<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_action</genre><author><first-name>John</first-name><last-name>Norman</last-name></author><book-title>Der Ge�chtete von Gor</book-title><annotation><subtitle>Abenteuer in der Stadt der Frauen</subtitle><p>Nach einem l�ngeren Aufenthalt auf der Erde wird Tarl Cabot zum zweiten Mal nach GOR versetzt. Er findet seine Heimatstadt vernichtet, sein Vater ist verschwunden, seine geliebte Gef�hrtin verschleppt. Tarl Cabot macht sich auf, um sich an den Priesterk�nigen zu r�chen. Als er auf seiner Wanderschaft Tharna, die Stadt der Frauen, erreicht, ger�t er in Gefangenschaft. Er nimmt den Kampf gegen die seltsame Gesellschaftsordnung auf. Doch wird es ihm gelingen, seinen Rachezug gegen die Priesterk�nige fortzusetzen?</p></annotation><date>1973</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Thomas</first-name><last-name>Schl�ck</last-name></translator><sequence name="Gor-Zyklus" number="2"/></title-info><src-title-info><genre>sf_action</genre><author><first-name>John</first-name><last-name>Norman</last-name></author><book-title>Outlaw of Gor</book-title><date>1967</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2014</date><src-ocr>Romuluz</src-ocr><id>C820DEBA-5674-417C-9BC3-A6C1D4605F3A</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>John Norman</p><p>Der Ge�chtete von Gor</p></title><section><title><p>Vorbemerkung �ber das Manuskript</p></title><cite><p>Mein Freund Harrison Smith, ein junger Rechtsanwalt aus der Stadt, hat mir vor kurzem ein zweites Manuskript �berlassen, das angeblich von Tarl Cabot stammt. Es war sein Wunsch, da� ich dieses zweite Dokument � wie schon das erste � einem Verleger zug�nglich mache, diesmal jedoch mehr wegen der Briefe und Anfragen, die das erste Manuskript GOR - DIE GEGENERDE ausl�ste. Ich habe Smith gebeten, eine Art Vorwort f�r diesen Bericht zu schreiben und dabei seine eigene Rolle klarzustellen und uns ein wenig mehr �ber Tarl Cabot zu berichten, den ich leider noch nicht pers�nlich kennengelernt habe.</p><text-author>John Norman</text-author></cite></section><section><title><p>1</p></title><subtitle>Vorbemerkung von Harrison Smith</subtitle><p>Ich lernte Tarl Cabot in einem kleinen College in New Hampshire kennen, an dem wir beide unterrichteten. Er lehrte englische Geschichte, w�hrend ich als Sportlehrer angestellt war � ein Fach, das er sehr hoch einsch�tzte.</p><p>Wir freundeten uns an, unternahmen viel zusammen, diskutierten und fochten, und ich mochte den jungen Engl�nder. Er war ruhig und angenehm, obwohl er manchmal seltsam gedankenverloren wirkte, ein wenig zur�ckhaltend, wie es Engl�nder wohl an sich haben.</p><p>Der junge Cabot war ziemlich gro� und breitschultrig und hatte eine federnde Art zu gehen, die vielleicht seiner Herkunft aus den Docks von Bristol zuzuschreiben war. Seine Augen waren klar und blau, offen und ehrlich. Er hatte helle Haut und rotes Haar, das ihm stets wirr um den Kopf stand, und ich m�chte bezweifeln, da� er �berhaupt einen Kamm besa�. Alles in allem achteten wir Tarl Cabot als jungen, h�flichen Engl�nder von der Universit�t Oxford. Aber dann waren wir uns dieses Urteils nicht mehr so sicher.</p><p>Zu meiner Verbl�ffung � die vom ganzen College geteilt wurde � verschwand Tarl Cabot kurz nach Abschlu� des ersten Semesters. Ich bin sicher, da� dies nicht in seiner Absicht gelegen hat, denn Cabot ist ein Mann, der seine Verpflichtungen erf�llt.</p><p>Zu dieser Zeit beschlo� Cabot, eine Campingtour in die nahe gelegenen White Mountains zu unternehmen. Ich lieh ihm meine Campingausr�stung und fuhr ihn in die Berge, wo ich ihn an der Autobahn absetzte. Er bat mich � und das war ernstgemeint �, ihn in drei Tagen an dieser Stelle wieder abzuholen. Leider hielt er diese Verabredung nicht ein. Ich wartete mehrere Stunden lang und kehrte dann zur gleichen Zeit des n�chsten Tages zur�ck. Noch immer lie� er sich nicht blicken. Beunruhigt verst�ndigte ich die Beh�rden, und noch am gleichen Nachmittag begann eine ausgedehnte Suche.</p><p>Schlie�lich wurde die Asche seines Feuers gefunden � doch dabei blieb es. Wie ich dann h�rte, soll Tarl Cabot einige Monate sp�ter bei guter Gesundheit aus den Bergen zur�ckgekehrt sein � allerdings mit einem Schock, der f�r die Zeit seiner Abwesenheit einen Ged�chtnisverlust bewirkte.</p><p>Er kehrte nicht an unser College zur�ck � zur Erleichterung einiger �lterer Kollegen, die wohl der Meinung waren, er passe nicht hierher. Kurze Zeit sp�ter kam ich zu der gleichen Erkenntnis und verlie� das College. Ich erhielt einen Scheck von Cabot zur Bezahlung meiner Campingausr�stung, die er anscheinend verloren hatte. Das war sehr nett von ihm; Es w�re mir allerdings lieber gewesen, wenn er mich besucht h�tte. Ich h�tte schon aus ihm herausbekommen, was mit ihm geschehen war.</p><p>Irgendwie war mir der Bericht �ber seine Amnesie seltsam vorgekommen. Das war zu einfach, reichte als Erkl�rung nicht aus. Wie hatte er in diesen Monaten gelebt, wo war er gewesen, was hatte er getan?</p><p>Es geschah fast sieben Jahre darauf, da� ich ihn in den Stra�en Manhattans wiedersah. Zu der Zeit hatte ich das Geld f�r mein Jurastudium l�ngst zusammen und stand bereits kurz vor der Abschlu�pr�fung.</p><p>Er hatte sich wenig ver�ndert, wenn �berhaupt. Ich eilte ihm nach und fa�te ihn ohne nachzudenken bei der Schulter. Was nun geschah, war unglaublich. Mit lautem Wutschrei fuhr er wie ein Tiger herum, rief mir in einer fremden Sprache etwas zu, und ich sah mich in der Gewalt stahlharter H�nde, die mich zu Boden rissen.</p><p>Im N�chsten Augenblick lie� er mich los und begann sich hastig zu entschuldigen, noch ehe er mich erkannte. Entsetzt machte ich mir klar, da� seine Handlung ein reiner Reflex gewesen war � etwa wie das Blinzeln eines Auges oder das Zucken des Knies unter dem Hammer des Arztes. Es war der Reflex eines Tieres, das nach seinem Instinkt zuerst zuschlagen mu�, wenn es nicht vernichtet werden will, oder eines Menschen, der trainiert ist, schnell und r�cksichtslos zu t�ten, da er �berleben m�chte. Der Schwei� lief mir am K�rper herab. Ich wu�te, da� ich dem Tode nahe gewesen war. War das der ruhige, sanfte Cabot aus meiner Collegezeit?</p><p>�Harrison!� rief er. �Harrison Smith!� Er hob mich m�helos auf, und die Worte sprudelten von seinen Lippen, versuchten mich zu beruhigen. �Tut mir schrecklich leid�, sagte er immer wieder. �Verzeih mir, verzeih mir, alter Junge!�</p><p>Wir sahen uns an.</p><p>Er streckte mir impulsiv die Hand hin, entschuldigend. Ich nahm sie und dr�ckte sie. Ich f�rchte, mein Griff war ein wenig schwach, und meine Hand zitterte. �Es tut mir wirklich furchtbar leid�, sagte er. Einige Passanten waren stehengeblieben und umstanden uns in sicherer Entfernung.</p><p>Er l�chelte sein einnehmendes, jungenhaftes L�cheln, an das ich mich aus New Hampshire noch gut erinnerte. �M�chtest du etwas trinken?� fragte er.</p><p>Auch ich l�chelte. �Aber ja�, sagte ich.</p><p>In einer kleinen Bar mitten in Manhattan, kaum gr��er als ein Eingang mit einem langen Schlauch von Zimmer dahinter, erneuerten Tarl Cabot und ich unsere Freundschaft. Wir streiften manches Thema, doch �ber seine abrupte Reaktion auf meine Begr��ung sprachen wir nicht, ebensowenig von den Monaten, die er in den Bergen New Hampshires verschollen war.</p><p>In den folgenden Monaten sahen wir uns recht oft � so oft es mein Studium erlaubte. Er schien einen gro�en Bedarf an menschlicher Gesellschaft zu haben, denn er war sichtlich einsam, und ich meinerseits war sehr gl�cklich, ihn meinen Freund nennen zu d�rfen, auch wenn ich wohl � leider � sein einziger Freund war.</p><p>Ich f�hlte, da� die Zeit kommen wurde, da mir Cabot von seinen Erlebnissen in den Bergen berichten w�rde. Aber er mu�te von allein darauf kommen, er mu�te den geeigneten Augenblick bestimmen. Ich war nicht interessiert, in seine Angelegenheiten einzudringen � oder in seine Geheimnisse. Es gen�gte mir, wieder sein Freund zu sein. Ich fragte mich von Zeit zu Zeit, warum sich Cabot �ber bestimmte Dinge nicht frei �u�erte, warum er das Geheimnis jener Monate so eifers�chtig h�tete. Ich wei� inzwischen, warum er nicht sofort davon sprach. Er bef�rchtete, ich k�nnte ihn f�r wahnsinnig halten.</p><p>Es war an einem Abend Anfang Februar, und wir tranken wieder einmal in der kleinen Bar, in der wir an jenem sonnigen Nachmittag vor einigen Monaten unseren ersten Drink bestellt hatten. Drau�en schneite es. Cabot schien bedr�ckt. Ich erinnerte mich daran, da� er in dieser Jahreszeit verschwunden war � damals, vor einigen Jahren.</p><p>� Vielleicht sollten wir nach Hause gehen�, sagte ich.</p><p>Cabot starrte weiter aus dem Fenster und beobachtete den herabrieselnden Schnee.</p><p>�Ich liebe sie�, sagte er pl�tzlich ins Leere.</p><p>�Wen?� fragte ich.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden. �Komm, wir gehen nach Hause�, sagte ich. �Es ist sp�t.�</p><p>�Wo ist denn mein Zuhause?� fragte Cabot und schaute in sein halbvolles Glas.</p><p>�Deine Wohnung, nur ein paar Blocks entfernt�, erwiderte ich. Ich wollte, da� er mit mir kam, da� er diese Stimmung so schnell wie m�glich absch�ttelte. So hatte ich ihn noch nicht erlebt, und ich begann mir Sorgen zu machen.</p><p>Er wollte sich nicht ablenken lassen. Er zog den Arm zur�ck. �Es ist sp�t�, sagte er, wobei er mir anscheinend zustimmte, vielleicht aber auch etwas anderes meinte. �Es mu� noch nicht zu sp�t sein�, fuhr er fort, als ob er zu einem Entschlu� gekommen w�re, als ob er allein durch seinen Willen den Strom der Zeit anhalten k�nnte, die zuf�llige Folge der Ereignisse.</p><p>Ich lehnte mich in meinem Stuhl zur�ck. Cabot w�rde nach Hause gehen, wenn er bereit w�re. Ich sp�rte sein Schweigen, das Summen der Stimmen ringsum, das Klirren von Gl�sern, F��escharren, Ansto�en.</p><p>Cabot hob seinen Scotch und hielt ihn vor sich, neigte das Glas und lie� einige Tropfen auf den Tisch fallen. Dabei murmelte er Worte in der seltsamen Sprache, die ich bisher nur einmal geh�rt hatte, als ich im Griff seiner H�nde zitterte.</p><p>�Was machst du da?� fragte ich.</p><p>�Ich bringe ein Opfer�, sagte er. �Ta-Sardar-Gor.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Es hei�t�, sagte Cabot und lachte freudlos, ��den Priesterk�nigen von Gor�!�</p><p>Er stand unsicher auf. Ohne Vorwarnung stie� er einen wilden Wutschrei aus und schleuderte das Glas an die Wand. Es zerbrach in unz�hlige schimmernde St�cke, die zu Boden klirrten. Erschrecktes Schweigen breitete sich aus. Und in die verbl�ffte Stille hinein h�rte ich ihn heiser fl�stern: �Ta-Sardar-Gor!�</p><p>Der Barmann, ein schwerer, dicker Mann, kam an unseren Tisch gewatschelt. In seiner dicken Hand war ein kurzer Lederkn�ppel, mit Schrotk�rnern gef�llt. Der Barmann deutete auf die T�r. Er wiederholte die Geste. Cabot, der ihn um einiges �berragte, schien die Bewegung nicht zu begreifen. Der Barmann hob drohend den Kn�ppel. Cabot ergriff die Waffe und zog sie dem verbl�fften Mann anscheinend m�helos aus der Hand. Er schaute auf in das schwitzende, furchtsam verzogene Gesicht.</p><p>�Du hast die Waffe gegen mich erhoben�, sagte er. �Nach meinen Regeln darf ich dich jetzt t�ten.�</p><p>Der Barmann und ich sahen entsetzt zu, wie Cabots gro�e feste H�nde den Kn�ppel auseinanderzerrten, die Naht aufplatzen lie�en � wie ich vielleicht eine Papprolle zerbrochen h�tte. Einige Schrotk�rner fielen zu Boden und rollten unter die Tische.</p><p>�Er ist betrunken�, wandte ich mich an den Barmann. Ich nahm Cabot am Arm. Seine Wut schien verraucht zu sein, und ich sp�rte, da� er niemandem schaden wollte. Die Ber�hrung meiner Hand schien ihn aus seiner seltsamen Stimmung zu rei�en. Er reichte dem Barmann den verbogenen Kn�ppel zerknirscht zur�ck.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er. �Wirklich.� Er griff in die Tasche und dr�ckte dem Mann eine Banknote in die Hand. Es waren hundert Dollar. Wir zogen unsere Mantel an und gingen in die Februarnacht hinaus. Vor der Bar blieben wir einen Augenblick schweigend im Schnee stehen. Cabot, noch immer halb betrunken, sah sich um, nahm die brutale elektrische Geometrie der gro�en Stadt in sich auf, die dunklen, einsamen Gestalten, die sich durch den leichten Schnee bewegten, die bleichen, leuchtenden Autoscheinwerfer.</p><p>�Eine gro�e Stadt�, sagte Cabot, �die aber von ihren Einwohnern nicht geliebt wird. Wer w�rde hier schon f�r seine Stadt sterben wollen? Wer w�rde ihre Grenzen verteidigen? Wer w�rde sich ihretwegen einer Folter unterwerfen?�</p><p>�Du bist betrunken�, sagte ich l�chelnd.</p><p>�Diese Stadt wird nicht geliebt�, sagte er. �Oder sie w�rde nicht so gebraucht, nicht so gehalten.�</p><p>Traurig wandte er sich zum Gehen.</p><p>Irgendwie hatte ich das Gef�hl, da� ich heute nacht das Geheimnis Tarl Cabots erfahren w�rde. �Warte!� rief ich ihm nach.</p><p>Er wandte sich um, und ich glaubte zu sp�ren, da� er sich �ber meinen Ruf freute, da� ihm meine Gesellschaft gerade heute abend viel bedeutete.</p><p>Wir gingen zu seiner Wohnung, wo er mir zuerst eine Kanne Kaffee kochte. Wortlos trat er dann an einen Wandschrank und brachte eine Kassette zum Vorschein. Er �ffnete sie mit einem Schl�ssel, den er bei sich trug, und nahm ein Manuskript heraus, in seiner klaren, entschlossenen Handschrift verfa�t, mit einer Schnur gebunden. Er schob mir das Manuskript hin.</p><p>Es war ein Bericht �ber Ereignisse, die sich nach Cabots Worten auf die Gegenerde bezogen, die Geschichte eines Kriegers, der Belagerung einer Stadt und seiner Liebe zu einem M�dchen. Sie kennen diesen Text vielleicht als GOR - DIE GEGENERDE.</p><p>Als ich kurz nach Morgengrauen mit Lesen fertig war, schaute ich Cabot an, der die ganze Zeit am Fenster gesessen und den Schnee beobachtet hatte.</p><p>Er wandte sich um. �Es ist alles wahr, aber du brauchst es mir nicht zu glauben.�</p><p>Ich wu�te nicht, was ich sagen sollte. Nat�rlich konnte die Geschichte nicht wahr sein; andererseits hielt ich Cabot f�r einen der ehrlichsten Menschen auf dieser Welt.</p><p>Da fiel mein Blick auf seinen Ring den ich zwar schon tausendmal vorher gesehen hatte, von dem aber auch in seinem Manuskript die Rede war. Der Ring mit dem Siegel der Familie Cabot.</p><p>�Ja�, sagte Tarl. �Das ist der Ring.�</p><p>Ich deutete auf das Manuskript. �Warum hast du mir das gezeigt?� fragte ich.</p><p>�Ich m�chte, da� jemand Bescheid wei߫, erwiderte Cabot schlicht. Ich stand auf. Zum erstenmal sp�rte ich die Wirkung der durchwachten Nacht, des Lesens, das Alkohols und des bitteren Kaffees. Ich l�chelte. �Am besten gehe ich jetzt. Dann bis morgen.�</p><p>�Ja, auf Wiedersehen�, sagte Cabot und half mir in den Mantel. �Aber morgen sehen wir uns nicht. Ich gehe wieder in die Berge.�</p><p>Ja, es war Februar, und er war im Februar vor sieben Jahren verschwunden.</p><p>Der Schreck fuhr mir in die Glieder. �Geh nicht�, sagte ich. �Ich werde gehen�, erwiderte er.</p><p>�Dann la� mich mitkommen!�</p><p>�Nein. Vielleicht komme ich nicht zur�ck.�</p><p>Wir gaben uns die Hand, und ich hatte das seltsame Gef�hl, da� ich Tarl Cabot wom�glich nicht wiedersehen w�rde. Meine Hand krampfte sich um die seine. Ich hatte ihm etwas bedeutet, und er mir, und jetzt sollten wir uns einfach so trennen, nie wieder miteinander sprechen.</p><p>Ich fand mich in dem kahlen wei�en Flur vor seiner Wohnung wieder und starrte auf die nackte Gl�hbirne an der Decke. Dann pl�tzlich wandte ich mich um und rannte zu seinem Apartment zur�ck. Ich hatte ihn im Stich gelassen, meinen Freund. Wie ich auf diesen Gedanken kam, wu�te ich nicht. Ich hieb mit beiden F�usten an die Wohnungst�r, doch es kam keine Antwort. Ich trat die T�r ein, fetzte das Schlo� aus der F�llung. Ich hastete durch die Zimmer. Doch Tarl Cabot war verschwunden!</p><p>Auf dem Tisch des kleinen Wohnzimmers lag das Manuskript, das ich in den letzten Stunden gelesen hatte � mit einem Briefumschlag, auf dem mein Name und meine Adresse standen. Drinnen lag ein Zettel. �F�r Harrison Smith, wenn er es haben m�chte.� Niedergeschlagen verlie� ich die R�ume und nahm das Manuskript mit, das sp�ter als <emphasis>Gor - Die Gegenerde</emphasis> ver�ffentlicht wurde. Dies und meine Erinnerung waren alles, was mir von meinem Freund Tarl Cabot blieb.</p><p>Meine Pr�fungen kamen und brachten Erfolg. Sp�ter wurde ich im Staate New York als Rechtsanwalt zugelassen und trat einem der gro�en Anwaltsb�ros der Stadt bei. Im Dschungel der komplizierten und anstrengenden Arbeit wurde die Erinnerung an meinen Freund Cabot immer mehr verdr�ngt. So bleibt nicht mehr viel zu sagen, au�er da� ich ihn bisher nicht wiedergesehen habe. Dennoch habe ich das Gef�hl, da� er lebt.</p><p>Als ich eines Abends nach der Arbeit in meine Wohnung zur�ckkehrte, lag auf dem Rauchtisch vor meinem Lesesessel ein zweites Manuskript, das nun folgt. Ich wei� nicht, wie es dorthin gekommen ist � T�ren und Fenster waren verschlossen.</p><p>Vielleicht stimmt es tats�chlich, wie Tarl Cabot einmal bemerkte, da� die Abgesandten der Priesterk�nige unter uns weilen.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Wieder einmal durchstreifte ich, Tarl Cabot, die gr�nen Felder Gors. Ich erwachte unbekleidet im windzerzausten Gras, unter jenem flammenden Stern, der die Sonne meiner beiden Heimatplaneten ist � der Erde und ihre geheimen Schwester, der Gegenerde Gor.</p><p>Langsam richtete ich mich auf. Jede Faser meines K�rpers vibrierte in dem starken Wind, meine Haare flatterten, meine Muskeln schmerzten und freuten sich �ber den ersten freien Auslauf seit Wochen, denn ich war in den White Mountains in jene Silberscheibe eingetreten, die das Raumschiff der Priesterk�nige war, das Fahrzeug f�r die Akquisitionsreisen. Beim Betreten des Schiffes war ich bewu�tlos geworden. Und in diesem Zustand � wie schon einmal vor vielen Jahren � hatte ich Gor erreicht.</p><p>Ich blieb einige Minuten stehen und lie� das Wunder meiner R�ckkehr auf alle meine Sinne und Nerven einwirken.</p><p>Ich sp�rte wieder einmal die geringere Schwerkraft des Planeten, ein Gef�hl, das vergehen w�rde, wenn sich mein K�rper der neuen Umgebung anpa�te. Angesichts der geringeren Schwerkraft waren k�rperliche Leistungen, die auf der Erde �bermenschlich gewirkt hatten, auf Gor ganz nat�rlich. Die Sonne war � wie ich sie in Erinnerung hatte � ein wenig gr��er, als sie auf der Erde wirkte, doch es war nicht ganz einfach, sich dieser Feststellung sicher zu sein.</p><p>In einiger Entfernung bemerkte ich gelbe Flecken � einige Ka-la-na- Haine, wie sie auf den Feldern Gors oft zu finden sind. Weiter links erstreckte sich ein herrliches Feld mit Sa-Tarna, das sich anmutig im Winde bog � jenes gro�e, gelbe Korn, das wesentlich zur goreanischen Ern�hrung beitragt. Rechts waren in einiger Entfernung Berge zu sehen � undeutlich, verschwommen. Nach ihrer Form und ihrer H�he schien es mir, da� es die Berge von Thentis sein m��ten. Und von dort konnte ich meinen Weg nach Ko-ro-ba finden, jener Stadt der Zylinder, der ich vor Jahren mein Schwert verpflichtet hatte.</p><p>Ich lie� mich von der Sonne bescheinen, richtete mich auf und hob, ohne nachzudenken, die Arme im heidnischen Gebet zu den Priesterk�nigen, die mich erneut von der Erde auf diese Welt gebracht hatten. Ihre Macht hatte mich schon einmal von Gor entf�hrt, als meine Aufgabe beendet war. Ich war damals meinem Vater und meinen Freunden entrissen worden, ebenso wie dem M�dchen, das ich liebte, der dunkelhaarigen, sch�nen Talena, Tochter Marlenus, des fr�heren Ubar von Ar, der gr��ten Stadt im bekannten Gor.</p><p>Mein Herz kannte keine Liebe f�r die Priesterk�nige, jene geheimnisvollen Bewohner des Sardargebirges, wer immer oder was immer sie auch sein mochten, aber ich empfand Dankbarkeit, ihnen gegen�ber oder gegen�ber den fremden M�chten, von denen sie geleitet wurden.</p><p>Da� ich wieder nach Gor gebracht worden war, um einmal mehr meine Stadt und meinen Liebling zu besuchen, war bestimmt keine spontane Geste der Gro�z�gigkeit oder der Gerechtigkeit, wie es auf den ersten Blick scheinen mochte. Die Priesterk�nige, W�chter des Heiligen Ortes im Sardargebirge, anscheinend mit allem vertraut, was sich auf Gor ereignete, Beherrscher des entsetzlichen Flammentodes, der vernichten konnte, was ihr Mi�fallen erregte, wurden nicht von niederen Motiven getrieben wie die Menschen, unterlagen nicht den Regeln des Anstands und des Respekts, die das menschliche Handeln zu beeinflussen verm�gen. Sie hatten ihre eigenen fremden und geheimnisvollen Ziele; und zum Wohle dieses Zieles wurden die Menschen wie Marionetten eingesetzt. Es lief das Ger�cht, da� die Priesterk�nige Menschen gebrauchten wie Figuren in einem Spiel und da�, wenn ein Stein seine Rolle ausgespielt hatte, er beseitigt oder � wie in meinem Falle � vom Spielbrett genommen wurde, bis die Priesterk�nige Lust auf ein neues Spiel hatten.</p><p>Einige Schritte von mir entfernt lagen Gegenst�nde im Gras. Ich bemerkte einen Helm, ein Schild und einen Speer, dazu ein zusammengerolltes Lederb�ndel. Ich kniete nieder und untersuchte meinen Fund.</p><p>Der Helm bestand aus Bronze, war nach griechischer Art gearbeitet und hatte an der Vorderseite eine einzelne �ffnung in Y-Form. Er trug keine Stadtzeichen, und das Wappenschild war leer.</p><p>Der runde Schild aus konzentrisch �berlappenden Schichten geh�rteten Leders, die mit Messingklammern verbunden waren, dazu die Doppelschlinge, durch die man den linken Arm steckte, war ebenfalls neutral gehalten. Gew�hnlich ist ein goreanischer Schild bunt angemalt und weist Zeichen auf, nach denen man die Heimatstadt des Kriegers erkennen kann. Wenn dieser Schild f�r mich gedacht war � woran ich eigentlich nicht zweifelte �, m��te er das Wappen Ko-ro-bas, meiner Stadt, tragen.</p><p>Der Speer war ebenfalls typisch goreanisch � etwa zwei Meter lang, schwer, mit einer etwa vierzig Zentimeter langen Bronzespitze. Der Speer ist eine schreckliche Waffe und kann wegen der geringeren Schwerkraft Gors mit unvorstellbarer Kraft geschleudert werden und auf nahe Entfernung ein Schild durchsto�en oder sich drei�ig Zentimeter in festes Holz bohren. Mit dieser Waffe machen sich M�nner sogar auf die Jagd nach dem Larl, in seinen Heimatbergen, dem Voltai-Gebirge � der Larl, das unglaubliche, panther�hnliche Raubtier, das hochaufgerichtet �ber zwei Meter mi�t.</p><p>Tats�chlich ist der goreanische Speer so wirksam, da� viele Krieger kleinere Schu�waffen ablehnen � wie etwa den Bogen oder die Armbrust, die ebenfalls recht h�ufig anzutreffen sind. Ich bedauerte allerdings, da� sich unter den Waffen zu meinen F��en kein Bogen befand, da ich mir bei meinem letzten Aufenthalt auf Gor eine gewisse Geschicklichkeit damit angeeignet hatte, die meinen damaligen Waffenlehrer nicht wenig beunruhigte.</p><p>Ich dachte noch gern an ihn zur�ck, an den �lteren Tarl. Tarl ist auf Gor kein ungew�hnlicher Name. Ich freute mich sehr auf mein Wiedersehen mit dem st�mmigen Mann, der b�rtig und stolz war wie ein Wikinger, ein gro�artiger Schwertk�mpfer, der mich im Gebrauch von Waffen unterwiesen und zu einem goreanischen Krieger gemacht hatte. Ich �ffnete das Lederb�ndel. Es enthielt die rote Tunika, die Sandalen und den Umhang, wie sie ein Mitglied der goreanischen Kriegerkaste zu tragen pflegt. Und das stimmte mich froh, denn ich geh�rte dieser Kaste an � seit jenem Morgen, da mir mein Vater Matthew Cabot, Administrator Ko-ro-bas, die Waffen �berreichte und ich den Heimstein dieser Stadt zu meinem eigenen machte.</p><p>F�r einen Goreaner � der allerdings selten von solchen Dingen spricht � ist eine Stadt mehr als nur Backsteine und Marmor, mehr als nur Zylinder und Br�cken. Sie ist kein einfacher Ort, kein geographischer Bezugspunkt, an dem die Menschen ihre Unterk�nfte errichtet haben. Der Goreaner glaubt, da� sich eine Stadt nicht einfach mit ihren Teilen gleichsetzen l��t; f�r ihn ist sie fast ein lebendiges Wesen � oder sogar mehr. Sie ist ein Wesen mit einer Geschichte, sie ist ein Wesen mit einer Tradition, einem Erbe, mit Sitten und Gebr�uchen, Charakter, Intentionen, Hoffnungen. Wenn ein Goreaner beispielsweise sagt, er sei aus Ar oder Ko-ro-ba, ist das mehr als nur eine Bezeichnung seines Wohnorts.</p><p>Im allgemeinen glauben die Goreaner nicht an die Unsterblichkeit � obwohl es auch Ausnahmen gibt, insbesondere in der Kaste der Wissenden. Einer Stadt anzugeh�ren hei�t dementsprechend, da� man ein Teil von etwas ist, das weniger verg�nglich ist als man selbst, etwas G�ttliches im Sinne des Nichtsterbens. Nat�rlich sind, wie jeder Goreaner wei�, auch St�dte sterblich, denn sie K�nnen vernichtet werden. Doch dies steigert ihre Liebe zu den St�dten wom�glich noch mehr.</p><p>Ihre Liebe gegen�ber einer Stadt konzentriert sich auf einen Stein, der als der Heimstein bekannt ist und der gew�hnlich im h�chsten Zylinder einer Stadt aufbewahrt wird. Im Heimstein � der manchmal kaum mehr als ein grober Felsbrocken ist aus der Zeit vor Hunderten von Generationen, als die Stadt noch eine Gruppe von H�tten an einem Flu�ufer war; manchmal aber auch ein herrlich geformter W�rfel aus Marmor oder Granit �, in diesem Heimstein findet die Stadt ihr Symbol. Doch auch der Begriff Symbol trifft nicht ganz zu. Es ist fast, als w�rde die Stadt selbst mit dem Heimstein identifiziert, als w�re der Stein f�r die Stadt, was das Leben dem einzelnen ist. Die Legenden besagen, da� eine Stadt �berlebt, solange ihr Heimstein vorhanden ist.</p><p>Aber nicht nur die St�dte haben ihre Heimsteine, auch die kleinen, bescheidenen D�rfer und die primitivsten H�tten in diesen D�rfern enthalten eigene Heimsteine, ebenso wie die vornehm ausgestatteten R�ume des Administrators einer so gro�en Stadt wie Ar.</p><p>Mein Heimstein war der Heimstein von Ko-ro-ba, jener Stadt, zu der ich jetzt zur�ckkehren wollte.</p><p>In dem B�ndel fand ich auch einen Schulterg�rtel mit dem kurzen Schwert der Goreaner. Ich zog es aus der Scheide. Es war gut balanciert, doppelt geschliffen und fast f�nfzig Zentimeter lang. Der Griff war mir vertraut, und ich erkannte einige Kratzer an der Klinge wieder. Es war die Waffe, die ich bei der Belagerung Ars getragen hatte. Ein seltsames Gef�hl, sie wieder in der Hand zu halten, ihr Gewicht zu sp�ren, die vertraute Rundung zwischen den Fingern. Diese Klinge hatte mir den Weg in den Zentralzylinder Ars freigek�mpft, als ich Marlenus, den umstrittenen Ubar dieser Stadt, befreite. Sie hatte sich mit der Waffe Pa-Kurs, des Meisterattent�ters, gekreuzt, mit dem ich um meinen Liebling Talena k�mpfen mu�te. Und jetzt hielt ich das Schwert erneut in der Hand. Ich fragte mich, wie es dazu kommen konnte, und wu�te nur, da� es in der Absicht der Priesterk�nige gelegen haben mu�te. Zwei Dinge, die ich zu finden gehofft hatte, waren nicht in dem B�ndel � ein Tarnstab und eine Tarnpfeife. Beim Tarnstab handelt es sich um eine kleine Rute, etwa f�nfzig Zentimeter lang. Sie hat an ihrem Griff einen kleinen Schalter, der, wenn er bet�tigt wird, den Stab elektrifiziert und einen Schauer von Funken freigibt. Er wird benutzt zur Kontrolle der Tarns, jener gigantischen falken�hnlichen Reitv�gel, die in Gor weitverbreitet sind. Die V�gel werden von klein auf trainiert, auf die Weisungen des Tarnstabs zu reagieren.</p><p>Die Tarnpfeife wird gebraucht, um den Vogel herbeizurufen. Gew�hnlich reagieren die Tarns nur auf einen einzigen Laut, den Pfeifenton ihres Herrn. Das ist nicht �berraschend, wenn man wei�, da� die Tarns von den Angeh�rigen der Kaste der Tarnz�chter auf diesen einen Ton gedrillt werden. Wenn der Tarn einem Krieger �berlassen oder verkauft wird, erh�lt der neue Reiter die Pfeife. Entsprechend sorgsam geht ein Tarnk�mpfer mit der Pfeife um, denn sollte sie etwa in feindliche H�nde fallen, ist er sein Reittier los. Ich kleidete mich in den roten Umhang des goreanischen Kriegers. Es stimmte mich ratlos, da� Helm und Schild keine Insignien trugen. Dies widersprach den goreanischen Sitten, denn gew�hnlich tragen nur Ge�chtete, M�nner ohne Stadt, kein Wappen.</p><p>Ich setzte den Helm auf und schlang mir Schild und Schwert �ber die linke Schulter. In die Rechte nahm ich sodann den massiven Speer. Anschlie�end schaute ich zum Himmel auf und w�hlte meinen Weg nach dem Sonnenstand, wohl wissend, da� Ko-ro-ba nordwestlich der Berge lag.</p><p>Mein Schritt war leicht, meine Stimmung gut. Ich war wieder zu Hause, in der Heimat, in der mein Liebling auf mich wartete. In der mein Vater nach �ber zwanzigj�hriger Trennung auf mich gewartet hatte, in der ich zusammen mit meinen Kriegerfreunden getrunken und gelacht hatte, in der ich von meinem lieben Freund, dem Schriftgelehrten Torm, Lesen und Schreiben gelernt hatte � ja, hier lag meine Heimat.</p><p>Meine Gedanken kamen in Goreanisch, so flie�end, als w�re ich nicht sieben Jahre fort gewesen. Ich merkte pl�tzlich, da� ich zu Singen begann, als ich so durch das Gras schritt. Ein Kriegerlied.</p><p>Ich war wieder in Gor.</p><p/><p/></section><section><title><p>3</p></title><p>Ich hatte ein gutes Stuck auf dem Wege nach Ko-ro-ba zur�ckgelegt, als ich zu meiner Freude auf eine der schmalen Stra�en stie�, die zur Stadt f�hrten. Ich erkannte sie wieder, doch selbst wenn ich sie nicht gekannt hatte, waren die Stadtzeichen auf den Pasangsteinen am Stra�enrand nicht zu �bersehen gewesen. Dort konnte ich ablesen, wie viele Pasang es bis zur Stadtmauer noch waren. Ein Pasang entsprach etwa einem Kilometer irdischer Messung.</p><p>Die Stra�e war � wie fast �berall auf Gor � wie eine Mauer in die Erde gebaut � etwas, das viele hundert Generationen halten sollte. Die Goreaner, die wenig Sinn f�r Fortschritt haben, achten sehr auf saubere handwerkliche Arbeit. Was immer sie bauen � es soll benutzt werden, bis die St�rme der Zeit es zu Staub gerieben haben. Und doch war diese Stra�e nur ein unbedeutender Nebenpfad, auf dem sich zwei Wagen nicht passieren konnten.</p><p>Zu meiner �berraschung stellte ich fest, da� zwischen den Pflastersteinen frische Grasb�schel wuchsen � dabei waren wir ganz nahe an der Stadt! Hier und dort machte sich sogar eine Rebe breit und streckte ihre F�hler quer �ber die Stra�e aus.</p><p>Es war sp�ter Nachmittag, und nach den Pasangsteinen hatte ich noch einige Stunden zu gehen. Obwohl es noch immer hell war, hatten sich bereits viele der bunten Vogel in ihre Nester zur�ckgezogen. Hier und dort begannen sich Schw�rme von Nachtinsekten zu r�hren. Die Schatten der Pasangsteine waren l�nger geworden, und da sie so gesetzt waren, da� sie auch als Sonnenuhren dienten, konnte ich ablesen, da� die vierzehnte goreanische Ahn, oder Stunde, bereits verstrichen war. Der goreanische Tag ist in zwanzig Ahn unterteilt. Die zehnte Ahn ist die Mittagsstunde, die zwanzigste ist Mitternacht. Jeder Ahn besteht aus vierzig Ehn, oder Minuten, und jede Ehn aus achtzig Ihn, oder Sekunden.</p><p>Ich fragte mich, ob es Sinn hatte, meine Reise fortzusetzen. Die Sonne mu�te bald untergehen, und die goreanische Nacht ist nicht ohne Gefahren, besonders f�r einen Mann zu Fu�.</p><p>In der Dunkelheit begibt sich der Sleen auf die Jagd, ein sechsbeiniges, gewaltiges Raubtier, halb Schlange, halb Saugetier. Von diesen Ungeheuern hatte ich noch keines zu Gesicht bekommen, doch vor mehreren Jahren waren mir einmal Sleenspuren gezeigt worden. Auch lie� sich im Schein der drei goreanischen Monde manchmal der Schatten des Urt ausmachen, einer gigantischen Flugeidechse, die sich auf ihren Raubz�gen weit von ihren Heimats�mpfen im Voskdelta entfernte.</p><p>Am unwohlsten war mir vielleicht bei dem Gedanken an die Vart-Rudel � blinde, fledermaus�hnliche Schw�rme fliegender Nagetiere, die einen K�rper in wenigen Minuten total abnagen konnten, wobei jedes Wesen einen kleinen Fleischstreifen in die dunkle Heimath�hle zur�ckschaffte. Eine weitere Gefahr lag auf der Stra�e � und in der Tatsache, da� ich kein Licht hatte. Nach Anbruch der Dunkelheit krochen die verschiedensten Schlangen auf die Stra�e, deren Steine die Tageshitze der Sonne lange zur�ckstrahlen. Zu diesen Schlangen geh�rte die riesige goreanische Python, die Hith. Noch gef�hrlicher war vielleicht die winzige Ost, ein b�sartiges, hellorangenes kleines Reptil, kaum drei�ig Zentimeter lang, deren Bi� innerhalb weniger Sekunden t�dlich war. Trotz meiner Begierde, nach Ko-ro-ba zur�ckzukehren, beschlo� ich, die Stra�e zu verlassen, mich in meinen Mantel zu h�llen und die Nacht im Schutze einiger Felsen zu verbringen oder vielleicht zwischen einige Dornenb�sche zu kriechen, wo ich einigerma�en sicher schlafen konnte. Als ich dar�ber nachzudenken begann, meine Reise nicht fortzusetzen, wurde mir pl�tzlich bewu�t, da� ich hungrig und durstig war. Das Lederb�ndel mit den Waffen hatte keine Rationen und auch kein Wasser enthalten.</p><p>Ich hatte die Steine der Stra�e kaum verlassen, als ich eine breite, gebeugte Gestalt bemerkte, die mit vorsichtigen, gemessenen Schritten n�her kam. Auf dem R�cken schleppte der Mann ein riesiges Holzb�ndel, durch zwei Schn�re auf seinem R�cken festgehalten, die er vor sich mit den F�usten umklammerte. Seine Gestalt und seine Last wiesen ihn als Mitglied der Kaste der Holztr�ger oder Holzf�ller aus, eine goreanische Kaste, die zusammen mit der Kaste der Kohlenmacher einen Gro�teil des Brennstoffs f�r die goreanischen St�dte liefert. Das Gewicht, das dieser Mann auf seinem R�cken mit sich herumschleppte, war unvorstellbar und h�tte manchem anderen zu schaffen gemacht. Das B�ndel ragte fast eine Mannesl�nge �ber seinem gebeugten R�cken auf und hatte eine Breite von einem Meter und mehr. Ich wu�te, da� der Zusammenhalt der Last teilweise von dem geschickten Einsatz von Seilen und R�ckenmuskeln abhing, doch ganz eindeutig war auch schiere Kraft beteiligt, und dieser Mann war wie seine Kastenbr�der durch Generationen f�r seine Aufgabe geformt worden. Der Mann kam n�her. Seine Augen waren fast v�llig von einem struppigen wei�en Haarb�schel verdeckt, das mit Bl�ttern und Rindenst�ckchen durchsetzt war. Die Koteletten hatte er sich vermutlich mit seiner breiten, doppelt geschliffenen Holzf�lleraxt abrasiert, die oben auf dem B�ndel befestigt war. Er trug die kurze, durchl�cherte �rmellose Robe seiner Kaste mit den ledernen R�cken- und Schulterst�cken. Seine F��e waren nackt und bis zu den Kn�cheln schwarz.</p><p>Ich trat vor ihn auf die Stra�e.</p><p>�Tal�, sagte ich, hob meinen rechten Arm, mit der Handfl�che nach innen � der �bliche goreanische Gru�.</p><p>Die zerzauste Gestalt, breit, kr�ftig, monstr�s verformt in der Aus�bung ihres Berufes, stand vor mir, die Beine fest in die Stra�e gestemmt. Der Kopf kam hoch. Die breiten, schmalen Augen, hell wie Wasser, musterten mich durch das herabh�ngende Haar.</p><p>Trotz der langsamen Reaktion, trotz der abgewogenen und vorsichtigen Bewegungen hatte ich das Gef�hl, da� er �berrascht war.</p><p>Er hatte offensichtlich nicht erwartet, auf dieser Stra�e jemanden anzutreffen. Das verwirrte mich.</p><p>�Tal�, sagte er mit schwerer Zunge.</p><p>Ich sp�rte, da� er �berlegte, wie schnell er an seine Axt herankam, die oben auf seiner Last lag.</p><p>�Ich habe keine b�sen Absichten�, sagte ich.</p><p>�Was willst du?� fragte der Holztr�ger, der inzwischen bemerkt haben mu�te, da� mein Schild keine Insignien trug, und der mich jetzt sicher f�r einen Ge�chteten hielt.</p><p>�Ich bin kein Ge�chteter�, sagte ich.</p><p>Das glaubte er mir offensichtlich nicht.</p><p>�Ich habe Hunger�, fuhr ich fort. �Ich habe seit vielen Stunden nichts mehr gegessen.�</p><p>�Ich bin auch hungrig�, erwiderte er, �und habe viele Stunden nichts mehr gehabt.�</p><p>�Ist deine H�tte in der N�he?� fragte ich. Ich wu�te, da� das der Fall war, denn es war schon sp�t am Tage. Die Sonne regelte die meisten goreanischen Tagesabl�ufe, und der Holzf�ller war sicher auf dem Heimweg.</p><p>�Nein�, sagte er.</p><p>�Ich habe keine b�sen Absichten gegen�ber dir und deinem Heimstein�, sagte ich. �Ich habe kein Geld und kann dich nicht bezahlen, aber ich habe Hunger.�</p><p>�Ein Krieger nimmt sich, was er braucht�, sagte der Mann.</p><p>�Ich mochte dir nichts fortnehmen�, sagte ich.</p><p>Er sah mich an, und ich glaubte den Anflug eines L�chelns auf seinem ledrigen Gesicht wahrzunehmen.</p><p>�Ich habe keine Tochter�, sagte er. �Ich habe kein Silber und keine sonstigen G�ter.�</p><p>�Dann w�nsche ich dir Erfolg und Reichtum�, erwiderte ich lachend. �Ich marschiere also weiter.�</p><p>Ich ging an ihm vorbei und wollte meinen Weg fortsetzen.</p><p>Ich hatte kaum einige Schritte zur�ckgelegt, als sein Ruf mich stoppte. Ich vermochte ihn kaum zu verstehen, denn die einsamen Menschen der Holzf�llerkaste sprechen selten.</p><p>�Ich habe Erbsen und R�ben, Knoblauch und Zwiebeln in meiner H�tte�, sagte der Mann mit dem Holzb�ndel, das wie ein Riesenbuckel wirkte.</p><p>�Die Priesterk�nige selbst�, sagte ich, �k�nnten nicht mehr verlangen.� �Dann teile mit mir das Brot, Krieger�, sagte der Mann.</p><p>�Ich bin geehrt�, sagte ich � und das stimmte.</p><p>Wenngleich ich einer hohen Kaste angeh�rte und er nicht, war er doch in seiner eigenen H�tte nach den goreanischen Gesetzen der Alleinherrscher, denn dort befand er sich im Bereich seines Heimsteins. Ja, selbst ein feiger Mann, der in der Gegenwart h�hergestellter Pers�nlichkeiten nicht den Blick zu heben wagt, mag �ber seinem Heimstein zum L�wen werden, stolz, herablassend, gro�z�gig oder abweisend � ein wahrer K�nig, und sei es nur in seiner eigenen kleinen H�tte.</p><p>Tats�chlich gab es eine Reihe von Geschichten, in denen selbst Krieger von w�tenden Bauern �berw�ltigt wurden, in deren Heim sie eingedrungen waren � denn in der Nahe ihrer Heimsteine k�mpfen die Menschen unter Aufbietung ihres ganzen Mutes, k�mpfen wie der ber�chtigte Berg-Larl. Es gibt so manches goreanische Kornfeld, das mit dem Blut unvorsichtiger Krieger getr�nkt wurde.</p><p>Der breite Holztr�ger grinste von einem Ohr zum anderen. Heute abend hatte er einen Gast. Er selbst w�rde nur wenig sagen, denn er war unge�bt im Sprechen, und er war zu stolz, S�tze zu bilden, die wahrscheinlich nur stockend und grammatisch falsch herauskamen, aber er w�rde bis zum Morgengrauen an seinem Feuer sitzen und mich nicht schlafen lassen, w�rde Geschichten von mir h�ren wollen, Berichte �ber meine Abenteuer, Schilderungen weit entfernter Orte. Was ich sagte, war dabei weniger wichtig als die Tatsache, da� �berhaupt etwas gesagt wurde, da� er wieder einmal einen Abend nicht allein gewesen war. �Ich hei�e Zosk�, sagte er.</p><p>Ich fragte mich, ob dies sein gebr�uchlicher Name sei, oder sein wirklicher Name. Die Mitglieder niederer Kasten nennen sich oft bei einem Gebrauchsnamen und heben sich den wirklichen Namen f�r Familienmitglieder und gute Freunde auf, um ihn gegen den Einflu� von Zauberern und anderen b�sen Machten zu sch�tzen. Irgendwie hatte ich das Gef�hl, da� Zosk sein wirklicher Name war.</p><p>�Zosk aus welcher Stadt?� fragte ich.</p><p>Die gedrungene, breite Gestalt schien zu erstarren. Die Muskeln seiner Beine strafften sich, w�lbten sich ausw�rts. Die Bande, die sekundenlang zwischen uns bestanden hatten, schienen urpl�tzlich durchtrennt, von einem kalten Windhauch verweht.</p><p>�Zosk . . .�, sagte er.</p><p>�Aus welcher Stadt?� fragte ich.</p><p>�Aus keiner Stadt�, erwiderte er.</p><p>�Gewi� bist du doch aus Ko-ro-ba.�</p><p>Der entstellte Riese wich wie von einem Peitschenschlag getroffen zur�ck und begann zu zittern. Ich sp�rte, da� dieser einfache, unverdorbene Mensch pl�tzlich Angst hatte. Ich hatte das Gef�hl, da� er sich mutig mit seiner Axt gegen einen Larl gestellt h�tte, ohne einen Gedanken an die Gefahr zu verschwenden, doch hier hatte er Angst. Die breiten F�uste, die die. Seile des Holzb�ndels hielten, verkrampften sich und wurden wei�; die Holzst�be knirschten aneinander.</p><p>�Ich bin Tarl Cabot�, sagte ich, �Tarl aus Ko-ro-ba.�</p><p>Zosk stie� einen unverst�ndlichen Schrei aus und begann r�ckw�rts zu stolpern. Seine H�nde fummelten an den Seilen herum, und das gro�e Holzb�ndel verlor seinen Zusammenhalt und polterte mit lautem Get�se auf das Steinpflaster der Stra�e. Der Mann wandte sich zur Flucht, doch er rutschte auf einem der Aste aus und st�rzte. Er fiel fast in die Axt, die mitten auf der Stra�e lag. Impulsiv griff er danach, wie nach einer rettenden Holzplanke in t�dlichem Wasserstrudel.</p><p>Die Axt schien ihn zur Besinnung zu bringen, und er hockte auf der Stra�e, im Halbd�mmer, wenige Fu� von mir entfernt, wie ein Gorilla mit einer breiten Axt; er atmete tief ein, saugte die Luft in seine Lungen und versuchte seine Angst zu meistern.</p><p>Seine Augen musterten mich durch das grauwei�e, verfilzte Haar. Ich begriff seine Furcht nicht, doch es freute mich, da� er sie �berwand, denn die Angst ist der gemeinsame Feind aller Lebewesen, und seinen Sieg hielt ich irgendwie auch f�r den meinen. Ich erinnerte mich an einen Zwischenfall in den Bergen von New Hampshire, wo ich mich einmal schamlos meiner Angst hingegeben hatte und davongest�rmt war � ein Sklave des allzumenschlichen.</p><p>Zosk richtete sich auf, soweit das sein verkr�mmtes R�ckgrat erlaubte. Seine Angst war verflogen.</p><p>Er sprach langsam. Es bereitete ihm Schwierigkeiten, doch er hatte sich wieder in der Gewalt.</p><p>�Sag, da� du nicht Tarl aus Ko-ro-ba bist�, verlangte er.</p><p>�Aber ich bin es�, erwiderte ich.</p><p>�Ich erbitte deinen Gefallen�, sagte Zosk, in dessen Stimme nun ein seltsames Gef�hl schwang. �Sag mir, da� du nicht Tarl aus Ko-ro-ba bist.�</p><p>�Ich bin Tarl aus Ko-ro-ba�, wiederholte ich entschlossen.</p><p>Zosk hob seine Axt.</p><p>Sie wirkte winzig in seiner massigen Hand. Ich sp�rte, da� er damit einen Baum auf einen Schlag f�llen konnte. Schritt um Schritt kam er n�her, die Axt mit beiden H�nden �ber die Schulter gehoben. Endlich blieb er vor mir stehen. Ich glaubte Tr�nen in seinen Augen wahrzunehmen. Doch ich machte keine Anstalten, mich zu verteidigen. Irgendwie wu�te ich, da� Zosk nicht zuschlagen w�rde. Er k�mpfte mit sich, sein einfaches Gesicht war qualvoll verzerrt, in seinen Augen stand die Unentschlossenheit.</p><p>�M�gen die Priesterk�nige mir vergeben!� schrie er.</p><p>Er warf die Axt zu Boden, die klirrend �ber die Pflaster der Stra�e schlitterte. Zosk sank in die Knie und setzte sich mit gekreuzten Beinen. Sein gewaltiger K�rper wurde von heftigem Schluchzen ersch�ttert, den massigen Kopf barg er in den H�nden, und mit schwerer, gutturaler Stimme stie� er ein verzweifeltes St�hnen aus.</p><p>In solchen Augenblicken mu� man einen Mann allein lassen, denn nach goreanischer Auffassung erniedrigt Mitleid sowohl den, der das Mitleid empfindet, als auch den, auf den es sich bezieht. Nach goreanischem Brauchtum darf man Liebe empfinden, aber kein Mitleid.</p><p>Ich ging also weiter.</p><p>Mein Hunger war vergessen. An die Gefahren der Stra�e dachte ich nicht mehr.</p><p>Ich w�rde im Morgengrauen Ko-ro-ba erreichen.</p><p/><p/></section><section><title><p>4</p></title><p>In der Dunkelheit n�herte ich mich stolpernd den Mauern Ko-ro-bas, wobei ich mit dem Schaft meines Speers auf das Stra�enpflaster klopfte, um nicht vom Wege abzukommen und Schlangen zu verscheuchen. Es war ein Alptraummarsch, ein sinnloses Unterfangen, diese Suche nach meiner Stadt, mitten in der Nacht. Oft stie� ich auf Hindernisse und st�rzte, mu�te Kratzer einstecken, doch ich wurde von meinen selbstqu�lerischen Zweifeln und �ngsten vorangetrieben, die mir keine Ruhe g�nnten, bis ich wieder auf den geschwungenen Br�cken Ko-ro-bas stand.</p><p>War ich nicht Tarl aus Ko-ro-ba? Gab es denn diese Stadt nicht? Jeder Pasangstein sprach davon � verk�ndete, da� am Ende der Stra�e eine solche Stadt wartete. Aber warum war die Stra�e so ungepflegt? Warum reiste niemand darauf? Warum hatte sich Zosk aus der Kaste der Holztr�ger so seltsam benommen? Warum zeigten mein Schild, mein Helm und meine sonstige Ausr�stung nicht das stolze Wappen Ko-ro-bas?</p><p>Einmal schrie ich schmerzerf�llt auf. Zwei Hauer hatten sich in meinen Schenkel verbissen. Eine Ost, dachte ich zuerst. Doch die Z�hne lie�en nicht locker, und ich h�rte das knallende, saugende Ger�usch der blasen�hnlichen Samenbeutel einer Blutpflanze, die sich wie kleine, h��liche Lungen zusammenzogen und wieder dehnten. Ich b�ckte mich und ri� die Pflanze am Stra�enrand aus dem Boden. Sie wand sich mit keuchenden Beuteln wie eine Schlange in meiner Hand. Ich zerrte die beiden hahn�hnlichen Spitzen aus meinem Fleisch. Die Blutpflanze sto�t wie eine Kobra zu und schlagt zwei hohle Dornen in ihre Opfer. Die chemischen Reaktionen auf die blasen�hnlichen Beutel f�hren zu einer mechanischen Pumpwirkung, und das Blut wird in die Pflanze gesaugt, die sich davon ern�hrt. Als ich das Ding von meinem Bein entfernte, erleichtert, da� es nicht die Z�hne der b�sartigen Ost gewesen waren, kamen die drei Monde Gors hinter den dunklen Wolken hervor. Ich hielt die zitternde Pflanze in die Hohe und ri� sie auseinander. Schon vermischte sich mein Blut, dunkelschimmernd in der silbrigen Nacht, mit den S�ften der Pflanze und verdunkelte den Stengel bis zu den Wurzeln. In etwa zwei oder drei Sekunden hatte sie fast einen Viertelliter Fl�ssigkeit angesaugt. Erschauernd schleuderte ich die Pflanze von mir. Gew�hnlich werden solche Gew�chse von den Stra�enr�ndern und aus bewohnten Gegenden entfernt. Sie sind gef�hrlich, vorwiegend f�r Kinder und kleine Tiere, doch auch ein erwachsener Mann, der sich in eine Gruppe solcher Pflanzen verirrt, kann zu Schaden kommen. Ich machte Anstalten, meine Wanderung fortzusetzen, dankbar, da� mir die drei goreanischen Monde den gef�hrlichen Weg etwas erhellten. Ich fragte mich in einem Augenblick der Vernunft, ob es nicht besser gewesen w�re, ein Versteck zu suchen, und ich wu�te auch, da� ich nichts Besseres tun konnte, aber ich schaffte es einfach nicht; in mir brannte eine Frage, die ich mir nicht zu beantworten wagte. Nur mit Augen und Ohren w�rde ich meine Bef�rchtungen widerlegen oder best�tigen k�nnen. Ich suchte nach einer Wahrheit, die ich nicht kannte, die ich aber finden mu�te � und diese Wahrheit wartete am Ende der Stra�e auf mich.</p><p>Pl�tzlich nahm ich einen fremden, unangenehmen Duft wahr, wie von einem gew�hnlichen Wiesel, nur st�rker. Sofort wurde ich hellwach. Ich erstarrte � eine instinktive Reaktion.</p><p>Ich machte kein Ger�usch, bewegte mich nicht, suchte den Schutz der Stille und Unbeweglichkeit. Unmerklich wandte ich den Kopf und suchte die Felsen und B�sche links und rechts der Stra�e ab. Ich glaubte, ein leises Schnauben zu vernehmen, ein Grunzen, ein hunde�hnliches fiepen. Dann war es wieder still.</p><p>Auch das unbekannte Wesen war erstarrt; es sp�rte wahrscheinlich meine Gegenwart. Anscheinend handelte es sich um einen Sleen, hoffentlich um ein junges Tier. Ich nahm an, da� es nicht mir auf den Fersen gewesen war, sonst hatte ich es bestimmt nicht gerochen, denn es h�tte sich dann gegen den Wind gen�hert. Ich blieb vielleicht sechs oder sieben Minuten unbeweglich stehen. Dann sah ich den Sleen, der sich auf sechs st�mmigen Beinen wie eine pelzige Eidechse vor mir �ber die Stra�e wand. Die spitze, behaarte Schnauze schwankte von links nach rechts und schnupperte in den Wind.</p><p>Ich atmete erleichtert auf.</p><p>Es war tats�chlich ein junger Sleen, kaum zweieinhalb Meter lang. Dem Tier fehlte noch die Erfahrung und die Geduld eines �lteren Tiers. Sein Angriff, wenn es auf mich aufmerksam werden sollte, w�rde ziemlich laut ausfallen, eine pfeifende Attacke, ein ungeschicktes, kreischendes vorwartsst�rmen. Das Tier glitt in die Dunkelheit davon, vielleicht nicht ganz �berzeugt, da� es allein war, ein Jungtier, das sich noch nicht allzu sehr um solche leichten Witterungen k�mmerte und sie ignorierte � Witterungen, die in Gors brutaler Tierwelt den Unterschied zwischen Tod und �berleben ausmachen K�nnen.</p><p>Ich setzte meine Wanderung fort.</p><p>Wieder hatten sich die drei goreanischen Monde hinter schwarzen, dahineilenden Wolken versteckt, und es begann windig zu werden. Ich sah die Schatten gro�er Ka-la-na-B�ume, die sich vor der Dunkelheit der Nacht beugten; die unz�hligen Bl�tter bewegten sich raschelnd an den langen Asten. Regen lag in der Luft. In der Ferne zuckte pl�tzlich ein Blitz auf, und leiser Donner drang Sekunden sp�ter an meine Ohren. Als ich weitereilte, nahm meine Besorgnis zu. Ich hatte das Gef�hl, da� ich inzwischen langst die Lichter der Zylinderstadt Ko-ro-ba sehen m��te. Und doch war nichts auszumachen. Die Stadt mu�te im Dunkeln liegen.</p><p>Warum hingen keine Lampen an den hohen Br�cken? Warum waren die Zimmer der Stadt nicht bunt erleuchtet, sprachen von Diskussionen, Trinkgelagen, Liebeslagern? Warum brannten die gewaltigen Lichter auf den Mauern nicht, die die weit ausfliegen- den Tarnk�mpfer der Stadt in den Schutz ihrer Mauern riefen? Ich blieb neben einem Pasangstein stehen und versuchte mir diese Fragen zu beantworten, versuchte das R�tsel zu ergr�nden. Ich war verwirrt, unsicher. Ich b�ckte mich und betrachtete die Zahl auf dem Stein. Es stimmte � ich mu�te die Lichter Ko-ro-bas sehen k�nnen. Und doch war vor mir nur Dunkelheit. Nun fiel mir auch auf, das ich nicht einmal die Lagerfeuer der Bauern in den H�geln rings um die Stadt gesehen hatte und auch nicht die Fackeln mutiger J�ger, die des Nachts dem Sleen nachstellen. Ja, und inzwischen h�tte ich mindestens ein dutzendmal von den Nachtpatrouillen der Stadt angerufen werden m�ssen!</p><p>Eine gewaltige Blitzkette zuckte in der Nacht auf, bet�ubte mich mit ihrem grollenden Donner, zerri� die Dunkelheit in willk�rliche Brocken, brach sie in St�cke wie eine Tonschale, die mit einem Feuerhammer zerschlagen wird, und mit dem Zucken der Blitze kam das Unwetter auf, heftige, eiskalte Regenschauer, die mich sofort einh�llten, vom Wind gepeitscht.</p><p>In wenigen Sekunden war ich bis auf die Haut na�. Ich begann zu frieren. Der Wind zerrte an meiner Tunika. Blindlings tastete ich mich durch das unvorstellbare Unwetter. Ich wischte mir das kalte Wasser aus den Augen und fuhr mir mit den Fingern durch das Haar, um es aus dem Gesicht zu streichen. Die Wut der Blitze entlud sich immer wieder �ber den H�geln, blendete mich einen Augenblick, gefolgt von ohrenbet�ubendem Donner, und verschwand sofort wieder in der Dunkelheit.</p><p>Kaum f�nfzig Meter vor mir schlug ein Blitz in die Stra�e ein. Einen Augenblick schien er mir wie ein gigantischer gekr�mmter Speer den Weg zu versperren, durchscheinend, unheimlich, bedrohlich � dann war er verschwunden. Der Blitz war auf meinen Weg eingeschlagen. Der Gedanke lie� sich nicht absch�tteln � es mochte ein Zeichen der Priesterk�nige sein, da� ich umkehren sollte.</p><p>Aber ich setzte meinen Weg fort und stellte mich an die Stelle des Blitzeinschlages. Trotz des eiskalten Windes und des peitschenden Regens sp�rte ich die Erhitzung der Steine durch meine Sandalen. Ich hob den Blick, schwenkte Speer und Schild und br�llte in das Unwetter hinein. Meine Stimme ging in der Turbulenz der Natur unter, ein trotziger Aufschrei vor den M�chten, die sich anscheinend gegen mich verschworen hatten.</p><p>�Ich gehe nach Ko-ro-ba!� br�llte ich.</p><p>Kaum hatte ich einen weiteren Schritt gemacht, als ich im Widerschein eines aufzuckendes Blitzes den Sleen erblickte, diesmal ein voll ausgewachsenes Exemplar, zwischen f�nf und sechs Meter lang. Das Ungeheuer raste auf mich zu, blitzschnell, lautlos, die Ohren flach angelegt, der Pelz regendurchtr�nkt, die weit aufgerissenen Nachtaugen vor Mordlust schimmernd.</p><p>Ein seltsamer Laut entfuhr meinen Lippen, ein unglaubliches Lachen. Endlich etwas, das ich sehen, sp�ren, bek�mpfen konnte!</p><p>Mit einem Eifer, der der Kampfeslust des Ungeheuers nicht nachstand, rannte ich in die Dunkelheit, und als ich seinen Sprung erahnte, warf ich mich mit dem spitzen goreanischen Speer nach vorn. Mein Arm bekam zwei spitze Zahnreihen zu sp�ren, und ich wurde herumgerissen, als das Tier vor Wut und Schmerz aufbr�llte und sich auf der Stra�e wand. Ich zog meinen Arm zur�ck, brachte ihn vor den schwachen, sinnlos zuschnappenden F�ngen in Sicherheit.</p><p>Beim n�chsten Blitz sah ich den Sleen auf dem Bauche hocken; verzweifelt bi� er in den Schaft des Speers, seine gro�en Nachtaugen waren ohne Glanz. Mein Arm war blut�berstr�mt � doch das Blut stammte haupts�chlich von dem Raubtier. Meine Hand war fast bis in den Schlund des Tieres vorgedrungen, im Schwunge der Bewegung, die den Speer tief in den Rachen des Ungeheuers gerammt hatte. Ich bewegte Arm und Finger. Ich war unverletzt.</p><p>Der n�chste Blitz enth�llte mir, da� der Sleen nicht mehr lebte. Unwillk�rlich �berlief mich ein Schauder, obwohl ich nicht wu�te, ob diese Reaktion auf die K�lte und den Regen oder den Anblick des langen, pelzigen, echsenartigen K�rpers zur�ckzuf�hren war, der da vor mir lag. Ich versuchte den Speer herauszuziehen, doch er steckte zwischen den Rippen des Tieres.</p><p>Kalten Blutes zog ich mein Schwert, schnitt den Kopf des Tieres ab und zerrte die Waffe frei. Nach Sitte der Sleenj�ger � und auch weil ich hungrig war � nahm ich meine Schwertklinge, durchschnitt das Fell des Tieres und verzehrte sein Herz.