Tod entging aber seine Gef�hrten sterben mussten. Vielleicht war das der Grund, dass Labax hierher gekommen war. Schlie�lich hie� es ja, dass man in der Bibliothek von Iskendria Antwort auf alle Fragen finden k�nne.</p><p>�Dieses K�rzel hier steht f�r Brauturm�, fuhr Marwahn beflissen fort. �Dort hat man ihn zur Arbeit eingesetzt. Im Brauturm hat es einen B�cherschlag gegeben, musst du wissen. Wahrscheinlich war es die Aufgabe von Labax, B�cher zu bergen. Ein anderer Kobold, Qualbam III., hat ihn in diese Arbeit eingewiesen. Qualbam ist nur ein Beleuchter. Und ein ziemliches Gro�maul ist er. Erz�hlt jedem, der es nicht h�ren will, wie gut er bei den Weibern ankommt.�</p><p>�Wei�t du, ob Labax die Bibliothek wieder verlassen hat?�</p><p>Der Schreiber kratzte sich am Kopf und brachte seine sorgsam gelegten Haarstr�hnen noch mehr durcheinander. �Also ausgetragen habe ich ihn nicht. Leider kommen nicht alle, um sich abzumelden, wenn sie die Bibliothek wieder verlassen. Aber da Labax nicht magiebegabt ist, kann er das Tor im Albenstern nicht �ffnen. Er kann also ohne Hilfe nicht fort von hier, und h�tte er jemanden aus der Bibliothek um Hilfe gebeten, dann h�tte ich davon erfahren. Solche Dinge erfahre ich immer�, erkl�rte Marwahn stolz. �Auf meine bescheidene Art bin ich auch ein H�ter des Wissens.�</p><p>�Also m�sste ich Labax beim Brauturm finden.�</p><p>�Wenn er kein Faulpelz ist, der sich vor seiner Arbeit dr�ckt, dann sollte er dort sein. Aber bei den XXV wei� man nie�, sagte der Schreiber abf�llig. �Die sind einfach zu d�mlich, um ihre Sache gut zu machen.�</p><p>Ollowain deutete auf die Namensliste. �Sind das wirklich alle Besucher der letzten Monde?�</p><p>�Das sind sogar alle Besucher des letzten halben Jahres. Wie du siehst, ist bei uns nicht sehr viel los.�</p><p>�Kann man auch unbemerkt in die Bibliothek gelangen?�</p><p>Der Schreiber wirkte entr�stet. �Das kann ich mir nicht vorstellen. Die H�ter des Wissens w�rden das bemerken. Wenn jemand davonhuscht, da kann man nichts machen. Aber wenn wir Besuch bekommen, das merken wir schon.�</p><p>Ollowain verlie� die Stube, ohne sich von Marwahn zu verabschieden. Die Erinnerung an etwas, das Ganda ihm erz�hlt hatte, hatte ihn zutiefst aufgew�hlt. Von den Devanthar hie� es, dass sie die Gestalt ihrer Opfer annehmen konnten. Aber die Kunst der Gestaltwandlung galt als eine der verbotenen Spielarten der Magie � jene Art von Magie, die man am Hof der F�rstin Alathaia praktizierte. Ihr traute Ollowain durchaus zu, dass sie sich sehr f�r die m�rderische Kreatur interessierte, die Phylangan heimgesucht hatte. Vielleicht hatte sie einen Z�gling hierher geschickt?</p><p>Ein Magier, der ein Gestaltwandler war, w�rde gewiss zun�chst einige Zeit mit seinen Opfern verbringen. Schlie�lich musste er mit ihrem Leben und ihren Eigenarten vertraut werden. Wahrscheinlich w�rde er seine Opfer danach t�ten, allein schon um zu verhindern, dass man ein und dieselbe Person zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten antreffen konnte. So w�rde es ihm auch leichter fallen, seine Spuren zu verwischen. Diejenigen, die er t�tete, w�rde man nicht vermissen, weil er sie ja ersetzte. Sollte der Kobold Labax also in Wahrheit ein anderer sein, dann war jeder in Gefahr, mit dem er einige Zeit verbracht hatte. Dieser Beleuchter, Qualbam III., und auch Galawayn.</p><p>Der Schwertmeister hatte den Verdacht, dass er Labax nicht finden w�rde. Aber bevor er zu Galawayn ging, wollte er sich dessen ganz sicher sein.</p></section><section><title><p>�berraschender Besuch</p></title><p>Der Mond stand hoch am Himmel. Es wurde k�hl in der Kammer des Herzogs. Die schweren h�lzernen L�den standen halb offen. Keile verhinderten, dass sie im Wind hin und her schlugen.</p><p>Klein und blass war die Aura des Menschenmondes. Ihm fehlte die Kraft seines Zwillings in Albenmark. Alles war schw�cher in der Welt der Menschen. Die Magie, das Licht und auch die Gesch�pfe, die hier lebten. Manchmal stellte sich Skanga vor, die Alben h�tten ge�bt, als sie diesen Ort erschufen. Aus den Fehlern hatten sie gelernt und dann Albenmark erschaffen.</p><p>Die alte Schamanin lehnte sich in dem hohen Holzsessel zur�ck, der an der Wand gegen�ber dem riesigen Nachtlager stand. Sie musste schmunzeln. Orgrim genoss es wahrhaftig, bei den Weibern zu liegen. Es gab viel weniger Weibsbilder als Krieger. Und die Weiber w�hlten, in wessen Lager sie stiegen. Viele Krieger wurden alt und starben, ohne jemals den Zauber der Vereinigung erlebt zu haben. Ein Herzog freilich konnte unter allen Weibern w�hlen. Noch dazu, wenn er ein so ber�hmter K�mpfer wie Orgrim war.</p><p>In sein Lager zu kriechen war eine Ehre, der man mit Freude nachkam, denn er war auch noch jung und sah gut aus. Jedenfalls hatte man Skanga das erz�hlt ... Sie wusste nur mit Sicherheit zu sagen, dass er eine gute Aura hatte. Kraftvoll! Es war nicht lange her, da war Orgrim nur ein Rudelf�hrer gewesen. Der Herzog hatte den Mangel gelebt, und nun schwelgte er im �berfluss.</p><p>Skanga kannte Orgrim gut. Sie wusste, dass er ein Genie�er war. Viele Leben lang hatte sie ihn begleitet. Die Weiber hatten es Orgrim schon immer angetan.</p><p>Ihre H�nde tasteten nach dem aufgeschlagenen Buch, das neben ihr auf dem Tisch lag. Der Botschaft der Tintenpfade nachzusp�ren kostete die blinde Schamanin viel Kraft. Ohne die Zaubermacht des Albensteins h�tte sie es nicht vermocht.</p><p>Orgrim hatte eing�ngige Worte gefunden. Worte, die selbst sie ber�hrten, obwohl sie schon so alt war, dass es ihr schien, ihr Herz ruhe gleich einem Stein unter ihrem Busen. Unverletzlich. Kalt.</p><p>Leise rezitierte sie die ersten Verse.</p><poem><stanza><v>Wie W�lfe waren wir, / vertrieben in die Fremde,</v><v>Geboren worden wie Welpen. / Unter fremdem Monde</v><v>Jagten wir, rastlose Rudel, / fern der Heimat,</v><v>Nah der Sehnsucht nach / fr�h Verlorenem.</v></stanza></poem><p>Das hatte er schon fr�her getan, dachte Skanga. Es gab nur eine Hand voll Trolle, die lesen und schreiben konnten, und unter diesen wenigen war Orgrim der Einzige, der sich zum Dichter berufen f�hlte. Das war auch schon so gewesen, als sich das Fleisch, in das sich seine Seele gekleidet hatte, noch Dolgrim nannte.</p><p>Sie konnte die St�rung im Muster der Steinplatten auf dem Boden wahrnehmen. Doch dem, der nur mit Augen danach suchte, blieb sie wohl verborgen, die geheime Fallt�r, durch die dieses l�stige Elflein gestiegen war, das dem Herzog die Seelenfehde angesagt hatte. Dolgrim hatte einst das Weib des Elfen Farodin in einer Schlacht erschlagen. Skanga grunzte. Ein Schlachtfeld war auch kein Ort f�r Weiber, es sei denn, es waren Zauberinnen oder Schamaninnen. F�r die albernen Schildmaiden der Elfen hatte sie nichts als Verachtung �brig. Aber was wollte man von einem Volk erwarten, bei dem sich sogar die K�nigin einst f�r eine Kriegerin gehalten hatte!</p><p>Skanga spuckte �rgerlich aus. Bei den Gedanken an das Vergangene kam ihr die Galle hoch. �Fluch auf dich, Farodin. M�ge dir dein Weib auf ewig genommen sein! M�ge sich dir nie wieder ein Scho� �ffnen, und m�ge dein Samen in dir verfaulen!� Eine Seelenfehde! Es hatte diesem heimt�ckischen Meuchler nicht gen�gt, Dolgrim zu t�ten. Nein, jedes Mal, wenn die Seele des Herzogs wiedergeboren wurde, begann die Jagd auf ein Neues. Immer wieder erschien dieser Elf. Er musste mit einer Gl�ckshaut geboren worden sein. Er hatte es geschafft, den wiedergeborenen Dolgrim inmitten seiner Krieger zu t�ten. Das letzte Mal hatte er in diesem Zimmer gemordet. Den Herzog im Bett abgestochen. Mehr als drei�ig Jahre war das her. Im Felsen und in den dicken Mauern der Nachtzinne gab es ein Netzwerk geheimer G�nge. Die Kobolde hatten es angelegt, w�hrend sie die Trollfestung erbaut hatten. Und sie hatten ihren Herren nichts davon erz�hlt. Irgendwie war es dem Elfen gelungen, in diese G�nge einzudringen. Und so hatte sein Messer wieder einmal zum Fleisch des wiedergeborenen Dolgrim gefunden. Wenn er wenigstens ein ehrliches Schwert f�r seine Morde nutzen w�rde! Das war eine ehrenhafte Waffe. Aber nein, es musste ein Messer sein. Als sei er ein Metzger. Skanga erinnerte sich noch gut daran, wie man den toten Herzog gefunden hatte. Seine Kehle war durchgeschnitten. Gesch�chtet, wie ein St�ck Vieh.</p><p>Ein Ger�usch lie� die alte Schamanin aufhorchen. Was f�r eine Ironie, wenn ausgerechnet jetzt der Elfenm�rder k�me. Sie f�hlte sich noch immer schwach. W�rde sie gegen ihn bestehen? Ihr Hals brannte. Sie kratzte sich mit ihren gichtkrummen Fingern �ber die faltige Haut. War das eine Ahnung? Das Elflein zielte mit seinen Dolchen gerne auf den Hals.</p><p>Angespannt lauschte Skanga. Nein, das Ger�usch kam vom Gang vor der Kammer. Schwere Schritte n�herten sich. Fahrig strich sie sich �ber ihr sch�biges, geflicktes Gewand und l�chelte. Es war gleichg�ltig, wie sie aussah. Oder ... Ein kleiner Spa�? Warum nicht? Sie war nicht immer alt und h�sslich gewesen. Ihre Augen waren einmal sehr sch�n gewesen. Unwiderstehlich. Deshalb hatte es Matha Naht, ihrer Lehrerin, besondere Freude bereitet, ihr Augenlicht auszul�schen.</p><p>Skanga umgab sich mit einem Duft von Moschus und Ambra. Ihre alte Haut spannte sich, der gebeugte Leib streckte sich. Es kostete viel Kraft, der Erinnerung Gestalt zu verleihen. Sie schummelte, gab ein wenig mehr Fleisch auf ihre H�ften, als dort jemals gewesen war, machte sich etwas gr��er und verlieh ihrer Haut ein tieferes Grau. Ihrer Stimme nahm sie die raue H�rte des Alters und gab ihr einen rauchig sinnlichen Ton. Auch ersetzte sie die fehlenden Z�hne.</p><p>Der Albenstein, den sie verborgen zwischen anderen Amuletten auf der Brust trug, wurde warm. So schnell so viel zu �ndern zehrte an der Kraft, selbst wenn es nur Illusionen und keine wirklichen Ver�nderungen waren.</p><p>Die schwere T�r schrammte �ber den Boden, als sie aufgeschoben wurde. Skangas Sitz stand mit der hohen Lehne zur T�r. Sie lauschte. Etwas fiel zu Boden. Wohl ein Kleidungsst�ck. Orgrim seufzte, als strecke er seine Glieder. Dann lie� er sich auf sein Lager sinken und richtete sich mit einem Ruck wieder auf, sobald er sie entdeckte.</p><p>Einen Augenblick lang �berstrahlte das helle Blau beherrschter Angst die anderen Farben seiner Aura. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. �Wer bist du, sch�nes ...� Er hielt inne und lachte leise. �Skanga! Welch eine Freude, dich zu sehen.�</p><p>Die Schamanin runzelte �rgerlich die Stirn. �Wie hast du mich erkannt?�</p><p>�Dein Kleid und die Amulette. Sie haben dich verraten. Hast du so einmal ausgesehen? Ist das ... echt?�</p><p>Die Alte schnippte mit den Fingern, und die Illusion verging. Ihr gebeugter Leib sackte wieder in sich zusammen. �Nur Blendwerk f�r lebendige Augen.� Sie stie� ein bellendes Lachen aus. �Mein Kleid, tja ... Ein junges Weib, das dem Herzog den Kopf verdrehen will, w�re nat�rlich nicht in solchen Lumpen vor ihn getreten. Es ist wohl schon zu lange her.� Sie schenkte ihm ihr zahnl�ckiges L�cheln. �Ich habe dir ein weit besseres Geschenk mitgebracht als einen h�bschen K�rper. Davon solltest du hier in der Nachtzinne wohl gen�gend finden. Was ich dir bringe, ist einmalig. Ich biete dir die Herrschaft �ber dein Volk.� Sie erz�hlte ihm vom Tod Branbarts, nat�rlich nicht die wahre Geschichte, sondern die, die nun alle glaubten. Wie sich zeigte, war die Nachricht noch nicht bis zur Nachtzinne vorgedrungen. Selbst die Schamaninnen und Schamanen ihres Volkes wagten es kaum noch, die Pfade des Lichts zu beschreiten, seit das schreckliche Ungl�ck geschehen war. So waren die Trolle, die sich entschieden hatten, in der Welt der Menschen zu bleiben, abgeschnitten von Nachrichten aus Albenmark.</p><p>Das schmutzige Braun des Zweifels floss breit durch die vielfarbige Aura Orgrims. Wie kaum ein anderer seines Volkes verstand er es, sich zu beherrschen und seine Gef�hle vor ihr zu verbergen, dachte Skanga ver�rgert.</p><p>�Du l�dst mich ein, von Aas zu fressen, an dem ich mir den Magen verderben werde. Ich bin kein t�richter Welpe, Skanga. Ich wei�, dass Branbart wieder K�nig sein wird, sobald er wiedergeboren wird und alt genug ist, nach der Herrschaft zu greifen. Ich will nicht von der Macht kosten, nur um sie dann wieder aus den H�nden zu geben. Was w�re mein Lohn dabei? Ein eifers�chtiger K�nig, der sein Leben lang glauben wird, dass ich nach seinem Thron trachte! Danach steht mir nicht der Sinn. Die Nachtzinne ist mein Platz. Ich bin ihr Herzog. Hier bin ich gut aufgehoben.�</p><p>�Bist du denn blind?�, knurrte die Schamanin. �Du h�ttest die Gelegenheit, den K�nigswelpen nach deinen Vorstellungen zu formen. Er w�rde auf dem Thron sitzen, aber du w�rdest die Macht behalten.�</p><p>Orgrim winkte lachend ab. �H�ltst du mich f�r so dumm? Du bist der Schatten hinter dem Thron, Skanga. Und das wirst du bleiben. Ich kenne dich.�</p><p>�Ich bin ein gebrechliches altes Weib, das ...�</p><p>Orgrim lachte noch lauter. �Du warst schon alt und gebrechlich, als die Berge noch jung waren. Mach mir nichts vor. Du �berlebst jeden aus unserem Volk. Schon seit Jahrhunderten.� Sein Lachen brach ab. �Ich mag dich, Skanga, und ich f�rchte dich zugleich. In deiner N�he sp�rt man den Atem des Todes im Nacken. Da habe ich es hier besser getroffen.�</p><p>�Unser Volk braucht dich. Kein Anf�hrer kann sich mit dir messen. Du kennst ja das Rudel gro�sprecherischer Trunkenbolde. Sie werden alles wieder verderben, was wir gewonnen haben.�</p><p>�Du meinst, es kann noch schlimmer kommen als der Marsch in das Nichts?� Jedes Wohlwollen war aus seiner Stimme gewichen. �Ich begreife nicht, warum du Branbart nachgegeben hast. War es Teil deiner Intrigen? Wolltest du, dass tausende tapferer Krieger sterben? Du hast doch nicht geglaubt, dass wir die Elfen noch ein drittes Mal auf diese Weise besiegen k�nnten! Branbart mag so dumm gewesen sein, aber du musst um die Gefahr gewusst haben.�</p><p>�Ich hatte keine Wahl�, antwortete Skanga ausweichend.</p><p>�Drauf gefurzt! Man hat immer die Wahl. Vor mir steht das gef�rchteteste Weib unseres Volkes. Trolle, die selbst in den Flammen des K�nigssteins weitergek�mpft haben, erzittern, wenn nur dein Name f�llt. Aber beuge ich mich deinem Willen? Nein! Man hat immer die Wahl.�</p><p>Skanga betrachtete den Herzog mit einer Mischung aus Zorn und Respekt. Welch ein K�nig er sein k�nnte! Aber nicht einmal um seinetwillen w�rde sie mit den alten Gesetzen brechen. Branbart hatte ein Recht auf den Thron, so lange er wiedergeboren wurde. Und er wurde langsam besser als Herrscher. Die Alben hatten ihm den Thron zugedacht, warum auch immer ... Sie w�rde nicht in den Pl�nen der Alten herumpfuschen. Das �berlie� sie Emerelle, der die Macht mit der Zeit offenbar jede Vernunft geraubt hatte.</p><p>�In dieser Kammer bist du gestorben�, wechselte die Schamanin das Thema. �Ich glaube, es war sogar dieses Lager. Ich erinnere mich. In deine Kehle war ein zweiter, klaffender Mund geschnitten.�</p><p>Eine breite Spur von Rot pulsierte jetzt in der Aura Orgrims.</p><p>�Ich kenne die Geschichte!�</p><p>�Ob dieser Elf schon geh�rt hat, dass es einen neuen Herzog auf der Nachtzinne gibt?�, fuhr Skanga unger�hrt fort.</p><p>�Schl�fst du eigentlich gut in diesem Bett?�</p><p>�So ruhig wie ein Welpe, der gerade ges�ugt wurde.�</p><p>Die Schamanin wusste, dass er log. �Deshalb kommst du erst mitten in der Nacht zu deinem Lager.�</p><p>�Meine l�sternen Weiber haben mich nicht fr�her ziehen lassen.� �Ach so. Und ich dachte schon, du meidest diesen Ort, so gut es geht�, spottete Skanga. �L�ge nicht! Du kommst doch nur deshalb noch hierher, damit dich niemand einen Feigling nennen kann! Und jede Nacht z�gerst du es l�nger hinaus. Erz�hl mir nichts! Ich kann in dein Herz sehen, Herzog. Ich sehe Stolz und Angst in best�ndigem Ringen miteinander.�</p><p>�Warum erz�hlst du mir das?�, fragte er barsch. �Ich wei�, wie es in meinem Herzen aussieht. Ich brauche keine Belehrungen dar�ber.�</p><p>�Ich will nur dein Bestes, Orgrim. Auch wenn ich sehr entt�uscht dar�ber bin, dass du mir meine Bitte abschl�gst.�</p><p>Skanga beugte sich in dem hohen Stuhl vor. Ihre Amulette stie�en leise klackend gegeneinander. �Du wei�t, dass dein M�rder weder durch die T�r noch durch ein Fenster gekommen ist?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Es gibt eine verborgene T�r in dieser Kammer. Deine ganze Felsenburg ist durchzogen von einem Netz geheimer G�nge. Sie sind zu eng, als dass ein Troll sie jemals betreten k�nnte. Und das war auch die Absicht ihrer Erbauer. Die Kobolde haben dir ein fettes Kuckucksei in dein Felsennest gelegt. Vielleicht h�ttest du deine Sklaven etwas netter behandeln sollen, als sie diese Burg errichteten.�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�</p><p>Skanga hob abwehrend die H�nde. �Aber, aber. Ich bin doch nur in Sorge. Bedenke, hier ist alles f�r deine Ermordung vorbereitet. Nicht einmal in deinem Schlafgemach bist du sicher. Aber wenn du mit mir in die Snaiwamark k�mest, k�nnte ich Tag und Nacht �ber dich wachen. Und du k�nntest auch mir helfen. Wir beide h�tten etwas davon, wenn du meinen Vorschlag annimmst.�</p><p>Wieder beherrschte ein schlammfarbenes Braun die Aura des F�rsten, Ausdruck seines Zweifels. �K�nnte es sein, dass du mir diesen verr�ckten Elfen auf den Hals gehetzt hast? Strafst du mich so, alte Vettel, wenn ich nicht gehorsam bin? Und hast du die Geschichte von der Seelenfehde am Ende nur erfunden, damit ich in Angst geboren werde, wenn ich wiederkehre, und mich dann leichter deinem Willen f�ge?�</p><p>Skanga kratzte sich nachdenklich am Ohr. �Ein guter Plan. Leider nicht meiner, aber ich werde ihn mir merken.� Sie erhob sich seufzend; ihre Glieder schmerzten vom langen Sitzen.</p><p>�Deine Gelegenheit ist verstrichen, Orgrim. Andere Herz�ge werden nicht z�gern, wenn ich ihnen den Thron anbiete, und sei es auch nur f�r ein paar Jahre.�</p><p>�Wie bist du �berhaupt hier hereingelangt? �berall in den G�ngen und an allen Toren stehen Wachen.�</p><p>Auch der Herzog hatte sich jetzt erhoben. Sie sp�rte, dass er nackt war. Er war wahrhaft stattlich. �Ja, ja�, entgegnete sie geh�ssig. �Ich hatte auch das Gef�hl, dass du dich belagert f�hlst. Wie leicht wird es wohl der Elf haben, wenn deine Krieger nicht einmal ein altes Weib aufhalten konnten?�</p><p>�Niemand h�lt ein Weib auf, das auf dem Weg in mein Schlafgemach ist.� Die Stimme des Herzogs klang sp�ttisch, doch Skanga sp�rte seine kalte Angst.</p><p>�Ich bin wie der Wind, Orgrim. Ich gehe, wohin ich will. Ich blende deine Wachen mit Leichtigkeit. Sie blicken in eine andere Richtung, wenn ich vorbeigehe, oder sie halten mich f�r einen Kameraden oder f�r einen Kobold, der ein gro�es B�ndel Brennholz auf dem R�cken tr�gt. Es ist leicht, ihre Augen zu betr�gen. Sie sind stets geneigt zu sehen, was sie sehen wollen. Dieser Elf hat deine fr�heren Inkarnationen inmitten eines Kriegslagers get�tet oder hier auf deiner Burg. Er kennt keine Angst, wenn er auszieht, dich zu ermorden. Sein eigenes Leben scheint ihm egal zu sein. Deshalb ist er kaum aufzuhalten.�</p><p>�Danke f�r deine Warnung.�</p><p>Skanga betrachtete die Aura des Trollf�rsten eindringlich. Das Rot des Zorns fehlte, sein Dank war wirklich aufrichtig.</p><p>Die Alte blieb stehen. Ihr R�cken schmerzte. Krumm lehnte sie an ihrem Stab. �Was h�lt dich nur hier, Orgrim? Auch wenn du nicht K�nig sein kannst, du w�rst der Erste unter den Herz�gen der Snaiwamark. Die Krieger verehren dich. Warum bleibst du hier? Was hat dir die Welt der Menschen zu bieten?�</p><p>�Frieden.�</p><p>Zornig sch�ttelte Skanga den Kopf. �Du machst dir etwas vor. Du bist dazu geboren, Schlachten zu f�hren. Selbst die Elfen f�rchten dich. Frieden, das war noch nie dein Leben. Du bist zum Krieg geboren. Und glaub mir, ich lebe lang genug, um zu wissen, dass niemand sich seiner Bestimmung entziehen kann.�</p><p>Jetzt l�chelte der F�rst. Seine Ruhe war zum Aus-der-Haut-</p><p>Fahren. �Manchmal wird man auch im hohen Alter noch �berrascht.�</p><p>Die Schamanin dachte an eine seltsame Geschichte, die ihre Ziehtochter Birga ihr erz�hlt hatte. �Du hast das Weib des Menschenf�rsten gefunden und ihr das Leben gerettet, habe ich geh�rt. Jetzt ist er dir etwas schuldig, ja. Glaubst du, Menschen kennen Ehre?�</p><p>�Dieser eine vielleicht. Sein Weib kennt sie ganz gewiss. Ihre Tapferkeit hat selbst meine Krieger beeindruckt. Wir haben sie, ihr Kind und einen Knecht vor dem Erfrieren gerettet. Alfadas wird sich daran erinnern. Er wei� jetzt, dass ich Frieden will. Wir werden gute Nachbarn sein. Hin und wieder wird es ein paar Gepl�nkel geben, damit unsere jungen Krieger ihren Mut beweisen k�nnen. Einen kleinen Raubzug, einen Viehdiebstahl. Nichts Bedeutendes. Krieg werden wir nicht f�hren.�</p><p>�Du glaubst also, dass die Menschen �ber den Frieden genauso denken wie du.�</p><p>�Sie sind Krieger�, sagte er geradezu mit Respekt. �So verschieden unsere K�rper auch sein m�gen, unsere Herzen sind sich �hnlicher, als man glauben mag.�</p><p>Skanga l�chelte trocken. �Und all das wei�t du nach einem einzigen Kriegszug gegen sie? Du kennst ihre Herzen!� Die Schamanin spuckte aus. �Einen Dreck kennst du. Du wirst schon noch sehen, wie sie wirklich sind � wenn dich der verr�ckte Elf lange genug leben l�sst. Ich werde nicht vergessen, dass du nicht zu deinem Volk gestanden hast, als ich mit einer Bitte zu dir gekommen bin. F�rchte den Tag, an dem du mich um etwas bitten musst, Orgrim. Denn mein Herz wird dann so hart und kalt sein, wie deines heute war.� M�de verlie� sie das Zimmer. Jeder Schritt war eine Qual. Ein langer Gang f�hrte zu einer Treppe. Immer wenn sie innehalten musste, um zu verschnaufen, lauschte sie. Nichts r�hrte sich. Als sie die Treppe erreichte, wusste Skanga, dass Orgrim nicht mehr kommen w�rde.</p></section><section><title><p>Der Preis verbotenen Wissens</p></title><p>Die Zeit klammerte sich widerspenstig an die Dunkelheit, so erschien es Ganda. Sie wartete schon seit mindestens einer Stunde, wahrscheinlicher sogar die halbe Nacht. Hinter ein B�cherregal geduckt, beobachtete sie die T�r zum Saal des Lichts. Galawayn musste dort herauskommen! Das Treffen der H�ter des Wissens hatte gewiss schon l�ngst begonnen. Es war eine grobe Beleidigung, so viel zu sp�t zu kommen.</p><p>Vielleicht war er ja schon l�ngst fort? Die Gelegenheit, sich allein in seinem Zelt umzusehen, k�me gewiss so schnell nicht wieder. Wenn doch nur Ollowain hier w�re! Dieser nichtsnutzige Elf war schon wieder spurlos verschwunden. Doch diesmal w�rde sie ihn nicht suchen gehen! Ganz sicher nicht! Der Mistkerl w�rde sich am Ende noch einbilden, dass sie ohne ihn gar nichts wagte. Was hatten er und sein Schwert bei dieser Mission schon geholfen? Gut, einmal abgesehen von der Sache in dieser Gasse in Iskendria ...</p><p>Ganda fasste sich ein Herz. Galawayn w�rde ihr schon nichts tun. Sie w�rde einfach behaupten, sie habe keinen Schlaf gefunden und ... Nein, das war eine zu d�mliche L�ge. Das w�rde er ihr niemals glauben. Falls er sie tats�chlich entdeckte, w�rde ihr schon etwas Besseres einfallen. Ihren Kopf aus der Schlinge zu reden, wenn es wirklich darauf ankam, geh�rte zu ihren gro�en St�rken.</p><p>Mit klopfendem Herzen �ffnete sie die schwere T�r zum Saal des Lichts. Hastig zog sie sie hinter sich zu. Sie wusste, das dunkle Rechteck vor dem falschen Himmel war im ganzen Saal zu sehen. An die Himmelswand gelehnt, verharrte sie. Nichts geschah. Also war Galawayn doch schon gegangen, bevor sie gekommen war. Vielleicht schlief er auch?</p><p>Jetzt nur nichts anmerken lassen! Sie musste sich ganz normal verhalten. Hoch erhobenen Hauptes erklomm sie die gro�e D�ne. Als sie den Kamm erreichte, konnte sie das Zelt sehen. Die Seitenw�nde waren hochgeklappt. Es war leer. Ganda fiel ein, dass sie gar nicht wusste, wo Galawayn seinen Schlafplatz hatte. Was immer der H�ter des Wissens jetzt auch trieb, im Zelt war er nicht.</p><p>Von der H�he der D�ne konnte man fast den gesamten Saal �berblicken. Die Lutin nahm sich die Zeit, sich sorgf�ltig umzusehen. Wer immer hierher kam, w�rde als Erstes ihre Spur im Sand sehen. In einer halben Stunde oder vielleicht auch ein wenig schneller h�tte der verzauberte Sand die Spur getilgt. Aber wenn Galawayn vorher zur�ckkehrte ...</p><p>Ganda streckte die Hand vor, sodass die Handfl�che zur Decke wies. Leise fl�sterte sie die geheimen Namen der Winde. Dann blies sie sacht �ber ihre Handfl�che. Ein Luftzug l�schte ihre Spur im weichen Sand.</p><p>Als sie das Zelt erreichte, verwischte sie ein weiteres Mal ihre Spuren. Ein t�richter Verzweiflungsakt! In diesem Saal, der vorgaukelte, eine W�ste zu sein, gab es keine Verstecke, es sei denn, man vergrub etwas im Sand. Einen Gedanken lang qu�lte sie die Vorstellung, dass Galawayn wie ein Ameisenl�we sei: Tief am Grund eines Sandtrichters lauerte er mit seinen t�dlichen Bei�zangen. Und wer einmal �ber den Rand des Trichters getreten war, f�r den gab es kein Entkommen mehr, der rutschte unaufhaltsam seinem Verderben entgegen.</p><p>Das sind kindische �ngste, schalt sie sich. Die Wahrheit ist, dass der H�ter des Wissens einen Abend lang nicht hier war und sie in Ruhe das geheimnisvolle Buch untersuchen konnte. Es lag auf dem niedrigen Tisch im Zelt. Daneben ruhten die Handschuhe.</p><p>Ganda leckte sich nerv�s die Schnauze. Wie f�r sie hingelegt, dachte sie. Wieder blickte sie sich um. Sie war allein! Was konnte schon geschehen? In ein Buch zu blicken, war doch ungef�hrlich.</p><p>Die widerlichen Handschuhe packte sie nicht mehr an. Wer wohl die Haut seiner H�nde daf�r gegeben haben mochte?, fragte sie sich erneut. Und warum tat man so etwas? Wof�r brauchte man lebendige Handschuhe?</p><p>Vorsichtig klopfte sie mit dem Kn�chel gegen das gro�e Buch. Das dunkelbraune Leder des Einbands war erstaunlich weich. Fast schluckte es das Ger�usch des Klopfens. Ein Schauder �berlief die Lutin. Sie sp�rte die Macht des Buches, sie schien Ganda willkommen zu hei�en.</p><p>Doch die Lutin blieb skeptisch. Sie legte den Kopf auf die Tischplatte und betrachtete das Buch eindringlich. An den R�ndern der beiden Messingb�nder, die den Folianten wie Fesseln umschlossen, hatten sich Staub und Gr�nspan gesammelt. Auch die feinen Spiralmuster der Messingbeschl�ge waren fast unter Gr�nspan verschwunden. Kein Schriftzug war in das Leder gepr�gt. Nichts gab einen Hinweis auf den Text, der sich zwischen den dicken Buchdeckeln verbarg. Es schien, als sei der Verfasser ganz selbstverst�ndlich davon ausgegangen, dass man wusste, worum es in diesem Buch ging.</p><p>Merkw�rdig waren auch die grauen Bruchsteine, die in die Messingb�nder eingelassen waren. Bei einigen der Steinsplitter entdeckte sie eingravierte Linien, doch keiner war gr��er als ihr Daumennagel. Ganda hatte das Gef�hl, man k�nne diese Steine zusammenf�gen, wenn man sie aus ihren Fassungen brach. Die Bruchkanten der Stellen, die f�nf parallele Linien zeigten, passten zusammen. Wahrscheinlich war es mit dem Rest genauso.</p><p>Ganda griff nach dem Buch, um es umzudrehen und sich die R�ckseite anzusehen. Ein kurzer, stechender Schmerz fuhr in ihre Handfl�chen. Ein Schmerz, wie man ihn sp�rt, wenn man sich den Ellenbogen ungl�cklich st��t.</p><p>Perlmuttenes Licht umspielte die grauen Steine. Mit einem metallischen Seufzer klappten die Bronzeb�nder auseinander, und das Buch schlug auf. Die Wege der Alben, von Meliander, F�rst von Arkadien, stand in schn�rkeliger Handschrift auf der Titelseite. Rauschend bl�tterten die Seiten weiter. Fl�chtig sah Ganda Bilder von Schattengestalten, die zwischen goldenen Stangen hervorquollen.</p><p>Die Lutin kniff die Augen zusammen. Ihr war pl�tzlich schwindelig. Erst als das Rauschen der Pergamentseiten endete, wagte sie es, wieder zu blinzeln. Sie blickte auf ein Bild, das eine wei�e Br�cke zeigte. Ein enthaupteter Krieger, ganz in Wei� und mit dem Schwert in der Hand, trat auf die Br�cke. Er trug seinen Kopf unter dem Arm.</p><p>Der Himmel war voller Schatten, die durch einen Riss im Firmament quollen und sich streckten, um den Mond zu verschlingen. Auf der anderen Seite der Br�cke erhob sich eine wei�e Festung. Im Schatten des Tores standen zwei weitere Gestalten. Eine von ihnen schien Krallen statt Finger zu haben. Acht feine Silberstriche leuchteten im Dunkel, etwa dort, wo ihre H�nde sein sollten. Der Zweite Schatten lie� nur erraten, dass es sich wohl um einen Elfen handelte. Besondere Eigenarten erschlossen sich auch bei aufmerksamer Betrachtung nicht. Der Tag, an dem das Herzland f�llt, stand unter dem Bild. Und was Ganda auf der gegen�berliegenden Seite las, erf�llte sie mit kalter Angst. Dort war von einem lebenden Toten, der erst im Tod ein Leben fand, die Rede. Meliander, dem Autor, gefiel es wohl, sich so verworren auszudr�cken. Ganda wollte gerade umbl�ttern, als sie aus den Augenwinkeln einen Schatten sah. In den Himmel jenseits der gro�en D�ne war ein rechteckiges Loch gestanzt. Die T�r zum Saal des Lichts stand offen ...</p><p>Klatschend schlug das Buch zu. Mit einem klagend schleifenden Laut schlossen sich die Bronzeb�nder. Ganda sprang auf. Sie rannte zur R�ckseite des Zeltes und weiter in die falschen D�nen hinein. Wie lebendig griff der verzauberte Sand nach ihren F��en, als sei er mit dem im Bunde, der gerade den Saal des Lichts betreten hatte,</p><p>Mit einem Sprung hechtete Ganda �ber den Kamm einer flachen D�ne. Wenn sie sich tief duckte, war sie hier au�er Sichtweite. Sie sp�rte den Sand unter ihrem Leib dahinflie�en. Die F�hrte, die vom Zelt zu ihrem Versteck f�hrte, verschwand.</p><p>Ganda wagte es nicht, den Kopf zu heben. Jeden Augenblick rechnete sie damit, Galawayns Stimme zu h�ren. Sie h�tte einfach sitzen bleiben sollen, dachte sie. H�tte sie sich eine der Schriftrollen aus dem h�lzernen St�nder genommen, dann h�tte sie so tun k�nnen, als sei sie zur�ckgekehrt, um weiter zu arbeiten. Aber der schwarze Spalt im falschen Himmel war dem Riss im Himmel des Bildes so �hnlich gewesen. Ohne dass es eine vern�nftige Begr�ndung daf�r gab, war sie sich sicher, in t�dlicher Gefahr zu sein.</p><p>Der Sand unter ihr glitt auseinander. Langsam bildete sich eine flache Kuhle in der Flanke der D�ne. Ganda presste die Wange fest in den Sand. Am liebsten w�re sie ganz darin verschwunden, so wie die Urnen mit den geheimen Schriften, die Galawayn hier versteckte. Jeden Augenblick rechnete sie damit, dass ein Schatten auf sie fiel und sie die sp�ttische Stimme des H�ters der Geheimnisse h�rte.</p><p>Etwas kratzte an ihrer Wange. Erschrocken zuckte sie zusammen. Sie schob den Kopf ein wenig zur Seite. Etwas Braunes ragte aus dem Sand. Es sah aus wie eine abgestorbene Wurzel.</p><p>Weiterer Sand rutschte fort, und Ganda reckte sich eine ausgedorrte Hand entgegen. Die Haut war schrumpelig und goldbraun, wo sie noch vorhanden war. In der Handfl�che selbst gab es keine Haut mehr. Sie war fein s�uberlich abgezogen worden.</p><p>R�ckw�rts kroch Ganda von der Hand fort, unf�hig, den Blick abzuwenden. Eine weitere kleine Sandlawine legte ein St�ck Unterarm frei. Die Hand winkte ihr zu. Der Gru� eines Toten, der schon bald nicht mehr allein in der D�ne verborgen liegen w�rde!</p><p>Die Lutin sprang auf und begann zu laufen. In irgendeinem fernen Winkel ihres Verstandes begriff sie, dass wahrscheinlich nur der sich bewegende Sand f�r den vermeintlichen Gru� des Leichnams verantwortlich war. Doch diese Erkenntnis drang nicht bis zu ihren Beinen vor. Ohne sich darum zu scheren, ob sie gesehen wurde, lief sie in weitem Bogen um die gro�e D�ne herum und schl�pfte durch das klaffende Loch im Himmel.</p><p>Blindlings rannte sie in die labyrinthische Bibliothek, und als sie v�llig au�er Atem innehalten musste, hatte sie keine Ahnung mehr, wo sie steckte. Der Saal sah aus wie ein gro�er Lagerraum. Auf breiten Tischen langen hunderte von runden Tonscheiben, in die fremdartige Glyphen in Spiralen geritzt waren.</p><p>Ganda musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um �ber die Tischplatten zu blicken. Nur drei �llampen brannten. Nicht genug, um die Dunkelheit zu vertreiben. Waren da verstohlene Schritte? Die Lutin blickte zur�ck zur T�r. Nichts.</p><p>Sie ging in die Knie und sp�hte durch den Wald von Tischbeinen. Au�er ihr war niemand hier. Und dennoch f�hlte sie sich beobachtet. Mit hastigen Schritten eilte sie der T�r am anderen Ende des Gangs entgegen, fl�chtete �ber eine Galerie, von der man auf einen weiten B�chersaal blicken konnte. Dieser Ort kam ihr vertraut vor. Hier war sie am Morgen, als sie nach Ollowain gesucht hatte, schon einmal gewesen. Auf dem Gel�nder der Galerie standen gro�e Lampen, die ein blendend wei�es Licht verstrahlten.</p><p>Ganda wusste, dass es von hier aus nicht mehr weit zu ihrer Kammer war. Erleichtert stieg sie eine Wendeltreppe hinab in den B�chersaal. Sie ging an den Regalen entlang, bis sie das Buch mit dem auff�lligen gelben R�cken wieder fand. Es stand ganz auf der Ecke eines Regals, gerade in Augenh�he f�r sie und es hatte einen Titel, den sie gewiss nicht vergessen w�rde: Die dreizehn gro�en Geheimnisse der Epilation. Der Haarwuchs an ihren Beinen geh�rte zu den wahren �rgernissen in ihren Leben. Ihm war nicht einmal mit Magie beizukommen. Heute Morgen hatte sie �berlegt, das Buch mit auf ihr Zimmer zu nehmen. Jetzt streichelte sie nur fl�chtig im Vor�bergehen den Leineneinband. Wir werden uns wiedersehen, schwor sie sich l�chelnd.</p><p>An so etwas Banales wie das Auszupfen von Haaren zu denken, d�mmte ihre Angst ein. Sie w�rde jetzt einfach in ihr Zimmer gehen und sich dort einschlie�en. Dort konnte ihr nichts passieren. Das Zimmer hatte eine schwere T�r und direkt nebenan war Ollowains Kammer. Da w�re sie in Sicherheit!</p><p>Sie schritt ein wenig zuversichtlicher aus und war schon weit in den B�chersaal vorgedrungen, als sie noch einmal zur�ck zur Galerie blickte. Ein riesiger Schatten huschte �ber das Mosaik aus Buchr�cken an der R�ckwand der Galerie. Und als habe er ihren Blick gesp�rt, verschwand er augenblicklich.</p><p>Nicht laufen, dachte sie �ngstlich. Wenn du l�ufst, denkst du nicht mehr klar. Und deine Schritte sind leicht zu h�ren!</p><p>Sie tastete nach dem Zauberstab, den sie mit zwei breiten Lederb�ndern an ihren linken Unterarm gebunden hatte, sodass er im �rmel ihres Kleides verborgen blieb. �Ich bin klein, aber ich bin eine Lutin! Wer immer dort kommt, h�lt mich f�r leichte Beute. Aber das bin ich nicht!�</p><p>Hinter sich h�rte sie die Stufen der Wendeltreppe knarren. Ganda beschleunigte ihre Schritte und bog am n�chsten Regalende nach links in einen Quergang ab. Etwas geschah mit den Lichtern auf der Galerie. Ihre Farbe ver�nderte sich von wei� zu rosa und wurde mit jedem Herzschlag dunkler, bis sie schlie�lich blutrot glommen. Die gro�en Lampen strahlten nicht mehr gleichm��ig. Ihr Licht pulsierte, wurde st�rker und dann wieder schw�cher. So wurde der weite Saal zu einem Hort tanzender Schatten. Alles �nderte sich in jedem Augenblick.</p><p>Das Herz schlug der Lutin bis zum Hals. Hatte ihr Verfolger ihre Gedanken gesp�rt? Wollte er ihr zeigen, dass auch er die Kunst der Magie beherrschte? Oder wollte er einfach nur, dass es dunkler wurde in dem B�chersaal?</p><p>Sie blieb kurz stehen und lauschte. Sie hoffte darauf, die Schritte ihres Verfolgers zu h�ren, um einsch�tzen zu k�nnen, wo er steckte. Aber es war still. Ganda bog erneut ab. Wenn man die Hauptg�nge verlie�, standen die Regale so dicht beieinander, dass man mit ausgestreckten Armen die B�cher auf beiden Seiten ber�hren konnte. Der ganze Saal war jetzt in bedr�ckende rote und schwarze Schatten geh�llt.</p><p>Die Lutin zog ihren Zauberstab aus dem �rmel und murmelte die Worte des Verh�llens, w�hrend sie eine der B�chergassen entlangeilte. Sie w�rde mit den Schatten verschwimmen. Ihr rotes Kleid war ohnehin schon eine gute Tarnung bei dem Licht. Der Zauber w�rde sie vor jedem verbergen, der nicht direkt in ihre Richtung blickte. F�r den fl�chtigen Beobachter war sie nun nicht mehr als einer der unsteten Schatten, mit denen das flackernde rote Licht den B�chersaal erf�llte.</p><p>Ganda verlangsamte ihre Schritte. Sie versuchte, sich so lautlos wie ein Elf zu bewegen. Was wohl im Kopf ihres Verfolgers vorging? Er war ihr gegen�ber im Vorteil. Er kannte sich hier aus. Wahrscheinlich ahnte er, dass sie auf dem Weg zu ihrer Kammer war. F�r ihn w�re es ein Leichtes, ihr den Weg abzuschneiden. Sie konnte ihm nur dann sicher entkommen, wenn sie sich nicht an seine Erwartungen hielt.</p><p>Beim n�chsten Quergang wechselte Ganda in eine andere B�chergasse, und dann lief sie wieder in Richtung der Galerie. Sie wechselte noch zweimal die Richtung, bis sie schlie�lich innehielt. Jetzt musste sie nur noch warten. Wenn sie weiter herumlief, w�rde sie am Ende noch das Ger�usch ihrer Schritte verraten.</p><p>Die Lutin kauerte sich auf den Boden und umschlang mit den Armen ihre Knie. Ich bin nur ein Schatten, verborgen zwischen Schatten, wiederholte sie immer wieder in Gedanken, und er kann mich nicht finden. Das Hell und Dunkel der tiefroten Lichter wechselte im Rhythmus ihres Herzschlags. Oder hatte sich ihr �ngstlich klopfendes Herz den Lichtern angepasst? Spielte Galawayn mit ihr, so wie er mit Ollowain am Falrach-</p><p>Tisch gespielt hatte? Wie konnte sie ihm entfliehen? Und was wollte er von ihr?</p><p>War da ein Ger�usch? Ganda hielt den Atem an. Leise tappende F��e auf der anderen Seite des Regals! Ganda sp�hte durch den Spalt zwischen den oberen Buchkanten und dem n�chsten Regalbrett. Sie konnte niemanden entdecken.</p><p>Du musst nur ganz still sitzen bleiben, ermahnte sie sich, Wenn er nur fl�chtig in diesen Gang blickt, dann wird er dich nicht entdecken. Das Ger�usch der Schritte war verklungen. War er stehen geblieben? Sie musste daran denken, wie sie Ollowain durch den B�chertunnel getragen hatte. Kein Pergamentblatt hatte sich unter seinen F��en bewegt. Elfen konnten sich v�llig lautlos bewegen, wenn sie es denn wollten. Sie hinterlie�en nicht einmal deutliche Spuren im Schnee. Demnach musste Galawayn gewollt haben, dass sie ihn h�rte. Also wusste er, wo sie war!</p><p>Ihr Fell str�ubte sich. Nein, nein, nein, so war es nicht! Keine Panik. Wie sollte er wissen, wo sie war? Sie schloss die Augen, um klarer denken zu k�nnen.</p><p>Halte deine Sinne beisammen! Lasse dich nicht erschrecken! Was kannst du ... Etwas ber�hrte sanft ihre Schulter.</p><p>Mit einem Schreckensschrei sprang sie auf.</p><p>�Ruhig. Ich bin es, Ganda. Ich.� Zitternd drehte sich die Lutin um. Qualbam III. stand vor ihr. �Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich ...�</p><p>�Warst du oben auf der Galerie?�, herrschte sie ihn an. Der Beleuchter nickte.</p><p>�Seit wann folgst du mir?�</p><p>�Schon eine ganze Weile. Du l�ufst ziemlich schnell.�</p><p>�Warum hast du mich nicht gerufen? Du hast mich fast zu Tode erschreckt!�</p><p>Der Kobold runzelte �rgerlich die Stirn. �Schon vergessen? Man macht keinen L�rm, wenn man hier herumrennt. Der B�cherschlag ... Au�erdem ver�rgert man die B�cher. Sie m�gen die Stille. Wusstest du �brigens, dass die meisten es gern haben, wenn man sie �ber den Buchr�cken streichelt?�</p><p>Ganda rang noch immer um Fassung. �Warum bist du mir gefolgt? Was soll das?�</p><p>�Na ja. Also ...� Er senkte den Blick und musterte die haarigen Zehen. �Ich habe auf dich gewartet. Wir waren doch verabredet.�</p><p>�Gar nichts waren wir!�, grollte sie.</p><p>�Doch, doch. Ich hab dir doch genau gesagt, wo du mich finden kannst heute Abend. Ich habe mich extra in Schale geworfen f�r dich.� Er l�chelte verlegen. �Ich wollte wohl einen guten Eindruck auf dich machen.�</p><p>Abgesehen von einem roten Halstuch, das sich Qualbam umgebunden hatte, bemerkte Ganda keine Ver�nderung an ihm.</p><p>�Als du nicht gekommen bist, habe ich mir gedacht, dass du dich vielleicht verlaufen hast. Du bist ja schlie�lich neu hier. Da geh�rt nicht viel dazu. Ich meine ... Also, ich will dich nicht beleidigen, wei�t du? Ich hab mich hier anfangs dauernd verlaufen. Einmal war ich f�r drei Tage lang sogar ...�</p><p>�Was hast du mit den Lichtern gemacht?�</p><p>Qualbam wirkte gekr�nkt. �Mit den Lichtern? Sieht das vielleicht nach Koboldmagie aus?�</p><p>Ganda blickte zur Galerie hinauf. Ja, in ihren Augen sah das genau nach der Art von d�mlichen Scherzen aus, f�r die die kleinen V�lker in ganz Albenmark ber�chtigt waren. �Wer tut so was? Das ... Es macht mir Angst.�</p><p>Ein wenig linkisch strich der Beleuchter ihr �ber den Arm.</p><p>�Das muss es nicht. Wei�t du, manche werden hier mit der Zeit etwas seltsam. Sie tun Dinge, die man nicht verstehen kann.� Er kicherte. �Verr�ckte Dinge .... Das mit den Lichtern ist doch harmlos. Meine Kameraden und ich, wir nennen das den B�cherwahn. Ich schau nur sehr selten in irgendein Buch. Zu viel lesen, das verwirrt einen nur. Und dann noch die Bibliothek. Sie ist ja schon irgendwie bedr�ckend. Nie sieht man ein St�ck echten Himmel. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich es vermisse, in str�mendem Regen durch Pf�tzen zu laufen. Aber so etwas ist ja harmlos. Genau wie die Sache mit den Lichtern.�</p><p>Wieder kicherte er. �Vor einer Weile hatten wir hier einen Lamassu zu Besuch. Komische Viecher sind das. Haben den Leib von einem riesigen Stier, Adlerfl�gel, so gro� wie Drachenschwingen, und einen b�rtigen Kopf. Aufgeblasene Kerle sind das. Ich hab den, der hierher gekommen war, anfangs beobachtet. Artaxas hie� er. Der hat doch tats�chlich jeden Tag zwei Stunden damit verbracht, seinen Bart einzu�len und in Locken zu drehen. Ein aufgeblasener, eingebildeter Kerl war das. Ihm ist die Bibliothek nicht gut bekommen. Nach zwei Monden hier war er so weit, dass er versucht hat, Chiron zu bespringen.�</p><p>Qualbam prustete vor Lachen. �Er hat den Kentauren f�r eine Kuh gehalten und war davon nicht mehr abzubringen. V�llig durchgedreht war dieser fette Wichtigtuer. Die H�ter des Wissens mussten ihn schlie�lich hier hinauswerfen. Du siehst also, wenn hier jemand mit ein paar Lichtern spielt, dann ist das echt harmlos. Da ist nichts dabei. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.�</p><p>Aber es war jemand im Saal des Lichts. Die T�r war ja schlie�lich nicht von allein aufgegangen. Kurz �berlegte sie, ob sie Quabalm von dem Buch und dem Eindringling erz�hlen sollte. Dann verwarf sie den Gedanken wieder. Sich einem Kerl wie ihm anzuvertrauen, war sicherlich keine gute Idee. Es war zu offensichtlich, warum er sich um sie bem�hte. Dennoch war sie im Augenblick froh, nicht allein in dem B�chersaal zu sein.</p><p>�Sag mal, wollen wir nicht irgendwohin gehen, wo es gem�tlicher ist? Du hast schon Recht. Das mit dem Licht hier kann einem ganz sch�n auf die ... �hm ... Es st�rt.�</p><p>�Und wo sollten wir deiner Meinung nach hingehen?�</p><p>�Also, die G�stezimmer sind wirklich klasse. Die Betten dort sind viel besser als die in unseren Quartieren. Wir m�ssen uns zu dritt einen Raum teilen, und unsere Betten sind �bereinander gestapelt. Fr�her war das mal besser.</p><p>Da hatte angeblich jeder von uns Beleuchtern eine eigene Kammer. Aber seit die H�ter des Wissens nicht mehr wissen, wo sie die neuen B�cher noch unterbringen sollen, m�ssen wir hier alle etwas enger zusammenr�cken. Ob wir wollen oder nicht.�</p><p>�Wei�t du, was einen Ehrenmann ausmacht?� Ganda hatte mit einigem gerechnet, aber dass Qualbam so direkt werden w�rde, h�tte sie nicht gedacht.</p><p>Der Kobold sah sie verwundert an. �Hat das was damit zu tun, wo wir hingehen werden?�</p><p>�Ja, einiges. Ein Ehrenmann mag dieselben Gedanken haben wie du, aber er w�rde sie nicht so direkt aussprechen. Das kommt bei Frauen besser an.�</p><p>Der Beleuchter kratzte sich an der Stirn. �Das h�rt sich f�r mich nach einem sch�chternen Bl�dmann an, der noch nie zu</p><p>�nem Sti ...� Er brach mitten im Wort ab und grinste sie breit an. Seine blauen Augen funkelten schelmisch. Offensichtlich hatte er gro�en Spa� daran, ihr auf p�belhafte Weise den Hof zu machen. Er legte sich in gespielter Betroffenheit die Hand auf den Mund. �Hoppla, so was w�rden Ehrenm�nner nat�rlich auch nicht sagen.�</p><p>Ganda antwortete mit einem eisigen Blick. Eigentlich sah Qualbam gar nicht mal schlecht aus. Wenn er nur ein wenig gr��er w�re ... Sie seufzte. Wenn Ollowain nur ein klein wenig von seiner Art h�tte, k�nnte man sicher besser mit ihm auskommen. Als Ganda sich vorstellte, wie der Elf �ber sch�chterne Bl�dm�nner l�sterte, die noch nie zu einem Stich gekommen waren, musste sie unwillk�rlich grinsen.</p><p>�Na also, endlich taust du ein bisschen auf.� Qualbam strahlte �ber das ganze Gesicht. �Langsam hatte ich schon Angst, du w�rst eine jungfr�uliche Zicke.� Er hakte sich bei ihr ein und nutzte die Gelegenheit, ihr einen Klaps auf den Hintern zu geben. �He, hast du auch �nen Fuchsschwanz? Wahnsinn! Das ist ja abgefahren!�</p><p>�Das nennt man Rute.�</p><p>Qualbam l�chelte l�stern. �Das nennst du eine Rute? Du wirst dich noch wundern.�</p><p>Ganda hob ihren Zauberstab. Jetzt reichte es. �Vielleicht hattest du ja Recht?�</p><p>�Na klar hab ich Recht. Warte mal ab, bis ich aus meiner Hose steige. Oder willst du sie gleich jetzt sehen? Macht eigentlich keinen Unterschied. Wir k�nnen in deinem Bett dann ja noch einmal ...�</p><p>�Ich dachte eher an deine Sorgen, dass ich eine jungfr�uliche Zicke sein k�nnte.� Sie machte sich los und tippte ihm mit dem Zauberstab auf die Brust. �Glaubst du, die H�ter des Wissens w�rden eine fette schleimige Kr�te als Beleuchter besch�ftigen?�</p><p>�Heh, M�dchen. Spiel mit diesem Ding nicht so herum, das kann b�se ...� Einen Herzschlag lang war Ganda versucht, ihn zu verzaubern. Nur f�r eine Nacht. �Was, meinst du, w�rde ein Ehrenmann in dieser Lage tun?�</p><p>�Der w�re wohl nicht in dieser Lage.� Qualbam schielte, weil er den Zauberstab vor seiner Nase nicht aus den Augen lie�.</p><p>�Und warum w�re er nicht in dieser Lage?�</p><p>�Weil er keine Rute in der Hose ...�</p><p>�Falsche Antwort.� Sie lie� die Spitze ihres Zauberstabs zum Kinn �ber den Hals auf die Brust und noch tiefer wandern. �Ich k�nnte nat�rlich auch nur einen Teil von dir verzaubern. Vielleicht w�rde das helfen, dir bessere Manieren beizubringen.�</p><p>�Ein Ehrenmann w�rde dich bis zur T�r deiner Kammer geleiten.� Ganda l�chelte und lie� den Zauberstab sinken. Dann reichte sie ihm den Arm, damit er sich einhaken konnte. Qualbam machte eine Miene, als habe man ihn gezwungen, einen verdorbenen Hering zu essen. Er f�hrte sie schweigend aus dem gro�en B�chersaal, und die Lutin war �berrascht, wie nah ihre Kammer lag.</p><p>Vor der T�r angelangt, knickste sie artig. �Na also, mein Herr. War das so schwer?�</p><p>�Ich habe das Gef�hl, als sei ich nicht mehr ich selbst�, sagte der Kobold in eigent�mlichem Tonfall. Er verbeugte sich steif. Dann richtete er sich auf, und in seinen Augen funkelte der Schalk. �Meine Allerverehrteste, schieb dir deinen Zauberstab doch in den Allerwertesten, alte Jungfer.� Noch bevor sie etwas sagen konnte, nahm er die Beine in die Hand und war auf und davon.</p><p>Ganda schmunzelte. So ein �bler Kerl war er eigentlich gar nicht. Sie �ffnete die schwere T�r zu ihrer Kammer und legte dann von innen den h�lzernen Sperrriegel vor. Nur f�r den Fall, dass es Qualbam f�r eine gute Idee hielt, sie sp�ter in der Nacht noch einmal zu besuchen.</p><p>M�de trat sie an den niedrigen Tisch und drehte den Docht ihrer �llampe h�her, bis der kleine Raum von goldenem Licht erf�llt war. Alle M�bel in ihrem Zimmer waren auf die Gr��e von Kobolden zugeschnitten. Die Gastzimmer Iskendrias waren gro�z�gig eingerichtet. Die M�bel waren sch�n geschnitzt. Auf einem St�nder neben der T�r stand eine Schale mit frischem Wasser. Auf dem Tisch standen jeden Abend eine Platte mit frischem Obst und eine Kristallkaraffe mit Apfelwein.</p><p>Mit einem ersch�pften Seufzer lie� sie sich gegen die T�r sinken. Sie sollte zu Ollowain gehen und mit ihm �ber Galawayn von Valemas reden. Oder die Leiche in der Sandd�ne und �ber das, was sie in Melianders Buch gelesen hatte. Aber sie war w�tend auf den Elfen. Und sie war entt�uscht von ihm. Wo hatte er den ganzen Tag gesteckt? Mit ihm an ihrer Seite h�tte sie nicht fliehen m�ssen. Emerelle hatte ihn doch mitgeschickt, damit er sie besch�tzte! Und wo war er, wenn sie ihn brauchte?</p><p>Es war unvern�nftig, nicht zu ihm zu gehen. Ganda trat an den Tisch und schenkte sich ein Glas Apfelwein ein. Der Elf hatte sie bestimmt kommen h�ren, falls er denn in seiner Kammer war. Warum schaute er nicht kurz herein, um zu fragen, wie es ihr ging? Sie kannte die Antwort: Einem Ehrenmann stand es nicht gut zu Gesicht, eine Dame mitten in der Nacht in ihrem Schlafgemach zu besuchen. Verdammte Ehrenm�nner! Ganda leerte ihr Glas in einem Zug und f�llte es erneut. Die H�ter des Wissens mussten unterrichtet werden, dass Galawayn ein M�rder war. War das der B�cherwahn, von dem Qualbam gesprochen hatte? Sie w�rde sicherlich wahnsinnig werden, wenn sie ihr ganzes Leben lang in diese Bibliothek eingeschlossen w�re. Schon jetzt nach so wenigen Tagen vermisste sie es schmerzlich, den Wind im Gesicht zu sp�ren und einen echten Himmel �ber sich zu sehen.</p><p>Ganda leerte das zweite Glas. Sie w�rde sich f�r einen Augenblick auf das Bett legen und die Glieder strecken. Das w�rde ihr gut tun. Es blieb noch genug Zeit, nach dem verdammten Elfen zu sehen, und wenn er nicht da war, dann w�rde sie ... Nein, dass w�rde sie nicht! Allein w�rde sie nicht mehr hinaus in die Bibliothek gehen. Sie w�rde ihre T�r verrammeln und warten, bis Ollowain kam, wo immer er auch stecken mochte.</p><p>Ganda legte den Zauberstab neben die Karaffe. Es war dumm gewesen, gleich zwei Gl�ser Apfelwein zu trinken. Sie war ein wenig beschwipst. Ob sie Qualbam wohl f�r immer vertrieben hatte? Oder w�rde er es morgen noch einmal versuchen?</p><p>Der Beleuchter hatte schon Recht. Das Bett war pr�chtig. Wunderbar weich und gro� genug, um auch zu zweit noch reichlich Platz darin zu haben. H�bsche Augen hatte er. Je nach Licht schienen sie die Farbe zu wechseln. Heute Morgen waren sie noch hellgrau gewesen. Wie entschieden er versucht hatte, sie davon abzuhalten, in den B�cherschlag im Brauturm zu steigen! Er hatte sich wirklich Sorgen um sie gemacht.</p><p>�Quatsch, der wollte auch heute Morgen schon zu dir ins Bett, altes M�dchen�, murmelte sie. Ihre Stimme lallte ein wenig. Sie f�hlte sich leicht. Verwundert blickte sie zur Karaffe. Der Apfelwein war st�rker, als sie erwartet h�tte. Gestern hatte er sie nicht so umgehauen ... Vielleicht h�tte sie nicht zwei Gl�ser auf n�chternen Magen trinken sollen? Eine kleine Rast. Nur kurz hinlegen. Sie griff sich in den Nacken und �ffnete die Haken ihres Kleides. Sich angezogen hinzulegen, war das Letzte ... Man kam dann erst gar nicht zur Ruhe. Sie w�rde z�hlen, dann schlief sie auch nicht ein. Bei tausend w�rde sie wieder aufstehen.</p><p>Ganda zog ihr Kleid hoch. Sie kam aus dem Gleichgewicht und kicherte. Was war das f�r ein Apfelwein? Der war ja stark wie Schnaps.</p><p>Etwas bewegte sich unter dem Bettlaken. Da war eine Beule. Sie fluchte. M�use! Verdammte Bibliothek. Hier war es auch nicht besser als anderswo. �Verzieh dich aus meinem Bett, oder ich mach dich fertig, du ...� Ganda biss sich auf die Lippen. Sie war ein wenig laut geworden. Verdammt! Hoffentlich war Ollowain nicht nebenan. Was w�rde er jetzt von ihr denken? Obendrein steckte sie noch in ihrem Kleid fest. Eins nach dem anderen. Erst die Maus. �Du verschwindest da. Sofort!�</p><p>Ganda beugte sich vor und griff nach einem Zipfel des Bettlakens. Mit einem entschlossenen Ruck zog sie es zur�ck und geriet aus dem Gleichgewicht. Das Betttuch wirbelte durch die Luft. Klirrend fiel die Karaffe vom Tisch. Die Lutin taumelte gegen einen Stuhl und ging mit ihm zu Boden.</p><p>Benommen blinzelte Ganda zum Bett. Halb in das Betttuch und halb in ihr Kleid gewickelt, lag sie am Boden. Ein kleiner wei�er Kopf mit roten Augen lugte �ber die Bettkante. Galawayns Knochenviper!</p><p>Die Schlange glitt auf das Laken hinab. Auf dem glatten Tuch kam sie nur langsam voran. Ganda hielt den Atem an. Durch den Stoff hindurch sp�rte sie, wie die Viper sich an ihrem Bein entlangschl�ngelte.</p><p>Nicht bewegen! Dann bei�t sie vielleicht nicht zu! Eine Schlange bei�t nichts, was sie f�r tot h�lt, sagte sich Ganda. Die b�sartigen roten Augen hielten sie gefangen. Sie wei�, dass ich lebe!</p><p>�Ganda? Ist alles in Ordnung?� Es klopfte an ihrer T�r. Ollowain! Er r�ttelte. Der Riegel! Die Schlange wand sich auf ihrem Scho�. Und Ganda starrte sie mit vorgestreckten Armen an, gefangen in ihrem Kleid. Welch eine miese Art zu sterben! Z�ngelnd hob sich ihr der Kopf entgegen.</p><p>�Ganda?� Wieder r�ttelte es an der T�r. �Antworte!� Die Schlange wiegte sich vor und zur�ck.</p><p>Noch immer hielt Ganda den Atem an. Der Rausch war wie verflogen. Ihr gingen Galawayns Worte durch den Kopf. Wie war das? Das Schlangengift l�hmte einen. Man konnte nicht einmal mehr schreien. Und es hinterlie� keine Spuren. Man sah aus, als w�re man einfach eingeschlafen.</p><p>Warum tat er das? Warum musste sie sterben? Wegen des Buches? Wenigstens w�rden reichlich Spuren bleiben. Ollowain w�rde ihn fertig machen.</p><p>Eine silberne Klinge drang durch das Holz des T�rrahmens und hebelte den Sperrriegel hoch. Im n�chsten Augenblick flog die T�r auf. Die Schlange erstarrte.</p><p>Ollowain verharrte mitten in der Bewegung. �Du darfst dich nicht r�hren�, fl�sterte er.</p><p>Ganda stiegen Tr�nen in die Augen. F�r diesen d�mlichen Spruch h�tte sie ihm am liebsten einen Knoten in die Zunge gehext. Ollowain zog seinen Dolch und hob den Arm.</p><p>Etwas zwickte Ganda in den Bauch. Sie wollte aufschreien, doch kein Laut kam �ber ihre Lippen. Undeutlich sah Ganda die Knochenviper zur Seite segeln. Der Dolch des Elfen hatte sie aufgespie�t und nagelte die Schlange gegen ein Tischbein.</p><p>Ganda wollte blinzeln. Ihr standen immer noch Tr�nen in den Augen. Aber ihre Lider waren wie versteinert. Sie sackte zur Seite. Etwas dr�ckte ihr die Brust zusammen. Sie bekam keine Luft mehr.</p><p>Der Schwertmeister war pl�tzlich �ber ihr. Er hatte wieder seinen Dolch in der Hand. Sie sp�rte seine Finger auf ihrem Bauch. Eiskalt.</p><p>Seine Lippen bewegten sich, doch sie konnte nichts mehr h�ren. Er beugte sich hinab und k�sste sie auf den Bauch.</p><p>Ganda h�tte gern gel�chelt. Ein Kuss von einem Elfen! Ihre Lungen brannten. Ihr wurde schwindelig. Dann sp�rte sie, wie ihr Herz aussetzte zu schlagen. Schade, dass sie niemandem mehr von diesem Kuss erz�hlen konnte.</p></section><section><title><p>Gute Freunde</p></title><p>�bellaunig klopfte Skanga den Schnee von ihrem Umhang. Von der Welt der Menschen zur�ck in die Snaiwamark hatte sie nur zehn Schritte gebraucht. Aber um vom Albenstern zu den H�hlen der Wolfsgrube zu gelangen, hatte sie mehr als einen halben Tag auf einem Schlitten gesessen. Die eisige K�lte war ihr tief in die Knochen gekrochen. Fr�her einmal hatte ihr der Winter nichts ausgemacht. Es hatte Zeiten gegeben, da war sie barfu� durch den Schnee gelaufen.</p><p>Birga, ihre Ziehtochter, kam ihr entgegen, um ihr den Umhang abzunehmen. Sie hielt eine vorgew�rmte Wolldecke im Arm. Skanga sp�rte die Neugier im Blick der jungen Schamanin. Aber Birga war klug genug, ihr keine Fragen zu stellen. Sie war auch klug genug, noch nicht versucht zu haben, sie zu ermorden. Eines Tages w�rde das kommen. Skanga wusste das. Sie w�re nicht anders gewesen. �Du hast Besuch, meine Gebieterin.�</p><p>Die alte Schamanin winkte unwirsch ab. �Ich will niemanden sehen. Hast du ein Feuer entfacht?�</p><p>�Sicherlich.� Birga z�gerte.</p><p>�Was?�</p><p>�Dein Gast beharrt darauf, es sei sehr dringend, dich zu sehen. Er wartet seit dem Mittag und l�sst sich nicht fortschicken.�</p><p>�Wer ist es denn?�</p><p>�Ein Lutin. Seinen Namen will er nicht nennen.�</p><p>Skanga st�hnte. Das war das Letzte, was sie jetzt noch brauchte. �Geh, schneid ihm die Kehle durch und bring ihn mir dann. Ich hoffe, er ist mehr als nur Haut und Knochen.�</p><p>Birga lachte leise. �Wie du w�nschst. Soll ich ihm seine Haut nicht abziehen, bevor ich ihn dir bringe?�</p><p>Skanga drehte sich um. An Birgas Aura war nicht abzulesen, ob sie sich einen Scherz erlaubt hatte. Ihre Ziehtochter trug eine Maske aus Haut, die ihr Antlitz auch vor Skangas magischem Blick verbarg. Die Maske war das Gesicht einer Geliebten Branbarts, die den K�nig entt�uscht hatte. Es hie�, Birga sei unglaublich h�sslich. Sie lie� nicht zu, dass Skanga ihr Gesicht mit den Fingern ertastete.</p><p>Die junge Schamanin hielt ihrem forschenden Blick stand.</p><p>�Soll ich ihm die Haut abziehen?�</p><p>�Nein. Das Fleisch schmeckt dann nach Angst und Schmerzen.� Ihre Ziehtochter nickte. Dann angelte sie etwas aus einem Lederbeutel an ihrem G�rtel. Ein T�chlein aus gr�ner Wolle, das mit einer Lederschnur umwickelt war. �Er wollte, dass ich dir das gebe.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>Birga zuckte mit den Schultern. �Er hat darauf bestanden, dass nur du es �ffnen darfst.�</p><p>Die Schamanin zerschnitt die Lederschnur mit ihrem Opfermesser. In das Tuch war etwas eingeschlagen. Birga wandte sich ab, um nicht zu sehen, was nicht f�r ihre Augen bestimmt war.</p><p>Skangas Finger ertasteten einen fein geschnitzten Knochenring, gro� genug, um von einem Troll getragen zu werden. Die Schamanin schloss die Faust um das Kleinod. Sie kannte den Ring gut. Vor vielen Jahren hatte sie ihn Branbart zu seiner Kr�nung geschenkt. �Schick mir diesen Lutin. Ich habe mit ihm zu reden. Allein!�</p><p>Birga nickte und verschwand.</p><p>Irgendwo in der Ferne des H�hlenlabyrinths erklang helles Welpenlachen, begleitet von den hallenden Schl�gen schwerer Steinh�mmer auf Felsen. Es war harte Arbeit, aus der Wolfsgrube wieder eine gute H�hle zu machen. Die Elfen hatten das Herz des Berges in helle Lichter getaucht und sogar B�ume und Blumen hierher gebracht. Ganz abgesehen davon hatten sie daf�r gesorgt, dass es in den meisten H�hlen angenehm warm war. Diese Elfenh�hlen waren nicht gut! Sie machten jeden weich, der darin lebte. Bald aber w�rde die Wolfsgrube wieder wie fr�her aussehen.</p><p>Die Schamanin zog den schweren Ledervorhang zur Seite, der ihre H�hlennische abschirmte. Auf dem Boden brannte ein behagliches Feuer. Die Luft war so von Rauch erf�llt, dass einem die Augen tr�nten, wenn man eintrat.</p><p>Mit einem Seufzer lie� sich Skanga auf einem Mammutfell nieder, das nahe beim Feuer lag. Sie legte ihren Umhang ab, warf noch ein Scheit ins Feuer und hielt dann die H�nde �ber die Flammen. Langsam kroch W�rme in ihre alten Glieder.</p><p>Skanga kramte zwischen den Fellen einen Beutel aus ungegerbtem Leder hervor. Sie sch�ttelte ihn bed�chtig und lauschte dem leisen Klacken der Knochen. Dann streute sie den Inhalt auf das Fell. Es waren Knochensplitter von Menschen, Elfen, Kobolden, Kentauren und anderen, exotischeren Gesch�pfen. Lange blickte sie das Bild an. Jeder Knochen hatte seine eigene Aura, die ihn verriet, auch ohne dass sie seine Form ertasten musste. Ein Koboldzehenkn�chelchen, das auf einem Drachenzahn lag, verhie� �rger. Sie sollte ihren Besucher nicht untersch�tzen. Aber es gab auch Gutes in dem Bild, das sich ihr bot. Ihr Volk w�rde sehr fruchtbar sein. Schon jetzt trugen mehr Weiber einen Trollwelpen unter ihrem Herzen als je zuvor. Die Aussichten waren gut, dass Branbart bald wiedergeboren wurde.</p><p>Der Vorhang ihrer H�hlennische wurde zur Seite gezogen.</p><p>�Unser Gast tr�gt einen langen, grauen Wintermantel und unf�rmige Stiefelchen�, sagte Birga. Sie war manchmal etwas �bereifrig und bem�hte sich oft unaufgefordert zu beschreiben, was um sie herum geschah. Sie ahnte wohl nicht, wie viel Skanga in Wahrheit noch sehen konnte.</p><p>�Der Lutin tr�gt eine spitze rote M�tze mit pelzgef�tterten Seitenklappen. Auf seiner Schnauze tr�gt er ein merkw�rdiges Gestell mit zwei stahlgefassten Glasscheibchen.�</p><p>Skanga hatte von diesem Zauberding, das die Weisen der Kobolde ersonnen hatten, schon geh�rt. Seine Magie nahm den Augen ihre M�digkeit und lie� sie wieder so scharf sehen wie in Jugendtagen.</p><p>�Jetzt nimmt er das Gestell ab und reibt es mit einem Tuch�, sagte Birga.</p><p>Skanga sp�rte den Blick ihres Gastes. Seine Aura zeigte kein Anzeichen von Angst. Er war verdammt selbstsicher. Einem Kobold wie ihm war sie noch nie zuvor begegnet. Sie hatte das Gef�hl, dass er sie herausfordernd anl�chelte.</p><p>�Er kn�pft jetzt seinen Mantel auf.� Birga begann sie zu st�ren. Dummes Weibsbild, �rgerte sich Skanga. Dachte Birga etwa, sie sei auch taub? Nat�rlich h�rte sie, wie der Lutin seinen Mantel �ffnete!</p><p>�Sch�n, dass du Zeit f�r mich gefunden hast, m�chtige Skanga.� Er hatte eine angenehme Stimme f�r einen Kobold. Die Schamanin bedeutete ihm mit einer Geste, neben ihr am Feuer Platz zu nehmen. �Du kannst uns jetzt allein lassen, Birga. Ich komme zurecht.� Ihr Gast sollte sie ruhig f�r hilfloser halten, als sie war. Skanga lauschte darauf, wie sich die Schritte ihrer Ziehtochter entfernten.</p><p>�Du hast also beschlossen, mich zu erpressen, F�chslein�, er�ffnete die Schamanin das Gespr�ch. �Dabei sagt man den Lutin doch nach, sie seien sehr klug.�</p><p>Ihr Besucher hob abwehrend die H�nde. �Ich bitte dich, M�chtige. Niemals w�rde es mir einfallen, unfreundlich zu dir zu sein. Im Gegenteil, ich empfinde tiefsten Respekt f�r dich und dein Volk. Ich finde, die Lutin und die Trolle sind sich sehr �hnlich.�</p><p>Skanga verschlug es die Sprache. Der Kerl war verr�ckt! Wie konnten sich diese kleinen, schm�chtigen Fuchsk�pfchen mit einem Volk von Kriegern vergleichen, das den schier �berm�chtigen Elfen gerade eine ganze Reihe von Niederlagen beigebracht hatte? Nein, dieser Vergleich war zu abwegig, um seinen �rger daran zu verschwenden.</p><p>Skanga drehte den Knochenring zwischen den Fingern. �Wie soll ich das hier verstehen, Fuchsschnauze?�</p><p>Der Lutin sch�ttelte sacht den Kopf. �Nicht Fuchsschnauze, M�chtige. Verzeih, dass ich mich nicht vorgestellt habe. Ich bin Elija Glops vom Volk der Lutin. Erster Vorsitzender der Liga zur Wahrung der inneren Gr��e Albenmarks und Erster Geheimer Rat des Kommandostabs der Rotm�tzen.�</p><p>Skanga sah ihn eindringlich an. Es �rgerte sie, dass dieser Wicht immer noch keine Anzeichen von Angst zeigte. �Du f�hrst mehr Titel als der K�nig meines Volkes�, sagte sie abf�llig.</p><p>Elija zwinkerte freundlich. �Tja, manchmal m�ssen Titel Heere ersetzen.�</p><p>Wollte sich der Kerl �ber sie lustig machen? Sie hielt den Knochenring hoch. �Was willst du?�</p><p>�Einen Handel. Du wei�t ja sicherlich, die Lutin sind als ein Volk von H�ndlern und Dieben verschrien, und auch ich kann nicht ganz aus meiner Haut. Ich hatte mir gedacht, es w�re sehr nett, wenn alle Koboldsklaven freigelassen w�rden, die euch Trollen dienen. Sollte es irgendwelche einf�ltigen Tr�pfe geben, die euch freiwillig zu Diensten sind, d�rfen sie selbstverst�ndlich bleiben. Aber jeder, der dies eisige Land verlassen will, um anderswo sein Gl�ck zu machen, der sollte mir folgen d�rfen.�</p><p>Skanga verschr�nkte die steifen Finger ineinander und lie� die Gelenke knacken. Die trockenen Laute, die an brechende �ste erinnerten, waren neben dem Knistern des Feuers das einzige Ger�usch in der H�hle. Der verfluchte Lutin starrte sie unverwandt an. Sie empfand seinen Blick fast wie eine Ber�hrung. Ihm musste doch wohl klar sein, was er da verlangte.</p><p>�Ich glaube, ich werde meine Ziehtochter bitten, dir aus deiner Haut zu helfen, Fuchsschnauze. Aber ich werde mich h�ten, von deinem Hirn zu essen, das von einem eigent�mlichen Wahn befallen zu sein scheint.�</p><p>�Da, wo ich herkomme, gibt es auch noch eine G�rtelschnalle aus Jade, die einen sich windenden Drachen zeigt. Und eine m�chtige Kriegskeule, die sicherlich die meisten Veteranen deines Volkes wiedererkennen w�rden. Au�erdem haben wir noch einen riesigen Trollsch�del, den wir gekocht haben, bis das letzte Fleisch von ihm abgefallen ist. Dem wulstigen Stirnknochen kann man deutlich ansehen, dass er einmal einen schweren Keulenhieb abbekommen hat. Wenn mir etwas geschieht, kann ich nicht mehr verhindern, dass diese Besitzt�mer des K�nigs den Herz�gen deines Volkes vorgelegt werden. Dabei glauben sie doch, Branbart sei ins Nichts gest�rzt.�</p><p>Skanga lie� ihre Fingergelenke ein weiteres Mal knacken. Sie zweifelte nicht daran, dass der Kobold sich wirklich abgesichert hatte. Das erkl�rte sein tolldreistes Auftreten. �Ich kann das nicht verlangen. Die Herz�ge w�rden nicht auf mich h�ren.�</p><p>Elija winkte ab. �Also bitte, Allerm�chtigste. Wenn es jemanden gibt, den alle Trolle gleicherma�en respektieren und f�rchten, dann bist du es.�</p><p>�Mein Volk hat schon immer Koboldsklaven gehabt. Niemand wird einsehen, warum man pl�tzlich auf sie verzichten sollte. Wir brauchen sie.�</p><p>�Ihr werdet euch schnell daran gew�hnen, ohne uns auszukommen. Hatte ich schon erw�hnt, dass es einen Zeugen f�r deinen Mord am K�nig gibt?�</p><p>Skanga schloss die Augen und dachte an Branbarts Tod. Sie war sich ganz sicher gewesen, dass sie niemand beobachtet hatte. Wie hatte sie einen Kobold �bersehen k�nnen? Wenn diese Fuchsschnauze verbreiten lie�, wie Branbart wirklich gestorben war, und dass sie ihr ganzes Volk belogen und betrogen hatte, dann w�ren ihre Tage gez�hlt. Und nach ihrem Tod w�rden die Herz�ge beginnen, sich untereinander zu bek�mpfen. Betr�ger w�rden irgendwelche Welpen zu wiedergeborenen K�nigen erkl�ren. Und solange Orgrim sich nicht einmischte, w�rde sich ihr Volk selbst zerfleischen.</p><p>�Nur damit wir uns nicht missverstehen�, beendete Elija ihr Schweigen. �Mir ist nicht an einem B�rgerkrieg unter euch Trollen gelegen. Ich w�rde es zutiefst bedauern, wenn es dazu k�me. Und ich habe auch keine moralischen Einw�nde gegen einen K�nigsmord. Im Gegenteil, meiner Meinung nach erfordert die Dialektik der Gerechtigkeit hin und wieder ein k�nigliches Opfer.�</p><p>�Was?� Skanga vermochte dem wirren Geschwafel des Lutin nicht zu folgen.</p><p>�Ich meine, Branbart starb doch sicherlich f�r das Wohl des Volkes.� Genauso war es gewesen. Doch in der Art, wie diese miese, kleine Fuchsschnauze das sagte, klang es irgendwie niedertr�chtig. Nie zuvor hatte sich Skanga derart in die Enge getrieben gef�hlt. Sie wusste keinen Ausweg. Es bedurfte nur eines Wortes der Macht, und sie k�nnte diesem j�mmerlichen Wicht den Sch�del platzen lassen. Aber er hatte die Besitzt�mer des K�nigs zu genau beschrieben. Er machte ihr nichts vor, das sp�rte die Schamanin. Wenn sie Elija t�tete, dann w�rden dessen Gef�hrten ihr Volk in einen m�rderischen Bruderkrieg st�rzen. Doch seine Forderung, alle Koboldsklaven ziehen zu lassen, war unm�glich zu erf�llen.</p><p>�Du sagtest doch, du willst mich nicht erpressen. Habe ich da etwas falsch verstanden?�</p><p>�Ganz und gar nicht!� In der Stimme des Kobolds schwang mehr als nur ein Anflug �berheblichen Humors. �Ich freue mich, dass wir nun von gleich zu gleich weiterverhandeln werden. So wie es sich f�r einen vern�nftigen Handel geh�rt, habe ich dir nat�rlich ein Angebot zu machen, und es w�re mir lieb, wenn uns die leidige Geschichte um Branbarts Tod k�nftig nicht mehr im Wege st�nde. Was ich dir zu bieten habe, ist nicht weniger als Emerelles Kopf und als Dreingabe auch noch die H�upter aller anderen Elfenf�rsten.� Er sagte das mit solcher �berzeugung, als warteten seine Henker schon hinter den Thronen der Elfen.</p><p>Skanga stierte nachdenklich auf ihren Scho�. Sie wusste einfach nicht, was sie von diesem Lutin halten sollte. War er vollkommen irre? Sie fand eine Laus auf ihrem Flickenkleid und schnippte sie ins Feuer. �Bring mir Emerelles Kopf, und du bekommst alle Kobolde. Ich lasse dir sogar die holen, die in die Menschenwelt verschleppt wurden.�</p><p>�Nein, nein.� Der Lutin sprang auf und lief w�tend gestikulierend auf und ab. �So einfach geht das nicht! Willst du mich beleidigen? Hast du eine Ahnung, was f�r Strapazen ich auf mich genommen habe, um hierher zu kommen? Meine Pfadfinderin ist gerade nicht verf�gbar, und ich musste mich zweitklassigem Ersatz anvertrauen, als ich die Pfade des Lichts beschritten habe. Verh�hne mich nicht! Ich bin nicht irgendein Wald- und Wiesenkobold!�</p><p>�Du hast mir doch die K�pfe der Elfen angeboten.�</p><p>Elija fuhr w�tend herum. �Zweifelst du etwa an meinen Worten? Ich sage dir, den Elfenf�rsten sitzen schon die Messer an den Kehlen, auch wenn sie davon keine Ahnung haben. Aber uns fehlt die Kraft, ihnen die K�pfe abzuschneiden. Die Kraft der Trolle! Als Verb�ndete werden wir unbesiegbar sein. Wenn die Elfen erst einmal vertrieben sind, werden wir einen Rat aus Trollkriegern und Kobolden gr�nden, um gemeinsam �ber Albenmark zu herrschen. Alle V�lker werden dann gleich sein. Und F�rsten wird es keine mehr geben. Wir werden ein goldenes Zeitalter ...�</p><p>�Erkl�r mir doch bitte noch einmal die Sache mit den Messern an den Kehlen der Elfenf�rsten�, unterbrach ihn Skanga.</p><p>Der Lutin wirkte einen Augenblick lang verwirrt. Zu sehr hatte er sich in den Tr�umen zuk�nftiger Herrschaft verfangen. Er atmete ein paarmal tief ein. Dann begann er erneut zu reden. In allen Einzelheiten schilderte er seinen Plan.</p><p>Als er endete, war Skanga begeistert. Elija hatte nicht zu viel versprochen. Den Elfen sa�en tats�chlich die Messer an den Kehlen, und sie hatten in ihrer �berheblichkeit nicht die geringste Ahnung von dem Verh�ngnis, das �ber ihnen schwebte.</p></section><section><title><p>Erwachen</p></title><p>Ollowain strich sanft �ber das Stirnfell der Lutin. Es war struppig und ohne Glanz. Ihm fiel es schwer, in den Z�gen der f�chsk�pfigen Koboldin zu lesen. War sie au�er Gefahr? Seit zwei Tagen hatte ihr Herz nicht mehr ausgesetzt zu schlagen, doch noch immer wagte er nicht, seine Rechte von ihrer Brust zu nehmen.</p><p>Er wachte �ber den schwachen Schlag ihres Herzens, der flatternd und unregelm��ig zu f�hlen war. Noch immer erschien es ihm so, als sei ihr m�des Herz jeden Augenblick bereit, stillzustehen. Selbst wenn es wieder zu Kr�ften kam, f�rchtete Ollowain den Augenblick, in dem Ganda die Lider aufschlug. Niemand wusste zu sagen, welchen Schaden ihr Verstand genommen hatte. Anfangs hatte auch ihr Atem ausgesetzt. Sie war dem Tod so nahe gewesen!</p><p>Der Schwertmeister machte sich schwere Vorw�rfe. Sie war zu ihm gekommen und hatte ihn in seinem Wahn wachger�ttelt. Und wie hatte er es ihr gedankt? Er hatte sie im Stich gelassen. Hatte nicht darauf geh�rt, was sie von ihm wollte. Dabei schien sie die Wahrheit entdeckt zu haben. Anders war nicht zu erkl�ren, was geschehen war. Ihr verborgener Feind hatte der Lutin eine perfide Falle gestellt. Ollowain hatte geh�rt, dass Ganda in Begleitung zu ihrer Kammer gekommen war. Eigentlich hatte er sich noch einmal bei ihr bedanken wollen, aber dann hatte er entschieden zu warten und die Lutin nicht zu st�ren. Ihr Begleiter schien Ganda so sehr bedr�ngt zu haben, dass sie den Riegel vor ihre T�r gelegt hatte. Auch das war Teil des b�sartigen Plans gewesen. Dem Apfelwein in ihrer Karaffe war starker Branntwein beigemischt worden. Die Lutin hatte sich betrunken in ihr Bett legen sollen. Zu benommen, um zu bemerken, dass dort der Tod auf sie lauerte. Und falls sie doch noch dazu gekommen w�re, um Hilfe zu rufen, hatte die versperrte T�r garantieren sollen, dass jede Rettung zu sp�t kam.</p><p>�Vergrabe dich nicht in Selbstvorw�rfen, Ollowain!� Die Stimme lie� den Schwertmeister auffahren, obwohl ihr warmer Klang ihm in den letzten Tagen wohl vertraut geworden war. In der T�r zu Gandas Kammer stand eine Gestalt in langer schwarzer Kutte, das Gesicht im Schatten einer Kapuze verborgen. Als Ollowain ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war Meister Reilif ihm wie ein lebendes Abbild des Todes vorgekommen. Und ausgerechnet diese d�stere Gestalt war es, die sich wie kein anderer unter den H�tern des Wissens auf die Leiden des Leibes und der Seele verstand. Seine magischen Kr�fte waren nur schwach, er konnte keine Wunder vollbringen. Doch sein Wissen suchte seinesgleichen. Es gab tausende B�cher und Schriftrollen �ber Heilkunst, Anatomie, Gifte und Krankheiten in der Bibliothek. Hunderte davon kannte er auswendig. Er war der �berzeugung, dass der Alkohol, der Ganda zum Verh�ngnis hatte werden sollen, sie letztlich gerettet hatte, weil sich das Gift in ihrem K�rper nicht so schnell ausgebreitet hatte, wie es eigentlich h�tte geschehen m�ssen.</p><p>Ollowain war hingegen der Meinung, es habe daran gelegen, dass die Knochenviper eigentlich schon lange tot gewesen war und ihr Gift deshalb an Kraft verloren hatte. Mit finsterer Magie war ihr Leben eingehaucht worden, um ein anderes Leben zu vernichten.</p><p>�Du hast jetzt seit f�nf Tagen und f�nf N�chten nicht geschlafen, Ollowain. Was glaubst du, wie lange du noch durchhalten kannst? Ganda ist au�er Gefahr. Erlaube mir, dich bei deiner Wacht an ihrem Lager abzul�sen.� Reilif sprach mit leiser, freundlicher Stimme, die in scharfem Gegensatz zu seinem unheimlichen �u�eren stand. Doch Ollowain traute ihm nicht. Nie war Reilifs Gesicht ganz zu sehen. Au�er Kinn und Mund blieb alles im Schatten seiner Kapuze verborgen.</p><p>Der Schwertmeister hatte inzwischen eine Vorstellung von ihrem Feind. Es musste ein Magier sein, der die verderbten Zauber der Gestaltwandlung beherrschte. Eine Spielart der Magie, die fast �berall in Albenmark mit Abscheu betrachtet wurde und mit Acht und Bann belegt war. Gandas Worte �ber die Devanthar hatten ihn auf diese Spur gebracht, und es gab eine Reihe von Hinweisen, die seinen Verdacht st�tzten. Deshalb konnte er ihr Lager nicht verlassen. Ihr Feind vermochte jede denkbare Gestalt anzunehmen. Wer wusste schon, ob der H�ter des Wissens wirklich Meister Reilif war? �Ich komme zurecht�, antwortete der Elf m�de. �Ich danke dir f�r dein Angebot.�</p><p>Reilif seufzte. �Ich hoffe, dir ist klar, wie t�richt du dich verh�ltst. Ich wei� um deine Furcht. Irgendwann wirst du jedoch wieder jemandem vertrauen m�ssen, Ollowain. Was du tust, ist edel, aber unvern�nftig. Ebenso wie es edel und unvern�nftig war, die Wunde des Schlangenbisses aufzuschneiden und zu versuchen, das Gift herauszusaugen. Damit hast du dich nur beinahe selbst umgebracht.�</p><p>�Mir geht es gut�, beharrte der Schwertmeister mit tonloser Stimme.</p><p>�Ja, weil du Gl�ck hattest. Gifte bringen einen Elfen nicht so schnell um wie eine Lutin.�</p><p>�Bitte, Meister, ich will dar�ber jetzt nicht reden.� Ollowain f�hlte sich viel zu ersch�pft, um einem Streitgespr�ch gewachsen sein. Alles, was er wollte, war, allein gelassen zu werden.</p><p>Statt zu gehen, trat der H�ter des Wissens an Gandas Lager. Er setzte ein H�rrohr auf ihre Brust und lauschte den Schl�gen ihres Herzens. Dann strich er �ber ihr Fell und zuletzt �ber die kleine schwarze Fuchsnase.</p><p>�Es geht ihr immer noch nicht gut. Wir sollten �ber einen Aderlass nachdenken. Damit leiten wir weiteres Gift aus ihrem K�rper und geben ihrem ersch�pften Leib Gelegenheit, die Harmonie der S�fte wieder herzustellen.�</p><p>Gandas Augenlider flatterten. �Niemand ... wird mir Blut abzapfen�, murmelte sie benommen. �Ich ... habe Durst.�</p><p>Unendlich erleichtert erhob sich Ollowain. Auf dem Tisch stand jetzt eine Karaffe mit Wasser. Der Elf f�llte ein Glas. Er musste Ganda st�tzen, denn die Lutin war zu schwach, um sich aus eigener Kraft zum Trinken aufzurichten. Die Anstrengung lie� sie tief seufzen. Reilif verneigte sich sehr f�rmlich vor der Lutin. �Du gestattest, dass ich mich vorstelle, Ganda aus dem Volke der Lutin. Mein Name ist Reilif. Es tut mir sehr leid, was vorgefallen ist.�</p><p>Ganda, die sich offenbar erst jetzt bewusst wurde, dass sie v�llig nackt war, zog ihre Decke hoch.</p><p>�Ich m�chte mich im Namen aller H�ter des Wissens bei dir entschuldigen, Ganda. Nie zuvor hat jemand aus unseren Reihen versucht, einem Besucher der Bibliothek ein Leid zuzuf�gen. Mir ist unbegreiflich, was in Meister Galawayn gefahren ist.�</p><p>�Es war seine Schlange, nicht wahr?� Reilif nickte mit verkniffenem Mund. �Ja, das Glas, in dem er die Schlange verwahrt hatte, war leer. Ich h�tte niemals gedacht, dass er sich mit diesen Spielarten der Magie befasst.� Er hob in verzweifelter Geste die H�nde. �Galawayn hat uns auf so vielf�ltige Weise �berrascht ... Ich erkenne in seinen Taten nicht mehr den Mann, der er einst war. Er hat sich aufgef�hrt, als geh�re er zu den ruchlosen Novizen Alathaias.� Der H�ter des Wissens lie� den Kopf sinken. �Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen.�</p><p>�Wo ist Galawayn jetzt?� Gandas Stimme klang schon ein wenig fester.</p><p>�Wir lassen ihn �berall suchen. Die Albensterne der Bibliothek sind besetzt, und Bewaffnete durchsuchen systematisch alle S�le. Er kann nicht von hier entkommen�, versicherte Reilif.</p><p>�Ich muss in den Saal des Lichts!�, verk�ndete Ganda und richtete sich in ihrem Bett auf. �Wenn ihr bitte so freundlich w�ret, mir mein Kleid zu reichen.�</p><p>�Das ist jetzt genug. Du bist zu schwach. Du musst erst zu Kr�ften kommen�, entschied Ollowain. Es war nicht zu fassen! Kaum hatte sie sich genug erholt, um zu reden, schon hatte sie nur Unsinn im Kopf.</p><p>�Du k�nntest mich tragen, Ollowain. Oder willst du mich schon wieder im Stich lassen?�</p><p>Der Elf atmete tief ein. Er setzte zu einer zornigen Antwort an, beherrschte sich dann aber doch. Das mussten die Nachwirkungen des Giftes sein. Sie war nicht ganz bei Sinnen. Er sollte Nachsicht mit ihr haben.</p><p>Die Lutin schwang die Beine �ber die Bettkante und verlor das Gleichgewicht. Sie sackte einfach nach vorne weg. Ollowain fing sie auf. �Da siehst du es. Bitte h�re dieses eine Mal auf mich.� Ganda sah ihn flehend an. Sie hatte immer noch Angst.</p><p>�Wir m�ssen hier fort�, fl�sterte sie. �Wir sind noch immer in Gefahr. Aber bevor wir gehen k�nnen, muss ich noch einmal in den Saal des Lichts zur�ck. Bitte.�</p></section><section><title><p>�Wir sind aus dem Spiel�</p></title><p>Obwohl die Gesichter noch teilweise sandverkrustet waren, konnte es keinen Zweifel an der Identit�t der Leichen geben. In der D�ne waren Galawayn und Qualbam III. verscharrt worden. Gandas leerer Magen zog sich schmerzhaft zusammen.</p><p>Einen Augenblick lang f�rchtete sie, sie m�sse sich erbrechen.</p><p>�War etwas ver�ndert bei Qualbam, als er dir begegnete?�, fragte der Schwertmeister leise. Die beiden standen etwas abseits von Meister Reilif, unter dessen Aufsicht drei Kobolde die Leichen ausgegraben hatten.</p><p>�Seine Augen.� Der Mund der Lutin war staubtrocken. �Gestern Abend hatte er strahlend blaue Augen. Am Morgen waren sie noch grau gewesen.�</p><p>�Das ist alles? Hat er sich nicht irgendwie anders verhalten? Wie ist er gegangen? Gab es eine auff�llige Geste? Irgendetwas, das sich sonst noch deutlich unterschied?�</p><p>Die Lutin sch�ttelte den Kopf. Sie starrte in das leblose Gesicht des Kobolds. Er war gestorben, weil sie ihn kannte. Der M�rder hatte gewusst, dass sie Qualbam nicht misstrauen w�rde, wenn sie ihm begegnete.</p><p>Meister Reilif kniete neben den beiden Toten und untersuchte sie.</p><p>Verstohlen musterte Ganda die Augen der Kobolde und stellte erleichtert fest, dass sie nicht blau waren. Nur beim H�ter des Wissens konnte man nicht sicher sein. Seine Augen blieben im Schatten der Kapuze verborgen. In seiner schwarzen Kutte sah er aus wie ein lebendig gewordener Schatten. Wie das, was sie bek�mpfen sollten. Ein Yingiz.</p><p>In aller Ruhe tastete Reilif die beiden Toten ab. Seine blassen, schlanken Finger glitten wie Spinnenbeine �ber die ausgedorrten Leiber. Dann dr�ckte er dem Kobold auf den Brustkorb, woraufhin Qualbam eine z�he, br�unliche Fl�ssigkeit aus dem Mundwinkel troff.</p><p>�Der Beleuchter ist noch nicht sehr lange tot�, erkl�rte Reilif und richtete sich auf. �Ich denke, er starb erst vor wenigen Tagen. Was ihn umbrachte, ist schwer zu sagen. Ich konnte keine �u�erlichen Verletzungen feststellen. Der Sand hat seinen Leib noch nicht sehr stark ausgetrocknet.� Der H�ter des Wissens deutete nun auf Galawayn. Die Gestalt des Elfen war zusammengekr�mmt. Seine Gew�nder waren voll von getrocknetem Blut. �Ihn t�tete ein Dolchsto� in die Kehle. Dann hat ihm sein M�rder unbegreiflicherweise die Haut von den H�nden abgezogen. Der Sand hat Galawayns Leib stark ausgetrocknet. Dennoch habe ich das Gef�hl, dass auch er noch nicht l�nger als einige Tage tot ist.�</p><p>�Warum?�, fragte Ollowain.</p><p>�Vor zehn Tagen war die letzte Versammlung der H�ter des Wissens. Galawayn sa� mir gegen�ber. Ich h�tte bemerkt, wenn jemand anderes versucht h�tte, seine Rolle zu spielen. Offenbar ist der M�rder genau aus diesem Grund gestern der Versammlung fern geblieben. Galawayn fehlte. Unentschuldigt�, f�gte er noch hinzu, als verschlimmere diese Tatsache das Verbrechen noch.</p><p>�Ich fand nicht, dass er sich sehr auff�llig benommen hat�, sagte Ollowain.</p><p>Ganda traute ihren Ohren nicht! Dieser Mistkerl, der Galawayns Gestalt angenommen hatte, hatte den Schwertmeister in tiefste Verzweiflung gest�rzt, und Ollowain fand das nicht auff�llig? Elfen!</p><p>�Du kanntest ihn doch gar nicht�, sagte Reilif �berraschend scharf. �Wie willst du beurteilen, ob er sich ver�ndert hat?�</p><p>�Ich sagte, dass er sich nicht auff�llig benahm�, entgegnete Ollowain mit aufreizender Ruhe und kniete neben dem toten Elfen nieder. �Was ist mit seinen H�nden geschehen?�</p><p>W�hrend der Schwertmeister und Reilif den Leichnam n�her betrachteten, zog Ganda sich zur�ck. Sie war noch sehr schwach auf den Beinen und f�hlte sich ein wenig schwindelig. Doch w�hrend die Kobolde an der D�ne gegraben hatten, hatte sie darauf bestanden, von Ollowain abgesetzt zu werden. Es war ihr pl�tzlich peinlich gewesen, wie ein Kind getragen zu werden.</p><p>Die Hitze im Saal des Lichts machte ihr zu schaffen. Mit unsicheren Schritten zog sie sich zum Zelt zur�ck. Seit sie erwacht war, war sie mit Ollowain keinen Augenblick allein gewesen. Meister Reilif wich nicht von ihrer Seite. Und dass man seine Augen nicht sehen konnte, machte ihr Angst.</p><p>Ganda betrachtete das gro�e Buch mit den Messingb�ndern, das noch immer auf dem niedrigen Lesetisch lag. Es schien nicht von der Stelle bewegt worden zu sein, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. �Es geht um dich, nicht wahr?�, sagte sie, als k�nne das verzauberte Buch ihre Worte verstehen. �Du �ffnest dich nicht f�r den M�rder. Deshalb hat er Galawayn die Haut von den H�nden abgezogen. Er wollte dich mit den Handschuhen, die sich wie die H�nde des Elfen anf�hlten, �berlisten.�</p><p>Die Handschuhe lagen noch immer auf dem Tisch. Angewidert wandte Ganda den Blick ab. Hinter dem durchsichtigen Schleier stand der Falrach-Tisch. Es kam ihr so vor, als st�nden auf dem Spielbrett jetzt weniger Figuren. Was mochte der M�rder in den letzten f�nf Tagen wohl getan haben? Die Lutin war sich sicher, dass er nicht geflohen war. Sie sah hin�ber zu der flachen D�ne, die zu Galawayns Grabh�gel geworden war. Ollowain und Reilif sprachen noch immer miteinander. Wenn sie nur Reilifs Augen h�tte sehen k�nnen! Offenbar vermochte der M�rder die Gestalt seiner Opfer anzunehmen. Nur seine Augen schien er nicht ver�ndern zu k�nnen.</p><p>Gandas Blick schweifte durch das Zelt. Gab es irgendeinen Hinweis? Hatte der M�rder etwas mitgebracht, das auf sein wahres Gesicht hinwies? Hatte jemand, der seine Gestalt ver�ndern konnte, �berhaupt noch ein wahres Gesicht? Oder verlor er sich mit der Zeit in all den K�rpern, die er gestohlen hatte?</p><p>Die Lutin blickte unter den niedrigen Tisch, wo am Tag ihrer Ankunft das Garn und die Walbeinnadel versteckt gewesen waren. Nat�rlich war dort nichts.</p><p>Ihr ging auf, dass das verzauberte Buch vom ersten Tag an im Weg gelegen hatte. Eigentlich h�tte sie es zur Seite schieben m�ssen, um vern�nftig an dem Tisch zu arbeiten. Nur ihre Scheu vor der magischen Aura des Folianten hatte sie davon abgehalten. Darauf musste der M�rder gewartet haben. Durch den Schleier hatte er sie die ganze Zeit, w�hrend er mit Ollowain gespielt hatte, beobachten k�nnen. Er hatte darauf gewartet, dass sich das Buch unter ihrer Ber�hrung �ffnete.</p><p>Ganda dachte an die wenigen Zeilen, die sie in dem Folianten gelesen hatte. Er durfte nicht in die falschen H�nde geraten! Hier in der Bibliothek von Iskendria war er nicht mehr sicher. Ganz gleich, was die eingebildeten H�ter des Wissens f�r Gesetze hatten: Das Buch musste fort von hier! Aber es war zu gro�, um es zu verstecken.</p><p>Warum hatte der M�rder es noch nicht fortgeschafft? Er hatte doch f�nf Tage Zeit gehabt. Konnte er es vielleicht nicht einmal anfassen? War der Zauber dieses Buches stark genug, um sich zu sch�tzen? Die Vorstellung lie� Ganda zufrieden schmunzeln. Sie malte sich aus, wie den Mistkerl ein Blitzschlag getroffen hatte, als er seine blutigen Finger nach dem Objekt seiner Begierde ausgestreckt hatte. Aber das war sicher �bertrieben. Wahrscheinlich war es dem M�rder einfach nur unangenehm, das Buch zu ber�hren, und es �ffnete sich eben nicht unter seiner Hand.</p><p>Dennoch konnte der kostbare Foliant nicht hier bleiben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der M�rder einen arglosen Besucher der Bibliothek fand, der f�r ihn Melianders Buch aufschlagen konnte.</p><p>Ganda bemerkte eine Lederh�lle auf dem Holzst�nder f�r Schriftrollen, an die sie sich nicht erinnern konnte. Auf dem ledernen Zylinder waren seitlich drei schwarze Siegel angebracht, von denen schmale Pergamentstreifen mit merkw�rdigen Runenzeichen hingen. Neugierig nahm die Lutin den Beh�lter an sich und �ffnete ihn. Eine Schriftrolle aus seltsam grauem Pergament glitt hinaus. Es f�hlte sich unangenehm zwischen den Fingern an, und Ganda hatte das Gef�hl, dass es nicht aus einer Tierhaut gefertigt war. Der Text war in schn�rkellosen, kleinen Buchstaben geschrieben. Die letzten Zeilen wurden immer kleiner, und die Buchstaben dr�ngten sich dichter und dichter, als habe der Verfasser unbedingt all sein Wissen auf dieses einzelne Blatt Pergament bringen wollen. Ganda �berflog die ersten Zeilen.</p><p>�Willst du das Grauen unter deine Feinde tragen und ihren Mut dahinschmelzen lassen wie Schnee im Sommerlicht, dann erschaffe die Shi-Handau. Keine Waffe Albenmarks vermag sie zu t�ten. Allein die Tr�ger eines Albensteins haben die magische Macht, sie zu bannen. Doch sei gewarnt! Dies ist ein Zauber, der gro�e Macht und eisernen Willen erfordert, sonst werden die Gesch�pfe, die du rufst, sich gegen dich wenden. W�hle unter deinen Gef�hrten einen Mann von unverbr�chlicher Treue aus, der aber dennoch entbehrlich ist. Und suche einen zweiten, der zu dumm ist, um wirklich n�tzlich zu sein. Dann ...� Es folgten genaue Anweisungen zu Bannkreisen und Zauberformeln. Es ging um Blutmagie. Mit ungl�ubigem Entsetzen las Ganda, wie ein geisterhafter Hund erschaffen wurde, in dem sich ein Yingiz und der Gef�hrte von unverbr�chlicher Treue miteinander verbanden. Das war die Gestalt, nach der Galawayn so eindringlich gefragt hatte. Das geisterhafte Gesch�pf, das Angst in die Reihen der Verteidiger von Phylangan getragen hatte! War es dem M�rder um dieses Wissen gegangen? Und hatte er die Schriftrolle zur�ckgelassen, um Ganda zu zeigen, dass er zuletzt triumphiert hatte?</p><p>Die Lutin wollte nicht glauben, dass es nicht um Melianders Buch gegangen war. Hastig schob sie die Schriftrolle in ihre Lederh�lle und legte sie zur�ck auf den Stapel. Dann drehte sie sich zu dem niedrigen Tisch um.</p><p>Warum war dieses verfluchte Buch nur so riesig und schwer! Ganz gleich, welche Strafe drohte, sie w�rde es stehlen, wenn es nur die geringste Aussicht g�be, es unbemerkt aus der Bibliothek zu schaffen.</p><p>Mit den Fingerspitzen strich sie �ber das weiche Leder. Nicht einmal Ollowain k�nnte das Buch unter seinen Gew�ndern verstecken, ohne dass es auffiele.</p><p>Hellblaues Licht troff von den grauen Steinen. Erschrocken zog Ganda die Hand zur�ck. Was hatte sie getan? Hastig stellte sie sich so, dass sie mit ihrem Leib das Buch vor den Blicken ihrer Begleiter abschirmte, falls einer der beiden in ihre Richtung schauen sollte.</p><p>�H�r auf damit!�, fl�sterte sie beschw�rend. �Ich lass dich ja hier liegen. Ich werde dich nie wieder anfassen. Nur h�r auf!�</p><p>Das blaue Licht hatte eine eigent�mliche Wirkung auf den Folianten. Er wurde durchscheinend. Deutlich konnte die Lutin jetzt die Tischplatte durch das Buch hindurch sehen.</p><p>�Sofort aufh�ren! Lass das ... Bitte!� Sie wollte nach dem Buch greifen, doch ihre Finger glitten durch es hindurch. �Verflucht!�</p><p>Ganda blickte �ber die Schulter.</p><p>Im selben Augenblick sah Ollowain von den beiden Toten auf.</p><p>�Ist irgendwas?�, rief der Elf.</p><p>�Alles in Ordnung!�, rief Ganda. �Alles bestens. Mir geht es gut!� Jetzt sah auch Reilif zu ihr hin�ber. Klar, bei dieser Antwort w�re sie auch stutzig geworden.</p><p>�Bitte, Buch! H�r auf mit dem Unsinn!�, fl�sterte sie. �Ich werde nie mehr auch nur daran denken, dich zu stehlen. Aber bitte, bitte werde wieder ein normales Buch!�</p><p>Inmitten des durchscheinenden Schemens erschien ein d�nnes Lederriemchen, an dem eine einzelne, schillernde Feder hing. Die Zeichnung der Feder erinnerte an den Einband von Melianders Buch, sie wies mattgraue Flecken auf, die den Steinchen �hnelten. Ein bl�uliches Licht umspielte die Feder und verschwand dann in den kleinen grauen Flecken.</p><p>Z�gerlich streckte Ganda die Hand aus. Sie griff durch den Schemen des Buchs und konnte die Feder ber�hren. Sie war real, kein Trugbild. Die Lutin leckte sich nerv�s �ber die Schnauze. Wollte das Buch, dass sie es von hier fortbrachte? Wie sonst sollte dieses Zeichen zu verstehen sein? Sie dachte an die Worte des wei�en Kentauren. Daran, welche Strafe auf den Diebstahl eines Buches aus der Bibliothek stand. Vielleicht w�rden die H�ter des Wissens ihnen das Buch freiwillig mitgeben? Z�gernd betrachtete sie die Feder.</p><p>Nein, die H�ter des Wissens waren Gefangene ihrer Vorschriften und Rituale. Sie w�rden niemals gestatten, dass ein Buch die Bibliothek verlie�. Entschlossen nahm sie die Feder und band sie mit dem Lederriemchen um ihren Hals, als sei sie nur ein harmloser Talisman. Die Zukunft Albenmarks stand auf dem Spiel! Sie konnte nicht anders handeln, auch wenn dies bedeutete, dass die H�ter des Wissens ihren Kopf fordern w�rden.</p><p>Ollowain und der H�ter des Wissens kamen jetzt zu ihr hin�ber. Ganda fluchte. Reilif durfte auf keinen Fall merken, was geschehen war. Das Buch auf dem Tisch sah nun nicht l�nger durchscheinend aus. Die Lutin tastete danach, doch ihre Finger glitten widerstandslos durch den Buchdeckel. Eine Illusion! Sie musste den H�ter des Wissens von diesem verdammten Buch ablenken. Eilig trat sie aus dem Zelt.</p><p>�Geht es dir wieder besser, Ganda?�, fragte Reilif h�flich.</p><p>�Mir ist ein wenig schwindelig�, log die Lutin glatt. �Ich brauche wohl etwas Ruhe.�</p><p>�Kannst du mir kurz die Schriften zeigen, die Galawayn dir vorgelegt hat?�</p><p>Ganda st�hnte. �Mir geht es wirklich nicht gut.�</p><p>Ollowain sah sie besorgt an.</p><p>�Es dauert nur einen Augenblick.� Reilif duckte sich unter einer der hochgeschlagenen Zeltw�nde hindurch und trat ein. Er ging geradewegs auf den Tisch zu.</p><p>Ganda setzte ihm nach. �Da ist eine Schriftrolle, die neu hinzugekommen ist, seit ich das letzte Mal hier war. Sie sieht so aus, als sei sie etwas Besonderes.� Sie nahm die Rolle mit den schwarzen Siegeln und reichte sie Reilif.</p><p>Die Lippen des Buchh�ters wurden zu einer schmalen, blutleeren Linie. Er schob sich die Schriftrolle in den �rmel und untersuchte die Ablage mit den �brigen Texten. �Sind dir noch weitere Rollen wie diese aufgefallen?�, fragte er nach einer ganzen Weile. �Lederh�llen mit schwarzen oder goldenen Siegeln?�</p><p>�Nein�, antwortete Ganda und dr�ngte sich zwischen Reilif und den Tisch, auf dem das falsche Buch lag. �Stimmt etwas nicht?� Wenn sie nur sein Gesicht besser sehen k�nnte!</p><p>�Diese Schriftrolle hat hier nichts verloren. Sie f�llt ... Sie fiel nicht in die Verantwortung Galawayns, und es ist mir unbegreiflich, wie sie hierher gelangen konnte. Sie sollte unter Verschluss sein!�</p><p>Ollowain war zum Falrach-Tisch gegangen. Tief gebeugt stand er �ber der Platte und starrte auf die Figuren.</p><p>�Ihr solltet euch wohl Gedanken �ber die Verwahrung von gef�hrlichen Texten machen�, meinte Ganda. �Du kannst dich darauf verlassen, dass ich Emerelle von den Zust�nden hier in der Bibliothek berichten werde. Geheime Dokumente werden gestohlen, und es herrscht Mord und Totschlag. Vielleicht sollte man die B�cher, die zu kostbar sind, um sie hier zu lassen, anderswo lagern.�</p><p>Reilifs Mundwinkel zuckten. �Wir hatten nicht damit gerechnet ... Was geschehen ist, ist so ungeheuerlich. Ich ... Ich werde die H�ter des Wissens zusammenrufen. Wir werden aus unseren Fehlern lernen, Lutin.�</p><p>Ganda machte es keinen Spa�, ausgerechnet denjenigen in die Enge zu treiben, der sich au�er Ollowain um ihre Genesung gesorgt hatte. Aber sie musste Reilif von dem falschen Buch fortbringen. Je weiter, desto besser. �Eure Fehler h�tten mich beinahe das Leben gekostet. Du wirst doch wohl nicht von mir erwarten, dass ich dar�ber schweige, wenn ich vor der K�nigin stehe.�</p><p>�Die Bibliothek befindet sich in der Zerbrochenen Welt und unterliegt damit nicht der Autorit�t der K�nigin�, wandte der H�ter des Wissens steif ein.</p><p>�Entschuldigst du damit eure Fehler?�</p><p>Reilifs Mundwinkel zuckten jetzt st�rker. �Nein, das tue ich nicht�, sagte er niedergeschlagen. �Es tut mir aufrichtig leid, welches Ungemach dir widerfahren ist. Wenn ich k�nnte, w�rde ich ...�</p><p>�Findest du die Bezeichnung 'Ungemach' nicht ein wenig untertrieben? Dass ich noch lebe, ist ein gl�cklicher Zufall. Eine Giftschlange in seinem Bett zu finden, das �berschreitet bei weitem das, was ich unter Ungemach verstehe.�</p><p>�Gewiss.�</p><p>�Was f�r ein Text ist das?�, herrschte Ganda ihn an.</p><p>�Es geht um die finstersten Spielarten der Magie. Ich wei� nicht, was genau hier steht, und freiwillig w�rde ich es niemals lesen. Schriften, die drei schwarze Siegel tragen, sind durch und durch verderbt. Es geht um Dinge, die einem den Seelenfrieden nehmen, wenn man sie wei�. Sie werden an einem geheimen Ort verwahrt, den nur wir H�ter des Wissens kennen. Diese Schrift sollte umgehend dahin zur�ckgebracht werden.�</p><p>Ganda h�tte niemals damit gerechnet, eine so ehrliche Antwort zu bekommen. Sie hatte Reilif wohl mehr aus dem Gleichgewicht gebracht, als er sich bisher hatte anmerken lassen. Und er hatte mehr gesagt, als sie wissen wollte. �Ich werde dich nicht aufhalten, wenn du die Schriftrolle dahin bringst, wo sie hingeh�rt. Wenn es nach mir ginge, w�rden solche Texte verbrannt werden.�</p><p>�Es gen�gt jetzt, Ganda�, mischte sich Ollowain ein. �Meister Reilif hat sich entschuldigt. H�r endlich auf mit deinen Beschimpfungen! Es �ndert ohnehin nichts mehr.�</p><p>Der H�ter des Wissens verneigte sich knapp. �Ihr entschuldigt mich bitte.� In aller Eile zog er sich zur�ck.</p><p>Ganda lehnte sich ersch�pft an den Tisch. Sie war am Ende ihrer Kr�fte. Sie mussten hier fort. So schnell wie m�glich. M�de schloss sie die Augen. Jeder hier in der Bibliothek konnte der M�rder sein. Es war unm�glich abzusch�tzen, wie seine wahre Gestalt aussah. Obendrein konnte er sich ja jedes beliebigen Leibes bem�chtigen.</p><p>�Hast du mir etwas zu sagen?�</p><p>Ollowain stand pl�tzlich vor ihr. Sie musste einen Aussetzer gehabt haben. �Was meinst du?� Er deutete auf ihre linke Hand, die halb in dem falschen Buch versunken war, dem Spiegelbild ohne Substanz.</p><p>Ganda seufzte. Wenn sie versuchte, Ollowain zu erkl�ren, was geschehen war, w�rde ihnen beiden am Ende seine Ehre im Weg stehen. �Das ist jetzt nicht von Belang�, antwortete sie entschieden.</p><p>Der Elf hob eine Braue, stellte aber keine weiteren Fragen. Stattdessen bat er sie, sich den Falrach-Tisch anzusehen.</p><p>Ganda gab nach. Doch sie taumelte vor Ersch�pfung. Die Spielfiguren tanzten ihr vor den Augen. Falrach bedeutete ihr nichts. Sie konnte nicht erkennen, was der Elf ihr zeigen wollte.</p><p>�Das Spielbrett zeigt diesen Augenblick�, sagte er mit seltsam distanzierter Stimme.</p><p>Wenn er jetzt blo� nicht wieder durchdreht, dachte sie verzweifelt. Ich brauche dich, verdammt. Kann ich mich denn niemals auf dich verlassen?</p><p>�Die schwarze K�nigin steht allein. Das ist Emerelle. Ihre Magierin ist aus dem Spiel geschlagen, und ihre Helden stehen weit auf dem Brett verteilt. Eine ganz �hnliche Aufstellung habe ich vor ein paar Tagen auf einem Spielbrett in Emerelles Burg gesehen. Ich glaube, es war eine Warnung. Das Brett stand so, dass ich es auf jeden Fall sehen musste. Hier allerdings ist Emerelle nicht direkt von Feinden umringt. Die Figuren der wei�en Seite stehen jedoch in guter Ordnung tief in ihrer H�lfte des Spielfelds. Und ich hatte gehofft, das Heer der Trolle sei vernichtet.�</p><p>�Vielleicht ist es das auch.� Ganda war dieser Mystizismus um das Falrach-Spiel zu viel. �Wer sagt, dass die wei�en Figuren f�r die Trolle stehen? Das ist nur ein Spiel. Nicht die Wirklichkeit!�</p><p>�Glaubst du?�</p><p>So zynisch hatte sie ihn noch nie erlebt.</p><p>Ollowain deutete auf zwei umgest�rzte schwarze Spielfiguren, die isoliert auf dem Spielfeld lagen. �Der Feldherr und die Diebin, Ganda. Das sind wir. Wir sind aus dem Spiel.�</p><p>Die Lutin fasste sich an die Schl�fen. Das war das Letzte, was sie jetzt brauchte. �Ich falle fast in Ohnmacht vor Ersch�pfung, und du kommst mir mit so etwas. Vielleicht ist jemand gegen den Spieltisch gesto�en. Es kann Zufall sein, dass ein paar Figuren umgest�rzt sind.�</p><p>�Es sind nur diese beiden Figuren umgest�rzt.�</p><p>�Und wo ist unser M�rder? F�r den m�sste es dann doch wohl auch eine Spielfigur geben.�</p><p>�Du denkst zu kurz. Unser M�rder ist keine Figur. Es ist der Spieler der wei�en Seite. Deshalb hat er alle Gesichter und zugleich keines.�</p><p>Ganda str�ubten sich die Nackenhaare. Wenn man bereit war, sich auf Ollowains Wahnvorstellungen einzulassen, waren sie in sich schl�ssig. Aber sie war nicht nur eine Spielfigur auf einem Brett! �Wieso sind wir noch nicht vom Spieltisch, wenn wir geschlagen sind? So spielt man das doch, oder? Geschlagene Figuren werden vom Brett genommen.�</p><p>�Nein, nicht immer. Es gibt drei Ereignisse, bei denen Spielfiguren neutralisiert werden, aber nicht aus dem Spiel kommen. Man legt sie dann einfach nieder. Danach h�ngt alles davon ab, wer den n�chsten Spielzug hat. Ein solches Ereignis ist eine Z�sur im Falrach-Spiel. Beide Seiten w�rfeln. Wer das h�here Ergebnis erzielt, beginnt den n�chsten Zug, ganz gleich, wer nach dem eigentlichen Ablauf des Spiels an der Reihe w�re. Die Zukunft h�ngt in diesem Augenblick von einem W�rfelwurf ab.�</p><p>Die Lutin lachte trotzig. �Dann habe ich eine gute Nachricht f�r dich. Ich bin sehr gut darin, beim W�rfeln zu betr�gen.�</p><p>Ollowain l�chelte schief. �Wer h�tte gedacht, dass ich mein Leben einmal in die H�nde einer Falschspielerin legen w�rde.�</p><p>Warum hatte sie nie einen Kobold getroffen, der sie so angel�chelt hatte?, dachte sie traurig. Ein wenig schelmisch, dabei offenherzig und warm. Voller Vertrauen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da war sie dem L�cheln Elijas verfallen gewesen. Kein anderer Lutin strahlte solche Zuversicht und ein solches Selbstbewusstsein aus wie er.</p><p>Elija hatte eine Vision. Er wollte die Welt ver�ndern. Und er war unersch�tterlich davon �berzeugt, dass er es schaffen w�rde. War man ihm nahe, war es so leicht, seinen Traum mit ihm zu teilen. Seine Kraft und sein Enthusiasmus waren ansteckend. Mit ihm zu leben, war ein einziges Abenteuer.</p><p>Ganda hatte sehr lange gebraucht, um zu begreifen, dass Elija einzig seinen Traum liebte. Alle Weggef�hrten waren austauschbar. Was z�hlte, war allein das Ziel. Als sie das endlich verstanden hatte, war Elijas L�cheln entzaubert gewesen.</p><p>Mit Ollowain w�rde es genauso sein, wenn sie ihn nur lange genug kannte, dachte sie w�tend. Ihr war schwindelig.</p><p>�Geht es dir gut?�, fragte der Elf.</p><p>�Sehe ich vielleicht so aus?�, brachte sie noch hervor, dann gaben ihre Beine unter ihr nach.</p><p>Irgendwie schaffte er es, sie aufzufangen, bevor sie zu Boden fiel. Er trug sie in den Armen wie ein Kind. Sie bettete ihr Haupt an seine Schulter. Lange hatte sie sich nicht mehr so geborgen gef�hlt. Sie war nicht wirklich bei Bewusstsein, aber sie schlief auch nicht. Die Zeit, in der er sie trug, war wie ein Wachtraum.</p><p>Er wollte sie in ihre Kammer bringen und ins Bett legen. Dunkel erinnerte sie sich, dass sie protestierte. Und er musste ihr wohl gehorcht haben, denn er hielt sie immer weiter im Arm. Ganda konnte sich diese bleierne M�digkeit nicht richtig erkl�ren. War es tats�chlich das Gift? Sie hatte doch schon so lange geschlafen!</p><p>Die Lutin sp�rte, dass Ollowain sie trug. Aber seine Schritte h�rte sie nicht. Es war, als schwebten sie beide. Ihre Lider waren zu schwer, um ihnen viele Blicke abzutrotzen. Nur hin und wieder blinzelte Ganda verschlafen. Dann sah sie sp�rlich beleuchtete B�cherw�nde vor�bergleiten.</p><p>Der Elf erz�hlte etwas. Er fl�sterte. Seine Stimme schlich sich in ihr Ohr. Dort f�hlte sie auch seinen warmen Atem, w�hrend er sprach. Doch irgendwo zwischen dem Ohr und ihrem Verstand ging ein Teil vom Sinn seiner Worte verloren. Es ging um einen Kobold mit Namen Labax. Er hatte in Phylangan gek�mpft und im Schlaf die Begegnung mit dem r�tselhaften Ungeheuer �berlebt, das durch Felsen ging, w�hrend alle seine Kameraden gemeuchelt wurden.</p><p>Ganda wollte Ollowain sagen, dass sie wusste, was f�r ein Gesch�pf dort in der Elfenfestung umgegangen war. Doch ihre Zunge lag wie ein gestrandeter Wal hinter ihren Lippen. Unendlich schwer. Tot.</p><p>Sie musste kurz eingenickt sein. Noch ganz benommen sah sie sich um. Sie war in dem Saal mit den vielen Lesepulten. Ganda f�hlte die pulsierende Macht der Albenpfade. Der Albenstern, durch den sie eingetreten waren, lag nur ein paar Schritt entfernt.</p><p>Ollowain kniete vor ihr. �Bist du stark genug, um uns von hier fortzubringen?� Die Lutin setzte sich auf und massierte sich mit den H�nden die Schl�fen. �Zaubern und einer Hornschildechse in den Hintern treten kann ich immer, egal wie ich aussehe.� Ihr war �bel. Sie f�hlte sich, als habe sie eine ganze Nacht durchgezecht. Ein gro�er Becher Milch mit zwei hineinger�hrten Eiern w�re jetzt gut.</p><p>Nur zwei �llampen brannten in der weiten, runden Halle. Beide standen ein gutes St�ck entfernt. Im schwachen Licht sahen die Pulte wie gro�e, rechteckige Schilde aus. Sie waren umringt von einer Legion von Schattenkriegern. Ganda schmunzelte. Das war albern!</p><p>Ein dumpfes Klatschen erklang. Ollowain fuhr herum. Das Ger�usch war aus dem weiten Gang gekommen, der von hier aus tiefer in die Bibliothek f�hrte. Es hatte sich angeh�rt, als sei ein Buch aus einem Regal gefallen.</p><p>Ganda musste an Qualbam III. Und seine verr�ckten Geschichten �ber B�cher denken. Es war ungerecht, dass der Kobold tot war. Gestorben, weil er sie gekannt hatte. Gestorben, weil sie ihm vertraut hatte.</p><p>Ollowain hatte den Gang erreicht. Aufmerksam sah er sich um.</p><p>Die Lutin griff nach der Kante des n�chstgelegen Stehpults und zog sich hoch. Sie war noch immer ganz wackelig auf den Beinen. Wann w�rde das endlich aufh�ren? Und wann w�rde sie diese f�rchterlichen Kopfschmerzen los ... Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung. Ganda verlor das Gleichgewicht. Etwas hatte sie ber�hrt. Sie taumelte zur Seite und st�rzte. Ein riesiger Schatten ragte �ber ihr auf. Kleos! Er war mit einem langen Stab bewaffnet, an dessen Enden aufgerichtete Sensenbl�tter angebracht waren. �Du hast mich erschreckt ... Du ...� Sie wollte sich aufst�tzen und wieder aufstehen, doch sengender Schmerz schoss durch ihren linken Arm.</p><p>Der Minotaur b�ckte sich und hob etwas auf. Es schien winzig in seinen riesigen Pranken. �Halt den rechten Arm hoch, dann schenke ich dir dein Leben.�</p><p>Sie war so durcheinander, dass sie schon gehorchen wollte, als sie erkannte, was der ehemalige H�ter des Wissens aufgehoben hatte. Es war eine Hand.</p><p>Ganda wurde es �bel. Sie sah auf ihren linken Arm. Das Zwielicht bewahrte sie davor, allzu deutlich zu erkennen, was geschehen war. Der Arm endete in einem Stumpf. Es war ihre Hand, die Kleos aufgehoben hatte.</p><p>Obwohl Ganda deutlich den Stumpf sah, weigerte sie sich, das Offensichtliche anzuerkennen. Ihre Hand ... Wieso ...</p><p>�Den Arm!�, forderte Kleos barsch. �Du ...� Der Minotaur wirbelte herum. Metallisches Kreischen drang in Gandas Ohren. Funken stoben, wo Stahl auf Stahl schlug.</p><p>Be�ngstigend schnell wirbelte der Klingenstab. Ollowain duckte sich weg. Ein Hieb, der ihm gegolten hatte, spaltete die schwere Platte eines Lesepults. In t�dlichem Tanz umkreisten der Minotaur und der Elf einander.</p><p>Dieser Kleos brauchte keine Kr�cke mehr. Ganda bezweifelte, dass der alte Kleos jemals mit solchem Geschick gek�mpft hatte. Auch wenn sie es in der Dunkelheit nicht sehen konnte, war sie sich sicher, dass dieser Minotaur blaue Augen hatte. Es war so gekommen, wie Ollowain es vorhergesagt hatte. Ihr Feind diktierte ihnen ihre Z�ge. Sie waren aus dem Spiel. Der M�rder hatte gewusst, dass sie hierher kommen w�rden.</p><p>Ganda bemerkte erst jetzt, dass sie in einer dunklen Pf�tze sa�. Ihr Armstumpf schmerzte nur wenig. Es war seltsam. Sie konnte ihn ohne Abscheu betrachten. Irgendwie erschien es ihr so, als sei das nicht wirklich ihr Arm. Ihr Arm endete in einer Hand! Dieses verst�mmelte Ding geh�rte nicht zu ihr!</p><p>Unbeholfen riss sie einen Streifen vom Saum ihres Kleides. Sie musste die Blutung stillen.</p><p>Polternd st�rzte ein schweres Stehpult zu Boden. Der Minotaur versetzte dem Pult einen Tritt; schlitternd glitt es �ber den glatten Boden. Statt auszuweichen, sprang Ollowain auf das Stehpult, hielt mit ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht und war mit einem Satz auf einem der anderen Pulte.</p><p>Kleos stie� seinen Klingenstab ins Leere, schwang ihn in weitem Kreis zur�ck und wehrte gerade eben noch einen R�ckhandschlag ab, der auf seinen Nacken gezielt hatte. Schnell wie Trommelschlag ert�nte der Klang des Stahls.</p><p>Ganda war ganz benommen. Zu lange hatte sie sich darin verloren, den beiden zuzusehen. Sie musste diesen Arm versorgen, auch wenn sie den Stumpf nicht als einen Teil von sich akzeptierte. Sie hatte sch�ne H�nde gehabt ...</p><p>Mit einiger M�he schaffte es die Lutin, den Stoffstreifen um den Stumpf zu wickeln. Sie musste ein Ende mit den Z�hnen festhalten, um den Verband straff zu ziehen.</p><p>Sofort war der Stoff blutdurchtr�nkt. Jetzt meldete sich der Schmerz. Selbst die leichteste Ber�hrung der Wunde war wie ein Stich mit einem gl�henden Messer. Die Lutin begann zu zittern. Ihre Z�hne klapperten. Es war viel k�lter geworden.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Ganda, wie der Minotaur versuchte, den Elfen mit einem ungest�men Angriff in die Enge zu treiben. Schlag folgte auf Schlag, schneller als das Auge zu folgen vermochte. Pl�tzlich stie� der Kopf des Minotauren herab. Ollowain wich den t�dlich spitzen H�rnen aus, aber Kleos�</p><p>Stirn rammte gegen seine Schulter. Der Schwertmeister taumelte. Ein Schlag nach seinen Beinen zwang den Elfen zu einem hastigen Sprung, der ihn noch mehr aus dem Gleichgewicht brachte.</p><p>Der Minotaur stie� einen wilden Triumphschrei aus und setzte nach. Doch wo jeder andere gestrauchelt w�re, fand Ollowain das Gleichgewicht wieder. Sein Schwert beschrieb einen silbernen Bogen. Ein dumpfes Knacken war zu h�ren. Dann fiel eines der H�rner des Minotauren zu Boden. Ollowain hatte es dicht am Kopf abgetrennt.</p><p>Kleos wich ein wenig zur�ck. Ein Wort der Macht lie� auf einen Schlag alle �llampen im Lesesaal aufflammen. Jetzt erst sah Ganda den d�nnen Schnitt auf der Brust des Stiermanns. Es war keine tiefe Wunde, aber als Ganda die Verletzung sah, war sie �berzeugt, dass Ollowain siegen w�rde. Zugleich sah sie all das Blut auf dem Boden um sie herum.</p><p>�Glaubst du, du siegst?�, fragte der Minotaur und wehrte einen Sto� ab, der auf seine H�fte gezielt hatte. �Der Kampfl�rm wird weit zu h�ren sein. Gewiss ist schon jetzt ein Trupp mit Armbr�sten bewaffneter Kobolde auf dem Weg hierher. Was glaubst du, auf wen sie schie�en werden? Auf Kleos, den sie seit Jahren kennen, oder auf dich und die Lutin?�</p><p>Ein ganzer Hagel von Schl�gen ging auf den Stiermann nieder. �Mach weiter, Ollowain�, rief er. �W�hrend wir k�mpfen, verblutet deine Gef�hrtin.�</p><p>Der Schwertmeister blickte zu ihr hin�ber. Sofort griff der Minotaur an. Mit einem heimt�ckischen Hieb zielte er auf Ollowains Beine. Der Elf wich aus, doch jetzt blickte er schon wieder zu ihr hin�ber.</p><p>�Mir geht es gut.� Ganda hatte rufen wollen, doch ihrer Stimme fehlte es an Kraft. Sie zitterte erb�rmlich.</p><p>��ffne das Tor!�, rief Ollowain und duckte sich.</p><p>Ganda schleppte sich zum Albenstern. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen und wollte aufrecht gehen, doch stattdessen taumelte sie vor Schw�che. Dicke Blutstropfen troffen aus ihrem Verband und hinterlie�en eine dunkle Spur auf dem wei�en Marmorboden des Lesesaals. Das helle Licht schmerzte Ganda in den Augen. Sie sah Ollowain wieder zu sich hin�berblicken. Warum lie� sich dieser verdammte Elf so sehr ablenken? Das w�rde ihn noch den Kopf kosten.</p><p>Ganda griff nach der Magie der Albenpfade. Wieder schlug Stahl auf Stahl. Es fiel der Lutin schwer, sich auf ihren Zauber zu konzentrieren. Immer wieder blickte sie besorgt zu Ollowain. Der Elf war in der Defensive. Schritt um Schritt trieb Kleos ihn in Richtung des Albensterns.</p><p>�Um den Preis von Gandas rechter Hand lass ich euch beide ziehen.� Der Lutin entglitten die Kraftstr�me der Albenpfade. Unwillk�rlich griff sie nach der schillernden Feder an ihrem Hals. Sie war noch da. Obwohl sie direkt auf ihrer nackten Haut lag, sp�rte Ganda nicht den Zauber, der das Buch umgab. Das war ungew�hnlich. Und es w�rde sie retten. Auch Kleos w�rde den Tarnzauber nicht durchschauen k�nnen. Der M�rder musste beobachtet haben, wie sich Melianders Buch unter ihrer Ber�hrung ge�ffnet hatte. Offensichtlich glaubte er, das Buch t�uschen zu k�nnen, wenn er ihre H�nde mitbrachte. Bei dem Gedanken wurde ihr �bel. Mit Tr�nen in den Augen betrachtete sie ihre abgeschlagene Hand.</p><p>Rei� dich zusammen, M�dchen, ermahnte sie sich. Es liegt jetzt an dir.</p><p>Wieder griff sie nach den Kraftlinien der Albenpfade. Sie tanzten wie sich windende Schlangen. Ganda hatte das Gef�hl, dass ihr jemand half. Obwohl sie zitterte und ein pochender Schmerz in ihrem Sch�del klopfte, fiel es ihr so leicht wie nie zuvor, den Lichtbogen zu �ffnen. Doch irgendetwas war anders als sonst.</p><p>�Senkt eure Waffen!�, befahl eine hohe Stimme. Ein recht korpulenter Kobold eilte durch den Mittelgang zwischen den Pulten auf sie zu. Er trug ein rotes Barett, von dem zwei zerzauste Federn hingen. Ein halbes Dutzend kleiner, hagerer Gestalten m�hte sich hinter ihm ab, auf die Stehpulte zu steigen. Sie waren mit Armbr�sten bewaffnet, die sie an breiten Lederriemen auf den R�cken geschnallt trugen. Mit ihren schm�chtigen Leibern und den tintenbefleckten Fingern wirkten sie so gar nicht wie Krieger. Man sah ihnen an, dass sie Schreiber, Beleuchter und K�chenhilfen waren. Aber in ihren Mienen spiegelte sich grimmige Entschlossenheit. Der Erste schnallte seine Armbrust ab, stellte einen Fu� in den eisernen B�gel der Waffe und begann sie mit Hilfe zweier seitlich angebrachter Kurbeln zu spannen.</p><p>�Aufh�ren!�, rief der Anf�hrer der Koboldschar mit sich �berschlagender Stimme. �Im Namen der H�ter des Wissens gebiete ich euch Einhalt!�</p><p>Ollowain hatte Ganda jetzt fast erreicht. Nur ein paar Schritte trennten ihn noch von dem schimmernden Lichtbogen. Ganda h�tte von den Kraftlinien ablassen k�nnen, aber etwas erschien ihr merkw�rdig. Unter den vertrauten, machtvollen Zaubern sp�rte sie wohl verborgen etwas Fremdes.</p><p>Das Iskendria der Menschen war nur ein paar Schritte entfernt. Doch dorthin zu fliehen w�re t�richt. Die W�chter der Bibliothek w�rden ihnen leicht folgen k�nnen. Ganda wusste, dass sie und Ollowain sich tiefer in das goldene Netz wagen mussten, um einen anderen Weg zu finden. Im Gespinst der sich kreuzenden Albenpfade gab es tausend M�glichkeiten, seinen Weg zu finden. Emerelle war dagegen gewesen, auf einem direkten Weg hierher in die Bibliothek zu kommen, um ihre Mission vor den Yingiz, die drau�en in der Dunkelheit des Nichts lauerten, geheim zu halten. Doch nun gab es keinen Anlass mehr zu solchen Winkelz�gen. Sie konnten ohne den Umweg �ber die Welt der Menschen nach Albenmark zur�ckkehren.</p><p>�Erschie�t zuerst die Lutin!�, befahl Kleos.</p><p>Der Anf�hrer der Kobolde blinzelte nerv�s. �Ihr h�rt auf mein Kommando�, sagte er. �Kleos ist ...�</p><p>�Ein H�ter des Wissens!�, unterbrach ihn der Minotaur zornig. �Wie ihr seht, bin ich von den Verletzungen, die ich mir beim B�cherschlag zugezogen habe, wieder genesen. Die Lutin hat eine kostbare Schriftrolle aus der Halle des Lichts gestohlen. Ihr kennt die Gesetze der Bibliothek. B�cher und Schriften, die einmal hierher gelangt sind, verlassen Iskendria nie wieder. Dies ist ehernes Gesetz. Wer dagegen verst��t, ist des Todes.�</p><p>Ollowain begann zu laufen.</p><p>�Alles h�rt auf mein Kommando!�, rief Kleos.</p><p>�Er ist ein L�gner und M�rder!� Ohne auf Ganda zu achten, legten die Kobolde Bolzen in ihre Armbr�ste. Ihr Anf�hrer machte keine Anstalten mehr, Kleos den Befehl streitig zu machen.</p><p>�Weg hier!� Ollowain hob Ganda hoch. Dabei gab er sich M�he, den Armbrustsch�tzen, so gut es ging, die Sicht auf sie zu versperren. Die Lutin konnte gerade noch �ber die Schulter des Elfen blicken. Sie hatte das unbestimmte Gef�hl, dass sie etwas falsch machten.</p><p>Etwas stimmte nicht.</p><p>�Legt an!�, kommandierte Kleos, und die Kobolde hoben ihre Armbr�ste an die Schultern.</p><p>�Ausrichten!�</p><p>Ganda hatte den Eindruck, dass Kleos gar nicht wollte, dass sie erschossen wurden. Er wollte etwas anderes. Er h�tte doch schon l�ngst befehlen k�nnen zu schie�en. Warum tat er das nicht? Sie sah, wie einer der Kobolde unter dem Gewicht seiner Waffe zu zittern begann. Man zielte nicht so lange mit einer Armbrust. Dazu waren diese Waffen zu schwer!</p><p>Ollowain trat durch das Tor.</p><p>Ganda sp�rte einen Sog. Er war kaum wahrnehmbar. Eine fremde Kraft. Der Pfad aus der Bibliothek hinaus war manipuliert. Wohl verborgen zwischen der Magie der Alben gab es einen neuen Zauber.</p><p>Der Schwertmeister schien nichts zu bemerken.</p><p>Das Tor hinter ihnen begann sich zu schlie�en. Viel schneller als �blich! Deutlich sah Ganda nun Kleos blaue Augen. Sie hatte es gewusst! Der Minotaur l�chelte.</p><p>Jetzt, wo sie mit allen Sinnen darauf achtete, sp�rte sie den fremden Zauber deutlich. Sie waren in seiner Gewalt, so lange sie den Pfad nicht verlie�en. Das war es, was ihr Feind gewollt hatte!</p><p>Gandas Mund war jetzt staubtrocken. Sie zitterte immer heftiger. Es war t�dlich kalt! Sie musste an das Falrach-Brett denken. Der Schwertmeister hatte Recht behalten. Sie waren aus dem Spiel. Ihr Feind hatte den Wurf um den n�chsten Zug gewonnen.</p></section></section><section><title><p>Zweites Buch</p><p>Die Rebellen</p></title><section><title><p>Bruder Jules</p></title><p>Bruder Guido f�gte der Miniatur einen letzten Pinselstrich hinzu und vertiefte den Schatten im Faltenwurf des Gewandes. Zufrieden betrachtete er das Bild des heiligen Guillaume. Es zeigte den M�rtyrer unmittelbar vor seinem Tod, als er von den Elfen an die Eiche gebunden wurde.</p><p>�Deine Elfen sehen wirklich zum F�rchten aus.� Eine leichte Hand legte sich auf seine Schulter. �Wenn man deine Bilder betrachtet, k�nnte man meinen, du seiest Augenzeuge gewesen an jenem schrecklichen Tag. Sie erscheinen wie ein Abbild der Wahrheit. Das ist eine gro�e Gabe.�</p><p>Guido spielte nachdenklich mit seinem Knebelbart. �Ich wei� nicht, Bruder Abt. Die spitzen Ohren, die ihnen wie H�rner durch das lange Haar lugen, die bleichen Gesichter, die an Tote erinnern, und die gro�en dunklen Augen ... Das ist ja gut und sch�n. Aber jeder malt sie so. Ich m�chte ihnen noch etwas D�monisches geben. Ich dachte daran, sie noch etwas d�nner zu machen und ihre Glieder ein wenig l�nger darzustellen, als man das von uns Menschen kennt. Sie sollten noch fremder wirken. Vielleicht kann man ihrer Bl�sse auch mehr Tiefe geben, wenn man mehr d�nne Schichten Farbe auftr�gt.�</p><p>�Ach, Guido, du bist der beste Miniaturenmaler in unserer Schreibstube, aber du machst dich der S�nde der Eitelkeit schuldig, ganz zu schweigen von den S�nden, um die du nicht wissen kannst. Im �brigen brauchst du dreimal so lange wie jeder andere Schreiber hier, um eine Miniatur zu vollenden.�</p><p>�Aber meine Bilder sind auch sch�ner als die aller anderen�, begehrte Guido auf.</p><p>�Das meinte ich�, sagte der Abt. �Eitelkeit ist dein Laster. Einem Ordensbruder, der sich und sein Leben Tjured geschenkt hat, steht Bescheidenheit besser zu Gesicht. Jeder hier wei�, dass du bei weitem der beste Maler in der Schreibstube bist. Allein dir wird die Ehre zuteil, die Schriften f�r das K�nigshaus zu illustrieren. Gen�gt dir die stille Freude daran nicht?�</p><p>Der Ordensbruder seufzte. �Nat�rlich hast du Recht. Aber jeder h�rt es gerne, dass er gute Arbeit geleistet hat. Wie oft stehe ich bis tief in die Nacht bei Kerzenschein an meinem Schreibpult! Wie oft arbeite ich immer noch an meinen Miniaturen, wenn alle anderen Br�der und Schwestern sich l�ngst in ihre Kammern zur�ckgezogen haben! Und was ist mein Lohn? Mein Bett ist nicht weicher, meine Kutte nicht aus feinerer Wolle. Ich esse dieselben Speisen wie alle Br�der und Schwestern, obwohl ich ihnen in meinem Flei� ungleich bin. Verdiene ich dann nicht wenigstens ein Lob? Ist das zu viel verlangt, Bruder Abt?�</p><p>W�hrend er sprach, wusch Guido die dunkelblaue Farbe aus dem d�nnen Pinsel, mit dem er am liebsten malte. Dann befeuchtete er Daumen und Zeigefinger mit der Zunge und formte die Marderhaare sorgf�ltig wieder zu einer feinen Spitze.</p><p>�Komm zu mir, Guido�, sagte der Abt und ging zum S�dfenster hin�ber. Lucien war ein alter glatzk�pfiger Mann, �ber den sich die Br�der und Schwestern des Refugiums die abenteuerlichsten Geschichten erz�hlten. Trotz seiner Jahre hielt sich der Abt kerzengerade, und sein R�cken war breit und kr�ftig wie bei einem Schmied. Lucien f�hrte ihr kleines Refugium mit gro�er Strenge. Kein Vergehen blieb unges�hnt, und er wusste genau, wem er mit welcher Strafe am meisten zusetzte. Doch zugleich war das Herz des Abtes voller G�te. Wer sich ihm anvertraute, der wusste bei ihm seine Sorgen und �ngste wohl verwahrt.</p><p>Bevor er auf den Mons Gabino gekommen war, hatte Guido in einem anderen, gr��eren Refugium gedient. Nur ungern erinnerte er sich daran zur�ck. Eitles Intrigenspiel hatte das Zusammenleben der Br�der und Schwestern dort vergiftet, Missgunst und Neid hatten den Tag beherrscht. Hier war das anders. Sie waren wie eine gro�e Familie. Alles hatte seine Ordnung, und der Miniaturenmaler wusste, dass dies ihrem Abt zu verdanken war.</p><p>Wer Lucien zum ersten Mal begegnete, der musste sich zwingen, nicht angewidert den Blick abzuwenden. Eine gr�ssliche Narbe lief dem Abt quer durch das Gesicht, sie reichte vom Kinn bis zur linken Augenbraue hinauf. Sein linkes Auge war nur noch eine leere H�hle, die sich immer wieder entz�ndete. Doch am schlimmsten waren die Lippen anzusehen. Wulstig und so dick wie zwei W�rste, waren sie gewiss nie ein sch�ner Anblick gewesen. Doch der Schwerthieb, der den Abt einst getroffen hatte, hatte ihm auch die Lippen gespalten, und sie waren so ungleich verheilt, dass es aussah, als sei eine H�lfte des Mundes einen Finger breit nach oben verrutscht. Auch konnte er durch diese Verst�mmlung seinen Mund nicht mehr richtig schlie�en, und so sah er aus wie ein Raubtier, das drohend die Z�hne bleckte.</p><p>Guido steckte den Marderhaarpinsel sorgf�ltig in den angeschlagenen Tonbecher zu den anderen Pinseln. Wahrscheinlich war es auch eitel, wenn man seinen Arbeitsplatz in Ordnung hielt, dachte er �rgerlich. Er ahnte, was f�r eine Art Predigt ihn erwartete, und hatte es nicht eilig damit, an die Seite des Abtes zu treten. Er r�ckte die flache Schale zurecht, in der er sein Blau anger�hrt hatte, dann pr�fte er, ob das kleine Kristallgl�schen, in dem er den zersto�enen Aquamarin verwahrte, auch gut verschlossen war. Zu den Geheimnissen seiner Miniaturen geh�rte, dass er nur die besten Materialien verwendete und jede Farbe selbst anmischte.</p><p>�Guido!�</p><p>Der Ordensbruder seufzte, trat an das Fenster und betete stumm um Geduld, um die immer gleiche Litanei �ber sich ergehen zu lassen.</p><p>Die Schreibstube lag im obersten Stockwerk des Turms, der sich an das Hauptgeb�ude des Refugiums anlehnte. Nur der schmucklose Tempelturm war h�her. An jeder Seite der Schreibstube gab es drei gro�e Fenster. So herrschte zu jeder Tageszeit gutes Licht, wenn der Himmel sich denn erbarmte und die Sonne nicht hinter grauen Wolkenschleiern verborgen war. Es war ein guter Ort zum Arbeiten, vielleicht die sch�nste Kammer im ganzen Refugium. Guido war sich dar�ber im Klaren, wie viele seiner Ordensbr�der ihn darum beneideten, dass er hier sein Tagwerk verrichtete.</p><p>Der Miniaturenmaler st�tzte sich auf das Sims des Fensters auf. Der honigfarbene Stein war warm vom Licht der Abendsonne. Die Stunde der D�mmerung war angebrochen. In der Ferne erhoben sich in den tieferen T�lern schon die Schatten der Nacht, w�hrend sich der Himmel im Westen noch mit zartem, blassblauem Licht schm�ckte. Ihr Refugium lag auf einer Felsnase, die weit aus dem steilen S�dhang des Mons Gabino ragte. Es war nicht sehr gro�. Gerade einmal einunddrei�ig Ordensbr�der fanden hier ihr Auskommen. In vielen Jahren m�hsamer Arbeit hatten sie Terrassen in den Fels geschlagen, und die Erde, in denen ihre weit �ber das K�nigreich Angnos hinaus ber�hmten Rebst�cke wurzelten, war Korb f�r Korb von Maultieren hier hinaufgeschafft worden. Gottesblut nannten die Heiden ehrf�rchtig den Wein, der von den goldenen H�ngen des Mons Gabino stammte. Und Guido wusste, dass sich sein Abt durchaus auch der S�nde der Eitelkeit schuldig machte, wenn es um den Wein ging.</p><p>Lucien deutete mit einer weit ausholenden Bewegung den Hang hinab. Auf den Treppen, die aus dem Fels geschlagen waren, konnte man blau gewandete Ordensbr�der mit breitkrempigen Strohh�ten sehen, die dem Refugium entgegeneilten.</p><p>�Sieh dir unsere Weggef�hrten auf dem Pfad zu Tjured an.�</p><p>Lucien war in den pathetischen Ton verfallen, den er bei seinen Predigten so gerne anschlug. Guido war oft sehr ergriffen, wenn er dem Abt bei ihren morgendlichen Zusammenk�nften im Rundtempel lauschte. Doch es war etwas ganz anderes, wenn man so einer Predigt allein zuh�ren musste und dabei noch derjenige war, um den sich alles drehte.</p><p>�Sieh unsere Br�der, wie sie zu uns streben, gebeugt von einem Tag voller M�hsal in Staub und Hitze. Hast du einmal ihre H�nde betrachtet, Guido? Zerschunden sind sie von der harten Arbeit am Weinberg. Und wenn ihre H�nde bluten, dann legen sie einen feuchten Lappen darum und machen weiter. Und welches Lob erhalten sie? Und welchen Lohn? Ein Teller mit einem einfachen Mahl und ein Becher mit verd�nntem Wein, das ist ihr Gewinn nach einem solchen Tag. Und klagen sie deshalb? Nein! Sie sind zufrieden mit dem Leben, wie Tjured es ihnen geschenkt hat.�</p><p>Guido dachte daran, wie oft er schon mit hinaus auf den Weinberg gegangen war, wenn jede Hand ben�tigt wurde. Stets rief man ihn oder Bruder Martin, wenn es eine Arbeit zu erledigen gab, die besondere Kraft erforderte. Er dachte auch an die vielen Nachstunden, die er im Kerzenlicht an seinem Stehpult verbrachte, wenn die anderen unten im Speisesaal sa�en und sich von Lucien aus dem Leben der Heiligen vorlesen lie�en.</p><p>�Ich sehe dir an, wie du dich vor meinen Worten verschlie�t, Bruder.� Der Abt l�chelte, und ein Netzwerk tiefer Falten umgab sein gr�nes Auge. �Nur weil du die blaue Kutte der Tjuredpriester tr�gst, bist du kein besserer Mensch. Und auch nicht, weil du Miniaturen malen kannst, die so wundersch�n sind, dass einem das Herz aufgeht, wenn man sie betrachtet, oder die einem Schauder der Furcht �ber den R�cken jagen, wenn es Bildnisse der grausamen Elfen sind. Was dir fehlt, ist die Gelegenheit, Zwiesprache mit Gott zu f�hren. So wirst du auch wieder zur Ehrfurcht vor den einfachen Dingen des Lebens finden, und du wirst ...� Lucien hielt inne und sp�hte aus dem Fenster. Auf dem Weg vom Pinienwald kam eine hochgewachsene Gestalt, die von einigen Ordensbr�dern umringt wurde. Andere schwenkten ihre Strohh�te ausgelassen zum Gru�, als sie den Fremden sahen.</p><p>Lucien murrte unwillig, kniff die Lider zusammen, sp�hte angestrengt in Richtung der Menschentraube, die sich um den Wanderer gebildet hatte, und murrte wieder. �Mein Auge ist so tr�b wie unser Fischteich, wenn ihn im Herbst der Frost gek�sst hat. Was geht da vor sich? Ist er es?�</p><p>Der Fremde war noch zu weit entfernt, um sein Gesicht erkennen zu k�nnen. Er trug die blaue Kutte der Ordensbr�der. Seine Kapuze hatte er zur�ckgeschlagen, und man sah deutlich sein rabenschwarzes Haar. �Ja, ich glaube, es ist Bruder Jules.�</p><p>Der Abt blickte zum Himmel hinauf. �Ich danke dir f�r diese Pr�fung, Tjured.� Er seufzte. �Mach die L�den dicht und komm runter. Wir werden heute fr�her speisen.�</p><p>Lucien war ein seltsamer Mann, dachte Guido. Jeder im Refugium freute sich, wenn Jules zu Gast war. Die Br�der und Schwestern hingen gebannt an seinen Lippen, wenn er von den langen Wanderungen erz�hlte und von den vielf�ltigen Wundern Gottes. Nur Lucien wurde nie von dieser Begeisterung ergriffen. Vielleicht war er eifers�chtig auf Jules. Vielleicht hatte er auch Angst, der Wanderer k�nne etwas �ber seine Vergangenheit erz�hlen. Es gab viele Ger�chte �ber Lucien. Es hie�, er sei in seiner Jugend ein Krieger gewesen.</p><p>Guido lauschte, bis die schweren Schritte des Abtes auf der Stiege verklungen waren. Dann begann er leise vor sich hin zu pfeifen. Und es war nicht etwa ein frommes Lied, sondern eine beschwingte Weise �ber ein M�dchen, das stets alles bei sich trug, was es brauchte, um seinen Gesch�ften nachzugehen.</p><p>Der Miniaturenmaler pr�fte gut gelaunt, ob die Tintenf�sser wohl verschlossen waren, und schnippte dann ein St�ck Taubenkot von einem Fenstersims. Gedankenverloren betrachtete er die Berge, und die Erkenntnis der Gr��e Gottes lie� ihm die Brust eng werden. Voller Inbrunst schenkte er Tjured ein Gebet. Weil die Welt so ein wundervoller Ort war. Weil Gott ihn von Lucien erl�st hatte, dessen einziger Fehler wohl war, dass er sich gern predigen h�rte. Und weil Gott ihnen Bruder Jules geschickt hatte. Kein anderer Ordensbruder war so ber�hmt wie Jules der Wanderer. Es war unm�glich, ihn nicht zu m�gen. Dort, wo er Gast war, kehrte Freude ein. Er war ein lebender Heiliger und keiner dieser sauert�pfischen Prediger, die einem den kleinsten Spa� im Leben missg�nnten. Nein, er war g�nzlich anders. Er machte deftige Scherze, zechte gerne, war zugleich ein Quell niemals versiegender Weisheit und ein Mysterium. Vor zwei Jahren war er einmal hier gewesen und hatte sich f�r drei Wochen im Allerheiligsten des Refugiums eingeschlossen. Ohne Speisen, ja selbst ohne etwas zu trinken, hatte er diese Zeit verbracht. Und als er von seiner Zwiesprache mit Gott zur�ckkehrte, da wirkte er frisch und ausgeruht, so als habe es ihm die langen Wochen �ber an nichts gefehlt. Bruder Tomasin, der versucht hatte, es Bruder Jules in seiner Fr�mmigkeit gleichzutun, war am vierten Tag ohne Wasser zusammengebrochen. Er war krank geworden und w�re vielleicht sogar an dem b�sen Fieber gestorben, das ihn befallen hatte, h�tte Jules ihn nicht geheilt, als er aus seiner Klausur im Allerheiligsten zur�ckkehrte.</p><p>Guidos Blick wanderte durch die Schreibstube. Alle Tische waren aufger�umt. Man f�hlte sich geborgen in einer Welt, in der Ordnung herrschte. Er sah zu den fernen Berggipfeln. Selbst so sp�t im Fr�hjahr waren die wei�en Kappen nicht gewichen. Manchmal, an st�rmischen Tagen, sah man den Schnee wie einen Schleier um die Wipfel schweben.</p><p>Die n�her gelegenen Klippen und Steilh�nge strahlten im Abendlicht in einem warmen Rotgold. Wie Nester klammerten sich die Weinterrassen an die H�nge. Der Mons Gabino lag weit entfernt von den Intrigen des K�nigshofs. Wer hierher wollte, der musste vier Tage lang durch karges Bergland wandern. Ihr Refugium war der Welt entr�ckt. Es war ein fast vollkommener Ort, um mit sich, seinen Gedanken und der Kunst des Miniaturenmalens in Harmonie zu leben. Der einzige Makel an ihrer wunderbaren Gemeinschaft bestand darin, dass ihnen noch keine Kinder geboren worden waren. Obwohl auch zehn Ordensschwestern zu ihrer Gemeinschaft geh�rten, blieb ihnen der Kindersegen verwehrt.</p><p>Guido entz�ndete eine �llampe und zog die schweren Holzl�den vor die Fenster. Dann stieg er langsam die steile Stiege hinab. Die Kammer unter der Schreibstube war v�llig dunkel. Hier lagerten die Schriften des Refugiums. Es war eine wundervolle Sammlung. Mehr als dreihundert B�cher! Die gr��te Bibliothek des K�nigreichs, wahrscheinlich sogar der Welt!, dachte der Ordensbruder stolz. Ein Schatz, kostbarer als eine Kammer voll Gold. Welch ein Gottesgeschenk war die Schrift! Sie erlaubte, noch nach Jahrhunderten von der Weisheit der Ahnen zu zehren. Und sie trennte L�ge und Wahrheit. Wie viele verschiedene Geschichten gab es schon jetzt �ber den Tod des heiligen Guillaume?</p><p>Bruder Jules, der einzige zuverl�ssige Augenzeuge des grausamen Mordes, hatte ihnen von dem Verbrechen der Elfen und dem tapferen Heldenmut Guillaumes berichtet. Doch welchen Unsinn erz�hlte man sich im Volk! Dort hie� es, Tjured habe drei Engel auf feurigen Schlachtr�ssern gesandt, um den Leib des Heiligen zu holen. Andere behaupteten, die Krieger des K�nigs h�tten sich in den Stra�en der Stadt eine regelrechte Schlacht mit den Elfen geliefert, bei der sogar eine Gruppe heidnischer Barbaren aus dem Fjordland mit gefochten h�tte. Welch ein Unsinn! Dabei war es nicht einmal ein Menschenleben her, dass Guillaume ermordet worden war. Und da es inmitten der bl�henden Stadt Aniscans geschehen war, hatte es hunderte Zeugen gegeben. Dennoch war es nur dem Gl�cksfall zu verdanken, dass Bruder Jules, der damals noch ein Kind gewesen war, die Bluttat miterlebt hatte. So gab es tats�chlich jemanden, dessen Bericht man trauen konnte.</p><p>Guido strich sanft �ber ein dickes, in rotes Schweinsleder gebundenes Buch, das in einem Regal dicht bei der Stiege stand. Es war die Lebensgeschichte des heiligen Guillaume. Guido hatte sie niedergeschrieben, um die Wahrheit bis in die fernste Zukunft zu tragen. Fast ein Jahr hatte er sich Zeit genommen, um den Text mit wundervollen Miniaturen zu illustrieren.</p><p>Der Ordenspriester seufzte. Auf kein anderes Werk in seinem Leben war er so stolz. Er war der Sohn eines Baumeisters und hatte das Handwerk seines Vaters erlernt. Zu seinen fr�hesten Erinnerungen geh�rte, wie er mit seinem Vater hoch auf dem Bauger�st eines Tempelturms stand und �ber das H�usermeer einer Stadt hinwegblickte. Er hatte mitgeholfen, ein Dutzend H�user Tjureds aus schwarzem Basalt zu errichten, an dem die Jahrhunderte vor�bergehen konnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Drei Tempelt�rme hatte er selbst als Baumeister entworfen. Doch selbst wenn diese m�chtigen Bauwerke l�ngst zu Staub zerfallen waren, w�rde jedes Kind Gottes noch die wahre Lebensgeschichte des heiligen Guillaume kennen. Dieses Buch war geschaffen, um seine Geschichte bis ans Ende der Zeit zu tragen, dachte Guido stolz. Und w�rde er selbst in diesem Augenblick vom Tod dahingerafft, so k�nnte er zufrieden gehen, denn sein Werk im Dienste Gottes war verrichtet.</p><p>Guido atmete tief ein und genoss den Geruch von Staub und Leder. Den Duft der B�cherstube. Dann stieg er hinab und ging durch den gemauerten Trockenraum f�r Schinken und W�rste, bis er die Pforte erreichte, die zum gro�en Speisesaal des Refugiums f�hrte.</p><p>Er traf im selben Augenblick ein, in dem Bruder Jules, umringt von einer Schar von Ordensbr�dern und -schwestern, durch das hohe Tor am anderen Ende des Saals kam. Freudige Stimmen und Gel�chter hallten von den dicken Mauern wider. Bruder Jules hatte diesen sp�ten Fr�hlingstag in einen Feiertag verwandelt.</p><p>Selbst Bruder Jacques, der sich im Winter bei einem ungl�cklichen Sturz beide F��e gebrochen hatte und seitdem an Kr�cken gehen musste, stemmte sich von seinem Sitz hoch und humpelte Jules entgegen. Die vielen Monde des Sitzens hatten Jacques zu einem dicken, m�rrischen Mann gemacht, dessen gallige Bemerkungen alle im Refugium f�rchten gelernt hatten. Doch davon war jetzt nichts mehr zu sp�ren. Sogar auf seinem Gesicht zeigte sich ein L�cheln.</p><p>Jules schloss Bruder Jacques in die Arme. Und dann hob er ihn hoch, als sei er ein Kind. Jules war ein stattlicher Mann, doch alle im Speisesaal hielten den Atem an, denn um Jacques zu tragen, musste man wahrlich stark wie ein Ochse sein. Behutsam setzte der Wanderer Jacques in dessen Stuhl. Dann kniete er vor ihm nieder, und seine H�nde strichen �ber die verdrehten, geschundenen F��e, die Jacques den Dienst aufgek�ndigt hatten.</p><p>Jules st�hnte. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, und es schien, als erleide er in diesem Augenblick die Qualen des Martyriums des heiligen Guillaume.</p><p>Guido eilte durch den Saal, um besser sehen zu k�nnen, was vor sich ging. Es war totenstill geworden. Der Miniaturenmaler kannte etliche der Geschichten, die man sich �ber den Wanderer erz�hlte, doch bislang hatte er sie als das Geschw�tz �bereifriger Ordensbr�der und -schwestern abgetan, die Jules am liebsten schon zu Lebzeiten zu einem Heiligen gemacht h�tten.</p><p>Ein trockenes Knacken war zu h�ren, ein Laut, bei dem man bis ins Innerste erschauderte. Jacques st�hnte. Seine H�nde krallten sich in das Holz seines Sitzes. Staunend sah Guido, wie der Wanderer dessen linken Fu� richtete. Dann legten sich seine gro�en, von der Sonne gebr�unten H�nde um den rechten Fu�. Wieder erklang das schreckliche Knacken. Jacques stie� einen kurzen, schrillen Schrei aus. Auch der Wanderer zitterte. Sein Antlitz war von Schwei� bedeckt. �Bitte erhebe dich, Bruder�, sagte er mit schwacher Stimme.</p><p>Jacques weinte. Unsicher stemmte er sich auf seinen Kr�cken hoch. Als er mit dem rechten Fu� auftrat, spiegelte sich fassungsloses Staunen in seinen Z�gen.</p><p>�Gib mir die Kr�cken�, sagte Jules mit warmer Stimme. �Ich wei�, du wirst sie in deinem Leben nie wieder brauchen.� Er sagte das mit der Bestimmtheit eines wahren Heiligen, der um die Pl�ne Gottes wusste. Eines Auserw�hlten unter den Lebenden.</p><p>Einem Augenblick stummen Staunens folgte unbeschreiblicher Jubel. Guido dr�ngte sich nach vorne. Auch er wollte Jules ber�hren, wollte dem lebenden Heiligen seine Bewunderung zeigen.</p><p>�Lasst uns beten und Tjured f�r dies Wunder danken!�, t�nte die Stimme des Abtes. Lucien hatte die Arme gehoben und versuchte, dem Tumult Einhalt zu gebieten. Doch er musste die Br�der und Schwestern noch dreimal zur Ruhe ermahnen, bis es endlich stiller wurde.</p><p>�Ich bin kein junger Mann mehr, Jules�, sagte der Abt feierlich. �Ich habe vieles in meinem Leben gesehen. Manche hier wissen um die Taten meiner Jugend. Taten, auf die ich heute nur noch mit Scham zur�ckblicken kann, denn ich war einer aus der Schar der Stierk�pfe des K�nigs Cabezan. Und ich habe meine H�nde in das Blut Unschuldiger getaucht ...�</p><p>Seine Schultern bebten. Lucien rang mit den Tr�nen. �Ich war Zeuge eines Wunders und habe mich vers�ndigt. Und ich danke Gott, dass ich noch einmal Zeuge seines Wirkens werden durfte.�</p><p>Einen Herzschlag lang tauschten Jules und der Abt einen Blick, den Guido nicht zu deuten wusste. Es schien ihm, als warne der Wanderer den Abt stumm, weiter zu sprechen.</p><p>�Ich danke euch f�r euer Lob und eure Freude, die mein Herz erw�rmt�, sagte Jules sodann. �Doch vergesst nicht, ich bin nur das Gef��, in das Gott seine Kraft flie�en l�sst. Lobt ihn und besch�mt mich nicht. An diesem Tag seid ihr Auserw�hlte unter den Kindern Gottes. Euch ist es bestimmt, zu Zeugen seiner Kraft zu werden. Doch nun lasst uns gemeinsam das Brot brechen und uns an den Gaben Gottes laben. Wie leicht vergisst man im �berfluss, dass Speise und Trank ein Geschenk sind, das Tjured uns jeden Tag gew�hrt. Feiern wir Gott mit einem Mahl zu seinen Ehren.�</p><p>Es war der Abt selbst, der Jules zur Tafel geleitete und darauf bestand, dass dieser seinen Platz einnahm. Lucien lie� sich darauf zur Rechten des Wanderers nieder und reichte ihm das frische, dampfende Brot, das eilig aus der K�che gebracht wurde. Es herrschte eine fr�hliche Stimmung an der Festtafel.</p><p>Der sonst so griesgr�mige Jacques stand auf und sang aus voller Brust ein Lied zu Ehren Gottes. Jacques hatte eine sch�ne, tiefe Stimme, und Guido war zu Tr�nen ger�hrt, seinen Ordensbruder so gl�cklich zu sehen. Das Einzige, was ihn w�hrend des Mahls betr�bte, war der Anblick Mariottes. Seit sie vor zwei Jahren ins Refugium gekommen war, war er ihr verfallen. Nie hatte er eine Frau von solcher Sch�nheit gesehen. Ihr Haar war golden wie die Lichtbahnen, die an einem sch�nen Sommertag durch das Laubdach eines dichten Waldes fielen. Ihre Lippen waren rot wie Walderdbeeren, voll und sinnlich, und so verf�hrte ihn ihr Anblick w�hrend des gemeinsamen Essens zu den verr�cktesten Tagtr�umen. Oft schon hatte er den Becher beneidet, dem es verg�nnt war, von diesen Lippen ber�hrt zu werden. Manchmal, wenn sie das Geschirr absp�lten, stand er dicht neben Mariotte und atmete ihren Duft. Sie roch wie die Pinienw�lder, die sie durchstreifte, wenn sie nach Kr�utern und Pilzen f�r die Vorratskammern des Refugiums suchte.</p><p>Letzten Winter hatte der Abt entdeckt, dass Guido sich erlaubt hatte, auf einer seiner Miniaturen der Mutter des heiligen Guillaume Mariottes Antlitz zu geben. Zur Strafe f�r diese S�nde hatte Guido in der Eisesk�lte drei Tage barfu� gehen m�ssen. Doch Mariottes Bild hatte er nicht �bermalen m�ssen...</p><p>Teigtaschen, gef�llt mit wei�em K�se, gebratener Paprika, Zwiebeln und Lammfleisch wurden aufgetragen. Doch Guido hatte keinen Blick f�r diese K�stlichkeiten. Er betrachtete Mariotte und w�nschte sich, dass sie ihn nur ein einziges Mal so ansehen w�rde, wie sie Bruder Jules ansah.</p><p>Jules schien ihre Bewunderung gar nicht zu bemerken. Die Augen aller waren auf ihn gerichtet und er scherzte mit seinen Nachbarn bei Tisch.</p><p>Dann stand er auf. Schlagartig wurde es still im Speisesaal.</p><p>�Liebe Schwestern, liebe Br�der. Ich danke euch von ganzem Herzen f�r dieses freundliche Willkommen. Mein Herz quillt �ber vor Freude, und ich muss euch sagen: Ich bewundere die Arbeit, die ihr im Refugium vollbracht habt, das zu einer Oase inmitten der W�stenei der Berge erbl�ht ist. Und doch ist es bei all unseren M�hen Tjured, der letztlich �ber unser Schicksal entscheidet. Euch scheint er zu lieben, so reich, wie ihr beschenkt wurdet, und ich m�chte euch bitten, mit mir gemeinsam zur Mitternacht eine Messe im Allerheiligsten auszurichten. Lasst uns unsere Freude dem Himmel entgegenrufen, meine Schwestern und Br�der. Lasst uns Gott zeigen, dass auch wir ihn lieben. Feiern wir ihm zu Ehren!�</p><p>Der Vorschlag sorgte f�r einige Aufregung, und selbst Lucien gab seine Zur�ckhaltung auf, als beratschlagt wurde, wie man Gott danken sollte.</p></section><section><title><p>Die Mitternachtsmesse</p></title><p>Verdrossen blickte Guido durch die offene T�r zum Nachthimmel auf. Der Mond war gerade hinter den Wolken hervorgekommen und tauchte das Refugium in silbernes Licht. Deutlich zeichnete sich der Schattenriss des Tempelturms gegen den hellen Himmel ab. Wieder verschwand eine kleine Gruppe seiner Ordensbr�der durch das hohe Portal, verschluckt von dem finsteren Turm.</p><p>Guido biss die Z�hne zusammen, so stark war sein Wunsch zu fluchen. Es war nicht mehr lange bis Mitternacht. Missmutig beobachtete er den d�nnen Faden aus Sand, der durch das Stundenglas rann. Bald w�rde die feierliche Messe beginnen. Wahrscheinlich waren jetzt schon alle unten im Allerheiligsten. Nur er sa� hier und wartete, weil der Abt entschieden hatte, ihn f�r seine Eitelkeit b��en zu lassen. Es war ungerecht, bestraft zu werden, weil man seine Arbeit mit Hingabe verrichtete! Dann w�rde er in Zukunft eben genauso dahinst�mpern wie die anderen Miniaturenmaler, dachte er zornig und wusste zugleich, dass ihn der Abt dann bestrafen w�rde, weil er nicht all sein K�nnen in den Dienst des Refugiums stellte.</p><p>In jeder anderen Nacht h�tte er den Tordienst einfach abgesessen. Ja, er h�tte sich wahrscheinlich am Glanz der Sterne erfreut und die Stille genossen. Es gab schlimmere Strafen als eine durchwachte Nacht. Doch heute war das anders. Im Refugium herrschte eine Aufregung wie in einem Bienenstock vor dem Flug der jungen K�nigin. Alle bem�hten sich nach Kr�ften, die Dankesmesse zu einem unvergesslichen Ereignis zu machen. Ganze B�ndel von Kerzen waren zum Allerheiligsten hinabgetragen worden, um die H�hle taghell zu erleuchten. Eben noch hatten die Ordensschwestern im Kr�utergarten gesungen und ihre Lieder f�r die Messe einge�bt. Mariotte war die Vors�ngerin des kleinen Frauenchors. Ihre Stimme war so sch�n, dass einem ganz weh ums Herz wurde, wenn man ihr lauschte. Doch die S�ngerinnen waren gegangen, und Guido h�tte sich nicht einsamer f�hlen k�nnen, w�re er der einzige Mensch in diesem schroffen Bergland gewesen.</p><p>Irgendwo, jenseits der hohen Mauer aus Bruchstein, die das Gel�nde des Refugiums umfasste, war der Ruf eines Steinkauzes zu h�ren. Leise fl�sterte der Wind in den Dachtraufen.</p><p>In der engen Kammer des Torw�chters hatte sich die W�rme des Fr�hlingstages gehalten. Obwohl es nachts immer noch empfindlich kalt wurde, war es hier angenehm. Hin und wieder sp�hte Guido durch das schmale, vergitterte Fenster, das auf den steilen Pfad blickte, der hinauf zur Pforte des Refugiums f�hrte. Nat�rlich war niemand zu sehen. Nur wenige Wanderer kamen in diesen Teil der Berge. Dass ein Gast zu so sp�ter Stunde an die Pforte des Refugiums kam und um Einlass bat, war mehr als unwahrscheinlich. Guido lebte nun schon seit f�nf Jahren hier auf dem Mons Gabino, und er konnte sich nicht erinnern, dass in dieser langen Zeit jemals mittern�chtlicher Besuch gekommen w�re.</p><p>Ein Schatten l�ste sich vom Hauptgeb�ude und eilte mit weiten Schritten dem Pf�rtnerhaus entgegen. Das Mondlicht lie� die Glatze des Abtes aufleuchten und schmeichelte dessen entstellten Z�gen.</p><p>Guido schnaubte �rgerlich. Damit war zu rechnen gewesen, dass die h�ssliche Kr�he noch einmal vorbeisah und kontrollierte, ob er hier seiner Pflicht nachkam.</p><p>�Ich wache an der Pforte, wie du es befahlst!�, rief er dem Abt entgegen und gab sich auf sp�ttische Weise wie ein Krieger, der zur Nachtwache eingeteilt war.</p><p>Lucien gebot ihm mit einer Geste zu schweigen. �Das ist jetzt nicht die Zeit f�r Scherze, Guido. Der Besuch von Jules hat mir die Augen f�r meine S�nden ge�ffnet. Vergiss all deine Arbeiten, denn von morgen an wirst du noch einmal an der Vita des heiligen Guillaume schreiben. All die Jahre, die ich zu Tjured gefunden habe, schweige ich nun schon. Doch es w�re falsch, die Wahrheit allein auf den Erinnerungen eines Kindes zu gr�nden. So sehr ich Bruder Jules auch sch�tze, der gewiss Gro�es f�r die Kirche tut, kann ich nicht l�nger dulden, dass seine Geschichte um den Tod des heiligen Guillaume als einzig wahrhaftiger Bericht gilt.�</p><p>Der Abt fuhr sich mit dem Finger �ber die gr�ssliche Narbe.</p><p>�Ich kenne die meisten Geschichten, die ihr �ber mich erz�hlt. Die Wahrheit ist viel schrecklicher als alles, was ihr euch ausdenken k�nnt. Diese Wunde hat mir ein Fjordl�nder mit einem Bart rot wie Flammen zugef�gt, und es ist ein Wunder Gottes, dass ich diesen Axthieb �berlebt habe. Noch heute sehe ich diesen Kerl in meinen Albtr�umen. Und so sehr es mich besch�mt, muss ich gestehen, dass es dieser Heide war, der an jenem Tag f�r Tjured stritt und nicht ich.�</p><p>Das pl�tzliche Gest�ndnis des Abtes verwunderte Guido. Und was gab es an der Geschichte von Bruder Jules falsch zu verstehen? �Was geschah an dem Tag, an dem Guillaume starb?�</p><p>Lucien blickte sich gehetzt um, als bef�rchte er, belauscht zu werden. �Ich geh�rte zu Cabezans Stierk�pfen, die nach Aniscans kamen, Guido. Wir sollten Guillaume holen, weil Gott unseren K�nig mit einer gr�sslichen Krankheit gestraft hatte. Vergiss alles, was du �ber diesen Tag zu wissen glaubst. Ich war Zeuge der Ereignisse. Es waren nicht die Elfen, die den Heiligen t�teten.� Der Abt stockte. �Ich geh�re zu den M�rdern. Jede Nacht b��e ich in meinen Tr�umen f�r die Bluttat. Morgen werde ich dir alles erz�hlen. Wir m�ssen die Kirche von der L�ge reinigen. Guillaume ist unser bedeutendster Heiliger. Wir m�ssen die Legenden um seinen Tod von L�gen reinwaschen, sonst werden schreckliche Dinge geschehen, Guido. Nichts, das auf L�gen begr�ndet ist, kann zu etwas Gutem erwachsen. Jedes Mal, wenn ich bete, habe ich Angst, dass mich ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel erschlagen wird, weil ich die L�ge dulde. Ich bin als ein S�nder zu Tjured gekommen, und all die Jahre habe ich es nicht gewagt, meinen Ordensbr�dern zu widersprechen, wenn es um den heiligen Guillaume ging. Was h�tte ich auch sagen sollen? Ihr irrt euch, Br�der! Ich wei� es besser, denn ich geh�rte zu jenen, die den Heiligen ermordeten! Ich kann verstehen, wenn Jules sich als Kind eine andere Geschichte zurechtgelegt hat. Die Wahrheit ist zu schrecklich! Und jedes Mal, wenn ich Jules begegne, f�rchte ich, dass er mich wieder erkennen k�nnte. Ich werde mich ihm heute nach der Messe offenbaren. Und morgen wirst du f�r mich niederschreiben, was wirklich in Aniscans geschehen ist.�</p><p>�Warum hast du mich ausgesucht, um mir all dies zu sagen?�, fragte Guido stockend. Der Gedanke an die Ausma�e der L�ge, der die Kirche folgte, hatte ihn fast sprachlos gemacht.</p><p>�Weil du einen wachen Verstand hast. Weil du mit mir streitest, wenn du glaubst, dass ich im Unrecht bin. Und weil du so wunderbare Handschriften anfertigst. Die Wahrheit soll auf feinstes Pergament geschrieben stehen, und zwar in einer Schrift ohne Schn�rkel und Fehl. Ich will, dass wir ein Buch erschaffen, so wunderbar und makellos, als h�tten es die Engel geschrieben. Dann wird niemand an den Worten zweifeln. Denn glaube mir, die L�ge ist schon so m�chtig geworden, dass es schwer werden wird, sie zu t�ten. Bete, Guido. Reinige deine Seele, so wie ich es nun in der Messe tun werde.�</p><p>Er ergriff Guidos Rechte mit beiden H�nden, dr�ckte sie fest und schenkte ihm sein unheimliches L�cheln, das vor so langen Jahren f�r immer aus der Form geraten war. �Morgen werden wir zu Rebellen der Wahrheit werden, Guido. Unsere Seelen werden durch ein reinigendes Feuer gehen und all das Fett abschwitzen, das sie in der Tr�gheit des falschen Glaubens angesetzt haben. Die Gl�ubigen m�ssen erfahren, dass die Elfen Lichtgestalten sind und keine Gesch�pfe der Finsternis. Keine D�monen wie auf den Bildern, die du erschaffen hast.�</p><p>Der Miniaturenmaler erwiderte den H�ndedruck. �Meine Feder wird dein Schwert sein, Bruder Abt.� Guido f�hlte sich ein wenig benommen. Die Wirklichkeit hatte sich schneller ver�ndert, als sein Verstand es zu fassen vermochte. Eben noch waren die Elfen die Inkarnation des B�sen, und nun nannte Lucien sie Lichtgestalten.</p><p>Der Abt schenkte ihm sein besch�digtes L�cheln. �Ich z�hle auf dich, Bruder Guido.� Mit diesen Worten eilte er davon.</p><p>Guido atmete tief aus und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Es war totenstill. Die Nacht schien den Atem anzuhalten. Eine neue Zeit w�rde anbrechen. Der Miniaturenmaler versuchte sich vorzustellen, wie sehr sich die Welt ver�ndern w�rde, wenn sie die neue Wahrheit hinaus unter die Schar der Gl�ubigen trugen. Guido sah sich im Geiste schon als flammender Prediger auf gro�en Marktpl�tzen, als ein einziger galliger Gedanke ihm alle Illusion nahm. Woher wollte er eigentlich wissen, dass Lucien die Wahrheit sagte? Gut, der Abt hatte sich oft ein wenig merkw�rdig verhalten, und seine Geschichte schien dies zu erkl�ren. Aber war es wirklich die Wahrheit? Warum sollte Jules l�gen? Nur weil er damals, als Guillaume zum M�rtyrer wurde, noch ein Kind gewesen war und die Ereignisse, deren Zeuge er war, nicht richtig begriffen hatte?</p><p>Guido blickte zum weiten Himmel empor und f�hlte sich verloren. Er hatte das Gef�hl, dass er jeden Augenblick hinauf in die Dunkelheit gezogen werden k�nnte, um sich in deren Weiten auf immer zu verlieren. Seine Seele war wie ein Schiff, das in schwerer See den Kurs verloren hatte.</p><p>Er sp�rte sein Herz wie rasend schlagen. Seine Zweifel w�rden es noch zerspringen lassen. Wo w�rde er ein Leuchtfeuer finden, das ihn zur�ck auf den rechten Weg f�hrte?</p><p>Zweifelnd blickte er zu dem hohen Tempelturm, der sich wie eine Festung des Glaubens gegen den unendlichen Himmel abhob. Dort in der verborgenen H�hle, tief im Felsen, waren nun all seine Br�der und Schwestern versammelt. K�nnte er doch nur bei ihnen sein!</p><p>Guido trat an das vergitterte Fenster und blickte den steilen Pfad hinab, der zum Refugium f�hrte. Im fahlen Mondlicht hatte der Weg die Farbe eines alten Knochens. Er lag verlassen. In dieser Nacht w�rde gewiss kein Wanderer mehr kommen ... Durfte er es wagen, seinen Posten am Tor zu verlassen? An der Treppe, die hinab ins Allerheiligste f�hrte, gab es einen Felsdurchbruch. Von dort aus konnte man in die weite H�hle blicken, ohne von unten gesehen zu werden. So konnte er seinen Schwestern und Br�dern nahe sein und blieb ihnen zugleich fern. Und wenn die Messe beendet war, konnte er schnell zur�ck auf seinen Posten hasten. Wer w�rde in dieser Nacht schon an das Tor kommen? Niemand!</p><p>Guido zog den Sperrriegel der Pforte zur�ck. Leise knarrend �ffnete sich die T�r. Der Ordensbruder trat auf den Weg hinaus und sp�hte in die Nacht. Da war niemand. Keiner hatte verstanden, warum es dem Abt so wichtig gewesen war, das Refugium mit einer hohen Mauer zu umgeben. Auf diesem einsamen Berg hatte ihre Gemeinschaft niemanden zu f�rchten. Manchmal hatte Guido sich gefragt, ob es die Mauer gab, um sie einzusperren. Doch nat�rlich war auch das Unsinn. Bei Tage konnte jeder kommen und gehen, wie er wollte.</p><p>Mariotte hatte ihm einmal gesagt, die Mauer sei nur errichtet worden, damit die Kinder auf dem Gel�nde des Refugiums blieben und nicht auf den gef�hrlichen Felsgraten spielten. Nur gab es keine Kinder. Alles war bereit f�r sie. Sechs der Ordensschwestern hatten sich Partner erw�hlt. Aber ihr Leib blieb unfruchtbar. Es war wie ein Fluch.</p><p>Guido stellte sich vor, wie es wohl w�re, bei Mariotte zu liegen. Ihn fr�stelte. Sein Blick wanderte �ber die weite Berglandschaft, und wieder sah er hinauf zum unendlichen Himmel. Er war blo� ein Staubkorn. Bedeutungslos.</p><p>Er brauchte die Gemeinschaft! Nur sie konnte ihn retten. Der Zweifel und die Weite dieser Nacht w�rden ihn sonst noch t�ten. Wenn er Mariotte beim Singen lauschte, dann w�re das Balsam f�r seine wunde Seele. Sie war sein Leuchtfeuer!</p><p>Er lehnte die Pforte nur an. Sollte sich doch noch ein Wanderer hierher verirren, dann w�re er zumindest nicht ausgesperrt. Ein letztes Mal blickte Guido durch das vergitterte Fenster. Es w�rde schon alles gut gehen!</p><p>Verstohlen schlich er zum Tempelturm. Die weiten Fl�geltore des Turms waren unverschlossen. K�lte umfing ihn wie ein Mantel, als er eintrat. Schlanke Marmors�ulen strebten der Decke entgegen. Der ganze Tempel bestand nur aus einem einzigen, weiten Raum. Der Boden zeigte einen riesigen Stern mit vierzehn Zacken, der sich bis zu den W�nden hin erstreckte. Die W�nde waren wei� get�ncht und schmucklos. Nur die beiden Fensterreihen, die weit oben bei den Galerien die dicke Mauer des Turms durchbrachen, bildeten eine Ausnahme. Die bunten Bleiglasfenster zeigten die ber�hmtesten M�rtyrer der Tjuredkirche. Den heiligen Romuald, dessen zerschmetterte Glieder Heiden auf ein Rad geflochten hatten, oder die heilige Claudine, die man in Aniscans mit dem Kopf nach unten an einen Br�ckenpfeiler gefesselt und ertr�nkt hatte. So viele hatten ihr Leben f�r ihren Glauben gegeben.</p><p>Guido schritt �ber das Herz des gro�en Sterns hinweg und eilte zu der Treppe, die verborgen hinter einer der S�ulen lag. Einst hatte es hier nur einen klaffenden Spalt im Felsen gegeben, der hinab zur H�hle f�hrte. L�chelnd erinnerte sich Guido an seine ersten Tage im Kloster. Er war nicht als Schreiber oder Miniaturenmaler hierher gekommen. Man hatte ihn geschickt, weil er ein guter Baumeister war. Er hatte mitgeholfen, die Treppe hinab ins Allerheiligste zu bauen, und er hatte der H�hle, in der Heiden �ber ungez�hlte Jahrhunderte ihre G�tzen verehrt hatten, ein neues Gesicht gegeben. Die obsz�nen Bilder von nackten Weibern mit riesigen Br�sten hatte er unter schneewei�em Putz verschwinden lassen. Auf dem Opferstein stand nun ein kleiner Schrein aus Gold und Bleiglas, in dem drei Zehen des heiligen Guillaume verwahrt wurden. Ein Verm�gen an Weihrauch hatte die b�sen Geister der Heiden vertrieben und den alten Kultplatz zu einem Ort lichten Glaubens gemacht. Guido war stolz auf sein Werk, auch wenn er jetzt wie ein Dieb die Treppe hinabschlich.</p><p>Er erreichte den Felsdurchbruch und sp�hte in die H�hle. Er war �berrascht, wie wenig Kerzen aufgestellt waren. Sie reichten kaum aus, um die Dunkelheit zu vertreiben. Ver�rgert sah Guido, dass man einen weiten, roten Kreis auf den Boden gemalt hatte. Auf die kostbaren Platten aus honigfarbenem Sandstein!</p><p>Neben dem kleinen Schrein mit den Zehen Guillaumes waren schwarze Kerzen aufgestellt worden. Dunkle Bu�f�den zogen von ihren Flammen der Decke entgegen. Guido war ersch�ttert. Man w�rde die Decke neu t�nchen m�ssen, wenn diese Kerzen lange brannten. Jetzt entdeckte er noch einen zweiten Kreis, der mit wei�er Kreide gezogen worden war. Alle Ordensbr�der und -schwestern standen dort. Nur Tomasin fehlte. Er hielt sich neben Jules.</p><p>Guido suchte unter den Gesichtern nach dem Antlitz von Lucien. Als er ihn entdeckte, war er �berrascht. Der Abt l�chelte verz�ckt.</p><p>Jules sang etwas in einer fremden Sprache. Guido hatte keine Ahnung, worum es ging, doch die Melodie stimmte ihn melancholisch, und eine bange Ahnung ergriff ihn, dass dieses Lied nicht f�r Menschen geschrieben worden war.</p><p>Die Flammen der Kerzen erzitterten, als habe ein pl�tzlicher Windsto� nach ihnen gegriffen. Mitten aus dem H�hlenboden wuchs ein Bogen aus goldenem Licht. Nie zuvor hatte Guido etwas so Sch�nes gesehen. Doch das Licht fasste eine Fl�che aus Finsternis ein. Es war, als habe Bruder Jules ein Tor zu dem finsteren Abgrund jenseits der Sterne ge�ffnet.</p><p>Die Stimme des Wanderers ver�nderte sich. Tief und kehlig klang sie nun. Und sie formte keine Worte mehr. Sie erinnerte an das Knurren eines Hundes, der mit gebleckten F�ngen und zitternder Rute bereit stand, jemandem an die Kehle zu gehen.</p><p>Seine Ordensbr�der und -schwestern dr�ngten sich nun dicht um Lucien. Alle starrten sie zu Jules und Tomasin. Tomasin, der einst versucht hatte, es dem Wanderer in frommem Fasten gleichzutun, stand leicht vorgebeugt. Jules legte ihm beruhigend die Rechte auf den R�cken. Das Gesicht des Ordensbruders war schmerzverzerrt. Er riss den Mund weit auf und w�rgte, bis ein Faden aus klebrigem, z�hem Licht von seinen Lippen troff.</p><p>Der dicke Jacques versuchte zu fliehen. Doch eine unsichtbare Wand hielt ihn wie alle anderen gefangen. Seine F�uste trommelten gegen das Hindernis, bis ihm Blut unter den N�geln hervorquoll. Er presste sich mit aller Kraft seines massigen Leibes gegen den Zauberwall, doch es war unm�glich zu entkommen.</p><p>Lucien streckte die Arme weit aus, als wolle er alle seine Br�der und Schwestern an sich dr�cken. Jetzt h�mmerten auch andere gegen die unsichtbare Gef�ngnismauer. Doch die meisten standen einfach nur da und starrten. Der Lichtfaden, den Tomasin erbrach, wand sich wie ein Wurm und kroch der Finsternis unter dem goldenen Lichtbogen entgegen.</p><p>�Lass meine Kinder gehen!�, rief Lucien verzweifelt. �Was immer du tun musst, nimm mich!� Der Wanderer schien den Abt nicht zu h�ren. Oder er wollte es nicht. Noch immer knurrte er, w�hrend mit Tomasin eine unheimliche Ver�nderung vor sich ging. Seine Haut begann zu schrumpeln, als altere er mit jedem Herzschlag um ein ganzes Jahr.</p><p>Inmitten der Gefangenen erhob sich eine kristallklare Stimme. Mariotte! Sie sang von Tjured, dem Licht, vor dem alle Schatten vergehen mussten. Und die Verzweifelten hoben ihre H�upter. Luciens vollt�nender Bass schloss sich dem Lied an. Eine dritte Stimme fiel ein.</p><p>Guido konnte die Macht des Liedes sp�ren, das sich gegen die finstere Magie des Wanderers stellte. Der Miniaturenmaler wollte hinab, doch seine F��e verweigerten ihm den Dienst. Sie standen still, als seien sie auf der steinernen Stufe festgenagelt. Selbst seine Zunge gehorchte nicht mehr seinem Willen. Er wollte mit seinen Br�dern und Schwestern singen. Er wollte wenigstens seine Stimme mit den anderen vereinen, wenn er schon nicht bei ihnen sein konnte. Doch auch dieser Trost blieb ihm verwehrt.</p><p>Der Wurm aus Licht erreichte das Dunkel. Tomasin hatte seine Augen so verdreht, dass nur noch das Wei�e zu sehen war. Wie unheimliche Lichter erstrahlten sie in einem Gesicht, aus dem alles Fett geschmolzen war. Jetzt spannte sich seine Haut straff �ber den Sch�delknochen. Sein Kopf erinnerte Guido an die K�pfe l�ngst verstorbener Priester, die er in den steinernen Gr�ften und den Tempelt�rmen der gro�en St�dte gesehen hatte. Doch Tomasin lebte noch. Er versuchte mit verzweifelter Anstrengung seine Arme zu heben. Die Finger griffen nach dem Lichts das aus seinem Leib troff. Sie versuchten vergeblich, es festzuhalten.</p><p>Ein hechelnder Laut drang aus der Finsternis jenseits der Pforte aus Licht. Der Schatten wurde lebendig und gebar eine Kreatur, die sich geb�ckt und lauernd aus der Dunkelheit schob. Schwarz wie eine mondlose Winternacht war sie. Und sie folgte dem Licht, das der Wanderer Tomasin entrissen hatte. Gierig verschlang das Gesch�pf der Finsternis den leuchtenden Wurm.