<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Elfenk�nigin</book-title><annotation><subtitle>Das Schicksal der Elfen erf�llt sich</subtitle><p>Vom Thron vertrieben und von Meuchelm�rdern verfolgt, fl�chtet Elfenk�nigin Emerelle in die Wildnis des Verbrannten Landes, einer Region Albenmarks, die w�hrend der Drachenkriege verw�stet wurde und nie wieder erbl�hte. Dort begibt sie sich in den Jadegarten, um ein Orakel zu befragen - eine m�chtige Schamanin, die der Drachenatem besch�tzt. Doch der Spruch der Alten ist r�tselhaft. Emerelle sieht in den Worten einen Hoffnungsschimmer - sie glaubt, einen Hinweis darauf erhalten zu haben, dass nicht alle Alben ihre Welt verlassen haben. So beschlie�t sie, sich trotz aller Gefahren auf die Suche nach den letzten Angeh�rigen des alten Sch�pfervolkes zu machen, um mit ihrer Hilfe den Schwertmeister Ollowain zu retten, ihre gro�e Liebe.</p><p>Unterdessen regiert der junge Gilmarak, K�nig der Trolle, Albenmark und versucht sich dem Einfluss der unheimlichen Schamanin Skanga zu entwinden, die die Geschicke ihres Volkes im Geheimen lenkt. Denn Gilmarak hat andere Vorstellungen von der Zukunft - er will nicht l�nger, dass die Trolle im eisigen Norden ausharren.</p><p>Also schmiedet er einen Bund mit den Kobolden, hortet Silber und Gold und baut eine Flotte von Steppenschiffen, um in die Welt hinaus zu ziehen und sie zu ver�ndern. Er ahnt jedoch nicht, dass sich l�ngst Widerstand in den Reihen seiner Neider regt und abermals Tod und Vernichtung das Herzland zu �berziehen drohen.</p></annotation><date>2009</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Elfen" number="4"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><id>80F2933C-D1B2-4683-9FD7-148EF651EC1A</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Bernhard Hennen</p><p>Elfenk�nigin</p></title><epigraph><p>F�r die Rose in Winter</p></epigraph><epigraph><p>Die gef�hrlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derjenigen, die die Welt nicht angeschaut haben.</p><text-author>Alexander von Humboldt</text-author></epigraph><section><title><p>Prolog</p><p>Elfenk�nigin</p></title><p>Wahrscheinlich bin ich der einzige Elf, der beinahe von einem Schneehasen get�tet worden w�re. Und die einzige Entschuldigung, die ich vorbringen kann, ist, dass ich dreizehn war und auf meinen ersten Kuss hoffte�... ich, Alvias, einst Hofmeister der K�nigin Emerelle.</p><p>Ich sitze hoch �ber den D�chern von Vahan Calyd und sch�rfe meinen Dolch. In zwei Stunden wird das Fest der Lichter beginnen. Das Fest, auf dem Albenmark seinen Herrscher w�hlt. Ich werde dort sein. Und ich werde dem Herrscher den Dolch in die Brust sto�en. Dies ist mein letzter Dienst f�r die K�nigin.</p><p>Doch kommen wir auf den Schneehasen zur�ck�... Ich hatte immer das Gef�hl, dass er wusste, was er tat. Er wollte mich in den Tod treiben! Es war eine jener Wintern�chte, in denen geisterhaftes, gr�nes Licht in wogenden Bahnen �ber den Sternenhimmel zieht. Eine Nacht voller Verhei�ung und Magie. Ich war allein mit Nailyn. Sie war siebzehn und damit eine Welt von mir entfernt. Ich wusste, dass etliche junge J�ger ihr sch�ne Augen machten. Aber sie hatte mich erw�hlt in dieser Nacht, und ich war unendlich gl�cklich. Wir ritten �ber ein weites Schneefeld in den Bergen Carandamons.</p><p>Die Jagdgesellschaft hatten wir weit hinter uns gelassen. Nailyn machte mir Mut. Auf jeden meiner Vorschl�ge war sie eingegangen. Sie wollte mit mir allein sein. Ihr langes, blondes Haar floss wie ein goldener Umhang �ber ihre bestickte Jagdweste. Sie trug ein Seidenhemd, so d�nn, dass ihre Arme durchschim merten. Wie alle Normirga vermochte sie sich durch ein einziges Wort der Macht vor dem eisigen Biss des Winters zu sch�tzen. Sie h�tte nackt durch den Schnee gehen k�nnen, ohne zu frieren.</p><p>Ihre Hose und Stiefel waren so eng wie eine zweite Haut. Sie wusste, wie man Blicke fing! Ich hingegen war in allem unerfahren. Ich wusste mich nicht einmal richtig vor der K�lte zu sch�tzen. Irgendetwas machte ich falsch, wenn ich das Wort der Macht fl�sterte. Entweder war mir zu hei�, oder die K�lte fra� sich unvermindert in meine Glieder. Nur bei Nailyn schien ich alles richtig gemacht zu haben. Sie �bersah mein Ungeschick. Und ich, ich starrte sie immerzu nur an.</p><p>So w�re ich fast aus dem Sattel gest�rzt, als mein Hengst Sternenauge einen Schneehasen aufscheuchte. Der Hase hatte sich flach in eine Mulde geduckt und bis zum letzten Augenblick gewartet, bis er das Weite suchte. Meinen Hengst erschreckte er so sehr, dass er stieg und mich fast abgeworfen h�tte. Nailyn lachte. Dann sagte sie jene verh�ngnisvollen Worte, die mein ganzes Leben ver�ndern sollten. �Fang mir den Hasen. Ich will ihn auf dem Arm halten. Dein Lohn soll ein Kuss sein!�</p><p>Mein Hengst war schneller als der Hase, und ohne aufschneiden zu wollen, ich war viel geschickter. Das Einzige, was er besser konnte als wir beide, war Haken zu schlagen. Und er kannte die verschneite Ebene besser. Er wusste, was sich unter dem Schnee verbarg. Ich jagte tief aus dem Sattel gebeugt dahin. Nie hatte ich mich so gro�artig gef�hlt. Zweimal bekam ich ihn fast zu packen. Meine Fingerspitzen ber�hrten ihn schon, da �ffnete sich der Abgrund. Eine Felsspalte, unter dem Schnee verborgen. Es ging alles so schnell. Gerade jauchzte ich noch vor �berm�tiger Freude und dann�... Dann kam der Schmerz. Durchdringend. Sternenauge lag neben mir. Der Glanz seiner Augen, der ihm den Namen gegeben hatte, verblasste. Sein K�rper erbebte. Ein letztes Aufb�umen des geschun denen Fleischs. Seiner Kehle entrang sich ein Laut, den Worte nicht beschreiben k�nnen. Vielleicht weil ich mich nicht durch Worte von meiner Schuld befreien darf.</p><p>Auch jetzt, nach all den Jahrhunderten, klingt er mir immer noch im Ohr, wenn ich an diese Nacht zur�ckdenke. So voller Qual war er.</p><p>�berall um mich herum waren scharfkantige Felsen. Und der Schnee, der mit uns hinabgest�rzt war. Ich konnte mich nicht bewegen; all meine Glieder schmerzten.</p><p>Mein linkes Bein war verdreht. Ich wagte nur einen Blick. Dann schaufelte ich Schnee auf das Bein, um es nicht mehr zu sehen�... den Knochen, der durch die zerrissene Hose ragte, und all das Blut.</p><p>Hoch �ber mir, umwoben vom gr�nen Licht der Winternacht, erschien das Antlitz, das ich so sehr verehrte. Nailyn wirkte blass. Sie zu sehen, gab mir die Kraft, meine Tr�nen zur�ckzuhalten. Sie w�rde mich retten.</p><p>�Alvias?�</p><p>�Ich lebe�, stie� ich hervor.</p><p>�Ich hole Hilfe!� Mit diesen Worten war sie verschwunden. Keine Frage, ob ich verletzt war. Kein Versuch, zu mir hinabzusteigen, um mir zu helfen. Ich h�rte ihre Schritte im Schnee und konnte meine Tr�nen nicht l�nger beherrschen. Nat�rlich war der Schmerz in meinem Bein unvergleichlich schlimmer, aber die Wunde, die sie meinem Herzen zuf�gte, habe ich bis heute nicht vergessen.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange ich in der Spalte lag. Ich sah zu, wie mein Blut den Schnee rot f�rbte. Dann und wann warf ich neuen Schnee darauf, doch das Wei� blieb nicht lange unbefleckt. Keinen vern�nftigen Gedanken konnte ich fassen. Ich hatte einen G�rtel.</p><p>Ich h�tte mein Bein abbinden sollen. Stattdessen sah ich zu, wie meine Tr�nen, wenn sie auf den Fels fielen, langsam zu Eisperlen erstarrten.</p><p>Melodramatisch, wie nur Dreizehnj�hrige es k�nnen, malte ich mir meinen Tod aus.</p><p>Wer alles um mich weinen w�rde. Wer mich vermissen w�rde�... Und dann kam sie. Die andere. Ihr Gesicht erschien �ber der Spalte, als sei es aus dem Himmel gewachsen. Ich hatte keinen Laut geh�rt. Sie war pl�tzlich da. Einen Herzschlag blickte sie mich an. Dann sprang sie zu mir herab, ohne sich von den scharfkantigen Felsen schrecken zu lassen.</p><p>�Ich bringe dich hier heraus.� Sie sagte das so selbstbewusst, wie nur F�rsten und K�nige sprechen. Damals wusste ich nicht, wer sie war.</p><p>Ich staunte sie an, vom Blutverlust benommen. Sie trug ein Jagdkost�m aus grauem Leder mit wei�em Pelzbesatz und Silberstickereien. Ihr dunkelblondes Haar hei in Wel en auf ihre Schultern. Ihre Lippen waren vom dunklen Rot reifer Himbeeren. Die Augen hellbraun und voller Mitgef�hl. Sie hatte ein schmales Gesicht und ein L�cheln, das einem das Herz schneller schlagen lie�. Behutsam schob sie den Schnee zur Seite, den ich auf mein Bein geh�uft hatte. Ich sah zu, wie sie das Grauen freilegte. Mein zersplittertes Schienbein, das aus dem Fleisch ragte.</p><p>�Es wird jetzt wehtun.�</p><p>Sie tat nichts, um mir Mut zu machen oder mich abzulenken. Und �wehtun� dr�ckt nicht ann�hernd das Gef�hl aus, das mich durchfuhr, als sie den gebrochenen Knochen durch das zerfetzte Fleisch dr�ckte. Ich schrie wie nie wieder in meinem Leben. Und versuchte, mich ihrem Griff zu entwinden. Aber sie war unglaublich stark, obwohl sie von zierlicher Gestalt war und kaum gr��er als ich.</p><p>In ihren Augen standen Tr�nen. Als ich das sah, verstummte ich. Sie teilte meinen Schmerz, so viel wusste ich auch damals schon �ber die Kunst der Heilzauber. W�rme floss durch mein Bein und all meine Glieder. Mir wurde schwindelig.</p><p>Als ich erwachte, hatte sie mich aus der Spalte geholt. Ich habe nie erfahren, wie ihr das gelungen war. Sie setzte mich auf ihre Stute und f�hrte das Pferd am Z�gel den Bergen entgegen. Und in mir wuchs die Furcht vor meinen Eltern. Sie blieb bei mir, bis zuletzt. Sie lobte meinen Mut und meine m�nnliche H�rte.</p><p>Ja, das waren ihre Worte! Und so hatte sie mich zum zweiten Mal an einem Tag gerettet.</p><p>Erst als sie fort war, erfuhr ich, wer mich aus der Gletscherspalte geholt hatte.</p><p>Emerelle, die K�nigin Albenmarks.</p><p>Sieben Jahre sp�ter sah ich sie das n�chste Mal, an einem Ort, der unterschiedlicher nicht h�tte sein k�nnen. Und ich gestehe, sie war mir in all den Jahren nicht aus dem Sinn gegangen, und ich kam um ihretwillen. Es war zum Fest der Lichter in Vahan Calyd, jenem verwunschenen Ort an der Mangrovenk�ste des Waldmeers, der nur alle achtundzwanzig Jahre aus seinem ewigen Schlaf erwacht. Vahan Calyd ist eine Stadt, in der alle danach trachten, sich von ihrer prunkvollsten Seite zu zeigen, denn hier entscheiden die F�rsten Albenmarks, wer die Krone f�r die n�chsten achtundzwanzig Jahre tragen wird. Alle gro�en Elfensippen haben hier Palastt�rme erbaut, �berladen mit Friesen und Statuenschmuck. Und auch all die anderen V�lker Albenmarks wollen dahinter nicht zur�ckstehen, so unterschiedlich ihre Auffassungen von Pracht auch sind. So findet man an manchen Fassaden Seidenkokons, gro� wie �pfel, in denen sich Bl�tenfeennester verbergen. Die Lamassu behaupten jedes Jahr aufs Neue, einen Palast aus Wind erschaffen zu haben, doch au�er ihnen vermag ihn niemand zu sehen. Von au�en eher bescheiden und doch von Geheimnissen umrankt, ist der Turm der Mond-bleichen Bl�ten, den die Apsaras �ber einer Meeresgrotte errichtet haben. Der Palast der tausend Banner hingegen entsteht zu jedem Fest neu. Minotauren errichten ihn aus bunten Stoffbahnen und rammen Hunderte, mit vergoldeten Schnitzereien geschm�ckte Zeltpfosten in die Erde, von denen ihre Banner wehen.</p><p>Alles hier war fremd f�r mich, der ich aus einem Land kam, das vom Wei� des Schnees beherrscht wird. Hier wurde mein Auge bei jedem Herzschlag von neuen, nie gesehenen Farben best�rmt.</p><p>Alle Sinne wurden belagert! Die V�lkerscharen Albenmarks versammeln sich zum Feste, und sie brachten ihre D�fte mit, von Fladenbroten, �ber einer Glut aus Pferde�pfeln gebacken, bis hin zu frisch gekochten Krabben, Reisbrei, Thymian, Safran und roten Pfeffer. Dazu der Duft verfaulender Mangos aus den G�rten und der Odem des Dschungels, der die Stadt einschloss. Und inmitten von all dem: Emerelle. Stets ist sie es, die zur K�nigin gew�hlt wird. Und nie verl�uft die Wahl ohne verborgene K�mpfe. So oft habe ich dem Fest der Lichter inzwischen beigewohnt. Und nicht einmal verging der Tag danach ohne Leichenfunde. Stumme Zeugen der Intrigen um den Thron. Zu meinen Pflichten geh�rte es sp�ter, sie beerdigen zu lassen und alle Fragen zu ersticken.</p><p>Doch davon, was kommen sollte, ahnte ich nichts auf meinem ersten Fest der Lichter.</p><p>Ich geh�rte zu den G�sten in Emerelles Palast. Und ich sah zu, als sie in einem Pavillon, hoch im Ge�st des alten Lotosbl�tenbaums, ihr Schmetterlingsgewand anlegte. Ein Kleid der schillernden Farben aus unz�hligen lebenden Schmetterlingen, die sich auf der Herrscherin niederlie�en. Dann lie� sich Emerelle auf einer S�nfte, die von f�nfzig Kentauren getragen wurde, zum Hafen bringen, wo inmitten eines Meeres aus Schiffsmasten jene Prunkbarkasse lag, auf der die K�nigswahl stattfand.</p><p>Majest�tisch und von Jubel best�rmt, stand sie �ber den Massen auf ihrer S�nfte. Sie wurde mit Blumen beworfen und kostbarem Geschmeide. Und man hob Kinder zu ihr empor, damit sie ihnen �ber die K�pfe streichen konnte, denn es bringt Gl�ck, von Emerelle ber�hrt zu werden.</p><p>An jenem Tag entschied ich, k�nftig meiner Retterin zu dienen. Und �ber die Jahre stieg ich auf zu ihrem Hofmeister. Ich war bei ihr in Tagen von Ruhm und Leid. War an ihrer Seite, als sie an der Spitze ihrer Ritter die H�hlen festung Mordstein erst�rmte, reiste in ferne St�dte als ihr Gesandter und wurde tief in die Intrigen der Kr�nungsfeste verstrickt.</p><p>Manche nennen sie die K�nigin der tausend Gesichter. Sie konnte die strahlende, g�tige Herrscherin sein. Sie war Kriegerin und Zauberin. Sie war die h�chste Richterin.</p><p>Und sie war einsam. Seit sie die Krone nahm, hatte sie sich keinen Gef�hrten mehr erw�hlt. Die Sorge um Albenmark bestimmte ihr Leben. Sie opferte sich im Kampf um unser aller Zukunft. Wenn sie nachts allein im Thronsaal �ber die Silberschale gebeugt stand, die ihr die Zukunft zu zeigen vermochte, dann zeichnete Schrecken ihr Gesicht.</p><p>Ich wei� nicht, was sie dort sah. Aber sie k�mpfte dagegen an, an jedem Tag ihrer Herrschaft.</p><p>Sie haben ihr Werk zerst�rt, die Trolle! Vor siebenundzwanzig Jahren und sechs Monden kehrten sie zur�ck. Sie waren in die Welt der Menschen verbannt gewesen, doch fanden sie einen Weg zur�ck. Sie �berfielen Vahan Calyd w�hrend des Festes der Lichter. Und sie begannen damit, all das Sch�ne auf der Welt zu zerst�ren. Emerelle musste fl�chten, aber sie stemmte sich gegen die Heerscharen ihrer Feinde. Manchmal nur von Ollowain, ihrem Schwertmeister, besch�tzt. Als sie auch ihn verlor, begann der Niedergang. Ich wei� nicht, was genau die Trolle ihm angetan haben. Er war bei ihnen an dem Tag, an dem Emerelles Herrschaft endete. Er schien nicht bei Sinnen zu sein! Es hei�t, sie h�tten Ollowains Verstand get�tet, aber seinen K�rper erhalten. Sie haben ihn gezwungen, auf der Shalyn Falah, der wei�en Br�cke, zum Duell gegen Emerelle anzutreten. Das war der Tag, an dem ihr das Herz brach. Sie legte Schwert und Krone nieder, statt gegen den Mann zu k�mpfen, dem schon lange heimlich ihr Herz geh�rt hatte. So wurde der Troll Gilmarak zum Herrscher �ber Albenmark.</p><p>Die Seele eines Elfen ist unsterblich, bis sie letztlich ins Mondlicht geht. Wenn wir wiedergeboren werden, dann ist unsere Seele alt, aber die Erinnerung an unsere fr�heren Leben ist verloren. So sind wir frei.</p><p>Emerelle hat Ollowain mit sich genommen, als sie verschwand. Ich habe sie gesucht.</p><p>Und ich wei�, dass auch Meuchler sie gesucht haben, denn die Trolle f�rchten sie noch immer. Sie ist verloren. Ich ahne, ihre Feinde haben sie vor mir gefunden. Heute feiert Vahan Calyd das Fest der Lichter. Ihr Fest!</p><p>Mein Dolch ist gesch�rft. Ich bin ein F�rst. Sie haben mich ausgew�hlt, an der K�nigswahl teilzunehmen. Mich! Welch ein Hohn. Aber ich werde dort sein. Nur so kann ich Gilmarak nahe genug kommen, um Emerelle zu r�chen.</p></section><section><title><p>Fast zw�lf Jahre zuvor</p></title><section><title><p>Am Horizont</p></title><p>�Was siehst du am Horizont?�</p><p>Die K�nigin hatte wieder diesen entr�ckten Blick. Eine Ewigkeit war vergangen, seit er f�r sie gestorben war, auch wenn f�r ihn erst wenige Wochen verstrichen zu sein schienen. Falrach hatte eine ganz andere Emerelle gekannt. Neben ihm stand eine Fremde. Er durfte sie nicht einmal bei ihrem Namen nennen, dem letzten Wort, das in seinem vergangenen Leben �ber seine Lippen gekommen war. Sie gab sich als Nandalee aus. Dies war der Name ihrer Mutter gewesen.</p><p>�Die Zukunft.� Emerelles Antwort kam sp�t. Falrach hatte nicht mehr damit gerechnet, dass sie noch etwas sagen w�rde.</p><p>Er blickte �ber die verschneiten H�gel. Es war windstill und so kalt, dass seine Haut an dem silbernen Knauf seines Schwertes festkleben w�rde, sollte er es unvorsichti-gerweise mit blo�er Hand ber�hren.</p><p>Hinter den H�geln am Horizont stand Rauch wie die Wolken eines heraufziehenden Unwetters am Nachthimmel. Der Glanz der Sterne, der vom frisch gefallenen Schnee in den Nachthimmel zur�ckgeworfen wurde, wob ein magisches Licht. Die Rauchwolke st�rte die Harmonie dieses Zaubers. Dicht und bedr�ckend hing sie tief am Himmel und schimmerte rotorange, in der Farbe frisch vergossenen Drachenblutes.</p><p>Es war der Widerschein der Essen von Feylanviek.</p><p>Makarios stapfte unruhig mit den Hufen. Sie hatten den Viehtrieb des Kentaurenf�rsten begleitet. Ihr Lohn waren zwei alte Pferde gewesen. Falrach mochte sie nicht, aber Emerelle hatte es gesch�tzt, nicht l�nger zu Fu� gehen zu m�ssen.</p><p>�Ihr solltet der Stadt nicht n�her kommen�, warnte der Kentaur. �Das Leben eines Elfen ist dort keinen B�ffelfurz wert.�</p><p>�Warum?� Sie kannte die Geschichten �ber Feylanviek. Und Makarios wusste das.</p><p>Kentauren waren nicht daf�r ber�hmt, ihre Gef�hle zu beherrschen. Allerdings hatten die meisten von ihnen gro�en Respekt vor Elfen. An Makarios Schl�fe schwoll eine Ader so sehr an, dass man das Blut darin pochen sehen konnte. �Du wei�t um den F�rsten Shandral, edle Dame. Und du wei�t, wie sehr die Kobolde in der Stadt unter seinen Grausamkeiten gelitten haben. Ein Elf sollte dort nicht hingehen.�</p><p>�Eben weil sie so sehr gelitten haben, muss ich gehen.�</p><p>Der Kentaur schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. �Ich glaub es nicht! Wie deutlich muss ich es noch sagen, Nandalee. Die werden mit deinem kleinen Elfenarsch Dinge anstellen, die du dir nicht einmal im Entferntesten ��</p><p>Falrach trat vor den Kentauren. Er konnte nicht zulassen, dass dieser so mit der K�nigin sprach. Auch wenn der Kentaur keine Ahnung hatte, wer wirklich vor ihm stand. �Das gen�gt.� Er sagte das leise, und seine Augen fingen den Blick des Kentauren.</p><p>Makarios� Unterlippe zitterte vor Wut. Eiskristalle funkelten in seinem struppigen blonden Bart. Lange ma�en sie einander mit Blicken. Endlich seufzte der Steppenf�rst.</p><p>�Elfen tun immer, was sie f�r richtig halten, nicht wahr? Selbst jetzt noch, nach all dem, was geschehen ist.� Seine Wut war verraucht. Er klang entt�uscht. Sie w�rden ihn nach dieser Nacht wahrscheinlich nie mehr wiedersehen, dachte Falrach.</p><p>�Du irrst dich, Makarios. Elfen <emphasis>wissen,</emphasis> was richtig ist.�</p><p>Falrach zuckte innerlich zusammen, als die K�nigin sprach. Fr�her war sie taktvoller gewesen.</p><p>Der Kentaur schnaubte wie ein zorniger Bulle. �Das habe ich gesehen. Ich war am Mordstein, als deinesgleichen Feuer vom Himmel regnen lie�en. Ihr habt die Schlacht gewonnen, aber ihr habt die Trolle nicht besiegt. Wie konnte das geschehen? War das der Plan? Mein Bruder ist damals gestorben. War das der Plan?� Die letzten Worte hatte er f�rmlich hinausgeschrien.</p><p>�Frag Ollowain. Er war der Heerf�hrer an jenem Tag.�</p><p>Der Kentaur ballte die F�uste. �Der Schwertmeister war der anst�ndigste Elf, der jemals gelebt hat. Du wirst seinen Namen nicht in den Schmutz ziehen, du�... �</p><p>�Du hast Ollowain gekannt?� Der Tonfall, in dem Emerelle fragte, versetzte Falrach einen Stich. In ihrer Stimme schwang mehr mit als nur allgemeines Interesse an einem gesch�tzten Freund.</p><p>�Nicht gekannt�... � Die Frage brachte Makarios offensichtlich durcheinander. �Aber ich habe ihn gesehen, von Ferne. Als er das Heer vor Feylanviek gesammelt hat. In meinem Volk gibt es viele Lieder �ber ihn.� Er bedachte sie beide mit einem vernichtenden Blick. �Und Kentauren singen nicht oft �ber Elfen.�</p><p>�Und doch kamt ihr, als die K�nigin Emerelle euch zu den Waffen gerufen hat.�</p><p>Er lachte bitter auf. �Nat�rlich! Schlie�lich mussten die Trolle auf ihrem Weg zur Elfenk�nigin zuerst durch unser Land.� Seine Schultern sanken herab. Pl�tzlich sah er um Jahre gealtert aus. �Wir h�tten davonlaufen sollen. Meine Br�der und Freunde sind auf den Schlachtfeldern des Grasmeers zum Rabenfra� geworden. Der Grabh�gel meiner Ahnen ist gesch�ndet. Man hat ihn zum Schlachthaus gemacht. Die �ber Jahrhunderte wohl verwahrten Leichname der F�rsten meines Volkes f�llten Trollm�gen. Die Lutin, mit denen uns Kentauren ein Pakt verband, so alt wie die Steppe ... diese Lutin haben uns verkauft. Haben den Zauber, der meine Ahnen vor dem fauligen Atem der Zeit bewahrte, missbraucht, um die Grabh�gel mit B�ffelfleisch zu f�llen. Sie haben unsere heiligsten St�tten heimlich zu den Vorratslagern des Trollfeldzugs gemacht. Sie ...� Er ballte in hilfloser Wut die F�uste.</p><p>�Und doch treibst du Handel mit den Trollen�, stellte Emerelle unerbittlich fest.</p><p>�Was soll ich tun?�, fauchte der Kentaur. �Die Meinen brauchen Salz. Und Eisen f�r Waffen, mit denen wir die Trolle eines Tages vertreiben werden.�</p><p>�Wirst du, nach all dem, was du verloren hast, kommen, wenn die Elfen noch einmal zum Kampf rufen?�</p><p>�Um die Trolle zu vertreiben? Lieber heute als morgen. Aber die Elfen sind besiegt.</p><p>Eure K�nigin hat einfach aufgegeben. Alle im Stich gelassen, die an sie geglaubt haben.</p><p>Ohne sie sind die Elfen zu uneins. Sie sind verr�ckt. So wie du. Du solltest nicht nach Feylanviek gehen. Dort spielt man deinesgleichen �bel mit. Du solltest dein Schicksal nicht unn�tig herausfordern, Nandalee.�</p><p>Die Worte waren Falrach aus dem Herzen gesprochen, aber er wusste, dass Emerelle sie einfach abtun w�rde. Sie wollte sich der Gefahr ausliefern, warum auch immer. F�r den Kampf, in dem er einst gestorben war, hatte es einen guten Grund gegeben. Aber das hier ... Wem wollte sie etwas beweisen? Sie blickte wieder zum Horizont. Dorthin, wo die Feuer Feylanvieks die Wolkenr�nder in die Farbe von Drachenblut tauchten.</p><p>�Unsere Wege trennen sich hier�, sagte Makarios, der es augenscheinlich m�de geworden war, Emerelle von ihrer Entscheidung abbringen zu wollen. �Ich w�nsche euch beiden Gl�ck. Ihr werdet es gewiss brauchen. Wenn ihr �rger bekommt, erwartet nichts von mir. Ich werde sagen, dass ich euch nicht kenne.�</p><p>�Ich wei�, du brauchst Salz.�</p><p>Der Kentaur schnitt eine Grimasse, als habe man ihm einen Dolch zwischen die Rippen gesto�en. Er sah zu Emerelle zur�ck, doch diese w�rdigte ihn keines Blickes. �Du solltest nicht mit ihr gehen�, fl�sterte er Falrach zu.</p><p>�Sie ist unerbittlich. Solche Frauen ziehen Unheil an.�</p><p>�Ich kann nicht anders�, entgegnete er dem Kentauren. �Ich ...�</p><p>�Ja, ich sehe schon, dass es kein Eid ist, der dich an sie bindet. Es ist schlimmer. Gib acht auf dich. Die d�mmsten Dinge, die wir M�nner tun, sind jene Dinge, die wir aus Liebe zu einer Frau tun. Wenn du alt wirst...� Er runzelte die Stirn. �Nein, du wirst es nie verstehen. Denn du wirst nicht alt werden, wenn du ihr folgst. Diese Elfe ist dein Tod. Komm mit mir!�</p></section><section><title><p>Ein Pferdetritt</p></title><p>Obwohl die Stra�en Feylanvieks so belebt waren, dass man nur langsam vorankam, war kein einziger Elf zu sehen. Emerelle drehte sich im Sattel und blickte zu der Schmiede, die auf einer steinernen Br�cke mitten im Fluss lag. Sie hatte von diesem Ort geh�rt. Hier hatte Shandral seine grausamen Exzesse an den Kindern Albenmarks betrieben. Sie h�tte ihm Einhalt gebieten m�ssen. Vielleicht w�re dann alles ganz anders gekommen.</p><p>Die gro�e Schmiede war niedergebrannt, das Dach eingest�rzt. Ein paar ru�geschw�rzte Steine waren alles, was von den W�nden �brig geblieben war. Ein Gro�teil des h�lzernen R�derwerks, das die pferdekopfgro�en Schmiedeh�mmer betrieben hatte, schien auf wundersame Weise die Feuersbrunst �berstanden zu haben.</p><p>Auch eines der drei gro�en Wasserr�der, die unter den Br�ckenb�gen in die Fluten eines Seitenarms des Mika eintauchten, war augenscheinlich noch intakt.</p><p>Neben einem der m�chtigen Ambosse stand ein Troll und beobachtete sie misstrauisch. Trotz der gro�en K�lte trug er nur einen Lendenschurz. Er st�tzte sich auf einen mannshohen Streitkolben, der mit schwarz gl�nzenden Obsidiansplittern besetzt war. Vulkanglas aus der Snaiwamark. Obwohl sie m�chtige Krieger waren, mieden die Trolle jegliches Metall. All ihre R�stungen und Waffen waren allein aus Holz, Stein und Leder gefertigt. Wulstige Narben zogen sich von der Stirn bis zu den Wangen hinab. Einen merkw�rdigen Geschmack f�r �sthetik hatten die Trolle. Das waren keine Kampfverletzungen, sondern Schmuck. So auszusehen, ehrte einen K�mpfer.</p><p>Die K�nigin lie� den Blick �ber die H�user am Ufer schweifen. Dort standen Fachwerkbauten aus Lehm, Weidengeflecht und mit �ppigen Schnitzereien verzierte Balken. Grellbunte h�lzerne Schilder hingen an rostigen Eisenarmen und priesen die G�ter der Handwerkssippen, die sich entlang des Flussarms niedergelassen hatten.</p><p>Robbenfellm�ntel, Bernsteinschnitzereien, Silberschmuck und dickwandige Tont�pfe in jeder Gr��e, die vollmundig als h�rter denn ein Trollsch�del gepriesen wurden.</p><p>Dabei war jedes der H�user in einer anderen Farbe gehalten. Gelb-, Rot- und T�rkist�ne waren vorherrschend. Aber man sah auch Lindgr�n und vereinzelt ein Knochenwei�. Sie alle hatten gemein, dass Schmutzschlieren �ber die W�nde liefen und den �ppigen Farben den Glanz nahmen. Erker wucherten wie geometrische Geschw�re aus den windschiefen W�nden.</p><p>Keines der H�user war in einem einheitlichen Baustil gehalten. Selten sah man zwei gleich gro�e Fenster, und auch die Etagen hatten sehr unterschiedliche H�hen.</p><p>Scheunengro�e Eingangst�ren lagen unter winzigen Balkonen mit Gel�ndern aus vergoldetem Schmiedewerk. Alle Giebel schnitten in spitzen Winkeln in den rauchverhangenen Himmel. So boten sie dem Schnee nur wenig Halt, der in den lan gen Wintermonden so reichlich fiel, dass viele der kleineren H�user eine zweite Haust�r im Dachgiebel besa�en.</p><p>Falrach ritt mit ausdrucksloser Miene an ihrer Seite. Seit gestern Abend hatte er keine Fragen mehr �ber den Sinn dieses Ausflugs gestellt. Er hielt ihn f�r eine Laune und f�r �u�erst gef�hrlich. Sie wusste, dass er so dachte, obwohl er f�r sie Partei ergriffen hatte. Seine Liebe machte ihn bedingungslos loyal. Es war seltsam, Ollowain vor Augen zu haben und mit Falrach zu sprechen. Der Schwertmeister h�tte ihr sehr deutlich gesagt, was er davon hielt, zu zweit in eine mutma�lich feindlich gesonnene Stadt zu reiten. Aber auch er w�re bei jeder Torheit an ihrer Seite geblieben. In manchen Dingen waren sich die beiden sehr �hnlich, auch wenn sie grundverschiedene Beweggr�nde f�r ihr Handeln hatten. Ollowain hatte sie nicht geliebt. Er vermochte den Verlust Lyndwyns nicht zu verwinden. Sie war eine begabte Magierin gewesen, doch von zweifelhafter Vertrauensw�rdigkeit wie alle Elfenadligen aus dem F�rstenhaus von Arkadien. Lyndwyn war bei den K�mpfen um die Felsenburg Phylangan gefallen.</p><p>Emerelle zog an den Z�geln. Ihr Grauer verharrte. So viele Tote hatte es gegeben! Und doch hatten die Trolle zuletzt den Thron Albenmarks gewonnen. Alle K�mpfe waren vergebens gewesen. So schien es zumindest...</p><p>Sie blickte hinab auf den zugefrorenen Kanal. Das Eis hielt die Frachtk�hne gefangen.</p><p>Bunt bemalte Boote mit Augen, die hoch im Rumpf �ber das Wasser wachten. Farbe bl�tterte an manchen Stellen ab und legte tiefere Schichten frei. Blau, das auf Rot gemalt war. Schmutziges Wei� �ber Flaschengr�n.</p><p>Alles, was einmal Ollowain gewesen war, war abgebl�ttert. Die Seele Fairachs, jenes Mannes, den sie einst geliebt hatte, war wieder freigelegt. Wie war es f�r ihn zur�ckzukehren? In seinem Empfinden war wohl nur ein Augenblick vergangen, seit der sengende Drachenatem sein Leben ausgel�scht hatte. F�r sie hingegen unz�hlige Jahrhunderte.</p><p>Wie viele Schichten neuer Farbe lagen �ber der Emerelle, die er einmal gekannt hatte?</p><p>Gab es einen Weg zur�ck zu ihr? Schimmerte noch etwas hindurch, so wie bei den alten Booten, die der Fluss in eisigem Griff gefangen hielt?</p><p>Sie hatte ihren Thron verloren. Sie war heimatlos. Eine fahrende Ritterin, so wie damals, als sie Falrach zum ersten Mal begegnet war. Doch damals hatte sie eine Aufgabe gehabt. Ein Ziel, f�r das sie alles geopfert h�tte. In den Wochen, die verstrichen waren, seit ihr Thron verloren war, hatte sie sich einfach treiben lassen.</p><p>Emerelle wusste nicht, welches neue Ziel sie ihrem Leben geben sollte. Sie l�chelte melancholisch. Immerhin wusste sie, was sie nicht wollte. Nie wieder w�rde sie in den Thronsaal Burg Elfenlichts zur�ckkehren. Nie wieder die Last der Krone tragen!</p><p>Sie sah hinab auf das Eis. An manchen Stellen hatten sich scharf gezackte Schollen �bereinandergeschoben und t�rmten sich zu flachen Tafelbergen. Ru� und allerlei Unrat sprenkelte das Wei�. In der Mitte, wo die Str�mung des Kanals am st�rksten war, schien das Eis nur d�nn zu sein. Man konnte das dunkle Wasser hindurchschimmern sehen.</p><p>Verstohlen blickte die K�nigin zu ihrem Begleiter. Ollowain hatte sich Lyndwyn gegen�ber nach ihrem Tod wohl bis ans Ende aller Zeiten schuldig gef�hlt. Hatte er sie wirklich geliebt? Oder war es allein diese Schuld, die ihn an Lyndwyn gebunden hatte? Sie w�rde es nie mehr erfahren.</p><p>Emerelle wusste nicht, was genau mit ihrem Schwertmeister nach der Schlacht am Mordstein geschehen war, aber die Pers�nlichkeit Ollowains hatte sich vollst�ndig aufgel�st. Wahrscheinlich war er das Opfer eines heimt�ckischen Zaubers geworden, w�hrend er der Sklave der Lutin gewesen war. Er war wie ein St�ck Pergament, das gr�ndlich mit einer feinen Klinge abgeschabt worden war. Die Geschichte seines jahrhundertelangen Lebens war vollst�ndig ausgel�scht. Zur�ck blieb allein ein leeres Blatt.</p><p>So hatte Falrach von Ollowains Leib Besitz ergreifen k�nnen. Er war eine fr�here Inkarnation der Seele des Schwertmeisters, der wohl ber�hmteste Feldherr der Elfen. Ein genialer Taktiker, ein Spieler und Frauenheld, ein wahrer Blender. Ihre erste Liebe.</p><p>Falrach hatte im Drachenkrieg sein Leben gegeben, um sie zu retten. Jahrhundertelang hatte sie um ihn geweint. Jede Inkarnation seiner Seele hatte sie aufgesp�rt. Lange hatte sie geglaubt, ihre Trauer und ihr Schmerz w�rden niemals enden. Wohl verborgen hinter der Maske der k�hlen Herrscherin aber waren sie stets nahe gewesen.</p><p>Doch mit der Zeit waren diese Gef�hle zu eitlem Beharren geworden.</p><p>Zeit, die Granitgebirge zu flachen Ebenen schleifte. Zeit war die Herrin von allem.</p><p>Selbst die Liebe und ihr selbsts�chtiger Schmerz unterwarfen sich ihr. Sie hatte Falrach nicht vergessen, doch ohne es zu wollen, hatte sie sich in Ollowain verliebt. Ihren Schwertmeister, den selbstlosen Ritter, der seine Ideale nie den Kompromissen unterworfen hatte, die die komplexe Dialektik der Herrschaft ihr aufzwang. Als sie einander zum letzten Mal begegnet waren, hatten sie heftig gestritten. Er hatte sie in eine ausweglose Lage gebracht. Sie hatte ihn in die Bibliothek von Iskendria geschickt, um nach verschollenem Wissen zu forschen. Dabei begleitete ihn die Lutin Ganda.</p><p>Eben diese Lutin war es, die ein Buch stahl, das einst von Meliander verfasst worden war. Der kluge, z�rtliche Meliander. Noch ein Opfer der Zeit, dachte Emerelle traurig.</p><p>Ihr Bruder war um so vieles empfindsamer gewesen als sie. Er hatte sich einst selbst entleibt, um seinen Weltschmerz zu beenden. Melancholie l�schte sein Leben, das nach Jahrhunderten z�hlte.</p><p>Wer die Bibliothek von Iskendria betrat, wurde dar�ber unterrichtet, dass das schwerste aller Verbrechen am dortigen Ort darin bestand, einen Text zu stehlen oder zu vernichten. Ein Verbrechen, das stets mit der Todesstrafe ges�hnt wurde. Emerelle war sich ganz sicher, dass Ollowain nicht das Buch Melianders gestohlen hatte. Gewiss war es die Lutin Ganda gewesen. Aber der Schwertmeister hatte alle Schuld auf sich genommen und darauf bestanden, dass Ganda unschuldig sei.</p><p>Was z�hlte eine K�nigin, die sich �ber die Gesetze stellte? Was z�hlten Gesetze, wenn sie nicht f�r jeden gleich waren?</p><p>Sie hatte es nicht fertiggebracht, ein ehrenvolles Leben mit einer Hinrichtung im Hof ihrer Burg zu beenden. Zugleich war sie zornig dar�ber gewesen, dass Ollowain offensichtlich darauf vertraut hatte, sein Rang und ihre Liebe w�rden ihn vor der Strafe sch�tzen. Sie hatte ihn in die Schlacht gegen die Trolle geschickt und befohlen, nicht lebend zur�ckzukehren. Und er hatte gehorcht, wie immer. Sie w�rde wohl niemals erfahren, was genau danach geschehen war. Ollowain gab es nicht mehr. Der Bote, der ihren Befehl widerrufen sollte, hatte ihn nicht mehr erreicht. Niemand w�rde je wieder Ollowain erreichen, dachte sie bitter.</p><p>�Nandalee.�</p><p>Es dauerte zwei Herzschl�ge, bis Emerelle begriff, dass sie gemeint war.</p><p>�Ich denke, die sind unseretwegen hier�, sagte Falrach leise.</p><p>Die K�nigin folgte seinem Blick. Drei Trolle und eine ganze Schar Kobolde mit roten M�tzen kam die Stra�e entlang auf sie zu. Ihr Anf�hrer, ein Kerl in hohen Schaft-stiefeln, deutete mit seinem S�bel, der kaum so gro� wie ein Brotmesser war, in ihre Richtung. �Nehmt die Feinde des Volkes fest.�</p><p>Die Trolle gehorchten dem Befehl, doch die Kobolde, die mit Spie�en und Heugabeln mehr schlecht als recht bewaffnet waren, z�gerten.</p><p>�Jetzt ist der Zeitpunkt, auf Makarios� Rat zu h�ren.� Falrach zog sein Pferd um den Z�gel.</p><p>�Ich bleibe�, sagte Emerelle entschieden. Sie wollte wissen, was geschehen w�rde.</p><p>Deshalb war sie hierher gekommen. �Wir haben nichts Unrechtes getan.�</p><p>�Manchmal reicht das nicht. Komm!�</p><p>Die K�nigin strich ihrem Grauen �ber den Hals. Der Hengst stampfte unruhig mit den unbeschlagenen Hufen. Die Trolle machten ihm Angst. Sie waren nur noch wenige Schritt weit entfernt.</p><p>Falrach griff nach ihren Z�geln. �Sei nicht so verdammt halsstarrig.�</p><p>Ein St�ck hinter ihnen wurde ein Heuwagen quer �ber die Stra�e geschoben. Jetzt war jeder Fluchtweg versperrt. Falrach h�rte das Knirschen der eisenbeschlagenen Karrenr�der auf dem Pflaster. Er drehte sich um und fluchte. Mit Elfenpferden h�tten sie hinab auf das schmutzige Eis des Kanals springen k�nnen. Aber die struppigen, kleinen Steppenpferde der Kentauren w�rden durch die Eiskruste brechen und elendig im Kanal ersaufen. Es gab keinen Ausweg mehr.</p><p>Ein Troll packte in die M�hne ihres Hengstes. Der Graue stie� ein schrilles Wiehern aus. Er versuchte zu steigen, doch gegen den eisernen Griff des Trollkriegers kam er nicht an. Obwohl Emerelle im Sattel sa�, �berragte sie der Troll um mehr als Hauptesl�nge. Der Krieger sah sie misstrauisch an. �Leg deine Hand ans Schwert, und ich mach dich tot�, stie� er hervor und schien dabei ganz selbstverst�ndlich davon auszugehen, dass sie ihn verstand.</p><p>Der Hengst keilte aus. Ein Huf traf den Troll am Knie. Er grunzte und schlug dem Grauen den Ellenbogen gegen den Kopf. Der pl�tzliche Schlag riss den Hengst zu Boden. Emerelle war mit einem Satz aus dem Sattel. Sie landete sicher auf den F��en.</p><p>Fast h�tte sie nach ihrem Schwert gegriffen, einfach aus Gewohnheit. Auch wenn sie seit langem nicht mehr in die Schlacht gezogen war, hatte sie doch regelm��ig ihre Fecht�bungen absolviert.</p><p>Ihr Hengst schlug schwer auf das Pflaster. Blutiger Schaum troff aus seinem Maul.</p><p>Emerelle zwang sich, ruhig zu bleiben.</p><p>�Ihr beide seid verhaftet!�, rief eine schnarrende Stimme. Hinter dem Troll stand der Kobold in den Stulpenstiefeln.</p><p>Er deutete mit dem S�bel auf ihre Brust. Jetzt erst bemerkte Emerelle, dass ihm die rechte Hand fehlte.</p><p>�Warum willst du uns festnehmen?�, fragte sie, um Gelassenheit bem�ht.</p><p>�Weil du eine der Trollwachen angegriffen hast.�</p><p>�Ich glaube, das war mein Pferd�, sagte sie in der Sprache der Trolle. �Wirst du es in den Kerker werfen?�</p><p>Der gro�e Krieger verzog das vernarbte Gesicht zu einem Grinsen.</p><p>�Du machst dich lustig �ber mich? �ber Dalmag Paschendrab, den Vogt von Feylanviek und H�ter der Gerechtigkeit?�, ereiferte sich der Kobold. Er stand jetzt dicht vor ihr; er reichte ihr kaum bis zum Knie. �Du bist als Reiterin f�r dein Pferd verantwortlich. Dir wird dein sp�ttisches Gerede noch leidtun, Elfe.� Der Kobold deutete auf Falrach. �Den Kerl nehmt ihr auch mit. Er ist ebenfalls angeklagt.�</p><p>�Was hat er getan? Dich mit einem Blick verletzt?�</p><p>Der Kobold schob seinen S�bel in die Sch�rpe. Er st�tzte seine verbliebene Hand in die H�fte und bem�hte sich augenscheinlich, w�rdevoll auszusehen.</p><p>�Nein, er tr�gt die Hauptschuld am Angriff auf den Troll. Ich gehe davon aus, dass der F�rst ihn zum Tode verurteilen wird.�</p><p>F�r einen Augenblick verschlug es Emerelle die Sprache. �Das ist kein Recht�, stie� sie schlie�lich hervor.</p><p>�Jetzt beleidigst du auch noch unsere Gesetze. Mach nur so weiter, du redest dich um Kopf und Kragen.�</p><p>�Er hat doch gar nichts getan.�</p><p>�Eben�, sagte der Kobold mit selbstzufriedenem Nicken. �Das ist Teil seines Verbrechens. So wie du auf dein Pferd h�ttest achtgeben m�ssen, h�tte dein Mann auf dich achtgeben m�ssen, Weib. Er h�tte wissen m�ssen, was f�r eine schlechte Reiterin du bist. Es w�re seine Aufgabe gewesen, dir zu verbieten, zu Pferd nach Feylanviek zu kommen. Stell dir vor, es w�re durchgegangen und h�tte ein paar spielende Kinder auf der Stra�e totgetrampelt.�</p><p>�Ich bin nicht sein Weib!�</p><p>�Oh!� Dalmag rollte mit den Augen. �Dann pflegt ihr also liederlichen Umgang miteinander, ohne euch ein Eheversprechen gegeben zu haben.� Er stie� einen keckern-den Laut aus. �Elfen! V�llig sittenlos und verkommen! Das �ndert nat�rlich nichts daran, dass er verpflichtet gewesen w�re, auf dich aufzupassen.�</p><p>Emerelle hatte M�he, ernst zu bleiben. Dieser Kobold sollte das Recht in Feylanviek verk�rpern? Das konnte nicht sein! Es musste hier einen Trollf�rsten geben. �Wie l�sen wir unseren Streit? Werde ich vor ein Gericht gestellt?�</p><p>�Nat�rlich! Hier hat sich viel ge�ndert, seit Shandral geflohen ist.� Er hob den Armstumpf. �Er hat behauptet, mein Bruder habe ihn bestohlen. Jeder in meiner Sippe hat daf�r die rechte Hand verloren. Sogar Neugeborene! Er hat unsere H�nde in seinem Haus ausgestellt. Mit vielen anderen. Sieh dich um in dieser Stadt und wundere dich, wie viele meinesgleichen mit nur einer Hand leben! Vor ein Gericht wurde keiner von ihnen gebracht. Du wirst es also viel besser haben als wir, Elfe.�</p><p>Sie war hier, um genau das zu erleben, was gerade mit ihr geschah. Als K�nigin war sie so sehr in die Sorge um die Zukunft Albenmarks verstrickt gewesen, dass sie die Gegenwart vernachl�ssigt hatte. Grausamkeiten wie die Taten Shandrals h�tten niemals geschehen d�rfen. Das w�rde sich von nun an wieder �ndern. Als fahrende Ritterin w�rde sie sich gegen die Tyrannei stellen, so wie sie es einst getan hatte. Im Gro�en war sie gescheitert. Nun konnte sie sich einer Aufgabe stellen, der sie gewachsen war.</p><p>�Gerne werde ich mich der Gerechtigkeit deines Herrn �berantworten. Ich vertraue tief darauf, dass ihr aus der Vergangenheit gelernt habt.� Sie h�rte Falrach hinter sich scharf einatmen. Doch ihr Gef�hrte erhob keinen Widerspruch.</p><p>Dalmag wirkte entt�uscht, dass sie nicht versuchte, sich zu widersetzen. �Wir schieben es nicht lange hinaus�, sagte er schlie�lich. �Ich bringe dich zum Rudelf�hrer Gharub. Er wird das Urteil f�llen.�</p><p>Emerelle blickte auf den Grauen hinab. Der Troll hatte ihren Hengst bewusstlos geschlagen. Aber er w�rde wieder zu sich kommen. �Was wird aus meinem Pferd?�</p><p>�Ja, das Pferd ...� Der Kobold kratzte sich hinter dem linken Ohr. �Dies ist eine der wenigen gepflasterten Stra�en. Und der Schnee ist fortger�umt, damit hier Karren fahren k�nnen. Dein Pferd st�rt den Fluss der Waren. Und Feylanviek ist eine Stadt des Handels. Da du vor Gericht kommst und dich um dieses �rgernis nicht k�mmern kannst, werde ich meinen Freund beauftragen, das Problem zu l�sen.� Er stie� dem Troll mit dem Ellenbogen gegen das Bein. �H�rst du, Madra. Du wirst dieses verdammte Pferd hier wegschaffen. Es geh�rt dir. Ich erwarte aber, dass es umgehend von der Stra�e verschwindet.�</p><p>�Egal wohin?�, fragte der Troll.</p><p>�Egal�, entgegnete Dalmag und wandte sich wieder Emerelle zu. �Du wirst selbstverst�ndlich f�r die Kosten aufkommen, die dadurch entstehen, dass ein Teil der Wachen dieser Stadt damit besch�ftigt ist, sich um den �rger zu k�mmern, den du verursacht hast.�</p><p>�Das kostet nix�, sagte der Troll und kniete neben dem Pferd nieder. Er packte den Kopf des Tieres mit beiden H�nden und riss ihn in einem Ruck herum. Ein scharfes Knacken ert�nte. Er lie� den Kadaver auf das Pflaster zur�cksinken und zog ein in seinen m�chtigen Pranken geradezu zerbrechlich wirkendes Steinmesser hervor.</p><p>Emerelle wandte den Blick ab, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr der Blutgeruch in die Nase stieg.</p><p>Der Troll rief seine Kameraden herbei, w�hrend Falrachs Pferd �ngstlich schnaubte.</p><p>�Halt deinen Gaul still�, herrschte ihn der Kobold an, der unger�hrt zusah, wie seine Wachen sich als Metzger versuchten. Die lange Zunge glitt ihm �ber die schmalen Lippen. Er fand offenbar Gefallen an diesem blutigen Schauspiel. Emerelle fragte sich, wie er wohl gewesen war, bevor er seine Hand verloren hatte.</p><p>Bald lagen nur noch die R�hrbeine, der Kopf und ein Haufen Eingeweide auf der Stra�e. Dutzende Schaulustige hatten sich um sie versammelt. So ausgemergelt, wie die meisten von ihnen aussahen, war sich Emerelle sicher, dass sie nur darauf warteten, dass die Trolle etwas �brig lie�en.</p><p>�Wir h�tten das Blut auffangen sollen�, murrte einer der Trollkrieger. �Das h�tte eine sch�ne Wurst gegeben.�</p><p>Der Kobold stie� ein kurzes, schnarrendes Lachen aus. �Dann weicht mir jetzt nicht von der Seite. Vielleicht gibt es ja bald noch eine andere Gelegenheit, Blutwurst zu machen.� Bei diesen Worten bedachte er Emerelle mit einem boshaften Blick. �Glaubst du ans Mondlicht, Elfenschlampe? Du w�rdest meine Wachen ma�los entt�uschen, wenn du einfach nur verblasst.�</p></section><section><title><p>Gossenkind</p></title><p>Adrien schob die Dachschindeln auseinander und bem�hte sich, so wenig L�rm wie m�glich zu machen. Er lag ausgestreckt im Schnee. Feuchtigkeit drang durch seine Kleider, aber er achtete kaum darauf. Zu gro� war sein Hunger. Es gab hier keinen Hund, darauf hatte er als Erstes geachtet, als er das Haus ausgew�hlt hatte. Allerdings konnte man ihn vom Haus auf der anderen Seite des Hofes sehr gut sehen, falls jemand zuf�llig aus dem Fenster blickte. Die Gefahr war jedoch nicht sehr gro�. Die L�den waren alle geschlossen, die Riegel vorgelegt. Zum einen wegen der Winterk�lte, vor allem aber wegen des Wider g�ngers, der die Stadt seit Tagen in Schrecken versetzte. Nach Einbruch der D�mmerung wagte sich nur noch auf die Stra�e, wer keine andere Wahl hatte oder kein anderes Zuhause.</p><p>Warme, rauchges�ttigte Luft schlug Adrien entgegen. Und das Aroma der Eselsw�rste. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen. Er schob sich ein St�ck vor.</p><p>Ein Schneeklumpen fiel hinab in die Dunkelheit und schlug mit sattem Klatschen auf den Boden.</p><p>Adrien hielt den Atem an. War dort unten jemand? Der Fleischhauer war noch nicht gegangen, das wusste er. Genauso wie er wusste, dass der bullige Kerl immer abgelenkt war, wenn ihn das Blumenm�dchen vom Heumarkt besuchte. So leicht h�tte er es auch gerne! Sie trug jedes Mal eine kleine R�ucherwurst in ihrem Korb, wenn sie ging. Und die hatte sie nicht gegen geflochtene Strohblumen getauscht.</p><p>Er seufzte. Er hatte ihr oft sch�ne Augen gemacht, aber sie beachtete ihn nicht einmal.</p><p>Und er konnte es ihr nicht verdenken. Was hatte er schon zu bieten, au�er vielleicht genau diesen sch�nen Augen. Ganz gewiss keine W�rste, die man nach Hause tragen konnte. Manchmal stel te er ihr im Verborgenen nach. Deshalb wusste er, dass sie hierherkam. Und oft galten seine letzten Gedanken ihr, bevor der Schlaf ihn �bermannte.</p><p>Sie war so sch�n. Und er wusste nicht einmal ihren Namen�... Er hatte nicht gewagt, danach zu fragen. Es w�rde ihr gewiss zu Ohren kommen. Er sollte sie sich aus dem Kopf schlagen! Jetzt galt es, daf�r zu sorgen, dass er wieder einen vollen Bauch bekam.</p><p>Von Tr�umen konnte man nicht leben!</p><p>Vorsichtig erweiterte Adrien das Loch zwischen den Schindeln. Sie waren nicht sonderlich fest gef�gt. Br�chige, gebrannte Pfannen. Bedeckt mit eisverkrustetem Moos und nassem, pappigem Schnee. Als das Loch gro� genug war, dass er bequem mit dem Arm hinablangen konnte, tastete er ins Dunkel. Bald bekam er einen der Dachsparren zu packen. Seine Finger glitten an dem Holz entlang, das vom alten Ru� ganz �lig war, bis er eine der Lederschn�re ertastete.</p><p>Adrien malte sich aus, was seinen Augen verborgen blieb. Die R�ucherger�ste, die schr�g unter der Decke der Dachkammer standen, beh�ngt mit langen Reihen von W�rsten. Vor ein paar Monden war er schon einmal hier gewesen. Er nahm nie viel.</p><p>Nat�rlich machte er sich nichts vor. Wenn zwei W�rste in einer Reihe fehlten, dann blieb das nicht verborgen. Aber es war bescheiden genug, dass der Zorn �ber den Dieb schnell verrauchte.</p><p>Der Junge stellte sich vor, wie der Fleischhauer unter ihm im Dunkel stand, eines der gro�en Messer in den massigen H�nden. Der Kerl war nicht zartbesaitet. Das sah man sofort.</p><p>Adrien verfluchte sich f�r seine Einbildungskraft. Manchmal war sie ein Segen, n�mlich dann, wenn er sich ausmalte, dass die paar Abf�lle, die er mit geschlossenen Augen herunterschlang, k�stliche Spezereien von einer Festtafel waren. Weitaus h�ufiger war diese Gabe jedoch ein Fluch. Zu gut konnte er sich vorstellen, was bei seinen Diebereien alles missgl�cken mochte. Immerzu dachte er an alle m�glichen Ungeschicke und Strafen, die ihm drohten.</p><p>Mit den Fingerspitzen machte er sich an der Lederschnur zu schaffen. Endlich bekam er das herabh�ngende Ende zu packen. Das Ende mit dem eisernen Haken, von dem die Wurst hing. Vorsichtig zog er sie durch das Loch im Dach. Sie roch k�stlich. Er lie� den Haken an der Lederschnur zur�ckfallen. Eine noch�... War er ma�los? Nein, eine noch! Er wollte Nantour verlassen. Er war zu lange schon in der Stadt. Fast ein Jahr.</p><p>Das konnte nicht gutgehen. Er musste fort! Am besten in eine noch gr��ere Stadt, wo er in der Masse der gesichtslosen Gossenkinder verschwinden konnte.</p><p>Adrien streckte sich. Wieder tastete er ins Dunkel. Eine Wurst noch. Dort unten in der R�ucherkammer hingen bestimmt hundert W�rste. Was waren da schon zwei. Er er tastete das Ger�st. Die erbeutete Wurst hatte er unter sein Hemd geschoben. Sie dr�ckte gegen seine Brust. Heute Nacht w�rde er nicht hungern. Zum ersten Mal seit vielen Wochen.</p><p>Er erhaschte eine weitere Lederschnur. Mit dem Fingernagel des Mittelfingers zog er sie zu sich heran. Unendlich langsam.</p><p>Wieder rutschte Schnee durch die L�cke im Dach und fiel mit einem dumpfen Ger�usch auf den Boden der R�ucherkammer. Adrien fluchte stumm. H�rte er da nicht Schritte im Haus? Er sollte nicht bleiben. Er gab es auf, nach der zweiten Wurst zu angeln. Vorsichtig schob er die beiden losen Dachschindeln zusammen. Wenn keine L�cke zu sehen war, dann w�rde der Fleischhauer vielleicht ein wenig l�nger brauchen, bis er begriff, was geschehen war. Das bedeutete ein wenig mehr Zeit, um zu entwischen.</p><p>Er lie� sich auf das Dach des Erkers rutschen und sprang von dort auf einen niedrigen Anbau. Noch ein Sprung und er war im Hof. Sein Herz raste. Es gab nur zwei Wege, die vom Hof fortf�hrten. Den Torbogen, der neben dem Fleischerladen auf die Stra�e zum Heumarkt f�hrte. Und den schmalen Durchgang zwischen den Weberh�uschen auf der anderen Seite. Durch den Torbogen w�rde der Fleischhauer kommen.</p><p>Adrien hastete geduckt �ber den Hof. Er mied es, in Pf�tzen zu treten. Der nasse Schnee griff schmatzend nach seinen nackten F��en. Er sp�rte die K�lte kaum. Das w�rde erst sp�ter kommen. Noch im Laufen biss er in die Wurst. Was er im Bauch hatte, dass konnte ihm keiner mehr nehmen.</p><p>Als er den Durchgang zwischen den Weberh�usern erreichte, hielt er inne. War der Fleischhauer jetzt in seiner R�ucherkammer? Vielleicht blieb sein Diebstahl noch die ganze Nacht unentdeckt. Vielleicht hatte das Blumenm�dchen ihm gerade ins Ohr gefl�stert, was f�r ein wunderbarer Liebhaber er war?</p><p>Auf jeden Fall sollte er nicht auf die Stra�e hinter den Weberh�usern hinauslaufen.</p><p>Wer rannte, erregte Aufmerksamkeit. Und die Stra�en waren leer. Adrien dachte an die Geschichten �ber den Widerg�nger und biss erneut von der Wurst ab. K�stlich!</p><p>Der Fleischhauer verstand sein Handwerk! Was er wohl alles unter das Fleisch mischte?</p><p>Adrien trat in den Durchgang. Es stank nach Pisse. Bestimmt wurden hier jeden Morgen die Nachtt�pfe der Webersippschaft entleert. Der Junge hielt den Atem an und watete durch den Matsch. Diesen Weg nahm gewiss nur, wem sein Schuhwerk egal war oder wer sich keines leisten konnte.</p><p>Er trat hinaus auf den langen, geraden Seilersteig. Keine Menschenseele war zu sehen.</p><p>Durch einige Fensterl�den fiel gelbes Licht. Im Mondschein leuchteten die Kreidezei-chen auf den freigeschaufelten Simsen und T�rschwellen. Zeichen, die den Widerg�nger fernhalten sollten.</p><p>Wo sollte er die Nacht verbringen? Bei der Armenstube lie� er sich besser nicht blicken. Die w�rden an seinem Atem riechen, was er gegessen hatte. Und sie w�ssten, dass diese Wurst kein Geschenk war.</p><p>�Diebesgut mundet gut�, erklang eine Stimme unmittelbar neben ihm.</p><p>Vor Schreck fiel ihm die Wurst aus der Hand. Ein Schatten l�ste sich aus der T�rnische des Weberhauses, eine dunkel gewandete Gestalt mit langem Wanderstock.</p><p>Adrien b�ckte sich hastig nach der Wurst und wischte sie an seinem Hosenbein ab.</p><p>Sollte er loslaufen? Das Gesicht des Fremden war im Schatten seiner Kapuze verborgen. Er trug ein dunkelblaues Gewand wie ein Wanderpriester. Bestimmt k�nnte er ihm entwischen!</p><p>�Ich muss weiter�, sagte er und wollte gehen, doch der Fremde hielt ihm den Wanderstab quer vor die Brust.</p><p>�Dies ist die letzte Nacht, in der du hungern musst, wenn du es so willst.�</p><p>Adrien legte die Hand auf den Stab. Ihm stand jetzt nicht der Sinn nach dem Gerede eines Wanderpriesters. Worte waren allzu billig. Als ob es Gerechtigkeit und einen vollen Bauch f�r einen Jungen wie ihn geben k�nnte!</p><p>�Wenn dein Gott so ein netter Kerl ist, warum musst du dann in einer Nacht wie dieser auf einer Stra�e stehen, die nach Pisse stinkt?�</p><p>�Weil ich ein Seelenfischer bin und dies nun einmal der Ort ist, an dem ich in dieser Nacht deiner Seele begegnen kann, Adrien.�</p><p>Der Junge wich ein St�ck zur�ck. Woher kannte der Priester seinen Namen? Adrien war sich sicher, dem Mann noch nie begegnet zu sein. �Wer bist du?�</p><p>�Ich bin das Geschenk Tjureds an dich.� Er schlug die Kapuze ein St�ck zur�ck. Das Mondlicht spiegelte sich in leuchtend blauen Augen. �Ich bin Bruder Jules.�</p><p>�Was willst du von mir?� Adrien wich noch etwas weiter zur�ck. Hinter der Gasse auf dem Hof h�rte er einen Wutschrei. Der Fleischhauer!</p><p>�Das sagte ich schon. Ich will deine Seele. Aber ich werde sie nicht nehmen. Ich will sie als Geschenk.�</p><p>�Ja, ja.� Es war an der Zeit zu verschwinden.</p><p>�Du hast zwei Wege. Der eine beginnt damit, dass du dich zum <emphasis>Silberstrick</emphasis> aufmachst.</p><p>Vor dem Pferdestall sitzt ein alter Bettler. Leg ihm deine Wurst in seine Schale, ohne von jetzt an auch nur noch ein St�ck von ihr abzubei�en. Dann lauf zur Br�cke am Rosstor. Unter dem ersten Br�ckenbogen wirst du erwartet. Dort beginnt dein Weg zu Stolz und Ruhm. Jeder andere Schritt, den du tust, f�hrt dich an den Schandpfahl f�r Diebe. Dort wirst du im Sturm morgen Nacht erfrieren, weil sich dein W�chter betrinken wird und dabei vergisst, dich loszumachen.� Der Priester nahm den Wanderstab zur�ck. Er drehte sich um und trat in die schmale Gasse zum Hof. �Lauf, Junge, mach dein Gl�ck. Gott will es!�</p><p>Adrien nahm die Beine in die Hand. Wer war der Kerl? Ein Verr�ckter? Der Junge rannte, ohne auf den Weg zu achten. Ihm war egal, dass jeder, der lief, Aufmerksamkeit erregte. Der Duft der Wurst stach ihm in die Nase. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er hatte erst zweimal abgebissen. Es w�re dumm, sie wegzugeben.</p></section><section><title><p>Gerechtigkeit</p></title><p>Es war stickig in dem gro�en Raum, in den sie gebracht wurden. Wahrscheinlich hatte hier seit dem Tag, an dem die Trolle die Herrschaft an sich gerissen hatten, niemand mehr gel�ftet. Es stank nach Schwei� und altem Fett. Ein runder Aschenkreis in der Mitte des gefliesten Bodens und der Ru� an der kostbaren Kassettendecke verrieten, dass man gelegentlich in dem prachtvollen Saal eine Feuerstelle entz�ndete.</p><p>Falrach wusste nur wenig �ber Feylanviek. Zu seiner Zeit hatte es diese Stadt noch nicht gegeben. Die gro�en Koboldfamilien hatten hier wohl H�ndlerpal�ste mit Emp-fangsr�umen f�r alle Arten von Kunden besessen. Von Bl�tenfeen bis hin zu den verr�ckten Lamassu.</p><p>Der Elf blickte zu der massigen T�r, vor der zwei Trollwachen standen. Ganz offensichtlich war dieser Teil des riesigen Hauses, in das man sie gebracht hatte, schon immer f�r Trolle vorgesehen gewesen. Doch hatten die Erbauer sich nicht ganz mit der primitiven Art der erwarteten G�ste arrangieren m�gen.</p><p>Auf einem grob zusammengezimmerten Thron sa� ein Troll von ungew�hnlicher Gr��e. Falrach war sich sicher, dass der Kerl, sollte er sich erheben, seine gesammelten Wachen um mindestens zwei K�pfe �berragen w�rde. Sehnen, dick wie Hanfseile, spannten sich unter seiner grauen, mit hellen Einsprengseln �bers�ten Haut. An den Thron lehnte eine Keule, deren Kopf von einem m�chtigen, fast runden Stein beherrscht wurde, aus dem ein einzelner Sto�zahn ragte.</p><p>Der Elf sch�tzte, dass er selbst wohl kaum mehr als diese Waffe wog, die wie dazu geschaffen schien, Festungstore einzuschlagen. Auf der anderen Seite des Throns f�hrte eine Stehleiter hinauf zu einer h�lzernen Plattform, die etwa in Kopfh�he des Trollf�rsten durch massive Balken mit der Holzwand verbunden war. Ein niedriges Stehpult, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag, war dort aufgestellt.</p><p>Dalmag Paschendrab erklomm die Leiter. Kurz machte er sich am Pult zu schaffen.</p><p>Dann zog er ein rot getigertes Katzenfell dahinter hervor, an dem noch der halbe Kopf des Tiers hing. Mit w�rdevoller Geste setzte er sich den Katzenkopf, dem der Unterkiefer fehlte, auf das Haupt, so dass das Fell ihm wie ein Umhang �ber den R�cken hinabhing.</p><p>Der Troll auf dem Thron nahm von dem ganzen Schauspiel kaum Notiz. Er hielt mit beiden H�nden eine Fleischkeule, die wohl ein Mammutschinken sein musste, so gro� war sie. Gen�sslich schmatzend kaute er auf dem z�hen Fleisch. Nur ein kurzer Blick, den er Dalmag zuwarf, lie� ahnen, dass ihm dieses Spektakel nicht behagte.</p><p>Falrach glaubte eine Spannung zwischen dem Rudelf�hrer und dem Kobold zu sp�ren. Er hatte das Gef�hl, dass die beiden einander zwar brauchten, aber nicht respektierten. Vielleicht lie�e sich daraus ein Vorteil ziehen.</p><p>In dem weiten Saal lagerten mehr als ein Dutzend Trolle. Sie hatten sich entlang der W�nde Schlafpl�tze aus Stroh und stinkenden Decken eingerichtet. Falrach sah, wie unter ihnen Brocken aus blutigem Fleisch herumgereicht wurden. Emerelles Pferd?</p><p>Die Kobolde lagerten auf der anderen Seite. �ber eisernen Feuerschalen hingen Bratspie�e mit W�rsten. In einem Kessel gluckerte eine Suppe, die nach halb verfaultem Kohl stank. Die meisten Kobolde waren passabel gekleidet. �ber die H�lfte trugen sogar Schuhe. Ihre Spie�e waren ordentlich zusammengestellt. Alle hatten rote M�tzen auf.</p><p>Falrach hatte schlimme Geschichten �ber diese M�tzen geh�rt. Es hie�, dass die rebellischen Kobolde urspr�nglich mit wei�en M�tzen in den Krieg gezogen waren und sie dann auf den Schlachtfeldern im Blut der Elfen rot gef�rbt hatten.</p><p>Den Trollen waren er und Emerelle gleichg�ltig. Sogar ihr Rudelf�hrer Gharub beachtete sie beide kaum. Bei den Kobolden war das anders. Sie alle starrten sie an. Sie fieberten der Anklage entgegen. Sie waren wie Dalmag: Sie wollten Elfenblut sehen, und sei die Anklage noch so l�cherlich.</p><p>Ein scharfes Pochen lie� das leise Murmeln in dem Saal ersterben. Dalmag hatte seinen S�bel gezogen und mit dem Knauf auf sein Pult geschlagen. �Volk von Feylanviek! Im Namen des ehrenwerten Rudelf�hrers Gharub er�ffne ich den Prozess gegen diese beiden Elfen, die sich in arroganter Manier �ber die Gesetze unserer Stadt hinweg-gesetzt haben. Nicht nur, dass sie �ffentlich Unzucht trieben, nein, sie griffen auch einen der Trolle in meiner Leibwache an. Seht sie euch an und denkt an Shandral, den die meisten von euch noch in schrecklicher Erinnerung haben. Seht ihr nicht denselben Hochmut wie beim F�rsten von Arkadien in den Augen dieser beiden funkeln?�</p><p>Falrach blickte zu Boden. Das war grotesk! Die Anklage war ein einziges Possenspiel!</p><p>Wann w�rde Emerelle etwas unternehmen, um diesem Treiben ein Ende zu setzen? Er blickte sie aus den Augenwinkeln an. Sie wirkte wie versteinert. Was ging in ihr vor?</p><p>Suchte sie den Tod?</p><p>�Wen haben die beiden angegriffen?�, fragte der Rudelf�hrer. Er sprach mit vollem Mund, und seine Worte waren kaum zu verstehen.</p><p>Der Troll mit den auff�lligen Schmucknarben im Gesicht trat vor. �Mich hat der Gaul von dem Weibsbild getreten.�</p><p>�Und dabei hat sie mit dem Kerl Unzucht getrieben?�, fragte Gharub mit gerunzelter Stirn. �Wie haben sie das geschafft?�</p><p>�Bitte, edler Gharub�... �, zischte Dalmag. �Du darfst es nicht ganz w�rtlich nehmen�... �</p><p>�Wieso hast du dich von dem Gaul treten lassen?�, setzte der Trollf�rst nach, ohne auf den Kobold zu achten. �Warst du besoffen?�</p><p>�Es ist nur eine Schramme. Nicht...�</p><p>�Man wird mich verspotten, wenn meine Krieger nicht einmal mit Pferden fertigwerden!�, polterte der Rudelf�hrer los. �Willst du, dass man �ber mich lacht?�</p><p>�Das Pferd ist tot�, sagte Madra.</p><p>�Und jetzt willst du mich noch belehren?� Gharub stand auf. Er hob den gewaltigen Schinken wie eine Kriegskeule. Pl�tzlich leuchteten seine kleinen Augen auf. In weitem Bogen warf er Madra den Schinken zu.</p><p>Falrach duckte sich, um nicht getroffen zu werden.</p><p>Selbst der st�mmige Trollkrieger hatte M�he, auf den Beinen zu bleiben, als er den Schinken fing.</p><p>�Das bringst du zum Wachposten am Steinernen Wald. Ein Geschenk von ihrem Rudelf�hrer. Ich erwarte dich morgen fr�h zur�ck.�</p><p>�Das sind mehr als vierzig Meilen�, wandte der Krieger ein.</p><p>�Dann ist es wohl besser, wenn du sofort aufbrichst und nicht mehr lange schw�tzt.</p><p>Nach diesen Fu�marsch wirst du das n�chste Mal ein wenig geschickter sein, wenn ein Gaul neben dir auskeilt, hoffe ich.�</p><p>Die beiden Wachen �ffneten grinsend das Tor, und Madra machte sich davon, ohne noch ein Wort zu sagen.</p><p>War der Kerl einf�ltig oder ein Schlitzohr, fragte sich Falrach. Er wagte es nicht, den Rudelf�hrer direkt anzusehen, um ihn nicht zu reizen.</p><p>�Gro�artiger Gharub�, sagte Dalmag mit in Anbetracht seiner geringen Gr��e erstaunlich vollt�nender Stimme. �Wenn wir auf die beiden Elfen zur�ckkommen k�nnten?�</p><p>Der Troll nickte. �Du hast Recht. Ich sollte den beiden dankbar sein. Sie haben mich darauf hingewiesen, dass meine Wachen dick und tr�ge werden. Sich von einem Gaul treten zu lassen�... � Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Es war jetzt totenstill. Alle Trolle sahen zu ihrem Anf�hrer. Sie schienen weitere Strafen zu f�rchten. Die Kobolde hingegen wirkten ver�rgert. Sie hatten offensichtlich einen spektakul�ren Schauprozess erwartet, der mit einem grausamen und ungerechten Urteil gegen ihre Feinde, die Elfen, endete.</p><p>�Allerverehrtester, weiser Gharub�, versuchte Dalmag es erneut. �Ich kenne die Elfen mein ganzes Leben lang. Und ich kenne ihre Heimt�cke, so wie all meine Br�der hier.�</p><p>Zustimmendes Gemurmel erhob sich unter den Kobolden.</p><p>�Glaube mir, sie w�rden niemals etwas zu deinem Nutzen tun. Im Gegenteil, sie treiben ihren Spott mit dir und deinen Wachen. Sie wollen die Trolle l�cherlich machen. Sie wollen sie wie tumbe Toren aussehen lassen, damit das Volk im Verborgenen �ber seine neuen Herren lacht und jegliche Achtung vor ihnen verliert.�</p><p>�Nichts liegt uns ferner�, begehrte Falrach auf. Warum, zum Henker, sagte Emerelle nichts? Wollte sie, dass sie beide noch an den Galgen kamen?</p><p>�Schweig!�, schalt ihn der Kobold.</p><p>Der Rudelf�hrer knetete nachdenklich sein Kinn. �Wenn Madra sich von einem Pferd treten l�sst, dann ist das doch seine eigene Dummheit�, murmelte er schlie�lich.</p><p>�Aber genau das wollen sie doch, Herr. Sie sind hier, um dich und die Deinen dumm aussehen zu lassen.�</p><p>�Verleumdung!�, begehrte Falrach auf. �Das ist alles�... �</p><p>�Schweig!�, schrie der Kobold. �Angeklagte und Bittsteller reden nur, wenn sie dazu aufgefordert werden!�</p><p>Emerelle legte Falrach die Hand auf den Arm. �Lass sie�, fl�sterte sie.</p><p>�Worauf wartest du noch? Du warst einmal eine un�bertreffliche Schwertk�mpferin!</p><p>Wir m�ssen hier fort!� Er sah sich um. Durch das zweifl�gelige Portal konnten sie nicht entkommen. Sie w�rden den schweren Balken nicht heben k�nnen. Nur die hohen schmalen Fenster, dicht unter dem Dach, kamen als Fluchtweg infrage. Doch wie sollten sie dahingelangen, ohne von den siebzehn Trollen im Festsaal in St�cke gerissen zu werden?</p><p>�Worauf ich warte?� Emerelles Stimme klang seltsam entr�ckt. �Auf die Poesie des Herrschens.�</p><p>�Was?� Falrach traute seinen Ohren nicht. Trolle und Poesie! War sie verr�ckt geworden?</p><p>�Ein Herrscher muss eine Vision haben. Er muss etwas in seinem Geiste sehen, das f�r alle anderen noch unfassbar ist. Sein Ziel. Das, was durch seine Herrschaft Gestalt gewinnen soll.�</p><p>�Du kannst sie nicht an dir messen. Ich glaube, Gharubs einzige Vision ist ein voller Bauch, und Dalmag w�nscht sich eine Stadt, in die nie wieder ein Elf seinen Fu� setzt.�</p><p>�Was Dalmag angeht, stimme ich dir zu. Aber Gharub�... Er ist dumm, aber ehrlich.</p><p>Das ist nicht das schlechteste f�r einen Herrscher. Wenn er es schafft, eigene Entscheidungen zu treffen, dann wird er vielleicht ein guter Stadtf�rst werden.�</p><p>�Er hat sich diesen Ohrenbl�ser Dalmag zugelegt, weil er zu faul ist, eigene Entscheidungen zu treffen. Bring uns hier heraus, bevor aus dieser Groteske eine Trag�die wird.�</p><p>�Schweigt!�, fuhr Gharub sie pl�tzlich an. �Elfen sprechen in diesen Hallen nur, wenn sie jemand dazu auffordert, ihr Schandmaul aufzurei�en.�</p><p>Falrach fluchte stumm in sich hinein. Statt sich die versponnene Philosophie Emerelles anzuh�ren, h�tte er besser darauf gelauscht, was Dalmag seinem Herrn einfl�sterte.</p><p>�Ihr lasst es an Respekt gegen�ber dem Rudelf�hrer Gharub fehlen�, deklamierte der Kobold mit wohl artikulierter Stimme. �In seiner Gro�mut sieht der Herr von Feylanviek davon ab, euch f�r euer liederliches Verhalten zu verurteilen, das zu den Eigenarten eures Volkes geh�rt.</p><p>Schlie�lich k�nnte man einem Mistk�fer auch niemals beibringen, sich nicht in Schei�e zu w�hlen. Au�erdem�... �</p><p>�Genug Worte�, unterbrach ihn Gharub. �Wenn Madra so d�mlich war, sich von einem Gaul treten zu lassen, ist das seine Sache. Das Vieh ist ja auch schon gefressen, soweit ich geh�rt habe. Damit hat es seine Strafe gehabt.� Er klatschte in die H�nde.</p><p>�Wir sind fertig!�</p><p>Falrach traute seinen Ohren kaum. Frei? Das war das Letzte, was er erwartet h�tte.</p><p>Hatte Emerelle das geahnt? Pl�tzlich kam er sich sehr dumm vor. Wie wenig er diese Welt kannte. Sie hatte kaum noch etwas mit der gemein, in der er einst gelebt hatte.</p><p>Unter den Kobolden herrschte eisiges Schweigen. Keiner wagte, den Trollen zu widersprechen, aber es war un�bersehbar, was sie von diesem Urteil hielten.</p><p>�Da w�re noch eine Sache, Herr�, sagte Dalmag in unterw�rfigem Tonfall.</p><p>Der Rudelf�hrer verzog ver�rgert das Gesicht. �Was?�</p><p>�Es war vor allem die Elfe, die mit ihrem herrischen und arroganten Auftreten daf�r gesorgt hat, dass dieses Gericht tagen musste. Sieh sie dir an, verehrter Rudelf�hrer.</p><p>Sie hat das Gericht noch keines Wortes gew�rdigt und tuschelt verschw�rerisch mit ihrem Buhlen. Ja, sie besitzt die Frechheit, dich zu bestehlen, w�hrend sie vor dir steht.</p><p>Freilich mit dem Geschick, das ihrem intriganten Volk in allen Dingen, die es beginnt, eigen ist.�</p><p>Falrach war sprachlos. Was kam jetzt?</p><p>Gharub tastete �ber die Amulette, die an Lederriemen von seinem massigen Hals hingen. Dabei z�hlte er leise. Er sch�ttelte den Kopf. �Was stiehlt sie mir?�</p><p>Dalmag, der seinen Herrn sehr gut zu kennen schien, l�chelte breit. �Nun, zun�chst einmal den k�stlichen Schinken, den du in der Hand gehalten hast, als sie eintrat. Er hat sich in Luft aufgel�st. Nat�rlich magst du einwenden, dass du selbst es warst, der ihn Madra zugeworfen hat, aber sie hat die Ereignisse in Gang gebracht, die dazu f�hrten. H�tte sie diese Stadt niemals betreten, dann hieltest du den k�stlichen Schinken noch in deiner m�chtigen Faust und w�rdest dich an ihm laben und deine Kraft mehren.�</p><p>�Das ist l�cherlich!�, begehrte Falrach auf.</p><p>�Du sollst schweigen!�, herrschte ihn Dalmag an.</p><p>Der Rudelf�hrer hatte die Augen geschlossen und die Stirn ihn Falten gelegt. Er sah so aus, als bereite es ihm Qualen, den Gedankenspr�ngen des Kobolds zu folgen.</p><p>�Vergiss nicht, ehrw�rdiger Gharub, die beiden sind Elfen. Sie sind die Fleisch gewordene Heimt�cke. Nichts, was sie tun, geschieht ohne Hintersinn. Sicherlich hatten sie geplant, dich um dein Mahl zu betr�gen. Aber dies ist noch der geringere Frevel. Viel schwerer wiegt der zweite Diebstahl, den sie begangen haben. Sie haben dir das Kostbarste gestohlen, was ein Herrscher besitzt. Etwas, das du nie wieder zur�ckerlangen kannst.�</p><p>Falrach beobachtete, wie der Trollf�rst sich nachdenklich im Schritt kratzte. Oder �berpr�fte er, ob dort etwas fehlte?</p><p>�Was dir niemand mehr zur�ckgeben kann und was dir diese Elfe gestohlen hat, ist nichts Geringeres als Zeit! Du h�ttest hier in diesem pr�chtigen Saal sitzen k�nnen, essen und mit den Gef�hrten deiner heldenhaften K�mpfe plaudern k�nnen. Oder auf deinem Lager mit deinem Weib ruhen k�nnen, wie du es gerne tust zur Mittagsstunde.</p><p>Aber deine Zeit verrinnt. Fruchtlos, ohne Nutzen. Al ein durch die Schuld der Elfe Nandalee und ihres Buhlen.�</p><p>�Mit Verlaub, Rudelf�hrer, doch ist es nicht das Geschw�tz des Kobolds, das dir deine Zeit raubt?�</p><p>Endlich ergriff Emerelle die Initiative, dachte Falrach erleichtert. Sie war redegewandt.</p><p>Sie w�rde den Troll einlullen.</p><p>�Und schon wieder dauert diese Verhandlung etwas l�nger, weil die Elfe das Offensichtliche leugnet�, sagte Dalmag. Der Troll rieb sich �ber das Kinn. �Eine Zeitdiebin�...</p><p>Das ist heimt�ckisch. Man merkt es erst, wenn es zu sp�t ist, und selbst wenn man den Dieb fasst, kann man seine Zeit niemals zur�ckerlangen. Was ist die Strafe f�r Zeit-diebe?�</p><p>�Ich w�rde vorschlagen, es wie schweren Diebstahl zu behandeln, allerm�chtigster Gharub. Immerhin wurde der Herrscher von Feylanviek bestohlen. Daf�r sollte ein Dieb seine rechte Hand verlieren.�</p><p>�So sei es! Hackt dem Weib die Hand ab. Und ihr Buhle soll dabei zusehen.�</p><p>Unter den Kobolden brach geh�ssiger Jubel aus.</p><p>�Tyrannei f�llt stets auf den Despoten zur�ck.� Emerelles Worte waren trotz des Geschreis �berdeutlich zu h�ren, ohne dass sie sonderlich laut gesprochen h�tte. Sie umgab pl�tzlich eine Aura kalter Macht, die selbst Falrach unwillk�rlich einen Schritt von ihr zur�ckweichen lie�.</p><p>Gharub wirkte erschrocken. Er wandte sich an den Kobold. �Was f�r ein Ei? Und von welchem Boten redet sie? Meint sie Madra?�</p><p>�Herr, sie benutzt Magie, um uns Angst zu machen.�</p><p>Der Trollf�hrer atmete schwer. Deutlich war zu sehen, welche �berwindung es ihn kostete, seine Fassung zur�ckzuerlangen. �Pack sie und schneid ihr die Hand ab, Dalmag. Aber nicht hier! Bring sie fort!�</p></section><section><title><p>Der Bettler</p></title><p>Adrien sah zu der kauernden Gestalt hin�ber. Der Alte regte sich nicht. Er lehnte mit dem R�cken an der Wand des Stalls. Die Beine hatte er angezogen. Neben ihm stand eine Bettlerschale. Er trug einen Hut mit breiter Krempe.</p><p>Undeutlich erkannte der Junge einige aus Blei gegossene Gl�cksbringer, die an das Hutband gesteckt waren.</p><p>Adrien dr�ckte die Wurst. Sie gab nur wenig nach. Es war eine harte, eine gute Wurst.</p><p>Er w�rde zwei Tage lang nicht mehr hungern�... �Heh!�, rief er leise.</p><p>Der Bettler reagierte nicht.</p><p>Wind verfing sich heulend in den Dachtraufen der Schenke. Es war still auf der Stra�e.</p><p>Auf dem Weg hierher war ihm niemand begegnet. Auch der Fleischhauer war ihm nicht gefolgt. Ob dieser merkw�rdige Betbruder ihn aufgehalten hatte? Nie mehr Hunger leiden�... Ob er dem Versprechen von Bruder Jules trauen konnte?</p><p>Adrien sah zu dem Bettler hin�ber. Der w�rde nicht merken, ob an der Wurst ein St�ck fehlte. Ob Bruder Jules ihn noch beobachtete? Nie mehr Hunger leiden�...</p><p>Entschlossen ging der Junge hin�ber zu dem Bettler. Eine ausgemergelte, schwarze Katze, die hinter der kauenden Gestalt gehockt hatte, fauchte ihn an und lief dann eilig davon.</p><p>�Hallo�... � Schlief der Kerl? Adrien legte die Wurst in die Schale und kauerte sich neben dem alten Mann nieder. Die treibenden Wolken zerrissen. Wieder heulte der Wind unter der Traufe. Silbernes Mondlicht flutete �ber den verlassenen Hof der Schenke.</p><p>Der Kopf war dem Bettler auf die Brust gesunken, so als schliefe er. Adrien hob den Hut des Alten leicht an. Das Gesicht war eingefallen. In weiten Falten hing die Haut vom Sch�delknochen. Der Mund stand offen. Nur drei dunkel verf�rbte Z�hne waren ihm geblieben. Die Augen waren aufgerissen, die Aug�pfel nach oben verdreht. Sie starrten Adrien an und sahen ihn doch nicht. Der Alte war tot. Namenloses Entsetzen spiegelte sich in seinen Z�gen.</p><p>Adrien fielen die Geschichten �ber den Widerg�nger ein. Er war ein Seelenfresser.</p><p>Allein sein Anblick vermochte zu t�ten. War der Bettler ihm begegnet?</p><p>Vorsichtig wich der Junge von dem Toten zur�ck. War der Widerg�nger vielleicht noch hier? War Bruder Jules in der Stadt, um das Ungeheuer zu jagen? Es hie�, Priester h�tten die Macht, jene Kreaturen, die das Schwert nicht f�rchteten, allein durch das Wort Gottes zu bannen.</p><p>Adrien hatte das Gef�hl, beobachtet zu werden. Er dr�ckte sich mit dem R�cken gegen die Mauer der Schenke. Drinnen war es stil . Zu dieser fr�hen Abendstunde! Es brannte nicht einmal Licht im <emphasis>Silberstrick.</emphasis> War der Widerg�nger jetzt dort? Der Junge malte sich aus, wie der Widerg�nger die Schenke betreten hatte und alle G�ste vor Schreck gestorben waren. Blickte das Ungeheuer vielleicht in diesem Augenblick aus einem der Fenster?</p><p>Er musste zu dem Priester an die Br�cke. Der w�rde ihn besch�tzen, so wie er schon den Fleischhauer von ihm ferngehalten hatte. Adrien machte sich auf und davon.</p><p>Schlich wie ein Schatten durch die n�chtliche Stadt. Einmal musste er den Nachtw�chtern ausweichen, die nur noch zu zweit ihre Runde drehten.</p><p>Ihm war elend kalt. Seine Kleider waren noch durchn�sst vom Schnee auf dem Dach der R�ucherkammer. Mit der Nacht kam der Frost zur�ck. Der schmutzige Schneematsch gefror. Ihm stand der Atem in dichten Wolken vor dem Mund, und seine F��e waren taub vor K�lte. Je l�nger er marschierte, desto mehr Zweifel kamen ihm. Warum sollte der Priester ihm einen Gefallen tun? Wer tat einem Bettlerjungen einen Gefallen ohne Hintergedanken? Und woher wusste der Priester, dass es morgen Nacht einen Schneesturm geben w�rde? Das hatte er bestimmt nur gesagt, um ihm Angst zu machen. Aber wohin sonst k�nnte er gehen?</p><p>Die Stra�e fiel steil zum Fluss hin ab. Deutlich konnte er im Mondlicht die gro�e, steinerne Br�cke erkennen. Auf der anderen Seite lag das Rosstor. Auf dem zinnengekr�nten Bollwerk brannte ein Wachfeuer in einem eisernen Korb, das den Reisenden den Weg zum s�dlichen Stadttor von Nantour und zu den Anlegestellen am Fluss wies.</p><p>Nahe beim Wasser kam es Adrien noch k�lter vor. Ihm schlotterten die Glieder, so sehr er sich auch bem�hte, gegen die K�lte anzuk�mpfen. Er hielt die Arme dicht vor der Brust verschr�nkt. Seine H�nde strichen �ber die �rmel seines klammen Hemds. Verdammter Winter!</p><p>Die steinerne Treppe hinab zu den Anlegepl�tzen war vereist. Adrien st�tzte sich an der Mauer ab. Es war, als ginge er auf Holzkl�tzen. Er sp�rte nicht mal, wie seine F��e den Boden ber�hrten. So schlimm war es noch nie gewesen.</p><p>Er blickte am gemauerten Ufer entlang. Unter dem Br�ckenbogen lag ein langes Flussboot. Der Priester war nicht zu sehen. Hatte er sich einen Scherz erlaubt? Der Junge war den Tr�nen nahe. Er war am Ende seiner Kr�fte. Und es gab keinen warmen Platz f�r ihn in dieser Stadt. Er hatte schon Bettler gesehen, denen die Glieder abgefroren waren. Er wusste, was kommen w�rde. Hoffentlich wurde es so kalt, dass er einfach einschlief und nicht mehr erwachte. Das war besser, als mit brandigen Gliedern dahinzusiechen.</p><p>Aber bis zum Br�ckenbogen w�rde er noch gehen! Al ein aus Trotz.</p><p>�ber dem Ufer, irgendwo im verwinkelten Stra�enlabyrinth der Stadt, erklang der Singsang der Nachtw�chter. Leise fluchend schleppte sich der Junge zum Br�ckenpfei-ler. Das Boot war an zwei rostigen Eisenringen im Mauerwerk vert�ut. Es war fast sieben Schritt lang. So hoch, wie es im Wasser lag, hatte es wohl keine Fracht geladen.</p><p>�ber das Heck spannte sich in flachem Bogen eine geflochtene Schilfmatte. Eine Decke hing vor dem Eingang, als Schutz vor dem Wetter.</p><p>�Bruder Jules?� Adriens Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern.</p><p>Die Decke wurde zur�ckgeschlagen. Eine Hand winkte ihm. �Komm, Junge!� Die Stimme war kaum mehr als ein heiseres Kr�chzen. Lautes Husten folgte.</p><p>Adrien hatte nichts zu verlieren. In dem Verhau im Boot war es vielleicht nicht viel w�rmer, aber zumindest war es dort windgesch�tzt.</p><p>Der Lastkahn bewegte sich sanft in der D�nung. Er lag ein wenig tiefer als1 der Kai.</p><p>Adrien w�rde springen m�ssen. Normalerweise w�re das keine gro�e Sache. Aber mit den tauben F��en�... Ein paar leere S�cke und K�rbe waren alles, was im offenen Kielraum lag.</p><p>Adrien fasste sich ein Herz. Beim Aufprall knickten ihm die Beine weg. Sein Knie schlug hart auf eine der Spanten im Rumpf. Er versuchte, sich wieder aufzurichten, doch seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Er sp�rte keinen Schmerz, aber als er mit der Hand �ber das Knie strich, f�hlte er, wie warmes Blut sein Hosenbein durchtr�nkte.</p><p>Er war ein Bettler und Dieb, aber er hatte seinen Stolz. Der Kerl im Windschutz am Rumpf musste sehen, was geschehen war. Die Decke war noch immer einen Spalt weit zur�ckgeschoben. Aber er r�hrte sich nicht. Wartete er darauf, dass er ihn um Hilfe anflehte? Adrien hatte schon seit Jahren niemanden mehr um Hilfe gebeten. Dieses bisschen Stolz war sein einziger Besitz. Das, was ihm niemand nehmen konnte. Er w�rde ihn nicht aufgeben, und sollte er daf�r verrecken!</p><p>Das Boot schwang sanft von der Uferbefestigung fort. Der Fremde hatte offensichtlich die Heckleine gel�st.</p><p>Adrien dr�ckte die Arme durch und zog sich ein St�ck in Richtung des Verschlags, als der Vorhang ganz zur�ckgeschlagen wurde. Im Dunkel sah er nur den Schattenriss des Mannes. Er ging gebeugt. Ein breitkrempiger Hut verbarg sein Gesicht. Er hatte etwas an sich, das Adrien angst und bange werden lie�.</p><p>Ohne gro� Notiz von ihm zu nehmen, schlurfte der Alte an ihm vorbei und l�ste auch noch die Bugleine. Er stie� das Boot mit einer Stange vom Kai ab und man�vrierte es in die Mitte des Stroms. Sie glitten unter dem Br�ckenbogen hindurch und trieben mit der Str�mung nach S�den.</p><p>Adrien schob sich Zoll um Zoll dem Verschlag entgegen. Sein St�hnen war das einzige Ger�usch an Bord. Er sp�rte den Blick des Schiffers im Nacken. Er nahm an, dass der Mann alt war, weil er sich so schwerf�llig bewegt hatte.</p><p>Die Lichter von Nantour waren im Dunkel der Nacht verschwunden, als er endlich den Verschlag erreichte. Dort stand eine eiserne Schale auf einem niedrigen Dreifu�.</p><p>Ein paar Holzkohlen flackerten in ersterbender Glut. Adrien blies sie an und streckte die zitternden H�nde so weit vor, dass sie fast die Kohlen ber�hrten. Er beugte sich zur�ck und zog die Wolldecke vor den Eingang, um die W�rme besser im Verschlag zu halten. Der mattrote Schein der Kohlen reichte nicht, um das Dunkel aus der Bootskammer zu vertreiben. Tastend fand Adrien noch ein paar Kohlen und ein St�ck Treibholz. Er blickte zweifelnd zur gew�lbten Decke aus geflochtenem Schilf. Er sollte besser nicht riskieren, dass eine Flamme aus dem Feuer schlug. Mehr als ein paar Kohlen nachzulegen w�re leichtfertig.</p><p>Pl�tzlich wurde er sich bewusst, dass der kleine Lastkahn keine Fahrt mehr machte.</p><p>M�de Schritte schlurften �ber Deck. Die Wolldecke wurde zur�ckgeschlagen, und der Schiffer kauerte sich neben ihn. Der Verschlag war unbehaglich eng. Der Alte streifte ihn. Trotz des Rauchs roch Adrien den Gestank von abgestandenem Schwei�.</p><p>�Bruder Jules hat...�</p><p>�Ich wei߫, unterbrach ihn der Alte. Dann griff er nach Adriens F��en. Die Finger des Schiffers waren eisig und hart wie alte Wurzeln. Er begann mit beiden H�nden die F��e zu massieren. Zun�chst sp�rte der Junge kaum etwas. Doch als das Blut wieder besser zirkulierte, wurde ihm bewusst, wie viel Kraft in diesen H�nden steckte. Jeder Fu�knochen schmerzte, so fest dr�ckten die Finger ins Fleisch.</p><p>�Bist ein bisschen zimperlich, nicht wahr?�</p><p>Adrien sagte nichts, obwohl ihm Tr�nen in den Augen standen, als der Alte endlich aufh�rte.</p><p>�Wohin bringst du mich?�, stie� er endlich hervor.</p><p>�Flussabw�rts.�</p><p>�Wer ��</p><p>Der Alte stand auf. �Ich hab den Kahn an den Wurzeln einer Eiche vert�ut. Ich muss zur�ck nach vorn. Wir haben noch ein gutes St�ck Weg vor uns�, schnarrte er mit heiserer Stimme. �Du findest im Sack neben dir ein paar �pfel. Und deine Wurst. Iss und schlaf dann.� Das matte Gl�hen der Kohlen beleuchtete das Gesicht des Alten, als er sich kurz vorbeugte, um auf den Sack zu deuten. Und jetzt begriff Adrien, was ihm von Anfang an so unheimlich vertraut vorgekommen war. In Blei gegossene Gl�cksbringer schimmerten in stumpfem Grau am Hutband. Ein faltiges, fast fleischloses Gesicht blickte auf ihn herab. Das Gesicht des Bettlers, der am Stall des <emphasis>S�berstricks</emphasis> gekauert hatte. Das Gesicht eines Toten!</p><p>Der Wille der K�nigin</p><p>�Verdammt, M�dchen! Ein warmer Furz von mir hat mehr Verstand, als in deinem Dickkopf steckt. Du kannst das nicht machen! Du bist die K�nigin!�</p><p>�Wenn es so ist, w�rde sich vielleicht ein warmer Furz von dir besser auf dem Thron machen.�</p><p>Sie w�rde nicht nachgeben, das wusste Lambi. Genauso gut k�nnte er auf einen Felsbrocken einreden. Er musste eine weiche Stelle finden. Einen Punkt, an dem er sie treffen k�nnte. Sie stand in der T�r der kleinen H�tte, die sie bewohnte. Sie war eine merkw�rdige K�nigin. Er kannte Landarbeiter, die ein besseres Leben f�hrten als sie.</p><p>Er versuchte an ihr vorbeizusehen. Gl�hende Holzscheite lagen in einer Grube in der Mitte des einzigen Zimmers. Er sah Sp�ne auf dem Boden liegen und ein Brett mit einer aufwendigen Schnitzarbeit. Sie arbeitete an einer Wiege. Er wusste das. Wie lange w�rde sich ein Weibsbild auf dem Thron halten, das Wiegen zimmerte? Was w�rden die anderen Jarls davon halten, wenn sie es w�ssten? Die Ger�chte um den Mann, der angeblich bei ihr lebte, waren schon schlimm genug.</p><p>�Mein Enkelsohn�... �, begann er und bem�hte sich um einen vers�hnlichen Tonfall.</p><p>�Warum gehst du davon aus, dass es ein Sohn wird? Diese Trollschamanin sagte, es w�rde ein M�dchen. Hast du das schon vergessen?�</p><p>Er hatte es tats�chlich vergessen. Was wussten schon Trolle! Aber er w�rde jetzt nicht mit ihr streiten. Er w�rde sich zusammenrei�en! �Das Kind. Du kannst in deinem Zustand nicht einfach nach Norden gehen. Nicht jetzt.�</p><p>�Gerade jetzt�, beharrte sie. �Die Seen und Fl�sse sind zugefroren. Wir werden viel schneller vorankommen.�</p><p>�Genau. Und eure Spuren im Schnee k�nnte selbst ein halbblinder Troll nicht �bersehen. Verdammt nochmal, f�hr dich nicht auf wie ein bockiges Kind. Du bist die K�nigin! Steckt denn kein Funken Vernunft in dir?�</p><p>Kadlin l�chelte ihn auf eine Art an, die ihn das Schlimmste bef�rchten lie�. �Du wirst mich vertreten, Lambi. Sollte ich nicht zur�ckkommen, dann hast du Gelegenheit, alles besser zu machen als ich. Mir w�re es nur recht. Ich habe diesen Thron nie gewollt.�</p><p>So war es mit ihrem Vater auch gewesen. Der alte Fjordl�nder dachte an das Kr�nungsfest im Trollwinter zur�ck. In einer j�mmerlichen Scheune hatten sie Alfadas zum K�nig ausgerufen. Aber er war Manns genug gewesen, sich zu stellen. Lambi ma� Kadlin mit Blicken. Man sah ihr noch nicht an, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Man sah ihr auch nicht an, dass sie K�nigin war. In ihrem Aufzug mit Stiefeln, lederner Hose und einem mit Lammfell gef�tterten Wams sah sie aus wie eine J�gerin.</p><p>Nur dass es J�gerinnen eigentlich gar nicht gab. Im Fjordland wussten Frauen, wo ihr Platz war. Nur diese eine nicht, ihre verdammte, dickk�pfige K�nigin. Dieses Mannweib, das seinem Sohn den Kopf verdreht hatte. Bj�rn war tot, gefallen in den K�mpfen bei der Nachtzinne. Und nun hatte er mit dem Weib zurechtzukommen, das seinen Enkelsohn geb�ren w�rde. Und es w�rde ein Junge werden! Ganz gleich, was sie sagte. Das konnte er ihr ansehen. So dickk�pfig wie sie war auch Svenja gewesen, bevor sie Bj�rn gebar. Kadlins Sturheit war ein sicheres Zeichen daf�r, dass sie einen Jungen bekommen w�rde!</p><p>Wie auch immer. Wenn er schon nicht zu ihrer Vernunft durchdrang, dann w�rde es ihm vielleicht gelingen, ihr Verantwortungsbewusstsein zu wecken. �Dieses Trollweib hat dir Frieden versprochen. Es war ein Geschenk daf�r, dass du zu den Toten gegangen bist�... � Er stockte. Allein die Erinnerung daran jagte ihm Schauder �ber den R�cken. Ihr Mut stand v�llig au�er Frage. Es w�re nur sch�n, wenn au�er Mut auch ein wenig Verstand da w�re. �Der F�rst der Nachtzinne wartet nur darauf, dass du ihm einen Grund lieferst, einen Krieg anzufangen. Der Kerl will Rache.�</p><p>Kadlin senkte zum ersten Mal, seit er an ihre T�re geklopft hatte, den Blick. Das war ein gutes Zeichen.</p><p>�Wir haben die Schiffe nicht verbrannt. Wir hatten keinen Anteil an�... �</p><p>�Er ist ein Troll. So denkt er nicht. Wir waren dabei, als es geschah. Wir haben es nicht verhindert. Gib ihm einen Grund, und er wird seinen gl�henden Zorn in Str�men von unserem Blut k�hlen.�</p><p>�Ich werde nicht mit einem Heereszug in sein Land einfallen. Wir sind wieder fort, bevor uns ein Troll gesehen hat.�</p><p>�Uns?�</p><p>�Ich werde einen Begleiter haben.� Sie sagte das in einem Tonfall, der deutlich machte, dass er auf weitere Fragen keine Antwort erwarten durfte.</p><p>Bisher waren es nur Ger�chte gewesen. Es machte ihm mehr aus, als er erwartet h�tte.</p><p>Sie war die Geliebte seines Sohns gewesen. Sie w�rde seinen Enkelsohn zur Welt bringen, und nun hatte sie einen anderen Mann in ihrer H�tte. Er reckte sich ein wenig vor. Es war niemand zu sehen. Aber der gr��ere Teil der H�tte war auch vor seinen Blicken verborgen.</p><p>�Muss ich auf Knien betteln, damit du zur Vernunft kommst?� Er wollte tats�chlich niederknien, doch sie hielt ihn bei den Schultern. Sie war stark.</p><p>�Lass das, Lambi! Mein Entschluss steht fest. Ich werde ihn holen gehen. Es muss vor Ende des Winters geschehen, sonst...� Ihr stockte die Stimme.</p><p>�Er ist tot�, brach es aus ihm heraus. �Bei Luth, welchen Sinn hat das? Wem nutzt es, ihn hier zu haben?�</p><p>�Das ist eine Frage der Ehre!�</p><p>�Dass ich nicht lache! Auch wenn du dich wie eine dumme Kuh auff�hrst, wei� ich doch, dass du nicht so d�mlich bist, das ernst zu meinen. Eine bl�de Ausrede ist das!</p><p>Ehre�... Drauf geschissen. Als h�tte dir das je etwas bedeutet! Sag mir wenigstens den wirklichen Grund. Und komm mir nicht wieder mit so einem bl�den Spruch!�</p><p>Ihre Maske der Selbstbeherrschung brach zusammen. Ihre Lippen zitterten. Einen Herzschlag lang hatte er das Gef�hl, sie w�rde in Tr�nen ausbrechen. Dann beherrschte sie sich wieder. �Sie werden ihn fressen, wenn sie ihn finden.�</p><p>Er nickte. Das stimmte, sie w�rden es tun. �Aber sein Grab ist gut versteckt. Sie werden ihn nicht finden.�</p><p>�Kannst du mir das schw�ren?�</p><p>�Bei allen G�ttern, ja! Ich schw�re dir, sie werden ihn da niemals ...�</p><p>Sie griff nach seiner Rechten, die er erhoben hatte, um den Eid zu bekr�ftigen. �Tu das nicht. Ver�rgere die G�tter nicht. Niemand kann das wissen. Seit ich wei�, was geschehen ist ... Ich kannte ihn kaum. Vielleicht macht es die Vorstellung deshalb so unertr�glich f�r mich. Ich schulde ihm etwas. Ich muss es tun.�</p><p>Er konnte das nur zu gut verstehen. Er hatte ihn gut gekannt. So gut, wie man ihn nur kennen konnte. Er vermisste ihn. �Ich werde dir helfen.� Er meinte das nicht ernst. Er musste ein wenig Zeit gewinnen. Man musste sie zur Vernunft bringen!</p><p>�Das ist gut. Ich kann Hilfe gebrauchen.� Sie trat in ihr Haus zur�ck. Und es war deutlich, dass er nicht eingeladen war, ihr zu folgen. �Wir reden morgen noch einmal.</p><p>Zur Mittagsstunde.�</p><p>Er nickte. �Ja, das klingt vern�nftig.� Aber er w�rde nicht reden. Worte allein w�rden nicht helfen, um dieses dickk�pfige M�dchen, das ihre K�nigin war, zur Vernunft zu bringen.</p></section><section><title><p>Die Schmiede</p></title><p>Falrach duckte sich unter der Hand des Trolls weg, stolperte fast �ber einen Kobold, der versuchte ihn aufzuhalten, und drehte seinem Gegner den Spie� aus der Hand. Die Waffe war zwar l�cherlich winzig im Kampf gegen einen Troll, aber sie war besser als blanke F�uste.</p><p>Der Elf stach nach dem Oberschenkel eines anderen Angreifers, drehte sich weg, rammte einem verdutzten Kobold das Knie gegen das Kinn und machte einen Ausfall gegen einen weiteren Troll, der vor der Spitze des kleinen Koboldspie�es sogar zur�ckwich und einen Kameraden, der unmittelbar hinter ihm gestanden hatte, ins Straucheln brachte.</p><p>Falrach war als Schwertk�mpfer kaum besser als mittelm��ig gewesen. Dieser fremde K�rper gehorchte nicht seinem Willen. Er bewegte sich in tausendfach einge�btem, t�dlichem Tanz. Ihm fehlte die Gabe der Magie. Das hier war das Geschenk, das Ollowain bei seiner Geburt erhalten hatte. Er war der geborene Krieger. Mit endlosen �bungen und eiserner Disziplin hatte er einen K�rper erschaffen, dem jede Art des T�tens wohlvertraut schien.</p><p>Dieser fremde Leib war nun in seinem Element, und Falrach f�hlte sich wie ein Beobachter bei dem, was geschah. Er schwang den Koboldspie� in weitem Bogen.</p><p>Hinter ihm schnappte der Abzug einer Armbrust. Ein Ruck riss ihm den Spie� fast aus der Hand. Die st�hlerne Spitze hatte den Armbrustbolzen aus der Bahn gedr�ngt. Das Geschoss traf einen Kobold und nagelte ihn an die holzget�felte Wand des Saals.</p><p>�Gib auf!�</p><p>Die Trolle und Kobolde umringten ihn noch immer. Doch sie hielten respektvollen Abstand. Keiner schien sonderliche Lust zu haben, als Erster anzugreifen. Einer der Trollkrieger hielt Emerelle gepackt. Seine massige graue Hand umklammerte den bleichen Hals der K�nigin. Dicke Finger hatten sich in ihr Fleisch gegraben. �Sie stirbt, wenn du dich nicht ergibst�, sagte Dalmag, der sich halb hinter einem der Beine des Trolls versteckt hielt.</p><p>Die Worte des Kobolds waren Falrach gleichg�ltig. Es w�re t�richt, von ihm etwas anderes als L�gen zu erwarten. Alles, was z�hlte, war, was er in Emerelles Blick las. Sie wollte, dass der Kampf endete. Warum?</p><p>Er lie� den Spie� fallen. Fast augenblicklich traf ihn ein Schlag im R�cken. Er ging mit.</p><p>Lie� sich von der Wucht des Treffers zu Boden rei�en, statt Widerstand zu leisten. Sein R�cken wurde taub. Er versuchte sich hochzustemmen, aber ein Fu� dr�ckte ihn zu Boden. Seine Rippen knackten. Seine Brust wurde unerbittlich auf den Steinboden gequetscht. Der Troll w�rde ihn wie l�stiges Ungeziefer zertreten.</p><p>Er versuchte den Kopf zur Seite zu drehen, um Emerelle zu sehen.</p><p>Der Druck auf seinen R�cken verst�rkte sich. Er konnte nicht mehr einatmen. Die Luft stockte ihm in der Kehle und wollte nicht in seine Lungen hinabflie�en.</p><p>�Lass ihn leben!�, befahl Dalmag. �Er soll sehen, was mit ihr geschieht. Morgen erwartet ihn dann die Strafe f�r den Mord an meinem Kameraden.�</p><p>Schmerz belagerte all seine Sinne. Er h�rte die Stimme des Kobolds wie aus weiter Ferne, obwohl Dalmag nicht mehr als ein paar Schritt entfernt stehen konnte.</p><p>Der Druck auf seinen R�cken lie� nach, doch er vermochte immer noch nicht zu atmen. Man packte ihn. Hob ihn hoch. Ein Troll klemmte ihn sich unter den Arm wie ein Ferkel, das man zum Metzger trug. Seine Augen betrogen ihn. Er sah, wie man ihn zum Tor der Festhalle trug. Dann waren sie im Freien. Zur Linken lag ein zugefrorener Kanal.</p><p>Falrach blinzelte. Das St�ck Erinnerung daran, wie sie den H�ndlerpalast verlassen hatten, fehlte.</p><p>Direkt unter ihm war pl�tzlich ein Koboldgesicht. Eine lange, spitze Nase �ber einem breiten, fast lippenlosen Mund reckte sich ihm entgegen. Gelbe Augen sahen ihn eindringlich an. Woher kam der Kleine so pl�tzlich?</p><p>�Der Elf, der hat eine ganz seltsame Farbe im Gesicht. Der sieht aus, als w�rde er�... �</p><p>Falrach lag pl�tzlich mit dem R�cken im Schnee. Wieder fehlte ihm ein St�ck Erinnerung. Er f�hlte sich seltsam leicht. In seinen Lungen brannte ein verl�schendes Feuer. Emerelles Gesicht erschien �ber ihm.</p><p>Sie sagte etwas, aber er h�rte nicht mehr. Die ganze Welt war in unheimliche Stille versunken. Unmittelbar neben ihm stand Dalmag und verpasste ihm einen ver-</p><p>�chtlichen Fu�tritt. Falrach sp�rte keinen Schmerz.</p><p>Emerelles Lippen ber�hrten seinen Mund. K�hler Atem str�mte in seine Kehle. Er hatte das Gef�hl, als w�rde etwas tief in ihm aufgesto�en. Ihr Atem erstickte den Brand in seinen Lungen. Er b�umte sich auf.</p><p>Ihre Hand dr�ckte ihn sanft zur�ck. Jetzt konnte er ihre Stimme h�ren. Sie fl�sterte Worte der Macht. Angenehme W�rme strahlte von ihrer Hand aus.</p><p>�Das reicht�, sagte Dalmag. �Entweder er steht auf, oder er verreckt im Schnee.</p><p>Morgen werden wir ihn ohnehin hinrichten.�</p><p>Falrach konnte wieder aus eigener Kraft atmen. Ein Troll packte Emerelle und zog sie von ihm fort. Ein anderer stellte sich breitbeinig �ber ihn. Mit sattem Klatschen lie� er die Keule in die offene linke Hand schlagen. Er blickte erwartungsvoll zu ihm hinab.</p><p>�Du bist tapfer, kleiner Krieger. Es wird mir eine Ehre sein, dein Herz zu essen.�</p><p>Falrach atmete noch einmal tief ein. Die kalte Winterluft schien ihm ges�ttigt mit tausend Ger�chen. Dem Gestank der Gosse, in der er lag. Allerlei F�kalien, verfaulendes Gem�se. Der unverwechselbare Geruch von Kohlsuppe. Gekochtes Fleisch. Er roch das ranzige Fett, mit dem der Troll seine Haut eingerieben hatte. Das schwei�dunkle Leder der Riemen, die um den Griff der Keule geschlungen waren. Den schweren, leicht metallischen Geruch von frisch vergossenem Blut, den eine schwache Brise den Kanal hinab von den Schlachth�fen im Norden Feylanvieks herantrug.</p><p>Nasses Hanf und Leinen von Tauwerk und Segelt�chern der vielen Frachtk�hne, die das Eis gefangen hielt. Den bei�enden Rauch der Torffeuer in den H�usern. Tausend Geschichten vom Leben in der Stadt erz�hlten ihm all die Ger�che.</p><p>Der Troll �ber ihm hob seine Keule.</p><p>�Noch geh�rt dir mein Herz nicht�, stie� Falrach schwach hervor. Er presste die Handfl�chen auf das nasse Pflaster und stemmte sich hoch. M�hsam kam er auf die Beine. Ihm war schwindelig.</p><p>Der Troll lie� seine Waffe nicht sinken. Unschl�ssig blickte er zu Dalmag.</p><p>�Lass ihn. Wenn er laufen kann, soll er die Schmiede sehen.�</p><p>Falrach war kurz versucht, sich auf den Troll zu st�tzen. Aber sein Stolz verbot ihm diese Geste der Schw�che. Seine Wache lie� ihn nicht aus den Augen. Ahnte der Troll, was er gerade gedacht hatte? Der Elf streckte den R�cken durch. Stechender Schmerz war sein Lohn.</p><p>�Los!� Dalmag eilte zur Spitze des Zuges.</p><p>Eine Schar Kobolde umringte Falrach. Sie fuchtelten mit ihren Spie�en unter seiner Nase herum. �Komm, Elflein. Fall um, und wir kitzeln dich ein wenig.�</p><p>�Lasst ihn!� Der Troll schob sie mit der Keule zur Seite.</p><p>Mit gefl�sterten Verw�nschungen wichen sie aus. Einer versuchte, Falrach mit seinem Speer in den Schenkel zu stechen. Wie ein Falke stie� die Hand des Elfen nieder.</p><p>Schmerz und Ersch�pfung waren verflogen. Er packte den Schaft der Waffe und drehte sie dem Kobold mit einem Ruck aus der Hand.</p><p>�Fang nicht schon wieder an�, drohte der Troll.</p><p>Falrach senkte die Speerspitze zum Boden hin und st�tzte sich auf die Waffe. �Nur eine Kr�cke�, sagte er beschwichtigend.</p><p>Sein W�chter grunzte etwas, machte aber keinen Versuch, ihm die Waffe abzunehmen.</p><p>Sie marschierten den Kanal entlang, bis sie vor sich die niedergebrannte Schmiede sahen. Die blasse Wintersonne stand tief am Himmel. Im Westen waren dunkle Wolken aufgezogen. Es roch nach Schnee.</p><p>Immer wieder blickte Falrach zum Kanal hinab. Er und Emerelle k�nnten auf dem d�nnen Eis laufen. Die geschickteren unter den Kobolden wohl auch. Aber einen Troll w�rde das Eis nicht tragen. Wenn sie flohen, dann sollten sie es �ber den Kanal tun.</p><p>Dort w�rde die �bermacht ihrer Feinde keine Bedrohung sein. Die Aussichten, auf diesem Weg zu entkommen, waren nicht schlecht. War das auch Emerelle bewusst?</p><p>Hatte sie sich deshalb so bereitwillig in das Urteil gef�gt? Hatte sie l�ngst geplant, auf welchem Weg sie beide in die Freiheit entkommen konnten? Er sollte ihr vertrauen!</p><p>Entlang der Ufer des Kanals sammelten sich mehr und mehr Kobolde. Boten mussten die Nachricht vom Urteil in die Stadt getragen haben. Betroffen sah Falrach, wie viele von ihnen verst�mmelt waren.</p><p>Nur wenige Kobolde schwatzten miteinander. Die meisten standen einfach still da. Es war schwer, die Gedanken an ihren Gesichtern abzulesen. Sie wirkten verschlossen.</p><p>Verbittert!</p><p>Sie wurden zwischen verkohlten Balken hindurchgef�hrt. Shandrals Schmiede lag mitten auf einer Br�cke. Der Gro�teil der W�nde war eingest�rzt. Die Zuschauer an den Ufern konnten ohne M�he verfolgen, was vor sich ging.</p><p>Zwei Trolle trugen zwischen langen Stangen einen eisernen Korb mit gl�henden Kohlen zur Schmiede. Ein Schwert steckte darin. Falrach stockte der Atem. Er erkannte den Griff. Die geschwungene bronzene Parierstange. Den fast dreieckigen Knauf. Es war sein Schwert.</p><p>Der Elf sah zum anderen Ufer. Noch immer wuchs die Menge der Kobolde weiter an.</p><p>Eine stumme, dunkle Flut. Ein Meer von Blicken. Obwohl er nichts Unrechtes getan hatte, f�hlte Falrach sich schuldig. Die letzten Gespr�che unter den Kobolden waren verstummt. Vereinzelte Schneeflocken trieben im Abendrot, das lange Schatten auf den Kanal warf. Das leise Knirschen des Eises war das einzige Ger�usch. Dann war das Schlagen von H�mmern zu h�ren. Ein scharfes Kommando.</p><p>Wieder fuhren H�mmer nieder. Noch ein drittes Mal. Dann erklang ein Ger�usch wie ein heiseres Seufzen. Es folgten hastige Rufe. Eis splitterte.</p><p>Darauf schien Dalmag nur gewartet zu haben. Er winkte einem Troll zu, der im Nordteil der Schmiede stand. Dort hatte das Feuer nicht alles vernichtet. Der Krieger dr�ckte einen schweren, vom Feuer geschw�rzten Hebel nieder. Etwas rumpelte unter der Br�cke. Pl�tzlich erklang das Ger�usch fallenden Wassers.</p><p>H�lzernes R�derwerk setzte sich in Bewegung. Eine schwere Kette rasselte.</p><p>Zwei Trolle packten Emerelle und f�hrten sie zu einer Reihe von drei gro�en Ambossen. �ber dem mittleren erhob sich ein Hammerkopf, gr��er als ein Pferdesch�del.</p><p>Die Trolle zwangen Emerelle niederzuknien.</p><p>�Leg deine rechte Hand auf den Amboss!�, befahl Dalmag.</p><p>Die Elfenk�nigin wirkte v�llig ruhig. Sie sah kurz zum Anf�hrer der Kobolde. Dann blickte sie zum Ufer. Inzwischen waren dort Hunderte versammelt. Selbst auf den D�chern hockten sie, um dem Schauspiel beizuwohnen.</p><p>�Ist es das, was ihr wollt? Soll ein Unrecht mit Unrecht vergolten sein? Muss erneut Blut flie�en, damit euer Rachdurst gestillt ist?�</p><p>Einzelne Schneeflocken funkelten wie ein Diadem im Haar der gefallenen K�nigin.</p><p>Falrach packte den Spie�, den er den Kobolden entrissen hatte, fester. Er w�rde nicht zusehen, wie sie Emerelle dem�tigten.</p><p>Starke H�nde legten sich auf seine Schultern.</p><p>Der Elf b�umte sich auf, aber es war unm�glich, dem eisernen Griff zu entkommen.</p><p>Einen Augenblick nur hatte er �ber das, was sich dort abspielte, alles andere vergessen. Nur einen Herzschlag lang war er unachtsam gewesen!</p><p>�L�st den Hammer!�, befahl Dalmag.</p><p>Ein erneutes Krachen lief durch das R�derwerk. Eichenholzzapfen griffen ineinander.</p><p>Der riesige Hammerkopf hob sich dem Abendhimmel entgegen.</p><p>Wie gebannt starrte Falrach auf die zierliche Hand, die auf dem schwarzen Amboss lag. Die Finger waren gespreizt.</p><p>Der Hammer sauste nieder.</p><p>Schwer dr�hnte der Hammerschlag �ber den Kanal.</p><p>Falrach hatte die Augen zusammengekniffen. Als er sie wieder �ffnete, hob sich der Hammerkopf erneut dem Himmel entgegen. Ein einzelner Bluttropfen l�ste sich von dem schwarzen Metall und fiel hinab. Er streifte Emerelles Wange und hinterlie� eine d�nne rote Linie auf der marmorbleichen Haut. Sie sah zum Himmel auf. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Kein Schmerzenslaut kam �ber ihre Lippen.</p><p>�Du musst ihr die Hand abtrennen�, sagte Dalmag. Sein Tonfall war sachlich, doch ein h�mischer Unterton begleitete sie. �Ihre Hand wird nie mehr heilen. Wenn man sie nicht sauber abschneidet, wird die Wunde brandig. Dann ist sie in einer Woche tot.�</p><p>Falrach zwang sich, auf den Amboss zu blicken. Der Kobold hatte Recht. Keine Magie Albenmarks k�nnte das heilen. Er rang nach Luft.</p><p>�Wenn du es nicht tust, dann wird es niemand tun. Wir k�nnen auch einfach einen Lappen darum wickeln. �brigens, dies ist der Ort, an dem du morgen sterben wirst.</p><p>Sieh dir ihre Hand gut an. Das machen wir mit deinen Armen und Beinen.� Dalmag gab dem Troll einen Wink, der Falrach gepackt hielt. �Lass ihn los. Hast du schon einmal eine brandige Wunde gerochen? Sonst stinkt ihr Elfen ja nie. Glaubst du, auch Wundbrand wird bei euch von Wohlger�chen begleitet?�</p><p>Der Troll setzte ihn tats�chlich ab. Falrach atmete tief durch. Er hielt den Blick fest auf das Schwert gerichtet. Feine Schneeflocken streichelten �ber sein Gesicht. Die Sonne war hinter den steilen D�chern der Stadt verschwunden. Die Glut der Kohlen tauchte die ausgebrannte Schmiede in unstetes, rotes Licht, das geisterhafte Schatten zwischen dem Gerippe verkohlter Dachbalken tanzen lie�.</p><p>�Denk nicht einmal daran�, sagte Dalmag hinter ihm. �Ich habe einige Armbrustsch�tzen in der Ruine. Deine Vorf�hrung in der Halle war sehr eindrucksvoll. Glaubst du, du wirst das auch schaffen, wenn sieben Sch�tzen gleichzeitig auf dich schie�en?�</p><p>H�tte Ollowain es geschafft? Falrach wusste ganz sicher, dass er dies nicht vermochte.</p><p>Und er wagte es nicht, sich dem, was Ollowain aus diesem K�rper erschaffen hatte, erneut anzuvertrauen. Nicht, wenn er bei klaren Verstand war! Im Gerichtssaal hatte ihn sein Zorn �bermannt. Jetzt hie� es, einen k�hlen Kopf zu bewahren.</p><p>Er trat vor den eisernen Korb. Funken stoben dem Nachthimmel entgegen, als er das Schwert langsam aus der Glut zog. Der Griff der Waffe war so hei� geworden, dass man ihn kaum halten konnte.</p><p>Er trat an die Seite der gescheiterten K�nigin. Mit wie viel Hoffnungen war er mit Emerelle in die Snaiwamark gereist! Er hatte geglaubt, die Liebe, die vor Jahrhunderten sein Tod beendet hatte, k�nne einfach wiedererstehen. Das war nicht geschehen, und nun stand er vor ihr, um ihr die Hand abzutrennen.</p><p>Schneeflocken zischten auf der gl�henden Klinge.</p><p>Emerelle sah zu ihm auf. Sie nickte kaum merklich.</p><p>Falrach atmete schwer aus. Er zwang sich, auf das zu blicken, was von der Hand geblieben war, die ihn einst liebkost hatte. Handteller und Finger waren verschwunden.</p><p>Ein rotgl�hender Bogen schnitt durch die Nacht. Fleisch und Knochen leisteten der Klinge kaum Widerstand.</p><p>�Heb das Schwert hoch�, stie� Emerelle gepresst hervor.</p><p>Er gehorchte verwundert.</p><p>Die K�nigin erhob sich. Sie sah ihm fest in die Augen. Dunkles Blut schoss in pulsierenden St��en aus der schrecklichen Wunde. Sie hob den Armstumpf seinem Schwert entgegen und presste die Wunde auf das gl�hende Metall.</p><p>Ihr Mund �ffnete sich zu einem stummen Schrei. Dann sank sie in seine Arme. Das Schwert entglitt seiner Hand. Zischend fiel es in den Schnee.</p><p>�Ich gratuliere dir, Elf. Du gibst einen guten Scharfrichter ab�, sagte Dalmag. �Ich bin wirklich neugierig, wie wacker du dich schlagen wirst, wenn du morgen die Seiten wechselst. Sie hat gar nicht geschrien, deine Buhle. Ist sie genauso kalt, wenn ihr euch liebt?�</p><p>Falrach angelte mit dem Fu� nach dem Schwert, das vor ihm lag.</p><p>Sofort wich Dalmag zur�ck. �Du denkst an die Arm brustsch�tzen, tapferer Elfenritter? Wahrscheinlich w�rden sie euch beide treffen.�</p><p>Voller hilfloser Wut gab Falrach auf. Widerstand war zwecklos. Der Kobold hatte Recht. Jedes Aufb�umen w�rde ihr Schicksal nur noch schneller besiegeln.</p><p>�Der Kerl ist mir wieder zu munter�, sagte Dalmag m�rrisch und winkte den beiden Trollen, die den Eisenkorb getragen hatten. �Verpr�gelt ihn ein bisschen. Aber schlagt nicht so fest zu, dass wir morgen keinen Spa� mehr mit ihm haben. Er soll noch zappeln, wenn wir ihn auf den Amboss legen.�</p></section><section><title><p>Die Andere</p></title><p>Er erwachte, weil ihm hei� war. Benommen blinzelte er. Dunkelheit umfing ihn. Da war ein matter, roter Schimmer�... Die Erinnerung war wie ein Sturz in kaltes Wasser.</p><p>Emerelle. Er hatte ihren Namen auf der Zunge, und doch wollte er nicht �ber seine Lippen kommen. Etwas stimmte nicht!</p><p>Seine Augen gew�hnten sich rasch an die Dunkelheit. Der Schnee drau�en warf das Mondlicht zur�ck und sandte ein blasses, geisterhaftes Licht durch das Kerkerfenster.</p><p>Schwarz zeichneten sich die Eisenstangen gegen den Nachthimmel ab. Seine H�nde brannten von den verzweifelten Versuchen, eine der Gitterstangen zu l�sen. Wie lange mochte es bis zum Morgen dauern? Wie viele Atemz�ge ma� ihr Leben noch?</p><p>Wasser rann durch das vergitterte Loch. Ein d�nnes Rinnsal. Neben seinem Knie hatte sich eine Pf�tze auf dem lehmigen Kerkerboden gebildet.</p><p>Erneut wurde er sich der widernat�rlichen Hitze bewusst. Seine Kleidung klebte schwei�nass an seinem Leib. Mitten im Winter! In einer Stadt, in der es in dieser Jahreszeit so kalt werden konnte, dass die V�gel im Flug erfroren.</p><p>Er konnte Emerelle nur aus den Augenwinkeln sehen. Sie war aufgewacht und kauerte an der Wand der Zelle. Stumm wiegte sie sich. Ihre Linke umklammerte den Armstumpf dicht �ber der abgetrennten Hand.</p><p>Ein unstetes, rotes Licht umspielte die gr�ssliche Wunde. Es wirkte wie ein Nebel aus feinsten Bluttr�pfchen. Kein Schmerzenslaut kam �ber die Lippen der K�nigin.</p><p>Er h�tte aufstehen sollen. Doch etwas hielt ihn zur�ck�... Olowains K�rper war ein Hohn. Nie zuvor war er Hitze und K�lte ausgeliefert gewesen. Ein einziges Wort der Macht hatte gen�gt, solch Unbill zu bannen.</p><p>Falrach f�hlte sich schmutzig durch den Schwei�. Ein leicht s�uerlicher Geruch haftete ihm an. Doch mit dem Verlust war auch Neues gekommen. Ollowain hatte andere Gaben. Noch waren sie Falrach fremd, zu verschieden waren sie von seinem fr�heren Leben. Er musste sich Ollowains Vergangenheit stellen, um sie zu ergr�nden.</p><p>Nur einer dieser besonderen F�higkeiten war er sich bis jetzt bewusst, er sp�rte sie in diesem Augenblick. Eine innere Spannung, die all seine Sinne sch�rfte. Ollowain hatte ein geradezu animalisches Gesp�r f�r Gefahr. Einen Sinn, der dem kultivierten Elfenvolk der Normirga l�ngst verlorengegangen war.</p><p>Er sp�rte es in genau diesem Augenblick. Es war Emerelle. Er sollte sie nicht ansehen.</p><p>Obwohl er ahnte, dass sie gerade das wollte. Etwas geschah mit dem Stumpf. Sie st�hnte.</p><p>Es hatte schon fr�her Ger�chte um sie gegeben. Damals hatte er es als b�swilliges Gerede abgetan. Aber jetzt ... Lag es an dem r�tlichen Licht? An dem Schmerz, den sie litt? Ihr Antlitz wirkte fremd�... Schatten wogten �ber die W�nde des Kerkers. Formen, die nicht allein mit dem Spiel des seltsamen Lichts zu erkl�ren waren.</p><p>Eine pl�tzliche B� fegte �ber die D�cher der Stadt. Holzschindeln klapperten. Ein Fensterladen schlug irgendwo im Dunkel der Nacht. Und der Wind trug eine Stimme herbei. Heiser. Fremd. Laute, die eine Elfenzunge nicht einmal mit Hilfe der Magie zu formen vermochte.</p><p>Falrach hatte das beklemmende Gef�hl, dass sie beide in dem winzigen Kerker nicht mehr allein waren.</p><p>Es war nicht greifbar. Eine Macht, die er mit jeder Faser seines K�rpers sp�rte und die sich zugleich all seinen Erfahrungen entzog. War es der Albenstein? Waren sie etwa noch da? Konnte Emerelle sie rufen?</p><p>Ein Schrei brach den Bann.</p><p>Er war mit einem Satz auf den Beinen und an Emerelles Seite. Er war dazu geboren, sie zu besch�tzen. So war es immer schon gewesen.</p><p>Die K�nigin kr�mmte sich. Ihre Finger gruben sich tief in das helle Fleisch ihres Arms.</p><p>Aus dem verbrannten Stumpf schob sich ein Knochen.</p><p>Emerelle zitterte vor Schmerz am ganzen Leib. Sie biss sich auf die Lippen. Ein d�nner Faden Blut lief ihr �ber das Kinn. Unverwandt stierte sie auf die gr�ssliche Verletzung.</p><p>Falrach stockte der Atem. Weitere Knochen wuchsen aus dem Stumpf hervor. Ein Geflecht von Sehnen umgab sie. Und dann schlugen Adern aus der Wunde. Wie die zarten Arme von Seeanemonen, die im Gezeitenstrom wogten, bewegten sie sich und tasteten am Knochen entlang.</p><p>Das rote Licht wurde dunkler. Fester. Muskeln formten sich aus dem Nichts.</p><p>Fingern�gel krochen aus dem roten Fleisch.</p><p>Falrach stand leicht �ber sie gebeugt. Er schirmte sie� mit seinem Leib ab. So wie er es im letzten Augenblick seines fr�heren Lebens getan hatte. �berdeutlich sah er jede Einzelheit mit an. Hatte sich die Magie in den Jahr tausenden seit seinem ersten Tod so sehr gewandelt? Keine Macht, die er einst gekannt hatte, h�tte ein so vollst�ndig zerst�rtes K�rperglied wiederherstellen k�nnen. Wer die Gabe des Heilens besa�, vermochte Krankheiten zu bannen und schrecklichste Wunden wieder zu schlie�en. Doch das hier ... Das war ganz anders als die Magie, die er einmal gekannt hatte. Es war widernat�rlich. Nicht im Einklang mit der Magie der Welt.</p><p>Emerelles Hand war vollst�ndig nachgewachsen. Sie streckte die Finger und ballte sie zur Faust. Ihre Haut war glatt und makellos. Sie unterschied sich in nichts von der Haut des Armes.</p><p>Das rote Licht war verschwunden. Die K�lte der Winternacht sickerte zwischen den Gitterst�ben des Kerkers hindurch und vertrieb die schw�le Hitze.</p><p>Emerelle blickte zu ihm auf. Ihre Tr�nen hatten silbern schimmernde Spuren auf ihre Wangen gezeichnet. Sie hob die nachgewachsene Hand und strich ihm �ber die Lippen, als wolle sie ihm bedeuten zu schweigen. Die Fingerspitzen waren warm.</p><p>Falrach zuckte zur�ck. Ein Schauder �berlief ihn und fra� sich tiefer in sein Innerstes als der Atem des Winters. Diese Hand ... Rein �u�erlich unterschied sie sich in nichts von der Hand, die ihm noch gestern Morgen nach dem Erwachen das Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte. Und zugleich unterschied sie sich in allem. W�rde er je wieder ihre Ber�hrung herbeisehnen?</p><p>Sollte sein Zur�ckweichen Emerelle verletzt haben, so lie� sie es sich nicht anmerken.</p><p>Sie erhob sich. Wie klein und zerbrechlich sie wirkte!</p><p>Eine leichte Geste mit der Linken und ein gefl�stertes Wort rissen die T�r des Kerkers aus den Angeln. Mit Donnerget�se prallte sie auf die gegen�berliegende Wand.</p><p>�ber ihnen erklangen erschreckte Rufe. Das Stampfen schwerer Trollf��e lie� die gew�lbte Decke �ber ihren H�uptern erzittern.</p><p>An der Treppe, die nach oben f�hrte, brannte eine Fackel. Ihr Licht zeichnete harte Schatten in das Gesicht der K�nigin.</p><p>Ein Troll, der in einer Wandnische gekauert hatte, erhob sich. Sein massiger Leib f�llte den Gang und verschlang das Licht. Er wirkte benommen. Schlaftrunken.</p><p>Fairachs Hand fuhr unwillk�rlich an seine H�fte. Da war kein Schwert. Sie besa�en keine Waffe.</p><p>Der Troll schnitt eine Grimasse. In der Rechten hielt er eine Kriegskeule, die er langsam hin und her schwingen lie�. Der Gang zur Treppe war zu eng, um dieser Waffe ausweichen zu k�nnen. Sie waren ihm ausgeliefert! Auch ein Schwert h�tte hier nichts ausrichten k�nnen.</p><p>Emerelle blieb ganz ruhig.</p><p>�Stell dich hinter mich�, fl�sterte Falrach. Er wusste nicht, wie er den Troll aufhalten sollte. Ob Ollowain es vermocht h�tte?</p><p>Emerelle stie� einen knappen Laut aus. Scharf. Schneidend. Dabei machte sie eine Bewegung, als wolle sie Wasser von ihren H�nden sch�tteln. Ein Sirren folgte. Die weiten �rmel ihres Mantels sch�ssen vor wie die Fangarme eines Kraken. Der Stoff schlang sich um den gedrungenen Hals des Trolls. Er wurde zu Boden gezerrt. Trotz des Getrampels und der Alarmrufe war das Knacken, mit dem sein Genick brach, deutlich zu h�ren.</p><p>�Wer durch die Macht des Grauens regiert, der wird zuletzt selbst durch das Grauen verschlungen werden.�</p><p>Mehr noch als ihre Worte erschreckte Falrach der Tonfall, in dem sie sprach. Und er ahnte, dass das, was nun kommen w�rde, die Schrecken der Schmiede wie einen dummen Scherz erscheinen lassen w�rde.</p></section><section><title><p>Im Haus der K�nigin</p></title><p>�Mach endlich!�, zischte Lambi dem Mann mit der Axt zu.</p><p>Narvgar hielt die schwere Waffe umklammert und regte sich nicht. Bei Luth! Gab es denn nur noch Feiglinge? Er war mit Narvgar einst in der Albenmark gewesen und hatte gegen Trolle gek�mpft. Aber heute Nacht schien den alten Recken aller Mut verlassen zu haben.</p><p>�Das ist das Haus der K�nigin�, sagte der Axttr�ger kleinlaut.</p><p>Lambi nahm ihm die Waffe ab. Er hatte mit Bedacht nur M�nner aus seinem Haushalt f�r dieses Unternehmen ausgesucht. Die Wachen der K�nigin waren abgezogen. Niemand w�rde sie aufhalten. Nur Answin, der Befehlshaber der Wachen, war hier. Er hatte zutiefst verstanden, dass es keinen anderen Weg gab. Sie taten das zu Kadlins eigenem Besten!</p><p>Lambi holte mit der Axt aus und lie� sie gegen die Holzt�r krachen. Wie Donner hallte der Schlag in der Nacht. Wahrscheinlich sa� Kadlin jetzt schon aufrecht auf ihrem Strohsack.</p><p>Wieder krachte das Axtblatt auf die T�r. Ein Spalt zog sich durch das Holz. Lambi malte sich aus, wie Kadlin aufsprang und nach ihrem Schwert griff. Mit einem Sei-tenblick vergewisserte er sich, dass seine Schildtr�ger bereitstanden. Sie w�rde wie eine in die Enge getriebene Silberl�win k�mpfen. Aber ihr durfte nichts geschehen!</p><p>Wieder sauste die Axt nieder. Ein breiter Span riss aus der T�r. Noch drei Schl�ge, und die �ffnung war gro� genug. Lambi lie� die Axt fallen, zog sein Schwert, schob die Klinge durch die �ffnung in der T�r und dr�ckte von unten gegen den Querbalken, der die Holzt�r verriegelte.</p><p>Niemand versuchte ihm die Waffe aus der Hand zu schla gen. Das war merkw�rdig! Er h�tte nicht einfach tatenlos zugesehen, wie die T�r entriegelt wurde. Da stimmte etwas nicht! Er wich ein wenig zur�ck. Kadlin war ganz gewiss nicht eingesch�chtert, nur weil man nachts mit einer Axt ihre T�re einschlug.</p><p>Das passte nicht zu ihr.</p><p>Lambi malte sich aus, wie sie mit schussbereitem Bogen auf der anderen Seite der Feuerstelle stand und darauf wartete, wer als Erster �ber ihre Schwelle trat.</p><p>�Schild!� Narvgar trat an seine Seite und reichte ihm seinen gro�en Rundschild. Lambi �berlegte einige Herzschl�ge lang. Sollte er mit ihr reden? Nein, das war aussichtslos.</p><p>Sie w�rde ihm nicht verzeihen, was er gerade getan hatte. Nicht jetzt... In ein paar Tagen vielleicht, sobald sie begriff, dass es nur zu ihrem Besten war, wenn er sie hier in Firnstayn festhielt.</p><p>Der alte Recke duckte sich hinter den Schild. Dann trat er die entriegelte T�r auf und st�rmte in die kleine H�tte, dicht gefolgt von seinen M�nnern. Kein Pfeil schlug in seinen Schild. Kein Schwert sauste herab. Niemand r�hrte sich. Lambi lie� den schweren Eichenschild sinken. Was, bei Firn, war hier los? �Licht!�</p><p>Narvgar blies die Reste der Glut in der Feuergrube an. Das schwache Leuchten schien die Dunkelheit nur noch zu betonen. Der Krieger legte Holzsp�ne nach.</p><p>Ungeduldig sah Lambi sich um. Neben dem Butterfass stand die kleine Wiege. Sie hatte die Arbeit vollendet. Der Anblick versetzte ihm einen Stich ins Herz. Er dachte an seinen Enkelsohn, mit dem sie nun schon auf dem Weg ins Land der Trolle war.</p><p>�Answin!�</p><p>Der st�mmige Krieger trat durch die T�r. Er war so gro�, dass er sich ducken musste.</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Das w�sste ich gern von dir! Haben deine M�nner nicht das Haus der K�nigin bewacht? Wie kann es sein, dass sie fort ist? Was hat deine Bande verschlafener Welpen gemacht?�</p><p>�Niemand ist durch diese T�r gekommen�, sagte der h�nenhafte Krieger. �Ich selbst��</p><p>�Worte wie D�nnschiss!� Lambi war au�er sich vor Wut. Sie hatte ihm doch versprochen, dass sie am Mittag mit ihm reden w�rde. Und er hatte darauf vertraut, dass sie erst kurz vor Morgengrauen versuchen w�rde, zu fliehen. Er h�tte es besser wissen m�ssen!</p><p>Kleine blaue Fl�mmchen loderten in der Feuergrube auf. Narvgar f�tterte sie mit d�rrem Reisig. Endlich wurde es heller.</p><p>Lambi sah sich in der H�tte um. Erb�rmlich! Der einzige Gegenstand von einigem Wert war der Kupferkessel, der an einem eisernen Haken �ber der Feuerstelle hing. Ihr Schlafplatz bestand allein aus einem schlichten Strohsack und einer alten grauen Wolldecke. Da war kaum genug Platz f�r zwei, dachte er erleichtert. Vielleicht war an den Ger�chten ja doch nichts dran.</p><p>Er kniete neben der Schlafstelle nieder. H�tte er seine Nase noch, h�tte er wohl wie ein Hund an der Decke geschnuppert. Das war das erste Mal, dass die Verst�mmelung ihn davor bewahrte, sich zum Gesp�tt zu machen.</p><p>Seine Finger glitten �ber das helle Holz der Wiege. Sie hatte ein Bild von ziehenden Rentieren in das Fu�ende geschnitten.</p><p>�Hier, Herzog!� Answin winkte ihm. Der hochgewachsene Krieger hatte Kadlins Kleidertruhe zur Seite gezogen. Dahinter war ein Loch in die Wand aus Lehm und geflochtenen Zweigen geschnitten. Gerade gro� genug, dass man sich auf dem Bauch liegend hindurchzw�ngen konnte.</p><p>�Lass Pferde satteln�, sagte Lambi ruhig. �Wir brauchen auch Fackeln. Sie ist nach Norden gegangen.� Gro�e Hoffnungen, sie noch zu finden, hatte er nicht. Sie war eine erfahrene J�gerin. Sie wusste, wie man unentdeckt blieb. Hoffentlich war sie schlau genug, um die Trolle zu �berlisten. Sie waren ein ganzes Volk von J�gern.</p></section><section><title><p>Der steinerne Wald</p></title><p>Adrien beobachtete den Alten. Er stand vorne im Boot und stakte sie mit langsamen, sicheren Bewegungen zwischen den Felsen hindurch. Nur ab und an betrachtete der Junge die Landschaft. H�tte dort vorn im Bug ein anderer Schiffer gestanden, er h�tte sich sicher kaum sattsehen m�gen an den himmelhohen Bergen, an deren Steilflanken sich dunkle Zedernhaine erstreckten. Die Wipfel waren wei� von Schnee, doch an den Ufern hatte der Winter noch keine Macht gewonnen. Dichtes braunes R�hricht verbarg ganze Scharen von V�geln, wie Adrien sie noch nie zuvor gesehen hatte. Kleine blaue S�nger, die in der Morgenstunde einen unheimlichen, klagenden Ruf �ber den Strom hallen lie�en. Wildenten mit gr�nrotem Gefieder, die ganz pl�tzlich in dichten Schw�rmen aus dem toten Schilf hervorbrachen. Gro�e wei�e V�gel auf d�rren Beinen und mit stolzem Kopfputz, die w�rdevoll im seichten Wasser herumstaksten.</p><p>Aber Adrien gestattete sich nur fl�chtige Blicke auf all diese Wunder, denn er reiste mit dem Tod, und er hatte Angst, dass er, wenn er den Alten aus den Augen lie�, bald auch nicht mehr zu den Lebenden geh�ren w�rde.</p><p>Seit der Schiffer ihn im Verhau im Heck besucht hatte, hatten sie beide kein Wort mehr miteinander gewechselt. Fast zwei Tage war das her. Adrien musste inzwischen darum k�mpfen, dass ihm die Augen nicht zufielen. Der Alte schien keine M�digkeit zu kennen. Nat�rlich nicht! Er war jenseits aller M�digkeit.</p><p>In der ersten Nacht hatte Adrien noch gehofft, der Widerg�nger w�rde im ersten Morgenlicht verschwinden. So war es in allen Geschichten, die er je �ber die Gesch�pfe der Nacht geh�rt hatte. Aber der Schiffer blieb. Er hielt den Lastkahn auf Kurs.</p><p>Unbeirrbar. Schweigend. Nur selten blickte er �ber die Schulter zu Adrien. Seine blauen Augen schienen alterslos. Nicht ein einziges Mal zwinkerte er.</p><p>Der Junge musste g�hnen. Er streckte sich und zwang sich dann, ganz gerade zu sitzen. Langsam wurde ihm bewusst, dass er in diesem Duell unterliegen w�rde.</p><p>�Wohin bringst du mich?� Seine Kehle war vom langen Schweigen rau. Die Worte f�hlten sich fremd und sperrig an.</p><p>�Zum Steinernen Wald.� Der Schiffer blickte nicht einmal �ber die Schulter. �Ist dort deine Gruft?�</p><p>Der Alte stie� seinen Stecken tief ins Wasser und lenkte das Boot an einer Klippe vorbei. Der Fluss str�mte hier schneller. Die Stimme des Wassers war von einem leisen Fl�stern zu einem gehetzten Raunen geworden. Es schien der weiten Berglandschaft entfliehen zu wollen. Wei�er Schaum umsp�lte die Felsen.</p><p>�Bringst du mich in deine Gruft?�</p><p>�Du wirst allein zum Steinernen Wald hinaufsteigen.�</p><p>Adrien brauchte eine Weile, um die Worte zu erfassen. Er w�rde ausgesetzt werden!</p><p>Hier inmitten der Wildnis. In dieser verrufenen Gegend, in die sich nicht einmal R�uber wagten. Der Steinerne Wald ... So lange er sich erinnern konnte, hatte er Geschichten von der versunkenen Stadt in den Bergen geh�rt. Es hie�, dort l�gen unermessliche Reicht�mer verborgen. K�nig Cabezan war einst mit einem Heer in die Berge gezogen, um S�ulen f�r seinen Palast zu holen. Aber selbst im Schutz seiner Krieger hatte er sich nicht sehr weit in die Berge gewagt. Mit nur vier k�mmerlichen S�ulen war er zur�ckgekehrt. Seine M�nner aber hatten Hunderte Geschichten in die St�dte Fargons getragen. Geschichten von den unheimlichen Stimmen der Berge. Von Lichtern, die um die h�chsten S�ulen tanzten. Von einem gl�sernen Tal und Geistern.</p><p>�Ich kann da nicht hingehen�, sagte er leise. �Niemand geht dahin.�</p><p>�Dann werde ich dich ertr�nken�, entgegnete der Schiffer so beil�ufig, wie man eine l�stige Fliege erschlug. Und Adrien hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass er es ernst meinte.</p></section><section><title><p>Burg Elfenlicht</p></title><p>Skanga nahm seine Aura in sich auf. Die flie�enden Farben der Angst.</p><p>�Er ist unverletzt�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr.</p><p>Die alte Schamanin seufzte. Das sah sie auch. Obwohl sie blind war. Blind f�r all das, was sich dem Auge aufdr�ngte, um die Wahrheit zu verschleiern. Wie viel klarer waren da die magischen Auren! �Wie viele?�</p><p>�Wir haben siebzehn K�pfe gez�hlt. Siebzehn, die noch�... �</p><p>Skanga las Scham und Schrecken in ihm. Sie kannte Madra nicht, aber um zu den Leibwachen eines Rudelf�hrers zu geh�ren, musste er seinen Mut in vielen K�mpfen unter Beweis gestellt haben.</p><p>�Hast du meiner Herrin einen der K�pfe mitgebracht?�</p><p>Die Farben von Madras Aura gerieten durcheinander. Sie verwirbelten zu einem schmutzigen Gr�n.</p><p>�Ich stelle die Fragen�, zischte Skanga ver�rgert. Der Kerl war schon aufgew�hlt genug! �Wie lange ist es her?�</p><p>�Drei Tage. Ein Lutin hat mich ...�</p><p>Sie hob den Kopf, und der tote Blick ihrer wei�en Aug�pfel lie� ihn verstummen. Ihr war schon klar, dass ihn ein Lutin gebracht hatte. Man musste das Netz der goldenen Pfade betreten, um in nur drei Tagen von Feylanviek bis nach Burg Elfenlicht zu gelangen.</p><p>�Wie starben sie?�</p><p>�Jeder auf eine andere Art. Die meisten�... Viele waren zerrissen, als habe ein gro�es Raubtier sie angefallen. Aber es war�... anders. Grausamer.�</p><p>Skanga versuchte sich den Stadtpalast vorzustellen. Die Toten�... Einen Anblick, der einen Troll ersch�tterte. Wen hatten diese d�mlichen Welpen eingefangen, um ihn zu qu�len? Welche zwei Elfen hatten solche Macht? Hatte Noroelle vielleicht einen Weg gefunden, aus ihrer Verbannung zu entfliehen? Die Hofmagierin hatte einen Bastard geboren und war verbannt worden. War sie in der Einsamkeit wahnsinnig geworden?</p><p>Und der Krieger an ihrer Seite, der Elf mit dem langen, blonden Haar, war das Farodin? Wer vermochte in wenigen Augenblicken einen Rudelf�hrer und seine Leibwache niederzumetzeln?</p><p>Skanga erhob sich. Ihre Gelenke krachten. Wohlvertrauter Schmerz durchbohrte ihr die Knie und den R�cken. Sie sollte ein wenig auf und ab gehen. Das half beim Gr�beln. Manchmal.</p><p>�Komm her, Madra!� Sie st�tzte sich auf den Arm des Kriegers. �Gharub hat die Elfe also daf�r verurteilt, dass sie ihm Zeit gestohlen hat.�</p><p>�Ja.�</p><p>Die Schamanin roch die Angst des Kriegers. Er schien sich sicher, dass sie ihn bestrafen w�rde, sobald sie mit ihm fertig war. �Diese Anklage hat sich ein Kobold ausgedacht, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und der wurde auch get�tet?� �Ja.�</p><p>Skanga musste an sich halten. Geschw�tzigkeit war ihr zuwider, aber Madra �bertrieb es mit seiner Wortkargheit. Sie �berlegte, ob sie nach Feylanviek reisen sollte, um sich ein besseres Bild machen zu k�nnen. Selbst wenn die Kobolde schon alles ges�ubert hatten, hinterlie�en so blutige und grausige Ereignisse eine Spur in der Aura des Palastes. Zumindest f�r eine kurze Zeit. �Was geschah mit den Toten?�</p><p>�Ich habe Gharubs halbe Leber gegessen und einen Mund voll von seinem Herzen. Er war ein gro�er Krieger�... �</p><p>Skanga zwackte Madra in den Arm, um ihn wieder zum Schweigen zu bringen. Sie wusste nur zu gut, was mit Helden geschah. �Und die �brigen? Habt ihr die in den Fluss geworfen? Es gibt doch einen Fluss bei Feylanviek, oder?�</p><p>�Sie sind verbrannt.�</p><p>Nat�rlich. Ein Trollkrieger, der etwas auf sich hielt, w�rde sich lieber eine Hand abschneiden, als von der Leber eines K�mpfers zu essen, der in seiner Aufgabe versagt hatte. Die Ehre, verspeist zu werden, blieb allein Helden vorbehalten.</p><p>Gr�belnd schlurfte Skanga vor sich hin, ohne auf den Weg zu achten. K�nig Gilmarak sa� noch nicht lange genug auf dem Thron von Albenmark, um sich dort sicher zu f�hlen. Und er war viel zu jung, um ein guter Herrscher zu sein. Sie bem�hte sich, ihn zu f�hren, aber sie konnte nicht Tag und Nacht an seiner Seite verbringen. Leider h�rte er nur allzu oft auf andere Berater, vor allem auf diesen verfluchten Lutin Elija Glops.</p><p>Gharub hatte nun also erlebt, wozu es f�hrte, wenn man sich allzu sehr diesen verblen-deten Kobolden anvertraute. Seine sp�t gewonnenen Einsichten w�rde er nicht mehr weitergeben k�nnen.</p><p>Skanga spielte gedankenverloren mit dem Albenstein, der halb verborgen zwischen all den anderen Amuletten von ihrem Hals hing. Sie dachte an ihre alte Lehrerin Mahta Naht. Mahta hatte Freude daran gehabt, sie zu qu�len. Aber sie war klug gewesen. <emphasis>Der Weg zur Macht ist lang und beschwerlich, aber er ist ein Spaziergang im Vergleich zu dem Weg, der vor dir liegt, wenn du einmal gewonnene Macht behalten wil st. Darum �berlege dir gut, nach wie viel Macht du strebst.</emphasis></p><p>Diese Worte waren Skanga seit dem Sieg �ber Emerelle oft durch den Kopf gegangen.</p><p>Burg Elfenlicht war umringt von Hunderten Zelten. Es sah aus, als w�rde die stolze Elfenfestung belagert. Und so war es auch fast. Wahre Heerscharen von Bittstellern und Schleimern hatten sich eingefunden. Manche warteten wochenlang auf eine Audienz bei Gilmarak.</p><p>Die meisten von ihnen glaubten, dass sie den jungen K�nig �berlisten k�nnten, weil er fast noch ein Kind und obendrein nur ein dummer Troll war. Der Lutin Elija Glops hatte Gilmarak bei diesem endlosen Gerede im Thronsaal oft guten Rat gegeben. Aber der verdammte Lutin war zu klug, als dass man ihm tief vertrauen k�nnte. Skanga hasste es, hier zu sein. Sie hatte sich den Sieg �ber die Elfen anders vorgestellt.</p><p>Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich kaum Gedanken dar�ber gemacht, was geschehen w�rde, wenn Emerelle von ihrem Thron vertrieben war. Ihr ganzes Denken hatte nur um den Kampf gegen die K�nigin und die Heere ihrer Verb�ndeten gekreist. Auf das, was danach kam, war sie v�llig unvorbereitet gewesen! Schon allein diese Burg! Es hatte Jahre gedauert, die von den Elfen besetzten H�hlenfestungen der Snaiwamark wieder wohnlich zu machen. Mit dieser Burg w�rde das wohl niemals gelingen.</p><p>Die alte Trollschamanin lauschte auf das Rauschen des Wassers. Man h�rte es fast �berall in der Burg. Es gab Dutzende Brunnen. Und dann dieser Thronsaal ... Kein Troll, der halbwegs bei Verstand war, k�me auf die Idee, sich eine H�hle zu suchen, in der Wasser an allen W�nden hinablief, und die obendrein keine Decke hatte! Es war unbegreiflich, was in den K�pfen von Elfen vor sich ging! Sie f�hrten sich auf, als seien ihre Urahnen Biber gewesen.</p><p>Und dann die Silberschale bei dem Thron. Es hie�, Emerelle habe ganze Tage damit verbracht, in sie hineinzustarren. Diese Burg war an sich schon verr�ckt. Aber sich diesem Ding anzuvertrauen, das war der blanke Wahnsinn! Im ganzen Thronsaal konnte sie die b�sartige Aura der Schale sp�ren. Sie war von dunkler Magie durchdrungen. Schlimmer noch. Etwas Lebendiges war an ihr. Ein b�sartiger Geist. Skanga hatte so etwas noch nie gef�hlt. Musste man blind sein, um so deutlich zu erkennen, womit man es zu tun hatte? Sie hatte mit niemandem dar�ber geredet. Auch mit Birga nicht.</p><p>Ihre einf�ltige Sch�lerin hielt die Silberschale f�r harmlos. Sie erz�hlte, dass V�gel aus dem Park herbeigeflogen kamen, um in der Schale zu baden.</p><p>Blendwerk! Die Schale tat harmlos. Am besten sollte man sie in den Schlund eines der Vulkane in der Snaiwamark werfen. Das war die einzige Art, mit solchen Werken dunkler, undurchsichtiger Magie umzugehen! Ein einziges Mal hatte sie den Fehler gemacht, in die Silberschale zu blicken. Dass sie blind war, hatte sie nicht gesch�tzt. In aller Deutlichkeit hatte die verwunschene Schale ihr gezeigt, wie sie sterben w�rde.</p><p>Skanga wusste nicht, wann ihr Schicksal sie ereilte. Aber sie wusste, dass sie ein langsamer, schmerzvoller Tod ohne W�rde erwartete. Sie w�rde zuletzt darum betteln, nicht mehr leben zu m�ssen.</p><p>Nur einen kurzen Augenblick hatte sie in die Schale geblickt, aber sie hatte das Gef�hl gehabt, die Ereignisse von vielen Tagen Herzschlag f�r Herzschlag miterlebt zu haben.</p><p>Das Gesehene verfolgte sie in ihren Tr�umen. Sie war nicht �ngstlich ... Aber dieser eine Blick in die Silberschale hatte ihr Leben ver�ndert. Erst jetzt hatte sie tief begriffen, welche Gnade es war, nicht um seinen Tod zu wissen. Von nun an w�rde ein Schatten auf ihrem Leben liegen.</p><p>�Skanga?� Birga zupfte an ihrem Gewand. Diese kleine Schlampe wusste genau, dass sie es nicht mochte, von ihr ber�hrt zu werden.</p><p>�Was!�</p><p>�Madra ist immer noch da. Soll er gehen? Du scheinst sehr tief in Gedanken. Willst du allein sein?�</p><p>Diese geheuchelte Unterw�rfigkeit. Sie hasste das! �Hab ich euch entlassen?�</p><p>�Nein. Ich dachte nur�... �</p><p>�Hab ich dir erlaubt, zu denken?�, blaffte Skanga. �Du tust nur, was ich dir sage. Das ist alles, was ich von dir erwarte.�</p><p>Birga sagte nichts mehr. Es war still bis auf das Rauschen des Wassers. Skanga sah sich Madra an. Etwas an seiner Aura war eigenartig. Ihr fehlte etwas�... Aber sie konnte nicht genauer benennen, was es war.</p><p>Ein Pulk schnatternder Kobolde kam aus dem Thronsaal. Als sie sie bemerkten, verstummten die kleinen Nichtsnutze. Mit hastigen, trippelnden Schritten huschten sie vor�ber.</p><p>Skanga umschloss den Albenstein mit der Faust. Seine Magie linderte die Schmerzen in ihrer gichtverkr�ppelten Hand. Sie musste ihre Gedanken ordnen! Feylanviek! Wer waren die beiden Elfen gewesen? War die Tat nur ein Racheakt an einem tyrannischen Kobold und einem dummen Troll? Oder war es der Beginn von etwas Gr��erem?</p><p>Planten die Elfen eine Revolte? Dass Emerelle einfach aufgegeben hatte, hatte die meisten ihrer F�rsten �berrascht. Noch war es nicht zu Aufst�nden gekommen. Aber man durfte dieser verdammten Elfenbrut nicht trauen. Sie sol te sich selbst ein Bild davon machen, was in Feylanviek geschehen war. Au�erdem war es ein guter Vorwand, diese verfluchte Elfenburg zu verlassen.</p><p>�Sind alle Leichen der Trolle fortgeschafft worden?�</p><p>�Ja, Skanga.�</p><p>�Es gab auch tote Kobolde, nicht wahr? Du hast nichts dar�ber berichtet.�</p><p>�Es sind ja nur Kobolde. Keine Krieger ...�</p><p>�Wie viele waren es?�, dr�ngte sie. Deutlich spiegelte sich die Anspannung in seiner Aura. Zweifel �berfielen ihn. Er bef�rchtete, etwas falsch gemacht zu haben.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Haben die Kobolde sauber gemacht?�</p><p>Er r�usperte sich. �Ich war nicht so lange dort. Es w�re viel Arbeit. Und es ist noch nicht entschieden, wer die neuen Anf�hrer sein werden.�</p><p>Das war doch was, dachte Skanga. Die Geschichte jenes Abends war mit Blut geschrieben worden. Wenn es noch niemand aufgewischt hatte, k�nnte sie daran ablesen, was genau geschehen war. Vielleicht k�nnte sie auch herausfinden, wer die beiden Elfen gewesen waren. Sie hatte einen Verdacht. Zugleich hoffte sie aus tiefstem Herzen, dass sie sich irrte. Siebzehn tote Trolle. Und nur zwei Elfen! Der einzige Elfenkrieger, dem sie so etwas zugetraut h�tte, war tot. Zumindest behauptete das Elijah Glops. Wenn der intrigante kleine Lutin gelogen hatte, dann h�tte sie einen Grund, dem Mistkerl den Hals umzudrehen. Allein das war schon die Reise nach Feylanviek wert.</p></section><section><title><p>Ein Weg f�r Narren</p></title><p>Falrach blies warmen Atem auf seine gefalteten H�nde. Die K�lte w�rde ihn t�ten, wenn sie noch lange anhielt. Nein, das stimmte nicht ganz ... Die K�lte und sein Stolz.</p><p>Ein Wort von ihm w�rde gen�gen, und Emerelle w�rde ihn mit einem Zauber vor dem bitteren Frost besch�tzen. Sie ging nur wenige Schritt vor ihm. Doch ihre Gestalt war kaum mehr als ein Schatten im dichten Schneetreiben.</p><p>Wieder blies sich Falrach auf die H�nde. Wie hatte es Ollowain geschafft, in diesem K�rper so lange zu �berleben? Die Elfen aus dem Volk der Normirga lernten schon als Kinder jene Worte der Macht, welche die K�lte bannten. Sie konnten in leichten Seidengew�ndern auf ihren Eisseglern �ber die weiten Ebenen Carandamons dahin-jagen, ohne dass der bei�ende Frost ihnen in die Glieder schnitt. Nur Ollowain nicht ... Er war ganz ohne Magie geboren. Das war �beraus selten unter Elfen. Ein einziger Elf in einem Jahrhundert mochte mit diesem Makel gestraft sein. Falrach fluchte. Und ausgerechnet in so einem Leib war sein Bewusstsein wiedererwacht.</p><p>Sein Blick streifte die dunklen Flecken auf den �rmeln seines dick gef�tterten Mantels.</p><p>Sie waren gn�digerweise fast ganz unter festgebackenem Schnee verborgen. Ollowain hatte eine andere Gabe�... Die Erinnerung an ihren Besuch im Gerichtssaal mochte nicht vergehen, sosehr er sich auch bem�hte, diese Bilder aus seinen Gedanken zu bannen. Der m�chtige Bidenh�nder, den er unter dem Waffenschmuck in der Eingangshalle des Koboldpalastes gefunden hatte, dr�ckte schwer auf seinen R�cken.</p><p>Es war ihm ganz so erschienen, als habe die Waffe ihn in dem Augenblick erw�hlt, da er sie sah. �ltere, tiefere Erinnerungen an ein vergangenes Jahrtausend hatten ihn beim Anblick des gro�en Schwertes mit der geschwungenen Klinge durchdrungen.</p><p>Erinnerungen an m�chtige Schwingen, Feueratem und kalte Angst. Solche Waffen waren einst f�r jene Tapfersten der Tapferen geschmiedet worden, die es wagten, sich den Drachen zu stellen. Auch er hatte einmal so ein Schwert besessen. Aber seines war nicht so schwer gewesen�... Alles wurde schlechter, dachte er. Pl�tzlich musste er schmunzeln. Er f�hrte sich auf wie ein griesgr�miger, alter Kobold. Er sollte mehr wie fr�her sein. Das hier war nicht mehr die Welt, aus welcher der Tod ihn gerissen hatte.</p><p>Es lag nicht in seiner Macht, dies zu �ndern. Er sollte den F�hrnissen des Schicksals mit einem trotzigen L�cheln begegnen! Ob er sich ver�nderte oder nicht, es war seine Wahl.</p><p>Er atmete schwer aus. Wieder standen ihm die Bilder des Kampfes vor Augen. So etwas w�rde er nie wieder tun!</p><p>Emerelle war stehen geblieben und er so tief in Gedanken, dass er sie fast angerempelt h�tte. Verwundert sah er sich um. Weit reichte sein Blick nicht. Er konnte kei nen besonderen Grund ausmachen, warum sie angehalten hatte. Sie waren irgendwo s�dlich von Feylanviek, wo flache H�gel sich wie sanfte Meeresbrandung bis zum Horizont hinzogen. F�r ihn gab es keinerlei Orientierungspunkte. Ein H�gel sah aus wie der andere. Insbesondere da sie alle unter Schnee begraben lagen.</p><p>Emerelle kniete nieder und zeichnete eine verschlungene Linie in das Wei�. �Wir stehen auf einem niederen Albenstern. Nur vier Pfade kreuzen sich hier. Das muss gen�gen.�</p><p>Eine K�lte, die tief aus seinem Inneren kam, erfasste Falrach. �Nur vier Albenpfade�, sagte er m�de. Ihm war klar, dass sie nach dem, was in Feylanviek geschehen war, fliehen mussten. Aber warum hier? Es hatte einen Albenstern inmitten der Stadt gegeben. Einen sicheren Stern!</p><p>Emerelle blickte zu ihm auf und wartete auf seine Frage. Sie war so sch�n. So unglaublich sch�n. Die Jahrhunderte hatten ihr ebenso wenig etwas anzuhaben vermocht wie der schneidende Wind und das Schneetreiben. War eine Marmorstatue so lange den Elementen ausgesetzt, dann wurden ihre Z�ge weicher. Wind und Zeit schliffen harte Kanten rund. Bei Emerelle war das Gegenteil geschehen. Ihre Z�ge wirkten einpr�gsamer. H�rter. Und doch war nichts von dem verschwunden, was ihn einst so sehr angezogen hatte. Noch immer konnte er sich in den Tiefen ihrer hellbraunen Augen verlieren. Sie wirkten unschuldig. Ihre Farbe erinnerte an das Fell eines Rehkitzes. Die gefallene K�nigin war zart, ja von zierlicher Gestalt. Das Haar trug sie offen. Es fiel in Wellen auf den wei�en Umhang, der ihre Schultern bedeckte. Wer sie von Ferne sah, mochte sich in ihr t�uschen�... Stand man ihr jedoch von Angesicht zu Angesicht gegen�ber, dann sp�rte man jene Kraft, vor der einst sogar Drachen zur�ckgeschreckt waren. Sie war ungebrochen. Auch wenn sie ihre Krone verloren hatte.</p><p>�Warum nehmen wir diesen Weg?�</p><p>�Weil uns hier nur Narren folgen werden.�</p><p>Er rang sich ein L�cheln ab, obwohl ihm nicht danach zumute war. �Sind wir mehr als Narren, wenn wir versuchen, durch diesen Albenstern zu gehen?�</p><p>Auch um ihre Lippen spielte ein fl�chtiges L�cheln. Doch ihre Augen blieben hart.</p><p>�Wir werden es wissen, wenn wir unseren Weg gegangen sind. Nach einer Weile ...�</p><p>Es war zum Verzweifeln mit ihr! Das war dasselbe Verhalten wie in Feylanviek! War ihr denn ganz gleich, was mit ihnen geschah? Musste sie das Schicksal herausfordern?</p><p>War das alles, was das Leben ihr noch zu bieten hatte? Einen niederen Albenstern zu durchqueren, war ein unn�tiges Risiko. Ein winziger Fehler mochte sie auf ihrer Reise durch das goldene Netz mehr als Hunderte von Meilen von hier fortf�hren. Und es bestand zudem die Gefahr, dass sie weit in der Zeit voranschritten. Ein Jahr, ein Jahrzehnt, ein Jahrhundert... Oft dauerte es eine Weile, bis man wusste, wie gro� der Schaden war. Albensterne, an denen sich sieben Wege kreuzten, waren sicher. Je weniger Wege es wurden, desto gr��er war die Gefahr, sich zu verlieren. Jeder Fehler war unumkehrbar. Zeitspr�nge f�hrten stets nur in die Zukunft. Es gab keinen Weg mehr zur�ck.</p><p>�Vertrau mir.� Emerelle griff nach seiner Hand. �Ich bringe uns in Sicherheit. Nicht in Gefahr.�</p><p>�Und Feylanviek? Warum?�</p><p>�Ich musste wissen, ob sie es wirklich tun.�</p><p>Falrach sah auf die Hand, die ihn hielt. Die Hand, die ihr neu gewachsen war, obwohl dies gegen die Gesetze der Magie war. Kein Zauber konnte ein verlorenes Glied neu erschaffen. Nicht aus Fleisch und Blut.</p><p>�Ekelst du dich vor mir?� Emerelle zog ihre Hand zur�ck.</p><p>�Du hast dich so sehr ver�ndert ...� Nein, es war kein Ekel, den er empfand. Sie machte ihm Angst. Und zugleich war er ihr verfallen. �Dieses Blutbad�... Fr�her h�ttest du nicht�... �</p><p>�Ich musste ganz sicher wissen, dass sie die Strafe voll ziehen.� Sie senkte den Blick. �Ich h�tte Shandral bestrafen m�ssen. Das vers�umt zu haben, ist unverzeihlich. Ich hatte es verdient�... �</p><p>�Aber warum diese Morde? Wenn du allein Dalmag get�tet h�ttest. Oder auch noch diesen Trollf�rsten. Aber alle!�</p><p>�Sie alle waren dabei, als Unrecht gesprochen wurde. Und keiner hat gegen das Urteil Beschwerde erhoben. So haben sie selbst den Stab �ber sich gebrochen. Doch das war nicht ausschlaggebend f�r ihren Tod. Unter den Kobolden waren sieben, die gar nicht anwesend waren, als �ber uns verhandelt wurde. Sie hatten Pech. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort.� Sie sagte all das ohne eine Spur des Bedauerns, aber auch ohne Zorn.</p><p>�Wir sind doch nicht besser als Dalmag und Gharub, wenn wir ...�</p><p>�Darum geht es nicht, Falrach. Sie haben entschieden, den Schrecken zum Mittel ihrer Herrschaft zu machen. Dieser Schrecken musste auf sie zur�ckfallen.�</p><p>�Aber es h�tte doch v�llig gen�gt, Dalmag und Gharub zu bestrafen. Warum all die anderen?�</p><p>�Weil es so eine bessere Geschichte ist.�</p><p>Er sah sie fassungslos an. �Eine Geschichte?�</p><p>�Ja. Siebzehn tote Trolle und zweiundvierzig Kobolde. Davon wird man noch im entferntesten Winkel Albenmarks h�ren. Und genau deshalb musste es geschehen. All die Unterdr�ckten werden wieder hoffen k�nnen, denn sie wissen nun, dass der Schrecken auf die Tyrannen zur�ckfallen kann. Was glaubst du, wie viele St�dte es gibt, in denen nun Kobolde und Trolle herrschen? Hundert? Zweihundert? Auch ich kann es dir nicht sagen. Und glaubst du, Shandral war der Einzige seiner Art? Es gab noch ein halbes Dutzend anderer gewissenloser Schurken. Was glaubst du, wie viele Kobolde noch eine Rechnung mit ihren alten Elfenf�rsten zu begleichen haben? Einige halten sich an das Gesetz. Andere herrschen wie Dalmag und Gharub. Ihnen wird die Geschichte �ber das Massaker in Feylanviek zu denken geben. H�tte ich nur Dalmag und Gharub get�tet, dann w�rden all die anderen Tyrannen glauben, die beiden seien leichtfertig gewesen. Schlimmer noch, die Geschichte w�rde sich nicht mal verbreiten. So aber wissen alle Tyrannen, dass sie nicht einmal inmitten ihrer Leibwachen sicher sind. Ihr einziger Schutz besteht darin, gerechte Herrscher zu sein. Was vor drei Tagen geschah, wird k�nftig Hunderte Leben retten.�</p><p>Falrach vermochte sich der Logik dieser Worte nicht zu entziehen. Er war ein Spieler gewesen. K�hles Kalk�l hatte ihm unz�hlige Siege eingebracht. Er war stets auch ein guter Rechner gewesen. Am Spieltisch! Wirkliche Leben hatte er noch nie gegeneinander aufgerechnet. �So also denken K�niginnen�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Fr�her hattest du eine romantische Ader. Ist sie dir v�llig abhanden gekommen, Falrach? Fahrende Ritter denken so. Sie bek�mpfen das B�se, wo sie ihm begegnen.�</p><p>�Und sieben Kobolde, die nicht einmal anwesend waren, als wir verurteilt wurden?</p><p>Was war ihr Verbrechen?�</p><p>Emerelle sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Du bist zu kleinlich.�</p><p>�Und du bist nicht mehr die fahrende Ritterin, die ich einmal kannte. Fr�her h�ttest du dir die M�he gemacht, besser zu unterscheiden.�</p><p>Sie sah ihn auf eine Art an, die in ihm die Frage aufkeimen lie�, wie viel sein Leben wohl wert war, wenn er ihr widersprach.</p><p>�Gerade hast du wie Ollowain gesprochen�, sagte sie nach langem Schweigen. �Ich glaube, du bist auch nicht mehr der Falrach, den ich einmal kannte. Er h�tte die Logik des Schreckens verstanden.�</p><p>�Etwas zu verstehen und etwas gutzuhei�en, ist nicht dasselbe.�</p><p>�Haarspaltereien! Du wei�t, dass ich Recht habe!� Was er wusste, war, dass es sinnlos w�re, noch weiter mit ihr dar�ber zu reden. Vielleicht brauchte man diese Halsstarrigkeit, um herrschen zu k�nnen. Die Gabe, unbeirrbar von sich und der Richtigkeit der eigenen Entscheidungen �berzeugt zu sein. �Sind wir Narren, diesen Weg zu w�hlen?� Er deutete auf das Zeichen am Boden, das der stetig fallende Schnee bereits zu verwischen begann. �Sehe ich aus wie eine N�rrin?�</p><p>Ihre Worte wurden von einem L�cheln begleitet, f�r das Falrach ihr bis in eine Drachenh�hle gefolgt w�re. Er war ein Narr, daran konnte es keinen Zweifel geben.</p><p>Ein verliebter Narr, der einem Traum hinterherlief, der vor mehr als tausend Jahren gestorben war.</p><p>�Was in Feylanviek geschah, wird sehr bald auch in Burg Elfenlicht bekannt sein. Die Trolle werden ihre besten Krieger, F�hrtensucher und Schamanen schicken, um die M�rder von Gharub zu stellen. Tote Kobolde sind ihnen egal. Aber der Mord an einem Rudelf�hrer wie Gharub stellt ihre Herrschaft infrage, wenn er unges�hnt bleibt. Sie werden gro�e Anstrengungen unternehmen, um uns zu finden.�</p><p>Falrach konnte die Begeisterung nicht nachvollziehen, mit der Emerelle sprach. Er h�tte sehr gut darauf verzichten k�nnen, ein Rudel von Kopfgeldj�gern auf seinen Fersen zu haben.</p><p>�Sie werden Schwierigkeiten haben, unserer Spur im hohen Schnee zu folgen�, fuhr Emerelle fort. �Und sie werden davon ausgehen, dass wir durch einen der beiden gro�en Albensterne geflohen sind. Entweder durch den in Feylanviek oder den anderen, der nahe der Stadt liegt. Und sollten sie uns doch auf die Spur kommen und hierherfinden, dann werden ihre Schamanen z�gern, uns auf diesem Weg zu folgen.</p><p>Wie gesagt, nur Narren durchschreiten einen niederen Albenstern.�</p><p>�Warum sind wir keine Narren, wenn wir diesen Weg beschreiten?�</p><p>Emerelle holte einen kleinen, unscheinbaren Anh�nger unter ihrem Gewand vor. Einen grauen Stein mit unregelm��iger Oberfl�che. D�nne Linien waren darin eingekerbt. Falrach hatte den Eindruck, dass rote Glut in ihm gefangen war. Manchmal schien sie durch ihn hindurchzuschimmern. Ein Albenstein! Jedes der gro�en V�lker hatte von den Alben einen solchen Stein zum Geschenk erhalten, bevor sie die Welt verlie�en. Auch wenn er sich kaum von einem St�ck Bruchstein am Wegesrand unterschied, barg er doch gewaltige magische Macht. Es hie�, man k�nne Zauber weben, die ganz Albenmark ver�ndern mochten, wenn eine Kundige wie Emerelle mehrere solche Steine besa�.</p><p>Jetzt war Falrach klar, wie sie es vollbracht hatte, ihre Hand nachwachsen zu lassen.</p><p>Mit Hilfe dieses Steins h�tte sie wahrscheinlich ganz Feylanviek zerst�ren k�nnen.</p><p>�Wir werden nicht in Gefahr sein, wenn wir durch diesen Albenstern schreiten.�</p><p>Emerelle legte ihre Linke flach auf den Schnee. Mit der Rechten hielt sie den Albenstein umfasst. Ihre Lippen formten uralte, befehlende Worte. Ein Faden blauen Lichts brach aus dem Schnee. Wie eine Schlange wiegte er sich vor und zur�ck. Ein smaragdgr�ner Faden folgte. Sie woben sich tanzend umeinander. Eine rote und eine gelbe Lichtschlange folgten. Sie w�lbten sich hoch empor zu einem Bogen, den ein Reiter h�tte passieren k�nnen, ohne auch nur den Kopf neigen zu m�ssen. Als der Torbogen aus Licht vollendet war, verblasste der Blick auf die Landschaft dahinter.</p><p>Stattdessen sah man einen leuchtend goldenen Weg, der durch die Finsternis f�hrte.</p><p>�Komm!� Emerelle streckte ihm die Hand entgegen. Es war ihre Linke. Nicht jene neue, die durch die Macht des Albensteins gewachsen war.</p><p>Falrach nahm ihre Hand. Sie f�hlte sich angenehm warm an. Sein Herz war voller Zweifel, aber dennoch folgte er ihr. Wohin brachte sie ihn?</p><p>Sie waren erst wenige Schritte gegangen, als sich vor ihnen auf dem Pfad ein neues Tor auftat. Glei�end helles Licht brannte sich in Fairachs Augen.</p></section><section><title><p>Ausgesetzt</p></title><p>Adrien schreckte auf und brauchte einen Augenblick, um sich zu erinnern, wo er war.</p><p>Ein klagender Ruf hatte ihn geweckt. Er war in dem Verhau des Lastkahns eingeschlafen. Und das Boot bewegte sich nicht mehr.</p><p>Hastig schlug er die Wolldecke zur�ck. Nebel lag �ber dem Fluss. Der Kahn war an einem felsigen Uferstreifen vert�ut. Wieder zog der lange, klagende Ruf �ber das Wasser. Es war der Ruf des Eisvogels. Der Schiffer war gestern recht gespr�chig gewesen f�r einen Toten. Er hatte von den Tieren am Fluss erz�hlt und vom Steinernen Wald.</p><p>Aber Adrien vertraute ihm immer noch nicht. Auf der ganzen Reise hatte er den Alten weder schlafen noch essen oder trinken sehen. Und der Bettler vor der Scheune des <emphasis>Silberstricks</emphasis> war tot gewesen. Daran gab es keinen Zweifel.</p><p>Adrien wusste nicht, was f�r ein Gesch�pf der Schiffer war. Nur eines konnte er mit Bestimmtheit sagen: Ein lebender Mensch war er nicht. Allerdings musste er einr�umen, dass ihm der Schiffer bisher kein Leid zugef�gt hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte ihm zu essen und einen warmen Platz gegeben, und so, wie die Dinge standen, hatte er wohl auch daf�r gesorgt, dass Adriens F��e nicht erfroren waren.</p><p>Der Alte stand am Bug wie eine Statue. Reglos blickte er in den Nebel, der �ber dem Wasser trieb.</p><p>Adrien wagte es nicht, ihn zu st�ren. Er war sich sicher, dass der Schiffer geh�rt hatte, wie er die Wolldecke zur�ckgeschlagen hatte. W�rde der Alte reden wollen, h�tte er schon etwas gesagt.</p><p>Adrien streckte die Glieder. Sein R�cken schmerzte. Warum der Schiffer wohl keinen Strohsack in seinem Verschlag hatte? Eigentlich war das klar. Wenn man nie schlief, brauchte man solche Bequemlichkeiten nicht.</p><p>Der Junge blies die Kohlen in der Feuerschale an und kramte in dem Sack mit den �pfeln. Es w�re sch�n, mal etwas anderes zu essen. Die �pfel waren der einzige Proviant an Bord. Und die W�rmer in den �pfeln. Wei� der Henker, woher die �pfel kamen oder wie lange sie schon in dem Sack lagen. Jedenfalls hatte sich niemand die M�he gemacht, sie mit Bienenwachs einzureiben, um sie haltbarer zu machen. Oder auch nur die fauligen herauszusuchen. Es waren noch drei �pfel �brig, die man ohne allzu gro�en Ekel essen konnte.</p><p>Adrien legte sie in einer Reihe neben die Feuerschale. Sie alle hatten braune Stellen, aber wenigstens waren keine Schimmelflecken darauf.</p><p>Eine der Planken knarrte. Der Junge blickte auf und erschrak bis ins Herz. Der Schiffer stand fast unmittelbar vor ihm. Wie hatte er so lautlos durch das Boot gehen k�nnen?</p><p>�Deine Reise endet hier.�</p><p>Adrien wich ein St�ck zur�ck, bis er die Schilfmatte des Verschlags im R�cken sp�rte und es kein Entkommen mehr gab. Wenn er wenigstens ein Messer h�tte! Er hob die F�uste. Er w�rde sich wehren, auch wenn es aussichtslos war.</p><p>Der Schiffer deutete �ber den Nebel hinweg zu einem nahen Berg. �Geh in diese Richtung und wenn du die weite Treppe findest, folge ihr, so gut du kannst. Sie wird dich zu Bruder Jules f�hren. Der Weg ist weit, und du solltest Jules besser vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.� Der Alte trat zur�ck und kniete sich in der Mitte des Bootes nieder. Dort machte er sich an einer eisenbeschlagenen Kiste zu schaffen, die unter der Ruderbank gestanden hatte. Drei Schl�sser musste er �ffnen, um den Deckel zu heben.</p><p>Adrien sah ihm zu. Hier inmitten der Wildnis ausgesetzt zu sein, kam einem Todesurteil nahe. Wieder dachte er an die Geschichten �ber den Steinernen Wald. Wie sollte er bestehen, wo ein K�nig mit einem ganzen Heer gescheitert war?</p><p>Der Alte zog ein Paar neuer Stiefel aus der Kiste und warf sie zu ihm her�ber. �Die hat Jules f�r dich besorgt. Du solltest die Lappen um die F��e wickeln, sonst werden sie voller blutiger Blasen sein, bevor du auch nur den halben Weg geschafft hast. Nimm das Hemd dort hinten und zerrei� es.�</p><p>Adrien hob einen der Stiefel auf. Ehrf�rchtig strich er �ber das polierte Leder. Die Stiefel waren neu. Sie wiesen nicht die kleinste Schramme auf. Man konnte noch den Leim riechen, den der Schuster verwendet hatte. Nie zuvor hatte er etwas besessen, das so kostbar wie diese Stiefel gewesen w�re.</p><p>Ohne auf den Ratschlag des Alten zu h�ren, rollte er die schmutzigen Hosenbeine auf, damit sie das Innenfutter nicht besudelten, und streifte die Stiefel �ber. Sie waren ein klein wenig zu weit. Aber wenn er sich Lumpen um die F��e wickelte, w�rden sie passen wie angegossen. Langsam f�hlte er sich wie der Held eines M�rchens. Das alles war ganz anders als das Leben, das er bisher gekannt hatte. Er stellte sich vor, dass er jeden Augenblick in einer Gasse in Nantour erwachen w�rde, den letzten Zipfel seiner Wurst in der Hand. Und alles war nur ein Traum.</p><p>�Du wirst das hier brauchen.� Der Schiffer holte aus einer Segeltuchrolle im Bug einen kurzen Speer mit breitem Stichblatt hervor. �Eine Saufeder. Hilft nicht nur gegen wilde Schweine.� Zum ersten Mal, seit sie einander begegnet waren, l�chelte der Schiffer.</p><p>Und Adrien �berkamen Zweifel, ob er sich beim <emphasis>Silberstrick</emphasis> nicht doch geirrt hatte.</p><p>Hatte er zu fl�chtig hingesehen?</p><p>�Danke�, sagte er verlegen. Dann kauerte er sich ins Boot und zog die Stiefel wieder aus. Er nahm das Hemd. Wie der Alte es ihm geraten hatte, riss er es in Streifen.</p><p>Sorgf�ltig wickelte er seine F��e ein.</p><p>Der Schiffer sah ihm schweigend dabei zu. Als Adrien fertig war, dr�ckte ihm sein seltsamer Gef�hrte die Saufeder in die Hand. Die Waffe war schwer und kopflastig.</p><p>Adrien hatte einmal ein Messer besessen. Aber so etwas hier ... Was erwartete ihn in den Bergen?</p><p>Das Stichblatt des Speers war sorgf�ltig eingefettet. Kein Rost zeigte sich auf dem Stahl, kein St�ubchen auf dem ge�lten Schaft. Der Junge blickte in den Nebel, der in weiten B�nken �ber dem Ufer lag. Der Lastkahn und sein Schiffer kamen ihm pl�tzlich wohlvertraut vor.</p><p>�Was ist da in den Bergen?�</p><p>Der Schiffer zuckte nur mit den Achseln. �Wer wei� das schon?� Er griff unter seinen Umhang und hielt Adrien eine angebissene Wurst hin. �Du wirst Hunger bekommen...� Wieder l�chelte er. �Keine Sorge, ich hab nicht abgebissen.�</p><p>Adrien sch�mte sich pl�tzlich wegen der Art, wie er sich aufgef�hrt hatte. �Danke�, murmelte er verlegen.</p><p>Der Alte klopfte ihm auf die Schulter. �Geh jetzt!� Seine Stimme klang wieder hart und schnarrend.</p><p>Adrien stieg aus dem Lastkahn und watete durch das flache Wasser zum Ufer. Die Stiefel waren von hervorragender Qualit�t. Kein Tropfen Wasser drang an seine F��e.</p><p>Der Alte holte die Leine ein und stakte sein Boot zur Mitte des Flusses hin. Bald war er nur noch ein Schemen im Nebel. �Achte auf die L�wen, Junge! Und h�te dich vor den W�lfen!�</p><p>Adrien schob die Wurst hinter das Seil, mit dem er seine zerlumpte Hose zusammengebunden hatte. So konnte er die Saufeder mit beiden H�nden fassen.</p><p>Argw�hnisch sah er sich um. Noch war er allein. Vorsichtig, jedes unn�tige Ger�usch meidend, schlich er �ber den Uferstreifen.</p><p>Knochenbleiches Treibholz markierte die Hochwassermarke des Flusses. Dort begann das Dickicht. Adrien schob die Zweige mit dem Speer auseinander. Hier war es unm�glich, sich noch lautlos zu bewegen. Wenn etwas auf Beute lauerte, dann hatte es ihn nun geh�rt.</p><p>Er dr�ckte sich um einen hausgro�en, grauen Felsen herum. Verwaschene Ru�spuren zogen sich �ber den Stein.</p><p>Adrien blickte zu Boden. Hier war einmal eine Feuerstelle gewesen. Er erkannte den Steinkreis eines Lagerfeuers, halb unter Dornenranken verborgen. Holzkohlest�ckchen lagen im Ger�ll. Nur ein paar Schritt weiter fand er die n�chste Feuerstelle. Dann noch eine. Bald hatte er mehr als ein Dutzend gefunden. In einer Felsmulde fand er einen einzelnen Eisenring aus einem Kettenhemd. Rost wucherte wie roter Schorf auf dem Metall und hatte die Mulde, in der der Ring lag, rot gef�rbt.</p><p>Adrien hob den Ring auf und rieb ihn zwischen den Fingern. Das Metall unter dem Rost war fast schwarz. Die Zeit hatte es spr�de werden lassen. Er legte den Ring zu-r�ck. Wie lange hatte er wohl in der Felsmulde gelegen�... F�nf Jahre? Zehn? Ein halbes Jahrhundert? Hier hatte also einmal eine Schar Bewaffneter gelagert. War es Cabezan mit seinem Heer gewesen? In den Geschichten, die Adrien kannte, war nicht die Rede davon, wie er in die Berge gelangt war. War er hier mit einer Flotte von Flussschiffen vor Anker gegangen? War dies der Ort, den er einst fluchtartig verlassen hatte?</p><p>Adriens Atem ging stockend. Er musste sich beherrschen! Es ging schon wieder los. Er hatte einfach zu viel Vorstel ungskraft. Was immer geschehen war, es war eine Ewigkeit her. Wahrscheinlich hatten die Krieger hier zu einer Zeit gelagert, in der er noch nicht einmal geboren gewesen war. Jetzt gab es hier keine Gefahr mehr, redete er sich ein.</p><p>Mit einem klammen Gef�hl strich er weiter durch das Dickicht. Bald erhoben sich erste B�ume �ber das Buschwerk, Birken und einzelne Pappeln. Dann folgten Eichen und Buchen. Leichter Wind strich �ber die kahlen B�ume hinweg. Der Nebel lichtete sich und zog in ausgefransten B�ndern zwischen den dunklen St�mmen dahin. Es roch nach fauligem Laub und nasser Rinde.</p><p>Adrien verharrte. Da war ein fremder Laut! Er lauschte. Leise raschelten die �ste �ber ihm. Das Rauschen des Windes in den B�umen klang beruhigend. Hatte er sich vielleicht get�uscht? Z�gerlich ging er weiter. Das Laubpolster schluckte das Ger�usch seiner Schritte. Da war es wieder! Ein leises Klirren irgendwo links vor ihm.</p><p>Was sollte er tun? Nicht darauf achten und weitergehen? War es klug, etwas Unbekanntes in seinem R�cken zu wissen? W�re er in der Stadt und versuchte, ein Haus f�r einen Diebstahl auszusp�hen, w�rde er ein solches Risiko nicht eingehen.</p><p>Adrien hielt den Atem an und lauschte. Das Ger�usch kam mit dem Wind. Vorsichtig schlich er von Baum zu Baum. Etwas Helles, das aus dem welken Laub ragte, erweckte seine Aufmerksamkeit. Er kniete nieder. Ein Knochen. Er sah aus wie eine Rippe.</p><p>Bissspuren deuteten auf Aasfresser hin. Sicher ein verendetes Tier! Die W�lder waren voller Tiere. Da musste es auch Knochen geben.</p><p>Und wo war der Rest des Kadavers?, meldete sich eine leise Stimme tief in ihm. Eine Stimme, die er nicht h�ren wollte! Irgendwelche Aasfresser hatten den Kadaver auseinandergerissen. Deshalb lagen die Knochen �berall verteilt.</p><p>Die Rippe ist gro�, raunte der Zweifler in ihm. Wildschweine sind auch gro�! Er warf den Knochen fort. Was sollte hier schon sein!</p><p>Er hatte das Gef�hl, dass es k�lter geworden war. Der Wind war abgeflaut. Der Nebel wurde wieder dichter. Er war sich nicht mehr sicher, ob er noch in die Richtung ging, die ihm der Schiffer gezeigt hatte. Das fehlte gerade noch! Sich in einem Wald verlaufen, in dem es W�lfe und L�wen gab.</p><p>�Mach so weiter, dann werden deine Rippen demn�chst hier im Laub vermodern.�</p><p>Seine eigene Stimme zu h�ren, machte ihm ein wenig Mut. Er w�rde nicht l�nger herumtr�deln, sondern die Treppe suchen, von der der Schiffer gesprochen hatte.</p><p>Leise summte er ein Lied. Nur um sich nicht so allein zu f�hlen. Man k�nnte es nicht weit h�ren. Die sanfte Brise war ganz eingeschlafen. Der Nebel wogte tr�ge zwi sehen den B�umen. Da lag ein dicker, halbrunder Stein im Laub. Nicht genauer hinsehen. Er ahnte, dass es kein Stein war�...</p><p>Einfach weitergehen. Die B�ume wichen zur�ck. Der Boden stieg leicht an. Schroffe Felsbl�cke ragten aus dem Laub. Auf manchen ringelten sich schlangengleich armdicke Wurzeln. Die B�ume, die hier wuchsen, schienen kein anderes Gr�n in ihrer N�he zu dulden. Ihre St�mme waren so m�chtig, dass drei Mann mit ausgestreckten Armen sie nicht h�tten umfassen k�nnen. Das Astwerk griff weit in den Himmel hinauf. Das glaubte Adrien zumindest, denn der Nebel verschluckte die Kronen, so dass er wenig mehr als den Stamm und die untersten Zweige sah.</p><p>Etwas zerbrach mit scharfem Knacken unter seinem Fu�. Bestimmt nur ein Ast. Nicht hinsehen! Einfach weitergehen.</p><p>Adrien zog die Wurst aus seinem G�rtel. Ein voller Bauch war immer ein gutes Mittel gegen Furcht. Seine Gedanken wurden tr�ger, wenn er ordentlich gegessen hatte. Und wenn ihn W�lfe oder L�wen erwischen sollten, dann sollten sie nicht auch noch die Wurst bekommen. Er grinste. Nat�rlich war das Unsinn. Aber es war genau die Sorte Unsinn, die ihm ein gutes Gef�hl bereitete.</p><p>Mit weit ausholenden Schritten marschierte er bergan, stieg �ber Felsbl�cke hinweg und balancierte auf dicken Wurzeln. Er scherte sich nicht mehr darum, ob ihn jemand h�rte. Der Wald war nicht seine Welt. Fast sein ganzes Leben hatte er in St�dten verbracht. Hier drau�en in den Bergen k�nnte er sich nicht verstecken.</p><p>Ein senkrechter Abbruch versperrte ihm den Weg. Er war nicht hoch. Rechts und links von ihm verlor er sich im Nebel. Er k�nnte versuchen auszuweichen. Oder er k�nnte klettern. Schwarze Wurzeln liefen �ber den Fels. Es w�re nicht schwer, dort hinaufzukommen. Er warf die Saufeder nach oben. Seine H�nde fanden schnell einen Halt. Ein Klimmzug, dann w�re er oben. Er griff �ber die Kante, doch er fand keinen Halt. Fluchend rutschte er ein St�ck ab. Dann bekam er etwas Festes zu packen. Er zog sich hoch -und blickte auf einen Fu� mit langen wei�en Krallen.</p></section><section><title><p>Spuren im Schnee</p></title><p>Kadlin lag im Schnee. Der wei�e Umhang ihres Gef�hrten war �ber sie beide ausgebreitet. Frisch gefallener Schnee verwischte die Konturen. Sie waren eins mit dem Schnee unter der gebeugten Kiefer. K�lte sickerte in ihre Glieder. Durch einen schmalen Spalt beobachtete sie die drei Trolle. Hatten sie ihre F�hrte entdeckt? Oder war es Zufall, dass sie hier waren?</p><p>Ein Krampf im rechten Oberschenkel peinigte Kadlin. Doch sie blieb v�llig reglos. Die Trolle redeten in ihrer lauten, knurrenden Sprache. Kadlin verstand kein Wort. Waren sie aufgeregt?</p><p>Zwei von ihnen trugen Keulen, der dritte mehrere einfache Speere mit im Feuer geh�rteter Spitze. Sie hatten Felle um ihre Lenden geschlungen, ansonsten waren sie nackt. Ihre graue Haut gl�nzte in der Sp�tnachmittagssonne. Sie hatten sich mit �l eingerieben. Warum froren sie nicht? Sie waren f�r die K�lte geschaffen! Kadlin erinnerte sich an ein M�rchen, das ihr Kalf einmal erz�hlt hatte. In der Geschichte hie� es, die G�tter h�tten die Trolle aus Felsgestein erschaffen. Und so sahen sie auch aus.</p><p>Die graue Haut erinnerte an Granit. Und ihre Glieder waren schwer und wuchtig.</p><p>Sie dachte an die Worte Lambis. W�rden die Trolle in das Fjordland einfallen, wenn sie entdeckt wurde? Mochte ihre Reise zum Grund f�r einen neuen Krieg werden? War es t�richt, was sie tat?</p><p>Die Trolle wanderten nach Norden. Nach einer Weile waren sie hinter einem H�gelkamm verschwunden. Kadlin begannen die Z�hne zu klappern. Zu lange hatten sie im Schnee gelegen. Tauwasser war durch die N�hte ihres Wamses gedrungen. Sie wollte aufstehen, ihre kalten Glieder strecken, doch ihr Gef�hrte hielt sie mit festem Griff zur�ck.</p><p>�Warte�, hauchte er in ihr Ohr. Seine Stimme hatte einen eigenartigen Akzent. Das Elfische war seine Muttersprache, und es verlieh jedem fjordl�ndischen Wort, das �ber seine Lippen kam, einen angenehm melodischen Unterton.</p><p>�Ich erfriere�, zischte sie.</p><p>�Das tust du nicht. Dann w�rdest du einfach in meinem Arm einschlafen, statt herumzujammern.�</p><p>Sie presste die Lippen zusammen. Herumjammern! Das hatte ihr noch keiner gesagt.</p><p>Eingebildeter Mistkerl. Jammern! Vielleicht war sie ein klein wenig j�hzornig. Sie schien das hei�e Blut ihres Gro�vaters geerbt zu haben. Genauso wie dessen rote Haare. Aber Jammern? Es war verdammt kalt! Sie verkniff sich eine Erwiderung.</p><p>Schweigend lagen sie im Schnee und sahen zu, wie die Sonne langsam den Bergen entgegen sank.</p><p>Endlich schlug er den Umhang zur�ck. Er war steif wie ein Brett gefroren. Ihr Halbbruder erhob sich mit geschmeidiger Anmut. Man mochte meinen, er habe in einem warmen Bett gelegen. Sie hingegen stemmte sich mit den H�nden hoch. Al ihre Glieder schmerzten. Der Krampf flammte erneut auf. Sie ballte die F�uste. Sie wollte sich nichts anmerken lassen. Melvyn war �lter als sie, ein paar Jahre nur. Man sah es ihm nicht an. Sein Gesicht war schmal, fein geschnitten und hatte doch etwas Wildes und Verwegenes. Das zerzauste blonde Haar hatte er mit einem Lederriemen im Nacken zusammengebunden. Den Ohren nach war er ein Mensch. Sie waren gerundet und nicht lang und spitz wie bei den Elfen oder Kobolden. Seine Augen aber verrieten, dass er alles andere als menschlich war. Sie waren von kaltem Blau. Die Iris umgeben von einem schmalen, schwarzen Rand. Es waren Wolfsaugen. Genau wie die Augen seiner Mutter Silwyna, der Maurawani, die Kadlin und ihre Schwester so oft in den Bergen besucht hatte. Damals, in jener goldenen Zeit, als Asla und Kalf noch lebten und sie die beiden f�r ihre Eltern hielt. �Kannst du weiter?�</p><p>Melvyn klang ein wenig besorgt, und das vers�hnte Kadlin mit ihm. Ihr wilder Bruder!</p><p>Seine Bekleidung war fast so unzul�nglich wie die der Trolle. Statt einer Hose trug er einen langen Lendenschurz aus einem roten Tuch, das aussah, als sei es noch nie gewaschen worden. Speckige, abgewetzte Stiefel waren sein einziges Zugest�ndnis an den Winterfrost. Ein schmuddeliges ledernes Jagdhemd rundete seine Erscheinung ab.</p><p>Gut, dass er bei Nacht zu ihr gekommen war. Allein sein Aussehen h�tte in Firn-stayn schon f�r endloses Gerede gesorgt. Allerdings hatte er etwas an sich, das Frauenherzen schmelzen lie�. Sein freches L�cheln, die unheimlichen Wolfsaugen. Und dazu sein Geruch. Er hatte den Duft des Winterwaldes in ihre H�tte getragen. Ein wenig roch er auch nach Vogel.</p><p>Melvyn schien abgesehen von einem Jagdmesser an seinem G�rtel unbewaffnet zu sein. Aber sie wusste, was sich unter seinem Jagdhemd verbarg. Dort, wo seine Unterarme so unnat�rlich dick erschienen. Er hatte etwas Animalisches an sich. Selbst wenn die Wolfsaugen nicht w�ren, w�rde er an ein Raubtier erinnern.</p><p>�Frierst du nicht?�</p><p>Da war es wieder, dieses freche L�cheln. �Doch, wenn es wirklich kalt ist, so wie in meiner Heimat. Das hier ist f�r mich wie ein lauer Fr�hlingstag.�</p><p>Verdammter Aufschneider, dachte sie. Es war unm�glich, dass ihm die K�lte nichts ausmachte. Oder sch�tzte ihn vielleicht ein Zauber?</p><p>Sie nahm ihren Bogen auf und klopfte sich den Schnee aus den Kleidern. Sie musste sich bewegen, dann w�rde ihr schon wieder warm werden! Abends w�rde sie ein Feuer brauchen, um ihre Kleider zu trocknen. Sonst w�rde die K�lte sie t�ten. Aber bis Sonnenuntergang hielt sie schon noch aus.</p><p>�Lass uns dorthin gehen.� Er deutete in die Richtung, aus der die Trolle gekommen waren.</p><p>Sie seufzte. �Dann gehen wir wieder zur�ck! Warum?�</p><p>Statt zu antworten, ging er einfach los. Sie beneidete ihn um seinen scheinbar schwerelosen Schritt. Er sank kein einziges Mal im Schnee ein. Sie hingegen hinterlie� trotz aller Vorsicht eine deutliche F�hrte.</p><p>Manchmal eilte er ein St�ck zur�ck und verwischte ihre Spur. Auch darin war er meisterlich! Neben ihm kam sie sich hier drau�en in der Wildnis wie ein hilfloses M�dchen vor. Dabei war auch sie eine erfahrene J�gerin. Aber sie war nun einmal keine Elfe!</p><p>Die Sonne war verschwunden, doch das letzte Abendlicht reichte, um �berdeutlich zu zeigen, woher die Trolle gekommen waren. Vielleicht Hundert Schritt vor ihnen lag ein verendetes Rentier auf einem weiten Schneefeld. Es war viel zu hoch in den Bergen.</p><p>Hierher kamen sonst keine Rentiere. Nicht, solange es Winter war!</p><p>Melvyn folgte den Spuren der Trolle und sie folgte ihm. Rings um den Kadaver war der Schnee rot von frisch vergossenem Blut. Etwas stimmte dort nicht. Kadlin beschlich ein unbestimmtes Gef�hl.</p><p>Endlich hatte sie zu Melvyn aufgeschlossen. Der Kadaver des Rentiers war aufgebrochen. Der gr��te Teil der Innereien fehlte. Fleischbrocken waren aus den Flanken gerissen. Es war ein m�chtiger Bulle. Kein altes und gebrechliches Tier, wie es f�r gew�hnlich zur Beute wurde.</p><p>Was hatte er hier oben getan? Kadlin betrachtete die F�hrten der Trolle. Sie hatten eine tiefe Furche in den Schnee gepfl�gt.</p><p>�Siehst du es?�, fragte Melvyn leise.</p><p>Ihr wurde die Kehle eng. Sie brachte kein Wort hervor. Nur ein Nicken. Es gab keine F�hrte des Rentiers. Es schien aus dem Nichts hierhergekommen zu sein.</p><p>Ihr Halbbruder blickte zum dunklen Himmel hinauf. Schneeflocken tanzten im Wind.</p><p>Kadlin versuchte in den Spuren der Trolle zu lesen. Sie hatten das tote Rentier nicht anger�hrt.</p><p>�Es hat ihnen Angst gemacht�, sagte Melvyn.</p><p>Mir macht es auch Angst, dachte Kadlin. Aber sie schwieg. Auch sie blickte in den Himmel. Lag dort die Antwort? Etwas regte sich in ihr. Erschrocken griff sie nach ihrem Bauch. Sie sp�rte eine Ber�hrung. Einen Tritt? Es war das erste Mal... So lange hatte sie darauf gewartet. Hatte in sich hineingelauscht und mit ihren �ngsten gek�mpft. Und ausgerechnet jetzt regte es sich.</p><p>�Alles in Ordnung?�</p><p>Sie nickte. Sie hatte Melvyn nichts davon gesagt. Sie war besessen von der Idee, Alfadas zur�ckzuholen. Ihren Vater, den das Schicksal ihr lange vor der Zeit geraubt hatte. Sie musste es schaffen. Entschlossen blickte sie nach Norden. �Gehen wir!� Sie wollte nicht wissen, wie das Rentier gestorben war. Wollte nicht dar�ber nachdenken, was au�er Trollen noch in den Bergen lauern mochte. Sie hielt die Hand auf dem Bauch und k�mpfte sich durch den Schnee, ohne noch einmal zu dem Kadaver zur�ckzublicken.</p></section><section><title><p>Spurenleser</p></title><p>Skanga betastete das kleine Kl�mpchen, das sie am Boden gefunden hatte. War es ein Finger oder ein Zeh? Auf jeden Fall geh�rte es zu einem Kobold. Sie roch daran und dachte, dass sie schon viel zu lange nichts mehr gegessen hatte. Sie konnte die Angst sp�ren, das letzte starke Gef�hl, das den ehemaligen Besitzer des K�rperglieds durchfahren hatte. Angst tr�nkte den ganzen Saal. Sie war mit dem Blut in die h�lzernen Bodendielen gesickert. Welch ein Massaker! Die Leichen waren leider schon fortgeschafft, aber das Blut hatte noch niemand abgewaschen. Sie sp�rte es mit all ihren Sinnen, auch wenn sie es nicht sehen konnte. Die Ratskammer war ein Ort des Schreckens geworden. Es war nicht nur das Entsetzen der Ge-mordeten. Auch der Schrecken derjenigen, die sp�ter hier gewesen waren und das Blutbad gesehen hatten, hatte die Aura dieses Saals auf ewig ver�ndert. Wer immer hier in Zukunft zusammenkam, w�rde eine Beklommenheit versp�ren, selbst wenn er nicht um die unselige Geschichte der Kammer wusste. Vermutlich w�re es das Kl�gste, das ganze Haus niederzubrennen.</p><p>�Das Blut ist sogar bis an die Decke gespritzt�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr.</p><p>In der Stimme ihrer Sch�lerin schwang Ehrfurcht. Sie mochte es, Gefangene zu befragen, und war dabei alles andere als zimperlich. Vor allem, wenn Elfen ihre Opfer waren. Es geh�rte einiges dazu, sie zu beeindrucken.</p><p>�Wie viele waren es?� Skanga legte den Kopf in den Nacken. Die Blutspuren an der Decke waren nicht ausgepr�gt genug. Sie konnte sie mit ihren Sinnen nicht wahrnehmen.</p><p>�Nur zwei�, sagte Madra, der �berlebende. Eigentlich h�tte auch er hier unter den Toten liegen sollen. Dass Gharub ihn mit einem schwachsinnigen Auftrag zu einem Au�enposten vor der Stadt geschickt hatte, hatte ihm das Leben gerettet.</p><p>�Wie kommst du darauf?�, herrschte Birga ihn an. �Nicht einmal Olowain h�tte so etwas vermocht.�</p><p>�Die Stiefelabdr�cke im Blut. Sie unterscheiden sich deutlich von den Spuren der Trolle und Kobolde. Die beiden hatten unterschiedlich gro�e F��e. Das Weibchen be wegte sich mit der Gewandtheit einer T�nzerin. Ihr Gef�hrte war unbeholfener�... �</p><p>Skanga h�rte die h�lzernen Dielen knarren. Madra ging auf und ab, und nicht einmal die nichtsnutzige Birga wagte es, ihn zu st�ren. Endlich verharrte er wieder. �Der Krieger war nur anfangs z�gerlich. Dann stand er dem Weibchen in nichts mehr nach.�</p><p>�Woran siehst du, dass es ein Krieger und ein Weibchen waren?�, fragte Birga.</p><p>�Ich vermute es nur. Die beiden gefangenen Elfen aus dem Kerker haben sich gewaltsam befreit. Ein Elf und eine Elfe. Das Weibchen hie� Nandalee. Der Krieger hat seinen Namen, glaube ich, nicht genannt. Die Stiefelabdr�cke passen zu ihnen. Das Weibchen war klein und zierlich. Und auch einer der M�rder hier trug sehr schmale Stiefel.�</p><p>Skanga tastete nach dem Albenstein, den sie unter ihren Amuletten verborgen trug.</p><p>Die glatte Oberfl�che zu sp�ren, beruhigte sie. Es war kein Zauber in dieser Kammer gewirkt worden. Die beiden Elfen hatten keine Magie n�tig gehabt, um zu siegen.</p><p>�Beschreibe mir einmal das Weibchen, Madra.�</p><p>Der Trollkrieger war ein guter Beobachter. Selbst an den Geruch der Elfe konnte er sich erinnern. Bald war Skanga klar, wen dieser d�mliche Kobold auf der Stra�e am Kanal aufgegriffen hatte. Was die Schamanin nicht verstehen konnte, war, warum Emerelle dieses merkw�rdige Spiel trieb. Warum hatte sie sich die Hand zerquetschen lassen?</p><p>Sie w�re gewiss zu jedem beliebigen Augenblick in der Lage gewesen, s�mtliche Wachen niederzumachen. War das der Beginn eines neuen Krieges um den Thron von Albenmark? Sie hatte erleichtert gewirkt, als sie Burg Elfenlicht verlie�. Hatte sie ihre Meinung so schnell ge�ndert? Oder war das hier nur einer Laune der Elfenk�nigin entsprungen? So lange schlug Skanga sich nun schon mit Elfen herum. Aber jedes Mal, wenn sie glaubte, sie w�rde endlich verstehen, was in ihren zerbrechlichen kleinen K�pfen vor sich ging, �berraschten die Spitzohren sie aufs Neue. Sie waren mit Abstand das grausamste Volk Albenmarks, auch wenn sie diese Neigung nur selten so offen auslebten, wie es hier in dieser Kammer geschehen war.</p><p>Ein leises H�steln riss die Schamanin aus ihren Gedanken. �Schwester Skanga? Wenn du mir einen Augenblick deiner gesch�tzten Aufmerksamkeit schenken k�nntest, w�rde ich dich gerne auf etwas hinweisen, was, so glaube ich, die Interessen des Volkes ber�hrt.�</p><p>Skanga drehte sich um. Nikodemus Glops hatte die Angewohnheit, so dicht hinter ihr zu stehen, dass ein Furz von ihr ihm gewiss den Atem nehmen w�rde. Der Lutin war ein Speichellecker und Schmeichler. Sie konnte ihn nicht leiden. Aber sie wusste, sie w�rde ihn noch brauchen. Allein seine gestelzte Art zu reden �rgerte sie schon. Was taugte Sprache, wenn man sie dazu benutzte, um zu verschleiern, was man sagen wollte! Und diese Unsitte der Kobolde um Elija Glops, jeden mit <emphasis>Bruder</emphasis> oder <emphasis>Schwester</emphasis> anzureden�... Wie konnte ein Kobold, der kaum halb bis zu ihrem Knie reichte, sich anma�en, sie Schwester zu nennen? Die Rotm�tzen waren v�llig verr�ckt geworden.</p><p>Sie erz�hlten jedem, alle Kinder Albenmarks seien gleich. Blanker Unsinn!</p><p>�Was willst du?�</p><p>�Es ist sicherlich von gr��ter Bedeutung, in den Spuren auf dem Boden zu lesen�...</p><p>Eine Kunst, in der ich leider unerfahren wie ein Kind bin, aber ich dachte mir, es k�nnte vielleicht weiterhelfen, darauf hinzuweisen, dass etwas mit Blut an die Wand geschrieben wurde. Es ist nicht sehr ordentlich ausgef�hrt�... Wahrscheinlich hat man einen abgetrennten Arm oder etwas �hnliches zum Schreiben benutzt. Unter den ganzen Blutspritzern kann man es leicht �bersehen�... �</p><p>Skanga �berh�rte nicht, dass der Lutin sich �ber sie lustig machte. Er war der Einzige in der Kammer, der lesen konnte. Und er war sich dessen sehr bewusst, auch wenn er versuchte, seinen Spott hinter schmeichlerischen Worten zu verbergen. �Was steht da?�</p><p>�Wer <emphasis>durch das Schwert herrscht, wird durch das Schwert fallen.</emphasis> Auf Elfisch h�rt sich das etwas poetischer an als in der �bersetzung.�</p><p>Skanga sah ihn genau an. In seiner Aura fehlte die Farbe der Angst. War er so selbstsicher oder so dumm, dass er glaubte, er k�nne sie ungestraft reizen? Die Lutin unterschieden sich von den anderen Koboldv�lkern. Sie waren rastlose Wanderer.</p><p>Niemand mochte sie lange um sich haben. Selbst bei anderen Kobolden galten sie als L�gner und Diebe. Skanga nahm ihn, wie alle anderen Lebewesen auch, nur als einen verschwommenen Schatten wahr, umgeben von einer Aura aus sanft pulsierendem Licht. An den Farben der Aura konnte sie seine Stimmungen ablesen. Was die Gef�hle anderer anging, war sie sich sicherer als jeder Sehende. Selbst feinste Ver�nderungen der Stimmungslage waren deutlich an der Aura abzulesen...</p><p>Je l�nger sie Nikodemus betrachtete, desto deutlicher wurde das Blau. Er war also doch nicht gegen Angst gefeit!</p><p>�Was, glaubst du, wollen die Elfen uns damit sagen?�</p><p>Es war totenstill in der weiten Kammer. Der muffige Geruch von vor Tagen vergossenem Blut hing schwer in der Luft. Es war k�hl. Das Blau gewann weiter an Kraft in der Aura des Lutin. Skanga konnte riechen, wie er schwitzte.</p><p>�Elija sagt, dass die alten Herrscher sich niemals damit abfinden werden, dass das Volk sie aus den Pal�sten vertrieben hat. Alles, was bisher geschah, war nur ein lauer Wind. Wir m�ssen einen Sturm heraufbeschw�ren, der sie f�r immer hinwegfegt.</p><p>Einen Sturm, der ein Volk von einigen Br�dern zur�ckl�sst...�</p><p>�Genug! Ich will nicht wissen, was dein Bruder denkt. Hast du eine eigene Meinung?�</p><p>�Ich denke, es ist die Tat von Konterrevolution�ren. Sie wollen unsere Herrschaft ersch�ttern, bevor sie sich festigt. Sie wollen zeigen, dass sie noch da sind, auch wenn nun Trolle und Kobolde auf den Elfenthronen sitzen. Wir m�ssen diese Flamme ersticken, bevor sie zu einem Brand wird, den wir nicht mehr beherrschen k�nnen.�</p><p>Die Schamanin hatte noch immer das Gef�hl, durch Nikodemus die Stimme seines Bruders Elija zu h�ren. Doch wenn Nikodemus eine wirre Auswahl von S�tzen aus den aufw�hlenden Reden seines Bruders wiederholte, war es, als blicke man auf ein nacktes Skelett. Alles Fleisch fehlte. Er hatte nicht die unheimliche Begabung, die Elija bis in den Schatten hinter den Thron gebracht hatte.</p><p>Skanga kratzte sich gr�belnd an der Nase. Ihm zuzuh�ren war, als blicke man auf ein Knochenorakel. Es galt, in dem Durcheinander ein Muster zu finden. Die Wahrheit, die sich hinter den Phrasen verbarg. Skanga glaubte nicht, dass Emerelle ihren Thron zur�ckwollte. Nicht so schnell. Wollte sie Unruhe stiften?</p><p>�Was glaubst du, wohin die Elfen geflohen sind?�</p><p>Ihr freundlicher Tonfall lie� das Blau der Angst in seiner Aura verblassen. Wie die meisten Lutin hatte er Freude daran, sich schwatzen zu h�ren. �Sie ist eine Elfe. Sie ist schlau. Sie wird wissen, dass wir von ihr erwarten, nicht das Naheliegende zu tun.</p><p>Und weil sie das wei�, wird sie sich ganz sicher f�hlen, wenn sie es doch tut.</p><p>Naheliegend w�re es, einen etwas entfernteren Albenstern zu benutzen. Und da sie auch arrogant ist, wird sie au�erdem noch�... �</p><p>Skanga r�usperte sich. Einem Lutin l�nger als einige Augenblicke zuzuh�ren, bereitete ihr Kopfschmerzen. �Du glaubst, du wei�t also, wohin sie geflohen ist?�</p><p>�Nein, nein. Das sage ich nicht. Ich wei� nicht, wohin sie geht, aber ich denke, ich wei�, welchen Weg sie nimmt. Sehr sch�n�... �</p><p>�Dann wirst du dich gemeinsam mit Madra auf den Weg machen und diese beiden Elfen suchen. Wenn ihr sie gefunden habt, dann werdet ihr sie unauff�llig beobachten.�</p><p>�Wie soll ich mit einem mehr als drei Schritt gro�en Troll zwei Elfen unauff�llig beobachten?�</p><p>�Betrachte es als eine Herausforderung�, entgegnete Skanga geh�ssig. �Und noch was.</p><p>Du solltest Madra nicht reizen. Er wirkt sehr ruhig, aber ich habe geh�rt, dass er einmal einem Schwarzb�ren alle Glieder ausgekugelt hat, weil er an einen Beerenstrauch gepinkelt hat, von dem er gerne naschte.�</p><p>Ein schlammfarbenes Braun zog sich durch die Aura des Lutin. Offenbar wollte er Skangas Worte f�r einen Scherz halten! Er musterte Madra. Und Zweifel �berkamen ihn.</p><p>�Ist es klug, ihn zu schicken?�, fl�sterte ihr Birga ins Ohr. �Ich denke, sein Bruder w�rde es nicht sch�tzen, wenn ihm etwas zust��t. Und Elija hat sehr viel Einfluss unter den Kobolden.�</p><p>��berlass das Denken den Mammuts, die haben einen gr��eren Kopf!� Sie wollte, dass ihm etwas zustie�! Sollte Nikodemus es schaffen, Emerelle zu finden, dann w�rde er sich gewiss nicht unauff�llig verhalten. Und wenn die Elfe sich dazu hinrei�en lie�, ihm etwas anzutun, dann h�tte sie sich Elija Glops zum Feind gemacht. Elija war rachs�chtig, er w�rde Emerelle finden. Und er w�re im Gegensatz zu seinem Bruder eine wirkliche Gefahr!</p><p>Skanga tastete �ber ihre Amulette. Es dauerte ein wenig, bis sie den Lamassuknochen mit den Federschnitzereien fand. Sie dr�ckte ihn Madra in die Hand. �Wenn ihr die Elfen aufsp�rt und wenn du das Gef�hl hast, ein weiteres Gemetzel wie hier in Feylanviek steht bevor, dann wirf diesen Knochen fort. Er wird zu mir finden und mir den Weg zu euch weisen.�</p><p>Madra nahm den Knochen mit spitzen Fingern. Magie war ihm augenscheinlich unheimlich. Zugleich strahlte seine Aura in klarem Gelb. Er war ein J�ger, und er war zuversichtlich, seiner Aufgabe gewachsen zu sein. Kurz �berlegte Skanga, ob es besser w�re, ihm zu sagen, wen er jagte. Doch das w�rde ihn nur verunsichern. Sie deutete mit weit ausholender Geste auf den blutbesudelten Holzboden. �Wenn ihr die beiden Elfen findet, beobachtet sie nur. Versucht nicht, sie zu stellen. Ihr beide wisst, wozu sie f�hig sind.�</p></section><section><title><p>Das verbrannte Land</p></title><p>Dem glei�enden Licht folgte eine Hitze, die Falrach im ersten Augenblick den Atem nahm. Blinzelnd sah er sich um. Aus den Augenwinkeln sah er den Bogen aus pulsierendem Licht in sich zusammensinken, durch den sie dieses fremde Land betreten hatten. Vor ihnen erstreckte sich eine sanft abfallende Ebene. Es war ein trostloses, sonnenverbranntes Land. Einzelne Felsbrocken erhoben sich aus r�tlichem Ger�ll. Tiefe Furchen ausgetrockneter Wasserl�ufe durchzogen in weiten Abst�nden die Ebene. Verkr�ppelte, kleine B�sche, an denen kaum Bl�tter gediehen, und braunes, sonnenverbranntes Gras, das hier und da im Ger�ll spross, bildeten den einzigen Bewuchs.</p><p>Die Luft erzitterte in der Hitze. Ein wenig entfernt schien sie wie geschmolzenes Glas �ber die Felsen dahinzuflie�en.</p><p>Falrach streifte seinen Umhang ab und dann die gef�tterte braune Weste. Er hatte die K�lte des Windlands gehasst, aber das hier war um keinen Deut besser. Schon stand ihm Schwei� auf der Stirn. Wieder einmal f�hlte er sich gefangen in Olowains K�rper, den M�chten der Natur gegen�ber hilflos wie ein Kind.</p><p>�Wo sind wir?�</p><p>Emerelle machte einen melancholischen Eindruck. Sie blickte �ber die Ebene zum Horizont, und er hatte den Eindruck, dass sie etwas sah, das seinen Augen verborgen blieb. �Fr�her einmal, als noch die Drachen herrschten, hie� dieses Land Bainne Tyr. Milchland. Es war eine wundersch�ne gr�ne Ebene. Elfen und Pegasi lebten hier.�</p><p>Falrach wischte sich �ber die schwei�nasse Stirn. �Warum sind wir hier? Wir h�tten �berall hingehen k�nnen�... Warum musste es eine W�ste sein?�</p><p>�Es gibt hier nur sehr wenige Albensterne. Sie liegen Hunderte Meilen voneinander entfernt. Es verirren sich keine Reisenden hierher. Es gibt keine St�dte. Keine Elfen und keine Trolle. Hier wird uns niemand aufsp�ren. Hier werden wir Frieden finden.</p><p>Dieser Ort ist besser f�r uns als die Snaiwamark oder das Herzland. Wenn wir wollen, gibt es nur uns, Falrach. Es ist an der Zeit, ganz von vorne zu beginnen.� Ein verhei�ungsvolles L�cheln begleitete ihre Worte.</p><p>Er hatte geh�rt, dass manche Emerelle die K�nigin der tausend Gesichter nannten.</p><p>Durfte er wirklich hoffen, dass ihre Liebe zu ihm doch nicht ganz erloschen war?</p><p>Konnte sie ein ganzes Zeitalter vergessen und Ollowain hinter sich lassen? Er drehte sich langsam um die eigene Achse und suchte nach einem Ort, um der Hitze zu entfliehen. Weit im Westen zeichneten sich die Umrisse von Bergen blau gegen den Horizont ab.</p><p>Ein bunter Fleck sprang ihm ins Auge. Ein Felsblock, vielleicht drei�ig Schritt entfernt, war bemalt. Verwittertes Wei� und strahlendes Rot schm�ckten die Felsflanke.</p><p>Inmitten der trostlosen Landschaft mit ihren staubigen Braun- und Rott�nen wirkten die frischeren Farben anziehend. Falrach ging zu dem Felsen. Hinter sich h�rte er Emerelles Schritte.</p><p>Auf den Stein waren merkw�rdige Symbole gemalt. Kreise mit Kreuzen, krumme Runenzeichen, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Dazwischen waren wei�e und rote Gestalten abgebildet, die tanzten, auf dem Feld arbeiteten oder auf die Jagd nach Drachen zogen.</p><p>Falrach atmete schwer aus. Drachen! Eines war gewiss. Diese Zeichnung war nicht viele Jahrhunderte alt. Und es war noch nicht sehr lange her, dass jemand hier gewesen war, denn am Fu� des Felsens standen geflochtene Schalen mit Maiskolben darin und ein halbes Dutzend blass-orangefarbener K�rbisflaschen. Er hatte das Gef�hl, das alles verzehrende Feuer wieder auf seiner Haut zu sp�ren, das ihm das Leben genommen hatte. Drachen! War dieser Fluch denn immer noch nicht gebannt?</p><p>Emerelle trat an seine Seite. Sie nahm sanft seine Hand. �Das sind Kobolde. Sie jagen die Echsen in den Bergen. Sonst gibt es hier nicht sehr viel Wild.�</p><p>Hatte sie seine Gedanken von seinem Gesicht abgelesen? �Gro�e Echsen ...� Er sagte das langsam und gedehnt. Man k�nnte Drachen auch gro�e Echsen nennen!</p><p>�Sollen wir einen anderen Ort suchen?�</p><p>Falrach straffte sich. Wunderbar, jetzt hielt sie ihn auch noch f�r einen Feigling! �Wie kommst du darauf, dass ich vor ein paar Echsen Angst h�tte?� Seine Stimme h�tte leicht und unbeschwert klingen sollen. Das war ihm gr�ndlich missgl�ckt.</p><p>�Du bist mein Ritter, Falrach. Ich glaube, deiner Seele ist es bestimmt, mich zu retten.</p><p>Du hast das mehr als einmal bewiesen. Es ist dein Schicksal. Dein Mut steht au�er Frage. Ebenso wie deine Liebe!� Sie dr�ckte seine Hand ein wenig fester.</p><p>Jetzt h�tte sie ihn k�ssen sollen. Oder er sie�... Aber er konnte es nicht, nicht mehr. Sie waren kein Liebespaar mehr. Doch vielleicht konnten sie es wieder werden. Sie wollte von vorne beginnen. Sein Blick schweifte �ber die Ein�de. Nichts w�rde sie hier st�ren.</p><p>Er kniete vor ihr nieder. �Lass mich dein Ritter sein, so wie Ollowain es war.�</p><p>�Ollowain ist tot�, sagte sie ernst. �Du bist Falrach, mein Feldherr in hoffnungslosem Kampf, und der Ritter, der sein Leben aus Liebe f�r mich gab. Lass uns beide diese Liebe wiederfinden und alles Vergangene vergessen.� Sie beugte sich vor und k�sste ihn scheu auf die Stirn. So wie ein junges M�dchen, dem zum ersten Mal die Liebe begegnete.</p><p>Er schloss die Augen. Die dr�ckende Hitze und das karge Land waren vergessen.</p><p>Viel zu schnell war der Augenblick verflogen. Emerelle kniete sich nieder. Doch sie beachtete ihn gar nicht mehr. Sie schob zwei Schalen mit Maiskolben zur Seite. Dazwischen lag, halb im Ger�ll vergraben, etwas Wei�es. Ein Knochen, dachte Falrach, bis sie es hervorzog. Sie hielt einen dolchlangen, leicht nach innen gekr�mmten Rei�zahn in der Hand. Einen Drachenzahn!</p><p>�Die Kobolde sp�ren die Magie dieses Ortes�, sagte Emerelle. �Der Zahn hat nichts zu bedeuten! Er ist schon sehr alt.�</p><p>Sie sprach zu hastig. Wieder betrachtete er die Bilder der Echsen. Wem waren die Opfergaben dargebracht worden? Sie schienen noch nicht sehr lange hier zu liegen.</p></section><section><title><p>Ein Klirren im Wind</p></title><p>Der Schreck dauerte nur einen Augenblick. Der m�chtige Fu� mit den wei�en Krallen geh�rte zu einer Statue. Ein L�we, vermutete Adrien. Nicht, dass er so ein Vieh schon mal gesehen h�tte. Aber er kannte L�wenstatuen. Wenn auch nicht solche. Er legte den Kopf in den Nacken. Moos wucherte in der M�hne. Schmutzschlieren liefen �ber den wei�en Stein, aus dem der L�we geschlagen war. Das Maul der Bestie war weit aufgerissen. Ein Vogel hatte darin sein Nest gebaut. Die meisten Rei�z�hne der marmornen Bestie waren abgebrochen. Auch der R�cken des L�wen war besch�digt.</p><p>Es sah aus, als h�tte man dort etwas abgeschlagen und die steinernen Wundmale nur grob gegl�ttet.</p><p>Adrien b�ckte sich nach der Saufeder. Was f�r eine Verschwendung, so eine pr�chtige Statue mitten in den Wald zu stellen. Sie w�rde sich gut auf dem Heumarkt von Nantour machen. Bestimmt w�rden viele Reisende kommen, um sich den gr��ten L�wen Fargons anzuschauen.</p><p>Er tippte mit dem Speerschaft gegen den Krallenfu�. �Mach�s gut, Alter. Ich werde dich nicht l�nger bei deiner Wacht st�ren.�</p><p>Hinter dem L�wen war der Waldboden erstaunlich eben, wenn man einmal von den Wurzeln absah. Adrien hielt inne. Etwas stimmte nicht mit den Wurzeln! Weiter unten waren sie kreuz und quer durcheinandergelaufen. Hier aber wirkten sie geordnet.</p><p>Auch hatten sie eine andere Farbe. Sie waren heller. Silbergrau, mit Moosflecken gesprenkelt. Sie alle schienen einem Ort vor ihm im Nebel zuzustreben.</p><p>Er fasste seine Saufeder fester. Da war wieder das Klirren. Ganz nah. Das Ger�usch kam ihm vertraut vor. Er hatte es auch in der Stadt schon geh�rt. Was war dort?</p><p>Ein leichter Luftzug lie� den Nebel in Spiralen �ber die Wurzeln tanzen. Schlie�lich siegte seine Neugier. Und dann fiel es ihm ein. So klirrten Ketten. Die Ketten der Wirtshausschilder in der Stadt. Oder die Kette am Henkersger�st auf dem Fischmarkt, an die man den gro�en eisernen K�fig mit den gr�sslichen Dornen an den Boden-stangen h�ngte. Dornen, die es unm�glich machten, sich zu setzen oder auch nur einen Fu� auf die Stangen zu stellen. Wer in den K�fig kam, der versuchte sich an dem Gest�nge �ber seinem Kopf festzuhalten oder auch an den Seitenstangen. Manche Verurteilte hielten das ziemlich lange durch.</p><p>Wer hatte wohl Ketten in den Wald gebracht? Vielleicht geh�rten sie zu einem Flaschenzug, den die Krieger Cabezans aufgestellt hatten? Vielleicht gab es da vorne im Nebel noch einen steinernen L�wen? Einen, dem die Z�hne nicht abgebrochen waren und den der K�nig f�r seinen Palast hatte haben wollen.</p><p>Adrien bemerkte, dass viele kleine H�hlen unter die dicke Wurzel gegraben waren.</p><p>M�use! Dass es an einem so eigent�mlichen Ort so viele M�use wie in einem Kornspei-cher gab, erleichterte ihn. M�use waren vorsichtig. Wenn hier eine Gefahr lauerte, dann g�be es keine Mauseh�hlen!</p><p>Wind streichelte sein Gesicht. Jetzt ert�nte das Klirren �ber ihm. Er legte den Kopf in den Nacken. Es war schwer, in dem Dunst Entfernungen zu sch�tzen. Am Boden konnte er etwa acht bis zehn Schritt weit sehen. War der Nebel �ber ihm dichter? Sein Blick verlor sich im Dunst.</p><p>Jetzt h�rte er es wieder. Ein leises Klirren.</p><p>Adrien f�hlte sich betrogen. Was, zum Henker, war da oben? Ein St�ck voraus bemerkte er eine Verf�rbung auf einem Wurzelknoten. Ein ausgefranster, orangebrauner Fleck verunzierte das matte Silber der Wurzelhaut. Rost! Wieder blickte der Junge nach oben. Ob da irgendwo �ber ihm �ste waren? Warum h�ngte man so hoch eine Kette auf? Ein Flaschenzug war das wohl nicht. Er sah sich suchend um.</p><p>Nein, hier gab es nichts, was man h�tte anheben k�nnen. Nur Waldboden und Wurzeln.</p><p>Ein leichter Windsto� lie� geisterhafte Nebelarme um ihn tanzen. �ber ihm erklang vielstimmiges Klirren, als versuchten fremde Stimmen im wei�en Nichts ihm etwas Dr�ngendes mitzuteilen. Ein dumpfer Laut lie� Adrien erschrocken herumfahren.</p><p>Keine drei Schritt hinter ihm war etwas auf den Waldboden gefallen. Ein unf�rmiger, braungr�ner Klumpen.</p><p>Seine Beine wollten losst�rmen, blindlings in den Nebel laufen, aber Schrecken und Neugier hielten ihn in Bann. Vorsichtig n�herte er sich dem Klumpen. Es war ein verzo gener Stiefel, mit Moos und hellgr�nen Flechten bedeckt. Wie konnte ein Stiefel aus dem Himmel fallen?</p><p>Er hob den Stiefel an und lie� ihn fast sofort wieder fal en. Im Schaft steckten altersgelbe Knochen!</p><p>Adrien wich entsetzt zur�ck. Wo war er hier? War all das Elfenzauber? Hatte er sich im Nebel in ihre Welt verirrt? Er kannte viele Geschichten �ber Elfen und hatte sie in der Sicherheit der Stadtmauern stets als albernes Altweibergeschw�tz abgetan. Aber hier drau�en, ganz allein in der Wildnis, erschienen sie ihm in einem neuen Licht.</p><p>Hatte es nicht auch eine Geschichte gegeben, wie sie einen Heiligen an einen Baum banden, marterten und zuletzt verbrannten?</p><p>Der Wind frischte weiter auf und zerriss die Nebelschleier. Vor ihm erhob sich ein gewaltiger Baum. Der Stamm war m�chtig wie ein Turm. Alle Wurzeln liefen auf diesen Baum hin. Er beherrschte die Lichtung. Kein anderes Gr�n gedieh in seinem Schatten.</p><p>Die Zeit hatte dem Baum sichtlich zu schaffen gemacht. Seine silbrig graue Rinde war vernarbt. Wo �ste abgebrochen waren und sich F�ulnis ins Holz gefressen hatte, klafften tiefe H�hlen, umschlossen von wulstigen Rindenlippen. Knochen schimmerten blass in den Baumh�hlen. Mit h�lzernen Pfl�cken waren Skelette an den Stamm genagelt. Adrien sch�tzte, dass es wohl mehr als ein Dutzend Opfer gewesen sein mussten, die man dem Baum dargebracht hatte. Und das einzig Beruhigende an diesem Anblick war, dass ganz offensichtlich alle schon sehr lange tot waren.</p><p>Jetzt konnte der Junge auch �ste im Nebel �ber sich ausmachen. �ste, so dick wie die St�mme der �ltesten B�ume, die er weiter unten nahe dem Ufer gesehen hatte.</p><p>Graugr�ne Bl�tter mit wei�er Unterseite bewegten sich lautlos in der Brise. Der Baum war stumm. Der Wind vermochte den Bl�ttern kein Rascheln zu entlocken. Nur die schweren, rostigen Eisenketten, die von manchen der �ste hingen, klirrten leise. Weitere Leichen waren dort aufgeh�ngt. Und Schilde mit einem wei�en Stierkopf auf rotem Grund. Es gab auch andere Wappen, aber die Schilde mit dem Stierkopf waren bei weitem am h�ufigsten, und es war auch das einzige Wappen, das Adrien kannte. Die Krieger des K�nigs Cabezan trugen solche Schilde. Die Geschichte �ber den Versuch, S�ulen f�r seinen Palast zu stehlen, stimmte also! Was sonst sollten die Krieger in dieser Wildnis verloren haben?</p><p>Der Junge machte einen weiten Bogen um den Baum. Er erinnerte sich an die Worte des Schiffers. Er musste sich beeilen, wenn er Bruder Jules noch vor Einbruch der Nacht finden wollte.</p><p>Das Klirren der Ketten begleitete ihn. Er hatte das Gef�hl, dass der Baum ihn beobachtete. War es der makabere Schmuck? War es die Gr��e? Der Baum machte ihm Angst. Jeden Augenblick rechnete er damit, dass sich die wulstigen M�nder �ffneten und die toten Krieger ausspien, damit diese ihn ergriffen und ihn zu sich holten. Oder dass ein Elf aus dem Nebel trat, um ihn in die verwunschene Anderswelt zu locken.</p><p>Pl�tzlich f�hlte sich der Boden unter seinen F��en fester an. Adrien wagte es nicht hinabzusehen. Seine Gabe, sich die schrecklichsten Dinge auszumalen, gaukelte ihm auch so schon die ungeheuerlichsten Erkl�rungen vor.</p><p>Der Junge wusste, dass ihn der unheimliche Baum noch lange in seinen Alptr�umen verfolgen w�rde. Er brauchte nicht noch mehr Schreckensbilder!</p><p>Trotz aller Vors�tze, nicht auf seine F��e zu blicken, kam er nicht umhin, zu bemerken, dass keine Baumwurzeln in die Richtung verliefen, in die er nun ging. Sie bogen ab, suchten sich andere Wege, als sei irgendetwas unter der Laubschicht, das sie abschreckte.</p><p>Was erschreckte einen Baum?</p><p>Adrien ging ein wenig schneller. Der Boden wurde immer fester. Vielleicht waren es ja nur Felsen, dachte er, aber in diesem verwunschenen Wald mochte er nicht wirklich daran glauben. Der Boden unter seinen F��en f�hlte sich zu eben an.</p><p>Die klirrende Stimme des Baumes raunte �ber ihm im Nebel. Wollte sie ihm ein Geheimnis mitteilen? Ihn warnen?</p><p>Das war verr�ckt! Er begann zu laufen. Blasse Schemen zeichneten sich im Nebel ab.</p><p>Zwei sitzende L�wen, gro� wie das Flusstor von Nantour. Einem fehlten der halbe Kopf und ein gro�es St�ck der linken Schulter. Der andere war unversehrt. Mit drei Augen blickten sie auf ihn herab, so wie er auf eine Maus hinabsehen w�rde. Zwischen ihnen verlief ein weiter Weg, der hinauf in die Berge f�hrte. Aus den R�cken der L�wen wuchsen gro�e, angelegte Schwingen. Welch ein Unsinn! Wer hatte je von gefl�gelten L�wen geh�rt! Gedankenverloren betrachtete er die seltsamen Fabeltiere.</p><p>Was hatte der Schiffer gesagt? <emphasis>Achte auf die L�wen.</emphasis> Markierten sie den Weg, den er nehmen sollte? Auf jeden Fall erschienen sie ihm vertrauenerweckender als der Baum.</p><p>L�wen waren stolz und edel! Und sie fressen Menschen, meldete sich ungefragt jene innere Stimme zu Wort, die immer nur das Schlimmste vermutete.</p><p>�Der Baum hinter mir auch�, murmelte Adrien leise, dann folgte er dem Weg. Er war aus gro�en, wei�en Steinplatten gef�gt. Die Stra�e in die Berge wirkte so alt wie die Berge selbst. Wind und Wetter hatten Spuren hinterlassen. Manche der Platten waren gerissen oder leicht verschoben. Moos wucherte in den Fugen.</p><p>Bald kam er an eine Treppe, die sich an eine steile, rotbraune Felsflanke lehnte. Die Stufen waren mehr als zehn Schritt breit. Hier k�nnte eine ganze Armee marschieren.</p><p>Schulter an Schulter, Glied um Glied.</p><p>Etwas mit den Stufen stimmte nicht. Je mehr er erklomm, desto deutlicher wurde ihm das. Sie waren ein klein wenig zu hoch, als dass man sie bequem h�tte er klimmen k�nnen. Es war wie in Kindertagen, als Treppen noch eine Herausforderung waren.</p><p>Je mehr seine Beine schmerzten, desto klarer dr�ngte ein Gedanke in seinen Verstand.</p><p>Diese Stufen waren nicht f�r Menschen gemacht.</p></section><section><title><p>Elfen sind Dumm</p></title><p>Nikodemus mochte seinen Gef�hrten nicht. Er war schon Hornschildechsen begegnet, mit denen man besser reden konnte als mit diesem Troll. M�rrisch und schweigsam stapfte der H�ne hinter ihm durch den hohen Schnee. Seit Tagen waren sie unterwegs.</p><p>Nikodemus war stolz darauf, der Auserw�hlte der ber�hmten Trollschamanin zu sein.</p><p>Ihm hatte sie es anvertraut, die beiden niedertr�chtigsten M�rder zu stellen, die Albenmark je gesehen hatte. Feinde des Volkes, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen konnte. Grausame Unterdr�cker, die einen ganzen Gerichtssaal niedergemetzelt hatten. Alle Zeugen der Verhandlung, in der sie f�r ihre perfiden Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden waren, hatten den Tod gefunden.</p><p>Der Lutin blickte �ber die Schulter zu dem Troll zur�ck. Angeblich hatte Madra dem Beginn des Prozesses beigewohnt, aber der hatte ja seine Zunge verschluckt. Zu gerne h�tte Nikodemus gewusst, wessen die Elfen angeklagt waren. Welche Schrecken so gro� waren, dass alle Zeugen der Verhandlung sterben mussten, damit die Wahrheit �ber die Untaten der beiden nicht ans Licht kam.