</p><p>Es hei�t, da� nur das Herz des Berg-Larl mehr Gl�ck bringt, als das des b�sartigen, schlauen Sleen. Das rohe Fleisch, noch hei� vom Blute des Tieres, s�ttigte mich, und ich hockte neben meiner Beute auf der Stra�e nach Ko-ro-ba, ein Raubtier unter Raubtieren.</p><p>Ich lachte. �Wolltest du mich von Ko-ro-ba fernhalten, Schwarzer Bruder der Nacht?� fragte ich ins Leere.</p><p>Wie absurd es mir vorkam, da� sich ein schwacher Sleen zwischen mich und meine Stadt stellen wollte! Ich lachte unwillk�rlich auf, als ich daran dachte, wie unsinnig sich das Tier verhalten hatte. Aber wie hatte es Bescheid wissen K�nnen? Wie hatte es wissen k�nnen, da� ich Tarl aus Ko-ro-ba war und da� ich in meine Stadt zur�ckkehrte. Es gibt ein goreanisches Sprichwort, wonach ein Mann, der zu seiner Stadt zur�ckkehrt, nicht aufgehalten werden darf. War dem Sleen dieser Ausspruch nicht bekannt?</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, um den unvern�nftigen Gedanken loszuwerden. Ich wu�te, da� das alles keinen Sinn ergab, da� ich nach dem kurzen Kampf und nach der ersten schnellen Mahlzeit jetzt etwas trunken war � immerhin hatte ich viele Stunden lang gehungert.</p><p>Wenngleich ich es als Aberglauben abtat, widmete ich mich nun dem goreanischen Ritual des Blutlesens. Ich legte meine H�nde zusammen und sch�pfte damit etwas Blut, trank einen Mund voll, hielt den Rest vor mich hin und wartete auf den n�chsten Blitz.</p><p>Man schaut in das Blut in den H�nden. Es hei�t, wenn man das eigene Gesicht schwarz und ausgezehrt sieht, wird man an einer Krankheit sterben, sieht man sich zerrissen und blutigrot, wird man im Kampfe untergehen, erscheint das eigene Gesicht aber alt und wei�haarig, soll man in Frieden sterben und viele Nachkommen hinterlassen.</p><p>Wieder blitzte es auf, und ich starrte in das Blut.</p><p>In diesem kurzen Augenblick sah ich in der winzigen Blutmenge, die ich in den H�nden hielt, nicht mein eigenes Gesicht, sondern ein fremdes Antlitz � einen Kopf wie eine Goldkugel mit scheibengleichen Augen, ein Gesicht von einer unvorstellbaren Fremdheit, ein Gesicht, das mir sofort einen unheimlichen Schrecken eintauchte.</p><p>Die Dunkelheit kehrte zur�ck, und beim n�chsten Blitz schaute ich noch einmal in das Blut, doch jetzt war es nur Blut, das Blut eines Sleen, den ich auf der Stra�e nach Ko-ro-ba get�tet hatte. Ich sah nicht einmal mein eigenes Spiegelbild in der Fl�ssigkeit. Ich trank das Blut und beendete damit das Ritual.</p><p>Dann stand ich auf und wischte am Pelz des Sleen meinen Speer ab. Sein Herz hatte mir neue Kr�fte verliehen.</p><p>�Ich danke dir, Schwarzer Bruder der Nacht�, sagte ich zu dem Tier. Ich sah, da� sich Wasser in der konkaven Seite des Schildes gesammelt hatte. Dankbar hob ich es an und trank davon.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Es ging nun bergan.</p><p>Die Stra�e war mir gut bekannt, der lange, relativ steile Anstieg zum Kamm einer Reihe von H�geln, hinter denen Ko-ro-ba lag, ein Aufstieg, der die Plage aller Karawanenfuhrmeister, Lasttr�ger und sonstigen Reisenden war.</p><p>Ko-ro-ba lag inmitten gr�ner H�gel, einige hundert Meter �ber der Oberfl�che des fernen Tambergolfs und jenes geheimnisvollen Wassers, das von den Goreanern einfach Thassa, das Meer, genannt wird. Ko-ro-ba lag nicht so hoch und abgeschieden wie bei- spielsweise Thentis im Thentisgebirge, eine Stadt, die wegen ihrer Tarnschw�rme ber�hmt war, doch sie z�hlte auch nicht zu den St�dten der gro�en Ebenen wie die luxuri�se Metropole Ar, oder zu den Siedlungen an der K�ste wie das enge, bev�lkerte Port Kar am Tambergolf. Wahrend Ar gro�artig zu nennen war, eine Stadt, deren Pracht und Sch�nheit sogar von ihren Todfeinden anerkannt wurde, w�hrend Thentis in der stolzen Wildheit der Thentisberge gedieh, wahrend Port Kar den breiten Tamber und das schimmern- de, geheimnisvolle Thassa dahinter als seine Gespielin bezeichnen konnte, hielt ich meine Stadt dennoch f�r die sch�nste auf ganz Gor, eine einzigartige Ansammlung zierlicher Zylinder, die anmutig zwischen den gr�nen Bergen aufragten.</p><p>Ein urzeitlicher Dichter, der � f�r die Goreaner heute unverst�ndlich � verschiedene St�dte dieser Welt besungen hat, bezeichnete Ko-ro-ba als die T�rme des Morgens, und so wird es manchmal heute noch genannt. Die goreanischen Worte Ko-ro-ba sind nur ein altgoreanischer Ausdruck f�r Dorfmarkt.</p><p>Das Unwetter hatte nicht nachgelassen, doch ich k�mmerte mich nicht mehr darum. Durchn��t, kalt � so kletterte ich weiter, hielt meinen Schild vor mich, um den Wind abzulenken und meinen Aufstieg zu erleichtern. Als ich endlich den Kamm erreichte, verharrte ich und wischte mir das kalte Wasser aus den Augen, wartete auf den n�chsten Blitz, der mir nach all den Jahren endlich meine Stadt zeigen sollte. Ich sehnte mich nach dieser Stadt und nach meinem Vater, dem gro�artigen Matthew Cabot, der einmal Ubar von Ko-ro-ba gewesen war und jetzt als ihr Administrator fungierte. Ich freute mich auf meine Freunde, den stolzen �lteren Tarl, meinen Waffenlehrer und auf Torm, den gutm�tigen, knurrigen kleinen Schriftgelehrten, der selbst Schlaf und Nahrung als Teile einer Verschw�rung ansah, die ihn von seinen geliebten Schriftrollen fernhalten sollte. Am meisten sehnte ich mich jedoch nach Talena, die ich mir als Freie Gef�hrtin erw�hlt hatte, f�r die ich auf Ars Justizzylinder gek�mpft hatte, die mich wiederliebte � die dunkelhaarige, wundersch�ne Talena. �Ich Liebe dich, Talena!� rief ich.</p><p>Und als sich der Schrei von meinen Lippen loste, zuckte eine gewaltige Folge von Blitzen auf, die das Tal zwischen den H�geln erhellte � ein Tal, in dem nichts zu sehen war.</p><p>Ko-ro-ba war nicht mehr!</p><p>Die Stadt war verschwunden!</p><p>Dunkelheit folgte der grellen Helligkeit, und der Schock des Donners erf�llte mich mit Entsetzen.</p><p>Wieder und wieder blitzte es auf. Donner grollte, und erneut umh�llte mich Schwarze. Und jedesmal sah ich, was ich schon gesehen hatte. Das Tal war leer. Ko-ro-ba war verschwunden!</p><p>�Du bist von den Priesterk�nigen ber�hrt�, sagte eine Stimme hinter mir. Ich fuhr herum, den Schild erhoben, den Speer zum Sto� bereit. Beim n�chsten Aufblitzen machte ich die wei�e Robe eines Wissenden aus, den kahlrasierten Kopf und die traurigen Augen eines Mitglieds der Gesegneten Kaste, angebliche Diener der Priesterk�nige. Er stand mit verschr�nkten Armen vor mir, eine hochaufragende Gestalt in der Mitte der Stra�e, die Augen auf mich gerichtet.</p><p>Irgendwie kam mir dieser Mann anders vor als die Wissenden, die ich auf Gor bisher kennengelernt hatte. Ich vermochte den Unterschied nicht zu bestimmen, und doch schien er etwas an sich zu haben, das ihn von den anderen Mitgliedern seiner Kaste unterschied. Vielleicht war er tats�chlich ein einfacher Wissender � oder auch nicht. Nichts Ungew�hnliches ging von ihm aus � abgesehen vielleicht von seinem Gesichtsausdruck, der hochm�tiger war als gew�hnlich, und von seinen Augen, die vielleicht schon Dinge geschaut hatten, wie sie nur wenige Menschen zu Gesicht bekamen.</p><p>Mir kam der Gedanke, das ich, Tarl von Ko-ro-ba, ein Sterblicher, hier auf dieser Stra�e in dieser unruhigen Nacht vielleicht in das Gesicht eines Priesterk�nigs schaute.</p><p>W�hrend wir uns so ansahen, lie� das Unwetter nach, das Zucken der Blitze h�rte auf, der Donner grollte nicht mehr in meinen Ohren. Der Wind beruhigte sich. Die Wolken hatten sich verzogen. In den kalten Wasserpf�tzen auf der Stra�e spiegelten sich die drei Monde Gors. Ich wandte mich um und schaute �ber das Tal, in dem Ko-ro-ba gelegen hatte.</p><p>�Du bist Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte der Mann.</p><p>Ich war verbl�fft. �Ja�, sagte ich. �Ich bin Tarl aus Ko-ro-ba.� Ich schaute ihn an.</p><p>�Ich habe auf dich gewartet�, sagte er.</p><p>�Bist du�, fragte ich, �ein Priesterk�nig?�</p><p>�Nein�, erwiderte er.</p><p>Ich musterte diesen Mann, der so sehr wie ein gew�hnlicher Mensch wirkte, der aber mehr sein mu�te.</p><p>�Sprichst du f�r die Priesterk�nige?� fragte ich.</p><p>�Ja�, sagte er.</p><p>Und ich glaubte ihm.</p><p>Es war nat�rlich nichts Ungew�hnliches, da� die Wissenden den Anspruch erhoben, f�r die Priesterk�nige zu sprechen; tats�chlich war es nach eigener Meinung die Aufgabe ihrer Kaste, dem einfachen Menschen den Willen der Priesterk�nige begreiflich zu machen. Doch diesem Manne glaubte ich.</p><p>Er war nicht wie die anderen Wissenden, auch wenn er ihre Robe trug. �Geh�rst du der Kaste der Wissenden an?� fragte ich.</p><p>�Ich bin ein Mann, der den Willen der Priesterk�nige f�r die Sterblichen interpretiert�, sagte der Mann, ohne auf meine Frage einzugehen. Ich schwieg.</p><p>�Von nun an�, sagte der Mann, �bist du Tarl aus keiner Stadt.� �Ich bin Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte ich stolz.</p><p>�Ko-ro-ba wurde vernichtet�, sagte der Mann. �Es ist, als hatte es diese Stadt nie gegeben. Ihre Steine und ihre Einwohner sind bis in die entferntesten Winkel der Welt verstreut worden, und es darf nie geschehen, da� zwei Steine oder zwei Menschen aus dieser Stadt jemals wieder zusammentreffen.�</p><p>�Warum wurde Ko-ro-ba vernichtet?� wollte ich wissen.</p><p>�Es war der Wille der Priesterk�nige�, sagte der Mann.</p><p>�Doch warum war es der Wille der Priesterk�nige?* rief ich.</p><p>�Weil es ihr Wille war�, sagte der Mann, �und es gibt nichts, was den Willen der Priesterk�nige in Frage stellen kann.�</p><p>�Ich erkenne ihren Willen nicht an�, sagte ich.</p><p>�Unterwirf dich�, sagte der Mann.</p><p>�Nein!�</p><p>�Dann sei es�, sagte er. �Du bist von nun an dazu verurteilt, allein und ohne Freunde die Welt zu durchstreifen, ohne Stadt, ohne Mauern, die du die deinen nennen kannst, ohne Heimstein, den du ehren k�nntest. Du bist ab sofort ein Mann ohne Stadt, du bist eine Warnung f�r alle, die sich dem Willen der Priesterk�nige widersetzen wollen � doch ansonsten bist du nichts.�</p><p>�Was ist mit Talena?� rief ich. �Was ist mit meinem Vater, meinen Freunden, den Einwohnern meiner Stadt ?�</p><p>�In alle Winkel der Welt zerstreut�, sagte die eingeh�llte Gestalt, �und keine zwei Steine d�rfen wieder zusammentreffen.�</p><p>�Habe ich den Priesterk�nigen nicht bei der Belagerung Ars gedient?� fragte ich.</p><p>�Die Priesterk�nige haben dich f�r ihre Ziele eingesetzt, wie es ihnen beliebte.�</p><p>Ich hob meinen Speer und sp�rte, da� ich die Gestalt, die da Gelassen und erschreckend vor mir aufragte, m�helos hatte umbringen K�nnen. �T�te mich, wenn das dein Wunsch ist�, sagte der Mann.</p><p>Ich senkte die Speerspitze. In meinen Augen standen Tr�nen. Ich war ratlos. War die Stadt meinetwegen untergegangen? Hatte ich ihren Einwohnern Ungl�ck gebracht � meinem Vater, meinen Freunden und Talena? War ich zu ahnungslos gewesen, hatte ich nicht begriffen, da� ich im Griff der Priesterk�nige ein Niemand, ein Nichts war? Sollte ich nun �ber die verlassenen Stra�en und Felder Gors wandern, schuld- und qualbeladen, ein ungl�ckliches Beispiel f�r das Schicksal, das die Priesterk�nige f�r alle Narren und stolzen Menschen bereithielten! Dann pl�tzlich gab ich mein Selbstmitleid auf, und ich war schockiert, denn als ich nun in die Augen des verh�llten Mannes blickte, sah ich menschliche W�rme darin, sah ich Tr�nen. Mitleid, das verbotene Gef�hl, schimmerte in diesen Augen, eine Regung, die er nicht unterdr�cken konnte. Die Macht, die ich in seiner Gegenwart versp�rt hatte, schien seltsamerweise verschwunden zu sein. Nun sah ich nur noch einen Mann vor mir, einen Mitmenschen, der allerdings die erhabenen Roben der stolzen Kaste der Wissenden trug.</p><p>Er schien mit sich zu k�mpfen, als wollte er mir eigene Worte sagen und nicht nur die Botschaft der Priesterk�nige. Er schien vor Schmerz zu zittern, er pre�te die H�nde gegen den Kopf, er wollte sprechen, wollte mir etwas sagen. Eine Hand streckte sich in meine Richtung, und die Worte, eigene Worte, die nichts von der widerhallenden Autorit�t seiner bisherigen �u�erungen hatten, kamen heiser und fast unh�rbar. �Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte er, �wirf dich in dein Schwert.�</p><p>Er schien zu schwanken, und ich st�tzte ihn.</p><p>Er schaute mir in die Augen. �Wirf dich in dein Schwert�, wiederholte er.</p><p>�W�e das nicht gegen den Willen der Priesterk�nige?* fragte ich. �Ja�, sagte er.</p><p>�Warum sagst du mir das?� wollte ich wissen.</p><p>�Ich bin dir bei der Belagerung Ars gefolgt�, sagte er. �Auf dem Justizzylinder k�mpfte ich mit dir gegen Pa-Kur und seine Attent�ter.� �Ein Wissender?� verwunderte ich mich.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er. �Ich war einer der W�chter Ars, und ich k�mpfte, um meine Stadt zu retten.�</p><p>�Das herrliche Ar�, sagte ich leise.</p><p>�Das herrliche Ar�, sagte er mit schwacher Stimme, in der Stolz schwang. Er sah mich an. �Stirb, Tarl aus Ko-ro-ba. Held von Ar.� Seine Augen schienen in seinem Kopf zu brennen. �Scheue dich nicht.�</p><p>Pl�tzlich begann er wie ein gequ�lter Hund aufzuheulen, und die nun folgenden Ereignisse vermag ich kaum zu beschreiben. Es schien, als beg�nne das Innere seines Kopfes zu platzen und zu brennen, zu brodeln wie eine schreckliche, fl�ssige Lava im Krater seines Sch�dels. Es war ein h��licher Tod � und nur weil er mit mir sprechen wollte, weil er mir sagen wollte, was ihn in seinem Herzen bewegte.</p><p>Es wurde langsam hell, und die ersten Schimmer der D�mmerung zogen �ber den H�geln auf, die einstmals Ko-ro-ba gesch�tzt hatten. Ich entfernte die verha�ten Roben des Wissenden vom K�rper des Toten und trug ihn weit von der Stra�e fort.</p><p>Als ich ihn mit Felsbrocken zu bedecken begann, bemerkte ich die �berreste des Sch�dels, der kaum mehr als eine Handvoll von Knochenst�cken war. Das Gehirn war f�rmlich herausgebrannt. Das Morgenlicht blitzte kurz auf einem Gebilde zwischen den wei�en Knochenst�cken. Ich hob es hoch. Es war ein kleines Netz aus feinem goldenem Draht. Ich wu�te nichts damit anzufangen und warf es zur Seite.</p><p>Ich stapelte Steine �ber den K�rper und errichtete eine Grabstelle, die dem Auge auffiel und die alle Raubtiere abschrecken w�rde. Einen gro�en flachen Stein brachte ich am Kopfende des Grabes an und kratze mit meiner Speerspitze folgende Worte hinein: �Ich bin ein Mann aus dem Herrlichen Ar�. Mehr wu�te ich nicht �ber den Mann.</p><p>Neben dem Grab stehend, zog ich mein Schwert. Er hatte mir gesagt, ich sollte mich hineinst�rzen, um meiner Schande zu entgehen, um wenigstens einmal dem Willen der m�chtigen Priesterk�nige von Gor zu trotzen.</p><p>�Nein, mein Freund�, sagte ich zu dem toten Krieger von Ar. �Nein, ich werfe mich nicht in dieses Schwert. Auch unterwerfe ich mich nicht den Priesterk�nigen.�</p><p>Ich hob das Schwert in die Richtung auf das Tal, in dem Ko-ro-ba gestanden hatte.</p><p>�Vor langer Zeit�, sagte ich, �weihte ich dieses Schwert dem Dienste an Ko-ro-ba. Diese Verpflichtung �ndert sich nicht.�</p><p>Wie jedem anderen Goreaner war mir die Lage des Sardargebirges bekannt, der Heimat der Priesterk�nige, eines verbotenen Gebietes, in das kein Mensch im Schatten der Berge, kein Sterblicher eindringen durfte. Es hie�, das der Oberste Heimstein von ganz Gor in diesen Bergen zu finden sei und da� in ihm der Quell f�r die Macht der Priesterk�nige liege; da� kein Mann je einen Priesterk�nig gesehen und diese Begegnung �berlebt habe.</p><p>Ich steckte mein Schwert wieder ein, befestigte den Helm an meiner Schulter, hob Schild und Speer auf und setzte mich in Bewegung � zum Sardargebirge.</p><p/><p/></section><section><title><p>6</p></title><p>Das Sardargebirge, das ich noch nie gesehen hatte, lag �ber Tausend Pasang von Ko-ro-ba entfernt. W�hrend Menschen im Schatten der Berge � wie die gew�hnlichen Sterblichen genannt werden � diese Berge selten betreten und dann auch nicht zur�ckkehren, dringen doch viele bis an den Rand des unheimlichen Sperrbezirks vor, um im Schatten dieser Klippen zu stehen, hinter denen die Geheimnisse der Priesterk�nige verborgen liegen. Tats�chlich wird von jedem Goreaner erwartet, da� er mindestens einmal in seinem Leben eine solche Pilgerfahrt unternimmt.</p><p>Viermal im Jahr, zu den Zeiten der Sonnenwenden und der Tag und Nachtgleiche, werden in der Ebene vor den Bergen Jahrm�rkte abgehalten, verwaltet von Komitees der Wissenden, Jahrm�rkte, bei denen sich die M�nner vieler St�dte ohne Blutvergie�en begegnen, eine Zeit des Waffenstillstands, der gemeinsamen Spiele, des Handels und Wandels.</p><p>Torm, mein Freund aus der Kaste der Schriftgelehrten, hatte solche M�rkte oft besucht, und mit den Gelehrten anderer St�dte Schriftrollen auszutauschen, M�nner, die er ohne diese Markte nie getroffen h�tte, M�nner feindlicher St�dte, denen neues Gedankengut n�her am Herzen lag als ihr Ha� auf den Feind, M�nner wie Torm, die das Lernen derart liebten, da� sie die gefahrvolle Reise zum Sardargebirge gern auf sich nahmen, wenn sie daf�r �ber einen Text diskutieren oder eine wertvolle Schriftprobe erwerben konnten. In �hnlicher Weise nutzten M�nner aus den Kasten der Physiker und Hausbauer und anderer Berufe die M�rkte f�r einen Gedankenaustausch.</p><p>Den M�rkten ist es zuzuschreiben, da� die ansonsten isolierten goreanischen St�dte intellektuell vereinigt sind. In �hnlicher Weise tragen sie dazu bei, da� die goreanischen Dialekte stabilisiert sind, die sich sonst innerhalb weniger Generationen auseinanderentwickeln w�rden, so da� sich bald niemand mehr verst�ndigen konnte. Denn diese eine Gemeinsamkeit haben die Goreaner � ihre Muttersprache in all ihren hundert Varianten, die sie einfach �die Sprache� nennen, und wer sie nicht spricht, unabh�ngig von Herkunft oder Stand, gilt als unakzeptabel. Im Gegensatz zu den Menschen der Erde mi�t der Goreaner dem Kriterium der Rasse wenig Bedeutung bei, legt aber gro�en Wert auf Sprache und Stadtzugeh�rigkeit. Wie wir, findet er Gr�nde, seine Mitmenschen zu hassen, doch diese Gr�nde unterscheiden sich von den unseren.</p><p>Ich h�tte in diesem Stadium meiner Wanderung viel f�r einen Tarn gegeben, obwohl ich wu�te, da� diese V�gel niemals in die Berge fliegen. Aus einem mir unbekannten Grunde weigern sich die furchtlosen Tarns und auch die gem�chlicheren Tharlarions, die Zug- und Reitechsen der Goreaner, das Gebirge zu betreten. Der Tharlarion l��t sich pl�tzlich nicht mehr b�ndigen, und obwohl der Tarn sich bem�ht, verliert der Vogel sofort die Orientierung, vermag sich nicht mehr in der Luft zu halten und fallt kreischend �ber die Ebenen vor dem Gebirge zur�ck.</p><p>Auf Gor, dessen menschliche Bev�lkerung relativ d�nn ges�t war, wimmelte es von tierischem Leben, und in den folgenden Wochen hatte ich keine M�he, mich durch die Jagd zu ern�hren. Ich erg�nzte meine Mahlzeiten durch frische Fr�chte von B�schen und B�umen, und durch Fische, die ich in Gors kalten, schnellen Fl�ssen fing. Einmal brachte ich einen Tabuk, eine der gelben einh�rnigen Antilopen Gors, die ich in einem Ka-la-na-Dickicht erlegt hatte, zur H�tte eines Bauern und seiner Frau. Ohne Fragen zu stellen, was beim Fehlen meiner Stadtwappen auch nicht ratsam gewesen w�re, a�en sie mit mir von meinem Fleisch und gaben mir daf�r Schnur und Feuersteine und eine Weinhaut.</p><p>Der goreanische Bauer f�rchtet den Ge�chteten nicht, denn er hat selten etwas, das des Stehlens wert w�re, es sei denn, er sei der Vater einer Tochter. Tats�chlich leben die Landbev�lkerung und die Ge�chteten Gors nach einem ungeschriebenen Gesetz, wobei sich der Bauer um den Ge�chteten k�mmert und dieser als Gegengabe seine Beute mit dem Bauern teilt. Der Bauer sieht das nicht als unehrenhaft an; f�r ihn ist das ein Leben, das er gewohnt ist. Anders ist die Lage, wenn ausdr�cklich bekannt ist, da� der Ge�chtete aus einer anderen Stadt als der eigenen stammt. In diesem Falle wird er gew�hnlich als Feind angesehen, der so schnell wie m�glich den Patrouillen gemeldet werden mu�.</p><p>Klugerweise mied ich auf meiner langen Wanderung die St�dte, obwohl ich an mehreren vorbeikam. Eine Stadt ohne Erlaubnis oder ohne ausreichenden Grund zu betreten, kommt einem Kapitalverbrechen gleich, auf das gew�hnlich die Aufspie�ung steht. Die Mauerzinnen goreanischer St�dte sind zumeist mit den �berresten unwillkommener G�ste geschm�ckt. Der Goreaner ist jedem Fremden gegen�ber mi�trauisch, insbesondere in der N�he seiner Heimatstadt.</p><p>Angeblich gab es eine Stadt, wo man einem Fremden anders begegnete � die Stadt Tharna, die nach allgemeiner Auffassung bereit war, sich auf das�Abenteuer der Gastfreundschaft� einzulassen, wie es genannt wurde. Vieles sollte anders sein in dieser Stadt � darunter auch die angebliche Tatsache, da� sie von einer K�nigin, einer Tatrix, beherrscht wurde und da� die Stellung der Frau in dieser Stadt entsprechend mit Privilegien ausgestattet war.</p><p>Ich freute mich, da� es wenigstens eine goreanische Stadt gab, in der die freien Frauen nicht das Gewand der Verh�llung zu tragen brauchten und ihr Leben weitgehend auf ihr Haus beschr�nken mu�ten. Auch durften sie dort wohl zu anderen Menschen als nur ihren Blutsverwandten und Freien Gef�hrten sprechen.</p><p>Ich glaubte, da� ein Teil der goreanischen Barbarei vielleicht auf diese sinnlose Unterdr�ckung des sch�nen Geschlechts zur�ckzuf�hren war, dessen Sanftheit und Intelligenz einen gro�en Beitrag zur Milderung der harten Gebr�uche leisten k�nnte. Tats�chlich hatten die Frauen in einigen St�dten � wie schon in Ko-ro-ba � eine gewisse Rolle innerhalb des Kastensystems �bernehmen k�nnen und durften ein relativ unbeschr�nktes Leben f�hren.</p><p>In Ko-ro-ba konnte eine Frau ihr Haus verlassen, ohne zun�chst die Erlaubnis eines m�nnlichen Verwandten oder des Freien Gef�hrten einzuholen, eine Freiheit, die f�r goreanische Verh�ltnisse ungew�hnlich war. Die Frauen von Ko-ro-ba waren sogar ohne Begleitung ins Theater gegangen und hatten Epen gelesen. �berhaupt war die weibliche Freiheit in Ko-ro-ba � au�er vielleicht in Tharna � am weitesten fortgeschritten gewesen, doch jetzt gab es Ko-ro-ba nicht mehr.</p><p>Ich fragte mich, ob ich in der interessanten Stadt Tharna vielleicht einen Tarn erwerben konnte. Das w�rde meine Reise zum Sardargebirge um mehrere Wochen verk�rzen. Ich hatte zwar kein Geld zum Erwerb eines Tarns, aber ich dachte mir, da� mein Sold als Schwertk�mpfer ausreichen m��te, um ein Reittier damit zu bezahlen. �berhaupt war ich nach der goreanischen Auffassung als Ge�chteter ohne eigene Heimatstadt berechtigt, mir zu nehmen, was ich wollte � obwohl ich diese M�glichkeit nicht ernsthaft in Betracht zog.</p><p>Als ich noch dar�ber nachdachte, entdeckte ich in einiger Entfernung auf einer gr�nen Wiese die dunkle Gestalt einer Frau. Sie schritt in meine Richtung, ohne mich wahrzunehmen, langsam, bedr�ckt, ahnungslos, ziellos.</p><p>Es ist ungew�hnlich, au�erhalb der Mauern einer Stadt auf eine Frau ohne Begleitung zu sto�en. Ich war verbl�fft, sie hier allein in dieser Wildnis zu treffen, fern von Stra�en und St�dten.</p><p>Ich beschlo�, ihre Ann�herung abzuwarten.</p><p>Ich war verwirrt.</p><p>Auf Gor reiste eine Frau gew�hnlich mit einem ausreichend bewaffneten Trupp von W�chtern. In dieser barbarischen Welt galten Frauen leider nur zu oft als Eroberungsobjekte und weniger als Personen, als Menschen mit Rechten und eigenen Sorgen. Man sah sie als Vergn�gungssklavinnen, ausgeschm�ckte Gefangene, Objekte f�r die G�rten ihrer Eroberer. Es gibt ein Sprichwort auf Gor, wonach die Gesetze einer Stadt �ber ihre Mauern nicht hinausreichen.</p><p>Sie hatte mich noch nicht gesehen. Ich lehnte mich auf meinen Speer und wartete.</p><p>Der Brauch der Eroberung ist ein wesentlicher Bestandteil des goreanischen Lebens. Es wird als positiv angesehen, wenn man aus einer fremden, vorzugsweise feindlichen Stadt Frauen entf�hrt. Vielleicht ist diese Sitte, die auf den ersten Blick so verwerflich erscheint, f�r die Rasse ganz positiv zu sehen, verhindert sie doch den allm�hlichen Niedergang abgeschlossener, sich selbst erhaltender Stadtgemeinschaften. Wenige scheinen sich dieser Maxime zu widersetzen, nicht einmal die Frauen, die doch die Opfer sind. Im Gegenteil � so unglaublich es scheinen mag � es gibt Frauen, deren Stolz verletzt ist, wenn sie des Risikos nicht wert erachtet werden, eines Risikos, das in der Regel in der Verst�mmelung oder im aufspie�en besteht. Eine grausame Kurtisane aus der gro�en Stadt Ar, heute nur noch eine zahnlose, alte Hexe, br�stete sich damit, da� um ihrer Sch�nheit willen �ber vierhundert M�nner gestorben waren.</p><p>Warum war das M�dchen allein?</p><p>Waren ihre Besch�tzer get�tet worden? War sie vielleicht eine entflohene Sklavin, die sich vor einem verha�ten Herrn in Sicherheit brachte? War sie � wie ich � eine ehemalige Einwohnerin Ko-ro-bas? Die Menschen dieser Stadt waren verstreut worden, sagte ich mir, und keine zwei Steine und keine zwei Einwohner Ko-ro-bas durften jemals wieder zusammenkommen ... Ich knirschte mit den Z�hnen. Der Gedanke lie� mich nicht los.</p><p>Wenn sie tats�chlich aus Ko-ro-ba stammte, durfte ich schon um ihrer eigenen Sicherheit willen nicht bei ihr bleiben oder ihr helfen. Es w�rde den Flammentod bedeuten � wahrscheinlich f�r uns beide. Ich hatte schon einmal einen Mann den Flammentod sterben sehen, den H�chsten Wissenden Ars, der in pl�tzlich aufzuckendem blauem Feuer vergangen war � eine Stichflamme, die vom �rger der Priesterk�nige zeugt. So gering ihre Chancen auch waren, den wilden Tieren oder Sklavenh�schern zu entgehen, war sie doch besser dran, als wenn sie sich mit mir einlassen und die Wut der Priesterk�nige heraufbeschworen w�rde.</p><p>Wenn sie allerdings eine freie Frau war, zeugte ihre Anwesenheit von str�flichem Leichtsinn.</p><p>Sie mu�te das wissen, doch es schien ihr gleichg�ltig zu sein. Der goreanische Brauch der Eroberung wird vielleicht verst�ndlicher, wenn man wei�, da� es oft zu den ersten Missionen junger Tarnk�mpfer geh�rt, sich eine Sklavin f�r seine Privatgem�cher zu erobern. Wenn er die Gefangene nach Hause bringt, nackt vor ihm im Sattel liegend, �bergibt er sie seinen Schwestern, die das M�dchen baden, parf�mieren und nach der Sklavenmode einkleiden.</p><p>Am gleichen Abend findet eine gro�e Feier statt, bei der er die Gefangene vorf�hrt, die nun in die durchsichtige, rote Tanzseide Gors gekleidet ist. An ihren Fu�gelenken sind kleine Gl�ckchen befestigt, und ihre H�nde sind mit Sklavenschellen gefesselt. Stolz f�hrt er sie seinen Eltern, Freunden und Kriegskameraden vor.</p><p>Zum festlichen Klang der Fl�ten und Trommeln kniet das M�dchen nieder. Der junge Mann tritt neben sie und legt ihr ein Sklavenband um den Hals, auf dem sein Name und seine Stadt eingraviert ist.</p><p>Das Klicken dieses Sklavenkragens ist ein Ger�usch, das das M�dchen niemals vergessen wird.</p><p>Der junge Mann wird begl�ckw�nscht. Er kehrt an seinen Platz zur�ck, l��t sich inmitten seiner Familie nieder, setzt sich nach goreanischer Art mit gekreuzten Beinen hinter den langen, niedrigen Tisch, auf dem sich die Speisen h�ufen.</p><p>Alle Blicke sind nun auf das M�dchen gerichtet.</p><p>Die st�renden Sklavenfesseln werden entfernt. Sie richtet sich auf. Ihre F��e huschen nackt �ber den dicken, verzierten Teppich, mit dem der Raum ausgelegt ist. Die Gl�ckchen an ihren Beinen machen leise Ger�usche; obwohl sie nur in ein durchsichtiges Seidengewand gekleidet ist, h�lt sie den R�cken gerade, und ihr Kopf ist stolz erhoben. Sie ist entschlossen, sich nicht z�hmen zu lassen, sich nicht zu unterwerfen. Mit geballten F�usten steht sie in der Mitte des Raumes, ein sch�ner Anblick im Licht der tiefh�ngenden Lampen.</p><p>Sie wendet sich an den jungen Mann, dessen Kragen sie tr�gt. �Du wirst mich niemals z�hmen!� schreit sie.</p><p>Ihr Ausbruch ruft Gel�chter hervor, skeptische Bemerkungen, gutm�tige Spottrufe.</p><p>�Ich z�hme dich, wie es mir gef�llt�, erwidert der junge Mann und gibt den Musikern ein Zeichen.</p><p>Wieder beginnt die Musik. Vielleicht z�gert das M�dchen nun. Schlie�lich beginnt sie im Takte der barbarischen, berauschenden Musik von Fl�te und Trommel f�r ihren Herrn zu tanzen, wobei die Glocken an ihren Beinen jede Bewegung unterstreichen, die Bewegungen eines M�dchens, das aus ihrem Heim gestohlen wurde und das nun dem k�hnen Fremden dienen mu�, dessen Kragen sie am Halse sp�rt. Am Ende ihres Tanzes erh�lt sie eine Schale mit Wein, doch sie darf nicht daraus trinken. Sie n�hert sich dem jungen Mann, kniet vor ihm nieder, ihre Knie in der vorgeschriebenen Stellung der Vergn�gungssklavin, und mit geneigtem Kopf bietet sie ihm den Wein dar.</p><p>Er trinkt. Wieder brechen die Zuschauer in Beifallsrufe aus, und das Fest beginnt, denn jetzt erst darf der junge Mann zu essen beginnen. Von diesem Augenblick an werden die Schwestern ihren Bruder nie wieder bedienen, denn das ist nun die Aufgabe des M�dchens. Sie ist seine Sklavin.</p><p>W�hrend sie ihm w�hrend des langen Festes immer wieder Speisen und Getr�nke reicht, schaut sie ihn heimlich von der Seite an und bemerkt, da� er sogar noch besser aussieht, als sie vermutet hatte. Seinen Mut und seine Kraft hat er bereits unter Beweis gestellt. Er i�t und trinkt ausgiebig w�hrend dieses triumphalen Festes, und sie mustert ihn immer wieder mit einer seltsamen Mischung aus Furcht und Freude. �Nur solch ein Mann�, sagt sie sich, �konnte mich z�hmen.�</p><p>Vielleicht sollte hinzugef�gt werden, da� der goreanische Sklavenherr zwar streng, aber selten grausam ist. Das M�dchen wei�, da� sie ein gutes Leben haben wird, wenn sie ihrem Herrn gehorcht. Sie wird nicht grausam oder sadistisch behandelt, denn das psychologische Klima, das solche Stimmungen hervorbringt, ist auf Gor weitgehend unbekannt. Das bedeutet nicht, da� sie keine Schl�ge zu erwarten hat, wenn sie einmal ungehorsam ist oder Ihrem Herrn mi�f�llt. Andererseits gibt es Falle, da das Verh�ltnis zwischen Herr und Sklavin auf ganz besondere Weise enger wurde.</p><p>Ich fragte mich, ob das M�dchen h�bsch war.</p><p>Ich l�chelte vor mich hin.</p><p>Seltsamerweise hat der Goreaner, der die Frau in mancher Beziehung so gering zu achten scheint, in anderer Beziehung sehr viel f�r sie �brig. Er ist �u�erst anf�llig f�r die weibliche Sch�nheit, die sein Herz erfreut, und seine Lieder und seine Kunstwerke haben oft unmittelbar damit zu tun. Die goreanischen Frauen, ob Sklavin, ob freie Frau, wissen, da� schon ihre Anwesenheit die M�nnerwelt erfreut, und ich kann mir nicht vorstellen, da� ihnen dieser Umstand nicht gef�llt.</p><p>Ich kam zu dem Schlu�, da� das M�dchen sch�n sein mu�te. Vielleicht lag es an ihrer Haltung, die etwas Vornehmes, Anmutiges hatte, etwas, das sich durch ihre Niedergeschlagenheit, ihren langsamen Schritt, ihre offensichtliche Ersch�pfung nicht verbergen lie�, auch nicht durch die grobgewebten, schweren Umh�nge, die sie trug. Ein solches M�dchen, dessen war ich sicher, hatte bestimmt einen Herrn oder � wie ich in ihrem Interesse hoffte � einen Besch�tzer und Gef�hrten.</p><p>Auf Gor gibt es keine Ehe, sondern nur die sogenannte Freie Gef�hrtenschaft, die der irdischen Lebensgemeinschaft am n�chsten kommt. �berraschenderweise wird eine Frau, die gegen Tarns oder Gold von ihren Eltern gekauft wird, als Freie Gef�hrtin angesehen, auch wenn sie bei dem Gesch�ft nicht einmal gefragt wird. Besser ist es schon, da� eine freie Frau auch aus eigenem Antrieb einwilligen kann, die Gef�hrtin eines Mannes zu werden. Und es ist nicht ungew�hnlich, da� Herren eines ihrer Sklavenm�dchen befreien, um sie zur Freien Gef�hrtin mit allen Rechten und Privilegien zu machen. Nach allgemeinem Brauch darf man so viele Sklavinnen haben, wie man mochte, doch jeweils nur eine Freie Gef�hrtin. Solche Verbindungen werden also nicht leichtherzig geschlossen und werden gew�hnlich auch nur durch den Tod getrennt. Gelegentlich lernt der Goreaner � vielleicht noch �fter als wir auf der Erde � die wahre Bedeutung der Liebe kennen.</p><p>Das M�dchen war mir jetzt schon ziemlich nahe, doch sie hatte mich noch nicht gesehen. Sie hielt den Kopf gesenkt. Sie trug die Gew�nder der Verh�llung, allerdings nur aus grobem Sackleinen gearbeitet, zerrissen und schmutzverkrustet. Sie machte einen sehr niedergeschlagenen, elenden Eindruck.</p><p>�Tal�, sagte ich leise, um sie nicht zu sehr zu erschrecken. Vorsichtig hob ich meinen Arm zum Gru�.</p><p>Obwohl sie mich noch nicht bemerkt hatte, schien sie kaum �berrascht zu sein. Nun war der Augenblick gekommen, den sie offenbar seit vielen Tagen erwartete. Sie hob den Kopf und sah mich an, in ihren sch�nen grauen Augen stand das Leid. Sie schien sich nicht f�r mich oder ihr Schicksal zu interessieren.</p><p>Wir sahen uns einen Augenblick wortlos an.</p><p>�Tal, Krieger�, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme.</p><p>Dann tat sie etwas, das f�r eine koreanische Frau unglaublich war. Wortlos loste sie den Schleier von ihrem Gesicht und lie� ihn auf ihre Schultern fallen. So stand sie vor mir, mit nacktem Gesicht, und sah mich an, offen, nicht herausfordernd, doch ohne Angst. Sie hatte sch�nes braunes Haar, ihre herrlichen grauen Augen wirkten nun noch klarer, und ihr Gesicht, wie ich jetzt Sehen konnte, war sch�n, sogar sch�ner, als ich erwartet hatte.</p><p>�Gefalle ich dir?� fragte sie.</p><p>�Ja�, sagte ich. �Du gef�llst mir sehr.�</p><p>Ich wu�te, da� ich wom�glich der erste Mann war, der ihr Gesicht sah � abgesehen von den Mitgliedern ihrer Familie.</p><p>�Bin ich sch�n?� fragte sie.</p><p>�Ja�, sagte ich. �Du bist sch�n.�</p><p>Langsam streifte sie mit beiden H�nden den Stoff nach unten, so da� ihr wei�er Hals Freitag. Er war nackt, wies keinen schmalen goreanischen Reifen auf. Sie war frei.</p><p>�Soll ich mich hinknien, damit du mir deinen Kragen umlegen kannst?� fragte sie.</p><p>�Nein.�</p><p>�M�chtest du mich ganz sehen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich bin noch nie Sklavin gewesen�, sagte sie. �Ich wei� nicht, was ich tun mu� � au�er dir zu gehorchen.�</p><p>�Du bist frei gewesen�, sagte ich, �und du wirst es weiter sein.� Zum erstenmal wirkte sie verbl�fft. �Geh�rst du denn zu Ihnen?� �Zu wem?� fragte ich, pl�tzlich aufmerksam geworden, denn wenn diesem M�dchen Sklavenh�scher auf der Spur waren, konnte das Schwierigkeiten bedeuten. Es mochte sogar zu Blutvergie�en kommen. �Zu den vier M�nnern, die mir gefolgt sind, M�nner, aus Tharna.� �Tharna?� fragte ich ehrlich �berrascht. �Ich dachte, die M�nner Tharnas ehrten die Frauen?�</p><p>Sie lachte bitter auf. �Nicht in Tharna�, sagte sie.</p><p>�Sie konnten dich nicht als Sklavin nach Tharna bringen�, sagte ich. �W�rde die Tatrix dich nicht befreien?�</p><p>�Sie w�rden mich nicht nach Tharna bringen�, erwiderte sie. �Sie w�rden mich gebrauchen und mich verkaufen, vielleicht an irgendeinen vorbeiziehenden H�ndler oder auf dem Sklavenmarkt in Ar.�</p><p>�Wie hei�t du?� wollte ich wissen.</p><p>�Vera�, erwiderte sie.</p><p>�Aus welcher Stadt?�</p><p>Ehe sie antworten konnte, weiteten sich pl�tzlich ihre Augen, und ich wandte mich um. Durch das Gras schritten vier Krieger auf mich zu, behelmt und mit Speeren und Schilden bewaffnet. Die Zeichen auf ihren Schilden und die blauen Helme verrieten mir, da� sie aus Tharna kamen.</p><p>�Lauf!� schrie das M�dchen und wollte fliehen.</p><p>Ich hielt sie am Arm fest.</p><p>Sie erstarrte. �Ich verstehe!� zischte sie. �Du willst mich festhalten und dein Recht der Eroberung geltend machen, damit du einen Anteil am Verkaufserl�s hast!� Sie spuckte mir ins Gesicht.</p><p>Ihr Temperament freute mich.</p><p>�Blieb stehen�, sagte ich. �Du w�rdest nicht weit kommen.�</p><p>�Ich fliehe schon sechs Tage lang�, sagte das M�dchen weinend. �Ich lebe von Beeren und Insekten, schlafe in Gr�ben und Verstecke mich �berall.�</p><p>Sie hatte gar nicht mehr laufen k�nnen, selbst wenn sie gewollt h�tte. Ihre Seine begannen zu zittern. Ich legte den Arm um ihre Schulter und st�tzte sie.</p><p>Die Krieger n�herten sich in berufsm��iger Formation. Einer, nicht der Offizier, kam direkt auf mich zu, ein zweiter folgte ihm in einigen Schritten Abstand links. Der erste sollte mich angreifen, w�hrend der zweite, wenn n�tig, mit dem Speer von der Seite kam. Der Offizier war der dritte, und der vierte Krieger blieb einige Meter zur�ck. Er mu�te das gesamte Feld im Auge behalten � ich war ja vielleicht nicht allein � und den R�ckzug seiner Kameraden mit seinem Speer decken, falls es dazu kommen sollte. Ich bewunderte das einfache Man�ver, das ohne besonderes Kommando durchgef�hrt wurde, fast wie ein Reflex, und ich sp�rte, warum Tharna im Kreise der verfeindeten goreanischen St�dte �berlebt hatte, obwohl es von einer Frau regiert wurde.</p><p>�Wir wollen die Frau�, sagte der Offizier.</p><p>Sanft l�ste ich mich von dem M�dchen und schob es hinter mich. Die Bedeutung dieser Bewegung war klar.</p><p>Der Offizier zog im Y-formigen Schlitz seines Helmes die Augen zusammen.</p><p>�Ich bin Thorn�, sagte er, �Offizier aus Tharna.�</p><p>�Warum wollt ihr die Frau?� fragte ich sp�ttisch. �Beten die M�nner von Tharna ihre Frauen nicht an?�</p><p>�Wir sind hier nicht auf dem Boden Tharnas�, sagte der Offizier. �Warum sollte ich sie dir geben?� fragte ich.</p><p>�Weil ich ein Offizier aus Tharna bin�, sagte er.</p><p>�Aber wir sind hier nicht auf tharnaischem Boden�, erinnerte ich ihn. Hinter mir fl�sterte das M�dchen: �Krieger, la� dich meinetwegen nicht umbringen! Es ist sowieso gleich.� Laut fuhr sie fort: �T�te ihn nicht, Thorn aus Tharna. Ich gehe mit dir.�</p><p>Sie ging um mich herum, mit stolz erhobenem Kopf, in ihr Schicksal ergeben, bereit, diesen M�nnern zu folgen.</p><p>Ich lachte.</p><p>�Sie geh�rt mir!� sagte ich. �Und ihr bekommt sie nicht!�</p><p>Das M�dchen stie� einen �berraschten Schrei aus und sah mich fragend an.</p><p>�Es sei denn, ihr zahlt ihren Preis�, fugte ich hinzu.</p><p>Niedergeschlagen schlo� Vera die Augen.</p><p>�Und der w�re?� wollte Thorn wissen.</p><p>�Stahl�, sagte ich.</p><p>Dankbar schaute mich das M�dchen an.</p><p>�T�tet ihn�, sagte Thorn zu seinen M�nnern.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Mit lautem Ger�usch sprangen drei Klingen aus ihren Scheiden � mein Schwert, das des Offiziers und das Schwert des Kriegers, der mich als erster angreifen w�rde. Der Mann auf der rechten Seite zog sein Schwert nicht, sondern wartete ab, bis der erste Krieger seinen Angriff begonnen hatte. Er wollte dann seitlich mit der Lanze zusto�en. Der Kampfer im Hintergrund hob nur seinen Speer, zum Werfen bereit, falls sich eine g�nstige Gelegenheit ergeben sollte. Aber dann war ich es, der als erster angriff. Ich wandte mich pl�tzlich dem Krieger mit dem Speer zu und sprang ihn mit der Behendigkeit und Schnelligkeit eines Berg-Larls an, wich seinem ungeschickten, �berraschten Speersto� aus und lie� meine Klinge zwischen seine Rippen gleiten. Ich zog die Waffe zur�ck und fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um den Schwertangriff seines Kameraden zu parieren. Unsere Klingen hatten sich kaum sechsmal gekreuzt, als auch er zu meinen F��en lag und sich im Gras kr�mmte.</p><p>Der Offizier war vorgeeilt und blieb nun stehen. Er war ebenso �berrascht wie seine M�nner. Obwohl sie die �bermacht besa�en, hatte ich ihnen den Kampf aufgezwungen. Der Offizier war einen Sekundenbruchteil zu sp�t gekommen. Nun stand mein Schwert zwischen ihm und mir. Der vierte Krieger hatte sich mit erhobenem Speer auf zehn Meter gen�hert. Auf diese Entfernung konnte sein Wurf kaum fehlgehen. Und selbst wenn er nur meinen Schild traf, war dieser f�r mich nicht mehr zu verwenden, was den anderen Vorteile brachte. Trotzdem standen die Chancen nun wesentlich besser als zuvor. �Komm, Thorn aus Tharna�, sagte ich und winkte dem Manne zu. �Messen wir uns mit den Waffen.�</p><p>Doch Thorn wich zur�ck und gab dem anderen Krieger ein Zeichen, seinen Speer zu senken. Er setzte seinen Helm ab und hockte sich ins Gras, den Krieger hinter sich.</p><p>Thorn, Offizier aus Tharna, sah mich an, und ich erwiderte Seinen Blick. Er hatte pl�tzlich Respekt vor mir, was dazu f�hrte, da� er f�r mich auch gef�hrlicher wurde. Er hatte meinen schnellen Kampf mit seinen Kriegern gesehen und �berlegte nun, ob er sich meiner Kampfkraft stellen sollte. Ich sp�rte, da� er die Waffen erst mit mir kreuzen w�rde, wenn er von seinem Sieg �berzeugt war, doch da� er sich seiner Sache nicht ganz sicher war � wenigstens noch nicht.</p><p>�Reden wir�, sagte Thorn aus Tharna.</p><p>Ich folgte seinem Beispiel und hockte mich ins Gras.</p><p>�Reden wir�, sagte ich.</p><p>Wir g�rteten unsere Waffen.</p><p>Thorn war ein gro�er Mann mit schweren, breiten Knochen, der schon ein wenig zur Korpulenz neigte. Sein Gesicht hatte eine gelbliche T�nung und hier und da purpurne Flecken, wo unter seiner Haut kleine Adern geplatzt waren. Er trug keinen Bart, sondern nur einen winzigen Haarflaum zu beiden Seiten des Kinns. Sein Haar war lang und nach mongolischer Art hinter seinem Kopf zu einem Knoten gewunden. Seine Augen waren wie die einer Urt � eines kleinen gepanzerten Nagetiers Gors. Sie waren schr�g und wirkten verschleiert und umschattet � die Spuren langer N�chte des Wohllebens und der Zerstreuung. Es war klar, da� Thorn im Gegensatz zu meinem alten Feind Pa-Kur den sinnlichen Lastern nicht abgeneigt war � er war nicht der Mann, der mit fanatischer Reinheit und entschlossener Ehrerbietung sich und ganze V�lkerscharen seinem Ehrgeiz und seiner Macht opferte. Thorn w�rde niemals einen Ubar abgeben, allenfalls einen Handlanger.</p><p>�Gib mir den Mann�, sagte Thorn und deutete auf die Gestalt im Gras, die noch immer st�hnte.</p><p>Ich kam zu dem Schlu�, da� Thorn, was immer er sein oder nicht sein mochte, auf jeden Fall ein guter Offizier war.</p><p>�Nimm ihn�, sagte ich.</p><p>Der Speertr�ger hinter Thorn trat neben den Verwundeten und untersuchte ihn. Der andere Krieger war zweifellos tot.</p><p>�Er �berlebt es vielleicht�, sagte der Mann.</p><p>Thorn nickte. �Dann verbinde seine Wunde.�</p><p>Und er wandte sich wieder an mich.</p><p>�Ich mochte die Frau immer noch�, sagte er.</p><p>�Du bekommst sie nicht.�</p><p>�Sie ist doch nur eine Frau�, sagte Thorn.</p><p>�Dann gib sie auf�, sagte ich.</p><p>�Einer meiner M�nner ist tot�, sagte Thorn. �Du kannst seinen Anteil an ihrem Verkaufspreis haben.�</p><p>�Sehr gro�z�gig�, sagte ich.</p><p>�Dann bist du einverstanden?� fragte er.</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen dich t�ten�, sagte Thorn, ri� einen Grashalm aus und kaute nachdenklich darauf herum, w�hrend er mich musterte. �Vielleicht.�</p><p> �Andererseits m�chte ich nicht noch einen Mann verlieren.�</p><p>�Dann gib die Frau auf.�</p><p>Thorn sah mich starr an. Er schien verwirrt zu sein.</p><p>�Wer bist du?� fragte er.</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Du bist ein Ge�chteter�, sagte er. �Das sehe ich daran, da� du keine Insignien auf deinem Schild tr�gst.�</p><p>Ich sah keinen Grund, seine Feststellung anzuzweifeln.</p><p>�Ge�chteter�, sagte er, �wie hei�t du?�</p><p>�Tarl�, erwiderte ich.</p><p>�Aus welcher Stadt?� fragte er.</p><p>Die unvermeidliche Frage.</p><p>�Aus Ko-ro-ba.�</p><p>Diese Antwort hatte eine elektrisierende Wirkung auf ihn. Das M�dchen, das hinter mir gestanden hatte, unterdr�ckte einen Schrei. Thorn und seine Krieger sprangen auf. Mein Schwert sprang aus der Scheide. �Aus der Stadt des Staubes zur�ckgekehrt�, sagte Thorn. �Du bist von den Priesterk�nigen verflucht!�</p><p>Ich sah das M�dchen an.</p><p>�Dein Name ist der verha�teste Name in ganz Gor�, sagte sie mit tonloser Stimme und wich meinem Blick aus.</p><p>So standen wir uns schweigend gegen�ber. Eine lange Zeit schien zu vergehen. Ich sp�rte das Gras an den Waden, die Halme noch na� vom Morgentau. Ich h�rte einen leisen Vogelschrei.</p><p>Thorn zuckte die Achseln.</p><p>�Ich brauche Zeit, um meinen Mann zu begraben.�</p><p>�Gew�hrt.�</p><p>Stumm machten sich Thorn und der zweite Krieger ans Werk. Sie hoben eine schmale Vertiefung aus und begruben ihren Kameraden. Dann wickelten sie einen Umhang um zwei Speere und befestigten ihn sorgsam. Auf diese improvisierte Tragbahre legten sie ihren Verwundeten Kameraden.</p><p>Thorn sah das M�dchen an, das sich ihm zu meiner Verbl�ffung n�herte und ihre Handgelenke ausstreckte. Er lie� Sklavenfesseln darum zuschnappen.</p><p>�Du brauchst nicht mit ihnen zu gehen�, sagte ich.</p><p>�Ich w�rde dir keine Freude machen�, sagte sie bitter.</p><p>�Ich befreie dich.�</p><p>�Von Tarl aus Ko-ro-ba nehme ich nichts an�, sagte sie.</p><p>Ich streckte die Hand aus, um sie zu ber�hren, doch sie schauderte und wich zur�ck.</p><p>Thorn lachte freudlos. �Es w�re besser gewesen, in die Stadt des Staubes einzukehren als Tarl aus Ko-ro-ba zu sein�, sagte er. Ich schaute das M�dchen an, das nach den langen Tagen der�</p><p>Flucht schlie�lich doch eine Gefangene war, Thorns Gefangene, dessen verha�te Sklavenfessel sie nun trug, eine herrlich geschmiedete Fessel, von einem K�nner angefertigt, bunt bemalt, sogar mit Juwelen besetzt, doch aus unnachgiebigem Stahl, wie alle Sklavenschellen auf Gor.</p><p>Das Stahlband stach sehr von der Schlichtheit ihres braunen Gewandes ab. Thorn betastete das Kleid. �Wir nehmen dir das ab�, sagte er. �Wenn du erst richtig vorbereitet bist, wirst du teure Tanzkleider tragen, wirst Halst�cher und vielleicht sogar Sandalen � haben, Juwelen und Kleidungsst�cke, die das Herz eines M�dchens erfreuen.�</p><p>�Einer Sklavin�, sagte sie.</p><p>Thorn legte ihr den Hunger unter das Kinn. �Du hast einen sch�nen Hals�, sagte er.</p><p>Sie musterte ihn zornig.</p><p>�Der bald einen Kragen tragen wird�, fuhr er fort.</p><p>�Wessen?� fragte sie hochm�tig.</p><p>Thorn musterte sie. Die Jagd hatte ihm offenbar Spa� gemacht. �Meinen�, sagte er.</p><p>Das M�dchen begann zu schwanken.</p><p>Ich ballte die Faust.</p><p>�Also, Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte Thorn, �damit ist unsere Begegnung zu Ende. Ich nehme das M�dchen und �berlasse dich den Priesterk�nigen.�</p><p>�Wenn du sie nach Tharna bringst�, sagte ich, �wird die Tatrix sie befreien.�      .</p><p>�Ich bringe sie nicht nach Tharna, sondern in meine Villa�, sagte Thorn, �die au�erhalb der Stadt liegt.� Er lachte unangenehm. �Und dort werde ich sie in Ehren halten, wie es einem guten B�rger Tharnas geziemt.�</p><p>Ich sp�rte, da� sich meine Hand um den Schwertgriff krampfte. �Vorsicht, Krieger�, sagte Thorn. Er wandte sich an das M�dchen. �Wem geh�rst du?�</p><p>�Ich geh�re Thorn, Krieger aus Tharna�, sagte sie.�</p><p>Ich steckte das Schwert wieder in die Scheide, niedergeschlagen, hilflos. Vielleicht schaffte ich es, Thorn und seine Krieger zu besiegen und das M�dchen zu befreien. Aber was dann? Sollte ich sie den wilden Tieren Gors �berlassen oder einem anderen Sklavenh�ndler? Meinen Schutz w�rde sie niemals akzeptieren, und nach ihren eigenen Worten zog sie Thorn und ein Sklavendasein in seinem Hause der Hilfe eines Mannes vor, der sich Tarl aus Ko-ro-ba nannte. Ich sah sie an. �Bist du aus Ko-ro-ba?� fragte ich.</p><p>�Ich war es�, sagte sie.</p><p>�Das tut mir leid.�</p><p>Sie musterte mich, und Tr�nen brannten in ihren Augen. �Wie hast du es wagen k�nnen, deine Stadt zu �berleben?� fragte sie.</p><p>�Um sie zu r�chen!� sagte ich.</p><p>Sie sah mich lange Zeit an. Und dann, als Thorn und der Krieger die Bahre mit ihrem verwundeten Kameraden aufnahmen, sagte sie: �Auf Wiedersehen, Tarl aus Ko-ro-ba.�</p><p>�Ich W�nsche dir alles Gute, Vera von den T�rmen des Morgens�, erwiderte ich.</p><p>Sie wandte sich hastig um und folgte ihrem Herrn. Ich blieb allein im Feld zur�ck.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>In den Stra�en Tharnas herrschte lebhaftes Treiben, doch es war seltsam still. Das Tor hatte offengestanden, und obwohl ich von den W�chtern, Speertr�gern in blauen Helmen, eingehend gemustert worden war, hatte niemand sich meinem Eintritt widersetzt. Es schien zu stimmen, was im Lande erz�hlt wurde � da� die Stra�en Tharnas allen M�nnern offenstanden, die in friedlicher Absicht kamen, aus welcher Stadt sie auch stammen mochten.</p><p>Neugierig musterte ich die Menschenmenge, die anscheinend auf ihre Gesch�fte konzentriert waren. Die Einwohner Tharnas waren seltsam verkniffen und stumm; sie unterschieden sich sehr von den normalen, lebhaften Passanten anderer goreanischer St�dte. Die meisten M�nner trugen graue Tuniken, vielleicht ein Hinweis auf ihre �berlegenheit gegen�ber allen Vergn�gungen, auf ihre Entschlossenheit, ernst und verantwortlich zu sein, sich als w�rdige Vertreter ihrer flei�igen und n�chternen Stadt zu pr�sentieren.</p><p>Im ganzen erschienen sie mir als ein bleicher und niedergeschlagener Haufen � aber ich war zuversichtlich, da� sie vollbringen konnten, was sie sich vornahmen, da� sie Aufgaben erfolgreich in Angriff nahmen, die der durchschnittliche goreanische Mann in seiner Ungeduld und Leichtherzigkeit einfach als widerlich oder unw�rdig abtun w�rde � denn der Durchschnittsgoreaner, das mu� einmal gesagt werden, neigt dazu, die Freuden des Lebens doch Etwas hoher einzusch�tzen als seine Pflichten.</p><p>An den Schultern der grauen Umh�nge wies nur ein kleiner Farbstreifen auf die Kastenzugehorigkeit hin. Gew�hnlich sind die Kastenfarben in .goreanischen Stra�en nicht zu �bersehen; sie erhellen die Stra�en und Br�cken der Stadt, ein herrliches Schauspiel in Gors sch�ner klarer Luft. Ich fragte mich, ob die M�nner dieser Stadt vielleicht nicht stolz waren auf ihre Kasten, was im Gegensatz zu den meisten anderen Goreanern gestanden hatte, selbst wenn sie den sogenannten niederen Kasten angeh�ren. Sogar die Mitglieder einer so geringen Kaste wie die der Tarnz�chter waren ungemein stolz auf ihre Berufung, denn wer sonst vermochte die monstr�sen Raubv�gel Gors zu z�chten und aufzuziehen? Ich vermutete, da� auch Zosk der Holztr�ger die Erkenntnis geno�, da� er mit seiner gewaltigen, breiten Axt einen Baum mit einem Schlag fallen konnte � eine gute Leistung, die wom�glich ein Ubar nicht fertigbrachte. Und die Kaste der Bauern sah sich gar als der�Ochse, der die Last des Heimsteins tragt� und war selten dazu zu bewegen, ihre schmalen L�ndereien zu verlassen, die sie und ihre Vorv�ter besessen und fruchtbar gemacht hatten.</p><p>Ich vermi�te den Anblick von Sklavenm�dchen auf den Stra�en, M�dchen, wie sie in anderen St�dten h�ufig anzutreffen sind, h�bsche Gesch�pfe in der kurzen, schr�ggestreiften Sklavenkleidung dieser Welt, �rmelloch, kurze Kleider, die einige Zentimeter �ber dem Knie enden und die somit sehr von den schweren, hinderlichen Gew�ndern der Verh�llung abstechen, wie sie von den freien Frauen getragen werden. Tats�chlich war bekannt, da� einige freie Frauen neidisch auf ihre leichtbekleideten unfreien Schwestern waren, die zwar die Last eines Kragens ertragen mu�ten, aber in Ihrem Leben relativ frei waren, die auf den hohen Br�cken den Wind an ihrem K�rper sp�ren konnten, dazu die Arme eines Herrn, der ihre Sch�nheit zu sch�tzen wu�te und sie zu seiner eigenen machte. ; Ich mu�te daran denken, da� es in Tharna unter der Tatrix sicherlich nur wenige weibliche Sklavinnen gab. Ob statt dessen m�nnliche Sklaven gehalten wurden, vermochte ich nicht zu sagen, denn die Kragen w�ren unter den grauen Umh�ngen verborgen geblieben. Es gibt in Gor keine typische Kleidung f�r die m�nnlichen Sklaven, da es, wie es hei�t, unzweckm��ig w�re, ihnen bewu�t zu machen, wie zahlreich sie wirklich sind.</p><p>Am meisten verbl�fften mich in den stillen Stra�en Tharnas die freien Frauen. Sie waren ohne Begleitung, trugen ein herrisches Benehmen zur Schau, und die M�nner Tharnas gingen ihnen aus dem Weg, damit sie sie ja nicht ber�hrten. Jede dieser Frauen trug ein herrliches Gewand der Verh�llung, farbenfroh und vornehm gewirkt, Kleidung, die von den grauen Tuniken der M�nner abstach, doch anstelle des Schleiers, der �berall auf Gor getragen wurde, waren ihre Z�ge hinter einer Silbermaske verborgen. Diese Masken waren von identischem Zuschnitt; jede zeigte das gleiche wundersch�ne, aber kalte Gesicht. Einige Masken hatten sich umgewandt und mir nachgestarrt; meine rote Kriegertunika schien einige Aufmerksamkeit zu erregen. Es machte mich nerv�s, angestarrt zu werden, diesen leidenschaftslosen, schimmernden Silbermasken gegen�bergestellt zu sein.</p><p>Ich durchwanderte die Stadt und erreichte Tharnas Marktplatz. Obwohl offensichtlich Markttag war � es standen zahlreiche St�nde mit Gem�se, Fleisch, Salzfisch-F�ssern, Kleidern, Stoffen und Geschenkartikeln herum, hinter denen H�ndler hockten �, war nichts von dem l�rmenden Durcheinander zu bemerken, das auf jedem gew�hnlichen goreanischen Markt zu finden ist. Ich vermi�te die endlosen, schrillen Rufe der H�ndler, das gutm�tige Handeln und Spotten von Freunden, die Klatschgeschichten und Essenseinladungen austauschten, die Schreie der kr�ftigen Tr�ger, die sich durch den Tumult dr�ngten, die Rufe von Kindern, die ihren Erziehern entkommen waren und nun zwischen den St�nden Verstecken spielten, das Lachen verh�llter M�dchen, die die jungen M�nner neckten und ihrerseits geneckt wurden, M�dchen, die eigentlich f�r ihre Familien einkaufen sollten und doch noch Zeit fanden, sich mit den jungen Herren der Stadt abzugeben, selbst wenn das nur durch ein kurzes Aufblitzen dunkler Augen und ein nachl�ssiges Festmachen des Gesichtsschleiers geschah.