</p><p>Tomasin hatte es aufgegeben, um sein Lebenslicht zu k�mpfen. Seine Kutte war ihm halb von der knochigen Schulter gerutscht. Der stattliche Mann, der Guido noch beim Abendmahl gegen�bergesessen hatte, war nicht mehr wiederzuerkennen.</p><p>Eine zweite Kreatur schob sich aus der Finsternis. Eine dritte und vierte folgten ihr in kurzem Abstand. Sie stritten um den Lichtwurm und verschlangen ihn binnen Augenblicken. Zuletzt weinte Tomasin blutige Tr�nen. Jules l�ste seinen Bann und lie� den sterbenden Priester zu Boden sinken.</p><p>Als die Schattengestalten ihr grausiges Mahl beendet hatten, begannen sie um den gro�en Kreis zu schleichen, in dem die �brigen Priester gefangen waren. Wo sie versuchten, den Bann zu durchbrechen, griff wei�es Licht nach ihren Schattenleibern, und sie zuckten �ngstlich zur�ck.</p><p>Jules mieden sie. Guido konnte nicht erkennen, ob sich der Wanderer mit einem Zauber umgeben hatte oder ob etwas an ihm war, das die Kreaturen der Finsternis f�rchteten.</p><p>Trotzig sangen die Br�der und Schwestern von der Allmacht Tjureds. Guido konnte sehen, dass Mariotte, wie vielen anderen auch, Tr�nen in den Augen standen. Verzweifelt versuchte er, sich von der Stelle zu r�hren. Obwohl er noch immer wie angewurzelt stand, gehorchte ihm zumindest wieder seine Zunge. Er bettelte und fluchte! Er bot Tjured seine Seele zum Tausch gegen das Leben von Mariotte an. Er forderte von Gott, den falschen Ordensbruder in himmlischem Feuer zu verbrennen.</p><p>Jules schien mit den Kreaturen zu sprechen. Welchen Pakt schmiedete der Verr�ter mit der Finsternis? Der Gesang �bert�nte seine Worte. Nur die Bewegung seiner Lippen verriet, dass er sprach. Und dann deutete er auf den Kreis. Jules zeigte auf Lucien und dann auf Mariotte und zwei andere Ordensbr�der.</p><p>Mit einem Ruck, der ihn fast straucheln lie�, kam Guido frei. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, sprang er die Treppe hinab. Er konnte jetzt nichts mehr sehen. Schreie mischten sich unter den Gesang. Was geschah dort unten?</p><p>Guido schlug hart mit der Schulter gegen den Felsen, als er sich auf der Treppe vertrat. Er st�rzte. Die Treppenstufen schlugen ihn gr�n und blau. Sch�tzend umklammerte er seinen Kopf, als ein letzter, harter Schlag ihm die Luft aus den Lungen trieb.</p><p>Benommen blinzelnd sah er sich um. Er war in der H�hle. Zwei Schritt waren es noch bis zum Bannkreis. Die Schatten waren in den weiten Bannkreis eingedrungen. Noch immer sangen die meisten seiner Br�der und Schwestern, die H�upter in verzweifeltem Stolz erhoben. Die meisten von ihnen hatten die Augen geschlossen, um nicht zu sehen, was geschah, wie die Schatten durch die Leiber ihrer Freunde drangen und ihnen das Lebenslicht entrissen.</p><p>Guido wollte zu ihnen, doch vor ihm auf dem Boden war ein d�nner, roter Strich, wie mit Blut gezogen, und es war unm�glich, ihn zu �berschreiten. Ungl�ubig glitten seine H�nde �ber die unsichtbare Mauer, die glatt und kalt wie Glas war.</p><p>Mariotte hatte ihn entdeckt. Ihre warmen, braunen Augen blickten voller Hoffnung, als sehe sie in ihm ihre Rettung. Sie streckte ihm die Hand entgegen. Der Bann, der sie gefangen hatte, schien gebrochen. Vielleicht, weil die Schatten eingedrungen waren.</p><p>Nur wenige Ordensbr�der lebten noch. Die meisten lagen zusammengekr�mmt am Boden, entstellt wie Tomasin, das Fleisch von den Knochen gebrannt, ohne dass ihre Haut die kleinste Wunde zeigte.</p><p>Mariotte ging wie in Trance. Sie hielt die Arme vorgestreckt. Ein Schatten wirbelte um ihre nackten F��e.</p><p>Noch immer sang die Ordensschwester. Der Chor war leiser geworden. Nur Mariotte, Lucien und die beiden anderen Br�der, auf die Jules gedeutet hatte, lebten noch.</p><p>Mariotte presste ihre Rechte gegen die unsichtbare Barriere, hinter der Guido ausgesperrt stand. Sie war so nah und doch unerreichbar. Er versuchte ihre Hand zu ber�hren. Durch den Zauberbann hindurch konnte er ihre W�rme sp�ren, auch wenn er ihre Hand nicht zu ber�hren vermochte.</p><p>Wie schwarze Nebelschlieren stieg der Schatten an Mariotte empor. Doch sie achtete nicht darauf. Sie hatte aufgeh�rt zu singen. Ihr Blick war fest auf Guido gerichtet, und dann l�chelte sie inmitten all des Schreckens. �Ich wei� um deine Liebe.�</p><p>Ihre Worte verbrannten ihm die Seele. Verzweifelt hieb er mit den F�usten auf die Barriere ein. Er trat gegen den Schutzwall und rammte den Kopf gegen die Mauer, bis ihm Blut aus der Nase quoll.</p><p>�Ich werde dich retten�, schrie er. �Ich hole dich dort heraus. Ich ....�</p><p>�Ich liebe dich auch�, sagte sie leise. Ihre Lippen ber�hrten die Wand. Die schwarzen Schlieren hatten ihr Haupt erreicht. Sie atmete sie ein!</p><p>�Nicht, Liebste! Du darfst nicht ...�</p><p>Der warme Glanz erlosch in Mariottes Augen. Sie waren noch immer auf Guido gerichtet. Doch jetzt war es etwas anderes, das ihn ansah. Kalt, taxierend, gierig.</p><p>�Ich verfluche dich, Gott!�, schrie Guido. �Wo bist du in der Stunde, in der deine Kinder dich brauchen, Tjured? Was haben wir dir getan, dass du ein so schreckliches Strafgericht mit uns h�ltst?�</p><p>Mariottes Lippen w�lbten sich vor, als wolle sie ihn k�ssen. Doch unter dem weichen Fleisch waren jetzt F�nge wie von einem Wolf zu sehen. Ein hechelnder Laut begleitete die obsz�ne Geste und ein Knacken, das einem das Blut gefrieren lie�. Guido konnte sehen, wie sich die F�nge weiter aus dem Kiefer schoben. Unter ihrer Haut wand sich etwas, als s��en fingerdicke W�rmer in ihrem Fleisch. Ihr Leib sackte nach vorne. Immer schneller ver�nderte sie sich. Arme und Beine wurden d�nner und l�nger. Ihr R�cken w�lbte sich. Die blaue Kutte zerriss.</p><p>Lucien und die beiden anderen Br�der machten eine �hnliche Verwandlung durch. Schlie�lich hatten sie alle die Gestalt riesiger Hunde angenommen. Gro� wie Pferde waren sie, doch hagerer. Kurzes wei�es Fell bedeckte die ausgezehrten Leiber. Jules Gesch�pfe umspielte ein blauwei�es Licht. Man konnte durch sie hindurchsehen, manchmal zumindest. Denn hin und wieder schienen sie auch aus Fleisch und Blut zu sein.</p><p>Geifer troff von ihren langen Schnauzen, in denen m�rderische Rei�z�hne blitzten. Ihren gierig funkelnden Augen war anzusehen, dass ihr Hunger nach dem Lebenslicht der Sterblichen noch lange nicht gestillt war.</p><p>�Warum?�, fl�sterte Guido, der immer noch nicht fassen konnte, was geschehen war.</p><p>Der Wanderer sah ihn freundlich an. �Weil sie nun n�tzlichere Diener f�r mich sind. Es ist an der Zeit, Furcht und Schrecken in die Welt der Elfen zu tragen. Ihr seid die Gei�eln Tjureds. H�tte ich euch als blau gewandete Priester geschickt, die Elfen h�tten euch verlacht. Doch so werden sie die Furcht kennen lernen. Ihre Schwerter und Pfeile k�nnen euch nichts mehr anhaben.�</p><p>�Was hier geschehen ist, kann nicht Tjureds Wille sein!� Guido vermochte dem Wanderer nicht l�nger ins Gesicht zu blicken. Was f�r ein Gesch�pf der Finsternis hatte sich in die Reihen der Priester geschlichen? Wie hatte das geschehen k�nnen? Und wie konnte Gott solchen Frevel dulden?</p><p>�Du kennst also den Willen Gottes, Guido?� sagte Jules herausfordernd.</p><p>�Zumindest wei� ich, was nicht sein Wille sein kann.�</p><p>�Wusstest du, dass Lucien falsches Zeugnis �ber den Tod des heiligen Guillaume ablegte? Er behauptete, dabei gewesen zu sein, als Guillaume starb. Und mit seinen L�gen verdrehte er die Wahrheit in ihr Gegenteil.� Guido schwindelte es. Er sollte get�uscht werden!</p><p>�Immer wieder, wenn ich dieses Refugium besuchte, habe ich mit dem Abt �ber dessen Wahn gesprochen. Doch Lucien war verstockt. Er bestand darauf, L�gen �ber den Tod unseres bedeutendsten Heiligen zu verbreiten. Ja, er behauptete sogar, er habe teilgehabt am Tod von Guillaume. Und die Elfen seien gekommen, um Guillaume zu retten.� Jules lachte. �Verr�ckt! Alles was geschah, hat er ins genaue Gegenteil verkehrt!�</p><p>Guido vermochte den Blick nicht von all den Toten zu wenden. Manche hatten sich bei den H�nden gehalten oder aneinander geklammert, als sie gestorben waren. �Das kann nicht Gottes Wille sein�, sagte er noch einmal. �Tjured ist voll der Gnade!�</p><p>�Das ist er�, best�tigte Jules. Er stieg �ber Tomasins Leiche hinweg und packte Guido bei den Armen. �Deshalb hat er mich dreimal geschickt, um mit Lucien zu reden und auf ihn einzuwirken. Selbst heute habe ich es noch einmal versucht.� Er schob Guido eine Hand unter das Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. So sch�ne, blaue Augen. �Was w�re, wenn ich das Schwert Gottes bin, Bruder Guido? Was w�re, wenn Tjured mich geschickt h�tte, den letzten �berlebenden der M�rder des heiligen Guillaumes zu strafen, weil dieser beschlossen hatte, sich seiner Bluttat zu br�sten?�</p><p>�Dann h�ttest du neunundzwanzig Unschuldige get�tete!�</p><p>Guido machte sich los und trat einen Schritt zur�ck. �Warum musste Mariotte sterben, wenn du Lucien strafen wolltest? Und warum Jacques und Tomasin und all die anderen?�</p><p>�Weil Gott in seiner unergr�ndlichen Weisheit beschlossen hat, dass das Gift von Luciens L�gen schon zu lange auf sie eingewirkt hat, sodass er sie ihres Leibes berauben musste, um ihre Seelen retten zu k�nnen. Ich bin das Richtschwert, Guido. Doch das Todesurteil hat Lucien gesprochen, als er anfing, sie zu verblenden.� Die blauen Augen blickten ihn unerbittlich an.</p><p>�Bist auch du ein Verblendeter, Guido?�</p><p>Der Bruder wusste nicht, was er noch glauben sollte. Er zitterte am ganzen Leib. Auch wenn Jules die Wahrheit sagte, so war die Strafe zu hart. Das war nicht das Urteil des Gottes, an den er glauben wollte.</p><p>�Nun?�</p><p>Einer der geisterhaften Hunde stie� ein heiseres Bellen aus. Seine Hinterl�ufe knickten zur Seite. Die Pfoten strampelten hilflos, w�hrend er sich mit den Vorderl�ufen noch vorw�rts zu schleppen versuchte.</p><p>Jules wandte seinen eisigen Blick ab.</p><p>Jetzt brach ein zweiter Geisterhund zusammen. Seine Brust w�lbte sich wie der Blasbalg eines Schmiedes. Die Rippen brachen durch das bleiche Fleisch, und etwas Schwarzes quoll aus dem Hundeleib.</p><p>Der Wanderer trat zu den verbliebenen beiden Hunden. Einer von ihnen hatte Mariottes Augen. Guido h�tte jeden Eid geschworen, dass es jetzt wieder Mariotte war, die ihn ansah, so traurig waren diese Augen. Zuckend erbrach der Geisterhund einen Schatten, der sich windend in die Finsternis der Lichtpforte zur�ckkroch. Alle vier Hunde verendeten. Stille herrschte im Allerheiligsten.</p><p>Rastlos ging Jules von einem Kadaver zum n�chsten. Dabei achtete er nicht darauf, ob er auf die Leichen der Ordensbr�der trat. �Ihre Seelen waren zu schwach�, sagte er und blickte zu Guido, als m�sse dieser verstehen, wovon er sprach. �Sie konnten die Yingiz nicht halten. Es war vergebens.�</p><p>�Was war vergebens?�</p><p>�Der Tod deiner Br�der und Schwestern�, entgegnete Jules k�hl. �Ihr Sterben hat nicht seinen g�ttlichen Zweck erf�llt.�</p><p>Blinde Wut packte Guido. Was sollte das hei�en? Das Gott sich irren konnte? Dass dieses Massaker ein Irrtum war? Mit einem Wutschrei warf er sich auf Jules. Seine F�uste schlugen auf das Gesicht des Ordensbruders ein. Unter seinen Hieben platzte Jules Lippe auf. Mit einem lauten Knacken brach sein Nasenbein. Blut rann ihm �ber Lippen und Kinn.</p><p>Ein Wort lie� Guido versteinern. Eine unsichtbare Kraft hielt ihn gefangen und hob ihn hoch, sodass gerade noch seine Zehenspitzen den Boden ber�hrten.</p><p>Jules strich sich mit der Hand �ber das Gesicht. Seine Lippen waren augenblicklich verheilt und die Nase wieder gerichtet. Nur das Blut blieb zur�ck. �Du w�nschst dir, bei ihnen zu sein, nicht wahr?� Er machte eine abf�llige Geste in Richtung der Toten.</p><p>�Diesen Wunsch werde ich dir nicht erf�llen.� Der Wanderer spuckte Blut und Schleim auf seine Handfl�che. Er fl�sterte ein Wort, das die Kerzenflammen erzittern lie�. Sein Auswurf verwandelte sich in bleiches Gew�rm. Dann blies er �ber seine Hand, und die W�rmer verschwanden.</p><p>Guido f�hlte einen leichten Schmerz tief hinter seiner Stirn.</p><p>�Ich schenke dir dein Leben, Miniaturenmaler, und eine Aufgabe. Du glaubst, ich bin eine Gefahr f�r meine Kirche? Finde einen Weg, mich aufzuhalten! Doch wenn du von dem sprichst, was heute geschah, dann werden die W�rmer in deinem Kopf von deinem Verstand fressen, und du wirst so unertr�gliche Schmerzen erleiden, dass du augenblicklich mit Schaum vor dem Mund zu Boden st�rzt. Und hebst du eine Hand, um niederzuschreiben, was hier geschah, wird dich n�mliches Schicksal ereilen.�</p><p>�Was hei�t das, deine Kirche?�</p><p>�Du begreifst immer noch nicht?� Seine Stimme klang jetzt warm und mitf�hlend. Er war wieder ganz zu jenem Jules geworden, den alle Br�der und Schwestern des Refugiums geliebt hatten. �Wei�t du, Guillaume war mein Sohn. Und die Elfen hatten seinen Tod beschlossen. Die Geschichte, die dir Luden erz�hlt hat, stimmt. Es waren nicht die Elfen, die Guillaume in Aniscans ermordeten. Doch ihre K�nigin hatte seinen Tod befohlen. Und w�ren ihnen nicht die verblendeten Soldaten K�nig Cabezans zuvorgekommen, sie h�tten ihren Befehl ausgef�hrt. Du kennst sie nicht, die Elfen. In ihren Herzen herrscht eine K�lte, die selbst mich schaudern macht. Sie sind viel schrecklicher, als du sie auf deinen Bildern zeigen kannst. Sie zu vernichten und mit ihnen die ganze Albenbrut, das ist der Sinn meines Lebens. Und meine Kirche wird dabei meine sch�rfste Waffe sein. Du wei�t, ich bin in allen Refugien und Tempelt�rmen ein gern gesehener Gast, Guido. Und du ahnst, ich bin kein Mensch. Ich messe mein Leben in Jahrhunderten, und ich werde die Tjuredkirche formen. Vor f�nfzig Jahren waren die Elfen f�r deine Ordensbr�der ohne Bedeutung. Heute hasst ihr sie, weil sie den heiligen Guillaume ermordeten. Sieben meiner Kinder tragen heute das Blau deines Ordens, und sie werden bedeutende Kirchenf�rsten werden. Ihr werdet so sein, wie ich euch brauche. Und keiner ahnt es au�er dir. Fl�chte dich in den Tod, und niemand wird mich aufhalten. Oder lebe und finde einen Weg, der die W�rmer in deinem Kopf nicht weckt.�</p><p>Er stie� Luciens Leichnam zur Seite. �Letzten Endes habe ich ihnen einen Gefallen getan. Ihr tr�umt doch alle davon, M�rtyrer und Heilige zu werden. Ich denke, ich werde sie in das Licht der Tempelfenster erheben. Die drei�ig M�rtyrer vom Mons Gabino. Das klingt nicht schlecht, oder? Meine Kirche wird ihre Namen bis ans Ende aller Tage tragen.� Er sah sich um und strich sich �ber das Kinn. �Man sieht, dass sie die Opfer finsterer Magie wurden. Dies ist wohl eindeutig die Tat ruchloser Elfen.�</p><p>�Das werde ich nicht zulassen!�, begehrte Guido auf. �Ich werde allen erz�hlen ...� Brennender Schmerz lie� ihn aufst�hnen.</p><p>�Hatte ich dir gesagt, dass die W�rmer in deinem Kopf tats�chlich jedes Mal, wenn du sie weckst, ein klein wenig von deinem Hirn fressen? Sie werden dich zu einem sabbernden Idioten machen, zu dumm, sein Wasser zu halten, wenn du sie allzu oft weckst.�</p><p>�Warum t�test du mich nicht einfach?�</p><p>�Eine gute Frage. Eigentlich ist es leichtfertig, dich ziehen zu lassen. Vielleicht lebst du, weil sich einunddrei�ig M�rtyrer nicht so gut anh�rt wie drei�ig M�rtyrer. Das ist eing�ngiger. Vielleicht lebst du auch, weil ich ein Spieler bin und ein allzu leichter Sieg keinen Reiz f�r mich hat.� Jules l�ste seinen Zauberbann, sodass Guido nun kraftlos zu Boden sank. Noch immer qu�lte ihn pochender Schmerz. Er presste sich die H�nde fest auf die Schl�fen und betete.</p><p>Als die Qual endlich nachlie� und er wieder aufsah, war er allein mit den Toten.</p></section><section><title><p>�Er ist nicht tot�</p></title><p>Die Spitze des Schwertes ber�hrte sie leicht an der Kehle. Obilee wich einen Schritt zur�ck und lie� ihre eigene Waffe sinken.</p><p>�Ich lerne es niemals.� Sie h�tte das h�lzerne �bungsschwert am liebsten gegen die Wand geworfen, doch sie versuchte ihre Gef�hle in sich zu verschlie�en. Rasch blickte sie zur hohen Decke des Fechtsaals, damit die K�nigin nicht in ihren Augen lesen konnte. Sie beide waren allein in dem riesigen Saal.</p><p>Weiches Morgenlicht fiel durch die Fenster und umschmeichelte die Waffen an der gegen�berliegenden Wand. So dicht hingen sie, dass der Marmor der Wand fast v�llig hinter dem Stahl verschwand. Es war ein regelrechtes Arsenal, gro� genug, um ein kleines Heer auszur�sten. Die Troph�en aus Jahrhunderten der Kriege.</p><p>Ganz am Ende dieser Galerie blutiger Erinnerungen schwebte ein Kobold in einem Weidenkorb. Obilee hatte mit dem kleinen Kerl schon ein paarmal gesprochen, konnte sich aber nicht an dessen Namen erinnern. Vielleicht hatte er ihn auch nicht genannt. Kobolde waren, was ihre Namen anging, mitunter recht eigen. Er kannte die Geschichte jeder der Klingen, seien es nun die geflammten Klingen der Elfen aus Langollion, die gro�en Doppel�xte der Minotauren oder die Stockdegen Arkadiens. Dabei k�mpfte er seine ganz eigene Schlacht gegen Staub und Rost. Es war seine Lebensaufgabe, die Waffen blank zu halten, und er lebte in einer winzigen Kammer gleich hinter der Wand. Die verborgene Pforte zu seinem Heim lag hinter einem vom Kampf gezeichneten Drachenschild. Er geh�rte zum Fechtsaal wie die Waffen, und er war gl�cklich, wenn er jemanden fand, dem er von seinen Siegen �ber den Schmutz, Gr�nspan und heimt�ckischen Flugrost erz�hlen konnte.</p><p>�Nimm dir diesen Treffer nicht zu Herzen, Obilee. In einem Kampf mit scharfen Waffen w�re das ein sehr ungeschickter Treffer gewesen.� Die K�nigin sah sie herausfordernd an. �Du wei�t, warum?�</p><p>�Weil ein Schnitt durch die Kehle an dieser Stelle die gro�e Ader durchtrennt, durch die das Blut vom Herzen zum Kopf flie�t. Das Blut w�rde aus der klaffenden Wunde spritzen, und es best�nde die Gefahr, dass man Blutspritzer in die Augen bekommt. In einer Schlacht k�nnte ein Sieg, den ich damit bezahle, kurz geblendet zu sein, meinen Tod bedeuten.�</p><p>Emerelle nickte wohlwollend. �Sehr gut. Wenn du einen Angriff gegen den Hals deines Gegners f�hrst, sollte es deshalb ein Stich sein und kein Schnitt. Solche Wunden bluten weniger stark. Ideal ist der Stich direkt unter das Kinn, der durch die Mundh�hle hinauf ins Gehirn f�hrt. Er t�tet augenblicklich, ist allerdings nur gut gegen gr��ere Gegner zu f�hren wie etwa Trolle.�</p><p>Obilee �berlief ein Schauder. Die k�hle Art, in der Emerelle vom Ende eines Lebens sprach, machte ihr zu schaffen. Manchmal hatte sie die Bef�rchtung, dass die K�nigin den geheimen Plan verfolgte, sie zu ihrer Schwertmeisterin zu machen. So viele Jahre war Ollowain nun schon verschwunden. Emerelle konnte nicht mehr lange z�gern. Die Raubz�ge der Trolle wurden immer dreister. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie einen regelrechten Kriegszug ins Windland unternehmen w�rden, und dann brauchte sie einen Heerf�hrer.</p><p>�Du siehst niedergeschlagen aus�, bemerkte Emerelle.</p><p>�Nimmst du dir den Ausgang dieses kleinen Gepl�nkels so sehr zu Herzen, oder ist es etwas anderes, was dich bedr�ckt?�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob ich zur Kriegerin berufen bin. Ich bewege mich so ungeschickt ... Und ich wei� nicht, ob ich jemanden t�ten kann.�</p><p>�Vielleicht sind es gerade diese Zweifel, die ich an dir sch�tze. Eine ritterliche Elfenkriegerin nimmt niemals leichtfertig ein Leben. Wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist, dann wird es kein Gesch�pf in Albenmark geben, das du nicht zu t�ten vermagst. Aber deine eigentliche Aufgabe besteht darin, Leben zu sch�tzen. Du wirst f�r jene eintreten, die sich nicht mit der Waffe verteidigen k�nnen. F�r viele Jahre wirst du eine fahrende Ritterin sein.</p><p>Schwert und Schild der Wehrlosen, die auf keine andere Hilfe hoffen d�rfen als auf die eines Elfen, der sich ihrer Sache annimmt. Du wirst die k�lberstehlenden Riesenwelse von Manchukett jagen und selbst mit verbundenen Augen die giftigen Pfeile der Gorgonen aus Nashrapur abwehren k�nnen. Du wirst den Ruhm der Elfenv�lker mehren, die immer schon das Licht der Unterdr�ckten waren.�</p><p>Wenn Emerelle so redete, konnte Obilee nur an eines denken. Wenn sie fahrende Ritterin wurde, dann w�rde sie nicht hier sein, wenn der eine zur�ckkehrte, dem sie ihr Herz verschrieben hatte. Er, dessen rebellische Suche nach der verbannten Magierin Noroelle zu einer Legende unter den Elfenv�lkern zu werden begann. Er, der sein Leben der Liebe zu einer anderen gewidmet hatte und der wohl niemals bemerken w�rde, wie viel er ihr bedeutete.</p><p>�Du bist heute weit fort mit deinen Gedanken. Es ist besser, wir beenden die �bungsstunde. Zur Mittagszeit erwartet dich Elodrin von Alvemer. Er hat es immer noch nicht aufgegeben, dich in die h�heren Weihen des Falrach-Spiels einf�hren zu wollen.� Emerelle l�chelte milde.</p><p>�Verzeih mir. Ich erlaube mir diesen Spott, weil auch ich nicht gegen Elodrin bestehen k�nnte.� Die K�nigin kn�pfte die gesteppte Weste auf, die sie w�hrend jeder ihrer Fechtstunden trug. Sie h�tte der Schutzkleidung nicht bedurft. In all den Jahren, in denen sie nun schon die h�lzernen Klingen kreuzten, hatte Obilee die Herrin Albenmarks nicht ein einziges Mal getroffen. Die meisten Albenkinder kannten Emerelle nur als ihre unnahbare K�nigin, doch einst war auch sie eine fahrende Ritterin gewesen, und in den Drachenkriegen hatte sie zuletzt die vereinten Heere der Elfenf�rsten angef�hrt. Noch immer �bte Emerelle jeden Tag im Fechtsaal. Sie war eine Meisterin in der Kunst des Schattenfechtens. Obilee hatte ihr oft zugesehen, wenn sie mit der Klinge in der Hand durch den weiten Fechtsaal wirbelte wie eine T�nzerin, die einer Melodie folgte, die nur sie allein zu h�ren vermochte. Es gab nur eine Hand voll Elfen, denen Emerelle das Privileg gew�hrte, den Fechtsaal zu betreten, wenn sie dort tief in der Nacht oder w�hrend der ersten Morgenstunden �bte.</p><p>Manchmal fragte sich Obilee, ob die K�nigin versuchte, Noroelles Platz auszuf�llen. Die Elfenmagierin war einst Obilees Freundin und Lehrerin gewesen.</p><p>Emerelle schenkte Wasser in einen Kristallkelch und bot ihn ihr an. Ein Schatten glitt durch den Raum, so wie manchmal an hellen Sommertagen die Schatten der Wolken �ber Land ziehen. Obilee zuckte zusammen. Nach all den Jahren hatte sie sich noch immer nicht daran gew�hnt.</p><p>�Wenn Ollowain zur�ckkehrt, werde ich ihr Gef�ngnis im Nichts wieder versiegeln.� Die junge Kriegerin blickte zu ihrer K�nigin auf. Niemand wagte es, Emerelle direkt darauf anzusprechen, doch Ollowain war seit mehr als sieben Jahren verschollen, und auch die Krieger, die man ausgeschickt hatte, um nach ihm zu suchen, waren nie zur�ckgekehrt. Es gab keine Nachrichten mehr aus der Bibliothek von Iskendria. Daf�r machte das Ger�cht die Runde, der Hort des Wissens sei vom Nichts verschlungen worden. Wer wusste schon, was in der Zerbrochenen Welt geschah, wenn es den Yingiz sogar gelang, in den Palast der K�nigin einzudringen.</p><p>�Kann denn nur der Schwertmeister die Schatten t�ten?� Obilee mied es, den Namen der Yingiz auszusprechen, denn sie f�rchtete so die Aufmerksamkeit der Schattengestalten auf sich zu lenken.</p><p>�Niemand vermag sie zu t�ten�, entgegnete die K�nigin in ungewohnter Offenheit. �Nicht einmal die Alben k�nnen das. Deshalb haben sie die Yingiz ins Nichts verbannt. Dort k�nnen sie kaum Schaden anrichten.�</p><p>Obilee sah ihre K�nigin mit schreckensweiten Augen an. �Wir werden die Schatten also f�r immer erdulden m�ssen?�</p><p>Emerelle wiegte sanft ihr Haupt. �Ich hoffe nicht. Ich vermag der Yingiz mit meiner Zauberkraft habhaft zu werden. Ich kenne sie. Es sind sieben, die um den Palast ihr Unwesen treiben, und es ist seit mehr als zwei Jahren kein neuer Schatten mehr hinzugekommen. Auch entfernen sie sich nie weiter als ein paar Meilen. Das Licht zieht sie an ... Oder vielleicht bin ich es. Sie verschlingen das Lebenslicht ihrer Opfer, wenn sie m�chtig genug werden. Manchmal glaube ich, dass sie es auf mein Lebenslicht abgesehen haben. Dass ich ihre Troph�e bin. Deshalb verlasse ich die Burg nicht mehr.�</p><p>Daf�r gehen alle anderen, die einen Grund finden, sich davonzumachen, dachte Obilee. Erst letzte Woche hatte Meister Alvias seine Tochter nach Alvemer geschickt. Sie erwartete ein Kind, und der Hofmeister, der sonst zu den Treuesten der Treuen z�hlte, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass der Schatten der Yingiz auf den erbl�hten Leib seiner Tochter fiel. Er sch�mte sich f�r diesen vermeintlichen Verrat, das hatte er Obilee anvertraut. Aber letztlich hatte ihn das nicht davon abgehalten, seiner Tochter die Reise zu befehlen.</p><p>�Warum wirfst du die Schatten nicht zur�ck ins Dunkel, wenn du sie mit deiner Magie zu fangen vermagst, Herrin?�</p><p>Emerelle strich mit einem Finger �ber den Rand des Pokals, den die junge Elfenkriegerin wieder abgestellt hatte. Ganz in Gedanken versunken, lauschte sie dem klagenden Laut des Glases. �Es w�re ein Fehler, sie zur�ck ins Nichts zu bannen, solange der verlorene Strang im Netz der Albenpfade nicht wiederhergestellt ist. Bis jetzt finden die Yingiz nur zuf�llig aus ihrem Gef�ngnis in unsere Welt. Doch was wird geschehen, wenn ich jene zur�ckschicke, die hier waren? Sie kennen den Weg nach Albenmark. Werden sie ganze Heerscharen hierher bringen? Niemand wei�, wie viele Yingiz es gibt. Sind es genug, um eine ganze Welt in Schatten zu tauchen? Und w�chst ihre Macht, wenn sie in gro�er Zahl kommen? Wenn Ollowai wiederkehrt, dann wird er mir Antwort auf diese Fragen bringen.�</p><p>�Und wenn er nicht wiederkehrt? Er ist nun schon so viele Jahre verschwunden.� Niemand hatte es bisher gewagt, dies in Gegenwart der K�nigin offen auszusprechen. Man stellte Emerelles Entscheidungen nicht in Frage, es sei denn, man war bereit zu riskieren, in die Verbannung geschickt zu werden. Doch hatten jene, die den Schatten zum Trotz noch im Palast ausharrten, nicht ein Recht darauf zu erfahren, wie es weiterging? Manche munkelten schon, Emerelle habe sich immer noch nicht von den schweren Verletzungen erholt, die sie in Vahan Calyd erlitten hatte. Fast einen Winter lang war sie bewusstlos gewesen, und manche waren der Meinung, sie sei auch jetzt noch wie erstarrt.</p><p>�Er wird zur�ckkehren�, sagte Emerelle leise und in sich gekehrt.</p><p>�Aber wie kannst du dir da so sicher sein?� Die K�nigin sah auf, und ihr Blick war wie der einer Sphinx, undeutbar und geheimnisschwanger. Es war unm�glich, an ihren Augen abzulesen, was sie wohl denken mochte. �Du wagst dich weit vor.�</p><p>Obilee presste die Lippen zusammen. Jemand hatte diese Frage stellen m�ssen. Sie w�rde sich nicht daf�r entschuldigen, es getan zu haben.</p><p>�Er ist nun seit sieben Jahren, zwei Monden und dreizehn Tagen fort.� Die K�nigin l�chelte scheu. �Und siebzehn Stunden. Niemand in ganz Albenmark erwartet seine R�ckkehr so wie ich.�</p><p>Die junge Elfe war �berrascht, ja fast erschrocken. Es war nicht Emerelles Art, so offen zu sein. Noch nie hatte Obilee erlebt, dass ihre Herrin ihre Gef�hle verriet.</p><p>Die K�nigin legte ihre Rechte auf die Brust, dort, wo ihr Herz schlug. �Ich kann ihn f�hlen.� Ihr Blick wurde nun weicher.</p><p>�Ich wei�, dass er lebt, auch wenn ich nicht in Worte zu fassen vermag, warum es so ist. Ich sp�re ihn. Seine Gedanken. Sein Wesen.� �Ist es seine Seele, die du an dich gebunden hast?�, fragte Obilee erschrocken.</p><p>Jetzt lachte Emerelle. �Nein. Vielleicht hat er einen Teil meiner Seele mit sich genommen. Vor Jahrhunderten schon.�</p><p>�Ihr wart einst ein Paar?�, fragte Obilee, alle Etikette vergessend.</p><p>�Vor sehr langer Zeit. Er gab sein Leben f�r mich. Seitdem warte ich auf ihn.�</p><p>�Und er wurde erst so sp�t wiedergeboren? Oder hat er dich...�</p><p>Emerelle senkte den Blick. �Ich hoffe noch darauf.�</p><p>Die junge Elfe verstand. Emerelle hatte bei Hof ihre Gef�hle gegen�ber Ollowain bislang gut verborgen. Doch nun erschien manches in einem neuen Licht. Der schnelle Aufstieg Ollowains hatte wohl nicht allein mit seinen au�ergew�hnlichen F�higkeiten zu tun. Und seine Treue gegen�ber Emerelle, die schon legend�re Z�ge annahm, bekam einen tragischen Beiklang. Ahnte seine Seele etwas, das sich seinen Gef�hlen nicht erschlossen hatte? Gab es ein Ged�chtnis der Seele, das mit Erinnerungen nichts zu tun hatte, aber dennoch das Leben bestimmte? Man sprach einen Wiedergeborenen nicht auf seine alten Bande an. Dies geh�rte zu den ungeschriebenen Gesetzen unter allen Elfenv�lkern. Die Verbliebenen erwarteten jene, die sich wieder in Fleisch kleiden w�rden, weil sie nicht den Weg ins Mondlicht gefunden hatten, aber man beschwerte das Leben der Wiedergeborenen nicht mit ihrer Vergangenheit. Und unter Liebenden war es auch oft so, dass man wieder erkannt werden wollte. Dass man darauf hoffte, die Liebe sei etwas Unsterbliches. Meist erinnerten sich die Wiedergeborenen jedoch nicht an ihr fr�heres Leben. Sehr selten vernahm man Geschichten um eine Liebe, die den Tod �berdauerte, auch wenn ein Abgrund aus Jahrhunderten das Paar trennte. Nur wenn zwei Seelen sich so nahe gekommen waren, dass sie wie eine wurden, dann konnten sie wieder zueinander finden, so hie� es.</p><p>Obilee fragte sich, wie oft der Schwertmeister wohl schon wiedergekehrt war und Emerelle nicht erkannt hatte. Die verletzliche Scheu, mit der die sonst so unnahbare K�nigin reagierte, erschien ihr ein Hinweis darauf, dass Ollowain wohl nicht der erste Leib war, in dem die alte Seele von Emerelles Geliebtem zur�ckkehrte.</p><p>�Wenn er lebt, dann empfinde ich die Last der Jahrhunderte als weniger dr�ckend. Mit ihm wird ein St�ck meiner Jugend wieder lebendig. Er war mein Gef�hrte, als ich eine fahrende Ritterin war. Damals waren Recht und Gerechtigkeit so einfach zu finden. Man k�mpfte f�r einen Einzelnen oder eine kleine Gemeinschaft. Alles war �berschaubar. Du wirst sehen, es gibt weniges, das einen so zufrieden macht, wie dem Unrecht einen Sieg abzuringen. Heute ist alles unendlich viel schwerer geworden. Ich bin Schild und Schwert einer ganzen Welt. Ich habe tausende Zuk�nfte Albenmarks in meiner Silberschale gesehen. Ich war Zeugin von Schrecken, die du dir nicht einmal vorstellen k�nntest. Und der Grat zwischen Recht und Unrecht ist schmal wie eine Messerklinge geworden, sodass ich mich mit jedem Schritt verletze, den ich gehe. Manchmal denke ich, w�re ich noch eine fahrende Ritterin, ich w�rde die Emerelle bek�mpfen, die auf dem Thron Albenmarks sitzt. Vielen erscheine ich als eine Tyrannin. Vielleicht ist es der Fluch der Silberschale, der mich eines Tages zerbrechen wird. Ich k�mpfe nicht mehr nur f�r die Lebenden, nein, meine Sorge muss auch den ungez�hlten Legionen derer gelten, die geboren sein wollen. Wie soll ich jenen, die sich beklagen, ich h�tte ihnen ein Unrecht getan, begreiflich machen, dass ich Gerechtigkeit f�r ihre Urenkel ge�bt habe? Das will niemand h�ren. Ich kenne keinen anderen Wert, der so wandelbar ist wie die Gerechtigkeit. Keines der Elemente, von denen uns die Alchimisten erz�hlen, ist so fl�chtig und wandelbar. Wie �bt man Gerechtigkeit f�r ein Schaf, dessen L�mmer gerissen wurden? Indem man den Wolf t�tet? Ist es nicht ungerecht, den Wolf zu verurteilen, weil er tat, wozu er erschaffen wurde? Ich versuche so zu herrschen, dass es m�glichst vielen der Gesch�pfe Albenmarks m�glichst gut geht. Ich wahre Frieden, indem ich mit aller H�rte die Gesetze verteidige, die uns einst von den Alben gegeben wurden. Niemand steht �ber diesen Gesetzen. Nicht einmal ich. Deshalb hatte ich keine andere Wahl, als Noroelle zu bestrafen, als sie ihr D�monenkind in die Welt der Menschen brachte. Du wei�t, dass sie lange meine Vertraute war und mir so nahe stand wie kaum eine Zweite.�</p><p>Selbst jetzt nach all den Jahren musste Obilee gegen ihre Tr�nen ank�mpfen, wenn sie daran dachte, wie Noroelle verbannt worden war. In einem der Splitter der Zerbrochenen Welt gefangen zu sein, war eine Strafe, die grausamer war als der Tod. Wenn Elfen starben, gingen sie ins Mondlicht, oder sie durften darauf hoffen, eines Tages wiedergeboren zu werden. Doch niemand wusste, was mit jenen geschah, die in der Zerbrochenen Welt ihr Leben lie�en. Es hie�, dass die Seelen dort gefangen waren oder sogar im Nichts vergehen mussten. Der Tod verhie� dort keine Hoffnung auf Erl�sung. Die Seelen verloschen wie eine Kerze, die ein pl�tzlicher Windsto� l�schte.</p><p>�Auch ich trauere um Noroelle�, sagte die K�nigin schwerm�tig. �Sie hat eine L�cke hinterlassen, die niemand zu schlie�en vermag. Es ist die B�rde eines langen Lebens, zu viele solcher Wunden in seinem Herzen zu tragen. Manchmal wird die Sehnsucht, vor allem zu fliehen, schier unertr�glich. Es gibt wenig Trost, die Welt f�r jene zu retten, die nicht einmal geboren sind. Sie sind wie eine Zahl, eine vage Vorstellung. Man hegt kein tiefes Gef�hl, das mit denen verbunden ist, die noch leben werden, au�er vielleicht Verantwortung. Es sind die Augenblicke, in denen ich mein Dogma, Gerechtigkeit f�r m�glichst viele zu �ben, insgeheim umkehre. Ich stelle mir dann vor, die Zukunft f�r ...� Sie brach abrupt ab.</p><p>Obilee blickte sie forschend an. Hatte sie etwas getan, was die K�nigin beleidigte? Emerelle hielt die Augen geschlossen. Ihre Rechte ruhte noch immer auf ihrem Herzen. Alle Anspannung war aus ihrem Antlitz gewichen. �Fast h�tte ich seinen wahren Namen genannt�, sagte sie leise. Dann sah sie Obilee durchdringend an. �Schon lange nicht mehr habe jemandem mein Innerstes offenbart, Obilee. Du wei�t nun mehr um mich als selbst Noroelle. Lass deine Lippen das Siegel meiner Geheimnisse sein.�</p><p>Obilee f�hlte sich betrogen. So viel Emerelle ihr auch offenbart hatte, das letzte Geheimnis behielt sie f�r sich. Die junge Elfe rang mit sich. Durfte sie es wagen, noch mehr zu fordern? Lieber w�re sie unwissend geblieben, als nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen. �Wenn du mich etwas lehren wolltest, Herrin, dann sag mir auch alles. Was stellst du dir vor, wenn du dein Dogma der Gerechtigkeit umkehrst?�</p><p>Das L�cheln Emerelles ver�nderte sich. Es wich zwar nicht von ihren Lippen, doch ihre Augen erreichte es nicht mehr. Sie wirkten k�hl. Forschend. �Du wirst eine gute fahrende Ritterin werden, denn du wagst es, unbequeme Fragen zu stellen. Dabei ist die Wahrheit ein fast genauso unbest�ndiger Stoff wie die Gerechtigkeit. Ich denke an den, den du als Ollowain kennst, wenn ich f�r die Zukunft Albenmarks k�mpfe. In Wahrheit gibt er allein mir die Kraft. Wenn man ehrlich ist, dann will man die Welt immer nur f�r Einzelne ver�ndern. Nicht f�r V�lker. Zumindest gilt das f�r mich. Ich stelle mir vor, dass Albenmark immer noch der Ort sein sollte, f�r den wir einst gek�mpft haben, als ich noch eine fahrende Ritterin war und er mich begleitete. Dies soll mein Geschenk an ihn sein, wenn er eines Tages zu unserer Liebe zur�ckfindet. Wann immer das sein mag.�</p><p>Obilee empfand die Antwort als unbefriedigend. Durfte eine unerf�llte Liebe zum Ma� f�r eine ganze Welt werden? Woran ma� man Gerechtigkeit? War es da nicht besser, m�glichst vielen ein m�glichst gerechtes Leben schenken zu wollen? Die Kriegerin war froh, nicht an Emerelles Stelle zu sein. Zugleich war sie sich sicher, dass sie anders entschieden h�tte.</p><p>�Zweifelst du nun an mir?�, fragte die K�nigin sp�ttisch. �Ich rate dir, beurteile meine Taten nicht, Obilee. Das ist so, als h�ttest du auf einem staubigen Weg, der sich in der Ferne verliert, einen einzelnen Stein aus einem Mosaik gefunden und glaubtest, du k�nntest dir das Bild vorstellen, zu dem er geh�rt. So sehr du nun vielleicht vom Gegenteil �berzeugt sein magst, du kennst mich nicht. Ich werde weiterhin f�r Ollowain k�mpfen, denn auch, wenn er seit sieben Jahren verschollen ist, sp�re ich ihn noch. Er ist nicht tot!�</p><p>In Emerelles letzten Worten vermeinte Obilee einen merkw�rdigen Unterton zu h�ren. W�rde die K�nigin jemals anerkennen, dass ihr Geliebter tot war? W�rde sie nicht immer darauf beharren, dass er vielleicht zur�ckkehrte? Und konnte es sein, dass der Mann, dessen Liebe sie einst teilte, schon lange gestorben war, auch wenn seine Seele wieder und wieder nach Albenmark zur�ckkehrte? Sie sah Emerelle pl�tzlich mit anderen Augen. Hatten jene, die sie eine Tyrannin nannten, vielleicht sogar Recht? Zugleich empfand Obilee aber auch tiefes Mitleid mit ihrer Herrin. Dann dachte sie an das, was Emerelle �ber den Stein aus dem Mosaik gesagt hatte.</p><p>Die K�nigin hatte sich erhoben und deutete mit dem �bungsschwert auf sie. �Steh auf, Obilee. Ich m�chte dir noch eine Lektion erteilen, bevor ich in den Thronsaal zur�ckkehre.�</p><subtitle>Friedlos</subtitle><cite><p>�Ich lasse das Gift der Melancholie zu Tinte werden und banne es auf ein St�ck fein gegerbte Rindshaut, wenn ich dir schreibe, mein verlorener Freund. Mir wird die Brust eng um mein Herz, wenn ich an dich denke, Ollowain. F�nfzehn Jahre sind verstrichen, seit ich dich das letzte Mal sah, in jenem Winter des Blutes, den die Skalden heute poetisch Elfenwinter nennen. Ich denke oft an dich, mein Freund. Manche sagen, du seiest tot. Doch ich kann mir keinen Gegner vorstellen, der dich h�tte bezwingen k�nnen, Schwertmeister. F�r mich bist du immer so unbesiegbar geblieben, wie du es als mein Fechtmeister warst, in jenen fernen Tagen, als ich ein Kind war und allein am Hof von Albenmark. Der einzige Mensch in einer fremden Welt. Und du warst damals mein einziger Freund. Auch denke ich oft an die Jahre, als wir gemeinsam mit meinem Vater nach Noroelles Sohn suchten. Heute k�nnte ich ihn wohl besser verstehen, jenen Mandred Torgridson, der mich, seinen Sohn, an die Elfenk�nigin verschenkte. Das Fjordland ist aus der Asche des Krieges wieder auferstanden. Es ist ein starkes K�nigreich. So stark, dass unsere Nachbarn �ber uns spotten und sagen: Alle K�nigreiche h�tten einen Heerhaufen, der ihm dient, so wie es sich geh�rt, nur das Fjordland nicht. Dies sei ein Heerhaufen mit einem K�nigreich, das ihm dient. Ich w�nschte, es w�re anders! Doch die Trolle lassen uns nicht in Frieden. In jedem Fr�hling kommen sie aus dem eisigen Norden. Sie rauben Vieh, brennen einsame Geh�fte nieder und schlachten die Bauern. Dir brauche ich nicht zu sagen, was sie mit ihnen tun. Wir haben es beide gesehen.</p><p>Mein Leben ist einsam ohne dich, mein Freund. Dies mag seltsam klingen, bin ich doch als K�nig fast immer von Leuten umgeben. Aber einen Freund wie dich habe ich nie wieder gefunden. Du hast in meinem Herzen eine L�cke hinterlassen. So wie Kadlin und Asla, die ich nicht vor den Trollen retten konnte. Manchmal stehe ich oben auf dem Hartungskliff zwischen den verzauberten Steinen. Besonders in N�chten, in denen das gr�ne Feenlicht �ber den Himmel zieht und das Land unter dem Leichentuch des Winters liegt. Dann fl�stere ich dort deinen Namen. Und ich hoffe, dass sich das magische Tor �ffnet und ich nach Albenmark zur�ckkehren kann. Meinen Sohn Melvyn habe ich nie gesehen. Ich habe ihm angetan, was mir mein Vater angetan hat. Ich habe ihn allein in der Fremde aufwachsen lassen. Silwyna erz�hlt nur wenig von ihm. Sie ist bei mir geblieben. Das h�ttest du nicht gedacht, nicht wahr? Ich selbst kann es oft nicht fassen. Nat�rlich ist sie mir nach Art der Maurawan treu geblieben. So wie eine Katze, die sich einen Menschen erw�hlt, bei dem sie bleibt. Manchmal verschwindet sie f�r viele Wochen auf ihre Streifz�ge, und dann erwache ich eines Morgens, weil sich ihr warmer Leib an meinen K�rper schmiegt. Sie kommt immer zur�ck. Ich wei�, auch du wirst zur�ckkehren, mein Freund. Ich w�nsche es mir so sehr. Du wirst einen alten Mann finden. Vielleicht auch nur noch ein Grab. Aber aus dem Grab werden meine Briefe zu dir sprechen. Setz dich oben auf das Hartungskliff zwischen die Elfensteine, wenn du sie liest. Und lausche auf den Wind. Dort werde ich dir nahe sein, auch wenn mein Leib l�ngst Staub geworden ist. Die Zeit ist ein tr�gerischer Freund, Schwertmeister. In meiner Jugend hat sie mir fast jeden Tag ein Geschenk gemacht. Doch nun ist sie zum Dieb geworden. Jeden Tag nimmt sie etwas von mir mit. Und nicht mehr lange, und ich werde ganz verschwunden sein. Meine Leute nennen mich Elfensohn oder auch Elfenkind. Aber wie ein Elf bin ich nie geworden. Ich habe nie das Geheimnis ergr�ndet, wie man sich die Zeit zum ewigen Verb�ndeten macht. Das Zauberwort, das einen davor bewahrt, dass sie zum Dieb der Jahre wird.</p><p>Eine Geschichte muss ich dir noch erz�hlen, bevor die Kerze niedergebrannt ist und nur noch das kalte Feenlicht am Himmel bleibt. Sie wird dich schmunzeln lassen, das wei� ich. Mein Sohn Ulric ist ein Krieger geworden. Ein Mann, der seinen Vater mit Stolz erf�llt. Er tr�gt Wei� als seine Farbe, wie du, und er ist sch�n wie ein Elf. Meine Leute f�rchten ihn, doch davon m�chte ich jetzt nicht reden. Es ist eine merkw�rdige Eigenart der Menschen, von der ich dir berichten m�chte. Sie l�sst Silwyna und Ulric zu einer Person verschmelzen. Nur ein paar Tagesritte von Firnstayn entfernt erz�hlt man sich, du w�rst immer noch an meiner Seite, mein Freund. Sie nennen dich Ollowyn, und sie sagen, dass du bei jedem Kampf an meiner Seite seiest. Dabei ist es Ulric, der neben mir reitet. Ich mache mir Sorgen um ihn. Manchmal ist es, als gebe es ihn gar nicht. Sei ihm ein Freund, wie du mir ein Freund warst, falls ich bei deiner R�ckkehr nicht mehr hier bin. Er wird dich brauchen.</p><p>Nun werde ich mein Pferd satteln lassen und mich auf den Weg hinauf zum Hartungskliff machen. Ich werde Blut mitnehmen. Erinnerst du dich noch an ihn? Den gro�en h�sslichen Hund, der Ulric und Halgard gerettet hat und auch Yilvina. Manchmal habe ich das Gef�hl, dass die Diebin Zeit sich vor seinen langen F�ngen f�rchtet. Er ist immer noch stark, auch wenn er l�ngst eine graue Schnauze bekommen hat. Blut begleitet mich oft. Und manchmal, wenn sich die Pforten der Geisterwelt �ffnen, sehe ich meine kleine Kadlin auf ihm reiten, und ich h�re sie lachen. Das Hartungskliff ist ein guter Ort, um den Geistern nahe zu sein. Wenn ich dort allein bin und dem Wind lausche, h�re ich manchmal Fl�tenspiel. Vielleicht spielt Xern auf seiner Hirtenfl�te im Schatten der alten Eiche Atta Aikhjarto. Ich wei�, die beiden sind nur einen Schritt entfernt und doch so unerreichbar f�r mich, wie du es bist, mein Freund. Jedes Mal, wenn ich hinauf zum Kliff reite, hoffe ich, das Tor wird sich �ffnen, und du wirst mir entgegentreten. Wenn Luth es so gef�gt hat, werden wir uns also schon in wenigen Stunden begegnen. Das Land hat deine Farbe angelegt, Ollowain. Und falls ich dich wieder einmal nicht treffen sollte, dann wird mir der eisige Winterwind vielleicht meine Sehnsucht aus der Seele schneiden.�</p><text-author>XXIII. Brief des K�nigs Alfadas</text-author><text-author>An den Elfen Ollowain,</text-author><text-author>vertrauliches Dokument, Truhe 9,</text-author><text-author>Eichengew�lbe der Bibliothek zu Firnstayn</text-author></cite></section><section><title><p>Die J�gerin</p></title><p>Kadlin blickte fassungslos auf die Stadt am Fjord. Als sie vor f�nf Tagen Sunnenberg erreicht hatten, war sie schon �berw�ltigt gewesen; niemals h�tte sie gedacht, dass so viele Menschen so dicht beieinander leben k�nnten. Doch der Anblick von Firnstayn war noch viel �berw�ltigender. Sie versuchte zu sch�tzen, wie viele H�user, H�ten und Bootsschuppen dort unten am Ufer standen. Es mussten mehr als f�nfhundert sein! Wie viele Menschen mochten dort leben? F�nftausend? Oder noch mehr? Wie eine gro�e Rentierherde. Doch die Rentiere mussten von Weide zu Weide wandern. Wie schafften es so viele Menschen auf Dauer, an einem Ort zu leben und nicht zu verhungern? Ein hoher Erdwall mit einer h�lzernen Palisade umg�rtete die Stadt. Und wie eine Krone erhob sich eine weite Festhalle �ber der Siedlung. Die Halle des K�nigs. Dort musste der legend�re Alfadas leben. Der Elfensohn, wie sie ihn auch nannten. Er hatte die Trolle vertrieben, nachdem sie fast das ganze Land verw�stet hatten. Und er hatte das K�nigreich aus der Asche wieder auferstehen lassen und zu neuer Gr��e gef�hrt.</p><p>Seit ihrer Kindheit hatte Kadlin unz�hlige Male gelauscht, wenn die J�ger abends an den Feuern sa�en und von ihrem K�nig erz�hlten. Alfadas! Sein Name hatte sie immer ber�hrt. Er weckte einen s��en Schmerz in ihr, eine Sehnsucht danach, ihm nahe zu sein und ihm zu dienen.</p><p>Sie erinnerte sich noch genau an einen nebligen Herbsttag, an dem die Wolken in die T�ler hinabgestiegen waren und die Elfe Silwyna sie besucht hatte. Beim Anblick ihres Bogens hatte Kadlin beschlossen, eine J�gerin zu werden. Der K�nig brauchte immer J�ger, um seine vielen Krieger mit frischem Fleisch zu versorgen. Auch Silwyna war eine J�gerin. Ein- oder zweimal im Jahr, meist im Fr�hling und im Herbst, kam sie, um ihre Eltern zu besuchen, mit denen sie sich angefreundet hatte. Sie war auch die Bettgef�hrtin des K�nigs. Bei ihrem ersten Besuch war Kadlin nicht einmal stark genug gewesen, um einen Bogen zu spannen. Die junge Frau l�chelte. Seitdem war viel Zeit vergangen.</p><p>�Und?� Kalf, ihr Vater, hatte sie aufmerksam beobachtet. Er wirkte angespannt, auch wenn er sich alle M�he gab, es sich nicht anmerken zu lassen. Er war gegen diese Reise gewesen, und noch gestern Abend hatte er am Lagerfeuer versucht, sie ihr auszureden. Kalf mochte keine gro�en Siedlungen und mied sie wie ein Wolf den Schneel�wen. Er schien in ihnen eine Gefahr zu sehen. Warum das so war, hatte er Kadlin nie sagen wollen. �Wie gef�llt dir, was du siehst? Man kann den Gestank der vielen Menschen selbst hier oben riechen. Das ist gegen die Gesetze der G�tter, dass so viele Leute auf einem Fleck leben. Sie werden in ihrem eigenen Mist ersticken! Ich vermisse schon jetzt die klare Luft der Berge.�</p><p>Kadlin atmete tief durch. Was ihr Vater sagte, war Unsinn! Die Luft war gut. Die J�gerin betrachtete die steile Felsklippe auf der anderen Seite des Fjords. Ein Kreis aus stehenden Steinen fasste den Gipfel ein, ein verzauberter Ort, durch den die Elfen in ihre Welt gelangten. Einst war Alfadas auf Befehl des alten K�nigs mit einem ganzen Heer durch diesen Steinkreis gezogen.</p><p>Der schroffe Gipfel kam ihr seltsam vertraut vor. Sie war doch nie zuvor hier gewesen! Ob sie ihn vielleicht im Traum gesehen hatte? Manchmal qu�lten sie noch Albtr�ume aus dem Elfenwinter. Ihre Eltern waren damals mit ihr in die Berge geflohen. An das meiste erinnerte sich Kadlin nicht wirklich. Sie kannte es aus Erz�hlungen, und es gab keine Bilder dazu in ihrem Ged�chtnis. Doch sie wusste, dass sie einmal Trollen begegnet war. Sie waren riesig. Sie hatten nach Rauch und Winter gestunken. Und es war ein Weib bei ihnen gewesen, das sein Gesicht hinter einer Maske aus Haut versteckt hatte. Dieses Trollweib war gekommen und hatte sie in den Armen gehalten. Wenn sie davon tr�umte, fuhr sie selbst heute noch schreiend aus dem Schlaf hoch. Die Ber�hrung der mit Lumpen umwickelten Trollh�nde war wie die Ber�hrung des Todes gewesen. Kadlin wusste nicht, warum sie und ihre Eltern noch lebten, obwohl sie auf ihrer Flucht den Menschenfressern begegnet waren. Ihre Mutter Asla hatte immer versucht, ihr diese Geschichte auszureden. Sie sagte, das sei niemals geschehen, doch sie sagte es mit solcher Entschiedenheit, dass Kadlin ihr nicht glaubte. Warum Mutter sie belog und warum die Trolle sie nicht get�tet hatten, war ein Geheimnis. Und auch Kalf mochte dar�ber nicht reden, obwohl Asla nun schon seit drei Jahren tot war.</p><p>Nachdenklich blickte sie zu der Stadt am Fjord. Dort war sie nie gewesen, da war sie sich ganz sicher. An einen solchen Ort m�sste sie sich doch erinnern. Im S�den der Stadt lag ein gro�es Zeltlager. Das Heer des K�nigs sammelte sich. Die Krieger und die Arbeiter kamen aus dem ganzen K�nigreich. Und sie sah auch die Bahnen, die man f�r die Bogensch�tzen abgesteckt hatte. Es war eine besondere Ehre, zu Alfadas� Bogensch�tzen zu geh�ren. Nur die hundert Besten w�rden das Heer als J�ger und Pfadfinder begleiten. Sie w�rden die M�gen der hungrigen Krieger f�llen, und sie waren die Augen des Heerzuges, wenn sie ins Trollgebiet vorstie�en.</p><p>Kadlin schulterte ihren Bogen und ging mit weiten Schritten den Weg hinab, der dem Lauf des Fjordes folgte. Ihr Vater wirkte seltsam bedr�ckt. Nach Aslas Tod war er schnell gealtert. Sein Haar hatte die Farbe von Kiefernhonig verloren; es war d�nn und von wei�en Str�hnen durchsetzt. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen. Obwohl er immer noch ein starker Mann war und einen erlegten Steinbock einen halben Tag lang auf seinen breiten Schultern tragen konnte, war er nicht mehr der Mann, der er einmal gewesen war. Es war gut, dass ihre Schwester Silwyna ihn so nicht mehr gesehen hatte. Sie war sehr empfindsam. Kali hatte gut daran getan, sie nach Mutters Tod schnell zu verheiraten. Silwyna hatten sie nach der Elfe benannt, die sie im Winter des Krieges gerettet hatte. Sie lebte in Bronsted, einem Fischerdorf hinter den Bergen. Letzten Sommer hatte Kadlin ihre Schwester zusammen mit Vater besucht. Silwyna trug damals schon deutlich sichtbar ein Kind unter dem Herzen. Es musste l�ngst geboren sein. Ein Winterkind ... Hoffentlich hatte Luth einen Faden f�r das Kleine gesponnen. Es war nicht gut, Kinder im Winter zur Welt zu bringen.</p><p>Kadlin sp�rte, wie die M�nner auf den Feldern und die Fischer in den flachen Booten sie anstarrten. Eine junge Frau in Hosen, Jagdstiefeln und mit einem Bogen �ber der Schulter war ein seltener Anblick. Die Elfe Silwyna hatte oft von ihrer Welt erz�hlt. Dort herrschte eine Frau �ber alle V�lker, und es war nicht ungew�hnlich, Kriegerinnen zu begegnen. Hier im Fjordland war das anders. Frauen brachten Kinder zur Welt und durften sich ein Leben lang krumm schuften, ohne dass sie daf�r auch nur ein Wort des Dankes erwarten konnten. Ein Krieger aber, der auf dem Schlachtfeld in seinem Blut verreckte, konnte sicher sein, dass er lange unvergessen blieb, wenn er denn heldenhaft gek�mpft hatte. Aber eine Frau, die im Kindbett verblutete, weil ihr keine Amme und keine Heilkundige mehr helfen konnte, war schnell vergessen. �ber sie gab es keine Lieder, die an den langen Winterabenden in den Langh�usern gesungen wurden. Kadlin wusste wohl, dass es Silwyna gewesen war, die in ihr den Willen geweckt hatte, sich aufzulehnen. Und auch ihre Mutter Asla, die im Kettenhemd auf den W�llen von Sunnenberg gek�mpft hatte. Sie w�rde eine starke Frau sein, die sich nicht einfach dem Willen anderer f�gte! Sie wusste auch, dass sie f�r manches der wei�en Haare auf dem Haupte ihres Vaters verantwortlich war. Bis zuletzt hatte Kalf versucht ihr auszureden, hierher zu kommen. Sie w�rde wahrscheinlich die einzige J�gerin sein, die den Kriegszug begleitete.</p><p>Kadlin wusste, dass Kalf nicht verstanden hatte, warum ihr der Weg nach Firnstayn so wichtig war. Sie brauchte einen Mann. Das war ihr im letzten Jahr klar geworden, als sie ihre Schwester gesehen hatte. Auch sie wollte Kinder haben. In dem einsamen Tal, in dem sie aufgewachsen war, gab es niemanden, der in Frage kam. Und die wenigen anderen J�ger, die sie bislang auf ihren Streifz�gen durch die Berge getroffen hatte, waren brummelige, alte M�nner. Mit ihnen konnte man einen Abend an einem gemeinsamen Feuer verbringen, aber ein Leben? Nein! Es machte Spa�, ihren Zoten zu lauschen und von ihnen Fl�che zu lernen, die selbst Kalf die Schamesr�te ins Gesicht trieben. Manchmal hatte Kadlin auch ein wenig geflirtet... Aber ernsthafte Absichten hatte sie dabei nie gehegt. Sie dachte an den Fischerburschen, den sie w�hrend ihres Besuches bei ihrer Schwester verf�hrt hatte. Der war schon eher nach ihrem Geschmack gewesen ... Diese heimlichen Stunden hatten sie verzaubert. Er hatte endlos �ber das Meer erz�hlen k�nnen, wenn sie nebeneinander lagen, nachdem sie sich geliebt hatten. Aber Kadlin war auch klar geworden, dass ihr Leben daraus bestehen w�rde, auf ihn zu warten, wenn sie sich f�r ihn entschied.</p><p>Jeden Tag zu Luth zu beten, dass ihr die See nicht den Liebsten raubte. Ein Leben in einer nach Fisch stinkenden H�tte ... Das war nicht das, was sie wollte. Sie suchte einen J�ger, an dessen Seite sie durch die W�lder streifen konnte. Jemanden, der sie verstand und der ihr ihre Freiheit lassen konnte. Zum Wettkampf der Bogensch�tzen w�rden die besten J�ger des ganzen Fjordlandes kommen. Hier w�rde sie ihren Mann finden!</p><p>Kalfs Blick wanderte unstet. Kadlin bemerkte, wie er jene M�nner anstierte, die es wagten, ihr ein L�cheln zu schenken. Es waren ohnehin wenig genug. Sie w�rden dar�ber reden m�ssen. So wenig, wie er ihr hatte ausreden k�nnen, hierher zu kommen, hatte sie ihn davon abhalten k�nnen, mit ihr zu gehen. Aber wenn er ihr nicht von der Seite wich, dann konnte sie es gleich aufgeben, sich hier nach einem netten J�ngling umzusehen!</p><p>Hufschlag erklang hinter ihnen. Eine kleine Reiterschar preschte auf dem schlammigen Weg der Stadt entgegen. Ihr Anf�hrer war ganz in Wei� gekleidet und ritt auf einem wunderbaren Schimmel. Das musste der K�nigssohn sein, von dem man nur hinter vorgehaltener Hand sprach. Ulric! Er war ein stattlicher Mann.</p><p>Kadlin und Kalf wichen ganz an den Rand des Weges aus. Die J�gerin war sich bewusst, dass sie den K�nigssohn in unziemlicher Weise anstarrte. Er war wirklich ein sch�ner Mann. Auch wenn er ein Wiederg�nger war. Sein langes blondes Haar trug er offen. Ein kurzer Reiterumhang wehte um seine Schultern. Und er schenkte Kadlin ein freundliches L�cheln!</p><p>�Seid ihr so arm, dass du die alten Hosen deines Vaters auftragen musst, M�dchen?�, rief ihr ein Reiter aus dem Gefolge zu. Es war ein dunkelhaariger Kerl, dem gerade der erste zarte Flaum spross.</p><p>�Und du bist wohl ein krummbeiniger Kobold, der auf ein Pferd steigen muss, um auf ein M�dchen herabzublicken.� Kadlin konnte sehen, wie Kalf den Atem anhielt.</p><p>Der junge Reiter z�gelte sein Pferd. �Du vergreifst dich im Ton, kleiner Rotfuchs. Ich bin Bj�rn Lambison, der Sohn des Herzogs. Und h�tte ich nicht so ein weites Herz, dann w�rde ich absteigen und dir den Hosenboden stramm ziehen, wie man es mit unartigen M�dchen macht.�</p><p>Kadlin deutete eine Verbeugung an. �Und ich bin Kadlin, die schon gro� genug ist, um sich nicht hinter dem bedeutenden Namen eines Vaters zu verstecken.�</p><p>Bj�rn lief rot an, w�hrend seine Gef�hrten lachten. �Wenn du kein M�dchen w�rst ...�, stammelte er unbeholfen.</p><p>�Jetzt versteckst du deine Feigheit hinter der Ausrede, dass ich ein M�dchen bin. Ich mache dir einen Vorschlag. Da ich Hosen trage, tun wir doch einfach so, als h�ttest du es nicht bemerkt. Komm her und schlag dich mit mir! Sonst besuche ich deinen Vater und schenke ihm einen Rock f�r dich, denn mir scheint, dieses Beinkleid w�re angemessener f�r dich. Ich k�nnte auch ...�</p><p>�Kadlin!�, unterbrach sie Kalf scharf. �Es ist genug!� Er verbeugte sich unterw�rfig vor Bj�rn. �Bitte verzeiht meiner Tochter. Sie ist in der Wildnis aufgewachsen.�</p><p>Bj�rn schwang sich aus dem Sattel. �Ich werde ihr jetzt die Tracht Pr�gel verabreichen, die du ihr besser beizeiten gegeben h�ttest.� Er l�ste seinen Schwertgurt und h�ngte ihn �ber den Sattelknauf.</p><p>Kadlin warf ihrem Vater den Bogen zu und legte ihren K�cher ab. Jetzt war ihr doch ein wenig mulmig. Nicht, weil sie Angst hatte, mit diesem J�ngling nicht fertig zu werden. Es war einfach dumm, sich mit dem Sohn eines Herzogs anzulegen. Aber es war bereits zu sp�t, um noch einen R�ckzieher zu machen.</p><p>�Aus einem Kampf mit einem Weib erw�chst keine Ehre�, sagte Ulric streng. �Lass das M�dchen in Ruhe.�</p><p>Bj�rn war doch nicht so klein, wie er auf seinem riesigen Rotfuchs gewirkt hatte. Er war sogar eine halbe Handbreit gr��er als sie. Und er hatte die breiten Schultern eines Kriegers, obwohl er noch ein J�ngling war. �Ich werde der Kleinen nur ein wenig den Staub aus den Kleidern klopfen. Einen Kampf w�rde ich das nicht nennen. Lass mir den Spa�. Ich werde ihr schon nicht wirklich wehtun.�</p><p>�Willst du k�mpfen oder endlos schwatzen wie ein Waschweib?� Kadlin wollte nicht einfach klein beigeben. Gewiss, das w�re kl�ger gewesen. Aber sie konnte dem Reiz nicht widerstehen, diesem arroganten Herzogssohn eine Lektion zu verpassen. Kalf hatte sich oft beklagt, dass in ihren Adern zu viel vom Blut ihres Gro�vaters floss. Ihr Gro�vater musste wohl ein arger Halunke gewesen sein, denn weder Mutter noch Kalf wollten ihr viel �ber ihn erz�hlen. Nicht einmal seinen Namen kannte Kadlin.</p><p>Bj�rn schnellte vor und versuchte nach ihren Haaren zu greifen. Verdammter Mistkerl. Kadlin wich aus und rammte ihm den Ellenbogen vors Ohr. Der J�ngling keuchte vor Schmerz.</p><p>�Sieh dich vor! Die wilde Biene sticht, wie es scheint�, spottete ein �lterer Krieger mit einer Brandnarbe im Gesicht. Dem Mal der Diebe.</p><p>Bj�rn hatte nun beide F�uste erhoben, um weitere Angriffe besser abblocken zu k�nnen.</p><p>Kadlin versuchte seine Deckung mit einem rechten Haken zu durchbrechen, doch der J�ngling wich geschickt zur�ck. Wieder griff sie an. Sie lie� einen wahren Hagel von Schl�gen auf ihn los, landete jedoch nur einen Nierentreffer, dem es an Kraft gefehlt hatte.</p><p>Mittlerweile lachte niemand mehr. Gebannt verfolgten die Reiter den Zweikampf. Ihr Vater sah sie flehend an. Wollte er etwa, dass sie sich besiegen lie�?</p><p>Bj�rn nutzte den Augenblick ihrer Unachtsamkeit. Er ging zum Angriff �ber, und gleich sein erster Schlag durchbrach ihre Abwehr. Er hatte eigentlich auf ihr Kinn gezielt, aber im letzten Augenblick �nderte er die Schlagrichtung, sodass er sie hart auf der Brust traf.</p><p>Kadlin taumelte zur�ck. Statt nachzusetzen, blieb Bj�rn stehen und wartete, bis sie sich wieder gefangen hatte. �Gen�gt dir das, Weib?� H�tte er einen anderen Tonfall angeschlagen, h�tte sie vielleicht aufgegeben. Stattdessen winkte sie ihm mit der Linken. �Ich kenne S�uglinge, die ihrer Mutter kr�ftiger in die Brust kneifen, als du zuschlagen kannst.�</p><p>Diesmal lief Bj�rn nicht mehr rot an. Sein Erfolg hatte ihn selbstsicherer gemacht. �Dann scheinst du wohl unter Trollen aufgewachsen zu sein. Das erkl�rt einiges�, entgegnete er l�chelnd.</p><p>Kadlin schluckte ihren Zorn hinunter. Sie mit einem Troll zu vergleichen! Das w�rde er b��en. Die J�gerin wusste, dass es zu den Ritualen eines Zweikampfs geh�rte, seinen Gegner zu beleidigen und ihn so w�tend zu machen, dass er zu unbedachten Angriffen verleitet wurde. So leicht w�rde sie es ihm nicht machen.</p><p>Sie schnellte vor. Er wich mit dem Oberk�rper leicht aus, sodass ihr Schlag ins Leere ging. Kadlin tat so, als gleite sie im Schlamm aus, um Bj�rn zu einem leichtfertigen Angriff zu verleiten. Aber der Mistkerl trat zur�ck und wartete, bis sie wieder aufstand. So k�mpfte man nicht!</p><p>�Bist du ersch�pft, M�dchen?� Er sagte das nicht einmal sp�ttisch, was sie umso mehr �rgerte.</p><p>�Es geht schon�, stie� sie zornig hervor. �K�nnen wir weitermachen?� Bj�rn ging wieder in seine Abwehrstellung und wartete auf ihren Angriff.</p><p>Kadlin war ein wenig ratlos. Einen solchen Kampf hatte sie noch nie bestritten. Sie hatte �berhaupt noch nicht viele K�mpfe gehabt. Ihre Schwester Silwyna war j�nger und schw�cher gewesen. Sich mit ihr zu pr�geln lohnte sich nicht. Die Elfe hatte ihr beigebracht, wie man sich in einem Kampf verhielt. Sie hatte sie auch im Bogenschie�en unterrichtet, obwohl Kalf ihr schon fast alles Wissenswerte beigebracht hatte. Kadlin musste sich eingestehen, dass sie in der Stimmung gewesen war, ihr K�nnen zu erproben. Und das schien nun gr�ndlich schief zu gehen. Im Grunde konnte sie von Gl�ck sagen, dass der Kerl sie nicht einfach verpr�gelte. Wenn sie ihm wenigstens noch einen Treffer verpassen k�nnte ...</p><p>Sie t�nzelte mit leichtem Schritt um ihn herum, t�uschte Schl�ge an, um eine L�cke in seiner Deckung zu finden, und zog sich jedes Mal wieder zur�ck. Obwohl Bj�rn ihr �berlegen war, feuerten seine Kameraden sie an.</p><p>Kadlin versuchte sich an die �blen Tricks zu erinnern, die Silwyna ihr beigebracht hatte. Wenn sie Bj�rn dazu bringen k�nnte, zu sp�t sein Standbein zu wechseln ... Die J�gerin schnellte vor. Mit einer raschen Folge von Finten zwang sie den Krieger, sich um seine eigene Achse zu drehen. Dann war der Augenblick gekommen: Sein rechtes Bein stand zu weit vor. Mit aller Kraft lie� sie den Absatz auf seine Zehen krachen. Bj�rn prustete vor Schmerz. Im selben Augenblick durchbrach eine linke Gerade seine Deckung. Wie ein Blitzschlag schmetterte ihre Faust gegen sein Kinn. Kadlin h�rte die Knochen ihrer Hand knirschen. Der Schmerz trieb ihr Tr�nen in die Augen.</p><p>Bj�rn kippte nach hinten. Er fing den Sturz mit den Armen auf, sa� auf dem Hintern und sch�ttelte benommen den Kopf, w�hrend seine Kameraden verstummt waren.</p><p>�Das war nicht sehr ritterlich!�, sagte der K�nigssohn trocken. Das freundliche L�cheln war aus seinem Antlitz verschwunden. Pl�tzlich w�nschte sich Kadlin, sie h�tte auf diesen schimpflichen Sieg verzichtet. Sie streckte Bj�rn die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen.</p><p>Der junge Krieger rieb sich das Kinn. �Ich kenne Pferde, die weniger heftig zutreten.� Er grinste. Blut troff von seiner aufgeplatzten Unterlippe.</p><p>Seine freundliche Art machte alles nur noch schlimmer. Kadlin konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen. �Tut mir leid�, murmelte sie.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Sonst w�rde ich es wohl kaum sagen. Oder h�ltst du mich f�r eine Heuchlerin?�</p><p>�Ich dachte eigentlich, dass ich mich entschuldigen sollte. Ich habe mich dir gegen�ber sehr ungehobelt benommen. Wer zu Unrecht Schaden erlitten hat, der darf nach den Gesetzten des Fjordlands zur Wiedergutmachung ein Wehrgeld einfordern.�</p><p>Kadlin schnappte nach Luft. Diese neuerliche Beleidigung traf sie v�llig unerwartet. Er war es doch, der im Dreck gesessen hatte. Wie konnte er sich jetzt so aufspielen, als sei er der Sieger ihres Zweikampfs!</p><p>�Es tut mir aufrichtig leid, dass mein Kinn deiner Hand so �bel mitgespielt hat. Ich m�chte dich gern f�r die Mittagsstunde in die Gasse der Tuchh�ndler einladen und dir als mein Wehrgeld ein Kleid schenken, damit nicht noch mehr Krieger sich leichtfertig dazu hinrei�en lassen, �ber dich zu spotten. Unser K�nig braucht sein Heer schlie�lich, um gegen die Trolle zu ziehen, und kann es sich nicht leisten, dass seine Truppe von einer zornigen jungen J�gerin zusammengeschlagen wird.�</p><p>Kadlin wurde aus dem Kerl nicht schlau. Seine Stimme klang aufrichtig. Er schien sie nicht verspotten zu wollen. Auch keiner der anderen Krieger feixte. Welch ein merkw�rdiger Haufen die Reiter des K�nigssohns waren!</p><p>Bj�rn schwang sich in den Sattel. �Es war mir eine Ehre, dich kennen gelernt zu haben, Kadlin, die sich nicht hinter dem Namen ihres Vaters versteckt.�</p></section><section><title><p>Der Schatten im Safran</p></title><p>Seit er Leylin auf dem Fest gesehen hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie war leichte Beute, redete er sich ein. Er hatte bemerkt, wie sie ihn verstohlen beobachtet hatte. Doch ganz im Gegensatz zu den anderen F�rstinnen war sie seinem Blick ausgewichen. Er hatte einen gewissen Ruf, und Melvyn genoss es, damit zu spielen. All die feinen Elfendamen auf dem Fest hatten vermutlich schon Dutzende Geschichten �ber ihn geh�rt. �ber den Halbelfen, aufgewachsen unter W�lfen in den dunklen W�ldern am Fu� der Slanga-Berge.</p><p>Melvyn pflegte seinen Ruf mit Hingabe. Auf Festen erschien er stets mit denselben Kleidern, die er auch im Kampf trug. Und wenn auf seinem Wams ein paar Spritzer eingetrockneten Bluts waren, umso besser. Er hielt nicht viel davon, sich herauszuputzen. Er hatte zwar keinen K�rpergeruch, doch seine Kleider rochen nach seinen Gef�hrten. Nach W�lfen, Pferden und Adlern, nach dem etwas verr�ckten Lamassu Artaxas, nach Kentaurenschwei�, Koboldtabak und Blut. Er war ein Albtraum f�r die spie�igen Elfenf�rsten mit ihren langweiligen Festen. Und er war der Traum ihrer Frauen, die sich inmitten eines in F�rmlichkeiten erstarrten Lebens nach Abenteuern sehnten. Die meisten von ihnen waren verdammt selbstsicher. Sie scheuten es nicht, ganz offen mit ihm anzubandeln. Mit Leylin war es anders. Vielleicht war sie ja besonders durchtrieben? Aber das war unwahrscheinlich. Er hatte sie beobachtet, und er hatte Erkundigungen �ber sie einziehen lassen. Jeder gute J�ger kannte sein Wild!</p><p>Leylin war sch�n wie Waldlicht an einem Fr�hlingsmorgen. Und so wie dieses Licht die Nebelschwaden zwischen den dunklen Baumst�mmen wie von Zauberhand verschwinden lie�, so hatte Leylins Anblick seine �ble Stimmung vertrieben, als er sie vor drei Tagen zum ersten Mal gesehen hatte. Sie stammte aus einer unbedeutenden Familie, die allein dadurch zu ein wenig Ansehen gekommen war, dass der F�rst von Arkadien ihre Tochter zu seinem Weib gew�hlt hatte. Melvyn konnte sich nicht vorstellen, dass bei dieser Heirat Leylins Gef�hle eine Rolle gespielt hatten. Shandral, F�rst von Arkadien, war ein gut aussehender Elf. Er hatte h�ftlanges, goldblondes Haar und gro�e dunkle Augen. Man munkelte, dass er lange Jahre zu den Sch�lern der F�rstin Alathaia geh�rt und mit ihr die dunkelsten Spielarten der Magie erforscht hatte. Seine Sch�nheit war wie eine winterliche Vollmondnacht in den Weiten der Snaiwamark. Sie war t�dlich, wenn man nicht richtig vorbereitet war. Aber das war ja gerade der Reiz. Auf dem Fest hatte es mindestens sechs oder sieben Elfen gegeben, die leicht zu verf�hren waren. Wenn man Jahrhunderte lebte, dann arrangierte man sich mit dem Gef�hrten, mit dem man dieses Leben teilte. Treue im Bett war da eine Nebens�chlichkeit. Viel schwerer wog es, wenn man einander nichts mehr zu sagen hatte. Das galt als tragischer, so dachten die meisten. Aber bei Shandral war das anders, das sp�rte Melvyn. Der F�rst von Arkadien w�rde seinem Weib niemals gestatten, ein kleines Abenteuer zu erleben.</p><p>Auch wenn Leylin es sich vielleicht nicht eingestehen mochte, sehnte sie jedoch nichts so sehr herbei, wie der Tyrannei ihres Gatten zu entfliehen, und sei es nur f�r einige Augenblicke.</p><p>Melvyn blickte �ber das Meer der D�cher. Sein Freund Wolkentaucher hatte den Ort gut gew�hlt. Er verlor nie den �berblick, auch nicht in dem labyrinthischen H�usermeer. Das lag wohl am Blickwinkel. Die beiden Himmelssteige waren auf dem breiten Steingel�nder des Balkons abgestellt. Sie sahen aus wie H�mmer, die man auf den Kopf gestellt hatte und aus deren drei Schritt langen Stielen gro�e Rundhaken ragten.</p><p>Melvyn war ein Winds�nger, und so gen�gte ein Gedanke von ihm, um seine gro�en Adler herbeizurufen. Die Himmelssteige w�rden es den V�geln erlauben, ihn und Leylin aus dem Flug heraus von hier fortzutragen.</p><p>Es war eine der wenigen schw�len N�chte hier im Norden, so nah bei der Snaiwamark. Sie war wie geschaffen f�r seine Pl�ne mit Leylin. Doch nun, da alles bereit war, packten ihn Zweifel. Sein Raubzug in dieser Nacht war selbst f�r seine Verh�ltnisse besonders dreist. Er wagte viel. War eine Laune das wert? Nachdenklich betrachtete er die T�r zum Schlafgemach des F�rsten. Sie stand weit offen, um auch den leisesten Lufthauch einzufangen. Sanft bewegten sich die safranfarbenen Seidenvorh�nge im Wind. Wie eingefangenes Sommerlicht strahlten sie in der Dunkelheit.</p><p>Kein Laut drang durch die offene T�r. Niemand hatte ihn bemerkt. Noch k�nnte er zur�ck, dachte Melvyn. Er st�tzte sich auf die Br�stung des Balkons. Sein Blick wanderte �ber die dunkle Stadt. Gleich Klippen ragten die steilen D�cher dem Himmel entgegen. Feylanviek war wie so viele St�dte des Nordens �berwiegend von Kobolden gebaut worden. Auch wenn die adeligen Elfen aus der Snaiwamark und Carandamons hier ihre Sommerresidenzen unterhielten, so waren die H�user in der Mehrheit doch einfache Fachwerkbauten. Ihre Giebel ragten steil dem Himmel entgegen, damit in den langen Wintern der Schnee besser abrutschte und seine Last nicht die D�cher erdr�ckte. Die W�nde der verwinkelten H�user waren in den grellsten Sommerfarben gehalten und wurden durch schwarze oder dunkelbraune Balken in geometrische Muster untergliedert. Die Tatsache, dass Volk aus aller Herren L�nder kam, um die Werkst�tten der Kobolde zu besuchen, hatte zu einem merkw�rdigen Baustil gef�hrt. Jedes Haus hatte mindestens eine Halle, die hoch genug war, dass dort selbst Minotauren und Trolle einkehren konnten, ohne sich die K�pfe an den Deckenbalken zu sto�en. F�r die Elfen, die in der Regel die bedeutendsten Auftraggeber der Werkst�tten waren, gab es meist mehrere R�ume, in denen man �ber Gesch�fte verhandeln oder kleine Bankette abhalten konnte. Die H�user der gr��ten Koboldsippen unterhielten sogar eigene G�stefl�gel, wo Reisende f�r Wochen untergebracht wurden.</p><p>Feylanviek lag in einem ehemaligen Feuchtgebiet. L�ngst waren die S�mpfe trockengelegt, und hunderte Kan�le durchzogen nun die Stadt und das Umland. Sie leiteten das Wasser in den beh�big flie�enden Mika ab, den gro�en Strom, der die Stadt mit dem Meer verband, obwohl sie fast vierhundert Meilen von der n�chsten K�ste entfernt lag. Feylanviek war damit der Schnittpunkt der bedeutendsten Handelswege des Nordens. Die Stadt war riesig, und da die Trolle f�r Jahrhunderte aus Albenmark vertrieben gewesen waren, hatte sie keine schlimmeren Feinde als ein paar randalierende Viehtreiber aus den Kentaurenst�mmen des Windlands zu f�rchten gehabt. Es gab hier keine nennenswerten Verteidigungsanlagen, nur mehrere befestigte Zollt�rme. Seit die Trolle damit begonnen hatten, s�dlich des Mordsteins ihre Truppen zusammenzuziehen, war vorhersehbar, dass Feylanviek ihr erstes Angriffsziel sein w�rde.</p><p>Sie brauchten das Fleisch, das sie hier bekommen w�rden, um ihre Krieger bei Laune zu halten und tiefer ins Windland vorzusto�en.</p><p>Melvyn hatte seine Zweifel, ob das B�ndnis in der Lage war, die Trolle aufzuhalten. Er hatte ihr Heer im S�den der Snaiwamark gesehen. Ihre Krieger waren so zahlreich wie die B�ffel in den Grasmeeren des Windlands. Die Truppen, die Elodrin von Alvemer unter seinem Kommando versammelt hatte, waren ein j�mmerliches H�ufchen im Vergleich zum Heer der Trolle. Au�erdem war Elodrin eigentlich ein Flottenkommandant. Wahrscheinlich w�rde er versuchen, die Trolle daran zu hindern, den Mika zu �berqueren. Doch selbst wenn ihm das gelang, w�rde er Feylanviek damit nur Zeit bis zum Winter erkaufen, bis der breite Strom zufror. Dann gab es nichts mehr, was ihre Feinde aufhalten w�rde. Selbst wenn der K�nig der Trolle nur ein unerfahrener Knabe war, war es unm�glich, mit einer solchen �bermacht zu verlieren.</p><p>Melvyn spannte sich und blickte �ber die D�cher der dem Untergang geweihten Stadt. Alle hier kannten das Schicksal von Vahan Calyd und auch von Reilimee, zwei St�dten, in denen die Trolle ihren Zorn ausgetobt hatten. Heute waren es nur noch Ruinenfelder. Dabei war Reilimee sogar stark befestigt gewesen.</p><p>Der Halbelf l�chelte. Es war unvern�nftig, hier zu sein, auf dem Balkon, um alles f�r eine aus einer Laune heraus geborene Leidenschaft zu riskieren. Ebenso unvern�nftig, wie hier in einer Stadt zu verweilen, die dem Untergang geweiht war. Der Kampf um Feylanviek war aussichtslos. Aber er hatte immer schon einen Hang dazu gehabt, Unvern�nftiges zu tun. Seit Jahren k�mpfte er mit seiner Schar gegen jene Trolle, die in die W�lder am Fu� der Slanga-Berge eindrangen, um Holz f�r ihre schwarze Flotte zu schlagen. Seit die Trolle dazu �bergegangen waren, in regelrechten Horden in den Wald einzufallen, konnte er ihnen nur noch Nadelstiche versetzen. Aber das war kein Grund aufzugeben! Deshalb war er hier. Und die Tatsache, dass Elodrin ihn und seine M�nner mit Freuden in das B�ndnis aufgenommen hatte, war ein Zeichen daf�r, wie verzweifelt die Lage war. Melvyn wusste sehr wohl, dass die verb�ndeten Elfenf�rsten sie abf�llig eine R�uberbande nannten. Sollten sie nur! Keine ihrer stahlschimmernden Hausgarden hatte den Trollen so viele K�mpfe geliefert wie sein R�uberhaufen. Und allein darauf kam es an, wenn man auf dem Schlachtfeld �berleben wollte.</p><p>Die safrangelben Seidenbahnen in der Schlafzimmert�r lockten Melvyns Blick. Sie bewegten sich in der leichten Brise, die aus den Weiten des Windlands �ber die Stadt zog. Sie winkten ihm zu. Wenn der Tod so nahe war, dann sollte jede freie Stunde der Liebe geh�ren.</p><p>Lautlos trat er zur T�r. Eigentlich h�tte er sich keine M�he geben m�ssen, leise zu sein; das Lied der Wasserr�der am Staubecken �bert�nte jedes Ger�usch. Das fallende Wasser und die hohlen Holzrohre, die von der Bewegung der R�der in Schwingungen versetzt wurden, spielten eine beruhigende Melodie, die selbst in tausendfacher Wiederholung noch dem Ohr schmeichelte. Sie �bert�nte auch die Ger�usche der Schmiede, die in dem gro�en Wehr untergebracht war. Melvyn hatte den Ort einmal besucht. Er war unheimlich. Rauch und Spr�hwasser raubten einem die Sicht. Es herrschte bedr�ckende Enge, denn die Schmiede mochte f�r Kobolde zwar ger�umig sein, doch Elfen mussten dort geduckt gehen. �ber schmale Balkenpfade, gesichert nur mit einem Seil als Handlauf, konnte man �ber die gro�en Schmiedeh�mmer hinwegsteigen, die durch die Kraft des Wassers bewegt wurden. Dort fertigten die Grobschmiede der Kobolde den Feystahl, den die Elfenschmiede zum Silberstahl veredelten.</p><p>Dass die F�rsten von Arkadien so nahe bei einer Koboldschmiede einen Palast unterhielten, war ungew�hnlich. Gew�hnlich mieden die Edlen des Elfenvolkes solchen L�rm. Aber die F�rstenfamilie von Arkadien galt immer schon als sonderbar, und Shandral trieb dieses obskure Verhalten bis auf die Spitze. Nachdem nie gekl�rt werden konnte, was mit seinem Onkel Shahondin geschehen war, der w�hrend der K�mpfe um Vahan Calyd spurlos verschwunden war, traute Shandral keinem anderen Edlen Arkadiens mehr. In seiner Leibwache gab es keinen einzigen Elfen. Sie bestand vollst�ndig aus Kobolden. Er hatte seine Krieger aus dem Volk der Spinnenm�nner rekrutiert. Wer denen �ber den Weg traute, musste schon wahnsinnig sein. Wahrscheinlich hatten ihm die dunklen Zauber, die Alathaia ihn lehrte, den Verstand verdreht. Er war es nicht wert, solch eine h�bsche Frau zu haben. Leylin war hier so fehl am Platze wie eine Rose in einem Distelbeet.</p><p>Melvyn strich die Safranvorh�nge zur Seite und hielt inne. Der zarte Seidenstoff verstr�mte einen bet�renden Duft von Myrrhe und Rosen�l. Drei Lampen tauchten das gro�e Schlafgemach in aquamarinfarbenes Licht. Letzte Kl�mpchen von Holzkohle glommen in einer kupfernen Feuerschale.</p><p>Der Halbelf verharrte; ein Schatten, umspielt von Safran. Das Nachtlager von Shandral und Leylin war nur zwei Schritte entfernt. Sie lagen unter einem blutroten Seidentuch, auf das ein Muster aus goldenen Schlangen gedruckt war. Beide waren nackt. Shandral hatte helle Haut von der Farbe alten Elfenbeins. Sein Leib war drahtig, nicht sonderlich muskul�s. Es war nicht zu �bersehen, dass er kein Krieger war. Das Laken war um seine H�ften geschlungen. Er hatte sich zur Seite gedreht, von Leylin abgewandt.</p><p>Die Elfe lag auf dem R�cken. Ihre Haut hatte einen zarten Alabasterton. Das lange Haar umgab sie wie eine Decke, gewoben aus Finsternis. Die Tusche um ihre Augen war verlaufen, als habe sie geweint.</p><p>Sanft erhoben sich ihre kleinen Br�ste aus der Flut der Haare, gekr�nt von zarten Knospen. Wovon mochte sie wohl tr�umen? Melvyn bemerkte die Verf�rbungen. Ein Muster dunkler, ineinander verlaufender Flecken rahmte ihre linke Brust. Auf der Innenseite ihrer Schenkel sah er �hnliche Flecken. Er ballte die F�uste. Shandral sollte einen Unfall haben!</p><p>Im selben Moment, indem er das dachte, schlug sie die Augen auf. Obwohl sie ihn geradewegs ansah, zuckte sie nicht zusammen. Sie blinzelte. Lange sah sie ihn schweigend an. Shandral reckte sich unruhig.</p><p>�Geh!�, bedeutete sie ihm in Zeichensprache. �Er wird dich t�ten, wenn er erwacht.� Melvyn hob die H�nde, sodass Leylin sie gut sehen konnte. �Ich gehe nur mit dir.�</p><p>�Ein Laut von ihm, und die Wachen kommen. Bitte geh! Er w�rde dich in die Schmiede schaffen lassen ...� Welch einen besonderen Schrecken die Schmiede haben sollte, verstand Melvyn nicht. �Ich f�rchte nicht den Tod. Zwei Tage habe ich dich nun nicht gesehen. Welchen Schrecken hat der Tod, wenn das Leben mein Herz verbrennt?�</p><p>Sie l�chelte traurig. �Ich kenne deinen Ruf.�</p><p>�Aber kennst du deshalb mich?�</p><p>�Was willst du hier?�</p><p>Nun l�chelte er. �Dich holen�, antworteten seine H�nde.</p><p>�Das Haus ist voller Wachen. Du bist verr�ckt! Wir k�men nicht einmal bis zur Treppe.�</p><p>�Ich habe einen Wolkentaucher zum Freund. Und ja, ich bin verr�ckt. Verr�ckt in meiner Liebe zu dir.�</p><p>Ihre Augen schimmerten. �Ich kenne dich. Geh!�</p><p>�Und wenn es L�gen w�ren, die man �ber mich erz�hlt? Man nennt mich auch einen R�uber, und doch bin ich hier, um f�r die Freiheit von Feylanviek zu k�mpfen. Welchen Gewinn h�tte ein R�uber davon?�</p><p>Sie sch�ttelte sanft den Kopf. Zugleich glaubte er ihrer Miene zu entnehmen, dass sie sich w�nschte, die Worte, die seine Finger ins Dunkel zeichneten, seien wahr.</p><p>Shandral bewegte sich unruhig im Schlaf. Er gab einen gurrenden Laut von sich. Ein Wort in einer fremden Sprache? Etwas an diesem Ton war Ekel erregend. Melvyn strich �ber die W�lste seiner breiten Armschienen. Er k�nnte Shandral binnen eines Atemzuges t�ten. Doch als M�rder eines Elfenf�rsten w�re er f�r immer ge�chtet. Emerelles H�scher w�rden ihn finden, das w�re nur eine Frage der Zeit. Shandrals Wunden w�rden verraten, wer ihn get�tet hatte. Nat�rlich k�nnte er den F�rsten auch mit dem Seidenlaken erdrosseln. Doch dann w�rde der Verdacht auf Leylin fallen. Und vielleicht w�rde sie auch gar nicht zusehen, wie er ihren Gatten ermordete, sondern die Wachen rufen. Melvyn kannte den Ruf der Spinnenm�nner. Er w�rde dieses Haus nicht lebend verlassen, wenn sie ihn hier entdeckten.</p><p>�Ich werde deinen Mann bei seinem Namen rufen und ihm sagen, dass ich dich liebe und er dich ziehen lassen soll.�</p><p>Ihre Augen weiteten sich vor Schrecken, und ihre H�nde zitterten, als sie ihm antwortete. �Dann sind wir beide tot. Das ist kein Spa�, R�uberhauptmann.�</p><p>�Ohne dich ist mein Leben ebenso verwirkt.�</p><p>�Das sind nur leere Worte.�</p><p>�Ich sage sie deinem Mann ins Angesicht, auch wenn das mein Tod ist. Ich werde alles tun, um deine Zweifel an mir zu zerstreuen.� Er trat zwischen den Safranschleiern hervor ins Zimmer. �Ich hauche ihm das Gest�ndnis meiner Liebe zu dir ins Ohr.�</p><p>Leylin setzte sich mit einem Ruck auf. �Nein!�, sagte sie laut und erschrak, weil es diesmal nicht ihre Finger waren, die gesprochen hatten.</p><p>Shandral w�lzte sich auf die andere Seite und blinzelte. �Was hast du?�</p><p>�Ein schlechter Traum�, stammelte sie.</p><p>Melvyn stand wie versteinert. Der F�rst sah Leylin an. Noch hatte Shandral ihn nicht bemerkt. Doch die leichteste Bewegung mochte seine Aufmerksamkeit erwecken.</p><p>Die langen, schlanken Finger des F�rsten spielten mit Leylins Haar. Dann zog er mit einem pl�tzlichen Ruck ihren Kopf zu sich hinab und raubte ihr einen Kuss. �Du f�rchtest mich�, fl�sterte er, als sich ihre Lippen wieder trennten.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Deine Furcht stachelt mich an.� Er r�kelte sich. Seine Stimme war noch schwer vom Schlaf. �Ich habe mich in dir ersch�pft. Heb ein wenig von deiner Furcht bis Sonnenaufgang auf. Denk an die Schmiede!� Er zog das Seidenlaken hoch, schloss die Augen und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. �Man kann deine Angst riechen.�</p><p>�Die stickige Luft raubt mir den Atem, Herr. Ich werde ein wenig hinaus auf den Balkon gehen.� Er stie� einen Laut wie Lachen aus. �Glaubst du wirklich, es ist die schw�le Hitze, die dir die Luft abschn�rt?� Leylin entwand ihm ihr langes Haar. Der F�rst l�chelte. Dann schlief er wieder ein.</p><p>Melvyn starrte ihn voller Hass an. Er hatte schon viel gesehen in seinem Leben ... Aber das hier. Dieser parf�mierte Kerl sollte an seinem eigenen Blut ersticken! Lautlos glitten die langen, st�hlernen Krallen aus seinen Armschienen. Shandral w�rde aussehen, als habe ein Schneel�we mit ihm gespielt, wenn er fertig mit ihm war.</p><p>�Lass ihn!�, befahlen Leylins H�nde. Sie ging so dicht an ihm vorbei, dass ihn ihr langes Haar ber�hrte.</p><p>Melvyn blickte noch einmal zu Shandral. Der F�rst regte sich nicht. Lautlos folgte der Halbelf Leylin.</p><p>Sie legte einen Finger auf ihre schmalen Lippen. �Kein Wort!�, befahlen ihre H�nde. �Unsere Stimmen w�rden ihn wecken.�</p><p>Sie drehte sich um und deutete auf die beiden seltsamen Gestelle, die auf der Br�stung standen. �Was ist das?�</p><p>Melvyn l�chelte. �Ich werde es dir bald zeigen. Es ist ein Geschenk, auch wenn es etwas unansehnlich aussieht. Ich bin kein guter Zimmermann. Die Himmelssteige sind sehr stabil, aber ich wei�, sie sind nicht gerade h�bsch geraten.� Melvyn musterte die beiden Gestelle versonnen. An den schlanken, senkrechten Stangen war jeweils ein breiter Lederg�rtel befestigt.</p><p>Leylin betrachtete die beiden Gestelle neugierig und strich mit der Hand �ber das glatte Holz. Sie war nackt. Ihr langes schwarzes Haar umgab sie wie ein Schleier.</p><p>Der Anblick der F�rstin erregte Melvyn, und zugleich sch�mte er sich. Scham war ein Gef�hl, das ihn nur sehr selten behelligte. Aber sie zu erpressen, hier herauszukommen, war falsch. Sie w�re ihm ausgeliefert, wie sie ihrem Mann ausgeliefert war. Eigentlich hatte Melvyn nur ein Abenteuer gesucht. Er sollte sich nicht von solchen Gef�hlen wie Scham leiten lassen. Alles war so gekommen, wie er es sich gew�nscht hatte. Nur dass Leylin so schutzlos war ...</p><p>�Soll ich dir das Kleid holen, das �ber dem Stuhl hing?�, fragten seine H�nde, als die Elfe sich von den beiden Gestellen abwandte und ihn musterte.</p><p>�Was habe ich noch zu verbergen, das du nicht schon gesehen h�ttest, w�hrend ich noch schlief?�</p><p>�Deine Seele�, entgegneten seine flinken Finger leichthin.</p><p>�Tu das nicht!� Leylin standen Tr�nen in den Augen. �Ich wei�, dass du mich begehrst. Doch es ist keine Liebe, die du f�r mich empfindest. Ich habe meine Sehnsucht danach, geliebt zu werden, vor langer Zeit in meinem Herzen begraben. Wecke sie nicht, wenn du sie nicht erf�llen kannst. Mein Gl�ck habe ich nicht gefunden. Lass mir wenigstens meinen Frieden mit mir.�</p><p>Melvyn schluckte. Er f�hlte sich schmutzig. Vor ihm stand eine wundersch�ne Elfe, die er so sehr begehrte, dass er sein Leben riskierte, um eine Nacht mit ihr zu verbringen. Und nun, da die Erf�llung seiner W�nsche zum Greifen nahe war, f�hlte er sich nur noch elend. Was war er nur f�r ein erb�rmlicher Wicht! Leylin war ein Opfer. Und so, wie sie sich ihm f�gte, hatte sie ihren Stolz schon lange aufgegeben und sich damit abgefunden, gedem�tigt zu werden. Das Feuer seines Verlangens war erloschen. Er wollte sie nicht nehmen. Er konnte es nicht mehr. Stattdessen wollte er ihr etwas schenken. Einen gl�cklichen Augenblick ... Vielleicht auch nur ein Lachen, das von Herzen kam.</p><p>�Man erz�hlt sehr viele Geschichten �ber mich.� Seine H�nde bewegten sich jetzt unsicher. Er schaffte es, in der Zeichensprache zu stammeln wie ein frisch verliebter J�ngling. �Ich bin unter W�lfen aufgewachsen. Meine Mutter war oft fort. Vor allem, seit ich alt genug war, alleine zu jagen. Meinen Vater habe ich nie zu Gesicht bekommen. Er ist ein K�nig in der Welt der Menschen. Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist der Hass auf die Trolle.�</p><p>�Du warst sicher oft einsam.�</p><p>�Nein, W�lfe sorgen gut f�r ihre Welpen. Erst als ich so alt war, dass ich mir einen Platz im Rudel erk�mpfen musste, wurde es schwer. Meine Z�hne taugen nicht dazu, mich mit W�lfen anzulegen. Lange Zeit war ich der Letzte aus unserem Rudel, der fressen durfte, wenn wir ein Wild gestellt hatten. Erst als wir durch Gl�ck ein Riesenfaultier erlegten, �nderte sich das. Ich habe ihm seine Krallen aus dem Fleisch gebrochen und zu meinen Krallen gemacht. Und meine Krallen siegten �ber die Z�hne des Rudels. Von da an war ich der Erste, der fra�.�</p><p>Diese Geschichte hatte Melvyn noch keiner Frau erz�hlt, die er begehrte. Die Hofdamen machten sich verr�ckte, romantische Illusionen dar�ber, wie es wohl gewesen sein mochte, unter W�lfen aufzuwachsen. Sie konnten sich nicht vorstellen, was es hie�, im Winter auf dem kalten Fels eines H�hlenbodens nackt zwischen W�lfen zu liegen und sich fast zu Tode zu frieren, obwohl das Rudel versuchte, einen zu w�rmen. Und sie wussten nicht, wie k�stlich das blutige, warme Fleisch eines jungen Rentierkalbs schmeckte, wenn man seit drei Tagen nichts mehr gegessen hatte. Den Hofdamen erz�hlte er den romantischen Unsinn, den sie h�ren wollten. Aber Leylin mochte er nicht bel�gen. Sie stand nackt vor ihm. Ausgeliefert. Und er hatte das Gef�hl, dass auch er sich ihr ausliefern sollte, und sei es nur, indem er ihr sagte, was er sonst niemandem �ber sich verriet.</p><p>�Als ich ein kleiner Junge war, habe ich mir im Sommer oft einen warmen Felsen gesucht, mich wie eine Echse darauf gelegt und in den Himmel gestarrt. Ich habe den Wolken zugesehen und den Adlern, die weit �ber mir ihre einsamen Runden zogen. Und ich habe mir gew�nscht, dort oben zu sein, nahe der w�rmenden Sonne. Frei �ber allem dahinzufliegen. Keine F�hrte zu hinterlassen, wenn ich fl�chte. Ganze Tage habe ich so verbracht.�</p><p>Leylin sah ihn unverwandt an. �Ich kenne diese Sehnsucht�, sagten ihre H�nde.</p><p>�Hast du den Mut, dich deiner Sehnsucht hinzugeben?� Sie runzelte leicht die Stirn.</p><p>�Versteh mich nicht falsch. Ich werde dir nicht zu nahe treten.� Er deutete auf die Br�stung des Balkons. �Wagst du es, dort hinaufzusteigen?�</p><p>Leylin sah ihn forschend an. Dann kletterte sie auf die niedrige Mauer. Obwohl sie fast eine Elle breit war, streckte sie seitlich die Arme aus, um das Gleichgewicht zu halten.</p><p>Melvyn folgte ihr. Der Wolfself nickte in Richtung des Hofs. Er war mit hellen Steinen gepflastert und lag mehr als sieben Schritt tiefer. �Bekommst du Angst, wenn du dort hinabblickst?�</p><p>Ein trotziges L�cheln war ihre einzige Antwort.</p><p>Melvyn beobachtete sie aufmerksam. Er musste wissen, ob sie H�henangst hatte. Davon hing ab, ob er ihr einen Traum oder einen Albtraum schenkte. Leylin sah zum Hof hinab. Sie hielt die Arme jetzt nicht mehr abgestreckt. Ganz langsam beugte sie sich vor, als wolle sie etwas dort unten genauer betrachten.</p><p>Melvyn zog sie zur�ck. Sie zu ber�hren, bereitete ihm ein seltsames, unbekanntes Gef�hl. Es war ein Ziehen und zugleich eine wohlige W�rme tief in seinem Bauch.</p><p>�Der Hof ... Er hat mich angezogen�, signalisierte sie mit flatternden H�nden.</p><p>Melvyn hatte ihr einen Arm um die schlanken H�ften gelegt.</p><p>�Komm�, fl�sterte er ihr zu, und sie folgte ihm, ohne Fragen zu stellen.</p><p>Er brachte sie zu dem vorderen der beiden Himmelssteige. Mit dem R�cken stellte er sie gegen die aufrechte Stange. Dann schlang er ihr den breiten Lederg�rtel um die Taille. Er war ihr so nah, dass er ihren Atem auf seinem Gesicht sp�rte. Der schwere Duft ihrer Haare machte ihn benommen. Jetzt konnte er im tr�gerischen Silberlicht des Mondes sogar die Farbe ihrer Augen erkennen. Sie waren von einem warmen, dunklen Braun. Keine Angst spiegelte sich in ihnen. Sie waren erloschen. Er konnte gar kein Gef�hl in ihnen erkennen. Leylin lie� ihn einfach gew�hren. Es war ihr gleichg�ltig, was mit ihr geschah.</p><p>Als Melvyn das begriff, packte ihn eine unb�ndige Wut auf den Mann, der den Glanz ihrer Augen hatte verl�schen lassen. Er schwor sich, dass er Shandral t�ten w�rde. Langsam, so wie eine Katze ein Maus t�tete, mit der sie spielte.</p><p>�Du bist doch nur noch einen Schritt weit vom Himmel entfernt�, sprachen seine H�nde. Melvyn sah den Schatten weit �ber ihnen. Er stie� fast senkrecht hinab und breitete erst im letzten Augenblick die Fl�gel aus, um seinen Sturz zu bremsen. Die �u�ersten Spitzen der Schwungfedern fegten �ber die Br�stung des Balkons, als die kr�ftigen F�nge nach dem Rundhaken griffen. Mit einem Ruck wurde der Himmelssteig von der Mauerkante gezogen. Ohne M�he gewann Wolkentaucher wieder an H�he. Er war stark genug, um einen jungen B�ffel zu tragen, wenn er wollte. Die Schwarzr�ckenadler vom Albenhaupt waren riesige V�gel. Ihre Fl�gel spannten sich �ber mehr als zehn Schritt. Aber selbst unter diesen gro�en V�geln stach Wolkentaucher noch hervor. Er war ein F�rst unter den Adlern. Nur Goldbrust �bertraf ihn noch an Gr��e.</p><p>Melvyn stieg auf den zweiten Himmelssteig. Er verzichtete darauf, sich mit dem G�rtel festzuschnallen. Durch die Luft zu gleiten, war ihm fast so vertraut geworden, wie auf eigenen Beinen zu stehen. Nur einen Augenblick, nachdem er auf das Ger�st gestiegen war, holte ihn Eisfeder, Wolkentauchers Nestgef�hrtin.</p><p>Der Halbelf genoss es, langsam in k�hlere H�hen zu gleiten. Die H�userd�cher schrumpften zu eckigen Schmucksteinen, eingefasst in die Silberb�nder der Kan�le, die dem Mika entgegenstrebten. Der gro�e Strom war hier fast schon eine Meile breit. Er war Feylanvieks Schutzwall, bis der Winter kam, denn die Trolle f�rchteten tiefe Wasser.</p><p>Ein St�ck voraus sah Melvyn Wolkentaucher fliegen. Leylins Haar flatterte wie eine schwarze Fahne im Wind. Sie klammerte sich eng an die Stange des Himmelssteigs. Hoffentlich hatte sie keine Angst!</p><p>Eisfeder schloss nun schnell zu ihrem Nestgef�hrten auf. Bald flogen sie Schwinge an Schwinge.</p><p>Melvyn lie� seinen Geist mit den Adlern fliegen. M�helos tauschte er seine Gedanken mit den gro�en V�geln. Es waren stumme Zwiegespr�che, bei denen sie einander nicht einmal in die Augen blicken mussten. Die beiden Adler tadelten ihn f�r seinen Raubzug. Das �rgerte ihn, aber er war nicht in der Stimmung, mit ihnen zu streiten.</p><p>Der Halbelf drehte sein Gesicht zur Seite. Wenn die Adler hoch und schnell flogen, dann raubte ihm der Wind den Atem, sodass er sich abwenden musste. In Gedanken bat er Eisfeder um das verabredete Man�ver. Eigentlich hatte er damit ganz andere Absichten gehabt, aber vielleicht w�rde es Leylin aus ihrer Starre aufr�tteln.</p><p>Das Adlerweibchen schwenkte leicht zur Seite und gewann dann mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen an H�he. Mit einem weiteren Schwenker brachte sie sich in eine Position schr�g vor Wolkentaucher. Sie flog jetzt etwa zehn Schritt h�her als ihr Nestgef�hrte.</p><p>Melvyn setzte sich auf die Querstange des Himmelssteigs, dann lie� er sich nach hinten kippen, sodass er nur mit der Kniebeuge eingehakt an der Stange hing. Er liebte es, wenn der Himmel ihm zu F��en lag und die Erde unter seinem Kopf hinweg glitt. Sein Herz trommelte wild vor Freude in seiner Brust. Leylin hielt sich noch immer dicht an die Stange geklammert. Wolkentauchers Schatten fiel auf sie, sodass er nicht in den Z�gen ihres Gesichts lesen konnte. Das w�rde sich gleich �ndern! Er streckte die Beine durch, glitt von der Stange und fiel r�cklings in die Tiefe.</p><p>Der Wind riss Leylins Schrei von ihren Lippen und zerrte an Melvyns Kleidern. Mit ausgestreckten Armen schoss er dem Himmelssteig der F�rstin entgegen. Er bekam die Querstange zu packen. Es gab einen Ruck, als wolle ein Riese ihm die Arme ausrei�en. Melvyn lenkte einen Teil der Kraft in einen Aufw�rtsschwung um und brachte sich in eine sitzende Position. Jetzt hockte er zu Leylins F��en.</p><p>Sie sagte etwas, doch der Wind und das Ger�usch der schlagenden Fl�gel verschlangen ihre Worte. Dann sprachen ihre Finger, undeutlich und stammelnd, denn sie wagte kaum ihren Griff zu l�sen. �Warum tust du das? Ich habe mich fast zu Tode erschrocken, als ich dich st�rzen sah.�</p><p>�Damit du wei�t, dass du noch lebst�, antworteten seine H�nde. �Vielleicht auch, um dich zu beeindrucken. M�nner machen so etwas manchmal, wenn sie einer Frau gefallen wollen.�</p><p>Sie sah ihn fassungslos an. Dann griff sie pl�tzlich in sein Haar und presste seinen Kopf fest gegen ihre Schenkel. Ihr Scho� duftete nach Moschus und den von zartem Pelz �berzogenen Knospen der Nachtweiden. Auch nahm er den Geruch Shandrals wahr. Melvyn sp�rte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Er wagte es, ihre Lippen zu k�ssen. Einen Herzschlag lang bog sie sich ihm entgegen, und er schmeckte den salzigen Tau der Sehnsucht.</p><p>Pl�tzlich bog Leylin seinen Kopf zur�ck. Traurig blickte sie auf ihn hinab. Er stemmte sich hoch. �Ich verzehre mich nach dir. Du darfst nicht zur�ckkehren.� Er hatte viel zu leise gesprochen. Der fauchende Wind verschlang seine Worte. Doch es war nicht n�tig, dass Leylin ihn verstand. Sie konnte seine Gef�hle in seinen Augen lesen. �Ich m�chte f�r dich die Welt auf den Kopf stellen, meine F�rstin�, sprachen seine H�nde.</p><p>Sie sah ihn lange an, bevor sie antwortete. �Das muss ich aus eigener Kraft schaffen, wenn ich leben will.� Sie �ffnete den G�rtel, der sie an die Stange fesselte. Ein schelmisches L�cheln schlich sich auf ihre Lippen. Sie legte ihm die Arme um den Nacken, als wolle sie ihn k�ssen. Dann schlang sie ihre Beine um seine Taille. Er sp�rte ihren warmen Scho� durch sein d�nnes Rehlederhemd. Melvyn wollte sie k�ssen, doch sie bog sich zur�ck wie eine Schlangent�nzerin. Wild wirbelte ihr Haar im Wind. Immer weiter lie� sie sich zur�cksinken, bis sie schlie�lich mit den H�nden nach seinen Kn�cheln greifen konnte.</p><p>Leylin machte ihm Angst. Das war kein Spiel! Seine H�nde fanden auf ihrem glatten Leib keinen Halt. Ein Fehler, und sie w�rde in die Tiefe st�rzen!</p><p>Endlich b�umte sie sich auf. Ihre Arme schlangen sich wieder um seinen Nacken, und sie beide tauchten in den Schleier ihres Haars. Sanft k�sste sie seine Stirn. Dann beugte sie sich weiter vor und fl�sterte in sein Ohr. �Hast du es gesehen? Auch ich vermag die Welt auf den Kopf zu stellen. Bring mich zur�ck in Shandrals Palast.�</p><p>Er wollte ihr widersprechen. Wollte sie nicht ziehen lassen, doch Leylin k�sste ihn noch einmal. �Wenn ich ihm fortlaufe, wird er sich an meiner Familie r�chen. Du hast mich in den Himmel getragen und mir ein Geschenk gemacht, das mir niemand je wird nehmen k�nnen. Nun mach mir ein zweites Geschenk und bring mich zur�ck. Ganz gleich, was mit mir geschehen mag, mein Herz hat seinen Platz gefunden. Es wird bei dir sein, wohin dich deine Adler auch tragen.�</p><p>Melvyn hielt sie eng umschlungen. Dann gab er Wolkentaucher den Befehl umzukehren. Viel zu schnell schimmerten die Kan�le Feylanvieks wieder unter ihren F��en. Diesmal sank der Adler in weiten Kreisen dem Palast entgegen. Wolkentaucher setzte die Himmelsstiege wieder auf der Br�stung ab. Leichtf��ig sprang Leylin auf den Balkon hinab. �Du bist anders als die Geschichten, die man sich �ber dich erz�hlt�, sagten ihre H�nde. Sie legte die Rechte auf ihr Herz und verneigte sich. �Gib auf dich Acht, mein R�uberhauptmann. Doch versuche nicht wiederzukommen. Es w�re unser beider Ungl�ck. Du besitzt mehr von mir, als Shandral je geh�ren wird, auch wenn mein Leib nun zu ihm zur�ckkehrt. Ich wei�, was du dir holen wolltest. Du hast etwas anderes bekommen. H�te es wohl, denn es lebt nur bei dir.�</p><p>Sie wandte sich um und war im n�chsten Augenblick zwischen den safranfarbenen Schleiern der T�r verschwunden. Ohne dass er ihm den Befehl gegeben h�tte, stie� Wolkentaucher hinab und packte den Himmelssteig. Er trug ihn dem Mond entgegen, doch Melvyn hatte nur Augen f�r die Safranschleier. Sie schrumpften und waren bald nur noch ein winziger heller Fleck, wie das Licht einer fernen Laterne. Dann verschwanden sie ganz, und im gleichen Augenblick kam die Angst. Was w�rde geschehen, wenn Shandral aus seinem Schlaf erwacht war und Leylin nicht auf dem Balkon gefunden hatte?</p><p>Er h�tte sie nicht zur�ckgehen lassen d�rfen. Es war ihr Wille gewesen, aber er w�rde wiederkehren. Leylin war mehr als nur ein Abenteuer. Er hatte sich verliebt.</p></section><section><title><p>Das blaue Kleid</p></title><p>Kadlin stieg �ber eine Pf�tze hinweg, die in allen Regenbogenfarben schillerte. Kalf hatte Recht gehabt. Es stank zum Erbarmen in der Stadt. Durch die Mitte der Gasse, der sie folgte, zog sich eine offene Jaucherinne. So war es hier �berall. Die ganze Stadt sch�ttete ihren Dreck in die Abwasserrinnen, die zu wenig Gef�lle hatten, um vern�nftig abzuflie�en. Entlang der H�user waren Wege aus Holzkn�ppeln gelegt. Hier und da f�hrte ein dickes Brett �ber die Jaucherinnen. Und �berall wurde gebaut. F�nfzehn Jahre war es her, dass die Trolle Firnstayn niedergebrannt hatten, doch die Bauarbeiten wollten noch immer kein Ende nehmen. Im Norden war die Stadt �ber ihren sch�tzenden Wall hinausgewuchert. Innerhalb der Palisade hatte Kadlin, abgesehen vom Marktplatz, kein einziges unbebautes St�ck Land gesehen. Immer mehr Menschen zog es hierher, dabei lag die gef�hrliche Grenze zu den Trollen nicht einmal hundert Meilen entfernt.</p><p>Und �berall waren Krieger. Jeder zweite Mann, den man auf der Stra�e sah, trug Waffen. Unabl�ssig hallte das rhythmische H�mmern der Schmiede �ber dem L�rm der H�ndler, die lauthals ihre Waren anpriesen.</p><p>Es war unm�glich gewesen, in der Stadt eine Herberge zu finden. Hunderte waren gekommen, um den Kampfspielen beizuwohnen, die abgehalten werden sollten, bevor das Heer nach Norden zur Trollgrenze zog. Schon am sp�ten Nachmittag w�rden die ersten Vorauswahlen zum Wettschie�en der Bogensch�tzen abgehalten. Kadlin betrachtete ihre bandagierte Linke und fluchte. Es war d�mlich gewesen, so fest zuzuschlagen. Kalf hatte ihr Moos auf die Sch�rfwunden an ihren Kn�cheln gelegt und einen strammen Verband um die Hand gewickelt. Wenn sie versuchte, die Finger zu kr�mmen, peinigte sie stechender Schmerz. Sie w�rde kaum den Bogen halten, geschweige denn vern�nftig schie�en k�nnen. Vermutlich w�rde sie schon in der Vorausscheidung scheitern! Und alles nur, weil sie diesem eingebildeten Mistkerl �ber den Weg gelaufen war. Wenn sie nur an ihn dachte, bekam sie nicht �bel Lust, ihm auch noch einen rechten Haken zu verpassen.</p><p>Sie hatte sich schon einige der Stoffl�den angesehen, war aber ein wenig verzagt bei der Auswahl. Es gab einfach zu viel zu kaufen. Mutter h�tte sicher ihre helle Freude daran gehabt, sich die L�den anzusehen. Wenn nur das Fieber nicht gewesen w�re! Es hatte mit einem Husten angefangen, und lange hatte sie dar�ber nur gespottet. Und als das erste Blut mit dem Husten gekommen war, da hatte sie es vor ihnen verborgen. Asla hatte Kadlin das in den langen Stunden gebeichtet, die das M�dchen an ihrem Bett gewacht hatte.</p><p>Kadlin erinnerte sich daran, als sei es erst gestern gewesen. Kalf war Tag und Nacht unterwegs gewesen. St�ndig war frisches Fleisch im Haus gewesen, und die beiden Schwestern hatten kr�ftige Br�he daraus gekocht, doch all das hatte nichts mehr genutzt. Ein Fieber hatte sich tief in die Knochen ihrer Mutter gesenkt, und der Bluthusten hatte sie selbst in ihrer letzten Stunde noch gesch�ttelt. Ihre Mutter war sehr stark gewesen. Einen ganzen Winter lang hatte sie gegen die Krankheit angek�mpft. Immer wieder hatte sie gesagt, dass sie nur aushalten m�sse, bis die ersten Blumen durch den weichenden Schnee brachen. Zuletzt hatte sie von fast nichts anderem mehr gesprochen. Immer wieder hatte sie Kadlin hinausgeschickt, um nach Schneesternen zu suchen. Die kleinen Blumen mit ihren sternf�rmigen Bl�ten konnten selbst im Schnee gedeihen. Aber in jenem Jahr war der Fr�hling sehr sp�t gekommen. Wie zum Hohn waren die ersten Schneesterne keine f�nf Schritt vom Grab ihrer Mutter erbl�ht, drei Tage, nachdem sie Asla begraben hatten. Im Sommer des Ungl�cksjahres hatte Silwyna ihren Fischer geheiratet. Seitdem war es einsam geworden in dem Tal mit seinem gro�en See ...</p><p>W�tend blickte Kadlin auf ihre bandagierte Hand. Sie musste es schaffen, bei den J�gern des K�nigs aufgenommen zu werden, um sich dort in Ruhe nach einem Mann umsehen zu k�nnen. Und wenn sie den verdammten Bogen an ihrer Hand festbinden musste, um damit zu schie�en!</p><p>In ihre d�steren Gedanken versunken, war sie bis ans Ende der Gasse gelangt. Hier gab es einen Laden, der ganze B�ndel von Kleidern in offenen Truhen anbot. Wahrscheinlich Pl�ndergut, dachte Kadlin. Sie sah sich einige der Kleidungsst�cke an. An einem dottergelben Hemd fand sie eingetrocknete Blutflecken. Wem es wohl einst geh�rt haben mochte? Ein Kleid zu kaufen, war nicht �blich. Keine Frau, die etwas auf sich hielt, tat das. Wie gro� waren auch die Aussichten, etwas zu finden, das genau passte? Besser war es, Stoff zu kaufen und selbst zu n�hen. Doch darin war Kadlin nie sonderlich geschickt gewesen. Schmunzelnd erinnerte sie sich, wie ihre kleine Schwester einmal zwei Monde lang an einer Schmuckborte gen�ht hatte. F�r solchen Unsinn hatte sie selbst keine Geduld.</p><p>Nachdenklich betrachtete sie ein herbstrotes Kleid. Wahrscheinlich w�rde sich die Farbe mit ihrem roten Haar bei�en.</p><p>�Kann ich dir helfen?� Ein zierlich gebauter blonder Mann war aus den dunklen Tiefen des Ladens aufgetaucht.</p><p>�Ich suche ein Kleid, wie man es auf Festen tragen w�rde.�</p><p>Der H�ndler strich sich mit der Hand �ber das Kinn und musterte sie wie eine Kuh auf dem Viehmarkt. �Was darf es denn kosten?�, fragte er endlich vorsichtig.</p><p>Kadlin kannte sich mit M�nzen nicht gut aus. Sie hatte bisher alles, was sie brauchte, gegen Felle eingetauscht. Jetzt w�re sie froh, wenn Kalf bei ihr w�re. Er kannte sich in solchen Dingen aus. Auf der anderen Seite war es zu peinlich, ihren Vater in irgendwelche Stoffl�den zu schleppen. Au�erdem war es ganz gut, wenn er nicht immer in der N�he war. So k�nnte sie sich ein wenig nach M�nnern umsehen.</p><p>Es gab eine ganz andere M�glichkeit, dieses l�stige Problem aus der Welt zu schaffen. �Bj�rn Lambison, der Sohn des Herzogs, steht in meiner Schuld. Er wird mir das Kleid schenken. Die Kosten sind seine Sache.�</p><p>Ein strahlendes L�cheln erhellte die Z�ge des H�ndlers. �Du solltest nicht hier suchen, meine Sch�ne. Das ist billige Ware f�r Waschweiber. Hier gibt es nichts, was deiner Sch�nheit angemessen w�re. In meinem Laden habe ich etwas, das passender ist. Du solltest Gr�n tragen. Oder Blau. Ja, Blau w�rde dir gut stehen.�</p><p>Er brachte ein Kleid und dr�ckte es ihr in die H�nde. Es war federleicht, obwohl es lang genug war, um ihr fast bis zu den Kn�cheln zu reichen. Und es f�hlte sich wunderbar weich an, besser noch als das Fell von Katzenjungen. Ehrf�rchtig strich sie �ber den Stoff. Er war in einem sch�nen, tiefen Blau gef�rbt. An Hals und �rmeln des Kleides gab es Schmuckborten. Mit dottergelbem Garn waren Falken aufgestickt, die mit angelegten Fl�geln aus dem Himmel st�rzten. Die J�gerin schnupperte an dem Kleid. Ganz schwach haftete ihm noch ein schwerer, sinnlicher Duft an.</p><p>�Dieses Kleid ist wie f�r dich gemacht. Du solltest es anlegen. Wie eine K�nigin wirst du darin aussehen.�</p><p>Kadlin runzelte die Stirn. Glaubte der Kerl tats�chlich, sie w�rde sich jetzt vor ihm ausziehen? Als habe er ihre Gedanken gelesen, deutete er auf einen dunklen Winkel, vor den ein schmutzig grauer Vorhang aufgespannt war. �Dort kannst du dich ungest�rt umkleiden.�</p><p>Die J�gerin war sich unsicher. �Wie viel kostet so ein Kleid?�</p><p>�Es wird den Sohn unseres Herzogs gewiss nicht zu einem armen Mann machen�, entgegnete der H�ndler ausweichend.</p><p>�Der Stoff wird angeblich tief im S�den hergestellt. Es hei�t, Kinder weben ihn aus den F�den von Spinnen. Ich halte diese Geschichte f�r Unsinn, aber etwas Besseres bekommt man nicht zu h�ren, wenn man nach dem Ursprung solcher Kleider fragt. Die Weiber dort scheinen klein und zierlich zu sein. Ich sch�tze, dir w�rde das Kleid sehr gut stehen. Du hast die Statur einer Elfe. Die Geliebte des K�nigs kommt manchmal hierher. Ich wei�, wovon ich rede.� Der Gedanke, sich im Haus eines Fremden zu entkleiden, hatte etwas Erregendes f�r Kadlin. So etwas hatte sie noch nie zuvor getan. Sie sp�hte in die dunkle Ecke mit dem grauen Vorhang. Warum nicht? Der Vorhang stank nach altem Schwei�. Er trennte in schr�gem Winkel die hinterste Ecke des Ladens ab. Hier war es noch dunkler. Einzig durch ein Astloch an der R�ckwand stach eine Lanze aus Licht. Kadlin presste die Wange an die Holzwand. Durch das Loch konnte man auf einen Hinterhof blicken. Sie l�chelte. Ob der H�ndler neben Kleidern wohl auch Blicke auf seine Kundinnen feilbot? Sie zog den schweren Jagddolch aus ihrem G�rtel und dr�ckte die breite Klinge langsam durch das Astloch. Sie stand nicht zum Verkauf! Hastig zog sie sich aus. Dann nahm sie das blaue Kleid. Pl�tzlich hatte sie Angst, sie k�nne es schon mit einer einzigen unbedachten Bewegung zerrei�en. Ein Kleid, aus Spinnenf�den gewoben ... Luth-Priesterinnen sollten so etwas tragen. Spinnen waren Dienerinnen des Schicksalsgottes. Es w�re passend, wenn die Priesterinnen des Schicksalswebers in solche Gew�nder gekleidet w�ren.</p><p>Vorsichtig zog die J�gerin das Kleid �ber den Kopf. Zart wie Bl�tenbl�tter streichelte es ihre Haut. Ein wohliger Schauer �berlief sie, als der Stoff an ihr hinabglitt. Er weckte die Sehnsucht nach tastenden H�nden, nach hei�em Atem und Lippen, die ihre Br�ste liebkosten. Was ihr Fischer wohl machte? Dachte er manchmal noch an sie? Sie hatte sich oft der Erinnerung an ihre gemeinsamen Stunden hingegeben.</p><p>Kadlin straffte sich. Ihre H�nde strichen den Stoff glatt. So leicht war das Kleid, dass sie das Gef�hl hatte, noch immer nackt zu sein. Der H�ndler hatte ein gutes Augenma�. So weit sie es beurteilen konnte, passte ihr das Kleid. Vielleicht war es ein wenig zu kurz. Sie hatte sich versch�tzt, als sie es an ihren Leib gehalten hatte. Es reichte nicht bis zu ihren Kn�cheln, sondern nur bis dicht unter das Knie. An den Seiten war es geschlitzt. Man w�rde bequem darin gehen k�nnen.</p><p>Im Laden h�rte sie ged�mpfte Stimmen. Sie war neugierig zu sehen, wie sie in dem Kleid auf M�nner wirkte. Kadlin strich ihr Haar glatt, dann zog sie den Vorhang zur�ck. Bj�rn stand im Eingang und sprach mit dem H�ndler. Bei ihrem Erscheinen verstummte er abrupt und starrte sie an. Sein Mund stand offen. Er glotzte wie ein junges Kalb. Auch der H�ndler sah sie an. Er blickte nicht in ihr Gesicht, sondern ein wenig tiefer.</p><p>Kadlin sah an sich herab. Deutlich zeichneten sich durch den d�nnen Stoff die Knospen ihrer Br�ste ab. Das Blut schoss ihr in den Kopf. Ihre Wangen gl�hten, und ihr Mund war mit einem Mal staubtrocken. Eigentlich hatte sie Bj�rn mit einem frechen Spruch empfangen wollen, doch alle Worte verdorrten in ihrer Kehle, bevor sie �ber ihre Lippen gelangen konnten.</p><p>�Wunderbar!�, beendete der H�ndler die Stille. �Vollkommen! Kein anderes Weib sollte dieses Kleid auch nur ber�hren d�rfen. Ein solches Wunder lassen mich die G�tter vielleicht einmal in sieben Jahren schauen. Es ist, als h�tten die Himmlischen selbst das Kleid f�r dich geschaffen. Und nur f�r dich! Was denkst du, Bj�rn? Als ich dein Weib zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich an eine Wildkatze. Aber jetzt! Sieh sie dir nur an! Ich glaube, dass nicht einmal die K�nigin der Elfen so sch�n ist.�</p><p>Der Herzogssohn strich sich �ber das verschorfte Kinn. �Ja, eine Wildkatze. Du sagst es ...� Kadlin verschr�nkte ein wenig steif die Arme vor der Brust, sodass man ihre Erregung nicht mehr sehen konnte. In ihr bek�mpften einander widerstreitende Gef�hle. Das Kleid zu tragen, gab ihr ein prickelndes, sinnliches Gef�hl. Es war ein wenig wie jenes Gef�hl, das sie den letzten Sommer �ber beherrscht hatte, wenn sie mit ihrem Fischer in die Klippen oder eine dunkle Bootsh�tte geschlichen war, um dort ihre Leiber ineinander versinken zu lassen. Eine aufstachelnde Vorfreude, fast so sch�n wie der Tanz der Leiber. Doch zugleich f�hlte Kadlin sich nackt in dem Kleid. Anders als ihre Lederkleider �bte es Verrat an ihr, denn es lie� jeden, der sie ansah, ihre Erregung erblicken. Es verh�llte ihre Gef�hle nicht, nein, es gab sie preis, lautstark wie ein Marktschreier, der eine Zuchtkuh anpries.</p><p>�Bei den G�ttern�, murmelte Bj�rn mit kr�chzender Stimme.</p><p>�Das ist ...� Er hob hilflos die Arme. �Als sei ein Schmetterling aus seinem Kokon geschl�pft.�</p><p>�Bring mir einen Streifen feines Leinen�, sagte Kadlin, wandte sich halb ab und wurde sich im gleichen Augenblick bewusst, dass man bei der Bewegung durch den seitlichen Schlitz im Kleid ihre Schenkel sehen konnte.</p><p>�Gewiss, meine Sch�ne. Sofort.� Der H�ndler erwachte aus seiner lauernden Starre und w�hlte in einer Kiste.</p><p>Kadlin zog sich in die sch�tzende Ecke hinter dem grauen Vorhang zur�ck. Sie wollte dieses Kleid, aber sie musste es b�ndigen!</p><p>�Ist das hier das Richtige?� Der H�ndler warf einen langen Schal �ber den Vorhang. Er war von gelblichem, fein gewobenem Leinen. Vielleicht w�rde es gehen?</p><p>Die J�gerin streifte das Kleid ab und schl�pfte in ihre enge Hirschlederhose. Dann zog sie die wadenlangen, abgetragenen Stiefel an. Sie waren bequem, aber verglichen mit dem wunderbaren Kleid kamen ihr nun all ihre anderen Besitzt�mer sch�big vor.</p><p>Leise feilschten der H�ndler und Bj�rn miteinander. Erst glaubte Kadlin, sie habe nicht recht geh�rt, doch dann beharrte der Kr�mer wieder und wieder auf seiner v�llig �bertriebenen Forderung. Selbst drei Winter w�rden nicht gen�gen, um ausreichend Pelze zu erjagen und die Forderung des H�ndlers zu erf�llen. Ein solches Geschenk konnte sie nicht annehmen!</p><p>Der pulsierende Schmerz in ihrer Linken bohrte sich in ihre Gedanken. Es war die Hand, mit der sie den Bogen hielt. Sie w�rde sich im Wettkampf der Bogensch�tzen weit unter Wert verkaufen. Und alles nur, weil Bj�rn sie gereizt hatte. Vielleicht w�rde sie nicht einmal unter die J�ger des K�nigs aufgenommen werden?</p><p>Kadlin fluchte leise. Sie brauchte dieses Kleid! Sie hatte sich fest vorgenommen, bis zum Winter einen Mann zu finden, der zu ihr passte. Sie wurde alt! Das Leben in der Wildnis w�rde bald schon Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.</p><p>Sie strich �ber den zarten blauen Stoff des Kleides. Es w�rde die M�nner anlocken, wie ein Topf Honig die Fliegen lockte. Wenn sie es besa�, w�re sie nicht mehr darauf angewiesen, unter den J�gern des K�nigs aufgenommen zu werden.</p><p>Sie nahm den Leinenschal und wickelte ihn sich straff um ihre Br�ste. Nun w�rde niemand mehr die verr�terischen Knospen sehen. Vorsichtig streifte sie erneut das Kleid �ber. Verliebt darin, ihn zu ber�hren, strich sie den blauen Stoff glatt. Sie nahm ihren braunen G�rtel und schnallte sich ihn um die Taille. Dann zog sie das Jagdmesser aus dem Astloch und schob es zur�ck in Scheide. Schlie�lich warf sie sich den K�cher �ber die Schulter, nahm den Bogen und ihr altes Lederhemd und trat hinter dem Vorhang hervor.</p><p>Der H�ndler sah sie und st�hnte auf, als habe er einen Fausthieb in den Magen bekommen. �So geht das nicht. Man tr�gt kein Kleid auf einer Hose. Das sieht ja aus wie ...� er breitete die Arme aus. �Das sieht aus wie ... Wie eine Rose auf einem Kuhfladen!�</p><p>Bj�rn lachte schallend. �Nein! Sie sieht aus wie eine Wildkatze, die sich in eine Kleidertruhe verirrt hat. So passt das Kleid zu ihr.�</p><p>Kadlin ballte die unverletzte Faust. Einen Atemzug lang war sie versucht, dem ungehobelten Kerl einen weiteren Haken zu verpassen. Aber wenn sie noch einmal so zuschlug wie heute Morgen, dann w�rde sie dem Bogensch�tzenwettkampf nur noch als Zuschauerin beiwohnen k�nnen.</p><p>�Wollen wir gehen?�, fragte sie k�hl.</p><p>�Wohin immer du willst, meine Sch�ne. Ich w�rde dir mit Freuden bis ans Ende der Welt folgen.�</p><p>�Du hast Gl�ck, vorerst will ich nur bis zum Sch�tzenplatz am anderen Ende der Stadt.�</p><p>�So? In diesem Aufzug?� Er sch�ttelte den Kopf. �Das geht nicht!�</p><p>�Warum?� Sie war stehen geblieben und stemmte trotzig die H�nde in die H�ften. �Bist du jetzt doch derselben Meinung wie der Kr�mer?�</p><p>�Du wirst sie v�llig verr�ckt machen, die anderen Bogensch�tzen. Sie werden dich angaffen. Du wirst ihr Blut in Wallung bringen. Sie ..,�</p><p>�Ich denke, ich sehe aus wie eine Wildkatze, die durch eine Kleidertruhe getollt ist?�</p><p>Bj�rn l�chelte verzweifelt. �Ich wollte dich damit nicht beleidigen. Jeder J�ger bewundert die Wildkatzen, ihre Sch�nheit und die gleitende Anmut ihrer Bewegungen.�</p><p>Kadlin hielt ihm �rgerlich die bandagierte Hand entgegen.</p><p>�Von der Anmut meiner Bogenk�nste hat dein Kinn nicht viel �brig gelassen. Mir ist es nur recht, wenn ich die anderen durcheinander bringe. Das ist Luths gerechter Ausgleich daf�r, dass ich mit der gleichen Anmut schie�en werde, mit der ein besoffenes Pferd durch einen Apfelhain taumelt.�</p></section><section><title><p>Vereinte Seelen</p></title><empty-line/><p>Jules lie� sich auf dem gro�en Felsblock inmitten der Lichtung nieder. Die Ordensbr�der und -schwestern waren niedergekniet, eine Bewegung vollkommener Harmonie. Sie alle hatten im gleichen Augenblick die Knie gebeugt und ihre K�pfe gesenkt. Da kauerten sie nun im Gras, stolz und dem�tig zugleich.</p><p>�Sie w�ren gute Krieger�, fl�sterte Michel. �Nie zuvor habe ich solche Disziplin gesehen.� Der rothaarige Krieger hatte sich Jules vor drei Tagen ungefragt angeschlossen. Er war einer jener anstrengenden Menschen, die zu allem eine Meinung hatten und stets uneingeforderte Ratschl�ge auf den Lippen trugen. Wie eine Klette hing er an seiner Kutte.</p><p>Michel hielt sich f�r einen bedeutenden Krieger. Dabei war er spindeld�rr. Das Leben in den Heerlagern hatte ihn ausgezehrt. St�ndig kratzte er sich, und auf seiner linken Wange wucherte eine Hautkrankheit, die ihre grindigen Finger den Hals hinabstreckte und unter dem d�nnen Schal verschwand, der Michels geschundenen Nacken vor dem scheuernden Kettenhemd sch�tzte. Jules musste ihn nur ansehen, dann begann es auch ihn zu jucken.</p><p>Michel Sarti hatte wohl keine Ahnung, dass er ihn schon am ersten Abend erkannt hatte. Vor ein paar Jahren noch h�tte er den Krieger sofort get�tet, aber inzwischen war der ehemalige S�ldnerhauptmann zu einem Opfer des Friedens geworden. Der Schl�chter von Avron, der Blutf�rst von Ruonnes, war heute nur mehr ein groteskes Zerrbild dessen, was er einmal gewesen war. Aber in ihm brannte noch immer ein Feuer. Michel war nach wie vor von der festen �berzeugung durchdrungen, zu Gro�em berufen zu sein, auch wenn ihm seine S�ldner l�ngst davongelaufen waren, weil ihn das Gl�ck verlassen hatte.</p><p>Jules bedachte ihn mit einem L�cheln, das Michel wieder einmal als wohlwollend missverstand. Das Schicksal schlug manchmal seltsame Kapriolen. Ein Mann voller fanatischer Leidenschaft, in dem das Lebenslicht trotz aller R�ckschl�ge noch stark brannte, kam ihm jetzt sehr gelegen. Seit dem ersten Abend, an dem sie sich begegnet waren, lag Michel ihm in den Ohren, dass der Orden sich bewaffnen m�sse. Er brauche Schwert und Schild, um sich vor den Unw�gbarkeiten der Adelspolitik zu sch�tzen. Der Tjuredglaube wuchs �ber die Grenzen der K�nigreiche hinaus. Er brauchte Streiter, die nicht einem Herrscher unterstanden, sondern allein der Kirche. Die Idee war bestechend, fand Jules. Doch die Gr�ndung eines solchen Ordens w�rde er gewiss nicht in die H�nde von Michel legen.</p><p>Der Wanderer verabscheute Fanatiker. Er war auf sie angewiesen, denn sie waren �beraus n�tzlich bei der Verbreitung des Tjuredglaubens. Vor f�nfzehn Jahren hatte er die Kirche fast vernichtet. Drei Refugien waren seinen Versuchen, die Shi-</p><p>Handan zu erschaffen, zum Opfer gefallen. Mehr als hundertf�nfzig Ordensbr�der und -schwestern waren damals umgekommen. Und es hatte ihm nichts gebracht au�er Zweifeln. Die junge Kirche aber hatte der Aderlass in eine tiefe Krise gest�rzt. Niemand zweifelte daran, dass diese Bluttaten grausame Racheakte der Elfen waren; schlie�lich hatten die heimt�ckischsten der Albenkinder ja auch den heiligen Guillaume ermordet. Aber in ihrer Angst hatten viele Priester die Ordensh�user verlassen. Sie hatten das Gef�hl, sie seien nirgends mehr sicher, es sei denn, sie schworen ihrem Gott Tjured ab.</p><p>Es war m�hsam gewesen, diese Angst zu bek�mpfen. Zu allem �bel war auch noch ein Krieg zwischen Angnos und Fargon ausgebrochen, und die S�ldnerhorden beider Seiten hatten mit gro�er Hingabe die Refugien der Tjuredpriester gepl�ndert. Jules sah den Krieger an seiner Seite an. Er war der Grausamste von allen gewesen. Sich jetzt bu�fertig zu geben und darauf zu spekulieren, einen Kriegerorden innerhalb der Kirche anf�hren zu k�nnen, war geradezu tolldreist. W�re er milit�risch begabter gewesen oder zumindest aufrichtig vom Glauben an Tjured durchdrungen, vielleicht h�tte er Michel Sarti dann tats�chlich mit dieser gro�en Aufgabe betraut. Aber so wie die Dinge standen, war es besser, ihn auf andere Weise im Dienst der Kirche einzusetzen.</p><p>Jules Finger gruben sich in das dicke Moospolster auf dem grauen Felsblock. Er streichelte �ber die gewundenen Spiralmuster, die tief in den Stein eingegraben waren. Die Lichtung lag nicht weit vom Refugium des heiligen Lucien, einer Neugr�ndung, die noch keine zehn Jahre alt war. Es war eine von drei Niederlassungen der Kirche, in denen Jules seinen Einfluss nutze, um die Ordensbr�der auf einen neuen Weg zu f�hren. Das Refugium lag tief im Wald, weit abgelegen von jeder Siedlung. Regelm��ig war er in den letzten Jahren hierher gekommen, um die Fortschritte der Br�der und Schwestern zu beobachten.</p><p>�Erhebe dich, Bruder Sebastien. Ich hasse es, einen Freund knien zu sehen.� Alle Br�der und Schwestern erhoben sich zugleich, als der Abt aufstand. Sebastien war ein gro�gewachsener Mann mit breiten Schultern. Auch er war Krieger gewesen. Jules fand es sehr zweckm��ig, ehemalige Hauptleute zu �bten zu machen. Wer eine Schar K�mpfer unter Kontrolle halten konnte, der war auch in der Lage, ein Refugium zu leiten. Stets achtete er allerdings darauf, dass die ehemaligen Krieger auch wirklich vom Glauben an Gott durchdrungen und willens waren, nun seine Soldaten zu sein.</p><p>�Jeder von euch wei�, was ich erwarte?� Seine Stimme klang wie die eines besorgten Vaters, dessen liebster Sohn sich aufmachte, eine gef�hrliche Reise anzutreten. Er hatte diesen Tonfall sorgf�ltig einstudiert. Die Fehler von vor f�nfzehn Jahren w�rde er nicht noch einmal begehen. Die Ereignisse in Albenmark entglitten ihm langsam. Diesmal musste es gelingen! Die Trolle waren allzu stark geworden. Wenn er nicht eingriff, w�rden sie Emerelle besiegen, und der Krieg w�re in wenigen Monden vor�ber. Er musste daf�r sorgen, dass die �brigen Albenkinder sich mit mehr Elan auf die Seite der K�nigin schlugen. Er wollte einen Krieg, der Albenmark ausblutete und zuletzt zerst�rte. Und dazu brauchte er die Shi-Handan.</p><p>Die Br�der und Schwestern aus dem Refugium des heiligen Lucien waren mit allen Einzelheiten seines Planes vertraut. Nur dass er nicht wirklich f�r Tjured k�mpfte, wenn er auf die Vernichtung der Albenkinder sann, wussten sie nicht. Wenn sein Zauber diesmal gl�ckte, dann besa� er die vollkommene Waffe!</p><p>�Sind eure Seelen rein, und habt ihr mit allen irdischen W�nschen abgeschlossen?�, fragte Jules feierlich.</p><p>�Wir sind bereit, Tjured das h�chste Opfer zu bringen�, antworteten die Br�der und Schwestern wie mit einer Stimme.</p><p>�So seid nun Zeugen eines Wunders. Blickt in das Licht Gottes. Gebt euch hin! Wandert durch das finstre Tal und seid seine Diener, selbst wenn ihr die Fesseln des Fleisches abgestreift habt. Und h�ret: Wenn seine Feinde besiegt sind, so werdet ihr die Ersten sein, die in das neue Reich des Lichtes ziehen. Ihr werdet Seite an Seite mit den Heiligen und M�rtyrern die ewige Gl�ckseligkeit erleben.�</p><p>�Sechzig F��e sind wir, doch wir gehen einen Weg. Sechzig H�nde sind wir, doch wir verrichten ein Werk. Drei�ig H�upter tragen wir, doch uns vereint ein Gedanke, das Leben f�r Tjured�, so antworteten sie wie aus einem Munde.</p><p>Ein Gedanke des Wanderers entz�ndete die schwarzen Kerzen im Gras, und Jules� Geist griff nach den Albenpfaden, die sich vor dem moosbewachsenen Felsen kreuzten. Es waren nur sechs. Kein gro�er Albenstern. Doch es musste gen�gen. Lange hatte er an sich gezweifelt, weil ihm nicht gelingen wollte, was eine ungewaschene Trollschamanin vollbringen konnte: die Yingiz mit einer lebenden Kreatur zu verschmelzen, um einen Shi-Handan zu erschaffen. Es waren Jahre dumpfen Br�tens verstrichen, bis ihm aufging, dass es vielleicht nicht an ihm, sondern an den Ordensbr�dern gelegen hatte. Er wusste keine Einzelheiten, aber er vermutete, dass Skanga f�r ihren Zauber Elfen benutzt hatte � Gesch�pfe, deren Lebenslicht �ber Jahrtausende brennen konnte. Kein Mensch konnte sich damit messen. Also hatte er versucht, Ordensgemeinschaften zu f�rdern, in denen die Br�der und Schwestern in v�lliger Harmonie miteinander lebten. Sie sollten regelrecht verschmelzen, so wie die Stimmen eines Chors zu einer einzigen wurden. Er hatte ihnen erkl�rt, was mit ihnen geschehen w�rde, damit sie f�r die Schrecken der letzten Augenblicke ihres fleischlichen Lebens gewappnet waren. Sie waren Fanatiker. Seit einem Jahr sehnten sie diesen Tag herbei, um den Krieg nach Albenmark zu bringen und den Tod der M�rtyrer aus Mons Gabino und den anderen Refugien zu r�chen. Sie gingen v�llig in ihrem heiligen Eifer auf.</p><p>Jules h�rte, wie Michel neben ihm erschrocken nach Luft japste, als sich das Tor aus goldenem Licht erhob. Der Wanderer legte dem S�ldnerhauptmann einen Arm um die Schultern.</p><p>�Du hast die Ehre, zum Zeugen eines Wunders zu werden. Nicht alles, wovon die Ordensbr�der erz�hlen, ist frommes Geschw�tz�, f�gte er etwas leiser hinzu. �Bist du bereit, deinen Teil zu diesem Wunder beizutragen und zum Soldaten Gottes zu werden?�</p><p>�Ja!�, stie� er aus rauer Kehle hervor. Seine blaugrauen Augen waren vorgequollen, er zitterte. Ob ihm bewusst wurde, dass es ein Fehler gewesen war, die Macht Tjureds herauszufordern, als er seine Diener niedermetzelte? Glaubte er nun die Macht Gottes zu sp�ren?</p><p>Jules griff nach dem Lebenslicht des Kriegers. Der Schl�chter st�hnte auf. Ein Faden klebrigen Lichts troff wie Speichel von seinen Lippen. Der Wanderer sp�rte, wie das Fleisch des Kriegers unter seinem festen Griff schmolz. Unger�hrt sahen die Ordensschwestern und Br�der zu, wie Michel sein Lebenslicht gab, um die Yingiz zu rufen. Sie alle wussten, wer Michel war. Und sie hie�en es gut, dass er sein Leben gab, um auf diese Weise den Tod so vieler Diener Tjureds zu s�hnen.</p><p>Der Wurm aus Licht wand sich dem Dunkel im goldenen Torbogen entgegen. Bald w�rde er wissen, ob er ein Schwert aus Stahl oder zerbrechlichem Kristall erschaffen hatte, dachte Jules beklommen. Waren die Br�der und Schwestern stark genug, den Yingiz zu widerstehen? Konnte er endlich die Schn�re ziehen, die er ausgelegt hatte, oder w�rde der Krieg um Albenmark v�llig seiner Kontrolle entgleiten?</p></section><section><title><p>Das M�dchen im blauen Kleid</p></title><p>Nur f�nf Bogensch�tzen waren noch �brig geblieben. Zwei Tage dauerten die Wettbewerbe nun an. Mehr als dreihundert waren gekommen, um den ehrenvollen Titel eines J�gers des K�nigs zu erringen. Einen Titel, um den man jedes Jahr aufs Neue k�mpfen musste, denn nur wer sich stets bew�hrte, durfte bei den J�gern bleiben. Siebenundzwanzig Veteranen der letzten Jahre waren ausgeschieden. Es war ein t�ckisches Wetter f�r einen Sch�tzenwettkampf. Immer wieder st�rmten kalte B�en vom Fjord die Wiese hinauf. Sie trieben die Pfeile aus ihrer Bahn und betrogen so manchen Sch�tzen um seine Ringe. Doch ein guter J�ger musste so etwas ber�cksichtigen! Auf der Pirsch durfte er auch nicht hoffen, noch Gelegenheit zu einem zweiten Schuss zu haben, wenn sein erster Pfeil das Ziel nicht traf.</p><p>Alfadas ertappte sich dabei, wie er dem M�dchen den Sieg w�nschte. Als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, hatte es ihm einen schmerzhaften Stich in sein Herz versetzt. Das blaue Kleid und das flammend rote Haar ... Sie war wie seine Kadlin. Sein kleiner Rotschopf, dessen bleiche Knochen in irgendeinem der T�ler am Rentiersteig lagen. Unbegraben wie so viele andere, die zu Opfern der Trolle geworden waren. Seine Kleine h�tte jetzt das gleiche Alter wie die Bogensch�tzin dort unten. Bis er die J�gerin vorgestern zum ersten Mal gesehen hatte, war Kadlin in seinen Gedanken immer nur das kleine M�dchen gewesen, das er verloren hatte. Das M�dchen im blauen Kleid, das den riesigen schwarzen Hund zu seinen F��en gez�hmt hatte, das mit torkelndem Schritt durch den Kies am Ufer des Fjords gelaufen und seinen Namen noch nicht hatte aussprechen k�nnen. Ihr blaues Kinderkleid war alles, was ihm von ihr noch geblieben war. Er hatte es im zerst�rten Firnstayn gefunden, an jenem Tag, an dem er f�r immer seinen Seelenfrieden verloren hatte. Sein Heerzug nach Albenmark war in einem Sturm aus Feuer und Blut auf das Fjordland zur�ckgefallen. Die Skalden machten ihn zum Helden und zum Retter, weil er die Trolle in den Norden zur�ckgetrieben hatte. Aber er wusste es besser. In Wahrheit war er der Schl�chter seines Volkes. W�re er doch wie sein Vater Mandred im Netz der Albenpfade verschollen! F�r sein Volk w�re das besser gewesen!</p><p>Die Pfeile schnellten von den Sehnen. Hundert Schritt standen die gro�en Scheiben aus geflochtenem Stroh entfernt. F�nf Ringe umschlossen das Auge aus roter Farbe. Wer das Auge traf, das kleiner als eine Hand war, der machte zehn Ringe. Schon der Ring, der das Auge umschloss, z�hlte nur noch f�nf.</p><p>�Wenn er es versaut, dann werde ich ihm bis zum Hals den Arsch aufrei�en�, murmelte Lambi. Der Herzog spielte nerv�s mit seinem silbernen Trinkbecher. Sein Sohn Bj�rn hatte es unter die letzten F�nf geschafft. F�nf, die von dreihundert geblieben waren! Eigentlich hatte Lambi schon jetzt allen Grund, stolz auf den Jungen zu sein. Aber f�r den Herzog war sein einziger Sohn eine gro�e Entt�uschung. Als Schwert- und Axtk�mpfer hatte Bj�rn sich niemals bew�hrt. Im Kampf gegen einen Troll w�rde er keine zehn Atemz�ge lang �berleben. Bj�rn war nicht so grobschl�chtig wie sein Vater. Er unterhielt sich gern mit Vehleif, dem Skalden, und Gundaher, dem Baumeister und Chronisten. Lambi brachte er damit zur Wei�glut. Dass dessen Sohn zu den besten Bogensch�tzen des K�nigreichs geh�rte, z�hlte f�r den Herzog kaum. F�r ihn war nur der ein Krieger, der seinem Feind von Angesicht zu Angesicht gegen�bertrat und sich mit dessen Blut besudelte. Bogensch�tzen hielt Lambi f�r Feiglinge.</p><p>Der dumpfe Aufschlag, mit dem sich die Pfeile in die Strohscheiben bohrten, war bis zum Ehrenplatz des K�nigs zu h�ren. Eine der Scheiben st�rzte unter der Wucht des Treffers um. Das war Eiriks Geschoss. Er war der Jagdmeister des K�nigs. Trotz seiner Jugend hatte er sich bew�hrt. Eirik war ehrgeizig und aufbrausend. Ulric konnte den Jagdmeister nicht leiden. Seit ihren Kindertagen waren sie Feinde. Aber auf solche Empfindlichkeiten konnte er als Herrscher und Heerf�hrer keine R�cksicht nehmen. Eirik war ein guter Anf�hrer, den die M�nner respektierten.</p><p>Zwei der Sch�tzen verlie�en fluchend die Wiese. Einer von ihnen war ein wahrer H�ne, ein Kerl mit dichtem Vollbart und sch�tterem, wei�blondem Haar. Nun waren nur noch das M�dchen, Bj�rn und Eirik �brig.</p><p>�Der streichelt seine Bogensehne wie Vehleif die Saiten seiner Laute�, grummelte Lambi verstimmt. �Bei dem wird man nie sehen, dass eine Scheibe umst�rzt. Die Nadelstiche einer Jungfer sind gef�hrlicher als seine Pfeile.�</p><p>Alfadas legte seinem Weggef�hrten den Arm um die Schultern. �Sei nicht so streng mit ihm! Er geh�rt zu den besten drei des Fjordlands, obwohl noch kaum Flaum auf seinen Wangen spie�t. Jeder andere Vater w�re stolz.�</p><p>Lambi sah ihn verbittert an. �Da kannst du nicht mitreden. Dein Sohn ist der beste Schwertk�mpfer des Reiches. Du hast es nie erlebt, wie es ist, wenn dein Junge immer nur die zweite Wahl ist. Und jetzt sieh dir mal an, wie er der Rothaarigen nachgafft. Gleich tritt er noch auf seine Zunge, der l�ufige Bastard. Ich kann froh sein, wenn er nicht auf die Idee kommt, sie hier vor allen zu bespringen. Kannst du das fassen? Er ist der Herzogssohn. Er k�nnte K�nigst�chter abbekommen, wenn ich es wollte. Und was tut er? Er steigt irgendeiner ungewaschenen Schlampe aus den Bergen nach. Siehst du dieses verfluchte blaue Kleid? Das hat er ihr geschenkt, obwohl sie ihm fast den Kiefer gebrochen hat.�</p><p>Alfadas schmunzelte. �Hat sie ihn mit dem Bogen niedergeschlagen?�</p><p>�Von wegen Bogen! Einen Fausthieb hat sie ihm verpasst. Die schl�gt zu wie ein auskeilender Esel. Und was macht mein trotteliger Sohn? Der schenkt ihr vor lauter Dankbarkeit f�r die Pr�gel ein Kleid, das so teuer ist, dass man ein ganzes Geh�ft daf�r kaufen k�nnte. Die hat ihm das letzte bisschen Verstand aus dem Sch�del gepr�gelt. Hat dir Ulric denn gar nichts erz�hlt? Er hat daneben gestanden.�</p><p>Der K�nig sch�ttelte den Kopf. �Nein. Du kennst ihn doch. Er ist zu ernst, um solche Geschichten zu erz�hlen.� Alfadas beobachtete, wie die Bogensch�tzen erneut in Stellung gingen. Daher also r�hrte der Verband an der linken Hand der Rothaarigen. Er seufzte. Es war nicht gut, sich so viele Gedanken um das M�dchen zu machen. Sie st�rzte ihn in ein Wechselbad der Gef�hle. Er hatte Spa� daran, ihr zuzusehen. Sie schien ein ausgemachter Sturkopf zu sein. Eine Hose und ein Kleid zusammen zu tragen! Sich mit M�nnern zu pr�geln und die Oberhand zu behalten. Sich als einziges Weib zu den J�gern zu melden und hier nun bei den besten drei zu stehen. Und das, obwohl ihre linke Hand verletzt war. Was w�rde geschehen, wenn sie siegte? Sie w�rde einen schweren Stand unter den J�gern haben.</p><p>Doch im gleichen Ma�e, wie sie seinem Herzen Freude bereitete, brachte sie ihm auch Schmerz. Die alten Albtr�ume waren in den letzten N�chten wiedergekehrt. Er dachte an all die toten Kinder, die er entlang der Route des Fl�chtlingszugs auf dem Eis des Fjordes gesehen hatte. An die kleinen steifgefrorenen H�nde, die aus den eingeschneiten Kleiderb�ndeln ragten. Und dann h�rte er wieder die d�nne Kinderstimme, die seinen Namen rief. Sie kam aus einem B�ndel, aus dem ein roter Haarschopf hervorlugte. Halb im Schnee vergraben, streckte sich ihm eine Hand entgegen. Kadlin.</p><p>Er presste die Lippen aufeinander und versuchte die Albtraumbilder aus seinen Gedanken zu vertreiben. Diesen Sommer w�rde er die Trolle bluten lassen! Niemals w�rde er Frieden mit den Menschenfressern schlie�en, die ihm seine Familie geraubt hatten. Und er w�rde das fremde M�dchen nicht an seine Tafel rufen. Nicht einmal, wenn sie das Wettschie�en gewann. Er musste sich vor ihr h�ten! Silwyna hatte ihn vor ihr gewarnt. Seine Geliebte hatte gleich am ersten Tag des Wettschie�ens bemerkt, wie sehr ihn der Anblick der rothaarigen J�gerin aus dem Gleichgewicht brachte. Dass mit ihr die Geister der Toten zur�ckgekehrt waren. Silwyna hatte ihm wiederholt geraten, den Umgang mit dem M�dchen zu meiden. Sie kannte ihn gut. So gut ... Er sah zu ihr hin�ber. Sie sa� zu seiner Linken an dem groben Tisch, den man auf die Wiese gestellt hatte. All die Jahre war sie bei ihm geblieben.</p><p>Die Elfe sp�rte seinen Blick. Sie sah zu ihm hin�ber und l�chelte. Fl�chtig streifte ihn ihre Hand. Dann wandte sie sich wieder den verbliebenen Bogensch�tzen zu. �Das M�dchen ist gut�, sagte sie stolz.</p><p>Alfadas betrachtete noch immer die Maurawani. F�r einen Augenblick hatte er das Turnier und seine schmerzlichen Erinnerungen vergessen. Sie hatte das Haar aus der Stirn zur�ckgek�mmt und zu einem Zopf geflochten. Das lie� ihr scharfkantiges Gesicht noch strenger aussehen. Sie trug lederne Jagdkleidung. Ihr schwarzer Zopf lag wie ein Schmuckst�ck um ihren Hals. So viele Jahre kannten sie sich schon. Sie sah noch immer so aus wie an jenem fernen Tag, an dem sie sich am Hof der Elfenk�nigin zum ersten Mal begegnet waren. So w�rde sie noch aussehen, wenn sie an seinem Sterbebett sa�. Er alterte und verfiel. Und sie hatte nicht ein einziges graues Haar. Die Zeit hatte keine Macht �ber Elfen. Oft fragte sich Alfadas, was Silwyna an seiner Seite hielt. Er war kein einfacher Mann. Nein, das war er wirklich nicht. Asla, sein Weib, hatte immer darunter gelitten, wie er zum Hartungskliff hinaufgeblickt und sich zur�ck nach Albenmark gesehnt hatte. Damals hatte er oft an Silwyna gedacht. Und nun ging ihm Asla nicht aus dem Kopf. Asla, der er nicht beigestanden hatte, als sie ihn am meisten gebraucht h�tte.</p><p>Er musste wohl verr�ckt sein! Immer sehnte er sich nach dem, was er nicht hatte. Seine Seele fand keinen Frieden. Er h�tte l�ngst nach Albenmark reisen m�ssen, um dort seinen Sohn Melvyn zu besuchen. Doch er konnte das Fjordland nicht verlassen. Er durfte es nicht! Die Trolle waren unbesiegt. Niemand wusste, wann es ihnen wieder einfallen w�rde, gen S�den zu ziehen. Er durfte seinem K�nigreich nicht den R�cken zukehren! Die Trolle waren gekommen, weil die Fjordl�nder auf Seiten der Elfen gek�mpft hatten. Seit Menschengedenken lebten sie hoch oben in den unwirtlichen Bergen, und nie waren sie ins K�nigreich eingefallen. Aber jetzt hatten sie Blut geleckt. Sie konnten jederzeit wiederkommen. Kaum ein Mond zog vor�ber, ohne dass es Meldungen von der Grenze gab. Gestohlenes Vieh. Einsame Geh�fte, die man niederbrannte. Es konnte erst dann Frieden geben, wenn es ihm gelang, den Felsen einzunehmen, in dem ihre H�hlen lagen. Sie mussten f�hlen, wie es war, vor den Gr�bern der eigenen Kinder zu stehen.</p><p>Alfadas wurde die Kehle eng. Wenn es nur ein Grab f�r Asla und Kadlin gegeben h�tte! Einen Ort, den er besuchen konnte, um dort zu trauern. Aber sie waren einfach aus seinem Leben gerissen worden. Und nichts gab es, was diese L�cke f�llte, nicht einmal ein Grab.</p><p>Der K�nig kannte die verr�ckten Geschichten, die man sich �ber seinen Sohn Ulric erz�hlte und �ber dessen Weib Halgard. Man hielt sie f�r Wiederg�nger, f�r lebende Tote! Sie hatten keine Ahnung. Der lebende Tote, das war er und nicht sein Sohn!</p><p>Es gab nur eines, worauf er stolz war. Er hatte das Fjordland stark gemacht. Alfadas hatte mit harter Hand regiert, aber niemand nannte ihn einen ungerechten K�nig. Er hatte aus Asche ein Reich errichtet. Und jedes Jahr dr�ngten seine Krieger die Trolle ein kleines St�ck weiter in den Norden zur�ck. In diesem Jahr w�rden sie eine Burg aus Stein am Hammerpass errichten. Ein uneinnehmbares Bollwerk. Den ganzen Winter �ber hatte er mit Gundaher an den Pl�nen gearbeitet. Aus der Schlacht um Phylangan wusste er, wie eine Burg beschaffen sein musste, wenn man die Trolle bluten lassen wollte.</p><p>Ein Johlen aus hunderten Kehlen riss Alfadas aus seinen Gedanken. Eirik hatte geschossen, und Vehleif war hinter die Strohscheibe getreten und streckte die geballte Faust hoch. Der Jagdmeister hatte ins Auge getroffen.</p><p>Lambi fluchte leise vor sich hin. Alfadas war immer wieder �berrascht, dass dem Herzog nach all den Jahren, die sie sich kannten, immer noch neue Verw�nschungen einfielen, die sich um K�rperteile drehten, die nur selten das Licht der Sonne beschien.</p><p>Nun war das M�dchen an der Reihe. Was hatte er Luth getan, dass sich sein Lebensfaden mit dem der J�gerin kreuzte? Warum musste sie Kadlin hei�en und auch noch ein blaues Kleid tragen? Ein Teil seiner Seele w�nschte ihr den Sieg, der andere Teil f�rchtete ihn.</p><p>Kadlin zog die Sehne bis zur Wange durch. Einen Herzschlag lang hielt sie inne, dann lie� sie den Pfeil davonschnellen. Und im selben Augenblick st�rmte eine pl�tzliche B�e �ber die Wiese. Gespannte Stille lag �ber der Menge der Zuschauer. Alfadas konnte nicht recht erkennen, ob der Pfeil getroffen hatte. Die Scheiben standen jetzt hundertzwanzig Schritt entfernt. Man musste Habichtsaugen haben, um den innersten Kreis �berhaupt noch sehen zu k�nnen, geschweige denn ihn zu treffen.</p><p>Vehleif trat zur Scheibe. Dann streckte er die Hand hoch und zeigte alle Finger. �F�nf Ringe!�, hallte seine Stimme �ber das weite Feld. �Das Auge ist um einen halben Finger breit verfehlt.�</p><p>�Danke, Luth!�, zischte Lambi. �Heute Abend vergie�e ich ein Horn voll besten Mets f�r dich.� Alfadas empfand keine Freude. Es war ein Wunder, dass das M�dchen mit der verbundenen Hand so weit gekommen war. Vielleicht sollte er sie trotz allem an seine Tafel einladen. Nie war eine Frau zum Wettkampf der J�ger angetreten. Und au�erdem war er der K�nig. Wer schrieb ihm vor, mit wem er speiste? Verdient h�tte sie es. Er dachte an Silwynas Rat. Nein! Es war besser, das M�dchen im blauen Kleid zu meiden. Diese falsche Kadlin w�rde ihm nur Kummer machen. Es war besser, die Toten ruhen zu lassen.</p></section><section><title><p>Fremde Heimat</p></title><p>Ollowain trat in helles Licht. Geblendet sah er sich um. Der Duft des Sommers lag in der Luft. Sanfte H�gel umgaben ihn. Ein gutes St�ck entfernt erhob sich eine einsame Esche. Das Tor hinter ihnen hatte sich bereits geschlossen. Ganda hatte versucht, sie durch das Labyrinth der sich kreuzenden Albenpfade von der Bibliothek direkt ins Herzland zu bringen. Zuletzt hatte sie wirr von den Farben der Magie gesprochen und von einer heimt�ckischen Falle. Noch bevor sie das Tor erreichten, war sie ohnm�chtig geworden.</p><p>Sanft bettete Ollowain die Lutin in das hohe Gras. Sie hatte viel Blut verloren. Sein wei�es Gewand war ganz durchtr�nkt davon. Er schnallte seinen Dolch vom G�rtel und l�ste den notd�rftigen Verband um ihren Armstumpf. Zwei zarte Knochen hatten sich aus dem geschundenen Fleisch geschoben. Noch immer rann Blut aus der gr�sslichen Wunde. Der Elf wand den Stoff zu einer Schlinge und legte sie um den Arm der Lutin. Dann schob er den Dolch durch die Schlinge und drehte ihn so lange, bis der Stoff tief in das Fleisch der Lutin schnitt. Erst als die Blutung gestillt war, band er den Dolch mit einem zweiten Stoffstreifen fest, damit er nicht verrutschen konnte. Es war nur eine armselige Aderpresse, aber f�rs Erste musste das gen�gen.</p><p>M�de erhob sich der Schwertmeister und ging ein paar Schritte durch das hohe Gras. Einzelne goldene Weizenhalme sprenkelten die Wiese. Sie beugten sich unter schweren �hren. Der Sommer schien weit fortgeschritten zu sein. Etwas musste auf ihrer Flucht geschehen sein. Ollowain kannte die T�cken der Albenpfade. Wer sie nicht gut kannte, konnte sich auf ihnen verlieren. Jahrhunderte konnten binnen Augenblicken verstreichen, wenn man einen Fehler machte! Emerelle hatte ihm zugesichert, dass Ganda eine Meisterin der Wege war. Aber sie war schwer verletzt gewesen. Der Schmerz und der Schock mussten sie halb wahnsinnig gemacht haben.</p><p>Verzweifelt blickte der Elf zum Himmel. Das unvergleichliche, klare Licht Albenmarks schien auf ihn hinab. Wenigstens hatte es sie nicht in die Welt der Menschen verschlagen! Vielleicht waren ja nur wenige Wochen vergangen? Sie durften nicht zu sp�t kommen! Emerelle hatte so sehr darauf gedr�ngt, dass sie sich beeilten.</p><p>Ollowain lie� den Blick von Horizont zu Horizont wandern. Zumindest hier hatten die Schatten nicht die Herrschaft angetreten. Sie kamen noch rechtzeitig. Ganz gewiss! Er musste herausfinden, wo sie waren. Und vor allem musste er eine Heilkundige auftreiben, die sich um Gandas Wunde k�mmerte!</p><p>Entschlossen ging er zur�ck zur Lutin. Sie lag noch immer reglos. Auf ihrer Brust ruhte ein gro�es Buch. Ungl�ubig kniete Ollowain nieder und tastete nach dem schweren Ledereinband. Es war keine Illusion! Das Buch war Wirklichkeit! Er erkannte es sofort wieder. Es war jenes Buch, das auf dem niedrigen Tisch in Galawayns Zelt gelegen hatte. Was hatte dieses n�rrische Koboldweib nur getan! Sie wusste doch, welche Strafe darauf stand, ein Buch aus der Bibliothek von Iskendria zu stehlen. Und wie hatte sie es geschafft, dass er nichts davon bemerkte? Als er sie eben noch in den Armen gehalten hatte, hatte sie ganz sicher kein Buch bei sich gehabt!</p><p>Was sollte er tun? Sie musste versorgt werden. Aber er konnte sie nicht zu Emerelles Burg bringen. Wahrscheinlich wartete dort schon Meister Reilif oder ein anderer H�ter des Wissens, um das Buch zur�ckzufordern. Einen Augenblick war Ollowain versucht, das Buch einfach im hohen Gras liegen zu lassen. Er k�nnte behaupten, sie h�tten es nicht mitgenommen. Und wenn er die Geschichte vom M�rder in der Bibliothek vortrug, dann gab es einen anderen Verd�chtigen f�r den Diebstahl. Ob die H�ter des Wissens bemerkt hatten, dass der Minotaur nicht mehr der war, f�r den sie ihn hielten? Wenn nicht, dann war er sicher schon l�ngst get�rmt ... Oder er hatte sich eines neuen K�rpers bem�chtigt. Die vergangenen Wochen hatte der M�rder gewiss nicht ungenutzt verstreichen lassen.</p><p>Der Schwertmeister blickte zweifelnd zum Himmel hinauf. Oder waren mehr als nur ein paar Wochen vergangen? Er musste eine Antwort darauf finden.</p><p>Drei Stunden trug er Ganda auf den Armen, bis er einer Bl�tenfee begegnete. Sie wies ihm den Weg nach Yaldemee, einer Stadt jenseits des H�gellandes. Sie lag etwa zwei Tagesm�rsche von Emerelles Burg entfernt.</p><p>Mit seinem blutbefleckten Gewand und der bewusstlosen Lutin auf den Armen erregte Ollowain einiges Aufsehen. Yaldemee war keine Siedlung wie Iskendria oder die St�dte, die �berwiegend von Kobolden bewohnt wurden. Die H�user standen hier nicht dicht an dicht. Sie verteilten sich auf einer gro�en Fl�che. Es gab eine Reihe von Seidenh�usern, so nannte man die merkw�rdigen Bauwerke, die sich in etlichen Baumkronen versteckten. Die W�nde waren aus z�hem, wasserabweisendem Papier gefertigt. Wie die Schalen einer Zwiebel lagen viele W�nde hintereinander, und im Innersten verbarg sich meist eine gro�e, dr�ckend warme Kammer, in der die ganze Familie lebte. Der Schwertmeister bemerkte winzige, kaum daumenhohe T�ren im Wurzelwerk alter Eichen. Dahinter verbargen sich die Heime von Mauslingen, einem besonders kleinw�chsigen Koboldvolk. So unscheinbar sie waren, hatten sie Yaldemee ber�hmt gemacht mit den Farben, die sie mischten, und die in ihrer Leuchtkraft und Sch�nheit in ganz Albenmark nicht ihresgleichen fanden. Auch suchte jeder, der ein Buch kunstvoll illustrieren lassen wollte, nach einem Kupferstecher aus Yaldemee.</p><p>Ollowain sp�rte, wie er beobachtet wurde. Hinter jedem Grashalm, in jedem Geb�sch, �berall lauerten Augen. Ein St�ck entfernt standen ein paar windschiefe H�tten an einem tr�ge zwischen den B�umen dahinsickernden Bach. Wuchernde Blumenkisten, in denen Buschwindr�schen ein Feuerwerk der Farben abbrannten, lenkten vom sch�bigen Grau der Holzw�nde ab. Ein St�ck entfernt erhob sich ein Elfenpalast auf einer H�gelkrone. Schlanke Marmors�ulen trugen ein Dach aus warmroten Ziegeln. Der Bau war halb in den H�gel eingelassen. Wei�e Seidenbahnen wiegten sich zwischen den S�ulen im Wind und winkten dem Wanderer zu.</p><p>�Ich suche eine Heilerin�, rief Ollowain. Was war hier los? Fr�her w�re er l�ngst von schnatternden Kobolden umringt gewesen. Nun schienen sie ihn zu meiden. Sah er denn so sehr zum F�rchten aus?</p><p>�Meine Gef�hrtin ist eine Lutin. Wollt ihr denn zusehen, wie sie stirbt?�</p><p>�Wer sagt uns, dass nicht du es warst, der sie so zugerichtet hat?�, rief es aus einer Baumkrone.</p><p>�W�rde ich sie dann auf Armen tragen und meine Gew�nder in ihr Blut tauchen? Warum sollte ich ihr ein Leid antun?�</p><p>�Weil sie eine Diebin ist. Dieben hackt man die Hand ab�, klang es von einem anderen Baum. �Wir sind ehrliche Leute. Mit solchem Gelichter haben wir nichts zu schaffen.�</p><p>�Ich bin Ollowain, der Schwertmeister der K�nigin, und kein Scharfrichter!�, sagte er stolz. Sollten sie ihm doch gestohlen bleiben! Im Elfenpalast am H�gel w�rde ihm gewiss geholfen werden.</p><p>�Da findest du niemanden mehr�, rief eine keckernde Stimme. �Sie sind alle in den Norden gegangen, um f�r die K�nigin zu k�mpfen. Der Krieg blutet das Land aus. Die Elfen haben viele von unseren S�hnen mitgenommen. Ihnen mit sch�nen Worten von Ruhm und Heldenmut die K�pfe verdreht.� Und viel leiser fragte er: �Sind sie schon da?� Ein winziger Kobold erhob sich vor ihm und kletterte auf einen schneewei�en Pilz. Er hatte sich ein B�schel Gras auf den R�cken gebunden, sodass er, wenn er sich b�ckte, eins wurde mit der blumen�bers�ten Waldwiese.</p><p>Ollowain �berging die Frage des Mauslings. �Stell dir vor, deinem Sohn w�rde es in der Fremde so ergehen wie dieser Lutin hier. Verletzt und hilfsbed�rftig w�rde ihn ein Kamerad von T�r zu T�r tragen ...�</p><p>�Spar dir dein hohles Geschw�tz, Elf. Ich habe keinen Sohn in der Fremde. Und ich habe so viel Elfenpathos zu h�ren bekommen, dass meine Ohren f�r immer taub daf�r geworden sind.�</p><p>Er sprang von der Pilzkappe und winkte. �Komm, ich bring dich zur Flusshexe. Sie kann der Lutin helfen.�</p><p>Ein einzelner Faun zeigte sich halb hinter einem Baum, wagte sich aber nicht zu ihnen her�ber.</p><p>�Was ist hier los?�, dr�ngte Ollowain. �Ich bin der Schwertmeister. Ich sorge daf�r, dass euch Gerechtigkeit widerfahren wird.�</p><p>Der Mausling verzog die Lippen zu einem schmerzlichen L�cheln. �Wie sollte ich Gerechtigkeit von einem Mann erwarten, der mir nicht einmal die Wahrheit �ber sich erz�hlt. Ich kenne den Schwertmeister. Ich habe ihn ein paarmal bei Hof gesehen, und glaube mir, Fremder, du hast nichts mit ihm gemein. Im �brigen ist es nicht klug, von sich zu behaupten, man sei ein Held, der schon seit vielen Jahren tot ist. Die Trolle haben sich Ollowain geschnappt. Jeder wei�, dass Albenmark l�ngst seinen besten Heerf�hrer verloren hat.�</p><p>Ollowain traute seinen Ohren nicht! Er ein Gefangener der Trolle ... Der Schwertmeister war einen Augenblick versucht, dem Mausling seine Meinung zu diesem Unsinn zu sagen. Doch es war kl�ger zu schweigen. Schlie�lich hatte er keine Ahnung, was in der langen Zeit seiner Abwesenheit geschehen war. �Welch eine Trag�die f�r Albenmark�, sagte er lediglich und bem�hte sich, dabei nicht ironisch zu klingen.</p><p>Sie hatten den lichten Wald verlassen und steuerten auf den Wall aus Schilf zu, der sich am Ende der Wiese erhob. Eine Rohrdommel sang ihr trauriges Lied in der Hitze des Sp�tnachmittags. Der Mausling war verstummt. �ngstlich sah er sich um. �Komm, nimm mich zu dir auf den Arm, L�genmeister!�, forderte er �berraschend. �Hier am Waldrand gibt es ein Frettchen, das sich nicht mehr an den alten Pakt zwischen unseren V�lkern h�lt. Es frisst Mauslinge, als seien wir irgendwelche unbedeutenden Feld-oder Wiesenm�use.�</p><p>Ollowain nahm den verbitterten Kobold auf und setzte ihn sich auf die Schulter, wo er sich an einer Str�hne seines Haars festhielt. �Du kanntest also Ollowain ...�</p><p>�Sag ich doch! Das war ein echter Held. Ein strahlender Streiter. Nicht so eine abgerissene Gestalt wie du. Du ...� Der Mausling sah ihn pl�tzlich argw�hnisch an. �Jetzt sag schon! Sind sie schon im Herzland? Waren sie es, die der Lutin die Hand abgehackt haben? Hat es eine Schlacht um Burg Elfenlicht gegeben? Bist du deshalb ganz mit Blut verschmiert?�</p><p>�Wer soll hier sein?�</p><p>�Die Trolle, Mann. Die Trolle! Jetzt stell dich nicht so begriffsstutzig! Sie wollen Emerelles Kopf, und wenn sie den haben, dann geht es allen hier im Herzland an den Kragen, weil wir ja angeblich Emerelles Diener sind. Was glaubst du, warum sich das kleine Volk versteckt?� Er zupfte Ollowain am Haar. �Halt dich jetzt mehr nach links. Siehst du die Kornblumen? Geh von da aus immer geradeaus auf das Schilf zu.�</p><p>�Ich habe mich mit meiner Gef�hrtin auf den Albenpfaden verirrt, mein Freund. Erz�hl mir, was geschehen ist. Vor wie vielen Jahren ist Ollowain denn verschwunden?�</p><p>Der Kobold zwickte sich gedankenverloren in sein Kinn. Dann z�hlte er leise murmelnd etwas an den Fingern ab. �Also, er war schon fort, als Breitnase geboren wurde. Das war vor vierzehn Jahren.�</p><p>Ollowain blieb wie angewurzelt stehen. �Vierzehn Jahre!�</p><p>Und der Krieg mit den Trollen hatte immer noch kein Ende. Er h�tte Emerelle den Befehl verweigern sollen. Sein Platz w�re hier gewesen! �Wie steht die Schlacht? Sind die Trolle tief ins Windland vorgedrungen?           Waren ihre        Heere    nicht geschw�cht?�</p><p>�Richtig schlimm geworden ist es erst seit einem Jahr. Vorher haben sie sich nur mit den Kentauren herumgeschlagen, Vieh gestohlen und ein bisschen gepl�ndert. Aber dann hat Emerelle jeden, der eine Waffe tragen kann, in den Norden geschickt. Man h�rt seither keine Nachrichten ... Aber wir wissen, dass es wieder losgegangen ist.</p><p>Niemand kann sagen, was auf der Burg der K�nigin geschah, als ihr Schwertmeister verschwand. Aber mit ihm ist der Glanz der Elfen gegangen. Das Licht der Elfen, das Albenmark so lange geleuchtet hat, verblasst. Die Burg ist ein d�sterer Ort geworden. Niemand geht dort mehr hin. In all den Jahren hat es dort kein Fest mehr gegeben. Die Auenfeen sind von den Wiesen vor der Burg geflohen ... Und man h�rt �ble Geschichten von Schatten, die in der Burg lauern und die Seelen jener fressen, die dort noch ausharren. Selbst Emerelle soll jetzt von d�sterem Gem�t sein.�</p><p>�Und ihr harrt trotzdem aus? Warum fl�chtet ihr nicht, wenn ihr f�rchtet, dass die Trolle alle Bewohner des Herzlands t�ten werden?�</p><p>�Viele sind l�ngst fort ... Aber sieh mich an! Was h�tte ein Troll davon, mich unter seinem berggro�en Fu� zu zerquetschen? Wir Mauslinge haben schon immer im Herzland gelebt</p><p>... Wohin sollten wir gehen? Und was haben wir den Trollen getan? Doch jetzt sag schon, woher kommt all das Blut?�</p><p>�Wir haben gegen einen Minotauren gek�mpft, bevor wir ins goldene Netz geflohen sind�, entgegnete der Elf knapp. Sein Kopf schwirrte ihm von all den Neuigkeiten. Vierzehn Jahre! Er konnte es noch immer nicht fassen. W�re er doch blo� niemals nach Iskendria gegangen! Hoffentlich war das verdammte Buch es wert!</p><p>Ollowain zerteilte das hohe Schilf vorsichtig mit den Armen. Brackiges Wasser umsp�lte seine Kn�chel.</p><p>�Immer weiter rein�, dr�ngte sein F�hrer. Die Rohrdommel war jetzt verstummt. Blaugr�n schillernde Libellen schossen durch das R�hricht. Das Wasser stieg dem Elfen bis zu den H�ften. Blutegel stiegen aus dem Schlamm empor und setzten sich auf seine Beine. Ganda st�hnte leise.</p><p>�Ist es noch weit?�</p><p>Der Mausling sah sich verwirrt um. Dann deutete er zu einem flachen H�gel im Schilf. �Dort. Dort ist die H�tte der Flusshexe.�</p><p>Ollowain ging in die angegebene Richtung. Und tats�chlich wurde das Wasser wieder flacher. Er erklomm ein schlammiges Ufer. Wohl verborgen im Schilf fand er eine H�tte, die ihm nur bis knapp �ber die H�ften reichte. Wie eine �ppige Frauenbrust erhob sie sich. Sie war aus goldgelbem Schilfrohr errichtet, das man im Zenit des gew�lbten Daches mit einer Grasschnur zusammengebunden hatte.</p><p>�Kommt herein, Kinderchen�, erklang eine sinnliche Stimme.</p><p>�Ich bleibe drau�en�, fl�sterte der Mausling. �Und nimm mich blo� wieder mit, wenn du gehst.� Er gesellte sich zu einer kleinen Schildkr�te, die in der Sonne d�ste.</p><p>Ollowain ging auf die Knie. Die Lutin und das Buch hielt er dicht an die Brust gepresst. Vorsichtig zerteilte er das Schilf der H�tte. Blaugrauer Rauch schlug ihm entgegen. Umspielt von d�nnen, goldenen Lichtbahnen hockte ein nacktes Koboldweib auf einer bunten Decke. Um sich herum hatte sie dutzende kleiner T�pfe und Tiegel aufgestellt. Aus manchen stiegen d�nne Rauchf�den. In anderen gluckerte etwas wie kochende Suppe, obwohl sie auf keinem Feuer standen. Die Flusshexe hatte graue, warzen�bers�te Haut. Deutlich malten sich ihre Rippen ab. Schwarzes Haar hing ihr in fettigen Str�hnen vom Kopf. Sie hatte sich Federn ins Haar geflochten und auch eine kleine Jadeechse mit einer Haarstr�hne festgebunden.</p><p>Goldene Augen mit einer geschlitzten Pupille musterten den Schwertmeister. Eine Nase wie eine R�be sa� der Hexe im Gesicht. Zwischen ihren schmalen Lippen steckte eine lange Meerschaumpfeife.</p><p>�Ein Elf von edlem Gebl�t hat sich noch nie zu mir verirrt.�</p><p>Die Hexe erhob sich und strich sich die Haarstr�hnen aus dem Gesicht. Ihre warme, sinnliche Stimme wirkte unpassend. Einen fl�chtigen Augenblick lang �berlegte Ollowain, ob sich die Hexe diese Stimme wohl gestohlen haben mochte.</p><p>�Meine Gef�hrtin braucht Hilfe. Du musst sie heilen.� Die Hexe schnalzte mit der Zunge. �So schlimm steht es schon, dass ein hoher Elf eine diebische Lutin Gef�hrtin nennt. Haben alle anderen schon ihr Blut vergossen? M�sst ihr nun Beutelschneider und Kinderdiebe eure Schlachten schlagen lassen?�</p><p>Sie machte eine herrische Geste. �Leg sie dort vorne auf das Kleiderb�ndel.� Ollowain gehorchte und schluckte seinen �rger �ber die hochn�sige Art der Hexe.</p><p>Das Koboldweib tastete die Lutin ab und sch�ttelte traurig den Kopf. �War es das wert, dein Fleisch und deine Knochen f�r ihre Sache zu geben?�, fragte sie Ganda leise. Doch die Lutin konnte sie nicht h�ren.</p><p>�Kannst du sie heilen?�</p><p>Die Reptilienaugen der Hexe musterten Ollowain kalt. �Ich kann das Fieber aus ihrem Leib treiben und sie f�ttern, bis sie wieder zu Kr�ften kommt. Aber eine Hand kann ich ihr nicht geben. Die ist f�r immer verloren. Es sei denn ...� Sie kaute nachdenklich auf dem Mundst�ck ihrer Pfeife.</p><p>�Es gibt Hexen, die k�nnen aus einem abgeschnittenen Finger eine neue Hand wachsen lassen. Aber das ist dunkle Magie, die man �bt, wenn der Mond sein Antlitz verbirgt und warmes Blut vergossen wird. Mit so etwas gebe ich mich nicht ab ... Allerdings kenne ich einen Handwerker, der k�nnte ihr eine Hand aus lebendem Silber machen. Die w�re fast so gut wie eine echte Hand.� Sie l�chelte und blies Ollowain einen Schwall Tabakrauch ins Gesicht. �Man verbrennt sich nicht mehr die Finger, wenn man einen hei�en Topf vom Feuer nimmt. Hat alles seine guten Seiten, wenn man sie denn sehen will.�</p><p>�Und so eine Hand kannst du ihr geben?�</p><p>�Dar�ber muss sie selbst entscheiden. Sie ist in einem Ma�e verst�mmelt, wie du es dir kaum vorstellen kannst, Elf. Die Lutin sind ein Volk, das sich gerne verwandelt. Sie schn�ren als F�chse durch das hohe Gras, schwingen sich als Falken in den Himmel oder w�hlen sich in Gestalt von Dachsen tief ins dunkle Herz der Erde hinein. Sie wird all dies nicht mehr tun k�nnen. Ganz gleich, wie sie sich verwandelt, die Hand aus lebendem Silber wird ihre Form nicht ver�ndern. Wie ein ehernes Sklavenhalsband wird sie die Lutin in ihrem K�rper gefangen halten. Doch wenn sie die Hand ablehnt, wird es auch nicht besser. Sie w�re dann ein Fuchs mit drei Pfoten, ein Falke, dem ein St�ck seines Fl�gels fehlt. Du hast dein ganzes Leben dem Schwert gewidmet, Elf. Das sieht man dir an. Der Art, wie du dich bewegst und wie die Augen nie zur Ruhe kommen. Du bist stets bereit zum Kampf. Aber was w�rst du noch, wenn ich dir deine Schwerthand abschneiden w�rde? So geht es der Lutin. Ihr Leben geh�rte der Magie. Der Wandelbarkeit. Nun muss sie einen neuen Weg f�r sich finden. Und ich werde ihr diesen Weg nicht bestimmen. Sie wird Zeit brauchen, ihn zu finden. Gedulde dich so lange. Dr�nge sie nicht.�</p><p>�Ich kann nicht bleiben, bis sie sich entschlie�t. Ich muss zu Emerelles Burg.� Die Hexe hob eine einzelne Augenbraue.</p><p>�Und ich dachte schon, du w�rst anders. Nun, dann muss ich darauf bestehen, dass du mich im Voraus bezahlst.�</p><p>Ollowain zuckte mit den Schultern. �Nenne mir deinen Preis, und ich werde dir schicken lassen, was immer du verlangst.�</p><p>Die Hexe lachte. �H�ltst du mich f�r einf�ltig wie eine Kaulquappe? Wei�t du was? Ich erneuere den Verband der Kleinen, und dann kannst du sie mitnehmen zur K�nigin, wenn du es so eilig hast.�</p><p>�Sie kann nicht an den Hof.�</p><p>�Hat einer von euch Dreck am Stecken? Und ich soll in diese Sache mit hineingezogen werden und auch noch darauf hoffen, dass du nicht auf Nimmerwiedersehen verschwindest? Ich habe gelacht. Jetzt lass dir etwas Ernsthaftes einfallen, Elf.�</p><p>�Du kannst mein Schwert haben. Ich werde es ausl�sen. Es ist eine sehr kostbare Waffe.�</p><p>�Gib es mir!�</p><p>Er reichte ihr das Schwert mit dem Griff voran. Es kostete die Hexe M�he, die Klinge blank zu ziehen. Mit spitzen Fingern ber�hrte sie den Elfenstahl und zuckte zur�ck wie vor dem Biss einer Viper. �Das bleibt nicht in meiner H�tte! So viele Seelen.�</p><p>Sie sah Ollowain ersch�ttert an. �So viele Seelen�, wiederholte sie. �Bring diese verfluchte Waffe hinaus. Verlass meine H�tte! Wei�t du �berhaupt noch, wie oft du mit dieser Waffe get�tet hast? Auch wenn du hier erscheinst wie ein Bettler, du bist wahrlich ein F�rst. Ein F�rst des Todes! Hinaus mit dir.�</p><p>�Ich kann ...�</p><p>�Nicht hier!� Sie griff nach dem Buch, das er auf dem Boden abgelegt hatte, um Ganda auf das Lumpenlager zu betten. Ihre Finger glitten widerstandslos durch den Buchdeckel und die Seiten. Verdutzt betrachtete die Hexe ihre Fingerspitzen. Dann sprang sie auf, spuckte in alle vier Himmelsrichtungen und murmelte irgendeine unverst�ndliche Beschw�rung. Ganz au�er Atem wandte sie sich wieder an den Schwertmeister. �Du musst ein Verfluchter sein. Nimm das Buch und das Schwert! Geh jetzt! Ich werde dir drau�en sagen, was mein Preis ist.�</p><p>Z�gerlich streckte Ollowain die Hand nach dem Buch aus. F�r ihn war es wirklich. Er konnte es aufheben; es schmiegte sich in seine Finger, als habe es auf ihn gewartet. Vorsichtig kroch der Elf r�ckw�rts aus der H�tte. Die Schlangenaugen verfolgten ihn.</p><p>Dr�ckende Hitze lag �ber dem Schilfr�hricht. Der Mausling schlief. Ollowain wischte sich �ber die schwei�nasse Stirn. Endlich teilte sich die Wand der H�tte. Eine schlanke Koboldfrau mit wei�er, fast marmorner Haut trat hinaus. Das lange Haar reichte ihr bis zu den H�ften. Sie war nackt wie die Hexe.</p><p>�Was gaffst du, Elf?�, fragte sie mit heiserer Stimme. Federn waren in ihr Haar geflochten. Und eine Eidechse, die vergebens versuchte, sich aus ihrer schwarzen Fessel zu befreien.</p><p>�Du bist ...�</p><p>�Metamorphosen. Verwandlungen. Ich wei�, welchen Preis dein Koboldm�dchen bezahlt.� Die schnarrende Stimme schmerzte in den Ohren. Schlangenaugen hielten Ollowain gefangen. ��rgerlich, nicht wahr? Leib und Stimme wollen bei mir nie zusammenpassen. Doch reden wir �ber den Preis, F�rst des Todes. Ich werde nicht fragen, warum ihr beide nicht zu Emerelles Burg k�nnt. Aber bei meinem Preis wird es eine Rolle spielen. Ich will einen Streifen deiner Haut. Breit wie ein Finger und so lang wie mein Unterarm.�</p><p>Der Schwertmeister sah sie fassungslos an. Er suchte in ihrem Gesicht nach einem verstohlenen L�cheln. Einem Zucken in den Mundwinkeln, einem Augenzwinkern. Irgendeinem Zeichen, das ihre Worte als einen schlechten Scherz entlarvte. Aber da war nichts.</p><p>�Was ...� Seine Stimme versagte ihm. Er r�usperte sich, musste husten. �Was willst du damit?�, stie� er stockend hervor.