</p><p>Bevor er Feylanviek verlie�, hatte Nikodemus seinem Bruder Elija einen Brief geschrieben, in dem er ihn �ber die Ereignisse unterrichtete. Auch wenn der Thron von Burg Albenmark erobert war, war doch die Schlacht um die Herzen des Volkes noch nicht entschieden. Das Massaker von Feylanviek mochte vielen Unentschlossenen die Augen �ffnen. Zu deutlich offenbarte es das Wesen der Elfen. Elija w�rde den Bericht gut zu nutzen wissen! Obwohl er gr��ten Respekt vor der Schamanin empfand, hatte Elija den Brief lieber nicht Skanga anvertraut. In manchen Dingen waren die Trolle einfach barbarisch!</p><p>Nicht einmal ihre Anf�hrer konnten lesen und schreiben. W�re er nicht im Gerichtssaal gewesen, wom�glich h�tte niemand die Drohung bemerkt, die an die Wand geschrieben war. Solchen Verb�ndeten musste man leider zutrauen, dass sie einen Brief benutzten, um sich damit den Hintern abzuwischen. Aber so war nun mal die Dialektik der Revolution. Die Streiter des Geistes h�tten niemals ohne die Streiter der Faust triumphiert. Und in ganz Albenmark gab es keine gr��eren F�uste als Trollf�uste.</p><p>Nikodemus konnte die pulsierende Macht des Albenpfades durch die Schneedecke hindurch sp�ren. Und er konnte auch die Macht des nahen Sterns f�hlen. Seine Rute begann zu kribbeln, und alle Haare darauf standen ihm zu Berge, wenn er sich einem Albenstern n�herte. Das machte keinen sehr m�nnlichen Eindruck, aber in Gegenwart des Trolls war ihm das egal.</p><p>Skanga hatte nach Kopfgeldj�gern, F�hrtensuchern und anderen Lutin geschickt, um die Spur der beiden fl�chtigen Elfen aufzunehmen. Doch ihn hatte sie als Allerersten von der Kette gelassen. Auch wenn der gro�e Zeh seines Leibw�chters Madra massiger war als seine Faust, w�rde er, Nikodemus Glops, es allen zeigen. Er war ein Held, das hatte er schon immer gewusst. Leider hatten ihm die Schlachten im Windland wenig Gelegenheit geboten, dies zu beweisen. Aber jetzt war seine Stunde gekommen!</p><p>Sie schritten einen sanften H�gel hinab. Es war ein strahlender Sonnentag. Das Licht brach sich blendend auf dem frischen Schnee. Der Himmel spannte sich in makel osem Blau �ber ihnen. Nur in der Ferne zogen einige einzelne wei�e Wolken dahin.</p><p>Am Fu� des H�gels lag der Albenstern. Deutlich sp�rte Nikodemus die Macht des Ortes, auch wenn es nur ein minderer Stern war. Vier Wege kreuzten sich hier. Niemand hatte sich die M�he gemacht, diesen Ort zu markieren. Wer in die N�he Feylanvieks reiste, der nutzte die beiden gr��eren Sterne.</p><p>�Hier sind unsere beiden M�rder geflohen�, sagte Nikodemus �berzeugt.</p><p>Der Troll sah ihn an. Was er wohl dachte? Seine Miene blieb reglos. Trolle!</p><p>�Dein Schwanz sieht merkw�rdig aus. Bist du krank?�</p><p>Es war zum Aus-dem-Fell-Fahren! �Was interessiert dich meine Rute! Ich sagte, die Elfen sind von hier geflohen!� Er stampfte mit dem Fu� in den Schnee, dort, wo sich die vier Albenpfade kreuzten, auch wenn f�r einen Troll ohne jegliches Gesp�r f�r Magie dort nichts zu sehen war. �Hier ist es!�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil es unlogisch ist, Madra!�</p><p>Der Troll legte die Stirn in Falten. Dabei bleckte er die Z�hne, was ein �beraus beunruhigender Anblick war. �Was?�</p><p>�Es ist dumm, Madra. Unlogisch hei�t so viel wie dumm.�</p><p>�Du glaubst, Elfen sind dumm.� Die Stimme des Trolls klang, als rieben gro�e Felsbrocken aneinander.</p><p>�Nein, sie sind sehr schlau. Sieh doch, sie werden damit rechnen, dass wir vermuten, sie w�rden diesen Weg nehmen. Also h�tten sie dann doch einen der gro�en Albensterne nehmen m�ssen. Und weil sie �berzeugt sind, dass wir zu eben diesem Schluss kommen, nehmen sie doch diesen hier.�</p><p>Madra sagte nichts, aber an seinem Blick war deutlich abzulesen, was er dachte. �Du kannst ja zu Skanga zur�cklaufen, wenn du mir nicht vertraust. Ich wei�, wie Elfen denken. Ich habe sie jahrelang studiert. Ich kenne sie!�</p><p>Nikodemus kniete sich in den Schnee. Es tat gut, die K�lte zu sp�ren. Er hatte zu hei�es Blut. Er musste sich beherrschen. Wenn er nach der Macht der Albenpfade griff, durfte ihm kein Fehler unterlaufen. Nicht jetzt! Er hielt den Atem an und lie� ihn dann ganz langsam entweichen. Dann �ffnete er sich der Macht der Magie. Obwohl er die Augen geschlossen hatte, vermochte er die Pfade der Alben zu sehen. Tief in seinem Kopf.</p><p>Selbstbewusst und voller Stolz sprach er die Worte der Macht, die ihn einst Meister Gromjan gelehrt hatte. Auch wenn der Alte es nie gesagt hatte, so wusste Nikodemus doch, dass Gromjan sehr stolz auf ihn gewesen war. Er war sein bester Sch�ler gewesen. Nach Elija nat�rlich�...</p><p>Ein Bogen aus Licht erwuchs aus dem Schnee. Der Lutin richtete sich auf und klopfte seine Kleider ab. Madra sah ihn m�rrisch an. Oder hatte der Troll vielleicht Angst?</p><p>Zumindest bleckte er nicht mehr die Z�hne, und das war sehr beruhigend.</p><p>�Komm�, sagte Nikodemus und trat dicht vor die magische Pforte.</p><p>Der Troll r�hrte sich nicht.</p><p>�Sie sind hier entlang! Je l�nger wir warten, desto gr��er wird ihr Vorsprung. Ich w�rde Skanga nur ungern erz�hlen m�ssen, dass du gez�gert hast. Aber du wei�t ja, ihr verschweigt man nichts.�</p><p>Das h�tte er besser nicht gesagt. Madra bleckte wieder die Z�hne.</p><p>�Woran siehst du, dass sie hier waren?�</p><p>Wie sollte man das erkl�ren? Es war ein Gef�hl. Und seinen Gef�hlen konnte er meistens vertrauen. Ein anderes Gef�hl warnte ihn allerdings davor, das dem Troll so offen zu sagen. �Der Pfad sieht benutzt aus. Kannst du das nicht erkennen?�</p><p>Der Troll betrachtete den Weg aus warmem, goldenem Licht. �Da ist nichts.�</p><p>�Du siehst nichts, weil dir die Pfade der Magie nicht vertraut sind. Du hast ja wohl auch kein Tor gesehen, bevor ich es ge�ffnet habe.�</p><p>Wieder dieses erschreckende Stirnrunzeln, verbunden mit dem freien Blick auf viel zu viele, viel zu scharfe Rei�z�hne. �Wenn du mich betr�gst, Kobold, rei�e ich dir den rechten Arm aus und sorge daf�r, dass du an der Wunde nicht stirbst.�</p><p>Madras ganze Art lie� keinen Zweifel aufkommen, dass dies nur leere Worte waren.</p><p>Nat�rlich konnte man nicht sehen, ob jemand den Pfad betreten hatte. Aber er sp�rte, dass dieses Tor hier vor kurzem ge�ffnet worden war. Und er w�rde auch sp�ren, wo sie den Albenpfad verlassen hatten�... Wenn er sich f�r den richtigen entschied. Immerhin kreuzten sich hier vier Wege. Das hie�, es gab acht Richtungen, in die die beiden Elfen gegangen sein konnten.</p><p>Nikodemus dachte an die Worte des Trolls. Warum hatte ihm Skanga einen schweigsamen Armausrei�er mit auf den Weg gegeben? War das das Beste, was die Trollbrut hervorgebracht hatte? Verdammter Mistkerl. Vielleicht ging er ja auf den Albenpfaden verloren. Ein Schritt vom Weg gen�gte. Wer in das Nichts st�rzte, war unrettbar verloren. Der Lutin wusste, was dort lauerte.</p><p>Z�gerlich trat er auf den Albenpfad. Hinter sich h�rte er Schnee knirschen. Der Troll folgte ihm also. Aber das beruhigte ihn nicht. Er musste seinen Verstand beieinander-halten. Ein kleiner Fehler, und er w�rde seinen Urenkeln begegnen, wenn er nach Burg Elfenlicht zur�ckkehrte. Verdammter Troll! Wie sollte er den richtigen Weg finden, wenn er immerzu daran dachte, wie es wohl sein w�rde, einen Arm ausgerissen zu bekommen!</p></section><section><title><p>Der falsche Weg</p></title><p>Stunde um Stunde f�hrte die weite Treppe Adrien h�her in die Berge. Seine Beine schmerzten. In seinen Waden schien ein Feuer zu brennen. Und dennoch hielt er nicht inne. Die Angst sa� ihm im Nacken. Er wollte bei Einbruch der Nacht auf keinen Fall allein sein. Aber einen Steinernen Wald hatte er bislang nicht entdecken k�nnen. Und die D�mmerung war nicht mehr fern!</p><p>Eisiger Wind zerrte an seinen Kleidern. Der Nebel war l�ngst verflogen. Und wenn er zur�ckblickte, konnte er manchmal den Fluss weiter unter sich sehen. Wie ein silbernes Band zog er sich durch die Berglandschaft. Jetzt erschien es Adrien dumm, dass er sich vor diesem Fluss einmal gef�rchtet hatte.</p><p>Er wandte sich ab und erklomm die n�chsten Treppenstufen. L�ngst hatte er seine Wurst gegessen und sein letztes Wasser getrunken. Aber nicht Hunger oder Durst qu�lten ihn. Zuallererst kam die Ersch�pfung. Er hatte das Gef�hl, keine zehn Treppenstufen mehr zu schaffen. Unterwegs hatte er sich einen Stecken gesucht, auf den er sich nun schwer st�tzte. Aber auch das half nicht mehr. Er ging so krumm wie ein alter Mann.</p><p>Manchmal, wenn er schnaufend innehielt, fragte er sich, ob es den Steinernen Wald �berhaupt gab. Oder hatte er einen falschen Weg eingeschlagen? Seit er zwischen den L�wen hindurchgegangen war, hatte es keinen Abzweig gegeben. Aber vielleicht hatte er seine Reise ja am falschen Punkt begonnen. Achte auf die L�wen! Konnte das bedeutet haben, dass er dort auf keinen Fall h�tte entlanggehen sollen?</p><p>Der Weg f�hrte Adrien um einen Felsvorsprung; unvermittelt stand er vor einem Abgrund. Seit einer halben Stunde war die Treppe der Flanke eines Steilhangs gefolgt.</p><p>An einigen Stellen hatte Steinschlag den wei�en Stufen zugesetzt. Felsbrocken, gro� wie Heuschober, hatten auf den Stufen gelegen. Ein Abschnitt war ganz von einer Lawine versch�ttet worden, aber er hatte es geschafft, �ber das Ger�ll hinwegzuklettern. Doch hier hatte eine Lawine die Stufen einfach mit sich in den Abgrund gerissen. Ein kleiner Bach st�rzte sich in der klaffenden L�cke am Steilhang vorbei in den Abgrund. Gefrorenes Spritzwasser funkelte r�tlich im Abendlicht.</p><p>Hinter dem Abbruch verschwand die Treppe in einer H�hle. Lag dort das Ziel?</p><p>Adrien schlang schlotternd die Arme um den Leib. Ein eisiger Wind pfiff hier oben. Es war viel zu sp�t, um noch an einen Abstieg zu denken. Der Schatten der Berge wanderte mit jedem Herzschlag ein sichtbares St�ck dem Abbruch entgegen. Er musste jetzt handeln. Es gab kein Zur�ck mehr. L�nger zu z�gern, bedeutete nur, dass er im Dunkeln w�rde klettern m�ssen, und wenn er umkehrte, w�rde er erfrieren. Wenn er weiterwollte, dann m�sste er seinen Spie� zur�cklassen. Und was, wenn es auf der anderen Seite doch noch L�wen gab? Solche ohne Fl�gel�... Schweren Herzens lehnte er die Waffe an den Fels.</p><p>Der Fels war nicht v�llig glatt. Kleine Vorspr�nge, Risse und Spalten boten Halt. Aber an mindestens zwei Stellen waren die Abst�nde zwischen den Griffen so weit, dass niemand, der bei Verstand war, freiwillig diesen Weg gew�hlt h�tte.</p><p>Vorsichtig stieg Adrien in die Wand. Als Dieb hatte er Erfahrung darin, H�userw�nde zu erklimmen. Seine H�nde waren voller Schwielen, die Finger stark und sehnig. Er konnte es schaffen. Er dr�ckte sich fest an die Felswand. Wie eine Schnecke wollte er am Stein haften. Langsam jedes Hindernis �berwinden. Ein Gaukler hatte ihm einmal gezeigt, wie eine Schnecke �ber die Schneide eines Schwertes kroch, ohne sich zu verletzen. Seitdem sah Adrien die Tiere mit anderen Augen.</p><p>Der Fels war kalt. Der Stein trank seine W�rme. Die Fin ger wurden schnell taub. So f�hlte er wenigstens keinen Schmerz, wenn er sie sich aufsch�rfte. Keilen gleich trieb er sie in seine Spalten. Er w�rde sich seine neuen Stiefel ruinieren, dachte er �rgerlich. Nach der Kletterei w�rde das Leder verschrammt sein.</p><p>Vielleicht platzten auch die N�hte. Wenn er einmal Gl�ck bei etwas hatte, dauerte es keinen Tag und alles war wieder verdorben. Als h�tte ihn jemand verflucht!</p><p>Seine Fingerspitzen ertasteten Eis. Es zog sich �ber eine kleine Felsnase, die kaum zwei Zoll weit aus der Wand ragte. Sie h�tte einen guten Griff abgegeben, w�re da nicht das Eis. Adrien fluchte. Er tastete �ber die Wand. Eine Spalte war vom Eis versiegelt worden. Endlich fand er einen Ritz, in den er drei Fingerspitzen so weit hineinschieben konnte, dass er es wagte, den rechten Fu� von seinem sicheren Platz zu nehmen und mit ihm �ber den Felsen zu tasten. Er fand ein Sims und kam ein St�ck weiter voran.</p><p>Mit der D�mmerung war der Wind aufgefrischt. Er strich �ber die Wand. Eine Wolke von Spr�hwasser benetzte Adriens Gesicht. Der verdammte Wasserfall! Er w�rde hindurchsteigen m�ssen. Das Wasser hatte nicht viel Kraft; es war kaum mehr als ein armdicker Strahl, der in die Tiefe st�rzte. Aber es w�rde eisig sein. Wenn er dort hindurch war, dann w�rde er schnell ein warmes Quartier brauchen!</p><p>Warum lie� Jules ihn einen solchen Weg gehen? War es dem Priester egal, ob er lebend bei ihm ankam?</p><p>Wieder blies ihm der Wind Spr�hwasser ins Gesicht. Er brauchte immer l�nger, um doch nur einen unsicheren Halt zu finden. Ja, er war verflucht! Aber er w�rde sich nicht beugen. Je schlimmer es wurde, desto w�tender wurde er. Sein Zorn w�rmte ihn.</p><p>Und er verlieh ihm neue Kraft.</p><p>Noch ein Griff. Jetzt spritzte ihm Wasser mitten ins Gesicht. Der Fels war ganz in Eis gekleidet. Adrien hielt sich an einem Dorn fest, der aus der Wand ragte. Schwang sich tollk�hn ein St�ck weiter. Das Wasser str�mte �ber ihn hinweg. Es war so kalt, dass es ihm den Atem raubte. Mit offenem Mund hing er in der Steilwand, unf�hig, seine Lungen mit Luft zu f�llen.</p><p>Unf�hig, seine Wut herauszuschreien, obwohl sie ihn schier bersten lassen wollte.</p><p>Nass hingen seine zerklumpten Kleider an ihm herab. Aber seine F��e waren noch trocken. Wenigstens das, dachte er zynisch. Und pl�tzlich musste er lachen. All das hier war ein Witz. Ein toter Schiffer! Wohin mochte der ihn schon schicken, au�er ins Verderben! Wie hatte er jemals glauben k�nnen, dass Jules ihn hier erwartete. Unsinn!</p><p>Hier in dieser Ein�de gab es nur Steine und den Tod!</p><p>Man mochte ihn leicht hereinlegen k�nnen, aber leicht umzubringen war er nicht!</p><p>Trotzig kletterte er weiter. Schneller nun. Eilig tasteten die Finger �ber die vereiste Wand. Und immer fanden sie einen Halt. Er klammerte sich an einen Eiswulst. Der Schatten der Berge war nun schon bis zu seinen H�ften die Steilwand hinaufgekrochen. Die Finsternis w�rde ihn verschlingen, dachte er beklommen, w�hrend sein Fu� nach einem Sims suchte. Er h�tte mit nackten F��en klettern sollen.</p><p>Damit fand man besseren Halt. Und er h�tte seine kostbaren Stiefel geschont!</p><p>Er verlagerte sein Gewicht. Streckte das Bein noch etwas weiter aus. Es war wie verwunschen. Nichts! Viel eicht m�sste er ein St�ck zur�ck. Wieder dem Wasser entgegen. Er streckte sich noch ein wenig mehr.</p><p>Ein scharfes Knacken lie� ihn bis ins Mark erschrecken. Der Eiswulst brach aus der Wand. Seine Hand glitt �ber gefrorenen Stein. Er dr�ckte sich fest gegen die Wand und rutschte ab. Panisch versuchte er etwas zu packen zu bekommen. Sein Kinn schlug auf ein schmales Sims. Der Kopf wurde ihm durch den Aufprall in den Nacken gerissen. Er glitt weiter. Benommen nun. Ergeben�... Pl�tzlich fanden seine F��e Halt.</p><p>Ein Steg, gro� wie ein Fu�schemel. Seine Linke schoss in eine Spalte. Die Finger kr�mmten sich, sein K�rper federte nach. Er hatte sich wieder in der Gewalt. F�nf Schritt oder sechs war er tiefer gerutscht. Der Schatten hatte ihn gefressen. Nur ein kleines St�ck weiter war eine eiserne Angel in die Wand geschlagen. Dann noch eine. Er blinzelte. Jemand hatte hier einen Weg bereitet.</p><p>Er sah am Fels entlang zur�ck. Auch dort gab es rostige Griffe. Und eine tiefe Ausbuchtung in der Steilwand sch�tzte vor dem Wasser, das gleich einem Vorhang daran vorbeist�rzte. Er h�tte l�nger suchen sollen!</p><p>Schlotternd vor K�lte brachte er das letzte St�ck Wegs an der Steilklippe hinter sich.</p><p>Wieder auf den sicheren Stufen angelangt, begann er zu laufen. Ihm musste wieder warm werden! Die Finsternis des Tunnels verschluckte ihn. Hier f�hrte der Weg in sanfter Neigung bergan. Es gab keine Stufen mehr. Dennoch tastete sich Adrien vorsichtig vorw�rts. Der Weg schien endlos, bis sich ein blassroter Lichtpunkt am Ende des Tunnels abzeichnete.</p><p>Ungeduldig beschleunigte der Junge seine Schritte. Der Lichtpunkt wuchs an. Bald sah er den Himmel im letzten Abendrot. Er war �berrascht, dass es noch nicht dunkel war.</p><p>Als er aus dem Dunkel trat, erstreckte sich vor ihm ein Tal, das sich nach Westen hin �ffnete. Es war verschneit. Hunderte S�ulen erhoben sich wie ein steinerner Wald. Und noch weit mehr lagen niedergest�rzt zwischen Ruinen und Schutth�geln, denen der Winter ein wei�es Gewand �bergeworfen hatte. Was f�r eine Stadt hatte hier einst gestanden? Eine Stadt der Pal�ste? Wozu hatte man so viele S�ulen gebraucht? Und warum wuchs hier nichts? Noch bevor der Weg in den Tunnel m�ndete, hatten sich zumindest vereinzelt B�ume und B�sche am Felsen festgeklammert. Hier aber gab es nichts. Nur Schnee und Ruinen.</p><p>�Du hast es also geschafft, Adrien.�</p><p>Der Junge zuckte zusammen und wich erschrocken ein St�ck in den Tunnel zur�ck.</p><p>Ger�ll knirschte unter Schritten. Eine Gestalt in blauem Priestergewand erschien am Eingang. �Ich freue mich von Herzen, dich zu sehen. Du kannst stolz auf dich sein. Du hast einen schweren Weg gemeistert. Jetzt bleibt nur noch eins zu tun�... �</p><p>Adrien erkannte die Stimme von Bruder Jules. Ihm erschien der Priester hier inmitten der Wildnis noch gr��er und ehrfurchtgebietender als in der Stadt. Nie war er einem Gottesdiener wie ihm begegnet. Er strahlte wahre Macht aus.</p><p>Der Junge lehnte sich an die Felswand. Er f�hlte sich zu Tode ersch�pft. �Was soll ich noch tun?�</p><p>�Ich m�chte, dass du mein Sch�ler wirst. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob du es wert bist. Ich habe dir ein gro�es Geschenk zu machen. Ich wei� um deine Vergangenheit und um deine Zukunft. Dein wirklicher Name ist Michel. Michel Sarti!</p><p>Dein Vater war ein bedeutender Mann, zumindest am Ende seines Lebens. In seiner Jugend hat er einige Dinge getan ... Doch das musst du jetzt nicht erfahren. Wichtig ist nur, dass du wei�t, dass dich ein au�erordentliches Erbe erwartet. Du wirst eines Tages ein gemachter Mann sein. Wenn du ein guter Sch�ler bist.�</p><p>Das kam alles zu schnell und unerwartet f�r Adrien. Er f�hlte sich, als habe ihn ein auskeilendes Kutschpferd getreten. Von seiner Ersch�pfung und diesen �berraschenden Enth�llungen ganz benommen, vermochte er keinen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>Seine Mutter war eine Dirne gewesen. Es war unm�glich, zu wissen, wer sein Vater war. V�llig unm�glich! Nie zuvor hatte er diesen Namen geh�rt. Michel Sarti. Aber das w�rde er nicht erz�hlen. Ihm stand ein Erbe zu�... Und wenn der Priester der Meinung war, es m�sse ihm ausgeh�ndigt werden, dann w�re er ja sch�n bl�d, wenn er sich alles verderben w�rde und mit der Wahrheit �ber seine Abstammung herausr�ckte!</p><p>�Ich bin �berrascht, ehrw�rdiger�... �</p><p>Bruder Jules unterbrach ihn mit einer knappen Geste. �Du musst noch eine letzte Probe bestehen, bevor ich dich als Sch�ler aufnehme. Auch wenn dein Vater als ein Held starb, so war er die meiste Zeit in seinem Leben doch ein elender Hurenbock. Ich bin �berzeugt, wenn ich weitersuche, werde ich leicht noch zwei oder drei seiner Spr�sslinge auftun. Aber ich bin es m�de, alten Huren und leichtfertigen Schankm�dchen hinterherzuschn�ffeln, um herauszufinden, wer wohl ein Kind von ihm bekommen haben k�nnte. Also bitte bem�h dich. Und jetzt komm mit.� Er drehte sich ohne ein weiteres Wort um.</p><p>Adrien war zu verwundert, um etwas einzuwenden. Was f�r ein Erbe mochte ihn erwarten? Wie bedeutend war der Besitz seines Vaters wohl gewesen? War er vielleicht ein Adeliger? Er stellte sich vor, dass ihm ein festes Haus und ein Stall voller Pferde geh�ren k�nnten. Ein richtiges Bett und eine Tafel, auf die jeden Tag warmes Essen aufgetragen wurde. Und sch�ne Kleider. Was w�rde das Blumenm�dchen vom Heumarkt wohl sagen, wenn er auf einem stolzen Ross vor ihr erschien? Er m�sste sich dann nicht mehr sch�men, sie nach ihrem Namen zu fragen.</p><p>Mit festem Schritt folgte er dem Priester. Seitlich des Tunnelausgangs f�hrte ein schmaler Trampelpfad den Berg hinauf. Hier wucherte niedriges Buschwerk. Beeren-ranken mit langen Stacheln zerrten an seinen Kleidern. Es schien, als wolle ihn die Natur zur�ckhalten. Ihm verweigern, was sein z�gelloser Vater ihm als sp�tes Erbe hinterlassen hatte. Falls Jules sich nicht irrte und in ihm den Falschen aufgesp�rt hatte.</p><p>Der Priester blieb unter einer vom Wind gebeugten Zeder stehen. An ihrem Stamm lehnten ein Spaten und eine Spitzhacke. �Du wirst hier bei dem Baum eine Grube f�r mich ausheben, Junge. Sie soll zwei Schritt lang sein und etwa einen Schritt breit. Und sie muss mindestens so tief sein, dass du bis zu den H�ften darin verschwindest.�</p><p>Adrien kniff die Lippen zusammen. Was das zu bedeuten hatte, war allzu deutlich.</p><p>Jetzt bemerkte er hinter der Zeder zwei flache H�gel im Schnee. Er war wohl nicht der Erste, der aufgefordert wurde, hier eine Grube zu graben.</p><p>Eben noch h�tte er vor Freude jauchzen m�gen, weil sein Schicksal sich so �berraschend zum Besseren gewandt hatte, und jetzt drohte schon wieder alles zu Asche zu werden. Er blickte auf das Tal. Das D�mmerlicht lie� die S�ulen mit der Dunkelheit verschmelzen. Dort unten gab es keinen Ort, an dem er W�rme gefunden h�tte. Und zur�ck konnte er auch nicht mehr. Er war Jules ausgeliefert.</p><p>Der Priester schlug die weite Kapuze seines Gewandes zur�ck. Er hatte ein markantes Gesicht. Die Falten um seine Augen und den Mund deuteten an, dass er gerne lachte.</p><p>Sein rabenschwarzes Haar war kurz geschoren. Erstes Grau hatte sich an den Schl�fen eingenistet. Sicher hatte er mehr als drei�ig Sommer gesehen. Oder waren es vielleicht f�nfzig? Nein. Der Mund war nicht eingefallen. Er schien noch die meisten seiner Z�hne zu haben. F�nfzig konnte er unm�glich sein!</p><p>Ganz besonders auff�llig waren seine Augen. Sie waren von einem lebendigen, einnehmenden Blau.</p><p>�Wirst du deine Arbeit schaffen?�</p><p>�Ich bin m�de, Herr. Der Weg war schwer�... �</p><p>�Es ist die letzte Probe. Dann wirst du mein Sch�ler sein.� Er sagte das auf so herzliche Weise, dass man ihm nichts �belnehmen mochte. Adrien hatte das Gef�hl, einem guten, alten Freund gegen�berzustehen. Einem, bei dem man ganz sicher sein konnte, dass er nur das Beste wollte. Und er hatte ja auch wegen der Stadt Recht behalten. In der Nacht nach seiner Flucht auf den Lastkahn war ein schrecklicher Sturm �ber das Land gezogen. H�tten die Stadtwachen ihn gefangen und drau�en am Pranger vergessen, wie Jules geweissagt hatte, dann w�re er jetzt schon tot.</p><p>Der Priester wusste irgendetwas. Etwas, das er jetzt nicht mit ihm teilen wollte. Aber es war zu seinem eigenen Besten, wenn er jetzt auf Jules h�rte und sich ohne Wider-worte daran machte, ein Grab auszuheben, auch wenn er so m�de war, dass er im Stehen h�tte schlafen k�nnen.</p><p>�Du wirst das schaffen�, sagte Jules aufmunternd. �Du bist stark. Das sehe ich. Du bist aus dem gleichen Holze wie dein Vater geschnitzt.</p><p>Einst ist er in einer Schlacht sieben Mal verwundet worden. Er hatte gegen heimt�ckische Elfen gek�mpft. Doch er blieb einfach stehen und k�mpfte weiter, wo andere, Schw�chere gestorben w�ren.� Der Priester deutete noch ein St�ck weiter den Hang hinauf. �Siehst du den schwarzen Busch dort oben? Dahinter liegt unsere H�tte.</p><p>Dort gibt es ein w�rmendes Feuer und eine kr�ftige Br�he mit fettem Fleisch darin.</p><p>Das alles wartet auf dich. Beeil dich, mein Freund.� Jules klopfte ihm noch einmal aufmunternd auf die Schulter. Dann ging er in die Richtung davon, in die er gerade gedeutet hatte.</p><p>Als er sich entfernte, kehrte Adriens Ersch�pfung schlagartig zur�ck. Seine H�nde zitterten, als er nach dem Spaten griff. Die Finger waren verschorft. M�de stach er das Spatenblatt in den Schnee. Mit einem knirschenden Ger�usch stie� es durch die verharschte oberste Schicht. Der Boden unter dem Schnee jedoch war hart wie Stein gefroren.</p><p>Verzweifelt blickte der Junge zum Horizont. Dem Rot war ein blassblaues Licht gefolgt, das zum Himmel hinauf immer dunkler wurde. Der Mond war schon aufgegangen. Es zeigten sich kaum Wolken. Er w�rde f�rchterlich kalt werden in dieser Nacht.</p></section><section><title><p>Erwachen</p></title><p>Falrach sp�rte deutlich, dass sie beobachtet wurden. Das Gef�hl war so stark, dass er es fast wie eine sanfte Ber�hrung empfand. Das war neu f�r ihn. Emerelle lag in seinem Arm. Er sp�rte ihren regelm��igen Atem. Warum merkte sie nichts?</p><p>Er �ffnete seine Augen einen Spalt weit. Ihr Lagerfeuer war l�ngst erloschen. Zun�chst hatte er geglaubt, von der K�lte erwacht zu sein. Die Hitze des Tages war nur noch eine ferne Erinnerung. Es hatte sich so sehr abgek�hlt, dass sie gemeinsam unter seinen Umhang gekrochen waren.</p><p>Emerelle hatte darauf verzichtet, sich durch einen Zauber zu sch�tzen, und mit ihm unter der K�lte gelitten. Vielleicht war es auch nur ein Vorwand gewesen, um neben ihm unter dem Umhang zu liegen. Zum ersten Mal, seit er im Gef�ngnis dieses fremden K�rpers wieder zu Bewusstsein gekommen war, hatte er sich gl�cklich gef�hlt. Bis zu dem Augenblick, als er erwachte.</p><p>Jenseits des verloschenen Feuers bewegte sich etwas. Sie hatten die Maiskolben aus den Opferschalen mitgenommen. In den letzten Tagen waren sie ihr einziger Proviant gewesen. Die Reste ihres Abendessens lagen etwa dort, wo sich der Schatten bewegte, im Sand.</p><p>In all den drei Tagen, die sie den Bergen am Horizont entgegengegangen waren, hatten sie nicht das Gef�hl gehabt, verfolgt zu werden. Wer mochte das sein, der nun um das Lager schlich? Aus den Augenwinkeln sah Falrach eine zweite Gestalt. Ein Kobold?</p><p>Der Bidenh�nder lehnte au�er Reichweite an einem Felsen. Falrach verfluchte sich daf�r, sich so weit entfernt von seiner Waffe zum Schlafen gelegt zu haben. Das gro�e Schwert war das Letzte, an das er gedacht hatte, als Emerelle ihm erkl�rt hatte, dass sie mit ihm gemeinsam unter seinem Umhang schlafen wollte.</p><p>Die Gestalt bei den abgenagten Maiskolben blickte auf. Ihr Gesicht war wei�. Nein ...</p><p>Es war ein Totensch�del!</p><p><emphasis>Das sind nur bemalte Gesichter.</emphasis> Die Stimme war in seinen Gedanken. Er wusste, dass Winds�nger Tiere rufen konnten und in ihren Gedanken waren. Dass dies nicht nur f�r Tiere galt, war ihm neu. Das hie� also ...</p><p><emphasis>Keine Sorge, ich k�mmere mich nicht um das, was du �ber mich denkst.</emphasis></p><p>Gerade tust du es aber, antwortete er in Gedanken. Im �brigen hat einer der geschminkten Kobolde einen Speer in der Hand, der im Gegensatz zu den aufgemalten Totensch�deln ganz echt aussieht.</p><p>Im erloschenen Feuer loderte eine Stichflamme auf, die das Lager in taghelles Licht tauchte. Entsetzte Schreie erklangen. Falrach sah kleine Gestalten Hals �ber Kopf in die Sicherheit des Dunkels fliehen. Es waren mindestens zwanzig! Und er hatte nur zwei von ihnen bemerkt.</p><p>Emerelle stand auf. Sie ging zum Rand des Lichtkreises, den ihr Lagerfeuer in die Nacht schnitt. Sie b�ckte sich nach etwas. Dann sah sie wieder hinaus ins Dunkel. Eine unheimliche Macht ging von ihr aus. War sie jetzt in den Gedanken der Kobolde?</p><p>Falrach sp�rte, dass sie einen Zauber wirkte. Die Luft rings herum schien sich zu ver�ndern. Es war etwas Neues in ihr. Etwas, das auf der Haut kribbelte, als hielten dort ganze Heerscharen von Ameisen eine Parade ab.</p><p>Von Unrast gepackt, erhob er sich und trat neben Emerelle. Jetzt sah er, was sie in H�nden hielt. Ein B�ndel kleiner Pfeile, das von einer Schnur aus Pflanzenfasern zusammengehalten wurde. Die Spitzen waren aus schwarzem Stein. Sie sahen klebrig aus. Staub haftete an ihnen.</p><p>�Hattah�, sagte Emerelle, als k�nne das alles erkl�ren.</p><p>Falrach hob die Pfeile an die Nase. Ein leicht s��licher Geruch haftete ihnen an. Ein Geruch, der ein pelziges Gef�hl auf der Zunge hinterlie�.</p><p>�Hattah ist ein Gift, das aus dem Fleisch von Kakteen gewonnen wird. Wenn man es richtig aufbereitet einatmet, glaubt man, die Geister seiner Vorfahren spr�chen mit einem. Gelangt es in dein Blut, l�hmt es deine Lungen, und du erstickst.�</p><p>�Dann sollten wir wohl nicht als deutlich sichtbare Ziele vor dem Feuer stehen.�</p><p>�Wir sind au�er Gefahr, f�r den Augenblick. Sie laufen immer noch. Aber sie werden wiederkommen. Ein paar Meilen entfernt liegt ein kleines Dorf. Wir werden es morgen besuchen.�</p><p>�K�nnen wir nicht einfach gehen?�</p><p>�Es ist nicht meine Art wegzulaufen. Ich will in Frieden leben. Vielleicht hier, vielleicht an einem anderen Ort. Das wird uns nur gelingen, wenn wir uns stellen. Ich m�chte in Zukunft nicht st�ndig �berlegen m�ssen, ob ein Kobold mit einem vergifteten Pfeil auf meinen R�cken zielt.�</p><p>�Warum sollten sie uns in ihr Dorf lassen?�</p><p>�Aus demselben Grund, aus dem sie noch nicht auf uns geschossen haben, obwohl sie uns schon seit Stunden beobachten. Sie haben Angst vor uns, aber sie sind auch neugierig. Sie halten uns f�r Riesen, die der Himmel geboren hat.�</p><p>�Riesen�, sagte er m�rrisch.</p><p>Er hatte gedacht, sie habe in seinen Armen geschlafen. Er hatte sich gut gef�hlt, weil er ihr Schutz gab. Genau das Gegenteil war der Fall gewesen. Sie hatte auf ihn auf-gepasst. Er war einmal ein Spieler gewesen, der fast nie verlor. Das war seine Gabe. Er konnte vorausahnen, was seine Gegenspieler unternehmen w�rden, wenn er nur genug �ber sie wusste. Und es war ganz gleich, ob er ihnen an einem Spieltisch oder als Feldherr auf einem Schlachtfeld begegnete. Er war stolz auf seine F�higkeiten gewesen. Fr�her einmal war er ber�hmt gewesen, zu etwas nutze. Jetzt war er nur noch Ballast auf einer Reise ohne Ziel.</p><p>�Sie haben noch nie Elfen gesehen�, sagte Emerelle. �Sie sind sich noch uneins, ob sie uns t�ten und essen sollen oder um Hilfe bitten.�</p><p>�Wunderbar. Sollten wir nicht einfach gehen? Was haben wir in dieser Wildnis verloren? Gib mir ein paar Wochen am Spieltisch, und ich werde dir einen Palast schenken k�nnen.�</p><p>�Und du glaubst, so w�rden wir kein Aufsehen erregen�, sagte sie l�chelnd. �Ich will Frieden. Und ich will, dass du an meiner Seite bist. Was habe ich gewonnen, wenn du die Tage an Spieltischen verbringst und ich allein in einem Palast sitze?</p><p>Glaube mir, das ist nicht das Leben, nach dem ich mich sehne. Ich war f�r Jahrhunderte die Gefangene meines Palastes. Abgesehen davon gibt es noch einen sehr viel schwerwiegenderen Grund, in ihr Dorf zu gehen. Wenn wir umkehren, dann sieht es f�r sie nach Flucht aus. Hier gelten andere Gesetze, Falrach. Wenn sie glauben, dass wir fortlaufen, dann sind wir keine himmelsgeborenen Riesen. Dann sind wir nur noch Beute.�</p></section><section><title><p>Die ausgestreckte Hand</p></title><p>Nur ein paar leere Schalen. Nikodemus konnte wittern, dass da einmal etwas zu essen drin gewesen war. Vor ein paar Tagen vielleicht. Er hatte m�rderischen Hunger und schlechte Laune. Und Angst! Sie waren stundenlang auf den Albenpfaden herumgeirrt. Er hatte jegliche Spur verloren. Am Ende war er einfach einem Weg gefolgt. Einem von den acht m�glichen. Und er hatte an einem niederen Albenstern ein Tor ge�ffnet, weil er gesp�rt hatte, dass dort vor nicht allzu langer Zeit jemand anderes das goldene Netz verlassen hatte. Wer ging schon durch niedere Albensterne?</p><p>Nicht viele waren so verr�ckt. Vielleicht hatte er seine beiden Elfen gefunden?</p><p>Vielleicht auch den Tod. Madra war immer w�tender geworden, je l�nger sie suchten.</p><p>Allein seine Angst hatte den Troll davon abgehalten, ihm etwas anzutun. Madra wusste, dass er ohne Hilfe niemals den Albenpfaden entkommen w�re. Nun waren sie hier in einer verdammten Ein�de vor einem bemalten Felsen.</p><p>Ein Ger�usch lie� Nikodemus herumfahren. Madra stand hinter ihm. Der Troll war selbst gro� wie ein Fels.</p><p>Und er hatte auch Hunger. Er hatte den Magen des H�nen knurren h�ren. Ein Ger�usch, das dem Donnergrollen eines Gewitters nur um wenig nachstand.</p><p>Nikodemus wusste, dass er Mist gebaut hatte.</p><p>Der Troll blickte finster auf ihn hinab. Hoffentlich wurde er wenigstens ohnm�chtig, wenn der Bastard ihm den Arm ausriss. Er wollte nicht auch noch dabei zusehen, wie er gefressen wurde.</p><p>Madra kniete vor ihm nieder und streckte ihm die Rechte entgegen. Es war zu finster, um irgendwelche Regungen im Gesicht des Trolls zu sehen. Aber wahrscheinlich h�tte er auch bei strahlendem Sonnenschein nichts entdecken k�nnen. Trolle waren nicht daf�r bekannt, besonders gem�tvolle Gesch�pfe zu sein.</p><p>�Gib mir die Hand!� Eine Stimme wie ein Abgrund.</p><p>Nikodemus dachte daran fortzulaufen. Aber er w�rde dem Troll nicht entkommen. Er war vielleicht flinker, aber gewiss nicht schneller und ausdauernder. Madra w�rde ihn erwischen. Eine Flucht w�rde sein Schicksal nur ein wenig hinausz�gern. Er hatte einmal gelernt, sich in einen Bussard zu verwandeln. Aber ihm fiel das Wort der Macht nicht mehr ein. Er war zu zerstreut in diesen Dingen�... Er sah zu Madra auf. Es war ohnehin sinnlos. Sich zu verwandeln, dauerte mehrere Augenblicke. Wenn der Troll s�he, wie er sich zusammenkr�mmte und ihm Federn wuchsen, w�rde er gewiss nicht abwarten, bis er ihm davonflog.</p><p>�Deine Hand!�</p><p>Nikodemus presste die Lefzen zusammen. Er w�rde es anst�ndig hinter sich bringen.</p><p>Wie ein Mann. Der Troll hatte gesagt, er w�rde daf�r sorgen, dass er nicht starb. Aber Nikodemus konnte sich nicht vorstellen, dass diese gewaltigen Pranken dazu taugten, schwere Wunden zu versorgen. Jedenfalls nicht bei Gesch�pfen, die kleiner als eine Hornschildechse waren.</p><p>Seine Hand zitterte nur wenig, als er sie dem Troll entgegenstreckte. Madra packte sie.</p><p>Dann legte er ihm die Linke auf die Schulter �ber dem rechten Arm. Die Hand w�re gro� genug, ihm den Brustkorb zu zerquetschen, wenn der Troll es nur wollte.</p><p>Nikodemus kniff die Augen zu. Er wollte es nicht mit ansehen.</p><p>�Gut gemacht, Fuchsmann. Ich habe die F�hrte der beiden Elfen dort vorne gefunden.</p><p>Sie sind hierhergekommen. Du bist ein gro�er Zauberer. Ich dachte, nur dein Maul sei gro�. Entschuldige.�</p><p>Nikodemus sp�rte, wie seine Knie nachgaben. Er musste sich setzen. Das musste ein Traum sein. Ungl�ubig tastete er nach seinem rechten Arm. Er war noch dran. Aber Trolle entschuldigten sich nicht. Niemand w�rde ihm das jemals glauben!</p><p>�Komm, Fuchsmann, holen wir sie uns.�</p><p>Nikodemus wollte aufstehen, aber seine Beine gaben sofort wieder unter ihm nach.</p><p>Der lange Weg durch das goldene Netz und seine Angst hatten all seine Kr�fte aufgezehrt. �Ich kann nicht mehr. Geh voraus. Ich werde dich finden.�</p><p>Madra legte den Kopf in den Nacken. Er sah aus wie ein Wolf, der den Himmel anheulen wollte. Stattdessen sog er ger�uschvoll Luft durch seine Nase. �Nein, Fuchsmann. Es riecht hier sehr fremd. Wir bleiben zusammen. Halt dich an meinen Ohren fest!� Der Troll packte ihn und setzte ihn auf seine Schultern, bevor Nikodemus auch nur ein Wort hervorbrachte.</p><p>Der Nacken des Trolls f�hlte sich an wie ein vom Wasser glattgeschliffener Fels. Ein paar Lederriemen, an denen Amulette hingen, waren um den Hals geschlungen.</p><p>Madras Kopf war kahl.</p><p>�Die Ohren!�, erinnerte ihn sein Gef�hrte.</p><p>Nikodemus z�gerte. Seine Ohren waren sehr empfindlich. Aber als Madra sich in Bewegung setzte, hatte er keine Wahl. Er packte zu. Sie waren rau und knorpelig wie H�hnerf��e. Man konnte sich gut daran festhalten.</p><p>Madra verfiel in einen leichten Trab. Er lief gebeugt. Dem Lutin war schleierhaft, was der Troll in dem Ger�ll sah. Welcher Spur er folgte. Er konnte dort nichts erkennen.</p><p>Aber Madra verharrte nicht ein einziges Mal. Er schien sich seiner Sache v�llig sicher.</p><p>Die Nacht war angenehm k�hl. Man konnte im Dunkel nicht erkennen, wo sie waren.</p><p>Aber der Troll hatte Recht. Es roch hier fremd. Trocken und staubig. Das Windland war sicher weit entfernt.</p><p>Wenn Elija ihn jetzt nur sehen k�nnte! Ein Lutin, der einen Troll ritt. Das hatte es noch nie gegeben. Alle w�rden ihn f�r einen Aufschneider halten, wenn er davon erz�hlte.</p><p>Es sei denn, sie brachten die K�pfe der beiden M�rder zu Skanga. Dann w�re sein Ruhm f�r alle Zeiten gefestigt. Sobald sie Rast machten, w�rde er alles in einem Tagebuch aufschreiben. Es f�r die Ewigkeit festhalten!</p><p>Nikodemus l�chelte zuversichtlich. Sie konnten es schaffen. Wer einen Troll ritt, w�rde auch zwei Elfen zur Strecke bringen k�nnen.</p></section><section><title><p>Der Bewahrer der Ahnen</p></title><p>Der Kobold hatte zwei verschiedenfarbige Augen. Eines war gelb und das andere blau wie der Winterhimmel �ber der Snaiwamark. Falrach fand das beunruhigend. Und dass der Kobold seinerseits sie beide ganz augenscheinlich beunruhigend fand, machte es nicht besser. Er war mit einem j�mmerlichen Speer bewaffnet, auf dem eine steinerne Spitze festgebunden war. Falrach h�tte gelacht, w�re auf dem Stein nicht derselbe Schmier zu sehen gewesen wie auf den Pfeilen gestern Nacht.</p><p>Der Kobold reichte Falrach kaum bis zum Knie, und der drohend erhobene Speer zeigte direkt auf sein Gem�cht.</p><p><emphasis>L�cheln,</emphasis> erklang Emerelles Stimme in seinem Kopf. Sie schaffte es, �beraus freundlich auszusehen. Aber auf sie war ja auch kein vergifteter Speer gerichtet.</p><p>�Warum seid ihr hierhergekommen, Riesen?� Der Kleine sprach einen recht ungew�hnlichen Dialekt. Ganz anders als die Kobolde, denen Falrach bisher begegnet war. Er konnte ihn besser verstehen!</p><p>�Wir sind Elfen, keine Riesen�, entgegnete er freundlich.</p><p>�Ihr seid viel zu gro� f�r Elfen. L�g mich nicht an! Es ist offensichtlich, was ihr seid.�</p><p>Auf den Felsen ringsherum stand mindestens noch ein Dutzend Kobolde. Einige von ihnen zielten mit ihren Bogen auf sie. Das Ganze erinnerte ihn an Feylanviek. Lag es an Emerelle, oder hatten sie einfach nur Pech?</p><p>Falrach hob beschwichtigend die H�nde. �Wir haben wirklich keine b�sen Absichten��</p><p>�Ihr habt den Tribut f�r die Trolle aufgefressen. Das m�gen die gar nicht!�</p><p>Er blickte zu Emerelle. Auch sie schien �berrascht. Hier gab es keine Trolle! Aber er w�rde gewiss keinem Kobold widersprechen, der mit einem Speer geradewegs auf seinen Schritt zielte. �Ich entschuldige mich. Wie k�nnen wir�... �</p><p>�Wir k�nnten den Trollen erkl�ren, dass ihr k�nftig keinen Tribut mehr zahlen werdet, weil euer Volk nun mit zwei Riesen befreundet ist�, mischte sich Emerelle ein.</p><p>Der Kobold senkte seinen Speer ein wenig. Er hatte ein von tiefen Falten durchzogenes Gesicht, auf dem rissige, wei�e Farbe aufgetragen war. Sie lie� sein Antlitz wie einen Totensch�del erscheinen. Auch sein Oberk�rper war wie ein Skelett bemalt. Allerdings schien der Kobold es mit der Anatomie nicht ganz genau zu nehmen. Auf seine Brust waren Schulterbl�tter gemalt. Auch Rippen und Wirbels�ule sahen aus wie von hinten betrachtet. Nur der Sch�del stimmte. Seine Augen waren gro�e dunkle H�hlen. Er hatte sich Ru� auf die Lider geschmiert, um diesen Eindruck noch zu verst�rken. Die Nase passte so gar nicht in dieses Bild. Sie ragte wie ein Geierschnabel aus seinem Gesicht. Und die wei�e Farbe auf ihr vermochte diesen Eindruck nicht zu mildern.</p><p>Um seine H�ften hatte der Kobold ein schmutzigrotes Tuch geschlungen. An einem d�nnen Lederriemen hingen zwei kleine K�rbisflaschen. Er ging barfu�.</p><p>Die verschiedenfarbigen Augen fixierten Falrach. �Ihr wollt euch also ergeben?�</p><p>�Hast du schon einmal von Riesen geh�rt, die sich Kobolden ergeben?� Emerelles Stimme klang noch immer freundlich. �Vielleicht solltest du uns einfach zu den �ltesten bringen, und wir verhandeln mit ihnen.�</p><p>�Ich soll euch in mein Dorf bringen? Daf�r w�rden mich die �ltesten in die W�ste jagen. Was ist, wenn ihr Kobolde fresst? Ich�... �</p><p>�Sehe ich aus, als n�hme ich etwas wie dich in den Mund?� Sofort hob sich der Speer und zeigte wieder auf sein Gem�cht. Offensichtlich hatte der Kobold keinen Sinn f�r Humor.</p><p>�Er meint es nicht so ...�, beschwichtigte Emerelle. �Was nicht hei�t, er w�rde Kobolde fressen. Er wollte dich nur nicht beleidigen. Wie hei�t du eigentlich?�</p><p>�Oblon, Bewahrer der Ahnen, Stimme der Toten, Wanderer an verbotenen Orten.�</p><p>�Ein stolzer Name�, sagte Emerelle anerkennend.</p><p>Oblon l�chelte, was die Risse in der Farbe auf seinem Gesicht noch vertiefte.</p><p>�Wenn wir dir unsere Waffen geben, wirst du uns dann zu den �ltesten bringen?</p><p>Unter Freunden braucht man schlie�lich keine Waffen. Ich glaube, man w�rde die Geschichte von Oblon, dem Gef�hrten der Riesen, bald bei allen St�mmen erz�hlen.�</p><p>Trotz der Farbe konnte man ihm deutlich ansehen, wie er mit sich rang. Endlich nickte er. �Legt die Waffen nieder, und ich lade euch als G�ste in unser Dorf ein.� Er senkte den Speer erneut und winkte den Kriegern zwischen den Felsen. Z�gerlich stiegen sie zu ihnen hinab.</p><p>Falrach nahm sein gro�es Schwert vom R�cken. Staunend sahen sich die Kobolde die Waffe an. Sie war mehr als doppelt so lang wie der Gr��te unter ihnen.</p><p>�Das nenne ich einen Trollschl�chter�, fl�sterte einer. Auch die anderen Waffen betrachteten sie mit gr��tem Respekt.</p><p>�Sie werden f�r uns k�mpfen, wenn die �ltesten es w�nschen�, verk�ndete Oblon in einem Tonfall, der Falrach nicht gefiel. Es h�rte sich so an, als t�ten die Koboldgreise, die diesen Stamm beherrschten, ihnen einen Gefallen, sie gegen eine Horde in die Schlacht zu schicken.</p><p>�Nehmt die Waffen!�</p><p>Drei Kobolde waren n�tig, um sein Schwert zu heben. Sie und die anderen Waffentr�ger liefen voraus und waren bald im un�bersichtlichen Gel�nde verschwunden.</p><p>�Sie werden euer Kommen ank�ndigen�, erkl�rte Oblon. �Es w�re nicht gut, wenn ich pl�tzlich mit zwei Riesen inmitten unseres Dorfes erscheine.�</p><p>�Ist es weit?�, fragte Emerelle.</p><p>Oblon deutete auf die Berge. �Fast ein Tagesmarsch. Wir werden vor der D�mmerung eintreffen. Kommt.� Der Kobold legte ein strammes Marschtempo vor. Trotz der br�-</p><p>tenden Hitze machte er keine Pausen.</p><p>Bald schon f�hlte sich Falrach v�llig ausgelaugt. Sein Mund war trocken, seine Lippen f�hlten sich zerkl�ftet wie Eichenborke an. Gegen Mittag h�rte er auf zu schwitzen. Er hatte das Gef�hl, dass das kein gutes Zeichen war. Schwindelanf�lle plagten ihn.</p><p>Immer h�ufiger musste er sich an einen der hei�en Felsen lehnen und kurz rasten.</p><p>Kopfschmerzen peinigten ihn fast so sehr wie die belustigten Blicke Oblons. Der Kobold hatte in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal aus seiner Wasserflasche getrunken.</p><p>Schweigend versuchte Emerelle ihm zu helfen, aber er war zu stolz, um sich auf sie aufzust�tzen. Von Zeit zu Zeit streichelte eine erfrischende Brise sein Gesicht, und Wohlger�che linderten seine Kopfschmerzen. Er wusste, dass es ihr Werk war. H�tte sie eine k�hle Quelle aus einem der Felsen hervorbrechen lassen k�nnen? Sie hatte die Macht dazu. Aber ihm war auch klar, warum sie es nicht tat. Oblon sollte nicht wissen, dass seine Riesin auch noch zaubern konnte. Also war es an ihm, zu leiden und dabei eine gute Figur zu machen, dachte er bitter und versuchte zugleich ein L�cheln. Er wollte dem Kobold nicht das Gef�hl g�nnen, sich �berlegen zu f�hlen.</p><p>Am sp�ten Nachmittag f�hrte sie Oblon in ein Bachbett hinab, das sich tief in den verdorrten Boden gegraben hatte. Es war trocken wie alles in dieser Ein�de. Nur die etwas dichter stehenden, braunen Grasb�schel lie�en vermuten, dass hier doch gelegentlich Wasser floss.</p><p>In weiten Kehren stieg das Bachbett sanft an; schlie�lich f�hrte ihr Weg sie in eine Felsklamm, die so eng war, dass Falrach die W�nde auf beiden Seiten ber�hren konnte, ohne seine Arme ganz auszustrecken.</p><p>Der Fels war von der Macht des Wassers spiegelglatt poliert. Mehr als zehn Schritt reichten die Steilw�nde in die H�he. Sie zu erklimmen, war unm�glich. Kaum ein Lichtstrahl verirrte sich auf den Grund der Klamm, obwohl der Himmel �ber ihnen noch keine Spur von Abendrot zeigte.</p><p>Im Zwielicht war es schwer, seinen Weg durch das Ger�ll am Grund der Klamm zu finden. Bei allen M�ngeln, die Ollowains K�rper aufwies, besa� er doch ein ausgezeichnetes Gleichgewichtsgef�hl. Falrach vermutete, dass es mit dem Schwertkampf zu tun hatte. Nicht ein einziges Mal strauchelte er auf dem schwierigen Grund.</p><p>Selbst Oblon war nun langsamer geworden. Obwohl er den Weg kannte, hatte auch er augenscheinlich Schwierigkeiten, auf dem tr�gerischen Grund einen sicheren Tritt zu finden. Nur Oblon war noch von den Kobolden �brig geblieben, die sie begleitet hatten. Selbst jene, die sich nicht mit Beutewaffen abschleppten und sie den Tag �ber begleitet hatten, waren weit hinter sie zur�ckgefallen.</p><p>Es herrschte eine angespannte Stimmung. Die Klamm verst�rkte jeden Laut. Sein Keuchen und das Scharren der Steine unter ihren F��en.</p><p>�Was f�r Trolle sind das eigentlich, mit denen ihr in Fehde liegt?�, fragte Emerelle unvermittelt. Ihre Stimme hallte dutzendfach gebrochen von den Felsen wider. �Wie sehen sie aus?�</p><p>�Sie sind gro�. Ihre Haut ist grau. Sie sind grausam�, stie� Oblon keuchend hervor, ohne in seinem Marsch innezuhalten. �Sie fordern von allen St�mmen Tribut. Warum fragst du? Gibt es in deiner Heimat keine Trolle, Riesin? Alle wissen doch, wie Trolle sind. Sie sind die Gei�el Albenmarks.�</p><p>Falrach fand die Beschreibung recht zutreffend. Aber er war zu m�de, um noch irgendetwas zu sagen.</p><p>Pl�tzlich hielt Oblon inne. Fast im selben Augenblick erklangen �ber ihnen H�rner.</p><p>Falrach blickte auf. Hoch �ber ihren K�pfen waren am Rand der Klamm Felsbrocken zu losen Haufen geschichtet. Es war leicht, zu erkennen, welchem Zweck sie dienten.</p><p>Jetzt waren sie wirklich ausgeliefert. In der engen Schlucht gab es keinen Ort, der Schutz vor dem Steinschlag liefern w�rde. Wie hatten sie so dumm sein k�nnen, die Kobolde f�r einf�ltige Wilde zu halten!</p><p>�W�rdet ihr hier ein wenig warten?�, sagte Oblon l�chelnd.</p><p>Ein Seil fiel vom Klippenrand. Er schlang es sich um den Arm und wurde mit einem Ruck nach oben gezogen. �St�rzt die Felsen hinab!� Sein Befehl hallte durch die Klamm. Dann brach der Himmel hernieder.</p></section><section><title><p>Der Vater</p></title><p>Jules betrachtete seinen Sohn. Er lag zusammengerollt auf einem Strohsack dicht beim Feuer. �ber drei�ig Stunden schlief er jetzt schon. Adriens Fieber hatte nachgelassen, ohne dass er sich bem�ht hatte, dem Jungen zu helfen.</p><p>Jules war sich nicht sicher, ob der Junge besonders dumm oder au�ergew�hnlich stolz war. Er hatte gegraben�... Die ganze Nacht hindurch und auch am folgenden Tag noch weit bis in den Mittag hinein. Jules hatte ihn beobachtet. Er hatte gesehen, wie oft der Junge gestrauchelt war, wenn er eine Schaufel der hartgefrorenen Erde aus der Grube hinaufwarf. Ihm war auch nicht verborgen geblieben, in welchem Zustand Adriens H�nde waren.</p><p>An den H�nden hatte er etwas getan, nachdem der Junge in tiefen Schlummer gesunken war. Er brauchte diese H�nde noch. Er hatte Gro�es mit ihm vor. Und sollte sich herausstellen, dass sein Sohn stolz und nicht dumm war, dann w�rde er seinen Weg machen. Nicht wie die beiden anderen. Jules schnaufte �rgerlich. Sie hatten ihn so unendlich entt�uscht! Beim ersten war er �berrascht gewesen, wie schnell er starb. F�r ihn hatte er das Grab noch selbst ausgehoben. Ein Fehler, der ihm nicht wieder geschehen w�rde! Adriens letzter Ruheplatz war bereit.</p><p>Vielleicht sollte man das in ihre Ordensregel aufnehmen, wenn sein Plan letztlich gl�ckte. Welchen Einfluss h�tte es wohl auf junge Knappen, wenn sie fr�h in ihrer Ausbildung ihr Grab ausheben mussten? W�rde es sie unempfindlicher gegen den Schrecken des Todes machen? Sich in Menschen hineinzudenken, fiel ihm schwer. Sie waren so sprunghaft... Genauso hatten sie werden sollen. Gesch�pfe, die Gefallen daran fanden, ihre Welt zu ver�ndern. Erf�llt von Ideen und dem Geist, sie umzusetzen. Aber dass sie so waren, machte es schwer, mit ihnen lang fristige Pl�ne zu schmieden. Pl�ne, die �ber Jahrhunderte reichten.</p><p>Jules hatte Michel Sarti nicht sonderlich gemocht. Er war ein Hurenbock und Trinker gewesen, mit einem Hang zur Grausamkeit. Aber manchmal hatte er ungew�hnliche Ideen. Wie ungeschliffene Diamanten. Es war seine Idee gewesen, einen k�mpfenden Orden aufzustel en. Priester, die sich mit Waffen �bten. Das war neu! Ritter, die sich ganz der Disziplin eines kirchlichen Ordens unterwarfen.</p><p>Jules hatte lange dar�ber nachgedacht. Die Idee war es wert, einige Versuche zu machen. Sah man von einigen wenigen Taten ab, hatte Michel Sarti nicht gerade ein vorbildliches Leben gef�hrt. Sein Name war durchaus bekannt. Als S�ldnerf�hrer hatte er einige ansehnliche Erfolge erzielt. Und tats�chlich hatte er sich sp�ter ver�ndert und zum Tjuredglauben gefunden. Aber das allein gen�gte Jules nicht. Da musste mehr sein! Er sah auf den schlafenden Jungen hinab. Ob Adrien dieses Mehr zu bieten hatte? W�rde er sich bew�hren? Der Junge war sein Sohn. Und war auf eine Weise begabt, die er sich nicht einmal vorzustellen vermochte. Wahrscheinlich w�rde er nicht so au�ergew�hnlich wie Guillaume werden. Vielleicht aber k�nnte er Guillaume r�chen.</p><p>Jules nahm ein Scheit Holz und legte es ins Feuer. Er sollte etwas pfleglicher mit Adrien umgehen. Er mochte ein kostbares Werkzeug werden, wenn er ihn nicht durch sein Ungest�m zerbrach.</p><p>Der Priester sah zu der T�r hin�ber, die er stets verschlossen hielt. Sollte er es wagen?</p><p>Nein, es war besser, wenn er hier war, falls Adrien erwachte oder das Fieber noch einmal zur�ckkehrte.</p><p>Jules lehnte sich in seinem schlichten, h�lzernen Sessel zur�ck und schloss die Augen.</p><p>Er lauschte auf den Wind, den die S�ulen unten im Tal zu melancholischen Liedern verf�hrten. Er dachte an die Stadt, die dort einst gestanden hatte. An die sieben K�nige. So viel Zeit war vergangen.</p><p>Der Priester rief sich zur Ordnung. Es war m��ig, seine Gedanken an die Vergangenheit zu verschwenden. Was geschehen war, lie� sich nicht mehr �ndern.</p><p>Nur die Zukunft z�hlte noch. Er konzentrierte sich auf die Spieltische, die wohl verborgen standen. Das Ende der K�mpfe um Emerelles Thron hatte ihn �berrascht. Er hatte dieses Spiel verloren. Die Art, wie es geschehen war, wog seinen �rger ein wenig auf. Es kam nicht mehr sehr oft vor, dass Elfen ihn �berraschten.</p><p>Seit die Trolle auf Burg Elfenlicht eingezogen waren, hatte er zwei neue Fairachspiele aufgestellt. In beiden war Adrien als Spielfigur vertreten. Mit welchem Zug sollte er diese Spiele er�ffnen?</p></section><section><title><p>Das K�nigsgrab</p></title><p>Kadlin blickte entsetzt zu der Insel hinab, die im Talsee unter ihnen deutlich zu erkennen war. Sie h�tte nicht dort sein d�rfen. Sie hatte sich den Ort genau beschreiben lassen. Die Insel h�tte in den Fluten versunken sein m�ssen. Als die geschlagenen Fjordl�nder sich nach der Schlacht bei der Nachtzinne zur�ckziehen mussten und sie Sorge hatten, die Trolle k�nnten sie stellen, hatten sie den Leichnam des K�nigs zur�ckgelassen. Diese Insel dort unten im Tal hatten sie ausgew�hlt. Es konnte keinen Zweifel geben! Jetzt erkannte Kadlin auch den Eingang zu der H�hle, die zum K�nigsgrab geworden war.</p><p>Ulric, Halgard, Lambi und die anderen hatten den K�nig in der H�hle beigesetzt. Und dann hatten sie das Wasser des Sees angestaut, damit die Insel in den steigenden Fluten versinken konnte. So sollte das K�nigsgrab verbor gen bleiben, bis Norgrimm, der Gott der Schlachten und Krieger, ihnen zul�chelte und sie siegreich ins Land der Trolle zur�ckkehren w�rden.</p><p>Sie blickte zu Melvyn. Ihr Halbbruder hatte sein selbstsicheres L�cheln verloren.</p><p>Unruhig sah er sich um. Er hatte ihr zugeredet, dass es m�glich war, Alfadas zur�ckzuholen. In ihrer H�tte hatte alles ganz einfach geklungen.</p><p>Alle B�ume auf der Insel waren von einem dicken Eispanzer �berzogen. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass die Insel tats�chlich in den Fluten des Sees versunken war.</p><p>�Lass uns hinuntergehen!�</p><p>Er hielt sie am Arm fest. �Nein. Wir sind zu sp�t. Es hat keinen Sinn. Und ich habe das Gef�hl, wir sind nicht allein.�</p><p>�Was hatte die ganze Reise f�r einen Sinn, wenn wir nicht einmal nachsehen, ob er noch dort unten ist! Ich werde gehen.�</p><p>�Glaubst du wirklich, dass sie das Wasser abgelassen und Felsen vor dem Grab zur Seite ger�umt haben, um ihn dann dort zu lassen?�</p><p>�Wir werden es nur wissen, wenn wir hinuntergehen!�</p><p>�Bitte ��</p><p>Es war das erste Mal, dass er sie um etwas bat. Sie drehte sich halb zu ihm um.</p><p>�Bitte, Kadlin. Du wei�t doch, wie sie tote Helden ehren. Willst du es wirklich sehen?</p><p>Behalte ihn so in Erinnerung, wie du ihn kanntest.� Seine Stimme stockte. �Geh nicht dort hinab!�</p><p>Kadlin riss sich los. �Ich bin nicht den weiten Weg gegangen, um am Ende immer noch nicht zu wissen�... �</p><p>�Er ist tot! Was gibt es da zu wissen?�</p><p>Sie atmete schwer. Melvyn hatte Recht. Das lie� sich nicht von der Hand weisen. Allein hier zu sein, war schon verr�ckt. Sie betrachtete die Insel. Der kleine See, das Tal...</p><p>Alles war verlassen. Es war un�bersehbar, dass die Trolle das Grab schon vor einiger Zeit ge�ffnet hatten.</p><p>Kadlin entwand sich dem Griff ihres Bruders. �Ich will nur von ihm Abschied nehmen.</p><p>Es wird nicht lange dauern.�</p><p>Melvyn versuchte nicht mehr sie aufzuhalten. M�hsam k�mpfte sie sich Schritt um Schritt durch den hohen Schnee. Gestern und auch heute hatte es nicht geschneit. Man w�rde Spuren sehen, wenn dies eine Falle war. Trollspuren im Schnee waren einfach un�bersehbar.</p><p>Vorsichtig tastend trat sie auf das Eis des kleinen Sees. Es war hart wie Stein gefroren.</p><p>Pl�tzlich �berfiel sie Unsicherheit. Sie blickte den Hang hinauf. Melvyn war verschwunden. Mistkerl! Er wollte ihr wohl Angst machen! Aber sie war kein kleines M�dchen mehr.</p><p>Entschlossener ging sie weiter. Sie umrundete eine Gruppe flacher, eingeschneiter Uferfelsen. Dann sah sie den H�hleneingang vor sich. Ein Spalier aus Eiszapfen hing vor ihm hinab. Sie musste sich tief ducken, um darunter hindurchzuschl�pfen.</p><p>Das Licht, das sich in den Eiszapfen brach, zauberte grellwei�e Flecken auf die dunklen H�hlenw�nde. Die K�lte hier drinnen raubte ihr schier den Atem. Sie schob sich den Schal �ber die Lippen. Ihre Gesichtshaut f�hlte sich straff an. Sie prickelte.</p><p>Drau�en heulte der Wind �ber den Klippen der Insel und sang in den Wipfeln der erfrorenen B�ume. Die Eiszapfen am H�hleneingang erzitterten. Die Lichtflecke tanzten. Einer riss ein Gesicht aus der Dunkelheit. Eine von Schreck verzerrte Grimasse. Der K�rper des Toten war seltsam verkr�mmt.</p><p>Kadlin verharrte. Die tanzenden Lichter zeigten nun all die Toten. Sie erinnerte sich an Lambis Erz�hlungen. Nicht nur Alfadas lag hier bestattet. Etwa zwanzig andere Krieger hatten an diesem Ort ebenfalls ihre letzte Ruhe gefunden.</p><p>Die junge K�nigin atmete schwer. Einige der M�nner erkannte sie wieder, auch wenn der Frost ihre Gesichter dunkel gef�rbt hatte. Die Toten erinnerten sie daran, warum sie gekommen war. Es ging nicht allein um ihren Vater. Es ging um ihre Schuld. Nach der Schlacht an der Nachtzinne, nachdem Bj�rn und Kalf gefallen waren, war sie feige geflohen. Statt mit den anderen durch die Berge zur�ck nach Firnstayn zu gehen, war sie gemeinsam mit dem Baumeister Gundaher nach Albenmark gesegelt. Damals hatte sie nicht ahnen k�nnen, welche Schrecken die anderen erwarteten. Es schien so, als h�tten sie die Trolle besiegt. Das war die Wahrheit! Aber die Wahrheit konnte ihre Schuldgef�hle nicht ausl�schen. Sie war es den Toten, die f�r ihren Vater und ihren Bruder Ulric gek�mpft hatten, schuldig, diesen Weg zu gehen. Allein! Deshalb hatte sie Lambi nicht mitnehmen k�nnen und auch keinen anderen! Sie hatten diesen Weg schon gemacht!</p><p>Die Gedanken daran hatten den ganzen Winter �ber in ihr geg�rt. Und als Melvyn gekommen war, hatten sie gemeinsam den Entschluss gefasst, in die Berge zu gehen.</p><p>Melvyn hatte seinen Vater Alfadas nie kennengelernt. Ihr Schicksal war sehr �hnlich.</p><p>Auch sie hatte nach dem Elfenwinter ihr wirkliches Zuhause nie wiedergesehen. F�r sie war Kalf ihr Vater gewesen, der Fischer und J�ger, mit dem ihre Mutter Asla tief in den Bergen verborgen ein einsames und gl�ckliches Leben gef�hrt hatte.</p><p>Kadlin wusste, dass sie ihre ersten Lebensjahre im Langhaus des Herzogs und Jarls Alfadas verbracht hatte. Sie konnte sich an einen gro�en, schwarzen Hund erinnern.</p><p>Aber nicht an ihren Vater.</p><p>Der Tanz der Lichter wurde ruhiger. Vorsichtig drang Kadlin tiefer in die H�hle vor.</p><p>Sie stieg �ber die Leiber der Toten hinweg. Manche wirkten, als schliefen sie nur.</p><p>Andere pressten noch immer ihre H�nde auf den Leib, als wollten ihre Schmerzen selbst im Tod nicht enden. So wie sie niedergesunken waren, waren sie auf dem Schlachtfeld erfroren. Und niemand hatte ihre Glieder mehr in eine dem Grab angemessene Ordnung r�cken k�nnen.</p><p>Kadlin duckte sich unter einer Felsnase hinweg, die tief aus der H�hlendecke hinabreichte. Wieder heulte der Sturmwind auf. Flirrende Lichtpunkte strichen �ber verwitterten Stein. Etwas blinkte auf. Licht brach sich auf Stahl. Erschrocken fuhr die junge K�nigin zur�ck und schlug mit dem Kopf gegen die Felsnase. Vor ihr stand eine Schildwache. Aufrecht hinter einem Steinblock, der wie ein Altar wirkte. Die H�nde um einen Speer geklammert. Den Blick fest auf den H�hleneingang gerichtet.</p><p>Kadlin ging in die Knie. Ohne den W�chter aus den Augen zu lassen, tastete sie �ber ihren Hinterkopf. Blut sickerte durch ihr langes Haar. Ihr war schwindelig. Der Krieger war tot. Sie wusste das. Und dennoch wirkte er erschreckend. Sie kannte ihn. Es war Eirik, ein Krieger aus dem Gefolge ihres Bruders. Er war streits�chtig gewesen und hatte Ulric das Leben schwergemacht. Eirik war davon �berzeugt gewesen, Ulric sei ein Widerg�nger. Ein aus dem Grab Auferstandener. Damit hatte er f�r viel Unruhe gesorgt. Und nun sah er selbst aus wie ein Widerg�nger. Ein einsamer W�chter, der sich von den Toten erhoben hatte. Dessen Seele keinen Weg zu den Goldenen Hallen fand.</p><p>Kadlin erhob sich und versuchte nach Kr�ften, den bohrenden Blick des Toten zu ignorieren. Eirik musste auf seinen Speer gest�tzt erfroren sein. Warum war er in der H�hle mit den Toten geblieben? Lambi hatte davon nicht erz�hlt.</p><p>Die K�nigin umrundete den Felsblock. Ihre H�nde strichen gedankenverloren �ber den glatten Stein. Sie sp�rte eine feuchte, warme Ber�hrung im Nacken. Das Blut. Sie musste sich st�rker den Kopf angeschlagen haben, als sie vermutet hatte. Wieder tastete sie �ber ihr Haar. Es war ganz verklebt. Als sie ihre Hand zur�ckzog, war sie rot von halb geronnenem Blut. Ihr war ein wenig �bel. Sie st�tzte sich mit beiden H�nden auf die Felsplatte. In diesem Augenblick wurde ihr klar, dass hier eigentlich der Leichnam ihres Vaters h�tte liegen sollen. Die Leiche des K�nigs. Dies war der erhabenste Ort der H�hle. Und hier stand Eirik als Schildwache.</p><p>Aber der Felsblock war leer!</p><p>Kadlins Gedanken �berschlugen sich. Hatten ihn vielleicht die Elfen geholt? Die anderen Leichen waren unber�hrt. Die Trolle h�tten doch gewiss ein Festmahl mit den Toten abgehalten, wenn sie hier eingedrungen w�ren. Das gro�e Grab aber schien unber�hrt, abgesehen davon, dass ihr Vater nicht mehr hier war.</p><p>Hatte er wom�glich �berlebt? Nein, das war ausgeschlossen. Zu viele hatten seinen Tod best�tigt. Und wenn Elfen hier gewesen w�ren, dann h�tte Melvyn mit Sicherheit davon gewusst!</p><p>�Menschentochter!� Die Stimme hallte wie ein Fanfarensto� in der H�hle. Es war eine derbe Zunge, die dieses Wort geformt hatte. Eine Zunge, die mit der Sprache der Fjordl�nder nur wenig vertraut war.</p><p>Kadlins Herz schlug schneller. Sie wusste, dass es keinen zweiten Weg aus der H�hle gab. Sie musste sich stel en. Entschlossen nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. Sie dr�ckte den R�cken durch und reckte trotzig ihr Kinn vor. Dann ging sie zur�ck zum Eingang.</p><p>In weitem Halbkreis vor der H�hle standen acht Trolle.</p><p>Einer der acht sog ger�uschvoll Luft ein. �Deine Witterung ist mir vertraut, Menschentochter.� Der Troll, der sprach, hatte eine dunkelgraue Haut mit hellen Einsprengseln. Er st�tzte sich auf eine schwere Kriegskeule mit einem gro�en Steinkopf. Reste von verharschtem Schnee klebten an seiner Haut. Kadlin blickte fl�chtig zu den eingeschneiten Felsen, die ihr auf dem Weg zur H�hle aufgefallen waren. Sie waren verschwunden. Wie dumm sie gewesen war! Die Trolle hatten sie nun auf dieselbe Weise get�uscht, wie sie und Melvyn vor ein paar Tagen ihre Sp�her hereingelegt hatten.</p><p>��berheblichkeit, Menschentochter, ist der erste Schritt in den Untergang. Dein Leben ist verwirkt. Du wusstest, dass du nicht hierherkommen durftest.� Die Augen des Trolls hatten die Farbe von Bernstein. Er l�chelte. Oder bleckte er die Z�hne wie ein Raubtier? Er sah furchterregend aus. Und er war mehr als einen Schritt gr��er als sie. Muskelstr�nge, dick wie Ankertaue, spannten sich an seinem Arm, als er die Kriegskeule hob.</p><p>�Du hast Mut, Menschentochter. Wenn du gut k�mpfst und gut stirbst, werde ich meine Krieger nicht in dein Dorf f�hren. Meine M�nner glauben, ihr Menschenkinder h�ttet den Respekt vor uns verloren. Sie wollen ins Fjordland einfallen und ein paar D�rfer und St�dte niederbrennen. Ich werde es ihnen erlauben, wenn du mich entt�uschst.�</p><p>Kadlin schloss die Augen und atmete schwer aus. Al es war so gekommen, wie Lambi es ihr vorhergesagt hatte. Sie h�tte nicht hierherkommen d�rfen! Ein dumpfer Schmerz strahlte von der Wunde an ihrem Hinterkopf. Sie kniete nieder.</p><p>Der Troll sah sie verwundert an. Er hob die Keule, wie ein Scharfrichter auf dem Henkersplatz sein Schwert gehoben h�tte.</p><p>Kadlin griff in den Schnee. Sie rieb eine Handvoll Schnee ins Haar. Die K�lte tat gut.</p><p>Das Pochen der Wunde lie� ein wenig nach.</p><p>�Kannst du k�mpfen?�</p><p>Sie nickte dem Troll zu. Etwas regte sich in ihrem Bauch. Deutlich sp�rte sie einen Fu�tritt. Ein dicker Klo� stieg ihr in den Hals. Sie w�rde ihr Kind ermorden! Und wof�r? F�r einen Toten!</p><p>Kadlin erhob sich. Sie hatte immer noch weiche Knie. Sie spannte ihre Muskeln und versuchte sich an all die Dinge zu erinnern, die Silwyna ihr einst beigebracht hatte.</p><p>Silwyna, die Elfe, die so oft in das verborgene Tal gekommen war, in dem Kadlin ihre Kindheit verbracht hatte.</p><p>Wortlos zog die K�nigin ihr Schwert und hob es zum Fechtergru�.</p><p>Der Troll knurrte etwas, das sie nicht verstand. Dann lie� er die riesige Kriegskeule in weitem Kreis �ber seinem Kopf wirbeln und griff an. Er untersch�tzte sie!</p><p>Sie st�rmte vor und unterlief die wuchtige Waffe. Auch ihr blieb nicht der Platz, um auszuholen. Sie versuchte ihm in den Unterbauch zu stechen, doch der H�ne reagierte mit einem �berraschend flinken Schritt zur Seite, so dass ihre Klinge ins Leere stie�.</p><p>Kadlin ahnte, was kommen w�rde, und warf sich flach in den Schnee.</p><p>Keinen Augenblick zu sp�t! Die riesige Keule sauste in einem R�ckhandschlag nieder und verfehlte sie nur um wenige Fingerbreit.</p><p>Die K�nigin rollte sich auf die Seite und sprang auf die Beine.</p><p>Der Troll bleckte erneut die Z�hne zu einem L�cheln. �Nicht schlecht, Menschentochter. Wenn du es schaffst, ein wenig von meinem Blut zu vergie�en, bevor du stirbst, dann hast du die Deinen vor einem Kriegszug bewahrt.�</p><p>Kadlin war noch immer benommen. Helle Lichtpunkte tanzten ihr vor den Augen.</p><p>Fieberhaft �berlegte sie, wie ein so �berm�chtiger Gegner zu besiegen war. Ein wenig Blut zu vergie�en, war ihr nicht genug! Sie wollte ihn t�ten. Ihr Bruder Ulric hatte einen Troll get�tet, als er noch ein Kind gewesen war. Ihr Vater hatte w�hrend der Schlachten des Elfenwinters ebenfalls mehrere Trolle erschlagen. Sie w�rde die Familientradition fortsetzen. Ihre Klinge sollte diesen stinkenden Fleischberg an dessen eigene Lektion zur �berheblichkeit erinnern!</p><p>Der Troll hielt seine Keule diesmal flacher. Er lie� sie in langsam pendelnder Bewegung hin und her schwingen. Die Waffe schnitt mit einem satten Zischen durch die Luft. Er kam langsam auf sie zu. Er war wie eine Lawine. Eine Naturgewalt. Selbst ohne Keule k�nnte er sie mit blo�en F�usten zerschmettern.</p><p>Kadlin atmete aus, so wie Silwyna es sie einst gelehrt hatte, als sie auf Wolfspirsch waren. Und mit dem Atem zugleich floss die Angst aus ihr.</p><p>Sie t�uschte einen Stich an, der auf den rechten OberSchenkel des Trolls zielte, und die pendelnde Waffe ihres Gegners geriet aus ihrem Rhythmus. Kadlin �nderte die Schlagrichtung, wirbelte um den H�nen herum und versuchte ihn mit einem R�ckhandhieb zu treffen. Klirrend schlug Stahl auf steinhartes Holz. Wie hatte der Bastard es geschafft, so schnell zu reagieren? Wer war das, gegen den sie da antrat?</p><p>Mit drei Schritten zur�ck vergr��erte sie rasch den Abstand zu der Keule. Der Troll setzte ihr nicht nach. Sein Blick war einsch�chternd siegesgewiss.</p><p>�Wie hei�t du? Wenn ich ein Duell austrage, wei� ich ganz gerne den Namen desjenigen, den ich zu seinen Ahnen schicke.�</p><p>�Das ist nicht dein erstes Duell? Dann hast du wenig gelernt.�</p><p>�Es wird reichen, um dir deine Raubtierschnauze einzuschlagen!�</p><p>Ihr Gegner lachte laut auf, und seine Kumpane fielen in das Gel�chter mit ein. Die �brigen Trolle hatten inzwischen einen weiten Kreis um sie beide gebildet. Jede Flucht war unm�glich!</p><p>�Du kommst mit ausgestrecktem Schwertarm kaum bis zu meinem Kinn, Menschentochter. Ich f�rchte, es wird dir schwerfallen, deine Drohung wahrzumachen.� Wieder lachte er. �Und mein Name ist Orgrim, Kind. Ich nenne ihn dir, damit du ihn deinen Ahnen sagen kannst, wenn du ihnen in den Goldenen Hallen begegnest.�</p><p>Orgrim! Sie hatte schon oft vom Herzog der Nachtzinne geh�rt. Kadlin war �berrascht, wie gut der Troll sich auskannte. Er wusste, woran sie glaubte! Sie hingegen hatte keine Ahnung, welche Reise ein Troll nach seinem Tod antreten w�rde.</p><p>Der Herzog stie� einen Schlachtruf aus, der ihr durch die Glieder fuhr. Gleichzeitig st�rmte er vor, als wolle er sie einfach niederrennen. Sie machte einen Hechtsprung zur Seite. Er wechselte seine Angriffsrichtung, und w�h rend sie noch versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, versetzte er ihr einen Fu�tritt.</p><p>Ihre Reaktion kam zu langsam! Er traf sie zwar nicht mitten im Leib, aber doch an der Schulter. Sie wurde herumgerissen und ein paar Schritt weit durch die Luft gewirbelt.</p><p>Der Schnee d�mpfte ihren Aufprall. Ihr Mund war voller Blut. Sie hatte sich die Unterlippe durchgebissen. Taumelnd kam sie hoch. Ihre linke Schulter war taub. Ihre Schwerthand zitterte. Breitbeinig stellte sie sich dem Troll in den Weg, als sich ein sengender Schmerz in ihren R�cken bohrte und sie von den Beinen gerissen wurde.</p></section><section><title><p>Knochenarbeit</p></title><p>Skanga sa� an einer Feuergrube in einem der gro�en Koboldpal�ste Feylanvieks. Auf ihren Befehl hin war der Boden aus Rosenholz entfernt worden, damit man eine Grube f�r eine Feuerstelle ausheben konnte. Das Haus lag nahe am Kanal und war nicht unterkellert.</p><p>Sie streckte die H�nde dem Feuer entgegen und genoss die W�rme. Sie sehnte sich nach ihrer H�hle in den Bergen der Snaiwamark zur�ck. Und sie wusste, dass sie zu Burg Elfenlicht zur�ckkehren musste. Sie durfte den jungen K�nig Gilmarak nicht zu lange den Schmeichlern und Ohrenbl�sern bei Hof �berlassen. Sie w�rden ihm schaden.</p><p>Skanga hob den Beutel mit den alten Knochen auf, der neben ihr lag. Ein halbes Leben lang hatte sie diese Knochen gesammelt. Sie alle waren einzigartig. Eine Rippe des Menschenk�nigs Horsa, ein Fingerknochen aus einer fr�heren Fleischwerdung Herzog Orgrims, die Kralle eines Drachen, der gerade erst aus dem Ei geschl�pft war, als ihn sein Schicksal ereilte, ein Knochen einer Kreatur, die vor langer Zeit ans Ufer der Walbucht gesp�lt worden war und f�r die niemand einen Namen gehabt hatte. Ein halbes Schienbein der Elfe Aileen, die einst die Geliebte des Helden Farodin gewesen und die von dem Trollherzog Dolgrim erschlagen worden war. Der Sch�del eines Hasen, der so unglaublich k�stlich gewesen war, dass sie sich bis ans Ende aller Tage an ihn erinnern w�rde.</p><p>Jedem der Knochen in dem schmutzigen, alten Lederbeutel wohnte Magie inne. Magie, die sie durch Runen noch verst�rkt hatte. Wer diese Knochen warf und die Zeichen richtig zu deuten wusste, f�r den teilte sich der Schleier der Zukunft. Dies war ihre eigene Magie, dachte Skanga. Sie war stark. Und sie traute ihr, ganz im Gegensatz zu der Silberschale im Thronsaal von Burg Elfenlicht, die Emerel e so oft um Rat befragt hatte.</p><p>Die Schamanin sch�ttelte den Knochenbeutel und lauschte auf das dumpfe Klappern.</p><p>Sie konnte am Ger�usch der Knochen erkennen, wann der Augenblick gekommen war, sie auszusch�tten.</p><p>Birga sa� neben ihr. Sie sah argw�hnisch zu. Sie konnte den Neid und die Missgunst ihrer Sch�lerin sp�ren, auch ohne sie zu sehen. Sie wollte diesen Knochenbeutel.</p><p>Wollte die Macht, die er barg. Skanga hatte ihr noch nicht erz�hlt, dass jede Schamanin ihre Knochen selbst sammeln musste. Einen fremden Knochenbeutel an sich zu bringen, half gar nichts. Selbst Emerelle w�rde daran scheitern, w�rde sie versuchen, die Macht von Skangas Knochenbeutel zu stehlen.</p><p>Emerelle ... Die Elfe hatte ihren Thron verloren, und doch gab es immer noch keinen Frieden. Skanga war fest entschlossen, sie f�r das Blutbad im Gerichtssaal zu strafen.</p><p>Diesmal war das Leben der Elfe verwirkt. Wann w�rde sie diese falsche Schlange endlich gefangen nehmen, um ihr das Genick zu brechen? Skanga ergab sich ganz diesen Gedanken. Wann?</p><p>Klappernd fielen die Knochen auf den gestampften Boden neben der Feuergrube. Ein mattes, honigfarbenes Leuchten ging von ihnen aus. Die Runen leuchteten in hellerem, fast wei�em Licht. Freilich vermochten dies nur die Augen einer Blinden zu sehen. Die Sehenden hingegen waren blind f�r die verwickelten magischen Muster, die sich zwischen den Knochen spannten.</p><p>Skanga erkannte auf den ersten Blick, dass die Knochen nichts Gutes verhie�en. Sie lie� sich Zeit, die Abgr�nde des Orakels zu ergr�nden. Lange betrachtete sie die Muster, die sich aus den �bereinanderliegenden Knochen geformt hatten. Mehrfach wechselte sie ihren Sitzplatz, um das Orakel aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Der Hasensch�del lag falsch herum. Die Stelle, an der die Wirbels�ule in den Sch�del getreten war, starrte sie an wie ein dunkles Auge. Das war ein schlechtes Omen!</p><p>Die Magie der Knochen erstrahlte in hellem Glanz. Sie sprachen voller Macht. Ein zweiter Wurf war nicht notwendig. Sie w�rde sterben, wenn sie Emerelle mit Gewalt zu sich bringen lie�.</p><p>Skanga hatte keine Angst vor den Tod. An langen Wintertagen, wenn die K�lte sich in ihren Knochen eingenistet hatte wie unter den Dachtraufen, von denen eisige Z�hne hingen, dann hatte der Gedanke ans Sterben etwas Verlockendes. Aber sie konnte nicht fort. Nicht jetzt schon. Ihr Volk brauchte sie, der junge K�nig. Alles, was sie gewonnen hatten, wof�r so unendlich viel Blut gezahlt worden war, w�rde vergehen, wenn sie nicht hinter dem Thron stand und wachte.</p><p>Emerelle verh�hnte sie. Nichts anderes hatten diese Morde zu bedeuten. Sie ma�te sich an, noch immer dar�ber zu entscheiden, was Recht und was Unrecht war. Sie hatte den Thron verloren, aber sie hatte nicht aufgeh�rt, K�nigin zu sein. Wie gern h�tte sie diese eingebildete, blutl�sterne Elfe in der Hand gehabt. Sie waren ihr so nah. Skanga konnte es deutlich sp�ren. Die Schamanin wusste nicht, welche ihrer Kopfgeldj�ger die K�nigin aufgesp�rt hatten�... Aber sie wusste, sie w�rde nur die Hand ausstrecken m�ssen, dann h�tte sie Emerelle.</p><p>Skanga wechselte noch einmal den Sitzplatz und betrachtete eingehend das Muster der Knochen. Ganz gleich, wie man es betrachtete, das Orakel sagte immer dasselbe. Sie, Skanga, w�rde sterben, wenn sie Emerelle vor sich bringen lie�. Wie das geschehen w�rde, war nicht zu erkennen. Sie dachte daran, was die Silbersch�ssel im Thronsaal ihr gezeigt hatte. Passte es zusammen? Log eines der Orakel?</p><p>Das Schicksal war ungerecht! Skanga dachte an den Ratssaal. Daran, was Emerelle und Ollowain dort getan hatten. Und doch hielt man ihr Volk f�r grausam und die Elfen f�r feinsinnige K�nstler. Es war m��ig, daran etwas �ndern zu wollen.</p><p>Die Schamanin massierte ihre Stirn. Dicht �ber der Nasenwurzel. Sie musste klar denken. Ohne Zorn! Emerelle hatte ihr den Fehdehandschuh hingeworfen. Und sie w�rde ihn aufheben. Gharub war ein grausamer Willk�rherrscher gewesen, umgeben von schlechten Beratern. Das hatte ihn das Leben gekostet. So etwas w�rde nicht wieder geschehen. Sie w�rden ein Gesetzbuch erschaffen. Einfach und klar! Zehn Seiten sollte es nur umfassen. Die Strafen w�rden hart sein. Blutstrafen, wo es angemessen war. Und alle w�rden vor diesem Gesetz gleich sein, ganz so, wie Elija und seine Rotm�tzen es forderten.</p><p>Zehn Seiten, die jeder Troll, der herrschen wollte, kennen musste. Zehn Seiten konnte jeder erlernen. Skanga wusste, dass die gegenw�rtigen Gesetze ganze B�cherzimmer f�llten. Damit sollte Schluss sein. Das war �berfl�ssig. Das alte Recht war wie Verstopfung. Es machte Schwafelk�pfe reich und verschleierte alles.</p><p>�Was sagt das Orakel?�, fragte Birga, die nicht l�nger an sich halten konnte.</p><p>�Dass wir noch heute Nacht nach Burg Elfenlicht zu r�ckkehren werden. K�mmere dich darum, dass alle J�ger, die wir nach den M�rdern ausgeschickt haben, zur�ckgerufen werden!�</p><p>�Aber wir k�nnen sie doch nicht laufen lassen!�</p><p>�Glaubst du, dass es dir zusteht, mir zu sagen, was ich kann und was nicht?�</p><p>�Nein, Herrin�... Aber bitte, verrate mir, was haben die Knochen gesagt? Was ist so eilig zu tun?�</p><p>�Wir m�ssen ein gutes Abf�hrmittel ersinnen. Wir werden auf Tausende B�cher schei�en!�</p><p>Skanga genoss es, das bunte Farbenspiel in Birgas Aura zu betrachten. Verwirrung und Zorn waren ihre st�rksten Gef�hle, daneben ein Hauch unterw�rfiger Bewunderung und Stolz. Sie war ein seltsames Gesch�pf. N�tzlich, nicht ohne Begabung. Nur ohne Geduld. Das w�rde ihr noch zum Verh�ngnis werden, wenn sie nicht lernte, sich Z�gel anzulegen. Eine gute Schamanin musste warten k�nnen. Und sie musste die Welt aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten k�nnen. Skanga hatte davon getr�umt, Emerelle gefangen nehmen zu lassen. Auf Burg Elfenlicht hatte sie der K�nigin zwar versprochen, sie ziehen zu lassen, aber sie war sich schon damals sicher gewesen, dass Emerelle ihr einen Vorwand liefern w�rde, ihr Wort zu brechen.</p><p>Skanga hatte sich ausgemalt, wie die gefallene K�nigin, in Ketten geschlagen, neben dem Thron kauerte. All ihres Glanzes beraubt. Bis zum n�chsten Fest der Lichter h�tte sie dort gehockt. Ihr Mahl w�ren die Abf�lle von Trollen gewesen, Spott ihr t�gliches Brot. Schl�ge und Tritte. Ja, sie h�tte Emerelle gebrochen, ganz sicher! Und zuletzt h�tte man sie zum Fest der Lichter nach Vahan Calyd gebracht, um sie vor den Augen aller F�rsten Albenmarks hinzurichten. Nicht mit dem Schwert�... Es w�re ein schmutziger, unspektakul�rer Tod geworden. Sie h�tte sie langsam mit einem Strick erdrosseln lassen.</p><p>All diese Tr�ume von sp�ter Rache waren nun dahin! Sie durfte Emerelle also nicht begegnen�... Das war auch nicht notwendig, um ihr den Tod zu bringen. Zun�chst mussten alle J�ger zur�ckkehren. Emerelle durfte keinen Verdacht sch�pfen. Sie w�rde ihr einen M�rder schicken. Aber wer w�re ihr gewachsen, der m�chtigsten Zauberin Albenmarks? Und wer h�tte den Mut, ihr nach dem Leben zu trachten?</p></section><section><title><p>Ollowains Verm�chtnis</p></title><p>Der schmale Spalt des Himmels f�llte sich mit st�rzenden Steinen. Die Zeit schien in diesem Augenblick langsamer zu flie�en. �berdeutlich sah Falrach, wie die Felsbrocken sich im Sturz drehten. Tanzende Steine. Baldiger Tod. Staub und Sand, der sie wie ein zarter Schleier umgab und mit ihnen fiel.</p><p>�Hoch!� Nur ein Wort voll kaum beherrschtem Zorn. Emerelle stie� sich vom Felsen ab. Sie schnellte den st�rzenden Felsen entgegen. Und sein K�rper tat es ihr nach.</p><p>Falrach f�hlte sich wie ein Tr�umer. Als beobachtete er sich selbst von Ferne.</p><p>Ollowains Erinnerungen waren erloschen. Sein Leben ausgel�scht�... Aber es gab noch eine andere Form des Erinnerns. Seine Muskeln, Sehnen, Nerven hatten all die endlosen Stunden des �bens nicht vergessen. Sie geh�rten Olowain. In ihnen war er noch lebendig. Und sie taten, wozu er in seinem entsetzten Staunen nicht f�hig war.</p><p>Er machte einen Sprung mit der Eleganz des ge�bten Fechters. Nur seine Fu�spitzen ber�hrten den Fels. Sie stie�en ihn ab, trugen seinen Leib h�her. Die Enge der Klamm rettete ihn. Er sprang von Wand zu Wand, jeweils einen halben Schritt h�her. In atemberaubendem Tempo.</p><p>Gleichzeitig bog sich sein Leib nach hinten, zur Seite. Fort von den st�rzenden Felsen.</p><p>H�her und h�her. Dem Himmel entgegen.</p><p>Emerelle war ihm immer ein St�ck voraus. Sie bewegte sich mit derselben Geschicklichkeit wie er. Sie war wie einst. Jene K�mpferin, die die Drachen herausgefordert hatte. Die zu ihm gekommen war und die kein Wort �ber Wahrscheinlichkeiten hatte h�ren wollen.</p><p>Wie wahrscheinlich war es, aus einer Schlucht zu entkommen, die unter herabst�rzenden Felsmassen begraben wurde? Emerelle interessierte sich nicht f�r Mathematik. Sie handelte. Und ihre Taten verh�hnten jede Wahrschein-lichkeitsrechnung. So wie jetzt.</p><p>Er stie� sich ein letztes Mal vom Felsen ab. Dann kam er auf der Kante der Klippe zum Stehen. Dicht neben Emerelle. Die Kobolde waren entsetzt vor ihnen zur�ckgewichen.</p><p>Einige warfen sich zu Boden und falteten, um Gnade wimmernd, die H�nde �ber dem Kopf.</p><p>Nur Oblon blieb stehen.</p><p>�Die �ltesten haben also entschieden, uns zu t�ten�, sagte Emerelle, als das Get�se der st�rzenden Felsen verklungen war.</p><p>�Nicht die �ltesten. Nicht sie entscheiden. Ich, Oblon, Bewahrer der Ahnen, Stimme der Toten, Wanderer an verbotenen Orten, f�hre mein Volk. Ich habe diese Entscheidung getroffen. Mir allein geb�hrt die Strafe. Ich bin bereit.�</p><p>�Warum? Was haben wir dir und deinem Volk getan?�</p><p>�Ihr habt uns den Trollen ausgeliefert und dem Hunger. Sie waren dort. Und sie haben ihren Tribut nicht erhalten. Sie werden nun das Gewicht von zehn Trollen in Mais fordern. Wir hatten keine gute Ernte. Wenn wir diesen Tribut entrichten, dann werden wir hungern. Nicht alle Alten und Kinder werden die n�chste Ernte erleben. Ich wollte euer Fleisch als Ersatz f�r den verlorenen Mais. Ich habe geschworen, mein Volk zu sch�tzen. Nun richtet mich.�</p><p>�Dein Fleisch wird wohl kaum ausreichen, um dein Volk durch die Hungermonde zu bringen�, entgegnete Emerelle ruhig. �Welchen Nutzen also h�tte dein Tod?�</p><p>Es war das erste Mal, seit sie ihm begegnet waren, dass Oblon sprachlos war. Er starrte sie an. Den Mund leicht ge�ffnet.</p><p>�Was siehst du in mir�, fragte sie herausfordernd und ging langsam auf den Kobold zu. �Einen Fleischvorrat f�r die Trockenzeit? Einen Geist, aus der Luft geboren? Deine M�rderin? Was bin ich?�</p><p>Oblon wich nicht vor ihr zur�ck. Falrach hatte Respekt vor dem Mut des Kleinen. In Albenmark gab es nur wenige, die sich vor dem Zorn Emerelles nicht duckten.</p><p>�Es liegt bei mir, was du bist.� Jetzt vermochte Oblon Emerelle nicht mehr in die Augen zu sehen.</p><p>�W�hle!�</p></section><section><title><p>Von Toren und Helden</p></title><p>Kadlin wurde in steilem Bogen in den Himmel gerissen. Sie schrie vor Entsetzen, w�hrend der sichere Boden unter ihren F��en sich immer weiter entfernte. Langsam gelang es ihr, die Panik niederzuk�mpfen. Es war der Boden, den sie jeden Augenblick mit ihrem Blut durchtr�nkt h�tte.</p><p>Ein riesiger Raubvogel hatte sie gepackt und trug sie davon. Und er war nicht gerade zimperlich mit ihr umgesprungen. Seine Krallen hatten sich durch ihre dick gef�tterte Lederkleidung in ihre Schulter und Brust gebohrt. Nicht tief. Aber tief genug, um eine Weile eine unangenehme Erinnerung an diese Begegnung zu behalten. Sie dachte an das Rentier, das sie im Schnee gesehen hatten. Jetzt begriff sie, warum keine F�hrte des Tiers in das Schneefeld gef�hrt hatte.</p><p>W�rde sie genauso enden? Ein blutiger Kadaver auf einem Schneefeld?</p><p>Der Vogel schwenkte nach links und hielt auf einen Bergkamm zu. Zwischen den Felsen entdeckte sie Melvyn. Ihr Bruder wirkte durch den Anblick des Vogels nicht im Mindesten beunruhigt.</p><p>Kadlin landete unsanft im Schnee, als der Adler unvermittelt seine Krallen �ffnete.</p><p>Melvyn war sofort an ihrer Seite. �Bist du verletzt?�</p><p>�Z�hlt auch verletzter Stolz?�</p><p>Er zwinkerte ihr zu. �Ein schwieriger Fall. Er heilt entweder schnell oder nie.�</p><p>Sie sah hinab zu der Insel inmitten des gefrorenen Sees. Die Trolle waren nun mindestens eine Meile entfernt. Sie machten keine Anstalten, ihnen zu folgen. Noch nicht.</p><p>Der Adler drehte noch eine weitere Runde am Himmel, dann schwenkte er nach Osten ab. Langsam begann Kadlin zu begreifen. �Er war schon die ganze Zeit in unserer N�he, nicht wahr?�</p><p>Melvyn bedachte sie mit seinem unversch�mten Grinsen. �Es ist immer gut, noch eine �berraschung auf Lager zu haben.�</p><p>Kadlin war w�tend. Er h�tte ihr das sagen m�ssen! Immer wieder hatte sie in den letzten Tagen dar�ber gebr�tet, wie das tote Rentier auf das Schneefeld gekommen war und welcher neue Schrecken wohl in die Berge ihrer Heimat gekommen sein mochte.</p><p>�Ich habe auch eine �berraschung f�r dich. Ich gehe wieder hinunter zu den Trollen!�</p><p>Das L�cheln verschwand. �Das ist nicht dein Ernst. Die werden dich in St�cke schneiden und dich dann den Aasfressern �berlassen, denn das Fleisch von Verr�ckten r�hren sie nicht an.�</p><p>�Gut zu wissen, dass mir wenigstens das erspart bleibt!�</p><p>Er packte sie. �Komm zur Vernunft! Denk an dein Kind! Du darfst�... �</p><p>Sie war bei Vernunft. Behutsam legte sie die Rechte auf ihren Bauch. Das Kind verhielt sich v�llig ruhig, als habe es sich zusammengerollt, um sich in ihr m�glichst klein zu machen. Ihre Stimme war rau und belegt, als sie antwortete. �Ich bin bei Vernunft.</p><p>Endlich wieder! Ich h�tte nicht mit dir hierherkommen d�rfen. Und nun tue ich, was meine erste Pflicht als K�nigin ist. Ich sch�tze mein Volk!�</p><p>Melvyn lie� sie los. �Dann gehen wir zusammen.�</p><p>Sie sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Das ist dumm. Lass mich allein gehen!�</p><p>�Ich w�re ein verdammt �bler gro�er Bruder, wenn ich tatenlos zusehen w�rde, wie sich meine kleine Schwester mit ein paar Kerlen herumschl�gt, die fast doppelt so gro� sind wie sie.�</p><p>�Du schuldest mir nichts. Wir kennen uns erst ein paar Tage!�</p><p>�Du kommst doch nicht einmal allein ins Tal hinab.� Sein Tonfall hatte sich ge�ndert.</p><p>Nie in den paar Tagen, die sie sich kannten, hatte er so ernst geklungen. �Wolkentaucher hat dir ganz sch�n zugesetzt. Dein Kopf ist eingeschlagen. Du bist schwanger. Und du siehst so aus, als w�rdest du gleich dein Fr�hst�ck in den Schnee spucken. Da werde ich dich doch nicht alleine gehen lassen. Au�erdem wird Wolkentaucher mir helfen, wenn ich in Gefahr gerate. Dich hingegen wird er bestimmt nicht noch einmal retten.�</p><p>�Wir ziehen also zu dritt gegen acht Trolle. Das h�rt sich so an, als g�be es heute Abend ein Festessen mit Riesenhuhn als erstem Gang.�</p><p>Melvyn blickte zu dem gro�en Adler. Er sa� unbeweglich auf dem Felsblock, auf dem er sich niedergelassen hatte. �Du solltest so nicht von ihm reden. Er ist empfindlich. Wei�t du, unter seinesgleichen ist er ein F�rst!�</p><p>�Er versteht meine Sprache?� �Nein, aber deine Gedanken.�</p><p>Jetzt drehte Kadlin sich nach dem Adler um. Die schwarzen Augen des Greifvogels durchbohrten sie. Ein beleidigter Adler, ein Troll, der ein Duell mit ihr austragen wollte. Das war ein verr�ckter Traum. Das konnte nicht die Wirklichkeit sein!</p><p>Bei jedem Atemzug schmerzten die Wunden von den Adlerkrallen. Ihr Kopf dr�hnte wie eine Kesselpauke. Nein, das war kein Traum. Das war Luths Spiel. Der Schicksals-weber mochte es, wenn man in seinen F�den zappelte.</p><p>Melvyn hakte sich bei ihr unter. Schweigend stiegen sie den Hang hinab. Nie hatte sie sich ihrem Bruder n�her gef�hlt. Er machte keine leeren Worte. Er w�rde f�r sie k�mpfen. Sie wollte das nicht. Zugleich f�hlte sie sich beh�tet. So hatte sie nicht mehr empfunden, seit Kalf und Bj�rn gestorben waren. Ermordet durch Trolle. Auch ihr Bruder Ulric war im Kampf gegen Trolle gefallen. Das schien Familientradition zu werden.</p><p>Orgrim und sein Gefolge warteten vor der Grabh�hle. Der Herzog der Nachtzinne hielt die Arme vor der Brust verschr�nkt. Vor ihm lag ihr Schwert im Schnee.</p><p>�Gilt unsere Vereinbarung noch?�, fragte sie mit fester Stimme.</p><p>�H�r nicht auf sie�, mischte sich Melvyn ein. �Ich bin ihr gro�er Bruder, und ich finde, dieser Streit sollte unter M�nnern ausgetragen werden.�</p><p>Einer der Trolle sagte etwas, bevor Kadlin ihrem Bruder �ber den Mund fahren konnte.</p><p>�Du bist also Silberkralle.� Der Herzog musterte ihren Bruder absch�tzend. �Du bist weit fort von deinen Jagdgr�nden. Meine Br�der in der Snaiwamark erz�hlen viele Geschichten �ber dich.�</p><p>�Lass meine kleine Schwester ziehen. Wir k�mpfen, und vielleicht wird man bald eine neue, ruhmreiche Geschichte �ber dich erz�hlen, Herzog.�</p><p>Der Trollf�rst schien geneigt, das Angebot ihres Bruders anzunehmen.</p><p>�Ich gehe nicht ohne mein Schwert�, sagte Kadlin.</p><p>Melvyn lachte auf. �Jawohl, kleine Schwester! Wie du befiehlst, K�nigin!� Er b�ckte sich, um die Klinge aufzuheben.</p><p>Kadlin zog ihren Dolch. Einen Herzschlag lang begegnete ihr Blick dem des Trollf�rsten, und sie glaubte Zustimmung in seinen Augen zu lesen. Sie hatte von Orgrim geh�rt. Viele hielten ihn f�r einen Ehrenmann. Der Baumeister Gundaher hatte ein Buch mit Gedichten aus den Gem�chern des F�rsten gestohlen. Und wie es schien, hatte Orgrim selbst sie verfasst. Er war anders als andere Trolle. Er w�rde Melvyn nichts tun. Das sah sie in seinen gelben Augen!</p><p>Mit aller Kraft schlug sie Melvyn den Dolchknauf in den Nacken. Ihr Bruder sackte ohne einen Laut in sich zusammen. Sie nahm ihm das Schwert aus der Hand.</p><p>�Niemand tr�gt meine K�mpfe f�r mich aus!�</p><p>Orgrim wirkte am�siert. �Menschenkinder ...�</p><p>�Gilt unser Pakt noch?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Und ihn�... Lasst ihn ziehen. Ich habe ihn dazu �berredet, hierherzukommen. Es ist allein meine Schuld.�</p><p>Der Herzog lachte auf. �Ich habe das Gef�hl, er w�rde umgekehrt dasselbe behaupten, wenn er noch auf den Beinen st�nde.�</p><p>�Du wirst ihn ziehen lassen!�, beharrte Kadlin.</p><p>�Du bist nicht meine K�nigin.� Er blickte auf ihren Bruder hinab. �Silberkralle ist ein ungew�hnliches St�ck Fleisch. Ich habe so etwas noch nie gegessen. Halb Mensch, halb Elf. Jeder Geschmack f�r sich ist mir wohlvertraut. Aber diese Mischung�... � Seine schwere, dunkle Zunge leckte �ber die Lippen. �Wir werden sein Fleisch einsalzen, um es haltbar zu machen. Er ist etwas f�r eine Festtafel.�</p><p>�Du hast es mir versprochen!�</p><p>Wieder lachte er. �Wann?�</p><p>�Mit deinen Augen.�</p><p>�Ich f�rchte, da hast du dich geirrt.�</p><p>Mit einem Wutschrei st�rmte sie auf ihn los. Ihre Klinge verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Er war wie ein Aal, der verdammte, stinkende Mistkerl. Sie wirbelte herum, t�uschte einen Angriff an, wechselte die Sto�richtung.</p><p>Pl�tzlich sauste seine Faust nieder. Kadlin duckte sich. Orgrims Knie zuckte vor. Er hatte kaum Kraft in den Sto� gelegt und st�rzte sie r�cklings in den Schnee. Er stellte seinen Fu� auf ihre Brust und hob die Keule.</p><p>�Diesmal wird dich kein Adler retten!� Die schwere Waffe sauste hinab.</p><p>Kadlin kniff die Augen zu.</p><p>Mit dumpfem Schlag prallte der steinerne Keulenkopf neben ihr in den festgestampften Schnee. Sie schluckte. Langsam �ffnete sie die Augen wieder. �Ich erkl�re dich hiermit f�r tot, Menschentochter. Ich erwarte von dir, dass du dich k�nftig wie eine Tote verhalten wirst. Du wirst nie wieder deinen Fu� auf mein Land setzen.</p><p>Und du wirst nie wieder eine Waffe gegen einen Troll erheben. Wenn du mir das schw�rst, werde ich dich und deinen Bruder ziehen lassen. Wenn du diesen Eid aber brichst, dann werde ich mit meinen Heerscharen �ber das Fjordland hereinbrechen, und all deine G�tter werden uns nicht aufhalten k�nnen. Wir werden deine Heimat von Firnstayn bis nach Gonthabu pl�ndern und brandschatzen. Hast du das verstanden, Menschentochter?�</p><p>�Ja�, brachte sie kleinlaut hervor.</p><p>�Schw�rst du, dass du von nun an wie eine Tote sein wirst?�</p><p>�Ich schw�re es�, stie� sie hervor.</p><p>Er hob seine Keule an und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Warum?�, fragte sie kleinlaut.</p><p>�Die Elfen haben meine Weiber und meine Welpen bei lebendigem Leib verbrannt.</p><p>Aber mich nennen sie einen Barbaren, ein wildes Tier. Du tr�gst einen Welpen in dir, K�nigin. Ich wei� es von Skanga. Er hat sich seine Mutter nicht aussuchen k�nnen. Um seinetwillen lasse ich dich ziehen. Uns Trollen k�me es niemals in den Sinn, ein tr�chtiges Weib in einen Kampf ziehen zu lassen. Aber wir sind ja nur stinkende Barbaren.� Er spuckte neben ihr in den Schnee. �Hast du etwas gelernt, Menschentochter?� �Ja.�</p><p>�Bring es deinem Welpen bei, wenn du ihn geworfen hast. Gehe zu deinem Thron zur�ck und erz�hle es den anderen Menschenkindern. N�rdlich des Sees, den Skanga zur Grenze bestimmt hat, leben blutr�nstige Wilde. Dich und deinen Bruder lasse ich ziehen, damit ihr meine Boten seid. Dieses Mal habe ich Gnade walten lassen. Ein zweites Mal wird das nicht geschehen. Und nun geh!�</p></section><section><title><p>Das verborgene Dorf</p></title><p>�F�r mich bist du das Weib, das mein Volk von den Trollen befreien wird.�</p><p>Auf dem Rand der Klippe herrschte Stille. Das letzte Grollen der hinabgest�rzten Felsen war verklungen. Staub hing in der Luft, verklebte die Nasen und legte sich mit bitterem Geschmack in den Mund.</p><p>�Ich war im Zweifel, ob du sehr dumm bist oder sehr mutig�, sagte Emerelle leise.</p><p>�Jetzt wei� ich es.� Sie l�chelte verhalten. �Bring uns in dein Dorf. Ich bin durstig. Und wage es nicht, uns in euren Vorratskammern einzuquartieren.�</p><p>Falrach war erleichtert. Sein K�rper hatte Ollowain wieder vergessen. Mit dem L�cheln der K�nigin waren alle Anspannung und zugleich auch alle Kraft gewichen. Er lie� sich auf einem Felsvorsprung nieder. Deutlich sp�rte er die Hitze des Steins durch seine Hosen.</p><p>Einige der Kobolde wagten aufzublicken. Sie schienen dem Frieden noch nicht zu trauen. Lag es daran, dass sie sich vor Emerelle f�rchteten, oder daran, dass sie ihren Schamanen nur zu gut kannten?</p><p>Oblon klatschte in die H�nde. �Aufstehen, ihr feige Bande! Was sollen die beiden Riesen von uns denken? Bisher waren die Trolle ihr gr��ter Schrecken, aber ihr seid sehr viel eindrucksvoller. Ich hoffe, ihr seid nicht nachtragend. Es hatte wirklich nichts mit euch zu tun! Es ging einfach nur um�... um Essen!�</p><p>Falrach versuchte Emerelles Blick einzufangen. Die K�nigin l�chelte noch immer. Was w�rde er jetzt f�r ihre Gedanken geben!</p><p>Oblon machte sich auf den Weg. Er f�hrte sie auf einem gewundenen Pfad durch die Felslandschaft. Kaum eine halbe Stunde dauerte es, bis sie ein Tal erreichten, durch das ein kaum kn�cheltiefer Bach rann.</p><p>Falrach musste all seine Beherrschung aufbieten, um sich nicht mit dem Gesicht voran ins Wasser zu werfen. Seine Zunge lag wie ein St�ck D�rrfleisch in seinem Mund. Er hatte das Gef�hl, dass sie angeschwollen war. Seine Lippen waren aufgeplatzt.</p><p>Er versuchte, nicht auf das Wasser zu sehen. Versuchte, das leise Pl�tschern des Wassers zu �berh�ren. Wann kam wohl jemand, um ihm Wasser anzubieten?</p><p>Verdammte Koboldbande!</p><p>Nahe dem Bach wuchsen einige gr�ne Grasb�schel. Auf einigen abgeernteten Maisfeldern standen nur noch k�mmerliche Str�nke. Die Felder waren verlassen.</p><p>Auf einem H�gel, von einem niedrigen Dornenwall umgeben, erhoben sich halbrunde Lehmh�tten. Sie erinnerten ein wenig an Eier, die dicht an dicht in einem Gelege lagen.</p><p>Eine d�nne Rauchfahne stieg zwischen den H�tten auf. Aber auch dort war niemand zu sehen.</p><p>Sie kamen an Kakteen mit vernarbter, gr�ner Haut vorbei. Es schien, dass sie regelm��ig beschnitten wurden. Ob sie hier ihr Pfeilgift gewannen? Ein schwerer, s��licher Geruch ging von ihnen aus.</p><p>Nur noch bis zum H�gel, dachte Falrach. Er heftete den Blick fest auf die H�tten.</p><p>Hinter ihnen erklang ein auf- und abschwellendes Hornsignal. Dennoch zeigte sich niemand au�er der Eskorte aus Kobolden, die sie von der Klamm mitgebracht hatten.</p><p>Einige ihrer Begleiter eilten voraus und �ffneten einen Durchlass in der Hecke. Das Bollwerk war fast einen Schritt dick und reichte Falrach bis zur Brust. Dornen, lang wie Koboldfinger, wucherten auf dem d�rren Ge�st.</p><p>Wieder erscholl das Hornsignal. Oblon lief voraus in die Siedlung. �Sie sind Freunde!</p><p>Kommt heraus. Sie werden f�r uns k�mpfen!�</p><p><emphasis>Das werden wir nicht,</emphasis> erklang Emerelles Stimme, tief in ihm. <emphasis>Ich bin es m�de zu k�mpfen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir rasten hier ein paar Tage. Dann ziehen wir weiter.</emphasis></p><p>�Seht, unsere Retter. Die Alben haben uns endlich erh�rt. Sie haben uns Riesen geschickt!�</p><p>Ein kleiner Junge mit kahlem Sch�del steckte den Kopf aus seiner H�tte. Mit weiten Augen blickte er zu Falrach auf und zog sich sogleich mit einem erschrockenen Laut zur�ck.</p><p>Dann teilte sich der Vorhang aus Steinperlen am Eingang, und eine Koboldfrau trat heraus. Die H�nde in die H�ften gestemmt, wollte sie ihm ganz offensichtlich den Zutritt verweigern. Die Entschlossenheit, mit der sie zu ihm aufblickte, lie� keinen Zweifel aufkommen.</p><p>Sie war so mager, dass ihr Kopf an einen mit Leder bespannten Totensch�del erinnerte.</p><p>Von der Unterlippe bis zum Kinn zog sich ein Muster aus dunklen Flecken. Ihr str�hniges Haar war hochgesteckt und von einer trockenen, mattroten Paste verklebt.</p><p>Falrach hatte lange niemanden mehr gesehen, der so mager war wie diese Frau. Jeder Appetit war ihm vergangen. Hier w�rde er nur trinken. Essen k�nnte er keines annehmen.</p></section><section><title><p>Fast Liebe</p></title><p>Emerelle streckte sich im k�hlen Wasser. Ein St�ck oberhalb des Dorfes hatte sie eine Stelle gefunden, wo das Bachbett eine tiefe Senke in den harten Granit geschliffen hatte. Der Bach machte hier einen scharfen Knick; Jahrtausende schleifenden Sandes hatten eine Einbuchtung in den Fels gesp�lt, die mit ein wenig gutem Willen an einen Badezuber erinnerte.</p><p>Mehr als eine Stunde war sie schon hier und genoss das Gef�hl des flie�enden Wassers. Endlich f�hlte sie sich frei! Wenn nur der Kummer mit Ollowain nicht w�re.</p><p>Es gab Ger�chte �ber ein Orakel hier im verbrannten Land. Genaues wusste sie nicht, und bislang war sie zu stolz gewesen, Oblon zu fragen. Sie traute dem durchtriebenen Schamanen nach wie vor nicht �ber den Weg, aber sie war sich ganz sicher, mit ihm fertigzuwerden, gleichg�ltig, was er versuchte.</p><p>Sie hatte sich als K�nigin zu wenig um die entlegenen Landstriche Albenmarks gek�mmert. Hier gab es keine Kundschafter oder Vertraute, die gelegentlich zu ihr nach Burg Elfenlicht gekommen w�ren, um ihr zu berichten. War Kundschafter das richtige Wort? Oder sollte sie ehrlicherweise Spitzel sagen? War sie eine Tyrannin, wenn sie m�glichst alles wissen wollte, was in Albenmark geschah, oder eine f�rsorgliche Herrscherin?</p><p>Sie atmete aus. Diese Dinge gingen sie nichts mehr an. Ereignisse wie in Feylanviek sollten sich nicht wiederholen! Sie war nicht mehr die K�nigin. Sie durfte sich erlauben, nur an sich zu denken!</p><p>Es war ein seltsames Gef�hl, von Ollowain gelegentlich einen schmachtenden Blick zu erhaschen. Nat�rlich war es nicht mehr der Ollowain, den sie einmal geliebt hatte. Und Falrach war auch nicht mehr der, den sie geliebt hatte. Er hatte sich in der ver�nderten Welt noch immer nicht zurechtgefunden. W�rde er es jemals tun? Mehr als vierzig Jahrhunderte waren seit seinem Tod vergangen. St�dte, die er einmal gekannt hatte, waren zu Staub geworden. V�lker, die einst voller Macht und von Bedeutung gewesen waren, lebten nicht mehr in Albenmark, wie die Kinder der Dunkelalben oder die Elfen von Valemas. Fl�sse und K�sten hatten ihren Verlauf ver�ndert. Und wie weit sie sich von dem jungen M�dchen entfernt hatte, das Falrach einst liebte, vermochte sie nicht zu ermessen.</p><p>Zumindest �u�erlich schien sie sich nur wenig ver�ndert zu haben. Falrach fand sie immer noch begehrenswert. Sie mochte es, wie er sie ansah. Ollowain�... Obwohl sie nun schon seit Wochen miteinander reisten, hatte sie ihn noch nicht zum Zuge kommen lassen. War es unmoralisch, sich von ihm lieben zu lassen und an Ollowain zu denken? An wen sonst sollte sie auch denken, w�rde sie doch in Ollowains Antlitz blicken, wenn sie einander liebten.</p><p>Lag es daran, dass sie endlich Frieden gefunden hatte? Sie sp�rte ein tiefes Verlangen danach, endlich wieder einen Mann an ihrer Seite liegen zu haben. Wann war ihre letzte Liebesnacht gewesen? Sie konnte sich nicht mehr sicher daran erinnern.</p><p>Sie strich �ber ihre glatten Schenkel. Ein wohliger Schauer durchlief sie. Wie war es gewesen, von M�nnerh�nden ber�hrt zu werden? Sie schloss die Augen. War mer Wind spielte mit ihrem Haar. Falrach war ein guter Liebhaber gewesen. Er hatte schon viele Frauen gehabt, als sie ihn kennenlernte. Und er hatte einen schrecklichen Ruf. Sie l�chelte versonnen. Einen Ruf, dem er voll und ganz gerecht geworden war. Es w�re sch�n, wenn er jetzt hier w�re. Sie war versucht... Leise murmelte sie ein Wort der Macht. Es schmeichelte ihrer Zunge. All ihren Sinnen. Sie durfte das nicht tun. Es war unmoralisch. Aber er w�rde es niemals wissen, wenn sie es ihm nicht verriet.</p><p>T�glich hatte sie diesen Zauber angewandt, seit sie in dem kleinen Kobolddorf waren.</p><p>Ihre Gastgeber glaubten, dass die Trolle ihnen Gl�ck brachten. Diese dickk�pfigen Narren bestanden nach wie vor darauf, dass sie beide Trolle sein mussten. Und zwar besonders gro�e Trolle. Geradezu Riesen unter den Trollen!</p><p>Als Emerelle gesehen hatte, wie elend und ausgehungert der Stamm war, hatte sie den Zauber zum ersten Mal gewirkt. Ihr Geist war �ber das Land gestreift. Sie hatte nach Leben gesucht. Viele Meilen entfernt, denn sie wollte nicht das Jagdwild anlocken, das in der N�he der Siedlung lebte. Sie hatte nach Gesch�pfen gesucht, die sie nicht so schnell gefangen h�tten. Rotk�mme, jene gro�en Echsen, die verborgen in den abgelegensten Bergregionen lebten. Sie wurden bis zu zwei Schritt lang, und ihr Fleisch schmeckte unvergleichlich. Auch Stachelschw�nze hatte sie angelockt, Steppenhasen und Murmeltiere. All diese Gesch�pfe hatte ihr Wil e in dieses Tal gezwungen. Sie machten sich auf die Wanderschaft, ohne zu ahnen, dass ihre Reise sie unweigerlich zu den Speeren der Kobolde f�hren w�rde.</p><p>Jeden Abend feierte der Stamm. Oblon ahnte etwas. Er war wirklich klug. Er sagte nichts, lie� das Wunder einfach geschehen.</p><p>Emerelle wusste, dass Falrach den Platz zwischen den Felsen verlassen hatte. Jene vor Blicken gesch�tzte Stelle, an der er �bte. Fr�her hatte er das nicht getan. Waffen�bungen in v�lliger Harmonie von Schwert und K�rper.</p><p>Das war ein Verm�chtnis Ollowains. Emerelle machte sich nichts vor. Sie hatte Fairachs Geist durchforscht. Es war nichts von Ollowain geblieben. Keine Erinnerung.</p><p>Kein Rest seiner Pers�nlichkeit. Sie vermutete, dass es der K�rper des Schwertmeisters war, der danach verlangte, diese Kampf�bungen zu machen. Er war daran gew�hnt.</p><p>Ollowain hatte jahrhundertelang fast jeden Tag ge�bt. Diese Bewegungsabl�ufe waren Ollowains K�rper ebenso selbstverst�ndlich wie das Atmen. Bisher hatte Falrach sich dagegen gestr�ubt. Aber seit dem Ereignis in der Klamm gab er seinem K�rper nach.</p><p>Er wollte lernen, welche F�higkeiten in ihm steckten.</p><p>Emerelle �berlegte, ob sie selbst in der Nacht auf die Jagd gehen sollte. Nicht nach Stachelschw�nzen oder Rotk�mmen. Gef�hrlicheres Wild. Aber noch bestand kein Anlass zur Eile.</p><p>Sie h�rte leise Schritte. Er bewegte sich geschickt. Das Ger�usch war fast �berdeckt vom leisen Wispern des Windes. Er wusste nicht, dass sie hier war. H�tte er sich ange-schlichen, sie h�tte ihn nicht geh�rt.</p><p>Sie richtete sich in dem steinernen Becken auf. �Sch�n, dich zu sehen, Falrach.�</p><p>Ollowain h�tte jetzt sicher besch�mt zur Seite geblickt. Falrach war es nicht unangenehm, sie nackt zu sehen.</p><p>�Ich wusste nicht�... �, begann er z�gerlich.</p><p>�Hier ist Platz f�r zwei. Das Wasser ist herrlich.� Sie l�chelte. Fr�her einmal, schier vor einer Ewigkeit, war es ihr leichtgefallen, verf�hrerisch zu sein. Jetzt f�hlte sie sich unsicher.</p><p>Er l�chelte. Es war das alte Falrachl�cheln. Dann legte er wortlos seine Kleider ab. Sie sah, wie verschwitzt er war. Gut, dass sie sich hier trafen. Sie mochte keine M�nner, die stanken.</p><p>Er stieg zu ihr ins Wasser, und es war un�bersehbar, dass er sie begehrte. �Ollowain w�re vor mir fortgelaufen�, sagte sie mit einem eindeutigen L�cheln.</p><p>�Ich bin nicht Ollowain�, entgegnete er selbstsicher.</p><p>Sie strich �ber seine Brust. Sein K�rper war schlank und durchtrainiert. Er war kr�ftig.</p><p>Anders als Falrach. Er war viel weicher gewesen.</p><p>Er nahm ihre Hand. K�sste ihre Fingerspitzen und lie� sie wieder frei. Die Ber�hrung seiner Lippen lie� sie erschaudern, und er merkte es. Er beugte sich vor und k�sste ihren Hals. Sie atmete aus. Dieses Gef�hl... Sie hatte es so lange in sich begraben.</p><p>Jetzt nahm sie seine Hand. Ihre Zunge streichelte �ber die Innenfl�che. Die Haut dort war hart und schwielig. Es war die Hand eines Schwertk�mpfers.</p><p>Falrach legte den freien Arm um ihre H�ften und zog sie dicht zu sich heran. Deutlich konnte sie sp�ren, wie sehr er sie begehrte. Aber er lie� sich Zeit. Seine H�nde verw�hnten sie. Seine Zunge fand immer neue Wege, sie erschaudern zu lassen, bis sie lustvoll aufst�hnte. Sie hatte ihn gerufen ... Nein, sie sollte ehrlich sein. Ihr Zauber hatte ihn hierher gezwungen, ohne dass er es ahnte. Aber jetzt w�rde sie sich ihm v�llig �berlassen. Sie war die Seine. Ganz und gar. Es w�rde lange dauern. Fr�her hatten sie sich ganze Nachmittage geliebt.</p><p>Sie legte den Kopf weit in den Nacken. Er liebkoste ihre Br�ste.</p><p>�ber ihnen spannte sich ein stahlblauer, wolkenloser Himmel. Ein einsamer Falke verharrte fl�gelschlagend am Himmel.</p><p>Fairachs Hand ber�hrte ihre Scham. Sie wollte ihn. So lange hatte sie Ollowain begehrt.</p><p>Und wenn sie einfach aufh�rte zu denken, sich ihm hingab�... Wo war der Unterschied? Es war Ollowains Leib, der sie liebte. Sie sah in Ollowains Augen. Und sie w�rden bestimmt nicht viel reden in den n�chsten Stunden.</p></section><section><title><p>Der J�ger</p></title><p>Madra sah den Falken nahe seinem Versteck landen. Der Troll hatte sich tief in den Schatten einer vorspringenden Felswand zur�ckgezogen. Er mochte das grelle Licht des S�dens nicht. Kein Troll mochte es. Er hatte geh�rt, dass es unter den Menschenkindern M�rchen gab, in denen es hie�, Trolle w�rden sich in Stein verwandeln, wenn das Licht der Mittagssonne sie traf. Das war nat�rlich blanker Unsinn.</p><p>Der Falke stie� ein ganz unfalkenhaftes St�hnen aus. Sein Kopf bl�hte sich auf. Der Schnabel verformte sich zu einer Schnauze voller nadelspitzer Z�hne. Das braune Gefieder bekam einen Rotstich und wurde zu dichtem Fell. Die Verwandlung sah �beraus unappetitlich aus. Zugleich war es faszinierend, zuzusehen. Vermutlich tat es ziemlich weh, dachte er bei sich. Sein Gef�hrte jammerte gern. �ber jede Kleinigkeit beschwerte er sich. �ber seinen knurrenden Magen, Durst, die Hitze oder einen Stein im Schuh. Aber diese Verwandlung machte er schon zum dritten Mal, w�hrend sich die Elfen in dem Dorf niedergelassen hatten. Es war �beraus praktisch, einen gefl�gelten Sp�her zu haben. So konnten sie es sich erlauben, in einem Versteck drei Meilen vom Kobolddorf entfernt auszuharren. St�ndig schickten die Kobolde J�ger aus. Es w�re leichtfertig gewesen, dem Dorf n�her zu kommen.</p><p>Mit einem Seufzer kam Nikodemus in den Schatten des Felsens. Die Verwandlung war abgeschlossen. Nur ein leichter Raubvogelgeruch haftete dem Lutin noch an.</p><p>�Schlechte Nachrichten!�</p><p>Jetzt ging es wieder los, dieses Gejammer, dachte Madra �rgerlich. Der Lutin w�rde sicher ein nettes Mahl abgeben. Aber er musste sich beherrschen. Ohne Nikodemus w�rde er niemals zur�ckfinden. Nur der Lutin konnte die Tore zu den goldenen Pfaden �ffnen.</p><p>�Wei�t du, wer die beiden sind?�</p><p>Madra machte eine fl�chtige Bewegung mit der Hand. �Zwei Elfen halt. Wen interessieren schon Elfennamen?�</p><p>�Diese werden dich interessieren. Heute bin ich so nahe an sie herangekommen, dass ich zum ersten Mal deutlich ihre Gesichter sehen konnte.�</p><p>�Und sie haben dich nicht bemerkt?� Madra war in diesen Dingen misstrauisch. Auch ihn w�rde es stutzig machen, wenn ein Falke l�ngere Zeit �ber ihm kreiste. Und Elfen waren schlauer als Trolle. �Du hattest versprochen, nicht zu nahe heranzufliegen.�</p><p>�Die beiden haben in einem Teich gelegen und gev�gelt! Die hatten andere Dinge im Kopf, als sich nach mir umzusehen. Und wei�t du, wer sie sind? Emerelle und ihr Schwertmeister Ollowain!�</p><p>�Wie kannst du dir da so sicher sein? Ein Elf sieht wie der andere aus.�</p><p>�Ganda, die Geliebte meines Bruders, hat ihn wochenlang gepflegt. Das war nach der Schlacht am Mordstein. Ich habe ihn fast jeden Tag gesehen. Ich kenne ihn. Und diese Elfe, das ist Emerelle. Darauf verwette ich meine Rute. Die hab ich auch schon einmal gesehen. Als sie sich auf der Shalyn Falah zum Duell gestellt hat. Es sind die beiden!�</p><p>Madra tastete nach dem Amulett, das Skanga ihm gegeben hatte. Jetzt w�re wohl der Augenblick, es zu verwenden. Er war �rgerlich �ber die Schamanin. Gewiss hatte sie gewusst, wen sie verfolgten! Warum hatte sie es ihnen nicht gesagt? Traute sie ihm nicht zu, der F�hrte zu folgen? Hielt sie ihn f�r einen Feigling, weil er nicht mit den anderen in dieser verdammten Koboldhalle in Feylanviek gestorben war?</p><p>�Wirf das Amulett!�, dr�ngte Nikodemus. �Skanga muss es wissen.�</p><p>�Mag dein Volk Helden?� Madra dachte daran, dass er nie ein Weib bekommen w�rde. Es wurden zu wenig Weiber geboren. Sie waren kostbar. Rudelf�hrer, Helden und Herz�ge, sie wurden von den Weibern erw�hlt. Ein einfacher Krieger oder J�ger hatte keine Aussichten, je mit einer das Lager zu teilen. Aber das Schicksal l�chelte ihm zu.</p><p>Zum ersten Mal hatte Madra das Gef�hl, zu H�herem bestimmt zu sein. Vielleicht war ja auch das der Grund, warum Skanga ihn ausgew�hlt hatte?</p><p>�Was hei�t hier Helden? Was hast du vor? Du musst Skanga rufen! Sofort!�</p><p>�Nein.�</p><p>Der Lutin starrte ihn fassungslos an. Ob es an ihrer Gr��e lag, dass den Kobolden jeglicher Mut fehlte?</p><p>�Bist du verr�ckt? Du willst doch nicht etwa�... � Der Kleine hob abwehrend die H�nde.</p><p>�Hast du den Gerichtssaal in Feylanviek vergessen? Wie viele Trolle haben die beiden get�tet? Und wie viele Kobolde?� Er schnaubte. �Und du h�ltst es f�r eine gute Idee, Emerelle und Ollowain allein zum Kampf zu stellen? Die zwei k�nnten ein kleines Heer in St�cke schneiden. Hast du vergessen, was wir in der Klamm gesehen haben?</p><p>All die Felsbrocken! Die beiden h�tten tot sein m�ssen! Aber sie haben es geschafft.�</p><p>�Du hast schon Recht...�</p><p>Der Lutin hob in gro�er Geste die H�nde. �Danke. Danke! Es steckt also doch ein mehr als wallnussgro�es Hirn unter deinen dicken Sch�delknochen. Ein Hauch von Weisheit!�</p><p>Madra dachte erneut daran, den Lutin zu fressen. Wenn Skanga k�me, dann brauchte er den Kobold nicht mehr, um in seine Heimat zur�ckzukehren. Aber er wollte die Schamanin nicht rufen.</p><p>�Wir werden es ganz anders anfangen als Gharub. Er wusste nicht, wen er vor sich hatte. Bei uns ist das anders. Wir k�nnen die zwei t�ten. Wir brauchen allerdings Mut!�</p><p>Der Lutin sah aus, als werde er sich gleich bepissen. Madra w�nschte sich, er h�tte einen richtigen Krieger an seiner Seite. Dann dachte er an die Verwandlung. Der Kleine hielt einiges aus. Man musste ihn nur richtig nehmen.</p><p>�Willst du ber�hmter als dein Bruder werden?�</p><p>Der Lutin spitzte die Ohren.</p></section><section><title><p>Der Skorpion</p></title><p>Skanga suchte nach der Farbe der Angst in der Aura des Kobolds. Doch der kleine Krieger schien sie nicht zu f�rchten. In seinem Volk sprach man viel von ihm.</p><p>Kommandant Skorpion nannten sie ihn. Anf�hrer der ersten Befreiungsfront.</p><p>Koboldunsinn! Warum sollte man sich das Leben mit tausend blumigen Namen schwermachen?</p><p>�Du bist also Madrog�, sagte sie nach einer Weile.</p><p>�So ist es.�</p><p>Wenigstens macht er keine �berfl�ssigen Worte. Eine seltene Veranlagung bei Kobolden. Skanga war der �berzeugung, je kleiner ein Gesch�pf wurde, desto schwerer fiel es ihm, zu schweigen. Kobolde waren eine Plage. Burg Elfenlicht hallte wider von ihrem unaufh�rlichen Geplapper! Sie sehnte sich nach Feylanviek zur�ck.</p><p>Da war es zwar nicht stiller gewesen, aber wenigstens k�lter. Hier wuchsen schon �berall Blumen! Nach ihrem Gef�hl war es dazu viel zu fr�h im Jahr. Zu viel Blumen und Sonnenlicht. Wer brauchte das?</p><p>Birga stand hinter ihr. Sie wirkte angespannt. Sie f�rchtete, dass der Kobold etwas falsch machte. Sie hatte ihn empfohlen.</p><p>�Wen hast du denn alles schon umgebracht, Skorpion?� Die Farbe seiner Aura �nderte sich. Da war ein Anflug von �rger.</p><p>�Es geh�rt zu meinem Gesch�ft, mich mit meinen Taten nicht zu r�hmen. Ebenso wenig erz�hle ich, wer mich beauftragt hat. Wenn das deine Fragen sein sollten, wirst du keine Antworten erhalten.�</p><p>�Du hast deine Meuchler sicher auch hier in der Burg.� Skanga erwartete keine Antwort. Sie wollte sehen, ob sich die Aura des Kobolds ver�nderte. Das Licht um seinen Kopf ver�nderte sich zu einem Schlammbraun. Die Farbe des Zweifels.</p><p>Nat�rlich sagte er nichts.</p><p>�Ich m�chte, dass du wei�t, dass man mir nichts vormachen kann. Du bist nicht in Gefahr. Noch nicht... Dein Gesch�ft ist der Tod. Und es gibt jemanden, den ich tot sehen m�chte. Emerelle!�</p><p>�Da solltest du es lieber mit Elfen versuchen. Soweit ich wei�, gab es ein Komplott gegen die ... gegen Emerelle auf dem letzten Kr�nungsfest in Vahan Calyd.�</p><p>�Ich dachte, du hasst Elfen, Madrog. Es war doch ein Elf, der deine gro�e Liebe ermorden lie�, oder? Warum z�gerst du?�</p><p>�Ich w�rde nicht nahe genug an Emerelle herankommen. Ich f�rchte, niemand kann das. Welche Aussichten h�tte ein Floh, ein Mammut zu t�ten? Ganz gleich, wie zornig und entschlossen der Floh ist.�</p><p>�Du hast doch bereits einen Elfenf�rsten mit seiner gesamten Sippe hingemordet. Hast du keinen Ehrgeiz?�</p><p>�Ehrgeizige Meuchler sterben jung. Ich bin erfolgreich, weil ich meine Grenzen kenne.�</p><p>Der Kobold �berraschte sie. Sie hatte einen anderen Mann erwartet. �Hast du keine Angst vor meinem Zorn?�</p><p>�Ich glaube, du verwechselst etwas, ehrw�rdige Schamanin. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Also f�rchte ich dich nicht. Ich f�rchte auch Emerelle nicht. Aber ich �bernehme keinen Auftrag, bei dem ich nur scheitern kann.�</p><p>Er spielte ihr nichts vor. Noch immer war keine Spur von Blau in seiner Aura. Er hatte tats�chlich keine Angst.</p><p>Der kleine Kerl verbl�ffte sie. Jemandem wie ihm war sie schon lange nicht mehr begegnet. �Ich sch�tze das offene Wort.�</p><p>Sie h�rte Birga hinter sich schneller atmen. Ihre Sch�lerin f�rchtete, bestraft zu werden. �Vielleicht hast du ja einen Rat f�r mich, Madrog? Wie kann man Emerelle ermorden?�</p><p>�Nun, Herrin. Man sagt, du h�ttest die Mittel, die Shi-Handan zu rufen. Wenn du zwei oder drei zu Emerelle schickst, dann ist sie sicherlich in Gefahr.�</p><p>Jetzt hielt Birga hinter ihr die Luft an. Wusste der Kobold, was er da sagte? Wollte er sie reizen? Genau das hatte sie schon einmal getan und war gescheitert. Wollte er ihr auf diese Weise vor Augen f�hren, wie aussichtslos es war, Emerelle ermorden zu wollen?</p><p>�Ein wertvoller Hinweis ... Da wir nicht ins Gesch�ft kommen werden, kannst du nun gehen.�</p><p>Der Kobold verneigte sich nicht einmal. Er drehte sich einfach um und verlie� den Saal. Mangel an Respekt war der erste Schritt hin zum Aufstand. Das konnte sie nicht dulden. Vielleicht lie�en es sich die Kobolde ja einfallen, bald schon gegen ihr Volk zu rebellieren.</p><p>�Birga! Nimm dir ein paar Wachen! Schnapp dir den Kerl! Und wenn ihr ihn habt, steckt ihn in eine Kiste mit Eisenb�ndern und versenkt sie im See hinter der Burg.�</p><p>�Ja, Meisterin.�</p><p>Ihre Sch�lerin eilte zum Portal, durch das der Kobold verschwunden war. Skanga sah ihr eifers�chtig nach. Was w�rde sie daf�r geben, noch einmal so junge Beine zu haben! Madrog hatte ihr nichts gesagt, woran sie nicht selbst schon gedacht h�tte. Er war eben doch nicht so gut wie sein Ruf. Skanga spielte nachdenklich mit den Amuletten auf ihrer Brust. Die Shi-Handan waren geisterhafte W�lfe. Durch und durch b�sartige Gesch�pfe. Unvergleichliche J�ger. Mahta Naht, ihre Lehrerin, hatte ihr einst beigebracht, wie man sie erschuf. Man brauchte dazu einen Yingiz. Und eine starke Seele. Nach all dem, was geschehen war, war es nicht klug, einen Yingiz zu rufen.</p><p>Vielleicht sollte sie doch noch einmal einen Blick in die Silberschale wagen. Das Knochenorakel zu deuten, war schwer. Hatte sie einen Fehler gemacht? Aber nein.</p><p>Emerelle musste sterben, nur so war die Herrschaft Gilmaraks sicher. Nur so w�rde ihr Volk endlich Frieden finden!</p><p>�Herrin.�</p><p>Skanga blickte auf. Birgas Aura strahlte hellblau. �Ja.� �Er ist verschwunden.�</p><p>�Was war so schwer daran, einen einzelnen Kobold zu greifen?�</p><p>�Herrin, bitte�, stammelte Birga. �Er hat uns hereingelegt ��</p><p>�Dich, Birga! Mir w�re er gewiss nicht entwischt. Dich hat er hereingelegt!�</p><p>�Herrin�... Er trug einen braunen Mantel und eine auff�llige, schwarze M�tze. Ganz anders als die anderen Kobolde. Aber jetzt war die Burg pl�tzlich voll von Kobolden mit braunem Mantel und schwarzer M�tze. Wir haben ein paar gefasst. Sie sind Madrog nie begegnet. Fremde haben sie daf�r bezahlt, diese Kleider zu tragen. Sie haben ihnen die Kleider sogar geschenkt.�</p><p>Skanga fluchte. Zugleich empfand sie Respekt. Dieser kleine Hurensohn! Er musste geahnt haben, dass sie ihn nicht lebend ziehen lassen w�rde. Nun hatte sich gezeigt, dass er tats�chlich so gut war wie sein Ruf. Ob er ihr den Mordversuch �belnahm? Sie hatte keine andere Wahl gehabt. Sie konnte es sich nicht leisten, dass sich herum-sprach, dass sie Meuchler nach Emerelle ausschickte. Man w�rde glauben, sie h�tte Angst vor der Elfe. Wom�glich w�rde sogar Emerelle davon erfahren. Wer wusste schon, wie viele Spitzel sie in der Burg hatte?</p><p>�Such mir zwanzig stattliche Trollkrieger, Birga! Sie sollen etwas hermachen! In zwei Stunden erwarte ich dich mit den Kriegern im Thronsaal.�</p><p>Die kleine Schlampe war klug genug, sie nicht mit Fragen zu ver�rgern. Sie w�rden eine Reise machen. Letztlich war das Gespr�ch mit dem Kobold doch etwas wert gewesen. Er hatte nicht Unrecht gehabt mit seinem Rat. Sie wusste nun, wo sie jemanden finden w�rde, der Emerelle von ganzem Herzen verabscheute. Und sie sollte nach Orgrim schicken. Sie brauchte jemanden, der jede Rebellion im Keim ersticken k�nnte. Feylanviek war wom�glich erst der Anfang. Es war besser, vorbereitet zu sein.</p></section><section><title><p>Die Geschichte eines Schattens</p></title><p>�Heute ist der letzte Tag, an dem du auf der faulen Haut liegen wirst, Junge!� Bruder Jules war nur ein Schattenriss in der T�r der H�tte, in der sie beide hausten. H�tte war nicht ganz das richtige Wort. Es war einmal etwas Gr��eres gewesen. Aber jetzt stand nur noch eine Mauerecke mit einer T�r, die Jules stets wohl verschlossen hielt. Die beiden anderen W�nde waren aus groben Brettern gefertigt. Jules hatte sich nicht einmal die M�he gemacht, die Ritzen zwischen den Brettern mit Moos auszustopfen.</p><p>Adrien hatte schon davon geh�rt, dass manche Priester der Meinung waren, sie seien ihrem Gott besonders gef�llig, wenn sie in Armut lebten und sich nicht um Dinge wie Ritzen in einer Bretterwand k�mmerten. Er hielt es f�r Unfug, aber er w�rde sich h�ten, das auch Jules zu sagen.</p><p>�Komm. Ich werde dir das Tal zeigen und dir erz�hlen, welche Pflichten dich erwarten.�</p><p>Adrien hatte keine Ahnung, was f�r Kr�uter der Betbruder in die Aufg�sse getan hatte, die er ihm verabreicht hatte. Das Zeug war bitter wie Galle gewesen. Aber es hatte geholfen. Als er hier ankam, war er zu Tode ersch�pft gewesen. Nun f�hlte er sich ausgeruht und voller Kraft. Er w�rde sich allen Aufgaben stellen, die der Priester f�r ihn bereithielt. So schwer konnte es ja nicht werden.</p><p>Adrien schlug die Decke zur�ck und streckte sich. Dann trat er hinaus ins Morgenlicht.</p><p>Kalte Luft schlug ihm entgegen. Der Fr�hling hatte noch nicht seinen Weg in dieses Tal gefunden. Er sah hinab auf die verw�stete Stadt. Den Steinernen Wald.</p><p>�Es gab eine Zeit�, erz�hlte Jules, �da waren Menschen viel m�chtiger, als sie es heute sind. Und es gab viele G�tter, nicht nur einen. Und diese G�tter, die die Menschen erschaffen hatten, waren so stolz auf sie, dass sie unter ihnen wandelten.�</p><p>Adrien sah seinen Meister mit gro�en Augen an. Eine solche Geschichte hatte er noch nie geh�rt. Und er h�tte niemals erwartet, einen Tjuredpriester so reden zu h�ren. Es hatte andere G�tter gegeben? Und sie sollten hier gewesen sein! Die Vorstellung fesselte ihn. Er stand auf Boden, auf dem einmal G�tter gestanden hatten! Nein, das war sicherlich ein M�rchen.</p><p>�Das wei�e Selinunt, so hie� die Stadt einmal. Sie war ganz und gar aus Marmor erbaut. Nur die D�cher trugen rote Schindeln, die hell in der Fr�hlingssonne strahlten.</p><p>Die Stadt f�llte das ganze Tal aus. Ihre Sch�nheit war weithin ber�hmt. Die Weisen und die Edlen waren hier versammelt. In jener Zeit gab es sieben K�nigreiche. Nicht solche K�nigreiche, wie du sie kennst. Sie waren gro�. Jedes umfasste Hundert und mehr St�dte wie dein Nantour. Und wenn die Heere dieser K�nigreiche marschierten, dann erzitterte der Boden unter den Schritten der genagelten Stiefelsohlen ihrer Soldaten.�</p><p>Jules schritt einen schmalen Pfad hinab. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Er wirkte entr�ckt, ganz in seine Geschichte versunken.</p><p>�Die besten Handwerker lebten hier. Die Stadt war wun derbar. Und sie hatte ein Geheimnis. Es gab noch eine weitere, eine verborgene Stadt.</p><p>Weil das Wasser aus den Quellen hier bitter ist, legten die Erbauer von Selinunt gro�e Zisternen an. Weite Hallen, die tief im Fels ruhten. Die Pal�ste und Tempel, die dar�ber errichtet waren, wurden von den S�ulen und Rundbogen der Zisternen getragen, was von doppeltem Nutzen war, denn nun konnte man reiche Wasservorr�te sammeln. Zugleich sch�tzte diese Art zu bauen aber auch die pr�chtigen Monumente der Stadt, denn hier in den Bergen erbebt oft die Erde. H�user, die man auf diese Weise errichtet, verm�gen dem w�tenden Zittern der Erde viel besser zu widerstehen.�</p><p>Adrien betrachtete das Tal. Die einstige Pracht, die Jules vor Augen zu haben schien, vermochte er sich nicht vorzustellen. F�r ihn sah der Steinerne Wald au�ergew�hnlich trostlos aus. S�ulen inmitten einer Ein�de. Inseln von Schnee wechselten sich mit gro�en Pf�tzen ab. Und nichts wuchs dort. Vielleicht war dies das Beklemmendste. So etwas hatte er noch nie gesehen.</p><p>�Einst, als die G�tter sie riefen, versammelten sich alle sieben K�nige in Selinunt. Sie sollten sich hier versammeln, um �ber einen gro�en Krieg zu beraten. Einen Krieg, der die K�nige und ihre Heerscharen in eine andere Welt f�hren sollte. Auch der Feind hatte seine Edlen geschickt, ein gro�es Gefolge. Sie waren es gewesen, die darum gebeten hatten, zu verhandeln.�</p><p>�Wer war dieser Feind?�</p><p>�Die Elfen, mein Junge. Wer sonst? Sie waren schon immer der Feind. Sie und noch andere Gesch�pfe. Die Kreaturen der Alben sinnen auf nichts anderes, als dieser Welt zu schaden. Wann immer die Menschen sich zu Gr��e erheben, werden sie angegriffen. So wie Guillaume. Du h�ttest ihn erleben m�ssen. Die Menschen hingen an seinen Lippen. Er vermochte Wunder zu vollbringen. Aber er wurde ermordet.�</p><p>Adrien hatte davon geh�rt. Es gab unterschiedliche Ge schichten �ber Guillaume. Manche erz�hlten, dass sich der Wunderheiler gegen den K�nig erheben wollte und get�tet wurde, als Cabezan die Stierk�pfe schickte, um ihn gefangen zu nehmen. Andere wiederum erz�hlten, der K�nig habe seine Leibwachen geschickt, um Guillaume zu besch�tzen. Sie alle wurden von Elfen ermordet, die Guillaumes Leichnam an eine Eiche inmitten der Stadt ketteten und dann verbrannten.</p><p>Inzwischen waren sie den Hang ganz hinabgestiegen, an dem Jules seine H�tte errichtet hatte. Adrien tippte mit seiner Stiefelspitze kurz auf eine Pf�tze. Sofort breitete sich ein Netz heller Risse aus. Er w�rde sich h�ten, mit seinen kostbaren Schuhen durch die Pf�tzen zu gehen.</p><p>Der Priester war vor eine S�ule getreten. Seine Hand strich �ber den glatten Stein.</p><p>�Komm her, Junge!�</p><p>Adrien gehorchte. Er sprang �ber zwei Pf�tzen hinweg. Schnee schmatzte unter seinen Stiefeln. Er war schwer und nass. Lange w�rde er nicht mehr liegen bleiben. Bald w�rde der Winter den Steinernen Wald verlassen.</p><p>�Sieh dir diese S�ule einmal an.� Jules trat ein wenig zur Seite.</p><p>Adrien streichelte �ber den Stein. Er war wirklich sehr glatt und�... �Was siehst du?�</p><p>�Das hier sieht aus wie Tr�nen.� Verwundert tastete er �ber kleine Perlchen, die an der S�ule hafteten. �Und dort sieht es aus, als habe man den Stein mit Honigguss �berzogen. So wie einen Kuchen.�</p><p>Jules l�chelte zufrieden. �Gut beobachtet! Was glaubst du, warum die S�ule so aussieht?�</p><p>Er zuckte die Schultern. �Vielleicht hatte der Steinmetz den Befehl, es so zu machen.�</p><p>�Das ist doch Unsinn�, entfuhr es dem Priester. �Wer h�tte Gefallen an solchen S�ulen!�</p><p>Adrien war �berrascht, wie heftig der Priester reagierte. Er konnte nicht begreifen, was er Falsches gesagt hatte.</p><p>Schweigend stampfte Jules vor ihm durch den Schnee. Er machte keinen Bogen um Pf�tzen und k�mpfte sich ohne Umwege durch letzte Schneewehen. Adrien machte sich Sorgen. Bestimmt hatte sein Meister nasse F��e. Und die Kr�fte, die sein Zorn entfacht hatte, mochten bald schon verbraucht sein. Sein Lehrmeister war alt. Er musste besser auf sich achtgeben!</p><p>�Es tut mir leid, wenn ich dich ver�rgert habe. Ich bin nur ein Stra�enjunge. Ich bin nicht klug. Ich wei�, wie man einen Apfel stiehlt oder eine Wurst. Von S�ulen und davon, wie sie aussehen m�ssen, wei� ich nichts.�</p><p>Der Priester verlangsamte seine Schritte, sagte aber nichts.</p><p>Adrien wusste nicht, was er tun sollte. Einem Mann wie ihm war er noch nie begegnet.</p><p>Er hatte bei Jules einen Platz zum Schlafen und gutes Essen bekommen. Er schuldete ihm etwas.</p><p>Endlich blieb der Priester stehen. Sie waren inzwischen weit in das Tal vorgedrungen.</p><p>Links erhob sich eine Reihe von S�ulen, von denen jede einzelne �ber zwanzig Schritt hoch sein musste. Sie alle wurden nach unten hin dicker. Steinerne Tr�nen wie auch unregelm��ige Wellen liefen an ihnen herab.</p><p>�Sie sehen ein wenig aus wie Kerzen�, murmelte Adrien vor sich hin. Er tat es, um gegen die Stille anzuk�mpfen. Der schweigende Marsch setzte ihm mehr und mehr zu.</p><p>Jules blieb abrupt stehen. �Was hast du gesagt?�</p><p>Der Junge schluckte hart. Er w�nschte, er k�nnte das Gesicht des Betbruders sehen.</p><p>Dessen Stimme klang hart und abweisend. �Kerzen ... Sie sehen aus wie Kerzen, dachte ich ��</p><p>Jules lachte auf. Es war ein Laut voller Schmerz und Bitterkeit. �Ja, Kerzen. Das ist gar nicht so schlecht. Gar nicht schlecht!� Er wischte mit dem Fu� den Schnee zur Seite.</p><p>�Komm her! Sieh dir das an! Was h�ltst du davon?�</p><p>Adrien trat mit gemischten Gef�hlen vor seinen Meis ter. Zum einen war er froh, dass Jules wieder mit ihm sprach. Auf der anderen Seite f�rchtete er, ihn mit einer weiteren falschen Antwort noch mehr zu erz�rnen.� Der Boden, den der Priester vom Schnee befreit hatte, war ungew�hnlich eben.</p><p>Der Junge kniete nieder. Er tastete �ber den Boden. Er war sehr glatt und fast schwarz.</p><p>Er erinnerte Adrien an das Eis auf einer zugefrorenen Schweinesuhle. Aber er w�rde sich h�ten, das dem Priester zu sagen. Jules schien sich mit dem Steinernen Wald eng verbunden zu f�hlen. Dieser Vergleich w�rde ihn sicher erz�rnen. �Sehr glatt�, sagte er vorsichtig. Damit konnte er nichts falsch machen. Er betrachtete den merkw�rdigen Untergrund. Er hatte so etwas in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.</p><p>Adrien blickte auf, in der Hoffnung, Jules w�rde ihn aus seiner Pflicht entlassen. Doch der Priester schien ebenso aus Stein zu sein wie alles hier am Talgrund. Nichts regte sich in seinem Antlitz.</p><p>�Sehr hart?� Der Junge klopfte auf den Boden. Dann fielen ihm Honigkr�ge ein, die er einmal gesehen hatte. Sie waren schwarzbraun gewesen, mit bunten Leinent�chlein und Wachs versiegelt. Der gebrannte Ton der T�pfe hatte sehr hart ausgesehen. Der H�ndler war weit aus dem S�den gekommen, aus dem Stadtstaat Marcilla, der seit kurzem zum K�nigreich geh�rte. �Sieht aus wie einer der hart gebrannten T�pfe aus Marcilla.�</p><p>�Hart gebrannte T�pfe?� Jules wirkte verwirrt. Pl�tzlich l�chelte er. �Kerzen und hart gebrannte T�pfe. Das sind ja fast poetische Metaphern.�</p><p>Adrien hatte keine Ahnung, wovon sein Meister da sprach, aber er l�chelte. Zu l�cheln war immer gut, wenn man nicht wusste, was vorging!</p><p>Der Priester beugte sich zu ihm hinab und kniff ihm fest ins Ohr. Der Schmerz trieb Adrien fast Tr�nen in die Augen. �Gut, Junge. In dir schlummert ein Dichter, auch wenn mir scheint, dass du keine Ahnung davon hast. Ich w�rde den Boden allerdings eher mit Glas vergleichen. Das trifft es eher.�</p><p>�Ein gl�serner Boden? Das h�rt sich an wie in einem M�rchen. Zerbricht ein solches Pflaster nicht schnell?�</p><p>Jules stampfte mit seinem Stiefel auf. �Zerbrechen? Seit mehr als vierzig Jahrhunderten trotzt dieser Boden schon den Gewalten der Natur. Du wirst kaum einen Riss finden.</p><p>Nur Flugerde und Vogeldreck. Darin versinkt die Stadt langsam. An manchen Orten liegt der Mist schon mehr als drei Schritt hoch. Aber das schwarze Glas zerbricht nicht.� Der Priester sah jetzt sehr alt aus. Ein Netzwerk feiner Falten zeigte sich um seine Augen. �Schwarzes Glas, w�rde ein Dichter sagen�... Es ist nicht die Wahrheit, wie meist, wenn Dichter sprechen. Du stehst auf geschmolzenem Granit, mein Junge.</p><p>Die Stadtv�ter von Selinunt liebten die Sch�nheit �ber alles, aber sie waren nicht v�llig weltfremd. Dieser Ort hier sollte f�r die Ewigkeit bestehen. Deshalb waren die Stra�en mit geschliffenem Granit gepflastert. Die Marmortreppe, auf der du gekommen bist, war allein K�nigen, F�rsten und Priestern vorbehalten. Und Gesandten. H�ndler, Bauern und sonstiges einfaches Volk kamen auf anderen Wegen hierher. Auf fest gef�gten Stra�en. Ohne Stufen, so dass Karren sie passieren konnten.� Er streckte Adrien die Hand hin. �Komm, Junge. Ich muss dir noch etwas zeigen. Wei�t du, was Ironie ist?�</p><p>�Ist es das, wenn man etwas mit einem L�cheln sagt, einem in Wahrheit aber das Herz zerspringen will?�</p><p>�So �hnlich.� Ohne weiter darauf einzugehen, f�hrte Jules ihn eine der Bergflanken hinauf. Endlich erreichten sie ein S�ulengeviert, das sich in besonders schlechtem Zustand befand. Die meisten der S�ulen waren gest�rzt. Nur die n�rdliche Front stand noch aufrecht. Der Priester blieb vor einer S�ule stehen, auf der sich ein Schatten zeigte.</p><p>Je l�nger Adrien den Schattenriss betrachtete, desto unheimlicher wurde er ihm. Er schien zu einem schlanken Mann geh�rt zu haben.</p><p>�Der Legende nach war dies hier der Mann, der Selinunt den Untergang brachte. Der Anf�hrer der Gesandtschaft, um deretwillen die sieben K�nige hierherkamen. Ein Elf!</p><p>Er wollte das Verderben aufhalten, weil er durchschaut hatte, dass er genarrt worden war. Doch es war schon zu sp�t. Seine Schreie blieben ungeh�rt. Diejenigen, die er gerufen hatte, hatten Herzen von Stein.�</p><p>�Wer war das? Wer hat eine solche Macht? Zauberer?�</p><p>�Nein, Adrien. Es waren die alten Herrscher Albenmarks. Die roten Sonnendrachen von Ischemon. Sie brauchten weniger als eine halbe Stunde, um Selinunt zu vernichten. Ihre Flammen fielen vom Himmel und lie�en jedes Leben zu Asche werden. So gro� war die Hitze, dass selbst Steine zu weinen begannen. Die Stra�en wurden zu Glas. Der Goldschmuck der D�cher und Statuen schmolz dahin und st�rzte wie Regenwasser in die Gossen hinab und in die Zisternen. Als sie davonflogen, waren nur noch S�ulen geblieben und der feine rote Staub, zu dem die Dachziegel geworden waren. Den Staub trug der Wind in den Jahrtausenden, die darauf folgten, davon. Die S�ulen blieben und gaben dem Tal seinen Namen. Der Steinerne Wald.�</p><p>�Du erz�hlst das, als w�rst du dabei gewesen.�</p><p>Jules sah ihn mit melancholischem Blick an. �Wenn ich dabei gewesen w�re, dann w�re ich jetzt wohl nicht hier. Ich sagte doch: Niemand �berlebte den Angriff der Drachen.�</p><p>�Und alle sieben K�nige starben?�</p><p>Jetzt grinste der Priester. �Nein, nicht ein Einziger! Sie waren nicht dumm. Wenn ein Elf kommt und um Verhandlungen nachsucht, dann ist stets Misstrauen angebracht.</p><p>Sie schickten Doppelg�nger. Der Anf�hrer der Elfen merkte das schlie�lich. Doch da war es schon zu sp�t, um die Drachen noch aufhalten zu k�nnen. Und so verging Selinunt in Feuer und Rauch. Und die K�nige erhielten nie das Geschenk, das die G�tter ihnen zugedacht hatten.�</p><p>Adrien sah sich um. Ein G�ttergeschenk! �Was war das?�</p><p>�Sehe ich aus, als h�tten die G�tter es mir verraten?�</p><p>Der Junge hatte das vage Gef�hl, dass es besser sei, darauf nicht zu antworten.</p><p>�Warum wurde die Stadt nie wieder aufgebaut?�</p><p>�Das Tal gilt als verflucht. Die sieben K�nige zogen in den Krieg, um die Toten von Selinunt zu r�chen. Da war keine Zeit mehr zum St�dtebau. Und als der Krieg endlich vor�ber war, da f�rchteten die �berlebenden diesen Ort. Es hei�t, D�monen wachten in der Einsamkeit der Berge.�</p><p>�Ist der Baum, unten am Beginn der langen Marmortreppe, einer von ihnen? Steckt ein D�mon in ihm?�</p><p>�Nicht der Baum ist der D�mon, Junge. Das war ich.�</p></section><section><title><p>Der Preis des Winters</p></title><p>�Das Weibchen wird sein Junges verlieren.�</p><p>Melvyn versuchte sich gegen die Gedanken Wolkentauchers zu sperren. Der Schwarzr�ckenadler war stets sehr direkt in seinen Gedanken.</p><p>�Du hast Gl�ck, wenn du nicht auch noch sie verlierst. Sie ist deine Nestschwester, nicht wahr?�</p><p>�Halbschwester! Und ich werde niemanden verlieren.�</p><p>Wolkentaucher hatte ihm geholfen, einen Unterschlupf f�r die Nacht zu finden. Er hatte ein Felsloch entdeckt. H�hle konnte man es nicht nennen. Aber es war windgesch�tzt. Melvyn hatte seine Schwester hierhergetragen. Er wagte es nicht, sie noch einmal den Krallen des Adlers zu �berlassen. Sie war zu geschw�cht. Kadlin w�rde keine weitere Verwundung mehr verkraften.</p><p>�Kannst du Wild f�r uns schlagen? Sie braucht etwas Warmes zu essen.�</p><p>Wolkentaucher legte den Kopf auf eine Art schief, wie nur Adler es k�nnen. �Gib auf dein Herz acht, mein Freund! H�nge es nicht an Menschen. Sie werden es dir zerbrechen.�</p><p>�Ich gebe einen Kampf nicht einfach auf. Du wei�t das.�</p><p>�Das ist ein Grund, warum wir Freunde sind, Melvyn. Ich werde jagen gehen.�</p><p>Wolkentaucher breitete die Schwingen und stie� sich vom Felsen ab. Mit ausgebreiteten Fl�geln strich er dicht �ber dem verschneiten Hang dahin, bis er mit kr�ftigen Schl�gen langsam an H�he gewann.</p><p>Melvyn sah ihm nur kurz hinterher. Schuldbewusst wandte er sich Kadlin zu. Sie war ohnm�chtig. Sie hatte es gerade noch bis �ber den Hang geschafft, so dass die Trolle unten bei der Insel sie nicht mehr hatten sehen k�nnen. Dann war sie zusammengebrochen.</p><p>Eigentlich h�tte er sie liegen lassen sollen. Mit der Torheit, ihn niederzuschlagen, h�tte sie ihn fast den Bratspie�en der Trolle ausgeliefert. Das war gegen jede Vernunft gewesen. Man durfte diesen Leichenfressern nicht trauen. Aber dass er noch lebte, gab Kadlin Recht. Ihre Entscheidung war die richtige gewesen. Dieser Orgrim war offensichtlich anders als die �brigen Aasfresser seines Volkes. Kadlin hatte das geahnt. Oder erhofft? Es war m��ig, dar�ber nachzudenken.</p><p>Melvyn kniete sich in das Felsloch und wischte mit blanken H�nden den Schnee heraus. Dann wickelte er Kadlin in sein Lederhemd. Ihre Lippen waren ganz blau. Das Gesicht hatte eine ungesund rote Farbe. Sie brauchte Hilfe. Und das schnell!</p><p>Der Elf eilte den Hang hinunter zu einer Baumgruppe. Dort scharrte er im Schnee und suchte nach trockenen Zedernnadeln und d�nnen �sten.</p><p>Mit fliegendem Herzen eilte er zu ihrem Windschutz zur�ck. Er h�tte nicht mit diesem dummen Geschw�tz �ber ihren Vater anfangen sollen! Gewiss, sie hatte auch schon dar�ber nachgedacht, wie sie die Leiche des Alfadas zur�ckholen k�nnte. Aber er hatte �l in dieses Feuer gegossen, ohne dar�ber nachzudenken, was das bedeutete.</p><p>Sie war nur ein Mensch. Sie war nicht so z�h und ausdauernd wie er. Sie vermochte nicht �ber den Schnee zu laufen und dabei so wenig Spuren zu hinterlassen wie ein Windhauch. Sie brauchte mehr Schlaf. Und sie war keine so gewandte K�mpferin wie er, auch wenn sie mutig und ausdauernd war. Er war ihr �lterer Bruder. Er h�tte all dies besser wissen m�ssen!</p><p>Das Feuer zu entfachen, dauerte nur wenige Augenblicke. All zu schnell fra�en die Flammen das Reisig. Noch einmal lief er hinab und suchte nach st�rkeren �sten. Als er zur�ckkam, fand er sie zur Seite gesackt. Ganz vorsichtig nahm er sie bei den Schultern und richtete sie auf. Ihre Kleider waren nicht mehr warm. Sie waren mit Schwei� und Blut durchtr�nkt. Statt sie zu sch�tzen, tranken sie die W�rme ihres K�rpers. Er musste sie ausziehen!</p><p>Ihre Kleidung war starr. Die Verschn�rung ihres Wamses lie� sich nicht mehr �ffnen.</p><p>Vorsichtig durchtrennte er die Lederriemen mit seinem Jagdmesser. Die engen Felsw�nde in ihrem Unterschlupf reflektierten die W�rme des Feuers. Der Rauch zog schlecht ab und kratzte in der Kehle. Melvyn w�nschte, er h�tte eine Decke, in die er seine Schwester einschlagen k�nnte. Oder zumindest trockenes Moos, um ihr kein Lager auf nacktem Stein bereiten zu m�ssen.</p><p>Erschrocken bemerkte der Elf, dass sich an einigen ihrer Finger, dicht unterhalb der N�gel, Beulen gebildet hatten. Er massierte sie vorsichtig und versuchte die W�rme in ihre Glieder zur�ckzuholen. Ihm war das alles fremd. Kein Maurawani, den er kannte, hatte jemals an Erfrierungen gelitten. Er wusste nicht sicher, was zu tun war.</p><p>Verzweifelt lief er noch einmal den Hang hinab zum W�ldchen, um mehr Brennholz zu holen. Als er zur�ckkehrte, sa� Wolkentaucher auf dem Fels �ber ihrem Ver steck. Im Schnee lag ein toter Steinbock. Er war noch warm!</p><p>Melvyn zerrte den Bock an den wulstigen H�rnern in ihr Versteck. Sein Blut war noch nicht geronnen. Er schnitt leicht in die Kehle des Tiers. Dunkles Blut troff auf das helle Fell. Er presste den Einschnitt auf Kadlins Mund. Sie schluckte, ohne zu erwachen. Sie brauchte alles, was ihr Kraft geben konnte. Gebratenes Fleisch w�rde sie nicht kauen k�nnen. Und es w�rde zu lange dauern, den Bock zu zerlegen und ein paar Streifen Fleisch auf dem Feuer zu garen. Das konnte er sp�ter noch tun.</p><p>Blut rann �ber ihre Kehle und zwischen ihren Br�sten hinab. Kein Laut kam �ber ihre Lippen. Er schob den Bock zur Seite und hielt seine Hand dicht vor ihren Mund, sp�rte aber keinen Atem. Erschrocken lauschte er an ihrem Herzen. Es schlug nur schwach und unregelm��ig. Das Herz des Kindes in ihr h�rte er gar nicht schlagen. Er legte die Hand auf ihren nackten Bauch. Dort regte sich nichts.</p><p>Er sperrte sich gegen die Gedanken des Adlers. Sein Gef�hrte hielt all das f�r nutzlos.</p><p>Er riet ihm, seine Nestschwester ziehen zu lassen. �Scher dich davon!�, schrie er in pl�tzlicher Wut. Er w�rde nicht aufgeben! Es durfte nicht so enden! Nicht so! Er w�rde sich dem Tod entgegenstemmen. Ihm sein Opfer wieder entrei�en. Wie hie� ihr Schicksalsgott? Luth! Er w�rde ihm die Klinge aus der Hand schlagen, mit der er die Lebensf�den der Menschen durchtrennte. Sie musste leben!</p><p>Wolkentaucher flog fort. Er sp�rte, dass sein Freund keinen Groll gegen ihn hegte. Der Vogel war verwundert �ber so viel verschwendete Gef�hle. �ber den nutzlosen Kampf.</p><p>Wieder rieb Melvyn Kadlin die Glieder. Aber es schien nicht zu helfen. Ihr Blut floss immer langsamer. Nichts vermochte sie aus ihrer tiefen Ohnmacht zu wecken. Sie w�rde langsam vom Leben in den Tod gleiten. Ohne Schmerzen.</p><p>Wenn er sie nur mit seinem Zauber zu sch�tzen vermochte! Er empfand keine K�lte.</p><p>Seine Magie bewahrte ihn davor ebenso wie vor Hitze. Aber er konnte sie nicht sch�tzen. Er war kein erfahrener Zauberer. Nur ein J�ger und Krieger.</p><p>Vielleicht konnte er die W�rme seines K�rpers auf sie �bertragen. Das war das Letzte, was ihm noch blieb. Hastig streifte er seine Kleider ab. Er setzte sich auf den Felsboden, aus dem das Feuer die schlimmste K�lte vertrieben hatte. Dann zog er seine Schwester zu sich auf den Scho�. Sie sollte ganz von seiner W�rme umfangen sein. Er lehnte ihren R�cken gegen seine Brust, faltete seine H�nde �ber ihrem Bauch.</p><p>Melvyn begann leise zu summen. Eine Melodie, die er in den langen N�chten ersonnen hatte, die Silwyna ihn am Albenhaupt allein gelassen hatte. Damals hatte er so gegen seine �ngste angek�mpft. Jetzt war dieser Zauber aus Kindertagen verblasst.</p><p>Seine H�nde streichelten �ber Kadlins Bauch. Die Melodie brach ab. Er begann zu beten, obwohl er nicht an G�tter glaubte. Aber dies hier war eine andere Welt. Er w�rde alles tun, um sie zu retten. Alles!</p></section><section><title><p>Von Meuchlern und Rittern</p></title><p>Adrien sah den Priester ungl�ubig an. �Du hast die M�nner am Baum get�tet?� Er erwartete, dass Jules l�cheln w�rde. Oder mit den Augen zwinkern. Wartete auf irgendein Zeichen, das ihm verraten w�rde, dass es ein Scherz war. Aber es kam nichts.</p><p>�Priester tun so etwas nicht.� Kaum dass die Worte �ber seine Lippen waren, verw�nschte er sich stumm. Wie w�rde Jules das auffassen? W�rde er beleidigt sein?</p><p>Keine Regung zeigte sich im Antlitz des Priesters. Seine strahlend blauen Augen hielten Adriens Blick stand. Dann nickte Jules sacht. �Ja, so ist es. Priester sollten kein Blut vergie�en. Und doch braucht die Kirche Tjureds auch Krieger. Sie braucht sie zum Schutz. Dein Vater war der erste Ritter Gottes. Du wirst seine Nachfolge antreten.</p><p>Wenn du sein Erbe in dir tr�gst, und wenn du Disziplin und Selbstlosigkeit �bst, dann wirst du ein gro�er Ritter werden, Michel Sarti.�</p><p>Der Name war Adrien noch immer ganz fremd. Es f�hlte sich falsch an, so angesprochen zu werden. Ebenso falsch erschien ihm die Vorstellung, ein Ritter zu werden. Er war ein Gassenjunge und Dieb. Der Sohn einer Hure. Bei solch einer Herkunft wurde man nicht Ritter!</p><p>�Wie konntest du allein so viele Krieger besiegen?� Er sollte seine Gedanken tief in sich begraben. Das Leben bei Jules war gut. Es gab Essen und einen Schlafplatz. Adrien war es nicht gewohnt, Sicherheit f�r den n�chsten Tag zu kennen. Er w�rde das nicht aufgeben.</p><p>�Ich habe sie nicht alle auf einmal bek�mpft. Es hat drei Tage gedauert, sie zu t�ten.�</p><p>�Drei Tage ...� Er plapperte das nach wie ein Idiot. �Drei Tage! Wie�... �</p><p>�Lass dich nicht von meiner Kutte t�uschen! Was sagt ein St�ck Stoff schon aus? Dass ich ein friedlicher Mensch bin?� Er l�chelte breit. �Das bin ich ganz gewiss nicht. Die Kunst der T�uschung zu beherrschen, ist im Kampf ebenso wichtig wie ein starker und ge�bter Schwertarm. Es ist stets von Vorteil, weniger zu scheinen, als du bist. Der schrecklichste Feind ist der Feind, den man nie wirklich zu Gesicht bekommt.� Er tippte sich mit dem Zeigefinger an seine Stirn. �Hier drinnen hausen unsere D�monen.</p><p>Nicht in B�umen, Adrien. Die ersten von Cabezans Stierk�pfen habe ich leicht get�tet.</p><p>Sie sahen in mir nur einen wehrlosen Priester und kamen ohne Arg auf mich zu. Sie waren tot, bevor sie begreifen konnten, wie sehr sie sich get�uscht hatten. Ich hing ihre Leichen in den gro�en Baum. Zusammen mit den Ketten, die sie f�r ihre Flaschenz�ge mitgebracht hatten. Als sieben von ihnen tot waren, kroch Angst in die Herzen der �berlebenden. Schon da hatten sie ihre Selbstsicherheit verloren. Nachdem mehr als drei�ig gestorben waren, hatte die Angst sie so sehr im Griff, dass schon der Ruf eines Eistauchers sie vor Schreck zusammenfahren lie�. Wer immer mich sah, starb. Und die �berlebenden wussten nicht, wie die Gefahr aussah, die auf sie lauerte. Sie hatten Angst vor dem Baum, in den ich die Toten h�ngte. Sie f�rchteten den Nebel, der morgens vom Ufer des Flusses aufstieg. Am Abend des dritten Tages war ihre Angst vor dem unsichtbaren Feind gr��er als die Furcht vor dem Tyrannen Cabezan. Sie gaben ihre Lager auf, schifften sich mit allen Arbeitern ein und kehrten niemals mehr zur�ck.�</p><p>Adrien hatte seine Zweifel, dass ein einzelner Mann in so kurzer Zeit so viele Gegner t�ten konnte. Wollte Jules ihn beeindrucken? Oder einsch�chtern? Dazu w�re diese Geschichte nicht notwendig gewesen.</p><p>�Was habe ich falsch gemacht, als ich gegen die M�nner Cabezans k�mpfte?�</p><p>Der Junge war von der Frage �berrascht. Wollte Jules ihn pr�fen? Verzweifelt suchte er nach einer Antwort, mit der er m�glichst wenig Schaden anrichten w�rde. �Mir scheint, dass der Tjuredkirche aus diesen K�mpfen kein Nutzen erwachsen ist�, sagte er schlie�lich vorsichtig.</p><p>Der Priester nickte. �Das ist wahr. Merke dir, ich sch�tze das offene Wort. Selbst wenn wir einmal verschiedener Meinung sein sollten. Ich will dich nicht zu einem Duckm�user erziehen. Handle wie ein Ritter. Fang jetzt damit an. Sag mir, was du denkst!�</p><p>�Es war nicht ritterlich, was du getan hast. Deine Geschichte ist die Geschichte eines Meuchlers. Eines ...� Eine schallende Ohrfeige war der Lohn f�r seine Offenheit.</p><p>�Das war daf�r, dass du mich Meuchler genannt hast.</p><p>Merke dir, ich bin dein Meister. Ich werde mich nicht von dir beleidigen lassen! Es h�tte gen�gt, zu sagen, dass meine Taten nicht ritterlich waren. In diesen Worten war als Andeutung schon enthalten, was du danach aussprachst. Offene Beleidigungen sind nicht klug! Aber ja, es war nicht ritterlich. Du hast Recht. Das ist der Grund, warum du hier bist. Wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist, wirst du ein Schwertk�mpfer sein, mit dem sich kein anderer Mann in Fargon messen kann. Aber du w�rdest dich nicht im Nebel verbergen. Du w�rdest wie ein Ritter vor die Frevler treten und ihren Anf�hrer zum Zweikampf fordern.�</p><p>�Das halte ich f�r nicht sonderlich klug. Was ist, wenn sie nicht ritterlich denken? Was, wenn sie mit Armbr�sten auf mich schie�en? Was nutzten dann all die Jahre der Ausbildung?�</p><p>Jules brach in schallendes Gel�chter aus. �Das ist das Problem mit ritterlichen Helden, sie werden meist nicht alt. Aber keine Sorge, mein Junge, ich werde dich vorbereiten.</p><p>Fargon ist ein K�nigreich, in dem Ritterlichkeit nicht mehr viel gilt. Du wirst das �ndern. Es wird der Tag kommen, da wird dein Name in aller Munde sein. Die M�nner finstren Herzens werden dich f�rchten. Und die M�dchen werden err�ten, wenn man von dir spricht.�</p><p>Er stellte sich vor, wie das Blumenm�dchen von ihm h�ren w�rde, ohne zu ahnen, wer er einmal gewesen war. �Und du glaubst, ich k�nnte das schaffen?�</p><p>�Bei den Anlagen, die dein Vater dir mitgegeben hat, liegt dir die Welt zu F��en. Alles, was du brauchst, sind Mut und Ausdauer. Und daran werden wir arbeiten. Ich werde dich jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang wecken. Du wirst dein Tagwerk damit beginnen zu laufen, bis deine Beine dich nicht mehr tragen. Danach wirst du graben, um deine Arme zu kr�ftigen. Dann erst werden wir mit den Kampf�bungen beginnen.</p><p>Nach der Arbeit mit Spaten und Spitzhacke wird dein Schwert dir sehr leicht erscheinen. F�r eine Zeit lang.� Jules grinste ihn breit an. �Und wenn du kein Glied mehr r�hren kannst vor Ersch�pfung, dann werde ich deinen Geist sch�rfen. Du musst lesen lernen und schreiben. Du sollst rechnen k�nnen und in den Lehren der Tjuredkirche wohl bewandert sein. Du wirst mehr als nur ein Krieger sein. Du wirst ein Ritter werden, wie ihn die Welt noch nicht kennt. Ein Ordensritter. Ein Diener Tjureds und der Menschen. Gelehrter, Priester und Krieger.�</p></section><section><title><p>M�nnerabend</p></title><p>Er sa� auf einem Stein, noch warm von der Hitze des Tages, und blickte in den Abgrund vor seinen F��en. Die Schatten der Nacht hatten die Tiefe zur Erinnerung verschwimmen lassen. Das Licht der Sterne reichte nicht, um auch nur den halben Weg bis zum Grund ahnen zu lassen.</p><p>Falrach stie� mit dem Fu� gegen einen kleinen Stein, der klackernd im Abgrund verschwand, und dachte an den Abgrund von mehr als vierzig Jahrhunderten, der zwischen ihm und Emerelle klaffte. Und an Ollowain. Inmitten des st�rmischen Liebesspiels hatte sie seinen Namen gefl�stert. Wie sollte er es ihr verdenken?</p><p>Schlie�lich blickte sie in Ollowains Gesicht, wenn sie beide einander liebten. All sein Feuer war in jenem Augenblick verloschen. Er hatte versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Hatte gar nichts gesagt. Vielleicht hatte Emerelle in seinen Gedanken gelesen und entdeckt, was geschehen war?</p><p>Falrach blickte hinab in die Dunkelheit. Seine Seele lebte in einem Leib, der ihm nicht geh�rte. Er durfte nicht...</p><p>�He, Mann. Das ist kein guter Platz, um Tr�bsal zu bla sen. Von dieser Klippe habe ich meine Schwiegermutter gesto�en, nachdem sie versucht hatte, mich zu vergiften.� �Was?�</p><p>Oblon stand hinter ihm. Er grinste ihn an, was sein aufgemaltes Totenkopfgesicht besonders absto�end wirken lie�. �Das war nur ein Scherz. Was machst du hier? Du hattest doch einen guten Tag.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>Das Grinsen des Kobolds wurde noch breiter. �Tja, mit Felsen hat es so eine seltsame Bewandtnis. Manchmal verschlucken sie jeden Laut, und manchmal tragen sie ein leises Fl�stern eine Meile weit.�</p><p>Falrach schluckte. Das hatte gerade noch gefehlt, dass das halbe Dorf ihm und Emerelle zugeh�rt hatte.</p><p>�Ich seh schon, dass dir irgendeine Laus �ber die Leber gelaufen ist. Du solltest lieber mit mir kommen. Wir machen uns einen netten M�nnerabend. Du wirst sehen, danach geht es dir besser.�</p><p>Falrach stand nicht der Sinn danach herauszufinden, was ein Kobold unter einem M�nnerabend verstand. �Wie kommst du darauf, dass ich nett bin?�, fragte er schroff.</p><p>�Das ist recht eindeutig. Nach dem bedauerlichen Zwischenfall in der Klamm hattest du Grund und Gelegenheit, mir den Kopf zwischen die F��e zu legen.� Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, fuhr er sich mit der Handkante �ber den Hals, als wolle er sich die Kehle durchschneiden. �Ich habe zwar nicht viel Erfahrung mit himmelsgeborenen Riesen, aber alles spricht daf�r, dass du ein netter Kerl bist. Ich an deiner Stelle w�re nicht so ritterlich gewesen.�</p><p>N�chtern betrachtet, war er schon jetzt abgelenkt. Und ein Abend mit einem Kobold konnte wohl kaum schlimmer sein, als in melancholischer Stimmung an einem Abgrund zu sitzen.</p><p>�Warum bist du hier?�</p><p>Oblon deutete �ber den Rand der Klippe. �Ich war mit drei J�gern da unten. Wir haben dir �ber eine Stunde lang zugesehen und gewettet, was du tun w�rdest. Ich habe die Muschelkette meines Weibs verwettet, dass du springst und nicht fliegen kannst. Aber nach einer Weile wurde uns allen das Warten zu langweilig. W�rst du gesprungen?�</p><p>Falrach sah den Kobold durchdringend an, was Oblon augenscheinlich nicht im Mindesten beeindruckte. �Ich f�rchte, dieses Geheimnis werde ich mit ins Grab nehmen.�</p><p>Der Schamane nickte ernst. �Ja, solche Dinge sollten in der Familie bleiben. Wie sieht es aus, Riese? Willst du hierbleiben? Ich halte das nicht f�r klug!�</p><p>Was hatte er zu verlieren?, dachte Falrach. �Gut, gehen wir.�</p><p>Oblon f�hrte ihn auf einem halsbrecherisch steilen Pfad durch die Felsen. Er w�hlte einen Weg, der sie vom Dorf fortf�hrte. Falrach scherte sich nicht darum, wohin der kleine Schamane ihn bringen w�rde. Er dachte wieder an Emerelle, und er verfluchte sich daf�r.</p><p>Schlie�lich stiegen sie �ber einen schroffen H�gel hinweg und blickten hinab in eine weite Bodensenke, die von seltsamen wei�en Felsbrocken beherrscht wurde. Der Elf blinzelte. Das Licht war zu schwach, um deutlich erkennen zu k�nnen, was da vor ihm lag. Felsen waren es jedenfalls nicht! Ihm stockte der Atem.</p><p>�Eindrucksvoll, nicht wahr?�</p><p>�Ja�... � Mehr brachte er im ersten Augenblick nicht �ber die Lippen.</p><p>Der Kobold stieg in die Senke hinab. �Komm, er bei�t ja nicht.� Ein leises Lachen begleitete seine Worte.</p><p>Fairachs H�nde hatten zu zittern begonnen. Er konnte es nicht unterdr�cken. Er sch�mte sich daf�r. Der Schrecken des letzten Augenblicks seines Lebens stand ihm wieder vor Augen. Die Angst. Der Schmerz. Und die Gewissheit, dass es nur einen Weg gab, das Verh�ngnis abzuwenden.</p><p>�Kommst du?�</p><p>Z�gerlich stieg er hinab. Das halb in Sand und Ger�ll vergrabene Skelett war mehr als f�nfzig Schritt lang. Al ein der Sch�del war schon gewaltig. Gro� wie ein Haus lag er dort. Oblon stieg durch eines der Augenl�cher ins Innere.</p><p>Falrach verschr�nkte seine Arme vor der Brust. So konnte er seine zitternden H�nde verbergen. Sein Mund war staubtrocken. Er blickte auf die Z�hne, die l�nger als Schwerter waren und so hart, dass sie selbst dem alles verzehrenden Feuer widerstehen konnten.</p><p>Oblon steckte den Kopf aus der Augenh�hle. �Glaubst du, du passt hier durch?�</p><p>�Welcher war es?�</p><p>�Was? Wovon redest du?�</p><p>�Der Sonnendrache! Welcher von ihnen war es?�</p><p>�Die hatten Namen? Kanntest du etwa welche?�</p><p>Falrach trat dicht vor den Drachensch�del. Fassungslos sah er, dass rund um die Augenh�hlen Runen auf den Knochen gemalt waren. Es gab winzige Handabdr�cke.</p><p>Offensichtlich vom Kobold. Und es roch ein wenig nach Urin. Vor ihm lag einer der Herren der Welt. Sie waren fast wie G�tter gewesen. Und jetzt hauste ein Kobold in seinem Sch�del, und offensichtlich ging er irgendwo zwischen den Rippen zum Pinkeln.</p><p>�Kanntest du den?�</p><p>Falrach tastete �ber den Sch�del. �Vielleicht. Vielleicht war er es, der mich einst get�tet hat. Es gab nicht viele von ihnen.�</p><p>�Geht es dir nicht gut? Du stehst doch vor mir. Und du bist kein Geist. Mit Geistern kenne ich mich aus! Was soll das hei�en, dass der Drache dich get�tet hat?�</p><p>�Wie lange liegt er schon hier?�</p><p>�Du stellst Fragen, Riese. Woher soll ich das wissen? Der lag schon hier, bevor mein Volk hergekommen ist.� �Was machst du in seinem Sch�del?�</p><p>�Was wohl? Ich befrage mein Knochenorakel. Das ist ein Ort voller Magie. Hier kann ich besonders gut die Geister rufen. Und alle, die mich hier besuchen kommen, haben Respekt.� Oblon grinste breit. �Sogar du hast Respekt vor ihm. Das sehe ich genau. Er kann einem Angst machen, nicht wahr?�</p><p>Falrach nickte. Dann trat er ein St�ck zur�ck. �Hier will ich nicht bleiben!�</p><p>�Du hast ja nicht einmal einen Blick hineingeworfen. Das solltest du dir nicht entgehen lassen. Du wirst so schnell nicht wieder in einem Drachensch�del hocken und�... �</p><p>Der Elf winkte ab. �Ich gehe jetzt.� �Ach, komm schon rauf. Wovor hast du Angst? Ich sage dir ��</p><p>Falrach h�rte ihm nicht mehr zu. Wie hatte er nur auf die Idee kommen k�nnen, sich ernsthaft mit einem Kobold unterhalten zu wollen? Mit einem Kobold, der ihn vor ein paar Tagen noch hatte schlachten wollen!</p><p>�He, gro�er Mann!�</p><p>Er h�rte eilige Schritte hinter sich. Dann schloss Oblon zu ihm auf. Der Schamane hatte sich eine K�rbisflasche umgeh�ngt und trug einen dilettantisch get�pferten Krug.</p><p>�Vergessen wir das einfach. Du magst keine toten Drachen. Ich hab das verstanden.</p><p>Suchen wir uns einen anderen netten Ort.�</p><p>�Warum l�ufst du mir nach?�</p><p>�Was glaubst denn du? Zwei Riesen leben pl�tzlich in meinem Dorf. Nach ersten Missverst�ndnissen verstehen wir uns ganz gut. Und pl�tzlich haben meine J�ger ein Jagdgl�ck wie noch nie. Halte mich nicht f�r dumm, nur weil mein Kopf viel kleiner ist als deiner. Mir ist klar, dass deine Geliebte irgendeine Art von Jagdzauber wirkt, damit wir alle genug zu essen haben. Das ist eine Verbesserung f�r mein Dorf. Und niemand hat Angst, dass uns die Trolle angreifen werden, solange ihr hier seid. Dann macht ihr beide Liebe. Und pl�tzlich sitzt du mit finsterem Gesicht an einem Abgrund und br�test vor dich hin.�</p><p>Falrach schnaubte ver�chtlich. �Vor ein paar Tagen wolltest du mich noch fressen. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dir abnehme, dass du dir jetzt Sorgen um mich machst.�</p><p>�Tue ich auch nicht. Ich sorge mich um mein Dorf. Du bist durcheinander. Und ein Riese, der ein Schwert besitzt, das so gro� und schwer ist, dass man mehrere Kobolde braucht, um es zu tragen. Was wird geschehen, wenn du deinen Kummer und deine Wut an uns ausl�sst? Wer k�nnte dich aufhalten? Deshalb bin ich hier, um mit dir zu reden. Ich finde, du bist kein �bler Kerl, f�r einen Riesen.�</p><p>Falrach sch�ttelte den Kopf. Dann lachte er leise. Er fing an, den frechen kleinen Kerl zu m�gen. Aber durfte er ihm vertrauen? �Du bist der verschlagenste und mutigste Kobold, dem ich je begegnet bin.�</p><p>�Ich fasse das mal als ein Kompliment auf.� Oblon sah zu ihm auf und grinste breit.</p><p>Dann deutete er ein St�ck voraus zum Ufer des kleinen Baches, der nahe dem Dorf floss. �Das ist ein guter Platz zum Reden. Da wird uns niemand st�ren.�</p><p>Das flache Rinnsal, das die Kobolde hochtrabend ihren Fluss nannten, schimmerte silbern im Licht der Nachtgestirne. Das leise Pl�tschern des Wassers hatte etwas Beruhigendes. Falrach musste sich eingestehen, dass dies ein besserer Ort war, um die Nacht zu verbringen, als der Klippenrand. Sie lie�en sich bei einem Felsen nieder.</p><p>Oblon zog den h�lzernen St�psel aus der K�rbisflasche. �Maisschnaps! Wenn man genug davon trinkt, schl�ft man gut, ganz gleich, welche Sorgen einen bedr�cken.� Er setzte den unf�rmigem K�rbis an die Lippen und trank einen Schluck.� Danach tat er einen tiefen Seufzer. �Das brennt die Kehle und den Kopf aus!� Er hielt ihm die Flasche entgegen.</p><p>Falrach nahm sie und roch zweifelnd an dem Gebr�u. Aber was hatte er schon zu verlieren? Auch er nahm einen Schluck. Das Zeug brannte wie gl�hende Kohlen.</p><p>Obwohl er kaum etwas getrunken hatte, hatte er das Gef�hl, kaum noch atmen zu k�nnen.</p><p>�Gut, nicht?�</p><p>Falrach war sich nicht sicher, ob er das Koboldgebr�u im Magen behalten w�rde. Statt zu antworten, nickte er nur, was Oblon aber v�llig zu gen�gen schien. Der Kobold nahm noch einen Schluck, verschr�nkte dann die Arme hinter dem Kopf und blickte zum Nachthimmel hinauf.</p><p>�Frauen sind das Wunderbarste, was uns geschehen kann. Sie sind das Salz des Lebens.�</p><p>Der Elf dachte an die ausgemergelte Gestalt, die in Ob-Ions Haus wartete. Sie war wahrscheinlich nicht alt. Aber das entbehrungsreiche Leben am Rand der W�ste hatte bereits unausl�schliche Spuren hinterlassen.</p><p>�Wenn ich etwas Maisschnaps trinke und dann mit ihr Liebe mache, schlafe ich so tief und friedlich wie ein Neugeborenes mit vollem Bauch. F�r ein paar Stunden kann ich dann alle Sorgen vergessen. Firandi ist eine sehr leidenschaftliche Frau. In unserer H�tte wage ich es nicht, ihr zu widersprechen.� Er nahm noch einen Schluck vom Schnaps und hielt ihm die Flasche hin.</p><p>Falrach nahm die K�rbisflasche. Der zweite Schluck brannte nicht mehr ganz so schlimm wie der erste. Er fragte sich, ob er vielleicht auch Vergessen finden w�rde.</p><p>Und sei es nur f�r ein paar Stunden.</p><p>�Was f�r einen Kummer hast du eigentlich, Riese? Ich meine, dieses Weib ... Deine Gef�hrtin. Sie ist viel zu gro�. Und ich habe den Eindruck, sie hat nicht nur in eurer H�tte das Sagen. Daran musst du etwas �ndern! Weibern zu viele Freiheiten zu lassen, f�hrt nur zu Kopfschmerzen! Aber wenn ich sehe, wie du sie anschaust... Ich glaube, du bist tief und aufrichtig in sie verliebt.� Er grinste. �Ihr habt euch leidenschaftlich geliebt. Und so lange, wie man das nur tut, wenn die Liebe noch frisch ist. Aber dann sitzt du abends an diesem Abgrund und es sieht aus, als wolltest du runterspringen. Was willst du eigentlich noch in deinem Leben? Was ist los mit dir? Heute war einer von den guten Tagen! Bist du blind, dass du das nicht merkst?�</p><p>�Sie hat mit mir ...� Liebe w�rde er dazu nie sagen. Aber was konnte man einem Kobold sagen? Eine poetische Umschreibung w�rde er vermutlich nicht zu w�rdigen wissen und wahrscheinlich nicht einmal verstehen.</p><p>�Ich wei�, was du sagen willst. Komm, red weiter!�</p><p>Falrach r�usperte sich. War er schon leicht betrunken? Unter normalen Bedingungen h�tte er niemals dar�ber gesprochen. �Sie hat mich mit dem Namen eines anderen angesprochen.�</p><p>�Na und?�</p><p>�Verstehst du nicht? Sie denkt an einen anderen, w�hrend ich�... �</p><p>�Ich finde, da hat eher der andere ein Problem. Sie mag ihn, findet aber nichts dabei, sich mit dir zu vergn�gen. Du solltest dir weniger den Kopf zerbrechen und die reichen Fr�chte ernten, die das Schicksal dir aufgetischt hat.�</p><p>�So einfach ist das alles nicht�, protestierte Falrach.</p><p>�Ich glaube schon! Liegt das an den gr��eren K�pfen von euch Riesen, dass ihr so verwickelt denkt? Was h�ltst du davon, den anderen umzubringen, wenn du ihm das n�chste Mal begegnest? Aber pass gut auf, dass dein Weib davon nichts merkt. Ich sag dir, Frauen k�nnen bei so etwas ziemlich nachtragend sein!�</p><p>�Hast du etwa einmal�... �</p><p>Statt zu antworten, grinste Oblon nur breit. Dann nahm er etwas Verschrumpeltes, Dunkles aus dem Topf, den er aus dem Drachensch�del geholt hatte, und begann darauf zu kauen. Dabei machte er Ger�usche, als zermalme er die Knochen eines kleinen Tiers zwischen den Z�hnen.</p><p>�Also bei mir hilft das nichts. Der Mann, von dem sie spricht, ist schon tot.�</p><p>Oblon hob die H�nde in fragender Geste. �Dann verstehe ich dein Problem nicht.�</p><p>�Es ist�... Wenn sie mich anblickt, dann sieht sie den Toten.�</p><p>�Nein, nein.� Er winkte gro�spurig ab. Er hatte ja keine Ahnung! �Das bildest du dir ein, Riese.�</p><p>�Es ist wirklich so! Ich bin im Leib des Toten gefangen. Ich�... �</p><p>Oblon h�rte auf zu kauen und sah ihn forschend an. �Den Spa� verstehe ich nicht�, murmelte er schlie�lich mit vollem Mund.</p><p>�Es ist kein Spa�! H�r zu!� Falrach erz�hlte ihm die ganze Geschichte, und der Schamane unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.</p><p>Als er schlie�lich endete, sah Oblon ihn lange nachdenklich an und rieb dabei nerv�s an seiner Nasenspitze. �Du bist also ein Geist�, sagte er endlich.</p><p>�Nein!�, entgegnete Falrach emp�rt.</p><p>�Wieso? Du bist tot, das hast du doch gerade erz�hlt. Also bist du ein Geist. Versuch nicht, dich da herauszureden. Die Sache ist ganz klar!�</p><p>�Du verstehst nicht...�</p><p>�Oh, doch. Geister sind mein t�gliches Gesch�ft. Ich bin Schamane!�</p><p>�Es gibt gar keine Geister!�</p><p>Oblon begann schallend zu lachen. �Das sagt mir ein Geist�, stie� er dabei prustend hervor. �Riese, du hast wirklich Humor.�</p><p>Falrach hatte genug. Er wollte gehen, doch der Kobold griff nach seinem Arm.</p><p>�Komm, bleib. Ich wollte dich nicht beleidigen. Iss etwas hiervon! Es gibt nichts Besseres zu Maisschnaps.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Getrocknetes Kakteenfleisch. Das ist gut, solange man genug Z�hne hat.�</p><p>Z�gerlich langte Falrach in den Topf. Er zog einen ver schrumpelten Streifen von undefinierbarer Farbe daraus hervor. Er roch daran. Das Kakteenfleisch verstr�mte einen ganz leichten, w�rzigen Geruch. Er blickte zu Oblon hinab. Kobolden schien es nicht zu schaden. Er wog mindestens zehn Mal so viel wie der kleine Kerl. Da w�rde ihn ein St�ck von diesem Zeug wohl kaum umwerfen.</p><p>�Du bist also kein Geist�, lenkte Oblon ein.</p><p>Falrach nickte und schob sich das verschrumpelte Ding in den Mund. Es schmeckte nicht unangenehm. Er biss darauf. Ein warmes, wohliges Gef�hl breitete sich in seinem Mund aus und stieg ihm zu Kopf. Dann hatte er das Gef�hl, dass ein weicher Pelz auf seiner Zunge und seinen Z�hnen lag. Sehr merkw�rdig!</p><p>Oblon hielt ihm die K�rbisflasche hin. Der Elf nahm noch einen Schluck. Der Schnaps brannte den Pelz weg. Er f�hlte sich jetzt sehr entspannt.</p><p>�Ollowain und ich, wir sind ein und dieselbe Seele.� Es fiel ihm etwas schwer, zu sprechen. Seine Zunge verhedderte sich an Worten mit mehr als einer Silbe. Er l�chelte selbstversunken. Sehr am�sant, wie er pl�tzlich sprach.</p><p>�Du solltest noch etwas Kaktus versuchen.�</p><p>Falrach hatte Schwierigkeiten, seine Hand durch die enge �ffnung des Topfes zu bekommen. Eben war es doch noch ganz leicht gewesen. Es schien fast, als sei seine Hand angeschwollen. Er kicherte. Das war nat�rlich Unsinn! Oblon war schlie�lich so nett, ihm ein St�ck zu geben.</p><p>�Was ist mit dem anderen? Demjenigen, dem dieser K�rper geh�rt.�</p><p>Der Elf zuckte die Schultern, was ihm nicht ganz gelang. Sein Leib f�hlte sich schwer an. �Der ist weg. Niemand wei�, warum. V�llig verschwunden. Wie tot.�</p><p>�Ich werde dich befreien�, sagte der Kobold sehr entschieden. �So wie heute wird es dir nie wieder gehen!�</p><p>Falrach sank der Kopf auf die Brust. �Das w�re sch�n�, lallte er. Das zweite St�ck Kaktus hatte eine andere Wirkung. Er f�hlte sich pl�tzlich sehr schwer, so als l�gen gro�e Felsbl�cke auf ihm. Er vermochte seine Glieder nicht mehr zu r�hren. Auch seine Zunge wollte ihm nicht mehr gehorchen. Er brachte nur noch ein unartikuliertes Lallen hervor. Aber er fand das nicht beunruhigend. Eher am�sant.</p><p>Der Kobold mit dem aufgemalten Sch�delgesicht beugte sich dicht �ber ihn. �Ich muss einmal kurz weg. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Riese. Al es wird gut!�</p><p>War etwas nicht in Ordnung? Der Kobold verschwand. Seine Worte hatten das Gegenteil erreicht. Falrach wollte aufstehen, aber er konnte es nicht. Und er begann, sich Sorgen zu machen.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis Oblon zur�ckkehrte. Und er war nicht allein! Das halbe Dorf schien ihn zu begleiten. Falrach wollte aufspringen, aber es war, als sei er mit Eisenketten an den ausgedorrten Boden gefesselt. Kalter Schwei� trat ihm auf die Stirn.</p><p>Seine Sinne aber waren wieder ganz klar.</p><p>�Es ist alles in bester Ordnung!�, sagte Oblon und t�tschelte ihm dabei �ber das Gesicht, als sei er ein Kleinkind.</p><p>Die Kobolde hatten um ihn herum Aufstellung genommen. Was glotzten sie ihn so seltsam an? Und wie hatte er so bl�de sein k�nnen, sich Oblon anzuvertrauen!</p><p>�Hebt ihn hoch!�, befahl der Schamane. Dutzende kleine H�nde packten zu. Er stie� mit dem Kopf gegen den Felsen, an dem er gelehnt hatte.</p><p>�Passt besser auf ihn auf�, sagte Oblon schroff. �Der K�rper geh�rt ihm gar nicht. Der arme Kerl, den ihr da tragt, ist besessen. Aber wir werden ihm helfen!�</p><p>Falrach traute seinen Ohren nicht. Was hatten sie mit ihm vor?</p><p>Unter vielen gemurmelten Fl�chen trugen sie ihn dem Dorf entgegen. Alle paar Schritt mussten sie ihn wieder ablegen. Endlich schafften sie ihn durch den Dornenwall.</p><p>Es war wie ein b�ser Traum! Und er konnte nicht aufwachen.</p><p>Er glaubte den Eingang von Oblons H�tte zu erkennen. Sie trugen ihn daran vorbei.</p><p>Bis zu der zweiten �ffnung in dem j�mmerlichen Lehmhaufen, in dem die Familie des Schamanen lebte. Die Perlschn�re und schmuddeligen Stoffstreifen in der T�r bewegten sich sanft, obwohl es windstill war. Hellgrauer Rauch quoll aus der H�tte.</p><p>Wie mit langen, geisterhaften Fingern griff er nach ihm.</p><p>�Der Riese passt nicht durch die T�r�, sagte jemand.</p><p>�Dann m�ssen wir sie erweitern�, entgegnete Oblon entschieden.</p><p>Falrach konnte an den Gesichtern der Umstehenden ablesen, dass viele dies offenbar f�r keinen guten Einfall hielten. Dennoch fand der Schamane ein paar Helfer. Sie schlugen mit Steinhacken auf den trockenen Lehm ein. Die Wand der H�tte zerbr�ckelte unter den wuchtigen Hieben. Ein Gitterwerk aus d�rren �sten kam zum Vorschein, dem sie mit Haumessern zu Leibe r�ckten.</p><p>Einige der umstehenden Kobolde kreuzten die Finger und machten Schutzzeichen.</p><p>Was hatte Oblon vor? Falrach versuchte verzweifelt sich aufzub�umen, doch sein eigener Leib war ihm zur Fessel geworden.</p><p>�Schlagt mir nicht das Haus zusammen!�, rief Firandi erbost.</p><p>Der Schamane hob beschwichtigend die H�nde. �Ich glaube, das gen�gt. Aufh�ren!</p><p>Los, schafft ihn hinein! So viel, wie von ihm hineinpasst. Die F��e k�nnen ruhig drau�en bleiben!�</p><p>Falrach wurde erneut gepackt. Sie zerrten ihn in die H�tte. �Tretet keinem auf die F��e! Und brecht mir keine Finger oder Nasen ab!�, schimpfte der Schamane. �Vorsicht, verdammt!�</p><p>Koboldschwei� tropfte Falrach aufs Gesicht. Oblons Helfer wirkten beunruhigt. Als der Schamane zufrieden war, hatten sie es sehr eilig, die H�tte zu verlassen.</p><p>Es war dunkel. Ein eigenartiger, muffiger Geruch hing in der Luft.</p><p>Oblon war hinter seinem Kopf, so dass er ihn nicht sehen konnte. Nicht einmal die Augen vermochte er zu bewegen. Er starrte einfach nur geradeaus. Der Kobold hinter ihm pustete aus Leibeskr�ften, das konnte er h�ren. Dunkelrotes Licht glomm auf.</p><p>Gegen�ber kauerten Gestalten an der Wand der H�tte. Bewegungslos. In zwei Reihen.</p><p>Die Kammer war sehr eng. Sie waren kaum mehr als einen Fu� von ihm entfernt.</p><p>Was hatte Oblon gesagt? <emphasis>Brecht mir keine Finger oder Nasen ab!</emphasis> Da war etwas ...</p><p>Der Schamane kam hinter seinem Kopf hervor. Er hielt einen Topf in beiden H�nden, in dem etwas glomm. Feiner, heller Rauch stieg davon auf. Das rote Licht strahlte ihn von unten an und lie� seine Totenkopfgrimasse be�ngstigend aussehen.</p><p>Oblon kniete sich auf seine Brust, aber er sp�rte das Gewicht des Kobolds nicht. Er musste ihn anstarren. Er hatte keine Wahl! Wollte der kleine Mistkerl, dass er jede Episode dieses letzten Aktes mit verfolgte?</p><p>Der Schamane atmete den grauen Rauch ein und blies ihn in alle vier Himmelsrichtungen. Dabei verneigte er sich ehrerbietig und murmelte �ber Geister. So ein Unsinn! Jeder Elf wusste, dass es keine Geister gab. Das waren Koboldhirngespinste. Nichts als blanker Unsinn!</p><p>Fairachs Augen hatten sich an das Dunkel gew�hnt. Und als Oblon endlich von seiner Brust herabstieg, konnte er erkennen, wer dort an der Wand kauerte. Er blickte in ein dunkles, faltendurchzogenes Koboldgesicht. Ein Gesicht wie ein altes St�ck Schuhleder. Von Falten durchzogen. Verwittert und fleckig. Ein Gesicht ohne Nase und mit dunklen H�hlen, wo Augen h�tten sein sollen.</p><p>Die H�tte war voller Leichen! Das mussten die Ahnen sein, von denen die Kobolde immer wieder auf bedeutungsvolle Weise sprachen. So, als seien sie nicht wirklich gegangen. Und hier waren sie. Nur in einem anderen Zimmer. Unter einem Dach mit den Lebenden. Was f�r ein Wahnsinn!</p><p>�H�rt ihr mich?� Oblons Stimme klang nun anders. Dunkler. Das war der Rauch, redete sich Falrach ein, obwohl er sp�ren konnte, wie der Zauber, den der Kobold wob, an Macht gewann. Seine Glieder waren lahm. Er hatte die Macht verloren, sie nach seinem Willen zu bewegen. Aber sie waren nicht gef�hllos. Er sp�rte das Prickeln auf seiner Haut. Sp�rte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufrichteten. Und da war dieser Geruch. Ein Geruch, wie er an schw�len Sommertagen in der Luft hing, wenn man mit jeder Faser seines Leibes das Gewitter ahnte, das unmittelbar bevorstand.</p><p>�H�rt ihr mich?�, raunte Oblon erneut mit rauchiger Stimme. �Kommt, meine Ahnen.</p><p>Holt ihn euch! Helft dem Besessenen.�</p><p>Warum konnten Kobolde nie zuh�ren?, dachte Falrach verzweifelt. Er war doch nicht besessen. Es war die Seele, die in diesen Leib geh�rte. Hier gab es nichts zu bannen! Er war doch nur ein anderes Bewusstsein. H�tte er diesen verfluchten Kobold nur damals �ber der Klamm erschlagen, als die Gelegenheit dazu gewesen war!</p><p>�Kommt her! Holt ihn euch!�</p><p>Fairachs Blickfeld weitete sich. Endlich kam Leben in seine Glieder. Er konnte den Kopf ein klein wenig drehen und blickte nun in die Leichengrimasse eines Koboldweibes, dem man T�rkise in die leeren Augenh�hlen gedr�ckt hatte, so dass sie Falrach mit steinern strafendem Blick ansah. Hatte sie die Stirn gerunzelt?</p><p>Der Elf r�chelte leise. Er wollte Emerelle rufen. Wo war sie nur?</p><p>Oblon beugte sich �ber ihn. �Willst du fortlaufen? Das ist falsch.� Die dunkle Stimme klang beruhigend, ja freundlich. �Ich mag dich, Elf. Deshalb erl�se ich dich von deinen Qualen. Du wirst bald wieder der sein, der du sein solltest.�</p><p>Falrach wollte widersprechen, aber seine Zunge lag wie ein Stein in seinem Mund. Er brachte nur unartikuliertes Gestammel zustande.</p><p>Der Kobold nutzte die Gelegenheit und steckte ihm ein z�hes Wurzelst�ck zwischen die Z�hne, so dass er den Mund nicht mehr schlie�en konnte. Oblon hielt noch immer den Feuertopf in einer Hand. Der Rauch, der daraus entstieg, war nun dicker geworden, �liger. Es waren keine blassen, geisterhaften Finger mehr.</p><p>Der Schamane atmete den Rauch ein und blies ihn Falrach direkt in den offenen Mund.</p><p>Er kratzte in der Kehle. Der Elf hatte ein Gef�hl, als h�tte er kalten, zu fettigen Braten gegessen. Ein d�nner, z�her Film lag ihm auf der Zunge und verklebte ihm den Rachen. Der Rauch schien ihm direkt in den Verstand zu steigen. Obwohl er auf festem Boden lag, glaubte er zu fallen. Sein Atem ging schneller.</p><p>Wieder blies ihm Oblon Rauch in den offenen Mund. Die Augen des Schamanen waren unnat�rlich geweitet. Alles Wei� war daraus verschwunden. Das eine war ein kalter, schmutziggr�ner See. Das andere leuchtete wie heller Bernstein. Die Pupillen waren zu winzigen schwarzen Punkten geschrumpft.</p><p>�Kannst du f�hlen, wie sie kommen?�, kr�chzte der Kobold heiser. �Sie haben mich erh�rt.�</p><p>Niemand w�rde kommen, dachte Falrach. Das war v�llig unm�glich. Es widersprach jeder Vernunft.</p><p>Oblon kauerte sich neben ihn. Den Feuertopf hatte er auf den Boden gesetzt. Er wiegte den Oberk�rper vor und zur�ck. Ein wortlos an- und abschwellender Singsang begleitete die Bewegung.</p><p>Falrach sah hinter dem Schamanen deutlich dessen mumifizierte Ahnen. Hatte das Weib mit den T�rksaugen sich bewegt? Er h�tte schw�ren m�gen, dass ihr Kopf gerade noch in einem anderen Winkel geneigt gewesen war.</p><p>Dem nasenlosen Toten quoll etwas zwischen den Lippen hervor. Feiner wei�er Rauch, der sich in einem d�nnen, kaum fingerdicken Faden wand. Statt der Decke der Lehmh�tte entgegenzustreben, wand er sich fast waagrecht auf den Schamanen zu.</p><p>Auch die T�rkisaugendame atmete Rauch aus. Falrach konnte den Kopf noch immer nicht bewegen, doch weitere Rauchfinger drangen nun in sein Gesichtsfeld. Sie verwo-ben sich zu einer wirbelnden Spirale �ber Oblons Kopf.</p><p>Der Schamane hielt mit einem Ruck inne. Oblon streckte den Arm vor und legte ihm seine Hand auf die Brust, genau dort, wo sein Herz schlug.</p><p>�Danke, dass ihr mich erh�rt habt�, sagte er mit fester Stimme. �Erl�st den Geist, der den Riesen befallen hat. Zieht ihn heraus wie einen Wurm, der einen Apfel faulen l�sst.�</p><p>Fairachs Zunge war nicht mehr ganz bet�ubt. Er versuchte, mit ihr den Keil herauszudr�cken, der zwischen seinen Z�hnen steckte.</p><p>Die einzelnen Rauchfinger drehten sich ineinander wie die Str�nge eines Seils. Immer dichter wurden sie, verloren ihre einzelnen Konturen und bewegten sich mit schlangenhafter Anmut ihm entgegen. Wie eine Schilfrohrnatter vor dem Zusto�en verharrten sie �ber ihm.</p><p>Mit einer letzten Anstrengung schaffte es Falrach, den Keil auszuspucken. Im selben Augenblick stie� die Schlange aus bleichem Rauch zu. Sie drang in seinen Mund und f�llte ihm die Lungen. Binnen eines Herzschlags schien sie �berall in ihm zu sein. Sie griff in seinen Verstand. Dutzende verschiedene Stimmen sprachen zu ihm. Lachen und Schreie. Weinen. Und dann erhob sich ein Befehl. Eine einzelne Stimme, die mehr und mehr an Macht gewann. Eine Stimme, die sein Bewusstsein auszuf�llen drohte.</p></section><section><title><p>�berm Berg</p></title><p>Nikodemus blickte auf das blutige Fleisch, das auf dem flachen Felsen lag. Wie sehr er es hasste! Verdammt nochmal, er war doch kein Troll! Was dachte sich Madra? Er hatte das Vieh noch nicht einmal richtig geh�utet. Da war noch blutverklebtes Fell an dem d�rren Schenkel.</p><p>Der Lutin konnte durchaus begreifen, warum sie kein Feuer machen durften. Bei Nacht mochte sie der Flammenschein verraten, tags�ber der Rauch. Ein Feuer war einfach ein unberechenbares Risiko. Aber wie lange sollte er diesen Schlangenfra� noch hinunterw�rgen? Das Kobolddorf lag auf der anderen Seite des Berges! Ein halber Tagesmarsch trennte sie von den beiden Elfen. Sie hatten hier nichts zu bef�rchten!</p><p>�Schmeckt es nicht?�, fragte Madra.</p><p>Nikodemus war versucht, dem Troll eine passende Antwort zu geben. Das barg allerdings die Gefahr, von einem Teilnehmer des Abendessens zu einem Teil des Abendessens zu werden.</p><p>�Wenn du es nicht magst, kann ich es ja nehmen.� Ohne eine Antwort abzuwarten, griff der Troll nach dem Schenkel und dem �brigen Fleisch.</p><p>�Wie lange willst du noch hier in den Bergen sitzen? Wir haben unsere Aufgabe erf�llt.</p><p>Wir k�nnen gehen!�</p><p>�Ich will wissen, was die beiden hier machen.� Madra spuckte einen halb gesplitterten Knochen aus. �Hier kommt niemand ohne einen Grund her. Ich will wissen, was los ist.�</p><p>Nikodemus seufzte leise. Ein Troll, der versuchte, einem Geheimnis auf den Grund zu gehen! Das konnte Jahre dauern. Er w�rde mit diesem Trottel seine Jugend verschwenden. Zum tausendsten Mal sah er zu dem Amu lett, das Skanga ihrem Krieger mitgegeben hatte. Es w�re so leicht, die Schamanin zu rufen!</p><p>Pl�tzlich sprang Madra auf und griff nach seiner Keule. Nikodemus machte einen entsetzten Satz zur�ck. Hatte er sich verraten? �Ich kann alles erkl�ren�... �, stammelte er und wich weiter zur�ck. �Ich kann�... � Er stie� gegen etwas Weiches. Gehetzt blickte er hinter sich. Fast h�tte sich seine Blase entleert. Da stand die Elfenk�nigin! Sie hatte sie aufgesp�rt. Jetzt war alles vorbei!</p><p>Er wich vor ihr zur�ck. Ihretwegen also hatte Madra sich bewaffnet. �Es ist nicht so, wie es aussieht, Herrin.� Verdammt, sie war keine Herrin mehr. Er sollte sich nicht so duckm�userisch benehmen!</p><p>�Was willst du?�, fragte Madra mit fester Stimme.</p><p>Die Elfe trug ein Schwert, aber sie wirkte entspannt. Vielleicht wollte sie ja gar keinen Streit, �berlegte Nikodemus. Aber nein�... Sie f�rchtete sie beide nicht. Sie war mit Ollowain in den Gerichtssaal gegangen und hatte siebzehn Trolle und etliche Kobolde erschlagen. Sie beide waren keine Bedrohung.</p><p>�Also bringen wir es hinter uns�, knurrte der Troll, als Emerelle nicht antwortete, und hob kampfbereit seine Keule.</p><p>�Nein, nein, nein!� Nikodemus trat zwischen die beiden. �Wir sollten erst einmal reden. Die K�pfe einschlagen k�nnen wir uns immer noch.�</p><p>Emerelle nickte sacht. �Die Frage ist nicht, was ich hier tue, sondern was ihr hier wollt.�</p><p>Das lag eigentlich auf der Hand. Also war es besser, keine L�gengeschichten zu erz�hlen. �Man sucht dich wegen der Morde in Feylanviek. Das hei�t�... Man sucht die M�rder. Bis jetzt wusste niemand, dass du es warst. Du�... �</p><p>�Still�, fauchte Madra und lie� zischend die wuchtige Keule durch die Luft schneiden.</p><p>�Halt dein dummes Maul, Fuchsgesicht, oder ich stopf es dir hiermit.�</p><p>�Muss ich dich umbringen, damit ich mich in Ruhe mit dem Lutin unterhalten kann?�, fragte die K�nigin be�ngstigend gleichm�tig.</p><p>�Glaubst du, du schaffst das?�</p><p>Nikodemus schnappte nach Luft. Wie bl�d konnte man eigentlich sein? Madra hatte schlie�lich vor Augen gef�hrt bekommen, wozu sie in der Lage war. Der Lutin hob beschwichtigend die H�nde. �Ich finde ...�</p><p>Emerelle zog ihr Schwert.</p><p>Madra st�rmte der Elfe mit einem wilden Kriegsschrei entgegen. Der Lutin warf sich zu Boden und versuchte zur Seite zu rollen, um den gewaltigen F��en des Trolls zu entkommen. Sein Gef�hrte verfehlte ihn nur um wenig mehr als Haaresbreite.</p><p>Nikodemus ging hinter einem Fels in Deckung. Madra versuchte Emerelle durch eine Finte zu t�uschen. Einen anderen Troll h�tte er mit diesem Trick wahrscheinlich mit dem ersten Schlag besiegt. Nicht so Emerelle. Sie wich der schwerf�lligen Keule ohne M�he aus, setzte nach und stach Madra durch das Handgelenk der rechten Hand.</p><p>Nikodemus konnte h�ren, wie Elfenstahl auf Trollknochen knirschte. Madra grunzte vor Schmerz.</p><p>Die Elfe trat ein paar Schritte zur�ck. �Ergib dich!�</p><p>Tu es, dachte Nikodemus, aber er kannte Madra bereits lange genug, um zu wissen, dass es t�richt war, bei ihm auf Vernunft zu hoffen.</p><p>�Meine Linke reicht, dich zu zerquetschen, wenn ich dich zu packen bekomme.�</p><p>�Du begehst Verrat an deinem K�nig und Skanga, wenn du dich jetzt einfach umbringen l�sst!�, rief Nikodemus aus Leibeskr�ften, aber ohne allzu viel Hoffnung.</p><p>Der Troll presste seine Linke auf die Stichwunde. Dunkles Blut quoll ihm zwischen den Fingern hindurch.</p><p>�Ich w�rde es begr��en, wenn ihr beide mit mir ins Kobolddorf k�met�, sagte die Elfe milde. �An eurem Tod ist mir nicht gelegen. Ganz im Gegenteil. Mit dir h�tte ich sogar Pl�ne, Madra. Ihr kennt ja den kleinen Fluss beim Dorf. Ein St�ck in die Berge hinein gibt es eine Stelle, wo ein steinernes Becken ausgewaschen ist. Ihr kennt den Ort. Dort erwarte ich euch.�</p><p>�Du meinst da, wo du mit deinem Besch�ler gev�gelt hast�, stie� der Troll hervor.</p><p>Nikodemus hielt den Atem an. Das war so unn�tz. Dieser Idiot!</p><p>Die Elfe blieb erstaunlich gelassen. �Ich h�tte andere Worte gebraucht, aber ja, ich meine diesen Ort.�</p><p>�Dein Blut wird den Fluss hinabflie�en und deinem Besch�tzer zeigen, dass du tot bist.�</p><p>Sie nickte. �Wenn du sehr viel Gl�ck hast, vielleicht.� Sie drehte sich um und war kaum einen Herzschlag sp�ter in der Dunkelheit verschwunden, so als sei sie nur ein Geist gewesen.</p><p>�Feige Elfenschlampe! Ich h�tte sie in St�cke gerissen.�</p><p>Nikodemus wagte sich aus seiner Deckung. �Ich sollte mir deine Wunde mal ansehen.</p><p>Die blutet ja immer noch.�</p><p>Der Troll stie� einen unartikulierten Fluch aus, aber er lie� sich vor ihm auf die Knie nieder. Nikodemus hatte keine Lust, seine magischen F�higkeiten einzusetzen, um Madra zu heilen. Zu heilen hie� immer, den Schmerz mit den Kranken und Verletzten zu teilen. Was diesem Riesentrottel geschehen war, daran war er selbst schuld.</p><p>Der Lutin legte seine kleine Hand auf das massige Handgelenk seines Gef�hrten.</p><p>Madra zuckte leicht. �Halt still! Das ist keine Kleinigkeit.� Er schloss die Augen und dachte sich in den Troll hinein, bis er die Muskeln, Sehnen und Adern im Geiste vor sich sah. Er begann den Schmerz zu sp�ren und wich ihm aus. Das war nicht seine Sache! Ein Knochen war leicht verletzt. Aber keine gr��ere Ader war durchtrennt und auch keine Sehne. Bei einem Stich durchs Handgelenk war dies das reinste Wunder.</p><p>War es Zufall? Oder war die Elfe so zielsicher?</p><p>Er schlug die Augen auf. �Das wird gut verheilen. Ich sollte es verbinden.�</p><p>�Glaubst du, ich kann in ein paar Stunden wieder k�mpfen?�</p><p>Nikodemus war fassungslos. �Nein. Und das ist dein Gl�ck! Sie k�nnte dich in kleine Scheiben schneiden. Sie h�tte leicht die gro�e Arterie in deinem Handgelenk durchtrennen k�nnen, dann w�rde dein Blut jetzt...�</p><p>�Die gro�e was?�</p><p>�Die gr��te Ader!� Nikodemus musste sich beherrschen, um ihm nicht auf den Kopf zuzusagen, dass er ihn f�r einen Riesentrottel hielt. �Du nimmst jetzt am besten das Amulett, das Skanga dir gegeben hat, und wirfst es von dir, so wie sie befohlen hat.</p><p>Mit ihr und einiger Verst�rkung k�nnen wir die Elfen sicher �berw�ltigen. Allein wird uns das niemals gelingen!�</p><p>�Kennt ihr Lutin keine Ehre?�</p><p>�Ehre ist etwas f�r gro�e Krieger wie dich. Bei meiner K�rpergr��e kann ich mir keine Ehre leisten.�</p><p>�Deshalb sind die Lutin ein wanderndes Volk ohne Heimat, und wir Trolle herrschen in Albenmark�, stellte Madra selbstzufrieden fest.</p><p>�Leider habe ich kein Verbandszeug�, entgegnete Nikodemus. Er hatte �berlegt, etwas von seiner Winterkleidung in Streifen zu rei�en. Aber bei genauerer Betrachtung war das entschieden zu nett. �Du solltest die Wunde mit deinen Fingern zudr�cken.�</p><p>�Mehr kannst du nicht tun?� Madra wirkte jetzt misstrauisch. �Kannst du die Wahrheit nicht vertragen?�</p><p>�Die Wahrheit ist, dass ich keinen Verband habe�, entgegnete Nikodemus spitz. �Aber Skanga wird dir sicher helfen k�nnen.�</p><p>�Die alte Vettel brauche ich nicht. Du machst das! Sp�ter. Im Kobolddorf wird es etwas zum Verbinden geben.�</p><p>Nikodemus traute seinen Ohren kaum. �Warum?�</p><p>�Sie will etwas von uns�, sagte Madra ruhig. �Ich habe sie auf das Schlimmste beleidigt, aber sie hat es einfach �bergangen. Ich sage dir, sie will was. Sie braucht uns. Ich werde hinuntergehen und herausfinden, was es ist. Ich werde nett zu ihr sein. Ihr helfen. Und wenn sie mir vertraut, schlage ich ihr den Sch�del ein. Wir werden Helden sein, Fuchsgesicht.�</p><p>Nikodemus wurde �bel. �Du willst da hinunter? Warum hast du sie �berhaupt angegriffen, wenn du das willst?�</p><p>Der Troll l�chelte. �Das musste sein. Sie h�tte sonst dem Frieden nicht vertraut.�</p><p>Das war verr�ckt. V�llig verr�ckt! Was bildete dieser Troll sich ein, wenn er dachte, er k�nne Emerelle, die K�nigin der tausend Gesichter, die Meisterin der T�uschung, hereinlegen?</p><p>Madra nahm mit der unverletzten Hand seine Keule auf. �Kommst du mit, kleiner Mann? Gehen wir �ber den Berg.�</p><p>Nikodemus fluchte stumm in sich hinein und folgte dennoch dem Troll. Er hatte nicht den Mut, allein in der Wildnis zur�ckzubleiben.</p></section><section><title><p>Das Blumenm�dchen</p></title><p>Sie hie� Elodia, diese kleine Schlampe. Und sie war ein Stein auf Adriens Weg. Sie konnte ihn zum Straucheln bringen. Er hatte ein Falrach-Spiel f�r ihn aufgestellt und alle Figuren, die bislang in seinem Leben von Bedeutung waren, darauf versammelt.</p><p>Und er hatte den Jungen ausgehorcht. Er war ein romantischer Trottel. Wahrscheinlich w�rde er ihm das aberziehen k�nnen. Aber Elodia blieb ein Risiko. Sie musste verschwinden. Nat�rlich h�tte er sie selbst t�ten k�nnen. Aber das w�re eine beleidigend simple L�sung. Jules hatte andere Pl�ne mit ihr. Sie sollte leiden, nicht sterben!</p><p>Der Befehlshaber der Wache stampfte ungeduldig mit den F��en. Eine halbe Stunde standen sie nun hier und lie�en den Eingang zum Laden des Fleischhauers nicht aus den Augen. Elodia hatte sich nur fl�chtig umgesehen, bevor sie hineingegangen war.</p><p>Sie ahnte das Unheil nicht, das sich �ber ihr zusammenbraute.</p><p>Jules sp�rte, dass der Hauptmann das M�dchen lieber laufen lassen wollte. Aber er f�rchtete die blaue Kutte der Priester. Auch wenn Cabezan einst den Mord an Guillaume befohlen hatte, so wurde die Geschichte inzwischen so verdreht erz�hlt, als h�tten die Krieger des K�nigs versucht, den Priester zu retten. Er duldete die Tjuredkirche, auch wenn er deren Glauben nicht angenommen hatte. Ja, er hatte sogar einen Priester als Berater an seinem Hof. Also war es besser, es sich mit einem Tjuredpriester nicht zu verscherzen. Man konnte nicht ahnen, ob dessen Einfluss bis zum Hof des K�nigs reichte.</p><p>�Habt ihr gesehen, wie viele Blumenstr�u�e sie in ihrem Korb hatte?�, fragte Jules h�flich.</p><p>�Ist das von Belang?�, entgegnete der Hauptmann gereizt.</p><p>�Es ist ein Detail. Wer alle Details beachtet, der geht L�gen weniger leicht auf den Leim. Es waren sieben Blumenstr�u�e.�</p><p>Der Hauptmann nickte geistesabwesend. Er war ein verh�rmter, �lterer Mann. Sicher hatte er fr�her einmal von Gr��erem getr�umt, als die Wache einer Stadt wie Nan-tour zu befehligen. Vielleicht war er einer von denen gewesen, die ausgeritten waren, um Guillaume zu t�ten.</p><p>Jules h�tte leicht in den Erinnerungen des alten Kriegers lesen k�nnen, doch er h�tete sich davor. Sollte sich sein Verdacht best�tigen, dann mochte er sich vielleicht zu unbedachten Gewalttaten hinrei�en lassen. Er hatte Guil laume gemocht. Er war das einzige Kind, das er mit einer Elfe gezeugt hatte. Er w�re zu Gro�em berufen gewesen! Wohin h�tte sein Leben gef�hrt, wo sein Tod doch schon das Glaubensgeb�ude einer ganzen Kirche zu ver�ndern vermochte. Jules musste sich eingestehen, dabei ein wenig nachgeholfen zu haben. Aber dennoch�...</p><p>Es begann zu regnen. Ein eisiger Schauer. Der Hauptmann und seine beiden Wachen suchten Schutz in einem Hauseingang und fluchten leise. Fast h�tten sie �bersehen, wie Elodia sich davonschlich. Sie hatte jetzt ein Tuch �ber den Korb geworfen, um ihre empfindlichen Strohblumen vor dem Regen zu sch�tzen.</p><p>�Heh!�</p><p>Das M�dchen zuckte zusammen, als er sie anrief. �Bringt sie her ins Trockene�, befahl der Hauptmann m�rrisch.</p><p>Statt das M�dchen einfach zu packen, sprachen die Wachen Elodia freundlich an und baten sie �ber die Stra�e. Jules sch�ttelte den Kopf. Wozu ein h�bsches Gesicht und ein ansehnlicher K�rper doch alles taugte. Sie war wirklich ein angenehmer Anblick.</p><p>Er konnte verstehen, dass Adrien sich in sie verliebt hatte.</p><p>�Was hat dich ins Haus des Fleischhauers verschlagen?� Sogar der Hauptmann wirkte weniger b�rbei�ig als zuvor.</p><p>�Ich�... Ich verkaufe Blumen. Strohblumen, jetzt im Winter. Ich ziehe sie selbst. Und f�rbe sie.�</p><p>�Und das hat �ber eine halbe Stunde gedauert, dem Kerl einen Strohblumenstrau� aufzuschwatzen�, mischte sich Jules ein.</p><p>�Er konnte sich nicht entscheiden.�</p><p>Jules schlug das Tuch �ber dem Korb zur�ck. Deutlich sah man zwei gro�e W�rste zwischen den Blumen stecken.</p><p>�Ein stattlicher Lohn f�r einen Strau� Strohblumen�, bemerkte der Hauptmann. Er strich �ber seine grauen Bartstoppeln und runzelte die Stirn. �Sieben Str�u�e. Genau so viele, wie du im Korb hattest, als du das Haus betreten hast. Ich mag es nicht, wenn man mich bel�gt, M�dchen. Was also hat sich ereignet?�</p><p>�Ich�... ich habe den alten Strau� mitgenommen. Deshalb sind es wieder sieben. Ich tausche jede Woche die Strohblumen aus.�</p><p>Einen kurzen Augenblick hatte Jules Mitleid mit ihr. Diese L�ge war einfach zu erb�rmlich!</p><p>�Du tauschst jede Woche Strohblumen aus!�, fuhr der Hauptmann sie nun harsch an.</p><p>�Warum? Weil sie welken?�</p><p>�Ich ��</p><p>�Packt diese Schlampe!�</p><p>Wie leicht sie mit solchen Beleidigungen dabei waren! Eben noch war er freundlich gewesen. Jetzt schien er ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. W�hrend Elodia sich im Griff der Wachen wand, hob er ihr Kleid hoch und packte ihr zwischen die Schenkel. Sie begann zu weinen.</p><p>Der Hauptmann f�hrte seine Finger an die Nase und schnupperte �bertrieben laut daran. Dann schlug er sie so heftig, dass ihr Kopf in den Nacken flog. �Man kann noch riechen, was du mit dem Fleischhauer getrieben hast!�</p><p>�Bitte, ich ��</p><p>�Unzucht ist nur im Badehaus geduldet, du dumme, kleine�... � Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Sollte sein pl�tzlicher Zorn etwa schon wieder verrauchen? Menschen! �Sie hat den K�nig um den F�nften betrogen�, sagte Jules leise. Jedes Badehaus hatte dem K�nig den F�nften als Abgabe zu entrichten. Cabezan hatte sich diese besondere Steuer vor einigen Jahren einfallen lassen, als seine Schatzkammer wieder einmal leer war und sich abzeichnete, dass der Stadtstaat Marcilla nur mit Waffengewalt �berzeugt werden konnte, sich dem K�nigreich Fargon anzuschlie�en.</p><p>�Ich habe nie Geld genommen�, sagte Elodia mit halb erstickter Stimme. �Nur W�rste oder ein Brot oder eine kleine Flasche Apfelwein. Das meiste habe ich am Haus der Heiligen Frauen abgegeben.�</p><p>�Jetzt beschmutzt sie auch noch die Kirche�, emp�rte sich Jules, obwohl er innerlich �ber dieses Gest�ndnis auflachte.</p><p>Eine der beiden Wachen, die sie gepackt hielten, ein untersetzter Mann mit fleischigem Gesicht, stie� ihr den El enbogen in die Seite. �Wie kannst du es wagen, die Heiligen Frauen zu beleidigen, Schlampe!�</p><p>Sie knickte in sich zusammen. �Aber es stimmt�, stie� sie st�hnend hervor. �Mein kleiner Bruder�... Sie haben ihn in ihrer Obhut.�</p><p>Der Hauptmann hielt den Krieger zur�ck, als er ihr einen weiteren Schlag versetzen wollte. �Was macht dein Bruder bei den Heiligen Frauen?�</p><p>�Es war der letzte Wunsch meiner Mutter, dass er ein Priester wird. Ich bezahle mit Wurst, Brot und anderen Dingen f�r seinen Unterricht und seine Unterkunft.�</p><p>�Was hei�t <emphasis>anderen Dingen?�,</emphasis> fuhr sie die Wache an. �Du willst doch nicht etwa behaupten�... �</p><p>Elodia hob sch�tzend die Arme �ber den Kopf.</p><p>�Genug!� Der Hauptmann dr�ngte seinen Lakaien aus dem Hauseingang. �Das bleibt unausgesprochen. Wir schaffen sie jetzt ins Badehaus am Fischmarkt. Soll sie dort ihrem sch�ndlichen Tun nachgehen. Damit ist dem Gesetz Gen�ge getan.�</p><p>Das war keine L�sung in Jules� Sinne. Elodia sollte spurlos verschwinden und nicht in einem der Hurenh�user der Stadt untergebracht werden, wo Adrien sie wom�glich eines Tages noch entdecken w�rde. �Habt Ihr nicht den Ehrgeiz, Eurem K�nig aufzufallen, Hauptmann?�</p><p>Der Befehlshaber der Stadtwache warf ihm einen verst�ndnislosen Blick zu, und Jules ging auf, dass seine Wortwahl ein wenig ungl�cklich gewesen war. �So wie ich den K�nig kenne, sch�tzt er es, wenn er �ber Diebe, die ihn bestohlen haben, selbst zu Gericht sitzen kann.�</p><p>�Ihr glaubt doch nicht, dass ihn der f�nfte Teil einer Wurst oder eines Brotes interessiert!�</p><p>�Ich denke eher, dass ihn diese h�bsche Frevlerin ablenken wird. Was habt Ihr zu verlieren, wenn Ihr sie in Eisen an den k�niglichen Hof schaffen lasst?�</p><p>Der Hauptmann strich sich nachdenklich �ber sein breites Kinn. Begriff er, dass dies seine letzte Gelegenheit war, dem Posten in einer Provinzstadt zu entkommen? �Wenn ich sie wegbringen lasse, zahlt niemand mehr f�r den Jungen. Die Heiligen Frauen werden ihn auf die Stra�e setzen. Dann habe ich noch einen Bettler und Dieb mehr in der Stadt.�</p><p>�Dann schickt den Jungen doch gleich mit ihr�, entgegnete Jules l�chelnd. �Er war der Nutznie�er von Elodias entgeltlichem Beischlaf. Vom Betrug am K�nig. So trifft auch ihn eine Teilschuld. Im �brigen herrscht, wie man h�rt, ein steter Bedarf an h�bschen J�nglingen am k�niglichen Hof.�</p><p>�Tut das nicht�, schrie das M�dchen auf. �Bitte! Ich mache alles, was ihr wollt, aber lasst meinen Bruder in Frieden. Er ist noch ein Kind.�</p><p>Der Hauptmann �berging ihr Flehen. �Schafft sie weg!�, befahl er den Wachen.</p><p>�Zun�chst in den Kerker. Ich bin mir �ber ihr Schicksal noch unschl�ssig. Eine S�nderin sollte nicht daneben stehen, wenn ihre S�nden abgewogen und ihr Urteil bestimmt wird.�</p><p>Elodia, die bisher alles stumm erduldet hatte, b�umte sich pl�tzlich auf. W�tend sah sie noch h�bscher aus, dachte Jules. Das junge M�dchen sah ihm ins Angesicht. Sie war fast einen Kopf kleiner als er, von zierlicher Statur mit langem, dunklem Haar. Ihre Augen waren dunkel. Die Farbe konnte er in der regnerischen Nacht nicht erkennen.</p><p>Ihr schmales Gesicht hatte fast etwas Elfisches.</p><p>�Du bist ein b�ser Mensch!�, stie� sie voller Wut hervor und spie ihm ins Gesicht.</p><p>Der Hauptmann schrie seine Wachen an. Sie wurde da-vongezerrt und stie� dabei �ble Verw�nschungen aus.</p><p>Der Kommandant der Stadtwache schien pl�tzlich Sorgen zu haben, dass Elodias Ausf�lle auch ein Nachspiel f�r ihn haben k�nnten. �Es tut mir leid�, murmelte er verdrossen.</p><p>Jules wischte sich den Speichel aus dem Gesicht. �Das muss es nicht. Sie hat mich nicht beleidigt. Ich wei�, wie grundlegend falsch das ist, was sie sagte. Also trifft es mich nicht. Ich bin kein <emphasis>b�ser Mensch.�</emphasis></p><p>�Ihr sagtet, Ihr kennt den K�nig?�</p><p>�Nicht von Angesicht zu Angesicht. Doch ist mir sein Hof wohlvertraut.�</p><p>Der Hauptmann war misstrauisch. Er stellte ein paar Fragen, die Jules mit Leichtigkeit beantworten konnte. Er konnte die Sorge des Hauptmanns verstehen. Der k�nigliche Hof war ein Schlangennest. Wenn Cabezan auf einen aufmerksam wurde, dann war das weitaus h�ufiger ein Ungl�ck, als dass daraus etwas Gutes erwuchs.</p><p>Jules erz�hlte ihm vom wachsenden Einfluss der Tjuredkirche bei Hof. Davon, wie Cabezan vor aller Augen in Aniscans vor der schwarzen Eiche gebetet hatte, an der der Heilige Guillaume von Pfeilen durchbohrt verbrannt war. Es war schon ein �bler Scherz, dass jener K�nig, der f�r Guillaumes Tod verantwortlich war, die Tjuredkirche nun in aller �ffentlichkeit anerkannte. Und manche Prediger verstiegen sich dazu, zu behaupten, es sei Tjured selbst, der ihn daf�r mit einem langen Leben beschenkte.</p><p>Der Hauptmann wollte sich �berreden lassen. Seine Entt�uschung und Verbitterung waren gro� genug, dass er sich an jeden Strohhalm geklammert h�tte, um von hier fortzukommen. Er stimmte zu, Elodia und ihren Bruder zum K�nigshof zu schicken.</p><p>Und er war entschlossen, eine Anklageschrift zu verfassen, in der er die Vergehen des M�dchens noch ein wenig ausschm�ckte. Als sie beide sich trennten, war der Hauptmann in geradezu euphorischer Stimmung und glaubte, eine goldene Zukunft sei endlich zum Greifen nahe.</p><p>Jules blieb in dem Hauseingang stehen und sah auf das Haus des Fleischhauers. Der Kerl hatte mit seinem Appetit auf ein junges M�dchen den Lauf der Geschichte ver�ndert. Und er stand dort an seinem Arbeitstisch, stopfte W�rste mit zweifelhaftem Inhalt und ahnte nichts von alledem.</p><p>Jules stellte sich vor, was f�r ein Ritter aus Adrien werden w�rde. Ein Held. Der Begr�nder eines kriegerischen Ordens, der bald schon zum Schwertarm der Tjuredkirche werden w�rde. Sein Leben musste makellos sein. F�r ein M�dchen wie Elodia war darin kein Platz! Sie war ein Stein auf seinem Weg. Ein Stein, der nun fortger�umt war.</p><p>Er verneigte sich in Richtung des sch�bigen Hauses und dankte dem Fleischhauer stumm, einen Anlass gegeben zu haben, sie fortzuschaffen. Dann machte er sich auf den Weg. Er wollte bis zum Morgengrauen zur�ck in den Bergen sein, und der n�chste Albenstern lag einige Meilen vor der Stadt.</p><p>W�hrend er durch den Regen schritt, schweiften seine Gedanken zur�ck zu dem Tag, an dem Guillaume gestorben war. Damals hatte ihn j�her Zorn gepackt. Sein Tod war zu fr�h gekommen. Jules hatte gehofft, die Elfen w�rden ihn nicht ermorden, sondern ihn stattdessen nach Albenmark bringen. Oder offen gegen Emerelle rebellieren. Al sein Trachten war es, Albenmark zu schaden. Und dieses Kind, halb Elf und halb von seinem Blute, w�re dazu vollkommen gewesen. Aber Cabezans Krieger hatten alles zunichte gemacht. Und er hatte den K�nig verflucht. Cabezan war damals schon alt gewesen. Deshalb hatte er Guillaume ja an seinen Hof holen wollen. Er war ein eingebildeter Dummkopf, der jedes kleine Zipperlein zu einem gro�en Ungl�ck aufblies.</p><p>Aus einem M�ckenstich machte er einen Furunkel. Aus einem Furunkel eine Pestbeule.