</p><p>Obwohl ein freies M�dchen nach goreanischem Brauch ihren k�nftigen Gef�hrten erst sehen darf, wenn ihre Eltern die Wahl getroffen haben, handelt es sich doch oft um einen J�ngling, dem sie zuvor auf dem Markt begegnet ist. Der Gef�hrte, der um ihre Hand anh�lt � besonders, wenn sie einer niederen Kaste angeh�rt �, ist ihr selten unbekannt. Dieser Markt war nicht wie andere Markte auf Gor. Hier herrschte eine seltsam gedr�ckte Stimmung, und die Menschen beschr�nkten sich darauf, ihre Einkaufe zu machen oder ihre Waren zu tauschen. Selbst das Schachern um die Preise, die auf Gor niemals festgelegt sind, geschah verbissen und grimmig und hatte nichts von der Energie und fr�hlichen Rivalit�t anderer Markte, die ich kannte, die herrlichen Ausrufe und Superlative, die mit unvergleichlicher Energie zwischen K�ufer und Verk�ufer ausgetauscht wurden.</p><p>Hier trat der K�ufer einfach an den Stand, deutete auf einen Artikel und hielt Finger in die Hohe. Der Verk�ufer hob darauf eine gr��ere Zahl von Fingern, die er zuweilen kr�mmte, um einen Bruchteil der Werteinheit anzudeuten � wobei es sich meistens um kupferne Tarnm�nzen handelte. Wom�glich erh�hte der Kunde daraufhin sein Angebot oder machte Anstalten weiterzugehen. Der Verk�ufer lie� ihn dann entweder gehen oder senkte seinen Preis, indem er ausdruckslos weniger Finger hob als zuvor. Wenn eine der beiden Parteien den Handel beendete, ballte sie nur die Faust. War der Verkauf perfekt, nahm der K�ufer die erforderliche Anzahl durchl�cherter M�nzen, die an einer Schnur �ber seiner linken Schulter hingen, reichte sie dem Verk�ufer, nahm seine Ware und ging. Wenn es �berhaupt zu einem Gespr�ch kam, unterhielt man sich nur leise.</p><p>Als ich den Markt verlie�, bemerkte ich zwei unauff�llige M�nner, die mir zu folgen schienen. Ihre Gesichter waren in den Falten ihrer grauen Kleidung verborgen, die sie wie eine Art Kapuze �ber den Kopf gezogen hatten. Ich hielt sie f�r Spione. Eine kluge Vorsichtsma�nahme der Stadt. Es war immer gut, einen Fremden im Auge zu behalten, damit die Gastfreundschaft nicht mi�braucht werde. Ich gab mir keine M�he, die M�nner abzusch�tteln, denn das hatte mir als Bruch der Etikette ausgelegt werden k�nnen, vielleicht sogar als ein Eingest�ndnis b�ser Absichten. Au�erdem wu�ten sie nicht, da� ich sie bemerkt hatte, so da� ich damit einen Gewissen Vorteil �ber sie hatte. Andererseits war nat�rlich denkbar, da� sie nur neugierig waren. Wie viele rotgekleidete Krieger lie�en sich in den d�steren Stra�en Tharnas sehen?</p><p>Ich bestieg einen der gro�en T�rme, um mir einen Oberblick �ber die Stadt zu verschaffen. So erreichte ich die h�chste Br�cke. Im Gegensatz zu den meisten goreanischen Br�cken hatte sie ein Gel�nder. Langsam lie� ich meinen Blick �ber die Stadt wandern, die nach Sitten und Gebrauchen eine der ungew�hnlichsten St�dte Gors war.</p><p>Tharna, obwohl sie eine Stadt der Zylinder war, machte keinen besonderen Eindruck auf mich. Das mochte daran liegen, da� ihre Geb�ude im ganzen weniger hoch und viel breiter ausfielen als die Zylinder anderer St�dte, so da� ein Eindruck von Gedrungenheit entstand, der sich sehr von den himmelw�rts strebenden T�rmen anderer goreanischer St�dte unterschied. Au�erdem wirkten die tharnaischen Zylinder �berm��ig d�ster und ernst, als w�re das eigene Gewicht zuviel f�r sie. Sie lie�en sich kaum voneinander unterscheiden, boten eine Mischung aus Grau- und Braunt�nen, so ganz anders als die fr�hlichen Farben anderer St�dte, in denen ein Zylinder den anderen zu �berbieten trachtet.</p><p>Selbst die Ebenen rings um die Stadt gelegentlich von verwitterten Felsbrocken durchbrochen, wirkten grau, kalt, abweisend, vielleicht sogar traurig.</p><p>Tharna war also keine Stadt, die das Herz eines Mannes h�herschlagen lie�. Zugleich wu�te ich, da� es eine Stadt nach meinem Herzen war, galt sie doch als eine der fortschrittlichsten und zivilisiertesten in ganz Gor. Trotz dieser �berzeugung deprimierte mich Tharna ein wenig, und ich fragte mich, ob sie nicht auf ihre Weise doch barbarischer, r�cksichtsloser und unmenschlicher sei als ihre weniger edlen und sch�neren Schwesterst�dte. Ich kam zu dem Entschlu�, da� ich nun einen Tarn erwerben und so schnell wie m�glich zum Sardargebirge weiterreisen wollte, um meine Verabredung mit den Priesterk�nigen einzuhalten.</p><p>�Fremder�, sagte eine Stimme hinter mir.</p><p>Ich wandte mich um.</p><p>Einer der beiden unscheinbaren M�nner, die mir gefolgt waren, stand hinter mir. Sein Gesicht war unter seiner Kapuze nicht zu erkennen. Mit einer Hand hielt er seinen Umhang zusammen, damit der Wind das Tuch nicht bewegte und seine Z�ge enth�llte, mit der anderen klammerte er sich an das Br�ckengel�nder, als machte ihm die H�he zu schaffen. Es hatte zu regnen begonnen.</p><p>�Tal�, sagte ich und hob meinen Arm zum �blichen goreanischen Gru�. �Du bist ein Fremder in dieser Stadt�, sagte er.</p><p>�Ja.�</p><p>�Wer bist du, Fremder?�</p><p>�Ich bin ein Mann ohne Stadt�, sagte ich, �und mein Name ist Tarl.� Ich wollte eine �hnliche Reaktion vermeiden, wie ich sie zuvor durch die Nennung Ko-ro-bas ausgel�st hatte.</p><p>�Was sind deine Pl�ne in Tharna?� fragte er.</p><p>�Ich m�chte einen Tarn erwerben�, sagte ich, �f�r eine Reise, die ich vorhabe.� Ich hatte ihm ziemlich offen geantwortet, da ich annahm, er sei eine Amtsperson, die die Gr�nde f�r meinen Besuch in Erfahrung bringen sollte. Ich hatte nicht die Absicht, diese Gr�nde f�r mich zu behalten; allerdings nannte ich ihm nicht das Ziel meiner Reise. Da� ich entschlossen war, in das Sardargebirge vorzusto�en, brauchte er nicht zu wissen. Meine Gesch�fte mit den Priesterk�nigen gingen ihn nichts an.</p><p>�Ein Tarn ist teuer�, sagte er.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Hast du Geld?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie gedenkst du dann einen Tarn zu erwerben?�</p><p>�Ich bin kein Ge�chteter�, erwiderte ich, �obwohl ich auf meiner Tunika kein Wappen trage.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte er hastig. �In Tharna ist kein Platz f�r Ge�chtete. Wir sind ehrliche, flei�ige Menschen.�</p><p>Ich erkannte, da� er mir nicht glaubte, und irgendwie glaubte auch ich ihm nicht. Ohne besonderen Grund fa�te ich einen Widerwillen gegen ihn. Mit beiden H�nden ergriff ich seine Kapuze und ri� sie ihm vom Gesicht. Er umklammerte den Stoff und schob ihn hastig wieder zurecht. Ich erhaschte einen kurzen Blick auf ein fahles Gesicht, dessen Haut wie eine getrocknete Zitronenschale wirkte. Blaue Augen blitzten mich an. Sein Begleiter, der sich nerv�s umgesehen hatte, machte einen Schritt vor und blieb dann stehen. Der erste Mann, der sein Gesicht nun wieder hinter dem Stoff verbarg, drehte den Kopf nach links und rechts, um zu sehen, ob jemand in der N�he war.</p><p>�Ich m�chte gern sehen, mit wem ich spreche�, sagte ich.</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte der Mann m�rrisch und ein wenig unsicher, wobei er seine Kapuze noch weiter nach vorn zog.</p><p>�Ich will einen Tarn kaufen�, sagte ich. �Kannst du mir helfen?� Wenn seine Antwort negativ ausfiel, wollte ich das Gespr�ch beenden. �Ja�, sagte der Mann.</p><p>Das interessierte mich.</p><p>�Ich kann dir nicht nur zu einem Tarn verhelfen�, fuhr der Mann fort, �sondern auch zu tausend goldenen Tarnm�nzen und Vorr�ten f�r eine beliebig lange Reise.�</p><p>�Ich bin kein Attent�ter�, sagte ich.</p><p>�Ah�, erwiderte der Mann.</p><p>Seit der Belagerung Ars, als Meisterattent�ter Pa-Kur die M�glichkeiten seiner Kaste �berschritt, indem er entgegen allen goreanischen Traditionen eine Horde gegen Ar f�hrte, um Ubar dieser Stadt zu werden, hatte die Kaste der Attent�ter im Untergrund Leben m�ssen. Ihre Mitglieder waren verha�t und wurden �berall gejagt. Sie waren keine hochgesch�tzten S�ldner mehr, deren Dienste von den St�dten und sehr oft auch einzelnen Gruppen innerhalb der St�dte in Anspruch genommen wurden. Viele Attent�ter wanderten in Gor herum und wagten es nicht, die blaue Tunika Ihrer Kaste zu tragen; sie verkleideten sich als Mitglieder anderer Kasten, oft auch als Krieger.</p><p>�Ich bin kein Attent�ter, wiederholte ich.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte der Mann. �Die Kaste der Attent�ter besteht nicht mehr.�</p><p>Das bezweifelte ich.</p><p>�Aber hast du denn kein Interesse, Fremder�, fragte der Mann, und seine blassen Augen blinzelten mich aus den Falten des grauen Umhangs an, �f�r mein Angebot � ein Tarn, Gold und Vorr�te?� �Was mu� ich daf�r tun?� fragte ich.</p><p>�Du brauchst niemanden umzubringen�, sagte der Mann.</p><p>�Was dann?� wollte ich wissen.</p><p>�Du bist k�hn und stark.�</p><p>�Was mu� ich tun?�</p><p>�Du hast zweifellos Erfahrung.�</p><p>�Was wollt ihr von mir?� fragte ich sch�rfer.</p><p>�Die Entf�hrung einer Frau�, sagte er.</p><p>Der leichte Nieselregen war st�rker geworden, wirkte fast wie ein grauer Nebel, der zu der bedr�ckenden Feierlichkeit der Stadt pa�te. Meine Kleidung war durchn��t. Der Wind, den ich erst jetzt bemerkte, schnitt mir kalt in die Haut.</p><p>�Was f�r eine Frau?� fragte ich.</p><p>�Lara.�</p><p>�Und wer ist Lara?�</p><p/><p/></section><section><title><p>9</p></title><p>�Die Tatrix von Tharna�, sagte er.</p><p>Ich stand auf der Br�cke und starrte den geheimnisvollen, verh�llten Verschw�rer an, und ich war pl�tzlich traurig. Sogar hier in der edlen Stadt Tharna gab es Intrigen, politische Machtk�mpfe und ehrgeizbesessene Menschen. Ich wurde als Attent�ter oder Ge�chteter angesehen, als geeignetes Instrument f�r die ehrgeizigen Pl�ne einer unzufriedenen Gruppe in den Mauern Tharnas.</p><p>�Ich lehne ab.�</p><p>Der kleine, zitronengesichtige Mann fuhr zur�ck, als hatte ich ihm einen Schlag versetzt. �Ich vertrete m�chtige Pers�nlichkeiten dieser Stadt�, sagte er.</p><p>�Ich m�chte Lara, der Tatrix dieser Stadt, keinen Schaden zuf�gen�, sagte ich.</p><p>�Was bedeutet sie dir?� fragte der Mann.</p><p>�Nichts.�</p><p>�Und doch weigerst du dich?�</p><p>�Ja � ich lehne den Vorschlag ab.�</p><p>�Du hast Angst�, sagte er.</p><p>�Nein.�</p><p>�Du wirst deinen Tarn nie bekommen�, zischte der Mann. Er machte auf dem Absatz kehrt und hastete in den Eingang des n�chsten Zylinders, wobei er sich verzweifelt am Gel�nder der Br�cke festklammerte. Im Torbogen blieb er stehen und drehte sich um. �Du wirst die Mauern Tharnas nicht lebendig verlassen!� sagte er.</p><p>�Das mag schon sein�, rief ich. �Aber ich gehe auf deinen Vorschlag nicht ein!�</p><p>Die kleine graugekleidete Gestalt, die fast so durchscheinend wirkte wie der Nebel, schien gehen zu wollen. Dann z�gerte sie. Einen Augenblick lang schien der Mann unentschlossen, endlich wandte er sich an seinen Begleiter. Eine Minute lang diskutierten die beiden und schienen schlie�lich zu einer Einigung zu kommen. Wahrend der zweite Mann zur�ckblieb, kam mein Verhandlungspartner noch einmal vorsichtig auf die Br�cke.</p><p>�Ich habe voreilig gesprochen�, sagte er. �Keine Gefahr wird dich in Tharna befallen. Wir sind ein ehrliches und arbeitsames Volk.� �Das freut mich zu H�ren.�</p><p>Zu meiner �berraschung dr�ckte er mir einen kleinen, schweren Ledersack mit M�nzen in die Hand. Er l�chelte mich an, ein verzerrtes Grinsen, das ich durch die Falten seiner Tunika nur schwach wahrnahm. �Willkommen in Tharna!� sagte er und floh �ber die Br�cke in den Zylinder, war im n�chsten Augenblick mit seinem Begleiter verschwunden.</p><p>�Komm zur�ck!� rief ich und hielt den M�nzenbeutel in die Hohe. �Komm zur�ck!�</p><p>Aber er war verschwunden.</p><p>Wenigstens brauchte ich in dieser Nacht, in dieser regnerischen Nacht nicht wieder auf freiem Felde zu schlafen, denn dank des verwirrenden Geschenks des Verschw�rers hatte ich nun die Mittel, mir eine Unterkunft zu mieten. Ich verlie� die Br�cke und stieg die Wendeltreppe des Zylinders hinab und trat wieder auf die Stra�en der Stadt.</p><p>Herbergen gibt es auf Gor nur wenige, was angesichts der Feindseligkeit der St�dte nicht verwunderlich ist, doch in der Regel findet sich zumindest eine pro Stadt. Immerhin mu� die M�glichkeit bestehen, H�ndler und Delegationen anderer St�dte unterzubringen, autorisierte Besucher mit diesen und jenen Absichten, und offen gesagt, nimmt es der Hotelier mit der Registrierung seiner G�ste nicht immer sehr genau und stellt nicht viele Fragen, wenn er nur seine Handvoll kupferner Tarnm�nzen erh�lt. In Tharna jedoch, das f�r seine Gastfreundschaft ber�hmt war, glaubte ich keine M�he zu haben, eine Herberge zu finden. Ich war daher �berrascht, als ich keine einzige Unterkunft ausfindig machen konnte.</p><p>Ich �berlegte, da� ich notfalls immer in eine einfache Paga-Taverne gehen k�nnte, wo ich � wenn die Schenken in Tharna denen in Ko-ro-ba �hnelten � die Nacht unauff�llig unter einem Tisch verbringen k�nnte, was mich nur einen Krug Paga kosten w�rde, diesen starken fermentierten Schnaps, der aus dem gelben Korn Sa-Tarna gewonnen wird, was w�rtlich �bersetzt Lebenstochter hei�t. Dieser Ausdruck bezieht sich auf Sa-Tassna, das Wort f�r Fleisch oder Nahrung im allgemeinen, mit Lebensmutter zu �bersetzen. Paga ist eine Abk�rzung f�r Pagar-Sa-Tarna, was Vergn�gen der Lebenstochter hei�t.</p><p>�blicherweise fand man in den Paga-Tavernen auch andere Zerstreuungen als den Alkohol, doch im griesgr�migen Tharna war der Klang von Zimbeln, Trommeln und Fl�ten sicherlich ebenso selten wie das Klimpern der Gl�ckchen an den Fu�gelenken von Tanzm�dchen. Ich hielt eine der anonym graugekleideten Gestalten an, die durch die nasse D�mmerung eilten.</p><p>�Mann aus Tharna�, sagte ich, �wo finde ich hier eine Herberge?� �Es gibt keine Herbergen in Tharna�, erwiderte der Mann und sah mich eindringlich an. �Du mu�t ein Fremder sein�, f�gte er hinzu. �Ein m�der Reisender, der eine Unterkunft sucht.�</p><p>�Fliehe, Fremder�, sagte der andere.</p><p>�Ich bin in Tharna willkommen.�</p><p>�Fliehe, solange noch Zeit ist�, fl�sterte er und sah sich um, als f�rchte er unwillkommene Lauscher.</p><p>�Gibt es eine Paga-Taverne in der Nahe?� fragte ich. �Wo ich mich ausruhen kann?�</p><p>�Tharna kennt keine Paga-Tavernen�, erwiderte der Mann, leicht am�siert, wie mir schien.</p><p>�Wo kann ich die Nacht zubringen?� fragte ich.</p><p>�au�erhalb der Stadtmauern, auf freiem Felde�, sagte er, �oder im Palast der Tatrix.�</p><p>�Es will mir scheinen, als m��te der Palast der Tatrix das bequemere Lager bieten.�</p><p>Der Mann lachte bitter. �Wie viele Stunden�, fragte er, �bist du schon in den Mauern Tharnas, Krieger?�</p><p>�Ich bin um die sechste Stunde eingetroffen.�</p><p>�Dann ist es schon zu sp�t�, sagte der Mann mit Bedauern in der Stimme, �denn du bist schon mehr als zehn Stunden in der Stadt.� �Was heult das?� fragte ich.</p><p>�Willkommen in Tharna�, sagte der Mann und verschwand in der Dunkelheit.</p><p>Das Gespr�ch hatte mich seltsam beunruhigt, und ohne es selbst zu wollen, begann ich den Weg zur Stadtmauer einzuschlagen. Dort stand ich vor dem gro�en Tor Tharnas. Die beiden riesigen Balken, die es verschlossen, waren vorgelegt, Stamme, die sich nur mit einem Gespann von Tharlarions hatten beseitigen lassen oder mit hundert Sklaven. Die Tore, von Stahlreifen eingefa�t, mit Metallplatten besetzt, die im Nebel matt schimmerten, waren geschlossen.</p><p>�Willkommen in Tharna�, sagte ein W�chter, der sich im Schatten des Tores auf seinen Speer stutzte.</p><p>�Vielen Dank, Krieger�, sagte ich und wandte mich wieder der Stadt zu. Hinter mir h�rte ich ihn lachen � das gleiche seltsam bittere Lachen, das ich heute schon einmal geh�rt hatte.</p><p>Auf meinen Wanderungen durch die Stra�en der Stadt erreichte ich schlie�lich das niedrige Portal im Mauerwerk eines Zylinders. Auf jeder Seite der T�r, in kleinen Nischen, die den Nieselregen abhielten, flackerten die gelben Flammen kleiner Tharlarion-�llampen. Im unsicheren Licht las ich die Worte KAL-DA-VERKAUF.</p><p>Kal-da ist ein hei�es Getr�nk, das aus verw�ssertem Ka-la-na-Wein gemacht wird, vermischt mit Zitronensaft und scharfen Gew�rzen. Ich mochte das scharfe und hei�e Getr�nk nicht sehr, aber es war in einigen niedrigen Kasten sehr beliebt, besonders bei Menschen, die harte k�rperliche Arbeit zu verrichten hatten. Ich vermutete, da� seine Popularit�t mehr auf seine Warme und Preisw�rdigkeit zur�ckzuf�hren war (es wird nur minderwertiger Ka-la-na-Wein verwendet), als auf den Geschmack. Doch ich �berlegte mir, da� mir in dieser Nacht aller N�chte, in dieser kalten, bedr�ckenden, nassen Dunkelheit ein Krug Kal-da sehr willkommen sein w�rde. Und wo es Kal-da gab, w�rde sicher auch Brot und Fleisch gereicht. Ich dachte an das gelbe goreanische Brot, das in runden, flachen Laiben gebacken und frisch und hei� serviert wird; und das Wasser lief mir im Mund zusammen, als ich an ein Tabukschnitzel oder wom�glich eine Scheibe gerosteten Tarsk dachte, jenes entsetzliche Wildschweinwesen aus den goreanischen W�ldern. Ich l�chelte vor mich hin, tastete nach dem Beutel mit M�nzen in meiner Tunika, b�ckte mich und stie� die T�r auf. Drei Stufen f�hrten in einen warmen, kaum erleuchteten und niedrigen Raum mit zahlreichen Tischen, wie sie �berall in Gor zu finden waren, an denen Gruppen von f�nf bis sechs graugekleideten M�nnern sa�en. Die Gespr�che verstummten bei meinem Eintritt. Die anderen G�ste musterten mich. Es schienen keine Krieger anwesend zu sein.</p><p>Offensichtlich war keiner der M�nner bewaffnet.</p><p>Ich mu�te einen seltsamen Eindruck auf sie machen � ein rotgekleideter, bewaffneter Krieger, der pl�tzlich aus der Nacht hereintrat, ein Besucher aus einer anderen Stadt, der �berraschend in Ihren Kreis eindrang.</p><p>�Was f�r Gesch�fte hast du?� fragte der Besitzer des Lokals, ein kleiner, kahlk�pfiger Mann in kurz�rmeliger grauer Tunika mit einer gl�nzenden schwarzen Sch�rze. Er blieb hinter seinem Holztresen stehen und wischte langsam an einigen Kal-da-Flecken auf dem schmutzigen Holz herum.</p><p>�Ich bin auf der Durchreise�, sagte ich. �Und ich mochte einen Tarn kaufen, um damit weiterzufliegen. Heute abend brauche ich eine Mahlzeit und eine Unterkunft.�</p><p>�Dies ist kein Ort f�r einen Mann aus hoher Kaste.�</p><p>Ich sah mich um, musterte die Anwesenden, blickte in ihre niedergeschlagenen, ausgezehrten Gesichter. Im Halbd�mmer war nicht zu erkennen, welchen Kasten sie angeh�rten, denn sie trugen ausnahmslos die grauen Tuniken Tharnas. Was mir besonders an ihnen auffiel, hatte nichts mit der Kastenzugehorigkeit zu tun � es war ihr mangelndes Selbstvertrauen. Ich wu�te nicht, ob sie schwach waren oder nur eine schlechte Meinung von sich hatten. Sie schienen ohne Energie, ohne Stolz, ohne Selbstachtung zu sein.</p><p>�Du geh�rst einer Hohen Kaste an, der Kriegerkaste�, sagte der Wirt. �Es ist nicht recht, da� du bei uns bleibst.�</p><p>Die Aussicht, wieder in die kalte, regnerische Nacht hinaus zu m�ssen, meine trostlose kalte Wanderung durch die einsamen Stra�en fortzusetzen, hatte wenig Erfreuliches. Ich nahm eine M�nze aus dem Lederbeutel und warf sie dem Wirt zu. Geschickt schnappte er sie aus der Luft wie ein skeptischer Kormoran. Er untersuchte die M�nze, bi� auf das Metall, und seine Kinnmuskeln spannten sich im Lampenlicht. Ein gieriger Schimmer trat in seine Augen. Ich wu�te, da� er keine Lust haben w�rde, mir das Geldst�ck wiederzugeben.</p><p>�Na, welcher Kaste geh�rt es an?� fragte ich.</p><p>Der Wirt l�chelte. �Geld kennt keine Kasten.�</p><p>�Also; bring mir zu essen und zu trinken�, sagte ich.</p><p>Ich trat an einen dunklen, verlassenen Tisch im Hintergrund, von wo ich die T�r im Auge behalten konnte. Ich lehnte Schild und Speer an die Wand, stellte meinen Helm neben dem Tisch ab, schnallte meinen Schwertg�rtel ab, legte die Waffe auf die Tischplatte vor mir und wartete ab.</p><p>Ich hatte es mir kaum bequem gemacht, als der Wirt, einen Gro�en und schweren Krug mit dampfendem Kal-da vor mich hinstellte. Ich verbrannte mir an den Griffen des Krugs fast die H�nde. Ich sch�ttete einen langen, brennenden Schluck herunter, und wenn ich den Geschmack normalerweise auch nicht mochte, durchrieselte mich das Getr�nk heute wie brodelndes Feuer, ein zischendes, herrliches Aufputschgetr�nk, das schlecht schmeckte und mich doch so verhexte, da� ich auflachte.</p><p>Und ich lachte sehr laut.</p><p>Die tharnaischen M�nner, die an ihren Tischen sa�en, starrten zu mir her�ber, als hatte ich den Verstand verloren. Ungl�ubigkeit und Ratlosigkeit standen auf ihren Gesichtern.</p><p>Der Mann dort dr�ben hatte gelacht. Ich fragte mich, ob in Tharna die Menschen oft lachten.</p><p>Es war eine elende Stadt, aber im Lichte des Kal-da sah sie schon wieder ganz vielversprechend aus.</p><p>�Redet, lacht!� sagte ich zu den M�nnern aus Tharna, die seit meinem Eintreten kein Wort gewechselt hatten. Ich starrte sie an. Ich trank noch einmal aus meinem Krug und sch�ttelte den Kopf, um die wirbelnden Flammenzungen vor meinen Augen zu vertreiben. Ich schnappte mir meinen Speer von der Wand und hieb damit auf den Tisch.</p><p>�Wenn ihr nicht reden k�nnt, wenn ihr nicht lachen k�nnt, dann m��t ihr singen!�</p><p>Die M�nner waren �berzeugt, da� sie einen Verr�ckten vor sich hatten. Wahrscheinlich lag es am Kal-da, aber vielleicht reizte mich auch die Ungeduld mit den M�nnern dieser Stadt, vielleicht war es ein Aufb�umen gegen das d�stere Tharna und ihre feierlichen, lustlosen, unterw�rfigen Einwohner. Die tharnaischen M�nner schwiegen weiter.</p><p>�Sprechen wir nicht alle die Sprache?� fragte ich und meinte die schone goreanische Muttersprache, die in den meisten St�dten dieser Welt gesprochen wird. �Geh�rt diese Sprache nicht euch?� fragte ich. �Doch, ja�, murmelte einer der M�nner.</p><p>�Warum sprichst du sie dann nicht?� fragte ich herausfordernd. Der Mann schwieg.</p><p>Der Wirt brachte mir hei�es Brot, Honig, Salz und � zu meinem Entz�cken � ein gro�es St�ck gebratenes Tarskfleisch. Ich stopfte meinen Mund voll und wusch den Bissen mit Kal-da hinunter.</p><p>�Wirt!� schrie ich und klopfte mit dem Speer auf den Tisch.</p><p>�Ja, Krieger!�</p><p>�Wo sind die Tanzsklavinnen?�</p><p>Der Wirt schien wie vor den Kopf geschlagen.</p><p>�Ich m�chte eine Frau tanzen sehen!�</p><p>Die M�nner steckten die Kopfe zusammen. Einer fl�sterte: �Es gibt keine Sklavinnen in Tharna.�</p><p>�Wie traurig!� rief ich. �Keine einzige Kragentr�gerin in Tharna!� Zwei oder drei M�nner lachten. Endlich drang ich zu ihnen durch. �Diese Wesen, die hinter ihren Silbermasken durch die Stra�en segeln � sind das wirklich Frauen?� fragte ich.</p><p>�Aber sicher�, sagte einer der M�nner und mu�te ein Lachen unterdr�cken.</p><p>�Das kann doch nicht wahr sein!� rief ich. �Soll ich eine hereinholen, damit sie f�r uns tanzt?�</p><p>Die M�nner lachten.</p><p>Ich tat, als wollte ich aufstehen, und entsetzt dr�ckte mich der Wirt wieder in meinen Stuhl und holte neuen Kal-da. Offenbar wollte er mir so viel Kal-da auftischen, da� ich nichts Schlimmes anstellen konnte. Einige M�nner kamen nun an meinen Tisch.</p><p>�Woher kommst du?� kam die Frage.</p><p>�Ich habe mein ganzes Leben in Tharna zugebracht.�</p><p>Dr�hnendes Gel�chter quittierte diese Antwort.</p><p>Kurz darauf dirigierte ich einen rauhen M�nnerchor; ich lie� meinen Speerschaft auf die Tischplatte poltern und stimmte Lieder an � wilde Trinklieder, Kriegslieder, Lieder von Belagerung und Tod. Ich brachte den M�nnern Ges�nge bei, die ich in der Karawane des H�ndlers Mintar gelernt hatte � damals, als ich Talena lieben lernte �, Lieder von der Liebe, von der Einsamkeit, von der Sch�nheit einer Heimatstadt, von den Sch�nheiten Gors.</p><p>Der Kal-da flo� in dieser Nacht in Str�men, und dreimal mu�te in den Tharlarionlampen das �l nachgef�llt werden. Angelockt durch den ungewohnten L�rm waren M�nner von der Stra�e hereingekommen; auch einige Krieger, die unglaublicherweise ihre Helme abnahmen, sie mit Kal-da f�llten und in unserer Runde mitmachten.</p><p>Die Tharlarionlampen hatten schlie�lich ein letztes Mal geflackert und waren ausgegangen, und der erste Schimmer der D�mmerung lag fahl im Raum. Viele M�nner waren gegangen, andere schliefen auf den Tischen oder lagen auf dem Fu�boden. Sogar der Wirt schlief; er hatte den Kopf auf den Tresen gelegt. Ich sah mich langsam um und wischte mir den Schlaf aus den Augen.</p><p>�Wach auf!� sagte eine Stimme.</p><p>�Das ist er�, sagte eine zweite Stimme, die ich wiedererkannte. Ich rappelte mich hoch und sah den kleinen zitronengesichtigen Mann vor mir stehen.</p><p>�Wir haben nach dir gesucht�, sagte die andere Stimme, die zu einem st�mmigen Gardisten der Stadt geh�rte. Hinter ihm standen drei weitere bewaffnete Krieger.</p><p>�Er ist der Dieb�,. sagte der fahlgesichtige Mann und griff nach dem M�nzenbeutel, der halb ge�ffnet auf dem fleckigen Tisch lag. Er hielt ihn dem Gardisten hin.</p><p>�Ost�, las der Mann. Das war der Name eines winzigen orangefarbenen Reptils, das zu den b�sartigsten Tieren Gors geh�rte.</p><p>�Ich bin kein Dieb�, sagte ich. �Er hat mir die M�nzen gegeben.� �Er l�gt�, sagte Ost.</p><p>�Nein, ich l�ge nicht!�</p><p>�Du bist verhaftet�, sagte der W�chter.</p><p>�In wessen Namen?� fragte ich.</p><p>�Im Namen Laras, der Tatrix von Tharna.�</p></section><section><title><p>10</p></title><p>Widerstand w�re sinnlos gewesen.</p><p>Meine Waffen waren vorsichtig entfernt worden, als ich noch schlief; wie ein Tor hatte ich mich auf die Gastfreundschaft Tharnas verlassen. Unbewaffnet stand ich den Gardisten gegen�ber. Und doch schien der Offizier die Auflehnung in meinen Augen wahrzunehmen, denn er gab seinen Leuten ein Zeichen, und drei Speere richteten sich auf meine Brust.</p><p>�Ich habe nichts gestohlen�, sagte ich.</p><p>�Du magst deinen Fall der Tatrix vortragen�, sagte der W�chter. �Fesselt ihn�, schaltete sich Ost ein.</p><p>�Bist du ein Krieger?� fragte der Gardist.</p><p>�Ja.�</p><p>�Gibst du mir dein Wort, da� du mich friedlich zum Palast der Tatrix begleitest?�</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>Der W�chter wandte sich an seine M�nner. �Fesseln sind nicht erforderlich.�</p><p>�Ich bin unschuldig�, wiederholte ich.</p><p>Der Offizier sah mich an; seine Augen musterten mich aus der Y-�ffnung seines hellblauen Helms. �Das mu� die Tatrix entscheiden�, sagte er.</p><p>�Ihr m��t ihn fesseln!� jammerte Ost.</p><p>�Ruhig, du Wurm!� sagte der W�rter, und der Verschw�rer hielt den Mund.</p><p>Von den W�chtern umgeben, folgte ich dem Offizier zum Palast der Tatrix. Ost hastete hinter uns her, so schnell ihn seine kurzen, krummen Beine trugen. Er begann zu schnaufen und zu keuchen und hatte M�he, mit uns Schritt zu halten.</p><p>Selbst wenn ich mein Wort gebrochen h�tte, w�ren meine Fluchtchancen sehr gering gewesen. Wahrscheinlich h�tten mich schon kurz nach meinem ersten Schritt in Richtung Freiheit drei Speere durchbohrt. Ich respektierte die umsichtigen, t�chtigen Gardisten Tharnas, hatte ich doch bereits einen geschickt operierenden Trupp au�erhalb der Stadt kennengelernt. Ich fragte mich, ob Thorn wohl in Tharna war und ob Vera inzwischen in seiner Villa das Tanzkleid trug. Ich wu�te, da� ich freigesprochen werden mu�te, wenn es eine Gerechtigkeit in Tharna gab � doch ich war beunruhigt. Wie konnte ich wissen, da� mein Fall tats�chlich gerecht vorgetragen und entschieden wurde? Da� ich Osts M�nzensack besessen hatte, war auf jeden Fall ein klarer, �u�erlicher Schuldbeweis, und das mochte sehr wohl die Entscheidung der Tatrix beeinflussen. Wie konnte mein Wort, das Wort eines Fremden, dagegen wiegen � gegen die Worte von Ost, eines tharnaischen B�rgers, der vielleicht sogar eine wichtige Pers�nlichkeit des �ffentlichen Lebens war?</p><p>Es mag unglaublich scheinen � trotz dieser d�steren Erw�gungen freute ich mich auf den Palast der Tatrix. Ich wollte ihr endlich von Angesicht zu Angesicht gegen�berstehen, dieser ungew�hnlichen Frau, die eine goreanische Stadt zu beherrschen verstand. Ohne die Verhaftung w�re ich vielleicht sogar aus eigenem Antrieb bei der Tatrix vorstellig geworden, um � wie es ein B�rger ausgedr�ckt hatte - die Nacht in ihrem Palast zu verbringen.</p><p>Als wir etwa zwanzig Minuten lang durch die d�steren, gewundenen Stra�en Tharnas gegangen waren, wobei uns die graugekleideten B�rger in weitem Bogen aus dem Wege gingen und den rotgekleideten Gefangenen ausdruckslos anstarrten, erreichten wir eine breite Stra�e, die in weiten Kurven aufw�rts f�hrte. Sie war mit schwarzem Basalt gepflastert, auf dem noch der Regen der letzten Nacht schimmerte. Zu beiden Seiten ragte eine langsam h�her werdende Steinmauer auf, und je weiter wir kamen, desto h�her wurden auch diese Mauern, und desto enger r�ckten sie zusammen.</p><p>Endlich sah ich im k�hlen Morgenlicht den Palast vor uns aufragen, noch etwa hundert Meter entfernt � eine runde Steinfestung, schwarz, gedrungen, schmucklos, eindrucksvoll. Zum Eingang hin r�ckten die Mauern noch weiter zusammen, die Stra�e war so schmal geworden, da� keine zwei M�nner nebeneinander gehen konnten; zu beiden Seiten ragten die Mauern etwa f�nf Meter auf.</p><p>Der Eingang selbst bestand aus einer kleinen, schlichten Eisent�r, etwa f�nfzig Zentimeter breit und knapp anderthalb Meter hoch. Hier erinnerte nichts an die breittorigen Zentralzylinder anderer goreanischer St�dte, durch die man ein Gespann mit goldbeschirrten Tharlarions steuern konnte. Ich fragte mich, ob ich in dieser d�steren, brutalen Festung, diesem Palast der Tatrix von Tharna, Gerechtigkeit finden konnte. Der Gardist deutete auf die T�r und blieb hinter mir zur�ck. Ich stand nun der schmalen T�r allein gegen�ber.</p><p>�Wir kommen nicht mit. Du und Ost � ihr geht allein.�</p><p>Ich wandte mich um, und sofort richteten sich drei Speerspitzen auf meine Brust.</p><p>Das Scharren zur�ckgezogener Riegel ert�nte, und die Eisent�r schwang auf und gab den Blick auf ein schwarzes Viereck frei.
 �Tritt ein!� befahl der W�chter.</p><p>Ich warf einen letzten Blick auf die Speere, grinste den Gardisten grimmig an, wandte mich um, senkte den Kopf und betrat den Palast. Dann schrie ich. �berrascht auf, griff in die Luft, f�hlte, wie der Boden unter meinen F��en nachgab und ich ins Leere fiel. Ich h�rte Ost hinter mir entsetzt aufschreien, als er ebenfalls durch die T�r geschoben wurde.</p><p>Etwa f�nf Meter unter der Schwelle prallte ich in absoluter Dunkelheit auf. Es mu�te sich um einen Steinboden handeln, der mit nassem Stroh bedeckt war. Fast gleichzeitig st�rzte Ost auf mich, und ich rang um Atem. Vor meinen Augen tanzten purpurne und goldene Flecken. Ich merkte kaum, das ein gro�es Tier mich in sein Maul nahm und mich durch eine runde, tunnel�hnliche �ffnung zerrte. Ich versuchte mich zu wehren, doch das brachte mich nicht weiter. Ich bekam keinen Atem mehr, und der Tunnel war viel zu eng. Ich roch das nasse Fell des Tieres, das eine Art Nagetier sein mu�te, nahm den Geruch seines Lagers wahr, des schmutzigen Strohs. Aus der Ferne drangen Osts hysterische Schreie in mein Bewu�tsein.</p><p>Das Tier bewegte sich einige Zeit r�ckw�rts durch den Tunnel und zerrte seine Beute mit. Dabei schwenkte es von Zeit zu Zeit den Kopf hin und her, so da� ich gegen die Steinw�nde geschleudert wurde und mir dort Absch�rfungen und Prellungen zuzog. Meine Tunika wurde zerrissen. Endlich erreichten wir einen runden, kuppelf�rmigen Raum, der von zwei Fackeln in Eisenhaltern erhellt wurde. Ich h�rte eine harte, laute, befehlsgewohnte Stimme. Das Tier schrie unwillig auf. Ich h�rte das Knallen einer Peitsche und ein zweites Kommando. Widerstrebend lie� das Tier mich los und wich zur�ck, duckte sich und beobachtete mich mit seinen schmalen, schr�gen, flammenden Augen, die im Fackelschein wie geschmolzenes Gold schimmerten.</p><p>Es handelte sich um einen gigantischen Urt, ein dickes, wei�es Tier. Es fauchte mich mit seinen drei Reihen nadelscharfer Z�hne an und kreischte w�tend. Zwei gebogene Hauer ragten von seinem Kiefer auf; zwei H�rner, die den Hauern �hnelten, erhoben sich aus dem Stirnknochen, ragten �ber den schimmernden Augen vor, die schon von mir zu zehren Schienen, als warteten sie nur die Erlaubnis des W�chters ab, um sich auf mich zu st�rzen. Der fette K�rper des Urt zitterte erwartungsvoll.</p><p>Wieder knallte die Peitsche, und ein neues Kommando ert�nte. Das Tier lies seinen langen haarlosen Schwanz �rgerlich hin und her peitschen und verschwand lauernd in einem anderen Tunnel. Ein Eisengitter rasselte hinter ihm herunter.</p><p>Mehrere starke H�nde ergriffen mich, und ich erhaschte einen Blick auf ein schweres, rundes, schimmerndes Objekt. Ich versuchte mich aufzurichten, wurde jedoch mit dem Gesicht nach unten zur�ckgedr�ckt. Ein silbriges Objekt, schwer wie ein Baumstamm, wurde mir �ber den Nacken geschoben. Man hielt mir die Arme fest, wahrend sich die seltsame Vorrichtung um meinen Hals und meine Arme schlo�. Entsetzt h�rte ich das Schnappen eines schweren Schlosses.</p><p>�Joch fertig�, sagte eine Stimme.</p><p>�Steh auf, Sklave�, befahl eine zweite Stimme.</p><p>Ich versuchte mich zu erheben, doch das Gewicht war zuviel. Ich h�rte das Zischen einer Peitsche und bi� die Z�hne zusammen, als sich die Lederschnur in meinem Fleisch verbi�. Immer wieder zuckte sie wie ein Blitzschlag auf mich herab. Es gelang mir schlie�lich, die Knie unter meinen K�rper zu schieben und das schwere Joch schmerzerf�llt in die Hohe zu hieven. Unsicher richtete ich mich ganz auf, hin und her schwankend.</p><p>�Gut gemacht, Sklave�, sagte eine Stimme.</p><p>Trotz der brennenden Peitschenwunden auf meinem R�cken sp�rte ich die kalte Luft des Verlieses, in dem ich mich befand. Die Peitsche hatte den Stoff meiner Tunika zerrissen, und ich blutete. Ich drehte mich um und sah den Sprecher an, der die Peitsche in der Hand hielt. Ich registrierte, da� der Lederriemen vom Blut rot war.</p><p>�Ich bin kein Sklave�, sagte ich.</p><p>Der Mann war bis zur H�fte nackt, ein st�mmiger Bursche mit metallbesetzten ledernen Armreifen, das Haar trug er mit einem grauen Band zusammengebunden.</p><p>�In Tharna�, sagte er, �kann ein Mann wie du gar nichts anderes sein.� Ich sah mich in dem Verlies um, das etwa f�nf Meter �ber dem Boden eine Art Kuppel bildete. Es gab mehrere Ausgange, die meisten ziemlich klein und versperrt. Aus einigen drangen Klagelaute. In anderen �ffnungen scharrten oder kreischten Tiere � wom�glich weitere Riesen-Urts. An einer Wand stand eine gro�e Schale mit brennenden Kohlen, aus denen die Griffe mehrerer Eisen ragten. Eine Art St�nder erhob sich daneben. Er war gro� genug, um einen Menschen aufzunehmen. Hier und dort waren Ketten an den W�nden befestigt, und andere Ketten baumelten von der Decke. Wie in einer Werkstatt hingen auch verschiedene Ger�te an den W�nden die ich hier nicht naher beschreiben mochte. Es m�ge der Hinweis gen�gen, da� sie dazu bestimmt waren, einem Menschen ein H�chstma� an Schmerzen zuzuf�gen.Es war ein schrecklicher Ort. �Hier�, sagte der Mann stolz, �wird der Frieden Tharnas gewahrt.� �Ich verlange, zur Tatrix gebracht zu werden�, sagte ich laut. �Nat�rlich�, erwiderte der Folterknecht und lachte unangenehm. �Ich bringe dich pers�nlich zur Tatrix.�</p><p>Ich h�rte eine Kette durch eine Rolle laufen, und sah, da� sich eines der Gittertore langsam anhob. Der Mann machte eine Bewegung mit der Peitsche. Ich begriff, da� ich durch die �ffnung gehen sollte. �Die Tatrix von Tharna erwartet dich�, sagte er.</p><p/><p/></section><section><title><p>11</p></title><p>Ich trat durch die �ffnung und begann mit langsamen Schritten eine schmale Wendeltreppe zu ersteigen. Dabei machte mir das Gewicht des schweren Metalljochs sehr zu schaffen, und ich schwankte hin und her. Der Mann mit der Peitsche trieb mich fluchend zur Eile an. Heftig stie� er mit der Peitsche nach mir und wurde darin von der Enge des Ganges beg�nstigt.</p><p>Schon schmerzten meine Beine und Schultern von der unvorstellbaren Last des Joches.</p><p>Wir erreichten einen breiten, kaum erleuchteten Saal. Mehrere T�ren gingen hiervon ab. Ver�chtlich stie� mich der W�chter mit der Peitsche weiter und brachte mich vor eine dieser T�ren. Nun erreichten wir einen weiteren Korridor, von dem neue T�ren abgingen, und so weiter. Es kam mir vor, als durchschritten wir einen Irrgarten oder ein unterirdisches Labyrinth. Dabei waren wir im Palast der K�nigin. Die Flure waren hier und dort durch Tharlarion-�llampen erleuchtet, die in eisernen Wandhaltern steckten. Der Palast wirkte seltsam leer. Es gab keine Farben, keinerlei Verzierungen. Ich stolperte weiter, vom Schmerz der Peitschenwunden gepeinigt, fast zu Boden gedr�ckt vom Gewicht des Jochs. Ich wu�te nicht, ob ich aus diesem unheimlichen Labyrinth ohne fremde Hilfe wieder herausgefunden h�tte.</p><p>Endlich erreichten wir einen gro�en, gew�lbten Raum, der von Fackeln erleuchtet wurde. Trotz seiner Gr��e waren auch hier keine Wandbemalungen zu sehen; er war schlicht und einfach wie die anderen Zimmer und Durchg�nge, die ich bisher gesehen hatte. Ein einziges Schmuckst�ck versch�nte die melancholischen W�nde � das Bild einer riesigen goldenen Maske, das die Z�ge einer wundersch�nen Frau trug.</p><p>Unter dieser Maske stand auf einer hohen Plattform ein monumentaler goldener Thron.</p><p>Auf den breiten Stufen, die zum Thron hinauff�hrten, standen Sessel, in denen zahlreiche Gestalten sa�en. Dies mu�ten Mitglieder des Hohen Rates von Tharna sein. Ihre schimmernden Silbermasken zeigten ausnahmslos dasselbe sch�ne Gesicht. Die Masken starrten ausdruckslos zu mir herab.</p><p>Hier und dort standen finstere tharnaische Krieger im Saal. Sie wirkten grimmig in ihren blauen Helmen, und jeder trug eine winzige Silbermaske an der Schl�fe � zum Zeichen, da� er der Palastwache angeh�rte. Einer der Krieger stand unmittelbar vor dem Thron. Er kam mir bekannt vor.</p><p>Auf dem Thron sa� eine Frau, stolz, von herablassender W�rde erf�llt, in majest�tische Roben aus golddurchwirkten Stoffen gekleidet. Sie trug keine Silbermaske, sondern eine Gesichtsscheibe aus reinem Gold. Die Augen hinter der schimmernden Goldmaske musterten mich aufmerksam. Niemand brauchte mir zu sagen, da� ich Lara, der Tatrix von Tharna, gegen�berstand Der Krieger vor dem Thron setzte seinen Helm ab. Es war Thorn, Offizier von Tharna, den ich weit vor der Stadt schon kennengelernt hatte. Seine schmalen Augen, die denen eines Urt �hnelten, betrachteten mich ver�chtlich. Er trat vor mich hin.</p><p>�Knie nieder!� befahl er. �Du stehst vor Lara, Tatrix von Tharna!� Doch ich wollte nicht knien.</p><p>Thorn trat mir die F��e unter dem Leib fort, und das Gewicht des Jochs lie� mich hilflos zu Boden gehen.</p><p>�Die Peitsche!� sagte Thorn und streckte herrisch den Arm aus. Der st�mmige Folterknecht reichte sie ihm. Thorn hob das Instrument in die H�he, um mir damit den R�cken aufzurei�en.</p><p>�Schlag ihn nicht�, sagte eine befehlsgewohnte Stimme, und der Peitschenarm Thorns fiel herab, als h�tte man ihm die Muskeln durchgeschnitten. Es war die Stimme der Frau hinter der goldenen Maske. Ich war ihr dankbar.</p><p>Jede Fiber meines K�rpers lehnte sich auf, als ich mich nun schwei��berstr�mt bem�hte, wieder auf die Beine zu kommen.</p><p>Schlie�lich vermochte ich mich auf die Knie zu erheben. Thorns Hand lie� mich nicht h�her kommen. Unterjocht kniete ich vor der K�nigin Tharnas.</p><p>Die Augen hinter der gelben Maske musterten mich neugierig.</p><p>�Stimmt es, Fremder�, fragte sie mit kalter Stimme, �da� du Tharnas Reichtum aus der Stadt entf�hren wolltest?�</p><p>Ich war verwirrt, der Schmerz peinigte mich, Schwei� lief mir in die Augen, so das ich nicht mehr deutlich sehen konnte.</p><p>�Das Joch ist aus Silber�, sagte sie. �Silber aus den Bergwerken Tharnas.�</p><p>Ich war verbl�fft, denn wenn das Folterinstrument wirklich aus Silber war, mu�te es viel wert sein. Man h�tte damit einen Ubar aus der Gefangenschaft freikaufen K�nnen.</p><p>�Wir hier in Tharna�, sagte die Tatrix, �halten so wenig von Reicht�mern, da� wir sie benutzen, um unsere Sklaven zu unterjochen.� Mein w�tender Blick mu�te ihr verraten, da� ich mich nicht f�r einen Sklaven hielt.</p><p>Aus dem Sessel neben dem Thron erhob sich eine andere Frau. Sie trug eine herrliche geschmiedete Silbermaske und einen schimmernden Umhang aus schwerem Silbertuch. Hochm�tig richtete sie sich neben der Tatrix auf, und ihre ausdruckslose Silbermaske blitzte zu mir herab. Im zuckenden Fackellicht wirkte das metallene Gesicht grausam. Sie sprach zur Tatrix, ohne die Maske von mir abzuwenden. �Vernichte dieses Tier!� Es war eine kalte, widerhallende Stimme, klar, entschlossen, autorit�r.</p><p>�Erlaubt das Gesetz Tharnas einem Gefangenen nicht zu sprechen, Dorna die Stolze, Zweite in Tharna?� fragte die Tatrix, deren Stimme ebenfalls herrschgewohnt und leidenschaftslos war, mir aber besser gefiel als die Stimme der Frau unter der Silbermaske.</p><p>�Erkennt das Gesetz Tiere an?� fragte die Frau, die Dorna die Stolze genannt wurde. Es war fast, als fordere sie ihre Tatrix heraus, und ich fragte mich, ob Dorna mit ihrer Rolle als Zweite im Staate zufrieden war. Der Sarkasmus in ihrer Stimme war deutlich herauszuh�ren.</p><p>Die Tatrix ging auf Dornas Bemerkung nicht ein.</p><p>�Hat er noch seine Zunge?� wandte sich die Tatrix an den Mann mit der Peitsche, der hinter mir stand.</p><p>�Ja, Tatrix�, sagte er.</p><p>Ich hatte das Gef�hl, da� Dorna bei dieser Antwort nerv�s wurde. Die Silbermaske wandte sich an den Mann mit der Peitsche. Er begann zu stammeln, und ich hatte das Gef�hl, da� er zu zittern begonnen hatte. �Die Tatrix hat ausdr�cklich gew�nscht, da� der Sklave gejocht und in den Saal der Goldenen Maske gebracht wird � schleunigst und unverletzt.�</p><p>Ich l�chelte vor mich hin und dachte an die Z�hne des Urt und an die Peitsche.</p><p>�Warum wolltest du nicht hinknien, Fremder?� fragte die Tatrix. �Ich bin Krieger�, antwortete ich.</p><p>�Du bist ein Sklave!� zischte Dorna die Stolze. Sie wandte sich an die Tatrix. �Rei�t ihm die Zunge heraus!�</p><p>�Willst du mir Befehle geben?� fragte die Tatrix.</p><p>�Nein, geliebte Tatrix�, sagte Dorna die Stolze.</p><p>�Sklave!� sagte die Tatrix.</p><p>Ich ignorierte die Anrede.</p><p>�Krieger�, sagte sie.</p><p>In meinem Joch hob ich langsam den Kopf, richtete meinen Blick auf ihre Maske. In der Hand, die in einem goldenen Handschuh steckte, hielt sie einen kleinen, dunklen Ledersack, der zur H�lfte mit M�nzen gef�llt war. Ich nahm an, da� dies der Beutel Osts sein m��te, und fragte mich, wo der Verschw�rer stecken mochte. �Gestehe, da� du Ost aus Tharna diese M�nzen gestohlen hast�, sagte die Tatrix.</p><p>�Ich habe nichts gestohlen�, sagte ich. �La� mich frei.�</p><p>Thorn lachte freudlos hinter mir auf.</p><p>�Ich rate dir zu gestehen�, sagte die Tatrix.</p><p>Ich hatte das Gef�hl, da� sie aus irgendeinem Grunde an meinem Schuldeingest�ndnis interessiert war, aber da ich nichts zu gestehen hatte, ging ich nicht darauf ein.</p><p>�Ich habe das Geld nicht gestohlen.�</p><p>�Dann tust du mir leid, Fremder�, sagte die Tatrix.</p><p>Ich verstand ihre Bemerkung nicht, und mein R�cken schien unter dem Gewicht des Jochs zerspringen zu wollen. Mein Hals schmerzte. Schwei� rann mir �ber die Haut, und mein R�cken brannte von den zahlreichen Peitschenhieben.</p><p>�Bringt Ost!� befahl die Tatrix.</p><p>Ich glaubte zu sehen, wie Dorna die Stolze auf ihrem Sessel unruhig wurde. Sie gl�ttete nerv�s ihr Silberkleid und fuhr sich mit dem Silberhandschuh �ber das Gesicht.</p><p>Ein leises Wimmern ert�nte, gefolgt von einem lauten Scharren. Zu meiner �berraschung wurde der Verschw�rer Ost, unterjocht wie ich, vor dem Thron zu Boden gesto�en. Einer der W�chter setzte ihm einen Fu� in die Seite. Osts Joch war leichter als das meine, aber da er auch kleiner war, mochte ihn das Gewicht ebenso dr�cken wie mich.</p><p>�Knie vor der Tatrix!� befahl Thorn, der noch immer die Peitsche in der Hand hielt.</p><p>Mit einem furchtsamen Schrei versuchte sich Ost aufzurichten, doch er brachte das Joch nicht hoch.</p><p>Thorn hob die Hand mit der Peitsche.</p><p>Ich dachte, da� die Tatrix jetzt einschreiten w�rde, wie sie es bei mir getan hatte. Doch sie schwieg. Sie schien mich zu beobachten. Ich fragte mich, welche Gedanken sich hinter jener schimmernden Goldmaske abspielen mochten.</p><p>�Schlag ihn nicht�, sagte ich.</p><p>Ohne den Blick von mir zu nehmen, sagte Lara zu Thorn: �Mach dich bereit.�</p><p>Auf dem gelblichen, rotgezeichneten Gesicht erschien ein Grinsen, und Thorns Faust ballte sich um den Peitschengriff. Er sah die Tatrix an. �Steh auf�, sagte die Tatrix zu Ost, �oder du stirbst auf deinem Bauch wie eine Schlange, die du ja auch bist.�</p><p>�Ich schaffe es nicht!� schluchzte Ost. �Ich schaffe es nicht!� Die Tatrix hob ihre Hand. Wenn sie sie senkte, begann die Peitsche mit ihrer Arbeit.</p><p>�Nein!� sagte ich.</p><p>Mit jedem Muskel meines K�rpers k�mpfte ich um das Gleichgewicht, und die Sehnen meiner Beine und meines R�ckens waren wie gespannte Kabel, als ich nun vorsichtig Osts Hand ergriff, mein Joch langsam unter das seine gleiten lie� und ihn unter Aufbietung meiner letzten Kr�fte auf die Knie zog.</p><p>Die maskierten Frauen im Saal stie�en erstaunte Rufe aus. Einige Krieger mi�achteten die tharnaischen Gebrauche und bekundeten ihren Beifall f�r meine Tat, indem sie mit den Speeren gegen ihre Schilde schlugen.</p><p>Ver�rgert warf Thorn die Peitsche dem Folterknecht zu.</p><p>�Du bist stark�, sagte die Tatrix von Tharna.</p><p>�St�rke ist eine Eigenschaft von Tieren�, sagte Dorna die Stolze. �Das ist wahr.�</p><p>�Und doch ist er ein Sch�nes Tier, nicht wahr?� fragte eine der Frauen. �Soll er doch bei den Schauk�mpfen von Tharna Verwendung finden�, sagte eine zweite.</p><p>Lara hob gebieterisch die Hand.</p><p>�Wie kommt es�, fragte ich, �da� du einem Krieger die Peitsche ersparst und sie bei einem elenden Kriecher wie Ost einsetzen l��t?� �Ich hatte gehofft, da� du schuldlos bist, Fremder�, sagte sie. �Die Schuld Osts ist mir dagegen bekannt.�</p><p>�Ich bin schuldlos�, sagte ich.</p><p>�Und doch�, sagte sie, �behauptest du, die M�nzen nicht gestohlen zu haben.�</p><p>Meine Gedanken �berst�rzten sich. �Das stimmt�, sagte ich. �Ich habe die M�nzen nicht gestohlen.�</p><p>�Dann bist du schuldig�, sagte die Stimme Laras, traurig, wie ich vermeinte.</p><p>�Wessen bin ich schuldig?� wollte ich wissen.</p><p>�Der Verschw�rung gegen den Thron Tharnas�, sagte die Tatrix. Ich wu�te nicht, was ich sagen sollte.</p><p>�Ost�, fuhr die Tatrix eisig fort, �du bist das Verrates an Tharna f�r schuldig befunden. Es ist bekannt, da� du an einer Verschw�rung gegen den Thron beteiligt bist.�</p><p>Einer der W�chter, der Ost hereingef�hrt hatte, ergriff das Wort. �Die Berichte deiner Spione stimmen, Tatrix. In seinem Quartier fanden wir belastende Dokumente, Briefe mit Instruktionen, die sich auf einen Umsturz bezogen, dazu S�cke mit Gold, das zum Anwerben von Komplizen eingesetzt werden sollte.�</p><p>�Hat er alle diese Taten gestanden?� fragte Lara.</p><p>Ost plapperte los, flehte unverst�ndlich um Gnade, und sein d�nner Hals wand sich in der �ffnung des Jochs.</p><p>Der W�chter lachte. �Beim Anblick des wei�en Urt flossen ihm die Worte nur so von den Lippen!�</p><p>�Wer hat dir das Gold gegeben, du Schlange?� fragte die Tatrix. �Von wem sind die Briefe mit den Anweisungen?�</p><p>�Ich wei� es nicht, geliebte Tatrix�, flehte Ost. �Die Briefe und das Gold wurden mir von einem behelmten Krieger gebracht.�</p><p>�Vor die Urts mit ihm!� fauchte Dorna die Stolze.</p><p>Ost begann am ganzen Leibe zu zittern und um Gnade zu flehen. Thorn versetzte ihm einen Tritt, um ihn zum Schweigen zu bringen.</p><p>�Was wei�t du sonst noch von der Verschw�rung gegen den Thron?� fragte Lara.</p><p>�Nichts, geliebte Tatrix�, wimmerte er.</p><p>�Also gut�, sagte Lara und wandte ihre schimmernde Maske dem Gardisten zu, der Ost zu Boden gesto�en hatte, �bring ihn in die Verliese zu den Urts.�</p><p>�Nein, nein, nein!� flehte Ost. �Ich wei� mehr, mehr!�</p><p>Die silbern maskierten Frauen beugten sich vor. Nur die Tatrix und Dorna blieben reglos sitzen. Obwohl der Saal k�hl war, bemerkte ich, da� Thorn, Offizier Tharnas, das Wasser auf der Stirn stand. Er ballte die Fauste.</p><p>�Was wei�t du sonst noch?� fragte die Tatrix.</p><p>Ost sah sich um, die Augen traten ihm vor Entsetzen aus dem Kopf. �Kennst du den Krieger, der dir die Briefe und das Gold gebracht hat?� �Ihn kenne ich nicht.�</p><p>�La� mich dieses Verh�r beenden!� sagte Thorn und zog sein Schwert. �Machen wir seinem Leben sofort ein Ende!�</p><p>�Nein�, sagte Lara. �Was wei�t du sonst noch, Schlange?�</p><p>�Ich wei�, da� der Anf�hrer der Verschw�rung in Tharna einen hohen Rang bekleidet � eine Person, die die Silbermaske tragt, eine Frau.� �Unm�glich!� schrie Lara und sprang auf. �Niemand, der die Silbermaske tr�gt, k�nnte Tharna untreu werden!�</p><p>�Und doch ist es wahr�, schn�ffelte Ost.</p><p>�Wer ist die Verr�terin?� fragte Lara.</p><p>�Ich kenne ihren Namen nicht.�</p><p>Thorn lachte.</p><p>�Aber�, sagte Ost hoffnungsvoll, �ich habe einmal mit ihr gesprochen und w�rde vielleicht ihre Stimme wiedererkennen, wenn ich am Leben bliebe.�</p><p>Thorn lachte wieder. �Er versucht sich nur das Leben zu erkaufen.� �Was meinst du, Dorna die Stolze?� wandte sich Lara an die Zweite Herrscherin in Tharna.</p><p>Doch Dorna blieb seltsam stumm. Sie antwortete nicht, sondern hob ihre behandschuhte Hand und vollf�hrte eine heftige Abw�rtsbewegung, als warf sie eine Klinge.</p><p>�Gnade, gro�e Dorna!� kreischte Ost.</p><p>Dorna wiederholte die Bewegung.</p><p>Aber Lara hatte die H�nde ausgestreckt, die Handfl�chen nach oben, und sie hob sie leicht an, eine anmutige Geste, die Gnade verhie�. �Danke, geliebte Tatrix�, wimmerte Ost, dem die Tr�nen �ber das Gesicht liefen. �Vielen Dank!�</p><p>�Sage mir, Schlange!� sagte Lara, �hat der Krieger dir die M�nzen gestohlen?�</p><p>�Nein, nein�, sagte Ost schluchzend.</p><p>�Hast du sie ihm gegeben?�</p><p>�Ja, ja!�</p><p>�Und er hat sie genommen?� fragte sie.</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Du hast mir die M�nzen aufgedr�ngt und bist davongelaufen�, sagte ich. �Es blieb mir gar nichts anderes �brig, als sie zu nehmen.� �Er hat die M�nzen angenommen�, murmelte Ost und starrte mich h�misch an. Er schien entschlossen zu sein, mich an dem Schicksal teilhaben zu lassen, das auf ihn wartete.</p><p>�Ich hatte keine andere Wahl�, sagte ich ruhig.</p><p>Ost sah mich b�sartig an.</p><p>�Wenn ich ein Verschw�rer w�re�, sagte ich, �wenn ich mit diesem Mann unter einer Decke steckte, warum sollte er mich des Diebstahls anklagen, warum sollte er mich verhaften lassen?�</p><p>Ost erbleichte. Sein Verstand sprang von Einfall zu Einfall, doch sein Mund bewegte sich nur stumm, unkontrolliert.</p><p>Thorn ergriff das Wort: �Ost wu�te, da� er im Verdacht stand, an einer Verschw�rung gegen Lara beteiligt zu sein.�</p><p>Ost sah ihn verwirrt an.</p><p>�So mu�te er den Eindruck erwecken, als habe nicht er das Geld diesem Krieger � oder Attent�ter, je nach dem � gegeben�, sagte Thorn. �Er behauptete also, es sei ihm gestohlen worden. Auf diese Weise stand er v�llig unschuldig da und konnte zugleich den Mann vernichten, der um seine Komplicenschaft wu�te.�</p><p>�Das stimmt!� rief Ost dankbar, nur zu bereit, nach diesem Strohhalm zu greifen, der ihm von dem m�chtigen Thorn hingehalten wurde.</p><p>�Wie kommt es, da� Ost dir die M�nzen gab, Krieger?� fragte die Tatrix. �Ost hat sie mir gegeben ... als Geschenk�, entgegnete ich.</p><p>Thorn warf den Kopf in den Nacken und lachte.</p><p>�In seinem ganzen Leben hat Ost noch nichts verschenkt!� dr�hnte er, wischte sich den Mund und versuchte wieder ernst zu werden.</p><p>Auch Ost kicherte.</p><p>Doch die Maske der Tatrix schimmerte auf ihn herab, und die leisen Laute erstickten ihm im d�nnen Hals. Die Tatrix erhob sich von ihrem Thron und deutete auf den Verschw�rer. Mit eisiger Stimme wandte sie sich an den W�chter, der ihn in den Saal gebracht hatte. �In die Bergwerke mit ihm!� sagte sie.</p><p>�Nein, geliebte Tatrix, nein!� flehte Ost. Das Entsetzen schien wie eine eingesperrte Katze hinter seinen Augen zu hocken, und er begann unter seinem Joch wie ein krankes Tier zu zittern. Ver�chtlich hoben die W�chter ihn an und zerrten die stolpernde und wimmernde Gestalt aus dem Raum. Ich ahnte, da� eine Verbannung in die Bergwerke einem Todesurteil gleichkam.</p><p>�Du bist grausam�, sagte ich zu der Tatrix.</p><p>�Eine Tatrix mu� grausam sein�, sagte Dorna.</p><p>�Das�, sagte ich, �m�chte ich gern aus dem Munde der Tatrix H�ren.� Dorna erstarrte.</p><p>Nach kurzem Schweigen ergriff die Tatrix, die nun wieder Platz genommen hatte, das Wort. Ihre Stimme war ruhig. �Manchmal�, sagte sie, �ist es nicht einfach, die Erste Frau Tharnas zu sein.� Diese Antwort hatte ich nicht erwartet.</p><p>Ich fragte mich, was f�r eine Frau hinter der goldenen Maske stecken mochte. Was f�r eine Frau war die Herrscherin von Tharna? Einen Augenblick versp�rte ich Mitleid mit dem goldenen Wesen, vor dessen Thron ich kniete.