</p><p>�Ein St�ck lebendiger Elfenhaut, das kann man f�r viele Dinge nutzen. Ich k�nnte kleine Pflaster daraus schneiden. Das hilft gegen Warzen. Vielleicht brauche ich auch einen G�rtel. Oder ich nutze die Haut, um einen Beherrschungszauber auf dich zu legen. Der Schwertmeister von Albenmark, einer Koboldhexe verfallen. Das w�re doch einmal ein Scherz. Vielleicht will ich auch einfach nur sehen, wie viel dir an der kleinen Lutin gelegen ist.� Sie zog eine kleine Obsidianklinge zwischen ihren Haarstr�hnen hervor. �Bist du bereit zu zahlen?�</p><p>Ollowains Gedanken �berschlugen sich. Hatte er eine Wahl? Wenn Ganda mit auf die Burg kam, dann w�rde sich Emerelle nicht damit zufrieden geben, wenn er behauptete, er habe das Buch gestohlen. Es war besser, wenn er allein ging. Mehr als vierzehn verfluchte Jahre! Wahrscheinlich wartete schon l�ngst ein Abgesandter der Bibliothek. Er kannte die K�nigin. Sie w�rde versuchen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aber letzten Endes w�rde Emerelle sich nicht �ber das Gesetz stellen. Sie w�rde die Lutin opfern, aber nicht ihren Feldherrn und Schwertmeister. Ganda musste deshalb hier bleiben. Ganz gleich, was geschah, sie durfte auf keinen Fall zur Burg zur�ckkehren.</p><p>�Ich zahle deinen Preis, aber du musst tun, was ich verlange. Schneide mir die Haut vom R�cken. Und wenn die Lutin erwacht, dann sage ihr, dass sie aus meinem Dienst entlassen ist. Sie soll sich zu ihren diebischen Verwandten scheren. Ich will sie nie wieder sehen. Wenn sie es wagt, auf die Burg der K�nigin zu kommen, dann lasse ich sie dem Scharfrichter vorf�hren. Sie wird wissen, wof�r. Sag ihr, dass sie mich entt�uscht hat und dass ich sie verachte. Und erz�hle ihr nichts von unserem Gesch�ft. Meinetwegen soll sie denken, dass ich sie hier im Schilf liegen gelassen habe und du sie aus Barmherzigkeit pflegst.�</p><p>In den Schlangenaugen zeigte sich keine Regung. �Dass ich barmherzig bin, w�rde sie niemals glauben. Ich werde auch sie bezahlen lassen.�</p><p>�Du wirst ihr kein Leid zuf�gen!� Ollowain legte die Hand an sein Schwert. �Wie ist dein Name, Hexe?�</p><p>�Warum sollte ich ihn dir nennen?�</p><p>�Glaubst du, ich w�rde ihn in Yaldemee nicht erfahren?� Sie starrte ihn mit ihren kalten Reptilienaugen an. �Man nennt mich Rika.�</p><p>�Gut. Wisse, Rika, wenn du Ganda etwas antust oder sie auch nur schlecht behandelst, so werde ich davon erfahren. Es gibt kein Loch in ganz Albenmark, das tief genug w�re, um sich dort vor mir sicher zu f�hlen. Ich w�rde dich finden, Rika, ganz gleich, wohin du gehst. Nimm meine Haut! Aber damit ist die Schuld abgetragen! Dir wird schon etwas einfallen, was du der Lutin erz�hlen kannst.�</p><p>�Weil alle Kobolde geborene L�gner sind?�, fragte sie harsch.</p><p>�So wie alle Elfen von Geburt an �berheblich sind?�</p><p>Ollowain zog sein Gewand �ber die Schultern. �Fang an.�</p><p>�Leg dich vor mir in den Schlamm.� Sie sagte das langsam, kostete jedes Wort aus.</p><p>Ollowain gehorchte ihr. Er konnte die k�hle Spitze der Steinklinge zwischen den Schulterbl�ttern f�hlen. Ganz langsam fuhr sie seinen R�cken hinab. So scharf war das Messer, dass er keinen Schmerz empfand.</p><p>Die Hexe schlug ihm mit der flachen Hand auf den Hintern.</p><p>�Das gen�gt.� Er richtete sich auf und tastete mit der Hand �ber seinen R�cken. Da war kein Blut. Und die Hexe hielt auch keinen Hautstreifen in H�nden.</p><p>�Verschwinde jetzt, Schwertmeister! Du hast mich beeindruckt. Ich h�tte niemals geglaubt, dass sich ein Elf f�r ein Koboldweib die Haut abziehen lassen w�rde. Und noch dazu f�r eine Lutin!� Sie l�chelte. �Ich werde sie heilen. Und ich werde daf�r sorgen, dass sie dich f�r einen ausgesprochenen Mistkerl h�lt. Sie wird keinen Fu� in Emerelles Burg setzen.� Die Augen der Hexe blickten traurig. �Bist du sicher, dass du es so haben willst? Du wirst in Ganda eine Feindin haben, wenn sie mich verl�sst.�</p><p>�Wenn sie zu Emerelles Burg k�me, w�re sie in t�dlicher Gefahr. Lieber habe ich sie als Feindin, als dass ich ihr als Freund Blumen aufs Grab lege.�</p><p>�Bist du da nicht ein wenig melodramatisch?� Ollowain sch�ttelte den Kopf. �Ich kenne Emerelle.�</p></section><section><title><p>Macht und Ohnmacht</p></title><p>Obilee wusste nicht, wie sie es sagen sollte. Mit so viel Hoffnung war sie aufgebrochen, und doch war alles vergebens gewesen. Sie verabschiedete sich von der Pfadfinderin, die sie zu Eleborn ins Reich unter den Wogen gef�hrt hatte, und den beiden Kentauren, die sie vom Tor bei den Wurzeln Atta Aikhjartos bis zur Burg der K�nigin gebracht hatten. Wieder eine vergebliche Reise! �Gibt es Neues aus dem Norden?�, fragte sie die Ehrenwache vor dem Thronsaal.</p><p>Die Elfenkriegerin, die sie angesprochen hatte, schaffte es nicht, ihre Niedergeschlagenheit zu �berspielen. �Nichts Neues. Die Trolle werden st�rker. Wir nicht.�</p><p>Obilee nickte knapp. So ging es seit Jahren. Doch die Zeit des Wartens war nun fast vor�ber. Sp�testens im Winter w�rden die Trolle ihren Angriff beginnen, da waren sich alle F�rsten einig. Und sie w�rden nicht ruhen, bis alle Str�me rot von Elfenblut waren. Das Heer, das sich in Feylanviek gesammelt hatte, w�rde die Trolle nicht aufhalten k�nnen. Es waren tapfere Krieger in schimmernden R�stungen, die Elite der Elfenf�rstent�mer. Im fr�hen Sommer war sie bei einer Heerschau gewesen. Elodrin hatte eine wunderbare Schar um sich versammelt. Und obwohl ihre Niederlage schon jetzt feststand, w�rden sie k�mpfen. Sie waren wie ein Tor aus Goldblech, das von einem Rammbock aus dem Stamm einer tausendj�hrigen Eiche bedroht wurde. Schon der erste Ansturm w�re ihr Untergang. Und sie waren nicht zu ersetzen. Zehn Jahre dauerte es, bis ein Trollwelpe zum Jungkrieger heranwuchs, aber einen toten Elfen zu ersetzen mochte hundert Jahre und mehr dauern.</p><p>Das hohe Tor zum Thronsaal schwang wie von Geisterhand auf. Die Kommandantin der Wache nickte Obilee zu, und ihr pr�chtiger wei�er Rosshaarbusch wippte auf dem schimmernden Bronzehelm. �Die Herrin erwartet dich.�</p><p>Obilee klemmte den eigenen Helm fest unter den Arm. Ihre Hand lag auf dem Knauf ihres Schwertes. Das Kettenhemd lastete schwer auf ihren Schultern, und die Nachricht, die sie �berbringen musste, lastete auf ihrem Herzen. Mit festem Schritt trat sie vor den Thron.</p><p>Emerelle erwartete sie aufrecht stehend wie eine Kriegerin in der Schlachtreihe den Ansturm der Feinde. Leise rauschte das Wasser, das in endlosen Kaskaden die W�nde des Thronsaals hinabstr�mte. Die Luft war feucht und angenehm k�hl.</p><p>Die K�nigin trug ein eisgraues Kleid mit hohem Kragen und langen, glatten �rmeln. Es war von schlichtem Schnitt und betonte ihre schmalen H�ften. Sehr zierlich wirkte sie, und wer sie nicht selbst schon im Fechtsaal erlebt hatte, der h�tte in dieser zerbrechlichen Frau niemals die Kriegerin erahnt. Das dunkelblonde Haar wurde von einem d�nnen, silbernen Stirnreif gehalten. Die hellbraunen Augen blickten hart. Die K�nigin hatte sich bereits f�r schlechte Nachrichten gewappnet. �Es ist sch�n, dich wieder bei Hof zu sehen.�</p><p>Die fahrende Ritterin wusste nicht, welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie beide waren allein im Thronsaal. Fr�her hatten sie sich einmal sehr nahe gestanden. Aber dieser Ort verlangte nach F�rmlichkeiten. Hier wurde seit Jahrhunderten �ber die Geschicke Albenmarks entschieden. Es war nicht der Platz, an dem zwei Freundinnen miteinander plauderten.</p><p>�Es schmerzt mich, dir keine guten Nachrichten bringen zu k�nnen, Herrin.� Obilee senkte den Kopf. Elf Tage hatte der F�rst im Reich unter den Wogen sie warten lassen, bevor er sie endlich empfangen hatte. �Eleborn wird unsere Sache nicht unterst�tzen. Er beharrt darauf, dass die alte Grenze gewahrt bleibt. Die V�lker des Wassers haben nichts mit den Kriegen diesseits der Ufer zu schaffen, so wie wir nicht an den Kriegen jenseits der Ufer teilhaben. Die Trolle behelligen sein Reich nicht und ...� Obilee z�gerte, ob sie Eleborns Beleidigung w�rtlich wiederholen sollte.</p><p>Emerelles Miene blieb wie versteinert. Sie forderte sie nicht auf, weiterzusprechen, doch sie entlie� sie auch nicht. Sie wartete.</p><p>�Er l�sst dir ausrichten, dass du den Thron aufgeben und dich der Trollschamanin Skanga stellen solltest. Er sieht in dir und deinen Taten den wahren Grund f�r diesen Krieg. Er ist stur ... Er wollte nichts anderes h�ren.�</p><p>�Er h�tte gegen sie k�mpfen k�nnen.� Emerelle sprach leise, ohne Obilee anzublicken. �Jedes ihrer Schiffe liefert sich ihm aus. Jeder Troll, der eine Furt durchquert, setzt seine schmutzigen F��e in Eleborns Reich.� Die K�nigin straffte sich. �Du hast ihm nat�rlich den schriftlichen Befehl �bergeben, uns Truppen zu schicken.�</p><p>�Nat�rlich, Herrin. Eleborn hat ihn nicht einmal gelesen.�</p><p>�Manchmal habe ich das Gef�hl, dass mir alles entgleitet, indem ich zu sehr darum k�mpfe. Ja, vielleicht zerst�rt man letzten Endes das, was man um keinen Preis loslassen kann. Was glaubst du, Obilee? Hat er Recht? W�rde der Krieg enden, wenn ich mich den Trollen ausliefere?� Die fahrende Ritterin wusste es nicht. Viele glaubten das, und deshalb fiel es immer schwerer, Verb�ndete im Kampf gegen die Trolle zu finden.</p><p>�Ganz gleich, was geschieht, Herrin, ich werde stets an deiner Seite sein.�</p><p>Emerelle seufzte. �Kannst du dir vorstellen, dass sich ein Trollk�nig um die Gesetze Albenmarks schert? W�rde sich ein Troll jemals als der erste Diener seines Landes begreifen? Ihre Herrschaft hie�e Willk�r. Die Starken w�rden noch st�rker werden. Und die Schwachen w�rden sein wie welkes Laub im Herbstwind. Sie w�rden fortgetrieben. Ich wei�, auch ich habe meine Schw�chen. Aber ich habe mich stets um Gerechtigkeit bem�ht. Solange ich herrsche, wird niemand �ber dem Gesetz stehen. Gesetze sind wie Mauern, die einen Acker einfrieden. Sie setzen Grenzen. Sie halten das Wild fern. Sie geben die Gewissheit, dass das, was heute gilt, auch morgen noch Recht sein wird. Manche glauben, ich w�rde mein Volk bevorzugen. Sie irren. Wir Elfen sind stark genug, unsere Rechte mit dem Schwert in der Hand einzufordern. Erst wenn wir nicht mehr ihr lebender Schild sind, werden die Schwachen begreifen, wie sehr sie uns gebraucht haben.� Die K�nigin straffte die Schultern. �Zu herrschen ist ein einsames Gesch�ft, Obilee. Aber ich werde nicht aufgeben. Das Gl�ck ist die Gef�hrtin der Tapferen. Eleborn und all die anderen werden sehen, was sie davon haben, sich nicht beizeiten gegen die Trolle entschieden zu haben. Sie werden ...�</p><p>Alle Farbe wich aus Emerelles Antlitz. Sie griff an ihr Herz und lie� sich kraftlos auf den Thronsessel sinken.</p><p>Mit drei weiten Schritten st�rmte Obilee die Stufen zum Thron herauf. �Herrin!�</p><p>Die K�nigin l�chelte. �Ich sp�re ihn! Er ist zur�ck. Ich wusste, dass wir ihn nicht verloren haben. Ollowain ist zur�ckgekehrt! Nun wird sich unser Schicksal wenden. Der Schwertmeister ist mehr wert als Eleborn und all seine Wasserm�nner und Seeelfen zusammen. Er wird das Blatt wenden.� Der euphorische Ausbruch der K�nigin wirkte auf Obilee befremdlich. In all den Jahren bei Hof hatte sie Emerelle noch nie in einer solchen Stimmung erlebt. Die Herrscherin bemerkte ihre Skepsis. �Lass mir doch einen Abend lang meine Illusionen. Jetzt komm mit und hilf mir, ein Kleid auszusuchen.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich daf�r die Richtige bin�, entgegnete Obilee steif.</p><p>�Du bist genau die Richtige!� Die K�nigin l�chelte verschw�rerisch. �Du bist jetzt eine fahrende Ritterin. In ein paar Tagen wirst du die Burg schon wieder verlassen. Ich muss mir also keine Sorgen machen, dass meine Geheimnisse bei Hof die Runde machen.�</p><p>�Ich w�rde niemals ...�</p><p>Emerelle legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schultern.</p><p>�Auf 'ich w�rde' werde ich mich nicht verlassen. Du kannst nicht. Komm jetzt.� Sie f�hrte Obilee aus dem Thronsaal hinauf in ihre Gem�cher im K�niginnenturm. Nur eine Hand voll Vertrauter hatte dort Zutritt. Fr�her einmal hatte Noroelle zu ihnen geh�rt.</p><p>Emerelle war immer noch in ausgelassener Stimmung. Sie nahm zwei Stufen auf einmal und summte dabei leise eine Melodie, die der Barde Nuramon vor langer Zeit einmal f�r Noroelle ersonnen hatte. Jede einzelne Note war ein Stich in Obilees Seele. Nuramon! So lange war er nun schon verschwunden! Ob er und Farodin Noroelle wohl gefunden hatten? Sie alle waren Verbannte. Sie w�rden nie mehr nach Albenmark zur�ckkehren. Aber vielleicht fand wenigstens ihre Geschichte hierher. Vielleicht waren sie auch schon l�ngst tot. So oft schon hatte Obilee versucht, Nuramon zu vergessen. Doch er nistete in ihren Gedanken wie die Tauben in den Turmfenstern der Burg. Einst, bevor die Schatten alle V�gel vertrieben hatten.</p><p>Schweigend erreichten sie den kurzen Flur, an dessen Ende eine schmucklose T�r lag. Emerelle �ffnete sie.</p><p>Ihre Kammer war nicht sonderlich gro�. Es gab nur wenige M�bel aus einem warmen, honigfarbenen Holz. Das Bett war nicht gemacht. Obilee musste schmunzeln. Sie w�rde sich nicht wundern, wenn Emerelles Leibdiener den Befehl hatten, es so zu belassen. Hier oben, dichter beim Himmel, erlaubte es sich die K�nigin, unvollkommen zu sein.</p><p>Rotes Abendlicht fiel durch die Scheiben der Fl�gelt�r, die hinaus auf den kleinen Balkon f�hrte.</p><p>Die Herrscherin trat vor den gro�en Spiegel, der die Wand gegen�ber ihrem Bett einnahm. Der schwere Ebenholzrahmen war mit Intarsien aus schillerndem Perlmutt geschm�ckt. Stilisierte Rosenbl�ten und Bl�tter rankten ineinander.</p><p>Eine fl�chtige Bewegung der Herrscherin bet�tigte eine geheime Feder. Lautlos glitt der Spiegel zur Seite und gab den Blick auf eine Kammer frei, in der sie leuchtende Gestalten erwarteten. Obilee reckte neugierig den Hals. Dort war sie noch nie gewesen.</p><p>Emerelle trat durch die schmale T�r. �Willkommen in meinem Allerheiligsten.� Sie drehte sich um und l�chelte kokett. �Au�er einer stummen Kobolddienerin wei� niemand um diese Kammer. Nicht einmal Meister Alvias. Hierher komme ich, wenn ich vor den Bildern der Silberschale und den Qualen der Herrscherin fliehen m�chte. Hier suche ich die junge Emerelle, die sich einst stundenlang an sch�nen Kleidern begeistern konnte. Jenes verliebte M�dchen, das zu einer einsamen K�nigin wurde. Doch nicht heute. Heute kehrt das Gl�ck vielleicht zur�ck.�</p><p>Jetzt konnte Obilee besser in die Kammer blicken. Was sie f�r leuchtende Gestalten gehalten hatte, waren aus Weidenruten gefertigte Kleiderst�nder. Wie Lampenschirme waren Kleider darauf gespannt. Viele Kleider! Unter einigen brannten Lichter, die berauschenden Weihrauchduft verstr�mten.</p><p>�Wirst du Ollowain sagen, was einst zwischen euch war?�</p><p>Die K�nigin schnalzte vorwurfsvoll mit der Zunge. �Nat�rlich nicht.� Sie strich gedankenverloren �ber den �rmel eines gr�nen Kleides aus schwerem Samt. �Ich m�chte nicht, dass er es wie eine Verpflichtung aus der Vergangenheit sieht. Nenn es eine alberne Schw�rmerei, aber ich sehne mich danach, dass er sich noch einmal in mich verliebt. Vielleicht wird heute der Tag sein, den ich so lange herbeisehne. Komm, hilf mir, die Haken an meinem Kleid zu �ffnen. Vieles h�ngt nun von der richtigen Wahl ab.� Sie drehte Obilee den R�cken zu.</p><p>Die fahrende Ritterin �ffnete die kleinen Haken und achtete darauf, dass sich Emerelles Haare nicht darin verfingen, als sie ihr das Kleid �ber den Kopf streifte. Verlegen wandte sie sich ab. Die K�nigin trug nur noch einen fein bestickten Leineng�rtel, von dem die B�nder herabhingen, die ihre langen Seidenstr�mpfe hielten. Ihre F��e steckten in zierlichen, lichtgrauen Schuhen.</p><p>�Welches Kleid soll ich nur nehmen? Er tr�gt gewiss wei�. Sollte ich auch wei� ... Nein, das w�re langweilig. Eine gro�e Hilfe bist du nicht, Obilee.�</p><p>�Herrin, ich m�chte dir nicht zu nahe treten ... Aber hast du bedacht, dass du nicht mehr die bist, in die sich einst Ollowains Seele verliebte?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich bin gewachsen, so wie ein Baum.� Sie wandte sich der fahrenden Ritterin zu. �Hier�, sie legte sich die Hand auf die nackte Brust. �Hier ist noch all das, was er einst liebenswert an mir fand. All das ...� Ihre Lippen begannen zu zittern. �Ich ... Ich wei�, dass ich mich ver�ndert habe. Ver�ndern musste ... Ich ... Glaubst du, er erkennt mich nicht wieder, weil ich die K�nigin bin? Hat diese B�rde f�r immer eine Mauer zwischen uns errichtet? Ich kann die Krone nicht ablegen ... Nicht in diesen Tagen! Das w�re Verrat an Albenmark. Glaub mir, ich w�rde es gerne tun. Wei�t du, dass ich dich beneide? Dich und deine Freiheit, als fahrende Ritterin durch die W�lder zu streifen. Und die Freiheit, nur dir selbst Rechenschaft schuldig zu sein. Ich hingegen werde zwischen meinen Pflichten aufgerieben ... Rate mir. Was soll ich tun, Obilee? Muss ich mein Gl�ck auf dem Altar Albenmarks opfern?�</p><p>Obilee wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Bisher hatte sie immer geglaubt, es erf�lle Emerelle, die Geschicke Albenmarks zu lenken. Wie eine Gefangene der Krone war sie ihr jedenfalls nie erschienen. �Vielleicht solltest du die Burg einmal verlassen. Die dr�ckenden Schatten hier t�ten die Freude, ja, sie erlauben kaum ein L�cheln, das von Herzen kommt.�</p><p>�Ach, Kind! Wie soll ich denn gehen? Unten im Saal der fallenden Wasser liegt das Tor, durch das die Schatten kommen. Ich muss in seiner N�he bleiben. Noch sind es nur einzelne Yingiz, die hierher gelangen. Aber wann wird der Damm brechen? Wann ergie�en sie sich wie eine Woge aus Finsternis �ber das Land? Ich war es, die einen Faden im Netz der Albenpfade zerrissen hat. Ich muss hier bleiben. Das ist mein Schicksal.�</p><p>�Du sagtest, etwas von der jungen Emerelle sei immer noch in dir lebendig, Herrin. Verborgen unter den Jahresringen von Jahrhunderten, um in deinem Bild des Baumes zu bleiben. Vielleicht gibt es doch einen Weg, dich Ollowain zu erkennen zu geben. Ohne Worte.�</p><p>Die K�nigin lie� resigniert den Kopf sinken. �Er hat keine Erinnerung an damals. So ist es, wenn du wiedergeboren wirst. Du kehrst als ein unbeschriebenes Blatt zur�ck. Frei von den Lasten der Vergangenheit.�</p><p>�Aber du sagst, du kannst seine R�ckkehr mit deinem Herzen f�hlen. Es scheint ein unsichtbares Band zwischen euch zu geben. Glaubst du nicht, in ihm schlummert auch etwas? Etwas, das jenseits der Erinnerung seines Verstandes liegt? Vielleicht kann sich ja auch ein Herz erinnern?�</p><p>Emerelle seufzte. �Du bist ja eine Dichterin, Obilee. Die Erinnerung des Herzens ... Woran sollte sich ein Herz erinnern?�</p><p>Die Kriegerin zuckte hilflos mit den Schultern. �An deinen Duft? An deine Kleidung, den Tonfall deiner Stimme? Was habt ihr gegessen? Gab es ein Gericht, das er besonders mochte?�</p><p>�Sind wir jetzt bei der Erinnerung des Magens?�</p><p>�Herrin!� Da war sie wieder, die kalte, sp�ttische Emerelle. Gewiss war sie es, die es Ollowain unm�glich machte, seine fr�here Liebe wiederzuerkennen.</p><p>Emerelle strich sich mit der Hand durch das lange Haar.</p><p>�Verzeih mir.� Sie sagte das so leise, dass Obilee sie fast nicht verstehen konnte. �Du hast einen wunden Punkt ber�hrt. Ich kann die wunderbarsten Zauber weben, aber ich vermag nicht zu kochen. Falrach hat es zwar gegessen, aber er hat mich aufgezogen. Gestichelt. Trotzdem konnte auch ich �ber seine Sp��e lachen. Auch wenn seine Worte manchmal grob klangen, so hat sein L�cheln ihnen den Stachel genommen.� Sie schloss die Augen. �An manches erinnere ich mich so deutlich, als sei es erst gestern gewesen. Das schalkhafte Funkeln in seinen Augen, wenn er mir erkl�rte, halb rohe Hasenkeule mit angebrannten Zwiebeln sei unter allem, was ich koche, mit gro�em Abstand sein Leibgericht.�</p><p>�Dann koche es noch einmal f�r ihn�, sagte sie, doch in Gedanken war sie bei dem Brunnen vor dem Thronsaal. Falrach also war es gewesen, jener geheimnisvolle Geliebte Emerelles. Hatte sie bewusst ihr Geheimnis preisgegeben, oder war sie so tief in Gedanken und hatte gar nicht bemerkt, dass nicht Ollowains Name �ber ihre Lippen gekommen war?</p><p>Noch immer spielte die K�nigin nachdenklich mit ihrem Haar. �Ich werde mich zum Gesp�tt unter den Kobolden in der K�che machen, wenn ich sie von ihren Herdfeuern vertreibe, um ein angebranntes Essen zu kochen.�</p><p>�Wie viel wiegt dieser Spott, wenn es dir gelingt, den Funken der Liebe wieder zu entfachen?�</p><p>Emerelle seufzte.</p><p>�Und was ist mit deiner Kleidung? Was hast du getragen?�</p><p>Wieder schloss die K�nigin die Augen. �Ein Jagdkost�m aus rostrotem Leder. Es war praktisch, weil man die Blutflecke darauf nicht so gut sehen konnte. Ich habe es oft geflickt. Das Leder war ganz abgesto�en. Ich sah recht verwegen darin aus. Auf der linken Schulter hatte ich einen dicken Lederstreifen. Dort sa� Goldauge, mein Falke. Selbst wenn ich tief �ber die M�hne meiner Stute gebeugt galoppierte, blieb er dort sitzen. Er liebte das.�</p><p>�Dann leg auch dieses Jagdgewand wieder an, Herrin.�</p><p>Die K�nigin sah sie an. �Ach, Obilee. Es ist l�ngst zu Staub geworden, so viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Auf jede Nacht, die wir beisammen lagen, kommen mehr als tausend N�chte ohne ihn.� Sie trat an einen Sims, auf dem Dutzende kleiner Kristallflakons standen. Spielerisch strichen ihre Finger �ber die Fl�schchen. Dann entkorkte sie eines und strich sich ein wenig Parf�m auf Hals und Nacken. Schwerer Aprikosenduft stieg Obilee in die Nase. Emerelle nahm einen anderen Flakon, tr�ufelte etwas auf ihre Finger und strich dann �ber ihre Scham. Der Duft von Sandelholz mischte sich zur Aprikose.</p><p>�Herrin, jede Dame bei Hof kleidet sich in sinnliche D�fte und kostbare Seide. Wage es, anders als sie zu sein. Suche nach der Emerelle mit dem Falken auf der Schulter. Zeige Ollowain die Frau, die er als Falrach einst liebte.�</p><p>Der Flakon entglitt Emerelles Fingern und zerschellte auf dem Steinboden. �Du ... du kennst seinen Namen!�</p><p>�Herrin, du selbst hast ihn genannt.�</p><p>�Niemals. Ich ...� Sie stockte. Der Sandelholzduft lastete schwer in der Ankleidekammer. Nie zuvor hatte Obilee die Herrscherin Albenmarks so verletzlich gesehen. Ihre Wangenmuskeln zuckten. Sie blinzelte, k�mpfte mit Tr�nen.</p><p>Z�gernd trat die Kriegerin vor, stieg �ber die Scherben hinweg und nahm Emerelle in ihre Arme.</p><p>Emerelle vergrub das Gesicht an Obilees Schulter. Ihr R�cken bebte. �Du darfst es niemandem sagen, h�rst du. Niemandem! Sie w�rden es ihm zutragen, nur um mich zu verletzen. Vielleicht w�rden sie ihn sogar ermorden, um mich damit zu treffen.�</p><p>�Aber Herrin, wer sollte so etwas tun?� Die K�nigin l�ste sich aus ihrer Umarmung und machte eine vage Geste. �Es sind so viele dort drau�en, die mich fallen sehen wollen. So viele! Sogar Elfen.� Sie kniete nieder und sammelte die Scherben des zerbrochenen Flakons auf ihre flache Hand. �Reich mir deine Linke, Obilee. Die Hand, die vom Herzen kommt.�</p><p>Wie in Trance gehorchte die junge Elfe. Der Sandholzduft machte sie ganz benommen, und Emerelle hatte etwas Zwingendes in ihrem Blick. Die K�nigin griff mit der Hand, in der die Scherben lagen, nach ihr. Ihrer beider Finger verschr�nkten sich ineinander. Muskeln und Sehnen an Emerelles Unterarm spannten sich. Obilee sp�rte einen kurzen, stechenden Schmerz. Obwohl Fenster und T�ren verschlossen waren, streifte sie ein eisiger Luftzug. Viel zu kalt f�r einen Sommerabend. Kauerte dort in der Ecke ein Schatten? �Schw�re mir bei deinem Blute, dass der Name, den du erfahren hast, nie mehr �ber deine Lippen kommen wird.�</p><p>�Ich schw�re es�, fl�sterte die Kriegerin leise.</p><p>Vorsichtig l�ste Emerelle ihren Griff. Scherben hatten sich in die zarte Haut ihrer Hand gegraben. Auch Obilee blutete. �Du wei�t, welche Macht mir ein Blutschwur gibt?� Emerelles Stimme war ohne Gef�hl. Sie zog sich die Glassplitter aus der Hand.</p><p>�Dir wird meine Seele geh�ren, wenn das Siegel meiner Lippen bricht.� Noch immer konnte Obilee nicht fassen, was die Herrscherin getan hatte.</p><p>�Wenn deine Seele mir geh�rt, weil du den Eid brichst, ist der Zyklus aus Tod und Wiedergeburt f�r dich unterbrochen. Dann bist du ausgeschlossen vom Weg ins Mondlicht. Dein Schicksal w�rde sich nicht erf�llen.�</p><p>�Warum, Herrin? Warum tust du das?�</p><p>�Du hast jetzt gro�e Macht �ber mich, Obilee. Ist es da nicht gerecht, wenn ich auch Macht �ber dich habe?�</p><p>�Aber du k�nntest mir doch vertrauen.�</p><p>�Und mich ausliefern? Nein, Obilee. Ich lebe zu lange, um noch Vertrauen zu haben.�</p><p>�Vielleicht findet die wiedergeborene Seele deshalb nicht zu dir?�, sagte die Kriegerin bitter. Sie wagte es nicht, Namen zu nennen, denn noch immer nisteten Schatten im Winkel bei den Schuhregalen.</p><p>�Dann ist es wohl mein Schicksal�, entgegnete Emerelle zynisch.</p><p>Die Lichter unter den Kleidern flackerten. Es wurde wieder w�rmer. Obilee sp�hte zu den Schuhregalen.</p><p>�Es ist fort�, fl�sterte Emerelle. Sie legte der Elfe ihre blutige Hand in den Nacken und zog Obilee dicht zu sich heran. �Es tut mir leid, dass ich mich so weit vergessen habe und dir diesen Namen verriet. Du bist meiner Seele nahe gewesen. Es war gut, mit dir zu reden, auch wenn ich noch nicht wei�, ob ich deine Ratschl�ge beherzigen werde. Ich w�rde sehr viel von meiner k�niglichen W�rde aufgeben, wenn ich mich in die K�che stelle und ein schlechtes Essen zubereite. W�rde ist ein wichtiger Teil meiner Herrschaft. W�rde fl��t anderen Respekt ein. Und nur wenn man mich respektiert, wird man mir gehorchen. Doch wie dem auch sei, ich habe auch einen Rat f�r dich. Er ist nicht minder heikel, aber er kommt von Herzen. Ich wei�, wie du f�r Nuramon empfindest. Sieh mich nicht so �berrascht an, Obilee. Du hast dich in jenem Winter verraten, in dem Nuramon, Farodin und Mandred zu uns zur�ckgekehrt waren. Dir stand die Liebe ins Gesicht geschrieben, Obilee. Sprich zu Nuramon von deinen Gef�hlen.�</p><p>Obilee stand wie vom Donner ger�hrt. Sie hatte sich so sehr bem�ht, sich nichts anmerken zu lassen! Diese Liebe war ein Fluch! Sie wusste, dass sie nicht auf Nuramon hoffen durfte. Ihn zu lieben, war Verrat. Er hatte sein Herz Noroelle geschenkt, die Obilee einst in ihren Dienst genommen hatte. Noroelle war wie eine gro�e Schwester f�r sie gewesen. Niemandem hatte sie so vertraut wie ihr. Dann war sie von der K�nigin verbannt worden, weil sie einem D�monenkind das Leben geschenkt hatte und sich weigerte, Emerelle zu verraten, wohin sie ihren Sohn gebracht hatte. Es war eine grausame Strafe. Sie war an einem Ort, um den nur die K�nigin wusste. Niemand durfte darauf hoffen, sie jemals wieder zu finden. Doch Nuramon hatte sie nicht aufgegeben. Er suchte nach ihr, gemeinsam mit seinen Gef�hrten Farodin und Mandred. Diese drei waren Noroelles einzige Hoffnung. �Es steht mir nicht zu, Nuramon mein Herz zu �ffnen. Er liebt eine andere, und ich darf ihn nicht von seiner Suche abbringen, denn auch ich liebe sie und w�nsche ihr Gl�ck.�</p><p>�Du glaubst also, du w�rst eine Verr�terin, wenn du zu Nuramon sprichst. Ach, Kind, was soll schon geschehen? Ist Nuramons Liebe zu Noroelle so best�ndig, wie es scheint, dann sind deine Worte keine Gefahr f�r die beiden. Ist sie es aber nicht, dann bewahrst du Nuramon davor, sich zu verirren. Und noch etwas gilt es zu bedenken. Auch Farodin liebt Noroelle. Sie wird zuletzt, falls die beiden Noroelle jemals finden sollten, nur einen von ihnen erw�hlen. Stell dir vor, es ist Farodin. Wenn dies geschieht, dann w�rde das Eingest�ndnis deiner Liebe Nuramon ein Trost sein. Es gibt aber noch einen dritten Grund, und dies ist der wichtigste von allen. Es wird der Tag kommen, an dem du es bitter bereust, wenn du nicht zu Nuramon sprichst. Ganz gleich, was er antwortet, seine Antwort wird dich befreien. Lehnt er deine Liebe ab, so nimmt er dir eine Illusion. Bei allem Schmerz, den dir das zun�chst bereiten wird, schafft er so in deinem Herzen Platz f�r einen anderen. Ein Herz muss sich mitteilen, Obilee, sonst wird es versteinern. Glaub mir, ich wei�, wovon ich rede. Geh das Wagnis ein und sprich zu ihm, falls ihr euch noch einmal begegnet.�</p><p>Die Worte der K�nigin schn�rten Obilee die Kehle zu. War das ein guter Rat? Emerelles Blick war offen und freundlich. Nichts erinnerte mehr an jene machtvolle Elfe, die sie zu einem Bluteid gezwungen hatte. Hatte sie von sich gesprochen? War es ihr Herz, das zu Stein geworden war? Viele dachten so von der K�nigin. Sie schien kalt und unnahbar. Obilee kannte jetzt die andere Emerelle. Doch wie viel war von der jungen Elfe noch geblieben, die einst den Feldherrn Falrach geliebt hatte? Genug, um sein wiedergeborenes Herz zu erringen?</p></section><section><title><p>Erwartungen</p></title><p>Blut sickerte aus dem halb rohen Fleisch und lie� die angebrannten Zwiebelst�cke wie Inseln in purpurner See ausschauen. Ollowain blickte auf. Noch nie war er bei Hof so schlecht bewirtet worden. Seit er angekommen war, lag eine fast greifbare Spannung in der Luft. Die K�nigin hatte ihn ins Bad geschickt. Es war angenehm, gewaschen zu sein und saubere Kleider zu tragen. Wie ein wandernder Koboldkesselflicker hatte er ausgesehen und obendrein gestunken wie ein Fjordl�nder.</p><p>Zweimal schon hatte er auf das gestohlene Buch zu sprechen kommen wollen, doch Emerelle blockte ab. Sie schien etwas zu erwarten. Etwas, das nichts mit der langen Reise zu tun hatte. Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und a� tapfer von diesem ungenie�baren Mahl.</p><p>Sie speisten auf der Terrasse bei den Maulbeerb�umen, dort, wo seine Reise vor f�nfzehn Jahren begonnen hatte. Au�er zwei Kobolden, die sich in respektvoller Distanz hielten, war niemand zugegen.</p><p>Ein Meer von Kerzen tauchte die Terrasse in flackerndes, goldenes Licht. Der Wind trug vom Garten den Duft von reifen Aprikosen heran. Auch roch es nach trockenem Gras und Staub. Der Atem des Sp�tsommers lag �ber ihnen. Ganz schwach war da auch noch ein anderer Geruch. Ein Duft, der etwas tief in Ollowain aufw�hlte, ohne dass er ihn zuordnen konnte. Er war schwer und sinnlich. Er erregte ihn. Und das beunruhigte den Schwertmeister, denn Erregung war das letzte Gef�hl, das er sich in Gegenwart der K�nigin anmerken lassen durfte. Seine M�nnlichkeit dr�ckte gegen das Gef�ngnis der Beinkleider. Ollowain war froh zu sitzen, sodass seine missliche Lage unbemerkt bleiben w�rde. Er versuchte verzweifelt, seiner Erregung Herr zu werden, doch das lie� sein Blut nur noch hei�er zwischen seinen Schenkeln pulsieren.</p><p>Er blickte hin�ber zu dem Buch, das in die Lumpen einer Vogelscheuche eingewickelt auf dem steinernen Gel�nder lag. Er hatte den sch�bigen Stoff von einem Feld gestohlen und das kostbare Dokument darin eingewickelt, damit es weniger Aufsehen erregte. Mit Erfolg! Emerelle beachtete es �berhaupt nicht. Stattdessen beobachtete sie ihn verstohlen.</p><p>Die K�nigin trug ein tiefrotes Abendkleid. Dunkler Granatschmuck lag auf ihrer hellen Haut wie frische Wunden. Es war unheimlich still. Kein Vogel sang, nicht einmal die Grillen zirpten. So verstummte die Natur, wenn ein J�ger auf der Pirsch war. Ollowain sah sich um. Emerelle hatte noch nicht �ber die Schatten gesprochen. Waren sie noch hier? Hatten sie der Nacht ihre Stimmen geraubt?</p><p>Immer schwerer lastete die Stille auf ihnen. Das einzige Ger�usch war das Klirren des silbernen Bestecks auf den kostbaren Tellern. Ollowain schob einen blutigen Streifen Fleisch zu den verbrannten Zwiebeln. Er konnte das nicht essen! �Du solltest deinen Koch davonjagen.�</p><p>Emerelle l�chelte bem�ht. �Diesen Koch und eine Ratgeberin.� Sie legte das Besteck auf den Teller und tupfte sich mit einem Seidentuch �ber die Lippen.</p><p>Die beiden Kobolde eilten herbei. Wortlos nahmen sie die Teller vom Tisch.</p><p>�Du warst lange fort�, sagte die K�nigin unvermittelt.</p><p>�Ganda war schwer verletzt, als sie das Tor zu den Albenpfaden �ffnete. Ihr muss bei dem Zauber ein Fehler unterlaufen sein.�</p><p>�Schwer verletzt ...�</p><p>Ollowain erz�hlte von ihrer Suche und von dem geheimnisvollen Gestaltwandler, der ihnen so sehr zugesetzt hatte. Nur in einem Punkt hielt er sich nicht an die Wahrheit. Er behauptete, es sei seine Idee gewesen, das Buch an sich zu bringen, f�r das ihr gesichtsloser Feind so kaltbl�tig gemordet hatte.</p><p>�Und Ganda hat sich dem widersetzt. Eine Lutin, die keinen Anteil an einem Diebstahl haben mochte. Ungew�hnlich.� Emerelles schmallippiges L�cheln sagte mehr als Worte. Sie durchschaute ihn. �Und mein heldenhafter Schwertmeister wird zu einem gemeinen Dieb. Du bist sicher, dass es sich so zugetragen hat?�</p><p>Das Blut stieg ihm von den Schenkeln in den Kopf. �So und nicht anders.� Wenigstens klang seine Stimme noch fest. Was f�r ein erb�rmlich schlechter L�gner er doch war!</p><p>Emerelle erhob sich und ging hin�ber zur Br�stung des Balkons. Ihren Bewegungen haftete etwas Schwerf�lliges und doch Sinnliches an. Der Klang feiner Silbergl�ckchen begleitete jeden ihrer Schritte, ohne dass Ollowain ein Schmuckst�ck entdecken konnte, das der Ursprung dieses metallisch-melodischen Wisperns war. Ihr Kleid war von den H�ften an aufw�rts zu eng anliegend, als dass die Gl�ckchen, unter dem Stoff verborgen, noch h�tten schwingen k�nnen. Sie musste sie an ihren Beinen tragen. Was bezweckte sie damit?</p><p>Die K�nigin war barfu� zum Essen gekommen. Ihr Kleid reichte bis knapp oberhalb der Kn�chel. Dunkle Muster aus Schlangenlinien schm�ckten ihre schmalen F��e, aufgemalt mit dem Saft des Dinko-Busches.</p><p>Nein, es waren keine Schlangenlinien, sondern Schlangenleiber, die sich um die zarten Kn�chel der K�nigin wanden und unter dem Saum ihres Kleides verschwanden. Dorthin, wo der lockende Silberklang herr�hrte.</p><p>Mit spitzen Fingern �ffnete Emerelle das schmutzige Stoffb�ndel.</p><p>Ollowain betrachtete sie nachdenklich. W�re sie nicht die K�nigin, er h�tte geglaubt, dass sie versuchte, ihn zu verf�hren. Was war in den verlorenen Jahren geschehen? Was hatte Emerelle so sehr ver�ndert?</p><p>Die Herrscherin versteifte sich. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Sie trat von der Br�stung zur�ck. Blass. Verst�rt.</p><p>�Herrin?�</p><p>Sie gebot ihm mit einer fahrigen Geste zu schweigen und starrte das Buch an. Es war totenstill. Selbst der Wind in den B�umen war verstummt.</p><p>�Es war die linke Hand, die Ganda verloren hat, als du das Buch gestohlen hast?�, fragte die K�nigin nach langem Schweigen, h�rbar um Fassung bem�ht.</p><p>�Ja.�</p><p>�War sie Linksh�nderin?�</p><p>�Das wei� ich nicht.� Ollowain fragte sich, was diese Fragen mit dem Buch zu tun hatten.</p><p>Die K�nigin trat wieder an die Br�stung und strich mit den Fingerspitzen �ber den messingbeschlagenen Ledereinband.</p><p>�Fr�her einmal hat man Dieben die Hand abgeschlagen, mit der sie gestohlen hatten. Linksh�nder verloren die Linke. So war das Recht ... Ich habe das ge�ndert, wie du wei�t. Eine Blutgerichtsbarkeit gibt es nur noch sehr selten.�</p><p>Ollowain wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Auch wenn Emerelle im Volk als eine vorbildliche Herrscherin galt, hatte sie ihn immer wieder durch ihre grausamen Urteile �berrascht. Sie waren selten und mochten begr�ndet sein, aber sie passten so gar nicht zu dem Bild der zarten, einf�hlsamen Herrscherin, das sie bei den meisten erweckte. Wenn sie in die Enge getrieben war, dann wurde sie sehr gef�hrlich. Beklommen dachte er an die Nacht, in der sie den Albenpfad durchtrennt hatte. Allein durch diese Tat hatte die K�nigin mehr Blut an den H�nden als jeder Krieger, dem er je begegnet war.</p><p>�Du kennst Meliander, den F�rsten von Arkadien?�, fragte Emerelle unvermittelt. �Er hat dieses Buch geschrieben. Es gibt nur dieses eine Exemplar. Es ist sehr wertvoll, aber ... Es hat ihm den Verstand verwirrt. Er hat sich selbst gerichtet. In einem marmornen Bad, gef�llt mit schwarzer Tinte, hat er sich die Adern ge�ffnet und seinem Leibdiener die letzten Seiten diktiert, w�hrend er langsam verblutete. Der Leibdiener war ein Lutin. Er hat Meliander bestohlen, nachdem sein Herr verstorben war. Das alles liegt sehr lange zur�ck. Damals waren noch Drachen die Herrscher Albenmarks, und ich war eine fahrende Ritterin in ihren Diensten. Ich war Ankl�gerin, Richterin und Henkerin f�r sie. Man hatte mich geschickt, um den Lutin zu finden und zu richten. Er war Linksh�nder ...�</p><p>Ollowains Mund war staubtrocken geworden. Er musste an den Falrach-Spieler aus der Bibliothek denken. Den geheimnisvollen M�rder, der jeden Zug schon im Voraus zu kennen schien. Hatte er das arrangiert? Hatte er am Ende gewollt, dass Emerelle das Buch bekam? Oder war es nur ein Zufall? Eine Laune des Schicksals?</p><p>�Das Buch war verschwunden, als ich ihn fand. Ich h�tte niemals gedacht, dass er es nach Iskendria brachte. Ich war immer �berzeugt, dass er sein Diebesgut verkauft hatte. An irgendeinen reichen Sammler ... Und ich dachte, es w�re seine Diebesehre, die ihn schweigen lie�. Aber Iskendria ... Die H�ter des Wissens zahlen nicht f�r B�cher. Was hat er davon gehabt, es dorthin zu bringen?� Wie als Antwort erklang ein scharfes, metallisches Klacken. Die Schlie�en des Folianten waren aufgesprungen.</p><p>�Hast du in dem Buch gelesen?� Ollowains Gedanken �berschlugen sich. Er hatte das unbestimmte Gef�hl, dass Ganda in Gefahr war, wenn Emerelle davon erfuhr, dass sie es war, die in dem Buch gelesen hatte.</p><p>�Nur sehr wenig. Meliander schrieb sehr kenntnisreich �ber die Yingiz. Ich dachte ...�</p><p>�Hat auch die Lutin darin gelesen?�</p><p>�Nein. F�r sie �ffnete sich das Buch nicht. Es schien sie abzulehnen.�</p><p>Emerelle sah ihn so durchdringend an, als k�nne sie in seinen Gedanken lesen. Sie schloss das Buch und verriegelte die Bronzeb�nder. �Komm her und �ffne es.�</p><p>�H�ltst du mich f�r einen L�gner?�</p><p>�Ich halte dich f�r sehr loyal, Ollowain�, entgegnete sie k�hl.</p><p>�Aber im Augenblick bin ich mir nicht sicher, wem deine Loyalit�t gilt. Mir oder Ganda.�</p><p>�Dein Zweifel verletzt mich zutiefst.� Er sagte das nur, um hinter den Worten seine wahren Gef�hle zu verbergen. Er hatte das Buch nie ge�ffnet. Und er hatte Angst um Ganda. War er so leicht zu durchschauen?</p><p>�Komm!�, forderte Emerelle.</p><p>Er trat an ihre Seite. Der Duft von Aprikosen und jener seltsam sinnliche andere Geruch nahmen ihn gefangen. Sie umschlossen ihn, als er neben der K�nigin stand. Sie war es, die diesen Duft verstr�mte. Einen Herzschlag lang hatte er den absurden Gedanken, dass sie ihn sich einverleiben wollte. Verschlingen, in einem St�ck, so wie eine Schlange eine Maus verschlang.</p><p>Ollowain legte die Hand auf das Buch und schloss die Augen. Das Leder f�hlte sich weich und warm an. Der Schwertmeister wartete auf das, was geschehen musste, wenn seine L�ge entlarvt wurde. Auf den Ruf nach den Wachen. Die K�nigin zu bel�gen, war Hochverrat. Und daf�r gab es in Kriegszeiten nur eine Strafe.</p><p>All das w�rde er ertragen k�nnen. Nur Emerelles Blick, dem w�rde er sich nicht stellen. Der Entt�uschung darin. Sie hatte ihn zu dem gemacht, der er war. Dem Schwertmeister der Albenmark, ihrem Heerf�hrer, dem Mann, dem sie vertraute wie keinem anderen. Und nun stand er vor ihr und belog sie, um eine diebische Lutin zu sch�tzen. Sein Herz sagte ihm, dass er das Richtige tat. Aber wie hatte es so weit kommen k�nnen?</p><p>Klackend �ffneten sich die Bronzeb�nder. Fast h�tte er sich noch im letzten Augenblick verraten, indem er erleichtert aufatmete.</p><p>Emerelle l�chelte, doch es war kein L�cheln, das von Herzen kam. �Gut�, sagte sie nur und verschloss das Buch wieder. Wie hatte er glauben k�nnen, dass er sie t�uschen k�nnte! Sie wusste alles!</p><p>�Es wundert mich, dass noch keiner der H�ter des Wissens hier ist, um deinen Kopf zu fordern, Ollowain. Sie werden kommen. Ich kenne sie.�</p><p>�Und du wirst mich ausliefern.�</p><p>Ihre Antwort war eine schallende Ohrfeige. �Du machst es dir sehr leicht, Ollowain. Ich bin mir sicher, die Lutin war die Diebin, und du stellst dich vor sie, weil du glaubst, dass dir schon nichts geschehen wird. Du bist ja der Schwertmeister! Du bist unber�hrbar .... Eine lebende Legende! Gerechtigkeit kann es nur dort geben, wo Willk�r keinen Platz hat. Auf dieser Gewissheit begr�nde ich meine Herrschaft. Niemand steht �ber dem Gesetz. Nicht einmal ich, und deshalb kann ich dich nicht retten. Wenn sie kommen und deinen Kopf fordern � und das werden sie, Ollowain, verlass dich darauf -, dann werde ich dieser Forderung nachgeben m�ssen, denn sie sind im Recht. Du hast doch gewusst, was geschehen w�rde. Warum hast du das getan? Warum habt ihr das getan?�</p><p>�Der M�rder wollte dieses Buch. Es schien wichtig ...� Ollowain wusste nicht, was er noch sagen sollte. Die Lutin hatte entschieden, das Buch zu stehlen, ohne ihn ins Vertrauen zu ziehen. Sie musste schwer wiegende Gr�nde gehabt haben. Sie h�tte das nicht leichtfertig getan.</p><p>�Der M�rder war der Falrach-Spieler, sagtest du. Und du hast lange mit ihm gesprochen. Lange genug, dass er dich durchschauen konnte. Hast du in Erw�gung gezogen, dass er vielleicht wollte, dass ihr beide mit dem Buch entkommt? Vielleicht war es seine Absicht, mich in diese Lage zu bringen. Dass du dich sch�tzend vor die Lutin stellen w�rdest, war leicht vorherzusehen. Und nun muss ich �ber dich richten.�</p><p>Nie zuvor hatte er Emerelle so aufgew�hlt gesehen.</p><p>�Du hast Recht, Herrin. Scheinbar bin ich in eine Falle gelaufen.� Er f�hlte sich elend. Es gab keinen Ausweg. �Ich werde mich selbst richten, wenn du es w�nschst. Das erspart dir die Peinlichkeit, �ber mich zu Gericht sitzen zu m�ssen.�</p><p>�Wie kannst du glauben, dass ich so etwas w�nsche?�, fuhr sie ihn an. �Du musst fort von hier. Die H�ter des Wissens werden dich zuallererst hier suchen. Noch heute Nacht wirst du nach Feylanviek reisen, wo sich das Heer sammelt, das den Trollen entgegentreten wird. Du wirst es befehligen.� Sie l�chelte zynisch. �In gewisser Weise ist auch das ein Todesurteil. Deine Truppen sind hoffnungslos in der Unterzahl. Aber wenn du kommst, wird das gut f�r ihre Moral sein. Und die Trolle f�rchten dich seit Phylangan, obwohl sie dort gesiegt haben. In Feylanviek, inmitten deines Heeres, wird es unm�glich sein, dich verhaften zu lassen. Es ist der einzige Ort, an dem du in Sicherheit bist. Zumindest vor�bergehend.�</p><p>�Und du w�rdest mich hinrichten lassen, obwohl du davon �berzeugt bist, dass ich dich bel�ge, um damit Ganda zu sch�tzen?�</p><p>Emerelle sah ihn unendlich traurig an. �Begreifst du endlich, was du getan hast? Meine Herrschaft gr�ndet auf Gerechtigkeit und Gesetz. Verurteile ich dich, vergie�e ich unschuldiges Blut und lasse zu, dass eine L�ge siegt. Verurteile ich dich aber nicht</p><p>� und bin mir sicher, du w�rdest bis zuletzt bei der Behauptung bleiben, dass du der Dieb warst -, dann wird es hei�en, ich habe eine Lutin geopfert, um den Schwertmeister zu retten. Wenn die Albenkinder untereinander so lange in Frieden gelebt haben, dann liegt es auch an ihrem unersch�tterlichen Glauben an meine Gerechtigkeit. Wird dieser Glaube ersch�ttert, sind alle Gesetze nichts mehr wert. Man muss daran glauben, dass sie unverr�ckbar sind und nicht nur ein bisschen Tinte auf Papier. Ich werde also gezwungen sein, dich Albenmark zu opfern, obwohl ich in meinem Innersten wei�, dass ich einen Unschuldigen unter das Schwert des Henkers schicke. Und das wird meinen Glauben ersch�ttern. Du kennst mich gut, Ollowain. Auch meine dunklen Seiten. Bei allem, was ich getan habe, ging es mir darum, die V�lker der Albenkinder zu besch�tzen. Ich wollte immer, dass die Schwachen in Frieden leben k�nnen, geborgen hinter einem Schild aus Recht und Ordnung. Ich habe Kriege gef�hrt, um uns vor der Willk�r der Trolle zu sch�tzen. Selbst jetzt tue ich das noch, obwohl alles verloren scheint.�</p><p>Sie starrte in die Dunkelheit des Gartens. Eine Zeit lang schwiegen sie beide. Ollowain glaubte schon, sie wolle ihm durch ihr Schweigen bedeuten, dass es f�r ihn an der Zeit war zu gehen, da drehte sie sich �berraschend um. Tr�nen standen ihr in den Augen, doch ihre Stimme war fest, als sie sprach.</p><p>�Wei�t du, was das Schreckliche daran ist zu herrschen? Ganz gleich, was ich auch tue, wenn ich am Ende meines Lebens zur�ckblicke, werde ich einen riesigen Berg Leichen hinter mir sehen. Opfer auf dem Altar der Gerechtigkeit. Und bringe ich diese Opfer nicht, dann wird der Leichenberg hinter mir nur noch gr��er! Ich bin die Herrscherin, ja, aber zugleich bin ich auch eine Gefangene. Die Hohepriesterin eines Gottes, der nach Blut schreit! Immer lauter! Und nun werde ich dein Blut f�r ihn vergie�en m�ssen. Geh! Geh mir aus den Augen, Ollowain! Du ahnst nicht, was du mir angetan hast! Geh! Such Meister Alvias und sage ihm, er soll dir jemanden suchen, der dich �ber die Albenpfade nach Feylanviek f�hrt. Noch heute Nacht.�</p><p>�Aber...�</p><p>Emerelle schnitt ihm mit einer harschen Bewegung das Wort ab. �Es gibt nichts mehr zu besprechen. Du hast deine Entscheidung getroffen. Geh nach Feylanviek und finde einen ehrenvollen Tod. F�r dich f�hrt kein Weg mehr hierher zur�ck. Wenn die H�ter des Wissens kommen und deinen Kopf fordern, werde ich das Todesurteil �ber dich sprechen. Du hast mir diese Worte in den Mund gelegt, Ollowain, und daf�r verdamme ich dich! Wenn ich dieses Urteil nicht sprechen kann, dann habe ich es nicht l�nger verdient, K�nigin zu sein.� Die Schminke unter ihren Augen zerlief, und sie weinte schwarze Tr�nen. �Geh und wisse, du nimmst meine Seele mit dir. Dein geheimnisvoller Falrach-Spieler wollte uns beide aus dem Spiel nehmen, und du hast ihm nach Kr�ften geholfen, diesen Zug zu gewinnen.�</p><subtitle>Letzte Worte</subtitle><cite><p>�(...) Wer die Wahrheit sucht, der l�uft in Gefahr zu finden, was er nie wahr haben wollte. In diesem Buch habe ich nur einen Teil der Schrecken niedergelegt, derer ich angesichtig wurde. Worte verm�gen nicht auszudr�cken, was uns diese Bilder meinem Herzen angetan haben. Ich war ein Mann der Tinte und der G�nsekiele. Ich war so vermessen zu glauben, es gebe nichts, wor�ber ich nicht schreiben k�nnte, und kein Geheimnis, das ich nicht zu ergr�nden verm�chte. Ich bin gescheitert. Doch anders, als ich erwartet h�tte. Ich sah, was ich nicht h�tte sehen d�rfen. Sie sind nicht von uns gegangen, Schwester. Ich wei�, dass du einst diese Zeilen lesen wirst, und ich hoffe, die Zeit wird dich gn�dig gestimmt haben. Du warst immer eine Kriegerin. So lange ich dich kannte warst du eine Frau des Schwertes. Und ich wei�, dass du in Zukunft eine Frau der Worte werden und dennoch Kriegerin bleiben wirst. Eine Meisterin der Intrige im Dienste des Wohl aller Albenkinder. Doch du hast dich einem Artefakt anvertraut, das geschaffen wurde, uns ins Verderben zu st�rzen. Noch geh�rt es mir, und ich habe Jahrhunderte damit verbracht, m�gliche Zuk�nfte zu studieren bis meine Seele im spiegelnden Wasser verbrannte. Deshalb liege ich nun in einem Bad aus Tinte. Es hei�t, in warmen Wasser sei es leichter, dem Tod, so wie ich ihn gew�hlt habe, zu begegnen. Es soll ganz ohne Schmerzen geschehen. In der Tinte sehe ich mein Blut nicht. Ich habe nur einen kleinen Schnitt gesetzt, damit mir die Zeit bleibt, meine letzten Gedanken zu ordnen und dich zu warnen. Ich habe jeden Schritt wohl bedacht und habe die Zuk�nfte ergr�ndet. Ich wei�, ein Brief an dich h�tte dich nicht erreicht. Deshalb nutze ich die letzten Seiten meines Buches, um niederzuschreiben, was dich erst so sp�t erreichen wird. Ich wei�, dass du Cabak, meinen treuen Diener, stellen wirst, bevor er den zweiten Teil meiner Aufgabe erf�llen kann. Er hat dich nicht belogen. Er war kein Dieb. Ich habe ihm befohlen, dieses Buch nach Iskendria zu bringen �</p><p>was er dir nicht verraten haben wird -, und ja, ich habe ihm tats�chlich befohlen, die Silberschale an sich zu nehmen und einen Weg zu finden, sie f�r immer zu vernichten. Er hat seine Hand zu Unrecht verloren. Er hat sie f�r meine Treue verloren. Es wird ihn verbittert machen und er wird zum ersten Meister der Diebe unter den Lutin werden, denn er wird beschlie�en, dass er nun das Recht hat zu tun, wof�r er zu Unrecht bestraft wurde. Sein Volk wird ihm auf diesem Weg folgen. Bevor sie ihn zur letzten Ruhe betten, wird er ein einflussreicher Kobold gewesen sein und die Seinen werden seine Bitterkeit durch die Jahrhunderte mit sich tragen. Doch ich schweife ab ... Du wei�t nat�rlich, wie es um die Lutin steht. Was mich weit mehr schmerzt als die kleine Wunde, aus der mein Leben flie�t, ist mein Wissen. Du wirst dies lesen und wirst es nicht glauben wollen. H�te dich vor der Silberschale! Sie wurde von den Yingiz erschaffen! Sie kann zwar nicht l�gen, aber sie will uns mit der Wahrheit verwirren. Sie zeigt dir einen Mann, der sich mit blutigen H�nden �ber einen Krieger beugt, dessen Augen die Angst hinausschreien. So h�ltst du den Heilkundigen, der um das Leben des Verletzten k�mpft, f�r einen M�rder. Die Silberschale zeigt dir stets eine Zukunft, die dich mit Sorge erf�llt. Und sie will dich zu Fehlern verleiten, die du ohne dein vermeintliches Wissen um die Zukunft niemals begangen h�ttest. Mich hat sie zu Grunde gerichtet.</p><p>Mir ist kalt. Nur wenig Blut flie�t noch in meinen Adern. Doch eines musst du noch wissen. Geh behutsam um mit den Albenpfaden. Die einen umgeben unsere Welt wie ein sch�tzendes Netz. Sie halten die Yingiz fern. Dieses Netz darf nicht zerst�rt werden. Die anderen aber, die zur Welt der Menschen f�hren und in die zerbrochene Welt, die (...)</p><text-author>Zitiert nach:</text-author><text-author><emphasis>Die Wege der Alben</emphasis>, von:</text-author><text-author>Meliander, F�rst von Arkadien</text-author></cite></section><section><title><p>�ber den D�chern von Feylanviek</p></title><p>�Melvyn wird uns nicht daf�r lieben, dass wir hier sind.� Der Kobold duckte sich hinter einen Dachfirst und sah seinen Gef�hrten Nossew zweifelnd an. �Wirklich nicht. Der mag es nicht, wenn man ihm hinterherschleicht.�</p><p>Nossew hielt den Zeigefinger hoch und kr�mmte ihn leicht. Dann streichelte er �ber den glatt polierten Schaft seiner Repetierarmbrust.</p><p>�Ja, ja�, murrte Misht. �Ich hab schon verstanden. Dein Zeigefinger juckt. Ein todsicheres Zeichen f�r �rger. Aber wei�t du was, ich halte gar nichts davon, meinen Kopf hinzuhalten, nur weil Melvyn sich mal wieder in ein fremdes Bett legen muss.�</p><p>Trotz seines Protestes stemmte sich der Kobold hoch und sp�hte �ber den Dachfirst hinweg. Der Mond stand wie eine riesige Laterne am Himmel. Man musste schon ausnehmend dumm sein, um sich ausgerechnet diese Nacht zum Herumschleichen auszusuchen. Oder �ber beide Ohren verliebt. Seit drei Tagen rannte Melvyn in ihrem Lager herum, als habe ihn ein B�ffel vor den Sch�del getreten. Kein vern�nftiges Wort brachte er heraus. Er fand keine Ruhe. Auch nachts nicht. Misht kannte ihren Hauptmann schon lange. Wenn er eine seiner Aff�ren laufen hatte, war er immer ganz aufgekratzt. Aber diesmal war er irgendwie anders. Wie ausgewechselt. Offenbar hatte er sich tats�chlich verliebt. Aber warum, bei den Alben, musste es ausgerechnet eine verheiratete Frau sein! Und dann noch das Weib eines Elfenf�rsten! Wolkentaucher hatte ihm verraten, wo Melvyn sich herumgetrieben hatte. Auch der Adler machte sich Sorgen um ihren Anf�hrer. Er war es gewesen, der Misht und Nossew darum gebeten hatte, Melvyn den R�cken freizuhalten. Und Nossew, der kaum einmal ein Wort �ber die Lippen brachte, hatte nat�rlich zugestimmt.</p><p>Die gew�lbten Dachschindeln dr�ckten Misht gegen die Rippen. Mit den F��en st�tzte er sich gegen einen gemauerten Kamin und beobachtete den Balkon, der zwanzig Schritt entfernt lag. Wie Banner wehten die safranfarbenen Vorh�nge in der offenen T�r. Sie strahlten hell im Mondlicht und schienen ihm zuzuwinken.</p><p>Gro�e Klasse, dachte er s�uerlich. Melvyn w�lzt sich da dr�ben in Seidenlaken, und ich liege mir hier die Rippen wund.</p><p>Misht r�ckte ein wenig zur Seite und versuchte eine bequemere Stellung zu finden. Aber es war unm�glich, es sich auf diesen verfluchten gew�lbten Dachschindeln gem�tlich zu machen!</p><p>Nossew schob sich neben ihn, spuckte den Harzklumpen, auf dem er herumgekaut hatte, in seine Hand und klebte ihn auf eine Dachschindel. Dann zog er sein F�hnchen heraus. Er benutzte es immer, wenn es darum ging, einen guten Schuss zu landen. Es war ein schmaler Seidenstreifen, nicht einmal einen Finger lang, den er an einen Zahnstocher geklebt hatte. Vor jedem Schuss warf er einen Blick auf sein F�hnchen, um Windrichtung und Geschwindigkeit abzusch�tzen. V�lliger Unsinn, wie Misht fand! Armbrustbolzen waren viel weniger anf�llig f�r den Wind als der Pfeil eines Bogens. Aber Nossew bestand auf diesem Ritual. Und eines musste man ihm lassen: Er schoss be�ngstigend gut.</p><p>Aus irgendeiner Tasche holte sein Gef�hrte ein neues Harzkl�mpchen hervor und begann schmatzend darauf herumzukauen. Zwar war nicht zu bef�rchten, dass man sie h�ren k�nnte, unten am Wehr l�rmten schlie�lich die H�mmer der Schmiede, aber das Ger�usch ging ihm auf die Nerven.</p><p>Misht trommelte nerv�s mit den Fingern auf einer Dachschindel. F�rst Shandral nahm an der Besprechung der Feldherren drau�en vor der Stadt teil. Er w�rde gewiss nicht so schnell zur�ckkehren. Selbst dann nicht, wenn er bemerkte, dass Melvyn dort fehlte, und ahnte, was das bedeutete. W�rde Shandral jetzt Elodrins Zelt verlassen, dann w�rden auch die anderen ahnen, worum es ging. Melvyn hatte bedauerlicherweise einen gewissen Ruf. So lange Shandral blieb, hatte jeder der Heerf�hrer und F�rsten Grund, sich Sorgen zu machen.</p><p>Misht fluchte leise vor sich hin. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Melvyn mit einem Pfeil im R�cken in einem der Kan�le landete. Oder, nein ... es waren ja Elfen. Die w�rden es wohl subtiler machen. Ihn in einer dunklen Gasse �berw�ltigen, ihn zwingen, einen Krug Branntwein zu trinken, und ihn dann im Kanal ertr�nken. Diese verfluchten Elfenbastarde w�rden anschlie�end gewiss auch alle zu Melvyns Begr�bnis kommen. Misht mochte den Wolfself, wie viele der F�rsten und Edlen seinen Hauptmann sp�ttisch nannten. Mit dem �brigen Elfengeschmei� konnte er nicht viel anfangen. Wenn Melvyn nicht w�re, h�tte er sich l�ngst auf Seiten der Rotm�tzen geschlagen. Von den Mauslingen im Herzland bis zu den Holden in den fernen Mangroven am Waldmeer gab es kaum einen Kobold, der nicht von den Rotm�tzen wusste. Misht hatte sich einige der Schriften von Elija Glops vorlesen lassen. Und der Kerl hatte Recht! Er war kein Aufr�hrer, wie die Elfen behaupteten, Elija war ein Held!</p><p>Misht verlagerte sein Gewicht ein wenig in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine bequeme Stellung zu finden, in der man auf diesem verfluchten Dach liegen konnte.</p><p>Der L�rm der Schmiedeh�mmer am Wehr war ohrenbet�ubend. Dass die nicht einmal in der Nacht Ruhe gaben! Vermutlich w�rde man es nicht einmal h�ren, wenn sie einen Dachziegel lostraten und der unter ihnen auf dem Stra�enpflaster zerschellte.</p><p>Mishts Blick wanderte �ber die umliegenden D�cher. S�mtliche Fensterl�den waren verschlossen. Und das bei dieser Hitze. Soweit sie die Gassen von hier oben einsehen konnten, war alles wie ausgestorben. Der Geruch von gl�hendem Metall hing in der Luft. Er sah hin�ber zu der Schmiede, die auf weiten, steinernen Br�ckenb�gen stand. Vor ihr wurde das Wasser angestaut, damit die Schaufelr�der unter den Br�ckenb�gen auch im Sommer stets mit genug Wasser versorgt werden konnten. Leise quietschend drehten sie sich. In silberwei�er Gischt spritzte das Flusswasser von den h�lzernen Schaufeln. Die Kraft des Wassers bestimmte den Rhythmus der schweren Schmiedeh�mmer. Aus dem hohen Schornstein der Schmiede quoll dicker Rauch. Er wurde vom Feuer der Erzschmelze beleuchtet, sodass es schien, als gl�he selbst der Rauch.</p><p>Irgendwo in der Dunkelheit gr�lten ein paar Betrunkene.</p><p>Misht klopfte gegen das h�lzerne Bolzenmagazin, das auf seiner Armbrust steckte. Die fingerdicken Geschosse klapperten leise. Zuunterst hatte er einen Heuler liegen. Die Spitze dieses Bolzens war hohl, und es waren zwei kleine L�cher hineingeschnitten. Wenn das Geschoss flog, gab es einen schrillen, heulenden Laut von sich. In der Schlacht verwendete man solche Bolzen, um die Pferde der gegnerischen Reiterei zu erschrecken. Zwei oder drei von ihnen konnten mehr Schaden anrichten als eine ganze Salve scharfer Geschosse, wenn die Schlachtr�sser scheuten und den ganzen Angriff durcheinander brachten. Heute Nacht hatte dieses Geschoss einen anderen Zweck zu erf�llen. Ganz gleich, wie geil sein Hauptmann war und wie sehr die Elfenschlampe unter ihm st�hnte, den Heuler w�rde Melvyn h�ren. Das schrille Pfeifen war unverwechselbar. Melvyn w�rde wissen, dass er in Gefahr war.</p><p>Die �brigen Bolzen im Magazin hatten ebenfalls keine scharfen Spitzen. Sie konnten die Gassen von Feylanviek schlie�lich nicht in ein Schlachtfeld verwandeln. Ein Polster aus geflochtenem Gras sa� auf den Spitzen, �berzogen mit einem Bezug aus Lumpen. Wer von einem solchen Bolzen am Kopf getroffen wurde, der ging zu Boden. Und wenn man ein Auge traf ... Lieber nicht daran denken.</p><p>Die Bolzen w�rden jedenfalls weniger Schaden anrichten als die schweren, vierkantigen Stahlspitzen, die �blicherweise auf ihnen steckten.</p><p>Eine Bewegung im Schlagschatten einer Gaube schreckte Misht aus seinen Gedanken. Tauben, die unruhig gurrten und mit den Fl�geln schlugen. Was hatte sie aufgeschreckt? Schlich dort eine Katze �bers Dach?</p><p>Nossew versetzte ihm einen Sto� mit dem Ellenbogen. Sein schweigsamer Gef�hrte nickte in Richtung des hohen Ziegelschornsteins bei der Schmiede. Ein Schatten glitt scheinbar schwerelos das Mauerwerk empor.</p><p>Die Tauben bei der Dachgaube flogen auf. An einem benachbarten Giebel glitten zwei weitere Schatten entlang.</p><p>�Spinnenm�nner!� Misht spuckte das Wort aus wie einen Schleimklumpen.</p><p>Die Safranvorh�nge teilten sich. Melvyn trat auf den Balkon. Er war angezogen. Einen beschisseneren Zeitpunkt h�tte sich der Hauptmann nicht aussuchen k�nnen. Warum lag er nicht in den Armen seines Flittchens? Sonst war er mit den Weibern doch auch nicht so schnell fertig!</p><p>Der Kobold riss den Spannhebel seiner Repetierarmbrust zur�ck. Leise klackend wurde der Heuler auf die gefettete F�hrungsschiene gedr�ckt. Dann richtete er die Waffe zum Himmel und schoss. Heulend zog der Bolzen in die Finsternis davon.</p><p>Melvyn duckte sich instinktiv. Keinen Augenblick zu sp�t. �ber ihm schlugen zwei Armbrustbolzen in die Bruchsteinmauer.</p><p>�berall rings auf den D�chern konnte Misht jetzt geduckte Gestalten erkennen. Man hatte Melvyn in eine Falle gelockt! Shandral musste geahnt haben, dass der Wolfself in dieser Nacht sein Weib besuchen k�me. Und er ging die Sache wenig subtil an.</p><p>Nossew zielte auf den Spinnenmann, der am Schornstein der Schmiede hing. Der Kerl hatte die h�chste Schussposition rings herum. Wahrscheinlich hatte er sie schon entdeckt. Nossew blickte zu seinem F�hnchen. Der Seidenstreifen hing schlaff vom Zahnstocher herab. Ein leises Singen des Stahlbogens der Armbrust war trotz des L�rms der Schmiedeh�mmer zu h�ren. Nossew riss den Spannhebel zur�ck. Ein neuer Bolzen glitt auf die F�hrungsschiene.</p><p>Misht sah, wie der Kerl am Schornstein die Arme hochriss und st�rzte. Sein Schrei ging im st�hlernen Get�se der H�mmer unter. Von der Schlacht �ber den D�chern w�rde kaum jemand etwas mitbekommen, so lange die Wasserr�der liefen und die H�mmer nicht zur Ruhe kamen.</p><p>Eine Dachpfanne neben ihm zerbarst. Sie waren entdeckt! Misht riss die Repetierarmbrust hoch und feuerte auf einen der Schatten bei der Gaube. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Bewaffnete auf den Balkon von Shandrals Stadthaus st�rmten. Doch Melvyn war verschwunden.</p></section><section><title><p>Im Namen der K�nigin</p></title><p>Ollowain z�gelte den Hengst auf der H�gelkuppe und blickte hinab auf die gro�e Stadt. Schutzlos streckte sie sich am Flussufer. Der Schwertmeister konnte nicht fassen, wie man so leichtfertig sein konnte! F�nfzehn Jahre waren vergangen, seit die Trolle zur�ckgekehrt waren, und trotzdem gab es keine Stadtmauern und T�rme. Feylanviek war nicht zu verteidigen, sobald der Mika zufror. Es w�rde einfach �berrannt werden. Keine Macht der Welt w�rde das verhindern k�nnen. Die Schreckensbilder des brennenden Vahan Calyd kamen Ollowain in Erinnerung. Er hatte erlebt, wie eine Stadt in einer einzigen Nacht gestorben war.</p><p>Sein Blick wanderte �ber die Klippenlandschaft aus steilen Dachgiebeln. Feylanviek w�rde brennen. Die Fachwerkh�user waren wie ein riesiger Scheiterhaufen. Sobald der erste Stra�enzug in Flammen stand, w�rde niemand mehr das Feuer unter Kontrolle bringen k�nnen.</p><p>Ollowain glitt aus dem Sattel und l�ste den Lederriemen seines Helms. M�de sch�ttelte er den Kopf, entspannte die Nackenmuskeln und atmete die schw�le Nachtluft. Flederm�use tanzten in unstetem Flug durch den Himmel. In der Ferne h�rte man Schmiedeh�mmer. Selbst in der Nacht kam die Stadt nicht zur Ruhe, als sei sie begierig, jede Stunde zu nutzen, die ihr noch blieb. Der Schwertmeister h�ngte den Helm ans Sattelhorn und klopfte dem gro�en Schimmel auf den Hals.</p><p>�Reitet voraus zum Lager. Ich m�chte mich ein wenig in der Stadt umsehen, bevor die Nachricht die Runde macht, dass Emerelle mich geschickt hat.�</p><p>Obilee r�usperte sich. �Herr?�</p><p>Die junge Kriegerin befehligte die kleine Eskorte, die Ollowain durch das goldene Netz gefolgt war. Ihre scheue Zur�ckhaltung grenzte fast schon an die abergl�ubische Demut, mit der die Menschen ihre G�tzenbilder verehrten. Als sie ihn vor zwei Stunden aus dem Kartensaal der Burg geholt hatte, hatte sie kaum die Z�hne auseinander bekommen. Mit den �brigen Kriegern der Eskorte war es nicht besser. F�r sie war er eine lebende Legende. Dass er f�nfzehn Jahre lang verschwunden war, hatte dem keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, in seiner Abwesenheit schienen die Geschichten �ber ihn nur gewachsen zu sein. Was ihn aber mehr bedr�ckte als sein unverdienter Ruhm, war die Hoffnung, die er in den Augen der jungen Krieger sah. Sie waren davon �berzeugt, dass er ein Wunder vollbringen w�rde. Sie glaubten tats�chlich, er k�nne die �bermacht der Trolle besiegen. Dass Emerelle ihn hergeschickt hatte, damit er einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld fand, statt sein Haupt auf den Richtblock eines Henkers zu betten, ahnte niemand.</p><p>�Herr�, sagte Obilee noch einmal z�gerlich. �Ich f�rchte, dass du in der Stadt nicht lange unerkannt bleiben wirst in deinem Gewand.�</p><p>Ollowain blickte an sich herab. Er trug einen leichten wei�en Leinenpanzer, dazu eine Reithose und wei�e Stiefel. �ber seinen Schultern lag ein kurzer wei�er Umhang. Obilee hatte Recht. Als wei�en Ritter kannte ihn jedes Kind in Albenmark. Er wusste, dass seine Anwesenheit die Moral in der Stadt heben w�rde. Aber in dieser Nacht wollte er noch unerkannt sein.</p><p>Er l�chelte die fahrende Ritterin an. �Was schl�gst du vor?�</p><p>Wieder r�usperte sich die junge Elfe, als habe sie st�ndig einen trockenen Hals, wenn sie mit ihm sprach. �Wenn du vielleicht meinen Umhang nehmen w�rdest, Herr ...� Sie �ffnete die breite silberne Fibel und reichte ihm das Kleidungsst�ck. Es war aus festem und doch leichtem gr�nem Tuch. Eine d�nne Borte aus stilisierten Eichenbl�ttern schm�ckte den Saum.</p><p>Ollowain nahm seinen Mantel ab und reichte ihn der Elfe, dann warf er sich den gr�nen Umhang um die Schultern und zog ihn vor der Brust zusammen. �Ich sehe euch im Heerlager. Ich w�nsche, dass sich zum Morgengrauen alle Befehlshaber f�r eine Besprechung einfinden. Die Zeit des Herumsitzens und Wartens ist vorbei. Wer ohne triftigen Grund bei der Lagebesprechung fehlt, verliert sein Kommando.�</p><p>Obilee nickte ernst. Dann gab sie den �brigen Reitern ein Zeichen und f�hrte die Eskorte den H�gel hinab.</p><p>Ollowain atmete freier, als er allein war. Mit weiten Schritten stieg er den H�gel hinab und �berquerte die erste der zahllosen Br�cken der Stadt. Der Kanal stank nach F�ulnis, nach dem z�hen, schwarzen Schlamm der Ufer, verrottendem Schilf und den F�kalien der Stadt. Bei Tageslicht war das Wasser sicher eine unansehnliche dunkle Br�he. Doch der Mond verwandelte es in einen silbernen Spiegel.</p><p>Einen Herzschlag lang hatte Ollowain wieder den schweren, sinnlichen Duft der K�nigin in der Nase. Keine f�nf Stunden waren vergangen, seit Emerelle ihm den Befehl zu seinem letzten Kommando gegeben hatte. Und doch schien es in einem anderen Zeitalter gewesen zu sein. So viel war in so kurzer Zeit geschehen. Er hatte sich in der R�stkammer neu einkleiden lassen und danach die Zeit, die noch blieb, im Kartensaal verbracht. Obilee verwahrte f�r ihn eine lange R�hre aus z�hem Leder. Darin befanden sich aufgerollt sieben Karten der Region. Die Trolle sammelten sich nahe dem Mordstein; das war kaum dreihundert Meilen entfernt. Doch der riesige Tross machte ihr Heer schwerf�llig. �berraschende Man�ver brauchte man von ihnen nicht zu bef�rchten.</p><p>Der Feldherr schlenderte ziellos durch die Stadt. Er lie� sich treiben. Auch wenn er einen aussichtslosen Kampf auszutragen hatte, f�hlte er sich erleichtert. Hier drau�en, nahe der Grenze zur Snaiwamark, war es klar, wie die Fronten verliefen. Nicht so wie in Iskendria, wo er das wahre Antlitz seines Feindes nicht einmal hatte erahnen k�nnen. Hoffentlich zog Emerelle wenigstens Nutzen aus dem verfluchten Buch.</p><p>Ollowain wich einer Schar l�rmender Minotauren aus, die sturzbetrunken gef�hrlich nah am Rand eines Kanals entlangtorkelten. Unbewusst hatte sich seine Hand auf den Schwertgriff gelegt. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass es nicht wirklich Kleos gewesen war, gegen den er in Iskendria gek�mpft hatte, sondern nur dessen Leib. Und in dieser Schlacht waren die geh�rnten H�nen ihre Verb�ndeten.</p><p>Der Schwertmeister beschleunigte seine Schritte und bog in eine Seitenstra�e ein, die von der Front eines pr�chtigen Elfenpalastes beherrscht wurde. Das Ger�usch der H�mmer war hier so laut, dass man ihren L�rm schon k�rperlich sp�ren konnte. Wie unsichtbare Wellen brandete das metallene Get�se in Form gezwungenen Stahls gegen ihn an. Und dann war da pl�tzlich ein anderes Ger�usch. Ein schrilles Pfeifen, das Ollowain von Schlachtfeldern kannte. Ein Heuler!</p><p>Eine Schattengestalt fiel aus dem Nichts und landete federnd neben ihm auf dem Pflaster. St�hlerne Krallen ragten �ber die geballten F�uste des Kriegers. Geduckt, sichernd, drehte er sich halb im Kreis. Der Elf hatte zerzaustes blondes Haar und trug ein schmuddeliges, ledernes Jagdhemd. Seine Stiefel waren abgewetzt. Statt einer Hose trug er einen roten Lendenschurz.</p><p>Ollowain h�rte ein leises Sirren. Er dr�ckte sich an die Hauswand und zog blank. Ein Armbrustbolzen schrammte funkenstiebend �ber das Stra�enpflaster.</p><p>Schatten glitten die Palastwand hinab. Der Krieger mit den Krallenh�nden st�rmte vor, doch ein Trupp Armbrustsch�tzen, der am Ende der Gasse erschien, versperrte ihm den Fluchtweg. Die Kobolde beugten die Knie und hoben drohend die Waffen an die Schultern.</p><p>Ollowain atmete ganz ruhig und musterte die Spinnenm�nner. Sie waren ber�chtigt daf�r, ihre Geschosse zu vergiften. Doch in ihrem Eifer, den Elfen zu ergreifen, hatten sich zu viele von ihnen in die Gasse abgeseilt. Sie konnten nicht mehr schie�en, ohne Gefahr zu laufen, einander zu treffen.</p><p>Eine gedrungene Gestalt l�ste sich aus der Sch�tzengruppe am Ende der Gasse, ein Kobold mit einem nietenbeschlagenen Lederwams. Ein eckig gestutzter Bart wucherte auf seine Brust hinab, der Sch�del war kahl geschoren. Zwei Krieger mit Armbr�sten im Anschlag begleiteten ihn.</p><p>Ollowains Blick wanderte �ber die Kobolde. Sie standen auf den D�chern rings herum, an beiden Enden der Gasse und dr�ckten sich mit drohend erhobenen Waffen an die Hausw�nde. Es waren mindestens drei�ig.</p><p>Der Elf mit den Krallenh�nden wich ein St�ck zur�ck. Er sah sich um, suchte einen Fluchtweg. Pl�tzlich l�chelte er, und seine Z�hne schimmerten wei� in der Dunkelheit. �Ein schlechter Ort f�r einen n�chtlichen Spaziergang, Kamerad. Tut mir leid.� Er lie� sich zu Boden fallen und rollte sich seitlich in einen Hauseingang.</p><p>Bolzen sirrten. Ollowain machte einen Satz nach vorn. Sein Schwert wirbelte in silbernen Kreisen. Kreischend glitt ein Geschoss an der Klinge ab. Der Ruck riss ihm fast die Waffe aus der Hand. Obilees Umhang flatterte um seine Schultern und machte ihn f�r die Kobolde in seinem R�cken zu einem unsicheren Ziel.</p><p>Der Schwertmeister bewegte sich wie ein T�nzer, doch war sein Rhythmus nicht vorhersehbar. Er duckte und spannte sich, machte einen �berraschenden Seitschritt und wechselte einen Lidschlag sp�ter schon wieder sein Bewegungsmuster. Sein Ellenbogen traf einen Kobold an der Kehle, der Knauf seines Schwertes h�mmerte gegen eine Schl�fe. R�chelnde, sich kr�mmende Kobolde s�umten seinen Weg.</p><p>Der Glatzkopf wich zur�ck und zog einen Dolch mit gezackter Klinge. Wieder kreischte Metall auf Metall. Ollowain drehte dem Krieger die Waffe aus der Hand. Ein Tritt und ein Schwerthieb mit der flachen Seite schickten die Eskorte zu Boden. Ollowains Finger krallten sich in den dichten Bart. Eine letzte Drehung, und er stand mit dem R�cken zur Wand. Den Anf�hrer der Kobolde hatte er hochgerissen und hielt ihn wie einen Schild vor seiner Brust. �Im Namen der K�nigin, die Waffen nieder!�</p><p>�Du machst einen Fehler�, zischte der glatzk�pfige Kobold.</p><p>�Du hast dich auf die falsche Seite geschlagen. Wir stehen in Diensten eines Elfenf�rsten und verteidigen lediglich sein Heim.�</p><p>�Ich kenne keinen Elfenf�rsten, der eine Gasse sein Heim nennt.�</p><p>�F�rst Shandral von Arkadien hat wenig �brig f�r solche Wortklaubereien, Fremder.�</p><p>Ollowain setzte den Anf�hrer der Kobolde vor sich auf der Stra�e ab. �Dann werde ich es wohl am besten mit direkten Befehlen versuchen.� Ollowain lie� den gr�nen Umhang von seinen Schultern gleiten. �Vor dir steht Ollowain, Schwertmeister der K�nigin und Oberbefehlshaberin ihres Heeres.�</p><p>Der Kobold blickte ihn mit harten Augen an. �Und ich bin Hauptmann Madrog, Befehlshaber der Leibwache Shandrals, des F�rsten von Arkadien. Ich werde den Mann dort dr�ben vor meinen F�rsten schaffen.�</p><p>�Eben erschien es mir noch, als wolltet ihr ihn umbringen.�</p><p>Um die Augen des Kobolds bildeten sich tiefe F�ltchen, als lache er still in sich hinein. �Wenn ich das gewollt h�tte, dann l�ge er jetzt in seinem Blut reglos auf dem Pflaster.�</p><p>�Und welchen Verbrechens hat er sich schuldig gemacht?�, fragte Ollowain gereizt.</p><p>Der Hauptmann z�gerte einen Augenblick. �Er ist ein Dieb�, sagte er schlie�lich.</p><p>�So. Du treibst viel Aufwand, um einen Dieb zu stellen, Hauptmann.�</p><p>�Ich bin eben gewissenhaft�, entgegnete der Kobold in bei�endem Ton.</p><p>�Dir ist bewusst, dass ich als Oberbefehlshaber in einem F�rstentum unter Kriegsrecht auch die oberste Gerichtsbarkeit aus�be?�</p><p>Madrog verdrehte die Augen. �Du wirst dich doch nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, Schwertmeister.�</p><p>Welch ein Schlitzohr, dachte Ollowain. Einen Augenblick lang war er tats�chlich versucht, die Sache auf sich beruhen zu lassen. �Ich nehme den Dieb in Gewahrsam, und ich brauche keine Eskorte, um mit ihm sicher ins Heerlager zu gelangen.�</p><p>�Du solltest dich da wirklich nicht einmischen, Herr. Das w�re ein Fehler. Du ...�</p><p>�Du drohst mir?� Ollowain schob sein Schwert in die Scheide zur�ck. Er nahm den Umhang auf, strich �ber den Stoff und bohrte einen Finger durch eines der L�cher, das die Armbrustbolzen gerissen hatten. �Ein Mordanschlag auf den Oberbefehlshaber der K�nigin. Das reicht, um selbst einem Elfenf�rsten eine Seidenschlinge um den Hals zu legen.�</p><p>Der Krieger mit den Krallenh�nden lachte.</p><p>Madrog hob abwehrend die H�nde. �So war das nicht gemeint. Das wei�t du, Herr. Wir hatten ja keine Ahnung ...�</p><p>�Ach so�, unterbrach ihn Ollowain in schneidendem Ton. �Du bringst also wahllos Leute auf der Stra�e um. Das �ndert nat�rlich alles. Dann kann man deinem Herrn wohl nur vorwerfen, dass er bei der Wahl seiner S�ldner schlecht beraten war. Dir allerdings bringt das einen Hanfkragen ein.� Ollowain strich sich nachdenklich �ber das Kinn. �Es ist immer ganz gut, ein neues Kommando mit ein paar Hinrichtungen zu beginnen. Dann ist allen klar, dass Intrigenspiele um die Autorit�t nur Zeitverschwendung sind.�</p><p>Madrog wich einen Schritt zur�ck. Dann winkte er seinen Kriegern. �Wir �berstellen unseren Gefangenen an den Schwertmeister der K�nigin.�</p><p>Madrogs M�nner waren eine disziplinierte Truppe. Sie zogen sich ohne zu z�gern zur�ck. Einige von ihnen mussten getragen werden, doch niemand murrte �ber den Befehl ihres Anf�hrers.</p><p>�Ich hoffe auf deinen Sinn f�r Gerechtigkeit�, sagte der Hauptmann vieldeutig. Er verneigte sich zackig und ging zum Portal des Palastes.</p><p>Ollowain blickte zu dem Krieger mit den Krallenh�nden. Seine seltsamen Waffen waren verschwunden. Er lehnte aufreizend l�ssig an der Wand und hatte grinsend die Auseinandersetzung mit den Kobolden beobachtet. Jetzt verneigte auch er sich, doch jede seiner Bewegungen war eine Parodie auf Madrogs stramme Haltung. �Es ist mir eine Ehre, von dir gerettet worden zu sein, Schwertmeister. Du gestattest, dass ich mich vorstelle. Melvyn, Sohn der Silwyna und des Alfadas. Da ich in den Augen der meisten F�rsten so etwas wie ein R�uberhauptmann bin, machst du dich besser auf einigen �rger gefasst, Onkel.�</p><p>�Uns verbinden keine Blutsbande�, entgegnete der Schwertmeister schroff. Melvyn! So also sah er aus. Schon im Winter vor f�nfzehn Jahren hatte er einiges �ber Silwynas Sohn geh�rt. Das Kind, das es eigentlich nicht geben durfte, denn Elfen und Menschen konnten miteinander keine Kinder zeugen. So hatte es jedenfalls immer gehei�en.</p><p>�Da du der beste Freund meines Vaters bist, betrachte ich dich trotzdem als Onkel. Der Teil meiner nicht pelztragenden Verwandtschaft ist so klein, dass ich auf solche Feinheiten keine R�cksicht nehmen kann. Ich ... Ach, Mist!�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Vergiss es! Mein Vater hat sich mein ganzes Leben noch nicht bei mir blicken lassen. F�r ihn gibt es mich nicht. Vergiss den Quatsch mit dem Onkel. Wenn du ein Freund bist, dann bring mir diesen Trick mit den Armbrustbolzen bei. Sah sehr eindrucksvoll aus. Und ich lasse mich nicht schnell beeindrucken.�</p><p>Ollowain sch�ttelte sanft den Kopf. Er mochte den Jungen. Irgendwie erinnerte ihn Melvyn an Mandred. Das Blut des Fjordl�nders schien in Melvyn viel st�rker zu sein als in Alfadas. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass Alfadas am Hofe Emerelles aufgewachsen war und Mandred in irgendeinem verr�ucherten Langhaus. So ein Langhaus kam einer Wolfsh�hle sehr viel n�her als dem Hof der Elfenk�nigin. �Ich f�rchte, ich muss dich entt�uschen, Melvyn. Dieser Trick, wie du es nennst, war der Tanz der Pfeile. Ich habe fast hundert Jahre gebraucht, um ihn zu meistern. Dabei bin ich siebenundzwanzigmal verletzt worden. Dreimal so schwer, dass ich nur �berlebte, weil mir eine Heilerin mit der Kraft eines Albensteins zur Seite stand.� Ollowain scheute davor zur�ck, Emerelles Namen direkt auszusprechen. So vieles hatte die K�nigin f�r ihn getan. So oft hatte sie ihn gerettet! Und nun wollte sie seinen Tod. Er w�rde gehorchen, aber er verstand sie nicht.</p><p>�Und wie lernt man diesen Tanz? Es gibt etliche feine Damen, die mich f�r einen recht begabten T�nzer halten. Sowohl in der Senkrechten als auch in der Waagerechten.�</p><p>Ollowain erstickte ein leises Lachen mit einem R�uspern. �Zun�chst musst du alle gegnerischen Sch�tzen erfassen und alle plausiblen Flugbahnen f�r Pfeile oder Bolzen einsch�tzen. Du musst dir s�mtliche Flugbahnen wie ein leuchtendes Netz vorstellen. Dann bewegst du dich durch die weitesten Maschen dieses Netzes und schl�gst mit deinem Schwert einen Schutzschirm. Aber man darf sich nichts vormachen. Selbst die gr��ten Meister im Pfeiltanz werden mit ihrem Schutzschirm h�chstens acht von zehn Pfeilen ablenken k�nnen. Es w�re ein t�dlicher Irrtum zu glauben, man sei unverwundbar.�</p><p>Melvyn grinste breit. �Ich wette, Madrogs Meuchlerbande sieht das anders. Die werden noch in dieser Nacht �berall herumerz�hlen, dass du unverwundbar bist.�</p><p>Ollowain zuckte mit den Schultern. �Ich werde sie nicht daran hindern. Wie sagte Madrog auch? Ich kann mich schlie�lich nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten.�</p><p>Der junge Elf lachte. �Du bist anders, als sie erz�hlen, Schwertmeister.� Ollowain dachte an Lyndwyn. Sie hatte ihn ver�ndert. Ihm einen Teil seines Panzers geraubt, hinter dem er allzu lange seine Gef�hle versteckt hatte. Aber er sollte auf der Hut sein. Als Oberbefehlshaber konnte er sich zu viel Gef�hlsduselei nicht leisten.</p><p>Seine Aufgabe verlangte, dass er M�nner in den Tod schickte, ohne dabei Gewissensbisse zu haben. So wurden Schlachten gewonnen. Und er war fest entschlossen zu siegen! �Hatte ich erw�hnt, dass du unter Arrest stehst, Melvyn?�</p><p>Der junge Elf grinste noch immer. Offenbar hielt er diese Worte f�r einen Scherz.</p><p>�Du wirst mich jetzt ins Heerlager begleiten, und dort lasse ich dich in Eisen legen, bis ich die Mu�e habe, mich wieder um Kleinigkeiten zu k�mmern.�</p><p>�Nat�rlich.� Melvyn brach wieder in schallendes Gel�chter aus. �Du hast wirklich Humor.�</p></section><section><title><p>Selkies</p></title><p>Sebastien liebte das Meer. Bruder Jules musste das gewusst haben. Warum sonst h�tte er ausgerechnet ihm den Auftrag gegeben, die Albenkinder der See b��en zu lassen. Der fr�here Abt sp�rte einen dunklen Gedanken. Die Bestie in ihm versuchte wieder die Herrschaft zu �bernehmen. Sie ruhte nie. Doch die verbliebenen Br�der und Schwestern umgaben ihn wie einen sch�tzenden Schild. Drei von ihnen hatten bereits mit ihrem Leben bezahlt. Alles war anders gekommen, als Bruder Jules es vorhergesagt hatte. Sebastien f�hlte sich elend. Er hatte nicht den Mut gehabt, Jules zu gestehen, dass sie nicht wirklich eins geworden waren. Er hatte es nach der vermeintlichen Verschmelzung ihrer Seelen sofort gewusst. Die drei�ig h�tten nur noch ein Gedanke sein d�rfen, nachdem sie ihr Licht gegeben hatten. Eine Macht, stark genug, der Kreatur zu trotzen, mit der das Wunder ihres Ordensbruders sie verbunden hatte. Aber sie waren die drei�ig geblieben. Sie hatten ihre Disziplin behalten. Alle beugten sich seinen Befehlen. Sie waren treue Herzen, ihrer Sache unverbr�chlich ergeben, dachte Sebastien traurig. Und sie w�rden verl�schen, einer nach dem anderen. Die Schattengestalt war zu m�chtig. Sie versuchte, ihnen ihren Willen aufzuzwingen. Sie wollte t�ten, t�ten, t�ten. Sie war unf�hig, ein anderes Ziel zu verfolgen. Dabei war sie von b�sartiger Intelligenz. Wenn es keine Beute gab, versuchte sie ihre Gedanken zu manipulieren. Ihre Stimme war in ihnen. Es gab keine M�glichkeit, sich vor ihr zu verschlie�en. Zuh�ren mussten sie ihr alle, auch wenn sie ihr die Kontrolle �ber den Leib, den das Wunder erschaffen hatte, verwehren konnten. Noch ...</p><p>�Du denkst zu viel, Sebastien, das macht uns schwach. Wir sind erschaffen worden, um uns am Lebenslicht der Albenkinder zu laben. Z�gere nicht. Damit vers�ndigst du dich vor deinem Gott.�</p><p>Der Abt versuchte sich gegen die Gedanken zu sperren. Diese Kreatur war die reine Boshaftigkeit! Alles, was sie tat, tat sie aus Eigennutz.</p><p>Wir dienen dem Herrn. Was wir tun, ist gut und richtig. Wir sind die Aufrechten, so lange wir uns nicht den Einfl�sterungen des Finsteren ergeben.</p><p>�Aufrechte M�rder?�, h�hnte die Stimme.</p><p>Wir dienen Tjured, das ist eine heilige Pflicht.</p><p>�Und ich diene meinem Hunger. Das ist nicht minder heilig, denn zu fressen, kr�ftigt unseren Leib, und ihr macht diesen Leib doch zum Werkzeug Gottes!�</p><p>H�rt nicht auf ihn, Br�der und Schwestern! Er ist die Versuchung. Er will das B�se in uns wecken, will, dass wir uns der Verderbnis hingeben. Auch wenn er mit einer Seidenzunge spricht und seine Worte uns zutiefst ber�hren, kennt er nur ein Ziel: uns zu verderben!</p><p>�Du bist zu engstirnig. Ich habe viel Freude an euch und euren Seelenqualen. Ich m�chte euch nicht missen. Welche Fesseln ihr euch auch auferlegt, jeder von euch wei� um die Finsternis, die tief in seiner Seele ruht. Jedes denkende Wesen wird mit diesem Makel geboren. Empfindet ihr nicht tiefe Genugtuung, wenn ihr die Albenkinder t�tet? Ist das rechtschaffen? Ihr mordet nicht nur, ihr l�scht unsterbliche Seelen aus, indem ihr das Lebenslicht der Opfer verschlingt. Ist euch bewusst, was f�r ein Verbrechen dies ist? Die Gesch�pfe, die wir get�tet haben, k�nnen wiedergeboren werden, so lange ihre Seele lebt und nicht ihre Erf�llung gefunden hat. Wir aber l�schen sie aus. Ist das Tjureds Wille?�</p><p>Der lebende Heilige hat diese Kreatur aus uns erschaffen, mahnte Sebastien seine Br�der und Schwestern. Sie ist die Verk�rperung von Tjureds Willen.</p><p>�Und wenn er ein Betr�ger w�re, der euren naiven Glauben ausnutzt?� Gott w�rde so etwas nicht zulassen! Wie k�nnte einer seiner Diener etwas anderes sein als sein Werkzeug? Bringt den Fl�sterer zum Schweigen! Seine Br�der und Schwestern stimmten in Gedanken einen Choral an. Sie alle waren in Gedanken miteinander verbunden. Bruder Jules hatte gut daran getan, sie so lange auf ihr gro�es Werk vorzubereiten. Auch wenn sie nicht zu einem Gedanken verschmolzen waren, so kannten sie doch alle Disziplin und Selbstaufgabe. Nur das bewahrte sie vor dem Wahnsinn! Sie alle konnten einander in die Seele sehen. H�tten sich all ihre Gedanken vermengt, sie w�ren l�ngst wahnsinnig geworden. W�ren Sklaven jenes Schattens geworden, mit dem sie sich ihren neuen Leib teilten.</p><p>Vielleicht war er wie die dunklen Gedanken, die ihn fr�her, als er noch ein Mensch war, manchmal �berkommen hatten, �berlegte Sebastien. Nur st�rker. Eigenst�ndiger. Der Versucher hatte Recht. In jeder Seele gab es einen Hort der Finsternis. Diese Dunkelheit zu bezwingen, war die erste Aufgabe, die Tjured jedem seiner Kinder stellte. So sehr sie sich ver�ndert hatten, als sie in einem Leib vereinigt wurden: Der Kampf gegen das Dunkel in ihnen war geblieben. Er war sogar noch schwerer geworden. Vielleicht geh�rte das zu Tjureds Plan? Vielleicht war es eine Pr�fung f�r sie? Gott war vollkommen! Er musste um die Gefahr gewusst haben. Also lag es in seiner Absicht, dass sie mit dieser Kreatur rangen. Wenn sie nur nicht so stark w�re!</p><p>Drei von ihnen waren schon vergangen. Sie waren eins geworden mit der Dunkelheit. Sie waren die Schw�chsten gewesen. Die �brigen hatten mehr Seelenkraft, um sich zu widersetzen. Sie w�rden nicht so schnell besiegt sein, wie diese Kreatur der Finsternis vielleicht glaubte. Und wenn ihr Glaube stark blieb, dann w�rden sie es sein, die triumphierten.</p><p>Der Choral, den seine Br�der und Schwestern in Gedanken angestimmt hatten, hatte eine beruhigende Wirkung auf Sebastien. Er fand zu seiner Zuversicht zur�ck. Und er konnte sein Herz endlich der Sch�nheit der K�stenlandschaft �ffnen. Das Meer brandete in sanften Wellen gegen ein Labyrinth schwarzer Klippen an. Kleine Str�nde mit schneewei�em Sand wurden von Eichen beschattet, die dicht hinter den D�nen wuchsen. Die Luft war erf�llt von den Liedern der V�gel, die sich mit dem Wind und der Brandung zu einer gro�artigen Harmonie vereinigten.</p><p>Der Choral der Seelen hatte die Stimme des dunklen Versuchers zum Verstummen gebracht. Sebastien war sich unschl�ssig, ob es die heilige Macht der Worte war, die den Schatten schweigen lie�, oder der Frieden, der ihnen entstr�mte und der selbst f�r die aufgew�hlteste Seele heilender Balsam war.</p><p>Sebastien umrundete einen Felsvorsprung, der �ber den Strand hinaus bis zur See reichte. Er konnte das erfrischende Wasser nicht sp�ren. Ganz gleich, ob er �ber den Strand oder durch das Wasser eilte, er f�hlte nichts. Nicht den Sand unter den Pfoten und nicht die spritzende Gischt, die mit kalten Fingern durch sein Fell h�tte greifen sollen. Sein neuer Leib h�tte es Sebastien erlaubt, durch den Fels hindurchzugehen. Aber das h�tte einen Augenblick der Finsternis bedeutet. F�r einen Herzschlag w�ren die Sonne und ihr strahlendes Licht verschwunden, und er scheute davor zur�ck, dem Schatten in ihrer Seelengemeinschaft so leichtfertig in die H�nde zu spielen.</p><p>Der ehemalige Abt verharrte vor einem T�mpel aus dunklem Brackwasser, der vor dem Wind gesch�tzt zwischen den Felsen lag. Er betrachtete den neuen Leib, den das Wunder Tjureds ihnen geschenkt hatte. Sie waren gro� wie ein Stier geworden, auch wenn sie dabei so hager waren wie ein halb verhungerter Wolf. Deutlich zeichneten sich Muskeln und Sehnen unter dem kurzen Fell ab. Sie waren stark! St�rker als jedes Gesch�pf aus Fleisch und Blut. Nachdem sie die Pfade aus Licht verlassen hatten und in die wundersch�ne Welt der verhassten Albenkinder getreten waren, hatte Sebastien ihren neuen Leib erprobt. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht war er dahingest�rmt. Er konnte auf Wolken laufen und durch Mauern preschen. Nichts hielt sie auf! Und wie lange sie auch rannten, sie kannten keine M�digkeit. Dieser K�rper war eine vollkommene Waffe gegen die Albenkinder. Sie hatten einen J�ger getroffen. Seine Pfeile waren wirkungslos durch sie hindurchgeglitten. Jules sagte zwar, dass Eisen aus den Schmieden der Menschen ihnen vielleicht schaden k�nnte, aber hier gab es keine Menschen. Die Albenkinder waren ihnen ausgeliefert. So wie die heiligen M�rtyrer der gesch�ndeten Refugien den Waffen der Albenkinder ausgeliefert gewesen waren. Dies hier war ein Kriegszug des gerechten Zorns, so hatte Jules immer wieder gepredigt. Sie waren die Auserw�hlten Gottes. Die Waffe, die sich tief in das Fleisch der S�ndigen graben w�rde! Das unverwechselbare Bellen von Seehunden lie� Sebastien aufhorchen. Hier w�rde er erfolgreich jagen k�nnen. Viele Abende lang hatte Jules ihm von den Wundern Albenmarks und von den Gesch�pfen erz�hlt, die hier lebten. Er sollte die Selkies finden. Die liebsten Kinder Eleborns, des F�rsten unter den Wogen. Man erkannte sie an ihren strahlenden Augen.</p><p>Sebastien blickte in das Spiegelbild ihres Leibes. Er sah blauwei�es Licht, das einen K�rper formte. Einen Leib mit einer m�rderisch langen, schlanken Schnauze voller Z�hne. Wenn sie gen�gend Lebenslichter ausgel�scht hatten, w�rden sie einen wirklichen Leib bekommen. Einen festen K�rper, wie ihn jede Kreatur Gottes haben sollte. Ja, wenn sie besonders erfolgreich waren, w�rden sich ihre Seelen von der dunklen Kreatur l�sen, und ihre Leiber w�rden wieder auferstehen. Dann w�ren sie alle lebende Heilige. Und sie w�rden die Welt der Albenkinder f�r die Kinder Tjureds in Besitz nehmen.</p><p>Sebastien tr�umte davon, ein Kloster hier auf den schwarzen Klippen zu errichten, hoch �ber dem Meer. Es war ein Ort der Sch�nheit, an dem man schauend Frieden in seine Seele trank.</p><p>Eine zarte Eishaut bildete sich auf dem Brackwasser. In ihrem neuen Leib sp�rten sie weder Hitze noch K�lte, doch Jules hatte ihnen gesagt, Eisesk�lte werde sie einh�llen wie ein unsichtbarer Mantel. Ihre Opfer w�rden diese K�lte bemerken, noch bevor sie ihrer angesichtig wurden. Und wenn unter den Albenkindern erst einmal bekannt war, dass Tjureds R�cher ausgezogen waren, um sie zu strafen, dann w�rde jeder kalte Windhauch ein namenloses Entsetzen verbreiten.</p><p>Der Abt legte den starken Kopf in den Nacken. Er h�tte sein Frohlocken dem Himmel entgegenschreien k�nnen. Doch sie hatten keine Stimme. Stumme J�ger waren sie.</p><p>Sebastien wandte sich von dem Spiegelbild ab und trottete zum Wasser. Er tauchte in das Jadegr�n der Wogen, glitt mit den Fischschw�rmen, die angstvoll auseinander stoben, wenn er in ihrer Mitte erschien. Das Meer war erf�llt von Lebenslichtern. Er konnte sie f�hlen, und er konnte sie sogar sehen, wenn sein Hunger besonders gro� war.</p><p>Er tauchte an schwarzen Klippen vorbei und durcheilte W�lder aus wogendem Seetang. Dort, wo die See nur seicht war, wob das Licht zauberhafte Muster auf den Sand. Muscheln klebten zu tausenden an den Felsen. In seinem �bermut schnappte er nach ihnen. Er sp�rte schleimige Innereien verdorren. Ihre winzigen Lebenslichter stachelten seinen Hunger nur noch mehr an. Er hinterlie� einen breiten Streifen klaffender, toter Schalen.</p><p>Ein schlanker Schatten jagte einem Fischschwarm nach. Noch weitere Schatten folgten. Seehunde. Es war eine Freude, ihnen zuzusehen. Ihre Bewegungen waren voller Eleganz.</p><p>Dunkler Hunger erhob sich in ihm. Doch er w�rde keinen Seehund t�ten. Er mochte sie! Und er war der Gebieter des Schattens, der in ihm lauerte. Noch immer hielt der Seelenchoral seiner Br�der und Schwestern dessen l�sterliche Stimme gefangen.</p><p>Die Selkies galten als neugierig. Es w�rde leicht sein, sie zu fangen. Sebastien glitt durch den Schwarm jagender Seehunde. Erschrocken tauchten die schlanken R�uber davon. Sie mieden ihn und sp�hten ihm zugleich neugierig hinterher.</p><p>Sebastien tauchte entlang der schwarzen Felsen und achtete sorgf�ltig darauf, dass sie ihn nicht aus den Augen verloren. Er erforschte die tiefen Spalten, welche die Kraft der Gezeitenstr�me in den Felsen geschlagen hatte. Und schlie�lich fand er, was er gesucht hatte. Eine H�hle, die tief im Felsen verborgen oberhalb des Wasserspiegels lag. Speere aus goldenem Sonnenlicht stachen durch breite Risse im Fels hinab. Es war wie ein Ort aus einem Kinderm�rchen. Und Sebastien war sich ganz sicher, dass die Selkies diese H�hle kannten. Er suchte einen finsteren Winkel und lie� den k�rperlosen Leib in den Fels sinken, bis nur noch sein Kopf daraus hervorragte.</p><p>Sebastien richtete sich auf eine lange Wartezeit ein. J�ger mussten Geduld haben! Er beobachtete, wie die Lichtspeere langsam durch die H�hle wanderten, schw�cher wurden und schlie�lich verschwanden. Der Abt konnte die Anspannung der Kreatur tief in sich sp�ren. Auch der Schatten war begierig auf die Beute, die Sebastien erw�hlt hatte. Er versuchte nicht, mit seinen ketzerischen Gedanken die Festigkeit und Tiefe von Sebastiens Glauben zu ergr�nden.</p><p>Silbernes Mondlicht verzauberte die Grotte. Leise klang das Spiel der Wellen vom felsigen Ufer. Stunden mussten vergangen sein, als ein schmaler Kopf aus dem Wasser tauchte. Ein Seehund. Und seine Augen ... Sebastien war zutiefst aufgew�hlt, als er sie sah. Bruder Jules hatte von den sch�nen Augen der Selkies gesprochen, doch darauf war Sebastien nicht vorbereitet gewesen. In diesen Augen war das Mondlicht gefangen. Sie waren wie die Augen von Katzen, die man nachts mit einer Blendlaterne �berraschte. Leuchtende Fl�chen aus lebendigem Licht. Und das Licht hatte die Farbe der See an einem Sommernachmittag. So hatte der Wasserhimmel �ber ihm ausgesehen, als er getaucht war. Ein leuchtendes, von Licht durchtr�nktes Gr�n.</p><p>Der Seehund schob sich auf den glatten Uferfelsen der Grotte. Neugierig sah er sich um. Dann pl�tzlich wand er sich. Etwas bewegte sich unter seinem Fell. Es teilte sich, fiel von ihm ab, und eine zarte Frauengestalt entstieg dem Leib. Auf dem Felsen blieb nur die Seehundhaut zur�ck. Die Frau streckte sich. Ihr Haar war so schwarz wie der Felsen, die Haut von marmornem Wei�. Sie war m�dchenhaft schlank, die Br�ste nur sanfte H�gel. Neugierig blickte sie sich um.</p><p>Sebastien erhob sich aus seinem Versteck.</p><p>Die Selkie strich sich fr�stelnd �ber die Arme, noch bevor sie ihn bemerkte.</p><p>Lautlos glitt er zwischen den Felsen heran.</p><p>Als sp�re sie seinen Blick, wandte sich die Selkie pl�tzlich um. Sie musterte ihn, zeigte aber keinerlei Anzeichen von Angst. Sie sprach ihn an. Ihre Stimme war erstaunlich tief f�r eine Frau. Sebastien verstand ihre Worte nicht.</p><p>Neugierig streckte die Selkie eine Hand nach ihm aus. Ihre Finger glitten durch seinen Leib.</p><p>�Jetzt!�, hetzte die Stimme des Schattens. �Ich w�nschte, wir h�tten richtige F�nge und k�nnten diesem einf�ltigen Weib die Kehle herausrei�en.�</p><p>Sebastien wollte davon nichts h�ren. Er wollte einfach nur dastehen und in diesen wunderbaren Augen ertrinken. Etwas, das so sch�n war, konnte doch nicht b�se sein! Die Selkie l�chelte. Sie rieb sich die H�nde. Man sah ihr an, dass sie fror. Ihre Brustwarzen hatten sich aufgerichtet. Sie duftete auf wunderbare Weise nach der See. Schalkhaft zwinkernd sagte sie wieder etwas. Der Abt w�nschte, er k�nnte sie verstehen.</p><p>�Erinnerst du dich noch an die Worte von Jules? Sie werden dich pr�fen, die Albenkinder. Ihre Sch�nheit wird deinen Glauben ersch�ttern. Doch hinter dieser Maske verbergen sich verrottete Herzen. Sie sind die M�rder des heiligen Guillaume und all der anderen M�rtyrer. Lass dich nicht blenden!�</p><p>Der verfluchte Schatten konnte in seinen Erinnerungen lesen!</p><p>�Bist du ein Verr�ter an Tjured, Sebastien? Erinnere dich, du bist nicht allein. Du, ich, all deine Br�der und Schwestern. Wir sind vereint. Du bist unser F�hrer im Geist. Du entscheidest, was dieser Leib tut, der ein Schwert in Diensten Tjureds sein sollte. Weiche vorn Weg ab, und du machst auch uns zu Verr�tern!� Sebastien wollte das nicht h�ren! Es war die Wahrheit. Er wusste es. Aber diese Augen ... Die Selkie zeigte keinerlei Furcht vor ihm. Sie beschwerte sich lediglich �ber die K�lte. Sie war unschuldig. Wenn er sie t�tete, dann war es, als ermorde er ein Kind.</p><p>�Hast du ihre feinen, nadelspitzen Z�hne gesehen? Sieh hin! Damit zerrei�t sie Fische, wie du mit deinen Fingern eine Blume zerpfl�ckst. Sie ist nicht das, was du in ihr siehst. Sie ist eine R�uberin im Garten der See. Ihre Augen und ihr verf�hrerischer Leib sind Waffen, Sebastien. Sei nicht t�richt! Du warst ein Krieger, bevor du der Stimme Tjureds gefolgt bist. Erinnere dich! Nicht jeder Feind tr�gt Schwert und R�stung. Verschenke nicht leichtfertig dein Vertrauen!� Leichtfertig w�re es, der Stimme des Schattens zu vertrauen, dachte der Abt bitter. Doch er konnte sich der Wahrheit seiner Worte nicht v�llig verschlie�en. Er hatte eine Pflicht gegen�ber seinen Br�dern und Schwestern. Sie hatten sich ihm anvertraut.</p><p>Die lange Schnauze stie� in die Brust der Selkie. Ihre Augen weiteten sich. Erst vor �berraschung, dann war es Schrecken. Die K�lte seiner Ber�hrung f�rbte ihre Lippen blau. Ein langer Seufzer entstieg ihrer Kehle. Ihre wundersch�nen Augen schienen noch heller, noch lebendiger zu strahlen, w�hrend er ihr das Licht der Lebenskraft aus der Brust riss.</p><p>Ihre Haut verwelkte. Das Fleisch schmolz von ihren Knochen. Die sinnlichen Lippen schrumpften zusammen und entbl��ten ihre muschelwei�en, ebenm��igen Z�hne. Der Schatten hatte gelogen!</p><p>Zuletzt verloschen ihre Augen. Sie verloren sogar ihre wunderbare gr�ne Farbe. Wie zwei kalte harte Kiesel lagen sie in den Augenh�hlen, die pl�tzlich zu gro� zu sein schienen.</p><p>Sebastien sp�rte eine be�ngstigende Kraft durch seinen Leib aus kaltem Licht pulsieren. Er f�hlte sich so erhaben, als k�nne er Blitze vom Himmel pfl�cken. Er ... Nein! Es war nicht er, der so f�hlte! Das war der Schatten! Das, was von ihm noch blieb, von einem Mann mit ehernen Grunds�tzen, einem Mann, der, obwohl er Krieger gewesen war, sich dennoch ein Gewissen erhalten hatte, das war nur noch das elende Gef�hl, einen schrecklichen Fehler begangene zu haben. Konnte Gott ihn betrogen haben? Wo hatte er gefehlt, dass ihm ein solches Schicksal aufgeb�rdet worden war?</p><p>Die Bestie in ihm hob das Haupt. Das Wasser der Grotte teilte sich. Ein kleiner, schwarzer Kopf eilte dem Felsufer entgegen. Ein Kopf mit leuchtenden Augen! Noch eine Selkie! Vom Wasser aus konnte sie den zusammengeschrumpften Kadaver ihrer Gef�hrtin nicht sehen. Offensichtlich war sie genauso vertrauensselig wie die Tote. Der Anblick des Hundes aus fahlem Licht schreckte sie nicht. Sie kannte ihn nicht, hatte nie von einem Feind in solcher Gestalt geh�rt. Und sie war eines der Kinder Eleborns. Nichts in den Meeren der Welt w�rde ihr etwas zuleide tun. Furcht war ihr unbekannt.</p><p>Sie robbte aus dem Wasser den Felsen hinauf. Ihre Haut zerteilte sich.</p><p>Der Schatten hatte den K�rper des Shi-Handan v�llig unter seine Kontrolle gebracht. Er ging zu der Selkie, als sie aus der Seehundhaut stieg. Auch sie hatte meergr�ne Augen wie ihre Schwester. Ihr Haar jedoch hatte die Farbe von reifem Korn.</p><p>Die junge Maid blickte l�chelnd zu ihnen auf, w�hrend sie die Tierhaut von den zierlichen F��en streifte. Sie fragte etwas. In dem Augenblick schossen die Kiefer der Bestie vor. Sebastien war selbst v�llig �berrascht, als er f�hlte, wie sich F�nge in weiches Fleisch gruben. Sie hatten feste Gestalt angenommen, zumindest teilweise! Warmes Blut rann durch ihre Kehle. Die Selkie schrie auf.</p><p>Mit einem l�ssigen Sch�tteln riss der Shi-Handan ihr ein gro�es St�ck Fleisch aus der Kehle. Sie st�rzte zur�ck auf den schwarzen Felsen. Blut spritzte im Rhythmus ihres langsam ersterbenden Herzens aus der t�dlichen Wunde.</p><p>Sebastien wollte die Augen schlie�en. Doch nicht einmal dar�ber hatte er noch Gewalt. Der Schatten beherrschte ihren gemeinsamen K�rper. Und Sebastien hatte Teil an dem schaurigen Mahl, ob er wollte oder nicht.</p><p>Der Shi-Handan riss Fleischbrocken aus den Schenkeln der Sterbenden. Zuletzt beraubte er sie des verblassenden Lebensfunkens. Dann zog sich der Schatten zur�ck. Er �berlie� dem Abt wieder die Kontrolle �ber ihren gemeinsamen Leib und die Sorge um den Aufruhr der Br�der und Schwestern, die mit ihm in dieser gottesl�sterlichen Bestie gefangen waren.</p><p>Die H�hle stank nach frisch vergossenem Blut.</p><p>Ihr gemeinsamer Leib hatte seine K�rperlichkeit wieder verloren. Sebastien fl�chtete ins schwarze Wasser. Er wollte hinab in die dunkelsten Tiefen der See, wo er f�r immer ihre Schande vor dem Blick Gottes verstecken konnte.</p></section><section><title><p>Ein neuer Wind</p></title><p>Ollowain breitete die Karten aus und beschwerte die Kanten mit einigen Figuren vom Falrach-Tisch, der dicht neben dem Feldbett stand. Er hatte Elodrins Zelt �bernommen, der vor ihm das Kommando gef�hrt hatte. Der wei�haarige F�rst von Alvemer stand mit hinter dem R�cken verschr�nkten Armen am Kartentisch. Er war ein harter Mann. Seine Miene verriet nichts �ber seine Stimmung. Er hatte sich die Elfe Yilvina zur Befehlshaberin seiner Leibwache gew�hlt. Yilvina, die Ollowain einst bei der Flucht aus dem brennenden Vahan Calyd begleitet hatte und die selbst im Fjordland noch der Schild der schwer verletzten K�nigin gewesen war. Sie trug das blonde Haar kurz geschnitten. �ber dem Kettenhemd aus Silberstahl kreuzten sich die Gurte der beiden Schwerter, die sie auf dem R�cken trug. Vor langer Zeit einmal war sie Ollowains Sch�lerin gewesen. Niemand konnte es ihr im Kampf mit zwei Schwertern gleichtun. Sie war eine Meisterin des Todes.</p><p>Zu Elodrins Linker stand Nardinel. Die begabtesten Dichter hatten ihre Sch�nheit besungen. F�rsten hatten um ihre Hand gefreit, und doch hatte sie sich niemals gebunden. Nardinel, die Unber�hrte. Nardinel, die Heilerin. Nardinel, der Trost der Sterbenden. Die Namen, die man ihr gegeben hatte, waren ohne Zahl. Sie war von zarter, durchscheinender Sch�nheit und wirkte inmitten des Zeltes voller Krieger fehl am Platz. Begehrliche Blicke streiften sie. Sie zu sehen, hie� der Sehnsucht zu begegnen. Ihr Haar war die Nacht, ihr sanftes Antlitz das Morgenlicht. Ollowain konnte nicht begreifen, was diese beiden Frauen mit Elodrin verband. Hatte ein Befehl sie an seine Seite gef�hrt? Und f�r wen w�rden sie sich entscheiden, wenn Elodrin Schwierigkeiten machte? Der Schwertmeister wusste, dass er es nicht leicht mit dem Seef�rsten haben w�rde. Elodrin w�rde sich hier, inmitten der Befehlshaber ihres Heeres, keine Bl��e geben. Aber in seinem Herzen w�rde er Ollowain nicht vergeben, das Kommando �bernommen zu haben.</p><p>Der Schwertmeister lie� den Blick in der Runde wandern. Fast ein Dutzend Elfenf�rsten standen versammelt; f�nf Kentauren und auch Ajax, der F�rst der Minotauren in den Mondbergen, waren gekommen. Mit den meisten der Befehlshaber hatte Ollowain schon gemeinsam Schlachten geschlagen. Orimedes, der Erste unter den Kentaurenf�rsten des Windlands, nickte ihm freundlich zu. Wie alle Kentauren �berragte er den Elfen um mehr als eine halbe Mannl�nge. Der F�rst hatte eine breite Nase, der man ansah, dass sie schon mehrmals eingeschlagen worden war. Durch seine linke Braue lief eine feine wei�e Narbe. Ein zerzauster blonder Bart rahmte sein eckiges Gesicht. Der Kentaur hatte dunkle Ringe unter den Augen. Ollowain h�tte sein Schwert darauf verwettet, dass der F�rst den gr��eren Teil der Nacht mit einem Saufgelage verbracht hatte. Ein breiter, goldbeschlagener Schwertgurt lief �ber die Brust des Pferdemannes, und an seinem linken Oberarm war ein Dolch festgegurtet. Der F�rst grinste Ollowain jetzt breit an. Der Schwertmeister hatte den Eindruck, dass der Kentaur sich sehr zusammenrei�en musste, um nicht her�berzukommen, ihn in die starken Arme zu schlie�en und sich an die Brust zu dr�cken. Sie hatten gemeinsam in Phylangan gefochten, ebenso wie Graf Fenryl, den die Niederlage in der Snaiwamark heimatlos gemacht hatte. Der Elfengraf hielt seinen Falken auf der Linken. Der schneewei�e Raubvogel mit seinen warmen Bernsteinaugen begleitete den Elfen wie ein Schatten. Ollowain wusste, dass Fenryl einen besonderen Bund mit dem Raubtier eingegangen war. Manchmal stieg die Seele des Grafen auf den wei�en Schwingen in den Himmel hinauf. Sie flogen gemeinsam, um den Feind zu beobachten oder zu jagen.</p><p>Mit seinen warmen, hellbraunen Augen, den vollen Lippen und dem ungeb�ndigten lockigen Haar wirkte der Graf weniger abweisend als die �brigen Elfenf�rsten, die Ollowain k�hl musterten. Die Mehrheit von ihnen begegnete ihm mit Skepsis. Einmal abgesehen von Shandral waren sie alle erfahrene Krieger. Und der Schwertmeister war sich sicher, dass die meisten von ihnen insgeheim der �berzeugung waren, sie k�nnten das Oberkommando genauso gut aus�ben wie der G�nstling der K�nigin.</p><p>Ollowain gab Obilee ein Handzeichen, und die Kommandantin seiner Eskorte lie� Melvyn in das Zelt f�hren. Die Augen des Halbelfen spr�hten vor Zorn. Eiserne Fesseln umschlossen seine Handgelenke.</p><p>Der Schwertmeister wandte sich den versammelten F�rsten zu. Ihm entging nicht das selbstgef�llige L�cheln Shandrals. Der F�rst von Arkadien verbuchte die Verhaftung Melvyns wohl als einen Sieg, doch in dieser Angelegenheit war noch nicht das letzte Wort gesprochen.</p><p>�F�rsten von Albenmark, ich halte mich nicht mit langen Vorreden auf. Ich denke, ihr alle kennt mich. Mit vielen von euch habe ich bereits Seite an Seite gefochten, und es macht mich stolz, an diesem Morgen das Kommando �ber die Besten unter den Kriegern Albenmarks zu �bernehmen. F�rst Elodrin wird k�nftig mein Stellvertreter sein. Als Oberbefehlshaber der Flotten der K�nigin wird er von nun an die Sicherung des Mika organisieren, damit es den Trollen nicht gelingt, diese Grenze schon vor dem ersten Frost zu �berschreiten.�</p><p>Ollowain versuchte in den Gesichtern der F�rsten zu lesen, wer auf Elodrins Seite stand, doch die Elfen waren zu beherrscht, um sich ihre Gef�hle anmerken zu lassen. Die Kentauren hingegen gaben sich nicht die geringste M�he, ihre Freude zu verbergen. Elodrin galt als ein strenger Befehlshaber, als ein Mann von eiserner Disziplin. Ollowain war sich sicher, dass es zwischen Elodrin und den Kentauren st�ndig Reibereien gegeben hatte. Die Pferdem�nner waren ber�chtigt f�r ihre Zechgelage und f�r ihren rebellischen Geist. Ein Mann wie Elodrin sah in ihnen vermutlich nicht mehr als eine Bande von Viehdieben, die bestenfalls als Sp�her taugten, nicht aber als wertvolle Krieger in einer gro�en Feldschlacht oder gar einer Belagerung.</p><p>�Ich denke, jedem der Anwesenden ist klar, dass wir bei allem Heldenmut einer sicheren Niederlage entgegensehen, wenn die Trolle im Winter den Mika �berschreiten. In Phylangan und Reilimee haben sie bewiesen, dass sie selbst Festungen �berwinden k�nnen. Wir sind ihnen an Zahl unterlegen, und Feylanviek hat keine Verteidigungsanlagen. Wenn wir uns sehr gut schlagen, werden wir vielleicht drei Tage durchhalten. Wenn es uns nicht mehr gibt, hat Albenmark seinen Schild verloren. Nichts wird die F�rstent�mer mehr vor dem Zorn der w�tenden Horden bewahren. Die Trolle werden vielleicht an der Shalyn-Falah noch einmal auf Widerstand treffen, doch auch dort wird man sie wohl kaum noch aufhalten k�nnen.�</p><p>�Was soll dieses feige Gequatsche?�, polterte der Minotaurenf�rst los. Sein Stierkopf war mit borstigem wei�em Haar bedeckt. Auf seine breite rosa Schnauze waren blaue Fangz�hne t�towiert. Ein Dutzend goldener Ohrringe klirrte in seinem rechten Ohr. Das linke war zu mehr als der H�lfte abgeschnitten und von wulstigem Narbengewebe �berwuchert. Ajax, F�rst der Mondberge, hatte die blutroten Augen eines Albinos. Er galt als aufbrausend und gewaltt�tig. Ollowain hatte darauf spekuliert, dass Ajax genau an dieser Stelle seiner Ansprache einen seiner cholerischen Anf�lle bekommen w�rde.</p><p>�Was stellst du dir vor, Elfenm�nnlein? Willst du zu den Trollen gehen, vor ihnen im Staub kriechen und um Gnade winseln? Bist du zu feige zum Sterben? Ich piss dir gleich auf deine h�bschen Stiefel, und dann pr�gele ich dich eigenh�ndig bis zu deiner K�nigin zur�ck. Einen Drecksack wie dich haben wir gerade noch gebraucht. Erst sitzen wir uns hier den Arsch platt, und dann ...�</p><p>Ollowain nutzte den Augenblick, in dem Ajax schnaufend einatmete, um mit neuer Puste weiterzufluchen, um eine Frage zu stellen. �Du w�rst also an meiner Seite, wenn ich in f�nf Tagen das Heerlager der Trolle angreife?�</p><p>�Du m�usebl�tiger Bastard. Du ...� Offensichtlich brauchte der Stiersch�del ein paar Herzschl�ge lang, um diese �berraschende Wendung zu erfassen.</p><p>�Das ist Selbstmord!�, emp�rte sich Elodrin.</p><p>�Schei�e, nein!�, fuhr Ajax seinen fr�heren Oberbefehlshaber an. �Das ist die Art, wie ein echter Mann Krieg f�hrt, Weicharsch! Ich bin dabei, Schwertmeister!�</p><p>�Auf mich und meine Herden kannst du auch z�hlen�, sagte Orimedes mit fester Stimme.</p><p>�Auf die Doppelschwerter meiner M�nner kannst du dich ebenfalls verlassen�, erklang ein tiefer Bass. Ein riesiger Kentaur stand im Zelteingang. Er trug eine pr�chtige, staubbedeckte Bronzer�stung. Ein Muskelpanzer umschloss seine breite Brust und reichte hinab bis zu den Vorderl�ufen. Beinschienen mit knollenf�rmigen Gelenkst�cken sch�tzten die Vorderbeine des Kriegers. Auch die Arme und H�nde des Pferdemanns waren gepanzert. Unter den linken Arm hatte er einen Helm mit tief hinabgezogenen Wangenst�cken geklemmt, den ein purpurn gef�rbter Rosshaarkamm schm�ckte. In der Rechten hielt er ein Doppelschwert, eine Stangenwaffe, an deren beiden Enden lange gekr�mmte Schwertklingen sa�en. Das Gesicht des Kriegers war von einem fein getrimmten, kurzen Vollbart gerahmt. Er hatte blondes Haar und dunkle, sonnenverbrannte Haut. Zwei kinnlange Z�pfe rahmten sein Gesicht, w�hrend ein dritter Zopf ihm bis weit auf den R�cken reichte.</p><p>�Ich hei�e dich willkommen in unserer Mitte, Katander von Uttika.� Ollowain war �berrascht, den Bronzef�rsten zu sehen. Die Kentauren der Westk�ste waren gr��er und hatten massigere Pferdeleiber als ihre Vettern in der Steppe. Zwischen den Bronzekriegern und den Pferdem�nnern des Windlands herrschte eine jahrhundertealte Fehde. Niemand konnte sich erinnern, wann die beiden V�lker zum letzten Mal Seite an Seite gek�mpft hatten; daf�r hatten sie ungez�hlte Scharm�tzel untereinander ausgetragen.</p><p>Als sich die Blicke von Orimedes und Katander begegneten, lag eine knisternde Spannung �ber dem Kartentisch. Ollowain durfte nicht zulassen, dass ihre alte Fehde seinen Feldzug gef�hrdete.</p><p>�Welche Truppenverb�nde sind in der Lage, in drei Tagen dreihundert Meilen zu bew�ltigen?�, fragte der Schwertmeister harsch.</p><p>�In der Zeit schaffen meine M�nner leicht f�nfhundert Meilen!�, sagte Orimedes herausfordernd.</p><p>Aber dann sind sie zu ersch�pft, um noch k�mpfen zu k�nnen, dachte Ollowain, schwieg jedoch und blickte in die Runde.</p><p>Eine Elfe in gr�ner R�stung mit filigranen goldenen Beschl�gen l�chelte den Schwertmeister selbstsicher an. Das Haar lag ihr in einem schweren, roten Zopf �ber der Schulter. Caileen, Gr�fin von Dorien. Sie hatte das Kommando �ber die freien Adeligen Arkadiens. Da Shandral seinem Adel nicht mehr traute und nur noch Koboldkrieger in seiner N�he duldete, hatten die Adeligen Arkadiens einen eigenen Verband gebildet.</p><p>�Wie viele Streitwagen befehligst du?�</p><p>�Dreihundertzweiundachtzig. Jeder bemannt mit einem Fahrer, einem Bogensch�tzen und einem Sensentr�ger. Wenn das Gel�nde nicht zu schwer ist, k�nnen wir leicht mit unseren Waffenbr�dern, den Kentauren, mithalten.�</p><p>�Ich bringe dir achthundert Doppelschwerter�, sagte Katander schlicht. Sich dazu zu �u�ern, ob seine Krieger den Gewaltmarsch schaffen konnten, war offenbar unter seiner W�rde.</p><p>�Bei allem Respekt, Ollowain�, meldete sich Elodrin zu Wort.</p><p>�Aber das ist Wahnsinn. Es ist ein Todeskommando ohne die geringste Aussicht auf Erfolg. Dein Angriff w�rde an den Schlachtreihen der Trolle abprallen wie eine Erbse, die du gegen eine Felswand schleuderst.�</p><p>�Du bist also der Auffassung, wir sollten lieber in Feylanviek darauf warten, dass die Trolle den Zeitpunkt unseres Untergangs bestimmen?�</p><p>Der F�rst von Alvemer, der Widerspruch offensichtlich nicht gewohnt war, sah ihn in sprachloser Wut an.</p><p>�Im �brigen wird von heute Morgen an niemand mehr �ber eine drohende Niederlage sprechen�, fuhr Ollowain unger�hrt fort. �Das ist Gift f�r die Moral unserer Krieger. Wer gegen diesen Befehl verst��t, den werde ich auf der Stelle vom Heer ausschlie�en und nach Hause schicken. Wir brauchen einen Sieg, und ich bin entschlossen, ihn zu erk�mpfen.�</p><p>�So wie in Phylangan?�, fragte Elodrin.</p><p>Jeder im Zelt hielt den Atem an.</p><p>Ollowain l�chelte, als habe der Flottenkommandant ihm ein Kompliment gemacht. Das Letzte, was sie jetzt brauchten, waren Eifers�chteleien und Intrigen im Oberkommando. Er h�tte Elodrin f�r einen besseren Befehlshaber gehalten. Offenbar hatte es ihn zutiefst verletzt, sein Kommando an Ollowain abtreten zu m�ssen. �Ich habe meine Lehren aus Phylangan gezogen, F�rst. So wie jeder gute Feldkommandant aus Schlachten lernt, gleich ob es Siege oder Niederlagen sind. Au�erdem hatte ich die Ehre, von einem �beraus begabten Strategen die Schw�chen meiner Verteidigung in einer Gefechtssimulation am Falrach-Tisch aufgezeigt zu bekommen. Phylangan galt als uneinnehmbar. Es ist gefallen, weil unsere Feinde sich als beweglicher im Geiste erwiesen haben, als wir es waren. Wer sich auf reine Verteidigung festlegt, der hat damit die erste Schlacht schon verloren, denn er �berl�sst seinem Gegner die Initiative. Feylanviek ist nicht zu halten. Es wird uns so lange wie m�glich als Versorgungsst�tzpunkt dienen, aber ich werde keinen K�mpfer opfern, um es zu verteidigen. Wir sind beweglicher als der riesige Heerzug der Trolle. Die Steppen des Windlands sind ein endlos weiter Raum, in dem unsere beweglichen Truppen operieren k�nnen. Dem sind die Trolle nicht gewachsen. Wir werden sie hinaus in die Steppen locken. Wir werden die B�ffelherden davonjagen und ihre Nachschubwege kappen. Und wenn sie zu hungern beginnen, dann wird ihre riesige Zahl ihren Untergang nur beschleunigen. Es wird etliche Scharm�tzel geben, �berf�lle und Pl�nderz�ge. Aber zu einer Schlacht im herk�mmlichen Sinne werden wir es nicht kommen lassen. Jeder hier im Zelt sollte sich dessen bewusst sein, dass wir verloren sind, wenn wir auch nur eine einzige verlustreiche Niederlage erleiden. Der Entscheidungsschlacht, die die Trolle suchen, werden wir uns nicht stellen. Wir k�mpfen nur zu unseren Bedingungen. Und so werden wir siegen.�</p><p>�Meine Rede!�, stimmte der Minotaurenf�rst begeistert zu.</p><p>�Hoch die �rsche und ran an den Feind. Das ist der richtige Geist!�</p><p>Melvyn hatte ihnen s�uerlich l�chelnd zugeh�rt. Nun richtete er sich auf und achtete darauf, dass die Ketten an seinen H�nden f�r alle gut zu sehen waren. �Alles sch�n und gut. Nur sollten wir nicht darauf hoffen, unseren Feind zu �berraschen.�</p><p>Er blickte zu Caileen. �Allein deine dreihundertzweiundachtzig Streitwagen werden dort drau�en in der Steppe eine Staubwolke aufwirbeln, die man einen ganzen Tagesmarsch weit sieht.�</p><p>�Deshalb werden wir nachts marschieren.� Ollowain deutete auf die Karte. �Hier gibt es in einer langgezogenen Senke einen lichten Waldstreifen. Das Unterholz ist nicht so dicht, dass Streitwagen und leichte Kutschen es nicht passieren k�nnten. Das Laubdach sch�tzt uns vor neugierigen Blicken.� Der Schwertmeister fuhr mit dem Finger ein wenig weiter die Karte hinauf. Er tippte nerv�s mit dem Finger auf einen schwarzen Punkt. �Jerash, ein Ruinenfeld inmitten des Graslands. Ein Ort der fl�sternden Stimmen im Wind. Dort gibt es nur Staub und alte Steine. Ich war schon einmal dort. Weite Bogeng�nge haben den Jahrhunderten getrotzt. Ein kleines Heer wie unseres w�rde dort ganz brauchbare Deckung finden. Aber machen wir uns nichts vor, es ist kein so gutes Versteck wie der Wald am Tag zuvor. Wir m�ssen darauf setzen, dass unsere Feinde ahnungslos sind und dass sie nicht nach uns suchen.�</p><p>Orimedes und die �brigen Kentauren scharrten unruhig mit den Hufen. Auch Ajax, der Minotaurenf�rst, machte ein bedr�cktes Gesicht.</p><p>�Jerash ist verflucht�, murmelte Orimedes halblaut. �Das ist kein guter Platz, um dort zu lagern.� Ollowain winkte �rgerlich ab. �Ischemon ist verflucht. Dort, wo Emerelle den F�rsten der Sonnendrachen t�tete. Jerash ist harmlos. Au�erdem verbringen wir dort den Tag. Sobald es d�mmert, werden wir die Ruinen wieder verlassen.� Niemand widersprach ihm, doch der Schwertmeister konnte in den Gesichtern der Kentauren lesen, dass ihre Bedenken nicht zerstreut waren. Er ignorierte es. Sie w�rden gehorchen, das war alles, was jetzt z�hlte. �Der Finstergrund in den Rejkas ist unser n�chstes Ziel. Jetzt so sp�t im Sommer m�sste der Fluss fast ausgetrocknet sein. In seinem Flussbett und an den Ufern werden wir gut vorankommen. Und was noch wichtiger ist, auch dort finden wir Deckung vor feindlichen Sp�hern. Einige Abschnitte des Flusses liegen in so tiefen T�lern, dass kein Sonnenstrahl hineinreicht. Dort k�nnen wir uns verstecken. In der folgenden Nacht brechen wir aus. Bis zum Morgengrauen werden wir das Heerlager der Trolle erreichen. Und mit dem Sanhalla, dem S�dwind, der im ersten Morgenlicht von den H�ngen der Rejkas streicht, werden wir angreifen. Er wird Tod und Verderben in das Herz des feindlichen Heeres tragen.�</p><p>Der Schwertmeister wandte sich an Graf Fenryl. �Unser Erfolg h�ngt davon ab, dass der Feind unseren Vormarsch nicht ahnt. Wom�glich versucht er uns auszusp�hen. Wie viele Falkner gibt es in der Stadt?�</p><p>Der Adlige sah ihn verwundert an. �Das wei� ich nicht�, gestand er schlie�lich.</p><p>�Finde sie alle. Ich m�chte, dass eure Falken �ber der Stadt stehen und dass sie jeden Vogel schlagen, der versucht, von Feylanviek in die Steppe davonzufliegen. Die Trolle d�rfen um keinen Preis erfahren, was hier vor sich geht.�</p><p>�Ich werde mein Bestes geben�, versprach Fenryl.</p><p>�Wer ist verantwortlich f�r die Organisation des Nachschubs?�, wandte sich der Feldherr an Elodrin.</p><p>�Ich�, entgegnete Nardinel.</p><p>�Ich brauche jeden leichten Wagen in der Stadt, jede Kutsche, der du zutraust, dass sie den Weg bis zum Heerlager der Trolle schafft. Beschlagnahme die besten Zugtiere.� Er wandte sich nun direkt an Elodrin. �Und ich brauche die besten Bogensch�tzen und Armbrustsch�tzen, die wir haben. Wer ein guter Reiter ist, soll ein Pferd bekommen. Die Kobolde aber kommen auf die Kutschen. Besetzt nur zwei Drittel der Wagen. Wenn ein Rad bricht oder eine Achse, dann werden wir uns nicht mit Reparaturen aufhalten. Wir lassen die Wagen zur�ck. Aber keinen Krieger! Au�erdem brauche ich hundert Schritt Seide und die besten N�herinnen der Stadt. Und Draht und so viele der kostbaren Flaschen aus dem blauen Glas von Talsin, wie sich finden lassen. Sie sollen gesch�tzt durch geflochtenes Stroh in Frachtkisten verstaut werden.�</p><p>Elodrin runzelte die Stirn. �Man k�nnte glauben, du willst jemandem Gastgeschenke machen.� Ollowain lachte. �Ja. Das sind Geschenke f�r den Sanhalla. Hoffen wir, dass sie den S�dwind gn�dig stimmen.� Der Schwertmeister schlug mit der flachen Hand auf die Karte. �Bevor wir Feylanviek aufgeben, werden wir nur eine einzige Gelegenheit haben, die Trolle zu �berraschen. Wenn wir sie schwer genug treffen, dann endet ihr Feldzug vielleicht schon, bevor er richtig begonnen hat. Sobald wir in ihr Lager eindringen, macht Jagd auf ihre Rudelf�hrer und Schamanen. Ein Heer ist wie ein gro�er Leib. Und so �berm�chtig und erdr�ckend die starken Arme des Trollheeres auch sein m�gen, sie sind hilflos, wenn wir das Haupt vom Rumpf geschlagen haben. Ihre Krieger m�gen schnell nachwachsen. Gute Anf�hrer und erfahrene Schamaninnen tun das nicht. Und noch etwas. Kein Wort zu euren M�nnern! Je weniger in diesen Plan eingeweiht sind, desto besser. Ich w�nsche, dass unser Heer in zwei Tagen am Abend zum Aufbruch bereit ist. Sorgt daf�r, dass jene Auserw�hlten, die uns begleiten, gut ausgeruht sind. Lasst sie schlafen. Erz�hlt ihnen etwas von einem n�chtlichen Man�ver, das der verr�ckte neue Kommandant in der Steppe abh�lt, oder was immer ihr f�r eine glaubw�rdige L�ge haltet. Und nun seid ihr entlassen. Alle bis auf Shandral und Melvyn.�</p><p>W�hrend die Elfen sich schweigend zur�ckzogen, umrundete Orimedes den Kartentisch. Er schloss Ollowain in seine Arme.</p><p>�Ich habe dich vermisst! Wo hast du nur all die Jahre gesteckt, du verdammter Mistkerl?� Die Umarmung brach dem Schwertmeister fast die Rippen. �Sp�ter�, stie� er keuchend hervor. �Es gibt noch ....�</p><p>Der Kentaur zog die buschigen Augenbrauen zusammen.</p><p>�Nein, es ist sp�t genug. Heute Nacht kommst du in unser Lager. Wir werden einige Amphoren vom besten Roten aus Alvemer teilen. Bring also reichlich Durst mit. Dir sind ein paar gute Jahrg�nge entgangen, w�hrend du verschollen warst. Keine Widerrede! Ich muss dir meinen Sohn vorstellen. Ein echter Prachtkerl!� Orimedes setzte Ollowain wieder ab. Er blickte zum Zelteingang, wo Katander noch immer wartete. �Du bist ebenfalls eingeladen, Goldbr�stchen. Und wenn du ihn siehst, dann sag dem Kuhsch�nder Ajax, dass auch er ein willkommener Gast ist. Ein gutes Bes�ufnis ist fast wie eine gute Schlacht. Meine Krieger brennen darauf, deinen Schlammtretern zu zeigen, was richtige Hengste sind.�</p><p>�Glaubst du, du kannst mich wie irgendeinen deiner stinkenden Viehtreiberf�rsten besoffen machen, um mir dann einen Treueid abzunehmen? Ich werde kommen, denn die Kentauren von Uttika sind noch vor keiner Schlacht davongelaufen, und sei es nur eine Schlacht in einem Schankzelt. Aber glaube nicht, dass ich mich von dir einwickeln lasse.�</p><p>Orimedes lachte laut. �Wir werden sehen. Ach ... Vergesst nicht eure Goldl�tzchen abzulegen, bevor ihr kommt. Es sei denn, ein ehrlicher Fausthieb ist zu viel f�r einen verz�rtelten Uttiker.�</p><p>�Gar nichts werden wir mitbringen, Orimedes. Keine Gastgeschenke, denn die macht man Freunden, keine Waffen, denn die ben�tigt man, wenn man �berlegene Feinde f�rchtet. Nicht einmal ein Haarband oder einen Armreif werden wir tragen, denn wir wissen, dass unsere Vettern aus der Steppe einem die Eisen von den Hufen stehlen, wenn sich die Gelegenheit bietet.�</p><p>Orimedes grinste frech. �Stimmt! Nagelt sie gut fest. Wir sind im Augenblick wieder sehr knapp mit Hufeisen. Ich erwarte dich, Katander.�</p><p>Der Kentaurenf�rst von Uttika wirkte �berrascht. Offensichtlich hatte er mit einem Wutausbruch gerechnet. Orimedes� Antwort hatte ihn aus dem Konzept gebracht. �Ich werde kommen.� Mit diesen Worten wandte er sich ab und preschte davon.</p><p>�Ist dies das Alter, mein Freund?�, fragte Ollowain. �Das war ja fast diplomatisch.�</p><p>�Das Alter?� Der F�rst schnaubte ver�chtlich. �Mein Schwertarm ist noch stark, und ich pisse mit einem Strahl, kr�ftig wie der eines jungen Hengstes. Noch kann ich dem Alter davongaloppieren. Aber den Trollen nicht. In den letzten Jahren habe ich viel Zeit und M�he darauf verwandt, die St�mme der Steppe zu einen. Zumindest in Kriegszeiten erkennen mich alle als ihren ersten F�rsten an. Nur die Uttiker muss ich noch unter mein Kommando bringen. Und wenn ich daf�r ein bisschen freundlich sein muss ... Drauf geschissen, dann bin ich es eben! Mein Volk muss stark sein, oder die Trolle werden uns unsere Herden nehmen und unsere Steppe.</p><p>Und stark sind wir nur, wenn alle Fehden ruhen und alle Krieger einem Anf�hrer gehorchen. Es hat sich viel ge�ndert in den Jahren, als du fort warst, Schwertbruder.� Der Kentaur umfasste Ollowains Handgelenk im Kriegergru�. �Ich sehe dich auf dem Fest!�</p><p>Der Schwertmeister sah dem Kentauren nach und f�hlte sich fremd in seiner Welt. So vieles war in so wenigen Jahren geschehen ... Er atmete tief durch und wandte sich den beiden Elfen zu, die im Zelt zur�ckgeblieben waren.</p><p>�F�rst Shandral, der Hauptmann deiner Wache, der Kobold Madrog, hat den verb�ndeten Elfenhauptmann Melvyn einen Dieb genannt. Ich kam hinzu, als Madrog und seine M�nner sich die gr��te M�he gaben, Melvyn zu t�ten. K�nntest du mir bitte erkl�ren, was gestohlen wurde? Als ich Melvyn in Ketten legen lie�, konnte ich keinerlei Diebesgut bei ihm entdecken.�</p><p>Shandral stand mit vor der Brust verschr�nkten Armen auf der anderen Seite des Kartentischs. Er betrachtete Ollowain herausfordernd. �Ich verlange den Kopf dieser Missgeburt, dieses Menschenbastards.�</p><p>�Ich stehe gern f�r ein Duell zur Verf�gung.� Melvyn hob die gefesselten Arme. �Selbst in Eisen gelegt, w�rde ich dich noch in St�cke schneiden.�</p><p>�Das werde ich nicht dulden!�, unterbrach der Schwertmeister die beiden. �Die Gesetze der K�nigin verbieten Duelle in Kriegszeiten.�</p><p>�Ruht denn auch jegliche Rechtsprechung in Kriegszeiten?�, fragte Shandral spitz. �Ich klage Melvyn an! Er hat mich bestohlen und einen nicht mehr gut zu machenden Schaden angerichtet. Er muss mit seinem Blute daf�r b��en.�</p><p>Ollowain w�nschte, er w�re einen anderen Weg durch die Stadt gegangen. �Und wie lautet deine Anklage?�</p><p>�Er hat meiner Frau den Verstand und das Herz gestohlen. Einem Dieb schnitt man in alter Zeit die Hand ab, damit er nicht wieder stehlen konnte. Melvyn sollte man die Zunge herausrei�en und ihm seine M�nnlichkeit nehmen.� Einen Augenblick lang glaubte der Schwertmeister, das m�sse ein Scherz sein. Das konnte der F�rst doch nicht ernst meinen! Zitterte Shandral vor Wut? Oder sch�ttelte ihn ein stilles Lachen?</p><p>�Wenn deine Gattin sich einem anderen Manne zuwendet, dann ist das gewiss ein gro�es Ungl�ck f�r dich, aber kein Versto� gegen ein mir bekanntes Gesetz�, sagte Ollowain ruhig.</p><p>�Sie hat sich ihm nicht einfach zugewandt!�, ereiferte sich Shandral, der pl�tzlich allen Hochmut fahren lie�. �Er hat sich zu ihr geschlichen, in meinem Schlafgemach! Und er muss sie mit einem Zauber belegt haben. Sie ist v�llig irre geworden! Nachts hat sie seinen Namen gefl�stert. Ich habe sehr viel f�r Leylin gezahlt. Ein pr�chtiges Haus am Meer mit gro�en G�rten und hundert Kobolddienern habe ich ihrer Sippe �berlassen, als sie mich geheiratet hat. Sie hat eine Schuld gegen mich abzutragen! Sie schuldet es mir, ein treues und f�gsames Weib zu sein. All das hat Melvyn mir gestohlen. Und wenn ich nur seine Zunge und seinen Schwanz als Bu�e fordere, dann ist das ein Ausdruck meiner M��igung! Eigentlich sollte man Melvyn den Kopf vor die F��e legen.�</p><p>Melvyn lachte Shandral ins Gesicht. �Das ist doch l�cherlich. Ihn sollte man wegsperren. So ein Irrer d�rfte nicht das Kommando �ber f�nfhundert Krieger mit Armbr�sten f�hren. Siehst du jetzt, was f�r eine Sorte Mann er ist? Er qu�lt Leylin! Er hat sie nicht verdient. Und sie ist eine Elfe. Sie ist frei zu gehen, wohin immer sie will!�</p><p>F�nfhundert Armbr�ste. F�r Ollowain drehte es sich letztlich darum. Er konnte es sich nicht leisten, einen so gro�en Teil seines Heeres zu verlieren. Andererseits galten Melvyns M�nner als die besten Sp�her. Auch sie durfte er nicht verlieren. Sie sollten die Augen seines Heeres sein und der heimliche Dolch, der den gegnerischen Sp�hern an die Kehle ging, wenn sie am wenigsten damit rechneten.</p><p>�Seinetwegen ist mein Weib verst�mmelt�, sagte Shandral, sichtlich darum bem�ht, noch die Fassung zu bewahren. �Das Gift falscher Liebe, das dieser Frauenheld in ihr Herz getr�ufelt hat, hat f�r immer ihr Leben zerst�rt! H�r dich um im Feldlager, wenn du an meinen Worten zweifelst. Er ist wirklich ein Wolf! Wahllos bespringt er die Weiber, verdreht ihnen mit sch�nen Worten den Kopf, und dann l�sst er sie fallen. Alle Glieder sollte man ihm brechen und ihn dann wehrlos wilden Hunden zum Fra� vorwerfen! Er geh�rt nicht in h�fische Kreise. Er beschmutzt alles, was gut und edel ist!�</p><p>Melvyn schienen die Worte nicht im Mindesten zu ber�hren.</p><p>�Eines ist wohl wahr. Kaufen musste ich mir noch kein Weib. Und was soll das hei�en, meinetwegen sei dein Weib verst�mmelt?�</p><p>Shandral legte die Hand auf seinen Dolch. �Wei�t du das wirklich nicht? Ich glaube dir nicht, dass du nicht schon davon geh�rt hast!�</p><p>�Wovon?�</p><p>�Von dem Unfall, den du verschuldet hast!� Shandral zog seinen Dolch.</p><p>Ollowain trat zwischen Melvyn und Shandral. Er war sich sicher, dass Melvyn den geh�rnten Gatten selbst mit eisernen Handfesseln noch �berw�ltigen k�nnte.</p><p>�Sie wollte zu dir, die Hure!� Shandral vergrub sein Gesicht in den H�nden und schluchzte. �Gestern, gleich nach Einbruch der D�mmerung, geschah es. Sie hat sich davongeschlichen. Durch die Hammerschmiede wollte sie. Sie ist �ber die schalen Balken hoch �ber den Ambossen gelaufen. Leylin muss wie von einem Wahn besessenen gewesen sein. Dort oben ist alles voller Rauch. Und es ist so hei�, dass man kaum atmen kann. Selbst die Kobolde meiden diese Wege. Sie ...� Der F�rst lie� den Dolch sinken und schlug die H�nde vors Gesicht. �Sie ist gest�rzt. Unter die H�mmer ist sie ... Die gro�en H�mmer ...�</p><p>Melvyn wirkte wie vom Schlag ger�hrt. Benommen sch�ttelte er den Kopf. �Das ... das kann nicht stimmen.�</p><p>�Dein Werk ist das�, zischte Shandral kalt. �Dein Werk! Und wenn du nicht verurteilt wirst, dann werde ich einen Weg finden, dich zur Strecke zu bringen. Ich bin kein Mann des Schwertes, aber ich bin nicht machtlos. Das wirst du erleben.�</p><p>Er k�mpfte mit den Tr�nen. �Meine Diener haben sofort die besten Heilkundigen der Stadt geholt, um Leylin zu retten. Aber ... Aber ... Ich w�nschte, sie h�tten es gewagt, mich bei meiner Unterredung mit dem Feldherrn ... dem ehemaligen Feldherrn, meine ich. Ich w�nschte, sie h�tten es gewagt, mich dort zu st�ren. Ich h�tte bei ihr sein sollen! Ihre Beine ... Ihre beiden Knie sind unter einen der schweren H�mmer geraten. Es war ... Sie ... Ihre Kniegelenke sind v�llig zerschmettert. Es war den Heilern unm�glich, die Knochen wieder zusammenzuf�gen. Sie mussten ... Sie haben ihr beide Beine abgenommen. Dicht �ber den Knien.� Voller Hass blickte er Melvyn an. �Sie wird nie wieder ... laufen k�nnen.�</p><p>�Du Ungeheuer!� Der Wolfself sprang auf. Er streckte die H�nde vor, als wolle er Shandral erw�rgen.</p><p>Ollowains Ellenbogen krachte gegen Melvyns Schl�fe, als dieser ihn zur Seite sto�en wollte. Ohne einen Laut brach der junge Elf zusammen.</p><p>�Er ist wie ein Geschw�r, das man aus dem Leib schneiden muss�, sagte Shandral geh�ssig. �Er h�tte niemals seine Wolfsh�hle verlassen d�rfen.�</p><p>�Du hast die Erlaubnis, nun zu gehen, Shandral.�</p><p>Der F�rst stie� mit der Fu�spitze gegen Melvyn. �Und was wird mit diesem St�ck Dreck?�</p><p>�Morgen werde ich dein Weib besuchen, um mit ihr zu sprechen. Danach werde ich entscheiden.�</p><p>�Sie ist noch sehr schwach, Schwertmeister. Sie wird dir keine Hilfe sein.�</p><p>�Ich werde ihre Kr�fte nicht lange beanspruchen. Heute Abend erwarte ich dich auf dem Fest der Kentauren. Entt�usche mich nicht. Und nun geh!�</p><p>Shandral verlie� das Zelt mit leisen Fl�chen auf den Lippen.</p><p>Ollowain war zutiefst ersch�ttert. Fast h�tte der F�rst sich verraten. Der Schwertmeister war sich ganz sicher, dass Shandral eigentlich hatte sagen wollen: Sie wird nie wieder fortlaufen k�nnen. Das war kein Unfall in der Schmiede gewesen! Shandral hatte Leylin f�r ihre Untreue bestrafen lassen. Aber das w�rde er ihm wohl kaum beweisen k�nnen.</p></section><section><title><p>Das Fest der Kentauren</p></title><p>Ollowain kannte nichts, was einer Schlacht so nahe kam wie ein Fest der Kentauren. Das Tosen der Trommeln lie� ihm fast die Ohren bluten. Die dumpfen Rhythmen drangen bis in sein Innerstes und erz�hlten ihm von hunderten von K�mpfen. Sie weckten in ihm die Lust zu k�mpfen, Blut zu vergie�en.</p><p>Wilde Stimmen schmetterten melancholische Lieder. Sie waren ein wenig wie die Sagas der Fjordl�nder. Die Helden starben einen tragischen Tod. Ollowain l�chelte traurig. Er dachte an den Befehl, den Emerelle ihm gegeben hatte. Nat�rlich w�rde er gehorchen. Ihr hatte er immer gehorcht.</p><p>Der Schwertmeister f�hrte eine kleine Gruppe von Elfen ins Herz des Chaos. Das Lager der Kentauren war riesig. Zelte gab es hier keine. Nur hier und dort war eine Sonnenplane aufgespannt. Meistens um ein Lager aus Weinamphoren k�hl zu halten.</p><p>�Gibt es etwas, wovor ich mich besonders in Acht nehmen sollte?� Obilee musste schreien, obwohl sie neben ihm ritt.</p><p>�R�hr keine Wolfsmilch an. Wer davon trinkt und keinen Pferdemagen hat, wird unweigerlich krank.�</p><p>�Was ist das, Wolfsmilch?�</p><p>�Vergorene Stutenmilch, mit Anis und anderen Gew�rzen versetzt. Trink nichts, was wei� ist!� Ollowain beobachtete verstohlen die �brigen Reiter in seinem Gefolge. Melvyn schien es zu genie�en, hier zu sein. Allerdings warf der Wolfself, wenn er sich unbeobachtet f�hlte, Shandral Blicke zu, die keinen Zweifel an seinen finsteren Absichten lie�en. Ollowain hatte Melvyn entwaffnen lassen, aber wahrscheinlich h�tte dieser keine Schwierigkeiten damit, Shandral nur mit blo�en H�nden zu t�ten.</p><p>Der F�rst von Arkadien zuckte immer wieder zusammen, wenn irgendein Trupp Betrunkener in pl�tzliches Gejohle ausbrach.</p><p>Elodrin hingegen lie� sich durch nichts aus der Fassung bringen. Der Seef�rst wirkte �u�erlich v�llig gelassen. Doch Ollowain wusste, dass der Adlige es zutiefst hasste, seine Zeit auf einem barbarischen Saufgelage zu verbringen. Obwohl die Kentauren ihre treuesten Verb�ndeten waren, sah er in ihnen nur wenig mehr als Tiere.</p><p>Yilvina war angespannt wie eine Stahlfeder. Sie trug ein wei�es Stirnband, damit ihr in der Hitze kein Schwei� in die Augen rann. Wie eine stumme Drohung ragten ihre beiden Schwertgriffe hinter ihren Schultern auf. Misstrauisch beobachtete sie jeden, der sich auch nur ungef�hr in Richtung des Seef�rsten bewegte.</p><p>Nardinels Sch�nheit umgab die dunkelhaarige Elfe wie ein sch�tzender Panzer. Zugleich wirkte sie ein wenig entr�ckt, als sei sie in tiefe Meditation versunken oder als weigere sie sich schlicht, zur Kenntnis zu nehmen, wo sie hier gelandet war. Sie ritt als Einzige im Damensitz.</p><p>Obilee war im Gegensatz zu der Heilerin erfrischend neugierig. Sie sah sich um und belagerte Ollowain mit ihren Fragen. Jetzt deutete sie mit ausgestrecktem Arm auf ein Feuer. �Ist das ein Ochse, der da gebraten wird? Ist das nicht ein bisschen gef�hllos, wenn man Minotauren zu Gast hat?�</p><p>�Die Pferdem�nner denken da anders. F�r sie ist das gutes Fleisch, und wenn man G�ste hat, dann bringt man nur das Beste auf die Bratspie�e.�</p><p>Ein Pulk schreiender und aufeinander einpr�gelnder Reiter brach durch die Gruppen von Trinkern und Schaulustigen, die die Elfen angafften. St�ndig die Richtung wechselnd, hieben die M�nner aufeinander ein. Manchmal sah man in ihrer Mitte einen ledernen Ball hochschnellen, von dem ein armlanges Tau herabhing.</p><p>Ein Schimmel brachte den Ball in seinen Besitz und brach aus dem Reiterpulk aus. Sofort hefteten sich alle anderen an seine Hufe. W�hrend einige Kentauren versuchten, seine Flanken gegen Angriffe abzuschirmen, lie�en die anderen nichts unversucht, um ihm den Ball wieder abzunehmen.</p><p>Ein besonders massiger Kentaur, offensichtlich ein Uttiker, brach durch die Linie der Verteidiger und b�umte sich mit einem wilden Schrei auf. Seine Hufe trafen den Schimmel in die Flanke. Dieser schleuderte den Ball von sich, der Shandral genau in die Arme fiel. Angewidert lie� der F�rst von Arkadien den mit Schlamm und Blut besudelten Ball sofort fallen, doch es war schon zu sp�t. Johlend st�rmten die Kentauren gegen ihren Reitertrupp an.</p><p>Obilees Pferd scheute. Elodrin rief ein Wort der Macht und atmete leuchtenden Nebel aus. Yilvina zog ihre Schwerter, bereit, mit den Breitseiten wie mit Kn�ppeln zuzuschlagen, sollte jemand ihrem F�rsten zu nahe kommen. Shandral duckte sich in die M�hne seines Rappen. Und Melvyn beugte sich tief aus dem Sattel und griff nach dem Ball.</p><p>Der riesige Uttiker donnerte in ihren Trupp hinein. Ollowain riss den Hengst herum und wurde trotzdem noch fast aus dem Sattel gesto�en. Mit einem Fausthieb wie ein Katapultschuss traf der Kentaur den Kopf von Shandrals Rappen. Das schlanke Pferd ging zu Boden. Shandral verfing sich in seinen Steigb�geln und schaffte es nicht mehr rechtzeitig abzuspringen. Der schwere Pferdeleib riss ihn hinab auf den schlammigen Grund. Hilflos eingeklemmt lag er inmitten trommelnder Hufe. Das Pferd rollte �ber ihm ab. Ein gellender Schrei erklang.</p><p>Gleichzeitig stie� Melvyn ein wildes Wolfsgeheul aus. Er schwenkte den Ball an seinem Seilende �ber dem Kopf und stie� seiner Stute die Fersen in die Flanken.</p><p>Ollowains Hengst stieg, erschreckt vom Wolfsgeheul. Obilee war aus dem Sattel gesprungen und versuchte Shandral gegen die Hufe der Kentauren abzuschirmen, w�hrend Melvyn in wildem Galopp davonst�rmte. So schnell wie der Reiterpulk �ber sie hergefallen war, war er auch wieder verschwunden.</p><p>Kalter Nebel breitete sich um sie aus. Er war von unheimlichem, bleichem Licht durchdrungen. Irgendwo in der N�he h�rte Ollowain einen Minotaurenschamanen eine uralte Anrufung gegen das B�se rezitieren.</p><p>Der Schwertmeister glitt aus dem Sattel und kniete neben Shandral nieder. Der Rappe des F�rsten war wieder auf die Beine gekommen. Shandral war �ber und �ber mit schwarzem Schlamm besudelt. Das Haar klebte ihm in schmierigen Str�hnen im Gesicht. Blut quoll ihm aus der Nase.</p><p>Elodrin trat aus dem Nebel. Nardinel und Yilvina begleiteten ihn. Die schwarzhaarige Heilerin kniete sich zu Ollowain, w�hrend Yilvina ihre Schwerter in die Scheiden zur�ckschob.</p><p>�Ich habe mir die Gesichter dieser siebzehn Raufbolde genau eingepr�gt�, bemerkte Elodrin k�hl. �Ich werde von Orimedes eine exemplarische Bestrafung dieser Schl�ger fordern. Shandral h�tte tot sein k�nnen! Und nicht nur er. Jeder von uns h�tte sterben k�nnen. Das ist nicht die Art, wie man eine Gesandtschaft seiner Verb�ndeten empf�ngt.�</p><p>Ollowain r�usperte sich, sagte aber nichts. Es war besser, den F�rsten von Alvemer in diesem Augenblick nicht noch weiter zu reizen, indem man ihn daran erinnerte, dass die Kentauren den Zwischenfall h�chstens als eine kleine Rempelei unter Freunden betrachten w�rden. Und es gab noch einen viel triftigeren Grund, sich nicht zu beklagen.</p><p>�Sagst du gar nichts dazu?�</p><p>�Offensichtlich ist Shandral kein sonderlich guter Reiter. Besser, wir bemerken das hier als im Heerlager der Trolle. Auch wenn wir in deinen Augen vielleicht unter Barbaren gelandet sind, Elodrin, so gibt es hier doch zumindest niemanden, der auf die Idee kommen k�nnte, Shandral den Hals umzudrehen und ihn auf einen Bratspie� zu stecken.�</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln huschte �ber Yilvinas Gesicht, w�hrend der Seef�rst emp�rt den Kopf sch�ttelte. �Dies ist weder der Ort noch der Anlass, Scherze zu treiben, Ollowain. Wie geht es ihm, Nardinel?�</p><p>�Er hat drei gebrochene Rippen, aber ich kann keine inneren Blutungen feststellen. Sein linkes Bein ist ausgekugelt, doch alles in allem hat er gro�es Gl�ck gehabt. Sein Rappe hat ihn in den Boden gedr�ckt. Der Schlamm hat Shandral das Leben gerettet. Auf festerem Untergrund w�re er vom Gewicht des Pferdes zerquetscht worden.� Der F�rst st�hnte, w�hrend sie seine Brust abtastete. Nardinel wirkte noch blasser als sonst. Es schien, als habe auch sie Schmerzen. So wenig Ollowain von den Pfaden der Magie wusste, war ihm doch bekannt, dass auf magische Weise zu heilen bedeutete, die Schmerzen mit dem Verletzten zu teilen.</p><p>Shandral atmete jetzt wieder gleichm��iger. Er war eingeschlafen.</p><p>�Mehr werde ich nicht f�r ihn tun�, sagte die Heilerin, richtete sich auf und wischte den gr�bsten Schmutz von ihrem Rock.</p><p>�Du solltest mehr f�r ihn tun. Er ist ein F�rst. Er wird es dir reich vergelten.�</p><p>�Es widert mich an, ihn auch nur zu ber�hren. Er hat eine dunkle Seele. Und die ist mir nahe, wenn ich ihn pflege. Im �brigen hat er nicht nach mir schicken lassen, als Leylin so schwer verletzt wurde. Ich bin sicher, ich h�tte ihr helfen k�nnen. Den ganzen Tag �ber haben sie mich nicht an ihr Krankenlager gelassen. Es scheint ganz so, als habe er gar kein Interesse daran, dass ihr so gut wie m�glich geholfen wird.�</p><p>Der Nebel war so dicht geworden, dass man kaum einen Schritt weit sehen konnte. Der L�rm war seltsam ged�mpft. Ollowain hatte das Gef�hl, dass es viel stiller geworden war.</p><p>�W�rdest du deinen Zauber bitte beenden, Elodrin. Ich glaube, wir sind nicht mehr in Gefahr. Aber die Steppenv�lker sind sehr abergl�ubisch ... Ich f�rchte, der Nebel macht ihnen Angst. Und es ist unm�glich vorherzusagen, wie sie sich verhalten werden, wenn sie Angst haben.�</p><p>Elodrin nickte bed�chtig. �Ich gestehe, ich war ein wenig �berrumpelt und habe nicht dar�ber nachgedacht, was ich tue. Nebel zu rufen ist eine �bliche Vorgehensweise, wenn man in einem Seegefecht von einer feindlichen �bermacht bedroht wird. Was schl�gst du vor?�</p><p>�Lass ihn verschwinden. Und bei den Alben, beherrsche dich und nenne die Kentauren nicht unsere Feinde!�</p><p>Elodrin beschrieb mit der Linken einen Kreis und fl�sterte ein Wort, das an das Heulen des Windes erinnerte. Fast im gleichen Augenblick zerriss eine B�e den Nebelschleier.</p><p>Eine dichte Phalanx von Kentauren umgab sie. Hunderte hatten sich in weitem Kreis versammelt und gafften. Manche scharrten unruhig mit den Hufen oder lie�en die Schweife peitschen. Eine fast greifbare Spannung lag in der Luft.</p><p>Pl�tzlich teilte sich die Reihe der Pferdem�nner. Orimedes und Katander traten in den weiten Kreis.</p><p>Der F�rst der Steppenreiter l�chelte schuldbewusst. �Ich h�rte, es gab eine kleine Rempelei ... Es tut mir leid, dass ihr ein wenig herumgeschubst wurdet. Ich hoffe, es ist nichts Ernsthaftes passiert.�</p><p>�Ein wenig herumgeschubst�, zischte Elodrin so leise, dass es nur die Elfen um ihn herum h�ren konnten. �Das finde ich ein wenig untertrieben.�</p><p>Ollowain legte dem F�rsten beschwichtigend eine Hand auf den Arm. �Beherrsche dich. Sie sind sehr empfindlich, wenn man ihre Gastfreundschaft r�gt.�</p><p>�Und ich bin ein empfindlicher Gast, wenn man einem meiner Begleiter die Knochen bricht�, entgegnete der F�rst, nur um gleich darauf ein diplomatisch k�hles L�cheln aufzusetzen. �Im �brigen bin ich kein Dummkopf. Ich kann auch Verb�ndete, die ich verachte, freundlich behandeln, so lange mir das opportun erscheint.�</p><p>�Begr��t unsere G�ste�, rief Orimedes mit lauter Stimme.</p><p>�Unter euch steht der Schwertmeister Ollowain. Der Schrecken der Trolle und Held von Phylangan. Er ist mit seinem Gefolge gekommen, um mit uns zu feiern.� Ollowain entging die Spitze gegen Elodrin nicht, den Orimedes kurzerhand als 'Gefolge' deklassiert hatte, obwohl er noch am Tag zuvor der Oberbefehlshaber gewesen war.</p><p>Der Jubel war nicht so �berw�ltigend, wie der Schwertmeister erwartet h�tte. Er las Skepsis, ja sogar Unwillen in den Gesichtern vieler Pferdem�nner. Elodrin hatte es mit seiner Abneigung gegen das Steppenvolk vers�umt, aus den Verb�ndeten Freunde zu machen. Die Kentauren k�mpften, weil es um ihre Heimat ging. Der Sache der Elfen dienten sie nicht.</p><p>Was ihn dar�ber hinaus beunruhigte, war die Tatsache, dass Melvyn verschwunden blieb. Der Schwertmeister wandte sich an Obilee. �Bring Shandral zur�ck in seinen Palast! Ich werde daf�r sorgen, dass du eine Eskorte aus Kentaurenkriegern bekommst, die noch n�chtern sind. Und bleib so lange an der Seite des F�rsten, bis du schriftlich von mir den Befehl bekommst, den Palast wieder zu verlassen.�</p><p>�Du glaubst doch nicht etwa ....�</p><p>�Wenn Melvyn tut, was ich bef�rchte, dann haben wir einen Krieg in unseren eigenen Reihen, und das Heer wird morgen nicht aufbrechen. Pass auf Shandral auf! Besch�tze ihn mit deinem Leben, auch wenn du ihn nicht magst.� Ollowain l�ste sich von der Gruppe und ritt Orimedes entgegen. Ohne abzusteigen, schloss er den Kentaurenf�rsten in die Arme.</p><p>Ein neuer Ton kam in die Jubelrufe der Pferdem�nner.</p><p>Ein gro�er, narbenbedeckter Krieger brach aus den Reihen der Kentauren. Er preschte Ollowain entgegen. �Erinnerst du dich an mich, Schwertmeister?�</p><p>Wie sollte er ihn vergessen haben! Was f�r alle hier f�nfzehn Jahre zur�cklag, war f�r ihn erst vor wenigen Monden geschehen. Der Schwertmeister packte das Handgelenk des Kriegers. �Ich vergesse niemals einen Helden!�, rief er mit lauter Stimme. �Senthor, dieser Dicksch�del hier, wollte selbst dann, als wir schon mit dem R�cken zu den Toren des Himmelshafens standen, nicht einsehen, dass Phylangan verloren war. Er war einer der Letzten, der die Festung verlie�. Es tut gut, dich zu sehen.� Dabei sah Senthor zum Erbarmen aus. Er war alt geworden. Das Leben in der Steppe hatte ihn ausgezehrt. Die Rippen stachen durch sein Fell. Mit ihm w�rde man keine Schlacht mehr gewinnen.</p><p>Dem alten Kentauren standen Tr�nen in den Augen. �Du bist einer von uns, Schwertmeister. Du hast mir das Leben gerettet bei den K�mpfen an den Barrikaden. Das werde ich dir nie vergessen. Ein Wort von dir, und ich sterbe f�r dich.�</p><p>Ollowain konnte sich nicht erinnern. Die K�mpfe in den Tunneln von Phylangan waren so m�rderisch und un�bersichtlich gewesen, dass sie alle sich st�ndig gegenseitig gerettet hatten oder aber f�reinander gestorben waren. �Ich hab dich doch nicht gerettet, damit du bei der n�chsten Gelegenheit dein Leben fortwirfst, Senthor. Begleite mich hinaus in die Steppe, wenn es so weit ist, und t�te einen Troll f�r mich. Das ist alles, was ich von dir erwarte. Ich will den Senthor dort drau�en sehen, der schon in Phylangan Seite an Seite mit mir gek�mpft hat.�</p><p>Der Kentaur langte mit beiden H�nden nach seinem Kopf. Feuchter Atem, der nach Anis stank, schlug Ollowain entgegen. Senthor k�sste ihn auf die Lippen.</p><p>Der Schwertmeister lie� den Gef�hlsausbruch �ber sich ergehen. Als der Kentaur ihn wieder loslie�, zog er seine Waffe und reckte die Klinge dem Himmel entgegen. �Mit tausend Kriegern wie dir w�rde ich die Trolle vor den Toren Feylanvieks aufhalten, Senthor.� Er machte eine Pause und blickte in die b�rtigen Gesichter der Kentauren rings herum. Harte Gesichter, von Wind und Sonne gezeichnet, vom entbehrungsreichen Leben in der Steppe. Gesichter, in denen stolze Augen gl�hten. �Aber ich sehe hier mehr als tausend von deinem Schlag, Senthor.� Der Schwertmeister dachte an die Reden Lambis, eines Fjordlandjarls, der mit ihm gek�mpft hatte. Mit seinen frechen Spr�chen hatte er selbst in verzweifelter Lage stets die Herzen der Krieger gewonnen. �Du scheinst einer Menge Stuten nachgestiegen zu sein in der Zeit, in der ich fort war. Ich sehe hier mehr als tausend Krieger von deinem Schlage. Und deshalb sage ich: Schluss mit der Warterei! Gehen wir zu den Trollen. Lasst sie eure Hufe schmecken! Und wenn wir fertig sind mit ihnen, das verspreche ich, dann werden sie selbst in hundert Jahren nicht wagen, noch einmal einen Fu� auf die Steppen des Windlands zu setzen!� Ollowain deutete auf einen rothaarigen Krieger mitten im Gedr�nge, der noch nicht in die Jubelrufe eingestimmt hatte. �Bist du dabei, wenn wir es den Trollen zeigen?�</p><p>�Ja, Mann ...�, stie� er verlegen hervor.</p><p>Der Schwertmeister wandte sich an den n�chsten. �Und du? Hast du den Mumm, dem Angriff eines Trolls entgegenzublicken und zu warten, bis du das Wei�e in seinen Augen siehst, bevor du deinen Bogen hebst, oder m�chtest du lieber hier bleiben und B�ffel h�ten?�</p><p>�Ich komme mit dir, Schwertmeister!�, rief der Krieger begeistert.</p><p>Ollowain machte eine weit ausholende Geste. �Und wie sieht es mit euch aus? Wollt ihr meinen Elfenkriegern zeigen, dass es nichts in dieser Welt gibt, das eine Attacke von tausend Kentauren aufhalten kann? Seid ihr bereit dazu? Folgt ihr mir?�</p><p>�Wir folgen dir, Schwertmeister!�, schallte es aus hunderten von Kehlen. Jetzt dr�ngten alle nach vorne. Jeder wollte Ollowain ber�hren, ihm auf die Schulter klopfen oder ein paar Worte mit ihm wechseln. Sie hoben ihn aus dem Sattel und lie�en ihn auf ihren hoch �ber die K�pfe gestreckten Handfl�chen gehen. Elegant wie ein T�nzer bewegte sich der Feldherr auf dem schwankenden Grund. Und er genoss das Bad in der Menge.</p><p>Einen Augenblick lang verga� er sogar sein schlechtes Gewissen. Doch das w�hrte nicht lange. Es war gut, dass die Kentauren seinem Oberbefehl nun williger folgen w�rden. Und sie w�rden h�rter k�mpfen, weil sie seinen Worten glaubten und einen Sieg f�r m�glich hielten. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass ihm nur noch vier Tage zu leben blieben. Er musste einen Nachfolger finden. Jemanden, der f�hig war, die Strategie des R�ckzugs in den weiten Raum des Windlands so umzusetzen, dass Emerelles Verb�ndete letztlich �ber die Trolle triumphieren w�rden.</p><p>Es dauerte eine ganze Weile, bis Orimedes und seine Leibwache es schafften, Ollowain wieder in den Sattel zu heben und gegen die begeisterten Krieger abzuschirmen.</p><p>Der Kentaurenf�rst lachte ihn an. �Das ist besser als das Beste, was einem ein Weib zu bieten hat!�</p><p>�Es war ein gutes Gef�hl�, stimmte er zu.</p><p>�Ach komm, gutes Gef�hl. Das ist vollkommen. Das ist...�</p><p>�Du bist bei Shandral zu weit gegangen. Er h�tte tot sein k�nnen.� Ollowain sprach leise und blickte misstrauisch zu Elodrin und den anderen Elfen. Sie standen etwas abseits und plauderten mit Katander.</p><p>Orimedes runzelte �rgerlich die Stirn. �Es war deine Idee, dem Mistkerl eine Abreibung zu verpassen. Und genau die hat er bekommen. Vergiss es! Ist er es wert, dass wir �ber ihn streiten?�</p><p>�Ich mache mir Sorgen, dass ...� Orimedes winkte einem Krieger, der ihnen zwei silberne Kelche mit Wein brachte.</p><p>�Komm, vergiss den Kerl. Trink! Das ist bester Roter aus einer kleinen Bucht bei Vahlemer. Eigentlich viel zu weit n�rdlich, um noch Wein anzubauen, aber eine Str�mung geht dort an der K�ste entlang, und das Klima ist wunderbar mild. Koste ihn, du wirst keinen besseren Wein als diesen zu trinken bekommen. Er ist sein Gewicht in Silber wert.� Der Kentaur hob den Kelch und nickte Ollowain zu. �Auf den Sieg!�</p><p>�Auf die, die zur�ckkehren werden�, entgegnete der Schwertmeister.</p><p>Orimedes seufzte. �Hast du wieder eine deiner Stimmungen? Freust du dich denn gar nicht, hier zu sein?�</p><p>Was sollte er dazu sagen?, dachte der Schwertmeister bitter. Er war auf dem Weg in eine Schlacht, aus der er nicht wiederkommen durfte. Und er war es Emerelle schuldig, dass er niemandem dieses Geheimnis anvertraute. Also zwang er sich zu l�cheln. �Es tut gut, dich wiederzusehen und mit dir zu reden.�</p><p>�Na also! Geht doch. Ich verspreche dir, dieser Rote wird deine Tr�bsal davonsp�len. Und was den Feldzug ...� Orimedes schob sich pl�tzlich an ihm vorbei. �Heh, Nestheus, hierher!�</p><p>Der junge Kentaur, der den Ball zu Shandral geworfen hatte, kam zu ihnen her�ber. Neben ihm ritt Melvyn. Beide grinsten wie kleine Jungen, denen gerade ein Streich gegl�ckt war. Der Wolfself lie� den Ball l�ssig an seinem Seil kreisen.</p><p>�Haben wir gewonnen?�, rief Orimedes ihnen entgegen.</p><p>�Haben wir!� Nestheus hatte die Lippen eingeschlagen, und seine Flanken waren von Sch�rfwunden und �blen Prellungen gezeichnet. �Melvyn hat den Ball �ber die Linie gebracht.�</p><p>Der Elf sah nicht besser aus als der Kentaur. Auch er hatte einiges abbekommen, was ihn aber nicht weiter zu st�ren schien.</p><p>Ollowain betrachtete die beiden und w�nschte sich, noch einmal so jung und frei zu sein. Bei einem Ballspiel alle �bel dieser Welt vergessen zu k�nnen, das war beneidenswert. Dennoch w�rde er Melvyn in dieser Nacht nicht aus den Augen lassen.</p></section><section><title><p>Die Wahrheit</p></title><empty-line/><p>Obilee hatte sich immer f�r sehr langm�tig gehalten. Als aber Shandral endlich auf ein Lager in seinem gro�en Stadthaus gebettet wurde, war sie mehr als nur erleichtert. Der F�rst war w�hrend des Transports aus seiner Ohnmacht erwacht und hatte den R�ckweg st�hnend und fluchend hinter sich gebracht. Wobei seine Fl�che selbst die hart gesottenen Kentauren sichtlich eingesch�chtert hatten.</p><p>�Du gestattest, dass ich mich ein wenig in deinem Haus umsehe, F�rst? Unser Feldherr ist um deine Sicherheit besorgt, und ich bin verantwortlich f�r dein Wohlergehen.�</p><p>�Darum wird sich Madrog schon k�mmern! Schick nach meinem Koboldhauptmann! Warum ist er noch nicht hier?�</p><p>Das Lager des F�rsten war von Kobolddienerinnen in schlichten, meergr�nen Kleidern und mit wei�en Hauben umgeben. Auch einige Wachen standen in den Ecken und gaben sich alle M�he, ihrem F�rsten nicht aufzufallen. Offensichtlich f�rchteten sie, Shandral k�nne sie f�r den Unfall zur Verantwortung ziehen.</p><p>�Sag deinem Ollowain, dass ich ihn durchschaue. Das war ein Mordanschlag, und ich werde ihn daf�r zur Verantwortung ziehen! Die Blutf�ule soll er bekommen! Ich bin kein Mann des Schwertes, aber ich bin nicht wehrlos! Er wollte, dass ich unter meinem Pferd zerquetscht werde, dieser niedertr�chtige Speichellecker der K�nigin. Er wird den Tag noch verfluchen, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Sag ihm das!�</p><p>Obilee atmete tief aus und versuchte gleichm�tig zu bleiben.</p><p>�Ich werde Ollowain berichten, was du gesagt hast. Gestatte, dass ich mich nun zur�ckziehe.�</p><p>Shandral machte eine wedelnde Handbewegung und zuckte vor Schmerz zusammen. �Ja, fort mit dir! Ich kann euch widerliche Schleimer nicht mehr ertragen. Weg ...� Er versetzte einer Koboldfrau eine Ohrfeige, die sie von seinem Bett st�rzen lie�.</p><p>�Passt auf, was ihr tut, ihr elendes Gew�rm. Die N�chste, die mir mit ihren ungewaschenen krummen Fingerchen Schmerzen bereitet, lasse ich an die Hauswand nageln!� Er breitete die Arme aus. �Los schneidet das Hemd auf! Und dann ruft nach einem richtigen Heilkundigen. Schleppt mir blo� keinen Quacksalber ins Haus!�</p><p>Obilee zog sich aus dem Zimmer zur�ck. Shandral war eigentlich kein h�sslicher Mann. Doch seine Seele schien durch und durch verrottet zu sein. Jetzt offenbarte sich sein wahres Gesicht. Welch ein Albtraum musste es sein, zu seinen Dienern zu geh�ren. Sie w�rde Emerelle von ihm berichten. Er war eine Schande f�r alle Elfenf�rsten. Vielleicht konnte die K�nigin ihn seiner Herrschaft berauben oder ihn zumindest in die Schranken weisen?</p><p>Obilee trat auf den Flur hinaus. Die W�nde waren mit dunklem Holz get�felt. Eine enge Treppe f�hrte hinab in die Eingangshalle. �berall waren Diener, doch es herrschte Totenstille. Obilee war schon im Gemach des F�rsten aufgefallen, dass die Koboldfrauen dicke Filzschuhe trugen. Sie bewegten sich lautlos. Und jeder, der der Elfe begegnete, senkte den Blick.</p><p>Der Flur machte kurz hinter der T�r zu Shandrals Zimmer einen scharfen Knick. Dieses un�bersichtliche Haus war wie daf�r geschaffen, sich zu verstecken. Sollte Melvyn tats�chlich hierher kommen, dann k�nnte er sich wohl ohne weiteres verbergen.</p><p>Obilee z�gerte nur kurz, dann ging sie den Flur hinauf, statt �ber die Treppe zur Eingangshalle zu eilen. Ollowain hatte sie gebeten, auf Shandral zu achten, und ganz gleich, was sie vom F�rsten von Arkadien hielt, sie w�rde ihre Aufgabe erf�llen, so gut es ging. Wenigstens w�rde sie sich die umliegenden Zimmer ansehen.</p><p>Als sie um die Ecke bog, �nderte sich das Licht. Lampen aus dunkelblauem Glas s�umten die W�nde. Nach ein paar Schritten machte der Flur erneut einen Knick. Es gab keine T�ren. Zu ihrer Linken hing ein schwerer Gobelin, der eine d�stere Klippenlandschaft zeigte. Eine Galeere, an deren Heck rote Lampen glommen, hielt auf die Steilklippen zu.</p><p>Hinter der n�chsten Biegung war der Flur mit schweren, schwarzen Samtvorh�ngen verh�ngt. Zwischen ihnen herrschte erstickende Finsternis. Die Ber�hrung des Stoffes war der Elfe unangenehm. Er schien sich von sich aus zu bewegen, w�hrend sie voranschritt, als sei er lebendig und begierig darauf, ihre nackte Haut zu ber�hren. Kobolddiener gab es hier keine mehr. Ein bedr�ckender Duft hatte sich im Stoff verfangen. Es roch nach Ambra und Opium.</p><p>Etwas Ledriges strich der Elfe �ber die Lippen. Sie machte einen Satz nach vorn und duckte sich unter dem tastenden Stoff. Ihr Atem ging schwer. Sich drehend, versuchte sie dem Samt zu entkommen. Es war unm�glich, etwas zu sehen. Blind musste sie allein auf Geh�r, Tastsinn und Geruch vertrauen.</p><p>Obilee dachte daran umzukehren. Doch sie war sich nicht mehr sicher, in welcher Richtung es zur�ckging. Sie f�hlte sich wie in einem Traum gefangen. Jede Bewegung schien auf Widerstand zu sto�en, so als schwimme sie in dickem Sirup.</p><p>Pl�tzlich war da Licht. Ein tr�bes, blaues Licht, abgeschirmt durch dickes Glas, doch es war eine Sonne inmitten der Finsternis des Samts. Der Flur hatte sich ver�ndert. Es gab keine Ecken mehr. Die W�nde gingen �bergangslos in die Decke �ber. Und das Licht entsprang keiner �llampe. In die Wand war eine gro�e, ovale Linse eingelassen, die wie ein lidloses Auge starrte.</p><p>Obilee kniff die Augen zusammen. Die Duftstoffe im Samt ... Man musste ihnen Rauschmittel beigemengt haben. Was war das f�r ein Haus? Was bezweckte Shandral damit? Obilee hatte Ger�chte �ber ihn geh�rt. Angeblich geh�rte er zu den J�ngern Alathaias, jenen Elfen, die sich den verruchten, dunklen Spielarten der Magie ergeben hatten. Magier, die keine Grenze achteten und die ihre Gier nach Wissen in die tiefsten Abgr�nde getrieben hatte. War dieser Flur ein Abbild dessen, was in Shandrals Kopf vor sich ging? Was bezweckte er mit diesem Schreckenskabinett? Sah so die Welt aus, in der er sich wohl f�hlte?</p><p>Sollte Melvyn ihn doch holen! Ein bitterer Geschmack lag der Elfe auf der Zunge. Ihre Sinne waren manipuliert. St�ndig hatte sie das Gef�hl, dass sich gerade au�erhalb ihres Gesichtsfelds eine Schattengestalt bewegte. Und der Boden schien unter ihren Schritten nachzugeben wie z�her Schlamm. Doch wenn sie auf ihre F��e blickte, dann sah sie lediglich einen dunklen Steinboden. Hier konnte man nicht einsinken!</p><p>Sie musste fort aus diesem Haus, das genauso krank war wie sein Besitzer. Obilee blickte zu dem sich sanft wiegenden Wall aus dunklem Samt. Der Stoff schien sie zu erwarten. Angewidert dachte sie an seine Ber�hrung. Sie zog ihr Schwert. Doch was nutzte das hier schon ...</p><p>Die Elfe entschied, weiter dem Gang zu folgen. Vielleicht fand sie ja einen anderen Weg hinaus. Und sei es nur ein Fenster, durch das sie in die Freiheit gelangen konnte.</p><p>Vorsichtig schlich sie den Gang entlang und wendete immer wieder abrupt den Kopf, um endlich den Schatten mit ihren Blicken zu fassen zu bekommen. Doch stets entwischte ihr das Trugbild. Etwas anderes konnte es nicht sein! Eine Ausgeburt ihrer Fantasie, gezeugt aus den Rauschmitteln und der Angst, die dieser seltsame Ort atmete. Der Opiumgeruch war noch immer allgegenw�rtig.</p><p>Jeder Schritt fiel Obilee schwerer. Sie lehnte sich an die Wand und rang nach Luft. Eine leise Stimme drang an ihr Ohr, sie sang ein Kinderlied. Doch die Worte waren verdreht. Sie konnte es nicht richtig verstehen. Immer wieder erklang das Lied. Monoton und ohne Gef�hl. Wie eine Beschw�rungsformel.</p><p>Obilee folgte dem leisen Gesang, bis sie vor einer runden T�r stand, die mit feucht schimmerndem, dunkelrotem Lack �berzogen war. Eine leichte Ber�hrung gen�gte, und die T�r schwang auf. Opiumduft schlug der Elfe entgegen. Feiner Rauch tanzte in der Luft. Die Bewegung der T�r lie� blaugraue Wirbel durch das Zimmer treiben.</p><p>Der Elfe zuckte erschrocken zur�ck. K�pfe wuchsen aus den W�nden. Und noch immer erklang die Stimme.</p><poem><stanza><v>Flieg, Bl�tenfee, flieg,</v><v>dein Ritter ist im Krieg,</v><v>deine Herrin sitzt im Herzeland,</v><v>Herzeland ist Schattenland, flieg, Bl�tenfee, flieg.</v></stanza></poem><p>Inmitten des Zimmers stand ein gro�es Bett. Eine Frau mit langem, schwarzem Haar ruhte auf bl�tenwei�em Leinen. Ihre Lippen bewegten sich unabl�ssig. Immer und immer wieder sang sie den Kinderreim und hielt die Augen dabei geschlossen. Eine d�nne Decke war �ber sie gebreitet. Ihr K�rper zeichnete sich deutlich unter dem Stoff ab. Er wirkte seltsam ... Zu kurz. Die Proportionen passten nicht zueinander. Ihre Beine! Obilee zog die Decke zur�ck. Die Elfe war nackt, ihr Leib von langen Striemen gezeichnet, die alle Schattierungen von Blauschwarz bis hin zu einem blassen Graugr�n zeigten. Und Obilee sah, was mit den Beinen geschehen war! Sie sah die Wahrheit.</p><p>Die Gesichter an den W�nden grinsten sp�ttisch. Alles schien sich zu drehen. Und immer noch erklang das Lied.</p><p>Die Elfe schloss die Augen, doch nach wie vor tanzten die Gesichter um sie. Ihr war �bel. Der bittere Geschmack in ihrem Mund lie� sie w�rgen. Dann h�rte sie erschreckend klar ein metallisches Klacken hinter sich. Das Ger�usch, das vom Abzugshebel einer Armbrust stammte. Etwas traf sie hart am Kopf. Grelles Licht l�schte die tanzenden Gesichter aus. L�schte alles aus.