</p><p>Jules� Fluch besagte, dass Cabezan an keiner Krankheit sterben sollte. Und dass er an jedem Tag in seinem j�mmerlichen kleinen Leben krank sein w�rde. Ernsthaft krank.</p><p>Der K�nig hatte keine Z�hne mehr. Seine Zehen waren ihm abgefault. Die Finger von der Gicht zu steifen Krallen geformt. Ausschlag wucherte auf Cabezans Haut. Vor allem an jenen Stellen, an denen er selbst sich nicht mehr kratzen konnte. Jeder andere w�re l�ngst tot, aber der K�nig �berstand jede Sieche. Er war wohl der einzige Mensch, der inzwischen schon dreimal an der Pest erkrankt und dann wieder davon genesen war.</p><p>Wenn Jules sich nicht irrte, dann war Cabezan inzwischen wohl um die neunzig Jahre alt. Der K�nig hatte seine beiden S�hne und bereits den ersten seiner Enkel begraben.</p><p>Gesunde, kr�ftige M�nner. Sogar drei seiner Urenkel waren bereits in ein Alter gekommen, in dem man nach der Krone h�tte greifen k�nnen. Zwei von ihnen hatte er hinrichten lassen. Der dritte war auf die winzige Halbinsel Valloncour verbannt, wo er weitere Nachkommen zeugen sollte und sich ansonsten aus allen Staatsgesch�ften herauszuhalten hatte.</p><p>Die Langlebigkeit des K�nigs sorgte f�r endloses Gerede im Volk. Die Heiden ahnten ganz richtig, dass er verflucht sei. Allerdings vermuteten sie, Cabezan habe die alten G�tter beleidigt. Vielleicht weil er seine M�nner in den Steinernen Wald geschickt hatte oder weil er zu freundlich zu den ungewaschenen Eiferern war, die das Wort Tjureds in die Welt trugen und alle anderen G�tter verdammten.</p><p>Die Tjuredpriester hingegen, unter denen er, Jules, so hohes Ansehen genoss, deuteten Cabezans Unf�higkeit zu sterben, ganz anders. Sie glaubten, ihr Gott w�rde das Leben des K�nigs so lange w�hren lassen, bis dieser sich zu den Lehren ihrer Kirche bekehren lie�. Dann erst w�rde der gn�dige Tod ihn finden und ihn von all seinem Leid erl�sen.</p><p>Cabezan entschied sich f�r keines der beiden Lager. Obwohl er sein Leben zweifellos schon lange nicht mehr genoss, hielt er umso sturer daran fest, je l�nger es w�hrte.</p><p>Niemand bei Hof war vor den verr�ckten �ngsten des K�nigs sicher. �berall vermutete er Verschw�rer, die ihn ermorden lassen wollten, um seinen Thron zu stehlen. Seine Leibwache, die Stierk�pfe, wie man sie nach ihrem Wappen nannte, waren Henker! Sie f�hrten jeden seiner Befehle aus, ohne sich mit Fragen der Moral zu belasten.</p><p>Giftmord, die Kabalen seiner Enkelinnen, sowie Machtk�mpfe unter den Stierk�pfen und hohen Beamten des K�nigreichs schafften eine Atmosph�re bei Hof, in der jeder gegen jeden stand und ein Leben einen Hundedreck wert war. Wenn Elodia dorthin gebracht wurde, dann war ihr ein schreckliches Ende gewiss. Und auch ihrem kleinen Bruder, denn Jules wusste nat�rlich, warum so viele Knaben an den Hof gebracht wurden und dann spurlos verschwanden.</p></section><section><title><p>Der Geisterseher</p></title><p>�Komm zu uns, Falrach!� Es war eine Stimme, der man nicht widerstehen konnte. Wie ein Gift durchdrang sie ihn. Das Gef�hl, zu fallen, endete.</p><p>Seine Augenlider gehorchten ihm wieder. Er kniff sie zusammen, um sich dem Anblick der Toten zu verschlie�en. Es half nicht. Selbst mit geschlossenen Augen nahm er noch alles wahr. Er konnte sehen, so absurd das auch sein musste.</p><p>�Komm zu uns!�</p><p>Niemals w�rde er gehorchen. Er wusste nicht, welchen Zauber Oblon herbeigerufen hatte. Aber er war sich sicher: der Stimme zu folgen, w�rde ihn ins Verderben st�rzen.</p><p>Verzweifelt riss er wieder die Augen auf. Die H�tte um ihn herum hatte sich ver�ndert. Oblon war verschwunden. Ein kleines Feuer brannte, ohne W�rme auszustrahlen. Entlang der H�ttenw�nde sa�en die Ahnen.</p><p>Falrach konnte sich umsehen. Die L�hmung seiner Glieder war ganz gewichen.</p><p>Oblons Ahnen sahen nicht mehr tot aus. Und auch nicht richtig lebendig. Ihre Augen waren erf�llt von kaltem, blauem Licht, die Gesichter immer noch dunkel und verschrumpelt. Aber jetzt bewegten sie sich. Nicht verstohlen, wie eben noch. Sie machten kein Geheimnis daraus, tot zu sein und zugleich auch nicht.</p><p>Manche tuschelten leise miteinander.</p><p>Ein altes Koboldweib mit schwerer Muschelkette um den Hals erhob sich. Sie st�tzte sich auf einen mit verschlungenen Brandmustern bedeckten, hellen Stab. �Da bist du nun also, Falrach. Du bist kein Geist, wie ich sehe.� Sie neigte sanft das Haupt. Aber nicht zu ihm. Er sah sich um. Dicht hinter ihm erhob sich Gestalt gewordene Dunkelheit. Ein Schattenriss mit vage verschwimmenden R�ndern. Von ihm ging die K�lte aus, die die W�rme des Feuers ausl�schte.</p><p>Niemand blickte mehr auf ihn. Alle Kobolde sahen den Schatten an. Manche r�ckten zum Eingang der H�tte hin. Andere beugten dem�tig das Haupt. Nur die Alte schien unger�hrt zu bleiben.</p><p>�Das ist der Schatten, der auf deinem neuen Leben liegt, Falrach. Ollowain. Er ist tot.</p><p>Er ist wahrhaftig tot! Auf eine andere Art, als wir es sind. Ausgel�scht. Zerst�rt f�r immer. Nur seine Lebenskraft blieb zur�ck. Gefangen in der H�lle seines K�rpers. Sein Wille zu sein. Bald wird er den Willen ausformen, dich zu zerst�ren. Du musst diesen Schatten loswerden, Falrach. Er ruft Unheil auf dich herab. Und auch auf jene, die bei dir sind. Du musst dieses Dorf verlassen. Sonst trifft das Unheil auch unsere Enkel.�</p><p>Falrach war �berzeugt zu tr�umen. Es gab keine Geister! Und wenn er je wieder erwachen sollte, dann w�rde er Oblon t�ten, ohne auch nur einen Herzschlag zu z�-</p><p>gern. Diese hinterlistige, kleine Schlange!</p><p>�Du irrst dich, Elf. Er ist nicht dein Feind. Er hat dich auf diese Geistreise geschickt, damit wir dir helfen. Damit wir sehen, was sich vor dem Auge des Sterblichen verbirgt. Er glaubte, du seiest besessen, und wollte dir helfen. Tu ihm nichts zuleide. Wir wachen �ber ihn.�</p><p>Falrach hoffte, aus diesem Alptraum bald aufzuwachen. Er sah �ber seine Schulter zu dem Schatten.</p><p>�Er wird dich begleiten, wohin immer du gehst. Du musst zu Firaz, wenn du ihn besiegen willst. Sie kann dir helfen. Wir k�nnen dir nur helfen zu verstehen.�</p><p>�Wer soll das sein?�</p><p>�Eine Schamanin�, entgegnete die Alte. �Sie ist machtvoll. Sie ist eine Gazala. Ich kann nicht �ber sie sprechen. Ihre Zauber sch�tzen sie vor Geistern. Sie lebt im Jadegarten.</p><p>Sie solltest du f�rchten, wenn du ihr begegnest. Falls du den Weg findest. Der Drachenatem sch�tzt sie.�</p><p>�Und wenn ich nicht gehe?�, fragte Falrach.</p><p>�Dann wird der Schatten dich verschlingen. Sei nicht t�richt, Elf. Die Welt der Lebenden ruft dich zur�ck. Wir k�nnen dich nicht mehr lange halten. Glaube nicht, dies sei ein Traum. Dann wird dein Schatten dich holen.�</p><p>Falrach lachte jetzt. Waren es der Maisschnaps oder die Kakteenst�cke? Dies alles geschah nicht wirklich. Es war Koboldaberglaube! Und Oblon w�rde nicht wagen, ihm im Rausch etwas anzutun. Nicht, solange Emerelle lebte.</p><p>Die Alte schlug mit ihrem Stab nach seiner Hand. Er wich nicht aus. Warum auch?</p><p>Was konnte ihm eine Traumgestalt schon antun.</p><p>Scharfer Schmerz fuhr durch seinen Handr�cken. �H�te dich vor deinem Hochmut, Elf. Er ist nicht minder gef�hrlich als der Schatten.�</p><p>�Wer bist du?�</p><p>�Geister haben keine Namen mehr. Namen geh�ren nur den Lebenden. Wir alle sind eins.� Bei den Worten begann sie d�nner zu werden und blasser. Ihr Leib verzerrte sich. Ebenso wie die Leiber der anderen Kobolde ringsherum.</p><p>Sie hob ihre schlangenhaften Arme und formte aus reisigd�rren Fingern einen Trichter. �Geh!�</p><p>Wie ein Sturmwind peitschte ihm das Wort entgegen. Die Kobolde wurden zu Rauchf�den. Er st�rzte und schrie.</p><p>Dann war da noch ein anderer Schrei. Falrach riss die Augen auf. Dicht vor ihm stand Oblon, der ihn mit schreckensweiten Augen anstarrte. �Du bist ja immer noch da, Geist.�</p><p>Ohne auf die Nasen und Zehen seiner mumifizierten Ahnen zu achten, dr�ngte er sich an der Wand entlang zum erweiterten Eingang und floh aus der H�tte.</p><p>Falrach f�hlte sich ganz benommen. Ihm war �bel. Er kr�mmte sich zusammen.</p><p>Stechender Kopfschmerz peinigte ihn. Er brauchte etwas zu trinken. Unter M�hen drehte er sich um. Dann st�tzte er sich auf die H�nde auf.</p><p>Die gl�henden Kohlen im kleinen Feuertopf waren noch immer das einzige Licht in dieser Leichenkammer. Es war gerade hell genug, ihn das dunkle Mal auf seinem Handr�cken erkennen zu lassen, dort, wo ihn der Hieb der Geisterfrau getroffen hatte.</p></section><section><title><p>Sonnenaufgang</p></title><p>Sie hatte tief geschlafen in der Nacht. Sie hatte das Verh�ngnis nicht kommen sehen.</p><p>Auch jetzt war sie noch nicht erwacht. Melvyn ballte die F�uste, und die Klingen in seinen Armschienen schnellten vor. Sie waren aus bestem elfischen Silberstahl gefertigt. Sie w�rden durch Muskeln, Sehnen, ja sogar durch Knochen schneiden. Er w�rde etliche Trolle t�ten. Aber er w�rde am Ende nicht siegen k�nnen. Der Elf wusste das.</p><p>Deutlich sah er die Schemen der W�chter auf dem verschneiten Bergkamm. Sie gaben sich keine M�he, sich zu verstecken. Sie wollten, dass er wusste, wo sie waren. �berall, auf allen Bergk�mmen ringsherum. Was war geschehen? Warum hatte der Herzog sie beide fliehen lassen? Und nun wurden sie umstellt. War das ein Spiel, so wie eine Katze mit einer Maus spielt?</p><p>Wolkentaucher wusste sicherlich auch schon, was geschehen war. Er hielt sich zur�ck.</p><p>Der Schwarzr�ckenadler war klug genug, um zu wissen, dass auch er keine Wende herbeif�hren k�nnte. Wenn er nahe der Felsnische landete, w�rden die Trolle angreifen. Und Kadlin hatte nicht die Kraft, um sich an den Beinen des Adlers festzuhalten und einen Flug wagen zu k�nnen. Wie er es auch drehte und wendete, sie kamen hier nicht fort. Ihr Weg war zu Ende.</p><p>Nachdem er das akzeptiert hatte, �berkam Melvyn gro�e Ruhe. Er hatte getan, was er tun konnte. Es nutzte nichts, noch l�nger mit dem Schicksal zu hadern.</p><p>Er dachte an Leylin. Sie war allein in der H�hle am Albenhaupt. Sie hatte entschieden, mit ihm dorthin zu gehen, und auf die F�rstenkrone Arkadiens verzichtet, die ihr als Shandrals Witwe zugestanden h�tte. Aber die Elfen Arkadiens waren ber�chtigt f�r ihre Intrigen und Machtk�mpfe. Sie beide hatten nach den K�mpfen der Trollkriege Frieden gesucht. Und den konnten sie am besten in der Bergwildnis am Albenhaupt finden. Doch jetzt machte sich Melvyn Sorgen. Leylin war von Kindheit an bei Hof aufgewachsen. Sie war es gew�hnt, Diener f�r alles zu haben. Am Albenhaupt aber war sie allein. Nach der Palastrevolte gegen Shandral vermochte sie keinem Kobold mehr zu trauen, obwohl ihr Leben verschont worden war und man ihr kein Leid zugef�gt hatte.</p><p>In den Wochen, die sie dort gemeinsam gelebt hatten, war sie ganz gut zurechtgekommen. Er musste schmunzeln. Nein, nicht wirklich. Sie hatte sich bei allem ungeschickt angestellt. Aber sie hatte den Willen, es besser zu machen. Und zuletzt war es auch ein wenig besser geworden. Sie war eine begabte Zauberweberin.</p><p>Er musste sich um sie keine Sorgen machen! Sie konnte fort, wenn sie es wol te. Wenn der Winter einfach kein Ende nahm. Und die Einsamkeit.</p><p>Er w�nschte, er w�re jetzt bei ihr. Er sehnte sich danach, ihre bl�tenzarte Haut zu ber�hren. Neben ihr zu erwachen nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht. Warum war er nur fortgegangen? War er nicht f�r ein Leben in Frieden geschaffen? Leylin hatte bemerkt, dass er immer rastloser geworden war. Sie hatte ihn in dem Plan, seine Schwester zu besuchen, noch best�rkt. Sie beide hatten ja nicht geahnt, was Kadlin vorhatte. Und statt vern�nftig dar�ber nachzudenken, wie erfolgversprechend es war, sich zu zweit ausgerechnet mit dem Heerf�hrer Orgrim und einem ganzen Trollherzogtum anzulegen, hatten er und Kadlin sich nur gegenseitig immer weiter aufgestachelt, bis sie beide vom sicheren Erfolg des Unternehmens �berzeugt waren.</p><p>Er w�rde vielleicht noch hier herauskommen. Ob Leylin wohl versuchen w�rde, ihn dazu zu �berreden, wenn sie hier w�re? Wahrscheinlich nicht. Seine kleine Schwester den Trollen zu �berlassen, w�re ehrlos. Mit dieser Schande k�nnte er nicht weiterleben. Aber er w�rde sich an Wolkentauchers Beinen festhalten k�nnen.</p><p>Er blickte zum Himmel. Graue Wolken, schwer vom Schnee, den sie mit sich trugen, trieben tief �ber ihm hinweg. Wenn ein Schneesturm einsetzte, k�nnte er den Trollen ebenfalls entkommen. Aber nicht Kadlin. So geschw�cht wie sie war, w�rde auch ein solcher Versuch ihren sicheren Tod bedeuten.</p><p>Was ging bei den Trollen vor sich? Warum hatten sie nicht Wort gehalten?</p><p>Melvyn sah nach seiner Schwester. Sie hatte sich wie ein Kind eingerollt, die H�nde auf ihre Schultern gelegt. Er hatte sie, so gut es ging, zugedeckt. Ihr Gesicht gl�hte vor Fieber. Oder waren es die Erfrierungen an Stirn, Nase und Wangen, die ihrem Gesicht die rote Farbe gaben? Ihr Atem ging regelm��ig. Wenigstens das. Er untersuchte ihre H�nde. Die Frostbeulen waren dunkler geworden. Sie sahen nicht gut aus. Er seufzte.</p><p>Niedergeschlagen verlie� er die Deckung der Felsnische. Auf dem Hang gegen�ber waren nun weit �ber hundert Trolle versammelt. Und mit jedem Herzschlag wurden es mehr. Hundert Trolle, das war mehr als genug, um Firnstayn dem Erdboden gleichzumachen!</p><p>Ein Trupp, gewappnet mit t�rgro�en Schilden, l�ste sich aus der dunklen Linie. Sie liefen den Hang hinab, dass der Schnee nur so aufspritzte.</p><p>Melvyn blickte zur�ck. Ein wenig seitlich gab es einen schroffen Felsen. Mit ihm im R�cken w�rde er l�nger durchhalten. Er atmete tief aus, lockerte die Schultern und war bereit f�r sein letztes Gefecht.</p></section><section><title><p>Ein schwarzer Tag</p></title><p>Oblon rannte aus der Ahnenkammer in die ersterbende Nacht. Was sollte er tun? Der Riese w�rde sich r�chen! Das war unausweichlich bei dem, was er ihm angetan hatte.</p><p>Dabei hatte er es f�r alle Beteiligten gut gemeint. F�r sich, f�r das Dorf, die Riesin, die ihren Geliebten zur�ckbekommen h�tte. Der Besessene, der endlich wieder Herr seines K�rpers geworden w�re.</p><p>Er blieb am Dornenwall stehen und blickte zu seiner H�tte zur�ck. Es gab alte Geschichten, da opferte der Schamane seine erstgeborene Tochter, um die Drachen gn�dig zu stimmen, die Regen schickten, um die Ernte zu retten, oder einen Feind vertrieben. Eine Tochter hatte er nicht. Ob es helfen w�rde, sein Weib, Firandi, zu opfern? Wohl nicht. Vielleicht sollte er sein eigenes Leben als Pfand an bieten, um Unheil abzuwenden. Vielleicht gen�gte es dem Riesen ja, ihn niederzumetzeln.</p><p>Die Beine, die aus dem erweiterten Eingang der Ahnenkammer ragten, bewegten sich.</p><p>Bald w�rde Falrach herauskommen. Bis dahin musste er eine Entscheidung treffen, dachte Oblon.</p><p>Das tiefe Dr�hnen eines Muschelhorns klang �ber den Fluss. Nicht jetzt! Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen? Er sah den H�gel hinab. Auf der anderen Seite des Flusses stand eine einzelne Gestalt. Sie war zu gro� f�r einen Kobold. Das konnte man schon von Ferne sehen. Die Trolle kamen!</p><p>�Aufstehen!�, rief Oblon aus Leibeskr�ften. �Die Trolle!�</p><p>Die Gestalt �berquerte den Fluss. Sie h�pfte von Stein zu Stein. Als sie das Ufer betrat, setzte sie erneut das Muschelhorn an die Lippen.</p><p>Der Schamane suchte nach Anzeichen daf�r, dass der Troll nicht allein war. Bestimmt lauerten irgendwo seine Gef�hrten. Das morgendliche Zwielicht verwandelte das Land in ein Reich aus grauem Licht und tiefen Schatten.</p><p>Das Dorf war zum Leben erwacht. Er h�tte nicht rufen m�ssen. Allein das Muschelhorn verk�ndete schon, welches Unheil dieser Tag brachte. Firandi klammerte sich an seinen Arm. �Hast du die Geister ver�rgert? Du h�ttest die Wand nicht einschlagen d�rfen. Jetzt sch�tzen sie uns nicht mehr.�</p><p>�Die Trolle w�ren ohnehin gekommen�, entgegnete Oblon.</p><p>�Wo ist die Riesin?�, fragte einer seiner Vettern. �Wir haben die beiden doch die ganze Zeit durchgef�ttert, damit sie uns helfen. Wo ist sie? Und was ist mit dem Kerl?�</p><p>Oblon hatte einen Einfall. �Holt das Schwert des Riesen!� Erfreulicherweise fragte niemand, warum. Sie gehorchten einfach nur.</p><p>Der Troll marschierte unbeirrbar auf das Dorf zu. Allein, so als sei er unbesiegbar. Er war eine stattliche Erscheinung. Eine Holzkeule, die wie eine Kralle einen schweren Stein umschloss, hatte er l�ssig auf die Schulter gest�tzt. Er war gut gen�hrt, trug nur einen Lendenschurz und gekreuzte Muschelschn�re �ber der Brust. Er strahlte Kraft und Zuversicht aus.</p><p>Zehn Schritt vor dem Dornenwall blieb er stehen. �Ich bin Douar, die Stimme der Grauh�ute. Ich komme, um euch f�r euren Frevel zu bestrafen. Ihr habt den Tribut nicht entrichtet. Glaubt ihr, stark genug zu sein, das Volk der Trolle herauszufordern?</p><p>Wir zertreten euch wie l�stiges Gew�rm!�</p><p>Seine Br�der und Schwestern ringsherum wichen zur�ck. Nur Oblon blieb stehen.</p><p>Douar war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war mehr als einen Kopf gr��er. Aber der Schamane dachte nur an die Riesen.</p><p>�Die Zeit der Grauh�ute ist vorbei. Berichte das deinem Volk, Stimme. Geh und komme nie zur�ck, dann werden du und die Deinen verschont.�</p><p>Douar nahm die Keule von der Schulter und trat einen Schritt n�her. �Du musst Oblon sein. Man hat mir von dir erz�hlt, Schamane. Es hei�t, du w�rdest zu oft mit den Geistern sprechen. Du bist nicht mehr ganz von dieser Welt.� Er wandte sich an die anderen. �Schenkt mir seinen Kopf, und ich werde seine Worte vergessen. Ich fordere f�nfzig Kr�ge voller Maisk�rner. Trockenfleisch, genug um drei�ig Krieger drei�ig Tage lang zu n�hren. Zwanzig K�rbisflaschen mit Schnaps und drei Weiber, die unsere Dienerinnen sein sollen. Gebt mir all das, und ich werde nicht den Zorn der Grauh�ute auf euch herabrufen. Niemand besiegt uns Trolle.�</p><p>Oblon trat zur Seite und deutete auf das Schwert, das mitten auf dem Weg im Dorf lag.</p><p>Dort, wo seine M�nner es hatten fallen lassen, als sie vor dem Zorn des Trolls zu-r�ckwichen. �Siehst du diese Waffe, Douar? Geh! Ich befehle es dir ein letztes Mal.</p><p>Sonst wird der Riese, der dieses Schwert tr�gt, meinen Zorn zu deinem Volk bringen!�</p><p>Douar streckte sich, um die Waffe besser sehen zu k�nnen. Einige Herzschl�ge lang schien er zu zweifeln, was zu tun war. Dann sch�ttelte er den Kopf, und endlich fing er leise an zu lachen. �Es gibt kein Gesch�pf in Albenmark, das eine solche Waffe tragen k�nnte.�</p><p>�Bedenke gut, was du sagst!� Oblon drehte sich um und forderte die Seinen auf, zur Seite zu treten, damit der Troll Fairachs F��e sehen konnte. Aber sie schienen nicht zu begreifen. Vor Angst waren sie wie versteinert.</p><p>Douar hob das Muschelhorn an seine Lippen. Ein langer, klagender Laut fuhr durch das Tal. Und die Felsbl�cke auf der anderen Seite des Flusses schienen wie durch Zaubermacht lebendig zu werden. Dutzende Trolle hatten sich dort verborgen und standen nun auf wie ein Mann. Sie schlugen ihre Kriegskeulen auf ihre gro�en Lederschilde und st�rmten mit wildem Geheul in den Fluss.</p><p>�Dies ist der Tag, an dem dein Volk sterben wird, Oblon.� Douar hob seine Keule. Er nahm kurz Anlauf und sprang durch die L�cke in der Dornenhecke, in der Oblon eben noch gestanden hatte.</p><p>Der Schamane wich aus. Dann griff er sich einen mannlangen St��el, der in einem steinernen M�rser lehnte. Douars Keule sauste nieder. Er fing den Schlag ab, doch die Kraft des Trolls lie� ihn dabei in die Knie brechen. �Wehrt euch!�, rief Oblon verzweifelt, doch seine Leute warfen sich einfach zu Boden und wanden sich wimmernd im Staub.</p><p>Wieder sauste die Keule des Sprechers hinab. Oblon wich aus, doch nicht schnell genug. Der Schlag streifte ihn. Sengender Schmerz fuhr durch seinen linken Arm. Er trat zur�ck und strauchelte. Fluchend ging er zu Boden. Doch als Douar sich breitbeinig �ber ihm aufbaute, versetzte er ihm mit dem Maisstampfer einen Hieb ins Gem�cht. Leider hatte er kaum ausholen k�nnen, so dass der Schlag mit wenig Wucht traf. Doch er gen�gte, den Troll vor Schmerz aufheulen zu lassen.</p><p>�Wehrt euch, verdammt!�, schrie Oblon verzweifelt. Er konnte nicht fassen, dass sie alle sich lieber den Trollen �berlie�en, statt zu k�mpfen.</p><p>Mit einem Satz war der Schamane auf den Beinen. Er rannte zur�ck zu der aufgebrochenen Totenkammer seiner Ahnen. �Komm heraus, Falrach. Die Trolle sind da! Sie werden alle umbringen, auch dich.�</p><p>Von innen war nur ein undeutliches Gemurmel zu h�ren. Der Tonfall lie� allerdings keinen Zweifel daran, dass es Fl�che waren. Die langen Beine des Riesen zuckten.</p><p>Er h�tte ihm nicht zwei St�cke Hattah geben sollen, haderte Oblon mit sich. Er selbst hatte viele Jahre gebraucht, bis er so viel von dem Kakteenfleisch vertrug, ohne tagelang benommen zu sein.</p><p>�Oblon!� Der Sprecher kam steifbeinig auf ihn zu. Sein Gesicht war eine Grimasse des Schmerzes. Schwei� perlte von seiner grauen Haut. Einer seiner Ketten war zerrissen, und mit jedem Schritt rieselten kleine, zahnwei�e Muscheln zu Boden.</p><p>Warum hatte er nie einen Zauber gelernt, der ihm jetzt nutzen konnte? Der Troll w�rde ihn in St�cke hacken.</p><p>Doch pl�tzlich hielt Douar inne. Endlich hatte er die Beine des Riesen entdeckt! Und Falrach bewegte sich. Sein Allerwertester ruckte nach oben und stie� gegen den Eingang zur Ahnenkammer. Einige Stoffstreifen und Perlenschn�re rissen ab.</p><p>Oblon fiel ein Wort der Macht ein, mit dem man Fliegen anlockte. Laut schrie er es dem Troll entgegen, und tats�chlich wich Douar ein wenig zur�ck. Der Anblick des Riesen hatte ihn ersch�ttert.</p><p>Falrach schob sich aus der Ahnenkammer. Seine Augen hatten blutrote R�nder. Das Gesicht war aschfahl. Er st�tzte sich auf die Lehmwand und stemmte sich hoch. Sofort knickten ihm die Beine wieder ein. �Wo sind die Trolle?� Die Stimme des Riesen war ein heiseres Kr�chzen.</p><p>Die ersten Trollkrieger sprangen �ber den nur halb ver schlossenen Durchlass im Dornenwall. Als sie den Riesen entdeckten, endete ihr selbstsicherer Sturmlauf.</p><p>�Er wird euch alle t�ten�, drohte Oblon, w�hrend immer mehr Fliegen um ihn herumschwirrten.</p><p>Douar hatte sich gefasst. Er deutete mit der Keule auf Falrach. �Dieser Riese ist betrunken und unbewaffnet. Auf ihn, tapfere Grauh�ute! Niemand kann uns Trollen widerstehen.� Die �brigen Krieger teilten seinen Kampfgeist nicht. Mit schreckensweiten Augen blickten sie zu dem Riesen auf. Oblon konnte sich gut vorstellen, wie sie sich f�hlten. Er kannte den Riesen nun ja schon einige Tage, aber auch er fand ihn immer noch erschreckend gro�.</p><p>Der Sprecher der Trolle st�rmte vor und schlug Falrach mit der Keule aufs Knie. �Seht, er ist kein K�mpfer wie wir!�</p><p>Der Riese schwankte. Dann versetzte er Douar einen Tritt, der den Troll durch die Luft wirbeln lie�. Der Sprecher schlug hart gegen die Lehmwand einer H�tte. Benommen rappelte er sich auf. �Packt die beiden! Sie rebellieren gegen die Herrschaft der Trolle.</p><p>Ihr wisst, was das bedeutet!�</p><p>Oblon fand diese Rede merkw�rdig und nicht sonderlich ermunternd. Die Trolle dachten aber offensichtlich anders. Sie duckten sich hinter ihre Schilde und r�ckten langsam vor. �Helft uns doch!�, rief der Schamane seinen Leuten zu.</p><p>�Wer keine Waffe gegen uns erhebt, den verschonen wir!�</p><p>Oblon fluchte. Seine Leute h�rten auf den Sprecher der Trolle und nicht auf ihn. So ein Pack! W�tend schwang er den Maisstampfer �ber seinem Kopf und lie� ihn auf den Schild eines Trolls krachen. Die Luft war erf�llt vom Summen Hunderter Fliegen. Der Riese wedelte mit den Armen, um die l�stigen Insekten zu verscheuchen.</p><p>Der Schamane sprach ein Wort der Macht und legte all seine Wut und seine Entt�uschung in den Zauber. Douar verstr�mte nun einen Gestank wie eine Jauchegrube an einem hei�en Sommertag. Sofort versammelten sich die Flie gen um ihn. Wie dichter Rauch umgaben sie ihn. Der Sprecher schrie. Allerdings nur ein einziges Mal. Oblon l�chelte geh�ssig. Es war kein guter Einfall, seinen Mund zu �ffnen, wenn man von so vielen Fliegen umschwirrt wurde.</p><p>Unbeirrt vom Schicksal ihres Sprechers r�ckten die Trolle weiter vor und dr�ngten ihn zur�ck, bis er dicht neben Falrach mit dem R�cken zu seiner H�tte stand. Der Riese setzte sich mit Fu�tritten zur Wehr, gegen die sich die Trolle auch mit ihren gro�en Schilden nicht sch�tzen konnten.</p><p>Sie attackierten ihn auch mit Wurfspeeren, doch er schlug sie einfach aus der Luft, als seien sie von kraftlosen Greisen geschleudert worden. Pl�tzlich schlug sich Falrach auf die Wange, als wolle er ein Insekt verscheuchen. Ein feiner Blutstropfen rann �ber seine blasse Haut. Ein vergifteter Blasrohrpfeil musste ihn getroffen haben.</p><p>Der Riese ging in die Knie. Mit beiden H�nden packte er den n�chststehenden Trollkrieger und schleuderte ihn in die Schlachtreihe seiner Gef�hrten.</p><p>Eine Wurfkeule traf Oblon seitlich am Kopf. Benommen torkelt er gegen den knienden Riesen. �Werden die uns fressen?�, fragte Falrach merkw�rdig gedehnt, als m�sse er jedes Wort mit Gewalt �ber die Lippen zwingen.</p><p>�Dich fressen sie. F�r mich werden sie sich etwas Schlimmeres ausdenken.�</p><p>Falrach fasste sich mit der Hand an die Stirn. Seine Augenlider flatterten. Sein Gesicht hatte die Farbe von gebranntem Kalk. Oblon kannte die Anzeichen. Jetzt begann er keuchend zu atmen. Das Gift l�hmte ihn. Er w�rde ersticken. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.</p><p>Die Trolle wichen zur�ck. Sie wussten, dass der Kampf entschieden war. �berall hob Jammern und Wehklagen an. Er konnte verstehen, dass sein Volk es nicht wagte, gegen die Grauh�ute zu k�mpfen. Wer vermochte schon Trolle zu besiegen! Wenn die andere Riesin auch hier gewesen w�re, h�tte die Schlacht vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Nun aber war alles verloren.</p><p>Falrach stie� sich von der Lehmmauer ab und sprang mit ausgebreiteten Armen den Trollen entgegen. Zwei Krieger verschwanden schreiend unter dem massigen K�rper des Riesen. F�nf oder sechs andere st�rzten beim Versuch, dem Verh�ngnis auszuweichen. Fairachs Rechte schloss sich um die Kehle eines Trolls. Die �brigen hieben mit Keulen und Speeren auf den Riesen ein.</p><p>Oblon nutzte die Verwirrung unter den Feinden, um selbst einen letzten, verzweifelten Angriff zu unternehmen. Zwei Schritt hinter ihm ruhten die Ahnen vieler Generationen. Sie sollten sehen, wie er als Held die Reise zu ihnen antrat.</p></section><section><title><p>Vom Blutrecht</p></title><p>�Ich will mit der K�nigin sprechen!�, rief der Anf�hrer der Trolle mit einer Stimme, die wie Donner von den Bergen widerhallte. Sie waren vielleicht zehn Schritt vor ihm stehen geblieben.</p><p>�Sie hat Fieber. Sie liegt in tiefem Schlaf. Und selbst wenn sie wach w�re, w�rde sie nicht klar reden k�nnen. Ich spreche f�r sie.�</p><p>�Du wirst mir die eine, alles entscheidende Frage nicht beantworten k�nnen. Das kann nur sie. Lass mich zu ihr, Elf, oder du stirbst!�</p><p>Melvyn lachte auf. Es war ein freudloser Laut, geboren aus Wut und Verzweiflung.</p><p>�Du r�ckst nicht mit Heeresmacht an, um mit ihr zu reden, Troll. F�r wie dumm h�ltst du mich?�</p><p>�Da du ein Maurawan zu sein scheinst, f�r ziemlich dumm. Dumm und gef�hrlich.� Er winkte seinen Leibwachen. Seine berststeinfarbenen Augen gl�hten im Morgenlicht wie Katzenaugen, die bei Nacht ein Fackellicht einfingen. �T�tet ihn!�</p><p>Die Trolle der Leibwache gehorchten umgehend. Krachend schlugen ihre schweren Schilde gegeneinander, so dass eine Wand aus Holz entstand. Melvyn begriff, dass sie ihn einfach an der Felswand zerquetschen konnten. Statt einen guten Platz zur Verteidigung zu w�hlen, hatte er sich in eine t�dliche Falle man�vriert.</p><p>Er st�rmte vor, warf sich, kurz bevor er auf die h�lzerne Wand traf, in den Schnee und versuchte mit seinen Krallenh�nden unter den Schilden hindurch die Beine eines seiner Gegner zu attackieren.</p><p>�Die Schilde nieder!�, gellte die Stimme Orgrims.</p><p>Der Troll konnte ihn nicht sehen, das war v�llig unm�glich. Er musste erraten haben, was er tun w�rde. Knirschend fuhren die Holzschilde in den �berfrorenen Schnee. Ein Speersto�, der �ber die Schildmauer gef�hrt wurde, verfehlte Melvyn knapp. Er sprang auf und wich bis ganz an den Felsen zur�ck. Sofort begannen die Trolle wieder vorzur�cken.</p><p>Es gab nur noch eine letzte, verzweifelte M�glichkeit zu entkommen. Wenn Orgrim auch diesen Plan vorausgesehen hatte, dann w�re er binnen weniger Herzschl�ge tot, dachte Melvyn. Besser so zu sterben, als hilflos gegen die Felsen gedr�ckt niedergemacht zu werden, entschied er und stie� sich vom kalten Stein ab.</p><p>Er st�rmte dem Schildwall entgegen. Seine Rechte schnellte vor. Silberstahl fra� sich in Eiche. Er stie� sich ab. Die zweite Kralle schlug gegen den Schildrand. Melvyn zog sich hoch. Einen Lidschlag lang kauerte er auf der Schildkante. Das Gesicht des entsetzten Trolls war weniger als eine Elle von ihm entfernt.</p><p>Der Maurawan stie� sich ab und landete im Schnee. Ohne zu z�gern, st�rmte er geradewegs auf Orgrim zu. Wenigstens diesen einen Troll wollte er t�ten, bevor er niedergemacht wurde. Er wusste um Orgrims Ruf als Heerf�hrer, und er war sich sicher, dass dessen Tod die Geschichte Albenmarks ver�ndern w�rde. Ganz gewiss w�rden die Elfen und Kentauren eines Tages gegen die Herrschaft der Trolle rebellieren. Und dann war es besser, wenn sie nicht gegen Orgrim antreten mussten.</p><p>Der Trollf�rst gab ihm mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass auch er den Zweikampf suchte. Orgrim hob seinen Kriegshammer, eine Waffe mit einem schweren Granitkopf, und spreizte die Beine leicht.</p><p>Melvyn war sich klar, dass er einen schnellen Sieg brauchte. Er w�rde versuchen, die Waffe zu unterlaufen, dem Troll die krallenbewehrte Linke in den Magen rammen und mit einem Sprung ihm mit der Rechten die Kehle zu zerfetzen. Orgrim trug keinerlei R�stung. Nichts w�rde ihn vor den Silberstahlkrallen sch�tzen.</p><p>Pl�tzlich lie� der Troll seine Waffe sinken. Er hob den linken Arm und deutete zur Felswand. �Warte! Sieh zur�ck!�</p><p>Melvyn griff nicht an. Aber blickte auch nicht zur�ck. War das eine Finte? Jetzt seinen Gegner aus den Augen zu lassen, w�re t�dlicher Leichtsinn.</p><p>Orgrim schien seine Gedanken zu erraten. Er wich einige Schritte zur�ck, so dass der Abstand zwischen ihnen gr��er wurde. Auch gab er seiner Leibwache ein Zeichen, die Waffen gesenkt zu halten.</p><p>�Bitte, k�mpft nicht!� In der pl�tzlichen Stille war Kadlins schwache Stimme zu h�ren.</p><p>Melvyn lie� alle Vorsicht fahren und blickte zur�ck. Seine Schwester hatte sich in der Felsnische erhoben. Unsicher stand sie auf schwachen Beinen. Sie war noch nackt und hielt die Kleider an sich gepresst, mit denen er sie zugedeckt hatte.</p><p>�Gehen wir zu ihr?�, fragte Orgrim.</p><p>�Was willst du?�, fuhr Melvyn den Trollf�rsten an. �Was gibt es noch zu besprechen?�</p><p>�Komm mit und h�re zu!� Ohne auf Antwort zu warten, setzte der Troll sich in Bewegung.</p><p>Melvyn begann zu laufen, so dass er immer zwischen dem Troll und seiner Schwester blieb.</p><p>�Ist das die Art, wie Trolle zu ihrem Wort stehen? Du hattest uns freien Abzug versprochen!�</p><p>Orgrim lie� sich nicht zu einer Antwort herab.</p><p>Melvyn erreichte vor dem Herzog die Felsnische. Breitbeinig stellte er sich vor seine Schwester.</p><p>�Eine Frage, Weib.� Orgrim ignorierte ihn weiterhin.</p><p>�H�ttest <emphasis>du</emphasis> dich an unseren Pakt gehalten? W�rst du in deinem K�nigreich geblieben?</p><p>Oder w�rest du wiedergekehrt, um erneut nach der Leiche deines Vaters zu suchen.�</p><p>�Ich w�re wiedergekommen�, entgegnete Kadlin mit schwacher Stimme.</p><p>Die Worte trafen Melvyn wie ein Dolch in den R�cken. Wie konnte sie so naiv sein!</p><p>�Sie hat Fieber�... �</p><p>�Das schlie�t eine ehrliche Antwort nicht aus�, sagte der Troll k�hl. Er deutete zu dem Hang. �Ich habe meine Krieger versammelt, um dein K�nigreich zu zerst�ren. Ich werde bald nach Albenmark m�ssen. Und ich habe es bereits erkl�rt: Als ich das letzte Mal die Nachtzinne verlassen habe, fand ich bei meiner R�ckkehr meine Weiber und meine Welpen gemordet. Ihr habt sie bei lebendigem Leib verbrannt.� Der Troll griff sich nach seinem Herzen. �Wei�t du, was das f�r ein Gef�hl ist? Ihr habt mir mein Herz herausgeschnitten. Ich lebe noch. Ich atme noch. Aber eigentlich bin ich tot. Ich hatte entschieden, dass du und die Deinen dieses Gef�hl kennenlernen sollen.�</p><p>�Ich war sehr klein, als ihr Trolle meine Heimat �berfallen habt. Aber ich kann mich noch an die erfrorenen Kinder erinnern, die ich halb von einem Leichentuch aus Schnee zugedeckt auf dem Eis der Fjorde habe liegen sehen. Wegen dieses Krieges bin ich von meinem Vater getrennt aufgewachsen.�</p><p>�Du wei�t, warum wir damals gekommen sind? Es war dein Vater, der als Erster das Schwert erhoben hat, als er den Elfen zu Hilfe eilte!�</p><p>�Und jetzt t�test du meine wehrlose Schwester, weil dies die einzige Antwort ist, die dir auf all das Blutvergie�en einf�llt?�, fuhr Melvyn den Trollf�rsten an. �Und wie wird es dann weitergehen? Kannst du mit diesem H�uflein Trolle alle Menschenkinder umbringen, die im Fjordland leben? Oder werden dir welche entkommen, die dann ihrerseits auf Rache sinnen.�</p><p>�Welch gl�cklicher Tag, dass ich mich im Licht deiner Weisheit sonnen darf, Elflein.�</p><p>�Was willst du, Troll? Lass uns hin�bergehen und den Streit unter uns ausmachen, oder hast du Angst, dich mit einem Elflein zu schlagen?�</p><p>�Ich bin hier, um die Menschenkinder besser kennenzulernen. Ich will sicher sein, dass sie niemals mehr ihr Schwert gegen meine Heimat erheben werden. Die Menschen folgen ihr. Jetzt, in dieser Stunde, ist der alte Mann ohne Nase nur noch drei Meilen entfernt. Er hat alle Krieger aufgeboten, die er finden konnte. Jeden Trottel, der auch nur eine Mistgabel tragen kann. Sie alle werden bis zur Mittagsstunde tot sein, wenn ich es will.�</p><p>�Schneid mir den rechten Arm ab!�</p><p>Melvyn fuhr zu Kadlin herum. Sie sollte besser den Mund halten! Schwei�perlen standen ihr auf der Stirn. Vorgebeugt st�tzte sie sich auf einen Stein. Sie sah aus, als w�rde sie jeden Augenblick vor Schw�che zusammenbrechen.</p><p>�Schneid mir den Schwertarm ab, dann bist du sicher vor ihm.�</p><p>Der Troll legte den Kopf schief. Es war unm�glich, in seinem grauen Gesicht zu lesen.</p><p>Zu fremd waren seine Z�ge. L�chelte er? �Darauf k�nnte ich mich einlassen�, sagte Orgrim schlie�lich.</p><p>�Ich nicht!� Melvyn hob drohend die Krallenf�uste. �Du r�hrst sie nur �ber meine Leiche an.�</p><p>�Wenn das dein Wunsch ist, Elflein.� Orgrim hob seine Keule.</p><p>�Lass es ihn tun, Melvyn. Bitte.� �Du hast Fieber. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich��</p><p>�Stel dich nicht zwischen mich und mein Volk!� Er sah zu ihr hin�ber. Ihre Z�ge waren hart geworden. Sie bot all ihre Kraft auf, dr�ckte den R�cken durch und stellte sich aufrecht hin. Dann streckte sie ihren Arm vor. �Diesmal wird unser Pakt mit Blut besiegelt. Ich schw�re bei den G�ttern des Fjordlands, ich werde keinen Krieg mehr gegen dich f�hren.�</p><p>�Und du wirst nicht mehr in mein Land kommen und versuchen zu stehlen, was du f�r immer verloren hast.�</p><p>Ein Muskel in ihrer Wange zitterte, so sehr spannte sie sich an. �Ja.� Sie sah zu ihm. Ihr Blick gebot ihm zu schweigen. Sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben. Was wusste er schon von der Welt der Menschen?</p><p>�Du wirst sie umbringen�... �</p><p>�Vielleicht besch�tzen sie ja ihre G�tter.�</p><p>Ein zynischer Troll! Wer hatte je von so etwas geh�rt! Jedes Albenkind wusste, dass es keine G�tter gab! Sie existierten nur, damit sich die Menschenkinder ihre Welt erkl�ren konnten. Sie wollten immer alles erkl�ren.</p><p>�Lass ihn vorbei, Bruder.�</p><p>Melvyn gehorchte. Auch der Troll wirkte angespannt. Er lehnte seinen Kriegshammer gegen den Fels. Immer wieder blickte Orgrim zu ihm hin�ber, so als f�rchte er, hintergangen zu werden. Der H�ne zog ein Messer aus schwarzem Vulkanglas aus seinem G�rtel.</p><p>Kadlin hielt noch immer ihren Arm ausgestreckt. Er packte ihre Hand.</p><p>Melvyn riss unwillk�rlich die Krallenf�uste hoch.</p><p>Der Troll schnitt der K�nigin in die Handfl�che. Dunkles Blut troff in den zerw�hlten Schnee. Dann schnitt er sich selbst in die Hand und hob sie hoch �ber den Kopf, wie um sie all seinen Kriegern zu zeigen. Blut rann ihm den Arm hinab.</p><p>�Ich schlie�e Frieden mit dir, Menschentochter. Ich tue es gegen den Rat meiner �ltesten. Sie haben mir gesagt, dass du mich hintergehen wirst. Ich tue es, weil mich dein Mut beeindruckt hat. Du h�ttest deinen Arm gegeben f�r dein Volk. Du hast es gewagt, mir ins Gesicht zu sagen, dass du wiederkommen w�rdest. Davon waren auch meine Berater �berzeugt. H�ttest du etwas anderes gesagt, dann w�rst du jetzt tot.</p><p>Vielleicht �berlegst du schon jetzt, ob du mich hintergehen willst. Aber ich bin ein Mann, der seine Zukunft selbst formt. Alles ist m�glich, wenn wir es wollen.� Wieder winkte er den Kriegern auf dem H�gel zu. �Ich habe entschieden, dir die Leiche deines Vaters zu �berlassen. Dann hast du keinen Grund mehr, wortbr�chig zu werden. In meinem Volk ist ein Eid, den man mit seinem Blute schw�rt, so fest wie das Gebein der Erde. Ich kenne mein Rudel, Menschentochter. Es wird wilde Welpen geben, die �ber die Grenze gehen werden, um Vieh zu stehlen. Ich werde das nicht verhindern k�nnen. Und du wirst deine Rudelf�hrer nicht daran hindern k�nnen, dass sie sich hin und wieder daran versuchen, einen Troll zu t�ten. Doch wir beide wollen uns versprechen, dass wir nicht mehr die Waffen gegeneinander erheben. Und dass nie mehr ein feindliches Heer das Land des anderen betritt.� Er machte eine abrupte Bewegung mit der Hand, so dass Kadlin sein Blut ins Gesicht spritzte. Dann sah er sie erwartungsvoll an.</p><p>Seine Schwester blickte fragend zu ihm, doch auch Melvyn wusste nicht, was der Troll erwartete. Er war ern�chtert, f�hlte sich vorgef�hrt und besch�mt. Klackend lie� er die Krallen aus Silberstahl in seine Armschienen zur�ckfahren.</p><p>Orgrim kniete vor Kadlin nieder und nahm vorsichtig ihre blutende Hand. Er ber�hrte damit sein Gesicht. Ja, er leckte nach dem Blut!</p><p>�Nun ist es mit Blut beeidet�, sagte er so laut, dass es auch die Krieger auf dem H�gel h�ren konnten. �Bringt ihren Vater.� Leise f�gte er hinzu: �Eine letzte Bedingung stelle ich noch. Ich will, dass man mir dein Herz bringt, wenn du eines Tages stirbst, Menschentochter.� Er drehte sich zu Melvyn um. �Du wirst das tun!�</p><p>Er war sprachlos. Ihr Herz! Er wusste, dass Trolle besonders tapfere Gegner ehrten, indem sie ihr Herz verspeisten. Sie glaubten, deren Mut in sich aufzunehmen, wenn sie es taten. Aber die Vorstellung, eines Tages das Herz seiner Schwester aus deren Leib zu schneiden�... Das war zu viel!</p><p>�Ich denke nicht...�</p><p>� ... dass dies ein Hindernis f�r unseren Frieden sein wird�, sagte Kadlin entschieden, und ihr Blick gebot ihm erneut zu schweigen. Sie hatte ihre letzte Kraft in diesen Blick gelegt. Nun sank sie am Felsen in sich zusammen.</p><p>�Bringt ein Fell f�r sie�, rief Orgrim.</p><subtitle>Gerechtigkeit</subtitle><cite><p>�Wer sich des Wuchers mit Essbarem schuldig gemacht und seiner Herde auf diese Weise Schaden zugef�gt hat, der ist einem Rudelf�hrer auszuliefern. Der Rudelf�hrer wird den Straft�ter auf einem �ffentlichen Platz vor den Augen der Gesch�digten bei lebendigem Leib verspeisen.</p><p>Ein H�ndler, der mit falschen Gewichten auf seiner Waage betrogen hat, der ist einem Rudelf�hrer auszuliefern. Auf einem �f entlichen Platze wird ihm das Hundertfache des Gewichtes, um das er betrogen hat, vor aller Augen aus seinem lebendigen Fleisch geschnitten.</p><p>Wer einen Viehdieb stellt, bevor jener sein eigenes Land erreicht, der darf den Dieb erschlagen und wird daf�r nicht verfolgt werden.</p><p>Ein Viehdieb, der es schafft, das gestohlene Vieh auf sein eigenes Land zu treiben, gilt nicht weiterhin als Dieb und darf nicht mehr belangt werden. Wer gegen ihn die Hand erhebt, wird vom Gesetz verfolgt werden.</p><p>Ein H�ndler, der mehr als die H�lfte des Preises, um den er eine Ware eingekauft hat, auf den Weiterverkaufspreis aufschl�gt, ist wie ein Dieb zu behandeln. F�r den ersten Diebstahl wird er mit einem gl�henden Eisen im Gesicht gebrandmarkt. F�r den zweiten Diebstahl sol ihm eine Hand abgehackt werden. Wird er ein drittes Mal �berf�hrt, so ist sein Leben verwirkt.</p><p>Wer zum Schaden der Herde Gesch�fte mit dem Geld und Gut anderer macht, der muss den Schaden mit seinem eigenen Geld und Gut begleichen. Sollte dies nicht ausreichen, so wird auch al er Besitz seiner Blutsverwandten eingezogen. Ist auch das nicht genug, d�rfen der Betr�ger und al seine Verwandten in die Sklaverei verkauft werden. Dies Geld wird ebenfal s an die Gesch�digten weitergegeben�... �</p><text-author>Das Gesetz, Abschrift des Trollkodex, aufgefunden in der Stadt Uttika, s. 7 und 8.</text-author></cite></section><section><title><p>Das Buch</p></title><p><emphasis>�Wer in betrunkenem Zustand einen anderen tottrampelt oder verletzt, der wird daf�r in al er �f entlichkeit streng gescholten werden. Er f�llt jedoch nicht unter die Blutsgerichtsbarkeit, da er im Augenblick des Ungl�cks nicht Herr seiner Sinne war.�</emphasis> Der stets so beherrschte und �berhebliehe Elija Glops vermochte seine Stimme kaum im Zaum zu halten, w�hrend er die Worte vorlas. �Das ist kein Gesetz! Das ist eine ganz unverh�llte Beleidigung aller Kobolde. Es wird zu Aufst�nden kommen, wenn dieses Gesetz �ffentlich verlesen wird.�</p><p>�Warum? Es k�nnte doch auch ein betrunkener Kobold auf eine Bl�tenfee treten?�, entgegnete Skanga lustlos. Am liebsten h�tte sie Elija aus dem Thronsaal geworfen, aber bald w�rde sich im Albenstern vor ihnen ein Tor �ffnen, und die Schamanin wollte, dass der Lutin beobachtete, ob dabei alles mit rechten Dingen vor sich ging. Ihr Besuch bei Alathaia, der Elfenf�rstin von Langollion, war ein einziges �rgernis gewesen. Diese aufs�ssige Elfenschlampe hatte unversch�mte Forderungen gestellt.</p><p>Noch in dieser Stunde w�rde sie kommen! Und Elija sollte beobachten, ob sie versuchte, Krieger durch das Goldene Netz zu f�hren, um den Palast zu st�rmen. Ihr war jeder Verrat zuzutrauen. Leider hatte Elija sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet jetzt �ber den ersten Entwurf des Trollgesetzbuches zu reden.</p><p>Am liebsten w�rde Skanga ihn packen und ihm den Fuchskopf von den schmalen Schultern rei�en. Vielleicht w�rde sie sogar von seinem Hirn essen. Er war unbestreitbar schlau. Leider war er unber�hrbar f�r sie. Er hatte es geschafft, sich ins Vertrauen des K�nigs Gilmarak zu schmeicheln. Ihn zu t�ten, w�rde mehr �rger einbringen, als es das kurze Vergn�gen wert war.</p><p>�Mir liegen f�nf Schreiben von F�llen vor, in denen Kobolde durch betrunkene Trolle zu Tode kamen. Der schlimmste Fall hat sich vor neunzehn Tagen in Lavianar in der Provinz Arkadien ereignet. Dort kamen vier Kobolde um, und elf weitere wurden verletzt, weil ein Trupp besoffener Trolle auf die glorreiche Idee kam, ein Kobold-weitwerfen zu veranstalten.�</p><p>Skanga blickte zu Birga, die neben ihr stand. In ihrer Aura herrschte das matte Rot beherrschter Wut vor. Vielleicht k�nnte sie ihre Sch�lerin dazu aufstacheln, diesen l�stigen Besserwisser umzubringen?</p><p>�Und die Gesetze zu Wucher, Geldverleihern und Gewinnraten im Handel! Wenn diese Gesetzte in Kraft treten, dann wird der Handel in sich zusammenbrechen. Gesundes Gewinnstreben wird dann lebensgef�hrlich!�</p><p>�Du sagst doch so gern, dass alle Albenkinder Br�der sind, Elija. Warum sollte man dann dulden, dass einige Br�der sehr reich sind und andere aufgrund ihrer Machenschaften bettelarm bleiben? Liegt es daran, dass auch die Lutin gute Gesch�fte im Karawanenhandel machen? Sollte nicht jemand anderes als du dar�ber urteilen?�</p><p>�Ich weise jegliche Anw�rfe zu Befangenheit entschieden zur�ck. Jeder wei�, dass ich f�r das Volk eintrete und keinerlei pers�nliches Gewinnstreben mein Antrieb ist. Ich habe keinen Gewinn aus dem Aufstand oder meinem Amt gezogen. Und da wir gerade vom Volk reden: Wir sollten auch diesen d�mmlichen Begriff <emphasis>Herde</emphasis> aus den Gesetzestexten streichen! Sprechen wir doch einfach vom Volk! Das kann jeder verstehen. Bitte, Skanga, ich sehe ja die l�blichen Absichten hinter diesem Gesetzeskodex, aber ein solches Werk sollte man in die H�nde von erfahrenen Schreibern und Beamten legen.�</p><p>�Ich will einen Text von zehn Seiten und nicht zehn B�cher voll mit einem Recht, das Kundige so verdrehen k�nnen, dass jedes beliebige Urteil m�glich ist. Du redest so gern vom Volk, Elija. Welcher einfache K�chenkobold k�nnte sich einen guten Schriftgelehrten leisten, der ihn gegen seinen grausamen Herrn vertritt? Ich glaube, man kann zu allen Verbrechen auf zehn Seiten eine Aussage machen. Halte mich nicht f�r dumm, weil ich dem Volk der Trolle entstamme. Du wirst��</p><p>Ein schmaler Streifen blendenden Lichts stieg aus dem Schlangenmosaik inmitten des Thronsaals und weitete sich binnen eines Herzschlags zu einem magischen Tor.</p><p>Skanga krallte ihre gichtkrummen Finger in die Armlehnen des Throns. Es war so unvermittelt gekommen, dass sie im ersten Augenblick erschrak, obwohl sie gewusst hatte, dass Alathaia diesen Weg nehmen musste.</p><p>�Was siehst du?�, fragte sie den Lutin. Die magischen Auren waren so stark, dass sie einander �berlagerten und sie nicht ins Goldene Netz blicken konnte. Sie dachte daran, wie Emerelle den Angriff auf ihre Burg abgeschlagen hatte, indem sie einen Albenpfad mit einem Wort der Macht durchtrennt hatte. So viel Tod und Unheil hatte sie damit heraufbeschworen!</p><p>�Alathaia kommt allein�, sagte Elija. �Sie scheint�... �</p><p>In dem Augenblick trat die Elfenf�rstin durch den Albenstern in den Thronsaal. �Sie tr�gt ein schwarzes Kleid�, fl�sterte Birga in ihr Ohr.</p><p>Als ob das eine Rolle spielen w�rde! Skanga sah nur klar die Aura der Elfe. Sie war erf�llt von arroganter Zuversicht.</p><p>�Sie h�lt ein B�chlein in der Hand. Ich glaube�... Ja, auf dem Einband ist Blut.�</p><p>Das sah auch Skanga. Den Blutflecken haftete noch eine eigene, wenn auch blasse Aura an. Es konnte nicht viel mehr als eine Woche her sein, dass dieses Blut vergossen worden war.</p><p>�Wie ich sehe, Skanga, sind meine Bedingungen nicht erf�llt worden. Emerelles Burg sollte verlassen sein! Nun sehe ich deine h�ssliche Sch�lerin und�... Ist es das Gesicht der F�rstin von Vahlemer, das sie da als Maske tr�gt? Entz�ckend. Ihr Trolle seid doch immer wieder f�r eine �berraschung gut. Wenngleich ich die heutige �berraschung, nicht allein in Emerelles Schloss zu sein, nicht sch�tze. Was soll dieser Lutin hier? Ich bin auf Lutin nicht gut zu sprechen! Jag ihn davon!�</p><p>Elijas Aura hatte eine eigenartige Farbe angenommen. Es war das kalte Blau der Angst, aber durchzogen von einem milchigen Unterton. Er gab der Aura etwas beinahe K�rperliches. So etwas hatte Skanga noch nie gesehen. Der Lutin hatte zweifel os gro�e Angst, doch nicht um sich.</p><p>�Darf ich das Buch einmal sehen?� Elija sprach mit tonloser Stimme.</p><p>�Er starrt auf das Buch�, fl�sterte Birga, als habe sie erraten, was sie dachte.</p><p>�Ist dieser Lutin von irgendeiner Bedeutung?�</p><p>�Elija. Geh!�, befahl Skanga in einem Tonfall, der jeden Troll h�tte die Flucht ergreifen lassen.</p><p>�Dieses Buch. Ich kenne es. Die Pr�gung im Leder. Ich habe ihr dieses Buch zum Geschenk gemacht. Die Flecken � Ist das ��</p><p>�Geh, Elija! Zwinge mich nicht, es dir noch einmal zu befehlen. Was nun in diesen Mauern geschieht, ist nicht f�r deine Augen oder Ohren bestimmt. Versuche nicht, mich zu hintergehen.� Sie fl�sterte ein Wort der Macht. Es war erstaunlich, wie viel Widerstand der kleine Lutin leistete. Seine K�rpergr��e lie� nicht ahnen, welch machtvollen Willen er besa�. Doch schlie�lich zerbrach er. Linkisch drehte er sich um und verlie� mit steifen Schritten den Thronsaal.</p><p>�Ist das der Geist der neuen Herrschaft, dass Kobolde keinen Befehlen mehr gehorchen?�</p><p>�Sie l�chelt unversch�mt�, fl�sterte Birga.</p><p>�Du m�chtest einen Zauber von mir erlernen, Alathaia. Du solltest h�flicher sein.�</p><p>�Und du brauchst etwas von mir, das du nirgendwo anders bekommen kannst.�</p><p>�Ich habe schon einmal Elfen gegen Emerelle ausgesandt. Ich werde es auch ein zweites Mal ohne deine Hilfe schaffen�, entgegnete die Schamanin ruhig. Sie tastete nach ihren Amuletten. Als sie den Albenstein fand, rieb sie ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Macht des Steins l�schte den Schmerz in ihren entz�ndeten Gelenken.</p><p>�Seitdem hat sich alles ge�ndert. Solange Emerelle herrschte, war es nicht schwer, Elfen zu finden, die ihren Untergang wollten. Doch nun w�nschen sich fast alle ein schnelles Ende deines K�nigs Gilmarak. Du brauchst meine Hilfe. Du wei�t das. Und deinen Zauber werde ich auch ohne dich erlernen. Es ist nur eine Frage der Zeit.�</p><p>�Du w�rdest viel Zeit und viel Blut aufwenden m�ssen.� Skanga �berlegte, wie viel �rger ihr die Hilfe Alathaias wert war. Das Ma� war bald voll! �Was ist das f�r ein Buch, das der Lutin so unbedingt sehen wollte?�</p><p>�Es ist der Schl�ssel zu etwas, das mir vor kurzem verlorenging. Du wei�t ja, dass diese schmeichlerischen, kleinen Lutin in Wahrheit alle Diebe sind. Du solltest sie vom K�nigshof vertreiben. Man kann ihnen nicht trauen.�</p><p>�Was suchst du?�</p><p>Statt sofort zu antworten, schlug die F�rstin das Buch auf. <emphasis>�Sie sind dort verborgen, wo Bl�tter, die der Wind nie davontrug, vom letzten Zeugnis einer alten Liebe beh�tet werden.</emphasis></p><p>Das beschreibt einen Ort in dieser Burg.�</p><p>�Wer sind <emphasis>sie?�</emphasis></p><p>�Es ist die Rede von drei Karfunkelsteinen! Und nein, ich wei� nicht, welche Namen sie tragen. Sie sind mir gestohlen worden, und ich glaube, sie wurden hierhergebracht.�</p><p>Karfunkelsteine? Skanga erwartete nicht, eine ehrliche Antwort zu bekommen, wenn sie Alathaia fragte, was sie damit vorhabe. Es w�re dumm, mit ihr deshalb einen Streit anzufangen. Die Elfenf�rstin hatte �rgerlicherweise Recht. Nur sie konnte ihr helfen zu finden, was sie brauchte, um Emerelle zu t�ten. �Karfunkelsteine�, sagte sie bedeutungsschwer und wusste doch nichts.</p><p>�Sie l�chelt hochm�tig�, fl�sterte Birga. �Darf ich aus ihrem Gesicht eine Maske machen, wenn wir sie nicht mehr brauchen? Ich glaube, ich k�nnte dieses L�cheln f�r die Ewigkeit einfangen.�</p><p>Skanga �berging das. Manchmal war Birga auch zu dumm! Sie hatte nicht das Zeug dazu, diese Elfe zu besiegen. Selbst Emerelle f�rchtete Alathaia. Sich mit ihr einzulassen, war so, als lege man sich in ein Bett voller Vipern. �Und du glaubst, hier findest du die Bl�tter, die der Wind nie davontrug? Was haben sie mit deinen Karfunkelsteinen zu tun?�</p><p>�Diese Bl�tter sind belanglos. Ich glaube, es handelt sich um Gedichte von Bl�tenfeen.</p><p>Die anderen Worte sind der Schl�ssel. Das letzte Zeugnis einer alten Liebe. Ich habe dieses B�chlein immer und immer wieder gelesen in den letzten Tagen. Ich denke, ich wei� jetzt, wo ich suchen muss. Es ist hier auch die Rede von einer verborgenen Kleiderkammer der K�nigin.�</p><p>Skanga h�rte das Rascheln von Buchseiten.</p><p>�Hier steht es: <emphasis>Am hintersten Ende sah ich jenes wei�e Kleid, das sie auf dem Begr�bnis Fairachs getragen hatte. Seitdem hatte sie es nicht mehr ber�hrt.</emphasis> Ich glaube, dieses Kleid ist das Zeugnis einer alten Liebe. Dort, wo die Weidenpuppe mit diesem Kleid steht, muss ich suchen! Im Turm der K�nigin. Ganz oben unter dem Dach. Dort verbirgt sie ihre Sch�tze.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ich meinen alten Knochen den Aufstieg auf den Turm zumuten will.�</p><p>�Ich hatte ohnehin die Absicht, allein zu gehen.�</p><p>�Birga wird dich begleiten, werte Freundin. Das ist mein letztes Wort. Die Trolle sind die Herren von Burg Elfenlicht. Du wirst nichts an dich nehmen, ohne dass Birga es sieht. Und versuche nicht, sie zu hintergehen!�</p><p>Endlich sah Skanga einen Anflug von Zorn in Alathaias Aura. Es war nur ein kurzes Aufflackern. Die Elfe verstand es meisterlich, ihre Gef�hle zu beherrschen. Der F�rstin war sicherlich bewusst, dass sie in ihrer Aura lesen konnte. Und wie viel ihre blinden Augen noch sahen.</p><p>�Was f�r ein Vertrauensbeweis, dass du mir deine Sch�lerin �berl�sst! Du schmeichelst mir, Skanga.� Sie verneigte sich. �Wenn du nichts dagegen hast, werde ich mich nun auf die Suche nach dem Diebesgut machen.�</p><p>�Geht!�</p><p>Skanga lauschte auf die Schritte der beiden, die bald in der Ferne der weiten Palasthallen verklangen. Karfunkelsteine! Was wollte die F�rstin damit? Skanga kannte sie nur aus M�rchen. Da hie� es, dass ein Karfunkelstein im Augenblick des Todes eines Drachens entstand. Sein Lebenswille, seine Magie, sein Bewusstsein, alles, was ihn ausmachte, zog sich in seinem Herzen zusammen und wurde zu einem Stein. Angeblich unterschieden sich diese Steine in nichts von belanglosen Feldsteinen an einem Wegrand. Sie waren etwas kleiner als eine Koboldfaust. Ihnen schien keinerlei Magie innezuwohnen. Und gingen sie einmal zwischen anderen Steinen verloren, dann war es fast unm�glich, sie wiederzufinden.</p><p>Skanga erinnerte sich an eine Geschichte, in der es hie�, man k�nne mit Karfunkelsteinen Warzen behandeln. Sicher wusste auch Birga davon. Hoffentlich war sie nicht so t�richt zu versuchen, Alathaia einen der Steine zu stehlen.</p></section><section><title><p>Die Traumw�chter</p></title><p>Als Emerelle auf dem Felskamm hoch �ber dem Dorf stand, wusste sie, dass sie zu sp�t kam. Scharen grauh�utiger Kobolde st�rmten Oblons Dorf. Sollten das die angeblichen Trolle sein? Das Erschrecken traf sie so tief, dass die Zeit aus reiner Geh�ssigkeit langsamer zu verstreichen schien, damit sie jede Einzelheit des Unabwendwendbaren in sich aufnehmen konnte. Sie sah die merkw�rdigen Fratzen auf den Schilden der Krieger. Sah all die kauernden Kobolde, die das Unheil wehrlos �ber sich ergehen lie�en. Doch nicht dies war es, was sie so tief ber�hrt hatte. Sie sah Falrach zu Boden gehen. Als sein Sturz endete, begann ihrer. Sie sprang! Ohne zu denken, st�rzte sie sich die Klippe hinab. Dabei breitete sie die Arme aus wie Fl�gel, nur dass sie kein Vogel war. Der Wind verfing sich nicht so sehr in ihrem flatternden Gewand, als dass er sie getragen h�tte. Obwohl sie sich mit aller Kraft abgesto�en hatte, traf sie fast unmittelbar ein scharfer Schmerz am linken Fu�. Sie hatte eine vorspringende Felskante gestreift.</p><p>Der Schlag verwandelte den Flug mit ausgebreiteten Armen in ein trudelndes Chaos.</p><p>Und noch einmal strafte sie die Zeit. Sie war wie einer jener wunderlichen Gummi-klumpen gewesen, mit denen die Baumwanderer aus den tiefsten Dschungeln Vahan Calyds handelten. Jener Klumpen, die man zu erstaunlicher L�nge auseinanderziehen konnte. Hatte sich die Zeit eben noch zu einem endlosen Augenblick des Schreckens gedehnt, so schnellte sie nun in sich zusammen. Alles ging zu schnell, um einen klaren Gedanken zu fassen. Der Grund am Fu� der Klippen sprang ihr entgegen. Das rechte Wort der Macht wollte ihr nur mit qu�lender Langsamkeit �ber die Lippen kommen.</p><p>Der Schmerz im Fu� drohte ihr einen Aufschrei statt eines Zaubers zu entrei�en.</p><p>Endlich stie� sie dieses widerspenstige Wort hervor, das sich an ihre Zunge krallte wie eine Zecke in zarte Nackenhaut. Die letzte Silbe und der Aufschlag kamen fast zugleich. Nun war es ihr K�rper, der in sich zusammenschnellte. Der einen Schlag erfuhr, der sie jeden Knochen, jede Muskelfaser, jede zum Zerrei�en gespannte Sehne f�hlen lie�. Sie kam mit den F��en zuerst auf und versuchte den Aufschlag zu mildern, indem sie in eine kauernde Stellung zusammenschnarrte. Der Fels erbebte unter der Wucht ihres Aufschlags. Die Risse im Stein offenbarten ihr wohlgeh�tetes Geheimnis. Das, was sie in jedem Augenblick des Wachens und auch des Schlafes durch Magie, die l�ngst ein Teil ihrer selbst geworden war, verbarg. Selbst w�hrend der langen Ohnmacht nach ihrer Verwundung in Vahan Calyd hatte dieser Zauber nicht aufgeh�rt zu bestehen.</p><p>Sie schnellte vor, fort vom zerschmetterten Stein. Sie lief dem Schlachtget�mmel entgegen. Sie versuchte den Lauf der Zeit zu �berrunden. Noch w�hrend sie lief, zog sie ihr Schwert. Sie sp�rte die Hitze in ihrem Blut, die sie so sehr f�rchtete. Den J�hzorn, der ihr kaltbl�tiges Denken, f�r das sie ger�hmt und gef�rchtet war, zerschmolz. Eine Hitze, die nur noch einen einzeln rot gl�henden Gedanken kannte. Ollowain! Sie w�rde es nicht zulassen, dass er starb.</p><p>Mit einem weiten Satz war sie �ber die Dornenhecke hinweg. Sie nutzte nicht die L�cke, durch die sich die grauh�utigen Kobolde dr�ngten. Sie trat auf ein gew�lbtes Lehmh�ttendach, das sie gerade lange genug trug, dass sie sich absto�en konnte, bevor es mit einem m�rrischen, dumpfen Ger�usch in sich zusammenbrach.</p><p>Sie landete auf einem grauen Nacken, der mit �berraschtem Knacken so gr�ndlich zersplitterte, dass rot umrandete Knochenst�cke gleich Fr�hlingsbl�ten, die den Schnee bezwangen, durch lehmgraue Haut sprossen.</p><p>Ihr Schwert beschrieb einen silbernen Bogen durch Lederschilde, Speersch�fte, lebendiges Fleisch und eine trockene H�ttenwand.</p><p>Kobolde kletterten auf Ollowains Leib. Sie stachen mit steinernen Speerspitzen nach ihm. Die grauen Krieger triumphierten grinsend �ber den Riesen, bis das Jubelgeschrei der vermeintlichen Sieger in pl�tzlicher Stille erstickte.</p><p>Der, der gerade mit seinem Obsidianmesser eines von Ollowains Augen aus dessen H�hle hebeln wollte, war der letzte, der verbl�fft aufblickte. Zu sp�t, um der Klinge zu entgehen, die Emerelle in blindem Zorn geschleudert hatte.</p><p>Sie traf den Kobold mitten in der Brust und riss ihn fort von seinem Opfer. Wie man einen Schmetterling mit einer Nadel auf ein d�nnes Brett spie�t, um ihn f�r die Ewigkeit zu konservieren, so spie�te Emerelles Schwert den Kobold auf die Lehmwand von Oblons H�tte.</p><p>W�hrend die eben noch �berm�tigen Riesenbezwinger vor Schreck wie versteinert standen, war die K�nigin schon �ber ihnen. Sie sah Ollowains Blut auf den Speer spitzen und hatte das Gef�hl, dass ihr Herz Magma in ihre Adern pumpte.</p><p>Ihre Rechte schnellte vor und traf den, der versucht hatte, mit seinem Speer das feste Leder der Elfenstiefel zu durchdringen. Der Schlag traf jenen Knorpel, der hoch in der Kehle sa�, und dieser wiederum zerquetschte Speiser�hre und Luftr�hre des Kobolds.</p><p>Emerelle entriss dem Sterbenden seinen Speer. Wieder schien die Zeit ihr einen Streich zu spielen und langsamer zu werden. Ihre Sinne waren weit ge�ffnete Tore, die alles rings um sie herum zu einem gro�en Bild f�gten. Einem Bild, weit umfassender als jener schmale Ausschnitt, der sich ihren Augen darbot.</p><p>Sie roch, wie sich die Ged�rme des sterbenden Kobolds entleerten. Sie war sich jedes Tropfen Angstschwei�es bewusst, der durch lehmverstopfte Poren sickerte. Sie h�rte die zischelnden Worte der Angst und des Hasses, ganz gleich, wie leise gefl�stert wurde. Und sie h�rte das Ger�usch der beiden fliegenden Obsidian�xte, die auf ihren R�cken zielten.</p><p>Sie sp�rte die Blicke. Jeden einzelnen, so als s��en die Koboldaugen gleich Schneckenaugen auf F�hlern, die sich zu grotesker L�nge streckten, bis Blicke sie buchst�blich ber�hrten. Sie sp�rte den feinen, von den stampfenden F��en der Krieger aufgewirbelten Staub in der Luft, der sich langsam senkte und die feinen H�rchen ihrer Arme streifte und ihren Mund mit stumpfem Geschmack f�llte.</p><p>Sie fuhr unvermittelt herum. Ihr Speer schnellte hoch. Das Stichblatt traf die wirbelnde Axt seitlich und lenkte ihren Flug ab. Sie verfehlte sie nur wenige Zoll und spaltete hinter ihr das erstaunte Gaffen im Antlitz eines grauh�utigen Kobolds.</p><p>Bei der zweiten Axt versch�tzte sie sich. Es war weniger als ein Lidschlag. Weniger als der winzige Augenblick, den ein Sandkorn brauchte, um durch die Enge eines Stun-denglases zu sickern. Die Spitze des Speeres traf genau auf die Schneide der Axt, statt das Blatt seitlich zu ber�hren. Das schwarze Vulkanglas zerbarst in tausend nadelspitze Splitter. Emerelle schloss die Augen. Obsidian schnitt in ihr Gesicht. Alle Umstehenden schrien auf. Gepeinigt von den feinen, schwarzen Geschossen, die jenen, die sie ungl�cklich trafen, f�r immer das Augenlicht l�schten.</p><p>Nun wichen alle von ihr zur�ck. Niemand mehr wagte es, die Hand gegen sie zu erheben. Fl�chtig bemerkte Emerelle Oblon. Seine Kehle war von mehreren Schnitten zerfetzt und bis zur Wirbels�ule offen gelegt. Der Schamane starrte mit leerem Blick in den weiten, klaren Himmel. Schon tummelten sich erste Fliegen auf dem gerinnenden Blut, das so gierig vom staubtrockenen Boden getrunken worden war.</p><p>Ein wenig weiter lag ein grauh�utiger Krieger. Zusammengekr�mmt. Die Augen nur noch leere H�hlen. Aus seinem klaffenden Mund stiegen Schw�rme von Fliegen auf.</p><p>Emerelles Hand tastete �ber Ollowains Hals. Sein Pulsschlag war kaum noch zu sp�ren. Die gest�rzte K�nigin wandte sich um, so dass sie mit dem R�cken zur H�tte neben ihrem Liebsten kauerte. Sie sah in Gesichter voller Hass und Angst. Die grauh�utigen Kobolde waren zur�ckgewichen. Einige �ltere Krieger, vielleicht ihre Anf�hrer, standen beisammen und tuschelten. Sie wusste, dass die Angreifer sich noch nicht geschlagen geben wollten. Wenn sie sich jetzt mit all ihren Sinnen auf Ollowain konzentrierte, um ihn zu retten, dann w�rden sie augenblicklich wieder angreifen. Sie sp�rte das Gift im K�rper ihres Liebsten. Sp�rte, wie es ihn immer schw�cher werden lie�. Seine Muskeln l�hmte, seine Atmung erschlaffen lie� und dem Herzen den Willen zu schlagen nahm. Es war ein Wunder, dass er noch lebte. Im selben Augenblick, in dem sie das dachte, versiegte sein Puls.</p><p>Sie zerriss seine Tunika. Legte beide H�nde auf seine Brust und presste, um sein Herz zu zwingen, noch weiterzuschlagen. Tr�nen der Wut standen ihr in den Au gen. Sie konnte ihn heilen. Sie hatte die Macht, das Gift zu Wasser werden zu lassen.</p><p>Doch wenn sie es tat, machte sie sich f�r vielleicht zweihundert Herzschl�ge lang v�llig wehrlos. Eigentlich war dies keine nennenswerte Zeitspanne. Doch es war mehr als genug Zeit, um zu ihr zu kommen und ihr die Kehle zu durchtrennen, so wie sie es mit Oblon gemacht hatten.</p><p>Emerelle h�rte das Ger�usch spritzenden Wassers. Dann sp�rte sie den Boden erzittern. Sanft nur. Kaum merklich. Doch sie war nicht die Einzige. Dort, wo die L�cke im Dornenwall war, erhob sich Geschrei. Bewegung kam in die Kobolde. Jene, die sie eben noch wie den Tod gef�rchtet hatten, flohen nun in ihre Richtung.</p><p>Ein �lterer Kobold mit mehrfach gebrochener Nase und einer unf�rmigen Lederm�tze auf dem Kopf warf sich vor ihr auf den Boden. �Wir ergeben uns dir, Herrin. Wir ergeben uns!�</p><p>�ber dem Dornenwall erschienen Kopf und Schultern Madras. Mit einem Schritt setzte der Troll �ber die Hecke hinweg.</p><p>�Achte auf dieses grauh�utige Pack. Sie geben sich als Trolle aus!� Sie wandte sich an die Kobolde des Dorfes. �Das ist ein wirklicher Troll!� Dann beugte sie sich �ber Ollowain. Sein K�rper setzte dem Gift mehr Widerstand entgegen, als sie erwartet hatte. Fast schien es, als sei er bereits mit Hattah vertraut.</p><p>Sie schloss die Augen und reduzierte ihren Atem, bis sie denselben langsamen, stockenden Rhythmus Ollowains fand. Ihre K�rper wurden eins in ihren Gedanken.</p><p>Sie forschte nach dem Gift. Ihr Schwertmeister litt unter den Nachwirkungen eines Rauschs. Seine Leber war angegriffen. Sie isolierte das Gift in seinem Leib und lie� es �ber die Schleimh�ute seiner Nase mit einer geringen Menge dunklen Blutes austreten.</p><p>Als sie sich zur�cklehnte, war auch sie ein wenig benommen. Sie hatte seinen Schmerz geteilt und auch seinen Rausch. Seine Gedanken aber hatte sie unber�hrt gelassen.</p><p>Nur verschwommen sah sie das Fuchsgesicht. Nikodemus schien unmittelbar vor ihr zu stehen. Sie wurde sich bewusst, dass sie sich statt der betr�gerischen Kobolde nur anderen Feinden ausgeliefert hatte.</p><p>Der Kobold zwickte sie leicht in die Nase.</p><p>�Willst du dein Leben als Fliege beenden?�, stie� sie mit lallender Stimme hervor.</p><p>�Herrin, ich wollte mich nur vergewissern, ob ich etwas f�r euch tun kann. Mir lag es fern, euch ��</p><p>�Such mir den Anf�hrer der falschen Trolle!�</p><p>�Jawohl, Herrin. Wie Ihr w�nscht.� Er zog sich unter Verbeugungen zur�ck.</p><p>Ersch�pft fasste Emerelle nach dem Albenstein, der verborgen unter ihrem Gewand auf ihrer Brust ruhte. Seine warme Kraft belebte sie. Ihr Atem ging regelm��ig. Sie war wieder Herrin all ihrer Sinne, als Nikodemus zur�ckkehrte. Ihn begleitete der �ltere Kobold, der ihr vorhin die Unterwerfung seines Volkes angeboten hatte.</p><p>Unterw�rfig kniete der H�uptling, oder was immer er war, nieder. �Herrin, nimm den Riesen fort, und bitte z�rne uns nicht weiter. Wir unterwerfen uns. Wir wussten nicht, dass Oblon und die Seinen unter eurem Schutz stehen. Es tut uns leid.�</p><p>Sie sah m�de zu dem toten Schamanen hin�ber. �Von diesen Worten hat Oblon sehr wenig. So wie ich es verstehe, lebt dein Volk davon, alle anderen Koboldst�mme am Rand des verbrannten Landes zu t�uschen und zu Abgaben zu zwingen. Wie ich h�rte, verhungern deshalb Kinder und Alte. Ich�... �</p><p>�Wir sind Trolle�... �, begann der Alte.</p><p>Da war wieder das Feuer in ihrem Blut! Sie versetzte dem Kobold eine Ohrfeige, die ihn von den Beinen riss. �Dies dort ist ein Troll!� Sie deutete zu Madra. �Ihr seid nichts als ein Haufen Schmarotzer! Ihr erschafft nichts.</p><p>Ihr lebt einzig auf Kosten anderer. Wusstest du, dass die Drachen dies Land hier an einem einzigen Tag verbrannt haben? Nenn mir eine gute Tat, die ihr f�r andere begangen habt. Gib mir einen Grund, dich und dein Volk nicht ebenso zu vernichten.�</p><p>Sie hatte erwartet, dass der Alte sich winden und um Gnade betteln w�rde. Stattdessen sah er sie fest an und sagte mit stolzer Stimme: �Du kannst uns nicht t�ten, weil wir die Traumf�nger sind.�</p><p>Dem alten Kobold schwoll von ihrem Schlag das linke Auge zu. Blut floss aus seiner Nase und tropfte ihm auf die Brust. Aber er hielt trotz ihrer Drohung unersch�tterlich ihrem Blick stand.</p><p>�Vernichte das Volk der Trolle, und in wenigen Jahren werden auch alle Koboldd�rfer entlang der W�stengrenzen verwaist sein�, sagte er mit fester Stimme. �Denn dann wird niemand mehr die b�sen Tr�ume einfangen, die die Yingiz schicken. Sie werden die St�mme verderben. Wir sind der einzige Schutz der anderen.�</p><p>Emerelle war �berw�ltigt von so viel Frechheit. �Das ist ein Troll�, sagte sie k�hl und deutete auf Madra.</p><p>�Das mag anderswo gelten. Hier sind wir die Trolle!�, entgegnete der Alte. �Frage, wen immer du willst. Was alle glauben, wird Wahrheit, Herrin.�</p></section><section><title><p>Das Zeugnis einer alten Liebe</p></title><p>Sie durfte ihr nicht trauen, sagte Birga sich immer und immer wieder. Sie war eine Elfe, allein das war schon Grund genug. Aber Alathaia hatte selbst unter Elfen einen au�erordentlich schlechten Ruf. Und ausgerechnet diese F�rstin stellte ihr einf�hlsame Fragen. Der Aufstieg zu Emerelles Turmgemach war lang und beschwerlich. Den ganzen Weg �ber unterhielten sie sich. Und sie sprachen nur von ihr, Birga. Dar�ber, wie beschwerlich es war, einer blinden und m�rrischen Herrin wie Skanga zu dienen. �ber aufs�ssige Kobolde. �ber den Makel, den Birga unter ihren bandagierten H�nden und der Gesichtsmaske verbarg. Alathaia wusste darum. Die Elfe schien �berhaupt fast alles zu wissen. Sie sagte auch, dass sie sich sicher sei, dass Skanga sie nicht mit den Karfunkelsteinen ziehen lassen w�rde. Nicht bevor das gemeinsame Werk vollendet war. Und sie wusste, dass Skanga sie bei dem Zauber, den sie so unbedingt erlernen wollte, betr�gen w�rde.</p><p>Birga sagte nichts dazu. Sie staunte nur, wie gut die Elfe ihre Herrin kannte. War Alathaia so klug, oder war sie am Ende Skanga so �hnlich, dass es ihr leichtfiel, jeden der Schritte der Schamanin im Voraus zu erahnen? Birga fand darauf keine Antwort.</p><p>Aber sie f�hlte sich wohl in Gegenwart der Elfe. Eigentlich v�llig abwegig, dachte sie.</p><p>Elfen und Trolle waren nicht f�reinander geschaffen. Aber bei Alathaia schien alles anders zu sein.</p><p>Als sie endlich Emerelles Gemach erreichten, forderte die F�rstin von Langollion sie auf, einen der Verb�nde um ihre H�nde zu l�sen. Lange betrachtete sie die Entstellung.</p><p>�Es hei�t, Karfunkelsteine bes��en eine heilende Wirkung. Ich werde dir helfen, wenn ich sie gefunden habe.�</p><p>Birga war alles andere als zartbesaitet, aber sie war ger�hrt. Skanga hatte sich noch nie Gedanken darum gemacht, ob die Krankheit zu heilen w�re. Sie hatte die Entstellung einfach als gegeben hingenommen, ebenso wie Birgas magische Begabung.</p><p>Emerelles Gemach war beherrscht von einem gro�en Bett. Die Schamanin empfand dies als einigerma�en verwunderlich, galt die K�nigin der Elfen doch als pr�de und gef�hlskalt. Nie hatte man geh�rt, dass sie einen Mann zu sich holte. Der Gedanke an M�nner stie� Birgasauer auf. Obwohl Frauen in ihrem Volk seltene, begehrte Sch�tze waren, die nur bedeutenden Kriegern und Rudelf�hrern gew�hrt wurden, hatte sie niemals bei einem Mann gelegen. Ihr ganzer K�rper war von den wuchernden Warzen entstellt. Wie Tropfen aus Fleisch waren sie. Unansehnlich, h�sslich. Niemand mochte sie ber�hren.</p><p>Ja, den meisten fiel es schon schwer, sie auch nur anzusehen. Deshalb trug sie die Maske und hielt ihre H�nde umwickelt.</p><p>Sie setzte sich auf das Bett der Elfenk�nigin, w�hrend Alathaia sich langsam auf der Stelle drehte und in jeden Winkel der Kammer sp�hte. Das ganze Gemach war durchdrungen vom Geruch der K�nigin. Besonders das Bett. Elfen schwitzten zwar nicht, aber sie waren nicht v�llig geruchlos. Viele benutzten gern irgendwelche Duft-wasser. Sogar die Krieger. Birga fand es befremdlich, sich mit fremden Ger�chen zu schm�cken. Andererseits schm�ckte sie sich ja auch mit fremder Haut. Dass man aber das Verlangen haben konnte, nach Blumen riechen zu wollen, war h�chst seltsam. Sie h�tte verstanden, wenn man den Duft eines H�hlenb�ren trug, den man erlegte. Oder den eines anderen Raubtiers. Sie empfand auch den Geruch von Waffenfett und Leder als angenehm.</p><p>Eine ganz leichte Note von Waffenfett war auch in Emerelles Kammer zu riechen. Aber es waren andere, schwerere D�fte, die vorherrschten. Blumen schienen es nicht zu sein. Jedenfalls keine, die sie kannte.</p><p>Pl�tzlich glitt ein Spiegel zur�ck und gab den Blick auf eine verborgene Kammer frei.</p><p>Eine Flut neuer D�fte ergoss sich von dort in das Schlafgemach. Weihrauch �berlagerte alles andere. Dazu kam alter Stoff. Und�... Birga schnupperte erneut. Es roch nach dem Fell einer Lutin! Die Schamanin brauchte eine Weile, bis sie sich wieder erinnerte, wer genau es war. Sie hatte ein gutes Ged�chtnis f�r Ger�che. Und diese Lutin rochen alle anders. Das war die Kleine gewesen, die zu Elija geh�rte. Birga hatte sie schon eine Weile nicht mehr gesehen. Sie �berlegte, ob sie Alathaia etwas davon sagen sollte, verwarf es aber sofort. Es war nie gut, zu geschw�tzig zu sein!</p><p>Die verborgene Kammer war so niedrig, dass Birga geduckt gehen musste. Sie war voller Kleider, die man auf Gestelle aus Weidenholz gezogen hatte. Warum hatte ein einziges Weib so viel anzuziehen? Welchen Nutzen hatte eine solche Verschwendung?</p><p>Auf Wandborden lag Schmuck. Es schien, als g�be es zu jedem der Kleider auch eigene Schuhe.</p><p>Sie mochte die Handschuhe aus bunter Seide. Sie waren wie eine zweite Haut. Solche Handschuhe h�tte sie auch gern besessen. Sie waren gewiss viel angenehmer zu tragen als die Verb�nde, die sie sich um die Finger wickelte. Ob man Blutflecken wohl gut aus Seide waschen konnte?</p><p>Alathaia sah jedes der Kleider absch�tzend an, ber�hrte aber nichts. �Sie wird wissen, dass wir beide hier waren, wenn sie jemals zur�ckkommt�, sagte sie schlie�lich. �Ich glaube, der Spiegel zeigt ihr einen jeden, der dieses verborgene Gemach betritt. Wird Skanga dich vor ihrem Zorn besch�tzen?�</p><p>Birga atmete schwer ein. Sie hatte gesp�rt, dass der Spiegel von Magie durchdrungen war. Aber das war hier fast alles. Jedes der Kleider war mit Zaubern umwoben.</p><p>Deshalb hatte sie keinen weiteren Gedanken an den Spiegel verschwendet.</p><p>�Ich kann auf mich allein aufpassen�, sagte Birga und wusste dabei, dass sie gegen Emerelle niemals w�rde bestehen k�nnen.</p><p>�Ich w�rde einem direkten Streit mit ihr aus dem Weg gehen�, gestand Alathaia ganz offen.</p><p>Birga war auf der Hut. Die Elfe war zu freundlich. Man durfte ihr nicht trauen!</p><p>Die F�rstin lie� das Thema auf sich beruhen. Sie betrachtete wieder die Kleider.</p><p>Sch�ttelte manchmal abf�llig den Kopf. Sehr selten schnalzte sie leise mit der Zunge.</p><p>Die verborgene Kleiderkammer wand sich in weitem Bogen au�en um den Turm. Sie war �berraschend gro�, dachte Birga. Ob auch in die Mauern des Turms Magie gewoben war? Erschien er dem Betrachter kleiner, als er tats�chlich war? Die Elfen liebten solche Spielereien!</p><p>Die Schamanin fand einen schmalen Schrank, der einen seltsamen Duft verstr�mte.</p><p>Neugierig �ffnete sie die T�r und fuhr erschrocken zur�ck. Alle W�nde, selbst die Innenseiten der T�ren, waren mit Schmetterlingspuppen bedeckt! Was war das f�r ein Unsinn! Die Puppen lebten!</p><p>Birga schloss die T�ren kopfsch�ttelnd. Niemals w�rde sie die Elfen und ihre Schrullen begreifen!</p><p>Alathaia indessen stand nachdenklich vor einem sehr schlichten Kleid. Es war grau, ganz ohne Schmuck. Die �rmel reichten nur knapp �ber die Ellenbogen und waren ein wenig ausgestellt. Der steife Stehkragen war so hoch, dass er sicherlich den ganzen Hals verbarg, wenn Emerelle das Kleid anlegte.</p><p>Birga sp�rte die starke Magie, die von dem Kleid ausging. Wieder und wieder hatte man es mit Zaubern umwoben. Sie waren wie die Jahresringe eines alten Baums. Selbst sie sp�rte ein Prickeln auf ihrer entstellten, gef�hllosen Haut, wenn sie dem Kleid nahekam.</p><p>�Wir suchen das Zeugnis einer alten Liebe in einer Kammer voller Kleider�, sagte Alathaia nachdenklich. �Glaubst du, dass das hier ein Hochzeitskleid ist?�</p><p>�Ich war nie auf einer Elfenhochzeit.�</p><p>Die F�rstin l�chelte. �Nat�rlich, Birga. Eine dumme Frage. Au�erdem hat Emerelle nie geheiratet. Aber dieses Kleid�... Ich denke, eine Braut h�tte es auf einer Hochzeit tragen k�nnen. Eigentlich ist es nichts Besonderes, verglichen mit den anderen. Und doch hat Emerelle es aufbewahrt. Sehr lange. Sp�rst du die Schutzzauber, die Motten fernhalten und Staub und die die Farbe vor dem Verbleichen sch�tzen? Sie sind immer wieder erneuert und verst�rkt worden. Dieses Kleid h�tte schon vor Jahrhunder ten zu Staub zerfallen sollen. Die K�nigin hat gro�en Aufwand getrieben, es zu erhalten. Warum wohl?�</p><p>Alathaia kniete nieder und hob den Saum. Die Geste hatte etwas Anz�gliches.</p><p>Birga konnte kleine B�ndel aus Eichenbl�ttern sehen, die von Lederriemchen zusammengehalten wurden. Dazwischen, wie in ein Nest gebettet, lagen drei unscheinbare Steine.</p><p>Die Elfe atmete erleichtert aus. Sie nahm die Steine. Dann zog sie das B�chlein, das Birga im Thronsaal aufgefallen war, aus dem �rmel und legte es an Stelle der Steine in das Versteck.</p><p>�Was ist das f�r ein Buch? Warum l�sst du es hier?�</p><p>�Es geh�rte einer Lutin, die mir nichts sagen wollte und doch alles, was ich wissen musste, schon niedergeschrieben hatte. Sie hielt sich f�r schlauer als ich es bin. Genau wie ihre Mutter. Und sie ereilte dasselbe Schicksal wie ihre Mutter.� Die Elfe blickte kurz auf und l�chelte. �Au�er uns beiden gibt es niemanden mehr, dem dieses Versteck bekannt ist. Ich kann mir kaum einen sichereren Ort f�r das B�chlein vorstellen. Es k�nnten Jahrhunderte vergehen, bevor jemand den Saum dieses Kleides anr�hrt. Weil es Emerelle so viel bedeutet, wird niemand es leichtfertig ber�hren. Und irgendwie habe ich das Gef�hl, dass Emerelle es nie getragen hat. Aber vielleicht ist das auch nur meine romantische Ader.�</p><p>Birga kam es falsch vor, das B�chlein zur�ckzulassen. Damit war eine Spur gelegt.</p><p>Und wenn der Spiegel wirklich Bilder aller, die diese Kammer betreten hatten, in sich tragen sollte, dann w�rde Emerelle gewiss sehr gr�ndlich suchen. Aber von alldem sagte sie nichts. Sie w�rde an der Seite Skangas sein, falls Emerelle jemals hierher zur�ckkehrte. Dort war sie nicht in Gefahr. Alathaia war es, die mit ihrem Leben spielte!</p><p>Die Elfe hielt verz�ckt die Karfunkelsteine in H�nden. Sie waren ein wenig gr��er als Waln�sse.</p><p>�Sie haben keine magische Aura. Wenn sie verlorengehen, ist es fast unm�glich, sie wiederzufinden. Sie sehen zu gew�hnlich aus. Und doch sind sie von Macht durchdrungen. Sie sind so hart, dass kein Werkzeug sie zu kerben vermag. Keine Farbe will auf ihnen haften bleiben. Keinem Goldschmied wird es gelingen, sie in eine Fassung zu zwingen. Sie zu ver�ndern oder zu markieren, ist unm�glich! Gib mir deine Hand, Birga! Ich will dir etwas zeigen.�</p><p>�Was?� Es war leichtfertig, einer Elfe zu vertrauen. Trotzdem streckte sie, noch bevor die F�rstin antwortete, bereits ihre Hand aus.</p><p>�Darf ich die Stoffstreifen abwickeln?�</p><p>Birga sah ihre geheimsten Hoffnungen erf�llt. Die Freude lie� ihr Herz schneller schlagen und schn�rte ihr die Stimme ab, so dass sie nur nicken konnte. Kein Zauber, den sie von Skanga erlernt hatte, vermochte ihre Haut zu gl�tten. Und die alte Schamanin selbst konnte oder wollte ihr nicht helfen. Insgeheim vermutete Birga Letzteres. Skanga war b�sartig! Sie wollte nicht, dass sie besser aussah. Das wusste Birga ganz sicher. Es h�tte ihr mehr Freiheiten gegeben und sie vielleicht sogar dazu verleitet, sich einen Krieger zum Beischlaf zu suchen. Skanga glaubte, die Liebe schw�che die Zauberkraft. Birga hingegen war �berzeugt, dass sie st�rker denn je w�rde, wenn sie nur eine einzige Liebesnacht erleben d�rfte.</p><p>Alathaia lie� sich nichts anmerken, als sie die gr�sslich entstellte Hand betrachtete. Mit spitzen Fingern strich sie �ber die Warzenfl�che. Wie Tr�nen aus Fleisch sahen sie aus.</p><p>Sie bedeckten Birgas Handr�cken und die Finger.</p><p>Behutsam ber�hrte die Elfe sie mit einem der Karfunkelsteine und sprach leise ein Wort der Macht. Birga konnte es nicht verstehen, sosehr sie sich auch anstrengte.</p><p>Dieses eine Wort zu beherrschen und einen Karfunkelstein zu besitzen, vermochte sie f�r immer von ihrem Leiden zu befreien.</p><p>Tats�chlich sah es so aus, als trinke der Stein die Tr�nen aus Fleisch. Zarte, hellgraue Haut blieb zur�ck, wo Alathaia sie ber�hrt hatte. Es war ein Wunder! Birga standen Tr�nen in den Augen. Ihr Makel konnte getilgt werden. Sie kannte die Elfe nicht mal einen ganzen Tag, und schon heilte sie sie.</p><p>�Zieh dich aus�, sagte Alathaia freundlich. �Ich werde diese Warzen von dir nehmen.</p><p>Aber sie werden wiederkommen. Ich kann dir nicht sagen, wie schnell es geschehen wird. Vielleicht dauert es nur ein paar Tage. Vielleicht auch viel l�nger. Aber es wird geschehen.�</p><p>�Jede Stunde ohne die Plage ist ein Geschenk�, entgegnete Birga entschieden. Dann entkleidete sie sich.</p><p>W�hrend Alathaia sie mit dem Karfunkelstein behandelte, sprachen sie kaum. Birga genoss das Gef�hl, wie der Stein �ber ihre Haut strich. Al ein seine Ber�hrung l�ste wohlige Schauer aus.</p><p>Nachdem sie geheilt war, betrachtete sie sich lange im Spiegel vor dem Bett der Elfenk�nigin. Seit ihrer Kindheit, als der Makel �berraschend ausbrach, war ihre Haut nicht mehr so rein gewesen. Nie zuvor hatte sie ihren K�rper so deutlich gesehen. In Trollh�hlen gab es keine Spiegel! Und kein See, und sei sein Wasser auch noch so glatt und ungetr�bt, vermochte ihr Spiegelbild so klar und deutlich zu zeigen wie das sorgsam geschliffene Kristallglas. Dass er angeblich ihr Spiegelbild bewahren w�rde, st�rte sie nicht. So bliebe ihre Sch�nheit erhalten, und sei es nur in einem Bild, das ein Zauberspiegel eingefangen hatte.</p><p>Alathaia sah ihr schweigend zu. Sie bedr�ngte sie weder durch Worte noch durch Blicke. Daf�r war Birga ihr unendlich dankbar. Schlie�lich legte die Schamanin wieder ihre groben Gew�nder an. Sie wickelte die Stoffstreifen um ihre H�nde, setzte die Maske auf ihr Gesicht. Diesmal verbarg sie ihre Makel osigkeit, denn sie hatte beschlossen, Skanga nichts von ihrem Geheimnis zu verraten.</p><p>�Ich habe eine Bitte an dich�, sagte Alathaia, als sie sich wieder ganz angezogen hatte. Birga war entt�uscht. Sie hatte gehofft, die Heilung sei ein Geschenk. Eine Gabe, die keine Gegenleistung erforderte. �Ja?�</p><p>�Bitte verwahre die Karfunkelsteine f�r mich. Skanga wird fordern, dass sie hierbleiben, bis ich ihr bringe, was ich ihr versprochen habe. Es w�re mir lieber, sie in deiner Obhut zu wissen.�</p><p>Die Schamanin war �berrascht. Das war keine Forderung, sondern ein Vertrauensbeweis! �Diese Bitte werde ich dir gern erf�llen.� Sie sprach absichtlich ein wenig gestelzt, so wie die Elfen es gerne taten. Sie wollte der F�rstin damit ihre Verbundenheit zeigen.</p><p>Alathaia �berreichte ihr die kostbaren Steine, und Birga lie� sie in einer Tasche ihres kn�chellangen Gewandes verschwinden.</p><p>Dann begannen sie den langen Abstieg. Und als sie den Thronsaal erreichten, kam alles genau so, wie Alathaia es erwartet hatte. Skanga hatte eine Wache von f�nfzig Trollen aufgeboten. Die Elfenf�rstin machte ein paar spitze Bemerkungen. Dann behauptete sie, Birga habe die Steine bereits an sich genommen, da sie offensichtlich um diesen Betrug gewusst habe.</p><p>Skanga sah sie �berrascht an. Und dann l�chelte die alte Schamanin. Es war seit Jahren nicht mehr vorgekommen, dass ihre Herrin ihr so deutlich ihre Zufriedenheit zeigte.</p><p>Alathaia �ffnete erneut ein Tor in das Goldene Netz. Als sie verschwunden war, blieb Birga das vage Gef�hl, dass dieser Tag zu gut gewesen war. Doch sie verdr�ngte diesen Schatten schnell wieder. Die Nacht w�rde noch besser werden! Sie w�rde ihre Maske und ihr sch�biges Kleid ablegen und sich einen stattlichen Krieger suchen!</p></section><section><title><p>Trolljagd</p></title><p>Lambi st�tzte sich schwer auf einen h�lzernen Stab. Er ging nicht an der Spitze des Zuges. Nicht mehr. Seine Kraft reichte nicht, sich einen Weg durch den Schnee zu bahnen. Er folgte in der ausgetretenen Furche weit hinten in der Kolonne. Es war ihm zuwider, sich eingestehen zu m�ssen, dass er alt geworden war. Sein Sohn h�tte hier an seiner Stelle gehen sollen. Doch der war bei den K�mpfen um die Nachtzinne gefallen. Nun galt es, Kadlin zu retten, falls sie noch zu retten war.</p><p>Einhundertdreiundsechzig Freiwillige hatte er um sich geschart. Eigentlich hatte er nicht so viele M�nner mitnehmen wollen. Aber sie hatten sich nicht zur�ckweisen lassen. Er war �berrascht gewesen, wie beliebt seine dickk�pfige, junge K�nigin war.</p><p>Sie alle hatten sich freiwillig gemeldet. Und die meisten von ihnen wussten genau, was es bedeutete, ins Land der Trolle vorzusto�en. Einige Dutzend Veteranen des letzten Feldzugs ihres K�nigs Alfadas waren unter den Freiwilligen.</p><p>Lambi st�tzte sich schwer auf den Stab. Heftig atmend sammelte er seine Kr�fte. Er war dumm wie Kentaurenschiss. In seinem Alter hatte er hier nichts mehr verloren.</p><p>Schon gar nicht mit Kettenhemd, Schild und seinem ebenso h�bschen wie schweren Helm. Ein Helm, dessen bronzene Augenringe mit dem davon herabh�ngenden Kettengeflecht nicht nur sein ganzes Gesicht sch�tzten, sondern auch seine verst�mmelte Nase versteckten.</p><p>Zischend fuhr sein Atem durch die Kettenringe. Jetzt zogen auch noch die letzten der Truppe grinsend an ihm vorbei. �Wartet, bis ihr in meinem Alter seid, Dreckspack! Ich wette, die H�lfte von euch hat dann nicht mal mehr die Kraft, mit eigener Hand den L�ffel mit Hirsebrei zum Maul zu f�hren. Und ich w�nsche euch Schwiegert�chter, die euch, wenn sie euch hastig f�ttern, unabl�ssig verfluchen. Was ihr euch, verdammt nochmal, auch allesamt verdient habt!�</p><p>Lambi setzte sich schnaufend in Bewegung. Er w�rde nicht mehr lange durchhalten und war doch zu stolz, um die anderen zu bitten, f�r ihn eine Pause einzulegen. Er nahm seinen Helm ab und band ihn sich mit dem Kinnriemen an den G�rtel. Sein Atem hatte sich als Eis auf den Kettenringen niedergeschlagen. Dennoch konnte man die ersten Vorboten des Fr�hlings in der Luft sp�ren. Noch zwei oder drei Wochen, und der Winter w�re vor�ber. Ein schlimmer Winter, der die K�nigsfamilie fast ausgel�scht hatte. Erst Alfadas, dann Ulric und dessen Weib Halgard und jetzt Kadlin.</p><p>Er h�tte sie in ihrer verdammten H�tte einsperren sollen. Aber sie war die K�nigin.</p><p>Wie h�tte er ihr befehlen k�nnen? Man sollte sich dieses dumme G�r �bers Knie legen und ihm eine verdammte Tracht Pr�gel versetzen. Weiber taugten nicht f�r den Thron.</p><p>Er blickte auf zu seinen Gef�hrten, die nun schon ein ganzes St�ck vor ihm gingen. Ihr Weg f�hrte sie eine steile H�gelflanke hinauf. Bis oben w�rde er es schaffen, dann musste er seinen Stolz aufgeben und um eine Rast bitten. So viele Freiwillige f�r einen Todesmarsch�... Sein Volk war eine Ansammlung von Irren, da konnte es wohl keinen Zweifel geben. Und wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass Kadlin doch keine schlechte K�nigin war. Jeder einzelne der M�nner war allein um ihretwillen hier.</p><p>Sie war beliebt! Er l�chelte. Und sicher hoffte manch einer, ihr aufzufallen und wom�glich ihr Gemahl zu werden. Ein h�bsches Weib und ein Thron waren es schon wert, ein paar Unannehmlichkeiten und Gefahren auf sich zu nehmen. W�re er ein paar Jahre j�nger und h�tte seine Nase noch, dann w�rde er genauso denken!</p><p>Pl�tzlich war L�rm �ber ihm. Aufgeregte Rufe befl�gelten seine Schritte. Als er den Kamm erreichte, sah er in der Senke einen Troll durch den tiefen Schnee fl�chten.</p><p>Vielleicht ein J�ger, den sie aufgeschreckt hatten. Vielleicht auch ein Sp�her, der die Grenze zum K�nigreich der Menschen beobachten sollte. Ganz gleich, wer er war, wenn er entkam, dann war es um sie geschehen. Sie waren anderthalb Tagesm�rsche tief ins Land der Trolle vorgedrungen. Sie k�nnten die Grenze nicht mehr erreichen, bevor sie der �rger in Form von Heerscharen von Trollen einholen w�rde.</p><p>�Worauf wartet ihr? Schie�t ihn nieder! Er darf nicht entkommen. Zielt auf die Kniekehlen oder den Nacken. Ein Pfeil in den R�cken wird ihn bei seiner Flucht nicht aufhalten. Sie dringen nicht tief genug ein, um ihn schwer zu verletzen.�</p><p>Sie hatten nur wenige Bogensch�tzen. Jeder wusste, wie wenig Pfeile gegen Trolle auszurichten vermochten. Besonders wenn sie bei einem Kriegszug mit ihren t�rgro-</p><p>�en Schilden anr�ckten.</p><p>Schon flogen erste Pfeile. Sie waren schlecht gezielt. Nur ein einziger traf. Er schlug in die linke Schulter des Trolls. Der Aufschlag lie� den Krieger kurz straucheln. Doch dann lief er weiter.</p><p>Lambi blickte zu Ansgar. So wie er war der alte J�ger ein �berlebender des Feldzugs, den Alfadas in die Snaiwamark unternommen hatte. Er kannte sie. Ihm musste man nicht sagen, wohin er zielen sollte. Die Jahre hatten den Bart des J�gers ergrauen lassen. An seiner rechten Hand fehlten zwei Finger, die er im Kampf gegen einen Bergl�wen verloren hatte. Eine Geschichte, so gut, dass zwei Skalden Lieder dar�ber geschrieben hatten.</p><p>Ansgar w�hlte mit Bedacht einen Pfeil mit besonders geradem Schaft. Er pr�fte den Wind. Dann hob er den Bogen. Seine Ruhe verlieh jeder seiner Bewegungen eine eigene Anmut. Dann schnellte sein Pfeil von der Sehne. Lambi verfolgte den Flug des Pfeils mit angehaltenem Atem. Er konnte sehen, wie der Wind ihn ein wenig zur Seite abdriften lie�. Der Troll hatte inzwischen eine sanfte Steigung erreicht und lief sie hinauf, ohne langsamer zu werden.</p><p>Die anderen Sch�tzen sch�ssen noch immer, aber Ansgars Pfeil hatte einen roten Schaft und war leicht von den �brigen Geschossen zu unterscheiden.</p><p>Ansgars Pfeil traf dicht oberhalb des linken Kniegelenks. Er war leicht nach unten gerichtet. Lambi entfuhr mit leisem Zischen der angehaltene Atem. Er stellte sich vor, wie der Pfeil durch Fleisch und Sehnen schnitt, um direkt ins Gelenk vorzudringen.</p><p>Der Troll st�rzte der L�nge nach. Er stie� einen gellenden Schmerzensschrei aus und rollte ein St�ck den Hang hinab. Ein weiterer Pfeil traf ihn am Arm. Er versuchte aufzustehen, doch das verletzte Bein knickte sofort ein. In hilfloser Wut drohte er ihnen mit seiner Kriegskeule und schrie ihnen eine Herausforderung entgegen. Lambi konnte das nur vermuten. Welcher gescheite Mensch verstand schon die grunzende Sprache der Trolle!</p><p>�Geht hinunter und gebt ihm den Rest. Aber vorsichtig! Dann verscharrt ihn im Schnee und verwischt die Kampfspuren!�</p><p>Die J�ngsten aus der Kriegsschar st�rmten los. Einen Troll zu t�ten, auch wenn er verwundet war, bedeutete Ruhm. Und je weniger Flaum einem auf den Wangen spross, desto mehr gierte man nach Schlachtenruhm.</p><p>�Kannst du daf�r sorgen, dass er nicht noch zwei oder drei von diesen Trotteln erschl�gt?�</p><p>Ansgar nickte stumm und w�hlte einen weiteren Pfeil aus. Der Troll war mehr als achtzig Schritt entfernt, und es wehte ein unbest�ndiger, b�iger Wind. Das waren schlechte Voraussetzungen f�r einen guten Schuss. Die �brigen Bogensch�tzen hatten bereits wieder ihre K�cher bedeckt und nahmen die Sehnen von den Waffen. Sie wussten, dass keiner von ihnen Ansgar das Wasser reichen konnte.</p><p>Lambi ging in die Hocke. Sein Herz schlug ein wenig ruhiger. Er l�chelte in sich hinein. Die G�tter waren ihm gn�dig. Er hatte seine Pause bekommen, ohne dass er jemanden darum h�tte bitten m�ssen. Auch Firn meinte es gut mit ihnen. Bald w�rde es schneien. Und der Gott des Winters w�rde den Leichnam des Trolls verbergen, bis Tauwetter kam.</p><p>Der alte Recke beobachtete, wie die Jungen den Feind umkreisten. Auch jetzt, verwundet, war er noch immer ein t�dlicher Gegner. Noch bevor ihr Kreis sich schloss, schnellte der zweite Pfeil von Ansgars Sehne. Er traf rechts, hoch in der Brust, dicht unter dem Schl�sselbein. Ansgar fluchte leise.</p><p>�Das war doch ein guter Schuss.�</p><p>Ansgar nahm �rgerlich die Sehne vom Bogen. �Zu b�ig�, murrte er. �Ich hatte auf sein Herz gezielt. Der Pfeil ist um sechs Handbreit fehlgegangen.�</p><p>Lambi zuckte mit den Schultern. Niemand au�er Ansgar h�tte das einen Fehlschuss genannt. Manchmal war es kl�ger, zu schweigen. Der Bogensch�tze hatte kaum Freunde. Er galt als zu verbissen und eigenbr�tlerisch. Niemand konnte den Ma�st�ben gerecht werden, die er f�r sich anlegte. Vielleicht wollte er auch keine Freunde. Die meiste Zeit war er allein in der Wildnis. Sein Grund, mitzukommen, war die Tatsache, dass auch Kadlin als eine gute Sch�tzin galt. Auf einem Turnier, das Alfadas ausgerichtet hatte, war sie unter die Besten gekommen. Das allein z�hlte f�r Ansgar. Dass sie K�nigin war, war ihm egal.</p><p>Die Krieger, die den Troll umkreisten, wurden von zwei Bogensch�tzen begleitet. Die beiden sch�ssen aus kurzer Entfernung auf den Verwundeten. Der Troll versuchte den Kreis seiner Henker zu durchbrechen. Er wollte zum Kamm des Hangs gelangen oder zumindest einen seiner Peiniger t�ten. Aber das verletzte Bein machte ihn zu langsam.</p><p>Die Krieger wichen ihm aus.</p><p>Es war ein ehrloses Gemetzel, dachte Lambi grimmig. Aber es gab keinen anderen Weg. Die Trolle waren zu starke Gegner. Wer sich ihnen unter gleichen Bedingun gen im Zweikampf stellte, der hatte keine Hoffnung zu gewinnen.</p><p>Sieben oder acht Pfeile steckten in der Brust des Trolls, als die mit Speeren bewaffneten Fjordl�nder vorst�rmten. Der H�ne konnte nicht einmal mehr einen Arm zur Verteidigung heben, als sie �ber ihn kamen. Binnen Augenblicken war er niedergemacht. Einer der M�nner trennte ihm den Kopf ab und hob ihn auf seinem Speer triumphierend in die H�he.</p><p>Auch die anderen nahmen Troph�en. Einen Zeh oder Finger oder ein St�ck Haut mit wulstigen Schmucknarben. Der Schnee war rot von Blut, als sie den Toten den Hang hinabrollten, um ihn neben einem Findling zu bestatten.</p><p>Einer der beiden Bogensch�tzen, die sich an der Hinrichtung des Verwundeten beteiligt hatten, stieg den H�gelkamm hinauf. Dort verharrte er nur einen einzigen Herzschlag lang. Dann kam er wild mit den Armen winkend zur�ckgelaufen.</p><p>Sofort war Lambi auf den Beinen. Nur einen Atemzug sp�ter erschienen zwei Trolle auf dem H�gelkamm. Sie blickten hinab auf den blutbesudelten Schnee. Einer winkte.</p><p>Wer war noch hinter dem H�gelkamm? Beide Trolle trugen gro�e Schilde. Das bedeutete, dass sie weder J�ger noch Sp�her waren. Sie waren Krieger! Und Krieger waren nicht in Trupps zu zweit unterwegs.</p><p>�Bogensch�tzen!�, rief Lambi. Der Befehl war unn�tig. Die M�nner spannten bereits wieder die Waffen. Einem riss in der Hast die Sehne. Fluchend griff er nach dem kleinen Lederbeutel, den er um den Hals trug. Mit froststeifen Fingern versuchte er die Verschn�rung zu �ffnen.</p><p>Ansgar steckte eine Reihe von Pfeilen vor sich in den Schnee.</p><p>�Kommt zur�ck!�</p><p>Die Krieger unter ihnen in der Senke waren unschl�ssig stehen geblieben. Doch ihr leichter Sieg machte sie tollk�hn. Die beiden Bogensch�tzen legten auf die Trolle auf dem Kamm an.</p><p>�Trottel!�, fluchte Lambi leise. Dann schrie er aus Leibeskr�ften. �Zur�ck! Kommt sofort zur�ck!�</p><p>Ansgar neben ihm spannte den Bogen. Leise sirrend schnellte sein Pfeil durch die eisige Luft.</p><p>Lambi atmete zwei Mal tief ein. Er musste einen k�hlen Kopf bewahren. �Bildet eine lockere Kampflinie entlang des H�gelkamms�, befahl er den Firnstaynern mit ruhiger Stimme. �Die Speertr�ger gehen in die erste Reihe, ein St�ck den Hang hinab. Zwei Schritt hinter ihnen kommen die Schwert- und Axtk�mpfer. Alle Bogensch�tzen bleiben auf dem Kamm. Versucht niemals, den Hieb eines Trolls zu parieren. Weicht aus! Habt ihr das verstanden?�</p><p>Manche der M�nner nickten. Die meisten sagten gar nichts.</p><p>�Ich verspreche jedem, der sich nicht daran h�lt, dass ich ihm aufs Grab pissen werde, wenn das hier vorbei ist.� Ansgar l�chelte grimmig.</p><p>Die beiden Trolle st�rmten den Hang hinab. Ein Bogensch�tze war ihr erstes Opfer.</p><p>Mit einem Schildsto� schickte ein Troll ihn in den Schnee. Im Vorbeilaufen sauste die mannslange Keule nieder. Die Wucht des Treffers schleuderte den Bogensch�tzen bis zum Grund der Senke, wo er mit verdrehten Gliedern reglos liegen blieb.</p><p>Die jungen Krieger k�mpften tapfer. Sie versuchten die Trolle einzukreisen und einen Vorteil aus ihrer �berzahl zu gewinnen. Keiner lief davon.</p><p>�Wir sollten ihnen helfen, statt hier herumzustehen und zuzusehen, wie sie niedergemacht werden�, murrte ein J�ngling mit frostroten Wangen. Ein gellender Schrei unterstrich seine Worte. Ein weiterer Krieger war unter den w�tenden Keulenhieben der Trolle gefallen.</p><p>Lambi wollte den J�ngling fragen, ob er sein Hirn im Nachttopf vergessen h�tte, doch Ansgar kam ihm zuvor. �H�r auf einen Mann, der schon gegen Trolle gek�mpft hat, bevor du geboren warst. Haltet die Linie und seht!�</p><p>Der Sch�tze hob seinen Bogen. Ein weiter Pfeil mit ro tem Schaft sirrte davon. Er traf einen der Trolle in die Wange und schlug durch den Mund, so dass die blutige Spitze durch die andere Wange wieder austrat.</p><p>Einige M�nner jubelten. Ein Speertr�ger stie� dem verwundeten Troll seine Waffe den R�cken. Ein R�ckhand-schlag l�schte das Leben des Fjordl�nders aus, noch bevor der Troll in die Knie ging.</p><p>Sofort wurde er erneut angegriffen. Ein wuchtiger Axthieb traf seinen Nacken. Seine Augen wurden weit. Er spie Blut.</p><p>Einige der j�ngeren Krieger l�sten sich aus der Formation und st�rmten den Hang hinab, um ihren Gef�hrten zu Hilfe zu kommen. Der Sieg war zum Greifen nahe, auch wenn der verbliebene Troll keine Anstalten machte, sich zur�ckzuziehen, sondern mit w�tenden Schlachtrufen weiterfocht.</p><p>Dann brach das Verh�ngnis �ber sie herein. Binnen weniger Herzschl�ge erschienen Dutzende Trolle auf dem gegen�berliegenden H�gelkamm. Sie waren ungew�hnlich diszipliniert. Statt einfach vorzust�rmen, verharrten sie. Rudelf�hrer riefen Befehle.</p><p>Auf beiden Flanken l�sten sich gr��ere Trupps.</p><p>Lambi war klar, was das bedeutete. Dieser namenlose H�gel irgendwo im Trollland w�rde sein Grabh�gel werden. Nie w�rde er erfahren, was aus seiner K�nigin geworden war.</p><p>�Bogner! Schie�t nach eigenem Ermessen. Fl�gelm�nner! Zur�ckgehen. Wir bilden einen Kreis auf der Mitte des H�gelkamms. Wir m�ssen die Bogensch�tzen decken.</p><p>Wir ��</p><p>Seine Worte gingen im Schlachtgebr�ll der Trolle unter, die nun den Hang hinabst�rmten. Sie liefen fast Schulter an Schulter. Ihre Schilde waren wie ein h�lzerner Wall. Sie sch�tzten sie von knapp unterhalb der Knie bis hinauf zum Kinn.</p><p>Bogensch�tzen konnten da nur noch auf Gl�ckstreffer hoffen.</p><p>Als die Trolle auf die wenigen Krieger trafen, rissen diese L�cken in ihren Wall. Aber nicht weil die Fjordl�nder in ihrem Todesmut �ber sich hinauswuchsen, sondern weil die Trolle nun ihrerseits Jagd auf Troph�en machten. Die Pfeile der Bogensch�tzen fanden Ziele, doch nicht einmal Ansgar gelang ein Treffer, der einen Troll zu Boden gebracht h�tte.</p><p>Lambi verh�rtete sein Herz. Das Grauen, das sich unmittelbar vor seinen Augen abspielte, durfte sich nicht auf seine Entscheidungen auswirken. Er machte sich nichts vor. Nur der Kriegsgott Norgrimm oder vielleicht noch Luth der Schicksalsgott, dessen scharfe Klinge die Lebensf�den der Sterblichen durchtrennte, k�nnten ihnen helfen. Sie waren des Todes. Aber die Art, wie sie starben, mochte dar�ber entscheiden, ob die Trolle mordend und pl�ndernd nach Firnstayn weiterzogen oder nach der Schlacht zur Nachtzinne zur�ckkehrten.</p><p>�Ruhig, M�nner! Wartet, bis sie quieken, wenn sie auf eure Speere laufen. Auch sie bluten und verrecken.�</p><p>Lambi erkannte Narvgars Stimme. Der Krieger mit der gro�en Holzf�lleraxt war so wie er ein Veteran aus der Snaiwamark. Obwohl er reich geworden war, hatte Narvgar nie eine wuchtige Kriegsaxt erworben. Er mochte es, wenn die Dinge einfach waren.</p><p>Dieselbe Axt, die Eichen und Fichten f�llte, hatte auch schon in Trollfleisch geschnitten.</p><p>Die letzten Augenblicke vor einem Kampf verstrichen immer qu�lend langsam. Er w�re gerne kurz pissen gegangen. Merkw�rdig. Auch das war immer gleich. Kurz vor dem Kampf hatte er das Gef�hl, seine Blase sei zum Bersten gef�llt. Begannen die K�mpfe erst einmal, war das vergessen.</p><p>Lambi sah, wie ein Troll, dessen Gesicht von wulstigen Schmucknarben zerfurcht war, einen fl�chtenden Bogensch�tzen beim Bein packte. Der Mann schlug der L�nge nach in den Schnee. Schreiend versuchte er einen Halt zu finden. Vergeblich. Selbst wenn er eine Wurzel oder etwas anderes zu packen bekommen h�tte, h�tte er sich der �berw�ltigenden Kraft des grauen Kriegers nicht widersetzen k�nnen. Strampelnd wurde er zur�ckgezogen. Der Troll stie� dem Sch�tzen mit einer kurzen, harten Bewegung den Schildrand in den Nacken. Aller Widerstand zerbrach.</p><p>Lambi hob seine Axt. Sein Blick glitt �ber die Masse der Feinde. Noch zwei oder drei Herzschl�ge, dann w�rden sie die Speertr�ger in der ersten Reihe �berrennen.</p><p>Von Liebe und gefangenen Tr�umen</p><p>Emerelle hatte sich in eine der Totenkammern zur�ckgezogen. Die Grauh�ute, wie sie sich nannten, waren entwaffnet worden. Sie hatte Madra und den Lutin zusammen mit einigen J�gern ausgeschickt, um auch die Frauen, Kinder und Alten zu holen, die nicht weit entfernt in der W�ste auf die R�ckkehr ihrer Krieger warteten. Neben ihr, zu F��en der mumifizierten Toten, lag Ollowain. Er schlief. Er w�rde sich vollst�ndig erholen.</p><p>Sie sollte ihn nicht einmal in Gedanken Ollowain nennen. Er war jetzt Falrach. Sie betrachtete sein ebenm��iges, so vertrautes Gesicht. Der wei�e Ritter der Shalyn Falah war so lange ihr Freund und Vertrauter gewesen. Es war schwer, ihn neben sich zu sehen und doch verloren zu haben.</p><p>Sie wusste, dass sie Falrach w�hrend des Liebesspiels mit Ollowains Namen angesprochen hatte. Es war nicht absichtlich geschehen. Wie tief ihn das verletzt haben mochte, konnte sie nicht ermessen. Er hatte versucht, sich nichts anmerken zu lassen, doch dies eine Wort hatte sein Feuer verl�schen lassen. Er war ein guter Liebhaber, war es schon immer gewesen. Es war leicht, sich ihm hinzugeben und zu genie�en.</p><p>Emerelle l�chelte sanft. Ollowain hingegen war wahrscheinlich eher unerfahren.</p><p>Eine einzelne Frauenstimme erklang vor der H�tte. Sie sang eine Totenklage. Es waren keine klaren Worte. Nur wimmernde Laute. Und doch sagten sie mehr �ber ihr Ge-f�hl, als Worte es vermocht h�tten. Ob es Oblons Witwe war?</p><p>Sie hatte versagt, dachte Emerelle. Sie hatte sich treiben lassen, statt zu f�hren. All dies h�tte nicht geschehen m�ssen, wenn sie fr�hzeitiger auf Oblon geh�rt h�tte. Seine Geschichten �ber Trolle hatte sie schlichtweg nicht ernst genommen. W�re sie schon gestern Mittag zu Madra und Nikodemus gegangen, statt sich ihrer Lust hinzugeben, dann w�rde Oblon wahrscheinlich noch leben.</p><p>Ich bin nicht mehr die K�nigin, ermahnte sie sich in Gedanken! Ich bin frei. Aber hie� das, dass sie ohne jede Verantwortung war? Konnte sie so sein? Oder war sie sogar schon immer so gewesen? Um das Verbrannte Land hatte sie sich jahrhundertelang nicht gek�mmert. Auch hatte sie keinen Statthalter bestimmt, der ihr berichtete, was hier geschah, oder zumindest ein paar Spitzel hier gehabt, so dass sie informiert wurde, ohne dass jemand mit Befehlsgewalt sie vor Ort vertrat. Wie viele Landstriche gab es noch, in denen Unterdr�ckung und Gewalt regierten? Zu lange hatte sie sich nur um das Herzland, die S�dprovinzen und den Norden gek�mmert. Dort drohten die Trolle, gegen die sie in so vielen Schlachten gek�mpft hatte. Hier lagen die F�rstent�mer der Elfen mit all ihren verborgenen Feinden, die ihr Leben, ihren Thron oder beides wollten. Der Devanthar, dessen Machenschaften sie nicht durchschaute, dessen Ziel ihr aber wohl bewusst war. Er wollte Albenmark zerst�ren. Vollkommen ohne Gnade. So wie einst die Zerbrochene Welt zerst�rt worden war. Und die Yingiz, die r�tselhaften Seelenfresser aus dem Nichts. Kreaturen, von denen niemand wusste, wer sie erschaffen hatte oder woher sie gekommen waren. Sie war belagert von Feinden gewesen. Jeden Tag. Aber war dies nicht einfach nur eine Ausrede? Ihre Pflichten als Herrscherin Albenmarks waren umfassender. H�tte sie nicht mindestens Vertraute ausschicken m�ssen, die an ihrer Stelle die Augen offen hielten? War das ein Weg?</p><p>Oder bedeuteten Spitzel das Ende von Freiheit? Konnte Freiheit, die man gew�hrte, wenn man tiefer blickte, nicht in Wahrheit auch ein willkommener Deckmantel f�r Verantwortungslosigkeit sein?</p><p>Nie, seit sie ihren Thron aufgegeben hatte, war sie sich ihrer Orientierungslosigkeit so bewusst gewesen wie jetzt. Sie war nicht einfach eine fahrende Ritterin geworden. Sie hatte sich treiben lassen. Ohne Ziel. Und Falrach hatte darunter gelitten. In Feylanviek, hier unter den Kobolden und als sie ihn in den Armen hielt und Ollowain genannt hatte.</p><p>Was war Liebe? Die Seele eines Elfen konnte man am ehesten mit jenen von unglaublicher Lebenskraft erf�llten B�umen aus dem tiefen S�den vergleichen. Man konnte sie f�llen, ja sogar verbrennen. Solange nicht auch die letzte ihrer Wurzeln zerst�rt wurde, keimten sie erneut. So war es mit der Widergeburt der Elfenseele. Ein neuer Baum keimte aus einer alten Wurzel. Und nat�rlich unterschied er sich von dem, den er ersetzte. So war es mit Falrach und Ollowain. Falrach war f�r sie gestorben, und sie hatte ihre Liebe f�r ihn jahrhundertelang nicht vergessen k�nnen. Dann wurde seine Seele in Ollowain wiedergeboren. Und der wei�e Ritter war ein v�llig anderer.</p><p>Sie hatte sich neu verliebt. Still, wohl wissend, dass ihre Liebe von Ollowain nicht erwidert wurde, auch wenn er ihr treuester Diener war.</p><p>Warum konnte sie den Mann, der von einem r�tselhaften Zauber ausgel�scht worden war und der sie nicht geliebt hatte, nicht vergessen? Warum kehrte ihre Liebe zu dem Mann, der sie tats�chlich liebte, nicht zur�ck? Dachte man mit kaltem Blut dar�ber nach, dann war ihr Gl�ck zum Greifen nahe. Warum nahm sie Fairachs Liebe nicht einfach an?</p><p>Oder sollte sie jeglicher Liebe entsagen, um erneut nach dem Thron zu streben? In Vahan Calyd, bei der n�chsten K�nigswahl. Wenn die F�rsten, die dort versammelt waren, sie zu ihrer K�nigin bestimmten, dann k�nnte sie die Herrschaft zur�ckerobern, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergie�en. War das der Weg, den ihr das Schicksal bestimmt hatte? Lag es �berhaupt in ihrer Macht, ihrem Leben eine andere Wendung zu geben?</p><p>Sie war ratlos. �Bringt mir den Anf�hrer der Grauh�ute�, sagte sie mit leiser, aber durchdringender Stimme. Sie wusste, dass vor dem Vorhang aus Steinen, K�rbisker-nen und Lederstreifen drei Kobolde kauerten, die darauf warteten, dass sie entschied, wer k�nftig Oblons Platz als Schamane und Stammesf�hrer einnehmen sollte.</p><p>Nur wenig sp�ter stie� man den Alten in die Totenkammer. Auch sein zweites Auge war nun zugeschwollen. Es sah aus, als beg�nnen die betrogenen Kobolde nun Rache an den falschen Trollen zu nehmen.</p><p>�Was wei�t du �ber die Yingiz?�</p><p>Der Kobold fuhr sich mit seiner langen, schmalen Zunge �ber die Lippen. Sie erinnerte Emerelle an eine Schlangenzunge, auch wenn sie nicht gespalten war.</p><p>�Es sind Gesch�pfe voller Hass. Sie beneiden uns um unsere Welt. Sogar um die W�ste. Und sie beneiden uns um unsere K�rper.� Er blinzelte sie aus seinen zugeschwollenen Augen an, als wolle er die Wirkung seiner Worte pr�fen.</p><p>Emerelle sagte nichts. Ihr Gesicht blieb ohne Regung.</p><p>Z�gerlich sprach er weiter. �Es gibt magische Pfade von gro�er Macht. Mein Volk kann sie nicht betreten. Die fuchsk�pfigen Drachenreiter, von denen du einen in deinem Gefolge hast, reisen auf ihnen. Manchmal, wenn ich die W�ste durchquere, finde ich einen dieser magischen Pfade. Ich kann sie sp�ren. Sie bilden ein gro�es Netz. Die Alben haben es erschaffen.</p><p>In diesem Netz sind die Yingiz gefangen. Doch hier, wo wir leben, sind die Maschen des Netzes sehr weit. Vielleicht wurde es besch�digt, als die Drachen hier k�mpften.</p><p>Die Yingiz kommen hier unserer Welt n�her als anderswo. Sie k�nnen nicht in sie hi-neintreten. Aber ihre Stimmen sind manchmal in unseren K�pfen. Und sie dringen in unsere Tr�ume, um uns Angst zu machen und zu schlimmen Taten zu verleiten. Wenn ein guter Mann pl�tzlich b�se wird oder ein Weib z�nkisch, dann sind sie von den Yingiz verf�hrt. Sie bringen das �bel in die Welt. Geh hinaus in die W�ste. Man kann zehn Tage wandern, ohne einen einzigen der magischen Pfade zu kreuzen. Dort gibt es nichts. Kein Leben. Die N�he der Yingiz vermag kleine Gesch�pfe wie V�gel, K�fer oder Echsen zu t�ten.�</p><p>Seine Worte erinnerten Emerelle an jene dunklen Tage auf Burg Elfenlicht, als die Bl�tenfeen starben oder flohen und das Lachen aus den Mauern des Palastes wich.</p><p>Konnte der Alte davon geh�rt haben? Oder sprach er die Wahrheit? Sie hauchte ein Wort der Macht und griff nach seinen Gedanken. Bis in sein Innerstes drang sie vor.</p><p>F�r sie war es keine L�ge, wenn sie sich Trolle nannten. Sie glaubten zutiefst daran, dass sie Trolle waren. Es war ganz, wie er gesagt hatte. Sein Volk hatte diese L�ge so lange mit sich getragen, bis sie f�r sie zur Wahrheit geworden war. Und auch was er �ber die Yingiz sagte, glaubte er. Aber war es deshalb wahr? War es nicht allein das Drachenfeuer, das dieses Land so unwirklich machte? Waren die Schatten der Yingiz hier n�her als anderswo in Albenmark?</p><p>�Erz�hl mir von den Traumf�ngern, Dobon.� Sie hatte einiges von den obskuren Ritualen seines Volkes in seinen Gedanken gelesen, aber sie wollte es aus seinem Munde h�ren.</p><p>�Du kennst meinen Namen?� Der Kobold fuhr erschrocken auf. �Wer bist du?�</p><p>�Eine Feindin der Yingiz. Manche sagen, ich sei schlimmer als sie. Im Gegensatz zu ihnen bin ich aus Fleisch und Blut. Und du kannst sitzen bleiben, denn es gibt keinen Ort, an dem du vor mir sicher w�rst, wenn ich mich entscheiden sollte, dir nach dem Leben zu trachten.� Kaum waren die Worte �ber ihre Lippen, taten sie ihr leid. Lag es an der N�he der Yingiz, dass sie sich schneller gehen lie� als fr�her? Hatte das Gift ihrer reinen Boshaftigkeit auch sie ber�hrt? Sie dachte an Feylanviek. Nein, sie hatte sich schon, bevor sie hierhergekommen war, nicht mehr unter Kontrolle gehabt.</p><p>Dobon wich nicht weiter zur�ck. Aber sein Atem ging schwer. Ohne Zweifel hatte er ihr jedes Wort geglaubt. �Bist du ein Devanthar?�</p><p>Sie lachte laut auf. Das war grotesk! �Nein.� Woher wusste er vom alten Feind? Der Krieg zwischen Alben und Devanthar lag so lange zur�ck, dass die meisten Legenden dar�ber erloschen waren. �Nun erz�hl mir, wie man Tr�ume f�ngt.�</p><p>�Es sind fast nur M�nner, die Tr�ume fangen d�rfen, obwohl unsere Frauen es besser verm�gen. Die Gefahr ist f�r Frauen gr��er. Wenn sie ein Kind in ihrem Leibe tragen, mag es geschehen, dass die dunklen Tr�ume der Yingiz es t�ten. Oder schlimmer noch, sie k�nnten versuchen, dessen Seele zu fressen, um in seinem Leib geboren zu werden.</p><p>Wenn Frauen Traumf�nger werden, dann geben sie den Umgang mit M�nnern auf. Sie leben nur noch f�r die Traummagie. Vielleicht macht sie gerade das st�rker.� Er sprach langsam und stockend. Kein Wort kam unbedacht �ber seine Lippen. Doch Emerelle hatte nicht das Gef�hl, dass er es tat, weil er sie bel�gen oder etwas vor ihr verbergen wollte. Er hatte einfach nur Angst vor ihr.</p><p>�In jeder Nacht ziehen unsere Traumf�nger aus, um sich den Yingiz zu stellen. Stets sind sie allein. Ihre K�mpfe dulden keine Zuschauer. Ein Traumf�nger beginnt schon fr�h am Tag damit, sich f�r die Nacht vorzubereiten. Er reibt seine Haut mit frischem Lehm ein. Dann erw�hlt er einen Vertrauten, um ihm mit Kalk oder zersto�ener Holzkohle das Traumnetz auf den Leib zu malen. Es ist ein magisches Muster. Keine zwei sehen gleich aus. Der Traumf�nger wei�, welche Linien und Zeichen in dieser Nacht die Yingiz locken werden, denn er tr�gt ein St�ck trockenes Hattah im Mund, um seine Magie zu st�rken. Er zeichnet mit einem Stab das Muster in den Sand. Und sein Vertrauter �bertr�gt es dann sorgf�ltig auf seinen Leib. Das dauert bis weit in den Nachmittag. Dann verl�sst der Traumf�nger das Lager. Er geht immer allein. Das Hattah f�hrt ihn. Sein einziger Schutz sind die Geister unserer Ahnen, die immer nahe sind. Er sucht einen Ort, der geeignet ist, dunkle Tr�ume einzufangen, bevor sie die arglosen Schlafenden erreichen. Es ist immer ein Ort, der sich �ber das Land erhebt. Der Kamm einer besonders hohen D�ne. Ein Berg oder eine der einsamen Felsnadeln tief in der W�ste. Sobald der rechte Ort gefunden ist, speit der Traumf�nger die Reste des Hattah aus, denn es w�rde ihn schw�chen, wenn er sich den Seelenfressern stellt. Wenn die D�mmerung kommt, beginnt er zu singen. Jeder hat ein anderes Lied. Und er nimmt eine Muschel in den Mund. Du hast sie sicher gesehen.</p><p>Kleine, gedrehte Muscheln, die ein wenig wie H�rner aussehen. Unsere Traumf�nger tragen sie als Schmuck.�</p><p>Emerelle nickte kurz. Sie sagte nichts, um Dobons Erz�hlung nicht unn�tig zu unterbrechen. Er sprach jetzt endlich freier, ohne zu stocken.</p><p>�Ich glaube, es ist wichtig, einen Platz zu w�hlen, der nahe beim Himmel ist. Wei�t du, die Yingiz hausen in der Finsternis des Himmels. Manche glauben sogar, die Finsternis kommt von ihnen.�</p><p>Die K�nigin hielt das f�r dummen Aberglauben, aber sie schwieg.</p><p>�Die b�sen Tr�ume schweifen �ber das Land, wenn die D�mmerung sich senkt. Die Traumnetze locken sie an. Ein Traumf�nger schl�ft nicht wirklich. T�te er das, dann w�re er den Tr�umen ausgeliefert, wie alle anderen auch. Er ist in Trance. In einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Die Geister unserer Ahnen sind dann zum Greifen nahe, sie machen den Traumf�ngern Mut. Wenn die b�sen Tr�ume kommen, dann muss man sie durchleben, auch wenn man nicht schl�ft. Sie werden eingefangen. In dem kleinen M�schelhorn, das jeder Traumf�nger auf seiner Zunge tr�gt. Die b�sen Tr�ume, die die Yingiz schicken, verirren sich in den Windungen der kleinen Muschel. Sie k�nnen dort nicht mehr hinaus. Neunundneunzig N�chte lang muss man die Muschel verwahren. In dieser Zeit verliert der Traum all seine Kraft. Danach darf der Traumf�nger das Muschelhorn als Schmuck tragen, zum Zeichen daf�r, wie er gegen die Yingiz bestand.�</p><p>Das alles kam Emerelle sehr abwegig und zutiefst unglaubw�rdig vor. �Wie wird der Traum gefangen? Das habe ich nicht ganz verstanden. Was tut der Traumf�nger?�</p><p>Dobon seufzte leise, als habe er es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun. �Er durchlebt den Traum, nur dass er dabei nicht wirklich schl�ft. Er kann das B�se beherrschen. Die Geister unserer Ahnen helfen ihm dabei. Es ist das B�se, die Essenz des Traums, das Gift, das �brig bleiben w�rde, wenn man aufwacht, das er in der Muschel einf�ngt. Es ist gef�hrlich. Manchmal beginnen die Traumf�nger in ihrer Trance wild zu tanzen. Oder sie schreien und schlagen mit den Armen um sich. Sehr selten kommt es vor, dass sich einer zu Tode st�rzt. Das geschieht, wenn das B�se im Traum zu stark ist. Wenn es sich nicht einfangen l�sst.� Der Alte senkte den Kopf. Er wirkte, als h�tten traurige Erinnerungen ihn �bermannt.</p><p>Emerelle lie� ihm Zeit, wieder zu sich zu finden. Ganz glauben mochte sie seine Geschichte nicht. Sie war der �berzeugung, dass das Hattah eine Rolle bei den b�sen Tr�umen spielte und auch dabei, wenn die Traumf�nger zu tanzen begannen. Wer in Trance auf der Spitze einer Felsnadel tanzte, der musste nicht �ber einen Traum verzweifelt sein, um sich zu Tode zu st�rzen. Vielleicht glaubte der Alte ja wirklich alles, was er erz�hlte. Die Grauh�ute hatten ja auch geglaubt, Trolle zu sein.</p><p>Endlich fasste sich Dobon wieder. Aber der Trotz war aus seinem Blick gewichen. �Du hast heute gesehen, wie wir k�mpfen. Ereignisse dieser Art sind selten. Es kommt fast nie vor, dass einer der St�mme die Abgaben verweigert. Beurteile mein Volk nicht allein danach. Wir sind keine M�rder und Pl�nderer.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, entgegnete sie ironisch. �Die Toten waren nur ein Missverst�ndnis.�</p><p>�Ja, so ist es.�</p><p>Emerelle war sich nicht sicher, ob er unglaublich dreist war oder einfach ihre Ironie nicht begriffen hatte. Nachdem sie einander eine Weile schweigend angesehen hatten, blieb ihr keine andere Wahl, als deutlicher zu werden. �Dein Volk erschafft nichts. Ihr droht den anderen St�mmen mit Mord und Totschlag. Und heute habt ihr bewiesen, dass ihr auch gewillt seid, eure Drohungen wahrzumachen. Ihr lebt einzig von der Arbeit anderer. Und es geht euch gut dabei. Deine Krieger sind alle wohlgen�hrt, einige sind richtiggehend dick. Hier im Stamm sieht keiner aus wie ihr. Du kannst in jede H�tte gehen. Alle sind ausgemergelt und schwach. Weil sie euch ern�hren, die ihr ihnen das Mark aus den Knochen saugt.�</p><p>Dobon hob abwehrend die H�nde. �Es ist nicht so, wie du es schilderst. Wir besch�tzen sie. In jeder Nacht. Wir bezahlen mit unserem Blut f�r ihren ruhigen Schlaf, und sie wissen es nicht einmal. Du kannst dir nicht vorstellen, was f�r Tr�ume es sind, die wir f�r sie tr�umen!�</p><p>�Das kann ich in der Tat nicht�, entgegnete sie scharf. Inzwischen war sie �berzeugt, dass Dobon ihr nichts als L�gen auftischte. Zu absurd war diese Geschichte. �Ich werde selbst Traumf�ngerin sein und die Wahrheit deiner Worte pr�fen.�</p><p>Der Kobold sah sie fassungslos an. �Du bist keine von uns. Vielleicht kommen die Tr�ume nicht zu dir.�</p><p>�Das w�re ein gro�es Ungl�ck f�r dich, denn dann w�rde ich dich f�r einen Betr�ger und M�rder halten. Und ich w�rde Oblons Witwe das Urteil �ber dich und dein Volk f�llen lassen.�</p><p>�Und das w�re dann Gerechtigkeit?�, entgegnete er bitter.</p><p>�Wenn du die Wahrheit gesagt hast, hast du nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Was geschieht, wenn du dem �bel nicht widerstehen kannst? Wenn du stirbst?�</p><p>�Dann hast du wohl nicht gelogen. Ich werde Anweisung geben, dass man dich und die Deinen in diesem Fall ziehen l�sst.�</p><p>Dobon nickte nachdenklich. �Du ahnst nicht, in welche Gefahr du dich begibst.�</p><p>Einen Moment wollte sie antworten, er k�nne nicht erahnen, welche Gefahren sie �berlebt habe, doch dann lie� sie es auf sich beruhen. Wer war er, dass sie ihm mehr als n�tig von sich offenbarte.</p><p>Sie wies ihn mit knapper Geste an, die Totenkammer als Erster zu verlassen. Sie musste auf die Knie gehen, um durch die niedrige T�r�ffnung zu gelangen, und sie wollte nicht, dass er dabei Gelegenheit h�tte, ihr auf den Hintern zu starren. In Anbetracht der Tatsache, dass sie angek�ndigt hatte, sich auszuziehen und mit Lehm einzureiben, mochte das albern erscheinen. Aber er w�rde nicht Zeuge ihrer Nacktheit sein!</p><p>Falrach war zu Kr�ften gekommen. Er kauerte neben dem Eingang zur Totenkammer und begr��te sie mit einem melancholischen L�cheln. �Wie es scheint, kann ich nicht allein auf mich aufpassen.�</p><p>Es war gewiss nicht gerade feinf�hlig, aber sie er�ffnete ihm umgehend, dass sie gedachte, das Dorf f�r ein paar Tage zu verlassen, um in der W�ste f�r sich allein zu sein.</p><p>Er erhob keinen Widerspruch. Er versuchte auch nicht herauszufinden, warum sie es tat. Man konnte das als h�flich betrachten. Genauso h�tte sich wahrscheinlich Ollowain verhalten. Dennoch war sie gekr�nkt. Ihr Abschied verlief frostig. Sie ber�hrten einander nicht einmal. Er aus scheuer Zur�ckhaltung, was fr�her so gar nicht seine Art gewesen war. Und sie, weil sie einfach verstimmt war. Sie wusste, dass sie ihn ungerecht behandelte. Wahrscheinlich dachte er jetzt, er w�rde niemals das Richtige tun, ganz gleich, was er auch versuchte.</p><p>Sie sagte Dobon, er solle ihr eine der Frauen schicken, die zu den Traumf�ngern geh�rten. Dann verlie� sie das Dorf und suchte sich eine abgelegene Stelle am seichten Fluss. Einen Ort, der von gro�en, ockerfarbenen Felsen gegen Blicke vom Dorf abgeschirmt war. Dort wartete sie. Die W�ste und die Einsamkeit, die sie erwarteten, waren ihr willkommen. Sie musste ihren Weg finden. Und die Kraft, ihn dann zu gehen und sich gegen alle weiteren Fragen und Zweifel zu verschlie�en. Vielleicht war das Hattah ganz hilfreich f�r den Anfang.</p><p>Stunden vergingen. Die Mittagszeit war l�ngst vor�ber, als sie z�gerliche Schritte auf dem festen, ausgedorrten Boden h�rte, die von leisem Klacken begleitet wurden.</p><p>�Hier�, sagte Emerelle.</p></section><section><title><p>Der K�nigsmacher</p></title><p>Orgrim trat auf den H�gelkamm und fluchte. Ein Blick gen�gte ihm, um zu erahnen, was geschehen sein musste. Er sah den toten Sp�her. Den Krieger und die Menschenkinder, die niedergemacht worden waren. Seine Krieger hatten die Verteidigungslinie auf dem gegen�berliegenden H�gel durchbrochen, und das Gemetzel war in vollem Gange.</p><p>�Halt!� Seine Stimme �bert�nte Schreie und Waffenl�rm. �Halt! Krieger der Nachtzinne!�</p><p>Voller Stolz sah er, wie sich die Seinen aus dem Kampf l�sten - nicht ohne noch ein paar Verwundete niederzumachen und einige der Leichen f�r ein abendliches Festmahl mitzunehmen, aber sie zogen sich zur�ck. Kein einziges Kriegerrudel in Albenmark h�tte mitten aus einem siegreichen Gefecht abberufen werden k�nnen. So waren nur seine M�nner. Und genau darum schickte Skanga nach ihm.</p><p>Die Menschenkinder bildeten einen neuen Verteidigungskreis. Ein Krieger mit einem Helm, dessen Kettengeflecht das halbe Gesicht verh�llte, schien ihr Anf�hrer zu sein.</p><p>Er wies jedem einzelnen seinen Platz in der Kampfformation zu. Dem Menschensohn musste klar sein, dass er gegen die Trolle nicht bestehen konnte. Aber er dachte offensichtlich nicht daran, sich zu ergeben oder auch nur zu verhandeln.</p><p>Orgrim �berlegte, ob er doch noch einen Angriff befehlen sollte. Das Herz dieses Kriegers w�re es wert, gegessen zu werden.</p><p>Der Schlitten mit der kranken K�nigin erreichte den H�gelkamm. Sie war auf Bergen von Fellen �ber dem gefrorenen Leichnam ihres Vaters mit breiten Lederriemen festgebunden. Wie es schien, lag sie in tiefem Fieberschlaf. Gut, dass ihr dieser Anblick erspart blieb.</p><p>Neben dem Schlitten ging der merkw�rdige Elf. Mit unbewegter Miene betrachtete er den blutgesprenkelten Schnee. �Wirst du sie verschonen?�</p><p>Seine Stimme klang schroff. Herausfordernd. �Wie sollte die Menschentochter eine gute K�nigin sein, wenn die tapfersten ihrer Krieger hier erschlagen wurden? Glaubst du, sie eignet sich als K�nigin von Feiglingen?�</p><p>Der Elf schwieg eine Weile. �Du bist ungew�hnlich f�r einen Troll�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Kennst du so viele Trolle, dass du dir ein Urteil erlauben kannst?�</p><p>Das Elflein deutete auf die Krieger, die damit begonnen hatten, die erschlagenen Menschen auszuweiden und zu vierteln. Einer der Krieger a� eine Leber, die so frisch war, dass sie in der kalten Winterluft dampfte. Blut troff ihm auf die Brust. Orgrim lief bei dem Anblick unwillk�rlich das Wasser im Munde zusammen.</p><p>�Das sind die Trolle, wie ich sie kenne.�</p><p>Der Herzog der Nachtzinne nickte. �Ich werde am Abend mit ihnen essen.�</p><p>�Du denkst an den Abend, sie fressen schon jetzt. Du planst f�r die Zukunft. Sie sind ganz Gegenwart. Das unterscheidet dich von ihnen.�</p><p>Orgrim sah den Elfen verwundert an. �Versuch nicht, nett mit mir zu reden. Wenn ich dir noch einmal begegne, dann werde ich dich umbringen. Jetzt schaff deine Schwester fort von hier! Und wenn ich dir einen Rat geben darf, treib dich nicht in den W�ldern der Maurawan rum.� Er sah ihm an, dass er unter den Elfen in den W�ldern am Albenhaupt aufgewachsen war. Und Orgrim war �berzeugt, dass sie �rger machen w�rden. Sie hatten sich nicht einmal Emerelle unterworfen. Und sie lebten an der Grenze zur Snaiwamark, der urspr�nglichen Heimat der Trolle.</p><p>�Ich werde dir dein Leben schenken, wenn wir uns noch einmal begegnen, weil du meine Schwester verschont hast.�</p><p>Orgrim musste unwillk�rlich lachen. �Du solltest nicht darauf vertrauen, dass es zu einem ritterlichen Zweikampf kommt, wenn du mich wiedersiehst. Falls es dir entgangen sein sollte, ich bin ein Troll. Wir duellieren uns nicht. Wir schlagen unseren Gegnern die K�pfe ein und essen ihre Leber.� Er deutete auf die ausgeweideten Toten.</p><p>�So sieht das aus, Elflein. Das ist dein Schicksal, wenn du mir nicht aus dem Weg gehst. Und jetzt nimm den Schlitten mit deiner Schwester und mach dich davon!�</p><p>Erstaunlicherweise gehorchte der Kerl. Er war ungewohnlich. Diese versponnene Sache mit den Metallkrallen. Nie hatte Orgrim einen Elfen getroffen, der mit solchen Waffen k�mpfte. F�r gew�hnlich versuchten sie, so viel Abstand wie m�glich von Trollen zu halten, und sch�ssen feige mit Pfeilen oder sogar mit Speerschleudern. Er musste auch an die Unzahl von Trollen denken, die vor den Mauern des K�nigssteins verbrannt waren. Wenn es sich nicht vermeiden lie�, k�mpften sie auch mit Speeren oder Schwertern. Aber auch dabei hielten sie eine Armesl�nge und mehr Abstand. Mit diesen Krallen m�sste sich der Elf auf eine t�dliche Umarmung einlassen, wenn er es nicht schaffte, die Kehle zu erwischen. Das war selbstm�rderisch. Und ziemlich mutig f�r einen Elfen.</p><p>Der Kleine musste sich ganz sch�n abm�hen, um den Schlitten den anderen Hang wieder hinaufzubekommen. Endlich schickte ihm der Krieger mit dem Kettengeflecht vorm Gesicht zwei M�nner zu Hilfe. Wie schwach die Menschenkinder waren und doch mutig. Er hoffte, dass die Geschichte von den heutigen Ereignissen bis ins fernste Dorf des Fjordlands getragen w�rde. Noch einmal k�nnte er sich solche Gnade nicht leisten. Das w�rde man in seinem Volk als Schw�che auslegen. Vielleicht war es auch genau das. Er hatte das M�dchen schon einmal entkommen lassen. Vor langer Zeit, als sie noch ein Kind war.</p><p>Er wusste mehr �ber sie, als er zugegeben hatte. Skanga hatte ihm von ihr erz�hlt. Die Menschentochter hatte sich einem Shi-Handan gestellt, und sie war bis an die Schwelle des Totenreichs gegangen, um Albenmark zu retten. Es war eine Reise gewesen, wie sie vor ihr noch niemand gewagt hatte. So sollte eine K�nigin sein. Er wollte sie zur Nachbarin seines Herzogtums haben und niemand anderen. Sie war w�rdig. So w�rde er es seinen Rudelf�hrern erkl�ren, wenn sie heute Nacht beisammensa�en. Er hatte entschieden, wer im Fjordland herrschen w�rde. Und er hatte die Einzige gew�hlt, die w�rdig war, an ihrer Grenze zu herrschen. Er war ein K�nigsmacher.</p><p>Orgrim schmunzelte. Das w�rde seinen Rudelf�hrern gefallen.</p><p>Die Menschen zogen sich vom H�gelkamm zur�ck. Sie hatten sich um den Schlitten mit ihrer K�nigin geschart. Der Krieger mit dem Kettengeflecht vor dem Gesicht ging als Letzter. Er hob den Arm zum Gru�. Orgrim erwiderte die Geste nicht. So weit ging sein Respekt nicht.</p></section><section><title><p>Die zweite Haut</p></title><p>Die Schritte verhielten einen Augenblick. Dann fanden sie zu ihr. Nach den Ma�st�ben f�r Kobolde war die Frau gro�. Emerelle richtete sich auf. Das Koboldweib �berragte um Kopfesh�he ihr Knie. Sie hatte eine lange, leicht nach unten gebogene Nase. Ihre Gesichtsz�ge waren unter grauen Lehmschichten, auf die Zeichnungen aus Asche und Holzkohle aufgetragen waren, kaum zu erkennen. Ihre Augen stachen blendendwei� aus tiefschwarzen, aufgemalten H�hlen. Ihre Pupillen waren nur winzige Punkte inmitten schmutziggr�ner Iris. Ihr Haar war mit Lehm durchsetzt und zu einer spiralf�rmigen Frisur gedreht, die an ein Muschelhorn erinnerte. Obwohl, Frisur war eigentlich nicht das rechte Wort, denn ihre Haare wirkten wie ein solider Klumpen, der ihren Kopf nach hinten verl�ngerte.</p><p>Die Muschelschn�re, die sich zwischen ihren sackartigen, eingefallenen Br�sten kreuzten, wiesen sie als erfahrene Traumf�ngerin aus.</p><p>Sie trug einen sehr breiten G�rtel, von dem ein lehmfarbener Lumpenstreifen herabhing, der ihre Scham bedeckte. Auch waren daran etliche kleine K�rbisflaschen und Lederbeutel befestigt. Bei jeder ihrer Bewegungen schlugen einige der K�rbisfl�schchen zusammen. Mit beiden H�nden hielt sie einen offensichtlich recht schweren Tonkrug, der mit einem schmutzigen, feuchten Tuch versiegelt war.</p><p>�Ich bin Imaga�, sagte sie. Ihre Stimme war eine �berraschung. Sie klang jung und wohlt�nend. In Anbetracht der vielen Muschelh�rner, die sie trug, hatte Emerelle mit einer �lteren Frau gerechnet. Lehm, Gesichtsbemalung und ihre flachen Br�ste hatten ihr Alter verschleiert.</p><p>�Es w�re gut, wenn deine Haut feucht w�re.� Sie setzte mit einem erleichterten Seufzer den schweren Tonkrug ab. �Wir werden keinen Lehm hier aus dem Fluss nehmen. Der ist nicht rein genug.� Sie deutete auf den Topf. �Dieser hier kommt aus dem Tal, in dem die Fl�gelpferde verbrannten. Er enth�lt eine Spur ihrer Asche. Alle Traumf�nger benutzen ihn. Er ist erf�llt von starker Magie.�</p><p>Von den toten Pegasi zu h�ren, erstaunte Emerelle. Sie war �berrascht, wie gut die Grauh�ute die �ltesten Legenden kannten. Geschichten, die andernorts schon vor vielen Jahrhunderten in Vergessenheit geraten waren. Wenngleich sie selbst den Tag, an dem die Pegasi starben, niemals, niemals aus ihren Erinnerungen w�rde verbannen k�nnen.</p><p>Die Elfe legte ihr Kleid ab und stieg in den seichten Fluss. Das Wasser war angenehm k�hl.</p><p>Imaga goss aus einer ihrer K�rbisflaschen eine milchige Fl�ssigkeit in den Tonkrug.</p><p>Dann beugte sie sich vor und begann den Lehm zu kneten, der dabei satte, schmatzende Laute von sich gab.</p><p>Emerelle sah eine Weile zu. Und Imaga bedr�ngte sie weder mit Worten noch Gesten.</p><p>Sie war v�llig in ihre Arbeit versunken. Die Schatten der Felsen streckten sich nach dem seichten Bach, als die Zeit verstrich. Endlich fasste Emerelle sich ein Herz. Sie stieg aus dem Wasser und kniete sich vor der Koboldfrau nieder. Diese begann sofort damit, die gefallene Herrscherin Albenmarks mit Lehm einzureiben. Er war warm und f�hlte sich ein wenig seifig an.</p><p>Die kleinen, festen H�nde rieben ihn tief in ihre Haut. Jede Pore nahm ihn auf. Imaga hatte ihr bereits beide Arme und den Hals eingerieben, als sie das Schweigen brach.</p><p>�Du musst das Hattah nehmen, Herrin. Sonst wirst du nicht wissen, welches Netz du tragen musst, um die b�sen Tr�ume zu fangen.�</p><p>Emerelle nickte, und Imaga �ffnete eines der kleinen Gef��e an ihrem G�rtel. Sie holte etwas daraus hervor, das an ein m�nzgro�es St�ck verschrumpelte, rosige Haut erinnerte.</p><p>Die Elfe �ffnete den Mund, und Imaga legte ihr das Hattah mit ihren lehmverkrusteten Fingern auf die Zunge. Sie sp�rte, wie sich ihr Speichel unter dem getrockneten Kakteenfleisch sammelte. Langsam breitete sich ein warmes, sinnliches Gef�hl in ihr aus.</p><p>Es war wie die Ber�hrung durch den Liebsten und sickerte in all ihre Glieder. Sie f�hlte sich ein wenig schwindelig. St�rker als zuvor empfand sie die H�nde, die den Lehm in ihre Haut massierten. Imaga arbeitete jetzt an ihren Schultern. Und d�nne Rinnsale schmutzig grauen Wassers rannen der K�nigin zwischen den Br�sten hinab.</p><p>Ein Seufzer entfuhr ihr ungewollt. Das sinnliche Gef�hl drang in ihre Gedanken und sp�lte die Erinnerung an Falrachs Umarmungen frei. Daran, wie sie sich zwischen den schwarzen Stoppeln eines frisch niedergebrannten Kornfeldes geliebt hatten, und ein anderes Mal auf Seidenlaken im Haus ihres Bruders Meliander. An seine gefl�sterten Liebesschw�re. An ihre Eifersucht auf die Blicke anderer Elfen, die er stets auf sich zog, wenn sie in Gesellschaft waren. Daran, wie sie seine Erfahrenheit im Liebesspiel genossen und gehasst hatte. Nie wollte er ihr verraten, bei wie vielen Frauen er vor ihr schon gelegen hatte. Sie war in den k�rperlichen Spielarten der Liebe recht einfallslos gewesen. Anfangs. Dann war sie ihm regelrecht verfallen gewesen. Eine Zeit lang.</p><p>Die warmen, knetenden H�nde, der feuchte Lehm, der nun �berall zu sein schien, und die Droge machten die Erinnerungen an vergangene Liebesspiele so wirklich, wie sie nie in all den ungez�hlten N�chten der Sehnsucht nach Falrach gewesen waren. Den N�chten, in denen sie allein gelegen hatte und �berzeugt gewesen war, dass es bis ans Ende aller Zeiten so sein w�rde. Den N�chten nach seinem Tod.</p><p>Sie griff in den grobk�rnigen Sand des Ufers, �berw�ltigt von dem pl�tzlichen Verlangen, etwas zu ber�hren.</p><p>Imaga rieb ihr die Br�ste mit Lehm ein. So oft hatten Fairachs H�nde dort gelegen.</p><p>�Beuge dein Haupt, Herrin.�</p><p>Sie gehorchte dem Koboldweib. Ihre Haare wurden zu z�hen Lehmschlangen, die schwer von ihren Schl�fen hingen.</p><p>�Schlie� die Augen!�</p><p>Die H�nde bedeckten ihr Gesicht. Vorsichtiger diesmal. Lehmdurchsetztes Wasser sickerte durch ihre Lippen und vermischte sich mit dem Geschmack des Hattah zu etwas Weichem, Pelzigen, das sich auf ihre Zunge und die Z�hne legte. Sie schluckte.</p><p>Der Speichel, der ihre Kehle hinabrann, schien mit jedem Zoll, den er tiefer in ihren Leib drang, hei�er zu werden, bis er brannte wie die glei�ende Glut eines Blitzschlages, gebannt in einen einzigen Tropfen.</p><p>Das Licht durchdrang sie. Ihr Blick w�rde wie flammende Speere sein, wenn sie jetzt die Augen �ffnete.</p><p>Vage sp�rte sie, wie ihre Finger durch den Sand fuhren. Dem Durchdrungen sein von Licht folgte ein Gef�hl, als seien all ihre Kr�fte aufgezehrt. Eine Mattigkeit, die bis ins Innere ihrer Knochen zu greifen schien.</p><p>Sie glaubte, sich etwas lallen zu h�ren. War sich aber nicht sicher, ob die Laute am Ende doch nur Erinnerungsfetzen an lang vergangene Gespr�che waren. Hunderte Bilder aus ihrer Vergangenheit best�rmten sie in Gedanken. Es war ein Gef�hl, als falle sie durch ihr eigenes Leben zur�ck zum Augenblick ihrer Geburt. Pl�tzlich war da nur noch Finsternis. Sie sp�rte, wie sie belauert wurde. Und sie sp�rte Ger�ll unter ihren nackten F��en!</p><p>Erschrocken riss sie die lehmverklebten Augenlider auf. Sie blieb stehen und sah sich verwundert um. Es war Nacht geworden. Die Landschaft, die sie umgab, war fremd.</p><p>Weder der Bach noch das Dorf oder eine einzige ihr bekannte Felsformation waren zu entdecken. Ihre F��e schmerzten. Sie bluteten! Wie lange war sie gegangen? Sie sah an sich hinab. Ein aufwendiges Muster aus verschlungenen Kalklinien bedeckte ihren Bauch und ihre Br�ste. Vor ihr erhob sich eine Felsnadel aus dem Ger�ll. Wie ein astloser Baumstumpf ragte sie auf. Emerelle wusste, dass sie am Ziel war.</p></section><section><title><p>Shi-Handan</p></title><p>Alathaia hatte sie warten lassen. Zwei Tage waren vergangen, seit sie die Karfunkelsteine gefunden hatte. Zeit genug, alles vorzubereiten. Und Zeit genug zu bemerken, dass mit Birga eine seltsame Ver�nderung vorgegangen war. Sie hatte bessere Laune. Und sie wirkte selbstsicherer. Ihre Aura erstrahlte in einem ganz neuen Farbspektrum. Skanga war sich sicher, dass Alathaia etwas mit dieser Ver�nderung zu tun hatte. Und Birga war, wie es schien, d�mlich genug, zu glauben, dass die Elfe ihr einen Gefallen getan hatte. Am liebsten h�tte Skanga die dumme Kuh davongejagt.</p><p>Aber sie hatte zu viel M�hen in die junge Schamanin gesteckt. Sie wusste schon zu viel, um sie einfach ziehen zu lassen. Und sie zu t�ten, w�re dumm, es w�rde viele Jahre dauern, sich eine neue Dienerin wie Birga heranzuziehen.</p><p>Sie so zu ver�ndern, empfand Skanga als einen Angriff Alathaias. Leider hatte sie keine andere Wahl, als mit der Elfenf�rstin zu paktieren. Voller Selbstgef�lligkeit stand die F�rstin inmitten des Thronsaals. Erst vor wenigen Augenblicken hatte sich das Tor im Albenstern geschlossen. Noch lag ein Abglanz seiner machtvollen Magie im weiten Thronsaal und �berlagerte die Auren der Anwesenden.</p><p>Skanga hatte Madrog, den Anf�hrer der Spinnenm�nner, hierherbefohlen, aber er war nicht erschienen. Er hatte nur die zehn Armbrustsch�tzen geschickt, nach denen sie ebenfalls verlangt hatte. Skanga war sich ziemlich sicher, dass der Spinnenmann in der N�he war. Der Palast war durchzogen von geheimen Tunneln, G�ngen und Gew�lben.</p><p>Die meisten waren den Elfen sicherlich bekannt gewesen und mit deren Bil igung schon beim Bau der Burg errichtet worden. So konnten sich die zahllosen Kobolddiener unauff�llig bewegen. Sie waren immer nahe, ohne mit ihren verwachsenen kleinen Leibern das elfische Empfinden f�r Sch�nheit zu st�ren. Diese G�nge und Tunnel waren so eng, dass sich darin nur Kobolde leicht bewegen konnten. F�r einen Elfen w�re es schwierig gewesen, dorthin vorzudringen. Vielleicht wenn er auf allen vieren kroch. F�r einen Troll war es v�llig unm�glich, in dieses Gangsystem einzudringen. So hatten die Kobolde ihre eigene, unangreifbare Burg inmitten der Burg. Skanga wusste genau, dass sich Elija Glops diesen Umstand zunutze machte. Er sa� in den verborgenen Kammern zusammen mit seinen Volksr�ten, wie sich die Abgesandten der Kobolde aus fremden St�dten inzwischen nannten. Sie redeten, machten Pl�ne, ohne dass ein Troll dabei war. Es war h�chste Zeit, ihren Verb�ndeten eine kleine Lektion zu erteilen. Skanga hatte den Bezug eines Stuhls herabrei�en lassen, auf dem Madrog erst vor zwei Tagen bei einem Festmahl gesessen hatte. W�hrend die Trolle im Festsaal um ein Feuer auf dem Boden kauerten und Fleisch brieten, gefiel es den Kobolden, die Tischsitten der Elfen nachzu�ffen. Sie errichteten lange Tafeln, auf denen wei�es Tuch ausgebreitet wurde, stellten goldene Teller und Kerzenhalter darauf und lie�en sich bedienen. Hier auf der Burg gab es viele Elfendiener. Wie es anderswo war, wusste Skanga nicht. Elija hatte die Praxis eingef�hrt, dass man gefangene Elfen vor K�rperstrafen bewahren konnte, wenn Freunde und Verwandte von ihnen als einfache Diener f�r die Kobolde arbeiteten. Der Fuchsmann redete von Umerziehung und davon, dass der verdrehte Geist der Elfen nur durch die einfachen Freuden ehrlicher schwerer Arbeit gerade ger�cktwerden k�nne.</p><p>In Skangas Augen waren das nur hochgestochene Worte. Die schlichte Wahrheit war, dass Elija Freude daran hatte, die Elfen zu Frondiensten f�r die Kobolde zu zwingen.</p><p>Dagegen h�tte Skanga nichts einzuwenden gehabt. Aber ihr missfiel, dass er die Tatsache nutzte, dass noch kein neues Gesetz niedergeschrieben war, um ganz nach seinen Vorstellungen Recht zu sprechen. In seinem Gerichtssaal h�tte Emerelle ihr Blutbad anrichten sollen!</p><p>Es war h�chste Zeit, dass sie sich weiter um das Gesetzbuch k�mmerte. Es musste vollendet, abgeschrieben und in alle Provinzen getragen werden! Sie musste die Z�gel straffer ziehen, sonst w�rde es bald die ersten Aufst�nde gegen K�nig Gilmarak geben.</p><p>Zum Gl�ck war der junge Trollk�nig der endlosen Sitzungen im Thronsaal �berdr�ssig geworden und vergn�gte sich inzwischen bei ausgedehnten Jagdz�gen im Alten Wald, wo er mit gro�er Begeisterung den letzten Gelgeroks nachstellte.</p><p>Alathaia hatte wie gew�nscht drei Elfen mitgebracht. Zwei Krieger und ein Weib.</p><p>Skanga hielt nichts davon, wenn man Weiber an der Seite von Kriegern schickte. Aber bei den Elfen, das wusste sie, war das schon immer anders gewesen. Sie waren darauf angewiesen, jeden, der eine Waffe tragen konnte, in den Krieg zu schicken, denn sie waren zu wenige.</p><p>Die Elfen waren unbewaffnet, so wie Skanga es gew�nscht hatte. Wenigstens daran hatte sich Alathaia gehalten. Dennoch waren die Koboldarmbrustsch�tzen unruhig. Die Leibwachen der Elfenf�rstin hatten als K�mpfer einen ausgezeichneten Ruf. Sie standen den Elfenrittern, die Ollowain in der wei�en Festung bei der Shalyn Falah ausgebildet hatte, kaum nach.</p><p>�Deine Krieger wissen, was sie erwartet?� Skanga war verwundert, dass sich keinerlei Anzeichen von Furcht in ihren Auren zeigten. Ihr missfiel es, Elfen f�r diese Mission heranziehen zu m�ssen. Sie hatte verschiedentlich versucht, Shi-Handan aus Trollen zu erschaffen, war daran jedoch gescheitert, ohne verstehen zu k�nnen, warum.</p><p>Schlie�lich hatte irgendjemand es auch geschafft, Seelenfresser aus Menschen zu erschaffen, die ja nun wirklich ein Dreck im Vergleich zu einem Troll waren.</p><p>�Meine Wachen sind jederzeit bereit, ihr Leben f�r mich zu geben. Und wie ich sind sie �berzeugt, dass mit Emerelles Herrschaft nun auch ihr Leben enden sollte. Zu lange hat sie in Albenmark geherrscht.�</p><p>Skanga wusste, dass die Shi-Handan zuallererst Alathaia treu sein w�rden und dass sie keinem Befehl folgen w�rden, der sich nicht mit den Interessen ihrer F�rstin deckte. Es war ein Wagnis, ihr eine so m�chtige Waffe zu �berlassen. Allerdings hatte Skanga vorgesorgt. Sie hatte f�r sich und den jungen K�nig Gilmarak zwei Amulette erschaffen, deren Macht sie f�r die Shi-Handan unber�hrbar machte. Alle �brigen H�flinge und Krieger waren verzichtbar.</p><p>Eine Weile betrachtete sie gedankenverloren die magischen Kraftlinien, die sich inmitten des Thronsaals kreuzten. Sieben Albenpfade trafen sich hier und bildeten einen gro�en Stern. Nun galt es, dieses Wunder der Magie f�r einen Zauber zu missbrauchen, der allem zuwiderlief, was im Sinne der Alben gelegen hatte.</p><p>Skanga straffte sich. Sie hatte Angst vor den Yingiz. Die Kreaturen der Dunkelheit konnten sie nicht ber�hren. Aber sie musste immerzu daran denken, welches Unheil Emerelle heraufbeschworen hatte, als sie genau an diesem Ort einen der Albenpfade durchtrennt hatte, um die Armee der Trolle, die durch das Goldene Netz vorr�ckte, in den Abgrund der Finsternis zu schleudern. Sie hatte den Yingiz damit einen Weg nach Albenmark ge�ffnet. Nicht absichtlich. Das war das Einzige, was man ihr zugutehalten konnte. Aber sie hatte im Kampf um ihren Thron fast die ganze Welt geopfert. Nur mit gro�em Gl�ck hatten sie die Yingiz zur�ckschlagen k�nnen, als es ihnen gelungen war, einen Weg nach Albenmark zu finden. Und nun begann sie, Skanga, an der n�mlichen Stelle, an der das Unheil begonnen hatte, erneut mit diesem unbeherrschbaren Feind zu paktieren. Der Gedanke daran hatte ihr schlaflose N�chte bereitet. Und es geschah sehr selten, dass sie sich ruhelos auf ihrem Lager w�lzte.</p><p>Der Unterschied zu Emerelles Tun war, dass sie sehr genau wusste, was sie da tat. Es war auch nicht das erste Mal. Sie beherrschte den Zauber und wusste, was sie tun musste, um die Yingiz zu vertreiben. Sie konnte das Ganze beherrschen, sagte sie sich immer wieder, ohne den sengenden Funken des Zweifels ganz zum Verl�schen zu bringen. Es ging darum, Emerelle zu t�ten. Damit war das gr��te Unheil abgewandt.</p><p>Wer wusste schon, was sie in Zukunft tun w�rde, um ihren Thron zur�ckzuerobern.</p><p>Sie musste sterben! Nur so konnte sie sicher sein, dass ihr Volk k�nftig in Frieden leben w�rde. Sie hatte gar keine Wahl, als jetzt die Yingiz zu rufen und drei Shi-Handan zu erschaffen. Und sie w�rde die Schattenwesen betr�gen. Niemals w�rde sie zulassen, dass sie einen eigenen, festen K�rper erlangten. Niemand wusste, wie sie aussehen w�rden, wenn sie sich in Fleisch kleideten.</p><p>�Nimm ein St�ck wei�e Kreide, Birga, und zeichne dort dr�ben einen Kreis auf den Boden, der gro� genug ist, dass drei Elflein darin stehen k�nnen.� Sie deutete auf die Stelle zwischen den Kraftlinien, die nach Nordosten und Nordnordost verliefen. Sie wusste aus Erz�hlungen, dass den Boden ein pr�chtiges Mosaik mit sieben ineinander-verschlungenen Schlangen schm�ckte. Sehen konnte sie davon nichts. Sie musste sich an den magischen Auren orientieren. �Der Kreis muss nicht wirklich rund sein. Aber er darf keine L�cke haben, und sei sie auch nur so fein wie ein H�rchen! Auf dem Boden mit dem Steinbild wird das sicherlich nicht einfach sein. Achte darauf, dass du deine Arbeit gut machst!�</p><p>Aus der Aura Alathaias las sie gro�e Neugier. Ohne Zweifel war die Elfe begierig, diesen Zauber zu lernen. Nur deshalb opferte sie so bereitwillig drei ihrer Leibw�chter.</p><p>�Du kannst auch helfen�, sagte Skanga g�nnerhaft. Sie deutete auf das Podest, auf dem Emerelles Thron stand. Dort lagen alle Utensilien bereit, die sie zur Beschw�rung ben�tigte, und auch einige, die v�llig �berfl�ssig waren. Kerzen, ein Kleid, ein Stofffetzen von einem Stuhlbezug, das Herz eines Gelgeroks in einer Schale, ein wuchtiger Minotaurensch�del, Steine, in die Runen geritzt waren, und noch etliche andere Dinge, die Alathaia verwirren sollten.</p><p>�Nimm den Blutstein, der dort liegt, und ziehe einen weiteren Kreis auf den Boden. Er soll zwei Schritt durchmessen.�</p><p>Die Elfe gehorchte und nutzte die Gelegenheit, sich aus n�chster N�he anzusehen, was dort alles lag. Die meisten Dinge w�rde sie erkennen.</p><p>�Was ist das?� Sie deutete auf einen gro�en Fleischklumpen, der in einer Sch�ssel lag.</p><p>�Das Herz eines Gelgeroks�, entgegnete Skanga knapp, als sei v�llig offensichtlich, wozu es diente. Sie wusste, dass es in Langollion keine Gelgeroks mehr gab und Alathaia Schwierigkeiten haben w�rde, sich ein solches Herz zu verschaffen.</p><p>�Wozu dient es?�</p><p>�Es ist eines der Lockmittel. Die Yingiz sind Raubtiere. Sie reagieren besonders stark auf Ger�che. Das Herz wird sie aus dem Dunkel locken.�</p><p>Die Koboldarmbrustsch�tzen scharrten unruhig mit den F��en. Wahrscheinlich wusste nicht einer von ihnen, was die Yingiz waren. Aber man musste wahrlich nicht sonderlich klug sein, um auf die Idee zu kommen, dass mit einem blutigen Herzen ein finsterer Zauber gewoben werden sollte.</p><p>Es war ein sch�ner Tag. Der Himmel spannte sich klar und fast wolkenlos �ber ihnen.</p><p>Die verr�ckten Elfen hatten den Thronsaal ohne ein Dach errichtet. Das helle Mittagslicht bannte alle Schatten. Man w�rde die Yingiz au�ergew�hnlich deutlich sehen k�nnen.</p><p>Skanga hatte ein wenig Sorge wegen des Wassers, das best�ndig pl�tschernd die W�nde hinablief und das Mauerwerk hinter silbernen Schleiern verbarg. Sein L�rmen k�nnte die Worte der Macht st�ren. Sollte sie es darauf ankommen lassen?</p><p>Die alte Schamanin ging nun selbst zum Thron. Sie hatte die Zeit, die Alathaia sie hatte warten lassen, dazu genutzt, um ganz besondere Beschw�rungskerzen anzufertigen.</p><p>Sie hatte unter anderem das Leichenfett einiger Hingerichteter daf�r verwendet.</p><p>Holzkohle aus dem Stamm eines verbrannten beseelten Baumes gab ihnen ihre schwarze Farbe. Die Dochte waren aus dem Haar einer Elfenjungfer gedreht, die sich erh�ngt hatte, als sie erfuhr, dass sie einem Trollf�rsten zum Weibe gegeben werden sollte. Manche Elfenfamilien waren v�llig ohne Skrupel bei den Versuchen, ihre alte Macht zu erhalten.</p><p>Aber all diese Zutaten waren nebens�chlich. Das Besondere an diesen Kerzen waren die Zauber, die in sie eingewoben waren und die sich entfalten w�rden, w�hrend sie niederbrannten. Es waren nur mindere Zauber, und doch waren sie wichtig, um die Yingiz zu binden und daran zu hindern, den Thronsaal zu verlassen, waren sie erst einmal gerufen. W�rde Alathaia versuchen, zu eigenen Zwecken Yingiz zu rufen, um weitere Shi-Handan zu erschaffen, dann w�rde sie eine unangenehme �berraschung erleben.</p><p>Skanga selbst stellte die Kerzen auf. Sie mussten im rechten Abstand zueinander stehen und in den richtigen Winkeln, wenn man gedachte Linien zwischen ihnen zog.</p><p>Dadurch w�rden alle Zauber an Kraft gewinnen. Der Schamanin entging nicht, wie aufmerksam Alathaia jeder ihrer Bewegungen folgte und wie sie gespannt auf jeden Laut lauschte. Doch diesmal half das Ger�usch fallenden Wassers! Es erschwerte es der Elfe, zu verstehen. Ja, es �bert�nte selbst das scharfe Kratzen der harten Kreide auf dem Boden.</p><p>Ganz langsam schlich sich eine Ver�nderung ein. Es war nichts, das man h�tte greifen oder auch nur mit einem einzelnen Wort h�tte benennen k�nnen. Das Licht schien ein wenig blasser zu werden, obwohl keine Wolke vor der Sonne stand. Eine Spannung lag im Thronsaal. Die Vorahnung einer Bluttat.</p><p>Madrogs Kobolde waren �ble Burschen, die nicht davor zur�ckschreckten, sich als Meuchler zu verdingen, aber man merkte ihnen deutlich an, dass auch sie begannen, sich zu f�rchten. Skanga genoss es. Es war zudem ein wichtiger Bestandteil des Rituals. Der Geruch der Furcht lockte die Yingiz mehr als irgendetwas anderes.</p><p>Endlich hatten die Elfe und auch Birga ihre Aufgaben vollendet. Beide schworen, dass ihre Kreise v�llig l�ckenlos waren. �Du wei�t, dass die Shi-Handan b�sartig sind und dass der Teil von ihnen, den die Yingiz geben, manchmal deine Krieger beherrschen werden.�</p><p>Alathaia nickte.</p><p>�Aus diesem Grund ist es besser, wenn man immer zweifelsfrei wei�, wen man vor sich hat. Mich interessieren ihre Namen nicht. Aber ich denke, dass sie sicherlich auch zu dir kommen werden, und du solltest dann wissen, wer vor dir steht. Du kennst sie schlie�lich.�</p><p>Ein Hauch von Misstrauen zeigte sich in den Farben von Alathaias Aura.</p><p>�Werden sie sich f�gen, wenn ich sie nun zeichne?�</p><p>Skanga konnte sehen, wie die Elfe mit Neugier und auch Sorge rang, ihr Stolz aber die Oberhand behielt. Bei ihren Kriegern war es anders. Auch in ihren Auren hatte nun Furcht Einzug gehalten.</p><p>�Sie werden sich f�gen�, sagte die F�rstin mit einer Stimme, der kein Zweifel anzumerken war. Sicherlich konnte man ihn auch nicht an ihrem Gesicht ablesen. Aber niemand, ganz gleich, wie beherrscht er war, vermochte die Farben seiner Auren zu verf�lschen. Sie zeigten immer, was einen im Innersten bewegte.</p><p>�Nun denn.� Skanga zog das kurze Obsidianmesser aus ihrem G�rtel und weidete sich daran, wie das Entsetzen der Elfen mit jedem Schritt wuchs, um den sie sich n�herte.</p><p>Sie packte den Vordersten bei den Haaren.</p><p>Er hob die Hand, als Krieger gewohnt, sich nicht kampflos aufzugeben.</p><p>�Besch�me mich nicht, Elovyn!� Die Worte Alathaias machten ihn f�gsam.</p><p>�Das in vielerlei Hinsicht Herausragendste sind eure Ohren.� Skanga tastete durch das Haar ihres Opfers, bis sie eines von Elovyns Ohren zu packen bekam. Mit raschem Schnitt trennte sie es ab. �Nun wird der hier auch in Gestalt eines Shi-Handan nicht mehr zu verwechseln sein.�</p><p>Sie sah sich nach dem Weib um. F�r sie w�rde es schlimmer sein. Genau das brauchten sie. Skanga packte sie. Sie tastete ihr mit den Fingern �ber das Gesicht. Die Haut war so unglaublich glatt und zart. �F�rchtest du um deine Ohren, Kleine? Ich m�sste dir wohl beide nehmen, um dich unverwechselbar zu machen.�</p><p>�Kann man in meiner anderen Gestalt denn nicht erkennen, dass ich eine Frau bin?�</p><p>Sie bem�hte sich sehr darum, gefasst zu klingen, scheiterte aber.</p><p>Alathaia wirkte ver�rgert. �Ist es unerl�sslich, Alyselle zu verst�mmeln? Sie ist...�</p><p>�Ihr beide seid also sehr um ihre Ohren besorgt? Dann soll sie die behalten!� Mit diesen Worten dr�ckte sie seit lieh auf das linke Auge Alyselles, bis es mit leisem Schmatzen aus seiner H�hle quoll.</p><p>Die Elfe schrie auf, w�hrend Skanga das Auge umfasste, das an einem d�nnen Fleischf�dchen herabbaumelte. Die Elfe zuckte erschrocken zur�ck. Mit dieser Bewegung zerriss sie selbst das B�ndel Nervenstr�nge, an dem ihr Auge noch hing.</p><p>Skanga schnippte das Auge achtlos zur Seite. In den Auren der Elfen las sie blanken Hass. Sie musste an Shahondin, den ehrgeizigen F�rsten von Arkadien, denken, dem sie ebenfalls einst ein Auge genommen hatte. Eitelkeit war eine Schw�che, die allen Elfen gemein war. Wenn Sch�nheit besch�digt wurde, dann waren sie alle gleich j�mmerlich!</p><p>�Was willst du Valderun antun?� Alathaia war aufgebracht.</p><p>Es verwunderte Skanga, dass die Elfe offensichtlich mit ihren Kriegern mitf�hlte. Ihr w�re es ganz egal, wenn man einem ihrer Leibw�chter ein Auge oder ein Ohr nehmen w�rde, wenn es darum ging, einen machtvollen Zauber zu weben. Aber so waren sie halt, die Elfen. �Du kannst beruhigt sein. Der dritte ist dadurch gezeichnet, dass ihm nichts fehlt.� Mit einem L�cheln wandte sie sich von der F�rstin ab. �Birga! �berpr�fe, ob der Bannkreis um die Elfen unverletzt ist. Und dann tritt mit Alathaia in den roten Kreis.�</p><p>Skanga rief ein Wort der Macht. Sie sp�rte, wie die Albenpfade rings um sie in Bewegung gerieten. Ihre Kraftlinien verzerrten sich. Ein Tor aus glei�endem Licht wuchs aus dem Boden. Es �ffnete sich sehr langsam. Die Schamanin musste all ihre Willenskraft aufbieten, um es zwei Handbreit aufzuzwingen.</p><p>Die Elfenf�rstin hatte sich bereits in den sicheren Bannkreis gerettet. Nur Augenblicke sp�ter folgte ihr Birga. Einer der Koboldarmbrustsch�tzen wollte ebenfalls im roten Kreis Schutz suchen. Ein einziges Wort nahm seinen Beinen alle Kraft. Wie mit dem Mosaik auf dem Boden verwachsen, stand er still.</p><p>�Aufh�ren!�, schrie ein anderer Kobold.</p><p>Skanga sp�rte, wie sie auf sie anlegten. Ein heiserer Fluch verwandelte die Bolzen auf den Waffen und in den K�chern in W�rmer.</p><p>Einige der Kobolde schrien in hellem Entsetzen auf. Sie ahnten, dass auch ihnen ein Platz in diesem Ritual zugedacht war. Einige sanken um Gnade wimmernd in die Knie. Die �brigen flohen zum hohen Portal, das vom Thronsaal in den Palast f�hrte.</p><p>Ein Fingerschnippen Skangas lie� die hohen Bronzepforten zuschlagen. Sie umklammerte jetzt mit der Linken den Albenstein, den sie um den Hals trug. Seine angenehme W�rme gab ihr Kraft. Erneut widmete sie sich dem magischen Tor. Zoll um Zoll zwang sie es weiter auf. Pl�tzlich mischte sich die Stimme Alathaias unter die ihre.</p><p>Die Elfe half!</p><p>Endlich war es geschafft. Das Tor ins Nichts klaffte wie eine gro�e, schwarze Wunde inmitten des Thronsaals. Anders als sonst war kein leuchtender Albenpfad zu sehen.</p><p>Die Schamanin wandte sich den drei Elfen zu. �Ihr riecht nach nichts. Das bisschen Blut, das geflossen ist, gen�gt nicht. Die Yingiz sollen schlie�lich wissen, wohin sie gehen m�ssen, wenn sie uns gefunden haben.�</p><p>K�lte durchdrang den Thronsaal. Skanga ging zum Thron und nahm einen Lederschlauch auf, den sie bereitgelegt hatte. Unter den bangen Blicken der Elfen nahm sie einen gro�en Schluck daraus. Dann trat sie an deren Bannkreis und prustete die Fl�ssigkeit zwischen zusammengepressten Lippen hinaus. �Lebertran und Gelgerokblut! Nun riecht ihr wenigstens nach etwas.�</p><p>Sie rief ein Wort der Macht, und alle Kerzen flammten gleichzeitig auf.</p><p>Der s�uerliche Gestank der Angst drang ihr in die Nase. Es waren vor allem die Kobolde. Aber auch die Elfen hatten ihren Hochmut abgelegt.</p><p>Skanga sammelte sich. Sie stie� einen Laut wie ein keh liges Husten aus. Es folgten Worte, die keiner lebenden Sprache entstammten. Worte, die sie unter namenloser Qual einst von ihrer Meisterin Mahta Naht erlernt hatte.</p><p>Worte, die in jener Finsternis, in der keines der Gesetze Albenmarks mehr galt, Geh�r finden w�rden.</p><p>Es wurde k�lter im Thronsaal. Das Wimmern der Kobolde wurde leiser. Sie kr�mmten sich zusammen und schienen noch ein wenig kleiner zu werden. Das Fleisch schmolz von ihren Knochen, bis die Haut in schlaffen S�cken herabhing. Aus ihren klaffenden M�ulern troffen F�den aus klebrigem, goldenem Licht. Sich schwerelos windend, tanzten sie zu Skangas Gesang und verschwanden durch das magische Tor ins Nichts.</p><p>Noch waren die Kobolde nicht tot, auch wenn ihre K�rper nur noch groteske Parodien dessen darstellten, was sie noch vor Augenblicken gewesen waren. Ihre Auren waren fast verblasst. Sie waren unrettbar verloren. Ihr Zauber hatte ihnen all ihre Lebenskraft entzogen. Die Essenz dessen, was sie waren. Sie waren mehr als nur tot, wenn das goldene Licht verlosch. Sie waren herausgerissen aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt. Sie waren ausgel�scht f�r alle Zeit. Und ihr Tod diente einzig dazu, die Yingiz anzulocken. Ihr goldenes Licht, das sich vorsichtig ins Dunkel tastete, w�rde die Schattengestalten neugierig machen.</p><p>Die drei Elfen aus Alathaias Leibwache schwitzten nicht. Man roch ihre Furcht nicht.</p><p>Aber ihre Auren erstrahlten in dem klaren Blau ungez�gelter Angst. Nichts, was immer auch Alathaia ihnen erz�hlt haben mochte, h�tte sie auf das vorbereiten k�nnen, was nun geschehen w�rde.</p><p>Ein hechelnder Laut drang aus der dunklen Pforte inmitten des Thronsaals. Die goldenen F�den hingen leicht vibrierend in der Luft. Ein hauchzartes Band endete in den K�rpern der Kobolde. Noch war es mit ihnen nicht vorbei.</p><p>Das Dunkel jenseits der Pforte schien zu erzittern. Pl�tzlich stand Skanga der Atem vor dem Mund. Die K�lte schlug so stark in den Thronsaal, dass sie wie eine k�rperliche Ber�hrung war. Das Ger�usch des fallenden Wassers ver�nderte sich. Dann erstarb es ganz. Nur das feine Knistern von Eis war noch zu h�ren.</p><p>Sie waren reine Dunkelheit. Einen Augenblick sah es aus, als wolle sich die Finsternis aus der magischen Pforte hinausw�lben. Dann war der Erste da. Er folgte einem der Lichtf�den, die er gierig verschlang. Ein Zweiter erschien. Sie gaben hechelnde Laute von sich. Laute ungez�gelter Gier. Ein Dritter erschien.</p><p>Skanga musste sich zwingen, das Wort der Macht �ber ihre von der K�lte rissigen Lippen zu bringen. Binnen eines Lidschlags verschwand die dunkle Pforte. Aber nicht die Kreaturen. Die Yingiz hielten nicht inne. Ihre Gier nach dem Lebenslicht der Kobolde lie� sie alles andere vergessen.</p><p>Skanga sah zu, wie sie ihre stumpfen Schnauzen in die Brustk�rbe der Kobolde stie�en. Die Auren verloschen. Die Schatten balgten um den letzten Lebensfaden. Ihre Erscheinung erinnerte an gro�e schwanzlose Hunde. Doch war ihre Form ver�nderlich. Nicht ganz klar umrissen. Sie streiften nun durch den Thronsaal, in dem sie die Macht ihrer Beschw�rung gefangen hielt.</p><p>Schnuppernd untersuchten sie die Dinge, die auf dem Podest des Throns lagen. Auch den Bezug des Stuhls, auf dem Madrog gesessen hatte. Dann begannen sie Skanga zu umkreisen.</p><p>�Die Alben haben euch eure Leiber genommen und in die Finsternis gesto�en. Ihr seid hier, weil ich euch gerufen habe! Ihr seid gefangen im goldenen Netz, das eure Finsternis umschlie�t. Ich wei�, wie sehr ihr euch nach K�rpern sehnt. Danach, mehr zu sp�ren als Hass. Den Wind auf eurer Haut. Den Geschmack von Blut auf den Lippen. Ich kann euch all dies geben. Oder euch zur�ck in die Dunkelheit sto�en.�</p><p>Einer der Schatten sprang Skanga an. Grelles Licht flammte auf. So hell, dass es selbst durch ihre toten Augen brannte. Ein schriller Klagelaut erklang, der die Kaskaden aus Eis entlang der W�nde leise klirren lie�. Der Schatten, der sie angegriffen hatte, hatte an Substanz verloren. Er war kleiner geworden. Wie ein gepr�gelter Hund glitt er von ihr fort.</p><p>Der Albenstein auf ihrer Brust war so hei� geworden, dass er ihr Fleisch verbrannt hatte. Wie vielen solchen Angriffen k�nnte sie widerstehen? �Glaubt ihr, ich h�tte euch gerufen, wenn ich mich nicht vor euch sch�tzen k�nnte? Ich k�nnte euch verschlingen, wenn ich wollte! Seht ihn euch an! Seht, was eine einzige Ber�hrung vermochte! Ich l�sche euch aus, wenn ihr mir nicht gehorcht!� Das lag jenseits ihrer M�glichkeiten, aber das konnten sie ja nicht wissen. Sie konnte ihnen Schmerzen bereiten. T�ten konnte sie einen Yingiz nicht.</p><p>�Ihr werdet meine Henker sein! Ich werde euch das Lebenslicht meiner Feinde schenken. Heute noch richtet ihr einen Verr�ter f�r mich. Und dann sucht ihr Emerelle, die K�nigin der Elfen. Ihr Licht ist stark und alt. Findet sie. T�tet sie, und ich erf�lle euch euren sehnlichsten Wunsch. Ich kleide euch in Fleisch!�</p><p>Skanga empfand es als beunruhigend, bei den Schattengestalten nicht in Auren lesen zu k�nnen. Auch sie versp�rte aufkeimende Angst. Mit diesen Kreaturen konnte man keinen Pakt eingehen. Sie w�rden sich an kein gegebenes Wort halten. Sie sprachen ja nicht einmal. Die Schamanin strich �ber das Amulett mit dem Albenstein. Seine Kraft zu sp�ren, half gegen die Angst. Sie war nicht wehrlos! Und auch ihr stand es frei, sich an ein gegebenes Wort nicht zu halten.</p><p>Die Schamanin deutete auf den Bannkreis mit den drei Elfen. �Sie sind erw�hlt, euch einen K�rper zu geben, der es euch erlaubt, die Pfade der Alben zu nutzen. Das Goldene Netz wird euch kein Gef�ngnis mehr sein.�</p><p>Skanga blickte zu Alathaias Leibwachen. Sie h�tte zu gern gewusst, was die F�rstin den drei Elfen gesagt hatte.</p><p>Was sie erwartete, war schlimmer als der Tod. Sie hatten Angst, aber sie machten keinerlei Versuch, aus dem Bannkreis auszubrechen oder um Gnade zu bitten.</p><p>�Nehmt euch die K�rper! Ihr wisst, was ich von euch erwarte!� Mit diesen Worten setzte Skanga einen Fu� auf die wei�e Kreidelinie und verwischte sie. Wie Rauch fl�ssen die Schatten in den Schutzzirkel. In dunklen Schlieren tanzten sie um die Leiber der Elfen. Das Haar der drei �berzog sich mit Raureif, so dass es aussah, als sei es binnen eines Herzschlags wei� geworden. Sie waren wie schwarze Schlangen.</p><p>Skanga wusste, was geschehen w�rde. Doch auch sie vermochte es eine ganze Weile nicht wahrzunehmen. Die Elfen atmeten den Schatten ein. Sie k�mpften dagegen an.</p><p>Doch es war aussichtslos. Bei all ihrer Disziplin vermochten auch sie sich nicht willentlich zu ersticken, indem sie ihren Atem anhielten. Sie versuchten es. Es war ihr letzter Kampf. Und sie scheiterten.</p><p>Langsam verblassten die Schattengestalten, bis sie schlie�lich g�nzlich verschwunden waren. Die drei Elfen waren zu Boden gesunken. Wie tot lagen sie in ihrem Bannkreis.</p><p>Es herrschte eine unheimliche Stille. Die K�lte war nicht gewichen. Birga und Alathaia wagten es nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Gebannt blickten sie auf den wei�en Kreidekreis.</p><p>Pl�tzlich setzte sich die Elfe, der sie das Auge genommen hatte, mit einem Ruck auf. Es war eine unnat�rliche Bewegung. Sie wirkte wie eine Holzpuppe, die man an F�den zog. Dann begann sie zu schreien. Und das wirkte nicht l�nger h�lzern. Sie fasste sich mit den H�nden ans Gesicht und wand sich unter Schmerzen. Skanga konnte nicht sehen, was mit ihr geschah, aber sie h�rte es. Obwohl auch die beiden anderen Elfen inzwischen schrien, vernahm sie ganz deutlich ein trockenes, leises Ger�usch. Es erinnerte an das Knarren der �ste eines toten Baums, wenn sie sich in schwerem Wind wiegten.</p><p>Die Schamanin wusste, was sie jetzt durchlitten. Ihre Leiber verformten sich. Ihnen wuchs eine Schnauze mit Rei�z�hnen, w�hrend ihre Stirn abflachte. Am schlimmsten waren die Ver�nderungen von Armen und Beinen. Die Elfen verwandelten sich in hagere Hunde. Nur dass diese drahtigen Kreaturen gro� wie kleine Pferde waren.</p><p>Sie zuckten und wanden sich auf groteske Weise. Krallen brachen aus ihren Fingern.</p><p>Aus der Haut spross kurzes Fell. Die drei wurden zu Shi-Handan. Zu Seelenfressern.</p><p>Skanga hatte geh�rt, dass man sie im Fjordland auch Wolfspferde nannte. Sie hatten Auren. Diese hatten sich von den Elfen erhalten. Elf und Yingiz teilten sich nun einen Leib. Und der willensst�rkere von beiden w�rde herrschen. Der andere Teil war ein Gefangener. Ein Zuschauer bei Taten, auf die er keinen Einfluss hatte.</p><p>Die Schatten waren nicht mehr k�rperlos, doch waren sie auch nicht zu Gestalten aus Fleisch und Blut geworden. Blauwei�es Licht umspielte sie. Man konnte durch die Shi-Handan hindurchsehen und die gefrorenen Wasserkaskaden entlang der W�nde des Thronsaals erkennen.</p><p>Die Schamanin wandte sich an Alathaia. �Deine Krieger leben noch. Sie sind ebenso Teil der Shi-Handan wie die Yingiz. Weder Klaue noch Zahn kann sie nun verwunden.</p><p>Noch der Silberstahl der Elfen. Doch sollten sie sich vor dem minderwertigen Eisen h�ten, das Kobolde und Menschen verwenden. In ihm ist etwas, das sie zu verletzen vermag.�</p><p>Die geisterhaften Hunde traten aus dem Kreidekreis. Der Schutzbann hatte keine Macht mehr �ber sie.</p><p>�Nun, F�rstin, gef�llt dir, was du siehst?�</p><p>�Mir ist gleich, wie sie aussehen. Ob sie mir gefallen, sage ich dir, wenn wir von ihren Taten h�ren.�</p><p>Skanga schnaubte. Sie vermochte ihren �rger nicht ganz zu verbergen. Alathaia war Zeugin eines der machtvollsten und finstersten Zauber geworden, die man wirken konnte. Und sie tat, als sei das nichts! Die Schamanin war sich sehr wohl bewusst, dass die Elfenf�rstin Blutmagie wirkte und manche verachtenswerte Mordtat begangen hatte. Ihr Wirken hatte Spuren in ihrer Aura hinterlassen. Auch war Skanga klar, dass Alathaia hier war, um zu lernen. Aber sehen hie� nicht verstehen. Und selbst verstehen bedeutete nicht, dass diese Elfenschlampe in der Lage war, es ihr gleichzutun. So gro� ihre Macht auch sein mochte, sie besa� keinen Albenstein.</p><p>Skanga f�hlte sich mit einem Mal sehr m�de. Die Zauber hatten an ihren Kr�ften gezehrt. Wie auch der �rger dar�ber, dass Alathaia sich weigerte, ihr den n�tigen Respekt entgegenzubringen.</p><p>�Gib ihr die Karfunkelsteine, Birga. Sie hat ihr Wort gehalten.�</p><p>Die Schamanin schlurfte hin�ber zum Thron. Ihre Finger tasteten nach den Dingen, die sie f�r die Shi-Handan bereitgelegt hatte. Zuerst fand sie den Bezug des Stuhls, auf dem Madrog gesessen hatte. �Das hier ist mit dem Geruch eines Kobolds durchtr�nkt.</p><p>Er soll das erste Opfer sein. Er h�lt sich irgendwo in dieser Burg verborgen. Eine leichte Aufgabe. W�hle einen der Deinen daf�r aus. Du kannst jetzt aus deinem Bannkreis treten. Sie werden dir nichts tun!�</p><p>Alathaia ging, ohne zu z�gern, auf die riesigen Hunde zu. Mutig war sie, das konnte man ihr nicht absprechen. Sie fl�sterte mit ihnen. Nannte sie bei ihren Namen. Skanga l�chelte. Diese Namen waren nur noch die halbe Wahrheit. Ob ihr das nicht klar war?</p><p>Sie w�hlte denjenigen aus, der ganz ohne Verst�mmelung geblieben war.</p><p>Die Schamanin warf dem Shi-Handan den Stofffetzen vor. Die Kreatur schnupperte kurz daran. Umkreiste den Kissenbezug und schnupperte erneut. �Du kannst ihn t�ten und alle, die bei ihm sind. Nur die Lutin musst du verschonen. Das sind die Kobolde, die wie F�chse aussehen. Alle anderen sind dein Fra�. Ein Kobold hat kein starkes Lebenslicht. Aber es sind meistens viele von ihnen beisammen. In dieser Burg gibt es geheime Tunnel und Gew�lbe. Dort irgendwo wirst du ihn finden. Nun geh!� Wie ein braver Hund lief der Shi-Handan los, wenngleich er in Wahrheit eine Bestie war. Er lief durch die eis�berzogene Wand und war verschwunden.</p><p>�Und Emerelle?� Die F�rstin nahm das Kleid auf, das beim Thron lag. Skanga h�rte das leise Rascheln des Stoffs. �Das ist aus ihrem Turm, nicht wahr?� Sie hielt es den beiden verbliebenen Wolfspferden hin. �Sucht Emerelle! T�tet sie! Und alle, die ihr helfen.�</p><p>�Sie war zuletzt in Feylanviek�, f�gte Skanga hinzu. Der Verstand der Elfen w�rde die Bestien zu der Stadt im Windland f�hren. Erneut �ffnete die Schamanin den Albenstern.</p><p>Die Geisterhunde traten durch das magische Portal. �ber die Albenpfade w�rden sie binnen Augenblicken die Stadt im Norden erreichen. Skanga malte sich aus, was geschehen w�rde, wenn die beiden Shi-Handan auf dem Marktplatz inmitten der Stadt erscheinen w�rden.</p><p>�Wann werden wir von ihrem Tod erfahren?�</p><p>Skanga l�chelte. �Das kann niemand sagen. Nur eines ist gewiss. Sie werden nicht ruhen, bevor sie Emerelle gefunden haben. Ganz gleich, ob es ein paar Stunden, einen Mond oder ein Jahr dauert. Sie werden sie finden!�</p></section><section><title><p>Hattah</p></title><p>Eine Schmetterlingspuppe hing von einem Stein. Sie sah sie sehr deutlich. Die kleinen H�cker entlang der N�hte, an denen die Puppe bald aufplatzen w�rde. Das Muster aus dunklen Punkten. Sie hatte fast die Farbe des Steins, von dem sie hing.</p><p>Etwas bewegte sich. Emerelle konnte es h�ren. Da war ein Gleiten. Ein sehr leises, schmatzendes Ger�usch. Die Puppe erzitterte. Der Schmetterling rang um seine Geburt in ein neues Leben. Wie vollkommen er sich von der gefr��igen Raupe unterscheiden w�rde, die er einmal gewesen war.</p><p>Ein feiner Spalt klaffte jetzt in der Puppe. Silbern leuchtender Schleim trat aus, und rann tr�ge an der Chitinh�lle hinab. Immer heftiger schaukelte das Gef�ngnis des Schmetterlings. Licht brach aus dem Inneren. Etwas stimmte nicht.</p><p>Emerelle trat ein paar Schritt zur�ck. Jetzt erst wurde sie sich der n�chtlichen Umgebung bewusster. Das Hattah vernebelte ihr immer noch die Sinne! Das war kein Stein, von dem die Puppe hing. Es war eine Felswand! Die Puppe war riesig!</p><p>Mindestens zehn Schritt lang.</p><p>Emerelle zwang sich zur Ruhe. Das war die Droge! Es gab keine so riesigen Schmetterlinge in Albenmark!</p><p>Als w�re ein Schleier von ihren Augen gefallen, sah sie jetzt immer klarer. Der Chitinpanzer der Puppe war mit feinem Felsstaub verklebt. Weiter unten lag ein Durcheinander von Felsbrocken in allen Gr��en. Dar�ber wogte Staub. Eine Lawine?</p><p>Die Puppe war im Fels verborgen gewesen. Im gewachsenen Stein! Was sie f�r H�cker gehalten hatte, waren Steinklumpen, die noch immer am Gef�ngnis des Falters klebten.</p><p>Verklebte, kaum entfaltete Fl�gel schoben sich durch den Spalt im sch�tzenden Panzer. Licht troff von ihnen herab. Es wurde k�lter.</p><p>Ein geschuppter, durchscheinender Schwanz brach hervor. Emerelle wollte fortlaufen und war zugleich so fasziniert von dem Anblick, dass sie sich nicht von der Stelle zu bewegen vermochte. Dann erhob sich der Kopf. Ein m�chtiger, geh�rnter Drachenkopf, wie sie ihn seit Jahrhunderten nicht einmal mehr in ihren Albtr�umen gesehen hatte. Wei�e Augen mit geschlitzten Pupillen blickten auf sie herab. �Lauf nur! Du kannst mir nicht entkommen.� Er sprach mit angenehmer, dunkler Stimme.</p><p>Der Drache streckte seine riesigen Schmetterlingsfl�gel. Sein ganzer Leib war durchscheinend, als sei er aus d�nnem Rauch erschaffen. Zugleich strahlte er eine Kraft aus, die keinen Zweifel aufkommen lie�, dass er ein machtvoller Gegner war.</p><p>Emerelle tastete nach ihrem Albenstein. Sie war nicht schutzlos. Sie ... Der Stein, den sie stets an einer Lederschnur auf der Brust getragen hatte, war verschwunden.</p><p>�Ich sagte doch, du kannst mir nicht entkommen.� Der Drache schlug vorsichtig mit den aufgef�cherten Fl�geln. Letzte Schlieren aus silbrigem Licht troffen von ihnen herab. Langsam, so wie man ein zu volles Glas an den Mund f�hrt, l�ste er sich von der Puppe.</p><p>Bei jedem Fl�gelschlag peitschte ihr der bei�ende Atem des Winters ins Gesicht. Ihr Schutzzauber, der sie vor Hitze und K�lte bewahrte, war gebrochen!</p><p>Sie wich zur�ck und wollte sich mit einem Wort der Macht gegen die K�lte wappnen.</p><p>Ihr Fu� trat ins Leere! Erschrocken blickte sie hinter sich. Sie stand an einem Abgrund.</p><p>Es gab kein Entkommen.</p><p>Im gleichen Augenblick, in dem ihr das klarwurde, erhob sich der Drache �ber ihr in die Luft. Sternenlicht brach sich funkelnd an seinen Krallen. Sie waren nicht aus Rauch!</p><p>Mit einem Schrei fuhr Emerelle auf und versuchte auszuweichen. Sie st�rzte ins Leere.</p><p>Ihre Schulter schrammte �ber Felsen. Die H�nde schnellten vor und suchten Halt. Ihre Fingern�gel splitterten auf hartem Fels.</p><p>Ihr Knie schlug auf Stein. Grelle Lichtpunkte tanzten ihr vor Augen. Etwas schrammte �ber ihre linke Wange. Im Reflex packte sie in einen klaffenden Felsspalt. Ihre Finger schlossen sich um etwas Festes, vielleicht eine abgestorbene Wurzel. Ihr ganzer K�rper schlug gegen die Felswand. Doch der Sturz war beendet. Jeder Muskel schmerzte. Sie war bedeckt mit Sch�rfwunden und Prellungen.</p><p>Eine Weile hing sie dort, schwer atmend und unf�hig, einen klaren Gedanken zu fassen. Nur allm�hlich wurde ihr bewusst, dass sie eine der hohen Felsnadeln in der W�ste erklommen haben musste. Wie sie dort hinaufgekommen war, daran erinnerte sie sich nicht mehr. Sie wusste noch, wie Imaga sie mit dem magischen Muster bemalt hatte. Danach verschwamm alles zu einem Traum.</p><p>Ein Schauder �berlief sie. Der Drache�... Seine Stimme war ihr vertraut vorgekommen.</p><p>Sie dachte an ihre unendlich entfernte Jugend. An die verzweifelten K�mpfe gegen die Herren Albenmarks. Die Erinnerung war zum Greifen nah! Doch sie verweigerte sich.</p><p>Dobon hatte nicht gelogen! Der Alptraum war so wirklichkeitsgetreu gewesen, dass er sie fast get�tet h�tte. Sie blickte die Felsnadel hinauf. Ihr Sturz war mehr als zwanzig Schritt in die Tiefe gegangen. Den gr��ten Teil der Strecke musste sie an der Steilwand entlang gerutscht sein. Von unten lie� sich nicht erkennen, wie viel Platz die Spitze der Felsnadel bot. Vermutlich kaum genug, um sich zu setzen, ohne die Beine �ber den Abgrund baumeln zu lassen. Wie war sie nur, vom Hattah umnebelt, dort hinaufgelangt?</p><p>Vorsichtig mit den F��en tastend, suchte Emerelle einen sicheren Stand. Der Fels war noch hei� von der Mittagssonne. Sie musste ein St�ck h�her steigen, um einen Vorsprung zu erreichen, auf dem sie sich niederlassen konnte. Ihre Magie umgab sie mit angenehmer K�hle. Aber sie litt Durst und hatte nichts zu trinken. Ein Wort der Macht sammelte die Feuchtigkeit in der Luft und lie� sie auf dem glatten Felsen kondensieren. Es war l�cherlich wenig Fl�ssigkeit. Schmerzlich erinnerte sie sich, wie gr�n und fruchtbar dieses Land einmal gewesen war. Sie dachte an die wei�e Pyramide. Ob es sie noch gab? Und an den Jadegarten mit all seinen Wundern?</p><p>Sie wagte nicht, ihren Geist schweifen zu lassen, solange sie sich nicht sicher war, ob die Wirkung des Hattah noch andauerte. Sie legte die Rechte �ber ihre Leber.</p><p>Die W�rme ihrer Handfl�che drang in das Fleisch. Fast sofort wurde ihr wieder schwindelig. Es schien, als leiste die Droge Widerstand dagegen, aus ihrem Blut gesp�lt zu werden.</p><p>Ihr blieb nichts anderes �brig, als zu warten. Schlafen w�rde sie nicht mehr. Was hatte dieser Drache zu bedeuten gehabt? War er nur ein Zerrbild ihrer �ltesten �ngste? War die Macht der Yingiz hier wirklich so gro�, dass sie Tr�ume beeinflussen konnten?</p><p>Die Grauh�ute mussten ihre Zauber weiterhin wirken! Aber sie w�rden nicht am Rand der W�ste bleiben. Sie w�rde nicht dulden, dass sie noch l�nger alle anderen St�mme tyrannisierten. Sie w�rde sie zum Jadegarten f�hren! Die G�rten w�rden die Kobolde n�hren. Wenn es sie denn noch gab.</p></section><section><title><p>Von den Herren der Welt und ihren Dienern</p></title><p>Elija h�rte den anderen kaum zu. Er musste die ganze Zeit an das Buch denken, dass er in den H�nden der Elfenf�rstin gesehen hatte. Er kannte es gut. Er hatte es selbst ausgesucht. Es war ihres gewesen! Da konnte es keinen Zweifel geben. Aber wie war Gandas Buch in die H�nde der Elfenf�rstin gelangt? Und waren das Blutflecken auf dem Einband gewesen? Seine Schnauzbarthaare str�ubten sich bei dem Gedanken.</p><p>Er hatte jedem seiner Kommandanten ein B�chlein gegeben, als er sich sicher gewesen war, dass die Erhebung der Kobolde erfolgreich verlaufen w�rde. Dass sie es schaffen w�rden, das Joch der Elfentyrannei abzusch�tteln. Er hatte an die Zukunft gedacht, als er ihnen die B�cher mit den leeren Seiten geschenkt hatte. Er erinnerte sich noch daran, was er gesagt hatte!</p><p><emphasis>Wir werden Geschichte schreiben, Br�der und Schwestern! Wir haben bereits damit begonnen.</emphasis></p><p><emphasis>Und damit k�nftige Generationen an den Ereignissen, die uns bevorstehen, teilhaben k�nnen, m�chte ich euch bitten, jedes Mal, wenn etwas in euren Augen Wichtiges geschieht, einen Eintrag in die B�cher zu machen, die ich euch �berreicht habe. Eine kurze Notiz mit dem Datum reicht. Bald wird so vieles gleichzeitig geschehen, dass es im Nachhinein schwierig werden mag, alles in der richtigen Reihenfolge zu erz�hlen. Erw�hnt nicht die Namen und Taten anderer Kommandanten. Schreibt nur �ber euch. So wird kaum Schaden entstehen, wenn eines der B�cher in die H�nde der Feinde gelangt.</emphasis></p><p>Elija musste schmunzeln, als er daran dachte, dass sein B�chergeschenk fast durchg�ngig auf Ablehnung gesto�en war. Er kannte seine Kommandanten! So gut sie als Anf�hrer auch sein mochten, fehlte den meisten von seinen Rotm�tzen doch der Verstand, um die historischen Dimensionen ihres Aufstands einsch�tzen zu k�nnen.</p><p>Sie waren ganz im t�glichen Gesch�ft des verdeckten Kampfes gefangen gewesen. Er aber hatte weiter denken m�ssen! Der Einzige, der mit gro�er Begeisterung die Seiten seines Revolutionstagebuchs f�llte, war sein kleiner Bruder Nikodemus.</p><p>�Elija?�</p><p>Er blickte auf. Alle sahen ihn an. Wor�ber hatten sie gesprochen? Er hatte nicht einmal mehr mit halbem Ohr zugeh�rt. Elija blinzelte m�de. Er hatte schlecht geschlafen in den letzten N�chten. Und es hatte zu viele Treffen wie dieses gegeben. Die Burg quoll �ber vor Kobolden aus allen Provinzen. In ihrer Heimat mochten sie bedeutend sein, aber wenn man die Revolte als Ganzes sah, waren sie bestenfalls die zweite Garde. All seine erfahrenen Kommandanten waren in bedeutsamen Missionen unter wegs, und er sa� hier gefangen mit den Trollen und mit den B�rokraten der Revolution.</p><p>�Kommandant? Wir waren �bereingekommen, dass wir den Trollen einen Gegenentwurf zu ihrem Gesetzbuch �berreichen wollen. Was haltet ihr davon?�</p><p>Elija sch�ttelte den Kopf. �Den werden sie benutzen, um sich damit den Arsch abzuwischen. Skanga will ein einfaches Recht. Ein Recht, das sich an der Vorstellungswelt der Trolle orientiert. Und ein Recht, in dem Trolle klar bevorzugt werden. Sie ist die eigentliche Herrscherin, und es wird nichts geschehen, was sie nicht will.�</p><p>Betretenes Schweigen machte sich breit. Es war dr�ckend hei� in dem Gew�lbe, und es roch nach dem Kalk der W�nde. Ihr Versammlungsraum lag etwa drei�ig Schritt unter der gro�en K�che von Burg Elfenlicht und war erst vor wenigen Tagen fertig geworden. Die W�nde waren dekoriert mit erbeuteten Waffen. Sp�ter einmal sollte es Wandgem�lde mit bedeutenden Ereignissen der Revolution geben. Bilder mit klaren, harten Linien, die einfache Kobolde zeigten. Im Kampf gegen die Tyrannen, aber auch in ihren unersch�tterlichen Bem�hungen, eine bessere Welt zu erschaffen. Kobolde in Schmieden und auf Feldern. Kobolde, die sich freiwillig zu den Soldaten meldeten.</p><p>Der Schwarze arbeitete gerade an gro�en Schautafeln f�r die Moritatens�nger auf den Jahrm�rkten. Sie w�rden von der Geschichte des Aufstands erz�hlen. Von den gro�en Heldentaten ganz einfacher Kobolde. Von M�nnern und Frauen, die in einer anderen Zeit ihr Leben lang missachtete Diener im Schatten der Elfen gewesen waren.</p><p>Sie sa�en an einem langen Tisch mit einer Marmorplatte. Diese Platte hier hinab in die H�hlengew�lbe zu bringen, hatte Tage gedauert. An drei Stellen hatten sie sogar Treppen und gemauerte Tunnel erweitern m�ssen. Aber Elija hatte sie hier haben wollen.</p><p>Die Zeiten, an denen sie auf Steinen um Lagerfeuer hockten, waren vorbei. Der Feld zug war entschieden. Sein Tisch bot zwanzig Kobolden Platz. Und meist reichte das noch nicht. Auch jetzt stand mehr als die H�lfte. Sie waren von �berall hergekommen.</p><p>Spinnenm�nner aus den Mondbergen, Fernh�ndler aus Feylanviek und Uttika.</p><p>Abgesandte einer Lutinsippe aus Manchukett. Sie alle w�ren in besonderem Ma�e von den neuen Gesetzen der Trolle betroffen. Elija wusste, dass die Trolle planten, in jede gr��ere Stadt Albenmarks einen Rudelf�hrer mit einer Trollwache zu setzen. Sie sahen nicht einmal, was vor ihren F��en geschah, und machten Pl�ne f�r eine ganze Welt!</p><p>Sie wollten umfassender herrschen als die Elfen. Diese hatten niemals �berall sein wollen. Die Elfen dachten ganz einfach. Sie nahmen das Beste f�r sich und �berlie�en den Rest gro�m�tig den anderen V�lkern. Elija war �berzeugt, dass Emerelle noch niemals in Manchukett gewesen war.</p><p>W�hrend die Trolle oben regierten, bauten die Kobolde. Seit dem Tag, an dem sie Burg Elfenlicht besetzt hatten, wurden die bestehenden Tunnel und Gew�lbe erweitert. Die Elfen hatten nur daran gedacht, die Kobolde aus ihrem Blickfeld zu halten und ihnen Quartiere zu geben, deren Geruch niemals in ihre feinen Nasen steigen w�rde. Doch nun entstand eine zweite Burg unter der Burg. Gewisserma�en war sie ein bauliches Spiegelbild der Ereignisse an der Oberfl�che. Die Trolle herrschten. Aber es waren meistens Kobolde, die daf�r sorgten, dass ihre Pl�ne Gestalt annahmen. Kein einziger Troll w�rde einen Schreibkiel in die Hand nehmen, um Skangas Gesetze zu kopieren.</p><p>Das war Koboldarbeit! Und weil es so war, w�rden sich die Machtverh�ltnisse �ndern.</p><p>Langsam zwar, aber unausweichlich. Elija entschied, dass es an der Zeit war, auszusprechen, was die Zukunft bringen w�rde. Bisher hatte er nur mit seinen Kommandanten �ber diese geheimen Pl�ne geredet, aber langsam wurde es Zeit, dass auch die Revolutionsb�rokraten erfuhren, wohin der Weg f�hren w�rde.</p><p>�Meine Br�der und Schwestern! Nach reiflicher �berlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Gesetzeskodex der Trolle ganz in unserem Sinne ist. Wie ihr alle wisst, soll er �berall in Albenmark G�ltigkeit haben. Und er wird s�mtliche bestehenden Gesetze au�er Kraft setzen.�</p><p>Die versammelten Kobolde murrten. Anderan, der Herr der Wasser aus Vahan Calyd, stand auf. Seine gr�nbraune Haut unterschied ihn von den anderen. Er trug ein Stirnband, um sein str�hniges Haar zu b�ndigen. Das Stirnband war rot. Vielleicht wollte er damit ausdr�cken, dass er sich zu den Rotm�tzen z�hlte. Als Zugest�ndnis an das kalte Wetter im Norden hatte der Kobold aus der Region des warmen Waldmeers eine gef�tterte Weste angelegt. Sonst war er, abgesehen von seinem Lendenschurz, nackt.</p><p>�Bruder Elija, du willst uns doch nicht allen Ernstes vorschlagen, dass wir solchem Unsinn wie der �ffentlichen Verspeisung von Wucherern zustimmen sollen. Zumal, wie es scheint, der Begriff Wucher so weit gefasst ist, dass man ihn auf jeden Stra�enh�ndler anwenden kann. Dir ist doch wohl klar, was das f�r den Handel bedeuten w�rde. Wenn man nicht mehr auf Gewinne hoffen darf, wer sollte dann das Risiko eingehen, Verluste hinnehmen zu m�ssen? Der See-und Fernhandel w�rde v�llig zusammenbrechen.�</p><p>Zustimmendes Gemurmel begleitete die Worte des Herrn der Wasser. Elija entging nicht, dass die Gesandten aus Manchukett am lautesten waren. Sollte sich da ein Block innerhalb der Rotm�tzen bilden? Er w�rde das aufmerksam im Auge behalten!</p><p>�Br�der und Schwestern, ich stimme euch von ganzem Herzen zu. Ihr wisst nicht, mit welcher Vehemenz ich unsere Anliegen vor Skanga und K�nig Gilmarak vertreten habe. Aber Worte allein helfen nicht! Ich k�nnte genauso gut auf einen Granitblock einreden! Trolle verschlie�en sich jeglicher Vernunft. Hat einer von euch je von einem Troll geh�rt, der ein H�ndler war? Sie kennen die Gesetze nicht, die den Handel bestimmen. Und sie ahnen nicht, welche Auswirkungen es haben wird, wenn der Handel zum Erliegen kommt. Nehmt als Beispiel nur die gro�e Snaiwamark-Karawane. Vom Standpunkt eines H�ndlers betrachtet, ist diese Unternehmung v�llig verr�ckt. Sie verschicken Sch�tze aus dem S�den zu ihren H�hlenburgen in der Snaiwamark. Und damit sie die Lasten auf Karren statt auf Maultieren transportieren k�nnen, wollen sie eine gut befestigte Stra�e vom Herzland bis zur Schneegrenze in der Snaiwamark bauen. Ich habe versucht, ihnen diesen Unsinn auszureden. Und nun ratet einmal, was Gilmaraks Grund ist, sie zu errichten.</p><p>Der Grund, warum Tausende Kobolde eine Stra�e durch das weite Windland bauen werden.� Er sah herausfordernd in die Runde. Niemand antwortete.</p><p>�Die Stra�e soll gebaut werden, um sich die Arbeit zu ersparen, an der Eisgrenze die Lasten von Maultieren auf Schlitten oder Eissegler umzuladen. Die Wagen, die Gilmarak im Sinn hat, sollen herunterklappbare Kufen haben und einen Mast f�r ein Segel. An der Eisgrenze wird man die Maultiere ausschirren. Dann werden Trolle und Kobolde die Wagen ziehen, oder sie werden segeln, wenn der Wind richtig steht.�</p><p>�Wir haben einen Verr�ckten auf dem Thron�, emp�rte sich der Leiter der Gesandtschaft aus Manchukett.</p><p>�Nein�, entgegnete Elija l�chelnd. �Schlimmer! Einen Troll! Die Snaiwamark-Karawane ist nur eine Narretei. Viel schlimmer ist Gilmaraks Plan, was gem�nztes Geld angeht. Er will es abschaffen, weil Trollen die Ber�hrung von verh�ttetem Metall unangenehm ist. Er denkt, man k�nnte g�nzlich ohne Geld auskommen, indem man Tauschhandel betreibt.�</p><p>Auf einen Augenblick fassungslosen Schweigens folgte ein allgemeiner Tumult.</p><p>Gilmarak war vermutlich nicht klar, wie viele �ber Jahrhunderte angesammelte Verm�gen er mit diesem Beschluss vernichten w�rde. Elija lie� der Versammlung ausreichend Zeit, ihrem Unmut Luft zu machen. Dann hob er beide Arme, um dem Reden ein Ende zu machen.</p><p>�Br�der und Schwestern! Wir m�ssen klar sehen! Die Entmachtung der Elfen war nur ein erster, bedeutender Schritt auf dem Weg in eine bessere Welt. Die Revolution ist noch nicht beendet! Bald wird die Zeit kommen, in der sie ihre Soldaten frisst! Wir alle sehen nun ganz deutlich, dass Trolle gro�artige Krieger sein m�gen, aber zum Herrschen sind sie nicht geboren. Wir sind weit entfernt davon, einen Kampf gegen unsere Verb�ndeten f�hren zu k�nnen. Wie also werden wir sie los?� Er sah jeden einzelnen der Versammelten an. Die meisten wichen seinem Blick aus. Es war das alte Problem unter Kobolden. Mit dem Mundwerk waren sie schnell dabei. Aber k�mpfen wollte im Grunde keiner von ihnen.</p><p>�Wir m�ssen sie gew�hren lassen�, fuhr Elija fort.</p><p>�Wir sollen tatenlos zusehen?� Wieder war es Anderan, der den Gedanken der meisten Gesandten eine Stimme gab.</p><p>�Davon, dass wir tatenlos bleiben, war nicht die Rede. Aber ja, wir m�ssen zusehen und uns auf eine Zeit nach den Trollen vorbereiten.�</p><p>�Warum sollten sie kampflos den Thron aufgeben wollen?�, fragte Anderan.</p><p>�Weil sie eigentlich am liebsten in ihren H�hlen in der Snaiwamark sitzen und im ehrlichen Kampf Troll gegen Mammut ihre Erf�llung finden, nicht aber in der Herrschaft �ber eine ganze Welt. Die Unordnung, die sie anrichten werden, muss ihnen �ber den Kopf wachsen!</p><p>Seht das Zeltlager der Bittsteller vor der Burg. Es wird t�glich gr��er. Und was tut Gilmarak? Er streift durch den Alten Wald, um zu jagen, statt sich um seine Regierungsgesch�fte zu k�mmern.�</p><p>�Und wie bekommen wir sie in ihre H�hlen zur�ck?�, insistierte der Herr der Wasser.</p><p>�Sie m�ssen das Herrschen als eine unertr�gliche Last empfinden. Lassen wir sie ihren Gesetzeskodex schreiben und das M�nzgeld abschaffen. Dann wird der Handel zusammenbrechen. �berall wird es zu begrenzten Aufst�nden kommen. Und wir werden, w�hrend wir offiziell an der Seite unserer Verb�ndeten stehen, diese Aufst�nde unterst�tzen. Wir sollten Waffen an die Kentauren liefern, damit ihnen die Pfeile mit eisernen Spitzen nicht ausgehen. Wir werden Misswirtschaft betreiben.�</p><p>�rgerliches Gemurmel wurde laut. Elija hob erneut die Arme, um es zu ersticken.</p><p>�Seht ihr einen anderen Weg? Die Herrschaft der Trolle ist ein unausweichliches �bel auf dem Weg in die Freiheit! Wir allein h�tten die Elfen niemals vertrieben. Nun verg�llen wir den Trollen den Thron, bis sie freiwillig aufgeben. Wir werden Opfer bringen m�ssen, gewiss, doch denkt an unser Ziel. Wir haben eine Vision. Ich kann sie deutlich vor mir sehen, die Herrschaft der Kobolde. Ich wei�, was ich �ndern will. Ich wei�, wie wir regieren m�ssen, damit diese Welt gerechter wird! Die Trolle hatten nur eine Vision. Sie wollten Emerelle st�rzen. Auf das, was danach folgen sollte, waren sie nicht vorbereitet. Sie haben keinen Plan f�r die Zeit ihrer Herrschaft vorbereitet. Die Macht ist ihnen als Dreingabe zum Sieg �ber Emerelle in den Scho� gefallen. Deshalb werden sie sie nicht halten k�nnen. Und w�hrend wir ihnen ins Angesicht schmeicheln, werden wir hinter ihrem R�cken alles tun, um ihnen die Herrschaft zu erschweren!�</p><p>�Und was ist mit den Elfen?�, wollte Anderan wissen. �Wenn die Trolle gehen, dann werden sie nach der Krone Albenmarks greifen.�</p><p>�Nat�rlich werden sie das�, stimmte Elija zu. Auf diesen Einwand hatte er nur gewartet. �Aber sie werden alle zugleich danach greifen, und deshalb werden sie die Krone nicht bekommen. Wir m�ssen nur daf�r sorgen, dass Emerelle tot ist. Sie darf nicht zur�ckkehren. Sie k�nnte die Elfen einen. Wenn sie nicht mehr lebt, dann wird auch die Herrschaft der Elfen beendet sein. Wir k�nnen ruhigen Gewissens eine K�nigswahl in Vahan Calyd abhalten. Bringen wir die Trolle so weit, dass sie die Krone nicht mehr haben wollen. S�en wir Zwietracht zwischen den Elfen, und ihr werdet sehen, die Krone Albenmarks wird uns geh�ren!�</p><p>Elija konnte in ihren Gesichtern lesen, dass er sie auf seine Seite gezogen hatte. Selbst der Herr der Wasser schwieg nun endlich. Sein Plan war vollkommen, dachte Elija selbstzufrieden. Sie konnten gar nicht verlieren. Sie waren die Herren von Morgen. Die�</p><p>Ein geisterhafter Hundekopf streckte sich aus der gew�lbten Decke. Er bewegte den Kopf hin und her, als wolle er Witterung aufnehmen.</p><p>Jetzt sahen auch die anderen ihn. Einige sprangen auf. Jene, die nahe der T�r zum Tunnel standen, versuchten zu fliehen. Sie erweckten die Aufmerksamkeit der Bestie.</p><p>Sie glitt aus der Decke hinab. Sie war gro� wie ein Pferd!</p><p>Pl�tzliche K�lte lie� die stickige Luft knistern. Die Bestie schritt �ber die marmorne Tischplatte. Sie schnappte nach der Brust des Gesandten aus Manchukett. Ohne Widerstand und ohne Blut zu vergie�en, drang die Schnauze ins Herz des Gesandten.</p><p>Der Geisterhund zerrte etwas aus der Brust seines Opfers. Etwas klebrig Goldenes, das an hell leuchtenden Honig erinnerte.</p><p>Dem Kobold schmolz das Fleisch von den f�lligen Wangen. Er stie� einen Schrei aus, der die Gl�ser klirren lie�. Verzweifelt griff er sich an die Brust. Seine Finger waren nur noch Krallen aus Haut und Knochen. Dann sank er vorn�ber.</p><p>Der Geisterhund schnappte um sich wie ein Hirtenhund, den man in eine Grube voller Ratten st��t. Seine Schnauze fuhr durch Kehle und Kopf eines Kobolds, der erschrocken zur�cksprang. Binnen eines Herzschlags alterte er um Jahrzehnte, wenngleich er �berlebte. Seine Augen waren zu wei�en, blinden Kugeln geworden. Freunde zerrten ihn zur�ck.</p><p>Elija tastete nach dem Dolch an seiner Seite. Mit gez�ckter Klinge verschwand er unter dem Tisch. Ihm war klar, dass die Tischplatte f�r einen Geist, der durch W�nde ging, kein Hindernis sein konnte. Er hoffte allein darauf, dass der Hund ihn hier nicht sehen w�rde.</p><p>Die Gesandten schrien nach den Wachen.</p><p>St�hle purzelten durcheinander. Immer mehr versuchten zum Ausgang zu gelangen.</p><p>Elija sah einige st�rzen und unter trampelnden F��en verschwinden. K�lte floss wie ein Strom eisigen Wassers unter den Tisch. Der Hundekopf erschien. Nur zwei Schritt vor ihm. Kalte, blaue Augen fixierten ihn. Elija kroch zur�ck, bis er gegen eines der Tischbeine stie�. Die Bestie war jetzt unmittelbar vor ihm. Sie bewegte den Kopf, als schnuppere sie. Doch kein Laut war zu h�ren. Raureif kroch in Elijas Pelz. Er hielt seinen Dolch hoch. Einen rasiermesserscharfen Elfendolch, der jedes Kettenhemd durchdringen konnte! Geschmiedet aus bestem Silberstahl. Eingelegt mit Rubinen. Es war die Waffe eines F�rsten!</p><p>Die Bestie kam noch ein wenig n�her. Den Dolch beachtete sie gar nicht.</p><p>Elija war klar, wie nah er seinem Ende war. Sein Leben lang war er kein Duckm�user gewesen! Er w�rde jetzt nicht wie einer sterben. �Verrecke!� Er schnellte vor und stie� dem Geisterhund den Dolch in die Schnauze.</p><p>Ohne auf Widerstand zu sto�en, glitt die Waffe bis zu den Rippen. K�lte, die jedes Gef�hl ausl�schte, durchdrang seinen Arm. Er st�rzte vorn�ber und sp�rte den Atem der Bestie in seinem Nacken.</p><p>�Hierher, W�lkchen!� Anderan war unter den Tisch gekrochen. Er kniete zwischen zwei St�hlen und warf seinen Dolch spielerisch von einer Hand in die andere wie ein Hinterhofmesserstecher.</p><p>�Komm, Hundchen. Komm.�</p><p>Die Bestie fuhr lautlos herum. Statt auf ihren Angriff zu warten, hechtete Anderan ihr entgegen. Er hielt einen Krummdolch vorgestreckt. Eine l�cherlich kleine Waffe im Vergleich zu der riesigen Bestie.</p><p>Elija wollte die Gelegenheit nutzen und den Geisterhund von hinten angreifen. Sein rechter Arm gehorchte ihm nicht mehr. Die Hand und der Unterarm waren v�llig taub.</p><p>Er konnte den Dolch nicht einmal mehr fallen lassen. Daf�r tobte in seinem Oberarm sengender Schmerz. Er f�hlte sich an, als w�rde er auf einem eisernen Bratspie� �ber einem Feuer gedreht.</p><p>Elija griff mit der Linken vorsichtig nach der Klinge des Dolches, um die Waffe aus der gef�hllosen Hand zu drehen. Als er das Metall ber�hrte, klebte die Haut seiner Finger daran fest. Er zuckte zur�ck. Die Finger hafteten weiterhin an der Klinge. In Panik zerrte er weiter. Als er sie endlich losgerissen bekam, hafteten blutige Hautstreifen auf dem Dolch.</p><p>Der Lutin st�hnte vor Schmerz. Ihm war �bel und schwindelig. Er versuchte weiter zur�ckzukriechen und stie� erneut gegen das Tischbein hinter ihm.</p><p>Der Geisterhund wich Anderan aus und schnappte nach ihm. Elija sah, wie die Bestie etwas Goldenes aus dem Arm des Holden zerrte. Der linke Arm des Kobolds verdorrte. Seine linke Gesichtsh�lfte verlor all ihr Fleisch. Schreiend stie� er mit dem Dolch zu. Die Klinge glitt durch den K�rper des Hundes und zog eine Bahn silberner Funken.</p><p>Erschrocken fuhr die Bestie zur�ck. Und dann verschwand sie durch die Tischplatte.</p><p>Keinen einzigen Laut hatte sie w�hrend des Angriffs von sich gegeben. Es war stil in der gro�en Gew�lbekammer. Aus dem Tunnel h�rte man das L�rmen der Fl�chtenden.</p><p>�Lebst du noch?� Anderan rang h�rbar jede Silbe seinem Schmerz ab.</p><p>�Ja.� Elija kroch zu dem Holden hin�ber. Das Gesicht des Kobolds war grausam verst�mmelt. Eine H�lfte war nur noch eine Maske aus Haut und Knochen. Die verdorrten Lippen waren von den Z�hnen zur�ckgezogen, so dass er zu l�cheln schien.</p><p>�Gut�, st�hnte Anderan. �Sie d�rfen dich nicht kriegen. Du bist die Zukunft.�</p><p>�Nein�, entgegnete der Lutin. �Wir alle sind es. Alle Kobolde Albenmarks! Deshalb k�nnen sie nicht gewinnen.�</p><subtitle>Der lange Marsch</subtitle><cite><p>�<strong>1. Tag.</strong> Ich bin umgeben von Verr�ckten. Da ist die schlammbedeckte K�nigin, die aus der W�ste zur�ckkehrte, nur um gemeinsam mit den Grauh�uten und mit mir erneut in die Ein�de zu gehen. Die Grauh�ute waren entsetzt, aber sie wagen es nicht, gegen uns zu k�mpfen.</p><p>Obwohl es mehr als dreihundert sind. Sie sind al esamt verr�ckt. Sie sind Kobolde! Ein wenig gro� gewachsen und sehr schmutzig, aber unbestreitbar Kobolde! Sie selbst aber halten sich alle f�r Trol e, egal, wen man fragt! Und Madra, der einzige echte Trol weit und breit, geht mit Emerelle, statt sie umzubringen oder wenigstens mit mir zu Skanga zur�ckzukehren, um zu berichten, wo wir Emerelle gefunden haben. Ollowain ist wohl der Verr�ckteste vor al en. Vor nicht einmal einem Jahr erinnerte er sich an gar nichts, und er zog als Klaves hinter den dicken �rschen der Hornschildechsen meiner Sippe her, um deren Schei�e aufzusammeln. Jetzt erinnert er sich auch daran nicht mehr. Er h�lt sich f�r jemand ganz anderen! Ich bin der Einzige, der klar denken kann unter all den Irren. Ich bin verloren!</p><p><strong>2. Tag.</strong> Sie sind zu langsam! Gestern haben wir keine f�nfzehn Meilen geschafft. Emerelle glaubt, dass es inmitten der W�ste einige Oasen gibt. Ich wei� es, schlie�lich war ich schon dort. Und weil ich diese W�ste kenne, wei� ich auch, dass wir viel zu wenig Wasser dabeihaben. Wir alle werden verrecken! Wenn meine Sippe hier wandert, dann tragen die Hornschildechsen f�r jeden Lutin zehn Ziegenschl�uche vol Wasser. Hier gibt es nicht einmal einen Ziegenschlauch mit Wasser f�r jeden Kopf! (...)</p><p><strong>4. Tag.</strong> Das Wasser ist fast aufgebraucht. Heute haben wir nicht einmal acht Meilen geschafft.</p><p>Den Alten und den Kindern fehlt die Kraft f�r diese Wanderung. Meine Tinte ist auch ganz dickfl�ssig geworden. Vielleicht werde ich sie morgen trinken. Ich glaube, ich werde nicht mehr viel in dieses Buch schreiben.</p><p><strong>5. Tag.</strong> Den ganzen Morgen ist sie hin- und hergelaufen. Dann schlie�lich hat sie sich einen Wanderstab geholt und ihn in den Boden gesto�en. Wenige Augenblicke sp�ter brach Wasser aus dem Sand. Ich hatte vergessen, wer sie war. Alle sind erf�llt von neuer Zuversicht. Am Abend hat sie sich nackt unter die Grauh�ute gesetzt und mit feuchtem Lehm einreiben lassen.</p><p>F�r eine ehemalige K�nigin benimmt sie sich ziemlich schamlos. Heute haben al e gerastet. Ich sehne mich nach unseren Hornschildechsen. Mit ihnen war das Reisen in der W�ste viel einfacher. (...)</p><p><strong>6. Tag.</strong> Madra ist seltsam! Der Troll redet mit kaum einem der Grauh�ute. Aber er hat mit etlichen der Kinder Freundschaft geschlossen. Wenn es d�mmert, wir ein Lager aufschlagen und die Erwachsenen sich auf ihre seltsamen Rituale vorbereiten, kommen die Kinder zu ihm.</p><p>Er erlaubt ihnen, auf ihm herumzuklettern, als sei er ein lebender Berg.</p><p><strong>7. Tag.</strong> Ollowain betr�gt! Da bin ich mir ganz sicher. Er verf�hrt immer mehr von den Grauh�uten dazu, mit ihm zu w�rfeln, sobald wir unser abendliches Lager aufschlagen. Er hat einfach zu viel Gl�ck. Und diese Trottel merken nicht, was er mit ihnen treibt. Nimmt sie einen nach dem anderen aus. Er hat schon ein kleines Verm�gen an T�rkisen und Opalen gewonnen.</p><p><strong>9. Tag.</strong> Madra sieht aus, als habe man ihn in kochendes Wasser geworfen. Seine ganze Haut ist verbrannt. An manchen Stel en blutet er sogar. Ich h�tte nicht erwartet, dass der Trol als Erster sterben w�rde. Die Grauh�ute halten sich gut, solange sie genug Wasser bekommen.</p><p>Auch Olowains Gesicht ist ganz verbrannt. (...) <strong>11. Tag.</strong> Madra ist zusammengebrochen. Ich habe versucht, ihm das Amulett abzunehmen, aber Emerelle weicht nicht von seiner Seite. Solange er noch laufen konnte, hat er sie nicht an sich herangelassen. Es scheint, als w�rde sie ihn retten. Dass ausgerechnet sie einen Trol heilt! Sie ist anders, als ich erwartet hatte. Ohne Zweifel ist sie grausam. Sie zwingt einen ganzen Koboldstamm gegen dessen Wil en in eine neue Heimat. Und dann rettet sie den Trol . Ich verstehe sie nicht! (...)</p><p><strong>14. Tag.