</p><p>�Was dich angeht�, sagte Lara, und ihre Maske glitzerte, �so gibst du zu, Ost die M�nzen nicht gestohlen zu haben, und mit diesem Gest�ndnis best�tigst du zugleich, da� er sie dir gegeben hat.� �Er dr�ckte sie mir in die Hand�, sagte ich, �und lief davon.� Ich blickte zur Tatrix auf. �Ich bin nach Tharna gekommen, um einen Tarn zu kaufen. Ich hatte kein Geld. Mit Osts Geld h�tte ich ein Tier erwerben und meine Reise fortsetzen K�nnen. Hatte ich sie fortwerfen sollen?� �Mit diesen M�nzen�, sagte Lara und hielt den kleinen Beutel in die Hohe, �sollte mein Tod erkauft werden.�</p><p>�So wenig M�nzen?� fragte ich skeptisch.</p><p>�Offensichtlich war der Rest der Summe nach vollbrachter Tat f�llig�, sagte sie.</p><p>�Die M�nzen waren ein Geschenk�, erwiderte ich. �Das dachte ich jedenfalls.�</p><p>�Ich glaube dir nicht.�</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Welche Gesamtsumme hat dir Ost geboten?� fragte sie.</p><p>�Ich weigerte mich, auf seine Pl�ne einzugehen�, sagte ich.</p><p>�Welche Summe hat dir Ost insgesamt geboten?� wiederholte die Tatrix.</p><p>�Er sprach von einem Tarn, tausend goldenen Tarnm�nzen und Vorraten f�r eine l�ngere Reise.�</p><p>�Goldene Tarnm�nzen sind selten in Tharna�, sagte die Tatrix. �Anscheinend ist jemand bereit, sich meinen Tod etwas kosten zu lassen.� �Nicht deinen Tod�, sagte ich.</p><p>�Was dann?�</p><p>�Deine Entf�hrung.�</p><p>Die Tatrix erstarrte pl�tzlich und begann am ganzen K�rper zu zittern. Sie sprang auf und schien vor Wut au�er sich.</p><p>Sie kam die Stufen des Throns herab und stand zitternd vor mir. �Gib mir die Peitsche!� fauchte sie. Der Folterknecht kniete zitternd vor ihr und reichte ihr das Gew�nschte. Sie Lies die Peitsche in der Luft knallen. �So�, sagte sie zu mir, und ihre H�nde krampften sich um den Peitschengriff. �Du wolltest mich also vor dir auf dem roten Teppich liegen sehen, mit den gelben Schn�ren gebunden, wie?�</p><p>Ich verstand nicht, was sie meinte.</p><p>�Du wolltest mich in Sklavenrock und Kragen sehen?� zischte sie. Die Frauen hinter den Silbermasken gerieten in Bewegung und begannen �rgerliche Rufe auszusto�en.</p><p>�Ich bin eine Frau Tharnas!� kreischte sie. �Die Erste Frau in Tharna! Die Erste!�</p><p>Au�er sich vor Wut begann sie nach mir zu schlagen. �Hier der Ku� der Peitsche f�r dich!� schrie sie. Immer wieder schlug sie zu, so kr�ftig sie konnte, doch es gelang mir, auf den Knien zu bleiben.</p><p>Der Saal begann um mich zu verschwimmen, mein K�rper, durch das Gewicht des Jochs belastet und nun auch in das Feuer der Peitsche geh�llt, zuckte in unkontrollierbarer Qual. Als sich die Tatrix verausgabt hatte, brachte ich etwas fertig, was mir heute noch unverst�ndlich ist. Ich nahm meine letzten Kr�fte zusammen und stellte mich auf, blut�berstr�mt, gebeugt von der Last des silbernen Jochs � und ich schaute auf sie herab.</p><p>Sie wandte sich um und floh auf ihren Thron. Sie sah mich erst wieder an, als sie ihren Sitz erreicht hatte.</p><p>Mit herrischer Geste deutete sie auf mich. Ihr goldener Handschuh war nun schwei�durchtr�nkt und dunkel von meinem Blut.</p><p>�Er soll bei den Schauk�mpfen von Tharna Verwendung finden!� sagte sie.</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Man hatte mir eine Kapuze �bergestreift und mich unter der Last meines Jochs durch die Stra�en getrieben. Endlich war ich in ein Geb�ude gekommen, wo ich eine lange, schr�ge Rampe hinabgehen mu�te, gefolgt von endlosen, feuchten G�ngen. Als mir die Haube endlich abgenommen wurde, fand ich mich in einem Verlies wieder.</p><p>Ich wurde an die Wand gekettet.</p><p>Der Raum wurde durch eine kleine Tharlarionlampe erleuchtet. Ich hatte keine Vorstellung, wie tief das Verlies unter der Erde lag. Fu�boden und W�nde bestanden aus schwarzem Gestein. Es war feucht. Hier und dort lag Stroh auf dem Boden. Ich vermochte mit M�he ein kleines Wassergef�� zu erreichen. Eine Schale mit Nahrung lag neben meinem Fu�.</p><p>Ersch�pft, schmerzerf�llt, so lag ich auf den Steinen und schlief. Wie lange dieser Schlaf dauerte, wei� ich nicht. Als ich erwachte, tat mir jeder Muskel im K�rper weh, ein matter, ziehender Schmerz. Ich versuchte mich zu bewegen, und sofort begannen mir meine Wunden das Leben unertr�glich zu machen.</p><p>Trotz des Jochs richtete ich mich auf, schlug die Beine unter und sch�ttelte den Kopf. In der kleinen Schale lag ein halber Brotlaib. Mit dem Joch gab es keine M�glichkeit, an das Brot heranzukommen. Ich konnte auf dem Bauch an die Schale herankriechen, und wenn mein Hunger noch schlimmer w�rde, blieb mir auch nichts anderes �brig. Der Gedanke �rgerte mich. Das Joch diente nicht nur dazu, einen Gefangenen an der Flucht zu hindern, sondern es sollte ihn auch erniedrigen, ihn einem Tier gleichsetzen.</p><p>�Ich m�chte dir helfen�, sagte eine M�dchenstimme.</p><p>Ich drehte mich um, und das Tr�gheitsmoment des Jochs lie� mich fast das Gleichgewicht verlieren. Zwei schmale H�nde griffen nach der silbernen Last, k�mpften einen Augenblick damit und brachten es wieder in die richtige Lage, so da� ich aufrecht hocken blieb.</p><p>Ich schaute das M�dchen an. Sie mochte unscheinbar sein, doch ich fand sie attraktiv. Sie strahlte eine menschliche W�rme aus, die ich in Tharna nicht erwartet h�tte. Ihre dunklen Augen musterten mich besorgt. Ihr Haar, das eine r�tlichbraune Farbe hatte, war hinter ihrem Kopf zusammengebunden.</p><p>Als sie meinen Blick bemerkte, senkte sie scheu die Augen. Sie trug ein schlichtes braunes Kleid, das wie ein Poncho um ihren K�rper geschlungen und an ihrer H�fte von einem Kettchen zusammengehalten wurde.</p><p>�Ja�, sagte sie besch�mt. �Ich trage den Sklavenrock.�</p><p>�Du bist sch�n�, sagte ich.</p><p>Sie sah mich verwirrt und dankbar an.</p><p>Stumm griff sie nach dem Brot in der Schale und hielt es mir an den Mund. Hei�hungrig bi� ich zu, schluckte den Bissen hinunter und a� weiter.</p><p>Ich sah, da� ihr Hals von einem grauen Metallkragen umschlossen war. Vermutlich hie� das, da� sie eine tharnaische Staatssklavin war. Sie griff in das Wasserbecken, sch�pfte zun�chst die Wasseroberfl�che ab, um den gr�nen Schleim zu beseitigen, und hob dann in ihren gew�lbten H�nden das k�hle Na� an meine gesprungenen Lippen. �Danke�, sagte ich.</p><p>Sie l�chelte. �Einer Sklavin dankt man nicht.�</p><p>�Ich dachte, in Tharna sind die Frauen frei�, sagte ich und deutete auf ihren grauen Halsring.</p><p>�Ich werde nicht in Tharna gehalten�, sagte sie. �Ich werde aus der Stadt gebracht � zu den gro�en Anbaugebieten, wo ich den Feldsklaven Wasser bringen mu�.�</p><p>�Was hast du verbrochen?� fragte ich.</p><p>�Ich habe Tharna verraten�, sagte sie.</p><p>�Du warst in eine Verschw�rung gegen den Thron verwickelt?�</p><p>�Nein�, sagte das M�dchen. �Ich habe Gef�hle f�r einen Mann empfunden.�</p><p>Ich war sprachlos.</p><p>�Es gab eine Zeit, da ich die Silbermaske trug, Krieger�, sagte sie. �Nun bin ich nur noch eine Entw�rdigte, denn ich habe mich von der Liebe hinrei�en lassen.�</p><p>�Das ist doch kein Verbrechen�, sagte ich.</p><p>Das M�dchen lachte fr�hlich auf. Ich liebe diese �berraschende, frohe Musik eines M�dchenlachens, das einen Mann so erfreuen kann, das auf ihn einzuwirken vermag wie ein Glas Ka-la-na-Wein.</p><p>Pl�tzlich wurde mir das Joch sehr leicht.</p><p>�Erz�hl mir von ihm�, sagte ich, �aber sage mir zuerst deinen Namen.� �Ich bin Linna aus Tharna�, sagte sie. �Und wie hei�t du?�</p><p>�Tarl�, sagte ich.</p><p>�Aus welcher Stadt?�</p><p>�Aus keiner Stadt.�</p><p>�Ah!� sagte das M�dchen l�chelnd und fragte nicht weiter. Sie dachte jetzt bestimmt, da� sie ihre Zelle mit einem Ge�chteten teilte. Sie lehnte sich mit dem R�cken an die Wand und schaute mich fr�hlich an. �Er war nicht mal aus unserer Stadt�, sagte sie.</p><p>Ich stie� einen Pfiff aus. Das konnte nach goreanischen Br�uchen ein schwerwiegendes Verbrechen sein.</p><p>�Und noch schlimmer�, sagte sie lachend und klatschte in die H�nde. �Er geh�rt der Kaste der S�nger an.�</p><p>Es h�tte schlimmer sein K�nnen, dachte ich. Obwohl die Kaste der S�nger und Dichter nicht sehr hoch angesehen wurde, hatte sie mehr Prestige als zum Beispiel die Kaste der Topfmacher oder Sattelmacher, mit denen sie manchmal verglichen wurde. Auf Gor wird der S�nger oder Dichter als Handwerker angesehen, der denkw�rdige Spr�che macht, so wie etwa der Topfmacher einen guten Krug oder der Sattelmacher einen guten Reitsattel zu fertigen versteht. Er spielt seine Rolle in der Gesellschaftsstruktur dieser Welt, feiert K�mpfe und geschichtliche Ereignisse, besingt Helden und St�dte, doch es wird auch von ihm erwartet, da� er �ber das Leben singt, von der Liebe und den Freuden des Lebens, und es geh�rt im �brigen zu seinen Aufgaben, die Goreaner von Zeit zu Zeit an die Einsamkeit und den Tod zu erinnern, damit sie nicht vergessen, da� sie Menschen sind.</p><p>Dem S�nger wurden ungew�hnliche F�higkeiten zugeschrieben, wie auch dem Tarnz�chter und dem Holztr�ger. Dichtern begegnete man dagegen mit einer gewissen Skepsis, und man nahm sie manchmal nicht f�r voll, aber es war noch niemandem eingefallen, da� sie etwa einen g�ttlichen Wahnsinn in sich hatten oder von den G�ttern inspiriert wurden.</p><p>Die S�nger waren auf Gor sehr beliebt. Den Angeh�rigen dieser Kaste ging es nicht sonderlich gut, doch im gro�en und ganzen wurden sie f�r eine fr�hliche Gruppe von M�nnern gehalten. �Eine Handvoll Brot f�r ein Lied� � das war die �bliche goreanische Einladung gegen�ber den Mitgliedern dieser Kaste, und eine solche Einladung mochte von den Lippen eines Bauern oder eines Ubar kommen � der Dichter war stolz darauf, da� er an beiden Orten dasselbe "Lied singen w�rde, in der H�tte des Bauern ebenso wie in den gro�en S�len des Ubar, obwohl er hier nur eine Brotkrume, dort aber eine Goldm�nze gewinnen konnte, ein Lohn, der nur zu oft auf eine sch�ne Frau verschwendet wurde, die ihm schlie�lich doch nur seine Lieder lie�.</p><p>Die Dichter hatten es auf Gor also nicht gerade leicht, doch hungern mu�ten sie nicht. Einige hatten sich sogar von Stadt zu Stadt gesungen, wobei ihre Armut der beste Schutz gegen Ge�chtete gewesen war. Neun St�dte berichteten noch heute von dem Manne, der vor vielen Jahrhunderten die Stadt Ko-ro-ba die T�rme des Morgens genannt hatte.</p><p>�Gar nicht so �bel, die Kaste der S�nger�, sagte ich zu Linna. �Nat�rlich nicht�, erwiderte sie. �Aber ihre Mitglieder gelten in Tharna als Ge�chtete.�</p><p>�Oh�, sagte ich.</p><p>�Trotzdem�, sagte sie und schaute mich fr�hlich an, �dieser Mann, Andreas aus der W�stenstadt Tor, kam in unsere Stadt geschlichen. Auf der Suche nach einem Lied, wie er sagte.� Sie lachte. �Aber in Wirklichkeit wollte er bestimmt nur hinter die Silbermasken unserer Frauen schauen.� Entz�ckt klatschte sie in die H�nde. �Und ich war es, der ihn anhielt und beschuldigte. Ich sah die Lyra unter seinem grauen Umhang und erkannte ihn als S�nger. In meiner Silbermaske folgte ich ihm und vergewisserte mich, da� er langer als zehn Stunden in der Stadt gewesen war.�</p><p>�Was hat es damit auf sich?� fragte ich, denn diese Bemerkung war mir schon einmal aufgefallen.</p><p>�Es bedeutet, da� man in Tharna willkommen gehei�en wird�, sagte das M�dchen, �mit anderen Worten: man wird in die gro�en Anbaugebiete geschickt, um dort als Feldsklave den Boden Tharnas zu kultivieren, ein Sklave bis zum Tode.�</p><p>�Warum werden Fremde nicht davor gewarnt�, fragte ich, �wenn sie die Stadt betreten?�</p><p>�Das w�re doch unsinnig, oder?� fragte das M�dchen lachend. �Wie k�nnten wir dann die Reihen unserer Feldsklaven auff�llen?�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich und begriff nun zum erstenmal die Gr�nde der tharnaischen Gastfreundschaft.</p><p>�Als eine Frau, die die Silbermaske trug�, fuhr das M�dchen fort, �war es meine Pflicht, diesen Mann den Beh�rden zu melden. Und doch war ich neugierig, denn ich hatte noch keinen Mann kennengelernt, der nicht aus Tharna stammte. Ich verfolgte ihn, bis wir allein waren, und dann rief ich ihn an, informierte ihn �ber das Schicksal, das auf ihn wartete.� �Und was tat er?� fragte ich.</p><p>Scheu senkte sie den Kopf. �Er zog mir die Silbermaske vom Gesicht und k��te mich�, sagte sie leise. �Ich konnte nicht einmal um Hilfe rufen.�</p><p>Ich l�chelte.</p><p>�Ich hatte noch nie in den Armen eines Mannes gelegen�, sagte sie, �denn die M�nner Tharnas d�rfen uns Frauen nicht ber�hren.� Ich sah sie ratlos an.</p><p>�Die Kaste der �rzte�, sagte sie, �ist f�r diese Dinge zust�ndig � unter der Leitung des Hohen Rates von Tharna.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Und doch�, fuhr sie fort, �obwohl ich die Silbermaske getragen und mich f�r eine Frau Tharnas gehalten hatte, war es mir ganz und gar nicht unangenehm, als er mich in die Arme nahm.� Sie schaute mich ein wenig traurig an. �Da erkannte ich, da� ich nicht besser war als er, nicht besser als ein Tier, da� ich nur ein Sklavendasein verdient hatte.� �Das meinst du doch nicht ernst?�</p><p>�Doch�, erwiderte sie, �aber es ist mir egal, denn ich trage lieber den Sklavenrock und habe die Erinnerung an seinen Ku�, als da� ich mein Leben hinter der Silbermaske zu Ende leben w�rde.� Ihre Schultern begannen zu zucken. Ich w�nschte, ich hatte sie in die Arme nehmen und tr�sten K�nnen. �Ich bin eine Entw�rdigte�, fuhr sie fort, �eine Verr�terin der hohen Prinzipien Tharnas.�</p><p>�Was ist aus dem Mann geworden?�</p><p>�Ich versteckte ihn�, sagte sie, �und schmuggelte ihn aus der Stadt.� Sie seufzte. �Er rang mir das Versprechen ab, ihm zu Folgen, aber ich wu�te, da� ich das nicht einhalten konnte.�</p><p>�Was hast du getan?�</p><p>�Als er in Sicherheit war�, sagte sie, �tat ich meine Pflicht. Ich trat vor den Hohen Rat von Tharna und legte ein Gest�ndnis ab. Es wurde entschieden, da� ich meine Silbermaske verlieren, das Sklavenkleid anziehen und den Kragen bekommen sollte. Und dann sollte ich in die Anbaugebiete geschickt werden, um dort den Feldsklaven Wasser zu bringen.�</p><p>Sie begann zu weinen.</p><p>�Du hattest dich dem Hohen Rat nicht stellen d�rfen.�</p><p>�Warum?� fragte sie. �War ich denn nicht schuldig?�</p><p>�Nein�, sagte ich entschieden.</p><p>�Ist denn die Liebe kein Verbrechen?�</p><p>�Nur in Tharna.�</p><p>�Du bist seltsam�, sagte sie lachend, �wie Andreas aus Tor.� �Was ist mit Andreas? Wenn du nicht zu ihm kommst, wird er dich dann nicht suchen und wieder in die Stadt kommen?�</p><p>�Nein�, sagte sie. �Er wird denken, da� ich ihn nicht mehr liebe.� Sie senkte den Kopf. �Er wird weiterziehen und sich eine andere Frau suchen � eine, die lieblicher ist als ein M�dchen aus Tharna.� �Das glaubst du doch wohl selbst nicht!�</p><p>�Doch�, sagte sie. �Und er kommt bestimmt nicht in die Stadt. Er wei�, da� er sofort verhaftet und wom�glich in die Bergwerke geschickt w�rde.�</p><p>�Du glaubst also, er habe Angst, in die Stadt zu kommen?� fragte ich. �Ja, er ist kein Narr.�</p><p>�Was?� rief eine fr�hliche junge Stimme. �Was wei� ein M�dchen wie du von Narren, von der Kaste der S�nger, von uns Dichtern?�</p><p>Linna sprang auf.</p><p>Durch die T�r stolperte eine gejochte Gestalt, die von zwei Speerschaften vorw�rtsgesto�en wurde. Sie torkelte durch das Verlies, ehe Sie mit dem Joch gegen die Wand polterte und zum Stehen kam. Es gelang dem Mann, das Joch herumzudrehen und sich an der Wand zu Boden gleiten zu lassen.</p><p>Er war ein ungepflegter, st�mmiger junger Bursche mit fr�hlichen blauen Augen und einem wilden Haarschopf, der mich an das Fell eines schwarzen Larl erinnerte. Er sa� dort im Stroh und blickte mit fr�hlichem, freiem L�cheln zu uns auf. Er reckte den Hals im Joch und bewegte die Finger.</p><p>�Also, Linna�, sagte er. �Ich bin gekommen, dich zu entf�hren.� �Andreas!� rief sie und st�rzte zu ihm.</p><p/><p/></section><section><title><p>13</p></title><p>Die Sonne stach mir in die Augen. Der wei�e, duftige Sand, der mit Glimmer durchsetzt war, brannte mir unter den F��en. Ich kniff die Augen zusammen, blinzelte und versuchte den Schmerz des grellen Lichts herabzumindern. Schon sp�rte ich, wie sich die Sonnenhitze in mein silbernes Joch bohrte.</p><p>Mein R�cken bekam die Sch�fte mehrerer Speere zu sp�ren, als ich weitergetrieben wurde, wobei ich bis zu den Kn�cheln im hei�en Sand versank. Links und rechts von mir erlitten andere Gefangene ein �hnliches Schicksal; sie wurden wie Tiere vorangetrieben. Einige jammerten, andere fluchten, manche blieben stumm. Zu diesen geh�rte Andreas aus der W�stenstadt Tor, der zu meiner Linken ging. Endlich h�rte die Qual der Speere auf.</p><p>�Kniet vor der Tatrix von Tharna!� befahl eine klare Stimme, die durch eine Art Schallrohr zu uns sprach.</p><p>Ich h�rte Andreas� Stimme neben mir. �Seltsam�, sagte er, �gew�hnlich nimmt die Tatrix nicht an den Schauspielen von Tharna teil.� Ich fragte mich, ob ich der Grund sei, da� die Tatrix heute gekommen war.</p><p>�Kniet vor der Tatrix von Tharna!� wiederholte die Stimme.</p><p>Die anderen Gefangenen gehorchten. Nur Andreas und ich blieben stehen.</p><p>�Warum kniest du nicht nieder?� fragte ich.</p><p>�Glaubst du, da� nur Krieger Mut haben?�</p><p>Pl�tzlich erhielt er einen brutalen Speerhieb in den R�cken, und st�hnend sank er zu Boden. Auch mich traf der Speerschaft mehrere Male, h�mmerte mir in den R�cken und gegen die Schultern, doch ich blieb stehen. Irgend etwas gab mir die Kraft, das Gewicht des Jochs und die Wucht der Hiebe auszuhalten und wie ein Ochse zu verharren. Mit lautem Knall wickelte sich die Peitsche pl�tzlich um meine Beine. Die Haut brannte wie von roten Flammen getroffen. Die F��e wurden mir unter dem K�rper fortgerissen, und ich fiel schwer in den Sand. Ich sah mich um.</p><p>Wie ich schon erwartet hatte, befanden wir uns im Sand einer gro�en Arena.</p><p>Sie war oval und hatte einen langen Durchmesser von etwa Hundert Metern. Der Sand war von vier Meter hohen Mauern umschlossen. Die Mauern grenzten Trib�nen ein, die in hellen Farben gehalten waren, golden, purpurn, rot, orange, gelb und blau.</p><p>Die Oberfl�che der Arena, der gepflegte wei�e Sand, trug zu dem farbenfrohen Bild bei. �ber bestimmten Teilen der Trib�nen, die zu allen Seiten aufragten, hingen riesige gestreifte Stoffbahnen aus roter und gelber Seide, die sich im Winde bauschten.</p><p>Es hatte den Anschein, als w�rden all die herrlichen Farben Gors, die den Geb�uden Tharnas vorenthalten wurden, an diesem Ort der Schauspiele um so reichlicher zur Schau gestellt.</p><p>In den Trib�nen, von den Bahnen beschattet, sah ich Hunderte von Silbermasken. Die hochm�tigen Frauen Tharnas, die gelassen auf ihren Banken sa�en, auf bunten Seidenkissen, und die nun gespannt auf den Beginn der Spiele warteten.</p><p>Ich bemerkte auch das Grau von M�nnern auf den Trib�nen. Bei einigen handelte es sich um bewaffnete Krieger, die vielleicht postiert waren, um auf Ordnung zu achten, doch viele mu�ten gew�hnliche tharnaische B�rger sein. Einige schienen sich zu unterhalten, schlossen vielleicht sogar Wetten ab, doch die meisten sa�en starr auf ihren Steinbanken, ernst und stumm in ihren grauen Tuniken, und was hinter ihren Stirnen verging, war nicht zu Ahnen. Linna hatte Andreas und mir im Verlies erz�hlt, da� ein tharnaischer Mann die Schauspiele seiner Stadt mindestens viermal im Jahr besuchen m�sse, und da� er, falls er die n�tigen Besuche nicht zusammenbekam, selbst in die Arena gejagt werde.</p><p>Ungeduldige Rufe wurden auf den Trib�nen laut, schrille Frauenstimmen, die so gar nicht zu der Ruhe der Silbermasken pa�ten. Alle Augen waren auf den Teil der Trib�nen gerichtet, vor dem wir knieten, eine Abteilung, die mit Gold ausgeschlagen war.</p><p>Ich hob den Blick �ber die Mauer und sah dort in ihren goldenen Roben die Frau, die allein berechtigt war, eine goldene Maske zu tragen, die Erste Frau Tharnas � Lara, die Tatrix.</p><p>Sie erhob sich von ihrem goldenen Thron und streckte den Arm aus. Sie trug einen goldenen Handschuh, an dem ein kleines goldenes Tuch flatterte.</p><p>Es wurde still in der Runde.</p><p>Zu meiner Verbl�ffung begannen die M�nner Tharnas, die neben mir in der Arena knieten, M�nner, die von ihrer Stadt ausgesto�en worden waren, ein seltsames Lied zu singen. Andreas und ich konnten, da wir nicht aus Tharna stammten, den Text nicht mitsingen. Ich mochte behaupten, da� er ebenso �berrascht war wie ich.</p><p/><p>     Obwohl wir nur niedere Tiere sind
     Die nur Eurer Bequemlichkeit leben,
     Nur zu Eurem Vergn�gen sterben,
     Beten wir die Masken Tharnas an.</p><p>     Heil den Masken Tharnas!</p><p>     Heil der Tatrix unserer Stadt!</p><p/><p>Das goldene Tuch flatterte in den Sand der Arena, und die Tatrix setzte sich und lehnte sich bequem in die Kissen ihres Throns zur�ck. Die Stimme sagte durch das Schallrohr: �M�gen die Schauspiele von Tharna beginnen!�</p><p>Begeisterte Ausrufe und schrille Schreie begr��ten diese Ank�ndigung, doch blieb mir keine Zeit zum Zuh�ren, denn ich wurde grob hochgerissen.</p><p>�Zuerst�, sagte die Stimme, �findet der Ochsenkampf statt.�</p><p>Es standen etwa vierzig Gefangene in der Arena. In wenigen Sekunden hatten uns die W�chter zu Vierergruppen auseinandergetrieben und verbanden unsere Joche mit Ketten. Mit Peitschen trieben sie uns dann zu einigen gro�en Granitbl�cken von denen jeder eine Tonne wiegen mochte. An den Seiten der Felsbl�cke waren schwere Eisenringe befestigt. Mit Ketten wurde jede Gruppe an einem solchen Block festgemacht.</p><p>Nun wurde uns die Richtung angegeben. Das Rennen begann und endete vor der goldenen Mauer, hinter der die goldschimmernde Tatrix von Tharna sa�. Jedes Gespann hatte seinen Fahrer, der eine Peitsche bei sich trug und wahrend des Rennens auf dem Felsblock sa�. M�hsam zerrten wir die schweren Blocke vor die goldene Mauer. Das Silberjoch, das in der Hitze gl�hte, brannte mir am Hals und auf den Schultern. Als wir so vor der Mauer standen, h�rte ich das Gel�chter der Tatrix, und mir wurde vor Wut schwarz vor den Augen.</p><p>Unser Fahrer war der Mann mit den ledernen Armreifen, der mich aus den Urt-Verliesen in den Thronsaal der Tatrix gebracht hatte. Er kam heran und �berpr�fte jeden von uns, sah nach den Ketten. Als er mein Joch und meine Kette betastete, sagte er:, �Dorna die Stolze hat hundert goldene Tarnm�nzen auf diesen Block gesetzt. Du mu�t daf�r sorgen, da� er nicht verliert.�</p><p>�Und wenn er doch verliert?� fragte ich.</p><p>�Dann werdet ihr alle in Tharlarion�l gekocht!� sagte er lachend. Die Hand der Tatrix hob sich gelassen einige Zentimeter von der Armst�tze ihres Thronsessels, und das Rennen begann.</p><p>Unser Felsblock verlor das Rennen nicht.</p><p>Mit schmerzenden Muskeln, in aller Hast, immer wieder getroffen von den Peitschenhieben unseres Fahrers, legten wir uns ins Geschirr. Bald verfluchten wir den bunten Sand der Arena, der sich vor dem Block aufh�ufte, als wir den Felsen Meter um Meter �ber die Strecke zogen. Doch wir schafften es, die Zone vor der goldenen Mauer als erste zu erreichen. Als wir von den Ketten befreit wurden, mu�ten wir feststellen, da� wir einen Mann mitgezerrt hatten, der im Geschirr gestorben war. Ersch�pftt lie�en wir uns in den Sand sinken.</p><p>�Der Kampf der Ochsen!� rief eine der Silbermasken, und ihr Schrei wurde von anderen Frauen aufgenommen, bis schlie�lich die ganze Arena widerhallte: �Der Kampf der Ochsen!� riefen die Frauen Tharnas. Wieder wurden wir auf die Beine gezerrt, und zu meinem Entsetzen wurden unsere Joche mit st�hlernen Spitzen versehen, die fast vierzig Zentimeter lang und nagelspitz waren.</p><p>Andreas, dessen Joch �hnlich ausgestattet wurde, wandte sich an mich. �Wir m�ssen uns vielleicht verabschieden, Krieger�, sagte er. �Ich hoffe nur, da� wir nicht gegeneinander k�mpfen m�ssen.�</p><p>�Ich w�rde dich nicht t�ten�, sagte ich.</p><p>Er sah mich seltsam an.</p><p>�Ich dich auch nicht�, erwiderte er nach kurzem Schweigen, �aber wenn wir gegeneinander ausgelost werden und nicht k�mpfen, werden wir beide get�tet.�</p><p>�Dann sei es�, sagte ich.</p><p>Andreas l�chelte mich an. �So sei es, Krieger!�</p><p>In unseren Jochen sahen wir einander an, in dem Bewu�tsein, da� wir hier im Sand der tharnaischen Arena einen neuen Freund gefunden hatten.</p><p>Mein Gegner war nicht Andreas, sondern ein gedrungener, kr�ftiger Mann mit kurzgesch�renem gelbem Haar, Kron aus Tharna, aus der Kaste der Metallarbeiter. Seine Augen waren blau wie Stahl. Ein Ohr war ihm halb abgerissen worden.</p><p>�Ich habe die Schauspiele von Tharna schon dreimal �berlebt�, sagte er, als wir uns gegen�berstanden.</p><p>Ich musterte ihn eingehend. Er war bestimmt ein gef�hrlicher Gegner. Der Mann mit den Armreifen umkreiste uns mit seiner Peitsche und wandte den Blick nicht vom Thron der Tatrix. Wenn sich der goldene Handschuh wieder erhob, konnte der f�rchterliche Kampf beginnen. �Seien wir menschlich�, sagte ich zu meinem Gegner. �Weigern wir uns, dieses sinnlose Spiel mitzumachen. Ich habe keine Lust, dich zum Vergn�gen dieser Frauen hinter den Silbermasken umzubringen.� Der blonde Mann starrte mich an, als hatte er meine Worte nicht geh�rt. Er schien mich nicht zu begreifen. Dann vermeinte ich zu sehen, wie meine Worte zu ihm durchdrangen, wie tief in ihm etwas angesprochen wurde, das er vor langer Zeit begraben hatte. In seine hellblauen Augen trat ein seltsamer Schimmer, der sofort wieder verschwand.</p><p>�Wir w�rden beide umgebracht�, sagte er.</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>�Fremder�, sagte er. �Ich will die Schauspiele von Tharna noch einmal �berlegen � wenigstens noch dieses Mal.�</p><p>�Na gut�, sagte ich und machte mich bereit.</p><p>Die Hand der Tatrix schien in der Luft zu schweben. Ich sah sie nicht, denn ich nahm den Blick nicht mehr von meinem Gegner.</p><p>�Beginnt�, sagte der Mann mit den Armreifen.</p><p>Und so begannen Kron und ich einander zu umkreisen, leicht vorgebeugt, um die Spitzen an unserem Joch gut einzusetzen.</p><p>Einmal, zweimal ging er zum Angriff �ber, hielt sich jedoch im letzten Augenblick zur�ck, um zu sehen, ob er mich aus meiner Reserve locken und aus dem Gleichgewicht bringen k�nne, wenn ich mich seinem Artgriff entgegenstemmte.</p><p>Vorsichtig bewegten wir uns hin und her, machten von Zeit zu Zeit Scheinvorsto�e mit den schweren Jochen. Auf den Trib�nen wurde es unruhig. Der Mann mit den Armb�ndern lie� seine Peitsche knallen. �Blut soll flie�en!� sagte er.</p><p>Pl�tzlich fuhr Krons Fu� durch den wei�en Sand, in dem der Glimmer zuckte, und staubte eine breite Bahn bunter Partikel in die H�he. Wie ein silberner Regen rieselten die Sandk�rner auf mich zu, �berraschten mich, blendeten mich.</p><p>Ich lie� mich sofort auf die Knie fallen, und die vorsto�enden Spitzen Krons gingen �ber mir ins Leere. Im gleichen Augenblick b�umte ich mich unter seinem K�rper auf, nahm ihn auf die Schulter, schleuderte ihn nach hinten in den Sand.</p><p>Ich h�rte den schweren Aufprall, h�rte Krons �ngstlichen Ausruf, sein w�tendes Schnauben. Ich konnte mich nicht umwenden und ihn angreifen, weil ich mir einen Fehlschlag nicht erlauben durfte. Wild sch�ttelte ich den Kopf; meine H�nde, hilflos im Joch gefesselt, versuchten vergeblich meine Augen zu erreichen, um die blendenden, brennenden Sandk�rner unter den Lidern fortzuwischen. Durch die Dunkelheit, in meinem heftig hin und her schwingenden Joch h�rte ich die wilden Schreie der Menge.</p><p>Geblendet h�rte ich, wie sich Kron langsam aufrichtete, wie er das schwere Joch in die Hohe wuchtete. Ich h�rte seinen kurzen Atem, die heftigen Atemst��e, die mich an ein Tier erinnerten. Ich h�rte seine kurzen, schnellen Schritte im Sand, die ihn zur Attacke in meine N�he trugen.</p><p>Ich brachte mein Joch in die Schr�ge, lies es zwischen seine Spitzen gleiten, wehrte den Aufprall ab. Es gab ein Ger�usch, als stie�en zwei Ambosse zusammen.</p><p>Ich versuchte, seine H�nde zu erreichen, doch er hielt die F�uste geballt und neigte sie von mir fort, soweit das in der Enge des Jochs m�glich war. Meine Hand umklammerte seine abgeknickte Faust und glitt ab, vermochte in all dem Schwei� nicht fest genug zuzupacken.</p><p>Ein zweitesmal und ein drittesmal griff er an, und jedesmal gelang es mir, den Vorsto� abzublocken und der Wucht des gewichtigen Jochs zu widerstehen und den gef�hrlichen Spitzen zu entgehen. Einmal klappte das Man�ver nicht ganz, und eine Stahlspitze fuhr mir an der Flanke entlang und hinterlie� eine blutige Kerbe. Die Menschenmenge auf den Trib�nen tobte.</p><p>Pl�tzlich schaffte ich es, meine H�nde unter sein Joch zu heben. Es war hei� von der Sonne, und meine Handfl�chen begannen sofort zu schmerzen. Kron war ein schwerer, doch kleiner Mann, und ich hob sein Joch mit dem meinen in die H�he � zur Verbl�ffung der Zuschauermenge, die pl�tzlich verstummt war.</p><p>Kron fluchte, als er den Boden unter den F��en verlor. Er wand sich in seinem Joch hin und her, begann zu zappeln und nach mir zu treten, doch unter Aufbietung aller Kr�fte schleppte ich ihn zur goldenen Mauer und schleuderte ihn dagegen. Die Ersch�tterung war zuviel f�r den Mann, der in seinem Joch gefesselt war; w�re er weniger kr�ftig gewesen, h�tte sie bestimmt seinen Tod bedeutet.</p><p>Kron hing schlaff in seinem Joch. Er war bewu�tlos. Langsam dr�ckte das Gewicht der silbernen Fessel seinen schlaffen K�rper an der Wand hinab, bis er seitlich im Sand lag. Schwei� und Tr�nen hatten meine Augen inzwischen von dem schlimmsten Sand befreit, so da� ich wieder einigerma�en sehen konnte.</p><p>Ich schaute zur schimmernden Maske der Tatrix auf. Neben ihr machte ich die Silbermaske Dornas der Stolzen aus.</p><p>�T�te ihn�, sagte Dorna und deutete auf den Bewu�tlosen Kron. Ich lie� meinen Blick �ber die Trib�nen wandern.</p><p>�berall sah ich Silbermasken und h�rte das schrille Kommando: �T�te ihn!� Auf allen Seiten wurde die mitleidslose Geste vollf�hrt, die ausgestreckte rechte Hand, mit der Handfl�che nach Innen, die grausam zuckende Fallbewegung. Die Frauen in den Silbermasken waren aufgesprungen, und ihre schrillen Schreie drangen wie Messerspitzen auf mich ein, die Luft schien von der Vibration ihres Willens erf�llt zu sein: �T�te ihn!�</p><p>Ich wandte mich um und wanderte langsam in die Mitte der Arena. Kn�cheltief stand ich dort im Sand, von Schwei� und Sandk�rnern bedeckt, mein R�cken blutig von den Peitschenhieben des Felsenrennens, an der Seite durch Krons Jochstachel verletzt. Ich r�hrte mich nicht.</p><p>Die Wut der Zuschauer kannte keine Grenzen.</p><p>Allein und stumm stand ich in der Mitte der Arena, scheinbar geistesabwesend, scheinbar taub, und die unz�hligen Frauen hinter den Silbermasken begriffen, da� hier jemand ihren Willen abgesch�ttelt hatte, da� jenes Wesen, das dort im Sand unter ihnen stand, entschlossen war, ihnen den Spa� zu verderben. Aufspringend, kreischend, die silbrigen Fauste sch�ttelnd, so schrien sie keifend ihre Emp�rung heraus. Die schrille Wut dieser maskierten Wesen schien keine Grenzen zu kennen, schien an Hysterie, an Wahnsinn zu grenzen. Ruhig wartete ich in der Mitte der Arena auf die Krieger.</p><p>Der erste Mann, der mich erreichte, war der Peitschenschwinger. Sein Gesicht war wutverzerrt �Sleen!� schrie er. �Du hast die Schauspiele von Tharna verdorben!�</p><p>Zwei Krieger entfernten hastig die Spitzen von meinem Joch und zerrten mich zur goldenen Mauer.</p><p>Wieder stand ich unter der goldenen Maske der Tatrix.</p><p>Ich fragte mich, ob ich einen schnellen Tod erleiden w�rde.</p><p>Es wurde still in der Kampfbahn. Eine seltsame Spannung lag in der Luft, als nun alle auf die Worte der Tatrix warteten. Die goldene Maske und der Umhang schimmerten �ber mir. Ihre Worte waren klar und deutlich. �Entfernt sein Joch!� sagte sie.</p><p>Ich glaubte nicht richtig zu h�ren.</p><p>Hatte ich die Freiheit gewonnen? Ging es bei den Schauspielen von Tharna um diesen Preis? Oder hatte die wilde, stolze Tatrix die Grausamkeit der Spiele erkannt? Hatte in dieser kalten, schimmernden Goldrobe pl�tzlich ein Herz geschlagen, hatte es sich gezeigt, da� diese Frau doch des Mitleids f�hig war? Oder hatte der Schrei nach Gerechtigkeit in ihr die Oberhand gewonnen, das Gef�hl, da� ich unschuldig war und in Ehren aus Tharna geleitet werden m��te? Dankbarkeit erf�llte mein Herz. �Danke, Tatrix�, sagte ich.</p><p>Sie lachte. �.. . damit er dem Tarn als Mahlzeit dienen kann!� sagte sie.</p></section><section><title><p>14</p></title><p>Das Joch wurde mir abgenommen.</p><p>Die anderen Gefangenen wurden mit Peitschenhieben aus der Arena getrieben. Sie kehrten in ihre Verliese zur�ck oder wurden in die Bergwerke geschickt.</p><p>Andreas aus Tor hatte versucht, an meiner Seite zu bleiben und mein Schicksal zu teilen, doch man schlug ihn bewu�tlos und schleifte ihn aus der Arena.</p><p>Die Zuschauer schienen auf das nun bevorstehende Schauspiel besonders gespannt zu sein. Unruhig regten sich die Silbermasken unter den hin und her schwankenden Stoffbahnen. Man r�ckte die Seidenkissen zur�ck, nahm geistesabwesend S��igkeiten und andere Knabbereien zu sich, die von graugekleideten Gestalten gereicht wurden. In die Stille ert�nten Rufe nach dem Tarn und gelegentliche Sp�tteleien, die gegen mich gerichtet waren.</p><p>Vielleicht waren die Schauspiele von Tharna noch nicht verdorben; vielleicht stand das Beste �berhaupt noch bevor? Gewi� bot mein Tod durch den Schnabel und die Krallen eines Tarns einen schonen Ausgleich f�r den eben entgangenen Todeskampf, schenkte den unstillbaren Silbermasken Tharnas die ersehnte Nahrung, einen Ausgleich f�r die erlittene Entt�uschung, f�r die Mi�achtung ihres Willens, f�r den Trotz, den sie sich hatten gefallen lassen m�ssen! Obwohl ich sp�rte, da� ich nun sterben sollte, gefiel mir die Todesart nicht schlecht. So schrecklich den Silbermasken Tharnas das Schauspiel erscheinen mochte � sie wu�ten nicht, das ich einst Tarnk�mpfer gewesen war und den Tarnvogel kannte, seine Macht und Wildheit; das ich ihn auf meine Art liebte und als Krieger den Tod durch einen Tarn nicht f�r unehrenhaft hielt.</p><p>Grimmig l�chelte ich vor mich hin.</p><p>Mir ging es wie den meisten anderen Mitgliedern meiner Kaste � mehr als die monstr�sen Tarns, jene fleischfressenden Riesenfalken Gors, f�rchtete ich Wesen wie die winzige Ost, ein kleines, b�sartiges Reptil, orangefarben, wenige Zentimeter lang, das in der Sandale eines Mannes lauern und ohne Provokation oder Vorwarnung zusto�en mochte. Die winzigen Nadelz�hne der Ost waren nur das Vorspiel eines qualvollen Kampfes, der in jedem Falle zum Tode f�hrte. Unter Kriegern galt der Bi� einer Ost als eines der grausamsten Tore zur Stadt des Staubes; der Bi� eines Tarn und seine scharfen Krallen waren diesem Tod bei weitem vorzuziehen.</p><p>Nun war ich nicht mehr gefesselt.</p><p>Ich war frei und konnte im Sand herumwandern. Die einzigen Gef�ngnismauern waren nur noch die Abgrenzungen dieser Arena. Ich geno� die neue Freiheit, das Fehlen des Jochs, obwohl ich wu�te, da� sie mir nur gewahrt wurde, um das kommende Schauspiel noch Sch�ner zu machen. Ich sollte die Flucht ergreifen, ich sollte schreien und zappeln k�nnen, ich sollte mich im Sand verstecken � Dinge, an denen die Silbermasken Tharnas ihren Spa� haben wurden.</p><p>Ich bewegte H�nde und Schultern, spannte die Muskeln auf meinem R�cken. Meine Tunika war langst zerrissen, und ich entfernte die nutzlosen Fetzen bis zu meinem G�rtel. Mein K�rper freute sich der neugewonnenen Freiheit.</p><p>Langsam wanderte ich zum Fu�e der goldenen Mauer, wo das goldene Tuch der Tatrix lag, dessen Herabflattern den Beginn der Spiele gekennzeichnet hatte.</p><p>Ich nahm es auf.</p><p>�Behalte es als Geschenk�, sagte eine hochm�tige Stimme von oben. Ich hob den Kopf und schaute auf die schimmernde Goldmaske der Tatrix.</p><p>�Etwas, das dich immer an die Tatrix von Tharna erinnern soll�, sagte die Stimme hinter der goldenen Maske am�siert.</p><p>Ich grinste die goldene Maske an, nahm das Tuch in die rechte Hand und wischte mir damit langsam Schwei� und Sand aus dem Gesicht. Ober mir stie� die Herrscherin einen Wutschrei aus.</p><p>Ich h�ngte mir das Tuch um die Schultern und kehrte in die Mitte der Arena zur�ck.</p><p>Kaum war ich dort angekommen, als auch schon ein Teil der Wand zur�ckgerollt und ein Portal enth�llt wurde, das fast so hoch war wie die Wand und etwa f�nf Meter breit. Durch dieses Portal kamen zwei lange Reihen gejochter Sklaven, die unter den Peitschenhieben zahlreicher Aufseher eine gro�e Holzplattform auf riesigen Holzr�dern herausrollten. Ich wartete ab.</p><p>Freudige Rufe von den Rangen begr��ten dieses Schauspiel, die Silbermasken gerieten in Bewegung.</p><p>Langsam wurde die quietschende Plattform in den Sand herausgezogen, von den stampfenden Sklaven gezogen, die wie Ochsen angeschirrt waren, und nach und nach sah ich den Tarn erscheinen � ein riesiges schwarzes Tier, dessen Kopf verh�llt, dessen Schnabel zugeschn�rt war. Mit einem Bein war er an einer schweren Silberstange festgekettet. Das Tier konnte nicht fliegen, doch es konnte sich bewegen und dabei die silberne Last mit sich herumschleppen. Auch dieser Tarn trug sein Joch.</p><p>Die Plattform kam n�her, und zum Erstaunen der Menge ging ich ihr entgegen.</p><p>Das Herz schlug mir bis zum Halse.</p><p>Ich betrachtete den Tarn.</p><p>Die Zeichnung der Federn war mir nicht unbekannt. Ich untersuchte das schwarzschimmernde Gefieder, den monstr�sen gelben Schnabel, der grausam zugeschn�rt worden war. Ich verfolgte das Schnappen der riesigen Fl�gel, die durch die Luft pfiffen und die Sklaven ringsum in den Sand warfen, als die Federn wie ein Hurrikan �ber sie dahinfuhren. Das riesige Tier hob den Kopf. Es roch die Freiheit, begann heftiger mit den Fl�geln zu schlagen, Nat�rlich w�rde es nicht zu fliegen versuchen, solange sein Kopf verh�llt war; auch bezweifelte ich, da� der Vogel die riesige Silberstange in die Luft heben konnte. Wenn es sich wirklich um den Vogel handelte, den ich zu erkennen glaubte, w�rde er nicht sinnlos gegen die entw�rdigende Last ank�mpfen, w�rde keinem das Schauspiel seiner Hilflosigkeit bieten. Ich wei�, da� sich das seltsam anh�rt, doch ich glaube, da� manche Tiere Stolz kennen, und wenn das wirklich stimmte, geh�rte dieses Monstrum auf jeden Fall dazu.</p><p>�Zur�ck!� schrie einer der Sklaventreiber.</p><p>Ich ri� ihm die Peitsche aus der Hand und stie� ihn mit dem Arm zur Seite. Er stolperte und st�rzte in den Sand. Ver�chtlich warf ich die Peitsche hinter ihm her.</p><p>Ich stand nun neben der Plattform. Ich wollte den Ring sehen, den der Vogel trug. Befriedigt stellte ich fest, da� seine Krallen stahlbewehrt waren. Es handelte sich um einen Kriegstarn, ein Tier, das wegen seiner Ausdauer, wegen seines Wagemuts ausgew�hlt worden war, das speziell im Luftkampf geschult war. Meine Nase atmete den wilden, starken Duft des Tarns ein, der manche anwidert, f�r den Tarnk�mpfer jedoch das reinste Ambrosia ist.</p><p>Als ich neben dem Vogel stand, war ich gl�cklich, obwohl ich wu�te, da� mich das Tier t�ten sollte. Ich hatte fast das Gef�hl, als w�re ich endlich nach Ko-ro-ba zur�ckgekehrt, als hatte ich in dieser feindlichen grauen Stadt endlich etwas gefunden, das mir Bekannt war, das mir geh�rte, das die T�rme des Morgens mit mir geteilt hatte. Ich ergriff den Ring des Vogels und � stellte fest, da� der Name seiner Heimatstadt ausgefeilt worden war, wie ich es erwartet hatte.</p><p>�Dieser Vogel�, sagte ich zu einem der Sklaven, �kommt aus Ko-ro-ba.� Der Sklave erschauerte unter seinem Joch, als er den Namen der Stadt h�rte. Er wandte sich von mir ab und lie� sich hastig abf�hren, begierig, in den Schutz der Verliese zur�ckzukehren.</p><p>Obwohl es den meisten Zuschauern seltsam vorkommen mu�te, da� der Tarn ungew�hnlich ruhig war sp�rte ich, da� das Tier vor Erregung zitterte. Mir ging es nicht anders. Ich sp�rte die Unsicherheit des Tarns. Der Vogel hatte den Kopf gehoben, schien in die Dunkelheit zu lauschen, die ihn unter seiner Haube umgab. Ich fragte mich, ob er meinen Geruch wahrgenommen hatte. Im n�chsten Augenblick wandte sich der gelbe Schnabel fragend in meine Richtung. Der Mann mit den ledernen Armb�ndern, der mich in den letzten Stunden so oft ausgepeitscht hatte, kam mit erhobener Peitsche n�her. �Verschwinde hier!� rief er.</p><p>Ich starrte ihn an. �Ich bin kein gejochter Sklave mehr!� sagte ich. �Du stehst vor einem Krieger!�</p><p>Seine Faust krampfte sich um die Peitsche.</p><p>Ich lachte ihm ins Gesicht. �Wenn du mich schl�gst, bringe ich dich um.� �Ich habe keine Angst vor dir�, sagte er mit bleichem Gesicht und wich zur�ck. Der Arm mit der Peitsche senkte sich.</p><p>Wieder lachte ich.</p><p>�Du bist sowieso bald tot�, sagte er stammelnd. �Schon hundert Tarnreiter haben den Vogel besteigen wollen, und kaum einer hat es �berlebt. Die Tatrix hat bestimmt, da� der Vogel nur noch bei den Schauspielen einzusetzen ist.�</p><p>�Nimm ihm die Haube ab!� sagte ich. �Macht das Tier frei!�</p><p>Der Mann sah mich an, als h�tte ich den Verstand verloren. Gewi�, mein Eifer kam auch mir ein wenig �berraschend. Speerbewaffnete Krieger eilten herbei, dr�ngten mich zur�ck. Ich stand in einiger Entfernung von der Plattform im Sand und sah zu, wie das Tier freigemacht wurde. Es war totenstill auf den Trib�nen.</p><p>Ich �berlegte, was hinter der goldenen Maske Laras, der Tatrix von Tharna, vorgehen mochte. Und ich fragte mich, ob der Vogel mich erkennen w�rde.</p><p>Ein schlanker Sklave wurde von einem anderen Sklaven in die Hohe gehoben und begann mit schnellen Bewegungen die Schn�re zu lockern, die den Schnabel umspannten und die Haube an Ort und Stelle hielten. Hastig sprang er dann zu Boden.</p><p>Der Tarn �ffnete den Schnabel, und die gelockerten Schn�re platzten auf. Mit herrischer Kopfbewegung t�nte der markersch�tternde Kriegsschrei des Tarn. Die schwarzen Nackenfedern richteten sich auf, und. der Wind schien jede Feder einzeln zu umspielen.</p><p>Es war ein herrlicher Anblick.</p><p>Ich wu�te, da� ich hier eines der gef�hrlichen Raubtiere Gors vor mir hatte � doch ich fand es herrlich anzuschauen.</p><p>�Ja! Ubar des Himmels!� rief ich und streckte die Arme aus.</p><p>�Kennst du mich nicht mehr? Ich bin Tarl aus Ko-ro-ba!� Ich wu�te nicht, welche Wirkung dieser Ruf auf die Zuschauer haben mochte, denn ich hatte sie vergessen. Ich konzentrierte mich auf den Riesentarn, als w�re er ein Krieger, ein Mitglied meiner Kaste. �Wenigstens hast du keine Angst vor dem Namen meiner Stadt.� Alle Gefahren mi�achtend trat ich an die Seite des Vogels. Ich sprang auf die schwere Holzplattform, auf der er sa�. Ich warf meine Arme um seinen Hals und begann zu weinen. Fragend ber�hrte mich der gro�e Schnabel. Nat�rlich kannte ein solches Tier keine Gef�hle, doch kam es mir vor, als musterten mich die gro�en runden Augen mit einem Ausdruck, der mich seltsam verwunderte. Erinnerte es sich etwa an die Abenteuer, die wir gemeinsam bestanden hatten, an das Klirren der Waffen im Himmelskampf? Erinnerte er sich an den Vosk, der wie ein Silberband unter uns lag, an die zerkl�fteten Voltai-Berge; erinnerte er sich an Thentis, an die Lichter der Stadt Ar, in der gerade das gro�e Pflanzenfest gefeiert wurde? Nein, wahrscheinlich teilte der Vogel diese Erinnerungen nicht, die mir soviel bedeuteten. Sanft schob der Riesentarn seinen Schnabel unter meinen Arm. Ich wu�te, da� die tharnaischen Krieger nun zwei Wesen t�ten mu�ten, denn der Tarn w�rde mich verteidigen.</p><p>Ich hob den Kopf, starrte zu den Trib�nen hin�ber. Der Vogel sch�ttelte das Bein, mit dem er an der gro�en Silberstange festgemacht war. Ich kniete nieder und untersuchte die Last. Die Stange war nicht angeschmiedet, da sie im Tarnk�fig abgenommen wurde, damit der Vogel auf der Stange hocken und sich frei bewegen konnte. Zum Gl�ck war auch kein Schlo� angebracht, sondern nur ein schwerer Bolzen, der ein eckiges Ende hatte � ein Bolzen von etwa f�nf Zentimeter Durchmesser.</p><p>Meine H�nde zerrten an dem Bolzen, der sich jedoch nicht von der Stelle r�hrte. Offensichtlich war er mit einer Zange festgemacht. Ich griff fester zu, versuchte ihn herauszudrehen. Doch es tat sich nichts. Ich k�mpfte damit, begann zu fluchen. Eine innere Stimme flehte, da� sich der Bolzen doch bewegen m�ge. Doch nichts geschah.</p><p>Ich wurde mir nun des Tumults auf den Trib�nen bewu�t. Die Frauen schrien durcheinander � ungeduldig, verwirrt. Die Silbermasken Tharnas wurden nicht nur ein weiteres Mal um ihr Schauspiel betrogen, sie waren auch verwirrt und ratlos. Sie hatten sehr schnell gemerkt, da� der Tarn aus irgendeinem unverst�ndlichen Grunde keine Lust hatte, mich anzugreifen, und wie immer meine Chancen aussehen mochten � es wurde jedenfalls sehr schnell klar, da� ich den Vogel freisetzen wollte.</p><p>Die Stimme der Tatrix drang an mein Ohr: �T�tet ihn!� schrie sie. Ich h�rte auch die Stimme Dornas der Stolzen, die die Krieger zur Eile antrieb. Bald w�rden uns die Speertr�ger Tharnas gef�hrlich werden. Schon zwei oder drei Krieger waren �ber die Mauern der Trib�nen gesprungen und kamen naher. Die gro�e T�r, durch die der Tarn herausgezogen worden war, �ffnete sich ebenfalls, und ein Trupp Krieger eilte in die Arena.</p><p>Meine H�nde krampften sich noch fester um das Ende des Bolzen, der nun mit meinem Blut befleckt war. Ich sp�rte die Muskeln in meinen Armen und in meinem R�cken, die sich gegen das st�rrische Metall stemmten. Ein Speer bohrte sich dr�hnend in das Holz der Plattform. Ich war in Schwei� gebadet. Ein zweiter Speer vibrierte im Holz, er war naher als der erste. Es kam mir vor, als zerrte mir das Metall mein Fleisch von den H�nden, br�che mir die Fingerknochen. Ein dritter Speer streifte mein Bein. Der Tarn schob seinen Kopf �ber mich und stie� einen durchdringenden Wutschrei aus, der allen Zuschauern und Kriegern in die Glieder fahren mu�te. Die Speertr�ger schienen erstarrt zu sein und wichen zur�ck, als w�re der riesige Vogel l�ngst frei. �Narren!� schrie der Mann mit der Peitsche. �Der Tarn ist angekettet! Greift an! T�tet sie beide!�</p><p>In diesem Augenblick gab der Bolzen nach, ratschte aus der �ffnung, loste die Kette mit der Silberstange von dem Beinreif.</p><p>Als ob er verst�nde, das er nun frei war, sch�ttelte der Tarn das verha�te Metall von seinem Bein, hob den Schnabel zum Himmel und stie� einen Schrei aus, der in ganz Tharna zu H�ren sein mu�te, ein Schrei, wie er vielleicht nur im Thentisgebirge oder in den Voltai-Bergen zu h�ren ist, der Schrei des siegreichen wilden Tarns, der die ganze Erde als sein Jagdrevier beansprucht, mit allem, was darauf kreucht und fleucht.</p><p>Eine Sekunde lang hatte ich das besch�mende Gef�hl, da� der Vogel sofort davonfliegen w�rde, aber obwohl das Metall ihn nicht mehr hemmte, obwohl er frei war, obwohl die Speertr�ger wieder zum Angriff �bergingen, r�hrte er sich nicht von der Stelle.</p><p>Ich sprang auf seinen R�cken und klammerte mich an den Federn seines Halses fest. Was hatte ich jetzt f�r einen Tarnsattel und das breite purpurne Band gegeben, das den Krieger im Sattel festh�lt!</p><p>Kaum sp�rte er mein Gewicht auf dem R�cken, als der Tarn erneut aufschrie, mit einer Explosion seiner weiten Fl�gel in die Luft sprang und in schwindelnden Kreisen sofort an H�he gewann. Einige Speere fielen in langsamen Parabeln unter uns zur�ck, st�rzten wieder in den bunten Sand der Arena. Wutschreie wurden laut, als die Silbermasken Tharnas begriffen, da� ihnen die Beute entglitt, da� die Schauspiele ein b�ses Ende nahmen.</p><p>Ich hatte keine M�glichkeit, den Tarn nach meinem Willen zu lenken. Gew�hnlich wird der Vogel durch Z�gel gesteuert. Ein Band wird ihm um den Hals gelegt, von dem sechs Z�gel ausgehen, die in regelm��igen Abstanden rings um seinen Hals an diesem Band befestigt sind. Sie enden am Sattelring, der mit der Sitzfl�che fest verbunden ist. Durch einen Zug an diesen Z�geln l��t sich der Vogel steuern. Ich hatte nun weder Sattel noch Z�gel, ich hatte nicht einmal einen Tarnstab, ohne den sich ein Tarnk�mpfer seinem wilden Reittier kaum n�hern konnte. In dieser Beziehung machte ich mir jedoch keine Sorgen, da ich den Tarnstab sowieso nur selten eingesetzt hatte. Zu Anfang hatte ich ihn kaum benutzt, weil ich bef�rchtete, da� seine Wirkung zu schnell nachlassen konnte; schlie�lich hatte ich ihn �berhaupt nicht mehr eingesetzt und ihn nur bei mir gef�hrt, damit ich mich Notfalls gegen den Vogel verteidigen konnte. Ja, es war bekannt, da� Tarns bei gro�em Hunger ihren eigenen Herrn �berfielen � mit der gleichen Raubtierhaftigkeit, mit der sie sich etwa der gelben Antilope, dem Tabuk, ihrer Lieblingsbeute, oder dem b�sartigen, beh�bigen Bosk widmen, einem wilden Ochsentier der goreanischen Ebenen. Ich meinte auch, da� der Tarnstab das Verh�ltnis zwischen Reiter und Tarn nur verschlechtern konnte.</p><p>Ich sah die T�rme Tharnas und das schimmernde Oval der Arena unter den Fl�geln des Tarns kleiner werden. Mich erf�llte Etwas von dem erhabenen Gef�hl, das ich bei meinem ersten Tarnflug � mit diesem Tier � empfunden hatte. Jenseits von Tharna und seinem d�steren Umfeld sah ich die gr�nen Felder Gors, Haine aus gelben Ka-la-na-B�umen, die schimmernde Oberfl�che eines kleinen Sees und dar�ber den hellblauen lockenden Himmel. �Ich bin frei!� rief ich.</p><p>Doch als ich diesen Ruf ausstie�, wu�te ich auch, da� das nicht stimmte, und mir brannte die Scham auf den Wangen, denn wie konnte ich frei sein, wenn andere Menschen in dieser Frauenstadt weiter in Gefangenschaft leben mu�ten?</p><p>Da war zum einen das M�dchen, die freundliche Linna, die mir geholfen hatte, deren kastanienbraunes Haar mit grober Schnur verknotet war und die den grauen Kragen einer tharnaischen Staatssklavin trug. Da war Andreas aus Tor, aus der Kaste der S�nger, jung, mutig, voller Leben � ein Mann, der eher sterben als mich umbringen wollte, in die Bergwerke Tharnas verbannt. Und unz�hlige andere, unter dem Joch oder frei, gefesselt und ungefesselt, in den Bergwerken und in den gro�en Anbaugebieten, in der Stadt selbst. Und sie alle litten unter der Macht Tharnas und ihrer Gesetze, sie wurden erdr�ckt von den Traditionen der Stadt und empfanden es vielleicht als sch�nsten Augenblick im Leben, wenn sie am Ende eines arbeitsamen Tages eine kleine Schale Kal-da erhielten.</p><p>�Tabuk!� rief ich dem gefiederten Riesen zu. �Tabuk!�</p><p>Der Tabuk ist eine goreanische Antilopenart, die sehr h�ufig anzutreffen ist, ein kleines, anmutiges Tier, das in den Ka-la-na-Dickichten des Planeten lebt und sich manchmal mutig auf die Wiesen vorwagt, um dort nach Salz und Beeren zu suchen. Es ist zugleich eines der Lieblingsopfer des Tarn.</p><p>Der Tarnkrieger benutzt den Ruf: �Tabuk!� auf langen Fl�gen, wenn die Zeit kostbar ist und er dem Vogel die Jagd gestatten will, ohne selbst abzusteigen. Wenn er in den Feldern unten einen Tabuk oder irgendein anderes Tier ausmacht, schreit er: �Tabuk!� Das ist das Zeichen f�r den Tarn, auf die Jagd zu gehen. Er schlagt zu, verzehrt seine Beute und setzt seinen Flug fort � und die ganze Zeit �ber bleibt der Tarnreiter im Sattel. Ich hatte diesen Ruf noch nie zuvor gebraucht, doch mein Tarn war sicher von den Tarnz�chtern Ko-ro-bas entsprechend abgerichtet. Vielleicht reagierte er auf das alte Kommando. Ich selbst hatte den Vogel stets allein jagen lassen. Es war gut, wenn das Tier ab und zu ausruhen konnte, au�erdem hatte ich keine gro�e Lust, dabei zu sein, wenn ein Tarn seine Beute verzehrt.</p><p>Der gro�e schwarze Tarn begann zu meiner Freude sofort im Kreise zu schweben, als sei er mir erst gestern von den Tarnz�chtern �berlassen worden. Er war wirklich ein Tarn aller Tarns, ein Ubar der L�fte! Ich hatte mich f�r einen verzweifelten Plan entschieden, der mir sehr schlechte Chancen bot. Meine einzige Hoffnung war der Tarn, der das Gl�ck f�r mich beeinflussen konnte. Die b�sartigen Augen schimmerten, huschten �ber den Boden, Kopf und Schnabel waren vorgestreckt, die Fl�gel r�hrten sich kaum, w�hrend er in gro�en Kreisen �ber den T�rmen Tharnas dahinstrich und dabei immer mehr an H�he verlor. Jetzt passierten wir die tharnaische Arena, in der noch immer die Menschen durcheinanderliefen. Die Trib�nen waren noch voller Menschen, die darauf warteten, da� die goldene Tatrix den Ort des Geschehens als erste verlie�.</p><p>Inmitten der Menge erblickte ich tief unter mir die goldene Kleidung der Tatrix.</p><p>�Tabuk!� rief ich. �Tabuk!�</p><p>Das gro�e Raubtier schwang sich am Himmel herum, wendete geschickt im Flug. Es verhielt, die Sonne im R�cken. Seine stahlbewehrten Krallen fielen wie Haken herab; reglos schien er in der Luft zu beben; und dann hoben sich die Fl�gel in die Hohe, h�llten mich fast v�llig ein, r�hrten sich nicht mehr.</p><p>Der Fall war so sanft und lautlos wie der Sturz eines Felsens, wie das �ffnen einer Hand. Ich klammerte mich verzweifelt fest. Der Magen rutschte mir bis in den Hals. Die Trib�nen, die mit Roben und Masken angef�llt waren, schienen mir entgegenzust�rzen.