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p>In der Tierhaut</p></title><empty-line/><p>Das Trommeln im Lager der Kentauren machte ihn unruhig. Der Lutin Nikodemus Glops lag unter einem dichten Busch am Ufer des Mika und beobachtete den Schattenriss des Patrouillenbootes, das langsam n�her kam. In Feylanviek hatte sich etwas ver�ndert. Die Kontrollen an den beiden gewaltigen Flussbr�cken waren strenger geworden. Pl�tzlich waren auch viel mehr Falken am Himmel. Es w�re sinnlos zu versuchen, noch eine Brieftaube zu schicken. Seit dem Morgen hatte kein einziger seiner Spitzel mehr Kontakt zu ihm aufgenommen. Etwas stimmte nicht da dr�ben! Und er lag hier und konnte nichts tun als warten.</p><p>Nikodemus sah zu dem schmutzig wei�en Schild, der an einem Pfahl ein St�ck entfernt lehnte. Man w�rde ihn in der mondhellen Nacht vom Fluss aus gut sehen k�nnen. Er war nichts Besonderes. Nur ein eingeschlagener, unbrauchbarer �bungsschild. Er w�rde kein Aufsehen erregen. Hoffentlich war sein Spitzel an Bord des Bootes!</p><p>Die Feuer des Kentaurenlagers spiegelten sich im tr�ge dahinflie�enden Strom. Warum hatten die Pferdem�nner pl�tzlich so gute Laune? Obwohl der Fluss fast eine Meile breit war, hatte man ihr Jubelgeschrei bis hierher h�ren k�nnen. Was gab es da dr�ben zu feiern?</p><p>Ein dumpfes Ger�usch schreckte den Lutin aus seinen Gedanken. In dem wei�en Schild steckte ein Armbrustbolzen. Endlich!</p><p>Nikodemus� Finger gruben sich in die trockene Erde. Er musste warten, bis das Boot noch ein St�ck weiter gefahren war. Er konnte die Umrisse eines Elfen im Heck erkennen. Jetzt blo� kein unn�tiges Risiko eingehen! Gestern war noch kein Elf auf dem Patrouillenboot gewesen. Warum waren die da dr�ben auf einmal so vorsichtig? Ob sie einen seiner Spitzel gefangen hatten? Nikodemus hielt den Atem an. Vielleicht war sogar die Botschaft am Armbrustbolzen eine Falle. Er sp�hte das Ufer entlang in Richtung der Br�cke. Vor einer halben Stunde erst war ein Trupp berittener Elfen zu einem Streifzug in die Steppe aufgebrochen. Ob sie wohl abgesessen waren und da drau�en auf ihn lauerten?</p><p>Nikodemus zuckte zusammen. Beim Scharren in der Erde hatte er sich einen Fingernagel umgeknickt. Mist! Liza mochte keine Kobolde mit ungepflegten H�nden. Er musste sich zusammenrei�en! F�r sie hatte er sogar das Fingernagelkauen aufgegeben. Und jetzt hatte er sich den Nagel umgeknickt. Dumme Sache! Dass sich so etwas nicht vern�nftig mit Magie richten lie�! Was hatte er sich all die Jahre abgem�ht mit der Zauberei. Und was war der Lohn? Er konnte sich nicht einmal einen kaputten Fingernagel wieder heil hexen. Meister Gromjan hatte ihn all die Jahre als gestrenger Lehrer gequ�lt. Aber etwas Vern�nftiges war dabei nicht herausgekommen. Er lag hier nachts am Ufer eines Flusses statt im Bett von Liza. Kein Wunder, dass sie sich nach all den Jahren immer noch nicht f�r ihn entscheiden konnte. Er h�tte sich auch nicht f�r sich entschieden. Wirklich! So ein Mistkerl, der dauernd Reisen f�r seinen gro�en Bruder machte. Was war mit so einem schon anzufangen!</p><p>Das Flussboot war inzwischen ein ganzes St�ck weiter. Er sollte es wagen! Dicht an den Boden gepresst, robbte er durch das hohe Gras. Mit seinem Messer durchtrennte er die beiden d�nnen Lederriemchen, mit denen ein Pergamentstreifen am Schaft des Armbrustbolzens festgebunden war.</p><p>Im hellen Mondlicht konnte er die Nachricht gut lesen, obwohl ihr wichtigster Spitzel dr�ben eine wahrlich �ble Handschrift hatte. Ungl�ubig starrte er das Schreiben an. Er las es noch einmal. Sein Bruder Elija hatte immer schon gesagt, dass die Elfen verr�ckt waren, aber das hier �bertraf jede ihrer bisherigen Torheiten bei weitem.</p><p>Ihr Spitzel hatte alle Zahlen genannt. Es waren viele Krieger. Aber die Trolle am Mordstein waren ihnen immer noch um ein Vielfaches �berlegen. Und dann diese Befehle, Draht, Seide und Glasfl�schchen zusammenzutragen. Vollkommen irre!</p><p>Nikodemus lernte die Nachricht gewissenhaft auswendig. Den Fehler, eine Botschaft in Tiergestalt zu bef�rdern, w�rde er nie wieder machen. Mit Schaudern dachte er daran zur�ck, wie ihn dieser Bogensch�tze vor drei Jahren fast erwischt hatte. Es war aber auch wirklich ausgesprochen bl�d gewesen, mit einem Lederzylinder in der Schnauze als Fuchs herumzulaufen und zu hoffen, man sei v�llig unauff�llig. Nein, das w�rde ihm nie wieder passieren. Sorgf�ltig zerriss Nikodemus das Pergamentblatt in d�nne Streifen und streute diese in den Fluss.</p><p>Der Lutin konzentrierte sich auf den Fuchszauber. Es zwickte und zwackte jedes Mal, wenn er sich verwandelte. Irgendwie schaffte er es nie, von einer Gestalt in die andere zu wechseln, ohne dass es weh tat.</p><p>Nikodemus bearbeitete ausgiebig mit der Schnauze sein R�ckenfell. Es war immer dasselbe! Kaum nahm er Fuchsgestalt an, hatte er einen Schwarm Sandfl�he im Pelz. Die schienen ihm heimlich zu folgen! Er sollte lieber nicht seine Zeit mit ihnen vergeuden. Drei, h�chstens vier Stunden, dann wurde es hell. Bis dahin sollte er ein gutes St�ck Weg schaffen. Es war weit bis zum Mordstein. Im Morgengrauen w�rde er Falkengestalt annehmen. Dann war er weit genug fort von Feylanviek. Hier w�re es der blanke Leichtsinn, sich als Falke in die L�fte zu erheben. Ahnten die Elfen, wie viele Spitzel unter ihnen waren? Nikodemus dachte an seine Kameraden und Kameradinnen in der Stadt. Sie riskierten ihr Leben f�r die Sache der Rotm�tzen. Aber keiner von ihnen w�rde jemals vergessen sein.</p><p>Der Lutin malte sich aus, wie er im Trolllager eintraf und darauf bestehen w�rde, sofort vor den jungen K�nig gef�hrt zu werden. Diese Nachricht w�rde ihn unsterblich machen. Noch in hundert Jahren w�rde sein Volk von Nikodemus Glops, dem Helden, sprechen!</p></section><section><title><p>Ein Kobold tritt aus</p></title><p>Misht wusste, dass es keinen Grund gab, Nossew irgendetwas vorzuwerfen, aber die Ruhe seines Kameraden raubte ihm den letzten Nerv. Er lag auf dem Dach, kaute auf einem Kl�mpchen Harz und beobachtete die Stra�enfront von Shandrals Stadtpalast.</p><p>�Ich finde, Melvyn k�nnte auch mal jemand anderen die Nacht auf diesem Dach verbringen lassen.�</p><p>Nossew kratzte sich am Bart und sagte nichts.</p><p>Das Schweigen seines Gef�hrten war genauso nervt�tend wie die elende Warterei. Manchmal hatte man das Gef�hl, Nossew h�tte seine Zunge verschluckt. Misht kannte niemanden sonst, der so maulfaul war wie sein Gef�hrte. Aber er war ein begnadeter Waffenbauer. Er hatte ihre Repetierarmbr�ste gebaut. Die Waffen waren Kleinodien. Es gab nichts Vergleichbares. Noch nie hatten sie Ladehemmung gehabt. Die Mechanik griff ineinander, so wie Knochen und Sehnen eines lebendigen Wesens zusammenspielten. Die Rotm�tzen hatten ihre Waffen haben wollen. Aber Nossew mochte ihren Anf�hrer nicht. Wahrscheinlich, weil Elija Glops f�r seinen Geschmack zu viel redete. Eine Woche sp�ter war ihre Werkstatt ausgebrannt. Nicht einmal ein halbes Jahr hatten sie dort arbeiten k�nnen. Alles war neu gewesen. Die Werkb�nke, das Geb�ude. Sie hatten viel Geld geliehen. Geld, das sie niemals mehr h�tten zur�ckzahlen k�nnen. Die Rotm�tzen hatten angeboten, ihnen zu helfen. Aber der Sturkopf Nossew war der �berzeugung gewesen, dass sie den Brand gelegt hatten. Beweise gab es daf�r keine. Nossew meinte, am Abend, als sie sich mit Elija getroffen h�tten, da habe ihm der Bart gejuckt, als sei er eine Spielwiese f�r Filzl�use. Sein Bart juckte immer, wenn �rger ins Haus stand. Das gen�gte ihm als Beweis daf�r, dass die Rotm�tzen bei dem Feuer ihre Finger im Spiel gehabt hatten.</p><p>Nossew kratzte sich schon wieder. Langsam bekam Misht ein mulmiges Gef�hl. An diesem Bartorakel war leider etwas dran. Vor vier Monden, als die Trolle ihre Bande fast gestellt hatten, hatte sich sein Gef�hrte auch dauernd gekratzt.</p><p>Der Kobold pr�fte, ob sein Magazin auf der Armbrust richtig eingerastet war. Dann r�ttelte er leicht daran, damit sich beim Durchladen keiner der Bolzen verklemmte.</p><p>Misht richtete sich leicht auf, um besser auf die Stra�e blicken zu k�nnen. Das L�rmen der Schmiede l�schte alle anderen Ger�usche der Nacht. Vor einer Stunde etwa hatten sie dort wieder zu arbeiten begonnen, kurz nachdem man Shandral gebracht hatte. Misht h�tte gern gewusst, was mit dem Mistkerl los war. Der F�rst war von einem Kentauren getragen worden, und eine sehr nerv�se junge Elfe war auch dabei gewesen. Die Kleine h�tte sie fast auf dem Dach entdeckt.</p><p>Kaum waren sie im Haus verschwunden, da war ein Dutzend Boten in alle Richtungen gelaufen. Shandral br�tete etwas aus. Um das zu ahnen, brauchte man kein Bartorakel.</p><p>Misht streichelte den Schaft seiner Waffe. Einen Armbrustbolzen zwischen die Augen, das war die Medizin, die Shandral brauchte. Melvyn hatte ihnen erz�hlt, was der F�rst seinem Weib angetan hatte.</p><p>Misht blickte hin�ber zu der Schmiede am Wehr. Was, zum Henker, trieben die dort? Welchen Grund gab es, mitten in der Nacht wieder die Arbeit aufzunehmen?</p><p>Nossew kratzte sich schon wieder den Bart.</p><p>�H�r mal, sollten wir nicht Melvyn benachrichtigen? Hier stimmt doch was nicht. Man sollte auch mal nachsehen, was in der Schmiede vor sich geht.�</p><p>Nossew deutete zu dem Balkon, �ber den Melvyn in den Palast eingedrungen war. Spinnenm�nner duckten sich dort hinter die Br�stung. Sie hielten ihre Armbr�ste schussbereit und beobachteten die Stra�e und die umliegenden H�userd�cher. Jetzt entdeckte er auch einen bei dem Kamin auf dem Dach des Westfl�gels.</p><p>�Was br�ten die f�r eine Schurkerei aus?� Nossew antwortete nat�rlich nicht. Stattdessen spuckte er seinen Harzklumpen aus und klebte ihn auf eine Schindel am Dachfirst. Dann steckte er sein F�hnchen auf.</p><p>�Manchmal w�re es schon eine Hilfe, wenn du die Z�hne auseinander bek�mst!� Sein Kamerad deutete die Stra�e hinauf. Ein ganzer Zug Wagen kam von dort. Man hatte die R�der mit Lumpen umwickelt, damit die Eisenbeschl�ge auf dem Pflaster weniger L�rm verursachten. Doch bei dem Get�se der Schmiede w�re das nicht notwendig gewesen. Lautlos glitten die Kutschen heran. Es waren gro�e Wagen.</p><p>Das Portal des Palastes �ffnete sich. Kobolde mit Fackeln und weitere Spinnenm�nner mit Armbr�sten eilten auf die Stra�e. Jetzt erschien auch Shandral auf der Schwelle. Er st�tzte sich schwer auf einen schwarzen Stab und beaufsichtigte, wie Kisten zu den Kutschen getragen wurden. Auch einzelne M�belst�cke und Bilder wurden aus dem gro�en Haus geschafft.</p><p>Nossew r�usperte sich.</p><p>�Was?� Misht sah zu seinem Gef�hrten. Dieser kratzte sich aufreizend zwischen den Beinen. �Was ist los? Verdammt, kannst du nicht mal sagen, was du hast? Musst du pinkeln?�</p><p>Sein Kamerad grinste.</p><p>�Nein. Doch nicht jetzt. Verdammt, klemm dir dein Ding zwischen die Schenkel und bei� die Z�hne zusammen. Du kannst doch jetzt nicht ...�</p><p>Nossew kletterte vom Dach.</p><p>�Das tust du nicht!�</p><p>Sein Kamerad verschwand im Dunkel. Leise vor sich hin fluchend, widmete sich Misht wieder dem Treiben bei Shandrals Stadtpalast. Die ersten Kutschen fuhren ab. Zuletzt waren noch etliche Kobolddienerinnen auf die Kisten auf der Pritsche geklettert. Der Drecksack kniff also den Schwanz ein, dachte Misht. Schade, er h�tte gerne miterlebt, wie Melvyn diesem Schinder das Licht ausgeblasen h�tte.</p><p>Eine Elfe mit langem, schwarzem Haar wurde aus dem Haus gebracht. Sie schien zu schlafen. Man hatte sie mit breiten Lederriemen auf eine Trage gefesselt. Sie wurde in einen geschlossenen Wagen gebracht. Ob das wohl das Weibsbild war, dem Melvyn nachgestiegen war?</p><p>Misht blickte �ber die Schulter. Sein Kamerad blieb verdammt lange weg.</p><p>Weitere Kutschen fuhren ab. Jetzt verlie�en auch die Spinnenm�nner die D�cher. Misht sah sich nerv�s um. Er sollte mitbekommen, wohin Shandral verschwand. Er hatte einen Verdacht</p><p>... Nur noch f�nf Kutschen warteten. Immer mehr Spinnenm�nner kamen aus dem Haus. Es blieb keine Zeit mehr, noch l�nger zu warten.</p><p>Vorsichtig erhob sich der Kobold und schlich geduckt am Dachfirst entlang. Wenn Nossew ihm nur den R�cken frei gehalten h�tte!</p><p>Die letzten Spinnenm�nner glitten die Hauswand hinab. Jetzt fuhren auch die verbliebenen Kutschen an. Shandral stieg in den Verschlag des letzten Wagens.</p><p>Misht sprang auf ein tiefer gelegenes Dach. Eine Schindel l�ste sich unter seinen F��en und rutschte davon. Doch der L�rm der Schmiedeh�mmer �berdeckte jedes Ger�usch.</p><p>Einer der Spinnenm�nner war sp�t dran und rannte der letzten Kutsche hinterher. Mit M�he erwischte er noch einen Griff und sprang auf eines der Trittbretter. Sein dunkelgrauer Umhang wehte im Fahrtwind. Der Kerl hielt sich nur mit einer Hand fest. Mit der anderen kratzte er sich den Bart, als ginge es dabei um sein Lebenslicht.</p><p>Misht hielt den Atem an. Nossew! Was machte der verdammte Idiot denn auf der Kutsche! Er musste doch auch ahnen, wohin die Fahrt ging.</p><p>Lumpengebinde l�ste sich von den Hinterr�dern, als der �berladene Wagen in eine enge Kurve ging.</p><p>Misht sprang wieder auf ein tiefer gelegenes Dach. Jetzt rannte er, ohne auf seine Deckung zu achten. Die Kolonne �berquerte eine gedeckte Holzbr�cke. Wie fernes Donnergrollen klang der Hufschlag der Pferde auf den Bohlen.</p><p>Am anderen Ufer des Kanals stie� eine Abteilung von Armbrustsch�tzen zu den Fl�chtlingen. Die Waffen geschultert, die Umh�nge aufgerollt und um die Brust gebunden, marschierten sie im Gleichschritt. Shandral nahm seine s�mtlichen Truppen mit.</p><p>�Komm, Nossew, spring ab! Das war jetzt genug. Die merken, wer du bist!�</p><p>Die Kutsche des F�rsten wurde langsamer, weil sich die Wagen stauten.</p><p>Misht sprintete �ber das moosglatte Schindeldach der gedeckten Br�cke und holte wieder auf. �ber die Wagen hinweg konnte er den Platz des Silberlichts sehen.</p><p>Der Kutscher des F�rsten schimpfte wie ein Kesselflicker und drosch mit seiner langen Gerte auf die anderen Wagenlenker ein. Schwerf�llig bewegten sich die �berladenen Gef�hrte, und es entstand eine Gasse, weit genug, die Kutsche des F�rsten durchzulassen.</p><p>Ganz deutlich sah Misht seinen Kameraden, der immer noch auf dem Trittbrett stand. Was wollte Nossew beweisen? Es war unm�glich, inmitten von Shandrals Gefolge unentdeckt zu bleiben.</p><p>Die Kutsche fuhr zur Mitte des Platzes. Aus bunten Steinen war ein riesiger Stern in das Kopfsteinpflaster eingelassen. St�dte, so gro� wie Feylanviek, entstanden an den Kreuzungen bedeutender Handelswege. Der Ort war hier im trocken gelegten Sumpfland angesiedelt, weil der Mika bis zu dieser Stelle selbst bei Niedrigwasser schiffbar war. Er lag hier, weil ganz in der N�he die Honigstra�e durch die Steppe f�hrte, der uralte Handelsweg von Nord nach S�d. Und er lag hier, weil dies einer der wenigen Pl�tze in der Steppe war, wo sich ein gro�er Albenstern befand. Ein wenig au�erhalb gab es sogar noch einen zweiten, an dem sich sechs der goldenen Pfade kreuzten. Wer das n�rdliche Windland bereiste, der kam fast unweigerlich nach Feylanviek, ganz gleich, ob er auf einer Staubpiste unterwegs war, zu Wasser reiste oder sich den goldenen Pfaden durch das Nichts anvertraute. Und wer es eilig hatte, die Stadt wieder zu verlassen, der kam zum Sternplatz.</p><p>Nossew sprang ab, als die Kutsche des F�rsten anhielt. Er beeilte sich, den Verschlag aufzurei�en, und verneigte sich tief, als Shandral ausstieg. So blieb sein Gesicht unerkannt.</p><p>Der Elfenf�rst hinkte wie ein ausgemusterter Koboldveteran. Schwer st�tzte er sich auf den schwarzen Stab. Rings herum herrschte atemlose Stille. Von Ferne h�rte man die H�mmer der Schmiede, und Misht hatte das Gef�hl, dass sie seinem Herzen den Rhythmus vorgaben. Es pochte schmerzhaft in seiner Brust. Sein Atem ging keuchend von der halsbrecherischen Jagd �ber die D�cher. Er klammerte sich an einem rostigen Wetterhahn auf der Spitze eines T�rmchens fest, das verspielt aus der Flanke eines gro�en Gildenhauses wuchs. Ob man ihn vom Platz aus sehen konnte, war Misht inzwischen egal. Das Einzige, was f�r ihn noch z�hlte, war, dass ihm nichts entging.</p><p>Inmitten des Platzes erhob sich pl�tzlich ein Bogen aus strahlendem silbernem Licht. Es war ein Torbogen in die Finsternis. Misht wusste, dass es dort auch einen goldenen Pfad geben musste, doch die Fuhrwerke verstellten ihm den Blick darauf.</p><p>Shandral winkte den Kutschen, und langsam setzte sich die Kolonne wieder in Bewegung. Einige der Pferde scheuten und mussten mit Gertenhieben durch das Tor gerieben werden. Wenn alle Schl�ge nicht halfen, verband man ihnen die Augen, und ein Diener f�hrte sie am Z�gel ins Nichts.</p><p>Wagen um Wagen verschwand durch das Tor. Dann folgten in Dreierreihen die Armbrustsch�tzen. Schlie�lich war nur noch Shandrals Kutsche auf dem weiten Platz. Hinkend kehrte der F�rst zur�ck. Nossew riss ihm den Verschlag auf.</p><p>�Lass es damit gut sein�, fl�sterte Misht beschw�rend.</p><p>Der Kutscher lie� seine Peitsche �ber die K�pfe der Pferde knallen. Nossew warf den Verschlag zu. Dann sprang er auf das Trittbrett, und die Kutsche verschwand durch das Silbertor.</p><p>Misht wartete, bis der Zauber vergangen war und der Platz verlassen im Mondlicht lag. Bis zuletzt hatte er gehofft, Nossew werde es sich noch anders �berlegen und durch das Tor zur�ckkehren, bevor es sich schloss. Doch der Dicksch�del hatte andere Pl�ne.</p><p>Ein verlorener Soldatenstiefel, der in einer Pf�tze lag, war alles, was von Shandrals Haushalt zur�ckgeblieben war.</p><p>Misht kletterte vom Wetterhahn herunter und stieg vorsichtig von der Dachkuppel. Es war an der Zeit, nach Melvyn zu suchen.</p></section><section><title><p>Lebendes Silber</p></title><p>Ganda betrachtete voller Widerwillen die silberne Hand, die vor ihr auf einem blauen Samttuch lag. Sie war ein Kunstwerk, das lie� sich nicht bestreiten. Ihr Stumpf war mit einer breiten Lederkappe bedeckt, wie der Stumpf, in dem Gandas Arm endete.</p><p>�Nun komm schon�, sagte Rika. �Ber�hr sie. Sie bei�t dich schon nicht.� Ganda sah die Hexe skeptisch an. �Ich habe nicht um diese Hand gebeten.� Breitnase, der Mausling, trat auf das Samttuch und hakte die Daumen in seine Weste. �Wei�t du, wie viel Arbeit das war? Als du schliefst, habe ich deine Hand genau vermessen. Ich kenne sie wahrscheinlich besser als du selbst. Die Schwielen, die Wirbel auf deinen Fingern, das geschwollene Gelenk an deinem Ringfinger und die alte Narbe an der Handkante. Ich habe deine Knochen vermessen.� Ganda �berlief ein Schaudern. �Wie geht das, wenn noch Fleisch an meinen Fingern ist?� Breitnase grinste frech. �Ein Geheimnis meiner Zunft.�</p><p>�Was genau war deine Zunft? Es ist mir wieder entfallen.�</p><p>Der Mausling sch�ttelte den Kopf. �Nein, das ist es nicht. Ich habe es dir nie gesagt. Ich bin ein Entmangler.�</p><p>�Entmangler? Was soll das sein?�</p><p>�Er ist ein Zauberer und dazu einer der begabtesten, die ich kenne�, mischte sich Rika mit ihrer samtenen Stimme ein.</p><p>Es war ein Wunder, dachte Ganda, wie man so h�sslich sein konnte, dass sich selbst H�hneraugen geschlossen h�tten, um dem Anblick zu entgehen, und zugleich mit einer solchen Stimme beschenkt war. Fast mochte man meinen, die Sch�pfung habe im letzten Augenblick versucht, wieder etwas gutzumachen.</p><p>Breitnase sch�ttelte den Kopf. �Ich bin kein besonderer Magier. Ich versuche M�ngel zu beheben. Manchmal gl�ckt es mir, die Welt ein klein wenig besser zu machen.�</p><p>�Ach, er ist viel zu bescheiden�, erwiderte Rika. �Vergiss seine Gr��e. Wenn K�rpergr��e etwas mit K�nnen zu tun h�tte, dann m�sste er ein Riese sein. Ich selbst habe gesehen, wie er f�r einen verletzten Schmetterling einen Fl�gel aus lebendem Silber erschaffen hat. Und er konnte wieder fliegen. Du h�ttest das sehen sollen, Ganda. Es war einfach wunderbar! Er ist geflogen, als habe ihm nie etwas gefehlt.�</p><p>�Mit einem Fl�gel aus Silber?�, hakte die Lutin nach. �War der denn nicht viel zu schwer?�</p><p>�Lebendes Silber, Ganda. Lebendes Silber! In ganz Albenmark gibt es h�chstens eine Hand voll Alchimisten, die dieses Metall erschaffen k�nnen.�</p><p>�Ach, ein bedeutender Alchimist ist er auch noch�, murmelte die Lutin.</p><p>Breitnase zuckte mit den Schultern. �Du musst die Hand nicht annehmen. Sie ist ein Geschenk. Ich glaube, sie ist eines der besten Werkst�cke, die ich je gefertigt habe.�</p><p>�Wie kann man nur so undankbar sein!�, fluchte Rika.</p><p>�Hast du denn gar kein Feingef�hl? Wei�t du, dass Breitnase in den letzten beiden Tagen kein Auge zugetan hat, weil man die Arbeit am lebenden Silber nicht einen einzigen Augenblick ruhen lassen darf, bevor sie vollendet ist? Sonst verdirbt n�mlich das Werk. Das Metall wird hart, der Zauber verfliegt, und alles war vergebens.�</p><p>Ganda betrachtete wieder die Hand. �Was soll das hei�en, das Metall wird hart?�</p><p>�Ber�hr die Hand, dann wirst du es wissen�, sagte der Mausling sanft.</p><p>�Na los, mach schon�, dr�ngte Rika. �Ohne Breitnase w�rst du nicht einmal zu mir gekommen und w�rdest noch immer drau�en den Wald voll bluten. Er ist der Mutigste unter allen Bewohnern Yaldemees. Die anderen haben sich ausnahmslos verkrochen, als sie deinen Elfen gesehen haben. Zum F�rchten hat er ausgesehen in diesem blutbesudelten Gewand. Sie haben geglaubt, die Trolle w�ren schon im Herzland. Nur Breitnase hat sich deinem Elfen gestellt. Er hat den Mangel an Gastfreundlichkeit behoben und euch beide hierher gebracht. Und das war gut so. Und jetzt solltest du dich als Entmanglerin versuchen und deine Schw�chen in Sachen H�flichkeit ausb�geln, auch wenn du eine Lutin bist. Nimm die Hand und sieh dir Breitnases Arbeit an.�</p><p>Die beiden schafften es tats�chlich, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, dachte Ganda �rgerlich. Sie wollte nicht unh�flich sein. Doch die Silberhand machte ihr Angst. Bisher hatte sie es vermieden, den Stumpf ihrer Hand auch nur anzusehen. Sie war einfach noch nicht bereit, sich dem zu stellen. Am liebsten h�tte sie einfach in der Schilfh�tte gelegen, vor sich hin gestarrt und die Welt verflucht. Ollowain hatte sie hier einfach abgeladen, als er sie nicht mehr gebraucht hatte. Und das Buch hatte er ihr auch gestohlen. W�tend dachte sie an das, was Rika ihr erz�hlt hatte. Dieser Mistkerl! Er hatte ihr das Buch genommen und drohte ihr mit dem Scharfrichter der K�nigin. So war er fein raus. Er hatte die Gesetze Iskendrias nicht gebrochen, und sie war eine bestohlene Diebin, die den Henker f�rchten musste, wenn sie zu Emerelles Burg ging, um Gerechtigkeit zu fordern.</p><p>Bestimmt hatte Emerelle ihren falschen Helden reichlich belohnt. In Melianders Buch stand sicherlich alles aufgeschrieben, was die K�nigin wissen musste, um die Yingiz zu vertreiben. Ganda hatte seine Macht sp�ren k�nnen. Dieses Buch war gef�hrlich. Gef�hrlich genug, die Schatten zu vernichten, denen sonst nichts gewachsen schien. Und wenn die Heldentat vollbracht war, dann konnte sie vermutlich froh sein, wenn sie als Fu�note in dieser Geschichte vorkam. Die arme verkr�ppelte Lutin ... Wie war auch gleich der Name der bestohlenen Diebin? Eine Witzfigur war sie geworden, weil sie so dumm gewesen war, dem Schwertmeister zu vertrauen.</p><p>In den letzten beiden Tagen hatte Ganda oft an die Geschichte des Meisterdiebs Cabak gedacht. Jeder in ihrem Volk kannte sein Schicksal. Was Cabak widerfahren war, h�tte ihr eine Lehre sein sollen, sich nicht mit Emerelle einzulassen!</p><p>�Ganda?�, fragte der Mausling leise. �Soll ich sp�ter noch einmal wiederkommen? M�chtest du lieber allein sein?�</p><p>Die Lutin seufzte. Rika hatte schon Recht. Sie war es Breitnase schuldig, sich die Hand wenigstens anzusehen. Man sollte schlie�lich nicht von ihr sagen k�nnen, sie sei undankbar wie eine Elfe. Immer noch z�gerlich streckte sie die Hand aus.</p><p>Das Silber f�hlte sich warm an. Lebendig. Ungl�ubig hob sie das Kleinod vom Samttuch. Es war, als gebe sie jemandem die Hand! Das Silber gab leicht unter ihrem Druck nach, ganz so, wie eine Hand aus Fleisch und Sehnen es getan h�tte.</p><p>Zutiefst verunsichert sah sie Breitnase an. �Das ist wirklich Silber?� Man sah dem Mausling den Stolz auf seine Arbeit an.</p><p>�Das war einmal Silber. Ich habe mit sehr reinem Silber meine Arbeit begonnen und verschiedene andere Metalle hinzugef�gt. Und Magie. All mein Wissen �ber Anatomie steckt darin. Im Inneren der Hand gib es genaue Nachbildungen jedes Handknochens. Sehnen und Muskeln habe ich auch nachgebaut. Es gibt feine Seilz�ge und Winden aus Draht, den ich aus Silberstahl gezogen habe. Der einzige Unterschied zu deiner richtigen Hand besteht darin, dass du mit der Silberhand wesentlich kr�ftiger zupacken kannst. Und ... nun ja, du wirst kein Gef�hl in der Hand haben. Kein Schmerzempfinden und kein Gef�hl f�r Hitze oder K�lte.�</p><p>Ganda legte die Hand zur�ck auf den Samt. Sie streckte ihre Rechte daneben aus und verglich die Kunsthand mit der Hand, die ihr geblieben war. Sie scheute davor zur�ck, dass etwas k�nstlich Erschaffenes etwas nat�rlich Gewachsenes ersetzen sollte. Die kurze Zeit in Rikas H�tte hatte sie schon gelehrt, wie hilflos man in den banalsten Dingen pl�tzlich war, wenn eine Hand fehlte. So hatte sie die Verschn�rung ihres Kleides nicht mehr mit einer Schleife schlie�en k�nnen. Wie ein Kind musste sie um Hilfe bitten, wenn sie sich anziehen wollte! Das empfand sie als dem�tigend, auch wenn Rika ihr gerne half.</p><p>�Du wei�t, dass wir Lutin gut darin sind, die Gestalt von Tieren anzunehmen. Was geschieht, wenn ich mich verwandele?�</p><p>Breitnase kratzte sich hinter dem Ohr. �Ja, das war in der Tat ein gro�es Problem. Es hat mich viele Stunden gekostet, eine L�sung zu finden. Wie du wei�t, umgibt alles Lebendige eine Aura. Wenn die Hand eins mit dir geworden ist, wird sie auch mit deiner Aura verschmelzen. Ich glaube, sie wird sich mit dir verwandeln! Ganz sicher kann man das aber erst wissen, wenn wir es versucht haben. Ich habe mich da in neue Bereiche vorgewagt. Bisher musste ich noch nie ein k�nstliches Glied erschaffen, das sich auch noch in der Form ver�ndern musste.�</p><p>Ganda hatte ein flaues Gef�hl im Magen. �Was hei�t, wenn es eins mit mir geworden ist?� Der Mausling zog die Schutzkappe vom Stumpf der Hand, sodass sie Dr�hte und die in Silber nachmodellierten Knochen erkennen konnte. Ganda war �berrascht zu sehen, dass die Hand hohl war. Sie hatte sich massiv angef�hlt.</p><p>�Wenn ich die Hand auf deinen Stumpf aufsetze, wirke ich einen Zauber, der Knochen, Muskeln und Sehnen mit dem lebenden Silber verbindet. Die Prothese wird so beweglich sein wie eine Hand aus Fleisch und Blut. Du k�nntest Fl�te mit ihr spielen oder Harfe. Der Augenblick der Verschmelzung ist schmerzhaft. Rika kann dir gewiss eines ihrer wunderbaren Zaubermittel geben, um den Schmerz zu lindern. Nach zwei oder drei Tagen sind die Schmerzen dann v�llig verschwunden. Aber im Augenblick der Verschmelzung werden einige Dr�hte tief in dein Fleisch eindringen. Das lebende Silber wird eins mit dir werden.�</p><p>Die Vorstellung, dass sich Dr�hte wie W�rmer tief in ihren Arm fressen w�rden, hatte etwas Absto�endes. Die Lutin betrachtete die Hand mit neuem Widerwillen. �Kann man die Hand wieder abnehmen, wenn ich nicht mit ihr zurechtkomme?�</p><p>�Tja�, Breitnase wich ihrem Blick aus. �Also, dir ist klar, dass die Hand wirklich eins mit dir wird, wenn ich sie anlege. Sie abzunehmen ... Das w�re wie eine Amputation. Man m�sste ein Messer nehmen.� Er zupfte verlegen an seiner Nase. �Aber du solltest dir nicht solche Gedanken machen, Ganda. Es hat mich noch nie jemand darum gebeten, eine Pothese aus lebendem Silber wieder abzunehmen.�</p><p>�Hast du was zu trinken, Rika? Etwas Richtiges. Einen starken Schnaps oder schweren Wein.� Als Rika sich erhob, purzelte die kleine Jadeechse von ihrer Schulter, die sie mit einer Str�hne ihres Haars angebunden hatte. Hilflos ruderte sie mit ihren Beinen in der Luft. �Du hast dich also entschieden�, sagte die Hexe mit warmer Stimme.</p><p>�Ich habe mich entschieden, es dem Schicksal zu �berlassen. Wenn du gen�gend Schnaps hier in der H�tte hast, um mich sturzbesoffen zu machen, dann nehme ich die Hand. Und wenn nicht ...� Sie zuckte mit den Schultern. �Dann hat das Schicksal eben anders entschieden.�</p><p>�So gro�e Angst hast du?�, fragte Rika mitf�hlend.</p><p>Ganda konnte den Blick ihrer Reptilienaugen nicht ertragen und wandte sich ab. Aber Rika hatte Recht. Sie hatte Angst. Angst vor den Schmerzen. Angst davor, was es bedeutete, ein Kr�ppel zu sein. Angst, dass die Silberhand an ihr hing wie ein M�hlstein um den Hals, wenn sie versuchte, sich zu verwandeln.</p><p>Die Hexe zog einige Schilfmatten zur Seite, und ein gro�er Holzdeckel kam zum Vorschein. Sie klopfte mit der flachen Hand auf das Schloss und murmelte etwas. Rostige Angeln kreischten wie ein Falke im Sturzflug. Wie von Geisterhand schwang der Deckel auf. Rika hatte offensichtliche eine gro�e Kiste im Boden eingegraben. Leise vor sich hinmurmelnd, kramte sie darin herum. Sie warf ein B�ndel Amulette heraus. Ein knapp geschnittenes schwarzes Kleid, einen gro�en verbeulten Hut und etliche d�nne Hefte aus vergilbtem, billigem Papier.</p><p>Ganda beugte sich vor. Eines der Hefte kam ihr bekannt vor. Sein Einband war ganz zerfleddert. Ungl�ubig las sie den Titel.</p><cite><p><strong>Wider die Spiel- und Trunksucht</strong></p><p>Streitschrift des ehrw�rdigen Elija Glops, Begr�nder der Liga zur Wahrung der inneren Gr��e Albenmarks</p></cite><p>Die Lutin griff nach den anderen Heften und las die Titel. AUF WELCHER SEITE STEHST DU?, GEBOREN ZU HERRSCHEN?, VON DER DIALEKTIK DER OHNMACHT, KOBOLDE ZUM LICHTE EMPOR und HALT STAND, TAPFRES ROTM�TZENBLUT. Sie alle waren von Elija Glops verfasst.</p><p>�Rika!� Breitnase war bis zur Kiste zur�ckgewichen.</p><p>�Was?� Die Hexe richtete sich auf. In jeder Hand hielt sie eine verkorkte Flasche. Die kleine Echse war in ihr Haar zur�ckgeklettert und lauerte �ber ihrer Stirn.</p><p>�Sie hat die Hefte gesehen.�</p><p>Rika stellte ruhig die Flaschen ab. W�hrend sie falsch l�chelte, kramte sie mit der Linken in der Kiste weiter. �Kannst du eigentlich lesen, Herzchen?�</p><p>Ganda lachte auf. �Ob ich lesen kann? Die meisten dieser Hefte kenne ich nicht. Sie sind neu. Aber dieses hier ...� Sie hielt ein besonders abgegriffenes Exemplar hoch. �Das ist mir wohl vertraut! Ich habe f�r Elija die Druckfahnen von WIDER DIE SPIEL- UND TRUNKSUCHT korrigiert.�</p><p>�Elija Glops macht keine Fehler!�, sagte Breitnase entr�stet, und Rika sah sie auf eine Art an, dass es Ganda kalt den R�cken hinablief.</p><p>�H�r mal, Rika. Ich wei� nicht, was ihr beiden habt, aber ich kenne Elija Glops gut. Wirklich gut ...� Sie z�gerte. Vielleicht war es kl�ger, nicht zu verraten, wie nahe sie sich einmal gestanden hatten.</p><p>�Wirklich gut?�, fragte Rika lauernd.</p><p>�Ja. Ich ... Ich kenne seine ganze Familie. Wir sind auf denselben Hornschildechsen geritten. Und seinem kleinen Bruder habe ich die Windeln gewechselt.�</p><p>�Sprichst du von Kommandant Nikodemus?� Fast h�tte Ganda losgelacht, aber Rika hatte etwas an sich ... So wie sie von dem Rotzl�ffel Nikodemus gesprochen hatte, w�rde sie wohl als N�chstes behaupten, der h�tte niemals in die Hosen geschissen. Was, um alles in der Welt, war passiert, seit sie Iskendria verlassen hatten? Warum kannte eine Hexe, die in einer Schilfh�tte hauste, Elija und Nikodemus? Und wie kam sie an die Schriften von Elija?</p><p>�Ich war einmal die Pfadfinderin von Elija. Ich habe ihn durch das goldene Netz gef�hrt.�</p><p>�Ach, und warum hast du ihn verlassen, Herzchen?�</p><p>�Von Verlassen kann keine Rede sein! Ich habe eine Freundin besucht, die kurz vor der Niederkunft stand. Da hat mich Emerelle auf ihr Schloss bestellt. Sie hat mir befohlen, den Elfen, der mich hierher gebracht hat, bei einer Mission zu begleiten.�</p><p>�Und du hattest nichts Besseres zu tun, als Emerelle zu gehorchen?�, fragte Rika entr�stet. �Wei�t du nicht, dass sie die gro�e Knechterin ist? Sogar dein Elf hatte Angst vor ihr. Und der sah nicht so aus, als gebe es vieles, wovor er sich f�rchtet. Warum kennst du Schriften nicht, die mehr als zehn Jahre alt sind, wenn du Elija und seiner Sippe so nahe stehst?�</p><p>�Rika�, sagte Breitnase vorsichtig. �Ich glaube, sie und der Elf haben sich gr�ndlich auf den Albenpfaden verlaufen. Der Elf hat mir ganz komische Fragen gestellt. Ich glaube, sie waren so etwa vierzehn Jahre fort.�</p><p>Ganda traute ihren Ohren nicht. �Wie lange waren wir fort? Vierzehn Jahre?�</p><p>�Na, da kann man wohl von Gl�ck sagen, dass du schon lange nicht mehr die Pfadfinderin des gro�en Elija Glops bist. Man stelle sich einmal vor, Elija w�rde f�r vierzehn Jahre auf den Albenpfaden verschwinden. Nicht auszudenken!�</p><p>�Da war eine Falle�, sagte Ganda, immer noch ganz benommen von der Auskunft, wie lange sie fort gewesen war. Sie dachte an den Zauber, der wohl verborgen in den Albenpfad, der nach Iskendria f�hrte, eingewoben war. Wer das Tor dort ohne Argwohn �ffnete, der w�rde ihn nicht einmal bemerken. War es dieser Zauber, der ihr die Jahre gestohlen hatte? F�r Unerfahrene war es gef�hrlich, sich durch das goldene Netz zu bewegen. Ging man durch mindere Albensterne oder machte einen Fehler, wenn man ein Tor �ffnete, dann wurde man in die Zukunft davongetragen. Das lernte jeder Pfadfinder, noch lange bevor zum ersten Mal �ber den Torzauber gesprochen wurde. Aber sie hatten in Iskendria einen gro�en Albenstern ge�ffnet. Der Weg h�tte sicher sein m�ssen! Hunderte Male war Ganda durch das goldene Netz gewandert. Nie war ihr ein Fehler unterlaufen!</p><p>�Elija hat mir immer blind vertraut�, sagte sie und leckte sich nerv�s die Schnauze. Wer hatte die Macht, einen Albenpfad zu manipulieren? Und noch dazu auf eine Art, dass es kaum auffiel!</p><p>�Rika�, sagte Breitnase aufgeregt. �Auf den ersten Seiten von KOBOLDE ZUM LICHTE EMPOR schreibt der gro�e Elija vom Roten Schl�sselchen. Sie hat immer ein rotes Kleid getragen. So ein Kleid, wie Ganda es anhat. Er beschreibt es.�</p><p>Die Lutin schluckte. Sie war �berrascht, wie sehr es sie ber�hrte, von einem Fremden mit dem Kosenamen angesprochen zu werden, den Elija ihr vor vielen Jahren gegeben hatte. Das war eine Marotte von ihm gewesen. Allen, die ihm wichtig waren, hatte er einen neuen Namen gegeben. Meistens hatten sie mit ihren besonderen Eigenschaften zu tun gehabt. Sie hatte er Schl�sselchen genannt, weil sie f�r ihn die Tore zu den Albenpfaden ge�ffnet hatte, wenn er wieder eine lange Reise gemacht hatte. Auf seine Art hatte Elija sie wohl wirklich geliebt.</p><p>�Der gro�e Elija hat geschrieben, dass sie das rote Schl�sselchen auf Burg Elfenlicht verschleppt haben, in die finsteren Kerker der gro�en Knechterin.�</p><p>�Mich hat niemand verschleppt!�, stellte Ganda energisch klar.</p><p>Der Mausling zupfte sich aufgeregt an der Nasenspitze.</p><p>�Nein, nein, das verstehst du nicht. Sie sind sehr durchtrieben. Oft merken wir gar nicht, was sie mit uns machen. Aber der gro�e Elija kennt alle ihre Schliche. Ihn k�nnen sie nicht hinters Licht f�hren.� Breitnase lief zu dem Heft auf dem Boden und tanzte aufgeregt darauf herum. �Das solltest du lesen. KOBOLDE ZUM LICHTE EMPOR geh�rt zu den �lteren Schriften. Elija schreibt dort viel �ber seine fr�hen Weggef�hrten. Du wirst alles verstehen, wenn du es liest, Rotes Schl�sselehen.�</p><p>Und der war einer der gr��ten Magier, dachte Ganda bei sich. Sie hob das Heft auf. Was Elija wohl �ber sie geschrieben hatte? Er hatte schon fr�her die sonderbare Gabe gehabt, dass die Leute ihm einfach alles glaubten.</p><p>Die Lutin bl�tterte in dem Heftchen. Einzelne S�tze sprangen sie an. Wir alle sind Albenkinder! Warum behandeln die Elfen uns dann nicht wie ihre Br�der und Schwestern? Warum sind wir ihre Diener, wenn wir Kinder derselben Eltern sind? Wacht auf, ihr Unterdr�ckten! Niemand wird zum Sklaven geboren! Doch wird euch auch niemand die Ketten nehmen, wenn ihr es nicht selbst tut. So lange wir dienen, st�rken wir die Macht, die uns den R�cken beugt.</p><p>Ganda konnte sich nur schwer der Macht seiner Worte entziehen. Vielleicht hatte er ja Recht? Sie dachte an Ollowains Verrat. Sie h�tte es besser wissen m�ssen! Emerelle zu dienen war ein Fehler. Keinem Kobold ist je aus dem Umgang mit den Elfen etwas Gutes erwachsen, hatte Elija immer gesagt. Und was sie anging, war er wahrlich ein Prophet gewesen.</p><p>Rika schlug die schwere Klappe der Truhe zu. �Bist du das Rote Schl�sselchen?�</p><p>�Ich war es einmal. Was ich jetzt noch bin, wei� ich nicht mehr.�</p><p>�Du bist meine Schwester, Kommandantin!�</p><p>�Kommandantin? Ich war nie eine Kommandantin!�</p><p>�Doch, doch, Schl�sselchen. Alle fr�hen Weggef�hrten des gro�en Elija sind Kommandanten geworden. Es steht dir zu, diesen Rang einzufordern, Schwester.�</p><p>�Und warum bin ich deine Schwester?�, fragte Ganda entnervt.</p><p>Breitnase hakte die Daumen in die Weste ein und platzte fast vor Stolz. �Weil ich zu den Rotm�tzen geh�re, genau wie Rika. Kommandant Nikodemus hat uns aufgenommen, als er vor zwei Jahren in Yaldemee war.�</p><p>Ganda schwirrte der Kopf. Das war ihr zu viel. Sie kannte Nikodemus als einen schusseligen jungen Lutin, der sich kaum in einen Hasen verwandeln konnte. Und Elija war ein Weltverbesserer gewesen, der unerm�dlich �ber die Knechtschaft der Koboldv�lker schwadronierte, den man aber eher bel�chelte, als dass man ihn ernst nahm. Die ganze Welt schien pl�tzlich auf den Kopf gekehrt zu sein!</p><p>�Wisst ihr denn, wo Elija jetzt ist?�</p><p>Breitnase wollte schon etwas sagen, aber Rika stie� ihn mit dem dicken Zeh an, und er purzelte quer �ber die Schilfmatten.</p><p>�Der gro�e Elija schl�ft nur selten zwei N�chte am selben Ort. Er hat viele Feinde dort drau�en. Die Elfen erkennen langsam, dass wir ihre L�gen durchschauen. Es ist noch gar nicht lange her, da hat der F�rst von Arkadien unsere Schwester Martha aufgesp�rt. Sie hie� 'die Eiserne' und war die Kommandantin der Rotm�tzen in Feylanviek. Als Shandral von Arkadien ihren geheimen Namen herausfand, lie� er sie in seine Schmieden schleppen. Er verspottete sie, indem er sagte, dass man verbogenes 'Eisen' unter den Schmiedeh�mmern wieder in Form bringen k�nne. Sie ist einen grausamen Tod gestorben.�</p><p>�Kommandant Skorpion wird sie r�chen!�, sagte Breitnase voller �berzeugung.</p><p>Rika zog eine Grimasse. �Es hie� immer, die Eiserne und der Skorpion seien ein Paar. Wo war er, als sie ihn gebraucht h�tte?�</p><p>�Bestimmt hatte er den Befehl, seine Tarnung nicht aufzugeben.�</p><p>�Das Leben ist nicht so romantisch, Breitnase. Ich glaube eher, dass der Skorpion zwei Herren dient.�</p><p>�Und das bef�rchtest du auch bei mir, weil ich so lange bei den Elfen war�, mischte sich Ganda ein.</p><p>Rika musterte sie mit ihrem Reptilienblick. �Dein Ollowain ist eigentlich kein �bler Kerl f�r einen Elfen. Auf seine Art ist er geradezu ein Rebell. Er hat viel f�r dich getan, als er ...�</p><p>Ganda hob ihren Armstumpf. �O ja, er hat viel f�r mich getan. Er hat mich belogen und bestohlen. Er hat mich ausgenutzt. Du selbst hast mir das alles gesagt. Warum sollte ich noch der Sache der Elfen dienen?�</p><p>�Du hast freiwillig den Befehlen Emerelles gehorcht, Ganda, und das stellt dich in kein gutes Licht. Und was immer du �ber Ollowain denkst, er hat dich zun�chst hierher gebracht und alles daf�r getan, dass du gut versorgt bist. Dann erst ist er zur K�nigin gegangen. Im �brigen bin ich der �berzeugung, dass du, wenn du wirklich die Kommandantin Schl�sselchen bist, auch ohne unsere Hilfe zum gro�en Elija finden wirst.�</p><p>Ganda atmete tief aus. Rikas Misstrauen war nicht ganz unbegr�ndet. Wahrscheinlich h�tte sie sich an Stelle der Hexe ganz �hnlich verhalten. Sie w�rde zum Schwarzen gehen. Beim Gedanken daran, dass man ihn jetzt wahrscheinlich auch Kommandant nannte, musste sie schmunzeln. Der Schwarze war der dickste Kobold, der ihr jemals begegnet war. Er lebte in Talsin und war Elijas Drucker. Er wusste immer, wo Elija sich aufhielt, weil der Lutin sich st�ndig irgendwelche Druckfahnen schicken lie�. Zumindest war es fr�her so gewesen.</p><p>Ganda betrachtete die Hand, die auf dem Samttuch lag. Wenn sie ihr fr�heres Leben wieder aufnahm, dann w�rde sie ihre beiden H�nde brauchen.</p><p>�Bruder Breitnase, ich bin bereit f�r deinen Zauber.�</p><p>Der Mausling strahlte. �Du wirst sehen, Kommandantin, deine neue Hand wird besser als deine alte sein.�</p><p>Rika reichte ihr eine der Schnapsflaschen, die sie aus der verborgenen Truhe geholt hatte. �Du solltest einen Schluck trinken. Es wird wehtun.� �Das muss ich dann wohl aushalten. Ich w�nsche, dass ihr mich zum n�chsten Albenstern bringt, sobald die Hand mit mir verschmolzen ist.�</p><p>�Du wirst sehr geschw�cht sein. Das ist nicht klug, Ganda�, wandte die Hexe ein.</p><p>�Ich habe mehr als vierzehn Jahre verloren. Elija kann nicht noch l�nger warten. Ich muss ihn wiedersehen.�</p><p>�Vergiss deine Zweifel�, sagte Breitnase ergriffen. �Hast du das geh�rt, Rika? So spricht nur eine wahre Kommandantin. Sie ist eine Heldin.�</p><p>Die Hexe hob die Silberhand auf und l�ste die Schutzkappe �ber Gandas Armstumpf. �Daf�r, dass du vierzehn Jahre verloren hast, hast du es verd�chtig eilig. Was z�hlt da noch ein Tag oder zwei? Und was den Elfen angeht, rate ich dir, frage dein Herz nach der Wahrheit. Ich hoffe, das hast du nicht zugleich mit deiner Hand verloren. Worte legen sich manchmal wie ein Schleier vor die Wirklichkeit. Sie blenden den Verstand. Das Herz zu t�uschen ist schwieriger. Das ist meist unser eigenes Werk. Und nun bei� die Z�hne zusammen und setz dich, sonst kommt Breitnase nicht an deinen Stumpf heran.�</p></section><section><title><p>Ollowains Versprechen</p></title><p>Der Schwertmeister zog den Vorhang zur Seite. Blasse Lichtfinger tasteten in das Zimmer. Nardinel kniete noch immer neben Obilee. Die Heilerin zitterte vor Ersch�pfung.</p><p>Kalte Wut packte Ollowain, als er die vielen blutigen Fu�abdr�cke sah. Sie hatten die Elfe einfach zur Seite gezogen und das Zimmer ausger�umt. Dabei waren sie immer wieder durch die gro�e Blutlache gelaufen.</p><p>Es war ein Wunder, dass Obilee noch lebte! Der Armbrustbolzen hatte sie in einem gl�cklichen Winkel getroffen und war am Sch�del entlanggeschrammt. Sie hatte sehr viel Blut verloren. W�ren sie nur eine halbe Stunde sp�ter gekommen, w�re es vermutlich zu sp�t gewesen. Der Kobold, der Melvyn benachrichtigt hatte, hatte Obilee das Leben gerettet.</p><p>Ollowain machte sich Vorw�rfe, weil er nicht in Erw�gung gezogen hatte, dass Shandral fl�chten k�nnte. Und er machte sich Vorw�rfe, weil er sich �berhaupt dazu hatte hinrei�en lassen, die Intrige um den vermeintlichen Unfall des F�rsten zu spinnen. Das L�gen und R�nkeschmieden war nicht seine Welt! Aber Shandral kannte sich damit gut aus, wie er wohl alle dunklen Seiten der Seele ausgelotet hatte. Nat�rlich hatte der F�rst durchschaut, was auf dem Festplatz wirklich geschehen war. Jedenfalls beinahe, denn er ging gewiss davon aus, dass man ihm nach dem Leben getrachtet hatte. Dabei war es Ollowain nur darum gegangen war, ihn mit einem gebrochenen Arm oder Bein f�r jene Verbrechen zu bestrafen, die sich der Gerechtigkeit elfischer Gesetze entzogen.</p><p>Nardinel erhob sich. Ihr Gesicht wirkte eingefallen, und ihre Haut war fast durchscheinend. �Sie wird es �berleben. So etwas habe ich noch nie gesehen. Der Armbrustbolzen hat eine tiefe Furche durch den Knochen gezogen, und das auf einer L�nge von mehr als einer Hand. Aber er ist nicht durchgeschlagen. Sie wird schlimme Kopfschmerzen haben, wenn sie erwacht. Wahrscheinlich wird sie sich auch an den vergangenen Abend nicht mehr erinnern k�nnen. Aber sonst wird von der Wunde nichts zur�ckbleiben. Ich habe den Knochen wieder hergestellt und die Wunde geschlossen.� Die Heilerin l�chelte m�de. �F�r eine Kriegerin war sie mir sehr zart erschienen, aber sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Dicksch�del. Wenn du von deinem Feldzug zur�ckkehrst, wird sie wahrscheinlich schon wieder herumlaufen und jeden Rat von mir, sich zu schonen, in den Wind schlagen.�</p><p>Melvyn war die ganze Zeit �ber unruhig im Zimmer auf und ab gegangen. �Sie war hier, nicht wahr?� In den Holzdielen des Bodens konnte man die Abdr�cke von Bettpfosten sehen. Warum Shandral das ganze Bett hatte mitnehmen lassen, war Ollowain schleierhaft. Es fehlten zwar auch andere M�bel im Haus, aber keine Betten. Auf einer hastigen Flucht belastete man sich doch nicht mit so etwas! Auch waren drau�en im Flur offensichtlich Vorh�nge abgenommen worden. Kein einziger Kobolddiener war zur�ckgeblieben, der ihnen Antwort geben konnte, was in den letzten Stunden im Stadtpalast vor sich gegangen war. Sogar die Kobolde, die in der Schmiede am Wehr gearbeitet hatten, waren verschwunden.</p><p>�Warum h�ngen hier �berall diese gr�sslichen Masken?� Melvyn ballte die H�nde zu F�usten. �Ich w�nschte, ich h�tte diesen Mistkerl aufgeschlitzt. Ich ...� Tr�nen der Wut standen ihm in den Augen. �Ich war in der Schmiede. Ich hab sie mir angesehen. Warst du einmal dort, Ollowain? Hast du die H�mmer gesehen?�</p><p>�Wir werden ihn finden. Und wir werden auch Leylin wieder finden.�</p><p>�Sch�ne Worte! W�lfe sch�tzen die Schw�chsten im Rudel. Und wir ... Wir finden sch�ne Worte. Wer wei�, was er Leylin noch alles antun wird? Ich kann doch nicht hier sitzen und ...�</p><p>�Was willst du stattdessen tun? Wo willst du sie suchen?�, fuhr Ollowain ihn an. �Glaubst du, Shandral ist so dumm und fl�chtet in seinen F�rstenpalast? Das w�re ja wohl der erste Ort, an dem du ihn suchen w�rdest. In Arkadien hat seine Familie dutzende gro�er Landh�user. Und das ist nicht alles. Er ist ein Sch�ler Alathaias gewesen. Er k�nnte auch irgendwo in Langollion sein. Seine Meisterin w�rde ihm gewiss Zuflucht gew�hren. Durch das goldene Netz kann er an hunderte von Orten gelangen, von denen wir nicht einmal ahnen, ob er dort vielleicht Freunde hat. Wie willst du ihn finden? Dir bleibt keine andere Wahl, als zu warten, bis du Nachricht von deinem Gef�hrten Nossew erh�ltst. Und da er kein Zauberer ist und die Pfade der Alben nicht aus eigener Kraft beschreiten kann, wird es Wochen dauern, bis du von ihm h�rst.�</p><p>�Du willst nur, dass ich mit dir komme�, sagte Melvyn voll kalter Wut. �Das ist alles, worum es dir geht, nicht wahr? Du willst nicht noch mehr Krieger verlieren.�</p><p>�Du bist in der Tat sehr wichtig, Melvyn. Ich brauche dich, um die Sp�her der Trolle aufzusp�ren und daran zu hindern, Nachrichten zu ihrem Heer zu bringen. Vor allem am letzten Tag, wenn wir dem Mordstein schon sehr nahe sind. Ihr k�nnt viele Leben retten, wenn ihr mir helft. Ich hatte auf dich vertraut. Nat�rlich kannst du auch deine M�nner und deine Adler nehmen und nach Shandral suchen. Ich glaube zwar nicht, dass du ihn finden wirst, aber ich werde dich nicht zwingen, mir zu dienen. Shandral hat f�nfhundert Armbrustsch�tzen mitgenommen, die unser Heer gebraucht h�tte. Deine Kriegerschar ist kleiner, aber nicht weniger bedeutsam. Geh Leylin suchen, und viele werden mit ihrem Leben daf�r bezahlen. Das wird Blut sein, das nicht Shandral vergossen hat, sondern du. Du erz�hlst doch gern von deinem Wolfsrudel. W�rde ein einzelner Wolf f�r eine aussichtslose Jagd sein Rudel verlassen? W�rde er das ganze Rudel gef�hrden? Sag es mir! Ich wei� nur wenig �ber W�lfe.�</p><p>Die langen Stahlkrallen glitten aus Melvyns Armschienen. Der Elf starrte auf die barbarischen Waffen. Ganz langsam hob er die rechte Krallenhand.</p><p>Nardinel stellte sich sch�tzend vor Obilee, die bewusstlos am Boden lag.</p><p>Melvyns Rechte zitterte. Der Stahl ber�hrte seinen nackten Oberarm. Vier blutige Furchen blieben zur�ck. �Ich kann sie doch nicht einfach im Stich lassen ... Sie nicht und mein Rudel auch nicht. Ich kann nicht ...� Wieder schnitten die Krallen in seine Haut. Der Stahl drang nicht tief ein, doch die Wunden bluteten stark.</p><p>�Melvyn. Tu das nicht! Wir brauchen dich stark und gesund, h�rst du. Ich werde noch heute eine Botschaft an Emerelle schicken. Sie wird Shandral seine Herrschaft nehmen. Wir werden ihn finden. Glaub mir, Melvyn! Nach der Schlacht ...� Er stockte. Er durfte sich nicht noch tiefer in L�gen und Intrigen verstricken. F�r ihn gab es kein nach der Schlacht mehr. Er hatte kein Recht, Melvyn irgendetwas zu versprechen. �Ich werde dir helfen, so lange ich mein Schwert f�hren kann�, sagte er mit flauem Gef�hl.</p><p>Der Elf blickte auf. Er hatte die Augen seiner Mutter. Wolfsaugen! �Wir werden Shandral gemeinsam jagen?�</p><p>�So lange mich meine Beine tragen, das schw�re ich dir.� Ollowain f�hlte sich erb�rmlich.</p><p>Melvyn sah zu ihm auf, und all seine Seelenqual lag in seinem Blick. �Ich h�tte niemals zu ihr gehen d�rfen. Ich ... Ich w�nschte, ich w�re ein Mann wie du. Der Ritter der K�nigin, der ehrenhafteste Krieger Albenmarks. Ich will dein Sch�ler sein, Ollowain. Lehre mich zu sein wie du.�</p><p>Jedes der Worte traf den Schwertmeister wie ein Dolchsto�. Einen Augenblick war er unf�hig zu antworten. Endlich brachte er ein trockenes Ja hervor.</p><p>Melvyn schob die Krallen zur�ck. �Ich vertraue dir. Ich ... Es ist ... Ich f�hle mich so schuldig. Wei�t du, anfangs ...� Er senkte den Blick. �Es war ein Spiel, um das endlose Warten abzuk�rzen. Ich wei�, was man sich �ber mich erz�hlt ... Aber ich liebe sie wirklich. Ich kann es nicht ertragen, daran zu denken, was Shandral ihr angetan hat. Es ist ein Gef�hl, als rei�e man mir mit gl�henden Zangen das Fleisch vom Leib. Ich ... Bitte hilf mir! Ich k�mpfe f�r dich. Ich werde jeden deiner Befehle befolgen. Aber hilf mir, sie von Shandral fortzuholen.�</p><p>Ollowain konnte darauf nicht antworten. �Sorge daf�r, dass deine M�nner bereit sind. Die ersten Sp�her sollen schon heute Mittag aufbrechen.�</p><p>Melvyn wartete einige Herzschl�ge, ob er noch mehr sagen w�rde. Als nichts kam, nickte er entt�uscht und wandte sich zum Gehen.</p><p>�Schick uns zwei Krieger mit einer Trage, damit wir Obilee in mein Quartier bringen k�nnen�, rief Nardinel ihm hinterher.</p><p>Sie h�rten seine schweren Schritte auf den Holzdielen. Dann war er fort, ohne ihr geantwortet zu haben. �Ich hole die Tr�ger.�</p><p>Die Heilerin hielt Ollowain zur�ck. Sie sah ihn durchdringend an. Ahnte sie etwas? �Er wird uns helfen�, sagte sie ruhig.</p><p>�Aber du wirst Leylin f�r ihn nicht retten k�nnen.�</p><p>Der Schwertmeister r�usperte sich. �So�, war alles, was er hervorbrachte.</p><p>�Diese Helme�, fuhr Nardinel fl�sternd fort. �Ich kenne sie. Die Wachen Alathaias tragen solche Tiermaskenhelme. Shandral l�sst in seinen Schmieden die R�stungen und Waffen f�r die Streiter seiner Meisterin fertigen. Aber dieses Zimmer war mehr als nur eine Kammer, in der man die Meisterwerke seiner schwarzen Schmiedekunst ausstellte. Hast du es gerochen?�</p><p>Ollowain nickte knapp. Hatte sie sein falsches Versprechen vielleicht doch nicht durchschaut? Wie sollte sie ahnen, dass er den Tod suchte! �Der Geruch ... Ja. Opium, nicht wahr? Shandral hat es ihr wohl gegeben, um ihre Schmerzen zu lindern.�</p><p>Nardinel sah ihn traurig an. �Glaubst du, ein Mann, der seinem Weib mit Schmiedeh�mmern die Knie zerschmettern l�sst, w�rde ihr danach Opium geben, damit sie die Schmerzen besser ertragen kann?�</p><p>Ollowain breitete hilflos die H�nde aus. �Shandral ist verr�ckt. Meinem Verstand verschlie�t sich, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht hat er seine Untat bereut? Vielleicht liebt er Leylin immer noch?�</p><p>Nardinel sah unschl�ssig zur T�r hin�ber. Dann b�ckte sie sich zu Obilee und �berpr�fte den Verband an ihrem Kopf.</p><p>�Sag Melvyn nicht, was ich dir jetzt anvertraue. Er w�rde das nicht verkraften. Aber du solltest es wissen, bevor ihr beide eine Suche beginnt, die nur in Blutvergie�en und Wahnsinn m�nden kann. Ich f�rchte, Shandral gen�gt es nicht, Leylins Leib zu zerst�ren. Wenn sie stirbt, geht sie entweder ins Mondlicht, oder aber sie wird wiedergeboren. Mit dem Leben streift sie alles ab, was man ihrem K�rper angetan hat. Deshalb will Shandral ihre Seele verletzen. Er will ihr etwas antun, das sie in alle weiteren Leben verfolgt, die ihr vielleicht noch bestimmt sind. In der Kammer roch es nicht nur nach Opium. Man hat dem Opium auch wei�en Weihrauch beigemischt. Richtig dosiert verursacht er starke Halluzinationen. Stell dir vor, wie Leylin hilflos im Bett liegt, schwer verletzt und au�er Stande, ihr Zimmer zu verlassen. Ihre Sinne sind vom R�ucherwerk benebelt. Und �berall an den W�nden h�ngen diese Masken. Sie wird keine Helme gesehen haben. F�r sie waren diese Fratzen lebendig. Vielleicht hat sie sie sogar fl�stern h�ren. Er will Leylin in einem Ausma� zerst�ren, das du dir nicht einmal vorstellen k�nntest, Ollowain. Es w�re besser gewesen, sein Pferd h�tte ihn zu Tode gequetscht.�</p><p>Der Schwertmeister wollte das nicht h�ren. Was konnte er noch tun? Er w�rde die Gr�fin Caileen zu sich befehlen. Vielleicht konnte er sie dazu bringen, Melvyn bei seiner Suche zu helfen. Sie musste ihren F�rsten doch kennen. Der Adel hatte sich von Shandral abgewandt. Sie w�re gewiss eine gute Verb�ndete.</p><p>�Ich sehe jetzt selbst nach Tr�gern f�r eine Bahre�, sagte Nardinel, als er zu lange geschwiegen hatte.</p><p>Ollowain betrachtete die junge Elfe. Sie lag reglos da. Ihr Haar war von Blut verklebt. Wenigstens war sie dem Abgrund entronnen, der sich hier aufgetan hatte. Wenn auch nur knapp.</p><p>Obilees Augenlider flatterten. Sie sah ihn an. Erkannte ihn. Ihre Pupillen waren winzige Punkte. Die Lippen der Elfe bewegten sich. Ollowain beugte sich vor, dennoch konnte er ihre Worte kaum verstehen. �Ich habe sie gesehen ... Ihre Beine ...�</p><p>�Shandral wird daf�r zur Verantwortung gezogen, was er getan hat. Ich wei�, was du ...� Obilee sah ihn mit schreckensweiten Augen an. Sie bot all ihre Kraft auf, um ihm etwas mitzuteilen. �Die Beine ...�, sagte sie noch einmal. Dann wurde sie wieder ohnm�chtig.</p></section><section><title><p>Willk�r</p></title><p>Emerelle sa� allein in ihrem Thronsaal und betrachtete in Gedanken versunken die silbern funkelnden Wasserkaskaden, die in niemals versiegendem Strom die W�nde hinabrannen. Seit er gegangen war, dachte sie nur noch an ihn. Sie z�rnte ihm noch immer. Aber sie versuchte auch, ihn zu begreifen. Warum hatte er das getan? Wusste er nicht, wie bedeutend er f�r Albenmark war? Er war unersetzlich! Und das nicht nur f�r Albenmark ...</p><p>Ollowain kannte die Gesetze der Bibliothek. Er h�tte das Buch nicht stehlen d�rfen. Er wusste, welche Konsequenzen er daf�r zu tragen hatte. Auch wenn der Schwertmeister das Gegenteil behauptete, war sie sich ganz sicher, dass es die Lutin gewesen war, die das verbotene Buch an sich genommen hatte. Aber gefangen in seine Ideale von Ritterlichkeit, musste er sich sch�tzend vor Ganda stellen. Dabei war sie doch nur eine unbedeutende Lutin. Die Welt w�rde ihren Verlust verkraften ... Je l�nger sie dar�ber nachdachte, desto mehr setzte sich in Emerelle die �berzeugung fest, dass Ollowain sie zu eben diesen Gedanken hatte f�hren wollen. Vielleicht nicht als bewusste Entscheidung Es war die Art, wie er die Welt sah, die in diesem unl�sbaren Konflikt gipfeln musste. Wie viel waren Emerelles hehre Anspr�che an eine gerechte Herrschaft wert, wenn es letztlich doch keine Sicherheit f�r den Einzelnen gab? Gut, Ganda hatte wirklich gegen Gesetze versto�en. Sie w�re zu Recht verurteilt worden. Aber Emerelle war auch bewusst geworden, dass sie bereit gewesen w�re, Ganda zu opfern, selbst wenn sie nicht die Diebin gewesen w�re. So war ihre Herrschaft. Gut erinnerte sie sich, wie sie Obilee vor Jahren erkl�rt hatte, dass sie als gute Herrscherin einer gr��tm�glichen Menge von Untertanen das gr��tm�gliche Gl�ck schenken wolle. Das bedeutete in letzter Konsequenz die Aufhebung aller Gesetze, an die sie sich so gern klammerte. Niemand konnte sich in einer Welt sicher f�hlen, in der die Herrscher dieser Maxime folgten. Es war egal, ob Ganda schuldig war oder nicht. Wenn sie die Lutin an die H�ter des Wissens auslieferte, w�re deren Ruf nach einem Blutgericht Gen�ge getan. Und die Welt brauchte Ollowain mehr als die Lutin. Er war der einzige Feldherr, der die Trolle vielleicht aufhalten konnte. Siegten sie, dann bedeutete das tausende Tote, brennende St�dte und endloses Leid. Trotz der Warnung in Melianders Buch hatte sie die Zukunft weiterhin in der Silberschale betrachtet. Sie hatte die endlosen Fl�chtlingsstr�me in der Steppe und auf den P�ssen der Mondberge gesehen. Das brennende Feylanviek und all die Toten. War Gerechtigkeit diesen Preis wert? Wog das Leben der Lutin so schwer wie all das? Sie kannte die Antwort. Es ging nicht nur um die Lutin. Das hatte Ollowains Verhalten ihr klar gemacht. Niemand in Albenmark konnte sich mehr sicher f�hlen, wenn sie �ber die festgeschriebenen Gesetze noch eine ungreifbare, h�here Gerechtigkeit setzte. Ganda war der Anfang. Doch jeder konnte jederzeit wie sie zum Opfer werden, wenn die abstrakte h�here Gerechtigkeit das erforderte. Jede gerechte Herrschaft w�re damit ad absurdum gef�hrt.</p><p>Emerelle hatte nur schwer der Versuchung widerstanden, Ganda mit Hilfe der Silberschale zu suchen. Wenn es stimmte, was Meliander auf den letzten Seiten seines Buches geschrieben hatte, dann h�tte die Silberschale sie gewiss zu der Lutin gef�hrt. Und die Schale h�tte Bilder gezeigt, die es Emerelle leichter gemacht h�tten, die Koboldfrau zu verurteilen.</p><p>Die K�nigin hatte sich Ollowains Willen gef�gt, die Lutin aus dieser Sache herauszulassen. Er und seine verfluchte Ritterlichkeit ...</p><p>Er hatte sich auch sch�tzend vor sie gestellt. Seine klare Art hatte sie immer fasziniert. Sein Festhalten an den Grunds�tzen der Gerechtigkeit. All das waren Eigenschaften, die ihn zu dem Mann machten, der seit Jahrhunderten ihr Herz gefangen hielt, obwohl er sie in seinen Reinkarnationen nie als seine fr�here Liebe wiedererkannt hatte. Und nun schickte sie ihn auf den Richtblock! Sie, die ...</p><p>Das hohe Tor des Thronsaals schwang auf. Meister Alvias trat ein. Distinguiert wartete er am Tor darauf, dass sie ihn anblickte und zu sprechen aufforderte.</p><p>�Nun?�</p><p>�Reilif, H�ter des Wissens in der Bibliothek von Iskendria, ist eingetroffen und w�nscht eine Audienz, Herrin. Soll ich ihn hereinbringen?�</p><p>Die K�nigin nickte. Sie hatte eine verzweifelte letzte List ersonnen, um Ollowain zu retten. Es war ein Spiel mit den Gesetzen. Aber was sie tat, tat sie in bester Absicht. Und sie w�rde sich dabei an das niedergeschriebene Recht halten.</p><p>Wenig sp�ter geleitete Alvias eine Gestalt in langer schwarzer Kutte in den Thronsaal. Das Gesicht des H�ters des Wissens blieb im Schatten seiner Kapuze verborgen. Er blieb respektvolle zehn Schritt vor dem Thron stehen. Der Hofmeister blieb an seiner Seite. �Ihr wisst, weshalb ich komme, Herrin?�</p><p>�Ja. Mich verwundert allerdings, dass du so sp�t kommst.�</p><p>�Ich bin den Dieben sofort gefolgt, Herrin.�</p><p>Emerelle stutzte. Reilif hatte f�nfzehn Jahre gebraucht. War ihm das nicht klar? Sie entschied, dieses Wissen zun�chst f�r sich zu behalten. �Du kommst wegen des Buches Die Wege der Alben, das mein Bruder Meliander verfasst hat.�</p><p>�So ist es, Herrin. Ich fordere Gerechtigkeit. Den beiden Dieben war klar, welche Gesetze in der Bibliothek gelten und welche Strafe sie erwartet, wenn sie unsere Schriften stehlen. Iskendria steht jedem offen, und in aller Regel erlauben wir unseren Besuchern, Abschriften von jedem Text zu fertigen, den sie zu sehen w�nschen. Doch gegen den Diebstahl von B�chern gehen wir mit aller H�rte vor.�</p><p>�Verwehrt ihr euch mit derselben Vehemenz dagegen, Diebesgut in euren B�cherschatz aufzunehmen? Oder gilt diesbez�glich zweierlei Ma� in Iskendria?�</p><p>Reilif hob ruckartig den Kopf. Jetzt konnte Emerelle sein Kinn und seinen schmalen, verkniffenen Mund sehen. Die obere Gesichtsh�lfte blieb weiterhin im Schatten der Kapuze verborgen. �Solltest du einen Vorwurf gegen die H�ter des Wissens erheben wollen, m�chte ich dich bitten, ein wenig konkreter zu werden, Herrin.�</p><p>Emerelle wusste, seit sie das Buch ihres Bruders gelesen hatte, dass sie dem Kobold Cabak, seinem treuen Diener, Unrecht getan hatte. Sie hatte ihm nicht geglaubt, als er seine Unschuld beteuert hatte. Sie erinnerte sich auch, dass sie damals zornig dar�ber gewesen war, dass ein Dieb, den sie mit einem Teil seiner Beute gestellt hatte, es immer noch gewagt hatte, so vehement auf seiner Unschuld zu bestehen. Jetzt w�rde sie Cabak, der seit vielen Jahrhunderten tot war, ein zweites Mal Unrecht tun. Doch es geschah, um den Lebenden zu dienen. �Die Wege der Alben wurde von meinem Bruder Meliander verfasst. Nach seinem Tod hat man das Buch gestohlen. Dieses Buch h�tte niemals nach Iskendria gelangen d�rfen. Oder ist der Wissensdurst der Bibliothekare nun so gro�, dass man sich zum Hehler von Diebesgut macht?�</p><p>Reilif r�usperte sich und zog eine Schriftrolle aus dem weiten �rmel seiner Kutte. �Ich bin ersch�ttert, einen solchen Vorwurf aus deinem Munde zu h�ren, Herrin. Und deine Worte treffen mich umso mehr, da ich den Verdacht hege, dass du das Ansehen der Bibliothek beschmutzt, um einen wirklichen Dieb vor seiner gerechten Strafe zu bewahren. W�rdest du deiner Herrin bitte dieses Schriftst�ck bringen, Alvias. Es dokumentiert unseren rechtm��igen Anspruch auf das Buch Die Wege der Alben.�</p><p>Der Hofmeister brachte ihr wortlos die Schriftrolle. Emerelle �ffnete das Dokument. Schon der erste Blick verriet ihr, dass es tats�chlich in der Handschrift ihres Bruders verfasst war. Er erkl�rte, dass Die Wege der Alben ein Geschenk an die Bibliothek von Iskendria sei.</p><p>Die K�nigin atmete schwer aus. Meliander musste das kommen gesehen haben. Wie konnte er nur diese Urkunde verfassen, wenn er den Bildern der Silberschale nicht mehr traute? Um Fassung bem�ht, rollte Emerelle das Pergament zusammen und reichte es Alvias, der wartend neben ihrem Thron stand.</p><p>�Ich muss mich bei dir entschuldigen, Reilif. Die sp�teren Untaten des Lutin Cabak haben meinen Blick f�r die Wahrheit verstellt.�</p><p>�Ich hoffe, dass nicht auch dein Blick f�r Gerechtigkeit verstellt ist.�</p><p>�H�te deine Zunge!�, sagte Alvias scharf. �Niemand beleidigt ungestraft unsere Herrin!�</p><p>�Lass es gut sein, mein Freund.� Emerelle war �berrascht, dass Reilif sich zu einer solchen Frechheit hatte hinrei�en lassen. Er erinnerte sie in diesem Augenblick an eine der Allegorien auf den Tod, die man zuweilen als Illustration in alten Handschriften fand. Eine hagere, gesichtslose Gestalt in schwarzer Kutte, die reglos hinter den Lebenden lauerte und wartete.</p><p>�Ich habe ein schriftliches Gest�ndnis des Schwertmeisters Ollowain. Er hat das Buch aus Iskendria entwendet, weil er der Meinung war, dass es dort nicht in Sicherheit sei. Er berichtete mir von einigen Morden, die wohl begangen wurden, um jemanden zu finden, der das Buch zu �ffnen vermag.�</p><p>�Seine Beweggr�nde interessieren mich nicht�, entgegnete Reilif k�hl. �Auch sein Status ist nicht von Belang. Ich fordere seine Auslieferung oder aber, dass hier in Albenmark das Urteil vollstreckt wird, das �ber ihn verh�ngt wurde.�</p><p>�Ihr habt schon ein Urteil.� Emerelle war ebenso �berrascht wie schockiert. �Wie konntet ihr wissen, ob er es war? Und wie konntet ihr ein Gericht einberufen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, zu euren Anschuldigungen Stellung zu beziehen?�</p><p>�Wenn er einen Brief hinterlassen hat, in dem er sich selbst als den Dieb des Buches Die Wege der Alben bezichtigt, dann haben wir uns wohl nicht geirrt. Und was das Urteil angeht, haben wir in das Dokument noch keinen Namen eingetragen. Das werde ich nun nachholen, wenn du mir Tinte und Feder bringen l�sst.� Reilif holte eine zweite Schriftrolle hervor, diesmal aus dem anderen �rmel seiner Kutte. �In Anbetracht seines Ranges hat Ollowain wohl ein Recht darauf, durch Schwert oder Beil gerichtet zu werden. W�rdest du mir den Dieb bitte vorf�hren lassen, Herrin, damit ich ihm das Urteil der H�ter des Wissens verk�nden kann?�</p><p>�Ich f�rchte, das ist im Augenblick nicht m�glich. Der Schwertmeister befindet sich in Feylanviek. Er versammelt dort die Heere Albenmarks f�r eine Schlacht gegen die Trolle.�</p><p>�Dann musst du Krieger schicken und ihn festnehmen lassen, Herrin.�</p><p>Emerelle faltete die H�nde und legte sie in ihren Scho�. Sie dachte an den Bericht, den Elodrin ihr �ber die Vorf�lle w�hrend des Festes der Kentauren geschickt hatte. �Ich f�rchte, du verkennst die Lage, Reilif. Nicht einmal ich h�tte die Macht, ihn inmitten seiner Truppen festnehmen zu lassen. Diese Krieger sind bereit, sich f�r Ollowain in St�cke hacken zu lassen. Ihren Feldherrn aus ihrer Mitte zu holen, ist unm�glich.�</p><p>�Bist du sicher, dass du noch die Herrin Albenmarks bist, Emerelle?�, fragte der H�ter des Wissens scharf.</p><p>�Ist es klug, das herausfinden zu wollen, indem du mich beleidigst?� Emerelle erhob sich und klatschte in die H�nde. Das Tor zum Thronsaal schwang auf, und Wachen erschienen auf der Schwelle. �Der H�ter des Wissens m�chte zu seiner Kammer begleitet werden.�</p><p>Reilif hob drohend die zweite Schriftrolle. �Es gibt einen Vertrag zwischen dir und Iskendria. Darin hast du dich verpflichtet, unser Recht anzuerkennen, und uns Beistand versprochen, wenn wir Fl�chtigen nachsetzen. Ich fordere die uns verbriefte Unterst�tzung ein, Herrin! Oder gelten Gesetze und Vertr�ge in Albenmark nicht mehr?�</p><p>�Ich erkenne das Urteil der H�ter des Wissens an. Und ich werde Ollowain verhaften lassen, sobald er ins Herzland zur�ckkehrt. Als K�nigin bin ich dem Recht verpflichtet, selbst wenn meine G�ste sich nicht dem Gesetz der H�flichkeit verpflichtet f�hlen. Ist deinen Forderungen damit Gen�ge getan, Reilif?�</p><p>Der H�ter des Wissens verbeugte sich steif. �Mit deiner Erlaubnis werde ich verweilen, bis man Ollowain an mich ausliefert, Herrin.�</p><p>�Zu den Gesetzen der Gastfreundschaft geh�ren neben Rechten auch Pflichten, Reilif. Ich ermahne dich, dich an deine Pflichten zu erinnern, sonst erl�schen auch deine Rechte. Du hast mein Wort als K�nigin, dass Ollowain an dich �berstellt wird, sobald er das Herzland betritt. Und er soll in dieser Halle vor seinen Henker gef�hrt werden. Ich akzeptiere das Todesurteil �ber den Schwertmeister als g�ltig, auch wenn ich die Art, in der euer Tribunal Urteile in Abwesenheit der Angeklagten f�llt, als �u�erst fragw�rdig empfinde. Ich werde meine Schreiber und Rechtsgelehrten beauftragen, die Vertr�ge mit Iskendria zu �berpr�fen und nach M�glichkeiten zu suchen, sie f�r die Zukunft aufzuk�ndigen. In deinen Forderungen und deinem Auftreten kann ich nicht mehr den Geist jenes Iskendria entdecken, mit dem Albenmark sich einst verbunden f�hlte. Du darfst nun gehen, Reilif.�</p><p>Der H�ter des Wissens blieb unger�hrt stehen. �Ich fordere das Buch zur�ck, das uns gestohlen wurde.�</p><p>Emerelle sp�rte die W�rme des Albensteins auf ihrer Brust. Das Rauschen des fallenden Wassers war lauter geworden. Feine Gischt spr�hte in den Thronsaal. �Du wirst das Buch zusammen mit dem Kopf des Schwertmeisters erhalten. Und nun erlaube ich dir, dich zur�ckzuziehen.�</p><p>Der H�ter des Wissens verbeugte sich erneut. Vor der hohen T�r verharrte er. Ohne sich umzudrehen, sprach er. �Wenn ich den Thron besteige, dann bin ich in Fesseln aus Papier geschlagen. Es sind die Fesseln der Gesetze Albenmarks, und m�gen sie euch auch schwach erscheinen, so binden sie mich fester als jeder Stahl, denn w�rde ich sie nicht achten, hie�e meine Herrschaft Willk�r, und ich w�re es nicht wert, weiterhin das Szepter Albenmarks zu f�hren. Erinnerst du dich an diese Worte, Emerelle? Du hast sie an jenem Tag gesprochen, als du zum ersten Mal auf den Thron gew�hlt wurdest. Sie stehen niedergeschrieben in den Geschichtsb�chern Iskendrias. Gelten sie noch f�r dich? Oder haben Jahrhunderte der Herrschaft das Papier deiner Fesseln zu Staub zerfallen lassen?�</p><p>Emerelle gab sich nicht die Bl��e, darauf zu antworten. Die Wachen f�hrten Reilif ab, der keinen weiteren Widerstand leistete. Seine Worte hatten sie zutiefst getroffen. Hatte er Recht? War ihre Herrschaft Willk�r geworden? Oder waren es die Jahrhunderte, die den Geist der Gesetze unter Bergen von Papier erstickt hatten? Wie hatte es geschehen k�nnen, dass Recht und Gerechtigkeit nicht mehr �bereingingen?</p><p>Emerelle trat an das Stehpult, das hinter der hohen Lehne ihres Throns verborgen stand. Eilig brachte sie ein paar Zeilen zu Papier, die ihr das Herz diktierte, auch wenn sie sich bem�hte, dass die Worte nicht allzu verr�terisch waren. Sorgsam faltete sie die Botschaft und siegelte sie. Dann trat sie zu Alvias. �Diese Nachricht muss Ollowain erreichen!�</p><p>�Das Heer marschiert bereits, Herrin. Es wird schwer sein, zu ihnen durchzukommen. Wenn du gestattest, werde ich h�chstpers�nlich dein Bote sein.�</p><p>Emerelle nickte. �Ich danke dir. Noch ein zweiter Bote muss in dieser Stunde aufbrechen. Er soll Alathaia aufsuchen und der F�rstin von Langollion ausrichten, dass es mir eine Freude w�re, sie als meinen Gast begr��en zu d�rfen.�</p><p>�Alathaia�, sagte Alvias. Den deutlich gesprochenen Namen noch einmal zu wiederholen, war die einzige versteckte Kritik, die er sich erlaubte. Nichts an seiner Miene, dem Tonfall seiner Stimme oder seiner K�rperhaltung verriet seine Gedanken.</p><p>�Ja, Alathaia�, wiederholte Emerelle. Sie wusste, was es hie�, die Herrscherin �ber Langollion um Hilfe zu bieten, doch ihr blieb keine andere Wahl mehr.</p><p>�Dein Wunsch ist mir Befehl, Herrin.� Alvias verneigte sich und verlie� mit eiligen Schritten den Saal.</p><p>Das Wasser tr�pfelte nur noch in d�nnen Rinnsalen von den W�nden. Fr�stelnd rieb sich Emerelle die Arme. Sie hatte die papiernen Fesseln abgestreift. In dieser Nacht hatte die Willk�r Einzug gefunden in den Thronsaal.</p><subtitle>Der Vormarsch auf den Mordstein</subtitle><cite><p>�... Auch mit dem Abstand von Jahrhunderten muss der schnelle Schlag, den der Schwertmeister Ollowain im dritten Trollkrieg gegen das Heerlager am Mordstein f�hrte, als beispielhaft gelten. Weniger als drei Tage lagen zwischen dem Beginn der Planung und dem Aufbruch der Truppen, die den �berfall durchf�hren sollten. Der Verband bestand aus circa 8000</p><p>Kentauren, 1754 Mann schwerer elfischer Reiterei, 382 Streitwagen aus Arkadien sowie 281 Kutschen, auf denen Ausr�stung und circa 1200 Koboldarmbrustsch�tzen und etliche Torsionsspeerschleudern transportiert wurden. Des Weiteren waren 412</p><p>Minotauren sowie 587 berittene elfische Bogensch�tzen, bei denen es sich mehrheitlich um Normirga handelte, an der Operation beteiligt, sowie eine Sp�hertruppe, zu der neben mehreren Schwarzr�ckenadlern sogar ein Lamassu geh�rte. Trotz der beachtlichen Gr��e dieser Streitmacht war das Heer der Trolle den Verb�ndeten immer noch um etwa das F�nffache �berlegen.</p><p>Um einen �berraschenden Schlag zu f�hren, marschierten die Verb�ndeten bei Nacht. Ein Schirm von Sp�hern deckte die meilenlange Marschkolonne. Falkner lie�en ihre Greifv�gel aufsteigen, um Raben und andere V�gel, die Trollen als Kundschafter dienen mochten, vom Himmel zu vertreiben. Die Schwarzr�ckenadler konnten unter F�hrung des Maurawan Melvyn alle Sp�her der Trolle stellen, die sich dem Heerzug n�herten. Der Augen ihres Heeres beraubt, w�ren der junge Trollk�nig Gilmarak und seine Beraterin Skanga wohl dem Untergang geweiht gewesen, h�tte es nicht einen Verr�ter unter den Verb�ndeten gegeben. So aber kannten die Trolle nicht nur Tag und Stunde des Angriffs, sie wussten sogar um die genaue Zusammensetzung der Truppen Albenmarks. Und sie waren bereit, als das Heer der Verb�ndeten am dritten Morgen, nachdem es Feylanviek verlassen hatte, aus dem trockenen Flussbett des Myra hinaus auf die Ebene s�dlich des Mordsteins marschierte. Sie hatten einen Plan ersonnen, wie das ganze Heer Albenmarks zu vernichten war....�</p><text-author>Vom <emphasis>Krieg mit den Trollen</emphasis>,</text-author><text-author>von: Caileen, Gr�fin zu Dorien,</text-author><text-author>Talsiner Goldschnittausgabe, s. 603</text-author></cite></section><section><title><p>Von der Logik des Krieges</p></title><p>Ollowain war auf einen flachen H�gel geritten, der sich dicht neben dem ausgetrockneten Flussbett erhob. Er blickte nach Osten. Bald w�rde sich der erste Silberstreif am Himmel zeigen. Es war der Augenblick des Zwielichts, in dem das Ringen zwischen der Nacht und dem neuen Tag noch nicht entschieden war. Die Dunkelheit wich zur�ck, doch noch zeigte sich die Sonne nicht. Die Wagen und Reitertruppen hatten die Schwalben aufgeschreckt, deren Bruth�hlen in dem gegen�berliegenden Steilufer verborgen waren. Wie schwarze Sicheln zogen sie �ber die Reiter hinweg.</p><p>Graf Fenryl lenkte sein Pferd den H�gel hinauf. Sein Gesicht war aschfahl. Wie die meisten Hauptleute hatte er nur wenig geschlafen. Der Marsch nach Norden war besser gegl�ckt, als Ollowain zu hoffen gewagt hatte. Sie hatten das Ende des Flusstals Stunden fr�her erreicht, als geplant war. So war den Truppen Zeit f�r eine letzte Rast geblieben, auch wenn wohl kaum jemand geschlafen hatte.</p><p>�Schwertmeister?� Der Graf trug seinen Falken auf der linken Faust. Das Tier blickte Ollowain eindringlich an. Es hatte wundersch�ne, bernsteinfarbene Augen.</p><p>�Schwertmeister, ich bin mit Schneeschwinge geflogen. Ihr Heerlager ... Es ist nicht, wie wir erwartet haben. Sie haben es verlegt.�</p><p>Ollowain hob eine Braue. Seit dem Aufbruch aus Feylanviek hatte er allen Sp�hern verboten, das Heerlager der Feinde zu �berfliegen. Nichts sollte den Argwohn der Trolle wecken.</p><p>�Haben sie sich etwa zur�ckgezogen?�</p><p>�Nein, im Gegenteil. Sie sind nur knapp drei Meilen von uns entfernt. Das Lager bildet einen weiten Halbkreis, dessen H�rner auf die Flussm�ndung weisen. Man k�nnte meinen, sie erwarten uns.�</p><p>Ollowain stutzte, aber er war nicht ganz so �berrascht, wie Fenryl vielleicht erwartet h�tte. Schon an Emerelles Hof hatte es Ger�chte gegeben, Geschichten �ber eine verdeckte Revolte. Jemand unterst�tzte die Trolle. Er hatte das bei seinen Planungen ber�cksichtigt. Sie w�rden es schwerer haben, aber ein Sieg war noch m�glich. �Wir werden trotzdem angreifen�, sagte er ruhig.</p><p>�Schwertmeister, sie bereiten sich auf uns vor. Wir haben sie nicht �berrascht. Wir werden nicht in ihre Lager preschen, wie wir es geplant hatten. Sie werden uns in geordneten Schlachtreihen erwarten. Du kennst sie! Erinnere dich an Phylangan.�</p><p>�Vertraue mir, mein Freund. Ich erinnere mich an Phylangan. Und ich gebe eine Schlacht nicht verloren, die noch nicht einmal begonnen hat.� Ollowain sp�rte den Sanhalla in seinem Haar. Den S�dwind, der von den H�ngen der Berge blies. Er war ihr wichtigster Verb�ndeter. Und er hatte sich nicht gegen sie gewandt.</p><p>�Bei allem Respekt, Feldherr, aber was du planst, ist kein Kampf, sondern ein Gl�cksspiel. Wenn die Trolle Schild an Schild stehen, dann sind sie wie eine h�lzerne Mauer. Selbst die besten Reiter Albenmarks k�nnen nichts gegen sie ausrichten. Die Pferde werden scheuen und seitlich vor diesem Hindernis ausbrechen. Wenn die Trolle kaltherzig sind und stehen bleiben, obwohl ein Sturm aus Stahl ihnen entgegenprescht, dann haben wir verloren. Verlieren sie bei diesem Anblick den Mut, und ihre Schlachtreihe zerbricht, dann gibt es keinen Kampf, sondern ein Massaker. Wir beide wissen, dass den Trollen als Krieger mancher Makel anhaftet. Sie sind grausam und undiszipliniert. Nur eines sind sie gewiss nicht: Feiglinge! Sie m�ssen nur stehen bleiben, um zu siegen. Hoffen wir, dass sie das nicht wissen.�</p><p>�Ich verspreche dir, sie werden nicht stehen bleiben.� Fenryl setzte zu einer Antwort an, sch�ttelte dann aber doch nur den Kopf. �Du bist der Feldherr, Ollowain.�</p><p>�Fenryl, vertraue mir. Wir werden siegen. Und nun schick Boten nach den anderen Befehlshabern. Ich erwarte euch in einer halben Stunde auf diesem H�gel. Dann werde ich euch meinen vollst�ndigen Schlachtplan vorstellen.�</p><p>Der Graf wendete ohne ein weiteres Wort sein Pferd und ritt davon. Auch Ollowain lenkte seinen Schimmel den H�gel hinab. Er ritt zu der langen Reihe von Kutschen, die aus dem Flussbett ausgeschert war und nun Aufstellung auf der Ebene nahm. Auf jeden f�nften Wagen war eine Speerschleuder montiert. Ihre Geschosse mit den dreikantigen Stahlspitzen waren stark genug, einen Troll und dessen t�rgro�en Schild noch auf hundert Schritt zu durchschlagen. Doch es waren nicht diese Gesch�tze, die Ollowain so siegessicher machten. Er sah sich nach dem Kobold um, dem er das Kommando �ber die Wagen �bertragen hatte. Dem Einzigen unter all seinen Kriegern, der vielleicht ahnte, was heute geschehen w�rde.</p><p>Auf den Wagenpritschen herrschte hektische Betriebsamkeit. Ollowain reckte sich im Sattel und sah sich nach Misht um. Melvyn hatte ihm den Kobold als vertrauensw�rdig empfohlen. Misht war ein Handwerker gewesen, bevor er sich der R�uberbande des Wolfselfen angeschlossen hatte. Er verstand es zu organisieren.</p><p>Der Schwertmeister ritt die Front der Kutschen ab und bewunderte das Koboldvolk. Ein Troll war fast f�nfmal so gro� wie ein Kobold, und er wog wahrscheinlich mehr als das Zwanzigfache. Aber das schien die kleinen Krieger nicht zu beunruhigen. Die Kutscher sa�en auf ihren B�cken, kauten Kautabak, schwatzten oder w�rfelten. Manche nahmen ein deftiges Fr�hst�ck aus Wurst, K�se und Zwiebeln zu sich. Sie alle wussten, dass sie heute gegen einen Feind antreten mussten, der sie einfach zerquetschen w�rde, wenn er bis zu ihren Reihen durchbrach. Aber wenn man sie in ihrer stoischen Ruhe so sah, musste man glauben, es sei ein Tag wie jeder andere. Sie st�rten sich auch nicht an der Anwesenheit des Feldherrn. Keiner sprang auf und salutierte oder nahm zumindest eine milit�rische Haltung ein. Einige der Kutscher nickten ihm zu. Das war alles. Ollowain schmunzelte. Mit dieser vermeintlichen Respektlosigkeit brachten sie Elodrin zur Wei�glut. Aber der Schwertmeister wusste, er w�rde sich auf sie verlassen k�nnen, wenn die Schlacht begonnen hatte. Das war alles, was f�r ihn z�hlte. Er brauchte keine zackigen Paradekrieger. Er brauchte K�mpfer, die in besonnener Ruhe ihre Befehle ausf�hrten, auch wenn rings um sie die Welt aus den Fugen zu geraten schien.</p><p>Eine keifende Stimme lie� Ollowain aufblicken. Ein St�ck voraus h�pfte ein Kobold auf einer Wagenpritsche auf und ab und f�hrte sich auf, als habe ihn die Tollwut gepackt.</p><p>�Keine Pfeife, du Missgeburt! Ich habe es euch allen oft genug gesagt! Was ist los mit dir? Hast du einen Arsch in deinem Sch�del statt einem Hirn?�</p><p>Misht trampelte noch immer auf etwas herum, das Ollowain zwischen den gro�en bunten Seidenkugeln auf der Pritsche nicht erkennen konnte.</p><p>�Das wirst du mir b��en, du aufgeblasener kleiner Stra�enr�uber�, zischte der Kobold, mit dem Misht sich angelegt hatte. Der Kerl hatte ein erstaunlich breites Kreuz.</p><p>Ollowain sah, wie sich die Schultermuskeln spannten. Der Kerl hob die F�uste. �Das war eine Meerschaumpfeife aus Vahlemer. Die war ein Verm�gen wert, du Bastard.�</p><p>Misht spuckte ihm vor die F��e. �Heb eine Hand gegen mich, und ich schnitz dir aus deinem Sch�del einen Pfeifenkopf!�</p><p>�Krieger�, mischte sich Ollowain ein. �H�re auf deinen Hauptmann. Dann werden wir heute siegen, und ich verspreche dir, aus Vahlemer wird man dir eine Pfeife schicken, auf der dein Name steht.�</p><p>Der aufs�ssige Kobold drehte sich um und sah ihn geringsch�tzig an. �Was soll ich mit einer Pfeife, auf der mein Name steht? Auf so eine Idee kann auch nur ein Elf kommen. Was bringt mir das an einsamen Abenden, meinen Namen anzuglotzen? Auf meiner Pfeife war ein Meerm�dchen, das hatte zwei Titten, da fielen dir die Augen aus dem Kopf. So eine Pfeife will ich!�</p><p>Ollowain l�chelte. �Wei�t du was? Wenn wir siegen, schicke ich dich auf meine Kosten nach Vahlemer in ein Hurenhaus am Hafen. Da kannst du dann solche Br�ste einmal anfassen, statt dich in einsamen N�chten mit einer Pfeife zu vergn�gen.�</p><p>Die Koboldkrieger rings herum brachen in gr�lendes Gel�chter aus, w�hrend der Streithahn einen hochroten Kopf bekam.</p><p>Ollowain erhob die Stimme, sodass man ihn nun in weitem Umkreis h�ren konnte. �Ich wei�, dass es in diesem Heer viele Kentauren und Elfen gibt, die auf euch herabsehen. Von heute Abend an wird das anders sein. Ganz gleich welche Heldentaten meine Reiterscharen heute vollbringen: Ihr werdet es sein, die die Schlachtreihen der Feinde aufbrechen. Ihr werdet heute f�r Albenmark den Sieg erringen. Und so gro�m�ulig all jene sein m�gen, die auf einem Pferdearsch sitzen oder sogar selbst einen haben, sie werden im Herzen wissen, dass es die Kobolde waren, die heute die Trolle vom Feld gejagt haben. Ich vertraue auf jeden Einzelnen von euch. Macht mich stolz. Macht euch stolz! Siegt!� Wieder einmal w�nschte sich Ollowain, er k�nnte Reden schwingen wie Lambi, der Heerf�hrer seines Freundes Alfadas. Seine Worte hatten keinen allgemeinen Jubel bewirkt. Aber immerhin grinsten die meisten Kobolde, als sie sich auf den Kutschenpritschen wieder an ihre Arbeit machten.</p><p>�Seid ihr bereit?�</p><p>Misht rollte mit den Augen. �Ich warte immer noch darauf, dass einer auf einem Fass mit Lampen�l seine Pfeife ausklopft. Ich h�tte ihnen sagen sollen, was da drin ist.�</p><p>�Nein. Lieber verliere ich eine Kutsche als die Schlacht, weil unsere Feinde ahnen, was auf sie zukommt.�</p><p>Der Kobold blickte zu dem kleinen Fass, das hinter der Kutschenpritsche festgezurrt war. �Das Zeug muss man nur scharf ankucken, dann geht es schon in Flammen auf. Und es qualmt wie ein asthmatischer Drache.�</p><p>�Wie sieht es mit den Glasflaschen aus?� Der Kobold zuckte mit den Schultern. �Wie du es vorhergesagt hast. War �ne holprige Fahrt. Mehr als die H�lfte liegt in Scherben. Aber mit dem Rest haben wir immer noch genug.�</p><p>�Ich vertraue auf dich�, sagte Ollowain ein wenig steif, dann zog er seinen Hengst herum und suchte nach Nestheus. Er hatte einen wichtigen Auftrag f�r Orimedes� Sohn, der den jungen Kentauren aus dem unmittelbaren Kampfgebiet bringen w�rde. Wahrscheinlich w�rde der Junge ihn daf�r verfluchen, aber sein Vater hatte gro�e Pl�ne mit ihm. F�r die Zukunft des Windlands war es wichtig, dass er lebend nach Feylanviek zur�ckkehrte.</p><p>Der Gedanke hatte etwas Beklemmendes. Ollowain blickte nach Osten. Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Wie ein feuerroter Ball hing sie �ber den H�geln. Ihr Licht legte einen blassroten Schimmer auf die R�stungen der Lanzenreiter, die er gerade passierte.</p><p>Der Schwertmeister atmete tief ein. Es roch nach Staub und zerstampftem Gras. Die Grillen hatten ihr morgendliches Konzert begonnen. Es w�rde ein hei�er Sp�tsommertag werden. Sein letzter Tag. Der Elf schluckte. Er durfte sich nicht mit solchen Gedanken aufhalten. Das Leben hunderter Krieger hing davon ab, dass er seine Aufgaben als Feldherr so gut wie m�glich meisterte. Er durfte sich jetzt keinen Gef�hlsduseleien hingeben!</p><p>Wie erwartet str�ubte sich Nestheus gegen den Befehl. Der junge Kentaur sah zwar ein, wie wichtig seine Aufgabe war, aber er wehrte sich verzweifelt dagegen, dass diese Pflicht ausgerechnet ihm �bertragen wurde. Erst als Ollowain ihm damit drohte, ihm sein erstes Kommando wieder zu entziehen und ihn in Ketten legen zu lassen, f�gte sich Nestheus. Der Schwertmeister hatte das Gef�hl, dass der Junge einmal ein guter Anf�hrer werden w�rde, auch wenn er ein wenig zu stur und aufbrausend war.</p><p>Als Ollowain zum H�gel zur�ckkehrte, von dem aus er den Aufmarsch des Heeres beobachtet hatte, fand er dort alle ranghohen Befehlshaber versammelt. Er setzte sie �ber die neue Lage in Kenntnis, dass die Trolle sie offenbar erwarteten, dann schilderte er den Teil seines Schlachtplans, den er bislang vor allen geheim gehalten hatte.</p><p>Als er endete, lag wieder Zuversicht in den Blicken seiner Gef�hrten. Elodrin verneigte sich vor ihm. �Schwertmeister, du bist auch ein Meister des Krieges. Wir werden durchbrechen! Wir werden sicherlich sogar bis zum Mordstein kommen und k�nnen die Festung besetzen. Dort werden wahrscheinlich nur Weiber und Gebrechliche sein. Es sollte leicht sein, ihren Widerstand zu �berwinden.�</p><p>Ollowain sah den Seef�rsten verwundert an. Eine der verlorenen Felsenburgen der Snaiwamark zur�ckzuerobern, war nie Teil ihrer Pl�ne gewesen. �Wir sind ein schnelles und schlagkr�ftiges Heer. Aber um eine Festung zu halten, fehlen uns die Fu�truppen. Au�erdem w�re es f�r die Trolle ein Leichtes, die Besatzung des Mordsteins zu belagern und von jedem Nachschub abzuschneiden. Uns fehlen alle Mittel, um so eine Festung zu halten, selbst wenn wir sie erobern sollten.�</p><p>Elodrin l�chelte �berheblich. �Wie ich sehe, erkennst du doch nicht alle strategischen Notwendigkeiten dieses Krieges. Es geht nicht darum, eine Festung zu besetzen. Es geht um die Trollweiber dort. Wir sollten sie t�ten. Das w�re der schwerste Schlag, den wir den Trollen versetzen k�nnen. Denn von Niederlagen in Feldschlachten erholen sie sich viel schneller als wir von unseren Siegen.�</p><p>Der Schwertmeister war fassungslos. �Ich f�hre keinen Krieg gegen Weiber, Kinder und Alte.�</p><p>�Deine Ritterlichkeit in Ehren, Ollowain, aber ich glaube, du hast aufgrund deiner langen Abwesenheit noch nicht die Zeit gehabt zu verstehen, worum es in diesem Krieg wirklich geht. Seit die Trolle nach Albenmark zur�ckgekehrt sind, sind ihre Weiber au�ergew�hnlich fruchtbar geworden. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht jede von ihnen ein Kind bekommt. Als die Trolle versuchten, �ber die Albenpfade ins Herzland vorzusto�en, hat Emerelle tausende von ihnen get�tet. Doch nun, gerade einmal f�nfzehn Jahre sp�ter, sammelt sich in dieser Ebene ein Heer, das noch gr��er ist als jenes, das unsere K�nigin besiegte. Und wir Elfen haben immer noch nicht die Verluste ersetzen k�nnen, die wir in Vahan Calyd, Reilimee und Phylangan erlitten haben. Unsere Frauen geb�ren ein oder zwei Kinder in einem Leben, das nach Jahrhunderten z�hlt. Und wie lange dauert es, bis du einen Krieger ausgebildet hast, Ollowain? Jahrzehnte! Selbst wenn wir unter deiner F�hrung Sieg an Sieg reihen, werden wir keine Schlachten ohne eigene Verluste schlagen. Wir werden uns zu Tode siegen. Es gibt nur einen Weg, dieses Dilemma zu beenden. Wir m�ssen ihre Weiber t�ten. Nur so wird unser eigenes Volk �berleben, Schwertmeister.�</p><p>Ersch�ttert sah Ollowain, wie Katander von Uttika und Ajax, der Minotaurenf�rst, beif�llig nickten.</p><p>�Wenn wir Frauen und Kinder ermorden, dann sind wir zu dem geworden, was wir ausgezogen sind zu bek�mpfen, Elodrin. Ich erteile hiermit den ausdr�cklichen Befehl, den Mordstein zu verschonen. Ich bin ein Krieger, kein M�rder!�</p><p>�Hehre Worte, Feldherr�, entgegnete der F�rst von Alvemer zynisch. �Ich sehe in dir einen lebenden Toten, denn wer sich der Logik des Krieges nicht unterwirft, der wird vernichtet werden. Auch ich fordere dich auf, noch einmal zu bedenken, wof�r wir k�mpfen! Was nutzt deine Ritterlichkeit, wenn sie uns daran hindert, diese Ungeheuer zu besiegen, die nach jeder Schlacht die Toten auf der Walstatt fressen, die in H�hlen hausen und deren Schamanen sich der Blutmagie ergeben haben. Ich werde alles tun, um zu verhindern, dass die Trolle jemals den Thron Albenmarks besteigen. Alles!�</p><p>�Elodrin�, sagte Ollowain mit m�hsam beherrschter Stimme.</p><p>�Hiermit entziehe ich dir als kommandierender Feldherr das Kommando �ber die Lanzenreiter. Du wirst den Befehl �ber die Nachhut �bernehmen, deren Aufgabe darin besteht, ihre Stellung zu halten, um den schnellen Verb�nden nach dem Kampf einen sicheren R�ckzugsweg offen zu halten.�</p><p>Der Seef�rst erbleichte. �Damit besiegelst du das Schicksal unseres Volkes. Ganz gleich, wie glorreich dein Sieg heute sein wird. Dein Weg wird uns alle in die Vernichtung f�hren. Nicht die Trolle werden die Schl�chter unseres Volkes sein. Du bist es, Ollowain! Du allein!�</p></section><section><title><p>Glas und Seide</p></title><p>Mishts Hand klammerte sich um den Flaggenstock. Seit er sich Melvyn und dessen Kriegern angeschlossen hatte, hatte er in mehr als einem Dutzend Scharm�tzeln mit Trollen gek�mpft. Er war kein Feigling! Aber das hier war etwas anderes. Was er sah, machte ihm Angst.</p><p>Das Land fiel in sanften Wellen zur Ebene hin ab. Die schweren Karren hatten auf einem H�gelkamm Stellung bezogen, sodass er einen guten �berblick hatte. Das Heer der Trolle stand etwas mehr als eine halbe Meile entfernt; wogende Staubschleier verh�llten es halb vor seinem Blick. Schild an Schild standen die Trolle in weitem Halbkreis und warteten. Vor ihnen preschte die Masse der Kentaurenkrieger parallel zu ihrer Front und schoss einen wahren Hagel von Pfeilen auf sie ab. Die Pferdem�nner waren es, die den Staub aufwirbelten und den Trollen den Blick auf das Gel�nde vor ihnen nahmen. Die Geschosse der Kentauren richteten kaum Schaden an. Selbst �ber die weite Entfernung konnte Misht den Einschlag der Pfeile h�ren. Es klang wie dumpfes Klopfen. Die zollstarken Schilde der Trolle vermochten sie nicht zu durchdringen.</p><p>Hinter den Bogensch�tzen der Steppe warteten die in Bronze gewappneten Krieger des Katander von Uttika. Sie waren in Einheiten zu etwa hundert Mann eingeteilt. Ihre Aufgabe sollte es sein, durch die Reihen der Trolle zu brechen, sobald sich die erste L�cke auftat. Hinter ihnen, in einer Bodensenke verborgen, standen die Streitwagen Arkadiens. Lange st�hlerne Sicheln funkelten an ihren Radnaben. Jeder Wagen wurde von vier Pferden gezogen. Drei Krieger standen Seite an Seite in jedem der zerbrechlichen Gef�hrte, die wie der Wind �ber die H�gel der Steppe eilen w�rden. Ein Wagenlenker, ein Bogensch�tze und ein K�mpfer mit einer Schwertlanze, die jeden treffen w�rde, der dem Wagen zu nahe kam. Bunte Seidenbanner, die an Schmetterlingsfl�gel erinnerten, wehten von den Wagen. Die Besatzungen in ihren prunkvollen R�stungen mit federgeschm�ckten Helmen und kostbaren Umh�ngen sahen eher aus, als wollten sie zu einem Hofball gehen, dachte Misht. Elfen konnten sich einfach nie auf das Wesentliche beschr�nken. Aus allem mussten sie einen Maskenball machen!</p><p>Hinter den Streitwagen warteten die Lanzenreiter. Steigb�gel an Steigb�gel waren die Ritter nebeneinander aufgezogen. F�nf Reihen tief standen sie, jede Reihe mehr als dreihundert Reiter breit. Sie w�rden zuschlagen, wenn die Trolle versuchten, sich neu zu formieren.</p><p>Ein wenig vor ihnen waren die berittenen Bogensch�tzen abgesessen. Sie stellten Feuerk�rbe auf, und als Misht d�nnen, blaugrauen Rauch aufsteigen sah, hob er die Fahne, die er die ganze Zeit festgehalten hatte. Er schwenkte das Seidentuch �ber seinem Kopf hin und her. Einen Augenblick lang dachte er bedr�ckt, dass er es war, der das Inferno entfesselte. Sein Name w�rde nie in irgendeinem Geschichtsbuch stehen, aber er hatte das Signal gegeben, an diesem Tag mit dem Morden zu beginnen.</p><p>�berall entlang der Wagenreihe wurden Z�ndst�cke angesteckt. Manche Kobolde lie�en sie wild �ber ihren K�pfen wirbeln, damit die Lunten hell aufglommen. Aus Hanf gedreht, waren die Lunten straff um schwer brennbare Eichenst�be gewickelt. Man hatte die Schn�re in Kalisalpeter und giftigen Bleizucker getaucht, damit sie sehr langsam abbrannten. Ein unangenehmer, durchdringender Geruch ging von den schwelenden Lunten aus.</p><p>Misht stieg von der Pritsche herab, warf die Fahne achtlos aus dem Wagen und griff nach dem Z�ndstock, den sein Kutscher vorbereitet hatte. Dann kniete er neben der ersten Seidenkugel nieder. Schwei� rann ihm von den Schl�fen. Jetzt blo� keinen Fehler machen! Die Seide war auf d�nne Drahtgeflechte aufgezogen, sodass sie gro�e Kugeln formte, die am unteren Ende in einen Zylinder �bergingen. Ein St�ck unter dem Zylinder hing eine d�nnwandige Flasche aus blauem Talsiner Glas in dem Drahtgeflecht.</p><p>Vorsichtig zog Misht den fein geschliffenen Glasverschluss aus der ersten Flasche. Dann schob er den Z�ndstock ganz langsam durch das weitmaschige Drahtgeflecht und den Flaschenhals, sodass die Lunte ins Innere der Flasche reichte. Mit einem Puff geriet die Oberfl�che des Lampen�ls in Brand. Es war eine besondere �lmischung, mit der Ollowain die Flaschen hatte f�llen lassen. Leicht entz�ndlich war sie, und beim Verbrennen entstand ein �liger, schwarzer Rauch.</p><p>Vorsichtig zog Misht die Lunte aus der Flasche. Der Rauch stieg in die Seidenkugel und f�rbte binnen Augenblicken den goldgelben Stoff schwarz. Die Seide knisterte leise, als sie sich erw�rmte. Fast einen Schritt betrug der Durchmesser jeder Ballonkugel. Ungeduldig wartete Misht, bis die Glasflasche sanft schaukelnd von dem Seidenballon angehoben wurde. Der Kobold trug Lederhandschuhe, die er sich vom Kutscher geliehen hatte. Vorsichtig griff er nach dem Glas. Selbst durch das Leder hindurch sp�rte er die W�rme.</p><p>Behutsam hob er den Ballon an, damit die zarte Flasche nicht im letzten Augenblick noch gegen eine der niedrigen Holzw�nde schlug, von denen die Pritsche der Kutsche eingefasst war.</p><p>Dann sp�rte Misht, wie der Sanhalla nach der Seidenkugel griff. Der S�dwind hob sie dem Himmel entgegen und lie� sie langsam zu den Reihen der Trolle schweben. �berall entlang der Linie der Kutschen stiegen ru�geschw�rzte Seidenkugeln in den Himmel. Der Kobold wusste, dass es mehr als zweihundert waren.</p><p>Er blies auf die Lunte und kniete neben dem n�chsten Ballon nieder. Sie hatten den Befehl, die Seidenkugeln so schnell wie m�glich hintereinander in die Luft zu bringen.</p><p>Misht winkte dem Kutscher. �Du hast gesehen, was ich getan habe. Sobald er in der Luft schwebt, hebst du die n�chste Kugel aus der Kutsche. Und sto�e blo� nirgends mit dem Glas an.�</p><p>Wie um seine Worte zu unterstreichen, erklang ein gellender Schrei. Misht blickte �ber die Pritschenwand und sah, wie etwa hundert Schritt entfernt eine Kutsche in Flammen aufging. Eine Flammengestalt sprang vom Wagen und wand sich schreiend im Gras. Der Wind trug eine Fahne aus dichtem schwarzem Rauch den Hang hinab. Ein Minotaur eilte dem brennenden Kobold zu Hilfe. Er versuchte die Flammen mit einer Decke zu ersticken.</p><p>Schaudernd wandte Misht sich ab. �Pass blo� auf, was du tust�, ermahnte er den Kutscher.</p><p>Die Hand des Kobolds zitterte, als er die Lunte in die n�chste Flasche einf�hrte. Brennender Schwei� rann ihm in die Augen. Er blinzelte. Ganz vorsichtig zog er die Lunte heraus. Auch wenn er die Seide ber�hrte, mochte ein Ungl�ck geschehen. Der Stoff war trocken wie Zunder.</p><p>Er �berlie� es dem Kutscher, den Ballon in den Wind zu heben. Mit flatternden Nerven wandte er sich der n�chsten Flasche zu. Weitere Schreie erklangen. Diesmal blickte er nicht mehr auf. Er wollte nicht sehen, was mit den M�nnern geschah, die unter seinem Kommando standen. Und er w�nschte sich, Nossew w�re hier. Er vermisste seinen schweigsamen Gef�hrten. Ihn hatte immer eine Aura unersch�tterlicher Ruhe umgeben. Nossew h�tten gewiss nicht die H�nde gezittert.</p><p>Leise klirrend schlug der Z�ndstab gegen die Flasche. Misht hielt den Atem an. Das Glas war heil geblieben. Zoll um Zoll zog er die Lunte unter dem Ballon hindurch. Dann lehnte er sich zur�ck und atmete schwer aus. Das war nichts f�r ihn! Drei Flaschen noch.</p><p>Verfluchte Elfen! Wie konnte man nur auf die Idee kommen, aus den Flakons, in denen reiche Weiber ihre Duftw�sserchen verwahrten, und aus schillernder Seide Waffen zu machen? Was f�r die Sch�nheit geschaffen war, brachte nun Tod und Zerst�rung.</p><p>Der Kobold wischte sich mit dem Handr�cken �ber die Stirn und beugte sich zur n�chsten Glasflasche hinab. Wieder begann er zu zittern.</p></section><section><title><p>Das Netz aus Rauch</p></title><p>�Was tun die Elfen da, Skanga?� Die Schamanin schnalzte abf�llig mit der Zunge. �Elfentricks. Das versuchen sie immer, wenn sie unterlegen sind. Sorgen muss man sich nur machen, wenn sie so etwas nicht tun, denn dann halten sie sich f�r stark genug, um uns in einer ordentlichen Feldschlacht zu besiegen.�</p><p>�Diese Dinger sehen unheimlich aus.�</p><p>�Der Himmel ist voller schwarzer Kugeln, die langsam in unsere Richtung schweben�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr.</p><p>Skanga legte dem Welpen ihre Hand auf die Schulter. Gilmarak, der junge K�nig, war noch nicht einmal zehn Jahre alt. Er machte sich gut. Aber seit die Lutin ihr verraten hatten, dass die Elfen einen �berraschungsangriff planten, hatte die Schamanin kein Auge mehr zugetan. Emerelle hatte verloren. Daran konnte es keinen Zweifel geben! H�chstens zwei Jahre noch, dann w�rde sie vom Thron vertrieben sein. Doch immer wenn die K�nigin mit dem R�cken zur Wand stand, wurde sie besonders gef�hrlich. Sie war wie eine verwundete Schneel�win, die ihre Jungen verteidigte, und man musste auf alles gefasst sein.</p><p>Skanga blickte zum Himmel, doch sie konnte die Dinge nicht sehen, die dort auf sie zukamen. Sie hatten keine Aura, und sie waren auch nicht von Magie durchdrungen.</p><p>Daf�r bemerkte Skanga die Unruhe und die Angst, die sich in die Herzen der Krieger schlich. Sie konnte sp�ren, wie die Zuversicht ihrer Krieger ins Wanken geriet. Dem Pfeilhagel der Kentauren, die immer wieder anritten, eine Salve feuerten und feige davonst�rmten, trotzten ihre Krieger.</p><p>Sie hatte ihnen gedroht, dass sie jede Sippe ausl�schen w�rde, aus der ein K�mpfer hervorging, der den vermeintlich fliehenden Feinden hinterherlief und so die eigene Schlachtreihe in Unordnung brachte.</p><p>Skanga hatte angenommen, dass sie ihr Heer auf alles vorbereitet h�tte! Aber diese Kugeln am Himmel hatte niemand je zuvor gesehen. Keiner wusste, was man von ihnen zu erwarten hatte. Nur eins war allen klar. Von den Elfen kam nie etwas Gutes!</p><p>Selbst Birga, ihrer Ziehtochter, die ihr sonst in stets gleichbleibendem Tonfall ihre Beobachtungen ins Ohr fl�sterte, war die Anspannung anzumerken.</p><p>�Die schwarzen Kugeln kommen von Kutschen, die auf einem H�gel stehen. Es sind hunderte. Der ganze Himmel h�ngt voll mit ihnen, und der Sanhalla treibt sie uns entgegen.�</p><p>�Wei�t du, was das ist, Fuchsgesicht?�</p><p>�Ballons!�, sagte Elija.</p><p>�Ich frage nicht, wie das hei�t! Ich will wissen, was das ist!�</p><p>Die �berheblichkeit des Lutin hatte ein unertr�gliches Ausma� erreicht. Sie war auf ihn angewiesen, und das wusste Elija Glops genau. Aber wenn der Feldzug erst einmal beendet war, dann w�rde sie sein Herz essen. Oder nein ... Besser sein Hirn. Klug war er, das musste man ihm lassen. Er hatte ihrer Sache gute Dienste geleistet. Sein Plan mit den H�gelgr�bern hatte den Krieg �berhaupt erst m�glich gemacht ... Wusste der Henker, was er sonst noch f�r Pl�ne verfolgte.</p><p>�Ballons sind Kugeln aus d�nnem Seidenstoff, den man auf Draht oder Weidenruten spannt. Dann leitet man hei�e Luft in das Innere der Kugel. So wie Rauch in den Himmel steigt, steigt auch hei�e Luft nach oben. Sie tr�gt den Ballon. Man k�nnte einen Mausling mit so einem Ballon fliegen lassen.� Er lachte.</p><p>�Aber fliegende Mauslinge sind immer noch genauso ungef�hrlich wie Mauslinge zu Fu�. Die k�nnen nicht einmal einer Fliege was zu Leide tun.�</p><p>�Ballons.� Skanga sprach das Wort langsam, lie� es auf der Zunge zerflie�en und suchte nach der Bedrohung, die sich dahinter verbergen mochte.</p><p>�Warum haben wir keine Ballons?�, fragte Gilmarak.</p><p>�Weil wir Krieger aus Fleisch und Blut haben. Das ist besser als Seide und hei�e Luft. Solche Krieger eilen nicht davon, nur weil der Wind sich dreht.�</p><p>Das war es! Ganda schloss die Lider �ber ihren toten Augen und suchte nach der Kraft der Magie. Es war kein guter Platz, um zu zaubern. Nur ein einziger Albenpfad lag in der N�he des Schlachtfelds, und er widersetzte sich. Das Blau war stark in ihm. Die einzige Farbe, die sie nie richtig gemeistert hatte. Die Farbe des Himmels, die ihre alte Meisterin Matha Naht ihr vorenthalten hatte. Magie war �berall. Doch in den Pfaden der Alben floss sie mit besonderer Kraft. Dort war es leichter, sie dem eigenen Willen zu beugen. Der Wind widersetzte sich ihr! Schwei� rann ihr �ber das Gesicht. Nicht einmal eine einzelne B�e konnte sie dem Himmel abringen. Wenn sie Zeit h�tte und Opfer bringen k�nnte, dann w�rde sie einen richtigen Sturm entfesseln k�nnen. Aber so ...</p><p>�Geht es dir nicht gut?�, fl�sterte Birga.</p><p>Skanga versetzte ihr einen �rgerlichen Knuff. Manchmal war sie einfach nur l�stig! St�ndig belauerte sie einen! Sie hatte auch immer versucht, mit ihr zur Nachtzinne zu reisen. Regelrecht aufgedr�ngt hatte sie sich. Was sie wohl von Orgrim wollte?</p><p>Skanga war in den letzten Jahren immer wieder in die Andere Welt gereist. Sie hatte sogar den jungen K�nig mitgenommen. Doch nichts vermochte Orgrim zu bewegen, sein Herzogtum zu verlassen. Er hatte sich zwei Weiber genommen und acht Welpen gezeugt. Skanga l�chelte geh�ssig. Sechs davon waren Weiber. Aber Orgrim liebte sie alle. Er war ein seltsamer Krieger. Er fl�chtete vor dem Krieg.</p><p>Als Skanga einsehen musste, dass er die Nachtzinne nicht verlassen w�rde, hatte sie versucht, von ihm die Kunst der Kriegsf�hrung zu erlernen. Doch allzu bald hatte sie erkannt, dass ihr dazu die Begabung fehlte. Sie wusste darum, wie man Heere aufstellte und f�hrte. Aber was ihr fehlte, war die Gabe, mit beweglichem Geist auf pl�tzliche �nderungen zu reagieren. Orgrim hatte versucht, ihr ein Spiel der Elfen beizubringen, bei dem man schwarze und wei�e Figuren auf einem eigens gefertigten Tisch hin und her schob. Der Herzog schrieb sogar seine Gedanken und Gef�hle auf! Skanga musste jedes Mal lachen, wenn sie daran dachte. Sie kannte keinen anderen Troll, der das tat. Niedergeschriebene Gedanken waren tot und begraben. Das begriff Orgrim nicht. Gedanken mussten frei sein und sich ver�ndern d�rfen.</p><p>Die Schamanin sp�rte, wie die Unruhe im Heer immer weiter wuchs. Es war schwer gewesen, ihre Trollkrieger dazu zu zwingen, in einer Reihe anzutreten und nicht einfach wild gegen den Feind zu st�rmen. Auch wenn Skanga keine gro�e Feldherrin geworden war, hatte sie einige grundlegende Einsichten der Kriegsf�hrung dennoch begriffen. Die Krieger mussten mit ihren Schilden eine feste, h�lzerne Mauer bilden, sonst w�rden die Reiter sie gnadenlos auseinander treiben und ein Blutbad unter ihnen anrichten.</p><p>Dass die Lutin ihr die Pl�ne der Elfen verschafft hatten, war der Schl�ssel zum Sieg. Auch wenn sie nichts von den ... wie hie�en diese Dinger gleich? Barlons? Egal! Skanga hatte den linken Fl�gel ihres Heeres verst�rkt. Gut versteckt in einem breiten Streifen Buschland lagen f�nftausend Trollkrieger unter dem Befehl des Rudelf�hrers Brodgrim. Er hatte ihr lange als Kundschafter gedient und sich in den letzten Jahren als ein f�higer Anf�hrer erwiesen. Wenn die Schlacht begann, w�rde Brodgrim zum trockenen Fluss durchbrechen und den Elfen den einzigen R�ckzugsweg nehmen. Wenn dies gelang, sa� ihr Heer gefangen zwischen dem �berm�chtigen Trollheer und den Bergen. Dann w�rden sie bis zum letzten Kobold vernichtet werden. Das w�re der Anfang vom Untergang. Von so einer Niederlage w�rde sich selbst Emerelle nicht mehr erholen. Das Verderben der Elfen war, dass sie ihre Toten nicht schnell genug ersetzen konnten.</p><p>Skanga blickte zum Himmel. Wenn nur diese Barlons nicht w�ren! Es war verw�nscht! Sie f�hrte das Heer, und sie war die Einzige auf der ganzen Ebene, die nicht sehen konnte, was dort auf sie zukam.</p><p>�Die ersten dieser schwarzen Kugeln schweben jetzt �ber uns�, fl�sterte Birga.</p><p>Der Gestank der Angst lag in der Luft. Die meisten Trollkrieger w�rden sich ohne Bedenken nur mit einem Stein in der Faust einem H�hlenb�ren zum Kampf stellen. Aber vor der Heimt�cke der Elfen f�rchteten sie sich. Zu viele blutige Niederlagen hatte ihr Volk erlitten! Und niemand hatte vergessen, dass Emerelle sie f�r Jahrhunderte aus ihrer Heimat vertrieben hatte.</p><p>Hinter der Schlachtreihe erklang das �ngstliche Bl�ken der jungen Hornechsen. Ein durchdringender, tiefer Laut. Er war �l in die Glut der Angst. �K�nnen deine Fuchsschnauzen nicht einmal ihre Echsen ruhig halten?�, herrschte sie Elija an.</p><p>�Ich werde mich darum k�mmern, Skanga.� Der verdammte Lutin hatte es so eilig fortzukommen, dass die Schamanin �berzeugt war, er habe nur auf einen Vorwand gewartet, sich zu verdr�cken. Vielleicht hatte er seinen Leuten sogar befohlen, die Jungechsen zu schlagen, damit es einen Grund gab, nach dem Rechten zu sehen und den Feldherrenh�gel zu verlassen. Den Lutin war jede Heimt�cke zuzutrauen. Doch gerade das machte sie zu so wertvollen Verb�ndeten im Kampf gegen die Elfen. Ohne ihre Spitzel w�re das Trollheer an diesem Morgen �berrascht worden, und die Elfen h�tten ein Massaker angerichtet, das f�r viele Jahre alle Kriegspl�ne zunichte gemacht h�tte.</p><p>�Kannst du ihr Heer sehen, Birga?�</p><p>�Nein. Die Pferdem�nner wirbeln zu viel Staub auf. Ich sehe die Wagen, mit denen sie gekommen sind. Sie stehen auf einem H�gel, etwa eine halbe Meile entfernt und ...� Birga brach ab. Rings herum waren erstaunte Ausrufe zu h�ren.</p><p>�Sie malen auf dem Himmel�, sagte Gilmarak.</p><p>�Was passiert da?� rief Skanga �rgerlich dar�ber, dass selbst Birga verstummt war.</p><p>�Hinter dem Staub steigen d�nne Rauchf�den in den Himmel. Es m�ssen hunderte sein. Manche gehen �ber Kreuz und bilden ein Gitterwerk. Sie folgen gl�henden Funken ...�</p><p>Ein fauchendes Ger�usch ging in Schreckensschreien unter. Die Linie der Schildtr�ger zerbrach im Zentrum. Hitze schlug der Schamanin entgegen. Birga klammerte sich an ihren Arm.</p><p>�Die schwarzen Kugeln�, stammelte ihre Ziehtochter. �Die Kugeln. Kommt fort von hier. Es sind auch welche �ber uns.�</p><p>�Wachen, bleibt bei eurem K�nig! Bildet einen Schildwall!�, schrie Skanga. �Wer jetzt fortl�uft, dem wird sein Herz zu Staub zerfallen, und dessen Kinder und Enkel werden als Sklaven geboren sein bis in ihr siebtes Glied.�</p><p>Die Schamanin schmeckte �ligen Rauch. Der Gestank von verbranntem Fleisch zog �ber das Schlachtfeld. Es war wie beim Sturm auf das Tor von Phylangan. �Haltet die Krieger zusammen�, rief Skanga und schwenkte zornig ihren Knochenstab. �Was passiert?�, fragte sie leise.</p><p>Birgas Stimme klang atemlos vor Schreck. �Die Kugeln. Sie spucken Font�nen aus Feuer auf uns hinab. Manche st�rzen auch brennend aus dem Himmel, und wo sie niedergehen, steht sofort das Gras in Flammen. Der Wind treibt uns die Feuer entgegen, Skanga. �berall sind Rauchs�ulen. Golden gepanzerte Reiter brechen durch die vorderste Schlachtreihe.�</p><p>Ganz in der N�he schrieen Krieger auf. Hitze streifte wie Drachenatem Skangas Gesicht. Ihre toten Augen begannen zu tr�nen. Die Schamanin hielt eine Hand fest in die Schulter Gilmaraks gekrallt.</p><p>�Ganz gleich, was auch geschieht, Junge, du weichst nicht von meiner Seite. Sie wollen uns auseinander treiben. Das darf ihnen nicht gelingen! Steht der Schildwall auf dem ....� Etwas Hei�es traf Skanga im Gesicht. Sie zuckte zusammen. Es waren nur ein paar Tropfen.</p><p>Gilmarak schrie auf und riss sich los. Skanga sah die himmelblaue Aura des Jungen. Der K�nig lief davon.</p><p>�Halte ihn auf, Birga! Hol ihn! Er darf nicht sterben! Hol ihn zur�ck. Sie werden ihn jagen. Du wei�t, wie gnadenlos sie sind! Sie ...� Ihre Worte erstarben in einem Hustenkrampf. Skangas Kehle brannte, als w�rde auch sie in Flammen stehen. Der Rauch! Die Elfen mussten irgendetwas hineingegeben haben. Skanga sp�rte die Hitze der Feuer rings herum. Der Rauch aber blieb ihren blinden Augen verborgen. Es war nichts Magisches, was die Elfen damit angestellt hatten. Vielleicht Gift?</p><p>Ihr Husten ging in ein W�rgen �ber.</p><p>�Wachen ... zu mir!� Sie tastete �ber ihr Gesicht. Dort, wo die Flammentr�nen sie ber�hrt hatten, ertastete sie schmerzende Blasen. An einer Stelle dicht beim linken Auge gab es nur noch rohes Fleisch. �Wir holen den K�nig�, stie� sie hervor. �Mir nach!!� Schwer auf ihren Knochenstab gest�tzt, stieg sie den H�gel hinab, der Flut fl�chtender Trolle entgegen.</p></section><section><title><p>Bronze und Federn</p></title><p>Katander blinzelte ungl�ubig. Von einem Augenblick zum anderen war der Horizont ein Inferno aus Rauch und Flammen geworden. Nie zuvor hatte er so etwas gesehen. Das war nicht das, was er sich unter einer Schlacht vorstellte! Das war ... Er hatte keine Worte daf�r. Es war unheimlich. Irgendwie falsch. Krieg sollte der Klang von Stahl auf Stahl sein. Nicht so etwas!</p><p>�F�rst! Mein F�rst? Das Signal.� Die Stimme seines Schwertbruders Parmeion erinnerte Katander an seine Pflichten. Er riss das Doppelschwert hoch. �Das Signal!� Die Bl�ser hoben ihre goldenen Luren an die Lippen. Die schlanken Schlangenh�lse der Instrumente streckten sich dem Himmel entgegen. Ein tiefer, melancholischer Klang hallte �ber das Schlachtfeld und begleitete den Sanhalla bis hin�ber zu den Trollen. Das Signal wurde von den anderen Kentaurengruppen aufgenommen. �berall entlang der Schlachtlinie erklangen weitere Luren.</p><p>�Die T�cher!�, befahl er und rammte sein Doppelschwert in den Boden. Er nahm den Helm ab, wickelte ein dickes Leinentuch von seinem Waffengurt und sch�ttete etwas Essig aus seinem Wasserschlauch dar�ber. Dann band er es vor Mund und Nase. Ollowain hatte ihnen erst am Morgen den Befehl gegeben, diese T�cher zu tragen, um sich gegen den dicken, schwarzen Qualm zu sch�tzen.</p><p>Der Kentaurenf�rst hatte das f�r irgendeine Elfenspinnerei gehalten, doch jetzt, wo er die Flammens�ulen vor sich sah und den dichten Rauchschleier, der die Schlachtlinie der Trolle verschlang, dachte er anders. Er zurrte den Kinnriemen des Helms fest. Es war Zeit, das Bluthandwerk zu beginnen.</p><p>Katander riss das Doppelschwert aus dem Boden und hob die m�rderische Waffe der Bronzekrieger aus Uttika hoch �ber den Kopf. Auf den Enden des mit Leder und Silberdraht umwickelten Holzstabs sa�en zwei gekr�mmte Schwertklingen. Dieses Schwert hatte schon sein Gro�vater in der Schlacht getragen, doch einen Tag wie diesen hatte die alte Waffe gewiss noch nie gesehen! �Zum Angriff!�, rief der Kentaurenf�rst aus voller Kehle und preschte los.</p><p>Der Boden erbebte unter dem trommelnden Hufschlag seiner Gef�hrten. Die Luren lie�en sein Herz schneller schlagen. Sie schrieen die Melodie der Schlachten dem rauchverhangenen Himmel entgegen. Ohne sich umzudrehen, wusste Katander, dass die Linie der Reiter hinter ihm jetzt langsam auff�cherte. Um die Doppelschwerter einzusetzen, brauchte man Platz. In enger Formation w�rde man seine Kameraden verletzen.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah der F�rst, wie die leichter bewaffneten Kentauren der Steppe zu ihnen einschwenkten und sich gegen den Befehl Ollowains dem Angriff anschlossen. Er erkannte Orimedes mitten unter den Kriegern und musste l�cheln. F�r einen Viehdieb aus der Steppe war er ein ganz brauchbarer Kerl.</p><p>Die Linien der Trolle waren aufgebrochen. Viele von ihnen hielten trotz Flammen und Rauch ihre Stellung. Doch �berall klafften breite L�cken in der Schlachtreihe. Die h�lzerne Mauer war zerbrochen, noch bevor die erste Angriffswelle gegen sie anbrandete. Katander schwenkte ein wenig nach links ein und hielt auf eine dieser L�cken zu. Seine H�nde schlossen sich fester um den Griff des Doppelschwertes.</p><p>Er sah einen Trollkrieger, dem Feuerzungen �ber die Brust leckten und dessen Gesicht eine einzige blutende Wunde war. Dennoch versuchte er, seinen Posten wieder einzunehmen. Katander b�umte sich auf. Seine Vorderhufe trommelten auf den gro�en Schild, den der Troll zu seinem Schutz hochriss. Die Wucht der Huftritte riss den gro�en Krieger von den Beinen. Er st�rzte in das verbrannte Gras. Katanders Doppelschwert beschrieb einen weiten Bogen. Die st�hlerne Klinge traf den Troll seitlich am Kopf. Knochen krachten. Die Wucht des Treffers lie� die Augen des Sterbenden hervorquellen, als wollten sie aus den H�hlen springen.</p><p>Mit einem Satz war der Kentaurenf�rst �ber den Feind hinweg. Ein R�ckhandhieb traf das Handgelenk eines anderen Trolls, der mit hoch erhobener Keule auf ihn losst�rmte. Hand und Keule flogen in weitem Bogen davon. Katander riss das Doppelschwert hoch und versetzte dem Krieger einen Stich mitten in die Brust. Das gekr�mmte Schwertblatt glitt vom Brustbein ab und verkantete sich zwischen den Rippen. Der Troll griff mit der Linken nach der Klinge. Blut quoll ihm zwischen den Fingern hervor. Mit dem Stumpf der Rechten schlug er nach Katander. Der Kentaur drehte sich leicht. Der Hieb traf ihn seitlich am Kopf. Er wurde vom Wangenschutz seines Helmes abgemildert, dennoch tanzten dem F�rsten grelle Lichter vor den Augen. Warmes Blut spritzte durch die Helm�ffnung.</p><p>Katander hielt das Doppelschwert mit beiden H�nden umklammert. Beide zerrten sie an der Waffe. Der Stahl musste dem Troll schon bis auf die Fingerknochen schneiden, doch er lie� nicht los.</p><p>Pl�tzlich kippte der Kopf des Trolls vom Hals. Parmeion lie� das Doppelschwert spielerisch um seinen Kopf kreisen. �Du verzeihst mir, F�rst. Das war kein Gegner mehr f�r dich!� Der junge Krieger brach in schrilles Gel�chter aus und preschte davon. Dichter Rauch verschlang den Rappen.</p><p>Katander blickte auf den Toten. Der abgeschlagene Kopf lag auf der Seite. Die Augen waren starr auf die Hand mit der Keule gerichtet, die nur einen Schritt entfernt lag.</p><p>Etwas schlug scheppernd gegen die Brustplatte des Kentaurenf�rsten. Ein faustgro�er Stein hatte ihn getroffen. Nicht weit entfernt sammelte sich eine schnell gr��er werdende Truppe von Trollen. Einige hatten gro�e Taschen umgeschlungen und hielten Lederschlingen in ihren unf�rmigen H�nden. Schleudern! Schon hob einer von ihnen seine Schlinge und lie� sie in weiten Kreisen �ber seinem Kopf wirbeln.</p><p>�Uttiker zu mir!� Katanders Rippen schmerzten. Die tiefe Beule im Bronzepanzer quetschte seine Bauchmuskeln, und jeder Atemzug versetzte ihm einen schmerzhaften Stich.</p><p>Die Trolle durften keine Gelegenheit finden, sich wieder zu formieren. Sie mussten den Trupp so schnell wie m�glich auseinander treiben.</p><p>Katander preschte vor, ohne darauf zu warten, ob jemand auf seinen Befehl reagierte.</p><p>Die Lederschlinge des Trolls �ffnete sich. Der Stein flog dem F�rsten entgegen und streifte seinen Helmbusch. Dann war der Pferdemann heran. Der Schleuderer war ein solcher H�ne, dass er selbst den Kentauren noch um zwei Hauptesl�ngen �berragte. Er zog einen Kriegshammer mit einem schweren Granitkopf aus seinem G�rtel.</p><p>Katander f�hrte mit dem Doppelschwert einen Stich, der auf den Bauch des Trolls zielte, doch der Riese wich �berraschend beh�nde aus. Ein R�ckhandschlag zielte auf den Kopf des Kentauren. Der F�rst duckte sich und f�hrte einen Stich, der dem Troll drei Zehen von seinem Fu� trennte.</p><p>Mit einem ohrenbet�ubenden Jaulen machte der H�ne einen Satz zur�ck und h�pfte unbeholfen auf einem Bein. Den n�chsten Schlag Katanders sah er vermutlich nicht einmal kommen. Die Waffe des Kentauren wirbelte herum und traf den Troll seitlich am Kopf. Katander lenkte die Kraft des Aufschlags um und f�hrte mit der Klinge am unteren Ende des Doppelschwerts einen Hieb gegen das linke Knie des Trolls. Der Schleuderer st�rzte. Ein Stich traf ihn in den Mund, lie� Z�hne zersplittern und trieb den Stahl tief in seinen Kiefer. Blut spuckend kippte der Troll nach hinten. Mit letzter Kraft f�hrte er st�rzend einen Hieb gegen den Rumpf des Kentauren.</p><p>Die Wucht des Treffers riss den F�rsten von den Beinen. Er sp�rte Rippen brechen, und ein peitschender Schmerz raubte ihm die Sinne.</p><p>Im verbrannten Gras liegend, kam er zu sich. Neben ihm lagen erschlagene Krieger seines Gefolges. Einem von ihnen war der Bauch aufgeschlitzt, dunkle Darmschlingen rutschten heraus. Der junge Krieger sah ihn mit flehendem Blick an. Er wollte etwas sagen, brachte aber nur noch ein R�cheln hervor.</p><p>Katander sch�ttelte den Kopf und bereute es sofort. Sein Nacken schmerzte, als stecke ein Messer darin. Seine Uttiker hatten einen weiten Kreis um ihn gebildet. Auch eine Hand voll Steppenkrieger war bei ihnen. Sie versuchten die Trolle fern zu halten, die sich rings herum in dichten Trauben sammelten.</p><p>Steine zischten durch die Luft. Der Kopf eines Steppenreiters platzte in einer Blutfont�ne, als er getroffen wurde. Die Trolle schienen sich dazu entschieden zu haben, sie auf Distanz mit Steinw�rfen zu erledigen, um den m�rderischen Doppelschwertern nicht mehr allzu nahe zu kommen.</p><p>Scheppernd krachte ein Schleuderstein gegen eine Brustplatte. Einer seiner Krieger brach in die Knie.</p><p>Verzweifelt versuchte Katander wieder auf die Beine zu kommen. Er f�hlte sich schwach wie ein neu geborenes F�llen. Immer wieder knickten die Beine unter ihm ein. Seine M�nner durften nicht hier bleiben! Hier w�rden sie abgeschlachtet werden, ohne sich auch nur wehren zu k�nnen. Und sie taten es seinetwegen, um einen lebenden Schutzwall um ihn zu formen.</p><p>Wieder prasselten Steine auf die Uttiker nieder. Die Trolle sammelten immer mehr Schleuderer. Katander rammte sein Doppelschwert in die verbrannte Erde. Die Klingen waren dunkel vom Blut erschlagener Trolle. Wenn er es jetzt nicht schaffen sollte, sich wieder aufzurichten, dann w�rde er sich in sein Schwert st�rzen. Er musste dem Sterben der tapfersten seiner M�nner ein Ende bereiten. W�re er erst einmal tot, dann w�ren sie frei, davonzupreschen und sich nicht l�nger dem t�dlichen Steinhagel auszusetzen.</p><p>Mit beiden H�nden umklammerte der F�rst den Schaft der Waffe. Seine Arme zitterten vor Anspannung. Er sah einen Muskel an seinem linken Arm zucken, als winde sich ein kleines Tier dicht unter seiner Haut. Halb hatte er sich aufgerichtet. Da sah er sein linkes Vorderbein. Ein geborstener Knochen ragte durch sein rostbraunes Fell. Katanders Mund war schlagartig staubtrocken. Er w�rde nicht mehr hochkommen. Es war unm�glich, aus eigener Kraft zu laufen. Und wenn seine M�nner ihn st�tzten, dann w�rden sie so langsam werden, dass es unm�glich war, den Trollen zu entkommen.</p><p>Verzweifelt blickte Katander sich um. Der Ring seiner Krieger war geschrumpft. Die Trolle aber hatten sie jetzt fast vollst�ndig eingeschlossen. Immer neue H�nen traten aus dem dichten Rauch. Ihre �bermacht war erdr�ckend. Wenn seine Krieger jetzt nicht den Durchbruch wagten, dann gab es kein Entkommen mehr.</p><p>Der F�rst richtete die obere Klinge gegen seine Kehle. Er erinnerte sich daran, wie er als junges F�llen das Doppelschwert seines Gro�vaters bewundert und es einmal heimlich aus dem gr�nen Tuch gewickelt hatte, in dem es der Alte in Friedenszeiten verwahrte. Damals hatte er die Waffe nicht einmal heben k�nnen. Katander dachte an den stolzen Augenblick, als er das Schwert aus den H�nden seines Vaters empfangen hatte, der nach einer Pfeilwunde eine steife Schulter behalten hatte und lange vor der Zeit sein Leben als Krieger hatte aufgeben m�ssen. Nie h�tte sich Katander tr�umen lassen, dass er diese Waffe eines Tages gegen sich richten w�rde.</p><p>Der F�rst sp�rte den Boden unter seinen F��en beben.</p><p>Die Schwertklinge unter seiner Kehle schimmerte r�tlich im Licht der Feuer.</p><p>Jubelrufe �bert�nten den Schlachtenl�rm. Der Boden bebte st�rker. Und dann sah er sie! Die Streitwagen Arkadiens umzingelten die Kriegerhaufen, in denen sich die Trolle gesammelt hatten, nachdem sie sich vom ersten Schock des Flammenangriffs erholt hatten.</p><p>Schillernde Seidenbanner flatterten wie Fl�gel an den Seiten der Streitwagen. Die Luft war erf�llt von sirrenden Pfeilen. Jetzt h�rte Katander auch wieder Kriegsluren. Von der linken Flanke kam einer seiner Trupps herbeigeeilt und schloss sich dem Elfensturm an. Kurz erkannte Katander die Elfengr�fin Caileen in ihrer gr�ngoldenen R�stung. Sie hielt einen gro�en Bogen und sandte mit gelassener Miene Pfeil auf Pfeil in die Scharen der Trolle, die sich erneut zur Flucht wandten.</p><p>Die Luft knisterte vor Magie. Im aufgewirbelten Staub formten sich schlangenartige Leiber. Sie wogten den Trollen entgegen. Der Staub blendete die H�nen, drang ihnen durch Mund und Nase in die Lunge und erstickte sie. Manche wurden auch von den Staubwirbeln emporgehoben und aus gro�er H�he fallen gelassen. Wieder andere schmirgelten den Trollen die Haut vom Leib, bis ihre K�rper eine einzige, blutende Wunde waren. Katander beobachtete das Schauspiel gleicherma�en fasziniert wie angewidert. Krieger sollten nicht auf diese Weise k�mpfen. Doch der entfesselte Elfenzorn kannte keine Schranken mehr.</p><p>Mit den Staubgeistern verschwanden auch die Streitwagen. Einige Gef�hrten eilten herbei, um Katander aufzuhelfen. Er st�tzte sich mit den Armen auf die Schultern der Krieger. Jemand schnallte ihm die eingedellte Brustplatte ab. Endlich konnte er wieder ohne Schmerzen atmen!</p><p>F�r ihn war die Schlacht vor�ber. Sie stiegen �ber einen Wall aus Toten hinweg. Zu viele seiner Krieger lagen in ihren schimmernden R�stungen zwischen den Trollen!</p><p>Unter den Toten sah er auch Parmeion. Er lag nicht weit von dem Troll, den er enthauptet hatte. Seine Arme waren in groteskem Winkel verdreht. Streitkolbenschl�ge hatten ihm die Knochen gebrochen und sein Schicksal besiegelt. Aus seinen Flanken waren breite Streifen Fleisch geschnitten. Offenbar hatten einige der Trolle schon vorschnell mit ihrem Siegesmahl begonnen.</p><p>Als sie eine H�gelkuppe erreichten, befahl Katander den M�nnern, die ihn st�tzten, innezuhalten. Er blickte �ber das weite Schlachtfeld. Ihr Opfer war nicht vergebens gewesen. Die Schlachtreihen der Trolle waren auf einer Strecke von mehr als einer Meile auseinander gebrochen. Caileen trieb die Fl�chtenden vor sich her. Auch die schutzlosen Flanken des riesigen Trollheeres wichen langsam zur�ck. Und Ollowain hatte die Elfenritter noch nicht einmal in die Schlacht gef�hrt. Sie w�rden einen gro�en Sieg erringen!</p></section><section><title><p>Der Befehl</p></title><p>Brodgrim blickte auf das H�gelland und konnte immer noch nicht fassen, was er sah. Sie h�tten doch siegen sollen! Das Banner des jungen K�nigs war verschwunden. Der Rauch und der Staub erlaubten keine klare Sicht. Im Kampfget�mmel w�rden die Trolle siegen! Da war er sich ganz sicher. Sie durften nur nicht davonlaufen. Ein Trollkrieger konnte einen Elfenkopf in seiner Faust zerquetschen! Sie brauchten diese wieselflinken kleinen Schwertschwinger nicht zu f�rchten.</p><p>Verdammte Feiglinge da oben, die sich von ein bisschen Feuer und Rauch einsch�chtern lie�en! Skangas Befehle waren klar und unmissverst�ndlich gewesen. Die da oben sollten ihren Schildwall halten.</p><p>�Rudelf�hrer?� Slarag, der Anf�hrer seiner Sp�her, kam geduckt zu ihm her�bergeschlichen. Trotz der Hitze trug er das Fell eines Schneel�wen um die Schultern. Er hatte es mit Dreck eingerieben, damit ihn der helle Pelz nicht verriet, wenn er sich anschlich. Aber ablegen mochte er es nicht. Er behauptete �berall, er habe die Bestie mit blo�en H�nden erschlagen. Brodgrim hatte Zweifel daran. Aber einmal abgesehen von dieser Geschichte war Slarag ein zuverl�ssiger Sp�her.</p><p>�Wir bekommen Probleme, Rudelf�hrer.�</p><p>Brodgrim grunzte abf�llig. �Ich sehe, was auf den H�geln vor sich geht. Verdammte Weichlinge! F�hren sich auf wie Welpen, die zum ersten Mal den Rauch eines Feuers wittern. Wie kann man nur so feige sein! Mit Kriegern wie denen h�tten wir niemals den K�nigsstein erst�rmt. Wir h�tten die Wache des K�nigs sein sollen!�</p><p>�Das meine ich nicht, Brodgrim. Es gibt etwas anderes, das mich beunruhigt. Komm mit, ich zeige es dir.� Der Sp�her f�hrte ihn zum Rand des Dickichtstreifens, der sich an einem Bach entlang erstreckte. Dort deutete er nach Osten. Deutlich konnte man eine riesige Staubfahne �ber der Steppe sehen. Sie war noch viele Meilen entfernt.</p><p>Brodgrim sp�rte, wie sich sein Magen zusammenzog. �Wer ist das?�</p><p>�Jedenfalls kein Wind, der den Staub aufgewirbelt hat.�</p><p>Brodgrim nahm den Wasserschlauch von seiner Schulter und trank einen tiefen Schluck. Durstig sollte man keine Entscheidungen treffen. Er spritzte sich Wasser ins Gesicht und auf seine mit Schmucknarben bedeckte Brust. �Was denkst du, Slarag?�</p><p>�Wir erwarten keine Verst�rkungen. Da kommen Elfen oder Kentauren.� Brodgrim sch�ttelte den Kopf. �Woher sollten sie kommen? Ausgeschlossen!�</p><p>�Dann erkl�r mir die Staubwolke.�</p><p>�Du bist der Sp�her. Das ist deine Aufgabe.�</p><p>Slarag schnitt ver�rgert eine Grimasse. �Du hast mir alles beigebracht. Du wei�t, was das da bedeutet.�</p><p>�Wir haben Befehle.� Brodgrim f�hlte sich zunehmend unwohl. Alles lief anders an diesem Tag. Dabei waren sie so siegessicher gewesen. Auch hatte er das Gef�hl, dass es an seiner Entscheidung h�ngen k�nnte, ob sich das Schicksal noch einmal zu ihren Gunsten wendete. Etwa f�nftausend Trolle verbargen sich in dem breiten Buschstreifen, und die Elfen schienen keine Ahnung zu haben, dass sie hier waren. Er blinzelte mit zusammengekniffenen Augen zum Horizont. Oder wussten sie doch etwas? Kamen diese Truppen deshalb geradewegs auf ihn zu? Hilflos blickte er zu dem Feldherrenh�gel, von dem das Banner seines K�nigs verschwunden war. Gilmarak sollte den Befehl zum Angriff geben. Brodgrim wusste genau, was zu tun war. Er brauchte nur den verdammten Befehl. Oder den Befehl, sich zur�ckzuziehen.</p><p>�Was tun wir, Rudelf�hrer?�</p><p>Er h�tte Slarag erw�rgen k�nnen! Diese Fragerei machte nichts besser! Er k�nnte seine Krieger einfach im Buschland lassen und abwarten, was weiter geschah. Aber sie alle waren ein gro�es Wolfsrudel. Kein Wolf, der noch Z�hne besa�, sah einfach nur zu, wie sein Rudel jagte. Und wenn er es doch tat, dann hatte er kein Anrecht auf einen Anteil der Beute. Der Plan von Skanga war gut gewesen. Sie wussten doch, wie wenige die Elfen waren! Selbst wenn dort hinten noch ein paar tausend Kentauren k�men, w�ren die Elfen und ihre Verb�ndeten immer noch erb�rmlich in der Unterzahl.</p><p>Wenn ein Wolfsrudel einen gro�en Elchbullen jagte, dann mochte es R�ckschl�ge geben. Ein guter J�ger konnte von den m�chtigen Schaufeln get�tet werden. Ein zweiter w�rde durch einen Tritt des Elchbullen lahmen. Aber das Rudel w�rde nicht aufgeben. Es w�re immer um den Elch herum. Es w�rde ihn m�de machen, bis der Erste ihm die Fesseln durchbiss. Und wenn der Elch st�rzte, dann w�rden sie ihm an die Kehle gehen.</p><p>Genauso war es mit dem Heer der Elfen. Es w�rde den jagenden Trollrudeln nicht entgehen, wenn er, Brodgrim, sich an den Plan hielt. Er musste das trockene Flussbett erreichen und den Weg �ber die Berge versperren. Der n�chste Pass, den die Elfen dann erreichen konnten, war zwei Tagesm�rsche entfernt.</p><p>Und zwei Tage w�rden sie nicht �berleben, wenn sich die Rudel der Trolle erst einmal vom Schock des Flammenangriffs erholt hatten.</p><p>Es lag an ihm. Aber er durfte seinen K�nig nicht einfach f�r den Sieg opfern. Wenn diese Flanke v�llig ungesch�tzt gegen die anr�ckenden Reiter blieb, dann mochten die Elfen vielleicht Gilmarak gefangen nehmen.</p><p>�Ich lasse dir f�nf starke Rudel hier, Slarag. Du h�ltst das Buschland.� Brodgrim deutete auf die Staubwolke in der Ferne.</p><p>�Sie k�nnen nicht wissen, dass wir hier sind. Halte diese Flanke. Und wenn sie ganz nah heran sind, dann pack sie! Hol dir ihre Herzen! Und sch�tze den K�nig. Sie d�rfen unserem Heer nicht in die Flanke fallen. Du wei�t, wie W�lfe jagen. Haben sie sich erst einmal in der Flanke ihrer Beute verbissen, dann ist die Jagd entschieden. Sch�tze den K�nig.�</p><p>Slarag machte ein Gesicht, als habe ihn eine Grasviper gebissen. Brodgrim roch seine Angst. Ganz schwach nur, aber sein Sp�her f�rchtete sich.</p><p>Der Rudelf�hrer lachte. �Bepiss dich nicht! Du tust, was du auch als Sp�her tust. Du liegst hier auf dem Bauch in den B�schen und wartest darauf, dass deine Beute n�her kommt. Und wenn sie so nahe ist, dass sie dir nicht mehr entkommen kann, dann schl�gst du zu.�</p></section><section><title><p>Im Herzen des Chaos</p></title><p>Ganda drosch mit der Reitgerte auf die Flanken des Esels ein und fluchte. H�tte sie nur auf den Schwarzen geh�rt! Der fette Drucker hatte sie gewarnt, nicht hierher zu kommen.</p><p>�Bist du blind, du r�udiges Hinkebein?� Verzweifelt zerrte sie an den Z�geln und versuchte den Esel nach links zu bringen.</p><p>Eine ganze Reihe von Streitwagen kam �ber den H�gelkamm vor ihnen und raste mit halsbrecherischem Tempo auf sie zu. Einige Trolle liefen vor den Wagen davon. Ganda konnte sehen, wie die Bogensch�tzen der Elfen kaltbl�tig zielten. Ein Troll, dessen wulstige Schmucknarben auf der Brust einen Wolfskopf zeigten, kam geradewegs auf sie zugelaufen.</p><p>�Mach Platz, du Hohlsch�del!� Ganda warf die Gerte fort und schlug dem Esel jetzt mit der flachen Hand auf die Kruppe.</p><p>�Los doch!�</p><p>Doch das sture Tier lief unbeirrt geradeaus.</p><p>Eine kleine, rote Zunge wuchs aus einer Falte im Hals des Trolls. Vorwitzig streckte sie sich Ganda entgegen. Der Krieger riss die Arme hoch. Nein, das war keine Zunge! Eine Pfeilspitze lugte aus dem Hals des Trolls.</p><p>Jetzt erst sah die Lutin die m�rderischen Sicheln an den Radnaben der Streitwagen. Sie m�hten das hohe Steppengras nieder. Die Wagen fuhren so dicht beieinander, dass sich die Sicheln fast ber�hrten. Noch zehn Schritt, dann waren sie hier. Und der verdammte Esel rannte auf die vermeintliche L�cke zwischen zwei Streitwagen zu.</p><p>�Nicht, du bl�des Vieh!�, schrie sie verzweifelt. Ihre Finger krallten sich in die schwarze M�hne. Sie schlug ihm mit der Faust auf den Kopf, doch der Esel lief jetzt in blinder Panik weiter.</p><p>Ganda suchte nach der Kraft der Albenpfade. Sie rief die Worte der Verwandlung. Zu sp�t! Sie schloss die Augen und biss die Z�hne zusammen. W�re sie doch nur in Talsin geblieben!</p><p>Der Esel stie� einen gr�sslichen Schrei aus. Nie hatte sie ein Tier einen solchen Laut von sich geben h�ren. Es gab einen Ruck. Ganda wurde aus dem Sattel geschleudert. Sie riss die H�nde hoch, um ihren Kopf zu sch�tzen. Die Welt schien nur noch aus L�rm zu bestehen. Hart schlug sie auf den Boden auf. Da war ein zischendes Ger�usch, das im Trommeln der Hufe fast unterging. Sie dr�ckte sich flach in den hei�en Staub. Ihre H�nde w�hlten darin. Sie w�nschte, sie w�re klein wie ein Mausling.</p><p>Langsam entfernte sich der Hufschlag. Sie lebte noch! Vorsichtig hob Ganda den Kopf. Hundert Schritt entfernt waren noch andere Streitwagen. Sie konnte auch Kentauren sehen, die fl�chtenden Trollen hinterherpreschten. Rauchs�ulen woben dunkle Narben auf den strahlend blauen Himmel.</p><p>Vorsichtig erhob sich die Lutin. Sie hatte sich nichts gebrochen. Ihr Esel gab j�mmerliche, japsende Laute von sich. Als sie das Tier im hohen Gras liegen sah, musste sie w�rgen. Die Sicheln hatten ihm dicht unter dem Rumpf die Beine abgetrennt. Die blutigen St�mpfe zuckten, als wolle er immer noch laufen. Die Augen des Esels waren so weit aufgerissen, dass die Iris von einem wei�en Kranz umgeben war.</p><p>Ganda zog ihr Messer aus dem G�rtel und kniete neben dem verst�mmelten Tier nieder. Sanft strich sie ihm �ber den Hals.</p><p>�Ich w�nschte, ich h�tte dich niemals hierher gebracht. Bitte verzeih mir.� Sie tastete nach der dicken Ader an der Vorderseite des Halses und schlitzte sie der L�nge nach auf. Dunkles Blut spritzte �ber ihre H�nde. Sie kraulte den Esel zwischen den Ohren und redete beruhigend auf ihn ein, bis dessen Beinst�mpfe aufh�rten zu zucken und er ganz still lag.</p><p>M�de stemmte sich die Lutin auf die Beine und ging dem H�gelkamm entgegen. Es war zu sp�t, um noch umzukehren. Sie h�tte fliehen sollen, als ihr die schreienden Trolle entgegengekommen waren. Oder als sie gesehen hatte, wie die Rudelf�hrer mit langen Bullenpeitschen auf ihre M�nner eingedroschen hatten, um sie aufzuhalten und sich wieder zum Kampf zu stellen. Selbst als ihr der Kentaur in der Bronzer�stung begegnet war, w�re es noch Zeit gewesen zu fliehen. Der irre Glanz in den Augen des Pferdemannes hatte ihr eisige Schauer �ber den R�cken gejagt. Aber nein, sie war blind f�r all das gewesen. Sie hatte die Rauchs�ulen am Horizont als ihr Ziel gew�hlt und war auf sie zu geritten.</p><p>Die Lutin erreichte den breiten H�gelkamm. Als sie den Hang hinabstieg, schmatzte die Erde unter ihren F��en, so hatte sie sich voller Blut gesogen. �berall lagen tote Trolle. Vereinzelt gab es auch Kentauren. Ein St�ck entfernt erhoben sich die Tr�mmer eines umgest�rzten Streitwagens �ber das Leichenfeld. Obwohl die Schlacht noch in vollem Gange war, zankten schon dutzende Kr�hen um die besten Happen.</p><p>Ein St�ck entfernt hatten ein paar hundert Trolle eine H�gelkuppe besetzt und trotzten verzweifelt einer Schar von Kentauren, die in rasendem Galopp den H�gel umrundete und die Trolle dabei mit einem Hagel von Pfeilen eindeckte.</p><p>Mehr als eine Meile entfernt kamen lange Reihen von silbern gl�nzenden Reitern eine H�gelflanke hinab. Das Chaos der Schlacht schien sie nicht zu ber�hren. Bunte Banner wehten �ber ihren H�uptern. Ein wahrer Wald von Lanzen ragte �ber ihnen auf. Wie auf einem Paradefeld kamen sie geritten. Dann senkten sich die Lanzen der vordersten Reihe. Undeutlich konnte Ganda eine dunkle Linie vor den Elfenrittern erkennen, die an den Enden auseinander franste.</p><p>Ganda wandte den Blick ab. Sie wollte nicht sehen, was dort geschah. Sie verschloss auch ihre Ohren vor dem St�hnen der Verwundeten. Sie konnte hier nicht helfen. Es waren viel zu viele. Sie w�nschte, ihre Sinne w�rden ihr den Dienst verweigern! Sie wollte diese Schrecken nicht in sich aufnehmen.</p><p>Ein Schatten glitt �ber sie hinweg. �ber ihr flogen riesige Adler dahin. Sogar ein Lamassu war zu sehen. Nicht einmal der Himmel war vom Krieg verschont geblieben!</p><p>Ganda standen Tr�nen in den Augen. Halb blind lief sie zwischen den Toten dahin. Sie erklomm einen weiteren H�gel. Ein vertrauter Laut befl�gelte ihre Schritte: das �ngstliche Bl�ken einer jungen Hornschildechse. Nie zuvor war sie auf diesem H�gel gewesen oder auch nur im H�gelland s�dlich des Mordsteins, und doch war sie nach Hause gekommen. Dort unten zwischen den H�geln war ihre Herde. Schon von weitem erkannte sie den alten Zweisto�, den Leitbullen, am gezackten rotorangefarbenen Rand der gro�en Hornplatte, die seinen Nacken sch�tzte. Die Herde war gro� geworden! Es gab viele Jungtiere.</p><p>Die Hornschildechsen hatten sich in einem weiten Kreis aufgestellt. Ihre gepanzerten K�pfe mit dem breiten Hornkragen und den drei geschwungenen H�rnern bildeten einen Wall, der selbst Trollen Respekt abn�tigte. Die Tiere standen nicht Schulter an Schulter. Zwischen ihnen blieben ein bis zwei Schritt weite L�cken, sodass sie ihre m�chtigen gepanzerten Sch�del hin und her schwingen konnten, falls ein Angreifer tollk�hn genug war, sich mit ihnen anzulegen. Die jungen Hornschildechsen hielten sich in der Mitte des Kreises. Dort befanden sich auch die Ponys und die Ziegen der Lutinsippen, die mit den Hornschildechsen zogen.</p><p>Auf die R�cken der ausgewachsenen Echsen waren Plattformen aus Bambusrohr gebaut, auf denen niedrige Zelte aus Ziegenhaar standen. Von hohen Stangen flatterten die Sippen-</p><p>und Familienbanner, aber auch Hemden und andere W�sche, die man zum Trocknen herausgeh�ngt hatte. Die Strickleitern zu den Plattformen waren eingeholt. Schwere Armbr�ste waren auf Schwenkbeinen arretiert, bereit, jedem Feind einen Willkommensgru� mit einer Spitze aus geschliffenem Vierkantstahl zu senden. Doch niemand griff die Lutin an, und auch die Kobolde mischten sich nicht in die K�mpfe ringsherum ein.</p><p>Eine Schwadron Kentauren preschte auf der gegen�berliegenden H�gelkuppe vorbei, ohne auch nur die geringste Notiz vom Lager der Hornschildechsen zu nehmen. Das kleine Tal war wie das Auge eines Wirbelsturms. Rings herum wurde tausendfach gestorben, doch hier herrschte gespannter Frieden, und statt Kriegsbannern flatterten Unterhosen im Wind.</p><p>Ganda stieg langsam die H�gelflanke hinab. Jetzt erkannte sie auch andere der Hornschildechsen. Wolfsbei�er und Torkelschritt lebten noch. Auch Mondkragen, die junge Echsenkuh, auf deren R�cken sie einst gewohnt hatte, war bei der Herde. Ihre z�he, faltige Haut hatte das helle Grasgr�n der Jungtiere verloren und mittlerweile den matten, graugr�nen Ton der Alten angenommen.</p><p>Ganda klopfte das Herz. F�r sie waren nur wenige Wochen vergangen, aber f�r ihre Sippe f�nfzehn Jahre. W�rde man sie �berhaupt noch wiedererkennen? Wer lebte noch von ihren Freunden? Alle Kinder, die sie gekannt hatte, w�ren jetzt erwachsen. Wer lebte wohl auf dem R�cken von Mondkragen? Und wo w�rde sie unterkommen?</p><p>Auf den Bambusplattformen waren nur wenige Lutin zu sehen. Alle Alten und die Kinder waren in den Zelten verborgen. Die Frauen, die sich zeigten, trugen bunt bestickte Westen, grobe Leinenhemden und enge Reithosen so wie fr�her. Kleider und R�cke waren zu unpraktisch, solange man mit der Herde wanderte. Auch die M�nner trugen enge Hosen und Schaftstiefel, dazu speckige Lederjacken. An hei�en Tagen verzichteten sie auf Hemden. Ein locker umgeschlungener Seidenschal verhinderte, dass sie sich an den steifen Kragen die Nacken wund scheuerten.</p><p>Die meisten hatten ihre Jacken nicht zugehakt. �ber ihrer Brust baumelten Amulette aus Federn, Hornplatten und allen erdenklichen anderen Dingen bis hin zu eingetrockneten Nabelschn�ren oder mumifizierten Zehen. Aus ihren G�rteln ragten die Griffe des Nackenstechers und des H�utermessers, der beiden Klingen, die jeder Lutin erhielt, sobald er zum Mann wurde.</p><p>Ganda trug noch immer das rote Kleid, in dem sie in jener schicksalhaften Nacht vor Emerelle getreten war. Es war unpassend f�r das Leben in der Steppe. Sie sp�rte die Blicke, mit denen sie gemustert wurde.</p><p>Der Schwarze hatte ihr einiges �ber ihre Legende erz�hlt. Er kannte sich aus. Schlie�lich hatte er die B�cher und Flugschriften gedruckt, in denen Elija ihre Geschichte weit �ber den engen Horizont der Wahrheit hinaus gesponnen hatte. Sie war eine Heldin, die in den Kerkern der Elfen verschwunden war. Unbeugsam und tapfer, hatte sie angeblich nicht einmal unter der Folter die Sache der Rotm�tzen verraten. Ganda l�chelte freudlos. Mit diesen Geschichten w�rde sie leben m�ssen. An sie zu r�hren, hie�e das empfindliche Gleichgewicht zwischen Wahrheit und L�ge zu gef�hrden, auf dem jene Welt beruhte, die Elija in seinen Schriften entworfen hatte.</p><p>�Ich bin Kommandantin Schl�sselchen�, rief Ganda den Kriegerinnen und Kriegern an den Armbr�sten zu. �Ich bin zur�ckgekehrt, um meinen Platz in der Herde einzufordern. Bringt mich zu Elija!�</p><p>Zwei Kriegerinnen schwenkten ihre Armbr�ste auf sie ein. Zwischen den Plattformen auf den R�cken der Hornechsen wurden Flaggensignale getauscht. Fr�her hatte es einmal einen eigenen Wimpel f�r sie gegeben, der einen roten Schl�ssel auf gelbem Grund zeigte. Heute nahmen sie f�r sie den Wimpel mit der Bedeutung fremd. Das zu sehen, machte ihr mehr zu schaffen, als sie erwartet hatte.</p><p>Schlie�lich gab ihr eine Kriegerin mit einem roten Turban ein Zeichen, sich entlang der Front der Hornechsen zu bewegen.</p><p>�Du findest Elija auf Wolfsbei�er!�, rief die Lutin.</p><p>Ganda schnaubte ver�chtlich. Sie wollten sie also auf die Probe stellen! Eine Fremde k�nnte nicht wissen, zu welcher Echse sie gehen musste. War es nur die Schlacht, die ihre Sippe so misstrauisch machte? Zu ihrer Zeit hatte man Fremde nie so unfreundlich empfangen.</p><p>Die Hornschildechsen musterten sie aufmerksam mit ihren gro�en, meergr�nen Augen. Manche klapperten mit den Schnabelschnauzen. Der Rauch und der Kampfesl�rm machte sie unruhig. Immer wieder erklang das �ngstliche Bl�ken der K�lber aus der Mitte des Kreises.</p><p>Ganda blieb vor einer Echse mit graugr�nem Schnabel stehen. Breite gelbe Streifen wie stilisierte Sonnenstrahlen schm�ckten den Hornkragen. Wolfsbei�er war schon alt gewesen, als Ganda geboren wurde. Selbst jetzt, inmitten der Schlacht, strahlte er eine majest�tische Ruhe aus.</p><p>Die Lutin nahm Augenkontakt mit ihm auf und streckte dann vorsichtig die Hand aus, um ihm �ber die fleischige Lippe zu streicheln, in die der Hornschnabel �berging. �F�rchten dich die W�lfe noch immer, Starkschnabel?�, fragte sie z�rtlich. �Alt wie ein Fels kommst du mir vor und genauso stark. Ich wei� noch, wie ich im Schatten zwischen deinen Beinen mit Grash�pfern gespielt habe. Kennst du mich noch?�</p><p>Die gro�e Echse legte den Kopf schief. Die weiten N�stern bebten. Fauchend schnaubte das Reptil. Dann schoss die raue, lila Zunge hervor. Ihre Ber�hrung f�hlte sich an, als reibe grober Sand �ber Gandas Haut.</p><p>�Komm herauf!�, erklang eine Stimme �ber ihr. Auf das Gel�nder der Bambusplattform st�tzte sich ein junger Lutin. Er zwinkerte ihr freundlich zu. Etwas an ihm kam Ganda vertraut vor. Selbst f�r einen Lutin war der junge Mann recht extravagant gekleidet. Seine Hose war mit goldenen Blumen bestickt. Statt eines G�rtels trug er eine breite, rote Bauchbinde, aus der die Griffe des H�utermessers und des Nackenstechers hervorlugten. Seine Lederjacke war mit roten Litzen abgesetzt. Um den Hals hatte er einen schmuddelig wei�en Seidenschal geschlungen. Die Jacke klaffte weit offen, sodass man seinen flachen Bauch sehen konnte. Ein h�bscher Kerl, dachte Ganda beil�ufig. Sie kletterte die Leiter hoch und duckte sich unter dem Gel�nder hindurch.</p><p>Der Krieger schnalzte mit der Zunge. �Du siehst gut aus, Tante Ganda. Du ...� Sein Blick verharrte auf ihrer Silberhand.</p><p>�Bei den Alben, was ist denn das?�</p><p>Ganda �berging die Frage. �Tante?� Der Lutin l�chelte breit.</p><p>�Nikodemus. Ich war noch ein Junge, als die Elfen dich verschleppt haben, Kommandantin. Das hat sich inzwischen ge�ndert.� Ganda trat einen Schritt zur�ck und musterte ihn noch einmal von den Ohrenspitzen bis zur Sohle. Niemals h�tte sie in dem selbstsicheren jungen Kobold den sch�chternen Jungen von einst erkannt. Jetzt verstand sie, warum er einen so nachhaltigen Eindruck bei Rika, der Flusshexe, hinterlassen hatte.</p><p>Er deutete �ber die Schulter. �Mein Bruder erwartet dich, Kommandantin Schl�sselchen.� Nikodemus beugte sich vor und fl�sterte. �Pass auf dich auf. Er hat heute wieder seine Stimmungen. Er ist w�tend, weil die Trolle sich derma�en das Fell gerben lassen. Sei vorsichtig mit dem, was du sagst. An solchen Tagen wei� man nie, wie er sich verhalten wird.�</p><p>�Danke�, entgegnete sie knapp. Zumindest daran hatte sich also nichts ge�ndert. Elija war auch fr�her schon f�r seine Launen ber�chtigt gewesen, auch wenn Nikodemus das als Kind vielleicht nicht hatte wahr haben wollen.</p><p>Pl�tzlich umarmte der junge Lutin sie. Er dr�ckte sie fest an sich. Ganda schob die spitze Fuchsschnauze in seinen offenen Kragen. Er duftete angenehm nach Schwei�, Fuchsfell und dem unverwechselbaren Geruch der Hornechsen. Die Lutin musste mit den Tr�nen k�mpfen. Fast ihr ganzes Leben hatte sie dieser Geruch umgeben. Sie war zu Hause! Kein Duftwasser der Elfen roch so k�stlich.</p><p>�Geh jetzt, Tantchen�, dr�ngte Nikodemus. �Er wartet nicht gern.� Ganda l�ste sich aus der Umarmung. Wolfsbei�er bewegte sich, und die Plattform schwankte ein wenig. Ganda musste nach dem Gel�nder greifen, um ihr Gleichgewicht zu halten. Nikodemus hatte das nicht n�tig. Er grinste sie an. Wer h�tte gedacht, dass aus dem kleinen L�mmel einmal so ein gut aussehender Lutin werden w�rde! Als Ganda das schwarze Zelt umrundete, f�hlte sie sich zunehmend unwohler. Fr�her hatte sie sich ganz gut darauf verstanden, wie man Elija zu nehmen hatte. Ob er sich wohl sehr ver�ndert hatte? Der Anf�hrer der Lutin wandte ihr den R�cken zu. Er blickte auf ein weites Feld hinaus, auf dem sich ein gro�es Rudel Trolle ein erbittertes Gefecht mit den Streitwagen der Elfen lieferte. Elija hatte die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt. Ganda sp�rte, dass er um ihre Anwesenheit wusste. Aber er lie� sie warten. Strafte sie mit seinem Schweigen.</p><p>Elija hatte sich einen weiten, rotbraunen Ledermantel lose um die Schultern geh�ngt. Aus der linken Tasche lugte eine rote M�tze hervor. Um den Hals des Kobolds war ein weinroter Schal geschlungen. Eine abgewetzte blaue Hose mit breiten roten Streifen �ber den N�hten war nachl�ssig in hohe Schaftstiefel gestopft. Ob er ein Hemd trug, konnte Ganda nicht sagen, solange er ihr den R�cken zuwandte.</p><p>Die Trolle behaupteten sich im Kampf gegen die Streitwagen. Als die Elfen sie nicht zu �berrennen vermochten, zogen sie sich zur�ck.</p><p>�Die Masse triumphiert �ber die Arroganz der Elite�, sagte Elija endlich. Dann wandte er sich um. Seine Brust war mit wulstigen Schmucknarben �bers�t. Silber sprenkelte das Haar seiner Schnauze. Seine Augen musterten die Lutin kalt durch die kleine Brille.</p><p>Alt war er geworden, das war Gandas erster Gedanke. Und die K�lte, mit der er sich umgab, war noch schneidender.</p><p>�Ja, meine Brust ... Wir alle m�ssen Opfer bringen. Bei unseren Verb�ndeten gilt man nur dann als richtiger Mann, wenn man so etwas klaglos �ber sich ergehen l�sst. Sie schmieren einem eine graue Paste in die Wunden. Es hei�t, ihre Schamaninnen h�tten da hineingepinkelt. Und das ist noch eine der angenehmeren Zutaten. Die Wunden heilen schlecht, und es bilden sich diese �blen Narben. Unsere Verb�ndeten haben ein eigenwilliges Verst�ndnis von Sch�nheit. Das ist der Preis ...�</p><p>Er sah ihre Hand. �Und wie ist es dir im Kerker ergangen?�</p><p>Ganda stutzte. Wusste er es wirklich nicht besser? Glaubte er die Geschichten, die er �ber sie geschrieben hatte, am Ende gar selbst? Es war unm�glich, in seiner Miene zu lesen. Nichts verriet, ob er scherzte oder es ernst meinte.</p><p>Die Lutin hob ihre Silberhand und streifte den �rmel ihres Kleides zur�ck. �Jeder zahlte seinen Preis�, sagte sie, ohne sich damit auf irgendetwas festzulegen.</p><p>Er trat dicht vor sie. Sein Atem roch nach Knoblauch. Vorsichtig ber�hrte er die silberne Hand. �Sie haben dir �bel mitgespielt, die Elfen ...�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut, dass du ihnen entkommen bist.�</p><p>Ganda war das Versteckspiel leid. �Ich war nicht ihre Gefangene. Ich ...�</p><p>Er legte ihr sanft die Hand auf die Lippen. �Ich will das nicht h�ren. Wei�t du, jeder erschafft sich seine eigene Welt. Sie setzt sich aus Wahrheit, Missverst�ndnissen und L�gen zusammen. Deshalb bleiben wir letztlich immer einsam. Niemand teilt wirklich die Welt eines anderen. Es gab eine Zeit, da habe ich dich f�r eine Verr�terin gehalten, Ganda. Du warst unsere beste Pfadfinderin. Du wei�t, wie dringend wir dich gebraucht h�tten. Du bist gesehen worden, wie du zweimal in einer Nacht in Emerelles Burg gegangen bist. Du wei�t ja, wir Lutin haben unsere Augen �berall. Niemand hat dich jemals wieder von dort fortgehen sehen. Ich habe hunderte Male versucht, in die Burg zu gelangen. Doch Emerelle sch�tzt mich nicht. Sie hat es verstanden, mich fern zu halten. Um unsere Spitzel wei� sie jedoch nicht. Selbst in ihrem Fechtsaal wird sie beobachtet. Dich zu finden, war dennoch unm�glich. Ich hatte Angst, dass du tot bist. Doch auch daf�r gab es keine Zeugen. Ger�chte machten die Runde, dass du unsere Sache verraten h�ttest. Du als meine Vertraute! Ich musste etwas dagegen unternehmen. Also machte ich dich zur M�rtyrerin. Kommandantin Schl�sselchen, von den Elfen verschleppt, weil sie eine der Gr��ten unseres Volkes war. Eine Heldin im Kampf gegen die Knechter. So hast du mir weiterhin gedient und unsere Sache vorangebracht. Zerst�re das nicht, Ganda. F�r unsere Kampfgef�hrten bist du die Lutin, die ihren Folterknechten entkommen ist. Die Aufrechte, die in all den Jahren, die man sie im tiefsten Kerker von Burg Elfenlicht gefangen hielt, niemals unsere Sache verraten hat. Die Kriegerin, die ihren W�chtern entkam und zu uns zur�ckkehrte, um wieder den Kampf gegen die Unterdr�cker aufzunehmen. Die Stunde des Sieges ist nicht mehr fern, Ganda. Bald schon wird sich die Einheitsfront aller Kobolde erheben und die Herrschaft der Elfen hinwegfegen.�</p><p>�Mit geringf�giger Unterst�tzung durch die Trolle.� Sie blickte �ber das weite Schlachtfeld. Die K�mpfe in unmittelbarer N�he waren zum Erliegen gekommen. Es schien, als z�gen sich die Elfen zur�ck.</p><p>�Zynismus steht einer Kommandantin der Rotm�tzen nicht gut zu Gesicht, Ganda. Auch die Trolle sind Opfer der Elfen. Es war nur folgerichtig, dass wir uns im Kampf gegen den gemeinsamen Feind unterst�tzen.�</p><p>�Und in welches Licht stellt es unsere Sache, wenn wir die Unterst�tzung blutsaufender Ungeheuer brauchen?�</p><p>Sie ber�hrte Elijas vernarbte Brust. �Kann ein Sieg nicht auch zu teuer erkauft sein?�</p><p>�Brennt in deiner Brust ein Feuer, Ganda?�</p><p>Sie sah ihn misstrauisch an. �Wie meinst du das?�</p><p>�Gibt es etwas, wof�r du bedenkenlos dein Leben geben w�rdest? Hat dein Leben ein Ziel? Gibt es f�r dich einen h�heren Wert, als einfach nur zu existieren?�</p><p>�Zu existieren hat mir bisher gen�gt.�</p><p>�Was f�r eine k�mmerliche Seele du doch hast. Was ist in den Kerkern der Elfen aus der Ganda geworden, die ich einmal kannte?� Er packte sie bei den Armen. Seine Augen gl�nzten, und seine Stimme �berschlug sich fast, als er weitersprach. �Du musst f�r etwas brennen, Ganda. Es ist gleich, f�r was! Sei es die Leidenschaft f�r einen Mann oder f�r ein hehres Ziel. Wenn du das nicht tust, dann vegetierst du nur, und nichts unterscheidet dich von einem Tier. Entfache das Feuer in dir! Folge mir auf meinem Weg, und dein Leben wird auf eine Weise reich werden, wie du es dir nicht im Entferntesten vorstellen kannst. Du fragst mich, wie ich mit den Trollen paktieren kann. Dieses B�ndnis hat all ihren Koboldsklaven die Freiheit gebracht! Und wenn die Elfen erst einmal besiegt sind und mit ihnen all jene, die sie unterst�tzen, dann wird es in ganz Albenmark keine Knechtschaft mehr geben. Es z�hlt dann nicht mehr, in was f�r einen Leib eine Seele geboren wird. Es z�hlt allein das Feuer in deiner Brust, das dich auf deinem Lebensweg vorantreibt. Es wird immer Handwerker geben, Soldaten und Anf�hrer, die sich berufen f�hlen, die Schicksale ganzer V�lker zu lenken. Aber deine Geburt wird nicht mehr dar�ber bestimmen, was dereinst aus dir werden wird. Dies ist die Welt, in der ich leben will. Es ist die Welt, die ich erschaffen werde, Ganda. Der Lauf der Geschichte ist vorherbestimmt. Es ist unausweichlich, dass sich die Unterdr�ckten gegen die Tyrannen erheben werden. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, so wie ein Knabe zum Mann heranw�chst. Es ist unausweichlich, dass das Joch der Elfentyrannei abgeworfen wird. Die einzige Frage ist, welche Generation die Kraft f�r diesen gro�en Kampf aufbringen wird. Ich habe mich entschieden, dass die Zeit gekommen ist. Und mein Jungbrunnen ist es zu sehen, wie sich durch meinen Willen und meine Taten die Welt um mich herum zum Besseren wandelt.�</p><p>Ganda betrachtete das Schlachtfeld, und Elija schien ihre Gedanken zu erraten.</p><p>�Wir d�rfen nicht zimperlich sein, Kommandantin Schl�sselchen. Was wir erleben, ist eine Geburt. Und bei jeder Geburt flie�t auch Blut.�</p><p>Die Lutin bezweifelte, dass Elija jemals bei einer Geburt zugegen gewesen war. Doch das Feuer, von dem er sprach, war Wirklichkeit. Er brannte, und sie beneidete ihn darum. Sie hatte kein Ziel.</p><p>�Warum greifen uns die Elfen nicht an?�</p><p>�Weil wir doch nur Diener und H�ndler sind. Wir sind keine Bedrohung. Sie k�nnen sich nicht vorstellen, dass sich die Sklaven, die jahrhundertelang jede Drecksarbeit erledigt haben, einmal gegen sie erheben werden. Ihre Welt steht still. Sie ist vollkommen, und deshalb darf sich in ihr nichts �ndern. Ich sagte dir ja schon, jeder lebt in seiner eigenen Welt. Meine bewegt sich. In nicht allzu ferner Zukunft wird es einen Tag geben, der die Elfen sehr �berraschen wird. Sie glauben, dass die Fronten klar verlaufen.� Elija deutete hinaus auf das Schlachtfeld. �Dort ist der Ort, an dem der Krieg stattfindet, so denken sie. Doch bald schon werden wir den Krieg mitten in ihre Pal�ste tragen.�</p></section><section><title><p>Auf Adlerschwingen</p></title><p>�Dort unten, der sieht aus wie ein Rudelf�hrer. Den schnappen wir uns!� Wolkentaucher antwortete ihm in Gedanken. Er kippte �ber den linken Fl�gel ab und st�rzte in die Tiefe. Eisfeder schloss sich dem Sturzflug an und auch der gro�e Lamassu Artaxas. Wenn sein stierleibiger Gef�hrte zu einem tollk�hnen Flugman�ver ansetzte, hielt Melvyn jedes Mal die Luft an. Er erinnerte sich noch zu gut an den Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Artaxas war auf eine Felswand zugeflogen, ohne auch nur den geringsten Versuch zu unternehmen, dein Hindernis auszuweichen. Dass er noch lebte, grenzte an ein Wunder. War es Ungeschick oder etwas anderes? Der gro�e Stiermann hatte es ihm nie verraten.</p><p>Der warme Wind brannte Melvyn im Gesicht. Er lockerte die Muskeln seines Schwertarms. Ein paar Augenblicke noch ... Die Trolle hatten sie entdeckt und stoben auseinander. Sie waren mutige Krieger, das musste man ihnen lassen. Dass sie sich trotz der katastrophalen Verluste wieder zu sammeln versuchten, hatte Ollowain nicht vorhergesehen. Sie mussten die Rudelf�hrer t�ten und die Schamaninnen. Ihr Heer musste den Kopf verlieren; nur dann w�rden sie auch das Herz verlieren, noch weiter zu k�mpfen.</p><p>Wolkentaucher spreizte das Gefieder, um den Sturzflug abzufangen. Melvyn lie� sich auf dem Himmelssteig nach hinten kippen. Die Kniegelenke um die Querstange gehakt, hing er mit dem Kopf nach unten. Er sah, wie der Rudelf�hrer der Trolle versuchte sich wegzuducken. Wolkentaucher flog mit rasender Geschwindigkeit an dem Troll vorbei. Melvyns Schwert beschrieb einen blitzenden Bogen. Der R�ckhandschlag traf den Troll mitten ins Gesicht.</p><p>Melvyn sp�rte, wie unter der Wucht des Treffers Knochen brachen. Wie alle Reiterschwerter war seine Waffe kopflastig und schlecht ausbalanciert f�r einen Kampf zwischen zwei Fechtern. Doch daf�r war diese Klinge auch nicht erschaffen worden. Sie sollte mit t�dlicher Wucht unter fliehende Feinde fahren.</p><p>Wolkentaucher stieg in einer steilen Kurve dem Himmel entgegen und stie� in wilder Freude einen Siegesschrei aus. Melvyn schwang sich hoch und griff mit der Linken nach der Hauptstange des Himmelssteigs. Dann warf er einen fl�chtigen Blick zur�ck �ber die Schulter. Der Rudelf�hrer der Trolle lag hingestreckt zwischen seinen Kriegern. Die Hufe von Artaxas trommelten auf hastig hochgerissene Schilde. So retteten die Trolle ihre K�pfe, doch die Wucht der Lamassutritte schleuderte sie in den Staub.</p><p>Immer h�her stieg Wolkentaucher empor. Er flog jetzt in weiten Kreisen mit ausgebreiteten Schwingen. Der Adler lie� sich vom Aufwind �ber der hei�en Ebene tragen.</p><p>Aus gro�er H�he erinnerte das Schlachtfeld ein wenig an einen Falrach-Tisch. Einheiten schrumpften zu Spielfiguren. Man �berblickte alles, jede Bewegung auf dem Feld. Was unten am Boden durch Staub und Rauch verborgen blieb oder durch die Eigenheiten des h�geligen Gel�ndes, hier oben war es offenbar.</p><p>Ollowain war mit den silbern schimmernden Reihen der Elfenritter ins Herz des Trollheeres vorgesto�en. Die Schlachtlinien der Reiter hatten sich aufgel�st. Das Bild wurde bestimmt von Reitern, die nun in kleinen Gruppen den Fliehenden nachstellten. Immer weiter stoben sie auf die Ebene hinaus. Weit vorn an der Spitze erkannte Melvyn einen Ritter mit wehendem wei�em Mantel. Aus der H�he war es unm�glich zu sagen, ob es sich um Ollowain oder Graf Fenryl handelte. Doch wer auch immer es war, er hatte sich zu weit vorgewagt. Man musste ihn warnen. In seiner Flanke begannen die Trolle sich zu sammeln. Bald w�re ihm der R�ckweg abgeschnitten.</p><p>Melvyn musste den Kopf verdrehen, um den Reiter nicht aus den Augen zu verlieren, w�hrend Wolkentaucher seine Kreise zog. Unter ihnen schwebten Artaxas und Eisfeder. Weit im Osten stieg eine riesige Staubwolke in den Himmel. Melvyn musste l�cheln, als er daran dachte, wie Nestheus den Schwertmeister verflucht hatte. Der junge Kentaurenkrieger hatte kurz nach Sonnenaufgang den Befehl erhalten, mit hundert Pferdem�nnern weit nach Osten abzur�cken. Dort sollten sie B�ndel aus trockenen Zweigen sammeln, um diese dann an Seilen hinter sich her zu ziehen. Ihre einzige Aufgabe in der Schlacht bestand darin, so viel Staub wie m�glich aufzuwirbeln und den Trollen vorzugaukeln, dass sich noch ein zweites Heer von Osten her n�herte. So w�rde Nestheus keinen einzigen Schwerthieb in dieser Schlacht f�hren.</p><p>�Siehst du die Bewegung dort unten bei dem Bach? Dort im Buschstreifen�, erklang Wolkentauchers Stimme in seinen Gedanken.</p><p>Melvyn war ein wenig �rgerlich �ber die Ablenkung. Er hatte auch den Ritter mit dem wei�en Umhang aus den Augen verloren. Er drehte sich und brauchte eine Weile, bis er das Gel�ndest�ck ausgemacht hatte, das der gro�e Adler meinte.</p><p>�Was ist dort?�, schrie der Wolfself. Obwohl er die Adler nun so lange kannte und er ein Winds�nger war, der sich mit den majest�tischen Greifv�geln allein durch Gedanken verst�ndigen konnte, f�hlte er sich sicherer, wenn seine Stimme den Gedanken Worte folgen lie�. Melvyn wusste auch, dass das Brausen des Windes die meisten seiner Worte verschlang; aber dennoch vermochte er in Augenblicken wie diesen nicht an sich zu halten. Statt zu antworten, glitt der Adler in einem weiten Bogen tiefer. Melvyn hatte durchaus scharfe Augen, doch wenn er mit Wolkentaucher flog, f�hlte er sich stets blind wie ein Maulwurf.</p><p>Dann endlich bemerkte auch er die Bewegung. Hunderte Gestalten schlichen geduckt durch die B�sche. Ein verborgenes Heer! Und es bewegte sich geradewegs auf die Flanke der Kutschen zu, aus denen die Ballons aufgestiegen waren. Auf dem Weg, den die Trolle eingeschlagen hatten, w�rde ein hoher H�gelkamm sie vor den Blicken der Kobolde verbergen. Erst die letzten zweihundert Schritt mussten sie durch offenes Gel�nde.</p><p>�Wenn die Trolle die Kobolde �berrumpeln, dann schneiden sie dem restlichen Heer den R�ckzug ab.�</p><p>Melvyn fluchte. In weniger als einer halben Stunde mochte sich ihr Sieg in eine Niederlage verwandeln. �Bring mich runter zu Elodrin!�</p></section><section><title><p>Gr�ne Augen</p></title><p>Ollowain blickte in den treibenden Rauch. Sie war hier, er konnte sie f�hlen. Ganz dicht hinter dem Schleier aus Rauch wartete sie auf ihn. Lyndwyn. Dies war der Tag, der sie wieder miteinander vereinen w�rde. Der Tag, den er so oft herbeigesehnt hatte. Der Tag, an dem die Wunde in seinem Herzen endlich heilen w�rde.</p><p>�Feldherr?� Senthor, der alte Kentaurenkrieger, kam ihm seltsam weit entfernt vor, obwohl er nur zwei Schritte neben ihm stand. Sein Gesicht war mit Ru� verschmiert, in dem sein Schwei� wie schwarze Tr�nen gl�nzte. Wie die Tr�nen Emerelles im Palast. Jetzt war die Stunde gekommen, ihr Todesurteil zu vollstrecken.