</strong> Seit heute wei� ich, dass wir tot sind! Am Morgen sind wir am Skelett einer Hornschildechse vorbeigekommen. Man konnte noch Malereien an der dem Wind abgewandten Seite des Hornschildes sehen. Sie geh�rte nicht zu meiner Sippe. Aber ich wei�, dass man nicht weiter gehen darf, als die Hornschildechsen in die W�ste wandern k�nnen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass Meister Gromjan, mein Lehrer, davon erz�hlt hat. Die Alben haben die Erschaffung der W�ste wohl durchdacht. Es gibt eine bestimmte Menge Wasser, die man tragen kann, behauptete Gromjan. Und die sei bei allen letzten Endes fast gleich. Dass ein Troll mehr tragen kann, bedeutet nichts, denn er trinkt auch mehr. Wer vern�nftig ist, der geht nur den halben Weg bis zu dieser Grenze, denn sonst kommt er ja nicht mehr lebend zur�ck. Wer stur bis zum Ende marschiert, der verdurstet. Wer aber diese Grenze �berschreitet, weil er anderen Wasser stiehlt oder wie Emerel e Wasser aus dem Boden sprudeln l�sst, wo es keines geben sol te, der kommt an einen Ort, wo die Erde Gift atmet. Dort endet al es Leben. Ich f�rchte, Emerelle wil uns dorthin f�hren. Ich begreife nicht, warum sie alle am Leben erh�lt, um uns diesem Schicksal auszuliefern. Obwohl ich wei�, wohin die Reise f�hren wird, kann ich nicht mehr zur�ck. Mir fehlt das Wasser! Auch die Grauh�ute scheinen zu wissen, wohin es geht.</p><p>Seit gestern schon sind sie unruhig. Immer wieder versuchen ihre �ltesten mit Emerelle zu reden, doch sie hat ihre Ohren gegen alle Klagen verschlossen. (...)�</p><text-author>Aus: Die Tageb�cher des Nikodemus Glops, Band IV, Auf Verbotenen Wegen - meine Reisen mit dem Troll Madra und anderen, s. 43 FF.</text-author></cite></section><section><title><p>Der Unsterbliche</p></title><p>Elodia sah sich eingesch�chtert um. Noch nie war sie in solchen Kammern gewesen. Es war nicht so, wie sie sich die Burg des K�nigs vorgestellt hatte. Aber was wusste sie auch schon. Ihren Bruder Jean hatten sie weggef�hrt. Sie waren grob gewesen, aber sie hatten ihn nicht geschlagen. Und sie auch nicht. Keiner hatte sie auf der Reise zum K�-</p><p>nigshof anger�hrt. Auch das hatte sie so nicht erwartet. Sie wusste ja, als was sie ihnen galt.</p><p>�Komm, M�dchen.� Ein Mann mit spitzem Bart und tief liegenden, dunklen Augen f�hrte sie. Er trug ein Gewand, das den Kutten der Tjuredpriester �hnlich war.</p><p>Allerdings war es ganz schwarz und augenscheinlich auch aus viel besserem Stoff. Eine Goldkette mit einem wuchtigen Medaillon, das einen L�wenkopf zeigte, wippte bei jedem seiner Schritte auf seiner Brust. Der Mann war sehr gro� und sehr d�nn.</p><p>�Hast du Angst?�, fragte er unvermittelt.</p><p>Sie nickte scheu. Sie waren im Inneren einer gro�en, von S�ulen getragenen Halle, an deren W�nden entlang weite Treppen liefen. Sie hatte den Eindruck, dass man diese Halle nur f�r die Treppe gebaut hatte! Und sie war gr��er als jedes Haus in Nantour.</p><p>Niemand au�er ihnen war in der Treppenhalle zu sehen.</p><p>Der Mann mit der L�wenkette hatte ihr Nicken nicht bemerkt, aber er deutete ihr Schweigen wohl als Zustimmung. �Du redest am besten nur, wenn er dich etwas fragt.</p><p>Mach dir nicht zu viele Sorgen. Du bist ein h�bsches M�dchen. Es macht Freude, dich anzusehen. M�dchen wie dich gibt es selbst hier nicht viele. Eines ist jedoch wichtig.</p><p>Widersprich ihm nie! Das kann er nicht leiden. Auch wenn er nicht wie die K�nige in den M�rchen aussieht, er ist der unumschr�nkte Herrscher Fargons. Sein Wort ist Gesetz. Seien es nun freundliche Worte oder grob gesprochene Befehle.�</p><p>Sie nickte. Dann begriff sie, dass er das ja nicht sehen konnte. �Ich habe verstanden.�</p><p>Ihre Stimme war ganz rau. Und die Kehle war ihr eng. Sie hatte so viele Dinge �ber den K�nig geh�rt. Sie rechnete mit allem. Selbst wenn er den Befehl geben w�rde, sie zu schlachten, dann w�rde sie das nicht �berraschen. Auch solche Geschichten hatte sie schon geh�rt. Dass er sich aus dem Hautfett von Jungfrauen eine Salbe fertigen lie�, mit der er sich jeden Tag einrieb und dass er deshalb so unglaublich alt geworden war.</p><p>Je weiter sie hinaufkamen, desto sch�biger sah die Treppe aus. Die W�nde waren mit nicht ganz passenden Steinen repariert. Der Putz, den man �ber den besch�digten Stellen aufgebracht hatte, br�ckelte bereits wieder ab.</p><p>Der Mann mit dem L�wenamulett blieb vor einer T�r stehen, die ganz aus Gold gefertigt zu sein schien. In der oberen H�lfte war eine Sonnenscheibe in das Gold gearbeitet. Weiter unten sah man M�nner mit Tierk�pfen vor einem Haus stehen, das von S�ulen umringt war.</p><p>Ihr F�hrer klopfte laut.</p><p>Elodia trat noch n�her an die T�r. Obwohl die Figuren darauf kleiner als ihr kleiner Finger waren, konnte man sie sehr deutlich erkennen. Einer der M�nner hatte einen Wildschweinkopf. Ein anderer den Kopf eines Pferdes. Ob das Masken waren?</p><p>Die T�r schwang auf. Stickige W�rme schlug ihnen entgegen. Die Luft war von Wohlger�chen erf�llt, wie Elodia sie aus den Tempelt�rmen der Tjuredkirche kannte.</p><p>Und noch andere, fremde Ger�che waren dabei.</p><p>Breite, halb durchsichtige wei�e Stoffbahnen hingen von der Decke. Sie sah Bronzebecken auf massigen St�ndern mit L�wenf��en, in denen Kohlen glommen.</p><p>�berall waren Kerzen.</p><p>Sie hatte den Raum kaum betreten und begann schon zu schwitzen.</p><p>1 Durch die wogenden Stoffbahnen konnte man nicht einsch�tzen, wie gro� das Zimmer war. Sie blickte zur Decke empor. Sie war aus Gips oder wei�em Stein gefertigt. In den Stein waren Pferde mit Adlerfl�geln geschnitten. Sie sahen wundersch�n aus. Die Decke war bestimmt sechs Schritt hoch.</p><p>�Komm!� Ihr Begleiter zog sie ungeduldig am �rmel. Vor ihnen schob ein Krieger eine Stoffbahn zur Seite. Der Ritter trug das Stierkopfwappen der Leibwache des K�nigs auf seinem Waffenrock. Auch er erschien Elodia unglaublich gro�. Er hatte den Sch�del kahlrasiert und eine Nase wie ein Messer. Sein Blick verh�llte nicht, woran er dachte, als er sie ansah.</p><p>Ihr F�hrer musste diesen Blick bemerkt haben. Er sagte allerdings nichts.</p><p>Weitere Stoffbahnen glitten wie von Geisterhand gezogen zur Seite. Dann standen sie vor dem Bett. Hunderte Kerzen h�llten es in goldenes Licht. Es stand leicht erh�ht.</p><p>Man musste drei Stufen hinaufsteigen, wenn man an es herantreten wollte.</p><p>Ihr Begleiter lie� ihren �rmel los. Auch vor das Bett waren halb durchscheinende T�cher gespannt. Es war unglaublich gro�. Der Mann, den man als vagen Schemen erahnen konnte, wirkte darin klein und zerbrechlich.</p><p>�Wenn sie nicht so h�bsch ist, wie du gesagt hast, dann lasse ich dich aus dem Fenster st�rzen.� Die Stimme war kraftvoller, als Elodia es bei einem so alten Mann erwartet h�tte.</p><p>�Ich verspreche dir, mein K�nig, du wirst nicht entt�uscht sein.�</p><p>�Ja, ja. Das versprecht ihr immer alle�... Ich will sie sehen!� Augenblicklich glitten die Vorh�nge vor dem Bett auseinander. Elodia sah, dass sie von d�nnen Kordeln gezogen wurden und nicht von Geistern. Die Diener, die dies taten, blieben jedoch ihren Blicken verborgen.</p><p>�Komm, M�dchen, komm.� Er sprach, wie man zu einem scheuen Zicklein sprach.</p><p>�Meine Augen sind nicht mehr so gut. Du hast die Erlaubnis, dich auf mein Bett zu setzen, damit ich dich besser betrachten kann.�</p><p>Sie sah ihn sehr deutlich. Man hatte ihm Kissen hinter den R�cken gestopft, damit es ihm leichterfiel, zu sitzen. Seine Augen lagen unnat�rlich weit auseinander. Etwas war mit seiner Nase ... Sie sah aus, als sei sie halb weggefressen. Schlecht verheiltes Fleisch lag offen zutage. Von seinem Kopf hingen nur ein paar d�nne Str�hnen wei�en Haares. Ansonsten war er kahl. Seine Lippen waren so d�nn, als habe man ihm den Mund mit einem Messerschnitt ins Gesicht gekerbt. Ein Labyrinth von Falten furchte seinen Hals. Eine Decke war bis weit auf seine Brust hinaufgezogen. Der K�nig war so schmal und ausgezehrt wie ein zehnj�hriger Bettlerjunge. Ein Arm lag auf der Decke. Blaue Adern schimmerten durch milchwei�e Haut. �berall waren verschorfte Stellen, und auf seinem Handr�cken sah Elodia eine offene Wunde. Mit rotbrauner Tinte hatte man verschlungene Muster auf seine Haut getupft. Vielleicht Zauberzeichen? Ein riesiger Ring steckte auf dem Mittel- und Zeigefinger des K�nigs.</p><p>Ein in Gold gefasster Stein prangte darauf. Er zeigte einen roten Stierkopf auf wei�em Grund.</p><p>�So stellt sich ein junges M�dchen wohl nicht seinen Liebhaber vor?� Ein vollt�nendes Lachen begleitete seine Worte. �Ich muss zugeben, Balduin hat nicht gelogen. Du bist h�bsch!�</p><p>Elodia ekelte sich vor ihm, aber sie versuchte ein kokettes L�cheln und betete zu allen G�ttern, dass er nicht erriet, wie sehr sie ihn verabscheute. Sie blickte ihm jetzt geradewegs in die Augen, so musste sie den j�mmerlichen Rest nicht sehen. Seine Augen waren von tiefem Gr�n. Sie wirkten nicht alt, obwohl feine rote �derchen das Wei� durchzogen.</p><p>�Hat Balduin dir nicht gesagt, dass man seinen K�nig nicht anstarrt wie einen Tanzb�ren auf dem Marktplatz?�</p><p>Erschrocken senkte sie den Blick. �Verzeih.�</p><p>�Tjured sei Dank, du hast eine Zunge. Ohne Zunge w�rst du auch nicht zu gebrauchen. Jetzt zieh dich aus!�</p><p>Elodia hatte sich schon etlichen M�nnern hingegeben. Aber meistens war es eine schnelle, hektische Liebe gewesen. Sie hatte ihren Rock gehoben, die Beine breit gemacht und fest an etwas anders gedacht, bis es vor�ber war. Nur dreimal hatte sie z�rtlichere Liebhaber gehabt, die sie entkleideten, sie dabei streichelten und so romantische Worte fanden, dass sie fast vergessen h�tte, dass es nur ein Gesch�ft war.</p><p>Scheu �ffnete sie die Brosche ihres Umhangs. Dann streifte sie das Mieder ab, das sie �ber dem Kleid trug. Ihre H�nde zitterten, als sie die Brustschn�re ihres Kleides �ffnete. Sie sah, wie dem K�nig ein Speichelfaden �ber das Kinn lief.</p><p>Elodia atmete schwer aus. Dann streifte sie das Kleid zusammen mit dem fadenscheinigen Untergewand �ber den Kopf.</p><p>Jetzt trug sie nur noch den Stoffg�rtel, mit den Lederriemchen, die ihre Beinlinge hielten. Und ihre sch�bigen, vom Stra�enschlamm bedeckten Holzschuhe.</p><p>�Das reicht.� Cabezan klopfte mit der Hand neben sich auf das Bett. �Setz dich hier hin. Ich will dich ber�hren. Und ich will dich riechen.�</p><p>Eine G�nsehaut kroch �ber ihren ganzen Leib. Hoffentlich sah der K�nig nicht mehr gut genug, um es zu bemerken.</p><p>Sie gehorchte. Das Betttuch war so zart wie kein anderer Stoff, den sie je ber�hrt hatte.</p><p>Von Cabezan ging ein unangenehmer Geruch aus. So nah, wie sie ihm nun war, vermochte auch der Weihrauch den Gestank nicht mehr zu �berdecken. Der K�nig roch nach fauligem Fleisch!</p><p>�Du bist also eine Hure, die es mit Fleischhauern und anderen armen W�rstchen treibt.� Balduin kicherte.</p><p>Sie brachte keinen Laut hervor.</p><p>�Du bist dumm!� Er legte ihr seine Hand auf den Schenkel. Seine Finger streichelten �ber ihre Haut. �Du k�nntest Gold statt W�rste bekommen, wenn du zu den richtigen M�nnern gingest. Wie alt bist du?�</p><p>�Sechzehn Sommer.�</p><p>Er stie� einen tiefen Seufzer aus. �Sechzehn. Das ist gut. Sehr gut...� Er zupfte an ihrem Schamhaar. �Und das hier ist zu b�uerlich!�</p><p>Sie wich ein klein wenig zur�ck. Die Hand des K�nigs krallte sich in das Fleisch ihres Oberschenkels. Durch die Bewegung hob sich seine Decke kurz, und ein �berw�ltigender Gestank stieg auf. Sie hielt den Atem an und musste die Augen schlie�en.</p><p>Verzweifelt k�mpfte sie gegen den W�rgereiz an, den der Verwesungsgeruch bei ihr ausl�ste.</p><p>�Gef�llt dir mein Parf�m? Tjured ist ein Bastard! Er gef�llt mir umso besser, je mehr ich von ihm h�re. Schenkt mir Unsterblichkeit und sorgt zugleich daf�r, dass ich keinen Spa� an meinem Leben habe. Wei�t du, M�dchen, fr�her, da h�tte ich es mit dir getan�... � Seine schmale, dunkle Zunge stach obsz�n zwischen seinen Lippen hervor. �Leider hat mir Tjured auch diesen Spa� genommen. Manchmal lade ich Tankret ein, irgendeine Dirne neben mir auf dem Bett zu v�geln. Aber zuzuschauen, ist einfach nicht dasselbe.� Er nickte in Richtung der T�r. �Tankret ist mein Leibw�chter. Er hat nur eine einzige Tugend. Er ist mir treu. Ansonsten ist er v�llig ohne Moral. Aber lassen wir das. Wei�t du, woran es meinem K�nigreich mangelt?�</p><p>Elodia blickte um Hilfe suchend zu Balduin, doch der H�fling sah sie ausdruckslos an.</p><p>�Nein�, sagte sie schlie�lich leise.</p><p>�An Gr��e.� Cabezans Hand streichelte wieder �ber ihren Schenkel. �Dieser Palast hier ist eine j�mmerlich schlecht instand gesetzte Ruine. Vor vierzig Jahren hat ein Bauer beim Pfl�gen auff�llig sch�ne Dachziegel gefunden. Er hat sie auf seinen Karren geladen und auf dem n�chsten Markt verkauft. Leider dauerte es ein paar Monde, bis ich davon erfuhr. Als meine M�nner auf seinen Acker kamen, waren schon alle Dachziegel ausgegraben. Und die Bauern hatten damit begonnen, Mauerwerk aufzubrechen, weil die Steine, die von den alten Baumeistern verwendet worden waren, so wunderbar gleichm��ig gearbeitet waren. Ich habe den Bauern mit seiner Familie lebendig begraben lassen, damit sie vor ihrem Tod gen�gend Zeit hatten, dar�ber nachzudenken, dass alles, was in der Erde meines K�nigreichs ruht, mir geh�rt!� Elodia starrte auf einen Fleck auf der Bettdecke. Sie h�rte gut zu und versuchte zu vergessen, dass sie nackt war und diese gr�ssliche Hand ihren Schenkel liebkoste und immer h�ufiger auch �ber ihre Scham strich.</p><p>�Dieser Palast hier ist das Haus, dessen Dachziegel der Bauer gestohlen hat�, fuhr der K�nig fort. �Du wei�t ja, der Palast liegt am Fu� eines Berges. Vor langer Zeit l�ste sich eine Lawine aus Schlamm vom Berghang und verschlang den Palast und alles, was darinnen war. Aber sie dr�ckte nicht die Mauern ein. Es ist ein au�erordentlicher Gl�cksfall. Ein Geschenk der alten G�tter. Es gibt kein zweites Haus wie dieses in meinem ganzen K�nigreich!</p><p>Wei�t du, dass man mit hei�er Luft aus �fen im Keller die Fu�b�den in ausgew�hlten Zimmern anw�rmen kann? Es ist ein wunderbarer Ort f�r einen Kr�ppel wie mich. Ein Ort, um von vergangener Gr��e zu tr�umen. Ich habe die besten Handwerker und Architekten von nah und fern rufen lassen, um dieses Haus zu studieren. Ich habe ganze Wagenladungen an Silber verschwendet, um solche Pal�ste noch anderswo bauen zu lassen. Aber es werden bestenfalls schlechte Kopien. Die Fu�bodenheizungen funktionieren nicht. Die Stuck- und Steinmetzarbeiten sehen wie von Kindern geschaffen aus, vergleicht man sie mit den Originalen. Was hast du aus dieser Geschichte gelernt, M�dchen?�</p><p>Die Hand des K�nigs hielt still. Fast h�tte sie ihm in die Augen gesehen. Sie ahnte, dass es nicht gut w�re, wenn sie wieder keine Antwort fand. Der K�nig pr�fte sie, auch wenn sie nicht erkennen konnte, mit welchem Ziel. �Mir scheint, die Geschichte besagt, dass die Geschenke der G�tter nicht von Menschenhand nachgeahmt werden k�nnen.�</p><p>Cabezan lachte auf. �Der blau gewandete Narr, den ich mir als Hofpriester halte, w�rde dir f�r diese Antwort die F��e k�ssen.� Er kniff ihr ins Bein. �Obwohl er ein frommer Mann Tjureds ist, ganz Vorbild, ganz von seiner eigenen Heiligkeit durchdrungen, wette ich, seine K�sse w�rden langsam h�her wandern. Ich glaube nicht, dass es viele M�nner geben wird, die deinen Reizen widerstehen k�nnen, M�dchen. Du bist au�ergew�hnlich, so wie das hier.� Er drehte sich zur Seite und zog einen kurzen Dolch unter seinem Kissen hervor, dessen Klinge mit ei nem merkw�rdigen, blaugrauen Wellenmuster �berzogen war.</p><p>�Einen Dolch wie diesen kann keiner meiner Schmiede im ganzen K�nigreich erschaffen. Er ist wie dieses Haus. Ein Relikt vergangener Gr��e. Es muss eine Zeit gegeben haben, da waren die Menschen bedeutender. Und ihre K�nige m�chtiger.</p><p>Wenn man wei�, wo man suchen muss, dann findet man �berall Zeugnisse dieser Zeit.</p><p>Auf dem Meeresgrund, nahe bei Marcilla oder in den Bergen in dem Tal, das man den Steinernen Wald nennt. Meist sind die Zeugnisse der Vergangenheit tief in der Erde verborgen. Hunderte M�nner suchen f�r mich danach.�</p><p>Elodia hatte davon geh�rt, dass der K�nig Ritter und Handwerker in den Steinernen Wald geschickt hatte und dass sie dort von einem Geisterritter angegriffen worden waren.</p><p>�Ich will nach dieser alten Gr��e greifen�, sagte Cabezan. �Ich will sein wie die vergangenen Herrscher. Hast du die T�r dieser Kammer gesehen? Sie ist verzaubert.</p><p>Wenn man sie nicht freiwillig �ffnet, dann kann sie niemand �berwinden. Ich habe sie in Iskendria kaufen lassen. Eine ganze Schiffsladung voll Silber musste ich daf�r hergeben. Meine Suche nach der verlorenen Gr��e ist unglaublich teuer. Sie verschlingt Gold und Silber, und was ich daf�r zur�ckbekomme, bringt dem K�nigreich zun�chst nur wenig. Meine Philosophen und Alchemisten untersuchen diese Dinge. Die besten Handwerker, die man f�r Gold anwerben kann, studieren sie und versuchen es den alten Meistern gleichzutun. Wenn das einst gelingt, wird sich jedes Goldst�ck hundertfach wieder auszahlen. Wei�t du, wenn man ein Leben hat wie ich, dann ist alles, was geblieben ist, der Wil e. Mein K�rper ist eine Ruine. Ich kann kaum aus eigener Kraft stehen. Aber mein Geist ist klar. Und ich bin unsterblich!</p><p>Mir ist es bestimmt, die Menschheit wieder zu alter Gr��e zu f�hren. Einst waren wir genauso m�chtig wie Elfen und D�monen mit ihrer finsteren Magie. Und wir werden es wieder sein! Dabei wirst du helfen.�</p><p>Er winkte Balduin. �Das Reden d�rrt mir die Kehle aus. Bring mir Wein!�</p><p>Sein Diener gehorchte und verschwand augenblicklich zwischen den sanft wogenden Stoffbahnen. Bald waren nur noch seine Schritte zu h�ren. Er verlie� die Kammer nicht. Wieder fragte sich Elodia, wie gro� dieser Raum wohl sein mochte.</p><p>�Glaubst du an die alten G�tter oder an Tjured?�</p><p>�Ich bete zu Tjured und den alten G�ttern.�</p><p>�Ha, das ist der richtige Geist! So halte ich es auch. Wobei mir die alten G�tter lieber sind. Dieser Tjured�... � Er sch�ttelte den Kopf. �Ich wei� nicht, was von ihm und seinen Priestern zu halten ist. Wusstest du, dass in mehreren seiner Refugien alle Priester auf r�tselhafte Weise verstorben sind? War das die Rache unserer alten G�tter? Wenn ja, was ist ein Gott wert, der seine eigenen Priester nicht besch�tzt? Oder hat er es selbst getan? Aber warum? Was m�gen seine Priester getan haben, dass sie eine so grausame Strafe verdienen? Unsere alten G�tter sind da leichter zu verstehen. Meine Krieger haben einmal einen seiner Priester ermordet. Einen Wunderheiler, der sich geweigert hat, mir zu helfen. Ich glaube, weil dies geschah, wurde ich mit Unsterblichkeit und ewigem Siechtum beschenkt. Er ist ein verdammter Bastard, dieser Tjured.� Er hustete.</p><p>Balduin kehrte mit einem goldenen Pokal zur�ck. Der K�nig trank gierig daraus. Wein rann ihm �ber das Kinn und �ber sein wei�es Nachtgewand. Als er absetzte, hielt er ihr das Gef�� hin. �Komm, trink aus einem Becher mit mir.�</p><p>Sie nahm den Pokal und drehte ihn ein wenig, damit ihre Lippen auf keinen Fall den Rand dort ber�hrten, wo Cabezans Lippen gewesen waren.</p><p>Der Wein war stark. Er rann warm durch ihre Kehle. Als sie absetzte, f�hlte sie sich ein wenig benommen.</p><p>�Du ekelst dich also vor deinem K�nig�, sagte er n�chtern. Er nahm ihr den Pokal ab und stellte ihn auf einen kleinen Tisch neben seinem Bett.</p><p>Elodia schwieg. Was h�tte sie auch sagen sollen? Es war offensichtlich, dass es stimmte. Auch der Weinbecher war also eine Pr�fung gewesen.</p><p>�Man hat mir erz�hlt, dass du dich f�r deinen Bruder verkauft hast. Ist das richtig?�</p><p>Ihr stieg die Schamesr�te in die Wangen. Sie brachte kein Wort hervor. Endlich nickte sie.</p><p>Seine Hand kroch in ihren Scho�. �Wenn ich dir verspreche, dass es deinem Bruder gutgehen wird, wirst du dann diese Hand k�ssen? Nicht den Ring. Die Hand!�</p><p>Sie sah auf die schw�rende, offene Wunde auf dem Handr�cken.</p><p>�Nun?�</p><p>�Ich werde es tun!�</p><p>Cabezan hob die Hand. �Worte sind billig, M�dchen. Tue es! Jetzt!�</p><p>Sie atmete tief ein. Dann hielt sie die Luft an. Sie nahm die Hand des K�nigs und f�hrte sie an die Lippen. Er dr�ckte sie fest gegen ihren Mund. Sie sp�rte das klebrige Wundsekret auf den Lippen.</p><p>Endlich zog er die Hand zur�ck. Ohne zu fragen, griff sie nach dem Weinpokal und trank noch einen Schluck.</p><p>Cabezan sah sie an, und ein erstes, d�nnes L�cheln spielte um seine Lippen und grub tiefe Furchen in seine Mundwinkel. �Die meisten h�tten das nicht �ber sich gebracht.</p><p>Ich werde dich brauchen k�nnen. Damit du ganz und gar verstehst wozu, werde ich ein wenig ausholen m�ssen�... Ich sagte dir ja bereits, wie kostspielig meine Liebe zur Vergangenheit ist. Auch wenn ich K�nig bin, kann ich leider kein Gold schei�en.</p><p>Meine Mittel sind begrenzt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie teuer es ist, Kriegsschiffe zu unterhalten. Krieger und Ritter wollen ihren Sold. Waffen und R�stungen m�ssen bezahlt werden.</p><p>Sie verschlingen unglaubliche Summen. Nun hat mir mein etwas beschr�nkter Priester schon vor einiger Zeit eine Predigt gehalten, in der es darum geht, dass Tjured sich Frieden auf Erden w�nscht. Und dass man Liebe zeugen soll statt Krieg. Diese Worte sind mir lange im Kopf umgegangen. Fast alle L�nder rings um Fargon sind �rmer als wir. Sie schauen voller Neid auf unsere St�dte. Da gibt es die Barbaren in den W�ldern von Drusna und die Piraten im fernen Fjordland, die jetzt angeblich eine Kriegerk�nigin auf ihren Thron gesetzt haben. Gef�hrlicher noch ist Angnos, wo man die letzte Niederlage gegen die Heere Fargons nicht vergessen hat und immer noch auf Rache sinnt. Dann w�ren da noch die Piraten auf den Aegilischen Inseln ... Ich k�nnte wohl noch endlos weiterreden. An Feinden herrscht leider nie Mangel. Die Worte des Priesters haben mich darin best�rkt, einen neuen Weg zu suchen. Nach reiflicher �berlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die richtige Frau im richtigen Bett leicht tausend Krieger ersetzen kann. Allerdings m�ssen dies sehr besondere Frauen sein. Sch�n zu sein, so wie du es bist, gen�gt nicht. Diese Frauen m�ssen klug sein. Sie m�ssen lesen und schreiben k�nnen. Sie m�ssen mir unverbr�chlich ergeben sein. Sie m�ssen willig sein, Dinge zu tun, die nicht einmal die niedersten Stra�endirnen tun w�rden, und das so gut, dass sie wie eine Droge sind. Die M�nner, die die besondere Gunst genie�en, mit diesen Frauen ihr Lager und vielleicht auch ihr Leben zu teilen, m�ssen ihnen mit K�rper und Geist verfallen sein. Sie m�ssen Frauen sein, wie es sie im wirklichen Leben nicht gibt. Vollkommene Geliebte, aber auch Gef�hrten. Kannst du dir vorstellen, eine solche Frau f�r mich zu werden? Die Hure deines K�nigs, die niemals das Lager mit mir teilte. Und die jeden Mann, dem sie sich hingibt, betr�gt, weil sie stets nur an die Interessen Fargons denkt.�</p><p>Elodia konnte sich vorstellen, was aus ihr werden w�rde, wenn sie Nein sagte. Sie wusste inzwischen, dass alle Badeh�user des K�nigreiches von Beamten des K�nigs beaufsichtigt wurden. F�r jeden Beischlaf, der dort stattfand, floss Gold in die Kassen des K�nigs. Sie war sich ganz sicher, dass man sie in eines dieser H�user bringen w�rde, wenn sie Cabezan nicht zu Willen war. Was sie nicht wusste, war, welches Schicksal dann ihren kleinen Bruder erwartete.</p><p>�Was wird mein Lohn sein, wenn ich eine Hure f�r das K�nigreich werde?�</p><p>Cabezan lachte leise. �Wie ich sehe, hast du die richtige Einstellung zu deiner Arbeit.</p><p>Mein Preis ist dein Bruder. Er wird eine Ausbildung an meinem Hof bekommen. Man wird feststellen, wozu er sich am besten eignet. Ob er ein Krieger oder ein Schreiber in meinem Scriptorium werden sollte. Oder vielleicht einer der Gelehrten, die f�r mich nach Relikten der fernen Vergangenheit suchen. Wenn er ins rechte Alter kommt, werde ich f�r ihn ein M�dchen aus gutem Hause aussuchen. Wenn er das Zeug dazu hat, dann wird er es in meinem K�nigreich weit bringen. Darauf hast du mein Wort als K�nig.�</p><p>Das war mehr, als Elodia zu hoffen gewagt hatte. �Das ist gro�z�gig. Was soll ich nun tun?�</p><p>Der K�nig nahm die Hand von ihrem Schenkel. �Morgen wird jemand kommen und dich fortbringen. Du wirst auf deine neue Zukunft vorbereitet werden. Man wird dir einen neuen Namen geben. Und du wirst deinen Bruder und auch sonst niemanden, den du kennst, noch einmal wiedersehen. Es w�re schlecht, wenn dein Bruder w�sste, was du bist.�</p><p>�Ja�, sagte sie kleinlaut.</p><p>�Du kannst ihm schreiben. Sag, du h�ttest dich in ein Refugium der Tjuredpriester zur�ckgezogen. Schreib, es sei dein Preis f�r seine Zukunft gewesen.�</p><p>�Darf ich mich noch von ihm verabschieden?�</p><p>�Balduin wird dir jeden Wunsch erf�llen. Aber morgen bei Sonnenaufgang beginnt dein Dienst f�r dein K�nigreich. Von da an geh�rst du ganz mir. Dies ist die letzte Nacht des Blumenm�dchens Elodia. Sehr bald schon wird niemand, der dir fr�her einmal begegnet ist, dich wiedererkennen. Du sollst mein sch�rfstes Schwert werden. Und wenn du mir gute Dienste leistest, wird dein Bruder in h�chste W�rden aufsteigen. Nun geh! Du hast gewiss noch viel mit deinem Bruder zu besprechen.�</p></section><section><title><p>Ein Kinderstreich</p></title><p>Nikodemus hielt den Atem an und pinkelte auf den schmutzigen Stoffstreifen. Sein Urin hatte eine dunkle, fast braune Farbe. Der Lutin war sich sicher, dass das Gift des Landes schon in seinen K�rper eingedrungen war! Nie zuvor hatte er etwas wie die Schwefelw�ste gesehen! Ein Land voller Gift. Am Boden und in der Luft.</p><p>Mit spitzen Fingern nahm er das St�ck Stoff auf. Seine Lungen begannen zu brennen.</p><p>Voller Ekel wickelte er sich den Stoff um Nase und Schnauze. Alle taten das. Alle au-</p><p>�er Emerelle!</p><p>Der Gestank des durchtr�nkten Stoffs war ungeheuerlich. Nikodemus k�mpfte gegen den aufkommenden Brechreiz an. Er atmete zwischen zusammengebissenen Z�hnen hindurch. Jeder Atemzug machte ein zischendes Ger�usch. Widerlich!</p><p>Er beeilte sich, um wieder zu den anderen aufzuschlie�en. Sie zogen an einem ausgetrockneten Bachbett entlang. Gelbe Schwefelkrusten �berzogen das Ufer. Ein St�ck entfernt trieb wei�er Rauch dicht �ber den Boden.</p><p>�ber den Rand der Senke hinweg blickte man auf eine Ebene, die von ausgetrockneten B�chen und weiten Fl�chen brodelnden Schlamms bedeckt war. Der Sand hatte mitunter merkw�rdige Farben. Mal gr�nlich, dann rostrot und bald wieder hellgelb bis hin zu wei�. Feiner Staub, der wie Salz in den Augen brannte, wirbelte in der sengenden Luft.</p><p>Am Morgen waren sie an einem See vorbeigekommen, den die Kobolde das Drachenauge nannten. Er hatte so seltsam ausgesehen, dass niemand von ihnen auch nur auf den Gedanken gekommen war, in die N�he seines Ufers zu gehen. Wie ein gewaltiges, blutunterlaufenes Auge lag er in der W�ste. Er hatte eine fast vollkommene Kreisform. In seiner Mitte war das Wasser von dunklem, beinahe schw�rzlichem Blau. Darum lag ein Kreis aus hellerem, t�rkisem Blau. Dicht am Ufer wurde das Wasser dann pl�tzlich blutrot. Emerelle hatte gesagt, die Farbe stamme von winzigen Tieren, die im Wasser lebten. Aber Nikodemus mochte das nicht glauben.</p><p>Vor zwei Tagen war am Horizont vor ihnen ein weites Massiv aus Tafelbergen erschienen. Wie die Festungsmauern einer Stadt von Riesen erhoben sie sich am Horizont. Anfangs hatten die Berge in der Ferne blau ausgesehen. Jetzt wirkten sie r�tlich.</p><p>Aber obwohl sie ihnen um mindestens drei�ig Meilen n�her gekommen sein mussten, schienen sie immer noch unerreichbar fern. Dorthin wollte Emerelle die Grauh�ute f�hren. Es hie�, inmitten der Berge gebe es eine Oase. Nikodemus hatte seine Zweifel, wenn er auf das vergiftete Land ringsherum blickte.</p><p>N�her als die Berge sah man eine Felsstufe, die sich durch die W�ste zog. Sie schien ein naher Vorl�ufer der Berge zu sein.</p><p>Als er die Grauh�ute wieder eingeholt hatte, stieg Nikodemus das kurze St�ck zum Rand der Uferb�schung hinauf, um zu sehen, um wie viel sie der Felsstufe schon n�her gekommen waren. Sie war der einzige Orientierungspunkt, abgesehen von den fernen Bergen. Die Luft tanzte in glasigen Schlieren dicht �ber dem W�stenboden. Es war unm�glich, zu sagen, wie weit die Felsstufe entfernt war. Manchmal glaubte Nikodemus dunkle Flecken im Felsen zu erkennen. Gab es dort H�hlen? Die Mittagsstunde war nicht mehr fern. Der Lutin tr�umte davon, die Zeit der gr��ten Hitze in einer H�hle zu verbringen. Sie sollten nachts wandern! Aber aus irgendeinem Grund wollten das weder die Grauh�ute noch Emerelle. In jeder Nacht bezogen Posten auf den Erhebungen rings um den gew�hlten Lagerplatz ihre Stellung. Nikodemus hatte sie einmal besucht. Es waren keine normalen Wachen. Sie waren in einem Zustand zwischen Traum und Wachen. Manchen troff klebriger, seltsam riechender Speichel aus den Mundwinkeln. Sie hatten Muster, die an verzerrte Spinnennetze erinnerten, auf ihre K�rper bemalt. Ganz offensichtlich woben diese mit Muschelketten geschm�ckten M�nner und Frauen irgendeine Art von Magie. Und obwohl Nikodemus insbesondere nachts oft das Gef�hl hatte, dass sie belauert wurden, kam es nie zu einem Zwischenfall.</p><p>Der Lutin kletterte die B�schung hinab und schloss sich wieder den Kobolden an.</p><p>Stunde um Stunde ging ihr Marsch. Sie erreichten die H�hlen nicht, wenn es sie denn �berhaupt gab und sie ihm nicht allein von seinem kochenden Verstand vorgegaukelt worden waren. Nicht einmal w�hrend der gr��ten Mittagshitze erlaubte ihnen Emerelle eine Rast. Die Elfe wirkte gehetzt. Unbarmherzig wie nie zuvor trieb sie alle an.</p><p>Auch das Wasser war knapp geworden. Inmitten der giftigen Schwefelw�ste schien auch ihre Magie keine Wunder mehr bewirken zu k�nnen. Seit drei Tagen hatte es kein frisches Wasser mehr gegeben. Fast alle K�rbisflaschen waren leer. Nikodemus hatte sein letztes Wasser am sp�ten Morgen getrunken. Obwohl die Grauh�ute die Hitze viel besser vertrugen als er - schlie�lich hatten sie ja auch kein Fell -, w�rde er jede Wette eingehen, dass auch ihnen nicht mehr viel Wasser geblieben war. Vielleicht wollte Emerelle sie ja zu einer Quelle bringen? Vielleicht w�rde die Giftw�ste schon bald hinter ihnen liegen. Nikodemus blickte zur Uferb�schung. Was verbarg sich dahinter? Seine Ersch�pfung war jetzt gr��er als seine Neugier. M�de blieb er auf seinem Platz in der Marschkolonne. Die Augen auf die Fersen der Frau vor ihm geheftet, schlurfte er weiter.</p><p>Der Boden war so hei�, dass er durch die Sohlen hindurch die F��e verbrannte.</p><p>Nikodemus wunderte sich, wie die Grauh�ute das aushielten. Sie gingen alle barfu�.</p><p>Er hatte das Gef�hl, dass selbst ihre Kinder ausdauernder waren als er. Seit Tagen k�mpfte er gegen eine immer tiefere M�digkeit an. Schon morgens, wenn sie aufbrachen, hatte er das Gef�hl, er k�nne keine Meile mehr gehen. Und dann sah er ihre Kinder, die, ohne zu murren, dem Treck folgten. Nur die Kleinsten von ihnen weinten manchmal. Sie zu sehen, gab ihm zwar keine neue Kraft, aber den Willen, sich nicht gehen zu lassen. Sie nannten ihn Drachenreiter! Die Grauh�ute kannten sein Volk. Sie hatten die Lutin wohl manchmal beobachtet, wenn sie zu den anderen Oasen zogen, jenen Fluchtorten der verschiedenen Lutinsippen, die nicht zu tief in der W�ste verborgen lagen.</p><p>Die gro�en Hornschildechsen hielten sie f�r Drachen. Und die Grauh�ute waren �berzeugt, dass alle Lutin m�chtige Zauberer und Krieger sein mussten, wenn sie Drachen ihrem Willen unterwerfen konnten.</p><p>Nikodemus musste unwillk�rlich l�cheln. Er stellte sich vor, ein Koboldritter zu sein, der auf einem richtigen Drachen ritt. Dann holte ihn die Wirklichkeit ein. Er war ein fu�kranker Wanderer, mit einem Lappen voller Pisse vor der Schnauze. Viel gr��er k�nnte der Unterschied zu einem Drachenritter wohl nicht sein. Wenigstens war es seine eigene Pisse, dachte er bitter.</p><p>Sie passierten eine Stelle, an der sich das Bachbett auf etwa hundert Schritt L�nge zu einem Schlammsee weitete. Der Schlamm und die Br�he, die auf ihm stand, schillerten in allen Regenbogenfarben. Es sah h�bsch aus. Im Schlamm stiegen dicke Blasen auf, die mit einem schmatzenden Ger�usch auf der Oberfl�che zerplatzten. Das war neu. So etwas hatte er bei den anderen Schlamml�chern nicht gesehen. Manche der Blasen hielten sich erstaunlich lange. Er ertappte sich dabei, wie er stumm mitz�hlte.</p><p>Auch die Kinder waren begeistert. Pl�tzlich gab es wieder Lachen im Treck. Manche warfen mit Steinen und Klumpen aus zusammengebackenem Sand nach den Blasen auf dem Schlamm. Eine besonders dicke Blase schien einen Schutzzauber zu besitzen.</p><p>Jeder Wurf verfehlte sie. Ein M�dchen lief los, um die Schlammblase mit ausgestrecktem Finger zum Platzen zu bringen.</p><p>�Nicht!� Die Warnung kam zu sp�t. Sie schaffte genau drei Schritt, dann blieb sie schreiend stehen, statt sofort umzukehren. Der z�hfl�ssige Schlamm war kochend hei�. Noch war das Koboldm�dchen nur bis zu den Kn�cheln eingesunken.</p><p>Schwankend versuchte sie zur�ckzukommen.</p><p>Ihre Mutter wollte ihr zu Hilfe eilen, doch zwei J�ger des Stammes packten sie. Alle starrten das Kind an. Doch keiner machte Anstalten, ihm zu helfen. Es war nicht mehr zu retten!</p><p>Madra kam. Der Troll streckte sich. Doch selbst seine langen Arme reichten nicht bis zu dem Kind.</p><p>Das M�dchen ging in die Knie. Es fing den Sturz mit den H�nden ab, riss diese aber sofort zur�ck, kaum dass seine Finger den Schlamm ber�hrt hatten.</p><p>Selbst durch den uringetr�nkten Stoffstreifen roch Nikodemus den Geruch von gekochtem Fleisch. Voll hilfloser Wut ballte er die F�uste. Er hatte das Gef�hl, es dem M�dchen schuldig zu sein, zumindest nicht einfach wegzusehen. Auch wenn er sonst nichts tun konnte.</p><p>Pl�tzlich trat Madra in den Schlamm. Er machte einen hastigen Schritt, packte das M�dchen und rettete sich auf sicheren Boden. Dunstschwaden wogten �ber seinen F�-</p><p>�en wie �ber Schweinshaxen, die man frisch aus kochendem Wasser hebt. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt. Aber er gab keinen Laut von sich. Vorsichtig legte er das kleine Koboldm�dchen in den Schatten eines Felsens.</p><p>Sofort war die Mutter bei der Kleinen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit K�ssen. Das Kind war ohnm�chtig geworden. Die F��e und die Beine bis fast zu den Knien hatten alle graue Farbe verloren. Sie waren von einem dunklen Rosa. Ein durchsichtiges, leicht gelbliches Sekret n�sste durch die Haut.</p><p>Auch ihre H�nde hatten die Farbe verloren. Die kleinen Finger waren aufgequollen.</p><p>Als ihre Mutter die Hand anheben wollte, um sie zu k�ssen, glitt die Haut wie ein Handschuh von den gekochten Fingern.</p><p>Emerelle kam von der Spitze der Marschkolonne. Sie stellte keine Fragen. Ein Blick auf das Kind gab alle Antworten. Madra nickte sie mit stummem Respekt zu. Dann kniete sie sich neben das M�dchen.</p><p>Nikodemus sah, wie sie den Albenstein mit der Linken umklammerte, w�hrend sie die Rechte sehr vorsichtig auf einen Fu� des Koboldkindes legte. Sie zuckte zusammen.</p><p>Die Elfe schloss die Augen. Auch sie schien Schmerzen zu leiden, w�hrend die Mutter des M�dchens h�nderingend neben ihr stand.</p><p>Madra hatte sich in den Sand gesetzt. Seine F��e waren mit gro�en, wei�en Blasen �bers�t.</p><p>�Schlimm?� Nikodemus bereute seine d�mliche Frage, kaum dass sie ihm �ber die Lippen gekommen war, aber da war es schon zu sp�t.</p><p>Der Troll sah ihn finster an. �Ihr Kobolde habt doch auch gro�e Kupferkessel, um darin Suppen und Fleisch zu kochen.�</p><p>Der Lutin sah ihn verwundert an. �Ja.�</p><p>�Bist du als Kind einmal an einen der Kessel gekommen, bevor sie ganz ausgek�hlt waren?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Stell dir vor, du h�ttest die Hand nicht weggezogen. Vielleicht als eine Mutprobe.� Er stie� die Worte gepresst hervor, bem�ht, jedes St�hnen zu unterdr�cken. �Du h�ttest sie auf dem hei�en Kupfer gelassen. Bis sie wie gut gebratenes Fleisch gerochen h�tten. Bis dein Fleisch bis zum Knochen hinab gar gewesen w�re. Du wei�t, wenn man einen Braten aufschneidet, dann ist das Fleisch au�en graubraun. Nur tief innen hat es sich eine zartrote Farbe erhalten. Stell dir vor, das ganze Fleisch deiner Hand w�re grau. Und dann erst versuchst du sie fortzunehmen. Aber es geht nicht mehr, weil sie mit dem Metall des Kessels zusammengebacken ist. Du ziehst und zerrst. Als sie endlich doch freikommt, kleben die k�mmerlichen Reste deiner Haut noch auf dem Metall. Und Brocken von deinem Fleisch. So f�hlt es sich an!� Um die Worte zu unterstreichen, hob Madra seine F��e an.</p><p>Nikodemus k�mpfte gegen einen W�rgereiz an. Die z�he, zerfurchte Haut hatte begonnen, sich von den Fu�sohlen zu l�sen. So wie vorhin bei der Hand des M�dchens.</p><p>�Mein Weg endet hier�, sagte der Troll.</p><p>�Nein. Das wird schon wieder.� Der Lutin starrte auf die F��e und wusste, dass er Unsinn redete.</p><p>Madra versetzte ihm einen Knuff, der ihn fast von den Beinen riss. Nikodemus wusste, dass es freundlich gemeint war, aber er betastete seine Rippen, unsicher, ob keine gebrochen war. �F�r einen Fuchsmann bist du ein guter Freund. Ich werde an dich denken, wenn ich sterbe.�</p><p>�Du solltest nicht vom Sterben reden. Du bist doch ein Riese. Die sterben nicht so leicht. Nicht an einem bisschen hei�em Sand.� Er sah aus den Augenwinkeln, wie mehrere Grauh�ute aufgeregt auf Emerelle einredeten und dabei auf Madra zeigten.</p><p>�Du bist so gro� ... So ...�Er hatte das Gef�hl, einen Stein in der Kehle zu haben.</p><p>�Flenn mir bitte nicht auf meine F��e!�</p><p>Nikodemus boxte gegen das Knie des Trolls. Es f�hlte sich an, als habe er gegen einen Fels geschlagen. �Bl�dmann!�</p><p>�Eine gute Rechte. Reicht sicher, um ein altersschwaches Kaninchen umzuhauen.�</p><p>Madra hatte noch nie mit ihm gescherzt. Nikodemus hatte gar nicht gewusst, dass Trolle Sinn f�r Humor hatten. Das machte es nicht besser. Sein Gef�hrte nahm Abschied.</p><p>Emerelle trat zu ihnen. Sie blickte kurz auf Madras F��e. Dann sah sie ihn an. In ihrem lehmbeschmierten Gesicht zeigte sich keinerlei Regung. �Warum hast du das getan?�</p><p>�Weil ich zu schwach war.�</p><p>�Zu schwach?�</p><p>�Ja, zu schwach, einem dummen, kleinen Koboldbalg dabei zuzusehen, wie es an seiner Dummheit verreckt. Nun werde ich mit ihm zusammen sterben.�</p><p>Sie sah erneut auf seine Wunden. �An ein paar verbrannten F��en muss man nicht sterben.�</p><p>Der Troll schnitt eine �rgerliche Grimasse. �Nur habe ich mir einen schlechten Platz ausgesucht, um nicht mehr laufen zu k�nnen. Und leider sehe ich hier auch niemanden, der in der Lage w�re, mich zu tragen.�</p><p>�Darf ich deine F��e ber�hren?�</p><p>�Ich glaub nicht, dass ich es noch sp�ren werde.�</p><p>Emerelle kniete vor ihm nieder. Nikodemus wurde sich bewusst, dass er auf ihre linke Brust starrte, die kaum eine Arml�nge entfernt war. Er h�stelte verlegen und wandte sich ab. Ob sie verr�ckt geworden war, weil sie ihren Thron verloren hatte? Der Lehm auf ihrer Haut war eingetrocknet und von einem Netzwerk feiner Risse durchzogen.</p><p>Sie trug nur einen Lendenschurz um die H�ften. Seltsamerweise war der Stoff von makellosem Wei�, obwohl sie sich von Kopf bis Fu� eingeschmiert hatte.</p><p>Jetzt erst bemerkte der Lutin, dass sie neben dem Albenstein noch einen zweiten Halsschmuck trug. Zwischen ihren Br�sten ruhte ein wei�es Muschelhorn. Es sah genauso aus wie die, die auch Grauh�ute trugen. Bei einer Maurawani h�tte er sich �ber so ein Verhalten nicht gewundert. Aber die unnahbare Emerelle in Schmutz gewan det zu sehen, war schon sehr befremdlich. Und so kniete sie vor einem Troll, der vor einem Jahr in den Heerscharen ihrer Feinde gek�mpft hatte und behandelte dessen F��e. Die Welt war verr�ckt geworden! Es war h�chste Zeit, dass sein Bruder Elija sie neu ordnete.</p><p>Nikodemus dachte an ihre Mission. Sie sollten die K�nigin finden, um sie ihren Henkern auszuliefern. Er durfte das nicht vergessen! Wenn sie verr�ckt geworden war, dann war sie nur umso gef�hrlicher, bei der Macht, die sie besa�! Sie w�rde seinen Bruder Elija und alle Rotm�tzen bek�mpfen. Allein deshalb schon musste er sie ausliefern.</p><p>Madras F��e sahen mit einem Mal besser aus. Sie waren nicht mehr aufgequollen.</p><p>Frische Haut war �ber die Wunden gewachsen. Der Albenstein gab ihr grenzenlose Macht! Sie sprang auf. �Schnell jetzt! Das muss gen�gen! Ich werde sp�ter noch einmal nach deinen F��en sehen.� Sie winkte mit beiden Armen. �Steht nicht herum und glotzt. Lauft!�</p><p>Mit w�tenden Worten trieb sie alle an. Dann eilte sie wieder an die Spitze des Zuges.</p><p>Einige der Grauh�ute murrten leise. Aber niemand wagte es, offen Widerstand zu leisten. Das war im Kleinen genau so, wie es gewesen war, als sie noch auf dem Thron gesessen hatte. Sie traf einsam ihre Entscheidungen und trieb alle an. Verdammte Tyrannin! Sie w�rde immer so sein!</p><p>Nikodemus sah Madra an, dass er immer noch Schmerzen hatte. Und auch das Koboldm�dchen, das sie behandelt hatte, lag wimmernd in den Armen seiner Mutter.</p><p>Warum hatte sie die beiden nicht vollst�ndig geheilt, wenn sie so gro�e Macht besa�?</p><p>Nach einer Weile hatte Nikodemus das Gef�hl, dass die Grauh�ute schneller gingen.</p><p>Keiner sprach mehr. Jetzt hatten sie sich v�llig der Willk�r der Elfe unterworfen. Er h�tte etwas gesagt, wenn seine Zunge nicht dick geschwollen in seinem Mund gelegen h�tte. Er hatte Lust, zu rebellieren. Er dachte daran, einfach etwas langsamer zu gehen, statt immer mehr zu hetzen. Aber er bef�rchtete, dass sie ihn einfach zur�cklassen w�rden, wenn er nicht mit ihnen Schritt hielt.</p><p>Sogar Madra beeilte sich. Ein merkw�rdiges Ger�usch erklang in der Ferne.</p><p>Nikodemus hatte so etwas noch nicht geh�rt. Die anderen gingen noch schneller.</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Der Sand kommt�, fl�sterte ein alter Kobold, der sich auf einen Stock st�tzte. �Der Sand kommt!�</p><p>Das war so ziemlich das Verr�ckteste, was er je geh�rt hatte, entschied Nikodemus.</p><p>Hier war �berall Sand. Seit er mit Madra aus dem Albenstern in dieses verfluchte Land getreten war, sah er nichts als Sand und Steine!</p><p>Die Grauh�ute begannen zu laufen. Emerelle f�hrte sie �ber die B�schung des Bachs hinweg. Es herrschte helle Panik.</p><p>Nikodemus kletterte in aller Ruhe �ber die Kante aus br�chigem Sand. Die Tafelberge am Horizont waren verschwunden. Graubraune Wolken hingen tief am Himmel. Nein... Sie w�lzten �ber den Boden. Der Lutin brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was er sah.</p><p>�Der Sand kommt�, murmelte er schwerf�llig mit ausgedorrter Zunge. Ein Sandsturm!</p><p>Er hatte davon erz�hlen h�ren. Sie konnten tagelang dauern. Der Sand schliff einem das Fell von Gesicht und Rute, dann die Haut. Er w�rde immer weiter schleifen. Er t�tete Hornschildechsen wie Lutin. Nichts war ihm gewachsen, wenn der Sturm lange dauerte. Die einzige Hoffnung, zu �berleben, war ein Windschutz.</p><p>Emerelle deutete auf die Felsstufe. Hatte sie den Sturm die ganze Zeit kommen gef�hlt?</p><p>�Lauft!�, rief sie gegen den Wind an, der der Sandwalze vorauseilte. Sie deutete auf eine dunkle �ffnung in den Felsen. �Dorthin! Das ist die einzige H�hle, in der wir alle Platz finden. Lauft!�</p><p>Madra packte einige der Koboldkinder. Er nahm sie unter die Arme. Eines sa� auf seinem Nacken, so wie Nikodemus es auch schon getan hatte. M�tter kamen herbei gerannt und wollten ihm weitere Kinder bringen. Sieben nahm er mit. Dann stie� er alle anderen zur�ck und begann zu laufen. Der verdammte Troll lie� sie bald alle hinter sich.</p><p>Nikodemus� Herz schlug wie ein Trommelstock gegen das Gef�ngnis seiner Rippen. Er lief, wie er noch nie in seinem Leben gelaufen war, die Augen verzweifelt auf die Wand aus wirbelndem Sand gerichtet. Die H�hle war mindestens eine Meile entfernt.</p><p>Er wusste, dass sie es nicht schaffen konnten. Nur Madra und die sieben Kinder w�rden vielleicht entkommen.</p></section><section><title><p>Abschied</p></title><p>Kadlin blickte in das Antlitz des Mannes, der einmal ihr Vater gewesen war und den sie doch kaum gekannt hatte. Die K�lte hatte seinen toten K�rper vor dem Verfall bewahrt. Seine aufgebrochene Brust war unter seinem Kettenhemd verborgen. Kadlin hatte sich die Wunde angesehen, obwohl sowohl Lambi als auch Melvyn versucht hatten, sie davon abzuhalten. Die ganze Totenfeier �ber hatte sie an sich gehalten. Jetzt aber lie� sie ihren Tr�nen freien Lauf. Sie war allein im Grabh�gel. Die Fackeln an den W�nden waren fast heruntergebrannt. Alle anderen waren l�ngst gegangen. Schwach h�rte sie das L�rmen der Totenfeier in der K�nigshalle ihres Vaters.</p><p>�Werde ich eine gute Herrscherin sein? Ich w�nschte, du w�rest noch hier. Ich�... � Sie war noch schwach vom Fieber und sa� auf der Pritsche des Wagens, auf dem ihr Vater umringt von den Waffen seiner Feinde aufgebahrt lag.</p><p>Ein muffiger Erdgeruch hing in der Kammer. Alfadas hatte dieses Grab bauen lassen. Es lag inmitten des Erdh�gels am Rand des k�niglichen Dorfes Firnstayn. Die Grabkammer war mit dicken Kiefernbalken verschalt. Zwei Fackeln spendeten warmes, gelbes Licht. K�lte sickerte durch den Gang, der hinaus in die Nacht f�hrte. Wenn sie die Kammer verlie�, w�rde sie mit einem schweren Rollstein verschlossen werden. Und dann w�rde man den Tunnel ganz mit Erde auff�llen. Drau�en an der H�gelflanke w�rde man die ausgestochenen Grassoden wieder an ihren Platz legen, und in zwei Wochen w�rde niemand, der es nicht wusste, mehr erkennen k�nnen, wo genau der Eingang zum k�niglichen Grab lag.</p><p>Sie erhob sich m�de. Aus Erz�hlungen wusste sie, wie sie als kleines M�dchen in einem blauen Kleid an diesem Fjord gespielt hatte. Und wie sie bei einem Fest dem B�-</p><p>renbei�er namens Blut auf die verletzte Schnauze gelangt hatte und alle G�ste vor Schreck den Atem anhielten, aus Angst, der gro�e Hund w�rde sie zerfleischen.</p><p>Angeblich hatte sie auch an der Seite ihrer Mutter Asla gestanden, als das Wolfspferd in das alte Langhaus des Alfadas eingedrungen war. An all dies konnte sie sich nicht mehr erinnern. Sie war zu klein gewesen. Die Trolle hatten ihr schon damals Alfadas genommen, als ihre Familie w�hrend der K�mpfe im Elfenwinter auseinandergerissen wurde. Damals, als die Schlachten beendet waren, hatte ihre Mutter Asla entschieden, mit ihr und Kalf in ein einsames Tal weitab von jeder Siedlung zu fl�chten. Ihre Mutter hatte ihr nie erkl�rt, warum sie das getan hatte.</p><p>Kadlin wusste, dass Asla Kalf, den J�ger und Fischer, von ganzem Herzen geliebt hatte. Und sie selbst hatte Kalf die meiste Zeit ihres Lebens f�r ihren Vater gehalten.</p><p>Sie blickte in das Antlitz ihres leiblichen Vaters. Selbst im Tod wirkte es noch m�de und ausgezehrt. Er war ein einsamer Mann gewesen. Er hatte nie wieder eine Frau genommen. Lange hatte er nach ihr und Asla gesucht. Er hatte ihren vermeintlichen Tod nie verwunden. Kadlin fand, ihre Mutter h�tte ihr fr�her sagen sollen, wer ihr leiblicher Vater war. Sie h�tte selbst w�hlen sollen, wo sie leben wollte.</p><p>Sie blickte zu den beiden leeren Totenlagern, die f�r sie und Asla gemacht waren. Sie sahen aus wie schmale Betten. Das Leinenzeug war mit dunklen Stockflecken �bers�t.</p><p>Ihr Totenlager war klein. Das Bett eines Kindes. Darauf lag eine halb verbrannte Puppe, die einst ihr geh�rt hatte. Alfadas hatte sie in den Tr�mmern ihres niedergebrannten Hauses gefunden, als er von seinem Feldzug in die Snaiwamark zur�ckgekehrt war. Auf Aslas Lager lag eine Kette aus bunten Perlen. Ihr Vater hatte sie nie vergessen. Deshalb war sie in den Norden gegangen, um seine Leiche zu holen.</p><p>Sie war es ihm schuldig gewesen.</p><p>Sie k�sste ihn auf die Stirn. Sie w�rde nie mehr in die Grabkammer kommen, schwor sie sich. Nicht, solange sie lebte. �Wir sehen uns in den Goldenen Hallen. Ich wei�, du bist dort und wartest.� Mit diesen Worten wandte sie sich ab. Mit festem Schritt verlie� sie die Totenkammer. Sie wischte sich die Tr�nen aus dem Gesicht.</p><p>Kaum dass sie den H�gel verlassen hatte, begannen die Krieger ihrer Leibwache damit, den Zugang zum Grab zu verschlie�en.</p><p>Lambi hatte auf sie gewartet. �Du warst lange dort unten.�</p><p>�Ja.� Sie wollte allein sein. Und doch wusste sie, dass sie zur Totenfeier musste.</p><p>�Wirst du Frieden mit den Trollen halten?�, fragte er ohne Umschweife. �Alle wissen das mit dem Herzen�... �</p><p>�Sie wollten ihn damit ehren, behauptet Melvyn.�</p><p>�Ich glaube das auch.�</p><p>Kadlin dachte dar�ber nach. �Ich werde es dem Herzog nicht verzeihen.�</p><p>�Aber du wirst Frieden halten?� Sie schwieg.</p><p>�Verdammtes G�r! So warst du schon als Kind!�, entfuhr es ihm.</p><p>�Soweit ich geh�rt habe, hat man dich von mir ferngehalten, als ich noch ein Kind war.�</p><p>�Dein Vater hat mir so oft von dir erz�hlt, dass es mir vorkommt, als seiest du meine eigene verzogene Tochter!�</p><p>Die Worte waren zu viel. Ihr stieg ein Klo� in den Hals, und sie biss sich rasch auf die Lippen, um nicht loszuweinen.</p><p>�Du hast den Elfenwinter �berlebt, du hast in der Schlacht an der Nachtzinne gek�mpft, du hast ein Wolfspferd erschlagen. Du bist der einzige lebende Mensch, der zur Schwelle der Goldenen Hallen ging und wieder zur�ckkehrte. Und du bist nur mit deinem verr�ckten Bruder in Orgrims Herzogtum gereist, um Alfadas zur�ckzuholen.</p><p>Ihr zwei habt euch einem ganzen Heer von Trollen gestellt. Das ist genug f�r ein Leben. Das w�ren sogar f�r zwei Leben gen�gend Heldentaten. Niemand wird die Heldensaga glauben, die Isleif dichtet, wenn du noch mehr vollbringst.�</p><p>�Wer ist Isleif?� Sie hatte sich jetzt fast wieder in der Gewalt und war froh, dass ihr Lambi Gelegenheit gab, �ber etwas anderes als ihren Vater sprechen zu k�nnen.</p><p>�Isleif ist ein sehr talentierter junger Skalde, den ich in einer Schenke in Gonthabu kennengelernt habe. Er hatte schon von sich aus damit begonnen, eine Saga �ber dich zu dichten. Ich habe sie ein wenig verbessert.� Er deutete zum Langhaus des K�nigs hinauf. �Er ist auch dort oben. Es w�re an der Zeit, dass du dir selbst einmal anh�rst, was er �ber dich dichtet.�</p><p>�Ich habe kein Interesse an L�gengeschichten.�</p><p>�Es ist besser, wenn sich K�nige zu Lebzeiten selbst darum k�mmern, welche L�gen �ber sie verbreitet werden, als wenn es andere tun, wenn sie tot sind! Stell dich nicht an wie ein bockiges Kind. Sei eine K�nigin! Wei�t du�... � Pl�tzlich brach seine Stimme.</p><p>�F�r meinen Jungen gibt es kein Grab. Und f�r die, die mit mir gekommen sind, um dich zu holen und die von den Trollen erschlagen wur den, wird auch niemand einen Grabh�gel errichten. Wir trinken in dieser Nacht auch zu ihrem Andenken. Komm mit und erweise ihnen Ehre. Oder geh mit deinem Bruder, der unten am Fjord auf dich wartet. Aber dann komm nie wieder, h�rst du! Wenn du in dieser Nacht nicht auf dem Thron von Alfadas sitzt und ein paar verdammt an-r�hrende Worte f�r unsere Toten findest, dann bist du es nicht wert, unsere K�nigin zu sein!�</p><p>Sie packte ihn bei den Schultern. �Ich werde nicht davonlaufen. Aber ich muss Melvyn verabschieden. Dann komm ich zum Fest. Ich verspreche es dir.�</p><p>�Ich warte hier�, brummte er missmutig.</p><p>Es war nur ein kurzes St�ck Weg hinunter zum Wasser. Hinter sich h�rte sie das Zischen der Spaten, die ins aufgeworfene Erdreich glitten. Und das dumpfe Ger�usch der Erde, die in den Tunnel geworfen wurde. Sie hatte das Gef�hl, dass all ihre Trauer wie ein zweites Kind in ihr lag. Ein Druck in ihrem Magen. Eine gro�e, lebendige Kugel.</p><p>Sie legte die Hand auf ihren Bauch. Das Kind war reglos. Sicher schlief es. In den Fiebertagen auf dem Schlitten hatte sie es oft gesp�rt. Es war stark. Es w�rde leben!</p><p>Melvyn wirkte verloren. Er stand ganz allein am Ufer. Sein Umriss zeichnete sich schwarz gegen das Wasser ab, auf dem sich der Mond spiegelte.</p><p>Als sie an seine Seite trat, war sie pl�tzlich verlegen um Worte. Sie h�tte sich gefreut, wenn er geblieben w�re. Aber sie wusste, dass er das nicht konnte. �Sie schlie�en das Grab jetzt�, brachte sie endlich hervor.</p><p>Er nickte. Auch er schien bedr�ckt. Vielleicht mochte er auch keine Abschiede.</p><p>�Wolkentaucher wartet auf dich?�</p><p>Ihr Bruder deutete in Richtung des Hartungskliffs auf der anderen Seite des Fjordes.</p><p>Majest�tisch erhob sich der steile Berg �ber das Wasser. Ein Kreis aus uralten Steinen kr�nte sein Haupt. �Er ist dort oben. Wenn du gehst, wird er mich holen kommen.�</p><p>Sie wollte ihm noch so viele Dinge sagen. Doch der Festl�rm von der K�nigshalle erinnerte sie daran, dass auch ihr keine Zeit mehr blieb. �Ich wollte mich noch daf�r bedanken, dass ich noch all meine Finger und Zehen habe.�</p><p>�Du hast gutes Heilfleisch.�</p><p>�Du wei�t, dass ich sie ohne deine Zaubermacht verloren h�tte. Und mit erfrorenen Wangen h�tte ich f�r den Rest meiner Tage wie ein junges M�dchen ausgesehen, das bei jedem Wort, das man an es richtet, schamhaft err�tet.�</p><p>�Ich glaube, dass du auch mit grauem Haar noch wie ein junges M�dchen sein wirst.</p><p>Wahrscheinlich wird es dir in Zukunft schwerfallen, Fremde davon zu �berzeugen, dass du die K�nigin bist. Du solltest dir ein bisschen W�rde zulegen und vielleicht nicht immer in Hosen herumlaufen.�</p><p>Sie kannte seine Spa�e und ahnte, dass sie wom�glich noch derber werden w�rden.</p><p>Eigentlich war das nicht seine Art. Es sei denn, er wollte seine wahren Gef�hle verbergen. Kadlin nahm seine Hand und legte sie an ihren Bauch. Das Kind war jetzt wach. Deutlich sp�rte sie seine Tritte. Alle H�rte verschwand aus Melvyns Gesicht, als er es f�hlte. �Sein Vater ist tot. Wenn es leben wird, dann nur, weil du uns gerettet hast.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, das ��</p><p>�Ganz gleich, was du auch sagen willst. F�r mich wird es immer so sein. Deine Bereitschaft, allein gegen hundert Trolle anzutreten, und dein Gl�ck haben uns gerettet.�</p><p>Er l�chelte. �Du redest schon wie eure Sagendichter. Aber nein, das war kein Gl�ck.</p><p>Orgrim mag dich, meine sture kleine Schwester. Wahrscheinlich denkt er insgeheim, dass du, wenn du nur ein wenig gr��er, grauer und haarloser w�rst, ein verdammt gutes Trollweib abgeben w�rdest.�</p><p>�Und wenn du etwas weniger Unsinn reden w�rdest, w�rdest du einen verdammt guten Bruder abgeben.�</p><p>Er senkte den Blick. Sie sp�rte, dass es nicht wegen ihrer Worte war. Da war etwas, das ihm einfach nicht �ber die Lippen kommen wollte. Seine Spa�e, sein merkw�rdiges Verhalten: All das sprach f�r sich. Es schrie ihr f�rmlich entgegen, dass dahinter mehr steckte. Was ging in ihm vor?</p><p>Sie sah nur einen Weg, es herauszufinden. Sie dr�ckte seine Hand, die noch immer auf ihrem Bauch lag. �Sag es.� Er sah �berrascht auf. �Was?�</p><p>Wie verr�terisch ein einzelnes Wort doch sein konnte. Es sollte Unwissenheit vorsch�tzen und tat doch genau das Gegenteil. Kadlin ging nicht darauf ein. Sie sah ihn einfach nur an.</p><p>�Ich�... � Er r�usperte sich. �Wenn Skanga Orgrim zu sich befiehlt, dann kann das nur eines bedeuten. Es wird Krieg geben in Albenmark. Und die Maurawan waren schon immer Feinde der Trolle. Ich muss Leylin dort fortholen�... Ich muss sie�... � Kadlin konnte ihm ansehen, wie er innerlich all seinen Mut zusammennahm. �K�nnen wir hierherkommen?�</p><p>Sie konnte nicht begreifen, warum ihn diese Frage solche �berwindung gekostet hatte.</p><p>�Ich w�rde mich freuen. Komm an meinen Hof. Ich ...�</p><p>Er hob abwehrend die Hand. �Wir werden uns einen einsamen Ort suchen. Irgendwo an der Grenze zu den Trollgebieten. Wir werden so gut wie unsichtbar sein.�</p><p>�Warum? Es gibt keinen Grund, dass du dich�... �</p><p>�Ich sehe aus wie ein Elf�, unterbrach er sie. �Und die Menschen hier glauben, dass Elfen Ungl�ck bringen. Sie haben den Elfenwinter nicht vergessen und auch nicht, wie Emerelle kam, um Alfadas zu rauben. Ich habe sie reden h�ren, als sie dich zur�ckgebracht haben.�</p><p>Kadlin waren seine Worte ganz fremd. Aber vielleicht lag es daran, dass sie die K�nigin war und niemand offen mit ihr sprach. Au�er Lambi! �Wir werden ihnen zeigen, dass sie sich irren!�</p><p>Er z�gerte.</p><p>Sie strich sanft �ber seine Hand. �Bitte. Ich werde dich brauchen. Du bist hier willkommen.� Sie l�chelte. �Und du sagtest ja schon, dass ich stur bin. Wehe dem, der dich oder Leylin schlecht behandelt. Wir werden einen Ort finden, an dem ihr in Frieden leben k�nnt.�</p><p>Er wirkte erleichtert, obwohl sie nicht darauf geschworen h�tte, dass er ihr Angebot annehmen w�rde. Schweigen lag zwischen ihnen. Ein gutes, verstehendes Schweigen.</p><p>Endlich dr�ckte er ihr die Hand. �Sie warten auf ihre K�nigin. Du musst gehen.�</p><p>�Wenn du nicht kommst, werde ich dich suchen gehen!�</p><p>Er lachte. �Ja, das w�rde ich dir zutrauen.� Darauf nahm er sie in den Arm. �Mach keinen Unsinn�, sagte er z�rtlich.</p><p>Kadlin musste schlucken. Sie sah ihm nach, wie er am Ufer entlangging. Hoch oben am Hartungskliff l�ste sich ein gro�er Schatten aus dem Dunkel der Felsen. Sie beneidete ihn um seine Freiheit. Sie w�rde jetzt auch gern mit einem Adler fliegen.</p><p>Mit einem Seufzer wandte sie sich ab. Dann straffte sie sich und ging zu Lambi, der noch immer am Grabh�gel wartete. Der alte Krieger war sichtlich erleichtert.</p><p>�Ich h�tte nicht darauf gewettet, dass du kommst. Aber gut, dass du da bist. Es sind fast alle wichtigen Jarls dort oben. Mehr als bei deiner Kr�nung. Wir sollten das Schauspiel noch einmal wiederholen. Ich werde dir die Krone aufs Haupt setzen und dich zur K�nigin ausrufen. Und unser Skalde wird die ersten Verse aus dem Heldenepos �ber dich vortragen. Alle dort oben haben schon getrunken und um die Toten geweint.</p><p>Es wird leicht sein, ihre Herzen zu ber�hren. Du wirst sehen, deine Herrschaft beginnt...�</p><p>� ... mit einer L�gengeschichte!�</p><p>Lambi lachte laut auf. �Fast dasselbe hat dein Vater in der Nacht seiner Kr�nung gesagt. Und doch wurde aus ihm ein K�nig, von dem man noch in tausend Jahren er-z�hlen wird. Er sagte auch, ich sei ein Mann ohne Moral. Ich finde, das ist nicht ganz richtig�... Mir fehlt die Moral nur dort, wo sie im t�glichen Leben allzu hinderlich ist. Du wirst sehen, ein K�nig braucht einen solchen Mann an seiner Seite. Alles Licht wird auf dich fallen. Ich erledige, was im Schatten getan werden muss.�</p></section><section><title><p>Trollansichten</p></title><p>Falrach sah den Troll loslaufen und blickte zu der Wand aus Sand und Staub. Ein Troll, der den Helden spielte und Kinder rettete? Er blickte auf die fl�chtenden Kobolde. Sie waren viel zu langsam! Er k�nnte es schaffen. Emerelle auch. Aber sie w�rde bei den Kobolden bleiben. Er tastete �ber den schweren Beutel mit T�rkisen, der von seinem G�rtel hing. Das war das Gewicht eines Kindes. Und sein gro�es Zweihandschwert wog mindestens so viel wie drei Kinder. Ollowain h�tte sicherlich nicht gez�gert. Er fluchte leise und lie� den G�rtel mit den T�rkisen fallen. Dann warf er das Schwert zur Seite und sah sich um. Ihm war gestern schon ein M�dchen aufgefallen, das hinkte.</p><p>Seine Haare waren zu Dutzenden kurzen Z�pfen geflochten, die ihm wie Stacheln vom Kopf abstanden. Und eine blinde Alte, die am Stock ging.</p><p>Die Blinde sah er zuerst. Sie war die Letzte im Zug. Man w�rde sie zur�cklassen! Er lief zu ihr. �Du wirst jetzt getragen werden, M�tterchen.�</p><p>�Nimm einen, der sein Leben noch vor sich hat, du�... �</p><p>Ohne auf ihre Einw�nde zu achten, hob er sie sich auf den R�cken. �Halt dich fest. Ich schaffe den Weg zweimal!� Das war gelogen. Obwohl die Alte nur noch aus Haut und Knochen bestand, war sie schwerer, als er erwartet hatte.</p><p>Er sah sich wieder nach dem M�dchen um. Er hatte ihren Vater in den letzten N�chten beim W�rfeln ausgenommen. Zuletzt hatte der Kerl sogar seine Muschelkette gesetzt und verloren. Falrach hatte sie genommen. Aus Prinzip. Das W�rfeln war kein Spa�! In seinem fr�heren Leben hatte er sich mit allen Arten von Spielen seinen Lebensunterhalt verdient. Und er war nicht arm gewesen.</p><p>Er entdeckte das M�dchen, das er gesucht hatte, weiter vorne. Ihr Vater und ihre Mutter hatten es auf ihre �berkreuzten Arme gehoben und liefen, so gut es ging. Und es ging schlecht. Er rannte zu ihnen. �Los, leg deine Arme um meinen Hals und schling die Beine um meine H�ften. Ich nehm dich vor den Bauch!�</p><p>Der Sturm riss ihm die Worte von den Lippen, aber das M�dchen schien verstanden zu haben. Ihre Eltern halfen ihr. Sie war sehr leicht, doch Falrach wusste, dass er mehr nicht tragen konnte. Er war halt kein Troll!</p><p>Dann lief er los. Der L�rm des Sturms schwoll an. Er drang nicht nur durch seine Ohren. Er war in ihm. Ersch�tterte seinen ganzen Leib. Und er schien ihn zur�ck-zudr�ngen zu den anderen, die trotz all ihrer Bem�hungen hinter ihm zur�ckfielen.</p><p>Gemeinsam mit der Frau, f�r die er einmal gestorben war.</p><p>Die B�en, die der brodelnden Sturmwand vorauseilten, trafen ihn wie Schl�ge. Wie gro�e, graubraune Staubgeister streiften sie �ber die Ebene. Falrach h�tte jeden Eid geschworen, dass sie die Richtung wechselten, wenn er ihnen nahekam. Nat�rlich war das Unsinn.</p><p>Die Alte auf seinem R�cken wurde mit jedem Schritt schwerer. Und die Kleine klammerte sich so verzweifelt um seinen Hals, dass ihre Fingern�gel in seine Haut schnitten. Ihr Kopf war fest gegen seine Brust gedr�ckt, und er sp�rte, dass sie schluchzte, obwohl der Sturm l�ngst keinen Laut mehr duldete, den er nicht selbst hervorbrachte.</p><p>Madra war schnell! Der verdammte Troll w�rde das Rennen gewinnen. Daran hatte Falrach nun keinen Zweifel mehr. Er schaffte es nicht, den Vorsprung des Trolls einzuholen. Das w�rde es ihm leichter machen, dass er all die T�rkise zur�ckgelassen hatte. Sie waren ein verlorener Einsatz. Das geschah auch ihm hin und wieder.</p><p>Erneut peitschte ein Staubgeist in sein Gesicht. Der Sand, den er mit sich f�hrte, schnitt Falrach in die Haut. Er sp�rte, wie die Alte auf seinem R�cken zu rutschen begann.</p><p>Fluchend schob er einen Arm hinter seinen R�cken, um sie zu st�tzen.</p><p>Der Felsvorsprung war nicht mehr weit entfernt. Er war h�her, als Falrach gesch�tzt h�tte. Bestimmt drei Schritt. Wenn nicht mehr. Ein paar Augenblicke noch! Die Alte auf seinem R�cken rief etwas, aber er verstand in dem L�rm kein Wort. Dann drosch sie mit ihrem Stock auf ihn ein. Hielt die verfluchte Vettel ihn vielleicht f�r ein Rennpferd?</p><p>Er riss den Kopf in den Nacken. Nicht zu schnell. Er wollte ihr nur einen Sto� versetzen. Und da sah er es. Aus der Wand aus wirbelndem Tod l�ste sich ein m�chtiger Staubarm und hielt auf sie zu. Einen Herzschlag lang erstarrte er und gaffte.</p><p>Das war unm�glich. Es war gegen die Regeln! Wie konnte ein Teil einer Sturmwand pl�tzlich schneller werden als der Rest?</p><p>Madra traf es zuerst. Der Troll wurde f�rmlich verschlungen.</p><p>So kurz vor der steinernen Stufe zu scheitern, empfand Falrach, als habe das Schicksal mit gezinkten W�rfeln gespielt. Er presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf in Erwartung dessen, was kommen musste. Zuletzt hatte er sich die Richtung eingepr�gt, in die der H�hleneingang lag.</p><p>Er hatte sich innerlich gewappnet und glaubte darauf vorbereitet zu sein, wenn die riesige Staubwalze des Sturms ihn verschlang. Er war es nicht!</p><p>Schon in dem Augenblick, als der Sturm ihn verschlang, musste er die Augen zukneifen. Und dennoch brannten sie, als sei hei�es Salz hineingestreut worden.</p><p>Obwohl er den Kopf gesenkt hatte, half es nur wenig. Staub, Sand und feine Steinsplitter waren �berall. Sie verstopften seine Nase und verwandelten seinen ohnehin schon trockenen Mund in eine W�ste, die nach Schwefel schmeckte.</p><p>Der Sand verstopfte Falrach die Ohren. Das war das einzig Gute! So wurde das unbeschreibliche Heulen des Sturms zu einem dumpfen Dr�hnen.</p><p>Die Fingern�gel des M�dchens gruben sich noch tiefer in sein Fleisch. Die Alte schlug wieder mit ihrem Stock auf ihn ein, dann gab sie es auf. Er konnte nicht schneller. Er musste dem Wind jeden Schritt abtrotzen. Ein heftiger Schlag traf ihn an der Schulter.</p><p>Kurz darauf zuckte das M�dchen in seinen Armen zusammen. Der Wind war so stark, dass er kleine Steine aufgewirbelt hatte. Und seine Wut gab ihnen eine Kraft, als seien sie von einer Armbrust abgefeuert worden. Einer schrammte �ber seine Schl�fe hinweg. Falrach war sich sicher, dass die Wunde blutete. Aber Wind und Sand trockneten sie sofort.</p><p>Pl�tzlich lie� die Wut des Sturms ein wenig nach. Benommen taumelte er weiter und schlug gegen ein Hindernis. Die Felsstufe! Noch immer wagte er nicht die Augen zu �ffnen, aber seine geschundenen Finger konnten den Fels ertasten. Doch hatte er wirklich den Weg behalten? Als er den Eingang zur H�hle das letzte Mal gesehen hatte, war er genau darauf zugegangen. Er hatte sie also verfehlt! Hatte er sich so sehr gegen den Wind gestemmt, dass er zu weit nach links geraten war? Oder hatte der Druck des Sturmes ihn nach rechts geschoben? Davon, dass er die richtige Antwort fand, hing ihr Leben ab! Er h�tte gern eine M�nze geworfen. Es gab keine logische Entscheidung, also konnte er sich auch seinem Gl�ck anvertrauen, und zumindest in seinem fr�heren Leben war sein Gl�ck eine �ber jede Vernunft hinaus verl�ssliche Gr��e gewesen.</p><p>Eigentlich geh�rte es sich, die beiden anderen an der Entscheidung zu beteiligen.</p><p>Schlie�lich ging es nicht um sein Leben allein. Doch der tosende Sturm machte es un m�glich, miteinander zu reden. Also entschied er, wenn das M�dchen sich zuerst regte, w�rde er links an der Felswand entlanggehen. Bewegte sich hingegen zuerst die Alte, dann ginge es nach rechts.</p><p>Er kniete, leicht gegen den Felsen gest�tzt. Deutlich empfand er nun den Schmerz des wundgescheuerten Fleischs.</p><p>Von Sturm gepeinigt, dehnten sich die Augenblicke. Endlich hustete das M�dchen.</p><p>Falrach war erleichtert. H�tte er es nicht dem Schicksal �berlassen, w�re die Herz-Seite seine Wahl gewesen.</p><p>Blind tastete er sich am Fels entlang. Einen Schritt, zwei. Pl�tzlich verlor er den Halt und st�rzte nach vorn. Seine Knie prallten hart auf Stein. Das M�dchen schrie auf.</p><p>Etwas packte ihn beim Arm. Er wurde nach vorn gezogen.</p><p>�Hast du es also doch geschafft�, erklang Madras kehlige Stimme.</p><p>Falrach wurde emporgehoben und ein kurzes St�ck getragen. Der L�rm lie� nach.</p><p>Noch immer klammerte sich das M�dchen an ihm fest. Er �ffnete die Augen. Seine Lider und Wimpern waren so sehr von Sand verklebt, dass er sie sauberreiben musste.</p><p>Die Augen brannten. Er vermochte kaum etwas zu sehen. Es war zu dunkel. Schwach konnte er den Umriss des Trolls erkennen. Sie waren in der H�hle! Sie schien gro� zu sein. An der Wand vor ihm zeichneten sich regelm��ige, runde Formen ab.</p><p>�Wasserkr...� Den Versuch, zu sprechen bezahlte er mit einem Hustenanfall.</p><p>�Ja, schei� Wasserkr�ge. Sie m�ssen sehr alt sein. Obwohl sie verschlossen sind, sind sie trocken. Hab drei eingeschlagen. Die sind trocken wie Hasenk�ttel.� Mit diesen Worten ging er zu den Kindern, die weiter hinten in der H�hle kauerten. Dort redete er leise auf sie ein. Sie schienen ihm v�llig zu vertrauen.</p><p>Falrach k�mpfte den Husten nieder. Sein Gl�ck hatte sich also ersch�pft. Aber er lebte!</p><p>Vorsichtig l�ste er den Griff des Koboldm�dchens. Wie es wohl hie�? Er dr�ckte es an sich, um es zu tr�sten. Sofort krallten sich die kleinen Finger wieder in seine Kleider. Er wiegte es, bis die Angst wich. Schlie�lich l�ste die Kleine sich aus seiner Umarmung. Sie streckte einen Arm aus, so dass ihre Fingerspitzen die H�hlenwand ber�hrten, und ging dorthin, wo Madra kauerte.</p><p>Falrach h�rte leises Kichern. Dann stand der Troll auf und kam zu ihm zur�ck.</p><p>�Du siehst aus, als h�tte dich ein Pferd ein paar Meilen durch den Dreck gezogen�, erkl�rte Madra ihm �berfl�ssigerweise. Falrach verzichtete darauf, dem Troll eine passende Antwort zu geben.</p><p>�Bin vor dem Sand hier angekommen�, sagte Madra. �Meine Kleinen sind da vorne.</p><p>Kauern alle auf einem Haufen wie ein Wurf junger Welpen.�</p><p>�Warum�... � Fairachs Hals und sein Mund waren so trocken, dass der Versuch, zu sprechen, sich anf�hlte, als z�ge jemand eine schartige Klinge seine Kehle hinauf.</p><p>�Weil sie ein bisschen wie mein Volk sind.�</p><p>Falrach traute seinen Ohren nicht. Madra war der Letzte, von dem er erwartet h�tte, dass er die L�gengeschichten der Grauh�ute hinnahm.</p><p>�Emerelle hat sie einfach aus ihrer Heimat vertrieben. Ohne Gnade. Ganz wie mein Volk lange vor meiner Geburt. Deshalb haben wir ihr den Thron genommen. Sie soll wissen, wie sich das anf�hlt, heimatlos zu sein.�</p><p>Der Elf war erstaunt. Er wusste nur sehr wenig �ber die lange Zeit, die zwischen seinem Tod und dem Wiedererwachen verstrichen war. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Emerelle die Trolle ohne Grund gestraft hatte. Aber war es die alte Emerelle, an die er sich da in Gedanken klammerte? Es lie� sich nicht von der Hand weisen, dass sie sich von dem Tag an, an dem sie allein in die W�ste gegangen war, sehr merkw�rdig verhielt. Allein schon, sich so nackt unter den Kobolden zu zeigen! Und dass sie ihnen gestattete, sie mit Lehm einzureiben!</p><p>Er hatte mehrfach versucht, sie darauf anzusprechen. Aber sie wehrte jedes Gespr�ch ab. Schlie�lich hatte er es aufgegeben. Er w�rde sich ihr gegen�ber nicht erniedrigen!</p><p>Sie schien den Grauh�uten pl�tzlich unbegreiflich nahezustehen. Und das, obwohl sie die Kobolde in die Verbannung zwang.</p><p>Madra hatte sich aufgerichtet. Er ging zum H�hleneingang und kehrte mit der Alten auf den Armen zur�ck. Vorsichtig legte er sie neben Falrach auf den Boden. �Sie hat es nicht geschafft. Ich glaube, der Sand hat sie erstickt. Siehst du? Ihr ist das Tuch von Mund und Nase gerutscht.�</p><p>Der Elf f�hlte sich, als sei ihm eine gro�e Bleikugel in den Magen gefallen. Er h�tte besser auf sie achtgeben m�ssen! Hatte sie deshalb mit dem Stock auf ihn einge-droschen? War ihr der Mundschutz verrutscht, und sie hatte um Hilfe geschrien?</p><p>Er bettete ihr die H�nde �ber die Brust. �Bitte verzeih.� Ihr Gesicht war vom Sand entstellt. Unwillk�rlich tastete auch er sich �ber Stirn und Wangen. Sie waren mit klebrigem Sand �berzogen.</p><p>�Ja, du siehst nicht mehr so gut aus wie heute Morgen�, sagte Madra, als k�nne er in seinen Gedanken lesen. Der Troll stand auf.</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Ich geh noch einmal hinaus. Vielleicht finde ich noch welche ��</p><p>�Du w�rdest in dem Sturm nicht einmal deine Zehen finden!�</p><p>Madra lachte trocken. �Das ist der Fehler mit euch Elfen. Ihr messt immer alle an euch.� Er deutete in Richtung der Kinder. Falrach erkannte die Stachelfrisur seines M�dchens unter ihnen.</p><p>�Ich hab ihnen mein letztes Wasser hiergelassen. Sie werden den Sturm �berstehen.�</p><p>�Es ist nicht klug�... �</p><p>Madra winkte ab. �Ich bin doch nur ein Troll, ich muss nicht klug sein. Das ist die Aufgabe von euch Elfen.� Mit diesen Worten trat er durch den H�hleneingang.</p><p>Falrach sah zu den Kindern. Es w�re verantwortungslos, sie allein zu lassen! Was f�r eine wunderbare Ausrede, schalt ihn eine innere Stimme. War es so? War es tats�chlich nur eine Ausrede? Was h�tte Ollowain getan?</p><p>Falrach ballte die F�uste. Er sollte aufh�ren, sich das zu fragen. Er war nicht Ollowain!</p><p>Es war v�llig ohne Belang, was der Schwertmeister getan h�tte! Er war Falrach, der Stratege Emerelles. Die Schwertarbeit hatte er fr�her anderen �berlassen. Er hatte geplant, versucht, alle Unabw�gbarkeiten vorauszuahnen. Er war gut darin gewesen.</p><p>T�dlich gut�... Jetzt dort hinauszugehen, war die blanke Unvernunft. W�re das ein Spiel, dann w�rde er jetzt aussteigen und seinen Gewinn behalten.</p><p>Er ging zu den Kindern. Die meisten waren eingeschlafen. Nur ein etwas �lterer Junge hielt noch Wacht. �Geht Madra meine Mutter holen?�</p><p>Falrach r�usperte sich. Er brachte noch immer kein Wort hervor. Also nickte er nur.</p><p>�Der Riese ist nett. Er hat mir gesagt, dass ich bestimmt einmal ein gro�er Trollkrieger werde. Und dass ich auf die anderen aufpassen soll, bis er zur�ckkommt. Du kannst dich auch schlafen legen. Ich halte Wache.�</p><p>Jetzt boten ihm also schon Kinder an, �ber ihn zu wachen.</p><p>�Du siehst nicht gut aus, Riese. Dein ganzes Gesicht ist voller Blut. Bevor sie eingeschlafen ist, hat Ganya mir erz�hlt, wie schwer du mit dem Sturm gek�mpft hast.</p><p>Madra hatte mehr Gl�ck. Wir haben die H�hle erreicht, ohne gegen den Sand k�mpfen zu m�ssen. Ich glaube, Madra will dir zeigen, dass er genauso stark ist wie du. Deshalb musste er gehen.�</p><p>Falrach atmete schwer aus. Noch immer brannten seine Lungen vom Sand. Hatte der Junge Recht? War Madra der Besch�mte?</p><p>�Ich�... muss ... gehen�, kr�chzte der Elf unter M�hen.</p><p>Der Junge nickte ernst. �Madra hat gesagt, dass du ihm helfen w�rdest.�</p><p>Verdammter Troll! War Madra denn ein Hellseher? Er sollte ihn zum W�rfeln herausfordern, wenn das alles hier vorbei war. Das w�rde sicher ein interessantes Spiel.</p><p>Ein wenig benommen wankte er zum Eingang der H�hle und blickte hinaus. Der Sturm hing wie eine dichte, braune Wolldecke, die fast alles Licht verschluckte, vor der �ffnung im Fels. Dort hinauszugehen, war verr�ckt. Er musste diesem Troll nicht beweisen, dass er genauso tapfer war wie er.</p><p>Falrach zog sein Halstuch vor Mund und Nase. Er musste nur sich selbst etwas beweisen. Vielleicht auch Emerelle. Der Wind w�rde ihm diese dummen Gedanken aus dem Kopf pusten.</p><p>Der Elf atmete noch einmal tief durch, dann trat er hinaus. Tausend winzige H�nde schienen auf ihn einzuschlagen und zu versuchen, ihm die Kleider vom Leib zu rei�en.</p><p>Mit dem Wind im R�cken kam er besser voran. Er konnte laufen! Ein Hochgef�hl �berkam ihn. Es schien, als werde er wie von Fl�geln getragen. Er w�rde dem Sturm einfach davonlaufen! Fast h�tte er vor Freude aufgejauchzt, doch so viel klarer Verstand war ihm dann doch noch geblieben, dass er nicht mitten in einem Sandsturm den Mund aufmachte.</p><p>Etwas riss ihm die Beine weg. Ein j�her, stechender Schmerz fuhr durch seinen linken Fu�. Der Wind trug ihn noch im Sturz ein St�ck weiter. Er streckte die Arme vor.</p><p>Pl�tzlich schien alles unnat�rlich langsam zu geschehen. Er bereitete sich auf den Sturz vor, als eine B� ihn wie ein Fausthieb in den R�cken traf und zu Boden schleuderte.</p><p>Sein Kopf schlug gegen etwas Hartes. Glei�ende Lichtpunkte l�schten das wogende Braun des Sandsturms.</p><p>Er war nicht bewusstlos. Es war eher ein Zustand wie morgens, wenn man nicht mehr schl�ft, aber auch noch nicht den Willen aufbringt, sich von seinem Lager zu erheben. Er sp�rte, wie der Sand ihn zudeckte. Es war eine weiche, warme Decke.</p></section><section><title><p>Drachen Atem</p></title><p>Nikodemus nahm es Madra �bel, dass der Troll all die Kinder, aber nicht ihn mitgenommen hatte. Sie waren doch Gef�hrten. Als auch noch der Elf davongelaufen war, hatte der Lutin sein Bestes gegeben, den beiden zu folgen. Aber es war aussichtslos gewesen. Er hatte einfach zu kurze Beine. Tod durch kurze Beine, dachte er grimmig. Irgendwie hatte er sich sein Ableben anders vorgestellt. Nein, das stimmte nicht. Bis jetzt hatte er sich noch nie viele Gedanken �ber sein Ableben gemacht.</p><p>Er blickte auf die braune Wand, die ihnen entgegenst�rmte. Pl�tzlich streckte sie einen Arm vor und verschlang den Elfen. Nikodemus war v�llig perplex. St�rme taten so etwas nicht! Er war sogar stehen geblieben.</p><p>Emerelle rief etwas. Ihre Stimme ging im Sturm fast unter. Er hatte nicht darauf geachtet. Er starrte nur auf die Wand, die vorr�ckte und den Fangarm wieder in sich aufgenommen hatte.</p><p>�Komm!� Ein �lterer Kobold mit einer merkw�rdigen Lederm�tze packte ihn und zerrte ihn mit sich mit. �Hast du denn nicht geh�rt? Wir sollen uns dicht um sie scharen!�</p><p>Willig lie� sich der Lutin f�hren. Die Elfe hatte ihre Arme �ber den Kopf erhoben. Ihre Handfl�chen waren aufeinandergepresst. Ein Lederriemchen hing dazwischen hinab.</p><p>Nikodemus wusste, dass sie als die wohl m�chtigste Zauberin Albenmarks galt. Aber vor der Sturmwand, die den ganzen Horizont ausf�llte, wirkte sie l�cherlich winzig und zerbrechlich.</p><p>Diesmal l�sten sich gleich zwei Fangarme. Nikodemus suchte nach einer Erkl�rung, wie das m�glich war. Gab es im Wind vielleicht Str�mungen wie im Wasser? Wehte er an manchen Stellen heftiger? Das konnte sein, es war ein ganz nat�rliches Ph�nomen.</p><p>Nur dass die Arme genau nach ihnen griffen und es auf der viele Meilen weiten Sturmwand nicht noch mehr dieser Str�mungstentakel gab, war schon merkw�rdig.</p><p>Aber merkw�rdige Zuf�lle geschahen!</p><p>Warum hatte er sich eigentlich nicht in einen Falken verwandelt? Der Lutin st�hnte auf. Was f�r ein Idiot er doch war! Der Schrecken hatte ihm den Verstand gel�hmt!</p><p>Jetzt war es zu sp�t. Der Gewalt des Windes w�rde er nicht mehr entkommen k�nnen.</p><p>Dobon, der alte Kobold mit der Lederm�tze, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er hatte den Seufzer offensichtlich als ein Sich-Ergeben in den unausweichlichen Tod verstanden. �Ich hatte sie gewarnt.�</p><p>Obwohl er nur leise sprach, verstand Nikodemus ihn ganz klar. Der L�rm des Sturmes war fast v�llig verebbt. Sicher gab es auch daf�r eine nat�rliche Erkl�rung!</p><p>�Der Jadegarten geh�rt den Drachen. Sie wollen nicht, dass andere ihn betreten. Sie haben ihn gesch�tzt!�</p><p>So ein hirnverbrannter Unsinn! Es gab keine Drachen mehr. Die Staubwand war jetzt nur noch f�nfzig Schritt entfernt.</p><p>�Das ist kein Sturm. Das ist der Drachenatem.�</p><p>Noch zehn Schritt! Nikodemus duckte sich instinktiv, obwohl ihm klar war, dass es ihm kaum helfen w�rde. Er hob sch�tzend die Arme. Eine absurde Geste angesichts der �berw�ltigenden Macht, die binnen eines Herzschlags �ber ihn hereinbrechen w�rde. In der Not klammert man sich an jeden Strohhalm, dachte er. Dann wunderte er sich, wie lange es dauerte, bis das Verh�ngnis kam. War es ein schlechter Scherz des Schicksals? Wurde sein letzter Augenblick gedehnt, damit er sich aller Facetten von Todesangst voll bewusst werden konnte? W�rde jetzt sein Leben noch einmal an ihm vor�berziehen? Seine endlosen Stunden mit Meister Gromjan, der ihn in der weiten Steppe des Windlands Magie gelehrt hatte. Seine verlorene Liebe Liza, die schon lange nicht mehr auf ihn wartete.</p><p>Nichts von alldem geschah. Endlich blinzelte er und blickte zwischen den Armen empor, �berzeugt, der Sturm habe auf diesen Augenblick gewartet, um ihm mit gl�hendem Sand sein Augenlicht auszul�schen.</p><p>Gelbbraunes Zwielicht umfing ihn. Der Sand war keine drei Schritt entfernt. Das Toben des Sturms war durch ein leises, kratzendes Ger�usch ersetzt. Eines von diesen Ger�uschen, die einem, obwohl kaum wahrnehmbar, eine G�nsehaut verursachen. Es sah aus, als habe den Sturm eine Wand aus Glas aufgehalten. Manchmal zogen silbrige Schlieren dar�ber. Er blickte auf. Sehr hoch �ber ihren H�uptern w�lbte sich das Glas zu einer Kuppel.</p><p>Als er zu Emerelle sah, stockte ihm der Atem. Zwischen den gefalteten H�nden, die sie dem Himmel entgegenstreckte, war ein Licht, das Haut und Fleisch durchdrang. Er sah die Knochen ihrer Hand als Schatten, eingebettet in einen dunkelrosa Schimmer.</p><p>Die Gelenke und selbst die Armknochen bis fast zum Ellenbogen waren zu sehen. Ein feiner Rauchfaden stieg zwischen den gefalteten H�nden auf. Ganz gerade, bis er in der W�lbung der hohen Kuppel verschwand. Fast schien es, als sei sie an einem Faden aus Rauch aufgeh�ngt.</p><p>Sie stand genau in der Mitte ihres sch�tzenden Gef�ngnisses.</p><p>Neugierig streckte Nikodemus die Hand nach der magischen Wand aus, die sie besch�tzte. Ein Schlag traf seine Finger. �Bist du verr�ckt?� Dobon war bei ihm, und der alte Kobold war au�er sich. �Du bist doch ein Drachenrei ter! Du m�sstest es am besten wissen, was es hei�t, den Drachenatem zu ber�hren!�</p><p>Nikodemus sah den Alten ver�rgert an. �Und was hei�t es?� Jetzt ruhten die Blicke der Grauh�ute nicht mehr auf Emerelle, sondern auf ihm. Selbst die Kinder gafften.</p><p>�Der Drachenatem entkleidet jeden, der in den Jadegarten will. Erst rei�t er dir die Kleider vom Leibe. Dann die Haut. Zuletzt bleiben nur noch deine blankpolierten Knochen. Es ist ein Zauber, alt wie die Drachen selbst. Er wurde einst von ihrem K�nig gewoben. Und auch wenn die gro�en Drachen schon seit vielen Generationen gegangen sind, so bestehen ihre Zauber doch fort. Niemand kann die Orte betreten, die sie f�r sich allein geschaffen haben. Nur diejenigen, die sie zu sich rufen, sind vor dem Drachenatem gesch�tzt. Alle anderen wird er verderben.�</p><p>�Das sind M�rchen�, murmelte Nikodemus, um sich Mut zu machen. �Das ist nur ein Sandsturm. Sonst nichts.�</p><p>�Halt einen Finger hinaus, wenn du mir nicht glaubst�, beharrte der Alte.</p><p>Der Lutin z�gerte. Er sah zu Emerelle. Eine blasse, blaue Flamme leuchtete zwischen ihren H�nden auf und verschwand. Einen Herzschlag sp�ter war sie wieder da.</p><p>�Niemand kann den Drachen widerstehen!�, sagte Dobon mit Bestimmtheit. �Ich habe bis zuletzt nicht geglaubt, dass sie uns in den Jadegarten bringen will. Ich dachte, sie h�tte sich eine der anderen verborgenen Oasen als Ziel gesucht. Eigentlich h�tten wir gar nicht so nahe kommen d�rfen. Hier war niemand mehr, seit...�</p><p>Eine riesige, blutige Gestalt trat durch den Bannkreis. Sand flutete hinter ihr durch die �ffnung, die sein Leib geschlagen hatte. Alle wichen vor dem Ungeheuer zur�ck. Ein Schrei lie� Nikodemus herumfahren. Eine junge Koboldfrau mit einem Muster wie ein Spinnenetz �ber ihren nackten Br�sten war zu weit zur�ckgewichen. Sie war mit einem Fu� durch den Zauberbann getreten. Die Macht des Sturms zog sie heraus. Zwei Frauen versuchten sie festzuhalten. Immer gellender erklangen die Schreie des Opfers.</p><p>Auch die anderen Frauen wurden auf die Schutzwand zugezogen. Es war, als lauerte dort drau�en ein gieriges Raubtier, das nichts, was einmal in seine F�nge geraten war, wieder loslie�. Mehr und mehr Kobolde griffen nach ihren Armen und ihrem K�rper.</p><p>Sie zerrten und stemmten sich gegen die Wut des Sturms.</p><p>Die Ungl�ckliche wurde nun langsamer hinausgezogen. Ihre Stimme verlor an Kraft.</p><p>Die Schreie wurden leiser. Unter dem rissigen Lehm sah Nikodemus alle Farbe aus ihrem Gesicht weichen.</p><p>Wer immer dem Bannkreis bis auf einige Zoll nah kam, lie� los. Fingerbreite um Fingerbreite wurde sie hinausgezogen. Noch stemmten sich ihre Br�der und Schwestern gegen das Unausweichliche, doch der Lutin ahnte, dass der Kampf schon l�ngst verloren war. Die Stimme der Frau war erstorben. Der Sturm hatte all ihr Blut aus dem wunden K�rper gesogen.</p><p>Ersch�ttert sah er zu dem Riesen auf, und Dobons Worte kamen ihm wieder in den Sinn. <emphasis>Der Drachenatem entkleidet jeden, der in den Jadegarten will. Erst rei�t er dir die Kleider vom Leibe. Dann die Haut�</emphasis> Vor ihm stand Madra! Der Sand, durchsetzt mit messerscharfen Steinsplittern hatte den Troll geh�utet. Seine nackten, geschundenen Muskeln lagen offen zutage. Madra hatte au�er einem Lendenschurz keine Kleidung getragen.</p><p>Er ging vor Emerelle in die Knie. Wieder t�nzelten Flammen um ihre Fingerspitzen.</p><p>L�nger diesmal. Der Rauchfaden, der zwischen ihren H�nden aufstieg, war dunkler.</p><p>Es roch nach verbranntem Fleisch.</p><p>�Sie kann der Drachenmagie nicht widerstehen�, sagte Dobon, der noch immer neben ihm stand. �Weder der Riese Madra, so unermesslich seine Kr�fte auch sein m�gen, noch die Zauberin kann es. Wir sind verloren!�</p><p>Nikodemus hatte den Eindruck, dass die Kuppel �ber ih nen nicht mehr so hoch war wie zuvor. Wie lange konnte Emerelle den Albenstein noch halten, mit dem sie ihre Magie verst�rkte und der ihre H�nde verbrannte?</p><p>�Madra! Kannst du mich h�ren?�</p><p>Der Troll drehte den Kopf in seine Richtung. Ein Teil seiner Lippen war vom Sand weggeschliffen. Die gro�en Fangz�hne lagen blo�. Blut rahmte die Z�hne.</p><p>�Findest du den Weg zur�ck?�</p><p>Der Troll �ffnete das Maul. Ein heiserer Laut entrang sich seiner Kehle. Nikodemus konnte nicht verstehen, was er sagte. Er ging zu seinem Freund. Der Troll zitterte am ganzen Leib. Blut sickerte durch das rohe Fleisch. Es vereinigte sich zu d�nnen Str�men, die seinen Leib hinabrannen. Man musste kein Heilkundiger sein, um zu erkennen, dass er unrettbar verloren war. �Findest du den Weg zur�ck?�</p><p>Wieder das R�cheln. Es war aussichtslos!</p><p>�Ich bin es, Nikodemus.� Er sah hinauf zur Kuppel. Jetzt war sie ganz sicher niedriger.</p><p>Dobon hatte Recht. Was immer es auch war, wogegen die K�nigin ank�mpfte, alte Magie oder doch nur ein w�tender Sturm, sie w�rde verlieren!</p><p>Er legte die Hand auf das rohe Fleisch von Madras Wade. Er dr�ckte zu. Die Muskeln zuckten unter seiner Ber�hrung. �Du musst dem Druck meiner Hand folgen, Madra.�</p><p>Der Troll st�hnte auf.</p><p>�Du wusstest, dass du dazu berufen bist, ein Held zu sein. Erinnerst du dich, wie wir dar�ber gesprochen haben. Jetzt ist deine Stunde gekommen! Bitte, bewege dich.�</p><p>Unsicher machte Madra einen Schritt. Sich zu bewegen, tat ihm nicht gut. Deutlich sah Nikodemus, dass noch mehr Blut aus dem geschundenen, mit Staub und Sand verklebten Fleisch sickerte.</p><p>�Sehr gut! Geh noch ein St�ck.� Er brachte den Troll bis unmittelbar vor Emerelle. Sie hatte sich in der ganzen Zeit, in der sie gegen den Sturm ank�mpfte, nicht bewegt.</p><p>All ihre Sinne waren allein auf das verzweifelte Kr�ftemessen gerichtet.</p><p>�Kannst du sie sehen? Du musst Emerelle hochheben.�</p><p>Madra machte eine Bewegung, die wohl ein Kopfsch�tteln sein sollte. Er neigte sich ein wenig. Jetzt erst konnte Nikodemus das geschundene Gesicht in aller Deutlichkeit erkennen. Die Augen des Trolls waren nur noch H�hlen voller verkrustetem Blut.</p><p>Der Lutin k�mpfte gegen die �belkeit an, die ihn bei dem Anblick �berkam. Hatte der Sturm mit besonderer Macht Madras Gesicht angegriffen? So, wie er mit einem Fangarm den Elfen verschlungen hatte? Ohne Zweifel waren die Verletzungen im Gesicht besonders schwer.</p><p>�Du musst sie hochheben. Vorsichtig. So wie du die Kinder hochgehoben hast. Sie wirkt einen Zauber, der uns alle am Leben erh�lt. Mir scheint, sie ist nicht ganz bei sich. Der Zauber darf nicht gest�rt werden. Hast du das verstanden.�</p><p>Statt zu antworten, ging Madra in die Knie. Ganz langsam streckte er einen Arm vor.</p><p>Er zeigte grob in Nikodemus� Richtung.</p><p>�Du sollst die Hand nehmen und ihn f�hren�, sagte Dobon. Zum ersten Mal klang Panik in seiner Stimme. �Wir k�nnten auch alle gemeinsam versuchen, sie hochzuheben.�</p><p>Von der Vorstellung, dass Dutzende Koboldh�nde nach ihr griffen, um Emerelle schwankend in die H�he zu heben, hielt Nikodemus gar nichts. Er vermied es, noch einmal hinaufzusehen. Er ahnte, was Dobon in Angst versetzte.</p><p>Vorsichtig nahm er die Hand seines Freundes. Der Troll zuckte bei der leichtesten Ber�hrung zusammen, gab aber keinen Schmerzenslaut von sich. Nikodemus f�hrte Madras Hand zur H�fte der Elfe. Madras zweite Hand fand allein ihren Weg.</p><p>�Du musst sie ganz sacht hochheben!� Der Geruch nach verbranntem Fleisch wurde immer durchdringender. Das glei�ende Licht verhinderte, dass man Emerelles Finger deutlich sah. Aber sie wirkten d�nner.</p><p>Der Troll stie� einen grunzenden Laut aus, als er die Elfe anhob. Madra bewegte sich unbeholfen. Er drehte sich. Nikodemus achtete darauf, dass er in seinen Spuren ging.</p><p>Er hoffte, dass der Troll geradeaus gegangen war und nicht orientierungslos durch den Sturm getappt war. Ihm war bewusst, dass das wohl zu viel der Hoffnung war. Was konnte man von jemandem erwarten, der geblendet und vor Schmerz wahrscheinlich halb wahnsinnig war?</p><p>�Die H�hle liegt etwas weiter links�, sagte Dobon. Er hatte sein Volk dicht um Emerelle geschart.</p><p>�Du bist dir sicher?�</p><p>�Ich habe mein ganzes Leben in der W�ste verbracht. Hier die Richtung zu verlieren, bedeutet das Ende. Vertraue mir.�</p><p>Das sagte der Anf�hrer eines ganzen Stammes von L�gnern! Aber hatte er eine Wahl?</p><p>Nikodemus war sich nicht ganz sicher, aber auch der Schutzkreis, den der Zauber der Elfe dem Sturm abtrotzte, schien enger geworden zu sein. �Wenn du dich irrst, sind wir tot.�</p><p>�Wenn wir nicht losgehen, weil wir �ber den Weg streiten, sind wir noch sicherer tot!�</p><p>Dem lie� sich nichts entgegensetzen. Nikodemus stellte sich neben Madra. Mit leichtem Druck gegen dessen Schenkel brachte er den Troll dazu, die Richtung zu �ndern. �berall im Sand war dessen Blut. Seine eigenen H�nde waren ganz klebrig vom Blut. Madra schwankte leicht. �Geh! Halt bitte durch!� Wieder dr�ckte er ihm auf den Schenkel. Er sah, wie seine Ber�hrung Blut aus dem rohen Muskel presste.</p><p>Der Troll ging sehr langsam. Seine geschundenen F��e hoben sich kaum vom Boden.</p><p>Behutsam f�hrte Nikodemus ihn um Felsst�cke herum, die aus dem Sand ragten. Und Dobon achtete darauf, dass sie dabei nicht die Richtung verloren.</p><p>Die Elfe hielt sich ganz steif. Man h�tte meinen k�nnen, dass der Troll eine lehmverschmierte Statue trug. Die blassblauen Flammen, die um ihre Finger spielten, verloschen nicht mehr. Nikodemus fragte sich, wie man die Willenskraft aufbringen konnte, einen gl�henden Stein festzuhalten. Vielleicht war das Fleisch ihrer H�nde miteinander verschmolzen, und sie konnte gar nicht mehr loslassen?</p><p>Qu�lend langsam kam sie voran. Der Lutin hatte das Gef�hl, dass der Sturm immer heftiger gegen den magischen Schutzwall anst�rmte. Das w�tende Gebr�ll war lauter geworden. Und immer h�ufiger zeigten sich die silbernen Schlieren, die ihm schon zu Anfang aufgefallen waren.</p><p>Pl�tzlich stie� jemand hinter ihm einen aufgeregten Ruf aus.</p><p>Dobon packte ihn bei der Schulter. �Warte!�</p><p>�Uns l�uft die Zeit davon!� W�tend blickte Nikodemus zur�ck. Die Grauh�ute gruben mit den H�nden im Sand. Zwei Stiefel erschienen. Ein Bein in einer weiten Hose. Falrach! Die Magie, die seine Kleider vor Schmutz bewahrte, schien auch dem schmirgelnden Sand getrotzt zu haben. So ein verdammter Gl�ckpilz, dachte Nikodemus. Er h�tte schon bei der Schlacht am Mordstein verrecken sollen. Der Lutin erinnerte sich noch gut, wie schwer verletzt der Elf gewesen war.</p><p>Als sie Fairachs H�nde und Gesicht freilegten, �nderte er seine Meinung. Der Elf war doch kein Gl�ckskind. Dort, wo ihn seine Kleider nicht gesch�tzt hatten, sah er nicht besser aus als Madra. Sein Gesicht war eine einzige blutende Wunde.</p><p>�Nehmt ihn mit!�, befahl Dobon.</p><p>Eine Gruppe Krieger umringte den Elfen und packte ihn. Sie zogen ihn �ber den Boden, und obwohl sie recht derb mit ihm umgingen, wachte er nicht mehr auf.</p><p>Nikodemus wurde sich bewusst, dass er jetzt v�llig den Grauh�uten ausgeliefert war.</p><p>Es war niemand �brig geblieben, der ihn h�tte besch�tzen k�nnen. Was sie wohl mit ihm anstellen w�rden, wenn die anderen starben?</p><p>Wie sich zeigte, hatte Dobon die Richtung gut eingesch�tzt. Sie erreichten die H�hle ohne Zwischenfall. Zuerst wurden alle Kobolde hineingeschafft. Nur im Ein-gangsbereich der H�hle lag ein wenig Sand. Sie fanden die Kinder, die Madra und Falrach hierhergebracht hatten, wohlbehalten vor.</p><p>Zuletzt kamen Emerelle und der Troll. Im selben Augenblick, als die Elfe durch den H�hleneingang trat, heulte der Sturm hinter ihr auf wie ein w�tendes Tier. All ihre Zaubermacht war verloschen. Nikodemus sah ihre H�nde und blickte sofort wieder weg. Sie w�rde f�r immer verkr�ppelt sein. Da w�rde ihr der Zauber, den sie in Feylanviek gewirkt hatte, um ihre abgetrennte Hand nachwachsen zu lassen, auch nichts mehr n�tzen. Er hatte sie nie gemocht. Sie war hochm�tig und grausam. Sie verk�rperte alle schlechten Eigenschaften der Elfen f�r ihn. Aber an diesem Tag hatte sie sich selbstlos aufgeopfert. Sie war eine Meisterin der Magie, und der Lutin war sich sicher, wenn sie es gewollt h�tte, dann h�tte sie leicht einen Weg gefunden, um nur sich und Falrach zu retten. War das die herausstechendste Eigenart einer guten K�nigin? Ihr Volk in Zeiten der Not niemals im Stich zu lassen?</p><p>Sie war nicht ganz bei sich. Schmerz und Ersch�pfung hatten sie v�llig ausgezehrt.</p><p>Einige Koboldfrauen f�hrten sie zu einer Nische, weiter hinten in der H�hle. Sie versuchten ihre H�nde zu versorgen, so gut es eben m�glich war.</p><p>Madra ging dicht beim Eingang in die Knie. Einen Moment lang verharrte er schwer atmend, dann st�rzte er nieder. Fast h�tte er einen der Alten unter sich begraben, die, am Ende ihrer Kr�fte, am Eingang der H�hle verharrt hatten.</p><p>Nikodemus eilte an die Seite seines Gef�hrten. Er hatte erwartet, seinen Freund bewusstlos vorzufinden. Dem war nicht so. Seine entstellten Lippen bewegten sich. Unverst�ndliche Laute entrangen sich seiner Kehle. Der Lutin versuchte, ihm etwas aus seiner K�rbisflasche zu trinken zu geben, doch das meiste rann an den Lippen vorbei. Schlie�lich riss sich Nikodemus einen Streifen von seinem Hemd, tr�nkte es mit Wasser und lie� den Troll daran lutschen. So gelang es Madra, ein wenig Fl�ssigkeit aufzunehmen.</p><p>�Wel...pen�, stie� der Troll hervor. Er wiederholte die zwei Silben, und Nikodemus verstand das Wort ganz klar, aber es dauerte eine Weile, bis er begriff, was sein Ge-f�hrte wollte. Er stand auf und ging in die H�hle. Fast alle Kinder kamen mit ihm, als er sie fragte. Und das, obwohl sie wussten, wie Madra aussah.</p><p>Sie stellten sich in mehreren Reihen um den Troll. Einige der Kleineren weinten. Selbst sie begriffen, wie es um Madra stand. Der �ltere Junge, den Madra in die H�hle getragen hatte, hatte einen kleinen Tonkrug mit einer fettigen, gelben Salbe mitgebracht.</p><p>Vorsichtig tupfte er sie auf die Wunden des Trolls.</p><p>Madra zitterte jetzt. Nikodemus war kein Heiler, aber er hatte bei Gromjan und sp�ter bei Ganda genug gelernt, um zu wissen, was das bedeutete. Der Troll k�hlte aus. Er hatte zu viel Blut und sch�tzende Haut verloren. Sein K�rper konnte keine W�rme mehr halten.</p><p>Den H�nen so hilflos schlotternd zwischen den Kindern liegen zu sehen, ber�hrte Nikodemus zutiefst. Er r�usperte sich, um sein Schniefen zu �berspielen.</p><p>�Tut das schlimm weh?�, fragte ihn ein kleines M�dchen mit zu Stacheln gedrehten Haaren.</p><p>Wieder r�usperte er sich. �Er ist ein harter Bursche. Er h�lt viel aus.�</p><p>Nikodemus sah die neue Hoffnung in den Gesichtern der Kinder. Er verfluchte sich.</p><p>Was war er nur f�r ein Idiot!</p><p>Das M�dchen beugte sich zu Madras Kopf. �Hast du geh�rt? Der Drachenreiter sagt, es wird wieder gut.�</p><p>Wie konnte er das zur�cknehmen? �Ich�... � Der Junge, der die Salbe auftrug, sah ihn finster an. Zumindest ihm war klar, dass hier nichts mehr gut w�rde.</p><p>�Er sagt etwas!�, rief das M�dchen aufgeregt.</p><p>Sofort war Nikodemus wieder �ber seinen Lippen. Madras Atem war kaum noch zu sp�ren. Aber er versuchte tats�chlich noch etwas zu sagen. �Tus�... � Was sollte das hei�en?</p><p>�Tus�... � Er b�umte sich leicht auf. Einige der kleineren Kinder wichen zur�ck.</p><p>�Tusni�!�</p><p>Der �ltere Koboldjunge hatte damit begonnen, die Lederriemchen der Amulette zu durchtrennen. Einige waren mit dem geronnenen Blut auf den Wunden verklebt.</p><p>Madras Atem ging schneller. Er begriff wohl, dass es ihm einfach nicht gelang, sich verst�ndlich zu machen. Was war ihm so wichtig, dass er seine letzten Kr�fte daf�r gab?</p><p>Nikodemus sah, wie der Junge das Knochenamulett mit den Federschnitzereien l�ste.</p><p>Madras Blut hob die eingekerbten Linien rotbraun hervor.</p><p>�Das geh�rt mir�, sagte Nikodemus hastig.</p><p>Der junge Kobold sah ihn finster an. �Nat�rlich, darum tr�gt er es ja auch.�</p><p>�Ich habe es ihm geliehen.�</p><p>Der Junge hielt es in der flachen Hand und strich mit den Fingerspitzen dar�ber. �Es ist von Magie durchdrungen. Viel st�rker als die anderen Amulette.� Seine Stimme klang jetzt ehrf�rchtig. �Es ist...�</p><p>�.. meins! Her damit.�</p><p>Der Koboldjunge wirkte jetzt eher trotzig als finster. Es war un�bersehbar, dass das Amulett ihm Angst machte. Nikodemus steckte fordernd die Hand �ber die breite Trollbrust.</p><p>�Schnapp!�</p><p>�Nicht!� Es war zu sp�t. Der kleine Drecksack wollte l�ssig sein. Er warf ihm das Amulett zu. Es segelte ein kleines St�ck durch die Luft. Ein Kranz goldenen Lichts bildete sich um den Knochen. Dann war er verschwunden. �Tusni�, r�chelte Madra.</p><p>Und jetzt, da es zu sp�t war, begriff Nikodemus endlich. Tusni�... Tu es nicht! Das war es, was er meinte. Tu es nicht!</p></section><section><title><p>Von pluralistischen Interessengruppen und anderen Wortsch�tzen</p></title><p>�Ich habe hiermit die Probleme dargelegt, die zu erwarten sind. Und ich versichere, meine Br�der und Schwestern werden mit �u�erster Best�rzung auf die neuen Gesetze reagieren�, endete die Rede Elijas.</p><p>Im Thronsaal von Burg Elfenlicht herrschte einige Augenblicke lang Schweigen. Der Lutin hatte �ber eine Stunde geredet und die Mehrzahl der anwesenden W�rdentr�ger aus den Reihen der Trolle war eingeschlafen. Die Kobolde aber waren hellwach. An den Farben ihrer Auren war un�bersehbar, dass er ihnen aus den Herzen gesprochen hatte. Eins jedoch machte Skanga stutzig. Obwohl er sich sehr ausf�hrlich �ber die zahllosen Nachteile der Gesetze ausgelassen hatte, hatte Elija nicht ein einziges Mal gefordert, dass sie nicht in Kraft treten d�rften. Wer ihn nicht kannte, h�tte argw�hnen k�nnen, dass es ihm gen�gte, Andeutungen zu machen oder dass er sich gar mit der Unaufhaltsamkeit der neuen Gesetzgebung abgefunden h�tte. Aber daran glaubte die Schamanin keinen Augenblick. Etwas an den Gesetzen gefiel ihm. Sonst h�tte er ganz anders vom Leder gezogen.</p><p>Skanga war sich unschl�ssig, ob sie dem nachgehen sollte. Aus ihrer Sicht war es erstrebenswert, dass diese Dinge geregelt waren. So w�rde die Herrschaft der Trolle auf festeren F��en stehen.</p><p>�Mein lieber Bruder Elija ...�</p><p>Skanga zuckte innerlich zusammen, als sie Gilmarak so reden h�rte. Sie hatte gehofft, die ausgedehnten Jagdausfl�ge h�tten ihn dieses Koboldgew�sch wieder vergessen lassen.</p><p>�.. ich habe mir wiederholt aus deinen Schriften vorlesen lassen, und in <emphasis>Kobolde zum Lichte empor</emphasis> forderst du selbst die Umverteilung der Besitzt�mer von den wenigen Reichen auf die Unzahl armer Koboldlohnarbeiter. Genau dies wird stattfinden, wenn diese Gesetze in Kraft treten.�</p><p>Elija war sichtlich �berrascht, dass der junge K�nig seine Schriften nicht nur kannte, sondern auch noch nachreden konnte. Skanga hatte dazu gemischte Gef�hle. Dass Elija mit seinen eigenen Waffen attackiert wurde, am�sierte sie, doch dass Gilmarak so tief in die Sichtweise der Kobolde eintauchte, empfand sie als bedenklich. Es war nicht die Aufgabe eines Trollk�nigs, verquere Koboldgedanken zu verstehen!</p><p>�Ich meinte damit vor allem �ber Jahrhunderte ohne eigener H�nde Arbeit angeh�uftes Verm�gen, wie es sich im Besitz der F�rstenh�user der Elfen befindet.</p><p>Wenn ein Kaufmann unter hohem Risiko Gewinne erwirtschaftet, dann ist dies durchaus statthaft. Kennst du einen Elfengoldschmied, der das Gold, mit dem er arbeitet, selbst dem Fels abgerungen h�tte?�</p><p>�Ich kenne auch keinen Koboldkaufmann, der den Weizen, den er mit Gewinn verkauft, im Schwei�e seines Angesichts geerntet h�tte�, entgegnete der K�nig.</p><p>Skanga klopfte Gilmarak auf die Schulter. Das hatte er prima gemacht, aber nun war es genug. Die Schamanin stand unmittelbar hinter dem Thron und hatte einen guten Blick auf die Versammlung im Saal. Es waren weit �ber zweihundert Kobolde dort, Vertreter aller gro�en St�dte und Handelsh�user. Die Kobolde wurden sichtlich unruhig, als ihr Sprecher von einem <emphasis>dummen Troll</emphasis> in Schwierigkeiten gebracht wurde.</p><p>�Du hast die komplexe Dialektik der sozial akzeptablen Distribution eines fluktuierenden Privatkapitals unter Ber�cksichtigung pluralistischer Interessengruppen noch nicht in all ihren Spielarten erfasst, Bruder Gilmarak. Mit gro�er Freude stelle ich indes fest, dass du meine Schriften derart aufmerksam liest.</p><p>Wir sollten die Anwesenden jedoch nicht mit Debatten auf solch gehobener Verst�nd-nisebene langweilen.�</p><p>Gilmarak wollte noch etwas antworten, aber Skanga war der Meinung, dass genug Unsinn geredet worden sei, und zwickte dem K�nig in die Schulter. Deutlich sp�rte sie seinen Unwillen, doch der K�nig f�gte sich. �Ich nehme dich beim Wort und werde alle Einw�nde noch einmal bedenken. In einer Woche werde ich den Anwesenden verk�nden, zu welchem Schluss ich in Bezug auf die neuen Gesetze gekommen bin. Ich m�chte alle hier Versammelten warnen, sich zu gro�e Hoffnungen auf �nderungen zu machen, denn eine Vereinheitlichung und Vereinfachung der vorhandenen Gesetzeswerke halte ich nach wie vor f�r erstrebenswert. Kommen wir nun zum N�chsten. Ich bitte um Bericht �ber die Fortschritte beim Entwurf der von mir in Auftrag gegebenen Steppenschiffe. Wer ...�</p><p>Skanga blickte zu den Trollherz�gen und Rudelf�hrern, die sich ungeniert auf dem Boden des Thronsaals zu einem Verdauungsschlaf ausgestreckt hatten. Die meisten von ihnen w�rden bald gro�e St�dte oder Provinzen regieren. Auch wenn sie die neuen Ideen und den sich �ndernden Wortschatz Gilmaraks bedenklich fand, w�nschte sie sich doch, dass diese Elite des neuen K�nigreichs der Trolle zumindest ein F�nkchen der Begeisterung ihres Herrschers aufbringen w�rde. Vielleicht sollte sie�</p><p>Ein kleiner Lichtpunkt leuchtete dicht neben dem Thron auf. Etwas fiel klackernd auf den steinernen Boden. Gilmarak lauschte zu gebannt den Ausf�hrungen eines Koboldbaumeisters, um etwas zu bemerken. Aber Birga streckte gerade ihren Fu� aus, um ihn auf dieses von Magie durchdrungene Ding zu setzen, das da aus dem Nichts erschienen war.</p><p>�Gib es mir�, raunte Skanga ihrer Sch�lerin zu.</p><p>Birgas Aura durchflutete das lichte Blau j�hen Schreckens. Ertappt streckte sie die Hand aus.</p><p>Sobald Skanga das kleine Amulett ber�hrte, erkannte sie es wieder. Und sie sp�rte das Blut darauf. Emerelle war also gefunden! Aber wie pfiff man Shi-Handan zur�ck? Die Geisterhunde waren auf der Jagd nach der K�nigin und nach dem Anf�hrer der Spinnenm�nner. Es war unm�glich, einzusch�tzen, wo sie sich aufhielten.</p><p>Die Schamanin fluchte stumm. Sie w�rde sich noch einmal mit Alathaia treffen m�ssen. Vielleicht wusste die Elfenf�rstin Rat. Immerhin bestanden die Shi-Handan zur H�lfte aus ihren Vertrauten. Skanga hasste den Gedanken, ausgerechnet sie um etwas bitten zu m�ssen. Gewiss hatte sie selbst schon versucht, Shi-Handan zu erschaffen, und war gescheitert. Schlie�lich fehlten ihr wesentliche Teile des Wissens.</p></section><section><title><p>Das Erbe</p></title><p>�Wir m�ssen ihr die H�nde abnehmen!�</p><p>�Bist du verr�ckt? Sie pr�gelt dich mit den St�mpfen tot, wenn du es versuchst.�</p><p>�Wenn man �berhaupt etwas tut, dann sollte man die Arme gleich unterhalb der Ellenbogen abs�gen�, mischte sich eine dritte Stimme ein.</p><p>�Hast du vielleicht eine S�ge mit dir herumgeschleppt?�, entgegnete die erste Stimme, offensichtlich eine Frau.</p><p>�Wir k�nnten das Messer des anderen kleinen Riesen nehmen. Das hat er behalten.�</p><p>�Und wie willst du einen Riesenknochen durchtrennen?�, merkte die zweite Stimme an. Ein �lterer N�rgler, dem man es offensichtlich nie recht machen konnte.</p><p>�Wenn man durch das Ellenbogengelenk schneidet, muss man keinen Knochen durchtrennen. Und sieh dir nur an, wie weit die Verbrennungen reichen. Viel gesundes Fleisch wird sie dabei nicht verlieren.� Die dritte Stimme schien einem Mann zu geh�ren. Er sprach mit gro�er Begeisterung.</p><p>�Man sollte warten, bis sie aufwacht, und sie fragen�, wandte der N�rgler ein.</p><p>�Das ganze tote Fleisch wird ihr Blut vergiften. Und wenn das nicht passiert, wird sie zu viel Fl�ssigkeit �ber die verbrannten Fl�chen verlieren. Sieh dir mal an, wie viel von diesem durchsichtigen gelben Sabber aus ihren Verbrennungen tropft. Die ist bald so trocken wie �ne alte Jungfer. Ich sage euch, die Arme m�ssen ab. Gleich am Ellenbogen!�</p><p>Durch den Schleier der Schmerzen klangen die Stimmen wie aus weiter Ferne.</p><p>Emerelle war am Rande der Ohnmacht. Sie vermochte dem Sinn der Worte, die sie h�rte, kaum zu folgen. Den Anfang des Gespr�chs hatte sie nicht wahrgenommen.</p><p>Das Fleisch ihrer H�nde war miteinander verschmolzen. Die Haut der Handfl�chen war zu Rauch geworden. Der Albenstein lag in den �berresten ihres verbrannten Fleischs eingebettet. Er und das Erbe ihres Vaters w�rden helfen, sie zu heilen, wenn ihr genug Zeit blieb. Sollten die Kobolde allerdings versuchen, ihr die Arme zu amputieren, bestanden wohl beste Aussichten, dass sie verbluten w�rde. Oder sie w�rde am Schock sterben.</p><p>�Wir k�nnten sie auch einfach liegen lassen�, sagte der N�rgler.</p><p>�Und dann?�, wollte die Frau wissen. �Was machen wir dann? Zur�ckgehen? Ohne Wasser werden wir nicht weit kommen. Wenn sie hier stirbt, dann wird unser ganzes Volk mit ihr sterben.�</p><p>�Wir k�nnten versuchen, zum Jadegarten zu kommen�, wandte der N�rgler ein. �Der Sturm flaut ab. Es ist nicht mehr weit. Weniger als einen Tagesmarsch, sch�tze ich. Wir sollten dann noch den anderen Riesen t�ten. Der gro�e Riese hat es schon hinter sich.</p><p>Dann sind wir wieder frei.�</p><p>�Und der Drachenreiter?�, wandte die Frau ein. �Den m�ssten wir auch umbringen.</p><p>Und wie viele von uns werden sterben? Wir haben fast kein Wasser mehr. Wir alle sind geschw�cht. Wer �berlebt den Marsch durch die W�ste? Acht von zehn? Oder vielleicht nur sieben? Wenn du jemals ein Kind geboren h�ttest, dann w�rdest du nicht so leichtfertig �ber Leben sprechen.�</p><p>�Da ich nie eines geboren habe, kann ich f�r alle denken, statt im Kampf um ein einzelnes Leben das Schicksal unseres Volkes aus den Augen zu verlieren�, entgegnete der Alte gelassen. �Welche Wahl haben wir denn? Hier sitzen und nichts tun? Hier sitzen und ihr die Arme abschneiden und hoffen, dass sie das �berlebt? Oder alle Riesen und den Drachenreiter t�ten und hoffen, dass die meisten von uns durchkommen?�</p><p>�Wei�t du, was uns im Jadegarten erwartet?�, fragte der j�ngere Mann, derjenige, der sich gerade noch mit gro�er Begeisterung daf�r ausgesprochen hatte, ihr ein Messer durch die Armgelenke zu sto�en. �Gibt es noch Drachen?�</p><p>�Wenn es noch welche gibt, dann haben die sich wirklich lange nicht mehr sehen lassen. Nein, die gro�en Drachen sind alle tot�, sagte die Frau entschieden. �Es w�rde Geschichten �ber sie geben, wenn sie noch da w�ren. Es war nie ihre Art, sich zu verstecken. Sie mussten niemanden f�rchten.�</p><p>�F�r uns w�rde auch ein einzelner, kleinerer Drache gen�gen�, wandte der N�rgler ein.</p><p>�Wir k�nnten den Drachenreiter mitnehmen�, sagte die Frau. �Er muss wissen, wie man mit ihnen umgeht. Sonst k�nnte er sie nicht reiten.�</p><p>Der Schmerz gewann die Oberhand. Er war wie Tausende kleine Baumwollk�gelchen.</p><p>Er l�schte jede andere Sinneswahrnehmung aus. Verstopfte ihre Ohren, bis die Stimmen zu einem unverst�ndlichen Gemurmel wurden. Verklebte ihre Augen, so dass sie nichts sehen konnte. H�llte ihren K�rper ein, bis keine andere Empfindung mehr blieb als der rasende Schmerz, der sie hinabzog auf ein gro�es, dunkles Loch zu.</p><p>Sie wusste, dass der Albenstein l�ngst erkaltet sein musste. Aber die letzte Erinnerung ihrer Nerven, bevor sie zu Asche wurden, schien unausl�schlich fortzuleben. Der Schmerz des wei� gl�henden Steins, der jegliches Leben aus ihren Fingern gebrannt hatte, pulsierte immer noch durch ihren geschundenen Leib. Sie wusste, was geschehen w�rde, wenn sie aufgab und ihm ins Dunkel folgte.</p><p>Sie lauschte auf die Stimmen, aber sie waren in unerreichbare Ferne ger�ckt. Nicht einmal unverst�ndliches Gemurmel war �brig geblieben.</p><p>Sie sind fort, redete sie sich ein und f�rchtete zugleich, dass sie es war, die sich mit jedem verzweifelten Herzschlag weiter aus der Welt der Lebenden entfernte. Der Sandsturm lie� nach, hatte der N�rgler gesagt. Sie wusste, warum. Der Sturm sp�rte sie nicht mehr. Dies war die eine H�hle, in der sie sicher waren. Die einzige unter Dutzenden H�hlen, die sich wie riesige Wurml�cher durch die Felskante zogen. Nandalee, ihre Mutter, hatte ihr von der H�hle erz�hlt. Sie selbst war auch schon hier gewesen.</p><p>Allein hatte sie den Wettlauf gegen den Drachenatem leicht gewonnen. Und doch hatte sie auch fr�her schon hier Schutz gesucht. Hatte abgewartet, bis der Sturm verebbte.</p><p>Sie wusste, dass es nicht lange dauern w�rde.</p><p>H�tte sie sich nicht mit Madra und dem M�dchen aufhalten d�rfen? Der Wettlauf hatte l�ngst begonnen, als die beiden sie mit ihrer Unvernunft alle in Gefahr gebracht hatten.</p><p>Wie viel Zeit war verlorengegangen? F�nfhundert Herzschl�ge? H�tte das ausgereicht, alle anderen in Sicherheit zu bringen?</p><p>Der Troll schien tot zu sein. Eine der Stimmen hatte es behauptet. So war ihr Opfer also zumindest zur H�lfte vergebens gewesen. Und wie dankten die Grauh�ute es ihr! Sie dachten dar�ber nach, sie zu ermorden. Nur weil diese heimt�ckischen Bastarde nicht sicher wussten, ob sie sie noch brauchten, lebte sie noch. Sie k�nnten es ohne sie schaffen. Sie w�rden die Schlucht zum Jadegarten erreichen, bevor der Drachenatem erneut t�dliche Kraft gewann. Wer bis hierherkam, der war in Sicherheit.</p><p>D�nne Bleiadern waren unter dem Fels dieser einen H�hle verborgen. Das Blei blendete den Drachenzauber. Der Sturm konnte sie hier nicht mehr sp�ren.</p><p>Der Sand rings um die Tafelberge, die den Jadegarten sch�tzten, war von Magie durchdrungen. Der alte Zauber der Drachen wirkte �ber Jahrtausende fort. Er hatte seine Sch�pfer �berlebt, ohne weniger t�dlich zu werden. Der Sand sp�rte Eindringlinge. Was genau es war, wusste Emerelle nicht. Sie vermutete, dass die Ber�hrung von F��en den Schutzzauber belebte. Und sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es ganz gleich war, ob es ein einzelnes Paar F��e war oder viele Hundert. Der Sand, der mit feinen, nadelspitzen Felssplittern durchsetzt war, sammelte sich nahe bei den Tafelbergen. Alte Magie peitschte ihn auf, bis er in einer riesigen Wolke den Himmel verdunkelte. Der Sturm war wie ein Raubtier, gefangen in einem K�fig und von W�rtern gepeinigt, die mit Stachelruten nach ihm schlugen, bis das Tier in blinde Raserei geriet. Dann �ffneten sie den K�fig. Wenn der Sturm eine alles vernichtende Macht gewonnen hatte, wogte er den Wanderern in der W�ste entgegen. Und selbst auf dem Weg nahm seine St�rke immer weiter zu. Erst wenn keine F��e den Sand mehr ber�hrten, lie� er nach und erstarb.</p><p>Das Gitterwerk aus Bleiadern blendete den m�rderischen Zauber. Wenn sie die H�hle verlie�en, m�ssten sie schnell sein. Sie durften nicht nach dem rechten Weg in den Jadegarten suchen. Sie mussten wissen, welche eine Schlucht nicht vor steilen Felsw�nden endete. Ihnen blieb wenig mehr als ein halber Tag, bevor der Drachenatem erneut �ber sie herfallen w�rde.</p><p>Wie w�rde der Jadegarten heute aussehen? Der Herr Albenmarks hatte sich einst dorthin zur�ckgezogen und Frieden gesucht. Nur Auserw�hlte durften ihn begleiten.</p><p>Die Drachenelfen, die Weisesten unter den Lamassu, Pegasi, die er wie Hunde hielt und �ber deren ausgelassene Lebenslust er spottete.</p><p>Emerelle sp�rte, wie ihr Herz immer langsamer schlug. Die Brandwunden n�ssten. Sie zogen alle Fl�ssigkeit aus ihrem Leib. Selbst wenn es ihr gelang, dem Schmerz zu widerstehen, w�rde sie innerlich austrocknen. Sie dachte an ihren �ltesten Feind. An den Verr�ter und L�gner, der ihre Jugend bestimmt hatte. Ihr alter Zorn sollte ihr Verb�ndeter im Ringen mit dem Tod werden!</p><p>Als sie an all das dachte, was sie verloren hatte, schlug ihr Zorn eine Bresche durch die Lethargie des Schmerzes. Sie b�umte sich auf gegen das Dunkel. Der Schmerz �berflutete sie. Bohrend, den Verstand dem Wahn entgegentreibend. Sie wollte schreien, doch ihre Kehle war so ausged�rrt, dass kein Laut �ber ihre Lippen kam.</p><p>�Das ist das letzte Aufb�umen vor dem Tod�, sagte der N�rgler. �Das sehe ich nicht zum ersten Mal. Gleich hat sie es �berstanden.�</p><p>Sie wollte sehen, wer das war. Aber ihre Augen waren von Sand und getrockneten Tr�nen verklebt. Die Lider waren wie verleimt. Ihre H�nde konnte sie nicht koordiniert bewegen. Sie ruckten hoch, unf�hig, sich voneinander zu l�sen.</p><p>Emerelle lie� ihrem Zorn alle Z�gel schie�en. Sie brauchte Fl�ssigkeit. Sie h�tte die drei t�ten k�nnen. Ein Wort der Macht h�tte sie verdorren lassen, und die S�fte der Kobolde h�tten ihrem sterbenden Leib neue Kraft gegeben. Ihr kam ein Gedanke. Es waren dreihundert Kobolde in der H�hle. Bei jedem Ausatmen verlor jeder von ihnen ein wenig Feuchtigkeit. Die trockene W�stenluft stahl diesen kostbaren Schatz.</p><p>Emerelle versuchte einen Zauber zu ersinnen, die W�ste darum zu berauben.</p><p>�Sie h�lt lange durch�, sagte das Koboldweib.</p><p>�Ich habe das Messer geholt�, erklang die j�ngere Stimme. �Wir m�ssen jetzt die Arme abbinden.�</p><p>�Das ist vergebliche Liebesm�h�, murrte der N�rgler. �Lasst sie doch einfach gehen.�</p><p>Es war das erste Mal, dass Emerelle mit ihm einer Meinung war. Ihr Zauber zeigte Wirkung. Feuchtigkeit schlug sich in ihrem in stummem Schrei erstarrten Mund nieder.</p><p>Ein Band wurde um ihren rechten Oberarm geschlungen und festgezurrt. �Du musst die Klinge in die Armbeuge rammen, wenn du es richtig machen willst�, erkl�rte die Frauenstimme.</p><p>Emerelle sp�rte einen Druck, aber keinen Schmerz. Ein Keuchen entwich ihrer Kehle.</p><p>�Sie kommt zu sich.� Die Stimme ihres jungen Peinigers klang ratlos.</p><p>�Was ist das? Sieh dir ihre H�nde an.�</p><p>Die Klinge traf einen Nerv, der durch die peinigende Hitze nicht zu Asche geworden war. Ein grausamer Schmerz stach gleich einem goldenen Lichtspeer durch ihr vernebeltes Bewusstsein. Sie konnte Metall �ber Knochen schrammen sp�ren. Rote Wut sp�lte ihre Selbstbeherrschung hinweg. Sie war nicht mehr sie selbst. Ihr Erbe brach sich mit aller Macht Bahn.</p><p>�Ihre H�nde! Bei den Geistern unserer Ahnen, sieh nur ihre H�nde! Das Licht! Siehst du das Licht? Sie�... � Die Worte des N�rglers vergingen in einem Schrei.</p></section><section><title><p>Der Preis der Welt</p></title><p>Adrien st�tzte sich auf seine Spitzhacke und machte eine kurze Pause. Jules war nirgends zu sehen. Allerdings konnte er vom Grund seiner Grube aus auch nicht wirklich weit blicken. Sein Lehrmeister setzte sich gern stundenlang auf einen der kleinen H�gel aus Schutt und Erde und sah ihm beim Arbeiten zu. Jedes Mal, wenn Adrien erlahmte, gab es eine spitze Bemerkung. F�r einen Priester konnte er bemerkenswert geh�ssig sein. Jules� Worte verfehlten ihre Absicht nie. Stets holten sie auch noch das Letzte aus Adrien heraus. Aber jetzt war er ja zum Gl�ck nicht da.</p><p>Ersch�pft wischte sich der Junge mit seinen in Lumpen geh�llten H�nden �ber das Gesicht. Obwohl es noch recht k�hl war, rann ihm der Schwei� in Str�men �ber den K�rper. Die �bungen begannen Wirkung zu zeigen. Adrien f�hlte sich st�rker. Die Haut seiner H�nde wurde h�rter; nachdem sie in der ersten Woche voller blutiger Blasen gewesen war, bekam er nun Schwielen.</p><p>Ein Schatten glitt �ber die Grube hinweg. Besorgt sah Adrien zum Himmel hinauf. Ein Adler kreiste dort. Er winkte ihm zu. Der gro�e Vogel war ihm in den letzten Wochen immer wieder aufgefallen. Er war der Einzige, der regelm��ig �ber dem Tal erschien.</p><p>Weit �ber ihm ballten sich dunkle Wolken.</p><p>Der Junge fluchte leise. Das war die gr��te aller Plagen. Der eisige Regen machte ihm mehr zu schaffen als alles andere. Er k�hlte aus, verlor alle Kraft und war vor Zittern kaum noch in der Lage, die Spitzhacke zu halten. Au�erdem sp�lte er die Erde und kleines Ger�ll von den Abraumh�geln rings herum in die Grube zur�ck. Das Loch, in dem Adrien stand, durchma� inzwischen mehr als sechs Schritt. Der Junge hatte es auf die Anweisung seines Meisters immer wieder erweitert. Adrien hegte inzwischen einigen Zweifel daran, ob Jules ihn �berhaupt an der richtigen Stelle graben lie�. Er war sich auch unsicher, ob Jules genau wusste, wonach sie suchten, und wenn ja, wo es zu finden war.</p><p>Die ganze letzte Woche hatte sich Adrien durch eine Steinschicht gearbeitet. Jules hatte behauptet, es sei der geschmolzene Stein der Halle der Strategen. Das Wort Strategen war dem Jungen fremd, und Jules hatte sich auch keine gro�e M�he gegeben, es zu erkl�ren. Es schien sich um eine Halle f�r Feldherren oder besonders bedeutende Krieger gehandelt zu haben. Auf jeden Fall waren es Leute mit h�bschen Schuhen gewesen. Nicht alle Steine waren geschmolzen. Immer fand er auch Tr�mmer, und gestern erst hatte er zwei Paar steinerne F��e ausgegraben, die in Sandalen steckten, deren Riemchen mit Schutzamuletten geschm�ckt waren. Was f�r M�nner wohl einst in diesen Sandalen in den Krieg gezogen waren?</p><p>Der Steinerne Wald besch�ftigte seine Fantasie, wann immer er noch genug Kraft zum Tr�umen fand. Wie hatte die marmorne Stadt ausgesehen, die einst das Tal f�llte? Was f�r Menschen waren es gewesen, die hier lebten? Und warum wusste Jules so vieles dar�ber? Standen solche Dinge in B�chern? Der Priester versuchte, ihm in den Abendstunden Lesen und Schreiben beizubringen, aber Adrien fand, dass ein Ritter solchen Unsinn nicht ben�tigte.</p><p>Mit einem Seufzer machte er sich an seinen endlosen Kampf gegen Tr�mmer und Ger�ll. Von weiter oben musste ein gr��eres Geb�ude den Hang hinabgerutscht sein.</p><p>Hier lag alles durcheinander. Steinfragmente, Ziegel, verbogene und halb geschmolzene Kupferplatten. Gerade wegen der Beschaffenheit des Bodens musste er seine Grube immer mehr erweitern, denn das Ger�ll rutschte von den R�ndern nach.</p><p>Und je tiefer er kam, desto schlimmer wurde es.</p><p>Mit der Hacke lockerte er den Boden zu seinen F��en und schaufelte dann H�nde voll leuchtend roter Ziegelsplitter in zwei Ledereimer. Als er fertig war, h�ngte er beide Eimer in Haken an eine Stange und machte sich an den Aufstieg �ber die beiden Leitern, die aus der Grube f�hrten. Unsicher schwankend erreichte er schlie�lich den Rand der Grube. Jules sollte ihm besser einen Korb besorgen, den er auf den R�cken schnallen konnte. Damit w�rde er mehr Aushub nach oben bringen k�nnen, und es w�re nicht so verdammt schwer, das Gleichgewicht zu bewahren, wie mit den Eimern an der Stange.</p><p>In m�rrischer Stimmung stapfte er ein ganzes St�ck den Hang hinab und sch�ttete dort die Eimer aus. Gestern hatte er damit angefangen. Hier konnte ihm der ganze Mist wenigstens nicht vom n�chsten Regenguss in die Grube zur�ckgesp�lt werden.</p><p>Ein Ritter, der aussah, als habe er in einem Schlammloch gebadet, das war er. Er sah in seinen vor Schmutz starrenden Kleidern so sch�big wie der niederste Tagel�hner aus!</p><p>Aber er machte Fortschritte. Bevor Jules ihn fand, war er ein Dieb und Bettler gewesen.</p><p>Nun war er jemand, der genau wusste, wo er in der n�chsten Nacht schlafen w�rde, und der jeden Tag zwei reichliche Mahlzeiten bekam. Und wenn Jules dachte, dass es gut f�r ihn war, L�cher zu graben, dann sollte er sich nicht den Kopf dar�ber zerbrechen.</p><p>Deutlich besser gelaunt kehrte er zu seiner Grube zur�ck. Es war kl�ger, sich an dem zu erfreuen, was man hatte, statt dar�ber nachzugr�beln, was fehlte.</p><p>Mit frischer Kraft schwang er die Hacke und arbeitete sich zur Wand der Grube hin vor. Er hatte sich ihr bis auf etwa einen halben Schritt gen�hert, als seine Spitzhacke ungew�hnlich tief in den Boden eindrang. Er r�ttelte am Stiel des Werkzeugs, um das Ger�ll zu lockern, doch stattdessen sackten die Bruchst�cke weg. Vor seinen F��en hatte sich ein eckiger Schacht aufgetan, der eine Elle im Quadrat ma�. Etwas funkelte darin im grauen Licht. Neugierig beugte sich Adrien vor, um es n�her in Augenschein zu nehmen.</p><p>Der Schacht f�hrte senkrecht in die Tiefe und war aus roten Ziegeln gemauert.</p><p>Schlieren von erstarrtem geschmolzenen Gestein zogen sich an den W�nden entlang.</p><p>Ein Anblick, der Adrien inzwischen wohlvertraut war. Aber dazwischen war noch etwas anderes. Dick wie einer seiner Finger, funkelte ein Goldstreifen. Vorsichtig machte er sich mit der Hacke daran zu schaffen. Sein Herz schlug schneller. Er hatte noch nie Gold in H�nden gehalten. Er konnte nicht einsch�tzen, wie viel es wert war, aber er wusste, dass man sich schon mit einer einzigen M�nze die meisten Tr�ume erf�llen konnte. Und dieser Goldstrang, der sich ver�stelt wie eine Efeuranke an den Schacht klammerte, hatte sicherlich das Gewicht vieler M�nzen.</p><p>Ungeduldig warf er die Hacke zur Seite. Das Gold war mit dem geschmolzenen Gestein hier hinabgelaufen. Adrien erinnerte sich an die Geschichte, die Jules erz�hlt hatte. Dass auch der goldene Dachschmuck der Tempel und Pal�ste in den Flammen vergangen war und sich durch Abflusssch�chte tief in die versch�tteten Zisternen der Stadt ergossen hatte.</p><p>Der Junge packte den Goldast mit beiden H�nden und zerrte daran. Der Stein knirschte. Adrien stellte sich einen See aus erstarrtem Gold vor, der irgendwo unter seinen F��en verborgen lag. Sie waren reich! Er w�rde das Blumenm�dchen suchen und ihr sein Gold schenken. Nie wieder m�sste sie zum Fleischhauer gehen. Sie k�nnte sich ein sch�nes Stadthaus kaufen und Diener anstellen. Und dann d�rfte er es auch wagen, sie nach ihrem Namen zu fragen.</p><p>Mit einem Ruck kam der Goldast frei. Adrien landete im Dreck. Triumphierend streckte er das Gold der Sonne entgegen. Er lachte, lie� sich nach hinten fallen und lachte noch lauter. Das Schicksal hatte endlich auch ihn beschenkt!</p><p>�Was machst du da unten?� Jules war am Rand der Grube erschienen und sah mit gestrenger Miene zu ihm herab. �Mir scheint, dein Tagwerk ist noch nicht vollendet, und es ist noch nicht an der Zeit, faul seine Glieder auszustrecken.�</p><p>�Gold!� Adrien streckte dem Priester seinen Fund mit einem breiten Grinsen entgegen.</p><p>�Wir sind reich!�</p><p>�Wir streben nach anderen Reicht�mern als diesen, Junge. Wirf das weg. Wir brauchen es nicht.�</p><p>Adrien traute seinen Ohren nicht. Zum einen sprach Jules in freundlichem Ton. Ganz anders als in den letzten Wochen, in denen er stets den gestrengen Lehrmeister herausgekehrt hatte. Und zum anderen war vollkommen verr�ckt, was er sagte! Gold wegwerfen! �Was f�r Reicht�mer �bertreffen den Wert von Gold?�</p><p>�Dich das zu lehren, wird meine schwerste Aufgabe in den Jahren sein, die noch vor uns liegen. Komm aus der Grube. Deine Arbeit endet f�r heute.�</p><p>Adrien bef�rchtete eine Tracht Pr�gel. Aber was hatte er schon f�r eine Wahl? Er verbarg seinen Schatz unter Sand und Ger�ll, dann kletterte er die beiden Leitern hoch.</p><p>�Hast du Angst, ich k�nnte dich bestehlen?�, fragte Jules belustigt.</p><p>Der Junge sah ihn verwundert an. �Nein�... �</p><p>�Au�er mir gibt es hier niemanden.�</p><p>�Aber es k�nnte sich doch jemand hierher verirren. Das ist ein gro�er Schatz! Man kann das Gold doch nicht einfach so herumliegen lassen!�</p><p>�Niemand wird hierher gelangen.� Er breitete die Arme aus, als wolle er das ganze Tal umfassen. �Dieser Ort geh�rt uns allein. Und jetzt sag mir, was willst du mit deinem Gold kaufen? Den Felsen dort dr�ben? Ein besseres Abendessen? Glaubst du, wenn du mir ein St�ck Gold in die Hand dr�ckst, dann werde ich ein besserer Koch?� Er deutete zu den Wolken hinauf. �Willst du dir ein St�ck Himmel kaufen? Welchen Wert hat Gold hier? Wie macht es dein Leben reicher? Was wird besser, weil du es besitzt?�</p><p>Adrien f�hlte sich �berrollt. Es war doch verr�ckt, den Besitz von Gold infrage zu stellen. �Wir k�nnen es mitnehmen, wenn wir das Tal verlassen. Wenn ich Ritter werde, dann brauche ich ein Pferd, ein Schwert und eine R�stung. Das wird uns niemand schenken.�</p><p>�Du willst ein Ritter Tjureds werden und vertraust lieber auf ein St�ck Gold als auf deinen Gott!�</p><p>�Ich kann ja nicht erwarten�... � Der Junge seufzte. Er f�hlte sich pl�tzlich undankbar.</p><p>Aber er hatte doch Recht! �Wird Tjured ein Pferd aus dem Boden wachsen lassen, wenn wir es brauchen?�, brachte er schlie�lich m�rrisch hervor.</p><p>�Ja, wenn auch er davon �berzeugt ist, dass wir es brauchen werden, um ihm zu dienen. Zu den Dingen, die du lernen musst, mein Sohn, geh�rt Gottvertrauen. Tjured lenkt unsere Wege.�</p><p>�Vielleicht war es sein Plan, dass ich das Gold finde!�</p><p>Jules lachte leise. �Vielleicht. Du kannst es gern aufheben. Lassen wir uns �berraschen, welchen Nutzen es bringen wird. Vielleicht hast du es auch gefunden, um zu erkennen, was wirklich wichtig in deinem Leben ist. Manchmal f�hrt Tjured uns auch in Versuchung, Junge. Er will uns auf einen falschen Weg locken, um die Festigkeit unseres Glaubens und unserer moralischen Grunds�tze zu pr�fen. Denn was ist dein Glaube wert, wenn er sich nie beweisen musste?�</p><p>�Du meinst, ein Gl�ubiger, der einer Versuchung widerstand, ist mehr wert als einer, der immer nur ein vorbildliches Leben f�hrte, weil es nichts gab, das ihn vom rechten Pfad ablenkte? Wenn Gott f�r jeden von uns einen Plan hat, dann erschafft er selbst Gl�ubige, die sich beweisen konnten, und andere, denen dies stets verwehrt blieb. Ist das nicht zutiefst ungerecht?�</p><p>Jules packte ihn bei den Schultern und blickte auf ihn hinab. �Gut! Wirklich gut gesprochen, mein Sohn. Ich sehe, dein Kopf dient dir nicht allein als ein Platz, um ein paar B�schel Haare unterzubringen. Ich wei� nicht, was f�r ein Ritter aus dir werden wird, aber in dir steckt ein guter Priester, der scharfsinnig denkt und einmal mit gro�er �berzeugungskraft das Wort Tjureds predigen wird.�</p><p>Der Priester sagte das mit solchem Stolz, dass es Adrien ganz warm ums Herz wurde.</p><p>Nie zuvor war er so gelobt worden.</p><p>�Wei�t du, Junge, leider geht es im Leben nicht um Gerechtigkeit. Das Einzige, worauf wir hoffen d�rfen, ist, dass wir stark genug sind, uns selbst und unserem Glauben treu zu bleiben. Nur das liegt in unserer Hand.�</p></section><section><title><p>Blutmagie</p></title><p>Ein Schrei riss ihn aus seiner Ohnmacht. Falrach war orientierungslos. Die warme Decke aus Sand war fortgezogen worden. Er lag auf Fels. Sein Gesicht und seine H�nde schmerzten. �berall um ihn herum waren Kobolde. Manche versuchten, �ber ihn hinwegzuklettern. Einer trat ihm auf die Hand. Es f�hlte sich an, als wolle ein gl�hender Hammer seine Hand zerquetschen. Falrach stie� den Kerl zur�ck. Der Elf zog die Hand hoch und sah fassungslos auf das blutige Etwas. Einen Augenblick lang war er �berzeugt, die falsche Hand vor Augen zu haben, bis er langsam begriff. Der Sturm! Er h�tte die H�hle nicht wieder verlassen d�rfen!</p><p>Noch immer wichen die Grauh�ute in Richtung H�hleneingang zur�ck. Und das, obwohl dort nach wie vor der Sturm tobte.</p><p>Rotes Licht stach in Fairachs empfindliche Augen. Selbst seine Lider waren vom Sand verletzt. Nur dort, wo ihn Stoff gesch�tzt hatte, hatte der Sand keinen Schaden anrichten k�nnen.</p><p>Jetzt entdeckte er Emerelle. Sie kniete ganz am Ende der H�hle. Eine Aura aus rotem Licht umgab sie. Das verfluchte rote Licht! Er dachte an den Kerker in Feylanviek. An das Massaker an Trollen und Kobolden. Ein Messer ragte aus der Armbeuge der K�nigin. Sein Messer! Wie war es dorthin gelangt? Vor Emerelle lag eine verkr�mmte Gestalt.</p><p>Falrach stand auf. Er schwankte, wollte sich mit einer Hand an der H�hlenwand abst�tzen und schreckte im letzten Moment zur�ck. Mit seinen geh�uteten H�nden k�nnte er sich nirgendwo festhalten.</p><p>Bei jedem Schritt um sein Gleichgewicht k�mpfend, gelangte er zu Emerelle. Er war so schwach, dass er der Ohnmacht nahe war, als er sich neben die K�nigin kniete. Sie war es, die geschrien hatte.</p><p>Falrach sah nach dem Kobold am Boden. Der Tote sah aus wie mumifiziert. Emerel es Arme waren vom Ellenbogengelenk abw�rts verbrannt. Spiralen roten Lichts wanden sich um sie. Der Elf streckte vorsichtig eine Hand nach ihr aus. �Ruhig�, sagte er leise.</p><p>�Hier gibt es keine Feinde.�</p><p>Blut rann �ber die Dolchklinge. Da ihr Arm abgebunden war, wagte er es, die Waffe zu ziehen. Er konnte sp�ren, wie das Metall �ber die Gelenkkugel schrammte. Diesmal gab die K�nigin keinen Laut von sich. Ihre Augen waren weit aufgerissen, doch sie schien nichts zu sehen. Die Pupillen waren nur winzige, schwarze Nadelpunkte.</p><p>Ihre Arme sahen jetzt besser aus. Aber ihre H�nde�... Er musste sich zwingen, den Blick nicht abzuwenden. Sie erinnerten an ineinander verschr�nkte, verkohlte �ste. Die H�nde, die ihn einst liebkost hatten. Er dachte wieder an Feylanviek. Offensichtlich vermochte die K�nigin, sich zu heilen. Jedem anderen h�tte man die Arme amputieren m�ssen. Der Kobold, der tot zu ihren F��en lag, hatte helfen wollen!</p><p>Falrach sah zu den Grauh�uten. Sie alle starrten ihn und die K�nigin an. Sie waren ver�ngstigt, unentschlossen ... Noch. W�rden sie angreifen? Oder davonlaufen? �Er hat ihr ein Messer in den Arm gesto�en!� Es war ungerecht, aber er musste die Tatsachen verdrehen, um die Lage wieder zu beherrschen. �Er hat sie angegriffen!</p><p>Habt ihr vergessen, wie sie in Oblons Dorf kam? Wie konntet ihr sie angreifen? Habt ihr vergessen, wie sie euch alle vor dem sicheren Untergang im Sandsturm bewahrte?�</p><p>Einige senkten den Blick. Aber ein durchschlagender Erfolg waren seine Worte nicht gewesen. �Sie ist die Herrin der Magie.� Falrach entdeckte den Lutin zwischen den Grauh�uten. Ein falsches Wort von ihm konnte jetzt alles zunichtemachen.</p><p>�Nikodemus, komm an meine Seite.�</p><p>Der Lutin wurde vorgeschoben. Keiner der Grauh�ute versuchte ihn in Schutz zu nehmen. �Ihr werdet...�</p><p>Ein Raunen ging durch die Reihen der Kobolde. Einige warfen sich zu Boden, wie es manche Menschenkinder vor ihren G�tzenbildern taten. Falrach verstand sie nicht, bis auch er aus den Augenwinkeln sah, wie die K�nigin ihre H�nde hob. Die Handfl�chen waren makellos wei�. Nichts erinnerte mehr an die Verbrennungen.</p><p>Mehr und mehr Kobolde warfen sich nieder. Sogar der Lutin.</p><p>Falrach wusste, dass hier kein Wunder geschah. Sie nutzte die Kraft des Albensteins.</p><p>Aber er sp�rte, dass auch noch eine andere Macht wirkte. Etwas Fremdes, Dunkles.</p><p>Der Elf hatte die ungute Ahnung, dass Emerelle Kraft aus dem Tod des Kobolds gewonnen hatte, der so leichtfertig versucht hatte, ihren Arm zu amputieren. Sie wirkte Blutmagie!</p><p><emphasis>Sag ihnen, sie sollen ausruhen,</emphasis> erklang ihre Stimme in seinen Gedanken. <emphasis>In sieben Stunden, beim ersten Morgen</emphasis></p><p><emphasis>licht, werden wir aufbrechen, und wir werden nicht rasten, bevor wir den Jadegarten erreichen.</emphasis></p><p><emphasis>Erst dort sind wir in Sicherheit.</emphasis></p><p>Er f�hrte ihre Befehle aus. Die Kobolde waren zu ver�ngstigt, um Fragen zu stellen.</p><p>Die meisten wagten es nicht einmal mehr, in ihre Richtung zu blicken.</p></section><section><title><p>Himmelsbr�cke und Sonnentor</p></title><p>Vierzehn Stunden nachdem sie die H�hle verlassen hatten, erreichten sie jene eine Schlucht, die durch das Felslabyrinth der Tafelberge zum Jadegarten f�hren w�rde.</p><p>Emerelle war angespannt. So viel Zeit war verstrichen, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Wie w�rden die G�rten des Drachenk�nigs jetzt wohl aussehen? Und wie w�rde die Gazala sie aufnehmen?</p><p>Die Elfe blickte zu Falrach, der als einer der Ersten den engen Saumpfad erklomm, der an der Flanke einer knochenwei�en Felswand entlangf�hrte. Bildete sie es sich nur ein, oder hatte er eine sinnlichere Art, sich zu bewegen? Noch in der H�hle hatte sie Falrach geheilt. Sie sehnte sich danach, in seinen Armen zu liegen. Nicht in denen Ollowains! Sie w�nschte sich, mit ihm an einem einsamen Ort zu sein. Tagelang! Ihre Gedanken befremdeten sie. Hatte der Marsch durch die W�ste auch sie ver�ndert? Es hie�, in der W�ste w�rde man zu sich selbst finden. Oder ver�nderte sie die Lebenskraft, die sie dem Kobold gestohlen hatte?</p><p>Sie schob die Gedanken von sich. Ein letztes St�ck Weg war noch zu gehen. Eine letzte Probe zu bestehen. Wie der sah sie zu Falrach. Er hatte einen guten K�rperbau. Er war wie geschaffen dazu, mit ihm�... Sie schritt weiter aus. Nicht jetzt!</p><p>Die Schlucht lockte mit einem kleinen See, dessen Wasser fahlgr�n schimmerte. Fr�her einmal hatte es dort Kaimane gegeben; sie hatten auf Steinb�cke und andere Tiere gelauert, die aus den Felsen hinabstiegen, um dort zu trinken. Emerelle bestand energisch darauf, den schmalen Pfad zu nehmen, der aus der fast senkrechten Felswand geschlagen war. Die Grauh�ute sahen sehns�chtig zum Wasser hin, doch wagte es keiner, sich ihr zu widersetzen. Sie sp�rte den Hass der Kobolde. Er war die Kraft, die sie noch auf den Beinen hielt. Die meisten Kinder mussten inzwischen getragen werden. Ein Greis war auf dem letzten St�ck Weg durch die W�ste an Entkr�ftung gestorben. Aber sie marschierten.</p><p>Auch Emerelle f�hlte sich zu Tode ersch�pft. Alle �u�erlichen Wunden waren verheilt, aber die Schmerzen hatten ihre Kr�fte aufgezehrt und ihre Seele verletzt. Sie hatte sich ver�ndert ... Wenn sie einige N�chte gut geschlafen h�tte, dann w�re das vorbei, redete sie sich ein.</p><p>Ein Schw�rm hellgr�ner Palmw�chter flog durch die Schlucht. Die kleinen V�gel musterten sie neugierig. Gewiss hatten sie noch niemals Zweibeiner gesehen! Mit munterem Gezwitscher st�rzten sie sich in die Tiefe. Sie sch�ssen dicht �ber dem schillernden Wasser dahin und verschwanden dann zwischen den Uferpalmen.</p><p>Der Pfad, dem sie folgten, war kaum eine Elle breit. Einige der Grauh�ute dr�ckten sich dicht an den hei�en Fels und vermieden es, hinabzusehen. Emerelle war schwin-delfrei. Jedes Mal, wenn der Pfad sich um einen Felsvorsprung wand oder eine Kehre machte, beugte sie sich weit �ber den Abgrund, um aus einem anderen Blickwinkel in die Schlucht hinabzuschauen. Der See hatte einen anderen Umriss als fr�her. Wie sehr sich das weite Tal wohl ver�ndert hatte?</p><p>Hier zwischen den Tafelbergen hatte der Zauber, den die Grauh�ute so treffend Drachenatem nannten, keine Macht mehr. Der Wind, der �ber die wei�en Felsen strich und �ber die Jahrhunderte die seltsamsten Formen in den weichen Stein schnitt, wurde nicht durch Magie gezeugt.</p><p>Ihr Anstieg dauerte mehr als eine Stunde. Emerelle wusste, das sie ihr Ziel fast erreicht hatten, als die Marschkolonne vor ihr ins Stocken geriet. Auf den Zehenspitzen am Abgrund entlanglaufend, dr�ngte sie sich an den Grauh�uten vorbei. Der kleine See mit den Palmen lag mehr als zweihundert Schritt unter ihr. Der Felsen fiel fast senkrecht in die Tiefe. Sie blickte �ber ihre Schulter hinab, und ein seltsames Gef�hl �berkam sie. Eine sinnliche Schwere, tief in ihrem Bauch, verbunden mit der Lust, sich mit ausgeweiteten Armen nach hinten fallen zu lassen. Sie wollte nicht Selbstmord begehen. Nie w�rde sie sich auf diesem Weg davonstehlen! Es war einfach die Lust, sich fallen zu lassen. In ihrer Vorstellung verhie� der Fall Freiheit. Sie sollte schlafen, ermahnte sie sich in Gedanken.</p><p>Der enge Saumpfad weitete sich jetzt. Er hatte sie um einen weiten Felsvorsprung gef�hrt, so dass sich nun ein Blick auf einen Abschnitt des Tals ergab, der f�r sie w�hrend des ganzen Aufstiegs unsichtbar geblieben war. Die Himmelsbr�cke und das Sonnentor, so hatten die Drachenelfen es einst genannt. Emerelle erinnerte sich an die Stimme ihrer Mutter. Sie hatte oft von den Drachenelfen erz�hlt. Von all den Wundern, die nur sie sehen durften.</p><p>Emerelle selbst war noch den Alben begegnet, doch in jener Zeit, als die Ordnung, die sie hatten erschaffen wollen, zerbrach. Als das strahlende Reich der Drachen versank und die Alben sich von den Geschuppten abwandten und nur wenig sp�ter von ihrer ganzen Welt.</p><p>Die Himmelsbr�cke war eine schmale Ader aus schwarzem Basalt. Entbl��t vom weicheren wei�en Gestein spannte sie sich �ber einen Abgrund, den Wind und Wasser in Jahrtausenden geformt hatten. Nur zehn Zoll ma� die Br�cke an ihrer engsten Stelle. Wer dort stand, �ber sich das unermessliche Blau des Firmaments und unter sich zweihundert Schritt bis zum Boden, der hatte das Ge-f�hl, mitten im Himmel zu stehen. Die Schlucht verengte sich an dieser Stelle. Dadurch wurde der Wind verst�rkt. Er zerrte mit tausend unsichtbaren H�nden an jedem, der es wagte, seinen Fu� auf den Basalt zu setzen. Ihre Mutter Nandalee hatte erz�hlt, der Weg �ber die Br�cke sei eine der Pr�fungen der Drachenelfen gewesen. Manch mutiger Krieger scheiterte hier. Diese Br�cke war weit schlimmer als die breitere Shalyn Falah.</p><p>Ein St�ck entfernt konnte man die Reste einer Basaltbr�cke erkennen, die in die Schlucht gest�rzt war. Ein Anblick, der die Zweifel �ber die verbliebene Br�cke noch vertiefte.</p><p>Jenseits der Br�cke lag das Sonnentor. Es war aus wei�em Felsgestein, in das der Wind ein weites, rundes Loch gefressen hatte. Auch das umliegende Gestein war korrodiert, so dass man einen riesigen Ring vor sich sah. An sieben Abenden im Jahr f�llte die untergehende Sonne den inneren Kreis. Der merkw�rdige Fels war eine Laune der Natur, und doch war es ein tiefes, mystisches Erlebnis, die Sonne gefangen in einem Steinring zu sehen. Wer bis dorthin gelangte, der hatte es geschafft, der hatte sich die Anwartschaft darauf erworben, ein Krieger der Drachen zu werden.</p><p>Emerelle blickte hinab ins Tal. Nat�rlich waren die Knochen der Gescheiterten l�ngst vergangen. Die Himmelsbr�cke und das Sonnentor waren Relikte eines vergangenen Zeitalters. Es gab keine Drachen mehr, und auch ihre Ritter waren l�ngst nur noch der Stoff von alten Geschichten, die so fantastisch klangen, dass viele argw�hnten, sie seien von Dichtern und Aufschneidern ersonnen.</p><p>Emerelle ging an den Grauh�uten vorbei bis zur Br�cke. �Das hier ist der Weg. Wer die Br�cke �berschreitet, der ist frei von mir. Jenseits des Sonnentors erwartet euch ein Tal, in dem ihr alles, was ihr zum Leben braucht, im �berfluss finden werdet.�</p><p>�Herrin, wir sind nicht so schwer wie du. Uns wird der Wind in den Abgrund zerren.�</p><p>Dobon, der Sprecher, stand inmitten der Z�gernden. Emerelle war sich fast sicher, in seiner Stimme die Stimme des N�rglers wiederzuerkennen, der geraten hatte, sie ihrem Schicksal zu �berlassen, als sie wehrlos in der H�hle gelegen hatte. Ihre Erinnerung an das Gespr�ch war nur undeutlich. Letzte Gewissheit w�rde sie nie haben.</p><p>Aber Dobon war der Anf�hrer der Grauh�ute. Er musste es gewesen sein! Wer sonst h�tte den Mut und die Unverfrorenheit gehabt, einen solchen Vorschlag zu machen?</p><p>Bei dem Gedanken an das Gespr�ch �berkam sie hei�e Wut. �Ich werde die Br�cke �berqueren. Was ihr tut, ist nun eure Angelegenheit.� Sie deutete hinab in das Tal.</p><p>�Dorthin zu gehen, ist keine L�sung. Ein paar Wochen, und ihr habt alles Wild erlegt und jeden Busch und jede Palme kahlgefressen. Dann m�sst ihr erneut hierherkommen. Ihr seid nun eurem Schicksal �berlassen. Erinnert dich das an etwas, Dobon?�</p><p>Der alte Kobold mit der gebrochenen, unf�rmigen Nase trat dicht vor sie. �Du hast uns also reden geh�rt, Herrin. Und nun willst du Rache? Bedenke, dass nur noch ich und meine Tochter �brig sind. Den, der dir helfen wollte, hast du schon gemordet. Mein Volk ist nicht schuldig. Sie wissen nicht, was gesprochen wurde. Sind mein Leben und das meiner Tochter der Preis? Wirst du meinem Volk dann helfen?�</p><p>�Nimm deine Tochter bei der Hand. Geh mit ihr �ber die Br�cke. Zeig mir, wie viel Mut du jetzt noch hast.�</p><p>�Du bist grausam, Herrin. Hattest du je ein Kind? Kannst du ermessen, was es hei�t, es bei der Hand zu nehmen und mit ihm in den Tod zu gehen?�</p><p>�Du, der du mich hilflos meinem Schicksal �berlassen wolltest, wagst es, von Grausamkeit zu sprechen?�</p><p>Der alte Kobold wich vor ihrem Zorn nicht zur�ck. Er sah sie fest an. �Ich wollte dich t�ten, um mein Volk vor deiner Willk�r zu sch�tzen. Nenne das grausam, wenn du willst. Aber sage mir, welchen Nutzen hat deine Grausamkeit jetzt? Wen besch�tzt du?�</p><p>Sie �ffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Noroelle, das war ihr einziger Gedanke. Die Elfenmagierin war einst ihre Freundin und Vertraute gewesen. Auch zu ihr war sie grausam gewesen. Und davor hatte es so viele andere gegeben. Al die Verbannten. Alle, die an ihrem Willen zerbrochen waren, bis hin zu ihrem Bruder.</p><p>Sie atmete schwer aus. Sie hatte nichts ohne Grund getan. Noroelle hatte ein D�monenkind geboren und es versteckt, selbst nachdem sie wusste, dass es die Kraft haben k�nnte, Albenmark zu zerst�ren. Sie hatte ihre Strafe verdient! Genau wie alle anderen auch. Sie war die Herrscherin Albenmarks gewesen. Es war die Pflicht von Herrschern zu strafen, wo es notwendig war!</p><p>Oder war das nur eine Ausrede? Hatte sie wirklich einen Hang zur Grausamkeit? Jetzt war sie nicht mehr die Herrin Albenmarks. Stand es ihr zu, �ber die Grauh�ute zu richten? Sie begriff, dass sie zwar ihre Krone abgelegt hatte, nicht aber ihren Willen zu herrschen. Es war ihr Leben gewesen, so unendlich lange�... Konnte sie ein anderes Leben f�hren?</p><p>Ihr Blick suchte Falrach. Er sah sie vorwurfsvoll an. Olowain h�tte sich sch�tzend vor die Grauh�ute gestellt. Doch der wei�e Ritter war tot. Vergangen f�r immer. Er konnte nicht zur�ckkehren, so wie Falrach nach all den Jahrtausenden. Von Ollowain war nichts geblieben als sein Leib.</p><p>Trauer schn�rte ihr die Kehle zu. Jetzt erst begriff sie, wie sehr sie den wei�en Ritter gebraucht hatte. Oft hatte er ihr die Gnade abgetrotzt, die ihrem verh�rteten Herzen fehlte. Olowain konnte nur fortleben, wenn sie es schaffte, seinen Gro�mut in ihr Herz zu lassen. Er musste in ihr leben. In ihren Taten.</p><p>Das war alles, was noch von ihm geblieben war.</p><p>Diese schwarze Br�cke, inmitten wei�er Felsen, war ihr Scheideweg in ein anderes Leben. Sie war noch immer die Gefangene ihrer Krone und dessen, was ihre unendlich lange Herrschaft aus ihr hatte werden lassen. Es war an ihr, dies abzulegen.</p><p>Dobon stand vor ihr. Aber jetzt war das Koboldm�dchen an seiner Seite, das sie mit Lehm eingerieben und auf das Ritual der Traumf�nger vorbereitet hatte. War sie seine Tochter?</p><p>Emerelle kniete nieder. �Nimm deine Tochter bei der Hand.�</p><p>Dobons Unterlippe zitterte. Seine Gesichtz�ge wurden weich. Er widersprach nicht. Er streckte Imaga seine knorrige alte Hand entgegen. Auch sie f�gte sich widerspruchslos in ihr Schicksal.</p><p>Emerelle begann zu singen. Leise und mit geschlossenen Augen. Sie �ffnete sich ganz der Ber�hrung des Windes. Es war sehr lange her, dass sie diesen Zauber das letzte Mal gewoben hatte. Wer sich darauf verstand, vermochte selbst St�rme damit zu bes�nftigen, solange sie nicht magischer Natur waren wie der Drachenatem.</p><p>Als der Wind in der Schlucht erstarb, nahm sie Dobon bei der Hand und f�hrte ihn gemeinsam mit Imaga �ber die Br�cke. Dann kehrte sie zur�ck und nahm die n�chsten Kobolde bei der Hand. So ging sie wieder und wieder. Sie trug die Kinder auf ihren Armen. Erlaubte ihnen, mit ihrem Haar zu spielen. Mit jedem Mal, das sie �ber die Br�cke ging, wurde ihr das Herz ein wenig leichter.</p><p>Falrach schloss sich ihr an. Auch er half, die Kobolde zum Sonnentor zu begleiten.</p><p>Einige waren so mutig, den Weg allein zu machen, nun, da sie die gef�hrlichen Winde nicht mehr f�rchten mussten.</p><p>Nachdem die Grauh�ute anfangs noch angespannt gewesen waren, scherzten sie bald. Emerelle schwieg. Sie sang leise ihr Lied. Sie genoss es, wie Falrach sie ansah. Sie hatte ihn �berrascht und seine Anerkennung gewonnen.</p><p>Sie selbst aber war �berrascht, wie viel ihr seine Blicke bedeuteten. <emphasis>Seine</emphasis> Blicke! Nicht Ollowains.</p><p>Nur Nikodemus Glops blieb m�rrisch. Er wirkte, als wolle er etwas sagen. Aber er wagte es nicht, zu ihr zu kommen. Wahrscheinlich war er erz�rnt dar�ber, dass sie Madras Tod mit keinem Wort gew�rdigt hatte. Sie hatten die H�hle bei Sonnenaufgang z�gig verlassen. Emerelle war aufgefallen, dass Amulette und sogar ein paar Kinderspielzeuge rings um den toten Troll gelegen hatten. Die Grauh�ute w�rden ihn nie vergessen.</p><p>Als der letzte Kobold die Himmelsbr�cke �berschritten hatte, f�hlte sie sich erleichtert.</p><p>Wie ein junges, verliebtes M�dchen hatte sie auf ihrem letzten Weg im Vor�bergehen Fairachs Hand gestreift. Ihr Lohn war wieder einer dieser Blicke gewesen, die ihr Herz schneller schlagen lie�en. Im Jadegarten w�rden sie beide endlich allein sein k�nnen.</p><p>Das Tal war gro� genug, um einen einsamen Ort zu finden.</p><p>Die Sonne stand schon tief am Himmel. Das Abendlicht tauchte die wei�en Felsk�mme in weiches, rosa Licht. Im Tal unter ihnen wuchsen Schatten von blassblau bis tiefschwarz.</p><p>Keiner der Kobolde hatte das Sonnentor durchschritten. Emerelle vermochte nicht einzusch�tzen, ob sie ihr den Vortritt lassen wollten oder ob sie f�rchteten, hinter dem seltsamen Felstor erwarte sie ein neuer Schrecken. Sie konnte es verstehen. Das Sonnentor lag h�her als die Felsen der Tafelberge dahinter. Und auch h�her als die Himmelsbr�cke. Von dort, wo sie standen, sah es aus, als w�rde das Tor in den Himmel und nirgendwo sonst hinf�hren.</p><p>Die Grauh�ute begegneten ihr immer noch mit Misstrauen. Also ging sie voran. Sie trat, ohne zu z�gern, in das weite Rund des Tores. Erst wenn man dort stand, vermochte man auf den Jadegarten hinabzublicken. Viele Meilen erstreckte sich das von Tafelbergen eingefasste Tal. Eine wei�e Pyramide erhob sich majest�tisch �ber das Gr�n der verwilderten Gartenlandschaft. Funkelnd brach sich das Licht der Abendsonne in der goldenen Spitze des gewaltigen Baus. Al en Schutzzaubern zum Trotz, die vor Jahrhunderten bei der Errichtung der Pyramide gewirkt worden waren, wucherte Unkraut in den Steinritzen, und an einigen Stellen hatten sogar junge B�ume Halt im Gem�uer gefunden.</p><p>Die �brigen Prachtbauten im Tal waren unter �ppigem Gr�n verschwunden. Das Drachenfeld, jener weite Platz nahe der Pyramide, auf dem die einstigen Herren der Welt in einem vergangenen Zeitalter mit ihrem Gefolge gelandet waren, wenn sie den abgelegenen Jadegarten besuchten, war nicht mehr auszumachen. Ein Teil von ihm schien von einem neuen See bedeckt zu sein. Aber sicher war sich Emerelle nicht, so sehr hatte sich das Tal ver�ndert.</p><p>Die langen Schatten der �stlichen Tafelberge griffen bereits nach der Pyramide, als die ersten Grauh�ute z�gerlich durch das Sonnentor traten. Sie betrachteten das Tal mit Staunen und auch ein wenig Furcht. Nie zuvor hatten sie so �ppiges Gr�n und so viel Wasser gesehen. Sie waren Gesch�pfe der W�ste. Vom Ufer des gro�en Teiches stieg ein Schw�rm gro�er, wei�er V�gel auf und flog zu seinen Nestern irgendwo am n�rdlichen Ende des Tals.</p><p>Die D�mmerung ging rasch in Dunkelheit �ber, und Emerelle bedr�ngte die Kobolde, ihr zu folgen. Diesseits des Sonnentors f�hrte eine weite Treppe entlang der Steilwand, die von Terrassen unterbrochen wurde, die stets neue, fantastische Ausblicke auf das Tal boten. Die eingest�rzten D�cher der Aussichtspavillons, gro�e Felsbrocken auf den Terrassen und Treppen und klaffende Spalten im Weg lieferten Zeugnis von Erdbeben, die die Tafelberge ersch�ttert hatten.</p><p>Emerelle wusste, dass sie den Talgrund nicht mehr erreichen konnten, bevor er v�llig im Dunkel lag. Sie hatte ein anderes Ziel. Bald w�hlte sie zur �berraschung der Kobolde einen Weg, der erneut bergan f�hrte. Das leise Murren der Grauh�ute ignorierte sie. Die Elfe wusste, wie kalt es an den Bergflanken bei Nacht wurde. Es war wichtig, einen gut gesch�tzten Lagerplatz zu finden.</p><p>Die neue Treppe, der sie folgten, m�ndete in einen Tunnel, der einen weiten Felsvorsprung durchstach. Die Bronzetore, mit denen sein Eingang einst hatte verschlossen werden k�nnen, standen weit offen. Blaugr�ne Edelpatina �berzog das Metall und hatte auch verwaschene Spuren auf dem Steinboden hinterlassen. Die Reliefs zweier steigender Pegasi, die das Tor flankierten, hatten die Jahrtausende besser �berstanden.</p><p>Der f�nfzig Schritt lange Tunnel war von den Erdbeben weitestgehend verschont geblieben. Putzbrocken, die aus seiner Decke gebrochen waren, knirschten unter Emerelles F��en. Ein leicht muffiger Geruch lag in dem Gang.</p><p>Die Elfe wusste, wie nah sie ihrem Ziel nun waren. Sie beschleunigte ihre Schritte. Als sie aus dem Tunnel trat, standen erste Sterne am Nachthimmel. Ihr Weg hatte sie erneut auf eine Aussichtsterrasse gef�hrt. Doch diese war nicht erbaut worden, um den Blick �ber die Pyramide, die G�rten und verschwundenen Pal�ste schweifen zu lassen. Die Terrasse lag auf einem weiten Felssims, von dem man auf eine gro�e Nische in der gegen�berliegenden Steilwand sah. Dort, im Schutz der Felsnische, lag die alte Veste, das ehemalige Quartier der Drachenelfen. Massige, w�rfelf�rmige Bauten dr�ngten sich aneinander. Fenster gab es nur in den oberen Etagen der Geb�ude. Und auch sie waren nur so schmal wie Schie�scharten.</p><p>Einige der Geb�ude sahen aus, als seien sie von schweren Katapultgeschossen getroffen worden. Mauern waren eingest�rzt und gaben den Blick frei in die Eingeweide der Festung. Wo die Au�enmauern intakt waren, konnte man erkennen, dass sie einmal mit gro�formatigen Flachreliefs bedeckt gewesen sein mussten. Reste von Farben hatten sich auf den Steinbildern erhalten. Haushohe Krieger, gewappnet mit nach unten spitz zulaufenden Langschilden, hielten auf den Mauern der Veste ihre �onen dauernde Wacht. Sie sahen nicht nach schmucken Palastwachen, sondern eher nach kampferfahrenen Veteranen aus. Ihre K�pfe blickten herausfordernd der Terrasse entgegen. Sie wirkten beunruhigend. Noch beunruhigender war jedoch, dass in dreien der Fenster Licht glomm. Damit hatte Emerelle nicht gerechnet.</p></section><section><title><p>Das Bad</p></title><p>Balduin war ins Bad des K�nigs berufen worden. Er hasste es, Cabezan in all seiner Nacktheit zu sehen. Den ausgemergelten, alten Leib, bedeckt von schw�renden Wunden. Aber er verstand es, seine Gef�hle wohl zu verbergen.</p><p>Schon auf dem Flur schlug ihm die schw�le Hitze des Wassers entgegen. Er hoffte, dass das Schlimmste schon vor�ber war. Balduin war keineswegs zartbesaitet. Vor einigen Jahren noch war er einer der Befehlshaber von Ca-bezans Truppen gewesen. Er hatte bei Avron und Ruon-nes gek�mpft. Er hatte alle Schrecken des Krieges gesehen und sich an so manchen Taten beteiligt, auf die kein Mann stolz sein konnte.</p><p>Ein blasser Diener �ffnete ihm die T�r zum Bad und eilte davon. Cabezan sa� auf dem Rand eines Marmorbeckens, von dem Wasserdampf aufstieg. Blutrote Rosenbl�tter schwammen auf dem Wasser. Tankret, der Leibw�chter des K�nigs, stand nahe dem Bad. Wie sein K�nig war er nackt bis auf ein Tuch, das lose um seine H�ften geschlungen war. Im Gegensatz zu seinem Herrn trug er jedoch einen Dolch, eine schlanke Ritualwaffe mit einem pr�chtigen Rubin als Knauf. Scheide und G�rtel waren aus scharlachrotem Leder mit Goldbeschl�gen. F�r den Wert der Waffe konnte man wahrscheinlich ein ganzes Bauerndorf bekommen.</p><p>Neben Tankret stand ein schlanker Knabe. Er war keine zehn Jahre alt, sch�tzte Balduin. Trotz der Hitze im Bad zitterte der Junge. Sein Gesicht war stark geschminkt.</p><p>Man hatte ihm eine Per�cke aus blondem Lockenhaar aufgesetzt. Erst auf den zweiten Blick erkannte der Hofmeister, wer das war. Sie hatten sich Elodias kleinen Bruder geholt. Das war ein Fehler!</p><p>�Du siehst in letzter Zeit gar nicht gut aus�, sagte der K�nig.</p><p>Balduin hatte das Gef�hl, als z�ge sich eine Schlinge um seinen Hals zusammen.</p><p>Tankret bedachte ihn mit einem abf�lligen L�cheln. Der Krieger war mindestens zwanzig Jahre j�nger als er. Tankret stand in der Bl�te seiner Manneskraft. Mit seinen ge�lten Muskeln und seiner bronzefarbenen Haut war er ein Bild von einem Mann, auch wenn einige Narben auf seinen Armen und der Brust in Balduins Augen einen Makel darstellten. Aber er wusste, dass Cabezan solche Narben mochte.</p><p>�Du wirkst m�de, mein Freund.� Der K�nig runzelte die Stirn. �Willst du etwas sagen?�</p><p>�Der Junge�... Es ist Elodias Bruder. Ihr werdet doch nicht ...� Er war zu vorsichtig, um es auszusprechen. �Sie erwartet seine Briefe. Es w�re schlecht, wenn sie erf�hre ��</p><p>Der Knabe blickte gehetzt zwischen ihnen hin und her. Er begriff nicht, wovon sie sprachen. Aber er schien ein Unheil zu ahnen. �Es tut mir leid, dass ich die Tinte vergossen habe und das Pergament unbrauchbar gemacht habe. Es war ein Ungl�ck.</p><p>Das wird nie wieder vorkommen�... �</p><p>Balduin bemerkte erst jetzt die Reste von Tintenflecken an H�nden und Unterarmen des Knaben.</p><p>�Aber, mein Junge, sehe ich aus, als w�rde ich wegen solcher Kleinigkeiten lange z�rnen?� Der K�nig schlug sein Tuch zur�ck und streckte einen Fu� in das warme Wasser. Er stie� einen wohligen Seufzer aus. �Das tut gut.� Mit einiger M�he streckte er auch den zweiten Fu� ins Wasser. Dann winkte er dem Jungen. �Du hei�t Jean, nicht wahr? Ein h�bscher Name f�r einen h�bschen Jungen. Komm ein bisschen n�her.</p><p>Meine Augen sind nicht mehr so gut.�</p><p>Als Jean nicht sofort gehorchte, packte Tankret ihn und schob den Knaben vor seinen K�nig. Der Junge war so ver�ngstigt, dass er sich weder wehrte noch den geringsten Laut von sich gab.</p><p>Cabezan zwickte den Jungen in die Brust. �Was f�r eine makellose Haut du hast, Jean.</p><p>Was f�r ein Geschenk! Sieh mich nur an. Das tut die Zeit all jenen an, denen die Gnade eines fr�hen Todes verwehrt bleibt. So wunderbare Haut... Wusstest du, dass Pergament aus Haut gemacht wird, Junge? Es ist sehr kostbar. Um ein einziges Buch zu machen, muss man eine ganze Herde schlachten. Blut ist der Preis f�r Wissen. Es ist der Preis f�r fast alles im Leben.�</p><p>Balduin wurde �bel. Er ahnte, was kommen w�rde.</p><p>�Dreh dich einmal um, mein Junge.�</p><p>Jean gehorchte.</p><p>Mit angehaltenem Atem beobachtete Balduin, wie die Finger des K�nigs �ber den R�cken des Knaben fuhren. Sie umrissen ein Rechteck auf der glatten Haut. So gro� wie eine Pergamentseite.</p><p>�Das beste Pergament wird aus der Haut ungeborener Ziegen und L�mmer hergestellt.</p><p>Das muss man sich vorstellen. Ihr Leben endet, bevor es begonnen hat. Und doch w�hrt es auf gewisse Weise f�r Jahrhunderte, denn ihre Haut tr�gt unsere Geschichte weiter. Oder heilige Schriften der Tjuredkirche. Oder Vertr�ge, die K�nigreichen Frieden bringen. Was hast du in deinem Leben getan, das wirklich hervorragend ist, Jean?�</p><p>Der Junge glotzte ver�ngstigt.</p><p>�Jean, du kannst doch sprechen, oder? Willst du deinem K�nig seine Frage nicht beantworten?�</p><p>�Ich kann die Namen aller Heiligen schreiben�, stie� er hervor.</p><p>Cabezan nickte. �Heiligennamen aufschreiben�... Ich glaube, das k�nnen Dutzende in diesem Palast. Das also ist deine gr��te Leistung in deinem jungen Leben. Geh�rt der Name Guillaumes zu denen, die du gelernt hast?�</p><p>�Ja, mein K�nig.� Die Stimme des Jungen war kaum mehr als ein Fl�stern.</p><p>�Kennst du auch die Geschichte Guillaumes?� Ein harter Unterton schwang jetzt in der Stimme des K�nigs mit.</p><p>�Ja, er ist der gr��te unter den Heiligen.� Jean hatte offensichtlich ein wenig Mut gefasst. Vielleicht weil er nun �ber etwas reden konnte, das ihm vertraut war. �Er wurde von den Elfen ermordet. Er war durchdrungen von der heiligen Kraft Tjureds.</p><p>Eine Ber�hrung seiner H�nde gen�gte, um Blinde wieder sehen und Kr�ppel wieder gehen zu lassen.�</p><p>Balduin sah, wie der K�nig seine F�uste ballte. �Ja, das konnte er wohl. Es gibt Hunderte, die von diesen Wundern Zeugnis ablegen k�nnen. Nur war er auch st�rrisch und ungehorsam. Wusstest du, dass er sich mir verweigert hat, als ich ihn rufen lie�, um auch mich zu heilen?�</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf. Er war so arglos, dachte Balduin bek�mmert. �Mein K�nig, Ihr wisst, dass wir nicht auf die Dienste des M�dchens im Refugium�... � Er wagte es nicht, Elodias Namen auszusprechen. Er wollte den Jungen nicht argw�hnisch machen. Vielleicht kam er ja davon, wenn Cabezan sich besann.</p><p>Der K�nig winkte �rgerlich ab. �Schweig, Balduin. Es ist sehr unh�flich, eine Unterhaltung zu st�ren. Wie soll mein kleiner Gast da guten Benimm lernen?�</p><p>Cabezan strich wie der �ber die Haut des Knaben. �So zart.� Er sah zu Tankret. �Siehst du das? Er hat nicht einen einzigen Pickel. Keine Unreinheit in der Haut. Keine Schramme. Kein R�tung.� Der K�nig seufzte. �Ich glaube, der liebe Jean ist in allem das genaue Gegenteil von mir. Was meinst du, Jean? Ist das so?�</p><p>Balduin hielt den Atem an. Ganz gleich, welche Antwort der Junge gab, sie w�rde gegen ihn verwendet werden. Der Hofmeister kannte die grausamen Spiele seines K�nigs nur zu gut.</p><p>�Ja�, sagte Jean z�gerlich.</p><p>�Du glaubst also, du bist besser als ich?�, fuhr Cabezan den Knaben an. �Nein, mein K�nig, ich ��</p><p>�Du widersprichst mir! Jetzt bin ich also auch noch ein L�gner!�</p><p>Jean sah den alten Herrscher in fassungslosem Entsetzen an. Und dann begann er zu weinen. Es war herzzerrei�end. Er war v�llig hilflos.</p><p>�H�r auf zu flennen! Pass auf, dass deine Tr�nen nicht in mein Bad fallen, Dummkopf!</p><p>Wei�t du denn nicht, wie sehr Tr�nen der Haut schaden? Tankret!�</p><p>Der Leibw�chter verpasste Jean eine Ohrfeige, die den Jungen von den Beinen riss. Er fiel vor das Bad und rollte sich zusammen wie ein kleines, wehrloses Tier. Er schaffte es nicht, seinen Tr�nen Einhalt zu gebieten. Leise wimmernd lag er dort.</p><p>Balduin dachte, dass Cabezan sich nur an toten sch�nen Dingen erfreuen konnte. Eine Statue, dieser Palast, ein Mosaik. All die Sch�tze, nach denen er forschen lie�.</p><p>Lebendige Sch�nheit aber forderte ihn stets heraus, sie zu zerst�ren. Elodias K�rper war nur deshalb unversehrt geblieben, weil der Alte sich noch gro�en Nutzen von ihm versprach. Aber im Refugium w�rde man ihre Seele zerst�ren, da war sich Balduin ganz sicher. Er wusste nicht, was man mit ihr anstellen w�rde, aber das Blumenm�dchen w�rde sterben. Sie w�rde etwas ganz anderes sein, wenn sie das Tor wieder durchschritt, um ihren ersten Auftrag f�r den K�nig zu erf�llen.</p><p>�Steh auf, Jean!�, sagte Cabezan mit kalter Geh�ssigkeit. �Und untersteh dich, auch nur eine Tr�ne in dieses Bad fallen zu lassen! Tr�nen sind voller giftiger Salze!�</p><p>Vielleicht hatte der Junge ihn nicht geh�rt. Jedenfalls blieb er liegen.</p><p>�Tankret!�</p><p>Der Leibw�chter beugte sich hinab und packte Jean bei den Schultern. Er stellte ihn hin. Eine Hand blieb im Nacken des Jungen.</p><p>�Jean. Wie kann sich hinter einem so makellosen Gesicht in einem so zarten, jungen K�rper so viel Schlechtigkeit verbergen? Du hast mich beleidigt, mir unterstellt, ein L�gner zu sein, und auch noch versucht, mich zu vergiften. Du hast mich entt�uscht.</p><p>So wie Guillaume.�</p><p>�Ich wollte nicht�... �, stie� Jean schluchzend hervor. �Ich�... �</p><p>�H�r auf zu weinen! Tankret, trockne seine Tr�nen!�</p><p>Einen Augenblick lang wirkte der Krieger best�rzt. Ein Anblick, den Balduin genoss.</p><p>Der Hofmeister wusste nur zu gut, dass es kl�ger war, die Befehle seines K�nigs umgehend zu befolgen. Und Tankret wusste es auch! Der Krieger riss sich das Tuch von seinen Lenden und wischte damit �ber Jeans Gesicht. Doch es half wenig. Der Kleine weinte einfach weiter.</p><p>�Jean�, die Stimme des K�nigs klang vers�hnlich. �Du wolltest mich nicht kr�nken. Du bist nicht wie Guillaume, nicht wahr?�</p><p>Der Junge nickte, so gut das mit Tankrets Hand im Nacken ging.</p><p>�Du w�rdest sicher alles tun, um mir zu helfen. Wenn du mich heilen k�nntest, w�rdest du mich dann im Stich lassen?�</p><p>�Nein, bestimmt nicht�, stie� Jean unter heftigen Schluchzern hervor.</p><p>�Dann, bitte, h�r auf zu weinen. All diese Tr�nen wegen eines Missverst�ndnisses ...�</p><p>Jean k�mpfte mit sich. Es dauerte eine Weile, bis er sich beherrschte und sein Tr�nenstrom versiegte. Aber seine Angst war noch nicht vergangen, das sah man deutlich. Der Kleine sp�rte, dass etwas zutiefst nicht in Ordnung war.</p><p>�Du willst mir also helfen?� Jean nickte heftig.</p><p>�Komm her.� Der alte K�nig drehte sich ein wenig in seinem Bad. Rosenbl�tter wirbelten durch das Wasser. �Siehst du dort die kleine Einbuchtung auf dem Rand des Beckens?�</p><p>Wieder nickte der Junge. Ein tiefer Schluchzer entstieg seiner Brust, aber er schaffte es, seine Tr�nen zur�ckzuhalten.</p><p>�Leg dort deinen Kopf hin, mein Kleiner. Der Platz ist sehr bequem. Die Stelle wurde von meinem Steinmetz daf�r geschaffen, dort seinen Kopf zur Ruhe zu betten. Ich mache das auch oft.�</p><p>Der Junge gehorchte. Er war so arglos, dachte Balduin bitter. Das waren sie alle. Er erlebte dies nicht zum ersten Mal. Kaum hatte Jean den Kopf in die Ausbuchtung gelegt, stemmte ihm Tankret sein Knie in den R�cken, packte die blonde Per�cke, riss sie hinab und schleuderte sie von sich, um dann nach den echten Haaren des Jungen zu greifen. Er bog Jean den Kopf weit in den Nacken, zog den Dolch und schnitt dem Knaben tief in die Kehle. Ein Strom von Blut spritzte hervor und ergoss sich in das Badewasser, wo es in Wirbeln in schauriger Harmonie mit den Rosenbl�ttern tanzte.</p><p>Der Junge brachte keinen Ton hervor. Tankret lie� ihn wie ein St�ck Vieh ausbluten.</p><p>Cabezan aber lehnte sich im Wasser zur�ck und seufzte zufrieden. �Wei�t du, Balduin, die Alchemisten faseln vom Wasser des Lebens und suchen seit Jahrhunderten mit gr��ter Verbissenheit nach diesem wundersamen Elixier. Dabei ist es so leicht zu finden! Das Wasser des Lebens rinnt durch unsere Adern. Es ist Blut.</p><p>Junges Blut vermag all meine Leiden besser zu lindern als jede Paste oder Tinktur, die je ein Quacksalber auf meine Haut aufgetragen hat.�</p><p>�Wenn Ihr es sagt, Majest�t.� Balduin k�mpfte gegen �belkeit an. Wie sehr er dieses Ungeheuer verachtete! Aber er wagte es nicht, seine Hand gegen Cabezan zu erheben oder sich zu verschw�ren. Dutzende hatten das schon versucht, und alle waren sie gescheitert.</p><p>�Du siehst wirklich nicht gut aus, Balduin. Du solltest auch in dieses Bad steigen.</p><p>Nat�rlich erst, nachdem ich es verlassen habe. Tankret tut es auch manchmal. Die Kraft des Blutes gl�ttet und verj�ngt deine Haut. Und sie st�rkt deinen K�rper. Wenn du es �ber dich bringst, etwas von dem Wasser zu trinken, dann wirst du merken, wie es auch deine Ged�rme und deine Leber st�rkt. Kinderblut ist wahrlich ein Allheilmittel!�</p><p>�Ich wei� nicht�... �, brachte Balduin unter M�hen hervor. In Wahrheit wusste er es ganz genau! Er wollte sich nicht noch tiefer in die Verbrechen seines K�nigs verstri-cken. �Ich denke, es war nicht klug, ausgerechnet Jean zu t�ten. Seine Schwester wird seine Briefe erwarten�... �</p><p>Cabezan winkte ab und drehte sich wie ein Aal im blutigen Wasser. Mit beiden H�nden schlug er es sich ins Gesicht, damit es jeden Flecken seiner kranken Haut benetzte. Balduin sah mit Schrecken, wie der K�nig tats�chlich davon trank! Er gurgelte es in der Kehle.</p><p>�Du wirst die Briefe schreiben, Balduin�, sagte er schlie�lich. �Der Junge konnte ohnehin nur ein paar Heiligennamen schreiben. Sie hat noch nie einen Brief von ihm bekommen. Also male die Buchstaben sehr ordentlich, so wie es Kinder tun, und schreibe ihr, wie sch�n das Leben bei Hof ist.�</p><p>�Aber wenn sie misstrauisch wird? Ich wei� fast nichts �ber die beiden. Ich k�nnte kaum eine Frage nach ihrer Vergangenheit beantworten.�</p><p>Der K�nig schenkte ihm ein blutiges L�cheln. �Ich ver traue ganz deinem Einfallsreichtum, Balduin. Du machst das schon. Ich wei�, wie sehr dir daran gelegen ist, mich nicht zu entt�uschen.�</p><p>Der Hofmeister verneigte sich. �Darf ich nun gehen, Majest�t?�</p><p>�Du darfst dich auskleiden.�</p><p>Eisiger Schrecken fuhr ihm durch die Glieder. �Ich ...�</p><p>�Sch�mst du dich? Ich halte es schon aus, den ausgemergelten K�rper eines alten Mannes zu sehen. Er wird nicht schlimmer aussehen als meiner.�</p><p>�Ich � Danke, aber ich ��</p><p>�Mein lieber Freund, ich m�chte, dass du nach mir in dieses Bad steigst. Es wird dir guttun. Ich wei� es. Manchmal muss man gute Freunde zu ihrem Gl�ck zwingen.</p><p>Tankret wird mir dabei gewiss behilflich sein, wenn mein Zureden allein nicht hilft.�</p><p>Der Leibw�chter bedachte Balduin mit einem geh�ssigen L�cheln. Ihre Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.</p><p>�Du warst mir immer ein guter Berater, Balduin. So gut, dass ich mir meinen Hof nicht ohne dich vorstel en kann. Also werde ich mich um deine Gesundheit k�mmern. Ein kleines Blutbad wird dich kr�ftigen. Vertrau mir.�</p></section><section><title><p>Die Botschaft</p></title><p>Nikodemus dr�ngte sich zwischen den Grauh�uten hindurch. Er war froh, dem Tunnel entronnen zu sein. Ihm kam dieses Tal nicht gut vor. Er war schon in anderen Oasen im verbrannten Land gewesen. Aber keine war wie diese hier! Es war ein unheimlicher Ort. Ein Ort, an dem die Vergangenheit nicht ruhen wollte.</p><p>Er blickte hin�ber zu der Festung in der weiten Felsnische. Zu den Lichtern. Drei der Fenster waren erleuchtet. Und es gab noch ein viertes Licht. Im Felsboden vor der Festung.</p><p>Es gab nur einen einzelnen Albenpfad hier. Der Lutin hatte eine Karte der magischen Pfade im Kopf. Seine Sippe hatte sie gefertigt. Es war eines ihrer Geheimnisse. Sie kannten das Goldene Netz besser als jeder andere. Zu oft mussten sie dorthin fliehen.</p><p>Nikodemus wusste, dass es hier nur einen einzigen Albenpfad gab. Er schnitt l�ngs durch das Tal. Mitten durch die unheimliche Pyramide. Theoretisch konnte man an einer beliebigen Stelle einen Albenpfad verlassen. Aber es zu tun, war der blanke Leichtsinn. Daf�r waren sie nicht geschaffen. Man brauchte einen Schnittpunkt. Und je mehr Pfade sich an einem Punkt kreuzten, desto besser! Durch einen Stern zu gehen, der nur aus zwei Linien gebildet wurde, war ebenfalls gef�hrlich. Man mochte einen Sprung durch die Zeit machen oder sogar ganz verlorengehen. Kein Lutin, der etwas auf sich hielt, w�rde einen Albenstern nutzen, an dem sich weniger als vier der magischen Pfade kreuzten.</p><p>Nikodemus blickte zweifelnd zu den Lichtern. Skanga und ihre H�scher konnten noch nicht hier sein. Es war kaum einen Tag her, dass das Amulett verschwunden war.</p><p>Andererseits, sie war Skanga, die m�chtigste Schamanin aus dem Volk der Trolle. Wer wusste schon, �ber was f�r dunkle Kr�fte sie gebieten mochte, von denen er keine Ahnung hatte?</p><p>Emerelle wandte sich ihnen zu. �Dort dr�ben ist unser Nachtlager. Folgt mir!� Mit weiten Schritten betrat sie den Weg, der entlang der Bergflanken hin�ber auf die andere Seite f�hrte. Im Sternenlicht konnte man ihn nur undeutlich erkennen. Es lag noch mindestens eine halbe Stunde Fu�marsch vor ihnen, sch�tzte Nikodemus.</p><p>Der Lutin musste laufen, um zu der Elfe aufzuschlie�en. Die �brigen Kobolde folgten.</p><p>Sie waren fast am Ende ihrer Kr�fte. Emerelle verlangte ihnen zu viel ab!</p><p>Wieder blickte er zu den Lichtern in der Festung. Erwartete Skanga sie dort?</p><p>Endlich erreichte er die K�nigin. �Herrin, auf ein Wort.� �Nicht jetzt!� Sie sagte es freundlich, aber bestimmt. �Aber ...�</p><p>�Nicht jetzt, Nikodemus! Ich muss all meine Sinne offen halten und auf das Tal lauschen. Ich kann jetzt nicht reden. Sp�ter.�</p><p>Auf das Tal lauschen? Die Elfe beschleunigte ihre Schritte noch einmal, und er gab den Versuch auf, mit ihr Schritt halten zu wollen. Was f�rchtete sie? Konnte sie Skanga sp�ren? Oder wartete etwas anderes in der Festung auf sie? War es hier so gef�hrlich, dass man in einer Festung �bernachten musste?</p><p>Der Lutin blickte auf das Tal hinab. Seltsame Laute drangen aus dem Wald. Waren das Tiere? Was f�r Gesch�pfe lebten hier? Er hatte die Grauh�ute viel �ber Geister reden h�ren. Gab es sie wirklich? Wenn ja, dann war das hier ein Platz, den Geister lieben w�rden. Wieder dachte er, dass dies ein Ort war, an dem die Vergangenheit nicht ruhen wollte.</p><p>Er sah Emerelle nach. Sie trug keine Waffe. Sie trug nicht einmal mehr ordentliche Kleider. War sie verr�ckt geworden? Madra war anderer Meinung gewesen. Mit jedem Tag, den sie in Gesellschaft der Elfe verbracht hatten, hatte er vor Emerelle mehr Respekt gewonnen. Zuletzt war er der �berzeugung gewesen, dass sie auf einer gro�en Suche war und dass es sich auf jeden Fall lohnen w�rde, in ihrer N�he zu sein, wenn sie fand, wonach sie suchte. Was das war, hatte der Troll nicht benennen k�nnen.</p><p>Er vermisste Madra. Dieser riesige Trottel. Er h�tte einfach in der H�hle bleiben k�nnen, statt noch einmal hinaus in den Drachenatem zu laufen. Er hatte sie alle gerettet, dessen war sich Nikodemus sicher. Emerelle h�tte es nicht mehr bis zur H�hle geschafft. Aber Madra hatte das nicht wissen k�nnen. Bestimmt nicht! Es war nur seine Dickk�pfigkeit gewesen, die ihn hinausgetrieben hatte�... Oder hatte er doch etwas geahnt?</p><p>�Ich vermisse dich, mein Freund�, murmelte er leise. Es auszusprechen, machte es leichter, seine Trauer zu ertragen. Dass er einen Troll Freund nannte�... Er wurde noch sentimental. Ein Kommandant konnte sich so etwas nicht leisten. Er war seinem Bruder verpflichtet und der gro�en Erhebung der Kobolde. Und nicht einem Troll...</p><p>Er hatte neben Madras Leiche einen Hosenknopf gelegt. Er hatte nichts anderes gehabt, worauf er verzichten konnte. Und ohne den Knopf, nur vom G�rtel allein gehalten, hatte er nun dauernd das Gef�hl, seine Hose w�rde ihm noch w�hrend der n�chsten paar Schritte bis zu den Kn�cheln herabrutschen. Immer wieder packte er sich an den Hosenbund und zog sie hoch. Das war den Grauh�uten auch schon aufgefallen, und sie machten Spa�e �ber ihn. Den Knopf als Andenken bei Madra zu lassen, war wirklich eine verr�ckte Idee gewesen. Auf diese Weise w�rde er ihn ganz gewiss so schnell nicht vergessen, dachte Nikodemus, und zog die Hose wieder hoch.</p><p>Der Elf, Ollowain, lief an ihm vorbei und eilte an Emerelles Seite. Die Grauh�ute lie�en sich Zeit. Sie waren ersch�pft, ja, aber sie gingen mutwillig immer langsamer. Er konnte sie verstehen. Gewiss dachten sie, dass doch die beiden Riesen nachsehen sollten, wer die Lichter in der Festung entfacht hatte.</p><p>Nikodemus begann auch zu laufen. Wenn er seinen Namen gro� machen wollte, dann musste er vorne dabei sein. Madra war tot. Wer sollte jetzt bezeugen, dass er je einen Troll geritten hatte? Er brauchte eine neue Heldentat. Vielleicht k�nnte er Emerelle das Leben retten? Sein Bruder w�rde das nicht sch�tzen, aber von so einer Tat w�rde man sich noch in hundert Jahren erz�hlen.</p><p>Heute Morgen noch war ihm egal gewesen, was mit Emerelle geschah. Ja, er hatte herbeigesehnt, dass Skanga schnell k�me, damit die Qu�lerei und die endlosen M�r sehe endlich ein Ende h�tten. Aber die schwarze Br�cke hatte ihm die Augen ge�ffnet.</p><p>Dort hatte er begriffen, was k�niglich war. Emerelle mochte die Grauh�ute nicht, dessen war er sich ganz sicher. Niemand mochte sie! Und dennoch hatte sie sie �ber den Abgrund getragen.</p><p>Die Festung war weniger als f�nfzig Schritt entfernt, als die beiden Elfen anhielten und sich berieten. So konnte er zu ihnen aufschlie�en. Au�er Atem erreichte er sie.</p><p>�Leise�, zischte Ollowain ihn an. �Was willst du hier?�</p><p>�Ich muss mit Emerelle reden. Es ist...�</p><p>�Nicht jetzt!� Sie selbst hatte geantwortet. �Wenn du mitkommen willst, dann sei leise.</p><p>Falrach, du gehst zuerst hinein!�</p><p>Der Elf zog seinen Dolch. �Mein Schwert ist mir leider abhanden gekommen. Das wird��</p><p>Emerelle legte ihm die Hand auf den Waffenarm. �Steck ihn weg. Du brauchst keine Waffen. Du bist die Waffe!�</p><p>Er l�chelte melancholisch. �Das war Ollowain.�</p><p>�Das gilt auch f�r dich. Vertraue dir.� Sie gab ihm einen Kuss. Kurz, aber leidenschaftlich. �Ich vertraue dir, Falrach.�</p><p>Nikodemus fand das alles im h�chsten Ma�e befremdlich. Elfen waren eindeutig schwerer zu verstehen als Trolle. Ganz besonders diese beiden. Er hatte das Gef�hl, dass viel Ungesagtes zwischen den beiden schwang. Als Falrach ging, wirkte er irgendwie gr��er. Es war aberwitzig, das wusste Nikodemus. Aber der Kuss und die Worte hatten ihn irgendwie wachsen lassen.</p><p>Schweigend sahen sie ihm nach, bis er hinter den Ruinen verschwand.</p><p>�Willst du immer noch mit?�, fragte Emerelle leise. Nikodemus nickte und hoffte, dass sie keine weiteren Fragen stellen w�rde. Es w�re ihm schwergefallen, seine Beweggr�nde zu erkl�ren. Wenn er sagte, dass er ein Held sein wollte, dann h�tte sie ihn vermutlich bel�chelt. �Herrin, Skanga wird kommen. Sie wei�, wo wir sind.�</p><p>Die Elfe nickte. �Du hast sie also benachrichtigt.� �Es war keine Absicht.�</p><p>�Und jetzt willst du mit mir gehen und dich wom�glich in Gefahr begeben.�</p><p>Er nickte. �Ja, das will ich.�</p><p>�Ihr Lutin seid ein sehr seltsames Volk, Nikodemus. Sehr seltsam.� Sie sah zu den Grauh�uten. Sie waren ein ganzes St�ck entfernt stehen geblieben und warteten, was geschehen w�rde. �Skanga kann nicht schneller hierher gelangen als wir. Der n�chste Albenstern, den sie ohne Gefahr durchqueren kann, ist eine Woche Fu�marsch entfernt. Und auch sie muss den Drachenatem �berwinden. Wir sind hier sicher. F�r eine kurze Zeit zumindest. Das da vorn ist nicht sie. Sie m�sste frei durch die Albenpfade und das Nichts streifen k�nnen, um so schnell hierherzu-gelangen. Das vermag nicht einmal sie.�</p><p>Das lie� sich nicht von der Hand weisen, dachte Nikodemus, und dennoch f�hlte er sich nicht viel besser. Sie war schlie�lich Skanga. Vielleicht fand sie einen Weg.</p><p>�Willst du immer noch mit? Und wem geh�rt eigentlich deine Loyalit�t?�</p><p>Nikodemus nahm sich ein wenig Zeit, die Frage zu bedenken. Seltsamerweise bedr�ngte ihn Emerelle nicht.</p><p>�Meine Loyalit�t geh�rt mir�, sagte er schlie�lich.</p><p>Die Elfe l�chelte. �Wahrhaft die Antwort eines Lutin. Wollen wir gehen?�</p><p>�Ja.� Das Wort kam ein wenig z�gerlich. Hatte er seinen Mut �bersch�tzt? Er folgte der Elfe. Bald hatten sie die alte Festung erreicht. Drohend ragten die Mauern �ber ihnen auf. Der Boden war bedeckt mit Gesteinstr�mmern und trockenem Vogelkot, der unter seinen Sohlen leise knisterte. Emerelle hingegen bewegte sich v�llig lautlos. Sie war wie ein Schatten.</p><p>Das Festungstor lag seitlich hinter einem vorkragenden Turm, so dass es von der Terrasse beim Tunnel nicht zu sehen gewesen war. Die hohen Pforten standen offen.</p><p>Die T�rfl�gel schimmerten, als seien sie aus lauterem Gold geschaffen. Reiter, die auf Pegasi einen fliegenden Drachen begleiteten, schm�ckten das Tor.</p><p>Nikodemus� Fell str�ubte sich. Der ganze Ort war von m�chtiger Magie durchdrungen.</p><p>Einige der Zauber waren gewoben, um dem Verfall entgegenzuwirken. Andere st�rkten die Mauern oder erhielten die Leuchtkraft der Malereien, die die W�nde des Innenhofs schm�ckten.</p><p>Die Flanken des Hofs waren von St�llen ges�umt. Waren hier einmal Pegasi untergebracht gewesen? Stellte man gefl�gelte Pferde in St�lle?</p><p>Emerelle sah sich nicht um, sondern ging zielstrebig auf die andere Seite des Hofes zu.</p><p>Ein von S�ulen getragenes Vordach verwehrte den Blick auf den Eingang zum massigen Bauwerk. Hoch �ber dem Hof lag ein Fenster, aus dem warmes, bersteinfarbenes Licht fiel.</p><p>Nikodemus hatte das unbestimmte Gef�hl, dass Emerelle diesen Ort kannte. Sie eilte die weiten Treppenstufen zum Vordach hinauf und verschwand im tiefen Schatten.</p><p>Der Lutin hatte Schwierigkeiten, die Treppe zu bew�ltigen. Hier hatten keine Kobolde gewirkt, so viel war sicher. Die Stufen zu erklimmen, war ein Kraftakt. Und nirgends gab es eine Rampe oder eine Treppenflucht mit flacheren Stufen. Wer hier wohl einst den Elfen den Arsch nachgetragen hatte, dachte er geh�ssig.</p><p>Im Schatten des S�ulendachs wartete niemand auf ihn. Nach kurzer Suche fand er den Eingang zum Hauptgeb�ude. Er lag in einer Achse mit dem Tor auf dem Hof. Seine Schritte hallten unnat�rlich laut, als er eintrat. Er hatte das Gef�hl, in einem sehr gro�en Raum zu stehen. Aber es gab kein Licht. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen.</p><p>Ein trockener, staubiger Geruch hing in der Luft. Sollte er nach Emerelle rufen? Wo steckten die beiden?</p><p>Seine Augen gew�hnten sich einfach nicht an die Dunkelheit. Es war, als l�ge ein Zauber auf diesem Turm, der ihn verbergen sollte. Was f�r eine hirnverbrannte Idee, mit diesen beiden Elfen mitzuziehen. Er h�tte es besser wissen m�ssen. Wenn es hart auf hart kam, durfte man sich als Kobold niemals auf Elfen verlassen. Die dachten an das kleine Volk stets zuletzt, wenn �berhaupt.</p><p>Vielleicht sollte er umkehren? Aber dann w�rde er vor den Grauh�uten wie ein Feigling dastehen. Das kam nicht infrage! Mit ausgestreckten H�nden tastete er sich vorw�rts. Auf dem Boden lag Ger�ll. Aber auch andere Dinge waren dort. Einmal knirschte etwas metallisch, als er daran stie�. Dann trat er auf einen dicken Teppich.</p><p>Beklommen sah er zur�ck. Jetzt konnte er auch den Eingang nicht mehr entdecken.</p><p>Was war das? Das Tor zum Hof, in den Sternenlicht fiel, h�tte sich deutlich gegen die Finsternis dieser Halle abzeichnen m�ssen.</p><p>Irgendwo knirschte etwas. Nikodemus hielt den Atem an. Er war hier nicht allein! Das Ger�usch war von links gekommen. Also w�rde er nach rechts ausweichen. Er machte einen Schritt, dann noch einen � Da wurde er gepackt und hochgehoben!</p><p>Er versuchte seinen Angreifer zu bei�en, doch eine starke Hand dr�ckte ihm die Schnauze zu. �Vor dir war ein Loch im Boden.�</p><p>Das war die Stimme des Verr�ckten, der nicht l�nger glaubte, Ollowain zu sein.</p><p>�Du bist nicht in Gefahr.�</p><p>�Wo ist Emerelle?�</p><p>�Sie ist nach oben gegangen.�</p><p>Wie er sich gedacht hatte. Elfen scherten sich einen Dreck um Angeh�rige des kleinen Volkes.</p><p>�Sie hat mich geschickt, dich zu holen.�</p><p>Nikodemus knurrte leise. Na gut, <emphasis>meistens</emphasis> scherten sich Elfen einen Dreck um Kobolde. �Warum ist es hier so verflucht dunkel?�</p><p>�Wegen all der Toten�, sagte der Elf niedergeschlagen. �Es war keine Zeit, sie zu bestatten. Deshalb wurde dieser Zauber gewirkt, um sie vor den Blicken zu verbergen.�</p><p>Nikodemus �berlegte, ob es wohl sehr kaltherzig w�re, nachzufragen, von was f�r Toten hier die Rede war. Und vor allem, was sie umgebracht hatte. Indessen trug Falrach ihn lautlos durch die Halle. Es war dem�tigend, wie ein kleines Kind herumgetragen zu werden! Aber er hielt die Schnauze. Fragte nicht nach Toten und beschwerte sich auch nicht. Elfen waren einfach zu empfindlich, um mit ihnen vern�nftig reden zu k�nnen.</p><p>Es war, als sto�e man mit dem Kopf durch die Oberfl�che eines Gew�ssers, so pl�tzlich �nderte sich das Umfeld. Es war noch dunkel, aber vor ihnen fiel ein warmer Lichtschein durch eine Zimmert�re. Sie befanden sich auf einem Flur. Und endlich setzte Ollowain ihn ab!</p><p>�Dort vorne ist Emerelle�, sagte der Elf und deutete auf die erleuchtete T�r.</p><p>Nikodemus sog misstrauisch witternd die Luft ein. Sie war trocken. Auch hier roch es nicht nach Verfall. Nur nach Magie. Vorsichtig n�herte er sich der T�r. Sie war eine von mehr als einem Dutzend an dem Flur. Jede der T�ren sah anders aus. Sie waren mit Intarsien geschm�ckt oder aus verschiedenfarbigen H�lzern gearbeitet. Nur eine einzige stand offen.</p><p>Das Zimmer, in dem Emerelle sich befand, war ger�umig, aber nicht riesig. Ein Elf h�tte wohl gesagt, dass es exquisit eingerichtet war. Sie mochten leere Zimmer, in denen nur wenige M�bel und einzelne Kunstwerke standen. Hier gab es ein schmales, recht unspektakul�res Bett. Einen Tisch mit geschwungenen Bronzebeinen und einer Platte aus gr�nem Stein. Daneben ein Ding, das halb Stuhl und halb Bank war, mit einem hohen R�ckenteil. Es sah h�bsch aus und ungem�tlich.</p><p>Eine meergr�ne Lacktruhe mit aufgemalten, springenden Delfinen rundete die Einrichtung ab. Ein langer Schild mit Kampfspuren zierte die Wand. Dahinter eine Lanze. An anderer Stelle hingen gekreuzte Schwerter. Auf dem Tisch stand eine Steinskulptur, die eine abstrakte, sich windende Form zeigte, ohne dass man benennen konnte, was genau sie darstellte. Von dem Stein ging das Licht aus. Nikodemus hatte �hnliche Steine schon zuvor gesehen.</p><p>Barinsteine nannten die Elfen sie. Mit welcher Magie man Licht in sie hineinbekam, wusste der Lutin nicht. Sie waren selten. Und ihr Licht strahlte �ber Jahrhunderte, wenn es einmal entz�ndet war.</p><p>Emerelle ging gedankenverloren in dem Zimmer auf und ab. Dabei lie� sie die H�nde �ber die sp�rlichen M�bel gleiten. Die Art, wie sie sich bewegte und wie ihre Finger z�rtlich �ber die glatten Oberfl�chen strichen, strahlten eine stumme Trauer aus, die Nikodemus nicht mit Fragen zu st�ren wagte.</p><p>Der Lutin sah zu Ollowain, der an der T�r verharrte. Der Elf machte eine fl�chtige Geste in Richtung des Tischs.</p><p>Nikodemus z�gerte kurz. Er hatte Sorge, dass jede Bewegung Emerelle st�ren k�nnte.</p><p>Doch dann siegte seine Neugier. Er stieg auf das seltsame Sitzm�bel. Auf dem Tisch lag ein St�ck Pergament. Es war vergilbt und augenscheinlich schon sehr alt. Aber statt Fragen zu beantworten, warf es nur neue auf. Zwei Zeilen in geschwungener, altert�mlicher Schrift standen dort.</p><p><emphasis>Ich wei�, du wirst hierherkommen, Emerelle. Ich erwarte dich beim Drachenthron.</emphasis></p></section><section><title><p>Die Taten der Vergangenheit</p></title><p>Emerelle bewegte sich vorsichtig �ber den Kiesweg. Es erinnerte sie an ihre Kindheit.</p><p>Ihre Mutter hatte ein Spiel daraus gemacht, ob sie es schaffte, lautlos �ber einen Kies weg zu gehen. Damals, als Kind, hatte Emerelle keine Ahnung gehabt, wie wenig Spiel das in Wahrheit war. Ihre Mutter hatte sie auf eine Jugend voller Fluchten vorbereitet, denn Nandalee hatte gewusst, dass sie kommen w�rden. Jene �berm�chtigen Feinde, die Herren der Welt.</p><p>Dieser Kiesweg war in erstaunlich gutem Zustand, wenn man bedachte, wie lange er nicht mehr gepflegt wurde. Alles in diesem Tal war von der Magie der Drachen durchdrungen. Der Garten war einmal f�r die Ewigkeit angelegt worden. Es war ehrfurchtgebietend, zu sehen, wie die Drachenmagie im Duell mit Zeit und Natur Bestand bewahrt hatte. Emerelle hatte Zweifel, dass sie Schutzzauber von �hnlicher Macht wirken k�nnte. Der Kiesweg f�hrte durch einen Dschungel. Dazu war der gro�e Garten inzwischen geworden. Rechts und links des Weges hatten sich B�schungen aus neuer, tiefschwarzer Erde gebildet. Das Resultat eines jahrtausendelangen Zyklus aus Vergehen und Wiedererstehen. Kaum eine Wurzel hatte den Kiesweg durchbrochen.</p><p>Nur an wenigen Stellen lagen verfaulende Bl�tter oder spross ein Grasb�schel. Es war genug, um sich m�helos ohne ein Ger�usch �ber den Weg aus schneewei�en Kieseln zu bewegen. Und doch war er immer noch ein Zeugnis der Drachenmacht.</p><p>Emerelle hatte Falrach und Nikodemus zur�ck zu den Grauh�uten gebracht. Die Festung war sicher. F�r eine Nacht w�rde sie den Grauh�uten ein gutes Quartier bieten. Die Elfe hatte ihren beiden Gef�hrten nicht gesagt, wohin sie gehen w�rde, aber sie ahnten es gewiss. Die wei�e Pyramide beherrschte das ganze Tal. Es war offensichtlich, dass man den Drachenthron dort finden w�rde. Und Emerelle wusste genau, wer sie darauf erwartete.</p><p>Die Ger�usche des Dschungels drangen auf sie ein. Das Zirpen von Insekten, die Balzrufe eines Affen. Einmal das schrille Klagen einer Nachtschwinge. Es roch nach Morast, nach verfaulenden Bl�ttern und dann wieder nach schweren Bl�ten.</p><p>Der See, der nahe der Pyramide lag, hatte seine Uferbefestigungen gesprengt. Er griff hinaus in den Park. Seine streng abgezirkelten Grenzen waren verschwunden. Auf einer neuen Insel stand ein einzelner Mangobaum. Der Duft seiner Fr�chte �berlagerte jeden anderen Geruch.</p><p>Jemand hatte Trittsteine in das flache Wasser gelegt. Sie f�hrten zum Eingang der Pyramide, jenem gewaltigen Tor, das sich weit vor der Pyramide erhob. Ein Tor, das gro� genug war, einen Sonnendrachen zu verschlucken.</p><p>Die Pyramide war ein k�nstlich erschaffener Berg. Die Idealform eines Berges! Einst hatten die Urahnen der Drachen in gro�en H�hlen gelebt. Zuletzt aber hatten sie sich ihre Berge und H�hlen selbst erschaffen. Sie hatten Landschaften geformt, und wer ein kundiges Auge hatte, der vermochte das Wirken der Drachen auch nach vier Jahrtausenden noch an vielen Orten Albenmarks zu erkennen.</p><p>Vorsichtig setzte Emerelle den Fu� auf den ersten Trittstein. Das Wasser verstr�mte einen Modergeruch. Nicht weit entfernt sah sie zwei Krokodile am Ufer liegen und d�sen. In ihrer neuen Heimat w�rden die Grauh�ute nicht nur als Traumf�nger k�mpfen m�ssen. Hier erwarteten sie auch greifbare Gefahren. Emerelle dachte an all die Geschichten, die sie �ber den Jadegarten geh�rt hatte. Krokodile waren nicht das einzige �bel, das man hier f�rchten musste.</p><p>Siebzehn Trittsteine f�hrten �ber den seichten See bis zum Eingang der Pyramide. Die Kraft der Erdbeben, deren Zeugnisse sich allerorten im Tal fanden, war auch hier un�bersehbar. Risse fanden sich im bleichen Mauerwerk des flachen Bauwerks mit seinen st�mmigen S�ulen. Schmutzschlieren zogen sich �ber den Boden des Eingangs und �ber die weite Rampe, die in die Tiefe f�hrte. Drachen mochten keine Treppenstufen. Wege, die auch sie benutzten und die ein Gef�lle �berbr�ckten, waren stets als Rampen angelegt worden. Deshalb lag der Eingang fast zweihundert Schritt vor der Pyramide. Die Rampe f�hrte in sanftem Gef�lle zum Thronsaal, der tief unter dem Prachtbau lag.</p><p>Als Emerelle zwischen den S�ulen hindurchtrat, fr�stelte es sie. Die Geschichte schien hier stillzustehen. Weihrauchduft lag in der Luft. Die Fresken an den W�nden erstrahlten in so �ppigen Farben, als seien sie eben erst vollendet worden. Sie zeigten einen gewaltigen Sonnendrachen, dessen Fl�gel mit bunten Mustern fast wie bei einem Schmetterling bedeckt waren. So sehr Trolle Metalle verabscheuten, Drachen hatten sie geliebt. Der Drache auf dem Bild trug Schmuck. Goldringe durchbrachen die R�nder seiner Fl�gel. Pr�chtige Reife umfassten seine F��e. In die t�dlichen Krallen waren komplexe Spiralmuster graviert. Sie waren eitel gewesen!</p><p>An den W�nden des Gangs, der mit leichter Neigung abw�rts f�hrte, leuchtete das warme Licht von Bannsteinen. Zum Weihrauchduft mischte sich nun auch der Gestank brackigen Wassers.</p><p>Emerelle beschleunigte die Schritte und verschloss sich den Bildern. Sie hatte diese Zeit tief in ihrem Herzen begraben. Die Schrecken der Drachenkriege, den Tod ihrer Mutter und Fairachs, all das war um sie herum nun wieder lebendig. Der Schrecken und der Glanz des Zeitalters, in dessen h�chste Bl�te sie hineingeboren war.</p><p>Der Gang �ffnete sich in eine weite Halle. Wuchtige S�ulen erhoben sich, um eine Decke zu tragen, die weit �ber ihr in der Dunkelheit verborgen blieb. Wasser war in die Halle eingedrungen. Das Licht dreier Feuer, die in goldenen R�ucherpfannen brannten, brach sich im makellosen Schwarz seiner Oberfl�che. Blaugrauer Rauch schwebte in dichten Schwaden �ber dem Wasser.</p><p>Inmitten des �berfluteten Saals erhob sich eine flache Insel aus dem Wasser. Der Drachenthron. Leichte Vertiefungen waren in die steinerne Insel eingearbeitet. Sie war vollkommen auf die K�rperma�e des K�nigs angepasst worden. Dort hatte er einst gelegen, halb zwischen Tr�umen und Wachen. Er hatte G�rten ersonnen und k�nftige Schlachten im Krieg gegen die Devanthar �berdacht.</p><p>Jetzt wartete auf dem Drachenthron die Gazala. Sie hatte ihre schlanken Gazellenbeine nach hinten gestreckt und st�tzte sich auf ihren Handfl�chen ab. Den Oberk�rper zur�ckgebogen, das Kinn herausfordernd vorgestreckt, hatte sie etwas zutiefst Animalisches. Gewundene H�rner wuchsen aus ihrer Stirn und kr�mmten sich in weitem Bogen ihrem R�cken entgegen. Die Gazala war nackt. Sie hatte sich allein in Farben gekleidet. Verschlungene Muster in Wei�, Scharlachrot, Dunkelblau und hellem Grau bedeckten ihren gebr�unten Leib. Ihre Augen waren geschlossen.</p><p>Weihrauch umspielte sie.</p><p>Emerelle war sich sicher, dass die Gazala wusste, dass sie eingetroffen war. Sie war eine Seherin. Viel zu klug und begabt. Sie und ihre Schwester waren einst eine Gefahr gewesen. Es war besser, wenn die Zukunft ungewiss blieb. Firaz und Samur aber hatten sie jedem entbl��t. Auch wenn sie, nach Art der Orakel, manches Mal in viel-deutigen Versen sprachen, so mochte der Kluge in ihren Worten doch stets die Wahrheit zu finden.</p><p>�Willkommen, gefallene K�nigin!� Die Stimme der Gazala war durchdringend. Es war eine von jenen dunklen, leicht rauchigen Frauenstimmen, die Emerelle stets ein unangenehmes Gef�hl bereiteten. Es war eine Stimme, die einen durchdrang. Deren Worte tief im Inneren vibrierten.</p><p>Emerelle trat in das Wasser. Es war warm. Der Schmutz gab ihm eine schlammige, weiche Dichte. Es streichelte �ber ihre Beine. Ihre Zehen gruben sich in weiches Sedi-ment. Ihre Schritte lie�en dunkle Wolken unter der Wasseroberfl�che aufsteigen.</p><p>Sie sp�rte eine fl�chtige Ber�hrung. Etwas hatte kurz ihre Wade gestreift. Die Elfe zwang ihren Ekel nieder und ging weiter.</p><p>�Blutegel, Wasserratten, Schlangen und eine Vielzahl von W�rmern und kleinen Insekten.� Die Worte bohrten sich in ihre Eingeweide.</p><p>Emerelle hatte sich in Gedanken gefragt, was in diesem Wasser lebte. Aber sie hatte es nicht wirklich wissen wollen! So war sie schon fr�her gewesen. Gerne hatten Firaz und ihre Schwester Samur mehr Wahrheiten ausgesprochen, als man wissen wollte.</p><p>Bis zu den H�ften reichte Emerelle nun das Wasser, und der Boden war immer noch leicht absch�ssig. Wie tief war es? Die Elfe blickte auf, doch diesmal schwieg die Seherin. Firaz hockte sich hin. Wegen der Gazellenbeine sah es seltsam aus. Die Winkel, in denen sie die Gelenke knickte, schienen nicht zu stimmen.</p><p>�Du solltest der Silberschale neben deinem Thron nicht zu sehr vertrauen. Sie ist nicht aufrichtig. Sie zeigt nur die dunkle Seite der Zukunft.�</p><p>�Ich wei߫, entgegnete Emerelle.</p><p>�Und von mir erhoffst du dir eine Antwort zu Ollowain. Ausgerechnet von mir, die du mich vor mehr als drei�ig Jahren verbannt hast. An einen Ort, an dem au�er mir niemand lebt. Drei�ig endlose Jahre kam niemand, um mich nach der Zukunft zu fragen.�</p><p>Emerelle blieb stehen. Sie hatte sich der Gazala auf etwa sieben Schritt gen�hert. Das tr�be Wasser reichte ihr nun bis zu den Br�sten. �Allein wirst du in Zukunft jedenfalls nicht mehr sein�, entgegnete die Elfe. �Das Volk der Grauh�ute wird von heute an im Jadegarten leben.�</p><p>�Sie werden mich nicht st�ren�, erwiderte die Gazala mit einem eigenartigen L�cheln.</p><p>�Ich hasse dich, Emerelle, denn du hast mein Leben zerst�rt. Aber dies ist ein Orakel, und du hast eine weite, gefahrvolle Reise gemacht, um hierherzukommen. Ich werde dir eine Frage beantworten. Nur eine einzige! W�hle gut!�</p><p>Emerelle musste nicht �berlegen. Die Gazala wusste ja bereits, wonach sie fragen w�rde. �Wie kann ich Olowain zur�ckholen?�</p><p>Firaz sah sie durchdringend an. Ihre Augen waren von einem warmen, hellen Braun. Ihre Iris f�llte das ganze Auge. Kein Wei� war zu sehen.</p><p>Die Elfe f�hlte sich unter dem Blick unbehaglich. Etwas stimmte nicht.</p><p>Firaz stieg ins Wasser. Sie kam zu ihr. Sie trat so nah an sie heran, dass Emerel e den Atem der Gazala auf dem Gesicht sp�ren konnte. �Ich habe dich viele Jahre lang tief gehasst, denn du hast mein Leben zerst�rt. Und das nur, weil ich tat, was mir bestimmt war. Mein Hass hat mich dazu verf�hrt, deine Zukunft zu erkunden. Deshalb wusste ich, dass du kommen wirst. Und ich wusste, was du fragen wirst. Ich sage dir das alles, damit du mir glaubst, wenn ich dir jetzt antworte. Meinen Hass habe ich lange abgelegt. Ebenso meine Furcht um den Tod. Denn ich wei� schon seit langem, wann ich sterben werde und wie es geschehen wird. Als junge Frau war ich so dumm, meine Schwester danach zu fragen. Sie hat mir ehrlich geantwortet. Seitdem liegt der Schatten des Todes, den andere erst sp�ren, wenn ihr Ende naht, �ber meinem Leben.�</p><p>Emerelle hatte das Gef�hl, dass Firaz zu lange allein gewesen war. Ihre Rede erschien ihr wirr. Aber sie war ein Orakel. Und alle Orakel waren daf�r ber�chtigt, keine klaren Antworten zu geben. Sie beherrschte sich, die Gazala nicht zu unterbrechen.</p><p>�Ich wei�, deine Liebe zu Ollowain ist unerf�llt. Trotzdem fragst du nach ihm�...</p><p>Falrach k�nnte dir alles geben, wonach du dich sehnst.� Sie l�chelte. �Aber du greifst immer nach dem Unerreichbaren. Das ist dein Schicksal. Doch nun zu deiner Frage.</p><p>Wie du Ollowain zur�ckholen kannst, kann ich dir nicht sagen.�</p><p>Emerelle war so vor den Kopf geschlagen, dass sie einige Augenblicke brauchte, um sich zu fassen. �Du willst mir nicht helfen! Orakel m�ssen eine Antwort geben!�</p><p>�Das tat ich auch.�</p><p>�Diese Worte kann ich nicht akzeptieren! Du�... � �Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten. Damit ist alles gesagt. Nun geh! Ich erwarte noch zwei Besucher.�</p><p>Emerelle vermochte ihre Wut kaum zu beherrschen. Sie war �berzeugt, dass dies Firaz�</p><p>Rache war! Das war kein Orakelspruch! Orakel atmeten Rauch ein, warfen Knochen, taten irgendwelche seltsamen Dinge. Nichts davon hatte Firaz getan! Die Elfe mochte nicht glauben, dass die Gazala ihre Frage schon lange gekannt hatte und ebenso diese Antwort. Sie w�rde einen Weg finden, Firaz zum Reden zu bringen. Sie w�rde alles tun, um Ollowain zur�ckzugewinnen. Doch nicht in dieser Nacht. Mochte Firaz ihre anderen Besucher empfangen. Sie hatte Zeit! Sie w�rde sie besuchen, sobald ihr eine M�glichkeit eingefallen war, eine bessere Antwort aus ihr herauszuholen.</p><subtitle>Die Saga von Kadlin Alfadasdottir</subtitle><cite><p>�(...) So stand sie auf der Schwelle der Goldenen Hallen und bat die Recken des Fjordlands, f�r die Elfen ins Felde zu ziehen. Und so k�mpften sie auf fremder Wallstatt und retteten die Mark der Alben, wo deren Kinder jede Hof nung auf einen Sieg verloren hatten. Und in ihrer Mitte focht Kadlin, den tapferen Lambi an ihrer Schwertseite, den selbstlosen Answin bei ihrem Schildarm. Und sie siegten �ber das Heer von Ungeheuern, das nach Albenmark einfiel. Und ihr Ruhm unter den Kindern der Alben war ohne Grenzen. Ein Schif aus lauterem Gold brachte die Heldenk�nigin und ihre Recken zur�ck nach Firnstayn. Doch fand sie auf dem Throne keine Ruhe. Als sie f�r der Alben Kinder focht, war ihr Vater Alfadas vom Trollk�nig Orregrim erschlagen worden. Der getreue Lambi bot ihr an, den Heerbann des Fjordlands zu versammeln, und das, obwohl es Winter war. Kadlin aber verbat ihm das. Sie wollte keinen Recken f�r die Blutfehde ihrer Familie opfern. So schlich sie allein aus der K�nigsburg und reiste durch eisigen Winterwind gen Norden, bis sie schlie�lich vor der Nachtzinne stand. Dies ist die Feste der Trolle. Eine Burg hoch und m�chtig wie ein Berg. Da r�ckte die Schildwache gegen sie aus, und sie spotteten �ber die winzige Menschentochter. Kadlin aber zog kalten Herzens ihr Schwert.</p><p>Sieben Streiche bedurfte es, die Wachen zu f�len. Und sie nahm das Wachhorn der Toten, geschnitten aus dem Zahn eines Ungeheuers, lang wie ein Mann und schwer wie ein Ochsenjoch. Als sie hineinstie�, hal te das Horn so laut, dass man es noch in Firnstayn wie fernes Donnergrol en vernahm. Da trat Orregrim selbst auf die Zinnen seiner Veste. Als er aber die Menschentochter sah, da mochte er nicht glauben, dass sie al ein seine Recken erschlagen hatte. Und er schickte seinen Heerbann, und sie bezogen in weitem Kreise Posten um Kadlin.</p><p>Mehr als tausend Trolle umringten sie, doch Kadlin blieb weiterhin kalten Herzens. Da schickte Orregrim seinen ersten Krieger, sie zu erschlagen. Es war ein Elfenschl�chter und Drachent�ter. Ein Troll, so stark, dass er al ein einen Ochsenkarren samt Gespann zu heben vermochte. F�nf Schritt ma� er vom Scheitel bis zur Sohle, und die Keule, mit der er zum Kampfe zog, wog so schwer, dass wohl drei M�nner sie nicht h�tten heben k�nnen. Wohl eine Stunde dauerte der ungleiche Kampf. Und die Grundmauern der Nachtzinne erbebten, wenn einer der schweren Hiebe die K�nigin verfehlte und auf den Felsboden traf. Kadlin durchtrennte dem H�nen die Sehnen an den Fersen, und als er st�rzte, nahm sie ihm den Kopf. Die Trol e aber waren ob des Todes ihres gr��ten Kriegers so erschrocken, dass niemand mehr gegen die Menschentochter k�mpfen mochte. Da lud Orregrim sie an seine Festtafel, um mit ihr zu speisen. Es wurden die k�stlichsten Gerichte aus See und Land aufgetragen. Schwerer Honigmet floss in Str�men. Kadlin aber blieb besonnen. Sie a� in Ma�en und trank nur wenig. Als ihr aber ein in Honige gebratenes St�ck Fleisch aufgetragen wurde, erkannte sie darin das Herz ihres Vaters.