</p><p>Schrille Entsetzensschreie wurden laut unter uns. Die Silbermasken, wehende schimmernde Roben, die Frauen Tharnas, die noch vor wenigen Sekunden w�tend protestiert hatten, flohen nun in panischem Entsetzen, liefen um ihr Leben, trampelten einander nieder, versuchten sich gegenseitig zur�ckzuhalten, die anderen zur�ckzuziehen, stiegen �ber B�nke, warfen sich sogar �ber die Wand in den Sand der Arena. In wenigen Sekunden, die f�r die Tatrix von Tharna zu den schrecklichsten ihres Lebens geh�ren mu�ten, stand sie allein vor ihrem Thron, von allen verlassen. Sie stand inmitten der verstreuten Kissen und Schalen mit S��igkeiten und blickte auf. Ein wilder Schrei ert�nte hinter der ausdruckslosen goldenen Maske. Die goldenen Arme ihrer Robe, die goldgesch�tzten H�nde, warfen sich �ber ihr Gesicht. Die Augen, die ich in diesem Sekundenbruchteil hinter der Maske sah, waren hysterisch vor Angst.</p><p>Der Tarn fand sein Ziel.</p><p>Die stahlbewehrten Klauen schlossen sich wie gewaltige Haken um den K�rper der kreischenden Tatrix. Einen Augenblick lang verhielt mein Tier, reglos, Kopf und Schnabel ausgestreckt, mit flatternden Fl�geln, die Beute in den Klauen, und stie� den markersch�tternden Eroberungsschrei des Tarns aus, ein Schrei des Sieges und der Herausforderung.</p><p>In den riesigen Krallen gefangen, vermochte sich die Tatrix nicht zu wehren. Sie zitterte unkontrolliert wie ein anmutiger gefangener Tabuk, der darauf wartete, in das Nest des Tarns gebracht zu werden. Die Tatrix konnte auch nicht mehr schreien.</p><p>Die Fl�gel des Riesenvogels entfesselten einen Sturm, und der Tarn erhob sich in die Luft, vor allen Zuschauern, stieg �ber die Trib�nen auf, �ber die Arena, �ber die T�rme und Mauern Tharnas und raste zum Horizont davon. Der goldschimmernde K�rper der Tatrix baumelte in seinen Klauen.</p><p/><p/></section><section><title><p>15</p></title><p>Der Tabuk-Schrei ist das einzige Wort, auf das ein Tarn eindeutig reagiert. Alle anderen Anweisungen werden ihm �ber die Tarnz�gel und mit dem Tarnstab gegeben. Ich machte mir Vorw�rfe, da� ich den Vogel nicht darauf abgerichtet hatte, auch auf Wortkommandos zu h�ren. Da ich nun ohne Z�gel und Sattel war, w�re mir eine solche Ausbildung sehr willkommen gewesen.</p><p>Da kam mir eine Idee. Als ich Talena von Ar nach Ko-ro-ba brachte, hatte ich sie unterwegs in die Geheimnisse der Tarnz�gel eingeweiht und ihr die Feinheiten dieser Kunst gezeigt.</p><p>Jedesmal, wenn eine Kurskorrektur erforderlich war, hatte ich ihr in dem pfeifenden Wind die einzelnen Z�gel zugerufen: �Erster Z�gel! Sechster Z�gel!� und so weiter, und dann hatte sie an dem jeweiligen Z�gel gezogen. Das war die einzige Verbindung zwischen der menschlichen Stimme und der Position der Z�gel an seinem Halsband, die mein Tarn kannte. Der Vogel hatte sich nat�rlich in so kurzer Zeit unm�glich daran gew�hnen k�nnen, was auch gar nicht in meiner Absicht gelegen hatte; ich hatte ja nur mit Talena gesprochen. Doch selbst wenn sich der Vogel die Kommandos in so kurzer Zeit gemerkt hatte, war es doch nicht denkbar, da� er sie noch wu�te, denn das lag immerhin �ber sechs Jahre zur�ck.</p><p>�Sechster Z�gel!� rief ich.</p><p>Der gro�e Vogel scherte nach links aus und begann leicht zu steigen. �Zweiter Z�gel!� rief ich, woraufhin das Tier nun nach rechts abbog und seinen Aufstieg fortsetzte.</p><p>�Vierter Z�gel!� br�llte ich, und der Vogel begann zur Erde zur�ckzufallen, machte Anstalten zu landen.</p><p>�Erster Z�gel!� rief ich lachend, vor Freude fast au�er mir, und der gefiederte Gigant, der Titan von Gor, begann gehorsam an H�he zu gewinnen.</p><p>Ich schwieg, und der Vogel beendete den Steigflug, schlug gleichm��ig seine Fl�gel an, kam nun schnell voran. Ich sah unter mir die Landschaft vorbeihuschen, und ich sah Tharna am Horizont verschwinden.</p><p>Impulsiv warf ich meinem Vogel die Arme um den Hals und dr�ckte ihn liebevoll. Unbeirrbar trugen uns die Fl�gel weiter, das Tier k�mmerte sich nicht um mich. Ich lachte und versetzte dem Tarn zwei Klapser auf den Hals. Nat�rlich war er nur ein Tier dieser Welt, doch ich mochte es sehr.</p><p>Es m�ge mir verziehen sein, wenn ich sage, da� ich in diesem Augenblick gl�cklich war � etwas, das unter den Umst�nden gar nicht sein durfte. Doch ich empfand wie ein Tarnk�mpfer, und ein Tarnk�mpfer wird mich verstehen. Ich kenne kaum ein Gef�hl, das so herrlich, so gott�hnlich ist wie der Flug mit einem Tarn.</p><p>Und ich war ein Tarnk�mpfer, ich geh�rte zu den M�nnern, die den Sattel eines wilden Raubtiers jederzeit dem Thron eines Ubar vorzogen. Hat man erst einmal einen Tarn besessen, so hei�t es, kommt man nicht mehr ohne die Riesenv�gel aus. Und diese Weisheit scheint zu stimmen. Man lebt in dem Gef�hl, den Tarn beherrschen zu m�ssen oder selbst verschlungen zu werden. Man wei�, da� er v�llig frei und b�sartig ist. Ein Tarnreiter wei�, da� sich sein Tier jederzeit gegen ihn wenden kann. Und doch kennt er kein anderes Leben. Er steigt immer wieder auf den Vogel, steigt freudigen Herzens in den Sattel, zieht am ersten Z�gel und wird mit einem Kampfschrei von seinem Monstrum in die Luft gerissen. Die herrlichen, einsamen Momente hoch �ber der Erde, dem Wind preisgegeben, er und der Vogel vereint, frei � das stellt er �ber alles Gold der Welt, �ber die zahllosen Zylinder Ars. Nichts kommt diesem Gef�hl gleich. Man kann sich also vorstellen, wie mir zumute war. Unter dem Vogel ert�nte pl�tzlich ein lautes, bebendes St�hnen, ein hilfloser Laut.</p><p>Ich verw�nschte mich, da� ich so gedankenlos gewesen war. �ber der Freude an meinem Flug hatte ich unsere Beute v�llig vergessen. Wie entsetzlich mu�te ihr diese Reise bisher erschienen sein � sie, die von den Krallen umfa�t war, viele hundert Meter �ber den tharnaischen Ebenen, ohne zu wissen, ob sie nicht jeden Augenblick losgelassen oder auf irgendeinen Berg getragen wurde, um von dem monstr�sen Schnabel und den entsetzlichen Krallen in St�cke gerissen zu werden! Ich sah mich um und hielt nach Verfolgern Ausschau. Die konnten nicht ausbleiben; Ich mu�te mit Fu�truppen und Tarnk�mpfern rechnen. Tharna unterhielt keine gro�e Tarn-Kavallerie, doch die Stadt w�rde mindestens eine Kompanie in die Luft bringen, um die Tatrix zu retten und zu r�chen. Die M�nner Tharnas, die von Geburt an dazu erzogen sind, sich als minderwertig und unterlegen anzusehen und die bestenfalls Lasttiere abgeben, sind keine sehr guten Tarnk�mpfer. Und doch gab es Tarnreiter in Tharna, gute Tarnreiter, denn der Name dieser Stadt geno� Respekt unter den kriegserfahrenen goreanischen St�dten. Ihre Tarnk�mpfer mochten S�ldner sein oder M�nner wie Thorn, Offizier Tharnas, die sich trotz ihrer Erziehung das Selbstbewu�tsein und ein Minimum an Kastenstolz bewahrt hatten.</p><p>Doch ich suchte den Himmel vergeblich ab. Es war noch keiner von den winzigen Flecken zu erkennen, die mir anzeigten, da� andere Tarns gestartet waren. Der Himmel war blau und leer. L�ngst hatte der letzte Tarnk�mpfer der Stadt in der Luft sein m�ssen � doch ich sah nichts. Erneut st�hnte meine goldene Gefangene auf.</p><p>In vierzig Pasang Entfernung machte ich einige Felsspitzen aus, die sich in einer gro�en Ebene voller Talenderblumen erhoben. Nach etwa zehn Minuten hatte ich die Felsformationen erreicht.</p><p>�Vierter Z�gel!� rief ich.</p><p>Der gewaltige Vogel verhielt im Flug, bremste mit den Fl�geln ab und senkte sich anmutig auf eine der Erhebungen, eine hohe Felskante, von der man viele Pasang weit ins Land schauen konnte, ein Ort, der nur einem Tarn zug�nglich war.</p><p>Ich sprang vom R�cken des Ungeheuers und eilte an die Seite der Tatrix, um sie zu besch�tzen, falls der Tarn seinen Hunger sofort stillen wollte. Ich zerrte die zusammengekr�mmten Krallen von ihrem K�rper, redete dem Tarn dabei zu und schob seine Beine zur Seite. Der Vogel schien verwirrt zu sein. Hatte ich ihn nicht mit dem Tabuk-schrei angefeuert? Durfte er die Beute, die er geschlagen hatte, nun nicht auffressen? Was sollte das?</p><p>Ich schob den Tarn zur�ck, so weit es mir m�glich war, und umfing die Tatrix mit den Armen. Vorsichtig richtete ich sie auf und lehnte sie an die Felswand, vom Abgrund fort. Der Felsenvorsprung, auf dem wir uns befanden, war etwa sechs Meter breit und ebenso lang, eine Stelle, wie sie sich der Tarn gern zum Nesterbau aussucht.</p><p>Ich stellte mich zwischen die Tatrix und den gefl�gelten Fleischfresser und rief: �Tabuk!� Der Vogel schritt auf das M�dchen zu, das sich auf die Knie erhob und sich furchtsam an die unnachgiebige Felswand dr�ckte.</p><p>�Tabuk!� rief ich noch einmal, nahm den gro�en Schnabel des Vogels in die H�nde und drehte ihn zur Seite, zum Abgrund hin.</p><p>Der Vogel schien zu Z�gern. Mit einer fast z�rtlichen Bewegung stupste er mir dann seinen Schnabel gegen den K�rper. �Tabuk�, wiederholte ich leise.</p><p>Mit einem letzten Blick auf die Tatrix wandte sich der Vogel ab und trat an den Rand des Abgrundes. Mit einem kurzen Aufzucken seiner riesigen Fl�gel sprang er dann ins Nichts, und sein gewaltiger Schatten verschwand. Ich wandte mich an die Tatrix. �Bist du verletzt?� fragte ich. Manchmal schlagt ein Tarn so kr�ftig zu, da� das R�ckgrat seines Beutetiers gebrochen wird. Das war ein Risiko, auf das ich mich klaren Geistes eingelassen hatte, war mir doch keine andere Wahl geblieben. Mit der Tatrix als Geisel war ich in der Lage, mit Tharna zu verhandeln. Wahrscheinlich konnte ich nichts an den harten Gesetzen der Stadt �ndern, doch ich hoffte die Freiheit Linnas und Andreas� zu erwirken und vielleicht etwas f�r die armen Burschen zu tun, die ich in der Arena kennengelernt hatte. Das war sicher kein zu hoher Preis f�r die R�ckgabe der goldenen Tatrix.</p><p>Die Tatrix richtete sich langsam auf.</p><p>Es war eigentlich Sitte, da� eine weibliche Gefangene vor ihrem Herrn und Meister niederkniete, doch sie war immerhin eine Tatrix, so da� ich auf dieser Einzelheit nicht bestand. Ihre H�nde, die noch immer die goldenen Handschuhe trugen, fuhren an ihre goldene Maske, als bef�rchtete sie, da� der metallene Schutz nicht mehr an Ort und, Stelle war. Erst dann machten sich die H�nde daran, die zerrissenen Gew�nder glattzustreichen und zurechtzur�cken. Ich l�chelte. Der Stoff war von den scharfen Vogelkrallen zerrissen und vom Wind weiter zerfetzt worden. Hochm�tig zog sie ihre Robe enger, bedeckte ihre Bl��e so gut es ging. Trotz der Maske, die metallisch glitzerte wie immer, kam ich zu dem Schlu�, da� die Tatrix vielleicht eine schone Frau war.</p><p>�Nein�, sagte sie stolz, �ich bin unverletzt.� Das war die Antwort, die ich erwartet hatte, obwohl sie hier und da bestimmt Prellungen und Schnitte erlitten hatte und sicherlich auch Schmerzen ausstehen mu�te. �Du hast Schmerzen�, sagte ich, �aber haupts�chlich ist dir kalt, weil dein Kreislauf unterbrochen ist.� Ich musterte sie. �Sp�ter wird es noch mehr weh tun.�</p><p>Die Maske starrte mich ausdruckslos an.</p><p>�Auch ich�, fuhr ich fort, �hing einmal in den Klauen eines Tarn.� �Warum hat dich der Tarn in der Arena nicht umgebracht?� fragte sie. �Weil er mein Tarn ist�, sagte ich knapp. Was konnte ich ihr auch anderes sagen? Da� er mich nicht umgebracht hatte, war mir angesichts der Natur dieser Vogel fast so unvorstellbar wie ihr. H�tte ich es nicht besser gewu�t, h�tte ich vermuten m�ssen, da� er fast so etwas wie Zuneigung f�r mich empfand.</p><p>Die Tatrix sah sich um und musterte den Himmel. �Wann kommt er zur�ck?� fl�sterte sie. Ich wu�te, da� mein Riesenvogel ihr sicherlich einen geh�rigen Schrecken einjagte; wenn sie auch sonst eine furchtlose Frau war � vor dem Tarn empfand sie Angst.</p><p>�Bald�, sagte ich. �Hoffen wir, da� er dort unten etwas zu fressen findet.�</p><p>Die Tatrix erschauerte.</p><p>�Wenn er keine Beute findet�, sagte sie, �kehrt er w�tend und hungrig zur�ck �Sicher�, sagte ich.</p><p>�Dann versucht er vielleicht, sich an uns schadlos zu halten ...� �Vielleicht.�</p><p>Endlich kamen die Worte, langsam, stockend. �Wenn er kein Tier geschlagen hat�, sagte sie, �wirfst du mich dann dem Tarn zum Fressen vor?�</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>Mit einem Angstschrei fiel sie vor mir auf die Knie und streckte flehend die Arme aus. Lara, Tatrix von Tharna, lag mir zu F��en, unterwarf sich meinem Willen.</p><p>�Wenn du dich nicht benimmst�, f�gte ich hinzu.</p><p>W�tend richtete sie sich auf. �Du hast mich get�uscht!� rief sie. �Du hast mich dazu gebracht, die Haltung einer Gefangenen einzunehmen!� Ich l�chelte.</p><p>Ihre Faust schlug nach mir aus. Ich umfa�te ihr Handgelenk und hielt es fest. Ich bemerkte, da� die Augen hinter der Maske blau waren. Ich lie� es zu, da� sie sich losmachte. Sie rannte zur Felsmauer und lehnte sich mit dem Gesicht dagegen.</p><p>�Am�siere ich dich?� fragte sie.</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>�Ich bin deine Gefangene, nicht wahr?� fragte sie herausfordernd. �Ja.�</p><p>�Was willst du mit mir tun?� fragte sie, ohne sich von der Felswand abzuwenden.</p><p>�Ich werde dich f�r einen Sattel und Waffen verkaufen.� Ich hielt es f�r gut, das Selbstbewu�tsein der Tatrix zu ersch�ttern, um meine Verhandlungsposition noch zu starken.</p><p>Sie begann vor Wut und Angst zu zittern. Wild fuhr sie herum und hielt mir die geballten Fauste vor das Gesicht. �Niemals!� schrie sie. �Ich tue, was mir gef�llt.�</p><p>Wutzitternd sah mich die Tatrix an. Ich vermochte kaum den Ha� zu verstehen, der sich hinter der gleichg�ltigen goldenen Maske zeigte. Schlie�lich sprach sie weiter. Ihre Worte waren wie S�uretropfen. �Du machst Witze�, sagte sie.</p><p>�Nimm die Maske ab, damit ich sehen kann, was du mir auf dem Sklavenmarkt in Ar einbringst.�</p><p>�Nein!� rief sie, und ihre H�nde betasteten die goldene Maske. �Ich glaube fast, da� mir allein die Maske einen guten Schild und einen Speer einbringt. Vielleicht ist das sogar zu tief gegriffen.� Die Tatrix lachte bitter. �Du ko�nntest einen Tarn damit kaufen�, sagte sie.</p><p>Ich merkte, da� sie nicht wu�te, ob ich es ernst meinte. Sie glaubte nicht, da� ich so etwas tats�chlich tun w�rde. F�r meine Pl�ne war es jedoch wichtig, da� sie sich in Gefahr glaubte, da� sie meinte, ich w�rde es tats�chlich wagen, sie in ein Sklavenkleid zu h�llen und ihr den Kragen umzulegen.</p><p>Sie lachte, wollte meine Reaktion herausfordern. Vorsichtig hob sie den zerrissenen Saum ihrer Robe.</p><p>�Schau�, sagte sie in sp�ttischer Verzweiflung. �In diesem Aufzug bringe ich dir bestimmt nicht viel ein.� �Das stimmt�, sagte ich. Sie lachte.</p><p>�Ohne die Kleider bringst du mehr�, f�gte ich hinzu. Diese n�chterne Antwort fuhr ihr in die Glieder. Ich merkte, Das sie sich ihrer Position nicht mehr sicher war. Sie beschlo�, ihre Trumpfkarte auszuspielen. Sie richtete sich auf, reckte herablassend die Schultern, hob den Kopf und sagte mit eiskalter Stimme: �Du w�rdest es nicht wagen, mich zu verkaufen.� �Warum nicht?�</p><p>�Weil ich die Tatrix von Tharna bin!� Und mit diesen Worten warf sie den Kopf in den Nacken und zog das zerfetzte Goldgewand enger um ihren schmalen K�rper.</p><p>Ich nahm einen kleinen Felsbrocken auf und warf ihn in die Tiefe. Ich sah zu, wie er langsam in den Abgrund segelte. Ich beobachtete die Wolken, die �ber den dunkler werdenden Himmel huschten, und lauschte auf den Wind, der zwischen den einsamen Felsspitzen pfiff. Dann wandte ich mich an die Tatrix.</p><p>�Das kann den Preis, den ich f�r dich bekomme, nur in die H�he treiben.�</p><p>Die Tatrix sah mich bet�ubt an. Ihr Hochmut verflog.</p><p>Mit schwacher Stimme fragte sie: �W�rdest du ... w�rdest du mich wirklich als Sklavin verkaufen?�</p><p>Ich blickte sie wortlos an.</p><p>Sie hob die H�nde an die Maske. �W�rde mir die Maske fortgenommen?�</p><p>�Und deine Gew�nder.�</p><p>Sie fuhr zur�ck.</p><p>�Du wirst ein ganz gew�hnliches Sklavenm�dchen sein, nicht besser und nicht schlechter als alle anderen.�</p><p>Die Worte fielen ihr sichtlich schwer: �W�rde ich auf dem Markt zur Schau gestellt?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich.</p><p>�... unbekleidet?�</p><p>�Vielleicht darfst du eine Sklavenfessel tragen�, schnappte ich. Sie sah aus, als w�rde sie im n�chsten Augenblick das Bewu�tsein verlieren.</p><p>�Nur ein Narr�, sagte ich, �w�rde eine Sklavin im Umhang kaufen.� �Nein . .. nein . . .�, sagte sie.</p><p>�So ist es �blich.�</p><p>Sie war vor mir zur�ckgewichen, und nun stie� ihr R�cken gegen den harten Granit der Felswand. Sie drehte den Kopf hin und her. Obwohl sich auf der starren Maske keine Regung zeigte, verrieten ihre Haltung und ihre Bewegungen die Verzweiflung, von der sie ergriffen war. �Du w�rdest mir so etwas antun?� fragte sie mit erschrecktem Fl�stern. �Heute in zwei Tagen�, sagte ich, �stehst du nackt auf dem Block in Ar und wirst an den Meistbietenden verkauft.�</p><p>�Nein, nein, nein�, wimmerte sie, und ihr gequ�lter K�rper versagte ihr den Dienst. Sie sank hilflos gegen die Felswand und begann zu weinen. Das war mehr, als ich erhofft hatte, und ich mu�te dem Drang widerstehen, zu ihr zu eilen und sie zu tr�sten, ihr zu sagen, da� ich ihr nicht weh tun wollte, da� sie bei mir in Sicherheit war. Aber ich dachte an Linna und Andreas und die armen Sklaven bei den Schauspielen und unterdr�ckte die Regung. Ich zwang mich, an die Tatrix und ihre Grausamkeit zu denken, und ich fragte mich, ob ich sie nicht tats�chlich nach Ar bringen und auf dem Sklavenmarkt losschlagen sollte. Gewi� konnte sie in den Tanzgarten eines reichen Tarnk�mpfers weniger Schaden anrichten als auf dem tharnaischen Thron.</p><p>�Krieger�, sagte sie und hob bet�ubt den Kopf. �Mu� deine Rache so schrecklich sein?�</p><p>Ich l�chelte vor mich hin. Das klang schon besser. Vielleicht war die Tatrix nun zum Verhandeln bereit. �Du hast mich sehr ungerecht behandelt�, sagte ich grimmig.</p><p>�Aber du bist doch nur ein Mann�, sagte sie, �nur ein Tier.� �Auch ich bin ein Mensch.�</p><p>�Gib mir meine Freiheit�, flehte sie.</p><p>�Du hast mich in ein Joch gesteckt�, sagte ich. �Du hast mich auspeitschen lassen. Du hast mich zu den Schauspielen in die Arena geschickt. Du hattest mich dem Tarn zum Fra�e vorgeworfen.� Ich lachte. �Und du jammerst jetzt um deine Freiheit?�</p><p>�Ich zahle dir tausendmal mehr, als ich dir auf dem Sklavenmarkt in Ar bringen w�rde�, sagte sie schwach.</p><p>�Tausendmal der Preis, den du auf dem Sklavenmarkt in Ar bringen w�rdest�, sagte ich, �das w�rde nicht ausreichen, um meine Rachegef�hle zu stillen. Nein, du mu�t als Sklavin verkauft werden!� Sie begann zu St�hnen.</p><p>Jetzt hielt ich die Zeit f�r gekommen. �Und�, f�gte ich hinzu, �du bist nicht nur mit mir so umgesprungen, sondern hast auch meine Freunde in die Sklaverei geschickt.�</p><p>Die Tatrix richtete sich auf. �Ich lasse sie frei!� sagte sie eifrig. �Kannst du die Gesetze Tharnas �ndern?� fragte ich.</p><p>�Leider kann ich das nicht, aber ich kann deine Freunde befreien. Und ich werde es tun! Meine Freiheit f�r die ihre.�</p><p>Ich tat, als �berlegte ich mir den Vorschlag.</p><p>Sie sprang auf. Krieger, denk an deine Ehre!� Ihre Stimme gewann neues Leben. �Ware deiner Rache gedient, wenn deine Freunde weiter in Sklaverei leben m��ten?�</p><p>�Nein!� sagte ich �rgerlich, doch innerlich sehr erfreut, �denn ich bin ein Krieger!�</p><p>In ihrer Stimme schwang Triumph. �Dann, Krieger, mu�t du mit mir eine Vereinbarung treffen.�</p><p>�Nicht mit dir!� antwortete ich und versuchte mich niedergeschlagen zu geben.</p><p>�Doch!� lachte sie. �Meine Freiheit gegen die ihre!�</p><p>�Das gen�gt nicht�, knurrte ich.</p><p>�Was dann?� fragte sie.</p><p>�Befreie alle Sklaven, die bei den Schauspielen Tharnas beteiligt waren!�</p><p>Die Tatrix sah mich verwirrt an.</p><p>�Alle�, rief ich, �oder du kommst auf den Sklavenmarkt in Ar!� Sie senkte den Kopf. �Gut, Krieger�, sagte sie. �Ich befreie sie alle.� �Kann ich dir vertrauen?� fragte ich.</p><p>�Ja�, sagte sie, ohne mich anzusehen, �du hast das Wort der Tatrix von Tharna.�</p><p>Ich fragte mich, ob ich ihr trauen konnte, und machte mir klar, da� mir keine andere M�glichkeit blieb.</p><p>�Meine Freunde�, sagte ich, �sind Linna aus Tharna und Andreas aus Tor.�</p><p>Die Tatrix sah mich an. �Aber�, sagte sie ungl�ubig, �die beiden haben Gef�hle f�reinander empfunden.�</p><p>�Trotzdem sind sie freizulassen!�</p><p>�Sie ist eine Entw�rdigte�, entgegnete die Tatrix, �und er geh�rt einer Kaste an, die in Tharna verboten ist.�</p><p>�La� sie frei!�</p><p>�Gut denn, ich werde sie freilassen.�</p><p>�Und ich brauche Waffen und einen Tarnsattel�, sagte ich.</p><p>�Gewahrt.�</p><p>In diesem Augenblick huschte der Schatten des Tarn �ber unseren Felsgrat. Mit gewaltigem Fl�gelschlag landete das Ungeheuer neben uns. In seinen Klauen hielt es ein gro�es Fleischstuck, das noch blutig war. Der Tarn lie� das St�ck vor mir fallen.</p><p>Ich bewegte mich nicht.</p><p>Ich hatte keine Lust, dem Tarn das Beutest�ck streitig zu machen. Aber er k�mmerte sich nicht um das Fleisch. Ich erriet, da� er bereits unten auf der Ebene gefressen hatte. Eine kurze Untersuchung seines Schnabels best�tigte diese Vermutung. Und es gab kein Nest hier oben, keinen weiblichen Tarn und keine kreischende Brut junger Tarns. Der gro�e Schnabel schob mir das Fleisch hin. Es war ein Geschenk. Ich t�tschelte den Vogel und sagte: �Danke, Ubar des Himmels!� Ich b�ckte mich und begann mit H�nden und Z�hnen ein St�ck aus dem Fleisch herauszurei�en. Ich sah, da� sich die Tatrix schaudernd abwandte, als ich mich an meine blutige Mahlzeit machte, doch ich war ausgehungert, und Tischgewohnheiten waren mir gleichg�ltig. Ich bot dem M�dchen ein St�ck Fleisch an, doch sie wehrte ab und sah mich an, als ob sie sich gleich �bergeben m��te. Wahrend ich mich mit dem Geschenk des Tarn Besch�ftigte, trat die Tatrix an den Rand unseres Felsvorsprungs und starrte auf die Wiesen, die voller Talenderblumen waren. Es war ein herrlicher Anblick, und der zarte Duft drang sogar bis in unsere H�hen. Sie zog ihr Gewand enger um den K�rper und beobachtete die Blumen, die sich wie ein gelbes Meer wellenf�rmig im Wind bewegten. Eine einsame Gestalt, verloren, niedergeschlagen. �Talender�, sagte sie leise vor sich hin. Ich hockte neben dem Fleisch, kauend. �Was wei� eine tharnaische Frau von der Talenderblume?� fragte ich sp�ttisch. Sie schwieg und wandte sich ab.</p><p>Als ich fertig war, sagte sie: �Bring mich nun zur Verhandlungss�ule. �Was ist denn das?� fragte ich.</p><p>�Es ist eine S�ule an der Grenze Tharnas. Dort tauscht Tharna mit seinen Feinden Gefangene aus oder verhandelt.� Sie fugte hinzu: �Du wirst dort Leute aus Tharna antreffen, die auf dich warten.� �Warten?� fragte ich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte sie hochm�tig. �Hast du dich nicht gewundert, da� es �berhaupt keine Verfolgung gegeben hat? Wer w�re so verr�ckt, die Tatrix aus Tharna zu entf�hren, wenn er nicht f�r sie das Gold f�r ein Dutzend Ubars bekommen k�nnte?� Ich starrte sie an.</p><p>�Ich bef�rchtete�, sagte sie mit gesenktem Blick, �da� du solch ein Narr sein k�nntest.� In ihrer Stimme schien ein Unterton mitzuschwingen, den ich nicht verstand.</p><p>�Nein�, lachte ich, �zur�ck nach Tharna mit dir!� Noch immer trug ich das goldene Tuch um den Hals, das in der Arena den Beginn der Schauspiele angezeigt hatte und das ich an mich genommen hatte, um mir Sand und Schwei� aus dem Gesicht zu wischen. Nun nahm ich es ab.</p><p>�Dreh dich um�, sagte ich zu der Tatrix, �und lege die H�nde hinter dem R�cken zusammen.�</p><p>Mit erhobenem Kopf gehorchte sie. Ich zog ihr die goldenen Handschuhe aus und steckte sie in meinen G�rtel. Mit dem Tuch fesselte ich sodann ihre Handgelenke.</p><p>Ich warf die Tatrix m�helos auf den R�cken des Tarn und sprang hinter ihr auf. Mit einem Arm umfa�te ich meine Gefangene, krallte mich mit dem anderen in den Halsfedern des Tarns fest, rief: �Erster Z�gel!�, und das Tier sprang von dem schmalen Felsenvorsprung ins Leere und begann sofort an Hohe zu gewinnen.</p><p/><p/></section><section><title><p>16</p></title><p>Eingewiesen von der Tatrix, sahen wir nach kaum drei�ig Minuten die tharnaische Verhandlungss�ule vor uns. Sie stand etwa hundert Pasang von der Stadt entfernt, in nordwestlicher Richtung, eine einsame wei�e Marmors�ule, hundert Meter hoch und drei�ig Meter im Durchmesser. Ihre Spitze war nur auf dem R�cken eines Tarns zu erreichen. Es war kein schlechter Ort f�r den Austausch von Gefangenen; er war geradezu ideal, weil keine der Parteien einen Hinterhalt zu bef�rchten brauchte. Niemand kam vom Boden aus zur S�ulenspitze, und Tarns mu�ten schon von weitem zu erkennen sein.</p><p>Ich beobachtete die Landschaft ringsum. Niemand schien hier zu leben. Auf der S�ule standen drei Tarns und ebenso viele Krieger, dazu eine Frau, die eine tharnaische Silbermaske trug. Als ich die S�ule �berflog, setzte einer der Krieger seinen Helm ab und gab mir das Zeichen zur Landung. Ich erkannte Thorn, Offizier von Tharna. Ich bemerkte, da� er und seine Begleiter bewaffnet waren.</p><p>�Ist es �blich�, fragte ich die Tatrix, �da� auf der Verhandlungss�ule Waffen getragen werden?�</p><p>�Du brauchst keinen Verrat zu bef�rchten�, sagte die Tatrix. Ich �berlegte, ob ich den Tarn wenden und mein Vorhaben aufgeben sollte.</p><p>�Du kannst mir vertrauen�, sagte sie.</p><p>�Woher soll ich das wissen?� fragte ich herausfordernd.</p><p>�Weil ich die Tatrix von Tharna bin.�</p><p>�Vierter Z�gel!� rief ich dem Vogel zu und gab ihm damit das Zeichen zur Landung. Doch der Tarn schien mich nicht zu verstehen. �Vierter Z�gel!� wiederholte ich lauter. Aus irgendeinem Grund stellte sich das Tier st�rrisch an. �Vierter Z�gel!� br�llte ich.</p><p>Der Riesenvogel landete auf der Marmors�ule, und seine stahlbewehrten Klauen fuhren klirrend �ber den Stein.</p><p>Ich stieg nicht ab und st�rkte meinen Griff um die Tatrix.</p><p>Der Tarn war sehr nerv�s. Ich versuchte ihn zu beruhigen, indem ich leise auf ihn einsprach und ihm den Hals t�tschelte.</p><p>Die Frau in der Silbermaske kam n�her. �Heil unserer geliebten Tatrix!� sagte sie. Es war Dorna die Stolze.</p><p>�Nicht n�herkommen!� sagte ich scharf.</p><p>Dorna blieb stehen, etwa f�nf Meter vor Thorn und den beiden Kriegern, die sich noch nicht von der Stelle ger�hrt hatten.</p><p>Die Tatrix erwiderte die Begr��ung Dornas mit hochm�tigem Nicken. � Tharna geh�rt dir, Krieger!� rief Dorna die Stolze, �wenn du nur unsere edle Tatrix freigibst! Die Stadt ist in Trauer! Ich f�rchte, es wird keine Freude mehr in Tharna herrschen, ehe sie nicht wieder auf ihrem goldenen Thron sitzt.�</p><p>Ich lachte.</p><p>Dorna erstarrte. �Was sind deine Bedingungen, Krieger?� fragte sie. �Ein Sattel und Waffen�, antwortete ich, �und die Freiheit f�r Linna aus Tharna, Andreas aus Tor und all jene, die heute nachmittag bei den Schauspielen von Tharna gek�mpft haben.�</p><p>Ein kurzes Schweigen trat ein.</p><p>�Ist das alles?� fragte Dorna ratlos.</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>Hinter ihr begann Thorn zu lachen.</p><p>Dorna warf einen Blick auf die Tatrix. �Ich werde diesem Preis das Gewicht von f�nf Tarns in Gold hinzuf�gen, dazu ein Zimmer voller Silber und Helme mit Juwelen!�</p><p>�Die Liebe zu deiner Tatrix ist gro߫, sagte ich.</p><p>�So ist es, Krieger!� sagte Dorna.</p><p>�Und du bist au�erordentlich gro��gig�, f�gte ich hinzu.</p><p>Die Tatrix bewegte sich unruhig in meinem Arm.</p><p>�Weniger w�re eine Beleidigung f�r unsere geliebte Tatrix.�</p><p>Ich freute mich �ber das Angebot, denn obwohl ich im Sardargebirge solche Reicht�mer kaum gebrauchen konnte, waren sie bei Linna und Andreas und den armen Sklaven Tharnas bestimmt in den besten H�nden.</p><p>Die Tatrix Lara richtete sich auf. �Ich finde diese Bedingungen unbefriedigend�, sagte sie. �Gib ihm zus�tzlich zu seinen Forderungen das Gewicht von zehn Tarns in Gold, zwei Zimmer mit Silber und hundert Helme voller Juwelen.�</p><p>Dorna die Stolze verbeugte sich anmutig. �Ja, Krieger, f�r unsere Tatrix w�rden wir dir sogar die Steine unserer Mauern geben.�</p><p>�Nimmst du die Bedingungen an?� fragte die Tatrix herablassend, wie ich vermeinte.</p><p>�Ja�, sagte ich und ahnte den Hieb, der Dorna der Stolzen mit dieser Einmischung versetzt wurde.</p><p>�Dann la� mich frei�, befahl sie.</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>Ich glitt vom R�cken meines Tarns, die Tatrix in den Armen. Ich stellte sie auf die F��e � dort auf der windumspielten S�ule an der Grenze Tharnas � und b�ckte mich, um ihr die goldenen Fesseln abzunehmen. Kaum waren ihre Handgelenke frei, als sie auch schon wieder jeder Zoll die k�nigliche Tatrix Tharnas war.</p><p>Ich fragte mich, ob dies das M�dchen sein konnte, das soeben ein unangenehmes Abenteuer �berstanden hatte, dessen Kleider zerfetzt worden waren, dessen K�rper noch immer schmerzen mu�te.</p><p>Mit herrischer Bewegung deutete sie auf die goldenen Handschuhe, die in meinem G�rtel steckten. Ich reichte sie ihr, und sie zog sie langsam an. Dabei nahm sie nicht den Blick von mir.</p><p>Ich begann unruhig zu werden.</p><p>Sie wandte sich um und ging majest�tisch auf Dorna und die Krieger zu. Als sie zwischen ihnen stand, drehte sie sich um, deutete mit dem Finger auf mich und sagte: �Ergreift ihn!�</p><p>Thorn und die Krieger sprangen vor, und im n�chsten Augenblick war ich von ihren Waffen umringt.</p><p>�Verr�terin!� br�llte ich.</p><p>Fr�hlich sagte die Tatrix: �Du Narr! Wei�t du denn nicht, da� man mit Tieren keine Pakte schlie�en kann, da� man mit einem Ungeheuer nicht schachern kann!�</p><p>�Du hast mir dein Wort gegeben!� br�llte ich.</p><p>Die Tatrix richtete sich auf. �Du bist doch nur ein Mann�, sagte sie. �Bringen wir ihn um�, sagte Thorn.</p><p>�Nein�, sagte die Tatrix hochm�tig. �Das w�re viel zu einfach.� Glitzernd schaute mich die Maske an, spiegelte das Licht der untergehenden Sonne. Mehr denn je schien eine seltsame Wildheit, eine verborgene Grausamkeit in dem Ausdruck des Maskengesichts zu liegen. �Fesselt ihn�, sagte sie, �und schickt ihn in die Bergwerke Tharnas.�</p><p>Hinter mir schrie mein Tarn pl�tzlich auf und begann mit den Fl�geln zu schlagen.</p><p>Thorn und die Krieger fuhren herum, und ich benutzte die Gelegenheit, um zwischen ihren Waffen hindurchzuspringen, Thorn und einen Krieger zu ergreifen, sie zusammenzudr�cken und mit rasselnden Waffen auf den Marmorboden der S�ule heranzuziehen. Die Tatrix und Dorna schrien auf.</p><p>Der dritte Krieger st�rzte sich mit dem Schwert auf mich, und ich wich seinem Schlag aus, ergriff seine Schwerthand, drehte sie herum, hob sie hoch �ber meinen linken Arm und vollf�hrte eine ruckhafte Bewegung nach unten. Wimmernd sank er zu Boden.</p><p>Thorn war wieder auf den F��en und sprang von hinten auf mich los, gefolgt von dem anderen Krieger. Ich wehrte mich nach besten Kr�ften. Sie fluchten hilflos, als ich sie �ber meine Schultern zog und pl�tzlich vorn�ber zu Boden warf. In diesem Augenblick sprangen Dorna und die Tatrix vor und stachen mir mit scharfen Gegenst�nden, vielleicht Nadeln, in den R�cken und in meinen Arm.</p><p>Ich lachte �ber die Absurdit�t, doch dann wurde mir schwarz vor Augen, die S�ule begann zu kreiseln, und ich st�rzte hin. Meine Muskeln gehorchten mir nicht mehr.</p><p>�Fesselt ihn�, sagte die Tatrix.</p><p>W�hrend sich die Welt langsam unter mir drehte, f�hlte ich, wie mir Arme und Beine, die weich und widerstandslos geworden waren, brutal in Ketten gelegt wurden.</p><p>Das fr�hliche, siegreiche Lachen der Tatrix klang mir in den Ohren. Ich h�rte Dorna die Stolze sagen: �T�tet den Tarn.�</p><p>�Er ist fort�, sagte der unverletzte Krieger.</p><p>Ohne da� ich die Gewalt �ber meine Muskeln zur�ckgewann, wurden meine Augen wieder klar; nach und nach konnte ich sehen, erblickte die S�ule, den Himmel und meine Gegner in aller Deutlichkeit.</p><p>In der Ferne machte ich einen winzigen Fleck aus. Das mu�te mein Tarn sein. Als er mich in der Gewalt meiner Gegner sah, war er offenbar sofort fortgeflogen. Nun geno� er wieder die Freiheit, begann ein Leben, das ihn ohne Sattel und Z�gel, ohne silberne Fu�last zum Ubar des Himmels machte. Sein Verschwinden stimmte mich traurig, doch zugleich war ich froh, das er entkommen war. Besser das, als wenn er von dem Speer eines Kriegers get�tet worden w�re.</p><p>Thorn packte meine Handfesseln und zerrte mich �ber den Marmorboden zu einem der drei wartenden Tarns. Ich war hilflos. Meine Arme und Beine waren so schlaff, als w�re mir jeder Nerv einzeln durchgeschnitten worden.</p><p>Ich wurde an den Fu�ring eines Tarns gekettet.</p><p>Die Tatrix hatte offenbar das Interesse an mir verloren, denn sie wandte sich an Dorna und Thorn.</p><p>Der Krieger, dessen Arm ich gebrochen hatte, kniete auf dem marmornen Fu�boden, umklammerte seinen verletzten Arm und st�hnte. Sein Kamerad stand neben mir zwischen den Tarns. Vielleicht sollte er mich beobachten, vielleicht auch die nerv�sen Riesenv�gel beruhigen. Hochm�tig wandte sich die Tatrix an Dorna und Thorn. �Warum�, fragte sie, �sind nur so wenige Soldaten hier?�</p><p>�Wir sind genug�, sagte Thorn.</p><p>Die Tatrix schaute �ber die Ebene in Richtung Stadt. �Inzwischen wird die Prozession fr�hlicher B�rger losgezogen sein�, sagte sie. Dorna die Stolze und Thorn, Offizier von Tharna, schwiegen.</p><p>Die Tatrix kam majest�tisch zu mir her�ber und starrte zu mir herab. �Krieger�, sagte sie, �wenn du lange genug auf dieser S�ule bliebest, konntest du die Prozessionen sehen, die mich in Tharna willkommen hei�en werden.�</p><p>Die Stimme Dornas der Stolzen wehte her�ber. �Ich glaube nicht, geliebte Tatrix.�</p><p>Die Tatrix wandte sich verwirrt um. �Warum nicht?� fragte sie. �Weil�, antwortete Dorna, und ich sp�rte, da� sie hinter ihrer Silbermaske l�chelte, �du nicht nach Tharna zur�ckkehrst.�</p><p>Die Tatrix starrte sie verst�ndnislos an.</p><p>Der unverletzte Krieger war nun in den Sattel des Tarns gestiegen, an dessen Fu� ich festgekettet war. Er zog am ersten Z�gel, und das Ungeheuer flog los. Ruckartig wurde ich in die Hohe gezerrt, und im schmerzhaften Griff meiner Fesseln baumelte ich Unter dem fliegenden Vogel. Ich sah die wei�e S�ule unter mir Verschwinden, sah die Gestalten darauf, zwei Krieger, eine Frau in einer Silbermaske und die goldene Tatrix von Tharna.</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Der Raum war lang und niedrig, sehr schmal, vielleicht anderthalb Meter hoch und breit, und etwa drei�ig Meter lang. Eine kleine, stinkende Tharlarionlampe brannte an jedem Ende. Wie viele solche Verliese es in den zahlreichen Bergwerken unter der Erde Tharnas gab, wu�te ich nicht. Die lange Reihe der aneinandergefesselten Sklaven b�ckte sich und kroch in den langen Raum. Als er mit seinen ungl�cklichen Bewohnern gef�llt war, schlo� sich eine Eisent�r, die ein kleines Beobachtungsfenster hatte. Ich h�rte das zuschnappen von vier Riegeln. Es war feucht. Hier und dort standen Wasserpf�tzen. Die W�nde waren na�; an einigen Stellen tropfte Wasser von der Decke. Die Bel�ftung erfolgte durch einige runde �ffnungen, die etwa drei Zentimeter im Durchmesser ma�en. Eine gr��ere �ffnung, vielleicht sechzig Zentimeter im Durchmesser, war in der Mitte des gro�en Raumes sichtbar.</p><p>Andreas aus Tor, der neben mir angekettet war, deutete darauf. �Durch dieses Loch�, sagte er, �wird der Raum �berflutet.�</p><p>Ich nickte und lehnte mich gegen die feuchte Wand. Ich fragte mich, wie oft in der tharnaischen Geschichte solche Verliese schon �berflutet worden waren, wie viele arme Teufel in den unterirdischen Fallen umgekommen waren. Und ich wunderte mich nicht mehr �ber die vorz�gliche Disziplin in den tharnaischen Bergwerken. Ich hatte erfahren m�ssen, da� erst vor einem Monat in einem nahegelegenen Bergwerk ein einzelner Gefangener Unruhe gestiftet hatte. Daraufhin hatte der Bergwerksverwalter entschieden, das gesamte Bergwerk unter Wasser zu setzen. So �berraschte es mich nicht, da� die Gefangenen jede M�glichkeit des Widerstands f�r sinnlos ansahen, ihn sogar entsetzt unterbanden, wenn einer der Mitgefangenen unruhig wurde.</p><p>Andreas sagte: �Wer das Leben �ber hat, der mu�te sich hier ganz wohl f�hlen.�</p><p>�Soviel ist sicher.�</p><p>Er steckte mir eine Zwiebel und ein St�ck Brot zu. �Hier, i߫, sagte er. �Danke�, erwiderte ich und begann zu kauen.</p><p>�Du wirst es lernen, dich wie die anderen nach dem Brot zu dr�ngeln.� Ehe wir in die Zelle gesto�en worden waren, hatten wir im Vorraum zu essen bekommen. Zwei W�rter hatten Brot und Zwiebeln in einen E�trog an der Wand gesch�ttet, und die Gefangenen hatten sich wie Tiere darauf gest�rzt, hatten fluchend versucht, sich gegenseitig wegzudr�ngen, hatten hamstern und k�mpfen wollen. Angewidert hatte ich mich aus dem Get�mmel herausgehalten, obwohl ich an meiner Kette mitgezerrt worden war. Aber Andreas hatte recht: Eines Tages mu�te ich mitk�mpfen, denn ich wollte nicht sterben, und ich konnte nicht immer von Andreas� Ration mitzehren.</p><p>Ich l�chelte und fragte mich, warum mir und meinen Mitgefangenen soviel am Leben lag. Weshalb w�hlten wir das Leben? Vielleicht ist diese Frage unsinnig, aber damals in den Bergwerken kam sie mir nicht so vor. �Wir m�ssen einen Fluchtplan schmieden�, sagte ich zu Andreas. �Still, du Narr!� zischte eine entsetzte Stimme aus einiger Entfernung. Es war Ost aus Tharna, der mit Andreas und mir in die Bergwerke geschickt worden war.</p><p>Er ha�te mich. Aus irgendeinem Grunde gab er mir die Schuld an seinem Schicksal. Heute hatte er zum wiederholten Male das Erz auseinandergetreten, das ich auf H�nden und Knien aus dem schmalen Bergwerksvortrieben herausgebrochen hatte. Und zweimal hatte er das von mir gebrochene Erz gestohlen und es in Seinen eigenen Beutel gesteckt, den wir Sklaven bei der Arbeit um den Hals trugen. Der Peitschensklave hatte mich daraufhin gestraft, weil ich nicht meinen Teil zur t�glichen Ablieferungsmenge der Kettengemeinschaft beitrug, zu der ich geh�rte.</p><p>Wenn die Ablieferungsmenge nicht erreicht wurde, erhielten die Sklaven am Abend nichts zu essen. Wenn sie ihr Minimum drei Tage hintereinander nicht schafften, wurden sie in die lange Zelle gepeitscht, die T�r wurde verriegelt und der Raum �berflutet. Viele Sklaven sahen mich unwillig an. Vielleicht weil ihre Ablieferungsmenge gesteigert worden war, als ich zu ihnen kam. Auch ich nahm an, da� das mehr als ein Zufall war.</p><p>�Ich verrate dich!� zischte Ost, �wenn du eine Flucht planst!� Im Halbd�mmer der beiden kleinen Tharlarionlampen sah ich, wie der gedrungene Mann neben Ost wortlos seine Armketten um den d�nnen Hals des Mannes legte. Ost versuchte sich mit schwachen Bewegungen zu befreien. Seine Augen traten hervor. �Du wirst niemand verraten�, sagte eine Stimme, die ich sofort erkannte. Sie geh�rte dem muskelstarken Kron aus Tharna, aus der Kaste der Metallarbeiter. Gegen ihn hatte ich in der tharnaischen Arena gek�mpft, und ich hatte sein Leben geschont. Die Kette ruckte. Ost begann krampfhaft zu zittern. �La� ihn am Leben�, sagte ich zu Kron.</p><p>�Wie du willst, Krieger�, sagte Kron und lie� Ost fallen, zerrte seine Kette �ber dessen Gesicht. Ost lag ersch�pft auf dem nassen Boden, die H�nde an der Kehle, und er keuchte und schnappte nach Luft.</p><p>�Du scheinst einen Freund gewonnen zu haben�, sagte Andreas. Mit lautem Kettenrasseln und einer heftigen Bewegung seiner breiten Schultern machte es sich Kron auf dem Boden bequem. Nach wenigen Sekunden verriet sein ruhiges Atmen, da� er eingeschlafen war. �Wo ist Linna?� fragte ich Andreas.</p><p>Seine Stimme war traurig, was selten geschah. �In einem der gro�en Anbaugebiete Tharnas�, sagte er. �Ich habe ihr nicht helfen k�nnen.� �Wir haben uns selbst nicht helfen k�nnen�, sagte ich.</p><p>Es wurde wenig gesprochen in der Zelle, denn die M�nner hatten sich wenig zu sagen. Au�erdem waren sie ersch�pft von der anstrengenden Arbeit des Tages. Ich lehnte mit dem R�cken an der feuchten Mauer und lauschte auf die Ger�usche ihres Schlafes.</p><p>Ich war noch fern vom Sardargebirge, fern von den Priesterk�nigen dieser Welt. Ich hatte weder meiner Stadt, noch der geliebten Talena, noch meinen Freunden oder meinem Vater helfen k�nnen. Keine zwei Steine durften je wieder zusammenkommen. Dieser R�tselspruch der Priesterk�nige, der Ausdruck ihres grausamen, unverst�ndlichen Willens, lie� sich noch nicht l�sen. Ihr Geheimnis war sicher, und ich w�rde fr�her oder sp�ter in diesen schwarzen Stollen sterben. Tharna hatte etwa hundert Bergwerke, in denen verschiedene Kettengemeinschaften von Sklaven an der Arbeit sind. Die Stollen dieser Bergwerke ziehen sich endlos durch die reichen Erzlager, auf denen die Vorrangstellung der Stadt basiert. In den meisten Vortriebstollen kann kein Mann aufrecht stehen. Nur wenige sind abgest�tzt. Bei der Arbeit kriecht der Sklave auf H�nden und Knien voran, die zuerst bluten, dann aber eine dicke Hornhaut entwickeln. Um seinen Hals h�ngt ein Leinenbeutel, in dem er seine Erzst�cke sammelt und zur Waage bringt. Das Eisen wird mit einer kleinen Spitzhacke aus dem Felsgestein gebrochen. Winzige Lampen spenden ein schwaches Licht.</p><p>Der Arbeitstag ist f�nfzehn goreanische Stunden (Ahns) lang, die im Hinblick auf die etwas andere Umlaufgeschwindigkeit Gors um die Sonne etwa achtzehn irdischen Stunden entsprechen. Die Sklaven kommen nie an die Oberfl�che. Wenn sie einmal in der kalten Schw�rze der Bergwerke untergetaucht sind, sehen sie die Sonne niemals wieder. Eine einzige Abwechslung gibt es in ihrem traurigen Dasein: einmal im Jahr, zum Geburtstag der Tatrix, erhalten sie einen kleinen Kuchen aus Honig und Sesamkernen und einen kleinen Krug mit Kal-da. Ein Mann in meiner Kettengemeinschaft, ein zahnloses Skelett, br�stete sich damit, da� er schon dreimal Kal-da getrunken hatte. Die meisten andern halten nicht so lange durch. Die Lebenserwartung eines Bergwerkssklaven liegt gew�hnlich zwischen sechs Monaten und einem Jahr.</p><p>Unwillk�rlich starrte ich zu dem gro�en runden Loch in der Decke unserer langen, schmalen Zelle auf.</p><p>Am n�chsten Morgen � die Tageszeit lie� sich nur von den lauten Fl�chen der Peitschensklaven und am Klirren der Ketten ablesen � krochen meine Mitgefangenen und ich aus der Zelle und erreichten wieder den breiten, rechteckigen Raum dahinter.</p><p>Der Essenstrog war schon gef�llt.</p><p>Die Sklaven dr�ngten sich zum Brot, wurden jedoch mit Peitschenhieben zur�ckgetrieben. Noch war der Befehl nicht gefallen, der ihnen den Weg freigab.</p><p>Der Peitschensklave, ein gew�hnlicher tharnaischer Sklave, der unsere Kettengemeinschaft beaufsichtigen mu�te, fand seine Arbeit sehr angenehm. Obwohl auch er das Tageslicht nicht wiedersehen w�rde, hatte er immerhin die Peitsche und war der Ubar dieser unterirdischen Schreckenswelt.</p><p>Die Sklaven spannten die Muskeln an, ihre Augen richteten sich auf den Trog. Die Peitsche wurde angehoben. Ihr Herabzucken war das Signal, da� die Sklaven zum Trog drangen durften.</p><p>Vergn�gen stand in den Augen des Peitschensklaven, als er diesen qualvollen Augenblick der Ruhe geno�, den sein angehobener Arm ausl�ste. Er geno� die gierigen Blicke der zerfetzten, hungrigen Sklaven. Die Peitsche knallte. �Essen!� br�llte er.</p><p>Die Sklaven sprangen vor.</p><p>�Nein!� schrie ich.</p><p>Einige stolperten und st�rzten hin, prallten kettenklirrend auf den Boden, zogen andere mit. Doch die meisten blieben stehen, vermochten ihr Gleichgewicht zu halten. Wie ein Mann richtete die zerlumpte, verdreckte Sklavengruppe die Augen auf mich.</p><p>�E�t!� br�llte der Peitschensklave und knallte zum zweitenmal. �Nein�, sagte ich!</p><p>Die M�nner waren unentschlossen.</p><p>Ost versuchte sich zum Trog vorzudr�ngen; da er jedoch an Kron gefesselt war, kam er nicht voran. Ost hatte ebensogut an einen Baumstamm gekettet sein K�nnen.</p><p>Der Peitschensklave kam auf mich zu. Siebenmal traf mich die Peitsche, ohne da� ich zusammenzuckte.</p><p>Dann sagte ich: �Schlag mich nicht noch einmal.�</p><p>Er wich mit erhobenem Arm zur�ck und lie� die Peitsche sinken. Er hatte begriffen, das sein Leben in Gefahr war. Welcher Trost konnte es ihm sein, wenn das ganze Bergwerk �berflutet wurde und er zuvor als erster gestorben war � von meiner Hand?</p><p>Ich wandte mich an die M�nner. �Ihr seid keine Tiere�, sagte ich, �ihr seid Menschen.�</p><p>Ich machte eine einladende Handbewegung und f�hrte zum Trog. �Ost�, sagte ich, �wird das Brot verteilen.�</p><p>Ost steckte die H�nde in das Brot und stopfte sich einen gro�en Brocken in den Mund.</p><p>Krons Handkette traf ihn an der Seite des Gesichts, und das Brot flog ihm aus dem Mund.</p><p>�Verteile das Brot!� sagte Kron.</p><p>�Wir haben dich ausgew�hlt�, sagte Andreas aus Tor, �weil du f�r deine Ehrlichkeit bekannt bist.�</p><p>Zu meiner Verbl�ffung begannen die angeketteten Sklaven zu lachen. W�hrend uns der Peitschensklave angstvoll beobachtete, verteilte Ost mit grimmiger Miene das armselige Fr�hst�ck im Essenstrog.</p><p>Das letzte Brotst�ckchen brach ich in zwei Teile, nahm eine H�lfte und gab Ost den Rest. �Und nun i߫, sagte ich.</p><p>W�tend wanderte sein Blick hin und her, wahrend er in das Brot bi� und hastig zu kauen begann. �Daf�r werden wir alle �berflutet�, sagte er.</p><p>Andreas aus Tor schaltete sich ein: �Was mich angeht, so w�re es mir eine Ehre, in der Gegenwart unseres teuren Ost zu sterben.�</p><p>Und wieder lachten die M�nner, und ich glaubte auch auf Osts Lippen ein L�cheln wahrzunehmen.</p><p>Der Peitschensklave sah unt�tig zu, wahrend wir den langen Gang zum Vortrieb zur�cklegten. Verwundert beobachtete er uns; denn einer der M�nner aus der Kaste der Bauern hatte ein Pfluglied zu summen begonnen, und nacheinander fielen die anderen ein.</p><p>Die Ablieferungsmenge schafften wir an diesem Tage m�helos � und auch am n�chsten.</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Von Zeit zu Zeit breiteten sich Neuigkeiten durch die Bergwerke aus. Sie wurden von den Sklaven gebracht, die die Essenstr�ge f�llten. Diese Sklaven waren besser dran als wir, denn sie hatten Zugang zum Zentralschacht. Jedes der hundert Bergwerke Tharnas hatte einen Zugang zu diesem Schacht. Er unterschied sich sehr von den viel engeren Erzsch�chten, die in jedem Bergwerk anders ausfielen. Diese waren schmale �ffnungen, in denen die Plattformen der Hebevorrichtungen gerade einen normalen Erzsack aufnehmen konnten. Durch den Zentralschacht wurden die tharnaischen Bergwerke mit Vorr�ten versorgt, nicht nur mit Lebensmitteln, sondern nach Bedarf auch mit Leinenstoff, Werkzeugen und Ketten. Das Trinkwasser stammte aus den nat�rlichen Quellen jedes Bergwerks. Ich und meine Mitgefangenen waren durch den Zentralschacht in diese Unterwelt gekommen. Nur tote Sklaven legten den umgekehrten Weg zur�ck. Ausgehend von den Sklaven, die die Flaschenz�ge der Versorgungsfahrst�hle des Zentralschachtes bedienten, von anderen Sklaven weitererz�hlt � so hatte sich die Nachricht ausgebreitet, bis sie schlie�lich auch unser Bergwerk erreichte, welches auf der tiefsten Sohle des Riesenschachtes lag.</p><p>Es gab eine neue Tatrix in Tharna.</p><p>�Wer ist die neue Tatrix?� fragte ich.</p><p>�Dorna die Stolze�, sagte der Sklave, der Zwiebeln, Rettiche, Kartoffeln und Brot in den Essenstrog sch�ttete.</p><p>�Was ist aus Lara geworden?� fragte ich.</p><p>Er lachte. �Du hast keine Ahnung!� rief er aus.</p><p>�Es dauert lange, bis Neuigkeiten zu uns dringen�, sagte ich. �Sie wurde entf�hrt!�</p><p>�Was?� rief ich.</p><p>�Ja�, sagte er. �Von einem Tarnk�mpfer, wie es sich herausstellte.� �Und wie hie� der Mann�, fragte ich.</p><p>�Tarl�, entgegnete er und fl�sterte: �Tarl aus � Ko-ro-ba.�</p><p>Ich wu�te nicht, was ich sagen sollte.</p><p>�Er ist ein Ge�chteter�, fuhr der Mann fort, �der die Schauspiele Tharnas �berlebte.�</p><p>�Ich wei߫, sagte ich.</p><p>�Da war ein Tarn mit einer Silberstange, der ihn fressen sollte. Doch er befreite den Tarn �� der Sklave klatschte sich auf die Schenkel � �bestieg das Tier und entf�hrte die Tatrix wie einen Tabuk!� Sein Gel�chter hallte in dem engen Raum wider, und die anderen Sklaven fielen begeistert ein. Ich begann zu verstehen, mit welchen Augen die Tatrix von den Sklaven gesehen wurde. Ich lachte nicht. �Was ist mit der Verhandlungss�ule?� fragte ich. �Wurde denn die Tatrix nicht unverletzt dort zur�ckgegeben und freigelassen?� �Das hatten alle angenommen�, sagte der Sklave. �Aber dem Tarnk�mpfer lag offenbar an ihr mehr als an allen Reicht�mern Tharnas.�</p><p>�Was f�r ein Mann!� rief einer der Sklaven. �Vielleicht war sie sehr sch�n�, sagte ein zweiter Mann. �Sie wurde nicht zur�ckgegeben?� fragte ich den Sklaven am Trog.</p><p>�Nein�, sagte er. �Zwei bedeutende Leute in Tharna, Dorna die Stolze und Thorn, ein Offizier, flogen zur S�ule, aber die Tatrix wurde nicht zur�ckgebracht. Daraufhin wurden die Gebirge ringsrum abgesucht � doch man fand nur die zerrissenen Gew�nder und ihre Goldmaske.� Der Sklave setzte sich auf den Trogrand. �Und jetzt tragt Dorna die Maske.� �Was ist wohl aus Lara geworden?� fragte ich.</p><p>Der Sklave lachte. �Nun�, sagte er, �wir wissen, da� sie ihre Goldgew�nder nicht mehr tr�gt.�</p><p>�Zweifellos hat sie passendere Dinge erhalten.�</p><p>�Ja!� Der Sklave klatschte sich auf das Knie. �Stellt euch vor! Lara, die Tatrix von Tharna, im Tanzkleid einer Sklavin!�</p><p>Meine Kettengemeinschaft lachte � alle au�er mir und Andreas aus Tor, der mich fragend ansah. Ich l�chelte ihn an und zuckte die Achseln. Die Antwort auf seine unausgesprochene Frage wu�te ich nicht.</p><p>Nach und nach versuchte ich meinen Mitsklaven das Selbstvertrauen wiederzugeben. Der erste Schritt war die einfache Essenszeremonie. Dann ermutigte ich sie, mehr miteinander zu sprechen, sich beim Namen und bei der Heimatstadt zu nennen, und obwohl die M�nner aus den verschiedensten Gebieten Gors kamen, teilten sie dieselbe Kette und denselben Essenstrog und akzeptierten einander.</p><p>Wenn ein Mann krank wurde, sorgten die anderen daf�r, da� sein Erzsack immer voll war. Wenn ein Mann geschlagen wurde, reichten die anderen Wasser von Hand zu Hand, damit seine Wunden gebadet werden konnten und er zu Trinken hatte. Und mit der Zeit kannten wir uns alle, die wir an die gro�e Kette gefesselt waren. Wir waren keine finsteren, anonymen Gestalten mehr, die in der Feuchtigkeit des Bergwerks dahinvegetierten. Schlie�lich hatte nur noch Ost Angst wegen dieser Ver�nderung, denn er bef�rchtete st�ndig die �berflutung unserer Schlafkammer.</p><p>Unsere Kettengemeinschaft leistete gute Arbeit, und die Ablieferungsmenge wurde jeden Tag erreicht, und als sie vergr��ert wurde, bereitete uns auch das keine Schwierigkeiten. Manchmal summten die M�nner bei der Arbeit sogar vor sich hin, ein Summen, das in den engen Tunneln verst�rkt wurde. Die Peitschensklaven Begriffen den seltsamen Wandel nicht und begannen sich vor uns zu f�rchten. Die Nachricht von unserer neuen E�methode war von den Essensklaven auch in die anderen Bergwerke getragen worden. Und sie berichteten von den sonstigen seltsamen Dingen, die sich in dem Bergwerk tief unten am Zentralschacht ereigneten, von den M�nnern, die sich gegenseitig halfen und die auch die Zeit und den Willen aufbrachten, eine Melodie zu singen.</p><p>Mit der Zeit erfuhr ich von den Essensklaven, da� diese Revolution sich heimlich wie der Pfotenschlag eines Larl von Bergwerk zu Bergwerk ausbreitete. Bald mu�te ich feststellen, da� die Sklaven, die uns das Essen brachten, den Mund nicht mehr aufbekamen, und vermutete, da� sie einen Schweigebefehl bekommen hatten. Doch an ihren Gesichtern war abzulesen, da� die ansteckende Seuche der Selbstachtung und des Selbstvertrauens in den Bergwerken unter Tharnas L�ndern nicht mehr auf zuhalten war. Hier im Dunkel der Bergwerke, in der Heimat der niedrigsten und w�rdelosesten Wesen von ganz Tharna konnten sich die M�nner wieder ins Gesicht sehen.</p><p>Ich wu�te, da� die Zeit gekommen war.</p><p>Als wir an diesem Abend in die lange Zelle gebracht wurden und die Riegel einrasteten, wandte ich mich an die M�nner.</p><p>�Wer von euch m�chte gern frei sein?� fragte ich.</p><p>�Ich�, sagte Andreas aus Tor.</p><p>�Und ich�, knurrte Kron aus Tharna.</p><p>�Und ich!� riefen andere Stimmen.</p><p>Nur Ost hielt sich zur�ck. �Solche Worte sind verboten�, wimmerte er. �Ich habe einen Plan�, sagte ich, �aber er erfordert Mut, und vielleicht kommen wir alle dabei um.�</p><p>�Es gibt keinen Ausweg aus den Bergwerken�, sagte Ost schrill. �F�hre uns, Krieger!� sagte Andreas.</p><p>�Zuerst�, sagte ich, �m�ssen wir daf�r sorgen, da� die Zelle �berflutet wird.�</p><p>Ost kreischte entsetzt auf, und Krons gewaltige Faust schlo� sich um seinen Hals und brachte ihn zum Schweigen. Ost wand sich in seinen H�nden. �Halt den Mund, Schlange!� sagte der st�mmige Mann und lie� Ost fallen. Der d�rre Mann kauerte sich zitternd an die Felswand. Sein Schrei hatte mir gesagt, was ich wissen wollte. Ich war nun sicher, wie ich die �berflutung der Zelle bewerkstelligen konnte.</p><p>�Morgen abend�, sagte ich einfach und sah Ost an, �morgen nacht machen wir unseren Ausbruchsversuch.�</p><p>Wie ich es erwartet hatte, stie� Ost am n�chsten Tag ein kleiner Unfall zu. Er schien sich mit seiner Spitzhacke am Fu� verletzt zu haben und flehte den Peitschensklaven so inst�ndig an, da� dieser ihn von der Kette losmachte, ihm einen Kragen um den Hals legte und den Humpelnden abf�hrte. Das war eine durchaus un�bliche Behandlung, doch es mu�te ihm klar sein, da� Ost allein mit ihm sprechen wollte, da� er ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hatte.