</p><p>�Wir sollten zu den anderen zur�ckkehren�, sagte der Kentaur mit rauer Stimme. Er war von Ersch�pfung gezeichnet. Die Gewaltm�rsche der letzten N�chte und die Schlacht hatten ihn ausgebrannt. Senthor war eine verl�schende Flamme. Und doch hatte er den ganzen Tag nicht von seiner Seite weichen wollen.</p><p>Ollowain deutete mit dem blutigen Schwert auf die wirbelnden Rauchschleier. �Dort wartet noch jemand auf mich.�</p><p>Der Kentaur sch�ttelte entschieden den Kopf. �Dort ist niemand mehr! Du h�rst doch die H�rner. Wir m�ssen uns zur�ckziehen. Das war dein Befehl, Feldherr.�</p><p>Ollowain streichelte seinem Hengst den Hals. Er beugte sich vor und fl�sterte: �Komm, Gro�herz. Du wei�t, wen ich suche. Trag mich das letzte St�ck des Weges. Es ist nicht mehr weit.�</p><p>Der Schimmel trabte langsam dem Rauch entgegen. Nicht weit entfernt erhob sich eine einsame Felsklippe �ber die H�gel der Steppe. Nach Osten geneigt, zeichneten sich ihre Umrisse scharf gegen den rauchverhangenen Himmel ab. Im Schatten der Klippe hatten sich einige Trolle gesammelt. Es waren nicht nur Krieger. Ollowain erkannte einen Halbw�chsigen. An seiner Seite standen eine alte Vettel, die sich auf ihren Stab st�tzte, und ein zweites Trollweib, das sein Gesicht hinter einer Maske verbarg. Mehr und mehr Krieger eilten zu der Klippe. Der Schwertmeister atmete schwer aus. Das war der Kampf, den er suchte.</p><p>�Das muss der junge K�nig sein�, fluchte Senthor. �Lass uns schnell von hier verschwinden. Hier wird es bald von Trollen nur so wimmeln.�</p><p>�Keine Sorge, ich bin ein Ritter. Ich t�te keine Kinder.�</p><p>�Davon rede ich nicht, Feldherr. Die werden uns t�ten. Es sind zu viele! Bitte, Ollowain. Komm!�</p><p>Eine Bewegung im Rauch erweckte die Aufmerksamkeit des Schwertmeisters. Ein St�ck s�dlich der Klippe lag eine Ruine. Vielleicht ein l�ngst aufgegebenes Jagdschloss. Es war zu wenig erhalten, um zu sagen, was f�r ein Geb�ude es einmal gewesen sein mochte. Abgesehen von ein paar Grundmauern war ein filigran durchbrochener, steinerner Fensterbogen alles, was von der einstigen Pracht des Gem�uers geblieben war.</p><p>Nahe dem Fensterbogen war einer der Streitwagen aus Alvemer gestrandet. Die stolzen R�sser lagen erschlagen in ihren Geschirren. Der Wagenlenker hielt selbst im Tod ihre Z�gel. Zertretene Pfeile waren im verbrannten Gras verstreut. Die zerfetzten Seidenbanner bewegten sich tr�ge im Wind. An das zerbrochene Rad des Wagens war ein gro�er Trollschild gelehnt. In seinem Windschatten kauerte eine Gestalt, die sich in einen zerfetzten Umhang gewickelt hatte. Matt winkte sie ihm.</p><p>Das Winken ... Ollowain war pl�tzlich wie in Trance. Er fror, wie auf der Eisebene, als er Lyndwyn im verlassenen Heerlager der Trolle gefunden hatte. Die Gluthitze des Sommertags war verflogen. Er sp�rte wieder den schneidenden Wind der Snaiwamark.</p><p>Langsam trottete sein Schimmel zu dem Streitwagen. Sein Traum aus Iskendria w�rde sich erf�llen! Diesmal w�rde er sie retten. Er w�rde nicht zulassen, dass Galawayn die Figur der Zauberin aus dem Spiel nahm! Gegenwart und Vergangenheit waren eins geworden. Seine Liebe zu Lyndwyn hatte die Fesseln der Zeit �berwunden. Diesmal w�rde sie nicht sterben! Er schwang sich aus dem Sattel.</p><p>Rotes Haar rahmte ein blasses Gesicht. Ihre wunderbaren gr�nen Augen nahmen ihn gefangen. Sie waren ... Rotes Haar?</p><p>�Bei den F�rzen meiner Urahnen! Ollowain! Sie kommen die Klippe hin�ber. Wir m�ssen fort!� Die derben Worte des Kentauren zerst�rten das Trugbild. Lyndwyn hatte schwarzes Haar! Sie ... Er zog den zerrissenen Umhang zur Seite. Darunter schimmerte eine gr�ne R�stung mit goldenen Beschl�gen. Vor ihm lag Caileen, die Gr�fin von Dorien.</p><p>�Flieh ...�, hauchte sie. �Ich wollte dich nicht herrufen, als ich gewunken habe. Ich wollte dir ein Zeichen geben zu fl�chten ... Ich ...� Blut troff von ihren Lippen. Eine zerbrochene Speiche ihres Streitwagens ragte �ber der H�fte aus ihrer R�stung.</p><p>�Du wirst hier nicht sterben�, sagte Ollowain sanft. Er rammte sein Schwert in den Boden und hob sie auf. Das Gewicht der Gewappneten lie� ihn taumeln. Sein Hengst kam ihm entgegen. Er schob Caileens Fu� in einen der Steigb�gel und wuchtete sie in den Sattel.</p><p>Hinter ihnen erklang ein rauer Ruf. Einer der Trolle forderte ihn zum Kampf. �Bring sie zu Nardinel!�, befahl Ollowain dem Kentauren. �Zu niemand anderem! Nardinel wird sie retten. Wenigstens diesmal werde ich nicht zu sp�t gekommen sein.�</p><p>Der Kentaurenkrieger wartete.</p><p>�Bring sie fort, Senthor!�</p><p>�Nicht ohne dich, Herr!�</p><p>�Du bist zu schwach, um sie zu tragen, und auch mein Hengst ist zu ersch�pft, um zu entkommen, wenn ich hinter Caileen in den Sattel steige. Z�gere nicht. Noch k�nnen wir den Trollen zwei Leben entrei�en!�</p><p>�Warum tust du das?�</p><p>Wie sollte er das dem Kentauren erkl�ren? �Weil ich ein Ritter bin�, sagte er kurz angebunden. �Nun reite, damit es jemanden gibt, der meine Geschichte erz�hlen kann.�</p><p>Dunkles Blut rann von der R�stung der Elfengr�fin und troff auf das schneewei�e Fell des Hengstes.</p><p>Ollowain musste an Lyndwyns Blut im Schnee denken. �Reite!�, rief er. Dann schlug er dem Hengst auf die Flanken.</p><p>�Reite!�</p><p>Senthor griff nach den Z�geln. �Ich hole Verst�rkung. Halte aus!� Wieder erklang die fordernde Stimme hinter Ollowain. Es war zu sp�t! Die Trolle waren �berall. Sie schnitten Senthor und Caileen den Weg zur�ck in die H�gel ab. Dem Kentauren wurde das Schwert aus der Hand gewunden.</p><p>Caileen war zusammengesunken. Ihr Kopf ruhte auf der M�hne des Schimmels.</p><p>�Lasst die beiden! Sie sollen sehen, wie er stirbt! Der Schwertmeister hat Recht. Es soll einen Zeugen f�r seinen Tod geben. Sonst werden sie unsinnige Geschichten erfinden.� Die alte Vettel hatte gesprochen. Ihre Stimme war voller Kraft. Obwohl sie mehr als hundert Schritt entfernt war, verstand der Elf jedes Wort so deutlich, als st�nde sie unmittelbar vor ihm.</p><p>Die Trollkrieger f�gten sich ihr.</p><p>�Hol deine Waffe, Schwertmeister!� Ollowain gehorchte. Caileen blieb nicht mehr viel Zeit. Wenn er einen wirklichen Kampf lieferte, dann w�rde sie verbluten.</p><p>Der Schwertmeister hob die Klinge zum Fechtergru� und k�sste den Stahl. Er w�rde niemanden mehr t�ten.</p><p>Da waren sie wieder, Lyndwyns gr�ne Augen. Hinter dem Schleier aus Rauch. Sie war hier und wartete auf ihn!</p><p>L�chelnd ging Ollowain dem Troll entgegen, der ihn herausgefordert hatte, und wich dem Hieb nicht aus, der auf seinen Kopf zielte.</p></section><section><title><p>Der Bote</p></title><p>Erleichtert atmete Alvias auf, als er dem endlosen Strom abgek�mpfter Reiter entkam. Eine der Lehren des Falrach ging ihm durch den Kopf. Eine Reitereinheit ist wie ein Pfeil im K�cher des Kriegsmeisters. Ist das Ziel gut gew�hlt, wird der Schuss t�ten. Doch wie einen Pfeil wirst du deine Reiter in dieser Schlacht kein zweites Mal einsetzen. Ganz gleich, ob die Reiter siegten oder abgeschlagen wurden, selbst disziplinierte Einheiten hatten die Angewohnheit, sich nach einem Angriff zu zerstreuen. Entweder flohen sie vor einem �berm�chtigen Gegner, oder sie setzten dem geschlagenen Feind nach.</p><p>Blutende Kentauren und Elfenritter in zerschlagenen R�stungen zogen sich Seite an Seite durch das trockene Flussbett zur�ck. Sie sahen nicht aus wie Sieger.</p><p>Der Hofmeister Emerelles lenkte seinen Rappen eine flache Uferb�schung hinauf. Er hielt neben einem Minotauren mit bandagiertem Kopf, der sich schwer auf einen Speer st�tzte und auf den Fl�chtlingsstrom hinabblickte.</p><p>�Wo finde ich den Befehlshaber, Freund?� Der Stiermann hob den Kopf. Ihr Blick begegnete sich fast auf gleicher H�he. Eines der Augen des Kriegers war nur noch eine leere, blutende H�hle. Stumm wies der Minotaur zu einem H�gel im Osten.</p><p>�Danke.� Alvias winkte seiner Eskorte, ihm zu folgen. Der Hofmeister war ersch�pft. Seit einem Tag und einer Nacht war er nicht mehr aus dem Sattel gekommen. Seinem Hengst schien der lange Ritt weniger auszumachen als ihm. Sein Schritt war immer noch kraftvoll, auch wenn das Fell voller Kletten war und der Staub der weiten Steppe ihm das Wei� in den Augen ger�tet hatte.</p><p>Das Land fiel in sanften Wellen nach Norden hin ab und �ffnete sich auf eine weite Ebene. Meilen entfernt erkannte er eine Herde von Hornschildechsen, die sich in sch�tzendem Kreis um ihre Jungen aufgestellt hatten. �berall auf der Ebene eilten einzelne Reiter und Streitwagen dem Hohlweg entgegen, der hinab zur ausgetrockneten Myra f�hrte. Nur wenige scherten nach Osten aus, dorthin, wo auf einem H�gel �ber schweren Fuhrwerken das Banner der K�nigin, ein goldenes Pferd auf gr�nem Grund, und die Standarte Alvemers mit ihrer silbernen Nixe wehten.</p><p>Alvias war froh, die Botschaft der K�nigin endlich �berreichen zu k�nnen. Solange er Emerelle kannte, hatte er sie noch nie in so seltsamer Stimmung erlebt wie an dem Abend, an dem sie ihn bat, Ollowain zu finden. Eindringlich hatte sie ihm eingesch�rft, dass die Nachricht nur dem Schwertmeister und niemand anderem ausgeh�ndigt werden durfte.</p><p>Der Hofmeister f�hrte seine Eskorte den H�gel hinauf. Die Wagen oben waren zu einem weiten Kreis zusammengeschoben, als wollten sie wie die Hornschildechsen eine Herde sch�tzen. Auf dem Hang lagen hunderte tote Trolle im zertrampelten Gras. Doch auch die Verb�ndeten hatten einen m�rderischen Blutzoll entrichtet.</p><p>Ein Kobold, der eine schmutzig rote Signalfahne schwang, wies die neuen Verteidiger zu einer L�cke im Wall der Wagenburg. Eine Gruppe von Bogensch�tzen und Speerk�mpfern stieg von Streitwagen, die am Fu� des H�gels gehalten hatten. M�de stapften sie �ber die Leichen hinweg, w�hrend die Wagenlenker ihre Gef�hrte hinab zum Flussbett brachten. Alvias sah eine Kriegerin mit langem, blondem Haar verharren. Langsam hob sie ihren Speer und stach die lange Klinge einem der Trolle durch die Kehle. Die Gliedma�en des H�nen zuckten, w�hrend sie das Stichblatt in der Wunde drehte und wieder frei zog. Ihre Kameraden nahmen nicht einmal Notiz von dem beil�ufigen Mord an einem Verwundeten.</p><p>Im Inneren der Wagenburg standen hunderte Pferde zusammengepfercht. Ein Teil der Kutschen bildete ein zweites, inneres Karree. Die Seitenw�nde der Ladepritschen waren heruntergeklappt. Dort lagen Kobolde neben feingliedrigen Elfen und Minotauren, deren Brustk�rbe so massig wie Weinf�sser waren. Ihr Leid hatte alle Grenzen zwischen ihnen verwischt. Blut troff von den Pritschen. Es stank nach F�kalien und Urin. Die Luft summte vor Fliegen. Einige Elfen und Koboldweiber versuchten verbissen, den Strom von Blut zu stillen und den Tod in seine Schranken zu weisen. Alvias sah die lange Reihe von Leibern unter den Kutschen. An diesem Nachmittag f�hrte der Tod die l�ngere Liste der Siege.</p><p>Ein ausgemergelter alter Kentaur trug eine Frau in gr�n-</p><p>goldener R�stung zu einer der Pritschen. Obwohl er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, bedr�ngte er die Heiler so lange, bis eine wundersch�ne Elfe neben der Kriegerin niederkniete. Ihr Gesicht war mit Blutspritzern besudelt und aschgrau vor Ersch�pfung, doch all dies vermochte ihre fast schon �therische Sch�nheit nicht verblassen zu lassen. Sie hatte etwas G�tiges und Nobles an sich. Etwas, das hier inmitten dieses Schlachthauses des Krieges so fehl am Platz wirkte wie ein Gewappneter inmitten einer Blumenwiese.</p><p>Die Heilerin f�hlte nach der Kehle der Kriegerin, zog ihren zerrissenen Umhang zur Seite und blickte auf die abgebrochene Radspeiche, die seitlich aus der R�stung der Sterbenden ragte. Alvias war zu weit entfernt, um h�ren zu k�nnen, was die Heilerin sagte, aber das musste er auch nicht. Ihr trauriges Kopfsch�tteln sagte mehr als alle Worte.</p><p>Der Kentaur packte sie grob am Arm. �Er ist f�r sie gestorben, h�rst du? Das darf nicht vergebens gewesen sein! Du rettest sie! Und wenn es das Letzte ist, was du tust. Das schulden wir ihm! Du ...�</p><p>H�rnerklang �bert�nte das w�tende Geschrei des Pferdemanns.</p><p>�Braucht ihr eine schriftliche Einladung oder seid ihr einfach nur Feiglinge?�, herrschte ein junger Krieger Alvias an und griff nach den Z�geln seines Rappens. Der Hofmeister sah, wie der Hauptmann seiner Wache zu einer angemessenen Erwiderung ansetzte. Ein Blick, und die Worte blieben unausgesprochen. Alvias hatte von dem jungen Krieger in der abgetragenen Lederr�stung und mit den seltsam wulstigen Armschienen schon geh�rt.</p><p>�Ich denke, Hauptmann Melvyn ist einer der Feldkommandanten hier. Er wird ...�</p><p>�Er wird sich nicht mit H�flichkeiten aufhalten. Runter von den Pferden! Und folgt mir!� Alvias stieg ab und l�ste den schwarzen Schild von seinem Sattel. Er warf den Umhang �ber seine Schultern und folgte dem Wolfselfen. Obwohl er noch regelm��ig Fecht�bungen machte, war es lange her, dass er das letzte Mal auf einem Schlachtfeld gestanden hatte. Er versuchte, die Ruhe eines gleichm��igen Atemrhythmus in seine Glieder flie�en zu lassen. Doch statt sich zu entspannen, verkrampfte er seinen Schildarm.</p><p>Melvyn brachte sie zu einer umgest�rzten Kutsche, bei der die Leichen so dicht lagen, dass man das Gras nicht mehr sehen konnte. Der Hofmeister vermied es, in die Gesichter der Toten zu blicken. Hier waren viele Elfen gefallen. Die meisten hatte er von Festen auf Emerelles Burg gekannt.</p><p>�Ich hab dich bisher noch nicht beim Heer gesehen�, stellte Melvyn fest. �Ich hoffe, du schl�gst dich gut.�</p><p>�Das hoffe ich auch�, entgegnete Alvias trocken. Am Fu� des H�gels sammelten sich hunderte Trolle. Das scharfe Klacken von Speerschleudern l�ste den Klang der H�rner ab. Der Hofmeister konnte sehen, wie einer der Trolle mehrere Schritte nach hinten gerissen wurde, als einer der kurzen Speere glatt seine Brust durchschlug.</p><p>�Damit wir uns richtig verstehen, wenn du glaubst, das ist hier nichts f�r dich, dann geh jetzt. Wenn du mitten im Gefecht abhaust, steche ich dich ab.�</p><p>�Und du glaubst, das ist so einfach.�</p><p>Aus den Armschienen des Wolfselfen schnellten lange st�hlerne Krallen hervor. �Ob einfach oder nicht, ich werde es tun. Verlass dich darauf! Auch deine Leibw�chter werden mich nicht daran hindern. Wir m�ssen diesen H�gel halten, du Hofschranze. Ich wei� nicht, was im Sch�del des Rudelf�hrers da unten vor sich geht, aber er hat sich offensichtlich vorgenommen, uns hier zusammenzuschlagen und erst dann zum Flussbett vorzusto�en.</p><p>Das hei�t, so lange wir hier k�mpfen, bleibt der Fluchtweg offen. Mit jedem Atemzug, den wir den H�gel halten, retten wir einem Krieger das Leben. Wir sind in der Unterzahl und ausgelaugt. Ein einziger Feigling, der aus der Schlacht fl�chtet, kann �ber Sieg oder Niederlage entscheiden.� Melvyn deutete mit der Rechten die Linie entlang. �Sie alle wollen eigentlich nicht hier sein. Sie halten aus, weil sie wissen, wie wichtig es ist. Aber wenn auch nur einer im Gefecht davonl�uft, dann k�nnte die Panik um sich greifen wie ein Strohfeuer. Also bist du Manns genug, hier zu bleiben?�</p><p>�Wei�t du, ich habe so lange im Sattel gesessen, dass es sich anf�hlt, als w�rde man mir eine Fackel unter mein gesch�tztes Hinterteil halten. Selbst wenn ich wollte, k�nnte ich kaum laufen. Das sind wohl beste Voraussetzungen, hier einen Helden abzugeben.�</p><p>Melvyn grinste ihn an. �F�r einen Mann, der sich nur mit einer Eskorte von Scho�h�ndchen in die Steppe wagt, beweist du Auge in Auge mit einer Trollhorde noch erstaunlich viel Humor. Ich hei�e Melvyn.�</p><p>�Angenehm�, entgegnete der Hofmeister und musste dar�ber schmunzeln, dass ihm F�rmlichkeiten des Umgangs bei Hof so sehr in Fleisch und Blut �bergegangen waren, dass er selbst jetzt nicht aus seiner Haut kam. �Mich nennt man Alvias.�</p><p>Melvyn st�hnte. �Bist du etwa der Alvias? Emerelles Hofmeister?�</p><p>�Ich f�rchte, das kann ich nicht verneinen.�</p><p>�Ein Ort mehr, an dem ich mich nicht mehr blicken zu lassen brauche.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich nehme an, du w�rdest dich revanchieren.� Alvias l�chelte. �Nun, auch bei Hof gelten einige Regeln, genau wie hier auf dem Schlachtfeld. Und dort f�hre ich unbestritten das Kommando. Ein einziger Gast wie du, der Wasser offenbar nur nutzt, um sich gelegentlich die Kehle zu befeuchten, k�nnte eine ganze Festgesellschaft in die Flucht schlagen mit dem Duft, der ihn sicherer umschlie�t als jede R�stung. Dein Erscheinen k�nnte auf immer den Ruf meiner Herrin zerst�ren, die pr�chtigsten B�lle Albenmarks zu geben. Eine Neuigkeit, die die fl�chtenden G�ste gewiss binnen k�rzester Zeit bis in die entferntesten F�rstent�mer tragen w�rden. Ich m�sste dich also, sobald du einen Fu� in Emerelles Burg setzt, von ein paar Pferdeknechten packen lassen, die besser gegen strenge Ger�che ankommen als die Dienerinnen in unseren B�dern. Sie w�rden dich in einem Stall schrubben, bis dein Duft auf ein Ma� reduziert ist, dass unsere Ankleidedamen und Baderinnen dir bei deinem Erscheinen nicht reihenweise ohnm�chtig zu F��en liegen. Wenn du dann ein zivilisiertes Bad �ber dich ergehen l�sst und deine Muskeln mit wohl riechenden �len massiert wurden, dann kann ich mir vorstellen, dass du dich zumindest f�r die Damen, die bei Hof weilen, als ein Gewinn erweist, denn schlie�lich eilt dir ein gewisser Ruf voraus, Melvyn.�</p><p>Der Halbelf hob abwehrend die krallenbewehrten H�nde.</p><p>�Genug, Alvias! Genug! Darf ich mich nun in eine friedliche Schlacht st�rzen? Scharfen Zungen bin ich wehrlos ausgeliefert.�</p><p>�Das Wortgepl�nkel kann man erlernen wie das Schwerterschwingen. Ich w�rde mich gerne der Herausforderung stellen, dir ein paar Unterrichtsstunden zu geben. Ich glaube ...� Der ohrenbet�ubende Schlachtruf der Trolle beendete Alvias� Rede. Mit Kriegsh�mmern und Keulen auf die gro�en Schilde schlagend, setzte sich der Kriegerpulk am Fu� des H�gels in Bewegung.</p><p>�Wie viel Munition haben wir noch, Misht?� Ein Kobold, dessen linker Arm in einer blutbesudelten Schlinge ruhte, beugte sich �ber die Br�stung des Fuhrwerks neben ihnen. �Drei Schuss je Speerschleuder und eine Hand voll Armbrustbolzen. Die meisten Bogensch�tzen von den Streitwagen kommen mit leeren K�chern hier an. Das wird der letzte Angriff, den wir mit ernst zu nehmendem Beschuss empfangen k�nnen.�</p><p>�Dann sorgen wir am besten daf�r, dass sie nicht wiederkommen.�</p><p>�Da m�sst ihr im n�chsten Nahkampf wohl ein wenig unfreundlicher zu ihnen sein, damit diese Dicksch�del endlich begreifen, dass sie hier nicht willkommen sind.�</p><p>�Machen wir, Misht. Machen wir. Diesmal haben wir eine Geheimwaffe. Einen parf�mierten Hofmeister.�</p><p>Der Kobold kicherte. �Du kannst wirklich grausam sein, Melvyn.� Alvias fuhr sich mit der Zunge �ber die trockenen Lippen. Es war lange her, dass er zuletzt in einer Feldschlacht gek�mpft hatte, aber er hatte nicht vergessen, wie bestimmte Zeichen zu deuten waren. Diese alberne Art verhie� nichts Gutes. Es war ein Weg, mit Angst fertig zu werden. Und wenn ein Krieger wie Melvyn Anzeichen von Angst zeigte, gab es allen Anlass, beunruhigt zu sein.</p><p>Trotz der Pfeile, die ihnen entgegenschlugen, verfielen die Trolle nicht in Laufschritt. Alvias h�rte die tiefen Stimmen der Rudelf�hrer. Sie ermahnten ihre M�nner, die Schilde hochzuhalten und ruhig zu bleiben. Wenn sie die H�gelflanke hinaufliefen, w�rden sie au�er Atem hier oben ankommen und schlechter k�mpfen. Sie waren nur noch zwanzig Schritt entfernt!</p><p>Alvias zog sein Schwert. Koboldarmbrustsch�tzen, die unter den Fuhrwerken kauerten, schossen eine Salve ab. Sie zielten tief und trafen die Trolle in die Beine. Ein Dutzend von ihnen ging in die Knie.</p><p>�Du kennst doch sicher die Schriften des Schwertmeisters Falrach�, sagte Melvyn.</p><p>Der Hofmeister nickte.</p><p>�Er meint, in aussichtsloser Lage sei es das Beste, seine Feinde zu �berraschen. Bist du bereit f�r eine �berraschung?�</p><p>Alvias sah erschrocken auf. �Du wirst doch nicht ...� Der Halbelf riss die Faust hoch. �Zum Angriff! Jagt sie den H�gel hinab!� �berall zwischen den Wagen sprangen die abgek�mpften Krieger der Verb�ndeten auf. Kobolde zogen Kurzschwerter und liefen neben h�nenhaften Minotauren. Die Elfenritter Alvemers und Arkadiens hoben ihre pr�chtigen Schilde. Kentauren in goldenen R�stungen preschten den Hang hinab. Es war ein verzweifeltes letztes Aufb�umen. Alvias sah, wie Pferde vor die Fuhrwerke mit den Verwundeten geschirrt wurden. Der letzte Angriff w�rde ihnen vielleicht die M�glichkeit geben zu entkommen.</p><p>Der Hofmeister lie� sich mit der Welle der Angreifer treiben. Es war verr�ckt! Die Trolle waren ihnen um mindestens das Dreifache an Zahl �berlegen. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass Emerelles Botschaft Ollowain niemals erreichen w�rde, wenn er hier starb. Er h�tte die Nachricht jemand anderem geben m�ssen. Er h�tte ... Alvias duckte sich unter einem wuchtigen Keulenhieb hinweg. Seine Reflexe waren noch gut. Die ungez�hlten Stunden im Fechtsaal der Burg w�rden sich bezahlt machen. Er sah die L�cke in der Verteidigung des Trolls, und noch bevor er den bewussten Gedanken zum Gegenangriff fasste, machte er einen Ausfallschritt und stie� dem Troll sein Schwert durch den Fu�. Mit einer leichten Drehung bekam er die Klinge wieder frei, lie� sich nach vorne fallen und sp�rte den Luftzug eines Keulenhiebs im Nacken, der ihn nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Er rollte sich seitlich �ber die Schulter ab und f�hrte noch im Aufstehen einen R�ckhandschlag gegen den Kn�chel des Trolls. Das Schwert schnitt durch Fleisch und Knochen. Der Troll st�rzte, und noch bevor er auch nur schreien konnte, rammte ihm ein Kentaurenkrieger sein Doppelschwert in die Brust.</p><p>Der Schild behinderte den Hofmeister in seiner Beweglichkeit. Seine Angriffe kamen Alvias ungelenk vor. Vielleicht lag es auch nur daran, dass er sich zwischen den Trollen wie ein Kind f�hlte. Er duckte sich weg, suchte nach L�cken in der Verteidigung seiner Angreifer und versuchte, st�ndig in Bewegung zu bleiben. Es war schwer, an den t�rgro�en Schilden vorbeizukommen und den Gegnern den Stahl ins Fleisch zu rammen. F�r ihre Gr��e bewegten sich die Trolle recht geschickt. Sie waren gut ausgebildet. Das war kein Heerhaufen von halb verhungerten Ungeheuern wie in den fr�heren Kriegen. Die Trolle hatten sich ver�ndert.</p><p>Alvias bewegte sich wie ein T�nzer zwischen den gro�en, grauen Leibern. Er war durch die Schlachtlinie gebrochen. Sie waren jetzt �berall. Er drehte sich, stach in eine Kniekehle, duckte sich weg. Die Trolle behinderten sich gegenseitig. Um ihre gro�en Waffen effektiv einzusetzen, brauchten sie Platz. Platz, den sie hier im Gedr�nge nicht mehr hatten.</p><p>Ein leichter Schnitt durchtrennte Fersensehnen und lie� einen weiteren H�nen hilflos st�rzen.</p><p>Die Trolle stanken nach ranzigem Fett und Schwei�. Manche hatten sich mit dem Blut ihrer Opfer Kreise und Handabdr�cke auf den Leib geschmiert. Ohrenbet�ubender L�rm drang von der Kampflinie den H�gel hinab. Schlachtrufe, w�tende Schreie und das verzweifelte Kreischen von Verwundeten.</p><p>Alvias f�hrte einen glatten Stich durch einen Oberschenkel. Einen halben Herzschlag lang betrachtete er verwundert die grau gemusterte Haut seines Opfers. Sie sah aus wie Granit. Erstaunlich, wie sehr die Trolle den Felsen ihrer Heimat glichen.</p><p>Eine Finte lie� den verletzten Troll �ngstlich zur�ckspringen. Er stie� mit einem seiner Kameraden zusammen, und beide st�rzten zu Boden. Alvias nutzte die Gunst des Augenblicks. Ein Schnitt hinterlie� eine feine rote Linie auf der Kehle seines Gegners. Der Troll folgte ihm mit Blicken, wendete den Kopf ein wenig, und die Linie weitete sich zu einem klaffenden Spalt, aus dem das Blut in pulsierenden St��en hervorquoll.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah Alvias eine Bewegung und riss in tausendfach ge�bter Routine seinen Schild hoch, um den Schlag abzufangen. Noch bevor der Schmerz kam, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Das hier war kein Fechtsaal!</p><p>Der Hieb des Trolls traf ihn mit der Wucht eines Pferdetritts. Alvias wurde von den Beinen gerissen und ein gutes St�ck weit zur�ckgeschleudert. Er prallte gegen etwas Weiches und glitt zu Boden. Welch ein dummer Tod, dachte er seltsam teilnahmslos. Ein Opfer meiner Fechtsaal�bungen ...</p><p>Einen Schwerthieb h�tte er mit seinem Schild leicht ablenken k�nnen. So hatte er es in tausenden Fechtstunden getan. Diese Bewegung war ihm in Fleisch und Blut �bergegangen. Routine, die von Muskeln und Sehnen ausgef�hrt wurde, ohne dass er �ber die Bewegungen noch nachdachte. Das war gut, solange er einem gleich gro�en Schwertk�mpfer gegen�berstand. Doch den Schlag eines Trollkriegshammers so abzufangen, war einfach nur dumm!</p><p>St�mmige graue Beine schritten �ber Alvias hinweg. Ein Troll hob seinen Kriegshammer an, um ihn dem Hofmeister in den Brustkorb zu rammen.</p><p>Dem Elfen standen Tr�nen in den Augen. Sein Schildarm war vor Schmerz ganz gef�hllos geworden. Fast w�re Alvias entkommen. Der Hieb streifte nur seine Schulter. Der Hofmeister schrie auf. Dann kippte der Troll �ber ihm zur Seite. Eine Gestalt mit blutigen Krallen setzte �ber den gef�llten H�nen hinweg. Melvyn!</p><p>Der Elf bewegte sich seltsam geduckt. Seine Angriffe waren schnell, effektiv, gnadenlos. Ihnen fehlte die t�nzerische Eleganz des Fechtsaals. Wie ein Raubtier versuchte er die Kehle seines Gegners zu finden.</p><p>Vom Schmerz ganz benommen, beobachtete Alvias, wie die Trolle vor Melvyn zur�ckwichen. Andere Krieger drangen in den weiten Kreis, der sich um den Elfen bildete. Ein nach Branntwein stinkender Minotaur kniete neben Alvias und hob ihn auf die Arme. Noch nie war der Hofmeister jemandem, der so schlecht roch, so dankbar gewesen.</p><p>Pl�tzlich, wie auf ein geheimes Zeichen hin, griffen die Trolle wieder an. Ein Kentaur ging hilflos auskeilend mit gebrochenen L�ufen zu Boden. Schreie gellten durch die Mittagshitze. Alvias spritzte Blut ins Gesicht.</p><p>Der Minotaur warf ihn grob auf die Pritsche eines Fuhrwerks und wandte sich wieder zu den Angreifern um. Alvias lag zwischen toten Kobolden. Einer von ihnen hielt selbst jetzt noch seine Armbrust umklammert. Eine merkw�rdige Waffe, auf die ein h�lzerner Kasten aufgesetzt war. Er lag zwischen den Holzverstrebungen der Speerschleuder, die man auf den Wagen montiert hatte. Ein st�hlerner Bogenarm des Gesch�tzes war aus seiner Verankerung gebrochen. Armlange Geschosse mit vierkantigen Spitzen lagen auf dem Boden verstreut. Auch etliche gro�e graue Steine lagen auf der h�lzernen Pritsche. Einige von ihnen waren mit Blut verschmiert. Offenbar hatten sie das Schicksal der Kobolde besiegelt.</p><p>Immer lauter t�nte das Geschrei der K�mpfer. Der Hofmeister wollte sehen, was um ihn geschah. Er konnte nicht einfach nur da liegen und sich seinem Schicksal ergeben. Vom Schmerz ganz benommen, zog er sich an der Seitenwand des Fuhrwerks hoch. Die Trolle waren bis an die Wagen herangekommen. Der Kampf der Verb�ndeten war nur noch ein letztes Aufb�umen gegen das Unvermeidliche.</p><p>Alvias griff nach einer Armbrust, die zu seinen F��en lag. Doch vermochte er den linken Arm nicht zu bewegen, und nur mit einer Hand konnte er die Waffe nicht spannen. Entmutigt sah er sich nach seinem Schwert um. Es musste auf dem Schlachtfeld zur�ckgeblieben sein, dort, wo er niedergeschlagen worden war. Trotzig zog der Elf sein Messer. So w�rde er wenigstens mit einer Waffe in der Hand sterben.</p><p>Am Fu� des H�gels erschollen dutzende Kriegsh�rner. Es h�rte sich an, als gehe eine riesige Reiterschar zum Angriff �ber. Das Handgemenge hatte so viel Staub aufgewirbelt, dass man nur undeutlich sehen konnte, was dort geschah.</p><p>Eine riesige graue Hand legte sich vor Alvias auf die Seitenwand der Pritsche. Ein gro�er Kopf mit ger�teten Augen erschien. Als der Troll das Messer sah, grinste er breit. �Zu klein!�</p><p>Alvias wollte dem Mistkerl den Dolch in den Handr�cken rammen, doch ein leichter Sto� des Trolls holte ihn von den Beinen. Zwischen den vermeintlichen Toten erhob sich ein Kobold, der den Arm in einer Schlinge trug. Er richtete seine Armbrust auf den Angreifer. Mit scharfem Klacken zog er den Abzug durch. Ein Bolzen traf den Troll dicht �ber der Nasenwurzel in die Stirn. �Ein zu gro�es Ziel, um es zu verfehlen.�</p><p>Der Kobold lie� die Waffe sinken. Ihm zitterten die H�nde.</p><p>�Das war mein letzter Bolzen.� Alvias trat an die Seite des Sch�tzen. Es war derselbe, mit dem Melvyn sich vor Beginn der K�mpfe unterhalten hatte.</p><p>�Du bist Misht?�</p><p>Der Sch�tze grinste. �Als Hofmeister der K�nigin hat man wohl ein gutes Namensged�chtnis. Schade, dass die Trolle es gleich durch die Kutsche schmieren werden.�</p><p>Der Elf hob trotzig seinen Dolch. �Der erste Schmierfink sollte auf seine Finger Acht geben.�</p><p>�Mich musst du nicht mit solchen Spr�chen ermutigen�, murmelte der Kobold. �Worte sind allzu billig.�</p><p>Alvias atmete tief aus. �Ich glaube, das habe ich eher gesagt, um mir Mut zu machen. Manchmal hilft es, die eigene Stimme zu h�ren. Da scheint eine Reiterattacke im Gange zu sein. Glaubst du, die hauen uns hier heraus?� Der Kobold kletterte auf einen umgest�lpten Weidenkorb, um �ber die h�lzerne Seitenwand zu blicken. Auch er zog trotzig sein Messer. �Du solltest dir keine Hoffnungen machen, Hofmeister. Wir sind die letzten Reserven. Es gibt niemanden mehr zum Heraushauen, es sei denn, wir bekommen das selbst auf die Reihe.�</p><p>Alvias trat an Mishts Seite. Die K�mpfenden hatten sich wieder ein St�ck von den Wagen entfernt. Die H�rner klangen jetzt ganz nahe.</p><p>�Kentauren�, sagte der Kobold, als sei damit alles erkl�rt, was sich dort unten abspielte.</p><p>Alvias sah, wie einige Trolle vom H�gel fortliefen. Dann wurden es mehr. Der aufgewirbelte Staub raubte ihm die Sicht.</p><p>�Schirrt die Pferde an!�, rief ein Elf in verbeulter R�stung.</p><p>�Wir ziehen uns zur�ck.� Ersch�pfte Krieger kamen den Hang hinauf. Ihre Umh�nge hingen in Fetzen. Die R�stungen waren mit Staub und Blut bedeckt.</p><p>Eine Gruppe aus drei Kentauren und zwei Elfen kam den H�gel hinauf. Eine Elfenkriegerin mit kurzem, blondem Haar deutete zu Alvias und sagte dann etwas zu ihren Begleitern. Jetzt erkannte Alvias den F�rsten Elodrin. Der Heerf�hrer lenkte sein Pferd zum Fuhrwerk her�ber. �Ein ungew�hnlicher Ort, um dem Hofmeister der K�nigin zu begegnen.�</p><p>�Ich suche den Schwertmeister.� Alvias tastete nach dem ledernen Zylinder an seinem G�rtel. �Ich habe eine dringende Nachricht von der K�nigin f�r ihn.�</p><p>Elodrins Blick wurde h�rter. Die �brigen Krieger vermieden es, Alvias in die Augen zu sehen.</p><p>�Wo finde ich den Schwertmeister?� Der F�rst von Alvemer deutete auf das Schlachtfeld hinaus. �Irgendwo dort drau�en. Du kommst zu sp�t.�</p><p>�Kann mich jemand zu ihm bringen?�</p><p>�Verstehst du nicht?�, fragte Elodrin grob. �Er wird deine Botschaft nicht mehr lesen. Er ist tot.�</p><p>�Das muss ein Irrtum sein. Er ist der Schwertmeister! Er ...�</p><p>Alvias stockte. Er hob den ledernen Zylinder, der das Siegel der K�nigin trug. �Er ist doch ...�</p><p>�Einer meiner Krieger hat ihn sterben sehen�, sagte ein Kentaur mit silbernen Str�hnen in seinem Bart. Er k�mpfte darum, die Fassung zu wahren, und sprach schnell und abgehackt.</p><p>�Ein Veteran aus Phylangan. Er kannte Ollowain gut. Es ist ausgeschlossen, dass er sich irrte. Der Schwertmeister hat sein Pferd aufgegeben, damit die Gr�fin Caileen vom Schlachtfeld gebracht werden konnte. Die Trolle haben ihn umringt und niedergemacht. Er hat nicht einmal ...� Der Kentaur sch�ttelte den Kopf. �Es war mehr eine Hinrichtung als ein Kampf.� Alvias sah unschl�ssig den Lederzylinder an.</p><p>�Gib mir die Nachricht�, forderte Elodrin. �Bis wir Feylanviek erreichen, werde ich wieder das Kommando f�hren. Ich sollte wissen, was die K�nigin Ollowain mitzuteilen hatte.�</p><p>Der Hofmeister z�gerte. �Emerelles Befehl war eindeutig. Diese Nachricht ist allein f�r Ollowain bestimmt.�</p><p>�Bist du so schwer verletzt, dass du nicht mehr erkennst, was um dich herum geschieht?�, fragte der F�rst von Alvemer eisig.</p><p>�Du siehst hier ein Heer, das am Ende seiner Kr�fte ist. Jeden Augenblick kann sich unser halbwegs geordneter R�ckzug in eine wilde Flucht verwandeln. W�re Nestheus nicht gewesen, der mit seinen Kentauren den Trollen in den R�cken gefallen ist, w�rden auf diesem H�gel nur noch Leichen liegen. Wei�t du, dass es nur hundert Kentauren waren, die die Trolle vertrieben haben? Sie haben einen L�rm gemacht, als r�ckten alle Reiter der Steppe an. Sobald die Trolle bemerken, wie schwach wir sind, werden sie wieder angreifen. Deshalb r�umen wir den H�gel und werden uns so schnell wie m�glich zur�ckziehen. Ich muss wissen, welche dringende Nachricht Emerelle hat. Du wei�t, dass sie in die Zukunft sehen kann! Will sie uns vor einem Feind in unserem R�cken warnen? Gibt es einen Hinterhalt? Oder sind Verst�rkungen auf dem Weg zu uns? Willst du verantworten, dass noch mehr Krieger Albenmarks sterben, nur weil du dich an die Etikette h�ltst, Alvias?�</p><p>Die Argumente des F�rsten waren nicht von der Hand zu weisen. Und dennoch f�hlte sich Alvias wie ein Verr�ter an Emerelle und Ollowain, als er das Siegel des Zylinders brach und die Botschaft herausgleiten lie�. Er kannte die Handschrift der K�nigin gut, doch h�tte er nicht daneben gestanden, als sie die Botschaft verfasste, er h�tte nicht geglaubt, dass sie von Emerelle stammte. Die Schrift war fahrig, die Buchstaben stark geneigt und undeutlich.</p><cite><p>Verzeih mir, ich habe mich geirrt.</p><p>Gib auf dich Acht.</p><p>Komm zur�ck.</p><p>Lebe!</p></cite><p>Alvias atmete schwer aus. Dann zerriss er den Zettel. �Was hat sie geschrieben?�, dr�ngte Elodrin.</p><p>�Nichts, was jetzt noch eine Rolle spielte.� Der Hofmeister hatte gesehen, wie niedergeschlagen Ollowain gewesen war, als er den Thronsaal verlassen hatte. Er wandte sich an den Kentauren mit den silbernen Str�hnen im Bart. �Was, sagtest du, hat dein Krieger berichtet? Es sei mehr eine Hinrichtung als ein Kampf gewesen?�</p><p>Der Pferdemann nickte. �Ja. Offenbar hat der Schwertmeister nicht einmal versucht, sich zu verteidigen. Schon der erste Hieb hat ihn gef�llt. Er hat ...� Der Kentaur stockte. �Das war ... Ich...� Er konnte nicht mehr weiter sprechen.</p><p>�Stand etwas in der Nachricht, was sein Verhalten erkl�ren w�rde?�, fragte die blonde Kriegerin.</p><p>�Nein�, log Alvias.</p></section></section><section><title><p>Drittes Buch</p><p>Der Enthauptete</p></title><section><title><p>Das Schwert</p></title><p>�u�erst zufrieden polierte Nikodemus die Klinge seines neuen Schwertes. Er w�rde die Waffe nicht wirklich im Kampf benutzen k�nnen. Es war ein Elfenschwert und folglich viel zu gro� und schwer f�r einen Kobold. Aber eine Weile w�rde er es behalten. Allein, weil es so pr�chtig war. Er k�nnte es sich wie einen Zweih�nder auf den R�cken schnallen. Und wenn er sich entschied, es zu verkaufen, dann w�re er ein gemachter Mann. Obwohl ... Nein, es w�re unrecht, das Geld f�r sich zu behalten. Nicht, solange der Freiheitskampf seines Volkes nicht entschieden war. Die Drucke beim Schwarzen kosteten ein Verm�gen!</p><p>Doch heute war ein guter Tag f�r alle Unterdr�ckten! Auf dem Schlachtfeld lag ein Verm�gen. Aber die Trolle interessierten sich wie die Kr�hen nur f�r das Fleisch. �berall auf der Ebene und den H�geln brannten kleine Feuer. Der breite Buschstreifen am Bach, dort wo sich der Rudelf�hrer Brodgrim mit seinen M�nnern versteckt hatte, war fast v�llig gerodet. Die zerst�rten Streitwagen, Kleiderreste, sogar Knochen, alles wurde genutzt, um die Feuer zu sch�ren. �ber der ganzen Ebene hing der Duft nach gebratenem Fleisch.</p><p>Nikodemus schn�rte es die Kehle zu, wenn er daran dachte, was f�r Fleisch da gebraten wurde. Und morgen schon w�rden sie wandern m�ssen, um so viel wie m�glich von dem Fleisch zu den geheimen Vorratslagern zu bringen. Bei dem Gedanken daran schauderte es den jungen Kommandanten der Lutin. Bisher hatten sie nur B�ffelfleisch, Schweineh�lften, Mammutschinken und dergleichen in die Vorratskammern gebracht. Diesmal w�rde es anderes Fleisch sein ... Aber Gesch�ft war Gesch�ft! Elija hatte sich mit den Trollen eingelassen, und bei allem, was man �ber diese stinkenden Kannibalen auch �bles sagen mochte, sie hielten sich an ihr Wort.</p><p>Nikodemus betrachtete sich in der spiegelnden Schwert-</p><p>klinge. Er sah gut aus. Die feine lange Schnauze mit dem dichten roten Haar, die schmalen Lippen, auf denen keine einzige Warze wucherte, die spitzen, makellos wei�en Z�hne. Er freute sich darauf, bald wieder durch die Lande zu ziehen, um f�r die Sache der Rotm�tzen zu werben.</p><p>Verstohlen blickte er zu Ganda hin�ber. Kommandantin Schl�sselchen k�mmerte sich um einige der verwundeten Kobolde, die sie auf dem Schlachtfeld gefunden hatten. Es waren sehr wenige. Aber sie waren �u�erst dankbar! Den Kerlen war klar, was ihnen widerfahren w�re, wenn die Trolle sie gefunden h�tten. Hatte Elija sich erst mal ein paar Abende mit ihnen unterhalten, w�rden sie sicherlich treue Rotm�tzen werden.</p><p>Der Gedanke an seinen gro�en Bruder machte Nikodemus ein wenig eifers�chtig. Elija fiel immer alles zu. Er konnte reden, bis man nicht mehr wusste, wo einem der Kopf stand. Nie hatte Nikodemus erlebt, dass es seinem Bruder nicht gelungen w�re, einen Kobold von der Sache der Rotm�tzen zu �berzeugen. Es war Elija gewesen, der den Kommandanten Skorpion angeworben hatte und die Eiserne Kommandantin. Sie hatte ein schreckliches Ende genommen, die Eiserne. Und obwohl es hie�, sie und der Skorpion seien ein Paar gewesen, hatte sich der Kommandant ruhig verhalten.</p><p>Er h�tte das nicht getan, dachte Nikodemus. Wieder blickte er zu Ganda. Unglaublich, wie gut sie noch aussah! Dabei musste sie doch etwa genauso alt sein wie sein Bruder Elija. Er sah sie gern an. Das hatte er schon damals getan, als er noch ein Rotzl�ffel gewesen war. Sie hatte sich nichts dabei gedacht. Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal geahnt, dass er in sie fast genauso verliebt gewesen war wie in Liza.</p><p>Warum verliebte er sich nur immer in die Weiber, die nichts von ihm wissen wollten? Ach, Liza! Sie war jetzt irgendwo im Herzland. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, um dort im Untergrund f�r die Sache der Rotm�tzen zu streiten. Sich zu ihnen zu bekennen, war seit einer Weile nicht mehr ganz ungef�hrlich. Einige der Elfenf�rsten lie�en sie verfolgen. Er musste wieder an die Eiserne denken. Sie war eine M�rtyrerin geworden, eine Heldin. Ihren Namen w�rde man noch in hundert Jahren kennen.</p><p>Nikodemus blickte auf. Ganda schlenderte in seine Richtung. Wieso hatte sie sich nur sofort wieder Elija an den Hals geworfen? Der wusste mit den Weibern doch kaum etwas anzufangen!</p><p>Ein bisschen unheimlich war sie ihm mit ihrer silbernen Hand. Was sie in den Kerkern der Elfen wohl erlebt hatte? Ob es sehr unh�flich war, sie direkt danach zu fragen?</p><p>�Na, reiche Beute gemacht?�</p><p>Nikodemus legte das Schwert ins Gras und l�chelte etwas verlegen. �Es ist nicht gut, dass wir morgen schon wieder losziehen m�ssen. Hier liegt ein Verm�gen auf der Steppe.�</p><p>�Das wird auch noch dort liegen, wenn wir in ein paar Tagen zur�ckkommen. Aber das Fleisch muss fort. Ich verstehe zwar nicht ganz, was der Sinn dieses Gesch�ftes ist, aber den Trollen ist es sehr wichtig. Man muss wohl ein Troll sein, um zu begreifen, welchen Nutzen man von Vorratslagern hat, an die man gar nicht ohne weiteres herankommt.�</p><p>Nikodemus war in die Hintergr�nde dieses Gesch�ftes eingeweiht. Es hatte mit der Erschaffung der Einheitsfront zu tun, mit Trollen und Viehherden, die davonliefen, dem Winter, langen M�rschen, wunden F��en, leeren B�uchen und ... Hmmm. Vielleicht hatte er doch nicht den �berblick �ber alle Einzelheiten. Aber Ganda w�rde er nichts erz�hlen. Wenn Elija sie noch nicht eingeweiht hatte, dann hatte das gewiss einen Grund. Da w�rde er sich nicht einmischen.</p><p>�Ein Verm�gen liegt da auf der Steppe�, sagte er noch einmal.</p><p>�Und es ist nicht egal, ob wir es erst in einer Woche einsammeln. Die Waffen und R�stungen m�ssen gefettet werden. Das Zeug rostet sonst. Und wer wei�, wer sich hier heranmacht, wenn wir weg sind. Die Elfen haben sogar auf ihren R�stungen Edelsteine. Manche jedenfalls. Und du w�rdest gar nicht glauben, wie viele Bekloppte mit einer prallen Geldb�rse in die Schlacht ziehen. Wirklich, Ganda! Das ist ungeheuerlich. Statt das Geld bei ihrer Familie oder Sippe zu lassen, nehmen sie es mit, wenn es ans H�lse-Durchschneiden geht. Da wei� man doch nicht, ob es einen mal selber erwischt. Da kann man sein Geld ja gleich verschenken.�</p><p>�Ich sch�tze, die wenigsten Krieger machen sich so tiefsch�rfende Gedanken. Krieger wird man, weil man in seiner Sippe keinen Platz mehr hat.�</p><p>Nikodemus kratzte sich an der linken Augenbraue. Also, das klang ihm zu abf�llig. Krieger waren schon wichtig! Sie waren die Helden. Und jedes Volk brauchte Helden! �Ich finde, man wird auch dann Krieger, wenn man sich mit Leib und Seele seinen Idealen verschreibt, wie wir es getan haben. Wir sind eine ganze Sippe von Kriegern.� Er deutete zum Lager der Hornschildechsen. �Jeder dort w�rde ohne zu z�gern sein Leben f�r unsere Sache geben. Sogar die Echsen.�</p><p>Ganda grinste.</p><p>�Was ist daran so lustig, Kommandantin?� �Ich habe mir gerade vorgestellt, wie Mondkragen mit einer roten M�tze aussehen w�rde.� Ganda grinste noch breiter. �Sehr eindrucksvoll! Sie w�re eine prima Heldin im Kampf um die Einheitsfront der Koboldv�lker.�</p><p>Nikodemus versuchte sich an das Wort zu erinnern, das sein Bruder gebrauchte, um solche unbotm��igen Bemerkungen zu brandmarken. Def�tismus! Das war es. Hatte Ganda sich diesen seltsamen Humor zugelegt, um die Schrecken der Elfenkerker zu �berstehen? Bestimmt! Fr�her war sie nicht so gewesen ... Oder? Sie war so lange fort gewesen.</p><p>�Du solltest mich auf einer meiner n�chsten Reisen begleiten, Kommandantin. Es w�re sicher sehr hilfreich, wenn du von deinen Erlebnissen in den Elfenkerkern erz�hlen k�nntest. Du bist die einzige Kommandantin, die ihnen jemals entkommen ist. Wenn du den anderen Kobolden nur die Augen �ffnen k�nntest, welche Abgr�nde unter den sch�nen H�usern und Pal�sten lauern.�</p><p>�Ich glaube, daf�r bin ich nicht die Richtige.� �Du kannst nicht dar�ber reden, weil es so schlimm war, ja?�</p><p>�Genau.� Etwas an dem Tonfall, mit dem Ganda das sagte, gefiel ihm nicht. Aber wer f�nfzehn Jahre in einem Elfenkerker verschwunden gewesen war, hatte wohl das Recht, ein bisschen seltsam zu sein. Nikodemus nahm das Schwert und polierte noch einmal �ber die Klinge. Das Abendlicht spiegelte sich rot wie Blut im Elfenstahl. Welch eine wunderbare Waffe! Bestimmt war sie von Koboldschmieden gemacht! Ob sie wohl verzaubert war? Vielleicht wurde sie niemals stumpf? Oder sie konnte durch Eisen schneiden wie durch Butter? Oder wer die Klinge trug, war unverwundbar ... Nein, das war es wohl nicht. Unverwundbar hatte der Kerl bei Leibe nicht ausgesehen! �Wie viele Rotm�tzen gibt es eigentlich?�, fragte Ganda nach l�ngerem Schweigen.</p><p>�Tausende.� Nikodemus war stolz auf das, was sein gro�er Bruder geschaffen hatte. �Wir sind �berall. In den Elfenpal�sten geschieht nichts, wovon wir nicht Kenntnis h�tten. Unsere Spitzel sind �berall. Sogar einige Faune und Bl�tenfeen haben sich unserer Sache angeschlossen. Die Tage der Knechtschaft sind gez�hlt. Bald wird eine Zeit anbrechen, in der jeder nur noch nach seinen Taten beurteilt werden wird und nicht mehr nach dem Volk, in das er geboren wurde.�</p><p>�Ein wunderbarer Traum�, sagte die Lutin nachdenklich.</p><p>�Es liegt in unserer Hand, Tr�ume Wirklichkeit werden zu lassen, Ganda. Wir m�ssen es nur wollen.�</p><p>Die Kommandantin l�chelte traurig. �Ja, so einfach scheint die Welt. Aber es ist gut, einen Traum zu haben und ihn zu leben. Das ist ein kostbarer Schatz. Ich werde ihn dir nicht ...�</p><p>�Was hast du?� Ganda war pl�tzlich erstarrt, als habe sie eine Viper gesehen. �Ganda?�</p><p>�Das Schwert! Woher hast du das?�</p><p>�Eine wunderbare Waffe, nicht wahr? Ich bin sicher, sie hat einem F�rsten geh�rt und ist ein Verm�gen wert.�</p><p>�Woher hast du das Schwert?�</p><p>Ganda war v�llig aus dem H�uschen geraten. Nikodemus konnte sich nicht erinnern, sie jemals so aufgeregt gesehen zu haben. Was hatte sie jetzt schon wieder? �Dort dr�ben, wo sich das Felskliff zwischen H�geln erhebt, habe ich es gefunden.� Er kramte in seinen Hosentaschen. �Ich habe dort auch eine wundersch�ne Brosche gefunden und goldene M�nzen, die an einem Pferdegeschirr hingen, und ...�</p><p>Ganda schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab.</p><p>�Bring mich dort hin! Sofort!�</p><p>�Aber es wird gleich dunkel und ...�</p><p>Die Lutin packte ihn mit ihrer Silberhand. Nikodemus keuchte auf. Sie packte zu wie ein Troll. Fast h�tte sie ihm die Hand zerquetscht. �Ist schon gut, ist schon gut. Ich bringe dich hin. Ist ein ganzes St�ck Fu�marsch.�</p><p>Der Weg �ber das Schlachtfeld war dem Lutin unangenehm. Er hatte schon oft Tote gesehen, wenn auch noch nie ann�hernd so viele. Die Hitze lie� die Leiber aufquellen. Mit den toten Kentauren war es am schlimmsten. Ihre Beine standen stocksteif ab, und manchmal zuckten sie oder die Kadaver furzten.</p><p>Die Heerscharen von Raben lie�en Nikodemus kalt. Sie waren �berall, und obwohl der Tisch so �berreichlich f�r sie gedeckt war, stritten sie immer noch um die besten Happen. Was dem Lutin jedoch zusetzte, waren die Fliegen. Wie schwarzer Nebel standen sie in der Luft, wenn sie von den Leichen aufstiegen. Sie waren so zahllos wie die Grashalme der Steppe. Und sie behelligten auch die Lebenden. Krochen einem �bers Gesicht, wollten in die Augenwinkel und Nasenl�cher. Und Nikodemus konnte sich nur zu gut vorstellen, wo diese gro�en, schillernden Fliegen erst vor ein paar Augenblicken noch gesessen hatten.</p><p>�berall streiften Trolle umher und suchten nach Fleisch f�r ihre Feuer. Nikodemus sah weg, wenn sie sich mit ihren Steinklingen �ber einen Kadaver beugten. Es machte ihm nichts aus, einem frisch erlegten Kaninchen das Fell abzuziehen und es auszuweiden. Im Gegenteil. Er dachte dabei an den Braten oder den Fleischeintopf, den es bald geben w�rde. Aber das hier war etwas anderes ...</p><p>Endlich erreichten sie die Klippe. Er ging ein St�ck weiter bis zur Ruine. Die Sonne war im Westen hinter den Fl�geln verschwunden und hatte den Himmel in rote Glut getaucht. Bald fand er den Ort, an dem das Schwert im Boden gesteckt hatte. Er rammte es zwischen die trockenen Grasb�schel. Das Gewicht des Griffs lie� die Waffe leicht zur Seite kippen. Ein St�ck entfernt erhob sich ein verfallener Fensterbogen.</p><p>Ganda sah sich suchend um. Sie betrachtete eingehend die Toten, die um einen Streitwagen lagen, suchte nach Spuren im Gras und ging dann langsam in Richtung der Klippe. Pl�tzlich begann sie zu laufen.</p><p>�Was hast du denn, Kommandantin?� Es war Nikodemus ein R�tsel, warum sie sich so seltsam auff�hrte. Hatte das Schwert vielleicht einem ihrer Folterknechte geh�rt? Und wenn ja, warum wollte sie ihn finden? Oder ging es nur darum, ihn tot zu sehen? Vielleicht war sie auch wahnsinnig geworden. Er hatte schon von Irren geh�rt, die einem die meiste Zeit �ber ganz normal erschienen, bis sie aus heiterem Himmel anfingen, die verr�cktesten Dinge zu tun.</p><p>Er folgte ihr mit ein wenig Abstand. Es war seine Pflicht, Elija davon zu erz�hlen. Er sollte das wissen, bevor er Ganda befahl, ihnen und der Herde einen Weg durch das goldene Netz zu suchen. Ihn packte kalte Wut auf die Elfen, die Ganda so sehr ver�ndert hatten.</p><p>�Nikodemus, schnell!� Sie war auf die Knie gesunken. Vor ihr lag ein Elfenritter im hohen Gras. Er trug einen pr�chtigen Brustpanzer und einen wei�en Umhang. Der Kerl musste ein F�rst gewesen sein. Aber jetzt war er nur noch ein St�ck totes Fleisch. Der Brustpanzer war zerbeult und voller Blut, die Kleider zerrissen. Der ganze K�rper war eine einzige Wunde. Und sein Helm! An einer Seite war er so tief eingebeult, dass Nikodemus seine Faust h�tte hineinlegen k�nnen.</p><p>�Was tust du hier, du verdammter Mistkerl! Warum bist du nicht bei deiner K�nigin und studierst mit ihr das Buch? Wieso liegt dein Schwert an einem ganz anderen Ort als du?� Ganda machte sich mit bebenden H�nden am Kinnriemen des Helms zu schaffen. In einem pl�tzlichen Wutausbruch hieb sie dem Elfen mit der Faust auf die Brust. �Los, atme! Denkst du, ich bin dir etwas schuldig, weil du an meinem Lager gesessen hast? Ich bin eine Lutin. Wir sind L�gner und Diebe! Schulden kennen wir nicht! Bilde dir nicht ein, dass du mir leid tust!� W�hrend sie das sagte, standen ihr Tr�nen in den Augen.</p><p>�Komm, Ganda.� Nikodemus legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. �Wir sollten jetzt gehen. Du kannst nichts f�r ihn tun.�</p><p>�Lass mich!� Wieder und wieder schlug sie dem Elfen auf die Brust. Dabei redete sie ohne Unterlass auf ihn ein.</p><p>Schlie�lich schaffte sie es sogar, den Helmriemen zu l�sen.</p><p>�Los, hilf mir!�, herrschte sie Nikodemus an.</p><p>Irgendjemand hatte ihm einmal erkl�rt, man solle Verr�ckte in ihrem Wahn gew�hren lassen. Also kniete er sich neben ihr nieder. Und er verkniff sich, ihr zu sagen, was er von dem ganzen Unsinn hielt.</p><p>Vorsichtig drehten sie den Helm hin und her. Endlich bekamen sie ihn mit einem Ruck ganz gel�st. Eine blutige Masse quoll ihnen entgegen. Nikodemus musste sich abwenden. Ihm war spei�bel.</p><p>�Das sind nur die Haare�, murmelte Ganda. �Stell dich nicht so an.� Vorsichtig tastete sie �ber den Sch�del des Elfen.</p><p>Ganz gleich, was die Kommandantin auch sagte, er mochte den Kerl nicht anschauen. Sein Gesicht schien irgendwie verrutscht zu sein. Warum lie� sie diesen verdammten Toten nicht einfach in Ruhe? Sollten ihn sich doch die Trolle holen!</p><p>�Geh zur�ck zum Lager und hol jemanden, der uns hilft, ihn zu tragen!�</p><p>�Was? Komm, Ganda. Er ist tot. Wir lassen ihn einfach hier liegen.�</p><p>�Du holst jetzt Hilfe!�, schrie sie ihn an. Ihre Augen funkelten im Wahn.</p><p>�Gut.� Nikodemus hob beschwichtigend die H�nde. �Ich hole jemanden.� Elija w�rde sich wohl nicht gerade nachsichtig zeigen, wenn er von all dem erfuhr. Es warf ein schlechtes Licht auf die Sache, wenn eine ihrer ber�hmtesten Kommandantinnen eine Irre war. Man w�rde eine L�sung finden m�ssen, dachte Nikodemus beklommen. Dabei hatte er Ganda immer gemocht. Verfluchte Elfen! Es war ihre Schuld. Sie hatten den Verstand der Kommandantin zerst�rt. H�tte er nur nicht das verdammte Schwert gefunden. Vielleicht w�re der Wahn niemals ausgebrochen.</p><p>Traurig ging Nikodemus zum Lagerplatz zur�ck. Sie hatten Ganda am selben Tag schon wieder verloren, an dem sie zur�ckgekehrt war.</p><p>Der Lutin kn�pfte seine Weste zu. Es war kalt geworden. Nicht weit von der Ruine sah er drei wei�e Pferde �ber das Schlachtfeld irren.</p></section><section><title><p>Das grosse Sterben</p></title><p>Die Bestie hatte es gesp�rt. Zur Mittagsstunde hatte es begonnen. Die Kreatur, mit der sie eins geworden waren, wollte fort vom Meer, und bald hatte er sich ihr f�gen m�ssen. Sein Wille w�re stark genug, sich ihr zu widersetzen. Aber sie hatte seine Schwachstelle gefunden. Die Bestie w�rde eine seiner Schwestern und einen der Br�der t�ten, mit denen sie gemeinsam in diesem Leib verschmolzen waren, wenn er nicht gehorchte. Sie weidete sich an seinen Gewissensqualen. Gestern erst hatte sie eine Gruppe junger Nixen gejagt und get�tet. Kinder! Hinterher hatte das Ungeheuer ihm erkl�rt, es habe das um seinetwillen getan. Weil er dabei so wunderbar gelitten h�tte.</p><p>Und nun waren sie hier.</p><p>Sebastien versuchte seine Seele vor dem zu verschlie�en, was er sah. Es war seine Aufgabe, einen Krieg zu entfesseln, der Albenmark und all seine Bewohner verschlingen w�rde. Heute war er zum Zeugen des Auftakts zu diesem Gemetzel geworden. Das Ungeheuer in ihm hatte ihn �ber hunderte von Meilen bis auf diese sonnenverbrannte Ebene gebracht. Wie weit sie vom Meer entfernt waren, konnte er nicht wirklich sch�tzen. Ihr Leib war nicht denselben Gesetzen unterworfen wie andere K�rper. Er glitt schneller als der Wind �ber das Land.</p><p>Sebastien hatte nicht verstanden, wie das Tier es anstellte, sich so schnell zu bewegen. Vielleicht allein kraft seiner Gedanken? Er wusste es nicht zu sagen.</p><p>Zun�chst schwebten sie wie ein Bussard hoch �ber dem Schlachtfeld und schauten. Die Bestie hatte Freude daran, dem gro�en Sterben beizuwohnen. Zu beobachten, wie Lebenslichter verzweifelt gegen das Verl�schen ank�mpften.</p><p>Auch Sebastien war vom Anblick der Schlacht ganz gefangen genommen. Von dem vernichtenden Angriff, den die Pferdem�nner und die Elfen vortrugen. Er war selbst einmal Krieger gewesen. So lange war das her ... Aber eine Schlacht wie an diesem Tag hatte er noch nie gesehen. Die Trolle hatten einen au�ergew�hnlichen Glauben an dieses alte Weib und den Jungen. Wo immer die beiden erschienen, sammelten sich ihre Truppen wieder. Eigentlich h�tte ihr Heer an diesem Tag vernichtet werden m�ssen. Aber die beiden hatten das Ruder noch einmal herumgerissen.</p><p>Sebastien war so abgelenkt, dass er nicht sagen konnte, wann die anderen beiden Geisterw�lfe erschienen waren. Sie verharrten ganz in ihrer N�he am Himmel. Aber sie starrten nicht hinab. Die drei verst�ndigten sich miteinander. Es war mehr ein Gef�hl als eine Gewissheit; Sebastien konnte nicht sagen, wie sie es taten, aber die Bestien hielten einen Kriegsrat miteinander ab. Er sp�rte, dass das Ungeheuer, mit dem er in einem K�rper gefangen war, eine wilde Freude empfand. Und das tat es f�r gew�hnlich nur, wenn es t�ten und qu�len konnte.</p><p>Zu dritt stiegen die Geisterw�lfe vom Himmel hinab. Sie streiften �ber das Schlachtfeld und naschten Leben. Bevorzugt t�teten sie jene, die noch Hoffnung hatten. Leicht Verletzte, die aber nicht aus eigener Kraft gehen konnten. Jene, denen noch zu helfen war und die das auch wussten. Die Sterbenden k�mmerten sie nicht.</p><p>Die Art, wie die drei W�lfe sich verhielten, erinnerte Sebastien an einen Stadtvogt, den er als Kind einmal beobachtet hatte. Der Mann war auf einen gro�en Wochenmarkt gekommen und von Stand zu Stand geschlendert. �berall hatte er sich etwas genommen. Es war Erntezeit gewesen. Hier hatte er ein paar Pflaumen genascht, dort eine Birne, von der er nur zwei Bissen genommen hatte, bevor er sie fortwarf. Und niemand hatte etwas gesagt! Das war wahre Macht, hatte er sich in seiner kindlichen Einfalt gedacht, und er hatte sich gew�nscht, so m�chtig zu werden wie dieser Vogt.</p><p>Manche W�nsche wurden unseligerweise erf�llt, dachte der Abt bitter. Zuerst hatte er Sorge, dass die Waffen oder die Magie der Elfen ihnen etwas anhaben k�nnten. Er war zu Tode erschrocken, als ein Krieger ihnen ein Langschwert durch den Leib stie�. Sebastien sp�rte die Waffe, aber sie richtete keinen Schaden an. Einen j�mmerlichen Augenblick lang hatte selbst er Gefallen ander Todesangst im Blick des Elfen, nachdem der Angriff fehlgeschlagen war. Der Abt bereute es aufrichtig, seiner Seele diesen Makel zugef�gt zu haben. Er war eine j�mmerliche Gestalt!</p><p>�Du liebst es einfach, dich selbst zu gei�eln�, verh�hnte ihn die Stimme der Bestie. �W�hrend ich es liebe, anderen Leid zuzuf�gen. Wir erg�nzen uns gut in unseren Unzul�nglichkeiten. Deine Qual ist mir ein nie versiegender Quell der Freude, Sebastien. Deshalb werde ich dich noch immer in mir dulden, wenn ich all die anderen winselnden Seelen, mit denen wir diesen Leib teilen, schon l�ngst verschlungen haben werde.�</p><p>Sebastien w�nschte sich von ganzem Herzen, dass er einen Weg f�nde, sich vor dieser Stimme zu verschlie�en. Er sah zu den anderen Geisterw�lfen. Waren dort Seelen wie seine, gefangen in h�chster Not? Konnten sie ihn h�ren? Er erhielt keine Antwort.</p><p>Wir sollten fort von hier, dachte der Abt schlie�lich entt�uscht. Wir haben eine Aufgabe!</p><p>�Genie�t ihr Menschen denn niemals die Fr�chte eurer Arbeit? Das hier ist es, woran wir so hart arbeiten. Und es ist erst der Auftakt! Uns erwarten brennende St�dte. Endlose Fl�chtlingsz�ge, zehntausendfacher Tod. Wir sind wie Chorleiter, die einen tausendstimmigen Chor dirigieren. Und jede Stimme schreit in Todesqual. Freust du dich auf das Lied, das �ber ganz Albenmark erklingen wird? Du musst es doch genie�en! Die Elfen haben euren heiligsten Priester ermordet. Und dich haben Tjured und Bruder Jules ausgew�hlt, zum Schwert der g�ttlichen Rache zu werden. Warum h�re ich dich nicht in einem fort vor Freude jauchzen? Bist du deinem Gott Tjured untreu geworden?�</p><subtitle>Ein Heer zerbricht</subtitle><cite><p>�... Schon am Abend nach der Schlacht wurde offenbar, dass die Verluste am Mordstein weit weniger hoch waren, als es zun�chst den Anschein gehabt hatte. Die versprengten Einheiten fanden langsam wieder zueinander. Ruhelos eilten die Hauptleute die lange Marschs�ule im Flussbett entlang, erstellten Verlustlisten und versuchten ihre Einheiten wieder zusammenzuf�hren.</p><p>F�rst Elodrin von Alvemer hatte den Oberbefehl wieder an sich gezogen, und niemand unter den Verb�ndeten machte ihm diese Position streitig. Doch schon am ersten Abend des R�ckzugs kam es zu einer Auseinandersetzung mit Hauptmann Melvyn. Entgegen aller Befehle zog er sich mit den Schwarzr�ckenadlern zur�ck. Erst viel sp�ter erfuhr ich, dass er das Schlachtfeld nach unserem verlorenen Feldherrn absuchte. Wir alle wussten, was mit unseren Toten geschehen w�rde. Melvyn war der Gedanke daran, dass die Leiche Ollowains in die H�nde der Trolle fallen w�rde, unertr�glich. Die ganze Nacht und einen guten Teil des n�chsten Tages suchten sie nach ihm. Es kam wohl auch zu einigen Scharm�tzeln mit den Trollen. Doch den Feldherrn fanden sie nicht. Und der Bruch zwischen Melvyn und Elodrin war nur der erste Riss in dem zerbrechlichen Gef��, zu dem das Heer von Feylanviek geworden war. Melvyn und seine M�nner wurden vom Heer ausgeschlossen, obwohl sie doch unsere Augen h�tten sein sollen.</p><p>Milit�risch gesehen war es wohl ein Sieg, was wir in der Schlacht am Mordstein erlangten. Die Trolle hatten tausende Krieger verloren, wir letzten Endes nur ein paar hundert. Ihr Feldzug in das Windland war um Monde verz�gert worden, wie sich sp�ter zeigen sollte. Doch was hilft ein Sieg, den niemand sieht? Mit dem Tod Ollowains war die Moral unseres Heeres zerbrochen. Sieger lassen ihre Toten und Verwundeten nicht auf dem Schlachtfeld zur�ck, hie� es unter den einfachen Kriegern. Sieger fl�chten nicht wie verpr�gelte Hunde. Siegern hat man nicht das Herz herausgeschnitten, denn nicht weniger war Ollowain f�r uns gewesen. Er war das Herz des Heeres, mehr noch als sein Kopf.</p><p>Die wenigen Tage, die der Schwertmeister uns gef�hrt hatte, hatten Elodrins Unzul�nglichkeiten noch st�rker hervorgehoben. Der F�rst von Alvemer ist ein k�hler Taktiker. Er kennt den Krieg, und er formte aus dem schwer angeschlagenen Heer, welches das Schlachtfeld am Mordstein verlie�, in den sechs Tagen des R�ckzugs wieder eine Truppe, die in ordentlichen F�nferreihen zur Siegesparade �ber die Hauptstra�en von Feylanviek zog. Wahrscheinlich hatte er zu viel Verstand, um die Herzen der Krieger zu ber�hren. Bald verlie�en uns die Minotauren, um ihre geheimen Rituale f�r die Herbstmonde in ihren heimatlichen Bergen vorzubereiten. Und nicht viel sp�ter gingen auch die Kentauren, denn es war an der Zeit, die Herden auf die Winterweiden zu treiben, und in den St�mmen der Steppe wurde jeder Mann gebraucht. Doch vorher gab es noch die Totenfeier. Jenes Fest, auf dem auch das br�chige B�ndnis der St�mme des Windlands zu Grabe getragen wurde....�</p><text-author>Vom <emphasis>Krieg mit den Trollen</emphasis>,</text-author><text-author>von: Caileen, Gr�fin zu Dorien,</text-author><text-author>Talsiner Goldschnittausgabe, s. 759</text-author></cite></section><section><title><p>Ein Fr�hlingstag in den Bergen</p></title><p>Kadlin lehnte sich gegen den warmen Fels und blickte den Hang hinab. Bj�rn war ein gutes St�ck hinter ihr zur�ckgeblieben. Er hatte einen hochroten Kopf und schnaufte wie ein alter Elchbulle. Wenn er nicht auf seinem Pferd sa�, bewegte er sich kaum schneller als ein fu�krankes Murmeltier. Und bei dem L�rm, den er machte, brauchte sie nicht darauf zu hoffen, dass sie auch nur eine Felsmaus stellen w�rde, so lange er in der N�he war. Er mochte ja ein guter Bogensch�tze sein, aber ein guter J�ger war er nicht! Und wenn die Windb�e nicht gewesen w�re ... Dass sie im Bogensch�tzenturnier gegen ihn verloren hatte, �rgerte sie noch immer. Bj�rn lie� auch keine Gelegenheit aus, sie darauf hinzuweisen, dass er der bessere Sch�tze war. Manchmal war er eine rechte Plage! Sie h�tte ihn nicht mitnehmen sollen. Alleine kam sie viel schneller voran! Eirik hatte den gr��ten Teil der J�ger ausschw�rmen lassen, nachdem ihr Heerzug aus Kriegern und Arbeitern den Pass erreicht hatte, auf dem die neue Festung erbaut werden sollte. Bis zum Einbruch des Winters sollten sie weit abseits des Bauplatzes jagen, damit es noch Wild in der N�he der neuen Burg gab, wenn der erste Schnee kam und lange Jagdausfl�ge zu beschwerlich wurden. Auch sollten sie sich mit dem Gel�nde vertraut machen und sich an die d�nne Luft in den Bergen gew�hnen. Eirik hatte seine J�ger in Trupps von zwei bis drei Mann aufgeteilt. Grinsend dachte Kadlin daran, was f�r ein Gerangel es darum gegeben hatte, wer mit ihr losziehen durfte. Ihr Plan, einen netten Kerl zu finden und vielleicht im n�chsten Winter Hochzeit zu feiern, w�rde wohl aufgehen.</p><p>Kadlin hatte den Verdacht, dass Bj�rn seine hohe Geburt ausgespielt oder Eirik mit einer Hand voll M�nzen bestochen hatte. Dass ausgerechnet er mit ihr losgeschickt wurde, hatte Kadlin �berrascht. Eigentlich geh�rte Bj�rn ja eher zu den Kriegern als zu den J�gern, obwohl er ein sehr guter Bogensch�tze war.</p><p>Kadlin war gerne mit ihm zusammen. Es fiel ihm leicht, sie zum Lachen zu bringen. Wenn er nur ein bisschen �lter w�re. Grinsend blickte sie zu ihm hinunter. Er hatte sich hoffnungslos �berladen. Au�er seinem Bogen, dem K�cher mit den Pfeilen und einem Jagdmesser hatte er auch noch eine Saufeder mit breiter Klinge mitgenommen. Dazu eine Decke, zwei Wasserschl�uche und einen Proviantsack, der ausgereicht h�tte, eine Familie mit zehnk�pfiger Kinderschar �ber den Winter zu bringen. Kadlin selbst trug nicht einmal halb so viel. An Proviant hatte sie au�er etwas Brot und K�se und ein bisschen Salz nichts dabei. Sie waren schlie�lich J�ger. Wenn sie es nicht schafften, sich ein Essen zu schie�en, dann hatten sie es auch verdient, am Abend mit leerem Magen am Feuer zu sitzen.</p><p>Als Bj�rn sie endlich eingeholt hatte, st�tzte er sich schwer schnaufend auf den Felsen, an dem sie lehnte. Sein Gesicht war nass von Schwei�.</p><p>�Brauchst du eine Rast?�, fragte sie, obwohl sie genau wusste, was er darauf antworten w�rde.</p><p>�Sehe ich so aus?�, stie� er japsend hervor. �Ich bin absichtlich langsamer gegangen, damit du hier ein bisschen verschnaufen kannst. Ich bin doch kein M�dchen, das alle paar hundert Schritt eine Pause braucht.�</p><p>�Du siehst in der Tat mehr wie ein Packesel als wie ein M�dchen aus.� Sie nahm den Bogen und deutete den Hang hinauf.</p><p>�Dort oben, dicht unter der Baumgrenze, ist eine Schneise zwischen den Kiefern. Wahrscheinlich ein Windbruch. Dort finden wir sicher einen guten Lagerplatz, was meinst du?�</p><p>�Sicher.�</p><p>Ganz offensichtlich hatte Bj�rn nicht mehr genug Puste, um einen anderen Vorschlag zu machen. Die Schneise war mehr als eine Wegstunde entfernt. Kadlin �berlegte, ob es nicht kl�ger w�re, noch ein wenig stehen zu bleiben und zu plaudern, damit der Junge wieder zu Atem kam. �Ganz sch�n hei� heute.�</p><p>�Nicht besonders.�</p><p>Er sagte das und fuhr sich mit dem �rmel �ber die schwei�nasse Stirn. Bl�dmann! �Dann hast du dir wohl nur etwas Wasser aus deinem Trinkschlauch ins Gesicht gespritzt.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Jetzt verstehe ich, warum du zwei Wasserschl�uche tr�gst. Aus einem trinkst du, und den anderen benutzt du, um dich gelegentlich zu erfrischen.�</p><p>�Richtig.�</p><p>Langsam wurde sie w�tend. Wie konnte man nur so schamlos l�gen! �Wo du so gut erfrischt bist, k�nntest du ja jetzt vorneweg laufen. Ich w�rde auch vorschlagen, dass wir einen Schritt schneller gehen. Dort oben soll es irgendwo einen kleinen See geben. Etwas schwimmen zu gehen w�re angenehm, nicht wahr?� Bj�rn wurde noch etwas r�ter. Ob er sich sch�mte, sich ihr nackt zu zeigen? Vielleicht konnte er auch nicht schwimmen. Pl�tzlich grinste er frech. Er sah eigentlich gar nicht schlecht aus. Wenn er nur nicht so verdammt jung w�re!</p><p>�Es ist nicht klug, erhitzt ins Wasser zu steigen.� Er war immer noch kaum bei Puste und sprach stockend. �Au�erdem gehe ich gerne hinter dir und sehe mir deinen Hintern an. So wie du damit wackelst, wei�t du das auch.� Kadlin unterdr�ckte den Impuls, ihm eine Ohrfeige zu geben. Nicht, weil er sie nicht verdient h�tte, sondern weil sie sich nicht eine solche Bl��e geben wollte. �Na, dann halt dich mal ran, sonst hast du meinen Allerwertesten schnell aus den Augen verloren.�</p><p>Mit weiten Schritten eilte sie dem Wald entgegen. Sie �rgerte sich dar�ber, dass seine Worte sie so aufgebracht hatten. So ein bl�der Hund! Er w�rde noch darum betteln, dass sie ihm etwas von seinem Gep�ck abnahm. Als ob sie absichtlich mit dem Hintern wackeln w�rde! Was bildete der sich ein! Wenn man ging, bewegte sich nun einmal der Hintern. Das lie� sich nicht vermeiden. Sie und mit dem Hintern wackeln! Hielt er sie f�r eines von den M�dchen, die alle Scham verga�en, weil sie einen Mann abbekommen wollten? Wenn er das von ihr dachte, dann w�rde er sie kennen lernen! Dieser Bursche sollte erst einmal trocken hinter den Ohren werden! Der hatte sicher noch nie bei einer Frau gelegen. Au�er zu pissen, wusste er mit dem Ding zwischen seinen Beinen wahrscheinlich noch gar nichts anzufangen. H�tte sie sich blo� nicht darauf eingelassen, ausgerechnet mit ihm loszuziehen. Was hatte sie nur geritten, als sie zugestimmt hatte? Sie blickte �ber die Schulter. Bj�rn hatte ganz offensichtlich M�he, auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Und er glotzte ihr tats�chlich auf den Hintern! Kadlin ging stocksteif weiter. Bj�rns begehrliche Blicke hatten sie aus der Fassung gebracht. Vielleicht war er ja doch schon mehr Mann, als sie wahrhaben wollte. Sein frecher Spruch hatte sie ge�rgert. Sie fand ihren Hintern viel zu schmal. Er sah aus wie bei einem Knaben. Ihre Schwester hatte sie immer deshalb aufgezogen. Silwyna hatte �ppigere Formen. Deshalb hatte sie ja ihren Fischer, obwohl sie zwei Jahre j�nger war. Sie sah eben aus, wie ein Weib aussehen sollte.</p><p>Kadlin sah noch einmal fl�chtig zur�ck. Bj�rn starrte ihr immer noch hinterher. Ganz sch�n schamlos! Sie l�chelte und entspannte sich etwas. Dann betonte sie bewusst ihren H�ftschwung, w�hrend sie weiterging. Sollte er nur schauen! Wenn sie oben im See badete, w�rden ihm wahrscheinlich die Augen aus dem Kopf fallen. Gut, sie hatte auch zu kleine Br�ste. Aber wenn sie ihr Haar offen trug, w�rde er das erst einmal nicht bemerken. Und er mochte ihren Hintern! Ein Herzogssohn!</p><p>Gut gelaunt trat Kadlin in den Kiefernwald. Es duftete wunderbar nach Harz und frischem Gr�n. Das dicke Polster aus Kiefernnadeln lie� ihre Schritte federn und d�mpfte jedes Ger�usch. Es war, als gleite man schwerelos dahin. Sie lief etwas langsamer, damit Bj�rn sie nicht aus den Augen verlor. Ob er wohl schon einmal bei einer Frau gelegen hatte? Sein Vater war ein ziemlich grober Klotz. Vielleicht hatte er eine der M�gde ins Bett seines Sohnes geschickt, damit aus dem Jungen ein richtiger Mann wurde. Bj�rn war anders als Lambi. Vor allem konnte man ihm ins Gesicht sehen, ohne eine G�nsehaut zu bekommen. Der alte Herzog sah mit seiner halb abgeschnittenen Nase zum F�rchten aus!</p><p>Kadlin dachte an ihren eigenen Vater. Kalf war geradezu erleichtert gewesen, als sie mit Bj�rn losgezogen war. Er schien den Jungen zu m�gen. Und er hatte ein gutes Auge f�r Menschen. Warum er allerdings den K�nig stets mied, war ihr ein R�tsel. Man h�rte nur Gutes �ber Alfadas. Dennoch wurde Kalf immer ganz unruhig, wenn er in der N�he war.</p><p>Kadlin fr�stelte es. Unter den B�umen war es doch recht k�hl. Weiter oben am Hang konnte sie in den Schattenlagen sogar noch Schneeflecken sehen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, schwimmen zu gehen. Das Wasser in dem Bergsee war sicher eisig.</p><p>Sie verdr�ngte die Gedanken und versuchte eins zu werden mit dem Wald. Seit sie laufen konnte, war sie mit Kalf auf die Jagd gegangen. Ihr Vater hatte ihre Sinne gesch�rft. Sie wusste, dass es sich nicht lohnen w�rde, der Rentierspur zu folgen, die ein paar Schritt weiter verlief. Sie war �lter als f�nf Stunden. Die Aussichten, das Tier noch einzuholen, waren gering. Ihr entgingen auch die flachen Furchen im Teppich aus Kiefernnadeln nicht. Jene Wege, die Kleintiere hinterlassen hatten, die zwischen Verstecken und m�glichen Futterpl�tzen immer wieder demselben Pfad folgten.</p><p>Sie beobachtete ein Eichh�rnchen, das hektisch im weichen Boden w�hlte und nach den Kiefernzapfen suchte, die es im letzten Jahr verborgen hatte. In der Ferne h�rte sie das rhythmische H�mmern eines Spechts. Andere V�gel bemerkte sie nicht. Wahrscheinlich wurden sie alle von dem zweibeinigen Packesel vertrieben, der ihr noch immer beharrlich folgte.</p><p>Fast eine Stunde war Kadlin im Wald unterwegs, als sie eine gro�e Barriere aus gest�rzten B�umen erreichte. Riesige Felsbrocken ragten zwischen den zersplitterten St�mmen auf. Eine Lawine hatte eine breite Schneise in den Wald geschlagen.</p><p>Die J�gerin machte einen Bogen um das Hindernis. Der Ort eignete sich bestens f�r ein Lager. Zwischen den St�mmen und �sten w�rde man leicht einen windgesch�tzten Platz finden. Vielleicht sogar eine H�hle, die so eng war, dass man gar keine andere Wahl hatte, als sich n�her zu kommen, wenn man dort Unterschlupf suchte. Sie dachte an die N�chte des letzten Sommers, an das ungest�me Liebesspiel mit dem Fischer, und eine wohlige W�rme stieg zwischen ihren Schenkeln in den Bauch hinauf.</p><p>Der Hang jenseits des Kiefernbruchs war verw�stet. Mannshohe Wurzelstr�nke ragten aus dem aufgerissenen Boden. Ger�ll und klaffende L�cher machten es schwierig, hier einen Weg zu finden. Ein St�ck den Hang hinauf beobachtete sie eine Gruppe Hasen. Pl�tzlich verharrten die Tiere. Kadlin hatte sich vorsichtig bewegt, und der Wind blies ihr entgegen. Eigentlich konnten die Hasen sie nicht bemerkt haben. Sie suchte am Himmel nach dem Schattenriss eines Greifvogels, doch da war nichts.</p><p>Dann h�rte sie einen Ast brechen. Etwas bewegte sich in einem Dickicht aus B�schen und Brombeergestr�pp etwa hundert Schritt entfernt. Die Hasen sprangen auf und waren binnen weniger Herzschl�ge verschwunden.</p><p>Wieder krachte ein Ast. Das Ger�usch klang unheimlich laut im stillen Wald. Das H�mmern des Spechtes war verstummt. Kadlin zog die Sehne auf ihren Bogen und nahm einen Pfeil aus dem K�cher an ihrer H�fte. Sie hatte das Gef�hl, dass dort oben jemand absichtlich L�rm machte. Das war gewiss kein Tier! Jemand wollte sie anlocken.</p><p>Die leichte Brise erstarb. Der Wald lag totenstill. Sie h�rte nicht einmal mehr das Schnaufen von Bj�rn. Doch den hatte sie ein gutes St�ck hinter dem Kiefernbruch zur�ckgelassen. Wahrscheinlich nutzte er die Gelegenheit, aus ihrem Blickfeld zu sein, und hatte eine kleine Pause eingelegt.</p><p>Die feinen H�rchen in Kadlins Nacken str�ubten sich. Sie wurde beobachtet! Ein unangenehmer Geruch lag in der Luft. Es stank nach Aas. Der Kiefernduft �berdeckte den Aasgestank fast. Er war mehr Ahnung als Gewissheit.</p><p>Mit zusammengekniffenen Augen sp�hte sie hinauf zu dem Brombeerdickicht. Ein scharfer Knall hallte �ber die Waldschneise. Jemand hatte einen dicken Ast zerbrochen.</p><p>Pl�tzlich erklang hinter ihr ohrenbet�ubendes Gebr�ll. Sie fuhr herum und riss den Bogen hoch. Aus dem Chaos zersplitterter St�mme brach ein Schneel�we hervor. Eine riesige, grauwei�e Bestie.</p><p>Kadlin wich zur�ck. Sie hob den Bogen und schoss, doch der Pfeil war schlecht gezielt. Sie streifte die dichte M�hne des L�wen, ohne Schaden anzurichten.</p><p>Ohne den Blick von der Bestie zu wenden, hetzte sie die Schneise empor. Immer wieder strauchelte sie �ber Wurzeln. Ein Teil der Pfeile fiel aus ihrem K�cher. Mit fliegender Hast legte sie ein neues Geschoss auf die Sehne.</p><p>Der Schneel�we folgte ihr. Be�ngstigend schnell st�rmte er vor, setzte �ber einen Wurzelstrunk hinweg und hatte sie fast erreicht.</p><p>Kadlin zog die Bogensehne bis zur Wange durch. Sie zielte auf das rechte Auge des L�wen. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Sie sah nicht mehr das t�dliche Raubtier, sondern nur noch ihr bernsteinfarbenes Ziel.</p><p>Der Pfeil schnellte davon. Die Bestie duckte sich zum Sprung, und das Geschoss verfehlte sein Ziel. Es zog eine tiefe, blutige Furche �ber die Stirn der Raubkatze und verfing sich in der dichten M�hne. Der Schneel�we stie� ein ohrenbet�ubendes Br�llen aus. Helles Blut sickerte ihm ins rechte Auge und troff zu seinen Lefzen hinab.</p><p>Kadlin wich ein St�ck zur�ck. Ihre Rechte tastete nach dem K�cher mit den Pfeilen. Noch einen Schuss, solange er w�tend ist, dachte sie. Das ist die letzte Gelegenheit! Die gefiederten Pfeilsch�fte glitten ihr zwischen den Fingern hindurch. Sie machte hastig ein paar Schritte zur�ck, um etwas mehr Abstand zu gewinnen.</p><p>Ruhe, ermahnte sie sich und atmete tief aus. Sie legte einen Pfeil auf die Sehne und machte noch einen weiteren Schritt zur�ck, als etwas mit eisernem Griff ihren linken Kn�chel umschloss. Sie wurde nach hinten gerissen. Der Pfeil schnellte in den Himmel davon. Ein grausilberner Schatten glitt �ber sie hinweg. Die Zeit schien langsamer zu flie�en, als habe der Schicksalsweber beschlossen, ihr eine letzte Frist zu gew�hren, um sich von der Welt zu verabschieden. �berdeutlich sah sie die Schlammspritzer und Kletten im Bauchfell des Schneel�wen. Seine riesigen Pranken mit den gekr�mmten, hellen Krallen, die ihr gleich das Fleisch vom Leib rei�en w�rden. Den langen Schwanz, der in einer schwarzen Quaste endete.</p><p>Kadlin schlug hart auf den Boden. Zersplitterte Wurzelstr�nge stie�en durch ihr ledernes Jagdhemd und schrammten �ber ihr Fleisch. �ber ihr war der Himmel. Wunderbar weit, wolkenlos und von einem strahlenden, hellen Blau.</p><p>Ger�ll stob knirschend zur Seite, als der Schneel�we hinter ihr landete. Ihr Sturz hatte ihr eine winzige Gnadenfrist verschafft. Sie lie� den Bogen fallen, den sie immer noch umklammert hielt, und zog das Jagdmesser aus ihrem G�rtel. Sie w�rde sterben, aber der L�we sollte daf�r bluten, dass er sich ausgerechnet sie als Beute ausgesucht hatte.</p><p>�He, du flohzerfresssene Missgeburt! Komm her zu mir! K�mpf wie ein Mann!� Bj�rn war hinter dem Kiefernbruch hervorgekommen und schwenkte herausfordernd seine Saufeder. Er schrie aus Leibeskr�ften. Und tats�chlich, der L�we wandte sich von Kadlin ab. Knurrend ging er dem jungen Krieger entgegen.</p><p>Kadlin versuchte aufzustehen. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Kn�chel. Ihr Fu� war verstaucht. Noch einmal m�hte sie sich, hochzukommen, knickte aber sofort wieder ein. Fluchend griff sie nach ihrem Bogen.</p><p>Bj�rn und der Schneel�we umkreisten einander. Der Herzogssohn war tief in die Knie gegangen und hielt die Saufeder flach �ber dem Boden. Ihre Spitze folgte jeder der Bewegungen des L�wen.</p><p>Kadlin wagte es nicht, Bj�rn zu rufen. Jeden Augenblick w�rde der L�we angreifen. Wenn sie Bj�rn jetzt ablenkte, mochte das sein Tod sein. So wie die beiden standen, konnte sie nicht schie�en. Das Risiko, Bj�rn zu treffen, war zu gro�.</p><p>Die Raubkatze stie� ein markersch�tterndes Gebr�ll aus. Bj�rn zuckte vor ihr zur�ck. Im selben Augenblick sprang der L�we vor. Mit der Vorderpranke hieb er nach der Spitze der Saufeder und fegte die Waffe zur Seite.</p><p>Dann prallte er mit seinem ganzen Gewicht gegen Bj�rn. Der junge Krieger st�rzte.</p><p>Kadlin lie� den Pfeil von der Sehne schnellen. Der Schuss war schlecht gezielt. Er traf den L�wen in den rechten Hinterlauf. Fauchend fuhr die Raubkatze herum. Bj�rn lag reglos am Boden. Sein Jagdhemd war von den Krallen des L�wen zerfetzt.</p><p>Voll kalter Wut griff Kadlin nach einem neuen Pfeil. Sie musste den gro�en Bogen waagerecht halten, weil sie sich nicht aufrichten konnte. So vermochte sie ihn nicht mit aller Kraft zu spannen. Aber sie war zumindest nicht wehrlos.</p><p>Hinkend kam der Schneel�we auf sie zu. Von seiner Schnauze troff Bj�rns Blut.</p><p>Kadlin atmete aus und schoss. Der Pfeil traf den L�wen dicht unter der M�hne in die Brust.</p><p>In den Augen der Bestie funkelten Wut und Mordlust. Ohne den Blick vom L�wen zu wenden, tastete Kadlin nach den Pfeilen, die neben ihr auf dem Boden verstreut lagen. Mit etwas Gl�ck w�rde sie noch einen Schuss haben. Die Raubkatze spannte die Muskeln zum Sprung. Kadlin zog die Sehne durch.</p><p>Eine riesige, graue Gestalt tauchte hinter dem L�wen auf. Schnell und lautlos wie ein Geist war sie auf dem Kampfplatz erschienen. Knotige H�nde griffen in die M�hne des L�wen. Die Raubkatze wurde hochgerissen. Ihre Kiefer schnappten nach dem Arm des Angreifers, als ihr ein breites Steinmesser in die Kehle fuhr.</p><p>Der L�we gab einen hustenden Laut von sich. Blut spritzte aus der klaffenden Wunde. Der Gegner hatte ihn so weit hochgehoben, dass seine Hinterl�ufe hilflos in der Luft zuckten. Seine Bewegungen wurden langsamer.</p><p>Kadlin hatte einen neuen Pfeil aufgehoben. Sie wusste, dass sie gegen diesen neuen Feind mit ihrem Bogen kaum etwas ausrichten konnte. Aber sie w�rde nicht einfach nur liegen bleiben und auf das unvermeidliche Ende warten.</p><p>Der Troll lie� den sterbenden L�wen fallen. Er schob das Steinmesser in den breiten G�rtel, der seinen Lendenschurz hielt. Der Kerl war so gro� wie ein Fels. Wulstige Schmucknarben bedeckten seine breite Brust. Sie zeigten einen Falken. Drei d�nne Z�pfe hingen ihm von der Schl�fe auf die rechte Schulter hinab. Als Schmuck hatte er sich Vogelfedern ins Haar gesteckt.</p><p>Die Haut des Trolls schimmerte �lig. Sie war graugr�n mit hellen Einsprengseln, wie ein mit Flechten bedeckter Fels. Der Blick des H�nen hatte etwas Zwingendes. Kadlin hatte das Gef�hl, dass der Bogen in ihrer Hand schwer wie ein Baumstamm wurde.</p><p>Bj�rn war wieder zu sich gekommen. Er st�hnte vor Schmerzen und rief leise ihren Namen.</p><p>Langsam kam der Troll auf sie zu. Sie wollte schie�en! Doch bevor sie den Bogen auch nur halb gespannt hatte, war der Troll �ber ihr und wand ihr die Waffe aus der Hand. Er beugte sich tief zu ihr hinab. Seine Nasefl�gel bebten. Wie ein Raubtier nahm er ihre Witterung auf.</p><p>�Maidchen�, sagte er unbeholfen. Sein Atem roch nach Kr�utern. Er verschr�nkte die Arme vor der Brust und wiegte sie hin und her, als halte er ein kleines Kind.</p><p>�Maidchen! Lecker Maidchen!� Er klopfte sich auf die Brust.</p><p>�Brud! Brud Jaiger.�</p></section><section><title><p>Die dem Herzen glaubt</p></title><p>Alvias schnippte ein Staubkorn von seinem schwarzen Umhang und blickte zur gro�en Fl�gelt�r, die zum Thronsaal f�hrte. Er w�nschte, er h�tte es schon hinter sich. Er hatte den Aufbruch aus Feylanviek um einen Tag hinausgez�gert, weil er nicht wusste, wie er ihr sagen sollte, was geschehen war. Vielleicht wusste sie es auch durch die Silbersch�ssel? Aber h�tte sie dann diesen Brief geschrieben? Er blickte zu dem pr�chtigen Springbrunnen, dessen Statuen den Augenblick von Falrachs Tod zeigten. Wer der K�nigin zu nahe kam, war in Gefahr, dachte Alvias. So war es schon immer gewesen. Emerelle �berstand auf wundersame Weise jeden Sturm. Aber wehe denen, die sie begleiteten.</p><p>Die hohen Bronzepforten des Thronsaals schwangen auf. Eine Gestalt ganz in Schwarz trat heraus. Sie war also wirklich gekommen, dachte der Hofmeister bitter. Alathaia! Sie ging geradewegs auf ihn zu. Ein eisiger Luftzug eilte ihr voraus.</p><p>Der Luftzug kommt aus dem Thronsaal, redete er sich ein.</p><p>Das Kleid der F�rstin war schlicht und schmucklos. Sie lief barfuss! Ihr Gesicht war ein blasser Schemen hinter einem Gazeschleier. Als sie vor ihm stand, war ihr Antlitz gut zu erkennen. Ihr Schleier zog die Blicke an, doch verbarg er letztlich nur wenig. Deutlich sah er ihre dunkelgr�nen Augen. Alathaias fein geschwungene Lippen waren von einem tiefen Rot. �Willkommen zur�ck, Hofmeister.� Ihre Stimme hatte einen warmen, sinnlichen Klang. �Ich hoffe, du bringst gute Nachrichten vom Schlachtfeld. Hat der Schwertmeister das Heer unserer Feinde zerschmettert?�</p><p>Alvias hatte das Gef�hl, dass es eine rein rhetorische Frage war und sie l�ngst wusste, wie die K�mpfe ausgegangen waren. Angeblich vermochte sie Geister herbeizurufen. Nicht die Seelen verstorbener Elfen, sondern jene, f�r die es nach dem Ende des Lebens nur die Finsternis gab.</p><p>�Du wirst verstehen, dass ich zuerst der K�nigin Bericht erstatte�, sagte er steif.</p><p>Sie schenkte ihm ein hinrei�endes L�cheln. �Ich habe schon geh�rt, dass du dich stets an die Etikette h�ltst, Meister Alvias. W�rdest du mir die Freude bereiten, mich in meinen Gem�chern aufzusuchen, nachdem du deine Pflichten gegen�ber der K�nigin erf�llt hast?�</p><p>Sie schaffte es, das in einem Tonfall zu sagen, als gehe es dabei um irgendetwas Anz�gliches. Was bildete sich dieses Weib ein! Alathaia beugte sich vor und hauchte ihm durch den Schleier einen Kuss auf die Wange. Ein schwerer, verst�render Duft stieg aus ihren Kleidern auf. Obwohl Alvias sich gut mit Parf�ms auskannte, vermochte er diesen Geruch nicht zuzuordnen. �Ich erwarte dich, Alvias.� Mit einem L�cheln ging sie davon.</p><p>Welch ein �berhebliches Mistst�ck, dachte Alvias. Er beherrschte sich und sah ihr nicht nach. Stattdessen suchte er auf seinem Umhang noch einmal nach einem Staubk�rnchen. Seine Finger strichen �ber den glatten Stoff. Die Fl�gelt�r zum Thronsaal stand noch immer weit offen. Er z�gerte, doch das weite Tor schrie ihm f�rmlich seinen Namen entgegen. Emerelle erwartete ihn.</p><p>Der Hofmeister straffte sich. Mit etwas steifen Schritten trat er ein. Leise rauschten die Wasserschleier an den W�nden. Emerelle sa� auf ihrem Thron. Sie war allein in dem weiten, runden Saal. Ein Abendhimmel in Rot und Gold spannte sich �ber der offenen Kuppel.</p><p>�Komm herauf zu mir�, sagte Emerelle leise. �Lassen wir die F�rmlichkeiten.� Alvias widersprach ihr nicht. Er widersprach ihr niemals. Aber es w�re ihm lieber gewesen, vor dem Thron zu knien. Dicht vor ihr zu stehen machte es schlimmer, die Nachricht zu �berbringen, auch wenn sie ihren Schmerz sicher verbergen w�rde.</p><p>�Ich glaube, es besteht Grund zu der Annahme, dass wir den Angriff der Trolle um viele Wochen verz�gert haben�, begann er seinen Bericht. Alvias erz�hlte vom Ablauf der Schlacht und vom R�ckzug. Auch verheimlichte er nicht, dass sich das Heer der Verb�ndeten in Feylanviek wohl bald aufl�sen w�rde.</p><p>Emerelle h�rte ihm aufmerksam zu. Manchmal stellte sie Zwischenfragen, um sich ein besseres Bild machen zu k�nnen. Besonderes Interesse hatte sie an Melvyn und Nestheus, dem jungen Kentauren, dessen tollk�hner Angriff die Verteidiger auf dem H�gel vor dem Untergang bewahrt hatte.</p><p>Alvias lobte Ollowains Plan. In aller Ausf�hrlichkeit erz�hlte er von den schwarzen Seidenballons. Nie zuvor hatte er von so etwas auch nur geh�rt. Der Schwertmeister war ein �berragender Feldherr gewesen. Niemand w�rde ihn ersetzen k�nnen. Es hatte etwas Obsz�nes, sich zu vergegenw�rtigen, dass an jenem Tag, an dem tausende gestorben waren, der Tod eines einzelnen Elfen das Schicksal Albenmarks besiegelt hatte.</p><p>�Trotz aller Verluste sind die Trolle immer noch stark. Sie werden sich schon bald von dieser Niederlage erholt haben, Herrin, und ich wei� nicht, wie wir sie dann aufhalten sollen. Ich f�rchte, wir sollten dar�ber nachdenken, Feylanviek zu evakuieren.�</p><p>�Die Trolle fangen an, Fehler zu machen. Wie es scheint, hat Skanga einige Shi-Handan beschworen. Sie nutzt sie, um jene Albenkinder zu bestrafen, die nicht mit ihr paktieren wollen. Das wird das B�ndnis st�rken. Sie zeigt damit allen, was f�r eine Art Herrschaft uns erwartet, wenn die Trolle das Herzland erobern. Ich hoffe, ich werde neue Truppen senden k�nnen, wenn sich die Kentauren auf ihre Winterweiden zur�ckziehen. Im �brigen bin ich zuversichtlich, dass Ollowain uns wieder mit einem Plan �berraschen wird, der die �bermacht der Trolle bedeutungslos werden l�sst.�</p><p>Nun war es also so weit, die Wahrheit lie� sich nicht l�nger hinausz�gern. �Herrin, ich f�rchte, wir k�nnen nicht mehr mit Ollowains Pl�nen rechnen. Er geh�rt zu jenen, die nicht zur�ckgekehrt sind.� Alvias konnte der K�nigin nicht l�nger in die Augen sehen. �Deine Nachricht hat ihn nicht mehr erreicht, Herrin. Ich bin zu sp�t gekommen.�</p><p>Nie zuvor hatte sich Alvias im weiten Thronsaal so einsam gef�hlt. Nur das leise Rauschen des Wassers war zu h�ren. Nicht einmal das Lied der Nachtigallen st�rte die Ruhe. Sie waren verstummt, seit die Schatten die Burg heimsuchten.</p><p>Schlie�lich tat Emerelle einen tiefen Atemzug. �Du musst dich irren, Alvias.�</p><p>�Herrin, ich selbst sprach mit einem Kentauren, der ihn sterben sah. Glaube mir, dass ich nicht leichtfertig Nachricht �ber einen Tod bringe. Er gab sein Leben, um Caileen, die Gr�fin von Dorien, zu retten. Er starb, wie er lebte. Wie ein Ritter.�</p><p>Alvias r�usperte sich verlegen. Seit Tagen hatte er versucht, sich die Worte zurechtzulegen, mit denen er es Emerelle sagen konnte, und nun redete er solch pathetischen Unsinn!</p><p>�Gab es ein Feuer?�</p><p>Emerelle schien ihm ein wenig blasser geworden zu sein. Alvias verstand ihre Frage nicht. �Ein Feuer, Herrin? Wie meinst du das?�</p><p>�Kam er in Flammen um?�</p><p>�Nein, Herrin. Er wurde von Trollen umringt und niedergemacht.� Jetzt lachte die K�nigin. �Du wei�t, dass er der beste Schwertk�mpfer Albenmarks ist, Alvias. Das w�re niemals geschehen.� Der Hofmeister sah Emerelle fest an. Er hatte es ihr ersparen wollen. Wahrscheinlich h�tte auch er nicht begriffen, was wirklich geschehen war, h�tte er nicht um den Streit zwischen der K�nigin und ihrem Schwertmeister gewusst und nicht jene Zeilen gelesen, die Ollowain unbedingt noch vor der Schlacht h�tten erreichen sollen. �Herrin, bitte glaube mir. Er ist den Trollen entgegengegangen und hat nicht einmal versucht, sein Schwert gegen sie zu erheben. Es war kein Kampf. Es war eine Hinrichtung. Das sind die genauen Worte des Kentauren Senthor, der Ollowain sterben sah. Ich habe ihn �berzeugen k�nnen, diese Geschichte nicht weiterzuerz�hlen, damit der Tod eines Helden nicht von Ger�chten und unziemlichen Geschichten besudelt wird.�</p><p>�Aber hast du seine Leiche gesehen, Alvias?�</p><p>�Nein, Herrin. Melvyn hat Ollowain gesucht. Er scheint seinen Tod noch schwerer als die anderen genommen zu haben. Er hat sein Leben riskiert, um den Leichnam des Schwertmeisters zu bergen. Aber er konnte ihn nicht finden.�</p><p>Emerelle sch�ttelte den Kopf. Sie wirkte nicht mehr wie eine Herrscherin auf den Hofmeister, sondern wie ein junges M�dchen, das sich trotzig gegen jede Vernunft weigerte anzuerkennen, welch tragische Folgen der Streit mit dem Schwertmeister gehabt hatte. �Er ist nicht tot. Deshalb konntet ihr auch keine Leiche finden.�</p><p>�Herrin, vielleicht ist er ins Mondlicht gegangen. Oder ... Du wei�t, was die Trolle mit den Toten auf den Schlachtfeldern tun. Gerade mit jenen, vor deren Mut sie Respekt haben.�</p><p>�Genug! Ich verbiete dir, so zu sprechen. Ich ...�</p><p>�Herrin, bitte.�</p><p>Die K�nigin legte die Hand auf ihr Herz. �Ich wei�, dass er nicht von uns gegangen ist. Ich sp�re ihn hier in meinem Herzen. Er lebt. Es geht ihm gut. Wo immer er auch sein mag. Er hat mich nicht verlassen!�</p></section><section><title><p>Wieder bei der Herde</p></title><p>�Welch eine seltsame Form von Hass.� Ganda zuckte zusammen. Sie hatte Elija nicht kommen h�ren. Der Kommandant stand im Eingang zu ihrem Zelt und st�tzte sich an eine der Stangen, die fest mit dem Holzger�st auf dem R�cken der Hornschildechse verbunden war.</p><p>�Nikodemus glaubt, dass er einer deiner Folterknechte war.�</p><p>Elija trat ein und lie� die Zeltklappe hinter sich zufallen. Er stand breitbeinig da und hielt m�helos das Gleichgewicht auf dem schwankenden Holzboden, der sich bei jedem Schritt der Hornechse leicht hob und senkte. �Hat er Recht?�</p><p>Ganda wusste, dass es aussichtslos war, dem Kommandanten etwas vorzumachen. �Nein�, sagte sie leise. �Dieser Elf hat mich verraten. Und dennoch schulde ich ihm etwas. Er hat um mein Leben gek�mpft.�</p><p>Der Lutin setzte sich neben sie an das Krankenlager. �Sie sind gut darin, uns Schuldgef�hle zu machen, Ganda. Das liegt daran, dass sie uns vorgaukeln, so weit �ber uns zu stehen. Wenn sich dann einer von ihnen um uns k�mmert und Dinge tut, die eigentlich selbstverst�ndlich sein sollten, sind wir ganz fassungslos vor Gl�ck und haben das Gef�hl, ihnen fortan etwas zu schulden. Das ist einer der Mechanismen ihrer Herrschaft.�</p><p>Ganda blickte m�de zu Elija auf. �Vielleicht hast du Recht. Wenn ja, dann funktioniert es verdammt gut. Ich dachte, ich hasse ihn. Und jetzt sitze ich hier und k�mpfe um sein Leben.�</p><p>�Bist du sicher, dass er es dir danken wird?�</p><p>�Darum geht es nicht. Ich brauche seinen Dank nicht. Ich tue es ...�</p><p>�Du hast mich falsch verstanden. Sieh ihn dir an! Er wird nie mehr sein, was er einmal war. Ist dir jemals ein verkr�ppelter Elf begegnet? Sie sind besessen von ihren Vorstellungen der Vollkommenheit. Das Unvollkommene k�nnen sie nicht ertragen. Er wird entstellt sein. Vielleicht wird er sogar gel�hmt sein. Glaubst du, er wird es dir danken, dass du ihm so ein Leben schenkst? Tust du ihm wirklich einen Gefallen? Oder ist es vielleicht doch eine merkw�rdige Form von Hass? Wenn er stirbt, dann geht er ins Mondlicht ein oder wird wiedergeboren. F�r ihn ist der Tod nicht das Ende, so wie f�r uns. Ganz gleich, welcher von beiden Wegen ihm bestimmt ist, er wird sich verbessern. Lass ihn gehen.�</p><p>Ganda sah auf die bandagierte Gestalt, die vor ihr auf einem im Boden eingelassenen Lager ruhte. Ollowain hatte einen schweren Sch�delbruch und sieben weitere Knochenbr�che. Drei tiefe Schnittwunden hatten ihn fast verbluten lassen, und eine Unzahl von Prellungen und Quetschungen bedeckte seinen Leib. Wie ein Kleinkind musste sie ihn L�ffel f�r L�ffel mit Fleischbr�he f�ttern. Seit sie ihn gefunden hatte, war er nicht zu Bewusstsein gekommen, und es war unm�glich zu sagen, welchen Schaden sein Verstand genommen hatte. Sein Gesicht war so angeschwollen, dass sie ihn nicht wiedererkannt h�tte, w�re er nicht ganz in Wei� gekleidet gewesen. Vielleicht tat sie ihm wirklich keinen Gefallen ... Aber sie konnte ihn auch nicht einfach sterben lassen. Das brachte sie nicht �bers Herz.</p><p>�Willst du mir seinen Namen sagen?�</p><p>�Ollowain.�</p><p>�Der Schwertmeister?� Elija seufzte. �Ach, Ganda. Er ist einer der treuesten Diener Emerelles, und wir pflegen ihn. Das ist widersinnig. Glaubst du, er w�rde auch nur einen Herzschlag lang z�gern, sich gegen uns zu stellen, wenn wir die Tyrannin st�rzen wollen? Er darf nicht sehen, was wir tun. Er darf nicht einmal unsere Gesichter kennen. Du hast eine Natter in unsere Mitte gebracht. Er steht f�r all das, was wir bek�mpfen.�</p><p>�Ich schulde ihm mein Leben.�</p><p>�Das mag ja sein, Ganda, aber was schulden wir ihm? Vor drei Stunden habe ich dir unsere Herde anvertraut, und nun muss ich sehen, auf was f�r Abwege du dich verirrt hast.�</p><p>�Habe ich dich nicht an den Ort gebracht, an den du wolltest? Ich wei�, was ich der Herde schuldig bin. Ich habe euch sicher durch das goldene Netz gef�hrt. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich meine Pflichten so wie fr�her gewissenhaft erf�llen werde.�</p><p>�Und was w�rdest du tun, wenn ich von dir verlangen w�rde, dass wir den Elfen zur�cklassen?�</p><p>�Ich w�re traurig, dass es den Elija, den ich von fr�her kannte, nicht mehr gibt. Er h�tte sich nicht vor einem schwer Verwundeten gef�rchtet, der vielleicht nicht einmal die n�chste Nacht �berleben wird.�</p><p>Der Lutin zuckte �rgerlich mit der Schnauze. �Komm, Ganda! Nicht so ... Was ist, wenn du den Elfen gesund pflegst? Dann haben wir den Schwertmeister in unserer Mitte. Wenn auch nur die H�lfte der Geschichten stimmt, die man sich �ber ihn erz�hlt, dann sind wir alle zusammen ihm nicht gewachsen. Und was glaubst du, wird geschehen, wenn er begreift, was wir getan haben? Bleibt er hier, so sind wir alle in Gefahr. Ich f�hre unsere kleine Herde, und ich werde nicht dulden, dass wir einen Wolf in unserer Mitte haben.�</p><p>�Also was willst du tun? Mich versto�en?�</p><p>Elija richtete sich auf. �Nein. Ich war gl�cklich, als du wieder zu uns zur�ckgekehrt bist. Ich will dich nicht sofort wieder verlieren. Und das werde ich nicht. Ich werde dich und den Schwertmeister beobachten, und wenn ich den Eindruck habe, dass er eine Gefahr f�r uns wird, dann werde ich etwas unternehmen.�</p><p>�Was soll das hei�en, etwas unternehmen? Willst du ihn t�ten?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Wenn du ihn umbringst, wirst du auch mich f�r immer verlieren.�</p><p>Elija seufzte. �Das ist grotesk! Hast du dich etwa in ihn verliebt? Dir ist hoffentlich klar, dass er das nicht einmal bemerken w�rde, Ganda. Er ist ein Elf. F�r ihn sind wir nichts anderes als n�tzliche Diener. Wenn er dich mag, dann so, wie man einen treuen Hund mag. Lieben wird er dich niemals.�</p><p>�Wer spricht hier von Liebe!�</p><p>�Deine Taten, Ganda. Deine Taten.�</p><p>�Bist du etwa eifers�chtig?�</p><p>Elija l�chelte, doch wie bei allen Lutin sah es aus, als fletsche er die Z�hne. �Vielleicht, Ganda. Mein Leben lang bek�mpfe ich die �berheblichkeit der Elfen. F�r sie sind wir nicht mehr wert als der Dreck unter unseren Fingern�geln. Und nun holst du mir einen Elfen mitten in unser Lager, der alles zunichte machen kann, wenn er begreift, wie nahe wir unserem Ziel gekommen sind. Ich k�nnte aus der Haut fahren vor Wut! Und zugleich freue ich mich immer noch, dass du wieder zur�ckgekehrt bist.�</p><p>Elija sagte das ruhig, ohne ein Gef�hl in der Stimme. Er war ihr unheimlich.</p><p>�Ich mache dir einen Vorschlag, Ganda. Ich werde das Leben des Elfen schonen, und er kann in unserem Lager bleiben. Aber daf�r fordere ich deine Treue, Ganda. Diene unserer Sache, so wie du es fr�her getan hast. Schw�re mir das!�</p><p>Ganda war �berrascht. Elija gab sein Wort niemals leichtfertig. Man konnte sich darauf verlassen, dass er sich an das hielt, was er versprach. Sein pl�tzlicher Sinneswandel machte sie skeptisch. Liebte er sie so sehr?</p><p>Lange sahen sie einander schweigend an. Ganda versuchte, in den Augen des Kommandanten zu lesen, doch er verstand es meisterlich, seine Gef�hle zu verbergen.</p><p>�Ich bin einverstanden�, sagte sie schlie�lich. �Du kannst mir vertrauen. Ich bin noch immer eine treue K�mpferin f�r unsere Sache.�</p><p>Wieder bleckte Elija die Z�hne. �Gut.� Ohne ein weiteres Wort verlie� er das Zelt.</p><p>Ganda wartete eine Weile, bis auch sie hinaustrat. Weites, sanft gewelltes Grasland erstreckte sich bis zum Horizont. Die Herde zog gem�chlich ihres Weges. Lachende Kinder liefen hinter den Hornschildechsen her und sammelten ihren harten, trockenen Dung f�r die abendlichen Feuer. Sie hatte die Herde vermisst. H�tte sie all das f�r Ollowain aufgegeben? Sie strich �ber ihre glatte Silberhand. War das alles, was ihr das Abenteuer mit dem Elfen eingebracht hatte? Vor ein paar Tagen noch hatte sie ihn leidenschaftlich gehasst. Und jetzt riskierte sie ihr Leben in der Herde f�r ihn. War sie wirklich verliebt? Bei dem Gedanken stieg ihr ein Klo� in den Hals. Das durfte sie nicht zulassen! Es w�re aussichtslos. Vielleicht w�rde Ollowain nicht einmal diese Nacht �berleben? Seine Wunden waren nicht brandig geworden, aber er war so sehr geschw�cht, dass allein das Atmen schon fast seine Kr�fte �berstieg. Und seine Kopfwunde ... Sie hatte die eingedr�ckten Sch�delknochen so gut gerichtet, wie sie es konnte. Aber es war unm�glich zu sagen, ob er nicht als stammelnder Idiot erwachen w�rde.</p><p>Ganda sp�rte das warme Sonnenlicht auf ihrem Pelz. Sie atmete tief durch. Die Luft roch nach trockenem Gras, Staub und Steppenblumen. Nach den Ausd�nstungen der gro�en Echsen und dem Fleisch, das die Herde trug. Genug, um die ganze Sippe viele Monde lang zu ern�hren. Sie schauderte bei dem Gedanken, was f�r Fleisch das war. Vielleicht w�re auch Ollowain in einem der K�rbe, wenn sie ihn nicht gefunden h�tte. Ausgeweidet und von wuchtigen Stein�xten zerteilt.</p><p>Tausende Fliegen umschwirrten die gro�en Echsen. Ganda war froh, wenn sie diese grausige Fracht endlich abliefern konnten. Die Zeit dr�ngte. Einen weiteren Tag in der Sommerhitze w�rde das Fleisch nicht vertragen. Schon jetzt wimmelte es vor Maden. Sie hatten das Fleisch eingesalzen und es mit Zaubern umwoben, die Hitze und Fliegen fern halten sollten. Aber letzten Endes war dies ein Kampf, den man nicht gewinnen konnte. Es war h�chste Zeit, dass sie ihr Ziel erreichten!</p><p>Sie schirmte die Augen mit ihrer Silberhand ab. Bald m�ssten sie am Grabh�gel eintreffen, in dem das Kentaurenvolk der Schwarzschilde seine toten Anf�hrer bestattete. Warum das Fleisch dorthin sollte, hatte ihr niemand sagen wollen. Vielleicht wusste es auch nur Elija. Offenbar ging es schon seit Jahren so, dass sie Fleisch in Gr�ber brachten. Ob der Kommandant verr�ckt geworden war? Und welchen Plan hatte er mit Ollowain?</p></section><section><title><p>Leichenschmaus</p></title><p>�Und was erwartet einen bei so einem Leichenschmaus?�, fragte Melvyn, obwohl er die Antwort schon ahnte. Er versuchte fr�hlich zu klingen, dabei hatte er sich zwingen m�ssen, heute Abend an die gro�e Wiese am Fluss zu kommen. Morgen schon w�rde er fl�chten. Elodrin konnte er nicht gehorchen. Er hatte versucht, dem Elfenf�rsten zu erkl�ren, warum er nicht bleiben konnte, doch Elodrin wollte nichts von einer Suche nach Leylin wissen. Im Gegenteil. Er hatte ihm erkl�rt, wie gro� Arkadien war und wie viele Orte es gab, an die Shandral geflohen sein mochte. Er hatte an seine Ehre appelliert, ihm sogar geschmeichelt und ihn daran erinnert, dass er und seine Sp�her die Augen des Heeres seien und sie ihn nun, da die Kentauren ziehen w�rden, mehr denn je brauchten. Doch nichts h�tte Melvyn �berzeugen k�nnen. Er blickte zum s�dlichen Himmel, den die Abendd�mmerung mit einem tiefen, samtenen Blau �berzogen hatte, aus dem scharf die Sichel des Mondes hervorstach. Irgendwo dort in der Ferne war Leylin. Und sie blickte zum selben Mond. Und vielleicht hoffte sie noch auf ihn. Er hatte ihr Leben zerst�rt. Diese Schuld w�rde er niemals abtragen k�nnen. Das Einzige, was er f�r sie tun konnte, war, sie von Shandral fortzuholen. Sie w�rden wieder mit den Adlern schwerelos im Himmel tanzen. Er wollte sie vergessen lassen, dass sie ihre Beine verloren hatte. Wollte ihr das scheue L�cheln auf die Lippen zaubern, in das er sich verliebt hatte. Wollte sein Gesicht in ihrem langen Haar vergraben und zwischen ihren Schenkeln versinken. Er w�rde sie finden! Oder er w�rde auf der Suche nach ihr sterben.</p><p>Er dachte an Ollowain. Nur ein paar Tage hatte er ihn erlebt. Er war so voller Kraft gewesen. So voller Zuversicht. Jeder Zoll ein Ritter. Alles schien m�glich, wenn man Ollowain auf seiner Seite hatte. Schon als kleiner Junge hatte er Geschichten �ber ihn geh�rt. Sein Vater Alfadas war angeblich einmal sein liebster Sch�ler gewesen. Aber ein Ritter wie Ollowain war Alfadas nicht geworden, dachte Melvyn. Ollowain h�tte ihn nicht allein gelassen. Er war genau so gewesen, wie er ihn sich als kleiner Junge vorgestellt hatte.</p><p>Melvyn l�chelte bitter, als er an seine erste Begegnung mit dem Ritter dachte und daran, wie Ollowain ihn in Eisen hatte legen lassen. Er hatte wohl Recht damit gehabt. Aber trotz allem hatte der Ritter ihm vertraut. Das war ein gutes Gef�hl gewesen.</p><p>Melvyn blickte zu Artaxas auf, der neben ihm her schritt. Der Lamassu hatte sich ihm und Nestheus auf dem Weg zur Festwiese angeschlossen. Er hatte ein Funkeln in den dunklen Augen, und ein verschmitztes L�cheln spielte um seine Lippen. Melvyn kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu gut. Seinem Freund sa� an diesem Abend wieder einmal der Schalk im Nacken. Er war auf der Suche nach einem Bes�ufnis und einer netten Schl�gerei. Aus Artaxas wurde man nicht schlau, er konnte gestelzt daherreden wie ein Philosoph und im n�chsten Augenblick fluchen, dass selbst abgebr�hte S�ldner blass wurden. Seine Launen waren so wechselhaft und unvorhersehbar wie das Fr�hlingswetter an der K�ste Alvemers. Er war ein R�tsel auf vier st�mmigen Stierbeinen. Und ein treuer Freund.</p><p>�He, Pferdearsch. Redest du nicht mit uns? Wie feiern deine Leute einen Toten? Das w�rde ich auch gern wissen, bevor ich einen Abend an einem Ort vergeude, an dem man nur auf feuchte Wangen, nicht aber auf feuchte Kehlen hoffen darf.�</p><p>Melvyn zuckte innerlich zusammen. Jetzt ging es also los mit Artaxas. Doch Nestheus tat so, als habe er die Beleidigungen �berh�rt. Er wirkte nerv�s an diesem Abend. Der wei�e Kentaur schien ihnen kaum zuzuh�ren. Sein Schweif peitschte unruhig, und er blickte sich st�ndig um. �Was erwartet ihr bei einem Fest meines Volkes? Wir werden uns besaufen, bis wir umfallen, und vorher wird man ein paar ergreifende Reden �ber den Toten halten.�</p><p>�Willst du wirklich mitkommen, Artaxas?�, fragte Melvyn in der vagen Hoffnung, den Lamassu doch noch umstimmen zu k�nnen.</p><p>Sein Freund grinste breit. �Warum nicht? Heute steht mir der Sinn danach, meinen Horizont zu erweitern. Nimm es mir nicht �bel, aber es ist nicht wirklich eine Herausforderung an meinen Intellekt, meine Abende plaudernd mit einem Hauptmann zu verbringen, der seine Kindheit in einer Wolfsh�hle verbrachte. Ich brauche Abwechslung von dir.�</p><p>�Und was erwartest du auf einem Kentaurenfest? Neue Einblicke in das Paarungsverhalten volltrunkener Hengste?�</p><p>Artaxas schnalzte mit der Zunge. �Du bringst mich noch auf Ideen ... Eigentlich hoffte ich darauf, Elodrin zu begegnen und ihn dazu zu �berreden, die wilde Sauforgie zu verlassen und sich stattdessen mit mir im Falrach-Spiel zu messen. Angeblich soll er ja recht gut sein. Aber falls er nicht kommt, werde ich herausfinden, wie viel Wolfsmilch ein Lamassu braucht, um von den Hufen zu kippen, und bis das geschieht, besch�ftige ich mich mit den Studien, die du anregst, Melvyn.�</p><p>�Welcher Teil von dir ist eigentlich f�r deine altkluge Ader verantwortlich, der Stier, der Adler oder jenes obskure Wesen, dem du das Gesicht verdankst, das du hinter deinem Bart versteckst?�</p><p>�Ist das ein Anflug von Bartneid? Ein Freund von mir hat dar�ber einen h�bschen Aufsatz verfasst. Er glaubt, Elfen als bartlose Gesch�pfe h�tten generell die Neigung, sich Barttr�gern gegen�ber intellektuell unterlegen zu f�hlen. Er ist auch der Auffassung, viele von ihnen kompensieren das durch Pferdeschweife oder �ppige Federb�sche auf ihren Helmen. Das halte ich pers�nlich f�r zu weit gegriffen, aber ...�</p><p>�Blablabla.� Melvyn wandte sich lachend an Nestheus. �Man sollte einem Lamassu niemals die Gelegenheit geben, mit seiner Weisheit zu prahlen. Die quatschen dir die Ohren vom Kopf ... Sag mal, h�rst du mir �berhaupt zu?�</p><p>�Unser niedliches Fohlen verrenkt sich sicher den Hals nach der kleinen Stute, mit der er gestern auf der Weide bei dem Birkenhain zugange war. Soll ich mal �ne Runde �ber das Lager drehen und mich nach dem M�del umsehen? Das w�re vielleicht weniger umst�ndlich. Deine Zappelei schl�gt mir allm�hlich auf den Magen.�</p><p>Der Kentaur blickte erschrocken zu Artaxas auf. �Du hast ...�</p><p>�Wenn man Freunde hat, die fliegen k�nnen, sollte man auch den Himmel im Auge behalten, Nestheus.� Der Lamassu l�chelte verschw�rerisch. �Aber keine Sorge. Nur weil ich gerne rede, hei�t das nicht, dass ich kein Geheimnis f�r mich behalten k�nnte.�</p><p>�W�rde mir mal jemand sagen, worum es geht?�, brummelte Melvyn beleidigt.</p><p>�Tja, als Fu�g�nger hat man ein sehr eingeschr�nktes Weltbild�, stichelte Artaxas. �Unser vierbeiniger Freund hat sich in eine h�bsche Schimmelstute verguckt. Von oben sah es so aus, als sei sie von ihm auch recht angetan.�</p><p>Nestheus wurde rot. �Du hast uns doch nicht etwa ...�</p><p>�Junge Liebe w�rmt einem das Herz, wenn man so ein alter Knochen ist wie ich.� Melvyn wurde langsam �rgerlich. Dieser Abend sollte ganz dem Andenken an Ollowain gewidmet sein, doch seinen beiden Freunden schien es nur um andere Dinge zu gehen.</p><p>�Sie hei�t Kirta und geh�rt zum Klan der Frostkinder�, sprudelte es unvermittelt aus Nestheus hervor. �Ich habe sie vor zwei Jahren w�hrend eines Viehmarkts hier in Feylanviek kennen gelernt. Du hast sie gesehen, Artaxas. Sie ist wunderbar! Ihre Fesseln sind wie zarte Birkenst�mme, ihr Haar wie Raureif an einem kalten Fr�hlingsmorgen. Und wenn du ihre Stimme h�ren k�nntest. S�� und melancholisch wie der Ruf des Eistauchers in der ersten D�mmerung. Sie ist wie ...�</p><p>�Schreibst du ihr etwa Gedichte?�, unterbrach ihn Artaxas.</p><p>Der Kentaur wirkte verdattert. �Ja�, gestand er schlie�lich ein.</p><p>�Das merkt man. Wann stellst du sie uns vor? Ich h�tte nie zu hoffen gewagt, auf meine alten Tage noch einmal dem vollkommensten aller Gesch�pfe zu begegnen�, scherzte der Lamassu.</p><p>Melvyn brannten die Worte des Kentauren in der Seele. Er musste an Leylin denken, und er w�nschte, er w�re allein.</p><p>�Sie wird nicht zum Fest kommen ... hoffe ich. Ich habe sie darum gebeten. Es w�re nicht gut.�</p><p>�Weil nur M�nner sich besaufen?�</p><p>Der Pferdemann sch�ttelte den Kopf. �Mein Vater hat mir den Umgang mit ihr verboten.� Artaxas lachte laut auf. �Und darum scherst du dich? Junge, ich hab dich auf dem Schlachtfeld gesehen. Vor dir hatten selbst Trolle Angst, und du scherst dich um den Segen deines Vaters! Schnapp dir dein M�del und verschwinde. Ich wette, Orimedes wird sich damit abfinden. Du bist doch sein einziger Sohn. Er wird es nicht lange ohne dich aushalten. Mit V�tern muss man manchmal die harte Gangart proben. Du wirst sehen, der kommt schon wieder zur Vernunft.�</p><p>�Das glaube ich kaum. Er kann sehr verstockt sein ...�</p><p>�Ach, Junge. Du bist ein Geschenk des Schicksals. Ein kostbares Kleinod, das sein Leben bereichert. Aber du bist nicht sein Besitz. Als du ein Fohlen warst, hatte er vielleicht das Recht, dir zu sagen, wo es langgeht. Aber jetzt doch nicht mehr! Du bist ein Mann! Ein Krieger! Du hast auf dem Schlachtfeld das Blut deiner Feinde vergossen. Elodrin und die H�lfte der Anf�hrer unseres Heeres verdanken dir ihr Leben. Ohne deine letzte Attacke w�re die Schlacht am Mordstein zu einem schaurigen Gemetzel f�r uns geworden. Dir sprie�t kaum ein Barthaar auf den Wangen, und du bist ber�hmt. Nicht einmal dein Vater kann sich jetzt noch gegen dich stellen. Jedenfalls wird er das nicht tun, wenn er ein kluger Mann ist, und den Eindruck hatte ich bislang von ihm.�</p><p>Sie erreichten die Festwiese. Orimedes stand auf einem sanften H�gel nahe dem Fluss. Neben ihm war eine gro�e Balkenwaage aufgerichtet. Auch hatte man einen Karren mit Weinamphoren auf den H�gel gebracht. Der F�rst hatte die Totenrede schon begonnen. Hunderte Kentauren standen schweigend und lauschten seinen Worten. Worten der Freundschaft und des Mutes.</p><p>Melvyn f�hlte einen bitters��en Schmerz. Und er f�hlte sich betrogen! Warum hatte er Ollowain kennen lernen m�ssen, wenn er ihn gleich darauf wieder verlor?</p><p>�Ein Licht, das zu hell brennt, muss fr�h verl�schen, so hei�t es.� Die vollt�nende Stimme des Kentaurenf�rsten trug �ber das weite Feld. �Ein solches Licht war Ollowain. Ein Vorbild in seiner Ritterlichkeit. Nie habe ich ihn fragen h�ren, was nutzt es mir, wenn man ihn um seine Hilfe bat. Er war dort, wo Unrecht sein Haupt erhob, und er fand keine Ruhe, bis der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen ward. Sein unverr�ckbarer Glaube daran, dass die Gerechtigkeit zuletzt immer siegen w�rde, war vielleicht sein herausragendster Charakterzug. Nie scheute er davor zur�ck, f�r eine scheinbar verlorene Sache einzustehen. Und deshalb war er zu uns gekommen, meine Br�der. Erinnert euch, wie verzagt wir waren. Wie wir Woche um Woche im Heerlager warteten, so wie ein zum Tode Verurteilter in seiner Zelle auf seine Hinrichtung wartet. Wir wussten, wie viele Trolle sich auf der Ebene am Mordstein sammelten. In unseren Herzen waren wir schon besiegt, noch bevor wir unsere erste Schlacht geschlagen hatten. Ich wei� nicht, wie es um euch steht, meine Br�der, doch mir hat Ollowain meinen Mut zur�ckgegeben. Die Schlacht am Mordstein war ein Sieg f�r uns, denn die Trolle mussten lernen, dass sie sich zu keiner Stunde und an keinem Ort sicher vor uns f�hlen k�nnen � und dass auch ihre Zahl sie nicht vor unseren Angriffen sch�tzt. Ollowain, der Schwertmeister Emerelles, hat f�r unsere Sache sein Leben gegeben. Ich wei�, dass manche sich fragen, warum wir den Krieg gegen die Trolle nicht aufgeben. Sie sagen, die Trolle w�rden nur durch unser Land ziehen und uns nicht weiter behelligen. Sie glauben, dass es allein der Thron Emerelles ist, was sie begehren. Ich sage euch, wer das annimmt, ist blind. Sie werden immer mehr, die Trolle, und ihr Hunger ist ber�chtigt. Hunger auf Fleisch! Sie werden uns zwingen, ihnen Tribut zu zahlen. Sie werden die besten Tiere aus unseren Herden fordern. Und ihr Hunger wird uners�ttlich sein. Bald werden sie sagen, die Herden geh�rten ihnen, denn sie seien die Herren des Landes und das Land ern�hre die Herden. Dann werden wir nur noch ihre Viehtreiber sein. Ollowain wusste, dass es so kommen w�rde. Er war ein Freund der freien Steppenv�lker. Er wusste, dass wir unsere Freiheit brauchen wie die Luft, die wir atmen. Mit seinem Tod hinterl�sst er uns ein Verm�chtnis. Er hat sein Fleisch gegeben, um unseres zu sch�tzen. Lasst seinen Tod nicht sinnlos gewesen sein!�</p><p>Orimedes breitete die Arme aus und streckte sie dem Himmel entgegen. �Ich wei� nicht, wohin deine Seele gegangen ist, mein Schwertbruder Ollowain. In meinem Volk glauben wir, die Seelen der Toten reisen mit dem Wind, der �ber die Steppe weht. Vielleicht reitest auch du nun den Wind. Was ich aber ganz gewiss wei�, ist, dass du immer stolz auf uns sein sollst. Dein Opfer war nicht vergebens. Wir werden den Kampf gegen die Trolle nicht aufgeben. Wir werden fechten, bis wir den Sieg errungen haben, der unsere Freiheit bewahrt. Den Sieg, an dem du nie gezweifelt hast.�</p><p>Orimedes hob das Schwert und streckte die Klinge dem Mond entgegen. �H�rst du mich, S�dwind? Trage meine Worte zu meinem toten Freund. Du warst als Elf geboren, aber gestorben bist du f�r mein Volk. Und gleich, wie oft die Sonne sich noch �ber die Steppe erheben mag, bis unsere Welt zerbricht und das Ende aller Zeiten naht, deinen Namen und deine Taten werden wir f�r immer auf unseren Lippen tragen. So lange es Kentauren gibt, wirst du unvergessen sein, Ollowain!�</p><p>Der F�rst verstummte, und einen Herzschlag lang herrschte Stille auf der Wiese. Melvyn dachte daran, wie er Ollowain gegen die Kobolde hatte k�mpfen sehen. Wie konnte ein Mann, der Armbrustbolzen auszuweichen vermochte, von schwerf�lligen Trollen get�tet werden? Dieses Geheimnis w�rde sich ihm wohl niemals erschlie�en.</p><p>�Lasst seinen Namen wie einen Sturmwind zum Himmel fahren!�, rief Orimedes pl�tzlich. �Ollowain!�</p><p>Melvyn stimmte in das Geschrei ein. �Ollowain! Ollowain!�, rief er immer wieder, bis ihm die Kehle brannte, und tats�chlich f�hlte er sich danach besser. Den Namen des Helden von tausenden Stimmen gerufen zu h�ren, hatte etwas Befreiendes. Und seine Traurigkeit stieg mit dem Ruf dem Himmel entgegen.</p><p>Nach einer Weile breitete Orimedes die Arme aus, und langsam verebbten die Stimmen der Krieger. �Immer schon haben wir unsere Toten geehrt, indem wir f�r sie tranken. Nie sind sie uns so nah wie im Rausch. Ich will f�r dich trinken, wie ich noch nie in meinem Leben getrunken habe, Ollowain. Unser Rausch soll Tage dauern. Ich schw�re, er wird erst enden, wenn ich mein Gewicht in Wein getrunken habe. Und dir zu Ehren soll es nur der beste sein. Roter aus Alvemer, gezogen in jenem Jahr, in dem wir in Phylangan unser Blut gaben. Ein K�nig unter den Weinen f�r einen K�nig unter den Kriegern.� Mit diesen Worten trat Orimedes in eine der beiden Waagschalen, die gro� wie Scheunentore waren. Zwei junge Kentauren eilten herbei und stapelten Amphoren in die zweite Waagschale.</p><p>�Er muss eine ganze Herde verkauft haben, um den Wein zu bezahlen.� Nestheus� Stimme schwankte zwischen Bewunderung und Entsetzen. �Das ist verr�ckt. Da steckt noch mehr dahinter. Noch nie habe ich geh�rt, dass ein F�rst so viel f�r einen Leichenschmaus gezahlt hat.�</p><p>�Dann kann man wohl sagen, dass nie zuvor einem F�rsten im Windland ein Freund so teuer war�, stellte Artaxas fest.</p><p>Melvyn blickte �berrascht zu seinem Gef�hrten auf. Mit dieser ironischen Art w�rde er sich unter den Pferdem�nnern schnell Feinde machen.</p><p>Nestheus schien gar nicht auf die Worte des Lamassu zu achten. Er blickte unverwandt auf den H�gel und beobachtete, wie die Waagschale, auf der sein Vater stand, sich langsam hob.</p><p>�Er schummelt�, stellte Artaxas fest. �Die Amphoren machen einen betr�chtlichen Teil des Gewichts aus.�</p><p>�Dort dr�ben haben sie begonnen, Wolfsmilch auszuschenken.� Melvyn deutete zu einem Karren mit prallen Lederschl�uchen, der auf die Wiese fuhr. Zwei Kobolde warfen jedem Pferdemann, der ihnen winkte, einen Schlauch mit Branntwein zu.</p><p>�Was mich angeht, ziehe ich die Wolfsmilch dem Wein oder Bier vor. Warum Zeit verschwenden, wenn man sich besaufen will.� Melvyn hoffte, seine beiden Gef�hrten aus ihrer eigenartigen Stimmung zu l�sen. Er war sich bewusst, dass der Alkohol entweder helfen oder alles noch schlimmer machen w�rde. Aber der Halbelf mochte nicht einfach nur zusehen und unt�tig bleiben. Er hatte noch keinem Totenfest der Kentauren beigewohnt, und er wusste nicht, wie man sich zu verhalten hatte. Es lag etwas in der Luft. Es w�rde Streit geben.</p><p>Sie dr�ngten sich durch die Menge, die sich um den Wagen versammelt hatte. Artaxas war wie eine m�chtige Galeere, die durch die Fluten pfl�gte. Er �berragte jeden der Kentauren um mehr als Hauptesl�nge. Keiner suchte Streit mit ihm. Noch nicht.</p><p>Melvyn folgte dem Lamassu. Er ahnte, was jetzt kommen w�rde. Artaxas genoss das Schauspiel, das ein Mann ohne Arme lieferte, wenn er trank. Ein Mann, der wie alle Lamassu von Magie durchdrungen war, wie sonst nur wenige andere Gesch�pfe Albenmarks.</p><p>�He, du h�ssliche Lederhaut�, rief Artaxas einem der Kobolde zu. �Den gr��ten Schlauch f�r den Mann mit dem gr��ten Durst auf dieser Wiese.�</p><p>Der Kobold setzte zu einer Antwort an, doch ein Blick auf den Lamassu lie� ihn verstummen. Er fl�sterte seinem Gef�hrten etwas zu, dann suchten sie einen Weinschlauch, den sie zu zweit anheben mussten. Sie packten ihn an beiden H�nden, schwangen ihn zweimal vor und zur�ck und lie�en ihn dann in hohem Bogen durch die Luft segeln. Der Weinschlauch w�rde den Lamassu mitten ins Gesicht treffen. Die Umstehenden wichen ein St�ck zur�ck. Einige Pferdem�nner grinsten geh�ssig. Melvyn war immer wieder aufs Neue �berrascht, wie der Lamassu es schaffte, sich mit nur einem einzigen Satz unbeliebt zu machen.</p><p>Der Lederschlauch verharrte im Flug, als habe eine unsichtbare Faust ihn gepackt. Artaxas l�chelte breit. Wie eine Sichel schimmerten seine schneewei�en Z�hne durch den schwarzen Bart. Der Korkst�psel des Lederschlauchs �ffnete sich. Artaxas legte den Kopf in den Nacken, und ein d�nner Strahl Wolfsmilch schoss ihm in den weit ge�ffneten Mund.</p><p>Die abergl�ubischen Kentauren wichen noch weiter vor dem Lamassu zur�ck. Selbst Nestheus war aus seiner gr�blerischen Stimmung herausgerissen. �Dein Freund ruft die Geister des Windes und macht sie sich zu Dienern�, sagte er ungl�ubig. �Er ist ein machtvoller Zauberer!�</p><p>Melvyn lachte. �Zuerst w�rde ich ihn einen F�rsten unter den Angebern nennen. Und ja, nat�rlich, er ist ein Zauberer. Alle Lamassu sind das. Im �brigen ist er auch ein hervorragender Fechtlehrer.�</p><p>Nestheus runzelte die Stirn. �Eine Kreatur ohne Arme ist ein Fechtlehrer?�</p><p>�Er kann einen S�bel schweben lassen, so wie er den Weinschlauch schweben l�sst. Hast du einmal gegen eine Klinge gek�mpft, hinter der kein Krieger steht, den du verwunden kannst? Jeder richtige Kampf erscheint dir danach wie ein Kinderspiel. Wenn er will, kann er sogar f�nf S�bel gleichzeitig k�mpfen lassen. Und er schleudert allein kraft seines Willens Dolche durch die Luft, wie andere Armbrustbolzen verschie�en. Au�erdem betrachtet er sich auch noch als einen genialen Bauherren, einen der bedeutendsten lebenden Dichter, einen unschlagbaren Falrach-Spieler und den Besitzer des elegantesten Bartes, den die Welt jemals gesehen hat. Man k�nnte auch sagen, er ist ma�los in allen Dingen, die er tut. Aber in den meisten ist er wirklich gut.�</p><p>�Das habe ich geh�rt, W�lfchen�, rief der Lamassu. Er lie� den Lederschlauch in Melvyns Richtung schweben. �Komm, trink, dann kannst du nicht noch mehr Unsinn �ber mich erz�hlen.�</p><p>�In deiner Heimat musst du ein F�rst sein�, sagte Nestheus ehrf�rchtig.</p><p>Artaxas rollte mit den Augen. �Alle Lamassu halten sich f�r F�rsten. Zum Gl�ck gibt es von uns nicht allzu viele. Ich ziehe es vor, der Lehrer eines Elfen zu sein, den man schon als Kind wegen seiner schlechten Manieren in der Wildnis ausgesetzt hat.� Er r�lpste. �Manchmal f�rchte ich allerdings, dass sein schlechter Einfluss auf mich abf�rbt. Aber genug davon ... Komm, trink auch etwas. F�r jemanden, der n�chtern bleibt, wird es sicherlich bald ziemlich ungem�tlich auf dieser Wiese.�</p><p>Der Lederschlauch entglitt Melvyns H�nden und schwebte zu dem Kentauren hin�ber.</p><p>Nestheus hob abwehrend die H�nde. �Ich vertrage nicht viel.�</p><p>�Dann m�ssen wir uns ja keine Sorgen machen, dass f�r uns nicht genug �brig bleibt.�</p><p>�Wenn ich getrunken habe, sage ich manchmal unbedachte Dinge ...�</p><p>Der Stiermann brach in schallendes Gel�chter aus. �Da befindest du dich in bester Gesellschaft. Komm, zier dich nicht wie eine alte Jungfer. Trink, Junge!� Der Kentaur setzte das Mundst�ck an die Lippen und nahm einen tiefen Zug. Dann reichte er den Schlauch Melvyn. Er wirkte verlegen.</p><p>�Auf Ollowain!�, rief der Elf, und etliche Kentauren nahmen seinen Trinkspruch auf.</p><p>Melvyn dr�ckte den Lederschlauch, und ein Strahl Wolfsmilch spritzte ihm in den Mund. Das Getr�nk brannte auf der Zunge und in der Kehle. Wenn es aber erst einmal den Magen erreichte, dann breitete sich wohlige W�rme aus. Und es sprengte die Fesseln des Geistes. Die Welt sah anders aus, wenn man nur genug Wolfsmilch trank. Freundlicher. Mehr so, wie man sie gerne gehabt h�tte. Dieser Zaubertrank aus vergorener Stutenmilch und anderen Zutaten, nach denen Melvyn nie zu fragen gewagt hatte, war ein Geschenk an alle, die einen Abend lang vergessen wollten. Und im Gegensatz zu Wein oder Bier wirkte es sehr schnell.</p><p>Melvyn war bereits leicht beschwipst, als er sah, wie der Kentaur Senthor kam und auf Nestheus einredete. An Nestheus� Seite war eine junge Stute. Ein h�bsches M�dchen. Der Wolfself hatte gar nicht bemerkt, wie sie gekommen war. Sie hatte langes, wei�blondes Haar. Auch ihr Schweif war von dieser Farbe, und wie Nestheus war sie ein Schimmel. Die beiden passten gut zueinander.</p><p>Der schrille Klang von Luren hallte �ber die Wiese. Melvyn blickte auf. Auf dem H�gel bei Orimedes hatte sich Katander von Uttika eingefunden. Der verwundete F�rst musste von zweien seiner Krieger gest�tzt werden, um stehen zu k�nnen. Lurenbl�ser standen um den Fu� des H�gels und streckten ihre schlangengleichen Instrumente dem Himmel entgegen. Als ihr eindringlicher Ruf ein zweites Mal erscholl, verstummten die Lieder der Zecher und die gelallten Prahlereien �ber Liebes-</p><p>und Kriegsabenteuer.</p><p>�Du wirst zu ihm kommen. Sofort!� Senthor verstummte, als er bemerkte, wie alle ihn anblickten. Das Kentaurenm�dchen an seiner Seite wirkte erschrocken.</p><p>�Nicht heute Abend!�, entgegnete Nestheus entschieden.</p><p>�Meine Br�der!� Die Stimme des F�rsten Orimedes klang ein wenig heiser, und man h�rte ihr an, dass er schon hart daran gearbeitet hatte, seinen Schwur gegen�ber Ollowain zu erf�llen. �Seite an Seite haben wir mit den Uttikern gek�mpft. Und nun trinken wir mit ihnen und gedenken gemeinsam unseres gr��ten Helden. Uttiker haben Steppenreitern das Leben gerettet, und auch wir haben die Haut von manchem Goldkrebs gerettet. Die Feuer des Krieges schmieden Freundschaften, die nie mehr zerbrechen. Aus Verachtung wurde Respekt. Und so soll es von nun an f�r immerdar bleiben. Katander und ich haben miteinander getrunken, und wir haben beschlossen, das Band zwischen unseren V�lkern noch fester zu kn�pfen. Deshalb werden wir noch in diesem Winter eine Hochzeit feiern. Mein Nestheus, der Held der Schlacht am Mordstein, der einzige Erbe meines Blutes, wird Elena heiraten, die einzige Tochter Katanders. So wie die beiden sich vereinigen werden, werden auch unsere V�lker k�nftig vereint sein. Und wenn das n�chste Fr�hjahr kommt, dann wird mein Sohn es sein, der unsere vereinten Heerscharen anf�hrt.�</p><p>Melvyn war schlagartig wieder n�chtern. Er sah zu Nestheus. Der junge Kentaur war leichenblass geworden. Er hielt die F�uste geballt, und sein Schweif peitschte vor Wut. Kirta hatte den Kopf gesenkt. Sie wirkte gefasster.</p><p>�Tu jetzt nichts Unbedachtes!�, fl�sterte Melvyn, doch sein Freund schob ihn einfach zur Seite. Er dr�ngte sich durch die Menge.</p><p>Melvyn folgte ihm, doch zwischen den wogenden Pferdeleibern verlor er ihn aus den Augen, bis Nestheus den flachen H�gel hinaufpreschte, auf dem sein Vater und Katander standen.</p><p>�Keine Stunde ist vergangen, da hast du die Freiheit der Steppe als unser h�chstes Gut gelobt, Vater. Und ich soll unser Heer anf�hren, um f�r diese Freiheit zu k�mpfen. Aber wie kannst du glauben, dass unsere Krieger sich von einem Unfreien, einem Sklaven, anf�hren lassen werden?�</p><p>�Du redest wirr, Sohn. Du bist betrunken.� Orimedes winkte zwei st�mmigen Leibw�chtern. �Bringt ihn fort!� Er zwang sich zu einem falschen Lachen. �Der Junge vertr�gt nicht viel.�</p><p>�Mach es dir nicht so leicht, Vater! Du wei�t, wovon ich spreche. Ich habe eine Braut dort drau�en auf der Steppe gefunden. Und ich habe ihr mein Herz geschenkt.�</p><p>Er wandte sich an Katander, der aschfahl geworden war. �Ich kenne deine Tochter nicht, F�rst von Uttika. Gewiss ist sie ein wunderbares M�dchen. Und weil sie das ist, verdient sie einen Mann, der sie liebt. Sei nicht wie mein Vater und verschachere dein Fleisch und Blut. Man kann V�lker nicht verheiraten, indem man einen Mann und ein Weib dazu zwingt, ihr Leben miteinander zu teilen. Wenn ich deine Tochter besteige, ohne sie zu lieben, ist es dann nicht fast dasselbe, als n�hme ich sie mit Gewalt? Willst du das wirklich, Katander? Willst du ...�</p><p>�Genug!� Orimedes war hochrot angelaufen. �Es ist das Schicksal von F�rstenkindern, dass sie in Ketten geboren werden. Sie dienen ihrem Volk! Und ganz gleich, was du dir in deinem Liebeswahn zusammenfabulierst, es ist ein alter und bew�hrter Brauch, dass man das B�ndnis zwischen zwei V�lkern durch eine Hochzeit bekr�ftigt. Du wirst dich f�gen, denn wenn du es nicht tust, dann bist du nichts als ein selbsts�chtiger Verr�ter. Ich kenne die Hure, die dir den Kopf verdreht hat. Was bringt sie dir? Ihre Sippe ist bettelarm. Ihre B�ffel sind r�udige Gerippe auf vier Beinen. Und dem M�dchen hat man befohlen, dich zu umgarnen. Du wirst sie reich machen. Nur deshalb umschmeichelt sie dich mit ihren sch�nen Augen.�</p><p>Mit Schrecken sah Melvyn, dass es auch Kirta geschafft hatte, auf den H�gel zu kommen. Immer dichter dr�ngten sich die Kentauren, um den Streit zu verfolgen. Der Halbelf k�mpfte sich zwischen den schwitzenden Pferdeleibern hindurch. Au�er dem Stampfen der Hufe und den Stimmen der Streitenden war nichts zu h�ren.</p><p>Kirta sah im silbernen Mondlicht wie ein Geist aus. Ihr Fell schimmerte, als leuchte es von innen heraus. Sie wirkte sehr zart und zerbrechlich, als sie an Nestheus� Seite trat. Und ja, sie war mager. Das Licht lie� deutlich ihre Rippen unter dem Fell erkennen.</p><p>�Zwei meiner Br�der haben am Mordstein ihr Leben f�r dich gegeben, F�rst, und du schm�hst meine Sippe! Du nennst mich eine Hure. Wie kannst du es wagen, Orimedes! Es war dein Sohn, der zu mir kam, der mich mit sch�nen Worten umwarb und der mir meine Unschuld nahm. Er ist edel und selbstlos. Ziehe seine Taten nicht in den Schmutz! Wenn du glaubst, dass ich den Frieden unserer V�lker st�re, dann nimm dein Schwert und sto�e es mir in die Brust. Lass mein Herz aufh�ren zu schlagen, denn solange es sich noch regt, werde ich Nestheus geh�ren. Ich habe ihm meine Liebe geschworen, und du wirst mich nicht zur Eidbrecherin machen, mein F�rst.�</p><p>�Du hast meinem Jungen den Verstand geraubt, Hexe, und ich warne dich, fordere mich nicht heraus!� Der F�rst legte die Hand auf den Schwertknauf.</p><p>Melvyn verdoppelte seine Anstrengungen, sich durch die Menge zu k�mpfen. Er musste auf den H�gel gelangen und diese Hitzk�pfe auseinander bringen.</p><p>Nestheus stellte sich vor Kirta. �Mein Leib ist ihr Schild.�</p><p>Auch er legte die Hand auf sein Schwert. �Zwinge mich nicht, mein Weib gegen dich zu verteidigen, Vater. Mein Leben lang habe ich dir gehorcht. Ich war dir ein guter Sohn. Du hast mich Stolz gelehrt und Edelmut. Du hast mich den Ehrenkodex gelehrt, dem ein Krieger folgen soll. Und nun bist du es, der mit der Hand auf dem Schwertknauf vor einem unbewaffneten Weib steht. H�te dich vor mir, Vater, denn das Kind, das du zum Manne erzogen hast, ist bereit, nach deinen Worten zu leben.�</p><p>Orimedes standen Tr�nen in den Augen. �Sie hat ihn verhext�, schrie er mit schriller Stimme. �Du bist nicht mehr mein Sohn. Mein Sohn w�re niemals zum Verr�ter an seinem Volke geworden.�</p><p>Melvyn erreichte die H�gelkuppe. Er wollte sich zwischen die beiden Kentauren werfen, als Fl�gelrauschen �ber ihm erklang. Ein gewaltiger Schatten erschien am Nachthimmel. �Kommt zu mir, Kinder�, rief Artaxas mit Donnerstimme.</p><p>Kirta stie� einen �berraschten Schrei aus. Ihre Hufe zuckten in der Luft. Sie wurde emporgehoben. Ein Schwert blitzte. Metall kreischte auf Metall. Orimedes hatte sein Schwert gezogen. Nestheus versuchte seinen Hieb zu parieren. Ein flacher Schnitt lief quer �ber seine Brust. Dann wurde auch er emporgehoben.</p><p>Melvyn blickte in den Himmel. Artaxas! Das Antlitz des Lamassu war vor Anstrengung verzerrt. Die beiden durch seine Magie dem Himmel entgegenzuheben, brachte ihn ganz offensichtlich bis an den Rand seiner Kr�fte. Kirta und Nestheus schwebten jetzt an seiner Seite.</p><p>Orimedes schwang in hilfloser Wut sein blutiges Schwert.</p><p>�Ich versto�e dich, Nestheus. Du hast dich gegen dein Volk gewandt. Es w�re dir bestimmt gewesen, alle St�mme zu f�hren. Doch jetzt bist du ein Verfemter! Und wer immer dir Unterschlupf gew�hrt, den wird mein Zorn treffen. Glaube nicht, dass du mir entkommen wirst. Sobald ich meinen Eid gegen Ollowain erf�llt habe, werde ich mich auf die Suche nach dir machen. Und wenn ich dich finde, dann werden du und deine Hure die Strafe f�r Verrat erleiden. Mit gebrochenen L�ufen werde ich dich in der Steppe aussetzen, damit die W�lfe dich holen. Verflucht seiest du! Ich rei�e dich aus meinem Herzen!�</p><p>Artaxas und die beiden Kentauren verschwanden im Dunkel des Nachthimmels. Auf der Wiese aber breitete sich eine bedr�ckte Stimmung aus. Melvyn schritt durch die Menge. Er lauschte auf die fl�sternden Stimmen. Selbst etliche Uttiker waren von Nestheus beeindruckt, obwohl er sich gegen ihren F�rsten gestellt hatte.</p><p>Der Wolfself fand einen halb leeren Lederschlauch auf dem Boden liegend. Er prostete zum Himmel. �Ich w�nsche euch Gl�ck, meine Freunde.� Dann begann er zu trinken. Er w�rde sehr viel trinken in dieser Nacht!</p></section><section><title><p>Gebratenes in Honigkruste</p></title><p>�Der Schneel�we hatte dort im Kiefernbruch seinen Fressplatz. Manchmal schleppen L�wen ihre Beute �ber weite Strecken an einen sicheren Ort.� Eirik, der Anf�hrer der J�ger des K�nigs, deutete zu der Barriere aus Felstr�mmern und zersplitterten St�mmen. �Wir haben dort ein Nest voller Knochen gefunden. Er h�tte nicht jagen m�ssen. Es liegt auch ein Rehkitz dort. Es ist noch keinen Tag tot.�</p><p>Ulric roch das Aas. Er mochte Eirik nicht. Seit ihrer Kindheit waren sie beide verfeindet, auch wenn der J�ger nicht mehr den Fehler machte, seine Fehde offen auszutragen. Ulric wusste, dass Eirik schlecht �ber ihn redete. Wann immer sie sich begegneten, sp�rte er Misstrauen und Wut. Und Angst, auch wenn Eirik das niemals zugeben w�rde. Der J�ger glaubte die Geschichten wirklich, die sich die tratschenden Weiber abends am Feuer oder an den Waschpl�tzen am Fjord erz�hlten. Er hielt ihn und Halgard f�r Wiederg�nger. F�r Tote, die durch die Zaubermacht der Elfenk�nigin noch einmal in die Welt der Lebenden zur�ckgekehrt waren.</p><p>Der J�ger deutete auf die Blutspritzer am Boden. Zwischen den Steinen funkelte das Stichblatt einer Saufeder. Ein St�ck weiter lag der zersplitterte Schaft der Waffe. �Bj�rn hat versucht, sie zu retten. Er hat den L�wen abgelenkt. Siehst du den blutigen Tatzenabdruck hier? Er muss Bj�rn �bel zugerichtet haben.�</p><p>Ulric sah vor allem das Blut rings herum auf den Felsen und die eingetrocknete Lache, dort wo Lambis Sohn gelegen hatte.</p><p>�Und dann?� Ulric war kein schlechter F�hrtenleser, aber Eirik war ein Meister. Ihm entging nicht die kleinste Einzelheit. Auch wenn er den Mann nicht mochte, w�re es t�richt, sich seine Meinung nicht anzuh�ren.</p><p>Der J�ger deutete zu einem Brombeerdickicht. �Dort oben hat ein Troll gelauert und den Kampf beobachtet. Und als sie alle verwundet waren, hat er sein Versteck verlassen und leichte Beute gemacht. Hier auf dem steinigen Grund kann man die Spuren nur schlecht verfolgen. Aber er ist mindestens zweimal hierher gekommen.�</p><p>�Und du meinst, er hat sie ...� Ulric mochte nicht aussprechen, was er dachte. Es war ein dummer Aberglaube, aber etwas in Worte zu kleiden, hie�, ihm mehr Gewissheit zu geben. Er hatte das rothaarige M�dchen gemocht. Sie hatten auf dem Marsch in die Berge zweimal miteinander geplaudert. Sie war seltsam. Wild und ungest�m wie ein Keiler und dann manchmal �berraschend verletzlich. Sogar sein alter Jagdhund Blut hatte Kadlin gemocht. Sein Vater aber litt an dem jungen M�dchen. Ulric hatte gesehen, wie der K�nig Kadlin manchmal verstohlen beobachtete! Dass sie auch noch Kadlin hei�en musste! Luth trieb wirklich ein grausames Spiel mit ihnen! Kadlin, so hatte seine kleine Schwester gehei�en, die vor fast sechzehn Jahren w�hrend des Elfenwinters umgekommen war. Er konnte sich nur noch undeutlich an sie erinnern. Sein Bild von ihr war vor allem durch die Erz�hlungen seines Vaters gepr�gt.</p><p>Der K�nigssohn begleitete Eirik hinauf zu den Brombeerb�schen. Der Troll hatte deutliche Spuren hinterlassen. Etwas war verwunderlich. �Was glaubst du, was diese zerbrochenen �ste zu bedeuten haben?�</p><p>Der J�ger zuckte mit den Schultern. �Daf�r gibt es keine Erkl�rung. Dieser Troll hier bewegt sich sehr geschickt. Eigentlich ungew�hnlich f�r sein Volk. Ich habe den Verdacht, dass auch er ein J�ger ist. Wahrscheinlich hat er das Versteck des Schneel�wen beobachtet und darauf gewartet, dass der R�uber aus seinem Bau kam. Dass er so reichliche Beute machen w�rde, h�tte er sich sicher nicht tr�umen lassen. Aber diese �ste hier ... Er muss sie mutwillig zerbrochen haben. Vielleicht, um den Schneel�wen durch die Ger�usche aufzuschrecken.�</p><p>Ulric hob einen der �ste auf. Sie waren dicker als sein Handgelenk, und das Holz war nicht morsch. Man brauchte B�renkr�fte, um einen solchen Ast zu zerbrechen.</p><p>�Und Kadlin lebte noch?�</p><p>Eirik seufzte. Er war kein Mann, der sich seine Gef�hle anmerken lie�, aber auch er hatte Kadlin gemocht. Alle hatten sie gemocht! �Sie hat jedenfalls nicht geblutet. Sie hatte sich mit dem Fu� in einer Wurzel verfangen. Ich sch�tze, der Fu� war verstaucht. Vielleicht sogar gebrochen. Jedenfalls konnte sie sich aus eigener Kraft nicht mehr von der Stelle bewegen. Aber sie hat nicht aufgegeben. Dort vorne, bei dem Felsen, der ein wenig wie ein Amboss aussieht, findet man Blutstropfen. Ich bin sicher, dass sie den Schneel�wen mindestens einmal verwundet hat, nachdem sie gest�rzt war.�</p><p>�Aber eine t�dliche Wunde war das nicht?�</p><p>�Bei allem Respekt, Ulric Alfadasson. Hast du schon einmal Jagd auf einen Schneel�wen gemacht? Die Biester sind z�h wie Sattelleder. Du kannst ihnen einen Pfeil ins Herz schie�en, und sie zerrei�en dich trotzdem noch, bevor sie begreifen, dass sie tot sein sollten.�</p><p>Einer der J�ger winkte weiter oben am Hang. �Hier ist mehr Blut!� Der kleine Suchtrupp sammelte sich. Vier F�hrtensucher gingen voraus. Die Spur f�hrte den Felsschlag hinauf und dann dicht oberhalb des Waldes parallel zum Hang. Hin und wieder fanden sie auf weichem Grund einen Fu�abdruck des Trolls.</p><p>Ulric hielt sich dicht an Eiriks Seite. Der junge Krieger war froh, dass weder Alfadas noch Kalf oder Lambi im Lager bei der Baustelle gewesen waren, als die Nachricht eingetroffen war, dass Kadlin und Bj�rn von ihrem Jagdausflug nicht zur�ckgekehrt seien. Sie alle waren bei verschiedenen Jagdgruppen in den Bergen, und es war unm�glich, sie jetzt zu benachrichtigen. Im Grunde war Ulric froh dar�ber. Er konnte hier jetzt keine sorgengebeugten alten Krieger gebrauchen. Der Weg den steilen Hang hinauf brachte selbst viel j�ngere M�nner an die Grenze ihrer Kr�fte.</p><p>Ulric beobachtete, wie Schwei�tropfen an der Innenseite von Eiriks Oberarm hinabrannen, an seinem Ellenbogen schaukelten und dann auf den staubigen, grauen Felsboden tropften. Der Anf�hrer der J�ger schnaufte nicht, obwohl er schweres Gep�ck und Ausr�stung auf dem Buckel trug. Z�h k�mpfte er sich voran. Du hast einiges mit dem Schneel�wen gemein, dachte Ulric. Du w�rst wohl auch schwer umzubringen. Und stur bist du wie ein alter Steinbock. Der J�ger hatte seine Meinung �ber ihn und Halgard nie ge�ndert. Ulric kannte auch die neueren Geschichten, die �ber sie beide im Umlauf waren. Er konnte das aushalten, aber Halgard traute sich kaum noch aus ihrer Kammer. Den ganzen Tag war sie mit der Spindel zugange oder sa� an ihrem Webrahmen. Es gab nur eine Hand voll junge Frauen, die sie um sich duldete, Sklavinnen aus dem S�den. Manchmal sprach sie auch mit Gundaher, dem Baumeister. Aber sonst duldete sie niemanden in ihrer N�he.</p><p>So sehr hatten sie beide versucht, ein Kind zu bekommen. Einen Stammhalter, der eines Tages die K�nigsw�rde erben konnte. Doch die Sippe Mandreds w�rde wohl mit ihm und Halgard verl�schen. Und viel Zeit blieb nicht mehr. Luth hatte ihm und Halgard nur einen kurzen Lebensfaden gesponnen. Sie beide wussten das. Vielleicht war es besser, unter diesen Umst�nden kein Waisenkind zur�ckzulassen.</p><p>Wenn er daran dachte, wie die Leute mit ihrem Tratsch die Wirklichkeit so lange verdreht hatten, dass selbst Halgard nicht mehr wusste, was sie noch glauben sollte, dann packte ihn die kalte Wut. Es sei kein Wunder, dass sie beide kein Kind bek�men, so hie� es. Wer h�tte je davon geh�rt, dass etwas Totes etwas Lebendiges geb�ren k�nnte.</p><p>Es war einfach nur Pech! Es war das Schicksal, das Luth ihnen bestimmt hatte. Es gab auch andere Paare, die keine Kinder zeugten. Sein Vater Alfadas und Silwyna hatten auch kein Kind mehr bekommen � soweit er wusste. Die Elfe war oft f�r Monde verschwunden. Vielleicht hatte sie in Albenmark noch weitere Kinder geboren. Ulric fragte sich oft, wie sein Halbbruder wohl aussah. Er w�re gern nach Albenmark gereist, aber er mochte Halgard nicht allein lassen. Sie hatte Angst, durch das goldene Tor im Steinkreis auf dem Hartungskliff zu schreiten. Silwyna hatte ihm angeboten, ihn mitzunehmen. Immer wieder. Sie hatte ihm gesagt, wie sehr sein Bruder sich freuen w�rde, ihn kennen zu lernen. Ulric hatte nie verstanden, warum Melvyn nicht einfach mit seiner Mutter ins Fjordland kam. Er schien wohl recht stolz zu sein. Oder besser gesagt, dickk�pfig. Er war der Auffassung, seine Familie schulde es ihm, zu ihm zu kommen. So waren sie sich nie begegnet. Aber vielleicht ... Nein, dazu w�rde es wohl nicht mehr kommen. Blut, der gro�e Jagdhund seines Vaters, war sehr alt und hinf�llig. Er w�rde den Winter nicht mehr �berstehen. Und das hie�, dass auch f�r ihn und Halgard die Zeit gekommen war. Sie w�rden den Hund nicht lange �berleben. Das wussten sie, seit sie Kinder waren. Seit dem Winter, als er den Fremden im blauen Umhang getroffen hatte. Er h�tte seine Geschenke nicht annehmen d�rfen! Sie hatten ihr Leben vergiftet. Sie waren so h�bsch gewesen, die Puppen, die ihn, Halgard und Blut darstellten. Wie h�tte er als Kind diesen Geschenken widerstehen sollen?</p><p>Als sei es erst gestern gewesen, erinnerte sich Ulric an diesen Abend. Es war viel Schnee gefallen. Er hatte Halgard in Svenjas H�tte gefunden. Svenja war eine Tante seiner Mutter Asla; sie war ihre Kinderfrau geworden, als Asla nicht zur�ckgekehrt war. Wie sehr Halgard sich �ber die sch�n geschnitzten Holzfiguren gefreut hatte, die er ihr mitgebracht hatte! Den Krieger mit dem Schwert, das aus einem alten Nagel gefertigt war, die Prinzessin mit den Haaren aus rotem Nussholz und den ru�geschw�rzten Hund. Wenn man am Schwertarm der Kriegerpuppe drehte, dann �ffnete sich eine kleine Klappe in ihrem R�cken. Sie hatten einen sorgsam aufgewickelten roten Faden darin gefunden. Auch in den beiden anderen Figuren waren solche F�den versteckt gewesen. Halgard hatte sofort gewusst, was die F�den zu bedeuten hatten. H�tte er nur die verfluchte Hundepuppe nicht mitgenommen! Ihr Leben w�re anders verlaufen. Gl�cklicher.</p><p>Halgard hatte die F�den abgewickelt und den Faden von sich und Ulric nebeneinander gelegt. Beide waren genau gleich lang! Das hie�, sie w�rden am selben Tag, ja vielleicht sogar in derselben Stunde sterben. Halgard war dar�ber nicht erschrocken gewesen. F�r sie war das wie in einem M�rchen. Selbst heute hatte sie ihre Einstellung nicht ge�ndert. Sie sch�pfte Frieden aus der Gewissheit, dass sie nie ein Leben ohne ihn f�hren w�rde.</p><p>Wie unschuldig sie damals gewesen waren! Sie hatten dar�ber gestritten, wie lange ihr Leben wohl w�hren w�rde. War ein Zoll des Fadens ein Jahr oder ein Jahrzehnt? Nach welchem Ma� beschnitt Luth die Schicksalsf�den? Noch heute verfluchte sich Ulric f�r den Einfall, den er damals gehabt hatte. Sie hatten den Faden von Blut neben ihre beiden gelegt. Beide wussten sie, dass Hunde nicht so alt wurden. Dreizehn Jahre manchmal, mit Gl�ck auch etwas mehr. So w�rden sie absch�tzen k�nnen, wie viel Zeit ihnen bemessen war.</p><p>Zun�chst sah es aus, als sei auch Bluts Lebensfaden so lang wie ihre beiden. Immer wieder legten sie die roten Zwirnf�den nebeneinander. Selbst heute taten sie es noch manchmal. Man musste sehr genau hinsehen und die F�den vorsichtig straff ziehen, dann sah man, dass Bluts Faden um eine Winzigkeit k�rzer war als ihre Lebensf�den.</p><p>Nie hatten sie mit jemandem dar�ber gesprochen, dass ihnen bestimmt war, ein Leben so kurz wie ein Hundeleben zu f�hren. Immer wieder hatte Ulric versucht, sich selbst und Halgard einzureden, dass all das nur ein b�ser Scherz des Fremden gewesen war. Schlie�lich wusste nur Luth allein um die L�nge der Schicksalsf�den. Halgard hatte davon nichts h�ren wollen. Sie glaubte dem Fremden. Und tief in seinem Herzen wusste Ulric, dass sie Recht damit hatte. Der Mann war unheimlich gewesen. Niemand au�er ihm hatte ihn zu Gesicht bekommen. Er war aus der Winternacht getreten, als sei er ein Bote des Schicksalswebers. Und er war wieder verschwunden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Niemand kannte diesen Jules. L�ngst hatten sie aufgegeben, nach ihm zu suchen.</p><p>Er war nicht viel �lter als zehn Jahre gewesen, da hatte Ulric beschlossen, sein Verh�ngnis zu seinem Vorteil zu deuten. So lange der Hund lebte, konnte ihm nichts passieren! Damals war er selbstm�rderisch tollk�hn gewesen. Er war weiter in den Fjord hinausgeschwommen als jeder andere Junge, hatte seinem Fechtmeister graue Haare wachsen lassen und keinen dummen Streich ausgelassen. Bis er vom Dach der K�nigshalle gest�rzt war und sich �bel das Bein gebrochen hatte. Sein Vater hatte Heiler von �berallher kommen lassen, doch keiner hatte ihm zu helfen vermocht. Die Wunde war brandig geworden, und er h�tte sein Bein wohl verloren, wenn Silwyna nicht gewesen w�re. Sie hatte eine Elfe vom Hof der K�nigin Emerelle gebracht, die ihn gerettet hatte. In den vielen Wochen, die er damals an sein Bett gefesselt gewesen war, hatte er sein Leben sch�tzen gelernt. Keinen Tag wolle er vergeuden, hatte er sich damals geschworen. Jetzt ging die Frist zu Ende. Er hatte drei Knoten, gro� wie Haseln�sse, in Bluts Leiste ertastet. Wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass der gro�e Hund zu hinken begann. Er war immer noch erschreckend. Aber sein Faden war fast zu Ende gesponnen. Und damit neigte sich auch ihre Spanne dem Ende entgegen. Wahrscheinlich w�rden sie nicht einmal mehr den Winter erleben.</p><p>Hundegebell schreckte ihn aus seinen Gedanken. Sie hatten ein gutes St�ck Weg zur�ckgelegt und waren in ein enges Tal gelangt. Einige wenige windschiefe Kiefern klammerten sich an den steinigen Boden. Die Hunde standen bei einem flachen Felsen. Gro�e Rostflecken sprenkelten seine Oberfl�che; an den Seiten liefen einige rostige Adern hinab.</p><p>Ulric gesellte sich zu den J�gern. Niemand sagte etwas. Man musste kein F�hrtenleser sein, um zu wissen, was diese Flecken bedeuteten. Hier hatte der Troll seine Beute zerlegt.</p><p>�Wir sollten umkehren�, sagte Eirik leise. �Ich sch�tze, ihr Lager ist ganz in der N�he. Wir wissen nicht, wie viele es sind. Hier haben sie ihr Fleisch f�r das Feuer bereitet.�</p><p>�Wir werden nicht ohne Bj�rn und Kadlin heimkehren�, sagte Ulric entschieden.</p><p>Der Anf�hrer der J�ger rollte mit den Augen und schnitt eine Grimasse, als habe er es mit einem Idioten zu tun. �Bei allem Respekt, Ulric Alfadasson.�</p><p>So redete er ihn immer an, wenn er am liebsten gesagt h�tte: Pfusch mir nicht ins Handwerk, eingebildeter Trottel!, dachte Ulric.</p><p>�Unsere Jagdgruppe ist nicht stark genug, um es mit einem Rudel Trolle aufzunehmen. Wenn ich glaubte, dass es einen Sinn h�tte, dann w�rde ich mich auf diese Gefahr einlassen. Ich denke, niemand hier w�rde mich einen Feigling nennen.�</p><p>Eirik blickte kurz auf, um sich zu vergewissern, dass keiner es wagte, ihm zu widersprechen. �Die beiden sind seit drei Tagen �berf�llig. Ich war unten am Fjord, nachdem dein Vater die Trolle vertrieben hatte. Ich habe ihr Lager gesehen. Und das, was sie mit ihren Gefangenen gemacht haben. Niemand will das sehen! Es verfolgt mich noch heute in meinen Tr�umen. Sie werden Kadlin und Bj�rn geschlachtet haben. Behalten wir die beiden in Erinnerung, wie wir sie kannten! Ihnen w�re das auch lieber.�</p><p>Ulric standen die Schreckensbilder seiner Kindheit wieder vor Augen. Er hatte nur seinem Vater erz�hlt, wie die Trolle ihn und Halgard und all die anderen �berlebenden aus dem brennenden Honnigsvald getrieben hatten. Am Ufer des Fjords waren sie wie Vieh zusammengepfercht worden. Er hatte nicht nur ein verlassenes Lager gesehen ... Er war mitten drin gewesen, als die Schl�chter gekommen waren. Sie hatten auch Halgard holen wollen. Er hatte den Troll, der sie ausgew�hlt hatte, mit dem Dolch angegriffen, den ihm einst der Schwertmeister geschenkt hatte. Es war aussichtslos gewesen. Das Einzige, was er erreicht hatte, war, dass der Troll mit den Brandnarben auf der Brust ihn statt Halgard mitgenommen hatte. Warum er nicht geschlachtet worden war, hatte Ulric nie ganz begriffen. Es war Gl�ck gewesen. Genauso wie es Gl�ck gewesen war, dass die Elfe Yilvina gekommen war, um sie mitten aus dem Lager der Trolle zu befreien.</p><p>Der Thronfolger betrachtete das eingetrocknete Blut auf dem Stein. Vielleicht hatte ja auch Kadlin Gl�ck gehabt. Mehr Gl�ck als seine Schwester Kadlin, die zusammen mit seiner Mutter bei ihrer Flucht in die Berge umgekommen war.</p><p>�Ich werde sie finden. Ob tot oder lebendig. Ihr m�sst mich nicht begleiten.� Eirik wurde bleich vor Zorn. �Glaubst du, es g�be hier auch nur einen Mann, der weniger Mut hat als du? Was erlaubt dir, ihr Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Liegt es daran, dass du schon lange tot bist? Du ... du verdammter Wiederg�nger!� Einer der M�nner packte den J�ger und zog ihn von Ulric fort. Niemand sprach aus, was alle dachten. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.</p><p>�Ich sagte doch, dass mir niemand folgen muss.�</p><p>�Herr, wenn du gehst, haben wir keine andere Wahl, als dir zu folgen�, sagte ein �lterer J�ger. �Wer dich verl�sst, der wird f�r immer Schande auf seinen Namen laden.� Er warf einen Blick auf Ulrics Schwert. �Du bist der Einzige hier, der ein Zauberschwert hat.�</p><p>Ulric verfluchte stumm die Geschichten des Skalden Vehleif. Seine Saga vom jungen Ulric Alfadasson hatte daf�r gesorgt, dass jedes Kind im Fjordland darum wusste, wie Ulric mit nur sieben Jahren einen Troll get�tet hatte. Und dabei hatte er das Schwert des legend�ren K�nigs Osaberg gef�hrt, eines Helden aus alter Zeit, dessen Grab UIric auf seiner Flucht gefunden hatte.</p><p>�Ich kenne die meisten von euch seit meiner Kindheit. Ich w�rde f�r jeden dort hinaufgehen. Ich wei�, was es hei�t, von Trollen gefangen zu sein. Finden wir mehr als einen von ihnen, dann ziehen wir uns zur�ck. Ich wei�, was ihr von mir denkt, aber ich werde kein Leben aufs Spiel setzen, um Tote zu retten.� Ulric wandte sich an Eirik. �Kennst du die Gegend hier? Was glaubst du, wo w�rden die Trolle lagern, wenn sie in der N�he sind?�</p><p>Der Anf�hrer der J�ger sah ihn finster an. �Ich war vor zwei Jahren schon einmal hier.� Er deutete zu einem Steilhang, der etwa f�nfhundert Schritt �stlich lag. �Dort gibt es eine gro�e H�hle. Die Pl�nderer, die kommen, um das Vieh von unseren H�fen zu stehlen, benutzen sie manchmal als Lagerplatz.�</p><p>�Wie w�rdest du die H�hle angreifen?�</p><p>Eirik verdrehte wieder die Augen. �Gar nicht! Die Trolle brauchen nur da drinnen zu bleiben und zu warten, dass wir hineingehen. Sie werden uns einen nach dem anderen niedermachen. Sie sind Menschenfresser, Bestien. Aber sie sind nicht bl�d.�</p><p>�Dann werde ich allein zur H�hle gehen und versuchen, sie herauszulocken. Du platzierst unsere Bogensch�tzen so, dass sie jeden Troll, der sich blicken l�sst, mit Pfeilen spicken. Und sollten mehr Trolle aus der H�hle kommen, als wir t�ten k�nnen, dann habt ihr beste Aussichten, ihnen davonzulaufen. Als Bogensch�tzen m�sst ihr ja nicht zu nahe heran.�</p><p>Der Anf�hrer der J�ger sah ihn voller Verachtung an. �Das will nicht in deinen Sch�del hinein, nicht wahr? Niemand kann davonlaufen, wenn es um deine Haut geht, Wiederg�nger. Du bist der Sohn des K�nigs! Was glaubst du, was dein Vater mit uns macht, wenn wir ihm erz�hlen, dass wir fortgelaufen sind, als du dich mit einem Rudel Trolle angelegt hast?�</p><p>�Er wird euch dazu begl�ckw�nschen, dass ihr mehr Verstand hattet als ich.�</p><p>�Sch�ne Worte, Ulric. Du musst uns nicht davon �berzeugen, dass dein Vater ein gerechter Mann ist. Wir alle wissen das. Aber wird er sich daran erinnern, wenn er seinen einzigen Sohn zum zweiten Mal verloren hat?� Ulric war es m�de, noch l�nger zu schwatzen. Der J�ger w�rde immer einen Grund finden, um ihn schlecht dastehen zu lassen. Er sollte sich nicht abh�ngig von seiner Meinung machen. Sein Herz sagte ihm, dass es falsch war, nicht alles versucht zu haben, um Bj�rn und Kadlin zu retten. Auch wenn die Aussicht, sie noch lebend zu finden, noch so gering war. �Zeig mir, wo ich die H�hle finde.�</p><p>Er blickte in die Runde. �Euch entbinde ich von allen Treueiden. Tut, was ihr f�r richtig haltet.� Alle sahen Eirik an, ganz so, als habe er das Kommando, bemerkte Ulric ver�rgert.</p><p>�Wir kommen mit�, entschied der Anf�hrer der J�ger. Er beschrieb seinen Gef�hrten, wie sie sich der H�hle n�hern sollten, um ein m�glichst gutes Schussfeld zu haben. Dann wurden die Hunde angeleint. Man w�rde sie zur�cklassen, damit ihr Kl�ffen die J�ger nicht verraten konnte.</p><p>�Ich werde an deiner Seite gehen, Ulric Alfadasson.�</p><p>�Ich brauche keinen Leibw�chter�, entgegnete der K�nigssohn gereizt.</p><p>Der J�ger wartete mit seiner Antwort, bis die �brigen M�nner au�er H�rweite waren. �Mir geht es nur darum zu sehen, dass du diesmal wirklich stirbst, Wiederg�nger.�</p><p>�Und? Wirst du nachhelfen, wenn die Trolle ihre Sache nicht gut machen?�</p><p>�Ganz gleich, was du von mir halten magst: Ein M�rder bin ich nicht. Aber ich gestehe, ich werde mit Genugtuung zusehen, wenn sie dich schlachten. Dann bleibt nichts mehr, was deine Elfenfreunde noch einmal ins Leben zur�ckrufen k�nnen. So h�tte es schon w�hrend des Elfenwinters sein sollen.�</p><p>Die Offenheit des J�gers machte Ulric sprachlos. Was hatte er Eirik getan, dass dieser ihn so sehr hasste?</p><p>Sie beide warteten schweigend, bis die anderen J�ger ihre Positionen bezogen hatten.</p><p>Endlich gab Eirik ihm ein Zeichen. Sie gingen los. Ihr Aufstieg wurde durch zwei abgestorbene Kiefern gedeckt. Sie versperrten die Sicht auf die H�hle. Bleich wie Knochen ragten die St�mme aus dem felsigen Grund.</p><p>Der Wind kam ihnen entgegen. Es war eine schwache, unstete Brise. Sie trug den Duft von Gebratenem den Hang hinab.</p><p>Sie verharrten bei den toten Kiefern. Jetzt konnten sie den H�hleneingang sehen. Es war ein breiter Spalt, der sich am Fu� der Steilklippe erhob.</p><p>�Warte einen Augenblick�, sagte Eirik leise. Er deutete zu zwei Gestalten, die sich seitlich den Hang hinaufarbeiteten. Die beiden J�ger sollten oberhalb der H�hle Stellung beziehen.</p><p>Der Bratengeruch qu�lte Ulric. Ihm haftete etwas S��liches an. Er erinnerte ihn an das Lager bei Honnigsvald. Die Trolle hatten in der Stadt etliche F�sser mit Honig gefunden. Damit hatten sie das Fleisch bestrichen, das sie brieten. Beim blo�en Gedanken daran wurde Ulric ganz �bel. Sein Vater hatte Recht. Mit diesen Ungeheuern konnte es keinen Frieden geben. Niemals!</p><p>Ulric zog das Schwert des toten K�nigs Osaberg. Er hatte es sich nach seiner Weihe zum Krieger aus der K�nigsgruft geholt.</p><p>�Los!�, stie� er hervor und musste dabei ein W�rgen unterdr�cken.</p><p>Eirik sah ihn zweifelnd an. Hatte der J�ger etwa gehofft, er werde es sich noch einmal anders �berlegen? Ulric hob sein Schwert und deutete nach vorn. Er hatte Angst vor dem, was er in der H�hle finden w�rde. Und er wollte Blut vergie�en!</p><p>Er trat aus der Deckung hervor. �H�rt ihr mich? Hier steht Ulric Alfadasson! Kommt heraus und zeigt euch!�</p><p>Der K�nigssohn stapfte den Hang herauf. Loses Ger�ll rutschte unter seinen Stiefeln weg. Fast w�re er gestrauchelt. �H�rt ihr mich, ihr Trolle? Habt ihr Angst vor einem Menschenkind? Ich habe schon einmal einen von euch get�tet. Ich werde es wieder tun!�</p><p>Am Eingang zur H�hle bewegte sich etwas. Aus den Augenwinkeln sah Ulric, wie der Anf�hrer der J�ger einen Pfeil auf seinen Bogen legte.</p><p>Der Geruch nach Gebratenem wurde st�rker. Ulric hielt den Atem an und beschleunigte seine Schritte.</p><p>Eine riesige Gestalt trat aus dem Schatten des H�hleneingangs. Dem Troll hingen drei federgeschm�ckte Z�pfe von seinem kahlen Sch�del. Ein gro�es Steinmesser steckte im G�rtel, der seinen Lendenschurz hielt. In der Hand hielt er eine Keule.</p><p>Ulric sah die grausigen Szenen aus dem Gefangenenlager wieder vor sich. So viele Jahre hatte er sie vergessen gehabt. Es waren Steinmesser wie das im G�rtel des Trolls, mit denen sie das Fleisch zerteilt hatten.</p><p>Der Troll deutete auf den Eingang der H�hle. �Maidchen!�</p><p>Jetzt erkannte Ulric, dass der Kerl keine Keule hielt. Es war ein Schinkenst�ck, aus dem ein Knochen ragte.</p><p>�Ich werde dich umbringen und deine Leber an die Hunde verf�ttern. Ich ...� Hei�e Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. Er dachte an das M�dchen in dem blauen Kleid. Kadlin hatte bei dem Bogensch�tzenturnier wie eine Prinzessin ausgesehen. Sie h�tte nicht so enden d�rfen. Niemand durfte so enden!</p><p>�Halt dich mehr links! Du versperrst mir das Schussfeld!�, rief Eirik hinter ihm.</p><p>Ulric h�rte die Worte, doch er war zu keinem klaren Gedanken mehr f�hig. Er wollte dem Troll das Schwert in den Leib rammen. Er konnte ihn besiegen. Schon als Kind hatte er einen Troll get�tet.</p><p>Der H�ne lie� die Hand mit dem Schinken sinken.</p><p>�Maidchen�, sagte er noch einmal. Er wich ein St�ck in den H�hleneingang zur�ck.</p><p>�Verdammter Idiot! Halt dich mehr links!�, schrie Eirik.</p><p>Ulric hatte den Troll jetzt fast erreicht. Die Brust des Menschenfressers war mit wulstigen Narben bedeckt. Er hob seine riesige Pranke und sch�ttelte sie. �Nich kaimpfen!�</p><p>Ein Pfeil zischte so dicht an Ulrics Wange vorbei, dass er den Luftzug sp�rte. Das Geschoss bohrte sich tief in die Brust des Trolls.</p><p>Der H�ne taumelte zur�ck in die H�hle. �Nich ...� Der Geruch nach Gebratenem in Honigkruste war unertr�glich intensiv. Ein Feuer brannte dicht hinter dem H�hleneingang. Etwas bewegte sich im Spiel von Licht und Schatten. Eine zierliche Gestalt humpelte ihm entgegen.</p><p>�Nicht schie�en�, rief Kadlin. �Bei den G�ttern, nicht schie�en!� Ulric traute seinen Augen kaum. Neben dem Feuer lag Bj�rn. Sein Lederhemd war zerrissen, die Brust mit einer gr�nen Paste bedeckt. Kadlin st�tzte sich auf ihren Bogen. Immer wieder rief sie, dass sie nicht schie�en sollten. Der Troll kauerte neben dem Feuer. Er presste die Linke auf seine Brust. Dunkles Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.</p><p>Ulric starrte fassungslos auf das Bild, das sich ihm bot. Das passte nicht! Das konnte nicht die Wirklichkeit sein.</p><p>�Was habt ihr getan?�, rief Kadlin. �Er hat uns gerettet. Was habt ihr getan!� Ein Schatten dr�ngte sich neben Ulric in den Eingang. �Nicht!� Kadlin stellte sich vor den Troll.</p><p>�Weg da, M�dchen!�, schrie Eirik.</p><p>�Die Waffen nieder!� Ulric griff dem J�ger in den Bogen und dr�ckte ihn zur Seite. �Nicht schie�en. Es ist ... anders.� Er konnte kaum fassen, was er sah. Den beiden war nichts geschehen, obwohl sie wehrlos dem Troll ausgeliefert gewesen waren.</p><p>Die h�nenhafte Gestalt erhob sich. Sanft schob der Troll Kadlin zur Seite. �Geh�n, jetzt.�</p><p>�Nicht, Brud. Bitte! Es war ein Irrtum. Es war ...�</p><p>�Maidchen gut.�</p><p>Ulric wich vor dem riesigen Krieger zur�ck. Der Troll dr�ngte zum Eingang. Einen Augenblick lang war er versucht, den H�nen in die Falle laufen zu lassen. Dann besann er sich; es war geradezu ein Wunder, dass Kadlin noch lebte. Ein Geschenk der G�tter. Und vor den G�ttern wollte er nicht als ehrloser M�rder dastehen. Er w�rde den Troll ziehen lassen. Diesmal.</p><p>�Nicht schie�en! H�rt ihr! Die Waffen nieder. Lasst ihn gehen!�</p><p>Ulric hielt Brud zur�ck. �Du kannst noch nicht gehen. Warte. Ich muss zuerst hinaus. Bitte vertraue mir.� Brud sah ihn eindringlich an. Er schien keine Angst zu haben. �Schneidding weg!� Ulric lie� sein Schwert fallen.</p><p>�Du wirst ihm doch nicht etwa trauen�, zischte Eirik.</p><p>�Ich komme jetzt heraus. Ich bin es, Ulric.� Der K�nigssohn trat aus der H�hle ins grelle Sonnenlicht. Etwas tiefer am Hang standen zwei J�ger. Sie hielten die Waffen gesenkt, doch lagen Pfeile auf den Sehnen.</p><p>�Kadlin und Bj�rn leben. Der Troll scheint ihnen geholfen zu haben. Lasst ihn ziehen! Habt ihr mich verstanden? Lasst ihn durch, das ist ein Befehl!�</p><p>Eine schwere Hand legte sich auf Ulrics Schulter. Der Thronfolger stand wie versteinert. Er wusste, der Troll k�nnte ihm das Genick so leicht brechen, wie er ein Schilfrohr knickte. Ulric sp�rte warmen Atem in seinem Nacken. Was, bei den G�ttern, tat dieses Ungeheuer? Ein schnaubendes Ger�usch jagte ihm einen Schauer �ber den R�cken.</p><p>�Hol Maidchen in Rudel, gut.�</p><p>Jetzt erst begriff Ulric, was der H�ne tat. Er schnupperte an ihm, wie ein Raubtier, das Witterung aufnahm. Mit einem Grunzen richtete sich der Troll auf. Dann trat er aus der H�hle. Falls er begriffen hatte, dass dort drau�en Bogensch�tzen lauerten, lie� er sich nichts anmerken. Hoch erhobenen Hauptes schritt er den Hang hinab.</p><p>�Du wirst ihn doch nicht einfach ziehen lassen�, protestierte Eirik. �Er ist ein Feind!�</p><p>�Dieser nicht!�, mischte sich Kadlin ein. �Er hat Bj�rn das Leben gerettet. Und mir auch. Er hat den Schneel�wen get�tet.�</p><p>Ulric konnte immer noch nicht fassen, dass Kadlin und Bj�rn noch lebten. Es war richtig und ehrenhaft gewesen, den Troll ziehen zu lassen. Auch wenn sie an einem anderen Tag einander vielleicht als Feinde begegnen w�rden. Seit er als kleiner Junge den Ritter f�r Halgard gespielt hatte, hatte er nicht mehr so empfunden. Die widerstreitenden Gef�hle drohten ihn zu �bermannen. Er hustete verlegen, k�mpfte gegen Tr�nen. Die anderen sollten nicht bemerken, wie aufgew�hlt er war! �Was ist das f�r ein Fleisch?�, fragte er, um einen k�hlen Ton bem�ht.</p><p>Kadlin sah ihn an, als sei er ein Idiot. �Der Schneel�we�, sagte sie schlie�lich. �Er ist zur�ckgegangen, um ihn zu holen. Dort unten vor der H�hle hat er ihn zerlegt. Und er hat Honig aus einem Bienenstock in einem hohlen Baumstamm geholt. Damit hat er das Fleisch eingerieben, um es haltbarer zu machen. Ohne ihn w�re Bj�rn gestorben. Er hat die Blutung gestillt und seine Wunden mit k�hlem Moos bedeckt.�</p><p>�Warum?�, fragte Eirik. �Welchen Nutzen hatte er davon? Trolle tun so etwas nicht!�</p><p>Kadlin sah sie hilflos an. �Ich hatte das Gef�hl, dass er mich kennt. Ich ... Ich bin noch nie einem Troll begegnet, glaube ich. Au�er ... Das h�rt sich verr�ckt an. Manchmal habe ich einen Traum. Ich bin noch sehr klein, und ich bin in einer H�hle. Mir ist sehr kalt. Um mich herum sind gro�e M�nner, die trotz der K�lte nackte Oberk�rper haben. Einer reibt mir vorsichtig die Glieder. Seine H�nde sind riesig, aber er ist sehr behutsam. Langsam wird mir dann warm. Und ich sehe Mutter. Sie nimmt mich in die Arme. Der Mann, der mir die Glieder gerieben hat</p><p>... Er hatte schlimme Narben auf der Brust. Narben, die aussahen wie ein Vogel. So wie dieser Troll welche hatte. Vielleicht war es ja kein normaler Traum. Vielleicht ...