</p><p>Da �berkam sie das hei�e Blut ihres Gro�vaters Mandred, und sie erschlug ihren Tischnachbarn mit ihrem Methorn. Sie w�tete so schrecklich, dass bald �beral im Festsaal tote Trol e lagen und gro�es Klagen und Wehgeschrei anhob. K�nig Orregrim beugte vor ihr das Knie und bat sie um Vergebung. Und er �berlie� der K�nigin Kadlin den Leichnam ihres Vaters und einen Schlitten vol er Gold. Auch gelobte der Trol k�nig, dass nie wieder ein Troll einen Fu� auf den Boden des K�nigreiches Firnstayn setzen werde.</p><p>Als man ihren toten Vater vor sie brachte, da verging der wilde Zorn der K�nigin. Sie nahm den gro�en Schlitten. Und sie allein zog ihn �ber die Berge bis hin nach Firnstayn. Auf dem ganzen Weg aber weinte und klagte sie �ber das grausame Schicksal ihres Vaters Alfadas, dem sie als Kind im Elfenwinter entrissen ward.</p><p>So viele Tr�nen vergoss sie auf dem Weg zur�ck, dass den Leichnam des Alfadas ein Panzer aus Eis umgab, als sie Firnstayn erreichte. Und so legte man ihn in seinen Grabh�gel. Und es hei�t, dies Eis werde nicht schmelzen bis zu jenem Tage, an dem Mandred wiederkehrt und sich die toten K�nige aus ihren Gr�bern erheben werden, um in die letzte Schlacht um das Land der Fjorde zu reiten.</p><p>Kadlin aber nahm ihren Thron, und wenige Wochen nach ihrer Heimkehr gebar sie ein wundersch�nes M�dchen. Doch war das Haar des Kindes wei� wie frischer Winterschnee ob all der Schrecken, die es schon vor seiner Geburt erlebte. Wegen des wei�en Haares nannte ihre Mutter sie Swana Bj�rnsdottir. So lebte die K�nigin f�r einige Jahre in Frieden und sah ihre Tochter aufwachsen, doch ihr wildes Blut war nicht gez�hmt. Und es kam der Tag, an dem sie erneut zum Schwerte griff, als (...)</p><p>Nacherz�hlung der Verse des Skalden Isleif, Band 3 der</p><p>Tempelbibliothek zu Firnstayn, s. 72.</p></cite></section><section><title><p>Ein anderes Leben</p></title><p>Falrach hatte die Stimme zum ersten Mal gegen Mittag geh�rt. Sie war wie ein Wispern im Wind. Ein Raunen im Rascheln der Bl�tenbl�tter des Oasengartens. Und er wusste, dass nur er sie h�rte. Anfangs hatte er versucht, sie zu ignorieren. Die Stimme f�r eine Sinnest�uschung gehalten. Vielleicht war er zu lange in der Hitze gewesen? Er war immer noch geschw�cht vom langen Marsch durch die W�ste und all seinen Qualen.</p><p>War das Hattah der Quell der Stimme? Das Gift der Kakteen? Vielleicht hatte es seinen Verstand angegriffen?</p><p>Einen Tag waren sie nun im Jadegarten. Die Grauh�ute hatten in kleinen Jagdgruppen die verwilderte Parklandschaft durchstreift. Nie zuvor hatten sie so reichliche Jagd-beute gemacht. Allerlei Echsen, sogar ein junges Krokodil hatten sie erlegt. Dutzende bunte V�gel. Eine Gazelle und auch eine G�mse. Sie bereiteten ein gro�es Festmahl vor, doch Falrach stand nicht der Sinn nach Geselligkeit. Falrach hatte sich von ihrem ausschweifenden Fest zur�ckgezogen. Nun d�mmerte es, und der Elf ertappte sich dabei, dass er zu �berlegen begann, ob es die Geister, von denen Oblon erz�hlt hatte, vielleicht wirklich gab.</p><p>Endlich entschied er, den Stimmen nachzugeben. Vielleicht w�rde das ihn befreien? Er h�tte auch zu Emerelle gehen k�nnen, doch seit sie beim Orakel gewesen war, war sie seltsam in sich gekehrt. Was immer die Gazala ihr gesagt hatte, hatte sie zutiefst aufgew�hlt.</p><p>Falrach machte einen weiten Umweg durch den Garten. Vorbei an den Lilienteichen und Pavillons aus tausendj�hrigen Rosenst�cken. Die Stimme hatte ihn ermahnt, ganz sicherzugehen, dass er nicht verfolgt wurde. Immer wieder drehte er sich um, wechselte die Richtung oder hielt inne, um auf verstohlene Ger�usche zu achten.</p><p>Endlich, als er �berzeugt war, allein zu sein, verlie� er den Weg und schlich in das Dickicht des riesigen, verwilderten Gartens, bis er den Eingang zur Pyramide sah.</p><p>Ganz in der N�he lungerten einige Grauh�ute herum. Sie hatten mitten auf dem Weg ein Feuer entfacht und verbrannten Rosenholz und Streifen von Palmrinde. Falrach traute seinen Augen nicht! Diese Barbaren hatten tats�chlich einige der uralten Rosenst�cke bis zu den Wurzeln abgeschnitten, um die dicksten Zweige zu verfeuern.</p><p>Rauch, schwer vom Duft des Rosen�ls, zog �ber den Weg und stieg in Wirbeln entlang des makellos wei�en Mauerwerks der Pyramide dem Nachthimmel entgegen. Auf der goldenen Spitze brach sich das Licht der Sterne. Deutlich konnte man das mit Emaille eingelegte, allsehende Auge erkennen. Das Zeichen der Orakel.</p><p>Die fremde Stimme dr�ngte Falrach, nicht l�nger zu verweilen, um den Grauh�uten zuzusehen. Sie f�hrte ihn auf die R�ckseite der Pyramide, wo am Fu� eines absch�ssigen Hangs ein dunkler Teich lag. Sternlibellen tanzten mit gr�ngelb schimmernden Leibern im Dunkel der beginnenden Nacht ihren Liebesreigen. Leichter Modergeruch stieg vom Ufer auf. Zikaden und andere Gesch�pfe der D�mmerung hatten ihre Lieder angestimmt.</p><p>Hoch �ber ihm, verborgen von den Orchideen, die sich in den Astgabeln eines alten Magnolienbaums eingenistet hatten, widmete ein Drachenrufer seine melancholische Klage dem weiten Sternenhimmel.</p><p>Am Ufer fand Falrach einen weiteren Pavillon, dessen steinernes Kuppeldach von sieben Statuen getragen wurde. Es waren schlanke Frauengestalten, die zu tanzen schienen. Sie hatten die H�nde �ber den Kopf erhoben und griffen in fein gearbeiteten steinernen Rauch, der in tr�ge wallenden Schwaden das Kuppeldach formte. Einzelne Flecken aus sanft zitterndem Sternenlicht, reflektiert von der spiegelnden, schwarzen Oberfl�che des Teichs, entrissen die meisterliche Arbeit der Steinmetzen dem Schleier der beginnenden Nacht.</p><p>Verborgen hinter Rosenranken, die in den Pavillon hinreichten, entdeckte Falrach eine Treppe, die hinab ins Dunkel f�hrte. Die Stimme dr�ngte ihn weiter. Vorsichtig tastend nahm er Stufe um Stufe. Bald verstummte das Abendlied des Dschungels. Stille umgab ihn und der Geruch alten M�rtels.</p><p>Langsam gew�hnten sich seine Augen an das Dunkel. Auch das war fr�her, als seine Seele noch in seinem eigenen K�rper lebte, besser gewesen. Die Treppe hatte ihn zu einem Tunnel gef�hrt. Er sah so wenig, dass er zur Sicherheit eine Hand an der Wand entlanggleiten lie�, als er weiterging. Die Oberfl�che war unregelm��ig. Sie schienen mit aufwendigen Reliefs geschm�ckt zu sein.</p><p>Bald sickerte schwaches, gelbes Licht ins Dunkel, zeichnete Konturen auf die W�nde und tiefe Schatten. Falrach glaubte das Tal wiederzuerkennen, denn die Bilder zeigten eine einzelne Pyramide, umgeben von G�rten und Palastbauten. Ein Drache hatte hier regiert. Auf den Bildern umgab er sich mit einem pr�chtigen Hofstaat. Seine Leibgarde schien aus Elfen zu bestehen. Falrach wurde das Herz schwer, als er die Bilder sah. Sie erinnerten ihn an sein Leben. An die Zeit vor dem Drachenkrieg. Als die Drachenelfen die stolze Garde der Herren der Welt gewesen waren. Die Elfen hatten alles von den Drachen erlernt. Ihre Kultur, die Magie, ja, sogar ihre Musik war durch die Drachen beeinflusst worden. Heute schien dies in Vergessenheit geraten zu sein. Alle glaubten, die Elfen seien schon immer die Herren der Welt gewesen, aber er wusste es besser. Er war ein Gestrandeter aus einem fremden Zeitalter.</p><p>�Falrach!� Die Stimme war jetzt nicht mehr in seinem Kopf. Eine rauchige, leise Frauenstimme hallte durch den Tunnel. �Falrach!�</p><p>Der Ruf hatte etwas Magisches. Er war genauso zwingend wie jene Stimme, die in seinem Kopf erklungen war. Der Elf beschleunigte seine Schritte und gelangte bald ans Ende des Tunnels. Ein weiter, von Wasser �berfluteter Saal lag vor ihm. In seiner Mitte erhob sich eine flache Insel. Dort kauerte die Gazala.</p><p>Emerelle hatte voller Zorn von der Seherin erz�hlt.</p><p>Auf ihre Art ist sie h�bsch, dachte Falrach. Sehr ungew�hnlich, aber h�bsch. Er war noch nie einer Gazala begegnet. Seherinnen und Spieler passten nicht gut zusammen.</p><p>Sie winkte ihm zu. �Komm, Falrach.�</p><p>Er stieg in das brackige Wasser und watete zur Insel. Firaz wartete reglos. Sie stand neben einer Feuerschale, aus der duftende, dichte Weihrauchschwaden aufstiegen. Als er ans Ufer trat, kam sie ihm entgegen. Z�rtlich wie eine Liebende legte sie ihm eine Hand auf die Wange. Sie sah ihn durchdringend an. Nicht einmal blinzelten ihre hellbraunen Augen.</p><p>�Du hast eine lange Reise gemacht�, sagte sie schlie�lich vieldeutig. �Noch nie kam jemand wie du zu mir.�</p><p>Er wusste nicht recht, was er dazu sagen sollte.</p><p>�F�rchtest du dich vor Ollowain?�</p><p>�Nein.� Er sagte es ein wenig z�gerlich, verwundert dar�ber, dass die Seherin ihm Fragen stellte.</p><p>Sie nahm seine Hand und betrachtete das Netzwerk der Linien. Nur einen Augenblick lang. Dann sch�ttelte sie den Kopf. �Hier kann ich dein Schicksal nicht lesen. Du warst einst ein Schlachtenlenker. Und dein Leib geh�rte einst dem Schwertmeister der K�nigin. Komm mit mir!�</p><p>Sie ging zu einer Mulde am hinteren Ende der Insel. Dort standen sieben Leders�cke in einer Reihe. Sie w�hlte den dritten aus und �ffnete dessen Verschn�rung. �Greif hinein, Falrach. Ganz gleich, was dabei geschieht! Greif mit beiden H�nden zu. Hol heraus, was immer du zu packen bekommst, und lass es vor mir auf den Boden fallen.�</p><p>Falrach tat, wie ihm gehei�en. Der Sack war voller scharfkantiger Metallst�cke. Er schnitt sich.</p><p>�Du darfst nicht loslassen. Nimm, was du als Erstes ber�hrt hast. Das ist wichtig!�</p><p>Wieder schnitt er sich. Falrach k�mpfte den Reflex nieder, einfach loszulassen. Er zog die H�nde aus dem Sack. Klirrend fiel das Metall zu Boden. Es waren Bruchst�cke von Schwertklingen. Manche so breit wie drei Finger. Andere nur winzige Splitter. An den meisten St�cken haftete frisches Blut. Ungl�ubig blickte er auf seine offenen H�nde.</p><p>Die Innenfl�chen waren zerfurcht von einem Netzwerk von Schnitten. Blut troff aus den Wunden auf den Boden.</p><p>Firaz hatte sich �ber das Muster aus Metallsplittern und verwischtem Blut gebeugt.</p><p>�Kannst du etwas zur Seite gehen? Wenn jetzt noch weiter Blut nachtropft, verdirbt es das Orakel.�</p><p>Falrach gehorchte, wandte den Blick aber nicht von seiner verletzten Hand ab. �Was ist das?�</p><p>Die Gazala machte mit einem �rgerlichen Winken klar, dass sie nicht gest�rt werden wollte. Aufmerksam betrachtete sie das Muster auf dem Boden. Dabei wiegte sie sich leise summend vor und zur�ck.</p><p>Falrach zog sich einen kleinen Metallsplitter aus der Hand und lie� ihn zu Boden fallen. Die Wunden waren allesamt nicht tief, aber zwei von ihnen bluteten stark. Er dr�ckte die Wundr�nder zusammen und sah der Gazala zu.</p><p>Es dauerte schier eine Ewigkeit, bis sie sich erhob und ihn ansah. �Du bist mehr, als du scheinst, Falrach.�</p><p>Er musste sich beherrschen, um sich seine Entt�uschung nicht unmittelbar anmerken zu lassen. Was f�r ein nichtssagender Spruch! Das h�tte ihm auch irgendeine Gossen-wahrsagerin in einer beliebigen Stadt sagen k�nnen.</p><p>�Ollowain wird zur�ckkommen. Aber es wird nicht der Schwertmeister von einst sein.</p><p>Und du entscheidest dar�ber, was f�r ein Mann er sein wird. Du kannst ihn auch aufhalten. Jetzt, in dieser Nacht. Ich k�nnte dir dabei helfen.�</p><p>Das war jetzt so weit von jedem Jahrmarktswahrsager gew�sch entfernt, dass er sie einfach nur verdattert ansah. �Wie kann ich ihn denn aufhalten?�, brachte er schlie�lich heraus.</p><p>�Ollowain ist tot. Er ist ermordet. Seine Erinnerung, alles, was sein Leben ausmachte, ist fort. Aber etwas ist geblieben. Stell es dir wie ein gro�es, leeres Gef�� vor. Ein Gef��, das begierig ist, gef�llt zu werden. Es nimmt alles in sich auf, was du �ber Ollowain h�rst. Wie er gelebt hat, was er getan hat. Wenn es weit genug gef�llt ist, dann wird sich daraus ein Bewusstsein bilden. Lass dir also niemals von jemandem den Lebensweg des wei�en Ritters erz�hlen. Auf die Weise w�rde er wiederauferstehen. Aber das Ganze ist ein Trug. Es ist nicht der wahrhaftige Ollowain, der zur�ckkehrt. Es ist ein Ollowain, wie er in den Erinnerungen jener fortlebt, die ihm begegneten, und schlimmer noch, der Ollowain aus den Geschichten, die man sich �ber ihn erz�hlt. Wenn du ihm sagst, dass er als Kind einen schwarzen Hund hatte und ihm ein paar Anekdoten dar�ber erz�hlst, dann wird er es von Stund an glauben.</p><p>Es wird zu seiner Vergangenheit, obwohl sie niemals stattgefunden hat. Wie ich schon sagte, Ollowain ist ein leeres Gef��, das gef�llt sein will. Und es ist diesem Gef�� ganz gleich, was du hineinf�llst. Es kann nicht zwischen Wahrheit und L�ge unterscheiden.</p><p>Ich denke, die ersten Geschichten, die hineingegeben werden, haben das gr��te Gewicht. Sie legen das Fundament, auf dem sich seine Pers�nlichkeit aufbauen wird.�</p><p>Falrach hatte Schwierigkeiten, das alles zu verstehen. �Er ist also tot.�</p><p>�Alles, was ihn ausmachte. Aber der K�rper, in dem deine Seele und alle Erinnerungen an dein Leben erwachten, will ihn zur�ckhaben. Nur - da gibt es nichts mehr, was man zur�ckholen k�nnte. Deshalb wird er einen neuen Ollowain ausformen. Aber es wird nicht der sein, der er einmal war.�</p><p>�Aber seine Seele�... � Er hob hilflos die H�nde.</p><p>�Seine Seele und die Erinnerung an sein Leben sind nicht dasselbe. Ihr beide habt dieselbe Seele. Aber ihr habt zwei verschiedene Leben. Und sein Leben wurde gel�scht. Es gab in alter Zeit eine Stadt mit Namen Tildanas. Dort versammelten sich jene Zauberweber, die sich den dunklen, abseitigen Pfaden der Magie verschrieben hatten. Sie erschufen auch die Traumscheiben, Scheiben aus Ton, auf denen immer dichtere Reihen von Schriftzeichen erscheinen, wenn man sie betrachtet. Manche Weise sagen, ihr urspr�nglicher Zweck sei es gewesen, die Erinnerungen von Sterbenden zu erhalten. Aber sie konnten auch wie eine Waffe benutzt werden. Wer sie unwissend betrachtet, dem wird die Pers�nlichkeit gestohlen. Und er merkt es nicht einmal. Ich denke, Ollowain wurde ein Opfer dieses Zaubers in abgewandelter Form.�</p><p>�Gibt es denn einen Gegenzauber?�</p><p>Die Gazala sah ihn zweifelnd an. �Vielleicht. Wenn man die Traumscheiben, oder was auch immer Ollowains Erinnerungen in sich aufnahm, wiederfinden k�nnte. M�glicherweise k�nnte man ihm sein Bewusstsein dann zur�ckgeben. Aber es w�rde nur schwer m�glich sein. Tildanas versank vor langer Zeit im Meer. Manche sagen, es war das Werk der Devanthar, weil sie die Magie f�rchteten, die dort ersonnen wurde. Das Wissen seiner Zauberweber gilt als verloren. Einige Traumscheiben sind jedoch in der Bibliothek von Iskendria erhalten geblieben. Aber niemand wei� mehr, wie sie erschaffen wurden.�</p><p>Falrach betrachtete seine verletzten H�nde. Ollowain w�rde also zur�ckkommen. Das hie�, er w�rde ein zweites Mal sterben. Und wie es schien, konnte er nichts dagegen tun.</p><p>�Ich kann dich von Ollowain befreien�, sagte Firaz erneut.</p><p>Falrach fragte sich, ob auch sie sich der dunkleren Seite der Magie zugewandt hatte.</p><p>Welche Geheimnisse hatte es in diesem Tal, in dem sie so lange gefangen gewesen war, wohl zu entdecken gegeben? �berall fanden sich Zeugnisse der alten Drachenmagie.</p><p>Hatte sie von deren Zaubern gelernt?</p><p>�Das w�re, als w�rde Olowain noch einmal ermordet werden.� Er hob den Blick von seinen H�nden. Aber daf�r w�rde er selbst leben, dachte er. Und er war zuversichtlich, dass er Emerelles Herz ein zweites Mal gewinnen k�nnte.</p><p>�So w�re es nicht�, widersprach die Gazala heftig. �Ollowain ist tot! Das ist eine Tatsache. Und solange man die Traumscheiben, oder was immer auch seine Erinnerungen in sich aufgenommen hat, nicht wiederfindet, kann man ihn nicht zur�ckholen.</p><p>Was in dir entstehen wird, ist nicht Ollowain! Das musst du ganz klar sehen. Du t�test ihn nicht! Mit solchen Gedanken musst du dich nicht belasten. Aber das, was in jenem erw�chst, das danach lechzt, sich mit Erinnerungen an Ollowain zu f�llen, wird deine eigene Pers�nlichkeit verdr�ngen. Und es wird keine Frage nach Moral stellen. Du bist der echte Falrach! Und du wirst durch eine Kunstgestalt, die sich f�r Ollowain h�lt, ermordet werden, wenn du dich nicht wehrst, solange es noch an der Zeit dazu ist!�</p><p>Falrach z�gerte. Er blickte auf den Metallsplitter zu seinen F��en. �Was war das in dem Sack?�</p><p>�Zerbrochene Heldenschwerter. Es gibt eine Menge davon oben in der gro�en Eingangshalle der Festung. Eigentlich waren sie schartig und nach all der Zeit nicht mehr sehr scharf. Aber diese Pyramide sammelt die magische Kraft des Tals. Hier wirken seltsame Zauber. Auch nach all den Jahren verstehe ich sie nicht alle. Bringt man eine stumpfe Klinge nach hier unten, dann wird sie nach einiger Zeit wieder scharf. Frag mich nicht, warum es so ist. Der Splitter, den du in H�nden h�ltst, ist einzigartig. Dies ist Sternenerz, das in die W�ste gefallen ist. Elfenschmiede haben daraus einst ein wunderbares Schwert erschaffen.�</p><p>�Die Toten oben�... Wer hat sie angegriffen?�</p><p>�Auch da bin ich mir unsicher. Aber es scheint, als h�tten die Drachenelfen gegeneinander gek�mpft.� �Warum?�</p><p>Sie breitete in vielsagender Geste ihre H�nde aus. �Ich kann die Fragen der Lebenden beantworten. Die der Toten nicht.�</p><p>Falrach nahm den Metallsplitter in die Hand. Auf einer Seite war ein verschlungener Kreis in den Stahl ziseliert. Die andere Seite war blank. �Warum hast du mich in diesen Sack voller scharfer Schwertsplitter greifen lassen?�</p><p>�Weil ich Firaz von den Gazala bin. Meine Prophezeiungen sind so genau, dass selbst die Herrscherin Albenmarks sie f�rchtete. Einige primitive Wald- und Wiesenhexen benutzen Knochenbeutel und geben sich als Wahrsagerinnen aus. Das ist so, als blicke man an einem klaren Sommertag aus dem falschen Winkel in einen stillen Teich. Man sieht sein eigenes Spiegelbild. Oder besser gesagt, als falsche Seherin eine Projektion seiner eigenen Erwartungen. Den Grund des Gew�ssers aber, den sieht man nicht. Das, was man sucht, wird durch das Spiegelbild �berlagert. Ich bin der Meinung, dass man tiefer und klarer sehen kann, wenn man einen Fokus nutzt, der mit dem, dessen Schicksal man ergr�nden will, in Verbindung steht. Du bist Falrach, ein Spieler und ber�hmter Feldherr. Du steckst im Leib Ollowains, des Schwertmeisters der K�nigin.</p><p>Schwerter sind dein Schicksal. Deshalb musstest du in diesen Beutel greifen.�</p><p>�Schwerter sind mein Schicksal�, wiederholte er leise und sah auf den Splitter in seiner Hand. �Mein Gef�hl sagt mir, dass ich ein M�rder werde, wenn ich dich bitte, dies <emphasis>leere Gef��,</emphasis> wie du es nennst, zu zerst�ren.�</p><p>�Man kann nichts ermorden, was schon tot ist. Du solltest es genau andersherum betrachten. Das, was anstelle Ollowains in dir erwachsen wird, das wird dich mit Gewissheit t�ten. Daran kann es keinen Zweifel geben. Ungewiss ist nur, was das f�r eine Pers�nlichkeit sein wird.</p><p>Die Trolle haben einige eindrucksvolle Namen f�r den Schwertmeister gehabt. Da hie� er ��</p><p>Falrach schnitt ihr mit einer harschen Bewegung das Wort ab. �Das sind Dinge, die ich �ber ihn nicht h�ren m�chte. Ich glaube, ich habe dich und deine Warnung jetzt gut verstanden. Und da Schwerter ja mein Schicksal sind, soll dieses hier �ber meine Zukunft entscheiden.� Er hielt den Splitter hoch. �Der Kreis bedeutet, ich stelle mich der Gefahr durch den wiederkehrenden Olowain. Die blanke Fl�che aber hei�t, dass du das leere Gef�� in mir zerst�rst, damit ich in Frieden, wenn auch mit schlechtem Gewissen lebe.� Er l�chelte. �Zu meinen guten Eigenschaften geh�rt, dass sich ein schlechtes Gewissen bei mir nie sehr lange h�lt.�</p><p>Sie sah ihn mit undeutbarer Miene an. Er schnippte den Splitter hoch, fing ihn auf und lege ihn auf seinen Handr�cken. Einen Atemzug lang z�gerte er es hinaus. Dann zog er die Hand weg, mit der er den Splitter gefangen hatte, schirmte ihn aber gegen den Blick der Gazala ab.</p><p>�Und?�</p><p>Er lie� das Bruchst�ck des alten Schwertes zu Boden fallen. �Wie es scheint, werde ich mich Ollowain stellen m�ssen.�</p><p>Die Gazala sah ihn traurig an. �Du entscheidest �ber dein Schicksal, nicht ein St�ck Metall.� Sie b�ckte sich, hob den Splitter auf und hielt ihn Falrach hin. �Nimm ihn, er wird deine Liebe besch�tzen.�</p><p>Verwundert betrachtete er das blutverschmierte St�ck Sternenstahl. Sollte er es wie ein Amulett tragen? �Ich danke dir daf�r, dass du mir helfen wolltest.�</p><p>�Du hast es verdient. Du bist anders als Emerelle. Ich w�nschte, ich h�tte je die Liebe eines Mannes, wie du es bist, gewinnen k�nnen. Ich bin sicher, dann h�tte mich mein Schicksal nicht hierher verschlagen.�</p><p>�Sie wird dich gehen lassen. Ich rede mit ihr.�</p><p>Die Gazala schenkte ihm ein melancholisches L�cheln.</p><p>�Das wird sie nicht. Ich wei�, dass du nun zu ihr gehen wirst. Ich wei� sogar, wor�ber du mit ihr reden wirst.�</p><p>Es war ihm unangenehm, so tief durchschaut zu sein. �Warum hast du mich gerufen, wenn du schon wusstest, wie ich mich entscheiden w�rde?�</p><p>�Aus zwei Gr�nden. Du musstest die Wahl gehabt haben und klar wissen, welche beiden Wege es f�r dich gibt.� Sie senkte ihren Blick.</p><p>�Und der zweite Grund?�</p><p>�Der ist ganz egoistisch.� Sie sah ihn eigenartig an. Die Traurigkeit war aus ihrem Blick gewichen. Sie wirkte jetzt gefasst. �Ich wollte einmal einem Mann begegnen, der sein Leben f�r seine Liebe gegeben hat. Du bist nicht Olowain, aber wer glaubt, dass du nicht ritterlich bist, der kennt dich nicht.�</p><p>�Ich�... � Er r�usperte sich verlegen. �Ich werde dann gehen. Ich�... �</p><p>�Geh nur zu ihr. Sie wird dich in dieser Nacht brauchen. Du findest sie in der alten Veste im Zimmer ihrer Mutter. Dort, wo meine Nachricht lag. Und noch etwas. Sag dem Lutin, nachts gehen im Tal Gesch�pfe um, denen er gewiss nicht begegnen will.</p><p>Er ist bei den St�llen und denkt dar�ber nach, ob er sich den feiernden Grauh�uten anschlie�en soll.�</p><p>Er nickte. Er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Firaz trat einen Schritt von ihm zur�ck. Er verstand das als Aufforderung, zu gehen. Also zog er sich zur�ck und watete durch das dunkle Wasser, das den Thronsaal �berflutet hatte.</p><p>�Falrach!�</p><p>�berrascht sah er sich um. Sie stand am Rand der Insel. Unendlich einsam. �Ich wei�, dass du mich belogen hast. Es lag die blanke Seite oben. Ich bin Seherin. Es ist meine Gabe zu wissen.�</p><p>Wieder r�usperte er sich. Fr�her war er weniger leicht aus der Fassung zu bringen gewesen.</p><p>�Es ist alles gesagt, Falrach. Du kannst ruhigen Gewissens gehen. Ich bin nicht ver�rgert, weil du mich angelogen hast. Im Gegenteil. Deine L�ge hat mich noch mehr f�r dich eingenommen. Ich w�nsche dir Gl�ck ��</p><p>�Du k�nntest mit mir kommen.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich kann nicht. Ich erwarte in dieser Nacht noch eine Besucherin.� Mit diesen Worten wandte sie sich ab.</p><p>Falrach sah zu, wie sie sich niederkniete und damit begann, die blutbenetzten Schwertsplitter einzusammeln. Sie sah nicht mehr zu ihm hin�ber. Erst als er ging, sp�rte er ihre Blicke im R�cken.</p><p>Als er dem Tunnel entkommen war, machte er sich ohne Umweg auf den Weg zur alten Veste. Er lauschte auf die singenden und ausgelassen gr�lenden Grauh�ute. Bald erstickte das Lied des Dschungels den Festl�rm. Er f�hlte sich ein wenig beklommen.</p><p>Und er war froh, dass der Weg zur Veste weit war. So konnte er noch einmal �ber seinen Entschluss nachdenken. Er versuchte, sein Leben auf eine Aufstellung auf einem Falrach-Tisch zu reduzieren. Er �berdachte sein Ziel. Und dann war es wie fr�her. Ganz deutlich sah er die Z�ge vor sich, die er machen musste. Das war seine Begabung!</p><p>Tats�chlich stand der Lutin auf dem Weg vor der Veste und blickte zum Tal hinab.</p><p>�Du solltest nicht zu den Grauh�uten gehen.�</p><p>�Und warum sollte ich das nicht tun, Bruder Ollowain?�, fragte der Kobold hitzig.</p><p>Falrach ignorierte, dass der Kleine sich nach wie vor weigerte, ihn mit dem richtigen Namen anzusprechen. �Dort unten im Tal lauert etwas, das sogar einen haarigen Lutin fressen w�rde.�</p><p>�Ich werde nicht so d�mlich sein, an einem der Teiche mit den Krokodilen vorbeizulaufen.�</p><p>�Es ist deine Entscheidung, Nikodemus. Ich �berbringe nur eine Nachricht.�</p><p>Der Kobold schnaubte ver�chtlich. �Wessen Nachricht?�</p><p>�Es ist der Rat einer Seherin.� Falrach bemerkte, wie sich dem Kleinen das Fell str�ubte.</p><p>�Wo sollte ich denn stattdessen sein? Diesen finsteren Saal voller Toter werde ich jedenfalls nicht mehr betreten.�</p><p>�Wie w�re es mit den St�llen? Die sind doch ganz passabel.�</p><p>Der Lutin fluchte leise. �Was ein paar gefl�gelte G�ule passabel finden und was mir gef�llt, geht leider nicht ganz �berein.�</p><p>Falrach war des Gespr�chs �berdr�ssig. �Wie gesagt, es ist deine Entscheidung�, sagte er und trat durch das Tor der alten Veste. Er sp�rte ein leichtes Prickeln, als er den unsichtbaren Albenpfad kreuzte, der mitten �ber den Hof lief. Und er dachte daran, wie es wohl w�re, mit Firaz eine Partie Falrach zu spielen. Konnte man jemanden schlagen, der alle Z�ge schon im Voraus ahnte? Er konnte im Grunde verstehen, dass Emerelle Firaz und ihre Schwester verbannt hatte. Welcher Herrscher mochte schon einen Untertanen, der all seine Z�ge durchschaute? Auch wusste er nicht, ob Firaz vielleicht gegen Emerelle intrigiert hatte. Gewiss war sie sehr geschickt darin, die Figuren f�r ihr Spiel aufzustellen.</p><p>Als er sich durch den dunklen Saal tastete, fragte er sich, ob auch er eine Figur auf ihrem Spieltisch war. Dann h�rte er Emerelle. Sie ging wieder rastlos in dem Zimmer ihrer Mutter auf und ab.</p><p>Obwohl er sich bem�hte, lautlos zu sein, h�rte er, wie ihre Schritte verharrten, kaum dass er in den Flur vor ihrem Zimmer trat.</p><p>�Ich will allein sein!�, sagte sie harsch.</p><p>Fr�her einmal hatte ihn Zur�ckweisung nur angestachelt. In diesem Punkt hatte er sich ver�ndert. Er f�hlte sich unsicher, als er in die T�r trat. Emerelle hatte sich v�llig in der Gewalt. Aber die feuchten Bahnen im zerbr�kelnden Lehm auf ihren Wangen verrieten sie. Er durfte jetzt nicht gehen! Sie brauchte ihn, auch wenn sie das niemals zugeben w�rde. Und als er sie so sah, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. F�r seine Liebe zu ihr zu sterben, war sein Schicksal. Dazu war er auch in seinem zweiten Leben verdammt.</p><p>�Ich muss mit dir reden.�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>��ber Ollowain. Erz�hl mir von ihm. Was machte ihn so herausragend? Was war an ihm, dass du ihn so tief in dein Herz geschlossen hast?�</p><p>Emerelle sah ihn misstrauisch an. Aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie ihn nicht mehr fortschicken w�rde. Er sah es an der Art, wie sie ihn anschaute. Es machte ihm das Herz schwer. Dieser Blick hatte sich in vierzig Jahrhunderten nicht ver�ndert. So wenig wie seine Liebe zu ihr.</p><p>�Du wirst nie sein wie er�, sagte sie k�hl.</p><p>�Ich wei�. Aber ich m�chte ihn verstehen k�nnen�, log er mit der glatten Zunge des erfolgreichen Spielers.</p><p>Das letzte L�cheln</p><p>Sie hatte den goldenen Pfad gefunden. Den richtigen inmitten des riesigen Gespinsts, das sich durch das Nichts zog. Sie sp�rte, wie die Bestie sich in ihr regte. Der Schatten, den sie eingeatmet hatte, um mit ihm zu verschmelzen. Er war klug. Er hatte sich nicht geregt, seit sie Skanga verlassen hatten. Er hatte ihr die Suche �berlassen. Aber jetzt wollte er das T�ten genie�en. Er versuchte, ihren Verstand niederzuringen. Sie war m�de. Er nutzte es aus, wenn sie schlafen musste. Ihr neuer Leib kannte solche Bed�rfnisse nicht! Er brauchte keine Ruhe. Und wenn sie das Biest nicht an die Kette legte ... Sie wusste nicht, was geschehen war, wenn sie schlief, aber sie ahnte, dass er get�tet hatte. Einmal war sie erwacht, als er eine Gruppe Kobolde niedermachte. Ihnen das Licht zu entrei�en, war ein unvergleichliches Gef�hl. Sie hatte die Bestie gew�hren lassen. Sie ahnte, sie w�rde der Bestie unterliegen. Aber noch nicht jetzt.</p><p>Alyselle widerstand dem Dr�ngen. Alathaia und die Trollschamanin hatten sie, ebenso wie ihre beiden Jagdgef�hrten, genau unterwiesen. Sie wussten, wo Emerelle vor zwei Tagen gewesen war. Es w�re leicht, ihrer Spur zu folgen. Sie hatten klare Befehle.</p><p>Aber sie war kein Hund! Ganz gleich, welche Gestalt sie jetzt hatte. Sie konnte denken.</p><p>Sie w�rde nicht h�ndisch einer F�hrte folgen! Sie konnte sich noch gut an die Karten des Verbrannten Landes erinnern. Sie hatte sie studiert wie alle anderen auch, die mit Alathaia geritten waren, um die Lutin zu stellen, die ihre F�rstin bestohlen hatte.</p><p>Emerelle war gewiss nicht mehr an dem Ort, von dem das Amulett gekommen war.</p><p>Der lag in der W�ste. Was sollte sie dort!</p><p>Alyselle ahnte, wohin sie gehen w�rde. Und sie w�rde die K�nigin vor Elovyn und Valderun erreichen! Selbst die Bestie hielt still. Die Elfe wusste nicht, ob dieses Schattengesch�pf ihren logischen Gedanken folgen konnte. Aber es schien begriffen zu haben, dass sie als Erste bei der K�nigin sein konnten. Sie w�rden das Licht Emerelles trinken. Und das Licht Ollowains! Was f�r ein Festmahl w�rde das werden!</p><p>Alyselle sp�rte die Pr�senz eines m�chtigen, magischen Ortes in den Schwingungen des Albenpfades. Das musste Emerelles Ziel sein. Jenes verbotene Tal. Als sie die Jagd nach der Lutin Ganda vorbereitet hatte, hatte sie versucht, mehr �ber diesen Ort herauszufinden. Er wurde von m�chtigen Zaubern gesch�tzt. Und es schien, als habe ihn seit Jahrhunderten kein Elf mehr betreten. Nur seinen Namen hatte sie finden k�nnen. Jadegarten.</p><p>Alyselle glitt durch den goldenen Pfad. Finsternis umschloss sie. Es war eine stoffliche Finsternis, nicht wie das Gef�hl des freien Falls in der Dunkelheit des Nichts, jenes magischen Raums zwischen den Welten. Sie durchlebte dies nicht zum ersten Mal. Sie wusste, sie war inmitten festen Felsgesteins. Ihr konnte hier nichts geschehen. Und doch machte es ihr Angst. Sollte sie sich fallen lassen? Oder sollte sie nach oben?</p><p>Sie �berlie� sich dem Biest. Seine Instinkte waren sch�rfer. Es stieg auf. Sie glitten durch den Stein. Schnell. Dann waren sie im Wasser. Alyselle sah, wie sich Eis um sie bildete.</p><p>Es griff �ber das schwarze Wasser nach einer kleinen Insel. Dort brannten drei Feuer. Sie waren schmerzlich hell nach dem langen Weg durch die Dunkelheit.</p><p>Eine Gestalt kauerte auf der Insel. Es war nicht Emerelle!</p><p>�Willkommen, Tod!�, gr��te sie eine Frauenstimme. �Ich habe dich ein Leben lang gef�rchtet.�</p><p>Was redete das Weib f�r einen Unsinn? Und was war sie? Alyselle hatte eine solche Kreatur noch nie gesehen. Diese langen, gebogenen H�rner. Die Tierbeine. Sie erinnerte an einen Faun und war doch ganz anders. Die Bemalung ihres K�rpers � Das war ein Zauber! Sie wollte sich sch�tzen.</p><p>Die Bestie st�rmte vor. Alyselle versuchte sie zu z�hmen. Ein Gedanke nur, und sie waren auf der Insel. Zu schnell. Ihre geisterhafte Schnauze glitt durch die Brust des Weibes. Ihr Licht! Es war k�stlich! Der Zauber hatte versagt. Er hatte sie nicht aufhalten k�nnen. Wie h�tte sie auch wissen sollen, in welcher Form der Tod sie ereilen w�rde?</p><p>Sie sah sie ohne Schrecken an, als sie ihr das Lebenslicht aus dem Leib zerrten. Es war wie ein Darmwurm voller Borsten. Es leistete Widerstand. Aber sie triumphierten. Die Bestie lie� nicht los, wenn sie ein Leben gepackt hatte.</p><p>Alyselle sah, wie die Augen des Weibes glasig wurden. Bei ihrem letzten Herzschlag l�chelte sie. Warum?</p><p>Die Bestie war nicht satt. Sie war es nie. Sie hatte Witterung aufgenommen. Emerelle war hier gewesen. Die Spur war einen Tag alt. Und da war noch ein anderer Elf. Das musste Ollowain sein. Seine Spur war nur ein paar Stunden alt. Sie waren also nah.</p><p>Die Bestie st�rmte los.</p></section><section><title><p>Das Zittern der Sterne</p></title><p>�Ich habe ihm den Befehl gegeben, in der Schlacht den Tod zu suchen.� Es endlich auszusprechen, erleichterte Emerelles Herz nicht im Geringsten. Sie nahm sich zusammen. Ihre Stimme war vollkommen sachlich. Sie durfte ihr Herz nicht �ffnen. Sie wollte es nicht! �Ich habe ihn get�tet, auch wenn nicht ich es war, die diesen Zauberbann sprach, der all seine Erinnerung l�schte.�</p><p>Falrach sa� ihr gegen�ber. Den Kopf leicht geneigt, hatte er ihr zugeh�rt. Viele Stunden lang. Zuerst war sie misstrauisch gewesen, als er sie aufforderte, ihm von Ollowain zu erz�hlen. Sie hatte die Bef�rchtung gehabt, er wolle sich mit dem Schwertmeister messen. Sie �berzeugen, dass er der bessere Mann sei. Aber nichts von alldem war geschehen. Er hatte einfach nur zugeh�rt. Manchmal hatte er Fragen gestellt. Aber nicht aufdringlich. Es war um Einzelheiten gegangen. Was der Schwertmeister gern gegessen hatte, wie er sich kleidete, wer seine Freunde gewesen waren. Er bem�hte sich aufrichtig, den Mann kennenzulernen, in dessen Leib er steckte.</p><p>Die Elfe sah Falrach an und versuchte in dessen Gesicht zu lesen. Nichts deutete darauf hin, dass er sie f�r das, was sie getan hatte, verurteilte. Aber warum sollte er das auch tun! Durch ihren Mord an Ollowain war er schlie�lich wieder zum Leben erwacht. Er hatte keinen Grund, sich zu beschweren.</p><p>�Er kann in der Schlacht nicht get�tet worden sein. Wei�t du, was genau passiert ist?�</p><p>Emerelle atmete schwer aus. Tausendmal hatte sie sich diese Frage gestellt und keine Antwort gefunden. �Er kehrte nicht aus der Schlacht am Mordstein zur�ck. Und man hat ihn auch nicht unter den Toten gefunden. F�r lange Monde dachte ich, die Trolle h�tten ihn gleich auf dem Schlachtfeld gefressen. Das tun sie mit Gegnern, deren Mut sie bewundern. Erst viel sp�ter erfuhr ich von der Lutin Ganda, dass sie ihn schwer verletzt auf dem Schlachtfeld gefunden hatte. Sie holte ihn in ihre H�tte und pflegte ihn. Anfangs kam es ihr so vor, als habe er keinen Lebenswillen mehr.� Emerelle musste kurz innehalten und um Fassung ringen. �Sie wusste nicht, dass er auf meinen Befehl den Tod suchte. Und dass ich um ihretwillen diesen Befehl erteilt hatte. Er hatte sie vor mir und den Gesetzen der Bibliothek von Iskendria besch�tzt. Sie hatte dort ein Buch gestohlen. Und er sagte mir, er sei es gewesen. Weil er darauf hoffte, dass ich ihn nicht verurteilen w�rde�... Er war ja schlie�lich der Schwertmeister! Und er wusste, dass ich ihn liebte. Er hatte diese Liebe nicht erwidert. Aber er f�hlte sich sicher vor meinem Zorn. So dachte ich damals. Und tats�chlich brachte ich es nicht �ber mich, ihn f�r den Diebstahl hinrichten zu lassen. Aber dem Gesetz musste Gen�ge getan werden. Niemand steht �ber dem Gesetz! Ich konnte ihn nicht ...� Sie hielt inne. Das waren die L�gen, mit denen sie versuchte, ihr Gewissen zu beruhigen, seit sie Ollowain in die Schlacht geschickt hatte. L�gen! Sie wusste es besser. Sie war die K�nigin. Sie h�tte ihn besch�tzen k�nnen. Aber ihre Eitelkeit war verletzt gewesen, weil Ollowain ihre Liebe als Schutzschild f�r die Lutin Ganda hatte benutzen wollen.</p><p>In unz�hligen N�chten hatte sie seitdem keinen Schlaf gefunden. Sie hatte ihr unseliges Erbe verflucht. Ihr hei�es Blut, das sich hinter der Maske der k�hlen, selbstbe-herrschten Herrscherin verbarg. Es schimmerte durch, wenn sie - �u�erlich v�llig ruhig - unbarmherzige Urteile f�llte.</p><p>�Wie hast du erfahren, dass Ollowain doch noch lebte?�, beendete Falrach ihr langes Schweigen.</p><p>�Gar nicht. Du�... Er stand pl�tzlich vor mir. Als Gegner im Duell auf der Shalyn Falah.</p><p>Ich konnte nicht gegen ihn k�mpfen�... � Sie hob in stummer Verzweiflung die H�nde.</p><p>�Ich habe meine Krone f�r ihn aufgegeben.�</p><p>�Und dann hast du statt seiner mich bekommen.�</p><p>�Ich habe nie aufgeh�rt, nach dir zu suchen, Falrach. Jeder deiner Inkarnationen war ich nahe. Nicht nur Ollowain. Unter allen, die nach dir kamen, war keiner wie du.</p><p>Wenn ich dich jetzt ansehe, dann blicke ich in das Gesicht eines anderen. Es ist nicht leicht, Falrach. Ich habe gelernt, mich mit deinem Tod abzufinden. Um selbst leben zu k�nnen, musste ich dich in meinem Herzen begraben. Und nun bist du wieder da.</p><p>Nach so unendlich langer Zeit. Lass mich meine Liebe zu dir wiederfinden. Sie ist nie verlorengegangen. Doch sie ruht sehr tief in mir. Verborgen unter der Erinnerung an viele Leben, durch die ich dich begleitet habe. Du musst...� Verwundert blickte sie zur T�r.</p><p>Es war pl�tzlich k�lter geworden. Viel zu kalt f�r eine Nacht in einer Oase inmitten der W�ste. Sein Atem stand Falrach vor dem Mund.</p><p>�Geh!�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Nichts, wogegen du bestehen k�nntest. Bitte, Falrach, lass mich dich nicht ein zweites Mal verlieren.�</p><p>Eine geisterhafte Gestalt glitt durch die Wand. Ein riesiger Hund. Emerelle malte mit den Fingern ein Zeichen in die Luft und fl�sterte etwas.</p><p>Der Geisterhund schreckte zur�ck. Er wich aus, glitt durch die Lacktruhe an der Wand und lie� sie keinen Herzschlag lang aus den Augen.</p><p>�Das Fenster. Spring durch das Fenster, Falrach!�</p><p>Er konnte sie nicht allein lassen. Ganz gleich, was sie ihm befahl. Er zog seinen Dolch und �berlie� sich den Instinkten seines fremden Leibes. Er schnellte vor. Das Messer glitt durch die Kehle des Geisterhundes. Wirkungslos. Raureif lag auf der Klinge. Seine Hand f�hlte sich an, als habe er sie zu lange in das eisige Wasser eines winterlichen Flusses gehalten.</p><p>Noch immer woben Emerelles H�nde verschlungene Muster in die Luft. Ein fl�chtiger roter Schein begleitete ihre Bewegungen. Er erinnerte an das tiefe Rot langsam erkaltenden Stahls.</p><p>Pl�tzlich fuhr sie herum und schrie ihm ein Wort der Macht entgegen. Die Luft verdichtete sich. Ihm wurde der Atem aus den Lungen gezogen. Ein Luftsto� mit der Kraft einer Trollfaust traf ihn mitten auf die Brust, riss ihn von den Beinen und schleuderte ihn dem Fenster entgegen.</p><p>Hilflos mit den Armen rudernd, sah er einen zweiten Geisterhund aus der Zimmerdecke hinabsto�en. Falrach schleuderte seinen Dolch, als er selbst schon durch das Fenster st�rzte. ��ber dir!� Das Letzte, was er von Emerelle sah, waren ihre schreckensweiten Augen.</p><p>Sein K�rper schien besser als er zu wissen, was bei einem Sturz zu tun war. Obwohl es kaum einen Herzschlag dauerte, bis er auf das Pflaster traf, hatte er sich ein wenig gedreht. Er landete im Stand, federte in die Hocke, rollte �ber die linke Schulter ab und war wieder auf den F��en.</p><p>Im Reflex griff er nach seinem Schwert. Doch seine Hand fuhr ins Leere. Er war vollkommen unbewaffnet. Der Schwertsplitter der Gazala, den er in einem Beutel an seinem G�rtel trug, war alles, was er noch besa�.</p><p>Geisterhaftes Licht drang aus dem Fenster. Was ging dort oben vor sich? Er musste wieder hinauf! Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung. Der Lutin.</p><p>�Was ist geschehen?�</p><p>��ffne ein Tor auf dem Albenpfad hier im Hof!� Der Fuchsmann sah ihn erschrocken an. �Das geht nicht.�</p><p>�Das will ich nicht h�ren�, entgegnete Falrach scharf. �Tu es!�</p><p>�Aber es ist nur ein einzelner Pfad. Wir werden verlorengehen, wenn es mir �berhaupt gelingt��</p><p>�Wir werden sterben, wenn du es nicht tust!�</p><p>Emerelle sprang r�ckw�rts aus dem Fenster. Sie zog die Beine an, machte einen formvollendeten Salto und landete schwer auf den F��en. Das Pflaster des Hofs vibrierte unter ihrem Aufschlag, w�hrend sie ein Wort rief, so dunkel und fremd, das es nicht f�r elfische Kehlen geschaffen schien. So hob den Kopf in den Nacken und blickte mit weit ausgestreckten Armen zum Nachthimmel empor. Nackt bis auf den Lendenschurz, mit Lehm beschmiert, ihr Haar zu einem str�hnigen, schlangenhaften Zopf gewunden, sah sie aus wie ein rachs�chtiger Waldgeist, der sich aus dem morastigen Boden einer herbstlichen Lichtung erhoben hatte. Wild und bedrohlich erinnerte nichts mehr an die kalte Eleganz der Emerelle von einst.</p><p>Falrach blickte unwillk�rlich zum Firmament. Er h�tte schw�ren m�gen, die Sterne erzitterten, als Emerelle das fremde Wort rief. Das Licht eines jeden Einzelnen wurde einen Herzschlag lang blasser, als lege sich ein Gazeschleier �ber den ganzen Himmel, um seine Pracht vor den Blicken der Albenkinder zu verbergen. Kaum einen Lidschlag w�hrte dies furchteinfl��ende Schauspiel, als</p><p>die beiden Geisterhunde aus der Wand hoch �ber ihnen glitten.</p><p>Kaum waren sie zu sehen, fuhr ein glei�endes, blauwei�es Licht vom Himmel hinab.</p><p>Heller als ein Blitz, doch ohne einen Donnerschlag. Es nahm jegliche Farbe aus der Nacht. Bannte das Dunkel. Falrach musste sich abwenden. Seine Augen brannten. Er f�rchtete, geblendet zu sein.</p><p>Selbst durch die geschlossenen Lider sah er das Licht.</p><p>Als er es wagte, die Augen wieder zu �ffnen, sah er nur verschwommene Schemen.</p><p>Ein seltsamer Wohlgeruch lag �ber dem Hof.</p><p>�Ich bin blind�, wimmerte der Lutin. Er kauerte bei einem Lichtbogen, die H�nde vor das Gesicht geschlagen.</p><p>Emerelle schwankte, als sei sie verletzt. Sie brach in die Knie. Der Geruch von verbranntem Leder mischte sich unter den fremdartigen Duft. Klirrend fiel Falrach das Metallst�ck der Gazala vor die F��e. Es hatte sich durch den Lederbeutel gebrannt.</p><p>Immer noch jammerte der Lutin. Er hatte ein Tor auf dem Albenpfad ge�ffnet, doch allein sein Erscheinungsbild machte deutlich, dass es nicht ratsam war, auf diesem Weg zu fliehen. Der Lichtbogen war instabil. Er dehnte sich und sackte dann wieder fast in sich zusammen. Keine zwei Herzschl�ge behielt er dieselbe Form.</p><p>Aber sie w�rden ihn nicht mehr brauchen. Was immer Emerelle getan hatte, die Geisterhunde schienen besiegt.</p><p>Tr�nen rannen Falrach aus den brennenden Augen. Langsam sah er wieder etwas deutlicher. Er ging zur K�nigin und hob sie auf. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter.</p><p>Alles war gut. Und von nun an w�rde alles anders werden! Sie waren gerettet. Es war geschafft!</p><p>�Wasser�, fl�sterte Emerelle. �Bitte, Wasser.�</p><p>Ihre Lippen hatten sich dunkel verf�rbt. Sie f�hlte sich unnat�rlich warm an. In einer Ecke des Hofs tr�pfelte Wasser aus einem L�wenkopf in eine Pferdetr�nke.</p><p>Vorsichtig bettete Falrach die K�nigin auf den Boden. Er strich ihr das schmutzige Haar aus dem Gesicht. �Ich hole Wasser.�</p><p>Nirgends konnte er einen Eimer oder ein anderes Gef�� entdecken. Also streifte er seine Tunika �ber den Kopf und hielt den Stoff in das tr�pfelnde Rinnsal. Es dauerte lange, bis er sich so weit vollgesogen hatte, dass er Emerelle gen�gend Wasser in den Mund tr�ufeln k�nnte. Er w�rde sie danach in die nasse Tunika wickeln, um ihr Fieber zu k�hlen. Wenn er doch nur zaubern k�nnte!</p><p>Der Lutin war verstummt. K�lte kroch Falrach �ber den R�cken.</p><p>Der Elf fuhr herum. �ber Emerelle kauerte ein Geisterhund, die Schnauze tief in ihrer Brust versenkt!</p></section><section><title><p>Das Ende der Zeit</p></title><p>Alyselle h�tte aufjauchzen m�gen. Das Licht aus der Brust der Elfenk�nigin war reine Kraft. Sie sah Emerelles Haut unter dem Schmutz welken. Die K�nigin war wehrlos.</p><p>V�llig entkr�ftet vom Mord an ihren beiden Gef�hrten. Doch ihr Licht war noch immer unendlich viel st�rker als jedes andere, das sie gekostet hatte.</p><p>Alyselle merkte, wie sich ihr K�rper zu ver�ndern begann. Er wurde stofflicher. Ihre Macht wuchs. Es stimmte also, was die Schamanin gesagt hatte! Wenn man nur genug vom Licht in sich aufnahm, dann erlangten die Shi-Handan einen stofflichen Leib�...</p><p>Schritte lie�en sie aufblicken. Ollowain st�rmte ihr entgegen. Mit blo�en H�nden.</p><p>L�cherlich. Sie lie� kurz von Emerelle ab. Die K�nigin w�rde nicht mehr fortlaufen. Sie konnte sich also ruhig am Licht des Schwertmeisters und des wimmernden Kobolds laben.</p><p>Ollowain hielt inne. Er schrie sie an und winkte mit den Armen. Der Narr! Dachte er, sie sei irgendein Raubtier ohne Verstand? Die Bestie in ihr rebellierte. Sie wollte den Ritter t�ten. Vielleicht ... Ja, sie w�rde ein Spiel mit ihm treiben. Es konnte nicht schaden, sich zu vergn�gen und an seiner Hilflosigkeit zu weiden, bevor sie ihn und die gefallene K�nigin t�tete.</p><p>Alyselle wich ein wenig zur�ck. Sollte er sie doch f�r eine hirnlose Bestie halten! Das Ungeheuer in ihr best�rmte sie zu bleiben. Seine Gier nach dem Lebenslicht der K�nigin war schier �berw�ltigend. Aufschub kannte es nicht. Es wollte das Festmahl beenden.</p><p>Kaum dass sie zur�ckgewichen war, st�rmte der Schwertmeister vor. Er hob etwas vom Boden auf. Einen Stein? L�cherlich. Bildete er sich ein, sie mit Steinw�rfen vertreiben zu k�nnen?</p><p>Sie glitt noch ein St�ck zur Seite.</p><p>Ollowain stellte sich breitbeinig �ber seine K�nigin. Ein anr�hrendes Bild. Er war ganz der strahlende Held der Geschichten, die sie �ber ihn geh�rt hatte. Eifersucht stach in ihr Herz. Auch sie war eine Heldin! Sie hatte ihr Leben f�r ihre Herrin Alathaia gegeben, aber �ber sie w�rde niemand berichten. Sie war einfach verschwunden.</p><p>Alyselle ging dem Schwertmeister entgegen. Er hob drohend die Hand. Sie schnappte nach Emerelles Fu�. Goldenes Licht brach aus der K�nigin. Z�h. Honigartig. Und unbeschreiblich k�stlich. Wie eine Hy�ne an ihrem Aas zerrte sie daran.</p><p>Schlangengleich wand sich das Licht zwischen ihr und Emerelle.</p><p>Alyselle konnte den Boden unter ihren F��en sp�ren. Ihre Wahrnehmungen ver�nderten sich.</p><p>Mit einem Schrei stie� Ollowain seine Hand in ihren Leib.</p><p>Flammender Schmerz durchfuhr sie. Sie zuckte zur�ck. Er hielt etwas in der Hand.</p><p>Einen Metallsplitter!</p><p>W�tend schnappte sie nach seinem Arm. Doch er wich mit unglaublicher Geschicklichkeit aus und stach erneut mit dem Splitter zu. Kleine Blitze spielten um das Metall, als es durch ihren Leib schnitt.</p><p>Sie versuchte sein Bein zu packen. Wieder war er schneller und stie� zu. Der Schmerz lie� sie zur�ckweichen. Was war das? Skanga hatte ihr doch versprochen, dass keine Waffe sie verletzen k�nnte!</p><p>Ollowain kniete nieder. Ohne sie aus den Augen zu lassen, hob er Emerelle auf und legte sie sich �ber die Schulter. Mit der Linken hielt er immer noch den Splitter auf sie gerichtet. Woher hatte er dieses verdammte St�ck Metall? Das war ja nicht einmal eine richtige Waffe!</p><p>Der Schwertmeister ging auf das magische Tor zu. Er wollte auf diesem Weg fl�chten.</p><p>Die Bestie bedr�ngte sie. Das Ungeheuer wollte losst�rmen, aber sie sah nur das Metallst�ck, mit dem sie verletzt worden war. Sollte er doch ins Goldene Netz treten.</p><p>Da w�rde sie sie alle erwischen. Es war verr�ckt, durch ein so instabiles Tor zu gehen.</p><p>Sie w�rden in die Zukunft geschleudert werden. Aber ihr w�rde es nicht schaden. Sie hatte schon alles verloren. Sie konnte nur noch gewinnen. Und sie war entschlossen, sich Emerelle zu holen!</p><p>Mit einem barschen Ruf scheuchte der Schwertmeister den Lutin auf. Der Fuchsmann z�gerte. Dann blickte er in ihre Richtung.</p><p>Komm, bleibe!, dachte sie geh�ssig. Dein kleines Lebenslicht ist nur ein Happen.</p><p>Fluchend trat der Lutin durch das Tor. Ollowain folgte ihm auf dem Fu�.</p><p>Alyselle sprang los. In Gedankenschnelle war sie durch das Tor. Etwas packte sie! Ein fremder Zauber! Sie wurde nach vorne gezerrt. Das Gold des Albenpfades wurde zu glei�endem Licht, das sie mit sich riss.</p><p>Was stimmte hier nicht? Sie wurde vorw�rtsgezogen, ohne dass sie eine M�glichkeit gehabt h�tte, auszubrechen. Immer weiter. Sie ahnte, dass sie durch die Zeit st�rzte.</p><p>Jahrtausende fl�ssen vorbei. Alyselle musste an die l�chelnde Fremde denken mit den seltsamen Zeichen auf dem K�rper. Das war eine Falle gewesen! Sie war verzaubert worden, als sie durch die Haut der Gazel enfrau gesto�en war, um deren Lebenslicht zu verschlingen.</p><p>Die Bestie in ihr b�umte sich auf. Alles verschwamm in wei�em Licht. War das das Ende der Zeit?</p></section></section><section><title><p>Sieben Jahre sp�ter �</p></title><section><title><p>Der Maulwurfsritter</p></title><p>Adrien duckte sich unter dem Schwerthieb weg, blockte einen R�ckhandschlag mit dem Schild, noch bevor der neue Angriff an Wucht gewann, und rammte Jules den Schild und dessen eigenes Schwert gegen die Brust. Der Priester wich zur�ck, strauchelte aber keineswegs. Er schien in sieben Jahren um keinen Tag gealtert zu sein.</p><p>Ganz im Gegenteil. Auch er schien durch die t�glichen �bungen an Kraft und Geschicklichkeit gewonnen zu haben.</p><p>Er fing sich, t�uschte einen Schwertsto� auf Adriens rechten Fu� an, wechselte �berraschend die Richtung und zielte auf seinen Schritt. Der Junge rammte die Klinge mit einem Sto� mit der Schildkante zu Boden und ber�hrte mit seinem Schwert Jules�</p><p>Nacken. �Du bist tot, Meister.�</p><p>Jules lie� schnaufend Schild und Schwert fallen. Er wischte sich mit der Hand �ber die schwei�nasse Stirn. Dann lie� er sich auf einem der Schutth�gel nieder.</p><p>�Das war das erste Mal, dass ich bei einer �bung drei t�dliche Treffer geschafft habe!�</p><p>Es gelang Adrien nicht, den Triumph in seiner Stimme zu verbergen. Sechs Jahre hatte er �ben m�ssen, bis es ihm �berhaupt einmal gelungen war, Jules zu treffen. Aber in den letzten Wochen wurde er endlich besser und besser.</p><p>�Und was hei�t das?�, entgegnete der Priester m�rrisch. �H�ltst du dich f�r einen Ritter, weil du es schaffst, einen alten Mann zu besiegen?�</p><p>�Bei allem Respekt, Meister, aber du bist nicht alt.�</p><p>Der Priester l�chelte in sich hinein, wie er es oft tat. �Bei allem Respekt, mein Sch�ler, aber du hast keine Ahnung. Also fassen wir einmal zusammen. Was kannst du?�</p><p>�Du hast mich gelehrt, dass es unziemlich ist, mit seinem K�nnen zu prahlen.�</p><p>�Und was war das mit dem Jubelgeschrei, dass du mich dreimal t�dlich getroffen hast?�</p><p>�Eine nicht ganz sachlich vorgetragene Tatsache�, entgegnete Adrien grinsend.</p><p>�Wenn ich dich so h�re, l�uft es mir eiskalt den R�cken herunter. Mir scheint, ich habe hier einen Prediger herangezogen, der einem das Wort im Munde verdreht, und keinen Ritter.�</p><p>�Das sagst du mir bestimmt schon zum hundertsten Mal. Mir scheint, du bist ein schlechter Lehrer, wenn bei mir einfach keine Besserung eintritt.�</p><p>�Und mir scheint, aus dir einen Ritter zu machen, ist so aussichtslos, wie mit blanker Faust aus einem Felsblock eine Statue herausmei�eln zu wollen. Aber fassen wir einmal zusammen, was du gelernt hast. Du kannst lesen und schreiben und sogar schlechte Verse verfassen. Du packst dein Schwert nicht mehr an wie ein Bauer eine Mistforke und bist sogar in der Lage, bei einem alten Mann in anderthalb Stunden �bungskampf drei Treffer zu landen. Aber mach dir keine Illusionen! Solltest du jemals auf einen Elfen treffen, der auch nur halbwegs begabt im Schwertkampf ist, dann w�rst du tot, bevor du auch nur deinen vollst�ndigen Namen sagen k�nntest, Michel Sarti.�</p><p>In all den Jahren hatte Adrien sich noch immer nicht ganz an diesen neuen Namen gew�hnt. Auch hatte er Zweifel, dass er tats�chlich der illegitime Sohn dieses Ritters war. Allerdings akzeptierte er, dass dieses Spiel zu Jules� Regeln geh�rte. Schon vor Jahren hatte er sich abgew�hnt, dazu etwas zu sagen. F�r die Welt jenseits des Tales w�rde er Michel Sarti sein. Aber in seinem Herzen war er Adrien.</p><p>�Wann ist meine Ausbildung beendet? Wenn du �ber meine Kenntnisse sprichst, dann h�rt es sich an, als sei das nichts, aber wie viele Ritter gibt es, die lesen und schreiben k�nnen?�</p><p>�So wenige, dass ich darauf achten werde, dass du gut genug bist, nicht gleich vom ersten Dummkopf erschlagen zu werden, der, statt sich zu bilden, den ganzen Tag mit Kampf�bungen verbracht hat.�</p><p>Adrien seufzte. �Ich glaube, f�r dich werde ich nie gut genug sein. Du willst mich gar nicht weglassen.�</p><p>�Ich gebe zu, ohne dich wird es hier in den Bergen vermutlich recht einsam werden.�</p><p>Jules erhob sich. �Ich kann verstehen, dass du fort m�chtest. Du bist l�ngst ein junger Mann. Manchmal sorge ich mich, dass du zu gut f�r die Welt jenseits dieses Tals bist.</p><p>Dort herrscht ein K�nig, der abgrundtief b�se ist. Ein Mann v�llig ohne Moral. Du bist in allem das genaue Gegenteil von ihm. Das allein k�nnte ihm als Grund gen�gen, dich zu t�ten.�</p><p>�Du hast daf�r gesorgt, dass es nicht ganz leicht werden wird, mich umzubringen.�</p><p>�Leider scheine ich dir bei unseren Kampf�bungen zu oft auf den Kopf geschlagen zu haben. Glaubst du allen Ernstes, du seist bereit, ein ganzes K�nigreich herauszufordern? Allein?�</p><p>�Ich lass den alten K�nig in Ruhe. Ich will nichts von ihm!�</p><p>Jules sch�ttelte den Kopf. �Begreif doch, Junge. Er wird dich nicht in Frieden lassen.</p><p>Weil du so bist, wie du nun einmal bist, wird er von dir h�ren. Und er wird dich nicht in Frieden lassen. Vertrau mir, Junge!�</p><p>Adrien stie� �rgerlich sein stumpfes �bungsschwert in einen der Ger�llhaufen. Jules w�rde ihn niemals ziehen lassen, denn dieser verfluchte K�nig Cabezan schien unsterblich zu sein. Er war l�ngst �lter, als es sich f�r einen Menschen geziemte. Jedes Mal, wenn Jules f�r ein paar Tage den Steinernen Wald verlie�, kam er mit neuen Schreckensgeschichten �ber den K�nig zur�ck.</p><p>Der Junge dachte an das Blumenm�dchen. Bestimmt hatte sie sich l�ngst einen Mann erw�hlt. Wahrscheinlich hatte sie sogar schon Kinder. Hoffentlich nicht von dem widerlichen Fleischhauer. Das w�rde er nicht ertragen.</p><p>�He, du machst ein Gesicht wie einer, der dem alten K�nig die Hand k�ssen soll. Was denkst du?�</p><p>�Dass ich in diesem Tal alt und grau werde.�</p><p>Der Priester l�chelte warmherzig. �Das mit dem L�gen hast du immer noch nicht gelernt. Behalte deine Gedanken f�r dich, ich werde nicht weiter in dich dringen.</p><p>Komm einmal mit mir.�</p><p>Jules brachte ihn zu einem Loch, das er vor Jahren gegraben hatte. Der ganze Hang war �bers�t von Gruben, und Adrien war sich sicher, wenn er jemals zum Ritter werden sollte, dann w�re er gewiss der Ritter, der am meisten Dreck geschaufelt hatte.</p><p>Spaten und Hacke w�ren ein passendes Wappen f�r ihn.</p><p>�Hier, Junge. Ich habe in der letzten Nacht von dieser Grube getr�umt. Du musst dort unten noch ein wenig graben. Nicht mehr weit. Ich bin sicher, es war diese Grube, die ich im Traum gesehen habe. Hier wirst du es finden.�</p><p>Jules hatte ihm in all den Jahren nicht gesagt, was er eigentlich finden sollte. Und er war schon unz�hlige Male mit Traumvisionen gekommen. Adrien sagte gar nichts dazu. Unten in der Grube hatte sich Wasser gesammelt. Die R�nder waren ausgewaschen. Jede Menge Ger�ll und Schlamm hatten das Loch halb gef�llt. L�ngst hatte Adrien aufgeh�rt, mit seinem Meister �ber dessen Tr�ume zu reden. Er w�rde graben. Sieben Jahre schon hatte er das getan. Fragen stel en half nichts. Er war eben der Maulwurfsritter.</p></section><section><title><p>Die Kunst der T�uschung</p></title><p>Elodia erhob sich vom Bett. Sehr vorsichtig, um den Priesterf�rsten mit ihren Bewegungen nicht im Schlaf zu st�ren. Das tote K�tzchen rollte aus seiner ge�ffneten Hand. Zusammengerollt lag es auf dem Seidenlaken. Die wei�e Schnauze war rotbraun von verkrustetem Blut. Die anderen beiden K�tzchen kletterten �ber Laken und Kissen, um ihrer Schwester zu helfen. Sie leckten das Blut von der Schnauze, bis das Fell wieder ganz wei� war. Leise maunzten sie. Stie�en ihre tote Schwester immer wieder vorsichtig mit den Pf�tchen an, unf�hig, zu begreifen, warum sie nicht aus dem vermeintlichen Schlaf erwachte.</p><p>Seit sie vor zwei Jahren nach Iskendria gekommen war, nannte sich Elodia Danae. Sie war auf dem Goldenen Markt in einer aufsehenerregenden Versteigerung als aegilische Liebessklavin vorgestellt worden. Wegen ihrer hellen Haut und der fantastischen Geschichten, die der Sklavenh�ndler bei der Versteigerung �ber sie erz�hlte, war sie f�r eine wahrhaft exorbitante Summe an einen Seidenh�ndler verkauft worden.</p><p>Ihr Sklavenh�ndler war in Wahrheit ein Mittelsmann Cabezans gewesen, und Elodia w�rde darauf wetten, dass er kurz nachdem sein K�nig das Geld aus der Versteigerung erhalten hatte, einen pl�tzlichen Tod gestorben war. Genauso sicher war sie sich, dass es inzwischen reichlich Ger�chte �ber die Verbindungen des H�ndlers zu den aegilischen Piratenf�rsten gab.</p><p>Cabezan war wie eine gro�e Spinne, die mitten in ihrem Netz sa�. Er hatte ein Netz aus L�gen um sie gesponnen. Niemand w�rde mehr herausfinden k�nnen, wer Danae in Wahrheit gewesen war. Alle hier in der Stadt kannten nur die Liebessklavin.</p><p>Wirklich alle! Seit einigen Wochen nun nahm Promachos sie mit zu den �ffentli chen Opferritualen f�r den Stadtgott Baibar. Eine widerliche Zeremonie, bei der ein gefesseltes Kind im Feuerschlund des G�tzenbildes von Baibar verbrannt wurde. Sie war immer noch eine Sklavin, aber mit Sicherheit war sie die m�chtigste Sklavin der Stadt. Promachos war ihr verfallen. Ihrer Liebeskunst, mit der sie ihm ein Jahr lang immer neue Gen�sse beschert hatte. Ihrer Ruchlosigkeit, mit der sie all seine perversen W�nsche nicht nur erf�llte, sondern ihn durch ihre Vorschl�ge zu neuen, geheimen Ekstasen f�hrte. Promachos, der m�chtigste unter den Priesterf�rsten. Promachos, der Flottenbauer, der seiner Stadt neue Visionen schenkte und sie zu nie gekannter Macht f�hrte. Dieser Promachos war ein Sklave seiner Lust. Immer mehr Zeit verbrachte er mit ihr. Heute war er darauf verfallen, K�tzchen mit ins Bett zu nehmen und eines von ihnen langsam zu erw�rgen, w�hrend sie seine Lust zum H�hepunkt trieb.</p><p>Gestern hatte er sie gen�tigt, in der Mittagshitze mit Eis gek�hlten Wein zu trinken, bevor sie ihn mit dem Kuss der Schlange verw�hnte. Bald w�rde er ihrer �berdr�ssig werden, da war sich Elodia sicher. Wie lange lie�en sich seine Gel�ste noch steigern?</p><p>Vor zwei Wochen hatte er darauf bestanden, sie t�towieren zu lassen. An einer Stelle, an der es nur ein Liebhaber w�rde sehen k�nnen, loderte nun eine gelbrote Flamme.</p><p>W�rde er bald auch ihr Gesicht mit einem tief unter die Haut gestochenen Bild schm�cken wollen? Oder w�rde er sie weiterreichen an verdiente W�rdentr�ger, einen der Baumeister der neuen Flotte, oder sie vielleicht einfach t�ten lassen, so wie ein Kind ein Spielzug zerbricht, dessen es �berdr�ssig wurde? All diese Schicksale hatte sie bei Frauen erlebt, die ihr vorausgegangen waren. Sie w�rde nicht so enden!</p><p>Promachos st�hnte im Schlaf. Er war ein massiger Mann. Als Priester war jedes Haar von seinem K�rper entfernt worden, obgleich ein leichter, blauschwarzer Bartschatten auf seinen Wangen schimmerte. Seine Augenlider waren dunkelblau geschminkt. Kleine Perlchen waren mit Harz in die Augenwinkel geklebt.</p><p>Elodia hatten sie stets an gefrorene Tr�nen erinnert, denn das Herz des Priesters war so kalt, dass seine Tr�nen gewiss gefrieren w�rden, wenn es etwas g�be, das ihn dazu bringen k�nnte, Tr�nen zu vergie�en.</p><p>Sie hatte nie erfahren, wie alt er war. Dar�ber wurde im ganzen Palast nicht gesprochen. Ganz jung war er sicherlich nicht mehr. Sie sch�tzte ihn auf f�nfundvierzig bis f�nfzig Jahre. N�her bei den f�nfzig! Er hatte einen stattlichen Bauch, doch war das Fleisch noch fest. Er war erstaunlich stark. Als er das kleine K�tzchen mit der Linken erdrosselt hatte, hatte Elodia geh�rt, wie auch die d�nnen Rippen des Tiers gesplittert hatten. Sie wusste, wenn sie ihren letzten Befehl ausf�hrte, dann hatte sie nur einen einzigen Versuch. Er war ihr k�rperlich �berlegen. Ging sie z�gerlich vor, dann w�re das ihr Tod.</p><p>Der Seidenh�ndler, der sie vor zwei Jahren auf dem Goldenen Markt gekauft hatte, war ein freundlicher, junger Mann gewesen. Er w�rde immer einen Platz in ihrem Herzen behalten. Er hatte das Verm�gen seiner Eltern geerbt. Sein Gesch�ft bl�hte, bis er sie kaufte. Sie verf�hrte ihn dazu, sie bei �ffentlichen Anl�ssen mitzunehmen und mit ihrer Liebeskunst und den wunderbaren N�chten zu prahlen, die sie miteinander verbrachten. Jedes Mal, wenn sie ihn geliebt hatte, lag am Morgen danach ein Geschenk auf ihrem Kopfkissen oder in einem ihrer zierlichen, mit Perlen bestickten Pantoffeln. Er achtete darauf, dass in ihren Gem�chern stets frische Blumen standen, obwohl diese in Iskendria s�ndhaft teuer waren. Er ging mit ihr Stoffe einkaufen, mit denen sie die W�nde ihres Schlafgemachs schm�ckte.</p><p>Gerne scherzte er mit ihr �ber ihren aegilischen Akzent. Gemeinsam lie�en sie sich in einer verhangenen S�nfte �ber die M�rkte tragen, und manches Mal entlockte sie ihm mit ihren Liebkosungen dabei in aller �ffentlichkeit Laute, die nicht f�r Kinderohren bestimmt waren. Er verg�tterte sie. Er vermochte keinen Abend mehr ohne sie zu verbringen. Er hatte ja keine Ahnung, wen er sich in sein Haus geholt hatte! Er glaubte, sie sei die Tochter eines Fischers aus Zeola.</p><p>Verschleppt von Piraten und von ihnen in die Sklaverei verkauft.</p><p>Tats�chlich war sie im Refugium von M�ns Gabino vier Jahre lang in allen K�nsten der Liebe unterrichtet worden. Tief in den Bergen verborgen, war dies ein Ort, an den sich kaum einmal ein Wanderer verirrte. Und kam doch ein Besucher, so wurde er nur ins Torhaus eingelassen, wo man ihm sagte, dies sei ein Refugium frommer Schwestern, die gelobt hatten, in ihrem Leben nie wieder einen Mann zu sehen. Diese L�ge war so unglaublich dreist, dass Elodia selbst heute dar�ber l�cheln musste. Sie war in diesen Jahren darin unterwiesen worden, M�nnern wie Frauen auf jede erdenkliche Art Lust zu bereiten. Sie lernte Konversation. Und als man eine Aufgabe f�r sie ersann, wurde sie im f�nften Jahr im Refugium f�r ihre Reise nach Iskendria vorbereitet. Sie lernte das Aegilische und ein wenig Valethisch, die Sprache Iskendrias. Sehr gro�en Wert legten ihre Lehrer auf ihren Akzent im Aegilischen. Jeder, der ihn einmal geh�rt hatte, vermochte die breite, getragene Art, wie sie die Worte aussprach, sofort der Insel Zeola zuzuordnen. Elodia erfuhr genug �ber die Fischerei in dem Inselstaat, �ber das Netzeflicken und Kochen mit Meeresfr�chten, um glaubw�rdig eine Fischerstochter spielen zu k�nnen. Zugleich sch�rfte man ihr ein, ihr Wissen um Dichtung und gehobene Konversation, das sie in den ersten Jahren im Refugium erworben hatte, zu verbergen.</p><p>Ihr Seidenh�ndler hatte nie daran gezweifelt, dass sie ein harmloses Fischerm�dchen war. Manchmal hatte er freundlich �ber ihre mangelnde Bildung gespottet. Aber er hatte sie nie verletzt. Er hatte sie wirklich geliebt, dachte Elodia bitter, und sie hatte diese Liebe verraten. Es war von Anfang an ihr Ziel gewesen, den Hohen Priester Promachos auf sich aufmerksam zu machen. Er war die treibende Kraft hinter dem Flottenbau in Iskendria. Er hatte Frieden mit den Piratenf�rsten der Aegilischen Inseln geschlossen. Zum ersten Mal hatte sie Promachos auf dem gro�en Fest zu Ehren der Seeg�ttin Bessa gegen�berge-standen. Er hatte sie mit den Augen verschlungen. Es war offensichtlich gewesen, dass er schon von ihr geh�rt hatte. Sie hatte erschrocken und sch�chtern getan. Das hatte ihn nur noch mehr angestachelt.</p><p>Elodia war sich ganz sicher, dass die Einladung auf den Maskenball im Haus der ber�chtigten Kaufherrin Sem-la nur auf den Wunsch von Promachos erfolgt war. Sem-las Haus schien wie von Magie durchdrungen zu sein. Ihre Feste waren ber�hmt und ber�chtigt. Oft hatte Elodia von den Ausschweifungen munkeln h�ren, die jede Feier begleiteten. Und vom Glanz der Feste. Dort raubte Promachos ihr einen ersten Kuss. Er war verschleiert wie die Tearagi, jene r�uberischen W�stennomaden, die dem Karawanenhandel so sehr zusetzten. Nach kurzem, gespielten Z�gern hatte sie den Kuss erwidert und mehr�... Das Haus der Sem-la war voller verborgener Winkel und Nischen. Und sie waren nicht das einzige Paar, das sich von den Feierlichkeiten zur�ckgezogen hatte, um ein eigenes, intimeres Fest zu begehen.</p><p>Am n�chsten Morgen waren Tempelwachen ins Haus ihres Seidenh�ndlers gekommen. Sie hatten ihn aufgefordert, die Sklavin Danae aus Zeola an den Tempel des Baibar zu �berstellen. Jede Familie in Iskendria f�rchtete diese Besuche.</p><p>Gew�hnlich kamen die Tempelwachen, um auserw�hlte Opfer f�r den Gott zu fordern, meist Kinder. Aber manchmal wurden auch ein sch�ner J�ngling oder eine junge Frau verbrannt. Dass dieser Besuch einen ganz anderen Grund haben k�nnte, war ihrem Seidenh�ndler gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte sich sch�tzend vor sie gestellt, hatte gedroht und gebettelt. Vergebens. Und dann hatte er den einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Er hatte den kleinen Schmuckdolch an seinem G�rtel gezogen. Die Tempelwachen waren erfahrene Krieger. Ein H�ndler mit einem Dolch in der Hand war keine Bedrohung f�r sie. Aber sie hatten es als eine Beleidigung Baibars aufgefasst. Als sie Elodia vor Promachos gef�hrt hatten, war der Saum ihres Kleides vom Blut des Seidenh�ndlers benetzt gewesen.</p><p>Der Priesterf�rst hatte sie noch am selben Morgen in sein Bett geholt. Es dauerte zwei Monde, bis sie nicht nur seine Favoritin war, sondern alle anderen Lustsklavinnen aus dem Palast verschwanden. Sie wollte ihn f�r sich allein. Er sollte ihr ganz und gar verfallen.</p><p>Ihre Lehrer auf dem M�ns Gabino hatten gro�e Sorgfalt darauf verwandt, ihr den Hintergrund ihrer Mission zu erl�utern. Stunden um Stunden hatte Elodia vor einer Reliefkarte verbracht und die Namen von Inseln und St�dten gelernt. Dann die Namen von Priestern, F�rsten und Feldherren. Kleine bunte Schiffchen auf dem Plan zeigten, wie schwach die Flotte Fargons war. Und wie �berm�chtig die Piratenflotten der Aegilischen Inseln sowie die neue Flotte, die auf Befehl des Priesters Promachos in Iskendria auf Kiel gelegt wurde. Ihre Aufgabe war es, ins Bett von Promachos zu gelangen, um von dort aus Fargon zu dienen.</p><p>Wieder blickte Elodia zu dem Schlafenden. Sein Schlummer nach der Liebe dauerte nie sehr lange. Drau�en vor der m�chtigen Fl�gelt�r standen zwei Tempelwachen, keine zehn Schritt entfernt. Beim geringsten verd�chtigen Laut w�rden sie ins Zimmer st�rmen.</p><p>Vor sieben Monden schon hatte sie den Dolch versteckt, der das Leben des Priesters beenden w�rde. Ein Fischermesser von den Aegilischen Inseln. Ihre Lehrer hatten ihr sogar beschrieben, auf welche Weise sie ihn t�ten sollte und was sie noch zu tun h�tte, wenn er schon tot war. Seine Ermordung musste spektakul�r sein. Ein Ereignis, das nicht schnell in Vergessenheit geriet. Es sollte nicht nur zum Bruch des B�ndnisses mit den Piratenf�rsten der Aegilischen Inseln f�hren.</p><p>Cabezan w�nschte, dass die beiden m�chtigsten Flotten der Welt einander bek�mpften. Ihr K�nig f�rchtete, dass die Priester und die Piraten sonst ihre Hand nach der neuen Provinz Marcilla ausstrecken w�rden. Und tats�chlich hatte Promachos ihr im Bett davon erz�hlt, dass einige der K�stenst�dte Fargons besetzt werden sollten. Die Priester wollten feines Leinen, Parf�m und F�rbemittel nicht mehr einkaufen, sondern die St�dte, in denen die Luxusg�ter hergestellt wurden, tributpflichtig machen.</p><p>Zehntausend Schwerter w�rden nicht ausreichen, die Macht der Priester und der verb�ndeten Piraten aufzuhalten, hatten ihr ihre Lehrerinnen auf dem M�ns Gabino immer wieder eingebl�ut. Doch ein einziger Dolch konnte in dieser Nacht vollbringen, wozu die Ritterheere Fargons nicht in der Lage w�ren.</p><p>Sie tastete �ber die Fensterbank. Sie hatte die Platte gelockert und unter ihr einen Stein aus dem Mauerwerk gel�st. In dieser H�hlung verborgen ruhte das Schicksal ihrer Heimat. Elodia blickte auf den Hafen hinab. Ein Wald von Masten ragte dort empor.</p><p>Aus der ganzen Welt kamen Schiffe hierher. Waren stapelten sich auf den Kaimauern.</p><p>In der Mittagshitze war es dort ein wenig ruhiger. Der Himmel war von klarem Blau.</p><p>Sie schob die H�nde unter die schwere Steinplatte und versuchte sie zu heben. Doch sie bewegte sich nicht.</p><p>�Suchst du das Messer, das dort lag?�</p><p>Erschrocken fuhr Elodia herum. Promachos hatte sich aufgesetzt. �Vor ein paar Wochen schon habe ich bemerkt, dass der Stein locker geworden war. Der Handwerker fand ein Fischermesser von den Aegilischen Inseln. War das Patriotismus oder Dummheit?�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon Ihr redet, Herr ...�</p><p>�Nat�rlich. Es war Zufall, dass du dich an dem steinernen Sims zu schaffen gemacht hast. Du stehst nur am Fenster, um den gro�artigen Blick auf den Hafen und die Bibliothek zu genie�en, nicht wahr?�</p><p>�Herr, es ist nicht, wie es scheint...�</p><p>�Nat�rlich nicht! Glaubst du wirklich, du seiest so besonders im Bett, dass ich dich allen anderen vorziehe? Hast du das wirklich geglaubt? Ich habe darauf gewartet, wann du zu diesem Sims gehst. Das war die ganze Spannung. Und nun bin ich neugierig, wie lange du deine Geheimnisse f�r dich behalten kannst. Welcher der Piratenf�rsten hat dich geschickt? Du mochtest das T�towieren nicht�... In einer Stunde werde ich mit gl�hendem Eisen Muster auf deine Haut malen, M�dchen. Dann wirst du mir ein anderes Lied singen als in diesem Bett. Und ich bin sehr neugierig, es zu h�ren.�</p></section><section><title><p>Wie ein M�rchen aus uralten Zeiten</p></title><p>Zwei Tage schuftete er nun schon wieder in der Grube, in die ihn Jules� Traum geschickt hatte. Adrien versuchte sich in Gleichmut zu �ben. Er war nun mal der Maulwurfsritter. Das Schicksal hatte ihn in die H�nde des seltsamen Priesters gespielt, und er konnte nur hoffen, dass Gott ihm gn�dig war, denn Jules war es nicht. Seitdem er ihn im �bungskampf so deutlich besiegt hatte, war er in bedrohliches Br�ten verfallen. Er hatte nichts mehr gegessen und getrunken. Er reagierte nicht, wenn man ihn ansprach. Er behauptete, er sei nahe bei Gott, wenn er so in Trance versunken in ihrer H�tte sa�. Adrien fand ihn dann besonders unheimlich. Manchmal murmelte er in fremden Zungen, ohne wirklich bei sich zu sein.</p><p>Klirrend traf die Spitzhacke auf Widerstand. Es war nicht das Ger�usch von massivem Fels oder geschmolzenen Metallen. Adrien war nach all den Jahren Experte f�r die Ger�usche, die eine Spitzhacke machte. Er kniete nieder und schob Erde und Ger�ll zur Seite. Bald traf er auf das unverwechselbare Rot eines besch�digten Ziegelsteins.</p><p>Endlich einmal eine Abwechslung. Ziegel waren von den Baumeistern der versunkenen Stadt nur selten verwendet worden, meist f�r Kan�le. In der Regel waren die Mauern, die er fand, aus behauenem Stein.</p><p>Begeistert lockerte er mit der Hacke die Erde rings um den Ziegel. Bald zeigte sich, dass er auf die gew�lbte Decke eines Tunnels gesto�en war. Und er war weit gr��er als die Kan�le der Zisternen, die er bisher freigelegt hatte.</p><p>Eine Stunde dauerte es, bis er ganz sicher wusste, dass dieser Fund au�ergew�hnlich war. Durch diesen Tunnel h�tte ein Fuhrwerk fahren k�nnen, so weit spannte sich die Decke. Die Steine waren gut vermauert. Der M�rtel hatte die Jahrhunderte �berdauert, ohne zu zerkr�meln. Aber wo mochte der Eingang liegen? Er k�nnte noch Tage graben, ohne etwas zu finden. Es sei denn�... Adrien �berlegte, ob er Jules holen sollte.</p><p>Doch der Priester w�rde ihn vermutlich gar nicht h�ren. Er war l�ngst erwachsen. Er musste nicht f�r alles um Erlaubnis bitten! Entschlossen hob er die Spitzhacke und begann mit kr�ftigen Schl�gen auf die Ziegel einzuschlagen. Die roten Steine waren hart wie Fels gebrannt. Es dauerte eine Weile, bis die Spitze der Hacke ins Leere stie�.</p><p>Er verkeilte das Werkzeug und hebelte weitere Steine aus dem Mauerwerk. Als das Loch gro� genug war, dass er hindurchschl�pfen k�nnte, legte er sich flach auf den Bauch und blickte hinab. Die Sonne stand im Zenit. Er konnte den Boden erkennen. Er lag vielleicht vier Schritt tiefer. Er k�nnte springen.</p><p>Unentschlossen blickte Adrien zum Rand der Grube.</p><p>Sollte er nicht doch Jules holen? Nein! Ohne weiter nachzudenken, schob er die Beine durch die �ffnung und lie� sich in den Tunnel fallen. Er landete auf Steinplatten. Das Ger�usch seiner genagelten Stiefel hallte von den W�nden wider. Das erste Ger�usch seit vielen Jahrhunderten, das diese Mauern vernahmen.</p><p>Neugierig sah er sich um. Der Tunnel fiel leicht ab. Er schien in Richtung ihrer H�tte zu verlaufen, nur dass er sich dabei dem Herzen des Berges entgegenneigte. Was erwartete ihn dort, wo der Gang endete? Was hatte ihm Jules all die Jahre lang nicht verraten wollen? Lag dort die Schatzkammer der versunkenen Stadt? Adrien erinnerte sich noch sehr genau an den Spott des Priesters �ber den ersten Goldfund. Was war kostbarer als Gold, das hier verborgen lag?</p><p>Langsam gew�hnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er entdeckte Bilder auf den W�nden des Tunnels. Leider hatte der Bau die Jahrhunderte nicht ganz so gut �berstanden, wie er zun�chst angenommen hatte. Der Putz war an vielen Stellen von den W�nden gebl�ttert. Wasserspuren zeichneten die Mauern. Fast �berall, wo der Putz noch intakt schien, wucherten zarte Gipsblumen auf den Bildern. Dennoch war zu erkennen, dass Krieger dargestellt waren. Sie scharrten sich um gro� gewachsene M�nner mit Tierk�pfen! Einer dieser Anf�hrer hatte einen Eberkopf mit m�chtigen Hauern. Dieses Bild war ganz klar, als habe ein Zauber es vor der Zerst�rung bewahrt.</p><p>Der Eber hatte himmelblaue Augen. Ihr Blick schlug Adrien in den Bann. Er kannte diese Augen! Ein Schauer �berlief ihn. Das war Unsinn�... Wie sollte er ein Paar Augen kennen, das ein K�nstler vor unvorstel bar langer Zeit auf diese Gipswand gemalt hatte?</p><p>Ein Luftzug drang aus der Tiefe des Tunnels. Der Junge hatte das Gef�hl, dass dort etwas lauerte. Er wurde beobachtet!</p><p>Ein Krachen und Poltern lie� ihn herumfahren. Einen Augenblick setzte vor Schreck sein Herz aus. Hinter ihm lagen pl�tzlich mehrere Keulen auf dem Boden.</p><p>�Wer ist da?�, brachte er stockend hervor.</p><p>�Dein Retter, Ritter Hasenherz!�</p><p>Es war die Stimme von Jules. Vor Erleichterung lie� sich Adrien gegen die Wand sacken. Pl�tzlich schien alle Kraft aus seinen Gliedern gewichen zu sein.</p><p>�Ich frage mich ernsthaft, warum ich mich jahrelang als dein Lehrer abgem�ht habe, wo du offensichtlich so viel Verstand wie eine taube Nuss hast! Hast du einen Gedanken daran verschwendet, wie du da unten wieder herauskommst?�</p><p>Adrien blickte zu der �ffnung in der Decke. Der Tunnel war fast vier Schritt hoch. Es w�re unm�glich, dort ohne Hilfe wieder hinauszugelangen.</p><p>�Was w�rdest du machen, wenn ich noch in der H�tte s��e? Einen kleinen Spaziergang unter der Erde, um in v�lliger Finsternis nach einem anderen Ausgang zu suchen? Tjured hat mich gewarnt! Er hat mir eine Vision geschickt, dass der Nichtsnutz, den ich Dummkopf mir zum Sch�ler gew�hlt habe, gerade dabei ist, sich in gr��te Gefahr zu begeben.� Ein Seil rauschte durch das Loch.</p><p>�Mach dich n�tzlich! Zieh daran und pr�fe, ob es das Gewicht eines Muskelprotzes mit Spatzenhirn aush�lt.�</p><p>Zerknirscht packte Adrien das Seil. Jules hatte den Stiel der Spitzhacke quer �ber die �ffnung gelegt und daran das Seil festgebunden. Adrien zog heftig daran. Anfangs ruckte die Hacke. Dann setzte sie sich zwischen den Ziegelsteinen fest. �Das h�lt�, sagte er kleinlaut. Zu seinen F��en lagen Fackeln und keine Keulen, wie er irrt�mlich angenommen hatte.</p><p>Jules kletterte das Seil hinab. �Und was gibt es hier unten, das es wert ist, kopflos sein Leben zu vergeuden?�</p><p>Adrien konnte ihm nicht in die Augen blicken. �Du hattest gesagt, ich solle hier graben. Dass es Tjureds Wille sei...�</p><p>Der Priester sch�ttelte den Kopf. �Ungest�m der Jugend�... Was wird nur aus dir werden, wenn ich dich in die Welt entlasse?� Er kniete nieder und �ffnete ein T�pfchen mit Glut vom Herdfeuer ihrer H�tte. Damit entz�ndete er eine der Fackeln. Er hielt sie hoch �ber dem Kopf und sah sich um.</p><p>�Da vorne gibt es ein Bild, Meister. Das musst du dir ansehen. Es zeigt einen Mann mit Eberkopf. Mit blauen Augen. Diese Augen�... Sie sehen so echt aus! Als w�ren sie lebendig.�</p><p>�Dann war da wohl ein begnadeter K�nstler am Werk�, entgegnete Jules wenig begeistert.</p><p>�Selbst du wirst erstaunt sein, wenn du es siehst�, beharrte der Junge. �Hier. Leuchte hierhin! Hier ist es. Es�... � Adrien starte fassungslos auf die Wand. Der Putz war abgebl�ttert. Vom Fresko des Mannes mit dem Eberkopf waren nur die F��e geblieben.</p><p>Jules klopfte ihm auf die Schulter. Staub und kleine Putzst�ckchen rieselten zu Boden.</p><p>�Hast du dich vielleicht irgendwo angelehnt?�</p><p>�Ich ��</p><p>�Tja, da �bersteht so ein Bild vier Jahrtausende, und kaum betrittst du den Tunnel, da ist es dahin. Vielleicht habe ich dich zu viel mit der Spitzhacke arbeiten lassen. Dein Umgang mit Kunst l�sst zu w�nschen �brig.�</p><p>�Die Augen. Es sah so echt aus�... �</p><p>�Ja, ja. Ist schon gut. Hast du jemals von einem Eber mit blauen Augen geh�rt? Wie haben sie ausgesehen? Etwa wie meine Augen? Da ist dem K�nstler die Vorstellungs-kraft durchgegangen.� Jules schnaubte ver�chtlich. �Ein Eber mit blauen Augen. Ein Mann mit einem Eberkopf. Also wirklich ... Vielleicht waren das ja ihre G�tter. Sie scheinen den Menschen nicht gut zur Seite gestanden zu haben, wenn man sich so ansieht, was aus dieser Stadt geworden ist.� Die letzten Worte sagte er mit eigenartiger Bitternis. So als k�nne er das Geschick dieses Tals nicht verwinden. Ja, als sei es eine pers�nliche Angelegenheit.</p><p>�Komm, sehen wir, was uns erwartet.�</p><p>Als sie tiefer in den Tunnel vordrangen, fanden sie besser erhaltene Bilder. Sie zeigten riesige St�dte, Drachen und marschierende Heere. Auf einem Bild entdeckte Adrien gro�e, schwebende Kugeln, von denen dicke Seile herabzuh�ngen schienen. Die Seile hielten Holzplattformen, auf denen sich Krieger um Katapulte dr�ngten.</p><p>�Was ist das?�</p><p>Jules hielt die Fackel dicht vor das Bild. �Wolkensammler aus der Zerbrochenen Welt.</p><p>Sie �hneln am ehesten Quallen, nur dass sie unermesslich viel gr��er waren und durch die Luft schwebten. Sie lebten einst in einer Welt, von der nun nur noch Tr�mmer geblieben sind. Sie halfen den Menschen im Kampf gegen die Drachen. Die Gesch�tze, die du dort siehst, verschossen Speere, so dick wie der Arm eines starken Mannes.</p><p>Diese Speere vermochten die Drachen zu t�ten, wenn sie ihr Ziel fanden. Anders als die Drachen segelten die Wolkensammler tr�ge mit dem Wind. Es war leicht, sie auszuman�vrieren. Sie haben einen hohen Blutzoll daf�r entrichtet, sich f�r die Sache der Menschen entschieden zu haben.�</p><p>�Woher wei�t du das alles, Jules?�</p><p>�Ich habe viel Zeit in Bibliotheken verbracht und in meinem ganzen Leben noch kein einziges nennenswertes Loch gegraben.�</p><p>Die Worte verletzten Adrien. �H�ltst du mich f�r dumm?�</p><p>�Dann h�tte ich dich in jener Nacht in Nantour nicht erw�hlt. Horche auf die Stimme deines Herzens. Was willst du in deinem Leben sein? Ein Ritter oder ein Gelehrter?�</p><p>�Ein Ritter�, bekannte er.</p><p>Der Priester l�chelte. �Das wusste ich von unserem ersten Tag an. Du hast die besten Seiten deines Vaters geerbt. Du wirst ein gro�er Ritter werden. Und f�r einen Ritter ist es in diesen Zeiten schon sehr ungew�hnlich, wenn er lesen und schreiben kann. Unter deinesgleichen wirst du als Gelehrter gelten. Das muss dir gen�gen. Du bist kein Mann der B�cher. Du bist ein Krieger. Deshalb bist du auch hier heruntergesprungen, ohne dar�ber nachzudenken, wie du wieder heraufkommen wirst. Ich kenne dich, Michel Sarti. Und ich sch�tze dich, auch wenn ich zuweilen ein wenig ruppig bin.�</p><p>Das Lob machte Adrien verlegen. Er betrachtete erneut das Bild mit dem Wolkensammler. �Wie gro� sind sie gewesen?�</p><p>�Gr��er als jedes andere Tier, das es je gab. Sie waren friedliche Gesch�pfe. Bis sie in den Krieg hineingezogen wurden.�</p><p>�Was ist geschehen?�</p><p>�Irgendwann waren sie nicht mehr friedlich.� Er zuckte mit den Schultern. �Und wie du ja sehen kannst, waren sie sehr gro�. Und sie waren mehr als nur Tiere. Sie hatten Verstand. Sie konnten sogar zaubern. Ihre Magie speiste sich aus den Kr�ften des Himmels und der Sterne. Sie in den Krieg hineinzuziehen, war ein Fehler. Es war so, als werfe man im Winter leichtfertig einen Schneeball auf einen steilen Hang. Zwei Meilen tiefer ist aus dem faustgro�en Schneeball eine Lawine geworden, die ein ganzes Dorf hinwegfegt. Und vielleicht sterben dann zweihundert Unschuldige durch einen Schneeballwurf.�</p><p>Jules� Andeutungen machte Adrien nur neugieriger, aber er kannte seinen Lehrmeister lang genug, um zu wissen, dass es keine weiteren Antworten geben w�rde.</p><p>Der Priester ging weiter. Adrien aber konnte seinen Blick nicht von dem Wandbild l�sen. Er w�nschte sich, er w�re in diesen Zeiten ein Ritter gewesen. Ein Gef�hrte der sieben K�nige, die sich einst hier in Selinunt treffen wollten, um gegen die Drachen Albenmarks zu k�mpfen. Wie es wohl war, durch den Himmel zu reiten, an Bord einer dieser gro�en Plattformen, die von den Wolkensammlern getragen wurden?</p><p>�Michel!� Der Priester war so weit vorgegangen, dass das Fresko fast im Dunkel verschwand. Adrien sch�ttelte den Kopf, um seine Tagtr�ume zu vergessen. Diese Zeiten waren l�ngst vorbei, und vermutlich war es ges�nder, niemals einem Drachen zu begegnen. Er lief der Fackel nach. Jules hatte es pl�tzlich eilig. Mit weiten Schritten strebte er voran. Die Bilder an den W�nden fl�ssen dahin. Bilder von unglaublicher Pracht und von Schlachten, bei denen marschierende Heere den ganzen Horizont ausf�llten.</p><p>Immer wieder gab es �berraschendes zu sehen. Reiter auf fliegenden Pferden. Wei� gewandete Krieger mit silbernen Gesichtern, die auf gefl�gelten L�wen ritten. L�wen, wie er sie vor Jahren beim Aufstieg in dieses einsame Tal als Statuen gesehen hatte.</p><p>Gerne h�tte Adrien die Bilder an den W�nden n�her betrachtet. Allein ihr fl�chtiger Anblick lie� sein Herz schneller schlagen. Doch Jules verschloss sich gegen seine Bitten. Und er hielt die Fackel, den einzigen Lichtquell in dieser vier Jahrtausende alten Dunkelheit. Er entschied, wie lange ein Bild sichtbar blieb.</p><p>Pl�tzlich blieb er stehen. Der Tunnel endete in einem weiten Kuppelsaal. Jules entz�ndete eine zweite Fackel und reichte sie Adrien. �Dies ist der Ort, von dem ich getr�umt habe. Hier wird sich dein Schicksal erf�llen. Hier wollten die G�tter die sieben K�nige beschenken. Doch nie hatte einer von ihnen diesen Saal betreten. Nun ist es an dir, unter diesen Geschenken zu w�hlen. Tjured hat mir im Traum gezeigt, dass du hierherkommen musst. Doch wenn du die falsche Wahl triffst, dann droht dir Gefahr.�</p><p>Ein gro�er, runder Tisch stand in der Mitte der Halle. Sieben Schwerter lagen darauf, angeordnet wie die Speichen eines Rades. Sieben wuchtige St�hle mit niedrigen R�ckenlehnen standen um den Tisch. Und hinter jedem der St�hle verharrte ein W�chter. V�llig reglos.</p><p>Adriens Herz schlug rasend. All die Jahre oben im Tal hatte er davon getr�umt, ein Ritter wie in einem M�rchen zu sein. Und nun schien er tats�chlich in ein M�rchen aus uralten Zeiten hineingeraten zu sein. Z�gernd trat er in den Saal. Seine Fackel hielt er wie ein Schwert. Was sollte er den W�chtern sagen? Was...</p><p>Er hielt inne. Das waren gar keine Krieger, die ihn dort erwarteten!</p></section><section><title><p>Wie einen Fisch ausweiden</p></title><p>Promachos zog den Dolch, den sie unter dem steinernen Sims verborgen hatte, zwischen den Kissen hervor. �Wer hat dich geschickt?�</p><p>�Glaubst du wirklich, das w�rde ich dir einfach so verraten?� Elodia ging auf ihn zu.</p><p>Sie l�chelte. �Vielleicht wollte ich ihn ja fortwerfen?�</p><p>Der Priesterf�rst lachte. �Nat�rlich! Und vielleicht geht morgen fr�h der Mond statt der Sonne auf. Und was diejenigen angeht, die dich geschickt haben, du wirst mir ihre Namen nennen. Ich glaube nicht nur, dass es so kommen wird. Ich wei� es. Hast du je einer Folter beigewohnt, Danae? Sie zerst�ren alles an dir, was sch�n ist. Innerlich wie �u�erlich. Viele beginnen schon zu reden, wenn man ihnen ein d�nnes Messer unter die Fingern�gel treibt. Anderen muss man mit einer Zange ein paar Fingerglieder oder Zehen abtrennen. Bei Frauen reicht oft schon die Drohung, dass sie von einigen der Kerkerw�chter vergewaltigt werden. Aber wie ich dich einsch�tze, wird man sich wohl eher deinen Fingern und Zehen widmen m�ssen, oder vielleicht deine Nase abschneiden. Oder eines deiner Ohren.�</p><p>Sie stand jetzt dicht vor dem Bett. Elodia wusste, dass er mit Waffen umzugehen verstand. Sie w�rde ihm das Messer nicht einfach entwinden k�nnen. Er war st�rker als sie. Und ganz gleich, was sie tat, es musste ihn �berraschen. Er durfte nicht dazu kommen, zu schreien. Es war aussichtslos. All die M�hen waren vergebens gewesen!</p><p>�Hast du noch irgendwelche ergreifenden letzten Worte zu sagen, bevor ich dich ins Reich der Schreie schicke?�</p><p>�Stimmt es wirklich, dass ich keine gute Liebhaberin war?�</p><p>Er lachte auf. �Das ist es, was dich bewegt?�</p><p>�W�rde es helfen, wenn ich um Gnade bitte? Wohl kaum. Du magst mich f�r eine Meuchlerin und Hure halten, aber ganz gleich, was du von mir denkst, ich habe meinen Stolz. Ich hatte in den letzten Monden immer das Gef�hl, dass ich eine gute Hure f�r dich war und deine Lust nicht gespielt war.� Sie lie� sich neben ihm auf dem Bett nieder und legte eine Hand auf seinen Schenkel.</p><p>�Versuchst du etwa, mich zu verf�hren?� Er ber�hrte mit der Dolchspitze ihre Wange, dicht unter dem Auge. Der kalte Stahl glitt hinab zu ihren Lippen, dann auf ihre Kehle.</p><p>�Ich gebe zu, dass eine gewisse Spannung darin lag, mit einer Frau ins Bett zu steigen, von der ich wusste, dass sie mich ermorden wollte. Das gab der Sache einen besonderen Reiz.� Er tippte mit der Dolchspitze auf eine Brustwarze. �Aber kein Reiz ist unendlich. Unsere Wege trennen sich nun.� Er hob den Dolch an.</p><p>Elodia warf sich in die Waffe. Der Dolch bohrte sich �ber der Brust in die Schulter. So war die Waffe gebunden, und sie konnte sicher sein, dass Promachos ihr nicht die Kehle aufschlitzte. Im selben Augenblick versetzte sie ihm mit dem Ellenbogen einen heftigen Schlag gegen den Knorpel in seiner Kehle.</p><p>Der Priester sackte nach hinten. Er griff mit beiden H�nden nach seinem Hals und brachte keinen Laut hervor. Elodia biss die Z�hne zusammen und riss den Dolch aus ihrer Schulter. Bisher war alles fast lautlos geschehen.</p><p>Aber ein Schrei oder auch nur ein ungew�hnliches Ger�usch w�rde die Wachen vor der T�r alarmieren.</p><p>Mit einem Satz war sie neben Promachos auf dem Bett. Ohne zu z�gern, rammte sie ihm den Dolch zwischen seinen Fingern hindurch in die Kehle. Blut spritzte ihr ins Gesicht. Sie bewegte die Waffe mit einem Ruck zur Seite, um ganz sicher zu sein, dass der Schnitt weit und tief war. Dann l�ste sie die Klinge aus dem Fleisch.</p><p>So wie ihre Lehrer Wert darauf gelegt hatten, sie gegen Schmerz und Dem�tigung zu st�hlen und sich zu wehren, wenn sie in Gefahr geriet, so hatten sie ihr auch ganz genau beschrieben, auf welche Art der Priesterf�rst sterben sollte. Wie ein ausgeweideter Fisch sollte der Mann aussehen, der davon ger�umt hatte, zum Herrscher der Meere zu werden.</p><p>Sie stie� ihm das Messer dicht unter dem Nabel in den Bauch und f�hrte einen langen Schnitt. Als die H�nde, die ihn so viele Monde lang liebkost hatten, in die klaffende Wunde griffen, lebte er noch.</p><p>Elodia dachte an ihren Bruder Jean. Er w�rde ein gutes Leben f�hren. So lange hatte sie ihm nicht mehr geschrieben. Bald w�re sie wieder in M�ns Gabino. Dort w�rden seine Briefe auf sie warten.</p><p>Sie f�hrte ihre Befehle aus. Als Letztes, bevor sie zu ihrer Reise nach Iskendria aufgebrochen war, hatte man sie viele gro�e Fische ausweiden lassen. Das hier war anders, aber nicht so verschieden. Ganz fest dachte sie an das Gesicht ihres Bruders.</p><p>Sie wollte diese Bilder hier nicht im Kopf behalten. Sie wollte nicht in ihren Tr�umen sehen, was sie getan hatte.</p><p>Promachos war tot, bevor ihre Arbeit vollendet war. Elodia f�hlte sich schwach. Sie riss einen Streifen vom Seidenlaken und presste ihn sich auf die Wunde. Ihr eigenes Blut sickerte nun durch ihre Finger. Ihr wurde schwindelig. Immer noch dachte sie fest an ihren Bruder.</p><p>Sie h�tte zuerst ihre eigene Wunde versorgen sollen!</p><p>�berall auf dem Bett und dem Boden war Blut. Sie vermochte nicht einzusch�tzen, wie viel davon ihr eigenes war.</p><p>Elodia biss die Z�hne zusammen. Dann dr�ckte sie mit den Fingern den Seidenstreifen tief in die Wunde. Sie schob nach. Mehr und mehr. Sie glaubte, dass ihre Z�hne jeden Augenblick zersplittern m�ssten, so fest presste sie sie aufeinander.</p><p>Das Bild Jeans entglitt ihrer Vorstellung. Der Schmerz war �berw�ltigend. Sie sp�rte, wie ihre Knie nachgaben. Noch bevor sie auf den Boden schlug, umfing sie Dunkelheit.</p></section><section><title><p>Die R�stung eines K�nigs</p></title><p>Rings um den runden Tisch standen R�stungen auf St�ndern. Besonders seltsam fand Adrien die Helme. Sie waren wie Menschenk�pfe geformt! Sogar die Haare waren nachmodelliert. In Gold, wie es schien!</p><p>�Du solltest dir eine der R�stungen aussuchen�, sagte Jules hinter ihm.</p><p>�Aber ich kann doch nicht einfach etwas nehmen, was mir nicht geh�rt.�</p><p>�Und das Gold, das du in deinen Gruben versteckt hast? Dachtest du, ich w�sste nicht davon, Junge? Diese sieben R�stungen wurden von den alten G�ttern f�r die K�nige der Menschenwelt erschaffen. Doch sie kamen niemals hierher, um sie zu holen. Die K�nige sind l�ngst zu Staub zerfallen. Von ihren G�ttern sind in der Welt der Menschen nicht einmal die Namen geblieben. Was also f�rchtest du?�</p><p>Z�gerlich ging der Junge zu dem n�chsten R�stungsst�nder. Alle R�stungen waren, abgesehen von den Helmen, ganz in Wei� gehalten. Eine Brustplatte aus dickem Leder, in das ein L�wenkopf gepr�gt war, der fast die gesamte Brust f�llte. Darunter steckte etwas, �hnlich einem Hemd, nur dass es aus z�hem Leder war. Ein Rock, besetzt mit goldgefassten Lederstreifen, und eine Hose aus Leder, die in hohen Lederstiefeln verschwand.</p><p>Das Leder hatte in all den Jahrhunderten nicht gelitten. Es war noch makellos wei� und zeigte keinerlei Risse. �ber den R�cken hing ein langer wei�er Umhang, der von zwei goldenen L�wenk�pfen auf den Schulterst�cken der Brustplatte gehalten wurde.</p><p>Vorsichtig ber�hrte er den Umhang. Er f�hlte sich sehr glatt an. Noch nie hatte er einen solchen Stoff gesehen. Seine Hand glitt �ber das Leder. Es war weich und warm, so als sei das Untergewand eben erst getragen worden.</p><p>Leider war die L�wenr�stung ganz offensichtlich zu gro� f�r ihn. Adrien betrachtete die anderen eindringlich. Jede hatte einen anderen Tierkopf in die Brustplatte gepr�gt.</p><p>Einen Raubvogel, den er nicht kannte. Eine Schlange mit merkw�rdig breitem Kopf.</p><p>Einen Eber. Sein Blick schweifte �ber die anderen Brustplatten. Diese Tiere konnte er nicht einmal benennen. Abgesehen von den Brustplatten waren alle R�stungen gleich.</p><p>Und alle waren sie zu gro�. Er seufzte und stellte sich vor, wie er, so ganz in Wei� ger�stet, wohl ausgesehen h�tte.</p><p>�Nun, Junge, worauf wartest du?�</p><p>�Ich kann sie nicht tragen! Siehst du es denn nicht? Es ist, als wollte ein Kind die Sachen seines Vaters anziehen. Sie sind nicht f�r mich geschaffen.�</p><p>�Ich finde, das solltest du erst einmal versuchen.�</p><p>�rgerlich fuhr Adrien herum. �Ich sollte das Offensichtliche besser akzeptieren! Oder m�chtest du, dass ich mich zum Narren mache?�</p><p>Der Priester hob beschwichtigend die H�nde. �Du soll test nicht allein deinen Augen trauen, Junge. Hast du in all den Jahren denn nicht gelernt, wie tr�gerisch der erste Eindruck sein kann? Traut man den Sagen, dann wurden die R�stungen von G�ttern erschaffen! Sie sind von Magie durchdrungen, sonst w�ren sie schon l�ngst zerfallen. Kein St�ck Stoff ist daf�r gemacht, Jahrtausende zu �berdauern. W�hle die R�stung aus, zu der dein Herz dich f�hrt, und lege sie an.</p><p>Es hei�t, sie k�nnen zwischen einem W�rdigen und einem Dieb unterscheiden. Was hast du schon zu verlieren? Ich verspreche dir feierlich, dass ich weder lachen noch jemals ein Sterbenswort dar�ber verlieren werde, wenn du l�cherlich darin aussiehst.�</p><p>Adrien f�hlte sich unwohl. �Und was geschieht, wenn ein Dieb so eine R�stung anlegt?�</p><p>Jules zuckte mit den Schultern. �Dazu gibt es verschiedene �berlieferungen. Irgendein Ungl�ck.� Er grinste. �In einer Geschichte hei�t es sogar, die R�stungen w�rden einen Unw�rdigen einfach zerquetschen.�</p><p>Adrien schluckte. Das war ein Scherz! Oder? So viele Jahre kannte er den Priester nun schon, und doch war ihm dessen Humor immer fragw�rdig geblieben. Er wartete, ob Jules noch etwas sagte. Aber er l�chelte nur. Manchmal machte es dem Priester Spa�, seinen Mut auf die Probe zu stellen. Was hatte er f�r �ngste auf der Flussfahrt ausgestanden, als er hierhergekommen war! Heute war er sich sicher, dass der Schiffer kein Toter gewesen war. Man hatte ihn hereingelegt. Bestimmt war der vermeintliche Bettler auch nicht tot gewesen. Das war Jules merkw�rdiger Humor. Und zugleich war es die erste Probe gewesen. Der Priester hatte wissen wollen, wie mutig er war.</p><p>Adrien betrachtete die R�stungen. Dass sie die Zeiten so unbeschadet �berstanden hatten, war wirklich merkw�rdig. Vielleicht stimmte es ja, und sie waren tats�chlich verzaubert. Noch einmal sah er sie der Reihenfolge nach an. Was hatte er schon zu verlieren!</p><p>Sein Blick verharrte auf der Brustplatte mit dem Eberkopf. Der L�we sah sicherlich eindrucksvoller aus, aber einen Eber hatte er wenigstens schon einmal gesehen. Nicht als Statue oder Bild, sondern in Fleisch und Blut.</p><p>Er ging zu der R�stung. �Hast du mich erw�hlt?�, fl�sterte er. �Bin ich der Richtige f�r dich? Bin ich w�rdig?�</p><p>Nat�rlich bekam er keine Antwort.</p><p>Adrien zog sich aus. Er hatte Angst, die wei�e R�stung zu beschmutzen. Er nahm den Helm vom St�nder und stellte ihn auf den Tisch. Jetzt erst bemerkte er, dass der Knauf des Schwertes wie ein Eberkopf geformt war.</p><p>�Wie es scheint, hat der Eber es dir angetan. Warum hast du ihn gew�hlt?�</p><p>�Weil er mir vertraut erscheint.�</p><p>Jules l�chelte. �Manchmal bist du �berraschend tiefgr�ndig. Soll ich dir helfen?�</p><p>Adrien nahm gerne an. Er hatte keine Ahnung, wie man eine R�stung anlegte. Er wusste nicht einmal, wie er in den Brustpanzer hineinsollte. Jules hingegen schien mit den R�stungen vertraut zu sein. Er klappte die Schulterst�cke zur�ck. Darunter befanden sich Schnallen.</p><p>Mit Hilfe des Priesters streifte der Junge zuerst das Lederhemd �ber. Es war wie erwartet viel zu weit. Auch die �rmel waren zu lang.</p><p>Nie zuvor hatte Adrien solches Leder ber�hrt. Es war wunderbar weich, aber merkw�rdig dick. Das Hemd schien aus zwei Schichten zu bestehen, zwischen denen irgendetwas Bewegliches, Gallertartiges eingen�ht war.</p><p>�Zum Kampf taugt diese R�stung wohl eher nicht�, sagte Adrien halb zu sich selbst.</p><p>�Warum?�</p><p>Das war wohl wieder einer der Anfl�ge von Jules� Humor. �Wie sollte dieses Hemd wohl einen Schwerthieb aufhalten, so weich wie es ist?�</p><p>�Du f�hlst dich unsicher?� Der Priester brummte etwas Unverst�ndliches. �Dreh dich mal ein wenig und heb den Arm hoch. Ich glaube, da muss ich noch etwas verschn�ren.�</p><p>Kaum hatte er Jules den R�cken zugewandt, traf ihn ein heftiger Schlag unter die Achsel. Die Wucht des Treffers lie� ihn zur�cktaumeln.</p><p>�Bist du wahnsinnig?� Er wich hinter den Stuhl des Eberritters zur�ck.</p><p>Jules hielt einen der Fackelst�cke in der Hand. �Ich wollte dir nur deine Angst nehmen�, erkl�rte er mit zuvorkommendstem L�cheln. �Eigentlich h�tte dir der Hieb ein bis zwei Rippen brechen m�ssen, wenn du nur ein Lederhemd angehabt h�ttest.</p><p>Streich einmal �ber das Hemd, dort, wo ich dich getroffen habe.�</p><p>Einen Augenblick war Adrien noch w�tend. Dann konnte er sich der Wahrheit der Worte nicht l�nger widersetzen. Er tastete �ber das Hemd. Es war unter der Achsel, dort wo er den Hieb abbekommen hatte, hart wie Stein geworden. Doch w�hrend er noch dar�berstrich, ver�nderte es sich bereits wieder und wurde geschmeidig. �Was ist das?�</p><p>�Ich w�rde sagen, im Gegensatz zu dem, was die �brigen Ritter der Menschheit tragen, eine �beraus bequeme R�stung. Aber werde nicht leichtfertig. Dieser Zauber, der die R�stung dort hart werden l�sst, wo sie getroffen wird, birgt eine Gefahr.</p><p>Erh�ltst du viele Treffer gleichzeitig, wird deine Beweglichkeit stark beeintr�chtigt.</p><p>Dann bist du in Bedr�ngnis. Und begehe nicht den Fehler, dich f�r unverwundbar zu halten. Du bist nur einfach besser gesch�tzt als andere Krieger. Aber ein Treffer bei einer Naht oder aber durch die Augen�ffnungen des Maskenhelms ist gef�hrlich.�</p><p>Das Leder unter seiner Achsel war jetzt wieder ganz geschmeidig. �Man kann es nicht durchschneiden?�, fragte Adrien skeptisch.</p><p>�Nicht mit den Schwertern, denen du unter Menschen begegnest. Aber sehr wohl mit diesen hier.� Er deutete auf die Waffen auf dem runden Tisch. �Sei also auf der Hut. Wenn du dein Schwert verlierst, dann wird es dein gr��ter Feind werden. Am besten, du vergisst die Eigenschaften der R�stung wieder. Und sollte es zu einem Kampf kommen, dann tust du das, was ich dich gelehrt habe. Du wehrst dich einfach so gut, dass du erst gar nicht getroffen wirst.� �Und Elfenschwerter...�</p><p>�Ach, Junge. Hab doch ein wenig Vertrauen. Diese R�stungen wurden f�r K�nige geschaffen, die Krieg gegen die Elfen f�hrten. Nat�rlich sch�tzt die R�stung dich vor Elfenwaffen. Aber deine Aussichten, jemals einem Elfen oder auch nur einem Albenkind zu begegnen, sind gelinde gesagt gering.�</p><p>Adrien versuchte einen der zu langen �rmel hochzukrempeln, doch sofort wurde das Leder wieder ganz hart. Was habe ich Tjured nur getan?, dachte er bei sich. Da finde ich die kostbarsten R�stungen und werde sie nicht tragen k�nnen.</p><p>Er lie� sich einkleiden. Die Stiefel waren etliche Zoll zu gro�. Die Sch�fte reichten ihm bis �ber die Knie. Er w�rde wie eine Ente herumwatscheln, wenn er mit diesem Schuhwerk laufen wollte.</p><p>�Fehlt nur noch der Helm�, sagte Jules.</p><p>�Lassen wir es doch. Das f�hrt doch zu nichts.�</p><p>�Jetzt habe ich dich so weit eingekleidet, jetzt will ich auch alles sehen. Du kannst sie ja wieder ablegen, wenn du dich unwohl f�hlst.�</p><p>Unwohl f�hlte er sich jetzt schon, aber das mochte er Jules nicht sagen. Er hatte keine Lust, sich einen Vortrag �ber Mut anzuh�ren.</p><p>Das versilberte Gesicht des Helms lie� sich zur Seite klappen. Es zeigte das Antlitz eines sch�nen, bartlosen J�nglings. Behutsam setzte Jules ihm den Maskenhelm auf. Er war erstaunlich leicht, aber als der Priester ihn zuklappte und das Scharnier am Hals verschloss, �berkam Adrien j�he Panik. Er f�hlte sich eingesperrt. H�tte der Helm genau gepasst, w�re es wohl nicht so schlimm gewesen. Aber so lag die Maske eben nicht auf seinem Gesicht auf. Die Nasenl�cher schwebten vor ihm im Dunkel. Ebenso die Augen�ffnungen. Er hatte das Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen.</p><p>Mit beiden H�nden packte er den Helm. Aber mit den viel zu weiten Handschuhen vermochte er den Verschluss am Hals nicht zu �ffnen.</p><p>�Hol mich hier heraus�, r�chelte er.</p><p>Ein Knirschen lief durch das Metall.</p><p>�Verdammt, verhalte dich etwas w�rdevoller�, fluchte Jules. �Du tr�gst die R�stung eines K�nigs! Du musst nun auch wie ein K�nig sein. Bleib ruhig!�</p><p>Das Leder schien lebendig geworden zu sein. Deutlich konnte Adrien f�hlen, wie es sich auf seiner Haut bewegte. Und dann, als der Helm enger wurde und ihm die Nase eindr�ckte, erinnerte er sich wieder daran, was der Priester gesagt hatte. <emphasis>In einer Geschichte hei�t es sogar, die R�stungen w�rden einen Unw�rdigen einfach zerquetschen.</emphasis></p></section><section><title><p>Auf der Flucht</p></title><p>Elodia erwachte von einem dumpfen, pochenden Schmerz in ihrer Schulter. Sie war nackt und �ber und �ber mit geronnenem Blut bedeckt. Erschrocken sah sie zum Fenster. Der Himmel war von lichtem Blau. Wie lange war sie ohnm�chtig gewesen?</p><p>Nur ein paar Augenblicke? Eine halbe Stunde? Promachos musste zum Opferritual, das am Nachmittag bei der G�tzenstatue des Baibar abgehalten werden sollte. Wie viel Zeit blieb ihr noch?</p><p>Sie versuchte sich aufzurichten. Ihr langes Haar klebte im getrockneten Blut auf dem Boden. Als sie sich aufrichtete, wurde ihr wieder schwarz vor Augen.</p><p>Taumelnd schaffte sie es zum Wasserbecken. Sie musste sich waschen. Wenigstens ihre H�nde und ihr Gesicht. So konnte sie nicht fliehen.</p><p>�Jean�, fl�sterte sie, als sie auf das Blut im Wasser blickte. Sie dachte fest an sein Gesicht. Sie musste es schaffen, hier herauszukommen! Nur dann w�rde Jean in Frieden leben. Sie durfte nicht gefasst werden. Sie war sich sicher, dass Promachos nicht gelogen hatte, was die K�nste der Folterknechte anging.</p><p>Wieder blickte sie hinaus zum Himmel. Wie viel Zeit blieb ihr noch?</p><p>Sie ging zum Bett. Wieder drohte die Ohnmacht sie zu �bermannen. Sie musste sich auf das blutige Laken setzen, um nicht zu st�rzen. Rei� dich zusammen!, dachte sie w�tend. Du kannst es schaffen.</p><p>Sie schnitt Streifen aus dem Laken, dort wo es noch bl�tenwei� war. Dann legte sie die T�cher �ber den blutigen Seidenwulst, der wie eine exotische Bl�te aus ihrer Schulter wucherte. Als sie den Arm hob, um den Verband darunter durchzuziehen, st�hnte sie auf. Wenn sie noch einmal ohnm�chtig wurde, dann w�re das ihr Tod. Bald w�rden sich die Wachen drau�en fragen, warum Promachos noch nicht auf dem Weg zum Opferritual war. Sie w�rden nach ihm rufen, und wenn er nicht antwortete, dann w�rden sie irgendwann hereinkommen. Die Wachen w�rden einen Weg finden, sie aus ihrer Ohnmacht zu rei�en.</p><p>Sie sollte so etwas nicht denken! Denk allein an Jean! Ob er schon zum ersten Mal ein M�dchen gek�sst hatte? Sie nahm einen Zipfel des Stoffstreifens zwischen die Z�hne und zog den Verband straff. Wieder drohte der Schmerz sie zu �berw�ltigen.</p><p>In aller Eile w�hlte sie ein Kleid aus. Eines, das gekn�pft wurde und das sie nicht �ber den Kopf ziehen musste. Dann warf sie sich einen d�nnen, dunklen Kapuzenumhang �ber. Sie nahm ein wenig Schmuck aus dem K�stchen auf ihrem Schminktisch und den dicken Knotenstock aus goldenem Olivenholz, mit dem Promachos ungeschickte Diener verpr�gelt hatte. Ohne den Stock w�rde sie nicht weit kommen.</p><p>Sie trat an den gro�en Wandteppich. Der Priesterf�rst hatte gelogen, als er behauptet hatte, sie nie geliebt zu haben. Er hatte ihr die geheimen G�nge im Tempelpalast gezeigt. Auf diesen Wegen war er w�hrend der ersten Wochen zu ihr gekommen, die sie im Tempel verbracht hatte. So hatte er sie an Wachen und den allzu neugierigen Augen anderer hoher W�rdentr�ger vorbei in seine Gem�cher geholt. Bis zu jenem Tag, an dem er sich ganz offen zu ihr bekannt und alle Heimlichkeit ein Ende gehabt hatte.</p><p>Sie hob den schweren Teppich und dr�ckte mit dem Fu� gegen die mit Lilienreliefs verzierte Bodenleiste. Man musste die richtige Bl�te treffen. Beim dritten Versuch fand sie sie. Lautlos glitt die Geheimt�r auf. Elodia trat in den engen Gang. Sorgsam schloss sie die T�re wieder. Die einfachen Wachen kannten den Geheimgang nicht. So gewann sie Zeit f�r ihre Flucht.</p><p>Schwer auf den Olivenstock gest�tzt, schleppte sie sich voran. Sie z�hlte ihre Schritte, um in dem Labyrinth sich kreuzender G�nge nicht die Orientierung zu verlieren.</p><p>Selbst durch die dicken Mauern h�rte sie den hellen Klang der Zimbeln. Jetzt wurde die K�nigin dieses Tages zur gro�en S�nfte gef�hrt. Das war der zynische Name, den sie den M�dchen gaben, die Baibar geopfert wurden. F�r einen Tag waren sie K�niginnen von Iskendria. Sicher klopften die Wachen jetzt an Promachos� T�r.</p><p>Die stickige Hitze im Labyrinth setzte ihr zu. Immer wieder musste sie kurz innehalten, um neue Kr�fte zu sch�pfen. Endlich dr�ckte sie sich durch die geheime T�r in der S�nftenkammer. Wie sie erwartet hatte, war hier niemand mehr. Die S�nften waren l�ngst in den Innen hof des Palastes gebracht worden. Sie verlie� die Kammer durch eine Seitent�r und mischte sich unter die Schaulustigen, die auf die K�nigin dieses Tages warteten.</p><p>Auf den Treppen zum Palast standen die Tempelwachen. Pr�chtige Krieger mit bronzenen Brustpanzern und Helmen, von denen schwarze Federb�sche wippten. Sie hielten ihre Speere gen Boden gerichtet, ein heuchlerisches Zeichen der Trauer �ber das Schicksal, das die K�nigin dieses Tages erwartete. Die gro�en Rundschilde, auf die sie die b�rtige Fratze des Stadtgottes Baibar gemalt hatten, hatten sie auf den Boden gest�tzt und hielten sie mit der Linken. Breitbeinig standen sie auf der Treppe. Jeder einzelne ein pr�chtig anzuschauendes Mahnmal f�r ihren baldigen Tod, wenn sie noch l�nger verweilte.</p><p>Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Sich durch die Reihen der Schaulustigen zu dr�ngen, war eine einzige Folter. So gebeugt, wie sie ging, hielt man sie wahrscheinlich f�r eine alte Frau. Die meisten behandelten sie r�cksichtsvoll, aber es war einfach unm�glich, durch die Heerscharen der Gaffer zu kommen, ohne angerempelt zu werden. Jeder Sto� lie� sie aufst�hnen. Sie hatte Angst, dass die Wunde wieder zu bluten anfangen w�rde.</p><p>Endlich erreichte sie eine der Stra�en zum Hafen. Als sie den Kai mit den Handelsschiffen von den Aegilischen Inseln sehen konnte, wurde ihr schwarz vor Augen. Die Beine knickten einfach unter ihr weg. Sie hatte keine Kraft mehr. Sie schaffte es zwar, gegen die Ohnmacht anzuk�mpfen, aber sie kam nicht mehr hoch.</p><p>Besorgt blickte sie die Stra�e hinauf. Wann w�rde der Mob beginnen, die Stra�en nach der M�rderin des Priesterf�rsten Promachos abzusuchen?</p><p>Ein junger Mann blieb vor ihr stehen. Er musterte sie. Unwillk�rlich dr�ckte sie die Linke, in der sie den gestohlenen Schmuck hielt, fester gegen die Brust.</p><p>�Geht es dir nicht gut?�</p><p>�Die Hitze�, murmelte sie. �Mir ist ein wenig �bel.� Der Kerl hatte ein breites Kreuz. Vielleicht war er einer der Schauerleute, die halfen, die Schiffe zu entladen. �Wenn du mich zum Kai dort vorne tr�gst, dann soll es dein Schaden nicht sein.�</p><p>Er sah sie an wie ein Weib, das auf dem Fischmarkt die frischen Heringe von denen des Vortags zu unterscheiden suchte. Ihre Kleider waren schlicht, doch aus teurem Stoff.</p><p>Endlich nickte er. �Wohin soll es denn gehen?�</p><p>�Zu den aegilischen Galeeren. Trag mich an ihnen vorbei. Ich werde dir zeigen, auf welches Schiff ich geh�re.�</p><p>Er beugte sich vor, um sie aufzuheben. Dabei sah er ihr Gesicht. Leise pfiff er zwischen den Z�hnen. �Das ist das erste Mal, dass mir ein h�bsches M�dchen Lohn daf�r ver-spricht, dass ich es in den Armen halte.�</p><p>�Hoffe nicht auf einen Kuss�, zischte sie und zog die Kapuze noch weiter hinab.</p><p>Als er sie auf die Arme nahm, entfuhr ihr ein Schmerzenslaut.</p><p>�Soll ich dich nicht lieber zu einem Heiler bringen?� Seine Stimme klang aufrichtig besorgt.</p><p>�Man erwartet mich bei den Schiffen. Dort werde ich versorgt werden�, antwortete sie auf Valethisch mit unverkennbar aegilischem Akzent. Sie war sich sicher, dass man ihren Helfer �ber die Frau befragen w�rde, die er getragen hatte. Je mehr Spuren zu den Pirateninseln wiesen, desto besser.</p><p>Der Schauermann stellte keine weiteren Fragen mehr. Er trug sie an den vert�uten Galeeren vorbei. Elodia hielt Ausschau nach einem der schlanken, schnellen Schiffe, die sich auf den Handel mit Luxusg�tern spezialisiert hatten. Pelze und Bernstein aus dem fernen Drusna, feines Fargoner Leinen, Weihrauch, teure Weine und andere, exotische Waren, die an die Tempel und reichsten Kaufherren geliefert wurden.</p><p>Endlich, fast am Ende des langen Kais, sah sie ein Schiff, das sich offensichtlich zum Auslaufen bereitmachte.</p><p>�Dorthin�, stie� sie hervor. �Setz mich vor der Laufplanke ab. Den Weg hinauf schaffe ich allein.�</p><p>�Das glaube ich nicht, Herrin�, entgegnete er entschieden, und noch bevor sie etwas einwenden konnte, brachte er sie an Bord.</p><p>Sofort umringten sie einige der Ruderer. Es bedurfte keiner Worte; ihr Tr�ger begriff auch so, dass man sie auf diesem Schiff noch nie gesehen hatte. Er setzte sie auf einer Kiste ab und baute sich sch�tzend vor ihr auf.</p><p>�Ich brauche eine �berfahrt nach Zeola�, sagte sie leise und legte einen Smaragdohrring neben sich auf die Kiste.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>�Eine Frau mit Geld und einflussreichen Freunden.� Sie zog ihre Kapuze ein wenig zur�ck, achtete aber darauf, dass man ihr blutverklebtes Haar nicht sehen konnte. Ihr Anblick verfehlte seine Wirkung nicht. Der Widerstand der Ruderer schmolz dahin, bis ein hochgewachsener Mann mit grauem Lockenhaar zwischen ihnen auftauchte.</p><p>�Edelfrauen geh�ren nicht zu unserer Fracht, edle Dame. Wir k�nnen dir keine Unterkunft bieten, die deinem Stand angemessen w�re.�</p><p>Sie strich �ber die Kiste, deren Siegel sie erkannt hatte. Ihre Hand zitterte vor Schw�che. �Ich bin mit Sicherheit weniger zerbrechlich als die feinen Flakons aus blauem Bergkristall, die du �bers Meer bringen sollst. Ich kann hier an Deck schlafen.�</p><p>Der Grauhaarige nahm den Smaragdohrring und hielt ihn pr�fend gegen das helle Sonnenlicht.</p><p>�Makellose Steine. Wenn wir in weniger als einer halben Stunde auslaufen, bekommst du den Zwilling zu diesem Ohrring. Und nun sag mir deinen Namen!�</p><p>Der Grauhaarige sah sie misstrauisch an.</p><p>�Das ist Kapit�n Eurestes�, sagte einer der Ruderer voreilig.</p><p>Elodia schenkte ihm ein L�cheln. Dann wandte sie sich an den Schauermann, der sie hergebracht hatte. �Wenn in einem Mond ein Schiff mit purpurnen Segeln in den Hafen einl�uft, dann sucht mein Geliebter nach mir. Eile zu ihm, sobald es anlegt. Und sag ihm, ich sei mit Eurestes gesegelt.� Mit diesen Worten reichte sie ihm einen kleinen Goldring.</p><p>�Du solltest nicht dieses Schiff nehmen�, fl�sterte ihr Helfer besorgt.</p><p>Elodia konnte im Gesicht des Kapit�ns lesen, dass er genau wusste, wem die Schiffe mit den Purpursegeln geh�rten. �Mach dir keine Sorgen um mich. Eurestes wei�, wohin ich geh�re. Ich bin auf seiner Galeere so sicher wie die Kristallflakons in dieser Kiste.� Sie bedachte den Kapit�n mit einem L�cheln. Eurestes musste bef�rchten, dass sie die Geliebte eines Piratenf�rsten war, und auch wenn er sie ansah, als h�tte sie die Pest an Bord gebracht, w�rde er sich ein Bein ausrei�en, um auf der �berfahrt jeden ihrer W�nsche zu erf�llen.</p><p>�Ich brauche jetzt den st�rksten Branntwein, den du an Bord hast. Dazu Nadel und Faden. Und bitte nicht das Zeug, mit dem ihr die Segel flickt. Au�erdem w�re es sch�n, wenn du mich an einen Platz bringen k�nntest, an dem mich nicht deine ganze Mannschaft angafft.�</p></section><section><title><p>Die zweite Haut</p></title><p>Der Helm dr�ckte Adrien immer schmerzhafter auf die Nase. Bald w�rde sie brechen!</p><p>Er tastete nach dem Verschluss am Hals. Die Handschuhe lagen jetzt straff wie eine zweite Haut �ber seinen Fingern. Endlich konnte er den Verschlusshaken ertasten.</p><p>�Warte noch etwas�, sagte Jules mit ruhiger Stimme und griff nach Adriens Hand.</p><p>�Warte.�</p><p>Der Helm verrutschte. Der Druck lie� nach. Kalt lag das uralte Metall auf seinem Gesicht auf. Es hatte aufgeh�rt! Die R�stung, deren Leder eben noch wie etwas Lebendiges �ber seine Haut gestrichen war, lag still.</p><p>�Ich glaube, du bist erw�hlt�, sagte Jules, und Stolz lag in seiner Stimme. �Viertausend Jahre hat die R�stung darauf gewartet, dass ein Mensch sie anlegt. Du wei�t, sie wurde f�r einen K�nig erschaffen. Und nun bist du ihr Auserw�hlter geworden, junger Michel.�</p><p>Z�gerlich streckte Adrien die Arme aus. Das Leder beengte ihn nicht. Im Gegenteil, es schien sich bei manchen Bewegungen zu weiten. Sie war v�llig anders als jede R�stung, von der er je geh�rt hatte. Als habe ihn etwas Lebendiges in sich eingeschlossen.</p><p>�Darf ich den Helm jetzt abnehmen?� Seine Stimme dr�hnte im Helm, obwohl die metallenen Lippen auf seinen eigenen auflagen und er durch einen schmalen Schlitz sprach.</p><p>�Nat�rlich, Junge.� Jules half ihm. Der Priester �ffnete den Verschluss und klappte das silberne Gesicht zur Seite.</p><p>Adrien atmete tief ein. Er w�rde einige Zeit brauchen, um sich an die R�stung zu gew�hnen. Skeptisch blickte er an sich herab. Der lederne Brustpanzer �berzeichnete die Muskeln, die er tats�chlich hatte. Trotz der R�stung hatte er eine schmale Taille.</p><p>Der Umhang gefiel ihm�... Er w�nschte sich, er w�rde an einem stillen See stehen, um sein Spiegelbild zu betrachten.</p><p>�Sehe ich gut aus?�</p><p>�Nein�, sagte Jules schroff.</p><p>Adrien sah �berrascht auf. �Aber ...�</p><p>�Du siehst nicht gut aus, du siehst <emphasis>sehr gut</emphasis> aus, Dummkopf! Was denkst du denn?</p><p>Diese R�stung wurde von G�ttern f�r einen K�nig erschaffen. Nat�rlich siehst du gut aus!�</p><p>Pl�tzlich kam Adrien ein neuer, beunruhigender Gedanke. �Und Tjured? Ich soll sein erster Ritter sein. Was wird er denken, wenn ich eine R�stung trage, die von heidnischen G�ttern geschaffen wurde?�</p><p>Der Priester griff sich mit der Hand an die Stirn. �Du hast Sorgen! Glaubst du, Gott h�tte zugelassen, dass du diese R�stung findest, wenn er es nicht gewollt h�tte? Gut, als du sie angelegt hast, da war ein gef�hrlicher Augenblick�... Es h�tte ja eine Pr�fung sein k�nnen, ob du der Versuchung widerstehst. Dann h�tte er wohl daf�r gesorgt, dass dich die R�stung t�tet. Aber es ist ja alles gutgegangen. Also muss es Tjureds Wille sein, dass du ihm in dieser R�stung als sein Ritter dienst.�</p><p>�Du hattest solche Gedanken und hast einfach zugesehen, wie ich die R�stung anlege?�</p><p>Der Priester hielt seinem Blick stand. �Ich konnte mir nicht leisten, dass du Angst vor der R�stung bekommst�, sagte er sehr ruhig. �Ich musste die Gefahr eingehen.�</p><p>Adrien ballte die H�nde zu F�usten. Was hie� hier Gefahr eingehen! <emphasis>Er</emphasis> war die Gefahr eingegangen, von der R�stung get�tet zu werden! Jules hatte einfach nur zugesehen.</p><p>Der Junge musste an die Gr�ber denken, die er all die Jahre gepflegt hatte. Die beiden Sch�ler, die vor ihm gekommen waren und nicht �berlebt hatten. Das war Jules�</p><p>dunkle Seite. Mit allem, was er tat, verfolgte er ein geheimes Ziel, das Adrien auch nach sieben Jahren als sein Sch�ler r�tselhaft geblieben war.</p><p>�Ich glaube, deine Lehrjahre bei mir enden heute�, sagte Jules.</p><p>Diese Ank�ndigung traf Adrien v�llig �berraschend. Es war ein Gef�hl, als werde ihm der Boden unter den F��en weggezogen. Sieben Jahre lang hatte sein Leben aus Laufen, Graben, K�mpfen und Unterricht in Lesen und Schreiben sowie Rhetorik und Kirchengeschichte bestanden. Sein Leben war v�llig geordnet. Und jetzt wurde ihm all das mit einem einzigen Satz abgenommen. �Ich�... Ich wei� nicht...�, stammelte er fassungslos.</p><p>�Keine Sorge, ich z�rne dir nicht. Es ist ganz offensichtlich Tjureds Wille, dass du in die Welt hinausziehst. Er hat dich hierhergef�hrt und damit entschieden, dass du so weit bist. Ich h�tte dich noch nicht gehen lassen. Aber wer bin ich, mich gegen den Schiedsspruch Gottes aufzulehnen. Ich habe noch ein Geschenk f�r dich. Oben in unserer H�tte�... Du solltest am besten heute noch gehen. Es hinauszuz�gern, macht es nicht besser.�</p><p>�Aber ich bin noch nicht bereit!�, begehrte Adrien auf. �Es gibt so vieles, was ich noch nicht wei�!�</p><p>Jules l�chelte. �Das wird immer so sein. Auch wenn du hundert Jahre alt wirst. Von nun an wird das Leben dein Lehrmeister sein. Meine Zeit mit dir ist um.� Er streckte ihm die Hand hin. �Komm mit mir, Priesterritter. Von nun an gibt es keinen Lehrer und keinen Sch�ler mehr. Geh hinaus in die Welt und mache Tjured Ehre. Du hast das Zeug dazu.�</p><p>Adrien ergriff die Hand. Er war stolz. Aber immer noch zutiefst verunsichert. Ein Teil von ihm w�nschte sich, er h�tte dieses Schatzgew�lbe mit den R�stungen niemals gefunden.</p><p>Jules ging zum Tunnel zur�ck. �Was willst du tun, nun, da dir die ganze Welt offensteht? Mit welcher Heldentat wirst du dein Wirken als Ritter Gottes beginnen?</p><p>Mit dieser R�stung und dem Schwert kannst du fast alles erreichen, wenn du dich klug anstel st. Hast du das Schwert?�</p><p>Die Waffe lag noch auf dem Tisch. Es war so viel geschehen, dass er gar nicht daran gedacht hatte, das Schwert mit dem Eberknauf zu nehmen, obwohl er sich die Schwertscheide umgeg�rtet hatte, als er die R�stung angelegt hatte. Entschlossen nahm er das Schwert an sich. Es war erstaunlich leicht. Eine doppelte Blutrinne nahm der Waffe einiges an Gewicht. Bei dem Schwert schien es, als sei es von Anfang an f�r ihn geschmiedet gewesen. Die Gr��e ver�nderte sich nicht, und doch lag die Waffe perfekt in seiner Hand und war wunderbar ausgewogen. Er machte ein paar schnelle Schl�ge. Zischend zerschnitt die Klinge die Luft. In kunstvollen Figuren lie� er das Schwert wirbeln. Es war eine Freude, diese Waffe zu f�hren! Mit einer letzten eleganten Bewegung schob er es in die Scheide. Kaum war die Klinge im wei�en Leder verschwunden, ert�nte tief im Tunnel ein Ger�usch, als bewegten sich uralte, verrostete T�rangeln.</p><p>Jules war sichtlich unruhig. �Komm!�, rief er ihm zu und winkte hastig, um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen.</p><p>�Was war das?�</p><p>�Keine Ahnung. Und ich m�chte es auch gar nicht herausfinden!�</p><p>Der Priester begann zu laufen. Seine Fackel war fast heruntergebrannt. Adrien hatte seine auf dem Boden neben dem R�stungsst�nder liegen lassen. Im zitternden Licht der kleiner werdenden Flamme sahen die Figuren auf den W�nden viel lebendiger aus als auf dem Hinweg.</p><p>Vor ihnen im Tunnel ert�nten noch immer Ger�usche. Sie klangen jetzt anders. Wie Schl�ge eines gro�en Hammers mit Eisenkopf, die auf Fels treffen. Sie erklangen ganz regelm��ig. Und sie kamen n�her!</p><p>Endlich erreichten sie die Stelle, an der das Seil hinabhing. Klares Mittagslicht stach hier in den Tunnel hinab. Die Bilder an den W�nden waren verblasst, als habe das Sonnenlicht ihre Farbe getrunken.</p><p>Erleichtert streckte Adrien die Hand nach dem Seil. Da ert�nte ein letztes Stampfen.</p><p>Eine gewaltige Gestalt aus Gold und Silber trat aus dem Zwielicht des Tunnels. Ein silberner L�we mit einer M�hne aus Gold, dem weite, goldene Schwingen aus dem R�cken wuchsen. Der L�we war mehr als drei Schritt hoch.</p><p>Seine Augen funkelten in strahlendem Blau. Er sah auf sie herab. Sein metallenes Gesicht wirkte edel. Es war nicht die Fratze eines angriffslustigen Raubtiers. Dennoch legte Adrien die Hand auf den Eberknauf seines Schwertes.</p><p>�Wenn du gegen ihn eine Waffe ziehst, bist du binnen eines Herzschlags tot�, sagte Jules leise. Dann trat der Priester unmittelbar vor den L�wen. Er sprach ihn in einer Sprache an, wie Adrien sie noch nie geh�rt hatte. Jules aber ging sie so glatt von der Zunge, als sei es seine Muttersprache. Seine Worte waren beherzt und selbstbewusst.</p><p>Und dann antwortete die Bestie! Das Monstrum aus Metall konnte sprechen! Seine Stimme wurde von einem merkw�rdigen Klicken und Surren begleitet. Sie sprach langsam und beh�big.</p><p>Adrien dachte, wie viel gr��er die Macht des B�cherwissens doch war. Mit dem Schwert h�tte er dieses metallene Ungeheuer gewiss nicht bezwungen.</p><p>�Er wird uns helfen, durch das Loch in der Decke zu steigen�, sagte Jules.</p><p>�Was? Er hilft uns? Was ist das f�r ein Gesch�pf?�</p><p>�Noch ein Geschenk der alten G�tter an die sieben K�nige. Er h�lt dich f�r einen K�nig, weil du diese R�stung tr�gst. Er wollte das Loch vergr��ern, um mit dir in den Himmel zu reiten. Ihr Verstand besteht aus Zahnr�dern und Magie. Sie sind mit dem Denken manchmal etwas langsam.�</p><p>Adrien vermochte sich ein Rad mit Z�hnen nicht vorzustellen. Dann dachte er, wie es wohl w�re, ein solches Reittier zu haben�... �Du h�ttest ihm ruhig sagen k�nnen, dass ich ein K�nig bin. So ein Reittier w�re doch wunderbar!�</p><p>�Es w�re dein Tod, du Narr. Es w�rde die Welt der Menschen in Unordnung bringen und sehr bald die Aufmerksamkeit der Elfen erwecken. Sie haben gewiss nicht vergessen, dass die gefl�gelten L�wen erschaffen wurden, um ihnen den Himmel streitig zu machen und die Wolkensammler zu sch�tzen. Wenn ein solcher L�we erscheint, dann werden sie nicht ruhen, bis er und sein Reiter vernichtet sind. Von einem glorreichen Ritter, der zum Ruhme</p><p>der Tjuredkirche k�mpft und unbesiegbar erscheint, werden sie hingegen kaum Notiz nehmen. Bescheidenheit ist mehr als nur eine Tugend, Adrien. In diesem Fall rettet sie dir dein Leben.�</p><p>�Wenn du es sagst, Meister�, entgegnete er zerknirscht und malte sich doch in Gedanken aus, wie es sein w�rde, auf einem fliegenden L�wen zu reiten und damit mitten auf dem Heumarkt von Nantour zu landen.</p><p>�Komm!� Jules war halb um den L�wen herumgegangen. Das metallene Ungeheuer war gesattelt. Der Priester setzte seinen Fu� auf die unterste Sprosse einer kleinen Leiter. Um ihn wie ein Pferd nur �ber einen Steigb�gel zu besteigen, war der L�we entschieden zu gro�.</p><p>Bewundernd sah sich Adrien die Fl�gel an. Jede einzelne Feder war f�r sich allein gearbeitet und in die Fl�gel eingesetzt. Wie viele Goldschmiede an diesem absonder-lichen Gesch�pf wohl gearbeitet hatten? Oder vermochten die alten G�tter solch eine Kreatur kraft eines einzigen Gedankens zu erschaffen?</p><p>Adrien entdeckte einige Beulen und tiefe Schrammen in der Flanke des L�wen. �War er in der Schlacht? Hat er gegen Elfen und Drachen gek�mpft?�</p><p>Jules war indessen hoch auf den Sattel gestiegen. Von dort konnte man mit ausgestreckten Armen nach dem Stiel der Spitzhacke greifen und sich nach drau�en ziehen. Der Priester blickte zu ihm hinab und l�chelte in mildem Tadel. �Nat�rlich hat er gek�mpft. Er und all seine Br�der und Schwestern. Was glaubst du, warum sich die Elfen nach all den Jahrtausenden noch an die gefl�gelten L�wen erinnern? Sie haben ihnen schwer zugesetzt!�</p><p>W�hrend Adrien die kleine Leiter erklomm, versuchte er sich vorzustellen, wie man einen Kampf im Himmel f�hrte.</p><p>Jules war schon durch das Loch gestiegen. Er r�umte die Hacke zur Seite und streckte ihm die Hand entgegen. Adrien staunte immer wieder, wie stark der Priester war.</p><p>Sein Meister zog ihn scheinbar ohne M�he zu sich herauf.</p><p>Der Junge blickte durch das Loch zur�ck zum L�wen. �Ist er nicht einsam dort unten?�</p><p>�Nein. Solche Gef�hle kennt er nicht. Und er ist nicht der Einzige.�</p><p>�Es gibt noch mehr von ihnen?�</p><p>�Ja�, entgegnete der Priester in dem Tonfall, den er jedes Mal anschlug, wenn f�r ihn ein Gespr�ch beendet war. �Ihr Tag ist noch nicht gekommen. Sie werden warten, bis die Elfen schwach sind. Dann werden sie das Werk vollenden, das sie zu Zeiten der alten G�tter begonnen haben. Zeit hat f�r sie keine Bedeutung. Ein Jahrhundert ist f�r sie wie ein Tag. Sie sind f�r die Ewigkeit geschaffen.�</p><p>Adrien winkte dem L�wen zu. �Lebe wohl�, sagte er leise. Was f�r Sch�tze das Tal wohl noch verbarg? So viele Jahre hatte er hier gelebt, und er wusste gar nichts.</p><p>Jules stieg zwischen den Schutth�geln vergangener Grabungen zu seiner H�tte hinauf.</p><p>Er blickte nicht ein einziges Mal zur�ck.</p><p>Der Junge achtete darauf, den Pf�tzen aus dem Weg zu gehen. Er machte sich Sorgen, seine pr�chtige wei�e Lederr�stung zu beschmutzen. Wie lange sie wohl ihren Glanz behalten w�rde? Wei�e R�stungen zu tragen, konnten sich wahrlich nur F�rsten und K�nige leisten, die �ber etliche Diener verf�gten, die die ganze Nacht arbeiteten, damit ihre Herren am n�chsten Tag wieder in strahlendem Wei� in die Schlacht ziehen konnten.</p><p>Der Priester war nur kurz in die H�tte getreten. Als er wieder herauskam, trug er einen wei�en Schild, auf den in Schwarz ein verdorrter Baum gemalt war. �Du bist der erste Ritter des Ordens vom Aschenbaum, Michel Sarti. Oft haben wir dar�ber gesprochen, wie ein Ritterorden beschaffen sein m�sste, um dem Ruhm der Tjuredkirche zu dienen. Dies sei mein letztes Geschenk an dich, Ritterbruder. Trage den Schild mit W�rde und mache mir Ehre. Es ist nun ganz deine Aufgabe, den Orden erstehen zu lassen, von dem wir nur tr�umten.</p><p>Kein alter Mann wird dir mehr hereinreden. Ich vertraue dir. Ich wei�, du wirst deine Sache gut machen.�</p><p>Adrien steckte vor R�hrung ein Klo� im Hals. Er brachte kein Wort hervor.</p><p>�Ich bin nicht gut im Abschiednehmen�, sagte Jules. Seine Mundwinkel zuckten. �Es wird hier einsam werden ohne dich.�</p><p>�Ich komme dich besuchen�, brachte Adrien hervor.</p><p>�Ich glaube, die Welt wird dich nicht mehr loslassen, wenn du erst einmal dort drau�en bist. Aber ich wei�, dass dein Versprechen aufrichtig gemeint war.� Er reichte ihm einen Brotbeutel und eine Wasserflasche. �Erinnerst du dich an die Stel e, an der wir im letzten Sommer das Reh erlegt haben? Dort ganz in der N�he verl�uft ein Wild-pfad, der dich hinab zum Fluss bringen wird. Wenn du diesen Weg w�hlst, wirst du noch vor Einbruch der Nacht das Wasser erreichen.�</p><p>Adrien nickte. �Wie werde ich von dort weiterkommen? Wohin soll ich gehen?�</p><p>Jules l�chelte, und feine F�ltchen erschienen in seinen Augenwinkeln. �Gottvertrauen ist die st�rkste Waffe eines Ordensritters. Von nun an wird Tjured dein Gef�hrte sein.</p><p>Glaube einfach an ihn, und du wirst nicht entt�uscht werden. Er wird gut auf dich achten, denn du bist sein einziger Ritter. Nun lebe wohl, Ritterbruder Michel Sarti. Ich werde jetzt in die H�tte gehen. Ich m�chte nicht, dass das letzte Bild, das du von mir in deinem Herzen tr�gst, das eines r�hrseligen alten Mannes ist.�</p><p>Jules nahm ihn in die Arme, dr�ckte ihn fest an sich und klopfte ihm mit der flachen Hand auf den R�cken. �Du wirst dich gut schlagen, mein Junge. Ich wei� das.�</p><p>Abrupt l�ste er sich. Dann trat er in ihre H�tte und schloss die T�r. Adrien h�rte, wie der Riegel vorgeschoben wurde. Eine Weile blieb der Junge stehen und starrte verst�ndnislos auf die T�r. Jules w�rde ihm f�r immer ein R�tsel bleiben!</p><p>Schweren Herzens machte Adrien sich schlie�lich auf den Weg. Dabei w�nschte er sich, er h�tte den Einstieg zu der Schatzkammer nicht gefunden und w�rde nun mit Jules in der H�tte sitzen und �ber Philosophie streiten. Zum ersten Mal seit vielen Jahren f�hlte er sich einsam.</p></section><section><title><p>Pferdegedanken</p></title><p>Jules lehnte sich mit dem R�cken gegen die T�r und atmete schwer aus. Endlich war er gegangen! Es hatte ihm etwas ausgemacht! Er war zutiefst verbl�fft �ber die Gef�hle, die er empfand. Der Junge war ihm in all den Jahren zu nahe gekommen. Sein Sohn�...</p><p>Er hatte Dutzende wie ihn gezeugt, dachte er �rgerlich. Aber diesen einen hatte er zu sich geholt. Und er war ein guter Sch�ler gewesen, f�r einen Menschen.</p><p>Vielleicht lag es auch daran, noch einmal dort unten im Saal der K�nige gewesen zu sein. Und die Bilder an der Wand des Tunnels gesehen zu haben. Bilder aus einer Zeit, in der er nicht der einzige seiner Art gewesen war.</p><p>Vielleicht war es auch der Augenblick gewesen, in dem der Junge die R�stung gew�hlt hatte. Seine R�stung, die er einst erschaffen hatte! War es Zufall, dass sein Sohn ausgerechnet die Eberr�stung gew�hlt hatte? Oder hatte er etwas gesp�rt, was sich nicht in Worte fassen lie�.</p><p>Jules schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Jungen, bis dessen Bild in seinem Geiste erstand. Er sah ihn mit gesenktem Kopf zwischen den Schutth�geln bergab gehen. Er war nicht reif f�r die Welt. Es war vor schnell gewesen, ihn zu der R�stung zu f�hren und dann fortzuschicken. Adrien hatte ja keine Ahnung, was ihn au�erhalb der Berge erwartete. Als Bettlerjunge hatte er sich gut durchschlagen k�nnen. Aber wie lange w�rde er als Ritter bestehen? Und wie lange w�rde es dauern, bis Cabezan von ihm h�rte? Die R�stung w�re eine Versuchung f�r den alten K�nig. Jules wusste genau, dass Cabezan nichts unversucht lassen w�rde, um sie an sich zu bringen, wenn er erfuhr, wie anders sie war. Dass ihr Tr�ger schier unverwundbar war.</p><p>W�re Adrien dem alten K�nig gewachsen? Jules fluchte leise. Er w�rde nicht noch einen Sohn an den K�nig verlieren! Nat�rlich k�nnte er einfach in Cabezans Palast gehen und den verdammten Alten t�ten. Aber das war kein gutes Ende. Er wollte nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Dazu hatte er Adrien auserw�hlt. Der Junge sollte zur Kirchenlegende werden. Aber dazu musste er �berleben.</p><p>Z�gernd �ffnete er die T�r der H�tte. Er wollte in der N�he seines Sohnes bleiben.</p><p>Aber Adrien durfte nichts davon merken. Das w�re schlecht f�r ihn. Er musste auf eigenen F��en stehen!</p><p>Eigentlich hatte Jules daran gedacht, wieder zu wandern wie in den Jahren, bevor er Adrien zu sich genommen hatte. Das Leben als wandernder Tjuredpriester hatte ihm Freude bereitet. Die Arglosigkeit der Menschen. Die Winkelz�ge, mit denen er die Tjuredkirche formte.</p><p>Diese Freude musste warten. Er kauerte sich nieder. Nur einen Gedanken sp�ter hatte er die Gestalt eines Adlers angenommen.</p><p>Mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen erhob er sich in den Himmel. Bald sah er den Jungen. Er sollte ihn mit anderen Augen betrachten. Er war l�ngst kein Kind oder J�ngling mehr.</p><p>Er war zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen. Die Jahre der M�hen hatten sich bezahlt gemacht. Adrien war gut gewachsen und muskul�s. Er w�rde ein pr�chtiger Ritter sein. Auch wenn er einem guten Schwertk�mpfer aus dem Volk der Elfen wahrscheinlich nicht gewachsen w�re, gab es mit Sicherheit nur wenig Menschen, die mit der Klinge gegen ihn bestehen w�rden.</p><p>Als Adler war er ihm nicht nahe genug. Aber er k�nnte... Statt eines Lachens entsprang seiner Kehle der helle, herausfordernde Schrei eines Adlers. Adrien blickte zu ihm auf.</p><p>Der Junge winkte ihm. Der kleine Narr. Er w�rde sich von jedem Maulwurf verabschieden, dem er hier begegnet war.</p><p>Mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen stieg Jules weiter in den Himmel hinauf. Er musste nicht als Wanderprediger umherziehen, um seinen Spa� zu haben.</p><p>Als er den Fluss erreichte, landete er dort, wo Adrien in ein paar Stunden erscheinen w�rde. Er brauchte eine Weile, um sich auf die Gestalt zu besinnen, die er annehmen wollte. Es war sehr lange her, dass er sie das letzte Mal gew�hlt hatte.</p><p>Schlie�lich verwandelte er sich in einen Schimmel. In ein pr�chtiges Schlachtross.</p><p>Aufgez�umt f�r einen Ritter mit einem schweren Kriegssattel.</p><p>Jules lief am Ufer auf und ab, um sich an den unvertrauten K�rper wieder zu gew�hnen. Schlie�lich warf er den Kopf in den Nacken und stie� ein wildes, herausforderndes Wiehern aus. Er w�rde Spa� haben, schwor er sich. Und dennoch w�rde er seine Pl�ne vorantreiben. Die Ritter w�rden die Speerspitze der Tjuredkirche sein. Sie w�rden helfen, den Tjuredglauben schneller zu verbreiten. Und letztlich w�rde dieser Speer Albenmark den Todessto� versetzen!</p><p>Er w�rde nicht lange ein Pferd sein. Wenn der Junge zurechtkam, w�rde er ihm ein anders Pferd besorgen. In ein paar Wochen w�re er so weit.</p><p>Er versteckte sich zwischen den jungen Birken am Ufer und wartete. Es dauerte lange, bis Adrien kam. Man konnte ihm schon von weitem seine Niedergeschlagenheit ansehen. Mit m�dem Schritt und h�ngendem Kopf kam er den Bergpfad hinab. Einen sch�nen Ritter gab er ab. So w�rde er nicht zum Helden von Legenden werden!</p><p>Als Adrien ihn sah, blieb er verbl�fft stehen. Dann streckte er vorsichtig eine Hand vor.</p><p>�Nicht fortlaufen, mein Sch�ner. Ganz stil . Du musst keine Angst vor mir haben.</p><p>Ruhig.�</p><p><emphasis>Ich steh hier schon seit Stunden und warte auf dich. Du brauchst dich nicht wie ein Idiot aufzuf�hren. Ich werde nicht fortlaufen!</emphasis></p><p>Adrien starrte ihn mit schreckensweiten Augen an. Dann wich er zur�ck. �Geh aus meinem Kopf!�</p><p><emphasis>Das werde ich nicht tun. Wie sol te ich sonst mit dir reden!</emphasis></p><p>�Es gibt keine Pferde, die reden!� Der Junge wich weiter zur�ck, stolperte �ber einen morschen Baumstamm und st�rzte ins Gras.</p><p><emphasis>Sol ich dir einen Huftritt verpassen, damit du glaubst, dass es mich gibt?</emphasis> Er trottete langsam auf ihn zu, was lediglich dazu f�hrte, dass Adrien r�ckw�rts vor ihm wegkroch, was ziemlich l�cherlich aussah.</p><p>Der Junge zog sein Schwert. �Weiche von mir, Pferd! Sonst werde ich dich bek�mpfen!�</p><p>Jules wieherte. <emphasis>Du w�rdest ein Geschenk Gottes f�r dich erschlagen? Das einzige sprechende Pferd, das es auf dieser Welt gibt? Du bist ja noch d�mlicher, als ich bef�rchtet hatte.</emphasis></p><p>�Du bist ein Geschenk Tjureds?� Der Junge hatte wirklich ein Talent, unritterlich auszusehen.</p><p><emphasis>Was glaubst du, wer sonst noch sprechende Pferde verschenken k�nnte?</emphasis></p><p>Adrien stand auf. Er r�usperte sich verlegen. Dann legte er den Kopf in den Nacken und blickte zum Himmel hinauf.</p><p><emphasis>Du wirst ihn da nicht sehen.</emphasis></p><p>�Wie ist er?�</p><p>Jules schnaubte. <emphasis>Du wil st dich mit einem Pferd �ber Gott unterhalten?</emphasis></p><p>�Hast du ihn gesehen? Wie sieht er aus?�</p><p><emphasis>Er hat drei K�pfe, ist gro� wie ein Berg und hat dreiundzwanzig Arme. Das liegt daran, dass er einen Arm im Kampf verloren hat...</emphasis></p><p>Adrien glotzte ihn auf seine unnachahmliche Weise an.</p><p><emphasis>Nat�rlich sieht er nicht so aus, du Trottel. Er ist �berall, in jeder Gestalt. Er sieht dich gerade.</emphasis></p><p><emphasis>Und ich wei� nicht, ob er am�siert oder entsetzt �ber den Narren ist, der den ersten Ritter seiner Kirche abgibt.</emphasis></p><p>Adrien klopfte sich das Gras vom Umhang und bem�hte sich ritterlich auszusehen.</p><p>�Darf ich dich besteigen?�</p><p><emphasis>Nein!</emphasis></p><p>�Aber�... �</p><p><emphasis>Du darfst auf mir reiten. Und da endet unsere Freundschaft.</emphasis> Jules schnaubte. <emphasis>Mich besteigen!</emphasis></p><p><emphasis>Also wirklich�...</emphasis></p><p>�Entschuldige. Ich�... Ich habe nicht viel Erfahrung mit Pferden.�</p><p><emphasis>Da w�re ich jetzt nicht drauf gekommen. Also los, sitz auf. Wollen wir mal sehen, wie du dich im Sattel h�ltst. Und lass den Schild und dein Schwert erst mal unten.</emphasis></p><p>Er tat es! Der Junge h�rte auf ein Pferd! Wie sollte das erst werden, wenn er in der ersten Stadt an irgendwelchen Abschaum geriet? Sein Versuch, in den Sattel zu steigen, war erb�rmlich. Er brauchte eine Ewigkeit.</p><p><emphasis>Ich brauch dich nicht einmal zu sehen, um zu wissen, dass du mit der l�ssigen Grazie eines Sacks Bohnen dort oben thronst.</emphasis></p><p>�Sind alle Pferde wie du?�</p><p><emphasis>Nein, die meisten keilen aus oder bei�en, wenn sie einen wie dich tref en. Einige besonders �ble w�rden dich auch abwerfen und darauf hof en, dass du dir den Hals brichst. Jetzt nimm die Z�gel und fall mir blo� nicht herunter. Ich will schlie�lich keinen �rger!</emphasis></p><p>�Wenn ich mir den Hals breche, wirst du wohl keinen �rger mehr bekommen.�</p><p><emphasis>Ich rede doch nicht von �rger mit dir. Um mit dir �rger zu bekommen, m�sste ich dich ernst nehmen, und davon sind wir noch weit entfernt. Ich dachte an anderen �rger. Schon vergessen, wer mich geschickt hat?</emphasis></p><p>Jules trabte langsam los. Er konnte sp�ren, wie der Junge im Sattel hin und her schwankte. Wenigstens fiel er nicht gleich herunter.</p><p><emphasis>Wir haben noch einige Wochen Arbeit vor uns, bis du dich aus den Bergen herauswagen kannst. Du bist kein Ritter, du bist eine Witzfigur Die Leute w�rden sich totlachen, wenn sie dich reiten sehen.</emphasis></p><p>�Stimmt, wir brauchen noch einige Zeit, bis wir so weit sind. Mit so einem Pferd k�nnte ich mich nicht blicken lassen.�</p><p>Jules blieb so abrupt stehen, dass Adrien aus dem Sattel gest�rzt w�re, h�tte er sich nicht im letzten Moment in der M�hne festgehalten. <emphasis>Was soll das denn hei�en? Du wirst in ganz Fargon keinen verdammten Gaul finden, der es an Kraft und Ausdauer mit mir aufnehmen k�nnte. Von meinem Aussehen wol en wir erst gar nicht reden!</emphasis></p><p>�Ein Pferd mit deinem Benehmen passt nicht zu einem heldenhaften Ritter. Wenn das nicht besser wird, werde ich wieder zu Fu� gehen.�</p><p><emphasis>Du willst ein Geschenk Gottes zur�ckweisen?</emphasis></p><p>�Ich bin mir sicher, wenn Tjured deinen Charakter besser kennen w�rde, dann h�tte er dich nicht geschickt.�</p><p><emphasis>Vielleicht bin ich ja eine Pr�fung f�r dich?</emphasis> Das hatte gesessen. Adrien sagte eine ganze Weile nichts mehr. Sie trotteten am Ufer entlang. Als ein Flusskahn in Sicht kam, wich Jules in den Wald aus. Der Junge sollte besser nicht gesehen werden. Er war einfach noch nicht so weit.</p><p><emphasis>Wie kommst du darauf, dass du ein heldenhafter Ritter bist? Was hast du denn schon geleistet?</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht habe ich ja schon einmal von dir geh�rt?</emphasis></p><p>�Das glaube ich eher nicht. Ich�... Ich habe einen fliegenden L�wen getroffen, der ganz aus Gold und Silber gefertigt war. Und eine R�stung gefunden, die von den alten G�ttern f�r einen K�nig gefertigt wurde. Ahm ... Das war es erst mal. Aber ich wei�, ich werde noch andere Heldentaten begehen.�</p><p><emphasis>Heldentaten begehen?</emphasis> Jules sch�ttelte sich. <emphasis>Das h�rt sich ja an, als wolltest du jemanden umbringen. Ich wil dir ja nicht zu nahe treten, aber mir scheint es so, als h�ttest du noch nichts Besonderes geleistet. Wie hei�t du eigentlich?</emphasis></p><p>�Michel Sarti.�</p><p>Jules war zufrieden, dass sich der Junge an ihre Abmachung hielt und sogar gegen�ber einem Pferd seinen wirklichen Namen verschwieg.</p><p>�Wie hei�t du denn?�</p><p><emphasis>Wei�er Donner.</emphasis></p><p>�Ziehst du mich wieder auf?�</p><p><emphasis>Warum? Ist mit dem Namen etwas nicht in Ordnung?</emphasis></p><p>�Nun�... Er h�rt sich irgendwie seltsam an.�</p><p><emphasis>Seltsam! Ich bin ein Schimmel, und meine Hufe dr�hnen wie Donnerschlag, wenn ich galoppiere. Was also ist an meinem Namen seltsam?</emphasis></p><p>�Ist schon gut, ich wollte dich nicht beleidigen.� Der Junge versank wieder in Schweigen. Jules brachte sie zu ihrem Ausgangspunkt zur�ck, wo noch der Schild und das Schwert im hohen Gras lagen.</p><p>Adrien stieg ab. Er nahm ein St�ck altbackenes Brot aus seinem Beutel, lie� sich auf dem umgest�rzten Baumstamm nieder und begann zu essen.</p><p>Jules war hungrig. <emphasis>Gibst du mir was ab?</emphasis></p><p>Der Junge sah ihn verwundert an. �Hier gibt es doch genug frisches Gras.�</p><p><emphasis>Ich mag kein Gras.</emphasis> Fast h�tte er gesagt, das sei etwas f�r Ziegen und G�ule.</p><p>�Aber du bist ein Pferd! Al e Pferde fressen Gras!�</p><p><emphasis>Ich nicht. Mir wird von Gras �bel.</emphasis></p><p>Adrien reichte ihm ein St�ck Brot. Es war j�mmerlich wenig. Er hatte einen Pferdeappetit. �Was frisst du denn sonst? Hafer?� <emphasis>Ich mag gebratene H�hner.</emphasis></p><p>Adrien w�re fast das Brot aus der Hand gefallen. �Du frisst Fleisch? Pferde fressen kein Fleisch!�</p><p><emphasis>Ich schon. Andere Pferde reden ja auch nicht. Ich bin eben anders.</emphasis></p><p>�Wir werden Schwierigkeiten bekommen, wenn wir zusammen reisen.�</p><p><emphasis>Nur wenn du in aller �ffentlichkeit mit mir redest.</emphasis></p><p>�Das werde ich schon nicht tun! Aber was glaubst du, was die Leute von einem Pferd halten, das H�hner frisst? Die werden in dir ein d�monisches Elfenpferd sehen, dich auf den n�chsten Scheiterhaufen stellen und verbrennen.�</p><p><emphasis>Keine Sorge. Ich werde schon keine H�hner verputzen, wenn ein Priester neben mir steht. Hast du noch etwas Brot?</emphasis></p><p>Adrien gab ihm tats�chlich noch mehr zu fressen. Viel eicht hoffte er darauf, dass morgen durch ein g�ttliches Wunder der Brotbeutel wieder voll w�re. Er sollte sich nicht zu sehr an Wunder gew�hnen! Morgen w�rde er ihn Fische fangen schicken. <emphasis>Was wird denn deine erste Heldentat? Wirst du einen tyrannischen Grafen st�rzen? Eine ber�chtigte R�uberbande gefangen nehmen oder eine entf�hrte Jungfrau befreien?</emphasis></p><p>�Das mit der Jungfrau trifft es fast. Ich werde ein M�dchen retten. Mein M�dchen!�</p><p><emphasis>Du hast ein M�dchen?</emphasis></p><p>�Naja, nicht so richtig?�</p><p><emphasis>Nicht so richtig? Wie hat man denn ein M�dchen richtig oder falsch? Ich bin nur ein Pferd. Ich kenn mich da nicht aus. Entweder habe ich eine Stute besprungen oder nicht. Nicht so richtig gibt es bei uns nicht.</emphasis></p><p>Adrien wurde rot. �Also ...� Er r�usperte sich. �Besprungen habe ich sie nicht...�</p><p><emphasis>Also war da das, was ihr K�ssen nennt.</emphasis> �Nein, auch nicht.�</p><p>Jules schnaubte. <emphasis>Aber sie ist dein M�dchen? Wie hei�t sie denn?</emphasis> Ihm schwante �bles. �Das wei� ich nicht.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. <emphasis>Also habt ihr nur ein bisschen geredet.</emphasis></p><p>�Nein, auch nicht.� Adrien war jetzt sehr kleinlaut. �Aber ich werde sie retten. Ich habe es meinem Lehrer nie gesagt, aber ich habe es mir schon ganz zu Anfang geschworen. Sobald ich ein Ritter bin, werde ich nach Nan-tour reiten und das Blumenm�dchen vom Heumarkt retten.�</p><p><emphasis>Was gibt es bei einem Blumenm�dchen denn zu retten?</emphasis> Jules war froh, dass er dieses �rgernis schon vor Jahren aus der Welt geschafft hatte. Er hatte es von Anfang an geahnt, dass Adrien diese Elodia noch im Kopf herumspukte. Wahrscheinlich war sie schon l�ngst verreckt.</p><p>�Also, sie ist...�, druckste der Junge herum und wurde noch r�ter. �Sie muss sich manchmal verkaufen, weil das Geld, das sie mit dem Blumenverkaufen verdient, nicht zum Leben gen�gt.�</p><p><emphasis>Ich verstehe das richtig? Du bist ein junger Ritter, der im Namen Tjureds gro�e Heldentaten vollbringen wil . Und das Erste, was du tust, ist, eine Hure zu retten?</emphasis></p><p>�Sie ist keine Hure!�</p><p><emphasis>Aber du sagtest doch, sie verkauft...</emphasis></p><p>�Sie ist keine Hure! Wage es nie wieder, sie so zu nennen. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie in Not ist und keinen anderen Weg sieht. Ich werde sie retten. Ich habe Gold. Es wird ihr nie wieder an etwas fehlen. Ich werde sie finden!�</p><p><emphasis>Wann hast du sie denn zum letzten Mal gesehen?</emphasis></p><p>�Vor sieben Jahren�, sagte er kleinlaut.</p><p><emphasis>Und du glaubst, du findest sie noch auf dem Heumarkt von Nantour. Sieben Jahre ist eine lange Zeit f�r ein M�dchen, das�</emphasis></p><p>�Ich werde sie finden, ganz gleich, wo sie ist. Ich bin ein Ritter! Ich lasse mich von Schwierigkeiten nicht abschrecken. Ich werde sie finden, du wirst es sehen!�</p></section><section><title><p>Von blutigen Adlerschwingen und einer unmoralischen Heldin</p></title><p>Cabezan war schlecht gelaunt. Die Lage an der Grenze zu Drusna geriet mehr und mehr aus dem Ruder. Dieses barbarische K�nigreich, von dem es nicht einmal vern�nftige Landkarten gab, war in etliche F�rstent�mer zerfallen, und jeder dieser F�rsten tat, was ihm gefiel. Es gab zwar einen K�nig, doch von dem lie�en sich die F�rsten nichts sagen.</p><p>F�rst Arsi war ins n�rdliche Fargon eingefallen und hatte zwei kleine St�dte und etliche D�rfer ausgepl�ndert. Sein K�nig hatte ihm das verboten, und Arsi hatte darauf geschissen. Waren die Pl�nderer erst einmal in Drusna, war es schwer, sie zu verfolgen. In den dichten, weglosen W�ldern waren seine Ritter den Barbaren hoffnungslos unterlegen. Wann w�rde der n�chste F�rst �ber Fargon herfallen?</p><p>Nachdem Arsi so leicht reiche Beute gemacht hatte, stand zu bef�rchten, dass diese Hinterw�ldler sich untereinander vertragen w�rden und nun alle einen Kriegszug nach Westen unternahmen.</p><p>Cabezan betrachtete die Magd, die �ngstlich das Blut vom Boden schrubbte. Sie wagte es nicht, in seine Richtung zu blicken. �berall auf den Gazeschleiern vor seinem Bett waren Blutspritzer. Tankret zog mit langen, hingebungsvollen Strichen seinen Wetzstein �ber sein Schwert. Ein Wink hatte gen�gt, und der Ritter war enthauptet, der die Nachricht von den �berf�llen gebracht hatte. Das war sicherlich ungerecht, aber er war K�nig, dachte Cabezan w�tend. Er konnte es sich leisten, auf Gerechtigkeit zu verzichten. Jedenfalls, solange man ihn f�rchtete.</p><p>Er betrachtete die junge Frau, die auf dem Boden kauerte. Ihr K�rper bewegte sich beim Schrubben rhythmisch vor und zur�ck. Er hatte geh�rt, die Lungen w�rden sich wie rote Fl�gel erheben, wenn man die Rippen entlang der Wirbels�ule durchtrennte und mitsamt dem Fleisch des R�ckens zur Seite klappte. Er hatte das immer einmal sehen wollen. Das M�dchen war jung und kr�ftig. Sie w�rde bestimmt nicht sofort ohnm�chtig werden. Cabezan blickte zu Tankret. Der Krieger hob fragend eine Braue.</p><p>Ein R�uspern riss Cabezan aus den Gedanken an blutrote Fl�gel. Balduin war zwischen den Gazeschleiern hervorgetreten. Missbilligung stand ihm in sein altes, faltiges Gesicht geschrieben.</p><p>�Was!�, herrschte der K�nig ihn an. �Steht noch eine Stadt in Flammen?�</p><p>Der impertinente Alte erdreiste sich zu l�cheln. �Noch nicht, aber bald, mein Gebieter.�</p><p>�Wir werden also belagert.�</p><p>�Nicht wir. Der Piratenf�rst aus Zeola. Die Flotte Iskendrias hat sich vor zw�lf Tagen eine gewaltige Seeschlacht mit den F�rsten der Aegilischen Inseln geliefert. Mehr als dreihundert Galeeren sollen gesunken oder verbrannt sein. Und nun blockiert die siegreiche iskendrische Flotte Zeola und hat Truppen an Land gesetzt. Die Nachrichten sind vor nicht einmal einer Stunde eingetroffen.�</p><p>�Was f�r eine �beraus erfreuliche Schicksalswende! Wenn ich Zeit habe, werde ich heute Nacht zu den alten G�ttern und zu Tjured beten. Und ich werde sie bitten, den verfluchten Drusniern die Pest ins Land zu schicken.�</p><p>�Mit Verlaub, Majest�t, aber das war weit mehr als nur eine erfreuliche Schicksalswende. Es war der Dolch, den Ihr ins Schlafzimmer des Promachos geschickt habt, der die Piratenflotten und die Schiffe Iskendrias k�nftig von unserer K�ste fernhalten wird. Vor einigen Tagen schon ist das M�dchen Elodia nach Marcilla zur�ckgekehrt und befindet sich nun auf dem Weg zum M�ns Gabino. Ich habe nur einen sehr knappen Bericht von ihr erhalten, aber wie es scheint, hat sie Promachos get�tet und den Krieg zwischen Iskendria und den aegilischen F�rsten angestiftet. Ihr solltet sie adeln, Herr. Sie hat uns vor einem Krieg bewahrt, den wir nicht h�tten gewinnen k�nnen.�</p><p>�Wie hie� das M�dchen?�</p><p>�Elodia, Herr.�</p><p>�Ich erinnere mich nicht.�</p><p>�Sie hatte einen kleinen Bruder. Er war zu Gast in Eurem Bad, Herr.�</p><p>Cabezan �berlegte kurz. �Da waren so viele ... Ich erinnere mich nicht. Schreib einen Brief ans Refugium. Sprich ihr meinen tief empfundenen Dank aus. Das �bliche Blabla.</p><p>Du wei�t, wie man so etwas macht. Und dann schick sie nach Drusna. Wir brauchen jemanden, der diesem verfluchten F�rsten Arsi die Kehle durchschneidet. Schick auch noch f�nf oder sechs andere M�dchen. Viel hilft viel.�</p><p>�Bei allem Respekt, Herr!� W�hrend er das sagte, hatte Balduin einen Gesichtsausdruck, der es an jeglichem Respekt mangeln lie�. �Dieses M�dchen war zwei Jahre lang im Feindesland. Es hat mit seiner Tapferkeit ganz allein einen Krieg von unserem K�nigreich abgewendet und hat es gegen widrigste Umst�nde geschafft, zu entfliehen und daf�r zu sorgen, dass keinerlei Verbindung zwischen ihr und Fargon gezogen werden wird. Unter all den F�rsten unseres K�nigreiches kenne ich keinen Einzigen, der je etwas Vergleichbares geleistet h�tte. Und schon gar nicht unter den Speichelleckern hier bei Hofe!� Balduin konnte es sich nicht verkneifen, bei seinen letzten Worten zu Tankret zu blicken.</p><p>Der K�nig l�chelte. Sein bester Berater wurde von Jahr zu Jahr tollk�hner. Ob das am Alter lag oder daran, dass er keine Nachkommen und keine lebenden Verwandten hatte? Er war schwer zu erpressen. Er hatte es sogar gewagt, dem M�dchen und dem Jungen, die er ihm vor ein paar Wochen zum Bad geschickt hatte, die Freiheit zu schenken. Unter all den M�nnern und Frauen bei Hof war Balduin der Einzige, der nicht erpressbar war. Cabezan wusste, dass sein Hofmeister ihn zutiefst verachtete.</p><p>Wahrscheinlich blieb er allein deshalb, weil er glaubte, von etlichen Unschuldigen Unheil abwenden zu k�nnen, so lange er diese bedeutende Stellung bekleidete.</p><p>Cabezan hatte schon verschiedentlich davon geh�rt, dass Balduin Befehle ab�nderte oder einfach nicht weiterleitete. Wenn der Alte ansonsten nicht so gute Arbeit geleistet h�tte, so h�tte er ihm schon l�ngst Tankret geschickt.</p><p>�Hochverehrter Balduin, ich bin verbl�fft, dass sich ein Mann Eures Alters und tadellosen Rufes so vehement f�r ein kleine Hure einsetzt. Hat sie Euch auch schon den Schwanz gelutscht?� Der Alte wurde erst bleich, dann lief er rot an. Es war so leicht, ihn mit einer einzigen vulg�ren Bemerkung aus der Reserve zu locken.</p><p>�Wie Ihr schon richtig anmerktet, bin ich zu alt, um mich solch fragw�rdigen Gen�ssen hinzugeben. Wir haben sie hier in dieser Kammer zur Hure des K�nigreichs gemacht. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Abend. Und das Versprechen, das wir ihr gegeben haben, wurde nach nicht einmal einem Mond gebrochen.�</p><p>Cabezan erinnerte sich genau an die kleine Schlampe. Aber er zog es vor, dass Balduin ihn f�r vergesslich hielt und dachte, er verliere �ber die Angelegenheiten des K�-</p><p>nigreichs langsam den �berblick. �War sie nicht schon eine Hure, bevor sie in den Dienst des K�nigreichs trat?</p><p>�blicherweise w�hlen wir doch M�dchen mit etwas Erfahrung aus. Davon zu sprechen, dass wir sie hier in dieser Kammer zur Hure gemacht h�tten, erscheint mir etwas melodramatisch, mein Guter.�</p><p>In Balduins Gesicht arbeitete es. Ehrenhafte M�nner waren so leicht zu manipulieren!</p><p>�Was ich meinte, mein K�nig, war lediglich, dass uns Elodia einen unermesslich gro�en Dienst erwiesen hat. Sie war so erfolgreich, weil sie sehr gut auf ihre Aufgabe vorbereitet wurde. Warum sollten wir eine solch wertvolle Waffe im Kampf um die Macht leichtfertig zerbrechen? Sie nach Drusna zu schicken, ohne dass sie sich mit der Sprache und den Gebr�uchen des Landes vertraut machen kann, ist ganz so, als w�rden wir sie dem Henker �berantworten. Ganz gleich, ob sie eine Hure ist oder nicht. Unser K�nigreich schuldet ihr Dank und nicht ein Todesurteil!�</p><p>�Unser K�nigreich?� Er machte eine lange Pause, um den Worten Nachdruck zu verleihen. �Teilen wir uns etwa den Thron, mein lieber Balduin?�</p><p>�Ich meinte das nicht so!� Seine Worte �berschlugen sich fast. �Das war nur so eine Redensart � Ich w�rde niemals ��</p><p>�Du bist der Einzige, dem ich so etwas durchgehen lasse, alter Freund.� Cabezan deutete auf die Blutspritzer auf den Vorh�ngen. �Der Mann, der vor dir hier war, hat aus einem sehr viel nichtigeren Grund seinen Kopf verloren.� Er sah, wie sich die Z�ge seines Hofmeisters verh�rteten. Er f�rchtete den Tod nicht. Begr��te er ihn vielleicht sogar? Es machte keinen Spa�, jemanden mit etwas zu bedrohen, wovor er keine Angst hatte. Im �brigen war Balduin unleugbar n�tzlich. Seine Worte waren nicht weit von der Wirklichkeit entfernt gewesen. Er, Cabezan, siechte in diesem Palast vor sich hin.</p><p>Er war der K�nig. Ein gef�rchteter Tyrann. Aber Balduin lenkte die Verwaltung. Er entschied �ber all die tausend bedeutsamen Kleinigkeiten, die zu langweilig waren, um sich der Aufmerksamkeit eines K�nigs zu erfreuen. Allerdings war Cabezan nicht so dumm, aus den Augen zu verlieren, dass es gerade diese unbestechliche, zuverl�ssige Arbeit seines Hofmeisters war, die das K�nigreich erbl�hen lie�.</p><p>�Solltet Ihr wirklich glauben, dass ich nach Eurem Thron strebe, dann werde ich mir hier und jetzt den Dolch in die Brust sto�en.�</p><p>Cabezan lachte. �Noch so ein melodramatischer Auftritt. Diese Seite an dir kenne ich noch gar nicht.�</p><p>�Und Elodia?�</p><p>Langsam �rgerte ihn das Betragen des Alten. �Ehrlich gesagt, sch�tze ich das Leben eines jedes Leibeigenen in meinem K�nigreich h�her als das einer Hure. Und ich bin mir v�llig sicher, dass die �berwiegende Mehrheit meiner Untertanen ganz genau derselben Meinung ist. Deinen Einsatz f�r dieses M�dchen finde ich �beraus befremdlich. W�rde ich dich nicht so gut kennen, w�rde ich unterstellen, dass du sie dir in dein eigenes Bett holen m�chtest. Weil sie dem K�nigreich gut gedient hat, soll sie zwei Monde auf dem M�ns Gabino verbringen. Und dann schickst du sie nach Drusna.</p><p>Hoffe nicht darauf, dass ich das vergessen werde. Du darfst nun gehen und mir morgen einen Plan unterbreiten, wie wir die verdammten drusnischen R�uber in ihren W�ldern ausr�uchern k�nnen!�</p><p>Balduin zog sich zur�ck, und es entging Cabezan nicht, dass der Alte sich nicht verbeugte, bevor er die Kammer verlie�.</p><p>Das M�dchen kauerte noch immer am Boden und schrubbte. Es war schwer, das Blut aus den schmalen Fugen des Mosaikbodens zu entfernen. Das Auf und Ab ihres Hinterns h�tte ihn fr�her erregt. Sie war nicht h�sslich. Etwas zu d�rr und flachbr�stig, aber sie hatte ein h�bsches Gesicht.</p><p>Cabezan versuchte sich Elodias Antlitz ins Ged�chtnis zu rufen. Er war sich nat�rlich bewusst, dass sie Gro�es geleistet hatte. Er war kein Narr! Und weil er das nicht war, musste das M�dchen verschwinden. H�tte er sie gerecht behandelt, dann h�tte sie eine Heldin sein sollen. Zum Gl�ck w�rde eine Hure sich kaum in der �ffentlichkeit ihrer Taten in den Betten fremder Tyrannen br�sten. Und sollte sie doch so dumm sein, es zu tun, durfte sie kaum auf gro�en Zuspruch hoffen. Aber sie war eine Heldin.</p><p>Und um Helden mochte sich Widerstand bilden. Ohne es zu ahnen, hatte sie ja bereits seinen Hofmeister auf ihre Seite gebracht. Wer w�rde als N�chster kommen?</p><p>Sie musste nach Drusna! Da w�rde sie sang- und klanglos in den W�ldern verschwinden. Sie w�rde eine Mission bekommen, die sie in den Tod f�hrte. Vielleicht k�nnte er ja daf�r sorgen, dass F�rst Arsi wusste, wer sie war? Es w�re nicht schwer, einen Boten an Elodia auf einen Weg zu schicken, der ihn sicher zu einer Begegnung mit drusnischen Strauchdieben f�hrte.</p><p>Cabezan drehte sich auf seinem Lager auf die Seite, um das M�dchen besser beobachten zu k�nnen. Sie hatte etwas Sinnliches. Und er w�rde sie nicht besitzen k�nnen. Auch Tankret sah sie an.</p><p>Der Zustand seiner M�nnlichkeit war Cabezan ein steter Verdruss. Vor ein paar Tagen erst hatte er es mit Rehblut versucht. Die Barbaren weit im Osten behaupteten, es w�rde selbst tote Glieder wieder erstarken lassen. Seines nicht!</p><p>Wenn er das M�dchen nicht haben konnte, dann sollte es auch kein anderer besitzen!</p><p>�Hast du schon einmal einen Adler gesehen, M�dchen. Von nahem?�</p><p>Die Kleine stutzte. Sie wagte es nicht aufzublicken. �Nein, mein K�nig�, sagte sie mit vor Angst heiserer Stimme.</p><p>�Ich auch noch nicht�, log er. �W�rdest du mir helfen, die Schwingen eines Adlers betrachten zu k�nnen, wenn du die Macht dazu h�ttest?�</p><p>�Ganz gewiss, Herr. Aber ich wei� nicht, was ich tun k�nnte�... �</p><p>�Mach dir keine Sorgen, M�dchen. Tankret wird dir helfen, mir diesen kleinen Wunsch zu erf�llen.�</p></section><section><title><p>Raoul</p></title><p>Er hatte keine Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Nantour hatte sich in den sieben Jahren, die er fort gewesen war, kaum ver�ndert. Allerdings kam ihm die Stadt jetzt kleiner vor. Die gro�en Lagerh�user am Fluss ragten f�r ihn nicht mehr bis in den Himmel. Der neue Tempelturm mit seinen Fenstern aus buntem Glas beeindruckte ihn nicht mehr, nachdem er die Wunder des Steinernen Walds gesehen hatte.</p><p>Hoch zu Ross, war er flankiert von einer Schar Kinder, die zwar ein wenig Abstand hielten, aber sich nicht entgehen lassen wollten mitzuerleben, was dieser seltsame Mann mit dem silbernen Gesicht wohl in der Stadt tun w�rde. Adrien hatte sich inzwischen daran gew�hnt. In seinem Aufzug war es unm�glich, unbemerkt zu reisen.</p><p>Und es waren stets die Kinder, die ihm als Erste folgten, wohingegen Erwachsene trotz seiner wei�en R�stung Gefahr w�hnten, wenn man allzu aufdringlich wurde. Doch zumindest ihre Blicke folgten ihm, und er ahnte, dass das Gesehene Gespr�chsstoff f�r die n�chsten Tage und Wochen liefern w�rde.</p><p>Er zog es vor, auf einsamen Landstra�en zu reiten, wo er ungest�rt mit seinem wundersamen Pferd reden konnte. Begafft zu werden, empfand er als anstrengend, obwohl ihm klar war, dass es seine Aufgabe als k�nftiger Ordensgr�nder war, m�glichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Aber noch waren ihm die Blicke eine B�rde. Er konnte sie nicht genie�en. W�rde sich das �ndern?</p><p>Er war auf dem Heumarkt gewesen, um nach seinem M�dchen�...</p><p><emphasis>Nach deinem Schw�rm! Von seinem M�dchen sollte man wenigstens den Namen kennen. Sie ist nur dein Schw�rm, du Traumt�nzer!</emphasis></p><p>Adrien war froh, dass er eine Maske trug und niemand sehen konnte, wie er die Fassung verlor. Dieser Gaul konnte nicht nur reden, er konnte ihm auch in die Gedanken blicken! Am liebsten h�tte er ihm geantwortet. Aber vor all den Kindern konnte er sich schlecht mit seinem Pferd streiten. Es gen�gte, eine Antwort zu denken. Aber das war nicht ann�hernd so befriedigend, wie auszusprechen, was er diesem Gaul sagen wollte.</p><p>Lass mich in Ruhe, du Besserwisser! Kennst du die Namen aller Stuten, denen du begegnet bist?</p><p>Schweigen. �ber sich selbst redete sein ach so gespr�chiges Pferd eher selten. Adrien z�gelte es ein wenig h�rter, als notwendig gewesen w�re, und sa� ab. Er trat in eine Pf�tze, die nach Verwesung stank und auf der Schlieren von Blut trieben. Auch das hatte sich nicht ge�ndert. Der Fleischhauer sch�ttete das wenige, was bei seiner Arbeit an Abf�llen anfiel, direkt vor seine T�r.</p><p>Ein alter Hund wich ihm m�rrisch knurrend aus. Die Kinder blieben in ein paar Schritt Abstand stehen. Er h�rte sie fl�stern. Ein Witzbold war davon �berzeugt, er w�rde jetzt den Schlachter schlachten.</p><p>Der Schmutz perlte von seinen wei�en Stiefeln ab. Er stie� die T�r des alten, grauen Steinhauses, ohne zu klopfen, auf. Der Fleischhauer stand hinter einem von tiefen Furchen zernarbten Tisch. Eine grauhaarige Frau schob gerade einige W�rste in ihren Korb. Bei seinem Anblick fiel ihr die letzte Wurst aus der Hand.</p><p>Adrien hob sie auf und reichte sie ihr mit galanter Geste. �Werte Dame, w�rdet Ihr mich mit dem Herrn al ein lassen? Ich habe einige private Dinge mit ihm zu besprechen.�</p><p>Eine der W�rste, f�r die er zum Dieb geworden war und f�r die das Blumenm�dchen sich verkauft hatte, nach all den Jahren nun wieder in der Hand zu halten, ber�hrte ihn tiefer, als er erwartet h�tte.</p><p>�Ich danke Euch, hoher Herr.� Die Frau verbeugte sich, was ihr sichtlich M�he machte.</p><p>Er nahm sie bei der Hand. �Ich bin keineswegs von h�herem Stand als Ihr, meine Dame.� Sie schenkte ihm ein zahnloses L�cheln und lie� sich ohne Widerstand zur T�r geleiten.</p><p>Als er sich umdrehte, lag ein schweres Fleischermesser auf dem Tisch. Er h�tte schw�ren m�gen, dass es eben nicht da gewesen war. Aber immerhin hielt der Fleischhauer es nicht in der Hand.</p><p>�Womit kann ich Euch dienen, Herr?� Er war angespannt. Sein Gesicht hatte eine ungesunde, k�sig wei�e Farbe. Tiefe Ringe hatten sich unter seine Augen gegraben.</p><p>Offensichtlich rasierte er sich nur unregelm��ig. Seine Wangen waren mit grauen Stoppeln bedeckt. Sein Haar war sch�tter, und sein Versuch, die ausufernde Glatze zu bek�mpfen, indem er Haare �ber die kahlen Stellen legte, betonte sie nur noch mehr, statt sie zu verstecken. Er hatte eine Ledersch�rze umgebunden, die sich straff �ber seinen Spitzbauch spannte. Dunkles, fast schwarzes Blut hatte sich seit Jahren ins Leder gezogen. Die Arme des Fleischhauers waren nackt. Knotige Muskeln verrieten seine Kraft. H�nde und Finger waren mit wei�en Narben bedeckt, Spuren unachtsamer Augenblicke in einem Gesch�ft mit scharfen Messern. Der Mann wirkte schmuddelig und verh�rmt. �Herr?�</p><p>Adrien war ganz in der Betrachtung des Fleischhauers versunken gewesen. Er r�usperte sich. �Ich suche ein M�dchen�, klang seine Stimme dumpf durch den Helm.</p><p>�Ich habe keine Tochter und kenne keine M�dchen.� �Das Blumenm�dchen vom Heumarkt?�</p><p>Die Augen des alten Metzgers weiteten sich. �Was ist mit der?� �Wo finde ich sie?�</p><p>Der Alte wischte sich die H�nde an der Sch�rze ab, obwohl sie nicht schmutzig waren.</p><p>�Ja, die. Die ist fr�her manchmal gekommen. Ein h�bsches Ding.�</p><p>Adrien musste an sich halten. �Wo steckt sie?�</p><p>�Die Stadtwachen haben sie geholt. Sie war irgendwie auch im Gesch�ft mit W�rsten.�</p><p>Er grinste anz�glich. �Hat ihr mehr gebracht als ihre Bl�mchen, denke ich.�</p><p>�Sie war auch bei dir, nicht wahr?�</p><p>Der Fleischhauer kniff die Augen zusammen. �Na und? Daran war nichts Verbotenes.</p><p>Ich hab immer ordentlich gezahlt. Mit�... �</p><p>Adrien gebot ihm mit einer harschen Geste zu schweigen. Wenn er sich das Blumenm�dchen und den Alten vorstellte, wurde ihm �bel. �Was ist bei der Stadtwache mit ihr geschehen? Wohin hat man sie gebracht?�</p><p>�Keine Ahnung. Sie war einfach fort. Von einem Tag auf den anderen. In den Kerker ist sie nicht gegangen. Davon h�tte ich geh�rt. Normalerweise h�tte man sie in ein Badehaus gesteckt. Aber auch das ist nicht geschehen. Zumindest ist Elodia nicht in Nantour.�</p><p>�Elodia? Ist das ihr Name?�</p><p>�Ihr sucht dieses M�dchen und kennt nicht einmal ihren Namen?�</p><p>�Elodia�, sagte er noch einmal leise, um den Klang ihres Namens zu kosten. Sollte das alles sein, was von ihr geblieben war?, dachte er verzweifelt. Adrien atmete schwer aus. So viele Stunden hatte er mit der Erinnerung an sie verbracht. Manches Mal hatte er sich schlimme Dinge vorgestellt. Hatte sich ausgemalt, was ihr alles zusto�en k�nnte. Aber dass sie einfach verschwinden w�rde�... Er griff nach seiner Geldkatze und holte ein kleines, verbogenes St�ck Gold hervor, Beute seiner endlosen Grabungen. Er hatte einige Beutel voll davon mitgenommen. Nat�rlich h�tte er auf Jules h�ren und allein auf Tjured vertrauen k�nnen, aber Adrien hatte das Gef�hl, dass Gott lieber Ritter h�tte, die in der Lage waren, sich selbst zu helfen, und f�r so allt�gliche Dinge wie einen vollen Bauch nicht auf seine Hilfe angewiesen waren.</p><p>Er legte das Goldst�ck vor dem Alten auf die zerfurchte Tischplatte. Der nahm es auf.</p><p>Betrachtete es misstrauisch von allen Seiten und nahm es sogar einmal kurz in den Mund. �Ist das �?�</p><p>�Ja, das ist Gold.�</p><p>�Ich wei� wirklich nicht, wo sie ist, Herr. Ich habe Euch alles gesagt. Das m�sst Ihr mir glauben.�</p><p>�Das Gold ist f�r ihren Namen. Und f�r einen Jungen, der vor sieben Jahren die Dachschindeln deiner R�ucherkammer beiseitegeschoben hat, um zwei W�rste zu stehlen. Betrachte es als sp�te Entsch�digung.�</p><p>Der Fleischhauer runzelte die Stirn. Es war un�bersehbar, dass er bef�rchtete, einen Verr�ckten vor sich zu haben. Einen Bewaffneten mit einer B�rse voller Gold. Er setzte ein falsches L�cheln auf. �Kennt Ihr den Jungen, Herr?�</p><p>�Den Jungen gibt es nicht mehr. Aber die alte Schuld hat fortbestanden. Hiermit ist sie getilgt.�</p><p>�Das ist zu viel, Herr, ich will Euch nicht bestehlen. Den Namen h�tte ich Euch auch so genannt. Daf�r m�sst Ihr mir nichts geben.� Er senkte den Blick. �Ich hab sie auch gemocht. Sie war ... Sie war ein gutes M�dchen.�</p><p>Das war das Letzte, was er aus dem Mund des alten Hurenbocks h�ren wollte! Er versuchte nicht daran zu denken, was der Fleischhauer sich unter einem guten M�dchen vorstellte. Mit k�hler H�flichkeit sagte er. �Es ist in der Tat viel Gold f�r zwei W�rste. Wenn du vor den Augen Tjureds Bu�e f�r deine S�nden tun willst, dann wirst du heute Abend einen gro�en Korb mit W�rsten packen und sie unter den Bettlern der Stadt verschenken. Und sag jedem, dass dies eine Gabe der Ritter des Ordens vom Aschenbaums sei. Des Ritterordens der Tjuredkirche.�</p><p>Der Alte sah ihn verwirrt an. �Ihr seid ein Ritter Gottes?�</p><p>�Ich diene Tjured und seiner Kirche und verteidige sie, wo sie angegriffen werden.�</p><p>Adrien deutete eine knappe Verbeugung an. �Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten und den Bettlern helfen. Ich werde von dir h�ren.� Mit diesen Worten verlie� er den sch�bigen Laden.</p><p><emphasis>W�rste f�r Bettler, wahrhaft eine glorreiche erste Tat f�r den ruhmreichen Orden vom Aschenbaum. Ist dir nichts Besseres eingefal en?</emphasis></p><p>�Ich �be noch�, sagte er leise. Auf der Stra�e hatten sich au�er den Kindern und ein paar erwachsenen Gaffern nun ein halbes Dutzend Stadtwachen eingefunden. Die Krieger hielten respektvollen Abstand. Sie wirkten angespannt.</p><p>Ein Mann mit Schwert und Langdolch am G�rtel trat zwischen ihnen hervor. Er trug einen leicht rostigen Schuppenpanzer �ber einer abgetragenen Tunika. Ein wei�er Schal mit Rostflecken war um seinen Hals geschlungen. Lange, graue Locken fielen ihm auf die Schultern. Er war glattrasiert. Das Gesicht war wettergegerbt und m�de.</p><p>�Einen Mann wie dich habe ich noch nie gesehen. Wer bist du?�</p><p>Adrien stellte sich h�flich als Michel Sarti vor.</p><p>Der Krieger legte den Kopf schief und musterte ihn eindringlich. �Ich kannte einmal einen Michel Sarti. Das ist lange her. Er hat wenig �hnlichkeit mit dir.�</p><p>�Dann k�nnte er mein Vater gewesen sein.� Durch den Helm klang seine Stimme stets ein wenig bedrohlich. Adrien sah, wie sich der Krieger anspannte. Einige der Stadtwachen senkten ihre Speere. �Wer bist du?�</p><p>�Raoul Deleau, Befehlshaber der Stadtwache von Nantour.�</p><p>�Dann bist du der Mann, den ich suche. Ich muss etwas �ber ein M�dchen wissen, das du vor sieben Jahren verschleppt hast.�</p><p>�Ich verschleppe keine M�dchen!�, entgegnete Raoul k�hl. �Und du nimmst jetzt deinen Helm ab, denn ich m�chte sehen, wer es wagt, mich hier auf offener Stra�e inmitten meiner Stadt zu beleidigen.�</p><p><emphasis>Mit denen wirst du leicht fertig. Ich �bernehme ein paar von ihnen.</emphasis></p><p>Adrien war �berrascht, sein Schlachtross so streitlustig zu erleben. Ein Kampf mit der Stadtwache w�re schlecht f�r den Ruf des Ordens vom Aschenbaum. Er musste sich hier mit Autorit�t und nicht mit der Klinge in der Hand Respekt verschaffen.</p><p><emphasis>Unsinn! Die wollen dich langmachen.</emphasis></p><p>Adrien �ffnete den Verschluss am Hals, nahm den Helm ab und klemmte ihn unter den Arm. Er konnte sehen, wie sich der Befehlshaber der Stadtwache ein wenig entspannte. Es war wichtig f�r dessen Ansehen gewesen, dass er dem Befehl des alten Kriegers nachkam.</p><p>�Ich bin erst seit etwas mehr als einem halben Jahr in Nantour, und ich versichere dir, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein M�dchen verschleppt.�</p><p>�Dann m�chte ich das Archiv der Stadt einsehen. Dort wird es�... �</p><p>Der Krieger sch�ttelte den Kopf. �Stadthalle und Archiv sind beim gro�en Brand im letzten Sommer vernichtet worden. Es tut mir leid.�</p><p>Adrien schloss kurz die Augen. War denn jegliche Spur des Blumenm�dchens getilgt?</p><p>�Wo finde ich den Mann, der vor dir die Stadtwache befehligt hat?�</p><p>�Ich bringe dich gerne zu ihm. Er ist drau�en vor den Toren der Stadt.� Er winkte den Stadtgardisten zu. �Geht eurer Wege! Ich brauche keine Eskorte. Michel Sarti ist ein Mann der Kirche. Ein Mann von Ehre!�</p><p>Adrien f�hlte sich geschmeichelt.</p><p><emphasis>Ja, Esel lieben Ohrenbl�ser!</emphasis></p><p>Er fragte sich, ob auch andere Ritter mit solchen Pferden geschlagen waren oder ob Tjured allein ihm diese Pr�fung vorbehalten hatte.</p><p>Raoul machte einen Umweg mit ihm. Er f�hrte ihn durch die Seilergasse zum gro�en Markt, dessen Westseite von Ger�sten beherrscht wurde. Die Baustelle lag dort, wo fr�her einmal die Stadthalle gestanden hatte.</p><p>�Wir hatten Gl�ck mit dem Feuer. Es war vor meiner Zeit. Aber wie ich geh�rt habe, war es eine windstille, schw�le Nacht, in der das Feuer ausbrach. Es hat nicht auf die anderen H�user �bergegriffen. Durch den gro�en Brunnen auf dem Markt war gen�gend Wasser da, um die Flammen sofort zu bek�mpfen. Dennoch war der Schaden so gro�, dass eine neue Stadthalle gebaut werden musste.�</p><p>�Wie ist es zu dem Feuer gekommen?�</p><p>�Das konnte nie gekl�rt werden. Es ist unter dem Dach im Archiv ausgebrochen.</p><p>Wahrscheinlich hat es eine Weile unbemerkt geschwelt. Pl�tzlich stand dann der ganze Dachstuhl in Flammen.�</p><p>�Und der alte Stadtkommandant?�</p><p>�Du stellst seltsame Fragen, junger Ritter. Aber die Verkettung deiner Fragen hat etwas Beunruhigendes. Worauf willst du hinaus?�</p><p>Adrien entschied, ihm diese Antwort schuldig zu bleiben. �Was ist beunruhigend?�</p><p>�Das wirst du sehen, wenn wir beim alten Stadtkommandanten sind.�</p><p>F�r eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Raoul brachte ihn durch das Gedr�nge der Schiffergasse zum Hafentor. Adrien empfand die Enge der Stadt als unangenehm. �berall waren Leute, die ihn, den wei�en Ritter, angafften. Fuhrwerke stauten sich vor dem engen Tor. Ein Rattenf�nger, der ganze Trauben von Ratten von einem langen Spie� h�ngend �ber seinem R�cken trug, pries lauthals seine Dienste an.</p><p>Marktweiber mit schweren K�rben verlie�en die Stadt. In der Gosse am Wegesrand tummelten sich einige hagere Welpen mit �ngstlichen schwarzen Augen. Ihr kurzes Fell starrte vor Dreck.</p><p>Adrien kam es so vor, als blickten sie sehns�chtig den toten Ratten am Spie� hinterher.</p><p>Gleich beim Tor stand ein junges M�dchen in einem braunen Kleid, die nicht mehr ganz frische Blumen feilbot. Sie war so d�nn, dass Adrien ihr ein St�ck Gold zuwarf.</p><p>Raoul sah ihn verst�ndnislos an, sagte aber nichts.</p><p><emphasis>Mach nur so weiter, Ritter vom weichen Herzen! Warum gibst du dem Einbeinigen da vorne nichts? Oder dem Kerl da dr�ben, dem sein Hautausschlag die halbe Nase weggefressen hat.</emphasis></p><p><emphasis>Bist du nur zu Blumenm�dchen mildt�tig? Du bist scheinheilig! Der Bettler da hinten ist viel d�rrer als sie. Freilich kann der sich nicht einem Fleischhauer zum Liebesspiel verkaufen. Da muss man dann mit seinem Gold geizen.</emphasis></p><p>Adrien zog ruckartig am Z�gel, und die Stimme in seinem Kopf verstummte. Ja, er suchte sich aus, zu wem er mildt�tig war! Die Welt war zu gro�, um allen Gerechtigkeit widerfahren lassen zu k�nnen. Obwohl er erst vor zehn Tagen die Berge verlassen hatte, hatte er diese Lektion bereits tief verstanden.</p><p>Raoul f�hrte ihn �ber die weite, steinerne Br�cke. Unter den Pfeilern lagerten K�hne wie der, mit dem Adrien einst seine Reise in ein neues Leben begonnen hatte.</p><p>Am anderen Ufer stand das Gasthaus <emphasis>Die drei Gehenkten.</emphasis> Hier fand Unterkunft, wer zu sp�ter Stunde nach Nantour kam und das Flusstor verschlossen vorfand. Nur einen Steinwurf entfernt, auf einem H�gel, der sich �ber die Flussniederungen erhob, stand weithin sichtbar das Galgenger�st. Ein Rahmen aus schweren Balken, der von vier dicken, steinernen Pfeilern getragen wurde. Heute hing von keinem der eisernen Haken, die ins Holz eingeschlagen waren, ein Seil. Aber Adrien konnte sich an einen Nachmittag in seiner Kindheit erinnern, an dem dort zw�lf M�nner und Frauen aufgekn�pft worden waren, weil sie sich gegen den K�nig verschworen hatten. Es war ein strahlend klarer Wintertag gewesen. Hunderte hatten sich um den H�gel eingefunden, und es hatte eine ausgelassenere Stimmung als selbst beim gro�en Flachsmarkt im Fr�hjahr oder dem Schifferfest im Herbst geherrscht. Es war einer der wenigen Tage gewesen, an denen er sich mit vollem Bauch schlafen gelegt hatte, denn er hatte es geschafft, einem unachtsamen Gaffer eine gro�e Fleisch-pastete zu stehlen.</p><p>�Ich w�re dir sehr verbunden, wenn du nicht mehr nach Nantour zur�ckkehren w�rdest, junger Ritter. M�nner wie du bringen Unruhe und �rger.�</p><p>�Du hast mich also belogen! Du hattest nie vor, mich zum alten Stadtkommandanten zu bringen.� Adrien sagte das ganz ruhig. Er blickte zur Br�cke zur�ck und erwog, sofort wieder umzukehren. Allerdings w�rde er dann gegen die Wachen am Flusstor k�mpfen m�ssen. Ein Wink von ihrem Kommandanten w�rde gen�gen, damit sie den Weg versperrten.</p><p>�Ich bin kein L�gner. Ich werde dich zum Stadtkommandanten bringen, wie ich es versprochen habe, doch ich f�rchte, er wei� auch keine Antwort auf deine Fragen.</p><p>Komm! Wenn wir fertig sind, lade ich dich ins Gasthaus ein. Ich habe nichts gegen dich, Junge. Ich will dich nur nicht in meiner Stadt haben.�</p><p>Adrien wusste nicht, wie er mit dem alten Krieger umgehen sollte. Er f�hlte sich v�llig �berrumpelt, und das auf eine Art, dass er Raoul nicht einmal b�se war. Viel eicht w�rde das ja sp�ter noch kommen. Er blickte �ber die Ebene. Da gab es nur Bauernh�user. �Dort finde ich den ehemaligen Stadtkommandanten?�</p><p>�Komm einfach noch ein kleines St�ck Weg mit mir. Dann wirst du verstehen.�</p><p>Ratlos, was er sonst h�tte tun sollen, ging er mit und versuchte die Fl�che seines Pferdes zu �berh�ren, das ihn einen T�lpel und Schlimmeres nannte.</p><p>Hinter dem Richtplatz gab es ein kleines, von Pappeln umstandenes Feld. Dort wurden die Gehenkten und andere begraben, die keinen Platz auf dem Totenacker Nantours fanden, weil die Umst�nde ihres Todes sie f�r immer von allen anderen unterschieden.</p><p>Der Friedhof war von einer niedrigen Steinmauer umgeben. Ein schmales schmiedeisernes Tor war der einzige Zugang. Zwei Heiligenbilder wachten am Eingang, Statuen, die Adrien jetzt als ungelenk und fast kindlich in der Ausf�hrung empfand.</p><p>Als er auf den Totenacker trat, schlug er verstohlen das Zeichen des sch�tzenden Horns.</p><p><emphasis>Das fehlt noch! Da haben wir einen heimlichen Heiden, der ein Ritter Tjureds sein will.</emphasis></p><p>Diesmal hatte er f�r den Spott nur ein L�cheln �brig. Jeder vern�nftige Mensch wusste, dass man sich vor den Toten auf einem solchen Friedhof nicht genug in Acht nehmen konnte. Die Gr�ber der Selbstm�rder, Gehenkten und Kindsm�rderinnen waren verflucht. Ihre Toten waren dazu verdammt, keinen Frieden zu finden. Und wenn man nicht alle Regeln beachtete, mochte es sein, dass sie sich wieder aus ihren Gr�bern erhoben.</p><p>�Hier liegt er.� Raoul war vor einem gro�en, grauen Feldstein stehen geblieben. Wie bei allen Gr�bern hier drau�en gab es keinen Namen. Namen hatten die Macht, Tote l�nger in der Welt der Leben zu halten.</p><p>�Was hat er getan?�</p><p>�Drei Tage nachdem ich mit meinen M�nnern in die Stadt gekommen bin, um ihn abzul�sen, hat er sich die Kehle durchgeschnitten. Ich habe an jenem Abend noch mit ihm gegessen. Er wirkte bedr�ckt. Aus irgendeinem Grund schien er �berzeugt gewesen zu sein, dass er sein Kommando in Nantour bis ans Ende seiner Tage behalten w�rde. Dabei kannte er die Regeln! Er wusste, dass er schon ungew�hnlich lange mit seinen M�nnern in der Stadt war. Um Bestechlichkeit und andere, schlimmere �bel zu bek�mpfen, l�sst K�nig Cabezan die Stadtwachen regelm��ig versetzen. Es ist selten, dass ein Kommandant l�nger als vier oder f�nf Jahre in einer Stadt bleibt. Er hatte einen Marschbefehl an die Grenze nach Drusna bekommen. Kein guter Platz, um seinem K�nig zu dienen. Es gibt st�ndig �berf�lle, und es h�ufen sich Ger�chte, dass ein Krieg bevorsteht. Die Waldgrenze ist kein Ort, an den man gerne geht. Aber ich hatte das Gef�hl, dass er sich mit seinem Schicksal arrangiert hatte, als ich nach dem Abendessen ging. Er hatte Pl�ne gemacht, einen Trupp Lanzenreiter aus Equitanien anzuwerben. Und er wollte sich einen Schuppenpanzer anfertigen lassen, so wie ich ihn trage. Jemand, der sich umbringen will, macht doch nicht solche Pl�ne! Er hatte mich auch f�r den n�chsten Morgen eingeladen, um mit mir die W�rdentr�ger der Stadt aufzusuchen und mich vorzustellen.� �Wie ist er gestorben?�</p><p>�Er hat sich in den Lehnstuhl seines Amtszimmers gesetzt und sich die Kehle durchgeschnitten.� Raoul sch�ttelte den Kopf. �Ich habe oft gedacht, dass er hier zu Unrecht liegt. Dass er ermordet worden ist. Aber vor seiner Kammer lag die Wachstube. Niemand konnte unbemerkt zu ihm gelangen! Die Priester haben ihm den Kopf ganz abgeschnitten, wie man es bei Selbstm�rdern macht. Sie haben den Kopf in einen Sack mit Steinen gesteckt und im Fluss versenkt. Der Rest liegt hier begraben. Du siehst, ich habe Wort gehalten, ich habe dich zu dem Mann gebracht, den du gesucht hast.� Er l�chelte linkisch. �Jedenfalls zum gr��eren Teil von ihm.�</p><p>Adrien kniete vor dem Stein nieder und legte seine Hand darauf. Hier lag der Mann, der gewusst hatte, wo das Blumenm�dchen war. Elodia. War das alles, was er von ihr finden sollte? Nur ihr Name?</p><p>�Deine Fragen, Junge, sind auch mir schon durch den Kopf gegangen. Welches Geheimnis hat diese Stadt? Gibt es einen Zusammenhang zwischen einem Archiv, das einfach so in Flammen aufgeht, und einem Hauptmann der Stadtwache, der sich pl�tzlich das Leben nimmt? Ich habe aufgegeben, nach der Antwort zu suchen. Die Stadtwachen werden auch deshalb ausgetauscht, damit man von vorne beginnen kann. Ich wei� nichts von den alten Verbrechen, und so soll es bleiben. Ich m�chte nicht, dass du die Stadt noch einmal betrittst. Dass du aufweckst, was zusammen mit meinem Vorg�nger begraben wurde.</p><p>Was immer du hier suchst, Ritter, es ist verschwunden.�</p><p>Adrien richtete sich wieder auf. Er war ein ganzes St�ck gr��er als der alte Krieger.</p><p>�Wei�t du, in welche Stadt nach Drusna die Wachen geschickt wurden?�</p><p>�Bei Tjured, du wirst doch nicht etwa versuchen, sie zu finden, Junge! Niemand geht freiwillig dorthin. Ohne einen Hauptmann wird man sie verteilt haben. Gott allein wei�, wo sie �berall stecken. Warum suchst du sie �berhaupt?�</p><p>�Ich will ein M�dchen wiederfinden, das vor sieben Jahren Blumen auf dem Heumarkt verkauft hat. Und einige der Stadtgardisten m�ssen wissen, was aus ihr geworden ist.�</p><p>�Ein Blumenm�dchen! Schlag dir das aus dem Kopf! Das ist eine Aufgabe, wie M�rchenritter sie sich stellen. Du m�sstest ein Narr sein, wenn du freiwillig nach Norden reitest. Ein Krieg zieht dort herauf. Glaub mir, ich wei�, wovon ich rede! Ich komme von dort, und ich bin froh, nun in einer Stadt wie Nantour Dienst zu tun. Alles, was ein junger, romantischer Held wie du an der Grenze nach Drusna finden wird, ist der Tod.�</p><p>�Sehe ich aus wie einer der Ritter, die dir zuvor in deinem Leben begegnet sind?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht, das wei�t du!�</p><p>Adrien l�chelte. �Dann muss ich wohl ein M�rchenritter sein.�</p><subtitle>Der Wahrheit verpflichtet</subtitle><cite><p>�Was �ber Kindheit und Jugend des Heiligen Michel Sarti berichtet wird, sind Volkslegenden!</p><p>Seit �ber hundert Jahren lebt niemand mehr, der den Heiligen kannte. Michel selbst hat �ber seine Jugend geschwiegen. Und ich wil es ihm gleichtun! Anders als die Schw�tzer, die erz�hlen, der heilige Jules sei sein Vater gewesen und habe ihn in einem verwunschenen Tal gro�gezogen, oder die sich nicht sch�men zu behaupten, der Heilige habe mit seinem Pferd gesprochen, mit dem er durch den Himmel zu reiten vermochte! Einige Ketzer behaupten sogar, der Heilige sei in seiner Jugend ein ber�chtigter S�ldnerf�hrer gewesen.</p><p>Ich bin der Wahrheit verpflichtet. Nichts anderes sol hier stehen! Der erste verb�rgte Bericht �ber Michel Sarti ist ein Brief, der vom Hauptmann Malmon, dem Stadtkommandanten von Ulmenburg, �berliefert wurde. Er schreibt an Balduin, den Hofmeister des K�nigs Cabezan, vom Hungerwinter und vom wei�en Ritter, der seinen M�nnern Halt und Hof nung gab, als die Stadt vom drusnischen F�rsten Arsi belagert wurde. Zugleich beklagt er, dass sieben der tapfersten seiner M�nner sich der Kirche unterstellt h�tten und ein Ordenshaus gr�ndeten.</p><p>Fortan f�hrten sie den Aschenbaum im Schilde und dienten keinem anderen Herrn als Tjured mehr. Diese sieben und der geheimnisvolle wei�e Ritter waren es, die w�hrend eines Schneesturms ganz al ein gegen das Heerlager der Drusnier ritten. Und Tjured war an ihrer Seite, denn sie verbreiteten solchen Schrecken unter den Feinden, dass diese flohen und viele von ihnen in den eisigen Fluten des Alda ertranken. Die Vorr�te des drusnischen Heerlagers aber brachten die Sieben nach Ulmenburg und sie teilten sie gerecht unter den Einwohnern auf, und so ward die Stadt gerettet, als ihr Untergang schon besiegelt schien.</p><p>Wie in vielen alten Urkunden zu lesen ist, ist Ulmenburg der Ort, an dem das erste Ordenshaus des Ritterordens vom Aschenbaum gegr�ndet wurde. Und auch wenn Hauptmann Malmon den Namen des wei�en Ritters nicht nennt, so kann es keinen Zweifel geben, dass der Unbekannte niemand Geringerer als Michel Sarti war.</p><p>Nach der Schlacht an der Alda verlie� der Heilige Ulmenburg. Oft ritt er al ein in die W�lder und suchte nach versprengten Kriegern, oder er suchte einsame Waldburgen auf, um den M�nnern, die in der Wildnis verloren waren, Trost und Beistand zu bringen. Nicht weniger als f�nf Ordensh�user gr�ndete er in dieser Zeit, und es hei�t, die Heidenf�rsten von Drusna h�tten einen Heuwagen vol er Gold als Belohnung f�r denjenigen geboten, der ihnen den Kopf des wei�en Ritters mit dem Aschenbaum im Schilde bringe.</p><p>Doch Tjured hatte dem Heiligen ein anderes Schicksal als den Tod im Heidenlande bestimmt.</p><p>Nachdem Arsi, der schlimmste der Heidenf�rsten, von einer Dirne ermordet worden war und die �brigen Herz�ge endlich um Frieden baten, zog Michel Sarti gen S�den. Dort erwarteten ihn nicht Schwert und Speer. Die Waffen seiner Feinde waren hier Verrat und Gift. Waffen, vor denen ihn seine wei�e R�stung, die Tjured selbst ihm zum Geschenk machte, nicht sch�tzen konnte. (...)�</p><text-author>Das Leben des Heiligen Michel Sarti, 1.15 FF, �ber die Jugend des</text-author><text-author>Heiligen und den drusnischen Krieg, niedergeschrieben von</text-author><text-author>Einhard von Weidenbach im Ordenshaus zu Weidenbach</text-author></cite></section></section><section><title><p>Zwei weitere Jahre sp�ter</p></title><section><title><p>Steppenschiffe</p></title><p>Der Falke landete auf der Brustwehr des Steppenschiffs. Ungeduldig wartete Orgrim darauf, dass der Elf, der mit geschlossenen Augen im Schneidersitz vor ihm auf dem Boden sa�, endlich aus seinem magischen Schlaf erwachte. Der Troll misstraute den wenigen elfischen Verb�ndeten in seiner Streitmacht zutiefst. Sie waren allesamt Wendeh�lse oder aber Verr�ter, die ihre Unterw�rfigkeit nur heuchelten. Er w�nschte sich, �ber mehr Lutin zu verf�gen, die er als Sp�her einsetzen k�nnte.</p><p>Als der Elf endlich die Augen �ffnete, waren sie schreckensweit.</p><p>�Was?�, herrschte ihn der Trollf�rst an. �Was hast du gesehen?�</p><p>�Es sind Tausende. Sie sind �berall. Rings herum im H�gelland. Auf viele Lager aufgeteilt. Aber es sind Tausende! Und es sind auch Elfen unter ihnen. Sie haben Jagd auf mich gemacht. Einen habe ich erkannt. Fenryl von den Normirga, den Grafen vom Rosenberg in Carandamon. Er unterst�tzt die Rebellen. Ich habe auch Bogensch�tzen von den Maurawan gesehen. Und Kentauren aus Uttika. Sie haben ein eigenes gro�es Heerlager im Westen von hier. Da war auch ein Lamassu. Und Heerscharen von Dienern. Aber das Wichtigste ist eine Botschaft f�r dich, Herzog.�</p><p>Orgrim musste an sich halten, um dieses Elflein nicht beim Kragen zu packen. �Mit dem Wichtigsten kommst du zum Schluss? Heraus damit!�</p><p>�Sie haben gesagt, dass sie von dieser Stunde an jeden Falken, der nicht zu ihnen geh�rt, vom Himmel holen werden.� Der Elf deutete nach Westen. �Siehst du? Dort, nahe dem Heerlager der Uttiker, stehen zwei Falken am Himmel. In jeder Himmelsrichtung haben sie Falken. Wir k�nnen sie nicht mehr aussp�hen.�</p><p>Orgrim lie� sich Zeit, den Himmel zu betrachten. Es stimmte. Sieben Falken konnte er erkennen. �Dann sind wohl schlechte Zeiten f�r die Steppenfalken dieser Gegend angebrochen�, sagte er schlie�lich mit einem L�cheln.</p><p>�Was sollen wir nun tun?� Baidan, dem Sprecher der Kobolde, war ganz offensichtlich nicht zum Schmunzeln zumute. �Sie werden uns unsere Augen nehmen. Wie werden wir uns wehren?�</p><p>�Ich werde nach einer Schamanin schicken. Dieser Kampf ist nicht verloren. Er wird sie am Ende mehr Blut kosten als uns. So wie diese ganze seltsame Belagerung. Mir macht es keine Sorgen, dass sie jetzt auch noch ein paar Falken gegen uns aufgeboten haben. Mich beunruhigt, dass ich nicht erkennen kann, welchen tieferen Zweck diese Belagerung hat. Nestheus hat es geschafft, die Kentaurenst�mme der Steppe zu einigen und sich sogar wieder mit Katander von Uttika auszus�hnen, obwohl der Bronzef�rst sein Todfeind war. Nestheus ist gewiss kein Narr! Ich kann nicht verstehen, warum er dieses Gemetzel veranstaltet. Er muss sich einen Nutzen davon versprechen. Und dass ich diesen Nutzen nicht erkennen kann, das beunruhigt mich, Baidan. Ein paar V�gel sind da nebens�chlich.�</p><p>�Ach, h�rt doch auf�, mischte sich Zargub ein. Der st�mmige Troll lehnte l�ssig am Mast der <emphasis>K�nig Gilmarak</emphasis> und kaute an einem Kentaurenschinken. �Diese G�ule sind einfach d�mlich!� Er spuckte ein St�ck Knorpel aus. �Was f�r Schlachtenlenker sollte ein Volk hervorbringen, das sein Leben damit besch�ftigt ist, dummem Viehzeug in der Steppe hinterherzulaufen? Die werden wieder und wieder gegen unsere Schiffsburg anlaufen. Und wir schie�en sie ab. Ich habe an allen Feldz�gen seit Vahan Calyd teilgenommen und noch nie so viel frischen Kentaurenschinken zu futtern bekommen. Nehmen wir es als ein Geschenk!� Er machte eine l�ssige Geste hinaus zur Steppe. Hunderte von Geiern und Raben hockten im hohen Gras. So vollgefressen, dass sie nicht mehr fliegen konnten. �Der Tisch ist reich gedeckt. Nie haben wir sie so einfach geschlagen. Wir sollten noch mehr Armbrustsch�tzen anfordern.�</p><p>Orgrim sagte nichts dazu. Er sch�tzte Zargub als guten Rudelf�hrer und tapferen Krieger. In der Schlacht war er ein zuverl�ssiger Gef�hrte, der seine Befehle ausf�hrte, ohne Fragen zu stel en, aber ein Feldherr war er nicht. Und wie bei so vielen Trollen hatten die Jahre der Herrschaft auch ihn �berheblich gemacht. Orgrim war nicht geneigt, seinen Gedankeng�ngen zu folgen. Der Trollf�rst war sich sicher, dass Nestheus einen geheimen Plan verfolgte.</p><p>Nachdenklich blickte er �ber die weite Schiffsburg. Die Steppenschiffe, die ihr K�nig Gilmarak ersonnen hatte, waren zu einer gewaltigen Festung aufgefahren. Der �u�ere Kreis umfasste mehr als zweihundertf�nfzig der gro�en Karren. Den inneren Kreis bildeten die f�nfzig gr��ten Gef�hrte mit Ausnahme der <emphasis>K�nig Gilmarak,</emphasis> die Orgrim als seinen Befehlsstand nutzte. Sie hatten die Schiffsburg um einen Albenstern aufgefahren, in dem sich sechs Albenpfade kreuzten. Das magische Portal befand sich in der Mitte des inneren Kreises. Er war bestens gesch�tzt. Dort lagerten die Trolle des Heeres. Die wichtigsten Versorgungsg�ter waren in der N�he untergebracht und eine Reserve mit drei�ig Wasserwagen.</p><p>Orgrim kratzte sich nachdenklich die Schnauze. Wenn sie nicht den Albenstern mitten im Lager h�tten, dann w�rde er die Strategie der Kentauren begreifen. Dann w�re die Snaiwamark-Karawane abgeschnitten. Die �bermacht der Kentauren machte es unm�glich, Vorr�te durchzubringen. Die Steppenreiter k�nnten sie aushungern. Oder besser gesagt austrocknen, denn zuerst w�rden ihnen die Wasservorr�te ausgehen. Allein die mehr als f�nftausend Karrenochsen soffen jeden Tag einen kleinen Teich leer. Die ganzen Karren voller Wasserf�sser w�rden f�r zwei Tage reichen. Drei Tage, wenn sie das Wasser rationierten. Sieben Tage, wenn ihm egal w�re, dass die Ochsen verdursteten.</p><p>An jedem anderen Ort als diesem h�tte die Belagerung Sinn gemacht.</p><p>Ihre Schiffsburg hatte einen Durchmesser von knapp einer Meile, was bedeutete, dass die Au�enlinie der Verteidigung mehr als drei Meilen lang war. Um diese Linie zu halten, verf�gte er �ber mehr als sechstausend Kobolde und eintausendsiebenundachtzig Trolle. Viel zu wenig, w�re da nicht diese Flotte von Steppenschiffen, die auf K�nig Gilmaraks Wunsch gebaut worden war. Orgrim hielt das ganze Unternehmen f�r v�llig verr�ckt, aber wie sagte man so etwas einem K�nig?</p><p>Die Steppenschiffe waren Karren, die zwischen zehn und f�nfzehn Schritt lang waren.</p><p>Einige vereinzelte Gef�hrte ma�en auch mehr als f�nfundzwanzig Schritt. Diese ungelenken Ungeheuer machten nichts als �rger. Dauernd gab es bei ihnen Achs- oder Radbr�che!</p><p>Ein Steppenschiff einen Karren zu nennen, war, gemessen an normalen Karren, eine gewaltige Untertreibung, und doch waren sie trotz ihres Namens den Karren �hnlicher als Schiffen.</p><p>Nahm man einen normalen Karren und schlug die Bodenbretter der Pritsche heraus, um dann die Zugochsen ins Innere des Karrens zu stellen, statt an eine Deichsel davor, dann hatte man die Grundidee des Steppenschiffs vor Augen. Als der junge Trollk�nig die Steppenschiffe ersann, war er sich dessen bewusst, dass seine Snaiwamark-Karawane mit Sicherheit von den Kentauren angegriffen w�rde. Die Kentauren aber galten als begnadete Bogensch�tzen. Ein einziger erschossener Zugochse w�rde ei nen ganzen Karren lahmlegen. Man konnte also nicht mit gew�hnlichen Ochsenkarren durch die weiten Steppen der Snaiwamark ziehen.</p><p>Gilmarak hatte daf�r die L�sung ersonnen, die Ochsen im Inneren des Fuhrwerks unterzubringen. Und um sie zu sch�tzen, umgab er sie mit einem Schutzwall aus einen Zoll dicken Eichenbrettern. Man h�tte auch sagen k�nnen, er sperrte sie in eine Holzh�tte ohne Boden, aber mit gro�en Karrenr�dern.</p><p>Selbst die kleinsten Steppenschiffe waren noch f�nf Schritt weit. Mindestens drei Ochsen gingen nebeneinander, um ein Steppenschiff zu bewegen. Und mindestens drei dieser Gespanne waren in so einem Gef�hrt untergebracht. Die Zahl der Ochsen schwankte zwischen neun und sechsunddrei�ig wie bei der <emphasis>K�nig Gilmarak.</emphasis></p><p>Die R�der der Steppenschiffe waren fast zwei Schritt hoch. Um sie leichter zu machen, verwendete man Speichenr�der. Nur versanken gew�hnliche Speichenr�der zu leicht im Boden. Gilmaraks L�sung f�r dieses Problem war, jeweils zwei R�der durch f�nfzehn Zoll breite Eisenplatten miteinander zu verbinden. Die Eisenplatten waren auf die Eisenreifen genietet, die wiederum den h�lzernen Radkranz umfassten.</p><p>Zwischen den Platten lie� man je einen Zoll Platz, so dass keine glatte Metallau�enhaut entstand und die Eisenplatten besser ins Erdreich fassen konnten.</p><p>Manche munkelten �ber K�nig Gilmarak, er habe einen Koboldverstand. Freilich wagte das niemand zu sagen, wenn Skanga in der N�he war. Unbestreitbar war jedoch, dass es noch nie zuvor einen Trollherrscher gegeben hatte, der sich mit solcher Begeisterung an den Bau von etwas Vergleichbarem gewagt h�tte.</p><p>Unter den Mechanikern, Bastlern, Zimmerleuten und Sonderlingen in den V�lkern der Kobolde hatte sich Gilmarak mit dem Bau seiner Flotte aus Steppenschiffen sehr beliebt gemacht. Sie hatten sich in Scharen aus allen Ge genden Albenmarks bei Burg Elfenlicht eingefunden, um an der gewaltigen Aufgabe des Flottenbaus teilzunehmen.</p><p>Selbst die kleineren unter den Steppenschiffen waren f�nfeinhalb Schritt hoch. �ber dem Ochsendeck, in dem neben den Ochsen auch ein Teil der Koboldbesatzung untergebracht war, gab es noch drei weitere Decks. Orgrim w�rde niemals begreifen, wie man darauf kommen konnte, sich ein schwankendes Netz �ber den K�pfen von stinkenden Ochsen als Schlafplatz auszusuchen, aber soviel er wusste, waren es die Kobolde selbst gewesen, die diese Art der Unterbringung f�r einen Teil der Schiffsbe-satzung gew�hlt hatten. �ber dem Ochsendeck lag das Frachtdeck. Hier war in unz�hligen Truhen die geheime Fracht der Karawane verstaut. Allerdings gab es auch einen Raum f�r Vorr�te und einige gro�e Wasserf�sser auf diesem Deck.</p><p>�ber dem Frachtdeck lag das Gesch�tzdeck. Zum einen befanden sich hier weitere Koboldquartiere sowie die Segelkammer, in der das gro�e, dreieckige Segel untergebracht war, mit dessen Hilfe die Steppenschiffe auf den weiten Schnee- und Eisfl�chen der Snaiwamark segeln sollten. Vor allem aber war hier eine Reihe von Torsionsgesch�tzen untergebracht. Im Grunde handelte es sich dabei um gr��ere und durchschlagskr�ftigere Varianten der Windenarmbr�ste, die unter Koboldkriegern so beliebt waren. Je nach Ausf�hrung des Gesch�tzes konnten gro�e Bolzen, kurze Speere oder Steinkugeln unterschiedlicher Gr��e verschossen werden.</p><p>Den Abschluss bildete das Gefechtsdeck, eine von h�lzernen Zinnen umgebene Plattform. Obwohl die Zinnen f�r einen Troll kaum mehr als h�fthoch waren, ben�tigten die Kobolde einen eigenen Wehrgang, um �ber den Zinnenkranz hinwegblicken zu k�nnen. Neben etlichen schweren Windenarmbr�sten gab es auch auf diesem Deck zwei schwere Torsionsgesch�tze. Sie waren so aufgebockt, dass man sie im Kreis drehen konnte. So war es m�glich, in jede Himmelrichtung zu schie�en. Sobald das Gesch�tz geladen und abschussbereit war, klappten die Kobolde einen Teil der h�lzernen Brustwehr herab, um ein freies Schussfeld zu haben. Die einzige Beschr�nkung im Schussfeld war der wuchtige Mast, der bis hinab zum Frachtdeck reichte. An seiner langen Rah konnte ein gro�es, dreieckiges Segel aufgezogen werden, um das Steppenschiff auf dem Eis der Snaiwamark zu segeln. Ein Teil der Kobolde war der �berzeugung, dass man auch in der Steppe und auf R�dern stehend segeln k�nnte, doch Orgrim hatte strikten Befehl gegeben, dies zu unterlassen.</p><p>Die Steppenschiffe waren unglaublich schwer und ungelenk. Selbst auf trockenem Untergrund kamen sie nur langsam voran. Ein leichter Regenguss gen�gte schon, und die schweren R�der fuhren sich im Schlamm fest.</p><p>Orgrim hasste die ganze Unternehmung, aber es war der ausdr�ckliche Wille des K�nigs, die Snaiwamark-Karawane zu einem Erfolg werden zu lassen. Deshalb bauten sie die Stra�e. Zw�lf Schritt breit, bot sie mehr als gen�gend Platz selbst f�r die gr��ten Steppenschiffe. Auch diese Stra�e war von Kobolden ersonnen! Sie war wie eine in die Erde versenkte Mauer. Zwei Schritt tief schachtete man die Erde aus, um dann verschiedene Schichten aus Sand und Ger�ll als Fundament zu verlegen.</p><p>Abgedeckt wurde das schlie�lich mit einer Schicht fast fugenlos aneinanderpassender Steinquader. Eine weniger aufwendig gebaute Stra�e h�tte das Gewicht der Steppenschiffe nicht getragen. Auch durfte die Stra�e an keiner Stelle eine gr��ere Steigung als zwei Grad haben, weil die Ochsen die schwerf�lligen Gef�hrte sonst nicht mehr von der Stelle bewegen konnten. Damit das �berhaupt m�glich war, mussten auf dem Weg von Herzland bis zur Schneegrenze in der Snaiwamark nicht weniger als dreiundsiebzig steinerne Br�cken gebaut werden. Jede dieser Baustellen im Windland glich einem Heerlager, denn die Arbeiten mussten gegen die �bergriffe der Kentauren gesch�tzt werden. Anderenorts trug man H�gel ab, um die Stra�entrasse so eben wie m�glich zu halten.</p><p>F�r Orgrim war die Idee des K�nigs ein einziger Alptraum! Zehntausende arbeiteten an der Stra�e. Aus ganz Albenmark hatte man Arbeiter geholt. Sie wurden bestens versorgt und erhielten einen f�rstlichen Lohn. Ein Jahr im Stra�enbau brachte einem Arbeiter mehr Tauschwaren, als er in f�nf Jahren anderswo h�tte verdienen k�nnen.</p><p>Aber die Arbeit war gef�hrlich. Die Stra�e war von unz�hligen Gr�bern ges�umt.</p><p>Dennoch herrschte nie Mangel an Freiwilligen.</p><p>Es war unm�glich, alle Baustellen angemessen zu besch�tzen. Und die Kentauren, die ihnen wohl niemals vergeben w�rden, dass die Trolle auf ihrem Marsch auf Burg Elfenlicht die H�gelgr�ber der Pferdem�nner als Fleischlager genutzt und versehentlich auch deren tote F�rsten verspeist hatten, f�hrten einen unbarmherzigen Krieg. Es war schwer, sich gegen sie zu wehren. Bisher hatten sie nur kleinere �berf�lle ver�bt. Hatten Baustellen angegriffen, ihre K�cher leergeschossen, ein paar Zelte abgebrannt und waren dann wieder in der Weite der Steppe verschwunden. Nie hatten sie sich auf die Belagerung eines Bautrupps eingelassen. Diese Schlacht konnten sie nicht gewinnen. Nicht bei dem unglaublichen Geschosshagel, den ein Ring aus zweihundertf�nfzig Steppenschiffen entfesseln konnte. Warum waren sie hier? Seit Tagen zermarterte sich der Trollherzog das Hirn. Hier zu k�mpfen, war vollkommen verr�ckt. Sie gaben freiwillig ihre gr��te St�rke auf.