</p><p>�Du h�ttest ihn umbringen sollen�, sagte Kron aus Tharna.</p><p>�Nein�, entgegnete ich.</p><p>Der st�mmige Mann sah mich fragend an und zuckte die Achseln. An diesem Abend waren die Sklaven, die uns das Essen brachten, von einem Dutzend Krieger begleitet. Auch wurde Ost nicht zur�ckgebracht. �Sein Fu� mu� gepflegt werden�, sagte der Peitschensklave und dr�ngte uns in unsere Zelle.</p><p>Als die Eisent�r geschlossen war und die Riegel zuscharrten, h�rte ich ihn Lachen.</p><p>Die M�nner waren unruhig.</p><p>�Du wei�t, da� unsere Zelle heute nacht �berflutet wird� sagte Andreas aus Tor.</p><p>�Ja�, entgegnete ich, und er starrte mich ungl�ubig an.</p><p>Ich wandte mich an den Mann am anderen Ende der Kammer. �Reich uns die Lampe her�ber!�</p><p>Ich nahm das Licht und trat, begleitet von einigen anderen Sklaven, unter das gro�e, sechzig Zentimeter breite Wasserloch, durch das sich die Flut auf uns ergie�en w�rde. Das Licht enth�llte mir in etwa zwei Metern Hohe ein Eisengitter. Irgendwo oben ert�nte ein Knirschen. �Hebt mich hoch!� rief ich, und Andreas und ein zweiter Sklave stellten sich unter mich, hoben mich auf ihre Schultern weiter in den Schacht, dessen Felsw�nde glatt und schleimig waren. Meine Hunger glitten ab.</p><p>Mit den angeketteten H�nden vermochte ich das Gitter nicht zu erreichen. Ich fluchte.</p><p>Dann schienen Andreas und der andere Sklave unter mir zu wachsen. Andere Gefangene knieten unter ihnen, hoben sie weiter an. Meine gefesselten H�nde ergriffen das Gitter.</p><p>�Ich hab�s!� rief ich. �Und jetzt zieht mich runter!�</p><p>Andreas und der Sklave fielen zur�ck, und ich sp�rte den Ruck der Fesseln, die von meinen Handgelenken und den ihren f�hrten. �Zieht!� br�llte ich, und die hundert Sklaven in unserer langen Zelle begannen an den Ketten zu zerren. Meine H�nde begannen zu bluten, das Blut tropfte mir ins hochgereckte Gesicht, doch ich lie� nicht los.</p><p>� Zieht!�</p><p>Ein d�nner Wasserstreifen lief an einer Seite des Schachtes herab. Das Wasser kam!</p><p>�Zieht!� br�llte ich wieder.</p><p>Pl�tzlich gab das Gitter nach, und ich st�rzte damit inmitten rasselnder Ketten zu Boden.</p><p>Der Wasserstrom war breiter geworden.</p><p>�Der erste an der Kette!� rief ich.</p><p>Klirrend erschien ein kleiner strohblonder Mann vor mir.</p><p>�Du mu�t dort hinaufklettern�, sagte ich.</p><p>�Aber wie?�</p><p>�Stemme dich mit dem R�cken gegen die Schachtwand�, sagte ich. �Gebrauche deine F��e.�</p><p>�Das schaffe ich nie!�</p><p>�Du schaffst es�, sagte ich.</p><p>Ich und sein Nebenmann nahmen ihn und hoben ihn in die �ffnung. Wir h�rten, wie er sich keuchend im Schacht abm�hte, h�rten das Scharren seiner F��e, das hohle Klirren seiner Kette, als er sich zentimeterweise hocharbeitete.</p><p>�Ich rutsche ab!� br�llte er und st�rzte uns weinend vor die F��e. �Noch einmal!� sagte ich.</p><p>�Ich schaffe es nicht!� weinte er hysterisch.</p><p>Ich packte ihn bei den Schultern und begann ihn zu sch�tteln. �Du bist ein Mann aus Tharna!� sagte ich. �Zeige uns, was ein solcher Mann vermag!�</p><p>Das war eine Herausforderung, wie sie die tharnaischen M�nner selten genug zu H�ren bekamen.</p><p>Wieder hoben wir ihn in den Schacht.</p><p>Ich schob den zweiten an der Kette unter ihn, und lie� auch gleich den dritten nachfolgen. Das Wasser sch�umte nun durch die �ffnung; in etwa faustdickem Strahl rauschte es herab. Unsere Zelle war schon kn�cheltief �berflutet.</p><p>Dann hatte der erste Mann an der Kette endlich Tritt gefa�t und begann zu steigen, der zweite folgte ihm nach, gest�tzt von dem dritten Mann, der nun auf dem R�cken des vierten balancierte, und so verschwanden immer mehr M�nner im Tunnel.</p><p>Einmal rutschte der zweite aus, ri� den ersten zur�ck und brachte auch den dritten aus der Bahn, doch inzwischen waren so viele M�nner in dem Schacht, da� nichts mehr passieren konnte. Der erste setzte seinen Anstieg fort.</p><p>Das Wasser stand schon sechzig Zentimeter tief in der Zelle und kam der Decke gef�hrlich nahe, als ich Andreas in den Tunnel folgte. Der n�chste war Kron. Was war mit den armen Kerlen Hinter uns?</p><p>Ich blickte in dem langen Schacht aufw�rts, an der langen Reihe der kletternden Sklaven entlang. �Beeilt euch!� rief ich.</p><p>Der Wasserstrom schien uns nach unten dr�cken zu wollen, schien uns weiter zu behindern. Er war wie ein Wasserfall.</p><p>�Beeilung! Schnell! Schnell!� ert�nte ein heiserer Schrei unter uns. Der erste Mann unserer Kette hatte nun die Quelle des Wassers erreicht, einen zweiten Tunnel. Wir h�rten ein pl�tzliches Rauschen. Er rief angstvoll: �Es kommt, eine Riesenflut!�</p><p>�Stemmt euch gegen die Wand!� rief ich in den Schacht. �Zerrt die letzten hoch! Es m�ssen alle aus der Zelle heraus!�</p><p>Doch meine letzten Worte gingen in einem unvorstellbaren Wasserschwall unter, der meinen K�rper wie eine Riesenfaust traf und mir den letzten Atem raubte. Die Flut toste den Schacht hinab, h�mmerte auf die M�nner ein. Einige verloren den Halt, und K�rper verklemmten sich im Schacht. Man konnte nichts sehen, vermochte nicht zu atmen oder sich zu bewegen.</p><p>Urpl�tzlich war die Flut vor�ber. �ber uns mu�te der Mann an der Wasserregulierung die Geduld verloren haben; vielleicht war der Schwall auch als eine Geste der Gnade gedacht, um den �berlebenden so schnell wie m�glich den Garaus zu machen.</p><p>Als ich wieder atmen konnte, sch�ttelte ich mir das nasse Haar aus dem Gesicht. Ich starrte in die feuchte Schwarze hinauf und br�llte: �Weiterklettern!�</p><p>Nach zwei oder drei Minuten hatte ich den waagerechten Stollen erreicht, durch den das Wasser in den Schacht geleitet worden war. Ich erreichte die anderen Sklaven an der Kette. Sie waren durchn��t wie ich und zitterten � doch sie lebten. Ich nahm den ersten Mann bei den Schultern. �Gut gemacht�, sagte ich.</p><p>�Ich bin aus Tharna�, erwiderte er stolz.</p><p>Endlich war auch der letzte Mann unserer Kettengemeinschaft im waagerechten Tunnel, obwohl die letzten vier hochgezerrt werden mu�ten. Sie gaben kein Lebenszeichen mehr. Wie lange sie unter Wasser gewesen waren, wu�ten wir nicht.</p><p>Wir besch�ftigten uns mit ihnen, beugten uns in der Dunkelheit �ber sie � ich und drei M�nner aus Port Kar, die in solchen Dingen Bescheid wu�ten. Die anderen Sklaven warteten geduldig ab. Kein einziger klagte, keiner trieb uns zur Eile an. Endlich regten sich die leblosen K�rper, Lungen begannen wieder zu arbeiten, Sogen die feuchte, k�hle Luft des Bergwerks ein.</p><p>Der Mann, den ich gerettet hatte, hob den Arm und ber�hrte meine Schulter.</p><p>�Wir geh�ren derselben Kette an�, sagte ich.</p><p>Es war ein Satz, der sich in den Bergwerken eingeb�rgert hatte. �Kommt!� sagte ich zu den M�nnern.</p><p>In Doppelreihen krochen wir den horizontalen Tunnel entlang.</p></section><section><title><p>19</p></title><p>�Nein! Nein!� hatte Ost geschrien.</p><p>Wir hatten ihn an der Vorrichtung gefunden, die den Wasservorrat in das Sklavenverlies rauschen lie�, das �ber siebzig Meter unter uns lag. Er trug die Kleidung eines Peitschensklaven � die Belohnung f�r seinen Verrat. Er warf die Peitsche fort und versuchte zu fliehen, mit wirbelnden Beinen wie ein Urt, doch in welche Richtung er sich auch wandte � er war von einer Kette ausgezehrter, aufgebrachter M�nner umgeben, und als sich der Kreis schlo�, warf sich Ost bebend auf die Knie. �Tut ihm nichts!� sagte ich.</p><p>Doch Krons breite Hand hatte sich bereits um den Hals des Verr�ters gelegt.</p><p>�Das ist Sache der tharnaischen M�nner�, sagte er. Seine stahlblauen Augen suchten die unnachgiebigen Gesichter der angeketteten Sklaven ab.</p><p>Auch Osts Augen irrten von Gesicht zu Gesicht, flehend, doch er fand kein Mitleid bei den M�nnern, die ihn anstarrten, als w�re er aus Stein. �Geh�rt Ost unserer Kette an?� fragte Kron. �Nein!� rief ein Dutzend Stimmen. �Er geh�rt der Kette nicht an.�</p><p>�Doch!� rief Ost. �Ich geh�re der Kette an.� Er starrte in die Gesichter seiner Mitgefangenen. �Nehmt mich mit! Befreit mich!�</p><p>�Solche Worte sind strafbar�, sagte einer der M�nner.</p><p>Ost begann zu zittern.</p><p>�Fesselt ihn und la�t ihn hier zur�ck�, sagte ich.</p><p>�Ja! Ja!� wimmerte Ost und warf sich Kron zu F��en.</p><p>Andreas aus Tor schaltete sich ein. �Tut, was Tarl aus Ko-ro-ba sagt. Befleckt unsere Kette nicht mit dem Blut dieser Schlange.�</p><p>�Gut denn�, sagte Kron unnat�rlich ruhig. �Beflecken wir unsere Kette nicht.�</p><p>�Oh, vielen Dank�, sagte Ost und schn�ffelte vor Erleichterung, und sein Gesicht zeigte schon wieder den verkniffenen, schlauen Ausdruck, den ich so gut kannte.</p><p>Doch Kron schaute auf ihn herab, und Ost wurde bleich.</p><p>�Du bekommst eine bessere Chance, als du uns gelassen hast�, sagte der stiernackige Mann aus Tharna.</p><p>Ost kreischte entsetzt auf.</p><p>Ich versuchte vorzuspringen, doch die M�nner der Kette standen starr. So konnte ich dem Verr�ter nicht zu Hilfe kommen.</p><p>Er versuchte in meine Richtung zu kriechen, streckte mir die H�nde entgegen. Ich hob die Arme, doch Kron packte ihn und zog ihn zur�ck. Der kleine Mann wurde von Sklave zu Sklave geworfen, den langen, horizontalen Tunnel entlang, bis der letzte Mann ihn mit dem Kopf nach unten den engen schwarzen Schacht hinabstie�, durch den wir aufgestiegen waren. Wir h�rten, wie sein K�rper einige Male die Tunnelw�nde ber�hrte, h�rten seinen Entsetzensschrei, der langsam verhallte und schlie�lich in einem leisen Klatschen unterging. So eine Nacht hatte es in den Bergwerken Tharnas noch nicht gegeben. Ich f�hrte meine Kettengemeinschaft in einer Doppelreihe hinter mir. Wir eilten durch die Sch�chte wie ein Ausbruch gl�hender Lava aus dem Inneren des Planeten. Nur mit Erzst�cken und Spitzhacken bewaffnet, mit denen wir das Metall aus den W�nden kratzten, st�rmten wir die Quartiere von Peitschensklaven und W�chtern, denen kaum Zeit blieb, zu den Waffen zu greifen. Wer bei den heftigen K�mpfen nicht get�tet wurde, die sich zumeist in der Schw�rze der Tunnel abspielten, erhielt Beinfesseln angelegt und wurde in Vorratszellen eingeschlossen, wobei die M�nner meiner Kettengemeinschaft mit ihren ehemaligen Unterdr�ckern nicht gerade sanft umgingen.</p><p>Wir fanden nach kurzer Zeit H�mmer, die uns von den Ketten befreiten, und einer nach dem anderen marschierten wir an dem m�chtigen Ambo� vorbei, wo Kron aus Tharna, Mitglied der Kaste der Metallarbeiter, die Metallringe mit geschicktem Schlag von unseren Handgelenken entfernte.</p><p>�Zum Zentralschacht!� rief ich und hob ein Schwert, das ich einem W�chter abgenommen hatte.</p><p>Ein Sklave, der uns die Nahrung zugetragen hatte, zeigte uns begeistert den Weg.</p><p>Endlich standen wir an dem riesigen Schacht.</p><p>Unsere Abbaustrecke lag vielleicht dreihundert Meter unter der Erdoberfl�che. Wir sahen die gewaltigen Ketten, die in der Schachtmitte hingen und die durch die kleinen Lampen an den Eing�ngen anderer Abbaustrecken �ber uns erhellt wurden. Und ganz weit oben machten wir sogar den Widerschein des Mondlichts aus. Die M�nner dr�ngten sich am Fu�e des Schachtes, der nur wenige Zentimeter unter der �ffnung unseres Stollens lag.</p><p>Sie starrten nach oben.</p><p>Der Mann, der sich ger�hmt hatte, in den Bergwerken dreimal Kal-da getrunken zu haben, brach in Tr�nen aus, als er einen der drei goreanischen Monde erblickte.</p><p>Ich schickte mehrere M�nner los, die an den Ketten bis ganz nach oben klettern sollten.</p><p>�Ihr m��t die Ketten verteidigen. Sie d�rfen nicht gekappt werden�, sagte ich.</p><p>Von Wut und Hoffnung befl�gelt, begannen die M�nner zu klettern. Zu meiner Freude machte niemand den Vorschlag, da� wir ihnen folgen sollten, niemand bat, Das wir fliehen sollten, ehe Alarm gegeben werden konnte.</p><p>Nein! Wir kletterten zur zweiten Sohle empor!</p><p>Wie erschreckend es f�r die W�chter und Peitschensklaven sein mu�te, uns so pl�tzlich ohne Ketten anzutreffen, eine unwiderstehliche Woge des Hasses und der Wut, die �ber sie hereinbrach! W�rfel, Kartenspiele und Trinkkr�ge polterten zu Boden, als Peitschensklaven und W�chter die Klingen verzweifelter Sklaven an die Kehlen gelegt bekamen, M�nner, die der Hauch der Freiheit trunken gemacht hatte und die entschlossen waren, ihre Leidensgenossen zu befreien.</p><p>Eine Zelle nach der anderen wurde ge�ffnet, die armen Sklaven wurden freigelassen, und W�chter und Peitschensklaven, die sich vor Entsetzen nicht zu wehren wu�ten, nahmen ihre Stelle ein.</p><p>Eine Abbaustrecke nach der anderen wurde befreit, und die neu hinzukommenden Sklaven schlossen sich uns an und drangen in die dar�berliegenden Sohlen vor, um ihre Mitsklaven zu befreien. Dies geschah wie nach einem vorher festgelegten Plan � dabei war es eine spontane Aktion, eine Tat von M�nnern, die ihr Selbstvertrauen zur�ckgewonnen hatten.</p><p>Ich war der letzte Sklave, der die Bergwerke verlie�. Ich kletterte an einer der dicken Ketten zu dem riesigen Windenhaus �ber dem Schacht empor und fand mich inmitten Hunderter von jubelnden M�nnern, die von der Last ihrer Ketten befreit waren, deren H�nde Waffen schwenkten, und wenn es sich nur um ein Felsst�ck oder ein paar Handschellen handelte. Die jubelnden Gestalten, von denen viele gekr�mmt und ausgezehrt waren, begr��ten mich im Schein der drei goreanischen Monde. Sie riefen meinen Namen und den Namen meiner Stadt, ohne Angst davor zu empfinden. Ich stand am Rande des gro�en Schachtes und sp�rte den k�hlen Nachtwind auf dem Gesicht.</p><p>Ich war gl�cklich.</p><p>Und stolz.</p><p>Ich sah den gro�en Schieber, durch den sich s�mtliche Sch�chte �berfluten lie�en, und ich sah, da� er geschlossen war.</p><p>Ich war stolz, da� meine Sklaven diesen Schieber verteidigt hatten, denn ringsum lagen die K�rper toter Soldaten, die ihn hatten erreichen wollen; aber noch mehr bewegte mich die Erkenntnis, da� die Sklaven nun den Schieber geschlossen gelassen hatten, obwohl sie wu�ten, da� unten in den engen Schachten und Zellen ihre Todfeinde und Unterdr�cker lagen. Ich konnte mir das Entsetzen dieser armen Wesen vorstellen, die gefesselt auf das ferne Wasserrauschen in den Tunneln warteten. Doch dieses Ger�usch w�rde ausbleiben.</p><p>Ich fragte mich, ob sie verstanden, da� eine solche Tat eines wirklich freien Menschen unw�rdig war und da� die M�nner, die in dieser windigen, kalten Nacht gesiegt hatten, die in der Dunkelheit der Tunnel und Sch�chte wie Larls gek�mpft hatten, die nicht an die eigene Sicherheit, sondern an die Freiheit ihrer Mitgefangenen gedacht hatten � da� diese M�nner wirklich frei waren.</p><p>Ich sprang auf die Kettenwinde und hob die Arme. Die Schw�rze des Zentralschachtes g�hnte unter mir.</p><p>Stille trat ein.</p><p>�M�nner von Tharna�, rief ich, �und aus den anderen goreanischen St�dten! Ihr seid frei!�</p><p>Ein gro�er Jubelschrei begr��te diese Ank�ndigung.</p><p>�Die Nachricht von unseren Taten wird schon zum Palast der Tatrix getragen�, fuhr ich fort.</p><p>�Soll sie doch zittern!� rief Kron aus Tharna mit grollender Stimme. ��berlege doch, Kron aus Tharna�, rief ich zur�ck, �bald werden die Tarnk�mpfer von den Mauern Tharnas aufsteigen, und die Infanterie wird sich gegen uns stellen.�</p><p>Besorgtes Murmeln wurde in den Reihen laut.</p><p>�Sprich, Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte Kron und gebrauchte den Namen meiner Stadt wie jeden anderen Stadtnamen.</p><p>�Wir haben weder die Waffen noch die Ausbildung noch die Tiere, um uns gegen die tharnaischen Soldaten durchzusetzen�, sagte ich. �Wir w�rden vernichtet, zertreten wie Ratten. Deshalb m�ssen wir uns in die W�lder und Berge zur�ckziehen, m�ssen uns in kleine und kleinste Gruppen aufteilen. Wir m�ssen von den Fr�chten des Landes leben. Alle Soldaten und Gardisten Tharnas werden uns suchen, alle verf�gbaren Kr�fte werden zu unserer Verfolgung abkommandiert! Man wird uns verfolgen. Lanzenreiter auf den gro�en Tharlarions werden uns aufspie�en. Die Pfeile der fliegenden Tarnk�mpfer werden uns treffen!� �Aber wir werden in Freiheit sterben!� rief Andreas aus Tor, und sein Schrei wurde von unz�hligen Stimmen aufgenommen.</p><p>�Und das mu� f�r andere ebenso gelten!� rief ich. �Ihr m��t euch bei Tag verstecken und wahrend der Nacht weiterziehen. Ihr m��t euren Verfolgern ausweichen. Ihr m��t die Freiheit zu den anderen tragen!� �Verlangst du von uns, da� wir Krieger werden?� rief eine Stimme. �Ja!� schrie ich, und solche Worte waren auf Gor noch nie gesprochen worden. �In dieser Sache m��t ihr Krieger werden, ob ihr nun aus der Kaste der Bauern oder Dichter oder Metallarbeiter oder Sattelmacher stammt, Krieger!�</p><p>�Das werden wir!� sagte Kron aus Tharna und schwang den gewaldigen Hammer, mit dem er unsere Handfesseln abgeschlagen hatte. �Ist dies der Wille der Priesterk�nige?� fragte eine Stimme. �Wenn es der Wille der Priesterk�nige ist�, sagte ich, �soll es geschehen!� Und dann hob ich wieder die H�nde. Ich stand auf der gro�en Winde �ber dem Schacht, vom Wind umzaust, die Monde Gors standen �ber mir, und ich rief: �Und wenn es nicht der Wille der Priesterk�nige ist, soll es trotzdem geschehen!�</p><p>�Es soll geschehen�, sagte die Stimme Krons.</p><p>�Es soll geschehen�, sagten die M�nner. zuerst nur vereinzelt, dann gemeinsam und schlie�lich im Chor, im m�chtigen Rhythmus, und ich wu�te, da� sich auf dieser Welt noch niemand so ge�u�ert hatte. Und es wollte mir seltsam erscheinen, da� diese Rebellion, dieser Wille, das nach der eigenen Auffassung Rechte zu tun, ungeachtet des Willens der Priesterk�nige, nicht von den stolzen Kriegern Gors ausging, auch nicht von den Schriftgelehrten oder Hausbauern oder �rzten oder sonstigen hohen Kasten in den zahlreichen goreanischen St�dten, sondern hier von den niedrigsten und verachtetsten M�nnern dieser Welt, den elenden Sklaven aus den Bergwerken von Tharna.</p><p>Ich blieb stehen und sah dem Abzug der Sklaven zu. Stumm wie Schatten wanderten sie davon, ihrem Leben als Ge�chtete entgegen, ihrem Geschick au�erhalb jeglicher Gesetze und Traditionen ihrer Heimatst�dte.</p><p>Der goreanische Abschiedsgru� kam mir in den Sinn: �Ich w�nsche dir alles Gute.�</p><p>Kron blieb am Schacht stehen. Ich ging auf der Querstrebe der Winde entlang und sprang neben ihm zu Boden.</p><p>Der st�mmige Mann stand mit gespreizten Beinen in der Dunkelheit. Er hielt den m�chtigen Hammer wie eine Lanze. Ich sah, da� sein Haar lang und verfilzt war, und seine stahlblauen Augen schienen weicher, als ich sie in Erinnerung hatte.</p><p>�Ich w�nsche dir alle Gute, Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte er.</p><p>�Ich dir auch, Kron aus Tharna�, erwiderte ich.</p><p>�Wir geh�ren derselben Kette an�, sagte er.</p><p>�Ja.�</p><p>Dann wandte er sich ab und verschwand mit schnellen Schritten zwischen den Schatten.</p><p>Nun stand nur noch Andreas aus Tor an meiner Seite.</p><p>Er strich sich die gewaltige Haarm�hne aus der Stirn und grinste mich an. �Nun�, sagte er, �ich habe die Bergwerke Tharnas ausprobiert, jetzt werd ich�s wohl mal in den gro�en Anbaugebieten versuchen.�</p><p>�Viel Gl�ck�, sagte ich.</p><p>Ich hoffte wirklich, da� er sein M�dchen finden w�rde, Linna aus Tharna. �Und was hast du vor?� fragte Andreas leichthin.</p><p>�Ich habe mit den Priesterk�nigen abzurechnen�, sagte ich.</p><p>�Ah!� entgegnete Andreas und schwieg.</p><p>Wir sahen uns an.</p><p>�Ich begleite dich�, sagte er schlie�lich.</p><p>Ich l�chelte. Andreas wu�te so gut wie ich, da� es aus dem Sardargebirge keine R�ckkehr gab.</p><p>�Nein�, sagte ich. �Ich glaube nicht, da� du in den Bergen viele Lieder finden wurdest.�</p><p>�Ein Dichter�, erwiderte er, �sucht seine Lieder �berall.�</p><p>�Es tut mir leid, aber ich kann es nicht zulassen, da� du mich begleitest.�</p><p>Andreas legte mir die H�nde auf die Schultern. �H�r zu, du einf�ltiger Krieger. Meine Freunde sind mir wichtiger als meine Lieder.� Ich versuchte ihm scherzhaft zu antworten, gab mich skeptisch. �Geh�rst du wirklich der Kaste der Dichter an?�</p><p>�Niemals mehr als in diesem Augenblick�, sagte Andreas, �denn wie k�nnten mir meine Lieder wichtiger sein als Dinge, die darin besungen werden?�</p><p>Ich war gl�cklich �ber diese Worte, denn ich wu�te, da� der junge Andreas seinen Arm oder Jahre seines Lebens f�r ein richtiges Lied gegeben h�tte.</p><p>�Linna braucht dich�, sagte ich. �Du mu�t sie suchen.�</p><p>Unentschlossen stand Andreas aus der Kaste der Dichter vor mir. Gequ�lt blickte er mich an.</p><p>�Ich w�nsche dir alles Gute�, sagte ich, �... Dichter.�</p><p>Er nickte. �Ich w�nsche dir alles Gute � Krieger.�</p><p>Vielleicht wunderten wir uns beide, da� zwischen Angeh�rigen derart verschiedener Kasten Freundschaftsbande bestehen konnten, aber vielleicht wu�ten wir auch, ohne es auszusprechen, da� in den Herzen der M�nner Waffen und Lieder nie weit voneinander entfernt sind. Andreas hatte sich zum Gehen gewandt, doch nun z�gerte er und sagte: �Die Priesterk�nige erwarten dich.� �Nat�rlich�, sagte ich.</p><p>Andreas hob die Hand. �Tal�, sagte er traurig.</p><p>Ich wunderte mich. �Tal� ist auf Gor ein Wort der Begr��ung. �Tal�, sagte auch ich und hob den Arm.</p><p>Vielleicht wollte er mich noch einmal willkommen hei�en, vielleicht glaubte er, da� er keine Gelegenheit mehr dazu haben w�rde.</p><p>Andreas hatte sich umgedreht und war verschwunden.</p><p>Ich mu�te meine Reise zum Sardargebirge beginnen.</p><p>Wie Andreas gesagt hatte � ich wurde erwartet. Ich wu�te, da� auf Gor wenig geschah, was nicht im Sardargebirge bekannt war. Die Macht und das Wissen der Priesterk�nige �berstieg das Verst�ndnis der gew�hnlichen Sterblichen dieser Welt, der Menschen im Schatten der Berge, wie gesagt wurde.</p><p>Es hei�t, da� wir so weit �ber den Am�ben stehen, wie die Priesterk�nige uns voraus sind, da� die h�chsten und fortschrittlichsten Geistesfl�ge, derer wir f�hig sind, im Vergleich zu den Gedankeng�ngen der Priesterk�nige nur wie die chemische Reaktion eines einzelligen Organismus erscheinen. Ich stellte mir ein solches Wesen vor, das mit seinen Pseudopodien blindlings nach einem Nahrungsbrocken langte, ein Organismus, der in seiner Welt zufrieden lebte � ein Nichts in den Augen eines h�hergestellten Wesens.</p><p>Ich hatte die Macht der Priesterk�nige kennengelernt � vor Jahren in den Bergen New Hampshires, als sie die Nadel meines Kompasses durcheinanderbrachten, dann auch im Tal von Ko-ro-ba, wo eine Stadt vernichtet worden war, so beil�ufig, als sei jemand in einen Ameisenhaufen getreten.</p><p>Ja, ich wu�te, da� die Macht der Priesterk�nige � die sogar st�rker sein sollte als der Zug der Schwerkraft � St�dte in Schutt und Asche legen, ganze Bev�lkerungen zerstreuen, Freunde trennen, Liebende einander entfremden, Tod bringen konnte. Und von den anderen Menschen auf Gor wu�te ich, da� ihre Macht Entsetzen hervorrief, da� sie unwiderstehlich war.</p><p>Ich mu�te an den Mann denken, der mir in den Roben eines Wissenden erschienen war und mir die Botschaft der Priesterk�nige gebracht hatte � vor Monaten auf der einsamen Landstra�e nach Ko-ro-ba. Und seine Worte klangen mir in den Ohren: �Wirf dich in dein Schwert, Tarl aus Ko-ro-ba!�</p><p>Aber ich wu�te damals wie heute, da� ich das nicht fertigbrachte, da� ich vielmehr in das Sardargebirge zu den Priesterk�nigen vordringen wollte.</p><p>Ich w�rde sie finden.</p><p>Irgendwo in den schroffen Klippen, die selbst einem wilden Tarn nicht zug�nglich waren, warteten sie auf mich, die G�tter einer grausamen Welt.</p><p/><p/></section><section><title><p>20</p></title><p>In der Hand hielt ich ein Schwert, das ich einem der Bergwerksw�chter abgenommen hatte. Es war meine einzige Waffe. Ehe ich meine lange Reise antrat, erschien es mir ratsam, meine Bewaffnung zu vervollst�ndigen. Die Soldaten, die oben am Schacht gegen die Sklaven gek�mpft hatten, waren tot oder geflohen. Und die Toten waren aller Kleidung und Waffen beraubt � Ausr�stungsgegenst�nde, die die zerlumpten, unbewaffneten Sklaven dringend ben�tigten.</p><p>Ich wu�te, da� ich nicht sehr viel Zeit hatte, denn die r�chenden Tarnk�mpfer Tharnas mu�ten bald vor den drei Monden erscheinen. Ich untersuchte die niedrigen Holzgeb�ude, die rings um den Zentralschacht standen. Fast alle waren aufgebrochen und ihr Inhalt mitgenommen oder herausgeworfen. In den, Waffenkammern war keine Klinge, kein Speer mehr zu sehen, und die Vorratsr�ume waren bis auf den letzten Kr�mel geleert.</p><p>Im B�ro des Bergwerksverwalters, des Mannes, der einmal ein ganzes Bergwerk hatte �berfluten. lassen, fand ich einen nackten Leichnam. Doch ich hatte den Mann schon einmal gesehen, als ich von dem Soldaten in seine Obhut gegeben wurde. Er war der Bergwerksverwalter pers�nlich. Der korpulente, grausame Mann war nun bis zur Unkenntlichkeit entstellt.</p><p>An der Wand hing eine leere Schwertscheide. Ich hoffte, da� der Mann noch Zeit gehabt hatte, nach seiner Waffe zu greifen, ehe ihn die Sklaven anfielen, denn obwohl mir der Ha� auf ihn nicht schwerfiel, wollte ich ihm doch nicht w�nschen, unbewaffnet gestorben zu sein In dem Get�mmel, bei dem schwachen Schimmer der Tharlarionlampen hatten die Sklaven die Schwertscheide wahrscheinlich �bersehen oder nicht gewollt. Das Schwert war nat�rlich verschwunden. Ich nahm die Scheide von der Wand und beschlo�, sie mitzunehmen.</p><p>Im ersten Schein der Morgend�mmerung, der durch das staubige Fenster hereindrang, stellte ich fest, da� die Scheide mit sechs Edelsteinen besetzt war. Smaragde. Vielleicht nicht sonderlich kostbar, aber auf jeden Fall des Mitnehmens wert.</p><p>Ich steckte meine Waffe in die leere Scheide, warf mir den Schwertg�rtel um und schlo� ihn nach goreanischer Sitte �ber meiner linken Schulter. Als ich die H�tte verlassen hatte, suchte ich den Himmel ab. Noch waren keine Tarnk�mpfer in Sicht. Die drei Monde waren bla� geworden und standen wie wei�e Scheiben am heller werdenden Himmel; die Sonne hatte sich schon halb hinter dem Horizont erhoben.</p><p>In dem d�steren Licht breitete sich vor mir eine Szene des Schreckens aus. Das h��liche Bergwerksgel�nde, die einsamen Holzh�tten, der braune Boden und die nackten Felsen waren verlassen. Nur die Toten bev�lkerten die Siedlung. Zwischen den �berresten der Pl�nderung � Papiere, aufgerissene Kartons, zerbrochene M�belst�cke und Draht � lagen in steifer, verdrehter Stellung die Toten, zermalmte, nackte K�rper. Staubw�lkchen wirbelten vorbei wie Tiere, die die F��e der Toten beschn�ffelten. An einem der Schuppen schwang eine T�r im Winde, knallte in regelm��igen Abstanden gegen die Wand.</p><p>Ich ging quer durch das Gel�nde und nahm einen Helm an mich, der halb vergraben unter verschiedenen Papieren lag. Sein Halsband war gerissen, doch die Enden lie�en sich noch zusammenbinden. Die Sklaven hatten den Helm vermutlich �bersehen.</p><p>Ich hatte mich ausr�sten wollen, doch ich hatte nur eine Schwertscheide und einen besch�digten Helm gefunden, und bald mu�ten die Tarnk�mpfer Tharnas eintreffen. Im Kriegerschritt � eine Art Trott, der sich stundenlang durchhalten l��t � verlie� ich das Bergwerksgel�nde. Ich hatte den Schutz einiger B�ume erreicht, als ich einige Tausend Meter hinter mir die Tarnk�mpfer Tharnas heranfliegen sah. Wie ein Wespenschwarm fielen sie �ber dem Zentralschacht ein und setzten zur Landung an.</p><p>Es geschah drei Tage sp�ter, da� ich in der Nahe der tharnaischen Verhandlungss�ule meinen Tarn wiederfand. Ich hatte seinen Schatten gesehen, besorgt, da� er wild geworden sein k�nnte, und hatte mich darauf eingestellt, mein Leben teuer zu verkaufen. Doch das gro�e Ungeheuer, mein gefederter Riese, der sich vielleicht wochenlang in der Nahe der Verhandlungss�ule herumgetrieben hatte, landete etwa drei�ig Meter von mir entfernt auf der Ebene, sch�ttelte seine gro�en Fl�gel und kam auf mich zu.</p><p>Aus ebendiesem Grunde war ich zur S�ule zur�ckgekehrt � in der Hoffnung, da� sich der Vogel aus dieser Gegend nicht fortbewegt hatte. Die Jagdgr�nde waren gut, und die Felsspitzen, auf die ich die Tatrix gebracht hatte, boten Schutz und Unterkunft f�r die Nacht.</p><p>Als er in meine N�he kam und seinen Kopf vorstreckte, fragte ich mich, ob nun etwa das Unm�gliche Wirklichkeit geworden war, etwas, das es eigentlich nicht geben konnte, da� n�mlich der Vogel auf mich gewartet hatte.</p><p>Er zeigte keinerlei Widerwillen und keine Erregung, als ich auf seinen R�cken sprang und ihm zurief: �Erster Z�gel!�, woraufhin er sich mit schrillem Schrei und gewaltigem Satz in die Luft erhob; seine m�chtigen Fl�gel knallten wie Peitschen und hoben ihn mit schneller Bewegung in die Luft.</p><p>Als wir die Verhandlungss�ule passierten, mu�te ich daran Denken, da� ich hier von der fr�heren Tatrix von Tharna verraten worden war. Und ich fragte mich, was aus ihr geworden sein mochte. Ich wunderte mich auch �ber ihren Verrat, �ber ihren seltsamen Ha� auf mich, der so wenig zu dem einsamen M�dchen auf dem Felsgrat zu passen schien, das sich die Talenderblumen angesehen hatte, w�hrend ich mich an der Beute meines Tarn s�ttigte. Dann erf�llte mich neue Wut bei der Erinnerung an ihre herrische Geste, an ihren unversch�mten Befehl: �Ergreift ihn!� Was immer sie erlebt haben mochte � ich redete mir ein, da� es wohlverdient sein mu�te. Und doch hoffte ich, da� sie vielleicht nicht den Tod gefunden hatte. Ich fragte mich, welche Rache Dorna die Stolze an ihr genommen hatte, und bedr�ckt stellte ich mir vor, da� sie Lara wom�glich in eine Ostgrube geworfen oder in stinkendem Tharlarion�l bei lebendigem Leibe verbrannt hatte. Vielleicht hatte sie sie auch unbekleidet den hungrigen Blutpflanzen Gors �berlassen oder sie in den Verliesen unter ihrem Palast den Urts zum Fra�e vorgeworfen. Ich wu�te, da� der Ha� eines Mannes schwach sein kann im Vergleich zu den Gef�hlen einer Frau, und wagte mir nicht weiter auszumalen, was Dorna die Stolze mit ihrer Gefangenen gemacht hatte.</p><p>Der Monat der Tag- und Nachtgleiche, genannt En�Kara, oder der erste Kara, war angebrochen, was w�rtlich �bersetzt die�erste Wende� bedeutet und sich auf die Sonne bezieht. Der goreanische Kalender ist �brigens ein kompliziertes Ding und treibt die Schriftgelehrten dieser Welt zur Verzweiflung. Denn auf Gor z�hlen die St�dte ihre Zeit nach der eigenen Liste von Administratoren; zum Beispiel wird ein Jahr als das Zweite Jahr, nachdem Soundso Administrator war, bezeichnet. Man w�rde sich denken, da� die Kaste der Wissenden eine gewisse Stabilit�t in den Kalender bringen k�nnte, da sie doch ihre Feste und Opferfeiern in Listen festhielten � doch die Wissenden der verschiedenen St�dte feiern nicht immer die gleichen Feste. Wenn der H�chste Wissende Ars beispielsweise seine Hegemonie �ber die Hohen Wissenden feindlicher St�dte ausdehnen k�nnte � eine Hegemonie, die er l�ngst beansprucht �, w�re ein einheitlicher Kalender vielleicht denkbar. Aber bisher hat Ar �ber andere St�dte noch nicht milit�risch gesiegt, und so sehen sich die Wissenden anderer St�dte im Schutz des Schwertes als frei und unabh�ngig an, als h�chste Instanzen ihrer jeweiligen Gemeinde.</p><p>Es gibt jedoch einige Faktoren, die die Situation nicht gar so hoffnungslos erscheinen lassen. Zum Beispiel die M�rkte am Fu�e des Sardargebirges, die viermal im Jahr stattfinden und fortlaufend numeriert werden. Ein zweiter Umstand besteht darin, da� manche St�dte bereit sind, in ihren Unterlagen neben ihren eigenen Daten die Zeitmessung Ars anzugeben, die die gr��te Stadt auf Gor ist.</p><p>Dort wird die Zeit nicht nach der Folge ihrer Administratoren gemessen, sondern von der mythischen Gr�ndung durch den ersten Menschen auf Gor, einem Helden, den die Priesterk�nige nach allgemeinem Glauben aus dem Schlamm der Erde und dem Blut von Tarns geformt haben. Die Zeit wird�Contaste Ar� oder�seit der Gr�ndung Ars� gerechnet. Das laufende Jahr ist nach dem Kalender Ars das Jahr 10.117. Ich vermute allerdings, da� Ar nicht einmal ein Drittel dieses Alters erreicht hat. Sein Heimstein jedoch, den ich gesehen habe, zeugt von einem betr�chtlichen Alter.</p><p>Etwa vier Tage war ich mit meinem Tarn unterwegs, als wir in der Ferne das Sardargebirge ausmachten. W�re ich im Besitz eines goreanischen Kompasses gewesen, hatte seine Nadel st�ndig auf dieses Gebirge gezeigt, eine Erinnerung an die Gegenwart der Priesterk�nige. Vor dem Gebirge, ein erregendes Panorama aus bunter Seide und Flaggen, sah ich die Zelte des Marktes von En�Kara, des Marktes der ersten Sonnenwende.</p><p>Ich zog den Tarn am Himmel herum, da ich noch n�her heran wollte. Ich betrachtete die Berge, die ich nun zum erstenmal aus gr��erer N�he sah, und eine seltsame K�lte drang mir in die Knochen, die nicht von den k�hlen Winden kam, die hier oben herrschten.</p><p>Das Sardargebirge war nicht so hoch und zerkl�ftet wie die roten Spitzen der Voltai-Berge, jene unzug�ngliche Ein�de, wo ich einmal Gefangener des Ge�chteten Ubar Marlenus aus Ar gewesen war, des ehrgeizigen und kampfgewohnten Vaters meiner sch�nen Talena, die ich liebte und die ich vor vielen Jahren auf dem R�cken meines Tarn nach Ko-ro-ba gebracht hatte, wo sie meine Freie Gef�hrtin wurde. Nein, das Sardargebirge bot sich nicht als atemberaubende nat�rliche Wildnis dar. Seine Gipfel erhoben sich nicht ver�chtlich �ber die Ebenen, versuchten nicht den Himmel zu ber�hren und des Nachts den Sternen zu trotzen. Hier war der Schrei von Tarns und das Grollen von Larls nicht zu H�ren. An Gr��e und Glanz war es den Voltai-Bergen unterlegen, doch als ich es jetzt anschaute, schlich sich Angst in mein Herz. Ich lenkte den Tarn n�her heran.</p><p>Die Berge vor mir waren schwarz � bis auf die hohen Gipfel und P�sse, auf denen wei�schimmernder Schnee zu sehen war. Ich suchte in den niederen Regionen nach gr�ner Vegetation, doch ich fand nichts. Das Sardargebirge war v�llig kahl.</p><p>Von den felsigen H�ngen schien eine seltsame Drohung, ein unbestimmter Angsthauch auszugehen. Ich lenkte den Tarn in die H�he, so hoch, da� seine Fl�gel schon m�hsam die d�nne Luft zu peitschen begannen, doch ich vermochte in den T�lern und an den H�ngen nichts zu entdecken, was mir auf eine Unterkunft der Priesterk�nige hinzudeuten schien.</p><p>Pl�tzlich erf�llte mich ein unheimlicher Verdacht; ich fragte mich, ob das Sardargebirge vielleicht leer war, ob es dort vielleicht nur Wind und Schnee gab, ob die Menschen etwa ahnungslos ein Nichts anbeteten. Wie stand es mit den unendlichen Gebeten der Wissenden, den Opfern, den Ritualen, den unz�hligen Schreinen, Altaren und Tempeln, die den Priesterk�nigen geweiht waren? War es denkbar, da� der Rauch der Opfer, der Duft des Weihrauchs, das Murmeln der Wissenden, ihre Knief�lle und Unterwerfungen nur den leeren Gipfeln dieses Gebirges galten, dem Schnee und der K�lte und dem Wind, der zwischen den schwarzen Klippen heulte?</p><p>Pl�tzlich kreischte der Tarn auf und erschauerte in der Luft. Und schon war der Gedanke an die Leere des Sardargebirges wie fortgelassen, denn jetzt hatte ich eine Spur der Priesterk�nige! Es war fast, als bebte der Vogel im Griff einer unsichtbaren Faust! Ich sp�rte nichts.</p><p>In den Augen des Vogels zeigte sich Entsetzen, eine Regung, die ich noch nie bei ihm erlebt hatte und die mir ganz unglaublich erschien. Zu sehen war nichts.</p><p>Widerwillig, protestierend, kreischend � so taumelte der Vogel hilflos hin und her, verlor an Hohe. Seine m�chtigen Fl�gel peitschten sinnlos auf und ab, unkoordiniert, wie die Glieder eines Ertrinkenden. Es hatte den Anschein, als weigerte sich die Luft, sein Gewicht l�nger zu tragen. In trunkenen Kreisen, verwirrt, hilflos schreiend, fiel der Vogel weiter ab, wahrend ich mich verzweifelt an seinen Halsfedern festkrallte und mein Gleichgewicht zu halten versuchte.</p><p>Als wir eine H�he von hundert Metern erreichten, war das seltsame Schauspiel so pl�tzlich vorbei, wie es gekommen war. Der Vogel gewann an H�he und Kraft, gewann seine alte Energie zur�ck, doch er war seltsam erregt und lie� sich fast nicht mehr lenken.</p><p>Zu meiner Verbl�ffung begann er wieder anzusteigen, entschlossen, in der alten H�he weiterzufliegen.</p><p>Immer wieder versuchte er an H�he zu gewinnen, und immer wieder wurde er hinabgezwungen.</p><p>Durch das Gefieder sp�rte ich die Anspannung seiner R�ckenmuskeln, sp�rte das erregte Schlagen des starken Herzens. Doch jedesmal, wenn wir eine bestimmte H�he erreichten, verloren die Augen des Tarn ihren Glanz, und die Balance und die Flugtauglichkeit des Tieres gingen verloren. Nun war es nicht mehr �ngstlich, sondern nur noch w�tend. Und wieder versuchte es anzusteigen, schneller und wilder als zuvor. Hastig rief ich: �Vierter Z�gel!� Ich bef�rchtete, das sich das mutige Tier eher umbringen w�rde, als der unsichtbaren Kraft nachzugeben, die seinen Weg versperrte.</p><p>Unwillig landete der Vogel auf der Grasebene, etwa zwei Kilometer von dem En�Kara-Markt entfernt. Ich glaubte einen tadelnden Blick der gro�en Tarnaugen wahrzunehmen. Warum sprang ich nicht wieder auf seinen R�cken und gab den Startbefehl? Warum versuchten wir es nicht noch einmal?</p><p>Ich t�tschelte ihm den Schnabel und kratzte einige L�use zwischen seinen Halsfedern hervor und strich sie ihm auf die Zunge. Der Tarn str�ubte noch einige Sekunden lang ungeduldig die Federn, doch dann erlag er widerwillig der Delikatesse, und die Parasiten verschwanden in seinem gebogenen Schnabel.</p><p>Was mir eben widerfahren war, mu�te dem unge�bten goreanischen Gehirn, besonders den Menschen niedriger Kasten, als Beweis f�r �bernat�rliche Kr�fte, f�r den magischen Willen der Priesterk�nige erscheinen. Ich selbst neigte nicht zu solchen Hypothesen.</p><p>Der Tarn war in eine Art Abwehrfeld geraten, das wahrscheinlich auf seine Ohren einwirkte und den Verlust des Gleichgewichtssinns zur Folge hatte. Eine �hnliche Vorrichtung verhinderte vielleicht auch das Eindringen von Reittharlarions. Gegen meinen Willen mu�te ich die Priesterk�nige bewundern. Ich wu�te nun, das die Berichte stimmten, die ich geh�rt hatte � da� alle, die das Sardargebirge betraten, zu Fu� kommen mu�ten.</p><p>Ich bedauerte es, den Tarn verlassen zu m�ssen, doch er konnte mich nicht begleiten.</p><p>Ich redete etwa eine Stunde auf ihn ein und versetzte ihm schlie�lich einen leichten Schlag gegen den Schnabel. Dann schob ich den Vogel von mir. Ich deutete �ber die Ebene, von den Bergen fort. �Tabuk!� sagte ich.</p><p>Das Tier r�hrte sich nicht.</p><p>Es war absurd, aber ich hatte das Gef�hl, da� der Vogel glaubte, er habe mich entt�uscht, als er mich nicht in die Berge trug. Vielleicht ahnte er auch, da� ich nicht hier auf ihn warten w�rde, wenn er von der Jagd zur�ckkehrte.</p><p>Der gro�e Kopf bewegte sich fragend hin und her, streckte sich vor und strich mir am Bein entlang.</p><p>�Flieg, Ubar des Himmels!� sagte ich. �Flieg!�</p><p>Als ich das Wort Ubar aussprach, hob der Tarn den Kopf. So hatte ich ihn genannt, als ich ihn in der tharnaischen Arena erkannte. Der gro�e Vogel entfernte sich etwa f�nfzehn Meter und schaute fragend zur�ck. Ich deutete �ber die Ebene.</p><p>Das Tier sch�ttelte sein Gefieder, schrie auf und schwang sich in den Wind. Ich sah zu, bis es als winziger Fleck am blauen Himmel verschwand.</p><p>Mir war seltsam traurig zumute, und ich machte mich auf den Weg zum Sardargebirge. Davor, auf der Grasebene, die ich �berqueren mu�te, lag der bunte En�Kara-Markt.</p><p>Ich hatte kaum einen Pasang zur�ckgelegt, als meine Aufmerksamkeit auf eine Baumgruppe jenseits eines kleinen Flusses gelenkt wurde � von dort ert�nte der Entsetzensschrei eines M�dchens.</p></section><section><title><p>21</p></title><p>Schon sprang mein Schwert aus der Scheide, und ich watete durch den kalten Bach und hastete auf die Baumgruppe zu.</p><p>Wieder klang der Schrei auf.</p><p>Jetzt war ich zwischen den B�umen, kam schnell voran. Ich bem�hte mich, keine Ger�usche zu machen.</p><p>Dann nahm ich den Geruch eines Lagerfeuers wahr. Ich h�rte ruhige Stimmen. Zwischen den B�umen machte ich Zeltplanen und einen Tharlarionwagen aus, dessen Kutscher die Tiere abschirrte. Soweit ich erkennen konnte, hatte keiner der M�nner den Schrei geh�rt oder k�mmerte sich darum.</p><p>Ich ging langsam weiter und kam zwischen den Zelten auf die Lichtung. Einige W�chter musterten mich neugierig. Einer stand auf und inspizierte den Wald hinter mir, um zu sehen, ob ich allein gekommen war. Ich sah mich um. Eine friedliche Szene breitete sich aus � die Lagerfeuer, die runden Zelte, das Abschirren der Zugtiere, eine Szene, wie ich sie aus der Karawane Mintars aus der H�ndlerkaste noch in Erinnerung hatte. Aber dies war nur ein kleines Lager und hatte wenig mit dem Pasanglangen Wagenzug gemein, mit dem der reiche Mintar zu reisen pflegte.</p><p>Wieder h�rte ich den Schrei.</p><p>Ich sah, da� die Plane des Tharlarionwagens aus blauer und gelber Seide bestand.</p><p>Ich war in das Lager eines Sklavenh�ndlers geraten.</p><p>Langsam steckte ich mein Schwert in die Scheide und nahm den Helm ab.</p><p>�Tal�, sagte ich zu den beiden W�chtern, die am Fenster hockten und Steine spielten � ein Ratespiel, bei dem der eine Spieler erraten mu�, ob die Zahl der Steine, die der andere in der Faust birgt, gerade oder ungerade ist.</p><p>�Tal�, sagte einer der M�nner. Der andere, der mit Raten an der Reihe war, blickte nicht einmal auf.</p><p>Ich ging zwischen den Zelten hindurch und erblickte das M�dchen. Sie war blond; ihr Haar war so lang, da� es den ganzen R�cken bedeckte. Sie hatte blaue Augen und war verwirrend sch�n. Im Augenblick zitterte sie wie ein in die Enge getriebenes Tier. Sie war nackt an einen schlanken birken�hnlichen Stamm gefesselt, in kniender Stellung. Ihre H�nde waren �ber ihrem Kopf hinter dem Stamm mit einer Sklavenfessel zusammengebunden. Ihre Fu�gelenke waren hinter dem Baum mit einer kurzen Kette gefesselt.</p><p>Ihre Augen richteten sich flehend auf mich, als konnte ich sie von ihrem Schicksal erl�sen, doch als sie mich anschaute, wurde ihr Blick, wenn das �berhaupt m�glich war, noch entsetzter, noch panischer. Sie stie� einen hoffnungslosen Schrei aus, begann zu beben und lie� den Kopf nach vorn sinken.</p><p>Ich vermutete, da� sie mich f�r einen weiteren Sklaventreiber hielt. Dicht neben dem Baum stand eine eiserne Feuerschale, in der sich gl�hende Kohlen h�uften. Ich sp�rte ihre Hitze. In den Kohlen steckten drei Brandeisen.</p><p>Neben den Eisen stand ein st�mmiger Mann mit freiem Oberk�rper und dicken Lederhandschuhen, einer der Helfer des Sklavenh�ndlers. Er hatte nur noch ein Auge. Er musterte mich ohne gro�es Interesse, wahrend er auf die Brandeisen wartete.</p><p>Ich warf einen Blick auf den Schenkel des M�dchens. Sie war noch nicht gekennzeichnet.</p><p>Wenn ein Mann sich ein M�dchen f�ngt, brennt er ihr nicht immer sein Zeichen auf, obwohl das sehr oft geschieht. Ein professioneller Sklavenh�ndler dagegen achtet darauf, da� seine Ware eindeutig gekennzeichnet ist, und es geschieht selten, da� ein ungebranntes M�dchen zur Versteigerung kommt.</p><p>Das Brandzeichen ist etwas anderes als der Kragen, obwohl beide ein Zeichen f�r die Sklaverei sind. Der Kragen ist in erster Linie ein Nachweis �ber den Herrn des Sklaven und seine Heimatstadt. Im Leben eines M�dchens kann der Kragen unz�hlige male wechseln, wahrend das Brandzeichen unver�ndert bleibt und ihren Status angibt. Das Mal liegt gew�hnlich unter dem kurzen Sklavenrock versteckt. Es besteht bei den M�dchen aus einem anmutig geschwungenen Zeichen, der Anfangsbuchstabe des goreanischen Wortes f�r Sklave. Wird ein Mann gebrandmarkt, wird der gleiche Buchstabe in etwas anderer Form benutzt.</p><p>Der Mann am Feuer bemerkte mein Interesse an dem M�dchen, trat neben sie, ergriff ihr Haar und zerrte den Kopf in die H�he, damit ich besser ihr Gesicht sehen konnte. �Ein h�bsches Ding, nicht wahr?� fragte er.</p><p>Ich nickte und fragte mich, warum mich die blauen Augen so angstvoll anstarrten.</p><p>�Vielleicht mochtest du sie kaufen?� fragte der Mann.</p><p>�Nein�, erwiderte ich.</p><p>Der untersetzte Mann blinzelte mir mit seinem einen Auge zu. Verschw�rerisch fl�sterte er: �Sie ist noch nicht trainiert. Und sie ist wild wie ein Sleen.�</p><p>Ich l�chelte.</p><p>�Aber das Eisen treibt ihr das aus.�</p><p>Das bezweifelte ich noch.</p><p>Ich holte eines der Eisen aus dem Feuer. Es war rotgl�hend.</p><p>Beim Anblick des erhitzten Metalls begann das M�dchen wieder zu schreien. Sie zerrte an ihren Fesseln.</p><p>Der untersetzte Mann stie� das Brandeisen noch einmal ins Feuer. �Sie ist laut�, sagte er besch�mt. Dann warf er einen Blick in meine Richtung, zuckte die Achseln, als wollte er mich um Entschuldigung bitten, trat neben das M�dchen und nahm eine Handvoll langes Haar. Er drehte es zu einem kleinen, festen Ball zusammen und schob ihn ihr pl�tzlich in den Mund. Das Haar dehnte sich sofort aus, und ehe sie es wieder ausspucken konnte, hatte er weiteres Haar um ihren Kopf gelegt und festgebunden, so da� sie ihren Mund nicht mehr freibekam. Stumm rang das M�dchen mit dem Knebel, doch es war sinnlos. Ein Trick der Sklavenh�ndler. Ich wu�te, da� auch manche Tarnk�mpfer ihre Gefangenen auf diese Weise b�ndigten.</p><p>�Tut mir leid, wildes Ding�, sagte der Mann, �aber wir wollen doch nicht, da� Targo mit seiner Peitsche kommt und uns beiden Zunder gibt, nicht wahr?�</p><p>Leise schluchzte das M�dchen und lie� den Kopf H�ngen.</p><p>Geistesabwesend summte der Mann ein Karawanenlied vor sich hin, wahrend er darauf wartete, da� das Eisen die richtige Hitze hatte. Ich wu�te nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich war herbeigeeilt, um das M�dchen zu befreien, es zu besch�tzen. Nun mu�te ich feststellen, da� sie nur eine Sklavin war und da� ihr Eigent�mer � was auf Gor durchaus Routine war � sich daranmachte, sie als seinen Besitz zu kennzeichnen. Hatte ich sie nun befreien wollen, w�re das ebenso ein Diebstahl gewesen, als wenn ich versucht hatte, mit dem Tharlarionwagen davonzufahren.</p><p>Au�erdem hegten die M�nner keine feindlichen Gef�hle f�r das M�dchen. Sie war nur eines von vielen an ihrer Kette, vielleicht weniger gut trainiert und weniger f�gsam als die anderen. Sie Waren allenfalls ungeduldig mit ihr und meinten, sie rege sich zu sehr auf. Ihre Gef�hle, ihre Erniedrigung und Scham verstanden sie jedenfalls nicht. Vermutlich meinten sogar die anderen M�dchen, da� sie zu viele Umst�nde mache. Mu�te eine Sklavin das Brandeisen nicht hinnehmen? Und die Peitsche?</p><p>Ich sah die anderen Sklavenm�dchen in einiger Entfernung sitzen. Sie lachten und unterhielten sich, bewegten sich wie freie M�dchen. Auf den ersten Blick war die Kette, die ihre Kn�chel Verband, nicht zu sehen. Sie endete an einem Baum, wo sie sorgsam festgemacht war.</p><p>Gleich mu�ten die Brandeisen bereit sein.</p><p>Das M�dchen, das hilflos in ihren Ketten hing, w�rde das Brandzeichen erhalten.</p><p>Ich hatte mich zuweilen schon gefragt, welchen Sinn solche Brandzeichen hatten. Sicher hatten die Goreaner andere M�glichkeiten, den menschlichen K�rper unverkennbar zu kennzeichnen � und das auf schmerzlose Weise. Meine Vermutung, die zum Teil durch meinen alten Waffenmeister, den �lteren Tarl, best�tigt wurde, ging dahin, da� das Brandzeichen vordringlich wegen der psychologischen Wirkung angebracht wurde.</p><p>Nach der Theorie kann ein M�dchen, das pl�tzlich wie ein Tier gebrandmarkt wird, dessen helle Haut pl�tzlich vom Eisen ihres Herrn entstellt ist, nicht um das innere Gef�hl herum, da� sie jetzt ein Gegenstand des Besitzes ist, etwas, das dem Wesen geh�rt, das ihr dieses brennende Eisen an den Schenkel gedr�ckt hat.</p><p>Wahrscheinlich h�ngt die Wirkung des Brandzeichens weitgehend von dem M�dchen ab. Manche werden es nur als ein weiteres Zeichen ihrer Scham, ihres Elends und ihrer Erniedrigung sehen. Andererseits kenne ich F�lle, da eine stolze, wehrhafte Frau, wom�glich von gro�er Intelligenz, die sich stets gewehrt hatte, bei der Ber�hrung des Brandeisens zu einer leidenschaftlichen und gehorsamen Vergn�gungssklavin wurde.</p><p>Alles in allem wei� ich nicht, ob das Brandzeichen vorwiegend um der psychologischen Wirkung willen verwendet wird oder nicht. Vielleicht handelt es sich nur um eine Kennzeichnung der H�ndler, die eine M�glichkeit haben m�ssen, entlaufene Sklaven aufzusp�ren, da ihr Beruf sonst mit einem nicht zu vertretenden Risiko behaftet w�re. Manchmal glaube ich auch, das Brandeisen ist nur ein unsch�nes �berbleibsel aus einer weniger fortschrittlichen Zeit.</p><p>Eines war jedenfalls klar. Das arme Wesen hier wollte das Brandeisen nicht.</p><p>Ich hatte Mitleid mit ihr.</p><p>Der Helfer des Sklavenh�ndlers zog ein Eisen aus dem Feuer. Mit seinem gesunden Auge musterte er es absch�tzend. Es war wei�gl�hend. Er nickte.</p><p>Das M�dchen dr�ckte sich gegen den Baum, und ihr R�cken schabte �ber die rauhe wei�e Rinde. Mit Fu�- und Handgelenken wehrte sie sich gegen die Umklammerung der Sklavenfesseln. Sie atmete keuchend. Ihr ganzer K�rper bebte, und Entsetzen stand in ihren Augen. Sie begann zu wimmern.</p><p>Der Sklavenhelfer legte den linken Arm um ihren rechten Schenkel und hielt ihn umklammert. �Nicht r�hren, mein Schatz�, sagte er nicht ohne Freundlichkeit. �Du darfst das Zeichen nicht verwischen.� Er sprach langsam auf das M�dchen ein, als wollte er es beruhigen. �Du w�nschst dir doch ein klares, h�bsches Zeichen, nicht? Dadurch wird dein Preis h�her, und du bekommst einen besseren Herrn.�</p><p>Das Eisen wurde nun angehoben, war zum Zusto�en bereit.</p><p>Ich sah, da� sich einige der kurzen goldenen Haare auf ihrem Schenkel zusammenrollten und versengt wurden.</p><p>Sie schlo� die Augen und st�hlte sich gegen den unvermeidlichen Schmerz.</p><p>�La� das�, sagte ich.</p><p>Der Mann starrte mich verwundert an.</p><p>Die entsetzten Augen des M�dchens �ffneten sich, musterten mich fragend.</p><p>�Warum nicht?� fragte der Mann.</p><p>�Ich kaufe sie�, sagte ich.</p><p>Der Helfer des Sklavenh�ndlers stand auf und sah mich neugierig an. Er wandte sich zu den Zelten um. �Targo!� br�llte er. Dann stie� er das Brandeisen wieder in die Kohlen.</p><p>Das M�dchen sank in ihren Fesseln zusammen. Sie hatte das Bewu�tsein verloren.</p><p>Zwischen den runden Zelten erschien ein kleiner dicker Mann in einem weiten Umhang aus buntgestreifter Seide und einem Kopfband aus dem gleichen Material: Targo, der Sklavenh�ndler, Herr �ber diese kleine Karawane. Targo trug purpurne Sandalen, deren Senkel mit Perlen besetzt waren. Seine dicken Finger waren voller Ringe, die bei jeder Handbewegung glitzerten. Um seinen Hals trug er nach Art eines Hausmeisters durchstochene M�nzen an einem Silberdraht. An seinen Ohrl�ppchen hingen gewaltige Ohrringe, Saphirpendants an goldenem Stengel. Sein K�rper war frisch einge�lt, und ich nahm an, da� er sich bis eben in seinem Zelt gewaschen hatte � ein Vergn�gen, das sich Karawanenherren am Ende eines langen, staubigen Tages mit Vorliebe g�nnten. Sein Haar, lang und schwarz unter der blaugelben Seide, war fettig und glattgestriegelt. Es erinnerte mich an den schimmernden Pelz eines Haus-Urts.</p><p>�Guten Tag, Herr�, l�chelte Targo, verbeugte sich und musterte den seltsamen Fremden, der da in sein Lager gekommen war. Dann wandte er sich an den Mann, der die Eisen bewachte. Mit scharfer, herrischer Stimme fragte er: �Was geht hier vor?�</p><p>Sein Helfer deutete auf mich. �Er will nicht, da� ich das M�dchen brandmarke.�</p><p>Targo sah mich verst�ndnislos an. �Wieso?� fragte er.</p><p>Ich wu�te nicht, was ich sagen sollte. Was konnte ich diesem H�ndler antworten, diesem Spezialisten des Sklavenhandels, diesem Gesch�ftsmann, der den alten Traditionen und Praktiken seines Gewerbes folgte? Konnte ich ihm sagen, da� dem M�dchen kein Leid geschehen sollte? Er hatte mich f�r verr�ckt gehalten. Doch welchen anderen Grund gab es?</p><p>Ich kam mir seltsam vor, doch ich sagte ihm die Wahrheit. �Ich m�chte nicht, da� ihr weh getan wird�, sagte ich.</p><p>Targo und sein Helfer sahen sich an.</p><p>�Aber sie ist nur eine Sklavin�, sagte Targo.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Der Sklavenhelfer ergriff das Wort: �Er hat gesagt, er will sie kaufen.� �Ah!� sagte Targo, und seine winzigen Augen glitzerten. �Das ist etwas anderes.� Pl�tzliche Traurigkeit �berzog sein Gesicht. �Nur schade, da� sie so teuer ist.�</p><p>�Ich habe kein Geld�, sagte ich.</p><p>Targo starrte mich verst�ndnislos an. Sein fetter kleiner K�rper zog sich wie eine Faust zusammen. Er war w�tend. Er wandte sich an den anderen Mann, ohne mich weiter zu beachten. �Brandmarke das M�dchen!� sagte er.</p><p>Sein Helfer zog ein Eisen aus den Kohlen.</p><p>Meine Schwertspitze ber�hrte die Haut des dicken Sklavenh�ndlers. �La� sein!� sagte Targo.</p><p>Gehorsam steckte der Mann das Brandeisen wieder ins Feuer. Er sah, da� mein Schwert auf den Bauch seines Herrn gerichtet war, doch er schien sich weiter keine Sorgen zu machen. �Soll ich die W�chter rufen?� fragte er.</p><p>�Ich bezweifle, da� sie schnell genug hier sein konnten�, sagte ich leise. �Du brauchst die W�chter nicht zu rufen�, sagte Targo, der nun zu schwitzen begann.