�</p><p>�Dummes Weibergeschw�tz!�, schimpfte Eirik. �Der Kerl bezweckt irgendetwas. Und du bist ihm auf den Leim gegangen. Bist du dem Ger�usch brechender �ste gefolgt, als du zu den umgest�rzten Kiefern kamst? Denk nach, Kadlin! Kann es sein, dass er dich absichtlich in die N�he des Schneel�wen gelockt hat?�</p><p>Die J�gerin sah Eirik verwundert an. �Das ... Ich wei� es nicht. Nein. Was soll diese Frage?�</p><p>�Vielleicht wollte er, dass der Schneel�we euch angreift. So hatte er Gelegenheit, euch beide zu retten. Und nun f�hlst du dich ihm gegen�ber schuldig. Wom�glich wollte er eben das erreichen.�</p><p>�Warum sollte es nicht einfach das sein, wonach es aussieht?�, fragte Kadlin zornig. �Wir waren in Not, und der Troll hat uns geholfen. Warum musst du eine verwickelte Intrige in die Ereignisse hineindeuten? Trolle sind halbe Tiere. Sie denken nicht lange. Sie handeln.�</p><p>�Seit ich ein Kind bin, leben wir im Krieg mit den Trollen. Sie sind grausame Menschenfresser. Und nun kommt einer daher und k�mmert sich um dich und Bj�rn. Das stinkt doch zum Himmel! Da steckt mehr dahinter.� Ulric hatte nicht viel �brig f�r Eirik, aber diesmal hatte er Recht. Das M�dchen stand ganz offensichtlich noch unter Schock und konnte die Wahrheit nicht erkennen.</p><p>�Du glaubst, mit diesem Troll stimmt etwas nicht?�, fragte Kadlin w�tend. �Betrachte es doch einmal anders herum. Vielleicht stimmt mit dir etwas nicht, wenn du nicht hinnehmen kannst, dass mir und Bj�rn von unerwarteter Seite etwas Gutes widerfuhr. W�re es dir lieber, ich w�re tot, aber dein Bild �ber Trolle w�rde noch stimmen?�</p><p>�Es reicht jetzt, Kadlin!�, unterbrach Ulric sie scharf.</p><p>Eirik sch�ttelte w�tend den Kopf. �Bleib mir gestohlen mit deinem verdrehten Unsinn, M�dchen! Ich wei�, was ich wei�. Wenn ein Troll sich pl�tzlich auff�hrt wie eine Glucke, dann steckt da mehr dahinter. Du wirst schon noch sehen, Kadlin.�</p><p>Mit diesen Worten ging er zur H�hle hinaus.</p><p>�Ist er immer so?�, fragte Kadlin. Sie hatte sich auf einen Stein neben das Feuer gesetzt und massierte sich den Fu�kn�chel.</p><p>�Er ist der Einzige aus seiner ganzen Sippe, der den Elfenwinter �berlebt hat. Wundert es dich da, dass in seiner Welt kein Platz ist f�r einen Troll, der keine rei�ende Bestie ist?�</p></section><section><title><p>Der Kniefall</p></title><p>Orgrim betrachtete die Bauarbeiten unten am Pass mit gemischten Gef�hlen. Er stand verborgen zwischen Felsen, die fast die Farbe seiner Haut hatten. V�llig reglos blickte er auf die gro�e Baustelle am Pass. Zu hunderten waren die Menschen gekommen, und ihre Arbeit machte gute Fortschritte. Sie hatten den Boden der Baustelle geebnet und die Fundamente gelegt. Es war un�bersehbar, dass die Menschen sich auf Dauer einrichteten. Zum ersten Mal bauten sie eine Grenzbefestigung aus Stein, und das mitten auf dem wichtigsten Pass nach S�den. Wollten sie ihn herausfordern? Oder war ihre Angst vor seinem Volk so gro�?</p><p>F�r seinen Geschmack waren sie zu weit in die Jagdgr�nde der Trolle vorgesto�en. Wohin sollte das f�hren? Tr�umten sie etwa davon, die Nachtzinne anzugreifen?</p><p>Er musste unwillk�rlich l�cheln. Das war albern. Auch wenn seine Felsenburg bei weitem nicht �ber die raffinierten Verteidigungsanlagen Phylangans verf�gte, w�re sie f�r Menschen doch �hnlich unangreifbar. Niemals w�rden sie die steile Felsnadel erobern! Ihre Burg dort unten war der Ausdruck ihrer Angst vor seinem Volk. Er sollte sie gew�hren lassen. Seine jungen Krieger w�rden sich mit den Patrouillen herumschlagen k�nnen, die von hier aufbrechen w�rden, wenn das Bauwerk erst einmal vollendet war. Das w�re eine gute �bung f�r sie.</p><p>Orgrim streckte die Glieder. Er h�tte den K�nig der Menschen gern einmal kennen gelernt. Dieser Alfadas war ein tapferer Mann. Er genoss sogar unter den Elfen gro�es Ansehen. Der Herzog der Nachtzinne spielte mit dem Gedanken, einfach in das Lager der Menschen zu schlendern. Aber sie hatten zu viele Bogensch�tzen dort unten, und sie waren zu �ngstlich. Er w�rde gar nicht bis zu Alfadas vordringen, obwohl es da unten nicht einen einzigen Krieger gab, der sich mit ihm h�tte messen k�nnen. Au�er der Elfe vielleicht, die er schon oft in der N�he des K�nigs beobachtet hatte.</p><p>Das Ger�usch schlurfender Schritte und das leise Klicken eines Holzstabs lie�en ihn herumfahren. Skanga! Die alte, gebrechliche Schamanin kam zu ihm herauf. Er seufzte. Dann gab er seinen Beobachtungsposten auf und ging ihr entgegen.</p><p>�Es gibt wohl keinen Ort, an dem man vor dir sicher ist, Alte.�</p><p>�Hast du es denn n�tig, dich vor mir in Sicherheit zu bringen?�, stie� sie vor Ersch�pfung schnaufend hervor.</p><p>Er lachte. �Stets zu einem kleinen Wortgepl�nkel aufgelegt, was? Komm, setz dich.� Die Schamanin blieb stehen. Ihre schneewei�en blinden Augen musterten ihn durchdringend. Der F�rst fragte sich, wie sie ihn wohl sah. Nat�rlich war Magie dabei im Spiel. Aber wie mochte er wohl aussehen f�r sie?</p><p>�Du hast von der Schlacht am Mordstein geh�rt?� Orgrim war �berrascht. Nur wenige Trolle besa�en die Macht, die Albenpfade zu beschreiten und zwischen den Welten zu wandern. Nachrichten aus Albenmark waren deshalb selten.</p><p>�Sie haben die Snaiwamark angegriffen. Ich h�tte nicht gedacht, dass sie das wagen w�rden.�</p><p>�Wir hatten ein Heer versammelt, das f�nfmal so stark war wie das der Elfen und Kentauren.� Orgrim ahnte Schlimmes. Schweigend h�rte er sich den Bericht der Alten an. Er war ersch�ttert. Von S�den gab es nur einen Weg, den ein Heer auf die Ebene am Mordstein nehmen konnte. Es w�re ein Leichtes gewesen, diesen Anmarschweg zu blockieren! Zweihundert Trolle h�tten gen�gt, um das Heer Albenmarks aufzuhalten, bis Verst�rkungen gekommen w�ren. Aber Orgrim h�tete sich, der Alten Vorw�rfe zu machen. Sie war ber�chtigt f�r ihre Launen.</p><p>�Wie viele Tote sind es auf unserer Seite?�</p><p>�Zu viele.� Skanga presste die Lippen zusammen. Ein Muskel in ihrer Wange zuckte. �Viel zu viele. Aber wir haben gesiegt. Wir haben das Schlachtfeld gehalten. Es waren die Elfen und ihre Verb�ndeten, die flohen.� �Warum bist du zu mir gekommen, wenn ihr doch gesiegt habt?�</p><p>�Weil ich weitere Siege dieser Art f�rchte.� Pl�tzlich lie� sie sich auf die Knie sinken. Ihre Gelenke knackten schauderlich.</p><p>�Ich bitte dich, uns zu helfen, Orgrim. Sieh mich an! Es ist Jahrhunderte her, dass ich vor jemandem niedergekniet bin. Ich wei� nicht einmal, ob ich aus eigener Kraft wieder hochkommen werde. Aber auf der Ebene am Mordstein ist mein Stolz zu Asche geworden. Tausende unserer Welpen haben dort erschlagen gelegen. Jungen, die es verdient gehabt h�tten, unter den W�lfen aufgenommen zu werden und sich Krieger zu nennen. Die Elfen sind schwach. Wir werden sie letztlich besiegen. Aber ich f�rchte den Preis des Sieges. Du hast selbst einen ganzen Wurf junger Welpen gezeugt. Du wei�t, wovon ich rede. Ich bitte dich, Orgrim, steh uns bei! Wenn es sein muss, werde ich sogar deine F��e k�ssen. Ich werde alles tun, was du verlangst. Ich ...�</p><p>Orgrim packte sie bei den Schultern und hob sie hoch.</p><p>�Komm, Skanga. Komm! Du wei�t, ich respektiere dich. Spiel mir nichts vor. Ich habe meinen Frieden in der Welt der Menschen gefunden. Ich habe gute Weiber und mit ihnen acht Welpen gezeugt, die mir viel Freude bereiten. Warum sollte ich in Albenmark Kriege f�hren? Ich bin gl�cklich hier.�</p><p>Der Atem der Alten ging immer noch pfeifend vor Anstrengung. �Du magst gl�cklich sein, aber der Tod ist deinen Welpen n�her, als du denkst. Erinnerst du dich an das Ritual auf der Insel im Waldmeer? Wei�t du noch, was ich aus den beiden gefangenen Elfen erschaffen habe?�</p><p>Bis ans Ende seiner Tage w�rde er das nicht vergessen. �Ja. Drohst du mir, Skanga?�</p><p>�Nicht ich! Emerelle hat einige Shi-Handan erschaffen. Und ihre Burg im Herzland l�sst sie durch Yingiz bewachen.�</p><p>Orgrim dachte dar�ber nach. �Das ist nicht die Emerelle, die ich kenne�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Nat�rlich nicht. Sie k�mpft einen Todeskampf, und ich habe Sorge, dass sie unsere Welt mit in den Abgrund rei�t. Ihr muss klar sein, dass sie gegen uns nicht gewinnen kann, und sie ist verzweifelt. H�tte ich es nicht erlebt, ich h�tte niemals geglaubt, dass sie einen Teil vom gro�en Werk der Alben zerst�ren w�rde. Und die Vernichtung des Albenpfads war erst der Anfang. Sie gibt die Fesseln auf, die sie sich bisher auferlegt hat. Und sie hat Alathaia von Langollion in ihre Burg gerufen. Wenn sie beginnen, gemeinsam Magie zu weben, m�ssen wir mit dem Schlimmsten rechnen, Orgrim. Dein Volk braucht dich! Albenmark braucht dich! Wir m�ssen die Elfenk�nigin endg�ltig besiegen, bevor sie noch mehr Unheil anrichten kann.�</p><p>Orgrim blieb unschl�ssig. Er hatte sich geschworen, dem K�nig nicht mehr zu dienen. Gewiss, Branbart war tot, aber seine Seele war wiedergeboren, und der Herzog der Nachtzinne mochte nicht glauben, dass nun alles ganz anders werden w�rde. Branbart hatte seinen Tod gewollt, als er ihn hierher in die Welt der Menschen geschickt hatte. Ob die dunklen Seiten Branbarts wohl in Gilmarak wiederkehrten? Er hatte kein Bed�rfnis, das herauszufinden. Und er war sich im Klaren dar�ber, dass Skanga sich immer auf Seiten des K�nigs stellen w�rde. Nein, wenn er nach Albenmark ging, dann hatte er nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren.</p><p>�Du wirst Emerelle besiegen, Skanga. Du bist unendlich viel m�chtiger als ich.�</p><p>Die Schamanin grunzte �rgerlich. �Schmier mir nicht Honig ums Maul. Ich bin keine Feldherrin. Vielleicht w�rde ich gewinnen, doch diesen Sieg w�rde ich weit blutiger erkaufen als du. Und was mir noch viel mehr Sorge macht, ich w�rde l�nger brauchen, um Emerelle zu besiegen. Zeit haben wir aber nicht mehr. Wer wei�, was die verfluchte Tyrannin als N�chstes tun wird. Ich bin nicht �ngstlich, Orgrim. Aber Emerelle f�rchte ich. Sie nutzt die Shi-Handan, um all jene F�rsten zu bestrafen, die sich nicht entscheiden k�nnen, auf Seiten der Elfen in den Krieg zu ziehen. Und was noch schlimmer ist, ihre Opfer glauben, ich h�tte die Geisterw�lfe geschickt! Vor wenigen Wochen noch war ihr B�ndnis schwach und keine Gefahr f�r uns. Doch nun gewinnt sie jeden Tag neue Verb�ndete. Und dann noch die Shi-Handan und die Yingiz. Sie wei�, dass du eine Gefahr darstellst. Vielleicht wird sie einen ihrer Geisterw�lfe auch hierher schicken. Du solltest deine Weiber und deine Welpen aus der Nachtzinne fortbringen. Und wer wei�, was Emerelle noch alles plant. Wom�glich will sie einen der schlafenden Riesen wecken.�</p><p>Orgrim wurde langsam unruhig. Die Vorstellung, dass die Geisterw�lfe auch zu ihm kommen k�nnten, machte ihm Angst. Aber w�re sein bester Schutz vor ihnen nicht, sich auf keinen Fall in den Krieg in Albenmark einzumischen? �Die schlafenden Riesen. Ist das nicht ein M�rchen?�</p><p>�Viele haben die Shi-Handan ebenso f�r Gesch�pfe aus M�rchen gehalten. Ich wei� nicht, ob es die Riesen gibt und ob sie wirklich den Alben geholfen haben, die Welt zu erbauen. Aber wenn sie mehr sind als nur Geschichten, die man seinen Welpen erz�hlt, dann haben sie die Kraft, Gebirge einzurei�en. Emerelle ist l�ngst nicht mehr w�hlerisch, wen sie gegen uns ins Feld schickt.�</p><p>Orgrim blickte hinab zum Bauplatz. Wie klein und �berschaubar ihm die Welt eben noch erschienen war. �Wie viele Krieger hast du noch, nach den K�mpfen am Mordstein?�</p><p>�Das Heer z�hlt noch mehr als vierzigtausend.�</p><p>�Wie soll man eine solche Menge von Trollen ern�hren?�</p><p>Skanga l�chelte verschlagen. �Ich bin kein Feldherr, aber ich bin auch nicht dumm! Nat�rlich sind wir vorbereitet.� Sie berichtete ihm ausf�hrlich von ihren Pl�nen und den Verb�ndeten, auf die sie sich verlassen konnte.</p><p>Orgrim war ehrlich beeindruckt. �Welches Ziel soll dein Krieg haben, Skanga?�</p><p>�Wir werden Emerelle von ihrem Thron vertreiben. Es geht letztlich allein um sie, aber wer sich uns in den Weg stellt, der wird mit ihr untergehen. Gilmarak soll im Herzland auf dem Thron von Albenmark sitzen, und Emerelles Schreckensherrschaft soll beendet sein. Das ist das Ziel des Feldzugs.� Orgrim kratzte sich hinter dem Ohr und sch�ttelte den Kopf. �Der Thron von Albenmark. Ist das nicht etwas viel f�r einen Welpen? Du willst herrschen, nicht wahr? Wenn du Emerelle besiegst und ihr ihren Albenstein abnimmst, dann wirst du die m�chtigste aller Zauberinnen sein. Und du st�ndest als Beraterin an der Seite eines Welpenk�nigs, der alles tun wird, was du ihm sagst.�</p><p>Skangas tote Augen ruhten auf ihm. Sie sah sehr m�de aus.</p><p>�Ich bin vor dir niedergekniet, Herzog, und ich habe dir gesagt, wie die Dinge stehen. Ich werde dich nicht anflehen, noch werde ich dich zwingen, mir zu helfen. Albenmark braucht dich. Du k�nntest Emerelle aufhalten.� Sie wandte sich ab. Ihr Knochenstab tastete �ber den unebenen Felsboden. Langsam stieg sie den Hang hinab.</p></section><section><title><p>Heldentod</p></title><p>Vor zwei Tagen hatten ihn die ersten beunruhigenden Nachrichten erreicht. Sein Bruder Nikodemus sah oft bei Ganda vorbei und hatte sie ihm zugetragen. Obwohl Elija sich noch immer zu der Lutin hingezogen f�hlte, mied er es, sie aufzusuchen, seitdem sie den Elfen in ihrem Zelt hatte.</p><p>Er wusste, dass man �ber Kommandantin Schl�sselchen tuschelte. Wirres Zeug dar�ber, dass sie den Elfen liebe. Diese Worte waren wie Gift in seiner Seele. Aber seine Seele war stark! Das musste sie sein bei der gro�en Aufgabe, die ihm sein Leben gestellt hatte. Er f�rchtete sich nicht davor, dass der Elf Ganda vielleicht sch�ne Augen machen k�nnte. Das w�rde niemals geschehen! Er kannte die Elfen! Die fuchsk�pfigen Lutin waren f�r sie kaum mehr als Tiere. Niemals w�rde sich ein Elf in eine Lutin verlieben! Eher w�rden die Trolle dem Fleischfressen entsagen und wie K�he friedlich auf den Wiesen weiden. Was ihn besorgte, war, was geschehen w�rde, wenn der Elf wieder zu Kr�ften k�me. Wie viel hatte er wohl �ber das Verh�ltnis zwischen den Trollen und den Lutin aufgeschnappt? War er wirklich in tiefer Bewusstlosigkeit gewesen? Oder hatte er am Ende gar gelauscht, zu schwach, um ein Lebenszeichen von sich zu geben, aber durchaus stark genug, um zu begreifen, was um ihn herum geschah?</p><p>Die Herde war auf dem Weg ins Lager der Steinhufe, einem Kentaurenstamm, bei dem sie schon mehrmals Vieh gekauft hatten. Sie f�hrten Salz und Gew�rze mit sich sowie Waffen und schweres Gold vom Schlachtfeld am Mordstein. Das Vieh w�rde teurer sein als in den vergangenen Jahren. So war es in Kriegszeiten. Reicht�mer, die sich aus eigener Kraft bewegten, wurden teurer und teurer. Aber der Preis spielte keine Rolle mehr. Bald w�rden die Trolle wieder marschieren. Und dann w�rden sie die Tyrannei der Elfen f�r immer brechen. Danach w�rde sich alles �ndern. Und die Lutin waren die treuesten Verb�ndeten der neuen Herrscher. Nein, auf Geld musste man nun keine R�cksicht mehr nehmen.</p><p>Bald schon konnte er �ber das Schicksal Albenmarks mit entscheiden. Was k�mmerte es ihn da, ob er f�r eine Herde einen Sack Pfeffer mehr gab, als sie wert war. Nur um den verfluchten Elfen musste er sich k�mmern. W�re er doch nur nicht aus seiner Ohnmacht erwacht! Jetzt musste er eine endg�ltige L�sung finden. Und das hie� zugleich auch, dass er es sich auf immer mit Ganda verderben w�rde, wenn die Kommandantin durchschaute, was er getan hatte. Nur wenn er sehr schnell handelte, bestand die Hoffnung, dass sie Ollowains Ver�nderung f�r einen tragischen R�ckfall halten mochte.</p><p>Elija griff nach dem flachen Holzk�stchen. Vor sieben Jahren hatte er es vom Schwarzen erworben. Der Drucker hatte zwar einen f�rstlichen Preis daf�r verlangt, doch hatte er zugleich auch erleichtert gewirkt, als er diesen Schatz endlich losgeworden war.</p><p>Der Lutin strich �ber das K�stchen aus abgesto�enem, rissigem Rosenholz. Bl�ten aus feurigen Granatsteinen waren in das altersdunkle Holz eingelassen. Die H�lfte der Schmucksteine fehlte. Er selbst hatte vor Jahren einige der Steine verschachert, als er nicht gewusst hatte, wovon er den n�chsten Laib Brot zahlen sollte.</p><p>Elija stand schon am Eingang seines Zeltes, als er noch einmal innehielt. Der Schwarze hatte ihm versichert, dass der Schatz nicht vergiftet sei. Aber bei den Werken des Grobh�m Flog war man stets gut beraten, Vorsicht walten zu lassen. Elija kannte einen Bibliothekar, dem eines von Grobh�ms B�chern zwei Finger abgebissen hatte.</p><p>Der Lutin ging zu seiner Kleidertruhe und suchte nach den schweren Lederhandschuhen, die er im Winter trug. Als er sie �ber die Finger streifte, f�hlte er sich besser. Die Rosenholzkiste unter den Arm geklemmt, trat er aus dem Zelt. Es war Mittagszeit, und die Herde rastete. Aufmerksam sah er sich um. Weit im Westen entdeckte er einen kleinen Reitertrupp auf der Ebene. Heute hatte Ganda zum ersten Mal das Lager des Elfen verlassen. Sie machte mit Nikodemus und einigen anderen J�gern einen kleinen Ausritt zu einem nahen See. Bald w�rden die ersten Herbstst�rme �ber das Windland ziehen. Der Sommer war vor�ber, und niemand konnte sagen, ob das Jahr noch einen weiteren so strahlenden, warmen Tag zu bieten hatte.</p><p>Elija stieg die Strickleiter von der Zeltplattform hinab und ging zu Mondkragen. Die gro�e Hornschildechse blinzelte schl�frig, als sie ihn sah, und schloss dann wieder die Augen. Der Lutin sp�rte, wie ihm die H�nde feucht wurden. Es war lange her, dass er das letzte Mal gemordet hatte. Was f�r eine Ironie, dass der gr��te Schwertk�mpfer Albenmarks durch einen unbewaffneten Lutin ausgel�scht werden w�rde, der ihm kaum bis �bers Knie reichte.</p><p>�Ausgel�scht.� Elija kostete das Wort wie einen alten Wein, den man nach jedem Schluck noch einen Augenblick im Mund behielt, um sein volles Aroma zu genie�en. Ausgel�scht, treffender konnte man es nicht ausdr�cken.</p><p>Elija kletterte die Strickleiter hinauf. Noch einmal sp�hte er nach Westen. Die Reiterschar war hinter dem Horizont verschwunden. Im Lager rings herum hatten seine Gefolgsleute Schutz unter den Sonnensegeln gesucht. Nur zwei Wachen sahen ihn bei Gandas Zelt. Er hatte sie selbst ausgew�hlt. Von ihnen w�rde Ganda nicht erfahren, was an diesem Mittag geschehen war.</p><p>Der Lutin schlug die Plane zur�ck und trat ins D�mmerlicht des kleinen Zeltes. Der Elf regte sich.</p><p>�Wie ich h�rte, geht es dir besser, F�rst�, sagte der Lutin freundlich und nahm neben dem Lager des Verwundeten Platz.</p><p>�Ganda hat dich aufopferungsvoll gepflegt. Sie ist voller Hoffnung, dass du schon bald wieder zu Kr�ften kommen wirst. Sie hat ein wahres Wunder an dir vollbracht. Ich h�tte nicht einen Grashalm aus der Ebene darauf verwettet, dass du wieder zu dir kommen w�rdest. Ihr Elfen seid wirklich von erstaunlicher Widerstandsf�higkeit.� Elija l�chelte. �Doch seid ihr auch langm�tig, wenn es darum geht, Langeweile zu ertragen? Ganda hat viele Pflichten, und sie wird dich in den n�chsten Tagen oft allein lassen m�ssen. Und du darfst dich noch nicht von deinem Lager erheben. Dazu bist du zu schwach. Deine Wunden k�nnten wieder aufbrechen, wenn du dich zu sehr anstrengst.�</p><p>Der Elf sah ihn mit durchdringenden blauen Augen an. Der gr��te Teil seines Gesichts war hinter Verb�nden verborgen. Die Lippen schimmerten rot durch das wei�e Leinen. Zwei Furchen aus schwarzem Schorf teilten sie. Auch waren sie noch immer geschwollen, wodurch sie wulstig erschienen. Das linke Augenlid des Elfen hing ein wenig herab. Auf dem Lid war eine h�ssliche braungr�ne Verf�rbung zu sehen.</p><p>�Verstehst du mich?�</p><p>�Ja.� Die geschwollenen Lippen blieben bewegungslos, als Ollowain antwortete. Sein Mund stand leicht offen. Goldenes Haar fiel seitlich �ber die Verb�nde. Elija wusste, dass Ganda einen guten Teil des Sch�dels kahl geschoren hatte, um die Wunden des Elfen besser zu versorgen. Er hatte sie dabei beobachtet, wie sie jedes einzelne der goldenen Haare verbrannt hatte, damit niemand sie f�r einen Schadenszauber gegen den Elfen verwenden konnte.</p><p>Elija klopfte auf die kleine Holzkiste. �Ich habe dir etwas mitgebracht, um deine einsamen Stunden zu verk�rzen. Wie du wei�t, sind wir ein Volk auf steter Wanderschaft. Wir besitzen nur wenig, denn unsere Lebensumst�nde erlauben uns nicht, mehr G�ter anzuh�ufen, als wir tragen k�nnen. Deshalb besitzt mein Volk auch so gut wie keine B�cher. Dieses hier ist eine der wenigen Ausnahmen.� Er �ffnete den Deckel des Rosenholzk�stchens. Das Buch darin war nicht einmal so gro� wie eine Hand. In verblassten Goldbuchstaben stand der Titel auf dem schwarzen Ledereinband: EIN UNGESCHRIEBENES LEBEN.</p><p>Das Leder des Einbands war nicht abgegriffen. Nur die verblasste Schrift verriet das Alter, ansonsten wirkte das Buch ungelesen.</p><p>�Glaubst du, du kannst deine Hand heben? Es ist nicht sonderlich schwer. Ich hoffe, es kann dich ein wenig unterhalten.�</p><p>Ollowain drehte den Kopf leicht zur Seite. Er st�hnte. Ganz langsam hob er die rechte Hand.</p><p>�Kannst du es halten?� Vorsichtig nahm Elija das Buch aus dem Kistchen. Der Arm des Elfen war geschient, doch seine Hand sah, abgesehen von ein paar fast verheilten Sch�rfwunden, gut aus. Was f�r lange, schlanke Finger der Kerl hatte. Und seine Fingern�gel waren so makellos, als w�rden sie jeden Tag von einer Dienerin gepflegt.</p><p>Der Schwertmeister zog den zweiten Arm auf seine Brust. Er bewegte sich ungelenk. Behutsam dr�ckte ihm Elija das Buch in die H�nde.</p><p>�Danke�, stie� der Elf m�hsam hervor. Ollowain bereitete es ganz offensichtlich M�he, seine Finger um das schmale Buch zu schlie�en, doch er beklagte sich nicht.</p><p>��beranstrenge ich dich?�</p><p>�Nein ... du bist ... sehr freundlich.� Ein L�cheln lag in den Augen des Elfen.</p><p>Ungelenk klappte Ollowain das Buch auf.</p><p>�Nur wei�e ... Seiten ...�, sagte er �berrascht.</p><p>Elija wandte �ngstlich den Blick ab. �Du musst zum Anfang des Buches bl�ttern. Dann wird sich dir alles erschlie�en. Schlag die erste Seite auf.� Der Lutin drehte sich etwas zur Seite, sodass Ollowain ihm nicht ins Gesicht blicken konnte, und schloss die Augen. Er h�rte das leise Ger�usch von Seiten, die umgebl�ttert wurden. Dann erklang ein Seufzer. Darauf folgte Stille. Erst ein Poltern ermutigte ihn, die Augen wieder zu �ffnen. Das Buch war dem Elfen aus den H�nden gefallen.</p><p>Der Lutin hob es von den Holzdielen auf. Es war so dick, dass es nicht mehr in das Rosenholzk�stchen passte. Er klappte es kurz auf. Die Seiten waren mit einer kleinen, sehr ordentlichen Handschrift dicht beschrieben. Er �berflog fl�chtig einige Zeilen. Es ging um eine Elfendame, die bei einem Festmahl zu Tode kam, weil sie sich den abgebrochenen Stiel eines Kristallglases ins Auge rammte. �Was f�r ein blutiges Leben du hattest�, murmelte Elija und schloss das Buch. Der Lutin betrachtete den Elfen. Die blauen Augen starrten ausdruckslos zur Zeltdecke. Ein d�nner Speichelfaden troff Ollowain aus dem Mundwinkel.</p><p>Elija dr�ckte ihm die Augenlider zu. �H�ttest du nicht gedacht, auf diese Weise von uns zu gehen. Nicht gerade ein Heldentod.�</p></section><section><title><p>Dreizehn Kinder von edlem Blut</p></title><p>Alathaia legte das schwere Buch vor Emerelle auf den Tisch. Ihre selbstsichere Art war wie weggefegt. Sie blickte in die Schattenwinkel der kleinen B�cherkammer, in der sie sich getroffen hatten. �Einer von ihnen ist hier. Ich sp�re ihn.� Die K�nigin nickte. Auch sie sp�rte die Gegenwart des Yingiz. Sie hatte sich l�ngst daran gew�hnt, dass die Schattenwesen sie st�ndig belauerten. Es waren mehr geworden in den letzten Monden. �Was h�ltst du von dem Buch?�</p><p>Alathaia strich �ber den schweren Buchdeckel. �Meliander war dein Bruder, nicht wahr? Darf ich trotzdem offen sprechen?�</p><p>�Die Lage ist zu ernst, um Zeit damit zu verschwenden, sich gegenseitig etwas vorzumachen.�</p><p>Die F�rstin nickte. �Ich halte ihn f�r wahnsinnig, obwohl er zweifellos seine klaren Momente hatte. Das Buch ist verwirrend. Ich habe es dreimal gelesen. Er widerspricht sich manchmal in dem, was er schreibt. Ich habe auch versucht, einiges zu �berpr�fen ... soweit das in meiner Macht stand.�</p><p>�Meister Alvias hat mir davon berichtet. Er ist alles andere als angetan von dir. Im ganzen Palast findet sich kein Diener mehr, der es wagt, deine Gem�cher zu betreten. Er musste sie selbst s�ubern.� Emerelle dachte an die Dinge, die ihr Alvias erz�hlt hatte. Es war nicht leicht, den Hofmeister aus der Fassung zu bringen.</p><p>�Hat er sich wegen der Blutspritzer aufgeregt?� Alathaia l�chelte k�hl. �Ich hatte ihm geraten, den Boden und die W�nde rot t�nchen zu lassen. Gleich am ersten Abend, nachdem ich eingetroffen war. Damals hat er mich nicht ernst genommen. Aber dass ihm der Tod von ein paar schwarzen Widdern so nahe geht ...� Sie breitete die H�nde aus. �Ich dachte, er h�tte schon in Schlachten gek�mpft. Da m�sste er den Anblick von etwas Blut doch gew�hnt sein.�</p><p>�Ich glaube, ihm machte nicht die Tatsache zu schaffen, dass die Widder in deinen Gem�chern zu Tode kamen, sondern viel eher die Art, wie sie starben.�</p><p>Alathaia lachte ver�chtlich. �Er sollte sich nicht so anstellen. Es war wesentlich unangenehmer, w�hrend ihres Todes anwesend zu sein, als die Fleischfetzen von den W�nden zu kratzen.�</p><p>Emerelle schluckte. Ihr lag eine Frage auf der Zunge, doch dann entschied sie, lieber nicht wissen zu wollen, was Alathaia getan hatte. �Du glaubst Meliander also nicht.�</p><p>�Wenn ich das t�te, m�sste ich verzagen. Er malt die Zukunft in den dunkelsten Farben aus. Dabei liegt der Sieg zum Greifen nahe.� Der K�nigin missfiel der Blick, mit dem Alathaia das Buch betrachtete. �Du wei�t, was f�r ein Stein das ist?�</p><p>Die F�rstin von Langollion �berging die Frage. �Wem hat dein Bruder den Albenstein abgenommen? Und warum hat er ihn zerst�rt? Ich wei�, der Stein besch�tzt das Buch, doch das ist zu viel Schutz. Es ist, als wolle eine Ameisenk�nigin ihr Volk durch einen L�wen verteidigen lassen. Und dass er ihn zerst�rt hat ....� Sie sch�ttelte den Kopf. �Er muss wahrlich wahnsinnig gewesen sein.�</p><p>�Er wollte uns auf etwas hinweisen. Es gibt unendlich viel mehr Zuk�nfte, als er in dem Buch beschreiben konnte. Und die Silbersch�ssel versteht sich darauf, stets nur die schlimmen Seiten zu zeigen.�</p><p>�Du meinst, wie der kleine Trollk�nig dich nach seinem Sieg an der Shalyn Falah mit dem Kopf nach unten an den Zinnen deiner Burg aufh�ngt, um dir bei lebendigem Leib das Herz herauszuschneiden und es zu verspeisen.� Emerelle begegnete der F�rstin mit einem eisigen L�cheln. �Das ist die Art, wie sie einem Respekt erweisen. Skanga hofft, dass ihr K�nigswelpe dadurch einmal genauso tapfer werden wird, wie ich es bin.�</p><p>�Bist du wirklich so tapfer? W�rdest du jeden Weg gehen?�</p><p>�Ich glaube, der Weg zum Sieg muss ein Weg sein, den mir mein Bruder nicht zugetraut hat. Ich muss etwas tun, das er f�r so unwahrscheinlich gehalten hat, dass er diesen Zweig der Zukunft erst gar nicht erforschte.�</p><p>Alathaia sch�ttelte den Kopf. �H�tte er das nicht einfach in sein Buch schreiben k�nnen? Warum so umst�ndlich?�</p><p>�Weil er mich immer f�r etwas dickk�pfig gehalten hat. Fr�her war ich ber�chtigt daf�r, gut gemeinte Ratschl�ge nicht anzunehmen und stets meinen eigenen Weg zu gehen. Das war lange bevor ich zum ersten Mal zur K�nigin gew�hlt wurde.�</p><p>Wehm�tig dachte sie an die Nacht vor dem Drachenkampf. Falrach hatte ihr dringend von dem Gefecht abgeraten. Er hatte f�r ihre Unvernunft mit dem Leben bezahlt.</p><p>�Wenn wir den Albenstein wieder zusammenf�gen�, fuhr die K�nigin fort, �dann k�nnen wir den zerst�rten Albenpfad erneuern. Damit ist das Loch im Netz der Wege geschlossen. Das Netz, das die Yingiz zur�ckh�lt. Dann kann ich beginnen, die Schatten zu vertreiben. Und wenn das gegl�ckt ist, werden die Trolle meine Macht zu sp�ren bekommen.�</p><p>�Warum vertreibst du die Yingiz nicht gleich? Du wei�t, wie man sie besiegt?�</p><p>�Du musst weiter denken, Alathaia. Was geschieht, wenn einer von ihnen heulend ins Nichts zur�ckgeschleudert wird? Wird er nicht all seinen Gef�hrten berichten, dass ein Weg nach Albenmark offen steht? Bisher ahnen die Yingiz, die noch im Dunkel zwischen den Welten gefangen sind, nichts von dem Weg. Doch schicke ich nur einen von ihnen zur�ck, werden sie alle nach dem Fluchtweg aus ihrem Gef�ngnis suchen.�</p><p>�Dann t�te sie!�</p><p>�Das vermochten nicht einmal die Alben. Keine Kraft Albenmarks kann das erreichen. Du wei�t, was Meliander schreibt. Es gibt nur einen Weg der Hoffnung, und den kann kein Elf beschreiten. Kein Gesch�pf Albenmarks w�rde die Wachen der Goldenen Hallen passieren k�nnen. Wenn du dort Hilfe suchst, musst du einem Menschen den Schierlingsbecher reichen. Einem ganz besonderen Menschen, der diesen Trunk freiwillig nimmt und der Aussichten hat, in den Goldenen Hallen Hilfe zu finden. Wer sollte das sein? Ein Held reinen Herzens ... Und bist du dir sicher, dass Meliander sich nicht irrt? Woher will er wissen, was nie erprobt wurde? Kein Albenkind hat die Goldenen Hallen je gesehen. Gibt es sie vielleicht nur in der Vorstellung der Menschen? Willst du das Schicksal der Welt auf solch eine vage Vermutung setzen?�</p><p>�Wenn du den Menschen nicht traust, welchen Weg w�rdest du gehen?�</p><p>�Den der Macht.� Emerelle fr�stelte. W�re sie einst wie Alathaia, wenn sie den Weg zu Ende ging, auf den das Schicksal sie St�ck um St�ck gezerrt hatte? Mit jedem Kompromiss hatte sie ein St�ck ihrer Linie aufgeben m�ssen. Schleichend war ihr das eigene Weltbild entglitten.</p><p>�Du solltest den zweiten Albenstein f�r dich gewinnen�, meinte Alathaia. �Wenn die Gefahr durch die Yingiz gebannt ist, dann kannst du dich mit aller Kraft den Trollen widmen. Du darfst dich nicht zwischen diesen beiden Kriegen aufreiben. An keiner Front wirst du einen Sieg erringen, wenn du nur mit halber Kraft k�mpfst.�</p><p>Emerelle betrachtete nachdenklich das Buch und die Steinfragmente, die wie Schmuck in den pr�chtigen Einband eingelassen waren. �Ich habe versucht, den Albenstein wieder zusammenzuf�gen, doch er widersetzt sich mir.�</p><p>�Du hast mich doch gerufen, damit ich dir helfe. Dann nimm meine Hilfe an. Ich habe in den letzten Wochen einige Zauber erprobt und bin sehr zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein k�nnen.� Sie lehnte sich zur�ck. Alathaia strahlte eine provozierende Selbstsicherheit aus. Sie war eine sch�ne Frau. Jede ihrer Gesten war sorgsam einstudiert. Sie wusste um ihre Wirkung, ihre Ausstrahlung. Wappnete sie sich gerade noch in einen Panzer aus Eis, der es unm�glich machte, ihr nahe zu kommen und ihre wahren Gef�hle auch nur zu erahnen, so vermochte sie binnen eines Augenblicks eine v�llig andere zu werden. Ein einladendes L�cheln, ein verhei�ungsvoller Blick, ein laszives R�keln ... Mit ihr k�nnte man seine dunkelsten Sehns�chte ausloten. Tr�ume, die einen mitten in der Nacht schwei�gebadet auffahren lie�en und �ber deren Abgr�nde nie ein Wort �ber die Lippen drang ... Mit Alathaia konnte man sie Wirklichkeit werden lassen.</p><p>Emerelle hatte sich nie zu Frauen hingezogen gef�hlt, doch selbst bei ihr blieb die sinnliche Ausstrahlung der F�rstin von Langollion nicht ohne Wirkung. �Du wei�t also, wie man den Stein zusammenf�gen kann.�</p><p>Kerzenlicht spiegelte sich auf den dunklen, granatfarbenen Lippen der F�rstin. �Dir wird nicht gefallen, was du zu h�ren bekommst, Emerelle. Und das liegt daran, dass unser Volk seit Jahrhunderten in seinen selbst gezogenen Grenzen gefangen ist. Wir sind erstarrt, unf�hig, uns den neuen Zeiten anzupassen. Und deshalb werden wir untergehen, wenn du nicht den Mut hast, falsche moralische Schranken hinter dir zu lassen. Nur Blutmagie hat die Macht, den Albenstein wieder zusammenzuf�gen. Ich fordere von dir dreizehn Kinder von edlem Blut. Elfenkinder m�ssen es sein, geboren in den �ltesten unserer Sippen. In ihnen brennt das Licht des Lebens am st�rksten. Diese Kraft, richtig gelenkt, wird den Stein wieder in seine urspr�ngliche Form zwingen.�</p><p>Emerelle sp�rte einen Stich in ihrem Herzen. Unwillk�rlich fuhr sie sich mit der Hand an die Brust. Sie musste sich beherrschen! Was Alathaia forderte, war ungeheuerlich, aber es war kein Grund, sich derart gehen zu lassen. Obwohl sie diesen Gedanken in aller Klarheit zu fassen vermochte, stiegen ihr dennoch Tr�nen in die Augen.</p><p>Der F�rstin entging nichts. Emerelle f�hlte sich nackt unter ihrem unbarmherzigen Blick. �Nat�rlich wirst du den Dolch f�hren m�ssen, der die Kehlen der Kinder durchtrennt, denn du besitzt den Albenstein. Du bist der Brennpunkt der magischen Macht. Es sei denn, du w�rdest mir den Albenstein anvertrauen.� Sie l�chelte. �Aber mein Ruf l�sst das vermutlich wenig empfehlenswert erscheinen.�</p><p>�Glaubst du wirklich, du k�nntest mich dazu bringen, Kinder zu t�ten?�</p><p>Alathaia hob eine Braue. �Glaubst du, du k�nntest dem entgehen? Du wirst Kinder t�ten, Emerelle. Die einzige Frage, die sich stellt, ist: Wie viele wirst du t�ten? Hast du den Mut, den Dolch selbst in die Hand zu nehmen? Kannst du es ertragen, ihr warmes Blut �ber deine Finger flie�en zu sp�ren? Und wirst du ihren ersterbenden Blicken standhalten? Oder fliehst du in dein Gef�ngnis heuchlerischer Moral? Mit einem zweiten Albenstein k�nnen wir die Yingiz verbannen und einen schnellen Sieg gegen die Trolle erringen. Hast du nicht den Mut, diesen Weg zu beschreiten, dann wird es einen langen, blutigen Krieg geben. Und so wie es aussieht, werden die Trolle gewinnen. Nat�rlich kannst du deinem Gewissen sagen, du h�ttest deine H�nde niemals in Blut getaucht. Die Wahrheit aber sieht anders aus. Deine Entscheidung wird hunderte, vielleicht sogar tausende Kinder das Leben kosten. Du wei�t, was ein Krieg mit den Trollen bedeutet. Scharen von Fl�chtlingen ... Es sind die Kinder, die als Erste sterben. Und wenn der Krieg vor�ber ist? Werden die Trolle dann nicht versuchen, die F�rstenfamilien der Elfen auszul�schen? Von den Kindern, die ich fordere, um den Albenstein zusammenzuf�gen, wird auch dann keines �berleben, wenn du nicht den Mut findest, sie zu t�ten.�</p><p>�Genug!�</p><p>�Nein, Emerelle. So leicht lasse ich mir nicht den Mund verbieten. Ich geh�re nicht zu deinen Speichelleckern. Du wolltest herrschen. Seit Jahrhunderten klammerst du dich an den Thron von Albenmark und bist verliebt in die Macht, denn einen Mann hast du dir nicht mehr ins Bett geholt, wie man h�rt, seit du deinen Thron besitzt. Nun stehe zu deiner Liebe! K�mpfe um sie! Hast du nicht von dir gesagt, du seiest die erste Dienerin der Albenkinder? Waren es nicht deine Worte, dass aus deiner Herrschaft immer das gr��tm�gliche Gl�ck f�r die gr��tm�gliche Zahl deiner Untertanen entspringen sollte? Herrsche! Opfere dreizehn, um ungez�hlte Leben zu retten. Bekenne dich endlich zu dem, was du bist. Eine Herrscherin kann nicht nach dem Ma� normaler Sterblicher gemessen werden.�</p><p>Emerelle richtete sich auf. Mit der Rechten st�tzte sie sich auf den Tisch auf, der zwischen ihnen stand. Sie hatte das Gef�hl, dass jeden Augenblick ihre Beine unter ihr nachgeben k�nnten.</p><p>�Du hast die Erlaubnis, dich zur�ckzuziehen, Alathaia. Ich werde dir zu gegebener Zeit mitteilen, wie ich mich entschieden habe.�</p><p>Die F�rstin erhob sich und holte aus dem weiten �rmel ihres Kleides eine kleine Pergamentrolle hervor. �Ich habe hier die Namen von drei�ig Kindern niedergeschrieben, die in Frage k�men. Und bevor du sie jetzt zur�ckweist, denke daran, wie lang die Liste der Opfer werden wird, die ihr Leben geben mussten, weil du nicht bereit warst, mit deinen fragw�rdigen Moralvorstellungen zu brechen. Ich glaube, der erste Name auf dieser Liste lautet Ollowain. Oder irre ich mich?�</p><p>�Wie kannst du es wagen ...�</p><p>�Meister Reilif hat mir einiges erz�hlt, bevor er nach Iskendria zur�ckkehrte. Er war sehr beeindruckt davon, wie du das Problem mit Ollowain gel�st hast. Nur �ber das Wie von Ollowains Tod war sich der H�ter des Wissens nicht im Klaren. Dazu sind die Ger�chte zu widerspr�chlich. Ich glaube zwar, dass du durchaus auch auf Meuchler zur�ckgreifst, wenn es darum geht, deinen Willen als Herrscherin durchzusetzen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einer seiner Gef�hrten den Schwertmeister inmitten des Schlachtget�mmels am Mordstein hinterr�cks erstochen hat. Auch wenn ein Schlachtfeld wohl der bestm�gliche Ort ist, um einem Leben, das deiner Herrschaft zur Last wurde, ein schnelles Ende zu bereiten. Ich bin der Meinung, dass du subtiler vorgegangen bist. Leider habe ich Ollowain nie kennen gelernt. Aber alle, die ich von ihm reden h�rte, waren sich einig, dass es nie einen Elfen gab, der die Tugenden der Ritterlichkeit so vollkommen verk�rperte wie er. Wenn du es gew�nscht h�ttest, dann h�tte er gewiss von sich aus daf�r Sorge getragen, die Schlacht am Mordstein nicht zu �berleben. Du hast l�ngst damit begonnen, die Grenzen des Kerkers deiner Moral auszuweiten. Mach dir nichts vor! Ich fordere dich nicht auf, den ersten Schritt zu tun. Es ist nur ein weiterer Schritt auf einem Weg, der dir schon lange vertraut ist.�</p><p>Emerelle hatte nicht l�nger die Kraft zu stehen. Sie lie� sich auf den Lehnstuhl am Tisch sinken. Auch ihre Tr�nen konnte sie nicht mehr zur�ckhalten. Unf�hig, ein Wort zu sagen, sah sie Alathaia einfach nur an.</p><p>�Ich erwarte deine Entscheidung, Herrscherin.� Mit diesen Worten verlie� die F�rstin von Langollion die kleine B�cherkammer.</p><p>Emerelle vergrub ihr Gesicht in den H�nden. Sie lie� ihren Tr�nen freien Lauf. Nicht Alathaias Worte hatten ihr den Stich ins Herz versetzt. Es war Ollowain ... Sie sp�rte ihn nicht mehr. Er war nicht mehr da ... Er war ... verloschen. Der Tod hatte den Schwertmeister gefunden, wo immer er gewesen war. Er musste wohl seinen Verletzungen aus der Schlacht erlegen sein. Wunden, die sie ihm zugef�gt hatte, auch wenn es nicht ihre H�nde gewesen waren, die den t�dlichen Streich gef�hrt hatten.</p><p>Oft schon hatte sie den Tod des wiedergeborenen Falrach erduldet. Doch nie hatte sie sich so einsam gef�hlt.</p><p>Durch den Schleier ihrer Tr�nen sah sie die Pergamentrolle mit den Namen der Kinder, und sie dachte an Alathaias Worte. Die F�rstin hatte Recht. Emerelle hatte die Fl�chtlingsz�ge in der Silberschale gesehen. All das Blut, das an ihren H�nden haften w�rde.</p></section><section><title><p>Sehnsucht</p></title><p>Das Tier hatte ihn an den See gebracht, von dem aus die wunderbare Burg zu sehen war. Immer schneller konnte sich die Bestie bewegen. Sebastien vermochte nicht nachzuvollziehen, wie dies dem Tier gelang. War es die Kraft seiner Gedanken, die Landschaften verwischen lie� wie in einem Traum? Gen�gte es, an einen Ort nur zu denken, um ihn zu erreichen? Und warum kannte die Kreatur diese Welt so gut? So wie der Abt es verstanden hatte, hielt ein m�chtiger Bannzauber die Schattengestalten aus der Welt der Elfen fern. Wie konnte das Tier dann so viel �ber diesen Ort wissen?</p><p>Er lauschte in sich hinein, doch der dunkle Teil ihrer verschmolzenen Seelen mochte ihm nicht antworten. Geschw�tzig war das Tier nur, wenn es darum ging, andere zu qu�len.</p><p>Die Burg mit ihren wei�en Mauern und schlanken T�rmen erhob sich hell gegen den grauen Herbsthimmel. Regenschauer zerw�hlten den Spiegel des Sees. Ganz in der N�he des Ufers hatte jemand bunte Steine ins Wasser gelegt. Sebastien hockte unter dem ausladenden Bl�tterdach zweier Linden. Obwohl er Regen nicht zu scheuen brauchte, hatte er aus alter Gewohnheit Zuflucht gesucht. Der Ort lud zum Verweilen ein. Und er erweckte eine fremde Sehnsucht. Etwas war bei der Burg. Das Tier f�hlte sich zu ihr hingezogen und f�rchtete sie zugleich. Seit sie miteinander verschmolzen waren, hatte Sebastien allein Hass und Hunger als die beherrschenden Gef�hle der Schattengestalt kennen gelernt. Nun glaubte er Sehnsucht zu sp�ren.</p><p>�Du wei�t nichts von meinen Gef�hlen�, erklang die Stimme in seinen Gedanken, die so lange geschwiegen hatte. �F�r einen Ordensbruder findest du erstaunlich viel Gefallen an jungen flachbr�stigen Weibsbildern. Du solltest einmal die Apsaras kennen lernen. Wassernymphen, so sch�n, dass dir die Seele brennt, wenn du sie siehst. Ich werde es genie�en, sie mit dir gemeinsam zu t�ten und mich an deinen Qualen zu weiden.�</p><p>�Warum tust du all das?�, fragte Sebastien.</p><p>�Weil ich es kann.�</p><p>Das Bild der Burg verwischte. Die Landschaft zerschmolz. Doch Sebastien hatte das Gef�hl, dass das Tier hierher zur�ckkehren w�rde. Etwas in der Burg lockte es.</p></section><section><title><p>Der Blick der Blinden</p></title><p>Ersch�pft vergrub Ulric sein Gesicht in Halgards rotem Haar. Das Liebesspiel hatte ihm den Atem genommen. Jedes Mal, wenn sie beieinander lagen, liebten sie sich mit fast schmerzhafter Hingabe. Denn jedes Mal lag der Schatten des verfluchten Geschenks �ber ihnen. Und sie f�rchteten, es k�nne das letzte Mal gewesen sein.</p><p>�Blut frisst nicht�, sagte Halgard leise.</p><p>Ulric dachte an den gro�en, alten Hund, mit dem ihrer beider Leben verbunden war. Er war stark. Er weigerte sich zu sterben. Mindestens siebzehn Jahre lebte er nun schon. Das war viel l�nger, als sie zu hoffen gewagt hatten. Aber nun wurde er von Tag zu Tag hinf�lliger. Den Winter w�rde Blut wohl nicht �berstehen, ganz gleich, wie trotzig er dem Tod auch entgegenbellte.</p><p>Ulric dr�ckte Halgard enger an sich. Geistesabwesend spielte er mit ihrem Haar. �Woran denkst du?�</p><p>�Was glaubst du, warum die G�tter uns die F�higkeit gegeben haben, nicht jeden Gedanken auf unseren Lippen zu tragen?�</p><p>�Daran denkst du?� Halgard knuffte ihn mit dem Ellenbogen.</p><p>�Schelm!�</p><p>Ulric drehte sich, sodass er auf ihr lag, und sah ihr ins Gesicht. Blasse Sommersprossen umgaben ihre Nase. Ihre Lippen waren noch immer dunkel von den Blaubeeren, die er ihr mitgebracht hatte. Blau ... Er dachte an den Mann im blauen Mantel. Bruder Jules. Warum hatte er ihnen das angetan? Ein Hundeleben zu leben. Warum lud man Kindern einen so schrecklichen Fluch auf? �Ich dachte daran, wie blind jene sind, die schon immer sehen konnten�, sagte Halgard unvermittelt.</p><p>�Gef�llt es meiner Hauspriesterin, in R�tseln zu sprechen?�</p><p>�Ich lasse halt nichts unversucht, um dir die Augen zu �ffnen.� Sie sagte das in ernstem, fast barschem Tonfall.</p><p>�Habe ich dich beleidigt?�</p><p>Halgard seufzte. �Nein.� Sie zerzauste ihm das lange Haar.</p><p>�Ist dir bei Kadlin nichts aufgefallen?�</p><p>�Bj�rn singt wahre Lobeshymnen auf ihr wunderbares Hinterteil. Ich finde es etwas schmal und knabenhaft. Doch davon abgesehen ist sie recht h�bsch ...�</p><p>Halgard zog ihn an den Haaren. �Kannst du nicht einen Augenblick ernst sein?�</p><p>Ulric schnaubte. Mangelnden Ernst warf man ihm beileibe nicht oft vor. Unter seinen Gef�hrten galt er als zu k�hl und selbstbeherrscht. Er wusste von Bj�rn, dass sie erst dann wirklich unbeschwert miteinander umgingen, wenn er nicht in der N�he war. �Ich glaube, im Augenblick w�rde ich lieber in den Armen eines Trolls liegen.� Halgard stie� ihn von sich.</p><p>�Bist du dir im Klaren dar�ber, was du gerade treibst?�, fragte er eher traurig als erbost. �Ich liege nackt zwischen deinen Schenkeln, und du fragst mich, was ich von der einzigen anderen h�bschen Frau halte, die auf diesem verfluchten Bauplatz heruml�uft? Was ist das? Eine Falle? Willst du mich auf die Probe stellen? Bist du eifers�chtig? Willst du f�hlen, ob sich bei mir etwas regt, wenn ich an sie denke?�</p><p>�Habt ihr M�nner auch noch etwas anderes im Kopf als eure Schw�nze?�</p><p>�Bei den G�ttern! Wenn du meine Einfalt nicht ertragen kannst, dann sag mir doch einfach geradeheraus, was du denkst!�</p><p>�Ich denke, dass Kadlin deine kleine Schwester ist.�</p><p>Ulric lie� sich auf den kleinen Schemel neben dem Bett sinken.</p><p>�Ach, Halgard ...�</p><p>�Komm mir jetzt nicht damit. Hast du sie einmal beobachtet? Blut, der nun wirklich kein handzahmes Scho�h�ndchen ist, l�sst sich von ihr kraulen. Ja, er frisst ihr sogar aus der Hand. Und auch sie hat keinerlei Angst vor ihm.�</p><p>�Kadlin ist tot!�, sagte Ulric eisig. Er begriff nicht, was in Halgard gefahren war, aber er w�rde bei diesem schlechten Scherz nicht weiter mitspielen.</p><p>�Man hat ihre Leiche nie gefunden. Und auch nicht die Leiche deiner Mutter.� �Sie sind auf der Flucht in die Berge erfroren. Und ich bin froh, dass niemand ihre halb gefrorenen und von Aasfressern entstellten Leichen hinunter nach Sunnenberg gebracht hat. Ich bin froh, dass ich sie so in Erinnerung behalten habe, wie ich sie kannte.�</p><p>�Eben, deshalb bist du ja auch blind f�r die Wahrheit. Stell dir deine Schwester f�nfzehn Jahre �lter vor. Sie h�tte Kadlins Alter. Und gab es nicht einen Fischer namens Kalf im Dorf? Er war doch mit dabei, bei der Flucht �ber das Eis. Kadlins Vater hei�t auch Kalf.�</p><p>�Der Fischer war ein gro�er, stattlicher Kerl mit blonden Haaren.�</p><p>�Und unser Kalf ist ein gro�er, stattlicher Kerl mit kahl rasiertem Kopf und kurzem Bart. Ich war blind. Ich habe den Fischer nie gesehen. Aber k�nnte es nicht der Kalf aus dem Dorf sein? Du musst dich doch noch an ihn erinnern!�</p><p>Ulric hob abwehrend die H�nde. �Bitte h�r auf! Ich will davon nichts wissen. Sie alle sind in den Bergen gestorben. Und warum sollte Kadlin den Fischer Vater nennen? Das ergibt doch keinen Sinn!�</p><p>�Sie war ein kleines M�dchen�, fuhr Halgard unbarmherzig fort. �Wenn man ihr erz�hlt h�tte, Kalf sei ihr Vater, dann h�tte sie es sicher geglaubt. Und dann noch die Sache mit den Trollen. Vielleicht haben sie ihr schon einmal geholfen? Vielleicht hat der Troll in der H�hle sie deshalb gerettet, statt sie zu schlachten.�</p><p>Ulric streifte sich seine Hosen �ber. �Es ist genug. Komm mich suchen, wenn du wieder bei Verstand bist. Ich will das nicht h�ren!� Mit diesen Worten trat er aus der kleinen H�tte, die im Windschatten der Festungsmauer lag. Er eilte zwischen den schwitzenden Arbeitern hindurch zum Brunnen und tauchte den Kopf in den gro�en Wassertrog.</p><p>Halgard war gut darin, den Dingen auf den Grund zu gehen. Obwohl sie noch Kinder gewesen waren, hatte sie herausgefunden, dass die roten F�den in ihren Holzpuppen ihre Lebensf�den darstellen sollten. Und nun das!</p><p>Der Krieger suchte unter den Arbeitern nach Kalf. Er entdeckte ihn beim Torturm. Der alte J�ger trug auf einem Holzgestell behauene Steine zu den Maurern am Turm. Von der Statur her mochte er dem Fischer gleichen ...</p><p>Ulric verwarf den Gedanken. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein! Wenn es stimmte, was Halgard dachte, dann h�tte Asla, seine Mutter, ihn im Stich gelassen! Verlassen wegen diesem Fischer. Das war unm�glich! Das h�tte sie niemals getan. Sie hatte ihn geliebt! Es war ein Ungl�ck, dass er in Honnigsvald verloren gegangen war. Seine Schuld ... Sie hatte doch die Elfe Yilvina geschickt, um ihn zu holen. Asla hatte ihn geliebt!</p><p>Ulric blickte wieder zu dem alten J�ger. Kalf hatte die Maurer erreicht und wuchtete das Tragegestell von seinem R�cken. Er hatte wirklich �hnlichkeit mit dem Fischer. Und dass Blut Kadlin mochte, war in der Tat seltsam. Fremden traute er gew�hnlich nicht ...</p><p>Aber was machten die beiden dann hier? Wenn Kalf ihm seine Mutter und seine kleine Schwester gestohlen hatte, dann w�rde er sich doch wohl kaum hierher wagen, wo er bef�rchten musste, wieder erkannt zu werden. Er lieferte sich dem Zorn des K�nigs aus! Sein Vater war ein friedliebender Mann. Aber wenn er erfahren m�sste, dass Kalf Kadlin und Asla entf�hrt hatte ... Nicht auszudenken! Als er noch kleiner gewesen war, war Ulric manchmal eifers�chtig auf Kadlin gewesen. Immer wieder hatte er seinen Vater abends am Feuer sitzen sehen, das blaue Kinderkleid auf dem Scho�. Dieses Kleidchen war alles, was ihm von Kadlin geblieben war.</p><p>Damals hatte Ulric sich gew�nscht, Vater w�rde mit ihm reden und spielen, statt einfach nur vor sich hin zu starren. Mit den Jahren hatte er diese Eifersucht besiegt. Es war albern, auf ein totes M�dchen eifers�chtig zu sein!</p><p>�Ach Halgard, w�rst du doch weniger scharfsichtig.� Ulric beschloss, das Geheimnis f�r sich zu behalten. Daran zu r�hren, w�rde eine Trag�die heraufbeschw�ren.</p></section><section><title><p>Eine andere Art von Krieg</p></title><p>Elodrin legte Emerelles Brief zur Seite und sah seine Vertrauten und Ratgeber der Reihe nach an. �Ich verstehe die K�nigin nicht mehr�, sagte er sehr leise.</p><p>Im Kartensaal des Palasts der Gilde der Safranh�ndler herrschte gedr�ckte Stimmung. Elodrin hatte der K�nigin dreimal geschrieben und sie gebeten, ihre neue Strategie noch einmal zu �berdenken, aber sie war halsstarrig und blieb bei ihrer Meinung. Auf seine Bitten, nach Feylanviek zu kommen und sich von der Lage an der Grenze selbst ein Bild zu machen, hatte sie erst gar nicht reagiert. Es war nicht mehr die Herrscherin, die er einmal gekannt hatte. Zuletzt hatte er Obilee geschickt, weil die junge Kriegerin ein besonders gutes Verh�ltnis zur K�nigin hatte, doch selbst ihr gegen�ber war sie wortkarg und abweisend gewesen. Und Obilee hatte ihm erz�hlt, dass Alathaia auf der Burg der K�nigin weilte. Das war ihm eine Erkl�rung f�r die grausamen Befehle der Herrscherin.</p><p>Die T�r zum Kartensaal schwang auf, und Graf Fenryl trat ein. Er trug einen Verband um die Stirn, in den frisches Blut sickerte. Sein Leinenpanzer und sein Umhang erstrahlten im Wei� von frisch gefallenem Schnee. Der Helm, den er unter den Arm geklemmt trug, schimmerte silbern. Manchmal, wenn er ihn nur aus den Augenwinkeln sah, hatte Elodrin das Gef�hl, Ollowain sei wieder unter ihnen. Er hatte den Schwertmeister nicht gut gekannt, und sie hatten miteinander gestritten, aber es lie� sich nicht leugnen, dass er ein guter Feldherr und ehrenhafter Mann gewesen war.</p><p>�Du bringst Nachricht aus der Snaiwamark?� Fenryl legte den Helm auf dem Kartentisch ab und begr��te die Versammelten: Yilvina und Obilee, die Gr�fin Caileen, die den Oberbefehl �ber die Streitwagen und Reitertruppen f�hrte, und die Heilerin Nardinel.</p><p>Der Graf warf einen Blick auf die Karte und deutete auf den Mordstein. �Es ist Bewegung in die Truppen gekommen. Die Trolle verst�rken ihr Heer. Viele junge Welpen sind vor der Zeit zu den Waffen gerufen worden. Sie haben Truppen nach Osten in Richtung der Walbucht in Marsch gesetzt. Weitere f�nftausend Krieger sind auf dem Weg nach S�den. Sie stehen kurz vor Jerash und blockieren den Weg hinauf zum Mordstein.� Er machte eine kurze Pause.</p><p>�Und was noch schlimmer ist, ich habe Orgrim gesehen. Er scheint den Oberbefehl zu f�hren. Man sp�rt es. Die Dinge �ndern sich. Es sind viel mehr Sp�her und Streifen unterwegs. Sie wollen uns unsere Augen nehmen. Ich bin zweimal von Raben angegriffen worden. Ich glaube, Orgrim hat seinen Schamanen befohlen, jeden Vogel vom Himmel zu vertreiben. Auf all meinen Fl�gen mit Schneeschwinge in diesem Sommer bin ich nicht ein einziges Mal von anderen V�geln angegriffen worden und nun gleich zweimal. Ich bin nicht geneigt, das f�r einen Zufall zu halten. Auch wird die Flotte in der Walbucht zum Auslaufen bereit gemacht. Es sind mehr als achtzig riesige schwarze Galeassen. Sie k�nnten ein ganzes Heer darauf einschiffen. Jede der Galeassen kann zweihundert oder mehr Krieger an Bord nehmen.�</p><p>Elodrin versuchte ein L�cheln, um seine Niedergeschlagenheit zu verbergen. �Du bist sicher, dass Orgrim gekommen ist? Er hat doch ein Herzogtum in der Anderen Welt.� Eigentlich zweifelte er nicht an Fenryls Worten. Er wollte lediglich etwas Zeit gewinnen, um seinen Entschluss noch einmal zu �berdenken.</p><p>�Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Wenn ich mit Schneeschwinge fliege, sind meine Augen so scharf, dass ich jeden Namen auf der Landkarte hier noch aus hundert Schritt Entfernung lesen k�nnte. Es ist Orgrim. Ich kenne ihn noch von Phylangan. Es war sein tollk�hner Angriff ins Herz der Festung, der das Schicksal der uneinnehmbaren Felsenburg besiegelte. Wir m�ssen mit dem Schlimmsten rechnen.�</p><p>�Die marschierenden Truppen und das Spielchen mit der Flotte, all das ist nur Augenwischerei�, erkl�rte Elodrin.</p><p>�Orgrim wei�, dass wir ihn beobachten. Er will uns verwirren. Will erreichen, dass wir seine eigentlichen Pl�ne nicht allzu schnell erraten. Und er h�lt sich Optionen offen. Die Flotte kann einigen Schaden anrichten, ebenso ein Heer aus f�nftausend Trollen. Mit dieser Strategie verfolgt er die Absicht, dass wir unsere ohnehin schon schwachen Streitkr�fte noch weiter zersplittern. Was sch�tzt du, wie stark die Truppen der Trolle sind, Fenryl?�</p><p>Der Graf breitete die H�nde aus. �Das ist schwer zu sagen. Mit den Kriegern, die die Schiffe bemannen, und den Verst�rkungen am Mordstein k�nnten es wohl wieder f�nfzigtausend sein. Wie gesagt, sie haben alle Welpen, die erst im n�chsten Fr�hjahr zu den Kriegern gerufen werden sollten, schon jetzt unter Waffen stehen. Ich glaube, sie suchen noch in diesem Winter die Entscheidung.�</p><p>�Dieser Auffassung bin ich auch.� Er griff nach dem Elfenbeink�stchen auf dem Tisch, nahm Emerelles letzten Brief heraus und legte ihn mitten auf den Kartentisch. �Die K�nigin befiehlt, Feylanviek aufzugeben.�</p><p>�Dann war also alles Leid umsonst�, sagte Nardinel. �All die Toten, die Verwundeten und auf immer Verst�mmelten haben vergebens gelitten.�</p><p>�Wir haben den Trollen zwei oder drei Monde Zeit abgekauft�, sagte Yilvina k�hl. �Auch Ollowain war klar, dass dies alles war, was wir erreichen konnten. Ich schlage vor, wir halten uns weiter an seine Pl�ne, locken die Trolle in die weiten Steppen des Windlands und schneiden sie dort von ihrem Nachschub ab. Dann werden das Land und der Winter das T�ten f�r uns �bernehmen.�</p><p>�Ollowain ging nicht davon aus, dass wir gegen Orgrim k�mpfen m�ssen�, wandte Elodrin ein. �Der Herzog der Nachtzinne wird unsere Strategie durchschauen, sobald wir uns zur�ckziehen. Er wird vorbereitet sein, wenn er ins Windland vorst��t.� Er seufzte. �Und Emerelle macht es ihm leichter. Sie �berl�sst es jedem Bewohner Feylanvieks, ob er vor den Trollen fl�chten m�chte. Wer hier bleibt und sich unterwirft, der wird daf�r nicht bestraft werden. Ihr Plan sieht vor, alle K�mpfer aus dem Windland, aus Uttika, Alvemer, den Mondbergen, Carandamon, den W�ldern am Albenhaupt und auch aus Arkadien abzuziehen. All diese F�rstent�mer und K�nigreiche will sie aufgeben. Und jedem, der dort lebt, steht es frei, sich den Trollen zu ergeben.� Einen Augenblick lang herrschte ungl�ubiges Schweigen.</p><p>�Sie befiehlt mir, mein F�rstentum aufzugeben. Keine Stadt dort w�rde sich freiwillig den Trollen ausliefern. Es gibt in Alvemer f�nfmal so viele Bewohner, wie wir auf unseren Schiffen transportieren k�nnen. Ganz abgesehen davon, ist es nicht ratsam, w�hrend der Herbst- und Winterst�rme zu segeln. Wenn wir k�mpfen, stehen wir allein und d�rfen auf keine Unterst�tzung rechnen. Schlimmer noch, ich habe den ausdr�cklichen Befehl, jeden Krieger ins Herzland zu schicken. Wir sind also wehrlos, wenn wir uns dem Willen der K�nigin f�gen.�</p><p>Elodrin schwieg einen Augenblick, um seinen n�chsten Worten mehr Gewicht zu verleihen. �Ich werde mein Kommando �ber das Heer der K�nigin niederlegen. Noch in dieser Stunde. Caileen, wirst du den Befehl �ber die Truppen �bernehmen?�</p><p>Die Gr�fin sah ihn betroffen an. Sie hatte sich immer noch nicht ganz von ihrer Verwundung am Mordstein erholt. �Ich kann nicht ...�</p><p>�Du bist eine gute Heerf�hrerin. Und ich m�chte nicht, dass du mir auf dem Weg folgst, den ich nun einschlagen muss. Ich stelle mich gegen die Befehle der K�nigin. Das hei�t, ich werde mein F�rstentum verlieren, selbst wenn ich gegen jede Hoffnung �ber die Trolle triumphieren sollte. Es ist nun an der Zeit, eine andere Art von Krieg zu f�hren. Ollowain hatte mich f�r das, was ich ihm schon vor Wochen vorgeschlagen hatte, getadelt. Es wird ein Krieg ohne Helden sein. Ein Krieg ohne Glanz. Ein Krieg, in dem die Recken zu M�rdern werden. Doch nur so kann ich hoffen, die Meinen vor den Trollen zu bewahren.�</p><p>�Ich stelle meine Schwerter weiterhin in deinen Dienst, F�rst�, sagte Yilvina ruhig. �Was die K�nigin von dir verlangt, ist ehrlos. Ich vertraue darauf, dass du die richtigen Entscheidungen treffen wirst.�</p><p>Elodrin l�chelte. �Ich will nicht verhehlen, dass ich darauf gehofft habe, dich an meiner Seite zu haben. Du kennst den K�nig des Fjordlands, nicht wahr? Ich werde dich mit einer wichtigen Botschaft zu ihm schicken.�</p><p>�Ganz gleich, ob mit oder ohne Ehre gek�mpft wird, am Ende gibt es immer Verwundete, die w�nschten, dem Krieg niemals begegnet zu sein. Auch ich werde mit dir gehen, Elodrin.� Die Heilerin hielt den Blick gesenkt, so als sch�me sie sich daf�r, sich gegen Emerelles Befehl zu stellen.</p><p>�Auch ich komme ...�, setzte Obilee an.</p><p>�Nein!� Das hatte Elodrin bef�rchtet. Wenn die Rebellion erst einmal begonnen hatte, dann w�rde sie immer weiter um sich greifen. �Nein, Obilee! Du bist eine Vertraute der K�nigin. Du bist die Einzige hier in diesem Raum, die hoffen darf, Einfluss auf Emerelle zu nehmen. Du darfst dich unserer Sache nicht anschlie�en. Und auch du nicht, Caileen. Meine Entscheidung macht mich zum Verr�ter. Ich habe mein Recht verwirkt, die Truppen Albenmarks zu befehligen. Gib nicht auch du dieses Recht auf! Tausende werden durch die Steppe und �ber die Mondberge fl�chten, um den Trollen zu entkommen. Eine entschlossene Reiterf�hrerin kann sie vielleicht vor dem Schlimmsten bewahren. Albenmark braucht dich! Du darfst nicht l�nger auf meiner Seite stehen!�</p><p>Caileen war sehr blass. �Emerelle hat auch meine L�ndereien aufgegeben.� Eine steile Zornesfalte erschien zwischen ihren Brauen. �Ganz gleich, was die K�nigin fordert, ich werde daf�r sorgen, dass der Weg nach Arkadien f�r die Trolle lang und blutig wird. Ich werde an Ollowains Pl�nen festhalten. Und was soll mit den Kentauren werden? Sie k�nnen ihre Herden im Winter unm�glich �ber die Mondberge treiben. Und selbst wenn sie einen Weg f�nden, wovon sollte ihr Vieh in Arkadien leben? Soll es unsere Weizenfelder abweiden? Die Kentauren k�nnen nicht fliehen. Emerelle wirft sie den Trollen buchst�blich zum Fra� vor!�</p><p>�Ich werde nach Carandamon gehen�, stellte Fenryl klar.</p><p>�Auch meine Leute k�nnen nicht fliehen.�</p><p>�Vielleicht�, wandte Obilee ein, �will die K�nigin ja erreichen, dass die Trolle ihre Truppen aufteilen, sodass man sie leichter besiegen kann. Emerelle hat damit begonnen, ein neues Heer im Herzland auszuheben. Und es hei�t, dass es viel Zulauf findet, weil die Trolle blutr�nstige Geisterhunde an jeden F�rstenhof schicken, der sich ihnen nicht unterwerfen will.�</p><p>Aber kein Geisterhund kann ein halbes Dutzend F�rstent�mer vernichten, dachte Elodrin, so wie Emerelle es mit einem Federstrich getan hatte. Zu fliehen war f�r viele schlichtweg unm�glich, und sich den Trollen zu ergeben, hie�, sich der Gnade von Fleischern auszuliefern. Mit ihrem Entschluss hatte Emerelle ihren Feinden die Vorr�te geliefert, die sie brauchten, um schnell vorr�cken zu k�nnen. Das Einzige, was nun zu tun blieb, war, Orgrim dort zu treffen, wo er am verwundbarsten war. Wenn er den Oberbefehl wieder aufgab, dann w�re viel gewonnen. Und Elodrin war fest entschlossen, genau das zu erreichen.</p></section><section><title><p>Ein ungeformtes Leben</p></title><p>Elija war �berrascht, wie schwer Ganda das Schicksal des Elfen nahm. Man hatte ihr Klagen und Weinen im ganzen Lager geh�rt, als sie vom Ausflug mit Nikodemus und den anderen zur�ckgekehrt war. Ihre Tr�nen schienen nicht mehr versiegen zu wollen. W�hrend er auf ihr Klagen gelauscht hatte, war Elija aufgegangen, welch eine wunderbare Gelegenheit Ollowains Zustand bot. Er hatte Nikodemus geschickt, um Ganda zu holen. Es w�re besser, wenn sie nicht in H�rweite des Elfen miteinander sprachen.</p><p>Elija hatte sich ein St�ck von der Herde entfernt. Er stand bei einem alten B�ffelsch�del und blickte nach Norden. Ein dunkelgraues Wolkenband stand am Himmel. Die Narbe an seinem linken Arm zwickte. Der Winter w�rde in diesem Jahr fr�h kommen. Und er w�rde sehr hart werden.</p><p>Elija beobachtete, wie Ganda und Nikodemus durch das hohe Gras geschritten kamen. Die Lutin trug enge Hosen und ein helles Hemd, dazu eine knappe Weste. Sie sah gut aus in der Tracht ihres Volkes. In all den Jahren, die sie fort gewesen war, schien sie um keinen Tag gealtert zu sein. Es gab eine Zeit, da war er sehr verliebt in sie gewesen. Er w�rde nicht zulassen, dass diese Gef�hle zur�ckkehrten. Er brauchte einen klaren Kopf. Die Welt war dabei, sich zu ver�ndern. Bald schon w�re die Tyrannei der Elfen gebrochen. Er durfte sich nicht durch seine Gef�hle ablenken lassen!</p><p>�Du hast mich zu dir befohlen.� Gandas Stimme klang ungewohnt rau.</p><p>�Nikodemus, lass uns bitte allein.� Er wartete, bis sein Bruder au�er H�rweite war. Die Lutin hatte die Arme vor der Brust verschr�nkt. Ihre Augen waren ganz rot von ihren Tr�nen.</p><p>�Es tut mir leid, dass der Elf dir solchen Kummer bereitet. Was ist mit ihm geschehen?�</p><p>�Seit wann k�mmert dich das Schicksal eines Elfen?�</p><p>�Ach, Ganda! Er ist Teil meiner Herde. Ich muss wissen, was unter den Meinen geschieht. Vergiss unsere Streitereien f�r den Augenblick und erz�hl mir einfach, was geschehen ist.�</p><p>Sie sah ihn misstrauisch an, doch dann war ihr Bed�rfnis zu reden gr��er als ihre Zweifel an seiner Aufrichtigkeit. �Ich dachte, es ginge ihm besser. Er war aufgewacht. Ich habe mit ihm gesprochen. Ich w�re niemals mit Nikodemus fortgeritten, wenn ich geahnt h�tte ...� Ihr stockte die Stimme. Tr�nen standen ihr in den Augen. �Ich ... Er war auf dem Weg der Besserung. Ich h�tte nicht gehen d�rfen.�</p><p>Elija legte ihr den Arm um die Schulter. �Mach dir keine Vorw�rfe, Ganda. Es ist ein Wunder, dass er �berhaupt noch lebt. Bei einer so schweren Kopfverletzung darf man nicht erwarten, dass ... nichts zur�ckbleibt.�</p><p>�Aber er schien ganz genesen ...�</p><p>�Was ist denn nun mit ihm los?�</p><p>Ganda atmete schwer aus und trocknete ihre Tr�nen. �Er erinnert sich an nichts. Anfangs schien es sogar so, als h�re er mich nicht einmal. Ich verstehe das nicht. Bevor ich davongeritten bin, habe ich mich noch mit ihm unterhalten.�</p><p>Wieder standen ihr Tr�nen in den Augen. Ihre weinerliche Art �rgerte Elija zunehmend. So war sie fr�her nicht gewesen!</p><p>�Aber jetzt spricht er?�</p><p>�Ja, aber nur stockend, als m�sse er jedes einzelne Wort aus einem Kerker tief in seinem Ged�chtnis befreien.� Elija sp�rte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er hatte gedacht, es bleibe nichts als die fleischliche H�lle zur�ck, wenn man in eines der B�cher Grobh�m Plogs blickte.</p><p>�Er wei� nicht mehr, wer er war. Er wei� auch nichts �ber die Welt. Er ist wie ein Kind. Wie ein Neugeborenes, nur dass er schon sprechen kann.�</p><p>Der Kommandeur kratzte sich hinter den Ohren. �Und was sagt er, wenn er redet?�</p><p>�Das ist es ja! Er erinnert sich an nichts. Nicht an seinen Namen oder seine Herkunft. Er wei� nicht, dass er mich schon einmal gesehen hat. Und es scheint ihm Angst zu machen, dass er nicht aussieht wie ich.� Elija musste sich beherrschen, um nicht zu grinsen. �Hast du ihm denn viel �ber seine Vergangenheit erz�hlt.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Wie sollte ich das? Ich wei� kaum etwas �ber ihn.�</p><p>Elija sah sie mitleidig an, doch innerlich jubilierte er. Ein Elf, der alles Wissen �ber sich und die Ordnung der Welt vergessen hatte. Damit lie� sich einiges anfangen!</p><p>�Er ist wie tot�, sagte Ganda. �Als habe man ihm den Kopf abgeschnitten. Es gibt Ollowain nicht mehr. Alles, was von ihm geblieben ist, ist nur eine leere H�lle.�</p><p>�So darfst du nicht denken! Ich dachte, du liebst ihn ...�</p><p>Ganda sah ihn erschrocken an. F�r einen Herzschlag wirkte sie wie ein kleines M�dchen, das man bei einem Streich ertappt hatte. Dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. �Ich sagte dir doch schon ...�</p><p>�Mach mir nichts vor, Ganda!�, schalt er sie. �Glaubst du, ich bin blind? Du hast so sehr um ihn gek�mpft. Und nie habe ich eine Lutin so trauern sehen ... Er hat dir dein Herz gestohlen. Und nun ist seine Erinnerung auf und davon. Aber dein Gef�hl ist noch da.� Sie schluckte, wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor.</p><p>�Ganda, ich bin dein Freund. Siehst du denn nicht, was f�r ein Geschenk dir das Schicksal gemacht hat? Sag ihm nichts �ber seine Vergangenheit. Erz�hle ihm nichts dar�ber, wie die Elfen sind. Kein Wort! Soll ich dir etwas �ber den Ollowain verraten, in den du dich verliebt hast? Er h�tte deine Liebe niemals erwidern k�nnen, denn du bist nur eine Lutin. Er mag ein gro�artiger Kerl gewesen sein, aber seinen Hochmut gegen�ber Kobolden hat er schon mit der Muttermilch aufgesogen. Er h�tte niemals �ber seinen Schatten springen k�nnen. Aber all das gilt jetzt nicht mehr. Er ist frei. Wie ein unbeschriebenes Blatt. Wir k�nnen ihn so formen, wie wir uns die Elfen w�nschen. Frei von Vorurteilen und Hochmut. Du kannst ihm vermitteln, wie die Welt ist. Dass niemand dazu geboren ist, eines anderen Diener zu sein. Ebenso wie niemand zum Herrscher geboren ist. Ergreife diese wunderbare Gelegenheit. Ich bin mir sicher, du wirst sein Herz wieder erobern ... Nein. Du wirst es zum ersten Mal erobern, denn nun sieht er in dir nur Ganda und nicht die Lutin, der man nicht trauen kann.�</p><p>Sie wirkte unschl�ssig. �Betr�ge ich ihn damit nicht?�</p><p>�Wie kannst du von Betrug reden? Du machst ihm ein Geschenk. Lass ihn erfahren, wie es ist, ohne Diener zu leben. Sobald er wieder bei Kr�ften ist, sollte er mit den Kindern zusammen den Dung der Hornschildechsen sammeln. Er sollte f�r sein Essen und seinen Schlafplatz arbeiten. Zieh ihn auf wie einen von uns.�</p><p>�Aber er ist doch keiner von uns.�</p><p>Elija lachte. �Ich glaube, zuerst musst du dich von deinen festgefahrenen Vorstellungen befreien. Du hast es immer noch nicht begriffen, Ganda. Er erinnert sich an nichts mehr. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. Ollowain ist tot. Du entscheidest, wer nun geboren wird.�</p><p>�Ist das nicht unrecht?�</p><p>�Ist es unrecht zu sein wie wir? Wenn du es nicht um deinetwillen tust, dann tue es f�r unsere Sache. Ein Elf, der denkt und f�hlt wie ein Lutin! Und einer, dessen Wort unter den Seinen Gewicht hat. Auch wenn sein Verstand sich aufgel�st hat, sieht er ja noch immer aus wie Ollowain. Sie werden ihm zuh�ren, weil er ein Elf ist. Aus seinem Munde werden sie Wahrheiten akzeptieren, die wir niemals aussprechen d�rften. Begreifst du, was f�r ein Geschenk er ist? Durch ihn werden die Schranken zwischen Herren und Dienern aufgebrochen. Ein Elf, der sich der Sache der Rotm�tzen verschrieben hat!� Er packte sie bei den Armen. �Ganda, sieh doch, was f�r einen Schatz wir in H�nden halten!�</p><p>�Vielleicht bin ich zu traurig und zu ersch�pft, um das Wunder erkennen zu k�nnen, das mir widerfahren ist�, sagte sie ruhig. �Du hast Recht, ich habe ihn geliebt. Gegen jede Vernunft.� Sie l�chelte melancholisch. �So ist das wohl mit der Liebe. Eine Zeit lang habe ich ihn auch gehasst ...�</p><p>�Glaubst du denn nicht, dass du in ihm jetzt das wiedererwecken kannst, was du geliebt hast? Diesmal jedoch unbeschwert von seinen Vorurteilen.�</p><p>�Und wenn ich ihn geliebt habe, weil er mich trotz seiner Vorurteile gegen unser Volk ritterlich behandelt hat?�</p><p>Elija st�hnte. �Das ist doch verr�ckt. Du denkst zu verwickelt. Und was nutzt es, um das zu trauern, was f�r immer verloren ist. Blicke in die Zukunft! Denke daran, was du gewinnen kannst. Was er deinem ganzen Volk zu geben vermag, wenn du ihn nach unseren Vorstellungen erziehst.�</p><p>�Ich danke dir f�r deine Anteilnahme. Wahrscheinlich hast du Recht. Verzeih mir, wenn ich mich auff�hre wie eine weinerliche alte Jungfer. Wirst du mir helfen mit ihm?�</p><p>�Du kannst jederzeit zu mir kommen.� Sie beugte sich vor und gab ihm einen fl�chtigen Kuss. �Danke. Ich habe dich falsch eingesch�tzt, Elija.� Sie ging zur Herde zur�ck. Der Kommandant sah ihr nach und war �berrascht �ber die widerstreitenden Gef�hle, die er empfand. Ihr Kuss und ihre Dankbarkeit hatten ihn zutiefst aufgew�hlt. Er f�hlte sich sch�big, weil er sie benutzte. Er w�rde ihr niemals sagen, was wirklich mit Ollowain geschehen war. Wie er ihn ermordet hatte, aus niedersten Motiven. Was dachte er da! Ollowain war ein bedeutender Elf gewesen! Und eine gro�e Gefahr! Er hatte ihn beseitigen m�ssen, um die neue Weltordnung nicht zu gef�hrden. Und nun geh�rte er ihm in einem Ausma�, wie er es sich in seinen k�hnsten Tr�umen nicht h�tte ausmalen k�nnen.</p></section><section><title><p>Der T�nzer im Schnee</p></title><p>Kadlin schob Bj�rns Arm zur Seite und erhob sich vorsichtig aus dem Bett. Der steinerne Fu�boden war eisig. Hastig schl�pfte sie in ihre Kleider und sp�hte durch den Spalt im h�lzernen Fensterladen. Bald w�rde es d�mmern. Sie war gespannt, ob der Baumeister wieder tanzen w�rde. Ein seltsamer, verschlossener Kerl war dieser Gundaher. Ein Fremder, der vor langer Zeit weit aus dem S�den gekommen war. Und obwohl er ein guter Freund des K�nigs war, war er immer ein Fremder geblieben. Sein Geschick und sein Eifer hatten die Festung auf dem Pass entstehen lassen. Er wusste alles �ber Steine und wie man sie zu wunderbaren Bauwerken f�gte.</p><p>Vorsichtig �ffnete Kadlin die T�r. L�chelnd blickte sie zu Bj�rn. Er hatte sich von dem Kampf mit dem Schneel�wen fast g�nzlich erholt. Und er war ein wunderbarer Liebhaber. Wenn nur sein Vater nicht w�re! Herzog Lambi lie� keine Gelegenheit aus, schlecht �ber sie zu reden. Eine Hure nannte er sie, die sich ins Bett seines Sohnes geschlichen hatte. Dass sie Nacht f�r Nacht an diesem Bett gewacht hatte, bis es Bj�rn besser ging, legte er ihr als Heuchelei aus.</p><p>Hei�e Wut stieg in ihr auf, wenn sie an das h�ssliche Monstrum dachte. Kaum anschauen konnte man 'Lambi ohne Nase', wie ihn viele M�nner heimlich nannten.</p><p>Kadlin eilte die Treppenstufen zum Wehrgang hinauf. Der verharschte Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Jeden Abend kam der Frost, dabei hatte der Herbst gerade erst begonnen. Nicht mehr lange, und die halb fertige Burg w�re von den T�lern abgeschnitten. Wenn der Winter einmal Einzug hielt, dann w�ren die Wege unter Schneebergen begraben. Dann w�rde es sehr einsam hier oben werden.</p><p>Der K�nig hatte die meisten Arbeiter zur�ck nach Hause geschickt, als der Frost kam. Nur ein paar Steinmetze waren geblieben. Sie behauten unter Gundahers Aufsicht die Steine, die im n�chsten Fr�hjahr gebraucht wurden. Er hatte verboten, weitere Mauern zu errichten, sobald der Frost begonnen hatte. Kadlin hielt das f�r irgendeinen dummen Aberglauben. Was machte es Mauern und dem grauen Matsch, den er anr�hren lie�, um ihn zwischen die Steine zu schmieren, schon aus, ob es hei� war oder schneidend kalt? Aber der K�nig h�rte auf Gundaher. Dabei war Alfadas sonst kein sonderlich abergl�ubischer Mann ...</p><p>Kadlin lachte. Was wusste sie schon von Alfadas! Sie war eine einfache J�gerin. Den K�nig bekam sie nur von Ferne zu sehen. Aber sie mochte ihn. Wenn er nur nicht so oft so traurig aussehen w�rde! Offensichtlich �berstieg es Silwynas Kr�fte, ihn gl�cklich zu machen. Die Elfe mied sie, seit sie ihr Tal verlassen hatte. Kadlin konnte sich das nicht erkl�ren. W�hrend ihrer Kindheit im einsamen Tal waren Silwynas Besuche immer die H�hepunkte des Jahres gewesen. Die Elfe hatte sie mit auf die Jagd genommen, und sie war viel weniger streng als Kalf gewesen. Sie hatte Kadlin und ihre Schwester, die kleine Silwyna, gelehrt, auf den Baumwipfeln zu laufen und sich so geschickt im Schnee zu bewegen, dass sie fast keine Spuren hinterlie�en. Sie hatte ihnen die Heilkr�fte der Kr�uter, Rinden und Bl�tter erkl�rt und die Eigenarten der Tiere. Und sie konnte wunderbar Geschichten erz�hlen. Alfadas musste schon ein sehr eigenartiger Mann sein, wenn er ungl�cklich war, obwohl Silwyna an seiner Seite lebte. Kadlin jedenfalls war immer gl�cklich gewesen, wenn Silwyna an ihrer Seite gewesen war, und dass die Elfe nun so tat, als kennten sie einander nicht, machte ihr sehr zu schaffen. Sie w�nschte sich einen anderen Namen oder zumindest eine andere Haarfarbe. Silwyna hatte ihr von der toten Tochter des K�nigs erz�hlt und wie sehr Kadlin ihr �hnelte. Es musste wohl sehr schwer f�r den K�nig sein, sie dauernd in der halb fertigen Burg zu sehen. Auch sie hatte angefangen, ihn zu meiden, wo immer das m�glich war.</p><p>Ihr Vater f�hlte sich ebenfalls nicht wohl hier. Kalf lie� keine Gelegenheit aus, auf die Jagd zu gehen und die Burg zu verlassen. Kadlin konnte nicht begreifen, warum alle sich so seltsam verhielten. Wahrscheinlich war sie zu dumm, die Gesetze eines K�nigshofs zu begreifen. Sie l�chelte in sich hinein. All das war ihr egal, so lange sie sich jede Nacht in Bj�rns Kammer schleichen konnte. Es war angenehm, nicht als einzige Frau in der Unterkunft der J�ger �bernachten zu m�ssen. Anfangs hatten die anderen M�nner gemeint, sie m�ssten ihr mit dummen Spr�chen kommen, aber nach einigen Raufereien h�teten sie zumindest in ihrer N�he ihre Zungen.</p><p>Kadlin eilte den Wehrgang entlang bis zum s�dlichen Eckturm. Die J�gerin war stolz auf die gro�artige Arbeit, die sie alle in diesem Fr�hjahr und im Sommer geleistet hatten. Mehr als hundert Schritt war die vordere Burgmauer lang, die fast die H�lfte des Passes blockierte. Sie hatte zwei m�chtige Eckt�rme und einen Torturm, der mehr als zwanzig Schritt hoch war. Niemals h�tte sie es f�r m�glich gehalten, dass man so hoch bauen konnte. Gundaher konnte wahrlich Wunder wirken. Wahrscheinlich gab es nirgends sonst auf der Welt einen so hohen Turm. Bestimmt waren auch die Trolle sehr beeindruckt und w�rden den Pass k�nftig meiden.</p><p>Kadlin dachte an den Troll, der sie und Bj�rn gerettet hatte. Es war ein gro�es Unrecht, dass er als Lohn f�r seine Taten einen Pfeil in die Brust bekommen hatte. Sie w�nschte, sie w�rde ihm noch einmal begegnen und ihm sagen k�nnen, wie sie dar�ber dachte. Vielleicht konnte man sogar mit den Trollen in Frieden leben, wenn die anderen auch so waren wie Brud. Seit der Begegnung mit Brud qu�lte sie immer wieder ein Albtraum. Sie war gefangen in einer gro�en H�hle mit vielen Trollen. Und vom Eingang her h�rte sie das Heulen eines entsetzlichen Sturms. Ihr war kalt, obwohl eines der grauh�utigen Ungeheuer sie in den Armen wiegte. Ein Troll mit Schmucknarben auf der Brust. An einem Feuer in der H�hle sa�en Asla und Kalf. Sie hatten solche Angst, dass sie kein Wort sprachen und nicht einmal wagten aufzublicken,</p><p>Gundaher verlie� die halbfertige Burganlage durch das Tor und ging die Mauer entlang nach S�den. Der Baumeister hatte sich einen schweren blauen Umhang um die Schultern geschlungen. Er blickte kurz zu den Zinnen empor. Vorgestern hatte er sie auf der Mauer entdeckt, aber kein Wort gesagt. Er wusste, dass sie ihn beobachtete.</p><p>Im Osten zeigte sich ein schmaler Silberstreifen zwischen den Bergen. Mit ihm kam ein eisiger Wind. Staunend sah Kadlin, wie der Sturmwind eine breite Fahne aus feinem Schnee von dem Berggipfel blies, der den Pass im S�den �berragte. Es sah aus, als wolle der Wind dem schroffen Felsgestein seinen wei�en Schleier entrei�en.</p><p>Gundaher legte den Umhang ab. Er begann sich zu strecken und h�pfte eine Weile auf der Stelle. Ein seltsamer Kerl, der Baumeister. Dann verneigte er sich in Richtung des Silberstreifs am Horizont.</p><p>Kadlin stellte sich auf die Zehenspitzen und beugte sich so weit wie m�glich �ber den Rand der Mauer hinaus.</p><p>Jetzt hob Gundaher seine ausgestreckte Arme �ber den Kopf, sodass sich die Handfl�chen ber�hrten. Der Baumeister war ein korpulenter Mann mit einem kurz geschorenen Kinnbart. Er musste wohl etwa vierzig Jahre alt sein; sein Haupthaar wurde bereits d�nner. Dennoch bewegte er sich erstaunlich gewandt. Jetzt machte er einen Satz mitten in eine Fl�che aus unber�hrtem Schnee. Von Mag hatte Kadlin erfahren, dass der Baumeister jeden Winter im ersten Morgenlicht in den Schnee hinausging, um zu tanzen. Er war ein Fremder und ein einflussreicher Mann bei Hof. Niemand hatte ihn je gefragt, warum er das tat.</p><p>Es gab viele Ger�chte. Die meisten glaubten, dass Gundaher damit einen Wintergott aus seiner Heimat ehrte.</p><p>Kadlin wusste, dass es einen anderen Grund geben musste. Sie verlie� Bj�rns Kammer stets noch vor dem Morgengrauen. Dabei war sie auf die morgendlichen Spazierg�nge des Baumeisters aufmerksam geworden. Und auf seine seltsamen T�nze. Und sie kannte sein Geheimnis, zumindest einen Teil davon. Wahrscheinlich k�nnte ihn die ganze Besatzung der Burg beobachten, und keiner w�rde sehen, was sie sah. Au�er Silwyna vielleicht ...</p><p>Die J�gerin dachte an jenen fernen Sommer zur�ck, als Silwyna sie und ihre Schwester die Priesterrunen gelehrt hatte. Immer wieder hatten sie beide die Elfe bedr�ngt, ihnen Zaubern beizubringen. Sie wussten, dass es Magie war, wenn Silwyna selbst im k�ltesten Winter nie fror oder leichtf��ig �ber Zweige lief, die so d�nn waren, dass sie kaum ein Eichh�rnchen getragen h�tten. Und sie wollten genauso sein wie Silwyna. Doch sie scheiterten immer und immer wieder. Dennoch wurden sie es nicht m�de und bettelten die Elfe an, sie in die Kunst einzuweihen, Magie zu weben.</p><p>Kadlin erinnerte sich noch gut an jenen Abend am See, als sie alle drei im weichen Sand gesessen hatten und es wieder einmal um das leidige Thema gegangen war. Damals hatte Silwyna gesagt, Worte seien wie der Wind. Einmal ausgesprochen, seien sie verschwunden und w�rden nur als ein Echo in unserer Erinnerung weiterleben. Doch wie ein Echo Worte ver�nderte, die man in eine Felsklamm rief, so ver�nderte auch die Erinnerung die Worte, und das sei schlimm, denn die H�lfte aller L�gen auf der Welt h�tten ihre Wurzeln in diesen falschen Erinnerungen.</p><p>Wie immer, wenn die Elfe erz�hlte, hatten die beiden M�dchen ihr an den Lippen gehangen. Sie hatte eine lustige Geschichte �ber einen Luthpriester vorgetragen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, einen Zauber zu ersinnen, mit dem man den Wind einfangen k�nne. Ein weit gereister H�ndler hatte ihm n�mlich einmal erz�hlt, der Wind sei in Wirklichkeit ein unsichtbares Pferd, das Firn, dem Gott des Winters, einst davongelaufen sei. Der Priester hoffte, sich Firn zum Freund zu machen, wenn er dessen Pferd einfing, und er wollte versuchen, den Gott zu �berreden, dem Fjordland mildere Winter zu schenken.</p><p>Sein ganzes Leben widmete er dem Versuch, das unsichtbare Pferd zu fangen, doch alles, was er erreichte, war, einen Zauber zu weben, der es ihm erlaubte, Worte einzufangen. Er erfand die Priesterrunen.</p><p>Und diesen Zauber hatten die beiden M�dchen in jenem Sommer erlernt. Es war der einzige Zauber, den sie jemals bew�ltigt hatte, dachte Kadlin wehm�tig. Sie dachte daran, wie sie mit St�cken in den Sand gemalt hatten und mit verkohlten �sten auf Birkenrindenst�cke. Ganz besessen waren sie davon gewesen. Und Vater und Mutter hatten ihnen nur staunend zugesehen. Kalf hatte sogar manchmal Angst gehabt. Einmal hatte er sehr mit ihnen geschimpft, weil sie Runenzeichen in einen der Deckenbalken ihrer H�tte geschnitzt hatten und Kalf bef�rchtet hatte, die Zeichen w�rden am Ende gar b�se Geister herbeirufen.</p><p>Weil sie beide kleine M�dchen gewesen waren, hatte es ihnen nicht ausgereicht, die Schrift zu kennen. Eines Tages hatten sie entdeckt, dass die Runen ganz anders aussahen, wenn man ein beschriebenes St�ck Birkenrinde an einem windstillen Tag �ber das unbewegte Wasser des Sees hielt. Sie hatten die Zeichen nachgeahmt, bis sie so gut darin geworden waren, dass man einen Text �ber Wasser halten musste, um ihn richtig lesen zu k�nnen. Diesen neuen Zauber, um Worte einzufangen, der nur ihnen beiden geh�rte, hatten sie Wasserrunen genannt. Und in genau diesen Wasserrunen schrieb Gundaher!</p><p>Kadlin war regelrecht erschrocken, als sie es erkannt hatte. Der Baumeister hatte etwas gestohlen, von dem sie ganz sicher gewesen war, dass es ihr und ihrer Schwester bis ans Ende aller Tage allein geh�ren w�rde. Seine gro�en F��e stanzten die Wasserrunen in den jungfr�ulichen Schnee. Und wenn er ein Zeichen vollendet hatte, dann machte er einen t�nzerischen Sprung, um ein St�ck entfernt die n�chste Wasserrune zu beginnen. Jeden Tag waren es nur zwei oder drei Runen, die der T�nzer in den Schnee schrieb.</p><p>Kadlin beobachtete den Baumeister. Kurz blickte sie zum Torturm. Nat�rlich war auch er ein Zauberer. Wer sonst als ein Zauberer h�tte einen so gewaltigen Turm bauen k�nnen! Er hatte auch etwas von einem Priester, die stille Art und all das Wissen, das er besa�. So viele Geheimnisse konnte man doch nur kennen, wenn man den G�ttern n�her war als andere Sterbliche!</p><p>Gundaher machte einen letzten Sprung und ging dann zu seinem Umhang, der im Schnee lag.</p><p>E H T hatten seine F��e in den Schnee gestampft.</p><p>DER FREUND GEHT.</p><p>Das war seine Botschaft. Jetzt war sie vollst�ndig. Kadlin runzelte die Stirn. Was wollte Gundaher damit sagen? Sie hatte mit einem Geheimnis gerechnet. Mit etwas, das einem das Blut in den Adern gefrieren lie�. Aber das hier ... So eine Entt�uschung. Der Freund geht. Wollte Gundaher sie vielleicht veralbern? Hatte er das nur geschrieben, weil er wusste, dass sie ihm zusah?</p><p>Der Baumeister lehnte sich an die Burgmauer. Er presste beide H�nde an die Schl�fen, als habe er schreckliche Kopfschmerzen. Er sah wirklich nicht gut aus.</p><p>Kadlin lief den Wehrgang entlang und eilte die steile Steintreppe hinab. Als sie aus dem Tor bog, kam ihr Gundaher entgegen. Mit einer Hand tastete er sich an der Mauer entlang. Seine Augen waren geschlossen. Mit der Rechten rieb er sich die Stirn.</p><p>�Kann ich dir helfen, Baumeister?�</p><p>Er blinzelte sie an. �Lass mich!�</p><p>�Im K�chenhaus m�ssten die ersten Brote fertig sein. Es wird dir besser gehen, wenn du etwas isst und trinkst.� Er stie� ein trockenes Lachen aus, das an das Kr�chzen eines Raben erinnerte. �So, wird es das? Du bist also eine Heilerin.�</p><p>�Ich k�nnte dir auch einen Sud aus Weidenrinde kochen.� Er blinzelte sie erneut an. Offensichtlich bereitete es ihm sogar schon Schmerzen, die Augen offen zu halten. �Du kennst dich ja tats�chlich aus, M�dchen. Verzeih, ich dachte, du seiest nur die Hure des Herzogsohns.�</p><p>�Dann w�re ich ja in bester Gesellschaft. Man erz�hlt sich, seine Mutter sei auch einmal eine Hure gewesen.�</p><p>�Zuzuh�ren geh�rt wohl nicht zu deinen Gaben. Seine Stiefmutter war einmal eine Hure. Aber man sollte die Leute nicht nach dem beurteilen, was sie einmal waren, sondern nach dem, was sie sind.� Er lehnte sich an die Mauer und presste wieder beide H�nde an die Schl�fen.</p><p>�Und zu deinen Gaben geh�rt es wohl nicht hinzusehen. Sonst k�nntest du vielleicht zwischen einer Hure und einer J�gerin, die es gut mit dir meint, unterscheiden.�</p><p>�Bin ich jetzt in Gefahr, von dir niedergeschlagen zu werden?�</p><p>�Ich mag meine Fehler haben, Baumeister. Aber ich schlage nicht auf Dunghaufen. Bleib doch hier und verrecke im Schnee. Mich wundert es nicht, dass deine Freunde gehen!� Sie wandte sich um und trat in das Dunkel des Torgangs.</p><p>�Warte!�</p><p>Sollte er ihr doch den Buckel runterrutschen! �H�rst du mich, Mauer? Sag deinem Baumeister, ich schlage nicht auf Dunghaufen, und ich rede auch nicht mit ihnen!�</p><p>�Es tut mir leid, M�dchen. Wenn ich diese Schmerzen habe, sage ich manchmal Dinge, die ich sp�ter bereue.�</p><p>Kadlin ging weiter. �Ich hoffe, deine Reue ist angenehmere Gesellschaft als ich.�</p><p>�Bitte! Sag mir, wie du das mit dem Freund gerade gemeint hast. Bitte! Es tut mir ja leid. Ich habe so lange auf dich gewartet, dass ich blind geworden bin.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ein Baumeister sich die Gesellschaft der Hure eines Herzogsohns leisten kann. Jedes L�cheln von mir kostet dich einen Fuchspelz. Und wenn ich dir zuh�ren sollte ... Bei den G�ttern, ich glaube, daf�r m�sstest du mir schon ein Pferd aus den St�llen des K�nigs schenken. Ich bin vielleicht ein leichtes M�dchen, aber ganz bestimmt kein billiges.� Kadlin hatte zunehmend Spa� an dem Streit. So gut hatte sie sich nicht mehr am�siert, seit ihre Schwester die kleine Liebelei mit dem Fischer aufgedeckt und um ihren eigenen guten Ruf gef�rchtet hatte.</p><p>�Verdammt, ich entschuldige mich doch! Was erwartest du noch von mir?�</p><p>�Vielleicht einen Turm, der meinen Namen tr�gt?� Sie war stehen geblieben und wartete, bis der Baumeister sie einholte. Ein dicker Tropfen Blut quoll ihm aus dem linken Nasenloch.</p><p>�Verzeih mir. Ich bin den Umgang mit Frauen nicht mehr gew�hnt.�</p><p>�Ich glaube kaum, dass du dich an der Tafel des K�nigs derart p�belhaft auff�hren kannst. Lass dir also eine bessere Ausrede einfallen.�</p><p>�Was h�ltst du von der Wahrheit? Wenn mich die Schmerzen packen, dann bin ich am liebsten allein. Und dummerweise bin ich in der Wahl der Mittel manchmal nicht ganz zimperlich, um mir Ruhe zu verschaffen.� Er zog die Nase hoch und spuckte Blut in den Schnee. �Endlich begegnete ich jemandem, der die Zeichen zu deuten versteht, und dann vergraule ich ihn. Ich bin wahrlich verflucht!� Er blinzelte und konnte die Augen kaum offen halten. Kalter Schwei� stand ihm auf dem Gesicht. Gundaher war aschfahl geworden, und Kadlin hatte Sorge, dass er jeden Augenblick zusammenbrechen k�nnte.</p><p>�Du hast doch eine eigene Kammer. Lass uns dort weiterreden, Baumeister. Ich glaube, du brauchst ein wenig Ruhe.�</p><p>�Ich bin nicht krank�, begehrte er auf. �T�usche dich nicht. Es ist das Reden, das mich t�ten wird, wenn ich meine Zunge nicht im Zaum halte.�</p><p>Offensichtlich war er ein wenig verr�ckt, dachte sich Kadlin.</p><p>�Komm mit in meine Kammer. Ich warte seit vielen Jahren auf dich. Ich habe ein Geschenk f�r dich.�</p><p>Die J�gerin blickte zu den beiden Wachposten auf dem n�rdlichen Ende der Mauer. Sie beobachteten sie. Kadlin war sich dar�ber im Klaren, dass man sich �ber sie das Maul zerriss. Wenn sie jetzt mit Gundaher verschwand, kaum dass sie sich aus Bj�rns Kammer geschlichen hatte, dann w�rde das reichlich Tratsch f�r lange Winterabende liefern. Sie blieb stehen. �Was ist denn das f�r ein Freund, der geht?�</p><p>Gundaher sch�ttelte den Kopf. �Du denkst in die falsche Richtung. Mit der Botschaft ist es wie mit den Runen. Du musst sie verdrehen.�</p><p>Kadlin hasste R�tsel. Ihre Schwester hatte eine wunderbare Gabe, R�tsel zu l�sen. Sie selbst hatte immer schlecht dabei abgeschnitten, wenn Silwyna sie mit R�tselgeschichten hatte unterhalten wollen. �Also kommt dein Freund?�, fragte sie ein wenig verdrossen.</p><p>�Du musst es noch mehr verdrehen.� Der Baumeister st�hnte auf. �Aber sprich es nicht aus!�</p><p>�Der Freund geht�, murmelte sie leise vor sich hin. Sie konnte ihre Gedanken besser sammeln, wenn sie dabei leise sprach.</p><p>�Also ...�</p><p>Gundahers gequ�lter Blick lie� sie verstummen. Rote �derchen durchzogen das Wei� seiner Augen. Wieder quoll ihm Blut aus der Nase.</p><p>Kadlin sah ihn erschrocken an. Das Gegenteil bedeutete: Der Feind kommt! �Hierher?�</p><p>Der Baumeister sch�ttelte den Kopf. �In meiner Kammer ... Komm!� Sie st�tzte ihn und brachte ihn auf die R�ckseite des Langhauses. Seine Kammer lag nicht weit von Bj�rns Kammer entfernt. Als sie um die Ecke des Langhauses bogen, konnte sie sehen, wie die Wachposten auf der Mauer die K�pfe zusammensteckten.</p><p>Aus der Kammer des Baumeisters schlug ihnen stickige Luft entgegen. Es roch nach altem Schwei� und Lampen�l. Von der niedrigen Decke hingen an Ketten mehrere �llampen, �ber denen sich dunkle Ru�flecken auf dem hellen Holz ausbreiteten. Die W�nde waren wei� get�ncht. Dies war die einzige Kammer, in der man solchen Aufwand betrieben hatte. Doch diese M�he war vergebens gewesen. Eine Flut von Bildern hatte die wei�e Farbe zur�ckgedr�ngt. Die meisten waren nur mit Kohlest�cken ausgef�hrt. Es waren Grimassen. Alte, eingefallene Gesichter. Die M�nder weit aufgerissen. Ihre Augen verdreht. Zwischen den Gesichtern sah man einen jungen Mann. Nur hier hatte der Zeichner Farbe benutzt. Die Gestalt trug eine lange, blaue Kutte und stand neben einem verbrannten Baum.</p><p>Kadlin fiel auf, dass vor allem das Gesicht einer alten Frau immer wieder auftauchte. Die J�gerin trat ein, doch egal, wohin sie sich bewegte, die Augen dieser Frau schienen sie zu verfolgen. Im Gegensatz zu den anderen Gesichtern blickte sie jeden, der durch die T�r kam, geradewegs an.</p><p>Die Kammer war karg eingerichtet. Auf dem niedrigen Bett lag eine Schaffelldecke. Auf einem Tisch lagen ordentlich ausgerichtet einige Pinsel. Flache Schalen standen in Reih und Glied. In einigen hafteten noch eingetrocknete Farbreste. Ein Bogen Pergament war mit d�nnen Nadeln auf die Tischplatte geheftet. Daneben lag ein Kistchen aus abgegriffenem Leder.</p><p>�Ich werde dir keine Fragen beantworten�, sagte Gundaher gehetzt. �Du bist die Erste, die meine Kammer betreten darf, und ich w�re dir dankbar, wenn du niemandem von dem erz�hlen w�rdest, was du hier siehst.� Der Baumeister trat an den Tisch, griff nach dem K�stchen und reichte es ihr. �Mein Geschenk an dich. Ein Dichter w�rde sagen, es enth�lt die Asche meines vergangenen Lebens. Mariotte ist dort ...�</p><p>Er sch�ttelte traurig den Kopf. �Ich kann dir nicht erz�hlen, was geschehen ist. Doch du wirst dem Schrecken so nahe kommen, wie es m�glich ist, ohne selbst auf dem Mons Gabino gewesen zu sein. Manches wird sich dir sofort erschlie�en. Anderes habe auch ich nach f�nfzehn Jahren noch nicht begriffen. Vielleicht wirst du jemanden finden, der die Ereignisse zu deuten wei�, die mich hierher trieben. Ereignisse, die mich noch immer nachts verfolgen.� Er deutete auf die W�nde. �Und selbst am Tage sind die Verlorenen nie weit von mir.�</p><p>�Aber ...�</p><p>Gundaher zischte und hob einen Finger an die Lippen. �Nein! Keine Fragen.� Er atmete pl�tzlich wieder schwer und griff sich an den Kopf. ��ffne die Schlie�e seitlich am Buch. Sieh es dir an. Und nun geh! Ich kann die Schmerzen besser ertragen, wenn ich allein bin.�</p><p>Kadlin wich durch die T�r zur�ck, die der verr�ckte Baumeister sofort hinter ihr verschloss. Sie war erleichtert, die Kammer verlassen zu haben. Neugierig betrachtete sie das ledergefasste K�stchen. Das also war ein Buch. Sie hatte davon erz�hlen h�ren, konnte sich aber nie eine rechte Vorstellung machen, wie so ein Buch wohl aussah.</p><p>Vorsichtig schob sie mit dem Daumen die Bronzeschlie�e auf. Dann klappte sie den Deckel zur�ck. Ein Frauengesicht blickte ihr entgegen. Sie hatte weizenfarbenes Haar und sch�ne, sinnliche Lippen. Ob das die Mariotte war, von der Gundaher gesprochen hatte? Im Hintergrund sah man ein Geb�ude auf einem steilen Berg. Wohl eine Burg. Obwohl sie nicht sonderlich trutzig aussah, war die Anlage doch von einer steinernen Mauer umgeben.</p><p>Kadlin bl�tterte weiter. Die Bilder zeigten eine Gruppe von M�nnern und Frauen, die offenbar in der Burg lebten. Sie alle trugen lange blaue Kutten wie jene Gestalt auf den W�nden in Gundahers Kammer. Dann erschien der Mann aus der Kammer. Er wurde freundlich aufgenommen.</p><p>Kadlin hatte das Buch nun halb durchgebl�ttert und kein einziges Runenzeichen entdeckt. Doch die Bilder wurden schlechter, seit der Gast auf ihnen auftauchte. Es sah ganz so aus, als seien sie in gro�er Hast entstanden. Ein wenig entt�uscht von ihrem Schatz bl�tterte Kadlin weiter � und fand das Grauen.</p><subtitle>Der Vormarsch beginnt</subtitle><cite><p><strong>Vertraulicher Bericht! Unbedingt unter Verschluss zu halten! Bedarf der Freigabe durch die K�nigin!</strong></p><p>�... Der Herbst war schon fortgeschritten, als der Vormarsch der Trolle begann. Nur wenige Bewohner Feylanvieks waren dem Befehl der K�nigin gefolgt und hatten die Stadt verlassen. Ich glaube, viele von denen, die blieben, konnten sich nicht wirklich vorstellen, dass man ihre Stadt aufgegeben hatte. Bis zuletzt hielt ich mit einer Nachhut der Reiterei Stellung. Ich war gefangen zwischen meinen Befehlen und der milit�rischen Notwendigkeit, den Vormarsch des Feindes so schwer wie m�glich zu machen. Ich entschied mich gegen die K�nigin ...</p><p>Die letzten Elfen, die Feylanviek verlie�en, setzten die Lagerh�user am Mika in Brand. Es geschah noch, w�hrend die ersten Trolle �ber den Mika �bersetzten. Die Eroberer h�tten die Vorr�te an sich genommen, so sagt es die Logik des Krieges. Sie brauchten alle Lebensmittel, um ihr riesiges Heer �ber die weite, karge Steppe zu bringen. Ich wusste ja nicht, wie es in Talsin kommen w�rde. Ich war �berzeugt, das Richtige zu tun. Mir war klar, dass Feylanviek den ganzen Winter �ber abgeschnitten sein w�rde. Kein Schiff aus Vahlemer w�rde kommen, und kein Stamm der Pferdem�nner w�rde seine Herden zu den Schlachth�usern der Stadt f�hren, solange die Trolle dort regierten.</p><p>Die K�nigin zwang mich sp�ter, die Berichte zu lesen. Und ich musste die �berlebenden besuchen. An jenem Tag, als ich befahl, die Br�nde zu legen, hatte ich mir nicht vorstellen k�nnen, wozu Hunger f�hren mag. All die ge�ffneten Gr�ber und die Morde an jenen, die zu schwach waren, das bisschen Fleisch zu sch�tzen, das sie noch auf den Knochen trugen ... Die Albenkinder sind entsetzt �ber den Kannibalismus der Trolle. Nur wenige ahnen, wie d�nn die Wand ist, die uns von ihnen trennt. Ich habe keinen Gedanken an die Bewohner jener Stadt verschwendet, deren Gast ich so lange war. Ich dachte nur an den Winterkrieg in der Steppe, der uns erwartete.</p><p>Vierzig Meilen s�dlich von Feylanviek sammelte Orimedes die wenigen Kentauren, die er zu den Waffen rufen konnte. Erst als das Heer der Trolle die Ruinen von Jerash erreichte, war der F�rst des Windlands bereit gewesen, die Verfolgung seines Sohnes aufzugeben.</p><p>Wir w�hnten uns in Sicherheit, da wir davon ausgingen, dass die Pl�nderung von Feylanviek das Heer der Trolle mindestens einen Tag lang aufhalten w�rde. Doch Orgrim f�hrte auf andere Weise Krieg, wie wir noch oft erfahren sollten. So waren wir v�llig �berrascht, als aus dem Fr�hnebel Trolle hervorbrachen und unser Lager umzingelten. Nie zuvor hatte ich ein so verzweifeltes und blutiges Gefecht erlebt. Und nie sah ich so viele M�nner sterben, um einen dem Tod Geweihten in Sicherheit zu bringen ...�</p><text-author>Zweiunddreissig Gest�ndnisse von:</text-author><text-author>Caileen, Gr�fin zu Dorien,</text-author><text-author>Handschriftlicher Bericht, K�nigliches Archiv 714</text-author></cite></section><section><title><p>Klaves</p></title><p>Er trug einen schweren Leinensack, der mit einem breiten Lederriemen �ber seine Schulter geschlungen war. Das braune, vertrocknete Sommergras war von einer zarten Schicht Raureif �berzogen. Das Gras knisterte, w�hrend er hindurchlief und nach Hornschildechsendung Ausschau hielt. Es war diesig. Die Herde hatte schon vor Sonnenaufgang ihre Wanderung begonnen. Ganda hatte ihn sehr fr�h geweckt. Ganda war immer gut zu ihm. Er mochte sie. Heute Morgen hatte sie ein braunes Pulver auf den grauen Griesbrei gesch�ttet, das ihn viel besser schmecken lie�.</p><p>Klaves lauschte in den Nebel. Die Schreie waren jetzt verklungen und auch das helle Klingen von Metall. Er hatte gesp�rt, wie die Ger�usche die gro�en Hornschildechsen unruhig gemacht hatten. Und auch in seinem Bauch hatte sich ein kaltes, stacheliges Gef�hl eingenistet. Dort im Nebel musste etwas F�rchterliches geschehen.</p><p>Ganda war heute Morgen unruhig gewesen. Ob sie gewusst hatte, dass dieser L�rm kommen w�rde?</p><p>Ein dampfender Dunghaufen lie� ihn die Gr�beleien vergessen. Klaves kniete nieder. Den Dung von Mondkragen konnte er am Geruch erkennen. Doch dies hier war von einem Bullen und nicht von einer Kuh. Er betrachtete die unverdauten Grashalme, die in dem dunklen Gemenge schimmerten. Sie hatten die Farbe von Sonnenstrahlen. Manchmal stellte er sich vor, dass die Echsen Sonnenstrahlen fra�en. Und wenn sie den getrockneten Dung abends in die Feuer warfen, dann befreiten sie die W�rme der Sonne.</p><p>Klaves grub seine Finger tief in den Haufen. Er war angenehm weich und warm. Mit beiden H�nden schaufelte er seine Beute in den Leinensack. Dann sprang er auf. Der Riemen auf seiner Schulter dr�ckte auf die alten Wunden auf der Brust. �berall hatte er rote Striemen auf dem Leib, die nur langsam blasser wurden. Ganda und auch die anderen hatten ihm nicht erz�hlen m�gen, was mit ihm geschehen war. Wenn er sich streckte, dann stach es in seiner Schulter und Brust. Und manchmal sprang ihn ein Kopfschmerz an, als habe sich ein Rabe in sein Haar geklammert, um mit seinem Schnabel auf die kahle Stelle an seinem Kopf einzuhacken.</p><p>Klaves beschleunigte seine Schritte. Er konnte im Nebel den alten Dickhaut sehen. Auf seinem R�cken war das gro�e Trockenger�st festgeschnallt, auf dem er den Dung ausbreiten musste. Erst wenn er ganz hart und br�ckelig wurde, konnte man ihn ins Feuer werfen.</p><p>Geschickt kletterte Klaves die Strickleiter zu dem Ger�st hinauf, w�hrend Dickhaut gem�chlich weitertrottete. Er sch�ttete den Dung auf eine der geflochtenen Matten mit ihren hohen, wulstigen R�ndern, die zwischen das Gitterwerk aus d�nnen Stangen gespannt waren, das sich wie Stacheln �ber den R�cken der Echse erhob. Sorgsam verteilte er die braungoldenen Haufen, damit der Dung gleichm��ig trocknen konnte.</p><p>�He, Misttr�ger! Komm herunter, wir brauchen dich.�</p><p>Klaves sah sich verwirrt um, ob noch jemand anderes auf Dickhauts R�cken war.</p><p>�H�rst du nicht, du Stinkbeutel?� Klaves hob den Beutel auf, in dem er den Dung trug. Was wollte Nikodemus von der Leinentasche? Die konnte er nicht haben! �Klaves! Komm endlich herunter!� Der Diener war erschrocken. Offenbar hatte der Kommandant schon die ganze Zeit ihn gemeint. Aber warum rief er ihn dann nicht bei seinem Namen? Klaves packte sich an die rasierte Stelle an seinem Kopf. Die Schmerzen kamen wieder. Alles war so verwirrend. Er hatte sich an seinen Namen nicht mehr erinnern k�nnen, bis der gro�e Kommandant Elija so freundlich war, ihn zu erw�hnen.</p><p>Elija war ein guter Kerl. Er kam oft zu ihm. Meist wenn Ganda nicht in der N�he war. Er erkl�rte ihm all die Dinge, die er nicht verstand. So vieles gab es, das er nicht verstand! Offenbar war er wohl etwas dumm! Selbst die Kinder konnten ihm Dinge erkl�ren.</p><p>Elija sagte, es liege daran, dass er so anders sei. Anfangs hatte er sich gro�e Sorgen deshalb gemacht. Er war viel zu gro�! Seine Arme und Beine waren ungelenk. Und er hatte nicht so einen h�bschen Kopf wie die Lutin. Manchmal betrachtete er morgens seinen Kopf in der Trinksch�ssel. Er war voller kahler Stellen, an denen kein einziges Haar wuchs. Und seine Schnauze war platt und eingedr�ckt. Den anderen musste es schwer fallen, eine so h�ssliche Gestalt anzuschauen.</p><p>�Klaves! Komm endlich da runter, du Riesentrottel!� Er beeilte sich, die Strickleiter hinabzuklettern. Unten wartete eine ganze Gruppe von Lutin auf ihn. Dass es so viele waren, machte ihn unruhig. Er stellte sich ungeschickt an, als er vom Ende der Stickleiter absprang, und rollte ins Gras.</p><p>Die Lutin lachten. Und auch er fiel in ihr Gel�chter ein. Dann waren sie netter zu ihm.</p><p>�Du stinkst zum Erbarmen!�, maulte Nikodemus. �Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du deine Finger im Gras abwischen sollst, wenn du in der Schei�e gew�hlt hast!�</p><p>�Zehnmal, Kommandant.� Das stimmte nicht. Es war �fter gewesen, aber Klaves wusste nicht, wie es nach zehn weiterging. Er wusste, dass es weiterging, aber seine Erinnerung hatte ihn verlassen. Bis zehn konnte er nur deshalb z�hlen, weil es ihm die Kinder beigebracht hatten. Morgen wollten sie ihm zeigen, wie man an den Zehen weiterz�hlte, wenn man mit den Fingern fertig war. Das hatten sie versprochen. Aber Klaves freute sich nicht darauf. Sie hatten ihm erkl�rt, dass er zum Z�hlen barfu� laufen m�sste. Das war nicht gut in dem kalten Gras!</p><p>�Wir brauchen jemanden, der schwer tragen kann�, erkl�rte Nikodemus.</p><p>�Kommandant! Jawohl, Kommandant.� Nikodemus mochte es sehr, wenn man ihn mit Kommandant ansprach, deshalb tat er es so oft wie m�glich. Das hatte Klaves schnell gelernt, genauso wie er schnell gelernt hatte, dass er schwerer tragen konnte als die Lutin. Mit etwas M�he konnte er einen ganzen Dunghaufen auf einmal zum Trockenger�st bringen. Jeder Lutin im Lager musste daf�r mehrmals laufen. Es war gut, wenigstens etwas zu k�nnen. Seine Kraft erf�llte Klaves mit Stolz.</p><p>�Los jetzt!� Nikodemus winkte ihm, und die ganze Gruppe der Lutin setzte sich in Bewegung. �Und wisch dir endlich die Schei�e von den Fingern!�</p><p>Widerwillig folgte Klaves dem Befehl. Er mochte das Gef�hl, wenn der feuchte Dung auf seinen H�nden trocknete. Und er beobachtete gerne, wie sich feine Risse in der zweiten, dunklen Haut bildeten und sie sich dann langsam wie Wundschorf abl�ste.</p><p>Stumm folgte Klaves den Lutin. Nach einer Weile h�rten sie ein St�hnen. Grobe Stimmen erklangen hinter einem H�gel. Noch immer behinderte leichter Dunst die Sicht.</p><p>Ein St�ck entfernt sah Klaves etwas Gro�es durch den Nebel gleiten. Es war noch gr��er als er. Besorgt schloss er dichter zu den Lutin auf.</p><p>Auf der Kuppe des H�gels fanden sie ein seltsames Tier. Ein sehr gro�es Pony. Doch statt eines Halses wuchs ihm ein M�nnerleib aus dem Rumpf. Es musste ein Verwandter der Lutin sein, denn obwohl ihm die h�bsche spitze Schnauze fehlte, hatte er sehr viele Haare im Gesicht.</p><p>Die Lutin umringten den Toten. Sie schienen nach etwas zu suchen. Pl�tzlich kam eine riesige Gestalt den H�gel hinaufgelaufen. Sie kam direkt auf ihn zu und stie� ein markersch�tterndes Br�llen aus. Die Kreatur hob eine Keule, aus der scharfe Steinsplitter wie Dornen ragten.</p><p>Klaves duckte sich unter einem Hieb hinweg. Er griff sich an den G�rtel, als m�sse dort etwas sein, das ihm helfen k�nne.</p><p>�Nicht schlagen!�, rief er verzweifelt.</p><p>�Lass meinen Diener in Frieden!�, schrie Nikodemus.</p><p>Wieder sauste die Keule nieder. Klaves warf sich flach ins Gras. Der Hieb verfehlte ihn nur um Haaresbreite.</p><p>Klaves rollte sich seitlich ab. Halb unter dem toten Ponywesen begraben lag etwas Schimmerndes. Er zog den l�nglichen Gegenstand hervor. Ein sehr gro�es Messer!</p><p>Ein Schrei lie� Klaves erzittern. Die Kreatur mit der Keule war mindestens einen Schritt gr��er als er. Sie hatte sich vorgebeugt und br�llte ihn an. Nikodemus versuchte sich zwischen sie beide zu dr�ngen.</p><p>�Lass meinen Diener in Frieden, du Trolltrottel!�</p><p>Klaves war beeindruckt vom Mut des Lutin. Gerade von Nikodemus, der so gern seltsame Sp��e mit ihm trieb und sich immer neue Namen f�r ihn ausdachte, um ihn zu verwirren, h�tte er niemals erwartet, dass er ihn verteidigen w�rde.</p><p>�H�r auf meinen Freund, Trolltrottel!�, sagte Klaves drohend. Er war froh, dass er jetzt einen Namen f�r das Ungeheuer hatte. Das nahm der Kreatur einen Teil ihres Schreckens.</p><p>�Weg, du Made!� Der Trolltrottel trat nach Nikodemus, und der Lutin schaffte es nicht mehr ganz, ihm aus dem Weg zu kommen. Mit einem Aufschrei landete er im Gras und kr�mmte sich vor Schmerz.</p><p>�Nikodemus ist mein Freund, Trolltrottel. Du darfst ihn nicht treten!�, sagte Klaves entsetzt.</p><p>Die anderen Lutin machten nicht die geringsten Anstalten, sich dem Riesen in den Weg zu stellen. Einer eilte zu Nikodemus.</p><p>Ohne Vorwarnung st�rmte der Trolltrottel auf Klaves los. Er holte mit der Rechten weit aus. Die Keule schwang dem Diener entgegen. Es war leicht, die Bewegung vorherzusehen.</p><p>Klaves wartete bis zum allerletzten Augenblick, dann machte er einen Schritt zur Seite und wich dem Angriff aus. Sein langes Messer zuckte vor. Ein langer, tiefer Schnitt klaffte im Bauch des Trolltrottels.</p><p>Die Bestie presste eine Hand darauf. Bl�uliche, blutige Schlangen schienen aus seinem Bauch kriechen zu wollen.</p><p>Klaves war jetzt hinter dem Trolltrottel. Er �nderte den Griff und stach mit dem langen Messer nach hinten. Er brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass er in die Kniekehle treffen w�rde. Ein w�tendes Heulen begleitete den Druck und das Knirschen, als seine Klinge durch Fleisch und Knochen schnitt.</p><p>Er befreite das lange Messer mit einem Ruck. Der Trolltrottel war in die Knie gegangen. Schnaufend drehte er sich um. Seine Linke hielt er noch immer auf den Bauch gepresst. Wieder hob er die Keule, noch langsamer und vorhersehbarer als beim letzten Angriff.</p><p>Klaves sprang geduckt vor und unterlief den Schlag. In einem geraden Sto� drang das lange Messer durch die Kehle des Trolltrottels in dessen Mund. Die Augen der Kreatur weiteten sich vor Entsetzen. Blut schoss ihm aus Kehle und Mund.</p><p>Klaves setzte dem Ungeheuer einen Fu� auf den Bauch, woraufhin noch weitere der blutigen Schlangen aus der Schnittwunde quollen. Mit einem Ruck befreite er seine Klinge.</p><p>Der Trolltrottel sackte seitlich ins Gras.</p><p>Klaves ging zu Nikodemus. Merkw�rdigerweise versuchte der Lutin, vor ihm fortzukriechen. �Alles ist gut, mein Freund. Der Trolltrottel wird dich nicht mehr treten. Hast du Schmerzen?�</p><p>�Mir ... Mir geht es gut�, stie� Nikodemus erschrocken hervor.</p><p>�Du musst keine Angst mehr haben.� Klaves war sehr zufrieden mit sich. Er konnte noch etwas, au�er schwere Leinenbeutel mit Hornschildechsendung zu tragen. Offensichtlich war er gut darin, Trolltrottel zu t�ten. Er streckte Nikodemus die Hand entgegen und half dem Lutin auf die Beine.</p><p>�Wir sollten hier verschwinden�, sagte der Lutin zu seinen Kameraden. �Es war keine gute Idee, ihn mitzunehmen.�</p><p>Klaves verstand das nicht ganz. Immerhin hatte er Nikodemus davor bewahrt, noch einmal getreten zu werden. Entt�uscht kniete er neben dem gro�en Ponymann nieder. Zu dem langen Messer geh�rte eine H�lle aus rotem Leder. Er schob die Waffe hinein und steckte sie in seinen G�rtel. Sie f�hlte sich gut an seiner Seite an. Das war es, was gefehlt hatte, als er vorhin an seinen G�rtel gegriffen hatte.</p><p>�Hat ihn jemand gesehen?�, fragte Nikodemus die anderen.</p><p>Die Lutin sch�ttelten die K�pfe. Sie blickten den H�gel hinunter. Der Dunst hatte sich etwas gelichtet.</p><p>Klaves war erschrocken �ber das Bild, das sich ihm bot. �berall lagen tote Ponym�nner. Auch tote und verwundete Trolltrottel waren dort. Und kleinere, zartere K�rper. Gestalten, die aussahen wie er. Gerne w�re er hinuntergegangen, um sie sich n�her anzusehen.</p><p>�Komm, Klaves!�, befahl Nikodemus. �Wir gehen zur�ck zur Herde.� Klaves z�gerte kurz. Er musste dem Kommandanten folgen. Er war sein Diener. Was er selbst gern tun w�rde, z�hlte nicht.</p></section><section><title><p>Der Wolkenspiegel</p></title><p>Eine eisige Windb�e empfing sie auf dem Pass. Mag hatte Ulric von diesem Ort und seinen Besonderheiten erz�hlt. Der Prinz von Firnstayn blickte blinzelnd zu der strahlend wei�en Gletscherzunge, die sich in den weiten See vor ihnen schob. Irgendwo dort oben im Eis war Mag, um �ber sie zu wachen. Unerkl�rlicherweise schien der Veteran aus Phylangan v�llig unempfindlich gegen K�lte zu sein.</p><p>Halgard lenkte ihre Stute an seine Seite. Sie legte den Kopf zur�ck und blickte in den weiten, wolkenlosen Himmel. Wie ein riesiger Spiegel lag der See vor ihnen. Himmel, Berge und Gletscher betrachteten in ihm ihre Ebenbilder.</p><p>�Was f�r ein wunderbarer Ort�, fl�sterte Halgard, als f�rchte sie, mit ihrer Stimme die stille Majest�t der Berge zu st�ren.</p><p>�Wie hei�t der See?�</p><p>�Er hat keinen Namen�, sagte Ulric leichthin. �Vor uns sind erst wenige Menschen hier gewesen. Ich schenke ihn dir.�</p><p>Sie lachte. �Du bist verr�ckt!�</p><p>�Ich bin der Sohn des K�nigs. Alles Land, das niemand bebaut, geh�rt dem K�nig. Und mein Vater wird es mir nachsehen, wenn ich einen See verschenke, den bislang kaum jemand kennt.�</p><p>Halgard schluckte. Einen Augenblick schien es, als wolle sie in Tr�nen ausbrechen. Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt. Der Morgen war schlimm gewesen. Sie hatte entdeckt, dass der gro�e schwarze Hund seines Vaters Blut pisste. Daraufhin hatte sie wieder die drei verfluchten Lebensf�den aus den Holzpuppen geholt und sie nebeneinander gelegt. Manchmal verbrachte sie halbe Tage damit, die F�den anzustarren und auszurechnen, wann sie sterben w�rden.</p><p>�Ein so wundersch�ner Ort sollte einen Namen haben�, sagte sie. Ein scheues L�cheln spielte um ihre Lippen. Manchmal waren ihre Launen schon sonderbar. Von einem Herzschlag zum n�chsten konnte ihre Stimmung von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betr�bt wechseln.</p><p>�Du wirst ja wohl nicht erwarten, dass ich dir die M�he abnehme, f�r deinen See einen Namen zu finden. Mir w�rde nur so ein Unsinn wie Halgards Spiegel einfallen.� In Wahrheit hatte er sich den halben Weg hier hinauf Gedanken dar�ber gemacht, mit welchem Namen er ihr eine Freude bereiten k�nnte.</p><p>�Nein, das w�re kein guter Name. Es w�re f�rchterlich anma�end, so etwas Sch�nes nach mir zu benennen.�</p><p>�Aber du bist sch�n!�, begehrte er auf.</p><p>�Ich liebe es, von dir geliebt zu werden.� Ihr L�cheln lie� ihn alle Traurigkeit vergessen. Vielleicht w�rde sein Plan doch noch gelingen. Er wollte, dass sie einen wunderbaren, unvergesslichen Tag erlebten. Auf viele Tage durften sie nicht mehr hoffen. Und jede Stunde konnte das Wetter umschlagen und das Blau des Himmels f�r Wochen verschwinden lassen. Bis ans Ende ihrer Tage ...</p><p>��Wolkenspiegel� w�re doch ein sch�ner Name�, sagte sie gut gelaunt.</p><p>�Hast du geh�rt, welchen Namen dir die sch�nste Maid des Fjordlands ausgesucht hat?�, rief er lauthals auf den See hinaus.</p><p>�Von heute an bist du der Wolkenspiegel!�</p><p>�Danke�, sagte Halgard unvermittelt.</p><p>Ulric l�chelte ein wenig verlegen. �Warte ab, was ich mir noch �berlegt habe, bevor du mir dankst. Ich hatte vor, mit dir schwimmen zu gehen.�</p><p>Sie sah ihn mit gro�en Augen an. �Hier? Das Wasser muss doch eisig sein!�</p><p>�Ich sagte doch, dass es zu fr�h ist, um mir zu danken.� Er trieb seinen Braunen voran. �Komm, ich zeig dir etwas.�</p><p>Dicht am Ufer gab es einen gro�en Felsen, in den eine Nische gebrochen war, die den Ort vor dem Wind und vor Blicken sch�tzte. Dort war eine Feuerstelle vorbereitet, und ein stattlicher Stapel Brennholz lag unter einem �berhang aufgeschichtet.</p><p>Halgard runzelte die Stirn. �Da hat sich jemand reichlich M�he gemacht. Die Baumgrenze liegt doch mehr als eine Wegstunde hinter uns.�</p><p>�Es hat ein paar Vorteile, der Sohn des K�nigs zu sein�, sagte Ulric gut gelaunt und schwang sich aus dem Sattel. Er sah sich nach dem Holzstecken um, den Mag hier irgendwo in den Boden gerammt haben musste. Als er ihn fand, schlang er die Z�gel darum. Der Schatten des Steckens war auf wenige Finger Breite geschrumpft. Pr�fend blickte Ulric zum Himmel. Die Mittagsstunde war nicht mehr weit! Kurz danach w�rde es geschehen. Sie sollten sich beeilen.</p><p>Er sattelte den Braunen ab, dann versorgte er die Stute.</p><p>Halgard kauerte sich in die Felsnische und sah ihm zu. Erst als er fertig war, sprach sie. �Den Scherz mit dem Schwimmen habe ich nicht verstanden, f�rchte ich.�</p><p>Ulric �ffnete die Schlie�e seines Umhangs. �Ich f�rchte, das war kein Scherz.�</p><p>Sie st�hnte. �Bitte nicht. Es ist so ein sch�ner Tag ...�</p><p>Als Kinder waren sie unter eine geschlossene Eisdecke geraten und fast ertrunken. Nur den heilenden Kr�ften der Elfenk�nigin hatten sie es zu verdanken, dass sie noch lebten. Im Sommer darauf hatte Mag ihnen Unterricht im Schwimmen gegeben. Anfangs war es ihnen beiden schwer gefallen, sich dem Wasser anzuvertrauen. Aber gegen Ende des Sommers waren sie immer tollk�hner geworden, und inzwischen liebten sie es zu schwimmen. Doch Halgard war zu verfroren, um auch im Winter wirklich Freude daran zu haben.</p><p>Ulric hatte sich ganz ausgezogen.</p><p>�Sind wir wirklich allein?�, fragte Halgard.</p><p>�Nat�rlich�, log der Prinz.</p><p>�Und wenn ein Troll kommt?�</p><p>�Die hassen sch�ne Orte wie diesen. Du musst dir keine Sorgen machen.� Z�gernd streifte Halgard ihre Kleider ab. Ihr dabei zuzusehen, erregte Ulric. So viele Jahre waren sie nun schon ein verheiratetes Paar, aber es gab nur selten Gelegenheit, sie bei gutem Licht nackt zu sehen. Ihre schweren Br�ste. Die milchwei�e Haut.</p><p>�Im Schatten des Felsens hat sich ein wenig Schnee von der Nacht gehalten.�</p><p>�Muss das sein?�, brummte sie. �Es ist doch so schon kalt genug.�</p><p>Ulric h�rte nicht auf ihr Maulen. Er wusste, dass sie kommen w�rde. Der raue Schotter, den der l�ngst abgeschmolzene Gletscher zum Seeufer getragen hatten, stach nach seinen Fu�sohlen. Er war zu weich geworden. Als Kind war er den halben Sommer barfu� unterwegs gewesen. Damals hatte es ihm nichts ausgemacht, �ber scharfkantige Steine zu gehen. Seine F��e hatte eine Hornhaut gesch�tzt, dick wie eine Ledersohle. Halgard ging auch heute noch oft barfu�. Grinsend folgte sie ihm. Sie wusste genau, welche Qualen er litt.</p><p>Endlich erreichte er den Schneeflecken. Er war ein wenig mehr als doppelt so gro� wie ihr Bett. Die Sonne stand jetzt im Zenit. Es gab keinen sch�tzenden Schatten mehr. Ein d�nnes Rinnsal sickerte vom Schneefeld zum See hinab.</p><p>Ulric kniete sich nieder. Er wollte zwei H�nde voll Schnee zusammenklauben, als ihn ein Sto� mit dem Gesicht voran in dieses eisige Bett st�rzen lie�. Lachend sprang Halgard ihm auf den R�cken und massierte ihm eine Portion Schnee in die nackten Schultern.</p><p>Sein ganzer Leib prickelte vor K�lte. Ulric atmete nur sto�weise. Im ersten Moment war er v�llig �berrumpelt und wehrlos. Dann bekam er ein Bein von Halgard zu packen und zog sie von sich herunter. Lachend balgten sie sich im Schnee, bis ihre Lippen blau vor K�lte waren.</p><p>�Komm jetzt!� Ulric half ihr auf, und Hand in Hand liefen sie hinab zum Ufer.</p><p>Vorsichtig tasteten sie sich ins Wasser. Nach der Rauferei im Schnee schien es ihnen fast warm. Runde, glatte Kiesel liebkosten ihre F��e. Dann endlich waren sie weit genug, um frei schwimmen zu k�nnen. Ulric lie� sich nach vorne fallen, und der Wolkenspiegel umschloss ihn mit eisiger Umklammerung. Einen Augenblick lang keimte in ihm wieder die Erinnerung daran auf, wie er mit den F�usten verzweifelt gegen den Eispanzer �ber sich getrommelt und die K�lte ihn langsam gel�hmt hatte.</p><p>Halgard war ganz still geworden. Er sah ihr an, dass auch sie die Erinnerung eingeholt hatte.</p><p>Ulric blickte zum Himmel. Die Mittagsstunde war gerade vor�ber. Das war die Zeit! Er suchte am gegen�berliegenden Ufer nach einem Berg, der an einen riesigen Turm erinnerte. Und als er den roten Felskoloss entdeckte, schwamm er in seine Richtung. �Komm!�, rief er Halgard zu. �Blut lebt, was soll uns also passieren!�</p><p>�Wir k�nnten uns zum Beispiel ein Bein brechen�, rief sie.</p><p>�Bist du nicht ein bisschen zu alt f�r solche t�richten Mutproben? Hast du mich deshalb hierher gebracht? Ich glaube, mir ist gerade der Spa� am Schwimmen vergangen.�</p><p>�Bitte bleib! Entschuldige. Es war dumm von mir. Ich ...�</p><p>�Mir wird kalt�, entgegnete Halgard ungehalten.</p><p>Verzweifelt blickte Ulric �ber die spiegelglatte Wasserfl�che. Mag hatte ihm gesagt, dass es immer kurz nach der Mittagsstunde geschehen w�rde. Das war jetzt! Wo blieb das verdammte Wunder?</p><p>�Es ist noch weit zum Ufer. Komm! Lass uns Luth nicht herausfordern.� Ein St�ck entfernt begann mit einem Mal die Wasseroberfl�che zu brodeln. Tausende silberner Perlen stiegen aus der Tiefe auf, um zu zerplatzen, sobald sie das sch�tzende Wasser verlie�en. Blasser Dunst breitete sich �ber dem Wasser aus.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Mein Geschenk f�r dich.� Er schwamm zu ihr und k�sste sie.</p><p>�Komm schon.�</p><p>Halgard wirkte �ngstlich, aber sie folgte ihm. Die Silberperlen kitzelten ihre nackten Leiber. Das Wasser war pl�tzlich angenehm warm. Der Dunst wurde dichter.</p><p>Mit den F��en strampelnd, drehte sich Ulric im Kreise und pr�gte sich das Panorama der Bergriesen rings herum ein. Dann sch�tzte er den Abstand zum gro�en Felsblock nahe dem Ufer. Etwa zweihundert Schritt. Ein weiter Weg, wenn das Wasser wieder k�lter wurde und ihre Kr�fte ersch�pft waren.</p><p>Ein leichter Duft wie von fauligen Eiern hing in der Luft. Gerade eben wahrnehmbar. Unaufdringlich.</p><p>�Was ist mit dem Wasser?�, fragte Halgard.</p><p>�Ich wei� es nicht. Mag hat es entdeckt. Jeden Tag kurz nach der Mittagsstunde steigen hier die Blasen und das warme Wasser aus der Tiefe auf, als g�be es am Grund des Sees eine Quelle, die aber nur manchmal flie�t.�</p><p>Halgard schlang ihm die Arme um den Nacken. �Es ist sch�n hier. All die Luftblasen und die leichte Str�mung von unten. Es ist, als liebkosten einen tausend z�rtliche H�nde. �berall ...� Sie l�chelte sinnlich. �Wie lange sprudelt die Quelle?�</p><p>�Etwa eine halbe Stunde.� Er sp�rte ihre Hand zwischen seinen Schenkeln.</p><p>�Wird das reichen, mein Geliebter?� Er l�chelte. �Wollen wir es herausfinden?�</p></section><section><title><p>Ein einfacher Plan</p></title><p>Die Fackel am Tor wies ihnen den Weg durch die Dunkelheit. Sie waren zu lange am See geblieben. Eine wohlige W�rme breitete sich in Ulric aus, als er an die gestohlenen Stunden dachte. Stunden, in denen sie beide die roten F�den aus ihren Holzpuppen vergessen konnten.</p><p>Sein Brauner schnaubte unruhig. Der Prinz strich ihm �ber den Hals. �Bald bist du wieder in deinem Stall.�</p><p>�Ich sehe gar keine Wachen auf der Mauer�, sagte Halgard unruhig. �Sie h�tten doch ein Hornsignal geben m�ssen.�</p><p>Ulric z�gelte den gro�en Hengst. �Wahrscheinlich haben sie uns nicht gesehen.�</p><p>�Bei dem hellen Sichelmond?�</p><p>Das lie� sich nicht von der Hand weisen. Sein Vater hatte nur die besten M�nner mitgenommen. Etwas musste in ihrer Abwesenheit geschehen sein! Er musterte die Zinnen. Auf der Mauer r�hrte sich nichts.</p><p>�Vielleicht solltest du zur�ckbleiben.� Er lockerte sein Schwert in der Scheide. Das Tor stand weit offen. Verdammt! Alle dort oben wussten, dass jederzeit mit einem �berfall von ein paar �berm�tigen Trollen zu rechnen war. Nat�rlich half ein verschlossenes Tor nur wenig, wenn drei von vier Burgmauern noch nicht vollendet waren. Doch hier ging es um Disziplin! Das Tor hatte nachts geschlossen zu sein. Und es gab keine Entschuldigung daf�r, keine Wachen auf den Mauern zu haben!</p><p>�Etwas ist da oben�, sagte Halgard leise.</p><p>Sein Brauner peitschte unruhig mit dem Schweif.</p><p>Ulric konnte nichts entdecken, so angespannt er auch starrte.</p><p>�Sp�rst du es nicht? Da lauert jemand.�</p><p>�Dein Weib hat gute Augen, Prinz Ulric.� Wie aus dem Nichts stand eine Gestalt vor ihnen und griff seinem Hengst in die Z�gel. Sie hatte mit einem seltsamen, singenden Akzent gesprochen. Ulric blickte in kalte graue Augen. Die Iris war von einem schwarzen Kranz eingefasst. Wolfsaugen! �Du bist ein Maurawan.�</p><p>Der fremde Krieger trat ein wenig zur Seite, sodass Mondlicht auf sein Antlitz fiel. Er l�chelte. �Du kennst die V�lker Albenmarks gut f�r einen Menschen.� Er hob den Arm und winkte zur Mauer.</p><p>�Was glaubst du, wie viele Bogensch�tzen dort oben warten, edle Dame?�</p><p>�Zwei�, sagte Halgard.</p><p>�Es sind drei. Aber den dritten kann selbst ich nicht sehen. Fingayn sieht niemand, wenn er es nicht will. Es hei�t, selbst seine Mutter habe ihn unmittelbar nach der Geburt aus den Augen verloren.�</p><p>�K�nnt ihr euch unsichtbar machen?�, fragte Halgard ungl�ubig.</p><p>Statt zu antworten, zog der Maurawan einen Zipfel seines Umhangs �ber den Kopf und kauerte sich nieder. Er sah aus wie ein Baumstumpf. Die Schattierungen des Stoffes hatten dieselbe Farbe wie von Wind und Wetter ausgeblichenes Holz; sein Pfeilk�cher ragte wie ein abgestorbener Ast zur Seite.</p><p>Ulric wusste um die F�higkeiten der Maurawan. Silwyna hatte ihm manchmal von ihrem Volk erz�hlt, allerdings war sie nur sehr selten in der Stimmung, von Albenmark zu sprechen. Der Prinz r�usperte sich. �Ohne unh�flich erscheinen zu wollen...� Er machte eine kurze Pause, doch der Maurawan nutzte die Gelegenheit nicht, um sich vorzustellen. �Was verschafft mir die Ehre, von J�gern der Maurawan empfangen zu werden? Und warum sind die Wachen meines Vaters von den W�llen verschwunden?�</p><p>Der Maurawan erhob sich. �Weil dein Vater w�nschte, dass alle Krieger die Rede des h�sslichen Mannes ohne Nase h�ren.�</p><p>�Aber warum seid ihr hier?�</p><p>�Ohne dich dr�ngen zu wollen, Prinz ... Die Antworten erwarten dich in der Festhalle. Ich bin nur ein Wachposten.� Ja, nur ein Wachposten! Ulric wusste sehr genau darum, wie empfindlich die Maurawan waren. Sie lie�en sich von niemandem Befehle geben. Nur ein Wachposten! L�cherlich! Der Kerl war hier, weil ihm nicht der Sinn danach stand, in der verr�ucherten Halle zu weilen, und weil er es f�r sinnvoll hielt, dass ein paar Wachen auf Posten blieben. Wenn er ihm den ahnungslosen Wachposten vorspielte, dann geschah das, weil er keine Lust hatte, Erkl�rungen abzugeben.</p><p>Ohne auf seine Antwort zu warten, griff der Maurawan nach den Z�geln seines Braunen.</p><p>Ulric lie� ihn gew�hren.</p><p>Halgard warf ihm einen fragenden Blick zu, doch er war genauso �berrumpelt wie sie. Das Einzige, was er sicher wusste, war, dass von den Maurawan mutma�lich keine Gefahr ausging. Andernfalls w�ren sie beide schon tot.</p><p>Der Elfenkrieger brachte sie durch das Tor hinauf zur Burganlage. Auf dem Hof standen zwei schlanke, feingliedrige Pferde. Es waren wunderbare Tiere. Im Mondlicht sah ihr Fell sandfarben aus, Schweif und M�hne waren milchwei�. Ihr Zaumzeug war mit silbernen Beschl�gen verziert. Als sie die K�pfe hoben, erklangen leise Gl�ckchen. Die Pferde w�ren eines K�nigs w�rdig gewesen, dachte Ulric. Sein Vater hatte einige Elfenpferde aus Albenmark mitgebracht und sie mit den drahtigen, kleinen Pferden des Fjordlands gekreuzt. Das Ergebnis waren sehr ausdauernde, trittsichere und kluge Reittiere. Doch die Anmut der Elfenpferde hatten sie verloren.</p><p>Tosendes Gel�chter lie� seinen Braunen scheuen. Es t�nte von der K�nigshalle her�ber. Dann erklang aus hunderten Kehlen der Kriegsruf der Fjordl�nder. �Sieg und Ruhm! Sieg und Ruhm!� Ulric hatte ein ungutes Gef�hl, als er sich aus dem Sattel schwang. Sein Vater stand den Elfen zu nahe! Den letzten Dienst, den er ihnen erwiesen hatte, hatten hunderte von Fjordl�ndern mit ihrem Leben bezahlen m�ssen.</p><p>Halgard trat an seine Seite. Sie schien seine Unruhe zu sp�ren.</p><p>�Was geschieht hier?� Ulric blickte dem Maurawan nach, der ihre Pferde fortf�hrte. �Ich f�rchte, uns steht ein Feldzug bevor.�</p><p>�Jetzt, kurz vor Einbruch des Winters? Kein vern�nftiger Mensch f�hrt Krieg, wenn man das Wetter mehr f�rchten muss als seine Feinde.�</p><p>Er l�chelte traurig. �Da stimme ich dir zu. Kein vern�nftiger Mensch! Elfen und Trolle hingegen scheren sich nicht um Schnee und Eis. Und ich f�rchte, was uns erwartet, wird mit Vernunft nicht viel zu tun haben.� Er stie� das Tor zur K�nigshalle auf. Das Licht und der bei�ende Rauch blendeten ihn. Der schwere Honigatem von Festen, bei denen der Met in Str�men floss, schlug ihm entgegen.</p><p>�Sieg und Ruhm! Sieg und Ruhm!�, dr�hnte es von den W�nden. Die Krieger hielten ihre Trinkh�rner hoch. Immer wieder gr�lten sie den Schlachtruf.</p><p>�Viele von euch kenne ich, seit sie Knaben sind. Und ich kannte eure V�ter, die im Elfenwinter ihr Leben gegeben haben, um euch zu retten. Um das Fjordland gegen die Blut saufenden Bestien zu verteidigen. Ihr seid unser Schild und unser Schwert, seit ihr alt genug seid, eine Waffe zu halten. Auch ihr seid Blut saufende Ungeheuer geworden, und endlich ist der Tag gekommen, euch von der Kette zu lassen. Der Tag, an dem die Scharm�tzel enden und wir Rache nehmen werden f�r all unsere Toten! Die Trolle waren es, die die Fackel des Krieges in unsere D�rfer und St�dte getragen haben. Nun sollen sie lernen, wie es ist, sein Heim brennen zu sehen. Eine Elfenflotte ist unterwegs zur Nachtzinne, und wir werden an der Seite unserer Waffenbr�der stehen, um die Trolle aus ihrer Festung zu locken. Und wenn wir sie da haben, dann werden wir ihnen in den Arsch treten, dass sie unsere Stiefelspitzen auf der Zunge sp�ren!�</p><p>Die Krieger brachen in begeisterten Jubel aus.</p><p>Ulric schmunzelte. Diesen Spruch mit der Stiefelspitze hatte Lambi schon hunderte Male gebraucht, aber die M�nner mochten ihn. Eine Rede des Herzogs ohne seinen Lieblingsspruch war undenkbar. Ebenso, wie es stets um �rsche, Schlappschw�nze, Hurens�hne oder Bastarde ging. Ulric h�tte eine dieser Reden wortw�rtlich wiederholen k�nnen, und die M�nner h�tten ihm bestenfalls ein mitleidiges L�cheln geschenkt. Aber Lambi schaffte es auf seine unvergleichliche Art, die Herzen der Krieger in Flammen zu setzen. Dabei war er wohl der h�sslichste Mann des Fjordlands. Ihm war die halbe Nase weggeschnitten, sodass man in eine dunkle H�hle blickte, wenn man ihm ins Gesicht sah. Selbst hart gesottene Krieger senkten vor dem Herzog den Blick. Aber wenn er vor einer Schlacht oder auch an einem offenen Kriegergrab eine Rede hielt, dann vermochte niemand anderes mit seinen Worten so tiefe Gef�hle zu wecken wie er. Und niemand erz�hlte so unterhaltsame Geschichten �ber seine Heldentaten � erfundene und tats�chliche -, wie Lambi es tat. Sogar etliche Skalden beneideten ihn um sein Geschick, die Zuh�rer an seine Lippen zu fesseln.</p><p>Ulric dr�ngte sich durch die Reihen der M�nner, bis er Lambi endlich sehen konnte. Er stand auf einem Tisch und schwenkte w�hrend seines Vortrags sein Methorn, als sei es ein Schwert, mit dem es galt, Trolle aufzuspie�en.</p><p>Der Herzog winkte ihm gut gelaunt zu. �Wie ich sehe, ist die Runde der Helden nun vollst�ndig. Willkommen in unserer Mitte, Ulric Alfadasson!�</p><p>Ulric r�usperte sich. �Was f�r ein Fest habe ich verpasst?�</p><p>�Oh, nicht Bedeutenderes als den Ausbruch des Krieges, Junge.� Die M�nner rings um ihn brachen in schallendes Gel�chter aus. Einige klopften ihm auf die Schultern. Mag war einer von ihnen. Selbst jetzt, von Met und sch�nen Worten berauscht, hielten die meisten Abstand zu ihm, dem Wiederg�nger.</p><p>Ulric blickte erschrocken zu seinem Vater. Sein Thron stand auf einem kleinen Holzpodest, sodass ihn die zechenden M�nner gut sehen konnten. Doch zu viele Arme wurden hin und her geschwenkt. Einige Krieger hatten zu tanzen begonnen und neckten sich gegenseitig damit, wer h�her springen k�nnte.</p><p>Lambi war vom Tisch heruntergestiegen und dr�ngte sich zu ihm durch. �Komm, dein Vater will dich sehen. Ich denke, wir k�nnen unsere Raufbolde ein wenig sich selbst �berlassen.� Der Herzog tauschte einen kurzen Blick mit Mag. Der gebrandmarkte Recke nickte ihm zu. Er w�rde daf�r sorgen, dass die Stimmung in der K�nigshalle nicht zu ausgelassen wurde.</p><p>�Halgard wird mit uns kommen�, entschied Ulric. Lambi hob die Brauen. Ein Schnauben drang durch den Krater seiner Nase.</p><p>�Du glaubst doch nicht, dass ich sie inmitten einer Horde besoffener Krieger zur�cklasse?�</p><p>�Sie k�nnte vielleicht drau�en ...�</p><p>�Bin ich ein Fohlen auf dem Jahrmarkt?�, mischte sich Halgard ver�rgert ein. �Ich kann auf mich aufpassen! Geht schon und besprecht euren Krieg. Ich erwarte dich in unserer Kammer.� Ihr Blick wurde w�rmer. �Danke�, fl�sterte sie.</p><p>�Was immer auch geschehen mag, die Erinnerung an den Wolkenspiegel wird mich den ganzen Winter �ber w�rmen.�</p><p>Sie zog den langen gr�nen Umhang straffer um ihre Schultern und ging stolz erhobenen Hauptes durch die Reihen der M�nner. Und wie das Wasser vor dem Bug eines gro�en Schiffes, das den Fjord hinaufeilt, so wichen sie vor ihr zur�ck.</p><p>�Sie wird eine gute K�nigin werden�, sagte Lambi anerkennend. �Wenn ich noch eine Nase h�tte, w�rde ich ihr den Hof machen.�</p><p>Ulric sah den b�rtigen Krieger ungl�ubig an. �Hast du denn keine Angst vor Wiederg�ngern?�, fragte er k�hl.</p><p>�Nicht wenn sie so h�bsch sind wie dein M�dchen. Aber jetzt ist keine Zeit f�r Weibergeschichten. Komm mit!� Der Herzog f�hrte ihn hinter den Thron und von dort in den kleinen Raum, in dem Alfadas manchmal mit einigen seiner Vertrauten a� und die Berichte der Sp�her besprach. Ulric wusste, dass sein Vater die Festhallen des Fjordlands mit ihren offenen Feuergruben und den munter p�belnden Zechern nicht mochte. Wenn sie beide allein waren, erz�hlte sein Vater gern von den Pal�sten der Elfen und ihren Festen. Von der Magie, von wunderbaren Kleidern, Frauen, sch�n und kalt wie das Feenlicht, das in den Wintern�chten am Himmel des Fjordlands tanzte.</p><p>Als die T�r zum Zimmer hinter dem Thron aufschwang, erblickte er als Erstes Silwyna. Sie stand dicht bei der T�r und etwas abseits von dem Tisch, �ber den sich die �brigen Anwesenden beugten. Ihre Wolfsaugen zeigten keine Gef�hle, obwohl um ihre Lippen die Andeutung eines L�chelns spielte. Als Kind hatte Ulric sie immer bewundert. Die Elfe Silwyna war f�r ihn eine lebendig gewordene M�rchengestalt gewesen. Doch seine verlorene Mutter hatte sie nicht ersetzen k�nnen und wollen. Sp�ter hatte er begriffen, wie naiv es gewesen war, von einem Weib, das sein eigenes Kind bei W�lfen zur�ckgelassen hatte, um mit seinem Vater zusammen zu sein, die Zuneigung einer Mutter zu erwarten. Und seit Halgard ihm die Augen ge�ffnet hatte, wer Kadlin wirklich war, argw�hnte Ulric, dass Silwyna etwas mit dem Verschwinden seiner Mutter zu tun haben k�nnte. Er erinnerte sich, dass auch sie in die Berge gegangen war, um nach Asla und Kadlin zu suchen.</p><p>�Gut, dass du endlich zur�ck bist, Junge!� Sein Vater trat vom Tisch zur�ck und schloss ihn warmherzig in die Arme. �Sieh nur, wer gekommen ist.� Alle blickten jetzt von den Karten auf. Eirik, Bj�rn und noch ein halbes Dutzend weiterer Hauptleute waren versammelt. Doch Ulric ignorierte sie. Sein Blick war ganz gefangen von der Elfe mit dem kurzen, blonden Haar, �ber deren Schultern die Griffe von zwei Schwertern aufragten.</p><p>Sie l�chelte. �Aus dem Knaben ist ein stattlicher Mann geworden, wie ich sehe.� In dem Winter, in dem seine Mutter lieber einen Treck mit Fl�chtlingen in Sicherheit gebracht hatte, statt nach ihm zu suchen, und in dem sein Vater sogar in einer anderen Welt gegen eine �bermacht von Trollen gek�mpft hatte, war sie es gewesen, die gekommen war, um ihn zu retten. Gegen jede Vernunft war sie allein in das Heerlager der Trolle eingedrungen und hatte ihn und Halgard befreit, bevor sie erfroren oder ihnen noch Schlimmeres widerfuhr. Sie und Blut, der gro�e schwarze Jagdhund seines Vaters.</p><p>�Yilvina�, sagte er mit belegter Stimme. �Es tut gut, dich zu sehen.�</p><p>�Bevor ihr euch um den Hals fallt und anfangt, uns alle mit alten Heldengeschichten zu langweilen, die ich im �brigen besser erz�hlen k�nnte als du, sollte dein Vater dich vielleicht in unsere Pl�ne einweihen�, unterbrach Lambi ihr Wiedersehen und schob ihn an den Kartentisch.</p><p>Ulric betrachtete die Landkarte, die auf frisches Pergament gezeichnet war. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Sie reichte viel weiter n�rdlich und war auch viel detaillierter als jede Karte, die er bisher gesehen hatte. Mit kupferfarbener Tinte waren die Berge und Fjorde eingezeichnet. Es gab sogar Anmerkungen zu Meeresstr�mungen und Wassertiefen. Am n�rdlichsten Fjord, dessen Arm sich tief in unzug�ngliches Bergland erstreckte, waren etliche Kartenkorrekturen vorgenommen worden. Sie waren in schwarzer Tinte ausgef�hrt.</p><p>�Wer hat das gezeichnet?�, fragte Ulric verbl�fft. �Warum habe ich diese Karte noch nie gesehen?�</p><p>�Yilvina hat sie mitgebracht. Sie wurde von unseren Elfenfreunden gezeichnet. Einer ihrer Sp�her war einen Mond lang hier oben am Fjord und hat die Nachtzinne beobachtet. Wir wissen jetzt alles �ber die Hauptfestung der Trolle.�</p><p>�Fingayn, nehme ich an.�</p><p>Yilvina blickte kurz zu ihm auf. �Du bist auch nicht schlecht informiert, Ulric Alfadasson. Es ist allerdings zwei Jahre her, dass er dort war. Er sollte die M�glichkeiten f�r einen Angriff auf die Nachtzinne aussp�hen. Elodrin erwog damals, Orgrim zu t�ten und den Trollen so ihren besten Heerf�hrer zu nehmen. Aber dass du um Fingayn wei�t ... Ich bin beeindruckt.�</p><p>Ulric tat das Kompliment ab. Es �rgerte ihn, dass die Elfen bessere Karten vom Fjordland und den n�rdlichen Bergen besa�en als sein Vater, der immerhin der K�nig dieses Landes war.</p><p>�Ich bin im Auftrag des F�rsten Elodrin von Alvemer hier. Er bat deinen Vater um Unterst�tzung f�r einen Angriff auf die Nachtzinne. Eure Aufgabe best�nde darin, die Garnison der Nachtzinne von der Felsenfestung fortzulocken und ein paar Stunden lang im Kampf zu binden. In dieser Zeit wird Elodrin mit einer Schar handverlesener K�mpfer die Nachtzinne erst�rmen und seine Flotte in der Bucht landen lassen. Wir werden sodann den Trollen in den R�cken fallen, die gegen euch k�mpfen.�</p><p>�Warum tragt ihr euren Krieg mit den Trollen in unsere Welt?�, fragte Ulric. �Warum sollten wir ...�</p><p>�Wir leben auch im Krieg mit den M�rdern deiner Mutter! Gerade du solltest nicht vergessen, was sie uns angetan haben!�, unterbrach ihn sein Vater zornig. �Bei den G�ttern! Hast du vergessen, wie sie gew�tet haben? All die niedergebrannten St�dte und D�rfer! Nun werden wir ihnen endlich Gleiches mit Gleichem vergelten!�</p><p>Ulric sah seinem Vater ins Antlitz. Sein Wunsch nach Rache hatte ihn ausgebrannt. Er war alt geworden in den letzten Monden. Und er hatte sich niemals damit abfinden k�nnen, dass der Herzog der Nachtzinne ihm entkommen war.</p><p>�Wenn wir gesiegt haben, dann k�nnen wir mit den Trollen �ber einen Frieden zwischen unseren V�lkern verhandeln�, erkl�rte Alfadas nun ruhiger. �Es muss ein Friede sein, der auf St�rke beruht, sonst werden diese Bestien ihn nicht annehmen. Wenn wir aber die H�hle ihres Herzogs ausger�uchert haben, dann werden sie wissen, dass mit uns zu rechnen ist!�</p><p>�Und was ist, wenn der Herzog der Trolle so f�hlt, wie du es getan hast, sobald er sein Heim brennen sieht? Wenn er sein Leben ganz dem Gedanken an Rache widmet? Glaubst du wirklich, man kann mit der Faust in ein Wespennest schlagen, ohne gestochen zu werden?�</p><p>�Wir reden hier von Trollen! Die verstehen nichts als die Sprache der Gewalt. Wir m�ssen ein deutliches Zeichen setzen, bevor wir mit denen verhandeln. Dann werden sie sich f�gen.�</p><p>�So gut kennst du unsere Feinde ... Der Kerl, der Kadlin und Bj�rn in eine H�hle geschleppt und ihre Wunden versorgt hat, kann dann wohl kein Troll gewesen sein. Wenn sie alle so sind, wie du sagst, dann h�tte er die beiden wohl fressen m�ssen.� Er legte die Hand auf das Abbild der Bergketten, die die Nachtzinne umschlossen. �Und wie willst du unsere M�nner �ber diese Berge bringen? Noch dazu, wo der Winter vor der T�r steht? Die Maurawan werden das sicher schaffen, aber unsere Krieger kennen keinen Zauber, um sich vor der K�lte zu sch�tzen und sicheren Schrittes �ber mannshohe Schneeverwehungen zu marschieren. Wir w�rden die H�lfte unserer Krieger verlieren, bevor wir �berhaupt auf den ersten Troll sto�en. Ist deine Rache das wert, Vater?� Er deutete zur T�r. �Sieh hinaus in die Halle! Blick in die Gesichter der M�nner, die bereit sind, dir �berall hin zu folgen. Und stell dir vor, wie jeder Zweite von ihnen erfroren im Schnee liegt. Willst du diesen Preis zahlen?�</p><p>Alfadas hielt seinem Blick stand. �Nat�rlich nicht. Vielleicht w�rdest du uns freundlicherweise zuh�ren, bis Yilvina ihre Ausf�hrungen beendet hat. F�rst Elodrin ist einer der bedeutendsten Heerf�hrer Albenmarks. Er hat unsere Schw�chen bedacht. Sag es ihm, Yilvina.�</p><p>Merkw�rdigerweise vermied es die Elfe nun, Ulric direkt anzusehen. �Mein F�rst schl�gt vor, dass sich alle Truppen dieser Burg nach Firnstayn zur�ckziehen. Boten, die euch vorauseilen, sollten noch weitere Verst�rkungen in die Stadt rufen. Die vereinten Truppen k�nnten dann hinauf zum Hartungskliff marschieren, um durch das Tor im Steinkreis zu schreiten.� Sie deutete zur Karte und wies auf ein kleines Tal, das nahe der Nachtzinne lag. �Hier gibt es ein weiteres Tor. Ihr m�sstet nur einen einzigen Pass �berqueren.� Ihr Finger verharrte auf einem wei�en Fleck. �Hier gibt es ein weites ebenes Feld, das auf zwei Seiten von steilen Felsen eingefasst ist. Es w�re ein ideales Schlachtfeld. Eure Flanken sind gesch�tzt, wenn ihr hier k�mpft. Ihr m�sst nur die Schlachtlinie halten, bis wir den Trollen in den R�cken fallen. Unsere besten Pfadfinder werden euch begleiten, um euch beizustehen. Wir werden siegen!�</p><p>Ulric strich sich �ber das Kinn. Der Plan h�rte sich sehr einfach an. �Wie stark ist die Flotte, die uns unterst�tzt?�</p><p>Yilvina sah ihn zweifelnd an. �Stark genug!�, entgegnete sie k�hl. �Elodrin wird sechshundert der besten Schwertk�mpfer und Bogensch�tzen bringen, die Albenmark zu bieten hat. Hast du Angst, dich den Trollen zur entscheidenden Schlacht zu stellen, die deinem Land Jahrzehnte des Friedens bringen kann?�</p><p>�Meine einzige Sorge ist, dass das Fjordland noch einmal zu einem Spielstein im Kampf um Albenmark wird und sich das Grauen des Elfenwinters wiederholt. Wir haben beide unser Blut vergossen, um einander das Leben zu retten. Schw�re mir bei diesem Blutsband, dass dieser Krieg nicht noch einmal unsere St�dte verbrennen wird.�</p><p>Yilvina legte feierlich die Rechte auf ihr Herz. �Ich schw�re es.� Ulric sah ihr fest in die Augen. Sie glaubte, was sie sagte. Und dennoch war er sich sicher, dass es anders kommen w�rde. Er und Halgard w�rden den Winter nicht �berleben, und er wusste, dass es dieser Feldzug war, den sein Vater so sehr wollte, der sie beide t�ten w�rde.</p><subtitle>Die Sage von Nestheus und Kirta</subtitle><cite><p>�Keine andere Sage des Windlands wird in so vielen Varianten im Windland erz�hlt wie jene von Nestheus und Kirta. Ich habe mich entschieden, die Geschichte so niederzuschreiben, wie sie mir in der Steppe s�dlich von Talsin erz�hlt wurde, denn es hei�t, in einem der H�gel dort ruhe der Leib des Orimedes, und ich hatte das Gef�hl, dass Sage und Wirklichkeit in der N�he seines Grabes n�her beieinander liegen als anderswo in den Weiten des Graslands ...</p><p>Es begab sich zu jener Zeit, als F�rst Orimedes die Trolle vom Mordstein besiegte, dass sich die V�lker der Steppe und die Bronzereiter von Uttika nach Jahrhunderten der Feindschaft wieder n�herten. Um diesen Bund zu festigen, beschlossen die F�rsten Orimedes und Katander, ihre beiden Kinder Nestheus und Elena miteinander zu verm�hlen. Nestheus war ein Recke mit einem Fell wei� wie der erste Herbstschnee; in der Schlacht am Mordstein hatte er allein an die hundert Trolle erschlagen. Sein Blick war wie Blitzschlag, sein Schwert der Tod seiner Feinde, und er war ein so ausdauernder L�ufer, dass er den Weg von Feylanviek nach Talsin in drei Tagen zur�cklegen konnte, was seither noch niemandem gelang. Elena aber, Katanders Tochter, war eine gro�e und massige Stute. Sie hatte ein h�bsches Antlitz und war von friedlichem Wesen. Doch �berragte sie den Helden um mehr als Hauptesl�nge, was Neider zu manch b�sem Scherz trieb. Dies h�tte einer Hochzeit gewiss nicht im Wege gestanden, h�tte Nestheus sein Herz nicht an die bezaubernde Kirta verloren. Manche sagen, sie sei eine Schamanin gewesen und habe den Recken verhext. Andere hingegen sagen, ihre Sch�nheit allein sei machtvoller als jeder Zauberbann gewesen. Ihr verfiel der Recke Nestheus, und lange vor der Schlacht am Mordstein hatte er ihr schon seine Liebe geschenkt. Immer wieder bat Nestheus seinen Vater, die Hochzeitspl�ne aufzuheben, doch der F�rst wollte davon nichts h�ren. In Ketten lie� er seinen Sohn auf den H�gel schaffen, auf dem die Brautfeierlichkeiten abgehalten werden sollten, und die Zeremonie hatte schon begonnen, da trat Kirta unter den G�sten hervor und forderte ihren Liebsten ein. Und als sie auf den H�gel trabte, da sah Elena neben ihr so unscheinbar aus wie eine Motte neben dem herrlichsten Schmetterling. Orimedes aber befahl seinen Wachen, die Hexe zu ergreifen, und schwor, ihr mit seinem Schwerte das Herz aus dem Leibe zu schneiden, um seinen Sohn von ihrem Zauberbann zu befreien.</p><p>Da rief Nestheus in seiner Not den Sanhalla, den S�dwind, zu Hilfe, der ihm schon in der Schlacht am Mordstein geholfen hatte, seine Feinde zu besiegen. Und der Wind hob die beiden Liebenden in die H�he und trug sie weit fort in die Steppe, wo sie sicher sein konnten vor dem Zorn des Orimedes.</p><p>Der F�rst der Pferdem�nner aber lie� verk�nden, dass er jenem sein Gewicht in Gold schenken wolle, der ihm die K�pfe von Nestheus und Kirta bringe. Nur wenige aus den V�lkern der Steppe erlagen der Verlockung des Reichtums. Es waren vor allem S�ldner, die aus den fernsten L�ndern herbeieilten, um die beiden Liebenden zu stellen. Zahllos sind die Abenteuer, die Nestheus und Kirta in jenem Herbst und Winter erlebten, die auf ihre Flucht vom Hochzeitsh�gel folgten. So �berlisteten sie den ber�hmten Bogensch�tzen Fingayn in den engen T�lern der Rejkas und entgingen der Silbernen Horde, einer ber�chtigten Schar von Kopfgeldj�gern aus Uttika, indem sie sich w�hrend eines Schneesturms, der �ber drei Tage dauerte, in einer Erdh�hle einschneien lie�en. Obwohl Orimedes jeden mit schweren Strafen bedrohte, der den Fl�chtlingen half, gab es viele St�mme, die ihnen f�r eine Nacht oder zwei Zuflucht gew�hrten oder ihnen zumindest Vorr�te zusteckten, wenn sie den beiden begegneten. Nur einen Winter dauerte es, Nestheus und Kirta zu einer Legende unter den freien St�mmen des Windlands werden zu lassen. Denn das Volk der Steppe liebt Geschichten von unbeugsamen Rebellen, die ihre Freiheit nicht opfern wollen.</p><p>Es war w�hrend eines der ersten Fr�hlingstage, dass Nestheus und Kirta am kiesigen Ufer des Swatja von drei Verfemten gestellt wurden, Kentaurenkriegern, die von ihren St�mmen versto�en worden waren und nun als R�uber und S�ldner lebten. Ohne die Gefahr zu scheuen, griff Nestheus sie an und besiegte sie alle drei, doch erhielt Kirta einen Schwertstich in den R�cken, und Blut f�llte ihre Lunge, um sie langsam zu ersticken.</p><p>Unf�hig, sie zu retten, hielt Nestheus seine Geliebte in den Armen. Ein drittes Mal rief er den Sanhalla um Hilfe an. Doch die Winde sind launisch. Der Sanhalla erschien, aber statt Kirta zu heilen, prophezeite er Nestheus dessen Zukunft. Er sagte ihm, wenn Kirta nun in seinen Armen st�rbe, dann werde er nach langer Trauerzeit zu einem weisen Mann reifen, dessen Name man noch in hundert Jahrhunderten �berall in Albenmark sch�tzen w�rde. W�rde er aber daf�r sorgen, dass Kirta f�r immer bei ihm w�re, dann w�rde er seinen eigenen Vater t�ten und zum ersten K�nig der Kentauren werden. Doch seine Herrschaft werde von Unruhen bestimmt sein, und er werde niemals Kinder zeugen. Ohne zu z�gern antwortete Nestheus, dass er alles erdulden werde, wenn nur Kirta wieder bei ihm sei. So wirkte der S�dwind sein drittes Wunder, und Nestheus atmete das Lebenslicht der sterbenden Kentaurin ein. Und fortan wohnte Kirta in seinem Herzen, und er konnte ihre Stimme h�ren, auch wenn sie au�er ihm niemand wahrzunehmen vermochte.</p><p>Und es kam, wie der Sanhalla vorhergesagt hatte. Nestheus suchte in seinem Schmerz seinen Vater auf und erschlug Orimedes in dessen Lager. Und niemand aus dem Gefolge des F�rsten hob eine Hand, um Orimedes zu helfen. Dann gelobten sie Nestheus die Treue. Mit den Jahren gelang es dem jungen Krieger, alle St�mme der Steppe zu einen, und zuletzt unterwarfen sich ihm sogar die Uttiker. Doch fand Nestheus niemals eine Stute, mit der er einen Erben zeugen konnte. Nicht, dass es an Bewerberinnen um seine Gunst gefehlt h�tte. Doch blieb der Kentaur bis ans Ende seiner Tage der Geliebten treu, die in seinem Herzen wohnte. Und so verlosch das K�nigsgeschlecht, das er begr�ndet hatte, am Tag seines Todes. Die Sage von Nestheus und Kirta aber blieb unsterblich, auch wenn ihre Liebesgeschichte nur einen Winter gedauert hatte. Und es hei�t, wenn im Fr�hling der Sanhalla warm von S�den weht und das Eis des Swatja bricht, dann k�nne man manchmal zwei wei�e Kentauren am kiesigen Ufer sehen, und wem sie begegneten, der werde noch vor Ende des Sommers seine Hochzeit feiern.�</p><text-author>Zitiert nach:</text-author><text-author>Sagen und M�rchen des Windlands,</text-author><text-author>gesammelt und niedergeschrieben von Meister Etain,</text-author><text-author>3. Band der M�rchen Albenmarks, s. 117 FF.</text-author></cite></section><section><title><p>Letzte Ehre</p></title><p>Trotz des Schneegest�bers waren hunderte G�ste zur Totenfeier gekommen. Manche von ihnen lagerten schon seit Tagen bei dem Grabh�gel und warteten.</p><p>Melvyn hatte die Nachricht vom Tod des Kentaurenf�rsten in Alvemer erreicht. Mehr als drei Monde hatte er vergebens nach Shandral gesucht. Es schien, als habe sich die Erde aufgetan, um den Elfen und sein Koboldgefolge zu verschlingen. Niemand wusste, wohin er geflohen war. Es gab dutzende Ger�chte, und Melvyn war jedem einzelnen nachgegangen, ohne Shandral finden zu k�nnen. Die Schar seiner M�nner war zusammengeschmolzen; es waren nur mehr so viele geblieben, wie die gro�en Adler tragen konnten. Elodrin hatte ihm die meisten Maurawan abgeworben: Kriegerinnen und Krieger, mit denen er schon seit Jahren zusammen gek�mpft hatte. Mit jeder neuen Schreckensnachricht vom Vormarsch der Trolle wurde der Widerstand, noch l�nger nach Leylin zu suchen, st�rker. Seine Gef�hrten wollten sich dem Heer der K�nigin anschlie�en, das sich im Herzland sammelte, oder den Rebellen, die unter der F�hrung von Gr�fin Caileen verzweifelt versuchten, den Vormarsch der Trolle zu verz�gern. Ihr Widerstand war in Melvyns Augen so sinnlos wie der Versuch, mit ausgebreiteten Armen eine Lawine aus Schnee und Eis aufhalten zu wollen, die den Hang eines Berges herunterdonnerte.</p><p>Trotz der Angriffe durch Kr�hen war er zweimal �ber die Marschkolonnen der Trolle hinweggeflogen. Nie zuvor hatte er ein so riesiges Heer gesehen. Wie ein endloser schwarzer Wurm wand sich das Heer des jungen K�nigs durch die verschneite Steppe. Und nichts schien es aufhalten zu k�nnen. Ihr Marschweg war seltsam unberechenbar. Die Hauptrichtung f�hrte sie zwar nach S�den, aber immer wieder schwenkten sie nach Osten oder Westen ab, ohne dass zu erkennen war, welches Ziel sie dabei verfolgten. Caileen hatte tausende Kentauren um sich geschart, um die Nachschubkolonnen zu �berfallen, die das Heer versorgen mussten. Doch es kam kein Nachschub. Es war vollkommen unerkl�rlich, wovon sich die Trolle ern�hrten. Nur eines war sicher. Ihre Krieger waren gut bei Kr�ften, und ihr Vormarsch war schneller, als man sich erkl�ren konnte. Sie zersplitterten ihre Truppen auch nicht, um den Herden der Kentauren nachzusetzen oder die St�dte Alvemers zu best�rmen. Nach der Eroberung von Feylanviek hatten sie all ihre Krieger zusammengezogen und ihren unaufhaltsamen Marsch auf das Herzland begonnen.</p><p>Sie waren nun weniger als zwei Wochen von Talsin entfernt. Melvyn war tags zuvor in der Stadt gewesen und hatte die Panik erlebt. Wer konnte, packte seine Sachen. Doch die tief verschneiten P�sse der Mondberge w�rden wohl nicht weniger Opfer fordern als die Besetzung der Stadt durch die Trolle. Die ganze Welt schien in Aufl�sung begriffen. Es gab keine Hoffnung. Niemand begriff, warum Emerelle nicht ihre Burg verlie�. Sie h�tte in Talsin sein sollen oder Gr�fin Caileen besuchen, um sie an den Gehorsam zu erinnern, den sie ihr schuldete. Oder zumindest h�tte sie das neue Heer aufsuchen m�ssen, das sich bei der Shalyn Falah sammelte, um den Kriegern Mut zu machen. Stattdessen hatte sie lediglich eine Reihe der bedeutendsten Elfenfamilien Albenmarks samt ihren Kindern zu sich an den Hof befohlen. Ein Hof, der ein Hort der Schatten und der Angst geworden war, seit Alathaia dort Einzug gehalten hatte.</p><p>In der Ferne h�rte man den klagenden Ruf der Luren. Als Kentauren in das Lager beim Grabh�gel geprescht waren, um die nahe Ankunft des F�rsten zu verk�nden, waren alle G�ste aufgebrochen. In einer Doppelreihe vermummter Gestalten standen sie Spalier entlang des Weges, der zum Eingang der F�rstengruft f�hrte. Der Schnee blieb auf ihren Umh�ngen und M�nteln haften und verwischte die Unterschiede zwischen Arm und Reich, je l�nger sie warteten.</p><p>Melvyn war erstaunt, wie viele gekommen waren, um von Orimedes Abschied zu nehmen, obwohl der F�rst der Kentauren sich in den letzten Monden in einen grausamen Tyrannen verwandelt hatte, den angeblich sogar seine �ltesten Kampfgef�hrten gef�rchtet hatten.</p><p>Auch Meister Alvias war unter den G�sten. Er verhandelte mit Caileen, die ebenfalls mit ihren Rebellen gekommen war. Ajax, der Minotaurenf�rst aus den Mondbergen, hatte sich selbst von den zugeschneiten P�ssen nicht aufhalten lassen und war mit gro�em Gefolge erschienen, um von Orimedes Abschied zu nehmen. Von den Heerf�hrern, die im vergangenen Sommer in Feylanviek versammelt gewesen waren, fehlten nur Shandral und Elodrin. Selbst Katander von Uttika war mit einer Ehrengarde in Bronze gewappneter Krieger erschienen.</p><p>Neben Melvyn stand Senthor, der Kentaurenveteran aus Phylangan, der am Mordstein die Nachricht von Ollowains Tod �berbracht hatte. Der alte Krieger trug eine sch�bige Pelzweste. Seine Arme waren nackt und blau vor K�lte. Senthor rannen die Tr�nen �ber die Wangen. Er schien sich seiner Trauer nicht zu sch�men. In der Rechten hielt er einen Dolch. Fast alle Kentauren unter den G�sten hielten eine blanke Waffe in der Hand.</p><p>�Wie ist der F�rst gestorben?�, fragte Melvyn mit belegter Stimme. Obwohl er fl�sterte und der dichte Schneefall seine Worte d�mpfte, kam ihm seine Stimme inmitten der stummen Trauerg�ste unnat�rlich laut vor.</p><p>Orimedes war w�hrend der K�mpfe bei Feylanviek schwer verwundet worden. Fast seine ganze Leibwache hatte ihr Leben bei dem Versuch gelassen, den F�rsten vom Schlachtfeld zu bringen und seinen Leib den Trollen zu entrei�en. Mit demselben sturen Mut, mit dem Orimedes ein Leben lang die Trolle bek�mpft hatte, hatte er sich gegen den Tod gestemmt. Er hatte weiter S�ldner anwerben lassen, die seinen Sohn jagten, und das Kopfgeld, das auf Nestheus und Kirta ausgesetzt war, sogar noch einmal erh�ht.</p><p>Senthor beugte sich zu Melvyn herab. Der Kentaur fl�sterte; immer wieder brachten ihn die Tr�nen zum Stocken. �Er war ein guter Mann, ganz gleich, was man nun �ber ihn erz�hlt. Er war ein Krieger von Ehre. Die Keulenhiebe der Trolle haben ihm die Brust zerschmettert. Seine gebrochenen Rippen steckten in seiner Lunge. Eigentlich h�tte er noch auf dem Schlachtfeld sterben m�ssen, darin waren sich alle Heilkundigen, die wir riefen, einig.� Der alte Recke l�chelte traurig. �Ein paar Tage lang habe ich geglaubt, er werde sogar den Tod besiegen. Dann sind seine Wunden brandig geworden. Er hat sich geweigert, den Mohnsaft der Heiler zu trinken. Er wollte alles bei klarem Verstand erleben. Anderthalb Monde hat sein letzter Kampf gedauert. Wir waren st�ndig auf der Flucht vor den vorr�ckenden Trollen. Wenn er mehr Ruhe gehabt h�tte ...�</p><p>Senthor versagte die Stimme. �Sein Tod war schrecklich. Im Fieberwahn hat er zuletzt nach seinem Jungen gerufen. Kurz bevor er starb, war sein Verstand noch einmal ganz klar. Er hat befohlen, Nestheus und sein Weib in Frieden zu lassen. Die Jagd ist beendet. Endlich.� Der Kentaur schluchzte. �Dieser verdammte Sturkopf! Wenn sein Sohn bei ihm gewesen w�re, dann h�tte er den Tod besiegt. Ganz gewiss!�</p><p>Wieder schrieen bronzene Luren ihre Trauer in das Schneegest�ber. Diesmal klangen sie viel n�her. Die klaren Stimmen silberner Gl�ckchen drangen an Melvyns Ohr. Er blickte die Reihe der Wartenden entlang, die sich dunkel im wei�en W�ten des Winters verlor. Ein Schatten erschien zwischen ihnen.</p><p>Der Wolfself erkannte Katander. Gemeinsam mit sieben anderen Stammesf�hrern zog er einen gro�en Schlitten, auf dessen Pritsche Orimedes stand, den Blick auf sein Grab gerichtet.</p><p>Ein Schauer �berlief Melvyn bei dieser unheimlichen Erscheinung. Der Schlitten des F�rsten war mit hunderten von Gl�ckchen geschm�ckt, deren silberne Stimmen ihm ein Totenlied sangen. Das Ehrengeleit zog Orimedes in langsamem Schritt, sodass jeder Gast ins Antlitz des F�rsten sehen konnte. Sein Bart war w�hrend der letzten Wochen wei� geworden. Der gr��te Teil des Haupthaars war ihm ausgefallen. Tiefe Furchen hatten sich in sein Gesicht gegraben. Seine Brust blieb hinter einem wei�en Leinenpanzer verborgen. Von seinen Schultern wallte ein purpurner Umhang, dessen S�ume mit Goldf�den durchwirkt waren. Man hatte den F�rsten auf zwei Tischb�cke gehoben und seine Beine daran festgebunden. Sein R�cken war mit einem Speerschaft abgest�tzt. So vermochte er noch im Tod aufrecht im Schlitten zu stehen.</p><p>Verwundert beobachtete Melvyn, wie sich alle G�ste Schnitte beibrachten, kurz bevor der Schlitten an ihnen vorbeifuhr. Und sie besprenkelten das Gef�hrt mit ihrem Blut. In der Eisesk�lte gefror es in wenigen Augenblicken und �berzog den Schlitten mit einem roten Eispanzer. Manche schnitten sich sogar ein Ohrl�ppchen ab und warfen es auf die Pritsche. All das geschah schweigend. Man h�rte nur das Stampfen der Hufe des Ehrengeleits, die knirschenden Schlittenkufen im Schnee und den hellen Klang der Glocken.</p><p>Melvyn ballte die Faust und lie� die Krallen aus seinem rechten Armschutz schnellen. Mit einem raschen Schnitt zog er vier parallele Linien in seine linke Hand. Als der Schlitten an ihm vor�berglitt, dr�ckte er die Hand gegen die blutbedeckten Aufbauten.</p><p>Dann schloss sich Melvyn dem Zug der G�ste an, die den toten F�rsten zu seinem Grabh�gel geleiteten.</p><p>Der Schlitten hielt schlie�lich an einer Erdrampe am Fu� des H�gels. Vier Kentaurenkrieger mit nacktem Oberk�rper, die sich Brust und Arme zum Zeichen der Trauer mit wei�en Schlangenlinien bemalt hatten, hoben den F�rsten samt den St�tzb�cken aus dem Schlitten. Als sie in den Schacht traten, der zum Herzen des Grabh�gels f�hrte, erklang von der Ebene her ein Schrei voller Wut und Schmerz und laut wie ein Fanfarensto�.</p><p>Aus dem Schneegest�ber kam ein Trupp wei�er Kentauren. Wie Geister, geboren aus Eis und Wind, erschienen sie Melvyn. An ihrer Spitze trabten Nestheus und Kirta.</p><p>Die Menge der Trauerg�ste teilte sich vor den Verfemten. Sie fielen in langsamen Schritt. Vor der Rampe blieben sie stehen. Nur Nestheus und Kirta stiegen zu dem toten F�rsten hinauf.</p><p>Mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, befahl der F�rstensohn den Totentr�gern, den Leichnam seines Vaters abzustellen. Und sie gehorchten.</p><p>Nestheus trat ihm zur Seite und k�sste den Leichnam auf beide Wangen. �Ich vergebe dir!�, rief er so laut, dass es auch im Schneegest�ber noch weithin zu h�ren war. Dann k�sste auch Kirta die eingefallenen Wangen des Kentaurenf�rsten und rief mit lauter Stimme: �Orimedes, ich vergebe dir.�</p><p>Melvyn h�rte, wie Senthor neben ihm einen tiefen Seufzer ausstie�. �H�tte sein Vater nur diesen unseligen Fluch nicht ausgesprochen. Kann man einen besseren Sohn haben?�</p><p>�Katander von Uttika, ich rufe dich an meine Seite!�, rief Nestheus mit fester Stimme.</p><p>Der F�rst trat aus der Trauergesellschaft hervor und kam die Rampe herauf.</p><p>�Maktor von den Silberhufen, ich rufe dich an meine Seite!�</p><p>Nestheus rief noch vier weitere F�rsten hinauf auf die Rampe.</p><p>�Melvyn vom Albenhaupt, ich rufe dich an meine Seite.� Der Halbelf war �berrascht.</p><p>�Geh hinauf�, dr�ngte Senthor. �Es ist eine gro�e Ehre, die F�rstengruft betreten zu d�rfen.� Etwas unsicher nahm Melvyn den Weg zur Rampe. Nicht alle begegneten ihm mit freundlichen Blicken. Es schien sehr ungew�hnlich zu sein, dass jemand, der nicht dem Volk der Pferdem�nner angeh�rte, zur Gruft gerufen wurde.</p><p>�Senthor, Held von Phylangan, ich rufe dich an meine Seite.�</p><p>Melvyn freute sich f�r den alten Kentauren, dass er an die Seite der F�rsten und Stammesf�hrer berufen wurde, um Orimedes das letzte Geleit zu geben.</p><p>Pl�tzlich dr�ngte sich Katander zwischen den Stammesf�hrern und Totentr�gern hindurch. Er rief einem seiner Krieger am Fu� der Rampe etwas zu, und ein gro�es Doppelschwert segelte durch die Luft. Geschickt fing er es auf und drehte sich zu Nestheus um. Melvyn lie� seine Stahlkrallen aus den Armschienen schnappen, doch er wusste, dass er zu sp�t kommen w�rde. Nestheus, der unbewaffnet gekommen war, griff nach dem Schwert seines toten Vaters.</p><p>Statt den F�rstensohn anzugreifen, rammte Katander das Doppelschwert in den gefrorenen Boden.</p><p>�Du bist dem Ruf deines Herzens gefolgt. Ich kann dir nicht vorwerfen, dass du ehrlich gehandelt hast. H�ttest du meine Tochter zum Schein zum Weibe genommen und in Wahrheit eine andere geliebt, h�ttest du meinem Haus weit gr��ere Schande bereitet als durch deine Flucht w�hrend des Leichenschmauses f�r Ollowain.� Er umfasste Nestheus� Handgelenk im Kriegergru�. �Du hast in den vergangenen Monden gro�en Mut und gro�e Klugheit bewiesen. Das sind die Tugenden eines Mannes, der zum Anf�hrer geboren ist. Du hast durch deine Taten selbst die Herzen meiner M�nner bet�rt. Ich wei�, dass du in Uttika f�r kurze Zeit Zuflucht gefunden hast. Besiegeln wir bei der Leiche deines Vaters den Bund, den er sich im Leben so sehr gew�nscht hatte.�</p><p>Melvyn hielt verbl�fft den Atem an. W�rde Katander noch einmal versuchen, seine Tochter zu verm�hlen?</p><p>�Ich unterwerfe mich dir als dem Kriegsherrn aller Kentauren. Verf�ge �ber meine Panzerreiter, F�rst Nestheus vom Windland. Sie werden deinen Befehlen gehorchen. Ich werde dich als Kriegsherrn respektieren und dir die Treue halten. Doch erwarte nicht, dass ich dich lieben werde. Daf�r hast du meine Tochter zu tief gekr�nkt.�</p><p>Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann trat Maktor vor Nestheus und leistete ihm den Treueid. Auch die �brigen F�rsten folgten seinem Beispiel. Nachdem auch der Letzte von ihnen seine Gefolgschaft gelobt hatte, wurde der Leichnam des Orimedes erneut angehoben, und in feierlichem Schweigen traten sie in den Grabh�gel.