</p><p>Orgrim konnte sie nicht in die Steppe hinein verfolgen. Er hatte keine Truppen, die sich so schnell bewegten wie die Pferdem�nner. Ihm blieb nichts weiter �brig, als deren Angriffe abzuwarten.</p><p>Auch die Versuche einiger Rudelf�hrer, die Lager ausfindig zu machen und niederzubrennen, waren kl�glich gescheitert. Das wenige Hab und Gut der Steppenkrieger war zu schnell aufgeladen.</p><p>Und die Kundschafter der Pferdem�nner waren zu aufmerksam, als dass man jemals eines ihrer Lager �berraschend angreifen konnte.</p><p>Orgrim blickte �ber sein Lager innerhalb der m�chtigen Schutzmauer aus Steppenschiffen. Dicht an dicht dr�ngten sich Arbeiter und Vieh. Hunderte einfacher Karren waren da, beladen mit Steinplatten und Ger�ll. Alle erdenklichen Arten von Zelten gab es. Gro�e Gark�chen, sogar Freudenh�user. Es war unglaublich, wie die Schar ihrer Begleiter von Mond zu Mond weiter anwuchs. N�herinnen und W�scher, Schmiede, Zimmerleute, Pfeilmacher -unm�glich, sie alle aufzuz�hlen. Im S�den lagerte eine Gruppe von Lutin mit Hornschildechsen. Sie waren daf�r zust�ndig, die Vorratskarawanen �ber die Albenpfade zu lenken. Um ihren verwundbaren Nachschubweg abzuk�rzen, hatte Orgrim schon vor zwei Jahren befohlen, den gr��ten Teil der ben�tigten G�ter durch das Goldene Netz zu bringen. Die Trolle schreckten davor zur�ck, die Gefahr einer Reise �ber die Albenpfade einzugehen, aber die meisten Kobolde waren da weniger zimperlich. Schlie�lich verdienten sich die H�ndler trotz des Gesetzes gegen Wucherei an diesem Handel eine goldene Nase.</p><p>Im Norden, so weit wie m�glich von den Hornschildechsen entfernt, weidete eine kleine Mammutherde. Die riesigen Tiere wurden gebraucht, um festgefahrene Steppenschiffe wieder flottzumachen. Nur ihre unglaubliche Kraft vermochte die schweren R�der aus dem Schlamm der Steppe zu holen, der die riesigen Karren manchmal wie durch Zauberbann festzuhalten schien.</p><p>Freilich h�tte man auch die Hornschildechsen der Lutin f�r solche Arbeiten heranziehen k�nnen, doch die aufm�pfigen kleinen Magier weigerten sich, ihre gepan-zerten Echsen <emphasis>niedere Dienste</emphasis> tun zu lassen, wie sie es nannten. Nur die unbarmherzige Anwendung des neuen Gesetzwerkes des K�nigs machte es m�glich, in diesem riesigen Lager, in dem Angeh�rige aus mehr als zwanzig V�lkern lebten und arbeiteten, eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch mit jedem Tag, den die Belagerung dauerte, kam es zu mehr Unruhen. Es gab nichts, das sicherer die Disziplin eines solchen zusammengew�rfelten Haufens zerst�rte als M��iggang. Da die Stra�e nicht mehr weitergebaut werden konnte, solange sie im Lager eingeschlossen waren, wurde es von Tag zu Tag schwerer, die Heerschar von Arbeitern zu besch�ftigt zu halten. Die Folge waren unz�hlige kleine Streitereien. Al ein gestern hatte es deshalb gar zwei Hinrichtungen gegeben.</p><p>Orgrim hasste es, hier auf dem Hintern zu sitzen. Er musste eigentlich weiterbauen und das Lager als Schutzschild f�r die langsam vorr�ckende Baustelle nutzen, aber dann w�rde er vom Nachschub abgeschnitten werden. Solange er genau auf dem Albenstern sa�, bestand diese Gefahr nicht. Wie sollte er aus dem Dilemma herauskommen?</p><p>Er sah seine beiden Berater an. Der K�nig musste erfahren, was hier vor sich ging.</p><p>Zargub w�rde Unsinn erz�hlen und um Verst�rkung bitten. Das Letzte, was er hier brauchte, waren noch mehr nutzlose M�nner. �Baidan, du wirst mit der n�chsten Versorgungskarawane nach Burg Elfenlicht gehen! Du sollst den K�nig �ber die Lage unterrichten. Und versuche, ihm mit freundlichen Worten klarzumachen, dass seine Steppenschiffe in der Klemme sitzen. Um hier Krieg f�hren zu k�nnen, brauchen wir Reiter. Und die haben wir nicht. Ich empfehle einen R�ckzug, damit wir uns an anderer Stelle neu formieren k�nnen.�</p><p>�R�ckzug!�, schrie Zargub. �Die haben bei jedem Angriff doppelt so viele Tote wie wir! Wir werden sie vernichten.�</p><p>Orgrim verzichtete darauf, ihm zu antworten. Der Rudelf�hrer w�rde es nicht verstehen. Was hier geschah, ging weit �ber seinen milit�rischen Horizont.</p><p>�Dein Vater ist doch der Herr der Wasser�, wandte sich der Herzog erneut an Baidan. �Sitzen wir hier in einem trockenen Flussbett?�</p><p>Der Kobold sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich habe das eingehend �berpr�ft und an verschiedenen Stellen graben lassen. Es gibt keine Lehmablagerungen und auch keine Kiesel oder Ger�ll, nichts, was darauf hinweist, dass hier einmal Wasser geflossen w�re. Ich hatte auch schon den Verdacht, dass wir in einem trockenen Flussarm festgehalten werden sollen, damit uns bei Regen vielleicht eine pl�tzliche Flutwelle hinwegsp�lt.�</p><p>�Es w�re erfreulich, wenn du mich das n�chste Mal an deinen Gedanken teilhaben l�sst�, murrte Orgrim. Er kam sich ein wenig einf�ltig vor, weil der Kobold diesen Einfall schon vor ihm gehabt hatte. Aber Baidan war der Sohn des Herrn der Wasser von Vahan Calyd. Vermutlich hatte er seine halbe Kindheit in den Kan�len unter der Stadt verbracht. Es war naheliegend, dass er auf solche Gedanken kam, und es war w�nschenswert, dass ein Anf�hrer von sich aus Verantwortung �bernahm.</p><p>�Du hast deine Sache gut gemacht�, schob Orgrim in freundlicherem Tonfall nach.</p><p>�Ich hoffe, du bist ein ebenso guter Redner wie Krieger. Du sollst den K�nig davon �berzeugen, dass wir uns von hier zur�ckziehen m�ssen!�</p></section><section><title><p>Verblassender Ruhm</p></title><p>Katander preschte zur H�gelkuppe hinauf und blickte auf das Heerlager der Trolle. Es war eindrucksvoll, das lie� sich nicht von der Hand weisen. Genauso wie die Stra�e, die sie bauten. Er hatte etwas andere Ansichten als die Steppenkentauren. Seine Krieger griffen keine Br�cken an.</p><p>Die Stra�e w�rde vielleicht eines Tages n�tzlich sein. Sie f�hrten Krieg gegen die Trolle und nicht gegen die Dinge, die sie bauten. Aber es war unabdinglich, sie hier besch�ftigt zu halten. Wenn Orgrim tun k�nnte, was er wollte, dann w�rde er mit Sicherheit Uttika angreifen. Sie hatten vor f�nf Monden ihre Trollstatthalter davongejagt und sich dem Aufstand der Steppenkentauren angeschlossen. Dieser verdammte Nestheus war so beliebt geworden, dass er keine andere Wahl gehabt hatte, wenn er Herrscher in Uttika bleiben wollte, dachte Katander w�tend. Seine M�nner wollten gegen die Trolle k�mpfen wie ihre Vettern in der Steppe. Sie hatten den Verstand verloren! Die Kentauren von Uttika waren keine herumziehenden Vagabunden. Sie besa�en gro�e H�fe und Stadth�user. Sie waren angreifbar! Wenn die Trolle kamen, dann k�nnten sie nicht einfach in die Steppe ausweichen. Und sie w�rden kommen, das war sicher. Aber er hatte einfach keine Wahl gehabt. Die Wirtschaft seines F�rstentums war ruiniert. Die Abschaffung des Geldhandels und die Beschlagnahme aller greifbaren Edelmetalle waren ein weit h�rterer Schlag gewesen als die Tatsache, dass diese Dreckskerle ein paar tote Ahnen ihrer Vettern in der Steppe verspeist hatten. Aber es h�rte sich nat�rlich besser an, deshalb in die Schlacht zu ziehen. Damit war es eine Sache der Ehre und nicht die Fortf�hrung eines Wirtschaftskriegs mit milit�rischen Mitteln.</p><p>�Herr, sie haben uns entdeckt�, warnte ihn sein Schildtr�ger.</p><p>�Ja, ja!� Er sah selbst, wie die schweren Torsionsgesch�tze einiger Steppenschiffe auf ihren H�gel ausgerichtet wurden. Diese Wagenfestung war wirklich das mit Abstand Eindrucksvollste, was er je gesehen hatte. Er w�rde gerne wissen, ob sie mit ihren herunterklappbaren Kufen tats�chlich auch als Lasteissegler zu verwenden waren.</p><p>Die Brustwehren mehrerer Wagen wurden umgelegt. Katander biss die Z�hne zusammen. Er w�rde nicht davonlaufen wie ein gepr�geltes H�ndchen.</p><p>�Herr, bitte!� Sein Schildtr�ger duckte sich, was bei einem Kentauren �beraus l�cherlich aussah und fast gar nichts nutzte. Ihre Anatomie lie� es einfach nicht zu, in die Hocke zu gehen oder ihren Leib weit vorzubeugen.</p><p>Eine Steinkugel zog �ber sie hinweg. Sie machte im Flug ein Ger�usch wie ein wuchtiger Keulenhieb. �Steh gerade, Junge! Wenn eine Kugel oder ein Pfeil f�r dich bestimmt sind, dann werden sie treffen, egal, ob du herumhampelst oder dem Feind entgegenblickst wie ein Mann.�</p><p>Sein Schildtr�ger richtete sich auf. Er war noch sehr jung, der Bart auf seinen Wangen nur zarter, blonder Flaum. Er wurde rot wie eine Jungfer, mit der Krieger ihre derben Spa�e trieben. �Herr, warum willst du dein Leben wagen?�</p><p>�Weil ich der F�rst bin. Die da unten sollen wissen ...� Eine Steinkugel schlug nur ein paar Schritt vor Katander ein. Sie riss die Grasnabe auf und rollte gem�chlich auf ihn zu. Er wich ohne Eile aus, wohl wissend, welche Kraft noch immer in der Kugel steckte.</p><p>�Die da unten sollen wissen, dass wir keine Angst vor ihnen haben. Wenn sie das erkennen, dann wird die Angst zu ihnen kommen, nicht zu uns.�</p><p>Zwei weitere Kugeln durchpfl�gten das Gras.</p><p>�Gehen wir, Junge. Das war genug f�r heute.�</p><p>Katander trabte langsam den Hang hinab, jedoch nicht auf der sicheren Seite. Er hielt stattdessen genau auf das riesige Lager zu. Der Schildtr�ger hielt sich dicht an seiner Seite.</p><p>Eine Steinkugel streifte den Haarbusch auf seinem Helmkamm. Katander zuckte leicht zusammen, w�hrend der Junge leise aufschrie. �berall um sie herum schlugen nun Kugeln ein. Sie konnten die Rufe von der Schiffsburg h�ren. Weitere Gesch�tzmannschaften machten ihre Waffen bereit. Die ganze Front ihnen gegen�ber war in helle Aufregung geraten. Katander war sich sicher, dass die Kobolde miteinander wetteten und ihre Anf�hrer eine Pr�mie f�r den ausriefen, der ihn von den Hufen holte. Der F�rst sch�tzte, dass vielleicht f�nfzig Schuss notwendig sein w�rden, um ihn zu treffen. Aber sicher war er sich nicht. Es war ein Gl�cksspiel. Und seine Stunde war noch nicht gekommen. Darauf vertraute er einfach.</p><p>Der Boden unter ihren Hufen erbebte, als mehrere Steinkugeln gleichzeitig in den Hang einschlugen. Dreck und ausgerissene Grasb�schel spritzten gegen seine Kuppe.</p><p>Aber der Junge an seiner Seite hielt sich jetzt besser. Er machte wenigstens keine j�mmerlichen Versuche mehr, sich zu ducken.</p><p>Katander konnte h�ren, wie dem Jungen die Z�hne klapperten, aber er hielt sich aufrecht. Sie passierten die sterblichen �berreste des Schildtr�gers, den es drei Tage zuvor auf diesem Hang erwischt hatte. Der F�rst betrachtete den entstellten Leichnam gleichm�tig. Es war immer wieder erstaunlich, was Hitze und Maden in so kurzer Zeit aus einem stattlichen Krieger machten.</p><p>Er bemerkte, wie sein junger Gef�hrte den Atem anhielt.</p><p>�Atme ruhig durch, Junge. Das ist der Duft des Schlachtfelds, das Parf�m des Kriegers.</p><p>Besser, du gew�hnst dich fr�hzeitig daran. Diesen Geruch wirst du nie mehr aus der Nase bekommen, wenn du einmal mittendrin gesteckt hast.�</p><p>�Mitten in was?�</p><p>�In der Schlacht. Im T�ten. Wenn du erlebst, wie sich dein bester Freund neben dir noch im Sterben die Hinterl�ufe beschei�t. Du w�schst dich. Du trinkst, um zu vergessen. Du l�sst den Kampf hinter dir. Wochen und Monde vergehen. Aber den Geruch, den wirst du nicht mehr los. Er schleicht sich immer wieder in deine Nase. So wie die Erinnerung an das, was du gesehen hast, dich nachts aus dem Schlaf rei�t. Das ist unser Preis f�r den Ruhm. Und nur wer einmal selbst mittendrin gewesen ist, kann ermessen, wie hoch dieser Preis ist.�</p><p>Der H�gel kr�mmte sich von der Schiffsburg fort. Sie zeigten dem Feind jetzt den R�cken. Das war der schwerste Teil, denn so sahen sie die Geschosse nicht mehr kommen. Katander musste sich zusammenrei�en, um nicht �ber die Schulter zu blicken oder seinen Trab zu beschleunigen. Jedes Mal, wenn das Zischen einer Kugel so nah kam, dass er den Luftzug sp�rte, zogen sich seine Ged�rme zusammen. Fr�her war er kaltbl�tiger gewesen. Je �lter er wurde, desto vertrauter wurde ihm die Angst.</p><p>Er k�mpfte gegen sie an. Mit diesen Ausritten. Er musste sich selbst beweisen, dass er noch immer der unerschrockene Krieger von einst war. Und er wollte seinen Ruf festigen. Er wusste, dass seine M�nner ihn respektierten. Aber Nestheus verehrten sie.</p><p>Nestheus, dieser kleine Bastard, der es abgelehnt hatte, seine Tochter zu heiraten, und mit irgendeiner Schlampe in die weite Steppe geflohen war - der war zur lebenden Legende geworden.</p><p>Katander l�chelte m�rrisch. Nestheus war begabt. Er hatte sich seinen Ruhm verdient.</p><p>Er sollte nicht eifers�chtig auf den verdammten Mistkerl sein. Aber es war hart, schon zu Lebzeiten Zeuge zu werden, wie der eigene Ruhm verblasste und von den Taten eines anderen weit �berstrahlt wurde.</p><p>Endlich waren sie aus der Reichweite der Torsionsgesch�tze. Katander atmete auf. F�r heute war es geschafft. Er hatte dem Schicksal einen weiteren Tag abgetrotzt. Er beschleunigte seine Gangart und preschte dem Lager auf der anderen Seite des H�gels entgegen.</p><p>Er fand Nestheus bei den Elfen. Sie waren nur eine kleine Gruppe, aber beim Schwafeln und Pl�neschmieden waren sie immer ganz vorne dabei. Graf Fenryl hatte das Lager der Trolle nachbauen lassen. F�r jeden der Wagen gab es einen kleinen Holzklotz. Die flachen H�gel, die das Feldlager einschlossen, waren mit Sandhaufen nachempfunden.</p><p>�Wie ich sehe, hat dich immer noch keine Kugel gefunden.� Nestheus hob den Blick vom Tisch. Es lag keine Verachtung in seinem Tonfall, aber eine gewisse Sch�rfe. So sprach ein Vater mit einem Sohn, der irgendeinen Unfug angestellt hatte.</p><p>Der Blick des jungen Kentauren war wie eine frisch geschliffene Klinge. Seine Haut war dunkel vom Leben im Wind. Feine Falten zeichneten sein Gesicht. Die Jahre der Flucht hatten ihn vor der Zeit altern lassen. Wie sein Vater hatte er das lange Haar mit einem geflochtenen Lederband zur�ckgebunden. Sein Fell war makellos wei�, der Leib gest�hlt. Auf Brust und Armen sah man feine wei�e Linien. Narben aus Dutzenden von K�mpfen.</p><p>Wie immer war Kirta an seiner Seite. Sie war immer noch h�bsch, das musste Katander ihr zugestehen. Aber zu mager. Man konnte ihre Rippen z�hlen. Daran hatte sich nichts ge�ndert! Wie hatte Nestheus diese halbverhungerte Schimmelstute nur seiner Tochter vorziehen k�nnen! Das wei�blonde Haar fiel ihr �ber die Schultern. Sie trug einen K�cher um die H�ften, und ein breiter, mit silbernen Amuletten geschm�ckter Schwertgurt lief zwischen ihren kleinen Br�sten hindurch. Eine Stute zu einem Kriegsrat einzuladen! Das war gegen jede Tradition. Aber Traditionen hatte der Bastard ja schon immer mit den Hufen getreten. Es hie�, er dichte Verse �ber sie. Ein dichtender Kriegsherr!</p><p>�Gibt es etwas Neues von ihnen, F�rst?� Ihre Stimme klang angenehm. Sie fragte h�flich. Sie war immer freundlich zu ihm, obwohl er einst Kopfgeldj�ger hinter ihr her-geschickt hatte. Und sie wusste das!</p><p>�Orgrim steht auf dem einzigen gro�en Wagen im �u�eren Wall und glotzt sich die Augen aus dem Kopf. Er beobachtet die H�gel. Nicht mehr lange, und er wird einen Ausfall befehlen. Trolle sind nicht dazu geschaffen, auf ihren fetten Hintern zu sitzen und einfach abzuwarten.�</p><p>�Er ist zu klug, um aus dem Lager herauszukommen�, widersprach Nestheus. �Er wei�, dass es f�r ihn hier drau�en zwischen den H�geln nichts zu gewinnen gibt. Wir sind zu schnell. Wir bestimmen, wann und an welchem Ort gek�mpft wird. Er wird warten.�</p><p>�Aber nicht mehr lange�, wandte der Elfenf�rst Fenryl ein. Er trug selbst jetzt, im Sp�tsommer, ein wei�es Wams, was ihn im trockenen, goldbraunen Gras zu einem un�bersehbaren Ziel im Kampf machte. Als Veteran der Schlacht um Phylangan hatte er sich einen Ruf f�r seine Tapferkeit erworben. Leider hatte er so gut wie gar keine Truppen mitgebracht, als er sich den Kentauren angeschlossen hatte. In Katanders Augen sollten hier Befehlshaber stehen, die auch Truppen hinter sich hatten und die nicht lediglich G�ste in einem fremden Krieg waren.</p><p>�Warum, glaubst du, wird er gehen?�, fragte ihn der F�rst von Uttika herablassend.</p><p>�Geh�rst du zu der seltenen Sorte von Elfen, die wie Trolle denken?�</p><p>Fenryl reagierte auf den Spott, indem er lediglich eine einzelne Braue hob, und das auf eine so selbstgef�llige und verachtende Art, wie es nur Elfen konnten. �Ich w�rde eher sagen, dass Orgrim zu den wenigen Trollen geh�rt, die wie Elfen denken k�nnen. Er braucht seine F�higkeiten als Feldherr nicht mehr zu beweisen. Er wei�, dass er hier nicht siegen kann. Deshalb wird er sich zur�ckziehen, es sei denn�... � Der Elf sah ihn an, als erwarte er, dass er nun den Satz vollendete.</p><p>�Was?�, schnaubte Katander gereizt.</p><p>�Es sei denn, wir �berzeugen ihn von unserer Dummheit. Was w�rdest du denn f�r eine Strategie vorschlagen, F�rst von Uttika?� Fenryl l�chelte ihn an, aber er h�tte ihm genauso gut ins Gesicht spucken k�nnen, so frech war dieses Grinsen.</p><p>�Willst du unterstellen, ich sei dumm?�</p><p>�Habe ich das gesagt?�, fragte Fenryl mit aufreizender Gelassenheit.</p><p>�Ruhig. Wir schlagen unsere Schlachten hinter dem H�gel dort, nicht hier�, unterbrach Nestheus sie beide. �Ein Elf, der feige auf einem H�gel steht, w�hrend an dere k�mpfen, kann mich nicht beleidigen�, sagte Katander und hoffte, der kleine Aufschneider w�rde sich dazu verleiten lassen, beim n�chsten Kampf seinen Mut zu zeigen. �Ich finde, wir sollten noch einmal versuchen, eine Bresche in die Wagenburg zu schlagen.�</p><p>�Und wie, F�rst? Glaubst du, du k�nntest mit deinem m�chtigen Strahl einen der Wagen umpinkeln?�</p><p>Ruhig bleiben, ermahnte sich der Uttiker stumm. Der wartet nur darauf, dass du ihn anschreist. �An etwas �hnliches hatte ich tats�chlich gedacht. Ich glaube, die Wagen sind sehr kopflastig. Wenn mein Strahl sie nur weit genug oben trifft, dann werden sie st�rzen. Ich habe folgenden Plan�... �</p></section><section><title><p>Eine bessere Welt</p></title><p>�W�rdest du bitte weitergehen, Bruder? Man wei� nie, wer als N�chstes durch den Albenstern tritt.�</p><p>Baidan folgte dem Befehl, doch trat er nur wenige Schritte zur Seite, um sich erneut staunend umzusehen. So oft hatte er von Emerelles Thronsaal geh�rt. Doch er war ganz anders, als er ihn sich vorgestellt hatte. Ein Vorhang fallenden Wassers verbarg die W�nde. Es gab keine Decke, und er konnte sehen, wie sich hoch �ber den T�rmen der Burg dunkle Gewitterwolken ballten, die die Hitze des Sp�tsommertages bald in einem Sturzregen ertr�nken w�rden.</p><p>Der Lichtbogen des magischen Tors erzitterte. Farben wirbelten durcheinander. Die Schlangen des gro�en Bodenmosaiks schienen sich zu bewegen. Aber in dem �berf�llten Saal nahm niemand Notiz davon.</p><p>Ein bocksbeiniger Faun erschien unter dem Lichtbogen und zog ein ver�ngstigtes Maultier hinter sich her. Eine ganze Karawane, eskortiert von bis an die Z�hne bewaffneten Minotauren, folgte ihm und wanderte durch das hohe Portal des Thronsaals in eine weite Halle, die sich anschloss.</p><p>Eine Gruppe von vier Lutin wachte �ber das Tor. Wieder tanzten die Schlangen des Mosaiks, und erneut �nderte sich das Farbspiel des Lichtbogens. Es herrschte ein Kommen und Gehen wie auf einem Markt! Der Thron Albenmarks war verwaist. Das pr�chtige Fell eines Schneel�wen lag darauf ausgebreitet. Auf den Stufen zum Thron hockte ein Trupp Trolle, die ein Lagerfeuer entz�ndet hatten, �ber dem sie irgendein gro�es, vierbeiniges Tier brieten.</p><p>Hunderte Stimmen redeten durcheinander. Alle Sprachen Albenmarks schienen hier versammelt zu sein und zumindest die H�lfte aller V�lker.</p><p>Ein Schw�rm Bl�tenfeen flatterte an ihm vor�ber. Auf dem Mauerkranz des Thronsaals kauerten ein Gargoyle und eine Harpyie, in ein Gespr�ch vertieft.</p><p>�Kann ich dir helfen? Bist du zum ersten Mal hier, Bruder?� Einer der Lutin, die �ber den Albenstern wachten, war an seine Seite getreten.</p><p>Baidan nickte verlegen. �Ja. Ich bin ein Gesandter des Herzogs Orgrim und ersuche in dringender Angelegenheit um eine Audienz beim Kronrat.�</p><p>�Nat�rlich ist es dringend�, sagte der Lutin m�de. �Das ist es immer. Und immer sind es Herz�ge, K�nige oder andere bedeutende W�rdentr�ger, die Boten schicken. Du geh�rst zur Snaiwamark-Karawane?�</p><p>�Willst du einen Befehl des Herzogs infrage stellen?� Baidan war entsetzt dar�ber, behandelt zu werden, als sei er irgendein dahergelaufener Bittsteller.</p><p>�Das Einzige, was ich mich frage, ist: Warum kommt Orgrim nicht selbst, wenn die Angelegenheit von solcher Bedeutung ist?�</p><p>�Weil ein Feldherr mitten in der Schlacht seine Truppen nicht verl�sst! Und nun bring mich zum Thronrat, oder die Sache wird ein Nachspiel f�r dich haben, Bruder!�</p><p>Der Lutin leckte sich �ber die Lippen. �Ich bin am Albenstern leider unabk�mmlich.</p><p>Das ist ein direkter Befehl Skangas. Es sollen immer mindestens vier Lutin im Thronsaal sein.� Er deutete auf die hohe Pforte. �Geh dort entlang bis zum Drachenbrunnen. Da findest du den Hauptmann der Wache. Er wird einen Boten abstellen, der dich zum Kronrat im S�dfl�gel der Burg bringt.� Der Lutin verneigte sich knapp und zog sich zur�ck, w�hrend der Albenstern eine Herde Rinder ausspie, die von verwegen aussehenden Kobolden geritten wurden, die ihre Reittiere laut schreiend in den angrenzenden Saal trieben.</p><p>Baidan folgte den Rindviechern und wich den Kuhfladen auf dem zerschlagenen Mosaikboden aus. Die Halle, die sich an den Thronsaal anschloss, war noch gr��er.</p><p>Hoch �ber seinem Kopf w�lbte sich eine vom Ru� unz�hliger Lagerfeuer geschw�rzte Decke. Eines der Rinder war ausgeglitten und hatte sich ein Bein gebrochen. Ungeachtet der lautstarken Proteste eines Kobolds wurde es gleich vor Ort geschlachtet.</p><p>Ein m�chtiger Brunnen beherrschte den gro�en Saal. Nur aus zweien seiner Font�nen tr�pfelte noch Wasser, das sich in einem gro�en Becken sammelte, in dem allerlei Unrat lag. Die Gestalt eines turmhohen Sonnendrachen beherrschte die Figurengruppe des Brunnens. Er holte zu einem t�dlichen Prankenhieb aus, w�hrend ein Elfenritter eine andere Elfe zur Seite stie�, um an ihrer Stelle zu sterben. Das Bildnis der geretteten Elfe war enthauptet. Der Kopf fehlte. Vielleicht lag er irgendwo am Brunnengrund.</p><p>Vom Hals des Sonnendrachen hing an einem Strick der Kadaver eines Gelgerok.</p><p>Vielleicht wollten die Trolle damit zeigen, dass auch sie Drachent�ter waren, wenngleich ein Gelgerok neben einem Sonnendrachen wie eine Katze neben einem L�wen aussah.</p><p>Baidan war in der verfallenden Pracht Vahan Calyds aufgewachsen. Er mochte die Steinbilder und anderen Kunstwerke, die ganze Generationen von K�nstlern im Dienst der Elfen erschaffen hatten. F�r die Barbarei der Trolle hatte er nur Verachtung �brig.</p><p>Niedergeschlagen sah er sich um, bis er einen Kobold entdeckte, dessen �bertrieben �ppiger Helmschmuck ihn als Befehlshaber der Wache auswies.</p><p>Kurz dachte Baidan daran, einfach nach seinem Vater zu fragen. Anderan, der Herr der Wasser, geh�rte dem st�ndigen Rat an, dem Elija Glops vorstand. Der innere Zirkel um den Lutin nannte seinen Vater auch Kommandant Wasserbringer. Sie alle erfanden so eigent�mliche Namen f�r sich.</p><p>Baidan ging zu dem Helmtr�ger. �Herzog Orgrim schickt mich mit einer dringenden Nachricht f�r den K�nig! Es geht um Leben und Tod von Tausenden Kobolden!� Das h�tte er vorhin schon sagen sollen. Dieser kleine Zusatz zeigte gro�e Wirkung. Der Befehlshaber der Wache f�hrte ihn pers�nlich zum Kronrat. Vorbei an den langen Reihen der Wartenden, die ihn verfluchten, weil er sich nicht wie sie geduldete, bis er aufgerufen wurde.</p><p>Auf einen Wink des Kobolds wurde die T�r zum Versammlungssaal des Thronrats aufgerissen. Der Raum war kleiner als der Thronsaal. Auch er hatte sichtlich unter der jahrelangen Nutzung durch Trolle gelitten. Alle M�bel waren entfernt worden. Die Mitglieder des Rates sa�en auf Kissen oder Fellen entlang der W�nde. Selbst K�nig Gilmarak!</p><p>Inmitten des Saals stand ein Elf, der offenbar ein Anliegen vorgetragen hatte. Er wandte sich zur T�r. Nur im Funkeln seiner Augen mochte man �rger ablesen. Ansonsten hatte er sich vollkommen in der Gewalt.</p><p>�Mein K�nig, Nachrichten von der Snaiwamark-Karawane!�</p><p>Gilmarak erhob sich und entlie� den Elfen. �Wir wer den �ber eine Entsch�digung f�r das Gold, das aus deinem Wohnsitz entfernt wurde, morgen weiter beraten, doch mache ich dich darauf aufmerksam, dass laut Zusatz sieben zu den allumfassenden Grundgesetzen jegliches Gold Albenmarks allein dem K�nig geh�rt.�</p><p>�Man k�nnte dich auch des Diebstahls am K�nig anklagen, da du das Gold nicht freiwillig abgegeben hast�, f�gte ein Lutin mit leicht ergrauter Schnauze und einer randlosen Brille hinzu. Baidan vermutete, dass es sich bei ihm um Elija Glops handelte.</p><p>Der junge Kobold sah sich weiter um. Die Mehrheit der Anwesenden entstammte den verschiedensten Koboldv�lkern. Er entdeckte auch seinen Vater. Der blieb sitzen. Diese Unh�flichkeit verunsicherte Baidan.</p><p>�Nun, junger Freund, was f�r Nachrichten hast du uns zu �berbringen?�, fragte der K�nig. Baidan wusste, wie viel Gilmarak an den Steppenschiffen und der Karawane gelegen war. Und er w�rde sich h�ten, ehrlich zu sagen, was er davon hielt.</p><p>Der Elf wurde von zwei Trollwachen durch die T�r geschoben.</p><p>�Der K�nig hat das Wort an dich gewandt!�, blaffte ihn Elija Glops an. �Antworte!�</p><p>Baidan legte die Gedanken Orgrims dar, vermied aber sorgf�ltig, das Wort R�ckzug zu gebrauchen. Als er seinen Bericht beendet hatte, wagte er es nicht, zum K�nig aufzusehen.</p><p>�Orgrim m�chte also davonlaufen.� Das war die Stimme Elija Glops�.</p><p>Auch ihn wagte Baidan nicht anzusehen. �Orgrim sprach von einem taktischen R�ckzug, um sich an g�nstigerer Stelle neu zu formieren. Nicht von Flucht!�</p><p>�Glaubst du, ich kenne die Phrasen von euch Kriegshelden nicht? Was du da sagst, bedeutet nichts anderes, als dass Orgrim fliehen will. Ich verstehe sehr gut, dass er nicht abk�mmlich ist, um diese Nachricht selbst zu �ber bringen! Und sieh mich gef�lligst an, wenn du mit mir sprichst!�</p><p>Baidan gehorchte. Sein Vater hatte ihm einiges �ber Elija erz�hlt. Er wusste, dass man sich seiner nie wirklich sicher sein konnte. Seine H�flichkeit mochte ebenso gespielt sein wie sein harscher Auftritt jetzt. Vor Trollen zeigte er stets eine Maske. Sie sollten nie im Zweifel sein, dass Kobolde f�gsame Diener waren. Heimlich aber �bte Elija mehr Macht aus als selbst K�nig Gilmarak.</p><p>�Es war hilfreich, wenn wir Reiter h�tten�, sagte Baidan sachlich. �Im Augenblick bestimmen allein die Kentauren, wann und wo gek�mpft wird. Wenn wir uns vom Albenstern entfernen, werden sie den Nachschub blockieren. Daran besteht kein Zweifel.�</p><p>�Aber umgekehrt k�nnen sie auch nicht die Schiffsburg erst�rmen�, wandte der Trollk�nig ein. �Unsere Stellung ist f�r sie uneinnehmbar, und sie werden sich in sinnlosen Angriffen aufreiben.�</p><p>�Nur bef�rchtet Orgrim, dass ein verborgener Sinn hinter dem steckt, was sie tun.</p><p>Wenn wir dort bleiben, sind wir in die Rolle des Verteidigers gezwungen, und wer nur das zu tun vermag, was der Feind ihm diktiert, der wird auf Dauer verlieren. Eine Entscheidung dr�ngt!�</p><p>�Wir werden �ber die Lage beraten�, sagte Gilmarak schroff, und Baidan wurde bewusst, dass es nicht klug war, einem K�nig gegen�ber ein Wort wie <emphasis>dr�ngt</emphasis> in den Mund zu nehmen.</p><p>�Du kannst gehen, Bruder.� Elija entlie� ihn mit einer gro�spurigen Geste.</p><p>Baidan war erleichtert, als sich die T�ren des Ratssaals hinter ihm schlossen.</p><p>Aufatmend trat er auf den Flur hinaus und stellten sich den missg�nstigen Blicken all der anderen, deren Anliegen seinetwegen �bergangen worden waren.</p><p>Ein wenig steif ging er zur�ck zum Brunnensaal und von dort weiter auf einen der H�fe. Er brauchte frische Luft! Obwohl die Hallen des Palastes hoch waren, erschienen sie ihm stickig. Zu viele Albenkinder waren dort versammelt!</p><p>Endlich fand er auf einen Balkon. Doch was er vor der Burg sah, steigerte nur sein Gef�hl der Beklemmung. Er hatte das Heerlager in der Wagenburg immer f�r gro� gehalten. Doch es war nichts im Vergleich zum Lager vor den Mauern von Burg Elfenlicht. Es erstreckte sich fast bis zum Horizont. Tausende und Abertausende Zelte und Baracken umstellten die Mauern. Es machte den Anschein, als werde die Burg belagert. Nirgends sah man mehr gr�ne Wiesen. Die Pfade zwischen den Zelten waren Schlammbahnen. Kein Baum oder Busch war weit und breit zu sehen. Daf�r erhob sich der Rauch unz�hliger Lagerfeuer. Viehherden waren in Pferche gesperrt, dazu Pferde und alle erdenklichen Reittiere der Bittsteller und Gesandten. Im Westen waren Baukr�ne und Ger�ste zu erkennen. Dort wurden weitere Steppenschiffe gezimmert.</p><p>�Wer h�tte gedacht, dass dieses Gem�uer ausgerechnet unter der Herrschaft von Trollen zum lebendigen Herzen Albenmarks werden w�rde.�</p><p>Es tat gut, diese Stimme zu h�ren. �Vater.�</p><p>Anderan legte ihm eine Hand auf die Schulter. �Dein Auftritt gerade hat mir noch einmal sehr deutlich vor Augen gef�hrt, warum du Krieger geworden bist und nicht Diplomat.� Er lachte leise. �Man sagt einem K�nig nicht, dass die Zeit dr�ngt.�</p><p>Baidan drehte sich um. �Muss ich mir Sorgen machen?�</p><p>�Die Frage kommt reichlich sp�t.� Sein Vater l�chelte. �Das musst du nicht. Elija hat den Wunsch nach einem R�ckzug ausdr�cklich unterst�tzt. Allerdings tut er es allein aus machtpolitischem Kalk�l, f�rchte ich. Wenn Orgrim abziehen muss, dann wird das seinem Namen schaden. Und indirekt wird es auch K�nig Gilmarak schaden.�</p><p>Baidan sah seinen Vater verwundert an. �Warum sollte er sich das w�nschen? Er ist durch die Trolle an die Macht gekommen.�</p><p>�Er glaubt, dass wir Kobolde auch ohne Trolle herrschen k�nnten. Er tr�umt vom Thron.� �Und du, Vater?�</p><p>�Ich muss gestehen, dass ich manche seiner Ideen bestechend finde. Er ist ein unglaublicher Denker. Er hat Visionen. Auf gewisse Weise ist Gilmarak sein Gesch�pf, auch wenn der Troll gelegentlich dazu neigt, die Ideen Elijas zu weit zu treiben.�</p><p>Anderan deutete hinab zur Zeltstadt. �Das ist sein Werk!�</p><p>�Und du hei�t das da unten gut?�</p><p>�Ich hei�e es gut, wenn das Volk sein Schicksal in die eigenen H�nde nimmt. Zu Emerelles Zeiten haben diese Mauern nur selten G�ste gesehen, die keine Elfen waren.</p><p>Gilmarak und Elija greifen nach ganz Albenmark. Man mag �ber den Gesetzeskodex der Trolle denken, was man will, aber er ist in alle Himmelsrichtungen getragen worden. Es gibt kaum eine Siedlung nennenswerter Gr��e, in der dem neuen Gesetz nicht Geltung verschafft wurde. Und die Kinder Albenmarks haben verstanden, dass sie hierherkommen k�nnen. Sie werden hier angeh�rt. Sie haben einen Herrscher, der ein offenes Ohr f�r ihre Sorgen hat. Und wenn sie nicht zu ihm selbst gelangen, so kommen sie doch zumindest vor einen von ihm einberufenen Rat. Hast du eine Vorstellung, wie tiefgreifend die Abschaffung des Geldhandels und die Aufhebung aller alten Schulden diese Welt ver�ndert haben? Das einfache Volk ist nun frei. Werte werden wieder durch Arbeit erschaffen. Niemand lebt mehr in Schuldknechtschaft von Wucherern, die allein ihre blutsaugerischen Zinsen fett gemacht haben. Geld gebiert nicht mehr neues Geld. Niemand kommt auf die Idee, dass er, wenn er eine Kuh verleiht, ein Jahr sp�ter ein Mammut zur�ckverlangen k�nnte. Albenmark ist gerechter geworden.�</p><p>�Besonders wenn man ein Troll ist!�</p><p>Sein Vater nickte. �Das l�sst sich nicht leugnen. Doch die Ver�nderungen sind noch nicht abgeschlossen. Ich w�nschte, du k�nntest dabei sein, wenn Elija von der Welt spricht, die er erschaffen m�chte. Es ist eine Welt, wie die Alben sie sich gew�nscht h�tten. Gerecht und friedlich. Doch dahin ist es noch ein weiter Weg. Zun�chst gilt es, sicherzustellen, dass wir nie wieder in die Tyrannei der selbstherrlichen Elfen zur�ckfallen.�</p><p>Baidan blickte auf das heillose Durcheinander der Zeltstadt. �Ist das die Ordnung der Welt, von der du tr�umst?�</p><p>�Wir befinden uns im �bergang, Junge. Da kann es keine Ordnung geben, weil alles sich �ndert. Und denk einmal dar�ber nach, wie viel Ordnung die Freiheit vertr�gt.�</p><p>Baidan sch�ttelte den Kopf. �Ich komme von einem Ort, an dem es den Tod bedeutet, wenn ich mich hundert Schritte von der sch�tzenden Schiffsburg entferne. Die Steppe steht in Flammen, Vater. Das kann doch nicht die Welt sein, von der du tr�umst. Dort tobt ein m�rderischer Krieg. Emerelles Herrschaft hat Frieden gebracht.�</p><p>�Einen Friedhofsfrieden, Junge. Es war die Ruhe der Gr�ber, die herrschte. Wir haben hier in der Burg Beweise daf�r gefunden, dass sie mehre Meuchler gedungen hat, um Freidenker ermorden zu lassen. Und das waren keine Einzelf�lle.�</p><p>�Im Windland wird auch nicht vereinzelt gestorben. Wenn der Wind aus der falschen Richtung bl�st, vermag man in der Schiffsburg kaum noch zu atmen, so viele faulende Kadaver liegen dort im Gras.�</p><p>�Das ist die Unruhe des �bergangs in eine freiere Welt. Jedes Opfer, das wir heute bringen, wird in Zukunft Hunderte Leben retten.�</p><p>Baidan dachte an die schreckliche Hungersnot, die auf die Abschaffung des Geldhandels gefolgt war. An die gest�rmten Getreidespeicher. An die langen Fl�chtlingskolonnen all jener, die ihre St�dte verlassen hatten, weil diese sie nicht mehr zu ern�hren vermochten. Er musste eingestehen, dass dieser Schrecken Vergangenheit war. Viele neue D�rfer waren entstanden. Und weil aller alte Besitz aufgel�st worden war, besa� niemand mehr Land, als er durch eigene Arbeit bewirtschaften konnte.</p><p>Baidan hatte die Elfen nie gehasst, und doch hatte er gro�e Genugtuung empfunden, als er zum ersten Mal einen Elfen an einem Pflug hatte stehen sehen. Manchmal jedoch hatte er auch das Gef�hl, dass die Welt an Sch�nheit verloren hatte. Er dachte an die verw�stete Burg, die immer mehr einer Trollh�hle �hnelte. Und er fragte sich, welch bl�hende Parklandschaft sich wohl einst dort erstreckt hatte, wo sich nun das gewaltige Zeltlager befand. Hatten sie ihre Welt besser gemacht? Er wusste es nicht.</p><p>Und er war froh, dass er nur ein Krieger war und nicht einer von jenen, die mit den besten Absichten die Welt ver�nderten und dabei Str�me von Blut vergossen. Ihre einzige Legitimation war dabei die Hoffnung auf eine Zukunft, die niemand kannte.</p><p>Sosehr sein Vater auch eine goldene Zukunft heraufbeschwor - nein, er sollte lieber sagen: eine <emphasis>bessere</emphasis> Zukunft, denn Gold war ja nichts mehr wert und wurde von Gilmarak eingezogen -, Baidan wusste, wie viele der einfachen Handwerker und Bauern der Herrschaft Emerelles nachtrauerten. Und wie sollte man es ihnen ver�beln?</p><p>Sie wussten nichts von den Visionen seines Vaters oder Elija Glops�. Sie hatten nur tief zu sp�ren bekommen, was es hie�, in einer Welt zu leben, in der altes Recht nichts mehr galt und in der ein neues Recht noch nicht tief verwurzelt war.</p><p>�Woran denkst du, Junge?�</p><p>�An die Schiffsburg�, antwortete er nach kurzem Z�gern. Er wusste, dass sein Vater seine Gedanken nicht billigen w�rde.</p><p>Anderan l�chelte. �Du bist ein schlechter L�gner. Gut, dass du ein Krieger geworden bist.�</p></section><section><title><p>Horner und Kesselpauken</p></title><p>Orgrim beobachtete, wie sich im letzten Tageslicht die Kentauren formierten.</p><p>Tausende. �berall rings auf den H�gelkuppen. Gerade au�erhalb der Reichweite der Torsionsgesch�tze. Sie bliesen H�rner und schlugen m�chtige Kesselpauken. Der infernalische L�rm �bert�nte die Ger�usche des Lagers. Nur das Fauchen einer unruhigen Hornschildechse, die mit ihren Schwanzschl�gen das Erdreich aufw�hlte, war noch lauter.</p><p>Orgrim drehte sich um und blickte �ber den weiten Kreis des Lagers. Er sp�rte die Anspannung der Arbeiter und Viehtreiber, Steinmetzen, K�che, Schuhmacher und Huren. Aber sie hielten sich ganz gut. Es war nicht der erste Angriff der Kentauren, und nie hatten sie den sch�tzenden Wall der Steppenschiffe durchbrochen. Allerdings schlugen ihre Pfeile ins Lager, wenn sie dicht genug herankamen. Die Kentauren sch�ssen steil in den Himmel, und ihre Geschosse schlugen ungezielt auf. Die Heerschar der Arbeiter aber war so dicht gedr�ngt, dass jeder siebte Pfeil ein Ziel fand.</p><p>Baidan hatte das errechnet. Der Kobold kam auf seltsame Ideen. F�r ihn war Krieg nicht der Kampf Mann gegen Mann. Es war ein Krieg der Zahlen. Orgrim wusste, dass Mut oder Feigheit Zahlen bedeutungslos machen konnten. Dennoch kamen sie beide fast immer zu denselben Schlussfolgerungen. Und dass Baidan aus eigenem Antrieb den Boden des Lagerplatzes hatte pr�fen lassen, um sicher zu sein, dass sie nicht in einem trockenem Flussbett standen, hatte dem Troll gut gefallen. Er w�rde Baidan an seiner Seite behalten!</p><p>�Schie�t doch endlich ein paar von diesen Pferde�rschen die K�pfe weg!�, fuhr Zargub den Kobold an, der die beiden schweren Torsionsgesch�tze auf dem Gefechtsdeck des Steppenschiffs befehligte.</p><p>�Sie sind zu weit entfernt. Sie kennen unsere Reichweiten inzwischen genau. Das w�ren vergeudete Sch�sse.�</p><p>�Unruhig?� Orgrim wusste inzwischen, dass Zargub kein Troll f�r eine Belagerung war. Er war ein tollk�hner Angreifer, aber das hier ging gegen sein Naturell. Leider konnte er den Rudelf�hrer nicht einfach austauschen, ohne dass dieser sein Gesicht verloren h�tte.</p><p>�Unruhig?� Zargub lachte auf. �Den Tag, an dem dieses stinkende Steppengeschmei� mich unruhig macht, wirst du nicht erleben. Ich m�chte nur einfach raus und den verdammten G�ulen die Beine brechen.�</p><p>Orgrim kratzte sich am linken Arm. Mittags hatte ihn bei einem Scharm�tzel ein Pfeil getroffen. Einer von diesen verdammten Kriegspfeilen, bei denen die eiserne Spitze nur aufgesteckt war, so dass sie mit ihren Widerhaken im Fleisch h�ngen blieb, wenn man am Schaft zog. Er h�tte sich den Arm aufschneiden lassen m�ssen, um die Spitze herauszuholen. Das Eisen brannte in seinem Fleisch. Immer wieder kratzte er an der Wunde. Wenn er zu sehr darauf dr�ckte, konnte er sp�ren, wie sich das Metall bewegte. Wenn sie endlich Ruhe gaben, w�rde er sich selbst den Arm aufschneiden und dieses verfluchte St�ck Metall herausholen.</p><p>Die Sonne war hinter den H�geln versunken. Die Schatten der Nacht eroberten von Osten her den Himmel. Bald w�rden die Umrisse der Kentauren auf den H�geln mit der Dunkelheit eins. Den ganzen Tag �ber hatte es immer wieder kleinere Gefechte gegeben. Ob es in der Nacht so weitergehen w�rde?</p><p>Orgrim blickte auf sein Lager. Schon jetzt waren dort Hunderte Feuer entfacht. Das Licht des magischen Tors im inneren Wagenkreis erstrahlte hell. Die Verteidiger auf den Wagen w�ren gut zu sehen und leichte Ziele f�r die Kentauren. Er sollte Befehl geben, das Tor am Albenstern zu schlie�en. Zumindest das. Es w�re klug, auch alle Lagerfeuer l�schen zu lassen. Aber das w�rde jeden im La ger beunruhigen. Sollten sie an ihren Feuern sitzen und sich ein Essen k�cheln, dann dachten sie weniger �ber die Kentauren nach.</p><p>Bisher hatten die Kentauren noch keinen gro�en Nachtangriff gewagt. Noch immer l�rmten die H�rner und Kesselpauken. Die dumpfen Schl�ge der gro�en Trommeln schienen ihm in den Bauch zu fahren.</p><p>Heute Mittag hatte Orgrim beobachtet, wie sie einige ihrer Toten zur Seite schafften.</p><p>Sie hatten sie nicht mitgenommen, sondern die Kadaver nur um zwanzig oder drei�ig Schritt bewegt, als wollten sie Platz f�r etwas machen. Wieder kratzte er an seiner Wunde.</p><p>�Unruhig?�, fragte Zargub sp�ttisch.</p><p>Nat�rlich, dachte Orgrim. Er w�re ein Narr, wenn er nicht beunruhigt w�re. Es gab etwas, das die Kentauren v�llig siegessicher machte. Etwas, das sie dazu veranlasste, diese Belagerung aufrechtzuerhalten, obwohl es f�r sie unm�glich war, in die Schiffsburg einzudringen. Und solange er nicht wusste, was das war, w�rde er unruhig bleiben. Hoffentlich hatte Baidan bei Hof Erfolg, und sie erhielten die Erlaubnis, sich zur�ckzuziehen!</p></section><section><title><p>Hebelgesetze</p></title><p>Katander stand vor dem vordersten der vier gro�en Zelte, in denen in den vergangenen Tagen so hart gearbeitet worden war. Nestheus war von seinem Plan nicht �berzeugt gewesen. Er verfolgte seine eigenen Ziele. Aber Katander wusste, dass diese Nacht die Wende bringen konnte. Sie mussten die verdammte Schiffsburg aufbrechen! Wenn sie erst einmal Mann gegen Mann mit den Trollen k�mpften, konnten sie siegen. Seine Uttiker waren gr��er und st�rker als die Steppenkentauren.</p><p>Sie f�rchteten sich nicht davor, die Trolle hart anzugehen, wo ihre Vettern am liebsten nur Pfeile verschossen und dann davon preschten. So konnte man keine Schlacht gewinnen!</p><p>Wenigstens hatte ihm Nestheus freie Hand f�r diesen Angriff gelassen.</p><p>Die Zeltplane wurde zur�ckgeschlagen. Ein Karren mit gro�en R�dern rollte heraus.</p><p>Es waren die R�der eines aufgegebenen Steppenschiffs, das ein paar Meilen entfernt neben der neuen Stra�e gelegen hatte. Katander hatte sich das Wrack lange angesehen und mit seinen Baumeistern beraten. Er wusste, wo die Schw�che der riesigen Karren lag.</p><p>Seine beiden Wagen bestanden nur aus R�dern, Achsen und einem Ger�st wuchtiger Balken, stark genug, das zu tragen, was auf sie aufgesetzt wurde.</p><p>Hieron, der oberste Baumeister Uttikas begutachtete die beiden Wagen. Er war ein gro�er Rappe mit breiten Schultern und wuchtigem Nacken. Mit seinem m�chtigen, schwarzen Bart und dem langen Haar, das durch ein rotes Stirnband gehalten wurde, glich er mehr einem Krieger als einem Gelehrten. Der Mathematiker hatte bereits einen Brustpanzer angelegt, und es bestand kein Zweifel, dass er mit ihnen in die Schlacht reiten w�rde.</p><p>Katander mochte den st�rrischen Mann, der ansonsten nicht sehr beliebt war. Hieron nahm kein Blatt vor den Mund. Er nannte Probleme beim Namen, und im Gegensatz zu den �brigen Gelehrten, die sich gerne in stundenlangen, erm�denden Disputen ergingen, war er ein Mann der Praxis.</p><p>�Werden wir siegen?�</p><p>�Sehe ich aus wie ein Orakel?�, entgegnete der Mathematiker m�rrisch.</p><p>�Nein�, entgegnete Katander gut gelaunt. �Deshalb bedeutet mir deine Antwort ja auch so viel.�</p><p>Hieron w�rdigte ihn keines Blickes. Er beobachtete, wie die beiden verbliebenen Zelte abgebaut wurden und man vier Flaschenz�ge aufstellte.</p><p>�Unsere beiden Wagen geben verflucht gro�e Ziele ab. Wenn die Kobolde an den Gesch�tzen auch nur einen Furz wert sind, dann haben wir verloren.�</p><p>�Es ist Nacht. Sie werden uns erst sehen, wenn es zu sp�t ist. Und Nestheus wird sie mit seinen Kriegern ablenken. Die werden so viele Pfeile abfeuern, dass kein Kobold es wagt, den Kopf �ber die Zinnen zu erheben.�</p><p>�Dann bleibt immer noch die Gefahr des Weges.�</p><p>�Keine Sorge, mein Freund. Ich habe im Laufe des Nachmittags pers�nlich dreimal Sp�htrupps in die N�he von Orgrims Steppenschiff gef�hrt. Es gibt keine verborgenen Erdrinnen oder Bodensenken. Auf meinen Befehl sind sogar die Toten zur Seite geschafft worden.�</p><p>Hieron wandte zum ersten Mal den Blick von den Wagen und sah ihn an. �Die Toten sind nicht meine Sorge. Unsere beiden Wagen sind so schwer, dass die Leichen unter den R�dern zerquetscht werden, vorausgesetzt, wir machen genug Fahrt. Was mich beunruhigt, ist, dass unsere Gef�hrte so kopflastig sind, dass sie leicht umst�rzen k�nnen. Es sind die Hebelgesetze, die �ber Sieg oder Niederlage entscheiden werden. Und zun�chst arbeiten sie gegen uns, das muss dir klar sein, Katander. Wenn einer der Wagen zu schlingern beginnt, dann bleibt uns nur, davonzulaufen. Wir k�nnen nicht mehr gegensteuern, wenn es so weit kommt. Schaffen wir es aber bis zur Schiffsburg, dann werden n�mliche Hebelgesetze Orgrim besiegen.�</p><p>�Wir k�nnen uns den Verlust eines Karrens leisten�, bemerkte Katander lakonisch.</p><p>�Deshalb habe ich dir befohlen, zwei zu bauen. Kein Plan �berlebt die Wirklichkeit der Schlacht. Aber mit zwei Karren werden wir es schaffen!�</p><p>Katander beobachtete, wie mit den Flaschenz�gen die wuchtigen Aufs�tze f�r seine Karren angehoben wurden. Sie w�rden f�nf Schritt hoch sein, wenn sie fertig waren.</p><p>Fast so hoch wie die Steppenschiffe.</p></section><section><title><p>Elfenkugeln</p></title><p>�Brandgeschosse!�, rief Orgrim und duckte sich hinter den gro�en Schild, den Zargub hielt.</p><p>Einer der Kobolde eilte zu dem Mast, der sich mitten aus dem Rumpf des Steppenschiffs erhob, und z�ndete zwei gr�ne Laternen, die dann am Mast aufgezogen wurden.</p><p>Mit dumpfem Ton schlugen Pfeile in den Schild. Einige der Sch�tzen mussten seinen Schattenriss erkannt haben. Noch nie zuvor hatten die Kentauren einen so heftigen Nachtangriff durchgef�hrt. Der bew�lkte Himmel, der das Licht der Sterne schluckte, beg�nstigte ihren Angriff noch. Sie waren nur schwer auszumachen, doch das w�rde sich bald �ndern.</p><p>�Ich mag es nicht, wenn die Kobolde mit Feuerschalen hantieren�, murrte Zargub.</p><p>Orgrim konnte ihn nur zu gut verstehen. Es hatte lange nicht geregnet, und sie sa�en auf einem gro�en Haufen gut abgelagerten Holzes. Es war so, als s��e man auf einem Scheiterhaufen und �berlege sich, mit Feuer zu spielen. Aber sie mussten etwas sehen.</p><p>Die �berlegenheit ihrer zahllosen Gesch�tze war dahin, wenn es f�r die Kobolde keine Ziele gab!</p><p>Das Signal wanderte weiter. Auch auf den benachbarten Steppenschiffen waren inzwischen gr�ne Laternen gesetzt worden.</p><p>Trotz der Schmerzensschreie der Verwundeten im Lager und auf den benachbarten Karren konnte er das Rumoren unter sich auf dem Gesch�tzdeck h�ren. Er stel te sich vor, wie die mit �lgetr�nkten Lappen umwickelten Tonkugeln fertig gemacht wurden.</p><p>Wie die eiserne Feuerschale auf ihrem Dreibein vom Gesch�tzmeister mit Holzkohle gef�llt und entz�ndet wurde.</p><p>Ein weiterer Pfeil schlug in das dicke Holz des Schildes.</p><p>Ganz nah br�llte ein verwundeter Ochse seinen Schmerz heraus. Die beiden gro�en, auf Drehkr�nzen gelagerten Torsionsgesch�tze des Gefechtsdecks schwenkten nach links. War da was? Orgrim wagte es, kurz den Kopf hinter dem Schild hervorzustrecken.</p><p>Im selben Augenblick flammte in der Feuerschale beim Mast eine Flamme auf. Fast augenblicklich prasselten Pfeile auf das Gefechtsdeck nieder. Das Licht zog sie an wie Honig die Fliegen.</p><p>Fackeln wurden in die Flammen �ber der Feuerschale gehalten. Zwei Kobolde liefen los, um die Fackeln zu den Gesch�tzen zu bringen.</p><p>�Worauf schie�en die, wenn sie nichts sehen?�, fragte Zargub.</p><p>�Das erste Mal auf die H�gel. Die werden immer noch dort sein, wo sie auch bei Sonnenuntergang waren. Danach werden sie sehen.� Orgrim beobachtete, wie auch hier oben eine der Tonkugeln auf die Schiene des Gesch�tzes gelegt wurde. Die Fackel ber�hrte sie nur sanft. Augenblicklich war die Kugel in Flammen geh�llt.</p><p>�Backbordwand eins nieder!�, rief der Gesch�tzf�hrer.</p><p>�Weg hier!� Orgrim zog Zargub zur Seite, w�hrend die h�lzerne Schutzwand mit den Zinnen hinabkippte.</p><p>�Schie�t!�</p><p>Der Gesch�tzf�hrer riss den Sicherungshebel des Katapults zur�ck. Zischend schnellte die Flammenkugel in die Nacht. In flacher Flugbahn eilte sie dem n�chsten H�gel entgegen, um sein trockenes Gras in eine Flammenwand zu verwandeln.</p><p>Kaum zwei Herzschl�ge sp�ter wurde auch das zweite Gesch�tz abgefeuert.</p><p>Eine Font�ne aus Flammen stieg auf, wo die erste Kugel einschlug. Orgrim wusste nicht, was im Inneren der Tonkugeln verborgen war. Man h�rte eine Fl�ssigkeit in ihnen schwappen, wenn man sie anhob. Die Geschosse stammten aus dem Arsenal der Kriegsflotte von Reilimee.</p><p>Elfen hatten sie erschaffen. �berall auf den H�geln stiegen nun Flammen empor. Sie rissen die Kentauren aus der Geborgenheit der Nacht. Auch die kleineren Ballisten auf dem Gesch�tzdeck sch�ssen nun. Die schweren Windenarmbr�ste, die fest zwischen den Zinnen montiert waren, stimmten in die Melodie des Todes ein. Das Zischen von Kugeln und Bolzen. Das metallische Klacken der Gesch�tze, die neu gespannt wurden.</p><p>Nie hatte er sich ausgemalt, welches Inferno seine Streitmacht entfesseln konnte. Das war kein Krieg mehr! So musste es ausgesehen haben, als die Zerbrochene Welt fiel.</p><p>Krieg, das waren Heerscharen, die aufeinander zumarschierten. Bogensch�tzen hatten immer schon dazu geh�rt. Tod aus der Ferne. Kein ehrlicher Keulenhieb. Hier sah man nicht mehr, wer wen t�tete.</p><p>Auf der Ebene bewegten sich Tausende Schatten. Kentauren, aber auch berittene Bogensch�tzen. Pfeilspitzen blitzten golden im Licht der Flammen. Pferde scheuten vor dem Feuer. Er sah einen brennenden Kentauren, der einfach weitergaloppierte und seinen Bogen hob, um einen letzten Schuss abzugeben.</p><p>Dann pl�tzlich zerbarst eine der Feuerkugeln im Flug, und nur einen Augenblick sp�ter stand eines der Steppenschiffe in Flammen.</p><p>�Wechselt zu Steinkugeln!�, rief Orgrim.</p><p>Der Kobold, der die Gesch�tze befehligte, gab den Befehl weiter.</p><p>Eine weitere Flammenkugel zerbarst mitten in der Luft.</p><p>�Was geschieht da?�, fl�sterte Zargub.</p><p>�Maurawan. Nur sie k�nnen eine Kugel im Flug treffen. Sie sind irgendwo dort drau�en. Bestimmt nicht auf den Pferden. Wir werden sie nicht sehen, selbst wenn wir die ganze Steppe in Brand setzen.� Orgrim hob die Stimme. �Setzt Signal zum Wechsel auf Steingeschosse. Verschlie�t die Kisten mit den Brandkugeln. Schnell!�</p><p>Ein Kobold mit Fackel, der nahe bei ihm auf der erh�h ten Gesch�tzposition stand, wurde nach hinten gerissen. Seine Fackel flog in hohem Bogen durch die Luft.</p><p>Orgrim schnappte sie im Flug und warf sie vom Gesch�tzdeck. �ber ihm an einem der beiden Ladeb�ume des Mastes schwebte die n�chste Brandkugel f�r das Ach-tergesch�tz.</p><p>�Runter mit den Kugeln. Sofort! Sperrt sie in die Kisten.�</p><p>Ein weiteres Steppenschiff ging in Flammen auf. Die Feuerfont�ne stieg h�her als der Mast empor. Brennende Gestalten sprangen vom Gefechtsdeck.</p><p>Eine blaue und eine gr�ne Laterne schnellten am Mast empor. Ein Kobold streute Sand auf das Gefechtsdeck, der sich sofort dunkel verf�rbte. Der Geruch von gebratenem Fleisch hing in der Luft. Orgrim ertappte sich dabei, wie er sich die Lippen leckte.</p><p>�Herzog, seht dort vorne!� Der Gesch�tzmeister, ein Kobold mit einer roten Lederkappe, deutete auf zwei Schatten, die von den H�geln her kamen.</p><p>Orgrim konnte es nur undeutlich erkennen. Rollende Balkenger�ste. Und sie kamen auf sein Steppenschiff zu.</p></section><section><title><p>Sturmlauf</p></title><p>�Schneller!� Zu schreien half gegen die Angst. Katander stemmte sich mit aller Macht gegen die h�lzerne Stange. Drei Stangen ragten auf jeder Seite aus dem gro�en Karren.</p><p>Drei seiner Uttiker bemannten jede Stange. Er hatte nur die Kr�ftigsten f�r diese Aufgabe ausgew�hlt. Hieron f�hrte das Kommando �ber den zweiten Wagen.</p><p>Katander hatte damit gerechnet, beschossen zu werden. Aber das hier �bertraf seine schlimmsten Vorstellungen.</p><p>�berall brannte es. Der Himmel selbst schien in Flammen zu stehen. Geschosse zogen Feuerschweife hinter sich her.</p><p>Dem Krieger an seiner Seite standen Tr�nen in den Augen. Einem Veteranen des Steppenkrieges!</p><p>�Weiter!�, schrie er aus Leibeskr�ften. Achtzehn Uttiker trieben den Wagen voran.</p><p>Jedem anderen Karren h�tte ihre Kraft Fl�gel verliehen, nicht aber diesem wuchtigen Ungeheuer. Hoch �ber ihren K�pfen, fest verankert in einem Ger�st aus Holzstreben, hing ein Baumstamm, der bedenklich weit �ber den Karren hervorstand. Wie die Faust eines Riesen sollte er das Steppenschiff Orgrims treffen. Er w�rde den Herzog der Nachtzinne und dessen Hochmut in den Staub st�rzen. Eine wuchtige Holzscheibe mit mehr als dem doppelten Durchmesser des Stammes war vorne auf den Rammbock genagelt. Die Waffe sollte nicht die Brustwehr des Steppenschiffes zertr�mmern.</p><p>Hieron hatte ihm erkl�rt, dass es besser war, wenn die Kraft auf eine gro�e Fl�che wirkte. Sie wollten nicht weniger als das Steppenschiff st�rzen und damit eine Bresche in den schier un�berwindlichen h�lzernen Festungswall schlagen.</p><p>Eine der Flammenkugeln schlug so nah ein, dass er die Hitze des Feuers schmerzhaft auf dem linken Arm sp�rte. Eine Schar von Kentauren eskortierte sie, um Verwundete und Gefallene zu ersetzen. Ihre Ramme durfte nicht langsamer werden. Die schweren R�der fra�en sich, obwohl sie so breit waren, tief ins Erdreich, und Katander bef�rchtete, dass sie die Ramme nicht mehr w�rden anschieben k�nnen, wenn sie erst einmal zum Halten kam.</p><p>Einige Maurawan begleiteten ihren Vorsto�. Und ganze Schw�rme von Steppenreitern hatten sich auf dem Abschnitt vor Orgrims Steppenschiff versammelt, um die Wagen mit Pfeilsalven einzudecken und die Gesch�tzbedienungen daran zu hindern, sich auf die Rammen einzuschie�en.</p><p>Ein scharfer metallischer Knall lie� Katander herum fahren. In der Reihe hinter ihm ging ein Krieger zu Boden. Sein Bronzehelm war auf einer Seite eingedr�ckt. Blut rann dem St�rzenden aus Mund und Nase. Er wurde zur Seite gedr�ngt. Sofort eilte ein anderer Uttiker herbei, um den Platz an der Holzstange einzunehmen.</p><p>Ein scharfes Krachen erklang �ber ihm. Holzsplitter flogen durch die Luft. �Vorw�rts!�</p><p>Katander entschied, den Blick nicht mehr von Orgrims Steppenschiff zu wenden.</p><p>Eine sanfte Bodenwelle brachte die Ramme ins Schwanken. Der F�rst hielt fest die Holzstange umklammert. Etwas strich kreischend �ber die Wangenklappe seines Helms.</p><p>Immer st�rker schlingerte die Ramme. Vor ihnen lag ein Steppenkentaur mit zerschmettertem Bein. Er hob einen Arm und schrie ihnen etwas zu, was Katander nicht verstand. Sie durften nicht anhalten! Wenn sie es taten, war die Ramme verloren.</p><p>Zwei Schritt hoch waren die R�der mit dicken Eisenplatten miteinander verbunden.</p><p>Die Ramme war schwer wie ein Haus.</p><p>�Verzeih�, murmelte der F�rst. Er biss die Z�hne zusammen, als er den Ruck sp�rte, der durch den so schlecht ausbalancierten Wagen lief.</p><p>Die kopflastige Belagerungswaffe schwang noch etwas weiter aus. Katander stemmte sich mit all seiner Kraft gegen die Stange und wurde leicht angehoben. Schreckens-schreie hallten ihm in den Ohren. �Nicht loslassen!�, br�llte er aus Leibeskr�ften.</p><p>Wieder dr�ckte die Stange des schlingernden Wagens ihn in die H�he. Ein bisschen mehr noch als eben. �Nicht loslassen!�</p><p>Krachend traf eine Steinkugel die schweren Balken. Einem Kentauren aus der Eskorte schlug ein anderes Geschoss ein fast kopfgro�es Loch durch den Brustpanzer.</p><p>Keine zehn Pferdel�ngen mehr, dann war es geschafft! Noch neun.</p><p>Katander wurde wieder von den Hufen gerissen. �Nicht loslassen!� Er dr�ckte nach unten, auch wenn diese Bem�hung ohne jede Bedeutung war.</p><p>Noch sieben Pferdel�ngen! Gleich war es geschafft. Krachend schlugen die R�der auf seiner Seite auf den weichen Erdboden. Ein splitterndes Ger�usch jagte ihm einen Schauer �ber den R�cken. Das Rad neben ihm drehte sich nicht mehr rund. Die Achse war gebrochen! Und jetzt neigte sich der verfluchte Karren in seine Richtung.</p><p>�Lauft, F�rst!� Die beiden Kentauren neben ihm lie�en die Stange los und scherten seitlich aus.</p><p>�Bleibt, ihr verdammten Feiglinge! Ich werde euch�... � Seine Worte gingen in ohrenbet�ubendem Splittern und Bersten unter. Die Holzverstrebungen, die den massigen Baumstamm hielten, knickten ein wie Korn�hren im Hagelschlag.</p><p>Das Rad neben ihm geriet aus der Spur. Die wirbelnden Speichen ber�hrten ihn fast.</p><p>Erschrocken lie� Katander die Stange los. Fast augenblicklich traf ihn ein wuchtiger Hieb in den R�cken und fegte ihn von den Beinen. St�rzend wurde ihm klar, wo sein Fehler lag: Als er losgelassen hatte, w�hrend der Karren weitergerollt war, hatte ihn die Stange hinter ihm in den R�cken getroffen. Selbst seine eiserne R�ckenplatte hatte den Schlag kaum abgemildert.</p><p>Er bekam keine Luft mehr, f�hlte sich vom Treffer aber nicht benommen. Im Gegenteil, er nahm alles um sich herum mit gr��ter Deutlichkeit war. Zugleich f�hlte er sich unbeteiligt, als sei er nicht mitten im Geschehen, sondern ein Zuschauer, der alles aus gro�er Ferne betrachtete. F�hlte sich so der Tod an? Hatte die schwere Holzstange ihm das R�ckgrat zerschmettert?</p><p>Ein zersplitterter Balken stie� neben ihm in die Erde wie ein Speer. Der Karren war vollends aus der Bahn geraten. Ein Rad lief schlingernd davon. Die Stangen pfl�gten durch die Erde und zersplitterten. Katander blickte auf und sah den Baumstamm hinabst�rzen. Und er war hilflos, konnte sich nicht bewegen, nur noch schauen.</p></section><section><title><p>Der Sturz</p></title><p>�Schie�t!�, schrie der Gesch�tzmeister. Eine der beiden Rammen hatten die Gesch�tze vernichtet, doch die zweite war nur noch wenige Schritt entfernt. Sie w�rde das Steppenschiff etwa in der Mitte des Gefechtsdecks treffen.</p><p>Die Kobolde hatten vergessen, die Seitenwand herunterzuklappen. Die Gesch�tzkugel riss eine der h�lzernen Zinnen mit sich fort. Der Schuss war gut gezielt, nur ein wenig zu hoch. Er traf den Baumstamm der Ramme, riss eine helle Spur in die Rinde und verschwand in der Nacht.</p><p>�Komm!� Orgrim packte Zargub beim Arm.</p><p>Der Rudelf�hrer blickte noch immer fassungslos auf die Ramme, als k�nne er nicht begreifen, warum das Schicksal ausgerechnet dieses Steppenschiff dem Untergang weihte. F�r Orgrim stand das au�er Frage. Es war das gr��te in der vordersten Linie.</p><p>Hier w�rde die breiteste Bresche in die Verteidigungslinie geschlagen, wenn es fiel.</p><p>�Los!� Der Herzog zerrte Zargub mit Gewalt von der Bordwand fort. Die Ramme war nur noch vier oder f�nf Schritt entfernt. Unter den Kobolden auf dem Gesch�tzdeck war bereits heillose Panik ausgebrochen. Auch sie versuchten, das Schiff zu verlassen und in den vermeintlich sicheren Lagerkreis zu gelangen.</p><p>�Spring nicht von der Breitseite!�</p><p>Zargub riss sich los. Sein Staunen war blankem Entsetzen gewichen. Er st�rmte mit den Kobolden. Es blieb keine Zeit mehr, ihn zur�ckzuholen. Orgrim st�rmte nach achtern. Da traf die Ramme das Steppenschiff. Der Schlag riss Orgrim von den Beinen.</p><p>Die h�lzernen Zinnen splitterten. Eines der schweren Torsionsgesch�tze wurde aus seiner Verankerung im Deck gerissen und rutschte hinter den fl�chtenden Kobolden her.</p><p>Das ganze Steppenschiff lehnte sich zur Seite. Die Ko bolde auf dem Gesch�tzdeck unter ihm kreischten in Panik. Und noch weiter unten keilten die Ochsen aus und br�llten ihre Angst heraus.</p><p>Orgrim rutschte zusammen mit Tauen, Kobolden, Kisten und steinernen Gesch�tzkugeln �ber das sich immer steiler erhebende Deck. Der Troll ruderte mit den Armen und versuchte etwas zu packen bekommen, was ihm Halt gab. Doch nichts in der Welt schien mehr fest an seinem Ort zu stehen. Er schlug hart gegen den Laufgang der r�ckw�rtigen Zinnen. Neben ihm wurde ein Kobold von einer rollenden Steinkugel zermalmt.</p><p>Der Troll drehte sich. Griff nach den Zinnen und erinnerte sich an seine eigenen Worte.</p><p>Er durfte nicht hier springen. Nicht hier!</p><p>Neben ihm warf sich der Gesch�tzf�hrer der Kobolde �ber Bord.</p><p>Orgrim trampelte �ber Gest�rzte hinweg. Immer steiler ragte das Deck zum Himmel.</p><p>Im Inneren des Steppenschiffs h�rte er H�lzer brechen. Ein Torsionsgesch�tz aus dem unteren Deck schlug durch die Bordwand, verfing sich mit seinen Armen aber in dem klaffenden Loch, das es geschlagen hatte, und st�rzte hinab.</p><p>Die Rah des Mastes bohrte sich in die Grasnabe. Ein Zittern durchlief das Steppenschiff. Orgrim erklomm den Wehrgang und setzte einen Fu� auf die Zinnen.</p><p>Ein Pfeil streifte seine Schulter. Der Feldherr wusste, dass die d�nne Rah das gewaltige Gewicht des Steppenschiffs nicht halten konnte. Er stie� sich vom Wehrgang ab.</p><p>Im selben Augenblick zersplitterte die Rah, und der riesige Karren st�rzte.</p><p>Orgrim landete hart. Ein Bein knickte um. Der Kriegshammer, den er am G�rtel trug, schlug ihm tief in die Achselh�hle. Stechender Schmerz pochte in seinem Knie.</p><p>Das gest�rzte Steppenschiff lag so nah vor ihm, dass er es mit ausgestreckter Hand ber�hren konnte. Er hatte Gl�ck gehabt, entkommen zu sein. Die meisten, die �ber die L�ngsseite gesprungen waren, waren dem st�rzenden Koloss nicht entkommen.</p><p>Orgrim sah Zargub und wandte den Blick ab. Was f�r ein Ende! Fast h�tte der Rudelf�hrer es geschafft� Fast�</p><p>Das Steppenschiff war so massig, dass sich durch seinen Sturz nur rechts und links zwei schmale L�cken ge�ffnet hatten. Selbst querliegend stellte der massige K�rper des riesigen Karren f�r Kentauren noch ein un�berwindliches Hindernis dar.</p><p>Orgrim zog sich hoch und versuchte vorsichtig sein linkes Bein zu belasten.</p><p>Unm�glich. Sofort stach ein Schmerz durch sein Knie, als habe ihm jemand einen Dolch ins Gelenk gesto�en.</p><p>Durch die L�cke neben ihm preschten einige Kentauren aus Uttika ins Innere der Schiffsburg. Die Handwerker und Stra�enarbeiter, die durch den Sturz des Steppenschiffs ohnehin schon geschockt waren, liefen panisch davon. Aber in dem v�llig �berf�llten Kreis zwischen �u�erer und innerer Wagenburg gab es keinen Platz zum Fl�chten. Sie strauchelten �bereinander oder versuchten unter die Steppenschiffe zu kriechen.</p><p>Immer mehr der in Bronze gewappneten Uttiker kamen durch die beiden Engen.</p><p>Tagelang hatten sie vergeblich gegen die waffenstarrende Schiffsburg angek�mpft.</p><p>Dutzende ihrer Krieger waren durch die Steinkugeln der Torsionsgesch�tze zerrissen worden. Nun kannten die Uttiker keine Gnade mehr. Sie machten jeden nieder, der ihnen vor ihre wuchtigen Doppelschwerter kam, merkw�rdige Waffen, die aussahen, als habe man auf einen armlangen Griff zwei Schwertklingen gesteckt, so dass eins in jede Richtung wies. Sie vermochten diese t�ckischen Waffen wie Windm�hlenfl�gel zu drehen und waren t�dlich schnell im Wechselspiel von Parade und Angriff.</p><p>Orgrim zog den Kriegshammer aus seinem G�rtel. Er war hier, um die Arbeiter an der verr�ckten Stra�e des K�nigs zu besch�tzen. Und er war noch in der Lage, seinen Kriegshammer zu halten. Er w�rde sich nicht einfach in den Schatten ducken und darauf hoffen, dass die Bronzereiter ihn nicht entdeckten!</p><p>Er musste sich mit der Linken an der Flanke des gest�tzten Wagens festhalten, um sein verletztes Bein zu entlasten. Die Kobolde auf den angrenzenden Steppenschiffen reagierten auf die Eindringlinge. Sie besetzen die Windenarmbr�ste, die zum Lager hin wiesen, und begannen zu schie�en. Doch trafen sie nicht nur Kentauren.</p><p>Orgrim trat in die Bresche. Ohne eine Herausforderung zu rufen oder f�rmlich den Kampf zu erkl�ren, lie� er seinen Kriegshammer niedersausen und zerschmetterte einen Bronzehelm. Der Trollf�rst war so gro� und wuchtig, dass er allein die halbe Bresche f�llte.</p><p>Alarmrufe gellten durch die Reihen der Uttiker. Feige waren sie nicht. Die hochgewachsenen Kentauren wichen nicht vor ihm zur�ck, wie ihre Vettern aus der Steppe es getan h�tten. Sie riefen ihm Schm�hungen entgegen und griffen an. Die Kentauren im Innern des Wagenkreises hatten noch nicht bemerkt, dass durch eine der beiden Engstellen keine Verst�rkung mehr kam.</p><p>Orgrim stand mit dem R�cken zum Steppenschiff, so dass er von dort nicht angegriffen wurde, und verwehrte den nachr�ckenden Feinden den Durchgang. Schon hatten einige Kobolde auf dem Steppenschiff, das ihm gegen�berstand, die gr��er werdende Gruppe von Kentauren als lohnendes Ziel f�r ihre Armbr�ste entdeckt.</p><p>�Ich habe geh�rt, eure Steppenbr�der nennen euch auch Goldbr�stchen�, rief Orgrim den Uttikern entgegen. �Glaubt ihr, eure R�stungen helfen gegen das hier?� Er hob drohend seinen Kriegshammer.</p><p>Ein Kentaur mit kupferrotem Bart preschte vor. Geschickt duckte er sich am schwingenden Kriegshammer vorbei, um geradewegs in einen linken Haken zu laufen.</p><p>Orgrim hatte auf den Hals den Angreifers gezielt, doch er traf nicht richtig. Seine Faust prallte gegen die spitz zulaufenden Wangenklappen des Helms. Das Metall riss ihm den Handr�cken auf, aber der wuchtige Hieb holte den Kentauren von den Hufen. Noch bevor er sich wieder auf-rappeln konnte, fuhr Orgrims Kriegshammer nieder.</p><p>�Will jemand dem Kerl Gesellschaft leisten?�</p><p>Zorn und Angst hielten sich bei den Uttikern die Waage. Sie fluchten, hoben drohend die Waffen, doch es dauerte eine Weile, bis ein weiterer Krieger den Mut fand anzugreifen. Er schwang eines der t�dlichen Doppelschwerter und lie� es so schnell wirbeln, dass die Bewegungen zu flie�endem Silber verschmolzen. Orgrim wusste, dass er mit seiner schwerf�lligen Waffe niemals einen dieser Hiebe w�rde parieren k�nnen. Er lie� den Kentauren kommen und hob den Kriegshammer, als wolle er jeden Moment zum Schlag ausholen. Doch dann stie� er die Waffe gerade vorw�rts. Es war ein Angriff, wie man ihn eigentlich nicht mit einem Hammer f�hrte. So konnte nicht die ganze zermalmende Kraft des Hammerkopfes eingesetzt werden. Das Doppelschwert traf auf den z�hen Holzschaft der Waffe. Es gab einen m�chtigen Ruck.</p><p>Die Stahlklinge prallte zur�ck und traf den Kentauren am Helm. Es war ein Wunder, dass ihm die Waffe nicht aus der Hand gerissen worden war.</p><p>Orgrim versetzte ihm eine wuchtige Ohrfeige mit der Linken. Seine Hand klatschte auf den Helm. Der Kopf des Kriegers wurde zur Seite gerissen.</p><p>Der Kentaur wollte t�nzelnd zur Seite ausweichen, trat aber auf den Kadaver seines gefallenen Gef�hrten und strauchelte. Im selben Augenblick lie� Orgrim erneut den Kriegshammer niederfahren. Diesmal war es ein Hieb mit der vollen Wucht der Waffe.</p><p>�Ist das alles, was ihr zu bieten habt?�, spie er ihnen entgegen. Durch die Enge konnten ihn h�chstens zwei Krieger zur gleichen Zeit angreifen. Und mit jedem Gefallenen erhob sich der Schutzwall aus Fleisch vor ihm h�her. �Mehr habt ihr nicht zu�... �</p><p>Zwischen den Uttikern erschien eine Elfe. Orgrim hatte das Gef�hl, sie schon einmal gesehen zu haben. Ihr Gesicht war mit dem rotbraunen Saft des Dinko-Buschs bemalt. Stilisierte Wolfsk�pfe schm�ckten ihre Wangen. Das Haar hatte sie zu einem straffen Zopf zur�ckgebunden. Sie sah ihn, zog in flie�ender Bewegung einen Pfeil aus dem K�cher, legte ihn auf die Sehne, spannte und schoss, scheinbar ohne zu zielen.</p><p>Ein wuchtiger Schlag traf Orgrim im Oberarmgelenk. Sengender Schmerz trieb ihm Tr�nen in die Augen. Seine rechte Hand �ffnete sich gegen seinen Willen. Der Kriegshammer fiel ins zertretene Gras. Er versuchte den Arm zu bewegen, doch der Schmerz brannte in seinen Nerven, so dass ihm schwarz vor Augen wurde. Er konnte den Arm nicht mehr bewegen.</p><p>�Geht hin und t�tet ihn�, rief die Elfe. Und die Uttiker folgten ihrem Befehl.</p></section><section><title><p>Der letzte Gardist</p></title><p>Adrien konnte Kampfl�rm h�ren, doch im dichten Wald war er sich nicht ganz sicher, aus welcher Richtung die Ger�usche kamen. Er lie� die Z�gel locker. Sein Pferd fand immer den Weg in die Schlacht.</p><p>Der junge Ritter duckte sich unter einem tief h�ngenden Ast hindurch. Eine B�e fuhr rauschend durch das dichte Bl�tterdach von Eichen und Buchen. Der Boden war schlammig. Vor einer Stunde noch hatte es geregnet. Es regnete viel zu oft hier. Er mochte die W�lder Drusnas nicht. Sie waren zu nass. Zu dicht. Zu feindlich.</p><p>Eine Bewegung im Astwerk einer Eiche lie� ihn aufblicken. Er sah einen Fu�. Etwas weiter links schimmerte Metall durch das dichte Bl�tterdach. Kaum einen Herzschlag lang.</p><p><emphasis>Hast du sie gesehen?</emphasis></p><p>�Zwei, w�rde ich sagen.�</p><p><emphasis>Wenn man zwei sieht, sind es mindestens drei.</emphasis></p><p>Adrien l�chelte. Sein Schimmel liebte es, das letzte Wort zu haben.</p><p><emphasis>Wie machen wir es?</emphasis></p><p>�Arglos. Das gl�ckt immer ganz gut.�</p><p><emphasis>Du verl�sst dich zu sehr auf deine R�stung, Junge.</emphasis></p><p>�Ich vertraue auf Gott.�</p><p><emphasis>Erz�hl mir nichts! Du vertraust auf deine R�stung und f�hrst leichtfertig den Namen Tjureds im Munde, du scheinheiliger Tunichtgut.</emphasis></p><p>Adrien kratzte sich unter der linken Achsel. So war seine Hand dicht �ber dem Schwertgriff, und er hoffte, dass die M�nner im Baum dennoch nicht misstrauisch wurden.</p><p>Der Schimmel bewegte sich genau auf die Eiche zu. Ein gellender Todesschrei �bert�nte den Kampfl�rm. So oft hatte er solche Schreie schon geh�rt. Er hasste den Krieg im Wald. Hier gab es keine Ritterlichkeit, nur Heimt�cke und Mord. Wenn er tats�chlich einmal einen gro�en Ritterorden gr�nden sollte, dann w�rde er in den Ordensregeln festschreiben, dass niemals in diesen dunklen W�ldern gek�mpft werden sollte. Die Ritter w�rden die Grenze Fargons verteidigen und die Gl�ubigen besch�tzen. Aber in den finsteren W�ldern der Heiden h�tten sie nichts verloren!</p><p>Ein b�rtiger Kerl sprang vom Baum herab hinter ihm in den Sattel. Ein Zweiter und Dritter landeten unmittelbar vor ihm auf dem weichen Waldboden. Etwas traf ihn in den R�cken, vermochte die R�stung aber nicht zu durchdringen. Er konterte mit einem Ellenbogensto� in den Magen.</p><p>Sein Pferd stieg. Ein Huftritt verwandelte das Gesicht des Drusniers, der den Fehler gemacht hatte, die Hand nach den Z�geln auszustrecken, in eine blutige Masse.</p><p>Adrien versetzte dem Mann hinter sich noch einen zweiten Sto�, der ihn zu Boden schickte. Der Ritter lie� sich aus dem Sattel gleiten.</p><p>Noch bevor seine F��e den Boden ber�hrten, hatte er sein Schwert gezogen.</p><p>Zwei weitere M�nner sprangen vom Baum. Der Ritter st�rmte vor. Er stie� den ersten von ihnen mit seinem Schild nieder, noch bevor er richtig auf den Beinen stand. Der andere schwang eine kurze Spaltaxt. Er war noch jung. Ihm spross gerade der erste Flaum auf den Wangen.</p><p>Adrien griff an. Mit der kurzen Axt war der Junge ihm hoffnungslos unterlegen.</p><p>Adrien t�uschte einen Hieb auf den Kopf an. Der Drusnier riss die Waffe hoch und versuchte zu parieren. Statt die Klinge niedersausen zu lassen, ging Adrien in Kontakt und rammte den Eberknauf des Schwertes ins Gesicht des J�nglings. Dessen Nase brach. Blut schoss ihm aus den Nasenl�chern und der aufgeplatzten Lippe. Er taumelte zur�ck. Ein Hieb mit der flachen Seite des Schwertes traf seine Hand. Die Axt fiel zu Boden. Adrien trat die Waffe zur Seite, so dass sie im dichten Unterholz verschwand.</p><p>�Ber�hr nie wieder diese Axt! Lauf in die W�lder und lebe!�</p><p>Adrien wandte sich ab. Keinen Augenblick zu fr�h. Der b�rtige Krieger, den er eben niedergesto�en hatte, war wieder auf den Beinen und griff an. Der Heide stie� einen markersch�tternden Schlachtruf aus. Er f�hrte einen Schwerthieb mit mehr Wut als Geschick. Adrien machte sich nicht die M�he, den Schlag zu parieren. Er wich aus und lie� den Mann an sich vorbeitaumeln; dabei sah er, wie sein Schimmel einen weiteren Drusnier zu Tode trampelte. Manchmal war das Pferd ihm unheimlich!</p><p>Sein Gegner hatte sich gefangen und griff erneut an. Ein wahrer Hagel von Schl�gen ging auf Adrien nieder. Der Barbar hatte dabei noch genug Atem, ihm irgendwelche wirren Beleidigungen �ber das Liebesleben seiner Mutter ins Gesicht zu br�llen.</p><p>�Betest du auch den Gott der blauen Priester an?�</p><p>Adrien trat einen Schritt zur�ck. �Warum?�</p><p>�Alle erz�hlen, dass der wei�e Ritter diesem Tjured dient. Vergiss diesen Gott. Das ist ein Gott f�r Weichlinge und zahnlose alte Weiber. Kein Kriegergott. Gestern haben wir einen der blauen Priester gefangen. Nachdem wir ihm zwei Finger abgeschnitten hatten, hat er uns allen winselnd die F��e saubergeleckt. Kein Priester aus unseren To-tenhainen w�rde so etwas tun, und wenn man ihn noch so lange pr�gelt. Dein Priester hingegen hat sogar den Arsch seines Pferdes gek�sst, damit wir ihn laufen lassen.�</p><p>�Was habt ihr mit ihm gemacht?�, fragte Adrien k�hl.</p><p>�Dasselbe, was ich mit dir tun werde. Wir haben ihm den Schwanz abgeschnitten und ihn unseren Jagdhunden �berlassen. Du h�ttest sehen sollen, wie ��</p><p>Adriens Klinge stie� vor. Pfeilschnell. Es war ein gerader Sto�, der dem Drusnier die Z�hne zerschmetterte, bevor der Stahl durch dessen Gaumen drang.</p><p>Mit einem Ruck befreite Adrien seine Waffe.</p><p>Hinter sich h�rte er platschende Schritte auf dem Waldboden. Sie waren nah! Er lie� sich auf ein Knie fallen und stie� das Schwert unter seiner linken Achsel hindurch. Er sp�rte einen kurzen Widerstand. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass die Klinge etwa eine Hand breit unter dem Nabel des Jungen getroffen hatte.</p><p>Er drehte die Waffe leicht und zog sie zur�ck. Mit einem gurgelnden Schrei fiel der Junge gegen seinen R�cken. Adrien stie� ihn fort.</p><p><emphasis>Eines Tages wird deine verdammte Ritterlichkeit dich noch umbringen. Man dreht einem Feind nicht einfach den R�cken zu, wenn man Gelegenheit hatte, ihn zu t�ten!</emphasis></p><p>�Das ist der Unterschied zwischen denen und mir.�</p><p><emphasis>Nein, das ist einfach nur dumm!</emphasis></p><p>�Es muss einen Unterschied geben.� Er blickte auf die Toten und Sterbenden. �Es muss einen Unterschied geben! Es darf nicht sein, dass wir alle gleich sind! Dann w�re dies hier nur Wahnsinn!�</p><p>Der Schimmel schnaubte.</p><p>Der Schlachtl�rm vor ihnen im Wald hatte nachgelassen.</p><p><emphasis>Du kommst zu sp�t.</emphasis></p><p>Adrien sa� auf. Das durfte nicht sein. Irgendwo dort vorne im Wald war der Mann, den alle nur den Dicken nannten. Der letzte der versetzten Stadtgardisten aus Nantour, der noch lebte. Der letzte Mann, der ihm noch sagen konnte, was aus Elodia geworden war.</p></section><section><title><p>F�hrungslos</p></title><p>Baidan konnte es nicht fassen. Sie hatten den R�ckzug verweigert! Sie wollten stattdessen weitere Verst�rkungen schicken. Sechstausend Koboldarmbrustsch�tzen.</p><p>Sie hatten ihn kein zweites Mal vor dem Kronrat sprechen lassen.</p><p>�Du darfst das nicht pers�nlich nehmen�, sagte sein Vater ruhig. �Es steckt mehr dahinter, als du ahnst. Sie bef�rchten, wenn sie sich in der Steppe zur�ckziehen, dann wird das ein Signal f�r Unzufriedene in ganz Albenmark sein. Die Enteignung der gro�en Verm�gen, die Abschaffung des Geldhandels und der Trollkodex haben viele m�chtige M�nner und Frauen zu Todfeinden des Kronrats gemacht. Wenn man eine gerechtere Welt schaffen m�chte, ist es unausweichlich, in Konflikt mit den Herrschenden zu geraten. Den einfachen Bauern und Handwerkern geht es besser. Es ist eine Freude, ihr Leben aufbl�hen zu sehen und auch zu wissen, dass die fetten Pfeffers�cke ihre G�rtel enger schnallen m�ssen, weil es schwerer geworden ist, auf dem R�cken anderer reich zu werden.�</p><p>Baidan hatte das Gef�hl, dass ein Fremder zu ihm sprach, so sehr hatte sein Vater sich in den letzten Jahren ver�ndert. Er redete buchst�blich in fremden Zungen. Seine Worte h�rten sich an wie eine der Streitschriften des Elija Glops. �In der Steppe wird jeden Tag f�r deine Ideen gestorben, Vater. Ist es das wert?�</p><p>�Wer die Welt ver�ndern will, muss Opfer bringen�... � Die Antwort kam so schnell; Baidan sp�rte, dass sie wohl einge�bt war. Selbst seinem Vater schien das bewusst zu werden. Er hielt inne, wirkte betroffen. �Es tut mir leid um die Toten und die Schrecken, die du dort erlebst. Aber die Snaiwamark-Karawane ist wichtig. Ihre Fracht muss wohlbehalten in den Norden kommen! Wir m�ssen zehn Jahre durchhalten, dann werden sich die Verh�ltnisse auf eine Art ge�ndert haben, dass sie f�r immer unumkehrbar sind. Jede Ver�nderung bedeutet Schmerzen und Aufruhr. Aber wir d�rfen unser Ziel nicht aus den Augen verlieren. Unser Ziel ist zutiefst ehrenwert. Es rechtfertigt jedes Opfer. Unsere Gesellschaft ist wie ein Schmetterling! Eine gefr��ige, zerst�rerische Raupe, ein Schrecken der Bauern, das war die Gesellschaft der Elfen.</p><p>Aber bald wird die Verpuppung beendet sein. Und was der abgestreiften Haut des alten Lebens entsteigt, ist ein wunderbarer Schmetterling!�</p><p>Er steckte wohl noch zu sehr in der alten Welt, um diesen Phrasen etwas abgewinnen zu k�nnen. Er w�rde seine Befehle ausf�hren. Er hatte den Weg des Kriegers gew�hlt.</p><p>Was hier auf Burg Elfenlicht geschah, war ihm fremd. Er wusste nicht einmal, was sich in den schweren Frachtkisten der Karawane befand, um die so erbittert gek�mpft wurde. �Bringst du mich noch zum Stern?�</p><p>Anderan nickte. �Es war gut, dich zu sehen, Sohn. Wir hatten zu wenig Zeit. Ich w�nschte, ich k�nnte dir mehr von den Wundern der neuen Welt erz�hlen, die wir erschaffen. Ich sp�re deine Missbilligung.� Er l�chelte ihn freundlich an. �Ich bin dein Vater. Glaube nicht, dass du</p><p>deine Gef�hle vor mir verbergen k�nntest. Du machst dasselbe verschlossene Gesicht, das du schon als kleiner Junge gemacht hast, wenn ich dir einen Ausflug zum Fischen in den Mangroven abgeschlagen habe.�</p><p>Sie gingen durch die weite Halle, die zum Thronsaal f�hrte. Trotz allen Schmutzes, der zerrissenen Seidenbanner, der ru�geschw�rzten Decke und eines Mosaikbodens, auf dem dicht an dicht Kuhfladen und anderer Unrat lagen, konnte man die einstige Pracht von Burg Elfenlicht noch immer sehen. Das war die Welt gewesen, die der Sieg der Trolle hinweggefegt hatte. Und nun�... War das ihre Zukunft? Schmutz und Unordnung! Oder war dies immer noch die Zeit des �bergangs, in der sich die neue Welt erst noch aus der Asche des Vergangenen erheben musste? Baidan schmunzelte, jetzt gebrauchte er auch schon Phrasen, die sich anh�rten, als habe der gro�e Elija Glops sie ersonnen. Oder aber sein Vater. Anderan, der Herr der Wasser, war ein bedeutender Mann geworden. Einer der engen Vertrauten Elijas.</p><p>Der Thronsaal war leerer als bei seiner Ankunft. Die Trollwachen schliefen fast alle.</p><p>Eine Koboldmutter hatte ihr Kind in das Schneel�wenfell auf dem Thronsessel gebettet und war ersch�pft neben ihm eingeschlafen. Niemand st�rte sich daran. Baidan entschloss sich, dies als das Bild der neuen Welt, die sein Vater erschaffen wollte, im Herzen zu behalten.</p><p>Die vier Lutin, die in der Mitte des Schlangenmosaiks beieinander kauerten, wirkten m�de. Ganz offensichtlich kannten sie seinen Vater. Als er auf sie zuging, erhoben sie sich und gr��ten freundlich. �Mein Sohn ist Gesandter des Kronrats.� Er sagte das voller Stolz. Baidan sp�rte einen Klo� in seinem Hals aufsteigen. So stolz war sein Vater nicht mehr auf ihn gewesen, seit er vor vielen Jahren eine Winkerkrabbe erlegt hatte, die fast so gro� wie er selbst gewesen war.</p><p>��ffnet f�r ihn ein Tor zur Snaiwamark-Karawane. Er reist mit dringenden Nachrichten f�r den Herzog Orgrim.� Jetzt klang die Stimme seines Vaters anders. Hart. Befehlsgewohnt. Anderan war von Geburt an ein F�rst gewesen. Doch so hatte er fr�her nur gesprochen, wenn er zu Gericht sa�. Burg Elfenlicht hatte ihn ver�ndert.</p><p>Einer der Fuchsm�nner sprach ein Wort der Macht.</p><p>Baidan sah, wie sich das Kind auf dem Schneel�wenfell unruhig im Schlaf wand. Die Schlangen des Mosaiks schienen lebendig zu werden. Eine wurde zu smaragdenem Licht und erhob sich.</p><p>Kein einziger Schl�fer im Saal erwachte! Sie hatten die Magie entzaubert, dachte Baidan. Sie ins Allt�gliche hinabgezerrt. Die Goldenen Pfade der Alben wurden zum Viehtrieb genutzt. Er wusste, dass ihr Lager im Windland nicht anders zu versorgen war. Und doch machte es ihn traurig. Eine Welt, die ihre Geheimnisse und Wunder verlor, war eine traurige Welt.</p><p>Sein Vater trat neben ihn und schlug ihm derb auf die Schulter. So etwas hatte er fr�her nie getan. �Pass auf dich auf, Junge.�</p><p>Baidan betrachtete den Mann, der sich so sehr ver�ndert hatte. �Du auch, Vater�, sagte er leise. Dann trat er durch den Bogen aus Licht. Sofort umgab ihn Finsternis, in der allein der schmale goldene Pfad vor seinen F��en Schutz verhie�. Er f�hlte sich belauert. Ein klammes Gef�hl machte sich in seinem Bauch breit.</p><p>Baidan ging mit schnellen Schritten. Dann �ffnete sich vor ihm das zweite Tor. Hastig trat er hindurch - und wurde in ein Chaos aus Schreien, Hitze und Rauch geworfen.</p><p>Fast w�re er in das sich schlie�ende Tor zur�ckgetaumelt. Ein Lutin mit angstweiten Augen zerrte ihn vom Albenstern fort. �Kommt Hilfe?�, schrie der Fuchsmann.</p><p>Baidan brauchte Zeit, um sich zu sammeln.</p><p>�Kommt Hilfe?�, drang der Lutin erneut auf ihn ein.</p><p>Der Horizont jenseits des �u�eren Wagenkreises stand in Flammen. Einzelne Pfeile steckten im Boden. Im inneren Kreis! Das war noch nie geschehen. Die hohen Wagen des inneren Kreises verstellten ihm den Blick auf die Ereignisse, doch konnte es keinen Zweifel daran geben, dass die Kentauren es irgendwie geschafft haben mussten, die �u�ere Verteidigungslinie zu �berwinden.</p><p>Baidan sah sich nach dem Wagen mit dem Stander des Kommandanten um. �Orgrim ist gefallen!�, rief der Lutin. �Wir sind alle verloren, h�rst du! Orgrim ist tot!�</p><p>Baidan weigerte sich, das zu glauben. Er lief auf den h�chsten Wagen der inneren Verteidigungslinie zu. Trupps von Trollen standen unt�tig herum. Sie wirkten verunsichert. Niemand gab ihnen Befehle. Konnte es stimmen, was der Lutin gesagt hatte?</p><p>Der Kobold erklomm die Sprossen an der Au�enseite des Wagens und enterte das Gefechtsdeck. Was er sah, raubte ihm den Atem. Kentauren waren durch den �u�eren Kreis eingebrochen. Zwei Wagen des �u�eren Kreises standen in hellen Flammen.</p><p>Orgrims Steppenschiff war gest�rzt.</p><p>Eine schwere Steinkugel zog dicht �ber Baidan hinweg. �Was geht hier vor? Wo ist der Kommandant? Wer gibt hier die Befehle?�</p><p>�Bruder�... � Ein blutbespritzter Kobold mit breiter gr�ner Sch�rpe stieg von der Gesch�tzplattform. �Der Kreis ist durchbrochen.�</p><p>�Das sehe ich!�, fuhr Baidan ihn w�tend an. �Was... � Da sah er den Troll. Neben dem Mast lag er lang hingestreckt. Sein Rumpf war eine einzige klaffende Wunde. �Wer?�</p><p>�Rustur�, sagte der Gesch�tzmeister. �Er hatte den Befehl �ber den inneren Kreis.�</p><p>Baidan kannte ihn. Er war einer der Vertrauten Orgrims gewesen. Ein Krieger, der f�r einen Troll ungew�hnlich besonnen gewesen war.</p><p>Es krachte. Ein Treffer ersch�tterte das Steppenschiff. Splitter flogen �ber das Gefechtsdeck. Etwas schrammte �ber Baidans Gesicht. Im Schanzkleid klaffte ein troll-kopfgro�es, gezacktes Loch.</p><p>�Elfen. Sie haben mindestens zwei der Steppenschiffe im �u�eren Ring gest�rmt. Wir wissen nicht genau, welche.�</p><p>Baidan stieg auf den Wehrgang. �Warum schie�en wir nicht?�</p><p>�Ein Befehl von Rustur. Dort unten sind zu viele Arbeiter�... Wir�... � Schrilles Trompeten �bert�nte jeglichen Kampfl�rm.</p><p>Erschrocken blickte Baidan nach links. Die Mammuts! Sie waren kurz davor, in Panik zu verfallen. Ihr Leitbulle warf wild den Kopf hin und her. Wenn die Mammutherde durchging, w�rden Hunderte sterben. Entweder rannten sie kopflos durch die Wagenburg und trampelten alles nieder, was ihnen vor die F��e geriet, oder aber sie st�rzten die Steppenschiffe um. Sie w�ren stark genug dazu. Dann w�rden die Kentauren �ber die Arbeiter kommen.</p><p>Baidan blickte zum Steppenschiff Orgrims. Die beiden L�cken waren eng. Nur einzelne Kentauren kamen hindurch. �Wo sind Orgrim und Zargub?�</p><p>�Mit ihrem Steppenschiff gefallen.�</p><p>Baidan fluchte leise. Er musste etwas unternehmen. Die Elfen hatten es geschafft, sie zu enthaupten. Al ihre Anf�hrer waren tot oder verschollen. �Du wei�t, wer ich bin, Gesch�tzmeister?�</p><p>�Ja ��</p><p>�Ich �bernehme hiermit das Kommando. Mein erster Befehl ist, dass ihr auf die Wagen zur�ckschie�t, die uns beschie�en.�</p><p>�Aber Rustur�... �</p><p>�Rustur ist tot. Ich �bernehme den Befehl, und du gehorchst mir, Bruder! Ich trage die Verantwortung. Ihr schie�t, und du l�sst sofort Signal setzen, dass alle Wagen im �u�eren Kreis zu beschie�en sind, bei denen der Verdacht besteht, dass sie von Elfen besetzt sind.�</p><p>�Daf�r gibt es kein Signal.�</p><p>�Dann schickst du Boten, verdammt nochmal. Und ich rate dir, meine Befehle ernst zu nehmen. Ich gehe jetzt dort runter zu den Trollen, und wenn ich wiederkomme und wei�, dass meinen Befehlen nicht Folge geleistet wurde, dann lass ich dich an der Rah dieses Steppenschiffs aufkn�pfen. Vergiss nicht, ich bin ein Vertrauter Orgrims. Ich werde deine Hinrichtung durchsetzen, und wenn ich daf�r bis zum Kronrat gehen muss, in dem mein Vater sitzt. Schick jetzt Boten los. Sofort!�</p><p>Der Gesch�tzmeister nahm die Beine in die Hand. Wieder sah Baidan auf das Durcheinander. Wann w�rden die Elfen die Brandkugeln in den besetzten Steppenschiffen finden? Wie lange blieben die Mammuts noch ruhig? Er musste handeln. Die Einzigen, die jetzt noch Rettung bringen konnten, waren die Hornschildechsen der Lutin.</p><p>Baidan kletterte vom Steppenschiff hinab und ging geradewegs zu dem Trupp Trolle, der im inneren Kreis lagerte. �Wer f�hrt hier den Befehl?�</p><p>Ein riesiger Krieger mit vernarbter Schnauze trat vor. Er sah aus, als habe ihn ein Stiertritt ins Gesicht getroffen. Seine Oberlippe war zerfetzt, so dass man seine Z�hne sehen konnte. Baidan erinnerte sich, den Kerl schon einmal gesehen zu haben.</p><p>Hoffentlich erinnerte sich der Troll auch an ihn. �Orgrim schickt mich! Ihr sollt mich zu den Hornschildechsen bringen.�</p><p>�Orgrim ist nicht tot?�, fragte der Rudelf�hrer misstrauisch.</p><p>�Wie sollte er mich dann mit einem Befehl zu dir schicken?�</p><p>Der Troll nickte langsam. Baidan war sich nicht ganz sicher, ob der Rudelf�hrer ihm glaubte. Doch zumindest war dem Kerl klar, dass es dumm war, noch weiter herumzustehen und auf einen echten Befehl zu warten, der wom�glich niemals kommen w�rde.</p><p>Baidan musste den Kopf in den Nacken legen, um zu dem Troll aufzublicken. Der Kerl war selbst unter seinesgleichen ein H�ne. Baidan ging ihm nicht einmal bis zum Knie. �Du bringst mich mit den zehn besten deiner M�nner als Begleitschutz zu den Hornschildechsen. Alle �brigen gehen die Kentauren an, die in den Wagenkreis eingebrochen sind. Noch irgendwelche Fragen?�</p><p>Der Rudelf�hrer sch�ttelte den Kopf. Dann wiederholte er mit lauter Stimme Baidans Befehle.</p><p>Der Kobold deutete auf das niedrigste der Steppenschiffe. Es lag abgewandt von dem Durchbruch, den die Kentauren geschafft hatten. �Dort gehen wir r�ber zum �u�eren Kreis! Los!�</p><p>Baidan ging entschieden voran. Die Trolle �berholten ihn. Sie kletterten �ber die breiten Sprossen, die an die Au�enwand des Steppenschiffs genagelt waren, und hinweg �ber die hochgeklappten Kufen, die den riesigen Karren einmal �ber das Eis der Snaiwamark tragen w�rden.</p><p>Als der Kobold das Gefechtsdeck erreichte, kletterten bereits die ersten Trolle auf der anderen Seite des Steppenschiffs wieder hinab. Baidan gab dem Gesch�tzmeister den Befehl, auch mit seinem Wagen das Feuer auf Steppenschiffe zu er�ffnen, die er f�r von Elfen besetzt hielt.</p><p>Die niedergedr�ckte Stimmung der f�hrungslosen Krieger schlug um. Als Baidan �ber die Zinnen kletterte, um den Trollen zu folgen, begleiteten ihn Hurrarufe. Noch nie hatte ihn jemand mit Hurrageschrei angefeuert. Er hatte fast den Boden erreicht, als er auf einer blutbespritzten Sprosse abrutschte. Er st�rzte ins Gras. Benommen sch�ttelte er den Kopf. Dort, wo er eben noch geklettert war, steckte zitternd ein Pfeil im Holz des Steppenschiffs. Auch andere waren auf ihn aufmerksam geworden!</p><p>Die Trolle hatten ihre wuchtigen Schilde zur�cklassen m�ssen, um �ber den Wagen zu klettern. Der Rudelf�hrer stellte sich breitbeinig �ber ihn. �Komm auf meinen Arm, dann sind wir schneller.�</p><p>Es widerstrebte Baidans Stolz, wie ein Kind auf den Arm genommen zu werden. Aber ein einziger Blick auf das Lager machte klar, wie falsch es gewesen w�re, auf seinen Stolz zu h�ren. �berall hatten die Arbeiter nun begonnen, die Wagen des inneren Kreises zu best�rmen. Er sah, wie sich M�nner gegenseitig an die Kehle gingen, um an die Sprossenleitern auf den Au�enw�nden zu gelangen. Einige Gesch�tzmeister hatten offensichtlich Befehl gegeben, die Heranst�rmenden abzuwehren. Kobolde mit langen Speeren stachen an den Wagenseiten hinab. War ein Gefechtsdeck erst einmal voller Fl�chtlinge, dann w�rden die Gesch�tze nicht mehr feuern, ja, es stand zu bef�rchten, dass die gro�en Wagen kippen k�nnten, wenn ganze Trauben von Faunen, Minotauren, Kobolden und anderen an den Sprossenleitern hingen.</p><p>Baidan sah eine junge Elfe, die verzweifelt schreiend versuchte, ihr Kind zu den Zinnen emporzustrecken. Nicht weit entfernt fuhren Kentauren in Bronzer�stungen unter die Arbeiter. Wahllos hieben sie mit ihren Schwertern auf jeden ein, der in ihre N�he kam. Sie kamen der Elfe immer n�her�...</p><p>Sie warf das B�ndel mit ihrem Kind zu den Zinnen empor. Baidan sah, wie ein Kobold sich vorbeugte und versuchte es zu schnappen. Er erwischte nur einen Zipfel vom Tuch. Das B�ndel fiel zur�ck und verschwand in der Menge, die wie lebende Gischt gegen das Steppenschiff anbrandete.</p><p>�Trag mich�, stimmte Baidan mit tonloser Stimme zu. Der Troll hob ihn auf und begann zu laufen. Doch nun hatte sich ein Trupp der ger�steten Kentauren zwischen sie und die Hornschildechsen geschoben. Ihr Anf�hrer deutete mit einem wilden Schrei auf die Trolle. Dann preschten sie ihnen entgegen.</p></section><section><title><p>Der Ordensgr�nder</p></title><p>Adrien erreichte eine Lichtung. Sie war zum Schlachthaus geworden. Er hatte nach dem Entsatz f�r eine der entlegenen Waldburgen gesucht. Wie es schien, waren sie �berrascht worden, als sie gerade ihr Lager aufschlagen wollten. Es war nur ein kleiner Trupp. Zwanzig Krieger. Und er musste dabei sein. Wenn er noch lebte. Mehr als die H�lfte der M�nner war schon am Boden. Die Drusnier metzelten sie gnadenlos mit ihren gro�en �xten nieder.</p><p>Adrien trieb seinen Schimmel geradewegs in die K�mpfenden hinein. Diesmal waren es die Drusnier, die �berrascht waren. Sein Schwert sauste in funkelndem Bogen hinab.</p><p>Er hieb blindw�tig um sich. Panik brach unter den Heiden aus. Einige flohen zur�ck in den Wald. Die Krieger Fargons k�mpften nun mit neuer Hoffnung.</p><p>Adrien glitt aus dem Sattel und nahm seinen Schild. Er t�tete kaltbl�tig. Er wusste, dass er geschickter war als sie. Im Steinernen Wald hatte er nicht ermessen k�nnen, was er lernte. Doch nach den Jahren in Drusna war ihm klar, dass Jules unendlich viel mehr als nur ein Priester gewesen war. Ganz gleich, auf wen Adrien traf. Alle Gegner kamen ihm verglichen mit Jules langsam und ungeschickt vor. Wie ein Schnitter durch das Korn ging er durch die Reihen der Feinde. Die letzten Drusnier warfen ihre Waffen fort, um schneller laufen zu k�nnen. Keiner setzte ihnen nach.</p><p>Keuchend lie�en sich die �berlebenden Fargoner zu Boden sinken, wo sie gefochten hatten. Adrien blickte die M�nner an. Einen nach dem anderen.</p><p>�Danke�, sagte ein abgeh�rmter, hagerer Mann. Sein schwarzes Haar war vom Schwei� zu dicken Str�hnen verklebt. Blutspritzer sprenkelten sein Gesicht. Er stie� sein Schwert in den Boden und kam auf Adrien zu. �Danke.</p><p>Ohne dich w�ren wir jetzt alle tot. Du bist der wei�e Ritter. Der Kirchenritter, nicht wahr?�</p><p>Adrien nickte. Unter den Lebenden war kein Mann, auf den die Beschreibung zutraf, die er vom <emphasis>Dicken</emphasis> bekommen hatte. Clovis hie� er mit richtigem Namen.</p><p>�Wie kann ich dir danken?�</p><p>�Danke Tjured�, sagte Adrien, ohne den Mann weiter zu beachten.</p><p><emphasis>Du sol test ein wenig h�flicher sein. Du bist ein Ritter Gottes. Da sol test du ein anderes Benehmen an den Tag legen.</emphasis></p><p>Adrien straffte sich. Er zwang sich, den Blick vom Boden zu heben. Der Krieger, der vor ihm stand, war offensichtlich der Anf�hrer. Er trug einen teuren Schuppenpanzer.</p><p>Adrien l�chelte. Dann wurde ihm bewusst, dass man das durch seinen Maskenhelm nat�rlich nicht sehen konnte. Er lie� sein Schwert sinken, �ffnete den Helm und klemmte ihn unter den Arm. �Ich w�nschte, ich w�re fr�her bei euch gewesen.�</p><p>�Ich bin froh, dass du �berhaupt gekommen bist. Es ist ein Wunder! Ohne dich h�tten sie uns alle umgebracht. Dich hat wahrlich Tjured geschickt.�</p><p>�Vielleicht war es Vorsehung.� Er wollte dem Krieger nicht alle Illusionen nehmen.</p><p>�Ich bin hier, weil ich einen deiner M�nner suche. Clovis.�</p><p>Der Hauptmann sah ihn mit gro�en Augen an. �Der Dicke hat dich gekannt? Dich! Er hat nie davon erz�hlt.�</p><p>�Er hat ein M�dchen gekannt, das ich suche.�</p><p>Sein Gegen�ber sah ihn �berrascht an. Dass er nach einem M�dchen suchte, passte offensichtlich �berhaupt nicht in das Bild, das sich der Schwarzhaarige von ihm gemacht hatte.</p><p><emphasis>Jetzt musst du ihm nur noch sagen, dass sie eine � Dass sie ein M�dchen war, deren Gunst k�uflich war. Dann kannst du dir ganz sicher sein, dass man noch lange von dir reden wird.</emphasis></p><p>Adrien ignorierte Wei�er Donner. Er blickte �ber die kleine Lichtung. �War Clovis nicht bei deiner Truppe? Ich sehe ihn nicht.�</p><p>Der Hauptmann deutete auf ein Brombeerdickicht. �Er ist irgendwo dort hinten. Kaum dass wir angehalten hatten, hat er sich zur�ckgezogen. Er wollte sich�... erleichtern.�</p><p>Neue Hoffnung keimte in Adrien. Vielleicht hatte der Dicke es geschafft, unter die B�sche zu kriechen?</p><p>Der Hauptmann blieb zur�ck. Er k�mmerte sich um seine M�nner. Hielt er die Suche f�r aussichtslos? Adrien sah die Spuren der Angreifer im Gras. Sie kamen genau aus der Richtung, in die Clovis gegangen war. Aber wie leicht konnte man einen Mann �bersehen, der sich in ein Dornendickicht duckte!</p><p>Es dauerte nicht lange, bis er den letzten Stadtgardisten fand. Clovis� Hose war halb heruntergelassen und hatte ihn beim Versuch zu fliehen gehindert. Sie hing ihm immer noch um die Knie. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht im Dreck. Seine blaue Tunika war blutgetr�nkt. Ein Axthieb hatte ihn in den R�cken getroffen.</p><p>Adrien kniete sich neben dem Krieger nieder. Clovis� H�nde hatten den weichen Waldboden zerw�hlt. Er schien noch ein St�ck gekrochen zu sein. Der junge Ritter ber�hrte die Hand des Dicken. Sie war noch warm. Adrien schluckte. Er k�mpfte gegen die Tr�nen an. Mehr als zwei Jahre hatte er in Drusna nach den Stadtgardisten aus Nantour gesucht, die auf die verschiedensten Garnisonen verteilt worden waren.</p><p>Ein Fluch schien auf den M�nnern gelegen zu haben. Keiner hatte �berlebt. Jetzt hatte er auch den letzten verloren. Um wie viel war er zu sp�t gekommen, um zu erfahren, wohin man Elodia gebracht hatte? Um eine Stunde? Oder zwei? War es Gottes Wille, dass er das M�dchen nicht fand? Sollte er sich mit all seiner Kraft der Schaffung des neuen Ritterordens widmen?</p><p>Ihm war kalt. Er hockte sich auf den Waldboden. Die Arme um die Knie gelegt. Er f�hlte sich kraftlos. Leer! Seit er den Steinernen Wald verlassen hatte, war Elodia immer sein erster Gedanke gewesen. Ihrer Spur zu folgen, hatte all seine Wege bestimmt. Die Aufgabe, zu der er eigentlich auserkoren war, hatte er str�flich vernachl�ssigt. Er hatte zwei Ordensh�user gegr�ndet. Aber das war mehr zuf�llig geschehen. Ohne Plan und �berlegung. Er hatte den Kriegern, unter denen er nach den Stadtgardisten suchte, von Tjured erz�hlt. Von der Idee, dass die Kirche einen bewaffneten Arm haben sollte, um sich selbst sch�tzen zu k�nnen. Manche der Krieger waren so begeistert gewesen, dass sie sich ihm anschlie�en wollten. Doch er wollte allein sein. Und so hatte er sie �berzeugt, dass es kl�ger war, wenn sie feste H�user gr�ndeten, um an einem Ort zu bleiben, wo ihr Orden wie eine Eichel zu einem starken Baum wachsen konnte. Sie hatten an seinen Lippen gehangen. Offenbar war es wahr, was Jules immer gesagt hatte. Es fiel ihm leicht, Menschen von etwas zu �berzeugen. Er war ein guter Prediger. Er hatte sie �berzeugt, dass es seine Aufgabe war, herumzuwandern und den neuen Orden bekanntzumachen, w�hrend sie die ersten Sch�sslinge h�ten sollten.</p><p>Adrien zog Clovis die Hosen hoch und schloss dessen G�rtel. Der untersetzte Krieger mit dem fleischigen Gesicht sollte nicht in der ganzen J�mmerlichkeit seines Todes als Rabenfra� im Wald liegen bleiben. Er dr�ckte Clovis die Augenlider zu. Der Gardist sollte eine anst�ndige Beerdigung haben. Mit ihm begrub er zugleich auch Elodia. Er hatte ihre letzte Spur verloren. Sie war jetzt wie tot. Vielleicht war sie das ja auch schon lange, und er war die ganze Zeit �ber nur einem Traum nachgejagt.</p><p>Adrien konnte seine Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten. Traum oder nicht, sie war, seit er Nantour verlassen hatte, das Ziel all seiner Bem�hungen gewesen. Die Gedanken an sie hatten ihm die Kraft gegeben, die endlosen Stunden des Laufens und Grabens im Tal der T�rme durchzustehen. Und als er in die Welt, die ihm fremd geworden war, zur�ckkehrte, hatte sie seinen Weg bestimmt. Wie ein Leuchtfeuer, das ein Schiff in gef�hrlicher See zum Hafen f�hrte. Nun gab es kein Leuchtfeuer mehr. Sein Schiff war dazu verdammt, immer auf See zu bleiben. Ziellos zu kreuzen und sich den St�rmen zu stellen, bis es eines Tages spurlos im dunklen Meer verschwand.</p><p>Hei�e Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. Nein, spurlos verschwinden w�rde er nicht! Er war Michel Sarti! Er w�rde den Orden vom Aschenbaum gr�nden, die Kirche besch�tzen und den Schwachen und Rechtlosen zur Seite stehen.</p></section><section><title><p>Kopf�ber in die Schlacht</p></title><p>Der Rudelf�hrer dr�ckte Baidan so fest an seine Brust, dass der Kobold fast keine Luft mehr bekam. Nie in seinem ganzen Leben hatte sich Baidan so hilflos gef�hlt wie in jenem Augenblick, als Trolle und die gro�en Kentauren aus Uttika mit wildem Kriegsgeschrei aufeinander zust�rmten. Wer das Pech hatte, ihnen in die Quere zu kommen, wurde gnadenlos niedergetrampelt.</p><p>Hinter ihnen kletterten immer weitere Trolle vom Steppenschiff hinab. Zu Beginn des Gefechtes w�rden sie in der Unterzahl sein.</p><p>Der Rudelf�hrer, der ihn im Arm hielt, f�hrte eine Kriegskeule mit einem gro�en, runden Steinkopf, um den sich knorriges Wurzelholz klammerte. Aus dem Steinkopf ragte ein Sto�zahn von einem Seeelefanten. Dass die Trolle keine vern�nftigen Metallwaffen verwendeten, w�rde eines Tages noch ihr Untergang sein.</p><p>�ber ihre K�pfe pfiffen Geschosse hinweg, kobold faustgro�e Steinkugeln, die von den leichteren Torsionsgesch�tzen auf den Gesch�tzdecken verschossen wurden. Mit lautem Scheppern prallten einige auf Brustpanzer und Helme der Uttiker. Erfreuliche L�cken klafften pl�tzlich in der Schlachtreihe ihrer Feinde. Dann trafen Trolle und Kentauren aufeinander.</p><p>Die Uttiker waren geschickte K�mpfer. Sie waren etwas mehr als zwei K�pfe kleiner als die Trolle, aber mit ihren massigen Pferdeleibern bestimmt nicht viel leichter. Zumindest kam es ihm so vor. Der Nahkampf wurde schnell zu einem m�rderischen Dr�cken und Schieben. Und es machte sich bemerkbar, dass die Trolle ohne Schilde ins Gefecht gezogen waren.</p><p>Sein Troll konnte mit seiner gro�en Keule im dichten Handgemenge nicht mehr richtig ausholen. Zweimal hob er wohl im Reflex den Arm, mit dem er ihn festhielt und an dem er sonst den Schild trug. Eine silberne Klinge hackte dicht an Baidans linkem Ohr vorbei in das Fleisch des Trolls. Nie w�rde Baidan das leise zischende Ger�usch vergessen, mit dem scharfer Stahl lebendes Fleisch zerteilt. Warmes, dunkles Blut durchn�sste Baidans Kleider. Der Troll stie� einen grunzenden Laut aus und rammte dem Uttiker mit einem graden Sto� den Seeelefantenzahn seiner Keule ins Gesicht.</p><p>Der Kentaur brach in die Knie. Der Rudelf�hrer dr�ngte in die L�cke der Schlachtreihe. Mit dumpfem Klatschen schlug ihm einer der kleineren Steine, die von den Torsionsgesch�tzen verschossen wurden, gegen die Stirn. Der Troll fluchte. Auch er wusste, dass dieses Geschoss wohl aus den eigenen Reihen gekommen war.</p><p>�Ich werde den Kerl finden, der das war�, versicherte Baidan.</p><p>Der Troll schien seine Worte nicht zu beachten. Kaum dass er durch die Reihe der Kentauren gebrochen war, drehte er sich um. Er holte weit mit seiner Keule aus und lie� die Waffe mit all ihrer zerst�rerischen Kraft auf den R�ckenpanzer eines Uttikers krachen. Er trat dem Sterbenden in den Pferderumpf und ging gleich den n�chsten Gegner an. Die Reihe der Uttiker brach auf. Einer der Kentauren ging den Troll an.</p><p>Baidan wurde hochgeschoben. �Setz dich in meinen Nacken und halt dich an meinen Ohren fest. Auf dem Arm st�rst du.�</p><p>Der Kentaur schaffte es, dem Angriff des Rudelf�hrers auszuweichen. Pfeifend ging die wuchtige Keule ins Leere, w�hrend das Doppelschwert des Uttikers einen t�dlichen Bogen beschrieb. Wieder war das zischende Ger�usch von zerteiltem Fleisch zu h�ren. Der Troll strauchelte. Ein klaffender Schnitt ging quer �ber seine Brust.</p><p>Als er in die Knie ging, f�hrte er einen Schlag nach den L�ufen des Kentauren. Der Uttiker stieg, um dem Hieb auszuweichen. Dann sausten seine massigen Hufe nieder.</p><p>Baidan sprang von den Schultern des Trolls und landete auf einem sterbenden Faun, der das Pech gehabt hatte, zwischen die K�mpfenden zu geraten.</p><p>Der Kobold sah, wie ein weiterer Uttiker auf den Rudelf�hrer eindrang und ihm aus sicherem Abstand mit Lanzenstichen zusetzte. �Lauf�, st�hnte der Troll und warf sich seinem Peiniger entgegen.</p><p>Baidan nahm all seinen Mut zusammen und rannte zwischen den stampfenden Pferdebeinen hindurch. Er schrie seine Angst hinaus. Alle rings herum schrien. In Wut, im Kampfrausch, vor Schmerzen. Er dachte an seinen Vater. An all die friedlichen Tage in Vahan Calyd. Er w�nschte, er w�re noch einmal ein Kind und gemeinsam mit ihm weit drau�en in den Mangroven.</p><p>Vielleicht war es die Kraft dieser alten Erinnerungen, die ihn lebend aus dem Gefecht von Kentauren und Trollen trug. Vielleicht war es auch einfach nur Gl�ck. Er erreichte die Hornschildechsen. Schreiend und winkend versuchte er auf sich aufmerksam zu machen. Die Lutin hatten alle Strickleitern hochgezogen. Frauen und Kinder bemannten die schweren Armbr�ste. Das Fuchsvolk baute seine H�tten auf den breiten R�cken der gro�en Echsen. Die kleine Herde hatte sich im Kreis aufgestellt. Sie waren eine Festung innerhalb der Festung. Eine lebende Festung! Die wuchtigen Hornkr�gen der Echsen bildeten einen Wall. Sie standen dicht an dicht, ihre drei langen, geschwungenen H�rner auf Schnauze und Stirn drohend gesenkt. Selbst Trolle w�rden z�gern, sie anzugreifen.</p><p>Sie kannten ihn! Sie mussten ihn erkennen. Er schrie sich schier die Seele aus dem Leib.</p><p>�Ich bin Baidan, Bote des Orgrim!�</p><p>Um ihn herum kreischten Hunderte andere, die in die Sicherheit der lebenden Festung gelangen wollten. �Holt mich herauf, oder auch ihr werdet verloren sein!� W�re er mit den verdammten Trollen hier, dann w�rden sie gewiss nicht z�gern, ihn auf die Echsen zu lassen. Hinter einem der Hornkr�gen entdeckte er Liza. Die junge Lutin f�hrte die Sippe, die mit der Snaiwamark-Karawane zog. Es war die Sippe, der auch Elija Glops entstammte. Sie waren als Erste ein B�ndnis mit den Trollen eingegangen.</p><p>W�rden sie jetzt als Erste zu Verr�tern?</p><p>Baidan trat zur�ck von den schreienden Fl�chtlingen, die sich um die unruhigen Echsen dr�ngten. Wenn er in der Menge auffallen wollte, dann musste er etwas v�llig anderes tun als die �brigen. Etwas Absurdes, mit dem er Aufmerksamkeit erregte.</p><p>Schreiend und fluchend verlor er sich zwischen all den anderen. Er war ein Anf�hrer!</p><p>Vielleicht der Letzte, der hier noch klar dachte und richtig entscheiden konnte. Er sp�rte, dass es ganz allein in seiner Hand lag, ob die Karawane die Schlacht �berstehen w�rde.</p><p>Baidan besann sich auf die Kunstst�ckchen, mit denen er als kleiner Junge seinen Vater erfreut hatte. W�rde das allein gen�gen? Er musste sicher sein. Die Zeit lief ihnen davon. In einer halben Stunde w�rde es zu sp�t sein, das Blatt noch einmal zu wenden.</p><p>Er zog sein Hemd aus. Er hatte sich angepasst. Er trug schon lange nicht mehr die klassischen Kleider der Holden, seines Volkes.</p><p>Er setzte sich und streifte die Stiefel ab. Dann zog er auch noch die Hose aus. Er verneigte sich vor den Echsen. Er war vielleicht drei�ig Schritt von ihnen entfernt. War er noch nah genug? W�rde Liza ihn erkennen k�nnen? Er streckte seine Glieder, winkte mit hoch �ber den Kopf erhobenen Armen und dann schlug er einen Salto r�ckw�rts. Er hatte das lange nicht mehr gemacht und landete unsanft auf seinem Allerwertesten. Sofort war er wieder auf den Beinen. Erneut winkte er mit den Armen.</p><p>Diesmal schlug er ein Rad.</p><p>Er lief zur�ck zu seinem Ausgangspunkt und winkte erneut. Er war der Verr�ckteste in einer Welt, die in Wahnsinn versunken war. W�rden sie ihn sehen? Er durfte nicht aufgeben! Wieder schlug er einen Salto. Und noch einen. Diesmal landete er auf den F��en.</p><p>Verzweifelt blickte er zu den Echsen. Er hob die Arme und winkte. Und diesmal winkte eine Gestalt hinter einem der Hornkr�gen zur�ck. Sofort lief Baidan auf die Echsen zu. Ein Lutin, der sich an einem Seil festhielt, kletterte an einem der Kragen hinab. Andere, die mit Speersch�ften nach den Fl�chtlingen schlugen, schirmten ihn ab. Tretend und um sich schlagend, schaffte es Baidan bis zur Echse. Der junge Lutin wurde noch ein wenig tiefer hinabgelassen. Baidan schaffte es, seine Hand zu packen.</p><p>Sofort wurde das Seil wieder hochgezogen.</p><p>�Liza!�</p><p>Die Lutin sah ihn absch�tzend an. Wie konnte sie inmitten dieses Mordens einfach ruhig zusehen. Sie ... Pl�tzlich begriff Baidan. Sie hatte entschieden, einfach abzuwarten. Und falls der innere Kreis bedroht wurde, w�rde sie mit den Hornschildechsen wom�glich eines der Steppenschiffe dort st�rzen und durch den Albenstern fl�chten. Sie waren Lutin. Niemand bewegte sich so geschickt durch das Goldene Netz wie sie. Sie w�rden entkommen, wenn sie es schafften, das magische Tor zu �ffnen.</p><p>Die Fuchsfrau trug ein kurzes, seitlich geschlitztes Kleid, dazu enge Hosen und Stiefel.</p><p>Sie sah sinnlich aus. Sie l�chelte. �Das ist selbst unter diesen Umst�nden ein ungew�hnlicher Aufzug.�</p><p>Baidan erwiderte das L�cheln. �Ich wei� eben, wie man selbst unter widrigsten Umst�nden die Aufmerksamkeit einer sch�nen Frau erregt.�</p><p>Ihr L�cheln entbl��te kleine spitze Z�hne.</p><p>�Du hast gro�es Gl�ck, dass die Schlacht dich nicht so sehr fesselt, dass du mich �bersehen h�ttest. Das ist auch ein gro�es Gl�ck f�r die Deinen.�</p><p>�Gl�ck? Ich verstehe dich nicht.�</p><p>�Rustur, der Troll, der den inneren Kreis befehligt, hat schon zwei Boten zu euch geschickt, ohne dass ihr seinen Befehlen gefolgt seid.�</p><p>�Hier sind keine Boten angekommen!� Sie deutete hinab auf das Gedr�nge. �Nur ein Troll kann auf die Idee kommen, dass mich in diesem Durcheinander ein Bote erreichen k�nnte.�</p><p>�Er h�lt dich f�r eine Verr�terin, Liza. Dich und deine ganze Sippe. Er tobt vor Wut.�</p><p>Ihre Augen wurden ein wenig schmaler. �Wie kommt er darauf, dass ich eine Verr�terin bin?�</p><p>�Nun, das liegt doch auf der Hand. Ihr tut das Naheliegende nicht, um die Schiffsburg zu retten. Wie viele Kentauren sind jetzt im �u�eren Kreis? Vierhundert? F�nfhundert?</p><p>Wer wei� ... Gewiss ist nur, es werden mit jedem Herzschlag mehr. Und ihr tut nichts, um die Breschen zu schlie�en. Ihr m�sstet nur mit den Hornschildechsen vorr�cken.</p><p>Mit ihren breiten Kragen k�nnten sie ganz leicht die Breschen blockieren.�</p><p>�Wir sind keine Krieger�, entgegnete sie k�hl. �Das K�mpfen �berlassen wir stets anderen.�</p><p>�Ich hatte bef�rchtet, dass du das sagen w�rdest. Dann lass mich bitte wieder herunter. Ich m�chte noch nicht sterben!�</p><p>�Du machst Scherze, Baidan.� Wieder ma� sie ihn vom Scheitel bis zur Sohle. �Jeder kann sehen, dass du in dieser Nacht zu seltsamen Scherzen aufgelegt bist.�</p><p>�Hast du auch gesehen, dass Rustur einige Wagen im �u�eren Kreis beschie�en l�sst?</p><p>Jedes Steppenschiff, bei dem auch nur der Verdacht besteht, dass es von Elfen besetzt ist und einen Schuss auf die innere Schiffsburg abgegeben hat, wird unter Feuer genommen. Und dabei ist ihm ganz egal, dass auch die Kobolde auf den Gesch�tzdecks unter dem Gefechtsdeck sterben. Kobolde, die an Orten k�mpfen, die kein Elf betreten kann, weil die Decks zu niedrig sind. Ich stand neben Rustur, als er dich und alle Lutin verflucht hat. Auf dem Gefechtsdeck seines Steppenschiffs gibt es eine gro�e Sanduhr. Man muss sie vier Mal in einer Stunde drehen. Als er mich zu dir geschickt hat, hat er sie drehen lassen und dem Gesch�tzmeister den Befehl gegeben, mit Brandkugeln auf die Hornschildechsen schie�en zu lassen, sobald das letzte Sandkorn durchgelaufen ist.�</p><p>Sie leckte sich �ber die Schnauze. �Das glaube ich nicht. Alle Lutin stehen unter dem Schutz K�nig Gilmaraks!�</p><p>�Du kennst Rustur, Liza. Als ich ging, hat er mir hinterhergeschrien, dass er euch lieber pers�nlich umbringen w�rde, als euch den Kentauren zu �berlassen. Und du siehst ja, was er mit den halb vom Feind besetzten Steppenschiffen macht. Lass mich bitte herunter! Das Viertel der Stunde muss bald verstrichen sein. Ich bin lieber dort unten zwischen den Hufen der Kentauren als hier oben, wenn sie anfangen, mit den Feuerkugeln zu schie�en.�</p><p>Lizas Augen durchbohrten ihn. Sie war nicht leicht zu t�uschen. Er trat ein St�ck zur�ck. �Das Seil�, sagte er ruhig. �Lebt wohl.�</p><p>�Halt!�</p><p>�Du wirst mich nicht aufhalten. Wenn du glaubst, Rustur w�rde nicht schie�en lassen, weil ich hier oben bin, irrst du dich. Ihm sind Koboldleben egal.�</p><p>Sie nickte. �Ich wei�.� Sie winkte einem jungen Lutin zu. �Wir nehmen Torkelschritt, Mondkragen, Wolfsbei�er und Zweisto�. Das sind allesamt erfahrene K�mpfer. Zieh dich mit den �brigen Echsen zum Inneren Kreis zur�ck. Sie sollen einen Halbkreis mit dem R�cken zu den Steppenschiffen bilden.�</p><p>Baidan jubelte innerlich. Er musste darauf achten, dass Liza es nicht bemerkte. �Bitte, beeil dich. Die Sanduhr kann jeden Augenblick durchgelaufen sein.�</p><p>�Er wird sehen, dass wir uns bewegen. Hornschildechsen sind keine Rennpferde.� Sie rief der Echse, auf der sie standen, etwas zu.</p><p>Ein junger Lutin brachte ihr zwei eiserne Halbkugeln, die von schmalen Schlitzen durchbrochen waren. �Hast du Mut?�</p><p>Baidan verstand nicht, was sie meinte. Daraufhin dr�ckte Liza ihm eine der Halbkugeln in die Hand. ��ber den Augenlidern sind drei eiserne Haken in den Knochenwulst eingelassen, der die Augen abschirmt. Da h�ngst du das ein. Hast du mich verstanden?�</p><p>Der Kobold sah sie verst�ndnislos an.</p><p>�Wir sind zu wenige, verdammt, und ich werde weder Kinder noch Alte zum Klettern dort hinabschicken. Was glaubst du, worauf Elfen und Kentauren schie�en werden, wenn die Hornschildechsen in den Breschen stehen? Die Augen sind ihre verwundbarste Stelle.�</p><p>�Du willst, dass ich mit nacktem Arsch �ber den Hornkragen einer �bellaunigen Riesenechse hinabsteige, um an ihren Augenbrauen dieses Ding hier aufzuh�ngen? Ich bin doch nicht verr�ckt!�</p><p>�Du schl�gst nackt Saltos mitten auf einem Schlachtfeld und erz�hlst mir, du seist nicht verr�ckt? Bitte, Baidan, nimm mich nicht auf den Arm.� Sie dr�ckte ihm ein Seil-ende in die Hand. �Komm jetzt!�</p><p>Mit diesen Worten stieg sie �ber den Hornkranz. Er schluckte. Verdammtes Lutinflittchen! Wenn er es ihr nicht nachtat, dann w�rde er bis ans Ende seiner Tage als ein Feigling gelten, der nicht wagte, zu tun, was sogar Frauen auf einem Schlachtfeld taten.</p><p>Er band sich das Seil um den Bauch und stieg �ber den Hornkragen der Echse. Ich h�tte die Mangroven nie verlassen sollen, dachte er verzweifelt. Das war �berfl�ssig!</p><p>Den Lutin bedeuteten die Echsen alles. Sie lebten mit ihnen. Aber ihm war vollkommen egal, ob eines dieser Viecher vielleicht ein Auge verlor. Es war Lizas Rache daf�r, dass er sie so sehr unter Druck gesetzt hatte. Dass er sie gezwungen hatte, die sichere, lebende Festung der Hornschildechsen aufzubrechen, um vielleicht die Schlacht zu retten.</p><p>Der gro�e Hornkragen war zwar nicht glatt, doch boten die feinen Rillen nicht einmal Koboldfingern Halt. Er schlitterte daran hinab und schrammte sich die Ellenbogen auf.</p><p>Mit dem Hintern voran landete er auf einem der wuchtigen Stirnh�rner. Es war un�berh�rbar, dass die riesige Echse es gar nicht mochte, wenn man auf ihrem Kopf herumkletterte. Sie schnaubte �rgerlich und sch�ttelte sich.</p><p>Baidan rutschte ein wenig vor, schob den Augenpanzer unter seine Brust und umschlang das Horn dann mit beiden Armen. �Schei�e!�, fluchte er. �Schei�e, Schei�e, Schei�e!� Was hatte er auf dem Horn eines Gesch�pfes verloren, vor dem sogar Trolle schreiend davonliefen, wenn sie halbwegs bei Verstand waren? Er war v�llig verr�ckt geworden!</p><p>Der Holde blickte zu Liza, um zu sehen, was sie tat. Er musste sich �bel den Hals verdrehen, um einen kurzen Blick zu erhaschen. Die Lutin hatte beide Beine um das Horn geschlungen und hing mit dem Kopf nach unten, um die eiserne Halbkugel �ber das Auge der Echse zu bringen.</p><p>Baidan wurde schlecht. Wenn sie es so machte, war das vermutlich die sicherste und effektivste Methode, um das R�stungsteil an den Haken aufzuh�ngen.</p><p>Wieder sch�ttelte die verdammte Echse den Kopf. Baidan klammerte sich krampfhaft am Horn fest. Er musste hier weg. Also sollte er m�glichst schnell den verfluchten Augenschutz anbringen. Je l�nger er hier blieb, desto sicherer w�rde er draufgehen. Er nahm all seinen Mut zusammen, presste beide Beine fest um das Horn, packte die eiserne Halbkugel und schwang sich mit dem Kopf voran hinab. Er blickte in ein Auge, das so gro� wie seine Hand war, wenn er die Finger spreizte. Ein gelbes Auge, mit geschlitzter, schwarzer Pupille. Es funkelte w�tend, und Baidan schwor sich, nie wieder in die N�he dieser Echse zu kommen, wenn die Schlacht vor�ber war. Das Vieh w�rde ihn in den Boden trampeln, wenn sie sich noch einmal begegneten.</p><p>�Ich will dich nicht �rgern. Ich will dich besch�tzen�, redete er auf die Echse ein. �Wir sind Freunde! Ich war schon immer ein Echsenfreund. Ich hab nie zu den Kindern geh�rt, die Echsen die Schw�nze abrei�en. Ehrlich!�</p><p>Seine H�nde zitterten, als er versuchte, den Augenschutz aufzuh�ngen. Und das bl�de Mistvieh sch�ttelte wieder den Kopf. �Ich will dir doch nur helfen!�, schrie er gleicherma�en emp�rt und verzweifelt.</p><p>Die drei Metallringe auf der eisernen Halbkugel waren klein. Und zu allem �berfluss waren sie auch noch beweglich und kippten immer wieder nach innen, wenn er versuchte, die Halbkugel aufzuh�ngen. Dabei sah er die ganze Zeit in das w�tende gelbe Auge. Die Echse w�rde ihn niemals vergessen!</p><p>�Bitte, bitte, bitte, halt doch einmal einen Augenblick lang still.�</p><p>Ein Pfeil schrammte �ber das Horn, auf dem er kauerte, und schlug in den gro�en Nackenschild der Echse. Baidans Herz raste. Jetzt sch�ssen auch noch irgendwelche Kentauren auf ihn. Zumindest schienen ihn noch keine Elfen entdeckt zu haben. Die h�tten getroffen!</p><p>Es war sein f�nfter Versuch, der die Halbkugel endlich zum Halten brachte. Er hatte es geschafft, die beiden �u�eren Ringe �ber die Haken zu bekommen, w�hrend der mittlere wieder umgekippt war. Das musste halten! Er w�rde es nicht nochmal versuchen.</p><p>Wieder sch�ttelte die Echse wild den Kopf. Sie musste jetzt so gut wie blind sein. Wie viel sie wohl durch die schmalen Schlitze in den Halbkugeln noch sehen konnte? Egal!</p><p>Das war nicht seine Sorge! Ein Speer verfehlte ihn knapp. Ein Steppenkentaur preschte neben der Echse her und versuchte ihn aufzuspie�en. Und er hing unbewaffnet kopf�ber von einem Echsenhorn herab.</p><p>Ein neuerlicher Speersto� streifte seinen R�cken. Baidan pendelte hin und her, um aus der Bewegung heraus den Schwung zu holen, wieder b�uchlings auf das Horn zu gelangen.</p><p>Er spuckte nach dem Kentauren. �Feigling!�, schrie er ihn an. Wenn er schon keine Waffe in der Hand hatte, konnte er wenigstens die Ehre des Steppenkriegers verletzen.</p><p>Der Kentaur wirbelte den Speer herum. �Du bist tot, Kleiner!�</p><p>Baidan schwang jetzt wie ein Blatt im Sturmwind. Und die Echse brachte ihn mitten hinein in die gr��te Ansammlung von Kentauren. Das war der einzige Weg zu den Breschen!</p><p>Ein neuerlicher Speersto� verfehlte ihn knapp. Er sp�rte sein Blut �ber den R�cken laufen. Wenn er den Hals verdrehte, tropfte es ihm ins Gesicht. Schmerzen sp�rte er nicht. Jetzt galoppierte noch ein zweiter Kentaur neben ihnen her.</p><p>Baidan packte hoch zum Horn, doch seine Hand glitt ab. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Steppenreiter versuchte, noch dichter an die Echse heranzukommen. Sein Arm fuhr zur�ck, um neuerlich zuzusto�en. Da brach die Hornschildechse aus ihrer Bahn aus, senkte den Kopf und f�hrte einen wuchtigen Sto� gegen die beiden Kentauren. Einen erwischte sie mit der Spitze ihres Horns, w�hrend der zweite Kentaur einfach nur zur Seite geschleudert wurde.</p><p>Jetzt riss sie den Kopf hoch. Der aufgespie�te Kentaur musste tot sein, dachte Baidan.</p><p>Dennoch zuckten L�ufe und Arme des Steppenkriegers noch. Blut lief �ber das Horn und rann Baidan warm die Beine herab.</p><p>�berraschend riss die Echse den Kopf zur Seite. Der Kadaver des Kentauren flog davon, und Baidan verlor den Halt. Hilflos am Seil pendelnd, rutschte er ab, bis er mit einem Ruck zum Halten kam. Er drehte sich und hing jetzt wenigstens mit den F��en voran nach unten. Das raue Seil schnitt ihm in die Achseln. Wie ein Halsschmuck baumelte er von der Echse hinab. Keinen halben Schritt �ber dem Boden.</p><p>Ein weiterer Kentaur kam heran. Ein Uttiker, der sein Doppelschwert wild schreiend �ber dem Kopf schwang.</p><p>Baidan packte das Seil mit beiden H�nden und zog sich mit der Kraft der Verzweiflung daran hoch. Dabei schwang er immer noch wild hin und her. Das war vielleicht sein bester Schutz gegen einen Angriff des Kentauren. Er prallte gegen die Brust der Echse.</p><p>Jetzt bem�hten sich die Lutin, ihn hochzuziehen. Baidan stie� sich den Kopf am unteren Rand des Hornschilds. Ein Schrei lie� ihn �ber die Schulter blicken. Das Schwert des Kentauren sauste auf ihn zu. Baidan zog die Beine an. Ein weiterer Ruck am Seil brachte ihn ein St�ck weiter hoch. Das Schwert strich so knapp an seinen Fu�sohlen vorbei, dass er den Luftzug sp�ren konnte.</p><p>Verzweifelt zog er weiter am Seil. Endlich wurde er �ber den Hornkragen gehoben.</p><p>Die Lutin legten ihn auf den breiten Nackensattel der Echse. Sein R�cken schmerzte.</p><p>Liza beugte sich �ber ihn. Ihre Lefzen waren zur�ckgezogen. So sah wohl ein L�cheln bei einer Lutin aus, aber Baidan hatte eher den Eindruck, dass sie ihn gleich bei�en w�rde. �Du hast lange gebraucht, Holder.�</p><p>�Wenn wir es das n�chste Mal machen, werde ich schneller sein.�</p><p>�Zweisto� findet, dass du Mut hast!�</p><p>�Zweisto�?�</p><p>�Der Name der Echse, auf der du sitzt�, entgegnete Liza. �Ich kann in seinen Gedanken lesen. Er meint auch, du solltest das n�chste Mal, wenn du auf seinem Kopf herumkletterst, weniger Unsinn reden. Und er ist erfreut dar�ber, dass du noch nie einer Echse den Schwanz abgerissen hast. Was er damit meint, verstehe ich nicht ganz.�</p><p>�Aber ich�, entgegnete Baidan l�chelnd. Er f�hlte sich leicht, ja unbesiegbar. Das Leben war sch�n!</p></section><section><title><p>Die Ahnung</p></title><p>Orgrim trat an das Lager, auf dem der kleine Kobold aufgebahrt lag. Seine braungr�ne Haut hob sich deutlich gegen das wei�e Laken ab. Er war ganz nackt. Man hatte ihn gewaschen. Die Wunde in seiner Brust klaffte wie ein kleiner, rotbrauner Krater in seinem Fleisch. Offensichtlich hatte jemand mit viel Kraft und wenig Geschick die Pfeilspitze herausgeholt.</p><p>Ein Kobold, der sein str�hniges Haar mit einem roten Stirnband b�ndigte, stand bei dem Toten. Au�er einem Lendenschutz war er nackt. Orgrim erinnerte sich, den Holden schon mehrfach bei den Versammlungen des Kronrats gesehen zu haben.</p><p>�Liza von den Lutin hat mir von ihm erz�hlt�, sagte der Troll. �Sie hat ihn auch hierhergebracht.� Orgrim hasste solche Augenblicke. Er wusste nie, was die richtigen Worte waren, wenn man von einem Toten Abschied nahm. �Er hat die Snaiwamark-Karawane gerettet. Und mich. Er hat die Breschen mit den Hornschildechsen geschlossen. Der Feind wurde zur�ckgeschlagen. �ber hundert Kentauren wurden gefangen genommen. Sie wurden gegen andere Gefangene ausgetauscht, die an den �brigen Baustellen in die H�nde der Steppenkrieger geraten sind.�</p><p>�Als er klein war, haben ihn die anderen Kinder immer geh�nselt, weil er den wirklich gro�en Krabben aus dem Weg gegangen ist. Er hatte Angst, sie k�nnten ihm einen Arm oder ein Bein abzwacken. Als Kind war er immer sehr besonnen. Seine Spielkameraden haben ihn oft Feigling genannt.�</p><p>Orgrim wollte dem Alten die Hand auf die Schulter legen, aber f�rchtete, sie beide k�nnten zu Boden st�rzen. Der Troll st�tzte sich schwer auf eine Kr�cke. Er hatte siebzehn Wunden davongetragen. Noch nie war er in einer einzigen Schlacht so oft verletzt worden. Ein Bein war gebrochen. Sein Schultergelenk durch einen Pfeil verletzt, so dass er den rechten Arm nicht bewegen konnte. Der Heiler, der ihn behandelt hatte, hatte gescherzt, er habe eine ganze Rolle Zwirn gebraucht, um ihn wieder zusammenzun�hen. Und so f�hlte sich sein Leib auch an. Seine Haut schien zu eng auf seinen Muskeln zu sitzen. Sie spannte �berall. Selbst die leichteste Bewegung bereitete ihm Schmerzen. Skanga und K�nig Gilmarak hatten ihm verboten, sich von seinem Lager zu erheben. Aber er musste zur Karawane. Er w�rde sie zur�ckbringen, ganz gleich, was der Kronrat ihm befahl. Baidan w�rde noch leben, h�tte er den Mut gehabt, diese Entscheidung ein paar Tage fr�her zu f�llen.</p><p>Der alte Kobold strich sanft �ber die Brust seines toten Sohnes. Er vermied es, die Wunde zu ber�hren. �Wie ...�</p><p>�Es war wohl einer der letzten Pfeile, die in der Nacht abgeschossen wurden. Er stand hinter dem Kragen einer Hornschildechse und f�hrte den Befehl an einer der beiden Breschen. Liza sagt, sie h�tten sieben Angriffe der Kentauren zur�ckgeschlagen. Das Gemetzel muss f�rchterlich gewesen sein. Eine der Echsen wurde get�tet. Ich wei� nicht, ob du jemals eine Hornschildechse gesehen hast, Holder. Sie im Nahkampf zu t�ten, ist wahrlich nicht leicht. Dein Sohn hat mich dort an der Bresche zwischen den Toten entdeckt und Befehl gegeben, mich hierher nach Burg Elfenlicht zu bringen. Sonst w�re ich wohl verblutet.� Orgrim stockte. Er h�tte niemals erwartet, dass er einmal einem Kobold sein Leben verdanken w�rde. Bisher hatte er ihre kleinen Verb�ndeten zwar freundlich behandelt, aber als Krieger hatte er stets hochm�tig auf sie herabgesehen.</p><p>Der Holde legte eine Pfeilspitze auf das wei�e Tuch der Bahre. �Das hier hat ihn get�tet.� Er stockte. �Wer ... Von wem ist dieser Pfeil?�</p><p>Orgrim konnte verstehen, dass sich der Vater diese Frage stellte, aber sie war absurd.</p><p>Was w�rde es ihm nutzen, zu wissen, wer den Pfeil abgeschossen hatte. Baidan wurde davon nicht mehr lebendig.</p><p>�Es ist kein Elfenpfeil ...� Er hob in hilfloser Geste die H�nde. �Es sind viele hundert Kentauren dort gewesen. Es ist unm�glich, herauszufinden, wer den Pfeil abgeschossen hat. Diese Gedanken werden nur dein weiteres Leben vergiften. Vergiss es besser.�</p><p>�Auf dem Pfeil ist ein kleines Zeichen. K�nntest du einen Blick darauf werfen, Bruder Herzog? Nur das. Bitte!�</p><p>Widerwillig nahm Orgrim das geschmiedete Eisen in die Hand. Es verursachte ihm keine Schmerzen, aber die Ber�hrung war ihm unangenehm. Tats�chlich gab es ein kleines, verschn�rkeltes Symbol auf der T�lle der Pfeilspitze. �Ein Schmiedezeichen.</p><p>Das ist in der Tat ungew�hnlich. Schmiede markieren R�stungen und Schwerter.</p><p>Gro�e Arbeiten. Aber eine Pfeilspitze ... Ich kenne mich nicht mit Schmiedezeichen aus, aber ich kann dir versichern, dass dich dieses Symbol zu der Werkstatt f�hren wird, in der dieser Pfeil entstanden ist. Mehr wei� ich dazu nicht zu sagen.�</p><p>�Danke�, sagte der Alte mit br�chiger Stimme. Er nahm die Pfeilspitze zur�ck. �Er war auch nie besonders kriegerisch ... Keiner, der es mochte, unter wehenden Bannern in eine Schlacht zu ziehen. Er versuchte K�mpfe zu ver meiden, wo es m�glich war. Er war kein Feigling! Aber doch anders als die meisten Krieger, denen ich begegnet bin. Ich war sehr �berrascht, als er mit der Snaiwamark-Karawane ging.�</p><p>�Er war einer meiner besten M�nner.� Dem Troll gingen die Worte aus. Was sollte man auch sagen? Du hattest einen guten Sohn? War das nicht Salz in die Wunde streuen?</p><p>Wortlos wandte er sich ab.</p><p>Schwer auf seine Kr�cke gest�tzt, hinkte er zu den weiten S�len, die zum Thronsaal f�hrten. Jede Bewegung bereitete ihm Schmerzen. Und es qu�lte ihn, wie er angestarrt wurde. Dass man ihm nachsah, war er seit langem gewohnt. Er war Orgrim, Herzog der Nachtzinne, Sieger in unz�hligen Schlachten, ein Troll, der vom einfachen Krieger zu einem der bedeutendsten Herz�ge Albenmarks aufgestiegen war. Doch jetzt, auf Kr�cken, �ber und �ber bandagiert. Auch dort, wo keine Verb�nde lagen, schillerte seine Haut in allen Farben, von Prellungen und kleinen Schnitten, die mit nur wenigen Stichen vern�ht waren. Er war ein Symbol des Untergangs, die Fleisch gewordene Niederlage!</p><p>Niemand hatte ihm bisher sein Kommando abgenommen. Und so lange dies noch nicht geschehen war, musste er die Zeit nutzen und die Karawane zur�ckholen. Er war zuversichtlich, dass er einen geordneten R�ckzug organisieren konnte. Allerdings w�rde er wohl etliche Steppenschiffe zur�cklassen m�ssen. Sein letzter Befehl w�rde lauten, die gro�en Karren in Brand zu setzen. Orgrim l�chelte bitter. Er konnte sich vorstellen, was K�nig Gilmarak dazu sagen w�rde. Wenn der junge K�nig nicht sein Gesicht verlieren wollte, m�sste er die Hinrichtung des Herzogs der Nachtzinne befehlen.</p><p>�Herzog?� Baidans Vater lief neben ihm her. �W�re es sehr vermessen, wenn ich mich dir anschlie�en m�chte? Ich w�rde gerne den Ort sehen, an dem mein Sohn sein Leben verloren hat.�</p><p>Orgrim seufzte. Er wollte den alten Kobold nicht bei sich haben. Andererseits w�rde er sehr bald auf F�rsprecher im Kronrat angewiesen sein! Es w�re dumm, Baidans Vater diesen Wunsch abzuschlagen.</p><p>�Du st�rst nicht im Mindesten! Im Gegenteil! Ich begr��e es, dass sich endlich ein Mitglied des Kronrates ein Bild vom Schlachtfeld machen m�chte. So wird es meinem n�chsten Boten vielleicht leichterfallen, offene Ohren f�r meine Sorgen zu finden.�</p><p>Er sah, wie sehr die Worte dem Alten zusetzten. Inzwischen wusste Orgrim, dass Baidans Mission vor dem Kronrat gr�ndlich fehlgeschlagen war.</p><p>�Verst�rkungen�, brummte der Troll. �Den ganzen Kronrat sollte man zur Schiffsburg schleppen. Ein Tag, und sie w�rden verstehen, was ich meine.� Er hatte nicht sehr laut gesprochen. Au�er Baidans Vater sollte ihn niemand h�ren.</p><p>Es war noch vor Sonnenaufgang. Die hohen S�le des Palastes waren voller Schlafender.</p><p>Niemand trieb Herden hinaus zum Lager der ewig hungrigen Bittsteller. Die Wachen waren m�de und sehnten sich nach ihrer Abl�sung.</p><p>Orgrim war unruhig. Es war die Stunde, in der er Angriffe f�hrte, wenn er den Zeitpunkt f�r eine Schlacht frei w�hlen konnte. Jetzt hatte er ein ungutes Gef�hl. Sein Verstand verspottete ihn daf�r. Sie waren inmitten des Herzlands, und abgesehen von den Kentauren gab es niemanden, der in gro�em Umfang Widerstand leistete. Die �berwiegende Mehrheit der Elfen hatte sich erstaunlicherweise unter die Herrschaft Gilmaraks gef�gt. Viel eicht lag es daran, dass den meisten von ihnen in der viele Jahrhunderte w�hrenden Herrschaft Emerelles jeder Gedanke an Rebellion gr�ndlich ausgetrieben worden war.</p><p>Aber ganz gleich, was sein Verstand sagte, er f�hlte sich unwohl. Eine Gefahr lauerte.</p><p>Er sp�hte in die fernen Winkel des langen Saales, den er durchquerte. Suchte auf den Podesten hoch �ber sich nach einem verborgenen Bogensch�tzen. Ein Schaudern �berlief ihn. Er hielt inne und drehte sich um. Alles war ruhig! Eine der Wachen sah ihn an. Sp�rte er es auch? Oder war ihm nur aufgefallen, dass sich der bandagierte Kr�ppel merkw�rdig verhielt?</p><p>Er erreichte den Thronsaal. Auch hier schien alles ruhig. Es gab nichts, das seine Sorgen rechtfertigte. Selbst die Lutin beim Albenstern waren schl�frig. Am Himmel hoch �ber dem Saal standen noch Sterne. Der erste silberne Streif Morgenlichts lagerte noch dicht �ber dem Horizont. Den hohen Himmel aber regierte noch immer Dunkelheit.</p><p>�Ich will zur Snaiwamark-Karawane�, sagte Orgrim ruhig. Er sp�rte, dass sie ihn erkannten, und f�rchtete, die Lutin w�rden den Wachen befehlen, ihn aufzuhalten.</p><p>Aber nichts dergleichen geschah. Sie schienen noch nicht informiert zu sein, dass K�nig und Kronrat ihn zum Bleiben verdammen wollten.</p><p>Einer der Fuchsm�nner rief ein Wort der Macht. Orgrim hatte schon oft erlebt, wie ein Tor zum Goldenen Netz ge�ffnet wurde. Dennoch hatte er nie seinen Respekt davor verloren. Es jagte ihm Schauer �ber den R�cken. Das waren keine Wege, die den Trollen bestimmt waren. Aber er hatte keine Wahl. Ein Fu�marsch zur Karawane h�tte viele Wochen gedauert. Wer zu den Herren Albenmarks geh�ren wollte, der musste auch bereit sein, durch das Netz der Albenpfade zu reisen. Anders war eine ganze Welt nicht zu beherrschen. Er l�chelte zynisch. Dabei war es das Letzte, wonach er strebte�... Weltherrschaft! H�tte er die Wahl gehabt, w�rde er sich auf die Nachtzinne zur�ckziehen, um seine toten Welpen trauern und neue Weiber nehmen. Er war des Krieges m�de. Die endlosen K�mpfe mit den Kentauren f�hrten zu nichts. Weder konnten sie die verdammten Pferdem�nner besiegen, noch hatten diese die Macht, die Herrschaft der Trolle zu beenden. Alle zahlten mit Blut. Mit ganzen Str�men davon.</p><p>Und was konnte gewonnen werden? Nichts!</p><p>Was wohl aus Baidan geworden w�re? Er war ein guter und umsichtiger Planer gewesen. Sicherlich h�tte er eines</p><p>Tages einen guten F�rsten abgegeben. Jetzt war er tot. Gestorben f�r die wirren Tr�ume Gilmaraks. Trolle waren nicht dazu berufen, die ganze Welt zu beherrschen!</p><p>Der Bogen aus Licht erhob sich �ber den stillen Thronsaal. Orgrim blickte mit Sorge in das Dunkel jenseits des goldenen Pfades. Das Nichts. Die Heimat der Yingiz. Sie war nur eine Handbreit entfernt, wenn man die Albenpfade betrat. Gebannt durch die Magie der Alben. F�r wie lange?</p><p>Klackend hinkte er auf das Tor zu, als ein Schatten das Licht �berlagerte. Einer der Lutin musste den Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkt haben. Er trat vor, um durch das Tor zu blicken.</p><p>�Was ist...� Orgrim warf sich zur Seite und zog Baidans Vater mit sich. Das Nichts spie eine riesige, haarige Kreatur aus. Lange, gebogene Sto�z�hne schnitten durch die Luft.</p><p>Der Lutin, der durch das Tor geblickt hatte, wurde von einem gewaltigen Fu� zermalmt.</p><p>Orgrim kroch r�ckw�rts von dem Tor fort.</p><p>Ein Mammut! Schrill trompetend st�rmte es auf das hohe Tor des Thronsaals zu. Seine Augen in Panik geweitet. Der Palastboden erbebte unter seinen Tritten.</p><p>�Schlie�t das Tor!�, rief Orgrim den Wachen zu. Doch keiner hatte den Mut, sich dem riesigen Tier in den Weg zu stellen.</p></section><section><title><p>Das Leichenfeld</p></title><p>Der Gestank �berlagerte jegliche anderen Sinneswahrnehmungen. Er dominierte alles.</p><p>Und dr�ckte allen anderen Empfindungen seine Note auf. Warmer Dunst stieg aus den unz�hligen toten K�rpern. Er ber�hrte einen, wenn man �ber das Schlachtfeld ging. Und es gab keinen gn�digen Wind, der ihn davontrug.</p><p>Mit jedem Atemzug dr�ngte sich ein fauliger Geschmack auf die Zunge und in den Rachen. Er legte sich wie eine zweite Haut dorthin. Und ganz gleich, wie oft man aus-spuckte, diese Haut blieb.</p><p>Die Toten waren nicht still, wie es sich geh�rt h�tte und wie es auf einem winterlichen Schlachtfeld in der Snaiwamark gewesen w�re. Ihre K�rper rumorten. In ihren D�rmen arbeitete es. Sie waren aufgequollen von Gasen, die sich ab und an einen Weg brachen. Selbst die Augen wurden belagert. Es war nicht allein das uns�gliche Grauen.</p><p>Die Tausenden von Toten, so zerschunden, dass man sie kaum wiedererkennen konnte. Da waren auch die Fliegen. Wie ein schwarzer Schleier hingen sie in der Luft und lie�en den Horizont verschwimmen. Ihr Ger�usch �bert�nte selbst das Rumoren der faulenden Ged�rme. Und �berall quoll ihre Brut aus dem zerrissenen Fleisch.</p><p>Orgrim hatte schon viele Schlachtfelder gesehen. Dieses war das erste, auf dem er ein Gast war. Er h�tte hier sein sollen. Sie alle waren ihm anvertraut gewesen. Von der Karawane lebten nur noch jene, die mit ihm evakuiert worden waren. Von all den Kriegern, die mit ihm die Nachtzinne verlassen hatten, waren ihm noch drei verblieben. Drei! Er h�tte schreien k�nnen! Dabei h�tte er es wissen m�ssen. Er hatte gesp�rt, dass etwas nicht stimmte. Es hatte einen Grund daf�r gegeben, dass diese Belagerung stattfand. Die Belagerung, die die Kentauren nicht hatten gewinnen k�nnen.</p><p>Ihr Angriff in jener Nacht hatte ihn auf den falschen Weg gebracht. Ihm waren Zweifel gekommen, ob sie nicht doch das Zeug hatten, die Schiffsburg zu �berrennen. Und seine Zweifel hatten ihm den klaren Blick verstellt! Er h�tte sie alle fortbringen m�ssen, statt den Kronrat um Erlaubnis zu fragen! Er war der Befehlshaber. Das war seine Verantwortung gewesen! Er hatte versagt!</p><p>Kein einziges der Steppenschiffe hatte es �berstanden. Er h�tte das f�r unm�glich gehalten. Feuer, ja. Eine vernichtende Flut. Daran hatte er gedacht. Die Kentauren hatten eine ganz andere Waffe gefunden. Vom ersten Tag an, an dem sie hier beim gro�en Albenstern ihr Lager aufgeschlagen hatten, hatten sie gewusst, was kommen w�rde.</p><p>Vielleicht nicht die Stunde oder den Tag. Aber sie hatten es gewusst. Und sie hatten ihn dazu verf�hrt, hierzubleiben.</p><p>F�nf Tage waren vergangen, seit das Mammut in den Thronsaal gest�rmt war. Er hatte das magische Tor �ffnen lassen, als das hier geschah. Es war durch den Lichtbogen gest�rmt. Vielleicht auch noch andere Tiere. Bestimmt. Es mussten Hunderte gewesen sein. Doch nur das eine war nicht ins Nichts gest�rzt.</p><p>Schon am n�chsten Tag hatten sie Sp�her geschickt. Es waren noch Kentauren in der N�he. Nur einer der Sp�her hatte es zur�ckgeschafft. Und auch der mit einem Pfeil in der Brust. Sie hatten Zeit verstreichen lassen. Gilmarak hatte alle Trollkrieger bei Hof versammelt, die sich im Herzland aufhielten. Es waren �ber Tausend gekommen.</p><p>Skanga hatte es nicht gewollt�... Seit ihrem ersten Angriff auf Burg Elfenlicht schreckte sie davor zur�ck, mit Heerscharen das Goldene Netz zu betreten. Doch Gilmarak hatte selbst ihr getrotzt. Er hatte es durchgesetzt. Sie war mit ihm gekommen. Und mit ihr ihre vermummte Dienerin. Auch der gesamte Kronrat war hier.</p><p>Die meisten der Kobolde hielten sich parf�mierte T�cher vor ihre langen Nasen.</p><p>Allerdings nicht Elija Glops. Und auch nicht Anderan, Baidans Vater. Der Herr der Wasser wanderte �ber das Leichenfeld und starrte. Die meisten anderen wollten schnell fort von hier. Anderan nicht. Er nahm all das in sich auf. Er stellte sich dem Grauen. War ihm bewusst, welche Mitschuld er trug?</p><p>Der Kronrat hatte Gilmarak darin unterst�tzt, die Snaiwamark-Karawane Wirklichkeit werden zu lassen.</p><p>Und diese verr�ckte Stra�e. H�tte sich der Kronrat entschieden gegen die Pl�ne des K�nigs gestellt, dann h�tte sie den jungen Herrscher vielleicht umgestimmt. Orgrim konnte sich immer noch nicht erkl�ren, welchem Zweck diese Stra�e diente. Er wusste, was in den Karren gewesen war. Gold. Unglaublich viel Gold. Noch immer konnte man Goldst�cke, zerhackten Schmuck und Perlen im Schlamm aus Blut und schwarzer Steppenerde sehen. Das meiste Gold hatten die Kentauren eingesammelt. Gilmarak hatte zwar alle M�nzw�hrungen abgeschafft und den Tauschhandel wieder eingef�hrt, aber nicht alle hielten sich daran. Entgegen dem Willen des K�nigs war Gold immer noch nicht wertlos. Warum hatte er es in die Snaiwamark schaffen wollen?</p><p>�Wir k�nnten Uttika niederbrennen�, h�rte er Elija sagen. �Die Steppenst�mme bekommen wir nicht zu fassen. Aber die Uttiker k�nnen nicht vor uns davonlaufen.</p><p>Ihre F�rsten haben gro�e L�ndereien. Landh�user, auf deren Felder Hunderte Kobolddiener arbeiten. Wie Sklaven!�</p><p>�Das war nicht Katanders Werk�, sagte Orgrim laut. �Ich kenne ihn. Er k�mpft nicht auf diese Weise. Er hat sich jeden Morgen dem Beschuss der Katapulte ausgesetzt, um seinen Mut zu beweisen. Tapfer, aber v�llig sinnlos. Das hier ist das Werk von Nestheus. Katander war nur sein Verb�ndeter. Dann k�nnten wir auch gleich losziehen und die W�lder der Maurawan niederbrennen. Auch sie haben mit den Kentauren gek�mpft.�</p><p>�Und was schl�gst du vor, gro�er Kriegsherr?� Skangas Stimme war leise. Sie stand mehr als drei�ig Schritt von ihm entfernt, und doch h�rte er sie so deutlich, als w�re sie neben ihm und w�rde ihm ins Ohr fl�stern. Und er h�tte geschworen, dass alle anderen genauso empfanden. Alle Gespr�che auf dem Schlachtfeld waren verstummt.</p><p>Alle blickten zu ihm. Manche besorgt. Andere voll boshafter Neugier. Ihr Tonfall hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er ihre Gunst verloren hatte. Man konnte ohne die Gunst des K�nigs leben. Man zog sich dann einfach zur�ck. Aber wer Skangas Missfallen erregte, der blickte in sein offenes Grab.</p><p>�Ein kluger Mann vermeidet einen Krieg, den er nicht gewinnen kann.�</p><p>�Du glaubst, wir verlieren?� Selbst das Fliegengesumm verstummte jetzt. Unheimliche Stille lag auf dem Schlachtfeld.</p><p>Orgrim machte eine weit ausholende Geste. �Sieht das nach einem Sieg aus?�</p><p>�Wir haben gelernt, uns nicht noch einmal einer Mammutherde in den Weg zu stellen, w�rde ich sagen.� Es war Gilmarak, der nun sprach. �Im �brigen habe ich den Eindruck, dass du, mein Feldherr, noch nicht ganz begriffen hast, worum wir k�mpfen.</p><p>Wir werden nun ins Herzland zur�ckkehren. Es wird eine neue Flotte von Steppenschiffen gebaut werden. Heute Abend besuchst du mich, Orgrim. Du und Skanga. Unsere Schamanin wird dich daran erinnern, dass Trolle ihrem K�nig gehorchen. Und ich werde dich lehren, worum es wirklich geht. Ich glaube, wir haben grundverschiedene Vorstellungen vom Sieg, der zu erreichen ist. Du willst nur Schlachten gewinnen, Orgrim. Ich aber, ich werde die Welt ver�ndern. So tiefgreifend, dass niemand es mehr r�ckg�ngig machen kann!�</p></section></section><section><title><p>Nach zwei weiteren Jahren</p></title><section><title><p>Blau</p></title><p>Nikodemus sp�rte einen Albenstern. Er wusste, dass sie einen Zeitsprung gemacht hatten. Es war Wahnsinn, in einen Albenpfad einzudringen. Das war von den Alben nicht vorgesehen gewesen. Er musste heraus, sofort! Je l�nger sie blieben, desto mehr Zeit verstrich. Ein Lidschlag ein Jahr. Ein Wort ein Jahrzehnt.</p><p>Er nahm all seine Macht zusammen. Er �ffnete das Tor nicht einfach, er riss es auf.</p><p>Seine Magie bezwang es. Schn�rkellos. Direkt. Sofort trat er �ber die Schwelle. Ollowain mit der K�nigin in den Armen war so dicht hinter ihm, dass er ihm gegen die Rute stie�.</p><p>Wasser! �berall!</p><p>Panik �berkam ihn. Blaues Licht umgab sie. Er sank! Nikodemus schrie! Etwas war vor seiner Schnauze. Durchsichtig. Gallertartig. Es klammerte sich an sein Gesicht! Er griff danach und wollte es fortrei�en, doch Ollowain fiel ihm in den Arm. �Nicht!�</p><p>Wieso konnte er den Elfen h�ren? Nikodemus stemmte sich mit aller Macht gegen den Griff des Elfen. Er hatte das Gef�hl, ersticken zu m�ssen. Sie waren tief im Wasser.</p><p>Helles Licht stand weit �ber ihnen. Das Wasser war warm.</p><p><emphasis>Die Atemblase sch�tzt dich, Nikodemus. Rei� sie nicht fort, dann wirst du ertrinken.</emphasis></p><p>Nikodemus verdrehte die Augen und starrte auf das Ding, dass seine Schnauze umgab. Es war halb durchsichtig. Es pulsierte. �Das ist ein Tier!�</p><p><emphasis>Beruhige dich,</emphasis> sagte Ollowain. <emphasis>Es ist ein magisches Gesch�pf. Durch Zauber erschaffen. Nicht aus einem Ei oder einem lebendigen Leib geboren. Ich kenne sie. Es gab sie auch schon vor sehr langer Zeit. Es ist ein Schutzzauber der Alben, damit Lungenatmer wie wir, die versehentlich durch einen Albenstern im Meer treten, nicht ertrinken.</emphasis></p><p>Ganz egal, ob es ein Zauber der Alben war, dachte Nikodemus, da klammerte sich ein glibberiges Tier um seine Schnauze! Was f�r ein erb�rmlicher Zauber war das denn!</p><p>H�tten die Alben sich nichts Besseres ausdenken k�nnen? Schlie�lich hatten sie ganze Welten erschaffen!</p><p><emphasis>Wieso k�nnen wir im Wasser sprechen?</emphasis></p><p><emphasis>Auch das sind diese Kreaturen. Wir sprechen nicht wirklich. Sie sondern ein Sekret ab. Eine Droge. Ich kann deine Gedanken wie gesprochene Worte h�ren.</emphasis></p><p>Das war ein Traum, entschied Nikodemus. Ganz sicher ein Traum! Er wollte nicht, dass irgendwelche Tiere ein Sekret in ihn absonderten. W�hrend er das dachte, sanken sie tiefer. Das Blau wurde dunkler.</p><p>Ein sehr �berzeugender Traum, dachte der Lutin. Aber nicht mehr. Er musste ohnm�chtig geworden sein. Beim �bergang ins Goldene Netz. Wenn er erwachte, h�tte es ihn in eine ferne Zukunft verschlagen.</p><p>Ein Seehund erschien vor ihm und glotzte ihn an. Er schwamm um ihn herum, begaffte auch Ollowain und Emerelle und verschwand dann wieder im tiefen Blau.</p><p>Nikodemus trat mit den F��en. Er war nie ein sonderlich guter Schwimmer gewesen.</p><p>Das Ding auf seiner Schnauze dr�ckte. Er war versucht, es abzurei�en. Aber wenn es kein Traum war�...</p><p>Seine Augen brannten. Kam das vom Salz im Meerwasser?</p><p><emphasis>Das war eine Selkie.</emphasis></p><p><emphasis>Eine was�... Woher kennst du das alles? Wir sind in Eleborns Reich. Wir sind dem Geisterhund entkommen. Dank dir, Nikodemus. Al ein die m�chtigsten Zauberweber k�nnen ein Tor auf einem Albenpfad �f nen, weit ab von jedem Albenstern. Ich muss gestehen, ich habe dich bisher untersch�tzt.</emphasis></p><p>Nikodemus hatte noch nie von einem Lutin geh�rt, der in das Reich unter den Wogen gereist war. Das musste einen Grund haben! Es war nicht gut, hier zu sein. Zumindest f�r einen Lutin. Er blickte zu Emerelle. Sie lag noch immer in Ollowains Arm. Man h�tte die beiden f�r Liebende halten k�nnen, w�re da nicht Emerelles Gesichtsausdruck. Viel mehr als ihre Augen und ihre Stirn sah er nicht. Der Rest war auch bei der K�nigin von einem durchscheinenden Gallertgesch�pf verdeckt. Emerelle wirkte zu Tode ersch�pft. Und �lter. Nikodemus hatte gesehen, dass der Geisterhund etwas aus ihr herausgezerrt hatte. Lag sie im Sterben?</p><p><emphasis>Geht es ihr gut?</emphasis></p><p><emphasis>Nein. Aber ich bin zuversichtlich, dass bald Hilfe kommt. Eleborn besitzt einen Albenstein. Der F�rst unter den Wogen ist sehr m�chtig. Er wird ihr helfen k�nnen. Du hast eine gute Wahl getroffen, als du uns hierher gebracht hast.</emphasis></p><p>Nikodemus bem�hte sich, nicht daran zu denken, dass er einfach nur aus dem erstbesten Albenstern getreten war. Er blickte hinauf. Das Licht �ber ihnen war fast verschwunden. Daf�r konnte er jetzt erkennen, dass das Ding auf seiner Schnauze von einem leichten, gr�ngelben Schimmer umgeben wurde.</p><p>Nikodemus versuchte angewidert, an etwas anderes zu denken. Aber immer wieder musste er auf dieses Ding starren. Man konnte sogar sehen, wie sich Fl�ssigkeiten in ihm bewegten!</p><p><emphasis>Was sind Seikies?</emphasis></p><p><emphasis>Seikies sind Gestaltwandler. Manche sagen, sie seien die Kinder Eleborns. Man kann ihnen als Otter oder Seehund begegnen. Oder als ausnehmend h�bsche Frauen, die uns Elfen sehr �hnlich sind.</emphasis></p><p>Mit diesen Gedankenreden war es seltsam. Man sp�rte mehr, als gesagt wurde.</p><p>Erinnerungen, die hinter den Worten standen, tauchten als Bilder in Nikodemus� Gedanken auf. Ollowain kannte die Seikies gut. Er war mehr als einer begegnet, und Emerelle w�rde nicht wissen wollen, was ihr wei�er Ritter und diese Meeresgesch�pfe miteinander getan hatten. Eine ganze Flut von Bildern brach auf den Lutin herein. Er sah Ollowain auf gro�en Festen, an Spieltischen. Immer wieder an Spieltischen. Er spielte das Falrach-Spiel. Offensichtlich um Geld. Nikodemus folgte den Gedankenbildern. Geld durch Spielen zu verdienen, fand er au�erordentlich interessant! Bisher war ihm das Falrach-Spiel immer nur viel zu kompliziert und verworren erschienen. Als Kind hatte er ein paar Mal versucht, es zu erlernen, und war kl�glich gescheitert.</p><p>Pl�tzlich sah er einen Drachen. So deutlich, so lebendig, dass er sich erschrocken aus den Gedanken des Elfen zur�ckzog. Nicht schnell genug! Er hatte Teil an der Erinnerung des alles verzehrenden Schmerzes, als Falrach das Fleisch auf den Knochen geschmolzen war. Jeden Nerv hatte er gesp�rt.</p><p><emphasis>Das ist der Nachteil, wenn man in anderer Leute Gedanken ist.</emphasis> Jetzt war Ollowain bei ihm.</p><p>Nikodemus versuchte sich dagegen zu sperren. Aber wie vertrieb man jemanden aus seinem Kopf?</p><p><emphasis>Es gilt als unh�flich, tiefer in die Gedanken anderer einzudringen, mein kleiner Freund. Es ist sehr leicht. Aber es verst��t gegen die Etikette. Ich gestehe, ich habe dich durch meine Erinnerungen gef�hrt. Ich wollte, dass du diese Erinnerung mit mir teilst, den letzten Augenblick meines Lebens als Falrach. Vielleicht magst du mich von nun an ja mit meinem Namen als Falrach ansprechen? Er ist mir angenehmer. Und ich hoffe, du hast gut verstanden, welche Gefahren darin liegen, Streifz�ge durch die Gedanken und Erinnerungen anderer zu machen. Hier, im Reich unter den Wogen, sch�tzt man das gar nicht. Manch al zu Neugieriger wurde schon ermordet, weil er Dinge gesehen hatte, die ihn nichts angehen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich kannte diese Regeln nicht�</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt kennst du sie. Und sei noch einmal eindringlich gewarnt. Das Reich unter den Wogen ist anders als alles, was du kennst. Ein Leben gilt hier wenig, wenn du einen Fehler machst. Und Unwissenheit wird dich nicht davor sch�tzen, die Folgen deiner Taten zu erfahren.</emphasis></p><p>Nikodemus wollte gar nichts mehr denken. Aber wie stellte man seine Gedanken ab?</p><p>Falrach ... Ja, er w�rde ihn jetzt so nennen! Falrach trieb mit ihm zusammen in einer leichten Str�mung. Der Lutin hatte das Gef�hl, dass sie nicht mehr tiefer sanken. Er konnte �ber sich keine Sonnenscheibe mehr sehen. Und unter sich keinen Grund. Sie trieben durch endloses Blau. Ohne einen Anhaltspunkt f�r Entfernungen. Ohne die M�glichkeit abzusch�tzen, wie viel Zeit verstrich. Es machte ihm Angst!</p><p><emphasis>Du musst dich entspannen, Nikodemus. Es kann auch angenehm sein. Versenke dich in dich selbst.</emphasis></p><p>Wie sollte das denn gehen! Falrach hatte leicht reden�... Denken�...</p><p><emphasis>Darf ich in deinen Erinnerungen wandern?</emphasis></p><p>Nikodemus kamen sofort einige Ereignisse in den Sinn, die er auf keinen Fall mit dem Elfen teilen wollte!</p><p><emphasis>Mich interessiert dieses Fuchsm�dchen Liza nicht. Du solltest nicht an das denken, was ich nicht wissen soll. Du �berh�ufst mich in diesem Augenblick mit den Bildern, die du eigentlich vor mir verbergen m�chtest. Ich kann mich dem dann nur entziehen, wenn ich ganz aus deinen Gedanken weiche.</emphasis></p><p><emphasis>Ich mag diese Art nicht, miteinander zu reden!</emphasis></p><p><emphasis>Du sol test dich besser daran gew�hnen, Nikodemus, so ist es hier, und du wirst nichts daran �ndern.</emphasis></p><p>Der Lutin f�hlte sich pl�tzlich verloren. Sicher lag es auch daran, inmitten dieses unendlichen Blaus zu schweben. Er war nichts. Bedeutungslos. Von der Welt abgeschnitten. Ein Sandkorn. So ein Unsinn, schalt er sich in Gedanken. Ich bin Nikodemus Glops, der Bruder des Elija Glops, der ganz Albenmark auf den Kopf gestellt hat und daf�r sorgte, dass die Kobolde endlich die Anerkennung bekommen, die sie schon immer verdient hatten.</p><p><emphasis>Du bist mehr als irgendjemandes Bruder.</emphasis></p><p><emphasis>Ich dachte, es ist unh�flich, sich ungefragt in fremde Gedanken einzumischen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, du hast Recht. Und dennoch erlaube mir, dir einen Rat zu geben. Messe deinen Wert nicht an deinem Bruder. Was du bist oder nicht, liegt allein in dem begr�ndet, was du tust und was nicht.</emphasis></p><p>Das h�rte sich an wie das Gerede seines alten Lehrers Meister Gromjan. Die Wirklichkeit war anders. Er wusste besser, wie viele Leute sich pl�tzlich f�r ihn interessierten, weil er Elijas kleiner Bruder war.</p><p>Etwas in der Tiefe des Blaus erweckte pl�tzlich seine Aufmerksamkeit. Etwas Dunkleres bewegte sich dort und kam schnell n�her. Ein sehr gro�er Fisch. Er glitt in einigem Abstand an ihnen vorbei, zog eine weite Kurve und kehrte zur�ck. Ein wenig n�her, diesmal. Die Unterseite des Fischs war hell. Sein R�cken gestreift, in einem dunklen und einem helleren Blau. Er besa� eine m�chtige, dreieckige R�ckfinne. Und kalte, dunkle Augen. Ihnen fehlte jeder Glanz. Seine Kiefer klafften weit auf, w�hrend er in langsam enger werdenden Kreisen schwamm. Nikodemus entdeckte noch einen Schatten. Und kurz darauf noch einen dritten. Diese Fische waren zu gro�. Fast so gro� wie ein Troll.</p><p><emphasis>Was sol en wir tun?</emphasis></p><p><emphasis>Nichts!</emphasis></p><p>Der Lutin sp�rte, dass Falrach nicht so gelassen war, wie er mit seiner knappen Antwort Glauben machen wollte. <emphasis>Wir m�ssen sie bek�mpfen!</emphasis></p><p><emphasis>Womit? Ich bin unbewaf net, Nikodemus. Und wir werden ihnen auch nicht davonschwimmen k�nnen. Wir sol ten ruhig bleiben. Sie k�nnen unsere Furcht riechen.</emphasis></p><p><emphasis>Wie sollen sie uns riechen? Wir sind im Wasser!</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht schmecken sie auch unsere Furcht. Das wei� ich nicht. Aber ich wei� ganz sicher, dass wir ihnen schmackhafter erscheinen werden, wenn wir Angst haben. Vielleicht haben wir auch Gl�ck, und der Seehund kehrt bald zur�ck. Dann sind sie Boten und keine J�ger.</emphasis></p><p><emphasis>Wir k�nnten hinauf zum Albenstern schwimmen und fliehen,</emphasis> dachte Nikodemus.</p><p><emphasis>So weit werden wir nicht kommen.</emphasis></p><p>Der Lutin fluchte. Sie konnten doch nicht einfach aufgeben und darauf warten, ob es diesen verdammten Fischen einfiel, sie zu verspeisen!</p><p><emphasis>Das stimmt, mein Freund, wir k�nnten auch etwas Sinnvol es tun. Kanntest du Ollowain?</emphasis></p><p>Von jemandem, der allem Anschein nach Ollowain war, eine solche Frage gestellt zu bekommen, war schon einigerma�en befremdlich. Aber dass der Schwertmeister, gelinde gesagt, seltsam war, wusste er ja. <emphasis>Ich kannte ihn in der Zeit, als er Echsendung f�r die Lagerfeuer meiner Sippe gesammelt hat.</emphasis></p><p>Ollowain, Falrach, Klaves unter all diesen Namen war er dem Elfen schon begegnet.</p><p>Und jedes Mal hatte er sich ganz anders verhalten. Nikodemus blickte zu den gro�en Fischen. Jetzt waren es schon f�nf, die weite Kreise um sie zogen. Sein Gef�hrte hatte Recht, sie w�rden ihnen nicht entkommen. Ihre Hoffnung bestand darin, dass Emerelle aus ihrer Ohnmacht erwachte und half. Aber vielleicht war sie auch schon tot. Ihre Gedanken jedenfalls vermochte er nicht zu ber�hren.</p><p>Wenn es ans Sterben ging, konnte man auch an etwas Lustiges denken. Und lustig war die Geschichte um Klaves allemal. Er dachte an das Eselskost�m, in das sie den Elfen eingen�ht hatten und daran, wie unglaublich naiv er gewesen war.</p></section><section><title><p>Alptraum</p></title><p>Skanga erwachte aus unruhigem Schlaf. Ihre Tr�ume waren verworren gewesen.</p><p>Zuletzt hatte sie das Gef�hl gehabt, eine eiskalte Hand habe sie im Nacken gepackt.</p><p>Die Schamanin richtete sich auf ihrem Lager auf. Sie war in ihre H�hle in den Bergen der Snaiwamark zur�ckgekehrt. Nur f�r einige Tage. Sie musste Burg Elfenlicht entfliehen. Sie hasste die Betriebsamkeit dort. Das Durcheinander. Dass man nirgends allein war.</p><p>Skanga trat an den Eingang ihrer H�hle. Eisiger Wind schnitt in ihr altes Fleisch. Sie begr��te ihn. Sie f�hlte sich lebendiger in der K�lte. Und sie mochte es, auf das karge, harte Land hinabzublicken. Die dunklen Felsen, die durch die endlose Schneelandschaft stie�en. Die Wiesen und W�lder des Herzlands konnte sie nicht leiden. Sie sahen selbst im Winter noch lieblich aus. Die Snaiwamark war ganz anders.</p><p>Hart, spr�de, abweisend. Wer sie das erste Mal erblickte, der ahnte, dass die Schwachen hier sehr schnell starben. Aber wer hier zu leben vermochte, den erf�llte dieses Land mit Stolz. Deshalb hatte ihr Volk in all den Jahrhunderten der Vertreibung nie aufgeh�rt, von der Snaiwamark zu tr�umen und sich abends an den Feuern Geschichten �ber ihre verlorene Heimat zu erz�hlen. Skanga war stolz darauf, sie hierher zur�ckgebracht zu haben.</p><p>Sie atmete die kalte Luft ein. Jeder Atemzug brachte einen wohligen Schauer mit sich.</p><p>Sie wusste, dass die Erzfeindin zur�ckgekehrt war. Sie wusste nicht, wo sie steckte, aber sie war wieder in Albenmark. Ihr Traum konnte keine andere Bedeutung haben.</p><p>Sie hatte nie Albtr�ume! Nie erwachte sie von Angst erf�llt aus dem Schlaf!</p><p>Als die drei Shi-Handan nicht zur�ckkehrten, hatte Skanga zun�chst Sorgen gehabt.</p><p>Doch als Jahr um Jahr verstrich, ohne dass sie von Emerelle h�rte, begann tr�ge rische Hoffnung in ihr zu keimen. Vielleicht waren sie alle in einem gro�en Kampf gestorben. Irgendwo in der Wildnis, wo es keine Zeugen gab. Sie hatte Emerelle auf jede erdenkliche Art gesucht und nichts gefunden.</p><p>Jetzt war sie zur�ck. Die verfluchte Elfenschlampe. Skanga konnte es sp�ren. Emerelle war da. Diesmal w�rde sie keine M�rder auf die Elfe ansetzen. Sie w�rde es ganz anders angehen! Sie wusste, wohin Emerelle kommen w�rde. Und dort sollte sie eine t�dliche Falle erwarten. Sie selbst musste zugegen sein, wusste Skanga jetzt. Die Elfe war zu m�chtig. Man musste ihr mit der Kraft eines Albensteins begegnen.</p><p>Traurig blickte Skanga �ber das weite Land. Elija Glops hatte ihr den Vorsitz �ber den Kronrat �berlassen. Dass er freiwillig ein St�ck seiner Macht aufgab, war beunruhigend. Das entsprach nicht seinem Wesen. Auch auf ihn musste sie aufpassen.</p><p>Gilmarak hatte den Lutin f�r die vielen Jahre seiner treuen Dienste belohnen wollen und ihn zum F�rsten von Tanthalia gemacht. Die Lutin waren unstete Wanderer. �ber ein F�rstentum zu herrschen, widersprach ihrer Natur. Daraus w�rde nichts Gutes erwachsen.</p><p>Es war besser, wenn sie heute noch zur Burg Elfenlicht zur�ckkehrte, dachte Skanga �rgerlich. Sie sollte versuchen herauszufinden, wo Emerelle war. Vielleicht sogar mit Hilfe der Silberschale�...</p></section><section><title><p>Die Schl�ferin</p></title><p><emphasis>Vater, die Fremde. Es ist etwas Entsetzliches geschehen. Du musst mitkommen. Sofort! Sie muss fort! Am besten setzen wir sie an einem einsamen Strand aus!</emphasis></p><p>Nie hatte Eleborn Ailis so sehr au�er sich erlebt. F�r gew�hnlich war seine Tochter eher ruhig.</p><p><emphasis>Was ist denn geschehen?</emphasis> Er erwartete die sch�ne Nailyn und hatte nicht sonderlich viel Lust, die abgelegene Korallengrotte zu verlassen.</p><p><emphasis>Du musst, Vater! Es gibt Hunderte Tote. Sie muss weg!</emphasis></p><p>Der F�rst legte den Kopf schief. <emphasis>Tote? Dann bring mich zu ihr.</emphasis></p><p>Ailis schwamm mit kr�ftigen St��en voraus. Sie war h�bsch geworden, dachte Eleborn bei sich. Allerdings mochte er nicht recht glauben, was sie erz�hlte. Ihr Gast war an einem abgelegenen Ort untergebracht. Eine kleine Lagune, von Korallen eingeschlossen. Niemand w�rde sich dorthin verirren. Schon gar nicht Hunderte!</p><p><emphasis>Was genau hast du eigentlich gesehen, Ailis?</emphasis></p><p><emphasis>Ich ging am Strand entlang. Ich war neugierig, die Fremde zu sehen. Als ich zur Lagune kam, erschien es mir seltsam stil dort. Es waren keine Papageientaucher mehr in den Felsen. Keine Robben � Und als ich hinab ins Wasser sah. So etwas habe ich noch nie gesehen �Es war entsetzlich. Alles war vol er Toter! Hunderte kleinere Fische trieben an der Wasseroberfl�che.</emphasis></p><p><emphasis>Die verschwundenen Papageientaucher. Zwei Delfine. Einige Pelikane. Die ganze Lagune war vol er Kadaver.</emphasis></p><p>Eleborn hielt inne. <emphasis>Und sie? Hast du sie gesehen?</emphasis></p><p><emphasis>Nein, Vater. Das war unm�glich. Die ganze Wasseroberfl�che war vol er Toter. Und ich bin sofort zu dir geeilt.</emphasis></p><p><emphasis>Hat es au�er dir sonst noch jemand gesehen, Ailis?</emphasis></p><p><emphasis>Nein, ich glaube nicht. Au�er uns ist doch kaum jemand hier.</emphasis></p><p><emphasis>Bitte, lass mich allein, meine Tochter. Ich muss zu der Fremden. Ich muss sehen, ob sie noch lebt. Aber du kannst doch nicht�</emphasis></p><p><emphasis>Vertrau darauf, dass ich ein wenig schwerer zu t�ten bin als ein Papageientaucher.</emphasis> Ailis war eine f�gsame Tochter. Sie versuchte nicht weiter, ihn zur�ckzuhalten. Sie lie� ihn schwimmen. Der farbenpr�chtigen Mauer entgegen, dem lebendigen Meereswall. Den Korallen, von denen die Lagune umringt war, zu der man auf sein Gehei� Emerelle gebracht hatte. Er hatte sie sofort erkannt, noch bevor Ollowain etwas sagte. Sie sah abgeh�rmt aus. Sie ruhte in tiefem Schlaf, aus dem sie nichts zu erwecken vermochte. So war es wohl auch damals gewesen, als man sie aus Vahan Calyd fortgebracht hatte. Wenn die Welt brannte, dann schlief sie.</p><p>Ein Tunnel zwischen den Korallen war der einzige Zugang zur Lagune. Jedenfalls von See her. Gedankenverloren betrachtete er die Seeanemonen mit ihren farbenfrohen, fleischigen Fangarmen. Sie ernteten das Meer. Er mochte sie. Ihr Spektakel. Ihre Unerm�dlichkeit. Er war wie sie.</p><p>Langsam schwamm er auf den Tunnel zu. Er sp�rte den Tod im Wasser. Es schmeckte nach ihm. Nach vielf�ltigem Tod. Die Anemonen am Eingang des Tunnels starben.</p><p>Auch die winzigen Tierchen, die, kaum sichtbar f�r das Auge, im warmen Wasser lebten, starben!</p><p>Eine Flut winziger Lichtpartikel ergoss sich durch den Tunnel in die Lagune. Eine fremde Macht tastete nach ihm. Er fuhr zur�ck. Ein paar schnelle St��e brachten ihn vom Eingang der Lagune fort. Er hatte die Ber�hrung des Todes gesp�rt, obgleich er noch nicht zugegriffen hatte. Er hatte zugelassen, dass er sich entzog. Er war immer noch nah.</p><p>Was ging da vor sich? War das Emerelles Werk? Was tat sie? Was war mit ihr geschehen? F�nf Tage war sie schon hier. Und Ollowain erz�hlte nicht, was geschehen war. Nicht einmal der verdammte kleine Lutin erz�hlte etwas. Keine Erkl�rungen.</p><p>Kein Wort dazu, wo sie all die Jahre gewesen war, als Albenmark sie gebraucht h�tte.</p><p>Kein Wort, warum sie schlief und schlafend t�tete!</p></section><section><title><p>Der Tod einer Legende</p></title><p>�Dieser wei�e Ritter ist eine Plage!�</p><p>Balduin musste sich �ber das Gesicht des K�nigs beugen, um ihn �berhaupt verstehen zu k�nnen. Der Gestank, der von den frisch ge�ffneten Eiterbeulen ausging, war �berw�ltigend. Balduin atmete durch den Mund und versuchte, sich dem Ekel zu verschlie�en. Dennoch musste er immer wieder vom Bett zur�ckweichen, um den W�rgereiz niederzuk�mpfen.</p><p>�Erz�hl mir vom Ritter!�</p><p>�Er hat mehrere Refugien f�r Krieger gegr�ndet. Wir sch�tzen, dass etwa f�nfzehn Ritter den Aschenbaum gew�hlt haben. Und fast hundert einfache Krieger, Bauern und Handwerker. Es hei�t, dass er die Grenze zu Drusna verlassen hat und nun nach S�den reist.�</p><p>�Und das Volk?�</p><p>Balduin leckte sich die Lippen. Kurz erwog er, was gef�hrlicher war, eine L�ge oder die Wahrheit. Cabezan hatte zu viele Spitzel, die ihm Bericht erstatteten. Der Hofmeister sah zu Tankret, der wie immer am Bettende stand. Der Krieger war in die Jahre gekommen, aber immer noch ein exzellenter K�mpfer. Balduin wusste, dass es dem Mistkerl eine Freude sein w�rde, ihm den Kopf abzuschneiden, wenn der K�nig es befahl. Der Hofmeister entschied sich f�r die Wahrheit.</p><p>�Das Volk liebt ihn. Es gibt unz�hlige Geschichten �ber ihn. Angefangen damit, dass er ein illegitimer Sohn von Euch ist, mein K�nig, bis hin zu v�llig m�rchenhaftem Unsinn, er sei Tjureds Sohn und geschickt, um das K�nigreich in ein neues, glorreiches Zeitalter zu f�hren. Viele glauben auch�... � Er z�gerte noch einmal kurz. �Viele glauben, dass er Euch eines Tages vom Thron sto�en wird.�</p><p>�Sag ruhig, dass er mich ermorden wird.� Cabezan hus tete. Sein ganzer K�rper verkrampfte sich dabei. Er war nur noch Haut und Knochen.</p><p>Die Wunde in seiner Leiste �ffnete sich, und d�nnes Blut rann hinab auf das wei�e Bettlaken. Auch unter der Achsel trat Blut hervor. Balduin wusste, dass der Pestarzt am Morgen zwei gro�e Beulen voll mit dunklem Eiter aufgeschnitten hatte. Jeder andere Mensch w�re l�ngst tot. Obwohl er nicht an die alten G�tter glaubte und an die Wunder, die die Tjuredkirche versprach, war Balduin zutiefst �berzeugt, dass Cabezan von einer geheimnisvollen, dunklen Macht durchdrungen war. Niemand konnte sagen, wie oft der K�nig schon von der Pest befallen worden war. Sie kam selbst, wenn sie sonst nirgends im K�nigreich Unheil brachte. So wie jetzt. Er war der Erste, der an der Pest erkrankt war! Deshalb hatte auch der gr��te Teil der Dienerschaft und Wachen fluchtartig den Palast verlassen. Die armen Narren! Balduin kannte seinen K�nig gut genug, um zu wissen, dass er unter diesen <emphasis>Verr�tern,</emphasis> wie er sie nennen w�rde, ein grausames Gemetzel veranstalten w�rde, sobald er wieder zu Kr�ften kam.</p><p>�Das ist das Geschw�tz des Volkes, mein K�nig. Ihr wisst gut, dass sich viele Euren Tod w�nschen. Doch was den wei�en Ritter angeht, so scheint er noch nie gegen Euch gesprochen zu haben. Im Gegenteil. Er war an der Grenze zu Drusna eine gro�e Hilfe.</p><p>Allein das Ger�cht, dass er in der N�he ist, hebt die Moral unserer Krieger und versetzt die Barbaren in Angst und Schrecken. Er wurde noch nie im Zweikampf besiegt. Und wenn er spricht, so hei�t es, h�re man die Stimme Gottes durch seinen Mund.�</p><p>�Unsinn!� Cabezan kr�mmte sich zusammen und hustete so anhaltend, dass in Balduin Hoffnung aufkeimte, der alte Tyrann werde endlich sterben.</p><p>Als der Anfall vor�ber war, lag der K�nig wie tot. Seine Finger waren in das Laken gekrallt. Kalter Schwei� stand ihm auf dem Gesicht. Seine Brust hob und senkte sich kaum, so flach ging sein Atem.</p><p>Balduin hob den Blick. Rings um das Bett des K�nigs waren seit Tagen Kleider aufgeh�ngt. Vor allem Kinderkleider. Eines fiel ihm besonders auf. Es war dunkelblau und mit silbernen Rosenbl�ttern bestickt. Balduin fragte sich, welchem Wahn der Herrscher nun wieder nachhing. Der Anblick der Kleider machte ihm mehr zu schaffen als das Bewusstsein, vor einem Pestkranken mit frisch ge�ffneten Eiterbeulen zu stehen. Was hatte er damit vor? Waren es die Kleider der Kinder, die er zu sich ins Bad kommen lie�?</p><p>�H�bsche Kleider ...� Er lachte. �Ich habe mir Fl�he zugelegt. Aber keine Sorge, ich werde sie mit den Kleidern in Kisten sperren lassen.� Er lachte erneut, bis sein Lachen in einen Hustenkrampf �berging, bei dem dunkler Auswurf von seinen Lippen perlte.</p><p>�Balduin.� Cabezan schaffte es kaum, den Namen zu hauchen.</p><p>�Ja, mein K�nig.�</p><p>�Der Ritter�... Seine R�stung. Was wei�t du dar�ber?�</p><p>Der Hofmeister ahnte, worauf das hinauslaufen w�rde. �Ja, ich habe die Geschichten auch geh�rt. Sie ist ungew�hnlich, diese R�stung. Sie sieht ganz anders aus als die R�stungen von irgendwelchen anderen Rittern. Sie wird nie schmutzig. Er tr�gt einen Helm, der wie ein Kopf aus Silber erscheint. Er wurde noch nie in einer Schlacht verletzt. Sein Schwert hingegen vermag jedes Kettenhemd zu durchdringen. Und manche sagen, dass sogar sein Pferd verwunschen ist und er mit ihm redet, wenn er sich allein w�hnt. Ich glaube all diesen Unsinn nicht, mein K�nig. Ja, er hat eine ungew�hnliche R�stung, das l�sst sich wohl nicht leugnen. Aber dieses Gerede �ber eine Zauberr�stung ist abergl�ubiges Geschw�tz. Bitte, bedenkt, was man sich �ber ihn und sein Pferd erz�hlt. Das ist der blanke Unsinn! Ich glaube nicht, dass ein Mann wie er mit seinem Pferd spricht.�</p><p>�Er predigt... und er hat Refugien gegr�ndet.� Cabezan sprach langsam und mit langen Pausen. Jedes Wort ersch�pfte ihn. �Wer hat ihn zum Priester gemacht? Er verh�hnt die Kirche. Er ist ein Ketzer.�</p><p>Ja, sinnierte Balduin, das war sein K�nig! Dies w�re unbestreitbar die einfachste und billigste L�sung, an die R�stung zu kommen. Den Ritter zum Ketzer zu machen und ihn verbrennen zu lassen. Und es w�re auch noch die Kirche, die sich den Unmut des einfachen Volkes zuziehen w�rde. So gr�sslich sein K�rper auch aussah, Cabezans Verstand war noch immer von t�dlicher Klarheit. �Ich muss Euch entt�uschen, mein K�nig. Die Kirche wird sich nicht gegen den Ritter stellen. Sie sieht in ihm schon fast einen lebenden Heiligen. Er hat Priester gerettet, die von den Heiden in Drusna gefangen genommen waren. Er kann �ber die Heiligen Schriften reden wie kaum ein anderer Tjuredpriester. Manche glauben, er sei ein Sohn des legend�ren Wanderpriesters Jules. Und dass dieser h�chst angesehene Kirchenmann ihn selbst in die heiligen Lehren Tjureds unterwiesen habe. Die Kirche wird nichts gegen ihn unternehmen. Im Gegenteil, Ger�chten zufolge ist er auf das Konzil in Aniscans eingeladen, um dort vor den h�chsten Kirchenf�rsten zu sprechen.�</p><p>Cabezan schnitt eine Grimasse. Zu mehr reichte seine Kraft nicht.</p><p>�Dann ein Meuchler�... Wir zerst�ren seine Legende ... Sein Tod muss aufsehenerregend sein.�</p><p>�Bitte, mein K�nig. Dieser Ritter ist ein Gewinn f�r Fargon. Wir haben ihm in den K�mpfen in Drusna viel zu verdanken. Ihr k�nnt ihn doch nicht...�</p><p>�Schreib mir nicht vor, was ich kann!� Cabezan richtete sich halb auf seinem Lager auf.</p><p>Seine Augen waren noch immer voller Kraft und Bosheit. Allein sein Blick besa� die Macht, Balduin erschrocken einen Schritt zur�ckweichen zu lassen.</p><p>�Ich kenne jemanden, der ihn t�ten kann�, sagte Tankret ruhig. �Aber er ist teuer. Er war fr�her ein Jahrmarktsk�nstler und Seilt�nzer. Bis er entdeckte, um wie viel eintr�glicher Gesch�fte mit dem Tod sind. Ich verspreche dir, er wird diesem Ritterchen ein Ende bereiten, von dem man noch genau so lange spricht wie vom Tod des Guillaume.�</p><p>�Dann soll er auf dem Konzil sterben�, sagte der K�nig und lie� sich in seine Kissen zur�cksinken.</p><subtitle>Die Insel</subtitle><cite><p>�(...) <strong>1. Tag.</strong> Endlich haben sie das Glibberding von meiner Schnauze genommen, und ich habe wieder festen Boden unter den F��en. Zwei Tage musste ich unter Eleborns Gefolge verbringen, bis sie mich endlich zu der Insel gebracht haben. Eleborn hat den seltsamsten F�rstenhof, den ich je gesehen habe. Ich glaube, zu lange im Wasser zu leben, verw�ssert den Verstand. Sie sind einfach nur seltsam! Eleborn ist m�chtig wie ein K�nig, aber er hat keinen Palast. Es gibt nur ein paar unterseeische H�hlen, in denen ich auch kurz untergebracht war.</p><p>Eleborn ist dort nicht. Ich glaube, sie wollten mich verspotten. Als ich nach H�usern und Pal�sten fragte, haben sie gesagt, H�user brauchte man, um sich vor Regen zu sch�tzen, aber hier w�rden sie einen nicht davor bewahren, nass zu werden.</p><p>Falrach �berrascht mich. Er f�hlt sich sehr wohl unter den Wassertretern. Und er gaukelt ihnen vor, dass er Olowain sei. Naja, vielleicht ist er das ja auch. Man wird einfach nicht schlau aus ihm! Er verf�hrt Eleborn dazu, mit ihm das Falrach-Spiel zu spielen. Um Gold! Ich hab mir das angesehen. Falrach ist zweimal nach langen Spielen besiegt worden. Und dann, als es um einen wirklich hohen Einsatz ging - der Irre hat sich verpflichtet, drei Jahre lang Eleborns Leibw�chter zu sein, wenn er verliert -, da hat er den K�nig in einem �ber sieben Stunden dauernden Spiel besiegt. Eleborn ist �berzeugt, dass es nur eine sehr knappe Niederlage war, aber ich habe einen ganz anderen Verdacht. Ich habe das Gef�hl, Falrach hat anfangs absichtlich verloren, um dann den K�nig in die Fal e zu locken und auszunehmen. So etwas h�tte Olowain sicher niemals getan. Ich verstehe allerdings nicht, wie man so ein Spiel spielen kann, w�hrend man einander in den Gedanken liest. Hier ist al es merkw�rdig!</p><p>(...) <strong>3. Tag.</strong> Es hat gro�e Aufregung gegeben. Sie haben Emerelle in eine Lagune gebracht. Sie schl�ft noch immer. Diese Lagune war ein sch�ner Ort. Ich habe sie mir angesehen. Vol er bunter Fische und Meeresblumen. Jetzt ist dort al es tot. Sie haben mit Netzen die Kadaver herausgeholt. Niemand wagt sich in die N�he der K�nigin. Al es, was in die Lagune schwimmt, stirbt! (...)</p><p><strong>7. Tag.</strong> Ich hasse Fisch! Ich kann ihn nicht mehr sehen. Jeden Tag bringen sie mir Fisch! Und auch noch roh. Bestenfal s ist er in ein paar gr�ne Bl�tter eingewickelt. Irgendein Meereskraut.</p><p>Sie geben sich ja M�he, dass er h�bsch aussieht, aber er ist roh! Ich kann keinen Fisch mehr sehen. Ailis kann das einfach nicht begreifen. Sie ist ja auch selbst ein halber Fisch. Wenn sie mich auf der Insel besucht, dann nimmt sie Elfengestalt an. Aber ich bin ihr einmal heimlich gefolgt und konnte sehen, wie sie in eine Seehundshaut kriecht, wenn sie ins Wasser zur�ckkehrt. Sie wird kleiner und verwandelt sich tats�chlich in einen Seehund. Kein Wunder, dass sie gerne rohen Fisch frisst! (...)</p><p><strong>9. Tag.</strong> Ailis hat mich wieder besucht. Sie hat mir entr�stet erkl�rt, dass ihr Vater Olowain beim Falrach-Spiel betr�gt. Er habe ihm schon mehrere Beutel mit Goldst�cken �berlas sen, doch �beral in Albenmark ist Geld abgeschafft. Gold und Silber sind durch ein Dekret des Kronrats f�r wertlos erkl�rt worden. Ich kann kaum glauben, dass mein Bruder so weit gegangen ist. Er hat immer gegen die Verm�gen der Reichen gewettert. Aber sie g�nzlich abzuschaffen. Ich w�rde ihn gerne wiedersehen. Ailis kann nicht sehr viel �ber das Leben an Land berichten. Sie kann nur erz�hlen, was sie bei plaudernden Fischern auf See erlauschte. Es scheinen auch viel weniger Handelsschiffe als fr�her zu fahren. Leider gibt es auf der Insel keinen einzigen Albenpfad und ich habe nicht den Mut noch einmal ins Wasser zu steigen.</p><p>Sonst w�re ich schon l�ngst geflohen! (...)�</p><text-author>Aus: Die Tageb�cher des Nikodemus Glops, Band IV, Auf Verbotenen</text-author><text-author>Wegen - meine Reisen mit dem Troll Madra und Anderen, s. 43 FF.</text-author></cite></section><section><title><p>Eleborns Reich</p></title><p><emphasis>Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten.</emphasis> Die Stimme durchdrang sie.</p><p>Die Stimme des Orakels. Sie war tief in ihr. Firaz hatte sie verspottet. Sie hatte ihr niemals verziehen, dass sie sie und ihre Schwester verbannt hatte. Aber sie war ein Orakel. Sie musste Fragen beantworten und durfte nicht l�gen.</p><p><emphasis>Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten.</emphasis> Darin verborgen lag die ganze Wahrheit. Die Antwort war sehr klar, wenn man sie nur richtig betrachtete. Sie musste Albenmark verlassen. Sie musste in die Andere Welt zu Samur.</p><p>Emerelle schlug die Augen auf. Etwas umklammerte Mund und Nase. Sie k�mpfte einen Anflug von Panik nieder. Sie war im Wasser. Klares, flaches Wasser. �ber ihr ein weiter, hellblauer Himmel.</p><p>Sie drehte sich.</p><p>Sie schwebte inmitten eines Korallenbeckens. Aber um sie herum war alles tot.</p><p>Anemonen und bunte Korallenst�cke waren abgestorben. Einige bunte Fische trieben leblos an der Wasseroberfl�che. Was f�r ein seltsamer Ort!</p><p>Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie hierhergekommen war. Die Shi-Handan�...</p><p>Emerelle tastete �ber ihren Leib. Der Albenstein lag auf ihrer Brust. Sie war nackt. Jede Spur des grauen Lehms war von ihrem K�rper gewaschen. Langsam drehte sie sich im Wasser. Sie entdeckte einen engen Tunnel, der aus der kleinen Lagune zum offenen Meer f�hrte.</p><p>Die Elfe l�chelte. Eine kreisrunde Lagune. Ein Tunnel hinaus. Es war, wie in ein neues Leben geboren zu werden. War das Absicht?</p><p>Sie schwamm zu dem Durchgang. Scharfkantige Korallenst�cke ragten in den Tunnel.</p><p>Vorsichtig tastete sie sich hindurch. Kaum war sie der Enge entronnen, umgab sie ein unermessliches Farbenspektakel. Jenseits der Lagune boten sich die Korallen in all ihrer Pracht dar. Schw�rme bunter Fische bev�lkerten das Riff. Der h�ssliche Kopf eine Mur�ne lugte aus einer Felsspalte. Die schlangengleiche R�uberin be�ugte sie misstrauisch.</p><p>Emerelle schwamm mit kr�ftigen St��en ins offene Wasser hinaus. Sie genoss es, ihren K�rper zu sp�ren. Das Wasser war angenehm. Es streichelte sie.</p><p>Sie tauchte am Riff entlang in die Tiefe. Walgesang durchdrang sie. Er ber�hrte etwas tief in ihr. Sie schlang die Arme eng um ihren K�rper und zog die Beine an. Langsam sank sie tiefer. Sie schloss die Augen und gab sich ganz dem melancholischen Lied der Wale hin.</p><p>Sanft ber�hrte sie weichen Sand. Sie verharrte in der Hocke. Lauschte. Lange.</p><p>Als sie die Augen schlie�lich �ffnete, war es dunkel. Die Sonne war verschwunden.</p><p>Seltsames, blaugr�nes Licht schwebte im Wasser. Es bewegte sich mit der Str�mung. Neugierig schwamm sie dem Licht entgegen. Bald war sie umgeben von dem Leuchten. Ihre Bewegungen er-zeugten kleine Lichtwirbel, die sie umspielten. Sie folgte dem Leuchten weiter hinaus auf das Meer. Selbstverloren betrachtete sie die immer neuen Formen, die das Wasser dem Licht gab.</p><p><emphasis>Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten.</emphasis></p><p>Pl�tzlich dr�ngte der Orakelspruch wieder in ihre Erinnerung. Sie hatte kein Recht, sich einfach treiben zu lassen. Sie musste herausfinden, wo sie war. Wie viel Zeit war seit dem Angriff der Shi-Handan verstrichen? Was ist mit Falrach geschehen? Und mit dem Lutin? Warum war sie allein?</p><p>Sehns�chtig blickte sie nach dem blauen Licht. Sie wollte mit ihm im Wasser tanzen.</p><p>Sich treiben lassen und frei sein. Sie w�rde niemals frei sein, dachte sie traurig. Es war ihre Entscheidung�... Ihr Herz war unfrei.</p><p>Die Elfe schloss die Augen. Sie verschloss ihre Sinne. Lauschte nur noch mit dem Geist.</p><p>Das Wasser war von Leben erf�llt. Sie ber�hrte die Gedanken einer Gruppe gro�er Rochen, die schwerelos durch das Wasser segelten. War eins mit einem Schw�rm Rotr�cken, die sich in v�lliger Harmonie miteinander bewegten. Tausende Fische, wie ein Leib.</p><p>Sie sp�rte die Wale weit drau�en im Meer im tiefen Wasser. Fast h�tte sie sich erneut ihren Gesang ge�ffnet. Pl�tzlich aber war da Todesangst. Ein Streifenhai jagte einen Trompetenfisch. Tod.</p><p>Emerelles Geist tastete weiter. Da waren andere Gesch�pfe. Deren Gedanken ihr �hnlicher waren. Eine Frau. Sie betrachtete Falrach. Sie machte ihm sch�ne Augen. Ein Fest.</p><p>Eine Bewegung. Ganz nah. Emerelle �ffnete die Augen. Ein langer, mit bleichen Saugn�pfen bewehrter Arm tastete in ihre Richtung. Sie sah den gebogenen Schnabel, dort wo das Kn�uel von Armen zusammenstie�. Sie sah den Oktopus an und griff nach seinen verwickelten Gedanken.</p><p>Er wusste, dass sie zu gro� war, um sie zu fressen. Er �berlegte, ob sie Aas war, weil sie bewegungslos trieb wie ein Kadaver.</p><p>Sie sandte ihm einen Gedanken an Fangz�hne, die seinen Leib zerrissen. Eilig verschwand der Oktopus und lie� eine schwarze Wolke hinter sich, die seine Fangarme an den R�ndern zu Spiralen verwirbelten.</p><p>Emerelle folgte dem Gedanken der Frau. Sie war Falrach jetzt sehr nahe. Sie ber�hrte ihn. Sie wollte ihn! Emerelle rang die Versuchung nieder, sich in die Gedanken der Frau einzumischen. Es w�re ein Leichtes gewesen, ihr Angst zu machen.</p><p>Die Elfe schwamm. Mit kr�ftigen St��en. Sie wusste jetzt, wo sie war. Sie sp�rte Eleborns Macht. Er hatte seinen Hof um sich versammelt, um eines jener ausschweifenden Feste zu feiern, um die sich so viele Geschichten rankten.</p><p>Musik erklang. Getragen vom Wasser, erschien sie fremd. Sie drang nicht nur ins Ohr, sie ber�hrte den ganzen Leib und brachte ihn zum Vibrieren. Es war eine erregende, sinnliche Erfahrung. Fast wie eine Ber�hrung im Liebesspiel.</p><p>Schleier aus blauem Licht wogten durch das Wasser, gefangen im Rhythmus der Musik. Emerelle folgte ihnen. Sie strebten einem Abgrund entgegen. Einer tiefen Spalte im Meeresboden, deren W�nde �ber und �ber mit Korallen bedeckt waren.</p><p>Die T�nzer schwebten schwerelos im Wasser. Ihre K�rper waren bemalt. Manche trugen Masken. Sie waren umgeben von dem blauen Leuchten. Jede ihrer Bewegungen schnitt eine helle Bahn durch das lebende Licht. Die meisten tanzten f�r sich allein.</p><p>Paare waren selten. Sie bewegten sich in perfekter Harmonie.</p><p>Emerelle entdeckte Falrach. Auch er war nackt wie all die anderen. Muster aus stilisierten Bl�ten bedeckten seinen Leib. Eine Elfe drehte sich dicht neben ihm im Tanz. Ihr langes schwarzes Haar, durchwoben von blauem Leuchten, liebkoste ihn.</p><p><emphasis>St�re sie nicht!</emphasis></p><p>Sie fuhr herum. Aus der Tiefe des Abgrunds erhob sich eine wei�haarige Gestalt.</p><p>Eleborn! Auch er war nackt. <emphasis>St�re mein Fest nicht, Emerelle.</emphasis></p><p><emphasis>Wer ist sie?</emphasis></p><p><emphasis>Nailyn, meine Geliebte.</emphasis></p><p>Das passte, dachte Emerelle w�tend. Er war schon immer v�llig verdreht gewesen.</p><p><emphasis>Was tut sie da mit Falrach?</emphasis></p><p><emphasis>Sie tanzen nur. Kannst du ihn nicht freigeben? Nur f�r eine Nacht. Ich kann Nailyn ziehen lassen. Und weil es so ist, wird sie immerzu mir zur�ckkehren. Was f�rchtest du? Dass er bei einer anderen die W�rme findet, die du nicht zu geben vermagst?</emphasis></p><p><emphasis>Du kennst mich nicht!</emphasis></p><p><emphasis>In der Tat.</emphasis> Er er�ffnete ihr eine Flut von Bildern. Sterbende Fische und V�gel. Winzige Lichtpunkte, die durch das Wasser gleiten. Und inmitten des Todes sie. Schwebend.</p><p>Das Licht mit ihrem Leib verschlingend. <emphasis>Diese Emerel e kannte ich noch nicht. Hast du genug gemordet? Hast du dir zur�ckgeholt, was du verloren hattest?</emphasis></p><p>Er packte sie beim Arm und zog sie fort von dem Fest.</p><p><emphasis>Ich wusste nicht� Bitte verzeih. Ich �</emphasis></p><p><emphasis>Und du glaubst, damit sei es gut. Die Lagune, in der du schliefst, war ein wunderbarer Ort.</emphasis></p><p><emphasis>Ein Platz zum Tr�umen. Deine Tr�ume haben ihn zerst�rt, und ich frage mich, ob deine Tr�ume wom�glich zuletzt ganz Albenmark vernichten werden.</emphasis></p><p><emphasis>Du wei�t, dass das nicht stimmt, Eleborn.</emphasis></p><p><emphasis>Wei� ich es? Ich dachte dich zu kennen, Emerelle. Doch wie mir scheint, kennst du dich selbst nicht. Ich w�nsche, dass du mein Reich verl�sst. Morgen schon. Du kannst dei nen Schwertk�mpfer und deinen Fuchsmann mit dir nehmen. Diese Nacht jedoch geh�rt Falrach. Ich verzeihe dir nicht. Seine Freiheit in dieser Nacht ist der Preis, den ich f�r das einfordere, was du getan hast.</emphasis></p><p><emphasis>Lass uns an Land gehen. Ich mag es nicht, wenn du in meinen Gedanken und Erinnerungen lesen kannst.</emphasis></p><p><emphasis>Meine Gedanken stehen dir genauso offen.</emphasis></p><p><emphasis>Was interessieren mich die Erinnerungen eines L�stlings!</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht k�nntest du von mir lernen, das Leben zu genie�en.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist wohl genau so wahrscheinlich wie, dass du eines Tages f�r Albenmark streitest.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist bereits geschehen,</emphasis> emp�rte sich Eleborn.</p><p><emphasis>Wir beide wissen, dass du nur halbherzig gegen die Trolle gek�mpft hast.</emphasis></p><p>Schweigend schwammen sie dem Ufer entgegen. �Was willst du von mir, Emerelle?</p><p>Ich habe dir Zuflucht gew�hrt. Du wurdest versorgt. Deine Wunden sind geheilt.</p><p>Erwarte nicht, dass ich mit dir in deine Kriege ziehe.�</p></section><section><title><p>Eine andere Welt</p></title><p>Emerelle sah Eleborn seinen Widerwillen an, als er das Wasser verlie�. Auch er trug einen Albenstein, so wie sie. Kein Gesch�pf in den Ozeanen Albenmarks kam ihm an Macht gleich. Er glaubte, dass seine Kraft aus dem Wasser geboren war. An Land f�hlte er sich stets unwohl. Dabei erinnerte sich Emerelle noch gut an jene Tage, in denen er wie sie war. Eleborn entstammte einem der �ltesten Elfengeschlechter Albenmarks. Auch er hatte im Krieg gegen die Devanthar gek�mpft. Er war schwer verwundet worden. Verbrannt. Emerelle hatte ihn gesehen und hatte nicht geglaubt, dass er �berleben w�rde. Doch das Wunder geschah. Er brauchte sehr lange, um sich zu erholen. Danach war er ins Wasser gegangen. Er hatte ihr einmal erz�hlt, dass er, obwohl seine Haut ohne Narben wieder nachgewachsen war, den Schmerz und die Hitze der Verbrennungen noch immer tief in seinem Fleisch sp�rte. Sich im Wasser aufzuhalten, brachte ihm Linderung. Und die Alben, die ihn als einen Treuen in schweren Zeiten sch�tzten, schenkten ihm die Seikies und einen eigenen Albenstein. So wurde Eleborn der Herrscher unter den Wogen. Dort war er fortan geblieben. Er hatte sein Leben genossen, das fast verloren gewesen war. Seine Feste waren bald ber�hmt und ber�chtigt f�r ihren Prunk und ihre Ausschweifungen.</p><p>Mit einem m�rrischen Seufzen lie� sich Eleborn am silberwei�en Strand nieder. Er streckte die Beine, so dass die Meeresd�nung seine Zehen liebkoste. Ein St�ck entfernt tanzte blaues Licht im Wasser. Kurz glaubte Emerelle, auch den Schatten einer Selkie zu sehen, doch sicher war sie sich nicht.</p><p>�Nun, was willst du von mir h�ren in dieser Welt, in der L�gen leichter zu verbergen sind als in meinem Reich.�</p><p>Emerelle tastete �ber Nase und Lippen. Das seltsame Gesch�pf, das sich an ihr Gesicht geklammert hatte, um ihr Atem zu spenden, war abgefallen, ohne dass sie es bemerkt hatte. �Ich m�chte wissen, was in der Zeit geschehen ist, die ich auf den Albenpfaden verloren war.�</p><p>�Wo soll ich anfangen? Seit deinem Kampf auf der Shalyn Falah und dem Sieg der Trolle sind mehr als elf Jahre vergangen.�</p><p>�Erz�hle mir vom Trollk�nig. Wie macht er sich auf dem Thron? Wie behandelt er die V�lker Albenmarks? Ist er ein gerechter Herrscher oder grausam?�</p><p>Eleborn berichtete ihr von den neuen Gesetzen der Trolle. Davon, wie die Reichen ausgepl�ndert worden waren, und dass der Geldhandel durch Tauschhandel ersetzt worden war. Er erz�hlte, dass es sein Gef�hl war, dass es den einfachen Bauern und Handwerkern besser ging als je zuvor. Und dass jeder vor den Kronrat in Burg Elfenlicht treten durfte, auch wenn man lange warten musste, bis man erh�rt wurde. Auch vom Krieg der Kentauren und den geheimnisvollen Karawanen in die Snaiwamark wusste er zu erz�hlen. Und davon, dass seit zwei Jahren sehr viele vollbeladene Schiffe von den fernsten K�sten Albenmarks die Walbucht ansteuerten, um dann mit leeren Frachtr�umen in ihre Heimath�fen zur�ckzukehren.</p><p>Die beiden sa�en nebeneinander auf dem Strand und blickten auf das leuchtende Meer. Emerelle zeichnete gedankenverloren mit einem Stock Muster in den Sand und versuchte die Pl�ne der Trolle zu ergr�nden. �Was glaubst du, was sie in die Snaiwamark bringen?�</p><p>�Ich hatte damit gerechnet, dass die Schiffe mit exotischen Speisen beladen sind. Oder mit Pelzen, sch�nen Schmucksteinen, Kuriosit�ten. Al erlei Merkw�rdigkeiten, an denen nur Trolle Gefallen finden. Ich war sehr �berrascht, als ich ein gesunkenes Schiff besuchte und mir die Fracht angesehen habe. Das Schiff war voller Gold und Silber.�</p><p>Auch Emerelle war �berrascht. Trolle hassten verh�ttete Metalle. Sie hatten ihnen noch nie etwas bedeutet. �Vielleicht war es nur dieses eine Schiff?�</p><p>Eleborn sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Ich glaube nicht. Du solltest sehen, wie tief die Snaiwamarkfahrer im Wasser liegen. Sie tragen samt und sonders schwere Fracht.</p><p>Ich glaube, es ist ihrem K�nig sehr ernst damit, den Geldhandel abzuschaffen. Mir scheint es so, als w�rde alles gem�nzte Gold und Silber in ihre H�hlen geschafft.</p><p>Damit ist es f�r immer verloren, denn wer k�nnte es schon aus den Trollfestungen zur�ckholen. So sorgen sie daf�r, dass unsere Welt im Tauschhandel verharrt, ob wir wollen oder nicht. Und ganz unabh�ngig davon, ob ein Troll herrscht oder du, Emerelle. Sie schaffen unumkehrbare Tatsachen.�</p><p>Emerelle strich die Zeichnung vor sich im Sand glatt. Das Verhalten der Trolle war eine �berraschung. Aber wenn sie glaubten, ihre Burgen seien sicher, irrten sie.</p><p>Eigentlich h�tten sie es besser wissen m�ssen. Sie hatte ihnen schon einmal all ihre schmutzigen Felsennester abgenommen.</p><p>�Denkst du an Krieg?�</p><p>Emerelle blieb ihm eine Antwort schuldig. Sie gl�ttete immer noch den Sand. Es war eine angenehme, warme Nacht. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal am Meer im Sand gesessen hatte. Ihr Leben lie� ihr nie die Mu�e dazu. Ein wenig beneidete sie Eleborn.</p><p>�Du wei�t, wie ausgeblutet die gro�en Adelsh�user unseres Volkes sind, Emerelle. Es gibt zu wenige Kinder. Zu viele Seelen gehen verloren, indem sie ins Mondlicht gehen.</p><p>Was gewinnen wir in einem Krieg, der auf lange Sicht unser Volk vernichtet?�</p><p>Sie wusste nur zu gut, dass sie nicht darauf hoffen durfte, an der Spitze einer Streitmacht stolzer Elfenritter ins Herzland zu ziehen und die Trolle zu vertreiben.</p><p>Und selbst wenn sie �ber eine solche Streitmacht verf�gt h�tte, w�sste sie nicht, ob sie einen Krieg f�hren wollte. Sie dachte wehm�tig an ihre ersten Tage in der Snaiwamark, kurz nachdem sie den Thron aufgegeben hatte. Damals war sie sich noch nicht dar�ber im Klaren gewesen, wie gro� der Unterschied zwischen Ollowain und Falrach war. Sie wollte Ollowain. Ihm geh�rte ihr Herz. Sie wusste das genauso sicher, wie sie inzwischen wusste, dass er auf immer verloren war. Nur eine Kraft gab es, die ihn vielleicht zur�ckbringen k�nnte.</p><p>�Ich will keine Schlachten mehr�, sagte sie schlie�lich. �Ich suche etwas ganz anderes.</p><p>Glaubst du, es gibt noch Alben in unserer Welt?�</p><p>Eleborn sah sie fragend an. �Sprichst du von der Silbernacht?�</p><p>Emerelle hatte nicht an jenes Fest im Alten Wald gedacht, bei dem sie am letzten Herbsttag eines jeden Jahres die Stimmen der Alben zu h�ren vermochte. Oder waren es andere Stimmen? Wer wusste das schon? Bevor Falrach zu ihr in die alte Veste zur�ckkehrte und die Shi-Handan angriffen, hatte sie lange �ber Firaz� Orakelspruch nachgedacht. Je mehr sie dar�ber nachdachte, desto mehr kam Emerelle zu der �berzeugung, dass Firaz ihr einen klaren Hinweis darauf gegeben hatte, dass es noch Alben in Albenmark gab. Oder war es doch nur ihr Wunschdenken?</p><p>�Hast du dich jemals gefragt, ob sie wirklich alle gegangen sind?�</p><p>�Seit die Drachenkriege vor�ber sind, hat niemand mehr einen Alben gesehen. Oder vielleicht schon l�nger�... Wie kommst du darauf, dass sie nicht alle gegangen sein k�nnten? Warst du nicht auf dem Entr�ckungsfest?�</p><p>�Doch�... Aber ich muss gestehen, ich konnte nicht erfassen, was in jener Nacht geschah. Meine Erinnerungen sind durcheinander. Dieses Fest war wie kein anderes, das ich je erlebt habe. All meine Sinne wurden mit so vielem zu gleicher Zeit �berw�ltigt, dass meine Erinnerung an diese Nacht nicht klar ist. Es sind Dinge geschehen, die ich nicht verstehen konnte. Sie haben sich auch nicht erkl�rt � Ich bezweifele ja gar nicht, dass die meisten von ihnen unsere Welt verlassen haben. Aber was ist zum Beispiel mit dem S�nger? Ich kann mich nicht erinnern, ob er �berhaupt dort war.�</p><p>�Du wei�t, ich bin kein Philosoph. Ich wette mit dir, dass die halbe Bibliothek von Iskendria mit Schriften �ber die Alben, ihr Wirken und ihr Verschwinden gef�llt ist.</p><p>Jeder Weise f�hlte sich irgendwann dazu berufen, dar�ber zu spekulieren, warum sie uns verlassen haben und wohin sie wohl gegangen sind. Ob sie uns im Mondlicht erwarten oder ob sie an einem ganz anderen Ort sind. Ob sie von uns entt�uscht waren oder ob sie uns unsere Welt zum Geschenk machten und dann gehen mussten, damit wir wirklich frei sind. Nur eines ist gewiss. Sie haben uns ein R�tsel hinterlassen.�</p><p>�Du wei�t, dass Orakel nicht l�gen k�nnen. Was w�rde ein Orakel antworten, wenn man ihm unwissentlich eine Frage stellt, deren Antwort enth�llen w�rde, dass nicht alle Alben entr�ckt wurden?�</p><p>Eleborn sah sie zweifelnd an. �Hast du das getan? Ich denke, ein Orakel in dieser Lage w�rde in einen unl�sbaren Konflikt kommen. Vielleicht w�rde es auch einfach schweigen. Wenn die Alben die Sch�pfer dieser Welt sind und m�chten, dass ein Geheimnis bewahrt bleibt, dann wird es wohl keines ihrer Gesch�pfe enth�llen k�nnen. Anderenfalls w�ren sie wohl nicht so allm�chtig, wie wir glauben. Oder aber sie haben entschieden, dass ihr Geheimnis aufgedeckt wird, und lassen es zu. Ich bin zutiefst �berzeugt, dass nichts geschehen kann, von dem sie nicht wollen, dass es geschieht. Und ich f�rchte, wenn sie doch noch da sind, dann sind ihnen unsere Kriege und Sorgen sehr gleichg�ltig. Anders kann ich mir all das sinnlose Blutvergie�en nicht erkl�ren.�</p><p>Emerelle l�chelte den Seef�rsten an. �Verbirgt sich in dem alten L�stling doch noch ein Philosoph?�</p><p>�Zum Philosophen werde ich erst, wenn ich einen Becher Wein zu viel hatte oder ein M�dchen mich verlassen hat, das um Jahrhunderte j�nger war als ich.�</p><p>War da ein Hauch Melancholie?, fragte sich Emerelle. Oder war es einfach nur die unverbl�mte Wahrheit? Sie hatte Eleborn zu lange nicht mehr gesprochen, um noch behaupten zu k�nnen, dass sie ihn kannte.</p><p>Sie dachte wieder an Firaz. <emphasis>Wie du Olowain zur�ckholen kannst, kann ich dir nicht sagen.</emphasis></p><p>Das waren ihre Worte gewesen. War es ein st�rrisches <emphasis>Kann,</emphasis> das man auch durch ein <emphasis>Will</emphasis> h�tte ersetzen k�nnen? Durfte man es so auslegen, dass sie wusste, wie man Ollowain zur�ckholen k�nnte, aber es nicht sagen durfte. Und wenn ja, wer oder was h�tte sie daran hindern k�nnen, es zu sagen? Sie war ein Orakel. Sie war der Wahrheit verpflichtet. Und sie f�rchtete den Tod nicht. Sie hatte gewusst, dass noch zwei Besucher zu ihr kommen w�rden. Sie hatte von dem Shi-Handan gewusst. Und Emerelle hatte sp�ren k�nnen, dass das geisterhafte Ungeheuer kurz zuvor die Gazala get�tet hatte, als die Kreatur nach ihrem Licht griff.</p><p>Was also hatte die Macht, der Gazala die Lippen zu versiegeln? <emphasis>Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten.</emphasis> Das hatte Firaz ihr noch nachgerufen. War es ein Hinweis auf eine Macht, die nur in Albenmark herrschte, aber anderswo nicht?</p><p>�So still�, sagte Eleborn �berraschend.</p><p>Sie sah ihn an. �Ich werde nach den Alben suchen. Ich glaube, sie sind nicht alle gegangen.�</p><p>�Ist das klug? Wenn noch welche von ihnen hier sind, dann wollen sie nicht gefunden werden. Ich wei� um deine Macht, Emerelle. Und um deine Dickk�pfigkeit. Doch all das wird dir nicht helfen, wenn sie nicht gefunden werden wollen.�</p><p>�Vielleicht warten sie ja darauf, dass jemand ernsthaft nach ihnen sucht.�</p><p>�So wie die Jungfrau auf den ersten Kuss ihres Galans, unf�hig es selbst zu wagen, sosehr sie ihn auch herbeisehnt?�</p><p>Emerelle l�chelte. �Hast du schon viel getrunken in dieser Nacht?�</p><p>�Ich denke auch an Jungfrauen, wenn ich n�chtern bin, falls es das ist, was du meinst.�</p><p>�Daf�r, dass du einer der edelsten Familien unseres Volkes entstammst, bist du ein erstaunlich ungehobelter Klotz, Eleborn.�</p><p>�Ich w�rde eher sagen, ich hatte gen�gend Zeit, unn�tigen Ballast �ber Bord zu werfen und ganz zu mir selbst zu finden.�</p><p>Wenn sie das Gespr�ch nicht in eine andere Richtung lenkte, w�rde er ihr wahrscheinlich bald erz�hlen, was f�r ein unglaublich guter Liebhaber er war, dachte Emerelle. �Kannst du mir ein kleines Segelboot besorgen? Eines, das man zu zweit segeln kann. Es soll echt sch�big und unauff�llig sein. Auf keinen Fall von Elfen gebaut.�</p><p>�Ich herrsche im Reich unter den Wogen. Wie kommst du darauf, dass ich ein Segelboot besitze? Und obendrein noch ein sch�biges. Die Boote, die mir geh�ren, haben ihre beste Zeit schon lange hinter sich. Die willst du nicht.�</p><p>�Ich w�rde auch ein Boot annehmen, das verlorengegangen ist.�</p><p>�Du meinst wohl gestohlen!� Er lachte. �Das glaube ich nicht. Die gro�m�chtige Emerelle fragt mich, ob ich f�r sie ein sch�biges Boot stehle.�</p><p>�Und, wirst du es tun?�</p><p>�Das hat einen Preis. Du l�sst Falrach in Frieden, bis er von sich aus zu dir kommt. Das wird nicht lange dauern. Er war jeden Tag bei der Lagune.�</p><p>�Du meinst, ich soll ihn dieser kleinen T�nzerin �berlassen!�</p><p>�Nein, du sollst ihn sich selbst �berlassen. Er soll tun k�nnen, was er will.�</p><p>�Ich dachte, sie ist deine Geliebte?�</p><p>�Was nicht bedeutet, dass sie mein Besitz ist.�</p><p>Emerelle atmete langsam aus und wieder ein. Mit Eleborn �ber Moral zu reden, war sinnlos. Falrach liebte sie. Aber sie wusste auch, wie er fr�her gewesen war. Der Hof des Seef�rsten war dazu angetan, all seine alten, schlechten Angewohnheiten wiederzuerwecken. Fr�her einmal war er ein Spieler und Frauenheld gewesen. Sie w�rde das nie vergessen. Selbst in jenen fernen Tagen, in denen sie ihn von ganzem Herzen geliebt hatte, war da immer ein Zweifel an seiner Treue geblieben. Seltsam.</p><p>Ihre Liebe zu ihm hatte sie verloren. Aber die Zweifel waren geblieben.</p><p>�Woher wei�t du, dass er nicht Ollowain ist? Hast du in seinen Gedanken gelesen.�</p><p>�Anfangs habe ich durchaus die Etikette geachtet. Aber als ich zum dritten Mal in Folge ein Falrach-Spiel gegen ihn verloren habe, war ich versucht zu schummeln. Ich habe tiefer in seine Gedanken geblickt, als h�flich ist. Eigentlich wollte ich nur sehen, an was f�r Spielz�ge er denkt.</p><p>Aber was ich sah, verriet mir, warum ich nicht gewinnen konnte. Ich h�tte es besser wissen m�ssen. Ich hatte schon fr�her gegen ihn gespielt. Der Halunke schafft es, dass man immer das Gef�hl hat, nur sehr knapp verloren zu haben und im Grunde der �berlegene Spieler zu sein.� �Warum magst du ihn?�</p><p>�Wir waren vor langer Zeit einmal Freunde. Wir waren uns �hnlich. Dann ging er mit dir. Ich habe nie begriffen, warum er das getan hat.�</p><p>�Du hast auch gegen die Drachen gek�mpft.�</p><p>Er wirkte pl�tzlich ernst. �Ja. Aber er tat es aus Liebe zu dir. Ich, weil ich keine andere Wahl hatte.�</p><p>�Und zu so einer wunderbaren M�nnerfreundschaft geh�rt auch, dass du ihm deine Geliebte f�r eine Nacht �berl�sst?�</p><p>�Ich stehe nicht zwischen ihnen in dieser Nacht. Das ist ein gro�er Unterschied.�</p><p>Es fiel ihr schwer, sich zu beherrschen. Sie blickte auf das Meer. Auf das Leuchten.</p><p>Und sofort stieg in ihrer Erinnerung das Bild auf, wie diese junge Elfe neben Falrach im Wasser schwebte. Umspielt von blauem Licht. Nackt. So wie er.</p><p>�Du liebst doch Ollowain. Warum ist es so schwer f�r dich, Falrach seine Freiheit zu lassen? Vertraue ihm. Du ahnst nicht einmal, wie stark die Ketten sind, die ihn an dich binden.�</p><p>�Und du, der du ihn seit ein paar Tagen wieder kennst, wei�t so unendlich viel �ber ihn.�</p><p>�Wie gesagt, manchmal schere ich mich nicht viel um Etikette. Du kannst seine schwierigen Eigenschaften nicht vergessen, ich hingegen wei�, was er f�r dich und deine Liebe zu Ollowain tut.�</p><p>Emerelle ahnte, dass Eleborn es bei Andeutungen belas sen w�rde und dass es sinnlos w�re, zu versuchen, weiter in ihn zu dringen. Er hatte sich unaufgefordert zum Verteidiger Fairachs aufgespielt. Aber mit all seinen sch�nen Worten konnte er nicht tilgen, was sie gesehen hatte. Nailyn machte sich an Falrach heran. Und er lie� es sich gefallen! Bei Ollowain w�re das undenkbar gewesen. Der wei�e Ritter w�re nicht einmal auf diesem sittenlosen Fest erschienen. Er war ein Mann von festen Tugenden und Ehre gewesen.</p><p>Ein Klo� stieg ihr in den Hals. Und auch das hatte sie nicht ertragen k�nnen.