</p><p>�Ich habe kein Geld�, sagte ich, �aber ich habe diese Scheide.� Targos Blick zuckte herab und bewegte sich von einem Smaragd zum N�chsten. Seine Lippen bewegten sich stumm. Sechs Steine.</p><p>�Vielleicht�, sagte Targo, �werden wir uns einig.�</p><p>Ich steckte das Schwert ein.</p><p>Targo wandte sich an seinen Helfer und sagte mit scharfer Stimme: �Weck sie!�</p><p>Murrend holte der Mann einen Ledereimer voller Wasser aus dem kleinen Flu�. Targo und ich starrten uns an, bis der Mann zur�ckkehrte. Er sch�ttete das kalte Wasser �ber das angekettete M�dchen, das nun prustend und zitternd die Augen �ffnete.</p><p>Targo trat mit kurzen, rollenden Schritten neben das M�dchen, schob einen dicken Finger, an dem ein gro�er Rubinring schimmerte, unter ihr Kinn und hob ihren Kopf an.</p><p>�Eine wirkliche Sch�nheit�, sagte Targo. �Und in den Sklavengruben Ars bestens ausgebildet.�</p><p>Ich konnte sehen, wie der andere Mann hinter Targo den Kopf sch�ttelte. �Und�, fuhr Targo fort, �sie ist sehr gehorsam und eifrig.�</p><p>Hinter ihm sch�ttelte der Mann wieder den Kopf und zuckte die Achsel. �Sanft wie eine Taube, friedlich wie ein K�tzchen�, fuhr Targo fort. Ich schob meine Schwertklinge zwischen die Wange des M�dchens und das Haar, das �ber ihren Kopf ,gebunden war. Ich ruckte daran, und die Haarstr�hnen glitten von der Klinge.</p><p>Das M�dchen starrte Targo an: �Du fetter, schmutziger Urt!� zischte sie. �Still, Tharlarion!� fauchte er.</p><p>�Ich glaube nicht, da� sie viel wert ist�, sagte ich.</p><p>�O Herr!� rief Targo und fuhr herum. �Ich habe hundert silberne Tarnm�nzen f�r sie zahlen m�ssen!�</p><p>Hinter Targo hielt sein ein�ugiger Helfer die Finger in die Luft und �ffnete seine H�nde f�nfmal.</p><p>�Ich mochte bezweifeln, da� sie mehr als f�nfzig wert ist�, sagte ich. Targo sah mich verbl�fft an. Respekt schimmerte in seinen Augen. Vielleicht war ich vom Fach? Tats�chlich waren f�nfzig silberne Tarnm�nzen ein sehr hoher Preis, der darauf schlie�en lie�, da� das M�dchen aus hoher Kaste stammte. Ein gew�hnliches M�dchen aus niedriger Kaste mochte untrainiert je nach Marktlage bis zu drei�ig M�nzen bringen.</p><p>�Ich gebe dir zwei von meinen Edelsteinen hier�, sagte ich. In Wirklichkeit hatte ich keine Vorstellung von ihrem Wert und wu�te also auch nicht, ob mein Angebot vern�nftig war. Nach Targos Ringen zu urteilen, war er ein weitaus besserer Kenner in solchen Dingen. �Unm�glich!� sagte Targo und sch�ttelte heftig den Kopf.</p><p>Ich merkte, da� er nicht bluffte, denn wie hatte er wissen k�nnen, da� ich den wahren Wert der Steine nicht kannte? Wie konnte er ahnen, da� ich sie nicht selbst erworben und an der Scheide befestigt hatte? �Du bist ein harter Verhandlungspartner�, sagte ich. �Vier . . .� �Kann ich mir die Steine einmal ansehen, Krieger?� fragte er. �Aber nat�rlich�, erwiderte ich, schnallte die Scheide ab und reichte sie ihm. Das Schwert behielt ich in der Hand.</p><p>Targo starrte die Juwelen absch�tzend an. �Nicht schlecht�, sagte er, �aber nicht genug . . .�</p><p>Ich gab mich ungeduldig. �Dann zeig mir deine anderen M�dchen�, sagte ich.</p><p>Es war deutlich, da� Targo dieser Wunsch nicht gefiel, denn offenbar wollte er gerade das blonde M�dchen loswerden. Vielleicht war sie eine Unruhestifterin.</p><p>�Zeige ihm die anderen�, sagte sein Helfer. �Das M�dchen hier sagt nicht einmal: �Kauf mich, Herr!��</p><p>Targo warf dem Ein�ugigen einen w�tenden Blick zu. Doch dieser l�chelte nur vor sich hin und �berpr�fte die Brandeisen in den Kohlen. �rgerlich f�hrte mich Targo auf die Graslichtung zwischen den B�umen. Mit schneller Bewegung klatschte er zweimal in die H�nde, und ringsum entstand eine Bewegung. M�dchen sprangen auf, und die lange Kette rutschte klirrend durch die Kn�chelringe. Schlie�lich knieten die M�dchen in der Haltung von Vergn�gungssklavinnen vor mir im Gras; sie bildeten eine Linie zwischen den beiden B�umen, an denen ihre Ketten befestigt waren. Als ich an ihnen vorbeiging, hob jedes M�dchen herausfordernd den Kopf und sagte: �Kauf mich, Herr.�</p><p>Viele von den M�dchen waren sehr sch�n, und ich �berlegte, da� diese Kette, obwohl sie nur kurz war, einen gro�en Wert darstellte, weil fast jeder Kunde ein M�dchen nach seinem Geschmack finden m��te. Es waren lebensfrohe Gesch�pfe, von denen manches M�dchen sicher auch gut trainiert war, die Sinne ihres Herrn anzuregen. Zahlreiche goreanische St�dte waren vertreten � ein blondes M�dchen aus Thentis; ein dunkelh�utiges Wesen aus der W�stenstadt Tor, ihr schwarzes Haar fiel bis zu den Kn�cheln herab; M�dchen aus den schlimmen Stra�en Port Kars im Voskdelta; sogar M�dchen aus den hohen Zylindern Ars; ihre Geschichte stand auf ihren Halsb�ndern geschrieben. Ich fragte mich, wie viele von Geburt an Sklavinnen gewesen waren.</p><p>Als ich so vor jeder Sch�nheit stehenblieb und ihrem Blick begegnete und ihre Worte h�rte: �Kaufe mich, Herr�, fragte ich mich, warum ich eigentlich nicht dieses M�dchen kaufen sollte, warum ich nicht sie befreien sollte anstelle des anderen M�dchens. Waren diese gro�artigen Gesch�pfe denn weniger wert als sie?</p><p>�Nein�, sagte ich zu Targo. �Von diesen kaufe ich keine.�</p><p>Zu meiner �berraschung lief ein entt�uschtes Aufseufzen die Kette entlang. Zwei M�dchen, das aus Tor und eines der M�dchen aus Ar, weinten sogar und bargen die Gesichter in den H�nden. Ich w�nschte, ich h�tte auf die Parade verzichtet.</p><p>Aus der R�ckschau ist mir nun klar, da� die Kette f�r ein M�dchen ein Ort der Einsamkeit ist, ein Ort der K�lte und Ungewi�heit. Die Arme eines Herrn waren auf jeden Fall besser als der kahle Stahl des Kn�chelrings.</p><p>Als sie sagten: �Kaufe mich, Herr�, war das nicht nur ein ritueller Satz. Sie hatten wirklich verkauft werden wollen � an mich, an jeden, der sie von der verha�ten Kette Targos befreite.</p><p>Targo schien erleichtert zu sein. Er ergriff meinen Ellenbogen und f�hrte mich zu dem Baum zur�ck, vor dem noch immer das blonde M�dchen kniete.</p><p>Als ich sie anschaute, fragte ich mich wieder, warum meine Wahl ausgerechnet auf sie gefallen war. Warum nahm ich nicht eine andere? Warum war es mir nicht gleichg�ltig, da� dieses M�dchen das zarte Halsband trug? Wahrscheinlich lehnte ich mich �berhaupt gegen die Einrichtung der Sklaverei auf und gegen die Tatsache, da� sich nichts �ndern w�rde, wenn ich aus einem unsinnigen Mitleid heraus dieses eine M�dchen befreite. Sie konnte nat�rlich nicht mit ins Sardargebirge kommen, und sobald ich sie freilie�, w�rde sie wieder eingefangen oder den wilden Tieren zum Opfer fallen.</p><p>�Ich habe beschlossen, sie doch nicht zu kaufen�, sagte ich. Das M�dchen hob den Kopf und sah mich an. Sie versuchte zu l�cheln. Die Worte kamen leise, aber klar und deutlich: �Kaufe mich, Herr.� �Ei!� rief der Ein�ugige, und sogar Targo schaute mich verbl�fft an. Es war das erstemal, da� das M�dchen diesen Satz sagte.</p><p>Ich sah sie an und bemerkte, da� sie wirklich sch�n war, doch am meisten fiel mir das Flehen in ihren Augen auf. Und unter diesem Blick l�ste sich meine Vernunftentscheidung zu einem Nichts auf, und ich gab meinem Gef�hl nach, wie ich es in der Vergangenheit schon mehrfach getan hatte.</p><p>�Nimm die Scheide�, sagte ich zu Targo. �Ich kaufe sie.�</p><p>�Und den Helm!� sagte Targo.</p><p>�Einverstanden�, erwiderte ich.</p><p>Er ergriff die Scheide, und die Freude, mit der seine dicken Finger sie umfa�ten, verriet mir, da� ich seiner Meinung nach geh�rig �bervorteilt worden war. Im letzten Augenblick fiel es ihm wieder ein, und er ri� mir auch den Helm aus der Hand. Er und ich wu�ten, da� er fast v�llig wertlos war. Ich l�chelte leise. In solchen Dingen war ich wohl nicht sehr talentiert. Aber wenn ich den wahren Wert der Edelsteine gekannt hatte ...?</p><p>Das M�dchen sah mich an und versuchte an meinen Augen abzulesen, was aus ihr werden w�rde. Ihr Schicksal lag nun in meiner Hand, ich war ihr Herr.</p><p>Grausam sind die Sitten auf Gor, dachte ich, wenn sechs kleine gr�ne Steine, die zusammen kaum f�nfzig Gramm wiegen, und ein besch�digter Helm der Preis f�r ein Menschenleben sind.</p><p>Targo und sein Helfer waren zu den Zelten gegangen, um die Schl�ssel f�r die Kette des M�dchens zu holen.</p><p>�Wie hei�t du?� fragte ich.</p><p>�Eine Sklavin hat keinen Namen�, erwiderte sie. �Du magst mir einen geben, wenn du es w�nschst.�</p><p>Auf Gor hat ein Sklave tats�chlich keinen Namen, da er nach dem Gesetz keine Person ist. Vom Gesichtspunkt des Goreaners aus geh�rte es zu den schlimmen Dingen an der Sklaverei, da� der gefangene Sklave seinen Namen verliert. Ein Name, den er seit Geburt getragen hat, mit dem er sich selbst identifiziert hat, der zu einem Teil seiner Person geworden ist � dieser Name ist pl�tzlich verschwunden. �Du bist keine geborene Sklavin�, sagte ich.</p><p>Sie l�chelte mich an und sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte sie. �Ich bin es zufrieden�, sagte ich, �dich bei dem Namen zu nennen, den du als freie Frau getragen hast.�</p><p>�Du bist freundlich�, sagte sie.</p><p>�Wie hast du gehei�en?� fragte ich.</p><p>�Lara.�</p><p>�Lara?�</p><p>�Ja, Krieger�, sagte sie. �Erkennst du mich denn nicht? Ich war Tatrix von Tharna.�</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Als das M�dchen losgekettet war, hob ich sie hoch und trug sie zu einem der runden Zelte, das man mir zugewiesen hatte.</p><p>Dort sollten wir warten, bis der Sklavenkragen graviert worden war. Das Zelt war mit dicken bunten Teppichen ausgelegt und mit zahlreichen Seidenvorh�ngen geschm�ckt. Das Licht spendete eine Tharlarionlampe, die an drei Ketten hing. Kissen lagen herum. Sanft setzte ich das M�dchen ab, das sich langsam umsah.</p><p>�Du wirst mich jetzt unterwerfen, nicht wahr?�</p><p>�Nein�, sagte ich.</p><p>Sie kniete vor mir nieder und legte die Stirn auf den Teppich. �Schlag mich�, sagte sie.</p><p>Ich hob sie hoch.</p><p>�Hast du mich nicht gekauft, um mich zu vernichten?� fragte sie verwundert.</p><p>�Nein�, sagte ich. �Hast du deshalb zu mir gesagt: �Kaufe mich, Herr ?� �Ich glaube schon�, erwiderte sie. �Ich hoffte wohl, da� du mich umbringen w�rdest. Aber ich bin mir nicht sicher.�</p><p>�Warum wolltest du sterben?�</p><p>�Ich war Tatrix von Tharna�, sagte sie und senkte den Blick, �und ich m�chte nicht als Sklavin weiterleben.�</p><p>�Ich werde dich nicht t�ten�, sagte ich.</p><p>�Gib mir dein Schwert, Krieger�, sagte sie, �und ich st�rze mich hinein.� �Nein.�</p><p>�Ja, ein Krieger hat nicht gern das Blut einer Frau an seinem Schwert.� �Du bist jung, sch�n und voller Leben. Schlag dir die St�dte des Staubes aus dem Kopf.�</p><p>Sie lachte bitter auf.</p><p>�Warum hast du mich gekauft?� fragte sie. �'Du wolltest doch sicher deine Rachegel�ste befriedigen! Hast du vergessen, da� ich dich unter ein Joch gezwungen habe, da� ich dich auspeitschen und schlie�lich in die Arena schicken lie�? Da� ich es war, die dich verriet und in die Bergwerke Tharnas schickte?�</p><p>�Nein�, sagte ich kurz, �ich habe das nicht vergessen.�</p><p>�Ich auch nicht�, sagte sie stolz. Es war klar, da� sie nichts von mir erwartete und mich um nichts bitten w�rde � nicht einmal um ihr Leben. Sie musterte mich furchtlos � doch war sie hilflos und mir v�llig ausgeliefert. Es war ihr wichtig, eines guten Todes zu sterben, und ich bewunderte sie daf�r und fand sie in ihrer Hilflosigkeit unwiderstehlich. Ihre Unterlippe zitterte, und sie versuchte sie mit einer unmerklichen Bewegung unter Kontrolle zu bringen. Ein winziger Blutstropfen stand auf ihrer Lippe. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, da� ich das Blut am liebsten mit meiner Zunge abgek��t h�tte.</p><p>Ich sagte nur: �Ich m�chte dir kein Leid tun.�</p><p>Sie starrte mich verst�ndnislos an.</p><p>�Warum hast du mich gekauft?� fragte sie.</p><p>�Ich habe dich gekauft, um dich freizulassen�, sagte ich.</p><p>�Aber du wu�test doch nicht, da� ich die Tatrix von Tharna war�, sagte sie sp�ttisch.</p><p>�Nein�, erwiderte ich.</p><p>�Aber jetzt wei�t du es � und was tust du mit mir?�</p><p>Ich lachte. �Du hast mir viel zum Nachdenken gegeben�, sagte ich. �Was geschieht mit mir?�</p><p>�Ich gebe dich frei.�</p><p>Sie trat ungl�ubig zur�ck. In ihren blauen Augen stand die Verwunderung, und pl�tzlich erschienen Tr�nen darin. Ihre Schultern begannen zu zucken.</p><p>Ich legte die Arme um ihre schmalen Schultern, und zu meinem Erstaunen legte dieses M�dchen, das die goldene Maske Tharnas getragen hatte, das Tatrix dieser d�steren Stadt gewesen war, den Kopf an meine Brust und begann zu weinen.</p><p>�Nein�, sagte sie, �ich bin es nicht wert, mehr als eine Sklavin zu sein.� �Das stimmt nicht�, sagte ich. �Denk daran, einmal hast du den Befehl gegeben, mich nicht zu schlagen. Einmal sagtest du auch, es w�re nicht leicht, die Erste Frau Tharnas zu sein. Denk daran, da� du dir einmal eine Wiese voller Talenderblumen anschautest und ich zu dumm und n�rrisch war, um mit dir zu sprechen.�</p><p>Sie stand in meinen Armen, und ihre tr�nenerf�llten Augen sahen mich an. �Warum hast du mich nach Tharna zur�ckgebracht?� fragte sie. �Um dich gegen meine Freunde auszutauschen�, sagte ich.</p><p>�Und das Silber und die Edelsteine Tharnas haben dich nicht interessiert?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie trat zur�ck. �Bin ich nicht sch�n?�</p><p>Ich sah sie an.</p><p>�Du bist sehr sch�n�, sagte ich, �so sch�n sogar, da� tausend Krieger ihr Leben lassen w�rden, um einmal dein Gesicht zu sehen, so sch�n, da� deinetwegen hundert St�dte in Schutt und Asche fallen konnten.� �W�rde ich einem � einem Tier gefallen?� wollte sie wissen.</p><p>�Es w�re ein gro�er Sieg f�r einen Mann, dich an seiner Kette zu haben.�</p><p>�Und doch wolltest du mich nicht behalten! Du hast mir gedroht, mich auf dem Sklavenmarkt von Ar zu verkaufen.�</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Warum wolltest du mich nicht behalten?�</p><p>Es war eine k�hne Frage f�r dieses M�dchen, das einmal Tatrix von Tharna war. �Meine Liebe geh�rt Talena, der Tochter Marlenus, der einmal Ubar Ars gewesen ist.�</p><p>�Ein Mann kann viele Sklavenm�dchen haben�, sagte sie hochm�tig. �Gewi� tragen in deinem Sklavengarten � wo immer der sein mag � viele M�dchen deinen Kragen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Du bist ein seltsamer Krieger ...�</p><p>Ich zuckte die Achseln.</p><p>Sie richtete sich vor mir auf. �Willst du mich nicht?�</p><p>�Dich zu sehen, hei�t, dich zu wollen�, sagte ich.</p><p>�Dann nimm mich! Ich bin dein.�</p><p>Ich blickte zu Boden und suchte nach den passenden Worten.</p><p>�Ich verstehe dich nicht�, sagte ich.</p><p>�Tiere sind Narren!� rief sie aus.</p><p>Nach diesem unglaublichen Ausbruch trat sie an die Zeltbahn, klammerte sich an einen Vorhang und barg ihr Gesicht in den Falten. Schlie�lich wandte sie sich um. In ihren Augen standen Tr�nen. �rgerlich sagte sie: �Du hast mich nach Tharna zur�ckgebracht.� �Um der Liebe meiner Freunde willen�, sagte ich. �Und wegen der Ehre!� �Vielleicht auch wegen der Ehre!� �Ich hasse deine Ehre!�</p><p>�Manche Dinge sind eben doch starker als die Sch�nheit einer Frau.� �Ich hasse dich!�</p><p>�Das tut mir leid.�</p><p>Lara lachte traurig auf und setzte sich, legte den Kopf auf die Knie. �Ich hasse dich gar nicht.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Aber ich habe ... ich habe dich geha�t. Als Tatrix von Tharna ha�te ich dich � sehr sogar.�</p><p>Ich antwortete nicht. Ich wu�te, da� sie die Wahrheit sprach. Ich hatte das heftige Gef�hl gesp�rt, mit dem sie sich gegen mich aufgelehnt hatte.</p><p>�Wei�t du, Krieger, warum ich dich geha�t habe?�</p><p>�Nein�, sagte ich.</p><p>�Weil ich dich wiedererkannte, als ich dich zum erstenmal sah � ich hatte dich in tausend verbotenen Tr�umen schon gesehen.� Sie schaute mich an. �In diesen Tr�umen war ich die stolze Tatrix meiner Stadt, umgeben von meinem Rat und meinen Kriegern. Und pl�tzlich kam ein gewaltiger Tarn durch die Decke herabgestiegen, die wie Glas zerbrach, ein riesiger Tarn mit einem behelmten Krieger. Er l�ste meinen Rat auf, zerschlug meine Armeen und entf�hrte mich im Sattel seines Tarn in seine Stadt, wo ich � die stolze Tatrix von Tharna � sein Brandzeichen und seinen Kragen tragen mu�te.�</p><p>�Du darfst diese Tr�ume nicht f�rchten�, sagte ich.</p><p>�Und in seiner Stadt�, fuhr das M�dchen mit leuchtenden Augen fort, �legte er mir Gl�ckchen um die Kn�chel und kleidete mich in Tanzseide. Mir blieb gar nichts anderes �brig, ich mu�te ihm gehorchen. Und wenn ich nicht mehr tanzen konnte, nahm er mich in die Arme und zwang mich, wie ein Tier seinem Vergn�gen zu dienen.�</p><p>�Ein grausamer Traum�, sagte ich.</p><p>Sie lachte, und auf ihrem Gesicht leuchtete die Scham. �Nein�, sagte sie, �der Traum war gar nicht grausam.�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�In seinen Armen lernte ich etwas, das Tharna uns nicht lehren konnte. In seinen Armen lernte ich es, an der hei�en Flamme seiner Leidenschaft teilzunehmen. In seinen Armen lernte ich Berge und Blumen kennen und h�rte den Schrei wilder Tarns und sp�rte die Klauenber�hrung eines wilden Larls. Zum erstenmal in meinem Leben kamen meine Sinne zu ihrem Recht � zum erstenmal sp�rte ich die Bewegung der Kleidung an meinem K�rper, zum erstenmal sah ich, wie sich ein Auge �ffnet, sp�rte, wie sich die Ber�hrung einer Hand wirklich anf�hlt � und da wu�te ich, da� ich nicht mehr oder weniger war als dieser Mann oder jedes andere lebendige Wesen auf dieser Welt, und ich liebte ihn!�</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Ich h�tte seinen Kragen nicht um alles Gold und Silber Tharnas aufgegeben, nicht um alle Steine ihrer grauen Mauern!�</p><p>�Aber du warst doch gar nicht frei in deinem Traum�, sagte ich. �War ich denn frei in Tharna?�</p><p>Ich starrte auf das verschlungene Teppichmuster und schwieg. �Nat�rlich�, fuhr sie fort, �unterdr�ckte ich als eine Frau, die die Maske Tharnas trug, diesen Traum. Ich ha�te ihn. Er entsetzte mich. Er besagte, da� sogar ich, die Tatrix der Stadt, die unw�rdige Natur eines Tieres hatte.� Sie l�chelte. �Als ich dich dann sah, glaubte ich, in dir den Krieger meines Traums wiederzuerkennen. Also ha�te ich dich und wollte dich vernichten, weil du mich und meine Stellung bedrohtest, und w�hrend ich dich ha�te, f�rchtete ich dich auch � und ich sehnte mich nach dir.�</p><p>Ich blickte �berrascht auf.</p><p>�Ja�, sagte sie, �ich sehnte mich nach dir.� Sie senkte den Kopf, und ihre Stimme war so leise, da� ich sie kaum noch verstehen konnte. �Obwohl ich Tatrix von Tharna war, wollte ich dir zu F��en liegen, wollte ich mit gelben Schn�ren auf rotem Teppich gebunden werden.�</p><p>Ich erinnerte mich daran, da� sie im Ratssaal Tharnas schon einmal von gelben Schn�ren gesprochen hatte.</p><p>�Was hat es mit dem Teppich und den gelben Schn�ren auf sich?� �In den alten Zeiten waren die Verh�ltnisse noch anders in Tharna.� Im Zelt des Sklavenh�ndlers berichtete mir Lara nun aus der seltsamen Geschichte ihrer Stadt. Zu Anfang hatte sich Tharna kaum von anderen goreanischen St�dten unterschieden, in denen Frauen keinerlei Vorrangstellung und schon gar keine Rechte genossen. Damals waren die Riten der Unterwerfung praktiziert worden, bei denen die Gefangene mit gelben Schn�ren gefesselt und auf einen roten Teppich gelegt wurde. Die gelbe Farbe der Schn�re war ein Symbol f�r die Talenderblume, die oft mit weiblicher Liebe und Sch�nheit gleichgesetzt wurde, und das Rot des Teppichs entsprach wohl der Farbe des Blutes, ein Symbol f�r die Leidenschaft.</p><p>Der Sieger �ber das M�dchen legte ihr das Schwert auf die Brust und sprach den vorgeschriebenen Versklavungsspruch � die letzten Worte, die das M�dchen als freie Frau h�ren w�rde.</p><p>Wenn der Sieger das M�dchen schlie�lich freigab und den Ritus vollendete, wenn sie dann aufstand und ihm folgte, war sie in seinen und ihren Augen eine Sklavin.</p><p>Mit der Zeit gerieten diese grausamen Riten in Vergessenheit, und die Frauen Tharnas gewannen an Bedeutung, wurden Vern�nftiger und menschlicher behandelt. Durch ihre Liebe und Z�rtlichkeit lehrten sie ihre Herren, da� auch sie des Respekts und der Zuneigung wert waren. Und je mehr die Sklavinnen ihren Herren am Herzen lagen, desto geringer wurde der Wunsch, sie zu dem�tigen, denn nur wenige M�nner verm�gen eine Frau zu erniedrigen f�r die sie echte Gef�hle empfinden. Und als sich der Status der Frauen verbesserte und weniger klar definiert war, begannen sich auch die feinen Spannungen der Beherrschung und Unterwerfung, die in der tierischen Welt vom Instinkt beherrscht werden, zu �ndern.</p><p>Das Gleichgewicht der gegenseitigen Wertsch�tzung ist stets sehr empfindlich, und es ist statistisch unm�glich, da� es sich in einer ganzen Bev�lkerung lange halt. Entsprechend begannen die tharnaischen Frauen � vielleicht zun�chst unbewu�t � die Gelegenheit zu nutzen, die ihnen durch die Kindererziehung und durch die Liebe geboten wurde, und im Laufe der Generationen vermochten sie ihre Stellung sehr zu verbessern � wobei sie sich aller Mittel bedienten.</p><p>Mit der Zeit gewannen die spezifischen F�higkeiten, die die Natur der Frau mitgegeben hat, die Talente des Mannes zu �berwiegen � bewirkt durch die Erziehung der Jugend und die Kontrolle �ber die Bildung. Und so wie es in unserer Welt m�glich ist, eine ganze Bev�lkerung zu Dingen zu erziehen, die f�r andere V�lker v�llig undenkbar und absurd sind, festigte sich bei den M�nnern und Frauen Tharnas nach und nach der Glaube an die �berlegenheit der Frau � der Weg zu ihrer Herrschaft war eingeschlagen. So geschah es, da� den Frauen von Tharna am Ende der Entwicklung die unangefochtene F�hrung zufallen konnte. Obwohl diese Situation einige Generationen hindurch sozial vertretbar erscheint, ist sie auf lange Sicht nicht gerade f�rderlich f�r das menschliche Gl�ck. Auch ist nicht klar, ob ihr die M�nnerherrschaft in den meisten �brigen goreanischen St�dten vorzuziehen ist, die sicherlich auch ihre negativen Seiten hat. In einer Stadt wie Tharna werden die M�nner, die sich von ihrer Erziehung her als Tiere und minderwertige Lebewesen verstehen, kaum den n�tigen Selbstrespekt entwickeln, der die volle M�nnlichkeit fordert. Aber was noch seltsamer ist � auch die Frauen scheinen mit dem System nicht ganz zufrieden zu sein. Obwohl sie die M�nner verachten und sich gegenseitig wegen ihres h�heren Ranges begluckw�nschen, will es mir scheinen, da� sie auch wenig Respekt vor sich selbst haben. Im Ha� auf ihre M�nner hassen sie sich selbst.</p><p>Ich habe mich manchmal gefragt, ob nicht ein Mann, wenn er wirklich ein Mann sein will, eine Frau z�hmen mu�, und ob nicht eine Frau, um Frau zu sein, eben dieses Schicksal erleiden sollte, Ich habe mich auch gefragt, wie lange die Naturgesetze, so es solche gibt, in Tharna noch auf den Kopf gestellt werden k�nnen. Ich habe den Wunsch der tharnaischen M�nner gesp�rt, den Frauen die Maske abzunehmen, und habe geahnt, da� die Frauen eben dies erhofften. Sollte es in Tharna jemals zu einer Revolution kommen, k�nnte ich mit seinen Frauen nur Mitleid haben, denn sie w�rden � zumindest am Anfang � das Opfer einer generationenlang aufgestauten Frustration sein. Wenn das Pendel in Tharna wieder in Bewegung geriet, w�rde es weit ausschwiegen, vielleicht sogar zur�ck zum roten Teppich und den gelben Schn�ren. Vor dem Zelt dr�hnte Targos Stimme.</p><p>Zu meiner �berraschung fiel Lara auf die Knie, spreizte sie zur Stellung der Vergn�gungssklavin und senkte gehorsam den Kopf. Targo platzte in das Zelt. Im Arm trug er ein kleines B�ndel. Anerkennend musterte er das M�dchen.</p><p>�Sehr gut, Herr�, sagte er. �Es will mir scheinen, sie lernt sehr schnell von dir.� Er blinzelte mich an. �Ich habe meine Unterlagen berichtigt. Sie geh�rt dir.� Er dr�ckte mir das B�ndel in die Hand. Es war ein zusammengefaltetes Sklavenkleid und ein Halskragen. �Als kleine Aufmerksamkeit f�r einen guten Kunden�, sagte Targo. �Keine Extraberechnung.�</p><p>Ich l�chelte. Die meisten Sklavenh�ndler hatten weit mehr getan. Ich sah, da� Targo mir sogar ein Sklavenkleid �berlie�, das schon getragen worden war.</p><p>Nun griff er in den Beutel, den er an seinem G�rtel trug, und streckte mir zwei gelbe Schn�re hin, die etwa je f�nfzig Zentimeter lang waren. �An deinem Helm habe ich erkannt�, sagte er, �da� du aus Tharna bist.� �Nein�, sagte ich, �das stimmt nicht.�</p><p>�Na ja�, sagte Targo, �wie soll man das auch wissen?� Er warf die Schn�re neben dem M�dchen auf den Teppich.</p><p>�Ich habe keine Sklavenpeitschen mehr�, sagte er achselzuckend. �Aber es m��te auch mit dem Schwertg�rtel gehen.�</p><p>�Das bezweifle ich nicht�, sagte ich und reichte ihm den Umhang und den Kragen zur�ck.</p><p>�Bring ihr die Kleidung einer freien Frau�, sagte ich. Targo ri� den Mund auf.</p><p>�. . . einer freien Frau�, wiederholte ich.</p><p>Targo kniff die Augen zusammen und sah sich um. Er schien nach den Spuren eines Kampfes zu suchen. Ich ergriff seinen Ellenbogen. �Bist du sicher?� fragte er.</p><p>Ich lachte und drehte ihn herum. Mit einer Hand ergriff ich ihn am Kragen seiner Robe, mit der anderen ein St�ck weiter unten, und schob ihn auf den Zeltausgang zu.</p><p>Dort gewann er mit fliegenden Ohrringen sein Gleichgewicht zur�ck und starrte mich an, als habe ich den Verstand verloren.</p><p>�Vielleicht macht der Herr einen Fehler?� fragte er.</p><p>�Vielleicht�, sagte ich.</p><p>�Wo, meinst du, soll ein legitimer Sklavenh�ndler wie ich wohl die Kleidung einer freien Frau hernehmen?�</p><p>Ich lachte, und Targo l�chelte und ging.</p><p>Ich fragte mich, wie viele freie Frauen schon gefesselt zu seinen F��en gelegen hatten, um taxiert und gekauft zu werden, wie viele freie Frauen in seinem Lager ihre kostbare Kleidung gegen ein Sklavenkleid und einen Kn�chelring an seiner Kette ausgetauscht hatten.</p><p>Wenige Minuten sp�ter kam Targo wieder in das Zelt. Er trug ein riesiges Kleiderb�ndel im Arm. Schweratmend warf er es auf den Teppich. �Such dir etwas aus, Herr�, sagte er und verschwand kopfsch�ttelnd. Ich l�chelte und sah Lara an.</p><p>Das M�dchen war aufgestanden.</p><p>Zu meiner �berraschung trat sie zum Zelteingang, schlo� die Klappe und knotete sie von innen zu.</p><p>Dann wandte sie sich um. Sie schien kaum noch zu atmen.</p><p>Im Schein der Lampe, vor den kostbaren Zeltvorh�ngen sah sie sehr sch�n aus.</p><p>Langsam nahm sie die beiden gelben Schn�re auf, hielt sie in den H�nden und kniete in der Stellung einer Vergn�gungssklavin vor mir nieder.</p><p>�Ich werde dich befreien�, sagte ich.</p><p>Unterw�rfig hielt sie mir die Schn�re hin, und ihre Augen glitzerten im Lampenschein, schienen zu locken, zu fordern.</p><p>�Ich bin nicht aus Tharna�, sagte ich.</p><p>�Aber ich.�</p><p>Ich sah, da� sie auf einem roten Teppich kniete.</p><p>�Ich will dich freigeben�, sagte ich.</p><p>�Noch bin ich nicht frei�, sagte sie.</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Bitte ... Herr.�</p><p>Und dann nahm ich die Schn�re aus ihren H�nden entgegen � und nach den alten Riten ihrer Stadt wurde Lara, einst die stolze Tatrix von Tharna, mein Sklavenm�dchen � und eine freie Frau.</p><p/><p/></section><section><title><p>23</p></title><p>Vor dem Lager Targos stiegen Lara und ich auf einen kleinen H�gel und sahen uns um. Vor mir erblickte ich in einigen Pasang Entfernung die Pavillons und Zelte des En�Kara-Marktes und dahinter die hochaufragenden Felszacken des Sardargebirges, d�ster, schwarz, drohend. Hinter den bunten Lichtern des Marktes machte ich den Holzzaun aus, aus angespitzten Pf�hlen errichtet, der den Markt von den Bergen trennt.</p><p>M�nner, die in die Berge vordringen wollten, M�nner, die des Lebens �berdr�ssig waren, junge Idealisten, die dem Geheimnis der Unsterblichkeit auf die Spur kommen wollten, das in den T�lern des Gebirges verborgen liegen sollte � sie alle benutzten das Tor am Ende der Hauptstra�e des Marktes, ein Doppeltor aus schwarzen Balken an gewaltigen Holzscharnieren, ein Tor, das auf seiner Mitte herumschwang und den Blick auf das d�stere Sardargebirge freigab.</p><p>Lara stand neben mir. Sie trug die Kleidung einer freien Frau, allerdings nicht das Gewand der Verh�llung. Sie hatte eines der sch�nen goreanischen Kleider verk�rzt und enger gemacht, so da� der Rock �ber ihren Knien endete; au�erdem hatte sie die �rmel abgeschnitten, die nun nur noch bis zu den Ellenbogen reichten. Das Kleid war hellgelb, und sie hielt es mit einem roten G�rtel zu-sammen. Ihre F��e steckten in einfachen roten Ledersandalen. Um ihre Schultern trug sie auf meine Anregung einen schweren Wollumhang. Er war rot. Ich hatte gemeint, da� ihr die Warme vielleicht willkommen sei. Sie hatte mehr daran gedacht, da� die Wolle gut zu ihrem G�rtel pa�te. Ich l�chelte. Sie war frei.</p><p>Und ich freute mich, da� sie offenbar gl�cklich war. Sie hatte das �bliche Gewand der Verh�llung abgelegt. Sie behauptete, in diesem Aufzug werde sie ein zu gro�es Hemmnis f�r mich sein. Ich hatte dem nicht widersprochen, denn es stimmte. W�hrend ich ihr blondes Haar betrachtete, das im Winde flatterte, w�hrend ich ihr fr�hliches Gesicht musterte, ihre Sch�nheit in mich aufnahm, war ich froh, da� sie auf die traditionelle Kleidung verzichtet hatte.</p><p>Doch trotz meiner Bewunderung f�r das M�dchen und die Wandlung, die mit ihm vorgegangen war � von der k�hlen Tatrix zur erniedrigten Sklavin zu dem herrlichen Gesch�pf, das nun neben mir stand �, weilten meine Gedanken l�ngst im Sardargebirge, denn mich qu�lte der Gedanke, da� ich meine Verabredung mit den Priesterk�nigen noch nicht eingehalten hatte.</p><p>Ich lauschte auf den her�berhallenden, dumpfen Ton der Torglocke. �Da ist jemand in die Berge gegangen�, sagte Lara.</p><p>�Ja.�</p><p>�Er wird umkommen.�</p><p>Ich nickte.</p><p>Ich hatte ihr von meinen Planen erz�hlt, hatte ihr gesagt, da� ich in die Berge ziehen und dort mein Schicksal suchen wollte. Sie hatte einfach gesagt: �Ich begleite dich!�</p><p>Sie wu�te ebensogut wie ich, da� aus diesen Bergen niemand zur�ckkehrte. Besser noch als ich kannte sie die angsteinfl��ende Macht der Priesterk�nige.</p><p>Und doch wollte sie mich begleiten.</p><p>�Du bist frei�, hatte ich gesagt.</p><p>�Als ich deine Sklavin war�, hatte sie geantwortet, �h�ttest du mir befehlen k�nnen, dir zu folgen. Nachdem ich nun frei bin, werde ich dich aus freier Entscheidung begleiten.�</p><p>Ich musterte das M�dchen. Stolz stand sie neben mir. Ich sah, da� sie eine Talenderbl�te gepfl�ckt und sich ins Haar gesteckt hatte. Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>Obwohl mich mein Wille in das Sardargebirge schickte, obwohl die Berge der Priesterk�nige auf mich warteten, konnte ich diese Reise noch nicht antreten. Es war undenkbar, da� ich das M�dchen mit in die Berge nahm, da� sie das Schicksal teilte, das mir drohte, da� ich ihr junges Leben opferte, sie, die erst vor kurzem die Freuden der Sinne kennengelernt hatte.</p><p>Was konnte ich gegen sie ins Spiel bringen � meine Ehre, meinen Rachedurst, meine Neugier, meine Frustration, meine Wut?</p><p>Ich legte den Arm um sie und f�hrte sie davon.</p><p>Sie sah mich fragend an.</p><p>�Die Priesterk�nige m�ssen warten�, sagte ich.</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Ich werde dich zur�ck auf den tharnaischen Thron begleiten.� Sie fuhr zusammen, und in ihren Augen standen Tr�nen.</p><p>Ich zog sie an mich und k�sste sie z�rtlich.</p><p>Sie schaute mich gro� an.</p><p>�Ja�, sagte ich, �das ist mein Wunsch.�</p><p>Sie legte den Kopf an meine Schulter.</p><p>�Sch�ne Lara�, sagte ich, �vergib mir. Ich kann dich nicht mitnehmen. Ich kann dich auch nicht hier zur�cklassen. Du w�rdest entweder von wilden Tieren angefallen oder wieder in die Sklaverei entf�hrt.� �Mu�t du mich denn nach Tharna bringen?� fragte sie. �Ich hasse Tharna!�</p><p>�Ich habe keine Stadt, in der ich dich unterbringen k�nnte�, sagte ich. �Und ich glaube, das du Tharna zu einer Stadt machen k�nntest, die du nicht mehr zu hassen brauchst.�</p><p>�Was soll ich tun?� fragte sie.</p><p>�Das mu�t du selbst entscheiden.�</p><p>Ich k�sste sie.</p><p>Ich nahm ihren Kopf in die H�nde und schaute in ihre Augen.</p><p>�Ja�, sagte ich stolz, �du wirst es schaffen.�</p><p>Ich wischte ihr die Tr�nen aus den Augen.</p><p>�Keine Tr�nen mehr � denn du bist die Tatrix von Tharna.�</p><p>Sie blickte auf und l�chelte mich traurig an. �Nat�rlich darf es keine Tr�nen mehr geben, Krieger � denn ich bin die Tatrix von Tharna, und eine Tatrix weint nicht.�</p><p>Sie zog die Talenderbl�te aus ihrem Haar.</p><p>�Ich liebe dich�, sagte sie.</p><p>�Es ist nicht leicht, die Erste Frau Tharnas zu sein�, sagte ich und f�hrte sie den H�gel hinab, vom Sardargebirge fort.</p><p>Das Feuer, das sich in den Bergwerken Tharnas entz�ndet hatte, war noch nicht wieder gel�scht worden. Die Revolte der Sklaven hatte sich bis in die gro�en Anbaugebiete fortgepflanzt. Die Sklaven hatten sich der Fesseln entledigt und zu den Waffen gegriffen. W�tende M�nner, mit allen m�glichen Waffen versehen, durchstreiften das Land, gingen Tharnas Soldaten aus dem Wege und raubten Kornspeicher aus, z�ndeten Geb�ude an und befreiten weitere Sklaven. Von Hof zu Hof drang die Rebellion vor, und die Lieferungen aus den Anbaugebieten in die Stadt wurden immer sp�rlicher und h�rten schlie�lich ganz auf. Was die Sklaven nicht selbst verbrauchen oder verstecken konnten, wurde abgem�ht oder verbrannt.</p><p>Kaum zwei Stunden von dem H�gel entfernt, auf dem ich den Entschlu� fa�te, Lara wieder in ihre Stadt zu bringen, hatte uns der Tarn gefunden, wie ich gehofft hatte. Wie bei der Verhandlungss�ule hatte sich der Vogel in der Gegend herumgetrieben und sah nun seine Geduld belohnt. Er landete f�nfzig Meter von uns entfernt, und wir rannten zu ihm, Lara folgte mir in einigem Abstand; sie hatte noch immer Angst vor dem Tier. Ich freute mich so sehr, da� ich dem schwarzen Ungeheuer die Arme um den Hals warf.</p><p>Seine runden, blitzenden Augen musterten mich, die gewaltigen Fl�gel wurden gesch�ttelt, der Schnabel hob sich in den Himmel, und der schrille Tarnschrei ert�nte.</p><p>Lara fuhr entsetzt zur�ck, als das Riesentier mit dem Schnabel nach mir schnappte.</p><p>Ich bewegte mich nicht, und die scharfen Hornkanten schlossen sich liebevoll um meinen Arm. Mit einer einzigen Kopfbewegung hatte er mir das Glied vom K�rper rei�en K�nnen, doch so hatte seine Geste fast etwas Z�rtliches. Ich klatschte ihm auf den Schnabel, hob Lara auf seinen breiten R�cken und sprang hinter ihr auf.</p><p>Wieder durchfuhr mich die unbeschreibliche Erregung, die diesmal auch von Lara geteilt wurde, wie ich hoffte. �Erster Z�gel!� rief ich, und wieder einmal stieg der m�chtige Tarn in die L�fte.</p><p>Wahrend des Fluges sahen wir zahlreiche verkohlte Sa-Tarna-Felder unter uns. Der Schatten des Tarn glitt �ber ausgebrannte Geb�ude, �ber eingest�rzte St�lle hin, aus denen das Vieh entf�hrt worden war, �ber Obstgarten, die abgeholzt waren. Die B�ume lagen kreuz und quer durcheinander; Bl�tter und Fr�chte waren braun und verschrumpelt. Auf dem R�cken des Tarn begann Lara zu weinen, als sie die Verw�stung sah, die ihr Land hatte hinnehmen m�ssen.</p><p>�Es ist grausam�, sagte sie.</p><p>�Das bisherige Leben der Sklaven war ebenfalls grausam�, sagte ich, und sie schwieg.</p><p>Die tharnaische Armee schlug hier und dort zu, r�ucherte angebliche Verstecke der Sklaven aus, doch es geschah sehr- selten, da� sie tats�chlich etwas fand. Allenfalls unbrauchbare Gegenst�nde und die Asche von Lagerfeuern. Die Sklaven, die durch andere Sklaven oder verarmte Bauern vor dem Truppenanmarsch gewarnt wurden, zogen rechtzeitig weiter und schlugen erst wieder zu, wenn sie sich neu gesammelt hatten und die Luft rein war.</p><p>Die Feldz�ge der Tarnk�mpfer waren erfolgreicher, doch im Gro�en und ganzen r�ckten die Sklavenhorden, die fast schon die Gr��enordnung von Regimentern erreichten, nur w�hrend der Nacht weiter und hielten sich tags�ber versteckt. Mit der Zeit wurde es auch f�r die kleinen Kavallerieabteilungen Tharnas gef�hrlich, sie anzugreifen, sich dem Sturm der Pfeile und Lanzen auszusetzen, der sich sofort vom Boden I�ste.</p><p>Oft kam es sogar zu Hinterhalten, wenn sich kleine Gruppen von Sklaven in die felsigen P�sse rings um Tharna verfolgen lie�en und ihre Verfolger dann von versteckten Gruppen angegriffen und vernichtet wurden; manchmal stie�en Tarnk�mpfer herab, um einen Sklaven gefangenzunehmen, und wurden von unz�hligen Pfeilen anderer M�nner empfangen, die in Verstecken gewartet hatten.</p><p>Vielleicht h�tten sich die undisziplinierten, doch mutigen Sklavenhorden mit der Zeit auseinandertreiben lassen, wenn die Revolution, die in den Bergwerken begonnen hatte und sich auf die Gro�en Anbaugebiete ausgedehnt hatte, nun nicht auch in der Stadt selbst gew�tet h�tte. Nicht nur die Sklaven der Stadt pflanzten das Banner des Widerstandes auf, auch M�nner aus niederer Kaste, deren Br�der oder Freunde in die Bergwerke oder zu den Schauspielen geschickt worden waren, wagten es nun, ihre Werkzeuge zu nehmen und sich gegen W�chter und Soldaten zu erheben. Es hie�, der Aufstand in der Stadt werde von einem kurzen, kr�ftigen Mann mit blauen Augen und kurzgeschorenem Kopf geleitet, einem Mann aus der Kaste der Metallarbeiter.</p><p>Bestimmte Stadtteile waren niedergebrannt worden, um die Aufst�ndischen Elemente zu vertreiben, doch dieser grausame Akt hatte nur dazu beigetragen, das sich verwirrte und Unentschlossene auf die Seite der Rebellen schlugen. Inzwischen sollten ganze Stadtgebiete in den H�nden der Revolution�re sein. Die Silbermasken Tharnas waren in die Gegenden geflohen, die noch unter dem Einflu� des Milit�rs standen. Viele hielten sich angeblich auch in den Mauern des k�niglichen Palastes auf. Das Schicksal der Frauen, die den Rebellen nicht hatten entkommen k�nnen, war unbekannt.</p><p>Am sp�ten Nachmittag des f�nften Tages erblickten wir in der Ferne die grauen Mauern Tharnas. Keine Patrouillen stellten sich uns in den Weg. Wir sahen zwar hier und dort Tarnk�mpfer zwischen den Geb�uden, doch niemand versuchte uns aufzuhalten.</p><p>An mehreren Stellen standen Rauchs�ule �ber der Stadt und gingen langsam im Blau des Himmels auf.</p><p>Das Haupttor Tharnas hing schr�g in den Angeln, und winzige Gestalten hasteten hin und her. Es schien keinerlei Handelsverkehr zu herrschen. Au�erhalb der Mauern waren mehrere kleine Geb�ude bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ober dem Haupttor waren die Buchstaben�Sa�ng-Fori� an die Mauer gemalt, was w�rtlich�ohne Ketten� bedeutet.</p><p>Wir lie�en den Tarn in der N�he des Tores auf der Mauer landen. Ich gab dem Vogel zu fressen. Es gab keinen Tarnk�fig in der N�he, in dem ich ihn h�tte unterstellen K�nnen, doch ich h�tte ihn den Tarnz�chtern der Stadt auch ungern �berlassen. Keiner wu�te, wer zu den Rebellen z�hlte und wer nicht. Vielleicht wollte ich �berhaupt, da� der Vogel frei w�re, falls sich meine Hoffnungen nicht erf�llten, falls Lara und ich in einer der Gassen Tharnas umkommen sollten.</p><p>Auf der Mauerkrone lag ein W�chter, der sich schwach bewegte. Er stie� einen leisen Schmerzensschrei aus. Offensichtlich war er nach einem Kampf f�r tot gehalten worden und kam nun langsam wieder zu Bewu�tsein. Seine graue Tunika mit dem roten Kastenstreifen war blutverschmiert. Ich �ffnete seinen Helmriemen und zog ihm vorsichtig den Helm vom Kopf.</p><p>An einer Seite war der Helm aufgesprungen, Vielleicht durch einen Axthieb. Die Helmgurte, die Lederf�tterung und das blonde Haar des Soldaten waren voller Blut. Er war noch sehr jung.</p><p>�Bleib ruhig liegen�, sagte ich zu ihm und untersuchte seine Wunde. Der Helm hatte den Schlag abgefangen, aber die Klinge der Waffe hatte die Haut aufplatzen lassen, und die Wunde hatte sehr geblutet.</p><p>Wahrscheinlich war er durch die Wucht des Schlages ohnm�chtig geworden, und das Blut hatte den Angreifer �berzeugt, das hier nichts mehr zu machen war, Mit einem Streifen Stoff von Laras Umhang verband ich die Wunde. Sie war sauber und nicht sehr breit.</p><p>�Es wird alles gut�, sagte ich.</p><p>Seine Augen musterten uns. �Seid ihr F�r die Tatrix?� fragte er. �Ja�, sagte ich.</p><p>�Ich habe f�r sie gek�mpft�, sagte der Junge in meinem Arm. �Ich habe meine Pflicht getan.�</p><p>Ich erriet, da� er an dieser Pflicht keinen Spa� gehabt hatte, da� er innerlich vielleicht sogar auf der Seite der Rebellen stand, doch sein Kastenstolz hatte ihn auf seinem Posten nicht wanken lassen. Obwohl er noch jung war, kannte er schon die blinde Loyalit�t eines Kriegers, eine Loyalit�t, die ich respektierte, die sich vielleicht kaum von den Treuegef�hlen unterschied, die ich selbst schon empfunden hatte. Solche M�nner waren schreckliche Feinde, mochten ihre Schwerter auch der verabscheuungsw�rdigsten Sache verschworen sein.</p><p>�Du hast nicht f�r deine Tatrix gek�mpft�, sagte ich leise.</p><p>Der junge Krieger fuhr zusammen. �Aber doch!� rief er.</p><p>�Nein�, sagte ich. �Du hast f�r Dorna die Stolze gek�mpft, die sich Tharnas Thron unrechtm��ig angeeignet hat � eine Betr�gerin, eine Verr�terin.�</p><p>Der junge Mann ri� die Augen auf und starrte uns an.</p><p>�Hier�, sagte ich und deutete auf das sch�ne M�dchen neben mir. �Das ist Lara, die wirkliche Tatrix von Tharna.�</p><p>�Ja, mutiger Soldat�, sagte das M�dchen und legte ihre Hand auf die Stirn des Mannes, als wollte sie ihn beruhigen. �Ich bin Lara.� Der W�chter r�hrte sich in meinen Armen, fiel zur�ck und schlo� mit schmerzverzogenem Gesicht die Augen.</p><p>�Lara�, sagte er mit geschlossenen Lidern, �wurde von einem Tarnk�mpfer aus der Arena der Schauspiele entf�hrt.�</p><p>�Ich bin der Mann�, sagte ich.</p><p>Die graublauen Augen �ffneten sich langsam und starrten mir lange Zeit pr�fend ins Gesicht. Langsam stahl sich ein Ausdruck des Erkennens auf sein Gesicht. �Ja�, sagte er. �Ich erkenne dich!�</p><p>�Der Tarnk�mpfer�, sagte Lara leise, �brachte mich zur Verhandlungss�ule. Dort wurde ich von Dorna der Stolzen und ihrem Komplizen Thorn gefangengenommen und einem Sklavenh�ndler verkauft. Der Tarnk�mpfer hat mich befreit und bringt mich nun zu meinem Volk zur�ck.�</p><p>�Ich habe f�r Dorna die Stolze gek�mpft�, sagte der Junge. In seinen Augen standen Tr�nen. �Verzeih mir, wahre Tatrix von Tharna.� Und w�re es nicht verboten gewesen, da� er, ein Mann, eine Frau Tharnas ber�hrte, hatte er jetzt bestimmt die Hand ausgestreckt.</p><p>Zu seiner Verbl�ffung nahm Lara seine Hand. �Du hast mutig gehandelt�, sagte sie. �Ich bin stolz auf dich.�</p><p>Der Junge schlo� die Augen und entspannte sich in meinem Arm. Lara schaute mich angstvoll an.</p><p>�Nein�, sagte ich, �er ist nicht tot. Er ist nur jung und hat viel Blut verloren.�</p><p>�Schau!� rief das M�dchen und zeigte auf der Mauer entlang.</p><p>Sechs Gestalten mit Speeren und Schildern kamen hastig n�her. �W�chter�, sagte ich und zog meine Klinge.</p><p>Pl�tzlich sah ich die Bewegung der Schilde, die sich schr�g zur�cklegten, sah, wie die rechten Arme hochkamen, wie die Speerspitzen zuckten, ohne da� die M�nner innehielten. Gleich mu�ten die sechs Speere in unsere Richtung fliegen.</p><p>Ohne Z�gern steckte ich mein Schwert wieder in den G�rtel und ergriff Lara um die H�fte. Ich zerrte sie mit und wandte mich zur Flucht. �Warte!� sagte sie atemlos. �Ich will mit ihnen sprechen!�</p><p>Ich nahm sie in die Arme und lief weiter.</p><p>Kaum hatten wir die steinerne Wendeltreppe erreicht, die von der Mauer hinabf�hrte, als sechs Speerspitzen �ber unseren K�pfen gegen den Stein klirrten.</p><p>Als wir die Stra�e erreicht hatten, hielten wir uns dicht an der Mauer, um weiteren Speeren kein Ziel zu bieten. Andererseits glaubte ich nicht, da� die M�nner von dort oben auf uns zielen w�rden; wenn sie uns nicht trafen, mu�ten sie von der Mauer steigen, um die Waffen wieder an sich zu bringen. Au�erdem waren zwei Rebellen nicht weiter wichtig. Langsam arbeiteten wir uns durch die finsteren, blutigen Stra�en der Stadt. Einige Geb�ude waren vernichtet. L�den waren zugenagelt. �berall h�ufte sich der Unrat, der zum Teil in den Gossen verbrannte. Die Stra�en waren verlassen bis auf einen Toten hier und dort. An vielen W�nden und Mauern standen die Worte: �Sa�ng-Fori�.</p><p>Von Zeit zu Zeit musterten uns entsetzte Augen aus Fensterspalten. Ich vermutete, da� es in ganz Tharna keine T�r gab, die an diesem Tage nicht verriegelt war.</p><p>�Halt!� rief eine Stimme, und wir blieben stehen.</p><p>Vor und hinter uns tauchten M�nner auf. Mehrere hielten Armbr�ste, mindestens vier Speere waren auf uns gerichtet, einige trugen Schwerter, doch viele hatten nur eine Kette oder einen angespitzten Pflock als Waffe.</p><p>�Rebellen!� sagte Lara.</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>Wir sahen den trotzigen Ausdruck auf den Gesichtern, die Entschlossenheit, die Mordlust in den Augen, die vor Schlaflosigkeit rot unterlaufen waren, die verzweifelte Haltung der graugekleideten K�rper, die von den Stra�enk�mpfen ausgezehrt waren.</p><p>Langsam zog ich mein Schwert und schob das M�dchen neben mich gegen eine Mauer.</p><p>Einer der M�nner lachte.</p><p>Auch ich l�chelte, denn Widerstand war sinnlos, doch wu�te ich, da� ich mich wehren w�rde, da� ich eher sterben wollte, als mich zu ergeben. Und Lara?</p><p>Was w�rden die aufgebrachten, verrohten M�nner mit ihr machen? Ich musterte meine zerlumpten Gegner, von denen einige verwundet waren. Sie waren verdreckt, wild, ersch�pft, w�tend, litten wom�glich Hunger. Wahrscheinlich w�rde man Lara auf der Stelle umbringen, brutal, aber barmherzig, weil es schnell vor�ber w�re.</p><p>Die Speere richteten sich auf uns, Armbr�ste wurden angelegt. Ketten rasselten; die wenigen Schwerter erhoben sich zum Schlag. �Tarl aus Ko-ro-ba!� rief da eine Stimme, und ich erblickte einen d�nnen Mann mit kurzgeschorenem blondem Haar, der sich durch die Truppe dr�ngte.</p><p>Er war der Mann, der in unserer Kettengemeinschaft in den Bergwerken der erste gewesen war, der durch den Wasserschacht hatte steigen m�ssen.</p><p>Auf seinem Gesicht leuchtete die Freude, und er umarmte mich. �Das ist er!� rief er. �Tarl aus Ko-ro-ba!�</p><p>Daraufhin rissen zu meiner Verbl�ffung die Rebellen ihre Waffen hoch und stie�en einen wilden Freudenschrei aus. Ich wurde von den F��en geworfen und auf ihre Schultern gehoben. So trug man mich durch die Stra�en, und andere Rebellen, die aus T�ren und durch Fenster kamen, die sogar aus den Pflasterritzen der Stra�en zu kommen schienen, schlossen sich uns an, bildeten eine Art Triumphzug.</p><p>Die ausgezehrten, doch seltsam verwandelten M�nner begannen zu singen. Ich erkannte das Lied. Es war das Pfluglied, das ich damals in den Bergwerken geh�rt hatte, von einem einfachen Bauern gesungen. Es war zur Hymne der Revolution geworden.</p><p>Lara, nicht minder verwundert als ich, lief inmitten der Menge und versuchte in meiner N�he zu bleiben.</p><p>So wurde ich auf dem R�cken der M�nner von Stra�e zu Stra�e getragen, von freudigen Rufen begleitet, ringsum hoben sich Waffen zum Gru�, und in meinen Ohren hallte das Lied. Ich wurde zu der alten Kal-da-Schanke gebracht, an die ich mich lebhaft erinnerte, wo ich gut gegessen und gefeiert hatte und, von Ost verraten, aufgewacht war. Die Sch�nke war zum Hauptquartier der Revolution geworden, vielleicht weil sich die M�nner Tharnas daran erinnerten, da� sie hier wieder das Singen gelernt hatten.</p><p>Vor der niedrigen T�r erblickte ich die m�chtige Gestalt Krons aus der Kaste der Metallarbeiter. Der gro�e Hammer hing an seinem G�rtel, und seine blauen Augen leuchteten vor Freude. Die m�chtigen, narbigen H�nde streckten sich mir entgegen.</p><p>Neben ihm entdeckte ich zu meiner Freude das lachende Gesicht Andreas�, dessen Stirn fast unter seinem gewaltigen schwarzen Haarschopf verschwand. Hinter ihm stand die strahlende Linna aus Tharna. Sie trug die Kleidung einer freien Frau.</p><p>Andreas dr�ngte sich an den M�nnern vor der T�r vorbei und st�rzte auf mich zu. Er packte meine H�nde und zog mich auf die Stra�e, umklammerte meine Schultern und lachte dr�hnend.</p><p>�Willkommen in Tharna!� sagte er. �Willkommen in Tharna!�</p><p>�Ja�, sagte Kron, der nur einen Schritt hinter ihm folgte und meinen Arm ergriff. �Willkommen in Tharna!�</p><p/><p/></section><section><title><p>24</p></title><p>Ich zog den Kopf ein und �ffnete die schwere Holzt�r der Kal-da-Schanke. Das alte Schild war frisch �bermalt worden. Auch hier leuchtete der herausfordernde Revolutionsschrei�Sa�ng-Fori� an den Wanden.</p><p>Ich stieg die niedrigen, breiten Stufen hinab. Diesmal war die Sch�nke gedr�ngt voll. Man konnte kaum einen Schritt vor den anderen setzen. Der L�rm war ohrenbet�ubend. Ich vermeinte in einer Paga-Taverne in Ko-ro-ba oder Ar zu sein und nicht in einer einfachen tharnaischen Kal-da-Schanke. Fr�hliches Lachen drang an meine Ohren.</p><p>In der Sch�nke hing jetzt etwa ein halbes Hundert Lampen, und an den Wanden leuchteten die Kastenfarben der M�nner, die hier verkehrten. Dicke Teppiche lagen unter den niedrigen Tischen und wiesen zahlreiche Kal-da-Flecke auf.</p><p>Hinter dem Tresen war der d�nne, kahlk�pfige Wirt eifrig besch�ftigt. Auf seiner Stirn stand der Schwei�, und seine gl�nzende schwarze Sch�rze war mit Gew�rzen, S�ften und Wein befleckt. Er r�hrte kr�ftig in einem riesigen Topf voller kochendem Kal-da. Ich r�mpfte die Nase. Der Gestank kochenden Kal-das war nicht zu verkennen.</p><p>Hinter drei oder vier Tischen sa� eine Gruppe schwitzender Musiker auf dem Teppich und erzeugte mit seltsamen Instrumenten � Saiten und Trommeln und Scheiben � eine unbeschreibliche Musik, die ins Blut ging � die wilden, packenden, sch�nen, barbarischen Melodien Gors. Ich wunderte mich �ber diesen Anblick, denn die Kaste der Musiker war wie die Kaste der Dichter in Tharna verboten gewesen. Die n�chternen Masken Tharnas waren der Meinung, da� K�nstler in einer ernsten Stadt nichts zu suchen hatten, denn die Musik vermag wie der Alkohol das Herz eines Menschen zu entflammen, und wenn diese Flamme erst entz�ndet ist, la�t sich nicht sagen, wie sich der Brand weiter entwickelt. Als ich das Zimmer betrat, standen die M�nner auf, br�llten und hoben gr��end ihre Becher. �Tal, Krieger!� riefen sie.</p><p>�Tal, Krieger!� erwiderte ich und hob den Arm. Ich begr��te alle mit dem Titel meiner Kaste, denn ich wu�te, da� in ihrem gemeinsamen Kampf jeder von ihnen ein Krieger gewesen war. So war es in den Bergwerken Tharnas festgelegt worden.</p><p>Hinter mir betraten Kron und Andreas die Sch�nke, gefolgt von Lara und Linna.</p><p>Ich fragte mich, welchen Eindruck die Sch�nke auf die wahre Tatrix von Tharna machen w�rde.</p><p>Kron nahm meinen Arm und f�hrte mich an einen Tisch in der Mitte des Raumes. Ich ergriff Laras Hand und folgte ihm. In ihren Augen stand ein seltsamer Ausdruck, doch sie sah sich mit der Neugier eines Kindes um. Sie hatte nicht geahnt, wie die tharnaischen M�nner sein konnten. Wenn sie von Zeit zu Zeit einmal zu offen gemustert wurde, senkte sie sch�chtern den Kopf und err�tete.</p><p>Endlich sa� ich mit untergeschlagenen Beinen hinter dem niedrigen Tisch, und Lara kniete nach der Art goreanischer Frauen neben mir auf ihren Fersen.</p><p>Bei meinem Eintritt hatte die Musik kurz aufgeh�rt, doch nun klatschte Kron zweimal in die H�nde, und die Musiker besch�ftigten sich wieder mit ihren Instrumenten.</p><p>�Freier Kal-da f�r alle!� rief Kron, und als der Wirt, der die Regeln seiner Kaste kannte, Einw�nde machen wollte, warf ihm Kron eine goldene Tarnm�nze zu. Gierig b�ckte sich der Mann danach. �Gold ist hier reichlicher, vorhanden als Brot�, sagte Andreas, der sich neben uns niedergelassen hatte.</p><p>Tats�chlich waren die Gerichte auf den Tischen eher k�rglich, doch das tat der guten Stimmung keinen Abbruch. F�r die M�nner h�tte die Nahrung von den Tischen der Priesterk�nige stammen k�nnen. Selbst das �belriechende Kal-da war in dem ersten Freiheitstaumel ein wohlschmeckendes und m�chtiges Getr�nk.</p><p>Wieder klatschte Kron in die H�nde. Zu meiner �berraschung ert�nte leises Glockenlauten, und vier ver�ngstigte M�dchen, offensichtlich nach Anmut und Sch�nheit ausgew�hlt, nahmen vor unserem Tisch Aufstellung. Au�er den Gl�ckchen trugen sie nur das rote goreanische Tanzgewand. Sie warfen die Kopfe in den Nacken, hoben die Arme und begannen zum barbarischen Rhythmus der Musik zu tanzen.</p><p>Zu meiner �berraschung beobachtete Lara sie mit Entz�cken.</p><p>�Wo hast du nur in Tharna Vergn�gungssklavinnen aufgetrieben?� fragte ich, als ich die Silberkragen der T�nzerinnen bemerkte. Andreas, der eben ein St�ck Brot in den Mund steckte, antwortete: �Hinter jeder Silbermaske steckt eine M�chtegern-Vergn�gungssklavin.� �Andreas! sagte Linna und tat, als wollte sie ihm wegen seiner Frechheit einen Schlag versetzen, doch er brachte sie mit einem Ku� zum Schweigen, und sie begann spielerisch an dem Brot zu knabbern, das er noch zwischen den Z�hnen hielt.</p><p>�Sind das wirklich Silbermasken aus Tharna?� fragte ich Kron skeptisch. �Ja�, erwiderte er. �Gut, nicht wahr?�</p><p>�Wo haben sie das Tanzen gelernt?