</p><p>Melvyn f�hlte sich beklommen in der uralten Gruft. Senthor hatte ihm am Abend zuvor einiges �ber die F�rstengr�ber der Pferdem�nner erz�hlt. Vor vielen Jahrhunderten waren sie von den fuchsk�pfigen Lutin erbaut worden. Zun�chst hatte man die Grabgew�lbe aus Stein errichtet, dann waren �ber ihnen die gro�en Erdh�gel aufgesch�ttet worden. Die steinernen Tore wurden mit einem m�chtigen Bannspruch versiegelt, und nach jedem Begr�bnis sch�ttete man den Weg ins Innere des H�gels wieder zu, sodass die Gr�ber am Ende aussahen wie all die anderen H�gel, die sich in der weiten Ebene des Windlands befanden.</p><p>Und noch eine weitere Bewandtnis hatte es mit den Gr�ften der Pferdem�nner. Die Leichen, die man in sie trug, verrotteten dort nicht. Dies war der eigentliche Auftrag, den man den Baumeistern der Lutin einst erteilt hatte. Sie sollten Gr�ber erschaffen, in denen die Leiber der toten F�rsten und Stammesf�hrer unbeschadet die Jahrhunderte �berstanden, denn nach dem Glauben der Pferdem�nner w�rden die Alben eines Tages zur�ckkehren, um in den Ebenen des Windlands eine letzte Schlacht gegen ihre wiedererstandenen Feinde zu schlagen. Wenn dies geschah, w�rden sich die toten F�rsten und Helden des Kentaurenvolkes noch einmal erheben, um an der Seite der Weltensch�pfer in den Kampf zu ziehen.</p><p>Gestern Abend hatte sich diese Geschichte wie eines der M�rchen angeh�rt, die man sich erz�hlte, um die langen Stunden der Winterabende zu verk�rzen. Doch hier unten erschien Melvyn das alles in einem anderen Licht. Ein schwerer, fast bet�ubender Geruch nach Weihrauch und Fichtennadeln hing in der Luft. Und noch ein anderer Duft, der fast v�llig �berlagert wurde. Es roch nach Blut!</p><p>Gleich am Eingang der Gruft lehnten Speere mit bronzenen Stichbl�ttern in einem Holzgestell. Senthor nahm eine der Waffen an sich.</p><p>Der Tunnel, der tiefer in die Gruft f�hrte, war leicht absch�ssig. Die gemauerten W�nde bestanden aus hellem Sandstein, auf den einfache Strichzeichnungen aufgetragen worden waren. Sie zeigten das Leben der Pferdem�nner. Ihre Wanderschaft mit den Herden, ihre Kriegsz�ge, und eines der Bilder stellte offenbar eine Totenfeier dar.</p><p>Fackeln erleuchteten den Tunnel in unregelm��igen Abst�nden. Nischen waren in den W�nden ausgespart. Dort hockten tote Falken in schwarz angelaufenen Silberk�figen. Und Hunde lagen wie schlafend, den Kopf auf die Pfoten gelegt, in ewiger Ruhe.</p><p>Der hohe Tunnel machte einen scharfen Knick und �ffnete sich in eine rechteckige Kammer, in der grimmige Krieger auf h�lzernen B�cken ruhten. Ihre Oberk�rper wurden von Speersch�ften gest�tzt, gegen die sich die Toten lehnten. Beunruhigt registrierte Melvyn, dass es noch zwei Dutzend B�cke gab, auf denen keine toten Krieger ruhten.</p><p>Die F�rsten und die auserw�hlten Totenwachen gingen schweigend weiter. Ihr Hufschlag auf dem steinernen Boden war das einzige Ger�usch im Grab.</p><p>Melvyn sah eingetrocknetes Blut auf den Speersch�ften und am Boden unterhalb der toten W�chter. Ein feuchter Schimmer erregte seine Aufmerksamkeit. Hinter einem der Krieger war Blut an der Wand.</p><p>Der Wolfself lie� sich an das Ende des Trauerzuges zur�ckfallen. Dann trat er zwischen den toten Wachen hindurch und tastete �ber die Wand. Frisches Blut benetzte seine Hand. Er witterte daran. Dann leckte er sich �ber die Hand. Jeder Zweifel war ausgeschlossen. Das war kein Kentaurenblut! Es stammte von einem B�ffel! Misstrauisch sah er sich um. Irgendetwas stimmte hier nicht. Weitere frische Blutflecken konnte er jedoch nicht entdecken.</p><p>Melvyn beeilte sich, wieder zu den anderen aufzuschlie�en. Der Trauerzug hatte inzwischen eine runde Grabkammer mit leicht gew�lbter Decke erreicht. In weitem Kreis waren hier tote Kentauren aufgestellt, die man an ihren Kleidern und Waffen auf den ersten Blick als F�rsten erkennen konnte. Manche von ihnen hatten die Augen ge�ffnet. Sie blickten den St�renfrieden zornig entgegen, wie es Melvyn erschien.</p><p>Der Weihrauchduft war hier noch bedr�ckender. Mit jedem Atemzug legte sich ein pelziger Geschmack in seinen Mund. Melvyn hatte vor Jahren einmal ein Mammut im Eis eingeschlossen gefunden. Das Tier war offensichtlich vor langer Zeit in einer Lawine umgekommen. In seiner Flanke hatte ein Speer mit Bronzeblatt gesteckt. Solche Waffen wurden seit vielen Jahrhunderten nicht mehr verwendet. Das Tier musste schon sehr lange tot gewesen sein. Dennoch war sein Fleisch gut genie�bar gewesen, nachdem es aufgetaut war.</p><p>Die toten F�rsten in der Grabkammer erinnerten Melvyn an das Mammut. Obwohl es hier nicht kalt war, schienen die Jahrhunderte spurlos an ihnen vor�bergegangen zu sein. Nur der Bronzepanzer eines Herrschers war von blaugr�ner Edelpatina �berzogen. Ansonsten deutete nichts darauf hin, wie lange sie hier schon auf die R�ckkehr der Alben warteten.</p><p>Orimedes wurde in den Kreis der toten F�rsten gestellt. Die Krieger, die den F�rsten getragen hatten, zogen sich aus der Gruft zur�ck. Auch die anderen Kentauren folgten ihnen. Nur Nestheus blieb an der Seite seines Vaters. Fl�sternd hielt der wei�e Kentaur Zwiesprache mit dem Toten. Dabei hielt er den Kopf leicht geneigt, als lausche er auf etwas.</p><p>Ein Schauer lief Melvyn �ber den R�cken. Er zog sich in den Saal mit den toten Kriegern zur�ck. Dort halfen die Ehrenwachen Senthor auf zwei Holzb�cke. Sie banden die Beine des alten Kriegers mit d�nnen Lederriemen fest.</p><p>�Was tut ihr da?� Der Halbelf wollte dem Alten zu Hilfe eilen, doch dieser hob abwehrend die Hand.</p><p>�Sorge dich nicht um mich, mein Freund. Mir wird eine gro�e Ehre zuteil. Orimedes hat mich auf dem Totenbett eingeladen, ihn auf seinem letzten Ritt als sein Waffenbruder zu begleiten.�</p><p>�Du willst doch nicht ...�</p><p>�Doch, ich werde in der letzten Schlacht der Alben k�mpfen. Gemeinsam mit Orimedes.� Seine Augen strahlten. �Ich bin ein alter Mann. Wir hatten schwere Verluste. Ich bin jetzt der letzte �berlebende aus Phylangan. Unsere Zeit ist um. Bald w�rde ich meinem Stamm nur noch zur Last fallen. Es ist besser, diesen Weg zu gehen. Er ist ehrenhafter.� Senthor drehte den alten Speer mit dem Bronzeblatt, den er am Eingang zum Grab mitgenommen hatte.</p><p>Melvyn h�rte Hufschlag an seiner Seite. �Halte ihn nicht auf�, sagte Katander. �Ihr Elfen k�nnt das nicht verstehen. Ihr werdet wiedergeboren. Wir aber nicht. Es gibt nur einen einzigen Weg, noch einmal f�r einen Tag zur�ckzukehren. Nur wer in den Gr�bern gemeinsam mit unseren F�rsten auf das Ende aller Zeiten wartet, der wird noch einmal wiederkehren. Alle anderen erwartet nach dem Tod das Nichts.�</p><p>Senthor setzte das Ende des Speers in eine Vertiefung zwischen den Steinplatten am Boden. Jetzt erst begriff Melvyn, was er �bersehen hatte, als er zum ersten Mal durch die Vorkammer des F�rstengrabes gegangen war. Das Blut auf dem Boden h�tte ihn eigentlich stutzig machen m�ssen. Nicht das frische B�ffelblut, sondern das eingetrocknete unter den toten Kriegern. Sie hatten noch gelebt, als sie hierher gekommen waren. Und die Speere, die sie abst�tzten, damit ihre Oberk�rper nicht im Tode nach vorne kippten, hatten sie sich selbst in den Leib gesto�en.</p><p>Nestheus trat aus der Kammer, in die man seinen Vater gebracht hatte. Sein Blick war hart. Die Monde in den Eissteppen, gehetzt wie ein Wild, hatten ihn ver�ndert. �Ich m�chte euch bitten, das Grab zu verlassen, meine Gef�hrten.� Obwohl die Worte h�flich gew�hlt waren, lie� sein Tonfall keinen Zweifel aufkommen, dass dies ein Befehl war.</p><p>Die Kentauren zogen sich zu dem absch�ssigen Weg zur�ck, der hinauf in den Winter f�hrte. Melvyn war froh, das Grab verlassen zu k�nnen. Er dachte wieder an den Flecken B�ffelblut. Woher kam dieses Blut? Der Weihrauch kratzte ihm in der Kehle. Das Grab war zu gr�ndlich ausger�uchert worden, ganz so, als wolle man mit dem hellblauen Rauch einen anderen Duft �berdecken.</p><p>�Melvyn, warte auf mich. Bleib hier im Grab!� Der Wolfself drehte sich �berrascht um. Katander, der als Letzter in der Reihe der Kentauren ging, hatte die Worte ebenfalls geh�rt. Er sah zur�ck, und eine steile Zornesfalte klaffte zwischen seinen dichten Brauen. Dann ging er weiter und war bald hinter der Biegung des Grabtunnels verschwunden.</p><p>Nestheus stand neben Senthor. Der alte Kentaur hatte dem jungen F�rsten die Linke gereicht. Die Herzhand. Mit der Rechten hielt er den Speerschaft umfasst. Das Bronzeblatt zielte auf sein Herz. Die beiden sahen einander schweigend an. Die Lippen des Alten bewegten sich, doch er sprach so leise, dass Melvyn ihn nicht verstehen konnte.</p><p>Pl�tzlich lie� sich Senthor nach vorne kippen. Er stie� einen langen Seufzer aus. Einen Laut wie ein erleichtertes Ausatmen, als das Bronzeblatt des Speers in seiner Brust verschwand. Str�me dunklen Bluts spritzten aus der Wunde. Sie besprenkelten den wei�en Kentaurenf�rsten und rannen auch den Speerschaft hinab. Unter dem Sterbenden bildete sich eine rasch gr��er werdende Blutlache wie bei den anderen Waffenbr�dern, die ihren F�rsten auf dem Weg in die Dunkelheit gefolgt waren.</p><p>Es dauerte lange, bis der Blutstrom versiegte. Bis zuletzt hielt Nestheus die Hand des alten Kriegers. Endlich l�ste er seine Finger aus der Umklammerung des Toten. �Wir werden uns wieder sehen am Tag der letzten Schlacht. Es wird mir eine Ehre sein, Seite an Seite mit dir und meinem Vater zu fechten.�</p><p>Im verlassenen Grab klang der Hufschlag des F�rsten unnat�rlich laut, als er auf Melvyn zukam. �Ich danke dir, dass du noch geblieben bist.�</p><p>Melvyn nickte knapp. Er war eigentlich nicht zimperlich, aber ihm w�re es lieber gewesen, nicht zum Zeugen dieses sinnlosen Todes zu werden.</p><p>Nestheus schien seine Gedanken zu erraten. �Nun h�ltst du uns f�r grausame Barbaren, nicht wahr?�</p><p>�Er war ein starker Krieger. Er h�tte sicher noch viele Jahre zu leben gehabt.�</p><p>�Er h�tte die Bitte meines Vaters nicht zur�ckweisen k�nnen. Es ist eine gro�e Ehre, von seinem F�rsten eingeladen zu werden, ihm in den Tod zu folgen.�</p><p>�Was f�r eine Belohnung!�, sagte Melvyn w�tend. �Zum Lohn f�r seine Treue mit dem Befehl zum Selbstmord beschenkt zu werden. Wirst du auch so ein Tyrann werden, nun, da du F�rst bist?�</p><p>Nestheus l�chelte zynisch. �Keine Sorge, ich werde dich nicht hierher einladen, wenn meine Stunde naht. Und was meinen Vater angeht, glaube ich nicht, dass du ihn wirklich gekannt hast. Ihr m�gt am Mordstein und anderswo zusammen gek�mpft haben, aber seiner Seele bist du dabei nicht nahe gekommen.�</p><p>�In der Tat nicht! Dass er dir M�rder auf den Hals hetzt, h�tte ich niemals f�r m�glich gehalten. In den letzten Monden habe ich vieles �ber dein Volk gelernt. Ich begreife jetzt, warum die Elfen die Nase �ber euch r�mpfen.�</p><p>�So, du begreifst ...�, sagte Nestheus traurig. �Ich glaube nicht. Ich werde dir jetzt ein Geheimnis anvertrauen, das dieses Grab nicht verlassen darf. Ein Geheimnis, das ich nicht einmal mit meinem Weib geteilt habe, obwohl ich glaube, dass sie die Wahrheit ahnt. Mein Vater war ein Mistkerl, aber einer, der sein Herz am rechten Fleck trug. Er war besessen von der Idee, dass alle Kentauren unter der F�hrung eines Kriegsherrn k�mpfen sollten. Die endlosen Fehden zwischen unseren St�mmen, die Viehdiebst�hle, die Blutrache und die st�ndigen Scharm�tzel mit den Uttikern, all das schw�cht unser Volk. Seit Phylangan war ihm klar, welche Gefahr die Trolle darstellen. Und er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit w�re, bis sie nach S�den wanderten. Sie sind zu viele f�r die Snaiwamark. Und sie brauchen das Fleisch unserer Herden. Bisher haben sie nur die Lutin geschickt und f�r unser Fleisch gezahlt. Aber wie lange kann das gut gehen? Wir m�ssen stark sein. Wenn wir nicht zusammenstehen, dann werden sie uns Stamm um Stamm ausl�schen. Als Katander ihm anbot, seine Tochter Elena mit mir zu verm�hlen, wusste er, dass all seine Pl�ne zunichte gemacht wurden. Er konnte das Angebot nicht einfach ablehnen, ohne Katander zu br�skieren. Dass ich statt Elena ein Weib heiraten w�rde, hinter dem kein m�chtiger Stamm steht, h�tte er niemals begriffen. Und mein Vater kannte mich so gut, dass er wusste, wie entschieden ich mich gegen eine Hochzeit wehren w�rde. Du h�ltst uns f�r Barbaren, Melvyn, aber wusstest du, dass mein Vater ein begeisterter Falrach-Spieler war? Zuletzt hat er sogar aus seinem Leben ein Falrach-Spiel und uns zu seinen Spielfiguren gemacht. Erinnerst du dich, wie verwundert du warst, dass Artaxas mit uns zum Fest kam? Mein Vater hatte ihn bestochen. Der Lamassu hat sich seinen Dienst sehr gut belohnen lassen. Nichts war dem Zufall �berlassen. Auch nicht der Eid, den mein Vater ablegte. Indem er sich vor hunderten Zeugen zu einem tagelangen Trinkgelage verpflichtete, verschaffte er Kirta und mir einen Vorsprung. Und zumindest die ehrenhaften unter den Kentaurenkriegern konnten das Trinkgelage nicht einfach verlassen. Damit h�tten sie den toten Ollowain und auch meinen Vater beleidigt. Mein Vater aber hatte noch etwas getan.� Der wei�e Kentaurenf�rst l�chelte. �Er hatte einen Schutzgeist f�r Kirta und mich beschworen. Schon von der ersten Stunde unserer Flucht an f�hlte ich mich immer wieder beobachtet. Du kennst das Gef�hl? Etwas scheint in deinen Nacken zu stechen. Du wei�t ganz sicher, irgendwo hinter dir ist ein lauerndes Paar Augen. So ging es �ber Wochen. Und dann kam der Tag, an dem uns die Verfemten stellten. Es war ein m�rderischer Kampf. Sie waren genauso verzweifelt wie wir. Das Gold meines Vaters sicherte den Ausgesto�enen eine Zukunft. Kirta war an meiner Seite. Ich sah den Schwertsto�, der auf ihr Herz zielte. Meine Waffe war gebunden durch einen Fischspeer. Drei von f�nf Gegnern hatten wir �berwunden, doch der Tod war ihr gewiss. Da durchschlug mit einem widerlichen Knacken ein Pfeil den Kopf des Kriegers, der sie beinahe get�tet h�tte, und sie trug nur eine leichte Schnittwunde davon. Ich bezwang den letzten Gegner. Und da sahen wir ihn, unseren Retter. Eine Gestalt ganz in Wei� zwischen tief verschneiten Birken. Ein Elf. Einen Wimperschlag nur sahen wir einander an. Dann verschwand er. Doch ich wusste, dass er weiterhin in unserer N�he war. Er war es, der uns vor zehn Tagen die Nachricht vom Tod meines Vaters brachte. Wir hatten Zuflucht bei Kirtas Sippe gefunden. Mein Vater hatte Fingayn angeheuert, einen J�ger aus dem Volk der Maurawan, der selbst unter den Seinen eine Legende ist. Er erz�hlte mir, was ich so lange schon geahnt hatte. Vom Tag des Streites auf dem H�gel an war er uns gefolgt. Er hatte uns besch�tzt. Doch nun ging er einer neuen Schlacht entgegen. Wohin ihn sein Weg f�hrte, wollte er nicht sagen.�</p><p>Melvyn sch�ttelte den Kopf. �Was ist das f�r ein Irrsinn? Dein Vater setzt einen Preis auf deinen Kopf aus und heuert gleichzeitig einen ber�hmten Bogensch�tzen an, um dich zu besch�tzen? Das ist doch vollkommen verr�ckt!�</p><p>�Das ist die Logik der Macht. Mein Vater kannte sein Volk. Er wusste, wie viele mit dem Herzen auf meiner Seite sein w�rden. Der einzelne Krieger, der sich mit seiner Geliebten dem Winter in der Steppe stellte, verfolgt von grausamen J�gern. Das klang wie eines unserer M�rchen. Selbst den �rmsten Viehhirten bedeutete es mehr, uns einen Abend lang als G�ste an ihrem Feuer zu bewirten, als das Gold meines Vaters zu nehmen. Orimedes wusste, dass mein F�rstentum gest�rkt w�rde durch seine Inszenierung. Du hast selbst gesehen, wie sogar Katander auf meine Seite �bergetreten ist. Mit seinem Tod hat sich der Traum meines Vaters erf�llt. Alle St�mme der Kentauren werden von einem einzigen Kriegsherrn gef�hrt.�</p><p>Melvyn dachte �ber die Geschichte nach. Ihm missfiel die Vorstellung, wie ein ganzes Volk get�uscht wurde. Wie ihre Gef�hle entflammt wurden und dass man mit ihrer Liebe und Treue Intrigenspiele trieb. �Was du mir gerade erz�hlt hast, werde ich in diesem Grab zur�cklassen. Nur eine Frage habe ich noch. Wie viel wusstest du davon?�</p><p>�Als Artaxas uns verriet, dass Orimedes ihm Gold f�r unsere Rettung versprochen hatte, da ahnte ich, dass mein Vater ein doppeltes Spiel trieb. Doch was h�tte ich tun sollen? Der Weg zur�ck war mir da schon verstellt. �brigens wollte dein Gef�hrte das Gold nicht mehr annehmen. Er erz�hlte, es sei ihm eine Freude, einer der Hauptdarsteller in der gro�artigsten Schmierenkom�die gewesen zu sein, von der er je geh�rt habe. Ein seltsamer Kerl, dieser Lamassu.�</p><p>�Und wenn seine H�scher ihm die K�pfe von dir und Kirta gebracht h�tten?�</p><p>Nestheus l�chelte. �Unsere M�rchen gehen immer gut aus. Wolltest du nicht aufh�ren, Fragen zu stellen?�</p><p>Melvyn trat n�her an den Kentauren und versetzte ihm einen kameradschaftlichen Knuff. �Es tut gut, dich in einem St�ck wieder zu sehen, verdammter Mistkerl. Und eines verspreche ich dir, ich werde mit dir und Artaxas nie wieder auf ein Fest gehen!�</p><p>�Da m�sste ich dich hier unten einsperren lassen, denn oben erwartet uns der Leichenschmaus. Die Lutin haben ganze Berge von Fleisch f�r die Feierlichkeiten herangeschafft.�</p><p>Melvyn blickte zu dem frischen Blutfleck an der Wand. �Habt ihr hier unten einen B�ffel zu Ehren der Toten geopfert?�</p><p>Der F�rst sah ihn verwundert an. �Nein, wie kommst du darauf?�</p></section><section><title><p>Der Schleicher</p></title><p>Es war nicht gut, ein Diener zu sein! Alle waren bei dem Fest, nur er durfte dort nicht hingehen, dachte Klaves traurig. Kommandant Elija hatte ihm streng verboten, auch nur in die N�he der Pferdem�nner zu gehen. Und dann hatte er ihm noch eingesch�rft, dass Diener keine Fragen stellten. Er war wohl ein schlechter Diener, �berlegte Klaves. Wenn er den Lutin schon keine Fragen stellen durfte, dann fragte er sich zumindest selbst, warum sich alles so ver�ndert hatte, seit sie hierher gekommen waren. Er konnte sp�ren, dass die Lutin Angst hatten. Warum waren sie �berhaupt hier, wenn sie diesen Ort f�rchteten?</p><p>Den ganzen Winter �ber war die Herde mit den Trolltrotteln gezogen, und man hatte ihm streng verboten, noch einen von den Kerlen umzubringen. Sogar sein Schwert hatte er Elija geben m�ssen. Der war sehr b�se mit Nikodemus gewesen, weil er Klaves mit auf das Totenfeld genommen hatte.</p><p>Immer wieder hatten sie den Trolltrotteln H�gel ge�ffnet und Fleisch daraus hervorgeholt. Die Trolltrottel hatten sogar die Pferdem�nner aus den H�geln gefressen! Sie fra�en wohl alles. Und sie hatten immer Hunger. Aber zu den Lutin waren sie freundlich. Nur ihn mochten sie nicht, dachte Klaves bedr�ckt. Elija hatte ihm befohlen, stets eine eng anliegende Haube zu tragen. So eng war sie, dass sie ihm die Ohren quetschte! Er hatte immer Schmerzen, wenn er sie aufhatte. Daf�r waren oben auf die Kappe gro�e Pferdeohren gen�ht. Sie sahen sehr eindrucksvoll aus! Aber besser h�ren konnte er nicht, weil sie auf der Kappe waren.</p><p>Er musste wohl sehr dumm sein, �berlegte Klaves. Richtig verstanden hatte er nicht, warum sie hier waren. Etwas sollte geheim bleiben. Das hatte der K�nig von all den unendlich vielen Trolltrotteln befohlen. Klaves konnte verstehen, dass es besser war, nicht anderer Meinung zu sein als so viele Trolltrottel. Deshalb waren Elija und die Herde hierher gekommen. Sie hatten den H�gel ge�ffnet, ohne dass die Trolltrottel zum Essen gekommen waren.</p><p>Eine verdammte Knochenarbeit war das gewesen, die steinhart gefrorene Erde des H�gels aufzuhacken. Sonst gab es immer Trolltrottel, die diese Arbeit erledigten. Und dann musste das ganze Fleisch herausgeschleppt werden. So viel Fleisch!</p><p>Sie hatten es ein gutes St�ck vom H�gel weggebracht und inmitten ihres Lagers zu einem Haufen aufgeschichtet, den sie dann noch mit Schnee bedeckt hatten. Und als die ersten Pferdem�nner kamen, hatte Elija befohlen, ihnen Fleisch zu schenken. Aber immer nur ein paar B�ffelh�lften. Der Berg inmitten ihres Lagers war davon kaum kleiner geworden. Es war einfach viel zu viel Fleisch! Sie konnten es auch nicht mit der Herde mitnehmen. Selbst wenn ihre Hornschildechsen noch all ihre Br�der, Vettern und Schwestern an der Seite gehabt h�tten, w�ren sie nicht genug gewesen, um das Fleisch fortzutragen.</p><p>Als die Pferdem�nner mit den Tagen immer mehr wurden, war der Fleischberg langsam kleiner geworden. Heute gab es ein Fest bei dem H�gel, in dem das Fleisch gewesen war. Klaves hatte sich dort zwar nicht blicken lassen d�rfen, aber aus der Ferne hatte er sie beobachtet. Viele seltsame Gesch�pfe hatten sich dort versammelt. Krieger, die noch gr��er waren als Trolltrottel und spitze H�rner auf dem Kopf trugen. Und es waren Pferdem�nner gekommen, die auseinander brechen konnten.</p><p>Manche der Lutin beherrschten diesen Zauber auch. Sie wurden eins mit den Ponys im Lager, und wenn sie genug davon hatten, �ber die verschneite Steppe zu rennen, dann brachen sie wieder auseinander. Klaves hatte das einmal versucht, aber das verdammte Pony hatte ihn so heftig getreten, dass er drei Tage hinken musste. Er war eben kein Zauberer, sondern nur ein Diener!</p><p>Nur warum die Lutin solche Angst hatten, verstand er nicht. Und dann war da diese Sache heute Nachmittag. Ein Kerl, der genauso schrecklich verwachsen war wie er selbst, war um das Lager der Hornschildechsen geschlichen. Der hatte Elija gro�e Angst gemacht. Danach war der Kommandant zu ihm gekommen. Er hatte ihm ein langes Messer gebracht. Das Messer musste verzaubert sein! Klaves streichelte �ber den Griff an seiner Seite. Er hatte es in die Hand genommen, und es war, als sei es schon immer ein Teil von ihm gewesen. Noch viel besser als das Messer, mit dem er den Trolltrottel get�tet hatte. Elija hatte ihm versprochen, dass er es behalten durfte. Und dann hatte Elija ihm auch sch�ne wei�e Kleider bringen lassen. Sie waren genau richtig f�r ihn gewesen. Dar�ber wunderte sich Klaves immer noch. Sonst musste er immer Kleider tragen, die ihm nicht richtig passten. Und sie waren wunderbar warm! Klaves l�chelte tr�umerisch. Wenn er seine Sache gut gemacht hatte, dann w�rde er Elija fragen, ob er die Kleider nicht auch behalten d�rfte. Niemand sonst in der Herde konnte damit etwas anfangen. Schlie�lich hatte niemand sonst so gr�sslich lange Arme und Beine.</p><p>Klaves streckte sich. Obwohl er auf einem dicken wei�en Fell lag, wurde ihm doch langsam kalt. Er blickte zu den vielen Feuern, die rings um den Grabh�gel brannten. Langsam wurde es dort stiller. Sie hatten gefressen wie die Trolltrottel, die Pferdem�nner und all die anderen. Elija schien sich unn�tige Sorgen gemacht zu haben. Er hatte bef�rchtet, dass der Schleicher vom Nachmittag wiederkommen w�rde, um in das Lager der Herde einzudringen, wenn alle schliefen.</p><p>Klaves kratzte sich an der engen Kappe. Wenn ihm nur seine Ohren nicht so wehtun w�rden! Und zu allem �berfluss hatte er sich noch eine wei�e Maske vor das Gesicht binden m�ssen. Elija meinte es gut mit ihm! Er hatte sich Sorgen gemacht, dass ihn der Wind ins Gesicht kneifen w�rde, wenn er die ganze Nacht Wache hielt. Schlie�lich hatte er ja nicht so ein sch�nes Fell im Gesicht wie die Lutin.</p><p>Klaves hielt den Atem an. Ein Ger�usch! Hinter ihm! Lautlos drehte er sich um. Das lange Messer glitt in seine Hand. Wie wunderbar es sich anf�hlte!</p><p>Eine kleine Gestalt zeichnete sich vor dem Schnee ab. Sie trug etwas. Trotz der Finsternis erkannte er den breiten, bestickten Schal. Ganda! Sie mochte er ganz besonders. Obwohl sie eine sehr merkw�rdige Lutin war. Nie durfte er f�r sie einen Dienst erledigen. Und manchmal, wenn es besonders kalt war, holte sie ihn in ihr Zelt, obwohl Elija das streng verboten hatte. Klaves erinnerte sich, dass er dort auch gewesen war, als all seine Glieder vor Schmerzen gebrannt hatten. Sie hatte ihn manchmal mit �l und seltsam klebrigem Zeug eingerieben und nach und nach all seine Schmerzen fortgezaubert. Sie war eine gro�e Zauberin! Wenn die Herde wandern musste, dann schnitt sie immer wieder Tore in die Luft. Dahinter lag Finsternis. Die anderen Lutin waren ein wenig unruhig, wenn man durch diese Tore ging. Auch die Hornschildechsen. Aber alle sagten, dass man viel schneller vorankam, wenn man durch die Dunkelheit ging.</p><p>Klaves sah sich um. Vielleicht sollte er Elija raten, mit der Herde nur noch bei Nacht zu wandern? Dann k�me man auch schneller voran, und man m�sste nicht durch die Tore gehen.</p><p>Ganda kauerte sich neben ihm auf das Fell. Sie hatte einen dampfenden, in Lumpen eingeschlagenen Topf mitgebracht.</p><p>Dankbar w�rmte sich Klaves die H�nde an dem Topf. Dann trank er vorsichtig in kleinen Schlucken. Es schmeckte k�stlich. Und die W�rme kroch jetzt auch tief in sein Inneres. Es schneite nur wenig in dieser Nacht, daf�r strich ein eisiger Wind von Norden her �ber die Ebenen. Trotz der warmen Kleider hatte die K�lte seine Glieder ganz taub werden lassen.</p><p>Ganda sprach kein Wort. Sie sa� einfach nur neben ihm und sah ihn an. So verhielt sie sich fast immer. Und sie sah traurig aus dabei. Manchmal schnitt er Grimassen, damit sie lachte. Bei den Kindern half das immer. Klaves konnte nicht recht verstehen, was er falsch gemacht hatte, dass Ganda bei ihm immer so traurig schaute. Bestimmt hatte er etwas falsch gemacht! Er war ja dumm!</p><p>Eine Bewegung im Schnee lenkte ihn ab. Er presste die Lippen zusammen und duckte sich tiefer in sein Versteck. Elija hatte wieder einmal vorhergesehen, was geschehen w�rde. Er war eben klug. Obwohl sich der Schleicher wie ein Hund auf allen vieren bewegte, erkannte Klaves ihn sofort wieder. Eigenartiger Kerl. Heute Nachmittag war er ganz anders gegangen. Da war Klaves froh gewesen, ein mal jemanden zu sehen, der so war wie er. Es tat gut zu wissen, dass inmitten all der Lutin, Trolltrottel, H�rnertr�ger und Pferdem�nner noch ein zweites Gesch�pf herumlief, das so war wie er.</p><p>Als er die auseinander brechenden Pferdem�nner gesehen hatte, hatte er kurz geglaubt, dass es viele wie ihn gab. Aber dann war ihm aufgegangen, dass er sich irrte. Die konnten zaubern! Und die konnten Pferdebeine f�r sich laufen lassen, damit sie nicht m�de wurden. Sie waren ganz anders als er. Auch wenn sie ihm �u�erlich ein wenig �hnlich sahen. Und auch der Schleicher war anders. Er mochte vielleicht dumm sein, dachte Klaves. Aber wie ein Hund war er noch nie gelaufen!</p><p>B�iger Wind fegte �ber das tief verschneite Land und trieb wei�e Schneeschleier vor sich her. Es gab da noch eine Sache, die er den Pelzk�pfen voraushatte, dachte Klaves stolz. Er konnte auf dem verharschten Schnee gehen, ohne einzusinken. Er vermochte sich fast lautlos zu bewegen. Es war an der Zeit, den Schleicher zu stellen, bevor er es noch ins Lager schaffte.</p><p>�Pass auf dich auf�, sagte Ganda leise.</p><p>Klaves l�chelte. Dann wurde ihm klar, dass sein Gesicht ja hinter der wei�en Maske verborgen war. Sie konnte es nicht sehen. Er zog sein langes Messer und lief geduckt los.</p><p>Pl�tzlich blieb der Schleicher stehen.</p><p>Klaves lie� sich zu Boden gleiten und dr�ckte sich in den Schnee wie ein Kaninchen, das hoffte, sich vor dem Falken hoch am Himmel zu verbergen.</p><p>Der Schleicher hob den Kopf. So bewegte sich ein Hund, der Witterung aufnahm. Klaves war erstaunt. Der Fremde im Schnee sah ihm �hnlicher als jedes andere Gesch�pf, das ihm bislang begegnet war. Wenn er sich nur nicht wie ein Hund verhalten w�rde! Bestimmt war er auch ein Diener, ging es Klaves durch den Kopf. Aber wer mochten seine Herren sein?</p><p>Schade, dass er ihn t�ten musste. Viel lieber h�tte er mit ihm geredet. Vielleicht w�rde er nie wieder einem Gesch�pf begegnen, das ihm so sehr �hnelte? Vielleicht war er der Einzige, der noch so war wie er?</p><p>Der Schleicher lie� lange Krallen aus seinen Armen gleiten. Klaves hielt erschrocken die Luft an. Was f�r ein Zauber war das denn nun?</p><p>Auf eine Antwort brauchte er nicht lange warten. Der Schleicher hatte ihn entdeckt. Vorsichtig, halb geduckt kam er n�her.</p><p>�Was willst du hier?�</p><p>�Elija sagt, ich soll dich totmachen wie den Trolltrottel.�</p><p>Die Worte lie�en den Schleicher ganz unger�hrt. �Und, wirst du es versuchen?� Klaves war unschl�ssig. Sollte er wirklich das einzige Gesch�pf totmachen, das ein bisschen so war wie er? Der Schleicher hatte sogar sonnenfarbenes Kopffell, so wie er selbst es hatte. �Geh weg! Komm nicht zur Herde!�</p><p>�Warum?�</p><p>�Elija will das nicht.�</p><p>Der Schleicher legte den Kopf schief. Schneeflocken hatten sich in seinem sch�nen Kopffell verfangen. �Und du glaubst wirklich, du kannst mich ... totmachen, du eselsohriger Trottel?�</p><p>�Das sind Pferdeohren�, berichtigte ihn Klaves.</p><p>Ohne Vorwarnung griff der Schleicher an. Er war viel schneller als der Trolltrottel, den Klaves aufgeschnitten hatte. Die langen Krallen wollten ihm das Herz herausrei�en.</p><p>Klaves lie� sich nach hinten fallen. Dennoch glitt Stahl �ber seine Rippen. Er f�hlte keinen Schmerz. Nur warmes Blut, das in seine sch�nen neuen Kleider sickerte.</p><p>Er landete auf dem R�cken im Schnee, rollte sich seitlich ab und war sofort wieder auf den Beinen. Sein langes Messer fing eine Krallenhand ab.</p><p>Der Schleicher versuchte, ihm das Messer aus der Hand zu drehen, indem er es zwischen den Krallen verkantete. Gleichzeitig holte er mit der anderen Hand zu einem Hieb aus, der auf Klaves� Bauch zielte.</p><p>Der Diener erinnerte sich an das Gesicht des Trolltrottels, als ihm die bl�ulichen Schlangen aus dem Leib gefallen waren. So w�rde er nicht sterben. Statt zur�ckzuweichen, machte er einen Schritt vor und blockierte den Angriff mit seinem Arm. Dann beugte er sich zur Seite und legte all seine Kraft in die Bewegung.</p><p>Ein trockenes Knacken erklang. Der Schleicher stie� einen erstickten Schrei aus.</p><p>Der Schleicher war ein guter Totmacher. Er sprang zur�ck. Sein linker Arm, dessen Krallen eben noch das lange Messer gefangen gehalten hatten, hing schlaff herab. Trotzdem wollte er wohl nicht versuchen davonzulaufen.</p><p>Das Blut, das seine sch�nen Kleider durchtr�nkt hatte, war inzwischen kalt wie Eis. Klaves f�hlte sich ein wenig schwindelig. Es w�rde schwer werden, den Schleicher noch bis in das Lager der H�rnerm�nner zu tragen, wie Elija befohlen hatte.</p><p>Klaves dr�ckte die Linke auf seine Brust. Blut quoll ihm durch die Finger. Seine Kleider knisterten, wo sich d�nne, rote Eiskrusten gebildet hatten. Er musste jetzt schnell machen.</p><p>Der verdammte Schleicher dachte nicht daran davonzulaufen! H�tte er das getan, dann w�re er ihm nicht gefolgt, auch wenn Elija dann b�se geworden w�re.</p><p>Der Schleicher griff erneut an. Er holte weit aus und wollte ihm den Bauch aufrei�en. Klaves trat ein wenig zur Seite. Mit t�dlicher Geschwindigkeit wechselte der Schleicher die Schlagrichtung, und seine Krallen schnellten hoch, um ihm die Kehle zu zerfetzen.</p><p>Stahl prallte auf Stahl. Klaves hatte dem Hieb nicht alle Wucht nehmen k�nnen. Die Krallen kratzen �ber sein Kinn.</p><p>Einen Moment lang sahen sie einander in die Augen. Klaves sah die Wut im Gesicht seines Gegners. �Wer bist du?�</p><p>�Klaves, der Totmacher.� Er versetzte dem Schleicher einen Fausthieb auf den gebrochenen Arm. Der Kerl st�hnte. Seine rechte Krallenhand ruckte vor, aber Klaves hielt mit seinem langen Messer dagegen. In stummer Wut ma�en sie ihre Kr�fte.</p><p>Dann pl�tzlich zog sich der Schleicher zur�ck. Ein wenig zu langsam.</p><p>Das lange Messer beschrieb einen blitzenden Bogen. Der Schleicher versuchte noch, den Angriff abzuwehren. Wieder schrammte Stahl auf Stahl. Das lange Messer drehte sich ein wenig. Fast w�re es Klaves aus der Hand gerissen worden. Dann traf es den Kopf des Schleichers.</p><p>Der Kerl wurde zur Seite gerissen und st�rzte in den Schnee.</p><p>Klaves war �bel. Er mochte den Schleicher nicht ansehen. Er hatte auch nicht die Kraft, ihn zu den H�rnerm�nnern zu schleppen. Er beugte sich vor und schnitt zum Beweis f�r seinen Sieg die Krallenh�nde ab.</p></section><section><title><p>Ein haufen Steine</p></title><p>Der Nebel verbarg den gro�en Segler und die beiden Galeeren, die fast lautlos durch das schwarze Wasser des Fjords glitten. Ein wei�er Falke landete auf der Reling des Dreimasters Meerwanderer. Elodrin sp�rte, wie ihn die bernsteinfarbenen Augen des Tiers mit zu viel Verstand taxierten. Der Falke blinzelte.</p><p>Auf dem Achterdeck der Meerwanderer war ein schmales Bett aufgestellt. Wie tot lag Graf Fenryl dort hingestreckt, die Arme �ber der Brust gekreuzt.</p><p>Der Falke stie� einen langen, schrillen Schrei aus. Irgendwo in der Dunkelheit antwortete eine M�we mit herausforderndem Gekreisch.</p><p>Elodrin sp�hte in den Nebel. Die Nachtzinne war ganz nah. Sie hatten die Bucht erreicht, an der die Kobolde ihren Trollherren die m�chtige Feste erbaut hatten. H�tte er keinen Nebel herabgerufen, sie w�ren schon l�ngst entdeckt worden. Dieser Teil seines Plans war aufgegangen. Doch waren die Menschen gekommen? Und hatten sie gen�gend Krieger aufgeboten? Sich auf sie verlassen zu m�ssen, hatte ihm von Anfang an Kopfschmerzen bereitet. Sie waren mindestens genauso unzuverl�ssig wie Kentauren. Yilvina hatte ihm zwar von dem unstillbaren Hass erz�hlt, den der K�nig des Fjordlands gegen�ber den Trollen empfand, doch war dieser Alfadas mutig genug, sein Heer noch einmal durch das goldene Netz zu f�hren? Und selbst wenn er den Mut besa�, konnte er seine Krieger auf diesen Schreckensweg f�hren?</p><p>F�r einen guten Plan gab es zu viele Unw�gbarkeiten. Im schlimmsten Fall w�rden die Maurawan allein gegen die Trolle vorgehen, aber sie waren viel zu wenige, um alle Krieger aus der Nachtzinne zu locken.</p><p>Fenryls Augenlider flatterten. Er tat einen tiefen Seufzer.</p><p>Elodrin trommelte nerv�s mit den Fingern auf der Reling. Er wusste, dass es seine Zeit dauerte, bis die Seele, die mit dem Falken geflogen war, wieder ganz im K�rper des Elfen heimisch wurde. Der Seef�rst war froh, dass der Vormarsch der Trolle Fenryl den R�ckweg nach Carandamon versperrt hatte. Als sich abgezeichnet hatte, dass die Trolle mit allen Kr�ften nach S�den marschierten und keine unmittelbare Bedrohung f�r das F�rstentum im ewigen Eis bestand, hatte sich der Graf ihm angeschlossen. Nat�rlich hatte Elodrin ihn nicht in alle Pl�ne eingeweiht. Ebenso wenig wie Yilvina alles wusste. Die beiden hatten zu lange an der Seite von Ollowain gefochten, um akzeptieren zu k�nnen, dass man manchmal nur durch den Willen, notfalls selbst Freunde zu opfern, und durch Grausamkeit siegen konnte.</p><p>Shalawyn und f�nfzig andere ausgesuchte Kriegerinnen und Krieger kauerten entlang der Reling und warteten auf seinen Angriffsbefehl. Abgesehen von ihren Waffengurten waren sie nackt. Elodrin l�chelte zynisch, als er an Ollowains wohl bekannten Makel dachte. Er mochte der beste Schwertk�mpfer Albenmarks gewesen sein, doch an diesem Angriff h�tte er nicht teilhaben konnte. Jeder der K�mpfer musste in der Lage sein, sich in den w�rmenden Mantel der Magie zu h�llen. Den einzigen Mantel, der sie bei dieser Mission nicht behindern w�rde.</p><p>Selbst Elodrin war nackt. Sein K�rper war drahtig und makellos. Der eisige Wind spielte in seinem langen, wei�en Haar. Ein breiter, roter Schwertgurt lief quer �ber seine Brust. Die Waffe trug er auf dem R�cken. Ein Lederbeutel mit einem Barinstein darin war neben der Waffe die einzige Last, die er sich aufgeb�rdet hatte.</p><p>Mit einem tiefen Seufzer setzte sich Fenryl ruckartig auf. Der Graf blinzelte. Verwirrt blickte er sich um. Seine Arme zuckten, als glaube er, noch immer Fl�gel zu tragen.</p><p>�Was hast du gesehen, mein Freund?� Fenryl sah ihn durchdringend an. Sein Blick hatte noch immer etwas von einem Raubvogel. Elodrin hielt nicht viel von den Zaubern, die es einem Elfen erlaubten, mit einem Tier eins zu werden. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Gewiss, solch einen Zauber wirkte man nur auf sein Seelentier, ein Gesch�pf, mit dem man sich ohnehin schon sehr verbunden f�hlte. Der Seef�rst aber war der Meinung, dass sich auf Dauer die Seelen von Tier und Elf vermengen w�rden. So wie es gerade bei Fenryl der Fall war, der noch immer glaubte, im K�rper des Falken zu stecken.</p><p>�Fenryl?�</p><p>Der Blick des Elfen kl�rte sich. �Sie sind dort, die Menschen. Es sind viele. Sehr viele. Die Trolle ziehen ihnen entgegen. Ich war ihnen so nahe, dass ich sie belauschen konnte. Ein Rudelf�hrer Namens Gornbor befehligt sie. Es sind fast tausend. Die Menschen allein werden sie nicht besiegen k�nnen. Es sind viel mehr Trolle hier, als wir erwartet hatten. Man k�nnte meinen, dass Orgrim einen Angriff bef�rchtet hat.�</p><p>Elodrin winkte �rgerlich ab. �Unsinn! Woher sollte er das wissen?� Er selbst war bis zuletzt unschl�ssig gewesen, ob er sich gegen Emerelle stellen sollte. �Was glaubst du, wie viele Trolle noch in der Nachtzinne zur�ckgeblieben sind?�</p><p>�An Kriegern? Das kann nicht mehr als eine kleine Wachtruppe sein. Die anderen sind jetzt schon zu weit entfernt, um es zu merken, wenn wir den Turm angreifen. Sie werden sehr bald auf die Menschen treffen. Aber vielleicht kommt es gar nicht zur Schlacht. Von Osten zieht ein Sturm herauf. Wenn die Menschen keinen Schutz finden, dann werden sie zu hunderten verrecken.�</p><p>Elodrin lie� sich seinen �rger nicht anmerken. Dieser Alfadas und seine Krieger entpuppten sich langsam eher als eine Belastung. Immerhin hatten sie die Trolle aus ihrem Bau gelockt. Alles �brige war nebens�chlich. Wenn der Handstreich gelang, dann w�rden die Menschen Zuflucht in der Trollfestung finden. �Wir greifen an, Graf. Ich �bertrage dir hiermit das Kommando �ber die Flotte.� Elodrin wandte sich zu den K�mpfern, die im Schutz der Reling kauerten. �Vor f�nfzehn Jahren hat Herzog Orgrim die Eroberung von Phylangan eingeleitet, indem er eine Schar auserlesener Krieger auf geheimen Pfaden ins Innere der Festung f�hrte. Heute wird er auf dieselbe Weise seine Burg verlieren. �ben wir Rache f�r die Toten von Phylangan!�</p><p>Es gab keine Jubelrufe und auch nicht das selbstsichere Grinsen, mit dem Elodrin die Kentaurenkrieger in die Schlacht hatte ziehen sehen. In den Augen der f�nfzig, die Elodrin f�r den ersten Angriff ausgew�hlt hatte, spiegelte sich kalte Wut. Sie alle hatten Freunde und Verwandte w�hrend der K�mpfe um die Snaiwamark verloren. Bei jedem von ihnen war er sich sicher, dass sie jeglichen Sinn f�r romantische Ritterlichkeit verloren hatten.</p><p>�Folgt mir!�, befahl er, schwang sich �ber die Reling und tauchte in das eisige Wasser ein. Die K�lte schnitt in seine Haut, doch schon nach einem Herzschlag hatte der W�rmezauber, mit dem er sich sch�tzte, sich an die ver�nderte Temperatur angeglichen. Tausende silberne Luftperlchen bildeten sich um seinen Leib und schufen eine isolierende Schicht zum Wasser des Fjords.</p><p>Rings um ihn herum tauchten Kriegerinnen und Krieger mit elegantem Kopfsprung in die Fluten. Wie Seehunde auf der Jagd glitten sie den Fjord hinauf. Nacht und Nebel verbargen sie vor den Blicken der Trolle.</p><p>Shalawyn �bernahm die F�hrung. Sie trug breite Arm- und Fu�b�nder, in die perlmuttfarben leuchtende Barinsteine eingelassen waren. So konnten ihr alle in dem dunklen Gew�sser gut folgen.</p><p>Fingayn hatte den Weg, den sie nahmen, schon vor zwei Jahren ausgekundschaftet. Der legend�re Held Farodin hatte ihm erz�hlt, wie er in die Nachtzinne gelangt war, als er Orgrim in seiner vorherigen Inkarnation get�tet hatte. Diesen geheimen Pfaden w�rden sie nun ins Herz der Trollburg folgen.</p><p>Der Nebel zog sich �ber ihnen vom Wasser zur�ck. Elodrin konnte dunkle Schiffsr�mpfe �ber sich auf den Wellen schaukeln sehen. Neugierig tauchte er auf und blickte zur Nachtzinne, die sich himmelhoch �ber die steinerne Mole erhob, die weit in die Bucht hinausgriff. Orgrims Festung war ein riesiger Turm, der wie ein steinerner Baumstumpf aus einer schroffen Felszinne emporwuchs. Ein bleigrauer Himmel schluckte alle Farben. Die Welt schien nur noch aus Grau- und Schwarzt�nen zu bestehen. Bleiches Licht schimmerte durch Fensternischen, die mit d�nn geschabten Tierh�uten verhangen waren, um den Winterwind auszusperren. Orgrims Turm sah anders aus als alle �brigen Trollfestungen, die er zu sehen bekommen hatte. Er wirkte wie eine gr�bere, dunkle Spielart von Emerelles Burg im Herzland. Flankiert von Pfeilern und St�tzb�gen, ragte der Turm bis fast zu dem grauen Wolkenband empor, das �ber den Himmel zog. An einigen Stellen wuchsen Pfeiler wie riesige Dornen aus dem Mauerwerk. Ohne erkennbares System durchbrachen hunderte Fenster das Bauwerk. Wer immer diese Festung erschaffen hatte, war ein bedeutender Baumeister gewesen, doch er hatte all sein K�nnen darauf verwendet, sein Werk d�ster und bedrohlich erscheinen zu lassen.</p><p>F�nf der schwarzen Trollgaleassen lagen an der langen Mole. Bisher hatte sich Elodrin an die schwache Hoffnung geklammert, dass Fenryl sich in seiner Falkengestalt vielleicht geirrt hatte. Ein Vogel konnte schlie�lich nicht z�hlen! Aber jetzt wurde ihm klar, wie t�richt das gewesen war. Auf f�nf Galeassen konnten sogar mehr als tausend Krieger transportiert werden.</p><p>Der F�rst tauchte erneut. Die anderen Schwimmer waren nur noch als ferne bleiche Schemen zu erkennen. Er verdr�ngte alle Sorgen und konzentrierte seine Kraft darauf zu schwimmen. Mit langen, kr�ftigen St��en holte er auf. Dann stemmte er sich durch die dunkle �ffnung in der Hafenmole. Sie lag dicht �ber dem Felsgrund der Bucht.</p><p>Panik sprang ihn in dem engen Tunnel an. Seine Lungen brannten, bald w�rde ihm die Luft ausgehen. V�llige Finsternis hielt ihn nun gefangen. Seine Schulter schrammte �ber rauen Fels. Er drehte sich und stie� nun auch mit dem Kopf gegen eine Felskante. Erschrocken atmete er aus. Mit H�nden und F��en versuchte er sich abzustemmen. Er hatte die Orientierung verloren. Wo war oben, wo unten? In welcher Richtung gelangte er tiefer in den Fels? Welcher Weg f�hrte zur�ck ins Hafenbecken?</p><p>Ein Licht glomm in der Finsternis. Matt, fern. Mit unsicheren Schwimmbewegungen bewegte Elodrin sich darauf zu. Das Licht wurde gr��er. Ein mattgelber Schimmer. �ber ihm schimmerte eine glatte Wasseroberfl�che.</p><p>Ein letzter Schwimmsto�, dann endlich konnte er wieder atmen. Keuchend rang er nach Luft. Er war in eine weite Grotte gelangt. Wie ein schwarzer Spiegel schimmerte das Wasser darin. Die W�nde rings herum waren wei� von Kalk. Barinsteine waren in die Felsen eingelassen und spendeten ein warmes, gelbes Licht.</p><p>Der F�rst tastete nach seiner Stirn. Er blutete. F�r einige Herzschl�ge schloss er die Augen. Er versuchte nicht daran zu denken, dass sich �ber dieser Grotte die Felsnadel und der riesige Turm erhoben. Er war eingeschlossen in Stein wie die kleinen Tierchen, die man manchmal in klarem Bernstein sah.</p><p>Unsinn, schalt er sich in Gedanken. Es gab den Tunnel zum Hafen und es gab dutzende weitere Tunnel, die aus dieser Grotte hinauf in die Trollfestung f�hrten. Wie in den meisten Burgen, die sie erbaut hatten, so hatten die Kobolde auch hier ein Labyrinth von G�ngen und versteckten Kammern erschaffen. Eine zweite Felsenburg, in der sie sich verborgen vor den Blicken ihrer Herren bewegen konnten. Die Kobolde, die diesen Ort erschaffen hatten, waren l�ngst verschwunden. Aber ihr Verm�chtnis w�rde den Trollen der Nachtzinne den Untergang bringen.</p><p>Elodrin schaffte es, seine Panik einzud�mmen. Er zwang sich, regelm��ig zu atmen. �berall entlang des Ufers bewegten sich Elfenkrieger.</p><p>Mit gleichm��igen Z�gen schwamm der F�rst zu einem flachen Felsen und zog sich hinauf. Shalawyn eilte ihm entgegen. Sie betrachtete kurz die Wunde an seinem Kopf, enthielt sich aber jeglicher Bemerkung. �Es gibt eine unerwartete Schwierigkeit, F�rst.�</p><p>Elodrin runzelte ungehalten die Stirn. Pochender Schmerz erinnerte ihn an die Wunde. �Welche?�</p><p>�Die Koboldtunnel. Jemand hat sie mit Ger�ll gef�llt. Wir konnten bislang keinen Weg nach oben finden.�</p></section><section><title><p>An seidenen Seilen</p></title><empty-line/><p>Kadlin zog die Sehne bis zu ihrer Wange und lie� den schwarz gefiederten Pfeil fliegen. Sie hatte auf den Troll mit der riesigen Keule gezielt, der, die Waffe mit beiden H�nden schwingend, die Formation der Langspeertr�ger durchbrochen hatte.</p><p>Der b�ige Wind zerrte an Kadlins Umhang und brachte den Pfeil ins Trudeln. Das Geschoss verfehlte den Troll um mehr als einen Schritt. Hilflos fluchend tastete sie nach dem K�cher an ihrer Seite. Die H�lfte der Pfeile war schon verschossen, und sie hatten fast keinen Schaden angerichtet.</p><p>Die J�gerin f�hlte sich elend. Sie stand am Rand einer steilen Felsklippe mehr als hundert Schritt �ber dem Schlachtfeld. Hier war sie in verh�ltnism��iger Sicherheit. Doch sie musste hilflos dem Gemetzel zusehen.</p><p>K�nig Alfadas hatte mehr als dreitausend Krieger in das schmale, von Steilklippen eingefasste Tal gef�hrt, das nahe der Trollburg lag. Nach Firnstayn zur�ckgekehrt, waren alle waffenf�higen M�nner der n�heren Umgebung zusammengerufen worden. Viele waren nur einfache Bauern oder Handwerker. Langspeertr�ger stellten die Mehrheit der Krieger. Ihre Waffen waren mehr als zweieinhalbmal so lang wie ein ausgewachsener Mann. Sie schlossen sich zu dichten Menschenbl�cken zusammen. Die Speere nach vorn gerichtet, waren sie ein fast un�berwindliches Hindernis, so lange sie ihre Formation behielten.</p><p>Hinter dem Wall aus Speeren warteten drei Bl�cke von Stangenbeiltr�gern. Diese Waffen waren f�r den Kampf gegen Trolle ersonnen worden. Man hatte �xte auf besonders lange Sch�fte gesetzt, um im Kampf gegen die Trolle mehr Abstand zu den Ungeheuern halten zu k�nnen. Diese Krieger sollten eingreifen, falls die Trolle es schafften, durch die Kampflinie der Speertr�ger zu brechen. Und sie hatten alle H�nde voll zu tun, denn immer mehr Trollen gelang es, sich durch die Reihen der Speerk�mpfer zu schlagen; die um sich greifende Panik vergr��erte die L�cken in der Schlachtlinie weiter.</p><p>Kadlins Finger waren steif vor K�lte, als sie zitternd einen neuen Pfeil auf die Sehne legte. Ihr standen Tr�nen in den Augen, so hilflos und w�tend war sie. Das Wetter machte all ihre Pl�ne zunichte! Es war viel zu kalt f�r diese Jahreszeit. Heute Morgen waren siebzehn M�nner nicht von ihren Schlafpl�tzen aufgestanden. Dutzende hatten Erfrierungen an H�nden, F��en und im Gesicht.</p><p>Verzweifelt blickte sie zu den hundert Reitern, die sich in einer Bodensenke ein gutes St�ck hinter der Schlachtlinie verbargen. Es waren die besten K�mpfer des K�nigreichs. Alfadas selbst f�hrte sie an. Sie w�rden angreifen, wenn die Trolle glaubten, der Sieg sei schon nahe. Bj�rn war dort unten. Kadlins Kehle schn�rte sich zu vor Angst. Ihr Bj�rn! Die M�nner dort unten konnten nicht sehen, was sie sah. Hunderte von Trollen waren in dem langen Tal. Es waren viel zu viele! Wenn die Elfen nicht bald kamen, dann w�rde die Schlacht in einem grausigen Gemetzel enden! Und sie war dazu verdammt, von hier oben hilflos zuzusehen.</p><p>�Wir m�ssen n�her heran!�, rief der Befehlshaber der Elfenbogensch�tzen. Er sprach das Fjordl�ndische auf eine seltsam singende Art aus. Und er wirkte unangemessen ruhig. Dass zu ihren F��en hunderte von M�nnern starben, schien ihn nicht im Geringsten zu ber�hren. Und �berhaupt: Was sollte das hei�en, sie m�ssten n�her heran. Sie standen schon am Rand der Steilklippe. Ein Schritt weiter, und sie w�rden in den Abgrund st�rzen!</p><p>�Findest du, wir sollen die Trolle mit unseren Leibern erschlagen, wenn wir sie schon nicht mit unseren Pfeilen t�ten k�nnen?�, schrie sie ihn an. Sie war sich bewusst, dass sie ihre hilflose Wut an ihm auslie�, und war dankbar zugleich, ein Opfer gefunden zu haben. Der Elf trug ein d�nnes wei�es Hemd mit einer aufgen�hten Kapuze. Auch seine �brigen Kleider waren wei�, ja, sogar sein Schwertgurt, der K�cher mit Pfeilen und sein Bogen. Schon auf ein paar Schritt Entfernung war er bei leichtem Schneetreiben so gut wie unsichtbar. Die Krieger aus seinem Gefolge waren ganz �hnlich ausger�stet. Und noch etwas anderes hatten sie gemeinsam. Sie alle waren viel zu d�nn angezogen. Wahrscheinlich konnten sie sich als Elfen durch irgendeinen Zauber gegen die K�lte sch�tzen. Doch genau das gab ihnen in Kadlins Augen nicht das Recht, sich so �berheblich aufzuf�hren, wie sie es taten. Sie lie�en keine Gelegenheit aus, den Menschen zu zeigen, dass sie ihnen in allem �berlegen waren. Sie konnten l�nger durch den Schnee wandern, besser schie�en und schienen sich sogar in den Bergen rings um Firnstayn besser auszukennen als die Menschen, die dort schon seit Generationen lebten.</p><p>Aber was waren das f�r Leistungen, wenn ihnen die Magie die M�hsal des �berlebens nahm? Kadlin verachtete die Maurawan! Wenn man auf dem tiefen Schnee gehen konnte, statt sich m�hsam einen Weg durch ihn bahnen zu m�ssen, wenn man den Stachel der K�lte nicht f�hlte und nicht mit der Angst einschlief, am n�chsten Morgen mit erfrorenen F��en zu erwachen, und wenn man verzauberte B�gen hatte, mit denen man niemals sein Ziel verfehlte, was hatte man dann selbst geleistet, worauf man sich etwas einbilden durfte? Nichts!</p><p>Der Elf mit den himmelgrauen Wolfsaugen l�chelte sie an.</p><p>�Wenn deine Blicke Pfeile w�ren, dann h�tten wir die Schlacht schon gewonnen. Vorausgesetzt, du w�rdest sie auf die Trolle abschie�en und nicht auf mich.�</p><p>�Wenn du dich hier vom Klippenrand noch n�her an die Trolle bewegst, werde ich dir gerne folgen.� Sie deutete in den Abgrund. �Selbstverst�ndlich lasse ich dir den Vortritt.�</p><p>Das L�cheln des Elfen wurde noch breiter. �Ich nehme dich beim Wort.� Er griff unter sein Schneehemd und holte eine wei�e Seilrolle hervor. Auch andere Mauravan bereiteten nun Seile vor. Einige Bogensch�tzen schlugen schwere Haken in den Felsen und knoteten ihre Seile daran fest. Dann seilte sich der Erste mit dem R�cken zum Abgrund ab. Atemberaubend schnell glitt er das wei�e Seil hinab, bis er pl�tzlich mit einem Ruck innehielt. Vor einem �berhang schwebend, nahm er den Bogen von der Schulter und zog einen Pfeil aus dem K�cher. Die Windb�en lie�en den Sch�tzen leicht pendeln. Er zog die Sehne durch. Kadlin sah seinen Pfeil den Trollscharen entgegenfliegen. Ob er traf, konnte sie nicht ausmachen.</p><p>�Wer nicht in den Abgrund geht, gibt all seine Pfeile denen, die sich jetzt abseilen!�, befahl der Elf, den Kadlin als Fingayn kannte. �Am besten sucht ihr Halt an der Klippe! Frei schwingend �ber dem Abgrund zu schie�en hei�t, nur unn�tig Pfeile zu verschwenden.�</p><p>Zwei Elfen mit Rucks�cken verteilten ein merkw�rdiges ledernes Gurtzeug an die Bogensch�tzen.</p><p>Fingayn half Kadlin mit den Beinen in einen Gurt zu steigen, der ihr als sicherer Sitz dienen sollte. Ob sie sich freiwillig meldete, um abgeseilt zu werden, hatte er erst gar nicht gefragt. Kalf trat an ihre Seite. Ihr Vater versuchte, sie von der waghalsigen Klettertour abzubringen. Als das nichts nutzte, nahm er sich selbst einen Gurt.</p><p>Fingayn gab ihr letzte Anweisungen und bestand darauf, dass sie seine Handschuhe anzog. �Du h�ltst immer eine Hand am Seil, bis du einen sicheren Halt gefunden hast. Und sto� dich beim Abseilen mit den F��en von der Wand ab.� Kadlin hatte den Bogen geschultert und das Seil mit der Linken umklammert. Sie stand mit dem R�cken zum Abgrund. Der eisige Wind zerrte an ihren Kleidern, und ihre Ged�rme rebellierten vor Angst. Kalf stand neben ihr, bereit, ebenfalls in den Abgrund zu gleiten. �Pass auf dich auf, mein M�dchen!�, schrie er gegen den Wind an.</p><p>Kadlin w�nschte, sie h�tte die Klappe gehalten. Nun kam auch Fingayn her�ber. �Du wolltest mir folgen. Dann zeig einmal, wie viel Mut du hast.� Er trat zur�ck und verschwand im Abgrund.</p><p>Kadlin presste die Lippen zusammen. So ein Mistkerl! Ihre H�nde waren trotz der Handschuhe ganz taub vor K�lte. Sie machte den Schritt zur�ck in den Abgrund. Leise sirrend glitt sie am Seil entlang. Mit einer Handbewegung konnte sie die Geschwindigkeit abbremsen, mit der sie hinabglitt.</p><p>Eine B�e packte sie und dr�ckte sie gegen die Steilwand. Sie schlug mit der Schulter gegen den Fels und begann sich im Kreis zu drehen. Fluchend versuchte sie mit ausgestreckten Beinen Halt zu finden. Endlich lie� das Pendeln wieder nach. Schr�g �ber sich sah sie ihren Vater. Auch er hatte seine liebe M�he mit dem Seil.</p><p>Bisher hatte Kadlin es vermieden, in den Abgrund zu blicken, �ber dem sie hing. Doch nun war es an der Zeit, ein Felssims zu finden, auf dem sie sich niederlassen konnte. Schneewechten markierten die Vorspr�nge und Nischen in der Steilwand.</p><p>Endlich entdeckte sie einen zwei Fu� breiten Absatz im Fels. Kadlin blickte nach unten. Der L�rm der Schlacht war jetzt viel deutlicher zu h�ren. Sie war nur noch wenig mehr als zwanzig Schritt �ber dem Kampfplatz. Mit Schrecken sah sie, dass die Schlachtreihe der Langspeertr�ger inzwischen v�llig zerbrochen war. Einer der Stangenbeiltrupps war so dicht von Trollen umzingelt, dass die K�mpfer nicht mehr richtig mit ihren langen, unhandlichen Waffen ausholen konnten.</p><p>Kadlin verdoppelte ihre Anstrengungen, um den Felsabsatz zu erreichen. Er lag ein wenig zur�ck, sodass sie ihr Seil in sanfte Pendelbewegungen versetzten musste. Die Linke am Seidenseil, die Rechte weit vorgestreckt, um an einem Riss im Felsen Halt zu finden, schwang sie vor und zur�ck. Zweimal stie� sie sich das Knie an. Sie fluchte �ber ihr Ungeschick, w�hrend von der Ebene gellende Todesschreie erklangen.</p><p>Endlich fand sie an einer vorspringenden Felsnase einen sicheren Griff. Sie zog sich auf das Sims und drehte sich um. Die F��e stemmte sie fest gegen den Boden. Mit dem R�cken lehnte sie sich an die Steilwand. Jetzt erst bemerkte sie, wie heftig ihr Herz schlug. Ihre linke Hand brannte trotz des Handschuhs von der Reibung des Seils. Das Hemd unter ihrer Fellweste war durchgeschwitzt, und der Wind schnitt ihr ins Fleisch, als st�nde sie nackt auf dem Sims.</p><p>Ihr Vater schwebte noch immer ein St�ck �ber ihr in der Steilwand. Sein Gesicht war aufgesch�rft. Dennoch l�chelte er ihr zu, als er ihren Blick bemerkte.</p><p>Kadlin nahm den Bogen von der Schulter. Du bist hier, um Trolle zu t�ten, ermahnte sie sich in Gedanken und versuchte den riesigen Kerl zu vergessen, der Bj�rn und sie vor dem Schneel�wen gerettet hatte. Hoffentlich war Brud jetzt nicht dort unten.</p><p>Sie zog die Sehne durch und schoss. Ihr Pfeil grub sich tief in den Halsansatz eines Kriegers, der den grauen Wanst mit blutigen Schlangenlinien bemalt hatte. Der Troll packte schreiend nach dem Pfeilschaft. Ruckartig riss er den Kopf herum, um zu erkennen, wer auf ihn geschossen hatte. Kadlin sah sich kurz um. Inzwischen hingen mehr als drei�ig Bogensch�tzen rings um sie in der Steilwand. Immer mehr Pfeile prasselten auf die riesigen Feinde ein. Der Wind fegte in pl�tzlichen B�en �ber das tief verschneite Land, doch da sie nun so viel n�her an ihre Feinde herangekommen waren, trafen ihre Pfeile besser.</p><p>Kadlin gab sich keinen Illusionen hin. Den Ausgang der Schlacht w�rde ihre kleine Schar wohl kaum beeinflussen. Aber wenn sie es nur schaffte den Angriff der Trolle ins Stocken zu bringen, dann war den Kriegern unten im Tal wenigstens etwas geholfen.</p><p>Unter ihr ert�nte ein lang gezogenes Hornsignal. Wie eine lebende Woge st�rmte die Reiterschar aus der Bodensenke. Der tiefe Schnee verlangsamte ihren Angriff. Dennoch waren die Trolle �berrascht, als sie sich einer neuen Einheit von Feinden gegen�bersahen. Einige von ihnen begannen zur�ckzuweichen.</p><p>Kadlin suchte ihr n�chstes Ziel zwischen den K�mpfern, die versuchten, den Reitern aus dem Weg zu gehen. Ein paar Tote mehr oder weniger konnten durchaus den Unterschied zwischen geordnetem R�ckzug und panischer Flucht ausmachen.</p><p>Sie suchte sich einen Krieger aus, der keinen Schild trug. Langsam zog sie die Sehne durch. Eine B�e wirbelte ihr Eiskristalle ins Gesicht. Sie blinzelte kurz, fixierte ihr Ziel erneut und schoss. Der Pfeil ging fehl. Leise fluchend griff sie in den K�cher.</p><p>Etwas krachte nicht weit entfernt. Einer der Maurawan schrie auf und st�rzte. Blut tr�nkte sein Schneehemd. Sein Kopf war nur noch eine blutige Masse.</p><p>Wieder krachte es. Kadlin entdeckte einen Trupp Trolle mit umgeh�ngten Ledertaschen. Sie warfen faustgro�e Steine nach den Bogensch�tzen.</p><p>Unwillk�rlich duckte sich die J�gerin. Doch in der Steilwand gab es keine Deckung.</p><p>Einer der Steinwerfer ging zu Boden. Seine Gef�hrten aber blieben davon unbeeindruckt, und mit einem Mal entspann sich ein verbissenes Duell zwischen den Bogensch�tzen und den Trollen. Ihre Feinde hatten M�he, so hoch zu werfen und dabei noch genau zu zielen. Daf�r waren sie deutlich in der �berzahl, und es kamen st�ndig noch neue hinzu. Die Trollkrieger wirkten weniger st�mmig als jene, die inzwischen den Kampf mit den Reitern aufgenommen hatten. Wahrscheinlich waren es J�nglinge, die zum ersten Mal in der Schlacht k�mpften.</p><p>Ein Stein schlug dicht neben Kadlin gegen die Felswand. Feine Splitter spritzen gegen ihre Wange. Kaltbl�tig streckte sie sich. Sich ducken half nicht, so konnte sie nicht schie�en. Sie spannte den Bogen erneut, suchte sich einen der J�nglinge aus und lie� den Pfeil von der Sehne schnellen. Der Treffer riss den Troll nach hinten. Ohne Triumph zu empfinden, zog sie den n�chsten Pfeil auf die Sehne.</p><p>Etwas Gro�es, Wei�es st�rzte an ihr vorbei. Sie konzentrierte sich ganz auf den n�chsten Schuss.</p><p>Wieder schlug ein Stein ganz in ihrer N�he gegen die Felswand. Vom Schlachtfeld schrieen ihr Waffengeklirr und Todeslaute entgegen. Doch an diesem Todeslied hatte sich etwas ver�ndert. Neue Stimmen waren hinzugekommen. Stimmen, die weit �ber ihr erklangen.</p><p>Wieder st�rzte etwas an ihr vorbei ... Jemand! Er war so nah gewesen, dass sie sein Gesicht gesehen hatte. Guthorm, ein etwas korpulenter junger Bogensch�tze, der sie mit seinen Sp��en �ber seinen ungez�gelten Appetit immer wieder zum Lachen gebracht hatte.</p><p>Kadlin legte den Kopf in den Nacken, aber ein Fels�berhang versperrte ihr den Blick hinauf zum Rand der Klippe. Daf�r sah sie noch drei weitere Gestalten mit weit ausgebreiteten Armen in den Abgrund st�rzen. Einer von ihnen hatte einen Trollkrieger mit in den Tod gerissen.</p><p>Kalf hing immer noch an seinem Seil �ber dem Abgrund. Verzweifelt schaukelnd suchte er einen Halt an der Steilwand zu finden.</p><p>�Hierher!�, schrie Kadlin und streckte ihm die Hand entgegen. �Lass etwas Seil nach! Komm tiefer.�</p><p>Ein St�ck links von ihr ging ein Hagel von Eisklumpen und Felsbrocken nieder. Zwei Bogensch�tzen wurden von den Felssimsen gerissen, auf denen sie Halt gefunden hatten.</p><p>�Mach schon, Vater!�</p><p>Der st�mmige J�ger schlug gegen die Felswand. Verzweifelt glitten seine H�nde �ber den Stein.</p><p>Jetzt ging dicht vor ihnen ein Ger�llschauer nieder. Doch der �berhang, der die Sicht auf den Klippenrand blockierte, bewahrte sie davor, getroffen zu werden.</p><p>Etwas streifte Kadlins Gesicht. Es gab einen leichten Ruck in dem Gurtzeug. Das Seil! Ihr Seil war durchgeschnitten worden.</p><p>Mit schreckensweiten Augen sah ihr Vater sie an. Wieder schlug er gegen die Felswand. Seine H�nde und F��e glitten Halt suchend �ber den Stein. Ein pl�tzlicher Ruck lie� ihn erzittern. Er glitt tiefer ... St�rzte! Fassungslos blickte Kadlin ihm nach. Sie sah seine massige Gestalt gegen einen Felsvorsprung schlagen. Die kr�ftigen H�nde, die so oft ihren Kopf get�tschelt hatten, versuchten noch ein letztes, verzweifeltes Mal, Halt zu finden.</p><p>Kadlin verga� v�llig, dass sie nicht mehr angeseilt war. Sie beugte sich vor. Jetzt endlich fand sie die Kraft, Kalfs Namen zu rufen. Voller Schmerz, beschw�rend ...</p><p>Ein Arm schob sich �ber den Felsvorsprung. Dann erschien Kalfs Gesicht, bleich und zu einer Grimasse der Qual verzerrt. Langsam, Zoll um Zoll, schob er sich auf den vereisten Felsvorsprung. Seine linke Gesichtsh�lfte war �bel zugerichtet. Er sa� jetzt rittlings auf einem Felsvorsprung. Seine Beine baumelten �ber dem Abgrund, aber er hatte sicheren Halt.</p><p>�Luth sei Dank.� Kadlin standen Tr�nen in den Augen.</p><p>�Wenn ich hier lebend herauskomme, dann stelle ich dir zu Ehren einen Eisenbart auf einem Pilgerweg auf und werde ihn jedes Jahr besuchen, um dort zu opfern.�</p><p>Kalf legte den Kopf in den Nacken und blickte zu ihr auf. Ersch�pft hob er einen Arm, um ihr zu winken. Im n�chsten Augenblick wurde er nach hinten gerissen und verschwand im Abgrund.</p><p>Fassungslos starrte Kadlin hinab. Er war doch in Sicherheit gewesen! Er ... Ein gellender Schrei ert�nte. Rechts neben ihr wurde ein Maurawan aus der Felswand gerissen. Auch er hatte sicheren Halt gehabt.</p><p>Das Seil ... Sie reckte sich. Unten am Fu� der Steilklippe suchten zwei Trolle nach herabh�ngenden Seilen. Kadlin hob ihren Bogen.</p><p>Sie f�hlte nichts mehr, als sie sich unvern�nftig weit vorbeugte, um einen Pfeil in die Tiefe zu schicken. Ihr Geschoss drang dem linken Troll durch die Schulter ins Herz.</p><p>Wie eine Handpuppe, die von einem fremden Willen beherrscht war, legte sie einen weiteren Pfeil auf die Sehne. Den zweiten Troll traf sie in den offenen Mund, als er zu ihr aufblickte und ihr einen Fluch entgegenschrie.</p><p>Die Waffe entglitt ihren H�nden. Ihr K�cher war leer. Sie lie� sich gegen den kalten Fels sinken. Ersch�pft holte sie ihr Seil ein, rollte es zusammen und legte es neben sich. Hier oben gab es keine M�glichkeit, es zu befestigen. Sie war tot, so wie Kalf und all die anderen.</p><p>Unten im Tal waren die Reiter von Trollen umzingelt. Das Heer hatte sich aufgel�st. Nur einzelne, kleine Gr�ppchen leisteten noch Widerstand.</p><p>Dunkle Sturmwolken vertrieben das Licht vom Himmel. Nur weit im Westen leuchtete es noch blau zwischen zwei Berggipfeln.</p><p>Es gab keinen Weg hinauf und keinen Weg hinab. Sie w�rde hier sitzen und erfrieren. Ihr Vater w�rde nicht lange warten m�ssen, bis sie ihm in Norgrimms Hallen folgte, um mit ihm gemeinsam an der Festtafel des Kriegsgottes zu sitzen.</p></section><section><title><p>Die Trollstecher</p></title><p>Endlich! Das Hornsignal zum Angriff war eine Erl�sung. Das Warten, das Lauschen auf den Kampfl�rm und die Todesschreie hatten Ulric aufgew�hlt wie nichts zuvor in seinem Leben. Unt�tig bleiben zu m�ssen, war eine Qual. Und dass er nicht einmal sehen konnte, was geschah, machte es noch schlimmer.</p><p>Erleichtert gab er seinem Braunen die Sporen. Wie ein Mann setzten sich die Reiter in Bewegung. Eingebettet in einen riesigen Leib aus Pferden und Kriegern, f�hlte er sich wie ein Teil Norgrimms, des Kriegsgottes.</p><p>Vielleicht war er nur der kleine Finger oder sogar nur der Nagel des kleinen Fingers, doch das war gleich, denn er geh�rte zu der Faust, die nun nach ihren Feinden schlagen w�rde. Unnachgiebig und unbesiegbar wie eine Gottesfaust.</p><p>Das Trommeln der Hufe lie� den Boden erbeben. Verharschter Schnee wurde aufgew�hlt und spritzte ihm bis ins Gesicht.</p><p>Immer lauter wurde das Donnern der Hufe. Die Reiter str�mten �ber den Rand der Bodensenke hinweg. Ein St�ck links strauchelte ein Pferd und wurde samt Reiter hinabgezogen in die Woge aus Fleisch und Stahl.</p><p>Ulric senkte seine Lanze. Noch etwas mehr als hundert Schritt. Die Schlachtreihen der Trolle waren auseinander gerissen, als sie durch die L�cken in der Speertr�gerformation gebrochen waren. Jetzt waren sie leichte Beute.</p><p>Noch f�nfzig Schritt. Ihre Feinde waren so gro�, dass sie den Reitern fast auf Augenh�he begegneten. Und er sah Angst in ihren Augen. Was f�r eine Genugtuung! Es gab etwas, wovor sie sich f�rchteten!</p><p>Zu seiner Linken ritt sein Vater! Ein ganzes Leben hatte er diesen Augenblick herbeigesehnt. Er war ein alter Mann geworden, bis er noch einmal Gelegenheit bekommen hatte, in einer gro�en Schlacht gegen die alten Feinde anzutreten. Ulric war skeptisch gewesen, ob es klug war, den Elfen in ihren Krieg zu folgen, doch in diesem einen, g�ttlichen Augenblick waren alle Zweifel vergessen. Dies allein schon war es wert gewesen zu leben!</p><p>�F�r Kadlin!�, schrie Bj�rn, der dicht neben ihm ritt.</p><p>Die Trolle, die am weitesten durch die Linien gebrochen waren, drehten sich um und suchten ihr Heil in der Flucht. Doch es war unm�glich, der Front von Reitern zu entkommen. Hinter ihnen versperrten ihnen die K�mpfenden den Weg. Das enge Tal wurde zur Todesfalle.</p><p>Ulrics Lanze traf einen der Trollkrieger dicht unter dem Nacken. Es war, als sei er gegen einen Felsen angeritten. Der Schaft der Waffe zersplitterte. Er lie� das nutzlose St�ck Holz fallen und sah, wie der Troll trotz seiner m�rderischen Wunde versuchte, im Schnee davonzukriechen. Dann verschwand er unter der Masse der Hufe.</p><p>Die Reiter hielten sich so dicht beieinander, dass sich fast ihre Knie ber�hrten. Sie waren wie eine Lawine, die einen Abhang hinabdonnerte.</p><p>Ulric zog seinen Trollstecher aus dem Holster am Sattel, eine dreikantige Eisenstange, die in einer m�rderischen Spitze auslief. Das andere Ende war wie ein Schwertgriff geformt. Sie ma� mehr als einen Schritt, war schwer und unhandlich. Ihr einziger Zweck bestand darin, die Wucht der Attacke nutzend, in einen Trollleib getrieben zu werden.</p><p>Unmittelbar vor ihnen k�mpfte ein Haufen Stangenbeiltr�ger. Die Trolle hatten die M�nner so dicht zusammengedr�ngt, dass sie ihre wuchtigen Beile nicht mehr schwingen konnten.</p><p>�Firnstayn!�, schrie einer der Reiter, und sofort nahmen Dutzende seinen Schlachtruf auf.</p><p>�Firnstayn!�, schrie auch Ulric, als sie in die Reihen der Trolle prallten. Pferde kreischten. Der Prinz hatte den Trollstecher weit vorgestreckt gehalten. Die Wucht des Aufpralls riss ihm die Waffe aus der Hand. Im Get�mmel konnte er nicht richtig sehen, wo er den Gegner getroffen hatte. Sein Brauner b�umte sich auf. Die Hufe trommelten auf den Troll vor ihm.</p><p>Bj�rns Stute wurde zu Boden gerissen, und Lambis Sohn verschwand im Gew�hl �bereinander st�rzender Leiber.</p><p>Pl�tzlich l�ste sich das Kn�uel aus Menschen und Trollen. Die h�nenhaften Gegner fl�chteten. Ulric riss an den Z�geln seines Braunen. Die Fu�k�mpfer stachen mit den langen Dornen an ihren Stangenbeilen auf die gest�rzten Trolle ein.</p><p>Die Mauer der Reiter war zerbrochen. Einzelne setzten den fliehenden Trollen nach. Ulric lie� das Gemetzel hinter sich und folgte den Fl�chtenden. Seine H�nde waren voller Blut. Er f�hlte sich wie in einem Traum. Alles erschien ihm seltsam unwirklich. Ein Leben lang war er daf�r ausgebildet worden, als Krieger in einer solchen Schlacht zu k�mpfen. Und doch hatte ihn nichts von all dem, was er gelernt hatte, auf diesen Tag vorbereitet.</p><p>Er zog sein Schwert, hob es hoch, die Spitze leicht nach vorn gesenkt. Er trieb den Braunen voran. Das Pferd und ein fl�chtender Troll lieferten sich ein Rennen. Die Hufe zerw�hlten den Schnee, den die K�mpfe in blutigen Schlamm verwandelt hatten. Der Troll sah sich nach ihm um. Nackte Angst lag in seinem Blick. Er strauchelte �ber einen Toten.</p><p>Im Augenblick des Stolperns war Ulric neben ihm. Ohne seinen Braunen zu z�geln, lie� er den Schwertarm fallen und beschrieb einen R�ckw�rtsschwung. Die schwere Klinge traf mit voller Wucht in etwas, das unter dem Hieb splitterte. Es f�hlte sich an wie ein Spalteisen, das durch Holz fuhr. Ulric blickte nicht zur�ck.</p><p>Die Ebene vor ihm war voller Trolle. Es mussten hunderte sein. Der Reiterangriff hatte l�ngst seine m�rderische Kraft verloren. Ihre Formation war zerbrochen. Einzeln wirkten die Berittenen zwischen den Trollen nun nicht mehr so unbesiegbar.</p><p>Wieder �berholte Ulric einen Fl�chtenden und lie� sein Schwert in t�dlichem R�ckhandschlag niedersausen.</p><p>Doch es waren zu viele. Sie konnten die Trolle nicht besiegen. Und kein Zeichen verriet die Ankunft der Elfen im R�cken der Feinde. In der Ferne konnte er die dunkle Felsnadel der Nachtzinne sehen. Sie wurde eins mit den schwarzen Wolken, die das Blau des Himmels ausl�schten.</p><p>Mit einem Schrei sprang ein Troll auf, der sich tot gestellt hatte. Er packte seinen Braunen um den Hals wie ein Ringer. Der gro�e Hengst wurde zu Boden gerissen. Ulric schaffte es gerade noch, die F��e aus den Steigb�geln zu bekommen. Vom Sturz benommen, tastete er im Schnee nach dem Schwert. Er hatte es fallen lassen.</p><p>Der Troll h�mmerte mit seiner Keule auf den Sch�del des Pferdes ein. Das Knirschen, das den Treffern folgte, ging Ulric durch Mark und Bein. Der gro�e Hengst stie� einen schrillen Laut aus. Nie hatte er ein Pferd so wiehern h�ren. In Ulrics Ohren klang es wie eine Anklage. Mit einem letzten langen Seufzer wich die Luft aus den Lungen des gro�en Hengstes. Noch immer schlug der Troll auf das tote Pferd ein. Er war ein wenig kleiner als die anderen Krieger, die Ulric bisher begegnet waren. Bauch, Brust und Gesicht waren mit Pferdeblut bespritzt.</p><p>Der Prinz zog den Elfendolch, den Ollowain ihm einst geschenkt hatte. Die Waffe wirkte l�cherlich klein im Vergleich zu dem tobenden Troll. Doch der Krieger beachtete ihn gar nicht. Unabl�ssig hieb er auf das tote Pferd ein und stie� dabei grobe Laute wie Fl�che aus.</p><p>Ulric umrundete den Troll und stach ihm die Waffe in die Kniekehle.</p><p>Jetzt erst erwachte der Kerl aus seiner blinden Raserei. Stolpernd machte er einen Schritt nach vorne und brach in die Knie. Den Kopf in den Nacken gerissen, stie� er einen schrillen Schrei aus. Ulric sprang vor, wechselte den Griff und rammte dem Troll den Dolch ins Ohr. Der Schrei des jungen Kriegers brach abrupt ab. Wie von einem Blitzschlag gef�llt, kippte er nach vorne. Der Elfendolch war ihm bis zum Heft in den Sch�del gedrungen.</p><p>Mit einiger M�he befreite Ulric die Waffe, als ihn ein Schlag in den R�cken traf. Er st�rzte �ber den Toten hinweg. Ein riesiger Trollkrieger stand hinter ihm und hatte ihm einen Sto� mit dem Schild versetzt. Der Kerl schrie ihn an und deutete auf den Toten. Machte er ihm Vorw�rfe?</p><p>Der Troll hielt einen Kriegshammer in der Rechten. Der Hammerkopf war aus dunklem Granit und gro� wie ein Wolfssch�del. Ulric hob den blutigen Dolch, bereit f�r seinen letzten Kampf.</p><p>Der Troll spuckte ihm voller Verachtung eine Lawine grunzender Laute entgegen. Dann deutete er mit seinem Kriegshammer zur Seite. Dort lag das Schwert K�nig Osabergs im Schnee.</p><p>Ulric lie� den Krieger nicht aus den Augen, als er sich nach der Waffe b�ckte. Hatte der Troll entschieden, dass ein Dolch keine angemessene Waffe f�r den Kampf gegen ihn sei? Als der H�ne keinerlei Anstalten machte, �berraschend �ber ihn herzufallen, f�hlte sich Ulric zutiefst besch�mt. Der Troll verhielt sich ritterlicher, als er es getan hatte. Den jungen Krieger, der sein Pferd get�tet hatte, hatte er einfach niedergemacht. Traurig dachte Ulric an die Lektionen �ber Ehre, die sein Vater ihn gelehrt hatte, vor so langer Zeit, in dem letzten Herbst mit Mutter und Kadlin. Er hatte sich weit von jenem Weg entfernt, auf den Alfadas ihn einst f�hren wollte.</p><p>Ulric hob das Schwert vor dem Troll zum Fechtergru�. Sein Gegner runzelte �rgerlich die Brauen. Er betrachtete ihn wohl nicht als einen ehrenhaften Krieger. Von einem Troll verachtet zu werden, trieb Ulric die Schamesr�te ins Gesicht.</p><p>Der H�ne ging zum Angriff �ber. Langsam, ohne Hast, siegessicher. Mit Schildst��en dr�ngte er Ulric vor sich her.</p><p>Bald ging Ulrics Atem sto�weise. Der Bastard von einem Troll war ein au�ergew�hnlicher Krieger. Immer wieder versuchte der Prinz, am Schild seines Gegners vorbeizukommen, doch dieser bewegte sich mit t�dlichem Geschick.</p><p>Nur selten schwang er seinen riesigen Kriegshammer, um Ulric zu einem hastigen Satz zu zwingen. Zweimal schon war der Prinz dabei gest�rzt. Jedes Mal war der Troll einen Schritt zur�ckgetreten und hatte ihn wieder aufstehen lassen.</p><p>Ulric war fast am Ende seiner Kr�fte. Der blutige Schneematsch griff gleich Krallenh�nden nach seinen F��en. Was wollte der Troll? Der Kerl h�tte ihn l�ngst t�ten k�nnen.</p><p>Wieder wich Ulric vor einem Schildsto� zur�ck. Der Krieger dr�ngte ihn immer weiter bis zur Steilklippe, die das Schlachtfeld im Osten begrenzte. Hier wurde nicht gek�mpft. Nur ein einzelner anderer Troll war hier, doch er beachtete sie nicht. Er suchte etwas zwischen den scheunengro�en Felsbl�cken am Fu� der Klippe.</p><p>Der H�ne dr�ngte Ulric unter einen Felsvorsprung. Die Flucht war zu Ende. Noch weiter zur�ckzuweichen war unm�glich. Ein Schrei lie� den Troll aufblicken. Ein Krieger st�rzte aus der Steilwand und schlug ganz in der N�he in eine Schneewehe.</p><p>Ulric machte einen verzweifelten Ausfall, doch mit seinem t�rgro�en Schild wehrte der Troll ihn m�helos ab. Er dr�ngte ihn zur�ck gegen die Felswand. Und jetzt begriff Ulric, was der Kerl vorhatte. Er wollte ihn mit seinem riesigen Schild an der Felswand zerquetschen, wie man eine Laus zwischen den N�geln von Daumen und Zeigefinger zerquetschte.</p><p>Noch einmal st�rmte er gegen den Troll an. Ein Fu�tritt lie� ihn zur�ck gegen die Felswand taumeln.</p><p>Pl�tzlich brach der Trollkrieger zusammen, der ein St�ck entfernt zwischen den Klippen nach etwas suchte.</p><p>Ulrics Gegner blickte hoch und stie� einen zornigen Fluch aus.</p><p>Wie eine g�ttliche Strafe fuhr ein Pfeil vom Himmel herab und stie� dem Krieger in den offenen Mund.</p><p>Zu ersch�pft, um seinem unbekannten Retter auch nur einen Dank zuzurufen, lie� sich Ulric zu Boden sinken. Er dachte an Halgard und Blut. Lebte der Hund noch? Halgard hatte darauf bestanden, an dem Kriegszug teilzunehmen. Und sie hatte auch den Hund mitgenommen. Verfluchte Holzpuppen! Sie hatten sie zu Sklaven gemacht.</p><p>Der Wind wehte Schnee von der Klippe hinab. Prickelnd traf er Ulric ins Gesicht. Er blickte zum Schlachtfeld. Nur eine Meile entfernt war das Lager ihres Heeres. Ob die Trolle es schon erreicht hatten?</p><p>Ein r�chelnder Laut riss den Prinzen aus seinen Gedanken. Finsternis verschlang das Schlachtfeld. Der Sturm war heran. Feine Schneeflocken peitschten vom Himmel herab. Ulric tastete sich zwischen den Felstr�mmern hindurch. �berall lagen Tote, zerschmettert auf den scharfkantigen Steinen. Elfen wie Menschen starrten mit leeren Augen in den schwarzen Himmel. Der Tod hatte sie alle gleichgemacht.</p><p>Endlich fand er den st�mmigen alten J�ger, der mit Kadlin nach Firnstayn gekommen war. Kalf. Er lag in einer Schneewehe. Sein rechter Arm bewegte sich auf und ab wie ein Ast im Wind.</p><p>Ulric kniete sich neben den J�ger. Eine H�lfte von Kalfs Gesicht war blutig zerrissen. Durch die offene Wange konnte man seine Z�hne sehen. Er stie� einen gurgelnden Laut aus.</p><p>�Ich wei�, wer sie ist�, sagte Ulric leise.</p><p>Die Augen des J�gers weiteten sich. Es war schwer, in seinem verw�steten Gesicht ein Gef�hl abzulesen. War er erschrocken oder erleichtert? Sein Mund �ffnete sich.</p><p>Wieder sprudelten unverst�ndliche Laute hervor. Jetzt sah Ulric die Zunge des Mannes oder besser das, was davon noch �brig war. Er musste sie sich abgebissen haben, als er beim Sturz gegen die Felsen geschlagen war.</p><p>�Warum ist meine Mutter mit dir gegangen? Warum hat sie mich und meinen Vater im Stich gelassen? Warum hast du sie mir gestohlen?�</p><p>Kalf stammelte etwas Unverst�ndliches. Blut quoll von seinen Lippen.</p><p>�Wo ist sie jetzt? Wohin hast du Asla gebracht?�, rief Ulric zornig. Nachdem Halgard ihn darauf gesto�en hatte, wer die junge, rothaarige J�gerin wirklich sein musste, hatte Ulric eigentlich beschlossen, die Sache auf sich beruhen zu lassen, aber jetzt brachen all sein Zorn und seine Trauer aus ihm heraus. Vor ihm lag der Mann, der all seine Fragen h�tte beantworten k�nnen. Und er war im Begriff zu sterben.</p><p>�Hat meine Mutter dich geliebt?� Kalf schloss kurz die Augen und �ffnete sie wieder. Sollte das ja hei�en? Oder war es Verlegenheit? Es war sinnlos, ihn nach etwas zu fragen! Schaumiges Blut quoll �ber Kalfs Lippen. Er versuchte sich aufzusetzen, aber seine Kr�fte reichten dazu bei weitem nicht mehr aus. �Kah ...len ... Kah ...linn!�, stammelte er.</p><p>�Kadlin?�</p><p>Der J�ger verdrehte die Augen, als wolle er zu jemandem blicken, der hinter ihm stand. Doch da war nur die Steilklippe.</p><p>�Meinst du Kadlin? Was ist mit ihr?� Kalf antwortete nicht mehr.</p><p>�M�gen die G�tter dir gn�dig sein.� Ulric strich dem Toten mit der Hand �bers Gesicht. Schnee fiel auf den J�ger herab.</p><p>Bald wird uns der Winter alle unter sein wei�es Leichentuch gebettet haben, dachte der Prinz. Wer den Trollen entging, den w�rde Firns Atem t�ten. Fr�stelnd rieb er sich die Arme und wusste doch, dass er die K�lte nicht w�rde vertreiben k�nnen.</p><subtitle>Das Leichenfeld</subtitle><cite><p>... Zwei Stunden hatte ich mir Zeit gelassen, bis ich es wagte, gegen den Befehl zu versto�en. Elodrin und auch sein Navigator Landal bef�rchteten, dass es auf der Nachtzinne Kriegsmaschinen geben k�nnte, um Schiffe an der Mole und in der Bucht anzugreifen. Orgrim war der einzige Troll, dem sie zutrauten, solche Vorsichtsma�nahmen zu ergreifen. W�re ich doch mutiger gewesen! Jeder Atemzug, den ich z�gerte, kostete zehn Menschenleben. Elodrin wollte ein Lichtzeichen geben, sobald die Nachtzinne gest�rmt war. Ein leuchtend roter Stern sollte in den Himmel steigen. Er glaubte, es werde im schlimmsten Fall zwei Stunden dauern, die Besatzung der Nachtzinne zu �berrumpeln und alle wichtigen Verteidigungsstellungen zu besetzen. Zwei Stunden lie� ich dar�ber hinaus verstreichen. Ein Schneesturm war aufgezogen. In seinem Schutz brachten wir die Schiffe zur Mole und gingen an Land. Die Tore der Nachtzinne fanden wir fest verschlossen. So befahl ich, in jenes Tal vorzusto�en, in dem wir uns mit dem Heer der Menschen vereinen wollten.</p><p>Welch ein Grauen erwartete uns! Trotz des Sturms hatte ein Teil der Trolle schon mit, dem Leichenschmaus begonnen. Einige k�mpften noch; verzweifelt verteidigten die Menschen ihr Lager. Die Tolle waren so �berrascht von unserer Ankunft, dass wir viele niederstreckten, bevor sie �berhaupt zu den Waffen greifen konnten. Die �brigen flohen in die Berge. Wir setzten ihnen nicht nach. Ich wei�, es geh�rt zu den Gesetzen des Krieges, dass der Sieger den Druck gegen den fliehenden Feind aufrechterhalten soll. Doch ich wollte auf keine Hand verzichten, die mithelfen konnte, jene wenigen Menschen zu bergen, die noch zu retten waren. Viele Verwundete, die auf dem Schlachtfeld zur�ckgeblieben waren, hatte die K�lte get�tet.</p><p>Der Tod hatte eigent�mliche Muster auf jenem Feld gewoben, das wir ihm zu so reicher Ernte bestimmt hatten. Dort, wo die Krieger bis zuletzt gek�mpft hatten, lagen sie in Haufen, umgeben von erschlagenen Trollen. Halb vom Schnee begraben waren es gro�e, abstrakte Blumen. Der Kreis der toten Trolle waren die Bl�tenbl�tter, die erschlagenen Menschen aber waren das Herz der Bl�te. Die Fl�chtenden waren allein gestorben. Zusammengekr�mmt lagen sie jeder f�r sich, wo der Feind und der Tod sie gleicherma�en eingeholt hatten. Und noch einmal anders war die Spur des Reiterangriffs. Wie eine Lawine war er durch die Spitzen des Trollangriffs gebrochen und hatte alles mit sich gerissen, bis er an Kraft verlor und zuletzt aufgehalten wurde.</p><p>Es waren wenig mehr als f�nfhundert Menschen, die wir dem Leichenfeld entrei�en konnten, und kaum einer war dem Schrecken der Schlacht ohne Wunden entkommen. Jene von uns, die von Anfang an dabei waren, werden wohl f�r immer ein anderes Bild von den M�nnern und Frauen des Fjordlands haben. Sie haben nicht unser Geschick und unsere Kunstfertigkeit im Umgang mit Waffen. Wenn vier von ihnen sich einem Troll stellen, dann werden drei davon mit dem Leben bezahlen, bevor das Ungeheuer vielleicht bezwungen ist. All jene, die gern abf�llig �ber Menschen sprechen, fordere ich auf, daran zu denken, wie viel Mut es erfordert, sich solchen Gegnern zu stellen und nicht zu weichen. Wir, die wir als ausgebildete Elfenkrieger darauf hoffen d�rfen, sogar allein in einem Kampf mit einem Troll bestehen zu k�nnen, werden diesen verzweifelten Mut niemals ermessen k�nnen.</p><p>Nie werde ich vergessen, wie mir der stolze Fingayn aus dem Sturm entgegenwankte. Selbst am Ende seiner Kr�fte, trug er ein rothaariges Menschenm�dchen in den Armen, dem vom Frost fast die Seele entrissen worden war. Der sonst so Schweigsame, der sich gern den Blicken entzieht, stammelte von ihrem Mut und ihrem Geschick, unf�hig, einen Satz mit einem Anfang und einem Ende hervorzubringen. Yilvina, die viele f�r die Meistersch�lerin Ollowains hielten, stand breitbeinig vor einem Mann ohne Nase, der seinen Sohn betrauerte und das K�mpfen aufgegeben hatte. Verletzt war sie umringt von toten Trollen und bot, als wir sie fanden, noch immer dreien von ihnen die Stirn, statt den h�sslichen Kerl und den Toten ihrem Schicksal zu �berlassen.</p><p>Wir brachten die Menschen zu unseren Schiffen, da �ffneten sich die Tore der Nachtzinne. Und heraus trat Elodrin und war wie eine Missgeburt des Krieges anzusehen. Nackt, wie er einst aus dem Scho� seiner Mutter gekommen war, stand er im Tor, mit Blut beschmiert, in jeder Hand ein Schwert. Sein wei�es Haar klebte ihm in roten Str�hnen am Kopf, und in seinen Augen funkelte der Wahn, der manche bef�llt, die das T�ten zu sehr lieben.</p><p>Er und seine Kriegerschar hatten Stunden gebraucht, um sich einen Weg durch die mit Steinen verf�llten Tunnel zu bahnen, von denen er sich einen so einfachen Weg ins Herz der Festung versprochen hatte. So fanden wir also zuletzt doch Zuflucht in der Nachtzinne.</p><p>Elodrin hatte hunderte Gefangene gemacht, denn wie sich zeigte, hatte Orgrim alle Weiber und Welpen � wie die Trolle ihre Kinder nennen � in die st�rkste Festung der Trolle befohlen. H�tte ich geahnt, welch sch�ndlichen Verrat Elodrin an ihnen und auch an den Menschen plante, ich h�tte den F�rsten get�tet, als ich ihn durch das Tor schreiten sah. Jetzt, so viele Jahre sp�ter, f�llt es mir schwer zu begreifen, warum ich das deutliche Bild nicht verstand, als er mir unter dem Tor entgegentrat, nackt und blutbedeckt.</p><p>Alles, was einen ehrenhaften Herrscher ausmacht, war von ihm abgefallen. Doch in jener st�rmischen Nacht war ich froh, dass er das Tor zur Nachtzinne �ffnete und allen Zuflucht vor dem W�ten des Winters gab, denn f�r das W�ten in seinem Herzen blieb ich blind, bis es zu sp�t war, das Verh�ngnis abzuwenden....</p><text-author>Aus: Der Blick des Falken, s. 1304,</text-author><text-author>Die Lebenserinnerungen von Fenryl, Graf von Rosenberg</text-author></cite></section><section><title><p>Der Weg der Gr�ber</p></title><p>Er flog mit Leylin hoch am Himmel. Die Sonne schien zum Greifen nahe. Wie ein gr�nes Meer wogten die Fr�hlingsweiden des Windlands unter ihnen. Er lachte, Eisfeder und Wolkentaucher schrieen ihre Freude in das weite Blau. Leylin rief seinen Namen. Pl�tzlich war sie verschwunden. Von einem Augenblick zum anderen war der Himmel mit Sturmwolken bedeckt. Wind peitschte ihm ins Gesicht. Er rief seine Liebste. Der b�ige Wind zupfte an Wolkentauchers Gefieder. Seine Fl�gel schlugen unregelm��ig. Unstet flatternd glitt er in weiten Kreisen den Bergen unter ihnen entgegen. Etwas spritzte Melvyn ins Gesicht. Blut! Im linken Auge des Adlers steckte ein Pfeil! Er starb! Wer hatte sie angegriffen? Pl�tzlich f�llte ein Gesicht, verdeckt von einer wei�en Maske, den ganzen Himmel aus.</p><p>Melvyn schrak hoch. Er war schwei�gebadet. Seine Augen ... Er war gefangen in Finsternis. Er hatte die Augen doch offen? Da war etwas auf seinem Gesicht! Er wollte die Arme heben. Etwas stimmte nicht mit seinen H�nden! Sie waren ... Die Finger. Wo waren seine Finger? Alles war ganz taub. Und da war immer noch das seltsam flatternde Ger�usch.</p><p>�Ich glaube, er ist wach�, fl�sterte eine vertraute Stimme. �Er hat uns reich gemacht, unser Hauptmann. Wir wussten doch, dass ihn nichts umhaut. Der kommt wieder hoch.�</p><p>Melvyn versuchte sich zu erinnern, woher er die Stimme kannte. Wo war er hier? Was war ... Die Gestalt mit der wei�en Maske! Nie hatte er gegen einen so wendigen und geschickten Krieger gek�mpft.</p><p>�Bin ich tot?�</p><p>�Nein, nein, Hauptmann. Dann h�tten wir ja verloren. Es w�re sehr nett, wenn du wieder so richtig auf die Beine k�mst, dann verdoppelt sich unser Gewinn n�mlich, vorausgesetzt, du schaffst es innerhalb von zehn Tagen, nachdem du zu dir gekommen bist, dein Krankenlager zu verlassen.�</p><p>�Misht?� Melvyn hob die Arme an, um nach seinem Gesicht zu tasten. Sengender Schmerz meldete sich in seiner Schulter. Er biss die Z�hne zusammen. Er sp�rte das Gewicht seiner H�nde auf seinem Gesicht, aber mit den Fingern konnte er nichts ertasten. Es war, als seien sie gar nicht da!</p><p>�Das solltest du nicht tun, Hauptmann!�</p><p>�Was ist mit mir passiert?�</p><p>�Wir hatten gehofft, dass du uns das erz�hlen k�nntest�, antwortete der Kobold. �Du warst auf dem Leichenschmaus f�r Orimedes irgendwann verschwunden. Als man dich gefunden hat, hast du ausgesehen, als h�tte ein ganzer Minotaurenclan eine Nacht lang einen seiner seltsamen H�pft�nze auf dir veranstaltet. Ein Arm war ausgekugelt und obendrein noch gebrochen, du warst fast erfroren, und dein Gesicht .... Reden wir lieber nicht dar�ber.�</p><p>�Was ist damit?�, herrschte ihn Melvyn an.</p><p>�Wirklich, Hauptmann ... Manche Dinge muss man nicht wissen.�</p><p>�Du wirst mir jetzt den verdammten Verband abnehmen und mir sagen, was mit meinen Fingern ist.�</p><p>�Das darf ich nicht. Und deine Finger ... Tja, die wirst du ... Wie soll ich sagen ... Es ist gut, dass du mit den Krallen in deinen Armschienen k�mpfst. Du wirst Schwierigkeiten haben, etwas zu halten.�</p><p>Melvyn schnappte nach Luft. �Sind sie ... Hat er mir die H�nde abgeschnitten?�</p><p>�Nein!� Man h�rte Mishts Stimme die Verwunderung an.</p><p>�Also wie kommst du denn darauf? Deine Armschienen sind fort. Wer immer dich so zu zugerichtet hat, war ein ziemlicher Metzger. Er hat sich recht ungeschickt dabei angestellt, dir die Armschienen abzunehmen. Er hat sie mit einem Messer abgeschnitten und dabei ein ziemliches Gemetzel an deinen Unterarmen und H�nden angerichtet. Es ist alles zerschnitten: Adern, Sehnen, Muskeln, Nerven. Aber Artaxas hat es wieder gerichtet. Er war ziemlich teuer, der Mistkerl. Hat einen Anteil an unseren Wettgewinnen gefordert. Er musste wohl allen m�glichen Kram kaufen. Kr�tenfett und anderes Dreckzeug, das Heiler so brauchen ... Egal! Er sagt, du wirst wieder greifen k�nnen. Und er meint, dass du ein ziemliches Gl�ckskind bist. Das fand die Heilerin auch, die er zwischendurch angeschleppt hatte. War ganz hin und weg, die Gute.� Der Kobold lachte. �Selbst wenn du bewusstlos bist, liegen dir die Weiber zu F��en. So gut m�ssten wir es auch mal haben. Bei uns ist es genau anders herum. Da m�ssen die Weiber bewusstlos sein, damit sie uns zu F��en liegen.� Melvyn versuchte sich aufzurichten, gab es aber sofort wieder auf, als sich erneut der stechende Schmerz in seiner Schulter meldete. Jetzt erklang wieder das flatternde Ger�usch. Kurz, abgehackt. Wie das hilflose Flattern eines Vogels mit einem gebrochenen Fl�gel.</p><p>�Ich kann nicht erkennen, welch ein Gl�ck ich gehabt haben sollte.�</p><p>�Das hat mit der K�lte zu tun. Du bist zwar fast erfroren, aber deshalb haben deine Wunden an den Armen nicht so stark geblutet. Hab nicht alles behalten, was die sich da erz�hlt haben. Irgendwas hat sich bei dir zusammengezogen. Die Schnitte, die Adern ... W�re das nicht gewesen, w�rst du wohl ausgelaufen wie �ne angeschlagene Weinamphore. Leider hattest du ein paar Erfrierungen, zusammen mit der Prellung sahst du aus, als h�tte man dein Gesicht �ber �ne Farbpalette gerieben. Du hast...�</p><p>�Danke, es reicht.�</p><p>�Du hast es doch wissen wollen�, entr�stete sich Misht. �Ich h�tte dir das niemals erz�hlt. Aus einer Sache werde ich allerdings nicht schlau. Der Kerl, der dich niedergemacht hat, der hat dir sein Schwert mit der Breitseite gegen den Kopf gehauen. Muss ein Schlag gewesen sein, der einen B�ffel von den Beinen geholt h�tte. H�tte er die Klinge nur ein wenig gedreht und mit der Schneide auf dich eingeschlagen, dann h�tten wir dich neben Orimedes in diesen H�gel legen k�nnen. Du ...�</p><p>Melvyn h�rte nicht mehr zu. Der Grabh�gel! Damit hatte es angefangen. Das B�ffelblut. Und das viele B�ffelfleisch, das die Lutin an die G�ste des Begr�bnisses verschenkt hatten. Jetzt fiel ihm alles wieder ein. �Wo steckt Nestheus? Ich muss ihn sofort sprechen. Und mach mir den albernen Verband vom Kopf! Ich will sehen, wo ich bin!�</p><p>�Na, kaum bei Bewusstsein und schon wieder gro�e T�ne spucken, Hauptmann!�, ert�nte ein tiefer Bass. �Das haben wir gerne.�</p><p>�Artaxas?�</p><p>Glei�endes Licht stach in Melvyns Augen. Verschwommen nahm er das b�rtige Gesicht des Lamassu wahr. Der Kerl grinste geh�ssig. �Na, das tut gut, was?�</p><p>�Hol mir Nestheus!� Melvyn hielt die Augen zusammengekniffen.</p><p>�So, so, du hast also lieber einen Pferdearsch am Bett stehen als einen Stierarsch. Damit, dass du dich bedanken w�rdest, hatte ich ja nicht gerechnet. Aber das ist schon ein starkes St�ck. Dein R�sslein ist vor der Stadt Kentauren scheuchen.�</p><p>�Vor der Stadt?� Er riss die Augen auf. Jetzt erkannte er eine rissige Lehmwand. Und ein Fenster, vor das eine gelbe Plane gespannt war, die nur wenig Licht hindurchlie�. An einem Ende hatte sich die Verschn�rung gel�st, und der Stoff machte ein flatterndes Ger�usch, wenn sich der Wind darunter verfing. Es war nicht sehr hell in der Kammer. Dennoch schmerzten seine Augen, als w�re er aus einer H�hle in grelles Mittagslicht getreten. �Es stand wohl ziemlich schlecht um mich�, sagte er kleinlaut.</p><p>�Ziemlich schlecht ist ziemlich untertrieben. Dein gesch�ftst�chtiger Koboldfreund hat mit dem halben Heer gewettet, dass du �berleben w�rdest. Zuletzt stand die Quote achtzehn zu eins gegen dich. Wenn du dich jetzt freundlicherweise bequemen w�rdest, in zehn Tagen wieder auf die Beine zu kommen, um damit den Gewinn noch einmal zu verdoppeln, werden sie eine mittelgro�e Stadt pl�ndern m�ssen, um ihre Wettschulden zu bezahlen. Ach ja ... Wir sind in Talsin. Noch, denn alles, was Beine hat, verl�sst die Stadt, und auch wir werden morgen weiterziehen.�</p><p>�Talsin! Und wo sind die Trolle?�</p><p>�Vielleicht vier- oder f�nfhundert Meilen n�rdlich. Aber ich w�rde vorschlagen, dass du erst einmal wieder zu Kr�ften kommst, bevor du dich aufs Neue in den Krieg st�rzt. Wie es scheint, hast du ja deinen Meister gefunden. Dem solltest du besser nicht noch einmal begegnen. Ich wei� nicht, ob dir klar ist, wie viel Gl�ck du hattest.� Artaxas war bei den letzten Worten deutlich lauter geworden. Sein Gesicht war jetzt fast kirschrot. �Wenn du glaubst, ich verbringe meine Tage damit, dich bei jeder Gelegenheit im Schnee aufzusammeln und m�hsam wieder hochzup�ppeln, dann hast du dich geirrt!�</p><p>�Ich wei�, wie wir sie aufhalten k�nnen ...�</p><p>�Du kannst dich nicht einmal auf den Beinen halten, aber du willst ein Heer von tausenden von Trollen aufhalten? Mir scheint, der Schlag vor deinen Kopf hat doch mehr Schaden angerichtet, als wir alle dachten. Leg dich jetzt hin, und ich decke dein Gesicht wieder ab.� Ein schmieriger Lappen schwebte auf Melvyn zu.</p><p>�Lass das! Hol Nestheus! Ich scherze nicht. Es sind die Gr�ber. Er soll eine Karte mitbringen!�</p><p>�Meine Mutter hat immer erz�hlt, Verr�ckten sollte man ihren Willen lassen, dann h�tte man den wenigsten �rger mit ihnen�, sagte Misht.</p><p>Der Lamassu stie� einen tiefen Seufzer aus. �Dann hol ihn her.� Er beugte sich �ber Melvyn. �Und bilde du dir nicht ein, du h�ttest deinen Dicksch�del durchgesetzt, Hauptmann. Ich habe Nestheus versprochen, ihn zu benachrichtigen, sobald du erwachst.�</p><p>�War ich lange bewusstlos?�</p><p>�F�nf Tage. Du solltest es jetzt wirklich nicht �bertreiben, mein Freund. Du warst dem Tode sehr nahe. �beranstrenge dich nicht.� Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. �Erwarte jetzt keine Gef�hlsduseleien von mir. Ich kann dich ja schlecht in den Arm nehmen oder dir einen freundschaftlichen Knuff geben. Mistkerl! Du hast uns ganz sch�n Sorgen gemacht. Wei�t du, wer drau�en auf dem Dach sitzt und auf deinen Atem lauscht, seit du hier liegst? Dein Oberadler. Der hat das ganze Viertel in Angst und Schrecken versetzt, weil sich die Kobolde hier unter seinen Blicken f�hlen wie M�use, denen gerade eine ausgehungerte Katze �ber den Weg l�uft. Leider kann ich Wolkentaucher schlecht hereinbitten. Aber wenn du das Licht vertragen kannst, dann befehle ich Misht, die Plane aufzukn�pfen, wenn er zur�ck ist.�</p><p>Melvyn r�usperte sich, um den Klo� loszuwerden, der ihm in den Hals gestiegen war. So aufgew�hlt hatte er Artaxas noch nie erlebt. Manche Gef�hle waren so stark und unm�nnlich, dass man sie schleunigst unter dummen Spr�chen begraben musste. Sie beide waren ziemlich gute Totengr�ber ihrer Gef�hle.</p><p>�Was f�r �nen Dreckslappen hast du denn auf mein Gesicht gelegt? Der stinkt, als h�tte man �nen Schweinestall damit ausgewischt.�</p><p>�Dein Dreckslappen hat mich sein Gewicht in Edelsteinen gekostet, du undankbarer kleiner Bastard. Der ist in Smaragdkr�tenfett getr�nkt und mit noch ein paar anderen wirklich widerlichen Sachen eingerieben, die geholfen haben, die Erfrierungen auf deinem Gesicht zu heilen. Du warst in deinem eigenen Blut festgefroren, als wir dich gefunden haben. Du sahst verdammt �bel aus ... Wer hat dich nur so zugerichtet?�</p><p>Melvyn zuckte mit der Schulter und bereute es augenblicklich, als der bohrende Schmerz sich wieder meldete. �Ich konnte den Kerl nicht gut sehen. Er trug eine wei�e Maske, und es ging alles sehr schnell. Ich glaube, ich habe ihn auch getroffen. Aber sicher bin ich mir nicht. Er war verdammt gut. Es war ein Elf! Ein Elf, der zu den Trollen �bergelaufen ist! Kannst du dir das vorstellen?�</p><p>Artaxas hob die Brauen. �Was haben die Trolle damit zu schaffen?�</p><p>�Das hat mit den H�gelgr�bern zu tun. Ich glaube, ich wei� jetzt, wie die Trolle es schaffen, ohne Proviant so schnell die Steppe zu durchqueren. Es hat mit den Lutin zu tun.�</p><p>�So, mit den Fuchsk�pfen?� Artaxas hatte einen Ton angeschlagen, als unterhalte er sich mit einem Kind, das ihm atemlos irgendwelche M�rchen erz�hlte. �Haben etwa auch die Bl�tenfeen und Faune damit zu tun? Die habe ich immer schon f�r besonders durchtrieben gehalten.�</p><p>�Du wirst sehen ...�</p><p>Der Lamassu beugte sich vor und k�sste ihn auf die Stirn.</p><p>�Bist du verr�ckt?�, rief Melvyn.</p><p>�Ich wollte f�hlen, ob du vielleicht Fieber hast. Du redest wirres Zeug! Fieber hast du keines. Offensichtlich hat der Schlag auf den Kopf doch mehr Schaden angerichtet, als ich zuerst angenommen hatte.�</p><p>�Du kannst mir ruhig ...�</p><p>�Wei�t du, dass wir hier nicht allein sind?�, unterbrach ihn Artaxas. �Glaubst du, ich kann dich aufrichten?� Der Lamassu wartete die Antwort erst gar nicht ab. Wie von Geisterhand wurde Melvyn emporgehoben. Die Felle, mit denen er zugedeckt gewesen war, rutschten herab. Es war kalt in der Kammer.</p><p>Seinem Lager gegen�ber stand ein Kinderbett. Undeutlich konnte er eine kleine, b�rtige Gestalt darin liegen sehen.</p><p>�Nossew?�</p><p>�Eine Patrouille von Caileens Reitern hat ihn siebzig Meilen s�dlich von Talsin gefunden�, erkl�rte Artaxas. �Er lag halb unter einem umgest�rzten Schlitten begraben. Der Frost hatte ihm �bel mitgespielt. Ich habe ihm drei Zehen und zwei Finger amputieren m�ssen. Die waren schon ganz schwarz geworden. Er wollte zu dir. Sobald wir ihn ein bisschen warm bekommen hatten, rief er immer wieder deinen Namen.�</p><p>Artaxas hatte Melvyn kraft seines Zaubers nun dicht neben das Lager des Kobolds gehoben. �Geht es dir gut?�, fragte er Nossew.</p><p>Der Kobold blinzelte, dann hob er matt eine Hand, ballte sie zur Faust und streckte den Daumen hoch.</p><p>Melvyn musste l�cheln. Der Armbrustsch�tze war noch nie sonderlich gespr�chig gewesen. �Du hast sie gefunden, nicht wahr?�</p><p>Nossew nickte.</p><p>�Wir werden sie holen gehen, sobald wir hier herauskommen.� Der Kobold stie� einen best�tigenden Grunzer aus. �Bin ich hier im Irrenhaus?�, emp�rte sich Artaxas. �Ihr beiden k�nnt nicht einmal aus eigener Kraft stehen und plant schon die n�chste Schlacht. Habt ihr erst genug, wenn man euch Arme und Beine abgehackt hat?�</p><p>�Warst du jemals verliebt, Artaxas?�</p><p>Nossew schnitt eine Grimasse.</p><p>�Der gr��te Teil von mir ist ein wilder Stier�, entgegnete der Lamassu, als sei damit alles beantwortet.</p><p>�Ich werde Leylin holen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Sie muss fort von diesem Irren. Er darf sie nicht noch l�nger qu�len. �Hast du Leylin gesehen, Nossew? Geht es ihr gut?�</p><p>Der Kobold breitete die H�nde aus. Es schmerzte Melvyn, die Fingerst�mpfe seines Gef�hrten zu sehen. Er wusste, dass Nossew eher ein Handwerker als ein Krieger war. Misht hatte ihm einmal erz�hlt, dass sie beide davon tr�umten, genug Gold zusammenzubekommen, um noch einmal eine Werkstatt aufmachen zu k�nnen.</p><p>�Wir werden diesen irren F�rsten bestrafen. Jedes Leid, das er zu verantworten hat, soll auf ihn zur�ckfallen. Jede Bosheit wird ihm heimgezahlt werden. Jedes ...�</p><p>�Deine Zunge scheint ja schon wieder ganz genesen zu sein�, klang es von der T�r. Ein Schattenriss f�llte den Rahmen. Nestheus trat ein. Der Kentaur trug eine geflickte Weste, das Haar hing ihm in wirren Str�hnen ins Gesicht, und er wirkte mehr wie ein �berm�deter Viehtreiber denn wie ein F�rst. Hinter ihm folgte Caileen in ihrer gr�nen, mit Gold beschlagenen R�stung. Die Elfe schien ein Strahlen zu umgeben. Ihr Haar war gerichtet, der Harnisch gl�nzte selbst im tr�ben Winterlicht. Zwei ihrer Krieger trugen eine Holztafel, Rollen mit Karten und eine kleine Truhe.</p><p>�Es ist Zeit, wieder ins Bett zu gehen�, verk�ndete Artaxas schmunzelnd und lie� Melvyn zu dessen Lager schweben. Misht, der mit den anderen gekommen war, zog ihm die Felldecken �ber die Beine.</p><p>Melvyn sch�mte sich ein wenig f�r seine Schw�che, genoss es aber, wieder im Warmen zu liegen. In der Luft zu h�ngen, den Launen seines Freundes ausgeliefert, hatte ihm zutiefst widerstrebt.</p><p>�Du �berraschst uns�, spottete Caileen freundlich. �Du kannst dich kaum von deinem Lager erheben und rufst schon einen Kriegsrat an dein Krankenbett, als seiest du hier der Oberbefehlshaber.�</p><p>Melvyn versuchte seine Gedanken zu ordnen, doch das Bild Leylins wollte nicht vor seinen Augen verschwinden. Er musste sie wieder finden. Das war wichtiger als alles andere. Unangenehme Stille machte sich breit. Alle sahen ihn an.</p><p>�Wei�t du, wer dich angegriffen hat?�, fragte Nestheus schlie�lich.</p><p>�Ein Elf ...� Er versuchte, seine Erinnerung an diese Winternacht wachzurufen, und doch waren es die Bilder einer ganz anderen, freundlicheren Nacht, die sich ihm aufdr�ngten. Die Erinnerung an den Adlerflug mit Leylin.</p><p>�Bist du ersch�pft?�, fragte Artaxas besorgt.</p><p>Melvyn sch�ttelte den Kopf. �Die Gr�ber ... Gibt es eine Karte, auf der ihr mir den Vormarsch der Trolle zeigen k�nnt?� Er musste sich zusammenrei�en. Er w�rde sich noch zum Gesp�tt aller machen! Und er brauchte ihre Hilfe, wenn er Leylin retten wollte.</p><p>Caileen winkte den beiden Kriegern. Sie stellten die Tafel ab und legten eine gro�e Karte des Windlands auf. Mit roter Kreide war eine Schlangenlinie auf das Pergament gemalt. Die Hauptrichtung des Vorsto�es f�hrte von Nord nach S�d. �Ist einem von euch der Sinn der Haken klar, die unsere Feinde immer wieder schlagen? Gibt es etwas, wovor sie ausweichen?�</p><p>Melvyn konnte in den Gesichtern lesen, dass sich die anderen diese Fragen auch schon ungez�hlte Male gestellt hatten, ohne befriedigende Antworten zu finden.</p><p>�Sie folgen dem Weg der Gr�ber�, erkl�rte er schlie�lich.</p><p>�Nestheus, kennst du auch die Grabh�gel der anderen Kentaurenv�lker?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Schon als Kind habe ich meinen Vater auf die Totenfeste begleitet.�</p><p>�Kannst du mir auf der Karte zeigen, wo entlang des Marschwegs der Trolle H�gelgr�ber liegen?�</p><p>Nestheus betrachte das Pergament. Pl�tzlich schnaubte er.</p><p>�Das ist verr�ckt. Jeder Haken, den sie schlagen, f�hrt zu einem H�gelgrab, als wollten sie unseren toten F�rsten und Kriegsherren huldigen.�</p><p>�Wovon man bei Trollen nicht ausgehen sollte�, mischte sich Caileen ein. �Was hat das zu bedeuten?�</p><p>�Habt ihr es geschafft, ihnen ihren Nachschub abzuschneiden, wie Ollowain es geplant hatte? Hungern die Trolle, und stirbt ihr Heer auf einem Todesmarsch durch die endlose Steppe?�</p><p>�Du wei�t, dass es nicht so ist�, stie� Caileen gereizt hervor.</p><p>�All unsere Pl�ne sind fehlgeschlagen. W�rdest du uns jetzt freundlicherweise an deiner Weisheit teilhaben lassen und dieses kindische Ratespiel beenden!� �Sie haben Vorratslager angelegt. Du hast mir gesagt, dass die Lutin die Baumeister eurer Grabh�gel sind. Ich selbst habe gesehen, wie ihre Zauber die toten F�rsten deiner Sippe sch�tzten. Ihr Fleisch ist so gut erhalten wie an dem Tag, an dem sie starben. Sie sind bereit, sich einst zur letzten Schlacht zu erheben. In der Gruft, in der dein Vater ruht, habe ich B�ffelblut gefunden, Nestheus, aber B�ffel gelangen dort niemals hinab. Wie kam das Blut dorthin?� Der Kentaurenf�rst zuckte mit den Schultern. �Das kann ich nicht erkl�ren.�</p><p>�Was haben die Lutin mit den Totenfeierlichkeiten deines Volkes zu tun?�</p><p>�Sie �ffnen die Grabh�gel und bereiten sie darauf vor, einem weiteren Toten zur Heimat zu werden. Nur sie k�nnen die magischen Siegel der Grabkammern �ffnen, ohne dass der Zauber, der die Toten erh�lt, Schaden nimmt. Sie richten auch den Leichenschmaus aus.�</p><p>�In der Schlacht am Mordstein hat man eine Schar von Lutin nahe dem Lager der Trolle gesehen. Ich glaube, die Fuchsk�pfe haben sich mit unseren Erzfeinden verb�ndet.�</p><p>�Warum sollten sie das tun?�, mischte sich Caileen ein. �Sie treiben schon immer mit jedem Handel, der ihre Dienste und Waren nachfragt. Nat�rlich kann man sie dann auch im Heerlager der Trolle antreffen. Aber ihre Gesch�fte k�nnen sie nur deshalb machen, weil sie sich nie auf eine Seite schlagen. Das ist nicht ihre Art.�</p><p>Melvyn lie� sich von dem Einwand nicht beirren. �Ich wei�, dass die Lutin in den letzten Jahren viele St�mme der Steppe reich gemacht haben. Sie haben gro�e B�ffelherden gekauft und mit ihrem Gold die Preise so sehr verdorben, dass kaum jemand anders noch Vieh kaufen mochte. Wei�t du, wohin sie das Vieh gebracht haben?�</p><p>�Was schert es mich, wohin das Fleisch ging. Sie haben gut gezahlt. Selbst wenn sie es an die Trolle weiterverkauft h�tten, w�re das doch egal. Die Trolle halten keine Viehherden. Sie schlachten sie und fressen.� Nestheus verstand ganz offensichtlich nicht, worauf er hinauswollte.</p><p>�Machen sich die Lutin manchmal an den Grabh�geln zu schaffen, wenn kein Begr�bnis bevorsteht?�</p><p>�Sie pflegen die Gr�ber. Manchmal kommen sie, um nach dem Rechten zu sehen. So ist es zwischen unseren V�lkern festgeschrieben, seit sie die Gr�ber f�r uns errichtet haben.�</p><p>Caileen sah Melvyn mit gro�en Augen an. �Du meinst, sie haben die B�ffel geschlachtet und das Fleisch in die Gr�ber gebracht, damit es ebenso wenig vergeht wie die toten F�rsten.�</p><p>Der Wolfself deutete auf die Karte. �Kannst du mir einen anderen Grund nennen, warum sich das Heer der Trolle von Grabh�gel zu Grabh�gel bewegt? Warum k�nnen sie die Steppe durchqueren, ohne von Vorratskarawanen versorgt zu werden? In ihrem Heer gibt es kaum Lasttiere, die sie aufhalten. Sie sind schneller, als jeder erwartet h�tte.�</p><p>Nestheus sch�ttelte ungl�ubig das Haupt. �Das kann nicht sein! Der Pakt zwischen meinem Volk und den Lutin w�hrt seit Jahrhunderten.�</p><p>�H�tten sie euren Zorn zu f�rchten, wenn die Trolle die neuen Herren Albenmarks w�rden?�, fragte Melvyn gereizt. �Sieh der Wahrheit ins Gesicht! Eure Totenw�chter haben euch auf das Sch�ndlichste hintergangen.�</p><p>�Das ist alles Unsinn!�</p><p>�Dann geh und lass einen der Grabh�gel �ffnen, Nestheus. Dort wirst du nicht einmal mehr die Leichen eurer Ahnen finden! Die Trolle sind nicht w�hlerisch, wenn sie hungrig sind.�</p><p>�Das kann ich nicht ... Es ist unm�glich. Wenn wir die Rundsteine wegrollen, mit denen die Gr�ber verschlossen sind, dann zerst�ren wir die Zauber, die unsere Ahnen erhalten. Sie w�rden zu Staub zerfallen. Nur die Lutin k�nnen die Gr�ber �ffnen.�</p><p>�Dann konnten sie sich ja ganz sicher sein, dass ihr Betrug an euch niemals auffallen w�rde�, bemerkte Artaxas.</p><p>Der Kentaurenf�rst deutete auf die Karte. �Hier liegt der Grabh�gel meiner Ahnen�, sagte er mit m�hsam beherrschter Stimme. �Die Trolle sind zwanzig Meilen davon entfernt vorbeigezogen. Warum haben sie das getan, wenn diese H�gel ihre Vorratslager waren? Deine Geschichte ist nicht mehr als ein kranker Fiebertraum, Melvyn.�</p><p>�Sie waren nicht dort, weil dein Vater zur falschen Zeit gestorben ist. Die Lutin mussten ihr Fleischlager r�umen, weil das Begr�bnis abgehalten wurde. Sie mussten alle Spuren verwischen. Und wir alle haben ihnen geholfen! Erinnerst du dich, wie gro�z�gig sie die G�ste bewirtet haben? Wie viel Fleisch es gab?�</p><p>�Sie haben schon immer den Leichenschmaus ausgerichtet�, wandte der Kentaurenf�rst ein. Doch sein Widerspruch war diesmal nicht mehr so entschieden.</p><p>�Und ist es Tradition, dass sie alle G�ste schon lange vor den Feierlichkeiten bewirten? Jeder, der sie gefragt hat, bekam Rippenst�cke und B�ffelkeulen geschenkt. Deine G�ste hielten dich f�r einen besonders freigiebigen Trauernden, Nestheus. Aber war es wirklich deine Idee?�</p><p>Der Kentaur senkte den Blick. �Das kann doch nicht sein ...�</p><p>�Als ich versuchte, mich in das Lager der Lutin zu schleichen, um nachzusehen, woher all das Fleisch kommt, hat mich ein Meuchler angegriffen. Warum wollten sie verhindern, dass ich mich umsehe, wenn sie nichts zu verbergen hatten? Und wie lange sind sie bei dem Grabh�gel geblieben? Sind sie vielleicht noch in derselben Nacht aufgebrochen? Und haben sie ein gro�z�giges Geschenk an Fleischvorr�ten zur�ckgelassen?�</p><p>In dem sch�bigen Zimmer herrschte bedr�ckte Stille.</p><p>�Ganze Heerscharen haben sich bem�ht, die Nachschubkarawanen der Trolle aufzusp�ren�, brach Melvyn das Schweigen.</p><p>�Nun wissen wir endlich, wo wir suchen m�ssen. Endlich k�nnen wir anfangen, ihnen Probleme zu bereiten!�</p><p>�Wir werden nicht die Gr�ber unserer Ahnen sch�nden!�, sagte Nestheus entschieden.</p><p>Der Elf hatte mit diesem Einwand gerechnet. �Sie haben die Steppe ohnehin fast �berwunden. Aber es muss noch weitere Vorratslager geben. Auf den Ebenen des Windlands gab es nicht viele Verstecke, die sie nutzen konnten. In den Mondbergen und in den weiten W�ldern Arkadiens sieht das anders aus. Es gibt nat�rliche H�hlen, Burgruinen und die Gew�lbekeller verlassener Gutsh�user. Ihre Zauber, den sie auf die Kentaurenf�rsten gelegt haben, k�nnen sie �berall wirken. Diese Verstecke m�ssen wir ausfindig machen und das Fleisch darin vernichten. Nun, da sie schon so weit vorgesto�en sind, werden wir sie wohl nicht mehr daran hindern k�nnen, das Herzland zu erreichen, aber wir k�nnen versuchen, ihnen den Weg dorthin so schwer wie m�glich zu machen.�</p><p>Caileen sah ihn fest an. Ihr Gesicht war zu einer ausdruckslosen Maske erstarrt. �Wir werden sie ziehen lassen.�</p><p>�Was?� Melvyn richtete sich ruckartig auf seinem Lager auf und zuckte vor Schmerz zusammen. �Was gibt es da zu �berlegen? Endlich sind wir ihnen einen Schritt voraus. Wenn wir die geheimen Vorratslager entdecken, dann wissen wir, wohin sie gehen werden. Wir k�nnen ihnen Hinterhalte legen, und wir k�nnen ...�</p><p>�Nein�, sagte Caileen entschieden. �Deine Nachricht kommt zu sp�t. Meister Alvias war im Auftrag der K�nigin auf dem Leichenschmaus f�r Orimedes. W�hrend du bewusstlos warst, haben wir mit ihm verhandelt. Wir k�nnen nur dann hoffen, die Trolle zu besiegen, wenn sich alle K�mpfer Albenmarks einem Befehl unterwerfen. Emerelle hat mir meine Rebellion vergeben. Die Bedingung war, dass ich von nun an ihren Befehlen gehorche. Ich bin mit meinen Reitern nur deshalb noch hier, weil wir den Fl�chtlingen helfen. Die K�nigin hat uns befohlen, den Trollen keinen Widerstand mehr zu leisten. Wir werden uns bis zur Shalyn Falah zur�ckziehen. Dort hat sie die Trolle schon einmal besiegt. Auch diesmal soll die Entscheidung bei der wei�en Br�cke fallen.�</p><p>Melvyn konnte es nicht fassen. �Aber wir haben die Gelegenheit, die Trolle zu schw�chen! Wenn wir ihnen die Vorr�te nehmen, dann wird es leichter werden, sie zu besiegen. Und mit jedem Tag, um den wir ihren Vormarsch verlangsamen, wird Emerelles Heer weiter wachsen. Es w�re t�richt, unseren Vorteil nicht zu nutzen.�</p><p>�Die Befehle der K�nigin sind eindeutig�, beharrte Caileen.</p><p>�Sie tut es, um das Land zu schonen. Wenn wir den Trollen ihre Vorr�te nehmen, dann werden sie pl�ndern m�ssen. Sie werden langsamer vorr�cken, und ihr Heer wird sich auf eine gr��ere Fl�che verteilen. Alles, was ihnen fehlt, werden sie aus dem Land nehmen. D�rfer und St�dte, die ansonsten ungeschoren geblieben w�ren, werden dann von ihnen heimgesucht. Wir werden auch Talsin kampflos aufgeben, obwohl es leichter zu verteidigen ist als Feylanviek.� Sie machte eine kurze Pause.</p><p>�Und wir werden die Lagerh�user den Trollen �berlassen.�</p><p>Melvyn konnte nicht fassen, was er da h�rte. Sogar Artaxas legte keinen Widerspruch ein. �Und was meint Elodrin?�</p><p>�Die K�nigin hat ihn und alle, die mit ihm sind, f�r vogelfrei erkl�rt. Er hat mit einigen Schiffen Reilimee verlassen. Niemand wei�, wohin er gesegelt ist. Emerelle hat einen neuen F�rsten f�r Alvemer berufen.�</p><p>Der Wolfelf l�chelte zynisch. �Kaum �bernimmt sie das Kommando, setzt sich ihr bester verbliebener Feldherr ab. Vielleicht w�re es besser f�r mich gewesen, noch weiter ohnm�chtig zu sein. Dann w�re es mir zumindest erspart geblieben, all diesen Unsinn mitzuerleben. Hat sie auch Befehle f�r mich?�</p><p>Caileens Gesicht blieb unbewegt. �Keine Befehle ... Offenbar hat Obilee der K�nigin von Shandrals Verbrechen berichtet. Auch er ist f�r vogelfrei erkl�rt worden, und Emerelle hat dir ein Geschenk schicken lassen.� Sie winkte einem der Krieger, der sie begleitet hatte, und dieser stellte die kleine Truhe, die er mitgebracht hatte, auf Melvyns Bettstatt.</p><p>Der Wolfself hob hilflos seine bandagierten H�nde. Wenn Emerelle glaubte, sie k�nne ihn einfach kaufen, dann hatte sie sich geirrt. Mochten die anderen nur nach ihrer Pfeife tanzen! Er war sein eigener Herr!</p><p>�Darf ich die Truhe f�r dich �ffnen?�, fragte Caileen. Melvyn z�gerte kurz. Nein, es sollten ruhig alle sehen, wie er das Geschenk zur�ckwies!</p><p>�Nur zu.�</p><p>Die Gr�fin zerbrach die beiden Siegel und klappte den Truhendeckel zur�ck. Auf einem Samtkissen lagen zwei wulstige Armschienen. Adler mit ausgebreiteten Schwingen waren als Schmuck in das Leder gepr�gt. Melvyn traute seinen Augen kaum. Woher wusste sie, dass er seine Waffen verloren hatte? War das Geschenk eine Aufforderung, Shandral zu richten?</p><p>�Die K�nigin l�sst dir auch mitteilen, dass sie sich sehr freuen w�rde, dich an ihrem Hof zu empfangen, sobald du deine Angelegenheiten gerichtet hast.�</p><p>Melvyn horchte auf. �Waren das ihre Worte? Meine Angelegenheiten gerichtet?�</p><p>Die Andeutung eines L�chelns spielte um Caileens Lippen.</p><p>�Es waren die Worte ihrer Botin Obilee. Doch ich glaube, die fahrende Ritterin wiederholte w�rtlich die Botschaft der K�nigin. Mir scheint, dass Obilee von dir sehr angetan war. Offenbar wusste sie der K�nigin nur Gutes �ber dich zu berichten.�</p><p>Melvyn betrachtete nachdenklich sein Geschenk. Er hatte Ger�chte geh�rt, dass Emerelle in die Zukunft sehen konnte. Vielleicht ergaben ihre eigenwilligen Befehle ja doch einen Sinn?</p></section><section><title><p>Ein Ort, nicht f�r Menschen geschaffen</p></title><p>Lambi stand auf, als er sie kommen sah. Kadlin versteifte sich und ballte die F�uste. Sie w�rde sich von ihm nichts sagen lassen! Mit diesem h�sslichen alten Kerl w�rde sie fertig, dachte sie und wusste es besser, konnte sie sich doch vor Schw�che kaum auf den Beinen halten.</p><p>Sie wollte es mit eigenen Augen gesehen haben. Gegen jede Vernunft hoffte sie, das alles sei nur ein b�ser Traum. Sie betete zu den G�ttern, dass sie gleich in Bj�rns kleiner Kammer auf der Burg aufwachen w�rde. Sie w�rde sp�ren, dass die Nacht fast vor�ber war, sich lautlos ankleiden und aus dem Zimmer schleichen, um auf der Burgmauer auf das erste silberne Tageslicht zu warten.</p><p>�Geh nicht zu ihm�, sagte Lambi mit rauer Stimme. Der alte Krieger sah zum Erbarmen aus. Ein blutiger Verband sa� schief auf seiner Stirn. Seine Augen waren rot, und das gr�ssliche Loch, das seine Nase ersetzte, war mit Schleim verklebt. Sein Haar hing ihm in Str�hnen auf die Schultern herab. Das Kettenhemd war mit eingetrocknetem Blut bedeckt. Er stank nach Schwei�, Rauch und Tod.</p><p>�Du wirst mir nicht ...�</p><p>Lambi packte ihre Arme und presste sie ihr an den Leib. Der Herzog war noch erstaunlich stark f�r sein Alter. Seine Augen starrten. Das Wei� war von blutigen Adern durchzogen. �Geh nicht zu ihm! Es ist besser, M�dchen. Behalte ihn in ...� Er stockte. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. �Behalte ihn in Erinnerung wie ...� Wieder brach er ab. Er dr�ckte sein Gesicht gegen ihre Brust. Seine Schultern bebten. Er schluchzte leise. �Ich w�nschte, mich h�tte jemand zur�ckgehalten. Ich ...� Er lie� sie los und sah ihr gerade ins Gesicht. Sein Kinn bebte. Er rang um Worte. �Ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich bin froh, dass er dich gehabt hat. Er h�tte sonst niemals ... Du hast ihn die Liebe erfahren lassen. Man sollte nicht zu den G�ttern gehen, ohne geliebt zu haben.�</p><p>Kadlin hatte keine Tr�nen mehr. Sie sah den alten Herzog nur an. Seine Worte ber�hrten sie, aber sie war unf�hig, ihre Gef�hle noch zu zeigen.</p><p>�Ich habe ihn nie so gl�cklich erlebt wie in den letzten Monden. Es tut mir leid, dass ich ... Manche M�nner werden auch im Alter nicht weise.�</p><p>Kadlin blickte die lange Reihe der mit Decken und Fellen zugedeckten K�rper entlang. Es waren so viele ... Und es gab noch zwei andere Tunnel voller Leichen, die man vor dem Sturm vom Schlachtfeld geholt hatte. Kalf hatte sie schon gefunden.</p><p>Sie blickte zu dem roten wollenen Umhang und erinnerte sich, wie sie Bj�rn gefoppt hatte, als er versucht hatte, mit Nadel und Faden einen Riss zuzun�hen. Unter dem Umhang ragten seine schweren, dunkelbraunen Winterstiefel hervor. Sie hatte immer gescherzt, dass er dort au�er seinen F��en wohl noch zwei Tote Iltisse versteckte, weil die Stiefel so erb�rmlich stanken.</p><p>Lambi trat ein St�ck zur Seite. �Versteh mich nicht falsch, M�dchen. Ich verbiete es dir nicht. Ich k�nnte das nicht ... Du hast dasselbe Recht wie ich. Doch es w�re besser, wenn du ihn in Erinnerung beh�ltst, wie du ihn kanntest. Das ... Das ist er nicht mehr. Nur noch eine leblose H�lle. Er ...�</p><p>�Wie starb er?�</p><p>Lambi atmete schwer aus. �Schnell.� Ihr Blick lie� ihn nicht los.</p><p>�Sein Pferd wurde niedergerissen ... Wir waren in voller Attacke. Ein Troll st�rzte. Sie verschwanden unter den Hufen ... Es ging alles so schnell.�</p><p>�Unsere eigenen Reiter haben ihn zu Tode ...?� Sie konnte nicht weiter. Sie wollte das nicht einmal denken.</p><p>�Es war Pech.� Der Alte versuchte ein L�cheln, vielleicht um ihr Mut zu machen. �Ich sage mir die ganze Zeit, dass Norgrimm ihn in seinem Gefolge haben wollte. Er war zu gut f�r uns, nicht war? Er hatte keine Angst. Kurz bevor er gest�rzt ist, habe ich noch zu ihm hin�bergeblickt. Sein Gesicht strahlte. Er freute sich auf die Schlacht. Seine erste Schlacht. Sein ...�</p><p>Lambi sah sie hilflos an. Er schien irgendetwas von ihr zu erwarten, aber sie begriff nicht, was es war.</p><p>�Ich habe geh�rt, dass auch dein Vater ...� Sie nickte. Dar�ber wollte sie jetzt nicht sprechen. Sie wollte �berhaupt nicht mehr reden. Sie wollte ... Es gab auch nichts mehr, was sie noch wollte. Gestern noch war ihr Leben erf�llt gewesen. Und jetzt w�nschte sie sich, dieser verdammte Elf h�tte sie nicht vom Sims in der Steilklippe heruntergeholt. Sie w�nschte, sie w�re mit den anderen in Norgrimms Hallen eingezogen. Sie war fr�her wochenlang allein durch die W�lder gestreift und hatte sich nie einsam gef�hlt. Es hatte immer Kalf gegeben. Stark, freundlich. Nie hatte sie daran gedacht, einmal zu ihrem Haus am See in dem verborgenen Tal zur�ckzukehren und ihn dort nicht mehr zu finden. Sie w�rde nicht mehr dorthin gehen k�nnen ...</p><p>Und Bj�rn. Er hatte so sehr um sein Leben gek�mpft, nachdem der Silberl�we ihn verwundet hatte. Und als er noch zu schwach gewesen war, um sich zu erheben, hatte er ihr von seinen Pl�nen erz�hlt. Sie hatten beschlossen, nach Albenmark zu fliehen, wenn Lambi ihnen zu sehr zusetzte. Und Silwyna hatte schon fest zugesagt, ihnen zu helfen. Sie dachte auch an jenen wundervollen Nachmittag, als sie sich zum ersten Mal geliebt hatten. Bj�rn hatte es gewollt, obwohl seine Wunden noch nicht verheilt gewesen waren. Er hatte zuerst vor Schmerzen und dann vor Lust gest�hnt. Er war so voller Lebensfreude gewesen! Als er in der H�hle mit dem Troll erwacht war, waren seine ersten Worte ein Scherz gewesen. Wieder blickte sie zu dem K�rper unter dem roten Wollumhang.</p><p>�Geh nicht hin, M�dchen�, fl�sterte Lambi. �Behalte ihn so in Erinnerung, wie du ihn geliebt hast�, sagte er noch einmal.</p><p>�Vertrau einem alten Mann, der ... der schon oft Abschied nehmen musste.�</p><p>Sie atmete schwer aus. �Wie wird man ...� Sie brachte es nicht �ber die Lippen. Kadlin setzte noch einmal an, doch diesmal versagte ihr g�nzlich die Stimme.</p><p>Lambi hatte sie auch so verstanden. �Es wird ein Totenfeuer geben, sobald der Sturm sich gelegt hat.�</p><p>Sie nickte. Der Herzog sah sie an. Was erwartete er? Vergebung? Es gab nichts zu vergeben. Sie schuldeten einander nichts. Sie wusste nicht, was sie ihm noch sagen sollte. Aber sie sp�rte, dass er etwas brauchte. Einen Halt in seinem Kummer. Das konnte sie nicht sein!</p><p>Kadlin legte dem Alten kurz die Hand auf die Schulter. Dann ging sie. Sie hatte Angst, dass es ihr leid tun w�rde, von Bj�rn nicht mehr Abschied genommen zu haben. Zugleich h�tte sie es nicht ertragen, sein Antlitz so zerst�rt zu sehen wie das ihres Vaters.</p><p>Rastlos irrte sie durch die dunklen G�nge der riesigen Trollfestung. An manchen Stellen waren seltsame Steine in die W�nde eingelassen, von denen ein blasses Licht ausging. Alles hier war zu gro�. Die hohen Flure, die weiten S�le. Egal wohin man sich wandte, man wurde stets daran erinnert, dass dieser Ort nicht f�r Menschen geschaffen war. Sie h�tten niemals hierher kommen d�rfen, dachte sie traurig. Was hatte ihnen dieser Krieg gebracht?</p><p>Kadlin war froh, w�hrend der K�mpfe nicht dem Troll mit den Schmucknarben auf der Brust begegnet zu sein. Sie sch�mte sich immer noch daf�r, dass man Brud seine Hilfe mit einem Pfeil vergolten hatte.</p><p>Alles um sie herum war so fremd, dass sie es nicht als Wirklichkeit akzeptieren konnte. Wieder schlich sich die tr�gerische Hoffnung in ihre Gedanken, dass sie bald aus einem gr�sslichen Alptraum erwachen m�sse. Bj�rn konnte nicht tot sein! Vielleicht w�rde sie ihn schon hinter der n�chsten Biegung des Ganges treffen?</p><p>Unsinn!</p><p>�berall lagen Verwundete. Es war kalt in der Trollfestung. Die dicken Mauern hielten den Wind fern, doch der Frost lauerte auch im Herzen der Festung. Sie hatten Feuerschalen aufgestellt und an manchen Stellen sogar Feuer mitten in den G�ngen entfacht. Dort wurde alles verbrannt, was ihnen in die H�nde fiel. Stinkende Felle, die plumpen M�bel, die Dauben zerschlagener F�sser, Lumpen.</p><p>Ziellos wanderte Kadlin umher. Einmal suchte sie Wasser f�r einen Verwundeten. Ein anderes Mal setzte sie sich an das Lager eines Bewusstlosen und hielt ihm die Hand. Stundenlang. Bis dessen Finger kalt und steif wurden. Sie wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, als das Jaulen des Windes nachlie�, der sich in den Pfeilern und St�tzstreben des Turmes verfing.</p><p>Sie versp�rte keinen Hunger und keinen Durst. Ihr Gef�hl f�r Zeit war ihr abhanden gekommen.</p><p>Einmal, als sie in einen besonders gro�en Saal gelangte, sah sie von Ferne den K�nig. Er war umringt von seinen Hauptleuten und einigen Elfen. Er stand bei einem riesigen Lehnstuhl. Daneben sah Alfadas wie ein Kind aus. Alle sahen sie im Schatten dieses Stuhls wie Kinder aus! B�se Kinder, die einen �blen Streich gespielt hatten und nun �berlegten, wie sie ihrer Bestrafung entgehen konnten.</p><p>W�ren sie nur niemals hierher gekommen! Kadlin war so m�de, dass sie nicht einmal mehr zornig sein konnte. Wieder begann sie ihre rastlose Wanderschaft zwischen den Toten, den Sterbenden und den f�r ihr Leben Gezeichneten. Sie verlor sich in hohen Tunneln, in denen es nach altem Bratenfett und F�kalien stank.</p><p>In einer Nische, unter einem der leuchtenden Steine kauernd, fand sie Gundaher. Der Baumeister des K�nigs hockte mit angezogenen Beinen und umklammerte ein riesiges Buch.</p><p>�Tr�umst du auch schlecht?�, fragte er sie unvermittelt.</p><p>Sie unterbrach ihre Wanderschaft, die ohnehin kein Ziel hatte.</p><p>�Ich tr�ume nicht. Seit der Schlacht habe ich noch nicht geschlafen.�</p><p>�Sp�rst du das B�se? Es ist tief in die Steine eingedrungen.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Und wenn wir das B�se sind?� Kadlin hatte eine Kammer voller Trollweiber und -kinder gesehen. Sie waren gro� und unf�rmig. Unheimliche Gestalten. Offensichtlich hatte man sie gezwungen, sich auf den Boden zu kauern. �berall waren bewaffnete Elfen. Mit gezogenen Schwertern schritten sie zwischen den Gefangenen auf und ab.</p><p>Der Baumeister strich sich nachdenklich �ber den Kinnbart.</p><p>�Vor langer Zeit war ich ein Priester, und man hat mich gelehrt, die Elfen seien die Sendboten der Finsternis. Dann begegnete ich einem Priester, der schlimmer war als alle Geschichten, die ich jemals �ber die Elfen h�rte.� Er sah sie forschend an.</p><p>Kadlin wusste, wovon er sprach. Sie kannte die schrecklichen Bilder aus dem Buch, das er ihr anvertraut hatte. Die uns�gliche Qual in den Gesichtern der Sterbenden. Dieselben Qualen hatte sie hier bei jungen Kriegern gesehen, die sich verzweifelt an ihr Leben klammerten und doch wussten, dass sie ihren Wunden erliegen w�rden.</p><p>�Ich habe mit einem Elfenf�rsten gesprochen. Ich bin schon zu lange im Fjordland. Meine Vergangenheit k�nnte mich einholen.� Bei diesen Worten blickte er besorgt den Flur hinab, dessen Ende sich im Dunkel verlor. �Der Elf war freundlich. Er scheint ein F�rst unter ihnen zu sein. Er tr�gt stets einen wei�en Falken auf der Hand. Fenril oder so �hnlich hei�t er.� Gundaher l�chelte. �Ihre Namen verbiegen einem die Zunge. Es hei�t, ihre Welt sei wundersch�n. Ein Ort, an dem immer Fr�hling ist.�</p><p>�F�hren sie dort nicht einen gro�en Krieg?�</p><p>�Kriegen kann man davonlaufen, Kadlin. Glaube mir, ich bin ganz gut im Davonlaufen. Ich will nicht zu den Kriegern, ich will zu den K�nstlern und Gelehrten. Ich will sehen, ob sie wirklich Pal�ste aus Licht bauen. Und vom Winter habe ich genug. Meine alten Knochen sehnen sich nach einer Fr�hlingssonne, die w�rmer scheint als die im Fjordland.� Er klopfte auf das Buch. �Auch hoffe ich, jemanden zu finden, der das hier lesen kann. Ich habe es in einer Kammer ganz oben im Turm gefunden. Ich glaube, es ist das einzige Buch hier. Dass diese Menschenfresser B�cher schreiben ... Ich w�sste zu gern, was darin steht. Was sie wohl zu sagen haben?� Kadlin schloss die Augen und dachte an den Fr�hling in den Bergen. Der Schmerz �berw�ltigte sie. Wohin auch immer sie gehen w�rde, jeder Wald, jeder Hang, jeder Gipfel w�rde sie an die Jagdausfl�ge mit ihrem Vater erinnern.</p><p>Kalf und Bj�rn waren ihr Leben gewesen, der Mittelpunkt all ihrer Gedanken. Sie waren mit allem verkn�pft, was der Erinnerung wert war. Ohne sie w�rde es nur noch Traurigkeit in ihrem Leben geben. Vielleicht vermochte die wundersame Welt der Elfen diesen Schmerz zu lindern. Aus den Tagen mit Silwyna kannte sie viele Geschichten �ber Albenmark. Sie verstand sogar ein wenig von deren Sprache.</p><p>�Graf Fenryl w�rde dich wirklich mitnehmen?�</p><p>�Er scheint sich auch f�r das Trollbuch zu interessieren. Ich glaube, er ist nicht nur ein Krieger, sondern auch ein gelehrter Mann. Wir Gelehrten finden �berall zusammen.�</p><p>�Aber ich bin keine Gelehrte�, wandte Kadlin ein.</p><p>Gundaher l�chelte. �Das m�ssen wir ihm ja nicht verraten.�</p></section><section><title><p>Totenfeuer</p></title><p>Als die schweren Masten sich neigten und die Rahen durch die lichterloh brennenden Decks schlugen, begann das gro�e Schiff zu sinken. Fauchend brach Wasser in die Staur�ume ein. Wei�er Dampf, gesprenkelt von gl�henden Funken, stieg dem Nachthimmel entgegen. Das sterbende Schiff stie� tiefe, grollende Laute aus, als das Wasser immer weitere Decks �berflutete. Die verl�schenden Flammen fauchten.</p><p>Elodrin stand mit verschr�nkten Armen auf der steinernen Mole, die sich unterhalb der Nachtzinne in die Bucht erstreckte. Seine Getreuen waren in langem Spalier angetreten, um von den Toten feierlich Abschied zu nehmen. Das gr��te der Trollschiffe war ausgew�hlt worden, um den Gefallenen der Menschen und Elfen als Scheiterhaufen zu dienen.</p><p>Feuerbecken standen am Rand der Mole. Sie wurden flankiert von den drei Dutzend Eingeweihten. Die meisten von ihnen waren Maurawan. Auf ihren unverbr�chlichen Hass gegen die Trolle konnte man sich verlassen. Sie w�rden keinen Befehl verweigern!</p><p>Als die brennende Galeasse schon tief im Wasser lag, kam der K�nig der Menschen und verabschiedete sich. Elodrin kannte Alfadas noch aus der Zeit, in der er am Hof der Elfenk�nigin geweilt hatte. Es war ersch�tternd zu sehen, welche Verw�stungen so wenige Jahre bei einem Menschen anstellen konnten. Vielleicht ein Vierteljahrhundert war vergangen, seit er den jungen, selbstbewussten Alfadas das letzte Mal gesehen hatte. Nun stand ein verh�rmter alter Mann vor ihm.</p><p>Alfadas fand nur wenige, k�hle Abschiedsworte. Der Seef�rst konnte ihn verstehen. Zu teuer hatten die Menschen f�r den Sieg �ber die Trolle bezahlt. Kaum mehr als f�nfhundert von ihnen w�rden zur�ckkehren. Dreihundert waren so schwer verletzt, dass sie den Weg zum Albenstern nicht mehr aus eigener Kraft schaffen konnten. Sie w�rden an Bord der Meerwanderer in ihre Heimat gelangen. Der Dreimaster war mit Verwundeten �berf�llt.</p><p>Es war Elodrin leicht gefallen, Alfadas diese Hilfe anzubieten. Der Seef�rst hatte es nicht eilig, nach Albenmark zu gelangen. Er wusste, dass Emerelle ihm nicht verzeihen w�rde. Er blickte zu den vier schwarzen Galeassen, die noch an der Mole lagen. Er selbst w�rde sich nicht verzeihen k�nnen. Doch Kriege folgten ihren eigenen Gesetzen, und wer kein Blut sehen konnte, der sollte nicht nach dem Schwert greifen, sondern sich lieber gleich unterwerfen.</p><p>Es war ein trauriges H�uflein, das sich auf den R�ckweg zum Albenstern machte, durch den sie hierher gekommen waren. In zwei Tagen w�rden sie die Nachricht vom Sieg, der zu blutig gewesen war, um gefeiert zu werden, in ihre Heimat tragen.</p><p>Es begann wieder zu schneien. Schnell verschluckten die Nacht und das wirbelnde Wei� die Geschlagenen. Ob ihr K�nig schon ahnte, in welchem Ausma� sie f�r ihren Sieg w�rden zahlen m�ssen?</p><p>Elodrin winkte Fenryl zu. �Bringt die Gefangenen auf die Schiffe!� Selbst die Alten, die Weiber und die Kinder hatten Widerstand geleistet, als er die Nachtzinne erst�rmt hatte. Nat�rlich waren sie der Elite der Fechter Albenmarks nicht gewachsen gewesen, aber es hatte viel Blut vergossen werden m�ssen, bis sie das eingesehen und sich ergeben hatten. In den langen Tunneln und den Hallen des Felsennests war den Trollen nicht klar geworden, mit wie wenigen Angreifern sie es zu tun gehabt hatten. So hatten seine f�nfzig auserw�hlten Krieger zuletzt mehr als siebenhundert Trolle gefangen gesetzt. Es war wie damals in der Schlacht an der Shalyn Falah gewesen, als sie ein �berlegenes Trollheer get�uscht und gesiegt hatten, obwohl ihre Lage im Grunde hoffnungslos gewesen war.</p><p>Elodrin verschr�nkte die Finger ineinander und dr�ckte die H�nde durch. Er hatte das, was geschehen sollte, schon sehr lange geplant. Sein Gewissen plagte ihn deshalb nicht. Es war logisch, so zu verfahren. Aber w�rden seine Befehle ausgef�hrt werden? Das, was nun geschehen sollte, war der eigentliche Grund daf�r, dass er sich bem�ht hatte, so viele Maurawan wie m�glich zu rekrutieren. Sie waren aufs�ssig und f�gten sich schlecht in die Befehlshierarchien eines Heeres ein. Aber sie galten auch als besonders gnadenlos. Sie hatten ebenso wenig Gewissenbisse, wie er sie hatte. Die Trolle hatten ihre heiligen Haine gesch�ndet und damit begonnen, ihre W�lder abzuholzen.</p><p>Elodrin winkte den Ruderern der beiden Galeeren zu. Es war abgesprochen, die beiden Galeassen, die von den Trollen besetzt werden sollten, in die Mitte der Bucht zu schleppen. Trolle f�rchteten tiefes Wasser, denn sie versanken darin wie Steine. Keiner von ihnen w�rde einen Fluchtversuch unternehmen.</p><p>Der Seef�rst ging zu den Gefangenen hin�ber. Sie stanken erb�rmlich! Er betrachtete ihre derben Gesichter. Was mochte die Alben veranlasst haben, solche grobschl�chtigen Ungeheuer zu erschaffen?</p><p>Graf Fenryl kam zu ihm hin�ber. Der Elf aus dem Volk der Normirga war n�tzlich, aber ein wenig affektiert. Stets trug er Wei�, so als wolle er Ollowain nachahmen. Auch seine Vorstellungen von ritterlichen Tugenden waren �beraus st�rend.</p><p>�Orgrims Weib ist unter den Gefangenen.� Mit nichts anderem hatte Elodrin gerechnet. Schlie�lich war die Nachtzinne seine Burg. Der Ort, den er f�r den sichersten in diesem Krieg gehalten hatte.</p><p>�Ich wei߫, entgegnete der Seef�rst, ohne sich die M�he zu machen, �berraschung zu heucheln. �Aber niemand verr�t, wer sie ist. Es sind wohl auch einige Konkubinen und etliche Kinder des Feldherrn anwesend.�</p><p>�Mit diesen Geiseln k�nnen wir ihn sicher zu Verhandlungen zwingen.�</p><p>Elodrin hob eine Braue. Unfassbar, wie naiv der Kerl war.</p><p>�Und was erreichen wir? Wir haben vielleicht ein paar Jahre Frieden ... In dieser Zeit werden die Trolle noch st�rker, und dann fallen sie erneut �ber die zivilisierten V�lker Albenmarks her. Das ist keine L�sung!� Er winkte den Kriegern, die an dem h�lzernen Steg standen, der hinauf zum ersten Schiff f�hrte.</p><p>�Bring mir diesen gro�en Kerl da!� Er deutete auf einen besonders massigen Troll, der ihn die ganze Zeit �ber mit Blicken wie Messerstichen bedacht hatte.</p><p>Seine Befehle wurden ohne Z�gern ausgef�hrt. Vier Speertr�ger eskortierten den Troll. Ihre Waffen hielten sie drohend auf seine Kehle gerichtet.</p><p>�Er wird unser Bote f�r Orgrim sein�, erkl�rte Elodrin.</p><p>�Der Herzog soll schlie�lich wissen, wer sein Feind ist.� Er wandte sich an den Troll und sprach ihn in dessen Sprache an.</p><p>�Wenn dein Herr dich findet, dann richte ihm aus, dass Elodrin, der F�rst von Alvemer, hier war. Der F�rst, dessen Tochter und dessen Enkel in Reilimee lebten, bevor ihr die Stadt vor f�nfzehn Jahren niedergebrannt habt. Kannst du dir meinen Namen merken? Elodrin�, wiederholte er noch einmal langsam.</p><p>�Ehlodrin�, wiederholte der Troll. Aus seinem Munde klang der Name befremdlich. Hart und irgendwie beschmutzt.</p><p>Der Seef�rst wandte sich an die Wachen und fuhr in seiner Muttersprache fort: �Kettet den Mistkerl an der Mole fest. Und dann schneidet ihm beide Daumen ab. Er soll nie wieder eine Waffe halten k�nnen.�</p><p>Fenryl sah ihn schockiert an. Von diesem romantischen Weichling mit seinen falschen Ritteridealen hatte Elodrin nichts anderes erwartet. Er konnte sehen, wie es den Grafen M�he kostete, sich zur�ckzuhalten.</p><p>Unger�hrt schlenderte er ein St�ck die Mole hinauf. Er beobachtete, wie die Landestege von den Galeassen zur�ckgezogen wurden. Die Galeeren nahmen die zwei schwarzen Schiffe in Schlepp. Ihre roten Ruder zerw�hlten das dunkle Wasser zu Gischt. Die Seile zwischen den Schiffen spannten sich. Wasser perlte aus dem feuchten Hanf. Langsam, Zoll um Zoll, kamen die Galeassen in Fahrt.</p><p>Aus den Feuerschalen auf der Mole stieg der Rauch fast senkrecht in die Luft. Das Wetter war umgeschlagen. Es schneite noch immer, aber es war jetzt v�llig windstill. Die Maurawan hatten sich nicht von der Stelle ger�hrt.</p><p>Als die Schiffe die Mitte der Bucht erreichten, holten die Galeeren die Schlepptrossen ein.</p><p>Fenryl r�usperte sich. �Sollten wir uns mit dem Einschiffen nicht etwas mehr beeilen? Ich dachte an die Schamanin, die uns entkommen ist. Orgrim wird doch sicher schon benachrichtigt sein.�</p><p>�Ich selbst habe f�nf Tage gebraucht, um mit meinen Schiffen nach Reilimee zur�ckzukehren, als ich h�rte, dass die Trolle die Stadt erst�rmt hatten. Die Nachricht war damals schon sieben Tage alt.�</p><p>Kurz zuvor war sein Bruder Hallandan bei den K�mpfen um Vahan Calyd gefallen. Die Flotte war auf hoher See. Es gab Streit um Hallandans Nachfolge, und in dieser Zeit griffen die Trolle Reilimee an. Es waren schreckliche Tage, die sein Leben zerst�rten.</p><p>�Glaubst du, die Trolle sind uns �berlegen?�, fragte er harsch.</p><p>�Wir haben noch Zeit.� Elodrin erw�hnte nicht, dass die Schamanin auf seinen Befehl hin Gelegenheit zur Flucht bekommen hatte. Fingayn war ihr gefolgt und hatte beobachtet, wie sie durch den Albenstern ging. Elodrin wollte, dass der Feldherr der Trolle wusste, was hier geschah. Er w�rde rasen vor Zorn. Er w�rde wochenlang nicht wiederkehren. Hoffentlich hatte Emerelle einen f�higen Heerf�hrer ernannt. Orgrims Abwesenheit war die Gelegenheit, gegen die Trolle loszuschlagen. Ihres f�higsten Anf�hrers beraubt, standen die Aussichten gut, sie doch noch zu besiegen.</p><p>Elodrin dachte an die niedergebrannte Stadt, in die er vor f�nfzehn Jahren heimgekehrt war. An die Knochenberge, die am Ufer gelegen hatten, dort, wo die Trolle ihr Siegesfest gefeiert hatten.</p><p>Der Feldherr hob den rechten Arm. �Bogensch�tzen! Setzt die Schiffe in Brand!� Die Maurawan zogen die vorbereiteten Brandpfeile aus ihren K�chern. Die Spitzen waren mit �lgetr�nkten Lappen umwickelt. Sie hielten die Pfeile in die Feuerschalen.</p><p>�Nein!�, schrie Fenryl. �Ich verbiete euch zu schie�en! Im Namen der K�nigin, legt die Waffen nieder.�</p><p>Die ersten Pfeile flogen in weitem Bogen den Schiffen entgegen.</p><p>�Die Maurawan haben noch nie sehr viel auf die Befehle der K�nigin gegeben�, bemerkte der Seef�rst trocken. Fenryl f�hrte sich genauso auf, wie er es erwartet hatte.</p><p>Yilvina kam die Mole entlanggelaufen. Auch sie war ersch�ttert. �Herr, was geschieht hier? Wie konntest du diesen Befehl geben? Du wirst eine Lawine damit lostreten! Sie werden sich an den Menschen r�chen! Das kannst du nicht zulassen.�</p><p>Er wies auf den angeketteten Troll. �Er wird ihnen sagen, wer hier den Befehl gef�hrt hat. Vielleicht werden die Fjordl�nder einen schlimmen Winter haben, aber in hundert Jahren werden sie mir dankbar sein, denn dann ist der Letzte dieser Menschenfresser an Altersschw�che verreckt. Ohne Weiber gibt es keine Kinder mehr. Wir m�ssen ihre Weiber dezimieren, bis sie genauso wenige Kinder bekommen wie wir. Nur dann wird es Frieden in Albenmark geben k�nnen.�</p><p>Gellende Schreie hallten �ber das Wasser. Noch immer schickten die Maurawan Salve auf Salve gegen die brennenden Schiffe. Elodrin hatte die Decks und die Segel am Morgen mit Lampen�l tr�nken lassen, damit sich das Feuer besser ausbreiten konnte.</p><p>�Was ihr dort seht, ist das Totenfeuer des Trollherzogtums in den Menschenlanden.� Fenryl und Yilvina schwiegen. Ersch�ttert beobachteten sie, was sich auf den Schiffen abspielte. Manche Trolle warfen sich brennend ins Wasser. Wild mit den Armen schlagend, versuchten sie zum Ufer zu gelangen. Doch keiner schaffte es. Ihre schweren, gedrungenen Leiber rissen sie in die Tiefe.</p><p>Elodrin hatte erwartet, dass ihm seine Rache mehr Genugtuung bereiten w�rde. Aber was er sah, vermochte die gro�e Leere, die der Verlust seiner einzigen Tochter in ihm hinterlassen hatte, nicht auszuf�llen. Ern�chtert winkte er seinem Navigator auf der Meerwanderer. �Bring mir meinen Schild und mein Schwert, Landal!�</p><p>�Ich werde dich zum Hof der K�nigin bringen, Elodrin! Du wirst f�r deine Verbrechen b��en.�</p><p>Fenryls Zorn hatte etwas R�hrendes. �Ich werde hier bleiben. Es gibt keinen Ort mehr, wohin ich zur�ckkehren k�nnte. Emerelle hat mich gewiss schon jetzt f�r vogelfrei erkl�rt. Mein F�rstentum wird sie mir f�r meine vermeintlichen Verbrechen entziehen, und meine Sippe ist ausgel�scht.�</p><p>Der Navigator brachte ihm die Waffen. Elodrin g�rtete sich das Schwert um, das ihn in so vielen Schlachten begleitet hatte. Dann schnallte er den Schild mit dem Bild der silbernen Nixe, dem Wappen Alvemers, an seinen Arm.</p><p>Die Schreie auf den Schiffen erstarben. Bald war nur noch das Knistern des Feuers zu h�ren.</p><p>�Was hast du vor?�, fragte Yilvina.</p><p>�Meine letzte Schlacht schlagen. Ich erwarte die Trolle. Mein Schicksal hat sich erf�llt. Vielleicht kann ich Orgrim ja davon �berzeugen, dass ich die Menschen nur benutzt habe.�</p><p>�So wie mich?�</p><p>�Es war in der Tat von Vorteil, dass K�nig Alfadas dir vertraute, Yilvina. Aber machen wir uns nichts vor. Er h�tte niemals Frieden mit den Trollen geschlossen. Ich f�hle wie er. Ich wei�, wie es ist, die eigene Familie an diese Ungeheuer zu verlieren.�</p><p>Seine Leibw�chterin funkelte ihn w�tend an. �Nichts hast du mit ihm gemeinsam. Die Dunkelheit, die du in deiner Seele tr�gst, konnte ich an ihm nie entdecken.�</p><p>In der Ferne erklangen Kriegsh�rner. Ihre plumpen, r�hrenden Rufe waren unverwechselbar. Es waren die H�rner von Trollen.</p><p>Elodrin war �berrascht.</p><p>Niemals h�tte er damit gerechnet, dass die Trolle es nach ihrer blutigen Niederlage beim Angriff auf Emerelles Burg noch einmal wagen w�rden, mit einem Heer das goldene Netz zu durchqueren. Mochte die Masse dieses Volkes auch aus tumben Bluts�ufern bestehen, so war zumindest Orgrim ein w�rdiger Gegner.</p><p>�Sie marschieren auf Alfadas und seine Getreuen zu�, stellte Yilvina fest.</p><p>Wahrscheinlich werden die Trolle die Fjordl�nder schon erreicht haben, dachte Elodrin. Warum sonst sollten sie in ihre Kriegsh�rner sto�en? Er deutete auf den gefangenen Troll.</p><p>�Macht den Kerl da los! Unsere Pl�ne haben sich ge�ndert!�</p></section><section><title><p>Ein Stein weniger</p></title><p>Emerelle erwartete Eleborn im Falrach-Zimmer. Sie verbrachte in den letzten Wochen sehr viel Zeit in dem kleinen Raum, der v�llig vom Spieltisch beherrscht wurde. Auf dem Brett hatte sie die Lage Albenmarks dargestellt. Sie spielte Wei�, die Trolle Schwarz. Die wei�en Steine waren in das letzte Drittel ihrer Spielfeldh�lfte zur�ckgedr�ngt. Doch zumindest schlossen sich langsam die Reihen. Die Lage war verzweifelt, daran lie� sich nichts sch�nreden, aber sie war noch nicht v�llig hoffnungslos.</p><p>Sie betrachtete die Steine der K�nigin und der Magierin. Sie und Alathaia. Seit Wochen verharrten sie bewegungslos in der Burg. Abseits des Tisches stand die Figur des Feldherrn. Erst als ihr Herz ihr sagte, dass Ollowain gestorben war, hatte sie den wei�en Feldherrn aus dem Spiel genommen. Sie musste den Posten neu besetzen. Ihr Heer brauchte einen Kommandanten. Aber wer taugte dazu? Caileen hatte gegen sie rebelliert und musste sich erst bew�hren. Melvyn hatte sie noch nie gesehen. Sie wusste, dass er unter den Kentauren und auch bei anderen Verb�ndeten beliebt war. Aber w�rden die Elfen ihm in die Schlacht folgen? W�rden sie von einem jungen Krieger, der in einer Wolfsh�hle aufgewachsen war, Befehle annehmen? Wohl nicht ...</p><p>Elodrin w�re eine gute Wahl. Er war kalt wie Eis, aber als Stratege hatte er seine Vorz�ge. H�tte nicht auch er gegen sie rebelliert, dann w�re er ihre erste Wahl.</p><p>Die T�r zum Falrach-Zimmer �ffnete sich. Alvias verneigte sich. �Eleborn, der F�rst unter den Wogen, Herrin.�</p><p>W�rde Alvias als Heerf�hrer taugen? Er war klug und loyal, das stand au�er Frage. Aber konnte er ein Heer befehligen?</p><p>�Danke�, antwortete sie geistesabwesend.</p><p>Alvias zog sich zur�ck, und eine hochgewachsene Gestalt trat in das Zimmer. Der salzige Duft einer Seebrise eilte dem F�rsten voraus. Der wei�haarige Wassermann trug einen altert�mlichen Wickelrock und einen mit langen Fransen besetzten Umhang. Das breite Kreuz, der harte, ozeangr�ne Blick, alles an ihm strahlte Kraft aus.</p><p>Der F�rst unter den Wogen kniete vor ihr nieder. �Ich bitte dich um Verzeihung, Herrin.�</p><p>Emerelle winkte �rgerlich ab. �Keine Entschuldigungen und keine F�rmlichkeiten. Lass uns von gleich zu gleich sprechen.�</p><p>Sie deutete auf das Falrach-Brett. �Die Lage ist sehr ernst, F�rst. Ich brauche jedes Schwert, das ich bekommen kann. Talsin ist vor wenigen Stunden an die Trolle gefallen. Sie waren wieder einmal schneller, als wir erwartet hatten.�</p><p>�Ich bedauere, so lange auf den alten Vertr�gen beharrt zu haben und blind f�r die Wirklichkeit gewesen zu sein. Meine Kinder haben daf�r bluten m�ssen.� Eleborn trat an den Falrach-Tisch. Er musterte das Spiel, dann griff er nach dem schwarzen Schiff. �Ich habe nur wenige Krieger, die an Land k�mpfen k�nnen. Viele Schwerter k�nnen wir dir nicht bringen.� Er blickte �ber die Dutzenden von Trollfiguren, die sich in einem Keil auf die d�nne wei�e Linie zubewegten.</p><p>�Aber ein Geschenk kann ich dir machen. Die Flotte der Trolle ist vernichtet. Riesenkraken, Leviathane und tausende zorniger Wasserm�nner haben sie auf den Grund der Walbucht gerissen. Nur f�nf Schiffe sind uns entkommen. Sie sind gestern, w�hrend sich meine Kinder noch sammelten, mit unbekanntem Kurs davongesegelt und durch einen Albenstern auf hoher See gefl�chtet.�</p><p>Emerelle nahm das kleine schwarze Schiff aus seinen H�nden und stellte es zu den wenigen geschlagenen Steinen der Trolle.</p><p>�Ich danke dir f�r deine Morgengabe�, sagte sie l�chelnd. �Ich werde leichter schlafen, nun, da ich wei�, dass es von See her keine Bedrohung mehr gibt. Sei mir willkommen im B�ndnis, Eleborn, F�rst unter den Wogen.�</p><p>Emerelle k�sste ihn fl�chtig auf beide Wangen. Dann nahm sie ein kleines wei�es Schiff aus den Seitenf�chern des Falrach-</p><p>Tischs und stellte es auf ihre Seite. �Dank dir haben wir die Herrschaft �ber das Meer zur�ckerlangt.�</p><p>�Ich k�nnte Gischtpferde die Fl�sse und B�che hinaufschicken. Sie k�nnen nicht viele Trolle t�ten, doch wann immer unsere Feinde ein flie�endes Gew�sser �berqueren, werden sie ihnen einige Schwierigkeiten machen.�</p><p>Emerelle dachte kurz �ber die Option nach. Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, ich m�chte ihren Vormarsch nicht aufhalten. Ich m�chte unsere Feinde so schnell wie m�glich an der Shalyn Falah haben. Wir werden nichts unternehmen, was sie aufh�lt.�</p><p>�Und wenn sie sich dort nicht zum Kampf stellen? Es gibt auch andere Wege ins Herzland.�</p><p>�Glaube mir, sie werden dorthin kommen, Eleborn. Das hat wenig mit Vernunft zu tun. Dieses Schlachtfeld ist sehr ung�nstig f�r sie. Dennoch werden sie dort k�mpfen, denn sie werden die Erinnerung an ihre einstige Niederlage durch einen glorreichen Sieg f�r immer tilgen wollen.� Der F�rst unter den Wogen strich sich �ber den gischtfarbenen Bart. �Du kennst die Zukunft, Herrin. Du wirst es wissen.� Er verbeugte sich.</p><p>�Verwehre den Trollen das Meer, Eleborn, und schenke unseren Schiffen g�nstige Winde. Das wird dein Anteil an unserem Sieg sein.�</p><p>Noch einmal verbeugte er sich steif. �Dein Wille wird geschehen, Herrin.� Mit diesen Worten zog er sich zur�ck.</p><p>Wenn er w�sste, wie viele Zuk�nfte ich sehe, dachte Emerelle niedergeschlagen. Sie betrachtete wieder den Spieltisch. Die Waagschale hatte sich ein wenig zu ihren Gunsten geneigt, doch die �bermacht der Trolle war immer noch erdr�ckend.</p><p>Sie nahm den neuen Spielstein, den sie hatte schnitzen lassen, vom Tisch und drehte ihn nachdenklich zwischen den Fingern. Er zeigte ein Kind. Alle drei�ig Kinder, die auf Alathaias Liste gestanden hatten, waren in der Burg. Emerelle verbrachte jeden Tag einige Stunden mit ihnen. Sie hatten Angst. Sie sp�rten die Gegenwart der Yingiz in den Schatten, und Nacht f�r Nacht qu�lten sie Albtr�ume.</p><p>Emerelle dachte an ihre N�chte. Immer wieder stellte sie in Gedanken eine Liste mit den dreizehn Opfern zusammen, die Alathaia gefordert hatte. Und immer wieder verwarf sie die Listen.</p><p>Die K�nigin seufzte. Und dann waren da noch die anderen Listen, die sie Tag f�r Tag erreichten. Listen von Toten, Verwundeten und Vermissten. Der Blutzoll, den Albenmark f�r jeden Tag, den der Krieg mit den Trollen fortdauerte, zu zahlen hatte. Wenn die Trolle erst einmal die Shalyn Falah erreicht h�tten, w�rde sogar die Liste der verlorenen St�dte mehr als dreizehn Namen tragen. Arkadien war dicht besiedelt. An der Heerstra�e nach S�den lagen viele wundersch�ne Orte. Wie viele Kinder w�rden sterben, weil sie unter den drei�ig nicht w�hlen konnte?</p><p>Wenn sie Melianders Albenstein wieder zusammenf�gten, dann k�nnten sie und Alathaia den zerst�rten Albenpfad wiederherstellen. Wenn das goldene Netz geflickt war, dann konnte sie endlich die Burg verlassen und sich mit aller Kraft den Trollen widmen. Doch solange niemand sagen konnte, ob die Yingiz zu tausenden durch die L�cke brachen, sobald sie den Palast verlie�, wagte sie sich nicht von der Stelle. Die Bilder in Melianders Buch waren unmissverst�ndlich. Wenn die Yingiz kamen, w�rde Albenmark vergehen.</p><p>Emerelle schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, das Land zu sp�ren. Die beseelten B�ume im Park der Burg, deren Wurzeln einander z�rtlich ber�hrten. Die Magie, die Noroelle einst in den kleinen See gewoben hatte, der nicht weit entfernt von der Burg lag. �ber all dem lag der Schatten der Yingiz, die bereits hierher gefunden hatten. Sie raubten dem Land von seiner Kraft.</p><p>Erleichtert schlug Emerelle die Augen auf. Im Augenblick war es nicht da ... Manchmal lauerte dort drau�en etwas. Bisher hatte es sich ihr stets entziehen k�nnen. Es beobachtete die Burg, wachte dar�ber, ob sie noch da war. Mitunter war diese fremde Pr�senz f�r Tage verschwunden. Doch jedes Mal, wenn sie zu hoffen begann, der fremde Beobachter sei fort, kehrte er zur�ck.</p><p>Emerelle setzte den Spielstein, der ein Kind zeigte, auf den Falrach-Tisch zur�ck. Wenn sie sich zu dem Opfer entschlie�en k�nnte, dann w�rde der Beobachter f�r immer gehen.</p></section><section><title><p>Die Last der Toten</p></title><p>Orgrim betrachtete das Antlitz des toten K�nigs. Im Fackellicht sahen seine Z�ge sehr hart aus. Die Falten wirkten tiefer. In den toten Augen spiegelten sich Flammen, obwohl ihr Feuer l�ngst verloschen war. Es war still auf dem Schlachtfeld. Noch immer schneite es, doch der einzige Laut war das Zischen des hei�en Pechs, das von den Fackeln in den Schnee troff.</p><p>Der Herzog der Trolle versuchte zu begreifen, warum der Herrscher der Menschen ihm das angetan hatte. So lange hatten sie nebeneinander in Frieden gelebt. Nur ihre jungen Krieger hatten gelegentlich miteinander die Kr�fte gemessen, doch es waren keine Heere marschiert. Der Himmel war nicht schwarz vom Rauch brennender St�dte gewesen � und nun das! Der Mann, dem er sein Weib und sein Kind geschenkt hatte, als er diese dem Tode nahe im Schneesturm gefunden hatte, war gekommen, um ihm Weiber und Kinder zu nehmen! Warum? Orgrim konnte das nicht begreifen! Warum war Alfadas so leicht zum Krieg zu verf�hren gewesen? Was hatten die Elfen ihm f�r Gift in die Ohren getr�ufelt, um seinen Verstand zu blenden?</p><p>Der Herzog hatte immer geglaubt, die Menschen zu kennen. W�hrend der K�mpfe in der Snaiwamark hatte er sie zu respektieren gelernt. Sie waren klein und schw�chlich, aber sie k�mpften mit dem Mut einer in die Enge getriebenen Schneel�win, die ihre Jungen verteidigte.</p><p>Er atmete tief die kalte Winterluft ein und versuchte all die widerstreitenden Gef�hle niederzuk�mpfen, die in seiner Brust tobten. Hass, Trauer, Zorn. Er wusste, dass es das war, was die Elfen erreichen wollten. Doch dieses Wissen half ihm nicht, seinen Schmerz zu �berwinden. Sie wollten, dass er unbedachte Entscheidungen f�llte. Das war geschehen, um ihn aus dem Krieg in Albenmark zu ziehen. W�re er doch niemals mit Skanga gegangen! H�tte er nur der Versuchung des Ruhmes widerstanden! Es war sein Ehrgeiz, der ihn nach Albenmark zur�ckgebracht hatte. Die Aussicht, ein Heer zu f�hren, wie es bislang nicht einmal die K�nige der Trolle befehligt hatten. Die Aussicht, Unsterblichkeit in den Heldensagen seines Volkes zu erlangen als jener Herzog, der Emerelle von ihrem Thron vertrieb. Um all das zu erreichen, sollte er nur ein halbes Jahr nach Albenmark zur�ckkehren. Und er hatte die Seinen in Sicherheit gew�hnt. Die Nachtzinne war eine starke Festung ...</p><p>Er ballte die F�uste in hilfloser Wut. So wie Phylangan es einst gewesen war. Die Botschaft der Elfen war angekommen! Sie wollten Rache ... War es so einfach? War er ihnen vielleicht schon in das Netz aus Heimt�cke und Bosheit gegangen? Verstrickt in Gedanken, von denen sie w�nschten, dass sie ihn qu�lten.</p><p>Er schrie seinen Schmerz und seine Verzweiflung in die Nacht. Unvermittelt riss er dem Krieger, der neben ihm stand, die Fackel aus der Hand. Er packte mit der Faust in die Flammen. Seine Finger schlossen sich um die pechgetr�nken Lappen und erstickten Flammen und Glut. Orgrim hechelte vor Schmerz, und doch vermochte die Pein des gemarterten Fleisches nicht den Schmerz auszul�schen, der in seiner Brust tobte. Er hatte verloren, ganz gleich, wie viele Menschen und Elfen er t�ten w�rde. Selbst Emerelles Thron w�rde ihn nicht entsch�digen. Was war ein St�ck Holz wert im Vergleich zu seinem Weib und seinen Kindern. Doch um dieses St�ck Holz zu halten, war all das hier geschehen, dachte er zornig.</p><p>Er blickte ins Antlitz des toten Menschenk�nigs. Alfadas hatte lange an Emerelles Hof gelebt. Er hatte sogar eine Elfe zum Weib, so hie� es. Er h�tte das R�nkespiel doch durchschauen m�ssen! Was hatte ihn nur getrieben? Dass ein so tapferer Mann zugleich so dumm und verblendet sein konnte! Alfadas hatte gut gek�mpft. Mit einer Hand voll Krieger hatte er sich in einer Klamm verschanzt, w�hrend seine �brigen M�nner in die Berge geflohen waren. Der K�nig hatte einen Trollkrieger get�tet und einen weiteren �bel verletzt. Und dabei hatte er zum Schluss allein gek�mpft. Orgrim w�rde sein Herz essen, sobald die Toten ger�cht waren. Alfadas hatte es verdient, dass man ihm Ehre erwies.</p><p>Der Herzog blickte zu Helog, dem Krieger, den die Elfen ihm entgegengetrieben hatten. Ihm die Daumen abzuschneiden, war selbst f�r Elfen niedertr�chtig. �Glaubst du, die Menschen wussten vom Plan der Elfen, unsere Leute zu ermorden?�</p><p>�Das kann ich nicht sagen. Sie sind vorher gegangen. Selbst unter den Elfen hat es Streit gegeben, als die Schiffe brannten.�</p><p>�Aber Elodrin ist noch immer ihr Anf�hrer.� Helog nickte.</p><p>�Ja. Als er die H�rner h�rte, hat er befohlen, meine Ketten zu l�sen und mich laufen lassen. Dann gab er den Befehl, die Schiffe zu verlassen. Er marschiert uns entgegen. Er befehligt etwa f�nfhundert Elfen.�</p><p>Orgrim kaute auf seiner Unterlippe. Er sollte in eine Falle gelockt werden. Was ging nur im Kopf des F�rsten von Alvemer vor? Elodrin konnte nicht gewusst haben, dass er nur dreihundert Krieger hierher f�hren w�rde. Mehr hatte Skanga ihm nicht gestattet. Sie hatte gro�e Sorge gehabt, ihre Streitmacht k�nne im goldenen Netz noch einmal in eine Falle der Elfenk�nigin geraten.</p><p>Dreihundert. Das war genug gewesen, um die Menschen in die Flucht zu schlagen. Aber gegen f�nfhundert Elfen anzutreten, das w�re leichtfertig. Er musste sich zur�ckziehen. Und er w�rde die Toten hier lassen.</p><p>Die Menschen w�rden es den Elfen nicht verzeihen, wenn ihre Verb�ndeten die Leichen auf dem Schlachtfeld zur�cklie�en. F�r jeden Toten m�ssten die Elfen zwei Krieger abstellen, um ihn zu tragen. Ganz gleich, was sie taten, die Toten w�rden f�r Unfrieden sorgen. Sie konnten nicht zur�ckgelassen werden. Man konnte sie im hart gefrorenen Boden auch nicht begraben. Und selbst wenn das m�glich w�re, h�tten sie bef�rchten m�ssen, dass die Trolle sie wieder ausgruben. Sie zu tragen, machte das Heer aus Menschen und Elfen aber erheblich langsamer. Einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem man siebzig Tote verbrennen konnte, w�rde sie einen Tag kosten, um gen�gend B�ume zu schlagen. Mehr brauchte Orgrim nicht. Das Kr�fteverh�ltnis w�rde sich schon sehr bald verschieben. Dann waren sie ihm ausgeliefert! Er w�rde alle M�rder stellen.</p><p>�L�scht die Fackeln! Wir ziehen uns zur�ck und warten auf Brodgrimm!�</p></section><section><title><p>Abgeschnitten</p></title><p>Fenryl stand am Ruder seiner Galeere und lauschte auf die Ger�usche im Nebel. Er w�nschte, sie w�rden den verfluchten Fjord endlich hinter sich lassen. In Albenmark w�ren sie in sichereren Gew�ssern; dort k�nnten sie auf Eleborns Hilfe hoffen.</p><p>Gerade eben noch konnte er das Vorsegel der Meerwanderer hinter sich sehen. Schlaff und triefnass hing es von der Rah. Kein Lufthauch regte sich. Es war ohnehin schon schwierig, in den Fjorden mit ihren hohen Steilklippen zu segeln. Zu unberechenbar waren die Winde hier. Doch jetzt herrschte Flaute. Kein Luftzug regte sich. Deshalb hatten die beiden Galeeren die Meerwanderer in Schlepp genommen.</p><p>Dick und tr�ge hing der Nebel �ber dem Wasser und d�mpfte alle Ger�usche. Vom Bug erklang der Singsang des Lotsen.</p><p>�Sieehben Faaahhden!�</p><p>Fenryl vermochte nicht zu sagen, ob sie in der Mitte des Fjords oder nahe an einem der Steilufer waren. Angespannt lauschte er auf jedes Ger�usch. Auf das Knarren der Ruder, das leise Pl�tschern des Wassers. Die Mannschaft schwieg. Sie alle standen noch unter dem Eindruck des ungeheuerlichen Verbrechens, in das Elodrin sie hineingezogen hatte. Niemals h�tte Fenryl erwartet, dass sich ein Elfenf�rst zu solch einer Bluttat w�rde hinrei�en lassen. Ihrer aller Ehre war auf immer besudelt. Der Name der Elfen w�rde von nun an mit diesem Massaker verbunden sein.</p><p>Ein Rumoren steuerbord voraus schreckte ihn aus seinen Gedanken. Mehrere Gletscher m�ndeten in den Fjord. Mehr Angst als vor Riffen, die sich unter der schwarzen Wasseroberfl�che verbargen, hatte er vor den himmelhohen Eisw�nden, die sich in die Einschnitte des Steilufers zw�ngten. Niemand konnte vorhersagen, wann sich Eisbrocken aus ihren Flanken l�sten. Meistens waren sie nur so gro� wie eine Faust oder auch ein Pferdekopf. Aber manchmal brachen auch St�cke ab, die so gewaltig wie ein Bergfried waren. Sie jagten Flutwellen durch die engen Fjorde, und wer den Gletschern zu nahe kam, lief Gefahr, zerquetscht zu werden wie eine Fliege unter der Faust eines Riesen.</p><p>�Aaacht Faaahhden!�, rief der Lotse, und wie zur Antwort klang es von der anderen Galeere: �Neun Faaahhden!�</p><p>Fenryl lehnte sich ein St�ck weit �ber die Reling. Sie waren also mutma�lich n�her an den Klippen als die andere Galeere. Durch den dichten Nebel konnte er kaum die Wasseroberfl�che erkennen. Ein Klacken, wenn die Ruder eintauchten, verriet ihm, dass Eisst�cke im Wasser schwammen. �Die Ruder halt!�, rief er.</p><p>Auch die Ruder der zweiten Galeere verharrten. Die Lotsen schwiegen. Alle an Bord der drei Schiffe lauschten. Leises Kratzen erklang. Eis, das an der Bordwand entlangschrammte. Dann war in der Ferne wieder ein Rumpeln zu h�ren. Etwas st�rzte ins Wasser.</p><p>Fenryl hielt den Atem an. Zu leise, dachte er. Das ist keine Gefahr.</p><p>Er wollte den Ruderern schon befehlen, sich wieder in die Riemen zu legen, als er eine lang gezogene Stimme h�rte. Dunkel, fremd und zugleich auch vertraut. Die Stimme eines Trolls. Fenryl kannte die Sprache seiner Feinde gut genug, um zu wissen, dass dort jemand zehn Faden gerufen hatte.</p><p>Die Gedanken des Grafen �berschlugen sich. Mindestens ein feindliches Schiff kam ihnen entgegen. Die Elfengaleeren waren schnell und wendig, aber mit der Meerwanderer im Schlepp bestand keine Hoffnung, den Trollen zu entkommen.</p><p>Das rothaarige Menschenm�dchen, das ein St�ck entfernt an der Reling kauerte, sah ihn mit leerem Blick an. Sie war seltsam. Seit dem Massaker in der Hafenbucht hatte sie kein Wort gesprochen. Wer mochte ihr das ver�beln? Ihr Gef�hrte, der Baumeister, sa� still, den Kopf nach vorn gebeugt. Seine Lippen bewegten sich unabl�ssig. Er schien zu beten. Dies war die Welt der Menschen. Vielleicht half es, ihre G�tter anzuflehen.</p><p>�Zw�lf Faden!�, rief der Trolllotse.</p><p>Wenn sie etwas Gl�ck hatten, w�rden die Trolle an ihnen vorbeirudern. Sie hielten sich eindeutig mehr in der Mitte des Fjords, wo das Fahrwasser tiefer war.</p><p>Es war kaum sechzehn Jahre her, dass die Trolle die Welt der Menschen verlassen hatten. Vorher waren die Berge und die Fjorde im �u�ersten Norden der Anderen Welt ihre Heimat gewesen. Sie kannten sich hier besser aus.</p><p>�Wir warten�, rief er leise zur zweiten Galeere hin�ber.</p><p>�Gut!�, kam einige bange Herzschl�ge sp�ter die Antwort.</p><p>Ohne Hilfe war die Meerwanderer dazu verdammt, auf der Stelle zu liegen. Mit ihnen musste man sich nicht absprechen. Die schweren Schleppseile erschlafften, als der gro�e Segler n�her glitt und dabei immer mehr an Fahrt verlor.</p><p>�Elf Faden!�, h�rte man den Troll. Und gleich darauf erklang leiser: �Zw�lf Faden!� Fenryl fluchte stumm. Noch ein zweites Schiff! Der Graf sp�rte ein feines Prickeln auf der Haut. Jemand wirkte Magie. Sein Mund wurde trocken. Sein bestes Pferd w�rde er daf�r geben, wenn er w�sste, was jetzt auf den beiden schwarzen Galeassen geschah, die der Nebel vor ihren Blicken verbarg.</p><p>Es kam Bewegung in das Wei�. Spiralwirbel glitten wie Schlangendrachen durch den Nebel. Fenryl sp�rte einen leichten Luftzug auf dem Gesicht. Drei Herzschl�ge sp�ter war daraus eine frische Brise geworden. Er h�rte die nassen Segel der Meerwanderer hinter sich im Wind schlagen.</p><p>Jetzt h�rte Fenryl schon drei Lotsen rufen.</p><p>Ein tiefer Laut, der sich in den Bauch grub, hallte �ber das Wasser. Dann gab es ein Splittern und Tosen, als wolle die Welt zerbrechen. Die Galeeren hoben und senkten sich unter immer h�heren Wellen.</p><p>Gundaher, der Baumeister, betete nun nicht mehr leise. Mit schreckensweiten Augen bat er seinen Gott Tjured um Hilfe. Bei dem L�rm musste Fenryl ihn nicht zur Ordnung rufen. Wom�glich hatten die Menscheng�tter ihnen sogar tats�chlich geholfen? H�tten sie nicht angehalten, w�ren sie wohl gef�hrlich nahe am Gletscher gewesen.</p><p>Der Nebel zerriss. Deutlich sah der Elfengraf einen gro�en, schwarzen Schatten �ber das Wasser gleiten. Das Deck der Galeasse stand dicht gedr�ngt voller Trollkrieger.