</p></section><section><title><p>Die Spur der Pfeile</p></title><p>Anderan sah zu, wie die K�rbe mit den Pfeilb�ndeln auf den Frachtkahn verladen wurden. F�nfzigtausend Pfeile, in B�ndeln zu jeweils zwanzig Pfeilen. Mehrere Schmieden in Tanthalia hatten die Pfeilspitzen hergestellt. Der gr��te Teil der Sch�fte kam aus Meliamer, wo Spitzen und Sch�fte zusammengef�gt worden waren, um dann hierher, nach Vahlemer, verschifft zu werden.</p><p>Der Herr der Wasser tastete nach der Pfeilspitze, die er an einem Lederriemen um den Hals trug. Dem Geschoss, das vor zwei Jahren seinen Sohn Baidan get�tet hatte. Es lie� ihm keine Ruhe. �ber ein Jahr lang hatte er versucht, sich damit abzufinden. Er konnte es nicht. Er musste wissen, wie eine Pfeilspitze aus Tanthalia zu den Kentauren gelangt war, wo es doch Schmieden bei ihren Verb�ndeten in Uttika gab oder auch Feylanviek, das inmitten der Steppe lag. Vielleicht lie� sich auch herausfinden, welcher Kentaurenstamm diese Pfeile besessen hatte.</p><p>Je l�nger er der Spur der Pfeile gefolgt war, desto merk w�rdiger erschien es ihm, auf welch verschlungenen Wegen sie nach Norden gelangten. Er wollte auch jenen Kobolden in die Augen sehen, die Pfeile an Kentauren verkauften, w�hrend dieselben Kentauren in der Steppe Krieg gegen jene Kobolde f�hrten, die beim Bau der gro�en Stra�e halfen.</p><p>Anderan reiste inkognito. Er hatte sich sogar den Kopf geschoren und Hosen angelegt, damit man in ihm nicht allzu leicht einen Angeh�rigen aus dem Volk der Holden erkannte. Auch dass er ein Mitglied des Kronrats war, hielt er geheim.</p><p>Es fiel leichter Nieselregen. Alle K�rbe waren mit gewachsten Leinent�chern abgedeckt. Wenn man es nicht wusste, w�rde man nicht darauf kommen, dass der Frachtkahn hundertfachen Tod lud.</p><p>Bald w�re der letzte Korb verstaut. Anderans Blick wanderte �ber das Hafenbecken.</p><p>Nur wenige Schiffe lagen hier. Der Seehandel war fast zum Erliegen gekommen. Ein regionaler Handel lie� sich leicht �ber Tauschgesch�fte abwickeln. F�r den Fernhandel waren die Gesetze der Trolle reines Gift gewesen. Er war v�llig in sich zusammengebrochen. Nur die gr��ten Handelsh�user hatten �berlebt und bem�hten sich nun, Routen aufzubauen, die sie nach den G�tern benannten, die darauf bef�rdert wurden. Die Kornstra�e. Die Indigostra�e. Selbst Elija Glops war inzwischen davon �berzeugt, dass sich der Fernhandel langsam wieder erholen w�rde.</p><p>Anderan betrachtete die halb im Wasser versunkenen Frachtk�hne, die nicht weit entfernt an einem bauf�lligen Landungssteg vert�ut waren. F�r diese Schiffe und ihre Eigner k�me die Erholung der M�rkte zu sp�t. Auch die verfallenen Lagerh�user, die das Hafenbecken s�umten, sprachen f�r sich. Der Herr der Wasser hatte noch auf Burg Elfenlicht die Steuerunterlagen von Vahlemer und den anderen St�dten seiner Reise eingesehen. Ohne dass der Hafen in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt gewesen w�re oder ihn eine Seuche heimgesucht h�tte, war die Bev�lkerungszahl in zehn Jahren auf weniger als die H�lfte zur�ckgegangen. In Feylanviek, dem Ziel des Lastkahns, war es noch schlimmer. Der Handel mit B�ffelh�uten und gep�keltem Fleisch war zur Bedeutungslosigkeit verk�mmert.</p><p>Anderan trat aus dem Schatten des Lagerhauses, von wo aus er den Frachtkahn beobachtet hatte. Er ging geradewegs auf den drahtigen Kobold mit dem roten Kopftuch zu, der w�hrend des Verladens die Befehle gab.</p><p>�Bist du der Schiffer?�</p><p>�Wer will das wissen?�</p><p>�Ein Reisender, der einen sicheren Weg nach Feylanviek sucht.�</p><p>Der Kobold drehte sich um und musterte ihn. Er trug eine �rmellose Weste, zerschlissene Hosen und ging barfu�. Doch um seine H�ften war eine Bauchbinde mit zerfaserten Troddeln gebunden, die zu ihren besten Zeiten gewiss ein Verm�gen gekostet hatte. �Es gibt keinen sicheren Weg nach Feylanviek. Die Zeiten haben sich ge�ndert, wir fahren nicht mehr im Konvoi. Wir werden auf uns allein gestellt sein.</p><p>Und der verdammte Fluss f�hrt wenig Wasser. Selbst in der Mitte des Stroms k�nnen uns die Kentauren ohne Schwierigkeiten beschie�en.�</p><p>�Warum f�hrst du, wenn es so gef�hrlich ist?�</p><p>Der Drahtige spuckte einen Mund voll gelbbraunen Speichels auf das Pflaster. �Damit ich auch morgen noch einen Priem kauen kann. Das ist meine erste Fracht seit drei Monden. Allein der Vorschuss, den ich bekommen habe, reicht, um meine s�mtlichen Schulden zu tilgen.� Er musterte ihn mit seinen dunklen Knopfaugen von Kopf bis Fu�. �Die Frage ist doch wohl eher, warum so ein feiner Pinkel wie du so eine gef�hrliche Reise auf sich nimmt. Ist dir in deinem Leben mit wohl gedeckter Tafel und feinen Kleidern langweilig geworden?�</p><p>�Mein Onkel hat mich mit der Leitung seines Handelskontors beauftragt.�</p><p>Der Schiffer lachte auf. �Was hast du gemacht, Kerl? Hast du eine deiner Nichten geschw�ngert oder das h�bsche Weib deines Onkels verf�hrt? In Feylanviek gibt es keine Kontore mehr, die gute Gesch�fte machen. Dein Onkel schickt dich in das �belste Drecknest im ganzen Windland. Lass dir einen Rat geben. Schreib ihm, dass du krank bist, und komm nicht an Bord.�</p><p>Anderan deutete auf die abgedeckten K�rbe, die in dichten Reihen auf dem Deck des Frachtkahns standen. �Irgendjemand scheint ja noch Gesch�fte zu machen.�</p><p>Der Schiffer spuckte erneut aus. �Bist du dumm oder einfach nur hartn�ckig? Das, was da drinnen ist, kann man in Feylanviek nicht weiterverkaufen. Zumindest nicht, ohne sein Leben zu riskieren.� Er beugte sich dicht an Anderans Ohr. �Das sind Pfeile, wie die Kentauren sie verwenden. Wer die zu denen bringt, der muss in der Angst leben, dass ihm ein hasserf�llter, pferde�rschiger Stammesf�rst die Kehle durchschneidet, statt zu zahlen. Und wenn er zur�ck ist, muss er den Trollf�rst f�rchten, denn es ist verboten, Waffen an Kentauren zu verkaufen.�</p><p>�Und wen musst du f�rchten?�</p><p>Der Schiffer lachte. �Nur Untiefen. Ich bin auf der sicheren Seite des Gesch�fts. Es gibt keine Handelsbeschr�nkungen f�r G�ter, die nach Feylanviek verschifft werden.�</p><p>�Was kostet es mich, wenn ich mit dir fahre?�</p><p>�Hast du solche Angst vor deinem Onkel?�</p><p>Anderan schwieg. Er hielt dem bohrenden Blick des Schiffers stand. Dass der Kerl so bereitwillig �ber seine Fracht geredet hatte, machte ihm Sorgen. Doch er folgte der Spur der Pfeile nun schon viele Wochen. Er w�rde nicht kurz vor dem Ziel aufgeben.</p><p>�Bring mir einen Sack Linsen, zehn Pfund Brot und f�nf Pfund Fleisch, dann nehme ich dich mit. F�r deinen Proviant musst du selbst sorgen, der ist in dieser Rechnung nicht enthalten.�</p><p>�Ein stolzer Preis f�r eine Fahrt auf einem Boot ohne Kabinen.�</p><p>Der Schiffer grinste ihn an und entbl��te dabei vom Kautabak braun gef�rbte Z�hne.</p><p>�Wenn es dir zu teuer ist, kannst du ja zwei, drei Wochen warten, bis der n�chste Frachtkahn den Mika hinauff�hrt, wenn der Fluss bis dahin nicht schon zugefroren ist.</p><p>Ansonsten wartest du bis zum Fr�hjahr.�</p><p>Anderan streckte ihm die Hand hin. �Ich akzeptiere. Schlag ein!�</p><p>Sein Gegen�ber z�gerte. �Wie willst du die Lebensmittel eintauschen? Du scheinst ja nicht viel bei dir zu tragen.�</p><p>�Schuldscheine. Mein Onkel ist ein bedeutender Kaufmann. Ich finde in fast jeder gr��eren Stadt ein Kontor, in dem ich Kredit habe.�</p><p>�Papiere!� Der Schiffer sagte das voll abgrundtiefer Verachtung. �Ich w�nschte, man k�nnte noch mit ehrlichem Silber zahlen. Da war alles einfacher. Du kommst mir erst an Bord, wenn du den Proviant bringst. Kannst du mit einer Windenarmbrust umgehen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich wollte nur wissen, ob du zu was anderem taugst, als Papiere vollzukritzeln. Da drau�en gibt es Flusspiraten und allerlei anderes Gesindel. Mit einem Federkiel wirst du da nicht weit kommen!�</p></section><section><title><p>Die geschlagene Flotte</p></title><p>Salz funkelte auf dem rissigen, grauen Holz des Bugs. Das Boot, das Eleborn ihr verschafft hatte, sah in der Tat so aus, als w�rde es sich kaum noch �ber Wasser halten k�nnen. Sein Segel war ein Lappen voller Flicken.</p><p>Emerelle stand im Heck und hielt das Ruder. Sie steuerte die kleine, von Felsen ges�umte Bucht an, zu der sie vor so langer Zeit Samur gebracht hatte. Damals hatten sich schneebedeckte Zedern �ber der Bucht erhoben. Sie war menschenleer gewesen.</p><p>Auf der Insel gab es nur ein paar Hirten und Fischer. Und auch die lebten viele Meilen entfernt an der freundlicheren S�dk�ste.</p><p>Jetzt war alles anders. Die Zedern waren verschwunden. Dutzende Schiffe lagen in dem nat�rlichen Felshafen. Eines prunkte mit rotem Rumpf und purpurnen Segeln.</p><p>Zwischen den Felsen bl�hten sich Sonnensegel. Ein stetiger Wind blies vom Meer. Ihr Boot machte gute Fahrt.</p><p>Wachen standen auf den Felsen und blickten auf das Meer hinaus. B�rtige M�nner mit harten, von Wind und Wetter gezeichneten Gesichtern.</p><p>Die Schiffe trugen die Spuren eines Kampfes. In manche R�mpfe waren gezackte L�cher gestanzt. Verwundete wurden auf kleinere Boote verladen und zum Ufer gebracht.</p><p>�Das ist kein guter Platz, Herrin�, murmelte Nikodemus. Der Lutin hatte auf ihren Befehl die Gestalt eines kleinen Jungen angenommen. Er sah h�bsch aus mit seiner makellos braunen Haut und den Fuchsaugen. Schwarzes Lockenhaar rahmte sein kleines Gesicht. Er trug eine t�rkisfarbene Tunika. Genau wie Falrach. Zwei Schwertgurte kreuzten sich �ber der Brust des Elfen. Sie waren mit primitiven Amuletten geschm�ckt. Eines der Schwerter w�re f�r sie, falls es notwendig wurde, zu k�mpfen.</p><p>Fast eine Woche waren sie zwischen den Aegilischen Inseln gekreuzt. Der Albenstern, durch den sie gekommen waren, hatte nahe der K�ste Iskendrias gelegen. Emerelle hatte die Zeit genutzt, den beiden ein wenig vom �rtlichen Dialekt beizubringen. Es war die derbe Sprache von Fischern und Bauern. Ohne jede Poesie.</p><p>Eine Woche hatte sie versucht, Falrach zu entlocken, was mit Nailyn gewesen war.</p><p>Direkt hatte sie ihn nicht darauf angesprochen. Und er hatte Spa� daran gehabt, sie einfach nicht zu verstehen. All die Metaphern und Andeutungen falsch zu deuten.</p><p>Selbst Nikodemus wusste inzwischen, worum es ihr ging!</p><p>Aber Falrach sagte nichts. Gewiss hatte er nur mit der Elfe getanzt. Schon hundert Mal hatte sie sich das gesagt. Aber sie kannte ihn zu gut, um es wirklich glauben zu k�nnen. Sie wusste, dass es Narretei war. Sie w�rde ihm ja nicht einmal glauben, wenn er sagte, dass nichts gewesen w�re.</p><p>Falrach lehnte am Mast und beobachtete die Krieger in der Bucht. Bogensch�tzen standen auf den Felsen. Der Elfenritter griff nach den Schwertern auf seinem R�cken und vergewisserte sich, dass die Klingen leicht aus den ge�lten Scheiden gleiten w�rden. Er sah gut aus in der Tunika. Unter einem breiten, geflochtenen Lederband verbarg er seine verr�terischen Ohren. Er trug scharlachrote Sandalen. Auch wenn sein Aufzug albern war, sah Emerelle �berdeutlich, was sich dahinter verbarg. Er war bereit, zu t�ten. Sie hatte er ganz vergessen. All seine Sinne waren gespannt.</p><p>Es war Pech, dass die Flotte des Piratenprinzen Tigranes von Zeola ausgerechnet hier Zuflucht gesucht hatte. Zweimal hatten sie in kleinen Fischerd�rfern angelegt, deshalb wussten sie, wem das Schiff mit den purpurnen Segeln geh�rte. Tigranes war der Held des ungleichen Kampfes mit Iskendria. Seit Jahren schaffte er es immer wieder, der �berlegenen Flotte der Priesterf�rsten zu entkommen. Vor wenigen Tagen erst war es zu einem Seegefecht gekommen. Ob auch der Piratenf�rst hier war, um das Orakel um Rat zu befragen?</p><p>�Diese Bucht anzusteuern, ist nicht klug�, sagte Falrach, ohne die Bogensch�tzen auf den Felsen aus den Augen zu lassen. �Wir sollten weitersegeln und in ein paar Tagen zur�ckkehren. Sie werden bestimmt nicht lange hierbleiben.�</p><p>�Meine Rede!�, stimmte Nikodemus zu. �Das ist ein einziger Haufen von Halsabschneidern.�</p><p>�Die Fischer nannten sie Freiheitsk�mpfer�, entgegnete Emerelle gelassen.</p><p>Falrach drehte sich zu ihr um. Es war das erste Mal seit Stunden, dass er sie ansah.</p><p>�K�mpfen wir oder ergeben wir uns?�</p><p>�Warten wir es ab. Du hast doch nicht ernsthaft Sorgen, dass Menschenkinder uns gef�hrlich werden k�nnten?�</p><p>�Es sind viele�, entgegnete er. �Und sie sehen verzweifelt aus. Es w�re klug, ihnen aus dem Weg zu gehen.�</p><p>�Ich muss zu Samur! Die Zeit dr�ngt.� Sie konnte ihm ansehen, dass er ihr nicht glaubte.</p><p>�Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist es Jahrhunderte her, dass du die Gazala das letzte Mal gesehen hast. Warum kommt es dir jetzt auf jede Stunde an?�</p><p>�Weil ich nicht wei�, ob uns noch weitere Shi-Handan folgen. Sie finden uns sogar in der Welt der Menschen. Ein Geisterhund hat mich vor einigen Jahren in Firnstayn im Fjordland aufgesp�rt. Ich m�chte nicht, dass die Menschenkinder noch einmal in die Machtk�mpfe Albenmarks hineingezogen werden.� Das alles war eine L�ge. Falrach hatte mit seinem Einwand Recht. Es w�re vern�nftig, noch zu warten, aber sie hatte keine Geduld mehr. Sie wollte Ollowain. Oder die Gewissheit, dass er f�r immer verloren war.</p><p>�Du meinst, es jagen uns noch mehr von diesen Geisterhunden!�, rief Nikodemus entsetzt. �Das h�ttest du vorher sagen m�ssen!�</p><p>�Mir kam es so vor, als seiest du sehr ungl�cklich auf deiner Insel gewesen.�</p><p>�Ich bin lieber ungl�cklich als tot�, ereiferte er sich.</p><p>�Dann sei jetzt lieber still! Vergiss nicht, du bist ein braves Kind und kein vorlauter Lutin. Und achte darauf, dass du deine Gestalt beibeh�ltst. Auf deinen Handr�cken beginnt Fuchsfell zu wachsen!� Emerelle steuerte das Boot um den steilen Felsen, der am Eingang der Bucht aufragte.</p><p>Der Lutin fluchte. �Wenn ich Angst habe, kann ich mich nicht auf meinen Zauber konzentrieren.�</p><p>�Dann w�rde ich dir raten, keine Angst zu haben.� Sie war ungerecht, das wusste sie.</p><p>Sie war einfach in der Stimmung dazu. Immer wieder blickte sie verstohlen zu Falrach.</p><p>Er hatte ihr erneut den R�cken zugedreht und beobachtete die Menschenkinder. Die wenigen Tage an Eleborns Hof hatten ihn ver�ndert. Er war wieder mehr wie fr�her.</p><p>Stolzer. Ein Mann, den man nicht behalten konnte, wenn man nicht jeden Tag um ihn k�mpfte. Er sollte ihr gleichg�ltig sein!</p><p>Ein steinerner Kai ragte weit in die Bucht hinein. Etliche kleine Boote dr�ngten sich dort zusammen. Dr�ckende Hitze lag �ber der Bucht. Es roch nach Blut, toten Muscheln und faulendem Seetang.</p><p>Emerelle fand einen freien Platz. Sanft stie� das Boot gegen die Mauer. Nikodemus vert�ute es an einem rostigen Eisenring. Falrach war als Erster auf dem Anleger. Er streckte ihr eine Hand entgegen. Er sah wirklich gut aus. Obwohl es immer noch Ollowains Gesicht war, wirkte es irgendwie anders. Da war ein verwegener Zug, den es beim geradlinigen ersten Ritter nie gegeben hatte.</p><p>Falrach beugte sich tief hinab und half auch Nikodemus auf den Kai.</p><p>Emerelle sah die gro�en Blutflecken auf den Steinen. Die Verwundeten, die man von den Schiffen brachte, wurden auf T�cher gelegt. In diese T�cher geh�llt, trug man sie hinauf zu den Felsen. Dorthin, wo die Sonnensegel stickigen Schatten spendeten.</p><p>Die M�nner st�hnten und fluchten. Manche weinten, ohne dass dabei ein Laut �ber ihre Lippen kam. Andere starrten in die glei�ende Sonne hinauf. Ihre Pupillen waren klein wie Stecknadelk�pfe. Emerelle sah die Wunden und wusste, dass viele der Krieger den n�chsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben w�rden. Ein d�rrer, gelber Hund lief �ber den Kai und schleckte das Blut vom hel len Stein. Seine Rippen stachen durch sein struppiges Fell. Niemand st�rte ihn bei seinem schaurigen Mahl.</p><p>Pl�tzlich schrie einer der Wachposten. Er deutete auf das Meer hinaus. Am Horizont war ein einzelnes blaues Segel erschienen.</p><p>�Wir sollten hier fort�, zischte Falrach ihr zu. �Das ist ein Schiff aus Iskendria.�</p><p>�Bis es die Flotte nach hier bringt, sind wir l�ngst fort.�</p><p>�Wer seid ihr? Was habt ihr hier zu schaffen?� Ein b�rtiger Krieger mit zerfetztem Leinenpanzer stellte sich ihnen in den Weg. Andere M�nner, die sich bisher allein um die Verwundeten gek�mmert hatten, hielten inne und starrten sie an.</p><p>�Meine Herrin Camille ist eine Heilerin aus dem fernen Marcilla�, entgegnete Falrach glatt. �Sie ist gekommen, um das Orakel zu besuchen.�</p><p>Emerelle zog das gr�ne Tuch, das ihre Haare bedeckte, ein wenig in die Stirn und senkte dem�tig den Blick. Sie trug ein langes, gr�nes Kleid. Unten war es weit ausgestellt, so dass man leicht darin gehen konnte, die Beine aber vor neugierigen Blicken verborgen blieben. Von der H�fte aufw�rts allerdings war es kunstvoll verschn�rt und betonte Taille und Br�ste.</p><p>�Eine Heilerin also ...� Etwas Verzweifeltes lag im Blick des Kriegers. Er hatte tiefe, dunkle R�nder unter den Augen. �Deine Herrin tr�gt ein kostbares Kleid. Sie scheint reich zu sein. Dann ist sie wohl eine gute Heilerin.�</p><p>�Sie stammt aus vornehmer Familie und�... �</p><p>Der Krieger griff nach Nikodemus und zog einen Dolch. Doch noch bevor er dem Kind die Klinge an den Hals legen konnte, ber�hrte Fairachs Schwertspitze seine Kehle.</p><p>�Siehst du die Bogesch�tzen, die auf dich angelegt haben?�, fragte der Krieger.</p><p>�Willst du es darauf ankommen lassen, ob ein Pfeil oder meine Klinge schneller ist?�</p><p>Falrach zog langsam das zweite Schwert.</p><p>Andere Krieger erhoben ihre Waffen.</p><p>�Ist nicht genug Blut geflossen?� Emerelle nahm Nikodemus und zog ihn langsam von dem B�rtigen fort. �Was willst du von uns?�</p><p>Der Krieger lie� seinen Dolch sinken. Sein Gesicht wirkte fahl. �Mein Herr liegt im Sterben. Nur ein Wunder kann ihn noch retten.�</p><p>�Warum hast du nicht einfach gefragt, ob ich euch helfe?�</p><p>�Weil�... � Er hob hilflos die H�nde. �Ich habe wohl verlernt, um etwas zu bitten. Ich ...</p><p>Es gibt keine Entschuldigung. Ich�... Du musst ihm helfen! Du scheinst in deiner Heimat eine bedeutende Frau zu sein. Bitte, sieh ihn dir wenigstens an!� Er sah an ihr vorbei zum Horizont. �Noch ein oder zwei Stunden, dann sind sie da.�</p><p>�Und wenn ihr ihn auf sein Schiff bringt?�</p><p>�Das w�rde er nicht �berleben.�</p><p>Emerelle gebot Falrach mit einem Blick, das Schwert zu senken. �Und wer ist dein Herr?�</p><p>�Komm mit und sieh. Wenn du ihn rettest, dann sollst du dein Gewicht in Gold daf�r erhalten.�</p><p>Emerelle drehte sich um und sah zum Horizont. Das blaue Segel war verschwunden.</p></section><section><title><p>Sieben</p></title><p>�Wo ist Anderan?� Skanga konnte zwar nur die Auren der Anwesenden sehen, aber sie waren genauso unverwechselbar wie Gesichter.</p><p>�Er ist nach Vahan Calyd gereist. Er wird in zwei Monden zur�ck sein�, sagte Elija.</p><p>Skanga betrachtete jeden einzelnen der Anwesenden eine Weile. Sie hasste die Treffen des Kronrats. Das endlose Gerede, an dem sich Kobolde so sehr begeisterten. Doch dieses Mal war es wichtig.</p><p>�Emerelle ist nicht l�nger verschollen!� Die Schamanin beobachtete die Reaktion der Kobolde. Es waren doppelt so viele aus dem kleinen Volk wie Trolle anwesend. Nur zweien machte diese Mitteilung keine Angst. Orgrim und Elija.</p><p>�Kann sie ein Heer aufstellen, Herzog Orgrim?�</p><p>Der Feldherr lie� sich Zeit mit der Antwort. Seine Aura verstrahlte selbstsichere Ruhe.</p><p>�Gewiss kann sie das, doch es wird nicht sehr stark sein. Wenn sie k�mpfen will, muss sie zu den Kentauren. Nur dort wird sie leicht Verb�ndete finden. Die wenigen Maurawan fallen milit�risch nicht ins Gewicht. Die �brigen Elfen sind verstreut. Sie wird lange brauchen, um ein schlagkr�ftiges Heer aufzustellen. Wir werden st�rker sein. Ich w�rde es begr��en, wenn sie eine offene Feldschlacht sucht. Doch wahrscheinlich wird sie nicht so dumm sein.�</p><p>�K�nnte man ihr nicht ein paar Meuchler schicken?�, fragte Elija.</p><p>Die Frage �rgerte Skanga. Elija sollte es eigentlich besser wissen. �Wenn wir Meuchler schicken, gef�hrden wir lediglich das Leben derjenigen, die so d�mlich sind, diesen Auftrag anzunehmen.� Orgrims Antwort hatte die Schamanin vorhergesehen.</p><p>Emerelle hatte kein Heer, und sie w�rde auch keines bekommen. Dennoch w�rde sie um ihren Thron k�mpfen.</p><p>�Ich denke, wir m�ssen niemanden auf die Suche nach Emerelle schicken. Sie wird zu uns kommen.�</p><p>Totenstille. Skanga studierte die Flut der Gef�hlsregungen, die sich in den Auren spiegelte. Sie waren zu schillernden Regenb�gen geworden. Jeder hier hatte Gr�nde, die R�ckkehr Emerelles zu f�rchten. Selbst Elija hatte nun Angst.</p><p>�Du glaubst, sie kommt zum Fest der Lichter nach Vahan Calyd?�</p><p>Skanga nickte Orgrim zu. �Ja. So wird es sein. Sie wird zum Fest der Lichter kommen und sich zur K�nigswahl stellen. Sie wird sich unter das einfache Volk mischen, l�-</p><p>cheln, und diese Dummk�pfe, die jahrhundertelang von Elfen ausgebeutet wurden, werden ihr zujubeln.�</p><p>�Das werden sie nicht!�, rief Elija w�tend. �Es geht unseren Br�dern und Schwestern viel besser, seit wir regieren!�</p><p>�Du wei�t, wie das Volk ist, Elija. Emerelles Glanz wird sie blenden. Wie viel Glanz haben wir schon zu bieten? Sieh dir Burg Elfenlicht an. Das Lager vor den Mauern. Es geht ihnen besser. Aber sie blicken nicht zu uns auf.�</p><p>�Aber es ist nicht das Volk, das den Herrscher Albenmarks w�hlt�, wandte Orgrim ein.</p><p>Skanga h�tte ihn k�ssen m�gen. Unter all den eingebildeten Kronr�ten war er der Einzige, der ihren Gedanken zu folgen vermochte.</p><p>�Was w�rdest du tun, um die Krone zur�ckzuerlangen, Herzog?�</p><p>Orgrim sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Das ist nicht meine Art, Schlachten zu schlagen, Skanga. Du fragst den Falschen.�</p><p>Die Schamanin betrachtete aufmerksam die Aura des Heerf�hrers. Hatte er Sorge, dass sie ihm unterstellte, er sei ein Verschw�rer?</p><p>�Ich w�rde versuchen, die F�rsten, die zur Wahl kommen, zu erpressen und einzusch�chtern�, meldete sich Elija zu Wort. �Und den Unbeugsamsten w�rde ich ermorden lassen, um die anderen gef�gig zu machen. Au�erdem w�rde ich Aufwiegler in die Menge schicken. Gro�e Volksaufl�ufe sind viel leichter zu beherrschen und zu verf�hren als kleine Gruppen. Wenn hundert schreien und mit den F��en stampfen, dann h�ren tausend um sie herum auf, klar zu denken, und folgen ihnen.�</p><p>Dass Elija sich gut in diese Lage hineinversetzen konnte, �berraschte Skanga nicht im Mindesten. Sie hatte seit geraumer Zeit Zweifel an seiner Treue, obwohl es keinerlei Beweise f�r einen Verrat gab. Es gefiel ihm, F�rst von Tanthalia zu sein. Und er hatte Ehrgeiz. Vielleicht dachte er schon l�ngst daran, wie es sein w�rde, wenn ein Kobold auf dem Thron von Albenmark sa�.</p><p>�Wie kann man sich gegen solchen Verrat sch�tzen, Orgrim?�</p><p>Der Heerf�hrer massierte sich die Augenbrauen, als habe er Kopfschmerzen.</p><p>Anzeichen des Unwillens zeigten sich in den Farben seiner Aura. Er hatte sich sehr ver�ndert seit der Schlacht um die Schiffsburg. Auch dass die gro�e Stra�e vollendet worden war und bereits die dritte Snaiwamark-Karawane auf dem Weg zum K�nigsstein war, schien ihm keine Genugtuung zu verschaffen. So wenig wie sie in der Lage waren, den fl�chtenden Kentauren nachzusetzen, so wenig waren die Kentauren auf Dauer in der Lage, ihnen die Stirn zu bieten. Katander war schwer verwundet worden. Ger�chten zufolge vermochte der F�rst von Uttika nicht mehr aus eigener Kraft zu laufen. Er hatte sich aus den K�mpfen zur�ckgezogen und seine Krieger mitgenommen. Er war klug genug, um zu wissen, wie angreifbar die St�dte seines F�rstentums waren.</p><p>�Wir wissen, wann Emerelle kommen wird und wohin�, sagte Orgrim. �Ein Komplott zu schmieden erfordert Zeit. Nehmen wir ihr die Zeit. Das Fest der Lichter findet n�chstes Jahr im Herbst statt. Das sind noch fast zehn Monde�... �</p><p>�Wir k�nnten es vorverlegen. Das Jahr, in dem das Kr�nungsfest begangen wird, ist festgeschrieben, nicht aber der Mond. Begehen wir es im Fr�hjahr!�, schlug Elija vor.</p><p>�Das wird Unruhen geben�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr. �Die H�lfte der Ratsherren blickt missmutig. Ich glaube nicht...�</p><p>�Ich sehe ihre Auren�, zischte Skanga ihrer Sch�lerin zu.</p><p>�Es w�re klug, geheim zu halten, welche F�rsten zur K�nigswahl geladen werden�, sagte Orgrim. �Wenn ihre Namen nicht bekannt sind, wei� Emerelle nicht, wen sie unter Druck setzen muss. Am besten entscheiden wir erst am Tag des Festes, wer die Ehre hat, zur K�nigswahl geladen zu sein. Und ver�ndern wir die Voraussetzungen der Wahl. Allein der Kronrat bestimmt, wer geladen wird. Und das erst am Morgen des Festes der Lichter. So wird es f�r Emerelle fast unm�glich sein, etwas zu unternehmen. Und beschr�nken wir die Zahl der F�rsten auf sieben.�</p><p>�Warum sieben?�, fragte Skanga.</p><p>�Weil es dann gen�gt, vier loyale F�rsten aufzubieten, um �ber das Schicksal Albenmarks zu entscheiden�, entgegnete er �berraschend zynisch. �Das sollte uns gelingen. Machen wir uns also auf die Suche nach vieren, die Gilmarak um jeden Preis auf dem Thron behalten wollen.�</p></section><section><title><p>Der Piratenprinz</p></title><p>Der b�rtige Krieger f�hrte sie fort vom Kai, die Felsen hinauf. �berall rasteten ersch�pfte Ruderer und K�mpfer. Die meisten M�nner waren in schlechter Verfassung.</p><p>Sie waren d�rr. In ihren Augen brannte Fieber.</p><p>�Wir sind seit vier Jahren im Krieg�, erkl�rte ihr F�hrer. �Seit bei einer Palastintrige der Hohe Priester Promachos get�tet wurde. Sie haben behauptet, Prinz Tigranes habe eine Meuchlerin ins Bett des Priesterf�rsten geschickt. Das ist eine L�ge! Seitdem jagen sie uns. Unsere Heimatinsel Zeola ist nur noch eine W�ste. Sie haben jedes Haus auf der Insel zerst�rt, jeden Busch und jeden Baum verbrannt und Salz auf unsere �cker und Weiden gestreut. Fast alle K�stend�rfer und St�dte auf unseren Inseln haben sie heimgesucht. In mehr als einem Dutzend Seeschlachten sind ungez�hlte Galeeren gesunken. Unsere Frauen und Kinder haben sie auf die Sklavenm�rkte von Iskendria verschleppt.�</p><p>�Wof�r k�mpft ihr dann noch?�, fragte Emerelle, als der B�rtige kurz innehielt, um Atem zu holen. Die Elfe wusste, dass auf den Aegilischen Inseln vermutlich genau so viele Piraten wie Kauffahrer lebten. Die Geschichte des Kriegers ber�hrte sie nicht.</p><p>Wer sein Leben mit Raub und Mord bestritt, der sollte nicht jammern, wenn seine Taten ihn eines Tages einholten.</p><p>Der Krieger sah sie verbittert an. Er �ffnete den Mund, fand aber keine Worte. Er murmelte etwas vor sich hin.</p><p>Dann standen sie vor Tigranes. Der Prinz lag auf einem von Feuer gezeichneten, nassen Teppich. Er zitterte. Gesicht, Brust und Arme waren von gr�sslichen Brandwunden entstellt. Er lag im Sterben. Keine Heilerin der Menschenkinder h�tte ihn noch retten k�nnen.</p><p>Einige Krieger standen hilflos um den Teppich herum. Ein alter Mann kniete neben dem Prinzen und versuchte, ihm aus einer Silberschale Wasser einzufl��en.</p><p>�Du wei�t, wie es um ihn steht?�, fragte Emerelle den B�rtigen milde.</p><p>�Du bist eine gro�e Heilerin!�, entgegnete der Mann mit rauer Stimme. �Die F�higkeit zur Hoffnung ist die letzte Tugend, die wir uns erhalten haben. Hilf ihm!�</p><p>Sie sah zu Falrach. Der Krieger streckte sich und lockerte die Muskeln von Schulter und Hals. Mit dem B�rtigen waren sieben Krieger beim Prinzen. Die Felsen schirmten sie gegen die Blicke der �brigen Piraten ab. Sie w�rden siegen k�nnen, aber es w�re dann unm�glich, in Ruhe mit der Gazala zu sprechen.</p><p>�Ich brauche frisches Fleisch, wenn ich ihn heilen soll. Es muss noch warm sein!�</p><p>Der B�rtige sah sie fragend an. �Fleisch?�</p><p>�Willst du mit dem Fleisch seine Wunden k�hlen?� Der Alte, der neben dem Prinzen kniete, sah sie durchdringend an. �Er muss vor allem trinken. Er verliert zu viel Fl�ssigkeit. Lass das Weib in Frieden, Miridas. Alles, was wir dem Prinzen noch geben k�nnen, ist ein gn�diger Tod. Sieh ihn dir doch an. Nur die G�tter k�nnten ihn noch heilen.�</p><p>�Ich hole das Fleisch!�, entgegnete der Krieger st�rrisch und eilte davon.</p><p>Der alte Heiler stellte die Silberschale auf den Boden. Er griff nach einer kleinen, abgesto�enen Holzschatulle und klappte sie auf. Emerelle sah, wie seine H�nde zitterten, als er eine Phiole mit einer milchigen Fl�ssigkeit aus der Schatulle nahm.</p><p>�Schlafmohn?�</p><p>Der Alte blickte zu ihr auf. Ihm standen Tr�nen in den Augen. �Wei�t du, er ist besser als sein Ruf. Die meisten Untaten, die man ihm angedichtet hat, sind die Taten anderer M�nner gewesen.�</p><p>Emerelle kniete sich neben den Prinzen. Sie griff nach einem seiner nackten Beine. Die Haut war k�hl und trocken. Sie schloss die Augen. Der Schmerz traf sie wie ein Peitschenhieb. Sie griff nach dem Albenstein an ihrem Hals. Sie teilte den Schmerz des Sterbenden. Sein K�rper k�mpfte verzweifelt gegen die Verbrennungen an. Er versuchte die Wunden zu k�hlen. St�ndig troff Sekret von den Wunden. Es d�rrte ihn aus, ohne zu helfen.</p><p>Emerelle nahm die Hand fort. Sie atmete schwer aus.</p><p>Der alte Heiler beobachtete sie misstrauisch. �Seit �ber f�nfzig Jahren helfe ich Verletzten und Kranken. In all den Jahren habe ich nicht erlebt, dass der Hokuspokus einer Kr�uterhexe je geholfen h�tte. Alles, was ihr verm�gt, ist, Hoffnungen zu wecken. Hoffnungen, die ihr nie einhalten k�nnt. Du bist eine junge, h�bsche Frau. Die meisten M�nner glauben dir gewiss alles, was du ihnen sagst. Geh deiner Wege. Ich werde daf�r sorgen, dass Miridas dich in Frieden l�sst. Besuch das Orakel.</p><p>Wunderheilerinnen und Orakelpriesterinnen passen gut zusammen.�</p><p>�Du hast dich mit einem Tod schon abgefunden. Was also hast du zu verlieren, wenn ich versuche, ihm zu helfen?�</p><p>Er l�chelte milde. �Deine Bem�hungen in allen Ehren, Weib�... Aber nicht ich bin es, der etwas zu verlieren hat. Und auch nicht der Prinz. Er ist schon fast bei den G�ttern.</p><p>Du bist diejenige, um die es geht. Wenn ich dich eine Scharlatanin nenne und dich fluchend davonjage, wenn Miridas zur�ckkehrt, dann wird er sich nicht mehr nach dir umdrehen. Wenn du hier aber irgendwelche barbarischen Possenspiele mit blutigem Fleisch auff�hrst und der Prinz stirbt, dann wird sich alle Wut und Entt�uschung von Miridas gegen dich wenden.�</p><p>Emerelle blickte zu den Wachen. Trotz der Worte des Heilers sah sie bange Hoffnung in ihren Gesichtern. Ihre Blicke flehten sie an zu bleiben.</p><p>�Wir sollten gehen, Mutter�, sagte Nikodemus leise. �Der alte Mann hat uns einen wohlmeinenden Rat gegeben.�</p><p>Die Elfe ber�hrte noch einmal das Bein des Prinzen. Sie w�re nicht bereit, noch einmal seine Schmerzen zu teilen. Aber es g�be einen anderen, dunkleren Weg, ihm zu helfen.</p><p>�Verdient er zu leben?�</p><p>Der Alte runzelte �rgerlich die Stirn. Er sah sie w�tend an. Seine klaren, grauen Augen waren voller Lebenskraft. �Dir steht es wohl nicht zu, �ber ihn zu urteilen.�</p><p>�Deshalb frage ich ja auch dich�, entgegnete Emerelle freundlich. �Verdient er zu leben?�</p><p>Der Heiler richtete sich auf. Er war ein kleiner, gedrungener Mann. �Scher dich davon, Weib! Tigranes hat es nicht verdient, eine wie dich an seinem Sterbebett zu haben!�</p><p>�Jeder von uns hier w�rde f�r ihn sterben�, sagte einer der Krieger. Es war ein blonder Mann mit stoppeligen Wangen, der vor der Zeit gealtert war. �Er war ein Held. Er war unsere Hoffnung. Wenn er bei Bewusstsein w�re, w�rde er nicht dulden, wie du redest, Serenas. Er w�rde einen freundliehen Scherz �ber dich machen, Kr�uterhexe. Er w�rde uns zum L�cheln bringen und es mit ein paar Worten schaffen, wieder Hoffnung in unsere Herzen zu pflanzen.�</p><p>Emerelle betrachtete den Sterbenden. �ber sie w�rde wohl niemand so sprechen. Wie alt der Prinz wohl war? Er hatte jedenfalls nicht die Beine eines alten Mannes. An seinem Gesicht konnte man sein Alter nicht ablesen. Obwohl die Verbrennungen nicht seine Nase und Lippen zerst�rt hatten, war es doch so zerschunden, dass alle Haut verloren war. Auch die Augenbrauen und sein Haupthaar waren verschwunden.</p><p>Miridas kehrte zur�ck. Er zerrte an einem Strick den r�udigen, gelben Hund hinter sich her, der Emerelle am Kai aufgefallen war. �Ist das Fleisch frisch genug? Wir haben hier keine Schafe und Ziegen zum Schlachten.� Der b�rtige Krieger zog seinen Dolch.</p><p>�Wie willst du es haben? Soll ich ihm die Kehle durchschneiden?�</p><p>Falrach r�ckte etwas n�her zu ihr. Und Nikodemus klammerte sich an ihre Beine.</p><p>Miridas� Stimme klang schrill. Der alte Heiler hatte mit seinen Warnungen Recht gehabt. Man sollte den Krieger besser nicht entt�uschen.</p><p>�Ein lebendes Tier ist besser als ein St�ck Fleisch�, sagte sie ruhig. Sie blickte den Hund an und fl�sterte ein Wort der Macht. Das Tier wurde ruhiger. Sie streichelte ihn hinter den Ohren. Dann zog sie ihm die Lefzen zur�ck. Auch wenn er r�udig aussah, war er doch kein altes Tier. �Verzeih mir�, sagte sie in ihrer Muttersprache. Dann wandte sie sich wieder dem Krieger zu.</p><p>�Halt ihn fest! Du darfst ihn auf keinen Fall loslassen, ganz gleich, was auch geschieht.</p><p>Wenn er nach mir schnappt und mich verletzt, w�hrend ich versuche, Tigranes zu heilen, dann wird alles verdorben sein, und dein Prinz stirbt.�</p><p>�Was sollte denn geschehen?�</p><p>�Du wirst es sehen.� Emerelle legte sanft eine Hand auf den R�cken des Hundes. Dann ber�hrte sie mit der anderen Hand die verbrannte Brust des Prinzen.</p><p>�Sind deine Finger sauber, Hexe?�, fuhr Serenas sie an.</p><p>Sie schloss die Augen und begann zu fl�stern. Worte der Macht. Dunkle Magie, geboren aus Blut und Leid. Wieder sp�rte sie den Schmerz des Prinzen. Ein Flammenstrahl hatte ihn verletzt, als er den R�ckzug seiner M�nner von einem brennenden Schiff deckte.</p><p>Emerelle gab den Schmerz weiter. Sie war nur eine Br�cke. Sie lie� es durch sich flie�en. Der Hund jaulte auf. Es stank nach verbranntem Fell. Dann nach verbranntem Fleisch. Der Hund k�mpfte kaum noch gegen den Griff von Miridas an.</p><p>Jemand erbrach sich. Sie h�rte hastig davoneilende Schritte. Der Schmerz lie� nach.</p><p>Die Haut des Prinzen f�hlte sich glatt und warm an. Sie �ffnete die Augen. Der Hund war nur noch ein zusammengekr�mmter, schwarz verbrannter Kadaver. Tigranes war nicht ganz geheilt. Dort, wo die Verbrennungen am schlimmsten gewesen waren, war seine Haut noch von dunklem Rot. Vielleicht w�rde die Verf�rbung bleiben. Aber der Prinz w�rde nicht mehr sterben. Jetzt erst war offensichtlich, wie jung er noch war.</p><p>Emerelle fand es stets schwer, das Alter von Menschenkindern zu sch�tzen. Sie alterten zu schnell! Doch der Prinz hatte wohl nicht einmal sein zwanzigstes Jahr vollendet.</p><p>Einer der Krieger aus der Wache fehlte. Die �brigen waren sehr blass. Sie starrten mit schreckensweiten Augen.</p><p>�Was hast du mit ihm gemacht, Hexe?�, fuhr Serenas sie an.</p><p>�Er wird leben, so wie ich es versprochen habe. Er braucht Ruhe und sehr viel zu trinken. Du solltest seine Haut mit G�nsefett einreiben, dann werden hoffentlich auch die letzten Wundmale verschwinden.�</p><p>�Sag mir, was du mit ihm gemacht hast, Hexe!�, schrie Serenas. �Sie hat ihm die Seele gestohlen! Das ist Blutmagie.�</p><p>Miridas hielt den alten Heiler fest. �Sie hat uns Tigranes zur�ckgegeben. Du h�ltst jetzt den Mund. Sie und die Ihren k�nnen gehen, wohin sie wollen.� Er blickte zu den Wachen auf. �Niemand redet dar�ber, was hier geschehen ist. Holt Polios zur�ck. Auch er muss schweigen.�</p><p>Er verneigte sich vor ihr. �Habt Dank. Wer immer Ihr auch seid, Ihr seid mehr als eine Heilerin aus Marcilla. Habt Dank!�</p><p>�Ihr solltet schnell eure Schiffe besteigen und fliehen.� Es war das erste Mal, dass Falrach zu den Menschenkindern sprach. �Die Bucht ist eine Falle. Ihr werdet nicht entkommen, wenn ihr z�gert.�</p><p>�Ich wei߫, sagte der B�rtige. Er hatte den Heiler wieder losgelassen, der Emerelle immer noch finster anblickte.</p><p>Der Prinz st�hnte. Er schlug die Augen auf. Serenas gab ihm ein wenig Wasser zu trinken. Tigranes sah sie an. Obwohl er noch sehr jung war, hatte er alte Augen. �Wir bringen die Verwundeten auf die Schiffe. Es gehen alle oder keiner.� Er stockte ersch�pft. �Sag ihr, was sie tun.�</p><p>Miridas seufzte. �Wenn wir die Verletzten und Kranken zur�cklassen, dann werden die Iskendrier sie an kurzen Pf�hlen dicht oberhalb der Flutlinie am Strand festbinden.</p><p>F�r die Scharlachkrabben. Sie fressen Aas, oder was sie daf�r halten.�</p><p>�Wir werden hier unsere letzte Schlacht schlagen�, sagte der Prinz. �Geht eurer Wege.</p><p>Ihr seid es, die schnell von hier fortm�sst.�</p></section><section><title><p>Die dicke Bascha</p></title><p>Der schwere Lastkahn war in der Mitte des Stroms vor Anker gegangen. In der D�mmerung hatte der Schiffer die Ruder einziehen lassen. Drei Tage waren es noch bis Feylanviek. Anderan kauerte sich an die Bordwand. Es regnete wieder. Was f�r ein verfluchtes Land! Seit Tagen wurden seine Kleider nicht mehr trocken. Sch�ttelfrost plagte ihn. Die ganze Mannschaft war ersch�pft. Seit zehn Tagen gab es keine Treidelpferde mehr, die den Lastkahn gegen die Str�mung flussaufw�rts ziehen konnten. Seitdem ruderten sie oder segelten, wenn der launische Wind es zulie�.</p><p>Der Herr der Wasser presste seine brennenden, wunden H�nde auf die nasse Jacke. Er war nicht verweichlicht! Er war es gewohnt, zu rudern, auch wenn er in den letzten Jahren nur noch selten Gelegenheit gefunden hatte, in einem Nachen hinaus in die Mangroven zu fahren, um Krabben zu fangen.</p><p>Aber die Arbeit hier an Bord des Lastkahns war m�rderisch! Kobolde waren einfach nicht dazu geschaffen, ein so langes und schweres Boot gegen den Strom zu rudern!</p><p>Der Schiffer stapfte unruhig an Deck auf und ab. Er sp�hte ins Dunkel. Der Himmel war wolkenverhangen. Man konnte kaum etwas sehen. Auf dem ganzen Schiff gab es kein Licht. Kein Feuer, um die durchgefrorenen Knochen zu w�rmen. Nicht einmal tags�ber durften sie ein Feuer anmachen, weil der Verr�ckte glaubte, die Kentauren k�nnten den Rauch noch weit im Land riechen. Dabei war der Lastkahn von den H�geln aus leicht zu entdecken.</p><p>Anderan klopfte auf das Deck. Bisher hatten sie noch keinen Kentauren zu Gesicht bekommen. Hoffentlich blieb das so. Nur noch drei verdammte Tage bis Feylanviek. Er w�rde als Erstes ein langes, hei�es Bad nehmen, wenn er in die Stadt kam. Mindestens drei Stunden lang!</p><p>�Bald kommt der erste Schnee�, sagte der Schiffer. Er hatte in seiner rastlosen Wanderung innegehalten. �Du bist der Einzige, der nicht schl�ft. Frierst du zu sehr?</p><p>Oder tut es dir leid, dass du an Bord gekommen bist? Ich hatte dich gewarnt.�</p><p>�Ich hasse Schnee�, gestand Anderan.</p><p>�Ich auch. Mit dem Schnee kommt das Eis. Und das Eis nimmt die Lastk�hne gefangen. Ich hab es einmal erlebt, dass der Kahn auf dem offenen Fluss von Eisschollen eingekeilt wurde und nicht mehr fortkam. Damals war Frieden. Wenn uns das jetzt passiert, dann sind wir dran.� �Nur noch drei Tage.�</p><p>Der Schiffer spuckte �ber Bord. �W�lste auch mal �nen Priem versuchen? Das zieht dir alle kranken S�fte aus dem Leib. Kommste auf andere Gedanken.�</p><p>�Nein, danke.�</p><p>�Ich wei�, was dir im Kopf umgeht. Denkst an irgendein nettes anschmiegsames M�dchen in Feylanviek. Nach so einer langen, kalten Fahrt gibt es nichts Besseres als einen ganzen Tag mit einer Hure in einem Bett direkt neben einem gut befeuerten Ofen. Ich werd�s genauso machen.�</p><p>Die Vorstellung hatte einen gewissen Reiz. Aber das w�rde er niemals zugeben, dachte Anderan. �Und ich dachte schon, du liebst nur die dicke Bascha.�</p><p>Der Schiffer lachte heiser. �Die ist jedenfalls das n�tzlichste M�del, das mir je begegnet ist. Auf die Dicke ist Verlass! Die hat mir schon manchen guten Dienst geleistet.�</p><p>�Hast du sie schon benutzen m�ssen?�</p><p>�Nur zwei Mal. Ist schon �ne Weile her. Bin lieber vorsichtig. Ist besser, wenn man ihr nicht das Kleidchen hinabrei�en muss.�</p><p>Anderan blickte zum Bug, wo die dicke Bascha �ber die Reling lugte. Am Mittag erst hatte der Schiffer sie geputzt und frisch ge�lt. Es war die gr��te Windenarmbrust, die der Herr der Wasser je gesehen hatte. Ein wahrhaft ehrfurchtgebietendes Ungeheuer.</p><p>Die Pfeile, die es verschoss, waren so lang und so dick wie ein Koboldarm.</p><p>�Du hast sie schon benutzt?�, hakte Anderan nach.</p><p>�Beim ersten Mal war es genug, das �ltuch von ihr herunterzunehmen und sie zu zeigen. Das war zu Zeiten, als es noch am ganzen Fluss Treidelpferde gab und wir jede Nacht ein sch�nes Lager mit einem ordentlichen Feuer am Ufer aufschlagen konnten.</p><p>Wenn sie sehen, dass einer von ihnen draufgehen k�nnte, dann haben Strauchdiebe keinen Mumm mehr. Nach dem ersten Mal hatten wir mehr als ein Jahr Ruhe�... � Er spuckte wieder �ber die Reling. �Werd den Abend nie vergessen. War vielleicht f�nfzig Meilen �stlich von hier. Kamen herangeprescht, die Pferde�rsche. Schon als ich den Donner der Hufe geh�rt habe, bin ich sofort rauf zur dicken Bascha. Braucht seine Zeit, bis man sie gespannt hat. Das ist der einzige Nachteil bei ihr. Aber wenn sie erst mal scharf ist, dann haut sie jeden Kerl um.�</p><p>Der Schiffer starrte wieder zum Ufer. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, aber die Sicht war nicht besser geworden.</p><p>�Und�... �, dr�ngte Anderan.</p><p>�Beim zweiten Mal war es nicht genug, die Dicke zu zeigen. Hat so ein Pferdearsch doch mit dem Bogen auf mich angelegt. Bl�d wie B�ffelschei�e sind die! Spannt der seinen Bogen, wo ich mit der Bascha auf ihn ziele. Hab nicht lange gefackelt. H�ttest du sehen m�ssen, wie es den von den Hufen geholt hat. Der Bolzen ging glatt durch ihn hindurch und ist danach noch ein gutes St�ck weitergeflogen. Das war ein Geschrei! Wollten mich langmachen, die Pferde�rsche. Aber als ich nachgeladen hatte, haben sie es sich anders �berlegt. Hinter der Bascha steht man gut in Deckung. Und die Pferde�rsche k�nnen nicht einfach an Bord klettern. Haben die nicht drauf. Haben Schiss, dass die sich an der Reling beim Springen ihre d�nnen Beinchen brechen. Als die noch geschrien und rumpalavert haben, hatte ich schon nachgeladen. Und da hatten sie pl�tzlich keine Lust mehr auf Streit und sind auf und davon. Danach hatte ich nie wieder �rger.�</p><p>Der Schiffer lehnte sich an die Reling und blickte zum Bug. �Gutes M�del, meine Bascha�, sagte er leise. Dann schwiegen sie beide f�r lange Zeit.</p><p>Anderan litt unter der K�lte. Er hatte die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Aber die W�rme floh seinen K�rper. Noch nie im Leben war ihm so kalt gewesen.</p><p>�Dein erster Winter?�</p><p>Dem Holden klapperten die Z�hne. �War nie so weit im Norden�, stie� er abgehackt hervor.</p><p>�Wart mal ab, bis es schneit�, sagte der Schiffer voller Schadenfreude. �Da wirst du morgens wach, und deine nassen Haare sind auf dem Deck festgefroren.�</p><p>�Das dauert doch noch, oder?�</p><p>�Kann niemand sagen. Wenn der Nordwind kommt, dann schl�gt das Wetter von einem Augenblick auf den anderen um. Die Kentauren nennen ihn den Klingenwind, denn seine K�lte schneidet dir wie Messer ins Fleisch. Dann wirst du dir w�nschen�... �</p><p>Er hielt inne. Dann lief er pl�tzlich zum Bug des Lastkahns. Die Dunkelheit verschluckte ihn. Anderan sah zu den schlafenden Ruderern. Keiner war erwacht. Vom Bug drangen seltsame Ger�usche zu ihm.</p><p>Er richtete sich auf. Und jetzt sah er, was den Schiffer beunruhigt hatte. Lichter waren auf dem Fluss. Er konnte f�nf z�hlen.</p><p>Anderan tastete sich an der Reling entlang zum Bug. Der Schiffer hatte das �ltuch von der dicken Bascha gezerrt. Leise drehte er an der Kurbel, mit der man den Bogen der schweren Armbrust spannte. Jede Drehung wurde von einem metallischen Klacken begleitet.</p><p>�Siehst du das?�, fl�sterte der Schiffer. �Die Laternen. Sie stehen zu tief. Die sitzen ja mit dem Arsch auf dem Wasser! Das m�ssen Fl��e sein!�</p><p>�Wer kann das sein?�</p><p>�Fr�her kam es vor, dass Bauholz den Strom hinab nach Vahlemer geschifft wurde.</p><p>Aber da baut keiner mehr. Weder Schiffe noch H�user. Hier stimmt was nicht. Niemand f�hrt nachts auf dem Strom. Allerdings leben wir in seltsamen Zeiten. Ich will die anderen nicht wecken und mich am Ende zum Gesp�tt machen. Vielleicht sind es auch Totenfl��e. Doch auch die hat es lange nicht mehr gegeben.�</p><p>�Totenfl��e?�</p><p>�Einige der wilden Elfen aus den W�ldern im Norden bestatten ihre Toten, indem sie sie auf Fl��e betten. Einmal hab ich ein gestrandetes Totenflo� gesehen. Es war unheimlich. Nicht weit entfernt kauerte ein Elf und wachte �ber den Toten. Er war ganz nackt und mit rotbrauner Farbe bemalt. Sie �berlassen ihre Toten den Tieren und Naturgewalten. Aber wehe, jemand anderes streckt nach ihnen die Hand aus.� Der Schiffer legte einen schweren Bolzen auf die F�hrungsschiene der Armbrust.</p><p>Wahrscheinlich meinte er die Maurawan, dachte Anderan. Solch seltsame Rituale passten nur zu ihnen.</p><p>Die Fl��e waren jetzt ganz nahe. Dennoch konnte man sie immer noch nicht deutlich erkennen. Die Laternen waren ru�verschmiert, ihre Scheiben fast blind. Das Licht erhellte nur ein paar miteinander verbundene St�mme. Der gr��te Teil der Fl��e blieb im Dunkel. Anderan glaubte den Schatten eines Reiters zu sehen.</p><p>�Gorbon, tritt von der Armbrust zur�ck!�</p><p>Anderan duckte sich. Die Stimme kam vom Ufer. Sie hatte einen unverwechselbar elfischen Akzent. Es war eine Frauenstimme. Der Holde hatte noch nie geh�rt, dass jemand den Schiffer mit seinem Namen ansprach.</p><p>�Keine Angst, die k�nnen uns nicht sehen�, fl�sterte Gorbon. �Ist viel zu finster.�</p><p>�Tritt von Bascha zur�ck�, rief Anderan. �Glaub mir, sie sieht dich.�</p><p>�Einen Dreck sieht sie.� Er schwang die Armbrust herum. Das Ufer war eine Wand der Finsternis.</p><p>�Hau ab, Schlampe, oder ich kitzele dich mit meiner Liebsten.�</p><p>Anderan warf sich flach auf das Deck. Einige der Ruderer waren erwacht. �Haltet die K�pfe unten�, schrie der Holde. �Gorbon, bitte�... �</p><p>�Ich habe keine Angst. Deshalb bin ich Schiffer. Ich�... �</p><p>Ein Zischen schnitt durch die Nacht. Gorbon sank gegen Bascha. Er umklammerte sie mit weit ausgestreckten Armen wie ein Liebender.</p><p>Langsam sackte er tiefer.</p><p>Anderan kroch auf den Schiffer zu. Eine Windb� dr�ckte gegen den gro�en Frachtkahn. Der Regen erstarb.</p><p>�Gorbon?�</p><p>Der Schiffer sank auf das Deck. Ein langer Pfeil ragte aus seiner Brust. Ein Elfenpfeil mit Eulenfedern am Schaft, das sah der Holde auf den ersten Blick. Seit Baidans Tod kannte er sich mit Pfeilen aus. Viele Maurawan glaubten, die Eulenfedern lie�en den Pfeil genauso lautlos fliegen wie den Raubvogel.</p><p>Etwas schlug auf die Reling. Alle Ruderer hielten sich geduckt. Noch ein Schlag! Etwas zerrte am Kahn. Dann begriff Anderan, was geschah. Enterhaken krallten sich in die Reling.</p><p>Der Holde hatte den Schiffer fast erreicht. Der Mund des Toten klaffte weit auf.</p><p>Anderan fluchte. Die verdammte dicke Bascha hatte den Narren umgebracht!</p><p>Hufe krachten auf das Deck. Ein Kentaur schlitterte �ber die nassen Planken. Ein zweiter folgte. Eine Fackel flammte auf.</p><p>Jetzt sah Anderan, dass er sich geirrt hatte. Es war ein Kentaurenweib, das zuerst an Bord gekommen war. Eine Schimmelstute. Ihr langes, wei�blondes Haar war am Hinterkopf zusammengebunden. Sie hob die Plane von einem der Pfeilk�rbe. Dann nickte sie ihrem Gef�hrten mit der Fackel zu.</p><p>Anderan ballte in hilfloser Wut die F�uste. Die Kentaurin hatte genau gewusst, was f�r Fracht sie geladen hatten! Jemand musste sie verraten haben!</p><p>�Du da!� Das Pferdeweib deutete auf ihn. �Ihr steuert den Kahn zum s�dlichen Ufer!�</p><p>�Ich wei� nicht, wie man das macht. Ich bin nur ein Schreiber. Ich kann kein Boot lenken.� Nat�rlich war das gelogen. Er hatte bisher zwar nur kleinere Boote gelenkt, aber er h�tte es sich durchaus zugetraut.</p><p>Die Kentaurin blickte zu den anderen Kobolden. Sie alle hatten sich inzwischen von ihren Nachtlagern erhoben. Mit dem�tig gesenkten H�uptern standen sie vor der Pfer-dekriegerin. �Und wie sieht es mit euch aus? Jemand dabei, der den Kahn steuern kann?�</p><p>�Ihr habt den Schiffer get�tet�, sagte Anderan.</p><p>�Und ihr werdet bald meine Geduld get�tet haben! Erz�hlt mir nicht, dass es an Bord nur einen Einzigen gab, der diesen Kahn steuern kann.�</p><p>Der Holde war sich nicht sicher, was er von ihr halten sollte. Ihr Gesicht war von einer harten Sch�nheit. Hatte sie ein kaltes Herz? Was w�rde sie als N�chstes tun? Gorbon war tot, obwohl er einfach nur auf ein dunkles Ufer gezielt hatte.</p><p>�Wir k�nnen in der Dunkelheit den Ankerplatz nicht verlassen�, erkl�rte der Holde.</p><p>�Es gibt zu viele Sandb�nke. Euch ist nicht geholfen, wenn wir den Kahn hundert Schritt vor dem Ufer auf Grund setzen.�</p><p>Die Kentaurin beugte sich zu ihm hinab. Sie war wirklich sch�n, auch wenn sich erste Falten in ihren Mundwinkeln und um die Augen zeigten. �Sagtest du eben nicht, du k�nntest dieses Boot nicht steuern?�</p><p>�Nicht bei Nacht, Herrin. Niemand an Bord kann das. Nicht einmal der tote Schiffer h�tte das gewagt.�</p><p>�Du hast eine flinke Zunge, Schreiber. Aber gut. Wir sind nicht in Eile.� Sie rief dem anderen Kentauren etwas in einer Sprache zu, die Anderan nicht verstand.</p><p>�Warten wir also auf das Morgengrauen.�</p><p>Es wurde eine lange Nacht. Noch zwei weitere Pferdekrieger kamen an Bord. Sie trieben Anderan mit den �brigen Kobolden zum Heck. Jetzt, da sie nicht mehr bef�rchten mussten, entdeckt zu werden, konnten sie endlich ein kleines Feuer in einer Eisenschale entz�nden. Sie dr�ngten sich dicht um die Flammen. Niemand wagte, davon zu sprechen, was der Tag bringen w�rde.</p><p>Die Kentauren waren redseliger. Sie unterhielten sich in ihrer Sprache. Die Kriegerin schien beliebt zu sein. Sie scherzte mit ihren Gef�hrten.</p><p>Es herrschte ein lockerer Umgangston, und doch blieb ein Rest respektvoller Distanz.</p><p>Der Schwertgurt der Kentaurin war mit pr�chtigen T�rkisen besetzt. Sie trug eine �rmellose Lederweste mit Fellfutter. Zwei Lamassus waren auf die Vorderseite der Weste gestickt. Sie war reich. Je l�nger Anderan sie betrachtete, desto sicherer war er, schon von ihr geh�rt zu haben. Eine Kentaurenstute mit wei�blondem Haar. Eine F�rstin. Das musste Kirta sein, die Gef�hrtin des Nestheus. Des Anf�hrers des Aufstands im Windland. Der Verbannte, auf den sein eigener Vater ein Kopfgeld ausgesetzt hatte. Die Geschichten �ber Nestheus und Kirta waren selbst bis Vahan Calyd gedrungen. In diesen Geschichten war die Kentaurin eine edle, selbstlose Kriegerin. Hoffentlich war etwas dran an dem Garn, das Barden und M�rchenerz�hler gesponnen hatten.</p><p>Kurz vor Morgengrauen frischte der Wind auf. Er kam jetzt von Norden. Und er f�hlte sich genauso an, wie der Schiffer ihn beschrieben hatte. Er schnitt wie mit Messern ins Fleisch. Mit dem Wind kam der Schnee. Es waren kleine, staubzarte Flocken, die schmolzen, kaum dass sie das feuchte Deck ber�hrten.</p><p>Die Mannschaft f�gte sich den Befehlen der Kentaurenf�rstin. Sie hoben die Anker und brachten den Lastkahn zum Ufer. Dort warteten noch weitere Pferdekrieger. Sie hatten Lastpferde mitgebracht. Alles war bestens organisiert.</p><p>Es dauerte etwas mehr als eine Stunde, die Ladung zu l�schen. F�nfzigtausend Pfeile in den H�nden der Kentauren! Wie viele Leben w�rde diese verlorene Fracht kosten?</p><p>W�hrend sie die Pfeilk�rbe von Bord schleppten, beobachtete sie eine Elfenkriegerin.</p><p>Sie hielt sich abseits der Kentauren. Eine schlanke Gestalt mit flatterndem Umhang. Ihr Gesicht war mit Bandag bemalt. Einmal kam Anderan ihr nah genug, um zu erkennen, dass sie sich stilisierte Wolfsk�pfe auf die Wangen gemalt hatte. Sie war die M�rderin von Gorbon.</p><p>Als der letzte Pfeil von Bord geschafft war, brachte ihnen die Kentaurin einen gro�en Sack voll mit getrocknetem B�ffelfleisch. �F�r eure R�ckfahrt. Und wenn ich euch einen Rat geben darf: Verkauft den Kahn und kommt nie wieder den Mika hinauf.</p><p>Andere Kentaurenf�hrer sind weniger freundlich zu Schiffern, die Pfeile f�r unsere Feinde bringen.�</p><p>Ohne auf eine Antwort zu warten, preschte sie davon.</p><p>Die Ruderer beeilten sich, zur�ck auf den Kahn zu kommen. Doch Anderan nahm sich seinen Teil vom Proviant und blieb am Ufer. Er musste nach Feylanviek. Er musste wissen, wohin die Pfeile h�tten geliefert werden sollen. Er hatte einen Verdacht... Aber er brauchte Gewissheit.</p><p>Der Schnee begann am Ufer liegen zu bleiben, als der Herr der Wasser sein B�ndel schulterte und weiter nach Westen wanderte.</p></section><section><title><p>Von der Zukunft ber�hrt</p></title><p>Nikodemus hatte Angst. Die Menschen hier warteten auf den Tod. Sie waren auf eine trotzige Art hoffnungslos. Sie h�tten weglaufen k�nnen, zumindest einige von ihnen, aber sie taten es nicht. Er hatte dem Gespr�ch mit dem verwundeten Anf�hrer nicht ganz folgen k�nnen, aber so viel hatte er verstanden: Dieser Pirat wollte nicht fliehen und seine Verwundeten den Feinden �berlassen. Das war verr�ckt! Viele h�tten entkommen k�nnen. Jetzt w�rden sie alle sterben. Verr�ckt, aber eindrucksvoll. Der Kerl war ein Pirat und ein Held zugleich. Je l�nger er reiste, desto un�bersichtlicher fand er das Leben. Da war Madra, der Troll, der ihn gemocht hatte.</p><p>Und er hatte Emerelle das Leben gerettet, obwohl er geschickt worden war, sie aufzusp�ren und dann Meuchler zu ihr zu f�hren. Gut, genau genommen hatte er auch sich selbst gerettet, als er das Tor mitten auf dem Albenpfad ge�ffnet hatte ... Aber das Leben war eben verwickelt.</p><p>Falrach zog ein grimmiges Gesicht. �rgerte es ihn, dass hier eine ganze Flotte in sinnlosem Kampf geopfert wurde? Aus ihm war nicht leicht schlau zu werden.</p><p>Sie waren zur�ck zum Kai gegangen und folgten von dort aus nun einer Treppe mit unregelm��igen Stufen hinauf in die Felsen. �berall waren kurze Steinstelen aufgestellt, um die man bunte T�cher gewickelt hatte. Die Felsen entlang des Weges waren bemalt oder mit Ritzzeichnungen bedeckt. Sie zeigten Schiffe und Krieger, Tiere, verschlungene Muster und Ungeheuer, wie es sie nicht einmal in Albenmark gab. Wie es aussah, hatten einige Besucher des Orakels lange warten m�ssen, bis sie empfangen worden waren.</p><p>Selbst hier bei der Treppe lagen Verwundete. Aber nicht so viele wie unten an der Anlegestelle. Als Nikodemus zur�ck zur Bucht blickte, war er �berrascht, wie hoch sie schon gestiegen waren. Etwas schien sich im Dunst am Horizont zu bewegen. Oder bildete er es sich nur ein? Er hielt einen Augenblick inne. Es war nichts deutlich zu erkennen. Aber er hatte das Gef�hl, dass sich dort etwas bewegte. Etwas Riesiges, das fast den ganzen Horizont ausf�llte.</p><p>Nikodemus zog sich eine weitere Treppenstufe hoch. Es war eine elende Qu�lerei!</p><p>Auch wenn er die Gestalt eines Menschenkindes angenommen hatte, war er noch sehr klein. So klein, dass ihn einige Krieger misstrauisch angesehen hatten, weil er laufen konnte und auch sonst zu klein f�r die Dinge war, die er tat. Er reichte den meisten Menschen gerade einmal bis zum Knie. Ihre Kinder schienen wohl gr��er zu sein, wenn sie laufen konnten.</p><p>Endlich erreichten sie den Eingang einer H�hle. Nikodemus rang nach Luft. Seine Waden brannten. Er hatte M�he, die Verwandlung aufrechtzuerhalten.</p><p>�Du bleibst hier und sorgst daf�r, dass uns niemand st�rt, Falrach. Viel eicht werde ich etwas l�nger mit Samur brauchen. Gazala sind manchmal etwas eigenwillig.�</p><p>Nikodemus setzte sich ersch�pft hin. Ihm war es recht, eine Pause zu haben.</p><p>�Du kommst mit!�</p><p>Der Lutin schloss die Augen. �Warum? Ich will meine Zukunft nicht kennen. Ich finde, es lebt sich viel freier ohne Orakelspr�che, die einem auf der Seele liegen.�</p><p>�Dann endet deine Freiheit heute!�</p><p>Er traute seinen Ohren nicht. �Was�... Du willst mich zwingen?�</p><p>�Nein, ich will das nicht. Mir w�re es lieber, wenn du freiwillig mitk�mst, einfach, weil ich dich darum bitte. Au�erdem k�nntest du hier drau�en im Weg stehen, wenn die Horden der Priesterf�rsten die Bucht angreifen. Sieh einmal aufs Meer hinaus.�</p><p>Nikodemus wandte sich um. Der Horizont war keine klare Linie. Wasser und Himmel gingen nahezu �bergangslos ineinander �ber. Und inmitten dieser ungewissen Grenze bewegten sich kleine Farbflecke. Wie die Schuppen einer riesigen Schlange sprenkelten sie den Horizont. Und dann begriff er, was sich dort bewegte. Er sah Segel! Eine gewaltige Flotte steuerte auf die Insel zu.</p><p>Auch Falrach hatte es gesehen. �Ihr beide w�rdet mich sehr gl�cklich machen, wenn ihr euch ein wenig beeilen k�nntet. Ihr habt vielleicht eine halbe Stunde. Wenn ihr l�nger braucht, werden die Aussichten schlechter, dass das Orakel euch etwas �ber eine Zukunft erz�hlt, die noch �ber die n�chsten zwei Stunden hinausgeht.�</p><p>�Kommst du, Nikodemus?�</p><p>Er dachte an all die Menschenkrieger, die er gesehen hatte. Er w�rde keinen einzigen von ihnen aufhalten k�nnen. Und im Zweifelsfall k�nnte man sich in der H�hle wohl besser verstecken als drau�en. Waren Orakel nicht unber�hrbar?</p><p>Emerelle trat in die H�hle, und er folgte ihr. Ein leicht abfallender Weg �ffnete sich bald zu einer weiten H�hle. �berall waren kleine �ll�mpchen aufgestellt. Sie verbreiteten warmes, gelbes Licht.</p><p>Eine junge Frau mit streng nach hinten gek�mmtem, leicht ge�ltem Haar sa� inmitten der H�hle vor einer Feuerschale, aus der sich blaugrauer Rauch erhob.</p><p>�Du wirst das Orakel fragen, was dein Schicksal ist.�</p><p>Genau das wollte er nicht. �Kannst du nicht mit ihm reden?�</p><p>�Nicht �ber dich. Samur ist etwas eigenartig. Sie wird nur dir Auskunft �ber dich geben. Ich werde nicht dabei sein. Aber ich werde sehen, was ich wissen muss, wenn du zur�ckkommst.�</p><p>�Warum soll ich�... �</p><p>�Falrach h�lt dich f�r sehr bedeutend. Er bereitet ein Spiel vor, in dem du eine wichtige Figur sein wirst.�</p><p>�Ein Spiel!� Die beiden waren verr�ckt! �Das ist doch�... �</p><p>�Als er das letzte Mal neue Figuren f�r sein Falrach-Spiel ersonnen hat, ist ein Drachenk�nig gestorben. Untersch�tze ihn nicht. Es ist seine Art, das Unm�gliche wahr werden zu lassen.�</p><p>Nikodemus fragte sich, ob Falrach in seinem Spiel auch gesehen hatte, dass er sterben w�rde.</p><p>�Du tr�umst davon, so ber�hmt wie dein Bruder zu werden. Du bist auf dem Weg, auch wenn du es nicht ahnst. Falrach vertraut dir. Ich nicht. Und nun geh! Du wei�t, wie wenig Zeit uns bleibt.�</p><p>So ber�hmt wie Elija�... War das m�glich? Er sah hinab zu der Priesterin. Sie schien sie nicht einmal bemerkt zu haben. Unverwandt blickte sie in die Glut der Feuerschale.</p><p>Er ging hinab. Sie war eine Menschenfrau. Nicht die Gazala! Ihr Gesicht war stark geschminkt. Wei� und dazu blutrote Lippen. Die Augen hatte sie mit Kohle umrandet. Sie sah unheimlich aus.</p><p>Erst als er unmittelbar vor ihr stand, hob sie den Kopf.</p><p>�Das Kind, das keines ist.� Ihre Stimme klang dunkel. Gar nicht weiblich. �Folge mir.�</p><p>Er atmete tief ein. Der Rauch aus dem Becken machte ihn ein wenig schwindelig. Sie wusste, wer er war. Was er war! War sie doch das Orakel?</p><p>Sie f�hrte ihn in einen Winkel der H�hle, in dem nur eine verlorene �llampe brannte.</p><p>Dort war ein Becken. Das Wasser war wie ein schwarzer Spiegel. �Sieh dich an!�, befahl sie.</p><p>Er musste auf einen Stein klettern, um in das flache Becken blicken zu k�nnen.</p><p>�Wasche dein Gesicht und streich dir das Haar aus der Stirn. So ein kleines Gesicht. So wenig Platz ...�</p><p>Nikodemus gehorchte. Das Wasser war k�hl. Er hatte die Worte der Orakelpriesterin nicht richtig verstanden. Hatte sie gesagt: so wenig Platz? K�lte stieg seinen Nacken hinauf.</p><p>Die seltsame Frau nahm das Licht vom Wasserbecken. �Folge mir!�</p><p>Im tiefen Schatten lag ein Abstieg, der weiter in den Berg f�hrte. Hier brannten keine Lichter mehr. Nikodemus strauchelte zweimal. Die Treppenstufen waren unregelm��ig. Jede hatte eine andere H�he und Breite. Schlie�lich nahm die Priesterin ihn bei der Hand.</p><p>Endlich erreichten sie halbwegs ebenen Boden. Die Dunkelheit ringsherum war vollkommen. Die �llampe schnitt nur einen kleinen Lichtkreis. Vor ihnen auf dem Boden lag ein Kissen. Es roch nach Sandelholz und feuchtem Fels.</p><p>�Leg dich hier hin. Verrutsche das Kissen nicht. Schlie�e deine Augen und �ffne sie nicht, bis ich dich wieder holen komme.�</p><p>�Und das Orakel?�</p><p>�Es wird dich ber�hren, wenn ich gegangen bin.�</p><p>Nikodemus sp�rte sein Herz immer schneller schlagen. Diese H�hle war unheimlich.</p><p>Er wollte seine Zukunft gar nicht mehr wissen! Und was sollte das schon wieder hei-</p><p>�en? Das Orakel wird mich ber�hren!</p><p>�Leg dich hin�, sagte die Priesterin sanft.</p><p>Er gehorchte.</p><p>Sie bettete seinen Kopf auf das Kissen. Es war hart, als sei es mit Kernen gef�llt.</p><p>Dunkle Flecken waren darauf. Trocknes Blut?</p><p>�Beruhige dich. Du darfst die Augen nicht �ffnen, ganz gleich, was auch geschieht.</p><p>Hast du das verstanden, kleiner Mann? �ffne nicht die Augen! Es k�nnte dich sonst dein Augenlicht kosten!�</p><p>Sie erhob sich.</p><p>�Kannst du das Licht hierlassen?�, bettelte er.</p><p>�Wenn du die Augen geschlossen h�ltst, brauchst du kein Licht. Und wenn du sie vor der Zeit �ffnest, wirst du nie wieder ein Licht sehen. Lieg ganz still!�</p><p>Nikodemus lauschte auf die leiser werdenden Schritte. Er versuchte seinen Atem zu beherrschen, doch es gelang ihm nicht. Er ging keuchend und unregelm��ig. War da ein Ger�usch? �ber ihm? Ein Gleiten, als rieben ge�lte Lederb�nder aneinander. Ein �hnliches Ger�usch machten die breiten Gurte der Hornschildechsen, wenn die Tiere zu wenig Futter bekommen hatten und das Gurtzeug, das die Plattformen auf ihrem R�cken hielt, nachgezogen werden musste.</p><p>Nikodemus wollte die Augen �ffnen. Nein!</p><p>Etwas ber�hrte sein Gesicht. Etwas Spitzes! Er sp�rte Atem auf seinem Antlitz. Der Sandelholzduft war st�rker geworden. Etwas schwebte �ber ihm. Da war er sich ganz sicher!</p><p>�Was will du wissen?�</p><p>Die Worte ber�hrten ihn regelrecht, so dicht war die Sprecherin �ber ihm. Was hatte Emerelle gesagt? Er wollte gar nichts wissen! Er w�rde am liebsten fortlaufen, aber er hatte zu gro�e Angst. �Also...� Seine Stimme zitterte. Aber wenigstens erinnerte er sich wieder, was Emerelle gefordert hatte. �Was ist mein Schicksal?�</p><p>Stille. Ihr Atem strich �ber sein Gesicht. Wie lange dauerte das? Er wurde immer unruhiger. Pl�tzlich stach etwas in seine Wange.</p><p>�Was ��</p><p>�Halt still oder es ist dein Verderben!�</p><p>Und dann ber�hrten ihn tausend Nadeln. Sie stachen �berall auf sein Gesicht. So schnell, dass er die einzelnen Einstiche nicht mehr voneinander unterscheiden konnte und das Ganze ein einziger, brennender Schmerz war. Blut und Tr�nen rannen ihm �ber die zerschundenen Wangen. Er wimmerte, wagte es aber nicht, sich zu bewegen.</p><p>Die Nadeln stachen auch rund um seine Augen! Der Schmerz wurde immer intensiver.</p><p>Dann umfing ihn Nacht.</p></section><section><title><p>Von der Wahrheit und Schmerzen</p></title><p>Nikodemus ging an der Hand der Priesterin. Er schlurfte kraftlos. Die Frau schob ihn Emerelle entgegen. Sobald die f�hrende Hand loslie�, blieb der Lutin stehen. Er hielt die Augen fest zusammengekniffen. Obwohl er sich offensichtlich gerade erst sein Gesicht gewaschen hatte, troff Blut �ber die helle Haut. Schn�rkellose, klare Buchstaben waren ihm ins Gesicht geschrieben. Die Wahrheit. Und sie lautete so, wie Emerelle bef�rchtet hatte. Sie konnte nicht begreifen, dass Falrach bereit war, dem Kobold zu vertrauen.</p><p>Sanft legte sie Nikodemus die Hand auf die Schulter. Der Lutin zuckte zusammen. �Ich bin es. Du musst keine Angst mehr haben. Du kannst die Augen wieder �ffnen.�</p><p>�Nein! Sie wird sie mir ausstechen. Ich darf nicht ...�</p><p>�Es ist vorbei.� Emerelle kniete sich vor ihm nieder. Vorsichtig strich sie �ber sein Gesicht, gezeichnet von Blut und blauschwarzer T�towiertinte. Bei der Ber�hrung sp�rte sie den brennenden Schmerz des Kobolds. Sie w�rde ihm helfen, wenn sie zur�ckkam. Jetzt brauchte sie all ihre Kraft. �Es ist vorbei.�</p><p>�Es tut so weh. Es ist, als w�rden die Nadeln immer noch zustechen, als h�tten sie ein Feuer unter meiner Haut entfacht.�</p><p>Sie f�hrte ihn nahe zum H�hleneingang, wo der Wind, der vom Meer kam, zu sp�ren war. �Bleib hier und warte. Wenn ich wiederkomme, werde ich dir helfen.�</p><p>�Geh nicht dort hinein!� Er hielt sie mit seiner winzigen Kinderhand fest. �Es tut schrecklich weh. Das ist es nicht wert. Geh nicht!�</p><p>Einen Herzschlag lang z�gerte sie.</p><p>Sie blickte auf das Meer. Die Flotte der Priesterf�rsten war nun deutlich zu erkennen.</p><p>Die Schiffe hatten sich zu einer weiten Sichel formiert. Verwundert sah sie, dass die Galeeren in der Bucht nun doch bemannt wurden. Ein Entkommen war jetzt unm�glich. Diese Entscheidung kam zu sp�t. Die Flotte aus Iskendria hatte Formation angenommen, die an einen weiten Halbmond erinnerte. Alle Schiffe hielten den gleichen Abstand zueinander. F�r Menschenkinder waren sie erstaunlich diszipliniert.</p><p>Eine kleine Flottille hatte den Hauptverband verlassen und schien die Bucht umgehen zu wollen. Helme und Speerspitzen funkelten im Sonnenlicht. Vielleicht sollte sie Krieger anlanden.</p><p>Der Lutin dr�ckte ihre Hand. �Geh nicht! Sie wird dich qu�len!� Hatte Falrach doch Recht? Es war anr�hrend, wie sehr Nikodemus sich um sie sorgte, obwohl sie es doch gewesen war, die ihn hinab in diese H�hle der Schmerzen geschickt hatte. Sie blickte in sein geschundenes Gesicht, las erneut den Orakelspruch und befreite sich aus seinem Griff. Ihm war nicht zu trauen! Sie musste hinab.</p><p>Wie der Lutin wusch sie sich das Gesicht. Die Priesterin sah ihr dabei schweigend zu.</p><p>Auf dem Weg hinab vermied Emerelle es, in das Licht der �llampe zu blicken. Ihre Augen gew�hnten sich schnell an das Dunkel. Die H�hle hatte eine hohe Decke. Etwas hing weit �ber ihr. Sie konnte es nicht genau erkennen. Dort oben schien es noch einen Zugang zu geben. Sie sp�rte einen leichten Luftzug. Er trug den Duft von Sandelholz und ge�ltem Leder zu ihr hinab.</p><p>Als sie sich auf den H�hlenboden legte, ermahnte die Priesterin sie streng, auf keinen Fall die Augen zu �ffnen. Das Kissen war angenehm hart. Sie entspannte sich.</p><p>Lauschte auf die Schritte der Menschentochter. Sie roch den Angstschwei� des Lutin, der das Kissen durchtr�nkt hatte.</p><p>Ein leises Sirren lie� sie die Augen �ffnen. Wie eine Spinne glitt Samur von der Decke hinab. Doch statt an einem einzelnen, seidenen Faden hing sie an etlichen Lederb�ndern, die um ihre Arme, Gazellenbeine und H�ften geschlungen waren. �Ich habe lange auf dich gewartet, gefallene K�nigin. Du willst wissen, was meine Schwester dir nicht sagen konnte. Und auch diesmal folgen dir Tod und Verderben, so wie im Jadegarten.�</p><p>�Du wei�t, dass die Flotte der Priesterf�rsten nicht um meinetwillen kommt.�</p><p>�Ist das nicht ganz gleich? Dort, wo du bist, sind Unruhe und Krieg. Du musst wieder nach Albenmark und deine Krone zur�ckerobern, um unserer Welt Frieden zu bringen. Das ist dein Schicksal!�</p><p>�Willst du mir das auf mein Gesicht t�towieren?�</p><p>Die Gazala lie� sich tiefer hinabsinken, bis ihr Gesicht schlie�lich kaum eine Handbreit von Emerelles Antlitz entfernt war. �Auf deinem Gesicht wird die Antwort auf deine dr�ngendste Frage stehen. Du wei�t, meine Gabe ist nicht so stark wie die meiner Schwester. F�r mich liefert die Zukunft keine klar umrissenen Bilder. Ich sehe erst im Nachhinein klar, wenn sich all meine unverstandenen Visionen zur Wirklichkeit zusammengef�gt haben.</p><p>Vielleicht macht mich das auch zu einem echten Orakel, denn ich nehme keinen Einfluss. Stell mir eine Frage, und ich werde sehen. Deine Antwort wird in dein Gesicht geschrieben stehen. So kommt niemand zweimal zu mir. Ich habe f�r jeden nur eine Antwort, also bedenke deine Frage gut.�</p><p>Das Gesicht der Gazala war so dicht vor ihr, dass sie es nicht mit einem Blick erfassen konnte. Sie hatte sch�ne Lippen. H�rner schwangen sich �ber ihren Kopf hinweg dem R�cken entgegen. Sie strahlte Macht aus. Ihr Gesicht war bemalt wie das ihrer Priesterin.</p><p>�Hast du Angst vor den Menschen dort drau�en?�</p><p>�Ich wei�, dass meine Priesterin heute sterben wird. Meine eigene Zukunft kenne ich nicht. Ich bin frei von Angst, denn ich bin mit meinem Leben im Reinen. Kennst du dieses Gef�hl, Emerelle?�</p><p>Sie verschloss sich vor dieser Frage. �Du musst mir keine Antwort ins Gesicht stechen.</p><p>Du wei�t, im Gegensatz zu den Menschenkindern habe ich die Macht, sie zu l�schen.�</p><p>�Es geht um den Schmerz, der mit der Wahrheit einhergeht. Der k�rperliche Schmerz ist nur die Vorbereitung f�r den Seelenschmerz, den sie stets bereitet. Kannst du auch diesen Schmerz heilen?�</p><p>�Manche sagen, meine Seele sei tot und ich h�tte tausend Gesichter.�</p><p>�Wir beide wissen, was du Ungeheuerliches in dir tr�gst. Und ich wei�, welche Frage du mir stellen wirst, obwohl du mir eine ganz andere stellen solltest. Und ich wei� auch, warum du diese Frage stellen wirst. Das gen�gt mir als Beweis, dass deine Seele nicht tot sein kann. Nun schlie�e deine Augen und frage!�</p><p>Emerelle gehorchte ihr. Sie atmete tief ein und lauschte noch einmal in sich hinein. Sie wusste, was Samur gemeint hatte. Aber sie konnte nicht anders, als jene Frage zu stellen, die sie vielleicht zu Ollowain f�hren w�rde. �Wenn einer der Alben in unserer Heimat verblieben w�re, wo m�sste ich ihn suchen?�</p><p>Ein Stich drang in ihre Wange. Es brannte. Die Elfe sp�rte, wie ihr Tinte unter die Haut drang. Ein zweiter Stich ... Und dann in schneller Abfolge Hunderte. Sie verschloss sich gegen den Schmerz. Reiste in Gedanken an jene Orte, an denen sie gl�cklich gewesen war. Sie entfloh. Ihre Gedanken waren ein Kaleidoskop des Gl�cks.</p><p>�Emerelle!�</p><p>Mit der Stimme kam der Schmerz zur�ck. Er �berfiel sie mit solcher Heftigkeit, dass ihr �bel wurde. �ber ihr schwebte Samur. Deutlich sah die Elfe die Handschuhe der Gazala. Die Fingerspitzen waren besetzt mit feinen Nadeln. Manchmal nur eine einzelne. �fter waren es ganze Gruppen.</p><p>�Du warst sehr weit fort.�</p><p>Emerelle nickte. Ihre Wangen schienen in Flammen zu stehen.</p><p>�Du solltest dich beeilen, zu deinen Gef�hrten zu kommen. Flieh auf die andere Seite der Insel. Dort gibt es ein kleines Fischerdorf. Ihr werdet Boote finden.�</p><p>�Und du?�</p><p>Die Gazala streckte sich in ihren Gurten. �Ich werde mich in mein Versteck zur�ckziehen und hoffen, dass sie mich nicht finden werden. Sie werden meine Dienerin t�ten. Sie will nicht fortgehen, obwohl sie es wei�.�</p><p>Die Elfe dachte daran, dass Orakel niemals ihren eigenen Tod sehen konnten, und fragte sich, ob die Gazala sich etwas vormachte. �Du k�nntest mit uns nach Albenmark kommen.�</p><p>Samur l�chelte. �So lange habe ich mich danach gesehnt. Aber jetzt ist meine Schwester tot. Ich habe mein Band zu unserer Welt verloren.</p><p>Ich werde hierbleiben.�</p><p>�Du wei�t, warum ich dich verbannt habe?�</p><p>Sie glitt einige Handbreit nach oben. �Ich wei�, dass ich dir �rger bereitet habe. Es w�rde wieder geschehen, wenn ich in Albenmark w�re. Ich bin ein Orakel. Ich sage immer die Wahrheit.� Mit diesen Worten glitt sie ins tiefe Dunkel unter der H�hlendecke.</p><p>Emerelle eilte hinauf zum Becken und wusch sich das Gesicht. Sie versuchte zu lesen, was in ihrem Angesicht stand, aber sie konnte die Schrift nur undeutlich erkennen.</p><p>Ungeduldig lief sie zum Eingang der H�hle. Die Priesterin stand dort bei Falrach und blickte hinaus auf das Meer. Der ungleiche Kampf hatte begonnen.</p><p>Eine Flammens�ule schoss fast waagerecht aus dem Bug eines der iskendrischen Schiffe. Sie verfehlte knapp die Galeere mit den Purpursegeln. Daf�r setzte sie das Wasser in Brand.</p><p>�Das muss destilliertes Stein�l sein�, sagte Falrach sachlich. �Es ist mit Wasser nicht zu l�schen. Ich glaube, sie haben die Bucht verlassen, weil Flut ist. Wenn die Isken-drier dieses �l ins Wasser gegossen h�tten, w�re es vom Meer in die Bucht getrieben worden. Sie h�tten die ganze Flotte verbrennen k�nnen, ohne dass es auch nur zu einem Kampf gekommen w�re.�</p><p>�Was steht in meinem Gesicht?�</p><p>Falrach drehte sich um. Sie sah ihm sein Entsetzen an. �Was steht dort?�</p><p>�Du siehst f�rchterlich aus. Wie konnte sie das tun! Wie sehr sie dich hassen muss.�</p><p>�Was ��</p><p>Er legte ihr die Hand auf den Mund. Dann zog er sie an sich und k�sste sie auf die Stirn. �Ich liebe dich�, sagte er sanft. �Wirf dein Leben nicht leichtfertig fort. Bitte ... Ich��</p><p>Falrach hatte es schon immer verstanden, sich die un passendsten Momente f�r seine Liebeserkl�rungen auszusuchen. �Was�... �</p><p>Wieder strich er ihr �ber die Lippen. �&gt;Auf dem Albenhaupt ruht der Alben Haupt.&lt; Das hat sie dir ins Gesicht geschrieben. Verdrehte Orakelprosa, die alles und nichts bedeuten kann.�</p><p>�Nein! Das hei�t, der S�nger ist dort. Er ist nicht gegangen, genau wie ich es erhofft hatte!�</p><p>�Es k�nnte genauso gut bedeuten, dass er tot ist und sein Leichnam dort beigesetzt ist.</p><p>Und ganz gleich, was es hei�t, niemand kann den Gipfel des Albenhauptes erreichen.</p><p>Keine Albenkinder und kein Menschenkind. Alle, die es versucht haben, sind verschollen. Bitte tu das nicht! Geh nicht dorthin! Oder sag mir, dass es sich in den langen Jahren, die ich nicht hier war, ge�ndert hat.�</p><p>�Man kann dort hinauf.� Emerelle wusste, dass er Recht hatte. Niemand hatte je den Gipfel dieses geheimnisvollen Berges erklommen. Von jenen, die es versucht hatten -</p><p>und das waren viele gewesen -, war niemand zur�ckgekehrt. Nicht einmal die m�chtigen Schwarzr�ckenadler wagten es, in der N�he des Berggipfels zu fliegen.</p><p>�Was steht in mein Gesicht geschrieben?�, fragte Nikodemus leise. Der Lutin hatte die Augen jetzt ge�ffnet. Er blinzelte, als sei ihm ein Staubkorn in die Augen gekommen.</p><p>Blut und Tr�nen hatte dunkle Bahnen auf seinen Wangen hinterlassen.</p><p>�Du solltest nichts auf Samur geben. Sie war blind vor Hass�, sagte Falrach.</p><p>�Jene, die mir vertrauen, werde ich verraten/ Das ist es, was dort steht. Ich werde die Schrift ausl�schen k�nnen.� Es war genau das, was Emerelle von dem Lutin erwartet hatte. Sie w�rde ihm niemals vertrauen. Er war der Bruder von Elija Glops, dem gr��ten Aufwiegler, der je aus den V�lkern der Kobolde erwachsen war.</p><p>�Ich vertraue dir�, sagte Falrach trotzig. �Und nun kommt, sonst gibt es kein Entrinnen mehr.�</p><p>Emerelle blickte aufs Meer. Das Schiff mit den Purpursegeln hatte die erste Reihe der gegnerischen Galeeren durchbrochen. Es war das einzige Schiff der Piratenflotte, das es geschafft hatte. Die �brigen brannten oder waren in Entergefechte verstrickt. Drei Galeeren aus der zweiten Reihe versuchten den Piratenf�rsten zu stellen.</p><p>�Wir k�nnen nicht hoffen, mit unserem Boot zu entkommen�, sagte Falrach. �Und die Iskendrier werden uns nicht fragen, ob wir vielleicht nur Besucher des Orakels waren.</p><p>Sie werden jeden in dieser Bucht t�ten. Wir m�ssen �ber die Berge zur anderen Seite der Insel fliehen. Das ist unsere einzige Hoffnung.�</p><p>Und du glaubst nicht an die Prophezeiungen von Orakeln, dachte Emerelle und folgte ihm auf einem schmalen Pfad in die Berge. Dabei dachte sie an die Schiffe, die sich vom Hauptverband der Flotte getrennt hatten. Hatten sie die K�ste schon erreicht? Wo w�rden sie die Krieger anlanden?</p></section><section><title><p>Gefrorene Hundehaufen und Strandgut</p></title><p>�Nimm das! Stirb, hinterh�ltiger Troll!�</p><p>�Ha, mein alter Hund schnappt ja schneller als du!�</p><p>�Geschw�tz hilft dir nicht mehr!�</p><p>Kadlin lauschte auf den schnellen Wechsel von Schl�gen, der den Worten folgte. Sie lehnte an einem Felsen, den die Mittagssonne erw�rmt hatte, und blickte auf den Fjord hinaus. Die Abendstunde war nicht mehr fern. Schon glitten lange Schatten �ber die fernen Bergh�nge. Ein stetiger S�dwind verfing sich im Fjord und trieb das dunkle Wasser in kleinen Wellen gegen das Ufer.</p><p>Am Kai der kleinen Stadt lag ein unf�rmiges Frachtschiff, das vor einer Stunde erst angelegt hatte. F�sser und S�cke stapelten sich. Morgen w�rden sie das Apfelfest feiern. Ihr Vater Alfadas hatte es eingef�hrt. Und inzwischen war es Sitte geworden, dass sich an diesem Tag jeder auf Kosten des K�nigshauses den Bauch vollschlug. Das Fest verschlang ein Verm�gen. Allein zehn Ochsen w�rden morgen gebraten. Drei�ig Fass Apfelwein standen bereit und noch einmal dieselbe Menge an Bier. Kadlin f�rchtete, dass es nicht reichen k�nnte. Seit Tagen versuchte sie, noch weitere Vorr�te aufzutreiben. Vielleicht brachte das Schiff ja Hilfe. Sie betrachtete die Waren am Kai.</p><p>Die F�sser waren klein. Das waren wohl eher gesalzene Heringe.</p><p>�Du schummelst!�, erklang lauthals eine M�dchenstimme. �Kein Troll ist so flink!�</p><p>Dann kam sie um den Felsen gelaufen. Einer ihrer Z�pfe hatte sich gel�st. Ein roter Striemen lief quer �ber ihren Unterarm. Ihre Augen funkelten vor Zorn. Der Hieb auf den Arm hatte sicherlich wehgetan. Aber das war es nicht, was sie w�tend machte.</p><p>�Conlyn ist ein Bl�dmann!�</p><p>Kadlin strich ihrer Tochter durch das zerzauste Haar. �Was ist denn passiert?�</p><p>�Der ist so flink wie ein Wiesel. Wir haben gespielt, dass er ein Troll ist und ich eine ruhmreiche Kriegerin, so wie du, Mama.�</p><p>Die K�nigin l�chelte, aber sie nahm sich fest vor, herauszufinden, welcher Tunichtgut ihrer Tochter die falschen Heldengeschichten �ber den Trollkrieg erz�hlte. Vielleicht war es ihr Gro�vater Lambi?</p><p>Conlyn kam zu ihnen. Er lie� spielerisch sein Holzschwert wirbeln.</p><p>�Angeber!�, zischte Swana ihn an.</p><p>Der Junge hatte langes schwarzes Haar, ganz wie seine Mutter. Er war mehr als einen halben Kopf kleiner als Swana, obwohl er nur f�nf Monde j�nger war. Von zierlicher, drahtiger Gestalt, bewegte er sich mit einer Anmut, die jeden aufblicken lie�. In seinen Augen funkelte der Schalk. �Du wirst nie eine Trollk�mpferin, wenn du es nicht einmal schaffst, mit mir fertigzuwerden.�</p><p>�Ich werde einmal eine K�nigin sein, du eingebildetes Langohr. Und dann wirst du sehen, wie ich mit dir fertig werde.�</p><p>�Pah, Titel sind nur Worte.�</p><p>Swana machte einen �berraschenden Ausfall. Selbst Kadlin war �berrascht vom pl�tzlichen Zorn ihrer Tochter. Doch Conlyn wich mit einer grazilen Drehung aus und versetzte Swana einen Klaps auf den Hintern. Ihre Tochter strauchelte. Sie schlug der L�nge nach hin. Kadlin wollte sich schon nach ihr b�cken, da sah sie, wie das M�dchen ihr verstohlen zuzwinkerte.</p><p>Conlyn hatte das nicht sehen k�nnen. Als sie sich nicht regte, wurde er schlie�lich unruhig. �Was ist mit ihr?�</p><p>�Sieht so aus, als h�ttest du sie gr�ndlich besiegt.� Es kostete Kadlin alle M�he, ernst zu bleiben.</p><p>�Aber ich habe ihr doch nur ganz leicht auf den Hintern geklatscht. Das kann doch nicht�... �</p><p>�Menschenfrauen sind da sehr empfindlich.�</p><p>Conlyn beugte sich �ber Swana. Er strich ihr Haar zur Seite, um ihr Gesicht zu sehen.</p><p>In dem Moment fuhr das M�dchen herum. Sie tippte sacht mit dem Holzschwert auf die Brust des Elfenjungen. �Flink sein allein reicht manchmal nicht�, stie� sie kichernd hervor.</p><p>Conlyn sah beleidigt zu Kadlin auf. �Du hast gewusst, dass sie das tun w�rde.�</p><p>Kadlin l�chelte. �M�dchen halten eben zusammen.�</p><p>�Du bist kein M�dchen. Du bist eine K�nigin�, brummte er. �Das geh�rt sich nicht.�</p><p>�Den Spruch &gt;Das geh�rt sich nicht&lt; habe ich, glaube ich, an jedem Tag seit meiner Kr�nung mindestens einmal zu h�ren bekommen. Aber ich muss dir danken. Du bist ein guter Fechtmeister, Conlyn. Es freut mich, dass du meiner Tochter Unterricht gibst.�</p><p>Er war immer noch w�tend. Er zog eine Grimasse. �Sie hat kein Talent. Sie ist so steif wie ein gefrorener Hundehaufen.�</p><p>Kadlin schluckte kurz. Ihr war klar, dass Conlyn jetzt in einem Alter war, in dem er sich an den fantasievollsten Fl�chen versuchte. Sie konnte ihm ansehen, wie sehr er darauf wartete, dass sie ihn schalt. Der kleine Elf hockte genau wie ihre Tochter gerne in Lambis Langhaus und h�rte sich die Geschichten des Alten an. Dieser Fluch h�rte sich verd�chtig nach Lambis Worten an.</p><p>�Und du hast Umgangsformen wie ein gefrorener Hundehaufen�, emp�rte sich ihre Tochter an ihrer Stelle.</p><p>Conlyn hob herausfordernd das Holzschwert. �Sag das noch mal!�</p><p>�K�nigin?� Answin, der Befehlshaber ihrer Leibwache, und ein korpulenter Fremder kamen das Ufer hinunter. Die zwei schleppten eine gro�e Holzkiste.</p><p>Die beiden Streith�hne waren endlich stil .</p><p>�Was gibt es?�</p><p>�Ein Geschenk von Finn, dem Jarl von Stayndam bei Gonthabu! Nicht weit von der Stadt ist ein gro�es Handelsschiff gestrandet. Es war niemand mehr an Bord. Das war w�hrend des schweren Sturms in der letzten Woche. Wahrscheinlich haben die Seeleute sich lieber den Booten anvertraut als dem entmasteten Schiff.�</p><p>Kadlin sah den Jarl von Stayndam forschend an. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen oder auch nur seinen Namen geh�rt. �Ich hoffe, es brannten keine falschen Leuchtfeuer an der K�ste.�</p><p>Der Jarl war ein korpulenter Mann in mittleren Jahren. Er hatte ehrliche graue Augen.</p><p>�Was denkt Ihr, K�nigin. Manchmal holen wir uns etwas mit dem Schwert, wie es schon unsere Vorv�ter taten. Aber auf diese Weise ...� Er sch�ttelte �rgerlich den Kopf.</p><p>�Wir sind doch keine Aldarviker! Wir sind keine Schmuggler und Strandpiraten!�</p><p>�Was hatte das Schiff geladen?�</p><p>�Stoffe und Kleider, Herrin. Ein wahrer Schatz.� Er blickte auf die Kiste und l�chelte.</p><p>�Ihr solltet es einmal ansehen. Solche Stoffe finden sich im ganzen Fjordland nicht.</p><p>Diese leuchtenden Farben�... �</p><p>�Bitte, Mutter, mach die Kiste auf�, bettelte Swana.</p><p>�Hier am Ufer?�</p><p>�Bitte!�</p><p>Auch Conlyn reckte neugierig den Hals. Wenigstens hatten die beiden vergessen, sich weiter wie betrunkene Schankmaiden anzugiften.</p><p>�Setzt die Kiste ab�, befahl sie gut gelaunt. �Mir scheint, ihr kamt gerade zur rechten Zeit, um den Ausbruch eines Krieges zwischen Albenmark und dem Fjordland zu verhindern.�</p><p>Der Jarl l�chelte. �Ihr werdet es nicht bereuen, Herrin.�</p><p>Auch Kadlin war jetzt neugierig. Gespannt sah sie zu, wie der Fremde das schwere Schloss der Kiste �ffnete. Als er den Deckel aufklappte, strahlte sie ein Stoff an, so strahlend gelb wie die Sonne am Sommerhimmel.</p><p>�Ihr m�sst es ber�hren, Herrin.�</p><p>Kadlin kniete nieder. Sie streichelte �ber das Gelb. Auch Swana streckte die Hand aus.</p><p>�Bitte, nimm es heraus. Lass es uns ansehen!�</p><p>Ein leicht muffiger Geruch haftete dem Kleid an. Wahrscheinlich war der Stoff feucht geworden. Kadlin nahm das Kleid und hielt es vor ihre Brust.</p><p>Answin schnalzte mit der Zunge. Kadlin strafte ihn mit einem strengen Blick, doch der Hauptmann der Leibwache grinste nur. �Das sieht aus wie f�r euch gemacht, Herrin.</p><p>Vielleicht m�sste es um die H�ften etwas enger sein, aber die L�nge stimmt.�</p><p>�Man schn�rt es auf dem R�cken�, belehrte Swana ihn. �Es wird ganz ohne �nderungen passen.� Sie beugte sich �ber die Kiste und holte ein zweites Kleid heraus, das von einem lichtem Blau war. Ganz wie Kadlin hielt sie es sich vor die Brust und drehte sich dann keck.</p><p>�Du siehst aus wie ein Nachtalb, der die Kleidertruhe eines Trolls gepl�ndert hat. Das ist viel zu gro� f�r dich.�</p><p>Swana vergrub ihr Gesicht im Stoff. �So weich wie Bl�tenbl�tter�, seufzte sie.</p><p>�Weiter unten in der Truhe sind Kleider, die euch noch besser passen werden, Prinzessin�, sagte Jarl Finn freundlich.</p><p>Swana war nicht zu halten. Sie w�hlte mit einem Jauchzen in der Truhe. Alle Farben des Regenbogens schienen in der dunklen Holztruhe gefangen zu sein.</p><p>�Haben wir etwas verpasst?�</p><p>Kadlin zuckte kurz zusammen, obwohl die Stimme ihr wohlvertraut war. Melvyn und Leylin waren zum Strand des Fjordes gekommen. Es war unheimlich, dass sie sich selbst auf dem groben Kies am Ufer v�llig lautlos bewegen konnten. Leylin erschien ihr ein wenig verlegen. Das lange schwarze Haar trug die Elfe jetzt offen. Kadlin entdeckte ein welkes Blatt zwischen den schweren Str�hnen. Wie ein Umhang umschloss sie ihr Haar. Ihr Kleid war ein wenig in Unordnung. Als sie Kadlins pr�fende Blicke bemerkte, zupfte die Elfe es err�tend zurecht.</p><p>Melvyn grinste frech. Ihn st�rte nicht im Mindesten, dass man erraten konnte, was die beiden im Wald getan hatte, w�hrend Conlyn sich mit Swana duellierte. Seine Fr�hlichkeit drang einem wie ein Pfeil ins Herz. Kadlin musste einfach l�cheln. Ein wenig beneidete sie die beiden. Sie hatte in all den Jahren keinen neuen Mann er-w�hlen wollen, obwohl ihre Jarls keine Gelegenheit auslie�en, sie wie eine Zuchtstute anzupreisen.</p><p>Unter all den M�nnern, die in den letzten elf Jahren um ihre Hand angehalten hatten, war keiner wie Bj�rn. Sie dachte an ihre erste Begegnung mit Bj�rn Lambison, den eitlen Stutzer im Gefolge des Prinzen Ulric. Sie beide waren gleich bei ihrem ersten Treffen aneinandergeraten. <emphasis>Seid ihr so arm, dass du die alten Hosen deines Vaters auftragen musst, M�dchen?</emphasis> Das war das Allererste, was er zu ihr gesagt hatte. Ein Wort gab das andere, und ein paar Augenblicke sp�ter hatte sie ihn mit einem Kinnhaken in den Staub geschickt. Sie hatte nicht gerade ritterlich gek�mpft. Aber Bj�rn hatte die Niederlage vor den Augen seiner Kameraden und des Prinzen wie ein Ehrenmann genommen. Ja, er hatte sie vor aller Augen eingeladen, ihr ein Kleid als Wiedergutmachung zu schenken.</p><p>Schweren Herzens blickte sie auf die Kleidertruhe. Sie vermisste Bj�rn auch nach all der Zeit noch. Manchmal, wenn Swana lachte, sah sie sein Gesicht in den Z�gen des M�dchens.</p><p>Ein heller Freudenschrei riss sie aus ihren melancholischen Gedanken. Swana hatte ein dunkelblaues Kleid gefunden, das mit silbernen Bl�ttern bestickt war. �Das werde ich morgen auf dem Fest tragen! Ist es nicht wundersch�n?�</p><p>�Du siehst wahrlich wie eine Prinzessin aus�, sagte Leylin mit schwerem Akzent. Die Sprache des Fjordlands ging ihr immer noch schwer von den Lippen. �Die Farbe passt gut zu deinem sch�nen wei�en Haar. Du musst allerdings den Saum noch etwas k�rzen. Wenn du magst, helfe ich dir dabei.�</p><p>Melvyn blickte etwas ungl�cklich drein, sagte aber nichts.</p><p>�Bitte, bleib bis nach dem Fest�, sagte sie leise.</p><p>Er rollte mit den Augen. Aber Kadlin wusste nur zu gut, dass er Leylin nichts ausschlagen konnte. �Du k�nntest den ganzen Winter bleiben.�</p><p>�Elfen im Winter wecken schlechte Erinnerungen bei deinen Leuten.�</p><p>�Das ist so lange her ...�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Es ist unvergessen. Ich sehe, wie sie mich anschauen. Auch Leylin merkt es. Wir sind den Deinen unheimlich, auch wenn du davor die Augen verschlie�t.�</p><p>�Ich k�nnte nach Conlyn sehen. Dann habt ihr mehr Zeit f�r euch�, sagte sie mit verschw�rerischem L�cheln.</p><p>Leylin schien es geh�rt zu haben. Jedenfalls wurde sie erneut rot.</p><p>�Nein, Kadlin. Wir kommen n�chsten Sommer zur�ck. Aber nach dem Fest m�ssen wir aufbrechen. Es hat in den Bergen schon zu schneien begonnen. Wenn wir zu lange warten, kommen wir nicht mehr �ber die P�sse.�</p></section><section><title><p>Der Blick zur M�we</p></title><p>Nikodemus lehnte keuchend an einem Fels. �Ihr k�nnt mich zur�cklassen�, stie� er atemlos hervor. �Ohne mich werden die euch niemals fangen. Ich wei�, wie sehr ich euch aufhalte.�</p><p>Falrach wollte davon nichts h�ren. Sie w�rden es irgendwie schaffen. �Was das angeht, habe ich dieselbe Auffassung wie der Piratenprinz. Wir lassen niemanden zur�ck!�</p><p>�Das hat den Prinzen das Leben gekostet.�</p><p>�Das wissen wir nicht�, sagte Emerelle ruhig. �Geht es wieder ein St�ck?�</p><p>Nikodemus raffte sich auf, doch es war un�bersehbar, dass der Lutin am Ende seiner Kr�fte war.</p><p>Falrach blickte �ber den Felsen, hinter dem sie sich in Deckung gekauert hatten. Weiter unten auf der Bergflanke konnte er zwei Verfolgertrupps ausmachen. Das Gel�nde war un�bersichtlich. Tiefe Furchen und kleine Zedernw�lder lieferten Deckung. Er musste den Iskendriern zugestehen, dass sie ihn �berrascht hatten. Ihm war nicht entgangen, dass sich eine kleine Flottille vom Hauptverband der Flotte gel�st hatte. Als sie bis zur D�mmerung unbehelligt geblieben waren, hatte er gehofft, den Truppen der Priesterf�rsten entgangen zu sein. Ja, er hatte sogar zugestimmt, ein Nachtlager zu suchen. Sie hatten sich nur ein paar Stunden Ruhe geg�nnt.</p><p>Als sie am n�chsten Morgen zu den D�rfern auf der anderen Seite der Insel hinabsteigen wollten, hatte sich offenbart, wie entschlossen und systematisch die Iskendrier vorgegangen waren. In jedem kleinen Fischerdorf lagen Kriegsgaleeren vor Anker. Und auf allen Pfaden, die man von der H�he der Berge aus einsehen konnte, bewegten sich Krieger, die offenkundig von ortsans�ssigen F�hrern begleitet wurden.</p><p>Sie sa�en in der Falle. Mit Vernunft allein war dieses Vorgehen der Iskendrier nicht zu erkl�ren. Es war der blanke Fanatismus. Sie wollten niemanden aus der Piratenflotte entkommen lassen. Alle sollten f�r den Tod des Promachos b��en.</p><p>�Ich nehme dich auf die Schultern, Nikodemus.�</p><p>�Du wirst zu langsam. Lass mich zur�ck.�</p><p>Der Elf sah dem Lutin in das verschorfte Gesicht. Er hatte noch immer die Kindergestalt angenommen, weil sie hofften, dass ein Kind vielleicht verschont w�rde, falls man sie umstellte. Eine fuchsk�pfige Missgeburt durfte nicht auf Gnade vor den Schwertern der Krieger hoffen. Falrach las wieder die T�towierung. <emphasis>Jene, die mir vertrauen, werde ich verraten.</emphasis> Er mochte das einfach nicht glauben! Es entsprach nicht dem Bild, das er sich von dem Lutin gemacht hatte.</p><p>�Los jetzt, vertun wir unsere Zeit nicht mit Reden!� Ohne auf eine Antwort zu warten, hob er den Kobold hoch auf seine Schultern. �Wenn wir es schaffen, uns bis zur D�mmerung vor ihnen zu verstecken, dann werden wir ihnen entkommen.�</p><p>Emerelle hatte die Augen geschlossen. Sie wirkte v�llig entr�ckt, wie so oft in letzter Zeit. Falrach w�nschte, sie w�rde sich ihm mehr anvertrauen, doch sie schien entschieden zu haben, all ihre Sorgen mit sich allein auszumachen.</p><p>�Herrin!� Er ber�hrte sacht ihre Schulter. Als sie die Augen aufschlug, wirkte sie einen Herzschlag lang verwirrt. Dann wurde ihr Blick klar. Hatte sie ihre Seele fliegen lassen?</p><p>�Eine halbe Wegstunde hinter uns ist ein gro�er Trupp Bewaffneter. Sie kommen genau in unsere Richtung. Und wenn wir dem Pfad weiter folgen, werden wir sehr bald auf eine andere Truppe Krieger treffen. Das Gel�nde ist so steil, dass wir abseits der Wege nicht weit kommen werden.�</p><p>�Dann w�rde ich vorschlagen, dass ihr beide euch in V�gel verwandelt. Allein werde ich schon durchkommen.�</p><p>�Wie war das mit dem <emphasis>Wir-lassen-niemanden-zur�ck?</emphasis> Nein, Schwertmeister. Wir gehen zusammen.�</p><p>�Ganz meine Meinung�, stimmte Nikodemus auf seinen Schultern zu.</p><p>Falrach erinnerte sich nur zu gut, wie wenig es n�tzte, mit Emerelle zu reden, wenn sie einmal einen Entschluss gefasst hatte. Man musste sie �berzeugen, bevor sie eine Entscheidung fand. Und das ging nur, wenn man m�gliche Probleme fr�her als sie erkannte, sie dann ganz behutsam auf den richtigen Weg f�hrte und sie der Illusion �berlie�, sie sei es, die diesen Weg gew�hlt habe. Fr�her einmal war er sehr gut darin gewesen, sie auf diese Weise zu f�hren. Aber sie hatte sich ver�ndert. Und er auch.</p><p>Ihm fiel es schwerer, Entscheidungen zu treffen. Manchmal hatte er das Gef�hl, er sei nicht er selbst. Ob das Ollowain war? Formte sich das neue Bewusstsein des Schwertk�mpfers heran? Wie lange w�rde er brauchen, bis er seinen K�rper wieder in Besitz nehmen konnte?</p><p>Falrach lie� den Blick �ber die karge Berglandschaft schweifen. Sie hatte eine wilde Sch�nheit, auch wenn es hier f�r seinen Geschmack zu hei� f�r einen Herbsttag war.</p><p>Er sollte den Augenblick leben. Irgendwann w�rde er einfach hinter Ollowain zur�cktreten. Wie das wohl war? W�re er dann ein unbeteiligter Zuschauer, gezwungen, dem Leben Ollowains beizuwohnen, ohne Einfluss darauf nehmen zu k�nnen? Oder w�rde er ganz verblassen?</p><p>Er betrachtete Emerelle, die vor ihm auf dem engen Ziegenpfad ging. Sie setzte ihre Schritte sicher und ohne zu z�gern. Jede ihrer Bewegungen war von Anmut. Sie war eine wundersch�ne Frau. Es war leicht, sich in sie zu verlieben. Unter dem Kopftuch, mit dem sie ihre Ohren verbarg, lugten zwei Str�hnen ihres braunen Haars hervor.</p><p>Leicht eingerollt schwangen sie mit jedem ihrer Schritte. Er dachte an ferne Liebesn�chte, als er sein Gesicht in diesem Haar verborgen hatte. Er konnte sich noch daran erinnern, wie es roch. Lieber als jedes Parf�m hatte er den Duft des Waldes darin gemocht.</p><p>Er dachte an ihr Liebespiel in dem Bergbach im Verbrannten Land. Er vermisste es, sie zu ber�hren. Er vermisste es, bei ihr zu liegen. Falrach wusste nur zu gut um seine Schw�chen. Er brauchte es, geliebt zu werden. Nicht allein das Gef�hl. Nein, er brauchte es, eine Frau in den Armen zu haben, die sich ihm ganz hingab. Er h�tte Nailyn besitzen k�nnen. Sie war eine wunderbare T�nzerin gewesen. Allein die Erinnerung daran, wie sie sich an ihn geschmiegt hatte, als sie inmitten dieses seltsamen blauen Meeresgl�hens schwebten, erregte ihn. Sie hatte ihn gewollt, und sie war sehr verf�hrerisch gewesen. Ein wenig bereute er es, sie zuletzt zur�ckgewiesen zu haben. Er hatte sie gewollt. Mit jeder Faser seines K�rpers. Und sie hatte das gesp�rt. Es war nicht zu verbergen gewesen, als sie nackt miteinander getanzt hatten.</p><p>Dennoch war Falrach auch stolz, ihr widerstanden zu haben. Nein, sich widerstanden zu haben. Jenem unseligen Begehren nach k�rperlicher Liebe. Dem Verlangen nach der Ekstase einer erf�llten Liebesnacht. Er wollte Emerelle. Wieder blickte er auf ihre Haare. Vielleicht w�rde er ihr nie mehr n�her kommen als in diesem Augenblick.</p><p>Pl�tzlich blieb sie stehen. Ein St�ck voraus weitete sich der enge Pfad. Im Schatten einiger Zedern rastete ein Trupp Krieger. Sie hatten die Helme abgenommen. Es waren acht Gewappnete und ein Bauer.</p><p>�Lass mich mit ihnen reden�, befahl Emerelle.</p><p>Falrach haderte mit sich, so tief in Gedanken gewesen zu sein, dass er �berrascht worden war.</p><p>Emerelle ging den Kriegern entgegen. Jetzt hatte man sie bemerkt. Einer sagte etwas, und die anderen lachten. Zumindest f�hlten sie sich nicht bedroht, dachte Falrach. Das war gut. Und warum h�tten sie auch beunruhigt sein sollen? Sie sahen ja nur eine Frau und einen Mann, der zwar bewaffnet war, aber seine auf den R�cken geg�rteten Schwerter nicht ziehen konnte, solange er ein Kind auf den Schultern trug.</p><p>�Wir haben das Orakel besucht, wie du sehen kannst, ehrw�rdiger Krieger. Wir tragen seine Zeichen in unserem Angesicht und haben mit den Piraten, die ihr sucht, nichts zu schaffen.�</p><p>Der Mann, den sie angesprochen hatte, schien der Anf�hrer zu sein. Er war von st�mmiger Figur. Sein Bronzepanzer und seine Beinschienen waren, nach menschlichen Ma�st�ben, von vorz�glicher Qualit�t. Er hatte fleischige, vorgest�lpte Lippen, die nicht recht zu seinen markanten Gesichtsz�gen passen wollten. Zu den harten grauen Augen, dem blauschwarzen Bartschatten auf seinen Wangen und dem sch�tterer werdenden Lockenhaar mit den ergrauten Schl�fen.</p><p>�Warum seid ihr hier? Euer Boot liegt doch sicher in der Bucht des Orakels. Warum lauft ihr davon, wenn ihr nichts mit den Piraten zu schaffen habt?�</p><p>�Mein Mann hatte Sorge, dass die Edlen Iskendrias sich nicht mit Fragen aufhalten w�rden wie du, mein F�rst. Er glaubte, nach den K�mpfen w�rden sie alle t�ten, die sie in der Bucht finden. Deshalb hat er entschieden, dass wir �ber die Berge fliehen und uns sp�ter ein Fischerboot mieten, das uns zur�ck in unsere Heimat bringt.�</p><p>Der Iskendrier sah abf�llig zu ihm hin�ber. �So, dein Kindertr�ger f�llt also solche Entscheidungen. Dabei bist du es, die vorne geht. Und du bist es auch, die mit mir redet. Wie passt das zusammen?� Einige der Krieger lachten.</p><p>�Du bist ein kluger Mann, dem auch die kleinen Dinge nicht entgehen�, antwortete Emerelle h�flich, doch glaubte Falrach einen leichten, gereizten Unterton wahrzunehmen. Unwillk�rlich musste er an die Gerichtshalle in Feylanviek denken.</p><p>�Da ich tats�chlich mit den Piraten nichts zu schaffen habe, gibt es eine leichte Erkl�rung. Wir kommen aus Marcilla. Mein Mann versteht die Sprache, in der wir beide uns unterhalten, nur l�ckenhaft. Also bin ich es, die redet. Und�... � Sie senkte scheinbar verlegen den Kopf. �Ich gehe vorne, weil mein Mann gern den Schwung meiner H�ften betrachtet.�</p><p>Die Krieger brachen in schallendes Gel�chter aus. Nur ihr Anf�hrer nicht.</p><p>�Du sprichst leichthin �ber deine Reize, Weib. Und deine Antworten kommen zu schnell und sind zu klug. Soll ich dir sagen, was ich von dir halte? Mein Priesterf�rst Promachos wurde von einem Weib ermordet, das sich sein Vertrauen erschlichen hatte. Oder sagen wir es geradeheraus: von einer Hure, deren Liebesk�nste ihn nur noch mit seinem Schwanz denken lie�en. Ich bin ihr nie begegnet, aber es hei�t, sie sei eine zierliche, sch�ne Frau von schnellem Verstand und dunklem Haar gewesen. Eine Frau, die wusste, wie man M�nnerherzen gewinnt. Dieses Weib ist zu F�rst Tigranes geflohen, nachdem sie ihre Bluttat in Iskendria beging. Wir suchen sie seit Jahren. Wie es scheint, muss sie gemeinsam mit dem Piratenprinzen geflohen sein. Und nun steht vor mir eine sch�ne, zierliche Frau, die auch noch klug zu sein scheint...�</p><p>�Und wenn doch wahr w�re, was ich gesagt habe?�</p><p>�Du musst das von unserer Warte aus sehen, sch�ne Frau.� Er bedachte sie mit einem anz�glichen L�cheln. Falrach sah, wie Emerelle sich spannte. Auch er bewegte die Schultern, damit Nikodemus sich vorbereitete, zu springen.</p><p>�F�r jeden Piraten, den wir in den Bergen aufsp�ren, bekommen wir ein Goldst�ck.</p><p>Wenn ich mir gar keine Gedanken �ber die Wahrheit deiner Geschichte mache, halte ich drei Goldst�cke in der Hand. Solltest du aber die Frau sein, nach der gesucht wird, so werde ich tausend Goldst�cke erhalten, wenn ich dich ausliefere. Und solltest du die sein, f�r die ich dich halte, muss es wohl au�erordentliches Vergn�gen bereiten, dich zu nehmen. Eine Freude, die ich auch meinen M�nnern nicht vorenthalten m�chte, denn wir alle sind schon sehr lange auf unseren Schiffen und wissen kaum noch, wie es sich anf�hlt, zwischen den Schenkeln einer Frau zu liegen.�</p><p>�Glaubst du, ich w�rde mir das Gesicht t�towieren lassen, wenn ich darauf angewiesen w�re, von meiner Sch�nheit zu leben?�</p><p>�Ich glaube, du w�rdest alles tun, um dem zu entgehen, was die Priesterschaft mit dir anstel en wird, um den Tod von Promachos zu r�chen.�</p><p>�Du siehst also keine M�glichkeit, uns einfach ziehen zu lassen?� Emerelle hatte sich ein wenig geduckt, so als spreche sie in unterw�rfiger Demut.</p><p>�Ich w�re dumm, es zu tun.�</p><p>�Siehst du die M�we dort oben?�</p><p>Der Krieger blickte auf. In dem Moment griff Emerelle nach seinem Schwert. Sie zog es und durchschnitt mit flie�ender Bewegung den gereckten Hals. �Du hast dich dazu entschieden, weniger lange zu leben, als ein M�wenschiss braucht, um vom Himmel zur Erde zu fallen, kluger Mann.�</p><p>Der Krieger taumelte zur�ck. Er griff sich an die Kehle. Emerelle duckte sich an ihm vorbei und stie� dem n�chsten das iskendrische Kurzschwert in den Bauch.</p><p>�Spring!� Der Lutin reagierte sofort. Falrach zog seine beiden Schwerter und sprang vor.</p><p>Die Krieger waren noch immer so �berrascht, dass erst einer von ihnen seine Waffe gezogen hatte.</p><p>Emerelle schleuderte ihr Kurzschwert, das ihm tief in die Brust drang.</p><p>�Gib mir ein richtiges Schwert, Falrach�, sagte sie, als er an ihre Seite gelangt war.</p><p>Jetzt war der Bann gebrochen. Die verbliebenen f�nf Krieger fluchten und zogen ihre Klingen, noch immer �berzeugt, dass sie mit einer vermeintlichen Hure und deren Leibw�chter leichtes Spiel haben w�rden.</p><p>Falrach st�rmte vor. Er t�uschte einen Stich nach dem Bein des Kriegers vor ihm an.</p><p>Als dieser tief parierte, hackte er ihm den Arm dicht unter der Armbeuge ab. Ohne weiter nachzudenken, �berlie� er seinem K�rper das K�mpfen. Es war ein blutiger Tanz. Und Emerelle schien ihn nicht minder vollkommen zu beherrschen als er.</p><p>Nach zehn Herzschl�gen lebte nur noch der Bauer.</p><p>�Du kommst mit uns�, sagte Emerelle entschieden. �Du wirst uns zum n�chsten Fischerdorf f�hren und uns helfen, ein Boot zu stehlen.�</p><p>�Herrin, alles, was ihr sagt... Aber die D�rfer sind vol er Krieger. Es sind Hunderte!�</p><p>Emerelle wischte die Klinge ihres Schwertes an der Tunika eines der Toten ab. �Hast du den Eindruck, dass es mir Schwierigkeiten bereitet, die Krieger der Priesterf�rsten zu t�ten?�</p></section><section><title><p>Der Seilt�nzer</p></title><p>Armand mochte seinen Beruf. Schon als kleines Kind war er von Seill�ufern fasziniert gewesen. Nie w�rde er den Tag vergessen, an dem die Seill�ufer gekommen waren und ein Seil quer �ber den Markt gespannt hatten. Vom Giebel des Rathauses zu den Zinnen des alten Tempelturms. Hoch in der Luft tanzten sie und machten allerlei Kunstst�cke. Die ganze Stadt war zusammengekommen und hatte ihnen zugesehen. Und in der Nacht hatte sich seine Mutter einen der Seilt�nzer in ihr Bett geholt. Diesem Tanz hatte nur er allein zugesehen. Sein Vater war wieder einmal nicht im Haus gewesen. Wie meistens.</p><p>Als er elf Jahre alt war, war Armand fortgelaufen. Er wollte aus dem Dreck emporsteigen in den Himmel, so wie die Seilt�nzer. Ein Jahr war er �ber die Landstra�en gewandert, bis er eine Schaustellertruppe fand, die ihn aufnahm. Dann begann die gl�cklichste Zeit in seinem Leben. Die Zeit, in der er lernte, den Himmel zu erobern.</p><p>Als er f�nfundzwanzig war, hatte der Himmel seinen Glanz verloren. Er hatte begriffen, dass er immer arm bleiben w�rde. Drei seiner Lehrmeister hatte er begraben.</p><p>Zwei mit zerschmetterten Gliedern, weil eine pl�tzliche B� sie in den Tod gest�rzt hatte. Den dritten hatte ein Fieber hinweggerafft. Er h�tte nicht sterben m�ssen, aber es hatte kein Geld gegeben, einen Heilkundigen zu rufen.</p><p>Sie alle waren abseits der Gr�berfelder an einem Wegkreuz verscharrt worden. Das war das Schicksal der Heimatlosen. In jenem f�nfundzwanzigsten Jahr seines Daseins hatte sein Leben erneut eine Wende genommen. Er war seinem letzten Lehrer begegnet. Dem Mann, der ihm beigebracht hatte, wie man den Tod brachte. Und seit er ihn bei sich aufgenommen hatte, war Armand nicht einen Abend mehr mit knurrendem Bauch ins Bett gegangen.</p><p>Jetzt war er zweiunddrei�ig. Seinen letzten Meister hatte er get�tet. Gewisserma�en als sein Meisterst�ck. Auch in dieser Nacht w�rde er wieder t�ten. Tjured schien seinem wei�en Ritter nicht sehr gewogen zu sein, sonst h�tte er die Wolken vom Himmel vertrieben und die Nacht mit Sternenlicht erleuchtet. Oder er h�tte den Priestern eine Eingebung geschickt, dieses eine Mal nicht bis nach Mitternacht im Tempelturm zu beten und zu streiten. Sie fochten darum, auf welche Weise das Wort Gottes unter die Menschen getragen werden sollte. Und ob es statthaft war, dass Tjured k�nftig seine eigenen Ritter hatte.</p><p>Armand zog an dem Seil, das vom Dach des Badehauses vorbei am Stumpf der verbrannten Eiche zum Bauger�st am Tempelturm f�hrte. Dass seine eitlen Priester st�ndig an ihren Tempelt�rmen bauten, das war ein Geschenk Tjureds!</p><p>Das Seil war straff gespannt. Ein gutes Seil, das nicht zu sehr nachfedern w�rde, wenn er sich ihm anvertraute. Die Rolle mit dem Haltegriff war frisch ge�lt. Er w�rde fast lautlos dahingleiten. Ein Schatten, aus Schatten geboren. Fast f�nf Schritt lief das Seil �ber dem Weg hinweg, den die Priester jede Nacht nahmen, wenn sie endlich ihren Tempelturm verlie�en. Das war mehr als genug. In der Dunkelheit musste Armand nicht f�rchten, dass man das Seil vor der Zeit bemerken w�rde. Im Gegenteil, wenn sein Plan aufging, w�rde es den Schrecken noch vertiefen. Es war mit �l getr�nkt, um den Hanf geschmeidig zu halten. Und er hatte einen ganzen Tag damit verbracht, fein gemahlenen Schwefel tief in die Faserstr�nge zu dr�cken. Es w�rde wie Zunder brennen, wenn sein Schauspiel vor�ber war. Eigentlich schade, dass nur ein paar Priester Zeugen seines Auftritts werden w�rden. Aber Priester waren ja bekannterma�en die gr��ten Tratschm�uler. Bis zum Morgen w�rde die ganze Stadt wissen, was f�r ein himmlisches Strafgericht den wei�en Ritter ereilt hatte.</p><p>Armand hatte sich ganz in Schwarz gewandet. So geziemte es sich f�r ein Gesch�pf der Nacht. Nur die Maske, die er anlegen w�rde, war wei�. Sie war aus einem echten Totensch�del gefertigt. Nur der Vorderteil des Sch�dels war geblieben. Auf der Innenseite mit Lederstreifen gest�rkt, die ihn zugleich auch zusammenhielten.</p><p>Armands Finger glitten �ber die kalte Schneide der Sense. Er hatte sie eigens f�r diese Nacht fertigen lassen.</p><p>Das Sensenblatt war dick und schwer wie eine Schwertklinge. Er hatte mit der Sense im Wald verborgen ge�bt. So t�dlich scharf war das Blatt, dass man junge B�ume mit einem einzigen Hieb f�llen konnte. Dem w�rde ein junger Ritter gewiss nicht widerstehen.</p><p>Armand hielt inne. Sie hatten im Tempelturm zu singen begonnen. Bald w�rden die Priester durch das gro�e Portal kommen. Was f�r ein Gl�ck, dass dieser Michel Sarti nie seine R�stung ablegte. So w�rde Armand ihn auch im Dunkeln gut erkennen k�nnen. Wie eine Flamme w�rde er zwischen all den in dunklem Blau gewandeten Priestern erstrahlen. Den Helm unter dem Arm. Mit ernstem Gesicht w�rde der Ritter zwischen ihnen einhergehen. Wie weit sein Kopf wohl fliegen w�rde?, �berlegte Armand. Vielleicht bis durch das offene Tempeltor?</p><p>Der Seilk�nstler streifte die schwarzen Handschuhe �ber und setzte die Sch�delmaske auf. Er hakte die Rolle in das Seil und duckte sich hinter den Giebel. Ein letztes Mal pr�fte er den Faltenwurf des weiten Kapuzenumhangs. Wie schwarze Fl�gel w�rde er sich aufbauschen, wenn er am Seil dahinglitt. Armand w�nschte, er k�nne sich bei seinem Auftritt zusehen. Morgen w�rde er in unauff�lligen Kleidern den Platz vor dem Tempelturm besuchen und sich die Geschichte erz�hlen lassen. Das war fast genauso gut.</p><p>Sein Tod muss wahrlich au�ergew�hnlich sein, hatte sich sein Auftraggeber gew�nscht. Einen ganzen Beutel voller Gold hatte er als Anzahlung bekommen. Zwei weitere Beutel w�rden folgen, wenn sein Auftraggeber zufrieden war. Armand l�chelte selbstsicher. Einen Mord wie diesen hatte es noch nicht gegeben. Im ganzen K�nigreich w�rde man davon sprechen, dass ein D�mon oder ein b�ser Elf aus dem n�chtlichen Himmel hinabgeschwebt war, um Michel Sarti am selben Ort zu t�ten, an dem vor langen Jahren der heilige Guillaume ermordet worden war.</p><p>Das Tor des Tempelturms �ffnete sich. Wie immer trat als Erster ein alter Priester mit einer Laterne hinaus. Armand beobachtete das Konzil schon seit f�nf Tagen. Das Gute an Priestern war, dass sie es liebten, Dinge immer auf die gleiche Art zu tun. Sie gaben sich M�he, dass ihr Tag immer die gleiche Ordnung hatte, ihre Messen immer den gleichen Ablauf. Und immer kam der Alte mit der Blendlaterne zuerst aus dem hohen Turm.</p><p>Als N�chstes trat ein Tr�ppchen Priester ins Freie. Sie waren so tief ins Gespr�ch versunken, dass sie vermutlich gar nicht mitbekamen, ob es Tag oder Nacht war.</p><p>Armand langte nach dem Griff der Seilrolle. Mit der Rechten hob er die Sense an. Sie war schwer. Er k�nnte den wei�en Ritter vermutlich zweiteilen, wenn der Hieb ihn am Rumpf traf. Das w�re noch eindrucksvoller als ein enthaupteter Ritter. Und der Rumpf war viel leichter zu treffen als der Hals.</p><p>Adrien z�gerte. Es war nie gut, seine Pl�ne im letzten Augenblick zu �ndern. Er dachte wieder an die jungen B�ume im Wald, die er mit dieser besonderen Sense gekappt hatte. Ein Mann, der in der Mitte durchgeschnitten wurde, war noch spektakul�rer als ein Enthaupteter. Da konnte es keinen Zweifel geben. Armand sah vor seinem inneren Auge, wie die Beine des Ritters noch standen und einen Teil von dessen Torso trugen, w�hrend der Oberk�rper mit zuckenden Armen auf dem Pflaster lag.</p><p>Er lie� die Hand �ber die schwere Sensenklinge gleiten. Da erschien Michel Sarti im Tor des Tempels. Auch er war tief in Gespr�che verstrickt. Er lachte. Der junge Ritter machte einen netten Eindruck. Wenn er den Helm aufgesetzt hatte, wirkte er unheimlich in seiner merkw�rdigen R�stung mit dem silbernen Gesicht. Aber jetzt trug er den Helm unter den Arm geklemmt.</p><p>Armand durfte nicht l�nger z�gern. Er dachte an all das Gold und stie� sich vom Dach ab. Fast lautlos glitten die h�lzernen Rollen �ber das Seil. Er wurde immer schneller.</p><p>Das Seil federte nur wenig. Er hatte lange gez�gert, ob er seinen Auftritt nicht mit einem dramatischen Ausruf w�rzen sollte. Etwas wie: Der Tod holt dich! Aber das w�re dumm. Sollte Michel Sarti sich daraufhin geistesgegen-w�rtig zu Boden werfen, w�re alles verdorben. Er musste ihn �berraschen!</p><p>Armand holte mit der Sense zum Schlag aus. Hals oder Torso? Torso. Er glitt �ber den vordersten Priester hinweg. Jemand blickte auf. Ein Schrei. Jetzt sah auch Michel zu ihm. Die Sense fuhr nieder. In weitem, kr�ftigem Schwung. Die gekr�mmte Klinge traf den Ritter mitten auf der Brust.</p><p>Armand schrie auf. Er hatte das Gef�hl, ihm w�rde der Arm ausgerissen. Seine Schulter krachte. Glei�ende Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Michel war gest�rzt. Der heftige Aufprall hatte Armand ein St�ck am Seil zur�ckgleiten lassen.</p><p>Jetzt sauste er wieder vorw�rts.</p><p>Der wei�e Ritter rappelte sich auf. Er wirkte benommen. Das konnte nicht sein!</p><p>Niemand konnte einen solchen Hieb �berstehen. Schon gar nicht in einer Lederr�stung.</p><p>Der Ritter zog sein Schwert. Die Priester schrien. Sie deuteten zu ihm hinauf. Manche waren niedergekniet, um zu beten. Armand glitt der Sicherheit des Bauger�sts entgegen. Niemand konnte klettern wie er. Er w�rde entkommen. Der Seilt�nzer sah �ber die Schulter zur�ck. Michel hatte sein Schwert gezogen. Was f�r eine dumme, nutzlose Geste!</p><p>Der Ritter warf die Klinge hoch. Armands F��e ber�hrten die Balken des Bauger�sts.</p><p>Er streckte die Hand vor, um sich auf eines der Bretter zu ziehen. Im gleichen Augenblick erschlaffte das Seil.</p><p>Er lie� die Sense fallen und st�rzte. Verzweifelt versuchte er etwas zu greifen zu bekommen. Armand schlug hart auf den Boden auf. Hei�er Schmerz stach durch seine rechte Schulter. Er wusste, er hatte sie sich ausgekugelt.</p><p>Der Sturz war nicht so tief gewesen, als dass er zer schmettert sein k�nnte. Armand setzte sich auf. Halb benommen blickte er auf den Platz. Eine wei�e Gestalt kam auf ihn zu.</p><p>Der Ritter trat gegen die Sense. Schlitternd glitt sie �ber das Pflaster davon. Eine Schwertspitze ber�hrte sanft Armands Hals.</p><p>�Wer schickt dich?�</p><p>�Das werde ich nicht sagen.�</p><p>�Man wird dich foltern.�</p><p>�Ich werde trotzdem schweigen.� Es gab auch nicht viel, was er h�tte sagen k�nnen.</p><p>Wer einen Meuchler suchte, der stellte sich nicht mit Namen vor. Und er erkl�rte auch nicht, warum ein Mann oder eine Frau sterben sollten. Selbst wenn sie es schafften, seinen Willen zu brechen, w�rden sie von ihm nichts erfahren.</p><p>Der Ritter nahm ihm die Maske ab. Inzwischen waren Priester mit Laternen gekommen. Leute aus den angrenzenden H�usern traten z�gerlich auf den Platz.</p><p>Fensterl�den wurden aufgeklappt.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich einen Beutel voll Gold daf�r bekommen habe.�</p><p>Der Ritter nickte. Ein harter Zug war um seine Lippen erschienen. Er wirkte pl�tzlich �lter.</p><p>�Ich habe eine Bitte an dich, Michel Sarti.�</p><p>Ein Wangenmuskel des Ritters zuckte. �Warum sollte ich dir eine Bitte gew�hren?�</p><p>�Weil du nicht bist wie ich.�</p><p>Michel antwortete ihm nicht. Der Blick des Ritters hielt ihn gefangen.</p><p>�Ich wei�, ich werde hingerichtet werden. Ich habe es verdient. Du bist ein Mann mit Macht und Ansehen. Bitte sag ihnen, dass sie mich h�ngen sollen. Ich war fr�her einmal ein Seilt�nzer. In Zeiten, als ich noch nicht f�r Gold gemordet habe. Ich m�chte noch ein letztes Mal am Seil tanzen. Und sei es ein Galgenstrick.�</p></section><section><title><p>Kein schlechter Tod</p></title><p>Als Anderan Feylanviek erreichte, waren seine F��e gef�hllos und seine Finger so steif gefroren, dass er die H�nde, mit denen er seinen Mantel zusammenhielt, nicht mehr �ffnen konnte. Vier Tage hatte der Fu�marsch am Ufer des Mika entlang gedauert.</p><p>Immer wieder hatte es geschneit. Der Schnee reichte ihm jetzt bis �ber die Knie. Und die Schneeflocken schmolzen nicht mehr, wenn sie ihm auf die H�nde fielen. Auch schmerzte ihn der Nordwind nicht mehr. Seine Messer schienen alles durchtrennt zu haben, was Schmerz empfinden konnte.</p><p>Anderan sah das Gesicht seines Sohnes vor Augen. Er sah ihn als kleinen Jungen spielen. Sah, wie er vor den Winkerkrabben davonlief. Das wei�e Land war ein unbe-schriebenes Blatt, auf dem in immer lebhafteren Farben seine Tr�ume erschienen. Er starrte vor sich hin. Ohne nachzudenken, setzte er einen Fu� vor den anderen. Stetig, unerm�dlich, so wie ein Herz schl�gt, obwohl man nicht daran denkt, dass es dies tun sollte.</p><p>Er hielt erst inne, als unmittelbar vor ihm ein Trollgesicht erschien. Es war so pl�tzlich da, als sei es auch nur ein Bild aus seinen Tr�umen.</p><p>�Wo willst du hin, kleiner Schneefurz?� Die Stimme durchdrang ihn. Seine Ohren dr�hnten, so laut hatte der Troll gesprochen.</p><p>Anderan schwankte benommen. Er machte einen Schritt zur�ck. Neben dem Trollgesicht erschien ein vermummter Kobold, von dem wenig mehr als seine Nasenspitze und die Augen zu erkennen waren. �Woher kommst du, Bruder? Und antworte demn�chst sofort, wenn du angesprochen wirst. Es sind unruhige Zeiten, und nicht alle Trollwachen sind so geduldig wie mein Freund hier.�</p><p>�Du hast mich angesprochen?�</p><p>�Dreimal habe ich dich angerufen, aber du bist einfach immer weitergegangen wie ein Schneegeist.�</p><p>�Ich muss zum Handelshaus Verrak.�</p><p>�Red keinen Unsinn. Du solltest dringend zu einem gro�en Feuer gebracht werden, damit du wieder auftaust. Du wirst dich wundern, welche Schmerzen es bereitet, wenn das Leben in deine Glieder zur�ckkehrt.� Er warf einen skeptischen Blick auf Anderans H�nde. �Oder auch nicht.�</p><p>�Ich muss zum Handelshaus Verrak. Sofort!� �Du bist verr�ckt...�</p><p>�Ich bin Anderan, der Herr der Wasser von Vahan Calyd und Kronrat des K�nigs Gilmarak. Du wirst mich zu dem Handelshaus bringen. Jetzt!�</p><p>�Aber das Haus, zu dem du willst, gibt es gar nicht mehr, Herr. Die Verraks sind schon vor Jahren gegangen. Ihr Kontor ist vernagelt, sie haben�... �</p><p>�Das kann nicht sein�, beharrte Anderan. �Sie haben eine ganze Schiffsladung Pfeile gekauft. Du musst dich irren! Bring mich zu ihrem Kontor.�</p><p>Der Kobold zog sich zur�ck und tuschelte etwas mit dem Troll. Dann lief der Troll davon.</p><p>Anderan war w�tend. Er wusste, dass er nicht mehr lange stehen konnte. Seine Kraft verlie� ihn. Er musste weitergehen, sonst w�re er dazu bald nicht mehr in der Lage. Er musste es wissen!</p><p>�Komm�, sagte der Kobold. �Ich bringe dich zu den Verraks. Du wirst sehen, dass ich nicht gelogen habe.�</p><p>Sie schlurften durch den hohen Schnee. Nach einer Weile st�tzte der andere ihn. Er f�hrte ihn an langen Reihen heruntergekommener H�user vorbei �ber eine Br�cke, auf der Mauerreste darauf hindeuteten, dass hier einmal ein gro�es Haus gestanden hatte.</p><p>Es ging weiter an einem Kanal vorbei, in dem Lastk�hne wie dunkle Grabsteine lagen.</p><p>Letzte Erinnerungen an den gestorbenen Handel.</p><p>Endlich hielten sie vor einem Haus mit einer hohen roten T�r. Bretter waren davor genagelt. Der Rost auf den T�rangeln lie� keinen Zweifel daran, dass hier schon lange niemand mehr ein und aus ging. �Das ist das Handelskontor Verrak�, sagte sein Begleiter und klang beleidigt.</p><p>Anderan starrte die T�r an. �Das kann nicht sein.� Er wollte nicht, dass es wahr war.</p><p>Dass sich seine Bef�rchtungen, die ihn zu dieser Reise getrieben hatten, best�tigten.</p><p>�Ich habe die Papiere gesehen. Alles ist in Ordnung gewesen. Das Haus Verrak hat mit drei Schiffsladungen Lebensmitteln f�r die Fracht bezahlt, die hierherkommen sollte.</p><p>Das ist erst drei Monde her.�</p><p>�Die Verraks sind in den S�den gegangen. Sie f�hren sicher noch Gesch�fte. Vielleicht geben sie auf ihren Papieren sogar das Kontor in Feylanviek als ihr Stammhaus an.�</p><p>Sein F�hrer, von dem er nach wie vor nur die tropfende Nase und die Augen kannte, schien aufrichtig bem�ht zu sein, das vermeintliche Missverst�ndnis aufzukl�ren.</p><p>Der Troll, den sein Begleiter fortgeschickt hatte, stampfte durch den Schnee auf sie zu.</p><p>Er trug einen Kobold in seinen Armen, der sich einen schreiend bunten Schal um Hals und Gesicht gewickelt hatte.</p><p>�Das ist Solton, der Stapelmeister von Feylanviek. Er wei� alles �ber die Kontore in der Stadt.�</p><p>Solton war augenscheinlich nicht gl�cklich dar�ber, dass man ihn geholt hatte. Er blickte Anderan feindselig mit kleinen, dunklen Augen an. Sie erinnerten ihn an die Augen der gro�en Sumpfratten in den Mangroven.</p><p>�Es geht um eine Fracht f�r das Haus Verrak.�</p><p>�Die kann nicht f�r Feylanviek bestimmt gewesen sein! Kannst du �berhaupt Frachtbriefe lesen? Ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber nur lesen und schreiben zu k�nnen, gen�gt nicht, um Frachtpapiere zu verstehen. Vielleicht schreiben die Verraks ja immer noch den Namen ihres Stammhauses in die Briefe. So k�nnte es zu dieser Verwechslung gekommen sein.�</p><p>�Genau das habe ich ihm auch schon gesagt, Onkel!�</p><p>�Ich war auf dem Frachtkahn, der die Ladung hierherbringen sollte�, entgegnete Anderan m�de. Er hatte das Gef�hl, dass er jeden Moment zusammenbrechen k�nnte.</p><p>Er sp�rte seine Beine nicht mehr. Und das, was ihn so viele Wochen gequ�lt hatte, war ihm jetzt fast gleichg�ltig. Er wollte sich nur noch hinlegen und die Augen schlie�en.</p><p>Schlafen. Sehr lange schlafen.</p><p>� ... und deshalb ist es unm�glich�... H�rst du mir noch zu?�, fuhr ihn der Stapelmeister scharf an.</p><p>�Ich war auf dem Frachtkahn�... �</p><p>�Und wo ist dieser Frachtkahn, bitte sch�n? Hier ist seit vielen Wochen kein Kahn mehr angekommen.�</p><p>�Wurde von Kentauren gekapert�, murmelte er.</p><p>�Die verbrennen Lastk�hne. Sie beschie�en sie mit Feuerpfeilen, aber sie kapern sie nicht. Wie sollte so ein Pferdearsch auf den Fluss kommen!�</p><p>�Fl��e.�</p><p>Der Stapelmeister wirkte jetzt weniger m�rrisch. �Fracht f�r das Haus Verrak�... � Er sch�ttelte den Kopf. �Sie haben noch etwas Lagerraum in der Stadt. Aber das ist wirklich nicht viel. Komm mit!� Er dirigierte den Troll ein St�ck den Kanal entlang, bis sie einen Abschnitt erreichten, an dem hohe Holzh�user mit steilen Giebeln dicht an dicht standen. Jedes Einzelne hatte einen langen Balken unter dem Dachfirst, an denen fr�her wohl einmal Flaschenz�ge gehangen hatten. T�rgro�e �ffnungen, versperrt mit bunten Holzl�den, untergliederten die Fassaden. Einige der D�cher waren eingest�rzt.</p><p>Solton lie� sich vor einem gelben Tor absetzen, auf das ein roter Hundekopf gemalt war. Der Stapelmeister zog einen schweren Schl�sselbund unter seinem Mantel hervor. Ein rostiges Schloss hing von einer schweren Eisenkette. Anderan h�rte Metall knirschen. Der alte Kobold fluchte. Dann zog er die Nase hoch, spuckte auf das Schloss und versuchte es erneut. Schlie�lich �ffnete sich der B�gel des Vorh�ngeschlosses mit einem elenden Knirschen. �Na</p><p>also�, grinste der Alte. �Brauchte nur ein bisschen Schmier. Wartet hier!�</p><p>Der Troll schob das schwere Lagerhaustor auf, und Sol-tan verschwand in die Dunkelheit.</p><p>Anderan lehnte sich an die Wand des Stapelhauses. Er sollte den Troll vielleicht fragen, ob er ihn tragen k�nnte. Wenn es ein Lager gab, dann mochte sich alles aufkl�ren.</p><p>Vielleicht plante die Familie Verrak ja, einen Verwalter zu schicken, der ihre alten Gesch�fte wiederaufnehmen sollte. Allerdings h�tte der schon vor den Waren hier eintreffen sollen! Das ungute Gef�hl, das ihn plagte, seit er die Spur der Pfeile aufgenommen hatte, wollte nicht weichen. Auch wenn es einen Verwalter gab, stellte sich immer noch die Frage, f�r wen die Pfeile bestimmt waren.</p><p>Soltan trat mit einer Laterne in der Hand aus dem Lagerhaus. �Komm mal mit, Bruder Kronrat.� Der Alte feixte vor Vergn�gen. Vor der Revolte h�tte er sich so eine Frechheit sicher nicht herausgenommen. Anderan war zu m�de, um ihn darauf hinzuweisen, dass es auch zwischen Br�dern Unterschiede gab.</p><p>Es roch muffig im Lagerhaus. Irgendwo pl�tscherte Wasser. Das Dachgeb�lk �chzte leise unter der Schneelast.</p><p>�Wei�t du, Bruder, die Stapelpl�tze haben fr�her einmal wesentlich mit �ber den Erfolg der Handelskontore entschieden. Bevor dieser unselige Krieg mit den Kentauren begonnen hatte, gab es nie genug Stapelplatz in der Stadt. Wo deine Waren in den Stapelh�usern liegen, entscheidet dar�ber, wie schnell ein Frachtkahn be- oder entladen wird. Die Stapelpl�tze auf den M�rkten entschieden, wie gut deine Gesch�fte gingen. Warst du der erste Anbieter, an dessen Stand die H�ndler kamen, oder erst der siebente? Um Stapelpl�tze haben die gro�en Kontore fr�her Fehden gef�hrt. Ja, sie gaben sogar den Ausschlag f�r Hochzeiten. Du h�ttest Feylanviek vor drei�ig Jahren sehen sollen, bevor die Trolle zur�ckkehrten. Selbst vor zehn Jahren, als der neue K�nig den Tauschhandel noch nicht eingef�hrt hatte, waren wir eine stolze Stadt.�</p><p>Solton blieb vor einem Bretterverschlag stehen. Sie hatten bereits zwei �hnliche Verschlage passiert. Die Bretter waren einfach auf die schweren Balken genagelt, die das Lagerhaus trugen. �Hier siehst du den letzten Stapelplatz der Familie Verrak.� Die grob gezimmerte T�r war nicht verschlossen. Der Alte zerrte sie auf und leuchtete mit der Laterne hinein. Altes Stroh lag auf dem Boden. Ein paar zerrissene S�cke. Eine Ratte huschte eilig aus dem Lichtkreis. Der Verhau war kaum zweimal zwei Schritt gro�.</p><p>�Wei�t du, Bruder Kronrat. Solange sie mindestens einen Stapelplatz halten, gehen ihre alten Rechte nicht verloren. Fast alle Handelsh�user machen es so. Man kann ja nie wissen, ob die Zeiten nicht noch einmal besser werden. Wenn du wirklich ein Kronrat bist, wirst du es ja wissen. Geben uns die Trolle irgendwann das Geld zur�ck? Oder werden sie wenigstens daf�r sorgen, dass der Mika wieder ein sicherer Fluss wird und man mit den Kentauren handeln kann? Ohne das Fleisch ihrer Herden ist Feylanviek nur ein Dreck. Diese Stadt wird sterben, wenn wir keinen Frieden mit den Kentauren schlie�en. Selbst der Rudelf�hrer, der sich hier seinen Arsch plattsitzt, hat das begriffen. Aber auf ihn scheint keiner zu h�ren.�</p><p>Anderan sch�ttelte den Kopf. Er dachte an die Snaiwa-mark-Karawanen und ihr geheimes Ziel. Das Gold w�rde nie mehr zur�ckkommen. Daf�r hatte Gilmarak gesorgt!</p><p>�Wei�t du was, Bruder? Ich schei� auf euch Kronr�te und den neuen K�nig. Ihr lasst diese Stadt verrecken! Da war es ja selbst zu Zeiten des Tyrannen Shandral besser!�</p><p>�Ihr seid frei, zu gehen. Andere St�dte erbl�hen�, wandte Anderan halbherzig ein.</p><p>�Was hei�t hier frei? Meine Sippe lebt seit �ber dreihundert Jahren in Feylanviek. Mein Name hat hier einen guten Klang! Ich bin der Stapelmeister. Wei�t du �berhaupt, was das bedeutet? Ich war einmal einer der bedeutendsten M�nner dieser Stadt. Und jetzt bin ich der Herr �ber Spinnweben und verrottende S�cke. Trotzdem werde ich bleiben. Meinem Bruder hat der verdammte Shandral beide H�nde abgeschnitten. Mein Onkel hat seinen Kopf unter einem der Schmiedeh�mmer der Flussschmiede verloren. Soll das alles vergebens gewesen sein?</p><p>Ist das deine Freiheit, Bruder Kronrat? Und jetzt sag mir, warum du wirklich hier bist.</p><p>Was f�r eine Fracht h�tte hier verstaut werden sollen? Ein paar Kistchen mit Geschmeide?�</p><p>�F�nfzigtausend Pfeile.� Anderan st�tzte sich an einen der dicken Holzpfeiler. Er sp�rte seine Beine nicht mehr, und ihm war vor Ersch�pfung �bel.</p><p>�Nein!� Der Stapelmeister h�tte fast die Laterne fallen lassen. �Das wirst du meiner Stadt nicht anh�ngen, Kronrat. Das ist nicht wahr!�</p><p>�Ich wei�. Hier ist kein Platz f�r die Fracht, die auf dem Kahn war. Und Kirta, die Gef�hrtin des Nestheus, des Einigers der St�mme, hat den Angriff angef�hrt. Das kann kein Zufall gewesen sein. Diese Pfeile sollten niemals Feylanviek erreichen. Und ich f�rchte, es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Ich habe allein f�r die letzten drei Jahre Papiere �ber sieben Frachten mit Pfeilen finden k�nnen. Pfeilen, wie sie auch beim gro�en Angriff auf die Snaiwamark-Karawane verwendet wurden. Sie waren von Anfang an f�r die Kentauren bestimmt. Feylanviek hat mit diesen Gesch�ften nichts zu schaffen.� Er konnte nicht l�nger stehen. Alle Kraft wich von ihm. Er hatte den Verdacht schon lange gehabt, aber wider besseren Wissens hatte er darauf gehofft, dass er irrte. Er hatte auch einen Verdacht, wer daf�r sorgte, dass diesem Krieg nicht die Waffen ausgingen. Aber w�rde er es jemals beweisen k�nnen? Alles, wof�r er in den letzten Jahren gek�mpft hatte, war zerbrochen. Und sein Sohn war f�r L�gen gestorben.</p><p>�Was ist mit ihm?�</p><p>�Verdammt, der stirbt�, fl�sterte der Alte. �Der Marsch durch den Schnee war zu viel f�r ihn. Wenn der wirklich ein Kronrat ist und hier verreckt, dann wird alles noch schlimmer. Ruf deinen Troll.�</p><p>�Aber du kannst doch nicht...�</p><p>�Der Troll wird es tun. Der Winter kommt. Die Kan�le frieren zu. Wenn wir ihn da jetzt hineinwerfen, dann wird er bis zum Fr�hjahr nicht mehr hochkommen. Und wenn ihn dann jemand findet, dann w�rde ihn nicht einmal mehr seine Mutter erkennen. Ich hab solche Leichen schon gesehen. Los, hol deinen Troll!�</p><p>Anderan hatte alles klar verstanden, aber er hatte nicht einmal mehr die Kraft, seinen Kopf zu heben. Sollte es geschehen. Ertrinken war kein schlechter Tod f�r einen Herrn der Wasser.</p></section><section><title><p>Masken</p></title><p>Als sie die Augen �ffnete, rang sie nach Luft.</p><p>�Und�, dr�ngte Falrach, �k�nnen wir es schaffen?�</p><p>�Alle, die schon geschlafen haben, schlafen jetzt sehr tief. Aber jenen, die wach sind, kann ich nichts anhaben. Es sind viele. Es wird gef�hrlich werden.� Sie blickte zum Himmel. Wie zum Spott stand der Mond in all seiner Pracht �ber ihnen. �Im Dorf sind nur acht Posten. Aber auf den beiden Galeeren drau�en sind noch viele wach. Sie haben doppelte Posten aufgestellt. Sie f�rchten, dass es immer noch Piraten drau�en auf See gibt, die von den Rauchwolken der brennenden Flotte angelockt werden. Sie haben dort seltsame Kessel unter Feuer. Ich glaube, das muss ihre Flammenwaffe sein.</p><p>Im Bug der Galeeren gibt es je ein gro�es Kupferrohr. Ich wei� nicht, wie diese Waffe eingesetzt wird.�</p><p>�Bei dem Licht kann man jedes Boot auf See von weitem sehen�, lamentierte Nikodemus. �Wir kommen hier nicht weg.�</p><p>�Wir k�nnen auch nicht bleiben. Die Toten in den Bergen sind sicher schon l�ngst gefunden. Die Insel ist zu klein. Wir k�nnen uns nicht ewig verstecken. Wir nehmen ein sehr kleines Boot und setzen kein Segel, bevor wir die offene See erreicht haben.�</p><p>�Das erscheint mir auch am kl�gsten.� Emerelle blickte zum Strand. Sieben Boote lagen dort. Die Galeeren ankerten etwa hundert Schritt vom Strand entfernt. Auf jedem der beiden Schiffe brannten etliche �llampen. �Wenigstens schlafen ihre Ruderer.�</p><p>�Kannst du die Schiffe nicht durch einen Zauber in Brand setzen?� Nikodemus sah sie mit seinen ganz und gar unschuldigen, falschen Kinderaugen an. Sie kam nicht umhin, erneut den Orakelspruch zu lesen, der ihm im Gesicht stand. <emphasis>Jene, die mir vertrauen, werde ich verraten.</emphasis> �Wei�t du, wonach du da fragst? Ja, ich k�nnte es. Auf jedem der Schiffe sind achtzig Ruderer. Sie sind angekettet. Sie werden entweder bei lebendigem Leibe verbrennen oder aber ertrinken, wenn das brennende Schiff sinkt. Und dann sind da noch etwa f�nfzig Seeleute und Krieger auf jedem Schiff. Von ihnen werden sich gewiss viele mit einem Sprung ins Wasser retten k�nnen. Aber wird ihnen das helfen? Ich habe gesehen, dass dieses Feuer sogar auf dem Wasser brennt. Einen Funken in jeden der kochenden Kessel zu schicken w�re nicht einmal ein Zauber, der mich viel Kraft kostet. Aber es w�rden mit Sicherheit zweihundert Menschenkinder sterben, wenn ich es tue. Habe ich das Recht dazu? Und wie ist es mit dir, Nikodemus?</p><p>Wird es dich kaltlassen, wenn auf deinen Rat zweihundert Menschenkinder sterben, damit wir leichter entkommen k�nnen? Wirst du das einfach vergessen k�nnen, wenn wir nach Albenmark zur�ckkehren? Oder werden dich die Bilder in deinen Tr�umen verfolgen? Bilder von brennenden Menschenkindern, die in ein Meer springen, das sie vor dem Feuer nicht zu retten vermag. Und die Schreie! Hast du schon einmal die Schreie eines Verbrennenden geh�rt? Ich habe es.�</p><p>Der Lutin senkte den Blick. �W�rden sie so auch �ber uns denken?�</p><p>�D�rfen wir zulassen, dass ihre Taten unsere Taten bestimmen? In den Bergen hatten wir keine Wahl. Hier haben wir sie. Noch ��</p><p>�Dann los�, sagte Falrach. �Der Himmel ist wolkenlos. Es wird nicht besser werden, wenn wir warten. Bringen wir es hinter uns.�</p><p>Emerelle blickte wieder auf die weite Bucht. Die beleuchteten Galeeren sahen h�bsch aus. Ihre Lichter spiegelten sich im Wasser. Auf einem der Schiffe sang ein Mann. Er hatte eine dunkle, weit tragende Stimme. Es war ein Lied �ber ein M�dchen, das auf ihren Seemann wartete. Jeden Tag stand sie am Ufer und blickte auf die See, bis sie grau wurde und man sie eines Morgens tot am Strand fand.</p><p>Wie viele der Ruderer hatten wohl noch ein M�dchen, das auf sie wartete?</p><p>Sie schlichen geduckt �ber den Kiesstrand. Emerelle wusste, dass die Wachen im Dorf die H�gel beobachteten. Die See �berlie�en sie ihren Kameraden auf den Schiffen.</p><p>Sie w�hlten das kleinste der Boote. Blaue Farbe bl�tterte von seinem Rumpf. Auf jede Seite des Bugs war ein gro�es Auge gemalt. Es stank nach Fischabf�llen. Als sie es auf dem Kiesstrand anschoben, war Emerelle sicher, dass man den L�rm noch eine Meile entfernt h�ren musste. Doch kein Wachhorn erklang. Kein Ruf. Sie hatten Gl�ck!</p><p>Endlich glitt das Boot in die D�nung. Falrach hob den Lutin an Bord. Dann half er ihr.</p><p>Er fasste sie um die H�ften. Und sie genoss es, von ihm ber�hrt zu werden. Sie dachte daran, wie sie sich im klaren Wasser des Bergbachs geliebt hatten. Bis der Name Ollowains �ber ihre Lippen gekommen war ... Er war ein guter Liebhaber. Offenbar, weil dieser verdammte Herumtreiber viel Erfahrung gesammelt hatte! Bei dem Gedanken stieg hei�e Wut in ihr auf. So war es fr�her nicht gewesen. Sie war zu unbe-herrscht, ermahnte sie sich. Warum?</p><p>Falrach stieg ins Boot und griff sofort nach den Rudern. Mit kr�ftigen Z�gen brachte er das Boot vom Ufer fort. Die Ebbe half ihnen.</p><p>Pl�tzlich blickte er auf. �Geht es dir gut?�</p><p>Hatte er ihren Zorn bemerkt? �Ich dachte an das Albenhaupt.�</p><p>�Du solltest dort nicht hingehen. Der Berg wird dich umbringen.�</p><p>�Vielleicht habe ich mehr Gl�ck als die anderen?�</p><p>�Ich werde mitkommen und es mir ansehen.�</p><p>Er sagte das in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran aufkommen lie�, dass er seine Worte wahrmachen w�rde. Mit einem Mal war all ihre Wut dahin. �Das ist nicht klug.</p><p>Du k�nntest sterben.�</p><p>Er lachte leise. �Du wei�t ja, dass es eine alte Gewohnheit von mir ist, an deiner Seite zu sterben.�</p><p>�Eine Gewohnheit ist es, wenn es �fter als einmal geschieht. Dazu werde ich es nicht kommen lassen!�</p><p>Er sah sie an und l�chelte dabei auf eine Art, die ihr das Herz zerriss. Er verheimlichte ihr etwas! Und er w�rde niemals zulassen, dass sie hinter die Maske dieses L�chelns sah. Die Maske ... Das war es! Sie fl�sterte ein Wort der Macht.</p><p>�Was hast du getan?�, fragte Nikodemus unruhig. �Haben sie uns entdeckt?�</p><p>�Das werden sie nicht mehr. Wenn sie zum Boot blicken, dann werden sie nur noch die Umrisse eines Wals sehen, der sich mit der D�nung treiben l�sst.�</p></section><section><title><p>Luths Messer</p></title><p>Kadlin tupfte Swana den Schwei� von der Stirn. Sie lag ganz nackt auf ihrem Lager.</p><p>Eben erst hatte sie die Wadenwickel ausgewechselt. Das Fieber war sehr pl�tzlich gekommen. Vor dem Essen war es ihr noch gutgegangen.</p><p>Die K�nigin blickte zu dem alten Heiler. Er machte ein ernstes, fast grimmiges Gesicht.</p><p>Er tastete �ber Swanas Leiste, was Kadlin mit missbilligendem Blick strafte. Sie konnte sehen, wie sie im Schlaf zusammenzuckte, als er auf eine Schwellung presste.</p><p>�Bei den G�ttern! Sei doch nicht so grob!�, zischte sie ihn an. Sie h�tte ihn nicht rufen sollen. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Kleine Fieber hatte. Sie w�rde es �berstehen. Gewiss ging es ihr morgen schon wieder besser!</p><p>Der Heiler hob Swanas Arme an und tastete �ber ihre Achselh�hlen. Sein Atem ging jetzt schneller. Er stand auf und wich zur T�r zur�ck. �Herrin, du musst sofort dieses Haus verlassen. Wir m�ssen es verbrennen! Leg deine Kleider ab. Nimm nichts mit dir!� Noch w�hrend er das sagte, begann er sich auszuziehen.</p><p>�Bist du verr�ckt geworden, Olav? Kennst du keine Scham mehr?�</p><p>�Herrin, ich bin verr�ckt vor Sorge. Und wei� nicht, wie ich dir sagen soll...� Er streifte seine Beinkleider so hastig und ungeschickt ab, dass er fast st�rzte.</p><p>Kadlin begriff, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Sie sah zu Swana.</p><p>�Aber ich kann doch nicht�... Was ist mit ihr?�</p><p>�Sie muss hierbleiben. Ich wei�, du kannst nicht... Ich werde die Fackel ans Dach halten.�</p><p>Sie sah ihn an. �Geh!�</p><p>�Herrin�... �</p><p>�Geh hinaus und wage es nie wieder, mir vor die Augen zu treten. Wie kannst du es wagen, meine Tochter bei lebendigem Leib verbrennen zu wollen? Geh! Verflucht seist du, Olav Erikson. M�gen dir auf immer die Goldenen Hallen verschlossen bleiben.�</p><p>�Herrin, sie hat die Pest! Bitte. Wir m�ssen dieses Haus verbrennen. Den G�ttern sei es gedankt, dass du hier lebst und nicht im Palast. Vielleicht k�nnen wir noch das Schlimmste verhindern. Aber gegen die Pest kommt nur das Feuer an. Und wer von der Pest ber�hrt wurde, der ist verloren. Nicht einmal einer unter Hundert �berlebt!�</p><p>Kadlin sah zu ihrer Tochter. Das Fieber hatte ihr Gesicht erbl�hen lassen. Ein rosiger Schimmer lag auf ihren Wangen. Ihr wei�es Haar war auf dem Kissen ausgebreitet. Ihr K�rper war noch knabenhaft. Ihre Br�ste hatten noch nicht zu schwellen begonnen. Sie war so jung!</p><p>�Es ist nur ein Fieber�, beharrte Kadlin. �Sie war nie schwer krank. Niemand im ganzen K�nigreich hat die Pest. Warum sollte sie erkrankt sein? Du musst dich irren, Olav!�</p><p>�War sie an einem Ort, wo sie verdorbene Luft atmen konnte?�</p><p>�Nein!�, fuhr Kadlin ihn an.</p><p>�Herrin, ich verstehe deinen Schmerz. Aber du bist die K�nigin. Du musst an dein K�nigreich denken. An all jene, deren Leben jetzt in deiner Hand liegt. Ja, es gibt keine Berichte �ber andere Pestf�lle. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir das Haus niederbrennen. Wir k�nnen die Krankheit ausmerzen, bevor sie um sich greift und Tausende sterben werden.� Der Heiler stand jetzt in der T�r.</p><p>�Wenn du meine Tochter verbrennen willst, dann musst du mich mit ihr verbrennen.</p><p>Und was meine K�nigsherrschaft angeht ...� Sie sah sich suchend um, bis sie den pr�chtigen Helm, der einst K�nig Osaberg geh�rt hatte, entdeckte. Kadlin packte ihn und schleuderte ihn dem Heiler entgegen, der es gerade noch schaffte, sich zu ducken.</p><p>�Nimm du diese verfluchte Krone! Sie ist es mir nicht wert, meine Tochter zu opfern. Ich werde dieses Haus nicht verlassen. Ich werde die Krankheit nicht �ber die Schwelle tragen. Keine Sorge. Aber wenn du eine Fackel an dieses Dach halten willst, dann wirst du auch mich verbrennen!�</p><p>�Herrin, du kannst doch nicht��</p><p>�Du hast keine Ahnung, was ich kann. Ich werde meine Tochter nicht Luth �berlassen!</p><p>Und du, du suchst die besten Reiter. Sie sollen sofort aufbrechen und Melvyn folgen.</p><p>Er muss zur�ckkommen. Er und sein Weib werden Swana heilen.�</p><p>Olav senkte sein Haupt. �Herrin�... Die Elfen haben uns vor zwei Tagen verlassen. Und Elfen reisen schnell wie der Wind.�</p><p>�Du schickst ihnen Reiter nach!�</p><p>Er nickte. Dann hob er abrupt sein Haupt. �Du t�test dich! Swana kann niemand mehr helfen. Wer die Pest bekommt, der stirbt binnen drei Tagen. Auch wenn du das nicht wahrhaben willst. Dein Trotz und dein Hochmut fordern die G�tter heraus! Luth hat sein Messer an Swanas Schicksalsfaden gelegt, und wir sind nur Sterbliche. F�ge dich in dein Schicksal!�</p><p>�Du wagst es, mir zu drohen? Aus meinen Augen! Schick die Reiter aus! Wenn Swana nicht die Einzige ist, die erkrankt ist, dann werden die Elfen vielleicht den anderen noch helfen k�nnen. Melvyn kann�... � Tr�nen erstickten ihre Stimme. Sie konnte sie nicht l�nger zur�ckhalten. Sie ging zur T�r und warf sie mit aller Kraft zu. Dann legte sie den Riegel vor und ging zur�ck zu Swana.</p><p>Sie h�rte Olav rufen. Aber es gab nichts mehr zu sagen.</p><p>Sie nahm den alten Schemel, der neben der Feuerstelle stand, und hockte sich neben Swanas Lager. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte. Sie durfte nicht weinen! Swana sollte sie so nicht sehen, wenn sie aus ihrem Fieber erwachte.</p><p>Die K�nigin tauchte ein Tuch in die Wassersch�ssel und tupfte ihrer Kleinen wieder �ber die Stirn. Dann begann sie leise zu singen. Das Lied, das sie ihr an der Wiege immer vorgesungen hatte. Ein Lied �ber ihren Onkel Ulric und dessen Liebe zur Tochter einer einfachen W�scherin. Ein Lied dar�ber, wie er als Kind einen Troll besiegte und wie er gemeinsam mit seiner gro�en Liebe Halgard den Tod �berwand, als mitten im Winter �ber dem Scheiterhaufen, auf dem sie beide aufgebahrt lagen, die B�ume erbl�hten.</p><p>Als sie mit dem Lied endete, bereute Kadlin, die G�tter beleidigt zu haben, und sie begann zu beten, wie sie nie zuvor in ihrem Leben gebetet hatte. Und sie flehte darum, dass auch ihrer Swana ein Baum erbl�hen m�ge, obwohl es Herbst war und alle Bl�tter fielen.</p></section><section><title><p>Das Blau der L�ge</p></title><p>Ihr kleines Boot glitt auf ein Schneefeld, �ber das sich rings herum m�chtige Berge erhoben. Die K�lte war atemberaubend! Eben noch waren sie auf dem Meer gewesen, und er hatte den Albenstern ge�ffnet.</p><p>Nikodemus schlotterte am ganzen Leib. Auch Falrach ging es nicht besser. Mit ihrer d�nnen Sommerkleidung waren sie dem Frost schutzlos ausgeliefert. Nur Emerelle machte das nichts aus. Der Lutin versuchte sich zu erinnern, mit welchem Zauber man sich gegen die K�lte sch�tzte. Er hatte ihn einmal gelernt...</p><p>�Du darfst dich nun zu den Deinen zur�ckziehen.� Die K�nigin deutete auf den Schnee. �Hier waren erst vor kurzem Maurawan. Ihre Spuren sind noch deutlich zu erkennen. Sie sollten dich besser nicht sehen. Ich sch�tze, sie werden auf dein Volk nicht gut zu sprechen sein.�</p><p>Nikodemus konnte keine Spuren entdecken! Sie wollte ihn loswerden, das war alles. Nach alldem, was sie gemeinsam erlebt hatten, schob sie ihn einfach ab! Undankbare Ziege! Ohne ihn w�re sie in der Alten Veste von den Shi-Handan get�tet worden! Beim Orakel hatte er sich gegen seinen Willen aufgeopfert �</p><p>Er tastete �ber sein Gesicht. Damit konnte er nicht zu seinem Bruder zur�ck!</p><p>�Mein Gesicht, Herrin ... Der Orakelspruch. So sollte ich nicht vor Elija treten.�</p><p>Emerelle sah zu ihm herab. Es war un�bersehbar, dass sie an etwas ganz anderes dachte. Er war stolz darauf gewesen, mit ihr zu reisen. Zumindest zuletzt. Welcher Lutin war je so lange so nah bei der Elfenk�nigin gewesen! Aber ihr schien das alles gar nichts bedeutet zu haben.</p><p>Sie legte ihm die Hand aufs Gesicht. Sein Fell verdeckte die t�towierten Buchstaben fast v�llig. Und durch seine andere Gesichtsform war der Orakelspruch wahrscheinlich bis zur Unleserlichkeit verzerrt. Dennoch wollte er kein Risiko eingehen. Elija war immer misstrauisch!</p><p>Ein ziehender Schmerz lie� ihn aufkeuchen. Es f�hlte sich an, als rei�e man ihm das Fell vom Angesicht. Dann war es vorbei.</p><p>�Nun bist du frei, Nikodemus Glops�, sagte sie k�hl. �Berichte deinem Bruder, was du erlebt hast. Und h�te dich vor Skanga! Sie wird es sicherlich nicht sch�tzen, dass du mich vor dem letzten Shi-Handan gerettet hast. In ihren Augen wird das wie ein Verrat aussehen.�</p><p>Die Warnung wunderte ihn. Sie hatte zweifel os Recht! War er ihr doch nicht egal? Er wurde nicht schlau aus ihr. Vielleicht musste man so sein, wenn man erfolgreich herrschen wollte. Undurchschaubar!</p><p>Sie stieg aus dem Boot. Doch Falrach blieb. Der Elf kniete vor ihm nieder. �Gr�me dich nicht. Du wei�t ja, wie sie ist.�</p><p>Nein, das h�tte er nicht zu behaupten gewagt, dachte Nikodemus bei sich.</p><p>�Du kannst �ber alles frei reden, was du mit uns er lebt hast. Sie werden dich sicher befragen. Wenn die Zeit kommt, dann werde ich dich vielleicht um Hilfe bitten. Du bist ein Mann von Macht und Einfluss. Ich nicht mehr.</p><p>Ich w�rde mich gl�cklich sch�tzen, wenn du mein Freund w�rst.� Falrach streckte ihm die Hand entgegen. Nikodemus ergriff sie und dr�ckte sie fest. F�r einen Elfen war Falrach wirklich in Ordnung!</p><p>Dann stieg auch sein Gef�hrte aus dem Boot. Er konnte sehen, wie der Elf vor K�lte zitterte. Er besa� keine Zaubermacht. Er konnte sich nicht gegen den Frost sch�tzen.</p><p>Und Emerelle hatte ihn wieder einmal vergessen. Was Falrach wohl an sie band? Er h�tte sie schon l�ngst verlassen sollen!</p><p>Nikodemus sah den beiden noch eine Weile nach. Falrach drehte sich zweimal zu ihm um, w�hrend sie das weite Schneefeld hinabwanderten. Emerelle nicht.</p><p>Der Lutin schlang sich schlotternd die Arme um die Brust. Er sollte wirklich schnellstm�glich fort von hier, bevor ihm noch die Schnauze zufror. Er brauchte vier Versuche, bis es ihm endlich gelang, das magische Tor zu �ffnen. Mit klappernden Z�hnen war das Zaubern wahrlich nicht leicht! Hastig trat er durch den schillernden Torbogen in das Dunkel des Nichts. Hier war es weder warm noch kalt. Er stellte sich das Goldene Netz in Gedanken vor. Es war anders als fr�her. Viele Reisende schienen um den Albenstern in Burg Elfenlicht unterwegs zu sein. Er war noch nie jemand anderem im Netz begegnet, obwohl es Ger�chte gab, dass das vorkommen konnte.</p><p>Nikodemus glaubte, dass die Alben dieses Wunderwerk der Magie so geschaffen hatten, dass es unm�glich war, sich zu treffen. Wie h�tte man auf den schmalen Wegen einander ausweichen sollen? Sie mussten irgendeinen genialen Trick mit der Zeit in ihre Zauber gewoben haben, so dass nie zwei Gruppen von Reisenden im selben Augenblick am selben Fleck sein konnten. Vielleicht war dieser Aspekt der Zeit, der in das Goldene Netz eingebunden war, auch der Grund, warum es einen in die Zukunft verschlug, wenn man beim Zaubern einen Fehler machte.</p><p>Bald hatte er den gro�en Albenstern gefunden, der ihn in den Thronsaal bringen w�rde. Und wieder �berkam ihn das Gef�hl, dass viele andere neben ihm im Netz wanderten. Er schritt durch das Tor. Vor ihm brannte ein Feuer. Zwei Trollkrieger sahen ihn gelangweilt an.</p><p>�Weitergehen!�, herrschte ihn eine heisere Stimme an.</p><p>Nikodemus gehorchte und sah sich verwundert um. Doch, er war im Thronsaal der K�nigin Emerelle. Aber es bedurfte eines zweiten Blicks, um das erkennen zu k�nnen.</p><p>Der Boden lag voller Binsen und Stroh. �berall hockten Gruppen von Reisenden, die wohl darauf warteten, in das Goldene Netz zu treten. Gesch�pfe aus allen Welten-gegenden waren hier versammelt. Konsterniert sah er eine ganze Reihe von Kobolden, die dicht vor der Wand aus fallendem Wasser standen und in die schmale Rinne pin-kelten, in der sich das Wasser sammelte, bevor es in verborgene Rohre abfloss. Er kannte den Drang, sich noch einmal zu erleichtern, bevor man in das Goldene Netz trat. Viele hatten Angst vor dieser Art des Reisens. Was Emerelle wohl sagen w�rde, wenn sie ihren Thronsaal sehen k�nnte? Bei dem Gedanken an das Gesicht, das sie machen w�rde, musste er grinsen.</p><p>Drei Lutin wachten am magischen Tor, das sich unabl�ssig �ffnete und wieder schloss.</p><p>Gerade trat ein Minotaur aus dem Lichtbogen, der einen ver�ngstigten Tanzb�ren an einem Seil hinter sich herzog.</p><p>Einer der Lutin fuhr den Minotauren an. �Weitergehen! Nicht unmittelbar vor dem Tor stehen bleiben!� Auf einen b�sen Blick des Minotaurenkriegers kam noch ein halbherziges <emphasis>Bitte.</emphasis></p><p>Nikodemus kannte keinen der drei Lutin.</p><p>Etwas unschl�ssig, wo er seinen Bruder suchen sollte, verlie� er den Thronsaal. Auch in der weiten Halle, die sich anschloss, dr�ngte sich allerlei Volk. Zwei Harpyien kreis ten keifend unter der hohen Decke. Die Vogelweiber stritten wegen eines St�cks Aas, das eine von ihnen in ihren Krallen hielt. Schwarze Federn segelten durch die Luft.</p><p>Eine Karawane aus Lasteseln zog in Richtung des Thronsaals. Kobolde, die sich geflochtene K�rbe so auf die K�pfe gesetzt hatten, dass ihre Gesichter verborgen blieben, begleiteten die Tiere. Sie waren mit Speeren mit gekr�mmten Stichbl�ttern bewaffnet. Alle trugen lange schwarze Jacken und gingen barfu�. Nur ihr Anf�hrer war ganz in scharlachrote Seide gekleidet. Ob sie aus Manchukett kamen? Nikodemus hatte das ferne Reich immer schon einmal besuchen wollen. Auf jeden Fall kamen sie aus einer Gegend von Albenmark, die er nicht kannte. Er sah sich wieder um. Dies traf auf die meisten der G�ste in der Halle zu. Die Welt schien sich sehr ver�ndert zu haben!</p><p>Die W�nde der Halle erinnerten an blauen Sommerhimmel. Sie schienen nicht stofflich zu sein. Irgendein Illusionszauber der Elfenarchitekten. Allerdings wurde die Il usion erheblich durch Schmutzflecke und Rauchschlieren beeintr�chtigt. Und durch die kleinen T�ren in der Wand.</p><p>Aus einer kam eine Kolonne von Lastentr�gern mit wuchtigen K�rben auf dem R�cken. Ihre Kleider waren mit rotbraunem Staub bedeckt. Nikodemus erinnerte sich, dass sein Bruder den Plan gehabt hatte, die Koboldg�nge unterhalb der Burg weiter auszubauen. Ob noch immer daran gearbeitet wurde?</p><p>Ein Trupp Trolle schob sich durch das Gedr�nge im weiten Saal. Mit Schrecken entdeckte Nikodemus Skanga und ihre Gef�hrtin Birga inmitten der Schar. Am liebsten w�re er fortgelaufen, doch er wusste, dass dies der sicherste Weg w�re, die Schamanin auf sich aufmerksam zu machen. Er versuchte m�glichst unbeteiligt zu tun und blickte zur Decke hinauf. Die �brigen hier schien das Erscheinen der Schamanin �berhaupt nicht zu beeindrucken. Vielleicht wussten sie ja nicht, wer Skanga war und wozu sie f�hig war. Seine Angst wurde �berw�ltigend, als er an die War nung Emerelles dachte. Er war ein Trottel! Niemals h�tte er herkommen d�rfen. Er wusste doch, dass Skanga die engste Beraterin des Trollk�nigs war. Seine Anwesenheit hier musste fast unweigerlich zu einer Begegnung mit ihr f�hren!</p><p>Jetzt blieben die Trolle auch noch stehen. Was sollte er tun?</p><p>Neben ihm hockte ein Faun auf einem B�ndel Gep�ck und d�ste vor sich hin. �Hallo, Bruder!�</p><p>Der Faun blinzelte ihn an. �Ich halte nichts von diesem Bruder-Geschwafel.�</p><p>Nikodemus lie� sich nicht beirren. Er musste es schaffen, mit dem Kerl ins Gespr�ch zu kommen und unauff�llig zu wirken. �Du h�ltst nicht viel von dem neuen K�nig und seinen Reformen?�, fragte er in unverbindlichem Tonfall.</p><p>Der Faun wirkte alarmiert. �Das habe ich nicht gesagt! H�rst du! Ich lass mir von dir nichts unterschieben. Du�... Wer bist du �berhaupt? Ich kenne dich nicht!�</p><p>Nikodemus hob beschwichtigend die Arme. �Kein Grund zur Sorge, ich�... �</p><p>�Du da!�, rief jemand lautstark.</p><p>Der Lutin begann zu zittern.</p><p>�Was soll das alles?� Der Faun stand auf. Auf seinen Bocksbeinen war er fast dreimal so gro� wie Nikodemus. �Der Troll da hinten will etwas von dir.�</p><p>�Wohl eher von dir�, entgegnete der Lutin gereizt. �Ich bin jedenfalls nicht gegen die Reformen und versuche�... �</p><p>�He, Fuchskopf! Komm zu meiner Herrin!�</p><p>Der Faun grinste b�se. �Das war es dann wohl, Fuchskopf.�</p><p>Nikodemus blickte �ber die Schulter. Kurz erwog er, loszulaufen und in der Menge zu verschwinden. Aber das w�re wohl t�richt. Er w�rde nicht weit kommen! �Du bist ein Held�, sagte er sich leise. �Du hast in gro�en Schlachten gek�mpft und an der Seite von Emerelle und Falrach Abenteuer erlebt.�</p><p>�Was murmelst du da?� Der Faun wich ein St�ck von ihm zur�ck, als bef�rchte er, in seiner N�he zu stehen gen�ge schon, um ins Ungl�ck gest�rzt zu werden.</p><p>�Komm her zu mir!�, rief der Troll.</p><p>Nikodemus reckte das Kinn vor und drehte sich um. �Ich bin ein Held!�, sagte er erneut. Dann ging er dem Troll entgegen und lie� sich zu dessen Herrin eskortieren. In der Halle war es stil geworden. Eine Ziege meckerte verwundert. Die meisten bem�hten sich, irgendwoanders hinzusehen, um nicht auch noch die Aufmerksamkeit der Schamanin zu erwecken. Nur sehr wenige hatten den Mut, neugierig zu gaffen, was da vor sich ging.</p><p>�Deine Aura ist ein Leuchtfeuer in kaltem Blau. Was f�rchtest du?�, begr��te ihn Skanga. Ihre blinden wei�en Augen blickten wie polierte Marmorkugeln aus ihrem verwitterten, grauen Gesicht. Sie ging krumm und st�tzte sich schwer auf einen Stock.</p><p>�Ich f�rchte gar nichts�, stie� er in einem Tonfall hervor, der seine Worte L�gen strafte.</p><p>�Ich kenne dich, Lutin. Du bist��</p><p>�Nikodemus Glops, Bruder des Elija Glops!� Er sagte das sehr laut. Ja, er schrie es fast, in der Hoffnung, irgendjemand hier h�tte den Mut, seinen Bruder zu holen.</p><p>�Ich bin alt, aber nicht taub�, entgegnete die Schamanin. �Nun, da alle Anwesenden wissen, wer du bist, sollten wir unser Gespr�ch an einem anderen Ort fortf�hren. Es ist unh�flich, Fremde mit seinem Geschrei zu bel�stigen.�</p><p>Nikodemus schluckte. �Ich habe nichts zu verbergen�... �</p><p>�Nein? Deine Aura zeigt mir das Gegenteil.� Sie beugte sich vor. �Und was ist mit deinem Gesicht?�</p><p>Er tastete unwillk�rlich �ber seine Schnauze. Hatte Emerelle doch nicht alle T�towierungen verschwinden lassen?</p><p>�Bist du verletzt worden, Nikodemus?�</p><p>�Ja.� Er wollte erst etwas von Brandnarben erz�hlen, entschied sich dann aber, so wenig wie m�glich zu l�gen.</p><p>Er hatte den Verdacht, dass die alte Schamanin L�gen sofort bemerkte. �Emerelle hat mich geheilt�, f�gte er noch hinzu. Skanga sollte dar�ber nachdenken, was f�r Konse-quenzen es haben mochte, wenn sie ihm etwas antat.</p><p>�Nehmt ihn mit!� Skanga drehte sich auf dem Absatz um. Einer ihrer Leibw�chter packte ihn unsanft und hielt ihn wie einen jungen Welpen am Nackenfell fest. Es gab kaum etwas, was dem�tigender f�r einen Lutin war, als auf diese Weise getragen zu werden.</p><p>�Darf ich ihn befragen? Ich bin sicher, er wird mir in einer Stunde alles erz�hlt haben, was wir wissen m�chten.� Es war die Dienerin mit der gr�sslichen Maske, die Skanga fragte. Und was Nikodemus �ber sie geh�rt hatte, jagte ihm bei der Vorstellung, er k�nne ihr ausgeliefert werden, Schauder �ber den R�cken.</p><p>�Ich habe keine Geheimnisse�, rief er. �Wir k�nnen �ber alles reden.�</p><p>Skanga stie� ein meckerndes Lachen aus. �Ich bin sicher, das werden wir.�</p><p>Sie brachten ihn in einen gro�en Raum, der aussah, als sei er fr�her einmal eine K�che gewesen. �Setz ihn dort ab!�</p><p>�ngstlich sah Nikodemus sich um, und was er entdeckte, bekr�ftigte ihn nur in seinem Entschluss, keinerlei Widerstand zu leisten. Er war nicht der Erste, der hier befragt wurde, auch wenn die einzigen lebenden Gesch�pfe, die sich in der K�che befanden, einige Bl�tenfeen mit ausgerissenen Fl�geln waren. Gro�e Gl�ser dienten als ihre Gef�ngniszellen.</p><p>�Du bist also Emerelle begegnet�, begann Skanga und sah ihn durchdringend mit ihren toten Augen an. �Das kalte Blau deiner Aura ist noch st�rker geworden, Nikodemus. Was macht dir solche Angst?�</p><p>�Diese Kammer�, stie� er hervor.</p><p>�Gibt es noch etwas anderes?�</p><p>�Ich�... � Nikodemus �berlegte fieberhaft, wie er sei nen Kopf aus der Schlinge ziehen k�nnte, aber die Angst l�hmte seine Gedanken.</p><p>�Darf ich ihm einen Finger ausrei�en?�, fragte Birga. �Das wird seiner Erinnerung auf die Spr�nge helfen, das verspreche ich dir.�</p><p>�Noch nicht.� Skanga l�chelte ihn an. �Willst du wirklich den Weg der Schmerzen gehen?�</p><p>�Du selbst hast mich beauftragt, Emerelle zu suchen!�</p><p>�Das war vor elf Jahren. Ich wei� nicht, wie Lutin das sehen, aber mir erscheint das eine sehr lange Zeit. Ich habe dich ausgeschickt, um Emerelle zu finden, damit sie hingerichtet werden kann. Nun kommst du wieder, und du wurdest vor nicht langer Zeit von der Elfe geheilt, der du den Tod bringen solltest. Du musst mir zugestehen, dass dich das nicht in einem guten Licht dastehen l�sst. Und dann ist da noch deine Aura, die beherrscht ist vom kalten Blau gr��ter Angst. Was f�rchtest du, Nikodemus?�</p><p>Der Lutin r�usperte sich. �Dass ich nicht die Zeit haben werde, dir diese -</p><p>zugegebenerma�en - merkw�rdig erscheinenden Umst�nde erkl�ren zu d�rfen.�</p><p>Die alte Schamanin lie� sich auf einer Truhe nieder. �Rede! Und vergiss nichts!�</p><p>Stockend begann er zu erz�hlen. Als Skanga und Birga ihn nicht unterbrachen, gewann er an Selbstvertrauen. Er berichtete alles. Nur seinen Besuch beim Orakel lie� er aus.</p><p>Als er endete, war seine Angst fast verflogen.</p><p>�Und was sind Emerelles Pl�ne?�, fragte Skanga.</p><p>�Sie will sich mit den Maurawan treffen. Und sie will zum Gipfel des Albenhaupts. Ich glaube, Falrach wird sie auf diese Reise nicht begleiten.�</p><p>�Wenn sie versucht, das Albenhaupt zu ersteigen, m�ssen wir uns wohl keine Sorgen mehr machen�, sagte Birga gut gelaunt.</p><p>�Und wenn sie wusste, dass der Lutin uns alles erz�hlen wird?�, wandte Skanga ein.</p><p>�Dieser Falrach ist doch ber�hmt daf�r, sehr verwickelte Pl�ne auszuhecken. Viel leicht haben sie den Lutin get�uscht, damit wir uns in Sicherheit wiegen, wenn er das erz�hlt. So verr�ckt kann Emerelle nicht sein, dass sie versucht, einen Berg zu erklimmen, der jeden umbringt. Und was glaubst du, warum sie so kurz vor der K�nigswahl in Vahan Calyd zur�ckkehrt, nachdem sie viele Jahre verschwunden war.</p><p>Das ist kein Zufall! Sie wird niemals auf diesen Berg steigen. Sie ist hier, um Gilmarak zu st�rzen. Und weil sie wei�, dass ihr das auf dem Schlachtfeld nicht gelingen kann, sucht sie bei den Maurawan nach Meuchlern, die ihr dabei helfen sollen, unseren K�nig zu ermorden.�</p><p>Die Worte der Schamanin ern�chterten Nikodemus. War es m�glich, dass Falrach und Emerelle ihm etwas vorgemacht hatten? Auch Falrach?</p><p>�Ich sehe, auch du zweifelst jetzt�, fuhr ihn Skanga an. �Und durch das Schlammbraun des Zweifels dring erneut die Farbe der Angst in deine Aura. Du verheimlichst uns doch etwas!�</p><p>�Nein, Herrin, das w�rde ich niemals ...�</p><p>�Und jetzt sehe ich auch noch die Farbe der L�ge. Ein mattes Gelb.�</p><p>Nikodemus blickte zur T�r. W�rde er es schaffen�... Noch bevor er den Gedanken vollenden konnte, packte ihn Birga. Er stemmte sich gegen ihre Kraft. Aber es war vergeblich. Er f�hlte sich hilflos wie ein strampelndes Kleinkind in den Armen seiner Mutter.</p><p>�Du solltest uns jetzt sagen, was du uns verheimlichen willst.� Skangas Stimme klang m�de.</p><p>Nikodemus dachte an die T�towierung auf seinem Gesicht. Diese Geschichte w�rde ihn den Kopf kosten. Wer wollte schon einen Verr�ter um sich haben! Er konnte es nicht sagen.</p><p>�Fang an, Birga�, sagte Skanga. �Bring ihn nicht um. Er muss leben, hast du das verstanden?�</p><p>�Er wird leben, meine Herrin. Und er wird uns zuletzt mit Begeisterung alles sagen, was er wei�!�</p><p>Das Trollweib h�rte sich be�ngstigend zuversichtlich an. �Hast du einen Lieblingsfinger, Lutin?� Was sollte das nun wieder? Ihm schwante das Schlimmste.</p><p>�Welchen deiner Finger findest du besonders bedeutend in deinem Leben? Welcher ist dir besonders n�tzlich in deinem Leben? Ich m�chte ihn gern besch�tzen.�</p><p>So bl�d w�re er noch, ihr das zu glauben! �Der kleine Finger meiner linken Hand. Ich benutze ihn beim Liebesspiel. Ich kann damit Weibern�... �</p><p>�Das will ich gar nicht wissen�, unterbrach ihn Birga. �Deine Weibergeschichten sind nicht von Belang. Du w�rst also sehr ungl�cklich, diesen Finger zu verlieren? Bist du dir da ganz sicher? Andere sch�tzen besonders ihren rechten Daumen.�</p><p>Nikodemus schwitzte vor Angst. �Schwertk�mpfer und Bogensch�tzen brauchen ihren rechten Daumen. Ich nicht. Meine Magie liegt in meinem linken kleinen Finger.</p><p>Aber k�nnen wir nicht �ber etwas anderes reden?�</p><p>�Nein!� Birga nahm seine beiden H�nde und obwohl er sich nach Kr�ften m�hte, sie zu F�usten zu ballen, dr�ckte sie ihm m�helos die Finger auseinander. �Ich m�chte dir helfen�, sagte sie mit honigs��er Stimme. �Was nun zu tun ist, soll dein Leben, nachdem wir zur Wahrheit gefunden haben, so wenig wie m�glich beeintr�chtigen. Du bist schlie�lich ein bedeutender Mann!� Sie nahm seinen rechten Daumen zwischen ihren Daumen und Zeigefinger. Ihre H�nde waren bandagiert. Der Stoff kam Nikodemus so rau vor wie der Sand, den der Drachenatem im Verbrannten Land aufgewirbelt hatte. Sie drehte seinen Daumen leicht zwischen ihren Fingern.</p><p>Er schrie. Mehr als der Schmerz peinigte ihn die Erwartung dessen, was kommen musste.</p><p>Sie drehte weiter. Der Daumen sprang aus seinem Gelenk. Der Schmerz war so stark, dass er nicht einmal mehr schrie, sondern nur noch keuchend atmete.</p><p>�Wir sind gleich fertig�, sagte sie und drehte noch etwas weiter.</p><p>Nikodemus wurde schwarz vor Augen. Als er wieder zu sich kam, hielt Birga ihn immer noch fest. �Bist du wieder bei uns, kleiner Fuchsmann? Sieh einmal auf den Boden!�</p><p>Zitternd gehorchte er. Dort lag sein Daumen. Sie hatte ihn abgedreht, so wie er als Kind Fliegen die Fl�gel ausgerissen hatte. Ihm wurde schlecht!</p><p>�Reden wir weiter �ber deine Finger, Lutin. Du solltest mir jetzt sagen, welcher dir am zweitwichtigsten ist. Und bitte, sei ehrlich mit mir.�</p><p>�Mein linker Daumen�, schrie er auf. Er sp�rte, wie sein Blut an der rechten Hand hinablief. Er dachte an die T�towierung auf seinem Gesicht. Er konnte das nicht sagen.</p><p>Sie w�rde ihm den Hals umdrehen, wenn sie das h�rte!</p><p>�Und welcher der verbliebenen Finger bedeutet dir am wenigsten?� Sie sagte das in einem Tonfall, als habe sie es schon hundertmal gesagt.</p><p>�Mein rechter kleiner Finger. Aber bitte, wir k�nnen�... �</p><p>Sie nahm seinen linken Daumen. �Leider kann ich diesmal auf deine Bed�rfnisse keine R�cksicht nehmen. Da du noch immer nicht sprichst, werde ich dir zeigen m�ssen, dass ich auch streng sein kann. Du zwingst mich dazu, es zu tun.� Sie drehte leicht.</p><p>Nikodemus schrie.</p><p>�Lass ihn sofort los!�</p><p>Durch den Schleier seiner Tr�nen sah Nikodemus eine kleine Gestalt in schwarzem Ledermantel.</p><p>�Der K�nig ist �ber euer Tun unterrichtet. Lasst ihn los, oder es wird euch �bel ergehen! Ich wei�, dass er f�r deine Grausamkeiten nur wenig Verst�ndnis hat und schon lange auf eine Gelegenheit wartet, dich f�r deine Vergehen am Volk zur Rechenschaft zu ziehen. F�r verkommene, grausame Individuen wie dich ist in unserer neuen, gerechten Gesellschaft kein Platz, Schwester Birga!�</p><p>�Lass den Lutin los�, sagte Skanga mit tonloser Stimme. �Nat�rlich stellen wir uns nicht gegen den Willen des K�nigs und seinen Lieblingsohrenbl�ser.�</p><p>Birga stellte ihn auf die F��e. Nikodemus konnte nicht aus eigener Kraft stehen. All seine Kraft hatte ihn verlassen. Er ging in die Knie. Schluchzend hob er den blutigen Daumen auf, der auf dem Boden lag.</p><p>�Komm mit mir, Bruder.� Elija nahm ihn und half ihm auf. Er packte ihn unter den Achseln und zog ihn mit sich. Kein Wort fiel mehr.</p><p>Nikodemus konnte seine Tr�nen nicht zur�ckhalten. Er schluchzte hemmungslos.</p><p>Vor der aufgegebenen K�che erwarteten ihn weitere Kobolde. Er sah das Gesicht von Liza. Liza, seine Geliebte! Er k�mpfte gegen seine Tr�nen an. Er wollte vor ihr nicht wie ein weinerlicher Weichling aussehen.</p><p>�Das werden sie b��en�, zischte Elija ihm ins Ohr. �Nicht mehr lange, dann kommt der Tag der Abrechnung.�</p></section><section><title><p>Abtr�nnig</p></title><p>Emerelle f�hrte ihn �ber ein weites Schneefeld bis an den Rand eines urw�chsigen, dichten Walds. Der Schnee lie� die �ste knarren, obwohl es fast windstill war. Die weit ausladenden Baumkronen griffen so dicht ineinander, dass selbst jetzt, wo die Bl�tter gefallen waren, nur wenig Licht bis zum Boden des Waldes drang.</p><p>Kaum hatten sie den Wald betreten, hatte Falrach das Gef�hl, dass sie beobachtet wurden. Doch sosehr er sich auch bem�hte, die heimlichen Sp�her zu entdecken, sie blieben im Verborgenen. Zuletzt fragte er sich, ob es die B�ume selbst waren, die ihnen nachstellten. Ob die knarrenden �ste geheime Botschaften weitertrugen. Oder waren es doch die Maurawan, jene Meister der Tarnung? Das Wilde Volk, wie viele ihrer Elfenbr�der sie nannten. Halb abf�llig, halb ehrf�rchtig. Jene, die nicht in Pal�sten leben mochten, sondern sich die weiten W�lder am Fu� des Albenhaupts zu ihrer Heimat erw�hlt hatten. Einzelg�nger, die sich der Magie der W�lder verschrieben hatten. Die das Werk der Alben nicht ver�ndern mochten, sondern mit den W�ldern im Einklang lebten, ohne je eine H�tte zu erbauen oder einen ihrer B�ume gef�llt zu haben.</p><p>Emerelle schien genau zu wissen, wohin sie wollte. Sie lie� sich allem Anschein nach nicht von der unheimlichen Atmosph�re des Waldes beeindrucken. Sie f�hrte sie zu einem tief eingeschnittenen Tal, dessen felsige H�nge von sich schlangengleich windendem Wurzelwerk bedeckt waren.</p><p>Falrach empfand den Wald als immer unheimlicher. Hier auf dem grauen Stein h�tten die B�ume nicht mehr so dicht wachsen d�rfen. Das war wider die Natur. Das waren keine B�ume, wie er sie kannte! Ein Zauber schien das Tal zu sch�tzen. Selbst der Schnee war nur vereinzelt durch das Astwerk bis auf den Boden gelangt. Immer steiler wurde der Weg hinab. Falrach klammerte sich an Wurzeln und vermied es, auf die tr�gerischen Moospolster auf den Felsen zu treten. Verwundert sah er, dass viele B�ume ihre Bl�tter nicht abgeworfen hatten, obwohl es tiefster Winter war. Manche trugen Bl�ten und Fr�chte zur selben Zeit, als vereinten sie alle Jahreszeiten in sich.</p><p>Durch das dichte Bl�tterdach �nderte sich das sp�rliche Licht des Wintertages. Es schien gr�n. Wie Pfeile stach es in das Zwielicht des Waldes hinab und riss nur winzige Flecken aus dem Dunkel. Der Geruch modernden Laubs hing schwer in der Luft. Eine schillernde Libelle schoss auf Silberfl�geln an ihm vorbei.</p><p>Jetzt erst bemerkte Falrach, dass ihm nicht mehr kalt war. Dieser seltsame Ort duldete keinen Winter. Ein kleines St�ck voraus erhob sich ein Monolith aus dem Hang. Ein einzelner aufrecht stehender Stein, mehr als vier Schritt hoch. Einer der Lichtpfeile, die das Bl�tterdach der Baumkronen durchdrangen, h�llte ihn in kaltes, graues Winterlicht.</p><p>Emerelle blieb vor dem Monolithen stehen. Sie neigte ihr Haupt, so dass ihre Stirn den zerfurchten Stein ber�hrte. Reglos verharrte sie. Ihre Lippen bewegten sich lautlos.</p><p>�Was willst du, gefallene K�nigin?�</p><p>Falrach unterdr�ckte den Instinkt, nach seinen Schwertern zu greifen. Er vermochte nicht zu sagen, aus welcher Richtung die Stimme gekommen war. Nerv�s drehte er sich um und sp�hte ins Zwielicht. Nebel stieg zwischen dem verschlungenen Wurzelwerk auf. Obwohl es hier, tief im Wald, v�llig windstill war, bewegte er sich in wogenden Spiralen, so als sei er nicht nur Wasserdampf, sondern etwas von Leben Erf�lltes.</p><p>�Ich suche Melvyn, den Sohn Silwynas.�</p><p>�Er ist keiner mehr von uns. Er hat sich entschieden, diese Welt zu verlassen.�</p><p>Der Nebel kroch jetzt um Fairachs F��e. Zwischen den B�umen erschienen schattenhafte Gestalten. Nerv�s ballte der Elf die H�nde zu F�usten und streckte sie wieder. Die Maurawan galten als launisch und grausam. Selbst Elfen gegen�ber.</p><p>�Wohin ist er gegangen?�</p><p>�Warum sollten wir dir das sagen?� Noch immer schien die Stimme von �berall und nirgends zu kommen. Es war unm�glich, sie einem der Schattenkrieger zuzuordnen.</p><p>�Weil er mich auf den Gipfel des Albenhauptes f�hren wird.�</p><p>Falrach schloss die Augen. Was war das f�r eine Argumentation! Stille lastete auf dem Wald. Der Nebel reichte ihm nun schon bis zu den Knien.</p><p>�Er sucht lieber im Scho� seines Weibes Zuflucht, als seine Freiheit im Kampf gegen die Trolle zu behaupten. Was l�sst dich glauben, dass er dich zum Albenhaupt f�hren wird, um dort mit dir den Tod zu finden?�</p><p>�Ich werde ihm versprechen, dass er dort seinem Vater begegnen wird. Ich wei�, wie sehr es ihn qu�lt, seinen Vater nie gesprochen zu haben. Er wird mit mir kommen.�</p><p>�Sein Vater ist tot. Wie sollte er ihm auf dem Gipfel eines Berges begegnen k�nnen?�</p><p>�Wir werden dort die Alben finden�, sagte Emerelle mit einer Selbstsicherheit, die Falrach fassungslos machte. Der Orakelspruch der Gazala mochte alles M�gliche bedeuten. Ihn so auszulegen, war reine Wil k�r.</p><p>Eine der Schattengestalten trat vor. Eine Elfe, die ihr Gesicht mit dem rotbraunen Saft des Dinko-Busches bemalt hatte. Ihr Haar war streng zur�ckgek�mmt und zu einem schweren Zopf geflochten. Sie trug abgewetzte Jagdkleidung. Ihre Augen waren von kaltem, hellem Blau. Die Iris umgeben von einem feinen, schwarzen Rand. Wolfsaugen, dachte Falrach.</p><p>�Mein Sohn lebt in den Bergen nahe der Menschensiedlung Firnstayn�, sagte sie. �Es wird gut f�r ihn sein, wenn er endlich seinen Frieden findet, auf die eine oder andere Art. Wenn er versucht, auf das Albenhaupt zu steigen, wird man sich an ihn nicht als den Maurawan erinnern, der vor dem Kampf mit den Trollen davongelaufen ist.�</p><p>Falrach traute seinen Ohren nicht. Da lieferte die eigene Mutter ihren Sohn aus! Sie waren verr�ckt, die Maurawan! Ohne Zweifel verr�ckt!</p><p>�Was willst du hier, Ollowain?�</p><p>Auf das Albenhaupt w�rde er Emerelle nicht folgen. Er hatte sich geopfert, um sie vor dem Feuerodem eines Drachen zu bewahren; darin hatte er einen Sinn gesehen. Aber diese Suche nach den Alben�... Sie jagte nur einem Hirngespinst nach. Da es den Maurawan offensichtlich gefiel, Verr�ckten zu helfen, sollte er in dieselbe Kerbe schlagen. �Ich suche Verb�ndete, die mir helfen, den K�nig der Trolle zu st�rzen und Albenmark wieder in die H�nde eines Elfen zu geben.�</p><p>�Warum sollte dir gelingen, was uns in mehr als elf Jahren nicht gl�ckte?�</p><p>�Weil ihr bisher keinen Anf�hrer hattet, der eure Schw�chen zu euren St�rken gemacht hat.�</p></section><section><title><p>Sp�therbstnachmittag</p></title><p>Cabezan sa� auf einem aufgepolsterten Lehnstuhl auf der Terrasse seines Palastes und blickte zu den nahen Weinbergen. Wie flei�ige Ameisen krochen die Weinbauern und ihre Helfer die H�nge entlang. Es war ein guter Sommer gewesen, dieses Jahr. Es hatte viel Sonne, aber auch genug Regen gegeben. Ein Sommer, der kr�ftige, s��e Trauben hervorgebracht hatte. Dieses Jahr w�rde einen vorz�glichen Wein hervorbringen.</p><p>Der K�nig hatte ein schweres B�renfell auf den Knien liegen. Er streckte sein Gesicht der Sonne entgegen und genoss die milde W�rme des Sp�therbstnachmittags. Er hatte sich schon lange nicht mehr so gut gef�hlt. Aber ein Blick in Balduins Gesicht gen�gte, um ihn ahnen zu lassen, dass dieses Gl�ck nicht mehr lange w�hren w�rde. Au�er seinem Hofmeister war nur noch Tankret anwesend. Aber Cabezan war sich sicher, dass sie von mindestens einem Dutzend Fenstern heimlich beobachtet wurden.</p><p>�Also heraus damit, Balduin. Welche schlechten Nachrichten bringst du?�</p><p>�Der Mordanschlag auf den wei�en Ritter ist fehlgeschlagen. Der Attent�ter galt als sehr f�hig. Man munkelt, Tjured selbst habe den t�dlichen Streich gegen den Ritter abgewehrt. Unser Plan hat sich in das Gegenteil verkehrt. Michel Sarti ist so beliebt wie noch nie, mein K�nig.�</p><p>�Und auch deine Sympathien liegen bei diesem Ritter Gottes, oder irre ich mich?�</p><p>Balduin erlaubte sich ein L�cheln. �Ich muss gestehen, dass ich diesem jungen Mann gern einmal begegnen w�rde.�</p><p>�Und w�rdest du ihm dann gleich empfehlen, nach meinem Thron zu greifen?� �Herr, ich habe nie�... �</p><p>�Ich wei�, was du von mir h�ltst. Verschone mich mit deinen L�gen! Also die Drusnier konnten ihn mit Pfeilen nicht umbringen. Dein Meuchler scheiterte daran, diesen Wunderritter mit einer Sichel zu f�llen. Wie ich das sehe, sollten wir einen ganz anderen Weg beschreiten. Gegen Stahl scheint der Mann gefeit zu sein. Vergiften wir ihn! Ich m�chte, dass du ihm dieses M�dchen schickst ...� Er schnippte �rgerlich mit den Fingern. In letzter Zeit verlie� ihn immer �fter sein Namensged�chtnis. Er sah das Gesicht der kleinen Hure noch vor sich. �Du wei�t schon�... Das M�dchen, das in Iskendria war.�</p><p>�Elodia?�</p><p>�Ja, genau die meine ich! Schreibst du ihr eigentlich noch Briefe im Namen ihres verstorbenen Bruders?�</p><p>�Nein, seit �ber einem Jahr nicht mehr. Mein letzter Brief an sie war im Namen der Frau, die ihr Bruder nie hatte, verfasst. Ich habe ihr mitgeteilt, er sei an der Pest gestorben.�</p><p>Cabezan traute seinen Ohren nicht. �Was? Wie kannst du dich unterstehen! Das untergr�bt ihre Moral! Du h�ttest mich fragen m�ssen, du verdammter alter Narr! Was hast du dir dabei gedacht?�</p><p>Balduin geh�rte zu den wenigen M�nnern, die es wagten, seinem Blick standzuhalten, wenn er in Rage geriet. �Ich konnte das M�dchen nicht mehr l�nger bel�gen. In Drusna ist ihr �bel mitgespielt worden. Sie h�tte es fast nicht mehr zur�ck geschafft.�</p><p>�Und weil du ein Menschenfreund bist, hast du ihr noch geschrieben, dass ihr Br�derchen verreckt ist? Was wolltest du damit erreichen? Dass sie sich erh�ngt?�</p><p>�Ich konnte sie nur einfach nicht mehr bel�gen�, antwortete der Alte ruhig. �Ich f�rchte, ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Ich wollte mich nur einer unangeneh-men Pflicht entledigen.�</p><p>Dass er sich nichts gedacht hatte, mochte Cabezan nicht glauben. Das war nicht Balduins Art. Was w�rde er als N�chstes tun? Dem M�dchen einen Brief schreiben, in dem die Wahrheit �ber den Tod ihres Bruders stand? �Du wirst meinen Befehl ausf�hren, Balduin! Dieses M�dchen soll den edlen Ritter verf�hren und ihm dann einen Becher mit vergiftetem Wein einschenken. Dann hat der �rger ein Ende. Davor wird ihn seine R�stung ja wohl nicht bewahren!�</p><p>�Bitte entschuldigt, Herr, aber das ist etwas anderes, als Heidenf�rsten in Iskendria oder Drusna zu t�ten. Michel Sarti ist ein Held. Womit soll ich die Notwendigkeit seines Todes begr�nden?�</p><p>�Ich bin der K�nig! Ich bin so einer kleinen Hure keine Erkl�rungen schuldig. Was denkst du dir!�</p><p>�Ich denke, dass wir sie zur Hure gemacht haben und dass sie Fargon im Kampf gegen seine Feinde in den letzten Jahren weit gr��ere Dienste erwiesen hat als all unsere Krieger zusammen, den wei�en Ritter eingeschlossen. Wir sollten ihr nicht einen so schmutzigen Mord anh�ngen. Es wird herauskommen, dass sie den Ritter get�tet hat.�</p><p>�Umso besser, wenn die Kleine stirbt. Dann kann sie auch nicht mehr herausfinden, wie sehr du sie �ber ihren Bruder belogen hast. Tankret wird sich darum k�mmern, dass der P�bel sie aufsp�rt und sie am n�chstbesten Baum aufgekn�pft wird.� Sein Leibw�chter l�chelte. Er hatte kein Gewissen. �Du darfst dich jetzt zur�ckziehen, Balduin. Bis zur D�mmerung will ich den Brief sehen, den du der kleinen Hure schreibst.�</p><p>Cabezan legte den Kopf in den Nacken und lauschte auf die schlurfenden Schritte seines alten Hofmeisters. So offen hatte sich Balduin noch nie zuvor widersetzt. Das konnte er nicht dulden! Er blickte in den Himmel hinauf. Eine Wolke war vor die fahle Herbstsonne gezogen. Es wurde k�hl auf der Terrasse. Er zog das B�renfell h�her.</p><p>Als Balduin verschwunden war, winkte er Tankret zu sich. �Die Frechheiten des Hofmeisters haben mich ver�rgert. Ich w�rde es begr��en, wenn er keine Gelegenheit mehr h�tte, mich noch einmal zu kr�nken. Es sollte wie ein Unfall aussehen. Er hat viele Freunde. Aber niemand w�rde sich wundern, wenn so ein alter Mann die Treppe hinabst�rzt. Allerdings soll er vorher noch den Brief aufsetzen. Morgen w�re ein guter Tag f�r seinen Tod.�</p><p>Tankret trat vor ihn. �Mein K�nig, ist es klug, den Alten zu t�ten?�</p><p>Cabezan hob ver�rgert eine Braue. Es war das erste Mal, dass sein Leibw�chter einem Mordauftrag widersprach. War er pl�tzlich von Verr�tern und Weichlingen umgeben?</p><p>�Nicht, dass Ihr mich missversteht, mein Herr. Lange Jahre habe ich nur darauf gewartet, dass Ihr mir befehlt, ihn zu t�ten. Er h�lt mich f�r einen tumben M�rder. Er l�sst keine Gelegenheit aus, mir seine Verachtung zu zeigen. Ich w�rde seinen Tod nicht bedauern. Und manches Mal habe ich �berlegt, ob ich das Schicksal nicht ohne Euren Befehl in die Hand nehmen soll. Aber Balduin ist zu wichtig ... Er ist in zu viele Geheimnisse eingeweiht. Er versteht sich zu gut darauf, die Verwaltungsaufgaben in Eurem Sinne zu erledigen, ohne dass Ihr danach schauen m�sstet. Es gibt am ganzen Hof niemanden, der ihn ersetzen k�nnte. Schon am Tag nach seinem Tod w�rden Schwierigkeiten beginnen. Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, mein Herr. Lasst ihn erst einen Nachfolger ausbilden. Dann werde ich ihn mit Freuden umbringen.�</p><p>Cabezan strich sich m�de �ber die Stirn. Ein Leibw�chter, der seine Befehle hinterfragte�... Er sollte Tankret auch damit beauftragen, einen Nachfolger auszubilden!</p></section><section><title><p>Das Haus der K�nigin</p></title><p>Die Maurawan hatten Emerelle �berrascht. Sie hatten ihr einen pr�chtigen Schimmel geschenkt und ein wunderbares Kleid. Man konnte ihm ansehen, woher es kam. Und doch war es einer K�nigin angemessen. Es war aus weichem, wei�em Leder mit langen Fransen an den �rmeln, die die N�hte gegen Regenwasser sch�tzten. Hunderte kleiner Flussperlen waren darauf aufgestickt und bildeten verschlungene Spiralmuster. Dazu kamen schenkelhohe, wei�e Stiefel. Das Kleid war geschlitzt, so dass es beim Reiten nicht st�rte, obgleich es vermutlich die Blicke der M�nner anziehen w�rde. Stiefel und Lederkleid waren sch�n und praktisch zugleich. So w�rde sie auch das Albenhaupt erklimmen k�nnen.</p><p>Emerelle f�hrte den Hengst �ber das Schneefeld hinauf zum Albenstern. Immer wieder blickte sie zu dem Berg, der sich in der Ferne erhob. Sein Haupt war in dichte Wolken geh�llt. Es hie�, noch nie habe ein Albenkind den Gipfel dieses Berges erblickt. Falrach hatte ihr etwas gesagt, das sie zun�chst einfach nur abgetan hatte, doch die Worte waren wie ein schleichendes Gift in sie eingedrungen. Wenn kein Albenkind und kein Menschenkind den Weg zum Gipfel finden konnten, dann mochte dort oben auch ein Devanthar lauern. Vielleicht war der Bann, der auf dem Berg lag, ein Schutz? Jener letzte Devanthar, der sich vor etlichen Jahren ins Herzland gewagt hatte, um mit der Zauberin Noroelle ein Kind zu zeugen, war seitdem verschwunden. Wartete er auf dem Albenhaupt?</p><p>Das war Unsinn, sagte ihr der Verstand. Warum sollte er sich dorthin zur�ckziehen?</p><p>Vielleicht um die blutige Fehde mit den Alben zu Ende zu bringen?</p><p>Emerelle erreichte das Boot, das noch immer auf dem Berghang lag. Es war halb in einer Schneewehe versunken. Die Elfe entspannte sich und befreite ihren Geist von allen Zweifeln. Dann griff sie nach der Macht des Albensterns. Sie sp�rte die Kraft des Goldenen Netzes und lie� sie durch sich flie�en. Dabei dachte sie an das Hartungs-kliff hoch �ber Firnstayn, wo inmitten einer steinernen Krone auf dem Gipfel des Berges der Albenstern lag, der ihr Ziel war.</p><p>Das magische Tor �ffnete sich. Sie sp�rte die Unruhe ihres Hengstes. Er lie� sich zwar ohne zu scheuen ins Goldene Netz f�hren, doch seinen Augen waren weit vor Angst, und seine N�stern bebten. Nur wenige Schritt, dann war sie auf der anderen Seite. In einer anderen Welt. Wind zerzauste ihr Haar, als sie durch das magische Tor trat. Sie blickte hinab auf das graue Wasser des Fjords. Es lag noch kein Schnee auf dem Hartungskliff, doch der Winter war nicht mehr fern. Kalter Nieselregen wob silberne Wasserperlchen in die M�hne ihres Hengstes.</p><p>Leichter Nebel lag �ber dem Ufer des Fjords. Sie konnte Firnstayn nicht sehen, doch leuchteten dort, wo die kleine Stadt liegen musste, zwei helle Lichter. Nein, nicht Lichter. Es waren Feuer wie von brennenden H�usern!</p><p>Emerelle sa� auf und trieb ihren Hengst den Hang hinab. Trittsicher brachte er sie �ber ein Ger�llfeld auf einen steil abfallenden, grasbewachsenen Hang. Als ein Windsto� den Nebel zerriss, sah sie deutlich das Feuer, und Menschenkinder, die am Fjord entlang fl�chteten. Ein Haus nahe der Festhalle der K�nigin brannte! Ein zweites mitten in der Siedlung. Was ging dort vor sich? Feindliche Krieger konnte sie nicht entdecken.</p><p>Sobald das Gel�nde es zulie�, lie� sie den Hengst im Galopp jagen. Bald entdeckte sie die Schemen von Booten auf dem Wasser. Dann erreichte sie die Fl�chtlinge. Sie bildeten kleine Gruppen. Angst stand in ihren Gesichtern. Als Emerelle sich einer der Gruppen n�herte, st�rmte ein junger Mann mit drohend erhobener Hacke auf sie zu.</p><p>�Komm nicht n�her! Unsere Familie ist noch gesund! Komm nicht n�her!�</p><p>Emerelle z�gelte den Hengst. Das gro�e Tier schnaubte und stieg. Seine Vorderhufe wirbelten durch die Luft, und der Bauer wich erschrocken zur�ck. �Geh nicht nach Firnstayn. Dort ist die Pest!�</p><p>Ohne den Mann eines weiteren Wortes zu w�rdigen, jagte sie weiter das Ufer entlang.</p><p>Gab es denn nur Ungl�ck und Elend in der Welt der Menschenkinder? Das Tor in der primitiven Holzpalisade stand weit offen. Ein magerer Hund schlich �ber die verlassene Stra�e. Emerelle ritt hinauf zum H�gel, auf dem die Festhalle stand. Ein kleines Haus stand in der N�he. Sein Dach war eingebrochen. Lodernde Flammen schlugen aus der T�r.</p><p>Ein St�ck entfernt entdeckte die Elfe einen Toten. Jemand hatte ihm ein Schwert durch den Leib gerammt. Es war ein �lterer Mann. Seine Kleider aus feinem Tuch verrieten, dass er beg�tert gewesen sein musste. Er hatte keine Schwielen an den H�nden. Ratlos sah Emerelle sich um. Schlie�lich ging sie zur Festhalle. Als sie Stimmen h�rte, lie� sie die Z�gel sinken. Sie war unbewaffnet. Gegen Menschenkinder w�rde sie auch ohne ein Schwert bestehen k�nnen.</p><p>Sie trat in die K�nigshalle. Eine kleine Gruppe Bewaffneter kauerte �ber einer Feuergrube im Boden. Pl�tzlich sprang einer der M�nner auf und zog sein Schwert.</p><p>Emerelle war �berrascht, dass der Krieger sie so schnell bemerkt hatte. Sie war v�llig lautlos eingetreten, und alle an der Feuergrube hatten ihr den R�cken zugewandt. Er musste gesp�rt haben, dass sie da war. Das war ungew�hnlich f�r einen Menschensohn.</p><p>�Wer bist du?�, fuhr der Krieger sie an.</p><p>�Nicht, Answin!� Ein alter Mann ohne Nase dr�ckte den Schwertarm des Kriegers nieder. Ihm standen Tr�nen in den Augen. �Bei den G�ttern, unsere Gebete sind erh�rt worden!�</p><p>Emerelle erinnerte sich an den Alten. Er war einst ein enger Vertrauter des K�nigs Alfadas gewesen. Und er geh�rte zu jenen, die in der Snaiwamark gegen die Trolle gek�mpft hatten. �Lambi�, sagte sie freundlich. �Mir scheint, deine G�tter halten sch�tzend die H�nde �ber dich.�</p><p>Der Alte eilte ihr entgegen. Einen Moment lang f�rchtete sie, Lambi werde sie umarmen. Sie wich ein wenig vor ihm zur�ck. Da blieb er mit ausgebreiteten Armen stehen. Er war ihr so nah, dass sie sp�ren konnte, dass er befallen war. Schwei� stand ihm auf der Stirn. Seine Augen gl�nzten zu sehr�... Sie roch die Krankheit auch in seinem Atem.</p><p>Lambi lie� sich vor ihr auf die Knie sinken. �Ehrw�rdige K�nigin Emerelle. Du kommst in der Stunde der h�chsten Not. Bitte hilf Kadlin. Ihre Tochter ringt mit dem Tod �� Er stockte. �Sie ist fast��</p><p>�Bring mich zu ihr, Lambi. Ganz Albenmark steht in Kadlins Schuld. Ich werde das niemals vergessen und dem Fjordland immer wohlgesonnen sein.�</p><p>�Habt ihr das geh�rt! Alles wird gut. Los, hoch mit euren �rschen, wir m�ssen zwei K�niginnen zusammenf�hren.�</p><p>Die M�nner schoben die B�nke, auf denen sie gesessen hatten, zur Seite und fegten die Binsen neben der Feuergrube fort. Ein eiserner Ring war in den Boden eingelassen. Der Mann, der gegen sie sein Schwert gezogen hatte, �ffnete die Fallt�r.</p><p>�Wir mussten sie verstecken�, erkl�rte Lambi. �Ihr eigener Leibarzt hat ihr Haus in Brand gesetzt. Ich kenne Olav viele Jahre. Er muss vor Angst verr�ckt geworden sein.</p><p>In den letzten Tagen war er nicht mehr er selbst! Statt zu helfen, hat er die Leute nur in Angst und Schrecken versetzt. Als heute Mittag das erste Kind an der Pest starb, ist Panik ausgebrochen. Sie haben das Haus niedergebrannt, in dem das Kind verstarb. Und dann kamen sie hier herauf. Als ich das Feuer in der Stadt gesehen habe, habe ich Kadlin und Swana in das Versteck hier in der K�nigshalle gebracht. Dann kamen sie. M�nner und Frauen, die noch vor ein paar Tagen auf dem Apfelfest mit ihr gefeiert hatten.� Der Alte sch�ttelte den Kopf. �Sie waren wie verr�ckt. Olav hat sie angef�hrt. Sie glaubten, sie habe sich noch immer in ihrem Haus eingeschlossen. Dann haben die Dreckschweine Fackeln auf das Dach geworfen. Als das Haus lichterloh brannte, haben sie es mit der Angst zu tun bekommen. Nur Olav blieb. Ich glaube, dieses Aasgesicht wartete auf die Todesschreie aus dem Haus. Ich hab ihn niedergemacht. Dann hatte keiner mehr Lust, zu bleiben. Sie sind fortgelaufen�... �</p><p>Lambi nahm eine Fackel. �Komm, du G�ttergeschenk!�</p><p>Emerelle musste l�cheln. <emphasis>G�ttergeschenk</emphasis> war sie all den Jahrhunderten, die sie nun schon lebte, noch nie genannt worden.</p><p>Der Menschensohn f�hrte sie eine kurze Treppe hinab in einen Tunnel, der so niedrig war, dass selbst sie halb geduckt gehen musste. Nach ein paar Schritt erreichten sie eine grob gezimmerte T�r. Sie war verzogen und �ffnete sich nur widerwillig.</p><p>Dahinter lag eine Kammer, in der etliche Schinken aufgeh�ngt waren. F�sser dr�ngten sich an einer Wand. Auf S�cken waren Felle ausgebreitet worden. Ein junges wei�haariges M�dchen lag nackt hingestreckt. Ihr Leib war ausgezehrt. Emerelle sah die Wundmale an der Leiste und unter einer Achsel. Es stank nach Eiter und Schwei� in der kleinen Kammer.</p><p>Eine Frau mit zerzaustem roten Haar kauerte am Lager des M�dchens. Sie war v�llig apathisch. Immerzu tupfte sie mit einem feuchten Tuch �ber den Leib des Kindes. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass jemand in die Kammer getreten war.</p><p>Emerelle ging zu ihr und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. �Lass mich ihr helfen.�</p><p>Jetzt endlich blickte die Frau zu ihr auf. Erstes Grau schimmerte in ihrem Haar. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, und in die Mundwinkel hatten sich tiefe Falten gegraben. Emerelle war ersch�ttert, zu sehen, wie schnell die Menschenkinder verfielen. �Kadlin?�</p><p>Die Frau starrte sie ungl�ubig an. Tr�nen rannen ihr �ber das Gesicht. Emerelle sp�rte, dass auch die K�nigin von der Pest befallen war.</p><p>�Du�... � Kadlin sch�ttelte den Kopf. �Du bist gekommen.� Sie ergriff den Saum von Emerelles Kleid und vergrub ihr Gesicht in dem weichen Leder. �Endlich. Luth, du hast mich erh�rt. Endlich ...�</p><p>Emerelle kniete sich neben das Lager. Vorsichtig legte sie eine Hand auf die Brust des M�dchens. Die Kleine war ganz kalt. Sie lag im Sterben. Die Seuche hatte sie all ihrer Kr�fte beraubt. Ihr Herz schlug nur noch unregelm��ig und schwach.</p><p>Das M�dchen schlug die Augen auf und sah sie an. Sie hatte die Augen ihrer Mutter.</p><p>Ein leiser Seufzer kam �ber ihre blassen Lippen. Dann h�rte ihr m�des Herz zu schlagen auf.</p></section><section><title><p>Die Loabo-Wurzel</p></title><p>Elodia faltete den Brief zusammen und legte ihn in die kleine Schachtel aus Holzsp�nen, die sie unter ihrem Bett verwahrte. Sie hatte ihn dreimal gelesen. Die Handschrift Balduins war fahrig geworden. Sie hatte nicht mehr dieselbe Kraft wie fr�her. Das Siegel des K�nigs war in das</p><p>dunkelrote Siegelwachs gedr�ckt. Auch wenn sie Ungeheuerliches verlangten, konnte es keinen Zweifel geben, dass es der Wille des K�nigs war. Eine Sache war bemerkenswert. Sie hatte das Gef�hl, dass der Brief noch einmal ge�ffnet worden war, nachdem der K�nig ihn gesiegelt hatte. Unter das Siegel war noch eine letzte Zeile hinzugef�gt worden. <emphasis>Rette dein Leben.</emphasis></p><p>Einen Augenblick erwog sie, das Schreiben der Oberin zu zeigen, doch dann verwarf sie es wieder. Es war nicht �blich, dass die Priesterinnen des Refugiums die Befehle des K�nigs mit der Oberin besprachen.</p><p>Es war der erste Brief, den sie seit der Nachricht vom Tod ihres Bruders erhalten hatte.</p><p>Sie hatte gewagt, sich der Hoffnung hinzugeben, dass sie das Refugium nie mehr verlassen m�sste.</p><p>Elodia schloss die Augen. Sie war m�de. Manchmal fragte sie sich, ob es wohl eine Krankheit war. Seit sie aus den W�ldern Drusnas zur�ckgekehrt war, war sie immerzu ersch�pft, ganz gleich, wie lange sie schlief. Es fiel ihr schwer, selbst die wenigen Aufgaben, die ihr im Refugium oblagen, gewissenhaft zu erledigen. Alles, was sie getan hatte, hatte sie f�r ihren Bruder getan. Seit seinem Tod war ihr Leben leer.</p><p>Manchmal fragte sie sich, ob es die Strafe Tjureds f�r ihre Bluttaten war, doch das konnte nicht sein. Sie hatte nur Heiden get�tet! Aber dieser neue Auftrag�... Wenn sie ihn ausf�hrte, w�re sie eine Verdammte, und wenn sie sich weigerte, dann war sie eine Verr�terin. Sie hatte schon von dem wei�en Ritter geh�rt. Wohl jeder in Fargon hatte von ihm geh�rt. Sie hatte den F�rsten Arsi get�tet, aber Michel Sarti war der Held dieses Krieges. Sein Name war in aller Munde. Und es war ihr auch recht so. Sie war nicht stolz auf das, was sie getan hatte. Sie hatte einen Befehl des K�nigs ausgef�hrt und ihre Tat war zweifellos von Nutzen f�r Fargon gewesen. Aber dieser neue Mordbefehl�... Konnte es stimmen, dass sich der Ritter gegen K�nig Cabezan verschworen hatte? Wenn sie an den alten Mann in seinem Bett zur�ckdachte, �berkam sie stets Schrecken. Niemand sprach gut von ihm. Die Menschen f�rchteten den K�nig. Doch er war unzweifelhaft von Gott ber�hrt.</p><p>Sein Leben nahm kein Ende, obwohl er immer wieder schwer erkrankte und es weit �ber die �bliche Lebensspanne hinausreichte.</p><p>Balduin hatte den Brief verfasst, also musste der Tod des Ritters von Nutzen f�r das K�nigreich sein! Er war ein g�tiger Mann. Auch er hatte ihr manchmal geschrieben. Sie w�rde ihm immer daf�r dankbar sein, dass er sich die M�he gemacht hatte, ihr einen langen Brief �ber den Tod ihres Bruders Jean und vor allem �ber sein Leben zu schreiben. Jean war gl�cklich gewesen. Er hatte sich gerade verliebt, als die Pest ihn und seine Geliebte dahinraffte. Er war ein geachteter Schreiber am Hof des K�nigs gewesen, und Balduin hatte keinen Zweifel, dass Jean sogar zum Statthalter aufgestiegen w�re, wenn er nur l�nger gelebt h�tte.</p><p>Ihr waren Tr�nen in die Augen getreten. Sie w�rde es f�r Balduin tun und nicht f�r Cabezan. Sie erhob sich und verlie� die kleine H�tte, die nahe der Mauer abseits der gro�en Geb�ude des Refugiums stand. Sie w�rde die Hilfe von Schwester Anais ben�tigen, der G�rtnerin. Sie selbst kannte sich mit Giften nicht aus.</p><p>Pf�tzen standen auf den Gartenwegen. Am Morgen war schwerer Regen niedergegangen. Er hatte eine erste Vorahnung des Winters mitgebracht. Es war nasskalt. Der Himmel hing tief �ber den Bergen. Die weitl�ufigen G�rten, die von den Ordensschwestern angelegt worden waren, waren noch jung. Die neu gepflanzten B�ume hatten kaum armdicke St�mme. Wenn sie wuchsen und gr��er wurden, w�rde das Refugium ein wunderbarer Ort sein.</p><p>Sie ging vorbei an einer jungen Novizin, die einen Rosenbusch ausputzte. Das M�dchen war h�chstens siebzehn. Sie war sch�n. Elodia l�chelte melancholisch. Es waren nur die sch�nen M�dchen, die es hierher verschlug.</p><p>Sie nannten sich einen Orden und sprachen sich untereinander mit <emphasis>Schwester</emphasis> an. Doch die Kirche wusste nichts von dem, was im Refugium auf dem M�ns Gabino geschah.</p><p>Und h�tte sie es gewusst, h�tte sie diesem Orden sicherlich nicht ihren Segen erteilt. Es machte das Ungeheuerliche, das hier geschah, ertr�glicher, wenn es nach festen Regeln verlief. Sie alle pflegten einen h�flichen Umgang miteinander.</p><p>Elodia verharrte vor der schmalen, roten Holzbr�cke, die �ber den schwarzen Pfuhl f�hrte. Das dunkle Wasser war unbewegt. Elodia atmete schwer. Dies war der einzige Ort im Refugium, der ihr unheimlich war. In diesem Teich versenkten sie in versiegelten Tonkr�gen die Leiber der ungeborenen Kinder. Kein Jahr verstrich, ohne dass eine der Novizinnen schwanger wurde. Ihre Ausbildung beruhte nur selten auf dem Studium von B�chern. Was sie im Dienste des K�nigs tun sollten, das �bten sie in all seinen Spielarten hinter den hohen Mauern des Refugiums. Und so blieb es nicht aus, dass es zu Schwangerschaften kam. Doch der M�ns Gabino war kein Ort f�r Kinder. Manche Schwestern verheimlichten es, doch zuletzt fiel es immer auf. Die Oberin selbst holte die Kinder. Aber es war stets die Aufgabe der M�tter, die schweren Tonkr�ge im schwarzen Pfuhl zu versenken.</p><p>Elodia fasste sich ein Herz und ging raschen Schrittes �ber die Br�cke. Wasser spritzte auf. Ein Karpfen hatte nach einer Fliege geschnappt. Sie wurden hier gro� und fett.</p><p>Niemand a� einen Fisch aus diesem Teich.</p><p>Sie fand Schwester Anais bei den Oleanderb�schen. Die G�rtnerin schwenkte ein R�ucherfass zwischen den Pflanzen und sang leise vor sich hin. Sie sah ihr eine Weile zu, bis Anais sie schlie�lich bemerkte.</p><p>�Elodia! Wie sch�n, dass du deine H�tte verlassen hast und einen Spaziergang machst.</p><p>Komm zu mir und atmeden Rauch. Sandelholzrauch belebt nicht nur die Pflanzen, er �ffnet auch die Seele von uns Menschen. Magst du mir ein wenig bei meiner Gartenarbeit helfen?�</p><p>�Wenn ich ehrlich bin, Schwester Anais, dann bin ich gekommen, um dich um Hilfe zu bitten. Ich ben�tige deinen Rat in Bezug auf ein Gift. Es soll innerhalb von zwei oder drei Tagen t�dlich sein. Es soll keine Schmerzen bereiten, die das Opfer ahnen lassen, dass es vergiftet wurde, und man soll dem Toten auch nicht ansehen k�nnen, dass er eines unnat�rlichen Todes gestorben ist.�</p><p>Sie setzte ihr R�ucherfass ab und begann mit Daumen und Zeigefinger ihre Nasenspitze zu massieren. Es war eine Eigenart von ihr, die ihr schon manchen Spott eingetragen hatte. Pl�tzlich verfinsterte sich ihre Miene. Als sie aufblickte, waren ihre Lippen schmale Striche geworden. �Das ist ein bisschen viel, was du verlangst.�</p><p>Elodia hatte Schwester Anais noch nie so �bellaunig erlebt. �Gibt es so ein Gift nicht?�</p><p>�Oh, doch. Das gibt es. Aber ich habe es nicht vorr�tig. Wir m�ssen dazu eine Loabo-Wurzel ziehen. Man muss sie bei Vollmond mit einem schwarzen Seidenschal aus dem Erdreich ziehen, sonst verliert sie ihre Macht. Es ist ein ganz besonderes Gift. Es greift die Adern im Gehirn an. Es zerfrisst sie, bis Blut ins Hirn sickert.�</p><p>�Und das ist ganz gewiss t�dlich?�</p><p>�Das ist es. Es geht langsam. Manche bekommen Kopfschmerzen. Meistens ist es jedoch so, dass den Opfern schwindelig wird. Sie k�nnen nicht mehr klar sprechen oder vergessen einzelne Worte. Das Gift ist unbedingt t�dlich! An den ersten beiden Tagen nachdem die Opfer es eingenommen haben, sp�ren sie gar nichts. Leider w�chst nur eine einzige Loabo-Wurzel in meinem Garten�, sagte sie zerknirscht.</p><p>�Und? Kann man sie ernten?�</p><p>�Ja, gewiss. Bei Vollmond. Und dann m�ssen wir noch das Gift aus ihr extrahieren. Es wird ein wenig dauern.</p><p>Ich hatte gehofft, ich w�rde Ableger aus der Wurzel ziehen k�nnen.� Anais seufzte.</p><p>�Gehen wir nun zur Oberin. Ich f�rchte, einen schwarzen Seidenschal haben wir auch nicht im Refugium. Und wenn ich schon meine einzige Loabo-Wurzel opfern soll, dann will ich auch alles richtig machen!�</p></section><section><title><p>Der freie Wille</p></title><p>Emerelle presste fest auf die Brust des M�dchens. Wieder. Und wieder. Das Herz regte sich. Sie sp�rte z�gerliche, schwache Schl�ge. Mit geschlossenen Augen versuchte sie eins mit der Kleinen und ihrem K�rper zu werden. Sie stimmte sich auf den stockenden, unregelm��igen Herzschlag ein, senkte das Fieber und reinigte ihr Blut.</p><p>Sie gab dem K�rper neue Kraft, um ein Wiederaufflackern der Krankheit unterdr�cken zu k�nnen. Zuletzt heilte sie das zerst�rte Gewebe der aufgeplatzten Eiterbeulen und lie� die Verletzungen verschwinden, ohne dass eine Narbe auf der Haut blieb.</p><p>Als sie die Augen wieder aufschlug, ergriff Kadlin ihre H�nde. �Kannst du ihr helfen?�</p><p>�Sie wird leben. Nun sollte ich mich um dich k�mmern.� Sie sah zu dem alten Krieger ohne Nase auf. �Und auch um dich. Ihr beide tragt die Krankheit schon in euch.�</p><p>Mit aller Aufmerksamkeit widmete sie sich den beiden. Bei dem Alten linderte sie auch die Beschwerden, die die beginnende Gicht ihm bereitete. Beide hatten sie mehrere Insektenstiche.</p><p>�Ihr m�sst eure Kleidung in kochendem Wasser reinigen. Bei Pelzen und anderen Kleidungsst�cken, wo dies</p><p>nicht m�glich ist, hilft es nur, sie zu verbrennen. Es sind Fl�he, die die Pest �bertragen.�</p><p>�Die Krankheit ist in Kleidern?� Kadlin sah sie merkw�rdig an.</p><p>�Es sind die Fl�he in den Kleidern. Allerdings sind auch Kleider, die mit dem Eiter aus Pestbeulen in Ber�hrung kamen, m�glicherweise gef�hrlich.�</p><p>�Vor ein paar Tagen kam ein Jarl mit einer Truhe voller Kleider. Swana hat eines davon bekommen. Ich auch�... �</p><p>�Ich habe mir eine Hose genommen�, sagte der Alte.</p><p>�Das muss nicht mit dem Ausbruch der Seuche zu tun haben�, sagte Emerelle. �Wir sollten diese Kammer verlassen.� Sie sehnte sich nach frischer Luft. Selbst im Regen zu stehen, w�re ihr angenehmer, als noch l�nger in der stickigen Enge zu verharren.</p><p>Kadlin nahm behutsam ihre Tochter auf den Arm. Sie k�sste das schlafende M�dchen auf die Stirn. Tr�nen benetzten die Wangen der K�nigin.</p><p>Der Alte brachte sie zur�ck in die K�nigshalle. Die �brigen Krieger hielten dort noch immer Wacht. Sie scharten sich um die K�nigin und deren Tochter. Emerelle war be-r�hrt von der Herzlichkeit, mit der sie miteinander umgingen. Und sie f�hlte sich fehl am Platz.</p><p>Leise trat sie aus der K�nigshalle. Drau�en regnete es noch immer. Der Nebel hatte sich gelichtet. Die Feuer waren fast erstickt. Dichter Rauch erhob sich aus den Ruinen.</p><p>Ein Hund machte sich an dem Toten zu schaffen. Kaum zu glauben, dass ein Heiler eine Fackel auf ein Haus geschleudert hatte, in dem er Sterbenskranke w�hnte. Das Haus seiner K�nigin! Die Menschen w�rden ihr immer ein R�tsel bleiben.</p><p>Emerelle h�rte Schritte hinter sich. Kadlin trat zu ihr in den Regen. Sie hatte einen groben, gr�nen Wollumhang um ihre Schultern gelegt. �Danke�, sagte sie schlicht und zugleich mit solcher Herzlichkeit, dass jedes weitere Wort ihr tiefes Gef�hl nur verw�ssert h�tte.</p><p>�Ich bin froh, dass ich zur rechten Zeit gekommen bin�, entgegnete Emerelle.</p><p>Schweigend standen sie eine Weile nebeneinander und blickten auf den Fjord hinab.</p><p>Schlie�lich war es Kadlin, die die Stille brach. �Was f�hrt dich hierher, K�nigin?�</p><p>Emerelle musste l�cheln. Kadlin war klug. Ihr war klar, dass es kein g�ttliches Wunder war, das sie nach Firnstayn gef�hrt hatte. �Ich suche Melvyn�, entgegnete sie unumwunden.</p><p>Kadlin sah sie forschend an. �Wozu?�</p><p>Offensichtlich machte sie sich Sorgen um das Wohl ihres Halbbruders. �Er soll mich auf einen Berg f�hren. Nur er kann den Weg dort hinauf finden.