�</p><p>Er zuckte die Achseln. �Das ist ein Instinkt bei den Frauen�, sagte er. �Aber diese hier sind nat�rlich noch unausgebildet.�</p><p>.Ich lachte vor mich hin. Kron sprach ganz und gar nicht mehr wie ein Mann aus Tharna.</p><p>�Warum tanzen sie f�r dich?� fragte Lara.</p><p>�Wenn sie nicht tanzen, bekommen sie die Peitsche zu sp�ren.� Lara senkte den Blick.</p><p>�Du siehst die Kragen�, sagte Kron und deutete auf die schlanken Silberb�nder, die sich um den Hals der M�dchen legten. �Wir haben die Masken eingeschmolzen und das Silber f�r die Kragen verwendet.� Nun erschienen auch andere M�dchen zwischen den Tischen, die in kurze Sklavenr�cke und Sklavenkragen gekleidet waren und stumm den Kal-da zu servieren begannen, den Kron bestellt hatte. Jede trug einen schweren Krug mit der �belriechenden, hei�en Fl�ssigkeit und schenkte den M�nnern nach.</p><p>Einige musterten Lara neidisch, andere blickten sie ha�erf�llt an. Sie fragten sich offenbar: Warum bist du nicht gekleidet wie wir, warum tr�gst du nicht den Kragen?</p><p>Zu meiner �berraschung streifte Lara den Umhang ab, nahm einem M�dchen den Kal-da-Krug aus der Hand und begann die M�nner zu bedienen.</p><p>Einige M�dchen schauten ihr dankbar nach, denn sie war frei und zeigte durch ihre Tat, das sie sich nicht f�r besser hielt als sie. �Das�, sagte ich zu Kron und deutete auf Lara, �ist die Tatrix von Tharna.�</p><p>Als Andreas sich zu ihr umdrehte, sagte er leise: �Sie ist wirklich eine Tatrix.�</p><p>Linna stand auf und begann ebenfalls beim Bedienen zu helfen. Als Kron der T�nzerinnen �berdr�ssig wurde, klatschte er zweimal in die H�nde, und mit leisem Glockenklimpern flohen sie aus dem Raum. Kron hob eine Schale mit Kal-da und sah mich an. �Andreas sagte mir, du wolltest in das Sardargebirge ziehen�, sagte er. �Wie ich sehe, hast du das nicht getan.�</p><p>Er meinte, das ich jetzt nicht hier w�re, wenn ich die Berge tats�chlich betreten h�tte.</p><p>�Ich werde noch gehen�, sagte ich, �aber zuerst habe ich etwas in Tharna zu erledigen.�</p><p>�Gut�, sagte Kron. �Wir brauchen dein Schwert.�</p><p>�Ich bin gekommen, um Lara wieder auf den Thron zu setzen�, sagte ich.</p><p>Kron und Andreas starrten mich verbl�fft an.</p><p>�Nein�, sagte Kron. �Ich wei� nicht, wie sie dich verhext hat, aber wir lassen nicht zu, da� Tharna noch einmal eine Tatrix bekommt.� �Sie ist das Symbol dessen, was wir bek�mpfen!� wandte Andreas ein. �Wenn sie wieder den Thron besteigt, haben wir unseren Kampf verloren. In Tarna hatte sich nicht das geringste ge�ndert.� �In Tharna hat sich schon viel ge�ndert�, sagte ich.</p><p>Andreas sch�ttelte den Kopf, als versuchte er mich zu verstehen. �Wie k�nnen wir von ihm erwarten, da� er sich vern�nftig �u�ert�, wandte er sich an Kron. �Schlie�lich ist er kein Dichter.�</p><p>Kron lachte nicht.</p><p>�Und auch kein Metallarbeiter�, f�gte Andreas hoffnungsvoll hinzu. Noch immer blieb Kron ernst.</p><p>Seine Pers�nlichkeit, die sich �ber den Ambossen und Blasebalgen seines Berufes gebildet hatte, kam nicht so leicht �ber die Worte hinweg, die ich eben gesagt hatte.</p><p>�Du m��test mich erst umbringen�, sagte Kron.</p><p>�Geh�ren wir nicht noch derselben Kette an?� fragte ich.</p><p>Kron schwieg. Dann sahen mich seine stahlblauen Augen an, und er sagte: �Wir geh�ren immer derselben Kette an.� �Dann la� mich sprechen�, sagte ich. Kron nickte kurz.</p><p>Mehrere andere M�nner dr�ngten sich nun um unseren Tisch. �Ihr seid M�nner aus Tarna�, sagte ich. �Aber die M�nner, die ihr bek�mpft, sind ebenfalls aus dieser Stadt.�</p><p>Einer der M�nner sagte: �Ich habe einen Bruder bei den Gardisten.� �Ist es recht, da� die M�nner Tharnas gegeneinander die Waffen erheben, M�nner innerhalb derselben Mauern?�</p><p>�Es ist traurig�, sagte Kron, �aber nicht zu umgehen.� �Es brauchte nicht so zu sein�, wandte ich ein. �Die Soldaten und W�chter Tharnas haben einen Schwur gegen�ber der Tatrix geleistet, aber die Tatrix, die sie verteidigen, ist eine Verr�terin. Die wahre Tatrix von Tharna, Lara pers�nlich, befindet sich in diesem Raum.�</p><p>Kron beobachtete das M�dchen, das von der Diskussion noch nichts mitbekommen hatte. Auf der anderen Seite des Raumes sch�ttete sie Kal-da in hochgereckte Trinkschalen.</p><p>�Solange sie lebt�, sagte Kron, �ist die Revolution nicht gewonnenen.� �Das ist nicht wahr�, sagte ich. �Sie mu� sterben�, sagte Kron. �Nein�, sagte ich. �Auch sie hat die Kette und die Peitsche zu sp�ren bekommen.� Erstaunte Ausrufe wurden laut.</p><p>�Die Soldaten Tharnas werden die falsche Herrscherin verlassen, um der wahren Tatrix zu dienen�, fuhr ich fort.</p><p>�Wenn sie es �berlebt�, sagte Kron und musterte das unschuldige M�dchen auf der anderen Seite des Raumes.</p><p>�Sie mu߫, sagte ich nachdr�cklich. �Sie wird neues Licht nach Tharna tragen. Sie allein kann die Rebellen und die Soldaten vereinigen. Sie hat nun selbst erfahren m�ssen, wie grausam das alte Tharna war. Schaut sie doch an!�</p><p>Und die M�nner beobachteten das M�dchen, das mit ruhigen Bewegungen Kal-da ausschenkte, das freiwillig die Arbeit der anderen Frauen Tharnas teilte. Das war kein Verhalten, wie man es von einer Tatrix gewohnt war.</p><p>�Sie ist des Thrones w�rdig�, sagte ich.</p><p>�Sie ist ein Symbol f�r das, was wir bek�mpft haben�, sagte Kron. �Nein�, sagte ich, �ihr habt gegen die grausamen Traditionen Tharnas gek�mpft. Ihr habt um euren Stolz und eure Freiheit gerungen, euer Feldzug ging nicht gegen dieses M�dchen.�</p><p>�Wir haben gegen die goldene Maske Tharnas gek�mpft!� br�llte Kron und schlug mit der Faust auf den Tisch.</p><p>Der pl�tzliche L�rm erregte die Aufmerksamkeit aller, und zahlreiche Augen richteten sich auf uns. Lara setzte den Kal-da-Krug ab und kam her�ber.</p><p>�Ich trage die goldene Maske nicht mehr�, sagte sie zu Kron. Und Kron blickte das sch�ne M�dchen an, das da w�rdevoll vor ihm stand, ohne Stolz oder Grausamkeit oder Angst erkennen zu lassen. �Meine Tatrix�, fl�sterte er.</p><p>Wir marschierten durch die Stadt; die Stra�en hinter uns waren mit dem grauen Strom der Rebellen angef�llt. Jeder trug seine eigene Waffe. Doch der L�rm, der zwischen den Hausern widerhallte, war alles andere als grau und d�ster. Die Melodie des Pflugliedes t�nte auf, langsam und unwiderstehlich, eine einfache melodische Hymne auf den Erdboden, zur Feier des ersten Pfl�gens im neuen Jahr.</p><p>An der Spitze der gewaltigen Prozession marschierten f�nf Gestalten: Kron, Anf�hrer der Rebellen, Andreas, ein Dichter, seine Frau Linna aus Tharna, ich, Krieger aus einer verw�steten und verfluchten Stadt, und ein M�dchen mit goldenem Haar, ein M�dchen ohne Maske, das die Peitsche und die Liebe kennengelernt hatte, die furchtlose Lara, die wahre Tatrix von Tharna.</p><p>Es mu�te den Verteidigern des Palastes, der die Hauptbastion des gef�hrdeten Regimes war, inzwischen klargeworden sein, da� die Entscheidung noch an diesem Tage fallen w�rde � durch das Schwert. Die Ger�chte waren uns wie auf Tarnfl�geln vorausgeeilt da� die Rebellen ihre versteckte Taktik aufgaben und nun endlich vor den Palast marschierten.</p><p>Wieder sah ich vor uns die breite, gewundene, schmaler werdende Stra�e, die zum Palast der Tatrix f�hrte. Singend begannen die Rebellen dem steilen Weg zu folgen. Die schwarzen Pflastersteine waren durch die d�nnen Ledersohlen unserer Sandalen deutlich zu sp�ren.</p><p>Und wieder sah ich die W�nde links und rechts der Stra�e ansteigen, doch diesmal erblickten wir ein gutes Stuck vor der schmalen Eisent�r eine doppelte Barrikade quer �ber der Stra�e, wobei der zweite Sperrwall den ersten �berragte. Die K�mpfer, die den ersten Wall einzurei�en versuchten, konnten also von weiter hinten mit Pfeilen �bersch�ttet werden. Die beiden Walle waren etwa f�nfzig Meter voneinander entfernt; der erste mochte vier Meter hoch sein, der zweite sechs Meter.</p><p>Hinter den Sperren sah ich Waffen aufblitzen, au�erdem waren die Bewegungen blauer Helme auszumachen.</p><p>Wir waren auf Armbrustschu�weite heran.</p><p>Ich gab den anderen ein Zeichen zur�ckzubleiben, und mit Schild, Speer und Schwert bewaffnet, n�herte ich mich der ersten Barrikade. Auf dem Palastdach hinter dem Doppelwall machte ich von Zeit zu Zeit die K�pfe von Tarns aus und h�rte ihre Schreie. Doch diese Tiere waren gegen die Rebellen in der Stadt kaum einzusetzen. Viele Revolution�re hatten sich gro�e Bogen zurechtgemacht, andere waren mit den Speeren und Armbr�sten gefallener Soldaten bewaffnet. Es war f�r einen Tarnk�mpfer nicht ungef�hrlich, sich auf Kampfweite an die Rebellenhaufen heranzuwagen.</p><p>Und h�tten die Krieger den Versuch gemacht, vom Tarnr�cken die Stra�en zu beschie�en, w�ren die Revolution�re in Deckung gegangen, bis der Schatten des Vogels verschwunden war und sie weitere hundert Meter an den Palast heranr�cken konnten.</p><p>Etwa hundert Schritt vor dem Wall legte ich Schild und Speer zu meinen F��en nieder und gab damit das Zeichen f�r einen vor�bergehenden Waffenstillstand.</p><p>Eine gro�e Gestalt erschien daraufhin auf der Barrikade und machte es mir nach.</p><p>Obwohl er den blauen tharnaischen Helm trug, erkannte ich Thorn sofort. Ich setzte mich wieder in Bewegung.</p><p>Der Weg kam mir sehr lang vor.</p><p>Schritt um Schritt legte ich auf der schwarzen Stra�e zur�ck und fragte mich, ob der Waffenstillstand eingehalten wurde. Wenn Dorna die Stolze auf dem Wall kommandiert h�tte und nicht Thorn, der immerhin Offizier und Mitglied meiner eigenen Kaste war, h�tte man zweifellos aus dem Hinterhalt auf mich geschossen.</p><p>Als ich schlie�lich unverletzt vor der ersten Sperre stand, wu�te ich, da� Dorna die Stolze zwar in Tharna herrschte, da� sie auf dem goldenen Thron sa�, da� auf dieser Barrikade jedoch das Wort eines Kriegers mehr galt als ihre Befehle.</p><p>�Tal, Krieger�, sagte Thorn und nahm seinen Helm ab.</p><p>�Tal, Krieger�, sagte ich.</p><p>Thorns Augen waren klarer, als ich sie in Erinnerung hatte, und der massige K�rper, der schon ein wenig zur Korpulenz neigte, war bei den harten K�mpfen der vergangenen Wochen schlanker und gest�hlter geworden. Die purpurnen Flecken, die sein gelbliches Gesicht entstellten, traten weniger deutlich hervor. Noch immer trug er einen kleinen schmalen Bartstreifen links und rechts des Kinns, und sein langes Haar war zu einem mongolischen Knoten zusammengedreht. Seine schr�gen Augen musterten mich.</p><p>�Ich h�tte dich auf der Verhandlungss�ule umbringen sollen�, sagte Thorn.</p><p>Ich sprach laut, damit ich auch von allen M�nnern auf dem Doppelwall verstanden wurde.</p><p>�Ich komme im Namen Laras, die die wahre Tatrix von Tharna ist. Steckt eure Waffen ein. Nicht langer soll das Blut von M�nnern eurer eigenen Stadt vergossen werden. Ich bitte euch im Namen Laras und im Namen der Stadt Tharna und ihrer Einwohnerschaft. Und ich �u�ere meine Bitte auch im Rahmen der Regeln unserer Kaste, denn euer Schwert ist der wahren Tatrix verpflichtet � Lara � und nicht Dorna der Stolzen!� Ich sp�rte die Reaktion der Palastwache.</p><p>Auch Thorn sprach mit lauter Stimme, damit seine M�nner ihn h�rten. �Lara ist tot! Dorna ist Tatrix von Tharna!�</p><p>�Ich lebe!� rief eine Stimme hinter mir. Ich wandte mich um und stellte zu meinem Mi�vergn�gen fest, da� Lara mir gefolgt war. Wenn sie hier get�tet wurde, hatten die Rebellen keine Chance mehr, und es konnte sein, da� die Stadt dann auf lange Zeit in Unfrieden leben mu�te. Thorn musterte das M�dchen, und ich bewunderte seine Selbstbeherrschung. Er mu�te aus allen Wolken gefallen sein, denn er hatte unm�glich erwarten k�nnen, da� die Rebellen ihm tats�chlich die wahre Tatrix pr�sentieren w�rden.</p><p>�Das ist nicht Lara�, sagte er mit eisiger Stimme.</p><p>�Ich bin es!� rief sie.</p><p>�Die Tatrix von Tharna�, sagte Thorn h�hnisch und starrte dem M�dchen ins Gesicht, �hat eine goldene Maske getragen!�</p><p>�Die Tatrix von Tharna�, erwiderte Lara, �will die goldene Maske nicht l�nger tragen.�</p><p>�Woher hast du dieses Lagerweib, diese Betr�gerin?� fragte Thorn. �Ich erwarb sie von einem Sklavenh�ndler, sagte ich lachend. Auch Thorn lachte, und seine M�nner hinter der Barrikade fielen in das Gel�chter ein.</p><p>�Von dem Sklavenh�ndler, dem du sie verkauft hattest�, f�gte ich hinzu. Nun lachte Thorn nicht mehr.</p><p>Ich rief den M�nnern hinter der Barrikade zu: �Ich brachte dieses M�dchen � eure Tatrix � zur Verhandlungss�ule, wo ich sie diesem Offizier Thorn und Dorna der Stolzen �bergab. Dann wurde ich entgegen der Abmachung �berw�ltigt und in die Bergwerke Tharnas geschickt, und Dorna die Stolze und Thorn nahmen Lara, eure Tatrix, gefangen und verkauften sie in die Gefangenschaft � verkauften sie an den Sklavenh�ndler Targo, der sein Lager zur Zeit am En�Kara-Markt aufgeschlagen hat, verkauften sie f�r die Summe von f�nfzig silbernen Tarnm�nzen.�</p><p>�Das stimmt nicht!� rief Thorn.</p><p>Ich h�rte eine Stimme hinter dem Wall, eine junge Stimme: �Dorna die Stolze tr�gt ein Halsband aus f�nfzig silbernen Tarnm�nzen!� �Dorna die Stolze ist wirklich k�hn!� rief ich. �Da� sie die M�nzen zur Schau tragt, durch die ihrer Rivalin � eurer wahren Tatrix � ein Sklavendasein auferlegt wurde!�</p><p>Erregtes Stimmengemurmel wurde laut, Rufe hinter der Barrikade. �Er l�gt�, sagte Thorn.</p><p>�Ihr habt geh�rt�, rief ich, �wie er zu mir sagte, er h�tte mich auf der Verhandlungss�ule t�ten sollen! Ihr wi�t, da� ich der Mann bin, der eure Tatrix von den Schauspielen dieser Stadt entf�hrte. Aus welchem anderen Grund hatte ich zur Verhandlungss�ule fliegen sollen, als den Abgesandten Tharnas meine Gefangene zu �bergeben?�</p><p>Eine Stimme hinter der Barrikade rief: �Warum hast du nur so wenige M�nner zur Verhandlungss�ule mitgenommen, Thorn von Tharna?� �rgerlich wandte sich Thorn um.</p><p>Ich antwortete f�r ihn: �Ist das nicht offensichtlich? Er wollte, da� sein Plan nur wenigen bekannt wird � sein Plan, die Tatrix zu entf�hren und Dorna die Stolze auf ihren Thron zu setzen.�</p><p>Ein zweiter Mann erschien auf dem Wall. Er setzte seinen Helm ab. Ich erkannte in ihm den jungen Mann, dessen Wunden Lara und ich auf der Mauer versorgt hatten.</p><p>�Ich glaube diesem Krieger!� rief er und deutete auf mich.</p><p>�Das ist ein Trick, damit wir uns zerstreiten!� rief Thorn. �Auf deinen Posten!�</p><p>Andere Krieger in den blauen Helmen und grauen Tuniken Tharnas waren nun auf die Walle gestiegen, um die Szene besser zu verfolgen.</p><p>�Auf eure Posten!� br�llte Thorn.</p><p>�Ihr seid Krieger!� rief ich. �Eure Schwerter sind eurer Stadt verpflichtet, ihren Mauern, ihren Einwohnern � und der Tatrix!</p><p>Dient ihr!�</p><p>�Ich will der wahren Tatrix von Tharna dienen!� rief der junge Krieger. Er sprang von der Barrikade und legte Lara sein Schwert zu F��en. �Nimm dein Schwert�, sagte sie �im Namen Laras, der wirklichen Tatrix von Tharna.�</p><p>�Ich tu�s�, entgegnete er.</p><p>Er ging vor dem M�dchen auf ein Knie nieder und griff nach der Waffe. �Ich nehme mein Schwert�, sagte er, �im Namen Laras, die die wahre Tatrix von Tharna ist.�</p><p>Er stand auf und gr��te das M�dchen mit der Waffe. �Wer ist die wahre Tatrix von Tharna?� rief er, �Das ist nicht Lara!� schrie Thorn und deutete auf das M�dchen. �Wie kannst du dessen so sicher sein?� fragte einer der Krieger auf dem Wall.</p><p>Thorn schwieg, denn wie konnte er zu wissen vorgeben, da� das M�dchen nicht Lara war, wenn er das Gesicht der wahren Tatrix angeblich niemals gesehen hatte?</p><p>�Ich bin Lara!� rief das M�dchen. �Sind unter euch keine M�nner, die im Saal der goldenen Maske gedient haben? Erkennt niemand meine Stimme?�</p><p>�Sie ist es!� rief einer der Krieger. �Ganz sicher!� Er nahm seinen Helm ab.</p><p>�Du bist Stam�, sagte sie, �erster Gardist des Nordtors, und du kannst deinen Speer weiter schleudern als jeder andere Mann in Tharna. Du hast im zweiten Jahr meiner Herrschaft die Milit�rk�mpfe der En�Kara gewonnen.�</p><p>Ein zweiter Krieger setzte seinen Helm ab.</p><p>�Du bist Tau�, sagte sie, �ein Tarnk�mpfer, der im Jahre vor meiner Thronbesteigung im Krieg mit Thentis verwundet wurde.�</p><p>Und ein dritter Mann hob den blauen Helm vom Kopf.</p><p>�Dich kenne ich nicht�, sagte sie.</p><p>Die M�nner auf der Mauer murmelten.</p><p>�Das kannst du auch nicht�, sagte der Mann, �denn ich bin ein S�ldner aus Ar, der erst nach Beginn der Revolte hier eingetroffen ist.� �Sie ist Lara!� rief ein anderer Mann. Er sprang von der Mauer und legte sein Schwert zu Laras F��en nieder.</p><p>Wieder bat sie, da� die Waffe in ihrem Namen aufgenommen werde, und so geschah es.</p><p>Einer der Blocke der Barrikade polterte zu Boden. Die Krieger begannen den Wall einzurei�en.</p><p>Thorn war verschwunden.</p><p>Auf mein Handzeichen kamen die Rebellen langsam n�her; Sie hatten die Waffen gesenkt und marschierten nun singend auf die Palastt�r zu. Die Soldaten str�mten �ber die Walle und hie�en sie freudig willkommen. Die M�nner Tharnas umarmten sich, sch�ttelten sich die H�nde. Rebellen und Verteidiger vereinigten sich mitten auf der Stra�e, und Szenen der Freude beherrschten das Bild, wo sich noch eben Todfeinde gegen�bergestanden hatten.</p><p>Den Arm um Lara gelegt, schritt ich durch die Barrikaden, gefolgt von dem jungen Krieger, anderen tharnaischen Soldaten und Kron, Andreas, Linna und zahlreichen Rebellen.</p><p>Andreas hatte den Schild und den Speer mitgebracht, die ich zum Zeichen des Waffenstillstandes niedergelegt hatte, und ich nahm die Waffen wieder an mich. Wir n�herten uns der kleinen Eisent�r, die den Zugang zum Palast freigab.</p><p>Ich verlangte nach einer Fackel.</p><p>Die T�r war nicht verriegelt, und ich �ffnete sie mit einem Fu�tritt, wobei ich sch�tzend meinen Schild anhob.</p><p>Doch drinnen herrschten nur Stille und Dunkelheit.</p><p>Der Rebell, der in unserer Kettengemeinschaft der erste gewesen war, dr�ckte mir eine Fackel in die Hand.</p><p>Ich hielt sie in die T�r�ffnung.</p><p>Der Fu�boden schien fest zu sein, doch ich kannte die Gefahren, die darunter lauerten.</p><p>Ein langes Brett von den Barrikaden wurde gebracht, das wir vorsichtig von der T�rschwelle aus �ber den Fu�boden legten Mit hochgehobener Fackel trat ich ein, setzte vorsichtig einen Fu� vor den anderen, wobei ich darauf achtete, mein Gewicht nicht von der Planke zu nehmen. Diesmal �ffnete sich die Fallt�r nicht, und ich befand mich in einem schmalen, dunklen Korridor, der vom Palasteingang fortf�hrte.</p><p>�Wartet hier!� befahl ich den anderen.</p><p>Ich ging auf ihre Proteste nicht ein, sondern setzte wortlos meinen Marsch durch das dunkle Labyrinth der Palastkorridore fort. Meine Erinnerung und mein Richtungssinn f�hrten mich unfehlbar von Saal zu Saal, brachten mich schnell in die N�he des Saales der goldenen Maske.</p><p>Niemand trat mir in den Weg.</p><p>Die Stille kam mir unheimlich vor, und nach dem grellen Sonnenlicht erschien mir die Dunkelheit bedr�ckend. Ich h�rte nur den leisen Laut meiner Sandalen, die �ber die Fliesen der Korridore scharrten. Vielleicht war der Palast verlassen!</p><p>Endlich erreichte ich den Saal der goldenen Maske.</p><p>Ich lehnte mich gegen die schwere T�r und dr�ckte sie auf.</p><p>Der Saal war beleuchtet. Die Fackeln an den Wanden brannten. Hinter dem goldenen Thron der Tatrix ragte die goldene Maske auf, schimmerte das Gesicht der n�chternen Sch�nheit, und die Glanzlichter der Fackeln stachen grell hervor.</p><p>Auf dem Thron sa� eine Frau, die die goldenen Roben und die Maske der Tatrix von Tharna trug. Um ihren Hals hing ein Band aus silbernen Tarnm�nzen. Auf den Stufen vor dem Thron stand ein Krieger in voller Bewaffnung, der in der Hand den blauen Helm seiner Stadt hielt. Langsam setzte Thorn den Helm auf und lockerte das Schwert in seiner Scheide. Er l�ste den Schild von seiner Schulter und senkte den langen, breiten Speer in meine Richtung.</p><p>�Ich habe auf dich gewartet�, sagte er.</p><p/><p/></section><section><title><p>25</p></title><p>Die Kriegsschreie Tharnas und Ko-ro-bas vermischten sich, als Thorn die Treppenstufen herabst�rzte und ich ihm entgegenst�rmte.</p><p>Beide warfen wir unsere Speere im gleichen Augenblick, und die beiden Warfen zischten wie verschwommene Blitze aneinander vorbei. Beide hatten wir bei dem Wurf unsere Schilde schr�ggestellt, damit der Aufprall des Speers abgemildert wurde und die Spitze vielleicht sogar abgleiten konnte. Beide hatten wir gut gezielt, und die Wucht des Speers, der auf meinen Schild donnerte, ri� mich halb herum.</p><p>Die bronzene Speerspitze hatte sich m�helos durch die Messingriemen auf dem Schild und die sieben Schichten geh�rteten Boskleders gebohrt. So konnte der Schild mir nichts mehr n�tzen. Kaum hatte der Speer getroffen, als mein Schwert auch schon aus der Scheide sprang und die Schultergurte des Schildes durchschnitt, so da� ich von der Last befreit wurde.</p><p>Sekunden sp�ter polterte auch Thorns Schild zu Boden und rutschte klirrend �ber die Marmorsteine des Thronsaals. Mein Speer war einen ganzen Meter hindurchgedrungen und war �ber seine linke Schulter gefahren.</p><p>Auch er hatte nun das Schwert erhoben, und wir sprangen wie Larls aus den Voltai-Bergen aufeinander los, und unsere Waffen trafen mit einem scharfen, freien Ton aufeinander, mit jenem widerzitternden, klaren Klirren wohlgeschmiedeter Klingen, dem ersten Ton unserer hellen, glitzernden, perlenden Musik des Schwertk�mpfes.</p><p>Scheinbar unbeteiligt sa� die goldbekleidete Gestalt auf dem Thron und sah zu, wie die beiden Krieger zu ihren F��en vorr�ckten und zur�ckwichen � der eine in die blaue Tunika und den blauen Helm Tharnas gekleidet, der andere in das einheitliche Rot der goreanischen Kriegerkaste geh�llt.</p><p>Unsere Spiegelbilder bek�mpften sich in der schimmernden Oberfl�che der Goldmaske hinter dem Thron.</p><p>Unsere Schatten, verformt von den Fackelflammen, zuckend, wild, riesig, rannten an den W�nden des Thronsaales ineinander.</p><p>Dann gab es pl�tzlich nur noch ein Spiegelbild und nur noch einen riesigen, grotesken Schatten im Saal der goldenen Maske.</p><p>Thorn lag mir zu F��en.</p><p>Ich trat ihm das Schwert aus der Hand und drehte den K�rper mit dem Fu� herum. Thorns Brust zuckte unter der befleckten Tunika; sein Mund schnappte nach der Luft, als versuchte er sie aufzuhalten. Sein Kopf rollte zur Seite.</p><p>�Du hast gut gek�mpft�, sagte ich.</p><p>�Ich habe gesiegt�, entgegnete er, und er spuckte die Worte in einer Art Fl�stern heraus, ein verzerrtes Grinsen auf dem Gesicht.</p><p>Ich fragte mich, was er meinen mochte.</p><p>Ich trat zur�ck und blickte zu der Frau auf dem Thron auf.</p><p>Langsam, z�gernd, kam sie von ihrem Thron herab, Schritt um Schritt, und zu meiner Verbl�ffung fiel sie neben Thorn auf die Knie und legte ihm weinend den Kopf auf die Brust.</p><p>Ich wischte die Klinge an meiner Tunika ab und steckte sie wieder in die Scheide.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte ich.</p><p>Die Gestalt schien mich nicht zu h�ren.</p><p>Ich trat zur�ck, um sie in ihrem Leid allein zu lassen. Ich h�rte die Schritte von M�nnern n�her kommen. Es waren die Soldaten und Rebellen der Stadt, die in den Korridoren ihr Pfluglied sangen, ihre Hymne.</p><p>Das M�dchen hob den Kopf, und die goldene Maske sah mich an. �Thorn�, sagte sie, �hat dich geschlagen.�</p><p>�Ich glaube nicht�, sagte ich verwundert, �und du, Dorna die Stolze, bist nun meine Gefangene.�</p><p>Ein freudloses Lachen t�nte durch die Maske, und die H�nde in ihren Goldhandschuhen nahmen die Maske ab.</p><p>Neben Thorn kniete nicht Dorna die Stolze, sondern Vera aus Ko-ro-ba, die einmal seine Sklavin gewesen war.</p><p>�Nun siehst du�, sagte sie, �wieso mein Herr dich besiegt hat, wie er es noch konnte � nicht durch das Schwert, sondern dadurch, da� er Zeit gewann. Dorna die Stolze ist l�ngst geflohen.�</p><p>�Warum hast du das getan?� fragte ich.</p><p>Sie l�chelte. �Thorn hat mich gut behandelt�, sagte sie einfach. �Du bist nun frei.�</p><p>Wieder senkte sie den Kopf auf die blutige Brust des Offiziers, und ihr K�rper begann zu beben.</p><p>In diesem Augenblick platzten die Soldaten und Rebellen Tharnas in den Saal, angef�hrt von Kron und Lara.</p><p>Ich deutete auf das M�dchen zu meinen F��en. �Ihr soll kein Leid geschehen!� befahl ich. �Dies ist nicht Dorna die Stolze, sondern Vera aus Ko-ro-ba, die Thorns Sklavin war.�</p><p>�Wo ist Dorna?� wollte Kron wissen.</p><p>�Geflohen�, sagte ich niedergeschlagen.</p><p>Lara sah mich an. �Aber der Palast ist umstellt.�</p><p>�Das Dach!� rief ich und dachte an die Tarns. �Schnell!�</p><p>Lara lief vor mir her, und ich folgte ihr zu den D�chern des Palastes. Durch die dunklen Flure eilte sie mit der Sicherheit eines M�dchens, das sehr lange hier gelebt hatte. Endlich erreichten wir eine Wendeltreppe. �Hier!� rief sie.</p><p>Ich schob sie hinter mich, st�tzte mich mit einer Hand an der Mauer ab und hastete, so schnell es ging, die Stufen hinauf. Oben stemmte ich mich mit dem R�cken gegen eine Fallt�r und warf sie auf. Drau�en war das hellblaue Rechteck des offenen Himmels zu sehen. Das Licht blendete mich einen Augenblick.</p><p>Ich nahm den Geruch eines gro�en Pelztiers wahr und auch den Gestank von Tarnkot.</p><p>Ich stolperte mit zusammengekniffenen Augen auf das Dach. Drei M�nner standen dort, zwei W�chter und der Mann mit den ledernen Armreifen, der Herr �ber die tharnaischen Palastverliese gewesen war. Er hielt an einer Leine den gro�en wei�en Urt, mit dem ich schon in den Kellern unter dem Palasteingang Bekanntschaft gemacht hatte.</p><p>Die beiden W�chter waren damit besch�ftigt, einen Tragkorb am Geschirr eines gro�en braunen Tarn zu befestigen. Die Z�gel des Tiers waren an einem Ring vor dem Korb befestigt. In dem Korb sa� eine Frau, die ich nach Figur und Haltung als Dorna die Stolze erkannte, obwohl sie nur noch eine einfache Silbermaske trug.</p><p>�Halt!� br�llte ich und st�rzte vor.</p><p>�T�te ihn!� zischte der Mann mit den Armb�ndern, zeigte mit der Peitsche auf mich und lie� den Urt frei, der sofort zum Angriff �berging. Das Ungeheuer raste mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auf mich zu, und ich konnte mich kaum auf seinen Angriff vorbereiten, als es mich auch schon mit gro�em Satz ansprang und seine m�chtigen Z�hne in meinen K�rper schlagen wollte.</p><p>Im letzten Augenblick hob ich die Klinge, die in sein Maul fuhr, seinen Gaumenknochen durchdrang und den Kopf des Tieres zur�ckschnappen lie�.</p><p>Der wilde Schmerzensschrei mu�te in ganz Tharna zu H�ren sein. Der Urt drehte den Kopf, und das Schwert wurde mir aus der Hand gerissen. Meine Arme umspannten den Hals des Tieres, und mein Gesicht war in den schimmerndwei�en Pelz gedr�ckt. Die Klinge wurde hin und her gesch�ttelt und fiel polternd auf das Marmordach. Ich klammerte mich fest, um den zuschnappenden Zahnen zu entgehen, den drei Reihen wei�er messerscharfer Z�hne, die sich immer wieder in meine Richtung wendeten.</p><p>Das Tier w�lzte sich auf den R�cken, um mich von seinem R�cken zu streifen; es kr�mmte sich und sprang hoch, wirbelte herum und sch�ttelte sich. Der Mann mit den ledernen Armb�ndern hatte das Schwert aufgenommen und umkreiste uns nun mit Peitsche und Klinge und wartete auf eine g�nstige Gelegenheit.</p><p>Ich versuchte das Tier herumzudrehen, um seinen tobenden K�rper zwischen mir und dem bewaffneten Mann zu halten.</p><p>Aus dem Maul des Tieres rann Blut �ber sein Fell und benetzte meinen Arm. Ich sp�rte, wie mir Tropfen ins Gesicht spritzten und sich in meinem Haar festsetzten.</p><p>Dann warf ich mich herum, so da� mein K�rper dem Mann mit den Armb�ndern ungesch�tzt zugekehrt war. Ich h�rte sein befriedigtes Grunzen, als er zum Angriff �berging. Kurz bevor er zusto�en konnte, lie� ich den Hals des Tieres los und glitt unter seinen Bauch. Der Urt versuchte mich mit einer peitschenartigen Bewegung seines Halses zu erreichen, und ich f�hlte lange scharfe Z�hne �ber meinen Arm streichen, doch im gleichen Augenblick h�rte ich auch einen neuen Schrei des Tieres und den entsetzten Ausruf des Mannes mit den Lederb�ndern.</p><p>Ich rollte mich unter dem Tier hervor und wandte mich um. Der Urt starrte den Mann an. Ein Ohr war vom Kopf des Urt abgetrennt worden, und an seiner linken Flanke spritzte das Blut. Er hatte seine Augen nun auf den Mann mit dem Schwert gerichtet, den Mann, der ihm den Schlag beigebracht hatte.</p><p>Ich h�rte den entsetzten Befehl, den schwachen Knall der Peitsche, sah das furchtsame Erstarren des Mannes, den abrupten, fast unh�rbaren Schrei.</p><p>Der Urt st�rzte sich auf ihn, beugte sich �ber ihn und begann zu rei�en und zu fressen.</p><p>Ich sch�ttelte den Anblick ab und kehrte zu den anderen zur�ck. Der Tragkorb war nun befestigt, und die Frau stand darin, die Z�gel in den H�nden.</p><p>Die leidenschaftslose Silbermaske richtete sich auf mich, und ich sp�rte, da� in den dunklen Augen dahinter ein unvorstellbarer Ha� blitzte. Sie sagte zu den beiden W�chtern: �T�tet ihn!� Ich war unbewaffnet. Zu meiner �berraschung r�hrten sich die M�nner nicht von der Stelle. Einer ergriff das Wort.</p><p>�Du hast dich entschlossen, deine Stadt im Stich zu lassen�, sagte er. �Deshalb hast du nun keine Heimat mehr, denn du hast sie aufgegeben.�</p><p>�Unversch�mtes Tier!� kreischte sie ihn an. Dann befahl sie dem anderen Krieger, seinen Kameraden umzubringen.</p><p>�Du befiehlst nicht mehr in Tharna�, sagte dieser einfach.</p><p>�Tiere!� kreischte sie.</p><p>�W�rdest du am Fu�e deines Thrones sterben, w�rden wir dir gehorchen und an deiner Seite K�mpfen�, sagte der erste Krieger. �Ja�, sagte der zweite Mann. �Bleib, wie es sich f�r eine Tatrix geziemt, und unsere Schwerter sind dir verpflichtet. Fliehst du aber wie eine Sklavin, gibst du damit dein Recht auf, �ber unsere Klingen zu verf�gen.�</p><p>�Narren!� rief sie.</p><p>Dann blickte Dorna die Stolze zu mir her�ber.</p><p>Der Ha�, den sie mir entgegenbrachte, ihre Grausamkeit, ihr Stolz � all dies war so greifbar wie etwas K�rperliches, wie eine Hitzewelle oder ein K�ltehauch, der Eis entstehen la�t.</p><p>�Thorn ist f�r dich gestorben�, sagte ich.</p><p>Sie lachte. �Auch er war ein Narr. Wie alle Tiere.�</p><p>Ich fragte mich, wie es kommen konnte, da� Thorn f�r diese Frau sein Leben geopfert hatte. Ich nahm nicht an, das hier die Kastenverpflichtung im Spiel war, denn diese Verpflichtung galt eigentlich nicht gegen�ber Dorna, sondern nur gegen�ber Lara. Thorn hatte gegen die Regeln seiner Kaste versto�en, als er die verr�terischen Plane Dornas der Stolzen unterst�tzte.</p><p>Pl�tzlich sah ich die Antwort, pl�tzlich ahnte ich, da� Thorn diese grausame Frau geliebt haben mu�te, da� sein Kriegerherz f�r sie geschlagen hatte, obwohl er nie ihr Gesicht gesehen hatte, obwohl sie ihm niemals ein L�cheln oder die Ber�hrung ihrer Hand geschenkt hatte. Und nun wu�te ich auch, da� Thorn, was immer er gewesen sein mochte, auf jeden Fall ein entschlossener, m�chtiger Gegner und gr��er gewesen war als sie, die das Ziel seiner hoffnungslosen, tragischen Zuneigung bildete. Es war sein Tod gewesen, die Silbermaske zu lieben. �Ergib dich!� rief ich Dorna zu.</p><p>�Wohin willst du fliehen und was willst du tun?� fragte ich. Ich wu�te, da� Dorna als alleinstehende Frau auf Gor kaum Chancen hatte. Trotz ihres Erfindungsreichtums, trotz der Sch�tze, die sie sicherlich bei sich trug, war sie nur eine Frau, und auf Gor braucht sogar eine Silbermaske das Schwert eines Mannes zu Ihrem Schutz. Sie mochte wilden Tieren zum Opfer fallen, vielleicht sogar ihrem eigenen Tarn, oder sie wurde von einem Tarnk�mpfer oder einem Trupp Sklavenh�ndler gefangengenommen � auf jeden Fall hatte sie es nicht leicht.</p><p>�Stelle dich der tharnaischen Justiz�, sagte ich.</p><p>Dorna warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals.</p><p>�Auch du bist ein Narr!� sagte sie sp�ttisch.</p><p>Eine Hand hatte sie um den ersten Z�gel gewickelt. Der Tarn trat unruhig von einem Bein auf das andere.</p><p>Ich sah mich um und erblickte Lara hinter mir, die Dorna beobachtete. Ihr zur Seite warteten Kron und Andreas, gefolgt von Linna und zahlreichen Soldaten und Rebellen, die nach uns auf das Dach gekommen waren. Die Silbermaske Dornas richtete sich auf Lara, die keine Maske und keinen Schleier trug. �Schamloses Wesen!� zischte sie, �du bist nicht besser als sie � ein Tier!�</p><p>�Ja�, sagte Lara, �das stimmt.�</p><p>�Ich habe so etwas von Anfang an in dir gesp�rt�, sagte Dorna. �Du warst deines Throns niemals w�rdig, du warst es nicht wert, die Tatrix von Tharna zu sein. Ich allein verdiene diese Ehre.</p><p>�Das Tharna, von dem du sprichst, gibt es nicht mehr�, sagte Lara. In diesem Augenblick hoben Soldaten, W�chter und Rebellen ihre Waffen und hie�en Lara als die wahre Tatrix ihrer Stadt Willkommen. �Heil, Lara!� riefen sie, und wie es in dieser Stadt Sitte war, wurde dieser Ruf f�nfmal wiederholt, und f�nfmal wurden die Waffen angehoben.</p><p>Dorna die Stolze zuckte wie von f�nf Peitschenhieben getroffen zusammen.</p><p>Ihre H�nde, die in Silberhandschuhen steckten, krampften sich um den ersten Z�gel.</p><p>Noch einmal schaute sie �ber die Rebellen und Soldaten und �ber Lara hin � mit einem Abscheu, den ich deutlich hinter der Maske sp�rte, und dann wandte sich das Metallgesicht wieder mir zu.</p><p>�Lebe wohl, Tarl aus Ko-ro-ba�, sagte sie. �Vergi� Dorna die Stolze nicht, denn unsere Abrechnung steht noch aus!�</p><p>Die H�nde in den silbernen Handschuhen fuhren heftig zur�ck, und die Fl�gel des Tarn schlugen fauchend durch die Luft. Der Tragkorb blieb noch einen Augenblick stehen, wurde dann von den drahtverst�rkten Seilen zwei Meter �ber den Marmorboden gezerrt und ruckte dann unter dem Tarn in die Luft.</p><p>Ich sah dem hin und her schwingenden Korb nach.</p><p>Einmal blitzte die Sonne auf der Silbermaske.</p><p>Dann war der Vogel nur noch ein Fleck am blauen Himmel �ber der freien Stadt Tharna.</p><p>Dank des Opfers Thorns, ihres ersten Offiziers, war Dorna der Stolzen die Flucht gelungen, obwohl ich mir nicht vorzustellen wagte, welchem Schicksal sie entgegenfliegen mochte.</p><p>Sie hatte davon gesprochen, da� sie mit mir abrechnen wollte. Ich l�chelte und sagte mir, da� sie dazu kaum Gelegenheit finden w�rde. Wenn sie �berhaupt am Leben blieb, konnte sie von Gl�ck sagen, wenn sie nicht an der Kette eines Sklavenh�ndlers endete.</p><p>Vielleicht fand sie sich in den Mauern eines Sklavengartens wieder, wurde nach dem Geschmack ihres Herrn in Seide gekleidet, erhielt Gl�ckchen um die Beine gelegt und kannte keinen anderen Willen mehr als den seinen; vielleicht wurde sie von dem Wirt einer Paga-Taverne oder einer einfachen Kal-da-Schanke erworben, um vor den G�sten zu tanzen und ihnen zu trinken zu bringen.</p><p>Vielleicht wurde sie in die K�che eines goreanischen Zylinders gesteckt und erfuhr dort, da� ihr Leben von den Fliesenw�nden und dem Seifenduft und den Abwaschbecken begrenzt war. Dort erhielt sie dann eine Matte feuchtes Stroh und ein kurzes Sklavenkleid, bekam �berreste aus den E�salen vorgesetzt und wurde ausgepeitscht, wenn sie ihr Zimmer verlie� oder sich vor der Arbeit dr�ckte.</p><p>Vielleicht w�rde ein Bauer sie kaufen, damit sie ihm beim Pfl�gen half. Ich fragte mich, ob sie sich dann wohl an die Schauspiele von Tharna erinnern w�rde. Wenn ihr dieses elende Schicksal zugedacht war, der herrschs�chtigen Dorna, nackt und schwitzend, der R�cken der Ochsenpeitsche ausgesetzt, dann w�rde sie erfahren, da� der Bauer ein gestrenger Herr ist.</p><p>Doch ich sch�ttelte diese Gedanken schnell ab.</p><p>Ich hatte andere Dinge zu tun.</p><p>Ja, ich hatte ein dringendes Anliegen, ich hatte selbst eine Rechnung zu begleichen, nur mu�te mich mein Weg dazu ins Sardargebirge f�hren. Mein Anliegen galt den Priesterk�nigen dieser Welt.</p></section><section><title><p>26</p></title><cite><p>Verfa�t in der Stadt Tharna, am 23. Tag der En�Kara im Vierten Jahr der Herrschaft Laras, Tatrix von Tharna, im Jahre 10117 nach der Gr�ndung Ars.</p></cite><p>Tal den Menschen der Erde!</p><p>In den vergangenen Tagen in Tharna habe ich mir die Zeit genommen, diesen Bericht niederzulegen. Nachdem er nun beendet ist, mu� ich meine Reise in das Sardargebirge antreten.</p><p>Heute in f�nf Tagen werde ich vor dem schwarzen Tor in den Palisaden stehen, die die heiligen Berge umgeben.</p><p>Ich werde mit dem Speer an das Tor schlagen, und es wird sich �ffnen, und wenn ich hindurchtrete, werde ich das laute, klagende Ger�usch der riesigen Metallr�hre h�ren, die neben dem Tor h�ngt und die anzeigt, da� es wieder ein Mensch im Schatten der Berge, wieder ein Sterblicher gewagt hat, das Sardargebirge zu betreten.</p><p>Ich werde dieses Manuskript einem Mitglied der Kaste der Schriftgelehrten �berlassen, das ich sicher auf dem En�Kara-Markt am Fu�e des Gebirges antreffe. Ob es von dort seinen Weg nimmt, h�ngt wie so vieles andere auf dieser barbarischen Welt, die ich liebe, vom unw�gbaren Willen der Priesterk�nige ab. Sie haben mich und meine Stadt verflucht.</p><p>Sie haben mir meinen Vater fortgenommen und das M�dchen, das ich liebe, und meine Freunde und Bekannten. Daf�r haben sie mir Leiden und Gefahren und M�hen auferlegt, und doch habe ich das Gef�hl, da� ich trotz allem den Priesterk�nigen gedient habe, da� es ihr Wille war, da� ich nach Tharna kam. Sie haben eine Stadt vernichtet und eine andere gemeistert.</p><p>Wer oder was sie sind, vermag ich nicht zu sagen � aber ich bin entschlossen, ihr R�tsel zu erkunden. Aber sprechen wir von Tharna. Tharna ist inzwischen eine v�llig andere Stadt geworden, anders, als sie nach den bekannten �berlieferungen je gewesen ist.</p><p>Ihre Herrscherin, die anmutige, sch�ne Lara, ist gewi� eine der kl�gsten und gerechtesten Herrscherinnen dieser barbarischen Welt, und sie hat die m�hsame Aufgabe, eine zerrissene Stadt wieder zu vereinen, die verschiedenen Gruppen zu vers�hnen und dabei alle gerecht zu behandeln, vorz�glich gemeistert. H�tten die M�nner Tharnas sie nicht geliebt, w�re ihr diese Aufgabe unm�glich gewesen.</p><p>Als sie wieder ihren Thron einnahm, wurden keine Verurteilungen ausgesprochen; vielmehr wurde eine Generalamnestie erlassen � f�r alle, die sich gegen sie gewandt hatten, und f�r alle, die f�r Dorna die Stolze gek�mpft hatten.</p><p>Von dieser Amnestie waren nur die Silbermasken der Stadt ausgenommen.</p><p>Die Stimmung war m�rderisch in den Stra�en Tharnas, und aufgebrachte M�nner, Rebellen und Soldaten, vereinigten sich zu einer brutalen Jagd auf die Silbermasken. Die armen Wesen wurden von Zylinder zu Zylinder, von Raum zu Raum gehetzt.</p><p>Wenn sie schlie�lich aufgesp�rt waren, wurden ihnen die Masken vom Gesicht gerissen, sie wurden auf die Stra�e gezerrt, dort zusammengekettet und in den Palast getrieben.</p><p>Viele Silbermasken wurden in d�steren Hinterr�umen des Palastes gefunden, und die Verliese unter dem Geb�ude f�llten sich bald mit langhaarigen, klagenden Gefangenen. Kurz darauf mu�ten auch die Tierk�fige unter der Arena als Gef�ngnisse mit herangezogen werden, schlie�lich die Arena selbst.</p><p>Einige Silbermasken wurden in den Abflu�tunneln unter der Stadt entdeckt und mit Urts durch die langen Rohren getrieben, bis sie sich in den Fangnetzen an den Ausg�ngen fingen. Andere Frauen hatten in den Bergen au�erhalb der Mauern Zuflucht gesucht, und diese wurden von w�tenden Bauern wie Sleens gejagt, zusammengetrieben und schlie�lich in die Stadt gebracht.</p><p>Die meisten Silbermasken jedoch kamen in freier Entscheidung auf die Stra�e, als ihr Kampf verloren war. Sie ergaben sich auf die traditionelle Weise, indem sie hinknieten, den Kopf senkten und die Arme hoben, die Handgelenke f�r die Fessel bereit.</p><p>Das Pendel in Tharna war wieder in Bewegung geraten.</p><p>Ich selbst hatte vor dem goldenen Thron gestanden, als Lara den Befehl gab, die riesige Goldmaske, die hinter ihr hing, mit Speeren zu l�sen. Nicht l�nger sollte das hochm�tige Gesicht �ber den Thronsaal Tharnas herrschen.</p><p>Die M�nner Tharnas hatten ungl�ubig zugesehen, wie sich die Riesenmaske gelockert hatte, wie sie langsam vorn�bergefallen und, von ihrem eigenen Gewicht gezogen, losgebrochen und klirrend die Thronstufen herabgefallen war, wo die hundert schimmernden Bruchst�cke liegen blieben.</p><p>�Schmelzt die Maske ein�, sagte Lara. �Es sollen goldene Tarnm�nzen daraus gegossen werden, F�r die Armen, die am meisten unter unserer d�steren Zeit gelitten haben.</p><p>Und f�gt den goldenen Tarnm�nzen Silberm�nzen hinzu, die aus den Masken unserer Frauen zu gie�en sind! Von nun an darf in Tharna keine Frau mehr eine Maske tragen, sei sie aus Gold oder Silber, selbst wenn sie die Tatrix pers�nlich w�re!�</p><p>Da nach den goreanischen Traditionen ihre Worte Gesetz waren, hatte seit dem Tage keine goreanische Frau mehr eine Maske getragen. Kurz nach Beendigung der Revolte begannen in den Stra�en Tharnas die goreanischen Kastenfarben zu leuchten. Die schimmernden Baustoffe der Kaste der Hausbauer, die in der Stadt lange als zu teuer und zu frivol verp�nt waren, schm�cken nun die W�nde der Zylinder und auch die Mauern der Stadt. Kiesstra�en werden mit farbigen Pflastersteinen versehen � in Mustern, die das Auge erfreuen. Das Holz des gro�en Tors ist poliert worden. Frische Farbe leuchtet an den Br�cken.</p><p>Das Ger�usch von Karawanenglocken ist in Tharna nichts ungew�hnliches mehr, und Scharen von H�ndlern haben ihren Weg zu den Toren der Stadt gefunden, um diesen �berraschenden Markt auszunutzen.</p><p>Hier und dort pr�sentiert sich ein Tarnk�mpfer in goldenem Wams. Am Markttag sah ich einen Bauern mit einem Sa-Tarna-Sack auf dem R�cken, dessen Sandalen mit Silberschnur versehen waren.</p><p>Ich habe Privatwohnungen gesehen, in denen Vorh�nge aus Ar leuchten, und unter meinen Sandalen haben schon zuweilen die weichen, kostbaren Teppiche aus dem fernen Tor gelegen.</p><p>Es mag ein winziges Detail sein, am G�rtel eines Kunstschmieds eine Schnalle zu entdecken, die nach dem Stil des gebirgigen Thentis geformt ist, oder den k�stlichen Geschmack getrockneter Aale aus Port Kar zu genie�en � doch diese Dinge, so gering sie erscheinen m�gen, sprechen von einem ver�nderten Tharna.</p><p>In den Stra�en h�rte ich Rufe, Lieder und L�rm, wie er auf Gor nicht typischer sein kann. Der Marktplatz ist jetzt nicht mehr nur eine gepflasterte Fl�che, auf der man d�ster seinen Gesch�ften nachgeht. Er ist zu einem Ort geworden, an dem sich Freunde treffen, Einladungen austauschen, �ber Politik diskutieren und Wetter, Strategie, Philosophie und die B�ndigung von Sklavenm�dchen besprechen.</p><p>Eine interessante Ver�nderung, mit der ich mich nicht recht anfreunden kann, ist die Tatsache, da� von den hohen Br�cken Tharnas die Gel�nder entfernt worden sind. Ich hielt das f�r sinnlos und sogar gef�hrlich, doch Kron hatte gesagt: �Wer die hohen Br�cken f�rchtet, soll ihnen fernbleiben.�</p><p>Ich sollte vielleicht auch erw�hnen, da� die M�nner Tharnas nun am G�rtel ihrer Tuniken zwei gelbe Schn�re tragen, die je etwa f�nfzig Zentimeter lang sind. Schon an dieser Einzelheit k�nnen die M�nner anderer St�dte nun einen Einwohner Tharnas erkennen.</p><p>Am zwanzigsten Tage nach dem Frieden in Tharna wurde das Schicksal der Silbermasken verk�ndet.</p><p>Sie wurden ohne Masken, ohne Schleier und in Halsfesseln in die Arena der Schauspiele von Tharna gef�hrt. Dort sollten sie das Urteil ihrer Tatrix Lara h�ren. Sie knieten vor ihr nieder � einst stolze Silbermasken, jetzt hilflose Gefangene, in demselben schimmernden Sand, auf dem so oft das Blut der M�nner von Tharna vergossen worden war.</p><p>Lara hatte lange �ber ihr Urteil nachgedacht und sich mit vielen beraten, darunter auch mit mir. Schlie�lich traf sie ihre Entscheidung allein. Ich glaube nicht, da� mein Urteil so hart ausgefallen w�re, doch ich mu� zugeben, da� Lara ihre Stadt und die Silbermasken besser kannte als ich.</p><p>Ich wu�te nat�rlich, da� es nicht m�glich war, die alte Ordnung wiederherzustellen, was im �brigen nicht w�nschenswert war. Auch machte ich mir klar, da� Tharna nach der Beseitigung langj�hriger Traditionen gar nicht mehr darauf eingerichtet war, f�r freie Frauen in seinen Mauern zu sorgen. Beispielsweise hatte es seit vielen Generationen die Einrichtung der Familie nicht mehr gegeben, die von der Trennung der Geschlechter und den �ffentlichen Kinderheimen abgel�st worden war.</p><p>Auch darf nicht vergessen werden, da� die tharnaischen M�nner, die w�hrend ihrer Revolution auf den Geschmack gekommen waren, nun ein Recht auf die Frauen geltend machten. Kein Mann, der eine Frau in einem Tanzkleid gesehen oder das Ger�usch ihrer Gl�ckchen geh�rt oder ihr langes Haar gesehen hat, vermochte sein altes Leben wiederaufzunehmen.</p><p>Auch schien es nicht realistisch, den Silbermasken die Alternative des Exils zu bieten, denn das w�re gleichbedeutend gewesen mit Tod oder Sklaverei.</p><p>So war Laras Urteil unter den gegebenen Umstanden durchaus barmherzig � obwohl es von den gefesselten Gefangenen mit lauten Entsetzensschreien begr��t wurde.</p><p>Jede Silbermaske erh�lt sechs Monate Frist. In dieser Zeit kann sie frei in der Stadt wohnen und sich von �ffentlichen Mitteln ern�hren, so wie es vor der Revolution geschehen ist. Doch in diesen sechs Monaten soll sie sich einen Mann Tharnas suchen, dem sie sich als Freie Gef�hrtin vorschl�gt.</p><p>Wenn er sie nicht nimmt � und wenige M�nner Tharnas werden Lust haben, einer Silbermaske die Privilegien einer Freien Gef�hrtenschaft zu gewahren �, mag er sie ohne weiteres als seine Sklavin nehmen oder sie v�llig ablehnen. Wenn sie abgelehnt wird, kann sie sich in gleicher Weise anderen M�nnern Tharnas anbieten.</p><p>Nach Ablauf der sechs Monate jedoch � vielleicht hat sie sich ja gar keinen Herrn gesucht � wird ihr die Initiative abgenommen, und sie geh�rt dem ersten Mann, der ihr das d�nne Band der Sklavenschaft um den Hals legt. In diesem Falle wird sie nicht anders behandelt als ein M�dchen, das auf dem R�cken eines Tarn aus einer fernen Stadt geraubt wurde.</p><p>Angesichts der Stimmung unter den M�nnern Tharnas gibt Laras Urteil den Silbermasken eine Zeitlang Gelegenheit, sich einen Herrn auszusuchen und dann anschlie�end selbst als Sklavin genommen zu werden. So wird jede Silbermaske nach Ablauf der Frist einem Manne geh�ren.</p><p>Viel mehr ist nicht zu berichten.</p><p>Kron bleibt in Tharna, wo er im Rate der Tatrix Lara einen hohen Rang bekleidet.</p><p>Andreas und Linna wollen die Stadt verlassen; er sagt, es gibt viele St�dte auf Gor, die er noch nicht kennt, und er hofft, auf einem dieser Wege das Lied zu finden, nach dem er immer gesucht hat. Ich hoffe aus ganzem Herzen, da� seine Suche erfolgreich ist.</p><p>Das M�dchen Vera aus Ko-ro-ba wird zun�chst in Tharna wohnen � als freie Frau. Da sie nicht aus Tharna stammt, ist sie von den Beschr�nkungen befreit, die den Silbermasken auferlegt wurden. Ob sie in der Stadt bleiben wird, wei� ich nicht. Sie ist eine Ausgesto�ene wie ich und alle anderen B�rger aus Ko-ro-ba, und solche Menschen finden es zuweilen schwer, sich in einer fremden Stadt einzugew�hnen. Manchmal ziehen sie die Gefahren der Wildnis dem Schutz fremder Mauern vor. Auch mu�te in Tharna die Erinnerung an Thorn f�r sie �berm�chtig sein.</p><p>Heute morgen habe ich mich von der Tatrix, der edlen und sch�nen Lara, verabschiedet. Ich wei�, was wir f�reinander empfunden haben, doch unser Weg kann nicht der gleiche sein. Zum Abschied k��ten wir uns. �Sei eine gute Herrscherin, sagte ich.</p><p>�Ich will mich Bem�hen�, erwiderte sie. �Und sollte ich jemals wieder in Versuchung sein, stolz oder grausam zu regieren, werde ich daran denken, da� ich einmal f�r f�nfzig silberne Tarnm�nzen verkauft wurde und da� ein Krieger mich f�r eine Schwertscheide und einen Helm erwarb.�</p><p>�F�r sechs Smaragde�, sagte ich. �Und den Helm�, sagte sie lachend. Ich sah die Tr�nen in ihren Augen. �Ich w�nsche dir alles Gute, sch�ne Lara�, sagte ich. �Und ich dir, Krieger.�</p><p>Sie sah mich an und lachte ein wenig. �Und wenn die Zeit kommt, da du dir wieder ein Sklavenm�dchen w�nschst � denk an Lara, Tatrix von Tharna.�</p><p>Und damit trennten wir uns. Sie wird in Tharna herrschen, und ich beginne meine Reise in das Sardargebirge. Was ich dort finden werde, wei� ich nicht.</p><p>�ber sieben Jahre habe ich mich nun schon mit den Geheimnissen besch�ftigt, die dort in den Schluchten und Bergen verborgen liegen m�ssen. Ich habe an die Priesterk�nige und ihre Macht gedacht, an ihre Raumschiffe und Helfer, an ihre Plane mit Gor und meiner Welt � doch vordringlich will ich erfahren, warum meine Stadt vernichtet und ihre Einwohner zerstreut wurden, warum keine zwei Steine je wieder �bereinanderstehen d�rfen; und ich mu� wissen, was aus meinen Freunden, meinem Vater und meiner Geliebten Talena geworden ist. Doch ich suche mehr als die Wahrheit in diesem Gebirge � in mir lodert die Rache; ich bin der Mann, der die verschwundenen Menschen, die eingest�rzten Mauern und T�rme r�chen kann, eine Stadt, die die Priesterk�nige mit einem Stirnrunzeln bedacht haben � ich bin ein Krieger Ko-ro-bas! Ich suche mehr als die Wahrheit im Sardargebirge � ich will das Blut der Priesterk�nige flie�en sehen! Aber wie unsinnig diese Worte sind!</p><p>Ich spreche, als konnte mein schwacher Arm etwas gegen die Macht der Priesterk�nige ausrichten. Wer bin ich, sie herauszufordern? Ich bin ein Nichts, ein Staubkorn, in einem Windhauch des Trotzes hochgewirbelt; ich bin nicht einmal ein Grashalm, der die Kn�chel der vorbeitrampelnden G�tter ritzen kann. Und doch werde ich, Tarl Cabot, in das Sardargebirge vordringen; ich werde mich den Priesterk�nigen stellen, und m�gen sie auch die G�tter Gors sein, ich werde mein Recht verlangen.</p><p>Ich frage mich zuweilen, ob ich diese Reise auch antreten w�rde, wenn ich meine Stadt heil und unbesch�digt vorgefunden hatte. Es will mir nun scheinen, da� ich von dieser Leidenschaft frei gewesen w�re, wenn meine Stadt und meine geliebte Talena auf mich gewartet h�tten. Und dann regt sich manchmal in mir die erschreckende Frage, ob die Stadt vielleicht nur vernichtet worden war, um mich in die Berge der Priesterk�nige zu locken � denn sie mu�ten doch wissen, da� ich sie herausfordern w�rde, da� ich zu ihnen kommen w�rde, um meine Rache zu befriedigen.</p><p>So mag es denn sein, da� ich mich sogar in meiner Rache nach dem Willen der Priesterk�nige bewege, da� dies alles berechnet und geplant ist. Andererseits sage ich mir wieder, da� letztlich ich meinen K�rper befehle und nicht die Priesterk�nige, und wenn es ihre Absicht ist, da� ich nach Rache schreie, so ist das zumindest ebensosehr mein Entschlu� und mein Wille.</p><p>Aber warum sollten die Priesterk�nige wollen, da� Tarl Cabot in ihre Berge kommt? Er ist doch ein Niemand F�r sie, er ist nur Krieger, ein Mann ohne Stadt, die er seine Heimat nennen k�nnte, ein Ge�chteter. Haben die Priesterk�nige in all ihrer Macht und mit all ihrem Wissen einen solchen Mann n�tig?</p><p>Es wird Zeit, da� ich die Feder aus der Hand lege. Ich bedauern nur, da� bisher noch niemand aus dem Sardargebirge zur�ckgekehrt ist, denn ich habe das Leben geliebt. Und auf dieser barbarischen Welt habe ich es in all seiner Sch�nheit und Grausamkeit kennengelernt, in all seinen Hohen und Tiefen. Ich habe lernen m�ssen, da� das Leben gro�artig und schrecklich und kostbar ist. Ich habe es in den verschwundenen T�rmen Ko-ro-bas gesehen und im Fluge eines Tarn, in den Bewegungen einer sch�nen Frau, im Schimmer von Waffen, im Ton der Tarntrommeln und dem Grollen des Donners �ber gr�nen Feldern. Ich habe es an den Tischen von Schwertbr�dern und im Klirren der Kriegswerkzeuge gefunden, in der Ber�hrung von Lippen und Haar eines M�dchens, im Blute eines Sleen, in den W�sten und im Arenasand und in den Ketten Tharnas, im Duft von Talenderbl�ten und im Zischen der Peitsche. Ich bin den unsterblichen Elementen dankbar, die sich so gef�gt haben, da� ich gelebt habe.</p><p>Ich war Tarl Cabot, Krieger aus Ko-ro-ba.</p><p>Und das k�nnen selbst die Priesterk�nige Gors nicht �ndern.</p><p>Es wird bald Abend sein, und die Lampen der Liebe leuchten in zahlreichen Fenstern Tharnas. Die Orientierungsfeuer sind auf den Mauern angez�ndet, und ich h�re am Ruf ferner W�chter, da� in Tharna alles zum besten steht.</p><p>Vor dem dunkler werdenden Himmel stehen die Zylinder wie Silhouetten. Bald ist es Nacht. Nur wenige werden den Fremden bemerken, der die Stadt verl��t, nur wenige werden wissen, da� er �berhaupt in ihren Mauern weilte.</p><p>Meine Waffen und mein Schild liegen bereit.</p><p>Drau�en h�re ich den Schrei eines Tarn.</p><p>Ich bin zufrieden.</p><p>Ich w�nsche euch alles Gute, Tarl Cabot.</p></section><section><title><p>Schlu�bemerkung</p></title><cite><p>Das Manuskript endet mit dem Brief Tarl Cabots. Das war alles. In den Monaten seit dem geheimnisvollen Erscheinen des Manuskripts ist keine weitere Nachricht eingetroffen.</p><p>Ich nehme also an, da� Tarl Cabot tats�chlich in das Sardargebirge vorgedrungen ist. Ich m�chte hier keine Vermutungen anstellen, was er dort gefunden hat. Ich glaube auch nicht, da� wir es je erfahren werden.</p><text-author>J. N.</text-author></cite></section></body><binary id="cover" 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