</p><p>Immer deutlicher sch�lten sich die Umrisse des schwarzen Schiffes aus dem Nebel. Er erkannte eine Gestalt, die ganz vorne am Bug stand und wie ein Schwimmer in langsamen Bewegungen die Arme ausbreitete. Eine Schamanin, die den Nebel vertrieb. So also blieben die feindlichen Schiffe in der Mitte der Fahrrinne.</p><p>Das Schaukeln der Galeere lie� nach.</p><p>Fenryl sah einige der Trolle wild gestikulieren und in Richtung der Galeere deuten. Wer sehen konnte, konnte auch gesehen werden.</p><p>�Rudert!�, befahl er, obwohl ihm klar war, dass mit der schweren Meerwanderer im Schlepp nicht die geringste Aussicht bestand, den Trollen zu entkommen.</p><p>Die M�nner strengten sich verzweifelt an. Die dicken Taue, die sie mit dem Segler verbanden, spannten sich wieder. Doch es war, als seien sie an einen Felsen geschmiedet. Unendlich langsam setzten sie sich in Bewegung, w�hrend das vorderste Schiff der Trolle auf sie einschwenkte. Inzwischen konnte Fenryl drei schwarze Galeassen erkennen, die in einer Linie hintereinander fuhren. Auch die Trollschiffe verf�gten �ber eine Reihe Ruderer. Aufgrund ihrer massigen Bauart man�vrierten die Galeassen normalerweise viel schwerf�lliger als Galeeren.</p><p>Eine Font�ne spritzte zwanzig Schritt vor ihnen aus dem Wasser. Einer der Trolle hatte einen faustgro�en Stein geworfen.</p><p>�Bogensch�tzen und Schildtr�ger auf das Vordeck!�, befahl der Graf. Zumindest w�rden sie nicht kampflos untergehen.</p><p>�Fenryl!� Die Stimme ging im L�rm der trampelnden F��e auf Deck fast unter. �Fenryl!� Der Elf drehte sich um. Nun, da sich der Nebel gelichtet hatte, war der gro�e Dreimaster deutlich zu erkennen. Ein Trupp Krieger bemannte gerade das schwenkbare Torsionsgesch�tz auf dem Vordeck. Ganz vorne am Rumpf der Meerwanderer stand Nardinel. Sie trug ein wei�es Kleid, ihr Haar bewegte sich sanft in der Brise. Sie war so sch�n, dass es schmerzte, sie anzusehen. Zwei Elfen mit schweren �xten flankierten sie.</p><p>Nardinel wirkte gefasst. �Lebe wohl, Graf.�</p><p>�Nein!�, rief Fenryl.</p><p>Die Heilerin gab ihrer Eskorte ein Zeichen. Die �xte sausten nieder.</p><p>�Nein! Du k�nntest mit uns kommen!� Dumpfe Schl�ge hallten �ber das Wasser. Polternd schlug ein Stein an Deck. Er richtete zwar keinen Schaden an, aber die Trolle feierten den Treffer mit wildem Gebr�ll.</p><p>�Ich kann die Verwundeten nicht im Stich lassen.� Sie l�chelte traurig. �Uns bleibt die Hoffnung auf Wiedergeburt. Den Menschen nur die Hoffnung auf unsere Treue. Trage unsere Geschichte nach Albenmark. Und bringe den Menschen Schutz, wenn sie f�r unsere Verbrechen b��en m�ssen.�</p><p>Die Galeere machte einen regelrechten Satz nach vorn, als das dicke Schleppseil durchtrennt war. Einen Moment lang gerieten die Ruderer aus dem Takt. Steine prasselten gegen die Bordwand des Schiffes. Einer der Schildtr�ger wurde von einem Geschoss zu Boden gerissen, rappelte sich aber fluchend wieder auf. Dem Schiff konnten die Steine kaum Schaden zuf�gen, doch wenn die Trolle noch n�her kamen, dann wurden ihre primitiven Wurfgeschosse f�r die Besatzung gef�hrlich.</p><p>Die zweite Galeere, die dichter bei den Galeassen lag, hatte schon die ersten Ausf�lle. Auch sie war nun von der Fessel, die sie an die Meerwanderer gebunden hatte, befreit und versuchte sich dichter an die Steilklippe zu schieben.</p><p>Fenryl korrigierte seinen Kurs, damit ihre beiden Schiffe nicht kollidierten. Eine vierte und f�nfte Galeasse sch�lten sich aus dem Nebel. Laute Rufe hallten zwischen den Trollschiffen. Sie alle �nderten den Kurs und drehten die R�mpfe in Richtung der Steilwand. Sie w�rden versuchen, ihnen den Weg abzuschneiden.</p><p>�Pullt, M�nner! Pullt!�, feuerte Fenryl seine Ruderer an. Auch er brachte die Galeere dichter an die K�ste. �Lotse!�</p><p>�Sieben Faden!�, erklang es vom Rumpf. Diesmal ganz ohne den �blichen Singsang.</p><p>Ein Schildtr�ger eilte an Fenryls Seite. Keinen Augenblick zu fr�h! Wieder prasselten Steine an Bord. Die Bogensch�tzen am Bug revanchierten sich mit t�dlicheren Geschossen.</p><p>Im Nebel voraus zeichnete sich ein weiterer Schemen ab. Er war riesig! Ein Schiffstyp, von dem er noch nicht geh�rt hatte? Niemand wusste genau, was die Trolle in den letzten Jahren in der Walbucht getrieben hatten. Aber sie hatten sehr viel Holz gebraucht.</p><p>�Sechs Faden!�, rief der Lotse.</p><p>Fenryl musterte die Klippen. Sie waren weniger als f�nfzig Schritt entfernt. Nur wenige grauschwarze Felsen ragten aus dem Wasser. Wie dicht konnte er herangehen?</p><p>Ein Stein traf den Schild des Kriegers, der ihn besch�tzte.</p><p>Fenryl hallten die Ohren von dem Treffer. Aus dem Nebel schob sich ein Eisberg. Er war �ber f�nfzig Schritt lang und ragte mehr als zehn Schritt in die H�he. Ein Gletscherfragment! Kleinere Eisberge umgaben ihn wie eine Herde von Schafen ihren Sch�fer.</p><p>Der Dreimaster war schon ein gutes St�ck hinter ihnen zur�ckgeblieben. Das vorderste der Trollschiffe wechselte den Kurs, um bei der Meerwanderer l�ngsseits zu gehen. Auch die zweite Galeasse war aus dem Rennen.</p><p>In der Ferne war wieder das dumpfe Rumoren des Gletschers zu h�ren. Fenryl schwor sich, nie wieder ein Schiff in einen Fjord zu steuern, wenn sie hier lebend herauskamen.</p><p>Ihr Schwesterschiff verlor an Geschwindigkeit. Der Steinhagel hatte einige der Ruder backbord besch�digt. Doch die Galeere war immer noch schneller als die Galeassen.</p><p>�Sechs Faden!�, rief der Lotse.</p><p>Der Graf fragte sich, wie weit ihm die Galeassen folgen konnten. Die Schiffe der Trolle hatten breite R�mpfe. Wahrscheinlich hatten sie f�r ihre Gr��e erstaunlich wenig Tiefgang. Schlie�lich mussten sie in den engen Fjorden man�vrieren k�nnen. Er blickte zu dem Eisberg. Zwischen dem schwimmenden Koloss und der Steilwand war eine L�cke von mehr als zwanzig Schritt. Der Eisberg hatte leichte Drift in Richtung der Felsen. Das hinterste der Trollschiffe lag auf der anderen Seite des Eisbergs. Der Fjord war an dieser Stelle recht eng. Backbord konnte Fenryl Riffe im Wasser entdecken. Diese letzte Galeasse hatte beste Aussichten, ihnen den Weg zu verlegen. Wenn der Kapit�n geschickt man�vrierte, w�rde es ihm vielleicht sogar gelingen, eine der Elfengaleeren zu rammen. Auf jeden Fall w�rden sie etliche Steinsalven auf kurze Distanz abbekommen.</p><p>Der Graf entschied sich f�r das Risiko. �Bringt die Ersatzruder an Deck!�</p><p>Das Menschenm�dchen erwachte aus seiner Lethargie und versuchte, sich n�tzlich zu machen. Sie half den Seeleuten, die Ruder aus dem Stauraum zu heben. Es waren zehn. Anschlie�end ging sie zum Bug, hob den Schild eines Verwundeten und schirmte einen der Bogensch�tzen ab.</p><p>Die Galeere flog nur so �ber das dunkle Wasser. Ihr Schwesterschiff folgte ihnen in der Kiellinie. Bei einem Blick �ber die Schulter sah Fenryl, wie die Trolle die Meerwanderer enterten. Sie stie�en auf keinen Widerstand. Offensichtlich hatte Nardinel den Kriegern verboten, sich zu verteidigen. Hoffentlich fanden sie in den Trollen gn�dige Sieger. Zumindest konnten die Krieger auf den Schiffen noch nicht wissen, was in der Bucht an der Nachtzinne geschehen war.</p><p>�Bogensch�tzen zur�ck vom Bug!�, rief Fenryl. �Nehmt die Ruder. Und dann haltet das Eis fern vom Bug.�</p><p>Steinbrocken prasselten auf Deck. Das zweite und dritte Trollschiff hatten sie inzwischen hinter sich gelassen. Doch die vierte Galeasse war ihnen bedenklich nahe gekommen. Sie nutzten inzwischen schon deutlich gr��ere Steine als Geschosse. Allerdings schienen sie schlechter zu treffen.</p><p>Eis schrammte unter ihrem Rumpf entlang. Die M�nner am Bug versuchten mit den langen Rudern die dicksten Brocken von der Galeere fortzuschieben.</p><p>Schreie erklangen auf dem Ruderdeck. �Backbordruder drei, acht und sechzehn ausgefallen!�, rief jemand zu Fenryl hoch.</p><p>Der Graf verdrehte den Kopf, aber von seiner Position an der Ruderpinne konnte er nicht sehen, was backbord geschah. Allerdings ahnte er, was die Trolle vorhatten. Sie zielten keineswegs schlechter als zuvor. Sie hatten lediglich ein anderes Ziel. Die Ruder! Mit jedem Treffer machten sie die Galeere langsamer.</p><p>Fenryl sah, wie auch steuerbord die Ruder drei, acht und sechzehn eingeholt wurden, damit sich die Kr�fte nicht ungleich verteilten und die Galeere zu den Klippen hin abdriftete.</p><p>�F�nf Faden!� rief der Lotse.</p><p>Unruhig sah Fenryl zu den Felsen. Er musste dichter heran, wenn er den Trollen entkommen wollte. Aber wenn sie drei Faden unterschritten, liefen sie Gefahr, auf Grund zu laufen. Durch das viele Eis wurde es sogar noch riskanter, sich den Klippen zu n�hern. Ein falsches Man�ver, und sie waren zwischen Felsen und treibenden Eisbrocken eingeklemmt.</p><p>Ein kleinerer Stein traf dicht neben dem Grafen die Reling und riss ein St�ck aus dem Holz. Schleuderer waren in die Masten der Galeassen gestiegen. Das hatte gerade noch gefehlt!</p><p>An Deck lagen die ersten Toten.</p><p>Das vierte Schiff war m�rderisch nah. Wieder zielte eine Salve Steine auf ihre Ruder. Der Graf h�rte Holz splittern und die Schmerzensschreie der M�nner, denen die langen Ruderstangen gegen die Leiber hieben.</p><p>�Ruder vier und einundzwanzig ausgefallen!�, kam die Meldung vom Ruderdeck.</p><p>Pl�tzlich stand der Baumeister der Menschen neben ihm. Er hielt Fenryl einen Helm hin. �Setz den auf. Sie werden versuchen, dich zu t�ten. Wenn der Mann am Steuer ausf�llt, dann sind wir alle verloren.� Gundaher hatte sich so gestellt, dass er Fenryl mit seinem breiten R�cken abschirmte.</p><p>Wie um die Worte des Menschen zu best�tigen, zupfte ein Stein an seinem Umhang. Hastig setzte sich der Graf den Helm auf. �Bogensch�tzen! Holt mir die Schleuderer von den Masten.�</p><p>�Drei Faden!�</p><p>Fenryls H�nde krampften sich um das Seitenruder. Ein Ruck lief durch den Schiffsrumpf. Etwas knirschte wie Krallenh�nde �ber das Holz. �Holt die Ruder ein!�, befahl er. Die Gasse zwischen dem gro�en Eisberg und den Klippen war nicht mehr weit entfernt. Mit etwas Gl�ck hatten sie genug Fahrt, um hindurchzukommen. Zur Not konnten sie an der Wand des Eisbergs entlangstaken.</p><p>Wieder lief ein Zittern durch den Schiffrumpf. Ein Bogensch�tze wurde umgerissen. Eines seiner Augen hatte sich in einen blutigen Krater verwandelt.</p><p>Noch zehn Schritt bis zum Eisberg. Seine hohen Flanken w�rden sie vor dem Beschuss sch�tzen.</p><p>�Drei Faden!�, rief der Lotse.</p><p>Gundaher st�hnte auf. Der Stein eines Schleuderers hatte ihn in den R�cken getroffen. Der Baumeister biss die Z�hne zusammen. Er hielt sich weiter auf den Beinen und diente Fenryl als lebender Schild.</p><p>Ein Geschoss traf die linke Hand des Grafen. Er h�rte seine Knochen splittern. Blut quoll ihm unter den Fingern�geln hervor. Gundaher griff mit ins Ruder, um die Galeere auf Kurs zu halten.</p><p>�Drei Faden!�, rief der Lotse. Panik schwang in seiner Stimme mit.</p><p>Der kalte Atem des Eisbergs erfasste das Schiff. Seine schillernd blauwei�en W�nde wurden der Galeere zum Schutzschild. Mit den Rudern hielt die Mannschaft Abstand zu dem Koloss.</p><p>�Drei Faden!�</p><p>Der Rumpf ruckte. Mit einem Knall splitterte eine Planke. Sie verloren immer mehr an Fahrt. Die M�nner an Deck benutzten die Ruder, um sich an der Flanke des Eisbergs entlangzudr�cken.</p><p>In der Ferne war Rumoren zu h�ren.</p><p>�Vier Faden!�</p><p>Eine Lawine aus kleineren Eisklumpen prasselte an Deck. Besorgt musterte Fenryl die Flanke des Berges. Das Eis war von tiefen Rinnen durchzogen. Sollte sich ein Klumpen von der Gr��e eines Stiers l�sen, w�ren sie verloren. Ein solcher Brocken w�rde m�helos die Decks durchschlagen und das Schiff versenken. Neben dem Eisberg erschien Fenryl die Galeere zerbrechlich wie ein Spielzeug.</p><p>Weit entfernt prasselte etwas ins Wasser. Der Gletscher! Fenryl hielt den Atem an. Seine M�nner stemmten sich mit aller Kraft in die Ruder. Hinter ihnen war jetzt auch die zweite Galeere in den engen Kanal aus Eis und Felsen eingelaufen.</p><p>Die D�nung hob ihr Schiff; im gleichen Rhythmus hob sich der Eisberg. �berall entlang seiner Flanke gingen kleine Lawinen ab. Eisklumpen schlitterten �ber Deck. Die Eiswand driftete der Steilklippe entgegen.</p><p>Etwas rammte den Rumpf. Der Graf atmete keuchend aus. Holz splitterte.</p><p>�Wir haben ein Leck!�, rief jemand unter Deck.</p><p>Noch immer war die Galeere ein Spielball der D�nung. Backbord schlugen sie gegen die Wand aus Eis. Ein Teil der Reling wurde eingedr�ckt.</p><p>Dann schob sich der Rumpf in freies Wasser.</p><p>Noch einige bange Herzschl�ge ...</p><p>Jubel erhob sich. Sie hatten es geschafft! �Sieehben Faaahhden!�, sang der Lotse in vertrauter Litanei.</p><p>Gundaher k�sste Fenryl st�rmisch auf die Wangen. �Das war ein Wunder! Bei Tjured, du hast ein Wunder vollbracht, Kapit�n.�</p><p>Hinter ihnen glitt auch ihr Schwesterschiff aus dem Kanal.</p><p>Fenryl sah, wie die hinterste Galeasse der Trolle versuchte beizudrehen, aber dem plumpen Schiff w�rden sie nun leicht entkommen k�nnen.</p></section><section><title><p>Das Grab eines K�nigs</p></title><p>�Jetzt geh schon! Ich kann dein weinerliches Gesicht nicht l�nger ertragen. Lass mich allein, damit ich �ber die Scherze der G�tter lachen kann�, fauchte Ottar. Selbst jetzt brannte noch Wut in seinen Augen. Wie seine Schwester Asdis geh�rte er zu denen, die in Eiriks Bann standen. Aus dem scheuen kleinen Jungen, der sich stets in den Schutz seiner gro�en Schwester rettete, wenn Gefahr im Verzug war, war ein harter Krieger geworden, der zur Leibwache des K�nigs geh�rt hatte.</p><p>�Wir k�nnten dich tragen�, sagte Ulric und wusste es doch besser.</p><p>�Und dann kippen wir sp�testens morgen gemeinsam um? Mit dir m�chte ich nicht einmal begraben sein, Wiederg�nger. Ich bleibe hier.� Er schnaubte ein freudloses Lachen. �Was f�r ein wunderbarer Witz! Ich werde lebend zu den Toten gelegt, und ein Toter, der nicht von den Lebenden weichen will, flennt sich gleich meinetwegen die Augen aus dem Kopf. H�tte ich diese Geschichte in einer Sch�nke in Firnstayn geh�rt, h�tte ich sicher herzhaft gelacht.�</p><p>Ulric blickte zu seinem toten Vater. Er hielt noch immer sein Schwert in der Hand. Seltsam verdreht lag er da, so wie er auf dem Schlachtfeld gefallen war. Der Frost verhinderte, dass man ihn mit �ber der Brust verschr�nkten H�nden bestattete, wie es Sitte war.</p><p>Auch all die anderen Leichen verharrten in der K�rperhaltung, in der der Tod sie gefunden hatte. Die Elfen hatten nur zwanzig Gefallene vom Schlachtfeld mitgebracht. Die �brigen waren den Trollen zum Fra� geblieben, dachte der Prinz bitter.</p><p>Elodrin hatte die Trolle glauben lassen, dass er mit seiner ganzen Streitmacht zur�ckgekehrt sei. So hatten sie zwei Tage gewonnen. In Wirklichkeit war der F�rst von Alvemer aber mit weniger als hundert Kriegern gekommen. Daf�r hatte er allerdings ein Geschenk mitgebracht, dessen Wert nicht in Gold zu bemessen war. Schutzamulette vom Elfenvolk der Normirga. Die G�tter allein wussten, wie er daran gekommen sein mochte. Alfadas hatte ihm oft erz�hlt, wie eifers�chtig die Normirga diesen Schatz h�teten. Die verzauberten Amulette hielten die K�lte fern. Trug man eins davon auf der Haut, h�tte man nackt durch einen Schneesturm wandern k�nnen, ohne zu frieren.</p><p>Ulric war die undankbare Aufgabe zugekommen, die f�nfzig Amulette unter den �berlebenden zu verteilen. Er hatte die Entkr�fteten ausgew�hlt. Und alle hatten geschworen, die Amulette herauszugeben, wenn es anderen noch schlechter ging.</p><p>Insgeheim hatte der Prinz mit sich gerungen, ob er auch f�r Blut ein Amulett aufheben durfte. Der gro�e schwarze Hund hielt sich erstaunlich gut. Obwohl er hinkte, verf�gte er immer noch �ber B�renkr�fte. Und er wich nicht von der Seite des toten K�nigs. Wann immer sie rasteten, leckte er Alfadas die Wangen und stupste ihn mit seiner breiten Schnauze, als versuche er ihn zu wecken. Irgendwann gab er dann auf und rollte sich zu F��en des K�nigs zusammen. Er schlief nie sonderlich tief. Auch bei dem kleinsten Ger�usch richtete er die Ohren auf. Wenn die Rast vor�ber war, trottete er neben jenen, die den Leichnam trugen, und achtete darauf, dass man den K�nig mit Respekt behandelte. So ging es nun schon seit drei Tagen.</p><p>Heute Morgen dann hatte Fingayn die H�hle auf der kleinen Insel inmitten eines namenlosen Bergsees gefunden und ihnen von seinem Plan erz�hlt. Er und Silwyna waren die einzigen Elfen, die sie noch begleiteten. Die �brigen waren in der Hoffnung zur�ckgeblieben, Orgrim eine Falle stellen zu k�nnen. Ulric war klar, dass sie ihre Leben gaben, um ihm und den anderen Fjordl�ndern ein paar Tage mehr zu erkaufen.</p><p>Fingayn hatte beobachtet, wie f�nf schwarze Galeassen und die Meerwanderer in die Bucht bei der Nachtzinne eingelaufen waren. Mehr als tausend Trolle folgten ihnen nun, angef�hrt vom besten Feldherrn ihres Volkes. Ihre Lage war hoffnungslos. Aber wenn es wenigstens einer von ihnen bis Firnstayn schaffte, dann konnte dieser ihre Verwandten und Freunde vor der bevorstehenden Invasion warnen. Ulric war verzweifelt! Das Drama des Elfenwinters vor fast sechzehn Jahren w�rde sich wiederholen. Und diesmal gab es keinen Alfadas mehr, der mit den Veteranen der Schlacht um Phylangan und einem Heer von Elfen zur Rettung kommen w�rde.</p><p>Sein Blick wanderte �ber all die Toten. So viele vergeudete Leben! Unruhig sah er sich nach dem Hund um. �Blut?�</p><p>Ein Kl�ffen antwortete von drau�en. Er atmete aus. Am Ende der H�hle hatte es einen engen Tunnel gegeben. Vielleicht einen Dachsbau. Ulric hatte bef�rchtet, dass Blut sich dort verkriechen k�nnte.</p><p>�Du willst wirklich hier bleiben?�, fragte Ulric den jungen Krieger noch einmal.</p><p>�Meine F��e sind erfroren. Ich w�rde euch nur aufhalten. Selbst wenn wir �berleben, w�re ich ein Kr�ppel. Da bleibe ich lieber hier, an der Seite meines K�nigs, wie es sich f�r eine Schildwache geh�rt.�</p><p>Ulric hatte genug von den Phrasen. �Dann soll es so sein.� Er beugte sich �ber seinen Vater, fl�sterte ein letztes Lebewohl und verlie� die H�hle. Blut empfing ihn bellend und dr�ckte ihm seine feuchte Schnauze in die Hand.</p><p>Es war m�rderisch kalt. Die B�rte der M�nner, die kein Elfenamulett trugen, waren steif vor Raureif. Ihr Atem stand ihnen in kleinen wei�en Wolken vor den M�ndern. Sie stapften mit den F��en, um die K�lte zu vertreiben. Vielleicht auch nur, um zu erproben, ob sie ihre Zehen noch sp�rten.</p><p>Schweigend machten sie sich an ihr Werk. Sie rollten Steine vor den Eingang und sch�tteten Kies dar�ber. Immer wieder musste Ulric an Ottar denken. Der junge Prinz erinnerte sich gut, was es hie�, in einer H�hle eingeschlossen zu sein. Einst war es ihm auf seiner Flucht aus dem Gefangenenlager von Honnigsvald selbst so ergangen.</p><p>Als der H�hleneingang vollst�ndig verschlossen war, gingen sie �ber das dicke Eis zur�ck. Im Lager am Ufer erwarteten sie jene, die zu schwach gewesen waren, bei den Arbeiten zu helfen. Ulric musste niemanden aufscheuchen. Sie alle wussten, dass sie nicht weiter verweilen konnten. Mehr als tausend Trolle folgten ihnen. Aber K�nig Alfadas w�rden sie nicht bekommen.</p><p>Sie waren schon ein gutes St�ck den S�dhang hinaufgekommen, als am anderen Ende des Tals eine Lawine abging. Schnee und Felstr�mmer stoben �ber einen steilen Hang in jene enge Klamm, in der der Abfluss des Sees lag. Ein schnell flie�ender, tiefer Bach, der selbst jetzt nicht zugefrorenen war. Ein halbes dutzend Quellen ergossen sich in den See; deren Wasser wurde nun weiter angestaut.</p><p>Ulric ging vorne, als sich die Kolonne der �berlebenden wieder in Bewegung setzte. Schnaufend bahnte er den Nachfolgenden einen Weg durch den tiefen Schnee. Immer einen Schritt vor den anderen ... Blo� an nichts anderes denken! Schritt um Schritt um Schritt ... Ihr Ziel war zun�chst die halb vollendete Passfestung. Von dort konnten sie einen ausgeruhten Boten nach Firnstayn schicken. Bis zu der Festung waren es noch vier oder f�nf Tagesm�rsche, wenn das Wetter sich hielt. Sollte aber ein Sturm aufziehen, dann waren sie alle verloren. Sie hatten kaum Vorr�te. So w�rden selbst jene, die von den Amuletten vor der K�lte gesch�tzt wurden, zuletzt vor Hunger und Ersch�pfung sterben.</p><p>Denk so etwas nicht, ermahnte sich Ulric. Wir k�nnen es schaffen, wenn Firn uns wohlgesonnen ist und wenn Elodrin und seine Krieger die Trolle hinhalten.</p><p>Ein majest�tisches Knirschen und Knacken lenkte ihn ab. Ulric blieb stehen, um den Hang hinabzublicken.</p><p>Risse breiteten sich �ber das Eis des Sees aus. Das angestaute Wasser dr�ckte die Eisdecke empor. Das Eis zerbarst. Ein klagender Laut, fast wie Wolfsgeheul, hallte durch das Tal.</p><p>Vom Ende der Schlange k�mpfte sich Halgard zu ihm vor.</p><p>�Wo ist Blut?�, fragte sie aufgebracht.</p><p>Ulric sah sie erschrocken an. �Ich dachte, er w�re bei dir!�</p><p>�Ich ...� Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen. Sie griff nach seiner Hand. �Als wir aufgebrochen sind, war er noch bei mir. Er t�nzelte um mich herum wie ein Welpe. Und er hat mir seine Schnauze in die Hand gesto�en. Wie ... wie zum Abschied.�</p><p>Eine hinkende schwarze Gestalt erschien zwischen den B�umen der Insel und schleppte sich zum Eingang der H�hle. Dort lie� sie sich auf die Hinterbeine nieder und reckte die Schnauze dem Himmel entgegen. Ein langer, klagender Laut entwand sich Bluts Kehle.</p><p>Es war unm�glich, jetzt, da das Eis aufgebrochen war, Blut zur�ckzuholen. Das Wasser w�rde steigen, bis es das Grab und die kleine Insel verschlungen hatte. Niemals w�rden die Trolle den Leichnam des K�nigs finden.</p><p>�Er singt meinem Vater ein Totenlied.�</p><p>�Und auch uns�, fl�sterte Halgard.</p><p>Er dr�ckte ihre Hand. Dann gingen sie weiter. Bluts Heulen folgte ihnen noch bis zur D�mmerung. Dann brach es ab.</p></section><section><title><p>Eine neue Welt</p></title><p>Welch eine Wunderwelt! Obwohl sie nun schon drei Tage lang in Albenmark war und inmitten eines Fl�chtlingszugs steckte, wurde Kadlin nicht satt sich umzusehen. Alles hier war intensiver. Die Farben, der Duft der ersten Bl�ten, der Geschmack des Essens, der Klang der Musik. Selbst wenn sie etwas ber�hrte, hatte sie das Gef�hl, dass sie st�rker empfand.</p><p>Auch Gundaher war von der neuen Welt hingerissen. Er erholte sich schnell von der Wunde in seinem R�cken. Eine Heilerin der Elfen hatte ihn behandelt; hinterher hatte er verwirrt erz�hlt, es habe sich angef�hlt, als sei sie in ihm gewesen und habe den Schmerz an seiner Stelle getragen.</p><p>Sieben Tage waren seit der Flucht aus dem Fjord vergangen. Kadlin hatte f�r sich beschlossen, die Erinnerung an die brennenden Schiffe aus ihrem Ged�chtnis zu streichen. Elodrin war anders gewesen als die meisten Elfen. D�sterer. Allein die G�tter mochten wissen, was ihn zu dieser Bluttat bewogen hatte.</p><p>Wohin man auch blickte, Albenmark war durchtr�nkt von Sch�nheit. Doch der Weg durch die Finsternis war schrecklich gewesen. Am vierten Tag ihrer Flucht hatte Fenryl sein Schiff durch ein Tor aus Licht gebracht, das pl�tzlich inmitten der See erschienen war. Dahinter hatte sich eine Dunkelheit aufgetan, verglichen mit der Kadlin selbst eine bew�lkte Neumondnacht wie ein lichter Fr�hlingsmorgen erschien. Diese Finsternis war auf schreckliche Art lebendig gewesen. Lauernd hatte sie entlang des Pfades aus Licht gekauert. Noch eine Erinnerung, die sie vergessen wollte.</p><p>Sie musste mit allem brechen, was dunkel und traurig in ihr war. Ihre Flucht hatte sie auf einen weiten See gebracht und schlie�lich in eine wei�e Stadt. Alle H�user dort waren wei� und aus Stein errichtet. Es gab keine offenen Jauchegruben, stattdessen waren selbst die Stra�en aus Stein, und wohin sie ihre Abf�lle leiteten, war Kadlin schleierhaft. Firnstayn, die gr��te Siedlung, die sie je gesehen hatte, nahm sich neben dieser Stadt wie ein schmutziges kleines Dorf aus. Alles hier war gro�! Manche H�user waren von S�ulen umgeben, dick wie Eichenst�mme. Und auf den Pl�tzen standen versteinerte M�rder und Hochverr�ter. Sie hatten sich im letzten Augenblick ihres Lebens alle in Pose geworfen. Manche blickten ernst, andere l�chelten einen sogar an. Und sie alle wirkten so lebendig, als h�tten sie eben noch geatmet.</p><p>Ein kleiner dicker Kobold, der zu den Fl�chtlingen geh�rte und der erstaunlicherweise ein wenig ihre Sprache verstand, hatte sich eine Stunde Zeit f�r sie genommen, um ihr die Wunder von Lavianar zu erkl�ren. Der Name des Kobolds war so unaussprechlich, dass er ihr vorgeschlagen hatte, ihn einfach nur den Schwarzen zu nennen. Er war aus einer Stadt geflohen, die von den Trollen zerst�rt worden war. Doch hier in Lavianar wollte er abwarten. Er sagte, er sei zu m�de, noch weiter fortzulaufen.</p><p>Der Schwarze war ein gro�artiger Erz�hler. Er erkl�rte ihr die Wunder Albenmarks. Von ihm wusste sie, dass man die schlimmsten Verbrecher bestrafte, indem man sie in Stein verwandelte und auf die �ffentlichen Pl�tze stellte. Manche verwandelte man sogar samt ihrer Pferde! Aber nur, wenn die Pferde an ihren Verbrechen beteiligt gewesen waren.</p><p>Vom Schwarzen erfuhr sie, dass Elfen in ihrem ganzen Leben niemals wirklich arbeiteten und dass alle �brigen Bewohner Albenmarks f�r sie schuften mussten. Er erz�hlte ihr von den Wolkendrachen, die keine Jungen mehr bekommen konnten und deren gefrorene Milch man mit fliegenden Schiffen vom Himmel holen musste, damit sie nicht so viel wurde, dass sie den Blick auf die Sonne versperrte. Da diese Milch verzaubert war und nicht mehr auftaute, schnitt man sie in Bl�cke und baute H�user daraus. Deshalb waren alle St�dte Arkadiens wei�, denn sie waren nicht aus Stein, sondern aus Wolkendrachenmilch errichtet.</p><p>Am meisten beunruhigte Kadlin, was der Schwarze �ber die seltsamen Gestalten sagte, die man allenthalben sehen konnte. Gesch�pfe, die zur H�lfte Tiere waren. Manche sahen sehr h�bsch aus, und keines hatte Kadlin in irgendeiner Weise bedroht oder auch nur feindselig angesehen. Dennoch hatte ihr Anblick sie durcheinander gebracht. Es war nicht wirklich Angst ... Aber sie hatte sich in ihrer N�he unwohl gef�hlt.</p><p>Der Kobold hatte ihr ausschweifend erz�hlt, dass ganz Albenmark von Magie durchdrungen sei. Daher r�hrte die Sch�nheit des Landes, doch es f�hrte auch zu einigen Absonderlichkeiten. Als er das sagte, hatte er auf einen Mann am anderen Ende des Marktplatzes gedeutet, der zur H�lfte ein Pferd war. Manchmal, wenn man ein Tier sehr sch�tzt und sehr viel Zeit mit ihm verbringt, hatte der Schwarze gesagt, dann k�nne es geschehen, dass man eins mit ihm w�rde. Das gehe sehr langsam. Zun�chst �bernehme man ein paar Eigenheiten, bekomme ein wieherndes Lachen, das Haar wachse st�rker und �hnliches. Und manchmal verschmelze man mit dem Tier, so wie dieser Kentaur dort dr�ben.</p><p>Kadlin hatte an Fenryl und seinen Falken denken m�ssen. Der Elf hatte einen sonderbaren Blick, der in eine weite Ferne zu reichen schien. Und manchmal bewegte er den Kopf wie ein Vogel. Seltsam ruckartig. Offensichtlich hatte er begonnen, eins mit seinem Falken zu werden. Ob ihm das klar war? Vielleicht sollte sie ihn warnen, wenn sie ihn das n�chste Mal sah.</p><p>Fenryl hatte darauf bestanden, dass sie und Gundaher die Stadt mit einem Fl�chtlingszug verlie�en. Angeblich waren die Trolle noch weit entfernt. Niemand unter den Fl�chtlingen wirkte sonderlich beunruhigt. Sie wollten zu einer Br�cke, bei der sich das Heer der Elfenk�nigin sammelte.</p><p>Der Wagenzug auf der Stra�e reichte von Horizont zu Horizont. Lachende Kinder liefen neben den Karren her. Kadlin hatte es sich auf einem hohen Stapel mit Fellen bequem gemacht und blickte in den Himmel. Sie hatte kein Ziel. Fenryl hatte gesagt, es sei gut, wenn sie mit den Fl�chtlingen ziehe. Also hatte sie sich darauf eingelassen. Gundaher war mit ihr gekommen. Er sa� auf dem Kutschbock neben einem schweigsamen Kobold und zeichnete. All die Wunder, die er sah, versuchte er in Bildern festzuhalten. Kadlin vertraute da lieber auf ihre Erinnerung als auf etwas, das so verg�nglich war wie ein paar Blatt Pergament.</p><p>Die Sonne versank hinter einem breiten Waldstreifen. Wolken hingen wie riesige rote Fahnen am Himmel. Kadlin dachte an die fliegenden Schiffe, mit denen man die Milch der Wolkendrachen vom Himmel holte. Auf so einem Schiff w�rde sie gerne einmal mitfahren. Dann k�nnte sie die Welt sehen, wie ein Adler sie sah.</p><p>Ein Schwarm absonderlicher kleiner Gesch�pfe stieg von den Wagen auf. Sie waren nicht l�nger als ein Finger und hatten Schmetterlingsfl�gel, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Sie hielten aufgerollte kleine Decken in den H�nden. In gaukelndem Flug wirbelten sie umeinander und stiegen h�her und h�her. Dann lie�en sie ihre Lasten fallen, alle zugleich. Was Kadlin zun�chst f�r Decken gehalten hatte, entpuppte sich als Eichenbl�tter. Sie tanzten im Wind. Eines fiel auf die Felle auf ihrem Wagen. Neugierig betrachtete sie es. Es war mit seltsam verschlungen Zeichen bedeckt. Merkw�rdig. Achtlos schnippte sie es vom Wagen und sah seinem torkelnden Flug zu, bis es zuletzt auf dem Weg landete und unter den schweren Hufen eines Ochsen verschwand.</p><p>Ein Schrei gellte durch die D�mmerung. Ruckartig setzte Kadlin sich auf. Alle Schrecken der Schlacht am engen Tal waren wieder da. Sie zitterte. Die Erinnerung an die Todesschreie tilgte jeden anderen Gedanken.</p><p>Nicht weit entfernt war ein gro�er, wei�er Hund aus dem Wald getreten. Eine seltsame, durchscheinende Gestalt. Ein Mann mit Bocksbeinen lag vor ihm. Der Hund ... er zerrte etwas Leuchtendes aus der Brust des Gest�rzten.</p><p>Gundaher drehte sich zu ihr um. �Lauf fort, M�dchen. Das sind die Hunde von Jules! Sie haben mich gefunden! Lauf!�</p><p>Kadlin schwang sich vom Wagen. Doch sie dachte nicht daran wegzulaufen. Sie war aus ihrer Welt geflohen, weil sie dort alles verloren hatte, was ihr etwas bedeutete. Hier hatte sie sich sofort wieder in einen Fl�chtlingszug eingereiht. Es war genug! Sie w�rde k�mpfen. Und wenn es Luth so gefiel, dann w�rde sie eben sterben! Aber weglaufen w�rde sie nicht mehr!</p><p>Sie zog ihr Schwert und k�sste die Klinge. In ihrer Zeit bei den J�gern des K�nigs hatte sie eine Geschichte �ber einen Geisterhund geh�rt, der in das Langhaus des Alfadas gekommen war. Ein Luthpriester hatte das Ungeheuer get�tet, indem er den Namen seines Gottes aussprach und es umarmte.</p><p>Einige Krieger hatten den Geisterhund umringt, ein Pferdemann, zwei Kobolde und ein Gesch�pf, das wie ein aufrecht gehender Stier aussah. Sie stachen mit Speeren nach dem Geisterhund, vermochten die Bestie jedoch nicht zu verletzen. Dann grub sich die Schnauze des Hundes in die Brust des Stiers. Der Geh�rnte stie� gurgelnde, abgehackte Schreie aus. Die �brigen K�mpfer gaben auf. Sie lie�en die Waffen fallen und liefen davon.</p><p>�Luth steh mir bei!�, murmelte Kadlin. Gundaher rief ihr nach, sie solle umkehren.</p><p>�Lass mich stark sein, Luth. Lass uns diese unheilige Kreatur aus diesem Land voller Sch�nheit tilgen.� Der Geisterhund sah sie an. Alle Kraft schien aus ihren Beinen zu fliehen. Sein Blick allein gen�gte, sie zum Halten zu bringen.</p><p>Kadlin blickte auf das Schwert in ihrer Hand. Die Waffen der anderen hatten gegen den Hund nicht geholfen. Aber umarmen w�rde sie ihn gewiss nicht!</p><p>�Gib mir Kraft, Luth! So viele deiner Kinder sind gestorben. Vereine mich mit ihnen, oder lass meine Flucht ein Ende haben und mich den Feind besiegen. Ich lege mein Leben in deine Hand, Schicksalsweber.�</p><p>Der Hund lie� von dem Stiergesch�pf ab. Die m�chtige Gestalt war in sich zusammengesunken. Sie schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen.</p><p>Ganz gem�chlich kam die Geistererscheinung zu ihr hin�ber. Kadlin h�rte hinter sich Stimmen rufen.</p><p>�Keine Flucht mehr!�, sagte sie leise zu sich und hob das Schwert.</p><p>Der Hund schien ihre Waffe sp�ttisch anzublicken.</p><p>Hei�e Wut wallte in ihr auf. Als Tochter des Fjordlands galt sie ihm wohl weniger als das niederste Albenkind! Sie machte einen Ausfallschritt. Ihr Schwert schnellte vor, ein Schwert, geweiht durch ihren Glauben an Luth. Eine Waffe, wie es keine zweite in Albenmark gab. Ohne Widerstand glitt sie durch die Geistgestalt. Spr�hendes, blaues Licht umspielte die Klinge. Eisesk�lte griff nach Kadlins Fingern und kroch ihren Arm hinauf. Auf dem Gras rings herum bildete sich Raureif. Ein seltsamer Geruch wie nach einem Gewitter hing in der Luft.</p><p>Der Geisterhund war so gro� wie ein einj�hriges Fohlen. Sein Maul war weit aufgerissen. Die spitzen Z�hne wurden blasser. Der Geist schien blaues Licht zu schwitzen. Der �bermut war aus seinem Blick gewichen. Er sah Kadlin in fassungslosem Entsetzen an.</p><p>�T�te ihn, Luth!�, sagte die J�gerin, und die Kreatur verschwand.</p><p>Kadlin stand wie versteinert. Nur langsam wich die K�lte aus ihren Gliedern. Eine immer gr��er werdende Schar von Albenkindern umringte sie. Pferdem�nner, Kobolde und Elfen starrten sie an, als sei sie irgendein Wundertier. Dabei war sie doch weit und breit die Einzige, die normal aussah.</p><p>Hufschlag lie� sie aufblicken. Graf Fenryl und einige Krieger kamen eilig den Fl�chtlingszug entlanggeprescht. Die Menge rief etwas. Dutzende H�nde deuteten in ihre Richtung. Fenryl sah sie ungl�ubig an. �Du hast den Shi-Handan get�tet?� Er betrachte ihr Schwert. Auf der Klinge waren Ru�schlieren. �Mit diesem Schwert?�</p><p>�Ich habe einen Geisterhund get�tet. Luth hat dabei meine Hand gef�hrt!� Der Graf hob die Brauen. �Die K�nigin sollte dich kennen lernen, Kadlin aus dem Fjordland!� Eine Koboldfrau kam auf sie zu und k�sste ihr die Hand. Jetzt wagten sich auch die anderen n�her. Fingerspitzen ber�hrten sie. Einer der Stierm�nner strich ihr sanft �ber das Haar.</p><p>Fenryl l�chelte. �Sie halten dich f�r eine machtvolle Magierin. Sie glauben, etwas von deiner Kraft �bertr�gt sich auf sie, wenn sie dich ber�hren.� Er wurde ernster. �Willst du lieber allein sein?�</p><p>Kadlin wusste es nicht.</p></section><section><title><p>Der Aufstand beginnt</p></title><p>Das hatte er kommen sehen! �rgerlich zerkn�llte Madrog den schmalen Pergamentstreifen. Er streute der Taube, die ihm die schlechte Nachricht gebracht hatte, ein paar K�rner hin. Eine Abteilung Kentauren und Elfenritter war von der gro�en Heerstra�e abgebogen, um hinauf in die Berge zu gelangen. Es gab nur einen Ort, zu dem sie auf diesem Weg gelangen w�rden. Das Jagdschloss der Gr�fin Caileen.</p><p>Der Hauptmann der Spinnenm�nner strich sich nachdenklich �ber die Stirn. Er hatte seinem F�rsten Shandral die Nachricht verheimlicht, dass er vogelfrei sei. Es war besser gewesen, dass sich der Irre immer noch f�r den F�rsten von Arkadien hielt. So machte er weniger �rger.</p><p>Madrog blickte zu den T�rmen und Wehrg�ngen. �berall patrouillierten Wachen. Das kleine Jagdschloss war fest in der Hand seiner Krieger. Entlang des Waldweges standen gut versteckt ebenfalls Wachen. Es war unm�glich, sich dem Schloss zu n�hern, ohne dass er es schon Stunden vorher erfuhr. Die W�chter entlang des Weges hatten ihm die Brieftaube geschickt.</p><p>Der Ungl�cksvogel pickte zufrieden gurrend nach den Kr�meln auf dem Mauerkranz.</p><p>Madrog blickte zum strahlend blauen Himmel. Immer wieder hatte er Elija geschrieben und ihn gewarnt. Doch der Kommandant hatte sich einfach nicht entschlie�en k�nnen, den Befehl zu geben. Worauf wartete Elija nur? Auf den Sieg der Trolle? Wollte er dann erst mit den Unterdr�ckern abrechnen? Dann w�rde es immer hei�en, sie seien lediglich die Henkersknechte der Trolle gewesen. Von den Handlangern der Elfen w�ren sie zu Handlangern der Trolle geworden. So durfte es nicht enden!</p><p>Shandral hatte seine ganze Familie hier zusammengeholt. Die Idee, sich im Jagdschloss Caileens zu verstecken, war brillant gewesen, so lange die Gr�fin vogelfrei gewesen war. Ihre Diener hatten damals ihre Besitzungen verlassen, um nicht in Verdacht zu geraten, einer Ge�chteten zu helfen. Und das gro�e Jagdschloss in den Bergen wurde im Winter ohnehin nur von einigen Kobolden geh�tet. Kobolden, die sich der gro�en Sache angeschlossen hatten! Niemand hatte Shandral und die Seinen hier gesucht. Doch nun war ihr Geheimnis offenbar ruchbar geworden.</p><p>Madrog betrachtete den Burghof. Er war hier schon einmal gewesen, w�hrend der Jagdzeit im Fr�hjahr. Die Elfen hatten das tote Wild entlang der Mauer niedergelegt und abends bei Fackellicht ihr Garn gesponnen.</p><p>Ein anderes Bild dr�ngte sich in Madrogs Erinnerung. Die Schmiede in Feylanviek und wie Shandral sein Weib dort hinunterbringen lie�. Es war hei�. Rauch waberte in der Luft. Der L�rm war ohrenbet�ubend. F�nfzig seiner Armbrustsch�tzen waren dabei. Die meisten geh�rten schon damals zu den Rotm�tzen. Leylin wurde von drei Kobolddienerinnen begleitet.</p><p>Die Kobolde in der Schmiede geh�rten zu Shandrals M�nnern. Madrog hatte sie nicht gekannt. Harte Burschen mit schwieligen H�nden und kalten Augen. Wei� der Henker, wo Shandral die herhatte! Vielleicht aus Langollion? Jedenfalls z�gerten sie keinen Herzschlag lang, als Shandral auf eine von Leylins Dienerinnen zeigte und befahl, sie zu ergreifen.</p><p>Bis heute wusste Madrog nicht, ob Shandral Martha gezielt oder nur zuf�llig ausw�hlte. Er deutete auf die Eiserne, die Kommandantin, die das Kommando �ber die Rotm�tzen in der Stadt innehatte. Wahrscheinlich hatte er keine Ahnung. Shandrals Worte klangen Madrog immer noch im Ohr. �Zeigt meiner Frau, wie man in meiner Sippe eine Ehebrecherin bestraft, eine Hure, die f�r andere M�nner die Beine breit macht.�</p><p>Martha war zu verbl�fft, um �berhaupt etwas zu sagen, als die Schmiede sie ergriffen. Sie rissen ihr den Rock herunter und schleppten sie zum n�chsten Amboss. Dann erst begann Martha zu schreien. Sie setzten sie quer auf einen der gro�en Ambosse und l�sten die Sperre, die den Schmiedehammer hielt.</p><p>Leylin schrie. Andere Schmiede ergriffen sie und brachten sie bis dicht vor den Amboss. Sie musste den Luftzug im Gesicht gesp�rt haben, als der Hammer niedersauste und Martha beide Beine zerschmetterte.</p><p>Leylin wurde ohnm�chtig, als die Schmiede sie auf den blutverschmierten Amboss hoben.</p><p>Madrog atmete schwer aus. Er sah den Meisen zu, die nahe der Mauer im Ge�st einer Kiefer sa�en. Frieden konnte er nicht finden. Eine Laune Shandrals hatte ihm Martha genommen. Seither wurde viel Unsinn dar�ber erz�hlt, wie die Eiserne ums Leben gekommen war. Vielleicht w�rde er eines Tages die Wahrheit sagen d�rfen, dachte Madrog traurig. Elija hatte ihm den Namen Kommandant Skorpion gegeben, weil er sich Shandral gegen�ber stets als treuer und zuverl�ssiger Diener ausgeben sollte, bis der Tag kam, an dem man den Elfen die Herrschaft entriss. Dann endlich durfte er dem Irren einen Stachel in den R�cken jagen.</p><p>Madrog hatte sich nicht dazu hinrei�en lassen, Martha zu r�chen. Er hatte dem Elfen weiter als Befehlshaber seiner Koboldleibwache gedient. Er war ja ein harter Bursche, dachte er bitter. Aber jetzt w�rde er nicht l�nger warten. Die F�rstenbrut von Arkadien w�rde aus der Welt geschafft, noch bevor die Kentauren und Elfen am Sp�tnachmittag das Jagdschloss erreichen konnten.</p><p>Und diese Tat w�rde von Kobolden vollbracht werden! Das war er Martha schuldig! Er ging den Wehrgang entlang und gr��te die Wache, die auf der Treppe stand. �Lasst die Lehnst�hle auf den Hof schaffen! Unser Tag ist gekommen!� Der Kobold l�chelte breit, dann st�rmte er die Treppe hinab.</p><p>Madrog ging zu der Wachstube, die ihm als Quartier diente. Er kramte unter seinen Habseligkeiten die rote M�tze hervor. Stolz setzte er sie auf. Nie wieder w�rde er sie verstecken!</p><p>Die F�rstenfamilie war wie Efeu, das einen wundersch�nen alten Baum zu ersticken drohte. Madrog w�rde sich zum G�rtner Arkadiens machen und diese wuchernde W�rgepflanze mitsamt den Wurzeln ausrei�en! Einzig Leylin h�tte vielleicht ein gn�digeres Schicksal verdient gehabt! Der Hauptmann sch�ttelte nachdenklich den Kopf. Was Shandral ihr angetan hatte! Wie wurde man so? Hatte die Hexe Alathaia ihn zu dem gemacht, was er war? Statt Leylins Beine zu zerschmettern, hatte er sie mit seinem G�rtel gr�n und blau geschlagen. Nackt hatte sie auf dem Amboss gelegen. Und sie alle hatten zusehen m�ssen. Mehrfach war die Arme aus ihrer Ohnmacht erwacht. Immer hatte sie den blutigen Hammerkopf �ber sich schweben sehen.</p><p>Endlich hatte Shandral den Befehl gegeben, sie hinauf in ihr Zimmer zu bringen. Er hatte L�cher in ihre Matratze schneiden lassen und ihre Beine hindurchgesteckt. Gefesselt hatte sie im Bett gelegen. Er hatte ihr Opium gegeben und ihr erz�hlt, dass die Strafe genauso wie bei ihrer Dienerin vollzogen worden sei.</p><p>In Wahrheit hatte er ihr die Beine gelassen; stattdessen hatte er nun eine perverse Freude daran, ihren Verstand zu zerst�ren. Er lie� ihr Zimmer im Halbdunkel und h�ngte Masken mit D�monenfratzen an die W�nde. Vom Opium berauscht, wusste sie bald nicht mehr, wann sie tr�umte und wann sie wachte. Im ganzen Haus h�rte man ihr Wimmern und ihre �ngstlichen Schreie.</p><p>Ihm gegen�ber hatte Shandral sein Weib einmal mit einem kostbaren Instrument verglichen, auf dem er spielte. Selbst nach ihrer Flucht machte er damit noch weiter. Er war vollkommen irre! Im Lauf des Winters war er dieses Spiels irgendwann �berdr�ssig geworden. Er hatte Leylin erz�hlt, er werde einen gro�en Zauber wirken und ihr die Beine wiedergeben, wenn sie fortan ein f�gsames Weib sei.</p><p>Sie glaubte ihm alles! Still und gebrochen lebte sie auf dem Jagdschloss. Wie ein zu oft gepr�gelter Hund f�gte sie sich jedem seiner W�nsche. Und er dachte sich t�glich etwas Neues aus, um sie zu dem�tigen. Anfangs hatte sie wieder gehen lernen m�ssen; zu lange hatte sie mit zusammengebundenen Beinen in ihrem Bett gelegen.</p><p>Die Elfen glaubten an Wiedergeburt. F�r Leylin w�re es eine Erl�sung, dieses Leben hinter sich zu lassen!</p><p>Madrog nahm seine Armbrust und spannte die Waffe.</p><p>Auf dem Hof erwarteten ihn drei�ig Kobolde. Sie alle trugen rote M�tzen. �Es ist der Tag gekommen, an dem wir den Mord an unserer Kameradin r�chen. Was immer heute geschieht, wir tun es f�r die Eiserne, die Kommandantin der Rotm�tzen von Feylanviek, unsere Gef�hrtin.�</p><p>Es gab keinen Jubel. Nur Gesichter, in denen stumme Entschlossenheit geschrieben stand.</p><p>Die breiten marmornen Treppen dr�hnten unter dem Tritt ihrer Stiefel, als Madrog seine M�nner hinauf zum Troph�ensaal f�hrte. Der Hauptmann stie� die breite Doppelt�r zum Kabinett ausgestopfter Jagderinnerungen auf. An der Doppelt�r auf der gegen�berliegenden Seite standen zwei Krieger in schwarzsilberner R�stung. Leibw�chter, die Alathaia ihrem Sch�ler vor einigen Wochen geschickt hatte.</p><p>Der linke Krieger trat vor und hob den Arm. �Halt!� Seine Stimme klang blechern hinter dem Visier des Maskenhelms. Sein wahres Gesicht verbarg er unter einem metallenen Eberkopf. Madrog hatte keinen der beiden Krieger je ohne Helm gesehen.</p><p>�Was wollt ihr?�, fragte der Elf scharf.</p><p>��rger.� Der Kobold legte die Armbrust an und schoss. Hinter ihm ert�nte das Klacken der Abzugshebel von zwanzig weiteren Armbr�sten. Zuckend gingen die beiden Elfen zu Boden. Der Rechte hatte es sogar noch geschafft, sein Schwert zu ziehen.</p><p>Madrog setzte seine Armbrust auf den Boden und spannte ihren st�hlernen Bogen mit den seitlich angebrachten Zugwinden. Dann legte er einen neuen Bolzen auf. �Ich will Shandral lebend!�, ermahnte er seine Kampfgef�hrten. Dann stie� er die T�r zum Studierzimmer des F�rsten auf.</p><p>Shandral blickte verbl�fft von seinen B�chern auf. �rgerlich wedelte er mit der Hand. �Du darfst gehen, Madrog. Ich brauche dich jetzt nicht.�</p><p>�Packt ihn!�, befahl der Hauptmann.</p><p>Der F�rst sah sie sprachlos an.</p><p>�Dr�ckt ihn mit der rechten Wange auf die Tischplatte.� So viele Monde hatte sich Madrog ausgemalt, was er nun tun w�rde. Shandral war eine Gefahr. Er war ein sadistischer Weichling, der einen ganzen Morgen lang �ber einen M�ckenstich jammern konnte. Aber er war auch ein Zauberer. Seine Worte vermochten unabsehbare Kr�fte zu entfesseln. Das galt es um jeden Preis zu verhindern!</p><p>�Ich lasse euch die Haut abziehen!�, fluchte der F�rst. Und dann stie� er einen tiefen, grollenden Ton aus. Madrog hatte das Gef�hl, dass es schlagartig k�lter wurde.</p><p>Der Hauptmann eilte zum Schreibtisch. Seine M�nner stie�en dem F�rsten die Kolben ihrer Armbr�ste in die Kniekehlen, sodass er niederbrach wie ein gef�llter Ochse. Hart schlug Shandrals Kopf gegen die Tischkante. Jemand griff in das lange, goldblonde Haar des F�rsten.</p><p>Madrog stieg auf den Stuhl und dann auf den Tisch. Sein fr�herer Herr blickte benommen zu ihm auf. �Erinnerst du dich an Martha?�</p><p>Shandral sah ihn an. �Sollte ich?� Madrog wusste, dass er sich erinnerte! �Sie war eine von Leylins Zofen. Sie hatte die Ehre, dich in die Schmiede zu begleiten.�</p><p>�Ach, dieses Flittchen?� Er l�chelte. �Ich ahne, sie bedeutete dir etwas. Bereitete es dir auch Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie es mit Hunden trieb?�</p><p>�Das war die letzte L�ge, die man aus deinem Mund geh�rt hat.� Madrog hob die Armbrust. Er h�mmerte den Kolben der Waffe dicht neben das Ohr des F�rsten. Seine Knochen splittern zu h�ren, war Balsam auf seine wunde Seele. Blut quoll Shandral aus Mund und Nase. Sein Kinn hing grotesk verrutscht herunter. Der Mund stand ihm weit offen. Er stie� unverst�ndliche Laute aus. Sein Kiefergelenk war zertr�mmert.</p><p>�Bringt ihn auf den Hof!�</p><p>Madrog nahm ein Spitzent�chlein vom Schreibtisch und wischte das Blut vom Kolben der Armbrust. Er w�nschte, Martha k�nnte Shandral nun sehen.</p><p>W�hrend die Krieger den F�rsten abf�hrten, ging er zu der verborgenen T�r, die hinauf zu Leylins Gef�ngnis f�hrte. Er entspannte seine Armbrust. Die Waffe w�rde er nicht mehr brauchen. Er stieg die steile Wendeltreppe empor und klopfte an die eisenbeschlagene T�r, damit die F�rstin sich nicht erschreckte, wenn er eintrat. Er wartete einen Augenblick. Madrog wusste, dass sie nicht antworten w�rde. Sie sprach so gut wie gar nicht mehr, seit Shandral ihr die Beine zur�ckgegeben hatte.</p><p>Behutsam schob der Hauptmann die T�r auf. Leylin sa� auf einen Stuhl und sah die wei� get�nchte Wand ihr gegen�ber an. Die H�nde hatte sie in den Scho� gefaltet. Sie trug ein schlichtes, wei�es Leinenkleid. Ihr schwarzes Haar war zu einem schweren Zopf geflochten. Sie blickte ihn kurz an und schlug dann die Augen nieder.</p><p>�W�rdest du mir auf den Hof folgen, Herrin?� Leylin erhob sich schweigend. Sie hielt den Kopf leicht eingezogen, als f�rchte sie, sich zu sto�en.</p><p>Der Weg die Stiege hinab kam Madrog viel k�rzer vor als der Weg hinauf. H�tte dieser verdammte Wolfself sie doch nur mitgenommen!</p><p>Sie war die F�rstin von Arkadien. Er konnte sie nicht schonen.</p><p>Auf dem Hof waren alle �brigen Mitglieder des F�rstenhauses bereits zu den St�hlen geschafft worden. Die Arme auf die Lehnen gefesselt, sa�en sie dort. Ihre M�nder waren geknebelt.</p><p>Shandrals Mutter, zwei Tanten und seine beiden j�ngeren Br�der. Sie wirkten gefasst oder ver�rgert. Sie schienen nicht begriffen zu haben, was sie erwartete. Shandrals j�ngster Bruder gab sich sogar gr��te M�he, ihn besonders gelangweilt anzublicken.</p><p>Sie waren so ignorant, dass ihnen nicht einmal der Zustand des F�rsten zu denken gab. Ein Aufstand der Kobolde lag offensichtlich weit jenseits ihrer Vorstellungskraft.</p><p>Madrog geleitete Leylin zu dem Stuhl, der neben Shandral noch frei war.</p><p>�Soll ich sie fesseln?�, fragte einer der Sch�tzen.</p><p>�Nein. Sie wird nichts sagen und auch nicht wieder aufstehen, bevor man es ihr nicht befiehlt.� Auf den Wehrg�ngen, auf den T�rmen, im Hof, �berall standen Kobolde mit roten M�tzen.</p><p>Der Augenblick, von dem er so lange getr�umt hatte. Sie alle waren bewaffnet, obwohl es keinen Kampf mehr geben w�rde.</p><p>Madrog genoss den Augenblick. Dann begann er die Rede zu halten, die er seit so vielen Monden in seinem Herzen trug. Er prangerte die Tyrannei der Elfen an. Ihre Ignoranz und ihre Herrschsucht, die den Krieg mit den Trollen entfesselt hatte. Schlie�lich ging er auf die Verbrechen der F�rstenfamilie Arkadiens ein. Es war eine lange Liste. Lediglich zu Leylin war ihm nicht mehr eingefallen, als ihr vorzuwerfen, dass sie die Verbrechen ihrer Verwandten still geduldet hatte. Er stockte kurz.</p><p>Dann kam er zum besten Teil der Rede. �Nie haben sich die Elfen die Finger schmutzig gemacht! Selbst wenn es um den Tod ging, hatten sie ihre Diener. Henker und ihre Knechte mit Stricken und Richtschwertern. Wir, das Volk, richten auf andere Art. Wir schrecken nicht davor zur�ck, Blut an unseren H�nden zu haben, wenn ein Urteil gerecht ist. Befreit Arkadien von dieser Schlangenbrut! Legt an!�</p><p>F�nfhundert Armbrustkolben wurden gegen Schultern gest�tzt. Das Klacken der Abz�ge klang wie Hagelschlag auf einer R�stung.</p><p>Ein Tontiegel zerschellte neben Madrog auf dem Pflaster des Hofes. Dicker, schwarzer Rauch quoll dem Hauptmann entgegen.</p></section><section><title><p>Ohne Gnade</p></title><p>�Es sind nicht einmal mehr f�nfzig�, sagte Brud. �Lass uns die Jagd beenden. Selbst von den �berlebenden werden noch einige verrecken, wenn ihre erfrorenen Glieder brandig werden. Wir werden nicht viel davon haben, wenn wir sie weiter jagen und schlachten.�</p><p>Brodgrimm sah ihn ver�rgert an. �Hast du Angst zu k�mpfen?�</p><p>�W�hrend der Schlacht im engen Tal haben ich und meine M�nner ihre Bogensch�tzen erledigt�, entgegnete der Sp�her gereizt. �Wo warst du an diesem Tag? Dir in einer gepl�nderten Stadt den Wanst voll schlagen?�</p><p>�Wo warst du, als wir den gr��ten Feldherrn der Elfen am Mordstein besiegt haben?�</p><p>Der Sp�her hob die H�nde. Ihm war nicht daran gelegen, sich mit dem G�nstling Orgrims zu streiten. Nachdem sie die Elfen unter dem Befehl des M�rders Elodrin endlich besiegt hatten, hatte Orgrim nur dreihundert Krieger nach S�den geschickt, um den Menschen weiter nachzustellen. Doch stand ihm nicht der Sinn danach, die St�dte der Menschen zu brandschatzen. Herzog Orgrim wusste, wo der eigentliche Feind sa�, den es zu besiegen galt. Er war nach Albenmark zur�ckgekehrt, um die letzte Streitmacht der Elfen zu zerschlagen und die Tyrannin Emerelle f�r immer vom Thron zu vertreiben.</p><p>Es gab nichts, das Brud an Brodgrimm sch�tzte. Der Rudelf�hrer war �berheblich und aufbrausend. Er kannte das Land nicht, nahm aber dennoch keinen Rat an. Brud war unbegreiflich, was Orgrim an dem Kerl fand, auch wenn man ihn in Albenmark als den Helden der Schlacht am Mordstein feierte.</p><p>�Glaubst du, Orgrim w�rde den Menschen nicht selbst nachstellen, wenn sie ihm so wichtig w�ren?�</p><p>�Er hat mir den Befehl gegeben, ihnen nachzustellen.�</p><p>�Von t�ten war also nicht die Rede.�</p><p>�Ich wei�, wie er es gemeint hat. Dreh mir nicht das Wort im Mund rum, Brud. Und versuche nicht noch einmal, die F�hrung des Rudels an dich zu bringen, oder ich t�te dich, alter Wolf.�</p><p>Der Sp�her hielt dem Blick des Rudelf�hrers stand. �Alte W�lfe zeichnen sich dadurch aus, schon viele junge W�lfe �berlebt zu haben.�</p><p>�Und dadurch, dass ihr Blut so d�nn wie Wasser geworden ist. F�hre mich zu den Menschen! Oder willst du dich weigern, meinen Befehlen zu folgen?� Er machte nicht den Versuch, bei seinen letzten Worten den Tonfall freudiger Erwartung zu unterdr�cken.</p><p>Der Sp�her spuckte aus. �Dann folgt mir! Die Menschen sind auf einem Pass bei einem zugefrorenen See. Sie sind so ersch�pft, dass sie heute Morgen ihr Nachtlager nicht abgebrochen haben. Einen Schneehasen zu erlegen, ist eine gr��ere Herausforderung, als dieses j�mmerliche H�uflein niederzumachen.�</p><p>Brud w�hlte absichtlich einen beschwerlichen Weg zum Pass hinauf. Bald h�rte er die Krieger hinter sich schnaufen. Sie mochten gute K�mpfer sein, geschickte Waldl�ufer waren sie nicht. Und ihr Rudelf�hrer hatte nur seinen Ruhm im Kopf.</p><p>Der Sp�her dachte daran zur�ck, wie er sich mit seinen M�nnern, die die Klippe erst�rmt hatten, in unwegsames Gel�nde zur�ckgezogen hatte, als die Elfen �berraschend auf dem Schlachtfeld im engen Tal aufgetaucht waren. Er hatte es immer schon vorgezogen zu �berleben, um seine K�mpfe zu einem sp�teren Zeitpunkt fortzuf�hren, wenn der Gegner nicht alle Vorteile auf seiner Seite hatte. Nur Trottel verschanzten sich hinter den Worten Mut und Ehre.</p><p>Als Orgrim zur�ckgekehrt war, hatte sich Brud seinem Herzog sofort angeschlossen, noch bevor der Empork�mmling Brodgrimm mit dem eroberten Segler und den Verst�rkungen im Hafen der Nachtzinne eingetroffen war. Mit seinem Rudel hatte Brud an den K�mpfen gegen die Elfen teilgenommen. Es hatte eine ganze Reihe blutiger Gefechte gegeben, bis sie endg�ltig �berwunden waren. Orgrims Befehl, so viele Elfen wie m�glich lebend zu fangen, hatte die Sache nicht einfacher gemacht.</p><p>In Bruds Augen war viel zu viel Blut vergossen worden. Auch nur einen einzigen Krieger zu verlieren, weil man dieses j�mmerliche H�uflein �berlebender auch noch niedermetzeln wollte, war Verschwendung. Bei dem, was jetzt kam, war der Unterschied zwischen ihnen und dem Elfenf�rsten, der die Schiffe mit den Gefangenen in Brand gesetzt hatte, nicht mehr gro�. Im �brigen war es kl�ger, die Menschen in ihre Rudel zur�ckkehren zu lassen. Sollten sie nur erz�hlen, welche Schrecken ihnen widerfahren waren. Das w�rde f�r einen langen Frieden sorgen!</p><p>Sie erreichten den Pass. Vor ihnen lag ein weiter See. Vorsichtig trat Brud auf das Eis. Es war fest.</p><p>�Wo sind sie?�, fragte Brodgrimm atemlos schnaufend.</p><p>�Siehst du den Felsen hinten am anderen Ufer? Dort lagern sie.�</p><p>Der Rudelf�hrer strich mit der Hand �ber den schweren Kriegshammer an seinem G�rtel. �Du bleibst mit deinen K�mpfern hier, Brud. Ich will kein Rudel an meiner Seite, das schon einmal aus einer Schlacht davongelaufen ist.�</p></section><section><title><p>Hand in Hand</p></title><empty-line/><p>Ulric schluckte hart, als er die dunklen Gestalten am fernen Ufer sah. Er hatte absichtlich den Weg �ber diesen Pass gew�hlt. Und er hatte sich der Hoffnung hingegeben, dass die Trolle vielleicht ihre Verfolgung aufgegeben h�tten. Er streckte sich und streifte den schweren Umhang ab. Das Amulett, das er trug, hielt ihn warm. Sie waren nicht mehr viele. Jetzt gab es genug Amulette f�r alle, doch das Sterben hatte nicht aufgeh�rt. Es war nicht die K�lte, die sie t�tete. Sie starben vor Ersch�pfung.</p><p>Ulric zog das Schwert des toten K�nigs Osaberg, das er einst als Junge gefunden hatte. Nun gab es keine Yilvina mehr, die ihr Leben riskierte, um ihn zu retten. Er war ja auch kein Junge mehr ... Nun war es an ihm, Leben zu retten.</p><p>�Ich bin an deiner Seite, mein K�nig.� Lambi schwankte vor Ersch�pfung. Auch er hatte sein Schwert gezogen.</p><p>Ulric war ger�hrt, aber er konnte den alten Mann jetzt nicht an seiner Seite gebrauchen. Auch Mag und selbst Eirik hatten sich aus dem Schnee erhoben.</p><p>�Ihr bleibt hier und haltet das Ufer. Zu viele gute M�nner sind schon tot. Ein paar m�ssen ins Fjordland zur�ckkehren.�</p><p>Silwyna und Fingayn nahmen ihre B�gen und gesellten sich zu ihnen.</p><p>�Was hast du vor, mein K�nig?�, wollte Lambi wissen. �Hinausgehen und verhandeln.� �Mit Trollen verhandelt man nicht�, meinte Fingayn mit seinem melodischen Akzent.</p><p>Mit den G�ttern auch nicht, dachte der junge K�nig traurig. In der Nacht, die auf das Begr�bnis von Alfadas gefolgt war, hatten sie ihn zum K�nig ausgerufen. Es war eine schlichte, aber ergreifende Zeremonie gewesen. Mag hatte ihm eine Krone aus Eis geschnitten. Er hatte sie nicht lange tragen k�nnen. Ulric schmunzelte. Wie symbolisch. Sein K�nigtum war rasch dahingeschmolzen.</p><p>Er blickte zum Himmel. Es war ein sch�ner, wolkenloser Tag. So kalt, dass ihm gewiss die Wangenknochen geschmerzt h�tten, w�re da nicht das Elfenamulett gewesen. �Ich m�chte, dass du �berlebst, Lambi�, sagte er mit fester Stimme. �Sollte mir etwas geschehen, dann w�nsche ich mir, dass du dich auf die Suche nach der K�nigin machst.�</p><p>Der Herzog blickte verwirrt von ihm zu Halgard. �Wie meinst du das?�</p><p>�Du musst Kadlin finden. Sie ist nach Albenmark geflohen. Und du solltest dir besser angew�hnen, sie nicht mehr eine Hure zu nennen. Sie ist die rechtm��ige Thronfolgerin, denn sie ist niemand anderes als meine verschollene Schwester.�</p><p>Der Herzog runzelte die Stirn, sagte aber nichts. �Vertraue mir, Lambi. Wirst du dem Befehl deines K�nigs gehorchen?�</p><p>Lambi sah ihn fragend an. Als er aber keine Anstalten machte, noch weitere Erkl�rungen abzugeben, nickte der Herzog schlie�lich. �Bei den Spinnweben Luths schw�re ich, dass ich nicht ruhen werde, bis ich Kadlin gefunden habe.�</p><p>Ulric blickte zum Himmel. Die Sonne stand fast im Zenit. Es war an der Zeit zu gehen.</p><p>Eine warme Hand schmiegte sich in seine Linke. Er hatte ihr gestern Nacht von seinem Plan erz�hlt, und sie waren �bereingekommen, ihr Gl�ck gemeinsam zu versuchen.</p><p>Ihr Gl�ck versuchen, das klang zynisch. Ihre Lebensspanne endete heute. Auf gewisse Weise schloss sich ein Kreis. Emerelle hatte Luth ihrer beider Leben gestohlen, doch die G�tter holten sich stets zur�ck, was ihnen geh�rte. Sie hatten fast sechzehn zus�tzliche Jahre geschenkt bekommen. Und obwohl seit dem ersten Winter der Fluch jenes heimt�ckischen Geschenks aus der Hand des Fremden auf ihnen lastete, waren es gute Jahre gewesen. Sie hatten keine Hundejahre gehabt! An diesem sonnigen Wintertag wusste er es ganz sicher.</p><p>Die d�nne Schneeschicht auf dem Eis knirschte unter ihren Schritten. Das Eis war fest wie Fels. Dennoch f�cherte das Trollrudel, das sich vom anderen Ende des Sees n�herte, weit aus. Ein zweiter, kleinerer Trupp Trolle blieb als Reserve am Ufer zur�ck.</p><p>Ulric blickte zur�ck zu seinen Gef�hrten. Sie standen um den Felsen versammelt, an dessen Fu� er und Halgard sich geliebt hatten. Seine Gedanken verweilten bei der warmen Umarmung ihrer Schenkel. Ein wohliges Gef�hl stieg ihm in den Bauch.</p><p>Er blickte sie an. Sie l�chelte, und er wusste, dass sie in diesem Augenblick dieselben Erinnerungen teilten. Sie sah wundersch�n aus an diesem Mittag, auch wenn die Entbehrungen der letzten Tage ihr Gesicht hatten spitzer werden lassen.</p><p>Ulric hielt sich ein wenig mehr nach links. Wieder sah er zu dem Felsen zur�ck. Sie waren jetzt fast zweihundert Schritt vom Ufer entfernt. Jetzt war es nicht mehr allein der Schnee, der unter ihren F��en knirschte.</p><p>Der junge K�nig hob das Schwert K�nig Osabergs, und er wiederholte die Worte, die Fingayn ihm in die Sprache der Trolle �bersetzt hatte. �Bleibt stehen, und ihr werdet leben! Ich bin der K�nig des Fjordlands, und ich werde jeden von euch t�ten, der die Grenze meines K�nigreichs �berschreitet. Kehrt um, und wir werden in Frieden leben!�</p><p>Wie um seine Worte zu unterstreichen, lief ein leichtes Zittern durch die Eisdecke.</p><p>Tats�chlich blieben einige der Trolle stehen. Ihr Anf�hrer jedoch ging weiter. Er rief etwas in einem sp�ttischen Tonfall. Dann deutete er mit seinem Kriegshammer auf Ulric. Der grobschl�chtige Kerl rief ihm etwas entgegen.</p><p>Ulric w�nschte, er k�nnte verstehen, was der Troll sagte.</p><p>Der Trollf�rst zog einen m�chtigen Kriegshammer aus seinem G�rtel. Sehr betont und �berartikuliert sagte er etwas. Einige seiner M�nner lachten.</p><p>Ulric sp�rte ein gleichm��iges Vibrieren unter seinen F��en. Die Sonne stand jetzt im Zenit. Das Eis knirschte. Die warme Quelle am Grund des Sees war wieder zum Leben erwacht.</p><p>�Ich werde jeden von euch t�ten, der die Grenze meines K�nigreichs �berschreitet�, wiederholte er noch einmal einen Teil der Worte, die er auswendig gelernt hatte.</p><p>Der Trollf�rst stie� einen Laut aus, der auch ohne �bersetzer unmissverst�ndlich war. Er hob den Kriegshammer und rannte ihnen entgegen.</p><p>Ulric sp�rte, wie Halgard fester seine Hand dr�ckte.</p><p>Jetzt rannten alle Trolle. Die vordersten waren vielleicht noch zwanzig Schritt entfernt. Sie gaben ihre weit gef�cherte Formation auf und lieferten sich ein Wettrennen um die Gelegenheit, sie beide zu t�ten.</p><p>Der junge K�nig drehte den Schwertgriff. Die Spitze der alten Klinge zeigte auf das Eis. �Es war ein wunderbares Leben mit dir, Halgard.� Das Schwert fuhr hinab. Der Stahl drang tief in das Eis. Ein Riss entstand. Der Sturmlauf der Trolle lie� das Eis noch st�rker vibrieren. Aus dem Riss wurde ein Spalt, der sich schnell weiter ver�stelte.</p><p>Einer der Krieger, die weit vorne liefen, stie� einen Warnschrei aus. Schlitternd und rutschend versuchten die riesigen Krieger zum Stehen zu kommen.</p><p>Die Eisdecke zitterte noch st�rker. Das Wasser der warmen Quelle dr�ckte nun mit aller Kraft gegen die Eishaut des Sees.</p><p>Der Boden unter Ulrics F��en kippte zur Seite. Wasser griff nach seinen Kleidern. Halgard hielt tapfer seine Hand. Sie tauchten in blaues Zwielicht. Die Elfenamulette sch�tzten sie vor der K�lte.</p><p>Rings herum sahen sie gro�e K�rper in die Tiefe sinken. �ber ihnen war ein Gitterwerk aus Licht. Eisschollen tanzten auf dem Wasser. Deutlich h�rten sie das Bersten des Eises. Die Ger�usche strampelnder Glieder. Immer weiter griff die Zerst�rung um sich.</p><p>Ulric lie� das Schwert los. Er schloss Halgard in die Arme. Silberne Kugeln perlten von ihren Lippen. Sie wollten den Kampf nicht in die L�nge ziehen, so hatten sie es miteinander abgesprochen. Sie atmeten aus. Die letzte Luft aus ihren Lungen vermischte sich mit den Millionen feiner Silberperichen, die mit dem warmen Quellwasser vom Grund des Sees aufstiegen.</p><p>Ihrer beider Lippen fanden sich zu einem letzten Kuss. Dann atmeten sie das dunkle Wasser ein.</p></section><section><title><p>Wolf und Skorpion</p></title><p>Als er sah, wie die Armbrustsch�tzen anlegten, entglitt Melvyn der Rauchtopf, den er in H�nden gehalten hatte.</p><p>�Bring mich hinab! Hinab!�, befahl er Wolkentaucher in Gedanken.</p><p>Es sind zu viele, warnte ihn der m�chtige Adler.</p><p>Melvyn wollte davon nichts wissen. Er sp�rte den Zorn und die Traurigkeit seines Gef�hrten, doch Wolkentaucher f�gte sich und st�rzte mit angelegten Fl�geln dem engen Hof entgegen.</p><p>Der Wolfself l�ste den Lederg�rtel, der ihn mit dem Himmelssteig verband, jener Holzstange, die es ihm erlaubte, mit den Adlern zu fliegen.</p><p>�berall im Hof stiegen Rauchfont�nen auf. Artaxas und alle Adler seiner Kampfgef�hrten kreisten jetzt �ber dem Jagdschloss, von dem Nossew ihnen erz�hlt hatte. Sie wagten es nicht, ihm zu folgen. Zu erdr�ckend war die �bermacht der Kobolde. Sie hatten darauf gehofft, die Besatzung zu �berrumpeln, die Burg mit ihren Raucht�pfen in erstickenden Qualm zu h�llen und Leylin zu befreien, w�hrend unter den Kobolden Panik um sich griff. Eine Landung mitten unter f�nfhundert kampfbereiten Armbrustsch�tzen hingegen war Selbstmord.</p><p>Melvyn war es egal, was mit ihm geschehen w�rde. Aber das Leben seiner Gef�hrten w�rde er nicht leichtfertig opfern.</p><p>Wolkentaucher spreizte die Fl�gel und fing den Sturzflug ab. Der dichte Rauch wirbelte in Spiralen �ber den Hof.</p><p>Melvyn sprang vom Himmelssteig. Er rollte sich ab, um dem Aufprall an Wucht zu nehmen. Ein Stich fuhr durch seine verletzte Schulter. Aus der Rolle heraus kam er auf die Beine. Rings herum richteten sich Armbr�ste auf ihn. Er ignorierte sie, so wie Hauptmann Madrog ihn ignorierte. Der Kobold ging an ihm vorbei auf die Reihe der Lehnst�hle zu.</p><p>Der Rauch hatte ein faseriges Tuch vor die Leichen der F�rstenfamilie gezogen. Madrog hob die Hand.</p><p>Melvyn ging neben dem Hauptmann in den Rauch. Er sah Shandral, der gr�sslich zugerichtet war. Dutzende Armbrustbolzen hatten seine Brust durchschlagen. Sein Gesicht war von Geschossen zerfetzt. Melvyn erkannte den F�rsten nur noch an seinem langen, goldblonden Haar. Neben ihm sa� sein j�ngerer Bruder zusammengesackt in seinem Lehnstuhl. Melvyn versuchte vergeblich, den erstickenden Rauch zur Seite zu wedeln. Leylins Kopf war ihr auf die Brust gesunken. Ihre H�nde hatten sich in die Lehnen gekrallt. Doch er sah kein Blut auf ihrem wei�en Kleid. Sie zitterte ... Sie lebte!</p><p>Melvyn lie� sein Schwert fallen, beugte sich vor und schloss sie in die Arme. �Leylin�, stammelte er immer wieder.</p><p>�Leylin!�</p><p>Ihre H�nde tasteten �ber seinen Nacken.</p><p>�Mein Geliebter?� Ihre Stimme klang z�gerlich. Ein Schluchzen lie� ihren Leib erzittern.</p><p>�Lass mich die F�rstin sehen, Wolfself�, forderte eine harsche Stimme.</p><p>Noch ganz benommen vor Gl�ck, seine Liebste unversehrt zu sehen, gehorchte Melvyn.</p><p>Madrog starrte Leylin mit gro�en Augen an. Er sch�ttelte den Kopf. Dann l�chelte er pl�tzlich. �Das Volk hat entschieden, der F�rstin das Leben zu schenken! Wo f�nfhundert sich einig sind, muss Gerechtigkeit walten. Niemand hat auf die F�rstin angelegt. Sie ist frei zu gehen�, verk�ndete er mit schnarrender Stimme.</p><p>�Danke�, sagte Melvyn. �Danke, Madrog. Ich habe mich in dir geirrt.�</p><p>Der Kobold blickte zu ihm auf. �T�usche dich nicht in mir, Elf. Von nun an gibt es keinen Madrog mehr. Ich bin Kommandant Skorpion von der ersten Front zur Befreiung Albenmarks. Wenn wir uns wieder begegnen, werde ich gegen dich k�mpfen.�</p><p>Der gedrungene Kobold mit seinem nietenbeschlagenen Wams musterte ihn. Er strich sich nachdenklich �ber den eckig gestutzten Bart und sah zu Leylin. �Unglaublich!�</p><p>Er hob den Arm. �Die Waffen nieder, M�nner! Die beiden haben freien Abzug. Heute haben wir den Kobolden Arkadiens das Tyrannenjoch von den Schultern genommen und wurden Zeugen, wie das Volk Gerechtigkeit �bt. Ihr habt Geschichte geschrieben, M�nner. Lasst die beiden Liebenden ziehen!� Melvyn hob Leylin vom Stuhl.</p><p>Er strich ihr �ber die Beine ... Sein Herz setzte einen Augenblick aus zu schlagen. Das war unm�glich! Er wagte es gar nicht, an ihr herabzublicken.</p><p>�Dort ist das Tor�, dr�ngte Madrog.</p><p>�Es lebe der Skorpion�, riefen einige der Sch�tzen. �Es lebe die Revolution!� Immer mehr der Spinnenm�nner stimmten in die Jubelrufe ein.</p><p>Am Tor blieb Madrog stehen. �Ich wei�, dass ein gro�er Trupp Elfen und Kentauren hierher unterwegs ist, und ich denke, es steht in deiner Macht, sie aufzuhalten, Wolfself. Es w�re doch traurig, wenn so ein Tag der Wunder doch noch mit vielen Toten enden w�rde. Ich werde mit meinen Kriegern noch heute Nacht in die W�lder ausweichen. Ab morgen geh�rt das Jagdschloss wieder euch ... Bis die Trolle kommen.�</p><p>�Ich bin jetzt die F�rstin Arkadiens.� Leylins Worte waren nur ein Fl�stern. Sie hielt den Kopf an seinen Hals gepresst. Offensichtlich hatte Madrog sie dennoch geh�rt. Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen.</p><p>�Ich werde verbieten, euch zu verfolgen.�</p><p>Der Kommandant kratzte sich nachdenklich den Bart. �Wir werden sehen ...�</p><p>Er blickte zu Melvyn. �Wenn du verr�ckter Wolf mir das n�chste Mal auf den Kopf springst, dann verspreche ich dir, wird der Skorpion stechen. Es wird wieder sein wie in Feylanviek.� Er schenkte Melvyn ein b�rbei�iges L�cheln. Dann drehte er sich um und ging zur�ck ins Jagdschloss.</p></section><section><title><p>Das Antlitz des Unsichtbaren</p></title><p>Die T�r zum Falrach-Zimmer schwang auf. �Kadlin vom Fjordland und der Baumeister Gundaher�, verk�ndete Hofmeister Alvias steif.</p><p>Emerelle war kurz eingenickt. M�de hob sie den Kopf. Sie sa� in einem Lehnstuhl vor dem pr�chtigen Falrach-Tisch, der das kleine Zimmer beherrschte. Gestern hatte das Heer der Trolle die Shalyn Falah erreicht. Nur die breite Schlucht trennte sie jetzt noch vom Herzland. Das Ende stand unmittelbar bevor.</p><p>�Man kniet vor der K�nigin�, h�rte sie den Hofmeister fl�stern.</p><p>�Ich knie vor niemandem nieder!�, entgegnete die junge Frau trotzig, w�hrend der Baumeister dem Befehl folgte.</p><p>�Man widerspricht nicht dem Hofmeister ...�</p><p>Emerelle unterbrach Alvias mit einem Winken. �Lass es gut sein. Wir wissen doch, wie die Fjordl�nder sind, Alvias.�</p><p>�Wenn wir anfangen, Ausnahmen zu machen, bricht das ganze Hofzeremoniell zusammen�, sagte Alvias ruhig, doch in seinen Augen standen Sorge und Zorn.</p><p>�Einigen wir uns darauf, dass das Zeremoniell nur f�r Albenkinder gilt?� Sie war zu m�de zum Streiten, ja selbst zu m�de, um Befehle zu geben. Und worum ging es �berhaupt? Schon morgen um diese Stunde mochten alle Zeremonien des Elfenhofs f�r immer gestorben sein.</p><p>Sie betrachtete Kadlin. Mit dem roten Haar und ihrem trotzigen Blick erinnerte sie das M�dchen an Mandred. Sie trug ein schlichtes, blaues Seidenkleid, das ihr gut stand. In ihren H�nden hielt sie ein kleines, abgegriffenes Buch.</p><p>�Ich habe von deiner Heldentat geh�rt.� Die Sprache der Fjordl�nder ging Emerelle nicht ganz fl�ssig �ber die Lippen. Sie hatte sie lange nicht mehr gebraucht.</p><p>Ein kurzes L�cheln huschte �ber das Antlitz der jungen Frau. Sie schien erfreut zu sein, in ihrer Muttersprache angesprochen zu werden.</p><p>�Baumeister, erhebe dich. Du hast mir Ehre erwiesen. Es ist genug.� Emerelle hatte sich das Schwert von Kadlin bringen lassen und es gemeinsam mit Alathaia untersucht. Die Waffe hatte nichts Magisches an sich. Sie war nichts Besonderes, im Gegenteil. Sie war aus schlecht verh�ttetem Eisen geschmiedet. Im Kampf gegen eine Klinge aus dem Silberstahl der Elfen w�rde sie in St�cke gehackt werden. Vielleicht war es gerade diese Unvollkommenheit, die den Shi-Handan get�tet hatte. Alathaia war der Auffassung, das Schwert sei einem der Menscheng�tter geweiht und diese fremde Art von Zauber k�nne kein Gesch�pf Albenmarks ergr�nden.</p><p>�Kadlin und Gundaher, ihr hattet den Wunsch, mich zu sehen. Was ist euer Begehr?� Das M�dchen hielt ihr das Buch hin.</p><p>�Der Baumeister wei�, woher der Shi-Handan kam. Er kennt den Mann, der ihn erschaffen hat. Sein Name ist Bruder Jules. Er ist ein Tjuredpriester.� Der Baumeister st�hnte. Sein Gesicht war aschfahl geworden, als leide er gro�e Schmerzen.</p><p>�Ich bitte dich, sieh dir dieses Buch an.� Gundaher schwankte. Alvias trat vor und fing den Mann auf, bevor er st�rzte.</p><p>Emerelle erhob sich. Sie umrundete den Falrach-Tisch und kniete nieder. Ihre H�nde umfassten die Schl�fen des Menschen und hatte Teil an seinem Schmerz. Sie sp�rte die fremde Macht, die den Baumeister gezeichnet hatte. Und sie sp�rte die N�he des Todes. Ein stummes Kr�ftemessen begann. Emerelle h�rte Kadlin sprechen, doch sie konnte dem Sinn ihrer Worte nicht folgen. All ihre Kraft musste sie aufbieten, um dem, was Gundaher t�ten wollte, zu widerstehen. Ihre Linke umklammerte den Albenstein, den sie auf ihrer Brust trug. Sie sp�rte, wie sich etwas tief im Kopf des Baumeisters bewegte. Etwas, das durchdrungen war von Magie, Bosheit und Hunger.</p><p>Gundaher wurde von Kr�mpfen gesch�ttelt. Blut trat aus seinen Augen. Emerelle sp�rte, wie auch �ber ihre Wangen warme Tr�nen rannen. Sie sp�rte, wie sich die Gesch�pfe im Kopf des Baumeisters wanden, wie sie fra�en. Schmerz und Ekel drohten sie zu �berw�ltigen. Sie wurde sich bewusst, wie lange der Mensch schon unter dieser Folter litt, und sie begriff, welchen Schaden sie angerichtet hatten. Wie sich ein freundlicher, weltoffener Mann in einen Eigenbr�tler verwandelt hatte, dessen unerwartete Bosheiten alle f�rchteten, die Umgang mit ihm pflegen mussten.</p><p>Emerelle konnte nicht heilen, was die Kreaturen angerichtet hatten. Aber sie konnte den Schmerz mit Gundaher teilen, und sie konnte die Gesch�pfe t�ten, eines nach dem anderen. Das stumme Duell schien Stunden zu dauern. Sie war am Rande der Ersch�pfung, als die schleimbedeckten W�rmer aus der Nase des Baumeisters quollen. Feist, fast so gro� wie die Finger eines neugeborenen Kindes.</p><p>Die K�nigin hob die Kreaturen auf, trat an eine Feuerschale, die das Zimmer w�rmte, und schnippte die W�rmer in die gl�henden Kohlen. Mit einem kurzen Zischen vergingen die bleichen Leiber.</p><p>Emerelle wusste, wer das getan hatte. M�de st�tzte sie sich auf die Kante des Falrach-Tisches. Es war nicht weise gewesen, so zu handeln. Morgen, wenn die Schlacht begann, w�rde sie all ihre Kr�fte brauchen.</p><p>Kadlin war sehr blass geworden. Sie sah sie mit gro�en Augen an. �Was war mit ihm? Wird er wieder gesund werden? Gibt es noch mehr von diesen W�rmern? Und ...�</p><p>Emerelle beendete mit einer fahrigen Geste den Strom der Fragen. �Die W�rmer sind tot, doch ob er geheilt ist, wird man erst nach einiger Zeit sagen k�nnen. Vor langer Zeit scheint er einem Wesen von gro�er Macht und schrecklicher Bosheit begegnet zu sein. Dem Devanthar. Es ist bemerkenswert, dass Gundaher so lange gelebt hat. Und ich vermag nicht zu ergr�nden, warum der Devanthar ihm das angetan hat.� Sie winkte Alvias. �Lass eine Trage bringen und sorge daf�r, dass der Baumeister ein gutes Quartier erh�lt.�</p><p>�Danke�, sagte Kadlin aufgew�hlt. �Ich schulde dir ...�</p><p>�Nichts!�, unterbrach Emerelle das M�dchen. Sie wollte allein sein. Die Begegnung mit der Bosheit des Devanthar hatte ihre letzten Kr�fte verbraucht.</p><p>�Er ist der einzige Mensch, der mir in einer fremden Welt geblieben ist. Ganz gleich, was du sagst, ich stehe in deiner Schuld.�</p><p>Zwei junge Krieger mit einer Trage betraten das Zimmer. Sie hoben den bewusstlosen Baumeister auf. Kadlin legte das kleine Buch auf den Rand des Falrach-Tischs. Die ganze Zeit �ber hatte sie es in H�nden gehalten. Scheu blickte sie zu Emerelle. �Dort wirst du Antwort darauf finden, wann er der Bosheit begegnete und woher die Geisterhunde kommen�, sagte sie. Dann folgte sie den Kriegern, die Gundaher fortbrachten.</p><p>Emerelle lauschte auf die Schritte, die in der Weite des leeren Palastes verhallten. Der Hofmeister stand noch immer an der T�r, unaufdringlich und bereit, ihr jeden Wunsch zu erf�llen.</p><p>�Ich werde heute niemanden mehr empfangen, Alvias. Lass dem Befehlshaber ausrichten, dass ich morgen in der Stunde vor Sonnenaufgang zur Shalyn Falah kommen werde. Mein Heer wird nicht ohne mich k�mpfen.�</p><p>�So soll es sein�, antwortete Alvias, ohne dass sein Tonfall verraten h�tte, was er von ihrer Entscheidung hielt.</p><p>Emerelle lie� sich auf den Lehnstuhl nieder. Nach kurzem Z�gern nahm sie das Buch. Zumindest einen Blick wollte sie hineinwerfen. Auch wenn seine Bilder ohne gro�e Kunstfertigkeit ausgef�hrt waren, hatte der Maler es verstanden, seine Gef�hle in sie zu bannen. Sie atmeten den Frieden, der in der kleinen Gemeinschaft der blau gewandeten Menschenkinder geherrscht hatte.</p><p>Als Emerelle zum ersten Mal den Fremden auf den Bildern sah, versp�rte sie eine Unruhe, die sie sich zun�chst noch nicht zu erkl�ren vermochte.</p><p>Als sie das Buch schlie�lich zuschlug, hatte das Grauen, das der unbekannte K�nstler durchlebt hatte, auch ihre Seele ber�hrt. Ersch�ttert blickte sie auf den Falrach-Tisch. Sie wollte ihre Gedanken von den Bildern l�sen, doch es mochte ihr nicht gelingen. Die Shi-Handan hatte also der Devanthar geschickt? Warum? Das Erscheinen der Geisterhunde hatte den Trollen geschadet. Und ging es dem Devanthar nicht vor allem darum, das Volk der Elfen zu bestrafen? Warum hatte er sie unterst�tzt?</p><p>Das Heer auf der wei�en Seite des Tisches war in den letzten Wochen angewachsen. Die Trolle waren ihnen immer noch �berlegen, doch die Verb�ndeten waren stark genug geworden, um darauf hoffen zu d�rfen, die Heerscharen der Trolle zumindest aufzuhalten. Ganz gleich, wer morgen siegte, Albenmark w�rde sich von dieser Schlacht in Jahrhunderten nicht erholen. Sie stutzte. Lange blickte sie auf die sch�n geschnittenen Figuren, die Symbole f�r zehntausende Krieger waren. Sie str�ubte sich gegen die Wahrheit! Doch je l�nger sie �ber den Spielstand nachdachte, desto klarer ordneten sich alle Ereignisse der letzten Monde. Sie war es nicht, die in dieser Partie spielte! Sie war nur eine Figur auf dem Feld, die von unsichtbarer Hand gef�hrt worden war. Das Gleiche galt f�r Skanga. Dies war kein Spiel im �blichen Sinne, denn es gab nur einen Spieler. Es war belanglos, wer siegte, denn ohne Gegenspieler w�re der Unsichtbare, der beide Seiten lenkte, in jedem Fall der Gewinner.</p><p>Und ihm ging es einzig darum, in diesem Falrach-Spiel auf beiden Seiten so viele Steine zu schlagen wie nur m�glich. Er wollte Albenmark eine Niederlage bereiten, von der es sich nicht mehr erholen w�rde.</p><p>Emerelle blickte auf das kleine, abgegriffene Buch in ihrem schoss. Es hatte das Antlitz des Unsichtbaren offenbart. Ein Priester, der seine Bosheiten mit der Kraft der Liebe und Verehrung n�hrte, die man ihm entgegenbrachte.</p><p>Als die K�nigin auf den Falrach-Tisch blickte, sah sie all die Gesichter, f�r die die Spielsteine standen. Ein Meer von Gesichtern ... Beide Seiten hatten einander in den letzten Monden zu viel angetan. Ein Kampf war unvermeidlich. Aber vielleicht lie� sich ein Massaker verhindern.</p></section><section><title><p>Der Kriegsrat</p></title><p>Als Obilee, die Botin der Elfenk�nigin, mit ihrem Vortrag endete, war Ganda sprachlos. Sie blickte in die weite Runde der Befehlshaber, die der junge Trollk�nig zum Kriegsrat einberufen hatte. Sie alle sahen �berrumpelt aus. Emerelles Vorschlag war verlockend.</p><p>�Du solltest unserer Beratung nicht beiwohnen, Obilee�, sagte Skanga sachlich. �Kehre zu deiner K�nigin zur�ck, wir werden ihr mitteilen, wie K�nig Gilmarak sich entschieden hat.�</p><p>Die Elfenkriegerin verneigte sich formvollendet und ging davon.</p><p>�Sie f�rchtet unsere St�rke�, sagte Slarag, ein junger Rudelf�hrer der Trolle, der nach der Schlacht am Mordstein zu Ehren gekommen war.</p><p>Skanga strich sich nachdenklich �ber das Kinn. Ganda hatte schon �fter bemerkt, dass immer alle zuerst zu der Schamanin blickten und nicht zum K�nig. Sie war es, die hier die Entscheidungen traf.</p><p>�Es gibt wenig, das Emerelle f�rchtet. Und gerade, wenn sie schwach erscheint, sollte man sich besonders vor ihr h�ten. Orgrim, wie stehen unsere Aussichten, sie in offener Feldschlacht zu besiegen?�</p><p>Der Trollherzog wirkte geistesabwesend. Sein Gesicht war von Falten durchzogen. Die K�mpfe bei der Nachtzinne hatten ihn bis ins Innerste ersch�ttert. Jeder im Heer wusste um die Morde, die der Elfenf�rst Elodrin begangen hatte, und tausende Krieger brannten darauf, Rache zu nehmen.</p><p>�Das Heer der Elfen und ihrer Verb�ndeten hat an Kraft gewonnen. Sollten wir einen �bergang �ber die Shalyn Falah erzwingen wollen, dann besteht die Gefahr, besiegt zu werden. Gehen wir aber �ber die Flanken und suchen abseits der Br�cke einen Weg ins Herzland, k�nnen wir unsere �bermacht zum Tragen bringen. Dann werden wir siegen.�</p><p>Ganda war mit Elija und Nikodemus zum Kriegsrat gekommen. Sie wagte es nicht, etwas zu sagen. Aber sie musste Elija nur ansehen, um zu ahnen, was in ihm vorging. Emerelle hatte vorgeschlagen, statt einer Schlacht ein Duell auszutragen, um dem unn�tzen Blutvergie�en ein Ende zu bereiten. Ganda hielt diese Entscheidung f�r sehr weise, doch musste man bei den Elfen stets auf Heimt�cke gefasst sein.</p><p>�Welchen Krieger k�nnten die Elfen denn schicken?�, fragte K�nig Gilmarak.</p><p>Ein heftiger Streit entbrannte. Die meisten Namen, die fielen, hatte Ganda noch nie zuvor geh�rt. Letzten Sommer h�tte es nur einen Namen gegeben, dachte sie traurig.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah Ganda, wie Elija hintersinnig l�chelte. Dann erhob sich der Kommandant, denn unter den lauthals streitenden Trollen w�re seine Stimme untergegangen. Ganda ahnte, was er vorschlagen w�rde, und sie betete, dass er sich nicht durchsetzte. In der letzten Nacht hatte sie von Klaves getr�umt. Er war in einen Abgrund gest�rzt. Wenn K�nig Gilmarak sich �berreden lie�, den Elfen im Streit f�r die Trolle antreten zu lassen, dann w�rde sie Klaves niemals wiedersehen.</p><p>Kurz �berlegte Ganda, ob sie von ihrem Traum erz�hlen sollte. Doch die Kriegsherren w�rden �ber Weibertr�ume nur lachen. Lediglich Skanga w�rde sie vielleicht ernst nehmen.</p><p>Sie erinnerte sich an ein Bild, das sie in Melianders verbotenem Buch in der Bibliothek von Iskendria gesehen hatte. Ein kopfloser Schwertk�mpfer war auf eine Br�cke getreten. Hatte Emerelles Bruder damit auf Ollowain hindeuten wollen? Sie dachte an die d�stere Prophezeiung, die sie auf der Seite neben dem Bild gelesen hatte. Meliander schrieb dort �ber einen lebenden Toten, der erst im Tod ein Leben fand. Ollowain war ein lebender Toter. Ohne Zweifel hatte Meliander den Schwertmeister gemeint. Sie schluckte. Verzweifelt �berlegte sie, wie sie gegen ein Schicksal ank�mpfen k�nnte, das offenbar seit Jahrhunderten vorherbestimmt war.</p></section><section><title><p>Nur einmal in Zehntausend Jahren</p></title><p>Wieder einmal war die Bestie zu ihrem Beobachtungspunkt nicht weit der wei�en Burg zur�ckgekehrt. Sebastien sp�rte die Unruhe der Kreatur. Eben noch waren sie bei der tiefen Schlucht gewesen, wo sich die gegnerischen Heere versammelt hatten. Nie hatte Sebastien so viele Krieger gesehen! Dicht wie die Halme in einem Weizenfeld standen die Speere der K�mpfer, die sich versammelt hatten. Ohne Zahl waren die Bogensch�tzen. Weiter hinten warteten Reiter und Streitwagenfahrer. Auch gab es gro�e Reittiere, deren Namen Sebastien nicht kannte, denen man h�lzerne T�rme auf die R�cken gebunden hatte, um sie zu wandelnden Burgen zu machen Auf der anderen Seite hatten sich zehntausende ungeschlachte Gestalten versammelt. Drei Schritt gro�, mit groben Gesichtern und primitiven Waffen verstrahlten sie eine Kraft, die be�ngstigend war. Sebastien hatte in der Schlacht auf der Grasebene gesehen, wozu Trolle f�hig waren. Es war unm�glich zu sagen, welche der beiden Seiten wohl bessere Aussichten auf den Sieg hatte. Die Schlacht versprach ein beispielloses Gemetzel zu werden. Und dennoch hatte sich die Bestie zur�ckgezogen, um wieder die wei�e Burg zu belauern. Was gab es hier, das sie mehr erg�tzte als tausendfacher Tod? Etwas in der Burg zog die Bestie an, wie ein Topf Honig Fliegen anlockte. Aber es gab dort auch etwas, das sie f�rchtete. Konnte die Kreatur sterben? Den dritten Geisterhund hatten sie seit einer Weile nicht mehr gesehen. Hatte ihn jemand get�tet? Wer mochte dazu f�hig sein? Ein Held, der auf dieser Burg lebte? Die Bestie gab ihr abwartendes Lauern auf. Schnell wie der Wind eilte sie den hohen Mauern entgegen. Sebastien versuchte erst gar nicht, sich ihrem Willen zu widersetzen. Er hatte ihrer Macht l�ngst nichts mehr entgegenzusetzen. Die ungez�hlten Lebenslichter, die sie verschlungen hatte, erlaubten ihr, ihn und ihren gemeinsamen K�rper zu beherrschen. Wozu auch immer er in dieser Verbindung n�tig gewesen war, die Kreatur war l�ngst stark genug, ohne ihn zu existieren. Sie konnte inzwischen sogar fleischliche Gestalt annehmen, wenn sie es wollte. Von seinen Ordensbr�dern und -schwestern lebten nur noch drei. Ein paar Tage noch, dann w�re alles Menschliche in dem Gesch�pf der Finsternis verloschen. Was w�rde die Bestie dann wohl unternehmen? �Du bist sehr neugierig, Sebastien. Manchmal denke ich, dass wir uns im Grunde recht �hnlich sind. Ich bin ein Sebastien, der alle Fesseln der Moral abgestreift hat.� <emphasis>Gar nichts haben wir gemeinsam</emphasis>, begehrte der Abt auf.</p><p>�Wie kannst du so sprechen, wo wir doch sogar einen Leib teilen?�, entr�stete sich die Kreatur. Sie glitt durch die dicken Burgmauern und gelangte in einen Saal, der von einem gro�en Brunnen beherrscht wurde. Pr�chtige Banner hingen von den W�nden. Vor einer hohen, zweifl�geligen T�r am anderen Ende des Saals stand ein einzelner Wachtposten, der sie offenbar noch nicht bemerkt hatte.</p><p>Witternd sah die Bestie sich um.</p><p>Wieder glitt sie durch eine Wand. Inmitten des Mauerwerks war ein niedriger Tunnel. Die Kreatur verharrte und starrte ins Dunkel. Etwas bewegte sich in der Finsternis. Ein Schatten. Was hatten sie da aufgesp�rt?</p><p>�Einen Bruder.�</p><p>Sebastien konnte die andere Gestalt nicht deutlich erkennen. Er hatte das Gef�hl, dass diese Gesch�pfe der Finsternis sich auf eine Weise austauschten, die es erlaubte, ihn auszuschlie�en.</p><p>�Wie �beraus scharfsinnig du doch bist, Abt�, verh�hnte ihn die Kreatur. �Ich sagte doch, wir sind uns �hnlich. Aber du bist meiner Gesellschaft �berdr�ssig, nicht wahr?�</p><p><emphasis>Was sollte das nun? Es war nicht meine Absicht, dich zu kr�nken. Ich wollte lediglich anmerken � ohne damit eine Wertung auszudr�cken �, dass wir voneinander verschieden sind</emphasis>.</p><p>�Ach, Sebastien, wenn du ermessen k�nntest, wie viel Freude es mir bereitet, mit dir zusammen zu sein.�</p><p>Die Bestie hatte einen Unterton in der Stimme, den er f�rchten gelernt hatte. Von einem Augenblick zum anderen hatten sie den verborgenen Tunnel verlassen. Ein Schatten folgte ihnen. Eine amorphe Gestalt. Belebte Finsternis.</p><p>Die Bestie eilte dem Wachposten an dem Tor entgegen. Der Elf senkte den Speer, doch die Waffe vermochte ihrer Geistergestalt keinen Schaden zuzuf�gen. Ihre Schnauze fuhr dem Krieger in die Brust. Raureif breitete sich auf seinem Bronzepanzer aus. Seine Kleider wurden steif vor K�lte. Mit schreckensweiten Augen starrte er auf das Lebenslicht, das sie aus seiner Brust zerrten.</p><p>Die Bestie erlaubte dem Schatten, der ihnen gefolgt war, einen Teil des Lichts zu fressen.</p><p>Was hatten die beiden besprochen? Noch nie hatte Sebastien erlebt, dass das Tier in ihm Beute geteilt hatte.</p><p>�Du bist ungerecht, mein Freund! Teilen wir nicht jeden Happen, da wir uns einen K�rper teilen? Du machst dir ein zu einfaches Bild von mir!� Die Kreatur trat durch die hohe T�r, die der Elf bewacht hatte. Sie gelangten in einen runden Saal, von dessen W�nden Wasser str�mte. Es gab keine Decke. Man sah einfach hinauf in den Fr�hlingshimmel. Gegen�ber dem Portal erhob sich ein Thron. Auf dem Boden gab es ein gro�es Mosaikbild aus ineinander verschlungenen Schlangen.</p><p>Dieses Bild schien es der Bestie angetan zu haben. Sie schlich um die Schlangen herum und belauerte sie so lange, bis es Sebastien erschien, als bewegten sich die steinernen Schlangen. Ihre Augen wirkten lebendig. Und dann erhoben sie sich.</p><p>Der Abt wollte schreien, sich abwenden, fl�chten. Aber der K�rper des Geisterwolfs gehorchte ihm nicht. Er war gezwungen zuzusehen, wie sich die Schlangen gegeneinander neigten und ein Tor aus glei�endem Licht sich �ffnete.</p><p>Dahinter lag Finsternis. Sie schwebten. Der Thronsaal war verschwunden. War hinter ihnen das Tor aus Licht? Was geschah hier?</p><p>�Du wirst Teil haben an einem au�ergew�hnlichen Ereignis. Das Tor, durch das wir gegangen sind, sollte f�r meine Schattenbr�der unpassierbar sein. Doch hier ist das magische Siegel zerbrochen, und es gibt nicht einmal einen ernst zu nehmenden W�chter. Die Finsternis hier ist schier unendlich. Dieses Tor zu finden, w�re f�r meine Schattenbr�der ein gro�er Zufall. Jene, die in die Welt der Albenkinder gelangten, sind leider etwas selbsts�chtig. Sie wagen sich nicht zur�ck, um unsere �brigen Br�der zu rufen. Sie haben nicht unsere Kraft, Sebastien. Wir k�nnen selbst durch versiegelte Tore schreiten. Sie nicht. Ich bin hier, um sie zu rufen. Doch meine Stimme w�rde sie wom�glich nicht locken.�</p><p>Sebastien f�hlte sich pl�tzlich leicht und unbeschwert. Vor ihm stand der gro�e, geisterhafte Wolf. Er stutzte. Drei Schlangen aus Licht traten aus dem K�rper des Wolfs. Der Abt begriff.</p><p>�Ihr seid frei�, erkl�rte die Bestie.</p><p>Sebastien sah, wie sich etwas in der Finsternis regte. �Zumindest f�r den Augenblick. Es gibt nichts, was meine Br�der verlockender finden, als ein Lebenslicht zu trinken. Du kennst ja unsere Schw�chen, Sebastien. Sie alle werden sp�ren, dass du hier bist. Gef�llt dir so viel Aufmerksamkeit?� <emphasis>Warum tust du das?</emphasis></p><p>�Weil du eine zarte Seele bist, mein Freund. Es ist besser, dein Weg endet hier. Du w�rdest keinen Gefallen daran haben, Zeuge zu werden, wie das Licht einer ganzen Welt vergeht.�</p></section><section><title><p>Das Duell</p></title><p>�Du darfst nicht gehen, Emerelle!� Melvyn hatte sie am Tor der Festung, die �ber die Shalyn Falah wachte, abgepasst. Er trug die neuen Armschienen, die sie ihm geschickt hatte. Die st�hlernen Krallen waren ausgefahren. �Ich werde an deiner Stelle k�mpfen. Es gibt keinen Troll, den ich nicht besiegen k�nnte.�</p><p>�Was h�lt Leylin davon?�</p><p>Er hielt ihrem Blick stand. �Sie w�rde es sicherlich ehrenhaft finden.�</p><p>�Also wei� sie nichts davon.� Emerelle musste lachen. �Du musst noch einiges �ber den Umgang mit Frauen lernen. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich habe schon in den Drachenkriegen gek�mpft. Bevor ich K�nigin wurde, war ich Kriegerin. Ich werde siegen.�</p><p>�Aber du k�nntest ...�</p><p>Sie hob gebieterisch die Hand. �Nein, Melvyn. Es ist ausgeschlossen, dass ich verliere. Ich danke dir f�r dein edelm�tiges Angebot, aber ich werde es nicht annehmen.� Mit festem Schritt ging sie der Br�cke entgegen. Sie hatte in der letzten Nacht die Zukunft erforscht und sich gesucht. Traute sie Melianders Worten, so h�tte die Silberschale keine Schrecken vor ihr verheimlicht. Es war schwer, seine eigene Zukunft zu erkunden. Sie war besonders ver�nderlich, denn jedes Bild, das man sah, mochte Einfluss auf alle kommenden Taten haben. Emerelle hatte keine m�gliche Zukunft entdecken k�nnen, in der sie auf der Shalyn Falah starb. Ganz gleich, wen die Trolle schicken w�rden, sie w�rde siegen.</p><p>F�r das Duell hatte die K�nigin einen leichten Leinenpanzer angelegt. Auf jegliche weitere R�stung hatte sie verzichtet. Sie k�mpfte am besten, wenn sie beweglich war.</p><p>An der Br�cke angekommen, blickte sie zur�ck. Hunderte Banner wehten auf den Mauern der wei�en Festung, die den Zugang ins Herzland bewachte. Die W�lle waren dicht besetzt mit ihren Kriegern. Selbst Fingayn war dort, obwohl der Maurawan es eigentlich vorzog, nicht allzu viel Gesellschaft zu haben. War das ein Mensch an seiner Seite? Der Mann verschwand im Gedr�nge.</p><p>Emerelles Blick wanderte �ber die hohen, wei�en Festungsw�lle. Hier hatte ihr Schwertmeister residiert und seine neuen Sch�ler ausgebildet. Sie griff sich an ihr Herz. W�rde sie die Leere, die sie dort versp�rte, jemals �berwinden? Was g�be sie daf�r, wenn Ollowain auf diesen W�llen stehen w�rde, um ihr nun zuzusehen. Sie l�chelte traurig. Dazu w�re es niemals gekommen. Er h�tte sie nicht in diesen Zweikampf ziehen lassen.</p><p>Sie wandte sich ab. Eine einzelne Fanfare erklang, als sie die Br�cke betrat.</p><p>Auf der anderen Seite des Abgrunds dr�ngten sich tausende Trolle. Zwischen den h�nenhaften Kriegern sahen die Kobolde wie Kinder aus. Sie konnte nicht begreifen, was sie dazu gebracht hatte, zu den Feinden �berzulaufen.</p><p>Der Anblick der Kobolde erinnerte die K�nigin auch an die drei�ig Kinder. Heute Morgen hatte sie sie mit ihren Familien in Richtung Yaldemee geschickt. Viel zu lange waren sie den Einfl�sterungen der Schatten ausgesetzt gewesen. Daf�r sch�mte sich Emerelle, ebenso wie f�r die Tatsache, �berhaupt auf Alathaia geh�rt zu haben und in Versuchung geraten zu sein, sich einen Albenstein mit Kinderblut zu erkaufen.</p><p>Die K�nigin blinzelte. Sie w�rde w�hrend des Kampfes in die Sonne blicken m�ssen. Das war �rgerlich, aber letzten Endes w�rde sich deshalb nichts �ndern.</p><p>Eine Gasse bildete sich zwischen den Trollen. Eine schlanke, wei�e Gestalt erschien auf dem Kamm der Klippe. Das Licht blendete. Einen Moment schien es, als habe der Krieger keinen Kopf.</p><p>Emerelle erinnerte sich an eines der Bilder in Melianders Buch. Es zeigte eine kopflose Gestalt, die auf eine Br�cke trat.</p><p>Ihr Gegner stieg nun den in Serpentinen gewundenen Pfad hinab, der von dort dr�ben auf die Shalyn Falah f�hrte. Es war ein Elf! Wie hatten die Trolle einen Elfen f�r ihre Sache gewinnen k�nnen?</p><p>Die Bewegungen des Kriegers erschienen ihr seltsam vertraut. Der K�mpfer war ganz in Wei� gekleidet. Nerv�s trommelten ihre Finger auf den Schwertknauf. Wer war das? Er trug eine wei�e Maske und dazu eine eng anliegende M�tze mit Pferdeohren. Wie geschmacklos! Wollte der Kerl sie verh�hnen?</p><p>So wie sie trug auch er einen Leinenpanzer. Auf Arm- oder Beinschienen und einen Schild hatte er verzichtet. In der Rechten hielt er ein blankes Schwert. Sein Wuchs, die katzenhafte Art, mit der er sich bewegte, in all dem glich er Ollowain! Wer war dieser Krieger?</p><p>Emerelle kniete nieder und streifte ihre Sandalen ab. Die Shalyn Falah, die wei�e Br�cke, war ein t�ckischer Ort f�r einen Zweikampf. Es gab kein Gel�nder, und der Br�ckenweg war leicht gew�lbt. Von den W�nden der Klippen st�rzte Wasser in die Tiefe. Ganz gleich wie der Wind drehte, fast immer wurde Spr�hwasser zur Br�cke getragen und lie� den polierten wei�en Stein glatt und rutschig werden. Es war kl�ger, hier barfu� zu k�mpfen.</p><p>Dumpfer Trommelschlag erklang auf der Seite der Trolle, als ihr Krieger die Shalyn Falah betrat. Auch er war barfu�! Ohne zu z�gern, kam er auf sie zu. Mit der Linken nestelte er an seiner Maske. Als er die Mitte der Br�cke erreichte, nahm er sie ab und warf sie mit l�ssiger Geste in den Abgrund.</p><p>Ollowain!</p><p>Emerelle traute ihren Augen nicht! Wieder griff sie sich an ihr Herz. Wie konnte es sein, dass er vor ihr stand und sie ihn nicht f�hlte?</p><p>Er hob das Schwert zum Fechtergru�.</p><p>�Ollowain?� Er reagierte nicht auf seinen Namen! Was hatte Skanga ihm angetan?</p><p>�Los! K�mpfen.� Seine Stimme war ver�ndert.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>�Klaves. Diener in Elijas Herde. Ich trage den Dung der Echsen. Und Trolltrottel totmachen kann ich auch ...� Er wirkte pl�tzlich erschrocken. �Das darf ich eigentlich nicht sagen, Wei�m�dchen.�</p><p>Emerelle starrte ihn einfach nur an. Wie redete er? Was war mit ihm geschehen? �Komm, Wei�m�dchen!� Er deutete mit dem Schwert auf ihre Brust.</p><p>�Du willst mich t�ten? Warum? Du warst mein Schwertmeister. Erinnerst du dich denn nicht?�</p><p>Klaves runzelte die Stirn. �Ich bin Elijas Diener. Und wenn ich dich totmache, werde ich vom Diener zum Krieger. Krieger m�ssen keinen Echsendung mehr schleppen.� Er hatte sogar noch sein altes Schwert, bemerkte Emerelle. Sie legte ihre Hand auf den Schwertgriff. Sie konnte es nicht ...</p><p>�Du w�rdest mich t�ten, Klaves?�</p><p>�Elija hat gesagt, ich soll mit dir k�mpfen. Ich bin ein guter Diener. Ich tue immer, was Elija mir sagt.�</p><p>�Und wenn ich nicht mit dir k�mpfen m�chte?� Er sah sie erschrocken an. �Das geht nicht. Elija hat gesagt, ich muss k�mpfen. Nimm jetzt dein Schwert in die Hand. Das brauchst du zum K�mpfen!� Der Wind wehte ihr Gischt ins Gesicht und verbarg so ihre Tr�nen. Was hatten sie mit ihm gemacht? Er war nicht mehr Ollowain. Aber er hatte immer noch das Gesicht des Mannes, den sie liebte. Ihre Finger tasteten nach dem Albenstein unter ihrer Leinenr�stung. �Darf ich dich mit einem Stein an deiner Stirn ber�hren?�</p><p>Er trat einen Schritt zur�ck. �Nein! Wir k�mpfen jetzt, Wei�m�dchen!� Emerelle kniete nieder. Sie hatte in ihrem Leben manches getan, das ihr schlaflose N�chte bereitet hatte. Sie hatte Unrecht geduldet, zum Wohle Albenmarks. All dies war vergebens gewesen, wenn sie nun kampflos aufgab. All die Toten der letzten Monde waren f�r nichts gestorben. Doch sie konnte nicht.</p><p>Sie zog ihr Schwert und legte es ihm zu F��en. Sie wusste nicht, was geschehen war. Doch zumindest ihr Herz hatte sie nicht get�uscht. Der Ollowain, den sie gekannt hatte, war tot. Aber sie w�rde ihn wieder zur�ckholen! Sie w�rde alle seine Leben wieder zur�ckholen! �Du hast mich besiegt�, sagte sie leise.</p><p>Der Krieger sah sie verwirrt an. �Das geht so nicht. Erst muss man k�mpfen. Dann siegt man.� �Stell deinen Fu� auf mein Schwert und strecke deine Waffe dem Himmel entgegen.� Er gehorchte sofort. Sie hatten ihn durch und durch zu einem Diener gemacht.</p><p>Auf Seiten der Trolle brach wildes Jubelgeschrei los. Ihr junger K�nig und Skanga kamen den Serpentinenweg hinab. Orgrim, Ganda und andere, die Emerelle nicht kannte, folgten ihnen.</p><p>Sie wagte es nicht zur�ckzublicken. Sie konnte nicht in die Augen all derer sehen, die sie verraten hatte. Aber ganz gleich, wie schlecht die Trolle auch herrschen mochten, es w�re Frieden. Das Massaker war abgewandt.</p><p>�Darf ich mit meinem Stein deine Stirn ber�hren?� Sie hatte alles aufgegeben f�r ihn. Nun w�rde sie ihn zur�ckholen. Kein Zauber, den Skanga wirken konnte, w�rde der Macht des Albensteins widerstehen!</p><p>Sie zog den Stein, der an einem d�nnen Lederriemen hing, unter ihrem Leinenpanzer hervor. Ollowain beobachtete sie misstrauisch.</p><p>�Es wird nicht wehtun�, sagte Emerelle, obwohl sie sich dessen nicht sicher war. Sie ber�hrte ihn sanft mit dem Stein an der Stirn und hauchte ein Wort der Macht. Dann griff sie in seine Erinnerungen. Sie sah ihn niederste Arbeiten verrichten, aber auch, wie er mit Melvyn k�mpfte. Ganda pflegte ihn, als er verwundet war. Im Blick der Lutin konnte sie lesen, wie viel er Ganda bedeutete. Dann kamen keine Erinnerungen mehr. Mit all ihrer Macht und Wut stemmte sich Emerelle gegen den Zauber, der auf Ollowain lag. Ein Wall aus Finsternis trennte ihn von seinem Leben. Emerelle stellte sich vor, ein Rammbock zu sein. Eine Kraft, der nichts widerstehen konnte. Doch der Wall blieb un�berwindlich.</p><p>Dann dachte sie an all das Unausgesprochene. An ihre Liebe zu Ollowain, die sie niemals gelebt hatte. Sie dachte an Falrach und an all die anderen, als die Falrach seitdem wiedergeboren worden war. Falrach, der sich f�r sie geopfert hatte. Der selbstlose Ritter, der unter dem Prankenhieb starb, der sie h�tte t�ten sollen.</p><p>Der Albenstein f�hlte sich kalt an.</p><p>�Geh weg von ihm, Weib!� fauchte Skanga. �Er geh�rt zu uns! Fort mit dir! Du bist nichts mehr.�</p><p>�Beleidige Emerelle nicht.� Ollowain hob sein Schwert. �Weg mit dir!�</p><p>�Aber J�ngelchen, du geh�rst zu uns.�</p><p>�Davon w�sste ich!�</p><p>Die Stimme klang vertraut in Emerelles Ohren, auch wenn sie sie sehr lange nicht mehr geh�rt hatte. � Falrach?�</p><p>�Wir sollten uns zur�ckziehen, Schwertschwester�, sagte er leise. �Das sind zu viele Trolle dort oben. Allein werden wir sie nicht aufhalten. Und hier finden wir keine Deckung, wenn sie auf die Idee kommen, Steine zu werfen.�</p><p>Das war Falrach! Unverwechselbar! Wieder hatte er sich sch�tzend vor sie gestellt. Wo war Ollowain? Wie konnte es sein, dass sie zu Falrach vordrang, aber Ollowain nicht finden konnte?</p><p>�Was hast du getan, du hirnlose Elfenschlampe!�, schrie Skanga. Ihre Stimme klang schrill vor Angst.</p><p>Emerelle blickte zur�ck. Doch sie konnte nichts sehen.</p><p>�Sie sind gekommen, Verfluchte! Sie haben das Tor gefunden, das du ihnen ge�ffnet hast!�</p><subtitle>Wie Kadlin zu Luth ging</subtitle><cite><p>�Als dann aber Ulric Trollt�ter in die Tiefen versank und hundert der schrecklichsten Trolle mit sich in den Tod riss, da brach ein gro�er Streit aus. Von den Kindern des Elfenjarls Alfadas war nur mehr Kadlin geblieben, denn den Wolfselfen, den er in Albenmark gezeugt hatte, hatte noch niemand gesehen und wollte auch niemand sehen. Nun erhob sich aber ein gro�es Geschrei unter den Kriegern im Fjordland, denn sie wollten nicht von einem Weibe regieret sein. Kadlin aber, in der das hei�e Blut ihres Gro�vaters stark war, nahm die Axt und sagte, sie wolle zu Luth gehen, um als Einzige in ihrem Fleische in der Goldenen Halle zu sitzen, denn sie wolle lieber unter toten Helden als unter lebenden Schreih�lsen verweilen. Weil Kadlin aber nicht wusste, wie sie lebend zu Luths Halle gelangen konnte, ging sie zur Allweisen Emerelle. Wie es aber mit den Allweisen so ist, so sind sie manchmal sehr zerstreut. So hatte Emerelle, als sie das letzte Mal ins Gro�e Dunkel gegangen war, vergessen, die Pforte zu verschlie�en, welche die Schatten aus Albenmark fortsperrt. Es herrschte eine gro�e Not in der Alben Mark, als Kadlin dorthin reiste. So schlimm war es um die Alben bestellt, dass Emerelle den Trollen ihre Krone schenkte, damit sie ihr halfen. Doch selbst Elfen und Trolle vereint, vermochten die Schattenkrieger aus dem Gro�en Dunkel nicht zu besiegen.</p><p>Kadlin, die nie aufs Maul gefallen war, versprach den Albenkindern, ihren Bruder aus den Hallen des Luth zu schicken, wenn die Elfen ihr denn dorthin verhelfen wollten. Da Emerelle, die Allweise, stets einen Weg an jeden Ort kannte, den man sich nur denken mochte, �ffnete sie Kadlin ein Tor, und die Enkelin Mandreds fuhr durch den Schornstein in die Halle des Luth hinab. Und Kadlin hielt sich an ihr Wort. Sie schickte den ruhmreichen Ulric zu den Albenkindern, wo ihr Bruder so viele Schattenkrieger erschlug, dass die �berlebenden froh waren, wieder ins Gro�e Dunkel zu fl�chten.</p><p>Kadlin aber fand solchen Gefallen daran, mit den Helden zu zechen, dass sie ganz die Zeit verga�. Und darin lag eine gro�e Gefahr, denn wer den Helden der Goldenen Halle einen Tag und eine Nacht Gesellschaft geleistet hat, den l�dt Luth ein, f�r immer zu bleiben. Und dem Schicksalsweber widerspricht man nicht, es sei denn, man ist Ulric Alfadasson � doch das ist eine andere Geschichte. Zu ihrem Gl�ck aber hatte Kadlin noch einen Freund ...�</p><text-author><emphasis>Dem Volke aufs Maul geschaut</emphasis> �</text-author><text-author>Geschichten der Ein�dbauern im N�rdlichen Fjordland,</text-author><text-author>Gesammelt und niedergeschrieben von Svein Eirikson, s. 72</text-author></cite></section><section><title><p>Ins Herz der Finsternis</p></title><p>Man konnte Elfen nicht trauen! Niemals! Wenn Skanga eines in ihrem Leben gelernt hatte, dann das. Es war kein Zufall, dass Emerelle sich unterwarf, und ganz gewiss nicht die gro�e Liebe, die sie heuchelte. Sie hatte gewusst, dass die Yingiz kommen w�rden. Und sie hatte auch gewusst, dass sie mit den Gesch�pfen der Finsternis allein nicht fertig w�rde, wenn sie in Massen kamen.</p><p>�Der Wald sieht zum F�rchten aus�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr. �Das Gras ist welk wie in einem hei�en Sommer. Von allen B�umen ist die Rinde gesch�lt. Bleich wie Knochen ragen sie in den Himmel.�</p><p>Das reicht, knurrte die Schamanin. Sie wollte nicht wissen, wovor Birga sich f�rchtete. �Pass auf, dass ich �ber keinen Ast falle, und sonst halt dein Maul!� Der Wald sieht zum F�rchten aus. L�cherlich! Wenn Birga sehen k�nnte, was sie sah, dann w�sste sie, was Furcht ist. Die Aura Alathaias zum Beispiel. Nie zuvor hatte Skanga so etwas gesehen.</p><p>Oder die Aura von diesem Elfenritter Ollowain. Als sie ihn am Mittag zum ersten Mal sah, schien er nur einen daumengro�en Kopf zu haben. Jetzt war ihm ein neuer gewachsen.</p><p>Oder die zerst�rerischen Kraftlinien, die die Yingiz erschufen. Wie die Tentakel eines riesigen Kraken griffen sie von der Burg aus in den Himmel. Und wo sie hinab auf das Land reichten, da rissen sie jegliches Leben fort. Der tote Wald war nicht unheimlich. Ihn hatten die Yingiz abgeweidet.</p><p>Skanga blickte zum Himmel hinauf. Die anderen schienen nicht sehen zu k�nnen, was dort geschah. Vielleicht war es auch besser so. Die beiden Heere hatten den Befehl erhalten, sich einen Tagesmarsch weit zur�ckzuziehen.</p><p>Nicht auszudenken, was geschehen w�rde, wenn die Tentakel unter die Krieger griffen.</p><p>�Wir haben den Weg hinauf zur Burg erreicht�, fl�sterte Birga.</p><p>Skanga verzichtete darauf, die j�ngere Schamanin zurechtzuweisen. Sie brauchte all ihre Kraft, um den magischen Kokon aufrechtzuerhalten. Er sch�tzte die kleine Gruppe: Emerelle, Alathaia, das Menschenkind, den Elfenritter mit seinem neuen Kopf und die geschw�tzige Birga.</p><p>Was wohl geschehen w�rde, wenn einer der Tentakel auf den Kokon traf? Nein, besser erst gar nicht an so etwas denken! Im Nichts hatte der Zauber sie und Branbart gut gesch�tzt. Allerdings hatten die Yingiz im Nichts ihre Kr�fte auch nicht vereint, so wie sie es jetzt taten.</p><p>Alathaia hatte vorhin von einem zerbrochenen Albenstein gesprochen. Ein dritter Stein, den k�nnten sie jetzt gut gebrauchen! Wenn das alles hier vor�ber war, dann w�rde sie sich diese Elfenschlampe vornehmen.</p><p>Skangas Blick verweilte auf der Aura der Hexenf�rstin. Nein, vielleicht war es kl�ger, freundlich zu ihr zu sein. In ihr schlummerte eine eigent�mliche Finsternis. Es w�re besser, sie nicht zu reizen. Auch ohne einen Albenstein hatte sie gro�e Macht.</p><p>Jetzt waren die Yingiz �berall. In Scharen kauerten die Schatten um sie herum. Kalt war es in Emerelles Schloss. Und der magische Glanz war wie alter Putz von den Mauern gefallen. Egal! Solchen Schnickschnack brauchten sie nicht. Wahrscheinlich w�rde sich Gilmarak ohnehin einen anderen Ort als Herrschersitz aussuchen. Sie w�rde ihm dringend dazu raten. Zum Gl�ck tat der Junge meistens, was sie ihm empfahl. Emerelles Heerscharen schienen sich dem Ausgang des Duells zu f�gen. Das war das einzig Gute an der Ankunft der Yingiz. Sie hatten allen solche Angst eingejagt, dass niemand mehr daran dachte, sich zu beschweren, dass es keinen Kampf gegeben hatte. Emerelle hatte ihre Krone zuletzt einfach verschenkt. Dass sie es wegen diesem Elfenkrieger getan hatte, mochte Skanga einfach nicht glauben. Da steckte bestimmt noch mehr dahinter!</p><p>Etwas tastete nach dem Kokon. Fest umklammerte Skanga ihren Albenstein. Die fremde Macht zog sich wieder zur�ck. Die Tentakel, die Skanga gesehen hatte, griffen weit aus der Burg hinaus. Eigentlich sollten sie hier sicherer sein als drau�en. Das Land versprach den Yingiz viel fettere Beute. Was waren eine Hand voll Weiber und ein Mann schon verglichen zur Lebenskraft, die ein Wald in sich trug!</p><p>�Wir gehen an einem Brunnen mit einem Drachen vorbei auf ein hohes Tor zu�, raunte Birga ihr ins Ohr. �Ich glaube, wir haben den Thronsaal fast erreicht.�</p><p>Ja, ja, dachte Skanga. Sie sah den Albenpfad, der geradewegs durch das Tor zum Thronsaal lief. Jetzt sah sie auch die �brigen Linien. Es waren nur sechs. Man sollte diese machtversessene Elfenschlampe den Yingiz zum Fra� vorwerfen! Wie hatte Emerelle es nur wagen k�nnen, einen Teil vom goldenen Netz zu zerrei�en! Und was hatte es ihr gebracht? Trotz allem �bel war dies ein stolzer Tag in der Geschichte ihres Volkes. Gilmarak war zum K�nig Albenmarks aufgestiegen. Nie zuvor war ein Troll zu solchen W�rden gelangt! Und Emerelle war gedem�tigt!</p><p>Das magische Tor im Thonsaal flackerte in allen Regenbogenfarben.</p><p>�Emerelle hat mir jetzt das gro�es Stundenglas gegeben�, sagte Birga.</p><p>�So war es abgemacht!�, zischte Skanga. Sie wusste, was um sie herum vor sich ging! �Bring uns n�her an das Tor heran. Wir m�ssen es im Schutz deines Zaubers durchqueren!� Ihren herrischen Tonfall hatte die Elfenschlampe noch nicht abgelegt. Skanga wusste genau, dass Emerelle nicht mehr hierher zur�ckkommen w�rde, wenn die Sache vor�ber war. Sie w�rde fliehen. Wahrscheinlich nach Carandamon. �Wenn du den Frieden brichst, den du gelobt hast, werde ich dich finden, ganz gleich, wo du dich versteckst, Emerelle.�</p><p>Zufrieden sah Skanga das Rot m�hsam unterdr�ckten Zorns in der Aura der Elfe. �Ich drehe jetzt das Stundenglas. Seid in sieben Stunden bereit.� Mit diesen Worten trat Emerelle mit ihrem Krieger durch den Albenstern.</p><p>Skanga blickte zu dem Menschenkind. Die Kleine hatte f�rchterliche Angst. Wenn sie versagte, dann w�rden sie alle bis �ber die Ohren in der Schei�e sitzen. Nur die Elfenschlampe h�tte es dann geschafft, sich in Sicherheit zu bringen.</p><p>Jetzt bereitete Alathaia die Menschentochter auf ihre Reise zu Luth vor. Dass dieses M�dchen und das Buch eines verr�ckten Elfen die letzte Hoffnung Albenmarks sein sollten, empfand Skanga als schlechten Scherz. Lieber h�tte sie den alten Kerl geschickt. Aber der hatte wohl einen ihrer machtlosen G�tter angebetet und durfte ebenso wenig wie ein Albenkind darauf hoffen, zu den Goldenen Hallen zu gelangen.</p><p>Falls der verwirrte Meliander mit seinen Vermutungen nicht danebenlag, vermochten die toten Helden aus den Hallen der Menscheng�tter die Yingiz tats�chlich zu vertreiben. Doch um zu diesen Hallen zu gelangen und die Helden zu rufen, musste das M�dchen dem Tod entgegengehen. Nachdenklich betrachtete Skanga ihre Aura.</p><p>Ihre Verbindung zu den Toten schien st�rker zu sein als zu den Lebenden. Das waren schlechte Voraussetzungen, um von der Reise, die ihr bevorstand, lebend zur�ckzukehren.</p></section><section><title><p>Zwischen Leben und Tod</p></title><p>Kadlin hielt den goldenen Becher mit beiden H�nden umklammert. Der Trunk, den ihr die unheimliche Elfe eingesch�ttet hatte, war schwarz wie der Tod. Aber zumindest roch er angenehm. Ein wenig erinnerte er sie an den Lebertran, den sie als Kind hatte trinken m�ssen, wenn sie krank wurde.</p><p>Die schwarzhaarige Elfe l�chelte sie an. �Selbstverst�ndlich! Aber nicht in dieser Nacht.� Kadlin blickte zu den beiden Trollweibern. Beide waren sie schrecklich. Sowohl die Blinde als auch die mit der Maske. Und dann all die Schatten hier ringsherum. Wo war das bl�hende Albenmark? Sie hatten ihr eingeredet, es liege allein an ihr, diese Welt zu retten. Sie m�sse Mut haben, und sie m�sse �berzeugend sein. Nur ein Recke aus den Goldenen Hallen k�nne die Schatten vertreiben. Aber kein Albenkind vermochte dorthin zu finden. Das war nur Menschen m�glich. Helden! Kadlin nahm all ihren Mut zusammen und trank. Ganz gleich, was mit ihr geschah, �berall anders w�re sie besser aufgehoben als hier! Wie fl�ssiges Eis war der Trunk. Kadlin f�hlte sich taub.</p><p>�Vorsichtig. Du solltest dich hinlegen�. Die Stimme klang seltsam fern. H�nde ergriffen sie. Sie sank nach hinten, doch sie kam nicht auf dem Boden zu liegen. Stattdessen glitt sie davon in die Dunkelheit.</p><p>Er war, als versinke sie in Wasser. Nur dass sie atmen konnte. Sie f�hlte sich angenehm schl�frig. Langsam glitt sie tiefer. Die Dunkelheit rings herum war vollkommen.</p><p>Lange Zeit lie� sie sich treiben. Manchmal streifte sie etwas Klebriges. Aber sie war zu m�de, um die Augen zu �ffnen. Dann blieb sie h�ngen. Sie blinzelte und blickte in acht bernsteinfarbene Augen. Kadlin wollte schreien, doch kein Ton kam �ber ihre Lippen. Ein Zangenpaar nahm sie auf. Dann trug die riesige Spinne sie davon.</p><p>Spinnen waren die heiligen Tiere Luths, das wusste Kadlin, aber in den Liedern der Skalden hatte sie noch nie von pferdegro�en Spinnen mit Beinen, so lang wie Schiffsmasten geh�rt.</p><p>Die Spinne eilte �ber silberne F�den. Langsam wurde es heller. Kadlin sah einen Himmel voller silberner F�den �ber sich. Manchmal zerriss einer von ihnen, und ein Leib glitt daran hinab. Noch andere Spinnen waren unterwegs. Die J�gerin konnte beobachten, wie eine strampelnde Gestalt in F�den eingewoben wurde. Als der Mann endlich ganz still lag, kamen kleinere Spinnen und krochen zwischen den F�den hindurch.</p><p>Kadlin wandte den Blick ab. In der Ferne sah sie ein goldenes Licht. Es wurde gr��er. Bald erkannte sie eine weit ge�ffnete T�r, sie geh�rte zu einer Halle, deren weites Dach sich im Zwielicht verlor. Das Langhaus war �ber und �ber mit silbernen F�den bedeckt.</p><p>Behutsam legte die Spinne Kadlin an der T�r ab. Ein derbes Zechlied kam der J�gerin vertraut vor. Es handelte von Mandred, der ein Hurenhaus besuchte. Der s��e Duft von Met stieg Kadlin in die Nase.</p><p>Sie richtete sich auf. Ihre Glieder waren schwer wie Blei. Hinter dem Tor lag ein goldener Saal. Hunderte Krieger zechten und sangen dort. �Bj�rn Lambison?� Wie Donnerschlag hallte der Name in dem weiten Saal. Das Lied verstummte. Alle blickten zur T�r. Und dann stand er vor ihr! Er sah gut aus. Ein wenig betrunken. �Was tust du hier?� Statt zu antworten, wollte sie ihn einfach nur in die Arme schlie�en.</p><p>�Tritt nicht �ber die Schwelle!�, warnte eine Ehrfurcht gebietende Stimme. K�nig Alfadas trat zwischen den G�sten der Halle hervor. An seiner Seite ging Kalf. �Wenn du die Schwelle �berschreitest, verwirkst du dein Recht auf deinen warmen, atmenden Leib. Was tust du hier, Kadlin? Du solltest nicht an diesem Ort sein.�</p><p>Sein Tonfall �rgerte sie. Von Kalf w�rde sie sich so etwas sagen lassen, aber ein toter K�nig hatte ihr nicht mehr zu gebieten! Einen Augenblick lang war sie versucht, Alfadas zurechtzuweisen. Doch dann beherrschte sie sich und erz�hlte von der Not Albenmarks und davon, dass Emerelle glaubte, nur einer der Helden aus den Goldenen Hallen k�nne die Yingiz vertreiben.</p><p>Der K�nig wirkte traurig. �Wei�t du um den Preis, den dein Held zahlen wird? Wer die Goldenen Hallen verl�sst, der kann nicht mehr zur�ck. Er wird im n�chsten Morgengrauen vergehen. Seine Seele verlischt.� Er deutete in das Licht. �Dies ist unendlich mehr als eine Halle. Was du siehst, ist nur der Eingang. Asla ist hier.� Kadlin stutzte. Was hatte der K�nig mit ihrer Mutter zu schaffen?</p><p>�Ich werde gehen!� Zwischen den Recken l�ngst vergangener Zeiten erschien Ulric. Ihn zu sehen erschreckte Kadlin. Warum war auch er schon hier? Was war geschehen? Wie im Leben, so war auch hier Halgard an seiner Seite.</p><p>�Du schuldest ihr nichts, Junge.�</p><p>�Ich wei�.� Er wandte sich an Kadlin. �Ist Albenmark so sch�n, wie die Skalden sagen?�</p><p>�Nicht der Ort, zu dem du gehen w�rdest.�</p></section><section><title><p>Ein Mann ohne Nase, aber mit einem Freund</p></title><p>Skanga sah die beiden Lichtgestalten verblassen. Sie hatten die Yingiz das F�rchten gelehrt. Es war eine Freude gewesen zuzuschauen, wie die Schatten auseinander stoben und zur�ck ins Nichts flohen. Was die Menschen wohl an sich hatten, dass sie die Yingiz besiegen konnten? Lag es an ihren G�ttern? �Wie lange dauert es noch, bis die Sanduhr abgelaufen ist?�</p><p>�Weniger als eine Stunde�, antwortete Birga.</p><p>Skanga w�rde es den anderen gegen�ber nicht eingestehen, aber sie sp�rte, wie ihre Kr�fte nachlie�en. Noch immer hielt die Schamanin den sch�tzenden Kokon aufrecht.</p><p>Jetzt versperrte sie damit das Tor. Doch das konnte so nicht ewig weiter gehen. Wenn Emerelle sie hereinlegte, dann war das Opfer der beiden Lichtgestalten vergebens gewesen.</p><p>Skanga blickte zu dem M�dchen. Ihre Lebensaura war fast verloschen. �Wann wird sie erwachen, Alathaia?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass sie zu uns zur�ckkehrt. Sie wird den R�ckweg nicht finden.� Skanga schnaubte �rgerlich. Elfenpack! Man konnte ihnen einfach nicht trauen. �Warum hast du sie belogen?�</p><p>�Das habe ich nicht�, entgegnete Alathaia in aller Ruhe. �Im Gegenteil, ich sagte ihr ausdr�cklich, dass sie sterben wird. Nur nicht in dieser Nacht. Doch nun ist die Nacht vor�ber.�</p><p>�Ist Emerelle so wie du?�, fragte Birga.</p><p>�Nein. Ich glaube, sie ist mir in fast jeder Hinsicht �berlegen.�</p><p>Wunderbar, dachte Skanga. �Kann man der Kleinen irgendwie helfen?�</p><p>�Nein. Meliander schrieb in seinem Buch, dass man zwar einen Boten zu den Goldenen Hallen schicken k�nne, aber sie f�nden den R�ckweg nicht mehr. Das Tor, durch das sie gekommen sind, bleibt ihnen verborgen.� Skanga dachte �ber Elfen nach. Man konnte sie nur hassen! Niemand sprach mehr. Die alte Schamanin beobachtete, wie die Lebensaura des M�dchens weiter verblasste. �Wie lange noch?�, fragte sie endlich.</p><p>�Etwas l�nger als eine halbe Stunde.� Schritte.</p><p>�Da kommt ein Mensch. Ein ziemlich h�sslicher Kerl. Er hat keine Nase.� Skanga blickte in Richtung der Schritte. Der Mann hatte eine starke Aura, obwohl sie auch Anzeichen von Alter zeigte.</p><p>�Versteht ihr mich?�, fragte er h�flich.</p><p>Niemand antwortete ihm.</p><p>Er kniete neben dem M�dchen nieder. Rot pulste unter den Farben seiner Aura. �Warum lasst ihr sie sterben?�</p><p>�Weil man mit dem Tod nicht feilschen kann�, antwortete Alathaia. �Sie hat ihre Aufgabe erf�llt. Sie wusste, was sie erwartet�, log die Elfe.</p><p>�Du irrst dich, meine Dame. Kadlin hat ihre Aufgabe keineswegs erf�llt. Sie ist meine K�nigin. Ich soll sie zur�ckholen.�</p><p>�Manchmal macht ein Lakai einen Botengang vergebens.�</p><p>Alathaia genoss es offensichtlich, sich die Zeit damit zu vertreiben, den Kerl zu qu�len. Vielleicht w�re sie ein wenig zur�ckhaltender, wenn sie die Aura des Menschen sehen k�nnte, dachte Skanga.</p><p>�Mein Freund sagte mir schon, dass ihr nicht sehr freundlich seid. Aber als ein Fremder in dieser Welt wollte ich h�flich sein. Versuchen wir es also anders. In dem Augenblick, in dem Kadlins Herz aufh�rt zu schlagen, wirst du mit einem faustgro�en Loch in der Stirn auf dem Boden liegen, und weil ich ein rachs�chtiger Mann bin, werde ich dir die Leber aus deinem bleichen Leib schneiden und an meine Hunde verf�ttern.�</p><p>�Du nimmst den Mund sehr voll.�</p><p>�Und du h�ttest vielleicht besser keinen Saal ohne Decke betreten, �ber dem sich ein hoher Turm mit vielen Fenstern erhebt. Es sind mehr als zwanzig Schritt bis zur T�r. Glaubst du, du k�nntest einem Pfeil davonlaufen?� Skanga blickte zu dem Turm. Sie nahm ihn nur als einen undeutlichen Schemen war.</p><p>�Und wenn wir dem M�dchen nicht mehr helfen k�nnen? Hast du erwogen, dass das, was du verlangst, jenseits unserer M�glichkeiten liegen k�nnte?�, fragte Alathaia. Den �berheblichen Tonfall hatte sie nun abgelegt.</p><p>�Wenn dem so ist, steht euch ein wirklich h�sslicher Tag bevor.�</p><p>�Was haben wir damit zu tun?�, fragte Birga aufgebracht.</p><p>�Trolle konnte ich noch nie sonderlich leiden. Wenn Kadlin stirbt, dann werdet ihr sie alle drei auf ihre letzte Reise begleiten.�</p><p>�Und wenn wir sterben, kehren die Yingiz zur�ck, Menschensohn. Sie werden dich t�ten und danach die ganze Welt verschlingen�, sagte Skanga.</p><p>�Sehe ich aus wie ein Mann, dem an seinem Leben oder eurer Welt gelegen ist?� Die alte Schamanin betrachtete seine Aura. Er machte keine leeren Worte! �Glaubst du, dein Freund wird uns alle drei treffen, bevor wir das Tor erreichen?�</p><p>�Man sagte mir, Fingayn sei ein sehr guter Sch�tze.�</p><p>Skanga fluchte.</p></section><section><title><p>Von Magie und Schneehasen</p></title><p>Emerelle betrachtete den Morgenhimmel durch den weiten Krater, der die Deckenkuppel des Himmelssaals in Phylangan ersetzt hatte. Von all der Pracht der Felsenburg war nichts mehr geblieben. Die wei�en Pfeiler der Br�cke, die man der Shalyn Falah nachempfunden hatte, ragten gleich Zahnst�mpfen aus der erkalteten Lava.</p><p>Die Albenpfade verliefen �ber ihr im leeren Kraterrund. Emerelle sprach ein Wort der Macht. Langsam erhob sie sich zu den Kraftlinien, die von den Alben als sch�tzendes Gitterwerk um ihre Welt gelegt worden waren.</p><p>Der Pfad, den Emerelle zerst�rt hatte, begann hier und f�hrte in gerader Linie zu ihrer Burg im Herzland. Skanga hatte ihren Marsch auf die K�nigsburg bei einem anderen Albenpfad begonnen, doch zuletzt war es diese Linie des goldenen Netzes, die sie beschritten hatte.</p><p>�Der Sand ist durchgelaufen�, rief die Stimme Falrachs.</p><p>Emerelle schloss die Augen. Sie stellte sich den Weg vor, den der Albenpfad einst genommen hatte. Sie sp�rte Skanga. Die Trollschamanin hatte Angst. Wahrscheinlich traute Skanga ihr nicht. Die K�nigin umfasste ihren Albenstein mit beiden H�nden und dachte einen Pfad aus goldenem Licht. Sorgsam wob sie einen Zauber darum, der die Yingiz von den Reisenden auf diesem Weg fern halten w�rde. Sie atmete schwer. Es war vollbracht! Das Werk der Alben war wieder vollst�ndig. Langsam sank sie auf den verw�steten Boden.</p><p>�Ist es gegl�ckt?�</p><p>Sie nickte. Es war seltsam, in Ollowains Antlitz zu blicken und Falrach sprechen zu h�ren. Sie w�rde sich daran gew�hnen.</p><p>�Wirst du um deinen Thron k�mpfen?� Emerelle sah ihn �berrascht an. �Nein. Ich werde nie wieder gegen die Trolle k�mpfen. Mit ihnen vielleicht eines Tages, aber nicht gegen sie. Kein Thron ist es mir mehr wert, auf diese Weise erworben zu werden.�</p><p>�Gibt es einen anderen Weg?�</p><p>Die K�nigin l�chelte. �In zw�lf Jahren werden die F�rsten Albenmarks in Vahan Calyd zusammenkommen, um einen K�nig zu w�hlen. Glaubst du, sie werden einen Troll auf dem Thron sehen wollen? Die F�rsten werden wieder nach mir rufen. Doch noch bin ich f�r sie taub.�</p><p>Falrach grinste. �Mit dir zusammen zu sein macht hungrig. Glaubst du, hier gibt es etwas zu jagen?�</p><p>�Vielleicht Schneehasen?�</p><p>�H�ttest etwas dagegen, wenn ich sie zubereite?� Emerelle brach in schallendes Gel�chter aus. �Nein!� Seit Jahrhunderten hatte sie sich nicht mehr so frei gef�hlt.</p></section><section><title><p>Der Spieler</p></title><p>Jules hielt die Figur der K�nigin in H�nden und blickte auf den Falrach-Tisch. Der Ausgang des Spiels hatte ihn �berrascht. Emerelle war geschlagen. Sie hatte ihre Krone verloren! Aber Albenmark w�rde weiter bestehen. Er dachte eine Weile nach. Er w�rde einen anderen Weg finden ...</p><p>Jules sah hin�ber zu dem zweiten Falrach-Tisch. Die Tjured-</p><p>Priesterschaft hatten erheblich an Macht gewonnen. Vielleicht hatte dieser j�mmerliche kleine Kerl, der ihm kurz hatte dienen d�rfen, nicht Unrecht gehabt. Wie hatte er auch gehei�en? Michel Sarti!</p><p>Man sollte einen Orden k�mpfender Priester erschaffen. Ritter des Tjuredglaubens! Jules schmunzelte. Er dachte an seinen j�ngsten Sohn. Der Kleine hatte einige k�mpferische Anlagen. Vielleicht konnte er zum Anf�hrer der Ordensritter werden? Eine verbrannte Eiche auf wei�em Grund sollte ihr Wappen sein! So w�rden die Ritter stets vor Augen haben, dass es Elfen waren, die den heiligen Guillaume ermordet hatten.</p><p>Das war zwar eine L�ge, aber was machte das schon in einer Welt voller L�gen.</p></section><section><title><p>Von Lebenden und Toten</p></title><p>Als Kadlin die Augen aufschlug, blickte sie in das h�sslichste Gesicht, das sie kannte.</p><p>�Es tut gut, dich wieder bei uns zu haben!� Kadlin blinzelte. Sie drehte den Kopf und war �berrascht, Alathaia zu sehen. Die Elfe wirkte tats�chlich erleichtert. Ein wenig sch�mte Kadlin sich. Sie hatte die Elfe f�r sehr kaltherzig gehalten.</p><p>�Wie hast du zu uns zur�ckgefunden?�, fragte die Schamanin mit der gr�sslichen Maske. Auch ihre Stimme klang ... erleichtert.</p><p>�Da war ein goldener Lichtblitz. Er hat mir den Weg gewiesen. Ich hatte mich verirrt.� Kadlin dachte an die Goldene Halle zur�ck. Sie hatte sehr lange mit Kalf, Alfadas und Mutter gesprochen. Die drei schienen ihren Frieden miteinander gemacht zu haben. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihnen all die L�gen vergeben mochte.</p><p>�Wollen wir gehen, meine K�nigin?� Sie sah zu dem Mann auf, der sie einst eine Hure genannt hatte. Ihm w�rde sie vergeben! Traurig dachte sie an Bj�rn. Sie hatten so wenig Zeit miteinander gehabt. Nicht einmal ein Jahr. Sie war froh, ihn dort gesehen zu haben. Und sie wusste, er erwartete sie.</p><p>Noch etwas benommen stemmte sich Kadlin hoch. Sie hatte einen �blen Geschmack im Mund und spuckte auf den Boden. K�niginnen sollten so etwas wohl nicht tun, dachte sie. Doch wer machte K�niginnen schon Vorschriften?</p><p>Lambi half ihr aufzustehen.</p><p>Die Toten hatten ihr etwas verraten. Sie hatten einen sehr genauen Blick f�r das Leben. F�r alles Leben ... �Du bist ein ziemlich alter Mann, Lambi. Geradezu ein Gro�vater.�</p><p>�Wenn du glaubst, ich bin hierher gekommen, um mich beleidigen zu lassen, darfst du gern weiterhin in Gesellschaft von Elfen und Trollen bleiben. Nur weil du eine K�nigin bist ...� Er hielt inne. �Ein Gro�vater? Bei allen G�ttern! Das ... Sorge daf�r, dass ich das Erste bin, was der Junge sieht! Dann wird er danach nie mehr in seinem Leben vor etwas Angst haben.�</p><p>Pl�tzlich stand die alte Schamanin neben ihr. Finger wie Krallen fuhren vorsichtig �ber ihren Bauch.</p><p>�Es wird ein M�dchen sein.� Ihr gr�sslicher Mund klaffte zu einem zahnl�ckigen L�cheln. �In meinem Volk ist es Sitte, einer Mutter ein Geschenk zu machen, wenn sie zum ersten Mal ein neues Leben unter ihrem Herzen tr�gt.�</p><p>Kadlin musste an das Geschenk denken, von dem Ulric ihr erz�hlt hatte. Die drei Holzpuppen. �Ich ...�</p><p>�Schweig, wenn ich rede!�, herrschte Skanga sie an. �In den Bergen n�rdlich der Burg, die ihr erbaut habt, gibt es einen Gletschersee. �berschreitet nie wieder diese Grenze, und es wird Frieden zwischen unseren V�lkern sein. Das ist mein Geschenk f�r deine Tochter.�</p></section></section><section><title><p>Anhang</p></title><subtitle>Dramatis personae</subtitle><p><strong>Aileen:</strong> Elfe, Farodins einstige Geliebte. Wurde vom Trollherzog Dolgrim get�tet und sp�ter als Noroelle wiedergeboren.</p><p><strong>Ajax:</strong> Minotaur, F�rst seines Volkes in den Mondbergen. Verb�ndeter Emerelles im Trollkrieg.</p><p><strong>Alathaia:</strong> Die Elfenf�rstin von Langollion, lebt in Fehde mit Emerelle, hat sich der dunklen Seite der Magie verschrieben.</p><p><strong>Al-beles:</strong> Einer der Namen der Elfe Sem-la, die �ber den Albenstern wacht, der von Iskendria in die Bibliothek der Albenkinder f�hrt.</p><p><strong>Alfadas:</strong> K�nig des Fjordlands, Vater von Ulric, Kadlin und des Halbelfen Melvyn.</p><p><strong>Alvias:</strong> Elf, gemeinhin Meister Alvias genannt, Haushofmeister am Hof Emerelles.</p><p><strong>Arban ben Chalasch:</strong> Der falsche Name, den Ganda f�r Ollowain ersinnt, w�hrend sie auf einer Galeere nach Iskendria reisen.</p><p><strong>Arsinoe:</strong> Erfundenes Eheweib des ebenso erfundenen Arban ben Chalasch.</p><p><strong>Artaxas:</strong> Lamassu im Gefolge von Melvyn. Hat den Ruf, nach einem Flugunfall ein wenig seltsam geworden zu sein.</p><p><strong>Asdis:</strong> Waisenm�dchen aus Firnstayn, Schwester Ottars.</p><p><strong>Asla:</strong> Fjordl�nderin, ehemals Frau des Alfadas, w�hlte sie sich am Ende des Trollkrieges den Fischer Kalf zum Gef�hrten. Mutter von Ulric, Kadlin und Silwyna dem Menschenkind.</p><p><strong>Asmandea:</strong> Der Name einer Hure, geschrieben auf die Mauern Iskendrias.</p><p><strong>Atta Aikhjarto:</strong> Eine beseelte Eiche, steht nahe der Grenze zum Herzland bei einem gro�en Albenstern. Balbar Stadtgott von Iskendria, der nach blutigen Menschenopfern verlangt.</p><p><strong>Bessa:</strong> Von den Menschen in Iskendria verehrte Seeg�ttin.</p><p><strong>Birga:</strong> Trollschamanin und Ziehtochter Skangas.</p><p><strong>Bj�rn Lambison:</strong> Ein junger Krieger aus dem Gefolge des K�nigssohns Ulric.</p><p><strong>Blut:</strong> Gro�er schwarzer Hund, der einst Ulric und Halgard das Leben rettete und sp�ter zum st�ndigen Begleiter des K�nigs Alfadas wurde.</p><p><strong>Branbart:</strong> Troll, der K�nig seines Volkes, mutig, aber auch verschlagen und misstrauisch.</p><p><strong>Breitnase:</strong> Kobold, aus dem Volk der Mauslinge, lebt in Yaldemee.</p><p><strong>Brodgrimm:</strong> Troll, Rudelf�hrer, der in der Schlacht am Mordstein durch seinen Flankenangriff das Heer der Kentauren und Elfen zum R�ckzug zwingt.</p><p><strong>Brud:</strong> Troll, erfahrener J�ger, der nach dem Elfenwinter in die Dienste des Herzogs Orgrim trat und mit ihm in der Welt der Menschen blieb.</p><p><strong>Cabak:</strong> Kobold aus dem Volk der Lutin, ehemals Diener des Meliander, von Emerelle zu Unrecht als Dieb bestraft. Erst danach wird er zu einem der bedeutendsten Diebe und Anf�hrer seines Volkes.</p><p><strong>Cabezan:</strong> Mensch, K�nig von Fargon, ein ber�chtigter Tyrann. Es waren seine Krieger, die in Aniscans den heiligen Guillaume ermordeten. (Siehe: Die Elfen, S. 260 ff.)</p><p><strong>Caileen:</strong> Elfe, Gr�fin von Dorien, Befehlshaberin der freien F�rsten von Arkadien.</p><p><strong>Chiron:</strong> Kentaur, ein Albino. Lebt in der Bibliothek von Iskendria.</p><p><strong>Claudine:</strong> Eine Heilige der Tjuredkirche, deren Martyrium ein beliebtes Motiv auf den Bleiglasfenstern der Tempelt�rme ist.</p><p><strong>Der Schwarze:</strong> Kobold, Drucker, der in Talsin lebt und die verbotenen Schriften des Elija Glops druckt und vertreibt. Ein �berzeugter Anh�nger der Rotm�tzen.</p><p><strong>Dickhaut:</strong> Alter Hornschildechsenbulle, der ein Ger�st zum Trocknen von Dung tr�gt.</p><p><strong>Dolgrim:</strong> Trollherzog, fr�here Inkarnation Orgrims. T�tete Aileen, Farodins Geliebte, und l�ste damit die Seelenfehde aus, die noch immer andauert.</p><p><strong>Eirik:</strong> Junge aus Firnstayn, Rivale Ulrics. Sp�ter Anf�hrer der J�ger in Diensten des K�nigs.</p><p><strong>Eisfeder:</strong> Einer der Schwarzr�ckenadler, die Melvyn in den Krieg gegen die Trolle folgten. Die Nestgef�hrtin Wolkentauchers.</p><p><strong>Eleborn:</strong> Seeelf, F�rst unter den Wogen, Herrscher �ber die Albenkinder, die in den Ozeanen Albenmarks leben.</p><p><strong>Elena:</strong> Kentaurin, Tochter des Katander von Uttika.</p><p><strong>Elija Glops:</strong> Angeh�riger des Koboldvolks der Lutin. Geschickter Agitator und Begr�nder der Liga zur Wahrung der inneren Gr��e Albenmarks sowie der Rebellenbewegung der Rotm�tzen.</p><p><strong>Elodrin:</strong> Elf, der Seef�rst von Alvemer. Kommandant von Emerelles Flotte und vor�bergehend Oberbefehlshaber des Heeres, das sich im Windland sammelt.</p><p><strong>Emerelle:</strong> Elfe, die K�nigin aller Albenkinder und eines der �ltesten Gesch�pfe Albenmarks.</p><p><strong>Etain:</strong> Elf, Gelehrter, der die M�rchen und Sagen der V�lker Albenmarks sammelte.</p><p><strong>Falrach:</strong> Ber�hmter Heerf�hrer der Elfen, rettete einst Emerelle das Leben, indem er sich selbst opferte. Erfinder des Falrach-Spiels. Eine fr�he Inkarnation Ollowains.</p><p><strong>Farodin:</strong> Legend�rer Elfenheld, der alle Widerst�nde �berwindet, um gemeinsam mit seinen Gef�hrten Nuramon und Mandred nach Noroelle, seiner wiedergeborenen gro�en Liebe, zu suchen.</p><p><strong>Fenryl:</strong> Elf, ehemals ein Graf in der Snaiwamark. Stets begleitet von seinem Falken, ist er ein begnadeter J�ger und ritterlicher Krieger.</p><p><strong>Fingayn:</strong> Elf aus dem Volk der Maurawan. Ein legend�rer J�ger, der es wie kein anderer versteht, sich zu tarnen und auf seine Beute zu warten.</p><p><strong>Firn:</strong> Gott des Winters im G�tterpantheon der Fjordl�nder.</p><p><strong>Galawayn:</strong> Elf aus der Schar der Verbannten aus Valemas, als H�ter der Geheimnisse einer der bedeutendsten K�pfe der Bibliothek von Iskendria. Hat eine ausgepr�gte Vorliebe f�r das Falrach-Spiel.</p><p><strong>Ganda:</strong> Lutin, eine machtvolle Zauberin und erfahrene Reisende auf den Albenpfaden.</p><p><strong>Gengalos:</strong> Elf, H�ter des Wissens in der Bibliothek von Iskendria. Hegt eine besondere Vorliebe f�r die Lyrik der Bl�tenfeen.</p><p><strong>Gilmarak:</strong> K�nig der Trolle, der wiedergeborene Braubart.</p><p>Goldauge Einst ein Jagdfalke in Emerelles Besitz, als diese noch fahrende Ritterin war.</p><p><strong>Goldbrust:</strong> Der K�nig unter den Schwarzr�ckenadlern vom Albenhaupt.</p><p><strong>Gornbor:</strong> Troll, Rudelf�hrer, der in Orgrims Abwesenheit das Kommando auf der Nachtzinne f�hrt.</p><p><strong>Grobh�m Plog:</strong> Lutin, der einst in Talsin lebte. Ein Meister der Magie, der sein Talent an b�sartige Zauber wie die Erschaffung von besessenen B�chern vergeudete.</p><p><strong>Gromjan:</strong> Auch Meister Gromjan genannt, Zauberlehrer aus dem Koboldvolk der Lutin.</p><p><strong>Guido:</strong> Ordensbruder und Baumeister, zieht ins Fjordland auf der Flucht vor seiner Nemesis und wird dort zu einem der Berater des K�nigs Alfadas.</p><p><strong>Guillaume:</strong> Heiliger der Tjuredkirche. Gilt als M�rtyrer. Wurde angeblich in Aniscans auf grausame Weise durch Elfen ermordet. Sohn Noroelles und des Devanthar. (N�heres siehe: Die Elfen.)</p><p><strong>Gundaher:</strong> Baumeister und Chronist am K�nigshof des Alfadas. Fl�chtling aus dem K�nigreich Fargon, wo er als Bruder Guido zur Tjuredpriesterschaft geh�rte.</p><p><strong>Gundar:</strong> Verstorbener Luthpriester aus Firnstayn, rettete Ulric das Leben und besiegte den Shi-Handan, der das Dorf heimsuchte.</p><p><strong>Guthorm:</strong> Junge aus Firnstayn, den auch in verzweifelter Lage nie sein gesegneter Appetit verl�sst.</p><p><strong>Halgard:</strong> Ulrics Gattin, war als Kind blind und wurde von Emerelle geheilt. Mit den Jahren wird sie selbst zu einer erfahrenen Heilerin.</p><p><strong>Hallandan:</strong> Elf, Stadtf�rst von Reilimee und F�rst von Alvemer, Bruder Elodrins.</p><p><strong>Helog:</strong> Troll, ein Krieger, der nach dem Massaker bei der Nachtzinne als Bote zu Orgrim geschickt wird.</p><p><strong>Jaques:</strong> Ordensbruder im Refugium auf dem Mons Gabino. Einer der 30 M�rtyrer.</p><p><strong>Jules:</strong> Auch Bruder Jules oder Jules der Wanderer. Tjuredpriester, der gro�en Einfluss auf die Entwicklung seiner Kirche hat und als einer der radikalsten Elfengegner gilt.</p><p><strong>Kadlin:</strong> Tochter des Alfadas und der Asla. Floh mit ihrer Mutter w�hrend des Winterkriegs mit den Trollen den Rentiersteig hinauf in die Berge und wurde allgemein f�r tot gehalten.</p><p><strong>Kalf:</strong> Fjordl�nder und einige Jahre lang Jarl von Firnstayn. Eigentlich ein Fischer, wird er einer der Anf�hrer seines Volkes im verzweifelten Abwehrkampf gegen die Trolle. Als ehemaliger Verehrer Aslas verliert er die gro�e Liebe seines Lebens an Alfadas. Doch w�hrend des Trollkrieges finden sie zueinander. Er rettet sie und wird zum Ziehvater von Kadlin und Silwyna Menschentochter, die beide nicht wissen, dass er nicht ihr leiblicher Vater ist.</p><p><strong>Karim:</strong> F�rst der S�hne Zeynels, eine Figur, die allein der Fantasie Gandas entsprang.</p><p><strong>Katander:</strong> Kentaur, F�rst von Uttika, Feldkommandant im Trollkrieg.</p><p><strong>Kirta:</strong> Kentaurin aus dem Klan der Frostkinder. Lebensgef�hrtin des Nestheus.</p><p><strong>Klaves:</strong> Name, den Ollowain im Lager der Lutin erh�lt, nachdem er die Erinnerung verloren hat.</p><p><strong>Labax:</strong> Kobold, Veteran der Belagerung von Phylangan. Sein Name bringt Ollowain auf die Spur des M�rders in der Bibliothek von Iskendria.</p><p><strong>Lambi:</strong> Herzog des Fjordlands, der Heerf�hrer des K�nigs Alfadas. Ein Mann, dessen Anblick und Fl�che allein schon gen�gen, um Schlachten zu gewinnen. Ein Veteran des Elfenwinters und treuer Weggef�hrte von K�nig Alfadas.</p><p><strong>Landal:</strong> Elf, Navigator des Seef�rsten Elodrin, �berlebender der Expedition zur Nachtzinne.</p><p><strong>Leylin:</strong> Elfe, F�rstin von Arkadien, Gattin des Shandral und Geliebte Melvyns.</p><p><strong>Liza:</strong> Ein Koboldm�dchen aus dem Volk der Lutin. Die gro�e Liebe des Nikodemus Glops.</p><p><strong>Lucien:</strong> Abt des Refugiums auf dem Mons Gabino. Einer der 30 M�rtyrer.</p><p><strong>Luth:</strong> Schicksalsgott im G�tterpantheon der Fjordl�nder. Auch der Schicksalsweber genannt.</p><p><strong>Lyndwyn:</strong> Magierin, Enkeltochter des Elfenf�rsten von Arkadien, gestorben nach der Schlacht um Phylangan, Geliebte Ollowains.</p><p><strong>Madrog:</strong> Kobold aus dem Volk der Spinnenm�nner, Hauptmann der Leibwache des Elfenf�rsten Shandral.</p><p><strong>Mag:</strong> Ehemals F�hrmann am Fjord bei Honnigsvald, begleitete Alfadas nach Albenmark und stieg zum Jarl auf. Ein halbmondf�rmiges Brandmal auf einer Wange weist ihn als verurteilten Dieb aus.</p><p><strong>Mandred Torgridson:</strong> Ehemals Jarl von Firnstayn. Vater des Alfadas. Gef�hrte von Farodin und Nuramon, mit denen er nach der verbannten Noroelle sucht. (Siehe: Die Elfen.)</p><p><strong>Mariotte:</strong> Ordensschwester im Refugium auf dem Mons Gabino. Eine der 30 M�rtyrer.</p><p><strong>Martin:</strong> Einer der 30 M�rtyrer des Refugiums auf dem Mons Gabino.</p><p><strong>Matha Naht:</strong> Beseelter Holunderbaum. Lehrerin Skangas. Ein Baum mit �blem Ruf.</p><p><strong>Meliander:</strong> Elf, Begr�nder des F�rstengeschlechts von Arkadien, Bruder Emerelles.</p><p><strong>Melvyn:</strong> Sohn des Alfadas und der Elfe Silwyna. Wuchs ohne Vater in einem Wolfsrudel auf.</p><p><strong>Michel Sarti:</strong> S�ldnerf�hrer aus Angnos, der f�r einige der schlimmsten Gr�ueltaten w�hrend des dritten Krieges zwischen Angnos und Fargon verantwortlich ist.</p><p><strong>Misht:</strong> Kobold aus dem Gefolge Melvyns. Hat gemeinsam mit seinem Freund Nossew eine sehr fortschrittliche Repetierarmbrust erfunden.</p><p><strong>Mondbl�te:</strong> Eine Auenfee, die zu den ersten Opfern der Yingiz geh�rt.</p><p><strong>Mondkragen:</strong> Hornschildechse, geh�rt zur Herde, mit der die Lutin Ganda wanderte. Auf dem R�cken von Mondkragen hat Ganda ihr Zuhause.</p><p><strong>Nardinel:</strong> Elfe von au�ergew�hnlicher Sch�nheit. Eine begabte Heilerin, die zum Gefolge des Seef�rsten Elodrin geh�rt.</p><p><strong>Nestheus:</strong> Kentaur, Sohn des Orimedes und Einiger der Kentaurenst�mme.</p><p><strong>Nikodemus Glops:</strong> Kobold aus dem Volk der Lutin, rettungslos verliebt in das Koboldm�dchen Liza. J�ngerer Bruder des Anf�hrers der Rotm�tzen, Elija Glops.</p><p><strong>Norgrimm:</strong> Gott des Krieges im G�tterpantheon der Fjordl�nder.</p><p><strong>Noroelle:</strong> Magierin am Hof Emerelles, wurde verbannt, als sie ein Kind des Devanthar gebar und nicht opfern wollte, sondern es in der Welt der Menschen versteckte. Die gro�e Liebe von Farodin und Nuramon.</p><p><strong>Nossew:</strong> Schweigsamer Kobold aus dem Gefolge des Wolfselfen Melvyn. Hat gemeinsam mit seinem Freund Misht eine sehr fortschrittliche Repetierarmbrust erfunden.</p><p><strong>Nuramon:</strong> Legend�rer Elfenheld, der alle Widerst�nde �berwindet, um mit seinen Gef�hrten Farodin und Mandred nach seiner gro�en Liebe Noroelle zu suchen.</p><p><strong>Obilee:</strong> Elfe, Vertraute der K�nigin Emerelle.</p><p><strong>Ollowain:</strong> Elf, Schwertmeister der K�nigin, entstammt dem Volk der Normirga.</p><p><strong>Ollwyn:</strong> Ollowains Name in den Sagas der Fjordl�nder.</p><p><strong>Orgrim:</strong> Troll, Herzog der Nachtzinne, gilt als f�higster Feldherr unter den Trollen.</p><p><strong>Orimedes:</strong> Kentaur, F�rst im Windland und nach langen Verhandlungen Anf�hrer der vereinigten Kentaurenst�mme des Windlandes. Vater des Nestheus.</p><p><strong>Orinox:</strong> Kobold, Beleuchter in der Bibliothek von Iskendria.</p><p><strong>Osaberg:</strong> Legend�rer K�nig des Fjordlands, dessen Grab w�hrend des Elfenwinters von Ulric Alfadasson gefunden wurde.</p><p><strong>Ottar:</strong> Waisenjunge aus Firnstayn, Bruder von Asdis.</p><p><strong>Parmeion:</strong> Kentaur aus Uttika, Schwertbruder des F�rsten Katander.</p><p><strong>Ptolemos:</strong> Hochrangiger Angeh�riger der Priesterschaft des Gottes Balbar in Iskendria.</p><p><strong>Qualbam III.:</strong> Kobold, Beleuchter in der Bibliothek von Iskendria.</p><p><strong>Reilif:</strong> Elf, auch als Meister Reilif bekannt, H�ter des Wissens in der Bibliothek von Iskendria. Ein Heilkundiger, aber auch der Ankl�ger der Bibliothek.</p><p><strong>Romuald:</strong> Ein Heiliger der Tjuredkirche, dessen Martyrium ein beliebtes Motiv auf den Bleiglasfenstern der Tempelt�rme ist.</p><p><strong>Schneeschwinge:</strong> Der wei�e Falke des Grafen Fenryl.</p><p><strong>Sebastien:</strong> Abt des Refugiums des heiligen Lucien. Wird gemeinsam mit den Br�dern und Schwestern seines Ordenshauses in einen Shi-Handan verwandelt, einen geisterhaften Seelenfresser.</p><p><strong>Sem-la:</strong> Elfe, die von Emerelle verbannt wurde und �ber einen gro�en Albenstern in Iskendria wacht. Sem-la ist ein menschlicher Name, den sie annahm, um eine erfolgreiche Kauffrau zu spielen. Ihr elfischer Name lautet Valynwyn.</p><p><strong>Senthor:</strong> Kentaurenkrieger, geh�rt zu den Veteranen der Schlacht um Phylangan.</p><p><strong>Shahondin:</strong> Elfenf�rst von Arkadien, wurde von Skanga entleibt, aber von seiner Enkelin Lyndwyn get�tet. Ber�chtigter Intrigant. (N�heres siehe: Elfenwinter.)</p><p><strong>Shalawyn:</strong> Elfe, die zu den handverlesenen K�mpfern geh�rt, die F�rst Elodrin f�r seinen Angriff auf die Nachtzinne ausgesucht hat.</p><p><strong>Shandral:</strong> Elf, F�rst von Arkadien, Gemahl Leylins. Ger�chten zufolge ein eifriger Sch�ler Alathaias und vertraut mit den dunklen Seiten der Magie.</p><p><strong>Silwyna:</strong> 1. Elfe aus dem Volk der Maurawan. Mutter Melvyns, Lebensgef�hrtin des K�nigs Alfadas. 2. Tochter der Asla, benannt nach der Elfe Silwyna, die Asla, Kalf und Kadlin w�hrend des Elfenwinters das Leben rettete.</p><p><strong>Skanga:</strong> Trollschamanin, H�terin des Albensteins ihres Volkes, von den Elfen auch die Schattenweberin genannt.</p><p><strong>Slarag:</strong> Troll, Sp�her aus dem Rudel des Brud.</p><p><strong>Svenja:</strong> Eine Tante Aslas. Die Kinderfrau von Halgard und Ulric.</p><p><strong>Tjured:</strong> Erl�sergottheit einer monotheistischen Religion, die in Fargon ihre Wurzeln hat und sich nach dem M�rtyrertod des heiligen Guillaume schnell in der Welt der Menschen ausbreitet.</p><p><strong>Tomasin:</strong> Mensch, Ordensbruder im Refugium am Mons Gabino. Einer der 30 M�rtyrer.</p><p><strong>Torkelschritt:</strong> Hornschildechse aus der Herde, mit der die Sippe der Lutin Ganda zieht.</p><p><strong>Ulric:</strong> Sohn des Alfadas und der Asla. K�nig des Fjordlands.</p><p><strong>Valynwyn:</strong> Elfe, die von Emerelle in die Welt der Menschen verbannt wurde und dort unter den Namen Sem-la und sp�ter als Al-beles �ber den Albenstern wacht, der einen ungef�hrlichen Zugang zur Bibliothek von Iskendria erlaubt.</p><p><strong>Veleif Silberhand:</strong> Skalde am Hof K�nig Horsas, sp�ter Skalde und Vertrauter des Alfadas.</p><p><strong>Wolfsbei�er:</strong> Hornschildechse, auf deren R�cken der Lutin Elija Glops lebt.</p><p><strong>Wolkentaucher:</strong> F�rst unter den Schwarzr�ckenadlern, die am Albenhaupt wachen.</p><p><strong>Yilvina:</strong> Elfe, die dem K�nigshof von Firnstayn eng verbunden ist und einst eine Sch�lerin des Schwertmeisters Ollowain war. Nun befehligt sie die Leibwache des Seef�rsten Elodrin.</p><p><strong>Xern:</strong> Waldgeist von gro�er Macht.</p><p><strong>Zweisto�:</strong> Hornschildechse, Leitbulle der Herde, mit der sich Ganda verbunden f�hlt und die von Elija Glops angef�hrt wird.</p><subtitle>Schaupl�tze</subtitle><p><strong>Albenhaupt:</strong> Geheimnisumwitterter Berg weit im Norden Albenmarks.</p><p><strong>Albenmark:</strong> Oberbegriff f�r die Welt der Albenkinder.</p><p><strong>Alvemer:</strong> Elfenf�rstentum, das an die Snaiwamark und das Windland angrenzt.</p><p><strong>Aniscans:</strong> Bedeutende Metropole im menschlichen K�nigreich Fargon. Der Ort, an dem der heilige Guillaume ermordet wurde.</p><p><strong>Angnos:</strong> Ein K�nigreich der Menschen, weit s�dlich des Fjordlands.</p><p><strong>Arkadien:</strong> Elfenf�rstentum, ber�hmt f�r seine Sch�nheit wie f�r die kalte Arroganz seiner Herrscher.</p><p><strong>Avron:</strong> Stadt in Fargon. Wurde w�hrend der Kriege zwischen Angnos und Fargon gepl�ndert.</p><p><strong>Bronsted:</strong> Das Fischerdorf, in dem Silwyna Menschentochter lebt.</p><p><strong>Carandamon:</strong> Hochebene im ewigen Eis, die urspr�ngliche Heimat des Elfenvolkes der Normirga.</p><p><strong>Dorien:</strong> Elfengrafschaft in Arkadien.</p><p><strong>Elfenlicht:</strong> Der Name, den die Koboldv�lker Emerelles Burg im Herzland gegeben haben. Die Elfen selbst haben sich auf keinen Namen f�r diesen Ort einigen k�nnen.</p><p><strong>Fargon:</strong> Ein K�nigreich der Menschen. Hier hat der Tjuredglaube seinen Ursprung.</p><p><strong>Feylanviek:</strong> Gro�e Handelsstadt im Norden des Windlands. �berwiegend von Kobolden besiedelt. Liegt am Ufer des Mika.</p><p><strong>Finstergrund:</strong> Flusstal in den Rejkas. Das Wasser der Myra hat hier ein so tiefes Tal in die Berge geschnitten, dass es Abschnitte gibt, die, beschirmt von Fels�berh�ngen, in ewigem Dunkel liegen.</p><p><strong>Firnstayn:</strong> Kleines Dorf im Fjordland, Ulric stammt aus diesem Dorf. Unter der Herrschaft des K�nigs Alfadas wird Firnstayn nach seiner Zerst�rung durch die Trolle neu aufgebaut und zur Hauptstadt des Fjordlands erw�hlt.</p><p><strong>Fjordland:</strong> Ein K�nigreich hoch im Norden der Welt der Menschen.</p><p><strong>Herzland:</strong> Elfenf�rstentum, hier liegt der Hof der K�nigin Emerelle.</p><p><strong>Honnigsvald:</strong> Aufgegebene Stadt, etwa einen halben Tagesritt s�dlich von Firnstayn. Honnigsvald wurde w�hrend der K�mpfe im Elfenwinter von den Trollen niedergebrannt und seither nicht wieder aufgebaut.</p><p>Ischemon Elfenf�rstentum, ehemals Heimat der Sonnendrachen.</p><p><strong>Iskendria:</strong> 1. Ber�hmte Hafenstadt in der Welt der Menschen. Unterwirft sich dem grausamen Gott Balbar und huldigt seinem blutigen Kult. Gilt zugleich als Hauptstadt der K�nste und Kultur. Ein Ort voller Widerspr�che. 2. Bibliothek in einem Splitter der Zerbrochenen Welt. Der Sage nach wird hier alles Wissen Albenmarks verwahrt, doch es ist eine Kunst, in der labyrinthischen Bibliothek auch zu finden, was man sucht.</p><p><strong>Jerash:</strong> Ruinenstadt im n�rdlichen Windland. Angeblich eine Siedlung, die noch zu Zeiten der Drachenherrscher gegr�ndet wurde.</p><p><strong>K�nigsstein:</strong> Name der Trolle f�r die Bergfestung, die von den Elfen Phylangan genannt wurde. Sie war der Sitz der Troll- und Elfenherrscher �ber die Snaiwamark.</p><p><strong>Langollion:</strong> Elfenf�rstentum der Alathaia, eine Insel s�d�stlich der Walbucht.</p><p><strong>Luba:</strong> Gro�er Fluss in Albenmark. Er bildet die Grenze zwischen dem Windland und den Mondbergen.</p><p><strong>Manchukett:</strong> Ein fernes K�nigreich in Albenmark.</p><p><strong>Mika:</strong> Gro�er Strom im Norden des Windlands. Von der See her schiffbar bis Feylanviek. Gabelt sich in den wei�en Mika, der von Stromschnellen gepr�gt ist, und den blauen Mika, auf dem Schifffahrt m�glich ist.</p><p><strong>Mondberge:</strong> Gebirge an der s�dlichen Grenze des Windlands. Heimat der Minotauren und des Koboldvolks der Spinnenrn�nner.</p><p><strong>Mons Gabino:</strong> Ein Berg im K�nigreich Angnos in der Welt der Menschen. Er ist ber�hmt f�r das Refugium der 30 M�rtyrer, in dem vorgeblich die Elfen etwa 20 Jahre nach dem Tod des heiligen Guillaume ein Massaker an den dort lebenden Ordensbr�dern der Tjuredkirche ver�bten.</p><p><strong>Mordstein:</strong> Trollfestung in der s�dlichen Snaiwamark.</p><p><strong>Myra:</strong> Fluss, der aus der Snaiwamark in s�d�stliche Richtung flie�t und schlie�lich in den Mika m�ndet.</p><p><strong>Lavianar:</strong> Handelsmetropole in Arkadien, s�dlich der Mondberge gelegen.</p><p><strong>Nachtzinne:</strong> Felsenburg der Trolle, n�rdlich von Firnstayn, am Ende eines kurzen Fjords gelegen. Herrschersitz des Herzogs Orgrim.</p><p><strong>Phylangan:</strong> Elfenfestung, die den Pass zwischen Carandamon und der Snaiwamark beherrschte, wurde durch einen Vulkanausbruch zerst�rt.</p><p><strong>Reilimee:</strong> Bedeutende elfische Hafenstadt, die w�hrend des Trollkriegs zerst�rt wurde.</p><p><strong>Rejkas:</strong> Mittelgebirge an der S�dgrenze der Snaiwamark.</p><p><strong>Rentiersteig:</strong> Ein Weg, den die Rentiere im Fjordland w�hrend ihrer Wanderungen im Fr�hjahr und im Herbst nutzen.</p><p><strong>Ruonnes:</strong> Stadt in Fargon. Wurde w�hrend des Krieges zwischen Angnos und Fargon gebranntschatzt.</p><p><strong>Shalyn:</strong> Falah Die wei�e Br�cke, einer der Wege ins Herzland.</p><p><strong>Slanga-Berge:</strong> Bergkette n�rdlich der Snaiwamark. Heimat des Elfenvolks der Maurawan.</p><p><strong>Snaiwamark:</strong> Ursprungsregion der Trolle in Albenmark, nach deren Vertreibung durch das Elfenvolk der Normirga besiedelt.</p><p><strong>Sunnenberg:</strong> Kleines Dorf am Rentiersteig. Wird w�hrend und nach dem Winterkrieg gegen die Trolle zur Zuflucht f�r viele Fl�chtlinge. Hier wurde Alfadas zum K�nig des Fjordlands ausgerufen.</p><p><strong>Swatja:</strong> Kleiner Fluss im Windland. Der Sage nach wurde die Kentaurin Kirta an seinem Ufer schwer verwundet.</p><p><strong>Talsin:</strong> Gro�e Stadt in Albenmark, liegt am Fluss Luba an der Grenze zwischen dem Windland und den n�rdlichen Ausl�ufern der Mondberge. Bedeutender Handelsplatz.</p><p><strong>Tanthalia:</strong> Kleines Inselk�nigreich, das s�dwestlich von Arkadien liegt. Ber�hmt f�r seine blinden M�rchenerz�hler.</p><p><strong>Uttika:</strong> 1. Name eines F�rstentums der Kentauren im Westen des Windlands. 2. Name der Hauptstadt des F�rstentums Uttika.</p><p><strong>Vahan Calyd:</strong> Hafenstadt am Waldmeer, wurde von den vertriebenen Normirga gegr�ndet und zu Beginn des dritten Trollkrieges vollst�ndig zerst�rt. Heimat des Koboldvolks der Holden. Der Ort, an dem alle 28 Jahre der K�nig Albenmarks gew�hlt wurde.</p><p><strong>Vahlemer:</strong> Stadt in Albenmark, liegt an der M�ndung des blauen Mika und geh�rt zum F�rstentum Alvemer.</p><p><strong>Valemas:</strong> Eine lange verlassene Elfenstadt in Albenmark. Die Freien von Valemas wurden von Emerelle ins Exil vertrieben und errichteten eine bescheidene Oasenstadt in der Zerbrochenen Welt.</p><p><strong>Windland:</strong> Weite Steppenlandschaft s�dlich von Carandamon und der Snaiwamark. Heimat der meisten Kentaurenst�mme.</p><p><strong>Wolkenspiegel:</strong> Ein Gletschersee auf einem Pass an der n�rdlichen Grenze des Fjordlands. Der Pass kann nur �berschritten werden, wenn der See w�hrend des Winters zufriert.</p><p><strong>Yaldemee:</strong> Siedlung im Herzland Albenmarks, liegt knapp einen Tagesritt von Emerelles Burg entfernt. Der Ort ist ber�hmt f�r die Farben der Mauslinge, die hier hergestellt werden.</p><p><strong>Zerbrochene Welt:</strong> Eine Welt, die im Krieg zwischen den Alben und den Devanthar zerst�rt wurde. Ihre Tr�mmer schweben weit verstreut im Nichts.</p><subtitle>Glossar</subtitle><p><strong>Albenkinder:</strong> Sammelbegriff f�r alle V�lker, die von den Alben erschaffen wurden (Elfen, Trolle, Holde etc.).</p><p><strong>Albenpfade:</strong> Ein Netzwerk magischer Wege, das einst von den Alben erschaffen wurde.</p><p><strong>Albenstein:</strong> Ein magisches Artefakt. Jedes der Albenv�lker erhielt einen solchen Stein, bevor die Alben ihre Welt verlie�en. Ein Albenstein st�rkt die Zauberkraft seines Benutzers. Werden mehrere Albensteine zusammengef�hrt, kann Magie von weltenver�ndernder Macht gewirkt werden.</p><p><strong>Albenstern:</strong> Schnittpunkt von zwei bis sieben Albenpfaden; durch Albensterne k�nnen die Albenpfade betreten werden.</p><p><strong>Apsaras:</strong> Wassernymphen aus einem fernen Teil Albenmarks.</p><p><strong>Auenfeen:</strong> Albenvolk, Gesch�pfe von knapp Fingerl�nge mit elfen�hnlichem �u�eren, die Schmetterlings- oder Libellenfl�gel haben.</p><p><strong>Bl�tenfeen:</strong> Eine andere Bezeichnung f�r Auenfeen.</p><p><strong>Dailisch:</strong> Die Sprache der Kentauren.</p><p><strong>Dinko-Busch:</strong> Ein Busch, aus dem die Albenkinder einen dunklen Saft gewinnen, mit dem sie sich Bilder auf die Haut malen. Der Dinko-Saft, der �ber die Haut aufgenommen wird, gilt auch als ein Aphrodisiakum.</p><p><strong>Eisenbart:</strong> Holzfigur, in die man Eisenst�cke als Opfergaben schl�gt. Die Fjordl�nder stellen Eisenb�rte zu Ehren ihres Schicksalsgottes Luth auf. Auch Eisenmann genannt.</p><p><strong>Elfen:</strong> Das letzte der V�lker, die von den Alben erschaffen wurden. Etwa menschengro�, sind sie von schlankerer Gestalt und haben l�ngliche, spitz zulaufende Ohren. Die meisten von ihnen sind magiebegabt.</p><p><strong>Falrach-Spiel:</strong> Ein Brettspiel, das von Fairach ersonnen wurde, einem der bedeutendsten Feldherrn der Elfen. Angeblich l�sst sich jede erdenkliche Schlacht mit Hilfe dieses Spiels nachstellen.</p><p><strong>Falrach-Tisch:</strong> Besonderer Spieltisch, auf dem das Falrach-Spiel gespielt wird.</p><p><strong>Faune:</strong> Bocksbeiniges Volk in Albenmark.</p><p><strong>Galeasse:</strong> Hochbordiges Schiff, das sowohl gesegelt als auch gerudert werden kann. Wesentlich hochseetauglicher als Galeeren.</p><p><strong>Gallabal:</strong> Ein durch Magie belebtes, steinernes Standbild. Dient als W�chter in der Bibliothek von Iskendria.</p><p><strong>Gorgonen:</strong> Frauen, die statt Beinen einen Schlangenleib besitzen und die statt Haaren sich windende Schlangenkn�uel auf dem Haupt tragen. Sie gelten als t�dliche Bogensch�tzinnen. Man findet sie in Albenmark in der Region Nashrapur.</p><p><strong>Kentauren:</strong> Mischgesch�pfe aus Elfen und Pferden. Dem Pferdeleib entw�chst ein elfen�hnlicher Oberk�rper. Die meisten Kentaurenst�mme leben nomadisch und sind im Windland beheimatet. Der Oberk�rper der Kentauren ist muskul�ser als bei ihren �Elfenvettern�. Auch ist Bartwuchs unter ihnen weit verbreitet, und ihre Ohren sind weniger lang als bei den Elfen.</p><p><strong>Kobolde:</strong> Eine Sammelbezeichnung f�r eine ganze Gruppe verschiedener V�lker oder St�mme wie etwa die Lutin oder die Holden. Die Kobolde sind, nach den Ma�st�ben eines Menschen gesch�tzt, etwa knie- bis h�fthoch. Viele Kobolde sind magiebegabt. Die meisten gelten als hervorragende Handwerker. Andere Albenkinder bedienen sich der Kobolde gerne als Diener oder Sklaven.</p><p><strong>Lamassu:</strong> Volk in Albenmark, Gesch�pfe mit einem Stierleib, gro�en Adlerfl�geln und einem b�rtigen Kopf. Sie gelten als sehr weise und als bedeutende Zauberer.</p><p><strong>Liga zur Wahrung der inneren Gr��e Albenmarks:</strong> Ein Zusammenschluss von Sauert�pfen und Weltverbesserern. Begr�ndet von Elija Glops, nutzt dieser die scheinbar harmlose Liga zur Verbreitung seiner Streitschriften und zur Agitation gegen die Herrschaft der Elfen.</p><p><strong>Liuvar:</strong> Das elfische Wort f�r Frieden. Es hilft, den Gallabaal und andere W�chter der Bibliothek von Iskendria zu bes�nftigen.</p><p><strong>Lutin:</strong> Fuchsk�pfiges Koboldvolk. Die Lutin sind sehr begabte Zauberer und ber�chtigt f�r ihren schwarzen Humor und ihre �blen Streiche. Sie gelten auch als gute Gesch�ftsleute und Hehler. Was ein Lutin nicht beschaffen kann, das gibt es nicht in Albenmark.</p><p><strong>Maurawan:</strong> Elfenvolk, das hoch im Norden Albenmarks in den W�ldern am Fu� der Slanga-Berge lebt. Ber�hmt f�r seine Bogensch�tzen.</p><p><strong>Mauslinge:</strong> Ein kleinw�chsiges Koboldvolk, dessen Angeh�rige kaum daumengro� sind. Sie sind ber�hmt f�r die pr�chtigen Farben, die sie mischen und f�r detailverliebte Kupferstiche verwenden.</p><p><strong>Minotauren:</strong> Stierk�pfige H�nen. Ihr Leib �hnelt dem von Trollen, wobei sie im Gegensatz zu diesen den Kontakt mit Metall nicht als unangenehm empfinden.</p><p><strong>Normirga:</strong> Elfenvolk, das den Trollen die Provinz Snaiwamark nahm und nach der Schlacht um Phylangan von dort vertrieben wurde. Ollowain und Emerelle entstammen diesem Elfenvolk.</p><p><strong>Refugium:</strong> Bezeichnung der Tjuredpriesterschaft f�r eine Einrichtung, die den irdischen Kl�stern �hnelt.</p><p><strong>Riesenwelse:</strong> Flusswelse, so gro�, dass sie L�mmer und K�lber verschlingen k�nnen, wenn sie sich nachts ans Ufer w�lzen.</p><p><strong>Rotm�tzen:</strong> Geheimbund von Kobolden, die zum bewaffneten Kampf gegen die Tyrannei der Elfenf�rsten entschlossen sind.</p><p><strong>Sanhalla:</strong> Name des S�dwindes, der von den H�ngen der Rejkas im Sommer auf die Ebene der Snaiwamark weht.</p><p><strong>Selkies:</strong> Seehunde oder auch Otter, die ihre Tierhaut abzustreifen verm�gen und dann die Gestalt von jungen Elfen haben. Der Saga nach sind es Kinder Eleborns, des Herrschers unter den Wogen.</p><p><strong>Shi-Handan:</strong> Geisterhafte Gesch�pfe, meist in Form von Hunden, die so gro� wie Ponys sind. Die Shi-Handan entstehen durch die magische Verschmelzung eines Yingiz mit einem Elfen oder Menschen.</p><p><strong>Skalde:</strong> Fjordl�ndische Bezeichnung f�r einen Barden. S�hne Zeynels Ein Nomadenvolk aus den W�sten s�dlich Iskendrias.</p><p><strong>Spinnenm�nner:</strong> Ein Koboldvolk aus den Mondbergen, das ber�hmt f�r seine Kletterfertigkeiten ist. Angeblich verm�gen sie wie Spinnen an Mauern und Steilw�nden hinabzulaufen.</p><p><strong>Trolle:</strong> Das kriegerischste Volk Albenmarks. Mehr als drei Meter gro�, haben sie eine graue Haut, die in ihrer Farbe Steinen �hnelt. Trolle scheuen vor der Ber�hrung von Metall zur�ck.</p><p><strong>Wolfsmilch:</strong> Ber�chtigtes alkoholisches Getr�nk, das von Kentauren aus vergorener Stutenmilch hergestellt wird. Alle anderen Albenkinder sind sich einig, dass man einen Pferdemagen braucht, um Wolfsmilch zu vertragen.</p><p><strong>Yingiz:</strong> Ein r�tselhaftes Volk, gegen das einst die Alben Krieg f�hrten. Die Schatten der Yingiz wurden ins Nichts verbannt und warten darauf, ihrer Gefangenschaft entfliehen zu k�nnen und wieder K�rper zu besitzen.</p></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Dass dieses Buch vollendet wurde, ist nicht zuletzt das Werk zahlreicher helfender Kobolde, die mich durch lange N�chte begleiteten und mir tags�ber viel Alltag vom Halse hielten. Anders als in den Pal�sten der Elfen sollen sie nicht ohne Namen bleiben. Meine Helferinnen und Helfer im Ringen mit Albenmark waren: Menekse, die unerm�dlich die T�r zu meinem Arbeitszimmer gegen lautstarke Besucher verteidigte und selbst dann noch nach Mitternacht Korrektur las, wenn sie wusste, dass schon um f�nf wieder zum Wecken gerufen w�rde; Elke, die Bogensch�tzen und Computer besser kannte als ich; Karl-Heinz, der selbst dann noch oft weiter wusste, wenn guter Rat teuer war; Wendel, der mich �ber Maurawan und Steine belehrte; Eymard, der in die Bresche sprang, wenn das Chaos regierte; Bettina, die stets noch etwas fand, das alle anderen �bersehen hatten; Rolf und Gertrud, die mir Asyl und ganze Kaffeeseen gew�hrten, sowie meine Lektorinnen Martina Vogl, die mich bei Zeiten von einem Irrweg abbrachte, und Angela Kuepper, die mich bremste, wenn ich es mal wieder allzu kompliziert sagen wollte, und die bis zur letzten Minute die Nerven behielt.</p><cite><text-author>Bernhard Hennen, im November 2006</text-author></cite></section></body><body name="notes"><section id="fn1"><title><p>1</p></title><p><emphasis>Anmerkung des �bersetzers:</emphasis> Das Originaldokument 32 a ist mit Ru� auf acht Streifen Birkenrinde geschrieben. Einige der Textstellen sind leider verwischt und unleserlich, daher r�hren die L�cken in der �bersetzung. Der Verfasser des Textes schreibt auf sehr unbeholfene Art, so als habe er die Schreibkunst eben erst erlernt. Seine kindliche Grammatik wurde in der �bersetzung leicht gegl�ttet, der sprunghafte Stil des Berichts ist jedoch beibehalten. Obwohl der Brief nicht unterschrieben ist, gibt es Indizien, die darauf hindeuten, dass er von Nikodemus Glops verfasst sein k�nnte.</p></section></body><binary id="cover" 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