�</p><p>�Kannst du nicht mit einem der gro�en Adler fliegen?�</p><p>Die Menschentochter schien sie wohl f�r einf�ltig zu halten. �Nein.�</p><p>Kadlin sah sie fordernd an. Emerelle schwieg. Aus dem jungen M�dchen von einst war wahrlich eine K�nigin geworden. Sie lie� sich nicht davon einsch�chtern, wer vor ihr stand. Emerelle entschied, dass sie sich eine klarere Antwort verdient hatte. �Ein Zauber liegt auf dem Berg. Man nennt ihn Albenhaupt. Starke Winde verhindern, dass sich V�gel dem Gipfel n�hern. Sie w�rden gegen die Felsen geschmettert. Melvyn ist der Einzige, der mich dort hinauff�hren kann.�</p><p>�Warum kann das niemand anders?�</p><p>Emerelle war �berrascht. Kannte die K�nigin keine Dankbarkeit? Es war �beraus unh�flich, so bohrend nachzufragen, wo sie doch durch ihre Antworten deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie �ber dieses Thema nicht weiter reden wollte.</p><p>�Ist es gef�hrlich f�r meinen Bruder?�</p><p>�F�r ihn wird es nicht gef�hrlich sein. Es hei�t, weder ein Menschenkind noch ein Albenkind k�nne lebend zum Gipfel des Berges gelangen. Dein Bruder ist der Sohn einer Elfe und eines Menschen. Nie zuvor ist aus einer Verbin dung zwischen Elfen und Menschen ein Kind hervorgegangen. Es ist sein Schicksal, auf diesen Berg gelangen zu k�nnen!�</p><p>�Ist es das? Oder ist er vielleicht zweifach verflucht, weil er Mensch und Elf ist?�</p><p>Emerelle musste sich eingestehen, dass sie dies noch nicht in Erw�gung gezogen hatte.</p><p>�Es ist nicht deine Aufgabe, �ber den Weg deines Bruders zu befinden. Diese Entscheidung kann er nur allein treffen.�</p><p>�Du hast Swana und mir das Leben gerettet. Wie frei ist er da noch, dir eine Bitte abzuschlagen?�</p></section><section><title><p>Nie wieder Pferd</p></title><p>Er dachte an die dralle Blonde, die vor dem Wirtshaus gestanden hatte, und schnaubte.</p><p>�Alles gut, mein Gro�er�, sagte Adrien. Der Junge striegelte ihn. Er hatte ihn auch eigens abgesattelt. Diese Dinge �berlie� er nie anderen. Er war manchmal geradezu anstrengend vorbildlich. Ein lebender Heiliger. Nie stieg er ins Bett eines Weibs.</p><p>Gelegenheiten h�tte es genug gegeben. Die Blonde vorm Wirtshaus hatte ihm sch�ne Augen gemacht, aber er hatte das nicht einmal gemerkt.</p><p><emphasis>In der Stadt gibt es einen Pferdemarkt.</emphasis></p><p>�Suchst du eine Stute?�</p><p>Er sagte das sehr sachlich. Der Junge hatte einfach keinen Humor, dachte Jules �rgerlich. Dabei hatte er unwissentlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Er h�tte nicht �bel Lust, ihm �ber einige Dinge einmal gr�ndlich die Meinung zu sagen�... Aber das durfte er nicht. Adrien war genau so geworden, wie er ihn hatte haben wollen. All die Jahre der M�hen hatten ihn zum perfekten Ritter gemacht. Zu einem echten Langeweiler! Seit er nicht mehr nach dieser Elodia suchte, k�mmerte er sich nur noch um Belange der Kirche oder rettete Arme und Rechtlose.</p><p><emphasis>Ich werde dich verlassen m�ssen.</emphasis></p><p>Adrien lie� den Striegel sinken. �Habe ich dich beleidigt? Das wollte ich nicht! Ich dachte ��</p><p><emphasis>Es hat nichts mit Stuten zu tun,</emphasis> log Jules. <emphasis>Du wei�t, Tjured hat mich geschickt, damit ich auf dich achtgebe. Aber du brauchst schon lange keinen Aufpasser mehr. Du bist ein Mann und stehst selbst f�r deine Taten und dein Leben ein. Ich bin stolz auf dich. Von dem unsicheren Jungen, den ich vor vier Jahren getroffen habe und der nicht einmal reiten konnte, ist nichts mehr geblieben.</emphasis></p><p>�Aber ich brauche dich! Du hast mir so oft einen Rat gegeben. Und ich weiߠ... � Seine Stimme sank zu einem Fl�stern. �Du erwartest von mir, dass ich K�nig Cabezan t�te.�</p><p><emphasis>Du hast keine Lust, den K�nig zu erschlagen. Du h�ltst es f�r unritterlich, einen alten kranken Mann in seinem Bett niederzustechen. Wir haben oft genug dar�ber gestritten. Deine Vorstellung von Ritterlichkeit f�hrt dazu, dass keine Woche verstreicht, in der nicht Morde auf Befehl des K�nigs geschehen. Das kannst du dulden. Du opferst diese Menschen deinem Kodex der Ritterlichkeit.</emphasis></p><p>�Gehst du deshalb?�</p><p><emphasis>Nein, Junge. Die Zeit ist einfach gekommen�... Tjured hat andere Aufgaben f�r mich. Es war eine gute Zeit mit dir. Ich werde dich immer in Erinnerung behalten.</emphasis></p><p>�Ich werde Cabezan t�ten!� Jetzt hatte er alle Vorsicht fahren lassen. Sie waren zwar allein im Stall, aber man konnte nie wissen, wer lauschte.</p><p><emphasis>Ich wei�. Du musst es tun. Oder er wird einen Weg finden, dich zu t�ten. Er wird es nicht lange ertragen, dass es einen Mann wie dich in seinem K�nigreich gibt. Nur einen Rat m�chte ich dir noch geben. Sei darauf vorbereitet, dass 467</emphasis></p><p><emphasis>er deine Ritterlichkeit gegen dich nutzen wird. Sei vorsichtig! Er ist ein alter, kranker Mann.</emphasis></p><p><emphasis>Aber er ist immer noch gef�hrlich.</emphasis></p><p>Adrien legte den Striegel zur Seite. Sein Gesicht wirkte hart und verschlossen. So wie er immer aussah, wenn er seine Gef�hle um jeden Preis verbergen wollte. Doch seine Stimme beherrschte er nicht. �Ich werde dich vermissen�, sagte er traurig.</p><p>Der Kleine schaffte es tats�chlich, dass er ger�hrt war. Er hatte viel zu viel Zeit mit ihm verbracht. Er war ihm ans Herz gewachsen. Vor so etwas sollte er sich h�ten!</p><p>Menschen lebten zu kurz, um sich auf Gef�hle f�r sie einzulassen. Adrien hatte seine Sache gut gemacht. Das war es. Der Ritterorden war gegr�ndet. Die Aufgabe des Jungen war erf�llt. Der Tyrannenmord w�re noch ein sch�ner Paukenschlag gewesen, aber Adrien musste es nicht mehr tun, um als der heilige Michel Sarti in die Geschichte der Tjuredkirche einzugehen.</p><p>Jules trat aus dem Stall. Frei! Wie sehr hatte er das vermisst. Vier Jahre war er jetzt ein Pferd gewesen. Das war genug! Auch wenn er den Jungen mochte und einigen Spa� in dieser Rolle gehabt hatte.</p><p><emphasis>Ich bin nicht gut darin, Abschied zu nehmen. Lebe wohl, Adrien. Und pass auf dich auf, wenn du kein Pferd mehr hast, das dir den R�cken freih�lt.</emphasis></p><p>Der Junge umarmte ihn! Das durfte doch nicht wahr sein. Er scherte sich nicht darum, wie er vom Gasthaus angestarrt wurde! �Lebe wohl, wei�er Donner. Ich werde unsere Gespr�che vermissen.�</p><p><emphasis>Du sol test aufh�ren, in al er �ffentlichkeit mit einem Pferd zu reden. Das ist selbst f�r einen Beinahe-Heiligen ein seltsames Verhalten. Und ja�... Ich werde die Gespr�che mit dir idealistischem Dickkopf auch vermissen.</emphasis></p><p>Jules wandte sich ab und preschte die winterliche Landstra�e entlang. Er wunderte sich �ber seine Gef�hle. Er vermisste den Jungen schon jetzt. Es war h�chste Zeit, dass er sich um andere Dinge k�mmerte. F�r solchen sentimentalen Unsinn gab es keinen Platz in seinem Leben!</p></section><section><title><p>Der K�nigsmacher</p></title><p>Anderan kam als Letzter in den Versammlungsraum der Kommandanten, jenes inneren Zirkels von Getreuen, die Elija um sich versammelt hatte. Von den alten Kommandanten aus der Zeit des Kampfes gegen die Elfen war nur noch eine Handvoll verblieben. Die meisten waren, so wie er, erst sp�ter erw�hlt worden. Er war hier, weil er Elija einst gegen den Shi-Handan verteidigt hatte. So lange Jahre hatte er sich mit Begeisterung der Aufgabe verschrieben gehabt, der Welt eine neue, bessere Ordnung zu geben. Doch jetzt war er zutiefst ern�chtert. Gestern erst war er aus Feylanviek zur�ckgekehrt. Der Frost hatte ihn zwei Finger und drei Zehen gekostet. Und er hatte noch Gl�ck gehabt, dass der j�ngere Kobold sich Soltons Vorschlag, ihn im Kanal zu ertr�nken, entschieden widersetzt hatte.</p><p>Anderan nahm auf dem letzten noch freien Stuhl Platz. Er sa� neben dem Neuen. Dem Bruder Elijas. Er hatte seit gestern einiges �ber diesen jungen Lutin zu h�ren bekommen. Wie es schien, war er �ber lange Zeit in Gesellschaft Emerelles gewesen. Er hatte die gefallene K�nigin get�uscht und ausspioniert. Wenn es stimmte, was er sagte, hatte sie keinerlei Ambitionen, ihren Thron zur�ckzuerobern.</p><p>Elija erhob sich von seinem Sitz. Die leisen Gespr�che der Kommandanten verstummten. Doch statt Elija sahen sie alle ihn an. Was ging hier vor?</p><p>�Br�der und Schwestern, gestern hat der Kronrat �ber die F�rsten entschieden, die zur K�nigswahl aufgerufen werden. Auch wurden die Richtlinien festgelegt, nach denen die Wahl abgehalten werden kann. Seit Wochen war dies immer wieder das Thema unserer geheimen Versammlungen, und ich freue mich euch mitteilen zu k�nnen, dass der Kronrat so beeinflusst werden konnte, dass er ganz in unserem Sinne entschieden hat. Es werden die beiden Kentaurenf�rsten Katander und Nestheus berufen werden.�</p><p>Anderan traute seinen Ohren nicht. �Unsere Feinde sind zur K�nigswahl berufen?�</p><p>Elija bedachte ihn mit einem �rgerlichen Blick. �Da du in den letzten Wochen nicht anwesend warst, fehlt dir das tiefere Verst�ndnis. Der Gedanke bei dieser Wahl ist, sie machtlos zu lassen. Sie sind gezwungen, nach unseren Pl�nen zu agieren. Kommen sie nicht zum Fest der Lichter, dann verlieren sie ihr Gesicht, und es ist fraglich, ob sie dann weiterhin als Anf�hrer ihrer V�lker akzeptiert werden. Kommen sie hingegen, dann verf�gen sie nur �ber zwei von sieben Stimmen. Skanga und Gilmarak sind �berzeugt, dass sie deshalb ungef�hrlich bleiben, denn der K�nig wird mit einfacher Mehrheit gew�hlt. Sie haben sich sogar dazu hinrei�en lassen, den Elfen Alvias zu berufen, den ehemaligen Hofmeister Emerelles. Der Herzog vom Mordstein und der Herzog von der Wolfsgrube vertreten die Trolle bei der K�nigswahl. Beide sind nicht gerade ber�hmt f�r ihren scharfen Verstand. Aber sie sind Gilmarak unbedingt ergeben. Skanga ist nicht dumm. Sie bef�rchtet schon seit langem, dass ich nach der Krone Albenmarks greifen k�nnte. Deshalb hat sie mich als einen der F�rsten bestimmt, die zur K�nigswahl aufgerufen sind. Jene F�rsten k�nnen sich nicht selbst f�r den K�nigstitel bewerben. Nur um mich in dieses Amt erheben zu k�nnen, wurde ich mit dem F�rstentitel von Tanthalia belehnt, denn um einen K�nig zu w�hlen, muss man ein F�rst Albenmarks sein. Der siebente F�rst in dieser erlauchten Runde wirst du sein, Anderan. Neben mir bist du der einzige Kobold Albenmarks, der einen durch den Kronrat anerkannten F�rstentitel tr�gt. Wegen dieser Angelegenheit wird Skanga dich sehr bald zu sich berufen.�</p><p>Anderan war v�llig �berrumpelt. Das war das Letzte, womit er gerechnet hatte. Einige der Kommandanten sahen ihn wissend an. Ihm schwante nichts Gutes. �Was will die Schamanin von mir?�</p><p>�Wie du wei�t, ist Skanga alles andere als dumm. Nat�rlich kann sie bis sieben z�hlen.</p><p>Und sie traut uns Kobolden nicht. Sie hat mich mit einem Fluch belegt. Sollte ich es wagen, gegen Gilmarak zu stimmen, so werde ich im selben Augenblick sterben, in dem ich dies tue. Und nicht nur ich. Al e, die mir in meinem Leben je etwas bedeutet haben, werden hingerafft werden. Sie wird dir mit ihrem Steinmesser in die Brust schneiden und einige sehr unangenehme Dinge tun, wenn sie dich mit diesem Fluch belegt. Ich erwarte von dir als Mitglied unserer verschworenen Gemeinschaft, dass du dich diesem Ritual unterwirfst.�</p><p>Anderan war v�llig perplex. Vielleicht war er von den Strapazen seiner Reise und den Erfrierungen noch zu geschw�cht. �Wenn wir gezwungen sind, f�r Gilmarak zu stimmen, was gewinnen wir in dieser Intrige?�</p><p>Elija l�chelte triumphierend. �Bitte, verzeih mir, aber du denkst wie ein Troll.�</p><p>Alle lachten. Sie waren offensichtlich eingeweiht.</p><p>Elija machte sich einen Spa� daraus, ihn noch einige Augenblicke dumm aussehen zu lassen, dann erbarmte er sich. �Auch Skanga hat in ihr Kalk�l lediglich einbezogen, dass man f�r oder gegen Gilmarak stimmen k�nnte. Wir werden uns einfach der Stimme enthalten. Damit trifft uns der Fluch nicht, und Gilmarak ist mit drei gegen zwei Stimmen abgew�hlt. Und wer bei der K�nigswahl einmal durchgefallen ist, der kann erst zum n�chsten Fest der Lichter in achtundzwanzig Jahren wieder zur Wahl antreten.�</p><p>Anderan fand den Plan widersinnig. �Was ist damit gewonnen? Du bist unter den F�rsten, die w�hlen. Wie willst du K�nig werden?�</p><p>�Noch ein Trollgedanke, mein Lieber. Ich bin sicher, auch Skanga hat das erwogen.</p><p>Aber die alten Gesetze zur K�nigswahl, die wir nie au�er Kraft gesetzt haben, sehen vor, dass ab dem zweiten Wahlgang auch F�rsten, die zur Wahl berichtigt sind, K�nig werden k�nnen. Sie k�nnen dann allerdings nicht mehr an der Abstimmung teilnehmen.�</p><p>�Du glaubst doch nicht etwa, dass Katander, Nestheus und Alvias f�r dich stimmen w�rden.�</p><p>Der Lutin schnitt eine Grimasse. �Ich f�rchte, da hast du Recht. Die Kentauren werden den Lutin niemals verzeihen, dass wir die Grabkammern ihrer Ahnen zu Vorratslagern f�r die Trolle gemacht haben. Deshalb werde nicht ich zur K�nigswahl antreten. Du wirst es.�</p><p>Anderan klappte der Kiefer hinab. �Das ist�... � Er fand keine Worte. Er h�tte nie davon zu tr�umen gewagt, der Herrscher Albenmarks zu werden. Das war niemals das Ziel in seinem Leben gewesen.</p><p>Elija schien seine Gedanken zu ahnen. �Einer aus unserer Mitte muss K�nig werden.</p><p>Und du bist der einzige echte F�rst unter allen Kobolden. Du hast einen guten Namen.</p><p>Viele kennen dich. Du bist schon lange im Kronrat. Und du wirst mir nicht widersprechen, dass Albenmark nicht noch achtundzwanzig Jahre Trollherrschaft ertragen kann. Sie werden alles zugrunde richten. Gilmarak hat meine fr�hen Schriften gr�ndlich falsch verstanden. Ich war immer f�r eine Umverteilung des Reichtums. F�r eine gerechtere Gesellschaft. Aber die Sch�tze Albenmarks zu vernichten und die Geldwirtschaft abzuschaffen, das ist verr�ckt! Er hat schweren Schaden damit an-gerichtet. Und bald wird dieser Schaden unumkehrbar sein. Dir muss ich nicht erkl�ren, dass die Snaiwamark-Karawanen nicht dazu dienen, die H�hlen der Trolle mit Gold zu pflastern.�</p><p>Anderan wusste, dass die Sch�tze zu dem Vulkan geschafft wurden, der sich an der Stelle der untergegangenen Trollfestung K�nigsstein erhob. Er war zugegen gewesen, als die erste Karawane ihr Ziel erreichte. Au�er ihm waren nur drei andere Kobolde aus dem Kronrat mit anwesend gewesen. F�r das letzte St�ck des Weges waren die Sch�tze allein Trollen anvertraut worden. Die Steppenschiffe, die das letzte St�ck ihres langen Weges als Eissegler zur�ckgelegt hatten, ankerten etwa zehn Meilen vom Vulkan entfernt. Und die Trolle, die kamen, stammten aus den neuen H�hlen, die nahe beim K�nigsstein in den Fels gegraben wurden. Diese Trolle schleuderten die Sch�tze Albenmarks in den Schlund des Vulkans. Drei Karawanen hatten den Vulkan erreicht.</p><p>Und unz�hlige Schiffsladungen mit Sch�tzen waren an den Ufern der Walbucht ange-landet worden. Gilmarak musste nur noch ein oder zwei Jahre an seinem Plan festhalten, dann w�rde es in ganz Albenmark nicht mehr genug Gold oder Silber geben, um eine Geldwirtschaft aufzubauen. Der Schwarze, ein Drucker, der zum geheimen Rat der Kommandanten geh�rte, hatte zwar vorgeschlagen, man k�nne�</p><p>Wertpapiere drucken und mit ihnen Gold und Silber ersetzen, aber Anderan konnte sich nicht vorstellen, dass das eine Zukunft haben k�nnte. Wer w�rde schon einem St�ck Papier vertrauen! Und wie leicht w�re es, sein Verm�gen zu vermehren, indem man neue Papiere druckte. Das hatte weder Hand noch Fu�! Keine gesunde Wirtschaft w�rde auf der Basis von Papieren existieren k�nnen. Niemand im Volk w�rde diesen Papieren vertrauen. Gold und Silber waren etwas Handfestes! Seit Anbeginn der Zeiten waren sie das R�ckgrat des Handels gewesen.</p><p>�Warum sollten Katander und Nestheus mich w�hlen?�</p><p>�Weil du das kleinste �bel bist, Kamerad. Sie werden wissen, dass sie niemals Herrscher Albenmarks w�rden. Und wenn sie dich nicht w�hlen, wer wei�, wer im dritten Wahlgang antritt.�</p><p>Anderan lie� sich auf das Gedankenspiel ein. �Gut, dann habe ich also die Stimmen der Kentauren und deine. Die beiden Trolle werden gegen mich stimmen. Wenn Alvias auch gegen mich stimmt, dann habe ich keine Mehrheit.�</p><p>�Alvias wird dann nicht mehr am Leben sein.�</p><p>�Was�... � Anderan f�hlte sich vorgef�hrt wie ein Kind.</p><p>�Denk dich doch einmal in ihn hinein. Er war der treueste der Treuen. Unz�hlige Jahre war er der Hofmeister Emerelles. Er hatte Burg Elfenlicht zu dem gemacht, was es war.</p><p>Er hatte daf�r gesorgt, dass Emerelles Herrschaft Glanz hatte! Ich bin sicher, er wei�, wie es hier aussieht. Wei�, was die Trolle aus seiner Burg gemacht haben. Und er wird sie daf�r hassen, dass sie Emerel e ihre Macht entrissen haben und sie dem�tigten. Bis zum ersten Wahlgang wird er nicht an Gilmarak herankommen. Aber wenn der Trollk�nig in der Wahl unterliegt, wird es zu einem Tumult kommen. Und diese Gelegenheit wird Alvias nutzen, um sich an Gilmarak zu r�chen. Er ist nicht der Schwertmeister, aber ich wei�, dass er in einer Reihe von Schlachten gek�mpft hat.</p><p>Vielleicht schafft er es, Gilmarak zu t�ten. Ganz sicher wird er nicht �berleben. Dann sind nur noch f�nf F�rsten �brig, die w�hlen k�nnen, und dir werden drei Stimmen zur Mehrheit gen�gen.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich die B�rde des K�nigtums tragen kann�, wandte er unsicher ein.</p><p>�Glaubst du, du w�rdest schlechter herrschen als ein Troll? Nat�rlich werden wir dir alle zur Seite stehen. Du wirst auf dem Thron sitzen, aber du bist nicht allein.�</p><p>Schwang im letzten Satz eine Warnung mit? Sicherlich hatte Elija auch schon einen Plan daf�r, was er tun w�rde, falls er nicht so regierte, wie der Lutin sich das w�nschte. �Und was ist mit Emerelle? Glaubst du, sie wird nicht versuchen, wieder an die Macht zu gelangen?�</p><p>�Davon erz�hlt dir besser mein Bruder Nikodemus. Er war lange an der Seite der K�nigin. Er wei� besser, wie es um sie steht als irgendjemand sonst in Albenmark.�</p><p>Der Lutin sah noch sehr jung aus. Erst jetzt bemerkte Anderan, dass ihm ein Daumen fehlte. Auch wenn es widersinnig war, machte es ihm den Lutin sympathisch, dass sie beide auf die gleiche Art verst�mmelt waren.</p><p>�Ich glaube, Emerelle ist wahnsinnig geworden�, begann er mit ruhiger Stimme. �Ich selbst habe gesehen, wie sie sich nackt auszog, von Wilden mit Lehm einschmieren lie� und so durch die W�ste lief. Als ich die Elfe verlie�, hatte sie den Plan gefasst, auf das Albenhaupt zu steigen. Sie ist davon �berzeugt, dass die Alben nicht unsere Welt verlassen haben, sondern auf dem Gipfel des Berges zu finden sind. M�glicherweise wird ihr Schwertmeister versuchen, die Krone Albenmarks zu erlangen. Aber er vertraut mir. Er wird mit mir wieder in Verbindung treten. So werde ich �ber alles im Bilde sein, was er plant.�</p><p>Anderan hatte Emerelle beim letzten Fest der Lichter in ihrem Schmetterlingskleid gesehen. Die K�nigin hatte so majest�tisch und unnahbar gewirkt! Und jetzt irrte sie mit Lehm beschmiert unter Wilden umher? Wie tief musste sie gesunken sein!</p><p>�So wie ich es sehe�, �bernahm nun wieder Elija das Wort, �gibt es drei Gruppen, die um die Krone streiten werden. Die Trolle, der Schwertmeister und wir. Wir sind die Einzigen, die die Pl�ne aller kennen. Deshalb werden wir siegen. Der Kampf um die Krone ist eine Schlacht! Doch diese Schlacht wird nicht durch die Kraft des Schwertarms entschieden, und deshalb sind wir Elfen und Trollen nicht unterlegen.</p><p>Wir werden siegen, weil dies der einzige logische Schluss aus dem Verlauf der Geschichte Albenmarks ist. Die Koboldv�lker stellen die bei weitem �berwiegende Mehrheit aller Albenkinder. Die Zeit der Herrschaft der wenigen �ber die vielen ist vor�ber. Wir leben in der Epoche, in der das Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.</p><p>Und wir sind die legitimen Vertreter des Volkes. Aber wir d�rfen nicht au�er Acht lassen, dass kurz vor dem endg�ltigen Sieg die gr��te Gefahr droht. Wir m�ssen darauf vorbereitet sein, dass sich die Elfen noch ein letztes Mal gegen den unab�nderlichen Lauf der Geschichte aufb�umen werden. Sie werden Meuchler schicken. Du wirst in Gefahr sein, Anderan. Bruder Madrog und seine Spinnenm�nner werden dich besch�tzen, wenn du auf der Prunkbarkasse zum K�nig erhoben wirst.</p><p>Und wir werden in den n�chsten Wochen Tausende der treuesten Rotm�tzen nach Vahan Calyd bringen. Sie werden bereitstehen, um notfalls einen Putsch anzuf�hren, wenn die K�nigswahl nicht den gew�nschten Verlauf nimmt.�</p><p>Damit war wohl sein Tod gemeint, dachte Anderan zynisch. Er versuchte sich nicht auszumalen, was Skanga ihm antun w�rde, wenn er statt Gilmaraks zum Herrscher Albenmarks wurde.</p><p>�Jeder von uns hat in den letzten Jahren gro�es Leid erdulden m�ssen. Ich verlor mit Ausnahme meines Bruders und unserer Kameradin Liza meine ganze Sippe bei der Schlacht um die Snaiwamark-Karawane. Ich wei�, dass es niemanden in dieser Runde gibt, der keine Toten zu beklagen h�tte. Denkt an eben diese Toten, wenn ihr nach Vahan Calyd geht. Der Tag, an dem wir den Preis f�r ihre Opfer einfordern, ist nicht mehr fern. Der Tag, f�r den sie gestorben sind. Wir schulden es ihnen zu siegen und unsere Welt in jenen Ort zu verwandeln, von dem sie nur tr�umen konnten. Und die vollkommene Gesellschaft, in der kein Schwacher mehr die Tyrannei der Starken zu f�rchten hat. Eine Welt, in der wir alle vor den Gesetzen gleich sind. Erhebt euch, Br�der und Schwestern! Gedenkt eurer Toten! Und wenn wir auseinandergehen, dann lasst uns mit all unserer Kraft f�r unser ruhmreiches Ziel streiten. Wenn wir das n�chste Mal zusammenkommen, wird Anderan Herrscher Albenmarks sein.�</p></section><section><title><p>Das Lied des Berges</p></title><p>Sieben Wochen hatten die beiden ihr gestohlen! Das war der Preis, den Kadlin und Melvyn ihr abverlangt hatten. Sie hatte so lange im Fjordland bleiben m�ssen, bis die Pest besiegt war. Und Kadlin war eisern geblieben. Melvyn war einer der besten Krieger Albenmarks, aber der Willensst�rke Kadlins hatte er nichts entgegenzusetzen.</p><p>Eine B�e packte ihren Adler und dr�ckte ihn unbarmherzig hinab, den Felsen entgegen. Er k�mpfte verzweifelt mit den Fl�geln schlagend gegen den Wind an.</p><p>Zerfetzte Wolkenschleier h�llten die Klippen ein. Emerelle sp�rte, wie die Spitzen der Schwingen �ber Stein streiften. Der Adler legte die Fl�gel an und lie� sich an einer Steilwand vorbeist�rzen. Sie wurde in ihrem Trageger�st herumgerissen. Ihr Magen rebellierte.</p><p>Pl�tzlich breitete der Adler seine Fl�gel weit aus. Der Sturzflug wurde abgefangen. In weiten Spiralen und mit einigem Abstand zum Berg begann er wieder den Aufstieg.</p><p><emphasis>Das sollten wir nicht noch einmal versuchen.</emphasis> Wolkentaucher, der Adlerf�rst, der Melvyn trug, kreiste ein St�ck weit �ber ihnen. <emphasis>Wir kommen nicht h�her als bis zum �stlichen Gletscher. Wir m�ssen euch dort absetzen. Wenn ihr klug seid, kommt ihr mit uns zur�ck.</emphasis></p><p>Emerelle musste den Kopf verdrehen, um Wolkentaucher zu sehen. Fleckfu�, ihr eigener Adler, wirkte ersch�pft. Emerelle hing dicht unter seiner Brust und hatte nur schlechte Sicht nach oben. All ihre Glieder schmerzten vom turbulenten Flug. Melvyn hatte f�r sie beide ganz neue Fluggeschirre entworfen. Sie besa�en Gurtzeug wie ein Rucksack, aber mit zus�tzlichen Ledergurten, die bis hinab zum Schritt reichten und auch quer �ber die Brust verliefen. Alle Gurte waren mit einem starken St�ck Wur zelholz auf ihrem R�cken verbunden. Es ragte bis �ber ihren Kopf, wo ein liegender, ovaler Ring in das Holz eingelassen war. Der mit mehreren Schichten aus Lederstreifen verst�rkte Ring wurde von den Adlern gepackt. So konnten diese sie tragen.</p><p>Allerdings schnitt das Gurtzeug, auch wenn es straff angelegt war, mit der Zeit ins Fleisch. Es war eine alles andere als komfortable Art des Reisens.</p><p>Melvyn hatte sich in den letzten Wochen in jedem freien Augenblick auf diese Reise vorbereitet. Er schien keine Angst zu haben. Vielleicht war es eine willkommene Abwechslung von seinem Dasein als Familienvater. Er liebte Leylin und seinen Sohn Conlyn. Aber er vermisste auch seine Freiheit. Er hatte Steigeisen und Eispickel f�r ihre gefahrvolle Reise geschmiedet. Und er war zweimal f�r ein paar Tage mit ihr in die Berge gegangen, um sie im Klettern zu unterrichten. Sie hatten an einem gefrorenen Wasserfall ge�bt, wie man eine Eiswand erklimmt. Er hatte sie auch gelehrt, wie man sich im Klettergeschirr bewegte und gegenseitig sicherte.</p><p>Offensichtlich ging er das Unternehmen mit gro�er Begeisterung und Ernsthaftigkeit an. Und mit jedem Tag war Emerelle sich sicherer gewesen, dass er der Richtige f�r den Aufstieg auf das Albenhaupt war.</p><p><emphasis>Wir nehmen den Gletscher.</emphasis></p><p>Emerelle blickte hinauf zu dem brodelnden Wolkenmeer, das den Gipfel umgab.</p><p>Obwohl die Mittagsstunde kaum verstrichen war, war der Himmel bereits dunkel.</p><p>Emerelle sch�tzte sich mit einem Zauber gegen die m�rderische K�lte, und doch f�hlte sie sich der Macht der Naturgewalten ausgeliefert. Weiter im S�den hielt der Fr�hling Einzug. Doch hier war von einem Ende des Winters nichts zu sp�ren.</p><p>Vor ihnen erschien eine weite, wei�e Fl�che. Der Hang war dort nicht zu steil. Die beiden Adler flogen den �stlichen Gletscher an. Sie glitten durch feuchte Wolkenfetzen, die von der Macht der Winde die Bergflanken hinabgedr�ckt wurden.</p><p><emphasis>Setz mich dort ab, Fleckfu�,</emphasis> dachte Emerelle. Sie sp�rte die Erleichterung des Schwarzr�ckenadlers. Die riesigen V�gel, die einen B�ffel schlagen k�nnten, f�rchteten den Berg. Mit weit ausgestreckten Fl�geln glitt er �ber das Schneefeld dahin. Er wagte es nicht, tiefer als zehn Schritt �ber dem Schnee zu fliegen, aus Angst, eine B�e k�nnte ihn gegen den Hang schleudern. Emerelle entspannte sich, um den Aufschlag besser zu �berstehen.</p><p><emphasis>Jetzt!</emphasis></p><p>Die Krallen des Adlers �ffneten sich. Sie st�rzte. Der Schnee federte ihren Aufprall ab.</p><p>Sie schlitterte ein St�ck den Hang hinab und fand dann einen festen Stand.</p><p>Melvyn war vielleicht hundert Schritt �ber ihr am Hang gelandet. Er rief etwas, doch der heulende Wind verschlang seine Worte. Er deutete auf eine Felsnase, die sich wie ein dunkler Turm aus dem Schnee erhob.</p><p>Die beiden Adler waren bereits in den treibenden Wolken verschwunden. Jetzt gab es kein Zur�ck mehr. Leichtf��ig lief die Elfe �ber den Schnee. Trotz des schweren Gep�cks sank sie bei ihren Schritten kaum ein. Wie alle Elfen wusste sie, wie man mit dem Schnee ging, statt gegen ihn anzuk�mpfen wie Trolle oder Menschenkinder, die mit ihren plumpen Schritten tiefe Furchen in das Wei� zogen.</p><p>Melvyn kauerte sich in den Windschatten des Felsens. Eiskristalle gl�nzten in seinem Haar. �Hast du die Stufen weiter oben im Schnee bemerkt?�</p><p>Emerelle nickte.</p><p>�Das sind Bruchkanten�... Hier gehen�... Lawinen nieder� kann eine solche Bruchkante zur�ckbleiben. Wenn wir auf den Gletscher�... sol ten wir uns beeilen. Wir m�ssen�... schnell bis zu dem Felsgrat gelangen, der sich�... im Norden erhebt. Ich hoffe...wir ein weites St�ck zum Gipfel hinauffolgen.�</p><p>Emerelle nickte. Die H�lfte von Melvyns Worten hatte sie ihm von den Lippen abgelesen, weil der heulende Wind jedes andere Ger�usch �berlagerte. Er trat dicht an sie heran und begann die Lederriemen des Adlergeschirrs zu l�sen. Zwei Schritt hinter ihr gab es einen tiefen Einschnitt im Felsen.</p><p>�Wir werden die Geschirre�... verstauen. Wolkentaucher�... versprochen, dass er jeden Tag zwei Stunden�... Sonnenaufgang hierherkommt, um uns zu suchen.�</p><p>Wieder verstand sie nicht alles. Sie streifte das Gurtzeug ab und trat an die Spalte.</p><p>Leichte Kopfschmerzen pochten hinter ihrer Stirn. Vielleicht lag es an dem turbulenten Flug. Sie schob das Adlergeschirr in die Spalte. Mitten in der Bewegung hielt sie inne.</p><p>Dort kauerte eine Gestalt. Die Knie angehockt und mit den Armen umschlungen. Das Kinn auf die Knie gesetzt. Ihr Gesicht war dunkel vom Frost. Darin leuchtete das Wei� der Augen. Die Gestalt sah sie unverwandt an.</p><p>Sie musste tot sein. Das fein geschnittene, schmale Gesicht lie� an einen Elfen denken.</p><p>Emerelle beugte sich vor und wollte die Lider schlie�en. Sie waren gefroren. Je l�nger sie die Gestalt betrachtete, desto sicherer war sie, dass es ein Elf war. Er trug viel zu leichte Kleidung f�r die gro�e H�he. Das hie�, er war sich sicher gewesen, sich mit einem Zauber gegen den bei�enden Frost sch�tzen zu k�nnen.</p><p>Warum war er erfroren?</p><p>Sie stellte ihr Adlergeschirr vor den Toten. Melvyn bedachte ihn nur mit einem kurzen Blick. �Es hei�t, der ganze Gipfel sei ein einziges Grab�, sagte er. �Komm jetzt. Wir m�ssen m�glichst hoch hinauf gelangen, bevor es Nacht wird.�</p><p>Sie folgte ihm. Wind trieb Schleier aus Pulverschnee �ber den Gletscher. Melvyn ging mit sicheren Schritten. Man merkte, dass er im Schatten des Albenhaupts aufgewachsen war. Emerelle hingegen f�hlte sich m�de und ein wenig schwindelig. Alle paar Schritt musste sie innehalten und tief einatmen. Den Toten zu sehen, hatte ihr zu schaffen gemacht. K�lte war ihr tief in die Knochen gefahren. Es war die K�lte der Furcht.</p><p>Nach einer halben Stunde erreichten sie den felsigen Grat, den Melvyn zum Ziel ihrer ersten Etappe erw�hlt hatte. Auf der anderen Seite lag ein steiler Hang voller Ger�ll.</p><p>Vereinzelte Schneefl�chen durchbrachen das Steinfeld.</p><p>�Alles in Ordnung?�</p><p>Sie sah verwundert zu Melvyn auf. �Ja. Warum fragst du?�</p><p>�Du atmest schwer. Ist dir �bel?�</p><p>�Nein�, entgegnete sie gereizt. Die Kopfschmerzen setzten ihr zu. Vielleicht kamen sie vom Wind?</p><p>�Wenn du eine Rast brauchst, sag es bitte zeitig. In gro�er H�he zu wandern zehrt sehr schnell die Kr�fte auf. Manchmal sieht man Dinge ...� Eine B�e trug seine Worte davon.</p><p>Emerelle musste sich gegen den Wind ducken. �Was f�r Dinge?�, schrie sie.</p><p>�Dinge, die es nicht gibt!�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. Sie war nicht verr�ckt! Melvyn sah sie lange an, dann entschied er sich wortlos, weiterzuklettern. Sie folgte dem Weg, den er w�hlte. Auch er war offensichtlich ein wenig ersch�pft. Er hielt oft inne, um Atem zu holen, so dass sie immer wieder leicht zu ihm aufschlie�en konnte.</p><p>Bald waren sie inmitten der Wolken. Der Wind erstarb nie. Unabl�ssig heulte er �ber Eis und Schnee. Je l�nger man ihm lauschte, desto mehr klang er wie ein Lied. Der Berg sang! Es war ein melancholisches Lied. Ohne Worte, vol er Gef�hl.</p><p>Am Nachmittag mussten sie die Steigeisen anlegen. Der Felsgrat endete vor einem steilen Hang, der sich in Kaskaden schillernden Eises gekleidet hatte.</p><p>In der Steilwand kamen sie nur sehr langsam vorw�rts. Melvyn schlug Griffe in das Eis. Manchmal kam er ihr wie eine Fliege vor, die an einer glatten Wand hinauflief. Sie kicherte. Die Kopfschmerzen waren verflogen und einem ausgesprochenen Hochgef�hl gewichen. Nur ihre Finger brannten unangenehm. Manchmal klebten sie am Eis fest. Sie waren ganz rot geworden.</p><p>Immer wieder hielt sie inne, um tief zu atmen und auf den Wind zu lauschen. Der Berg sang ein Lied! Es war wirklich so. Sie konnte es nicht ganz richtig deuten. Aber es gab ihr die Kraft, gegen ihre Ersch�pfung anzuk�mpfen.</p><p>Manchmal schoss feiner Pulverschnee an ihnen vorbei in die Tiefe. Einmal erwischte es Melvyn, und er war ganz und gar mit feinen Eiskristallen eingepudert. Sie blieben an seinen Augenbrauen haften und in seinem Haar. Auch in den Falten seiner Kleidung nisteten sie sich ein.</p><p>Das Ende der Eiswand blieb in den treibenden Wolken verborgen. Emerelle hatte jedes Zeitgef�hl verloren. Als sie sich auf einem schmalen Sims niederlie�, um kurz auszu-ruhen, bemerkte sie, dass sich ihre H�nde verf�rbt hatten. Die Fingerspitzen waren ganz dunkel geworden. Wulstige Beulen wucherten an den Nagelbetten. Die H�nde brannten. Es war unangenehm, aber nicht schmerzhaft.</p><p>Sie l�chelte. Nur langsam drang durch das Gef�hl der Euphorie die Erkenntnis, dass ihre Zauber gegen die K�lte offensichtlich ihre H�nde nicht mehr sch�tzte. Sie tastete �ber ihr Gesicht. Deutlich sp�rte sie die Ber�hrung der Finger auf den Wangen. Aber ihre Finger sp�rte sie nicht mehr.</p><p>Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Sie blickte auf ihre H�nde. Langsam hob sie sie und verschr�nkte sie �ber der Brust, dort, wo unter ihrem grauen Lederkleid der Albenstein lag.</p><p>Immer mehr Schnee rieselte an den Eiskaskaden vor�ber.</p><p>Melvyn rief etwas zu ihr herunter, aber sie verstand kein einziges Wort. Der Berg schien einen Zauber um sie zu weben. Es fiel ihr immer schwerer, Entscheidungen zu treffen. Sie sollte zuerst ihre H�nde heilen. Diesen H�nden k�nnte sie bald nicht mehr trauen!</p><p>Sie versuchte sich zu konzentrieren. Jetzt sp�rte sie Schmerz in den Fingern. Er wich nur langsam.</p><p>Ein Pulverschneeguss verschlang die Welt. Der Schnee drang ihr in Mund und Nase.</p><p>Sie wollte aufstehen und schlug mit den Armen um sich. Der Abgrund! �ngstlich dr�ckte sie sich an das Eis. Wie hatte sie aufstehen k�nnen! Der Berg lullte sie ein und versuchte sie zu t�ten. Das war es, was sie alle umgebracht hatte. Sie war in Gefahr. Sie war nicht wie Melvyn. Er schien das Lied des Berges nicht zu h�ren.</p><p>Heftig atmend konzentrierte sie sich auf ihre H�nde. Sie durfte sich nicht so gehen lassen. Sie japste regelrecht nach Luft, und doch ging es ihr nicht besser. Ruhig! Der Berg w�rde sie nicht t�ten! Sie blinzelte den Schnee aus den Augen und sah nach oben.</p><p>Ihre H�nde konnten warten! Sie musste nahe bei Melvyn bleiben. Nur da war sie in Sicherheit. Melvyn war gegen den Berg gefeit.</p><p>Sie tastete nach den Griffen, die er ins Eis geschlagen hatte. Ihre Finger waren taub.</p><p>Aber dann konnten sie auch keine Schmerzen sp�ren! Sie kletterte. Keine Eile. Wenn sie es zu hastig anging, w�rde sie Fehler machen. Sie blickte kurz �ber die Schulter.</p><p>Unter ihr lagen vom Wind zerzauste Wolkenschleier. Sie konnte zwischen ihnen hin-durchblicken. Wie tief ging es dort hinab? Ihr Weg durch die Eiswand hatte sie vom Grat fortgef�hrt, �ber den sie gekommen waren. Jetzt war da eine Steilwand, unter ihr.</p><p>Das Eis ging in dunkle Felsen �ber, immer tiefer und tiefer. Eine Meile? Oder mehr?</p><p>Der Abgrund schien sie anzuziehen. Es war verlockend, loszulassen�...</p><p>Erschrocken presste sie ihr Gesicht gegen das Eis. Sie durfte nicht mehr nach unten sehen. Nicht zur�cksehen. Nicht weit �ber ihr war Melvyn.</p><p>Wieder stellte sie sich vor, wie sie einfach loslie� und r�ckw�rts in den Abgrund st�rzte. Es w�re befreiend.</p><p>�Emerelle?�</p><p>Die Stimme brach den Bann. Sie kletterte. Langsam. Hand �ber Hand. Sie presste sich so fest an das Eis, wie sie nur konnte. Dann streckte sich ihr eine Hand entgegen. Sie griff zu und wurde �ber eine Felskante gezogen. Vor ihr lag ein weiteres Schotterfeld, durch das sich breite Schneeb�nke zogen. Der Hang dort stieg nur sanft an. Sie atmete aus. In Sicherheit!</p><p>�Du zitterst ja.�</p><p>Sie wollte etwas sagen, aber sie war zu durcheinander. Sie sch�mte sich. Ihr Zittern konnte sie nicht unter Kontrolle bringen. Sie richtete sich auf und wollte weiter vom Abgrund fort. Da traf sie die B�e. Wie der Hieb einer unsichtbaren Faust. Pl�tzlich und ohne jede Vorwarnung. Sie geriet aus dem Gleichgewicht. Strauchelte�...</p><p>Melvyn packte sie und zog sie vom Abgrund fort.</p><p>�Der Berg ist b�sartig�, stie� er zwischen zusammengepressten Z�hnen hervor und zerrte sie weiter. �Wir sollten umkehren, solange wir es noch k�nnen!�</p><p>Emerelle betrachtete das l�cherlich kurze Seil, das Melvyn um seine Brust geschlungen trug. �Wie sollen wir damit zur�ck?�</p><p>Wieder fauchte eine B�e den Hang hinab. Diesmal hielten sie sich geduckt, und der eisige Gletscherwind vermochte ihnen nichts anzuhaben. �Wir werden uns jetzt anseilen�, sagte Melvyn bestimmend.</p><p>Emerelle blickte den Hang hinauf. Im Vergleich zur Eiswand w�rde das hier ein Spaziergang! �Warum?�</p><p>Der Maurawan sah sie �berrascht an. Dann trat er fest auf das Ger�ll. Einige kleine Steine l�sten sich und rollten dem Abgrund entgegen. �Vertrau dem Berg nie. Viele der Steine sind aneinandergefroren. Aber manche sind auch lose. Was glaubst du, was geschieht, wenn du hier zu rutschen beginnst. Und dann dieser Wind ... Eigentlich sollte hier viel mehr Schnee liegen. Die B�en fegen den Hang leer. Der Schnee bleibt nur liegen, wo vorspringende Felsen ihn vor dem Wind sch�tzen. Vielleicht l�st er sogar gelegentlich kleine Schotterlawinen aus. Wir sind hier auch nicht sicher.� W�hrend er sprach, hatte er das Seil abgenommen und ihr um die H�ften gebunden. Gewissenhaft kontrollierte er den Knoten. Dann schlang er das andere Ende des Seils um seine H�ften.</p><p>�Los�, er tastete vorsichtig mit dem Stiel seines Eispickels �ber den Boden. Unendlich langsam bewegten sie sich schr�g am Hang entlang.</p><p>Emerelle z�hlte leise. Vier Schritt. Halten. Tief atmen. Vier Schritt. Sie war wie in Trance. Sie versuchte, sich auf ihre H�nde zu konzentrieren. Die Blasen bei den Fingern�geln kamen ihr gr��er vor.</p><p>Melvyn zog am Seil. Ohne es zu merken, war sie stehen geblieben. Sie musste seinen Rhythmus einhalten. Vier Schritt. Tief atmen. Vier Schritt.</p><p>Die Wolken �ber ihnen teilten sich. Finger glei�enden Sonnenlichts tasteten �ber den Ger�llhang. Jetzt war es der Maurawan, der stehen blieb.</p><p>Ein St�ck schr�g unter ihnen lag eine Gestalt am Hang. Die Arme lang ausgestreckt, das Gesicht im Ger�ll vergraben. Der Wind hatte den gr��ten Teil der Kleider vom Leib des Toten gezerrt. Seine Haut schimmerte hell, fast alabasterfarben. Um die H�ften, wo Seil und Gurtzeug sa�en, hatten sich noch Kleiderreste erhalten. Viele Schichten �bereinander. Die Beine waren wieder nackt. Ein Fu� steckte in einem schweren Schuh mit genagelter Sohle. Der andere Schuh war verschwunden.</p><p>�Wie lange er wohl schon hier liegt?� Emerelle hatte ihre Stimme zu einem Fl�stern gesenkt. Selbst das Raunen des Windes war f�r einen Augenblick verstummt.</p><p>�Er hat noch gelebt, als sein Sturz dort endete�, murmelte Melvyn bedr�ckt.</p><p>�Vermutlich sind seine Beine gebrochen. Er hat versucht, sich den Hang hinaufzuziehen. Sein Seil ist zerrissen. Hier irgendwo ist sicher auch sein Gef�hrte. Er ist�... � Ein B�e trug die letzten Worte fort.</p><p>Ein St�ck vor ihnen schoss klackernd ein faustgro�er Stein �ber den Hang. Er riss ein paar kleinere Ger�llbrocken mit sich. Dann verschwand er im Abgrund. Emerelle stellte sich vor, wie es w�re, von einem solchen Stein am Kopf getroffen zu werden, w�hrend man in der Eiswand kletterte. Sie schluckte.</p><p>Die Wolkendecke hatte sich wieder geschlossen. Die Lichtfinger waren verblasst.</p><p>�Weiter!�, dr�ngte Melvyn.</p><p>Sie lie�en den Toten hinter sich zur�ck und verfielen wieder in den alten Rhythmus.</p><p>Vier Schritt. Tief Atmen. Vier Schritt.</p><p>Endlich brachte Melvyn sie zu einem Felsvorsprung, der Schutz gegen �berraschenden Steinschlag bot. �Du musst dich um deine H�nde k�mmern�, dr�ngte er.</p><p>Emerelle versuchte es. Vergeblich. Ihre Gedanken schweiften weiter. Sie konnte nicht bei einer Sache bleiben!</p><p>Endlich nahm Melvyn ihre H�nde zwischen die seinen und rieb sie. Ein Prickeln floss durch ihre Finger, als w�rden ihr tausend Nadeln unter die Haut getrieben.</p><p>�Du bist ausgek�hlt!�, sagte er vorwurfsvoll. �Warum sch�tzt du dich nicht gegen die K�lte?�</p><p>Sie hatte vergessen, den Zauber aufrechtzuerhalten! Das war ihr noch nie geschehen.</p><p>Sie hatte schon schlimmen Schneest�rmen in der Snaiwamark und Carandamon getrotzt. Sie hatte im ewigen Eis gek�mpft und war gejagt worden. Sie geh�rte zum Volk der Normirga. Elfen, die aus dem eisigen Norden stammten. Sich mit diesem Zauber zu sch�tzen, war f�r sie so selbstverst�ndlich wie zu atmen!</p><p>Sie fand keine Antwort, die sie Melvyn geben konnte.</p><p>Ihre H�nde sahen wieder besser aus. Es war besch�mend. Er war ein viel schlechterer Heiler als sie. Warum vermochte sie sich nicht mehr selbst zu helfen? Warum�... Sie verlor den Gedanken und lauschte wieder auf das Lied des Windes.</p><p>�Emerelle!�</p><p>Der Maurawan sch�ttelte sie. Benommen blinzelte sie. Sie war eingeschlafen!</p><p>Er nahm sie bei den Armen und hob sie sich auf die Schultern. �Bleib wach! Du hattest Recht. Weiter oben habe ich etwas Seltsames entdeckt. Jemand ist hier auf dem Gipfel.</p><p>Oder zumindest war jemand hier. Du musst wach bleiben. Du bist v�llig ausgek�hlt.</p><p>Nicht einschlafen! Oben k�nnen wir ein Feuer machen.�</p><p>Ein Feuer, inmitten einer Ein�de aus Fels und Schnee, dachte sie verwundert. Dann fielen ihr wieder die Augen zu.</p></section><section><title><p>Die Dreizehn</p></title><p>Sie waren alle fort. Alle, die wussten, dass der hohe Stapel Kisten am Kai mehr als nur ein Stapel Kisten war. Er hatte seinen Einfluss als Kommandant genutzt, um sie in die fernsten Winkel Albenmarks zu versetzen. Alle hatten sich verbessert. Sie w�rden Vahan Calyd nicht nachtrauern. F�r seinen Geschmack waren zu viele in Teile von Elijas Pl�nen eingeweiht. Nur die Kommandanten kannten den gro�en Zusammenhang. Aber das waren mehr als zwanzig. Und es w�rde noch sieben verdammte Tage bis zur K�nigswahl dauern. Es war ein Wunder, dass bis jetzt noch nichts herausgekommen war. Skanga war von Natur aus misstrauisch! Sie hatte ihm einen Shi-Handan auf den Hals gehetzt, weil er einen Mordanschlag auf Emerelle f�r undurchf�hrbar gehalten hatte. Madrog l�chelte. Wie es schien, hatte er Recht behalten. Die fr�here K�nigin lebte noch immer. Und dass sie wahnsinnig geworden war, konnte er sich nicht wirklich vorstellen. Nicht Emerelle.</p><p>Sie hatte ungez�hlte Jahrhunderte geherrscht. Sie besa� einen Albenstein. Sie hatte die Angriffe der Shi-Handan �berlebt. Es w�rde ihn nicht wundern, wenn sie zur K�-</p><p>nigswahl erschien.</p><p>Er hatte ebenfalls �berlebt. Auch wenn die Shi-Handan ihn wohl nicht sehr lange verfolgt hatten. Madrog kletterte im Inneren der Kisten hinauf. Ein schmaler Hohlraum mit einer Leiter f�hrte bis hinauf zur obersten. Sie war gro�. Gro� genug, ein Torsionsgesch�tz aufzunehmen. Das Beste aus der Reihe, die man nach Vahan Calyd gebracht hatte. Seine dreizehn. Er hatte das �bungsschie�en drau�en auf dem Waldmeer befehligt. Das dreizehnte Gesch�tz hatte die beste Trefferquote erzielt, und das bei f�nf verschiedenen Gesch�tzmannschaften. Nat�rlich spielte es eine Rolle, wer ein Gesch�tz abfeuerte. Er hatte sich schon selbst an der Dreizehn versucht. Er wusste, sie w�rde ihn nicht entt�uschen. Er kniete nieder, um noch einmal die f�nf Steinkugeln zu �berpr�fen, die neben dem Gesch�tz bereitlagen. Er nahm die h�lzerne Schablone und dr�ckte sie durch das runde Loch, das dort hineingeschnitten war. Dabei drehte er sie vorsichtig. Die Kugeln waren alle vollkommen rund. Das war selten bei den Steinkugeln f�r Torsionsgesch�tze. Und was noch viel seltener war, sie alle hatten dasselbe Gewicht. Ein guter Sch�tze w�rde mit ihnen f�nfmal hintereinander dasselbe Schussergebnis erzielen k�nnen.</p><p>Er klappte das Brett vor der Schiene des Torsionsgesch�tzes zur Seite. Seine Hand strich dar�ber. Sie war leicht ge�lt. Dann sp�hte er hinaus auf den Hafen. Die Prunkbarkasse, auf der die K�nigswahl stattfinden w�rde, lag bereits fest vert�ut.</p><p>Auch die Schiffe in der unmittelbaren N�he. Sie w�rden nichts dem Zufall �berlassen.</p><p>Madrog selbst hatte die Mannschaften der zw�lf anderen Gesch�tze ausgew�hlt. Und die Krieger, die die Gesch�tze abschirmen w�rden. Die meisten waren Spinnenm�nner. Man konnte sich auf sie alle verlassen. Selbst wenn Elijas Intrigen fehlschlugen, w�rden sie daf�r sorgen, dass der Putsch gegen die Trolle ein Erfolg wurde. Und das, noch bevor Nikodemus das vereinbarte Zeichen geben konnte, auf das die Heerscharen der Rotm�tzen losschlagen sollten. Sechstausend Krieger hierherbringen zu wollen�...</p><p>Immer wieder hatte er versucht, ihnen das auszureden. Das w�rde niemals geheim bleiben!</p><p>Und dann noch Nikodemus mit dem Oberbefehl zu betrauen. Er traute ihm nicht. Er war zu lange fort gewesen. Wer konnte schon �berpr�fen, ob die Geschichte, die er �ber Emerelle erz�hlte, auch stimmte. Wenn es nach ihm ginge, dachte Madrog, dann w�rde er den Lutin noch einmal f�r ein paar Stunden an Skanga und Birga ausleihen.</p><p>Sosehr er die beiden Trollvetteln auch hasste, musste er ihnen doch zugestehen, dass sie �beraus f�hig darin waren, der Wahrheit nachzusp�ren. Elija hatte seinen Bruder zu fr�h bei ihnen weggeholt.</p><p>Der Mond stand tief �ber dem Hafen. Obwohl der Fr�hling gerade erst begonnen hatte, wurde es unangenehm hei�. Er mochte Vahan Calyd nicht. Jeden Tag gab es schwere Regenf�lle. Das Fest der Lichter w�rde darunter leiden. Die meisten G�ste waren gezwungen, im Freien zu n�chtigen. Es war nicht die richtige Jahreszeit f�r die Feier.</p><p>Er peilte die Laternen an, die er hatte aufh�ngen lassen. Im Heck der Kr�nungsbarkasse hatte er eine Wassermelone auf die Reling gebunden. Angestrengt sp�hte er in die Dunkelheit, um ihre Umrisse zu entdecken. Jetzt war niemand auf dem Schiff. Und kaum jemand hielt sich im Hafen auf.</p><p>Sein Gesch�tz im Kistenstapel stand hoch genug, dass er �ber die Feiernden hinwegschie�en k�nnte, die in sieben Tagen zur D�mmerung die Kais bev�lkern w�rden. Madrog peilte den Lastkahn mit dem bunt geringelten Mast an. Er lag nahe bei einem Ladekran, der auf bunt bemalten Stelzen stand. Gestern erst war der Kran gestrichen worden. Aus dem Zusammenspiel der Mastringe und der bemalten Stelzen konnte er ablesen, wie hoch das Wasser im Hafenbecken stand. Der Tidenhub konnte einen Unterschied von bis zu zwei Schritt ausmachen. Einem Sch�tzen, der einfach nur ein Ziel anpeilte, mochte so etwas egal sein. Seine Spinnenm�nner waren anders! Sie �berlie�en nichts dem Zufall.</p><p>Seit Wochen hatte er mit ihnen daran gearbeitet, �berall im Hafen Masten und Zelt-stangen aufzustellen. Sie alle trugen Zeichen. Mal ein auff�llig helles Seil. Mal ein breites, wei� aufgemaltes Kreuz. Wer sie richtig zu deuten verstand, f�r den verwandelte sich der Hafen rings um die Prunkbarkasse in ein Raster. Und dieses Raster diente dazu, Entfernungen und H�hen bis auf zwei Fingerbreit genau abzusch�tzen. Ein guter Schuss war eben kein Zufall!</p><p>Madrog sah, dass das Wasser im Hafen drei Ellen unter dem h�chsten Flutstand lag.</p><p>Die Entfernung zur Melone auf der Reling betrug etwa hundertsiebzehn Schritt, eine Elle und f�nf Finger. Der Kobold korrigierte den Neigungswinkel des Torsionsgesch�tzes leicht. Dann peilte er �ber den Lauf der Schiene. Das Geschoss w�rde nach einhundertacht Schritt von einer geraden in eine leicht geneigte Schussbahn �bergehen. Noch einmal korrigierte er die H�heneinstel ung. Jetzt konnte er eben noch den oberen Rand der Melone sehen, wenn er �ber die Schiene peilte.</p><p>Er w�hlte eine der f�nf Steinkugeln und legte sie auf das Gesch�tz. Dann drehte er bed�chtig die Spannkurbel. Er mochte das leise metallische Klicken. Nach der sieb-zehnten Umdrehung h�rte er auf. Er zog den Sicherungshebel zur�ck. Die Steinkugel schnellte davon. Neugierig beugte er sich �ber die Schiene und peilte sein Ziel an. Die Wassermelone war verschwunden. Sehr gut!</p><p>Es war erstaunlich, wie �hnlich sich Wassermelonen und K�pfe verhielten, wenn sie von einer zwei Pfund schweren Steinkugel getroffen wurden. Jetzt war er beruhigt.</p><p>Ganz gleich, wie die K�nigswahl auch verlaufen mochte, er hatte nun die M�glichkeit, sie in seinem Sinne enden zu lassen.</p></section><section><title><p>Der blaue Stern</p></title><p>Emerelle erwachte und hatte das Gef�hl, dass etwas Schweres auf ihrer Brust hockte.</p><p>Sie rang um Atem. Sie sp�rte, wie sich ihre Lungen weiteten. Doch die Atemnot wurde nicht besser. Sie f�hlte sich schwach, und ihr war schwindelig, obwohl sie lag. Neben ihr brannte ein kleines Feuer. Der Rauch stieg in einer blassgrauen S�ule dem Himmel entgegen. Es war vollkommen windstil . �ber ihr zogen dunkle Wolken hinweg.</p><p>Manchmal konnte man die fahle Sonnenscheibe hindurchschimmern sehen.</p><p>Obwohl sie so nahe beim Feuer lag, war ihr immer noch kalt. Sie streckte sich und bemerkte, dass sie in etwas eingeh�llt war. Feines blaues Leinen mit einer Schmuckborte. Wo war sie? Auf dem Gipfel. Neben ihr ragte ein Holzgebilde auf, das entfernt an einen zersplitterten Schiffsrumpf erinnerte.</p><p>Es lag sehr wenig Schnee zwischen den Felsen. Aber dicht neben dem Feuer schillerte zersplittertes Glas. Sie stemmte sich hoch. Die Bewegung kostete sie all ihre Kraft. Sie hechelte wie ein Hund nach einer wilden Jagd. Emerelle versuchte ihre Zaubermacht zu sammeln, aber sie konnte ihren Gedanken keine klare Richtung geben.</p><p>Melvyn erschien. Er wirkte gehetzt. Sein Blick war unstet. Als er sich neben sie hockte, achtete er auff�llig darauf, einen sch�tzenden Felsen im R�cken zu haben.</p><p>�Wir sollten gehen�, raunte er ihr zu.</p><p>�Die Alben�... Sind sie hier? Ich muss�... �</p><p>�Ich habe sie nicht gesehen�... �</p><p>Da war etwas Z�gerliches in seiner Stimme. Etwas, das den Worten eine verschobene Bedeutung gab. Die blasse Sonnenscheibe strahlte tief am Horizont. Zu tief! Sie hatte eben doch noch viel h�her am Himmel gestanden!</p><p>�Was ist?�</p><p>�Hier ist alles�... � Er rang um das passende Wort. �Es ist�... fremd. Ich konnte niemanden finden, aber ich f�hle mich st�ndig beobachtet. Und sieh dir den Himmel an! Jetzt ist es Nacht! Die Zeit verl�uft hier schneller. Oder unser Leben verrinnt schneller. Und du bist so geschw�cht. Ganz ohne Kraft. Selbst der Albenstein vermag dir nicht zu helfen. Lass uns gehen, sobald die Sonne wieder am Himmel steht. Lass uns fl�chten, solange wir es noch k�nnen!�</p><p>�Ich muss ihn finden�... �</p><p>�Du verstehst nicht. Unser Wille ist hier oben ohne Bedeutung. Du bist hier wie eine Schneeflocke im Sturmwind. Hier ist es nicht mehr unsere Entscheidung, wohin unser Weg f�hrt. Nichts, was wir f�r gegeben halten, hat hier noch Bestand. Blick zum Himmel hinauf! Die Sterne wandern schneller, als sie es sollten. Wenn man zwischen den Felsen herumirrt, hat man das Gef�hl, dass man bestimmte Orte auf dem Gipfel nicht erreichen kann. Man geht darauf zu, und pl�tzlich ist man an einer anderen Stelle. Man blickt sich um, und der Platz, zu dem man wollte, liegt auf einmal hinter einem, ohne dass man daran vorbeigegangen w�re!�</p><p>Jedes seiner Worte best�rkte Emerelle in ihrer �berzeugung, dass die Alben hier sein mussten. Ebenso wie der seltsame h�lzerne Rumpf, der nicht weit entfernt zwischen den Felsen lag. �Ist es ein Schiff, das hier auf dem Berg liegt?�</p><p>Melvyn r�ckte ein wenig n�her zu ihr. �Nein�, fl�sterte der Elf. �Erst dachte ich das auch, wobei es schon seltsam genug w�re, ein Schiff am Gipfel eines Bergs vorzufinden. Aber es ist etwas anderes ... Es hat zu viele Masten. Das war das Erste, was mir aufgefallen ist.� Seine Stimme lag jetzt zwischen Verzweiflung und Entsetzen.</p><p>�Viel zu viele Masten! Sie standen nicht nur auf dem Deck. Sie m�ssen auch seitlich aus dem Rumpf gewachsen sein und sogar unten im Kiel gab es Masten. Und auf dem Rumpf scheinen gro�e Halbkugeln aus Glas gesessen zu haben.�</p><p>Emerelle schloss die Augen. Bilder aus l�ngst vergangener Zeit stiegen aus ihrer Erinnerung auf. Bilder ihrer Kindheit und Jugend. Und ein Name. <emphasis>Blauer Stern</emphasis> hatten sie es genannt. Das Schiff des S�ngers. Es hatte blaue Segel getragen. Sein Schiff war durch die L�fte gefahren. Bunte Glaskuppeln schimmerten im Sonnenlicht, wenn es �ber den Himmel glitt. Als Kind hatte sie sich gew�nscht, einmal an Bord dieses Schiffes zu sein, wenn es mit einer Eskorte aus Drachen �ber den Himmel zog.</p><p>Sie dachte an die wenigen Gelegenheiten, bei denen sie die Alben von fern gesehen hatte. Sie waren so unnahbar gewesen. Sie sprachen auch nicht mit ihren Kindern. Es hatte gehei�en, sie sahen einen einfach nur an, und man wusste mit aller Klarheit, was sie wollten. Es war ein Verstehen jenseits von Worten, die Gedanken stets verf�lschten, weil sie ein unvollkommenes Mittel waren, sie auszudr�cken.</p><p>Die Alben hatten ihnen auch nie ihre Namen genannt. Emerel e kannte M�rchen, in denen es hie�, wer den wahren Namen eines Alben erfahre, der werde Macht �ber ihn gewinnen. Alle Namen, die man ihnen gegeben hatte, hatten ihre Kinder ersonnen. So wie den Namen des Schiffes, <emphasis>Blauer Stern.</emphasis> Oder den Namen jenes Alben, der darauf �ber den Himmel reiste. Der S�nger.</p><p>�Kannst du mich tragen, Melvyn?�</p><p>Ihr Gef�hrte sah sie verzweifelt an. �Ja�, sagte er schlie�lich. �Aber es gibt hier nichts zu finden.�</p><p>�Weck mich, wenn die Sonne aufgeht.� Sie schloss die Augen. Bald war sie in einem seltsamen Traum gefangen. Da war ein Kind. Es streckte die Hand nach ihr aus.</p><p>�Emerelle!� Widerwillig blinzelte sie. Helles Licht brannte. Das Feuer war verloschen.</p><p>Melvyn ragte vor ihr auf. Die Sonne stand wieder hoch am Himmel. Dabei hatte sie das Gef�hl, dass sie gerade erst eingeschlafen war.</p><p>Der Maurawan hob sie auf die Arme wie ein Kind. �Du hast unruhig geschlafen.�</p><p>Sie sah sich um. Alles erschien ihr in �berdeutlicher Klarheit. Der Himmel war wolkenlos und der Berggipfel in goldenes Licht getaucht.</p><p>Melvyn trug sie in weitem Bogen um einen gebrochenen Mast. Feine Seidentaue schl�ngelten sich zwischen Felsen. Zerkn�lltes Segeltuch bildete blaue Nester.</p><p>Sie umrundeten einen Felsen, der wie ein m�chtiger, steinerner Dorn in den Himmel stie�. Jetzt konnte man den Rumpf besser sehen, die verschlungenen goldenen Linien, das Schnitzwerk.</p><p>Zersplittertes Glas knirschte unter Melvyns Schritten. Der Rumpf war fast auf ganzer L�nge aufgerissen. Als sei er mit gro�er Geschwindigkeit auf ein Kliff aufgelaufen und dann auf den Berggipfel geschleudert worden.</p><p>Es hatte gehei�en, der S�nger sei der �lteste der Alben. Ihr Anf�hrer. Emerelle dachte an den Orakelspruch, den Samur ihr unter die Haut gestochen hatte. <emphasis>Auf dem Albenhaupt ruht der Alben Haupt.</emphasis> Falrach hatte das verdrehte Orakelprosa genannt. Aber vielleicht war er ganz w�rtlich zu nehmen. Vielleicht schlief der S�nger dort in seinem gestrandeten Schiff.</p><p>�Sp�rst du das?� Melvyn fl�sterte wieder.</p><p>�Was?�</p><p>�Jemand beobachtet uns?� �Von wo?�</p><p>�Leise�, zischte der Maurawan. �Ich kann es nicht genau sagen. Aber er ist da. Ich sp�re es genau.�</p><p>Emerelle sah sich um. Niemand war zu entdecken. Und sie sp�rte auch nichts. Es war seine Angst, die Melvyn zusetzte. Oder hatte er doch Recht? Sie sah sich erneut um.</p><p>Der Gipfel war zerkl�ftet. �berall lagen Schiffstr�mmer. Jemand schien M�bel aus dem Rumpf herausgetragen zu haben. Teilweise waren sie mit Segelfetzen verh�llt. Es w�re leicht, sich hier zu verstecken. Aber warum sollte der S�nger das tun? Er hatte doch nichts von ihnen zu bef�rchten!</p><p>�Wir m�ssen in das Schiff hinein!�</p><p>�Das geht nicht�, protestierte der Maurawan.</p><p>�Geh!�, befahl sie harsch. Sie konnte sp�ren, wie er seine Armmuskeln anspannte.</p><p>�Bitte�, f�gte sie vers�hnlich hinzu. �Ich muss ihn finden. Da vorne, wo die Spanten aus dem aufgerissenen Rumpf ragen, da m�ssen wir es versuchen.�</p><p>Melvyn sagte nichts mehr. Er ging auf das Schiff zu. Pl�tzlich waren sie zwischen Felsen. Vor ihnen war ein Tuch als Sonnensegel aufgespannt. Darunter stand in einer Felsnische ein hochlehniger Stuhl. Ein Bein war abgebrochen und notd�rftig durch eine Planke ersetzt worden. Ein Umhang war zwischen die Lehnen drapiert. Er verdeckte etwas. Ein schmaler, silberner Rand ragte unter dem Stoff hervor. Ein Sch�sselrand? Die Form hatte �hnlichkeit mit der Silbersch�ssel in ihrem Thronsaal.</p><p>Emerelle blickte �ber Melvyns Schulter. Der Schiffsrumpf lag jetzt hinter ihnen.</p><p>�Wie ich es dir gesagt hatte.� In Melvyns Stimme lag kein Triumph. Er klang m�de.</p><p>�An diesem Ort war ich allerdings noch nicht.�</p><p>�ber den Rand der Silbersch�ssel rann Blut. Etwas lag in der Sch�ssel! Verh�llt von dem Tuch. Emerelle keuchte auf. �Bring mich zu dem Stuhl!�</p><p>�Ich sehe keinen Stuhl.�</p><p>Sie b�umte sich in Melvyns Armen auf. �Der Stuhl da vorne! Unter dem Segel. Es sind doch nur drei Schritt.�</p><p>�Ich sehe keinen Stuhl�, beharrte er stur. �Da liegt ein Kissen zwischen den Felsen. Es ist schmutzig.�</p><p>�Dann bring mich zu dem Kissen!�</p><p>Er machte einen Schritt. Eisiger Wind peitschte ihnen ins Gesicht. Sie standen auf einem weiten Schneefeld.</p><p>Verzweifelt sah sich Emerelle um. Hinter ihnen erhob sich ein Felsen wie ein Turm. Sie waren dort, wo die Adler sie abgesetzt hatten. Es war alles vergebens gewesen.</p><p>Ein Grollen lie� Melvyn herumfahren. Weit oben am Hang l�ste sich der Schnee. Der Maurawan fluchte. Dann begann er zu laufen.</p></section><section><title><p>Der Spieler</p></title><p>Falrach drehte unschl�ssig die kleine Spielfigur, die Emerelle darstellte, zwischen den Fingern. Wo sie wohl war? Er setzte die Figur am Rand des Falrach-Tischs ab. Wo immer sie auch steckte, sie war nicht im Spiel!</p><p>Er nahm noch einmal die abgegriffene Liste, die der Kobold ihm hatte zuspielen lassen.</p><p>Anfangs war er sehr skeptisch gewesen. Das war zu gut, um wahr zu sein. Ihre Spitzel hatten inzwischen die Gesch�tze rings um den Hafen ausfindig gemacht. Alle zw�lf standen exakt an den Stellen, die benannt waren. Schwieriger war es, zu beurteilen, ob die Liste mit den F�rsten, die zur Kronwahl bestimmt werden sollten, auch der Wahrheit entsprach. Das w�rde sich erst zeigen, wenn sie sich auf der Prunkbarkasse versammelten. Er hatte lange gez�gert. Alvias, Nestheus und Katander! Das klang zu unglaubw�rdig. Warum sollten sie geschworene Feinde des Trollk�nigs zur K�nigswahl berufen?</p><p>In dem Brief war ausf�hrlich dargelegt, welche Pl�ne Elija verfolgte. Dennoch erschien es ihm unglaubw�rdig�... Er verschob einige der Figuren auf dem Spieltisch. Es sah schlecht f�r sie aus. Ihre Gegner waren viel st�rker.</p><p>�Und, mein F�rst?�</p><p>Falrach blickte auf. Vor ihm stand Silwyna. Die Elfe war dunkel gewandet, ihr Gesicht bemalt. Sie f�hrte das Wort f�r alle Maurawan, die auf der Lichtung versammelt waren.</p><p>�Heute Nacht gehen die ersten zehn�, entschied er. �Du w�hlst sie aus.�</p><p>�Wie du befiehlst, mein F�rst.� Sie grinste unversch�mt. Vor sieben Wochen hatten die Maurawan ihn zum F�rsten ausgerufen. Das hie�, sie hatten die Nachricht, dass Ollowain zum F�rsten ihres Volkes gew�hlt worden war, �berall verbreiten lassen. Sie hatten sich f�r den Namen Ollowain entschieden, weil die Wahrheit zu kompliziert gewesen w�re. Nie zuvor hatten die Maurawan einen F�rsten �ber sich akzeptiert. Es widersprach zutiefst ihrem Lebensstil. Aber nur so konnte Falrach an der K�nigswahl teilnehmen. Er musste einen F�rstentitel besitzen.</p><p>Er war zwar F�rst der Snaiwamark, zumindest stand ihm der Titel nach dem Tod seines Vaters zu, aber da die Trolle die Snaiwamark besetzt hatten und ihr Herrscher auch den Titel K�nig der Snaiwamark trug, w�re Ollowains Legitimation leicht anzufechten gewesen. Wenn die Maurawan ihn hingegen zu ihrem F�rsten ausriefen, gab es daran nichts zu r�tteln.</p><p>�Sollten wir nicht mehr Krieger in die Stadt schicken? Es sind nur noch vier Tage bis zum Fest der Lichter. Die Stadt ist schon voller G�ste.�</p><p>�Nein. Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist zu gro�.�</p><p>Silwyna wandte nichts mehr ein. Falrach war �berrascht gewesen, dass die Maurawan sich ihm so bereitwillig angeschlossen hatten, als er erkl�rt hatte, er wolle verhindern, dass Gilmarak noch einmal zum K�nig gew�hlt w�rde. Man musste verr�ckt sein, um sich auf dieses Komplott gegen den K�nig einzulassen. Sie waren nur eine Handvoll Krieger. Ihr Feind konnte leicht das Hundertfache an K�mpfern aufbieten. Falrach hatte den Verdacht, dass gerade diese Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens die Maurawan reizte.</p><p>Er verschob einige der Figuren auf dem Spieltisch vor sich. Silwyna sah ihm aufmerksam zu. Er sah die Frage in ihren Augen. �Ob wir gewinnen k�nnen?� Er blickte wieder auf den Tisch und sch�ttelte den Kopf. �Wir haben die �berraschung auf unserer Seite. Ich hoffe, sie ahnen nicht, wie gr�ndlich wir ihre Pl�ne kennen.</p><p>Setzen wir also einmal voraus, dass nicht wir es sind, die betrogen werden�... Unter diesen Ma�gaben habe ich bei einem von sieben Spielen einen Sieg f�r uns erzielt. Das alles gilt nur, wenn das Spiel damit endet, dass ich zum K�nig gew�hlt werde. Erweitert man es dahingehend, dass ich anschlie�end auch noch lebend die Stadt verlasse, werden die Aussichten deutlich schlechter.�</p><p>�Warum l�sst du dich darauf ein?�</p><p>Falrach zuckte die Schultern. �Wenn alle vern�nftig denken, werden wir auch k�nftig von Trollen und Kobolden regiert. Man muss entweder ein Zeichen setzen oder den Kopf einziehen und den Mund halten.�</p><p>�Darin, den Kopf einzuziehen, waren wir Maurawan schon immer schlecht. Du hast dir den Respekt unseres Volkes verdient, Falrach. Falls du einmal nicht mehr wei�t, wohin du gehen sollst, wirst du in unseren W�ldern immer willkommen sein.</p><p>Vorausgesetzt, du bestehst nicht darauf, noch einmal unser F�rst zu werden.�</p><p>Falrach l�chelte sie an. Sie war auf eine herbe Weise anziehend. In seinem fr�heren Leben h�tte er versucht, sie zu verf�hren. �Keine Sorge, du wei�t ja, ich strebe nach H�herem. Entweder trage ich in vier Tagen die Krone Albenmarks, oder aber ich habe keinen Kopf mehr auf den Schultern - und die Frage des Kronentragens, seien sie nun f�r F�rsten oder K�nige, hat sich ein f�r alle Mal erledigt.�</p></section><section><title><p>Fast eine Liebesgeschichte</p></title><p>�Er kommt, Herrin.�</p><p>�Dann verschwindet schnell!� Elodia suchte sich ein nicht zu schlammiges St�ck Weg, w�hrend ihre beiden Diener ihr Pferd am Z�gel packten und davonpreschten. Es gab viele Hufspuren auf dem Waldweg, die einander �berlagerten. Ihre Spuren w�rden keinen Verdacht erregen.</p><p>Sie lie� sich auf den Weg fallen und achtete darauf, dass sie sich mit dem Kleid ein wenig im Brombeerdickicht am Wegesrand verhedderte. Die nadelspitzen Dornen drangen durch das Kleid und die Weste ihres Reitkost�ms. Sie trug mit Bedacht keine Stiefel, sondern flache Schuhe, die zum Reiten eigentlich v�llig ungeeignet waren. Vor zwei Stunden schon hatte sie mit einem Kn�ppel daf�r gesorgt, dass sie reichlich blaue Flecken auf den Beinen hatte. Bis es soweit war, dass sie ihren Rock hob, w�rden noch ein paar Stunden vergehen. Er w�rde nicht bemerken, dass sie nicht von ihrem vorget�uschten Sturz stammten!</p><p>Sie tastete nach dem Silberfl�schchen in der kleinen Tasche an ihrem G�rtel. Es w�re das erste Mal, dass sie mit Gift t�ten w�rde. Sie f�hlte sich etwas unsicher. Immer wieder griff sie nach dem Fl�schchen. Es konnte nicht zerbrechen! Dennoch hatte sie Sorge.</p><p>Sie h�rte dumpfen Hufschlag. Elodia begann zu st�hnen. Nur Augenblicke sp�ter erschien er. Ein Reiter ganz in Wei�, auf einem Schimmel. Das Gesicht verborgen hinter einem silbernen Maskenhelm. Er wirkte unheimlich.</p><p>�Was ist geschehen, meine Dame?� Er schwang sich aus dem Sattel. Er hatte sich nicht einmal umgesehen. V�llig arglos war er.</p><p>�Ein Dachs�... Er kam pl�tzlich aus dem Dickicht. Mein Pferd hat mich abgeworfen und ist durchgegangen.� Sie versuchte aufzustehen und lie� sich mit einem St�hnen zur�cksinken. �Mein Fuߠ... �</p><p>Er wirkte unschl�ssig, soweit man das bei einem Mann mit einer Maske aus geh�mmertem Silber beurteilen konnte.</p><p>�K�nntet Ihr mir aufhelfen? Vielleicht, wenn ich erst einmal stehe�... � Sie legte die Hand an den Mund. �Jetzt erkenne ich Euch. Ihr m�sst der ber�hmte Tjuredritter sein!</p><p>Gott sei gepriesen! Einen besseren Retter h�tte ich mir nicht ertr�umen k�nnen.�</p><p>Er r�usperte sich verlegen. �Ich bin nur ein Mann, der versucht, nach den Geboten Tjureds zu leben.� Er beugte sich zu ihr hinab und streckte ihr die Arme entgegen. �Wenn Ihr gestattet, meine Dame.�</p><p>Er war r�hrend! Die meisten M�nner, denen Elodia bisher begegnet war, h�tte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie auf den Arm zu nehmen, und dabei mehr oder weniger diskret zu betatschen. Aber er wartete auf ihre Zustimmung, sie zu ber�hren.</p><p>�Bitte, edler Ritter.� Sie streckte ihm die H�nde entgegen. �Ich f�rchte, ohne Eure Hilfe kann ich mich nicht erheben.�</p><p>Er nahm ihre H�nde. Unglaublich! Er wagte sie nicht anderswo zu ber�hren. Oder fand er sie absto�end? Vor einigen Wochen hatte sie an ihren Schl�fen die ersten grauen Haare entdeckt. Sie hatte Narben. An den Armen und auf dem R�cken. Die Zeit in Drusna hatte sie f�r immer gezeichnet.</p><p>Sehr behutsam, mit ruhiger Kraft zog er sie hoch. Sie spielte ihm vor, wie sie versuchte, den verletzten Fu� zu belasten. Mit einem leisen Schmerzenslaut lie� sie sich gegen seinen Arm sinken. Sie war froh, dass sie einen langen Reitrock und unter ihrer Weste ein hochgeschlossenes Mieder trug. Ihre Reize zu deutlich zur Schau zu stellen, w�re die falsche Strategie gewesen.</p><p>Er r�usperte sich wieder. Elodia stellte sich vor, wie er hinter seiner Maske rot wurde.</p><p>Wie er wohl aussah? Warum verbarg er sein Gesicht? War er h�sslich? In den Geschichten, die sie �ber ihn geh�rt hatte, hie� es, er sei ein stattlicher junger Mann. Eine ungew�hnliche R�stung trug er. All das wei�e Leder. So etwas hatte sie noch nie gesehen.</p><p>�Mir scheint, Ihr solltet besser nicht Euren verletzten Kn�chel belasten, meine Dame.�</p><p>�Ja.� Sie st�hnte leise. �Er schmerzt sehr.�</p><p>�Wenn Ihr mir gestattet, Euch bei den H�ften zu fassen, w�rde ich Euch in den Sattel meines Pferdes heben. Dann k�nnten wir uns auch auf die Suche nach Eurem Pferd begeben.�</p><p>Sie senkte den Blick und tat verlegen. �Das ist zu gro�z�gig von Euch.�</p><p>�Nein, es w�re mir eine Freude! Ich meine, Euch zu helfen�... Ich m�chte nicht Euer Ungemach missbrauchen, um Euch unsittlich zu ber�hren. Ich hoffe, Ihr denkt jetzt nicht schlecht von mir�... Ich ... Ich bin nicht sehr erfahren im Umgang mit Damen.�</p><p>Sie unsittlich ber�hren, dachte Elodia und l�chelte in sich hinein. So hatte noch nie ein Mann zu ihr gesprochen! �Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, dass Ihr versuchen k�nntet, meine Lage auszunutzen. Im Gegenteil! Ihr seid der ritterlichste Kavalier, der mir je begegnet ist.�</p><p>Wieder sein R�uspern. Einen Augenblick stand er verlegen da. Dann nahm sie seine H�nde und legte sie auf ihre H�ften. �Wird es so gehen?�</p><p>�Ahm�... gewiss.�</p><p>Er hob sie ohne M�he. Sie setzte sich in den Damensitz, obwohl sie diese Art des Reitens nicht mochte.</p><p>Er griff nach dem Z�gel und f�hrte seinen Schimmel. Kein Versuch, sich hinter ihr in den Sattel zu dr�ngen. Wieder plagte sie ein Anflug von Zweifeln. Fand er sie nicht h�bsch?</p><p>Eine ganze Weile schwiegen sie beide. Er drehte sich nicht einmal um. Sie hatte reichlich Zeit, ihn zu betrachten. Er war gut gebaut. Trotz der R�stung konnte man sehen, dass er sehr muskul�s sein musste. Und er hatte eine schmale Taille. Sie mochte das bei M�nnern. B�uche, die �ber G�rtel quollen, verabscheute sie. Die meisten M�nner, denen sie sich hingegeben hatte, hatten so ausgesehen.</p><p>�Es war eine Gnade Gottes, die Euch zu mir gef�hrt hat�, sagte sie endlich, um wieder ein Gespr�ch in Gang zu bringen.</p><p>�In der Tat, es war eine gl�ckliche F�gung.� Ein R�uspern.</p><p>Sie wartete darauf, ob noch etwas k�me. Wieder erstarb ihr Gespr�ch.</p><p>Bald entdeckte er ihr Pferd. Leise auf die Stute einredend, schaffte er es, nach ihrem Z�gel zu greifen und sie einzufangen. Bei Pferden schien er nicht um Worte verlegen zu sein, dachte sie ein wenig �rgerlich. Er hatte sie bisher nicht einmal nach ihrem Namen gefragt!</p><p>Er sa� auf ihrer Stute auf und ritt nun neben ihr her. �Man hat mir gesagt, dass es auf diesem Weg ein Wirtshaus geben soll�, sagte er schlie�lich nach einer Ewigkeit.</p><p>�Es w�re sch�n, bald rasten zu k�nnen und meinen verletzten Kn�chel zu k�hlen.�</p><p>�Wir k�nnen sofort rasten, wenn Ihr ersch�pft seid.�</p><p>�Nein, nein. Es geht noch. Allerdings k�nntet Ihr mir eine Freude machen. Ich h�tte eine Bitte. Verzeiht mir, wenn ich wage, sie vorzutragen und sie Euch vielleicht l�-</p><p>cherlich erscheinen mag. Ich bin nur ein t�richtes Weib�... Aber Ihr w�rdet mir eine gro�e Freude bereiten, wenn Ihr den Helm abnehmen k�nntet. Es hei�t, Ihr seid so sch�n wie die Heiligen auf den Glasfenstern der Tempelt�rme.�</p><p>Wieder r�usperte er sich. Steckten ihm denn die Worte im Hals fest? �Ich glaube, ich werde eine Entt�uschung sein�, brachte er schlie�lich hervor. Aber er griff nach dem Helm. Er klappte die Maske weg, nahm ihn ab und klemmte ihn sich unter den linken Arm. Sein Haar war ein wenig zerzaust. Das Gesicht war ebenm��ig. Besonders sein edel geschnittener Mund zog ihre Blicke an. Kein Wunder, dass er als Kirchenritter nie seinen Helm abnahm. Jeder normalen Frau mussten unsittliche Gedanken kommen, wenn sie so einen Mann zu Gesicht bekam.</p><p>Er err�tete leicht, als sie ihn immer weiter anstarrte. �Ihr seid wirklich so sch�n, wie man sich erz�hlt. Sicher seid Ihr mit einem Edelfr�ulein verlobt.�</p><p>�Ahm ... nein.�</p><p>�Ein so sch�ner Mann ist allein?�</p><p>�Da ... da vorne. Das muss das Wirtshaus sein. Ich werde vorausreiten und den Wirt bitten, k�hlen Essig und eine Bandage f�r Euren Kn�chel bereitzustellen.� Mit diesen Worten preschte er voraus.</p><p>Elodia fluchte stumm. Sie h�tte zu gerne gewusst, wie es um ihn und die Frauen stand.</p><p>Als sie das Wirtshaus erreichte, erwartete sie eine Magd, die ihr beim Absteigen half.</p><p>Elodia sah ihren Ritter beim Stall. Er vermied es, in ihre Richtung zu sehen.</p><p>Sie spielte weiter ihre Rolle. Auf die Magd gest�tzt, humpelte sie in das Wirtshaus.</p><p>Dort bestellte sie ein Brathuhn, frisches Brot, ein wenig K�se und einen Krug mit Wein.</p><p>Es dauerte lange, bis er kam. Das Essen stand schon auf dem Tisch. Au�er ihnen und dem Wirt mit seiner Magd waren nur zwei weitere Reisende im Schankraum. Alle blickten verstohlen in seine Richtung. Jeder in Drusna hatte schon Geschichten �ber den wei�en Ritter geh�rt.</p><p>�Bitte, mein Retter!� Sie deutete auf den Platz neben sich auf der Bank.</p><p>Wieder err�tete er.</p><p>�Bitte! Das Huhn, das f�r uns sein Leben gegeben hat, hat verdient, dass wir es warm verspeisen.�</p><p>Jetzt l�chelte er zum ersten Mal. Er sah einfach hinrei�end aus. Warum hatte er sich nur gegen den K�nig verschw�ren m�ssen! Verdammter Narr! Sie sollte es schnell hinter sich bringen.</p><p>�Ihr trinkt doch sicherlich ein wenig Wein.� Sie schenkte ihm ein. Sein Becher war schon vorbereitet. Sie hatte einen Fingerbreit Gift hineingesch�ttet. Es war klar wie Wasser, roch ein wenig nussig, und Schwester Anais hatte behauptet, es sei ohne Geschmack. Elodia mochte das nicht ganz glauben. Wer kostete schon freiwillig von einem Gift, um dessen Geschmack zu ergr�nden? Auf jeden Fall w�rde der starke Rotwein den Geschmack �berdecken, wenn es denn einen gab.</p><p>Elodia griff nach ihrem Becher. �Auf Tjured, der mir seinen edelsten Ritter schickte, um mich aus verzweifelter Lage zu retten.� Sie setzte an und trank ihren Becher bis zur Neige, wie es Brauch war, wenn man einen Trinkspruch ausbrachte. Nun war er an der Reihe, wenn er sie nicht br�skieren wollte.</p><p>Er nahm seinen Wein und verneigte sich. �Auf die namenlose Sch�ne aus dem Wald, die Tjured erschuf, um mich zu lehren, was vollkommene Sch�nheit ist.�</p><p>Elodia err�tete. Er trank den Wein in einem Zug, so wie sie es getan hatte. Ein Schaudern �berlief sie. Keiner ihrer Morde war so leicht vollbracht worden. Drei Tage blieben dem Ritter jetzt noch. Vielleicht auch nur zwei. Ihr Werk war vollbracht. Sie f�hlte sich sch�big.</p><p>�Geht es Euch gut, edle Dame? Ich hoffe, ich habe Euch mit meinem Trinkspruch nicht in Verlegenheit gebracht. F�r gew�hnlich bin ich nicht solch ein Draufg�nger � Ich ��</p><p>Er l�chelte sie an, dass ihr schier das Herz brechen wollte. �Ich wei� auch nicht, was in mich gefahren ist.�</p><p>Sie riss einen Schenkel des H�hnchens ab. Jetzt blo� nicht sentimental werden! Sie schaffte es, sich zu einem L�cheln zu zwingen. �Das war das galanteste Kompliment, das mir je gemacht wurde�, sagte sie. Und es war keine L�ge. Promachos hatte ihr zwar mit geschliffeneren Worten geschmeichelt, doch hatten all seine Komplimente immer nur darauf abgezielt, sie in Stimmung zu versetzen, sich ihm hinzugeben. Bei dem Ritter war sie sich sicher, dass er ihr ganz ohne Hintergedanken geschmeichelt hatte. Er meinte, was er sagte.</p><p>�Das H�hnchen riecht k�stlich�, sagte er ganz offensichtlich, um das Thema zu wechseln.</p><p>�Keine Sorge. Ihr habt mich nicht verlegen gemacht. Ganz im Gegenteil, Ihr habt mein Herz ber�hrt, und das ist erst einem vor Euch gelungen.�</p><p>�Sicher ein gl�cklicher Mann�... �</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich habe ihn seit mehr als elf Jahren nicht gesehen. Ich wei� nicht, was aus ihm geworden ist.� Sie dachte an den Jungen, der ihr damals in Nantour heimlich nachgestellt hatte.</p><p>Er hatte gewusst, was sie tat. Und doch hatte es ihn nicht abgeschreckt. In seinen Augen hatte sie geglaubt, reine Liebe zu sehen. Nie hatte er es gewagt, sie anzusprechen.</p><p>Vielleicht ging er ihr deshalb nie aus dem Sinn. Nie hatten dumme Worte die Gef�hle entweiht, die er so offensichtlich f�r sie empfunden hatte. Es war damals ein Leichtes gewesen, seinen Namen von den anderen Bettlerjungen zu erfahren. Manchmal hatte sie sich in den letzten Jahren Tagtr�umen von unschuldiger Liebe hingegeben.</p><p>Tr�umen davon, wie ihr Leben h�tte sein k�nnen. Jedes Mal hatte sie dabei an ihn gedacht.</p><p>�Auch ich kenne den Schmerz unerf�llter Liebe. Ich war noch ein Junge, als mich die Liebe traf.� Er l�chelte verlegen. �Ich habe mich nicht einmal getraut, sie anzusprechen. Ihr merkt, ich bin auch heute nicht gut mit Worten in Anwesenheit sch�ner Damen. Mein Schicksal hat mich in ein einsames Tal verschlagen. Jeden Tag habe ich an sie gedacht. Als ich endlich in meine Heimatstadt zur�ckkehren konnte, lebte sie nicht mehr dort. Zwei Jahre lang habe ich �berall in Fargon nach ihr gesucht. Es wird nie eine andere f�r mich geben als meine Elodia, mein Blumenm�dchen vom Heumarkt in Nantour.�</p><p>Ihr fiel der Weinbecher aus der Hand. Das konnte nicht sein!</p><p>�Ist Euch nicht gut, meine Dame? Ihr seid pl�tzlich wei� wie der Tod.�</p><p>�Ist dein Name Adrien?�</p><p>Er sah sie verwundert an. Dann lag pl�tzlich Misstrauen in seinem Blick. �Meine Mutter nannte mich so. Aber mein richtiger Name ist Michel Sarti.�</p><p>�Und dieses Blumenm�dchen? Was tat sie, wenn sie kein Gl�ck damit hatte, ihre Blumen zu verkaufen?�</p><p>�Dar�ber m�chte ich nicht sprechen, meine Dame�, entgegnete er k�hl.</p><p>�Ging sie zu dem Fleischhauer, der die k�stlichen W�rste machte? Und zu dem B�cker bei der Flussbr�cke und�... � �Kanntet Ihr sie?�</p><p>Sie suchte in dem Gesicht des Ritters nach den Z�gen des Jungen. Sie hatte Adrien stets nur von weitem gesehen. Beide hatten sie dieselbe Haarfarbe. Und vielleicht auch dasselbe scheue L�cheln.</p><p>�Du bist doch auch Priester ...�</p><p>�Ich habe keine Weihe empfangen.�</p><p>�Das ist egal. Ich muss dir beichten.� Ihr standen jetzt Tr�nen in den Augen. Sie konnte es nicht hier drinnen tun. Sie hatte ihren Traum get�tet. Den kleinen unschuldigen Jungen, der sie nie vergessen hatte, wenn die Worte des Ritters stimmten. �Lass uns hinter die Scheune gehen.� Sie stellte sich vor, wie er ihr den Kopf abschlagen w�rde, wenn er erfuhr, dass sie eine gemeine M�rderin war. Dass sie ihn get�tet hatte, auch wenn ihm noch drei Tage blieben. Es gab kein Gegengift gegen das Loabo. Er war verloren!</p></section><section><title><p>Der Weg des Geldes</p></title><p>Anderan griff die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. Er war �ber zwanzig Stunden in den Kan�len gewesen und so ersch�pft, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Es war jene tief zufriedene Ersch�pfung, die er in den letzten Jahren so oft vermisst hatte. Er hatte die Bauarbeiten nicht nur beaufsichtigt, er hatte auch selbst Hand angelegt.</p><p>Bedeckt mit Schlamm, nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit triefnassem Haar verabschiedete er die �brigen Holden. Sie hatten gute Arbeit geleistet und waren einen Tag fr�her als geplant fertig geworden. Die M�nner standen noch kurz beisammen, machten Witze oder beklagten sich �ber ihre Frauen. Dann verliefen sie sich.</p><p>Anderan sah ihnen nach. Er wusste, dass es einen Tag wie diesen nie wieder in seinem Leben geben w�rde. Sie hatten sechs neue Abstiege ins steinerne Herz ihrer Stadt gebaut. Sechs Fluchtwege, die noch auf keiner Karte verzeichnet waren. Und sie hatten auch die goldenen Fluttore im Saal der Fallenden Wasser inspiziert und eine �nderung am Schlie�mechanismus der Tore vorgenommen. Anderan hatte es genossen, noch einmal diesen pr�chtigsten Saal des unterirdischen Systems aus Zisternen, Trinkwasser- und Abw�sserkan�len zu besuchen. Es war der Thronsaal des Herrn der Wasser. Sein Vater Gondoran, der bei der letzten K�nigswahl der Herrscher der Holden gewesen war, hatte ihn gern so genannt. Anderan konnte sich noch gut erinnern, wie er mit ihm auf den Balkonen hoch im Saal der Fallenden Wasser gestanden hatte, um dem Lied des Wassers zu lauschen. Sein Vater war im fernen Phylangan gestorben. Sein Sohn in den Weiten des Windlands. Sein Zweig aus der Sippe der Bragan w�rde keine Bl�ten mehr tragen.</p><p>In melancholischer Stimmung ging er nach Hause. Seine Dienerinnen hatten ihm ein Bad bereitet. Er genoss es, im warmen Wasser zu ruhen. Es war still im Haus. Anderan war allein. Er betrachtete seine H�nde und F��e, dachte kurz an die verlorenen Finger und Zehen. Die Wunden waren verheilt, aber es tat ihnen nicht gut, dass er immerzu im Wasser stand. Er sollte der K�nig Albenmarks werden. Was sein Vater wohl dazu gesagt h�tte? Gondoran hatte sein Leben gewagt, um die K�nigin zu retten, als die Trolle �berraschend �ber Vahan Calyd herfielen. Und nun sollte sein Sohn durch List und Intrigen jene Krone gewinnen, die Gondoran f�r Emerelle verteidigt hatte. Sein Vater w�rde das nicht sch�tzen ... Und sein Sohn Baidan? An ihn zu denken, tat nicht mehr so weh. Baidan w�rde wahrschein lieh sagen, er habe zu viel Zeit im Kronrat verbracht. Und sein Sohn h�tte damit Recht gehabt. Der Platz des Herrn der Wasser war in Vahan Calyd. In den Kan�len der Stadt!</p><p>Er dachte an die letzten Steine des Mosaiks, die sich in den vergangenen Wochen gef�gt hatten. An all die Briefe und Rechnungen. Und an die kurze Mitteilung, die ihn erst gestern erreicht hatte. Im F�rstenpalast von Tanthalia war seit sechs Jahren kein einziger neuer Vorhang mehr aufgeh�ngt worden. Das war der letzte Stein. Nun hatte sich das Mosaik zu einem klaren Bild gef�gt. Nach dem Weg der Pfeile war er dem Weg des Geldes gefolgt.</p><p>Vor einem Jahr hatte Elija 10 000 Silberst�cke an das Handelshaus Verrak �berschreiben lassen. Silber, das mutma�lich aus den Schatztruhen der Snaiwamark-Karawane abgezweigt worden war. F�r diese Summe h�tten seidene Vorh�nge f�r seinen Palast geliefert werden sollen. Vermutlich h�tte man daf�r den halben Palast in Seide h�llen k�nnen. In den n�chsten Monden waren vom Handelshaus Verrak Bestellungen an verschiedene Schmiede und Pfeilmacher herausgegangen. Und an einen Korbflechter. Anderan lagen all diese Rechnungen vor, denn er hatte seine Macht als Kronrat genutzt, um Abschriften der Kontorb�cher der Verraks fertigen zu lassen.</p><p>Und das ohne das Wissen der Kaufherren. Nahm man die Transportkosten noch dazu und die Geb�hren der Lagerh�user, dann f�gte sich all das auf eine Summe von ann�hernd 10 000 Silberst�cken. Ganz offensichtlich hatten die Verraks es nicht gewagt, bei diesem Gesch�ft einen Gewinn f�r sich herauszuschlagen.</p><p>Nat�rlich waren ihre Geldgesch�fte verwickelt und un�bersichtlich. Vor einem Gericht, das nicht mit Trollen besetzt war, w�rden sie sich mit Sicherheit herausreden k�nnen. Die 10 000 Silberst�cke machten nur einen Bruchteil der Warenwerte aus, die durch das gro�e Handelshaus im Laufe eines Jahres bewegt wurden. Sicherlich lie� sich beweisen, dass die M�nzen aus Tanthalia in die Finan zierung ganz anderer Gesch�fte geflossen waren. Doch ebenso stand au�er Zweifel, dass sich alle Summen des Pfeilgesch�fts letztlich zu einem Betrag von etwa 10 Silberst�cken f�gten.</p><p>Anderan streckte sich im Bad. In einer Mauernische stand zwischen Tiegeln mit Bade�len noch das kleine Holzschiff, das er vor Jahren f�r Baidan geschnitzt hatte.</p><p>Kein Bad war vergangen, ohne dass der Junge das Schiff zu Wasser gelassen hatte.</p><p>Baidan hatte Segel aus bunt bemalten Bananenbl�ttern daf�r gemacht. Segel, die l�ngst vergangen waren.</p><p>Der Herr der Wasser tastete nach der Pfeilspitze, die auf seiner Brust ruhte. Lange betrachtete er das kleine Eisenst�ck, welches das Leben seines Sohnes beendet hatte. In drei Tagen w�re er der Herrscher Albenmarks. Aber wenn er Elija vor ein Gericht brachte, dann w�rde alles in den Schmutz gezerrt werden, wof�r Hunderte Kobolde in den letzten Jahren ihr Leben gegeben hatten. Elija war unber�hrbar. St�rzte er, w�rde auch sein Lebenswerk fallen�...</p></section><section><title><p>Das Kind</p></title><p>Melvyn riss sie mit sich. Er st�rmte in panischer Hast der Deckung des Felsturms entgegen, w�hrend sie immer noch zu der Pracht der Lawine hinaufschaute. Es sah aus, als habe sich eine Wolke auf den Hang des Berges gelegt, um nun in all ihrer Pracht an seiner Flanke hinabzugleiten. Majest�tisches Grollen begleitete das wirbelnde Wei�. Ein Ger�usch, das jeden anderen Laut erstickte.</p><p>W�hrend des Laufens sp�rte sie, wie der Boden unter ihren F��en bebte. Das Erzittern des Berges l�ste kleinere Lawinen aus, die dem gro�en Wei� vorauseilten wie Herolde, welche die Ankunft eines K�nigs verk�ndeten.</p><p>Klumpen aus verharschtem Schnee schlugen gegen ihre Beine. Sie strauchelte. Melvyn zog sie sofort wieder hoch. Die Lawine war schnell! Viel schneller als sie eilte sie dem Felsturm entgegen.</p><p>Melvyn eilte leichtf��ig dahin, w�hrend ihre Schritte leicht einsanken. Hatte denn all ihre Zauberkraft sie verlassen? Sie bekam keine Luft mehr. Sie atmete. Sie sp�rte die eisige Winterluft ihre Lungen f�llen. Aber es schien nicht zu helfen. Sie hatte das Gef�hl zu ersticken.</p><p>Wieder strauchelte sie. Die Lawine w�rde sie bald verschlingen. Die Bergflanke erzitterte. Der Berg wollte sie t�ten. Sie wusste das. Bald w�re sein Werk vollendet.</p><p>Melvyn packte sie. Er schrie sie an, doch sie verstand kein einziges Wort. Der Donner der Lawine war ein Tyrann, der keinen anderen Laut neben sich duldete. Melvyn hob sie auf die Arme.</p><p>Jetzt brach auch er in den verharschten Schnee ein. Sie war zu schwer. Sein Rettungsversuch w�rde nicht helfen. Jetzt war auch sein Tod unabwendbar.</p><p>Das brodelnde Wei� traf auf den Felsturm. Eine Wolke wirbelnder Eiskristalle verschlang sie. Melvyn lief immer noch weiter.</p><p>Emerelle kniff die Augen zusammen. Feine Eissplitter stachen nach jedem Zoll ungesch�tzter Haut. Sie prallten gegen etwas Hartes und st�rzten. Melvyn kam nicht mehr auf die Beine. Schneemassen glitten rechts und links an ihnen vorbei. Aber er lie� sie nicht los. Er zerrte an ihr. Zog sie in eine scharfkantige Enge. Sie schlug sich den Kopf an. Alles um sie herum bebte. Das Br�llen des Berges l�schte jeden anderen Gedanken.</p><p>Melvyn hielt sie fest an sich gedr�ckt. Sie sp�rte seinen warmen Atem in ihrem Nacken. Der einzige Trost in einer Welt aus Stein. Dann entfernte sich der Donner.</p><p>Noch immer war die Luft erf�llt von Pulverschnee. Sie konnte nichts sehen. Doch der Felsturm bebte nicht l�nger. Die Spannung lie� nach. Sie f�hlte sich geborgen in der Umarmung. Sie lie� innerlich los.</p><p>Pl�tzlich stand das Kind vor ihr. Das Kind, das schon auf dem Berggipfel in ihren Tr�umen gewesen war. Ein M�dchen mit goldblondem, leicht gelocktem Haar und Augen in der Farbe, die das Fel eines jungen Rehkitzes hat.</p><p>Das Kind zu sehen, erf�llte sie mit tiefem Frieden. Die Kleine l�chelte sie an, und ihr ging das Herz auf. Emerelle wusste, es war ihre Tochter, die sie sah. Die Tochter, die sie nie gehabt hatte. Sie winkte ihr zu und lief. Und w�hrend sie lief, wurde sie gr��er, wurde zur jungen Frau. Die Landschaft um sie herum ver�nderte sich. Sie war auf einer weiten Ebene. In einem Dschungel. Dann erkannte Emerelle Vahan Calyd. Die pr�chtigen Feuerblumen des Festes der Lichter schm�ckten den Himmel. Viermal kam ihre Tochter nach Vahan Calyd. Jedes Mal erstrahlten weniger Lichter am n�chtlichen Himmel. Und die Stadt wirkte von Mal zu Mal verfallener. Pl�tzlich war ihre Tochter verschwunden. Inmitten eines brennenden Waldes. Emerelle schrie und weinte. Ihr Blick irrte umher. �berall war nur Feuer. Irgendwie schaffte sie es, den Flammen zu entkommen. Doch ganz gleich, wohin sie sich wandte, das Land war zu Asche geworden. Einmal glaubte sie den Schatten eines Drachen �ber den Himmel gleiten zu sehen. So lange sie auch suchte, sie fand kein Leben. Dann pl�tzlich stand sie hinter einer Gestalt, die �ber einem Feuer kauerte und Seiten aus einem eng beschrieben B�chlein riss, um sie den Flammen zu �bergeben. Es war ein Lutin. Er erinnerte Emerelle an Elija Glops. Aber ganz sicher war sie sich nicht. Der Kobold blieb bei dem Feuer, bis auch der Einband des Buches vollst�ndig verbrannt war. Dann eilte er davon. Kaum war er fort, f�gten sich Einband und Seiten wieder aus der Asche zusammen. Sie erhoben sich aus den Flammen. Das Buch breitete seine Seiten aus, als seien es Vogelschwingen und stieg hoch in den Himmel hinauf.</p><p>Pfeilschnell zog es dahin, bis ein gewaltiger Berg vor ihm erschien. Es flog auf einen Felsturm in einem Schneefeld zu. Dort kauerte ein erfrorener Elf. Ganz deutlich sah Emerelle, dass das Buch unter seinem linken Fu� lag.</p><p>Dann war da wieder das Gesicht des M�dchens. Und das Ollowains. Ohne dass der Schwertmeister auch nur ein Wort sprach, erkannte sie an seinem verhaltenen L�cheln, dass er wieder ganz er selbst war. Er hielt das kleine Buch in der Hand. Seine Augen strahlten. Er winkte ihr zu�...</p><p>Das Bild �nderte sich. Sie blickte auf Vahan Calyd hinab und sah das Fest der Lichter.</p><p>Immer und immer wieder. Viele Jahrhunderte vergingen. Einmal glitt ein bedrohlicher Schatten dicht unter ihr durch den Himmel. Pl�tzlich wehten fremde Banner �ber der Hafenstadt. Die Palastt�rme lagen in Tr�mmern und �berall waren Fahnen mit einem toten schwarzen Baum vor wei�em Grund zu sehen. Sie sah sich und Skanga. Sie hatten einen dritten Albenstein! Und sie taten etwas Ungeheuerliches!</p><p>Wieder sah sie das M�dchen mit dem goldblonden Haar.</p><p>�Emerelle?�</p><p>Sie setzte sich mit einem Ruck auf. Ihr standen Tr�nen in den Augen. Ihr war kalt.</p><p>�Sie sind da�, sagte Melvyn leise. Er hielt sie noch immer in seinen Armen. Behutsam schob er sie von sich fort.</p><p>Noch immer von ihren Tr�umen benommen, stand sie auf. Wolkentaucher und Fleckfu� sa�en in dem weiten Schneefeld. Vor der weiten, wei�en Fl�che wirkten sie klein wie Sperlinge. Auch sie f�hlte sich klein. Sie sah den Berg hinauf. Der Gipfel entzog sich wie immer dem Blick. Es war ein klarer Tag. Der Berg war wundersch�n.</p><p>Er sah gar nicht aus wie ein M�rder. Vielleicht lag die Schuld auch bei denen, die unbedingt den Gipfel erreichen wollten. Jenen einen Ort auf der Welt, der allen Albenkindern versagt war. Sie ahnte, dass der S�nger dort oben war. Aber er hatte sich nicht zwingen lassen, sich ihr zu zeigen, wann sie es wollte. Vielleicht hatte er ihr die Tr�ume geschickt�... Die Alben sprachen nicht mit ihren Kindern. Aber das Schicksal der Welt, die sie erschaffen hatten, war ihnen nicht gleichg�ltig.</p><p>Emerelle f�hlte sich klein und verloren auf dem weiten Schneefeld. Hatte der Berg sie Demut lehren wollen?</p><p>Melvyn kam mit ihrem Fluggeschirr. Seines hatte er schon angelegt. Er sah ein wenig l�cherlich aus mit dem lederbezogenen Oval �ber seinem Kopf. �Bist du bereit?�</p><p>Sie nickte. Er half ihr ins Gurtzeug und begann sie zu verschn�ren. �Wohin wirst du gehen, Melvyn?�</p><p>Er blickte zu ihr auf und l�chelte. �Zu Conlyn und Leylin. Zu meiner Familie. Ich habe Leylin nicht gesagt, wohin wir reisen werden, und ich habe Kadlin verboten, dar�ber auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Wei�t du, Leylin wirkt so ruhig und freundlich, aber manchmal kann sie sehr bestimmend sein. Sie h�tte mich nicht ziehen lassen, wenn sie gewusst h�tte ...� Er zog seinen Gurt so straff, dass es schmerzte.</p><p>�Und du? Bist du sehr entt�uscht?�</p><p>Sie beneidete ihn um seine Familie. Das war ein Leben, das sie nie kennengelernt hatte.</p><p>Ihr Vater war schon tot gewesen, als sie geboren wurde.</p><p>�Ich muss noch einmal zum Felsen zur�ck.� Sie merkte, dass Melvyn die Verz�gerung missfiel, aber sie musste es wissen. Sie ging zu der tiefen Spalte, die sie vor der Lawine bewahrt hatte. Zu dem Grab des namenlosen Elfen, der mit gefrorenen Lidern bis in alle Ewigkeit auf das Schneefeld hinabblicken w�rde. Unter seinem linken Fu� lag ein schmales schwarzes B�chlein. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es schon dort gewesen war, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatten. Sie glaubte es nicht.</p><p>Emerelle kniete nieder. Das Oval ihres Fluggeschirrs schlug gegen die Felsen. Sie streckte sich, bis sie mit den Fingerspitzen das B�chlein ber�hren konnte. Es war wirklich da! Keine Illusion. Sie m�sste es nur nehmen. Dann w�rde das Kind mit dem goldenen Haar in ihr Leben treten.</p><p>Ihr Kind. Und Ollowains. Wenn er das Buch las, w�rde er zur�ckkommen, und sie w�rde sein Herz gewinnen. Sie musste nur das Buch nehmen und es zu ihm bringen.</p><p>Der S�nger hatte ihr also doch Antwort auf ihre Fragen gegeben. Auf seine Art.</p><p>�Wir m�ssen hier fort�, rief Melvyn. �Wir sollten den Berg nicht noch einmal herausfordern. Bitte lass uns gehen!�</p><p>Emerelle strich mit den Fingerspitzen �ber das Buch. Sie dachte an das Kind. Nur vier Kr�nungsfeste w�rde es noch geben, wenn sie es nahm. Mehr als hundert Jahre ...</p><p>�Bitte, Emerelle! Die Adler werden unruhig. Sie wollen fort!�</p><p>Sie richtete sich auf. Ein letztes Mal blickte sie auf das Buch. Sie war sich sicher, es w�rde nicht mehr hier sein, wenn sie sp�ter noch einmal zur�ckkehrte.</p><p>Die Adler weiteten ihre Schwingen. Sie stie�en sich vom Schneefeld ab und glitten dem Tal entgegen. Dann machten sie eine Kehre und kamen mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen zur�ck. Emerelle konnte sehen, wie sie von b�igen Winden hin und her geworfen worden. Sie lief zu Melvyn. Er kontrollierte noch einmal ihr Gurtzeug. �Was hast du da gemacht?�</p><p>�Abschied von meiner Familie genommen.�</p><p>Er sah sie scharf an. Er konnte es nicht verstehen. �Ich muss nach Vahan Calyd�, sagte sie.</p></section><section><title><p>Vorahnung</p></title><p>Jules drehte sich von den S�cken und setzte die F��e auf den Boden. Er war mit Mehlstaub bepudert. Er hatte es noch nie in einer M�hle getan. Er sah an sich hinab. Er sah aus wie ein Geist.</p><p>Die Blonde schlief noch. Es war Zeit, zu gehen. Er hatte Spa� gehabt. Es war gut, kein Pferd mehr zu sein! Er w�rde zur n�chsten Schenke ziehen. Er brauchte Bier. Er w�rde noch sehr viel Bier brauchen, um Stroh, Hafer und das brackige Wasser aus den Tr�nken zu vergessen. Auch als Pferd hatte er sich gelegentlich kurze Ausfl�ge geg�nnt, aber es waren immer nur gestohlene Stunden gewesen.</p><p>Er trat vor die T�r und blickte zum Himmel hinauf. Ein schmaler Sichelmond leuchtete zwischen den Wolken. Warum war er schon wach? Er hatte kaum geschlafen.</p><p>Er rieb sich �ber die stoppeligen Wangen und dachte an den Jungen. Wo Adrien wohl gerade steckte? In den letzten Monden hatte sich der Junge gut gemacht. Er sollte ihn alleinlassen, verdammt nochmal, er war doch nicht dessen Amme. Adrien steckte in einer R�stung, die ihn fast unverwundbar machte. Und seit er nicht mehr dem M�dchen nachjagte, machte er auch deutlich weniger Unsinn.</p><p>Jules streckte sich und r�lpste. Er hatte am Abend zu viel gegessen. Er blickte wieder zu der schlafenden M�llerin. Sie w�re es wert gewesen, ein paar Tage zu bleiben. Es war nett mit ihr. Sie hatte einen sehr schr�gen Humor und war begeistert, einen Tjuredpriester in ihrem Bett oder auf ihren Mehls�cken liegen zu haben.</p><p>Wieder blickte er zum Mond hinauf. Etwas war mit dem Jungen nicht in Ordnung. Er sp�rte es. Seine Vorahnungen hatten sich immer als richtig erwiesen. Deshalb lebte er noch, w�hrend alle anderen Devanthar tot waren.</p><p>Vern�nftig war es nicht, zu gehen�... Er sollte sich dem Jungen auch nicht zu erkennen geben. Wenn alles in Ordnung war, k�nnte er sich wieder zur�ckziehen. Wo Adrien wohl steckte? War er etwa zu Cabezan gegangen? Zwei Jahre lang hatte er sich davor gedr�ckt, dem K�nig gegen�berzutreten. Nachdem er in Drusna die Spur seiner Elodia verloren hatte, w�re genug Zeit gewesen, sich dem K�nig zu widmen. War er die Sache ausgerechnet jetzt angegangen? Cabezan w�rde ihm Schwierigkeiten machen.</p><p>Jules stellte sich vor, wie sich der Junge nach der Strafpredigt, die er ihm zum Abschied gehalten hatte, ein Pferd besorgt hatte und geradewegs zu Cabezans Palast geritten war. Zuzutrauen war ihm das. Ohne Plan einfach dort hineingehen. Da waren nie weniger als f�nfzig Leibwachen. Alles handverlesene K�mpfer. Gen�gend, um den Jungen niederzuringen. Wenn Adrien in Schwierigkeiten geriet, dann w�rde es in Cabezans Palast sein.</p><p>Jules blickte ein letztes Mal zur M�llerin. Nur ein paar Tage, dann w�re er wieder zur�ck. Nur ein paar Tage! Wahrscheinlich bildete er sich alles nur ein, und Adrien stand auf irgendeinem Marktplatz, lie� sich bewundern und predigte. Das machte er zugegebenerma�en gut.</p><p>Wahrscheinlich r�hrte sein ungutes Gef�hl nur von dem zu �ppigen Abendessen.</p><p>Er zog sein blaues Priestergewand �ber und ging die schlammige Stra�e entlang, die zur Br�cke am Ende des Dorfes f�hrte. Der n�chste Albenstern war ein gutes St�ck Weges entfernt. Und es gab auch keinen Stern in der N�he von Cabezans Palast. Er w�rde eine ganze Weile brauchen, bis er dort war. Vielleicht zwei Tage�... Vielleicht ein wenig l�nger. Sicher hatte er nur zu viel gegessen. Er war zu lange mit Adrien zusammen gewesen. Er war nur ein Mensch, er sollte nicht dauernd an den Jungen denken. Er w�rde ohnehin sterben. Es war besser, keinen von ihnen so sehr kennenzulernen. Sie starben einfach zu schnell, wohingegen er alterslos durch die Jahrhunderte wanderte.</p><p>Was f�r einen Unsinn er doch dachte! Durch die Jahrhunderte wandern! In diesem Augenblick ging er barfu� auf einer verschlammten Landstra�e. Und es war ziemlich kalt. Er grinste. Die Menschen w�rden ihn daf�r bewundern. Sie hatten ja keine Ahnung, wie leicht es war, sich mit einem Wort der Macht gegen die K�lte zu wappnen. F�r sie war er ein asketischer Wanderpriester.</p><p>Hoffentlich hatte sich der Junge nicht in Schwierigkei ten gebracht. Jules beschleunigte seine Schritte. Er k�nnte sich in ein Pferd verwandeln, um schneller voranzukommen. Adrien durfte kein unw�rdiges Ende nehmen! Dann w�ren all die Jahre der Arbeit vergebens gewesen. Er mahnte sich zur Ruhe. Bestimmt lag der Junge jetzt in irgendeiner Sch�nke und schlief! Und er machte sich v�llig unn�tig Sorgen.</p><p>Er beschleunigte noch einmal seine Schritte. Es konnte ja nicht schaden, sehr fr�hzeitig zu sehen, dass alles in Ordnung war. Sobald er die Br�cke �berquert hatte, w�rde er sich in ein Pferd verwandeln. Dort w�rde ihn niemand mehr sehen.</p></section><section><title><p>Der Attent�ter</p></title><p>Alvias zog ein letztes Mal den Wetzstein �ber die Klinge. Der Elf blickte hinab auf die �berf�llten Stra�en. Der P�bel feierte, statt gegen die Schreckensherrschaft der Trolle aufzubegehren. Es war verr�ckt. Emerelle hatte sich jahrhundertelang f�r sie aufgeopfert. Und was taten sie f�r ihre K�nigin? Er konnte ja verstehen, wenn sie nicht mit dem Schwert in der Hand den Palast des Trollk�nigs st�rmten. Aber wenn hier Stille herrschte statt ausgelassener Festlaune, dann w�re das ein Zeichen, das selbst Trolle verst�nden. Schweigende Mengen, vereint in stummer Anklage.</p><p>Der ehemalige Hofmeister erhob sich. Ein fl�chtiger Blick gen�gte ihm, um zu offenbaren, wie schlecht das Fest organisiert war. �berall lag Unrat auf den Stra�en.</p><p>Er stieg die lange Treppenflucht hinab zur Stra�e. Es war ihm unangenehm, sich unter die Feiernden zu misehen. Er hatte kein Gefolge. Diesen Weg w�rde er allein gehen. Jeder, der mit ihm k�me, w�re in Gefahr. Er schob den Dolch in die Scheide an seinem G�rtel. Es war eine reich verzierte Waffe. Sie war mehr zur Repr�sentation von Macht und Wohlstand gedacht. Sie passte zu seinen f�rstlichen Gew�ndern. Niemand w�rde sich daran st�-</p><p>ren. Ein Schwert h�tte er nicht an Bord der Prunkbarkasse nehmen k�nnen. Aber den Dolch, den w�rden die Trolle nicht ernst nehmen.</p><p>Er wich einer Gruppe betrunkener Minotauren aus, die mitten auf der Stra�e einen Ringkampf veranstalteten. Scharen johlender Kobolde standen um sie herum und wetteten. Sogar ein paar Kentauren waren in der Stadt. Es hatte Alvias �berrascht, sie hier zu sehen. Waren sie doch die Einzigen, die ernsthaft Widerstand gegen K�nig Gilmarak leisteten. Aber zum Fest der Lichter ruhten traditionell �berall in Albenmark die Waffen. Selbst die Trolle hatten sich bisher daran gehalten. Bei der letzten K�nigswahl hatten sie die halbe Stadt niedergebrannt. Nun waren sie die Herrscher und sorgten f�r Recht und Ordnung. Es war ein zynischer Witz. Eine Laune der Geschichte.</p><p>Und er w�rde daf�r sorgen, dass sich diese Laune nicht wiederholte.</p><p>Alvias stellte sich vor, wie er neben Gilmarak trat. Er w�rde den K�nig im Glauben lassen, dass er ihm zur Wiederwahl gratulierte. Er w�rde den ganzen Abend �ber ausgesucht h�flich sein. Und dann w�rde er ihm den Dolch unter den Rippenbogen rammen, die Klinge schr�g nach oben gerichtet, so dass sie das Herz treffen musste.</p><p>Und er w�rde mit Emerelles Namen auf den Lippen sterben.</p><p>Nein, das war zu melodramatisch. Das war nicht sein Stil. Er w�rde mit einem k�hlen L�cheln sterben. Gedankenverloren strich er �ber den langen, mit einer Silberborte geschm�ckten, schwarzen Seidenmantel. Die Borte war nicht zu �ppig. Darunter trug er eine dunkelrote Tunika, ebenfalls mit Silberborte ges�umt. Zwei Tage lang hatte er sich Gedanken �ber seine Garderobe gemacht. Es bedeutete ihm viel, gut gekleidet zu sterben. Auch damit w�rde er in diesen Zeiten der Barbarei ein Zeichen setzen.</p><p>Er wechselte die Stra�enseite, um einer Horde gr�lender Kobolde auszuweichen, die einen Springbrunnen besetzt hatten und jeden, der vor�berkam, unter schallendem Gel�chter mit Wasser bespritzten. Zwei hatten sich Gesichter auf ihre nackten Hintern gemalt und streckten sie der Stra�e entgegen.</p><p>Angewidert wandte er sich ab. Ein torkelndes Weib stolperte fast �ber eine Feuerschale, �ber der zwei Faune am Stra�enrand unappetitliche Fleischklumpen brieten. Es war eine Elfe! Ungeheuerlich, wie wenig Selbstachtung manche Angeh�rige seines Volkes hatten! Sich hier an einem solchen Tag zu betrinken!</p><p>Die Faune warfen ihr fluchend Holzkohlest�cke nach, doch die Elfe torkelte so sehr, dass s�mtliche Geschosse sie verfehlten. Sie trug ein mit Schlangenmustern gepr�gtes Lederwams. Ihre Haare waren ungeordnet. Arme und Beine hatte sie sich mit Bandag bemalt. Jetzt kam sie in seine Richtung.</p><p>�Hallo, mein Sch�ner! Du siehst aus, als h�ttest du einen Besen verschluckt.�</p><p>Alvias bedachte sie mit einem finstren Blick. �Ich lege keinen Wert auf Umgang mit Kreaturen wie dir.�</p><p>Sie lachte ihn aus. Ungehobelte Person! Alvias wandte sich ab, da packte sie ihn bei der Schulter und versuchte ihn zu k�ssen. Sie stank nach billigem Branntwein und Heringen. Ekelhaft. Er wich vor ihr zur�ck und versuchte sie gleichzeitig von sich fortzusto�en.</p><p>Sie krallte eine Hand in seinen G�rtel. �Einen Kuss!�, lallte sie und lie� seinen G�rtel los.</p><p>�Ja, k�ss die Kleiderpuppe, und dann kotz ihm auf den Mantel�, br�llte einer der Kobolde vom Brunnen auf der anderen Stra�enseite.</p><p>�Wenn du nicht augenblicklich von mir abl�sst, sehe ich mich gezwungen, mich gewaltsam von dir zu befreien, du�... du Trunkenboldin!� Es war das erste Mal, dass es ihm leidtat, dass er �ber kein angemessenes Repertoire an Schimpfworten verf�gte.</p><p>Sie lie� von ihm ab. �Uh, was f�r ein wilder Stier!� Die Elfe drehte sich zu den Faunen um. �Er wollte mir in den Schritt fassen, der L�stling, habt ihr das gesehen?�</p><p>�Zugabe�, rief der Spa�vogel unter den Kobolden beim Springbrunnen, und auch die beiden Faune grinsten d�mmlich.</p><p>�Diese Person l�gt!�, emp�rte sich Alvias. �Niemals k�me es mir in den Sinn, eine wie sie auch nur zu ber�hren! Sie ...� Die Betrunkene torkelte weiter die Stra�e hinab und beachtete ihn gar nicht mehr. Er seufzte erleichtert. Dann packte ihn der Schreck. Er griff nach seinem Dolch. Hatte sie ihn etwa bestehlen wollen?</p><p>Nein, die Waffe war noch dort. Er sah an sich hinab. Sie hatte ihn nicht besudelt. Etwas steckte in seinem G�rtel. Ein Blatt von irgendeinem Baum. Mit spitzen Fingern zupfte er es hervor. Etwas war mit br�unlicher Farbe darauf gekritzelt. Eine sehr undeutliche Handschrift!</p><p><emphasis>Halte dich von Gilmarak fern, wenn dir dein Leben lieb ist, Alvias!</emphasis></p><p>Er drehte sich um, um sie zur Rede zu stellen, doch die Elfe war spurlos verschwunden. Hielten sie ihn etwa f�r einen Verr�ter, weil er als einziger Elf an der K�nigswahl teilnahm? Wollten sie den Troll besch�tzen? Er w�rde sich nicht einsch�chtern lassen, entschied er. Er hatte ohnehin mit seinem Leben abgeschlossen.</p><p>Er zerkn�llte das Blatt und warf es in die Gosse.</p></section><section><title><p>Der Hinterhalt</p></title><p>�Du?� Elija sah ihn �berrascht an. Der Lutin war alt geworden. Seine Schnauze war grau. Eine kleine Brille mit Stahlrand lie� seinen Blick noch h�rter erscheinen. Er trug denselben abgewetzten Ledermantel wie immer, dazu eine alte Hose und ein paar ungeputzter Stiefel. Auf seinem Hemd prangte dicht unter dem Kragen ein So�enfleck.</p><p>Anders als die meisten Kobolde, die zu Gold und Ansehen gelangten, hatte er noch nie besonderen Wert auf pr�chtige Gew�nder gelegt.</p><p>Elija ma� ihn mit absch�tzendem Blick. �Du wirst wohl als der am sp�rlichsten bekleidete K�nig in die Geschichte Albenmarks eingehen. Ich muss gestehen, dein Aufzug �berrascht mich ein wenig, Anderan.�</p><p>�So kleiden sich die Holden, seit Vahan Calyd besteht. Ich werde nicht am bedeutendsten Tag meines Lebens meine Herkunft verleugnen.�</p><p>Elija setzte noch eine Unterschrift unter ein Dokument. Dann legte er die Feder zur Seite und trat um seinen Schreibtisch. Wieder musterte er ihn. �Nur ein Lendenschurz ist wahrlich knapp ...� Er zuckte mit den Schultern. �Es ist deine Entscheidung.� Er blickte hinaus zum Fenster. Die Sonne stand tief �ber dem Meer. �Es ist wohl an der Zeit, zu gehen.�</p><p>Traditionell wurde die K�nigswahl durchgef�hrt, wenn der letzte Silberstreif �ber dem Meer verblasste. Sobald entschieden war, wer die Krone tragen w�rde, tauchten die Zauberweber aller V�lker den Nachthimmel in ein Meer schillernder Farben.</p><p>�Unsere Spitzel haben Maurawan unter den Feiernden entdeckt�, sagte Anderan ruhig. �Ich bin hier, weil ich mir Sorgen mache.�</p><p>�Ich habe damit gerechnet, dass sie Meuchler schicken.�</p><p>Er blickte noch immer auf das Meer hinaus. �Vielleicht sind sie aber gar nicht unseretwegen hier. Die Maurawan sind ein stolzes Volk, dem jeglicher Sinn f�r Diplomatie abgeht. M�glicherweise halten sie Katander, Nestheus und Alvias f�r �berl�ufer und wollen Rache. Zutrauen w�rde ich ihnen so etwas.�</p><p>�M�glicherweise k�nnen sie aber auch z�hlen und sind zu dem Schluss gekommen, dass die K�nigswahl einen anderen Verlauf nimmt, wenn wir beide fehlen.�</p><p>Elija drehte sich um. �Das w�rde voraussetzen, dass sie w�ssten, wer zur Wahl berufen wird. Die Liste ist aber nur dem Kronrat bekannt.�</p><p>�Komm, Elija, spiel nicht den Einf�ltigen. Du bist vor nicht allzu zu langer Zeit zum F�rsten gemacht worden. Du bist der erste Lutin, der zu solchen W�rden aufgestiegen ist. Da geh�rt nicht viel Scharfsinn dazu, darauf zu kommen, dass du an der K�nigswahl teilnehmen wirst.�</p><p>Er nickte. �Ja, das ist wohl wahr.� Der Lutin trat neben eine Truhe, die bei seinem Schreibtisch stand, und klopfte mit einem Kn�chel gegen den mit vergoldetem Schnitzwerk verzierten Deckel. �Nat�rlich habe ich mir �ber dieses Problem auch schon Gedanken gemacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich auf diese Weise in den Hafen begeben werde.� Wieder klopfte er mit dem Kn�chel gegen den Deckel.</p><p>�In der Truhe�, rief Anderan �berrascht.</p><p>�Richtig. Es sollte wohl auch dem begnadetsten Bogensch�tzen der Maurawan schwerfallen, mich darin zu treffen. Es gibt da ein Weib, Silwyna, angeblich war sie beim letzten Kr�nungsfest beauftragt, Emerelle zu ermorden. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie auch dieses Mal einen Mordauftrag bekommen hat. Ich habe mit Madrog �ber sie gesprochen. Sie soll sehr gut sein.�</p><p>�Findest du es nicht w�rdelos, dich in so einer Kiste zum Kr�nungsfest tragen zu lassen? Du galtst immer als besonders tapfer und furchtlos. Du bist ein Vorbild.�</p><p>�Ich bin lieber w�rdelos als tot. Aber ich danke dir f�r deine Sorge um mich. Darf ich deinen Reden entnehmen, dass du mir einen anderen Weg zur Barkasse vorschlagen m�chtest?�</p><p>Anderan war alarmiert. Hielt der Lutin ihn f�r einen Verr�ter? �In der Tat wollte ich dir vorschlagen, mit mir durch die Kan�le zu gehen. Es gibt unter diesem Palast einen neuen Einstieg, den au�er mir nur noch ein paar Holde kennen. Wir k�nnen auf diesem Weg bis fast zum Kai gelangen, an dem die Barkasse liegt. F�r das letzte St�ck wird Madrog uns dann Deckung geben.�</p><p>�Und du glaubst, es ist ein w�rdevollerer Auftritt, wenn ich aus einem stinkenden Kanal krieche?�</p><p>�Willst du mich beleidigen!�, fuhr Anderan ihn an. �Nat�rlich bringe ich dich durch die Trinkwasserkan�le. Du wirst allenfalls nasse F��e bekommen!�</p><p>Der Lutin bleckte die Z�hne. War das ein L�cheln? Elija hob in beschwichtigender Geste die H�nde. �Ich m�chte nat�rlich auf keinen Fall den k�nftigen Herrscher Albenmarks ver�rgern.� Wieder dieses Z�hneblecken. �Du hast doch nichts dagegen, wenn ich meine Leibw�chter mitnehme?�</p><p>Seit wann hatte er Leibw�chter? �Nur zu. Solange sie keine Platzangst haben.�</p><p>�Dann nehmen wir also deinen Weg. Wo k�men wir hin, wenn ich zu dir kein Vertrauen mehr haben k�nnte. Du kennst die Stadt am besten. Du wirst schon wissen, wie man sicher zum Hafen gelangt. Im �brigen habe ich erst vor einer Stunde f�nfhundert Armbrustsch�tzen abkommandiert, um Madrogs M�nner zu unterst�tzen. Ich denke auch, dass der Hafen wirklich sicher ist.� Er griff nach einem kleinen Gl�ckchen auf seinem Schreibtisch und l�utete. Kurz darauf traten drei schwer bewaffnete Spinnenm�nner ein. Er erkl�rte ihnen, dass sie alle durch die Kan�le zum Hafen gehen w�rden.</p><p>Anderan mochte die Spinnenm�nner nicht. Er hatte sie noch nie gemocht. Bezahlte M�rder waren sie. Madrog unter den verschworenen Kommandanten zu haben, hatte ihre Revolution von Anfang an entw�rdigt.</p><p>�Also gehen wir�, sagte er knapp.</p><p>Er f�hrte sie in das tiefste Kellergew�lbe des Palastturms. Mit Hilfe der Spinnenm�nner wuchtete er die Steinplatte zur Seite, die den Abstieg in die Kan�le verschloss. Ihm schlug der vertraute, k�hle Odem der Kan�le entgegen. Drei Schritt unter ihnen floss kristallklares Wasser.</p><p>�Das ist unser Weg!� Er wollte in den Schacht steigen, als ihn einer der Spinnenm�nner zur�ckhielt.</p><p>�Ich gehe zuerst, wenn du erlaubst. Nach mir folgt Bruder Elija.�</p><p>Anderan trat zur Seite. Er dachte an die f�nfhundert Armbrustsch�tzen. Das war nicht gut!</p></section><section><title><p>�ber den D�chern von Vahan Calyd</p></title><p>�Das sind zu viele�, sagte Fenryl.</p><p>Silwyna bedachte den Grafen mit einem �rgerlichen Blick. Sie h�tte ihn nicht mitnehmen sollen. �Wir Maurawan z�hlen nicht die K�pfe unserer Feinde, bevor wir angreifen.�</p><p>�Zu z�hlen hilft Niederlagen zu vermeiden. Verdammt, es sind zu viele.�</p><p>�Es sind Kobolde. Du musst nicht mitkommen, wenn du dich f�rchtest.�</p><p>�Es sind Kobolde mit Windenarmbr�sten. Die schie�en auf kurze Distanz durch einen halben Zoll dicke Eisenplatten.�</p><p>�Auch das ist ohne Belang�, erkl�rte Silwyna ruhig, �weil wir Maurawan ohnehin keine eisernen R�stungen tragen. Glatte Durchsch�sse sind mir lieber als Bolzen, die in der Wunde stecken bleiben. Wenn wir jetzt nicht angreifen, dann werden wir in einer Stunde einen Koboldk�nig haben. Dies ist die letzte Gelegenheit, es zu verhindern.�</p><p>�Die Kobolde hintergehen uns�, warnte Fenryl. �Von all den Armbrustsch�tzen auf den Palastd�chern war nie die Rede.�</p><p>�Tja, ich w�rde sagen, ein ausgesprochenes Ungl�ck f�r die Armbrustsch�tzen.� Sie beugte sich vor, um die Menge, die sich auf den Stra�en dr�ngte, besser �berblicken zu k�nnen. Sie mochte St�dte nicht. Und sie konnte auch nicht begreifen, wie man Freude daran haben konnte, sich in solchen Haufen zu versammeln, dass man sich gegenseitig auf die F��e trat. Aber Schafe waren ja genauso. Sie f�hlten sich erst richtig wohl, wenn sie sich dicht an dicht dr�ngten.</p><p>Sie sah �ber den Hafen auf das Meer hinaus. Die untergehende Sonne ber�hrte schon fast den Horizont. Es war Zeit, dass Falrach erschien. Er hatte Mut. Sie war zwar nicht �berzeugt von seiner Idee, dass man mit Hilfe eines Spiels den Verlauf einer Schlacht vorhersehen konnte, aber seine Tapferkeit stand au�er Frage.</p><p>Endlich erschien der Elf am Ende der Stra�e. Er ritt einen Schimmel und hatte sich ganz in Wei� gekleidet. Im dichten Gedr�nge kam er nur langsam voran. Er w�rde ganz allein an Bord des Schiffes gehen. Es war an der Zeit, dass sie sich um die verborgenen Torsionsgesch�tze k�mmerten.</p><p>Silwyna streckte die Hand hoch und suchte Blickkontakt zu den vier Maurawan, die sich mit ihr in der Ruine des ausgebrannten Palastes versteckten. Als sie wusste, dass alle zu ihr sahen, deutete sie auf die Kobolde auf der Terrasse unter ihnen. Mit knappen Handzeichen wies sie jedem ihrer K�mpfer ein Ziel zu. �rgerlicherweise waren es sechs Kobolde. Sie musste einen zweiten Schuss schaffen, bevor der sechste Alarm geben konnte. �Und ich?�, fragte Fenryl.</p><p>Der Graf hatte einen kurzen Steppenbogen bei sich, wie die Kentauren ihn benutzten.</p><p>Silwyna traute ihm nicht. Sie hatte geh�rt, dass er ein passabler Schwertk�mpfer war.</p><p>�ber seine K�nste als Bogensch�tze sprach niemand. Das war kein gutes Zeichen!</p><p>�Nimm den Dicken mit dem schwarzen Halstuch da vorne. Aber schie� nur, wenn du sicher bist, dass du ihn so treffen kannst, dass er nicht mehr zum Schreien kommt.�</p><p>Fenryl nickte und zog einen Pfeil aus seinem K�cher.</p><p>Silwyna blickte kurz zu ihren Kriegern. Alle waren bereit und warteten auf ihr Zeichen. �berall auf den D�chern rings herum waren Bogensch�tzen in Stellung. Einige kauerten schon drei Tage in ihren Verstecken. Dass Falrach auf der Stra�e zum Hafen erschienen war, war das Zeichen zum Angriff. Sie waren dreiundf�nfzig Maurawan und eine Handvoll Freiwilliger wie Fenryl.</p><p>Silwyna erhob sich aus ihrer Deckung. Noch in der Bewegung zog sie einen Pfeil, legte ihn auf die Sehne und schoss. Fast alle Pfeile fanden im gleichen Augenblick ihr Ziel.</p><p>Die Kobolde wurden von der Wucht der Treffer herumgerissen. Sogar Fenryl hatte getroffen. Aber jetzt war keine Zeit f�r Komplimente. Noch gab es keinen Alarm. Sie mussten das �berraschungsmoment nutzen. Es war ihre st�rkste Waffe.</p><p>Sie stieg �ber die verfallene Mauer und war mit einem Satz auf einem halb verkohlten Dachbalken. Der Balken federte leicht unter ihrem Gewicht. Sie lief weiter. Rings herum bewegten sich ihre Gef�hrten lautlos durch die Ruine.</p><p>Die Maurawani sprang zu einem St�tzpfeiler aus br�ckelndem Mauerwerk. Sie hielt sich mit einer Hand am Wurzelwerk eines Busches fest, der aus der Ruine wuchs.</p><p>Vorsichtig schwang sie sich um den Pfeiler herum und war mit einem letzten weiten Sprung auf der Terrasse. Alle sechs Kobolde lagen reglos am Boden. Blutlachen wuchsen unter ihren K�rpern.</p><p>Silwyna nahm das Seil von der Schulter und schlang es um das steinerne Gel�nder der Terrasse. Zehn Schritt tiefer gab es einen Saal mit weiten Bogenfenstern. Dort standen zwei der Torsionsgesch�tze, die den Hafen �berwachten und �ber Leben und Tod auf der Prunkbarkasse entscheiden mochten.</p><p>Ihre Mitstreiter erreichten die Terrasse. Wortlos schlangen auch sie ihre Seile um das Gel�nder und kauerten sich in Deckung. Fenryl kam als Letzter.</p><p>�Sch�n zu sehen, dass du nicht abgest�rzt bist�, fl�sterte sie ihm zu.</p><p>Der Elf ging neben ihr in Deckung und machte sein Seil fest.</p><p>�Bereit?�, fragte Silwyna leise.</p><p>Die anderen nickten. Sie alle legten K�cher und Bogen ab. Die Waffen w�rden bei dem, was nun kam, nur st�ren.</p><p>�Los!� Die Maurawani nahm ihr Seil und ging bis zum Ende der Terrasse. Dann st�rmte sie, so schnell sie konnte, auf das Gel�nder zu. Mit einem Satz war sie dar�ber hinweg und tauchte mit ausgebreiteten Armen hinab in die Nacht. Kurz sah sie die Feiernden in den Stra�en. Sie konnte ihre Lieder h�ren. Dann kam der Ruck. Es war ein Schlag, der durch alle Glieder ging. Das Seil war gestrafft. Sie schwang mit den F��en voran der Wand des Palastturms entgegen. Zum Gl�ck waren die Fenster gro�.</p><p>Ihre Linke tastete nach der Schlie�e, mit der sie das Seil l�sen w�rde.</p><p>Sie gelangte durch das Fenster. Im Zenit der Bewegung l�ste sie die G�rtelschlie�e.</p><p>Jetzt war sie frei! Sie federte in die Hocke, als sie landete. Ein Armbrustbolzen schoss �ber sie hinweg. Schon hatten die ersten Spinnenm�nner den Schock des pl�tzlichen Angriffs �berwunden. Sie gingen zwischen Kisten in Deckung, die nahe bei den Gesch�tzen standen.</p><p>Silwyna zog ihre beiden langen Dolche. Etwa drei�ig Kobolde waren in dem Saal, ein Drittel von ihnen Spinnenm�nner. Sie trat einem Angreifer, der mit einer Hellebarde auf sie zust�rmte, ins Gesicht und drehte ihm die Waffe aus den H�nden. Sie warf einen Ihrer Dolche nach einem Krieger mit Armbrust. Seine Arme zuckten hoch. Der Bolzen schlug in die Decke des Saals. Silwyna rannte auf die Spinnenm�nner bei den Gesch�tzen zu. Ein weiterer Kobold mit Hellebarde st�rmte ihr entgegen. Sie wich der Spitze der Waffe aus, packte den Schaft und riss ihren Gegner hoch. Ihre Finger krallten sich in die Weste des Kobolds, der sie mit angstweiten Augen anblickte. Sie schwenkte herum und benutzte ihn wie einen Schild. Sie konnte sp�ren, wie die Bolzen in seinen Leib schlugen. Er spuckte Blut.</p><p>Silwyna rannte weiter und warf den Sterbenden nach einem der Spinnenm�nner. Sie duckte sich vor etwas Schil erndem. Ein Wurfmesser ritzte ihre Wange.</p><p>Ein Bolzen zog zischend an ihrem linken Ohr vorbei. Der Spinnenmann vor ihr drehte an der Kurbel seiner Armbrust und lie� sie dabei nicht aus den Augen. Noch drei Schritt! Er hob die Waffe und legte einen Bolzen auf die Schiene. Ihr Dolch traf ihn in den Hals. Noch im Sterben zog er den Abzug durch. Der Bolzen streifte ihren Arm.</p><p>Nur ein Streifschuss. Sie hatte Gl�ck gehabt, er hatte seine Waffe verrissen.</p><p>Der Kampfl�rm rings herum erstarb. Fenryl war v�llig unverletzt. Entgegen ihrem Rat war er mit �ber dem R�cken geschnalltem Schwert gesprungen. Blut troff von der langen Klinge. Die Geschichten, dass er ein guter Schwertk�mpfer war, stimmten offensichtlich.</p><p>All ihre Krieger hatten �berlebt. Das war besser, als sie erhofft hatte. Sie befahl einem, hinauf zur Terrasse zu laufen und die B�gen und K�cher zu holen. Dann trat sie ans Fenster und blickte zum Hafen hinab.</p><p>Falrach hatte die Prunkbarkasse fast erreicht. Sein Er scheinen sorgte f�r Aufsehen. Trollwachen liefen zusammen. Ein Rudelf�hrer eilte �ber eine breite Laufplanke zu den Wachen.</p><p>Ein schmatzendes Ger�usch lie� sie herumfahren. Einer ihrer Krieger, der am Fenster gestanden hatte, wurde in den Saal geschleudert. Sein Kopf war verschwunden. Ein harter Schlag erklang. Etwas prallte gegen die R�ckwand des Saals und rollte dann auf sie zu. Eine Steinkugel!</p><p>Sie duckte sich. Offensichtlich waren nicht alle Angriffe auf die Gesch�tzstellungen gegl�ckt.</p><p>Die Marmorbr�stung neben ihr zersplitterte unter einem Treffer. Das Fest auf den Stra�en ging weiter. Noch hatte niemand die fast lautlose Schlacht hoch auf den T�rmen bemerkt.</p></section><section><title><p>Der letzte Tag</p></title><p>�Du solltest nicht reiten. Du�... �</p><p>Adrien l�chelte. �Ich werde wiederkommen, das verspreche ich dir.�</p><p>Sie ber�hrte sanft seine Lippen. �Du solltest dich sehen.� Sie konnte die Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten. �Dein L�cheln! Nur dein halber Mund l�chelt. Die andere H�lfte ist bewegungslos. Das Gift. Heute ist der dritte Tag. Der Tag, an dem du sterben wirst.�</p><p>�Mir geht es so gut wie noch nie�, log Adrien. �Ich habe dich�... � Er wollte noch etwas sagen, doch das Wort fiel ihm einfach nicht ein. �Ich werde wiederkommen!�</p><p>Sie umklammerte ihn und bedeckte sein Gesicht mit K�ssen, bis er sie mit beiden H�nden packte und sanft von sich schob. �Bitte. Ich muss es ...� Er stockte. �Ich muss ...</p><p>Warte auf mich. Tu nichts Dummes! Ich muss wissen, dass du noch hier bist...� �Ja�, stie� sie hervor. �Ja.�</p><p>Er sa� auf. Es fiel ihm schwer, sich in den Sattel zu ziehen. Er legte die H�nde auf den Knauf und dr�ckte den R�cken durch. Dann grinste er breit. Es f�hlte sich ganz normal an. Er sp�rte nicht, dass ein Teil seines Mundes nicht l�chelte. Und es war ihm gleich. Er hatte sie gefunden!</p><p>Er winkte ihr. Dann trieb er das Pferd an. Unten im Tal sah er den Palast. Es war kein weiter Weg. Er w�rde es schaffen. Ganz sicher! Er drehte sich im Sattel. Sie stand vor der kleinen H�tte mitten am Weinberg. Gott, war sie sch�n. So unglaublich � Immer wieder hatte sie versucht, ihre Sch�nheit durch Worte zu zerst�ren. Aber er wollte das nicht h�ren. Ja, sie hatte ihn vergiftet. Sie war seine M�rderin ... Er hatte ihr verziehen.</p><p>So lange hatte er sich nach ihr gesehnt. Zwei Tage waren vergangen, seit er das Gift getrunken hatte. Mit dieser Abendd�mmerung war sein letzter Tag angebrochen. Er musste Cabezan t�ten. Der alte K�nig war der Quell allen �bels. H�tte er nur fr�her auf sein verdammtes Pferd geh�rt und diesen Mistkerl zur Strecke gebracht. Aber dann w�re er Elodia nie begegnet�... Er seufzte.</p><p>Es hatte wohl so sein m�ssen. H�tte er nur auf dem Ritt durch den Wald die Z�hne auseinanderbekommen und mit ihr geredet und nicht erst in der Schenke�...</p><p>Es war m��ig, dar�ber nachzudenken. Er hatte sie getroffen, nach zwei Jahren, in denen ihm sein Leben leer und freudlos erschienen war. Vielleicht strafte ihn Tjured, weil sie ihm mehr bedeutete als die Kirche. Er lachte auf, so dass sein Pferd erschrak.</p><p>Er war eben ein Narr, wie Jules es so oft gesagt hatte. St�nde er vor der Wahl, ob er noch vierzig Jahre wie die letzten beiden haben k�nnte oder aber zwei Tage mit ihr um den Preis eines Giftbechers, er w�rde das Gift w�hlen.</p><p>Seine einzige Sorge war, dass sie etwas Dummes tat, wenn er starb. Allein deshalb schon musste er zur�ckkehren. Er wollte ihr ein Versprechen abnehmen, das sie nicht zu brechen wagte. Und er wollte in ihren Armen liegen, wenn der Tod kam.</p><p>Er blickte fest auf den Palast. Etwas stimmte nicht mit dem Geb�ude. Es wirkte irgendwie in sich verrutscht. Er kniff die Augen fest zusammen und sah noch einmal hin. Jetzt war es besser. Sein Kopf f�hlte sich nicht gut an. Er sp�rte einen dumpfen Schmerz. Er musste es schnell hinter sich bringen!</p><p>Adrien hatte keinen Plan, wie er als einzelner Ritter einen Palast st�rmen k�nnte, in dem es vor Wachen nur so wimmelte. Sie brauchten nur das Tor zu schlie�en, dann k�nnte er nichts tun. Aber er hatte die Hoffnung, dass sie ihn einlassen w�rden. Er war schlie�lich der ber�hmte Michel Sarti. Warum sollten sie B�ses bef�rchten? Man kannte ihn �berall nur als untadeligen Ritter. Niemand w�rde in ihm einen K�nigsm�rder sehen.</p><p>Das war der Plan, dachte er etwas ruhiger. Er w�rde einfach in den Palast spazieren.</p><p>Und wenn er erst einmal vor dem K�nig stand, dann w�re es zu sp�t, ihn noch aufzuhalten. Einfache Pl�ne waren immer die besten!</p><p>Er dachte wieder an Elodia. An die vergangenen beiden Tage. Er grinste. Er war zum Mann geworden. Sie hatte ihm immer wieder erz�hlen wollen, was mit ihr geschehen war. Er hatte ihr geduldig zugeh�rt. Aber ganz gleich, was sie sagte, nichts konnte sein Bild von ihr zerst�ren. Er hatte es gewusst, als sie hinter dem Stall niedergekniet war, um ihm zu beichten. Er w�rde ihr alles verzeihen, nur um sie in seinen Armen zu halten. Er war halt ein Narr. Vielleicht lag es auch an dem Gift, dass er nicht mehr klar denken konnte. Oder war es das s��e Gift der Liebe, wie manche Dichter es nannten?</p><p>H�tte ihre Liebe nur schon fr�her Erf�llung gefunden! Das war das Einzige, was er bereute!</p><p>Der Palast war ein gro�es, mit S�ulen geschm�cktes Haus aus feinem Marmor. Das Dach war urspr�nglich einmal aus orangeroten Ziegeln gef�gt gewesen, doch jetzt hatte es viele Farben. Immer wieder war es geflickt worden. Der Mauer mit dem Wehrgang und den kleinen gedrungenen T�rmen sah man ebenfalls deutlich an, dass sie nicht zum urspr�nglichen Geb�ude geh�rte. An der Westseite des gro�en Hauses dr�ngten sich viele Menschen. Sie standen direkt bei der Mauer. Das letzte Abendlicht brach sich auf Helmen und Speeren, aber es waren nicht nur Krieger dort.</p><p>Adrien musste blinzeln. Seine Augen spielten ihm schon wieder einen Streich. Es war, als s�he er zwei Bilder, die sich zum Teil �berlagerten, aber nicht genau zusammen-passten.</p><p>Er nahm seinen Helm vom Sattel und setzte ihn auf. Er hatte Sorge, dass man ihm schon ansehen konnte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er dachte daran, was Elodia �ber sein L�cheln gesagt hatte.</p><p>Es fiel ihm schwer, den Helm zu verschlie�en. Die Fingerspitzen seiner rechten Hand waren gef�hllos. Das Gift schien schneller zu wirken, als Elodia gesagt hatte. Er drehte sich im Sattel um. Er glaubte, sie vor der H�tte zu sehen. Aber sicher war er sich nicht.</p><p>Die Reihen der Rebst�cke verschoben sich gegeneinander.</p><p>Er presste fest die Augen zusammen und lie� die Z�gel locker. Sein Pferd w�rde den Weg schon finden. M�de lauschte er auf den Hufschlag. Zum ersten Mal �berkam ihn Angst. J�h wie ein pl�tzlicher Wolkenbruch. Er wollte noch nicht sterben! Nicht jetzt, wo er sein Gl�ck gefunden hatte!</p><p>�Seid ihr Michel Sarti?�</p><p>Er �ffnete die Augen. Helle Lichtpunkte tanzten vor ihm. Undeutlich sah er einen Wachposten mit einem Speer. Er hatte den Palast erreicht. �Ja�, brachte er mit M�hen hervor. Er hatte nach dem Wort suchen m�ssen. Nach so einem einfachen Wort!</p><p>Der Krieger lie� ihn passieren. Es war ein junger Mann. Adrien glaubte ihn etwas vom Zorn Tjureds murmeln zu h�ren, aber er war sich nicht sicher. Er ritt auf den weiten Hof und lie� sich aus dem Sattel gleiten.</p><p>Ein Krieger kam auf ihn zugelaufen. Das Gesicht kam ihm bekannt vor. Er blinzelte. Ja, er hatte den Kerl schon mal gesehen�... Aber sein Ged�chtnis versagte. Er sollte den Namen wissen.</p><p>Der Krieger hatte graue Locken. Sein Gesicht war glatt rasiert. Er trug einen polierten Schuppenpanzer, der r�tlich im Abendlicht schimmerte. Ein Umhang mit goldener Schlie�e verriet, dass er wohl von Adel war.</p><p>�Der Hauptmann�... � Wie nannte man dieses Haus des K�nigs auch gleich? Das Wort war Adrien entfallen. Der Kerl musste der Hauptmann vom K�nigshaus sein.</p><p>Sein Gegen�ber l�chelte. �Ja, ich sehe, Ihr erinnert Euch. Ich bin Raoul Deleau.</p><p>Hauptmann der Stadtwache von Nantour. Wir sind uns schon einmal begegnet.�</p><p>Jetzt sah er den Tag wieder klar vor sich. �Ihr habt mich freundlich plaudernd aus der Stadt geleitet, weil Ihr bef�rchtet habt, ich k�nnte �rger machen.� Er hatte ein Gef�hl, als habe sich etwas in seinem Kopf bewegt. Der Druck und der Schmerz hatten pl�tzlich nachgelassen.</p><p>�Ihr seid ein ber�hmter Mann geworden.�</p><p>�Und Ihr seid der Hauptmann der k�niglich�... � Nein, das Wort f�r das K�nigshaus war immer noch aus seinem Ged�chtnis gel�scht. � ... der k�niglichen Haustruppe.�</p><p>�Ein zweifelhafte Ehre.� Pl�tzlich wirkte der alte Krieger angespannt.</p><p>�Und? Werdet Ihr mich nun freundlich plaudernd durch das Tor geleiten, damit ich keinen �rger mache?�</p><p>�Seid Ihr denn hier, um �rger zu machen?� Der Hauptmann sah ihn durchdringend an. Etwas erschien Adrien seltsam an diesem Blick.</p><p>�Wenn ich Euch darauf eine ehrliche Antwort g�be, m�ssten wir wohl beide die Schwerter ziehen.�</p><p>�Dann w�rde ich vorschlagen, wir reden �ber etwas Unverf�nglicheres. Vielleicht das Wetter? Ein wunderbarer Tag f�r den Sp�therbst, nicht wahr?�</p><p>Adrien traute seinen Ohren nicht. War das eine Falle? Oder spielte ihm das Gift einen Streich? Das konnte der Hauptmann nicht wirklich gesagt haben!</p><p>Die Krieger und H�flinge an der Hauswand waren auseinandergetreten. Alle starrten ihn an. Pl�tzlich kniete eine Frau nieder und erhob die H�nde zum Gebet. Etliche andere taten es ihr gleich. Sogar einige der Wachen!</p><p>Ein blauer Umhang lag auf dem Boden ausgebreitet. Darunter lugte ein Paar Stiefel hervor.</p><p>�Werdet Ihr Euren Schild brauchen, mein Freund?�</p><p>�Vielleicht...�, antwortete Adrien vorsichtig. Der Hauptmann musste doch ahnen, was er im Sinn hatte.</p><p>Raoul reichte ihm den gro�en Rundschild mit dem Wappen des Aschenbaums. Er war schwer! Adrien schob den Arm durch den Schildriemen. Seine Hand schloss sich um den h�lzernen Griff. �Was geht hier vor sich?�</p><p>Der Hauptmann deutete in Richtung des Menschenauflaufs. �Balduin, der alte Hofmeister, ist aus dem Fenster gest�rzt. Jeder hier im Palast mochte ihn. Es gibt hier wohl keinen, dem Balduin nicht schon einen Gefallen getan hatte. Er war die gute Seele des Palastes. Was rede ich�... des ganzen K�nigreichs!�</p><p>�Er k�nnte sich zu weit aus dem Fenster gebeugt haben ��</p><p>Raoul lachte zynisch. �Ein Unfall? Nein, in diesem Palast f�llt man nicht versehentlich aus dem Fenster. Kommt, mein Freund.� Der Hauptmann f�hrte ihn die Stufen zum Palasttor hinauf. Die beiden Wachen dort �ffneten es auf einen Wink von ihm.</p><p>�Ich muss Euch gestehen, dass ich bis auf den heutigen Tag kein sonderlich gl�ubiger Mann war und dass meine Sympathien eher den alten G�ttern als der Tjuredkirche galten. Von nun an werde ich Euren Glauben mit anderen Augen sehen. Euch hat wahrlich Gott geschickt! Ihr predigt doch, dass Euer neuer Orden Schwert und Schild Gottes sei ...�</p><p>�Der Kirche�, verbesserte Adrien ihn. �Gott braucht kein Schwert und keinen Schild.�</p><p>�Einerlei. Seid heute das Schwert Gottes!�</p><p>Schweigend gingen sie eine weite Treppe hinauf. Die vielen Stufen zehrten an Adriens Kr�ften. Er musste zweimal stehen bleiben, um Atem zu sch�pfen.</p><p>Raoul sah ihn besorgt an. �F�hlt Ihr Euch nicht wohl?�</p><p>�Alles Blut!�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich sag doch, alles Blut!�</p><p>Adrien konnte sehen, wie der Hauptmann schluckte. Raoul streckte ihm die Hand entgegen. �Die nehmt Ihr jetzt, oder ich lass Euch hier stehen!�</p><p>Er sah, wie der Hauptmann seine Rechte packte, aber er konnte es nicht sp�ren. Die letzten Stufen waren leichter zu schaffen. Sie erreichten eine T�r, vor der zwei Wachen standen.</p><p>�Ihr k�nnt nach unten gehen, Abschied von Balduin nehmen. Ich �bernehme die Wache.�</p><p>Die beiden Krieger sahen Raoul und ihn an. Dann entfernten sie sich, ohne zu z�gern.</p><p>�Ich schaff das allein.� Adrien hatte seine Stimme wieder im Griff. Aber sein Kopf schmerzte. Er f�hlte sich an, als wolle er platzen. Wieder schien die Welt in zwei Bilder zerbrochen zu sein, die sich nicht zusammenf�gten.</p><p>Er stie� die T�r auf.</p><p>D�nne, wei�e Schleier wogten vor ihm. Verwundert sah er sich um. Hinter ihm fiel die T�r ins Schloss. Adrien zog sein Schwert. Er hatte Schwierigkeiten, die Hand um den Griff zu schlie�en.</p><p>Ein Schatten erschien zwischen den Schleiern. Ein gro�er, kahlrasierter Krieger. Der Kerl schrie ihn an, aber seine Stimme schien an Adriens Ohren abzuprallen. Ein silberner Bogen schnitt durch die Luft.</p><p>Adrien taumelte zur�ck. Eine Streitaxt verfehlte ihn knapp. Der Krieger rammte ihn mit der Schulter. �Dir pr�gel ich die Schei�e aus dem Leib, du aufgeblasener Wicht mit deiner Zauberr�stung!�</p><p>Adrien wurde nach hinten gerissen. Etwas schrammte kreischend �ber seinen Helm.</p><p>Er hei hart und lag halb auf seinem Schild. Der Krieger stand breitbeinig �ber ihm.</p><p>Sein Gesicht war eine Grimasse der Mordlust. Er hob seine Axt mit beiden H�nden.</p><p>Dann sauste sie nieder.</p><p>Adrien kniff die Augen zu. Der Schlag war unglaublich. Sein Kopf h�mmerte auf den Boden. Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Dann lie� der Druck in seinem Kopf nach. Der Krieger starrte ihn ungl�ubig an. Niemand h�tte einen solchen Hieb �berleben d�rfen. Kein Helm hielt einem solchen Schlag stand. Kein Helm, den Menschenh�nde gefertigt hatten.</p><p>�Mach die R�stung nicht kaputt�, erklang eine schwache Stimme irgendwo im Zimmer.</p><p>Adrien konnte das Schwert in seiner Hand wieder sp�ren. Er stie� die Klinge gerade nach oben, dem Krieger geradewegs ins Gem�cht und weiter hinauf in die D�rme. Sie glitt in den K�rper, ohne dass er Widerstand gesp�rt h�tte.</p><p>Der Krieger schrie. Er packte ihn beim Arm. Der Kerl war unglaublich stark; obwohl ein Strom von Blut aus ihm quoll, schaffte er es, Adriens Arm zu Boden zu dr�cken, so dass die Klinge wieder freikam. Er presste sich beide H�nde auf die Wunde und ging in die Knie. Dabei starrte er ihn an.</p><p>Adrien rappelte sich auf. Er schaffte es, den Schild unter sich hervorzuziehen.</p><p>Schwankend kam er auf die Beine. Das Blut perlte vom wei�en Leder seiner R�stung, ohne Spuren zu hinterlassen. Es war unheimlich.</p><p>Zwischen den wogenden Vorh�ngen entdeckte er ein Lager. Eine schmale, ausgezehrte Gestalt lag dort. Der nackte K�rper war von Krankheit gezeichnet. Der Kopf wenig mehr als ein Totensch�del. �Tu mir nichts�, wisperte die heisere Stimme. �Bitte. Ich bin der K�nig.</p><p>Tu mir nichts. Ich werde dich reich machen.�</p><p>Adrien f�hlte sich benommen. �Im Namen Tjureds erkl�re ich deine Herrschaft f�r beendet, K�nig Cabezan.� Er hob sein blutiges Schwert und senkte die Spitze auf die Brust des K�nigs. �Ich bin ein Ritter. Ich t�te keine Wehrlosen.�</p><p>Er wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Unschl�ssig blickte er dorthin, wo irgendwo hinter den wogenden Schleiern die T�r sein musste. Konnte er Cabezan durch dessen eigene Leibwachen in den Kerker bringen lassen? W�rden sie sich f�rchten? W�rden sie ihn wieder freilassen, sobald er fort war? Er konnte den Alten nicht einfach so t�ten. Er konnte ihn nicht...</p><p>Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn. Etwas musste durch seine R�stung gedrungen sein. Dicht �ber seiner rechten H�fte. Das war doch unm�glich.</p><p>Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Sie knickten ein. Der schwere Schild rutschte von seinem Arm. Er drehte sich halb um. Der Griff eines Dolches ragte aus seiner H�fte. Ein d�nner Blutfaden sickerte �ber den Lederpanzer. Das war doch unm�glich.</p><p>Keine Waffe konnte die R�stung durchdringen.</p><p>Er atmete flach, und doch durchfuhr ihn bei jedem Atemzug neuer Schmerz. Er kippte vorn�ber und schlug mit dem Kopf auf den Boden. Die Finger seiner Rechten zuckten.</p><p>Er presste sie flach auf den Boden und versuchte sich wieder hochzustemmen. Aber seine Kraft reichte dazu nicht mehr.</p><p>Er dachte an Elodia. So durfte es nicht enden. Er hatte ihr versprochen, zu ihr zur�ckzukehren. Er schloss die Augen. Es galt, seine Kr�fte zu sammeln. Er w�rde in ihren Armen sterben, nicht hier.</p><p>Stiefel erschienen vor ihm. Er versuchte den Kopf zu he ben, schaffte es aber nicht. Jemand nahm ihm das Schwert aus den schlaffen Fingern.</p><p>�Sehr gut, Hauptmann. Gebt ihm den Rest. Aber besch�digt die R�stung dabei nicht.</p><p>Stecht ihm unter der Achsel hindurch ins Herz. Hauptmann�... Was ...� Ein gellender Schrei. Adrien h�rte wuchtige Schwerthiebe. Immer neue Hiebe. Dann endlich herrschte Stille.</p><p>Die Stiefel standen wieder vor ihm. �Ich bringe Euch hier fort.� Der Hauptmann schob ihm sein blutiges Schwert in die Scheide. �Ihr m�sst verzeihen, aber ich werde sagen, dass Ihr es wart, der Cabezan t�tete. Ihr seid ein Held, der einen Tyrannen ermordet hat. Ich hingegen w�re wom�glich nur ein Hauptmann, der sich gegen seinen Herrn gewandt hat, und w�rde daf�r aufgekn�pft.�</p><p>Adrien hatte keine Kraft zu widersprechen. �Der Dolch ...�</p><p>�Ich kann ihn nicht aus der Wunde ziehen. Ihr w�rdet dann sehr schnell verbluten. Ich will Euch nichts vormachen. Auch wenn ich ihn nicht bewege, werdet Ihr verbluten.</p><p>Nur langsamer�... �</p><p>�Pferd�... �</p><p>�Ihr wollt zu Eurem Pferd? Ich glaube nicht, dass Ihr�... �</p><p>�Bitte.�</p><p>Raoul hob ihn vorsichtig auf seine Arme. �Ich h�tte Euch nicht allein hier hineinlassen d�rfen. Ihr seid krank, nicht wahr?�</p><p>Adrien hatte nicht mehr die Kraft zu sprechen. Er h�tte gern seinen Helm abgenommen. Er wollte die k�hle Nachtluft auf seinem Antlitz sp�ren. Und er wollte nicht hinter dieser starren Maske seinen letzten Atemzug tun.</p><p>Der Hauptmann bedr�ngte ihn nicht mehr. Er erf�llte ihm seinen letzten Wunsch und hob ihn in den Sattel. Behutsam schob Raoul seine F��e in die Steigb�gel. Wachen und H�flinge standen um sein Pferd. Ihre Gesichter waren wie versteinert. Manche weinten.</p><p>�Lasst ihn durch!�, sagte der Hauptmann mit fester Stimme. �Lasst ihn.�</p><p>Adrien schaffte es, den Kopf ein wenig zu heben. Hoch im Weinberg leuchtete ein Fenster in goldenem Kerzenlicht. Die kleine H�tte. Er musste es bis dort schaffen. Er hatte es Elodia versprochen!</p></section><section><title><p>Emerelle</p></title><p>Emerelle blickte auf die Palastt�rme Vahan Calyds. Nebel stieg aus den Reisfeldern vor der Stadt. Das letzte Abendlicht tauchte sie in Rosa und Gold. Hinter den Schleiern aus wogendem Licht sah die Stadt verwunschen aus. Sie verbargen die Narben des Angriffs vor achtundzwanzig Jahren. Seit achtundzwanzig Jahren herrschte Krieg. Sie musste dem ein Ende setzen in dieser Nacht! Doch sie wusste nicht wie ... Sie w�nschte sich, der Traum, den der S�nger ihr gesandt hatte, w�re deutlicher gewesen.</p><p>Sie strich �ber den Hals der Stute, die ihr die Maurawan gegeben hatten. Etliche von ihnen waren jetzt irgendwo in der Stadt und k�mpften vielleicht ihre letzte Schlacht.</p><p>Sie hatte es nicht glauben wollen, als man ihr erz�hlt hatte, dass Ollowain K�nig werden wollte. Sie hatte ihn untersch�tzt. Falrach war immer f�r eine �berraschung gut gewesen.</p><p>Ihre Stute t�nzelte unruhig. Das Rumoren der Stadt drang �ber die weiten Reisfelder.</p><p>Jetzt sammelten sich die F�rsten, die den K�nig w�hlen sollten. Sie schloss die Augen und hauchte ein Wort der Macht. Ein Wort, das der Nebel in die W�lder trug.</p><p>Sie hatte ein langes wei�es Seidenkleid mit hochgeschlossenem Kragen und engen �rmeln angelegt. Es war ganz ohne Schmuck und Stickerei.</p><p>Sie sp�rte, wie ihr Ruf geh�rt wurde. Sp�rte das Erwachen. Bald war leiser Fl�gelschlag zu h�ren. Fast lautlos. Ein Schmetterling landete auf ihrer Hand. Seine zarten Schwingen erstrahlten in allen Regenbogenfarben. Hunderte kamen aus dem Dschungel. Manche so klein wie ein Fingernagel. Andere gro� wie zwei aneinandergelegte H�nde. In unstetem Flug gaukelten sie durch den Nebel.</p><p>Gl�hw�rmchen kamen mit ihnen und spendeten ihr gr�ngelbes Licht. �berall auf ihrem Kleid lie�en sie sich nieder. Aneinandergekauert wurden sie zu einer lebenden Schleppe. Bl�tenduft haftete ihnen an. Der Duft des Fr�hlings. Des Erwachens. Sie sollten ihre Ehrengarde sein. Ihr festliches Geleit.</p><p>Das tausendfache Fl�gelsirren machte ihre Stute unruhig. Sie lie� sie in Schritt verfallen. Nebel griff wie Geisterfinger nach ihr. Sie wob ihn in ihren Zauber. Gab ihm das magische Leuchten der Gl�hw�rmchen.</p><p>Die Stute ging in leichten Trab �ber. Die schmalen Wege zwischen den Reisfeldern waren verwaist. Alles, was Beine hatte, war in der Stadt.</p><p>Die Gef�hle von Tausenden �berw�ltigten sie, als sie in die Stadt einritt. Sie hielten Frieden. Trolle und Kentauren gingen nebeneinander. Kobolde sangen ihre anz�glichen Lieder. Einige Bl�tenfeen mischten sich aufgeregt unter die Schmetterlinge, als sie sie erkannten.</p><p>Eine Gasse bildete sich vor ihr in den �berf�llten Stra�en. Die Menge teilte sich vor ihr.</p><p>Sie h�rte ihren Namen fl�stern. Sah die ungl�ubigen Blicke und auch jene, die besch�mt ihr Haupt senkten. Das Raunen wurde lauter. Dann eilte es ihr voraus und wuchs zu einem wahren Stimmensturm.</p><p>�Emerelle!�</p></section><section><title><p>Der Saal der fallenden Wasser</p></title><p>�Ist es noch weit bis zum Hafen? Wir sind sp�t!�</p><p>�Wir sind ganz nah�, log Anderan und lauschte auf das Lied des Wassers. Er deutete auf einen kleinen Durchgang, der vom Kanal abzweigte. �Dort vorne liegt mein Palast.</p><p>Das Herz des verborgenen Reichs des Herrn der Wasser von Vahan Calyd.� Warmes Licht fiel von dort in den Kanal.</p><p>�Ein Palast�... Hier unten?�</p><p>�Du solltest ihn gesehen haben, Elija. Es gibt keinen zweiten Ort wie diesen in Albenmark.�</p><p>�Wir sind sp�t�, dr�ngte jetzt auch der Spinnenmann, der ihren kleinen Trupp anf�hrte. Elijas Leibw�chter achteten darauf, dass stets einer von ihnen zwischen dem Lutin und ihm stand.</p><p>Anderan duckte sich durch die �ffnung. Er trat auf einen kleinen Balkon, der hoch �ber dem Kuppelsaal lag, und nahm das einzigartige Bild in sich auf.</p><p>Ein Spinnenmann erschien neben ihm. Er blickte in die Tiefe. Es war gerade genug Platz f�r sie beide auf dem Balkon. Anderan bemerkte, dass auch der kaltherzige Meuchler l�nger verharrte, als notwendig gewesen w�re. Niemand entzog sich leicht diesem Anblick.</p><p>Elija trat auf den Balkon. Feine Wasserperlen legten sich auf sein Fell. Es war angenehm k�hl hier.</p><p>Vor ihnen erstreckte sich ein weiter Kuppelsaal, dessen W�nde aus makellos wei�em Stein gef�gt waren. Unter ihnen ging es mehr als zwanzig Schritt in die Tiefe. Die De-ckenw�lbung lag vielleicht f�nf oder sechs Schritt h�her als ihre Aussichtsplattform.</p><p>Hell leuchtende Barinsteine waren darin eingelassen. �berall aus den W�nden ragten goldene Rohre, aus denen sich Kaskaden klaren Wassers in die Tiefe ergossen. Die meisten Rohre hatten kunstvoll geschm�ckte M�ndungen. Sie zeigten Vogelk�pfe mit gebogenen Schn�beln, Delfine oder auch W�lfe. Sogar einige Drachenk�pfe waren zu sehen. Die weit aufgef�cherten Wasserfont�nen, die sich aus ihren goldenen Rachen ergossen, schillerten im hellen Licht wie fl�ssiges Kristall. Die Luft war erf�llt vom feinen Dunst winziger Wasserperlchen. Schillernde Regenb�gen spannten sich zwischen den Kaskaden.</p><p>Im Becken tief unter ihnen gab es mehr als zwanzig gro�e Abfl�sse. Das Wasser dort unten war zu sch�umender Gischt aufgew�hlt.</p><p>Die Stimmen des Wassers erhoben sich hier mit solcher Macht, dass man sich selbst schreiend kaum verst�ndigen konnte. Manche empfanden das als einen Makel an diesem magischen Ort. Anderan sah das nicht so. Hier sprach das Wasser zu den Holden. Er mochte es, dem kraftvollen Lied zu lauschen. Der Kuppelsaal war das Herz der unterirdischen Stadt. All der Kan�le und Zisternen, der Sammelbecken und Verteiler. Einst hatten die Normirga, jenes Elfenvolk, dem die K�nigin entstammte, gro�e Pumpen erschaffen, die das Wasser in Bewegung hielten wie riesige Herzen.</p><p>Man musste das Wasser hegen, sonst g�be es in Vahan Calyd nur eine fahle abgestandene Br�he wie in den Mangroven rings um die Stadt. Die Holden waren die H�ter des Wassers, sie hielten das Wasser lebendig. Hier in diesem weiten Saal atmete es, wenn es aus gro�er H�he st�rzte und in brodelnder Gischt aufsch�umte. Hier zeigte es sich in all seiner Sch�nheit.</p><p>Der Lutin tastete nach dem verborgenen Hebel unter dem Gel�nder.</p><p>�Sch�n. Wir sollten jetzt gehen�, rief Elija gegen das Donnern des Wassers an, als ein Laut wie ein dutzendfacher Gongschlag ert�nte. �berall senkten sich zolldicke goldene Schotte und versperrten alle Abfl�sse aus dem Saal.</p><p>�Hier, im Saal der fallenden Wasser, haben, als ich ein Kind war, all meine Tr�ume begonnen. Hier sollen sie enden�, rief Anderan. Er blickte hinab. Man konnte zusehen, wie das Wasser stieg. Es w�rde nicht lange dauern, bis sich der ganze Saal gef�llt hatte.</p><p>�Was redest du da?�, fuhr Elija ihn an. �Bist du verr�ckt geworden?� Der Lutin drehte sich um. Jetzt erst sah er die massive, goldene Wand, die den Durchgang zu den Kan�-</p><p>len versperrte. �Mach das sofort auf!�</p><p>�Es gibt keine M�glichkeit, die Schotte von innerhalb des Saals zu �ffnen.� Anderan f�hlte zum ersten Mal seit vielen Monden inneren Frieden. Den ganzen Tag hatte er �berlegt, ob er es wirklich tun sollte.</p><p>Elija h�mmerte mit seinen F�usten gegen das Metall. Es war hoffnungslos. Schlie�lich wandte er sich um. �Warum?�</p><p>Anderan hob die Pfeilspitze auf seiner Brust. �Du hast den Pfeil bezahlt, der dem Leben meines Sohnes ein Ende setzte. Durch dich sind Hunderte unserer treuesten Weggef�hrten im Windland zu Tode gekommen.�</p><p>Das Donnern des Wassers lie� langsam nach. Fast die H�lfte der goldenen Wasserspeier war bereits in den steigenden Fluten versunken.</p><p>�Du wei�t, ich hatte keine Wahl.�</p><p>�Nein, ich wei� es nicht! Seit dem ersten Verdacht versuche ich zu begreifen, warum du es getan hast. Warum?�</p><p>�Es war eine historische Notwendigkeit. Die K�nigsherrschaft der Trolle konnte nur eine �bergangsphase auf dem Weg zur vollkommenen Gesel schaft sein. Um die Herrschaft der Trolle zu verk�rzen, musste ich sie destabilisieren. Deshalb habe ich offiziell ihren Gesetzeskodex unterst�tzt und auch die Snaiwamark-Karawane. Sie mussten sich dadurch unter den entscheidungstragenden Schichten der Bev�lkerung diskreditieren. Au�erdem sollte ein siegloser Krieg im Windland ihren Willen zur Herrschaft aush�hlen. Auch ich habe Opfer gebracht. Von meiner ganzen Sippe leben nach dem Untergang der ersten Snaiwamark-Karawane nur noch Liza und mein Bruder Nikodemus. Versteh doch, Anderan! Diese Opfer waren notwendig, damit wir schneller den n�chsten Schritt tun konnten. Jetzt �ffne die Schotten! In einer Stunde wirst du K�nig sein! Dann k�nnen wir endlich die Gesel schaft erschaffen, von der wir tr�umen! Ja, wir mussten Hunderte opfern. Ich habe diese Entscheidung bewusst allein getroffen, um niemanden aus dem Kreis der Kommandanten mit dieser Seelenqual zu belasten. Aber Tausende werden gerettet sein, wenn wir die Herrschaft der Trolle in dieser Nacht beenden. Jetzt �ffne die verdammten Tore! Wenn du es so enden l�sst, dann sind alle vergebens gestorben. Verh�hne nicht den Tod deines Sohnes, mein Freund! Lass uns gehen!�</p><p>Die Macht seiner Worte war ungebrochen, dachte Anderan. Alles erschien ganz plausibel, wenn Elija so sprach. Er durfte sich dieser Art des Denkens nicht �ffnen!</p><p>Welche einsamen Entscheidungen w�rde Elija als N�chstes f�llen? Dass die Elfen eine latente Gefahr f�r den Frieden innerhalb der neuen Gesellschaft waren? Dass St�dte den Verfall der Moral f�rderten und alle Albenkinder in kleinen Siedlungen auf dem Lande leben sollten?</p><p>Es gab viele Streitschriften Elijas, denen er selbst jetzt noch mit ganzen Herzen anhing.</p><p>Aber der Lutin hatte in den langen Jahren des Kampfes um die Macht seinen Weg verloren.</p><p>�Du kannst doch nicht einfach alles zerst�ren, Anderan! So kurz vor dem Ziel!</p><p>Bedeutet dir die Freiheit der Koboldv�lker von jeglicher Tyrannei denn gar nichts mehr?�</p><p>�Es bedeutet mir alles. Deshalb werden wir beide hier sterben.� Das Wasser drang auf den Balkon. �Ich rette Albenmark vor unserer Tyrannei. Und ich rette all deine guten Werke.�</p><p>�Du Narr!� Elija packte ihn. �Jetzt �ffne endlich die Tore! Es muss eine M�glichkeit geben! Wenn das Wasser nicht mehr abflie�en kann, w�rdest du deine geliebten Kan�le zerst�ren. Das w�rdest du niemals tun.�</p><p>Anderan bewunderte ihn f�r seinen klaren Verstand, selbst jetzt im Angesicht des Todes. �Es stimmt, ich w�rde diese Kan�le niemals zerst�ren. Ich bin der Herr der Wasser, ihr H�ter. Wenn der Saal vollgelaufen ist, wird sich das Wasser in den Zufl�ssen zur�ckstauen. Nach einer Zeit �ffnet sich dann eine �berlaufschleuse. Wir werden dann l�ngst ertrunken sein. Der Strom des abflie�enden Wassers wird uns weit hinaus in die Mangroven tragen, wo unsere Kadaver zum Fra� der Winkerkrabben werden.� Das Wasser reichte ihnen beiden jetzt bis �ber die H�ften. �Wir werden niemals gefunden werden. Deine Leibw�chter werden geheim halten, was geschehen ist. Sie werden nicht die Geschichte ihres eigenen Versagens verbreiten. Weil wir auf so geheimnisvolle Weise am Tag der K�nigswahl verschwunden sind, wird die Erinnerung an uns weiterleben, Elija. Das ist mein Geschenk an dich, den M�rder meines Sohnes. Ich h�tte dich als K�nig vor ein Gericht stellen k�nnen. Doch mit deiner Verurteilung w�re alles untergegangen, was du Gutes bewirkt hast. Du warst auf dem richtigen Weg. Und ich habe nicht bemerkt, wann du ihn verloren hast.�</p><p>Das Wasser hob Anderan empor. Er k�mpfte nicht dagegen an. Er lie� sich treiben.</p><p>Elija streifte seinen Ledermantel ab und die Stiefel. Er begann zu schwimmen.</p><p>Das Wasser war eisig. Anderan sp�rte, wie es seinem K�rper langsam die W�rme des Lebens entzog. Immer schneller f�llte sich der Saal. Die Barinsteine der Kuppel waren schon fast zum Greifen nahe.</p><p>�Du hast Albenmark der Willk�r der Trolle ausgeliefert!�, schrie Elija.</p><p>Der Herr der Wasser dachte an den langen Brief, den er den Maurawan zugespielt hatte. Den Brief, in dem alles beschrieben war. Wer zur K�nigswahl berufen war, wo die Gesch�tze am Hafen verborgen standen, welche Intrigen Elija gesponnen hatte.</p><p>Selbst wenn die Maurawan nicht nach der Macht griffen, standen jetzt die Stimmen von Katander, Nestheus und Alvias gegen nur zwei Trolle. Nein, die Herrschaft der Trolle war vor�ber. Er hatte alles bedacht. Er konnte jetzt in Frieden gehen.</p><p>Der strahlend helle Barinstein, der in der Mitte der Kuppel in die Decke eingelassen war, befand sich nun direkt �ber ihm. Als er ein Kind gewesen war, hatte er davon getr�umt, den unerreichbaren Stein eines Tages zu ber�hren. Er hatte ihm sogar einen Namen gegeben. Regenbo-genstein. Sein Licht war das st�rkste. In seiner Vorstellung war es vor allem dieser Barinstein gewesen, der die Regenb�gen zwischen die Wasserkaskaden zauberte. Er hatte sich ausgemalt, dass dem, der es schaffte, diesen unerreichbaren Stein zu ber�hren, alle W�nsche in Erf�llung gingen. Anderan streckte die Hand nach dem Stein aus. Er f�hlte sich warm an. Angenehm.</p><p>Das Wasser stand nur noch wenige Handbreit unter dem Zenit der Kuppel. Elija k�mpfte noch immer darum, den Kopf �ber Wasser zu halten. Er w�rde niemals aufgeben. Das war nicht seine Art.</p><p>Anderan stie� sich mit beiden Armen vom gro�en Barinstein ab. Dann atmete er aus.</p><p>Er sah den Silberkugeln nach, die dem Licht entgegenstrebten. Er nahm all seinen Mut zusammen. Er war der Herr der Wasser. Er w�rde nicht k�mpfen. Er w�rde sich ihm �ffnen. Er atmete ein. Eisiges Wasser f�llte seine Lungen.</p><p>Mit ausgebreiteten Armen lie� er sich sinken. Vorbei an goldenen Vogelk�pfen. Dem Dunkel entgegen. Tiefer Frieden �berkam ihn.</p></section><section><title><p>Ein penibler Buchhalter</p></title><p>Silwyna lugte vorsichtig �ber den Mauerrand hinweg. Es war geschafft. Die Gesch�tze auf der anderen Seite waren endlich zum Schweigen gebracht. Sie betrachtete die �berlebenden ihrer kleinen Schar. Niemand war unverwundet.</p><p>�Haltet euch weiterhin von den Fenstern fern�, sagte sie ruhig. �Es sind noch etliche Armbrustsch�tzen auf den D�chern.� Aber ihre Waffen w�rden nicht bis zur Prunkbarkasse reichen. Die Schlacht war entschieden. Jetzt lag es nur noch an Falrach. Ihr F�rst war sich ganz sicher gewesen, dass er die Wahl gewinnen w�rde. Warum, das hatte er auch ihr nicht verraten. Er war ein seltsamer Mann. Unergr�ndlich.</p><p>�Silwyna!� Fenryl hatte sich schon eine Weile an den Kisten zu schaffen gemacht. Jetzt winkte er ihr mit einem Blatt Papier. �Das musst du sehen! Es ist noch nicht vorbei. Es ist��</p><p>�rgerlich ging sie zu ihm hin�ber. �Was hast du da?�</p><p>�Eine Frachtliste. Sie lag in einer der Kisten. Die Gesch�tze stammen von den Hafenbefestigungen in Meliamer. Ein Kobold hat sie angefertigt. Er war sehr ver�rgert, dass man ihm <emphasis>seine</emphasis> Gesch�tze wegnahm. Jetzt sieh dir einmal an, was dort steht.�</p><p>Silwyna stand nicht der Sinn nach irgendwelchen Listen von Buchhaltern. Sie wollte sehen, was an Bord der Prunkbarkasse geschah. Vielleicht sol te sie die Gesch�tze hier oben wieder gefechtsbereit machen lassen. Sie sah zu den ordentlich geschichteten Haufen aus Steinkugeln. Wer immer den Transport hierher organisiert hatte, er hatte daf�r gesorgt, dass reichlich Munition vorhanden war.</p><p>�Silwyna!�</p><p>Sie sah sich das Papier an. Fenryl deutete auf die letzte Zeile.</p><p><emphasis>�.. best�tige ich hiermit die Leihgabe von dreizehn Torsionsgesch�tzen an den Hafen von Vahan Calyd.�</emphasis></p><p>�Dreizehn! Es muss noch irgendwo eins geben. Eins, von dem wir nichts wissen! Eins, das den Ausgang der K�nigswahl mit einem einzigen Hebelruck ver�ndern kann.</p><p>Falrach ist in h�chster Gefahr!�</p><p>Silwyna trat ans n�chste Fenster. Ohne auf ihre Deckung zu achten, blickte sie auf das weite Hafenrund. Sechs Palastt�rme lagen in einer Entfernung zur Prunkbarkasse, die einen zielsicheren Schuss erlaubte. Es gab Hunderte von Fenstern, hintern denen sich das Gesch�tz verbergen konnte. Ganz zu schweigen von den Terrassen und Baikonen. Dutzende H�user waren hoch genug, dass man das Gesch�tz auf ihr Dach h�tte stellen k�nnen. Allein auf den ersten Blick sah sie sieben Schiffe, die die Prunkbarkasse �berragten und ein freies Schussfeld auf ihr Deck hatten.</p><p>Ein Armbrustbolzen verfehlte sie um Armesl�nge und schlug in die R�ckwand des Saals ein. Sie duckte sich und betrachtete weiter den Hafen.</p><p>�Was sollen wir tun?�, dr�ngte Fenryl.</p><p>�Ruhe bewahren und gut nachdenken.� Wo w�rde sie das Gesch�tz aufstellen, wenn sie ganz sicher sein wollte, dass es nicht entdeckt wurde?</p></section><section><title><p>K�nigswahl</p></title><p>Skanga h�rte den Tumult und trat an die Reling. Die wogenden Auren von Hunderten Schaulustigen im Hafen vereinigten sich einem vielfarbigen Leuchten ohne Konturen.</p><p>Sie musste den Blick abwenden.</p><p>�Da unten steht Ollowain�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr.</p><p>�Das kann nicht sein�, fuhr sie ihre Sch�lerin an. �Das ist�... � Sie musste sich selbst �berzeugen. �Er soll hochkommen!�</p><p>Birga rief den Wachposten etwas zu. Augenblicke sp�ter war der Elf an Bord. �Alvias und die beiden Kentauren starren ihn an.�</p><p>Skanga blickte zu den drei F�rsten. In ihren Auren spiegelte sich �berraschung. Die Ankunft des Elfen war also zumindest nicht Teil eines Komplotts, in das die drei mit verwickelt w�ren.</p><p>�Ollowain�, sagte sie forschend. Etwas an der Aura des Elfen war seltsam. Sie war durch ein leichtes Flackern gest�rt. Als sei da noch ein zweites Licht, das durch die kraftvolle Ausstrahlung des Elfen �berlagert wurde.</p><p>�Was willst du hier?�</p><p>�Der K�nigswahl beiwohnen.�</p><p>Nicht die kleinste Spur vom Blau der Furcht zeigte sich in dem Licht, das ihn umgab.</p><p>�Er ist unbewaffnet, wie es scheint�, fl�sterte Birga ihr zu.</p><p>Manchmal war ihre Sch�lerin in der Tat n�tzlich!</p><p>Skanga hatte davon geh�rt, dass die Maurawan ihn zu ihrem F�rsten gemacht hatten.</p><p>Zun�chst war sie dar�ber verwundert gewesen. Aber jetzt lag klar auf der Hand, was er vorhatte. �Du machst dir Hoffnungen, K�nig von Albenmark zu werden?�</p><p>�Zun�chst einmal bin ich nur Gast bei der K�nigswahl�, entgegnete er h�flich.</p><p>Die Schamanin blickte zu der Festtafel. Alle waren zugegen. Nur die beiden verdammten Kobolde fehlten noch! Wo steckten sie nur? In der Ferne erklangen Rufe.</p><p>Ein Name. Er war nur undeutlich zu h�ren.</p><p>�Siehst du die Kobolde?�</p><p>Birga streckte sich. Sie lie� sich Zeit mit der Antwort. �Nein, Herrin�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Die Schamanin massierte mit Daumen und Zeigefinger ihre blinden Augen. Was ging da vor sich? Waren die beiden abgefangen worden, um der Wahl einen anderen Verlauf zu geben? Sie hatte so etwas bef�rchtet. Sie h�tte niemals zustimmen d�rfen, dass Feinde Gilmaraks zu den F�rsten geh�rten, die �ber die Wiederwahl des K�nigs entschieden.</p><p>Sie blickte �ber das Deck. �Alle anderen sind da?�</p><p>�Ja�, entgegnete Birga. �Nur der Fuchskopf und der Herr der Wasser fehlen.�</p><p>Damit war der gesamte Kronrat versammelt. Sie konnte das Blatt noch wenden. �Als Sprecherin des Kronrates m�chte ich vorschlagen, Elija Glops und Anderan von Vahan Calyd das Stimmrecht f�r die K�nigswahl zu entrei�en, da sie immer noch nicht hier sind. Will dem jemand widersprechen?�</p><p>Sie sah �rger und Sorge in den Auren der anwesenden Kobolde. Aber niemand erhob seine Stimme gegen sie. Ollowain schien immer noch ganz gelassen. In Gilmaraks Aura hingegen spiegelte sich seine Sorge. Er stand ein St�ck entfernt von ihr am Kopf der gro�en Tafel. Alle verharrten in feierlicher Starre und erwarteten, dass die K�nigswahl begann.</p><p>�Da die Wahl noch nicht begonnen hat, m�chte ich zwei neue F�rsten als Ersatz vorschlagen. Herzog Growak vom Blutberg und Herzog Orgrim von der Nachtzinne.�</p><p>Skanga tastete nach dem Albenstein, den sie zwischen ihren Amuletten verborgen trug, und legte die Macht der Furcht in ihre Worte. �M�chte jemand dagegen etwas einwenden?�</p><p>Sie sah, wie sich die Auren der Anwesenden wandelten. Selbst bei Ollowain entdeckte sie eine Spur Blau.</p><p>�So hat der Kronrat nun also einstimmig beschlossen, zwei neue F�rsten zur K�nigswahl zuzulassen. M�ge die Wahl beginnen!�</p><p>Gilmarak trat an ihre Seite. �Danke�, fl�sterte er ihr zu.</p><p>Skanga seufzte. K�nige bedankten sich nicht! Sp�ter am Abend, wenn ihnen niemand zuh�rte, w�rde sie ihn zurechtweisen. �Bleib hier und sei unbesorgt! Zeige ihnen Macht und W�rde!�</p><p>Das Raunen, das ihr vorhin schon aufgefallen war, hatte nun den Hafen erreicht.</p><p>Immer mehr der Feiernden dort unten riefen einen Namen. Ihren Namen. Emerelle!</p><p>Atemlose Stille lag �ber der Prunkbarkasse. Skanga blickte �ber den Hafen. Diese Aura war unverwechselbar. Ein wei�goldenes Licht, so stark, dass es in ihren blinden Augen schmerzte. Aber sie kam zu sp�t! Sie schwebte �ber der Menge. Wahrscheinlich sa� sie auf einem Pferd.</p><p>Sie kam zu sp�t, sagte sich Skanga noch einmal. �Die K�nigswahl kann beginnen!�</p><p>�Emerelle! Emerelle!�, erklang ein tausendfacher Ruf. Warum jubelte das Volk ihr zu?</p><p>Sie war jahrelang einfach verschwunden gewesen!</p><p>�Nestheus!� Skanga legte erneut Magie in ihre Stimme, um das L�rmen zu �bert�nen.</p><p>�Ich stimme gegen Gilmarak!�, sagte der Kentaur laut und deutlich.</p><p>�Sie sieht eindrucksvoll aus�, fl�sterte Birga ihr ins Ohr. �Sie tr�gt ein Kleid aus Schmetterlingen und lebendem Licht. So etwas habe ich noch nie gesehen.�</p><p>Billige Tricks, mit denen Emerelle den P�bel beeindruckte, dachte Skanga �rgerlich.</p><p>Das k�nnte sie auch, wenn sie es nur wollte. Aber es war erb�rmlich, sich derart anzubiedern!</p><p>�Snaif vom Mordstein!�, rief sie.</p><p>�F�r Gilmarak�, sagte der Trollherzog mit tiefer Stimme.</p><p>Pl�tzlich verebbte der Jubel.</p><p>�Sie hat nur die Arme ausgebreitet, und sie schweigen�, fl�sterte Birga.</p><p>�Fauler Zauber�, zischte Skanga �rgerlich.</p><p>�Nein, ich glaube nicht, dass sie zaubert.�</p><p>Stille lag �ber dem Hafen. Skanga sah, wie die Wachen am Aufgang zum Schiff ehrf�rchtig vor Emerelle zur�ckwichen. Sie konnte die Elfe nicht ansehen, so sehr brannte das Licht ihrer Aura in ihren Augen. Jetzt hatte wohl jeder den Eindruck, dass sie vor Emerelle das Haupt beugte, dachte sie w�tend.</p><p>�Katander, F�rst von Uttika.�</p><p>�Ich stimme gegen den Troll Gilmarak.�</p><p>Die Stimmen waren nun deutlich zu h�ren. Wie weit sie wohl �ber den Hafen hinaus trugen? Die Menge blickte mit angehaltenem Atem auf das Schiff.</p><p>Emerelle stellte sich schweigend neben Ollowain. Wohin auch sonst! Verwundert betrachtete Skanga die Aura des Elfen. Er wirkte �berrascht. Was hatte das alles zu bedeuten?</p><p>�Derg, Herzog der Wolfsgrube!�</p><p>�F�r Gilmarak, meinen K�nig!�</p><p>Skanga blickte wieder zu Emerelle. �Du wei�t, dass es verboten ist, den freien Willen der F�rsten durch Magie zu beeinflussen.�</p><p>�Sie neigt ihr Haupt vor dir�, fl�sterte Birga. Ein Raunen ging durch die Menge auf den Kais. �Das sah ganz so aus, als wolle sie sich dir unterwerfen, Skanga.�</p><p>Das w�rde sie niemals tun, dachte die alte Schamanin. Aber jetzt war wichtiger, was das Volk dachte.</p><p>�Alvias!� Was f�r ein F�rst war er auch gleich? Egal...</p><p>�Ich stimme gegen die Barbarei und somit gegen Gilmarak.�</p><p>Skanga sp�rte, wie sich der Trollk�nig neben ihr spannte. �Ruhig, lass dich nicht von Emerelles Speichellecker erz�rnen.�</p><p>�Growak, Herzog vom Blutberg!�</p><p>�F�r Gilmarak, den Drachent�ter!�</p><p>Etwas zu viel des Guten, dachte Skanga. Aber Growak war noch nie der Hellste gewesen. Einen Gelgerok zu erlegen, war keine Kleinigkeit. Aber Drachen waren doch etwas anderes! Nun gab es also drei Stimmen f�r Gilmarak und drei gegen ihn. Skanga blickte zu Orgrim und l�chelte. Die Sache war entschieden.</p><p>�Orgrim, Herzog der Nachtzinne. Deine Stimme!�</p></section><section><title><p>Letzte Peilung</p></title><p>Madrog peilte �ber sein Gesch�tz. Ganz deutlich konnte er ihren Kopf sehen! Und sie bewegten sich fast gar nicht. Er dachte an die zerplatzte Melone. Schade, dass er nicht sehen k�nnte, wie es geschah. F�r diejenigen, die in ih rer N�he standen, w�rde es gewiss ein unvergessliches Erlebnis.</p><p>Er kniete nieder und nahm jede einzelne der verbliebenen Steinkugeln in die Hand. Er entschied sich f�r die dritte. Bald w�re die Wahl vor�ber. Noch einmal peilte er �ber die F�hrungsschiene des Torsionsgesch�tzes. Er blickte zu der Markierung, die ihm den Tidenhub anzeigte. Dann rief er sich das Raster in Erinnerung, in das der Hafen unterteilt war. Er suchte nach den Referenzmarkierungen und berechnete die Entfernung. Er korrigierte den Neigungswinkel des Gesch�tzes leicht.</p><p>Ihm war klar, dass etwas grundlegend anders verlief, als Elija es geplant hatte. Dass die beiden Kobolde nicht auf der Prunkbarkasse erschienen waren, konnte eigentlich nur bedeuten, dass sie tot waren.</p><p>Er peilte ein letztes Mal nach ihrem Kopf. Sie hatten sich kaum bewegt. Alle standen sie auf ihren Pl�tzen wie angeklebt. Gut so! Er legte die Kugel auf die F�hrungsschiene. Jetzt konnte er sein Ziel nicht mehr sehen.</p><p>Er legte die Hand auf den Abzugshebel. Der Lauf der Geschichte w�rde sich �ndern.</p><p>Er legte den Hebel um.</p></section><section><title><p>Wie ein Hammerschlag auf Fleisch</p></title><p>�Orgrim, Herzog der Nachtzinne. Deine Stimme!� Emerelle hielt den Atem an.</p><p>�Ich enthalte mich der Stimme�, sagte der Herzog der Nachtzinne stockend.</p><p>�Was!�, fuhr Skanga ihn an. �Du�... �</p><p>Gilmarak trat vor. Fassungslosigkeit spiegelte sich in seinem Gesicht. Er machte noch einen Schritt. �Du�... � Der Troll wurde nach vorne gerissen. Es gab ein Ger�usch, als sei ein Hammer auf Fleisch niedergefahren.</p><p>Blut sickerte aus dem Mund des Trollk�nigs. Alle auf dem Schiff standen wie versteinert.</p><p>Skanga kniete neben ihm nieder.</p><p>Emerelle dr�ngte sich an den beiden Kentauren vorbei.</p><p>Die gichtkrummen Finger der Trollschamanin tasteten �ber Gilmaraks R�cken. Sie wirkte alt und hilflos. Noch nie hatte Emerelle sie so gesehen.</p><p>Die Elfe kniete sich ebenfalls neben den Troll. Schmetterlinge lie�en sich in Gilmaraks Nacken nieder.</p><p>Skanga verscheuchte sie mit einer �rgerlichen Handbewegung. �Nimm deine Viecher weg, Elfenschlampe!�</p><p>Emerelle ber�hrte den Troll und zuckte zur�ck. Der Schmerz h�tte sie fast bet�ubt. Das Fleisch �ber seiner linken Schulter war zerquetscht, das Schulterblatt zersplittert. Die Rippen darunter waren gebrochen und hatten seinen linken Lungenfl�gel durchbohrt.</p><p>Eine Knochenspitze dr�ckte auf sein Herz.</p><p>�Darf ich helfen?�, fragte Emerelle ruhig.</p><p>�Du?� Skangas tote Augen durchbohrten sie f�rmlich. �Du hast doch den Befehl dazu gegeben!�</p><p>�Ich schw�re dir, dass es nicht so ist.�</p><p>�Gib mir deine Hand!�</p><p>Die Elfe reichte ihr die Rechte. Skangas Klauenfinger schlossen sich darum. Sie hob die Hand an ihre Stirn und presste sie fest dagegen. Zwei, drei Herzschl�ge nur. Dann lie� sie sie sinken. �Hilf ihm�, sagte sie sehr leise. �Du kannst es besser als ich.�</p><p>Emerelle atmete tief ein. Sie bereitete sich auf den Schmerz vor, der sie treffen w�rde.</p><p>Sie lauschte auf das leise Rascheln der Schmetterlingsfl�gel. Auf die unheimliche Stille der Menge auf den Kais. Bald w�rde Panik ausbrechen. �Du musst zu ihnen sprechen, Skanga. Und bitte nicht von Mord und Todschlag. Du sp�rst ihre Angst auch, nicht wahr?�</p><p>Emerelle legte beide H�nde flach auf Gilmaraks R�cken und ergab sich dem Schmerz.</p></section><section><title><p>Die rote Laterne</p></title><p>Nikodemus war, so weit er konnte, den Achtersteven hinaufgeklettert, um einen besseren Blick zu haben. Die Prunkbarkasse war etwas mehr als f�nfzig Schritt entfernt. Es herrschte ein heilloses Durcheinander auf Deck, seit Gilmarak gefallen war.</p><p>Alle dr�ngten sich um den Trollf�rsten. Wolken von Schmetterlingen und Gl�hw�rmchen tanzten �ber den Trollen, Elfen und Kobolden.</p><p>�Ist er tot?� rief er zu Liza hinauf, die vom Mastkorb aus einen besseren Blick hatte.</p><p>�Ich kann es nicht erkennen�, antwortete sie nach einer Weile.</p><p>�Und siehst du Elija?�</p><p>Sie schwieg. Er hatte sie das mindestens zwei Dutzend Mal in der letzten halben Stunde gefragt. Elija w�rde niemals zu sp�t kommen. Nicht in dieser Nacht! Es musste etwas passiert sein. Seit Emerelle auf dem Schiff erschienen war, war Nikodemus am Rande der Panik. Er h�tte nicht damit gerechnet, dass sie kommen w�rde. Stand ihr Erscheinen mit dem Verschwinden seines Bruders in Zusammenhang?</p><p>Gilmarak ermordet, Elija verschwunden. Die Dinge lagen ganz klar. Sie w�rde sich ihren Thron zur�ckholen. Und er hatte sich f�r die falsche Seite entschieden. Er hatte nicht mit Fairachs Spitzeln Kontakt aufgenommen, obwohl diese mehrfach versucht hatten, an ihn heranzutreten. Er hatte ihn und Emerelle verraten. Nicht seinen Bruder. Wo waren die Elfen gewesen, als Birga ihn folterte! Elija hatte ihn gerettet! Elija war immer f�r ihn da gewesen, solange er sich erinnern konnte.</p><p>Er hatte ihn nicht verraten k�nnen. Seinen wunderbaren Plan, einen Kobold auf den Thron Albenmarks zu bringen.</p><p>�Du musst die rote Laterne hissen!�, rief Liza ihm zu.</p><p>Er stieg vom Achtersteven herab und betrachtete die rote Laterne, die neben dem Hauptmast auf dem Deck des verlassenen Frachtschiffs stand. Er wusste, dass in diesem Moment mindestens hundert Augenpaare das Schiff beobachteten. All die Anf�hrer der Rotm�tzen, die hierhergekommen waren und sich mit ihren M�nnern verbargen. Gut bewaffnete Kobolde, Elija und ihm treu ergeben. Wenn er die rote Laterne am Mast hochzog, dann w�rden sie losschlagen. Aber gegen wen? Sie h�tten f�r Elija und Anderan k�mpfen sollen, falls die Trolle sich dagegen aufgelehnt h�tten, dass der Herr der Wasser K�nig wurde.</p><p>Aber alles war anders gekommen. Was w�rde geschehen, wenn er die Laterne hisste?</p><p>Wahrscheinlich w�rden sie die Prunkbarkasse beschie�en. Und die Spinnenm�nner mit ihren Gesch�tzen w�rden ebenfalls schie�en. In der Menge auf den Kais w�rde Panik ausbrechen. Hunderte w�rden totgetrampelt oder verletzt werden. Weil eine rote Laterne an einem Mast gehangen hatte.</p><p>Es gab keinen gro�en Bruder mehr, der ihm Rat geben konnte. Nun musste er allein entscheiden. Er nahm die Laterne und ging zur Reling. Mit weitem Schwung warf er sie in den Hafen.</p><p>�Was tust du da?�, schrie Liza vom Mast herab.</p><p>�Ich gehe�, sagte er ruhig. Die Revolution war beendet. Ohne Angriffsbefehl w�rden sich die Rotm�tzen wahrscheinlich bald zerstreuen. Die Kl�geren von ihnen nahmen vielleicht am Fest teil. Er blickte zum Nachthimmel. Das Lichterspektakel, das die Magier veranstalten w�rden, war ber�hmt. Es war die einzige Gelegenheit in seinem Leben, es zu sehen. In achtundzwanzig Jahren w�re er gewiss nicht hier. Falls er dann �berhaupt noch lebte.</p><p>Liza war vom Mast geklettert. Sie ging mit den F�usten auf ihn los. �Was hast du getan! Du Verr�ter!�</p><p>Er dachte daran, was das Orakel ihm ins Gesicht geschrieben hatte. Es war tats�chlich so gekommen, am Ende hatte er alle verraten, Falrach ebenso wie Elija. Und dennoch war er einen geraden Weg gegangen, dachte er.</p><p>Liza vermochte ihn nicht niederzuringen, dachte er verwundert. Durch den Zeitsprung mit Emerelle war er jetzt viele Jahre j�nger als sie. Er hielt sie fest und dr�ckte sie aufs Deck, bis sie aufh�rte zu k�mpfen. Er kannte sie. Er w�rde nicht den Fehler machen, sie jetzt loszulassen. Sie w�rde ihn mit dem n�chstbesten Belegnagel, oder was immer sie sonst zu packen bekam, niederschlagen. Er musste warten, bis ihr Zorn verraucht war.</p><p>�Es ist aus, Liza. Ohne Elija und Anderan haben wir in diesem Kampf nichts mehr zu gewinnen. Stell dich der Wahrheit! Wenn wir die Rotm�tzen rufen, wird es nur zu sinnlosem Blutvergie�en kommen. Ich bin m�de. Ich habe genug Schlachten gesehen.</p><p>Zum ersten Mal liegt es in meiner Hand, eine Schlacht zu verhindern. Und genau das werde ich tun. Es ist vorbei, Liza! Und ich kann dir nicht einmal sagen, wer gewonnen hat. Nur eins ist sicher, wir waren es nicht.�</p><p>Sie b�umte sich auf, versuchte ihn niederzuschlagen, aber er hielt sie mit eisernem Griff. Sie versuchte sogar ihn zu bei�en. Sie war immer noch h�bsch. So lange war er in sie verliebt gewesen, und sie hatte ihm kaum Beachtung geschenkt.</p><p>�So darf es nicht enden. Unsere Sippe ist ausgel�scht. Alle sind tot! Sogar die Hornschildechsen. Sie k�nnen doch nicht alle f�r nichts gestorben sein!�</p><p>�Das sind sie auch nicht.� Er hatte M�he, seine Tr�nen zur�ckzuhalten. �Sie sind f�r einen Traum gestorben. F�r Elijas Traum von einer besseren Welt. Sie war zum Greifen nah, diese Welt. Aber sie ist nicht Wirklichkeit geworden.�</p><p>�Was willst du jetzt tun?�</p><p>�Ich werde mir das Fest ansehen. Und morgen werde ich ins Windland aufbrechen. Ich hoffe, dass ich dort keinen Kentauren �ber den Weg laufe. Ich werde eine wilde Hornschildechse fangen und ein Haus auf ihrem R�cken bauen. Dann werde ich einen neue Sippe gr�nden.�</p><p>�Du bist verr�ckt!�</p><p>Er l�chelte. �Vielleicht... Vielleicht liege ich schon in einem Mond mit einem Kentaurenpfeil im R�cken irgendwo in der Steppe. Sie werden uns in hundert Jahren noch nicht verziehen haben, dass wir ihre Ahnen an Trolle verf�ttert haben. Aber vielleicht habe ich auch Gl�ck und reite im Nacken einer Hornschildechse.�</p><p>Liza sah ihn auf eine Art an, wie sie es fr�her nie getan hatte. Sie schielte dabei ein wenig. Die Jahre waren doch nicht ganz spurlos an ihr vor�bergegangen. Pl�tzlich bleckte sie die Z�hne. �Du bist immer noch ein Dummschw�tzer, Nikodemus. Wie willst du ganz allein eine Sippe gr�nden?�</p><p>Er l�chelte zur�ck. �Vielleicht gehe ich ja nicht ganz allein.� Er hob seine verst�mmelte Hand. �Ideal w�re ein halb blindes oder schielendes Weib, das nicht sofort merkt, dass es sich mit mir besch�digte Ware einhandelt.�</p><p>�Ich schiele nicht�, sagte sie scharf.</p><p>�Dann ist wohl mit meinen Augen auch was nicht in Ordnung.�</p><p>Sie entspannte sich, und er riskierte es, ihre Arme loszulassen.</p><p>�Ich schiele nur ein wenig, wenn ich sehr w�tend bin.� �Also doch oft!� Er grinste.</p><p>�Du bist frecher als fr�her.�</p><p>Er wagte es aufzustehen. �Noch ein Punkt, in dem ich mich verschlechtert habe.�</p><p>�Das finde ich nicht.� Sie setzte sich auf. Dabei sah sie ihn unverwandt an. Ihre Augen waren jung geblieben! �Und du meinst es ernst damit, eine neue Sippe zu gr�nden?�</p><p>�Todernst! Wei�t du�... Ich m�chte ein ganzes Rudel kleiner Fuchswelpen in die Welt setzen. Und wenn sie alt genug sind, dann m�chte ich ihnen von Elija erz�hlen. Und von Ganda und Torkelschritt. Von Meister Gromjan, dem gro�artigsten griesgr�migen Lehrer, dem ich je begegnet bin. Und von Madra, einem Troll, der mein Freund war.</p><p>Habe ich dir je erz�hlt, dass ich auf einem Troll geritten bin?�</p><p>�Du bist ein Angeber.�</p><p>�Ja, da hast du wohl Recht. Aber wenn ich von ihnen erz�hle, dann werden sie alle nicht vergebens gestorben sein. Sie werden in den K�pfen der Kleinen weiterleben.</p><p>Das ist alles, was wir f�r sie noch tun k�nnen. Wirst du mit mir kommen?�</p><p>�Ich bin vielleicht zu alt, um ein ganzes Rudel kleiner Lutin in die Welt zu setzen ...�</p><p>Er seufzte. �Ja, vielleicht.� Er sah sie lange an. Wartete darauf, dass sie noch irgendetwas sagte. Aber sie blieb stumm. Ihr Blick war in sich gekehrt. Schlie�lich gab er auf und ging zur Reling. Die Frachtschiffe im Hafen waren eng miteinander vert�ut.</p><p>Zwischen ihnen lagen Laufplanken, �ber die man bis zu den Kais gelangen konnte.</p><p>�Nikodemus?�</p><p>Er blickte zur�ck. Sie war aufgestanden. �Ja?�</p><p>Liza bleckte die Z�hne zu einem L�cheln. �Ich glaube, ich w�rde mir gerne anschauen, wie du versuchst eine wilde Hornschildechse zu fangen. Mehr verspreche ich dir nicht.</p><p>Au�er vielleicht noch, dass ich die k�mmerlichen �berreste der besch�digten Ware in der Steppe verscharren werde, wenn du so d�mlich sein solltest, dich von einer Echse tottrampeln zu lassen.�</p></section><section><title><p>Flucht</p></title><p>Madrog peilte �ber die Schiene des Torsionsgesch�tzes. An Deck der Prunkbarkasse herrschte Tumult. Er rieb sich zufrieden die H�nde. Dann sah er sie. Skanga! Sie lebte.</p><p>Er hatte nicht sie getroffen. Wie hatte das passieren k�nnen? Wer war ihm in die Schussbahn gelaufen?</p><p>Jetzt kniete sich die Schamanin nieder. Andere Trolle verstellten ihm die Sicht auf sie.</p><p>Emerelle kam auch noch. Verflucht! Wen hatte er nur getroffen?</p><p>Unschl�ssig blickte er auf die drei verbliebenen Steinkugeln. Ob Skanga ahnen w�rde, dass eigentlich sie das Ziel gewesen war? Und w�rde sie erraten, wer geschossen hatte? Jahre waren vergangen, seit sie die Shi-Handan hinter ihm hergehetzt hatte. Er hatte ihr das nie verziehen.</p><p>Noch einmal peilte er �ber das Gesch�tz. Es war unm�glich zu sagen, wann er noch einmal freies Schussfeld haben w�rde. Er sollte fliehen. Er legte seine Waffen ab. Alles, was ihn als Spinnenmann h�tte verraten k�nnen. Nur ein Stiefelmesser behielt er.</p><p>Dann streifte er sich eine der albernen, bunten Jacken �ber, die so viele Kobolde zum Fest der Lichter trugen.</p><p>Er t�tschelte zum Abschied das Gesch�tz. �Deine Schuld war es nicht.�</p><p>Eilig stieg er die Leiter hinab. Am Grund des Verstecks angekommen, sp�hte er durch ein Astloch. Unglaublich, wie viele Albenkinder sich da drau�en dr�ngten. Er sp�rte ihre Unruhe. Keiner wusste, was auf der Prunkbarkasse geschehen war.</p><p>Er schob die T�r in der Kistenseite auf. Ein Faun blickte verwundert auf ihn hinab.</p><p>�Ein wunderbar trockener Platz zum Schlafen�, sagte Madrog freundlich l�chelnd.</p><p>Dann schob er sich in die Menge. Er wurde eins mit ihr. Diskutierte �ber die geheimnisvollen Vorf�lle auf der Prunkbarkasse, rief Emerelles Namen und entfernte sich immer weiter von dem Kistenstapel. Eine dunkel gekleidete Elfe erregte seine Aufmerksamkeit. Sie hatte ihr Haar zu einem strengen Zopf zur�ckgebunden. Ihr Gesicht war mit dem Saft des Dinko-Buschs bemalt. Eine Maurawani. Ob sie gesehen hatte, von wo der Schuss gekommen war? Das war fast unm�glich! Aber sie bewegte sich auf den Kistenstapel zu. Andere Elfen folgten ihr. Gut, dass er fort war!</p><p>Emerelle trat an die Reling der Prunkbarkasse. Schmetterlinge und Gl�hw�rmchen umschwirrten sie. Albern! Aber irgendwie schaffte sie es, gut dabei auszusehen. Sie breitete die Arme aus, und die unruhige Menge verstummte.</p><p>�K�nig Gilmarak wurde verletzt, aber er wird sich von seiner Verwundung erholen! Er wurde nicht wiedergew�hlt. Drei F�rsten stimmten f�r ihn. Drei gegen ihn. Einer enthielt sich. Nun wird ein zweites Mal gew�hlt. Dieses Mal werden sie �ber mich entscheiden.�</p><p>�Emerelle!�, bl�kte ein un�berh�rbar angetrunkener Minotaur.</p><p>�Emerelle!� Andere fielen ein, und bald riefen Tausende.</p><p>Auch Madrog h�pfte auf und nieder, winkte mit beiden Armen und schrie sich die Lunge aus dem Leib. �Emerelle! Emerelle!� Blo� nicht auffallen, solange diese Maurawani durch die Menge schlich. Hoffentlich gewann Emerelle die Wahl.</p><p>Anschlie�end begann das Lichterspektakel, und die Menge w�rde sich in den Stra�en der Stadt verteilen. Dann konnte er entkommen.</p></section><section><title><p>Bruder Jules</p></title><p>Jules sah schon von weitem, dass etwas mit Adrien nicht stimmte. Der Junge hing so unglaublich schief im Sattel, wie er es selbst am ersten Tag seines Reitunterrichts nicht getan hatte. Der Wanderprediger begann zu laufen.</p><p>Adrien kam von Cabezans Palast. Er ritt ihm auf dem Weg entgegen, der in die Weinberge f�hrte. Er sah aus, als h�tte er mit der ganzen Leibwache des Tyrannen gek�mpft. Wie war es m�glich, dass er verwundet war?</p><p>Blut lief an der Flanke des Schimmels hinab. Es kam von irgendwo unter Adriens Umhang.</p><p>Jules packte nach den Z�geln des Pferdes und schob den Jungen wieder in eine aufrechtere Haltung. �Erkennst du mich nicht?�</p><p>Die Augen hinter der silbernen Helmmaske blinzelten. �Elodia?�</p><p>Der Junge fantasierte. Jules sah sich verzweifelt um. Er brauchte einen Platz, wo er seinen Sohn versorgen konnte. Es roch nach Regen. Wenn er Adrien helfen wollte, dann durfte er nicht hier drau�en bleiben!</p><p>Nicht weit entfernt brannte in einer H�tte ein Licht. Wer immer dort lebte, er w�rde ihn hinaus in die Nacht jagen! Er nahm das Pferd beim Z�gel und zog es hinter sich her. Immer wieder blickte er zur�ck, besorgt, dass der Junge aus dem Sattel fallen k�nnte.</p><p>Eine Frau kam den Weg hinabgelaufen. Sie war zu gut gekleidet, um eine Weinb�uerin zu sein!</p><p>�Adrien!�</p><p>Jules stie� einen Sto�seufzer aus. Hatte der Junge denn alles vergessen? Wie konnte er dem ersten dahergelaufenen Weib, in deren Bett er stieg, seinen wahren Namen nennen! So viele Jahre hatte er ihm eingesch�rft, dass er Michel Sarti war!</p><p>�Adrien!� Sie klammerte sich an einen seiner Stiefel. �Dem Jungen w�re sehr geholfen, wenn du ihn nicht aus dem Sattel schmei�t.� �Wer bist du, Priester?�</p><p>�Bruder Jules. Sein alter Lehrmeister. Gibt es dort oben in der H�tte ein Bett?� �Ja.�</p><p>�Gut.�</p><p>Adrien bewegte die Lippen, aber es war unm�glich, zu verstehen, was er sagte. Es war eine Hilfe, dass sie ihn hielt. So musste er sich nicht mehr dauernd umdrehen, und sie kamen schneller voran.</p><p>Vor der H�tte hob er Adrien aus dem Sattel. Sie �ffnete ihm die T�r. Behutsam trug er ihn zum Bett. Er konnte riechen, dass sich die beiden hier geliebt hatten. Unglaublich, all die Jahre tat der Kleine so keusch, und dann das!</p><p>Er legte ihn auf den Bauch und zog den Umhang zur Seite. Ein Dolch ragte aus Adriens R�cken. Eine uralte Waffe, nicht von Menschenhand geschaffen. Cabezan war immer schon ganz versessen auf �berbleibsel aus der Vergangenheit gewesen. Aber dass er an eine solche Waffe gelangt war, h�tte Jules nicht erwartet. Und offensichtlich hatte Adrien dem alten K�nig den R�cken zugewandt. Hatte er denn alles vergessen?</p><p>�Wie kann ich dir helfen?�, fragte die junge Frau.</p><p>Jules sah sie absch�tzend an. H�bsch war sie, das musste man dem Kleinen lassen.</p><p>�Bring mir eine Sch�ssel kalten Wassers. Schnell!�</p><p>Sie stellte keine Fragen, sondern eilte nach drau�en. Das war gut so. Jules legte dem Jungen die Hand in den Nacken. Er versuchte, sich auf ihn einzustimmen. Zu erfassen, wie schlimm es um ihn stand. Zweifellos hatte er eine Menge Blut verloren. Jules sp�rte jetzt die Klinge im Fleisch. Sie hatte alle lebenswichtigen Organe verfehlt. Der Junge hatte Gl�ck. Er ...</p><p>Jules stockte. Da war noch etwas. Er tastete �ber Adri ens Kopf und drehte ihn vorsichtig zur Seite. Die Augen�... Ihre Pupillen waren winzig.</p><p>Er wedelte mit seiner Hand vor ihnen. Keine Reaktion! Adrien war blind.</p><p>�Elo...�, stammelte er. Ein Mundwinkel hing seltsam herab.</p><p>Er legte ihm beide H�nde auf den Kopf und schloss erneut die Augen. Kopfschmerz befiel ihn. Dumpfer, peinigender Schmerz. Einige Adern im Inneren des Kopfes waren verletzt. Blut floss ins Hirn. Teile seines Gehirns waren schon tot.</p><p>Jules schrie auf vor Wut und Verzweiflung.</p><p>Etwas krachte zu Boden.</p><p>Er fuhr herum. Das Weib stand mitten im Zimmer. Sie hatte die Wasserschale fallen lassen. In Scherben lag sie auf dem gestampften Lehmboden.</p><p>�Eine gro�artige Hilfe.�</p><p>�Warum habt Ihr geschrien? Was ist? Bitte, sagt es mir!�</p><p>�Es geht ihm schlecht. Jetzt geh hinaus und hol Wasser!�</p><p>�K�nnt Ihr ihm helfen?�</p><p>�Vielleicht, wenn ich Wasser habe, um seine Wunden zu s�ubern.�</p><p>Endlich eilte sie davon. Jules strich �ber den Kopf des Jungen. Er h�tte ihn nicht verlassen d�rfen. �Elo... Elodia.�</p><p>Jules seufzte. Selbst jetzt, wo es ans Sterben ging, hatte der Junge nichts als sein Blumenm�dchen im Kopf.</p><p>Das Weib kehrte zur�ck. Sie hatte einen ganzen Eimer voller Wasser geholt. Sie kam ihm bekannt vor. Er sah sie scharf an. Er verga� nie ein Gesicht. Sie hatte fr�her anders ausgesehen. M�dchenhafter. Jetzt hatte sie einen harten Zug um die Mundwinkel.</p><p>Aber es konnte keinen Zweifel geben. Adrien hatte zuletzt doch noch sein Blumenm�dchen gefunden!</p><p>�Lass mich allein mit ihm!�</p><p>�Das geht nicht!�, sagte sie entschieden. �Ich habe ihm versprochen, bei ihm zu sein, wenn es � Wenn er �� �Wenn er stirbt?� Sie nickte.</p><p>�Du bist Elodia, nicht wahr?� Sie nickte erneut.</p><p>�H�r mir gut zu, Elodia. Ich brauche jetzt niemanden, der mir im Weg steht, der mir �ber die Schulter gafft und dumme Fragen stellt. Ich werde all meine Kraft aufbieten m�ssen, wenn ich um sein Leben k�mpfe! Wenn ich diesen Kampf verliere ... wenn es ans Sterben geht, dann werde ich dich rufen. Dann geh�rt er dir. Bis dahin lass mich mit ihm allein!�</p><p>�Aber�... �</p><p>�Ich werde dich rufen. Wenn du ihn sterben sehen m�chtest, bitte dann bleib hier. Ich verrichte mein Werk am besten allein. Wenn du ihm helfen willst, dann vergeude nicht l�nger meine Zeit und warte drau�en.�</p><p>Ihre Lippen zitterten, als w�rde sie jeden Augenblick in Tr�nen ausbrechen. Sie beugte sich hastig vor und hauchte Adrien einen Kuss auf sein Haar. Dann ging sie endlich.</p><p>�Elo...�, st�hnte der Junge.</p><p>Jules wurde klar, dass Adrien ihn nicht mehr erkennen w�rde. Nur ein Wunder k�nnte den Jungen noch retten. Es war verr�ckt mit den Menschenkindern. Da vergeudete er seinen letzten Atem, um den Namen eines M�dchens zu fl�stern, das er kaum gekannt hatte.</p><p>Er griff nach der Hand des Jungen und dr�ckte sie sanft. Dann sprach er mit der Stimme Elodias. �Ich bin bei dir. Hab keine Angst. Alles wird wieder gut.�</p><p>Jules schluckte. Es war lange her, dass ihm eine L�ge so schwer �ber die Lippen gegangen war.</p><p>Adrien tat einen tiefen Seufzer. Er hatte mit aller Kraft darum gek�mpft, noch einmal ihre Stimme zu h�ren.</p></section><section><title><p>Die letzte Stimme</p></title><p>�Orgrim, Herzog der Nachtzinne. Deine Stimme!� Diesmal war es Falrach, der die F�rsten zur Wahl aufrief.</p><p>Emerelle war unruhig. Ihre Zukunft lag in den H�nden eines Trolls, und sie konnte nichts dagegen tun. Nachdem sie Gilmarak gerettet hatte, hatte sie Skanga gebeten, noch zwei weiteren F�rsten das Wahlrecht zuzustehen. Doch die alte Schamanin hatte abgelehnt. Sie beide waren keine Todfeinde mehr. Aber Unterst�tzung w�rde sie von ihr wohl nie erwarten d�rfen. Jetzt durchbohrte Skanga Orgrim geradezu mit ihren Blicken.</p><p>Der Trollherzog z�gerte immer noch. Auch Falrach wurde jetzt ungeduldig.</p><p>�Orgrim, Herzog der Nachtzinne. Deine Stimme!�, sagte er noch einmal, fordernder jetzt.</p><p>Es gen�gte, wenn der Troll sich ein zweites Mal der Stimme enthielt, dann w�rde sie die Krone ebenso wenig erlangen wie Gilmarak.</p><p>�Ich stimme f�r Emerelle.�</p><p>Emerelle atmete erleichtert auf. Es war vollbracht! Der Alpraum von einem Land in Asche abgewendet. Doch sie musste auch an das blonde M�dchen aus ihren Tr�umen denken, dem sie nun niemals begegnen w�rde.</p><p>�Herrin, gestattet Ihr, dass ich Euch zur Wahl zur K�nigin gratuliere?� Alvias verstrahlte eine etwas steife, konservative Eleganz wie immer. Allerdings konnte sich Emerelle nicht erinnern, ihn jemals so herzlich l�cheln gesehen zu haben.</p><p>�Danke, mein Freund.�</p><p>�W�re es k�hn, zu hoffen, dass Ihr wom�glich noch einmal in Erw�gung zieht, mich zu Eurem Hofmeister zu machen?�</p><p>Jetzt musste sie l�cheln. �Wer sonst sollte es sein?�, sagte sie freundlich. �Ich freue mich, dich wieder an meiner Seite zu wissen. Und nun walte deines Amtes. Verk�nde dem Volk den Ausgang der K�nigswahl.�</p><p>Voller Stolz trat er an die Reling der Prunkbarkasse. Er straffte sich noch einmal.</p><p>�Kinder Albenmarks!� Er legte Magie in seine Stimme, so dass sie weit in die Stra�en Vahan Calyds trug, ohne dass er geschrien h�tte. �Unsere V�lker haben eine neue K�nigin.�</p><p>Erste Jubelrufe erklangen.</p><p>�Es ist die Elfe Emerelle aus dem Volk der Normirga. M�ge ihre Herrschaft uns Frieden und Wohlstand bringen!�</p><p>Emerelle sah, wie die Trolle die Prunkbarkasse verlie�en, w�hrend sie mit frenetischen Rufen gefeiert wurde. Sie ging zu Skanga und hielt die alte Schamanin zur�ck. Ihre st�ndige Begleiterin, die vermummte Birga mit ihren absto�enden Masken, fl�sterte ihrer Herrin etwas ins Ohr.</p><p>�Wollt ihr nicht bleiben?�</p><p>�Das ist nicht unser Fest�, entgegnete die Alte. Mit toten, wei�en Augen starrte sie Emerelle an. �Wir kehren zur�ck in die Snaiwamark.�</p><p>�Wird es Frieden geben?�</p><p>Skanga sch�ttelte den Kopf. �Daf�r ist zu viel geschehen. Aber wir k�nnten die K�mpfe einstellen. Sehen wir, was danach kommt.�</p><p>Die Trolle zogen ab. Sie ragten unter der Masse der Feiernden auf. Erste Lichter erstrahlten am Nachthimmel. Magier aus ganz Albenmark w�rden sich nun ein friedliches Duell liefern und versuchen, sich gegenseitig zu �berbieten. Erste Blumen erbl�hten vor dem Schwarz des Firmaments. Das waren noch die �bungen der Novizen.</p><p>Sie blickte zu Orgrim. Er war als einziger Troll auf der Barkasse geblieben. Mit seiner tapferen Entscheidung hatte er sich wahrscheinlich zum Ge�chteten in seinem eigenen Volk gemacht.</p><p>Ein Drache aus blauwei�em Licht stieg �ber dem Mond t�rm auf, Alathaias Palast in Vahan Calyd. Ein Raunen lief durch die Menge. Gewiss war es die Elfenf�rstin selbst, die diesen Zauber gewoben hatte. Der Drache weitete seinen Fl�gel, durch die das Licht der Sterne schimmerte.</p><p>Ein Schauder �berlief Emerelle. Sie dachte an die lang vergangenen K�mpfe mit den Drachen. Doch dies war nur eine Illusion, ermahnte sie sich in Gedanken.</p><p>Der Drache st�rzte vom Himmel herab, den Kais entgegen. Etliche Zuschauer schrien auf. Er glitt dicht �ber ihnen hinweg, gewann mit einem Fl�gelschlag wieder etwas an H�he, doch nicht schnell genug. Einige der Mastspitzen glitten durch seinen Leib. Er drehte ab und flog auf das Meer hinaus. Dort verblasste er.</p><p>Emerelle sah zum Mondturm. Was f�r eine machtvolle Zauberin Alathaia geworden war!</p></section><section><title><p>Wie ein Wunder</p></title><p>Silbernes Licht rahmte die Berge am Horizont. Endlich war diese endlose Nacht vor�ber, dachte Elodia m�de. Sie ging vor der H�tte auf und ab. Manchmal hielt sie inne und lauschte an der T�r. Doch sie hatte schon lange keinen Laut mehr dort drinnen geh�rt. Mitten in der Nacht hatte der alte Wanderpriester das Fenster verh�ngt.</p><p>Die ganze Nacht �ber hatte sie immer wieder gebetet. Unerm�dlich hatte sie Tjured um ein Wunder angefleht. Sie sah zum Schimmel, der bei der Tr�nke stand. Als sie bef�rchtete, vom unt�tigen Warten wahnsinnig zu werden, hatte sie das Blut von seinem Sattel gewaschen und aus seinem Fell. So viel Blut!</p><p>Wieder sah Elodia zur T�r. Wenn die Sonne aufging, w�rde sie in die H�tte gehen, ganz gleich, was der griesgr�mige Priester sagte.</p><p>Lebte Adrien noch? War es ein gutes Zeichen, dass der Priester sie nicht gerufen hatte, oder hielt er sich einfach nicht an sein Versprechen? Der Alte war ihr unheimlich. Er erinnerte sie an den Priester, der vor vielen Jahren bei den Stadtwachen gewesen war, als man sie und ihren Bruder aus Nantour verschleppt hatte.</p><p>Ein Ger�usch lie� sie aufblicken. Die T�r! Innen war der Riegel zur�ckgeschoben worden. Kam der Alte sie nun holen? War es so weit? Sie hatte oft geh�rt, dass der Tod mit dem ersten Morgenlicht kam. Sie unterdr�ckte ihre Tr�nen und fuhr sich mit fahrigen H�nden durchs Haar, um es zu richten. Adrien sollte sie zum Abschied nicht zerzaust und weinend sehen!</p><p>Adrien trat durch die T�r. Sie zuckte erschrocken zusammen, so �berrascht war sie.</p><p>�Adrien!�</p><p>Er l�chelte sie an.</p><p>Sie st�rmte auf ihn zu und schloss ihn in die Arme. Ihre H�nde tasteten �ber sein Haar. Sie �bersch�ttete ihn mit K�ssen. Dann schob sie ihn auf Armesl�nge von sich, um ihn besser betrachten zu k�nnen. Er wirkte ein wenig unsicher.</p><p>�Das ... das ist ein Wunder�, stammelte sie fassungslos. Sie fiel auf die Knie, breitete die Arme dem Himmel entgegen und betete voller Inbrunst zu Tjured. Es war nicht weniger als ein Wunder! Gott hatte seinen ersten Ritter gerettet!</p><p>�Der alte Priester hat mich wieder auf die Beine gebracht�, sagte Adrien leise. �Dann danke ich auch ihm!�</p><p>Adrien versperrte ihr mit dem Arm den Zugang zur H�tte. �Besser nicht. Er ist ein griesgr�miger, alter Bock. Und er h�lt nicht viel von dir, Elodia. Ich m�chte nicht, dass er dich mit seinen harschen Worten verletzt.�</p><p>Sie sah ihn �berrascht an. �Das halte ich schon aus.�</p><p>�Ich aber vielleicht nicht. Bitte, geh nicht in die H�tte!� Seine Augen erstrahlten im ersten Morgenlicht in fast schon magischem Blau. Er war so sch�n! So unglaublich sch�n! Und nach Cabezan hatte er nun auch noch den Tod besiegt, um ihrer Liebe willen. Sie strich ihm z�rtlich �ber die Wange. �Ich liebe dich, Adrien.�</p><p>Er wirkte pl�tzlich traurig.</p><p>�Was ist mit dir?�</p><p>�Du musst viel Geduld mit mir haben. Es kann sein, dass ich dir manchmal ein wenig merkw�rdig erscheine�... � Er senkte den Blick. �Ich�... ich f�rchte, die Verwundungen haben ihren Preis gefordert, auch wenn ich k�rperlich wieder unversehrt erscheine. Ich erinnere mich nicht mehr an alles.� Er stockte. �Ich wei� nicht mehr, wann wir uns zum ersten Mal gek�sst haben. Ich f�rchte, ich werde manchmal ein etwas seltsamer Liebhaber sein�... �</p><p>Sie nahm ihn wieder in den Arm. Es hatte ihr einen Stich versetzt, dass er sich daran nicht erinnerte. Es waren doch gerade einmal zwei Tage seit ihrem ersten Kuss vergangen! Aber er hatte dem Tod ins Angesicht gesehen! Er hatte alles Recht, ein wenig seltsam zu sein! �Ich glaube, wir sind immer schon ein seltsames Paar gewesen. Du hast dich als Junge in mich verliebt, obwohl du wusstest, was ich tue�... Und ich habe dich vergiftet, als Tjured dich mir schenkte und ich dich nicht wiedererkannte.� Sie l�-</p><p>chelte. �Vielleicht ist es ganz gut, wenn du dich an ein paar Dinge nicht mehr erinnerst.</p><p>Du bist heute neugeboren. Fangen wir ein neues Leben an. Vergessen wir beide, was war!�</p><p>Er nickte, tief in Gedanken. �Ja, neugeboren�... Das ist wohl wahr.� Pl�tzlich k�sste er sie mit einer Leidenschaft, wie sie sie von ihm gar nicht kannte. Jetzt war er nicht mehr von dem Gift geschw�cht.</p><p>�Gehen wir, Elodia!�</p><p>Sie blickte durch die T�r. Die H�tte lag ihm Dunkel. Undeutlich sah sie eine Gestalt auf dem Lager liegen. �Aber dein Lehrer�... der Priester. Du kannst doch nicht einfach so ohne ein Wort gehen!�</p><p>�Ich trage ihn in meinem Herzen. Er ist immer bei mir. Jetzt muss er ruhen. Wir sollten ihn nicht st�ren. Wenn er wach wird, haben wir von ihm nur Schelte zu erwarten. Er war sehr w�tend auf mich. Lassen wir ihn. Mich zu heilen, hat ihn all seine Kr�fte gekostet. Er wird lange schlafen�... �</p><p>�Wohin sollen wir jetzt gehen, mein Liebster?�</p><p>Er schenkte ihr ein hinrei�endes L�cheln. �Ich bin neugeboren. Du sagtest, wir fangen ein neues Leben an. Wir k�nnen �berall hingehen. Uns geh�rt die ganze Welt!�</p></section><section><title><p>Abschied</p></title><p>Emerelle trat auf die weite Terrasse, die hoch �ber der Stadt lag. Sie blickte auf den Hafen und das Meer. Der Morgennebel lichtete sich. Noch immer h�rte sie weit unten in den Stra�en den L�rm letzter Feiernder. Die ganze Nacht �ber hatte sie Gratulationen und Gl�ckw�nsche �ber sich ergehen lassen. Sie hatte unz�hlige H�nde gesch�ttelt. Auch H�nde von F�rsten, die am Vortag noch vermeintlich treue Anh�nger Gilmaraks gewesen waren.</p><p>Nur einer war nicht gekommen. Der, auf den sie am meisten gewartet hatte. Falrach war irgendwann von der Barkasse verschwunden.</p><p>Die K�nigin trat dicht an die Br�stung der Terrasse. Je mehr die Nebel wichen, desto deutlicher sah man die Wunden der Stadt. Niedergebrannte H�user. Leere Fenster, �ber denen Ru�fahnen das Mauerwerk zeichneten. Es w�rde noch lange dauern, bis Vahan Calyd wieder in seiner alten Pracht erstrahlte.</p><p>Die Stadt war ein Spiegel Albenmarks, dachte sie traurig. �berall gab es Spuren des dritten Trollkriegs. Des schlimmsten. Sie hoffte, dass Gilmarak und Skanga Frieden halten w�rden. In der vergangenen Nacht hatte sie viel �ber die Herrschaft der Trolle und Kobolde zu h�ren bekommen. Und nicht nur Schlechtes! Sie w�rde pr�fen, welche �nderungen Gutes bewirkt hatten. H�user konnte man wieder aufbauen. Doch die Herrschaft der Trolle konnte sie nicht einfach tilgen. Ihr neues K�nigreich w�rde ein anderes sein als jenes, das vor achtundzwanzig Jahren im Feuersturm von Vahan Calyd untergegangen war. Es gab keinen Weg dorthin zur�ck.</p><p>�Herrin?� Alvias war in der T�r zur Terrasse erschienen.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ihr habt Besuch.�</p><p>Sie seufzte. Ihr stand wirklich nicht der Sinn danach, noch mehr H�nde zu sch�tteln.</p><p>�Wer ist es?� �Olowain.�</p><p>�Du kannst ihn vorlassen!� Sie sagte das mit mehr Begeisterung, als sich f�r eine K�nigin geziemte. Alvias hob in stummem Tadel eine Braue. Dann holte er Falrach.</p><p>Der Elf verbeugte sich tief, als er auf die Terrasse trat, und wedelte dabei seltsam mit seinem rechten Arm. �Eure durchlauchtigste Majest�t...�</p><p>Sie musste lachen. �Was soll das?�</p><p>Er richtete sich auf. Schwankte er leicht?</p><p>�Ich bin Euch noch nie als K�nigin begegnet, Majest�t. Ich feile noch an meinen Umgangsformen.�</p><p>�Ich hoffe, zwischen uns hat sich nichts ge�ndert.�</p><p>Er wirkte pl�tzlich traurig. �Wenn Ihr das sagt!�</p><p>Dieser Dummkopf! So hatte sie es nicht gemeint! �Ich hatte gehofft, dass du an meinem Hof bleibst. Welches Amt m�chtest du haben?�</p><p>�Ist das ein Befehl?�</p><p>�Nat�rlich nicht!�</p><p>Falrach breitete die H�nde aus. �Ich glaube, es ist nicht klug, wenn ich bleibe. Ein Spieler mit einem Amt bei Hofe.� Jetzt l�chelte er wieder. �Vielleicht als Schatzmeister.</p><p>Das wird nur zu Gerede f�hren. Und du wirst keine Zeit haben, so wie gestern Nacht.�</p><p>�Wo warst du?�</p><p>�Ich war mit Orgrim trinken.� Er blinzelte, als schmerze das Licht in seinen Augen.</p><p>�Der s�uft wie ein Fass. Eigentlich ist er gar kein �bler Kerl... f�r einen Troll. Wir haben uns ganz gut verstanden. Du wirst nicht glauben, was er mich gefragt hat.� Er sch�ttelte den Kopf. Aber auf eine Art, die Emerelle ahnen lie�, dass er sich schon entschieden hatte. �Er hat gefragt, ob ich ihn als sein Leibw�chter auf die Nachtzinne begleiten m�chte. Er hat einfach nicht verstehen wollen, dass ich nicht wirklich Ollowain bin.�</p><p>�Wozu sollte ein Troll einen Elfen als Leibw�chter brauchen? Das ist absurd!�</p><p>�Nein, du musst die ganze Geschichte h�ren. Er hat Sorge wegen eines Elfen. Farodin hei�t der. Er ist sich ganz sicher, dass dieser Farodin versuchen wird, ihn zu t�ten.�</p><p>Emerelle nickte wissend. Sie kannte die Geschichte dieser alten Seelenfehde. �Und du willst mit ihm gehen?�</p><p>�Nur f�r eine Weile ... Ich habe den Verdacht, dass er ein ganz guter Falrach-Spieler sein k�nnte. Er hat mir von seinen Schlachten erz�hlt.� Er l�chelte entwaffnend. �Ich freue mich, dass du von dem Albenhaupt zur�ckgekommen bist. Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich hoffe, du hast gefunden, was du dort gesucht hast.�</p><p>�Man k�nnte sagen, ich bin Ollowain begegnet ... Ich konnte ihn nicht mitnehmen. Er ist auf dem Berg geblieben. F�r immer.� Ihr versagte fast die Stimme. Wieder sah sie deutlich das Gesicht des blonden M�dchens vor sich.</p><p>�Vielleicht magst du mir ja von ihm erz�hlen.�</p><p>Sie sah Falrach �berrascht an. �Warum?�</p><p>�Wenn du von ihm redest, dann wird dein Herz frei. Und vielleicht ist er uns sogar n�her, als du denkst.�</p><p>�Wirst du pl�tzlich romantisch, Falrach?�</p><p>�Nein, du wei�t, ich bin ein leidenschaftlicher Spieler. Alles, was ich tue, hat Kalk�l.</p><p>Vielleicht erhoffe ich mir ja, von ihm zu lernen, wie man dein Herz erobern kann.�</p><p>�Das hast du schon einmal geschafft, ohne ihn zu kennen.�</p><p>�Du meinst also, es w�re nicht hoffnungslos?� Sie antwortete mit einem L�cheln.</p><p>�Bleib nicht zu lange fort.�</p></section></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Drei Jahre nach dem Erscheinen von <emphasis>Elfenwinter</emphasis> ist die Trilogie um den dritten Trollkrieg mit dem vorliegenden Roman abgeschlossen. Es waren drei bewegte Jahre, und ohne all die Helferinnen und Helfer, die ich in dieser Zeit hatte, w�re es nicht m�glich gewesen, diesen Weg bis zum Ende zu gehen. Und auch diesmal sollen sie nicht ohne Namen bleiben: Xinyi, die mir mit Ginseng-Tee und der Magie einer anderen Welt durch manch lange Schreibnacht geholfen hat, Karl-Heinz, den heimlichen Herrn der sprachlichen Korrektheit, Elke, die eine Lawine in andere Bahnen lenkte, Till, der mir all die Computersorgen vom Hals hielt, die ich niemals h�tte l�sen k�nnen, Wendel, der Zeit fand, neben Stapeln von Klassenarbeiten auch noch ein ziemlich dickes Manuskript zu bearbeiten, Nina, die darauf achtete, dass meine Helden nicht die Etikette vergessen haben, und Martin, der ihnen auf die Schuhe schaute.</p><p>Mein besonderer Dank gilt auch all jenen, die sich im Forum und im G�stebuch meiner Internetseite zu Wort gemeldet haben. Auch wenn ich dort nur selten aktiv mitwirke, bin ich doch oft stiller Gast. Mit all euren Anregungen, den Geschichten �ber eure Leseerfahrungen mit den Elfen oder einfach nur den freundlichen Gr��en habt auch ihr euren Teil daran, dass ich die Kraft hatte, dieses Buch zu schreiben. Danke!</p><p>Mein Dank gilt auch dem Lektoratsteam bei Heyne, Angela, Martina und Sascha. Ich wei�, das Warten auf die letzten Seiten dieses Buchs war wohl spannender als jeder Krimi. Ich danke euch f�r eure Geduld und euer Vertrauen.</p></section></body><binary id="cover" 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